Die staatspolitische Bedeutung der Landwirtschalft. 457 Wirtschafts- und staatspolitisch liegt die größte Bedeutung der Landwirtschaft in ihrer vornehmsten Aufgabe, die Ernährung des Volkes aus eigener Scholle sicherzustellen. Gelingt es nicht, einen Staat wie das Deutsche Reich — mit ungünstigem Zugange zur Küste und rings von feindlichen Nachbarn umgeben — aus dem Ertrage der eigenen Scholle zu ernähren, so ist die wirtschaftliche und politische Unabhängigkeit des Volkes dauernd durch das größere oder geringere Wohlwollen der Nachbarstaaten bedingt. Der Weltkrieg, den das deutsche Volk letzten Endes unter der Wirkung des Hungers verloren hat, beweist, wie ungeheuer wichtig gerade für unser Volk in seiner exponierten Lage die Ernährung aus eigener Scholle ist. — Vergleicht man die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion mit dem Be- völkerungszuwachs, so war trotz erheblicher Zunahme der Bevölkerung (von 45,2 Millionen im Jahre 1880 auf 67,8 Millionen im Jahre 1914) der Anteil der Volkernährung, der aus eigener Scholle erzeugt wurde, dauernd im Wachsen begriffen. Im Durchschnitt der letzten drei Friedensjahre 1911 bis 1913 wurde der Fleischverbrauch Deutschlands aus Inlandsproduktion und Einfuhrüberschuß (einschließ- lich Fett) je Kopf der Bevölkerung wie folgt gedeckt: kg pro Kopf Eigenproduktion Einfuhrüberschuß Gesamtverbrauch 48,63 225 52,59 Prozentualer Anteil an dem Gesamt- verbrauch . . . 92,47 Deutschland deckte demnach aus seiner Eigenpro- duktion an Vieh rund 92,5% seines Fleischverbrauches der letzten Friedensjahre, und zwar einschließlich Fett. Der Einfuhrüberschuß von 3,9 kg pro Kopf setzte sich wie folgt zusammen: aus lebendem Vieh . . . . 0,94 eis N ES FO er re uw insgesamt 3,96. Berücksichtigt man die Einfuhr an Futtermitteln, deren Anbau im In- lande unter dem Einfluß der hierfür ungünstigen Zollpolitik nicht aus- reichte, so lieferte die deutsche Landwirtschaft immer noch über 76 % des Bedarfs an Fleisch und Fett ganz aus eigener Kralt. Die Ernten an Brotgetreide (Roggen, Weizen, Spelz) stellten sich abzüglich Aussaat im Durchschnitt der drei letzten Friedenswirtschafts- jahre 1909/10 bis 1913/14 auf 14,15 Millionen Tonnen im Jahresdurchschuitt. A 7,53