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        <title>Die deutsche Wirtschaft</title>
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      <div>328 Dr. Harald Feddersen: 
Eine als Glied der Volkswirtschaft derart komplizierte und über 
die ganze Erde reichende Organisation wie die Seeschiffahrt erschöpft 
naturgemäß ihre Wirkungsmöglichkeit nicht allein in den ihr zukom- 
menden Aufgaben des internationalen Güter- und Personenverkehrs, 
sondern sie geht bewußt und unbewußt vielfach darüber hinaus. Ihre 
wirtschaftliche Bedeutung als Verkehrsmittel im Dienste des Im- und 
Exports birgt zugleich auch ihrefinanzpolitischeBedeutung 
in sich. Der Verdienst der Seeschiffahrt aus ihren Frachten war und 
ist zum größten Teile Devisenverdienst, und ein finanzieller Überschuß 
in dieser Richtung kann deshalb als ein Überschuß gebucht werden, 
der in der Hauptsache der Zahlungsbilanz des Staates zugute 
kommt. Man schätzt den jährlichen Durchschnittsüberschuß der 
Reedereien an Auslandsfrachten vor dem Kriege auf rd. 2 Milliarden 
Goldmark, eine Summe, die der deutschen Handels- und Zahlungs- 
bilanz vor 1914 als erhebliches Ausgleichsmittel in finanzpolitischer 
Beziehung sehr wohl zugute kam und — wie noch gezeigt wird — 
gerade nach dem Kriege die Volkswirtschaft und die Währungs- 
politik als Problem stark beschäftigten. Der Frachtengewinn der 
Reedereien ist daher eine erhebliche Hilfsauelle des ganzen Volkes, 
seine Höhe ein ausgezeichneter Gradmesser der Export- 
kraft und der weltwirtschaftlichen Verflochtenheit jeder selbstän- 
digen Volkswirtschaft, Sein Ausbleiben kann mit Bestimmtheit Anlaß 
zu pessimistischen Betrachtungen geben — was die Nachkriegsent- 
wicklung der deutschen Wirtschaft nachdrücklich illustriert. 
Die Bedeutung der Seeschiffahrt als Arbeit- 
geberin wurde bereits an Hand des Norddeutschen Lloyd kurz ge- 
streift, 
Es wurde gesagt, daß allein diese Großreederei 22 000 Personen 
Arbeit und Verdienst gab, als sie 1912 personell auf dem Höhepunkte 
ihrer Erfolge stand und mit einem Netze von 2200 Vertretungen die 
ganze Erde umspannte, Nimmt man die übrige deutsche Reederei 
hinzu, so ergibt sich, daß die Seeschiffahrt innerhalb des volkswirt- 
schaftlichen Arbeitsprozesses eine achtunggebietende Rolle einnimmt, 
damals und heute — leider — mit stark verminderten Zahlen. Aber 
damit sind die Wirkungen noch keineswegs erschöpft. Ihre Rolle als 
direkte oder indirekte Arbeitgeberin ist weit in die Wirtschaft hinein 
verzweigt, Industrie, Handel, Gewerbe und Landwirt- 
schaft sind stark am Gedeihen der Seeschiffahrt beteiligt. An der 
Herstellung eines Überseedampfers sind viele Industrien mit 
lohnenden Aufträgen beschäftigt, und zwar außer der spezifischen 
Schiffbauindustrie die Schwerindustrie des rheinisch-west- 
fälischen Industriegebietes als hauptsächlichste Rohstofflieferantin und</div>
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