<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Die deutsche Wirtschaft</title>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>1689946490</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>
        <pb n="1" />
        T 109%
        <pb n="2" />
        1 HASTE!

ED
        <pb n="3" />
        Jblamnenıe 7 astepnnli ob 19udüteNisdeseti N 9a9drolaus 7
‚? nllis&amp; i19dlA .t
‚oini1 sıllıemA-31udmeH 19b 10l97iblerensO
nsänuf ni modo@ BaublidroV miusa tıob „dab TE8I JeuzuA ‚EI ms yıudınsH. ml
sib ‚einiI-1160) 19b 29}tädozoteosbnadoziwN zb ‚inamsn ‚ıolseinsaı0 mordel
sib_ ni 8881 ‚sidosm sa9Tıu no slredaz Sinif s]iremA-3ıudmeH 19b 2lemsb
‚lied aibnäter9v siniI-12167 19b Jia doie sasibh mebdosm ‚einil saliramA-3ıudmeH
zohlauiblerensO ansb ‚ao ler 19b JetiM ‚Nödszoysaseas] 26h terloämus etstisl
A nabnesnälz 291di matieN mob mi asgeH 19b 1914051 ‚emuirotleriC 29b ‚210V bau
‚29891119 W 29b dauıdaeuA 2id 298s8itz
‚? doiaetlisH 1obosdT hs
A.B.M „Cs 19lsasA-axiV „CO ‚6 19leinimeisst@ ‚Hedoznmszeiwetssi@ 1b Cl „lo1d
-inU ‚snmosnilis9 ni SC IinqA ‚ES 4290 .‚H .b .s bsteirsM ST81 Hut SS ‚dei
.ails4 38er viaU imasobisvird 0081! awdasni@ ‚nilıe8 ‚nodoaniM astätier9v
2sb anulistdelsinoloA 19b ni isrenmoitsael SORT ‚o2e9lo19 19doilinabroreduA 1081
‚291mAÄ moadilröäweuA
.ns8 nodoztureC 19b 10719: 8001 ndsdaseid merdozilotenA 19b 1044970 0001
lısvil932 u nısnnl ‚b .nlseetsste Ole ‚zoimestsdozendaiell zob 1ötendseatsete CIE
etanbrosadsehsterloisH 080: ‚usdzoM ni 191bnszs) JG 81@P ‚erslensyedoisfl ‚b
jshısaeloV nolsnoitendoetusC 19b 191459
a I „As irtechar
+ uH oO &gt; ei
aansins stistisdıs ‚19220ido@ ‚sludozeloV ‚day sbıöH mi 8081 ıdvoN S mA
-1stischea194,, 19b nmoitsball sib be8: mdemnısdÜ ‚qquıX isd sıdsl, 190@ 19b
-stil siebnsastıovisH 9ordütrstisdtsyte4 stebnsdeaüsm 19b bilsd sbıuw ‚"amulies
o}doidoes) um Idoin ‚19tiodıekı94 19b stdoidoes stibnsdiows sib :lischA schoaiısı
-sd nmsibutensllauß nobnszesimu Iuvs mrıebnoz ‚SIEt zid zebnedıevıslisdıea 194 29b
zsb bseilatiM 80€: ‚beilatimausteadoia E0@! ‚zausdaref 29b sidaoidozat sbnedın
‚Slenoitenteinl-ıetisdıeg 194 19b 197104 19bnsasııovıaH ‚28sibns ‚Auysrt4
‚T* usnadiesN 19116 W .1C
‚.atr98uÄ 29b 19t2inimedoie ‚ıeteinimusdiusısbaiW
simsd) ‚AieydI 2ıudde@ ni bau hob shraibute ‚mile4 ni TO8E ydiqa@ ‚PS ‚daD
19AindosT ‚asdonöM mudindoasiyloT ms ıdsimsibut@ ‚Jidq Cd @881 ‚sidqozolid9 bau
‚ziswdo2 ‚nszusdusM ‚D-.A sitteubalımvinimulA 19b ni
ısnilı99 9b 19lisdoelis297) SOC! ‚nalııed ‚DHA ı19b nmoitzle1iC sib mi @@81
589i1Ä mi mdsaısdU sretdoieluA mi ‚OHA 1us 19baiw SIE) isdozlisasyelsbasH
Set 19leinimusdiusısbeiW 08@: unuyrozrevilotedo sib 10t moitszinsaı0 sib
J9bıromıe SS@L imul, PS me ‚nt9üuÄ 29b 19lainimendois$
‚7 29nni2 o8sH 2
A DM yeollsiteubnidor0)
-Iss I InqgA 0 4290) ‚du ‚bs misdiöM a: 0781 ıeu1ded ‚St ‚dab
simsbsısare 4 ‚dosigıs dl mi Jieait5T odazeitaeıq ‚otde sdoainns&amp;mlusd ‚mulasnmy3
nsgs3is 19b anubalıl E@8L ‚eenmni}2 26eidieM sm sib mi it 0081 .nihsäd
‚sayıl 4
JsAibayeneldoX ‚JJältzsw-doziniedt mi tHerldoilnö219I Sbasıdök EOCL 192
‚ly54bIsW „ısbes1 ‚aittenbnildst2 bau -naeid ‚stizadnadur) ‚IebasdnsidoA
-19bsiW ‚sq2 ni 193ibnsterevdoas2 ‚weu (N ‚A ‚O) olußzannlieNX ‚eirteubnireiqgs9
‚as219du ob 2ziupıeM mob im naommoAdsusdius
15 I l141
        <pb n="4" />
        Verstorbene Wirtschaitsführer der jüngsten Vergangenheit.
1. Albert Ballin +,
Generaldirektor der Hamburg-Amerika Linie.

In Hamburg am 15, August 1857 geb., dort kaufm. Vorbildung, Schon in jungen
Jahren Organisator, namentl, des Zwischendecksgeschäftes der Carr-Linie, die
damals der Hamburg-Amerika Linie scharfe Konkurrenz machte, 1886 in die
Hamburg-Amerika Linie, nachdem diese sich mit der Carr-Linie verständigt hatte,
leitete zunächst das Passagegeschäft. Mitgl. der Direktion, dann Generaldirektor
und Vors, des Direktoriums, Führer der Hapag in den Zeiten ihres glänzenden Auf-
stieges bis Ausbruch des Weltkrieges,

. 2. Karl Theodor Helfiterich +,
Prof., Dr. der Staatswissenschaft, Staatsminister a, D., Vize-Kanzler a. D., M.d,R.

Geb. 22, Juli 1872 Neustadt a. d, H, Gest. 23. April 1924 in Bellinzona, Uni-
versitäten München, Berlin, Straßburg. 1899 Privatdozent Universität Berlin.
1901 Außerordentlicher Professor, 1902 Legationsrat in der Kolonialabteilung des
Auswärtigen Amtes,

1906 Direktor der Anatolischen Eisenbahn, 1908 Direktor der Deutschen Bank,
1915 Staatssekretär des Reichsschatzamtes, 1916 Staatssekr. d. Innern u. Stellvertr.
d. Reichskanzlers, 1918 Dt. Gesandter in Moskau. 1920 Reichstagsabgeordneter.
Führer der Deutschnationalen Volkspartei,

3, Otto Hue 1.

Am 2. Novbr, 1868 in Hörde geb. Volksschule, Schlosser, arbeitete anfangs
der 90er Jahre bei Krupp. Übernahm 1894 die Redaktion der „Bergarbeiter-
zeitung‘, wurde bald der maßgebendste Bergarbeiterführer., Hervorragendste lite-
rarische Arbeit: die zweibändige Geschichte der Bergarbeiter, nicht nur Geschichte
des Bergarbeiterverbandes bis 1912, sondern auf umfassenden Quellenstudien be-
ruhende Geschichte des Bergbaues. 1903 Reichstagsmitglied, 1908 Mitglied des
Preuß. Landtags. Hervorragender Führer der Bergarbeiter-Internationale,

4, Dr. Walter Rathenau %.,
Wiederaufbauminister, Reichsminister des Außern.

Geb, 29. Septbr. 1867 in Berlin, studierte dort und in Straßburg Physik, Chemie
und Philosophie. 1889 Dr. phil, Studienjahr am Polytechnikum München, Techniker
in der Aluminium-Industrie A,-G, Neuhausen, Schweiz,

1899 in die Direktion der AEG, berufen. 1902 Gesellschafter der Berliner
Handelsgesellschaft. 1912 wieder zur AEG. im Aufsichtsrat, Übernahm im Kriege
die Organisation für die Rohstoffversorgung, 1920 Wiederaufbauminister, 1922
Reichsminister des Äußern, am 24. Juni 1922 ermordet,

5, Hugo Stinnes %,
Großindustrieller, M, d. R,

Geb. 12. Februar 1870 in Mülheim a. d. Ruhr. Gest, 10, April 1924, Real-
gymnasium, kaufmännische Lehre, praktische Tätigkeit im Bergfach, Bergakademie
Berlin. 1890 Eintritt in die Firma Mathias Stinnes, 1893 Gründung der eigenen
Firma,

Seit 1903 führende Persönlichkeit im rheinisch-westfäl, Kohlensyndikat,
Kohlenhandel, Grubenbesitz, Eisen- und Stahlindustrie, Reeder, Waldkäufe,
Papierindustrie, Zeitungskäufe (D, A, Z.) usw. Sachverständiger in Spa, Wieder-
aufbauabkommen mit dem Marquis de Lubersac,

Ta

fell ı
        <pb n="5" />
        Die deutsche Wirtschaft
        <pb n="6" />
        <pb n="7" />
        Ein Handbuch zum Aufbau
Aus der Praxis — Für die Praxis
Herausgegeben von
Dr. Alired Bozi und Otto Sartorius

Geh. Justizrat in Bielefeld 1. Syndikus der Industrie-

u.Handelskammer Bielefeld

Mit 80 Bildnissen deutscher Wirtschaftsführer
AN
SF

Verlag von Reimar Hobbing, Berlin SW 61

1926
        <pb n="8" />
        Alle Rechte vorbehalten — Nachdruck verboten
Copyright 1926 by Reimar Hobbing, Berlin
) 0 “
Dr 4 ’ L A
= 7 Al
=&gt; 5 bo
SE
/ /S
N
X Kin\ *
Ö +
W. Büxenstein, Berlin SW 48
        <pb n="9" />
        Inhaltsübersicht.
Seite
Vorwort. . ES Le
1. Die wirtschaftliche Bewegung.

Von + Dr. Felix Kuh, Schriftleiter der Deutschen Arbeitgeber-Zeitung,
Geschichtlicher Rückblick: Wertung und Bedeutung des gewerblichen und
kaufmännischen Standes in der Antike, dem Mittelalter, der Aufklärung,
Materialistische und ökonomische Geschichtsauffassung, Wirtschaft oder
Politik? — Für die Zukunft, den Wiederaufbau vier Gesichtspunkte:
Technik — Wissenschaft (einschl. Kunst) — soziale Gemeinschaft — ernste
politische Arbeit im Dienste des Gemeinwohls sind vier Elemente, aus denen
sich die Umwelt des Wirtschaftlers aufbaut . „1

2, Deutschlands Stellung in der Weltwirtschaft.
Von Prof, Dr. Ernst Schultze, Direktor des Weltwirtschaftlichen
Instituts der Handelshochschule Leipzig,
1. Die weltwirtschaftliche Unentbehrlichkeit Deutschlands. — 2. Die Er-
schütterung unserer Stellung in der Weltwirtschaft; — 3. Der deutsche
Außenhandel, Hauptgründe für Rückgang der Ausfuhr und Überwiegen der
Einfuhr, — 4, Die deutsche Industriewaren-Ausfuhr, Hin und Her zwischen
Preisübersteigerung und Preisschleuderei, Sonstige Fehler, Industrialisie-
rung der überseeischen Welt, — 5, Ausblick. Neugestaltung der handels-
politischen Verhältnisse. Organisatorisches Geschick . . 26
3. Wirtschaft und politische Parteien.
Von Prof, Dr. Moldenhauer, M.d.R., Köln,
1, Wirtschaft und Gesetzgebung. Möglichkeiten der politischen Parteien,
auf die Wirtschaft einzuwirken, Stellung des Staates zum Wirtschaftsleben:
Vollkommenes Gehenlassen bis zur vollständigen Übernahme der Wirtschaft
selbst. — 2, Stellung der politischen Parteien zur Wirtschaftspolitik. Be-
herrschende Grundanschauungen. Zusammensetzung der Parteien. — 3, Be-
rufsstände und politische Parteien. — 4. Gedanken an das Staatsganze,
Wirtschaftspolitik, nicht Parteipolitik ... .. ‚34
4, Die Wirtschaft und die soziale Frage.
Von Dr. E, Horneffer, Professor an der Universität Gießen,
Gründung der „Arbeitsgemeinschaft”, der Geist nicht verwirklicht. Aufgabe:
Befriedung, Psychologische Aufgabe: Unternehmer und Arbeiter kennen
sich gegenseitig nicht genug, Eingewurzelte Mißverständnisse; Utopien. Die
Arbeiter lieben ihre Werke, ihre Heimat. Verständnis für die Fragen der
Wirtschaft zu erwecken. Betriebsrätegesetz nicht nur schädlich. Lebendige
Berührung zwischen Führern und Geführten, Einblick in die Funktionen der
Wirtschaft, Betriebsversammlung, geistige Mitanteilnahme. Nicht Herr-
schaftslosigkeit, sondern recht herrschen ... .. 4
Die deutsche Wirtschaft.

7
m
ZN
Da
3
        <pb n="10" />
        2 Inhaltsübersicht,
Seite
5, Industrie und Finanz.
Von Leopold Merzbach, Frankfurt a. M.,
Zustrom von Kollektivkapital in die Wirtschaft ermöglicht erst deren Wachs-
tum. Ohne Bankgewerbe mit Kapitalbereitstellung wäre der industrielle
Aufschwung Deutschlands nicht möglich gewesen, Besonders Aktiengesell-
schaften großen Stils. Vorteile der Aktienform und Mißstände, Konftlikt-
stoffe. Konzerne und Konzernbanken. Inflationszeit, Reichsbankpolitik,. —
Durch Stabilisierung neue schwere Aufgaben, Kapitalzuführung nötig.
Wiedergewinnung des Auslandes . . . „72
6. Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Handels,
Von Otto Keinath, Geschäftsführendes Präsidialmitglied des Zentral-
verbandes des Deutschen Großhandels, M. d.R., Berlin,
1. Die Entwicklung des Handels (geschichtlich). Hauptimpuls in der Ver-
mittlung fremder, ausländischer Güter. Neben Import- und Exporthandel
entsteht Binnengroßhandel. — 2, Übersee- und Außenhandel. Absonde-
rung des Transportgewerbes vom Handel, Spezialisierung. Deutschland
als Transithandelsland. Große Stapelplätze. — 3, Importhandel: Aus-
schaltungstendenzen. — Exporthandel: Engrossortimente, Sammelexport,
Kommissionshandel . - ‚ 865
7. Das Handwerk im Rahmen der Volkswirtschalt,
Von Dr. Wienbeck, Syndikus der Handwerkskammer Hannover, M. d. R,
1. Begriff, Merkmal der Selbständigkeit. — 2. Zahl und Arten des Hand-
werks. — 3. Organisation: Zwangsinnungen, Erziehung des Nachwuchses,
Reichshandwerksordnung. — 4, Umfang der Produktion, Regiebetriebe der
Behörden. Kommunalisierung und Sozialisierung . . . . „‚ 108
8, Reichsverfassung und Wirtschaft,
Von Prof. Dr. H. Göppert, Professor an der Universität Bonn, Wirk-
licher Geheimer Rat.
Geschichtliche Entwicklung eines einheitlichen deutschen Wirtschafts-
körpers: Zollverein, Bismarck, Weimar, — Weimarer „Grundrechte;
„Das Wirtschaftsleben”: 1. „Gewährleistung‘ 88 159, 163, — 2. „Pflichten“
SS 153, 163. — 3, „Fortbildung des Arbeitsrechts‘ S$8 155, 157, 161 ff. —
4. Grundsätzliche Stellung der Verfassung zur Ordnung der Wirtschaft:
Privateigentum, Freiheit von Handel und Verkehr usw. . . . ., + + 116
9, Wirtschaft und Reparationspolitik,
Von Dr, phil, J. W. Reichert, Hauptgeschäftsführer des Vereins
deutscher Eisen- und Stahlindustrieller, M, d. R., Berlin.
Erfüllungspolitik und. gegenteilige Urteile, — Cannes, Genua, — Poincares
Politik und Folgen. — Ruhreinfall, Vorschläge der deutschen Regierung, —
Angebot von Sondergarantien durch den Reichsverband der deutschen In-
dustrie. — Inflation und Stabilisierung. — Londoner Konferenz, Ruhr-
räumung, — Industriebelastung. — Forderung der Revision des Londoner
Paktes, Stabilisierung der ganzen Volkswirtschaft . . . A. 35
10, Wirtschaftliches Organisationswesen.
Von Dr. Tschierschky, Reichswirtschaftsgerichtsrat, Berlin,
Zwei Entwicklungstendenzen der industriellen Unternehmerorganisation:
kapitalistisch (Trust), genossenschaftlich (Kartell). Entwicklung in der
Vorkriegszeit; Grenzen der Kartellierung, — Im Kriege Durchhalten ohne
diese Grundlage vorhandener Kartelle nicht möglich. Gegenströmung
kartellfeindlicher Industrieführer: Grundlagen des Wiederaufbaus nur in
weitgehender Umstellung der Wirtschaft, — Staatlicher Kampf gegen Aus-
wüchse, Kartellgesetz. Kartelle in vertiefter Form eine Notwendigkeit , . 148

..
Ab
        <pb n="11" />
        Inh-ltsübersicht, '
Seite
11. Die wirtschaftliche Führerpersönlichkeit,
Von Richard Müller, Örlinghausen, M. d, L. L., Vors. des Westfälisch-
Lippischen Wirtschaftsbundes,
Es gibt Genies und Talente auf wirtschaftlichem Gebiete. Eigenschaften
eines Wirtschaftsführers: Wille, Menschenkenntnis, zähes Schaffen. Schwere
Aufgaben der nächsten Jahrzehnte, Verständnis, die rechten Menschen an
den rechten Platz zu stellen, Aufstiegsmöglichkeit; richtige Auswahl und
Förderung, Minderung sozialer Spannung, Lernen vom Ausland, Ausbildung
der jüngeren Generation . . ; . 162
12, Die menschlichen Kräfte in der Wirtschaft.
Von Dr.-Ing, Adolf Friedrichs, Professor an der Technischen Hoch-
schule in Karlsruhe,
Mensch und Arbeit zu vereinen ist das Problem. Lebendige Wirtschaft tut
not, Innenarbeit des Menschen, Seele, Krafterschließung von innen heraus,
Fähigkeitsschulung zum Selbstbewußtsein in Behandlung der Materie, zur
Bezeigung der Kräfte, die der Mensch in der Begeisterung zutage treten läßt,
Große Anforderungen an die Person des Führers . . „174
13, Wirtschaftliche Betriebsmethoden.

Von Prof, Dr. Otto Goebel in Hannover.

Eingliederung in den Rahmen der Branche, der ganzen Volkswirtschaft.

Äußere Faktoren, Staat und Ausland. Stellung zum Zusammensch!uß-

gedanken, Dann Fabrikationsprogramm. Individualisierte deutsche Lei-

stung, typisierte amerikanische. — Standortsfaktoren. Absatzprogramm.,

Ausprobung in Verarbeitung und Verwendung, — Taylorismus und Psycho-

technik, Betriebskontrolle durch Statistik . .. . . 186
14. Gewerblicher Urheberschutz.

Von Geh. Regierungsrat Momber, Berlin,

Schutz der schöpferischen Geistesarbeit. — Patentrecht; Angestellten-

erfindungen, — Gebrauchsmusterrecht. — Geschmacksmusterrecht. —

Warenzeichenrecht. — Namens- und Firmenrecht. — Wettbewerbsrecht 202
15. Kommunale Wirtschaftsbetriebe,

Von Oberbürgermeister Mitzlaff, Berlin, Geschäftsführ. Vorstands-

mitglied des Deutschen Städtetages,

1, Das Betätigungsgebiet der Gemeinden: Rechtslage. Monopolbetriebe,

Verschiedene Gruppen. Zeit vor, während und nach dem Kriege. — 2. Die

Verwaltungsform: Hergebrachte Verwaltungsmethoden, gemischtwirtschaft-

liche und kommunale Gesellschaft. Entpolitisierung der Verwaltung. —

3, Art der Verwaltungsführung: Versorgung, nicht Gewinnerzielung.

Arbeiterschaft, Löhne, Steuern ... A218
16, Deutsche Wirtschaftsbeziehungen zu Österreich.

Von C, Trosset, Präsident der Deutschen Wirtschaftskammer in Wien,
Voraussetzungen zum wirtschaftlichen Aufstieg sind da: Entwicklungs-
möglichkeiten, Wiens günstige Lage als Handelskreuzungspunkt. Gerüstet
für kommende gute Zeit . ,, ‚ 238

17 Die angewandten Naturwissenschaften im Dienste der Wirt-
schaft,

Von Dr.-Ing, Dr, rer, pol. Waffenschmidt, Privatdozent in Heidelberg,
Angewandte Psychologie und Physiologie. — Anwendung der Technik,
Wirtschaftlichkeit, — Güteprüfung einer Ware und Güteschaffung. — Er-
findung, Konstruktion, Maschinenfrage. — Dienstbarmachung der Natur-
kräfte. — Herabsetzung des Produktionsaufwands und Steigerung der Absatz-
möglichkeit durch Verbesserung . . . na . 247

A
7
        <pb n="12" />
        &amp; Inhaltsübersicht.
Seite
18. Wirtschaft und Steuerpolitik,
Von Dr. Sogemeier, Geschäftsführer des Zweckverbandes norddeutscher
Wirtschaftsveriretungen in Berlin,
Verbundenheit des staatlichen und kulturellen Lebens mit dem Wirtschafts-
leben. Verluste der Rohstoffe und der Schiffahrt, Passivität der Handels-
bilanz. Die Wirtschaft muß sich neu orientieren. Hemmung durch handels-
politische Beschränkungen, soziale Lasten, Frachten, öffentliche Abgaben,
Die ungeheure Steuerlast, Ausgabewirtschaft der öffentlichen Körper-
schaften: Problem mit der Steuerreform nicht gelöst, Finanzreform starker
Hand nötig ‚ 261
19. Die Gesundung der Währung in Deutschland.
Von Reichsbankrat Speer, Berlin,
Problem der Währungszerrüttung nicht auf Deutschland beschränkt. 1. Das
Ende der Inflationsperiode: Grundursachen des Währungszerfalls, Auswir-
kungen der Markentwertung, Anfänge zur Währungsfestigung. — 2, Die
Rentenbank. Zwischenlösung, Schaffung eines Inlandszahlungsmittels, über-
raschender Erfolg, — 3. Die Golddiskontbank. — 4, Die Kreditpolitik der
Reichsbank, Beschränkung mit schweren Opfern für das Wirtschaftsleben. —
5. Die neue Goldnotenbank mit Neuordnung des Münzwesens . . . . - 282
20. Qualitätsarbeit.
Von Dr. Frhr. v. Pechmann, Abteilungsvorsteher im Bayer, National-
museum, München,
Der Qualitätsbegriff. — Die Entwicklung der Qualitätsforderung. — Die
Qualität des Materials, der Technik, der Form. — Die Erziehung zur
Qualitätsarbeit. Der Qualitätssinn der Verbraucher, Die volkswirtschalft-
liche und weltpolitische Bedeutung der Qualitätsarbeit . „ 301
21. Verkehrspolitische Aufgaben der Deutschen Reichspost.
Von Dr.-Ing. Bredow, Staatssekretär im Reichspostministerium, Berlin,
Jeder technische Fortschritt verkehrspolitisch genützt. Die Lufitpost, —
Das Überlandkabelnetz (mit Karte). — Der internationale elektrische
Nachrichtenverkehr Deutschlands: Überseckabel, Telegraphenwesen der
Schutzgebiete, Funkstellen, Nach dem Kriege Aufbau der Funktelegraphie 307
22. Die wirtschaftliche Bedeutung der Seeschiffahrt,
Von Dr. H. Feddersen, Hamburg.
Durch Verlust des Seeverkehrs Erkenntnis von der Unentbehrlichkeit.
Nationaler und internationaler Charakter der Seeschiffahrt. Bedeutung
als Pionier des Außenhandels. Entwicklung und Leistungen vor dem Kriege,
Seeschiffahrt ein Aktivum der Zahlungsbilanz und des Nationalvermögens.
_— Der Krieg, Auslieferung, — Großzügiger Wiederaufbau, neue Organi-
sationsiormen AV} ; „. . „321
23, Deutsche Wasserstraßenpolitik,
Von Regierungsrat Dr. W, Teubert, Potsdam.
Erkenntnis des volkswirtschaftlichen Wertes, — 1, Entwicklung der Wasser-
straßen, einschließlich Binnenflotte, — 2, Das Verhältnis des Staates zu
den Wasserstraßen: Die Verwaltung, Reich und Länder, Folgen des Welt-
krieges. — Die Aufbringung der Mittel: Schiffahrtsabgaben, öffentliche und
private Mittel, — Die Fürsorge für die Binnenschiffahrt, Eisenbahntarif-
politik, — 3, Die Bedeutung der Wasserstraßen, Güterverkehr, — 4, Ziele
der Wasserstraßenpolitik: Einheitliche Verwaltung, Wirtschaftlichkeit, Zu-
sammenarbeiten mit Eisenbahn, Ausbau und Kanäle hl ae ,‚ 333
        <pb n="13" />
        Inhaltsübersicht, }
nr Seite
24. Verkehrspolitische Aufgaben der Reichseisenbahn.
Von Dr. Finkenwirth, I, Syndikus der Industrie- und Handelskammer
Hannover, Mitglied des Reichseisenbahnrats,
1. Kritik an der Reichsbahnverwaltung, Gebot: Zukunft der Reichsbahn
zu sichern, — 2, Prüfung der Bedingtheiten des Betriebs in formalrechtlicher
und finanzwirtschaftlicher Hinsicht: Eigentum, Verfassung der Gesellschaft,
Vorstand usw, Hoheitsrechte des Reichs, — 3, Ist die Reichsbahn unter
gegebenen Verhältnissen in der Lage, die von ihr verlangten Erträgnisse
herauszuwirtschaften und ihren Betrieb dennoch im Sinne einer Förderung
der deutschen Volkswirtschaft zu führen? . , .. .. „367
25, Luftfahrt in Wirtschaft und Politik.
Von Dr. Everling, Professor an der Technischen Hochschule in Char-
lottenburg, Referent im Reichsverkehrsministerium,
Umwälzung der Wirtschaft, Bedeutung der Luftfahrt für verschiedene Ge-
biete. Außenpolitische Hemmungen, Flugverkehr Gemeingut aller Schichten 394
26. Messen und Ausstellungen,

Von Paul Voß, Direktor im Meßamt für die Mustermessen in Leipzig.

1. Das deutsche Messe- und Ausstellungswesen| einst und jetzt. — 2. Die

Bedeutung des Messewesens für die Volks- und die Privatwirtschaft, —

3. Die Zukunft des Messewesens . . . . ‚ 399
27. Banken und Industrie,

Von Dr. K. A, Fischer, Syndikus des Rhein, Braunkohlensyndikats, Köln,
Stellung der Banken in der Gesamtwirtschaft, — Wesen und Wir-
kungen des Bankeneinflusses: Grund in Organisation des Kapitalverkehrs,
Möglichkeit der Überspannung der Konditionen. Besonders wichtig bei
Zusammenschlüssen, Umwandlungen, Fusionen, — Abwehrmöglichkeiten
der Industrie: Problem der direkten Kapitalbeschaffung, Zusammenschluß,
Aufsuchen des letzten Geldes, Finanzierungsgesellschaften, öffentliche
Gelder, Ausland, Konzernbanken, Industriehypothekenbanken usw. —
Bankeneinfluß durch Effektenbesitz . . . i . 412

28. Der Binnengroßhandel,
Von Walther Basson, Mitglied der Geschäftsführung des Zentral-
verbandes des Deutschen Großhandels, Berlin,
Geschichtliche Entwicklung des Großhandels. — Der Großhandel im
20. Jahrhundert, — Großhandel, Genossenschaften und Kartelle. — Groß-
handel und Produzent. — Die verschiedenen Funktionen des Großhandels,
— Bedeutsame wirtschaftliche Aufgaben des Handels, Miteinanderarbeiten
der Wirtschaftskreise . . 430
29, Die staatspolitische Bedeutung der Landwirtschaft,

Von Graf v, Kalckreuth, Präsident des Reichslandbundes, Berlin.
Wirtschaftspolitisch: Tätige in der Landwirtschaft, — Aufgabe, die Er-
nährung des Volkes aus eigener Scholle sicherzustellen, Einst und jetzt. —
Bevölkerungspolitisch; Größere Lebenskraft gegenüber der städtischen Be-
völkerung, Entwicklung der drei großen wirtschaftlichen Berufsgruppen 455

30, Die wirtschaftliche Einstellung der öffentlichen Verwaltung.

Von Dr, Frielinghaus, Ministerialrat im Preußischen Ministerium für

Handel und Gewerbe, Berlin,

1, Bild im Kriege umgekehrt, Stellung der Länder zum Reiche. — 2, Be-
seitigung des Obrigkeitsstaates, Verlust der übergeordneten Stellung,
Überführung staatlicher Betriebe in privatwirtschaftliche Formen. —
        <pb n="14" />
        b Inhaltsübersicht,
Seite
3. Trennung von Verwaltung und Wirtschaft, Selbstverwaltung der Wirt-
schaft. Übertragung staatlicher Aufgaben an Wirtschaftskörper. — Vorzug
der Kammern ‚ 466
31. Die wirtschaftliche Einstellung der Rechtspflege,
Von Dr. Reichert, Reichsgerichtsrat, Vorsitzender des Deutschen
Richterbundes, Leipzig.
1. Wesen der Wirtschaft nach Entstehung, Zweck, Formen; Streben nach
dem Praktischen, heutige Bedeutung, — Kerngedanken des Rechts, Grund-
lage von der Gemeinschaft her. — Beziehungen beider zum Staat, —
2, Recht und Wirtschaft sind gegenseitig Führer und Geführte. Stets
Entscheidung eines konkreten Falles. Die Richterpersönlichkeit. Not-
wendige Einstellung auf tatsächliche Verhältnisse. Wirtschaftliche Aus-
bildung . 0. .%* . 3
32, Die außenpolitischen Aufgaben der Wirtschaft,
Von Prof. Dr. Gothein, Reichsminister a.D., M. d.R., Berlin,
1. Einfluß der wirtschaftlichen Beziehungen auf die politischen Beziehungen
der Staaten, — 2. Verschiebung der Wirtschaftsverhältnisse durch den
Krieg. — 3. Wirtschaftspolitik der Vereinigten Staaten, — 4, Aufgabe des
deutschen Volkes: Aktivität statt Passivität. — 5, Preissenkung und Löhne, —
6, Übermaß an Steuern. — 7. Billigere Frachten, — 8, Betriebskapital. —
9, Billigere Produktion bei Qualitätsware, — 10. Deutsche im Auslande . . 502
Sachverzeichnis. . . a. 521

3
        <pb n="15" />
        = Bibliothek
we
* Kie\*
Vorwort.

In der Warenproduktion, in seinen Verkehrseinrichtungen, in der
Ausgestaltung seines Handels, in seiner sozialen Fürsorge für die
Arbeiter war Deutschland in der Vorkriegszeit allen anderen Staaten
voraus, Aber eines war ihm nicht gelungen, die Durchdringung des
Staates und des Beamtentums mit wirtschaftlichem Geiste. Die Leiter
der Staatsbetriebe insbesondere gehörten in ihren Lebensanschauungen
vielfach längst vergangenen Zeiten an. Zunächst war das die natürliche
Auswirkung eines zentralisierten, militärischen, juristischen Staats-
gebäudes; daneben trug die Verantwortung zu erheblichem Teile die
Wirtschaft selber, die, statt bestimmenden Einfluß auf die Staatsver-
waltung, die Schulen, die Rechtsprechung und anderes in Anspruch zu
nehmen, sich selbst vielfach in die überlieferte Schablone einfügte. Das
ist jetzt anders geworden. Die Wiederaufrichtung eines zusammen-
gebrochenen Staates hängt geradezu von der Wirtschaft ab, aber
wiederum nicht in dem Sinne allein, daß sie die Mittel verschafft, um
das deutsche Volk von einer unerträglichen Zwangsschuld zu befreien,
sondern vor allem in dem Sinne, daß sie als moderne Kulturmacht dem
Deutschen Reiche die Stellung in der Welt wiedererobert, die es vorher
besaß, Die Erweiterung des Arbeitsprogramms unserer großen wirt-
schaftlichen Verbände, die Betätigung unserer Wirtschaftsführer in der
äußeren und inneren Politik sind erfreuliche Kennzeichen dafür, wie
sehr man sich in Wirtschaftskreisen dieser neuen Aufgaben bewußt ist.

Niemand kann sich der Einwirkungen dieses neuen Geistes ent-
ziehen, wohl aber kann jeder für seinen Teil dazu beitragen, Kata-
strophen zu vermeiden, indem er die Bedingungen schafft, die den
stetigen Gang der Entwicklung gewährleisten. Dazu gehört vor allem,
daß der Vorgang selber als eine natürliche und notwendige Tatsache
allen Beteiligten zum Bewußtsein kommt.

Damit ist diesem Werke Ziel und Aufgabe gestellt, Je mehr aber
beides in seiner inneren Bedeutung erkannt wird, um so weniger kann
man erwarten, es durch theoretische Auseinandersetzungen über Wesen
und Lebensbedingungen der Wirtschaft zu erschöpfen. Wer sich da-
gegen in die Leistungen der Wirtschaft auf den verschiedenen Gebieten
und in ihre inneren Zusammenhänge hineinversetzt, der wird selbst
        <pb n="16" />
        vu Vorwort.
sehr bald unter dem Eindruck eines großen, von innen heraus arbeiten-
den Gebildes stehen,

Wirtschaft darf heute nicht nur Erwerbsquelle, sie muß gleich-
zeitig Lebensanschauung sein, Anpassung an die Gegenwart muß sich
mit dem Bewußtsein verbinden, daß auch die Vergangenheit unsere
Lehrmeisterin bleibt. So allein wird die Stetigkeit des Fortschritts
gewährleistet, Das alles darf aber nicht Zwang, sondern es muß
Selbstregulierung sein, Je mehr die deutsche Wirtschaft sich darüber
klar ist, daß dieses große Naturgesetz auch ihre eigene Lebens-
bedingung ist, um so mehr wird sie auch über ihr unmittelbares Arbeits-
gebiet hinaus die Führung in die Hand bekommen, Damit wird sie
dann einerseits schrankenlose Willkür, andererseits aber jede Ab-
schnürung der individuellen Bewegungsireiheit ablehnen, mag sie in
gesetzlichen Zwangsmaßnahmen oder in bürokratischer Bevormundung
zum Ausdruck kommen,

Es gibt nichts, was das Wesen eines gesellschaftlichen Organismus
plastischer und vollkommener verkörpert, als die Wirtschaft, deren
Bestand heute noch mehr von der wechselseitigen Zusammenarbeit als
von den Leistungen der einzelnen Betriebe abhängt, und die daher fast
automatisch immer neuen und einheitlicheren Organisationen zustrebt.,
So werden die Wirtschaftsvertreter zwar zu den politischen Fragen
naturgemäß verschieden eingestellt sein, aber sie können unmöglich
auseinanderreißen, was innerlich zusammenhängt, und sie können auf
keinem Gebiete gesetzliche Maßnahmen befürworten, ohne gleichzeitig
deren Rückwirkung auf andere Teile des großen Organismus in Betracht
zu ziehen. Wenn dann auch die Klassengegensätze mehr vom Stand-
punkte der Wirtschaft als vom Standpunkte der Politik angesehen
werden, dann werden auch die Wege nach einer natürlichen Volks-
gemeinschaft freigelegt sein, die jedem einzelnen die Möglichkeit selb-
ständiger Betätigung läßt. Mag die Entwicklung sich in dieser oder
jener Richtung vollziehen: Die Einsicht, daß die wirtschaftlichen
Lebensbedingungen gleichzeitig die Lebensbedingungen jedes Berufes
sind, wird die Beteiligten zur Vernunft bringen, so daß sie nicht mehr
die Vernichtung des Gegners, sondern die Gemeinschaftsarbeit mit ihm
zum Wohle des Ganzen als den erstrebenswerten Zustand anerkennen,

Wie alles, was sich längere Zeit aus sich selbst ergänzt, die Lebens-
kraft einbüßt, so hatte auch in dem altpreußischen Beamtentum die
Form stark den Inhalt zurückgedrängt, Mancher altpreußische Beamte
hatte sich nur dadurch in seiner Stellung behaupten können, daß die
Vorschriftsmäßigkeit an die Stelle der praktischen Brauchbarkeit
getreten war. Auch die Wirtschaftsvertreter haben nicht immer Rang
und Titulaturen gegenüber ihre Unabhängigkeit zu wahren gewußt;
        <pb n="17" />
        Vorwort, J
heute geht aber der wirtschaftliche Aufstieg durch den härtesten
Daseinskampf; es gibt keine Legitimation für die Autorität als den
Erfolg. Der Ruf nach Persönlichkeiten wird daher nirgends ein lauteres
Echo finden als in der Wirtschaft,

In der Rechtsprechung hatte die rein begriffliche Einstellung den
lebendigen Menschen durch den Typus ersetzt, den man glaubte in
bestimmte Richtungen dirigieren zu können. An dem Pulsschlag des
Lebens, von dem die Rechtstheoretiker nicht viel wissen wollten, litten
diese Typen aber Schiffbruch. Aus der Formalität der Berufsrichter
flüchtete man sich mehr und mehr in die Kaufmanns- und Gewerbe-
gerichte und in die Kammern für Handelssachen. Man suchte also
Abhilfe bei der Wirtschaft, und das mit Recht. Denn die Wirtschaft
kann nicht hinter der formalen Rechtskraft ihre Maßnahmen verbergen,
Die Wirtschaft wird von den Tatsachen selber kontrolliert. Wer die
neuere Rechtsprechung verfolgt, der wird auch hier den Einfluß wirt-
schaftlicher Lebensanschauungen nicht nur auf die Auslegung‘ der
Gesetze, sondern auch auf die Methoden dieser Auslegung feststellen.

Noch deutlicher tritt seit Jahren der Einfluß der Wirtschaft bei der
Verwaltung in die Erscheinung. Vertreter der Wirtschaft sitzen in den
Kreisausschüssen und Bezirksausschüssen. Besonders kennzeichnend
für die Gegenwart ist aber der steigende Einfluß der Handelskammern,
die sich zu immer größeren und einflußreicheren Verbänden zusammen-
schließen, und die auch von den Behörden mit immer neuen Aufgaben
betraut werden, Ein entsprechender Einfluß auf das allgemeine Bil-
dungswesen wird sich nicht nur in der Ausgestaltung der Lehrpläne
nach der praktischen Seite, sondern vor allem auch in der Betonung
der Eigenarbeit und der allmählichen Umgestaltung der Schulen aus
reinen Lehranstalten in Einrichtungen zur Heranbildung frei schaffen-
der Persönlichkeiten auswirken. Das große wirtschaftliche Gesetz von
der möglichst günstigen Ausnutzung aller Kräfte verlangt allgemein
einen reibungslos mit den leistungsfähigsten, aber nur mit den not-

wendigen, Kräften arbeitenden Staatsbetrieb.

Dieser in den angewandten Naturwissenschaften wurzelnde „ener-
getische Imperativ‘ ist endlich gleichzeitig ein moralisches Gesetz, und
niemand sollte wirtschaftliche Einstellung als solche verantwortlich
machen für die Korruptionserscheinungen, die im Wirtschaftsleben
stellenweise hervortreten. Wenn der Vorsitzende einer angesehenen
Hamburger Kaufmannsvertretung warnend auf den Niedergang der
kaufmännischen Moral hinweisen mußte, so gibt es doch andererseits
keine Stelle, von der eine wirkungsvollere Abhilfe erwartet werden
darf, als die Wirtschaft selber. Denn was hier die Kritik heraus-
gefordert hat, konnte letzten Endes doch nur geschehen, nachdem
        <pb n="18" />
        10 vu ww.

ungehemmte Spekulationsmöglichkeiten sich auch für solche eröffnet
hatten, die den Schild der Wirtschaft zur Verdeckung ihres Eigen-
nutzes mißbrauchten, oder die doch, wenn sie guten Glaubens waren,
in ganz unwirtschaftlicher Weise den Augenblickserfolg über den
Dauererfolg stellten. Tatsächlich hat ja auch unsere Großindustrie ihre
moralische Unantastbarkeit durchaus bewahrt, und sie wird immer
Mittel und Wege finden, ihre Unabhängigkeit gegen diejenigen zu ver-
teidigen, die einseitig finanzielle Interessen verfolgen,

Ist die Wirtschaft also nicht nur Beruf, sondern Lebenseinstellung,
so kann ein Buch wie das vorliegende nicht allein für Fachleute
geschrieben sein, Es kommt vielmehr darauf an, die Fäden zu ver-
folgen, die sich nach allen Seiten ausspinnen, um auf anderen Wegen
wieder in die Wirtschaft zurückzuführen. So wird denn nicht nur jeder
Kaufmann, jeder Techniker, jeder Handwerker und jeder gebildete
Arbeiter, sondern auch jeder Verwaltungsbeamte, jeder Jurist, jeder
Politiker, ja jeder Deutsche, gleichviel, welchem Beruf er angehört, beim
Lesen dieser Aufsätze die Empfindung haben, daß das, was er liest,
seine eigene, ihn unmittelbar angehende Sache ist,

Wie aber hier nur einiges hervorgehoben werden konnte, so konnte
auch das Buch selber aus der Mannigfaltigkeit der Fragen und Probleme
nur einen Auszug bringen. Es gilt hier dasselbe wie für die Auswahl
der Bilder, durch die ein Ausblick in die wirtschaftliche Führerschaft
Deutschlands gegeben werden soll, die aber nicht den Eindruck
erwecken sollen, als seien damit die tatsächlichen wirtschaftlichen
Führer restlos erfaßt. Einer derartigen bildlichen Zusammenstellung
wird auch dadurch eine gewisse Unvollkommenheit anhaften, daß
manche, die unter den Führern unserer Wirtschaft an hervorragender
Stelle stehen, aus verschiedenen Gründen nur ungern mit ihrem Bilde
vor die größere Öffentlichkeit treten. Immerhin dürfien die bei-
gegebenen Bildertafeln eine interessante Auswahl aus den verschie-
denen Gebieten unseres Wirtschaftslebens darstellen”).

Soll eine künftige Auflage den gesteckten Zielen näher kommen,
so müssen die Leser sich zu eigener Mitarbeit entschließen; sie müssen
den Herausgebern oder dem Verlage mitteilen, in welcher Beziehung
nach ihrer Ansicht Ergänzungen und Änderungen wünschenswert sind.

Bielefeld, im November 1925.

Die Herausgeber.

*) Die Tafeln sind nach Fachgruppen, diese unter sich in alphabetischer Reihen-

folge geordnet.

Mare”
        <pb n="19" />
        1.

Die wirtschaftliche Bewegung.
Von Dr. Felix Kuh t.

Daß sich an das Schiff des Kaufmanns das Gute anknüpft, dieses
Thema, das Schiller wie einen Wahlspruch an die Schwelle des
19, Jahrhunderts gesetzt hat, haben wohl die meisten Zöglinge einer
höheren Lehranstalt mit mehr oder minder Geschick behandelt. Der
Dichter selbst aber hat nicht ahnen können, welche Probleme die
Folgezeit heraufbeschwören werde, Sein Sinnspruch, auf die phöni-
zischen Kaufleute gemünzt, war — man fühlt es deutlich — als eine
Art Entschuldigung oder Verteidigung für den Kaufmann gedacht. Die
Antike, das frühe und späte Mittelalter, die Zeit der Aufklärung hatten
noch nicht das rechte Augenmaß für die Bedeutung des gewerblichen
und kaufmännischen Standes, Die Menschheit jener Zeiten lebte in der
Überzeugung, daß die gewerbliche Arbeit, die Arbeit um des Nutzens
willen, durch eine weite Kluft von der eigentlichen Kulturarbeit getrennt
sei. Der Bauer, der Handwerker, der Kaufmann, sie hatten für des
Lebens Notdurft zu sorgen, die Motive aber, von denen sie sich leiten
ließen, waren in der Hauptsache Eigennutz und Gewinnsucht, und über
der ganzen Tätigkeit lag eine gewisse Atmosphäre der Geringschätzung
und Verächtlichkeit, Der wirtschaftende Mensch galt als Mensch
zweiter Ordnung! Fast alle Schriftsteller des Altertums blickten auf
die Arbeit des Kaufmanns geringschätzend herab, und es ist sehr inter-
essant, bei Cicero, in dessen Schrift über die Pflichten, nachzulesen,
wie er die gewöhnliche Arbeit des Händlers beinahe als Sklavenarbeit
betrachtet und allenfalls dem Großhändler eine gewisse Achtung zuteil
werden läßt, diesem aber im Grunde nur dann, wenn er sich, reich
geworden, vom geschäftlichen Leben zurückzieht und den größeren
Teil seines Lebens höheren Interessen widmet. Auch die mittelalter-
liche Kirche hat dem kaufmännischen Leben noch mit tiefer Skepsis
gegenübergestanden. Was nützen dem Menschen alle Schätze dieser
Erde, wenn er Schaden nimmt an seiner Seele? Vor den Augen der
Scholastiker konnte der Erwerbsmensch allenfalls dann Gnade finden,
wenn er sein Vermögen mehr oder weniger in den Dienst der Kirche
und der von dieser geübten Nächstenliebe stellte. Der reiche Kauf-
        <pb n="20" />
        12 Dr. Felix Kuh:

mann konnte zwar schon immer eine bedeutsame Rolle spielen, wenn
er sich politisch betätigte, Im alten Athen und Rom, in den
italienischen Republiken der Renaissancezeit, im königlichen Frank-
reich des Mittelalters hatte gewiß der Kaufmann ein Wörtchen mitzu-
reden, und auch in Deutschland brauchen wir nur an das Haus Fugger
zu denken, um die Bedeutung zu erkennen, die den Wirtschaftlern in
Wahrheit überall zukam, auch wenn die offiziellen Wortführer der be-
treffenden Epochen solchen Einfluß nicht anerkannten und am liebsten
totschwiegen, Für Deutschland liegt alsdann in dem Auftreten der
Hansa das erste große Zeugnis vor, auf das sich die Kaufleute berufen
konnten, wenn man ihnen vorwarf, sie seien eigentlich nur „Krämer”
und „Pfeffersäcke‘ und hätten mit den großen politischen und kulturellen
Aufgaben der Nation nichts zu tun. Die Hansa hat, wie Dietrich
Schäfer überzeugend nachweist, das meiste dazu beigetragen, um
die zarten Keime eines einheitlichen. deutschen Nationalbewußtseins
entstehen zu lassen, Und lag im Norden Deutschlands der Schwer-
punkt auf der politischen Entwicklung, so stieg in den süddeutschen
Städten, in Nürnberg, Augsburg, Frankfurt usw., ein Bürgerstand her-
auf, der bereits vom 12. Jahrhundert an deutlich zum Ausdruck brachte,
daß er keineswegs gewillt sei, sein Dasein in der Aufhäufung materieller
Güter zu erschöpfen. Das Kunstgewerbe der Dürerzeit verdankt seine
hohe Blüte im wesentlichen den kaufmännischen Patriziern. Erfindungen
und Entdeckungsfahrten wurden schon damals nur durch die groß-
zügige und weitblickende Hilfe wohlhabender Handelsherren ermög-
licht. Zum Kriegführen gehörte Geld, aber nicht allein die zerstören-
den, sondern auch die aufbauenden Mächte waren auf den Beistand
der Erwerbsstände angewiesen, Mit der Regierung der Königin
Elisabeth von England trat dieser Staat in die Reihe derjenigen
Nationen, die sich auf wirtschaftlicher Grundlage zu Weltreichen er-
heben wollten. Gerade auf englischem Boden kann man das Durchein-
anderfluten materieller und ideeller, wirtschaftlicher und kultureller
Momente vielleicht am besten beobachten, Der englische Kapitalismus
ist nach Max Weber hervorgegangen, oder zum mindesten stark
beeinflußt durch den Calvinismus. Er hat also eine religiöse Grundlage
und kann diese Herkunft nirgends verleugnen. Nur eine oberflächliche
Auffassung kann den englischen „cant‘“ verspotten. — Man sagt wohl,
der Engländer spreche von Jesus Christus und meine Kattun! Aber
wenn auch dieses ironische Wort auf manche Kreise zutreffen mag, so
muß man doch immer im Auge behalten, daß es eine wahre Frömmig-
keit ist, die bei der Gründung des englischen Imperiums, des wirtschaft-
lichen wie des politischen, eine große Rolle gespielt hat, Der Engländer
betreibt seinen Beruf in der festen Überzeugung, daß Gott ihn und sein
        <pb n="21" />
        Die wirtschaftliche Bewegung, v3
Volk ausersehen hat, über die Meere zu herrschen und auf Kriegs- und
Handelsschiffen die englische Flagge in alle Erdteile zu tragen. Not-
wendig aber muß eine solche Anschauung dazu beitragen, Handel und
Wandel zu adeln, die Erwerbstätigkeit mit einem Geist zu erfüllen, der
weit über die Profitsucht hinausgeht, und das ganze nationale Leben
auf eine höhere Stufe zu heben, Ähnliche Beobachtungen können wir
jetzt in Amerika machen. Auch hier erscheint es dem Kaufmann,
dem Fabrikanten selbstverständlich, daß er nicht nur für sein persön-
liches Interesse arbeitet, sondern mitverantwortlich ist für die Wohl-
fahrt und den Ruhm des ganzen Landes, Aus solcher Gesinnung ent-
wickelt sich weiterhin das Bestreben, opferwillig einzutreten, wo es
sich um die Förderung öffentlicher und gemeinnütziger Veranstaltungen
handelt. In England ist es seit der oben bezeichneten Epoche die
Kolonialpolitik gewesen, welche die wirtschaftliche Entwick-
lung mit der ganzen Kulturentwicklung aufs tiefste verquickt hat. Man
muß sich bei solchen Betrachtungen stets daran erinnern, daß es der
Angestellte eines geschäftlichen Unternehmens, WarrenHastin gs,
gewesen ist, der für England die wichtigste Kolonie, Ostindien, gewon-
nen hatte, Wir haben ein Jahrhundert später in Deutschland das
gleiche erlebt. Auch hier waren es „königliche Kaufleute‘, welche die
Flagge ihrer Heimat über das Meer hinaus trugen. Nun wird freilich
mancher einwenden, daß die Gründung von Kolonien gerade diejenige
Stelle sei, an der sich gegen das Eingangswort unseres Aufsatzes viel-
leicht die meisten Bedenken erheben lassen. Den merchants aven-
turious, den Conquistadores ist nicht immer das Gute gefolgt. Man
denkt an den Opiumhandel, an den Sklavenhandel, an die skrupellose
Art, mit der im Namen der Kulturmission die kolonisierenden Völker
die Eingeborenen fremder Landstriche ausgebeutet und mit billiger
Schundware überschüttet haben, Gewiß hat auch die wirtschaftliche
Entwicklung manche Mißstände gezeitigt, und wir sind noch immer
nicht über die Zeit der Kinderkrankheiten völlig hinaus. Jeder gerecht
Denkende wird aber zugeben müssen, daß jene Anklage eben nur für
die Übergangszeit Berechtigung hat. Kolonialgreuel und Kolonial-
mißstände sind im ersten Stadium der wirtschaftlichen Entwicklung
niemals zu vermeiden, Aber eine 2000jährige Geschichte zeigt, daß
die chaotische Anfangszeit bald überwunden wird, und die Blüte
gerade der Kolonialstaaten, die wir seit den altphönizischen und
griechischen Kolonien bis auf unsere Tage verfolgen können, bildet
umgekehrt den Beweis für die segensreiche Kraft, die in jeder gesunden
kaufmännischen Unternehmung steckt. Es ist, wie wenn der Mosesstab
den dürren Felsen berührt! Wüste, unfruchtbare Gegenden ver-
wandeln sich in fruchtbare Ländereien, Straßen, Kanäle, Eisenbahnen
        <pb n="22" />
        j1 Dr. Felix Kuh:

werden gebaut, volkreiche Städte erheben sich, schaffendes Leben
blüht überall auf, wo der zielbewußte Geist des Kaufmanns die in der
Natur vorhandenen Kräfte hervorlockt und ausnutzt!

All diese Beobachtungen waren gemacht, als um die Mitte des
vorigen Jahrhunderts jene Theorie entstand, die man mit dem Namen
der materialistischen oder ökonomischen Geschichtsauffassung zu
bezeichnen pflegt und als deren Urheber gemeinhin Karl Marx
genannt wird, Mit kurzen Worten gesagt bedeutet diese Theorie, daß
alle geschichtlichen Prozesse durch materielle, technische und
ökonomische Umwandlungen bestimmt sind. Hiernach gebührte also
der Wirtschaft unbedingt der erste Rang unter den Ursachen, die über-
haupt die geschichtliche Entwicklung hervorrufen. Man ist sich heute
in der Wissenschaft vollkommen einig darüber, daß Karl Marx weit
über das Ziel hinausgeschossen hat; die materialistische Geschichts-
auffassung ist eine gewaltige Übertreibung! Die wichtigsten Antriebe
für alle Veränderungen, die wir zusammenfassend als Weltgeschichte
zu bezeichnen pflegen, sind zweifellos auf religiösem, nationalem,
wissenschaftlichem Gebiet, kurzum, im Reiche der Idee zu suchen.
Indessen ist es ebenso gewiß, daß gleich an zweiter Stelle die wirt-
schaftlichen Ereignisse stehen, die Wirkungen, die der Kaufmann, der
Entdecker, der Fabrikant hervorgebracht haben, Es muß zugestanden
werden, daß jene Geschichtstheorie äußerst befruchtend auf die ganze
Geschichtsschreibung gewirkt hat. Früher war uns die Geschichte nur
eine Aufeinanderfolge von Kriegen, Revolutionen, Staatsaktionen.
Heute wissen wir, was Kulturgeschichte ist. Die Werke von
Lamprecht, Breysig und anderen haben uns gezeigt, daß neben
den politischen Prozessen ein starker Strom wirtschaftlichen Ge-
schehens durch die Geschichte hindurchflutet, ein Strom, der oft durch
die Politik in neue Bahnen gedrängt worden ist, der aber tatsächlich
auch häufig genug dazu beigetragen hat, den politischen Werdegang
maßgebend zu bestimmen.

Es ist eine reizvolle Aufgabe, die Einwirkungen zu studieren, die
im Laufe der bisherigen Geschichte der Kaufmann auf den ganzen
historischen Prozeß ausgeübt hat. In steter Wechselwirkung haben
Politik und Wirtschaft das Schicksal der Menschheit bestimmt, und
der alte Streit, ob dem einen oder dem anderen Element der Vorrang
gebührt, hat noch bis in unsere Tage fortgedauert. Ja, gerade heute
erleben wir es wieder, daß in zahllosen Reden und Schriften darüber
diskutiert wird, ob der erste Platz der Wirtschaft oder der
Politik gehört. Wir glauben sagen zu dürfen, daß die Wurzel der
Uneinigkeit in der falschen Fragestellung liegt; nicht darum kann es
sich handeln, ob Wirtschaft oder Politik bei wichtigen nationalen
        <pb n="23" />
        Die wirtschaftliche Bewegung, I 5
Entscheidungen den Ausschlag zu geben hat, sondern man muß daran
festhalten, daß stets Wirtschaft un d Politik in vollkommener Harmonie
miteinander zu berücksichtigen sind. Wo auch immer die Völker von
diesem Grundsatz abgewichen sind, indem sie das merkantile Interesse
über den nationalen Standpunkt setzten, oder indem sie aus nationalem
Übereifer ihre wirtschaftliche Kraft falsch einschätzten und nicht zur
Geltung kommen ließen — in all diesen Fällen hat schweres Unheil
oder völliger Untergang die Schuld gesühnt.

Wer aber heute in Deutschland über diese Dinge spricht, der soll
das Auge weniger nach rückwärts richten, als in die Zukunft, So
lehrreich es für den Deutschen ist, seine große und wechselvolle Ver-
gangenheit gründlich zu studieren, soviel Trost und Zuversicht er in
den schweren Tagen aus der Vergangerheit schöpfen mag, unsere
erste und wichtigste Aufgabe muß doch darin bestehen, daß wir Hand
anlegen an den Wiederaufbauunseres Vaterlandes, daß
wir uns klar darüber werden, in welcher Weise denn die Wirtschaft
bestimmt und befähigt ist, die gesamte Kulturentwicklung in möglichst
günstiger Weise zu beeinflussen. Hier ergeben sich vier Gesichts-
punkte, die wir ins Auge zu fassen haben. In erster Linie wird der
Blick des wirtschaftenden Menschen naturgemäß auf den tech-
nischen Fortschritt gerichtet sein müssen. Das ist sein Werkzeug,
seine Waffe, mit welcher er den Verkehr befördert, die Erde
umgestaltet, die neue Welt zu schaffen versucht. Die Technik aber
kommt nicht vorwärts ohne die Wissenschaft, und Handel und
Industrie sind daher berufen, an dem stolzen Bau der Wissenschaft
kräftigen Anteil zu nehmen. Es ist, um es gleich an dieser Stelle zu
sagen, die höchste Ehre des deutschen Gewerbestandes, daß er den
engen Zusammenhang zwischen Wissenschaft und Technik, zwischen
Theorie und Praxis am deutlichsten begriffen und mit höchster Ziel-
bewußtheit benutzt hat. Aber Technik und Wissenschaft bleiben
tote und seelenlose Dinge, wenn sie der rechten Menschlichkeit ent-
behren, Sie müssen zu einem öden Mechanismus und Materialismus
führen, wenn der Zauberkünstler, der diese wunderbaren Instrumente
handhabt, nicht zugleich ein lebendiges Verständnis für die gemütlichen
Bedürfnisse, für das Innenleben seiner Mitmenschen empfindet. Daher
ist es die Förderung der sozialen Wohlfahrt, die sich der wirt-
schaftende Mensch angelegen sein lassen muß. Und wiederum bedeutet
es ein Ruhmesblatt der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland,
daß man hier neben manchem Mißgriff die größten Erfolge in sozial-
politischer Hinsicht zu verzeichnen hat, daß man hier am heißesten
darum ringt, die Wunden zu heilen, welche der technische und
ökonomische Fortschritt, die radikale Umwandlung aller Verhältnisse
        <pb n="24" />
        1a Dr. Felix Kuh:

dem Volkskörper geschlagen hat, die sie ihm schlagen mußte, weil
das fast überrasche Wachstum der Weltwirtschaft zahllose Spannungen
und Konflikte hervorrief. An der Technischen Hochschule zu
Hannover wird ein Kolleg gelesen, dessen Thema lautet
„Menschenwirtschaft”, ein Titel, der gewiß manchem Miß-
verständnis ausgesetzt ist, in Wahrheit aber doch den Kern der Sache
sehr gut trifft, In Deutschland, dem Lande der Dichter und Denker,
darf und wird der wirtschaftende Mensch niemals vergessen, daß er
als Mensch und mit Menschen für Menschen arbeitet. Der Kaufmann
wird nie in seinem Beruf restlos aufgehen, er wird immer an die
Würde, die dem Menschen gegeben ist, denken; er wird diese achten
und zu erheben wissen, Das ist die dritte Aufgabe, die dem Kaufmann
gestellt ist. Zuletzt, aber sicherlich nicht am wenigsten wird der Wirt-
schaftsmensch an den Satz denken, daß unter allen Gütern, welche
überhaupt hervorgebracht werden können, der Staat das höchste
Gut des Mannes ist. Er wird sich demnach als politisches
Wesen fühlen, wird über sein Kontor, über die Fabrikmauer hinaus
das Auge schweifen lassen, um das wahre Interesse seines Vaterlandes
zu erkennen und ihm, wenn auch nur an bescheidener Stelle, nach
Kräften zu dienen. Technik, Wissenschaft (mit ihr verbun-
den die Kunst), soziale Gemeinschaft und ernste poli-
tische Arbeit im Dienste des Gemeinwohls — das sind die
vier Elemente, aus denen sich die Umwelt des Wirtschaftlers aufbaut,
in der und für die er zu leben und zu schaffen hat, wenn sein Dasein
einen rechten Sinn haben soll, wenn er sich selbst und seinem Unter-
nehmen diejenige Festigkeit geben will, ohne die eine befriedigende und
fruchtbare Arbeit unmöglich ist, Versuchen wir diese vierfache
Beziehung im einzelnen zu beleuchten”)!

Der Schreiber dieser Zeilen besuchte die Pariser Weltausstellung
des Jahres 1900 und fand in der chemischen Abteilung neben anderen
Merkwürdigkeiten zwei Proben künstlichen Indigos, die sich
voneinander kaum unterschieden, Auch die ausgefärbten Muster
schienen von ganz gleicher Qualität zu sein. Das eine Produkt war
deutschen, das andere französischen Ursprungs. Aber in jenem Jahre
hatte sich die deutsche, die Ludwigshafener, Fabrik bereits einen sehr
hübschen Markt erobert, während die praktischen Erfolge der
Franzosen noch recht geringfügig waren, Bei einem Gespräch über
diesen Unterschied äußerte der französische Chemiker, der diese

*) Eine sehr eindringende und geistvolle Studie über das Thema „Wirtschaft und
Kultur‘ hat vor kurzem C, Lammers im Verlage von Otto Elsner, Berlin, erscheinen
lassen. Es sei auf diese anregende Arbeit, die den obigen Aufsatz vielfach in glück-
lichster Weise ergänzt, ausdrücklich hingewiesen,
        <pb n="25" />
        Die wirtschaftliche Bewegung, 17
Abteilung beaufsichtigte, das sei eben der Abstand, der die Franzosen
von den Deutschen trenne, Wenn jenseits des Rheins eine neue
wissenschaftliche Entdeckung gemacht werde, so nehme der Kaufmann,
der Fabrikant, durch vorzügliche Fachzeitschriften geleitet, sofort
Kenntnis davon und lege sich die Frage vor, ob die Sache irgendwie
praktisch zu verwenden sei. Wenn die Antwort bejahend ausfiele, so
stände sofort das notwendige Kapital zur Verfügung, und binnen
wenigen Monaten habe sich die theoretische Arbeit in ein blühendes
gewerbliches Unternehmen umgesetzt, In Frankreich dagegen
berausche man sich wohl an dem Ruhm des nationalen Geistes, man
bringe dem Entdecker die höchsten Ehren dar, berufe ihn in die
Akademie, aber die Kaufmannschaft bliebe passiv. Höchst selten nur
fände ein französischer Entdecker Verständnis und Beihilfe für die
Ausbeutung der Ergebnisse seiner Forschungen. Im vorliegenden
Falle, bei dem es sich um den künstlichen Indigo handelt, hätte unser
Gewährsmann noch hinzufügen können, daß die deutsche Industrie
sogar schon vor der vollendeten Entdeckung auf dem Posten war.
Als Baeyer die ersten Versuche machte, wurde sofort die Ludwigs-
hafener Fabrik aufmerksam und traf bekanntlich ein Abkommen mit
dem berühmten Chemiker, durch das sie sich gleichsam a priori das
Besitzrecht für die in der eingeschlagenen Richtung gemachten Ent-
deckungen sicherte. Dieser Einzelfall ist charakteristisch! Er würde
aber wenig besagen, wenn nicht überhaupt der ganze Gewerbestand
von der gleichen Energie erfüllt wäre. Die deutschen Gewerbetreiben-
den wissen vom ersten bis zum letzten Mann, was der Geist unseres
Jahrhunderts, des technischen Jahrhunderts, verlangt. Man hat
sich nicht mit der großen Zahl technischer Hoch- und Mittelschulen
begnügt; es sind mit Hilfe der Industrie zahlreiche Institute entstanden,
welche ausdrücklich den Zweck verfolgen, der Technik neue Gebiete
zu eröffnen. Das Kaiser-Wilhelm-Institut in Dahlem, das Institut für
Textilforschungen in Dresden, das Laboratorium für Wärmeforschung
in München sind Beweise für diese eminent kulturfördernde Tätigkeit
des Gewerbestandes. Ja, man kann sagen, daß fast jede einzelne
Fabrik ihr kleines Forschungsinstitut unterhält und dauernd auf eigene
Faust Untersuchungen vornimmt, ganz zu schweigen von den muster-
gültigen Laboratorien der großen chemischen Fabriken, aus denen
alljährlich Hunderte von Neuheiten hervorgehen. Es besteht bei uns
zwischen Theorie und Praxis jene wunderbare Wechselwirkung, wie
sie nur noch einmal in der menschlichen Geschichte angestrebt wurde,
nämlich in dem Menschheitsideal des Griechentums, das die Tugend
für lehrbar erklärte und demnach das Denken und Handeln, das
Forschen und Leben mit einem festen Band zusammenschloß, Eine
Die deutsche Wirtschaft. is)
        <pb n="26" />
        18 Dr. Felix Kuh:

„Philosophie“ der Technik konnte nur auf deutschem Boden geschrieben
werden, nur diese Nation besitzt die Zweiseelennatur, die in einem
Chamberlain die Frage aufsteigen ließ, ob man die Deutschen
mehr als ein Volk von Dichtern und Denkern oder als ein Volk von
Kaufleuten und Soldaten bezeichnen sollte, Aus religiösen Motiven
sind die großen Entdeckungen hervorgegangen, welche Deutschland im
Mittelalter auf astronomischem Gebiete machte, Aber diese Ent-
deckungen, die der Physik ganz neue Impulse gaben, wurden sogleich
der Anlaß zu einer völligen Umkehr aller technischen Arbeitsmethoden,
In neuester Zeit waren es deutsche Forscher, die das grundlegende
Gesetz von der Erhaltung der Kraft aufstellten und seine Gültigkeit
bewiesen. Das deutsche Gewerbe aber hat diese theoretischen Grund-
lagen wiederum ohne weiteres benutzt, um der Menschheit eine Reihe
wertvoller Gaben zu bescheren. Und sowie die Technik sich der Sache
bemächtigte, gab sie gleich ihrerseits der Forschung neue Antriebe,
Das jüngste Kind der chemischen Wissenschaft, die Kolloidchemie, ist
ein weiteres Beispiel für dieses fruchtbare Tauschverhältnis, Gewiß
wollen wir uns von hochmütiger Überschätzung unseres Könnens fern-
halten und gern anerkennen, daß auch andere Nationen auf technischem
Gebiet wunderbare Leistungen vollbracht, in manchen Punkten sogar
der deutschen Technik vorangeschritten sind, Es ist sicher, daß wir
z, B. von Amerika in Sachen der Arbeitsteilung, der Verwendung
ungelernter Kräfte, des Taylorsystems noch mancherlei lernen können,
Wenn wir jedoch unser Augenmerk allein auf den einen Punkt lenken,
nämlich auf den Antrieb, den die Praxis der Theorie erteilt, so dürfte
es niemand geben, der dem deutschen Gewerbestand den ersten Platz
streitig machen wollte.

Um diese Tatsache zu erhärten, muß man sich daran erinnern, wie
sich das deutsche Gewerbe nicht nur zur Technik (was ja an sich noch
nicht das Wunderbarste wäre), sondern zur reinen Wissen-
schaft stellt, Wenn der Fabrikant aus seiner Kenntnis der prak-
tischen Bedürfnisse eine Anregung zu einem neuen, möglichst patent-
fähigen Verfahren, gibt, so wird uns dies nicht weiter in Erstaunen
setzen, Welche Schlüsse aber müssen wir daraus ziehen, daß es in
Deutschland zahllose Männer der Praxis gibt, die einen großen Teil
ihres Vermögens daransetzen, um die Aufgaben der Archäologie, der
Geschichtsforschung, der reinen Mathematik usw. lösen zu helfen?
Hier gibt es nur eine Antwort: Der Gewerbestand hat mit sicherem
Instinkt seine eigene Bestimmung erfaßt, die darin besteht, nicht
abseits vom Wege der ganzen Kulturentwicklung ein totes, selbst-
süchtiges Dasein zu führen, sondern im Gegenteil sich bewußt in das
Ganze der nationalen Arbeit einzugliedern, in der festen Überzeugung,
        <pb n="27" />
        Die wirtschaftliche Bewegung, 19
daß eben diese nationale Arbeit einen einheitlichen Komplex darstellt,
in dem jedes Glied berufen ist, der Gesamtheit zu dienen. Die gewerb-
liche Tätigkeit kann niemals damit zufrieden sein, ein partielles
Bedürfnis der Menschheit, etwa den schnellen Nachrichtendienst oder
die bessere Wohnungs- und Bekleidungsmöglichkeit, zu befriedigen
(wie sehr auch dieser Teil ihrer Arbeit der Gesamtkultur zugute
kommen mag), sondern sie muß noch an Höheres denken: sie muß die
Mittel zur Verfügung stellen, welche die Nation braucht, um ihr ganzes
Kulturniveau hinaufzuschrauben! Wenn ein Fabrikant eir.en Theater-
neubau stiftet, für die Anlage von Museen sorgt, Stipendien bereit-
stellt, durch welche junge Forscher, Dichter und Künstler unterstützt
werden, wenn er Expeditionen ausrüstet, um nicht nur die gegenwärtige
(was er aus reinem Nützlichkeitsinteresse tun könnte) Kultur, sondern
eine um Jahrtausende zurückliegende Kultur zu erforschen, so befindet
er sich gerade auf dem rechten Wege. Scheinbar zwar betreibt er
recht unnütze Dinge, aber diese Abwendung vom Utilitarismus
kommt nicht nur der Sittlichkeit, der idealen Strebsamkeit seines
Volkes zugute, sondern durch geheimnisvolle, uns oft unbegreifliche
Fäden sind diese Dinge mit dem rein praktischen Leben verbunden.
Wie oft ist eine chemische Entdeckung gemacht worden, bei der sich
selbst die Fachleute kopfschüttelnd fragten, wie man nur über eine
so ausgefallene Sache arbeiten könne. Aber plötzlich belohnte sich

auch hier die aufgewandte Arbeit; man erhielt einen Körper, der für
den Gebrauch des Tages (Saccharin) oder in der Medizin eine gewaltige
Bedeutung gewann. Wer hätte bei den ersten Untersuchungen über die
Wellenbewegungen des Äthers oder über die X-Strahlen daran gedacht,
daß einmal das Rundfunkverfahren oder die Röntgentechnik eine so
einschneidende Wichtigkeit erlangen würden! Was aber die Kunst
anlangt, so muß man sich an die Bedeutung erinnern, die der Frage
eines nationalen Stilbewußtseins zukommt. Das Gewerbe
braucht kein ausgesprochenes Kunstgewerbe zu sein. In jedem Fabrik-
neubau, in der Art der Reklame, in der ganzen Aufmachung des
Betriebes macht sich die Einwirkung bemerkbar, die von der Kunst
ausgeht. Wir leben gegenwärtig in einem Zeitalter der Gärung, Der
Expressionismus ringt um die höchste Ausdrucksform seines auf das
Innerlichste gerichteten Strebens. Es ist wohl ein weiter Weg von
der Komposition einer modernen Symphonie bis zu der Schöpfung
eines Tuchfabrikanten, der seine jüngste Musterkollektion zusammen-
stellt, Wenn aber der Fabrikant den Geist der Zeit und seine eigene
Aufgabe richtig versteht, so wird ihm plötzlich die Erkenntnis auf-
leuchten, daß die Arbeit jenes Komponisten und seine eigene Arbeit
auf den gleichen Ton gestimmt sein und dem gleichen Endzweck

DE
        <pb n="28" />
        20 Dr. Felix Kuh:
dienen müssen. Vielleicht stehen wir vor einer durchgreifenden
Wohnungsreform, Das Bauwesen beginnt sich wieder zu
beleben, und hier z, B. ist der Punkt gegeben, an dem man deutlich
erkennen kann, wie der künstlerische Geist der Epoche auf das gewerb-
liche Leben, wie aber auch das Gewerbe selbst und der jeweilige
Zustand der Technik auf die künstlerische Ausgestaltung einwirkt.
Ein Bund für eine Reform der weiblichen Bekleidung hat
sich gebildet und über ganz Deutschland ausgedehnt. Er will die
deutschen Frauen daran gewöhnen, auch in der Mode ihr Deutsch-
tum zu bekennen und sich von den Vorbildern des Auslandes unab-
hängig zu machen, Auch hier zeigt sich deutlich, wie das Gewerbe
berufen ist, der allgemeinen Kulturentwicklung einer Nation zu dienen,
Je deutlicher die Erkenntnis im deutschen Volke wird, daß seine sämt-
lichen Glieder ein und denselben Zweck fördern müssen, daß sie
bestimmt sind, wenn auch auf den verschiedensten Wegen, dasselbe
Ziel zu erreichen, desto mehr werden sich die Risse und Klüfte
schließen, die den Organismus des deutschen Volkes in so unheilvoller
Weise spalten, desto mehr wird sich die Nation als eine Einheit fühlen
lernen, sie wird den Parteigeist zurücktreten und dafür den Geist
solidarischer Gemeinsamkeit zur Herrschaft kommen lassen, worin
denn der schönste Lohn all dieser Bestrebungen zu erblicken sein wird.
Mit dieser Einsicht haben wir den dritten Punkt unserer Be-
trachtung erreicht, wir kommen auf das soziale Gebiet, auf dem
ja heute die brennendsten Probleme zu lösen, die schmerzhaftesten
Wunden zu heilen sind. Hier aber hat gerade der Gewerbestand — er
ist der Meistbetroffene — die höchsten und schwierigsten Kultur-
aufgaben zu erfüllen. Die Überwindung des Klassen-
kampfes wird vielleicht schon durch die oben skizzierten Richtungen
ängebahnt. Aber zu einer wirklichen Lösung der sozialen Frage, zu
dieser bedeutungsvollsten Aufgabe der Kulturentwicklung überhaupt,
kann der Gewerbestand nur gelangen, wenn er sich mit völlig klarem
Bewußtsein die Größe dieses Vorhabens und zugleich die Wege vor-
stellt, auf denen man das vielleicht noch ferne Ziel erreichen kann.
Die Zeit des schrankenlosen Liberalismus neigt sich ihrem Ende zu,
Hat man einst verkündet, daß der Bau der Gesellschaft mit einer
Korallenbank zu vergleichen sei, bei der jedes einzelne Korallen-
tierchen rücksichtslos für das eigene Dasein sorgt, bei der aber doch
schließlich diese egoistische Arbeit vieler Einzelwesen zu einer festen
Bildung eines Gesamtstaates führt, so neigt man sich heute der um-
gekehrten Meinung zu, es müsse jeder einzelne von vornherein darauf
bedacht sein, sein eigenes kleines Ich dem Gesamtinteresse einzuordnen,
Diese soziale Gemeinschaft soll nicht mehr das Zufallsprodukt beliebig
        <pb n="29" />
        Die wirtschaftliche Bewegung, 21
vieler Komponenten bilden, sondern sie soll in zielbewußter Tätigkeit
von Führern und Geführten harmonisch aufgebaut werden, Das
gewerbliche Leben aber ist ja die Arena, auf der die heißesten Kämpfe
ausgefochten werden,

Der menschlichen Natur entsprechend, die nach dem Hegelschen
Gesetz eine Entwicklung in Pendelschlägen mit sich bringt, ist man
von dem Extrem eines manchesterlichen Individualismus auf das ent-
gegengesetzte Extrem kommunistischer und radikal-sozialistischer
Ideen verfallen, An die Stelle der bisherigen ‘Wirtschaft soll die
Gemeinwirtschaft, die Planwirtschaft, oder wie die bekannten Schlag-
worte lauten, gesetzt werden, Es ist hier nicht der Ort, das viel-
umstrittene Thema von den Grenzen der menschlichen Freiheit aus-
führlich zu behandeln, Nur so viel muß gesagt werden, daß das
selbständige Unternehmertum, indem es sich dem staatssozialistischen
Gedanken widersetzt, schon durch diese bloße Opposition der Kultur-
entwicklung einen wichtigen Dienst leistet. Denn was wir heute unter
Kultur und Zivilisation verstehen, das ist das Werk einer tausend-
jährigen Arbeit, an der das selbständige Unternehmertum mitgewirkt
hat, und wie viele Schwächen und Fehler die heutige Kultur auch auf-
weisen mag, sie bildet jedenfalls eine positive Größe, auf die sich die
Menschheit verlassen und auf der sie weiterbauen kann, Was die
Kommunisten an die Stelle dieser Kultur setzen wollen, ist vorläufig
eine graue Theorie; viele sagen eine Utopie, indem sie sich darauf
berufen, daß alle Versuche, die gemacht worden sind, um in kleinerem
oder größerem Maßstabe das kommunistische Prinzip durchzuführen,
ein klägliches Fiasko erlitten, oft sogar (siehe Rußland) zu einer
völligen Zerstörung unersetzlicher Werte geführt haben. Der heutigen
Wirtschaft ist also die verantwortungsvolle Pflicht auferlegt, einen Deich
zu bauen und zu bewachen, an dem sich die kommunistische Flut bricht.
Natürlich ist es mit dieser Defensive nicht getan, wie denn überhaupt
die beste Abwehr immer der Hieb ist. Man würde nicht imstande sein,
der kommunistischen Bewegung, die seit 100 Jahren nach den berühmten
Eingangsworten des kommunistischen Manifestes wie ein Gespenst in
Europa umgeht, Einhalt zu tun, wenn man nicht alle Kraft daransetzte,
die sozialen Schädigungen zu heilen, die unbestreitbar die wirtschaft-
liche Entwicklung hervorgebracht hat. Niemand aber wird in Abrede
stellen, daß das Unternehmertum sich rüstig und zielbewußt an diese
Arbeit gemacht hat, Es sei daran erinnert, daß die kräftigsten Impulse
für die soziale Gesetzgebung aus dem Gewerbestand selbst hervor-
gegangen sind, Bereitwillig hat dieser die ungeheuren Lasten über-
nommen, welche für die verschiedensten Zweige der Sozialversicherung
aufgebracht werden müssen. Aber mehr als das: Die Vereinigung der
        <pb n="30" />
        22 Dr. Felix Kuh:

Deutschen Arbeitgeberverbände hat vor einigen Jahren ein Programm
veröffentlicht, in welchem die positiven Aufgaben bezeichnet werden,
welche den Arbeitgeberverbänden als den berufenen Vertretern des
Unternehmerstandes obliegen. Es ist ein großer Pflichtenkreis, der
hier klar und deutlich umschrieben wird. Die Gewerbetreibenden
müssen sich daran erinnern, daß tatsächlich die bisherige Entwicklung
manches Versäumnis, manche Schuld auf sich geladen hat. Gewiß,
eine ungeheure Arbeit ist geleistet worden, und es kann dem einzelnen
Unternehmer nicht verdacht werden, wenn er inmitten der zermürben-
den und aufregenden Tätigkeit des Tages keine Zeit gefunden hat, an
die Lösung der aufsteigenden sozialen Probleme zu denken. Nun aber,
wo wir eine gewisse Höhe erreicht haben, ist der Augenblick gekommen,
wo es heißt, das Tempo der technischen und ökonomischen Entwicklung
etwas zu mäßigen und dafür nachzuholen, was auf sozialem Gebiete
vernachlässigt worden ist, Es würde zu weit führen, wollte man
zahlenmäßig auseinandersetzen, welche Anfänge nach dieser Richtung
hin bereits gemacht worden sind. Von den Lasten der staatlichen Ver-
sicherung sprachen wir oben, aber daneben steht die freiwillige Wohl-
fahrtspflege, die das gewerbliche Unternehmertum übernommen hat
und deren Geldwert hoch in die Milliarden hineinreicht, Nicht nur
durch die Tatsache, daß die gewerbliche Entwicklung den einzigen
Weg geboten hat, um die schnell wachsende Bevölkerung Deutschlands
zu ernähren, um die Auswanderung. bis auf einen kleinen Rest herab-
zumindern, um dauernde Arbeitsgelegenheit und guten Lohn zu schaffen,
kurzum, nicht nur durch ihre im eigentlichen Sinne des Wortes
„arbeitgebende‘“ Funktion hat diese Entwicklung zur Hebung der
allgemeinen Kultur beigetragen, sondern sie war von Anfang an auch
von der Tendenz erfüllt, intensiv den Kulturgrad des Volkes zu erhöhen,
Als ein gutes Beispiel hierfür kann die bekannte Statistik gelten,
welche die Firma Krupp veröffentlicht hat und in der nachgewiesen
wird, ein wie hoher Prozentsatz ihrer Arbeiterschaft den Weg nach
oben gefunden hat. Nichts spricht deutlicher für die kulturfördernde
Eigenschaft der gewerblichen Unternehmungen als die unzweifelhaft
vorhandene und jedem Beobachter der sozialen Verhältnisse bekannte
Tatsache der kulturellen Hebung des Arbeiterstandes. Zahlreiche
Angehörige dieses Standes steigen in höhere Klassen hinauf, Wer im
Arbeiterstand bleibt, kann sich wenigstens die Fertigkeiten aneignen,
die es ihm möglich machen, Qualitätsarbeit zu verrichten oder besser-
bezahlte Stellungen zu erreichen. Die Schulbildung, das Fortbildungs-
schulwesen, die Fach- und Gewerbeschulen, neuerdings zahlreiche
Fabrikschulen sorgen dafür, daß die allgemeine und fachmännische
Bildung des Arbeiters dauernd zunimmt. Wenn die Volkshochschulen
        <pb n="31" />
        Die wirtschaftliche Bewegung. 23
auch noch nicht alle Hoffnungen erfüllt haben, die man in übergroßer
Begeisterung auf sie setzte, so ist doch zu erwarten, daß sich allmählich
auch hier ein fruchtbares Feld darbieten wird, das dem ganzen Gewerbe
einen tüchtigen Nachwuchs liefert und außerdem eine Generation
hervorbringt, deren geistiges und sittliches Niveau einen erheblichert
Fortschritt gegenüber früheren Wirtschaftsperioden bedeutet.

Großes ist getan, Größeres verbleibt noch zu tun. Es kommt
darauf an, die wirkliche Interessenharmonie zwischen Arbeitgebern und
Arbeitnehmern herzustellen, Eine solche Gemeinschaft aber wird man
schwerlich durch Gesetze und Verordnungen, durch Arbeitsgemein-
schaften und Betriebsräte zustande bringen. Hier muß vielmehr die
unermüdliche Arbeit aller Vertreter des Gewerbestandes einsetzen, um
das zu erzeugen, was man vielleicht als Neopatriarchalismus
bezeichnen darf, Wir werden die Zeiten des alten Handwerks, in
denen Meister, Geselle und Lehrling gleichsam eine Familie bildeten,
nicht mehr heraufbeschwören können. Indessen bieten sich auch im
Rahmen der modernen Entwicklung Möglichkeiten genug, um die
bestehenden Gegensätze auszugleichen und eine Brücke des Verständ-
nisses zu bauen, Bereits hat sich die Institution der Sozialsekretäre,
die sich als vermittelndes Glied zwischen Arbeitgeber und Arbeit-
nehmer einschiebt, vielfach als ein gutes Mittel bewährt, um die beider-
seitigen Interessen auszugleichen. Der mit sozialem Verständnis
begabte Unternehmer wird außerdem sein ganzes Verhalten darauf
einstellen, daß er in materieller und ideeller Hinsicht das Menschentum
seiner Mitarbeiter vom Prokuristen bis zum letzten Laufburschen
gebührend fördert und veredelt. Hier mündet die gewerbliche Ent-
wicklung in ein ganzes Meer der höchsten menschlichen Endzwecke
aus, Es ist ein religiöses Amt, das hier dem Arbeitgeber anvertraut
ist, Er wird, selbst vom Geist der Nächstenliebe erfüllt, diesen Geist
auf seine ganze Umgebung auszudehnen trachten. Schon haben wir
von Beispielen gehört, daß der Fabrikbesitzer in seinem kleinen Reich
eine Art von Klubwesen begründet, in dem er oder seine dazu berufenen
Vertreter mit den Arbeitern in menschlichen Verkehr treten, ihre
Sorgen teilen und, wo es not tut, Abhilfe zu schaffen suchen. Steuert
die gewerbliche Entwicklung äußerlich dem Ziele zu, der Arbeiterschaft
behagliche Wohnungen und nach des Tages Arbeit fröhliche Rast sowie
im ganzen eine menschenwürdige: Lebenshaltung zu ermöglichen, so
besteht ihre weitaus erhabenere, innerliche Bestimmung darin, daß sie
den Arbeiter wieder mit neuer Lebensfreude und Arbeitslust erfüllt,
daß sie aufräumt mit dem unseligen System einer verblödenden Arbeits-
teilung, die den Menschen zur Maschine herabwürdigt, und daß sie dafür
Mittel und Wege findet, um auch dem letzten Arbeiter zu Bewußtsein
        <pb n="32" />
        Zi Dr. Felix Kuh:

zu bringen, daß er, ein kleines Rädchen am großen Getriebe, doch eben
ein nützliches und unentbehrliches Mitglied der Volksgemeinschaft, der
ganzen menschlichen Gesellschaft ist.

Und nunmehr stehen wir vor der vierten, vor der größten Auf-
gabe, die der wirtschaftlichen Entwicklung gestellt ist. Die Wirtschaft
soll den festen Unterbau liefern, auf dem sich die Macht und
Größe des Staates erhebt. Wir haben es eben durchgemacht,
welche Rolle den wirtschaftlichen Voraussetzungen zukommt, damit
sich ein Volk im Wettstreit der Nationen behaupten kann, Ob Hand-
werk oder Handel, Landwirtschaft oder Industrie, jedermann muß auf
seinem Posten sein, wenn die allgemeine Wohlfahrt gedeihen, der Staat
sein Recht und sein Dasein behaupten soll. Es ist ungerechte Ver-
leumdung, wenn bisweilen der Vorwurf erhoben wird, die wirtschaft-
liche Entwicklung habe dahin geführt, daß der Staat zum Sklaven der
Wirtschaft erniedrigt worden sei. Man hat von einer wirtschaftlichen
Nebenregierung gesprochen und gewisse Kreise bezichtigt, sie ver-
kauften um ihres persönlichen Interesses willen das Staatswohl, sie
handelten gegen das Volksinteresse, um ihren Geldbeutel zu füllen,
Mag sein, daß die wirtschaftliche Entwicklung, die sich bisweilen zu
gern dem Internationalismus ergibt, mag sein, daß überhaupt diese
Entwicklung, die den Weltmarkt und Weltverkehr erzeugt hat,
ein wenig dazu neigt, dem Kosmopolitentum weitgehende Konzessionen
zu machen — das eine wollen wir mit voller Überzeugung festhalten:
eine gesunde wirtschaftliche Entwicklung führt nicht vom nationalen
Interesse hinweg, sondern sucht im Gegenteil ihre Wurzeln recht tief
und fest in den heimatlichen Boden zu versenken, weil dieser, wie alle
geschichtliche Erfahrung lehrt, allein die sichere Basis bildet, auf die
sich eine politische Macht stützen kann, eine Macht, die ihrerseits
wiederum imstande ist, der gewerblichen Entwicklung neue Kraft und
Ausdehnungsfähigkeit zu verleihen, Aus dieser Überlegung heraus
soll der einzelne Gewerbetreibende sich wirklich als ein „politisches
Wesen“ fühlen. Er soll es nicht für verlorene Zeit und Mühe halten,
wenn er städtische und staatliche Ehrenämter übernimmt und sich an
der Durcharbeitung großer politischer Aufgaben beteiligt. Noch ist
die Zahl der Gewerbetreibenden, die einen Sitz im Parlament haben,
viel zu gering, und man kann es mit Spahn und anderen für
wünschenswert halten, daß überhaupt einmal eine berufsständische
Volksvertretung die alten, vielleicht überlebten Parteien ablöst, womit
dann die gewerbliche Entwicklung ihren höchsten Zweck, nämlich die
gleichberechtigte Leitung der Staatsgeschäfte, erlangt haben würde.

Vom Kleinsten bis zum Größten führt uns die Reihe der Aufgaben,
die der wirtschaftlichen Entwicklung in Hinblick auf die Förderung der
        <pb n="33" />
        Die wirtschaftliche Bewegung, 25
allgemeinen Kultur gestellt sind, Der Fabrikant, der ein neues Werk-
zeug herstellt, mit dem die Menschheit sich das Leben auch nur ein
wenig erleichtert und verschönt, arbeitet an der Kulturentwicklung
ebenso wie der großzügige Organisator, der für Tausende von Arbeitern
ein behagliches Dasein schafft, ihnen Arbeitswohnungen baut, für
ihrer Kinder leibliches und seelisches Wohl sorgt. Im Dienste der
Kulturentwicklung steht der Kaufmann, der eine kostbare Gemälde-
galerie anlegt oder eine wissenschaftliche Expedition ausrüstet, ebenso-
gut wie der für Politik begeisterte Unternehmer, der sich und sein Ver-
mögen dem Vaterlande zur Verfügung stellt, wenn es darauf ankommt,
im hohen Staatsrat die Entscheidung zu treffen über Handelsverträge,
über Bündnisse mit anderen Nationen, über große Aufgaben, die der
Wohlfahrt des Landes zugute kommen sollen. Für den Ausbau des
Schulwesens sorgt der eine, der andere agitiert für einen neuen Kanal,
dieser richtet sein ganzes Interesse auf die Verschönerung seiner
Heimatstadt, jenen treibt es hinaus, damit er in fernen Erdteilen frucht-
bare Beziehungen anknüpfe, In Stiftungen für arme und altersschwache
Volksgenossen, in der Sorge für Volksbibliotheken, die den Schatz des
Wissens in alle Volkskreise tragen sollen, vornehmlich in der Wahrung
deutscher Art und Sitte, durch die der Unternehmer zu einer führenden
Stelle gelangt, seinen Volksgenossen ein gutes Beispiel gibt, in all
diesen Funktionen erweist sich die wirtschaftliche Entwicklung als ein
mächtiger Hebel der ganzen menschlichen Kulturentwicklung, Mit
einem Worte Schillers haben wir diese Betrachtung, die natürlich
nur den Charakter einer Skizze tragen konnte, begonnen. Mit einem
Ausspruch Goethes dürfen wir sie schließen. An die großen Zu-
sammenhänge zwischen Wirtschaft und Kultur mag der Dichter gedacht
haben, als er seinen Wilhelm Meister sagen ließ: „Ich wüßte nicht,
wessen Geist ausgedehnter sein sollte als der eines Kaufmanns.”
        <pb n="34" />
        2,

Deutschlands Stellung in der Weltwirtschaft.
Von Professor Dr. Ernst Schultze, Direktor des Weltwirtschaftlichen Instituts
der Handelshochschule Leipzig,

Als H. G. Wells, vielleicht der hellsichtigste Prophet in unserem Zeit-
alter, 1921 seinen Aufsatz über die Abrüstungskonferenz in Washing-
ton veröffentlichte, meinte er: „Die Alliierten haben Deutschland nun-
mehr seit drei Jahren im wahrsten Sinne des Wortes zu Boden
gestreckt. In kurzer Zeit werden sie einen entseelten Körper vor sich
haben. Die Alliierten hängen aber so mit Deutschland zusammen, wie
die siamesischen Zwillinge miteinander. Wenn der eine fällt, muß auch
der andere fallen. Es ist höchste Zeit, daß die barbarische Unvernunft
des Kampfes nach der Unterwerfung aufhöre,“ .

Die Deutschen — so betonte Wells — seien ein ehrenhaftes,
arbeitsames, intelligentes Volk. Von seiner sozialen, politischen und
wirtschaftlichen Wohlfahrt hänge die Wohlfahrt Englands, Skandina-
viens, Rußlands, Italiens und in geringerem Maße auch Frankreichs
ab. Die Deutschen seien reich an großen Erfindungen, sie besäßen eine
große Literatur, Es sei undenkbar, ein solches Volk zu vernichten oder
von der Landkarte zu streichen. Wohl aber sei es möglich, das deut-
sche Volk wirtschaftlich und sozial zu zerbrechen, Sei aber Deutsch-
land ruiniert, dann sei auch der größte Teil Europas zugrunde gerichtet.

I. Die weltwirtschaftliche Unentbehrlichkeit Deutschlands,

Diese Ansicht besteht zu Recht. Viele andere kluge Köpfe haben
sich ihr angeschlossen. Wer in die tiefen Zusammenhänge der Welt-
wirtschaft einzudringen versucht, wird zu der Überzeugung gelangen,
daß Deutschland in der Tat für die wirtschaftliche Wohlfahrt der
übrigen Völker hohe Bedeutung besitzt,

Im Frieden war es ein kaufkräftiger Kunde sämt-
licher Völker des Erdballs. Es gab kein Land, das nicht be-
deutende Mengen von Nahrungsmitteln, Rohstoffen und Industrie-
waren nach Deutschland lieferte,

Beispielsweise waren wir vor dem Kriege der beste Abnehmer
des brasilianischen Kaffees, des Haupterzeugnisses dieses Landes,
        <pb n="35" />
        Deutschlands Stellung in der Weltwirtschaft. 27
Auch der brasilianische Tabak ging großenteils nach Deutsch-
land. Nicht minder kauften wir dort erhebliche Mengen von Häuten,
ferner Manganerze und vieles andere.

Von den Vereinigten Staaten bezogen wir 1913 etwa 250 Millionen
Pfund Kupfer; acht Jahre später nur 64 Millionen. Auf den Bezug
vieler anderer Waren, die wir sonst den Vereinigten Staaten ab-
nahmen, mußten wir ganz verzichten.

Bis 1914 war Deutschland unter allen Ländern der Erde weitaus
der beste Kunde der Schweiz. Auch für die schweizerische Volkswirt-
schaft ist daher der Rückgang der deutschen Einkäufe (und des deut-
schen Fremdenverkehrs) ein Unglück, Peter Heinrich Schmidt, Pro-
fessor an der Handelshochschule in St. Gallen, hat in seinem kürzlich
in 2, Auflage erschienenen Werk „Die schweizerischen Industrien im
internationalen Konkurrenzkampf‘ (die 1. Auflage erschien 1912) den
innigen Zusammenhang der wirtschaftlichen Wohlfahrt Deutschlands
und der Schweiz klargelegt. Seit Jahrhunderten hat die Schweiz aus
Süddeutschland Korn eingeführt; nach dem Kriege mußte sie es von
anderer Seite kaufen, weil der Ertrag der deutschen Landwirtschaft
zurückgegangen ist, zudem infolge des Tiefstandes der deutschen
Valuta alles im eigenen Lande erzeugte Getreide auch hier verbraucht
werden mußte, um die Einkäufe aus dem Auslande möglichst niedrig
zu halten, Die Industriewaren, die die Schweiz vor dem Kriege mühe-
los in Deutschland absetzte, fanden hier jetzt nur noch in geringem
Maße Aufnahme.

Deutschland ist verarmt, so daß es nur einen Teil der Dinge
kaufen kann, die es erstehen möchte. Jede Betrachtung unserer Außen-
handelsziffern lehrt dies trotz der Passivität unserer Handelsbilanz.

Mengenmäßig ist die deutsche Einfuhr auf die Hälfte zurück-
gegangen, während der Rückgang der Einfuhrwerte infolge der
Inflation nicht deutlich in Erscheinung trat”).

Seitdem Deutschland vollends durch die Zerstückelung der ihm
verbliebenen Gebietsteile durch Zollschranken, die die Entente auf-
richtete, und zu allem Überfluß durch die Abreißung lebenswichtiger
Teile Oberschlesiens in seiner Wirtschaftskraft noch weiter geschwächt
wurde, als es durch den Krieg und den Versailler Vertrag schon ge-
schehen war, wirkte die Schmälerung seiner Kaufkraft lähmend auf
alle Märkte der Welt,

Nicht nur als Käufer ist Deutschland, wie sich immer mehr her-
ausstellt, unentbehrlich, sondern auch als Verwalter und

") Nach der Stabilisierung haben wir ein klareres Bild gewonnen:

1913 = 72,83 Mill, t 11,206 Mill. Mk.
1924 = 3881 „ tt "9317 4 ”
        <pb n="36" />
        20 Prof. Dr. Ernst Schultze:

Lieferer. Die Staatsforsten von Thorn, Bromberg und Pommerellen,
die unter preußischer Verwaltung ausgezeichnete Ergebnisse lieferten
und mit weit vorausschauendem Blick bewirtschaftet wurden, werden
nunmehr unter polnischer Herrschaft rücksichtslos niedergeschlagen,
um die notleidenden Finanzen dieses Staatswesens wieder mit ein paar
Millionen ausländischer Valuta (Käufer mit polnischer Mark werden
nicht zugelassen) zu stützen,

Wie kommt es wohl, daß in allen Plänen und Entwürfen über den
Wiederaufbau Rußlands, das man für die Weltwirtschaft ebenfalls auf
die Dauer nicht entbehren will, stets von Deutschland als einem der
wichtigsten Faktoren die Rede ist? Die Ententeländer können die
deutschen Ingenieure und Kaufleute mit ihren reichen Erfahrungen im
russischen Geschäft nicht entbehren,

Kürzlich schrieb der brasilianische Abgeordnete Ounsbel de
Abranches in der von dem Generaldirektor für Handels- und Konsular-
wesen im brasilianischen Ministerium des Äußern, Paul A. de Campos,
herausgegebenen neuen Zeitschrift „Boletin Commercial de Brasil”:

„Es ist tatsächlich sicher, daß durch den Versuch, Deutschland von der Kon-
kurrenz auf den Weltmärkten auszuschalten, die Gefahr einer schweren wirtschaftlich-
kommerziellen Störung auf der ganzen Erde heraufbeschworen wird, denn sein Beitrag
zum Bestand und zum Fortschritt der organisierten Völker war vorherrschend, uner-
Jäßlich und wesentlich,

Für alle Teile der Welt verbilligte Deutschland das Leben, stellte Verkehrsmittel,
erweiterte den Kredit, vergrößerte den Handel, linderte das Elend der Massen, regte
die Industrien an, mit einem Worte, vergeistigte die Arbeit, indem es dem Proletariat
Ansprüche auf einen gewissen Komfort und auf angemessenen Lohn gewährte, Insbe-
sondere für uns Brasilianer erwies sich die deutsche Hilfe in allen Zweigen mensch-
licher Tätigkeit als wohltuend und wertvoll.”

Schließlich ist auch die Lage Deutschlands im Herzen Europas
nicht auszulöschen. Verkehrsgeographisch ist daher unser
Land für alle großen Pläne über die Gestaltung des europäischen Fern-
verkehrs wichtig. Nicht nur die skandinavischen Länder werden für
ihre Verbindung mit den meisten Ländern Europas Deutschland kreuzen
müssen, auch unsere Kriegsfeinde können sich der gleichen Erkenntnis
nicht länger verschließen. Ist doch der Versuch, die europäischen
Durchgangslinien zu verbiegen, so daß sie Deutschland umgehen, als

gänzlich gescheitert zu betrachten”).

Der Weltluftverkehr kann Deutschland nicht willkürlich umgehen,
Taucht irgendein größerer Plan auf (etwa der einer Luftverbindung
zwischen England und Indien), so wird heute kaum noch der Versuch

*) Siehe darüber meine „Zerrüttung der Weltwirtschaft”, 2. Aufl, Berlin, Stutt-
gart, Leipzig: Kohlhammer, 1923, S. 131 ff („Die Zerreißung der europäischen Ver-
kehrsnetze”) sowie das 6. und 17. Kapitel,

1
        <pb n="37" />
        Deutschlands Stellung in der Weltwirtschaft, 29
unternommen, Deutschland auszuschalten. Wollte man das tun, so
müßte man es zu einem internationalen Verkehrshindernis in der Mitte
Europas machen und würde damit das schnellste aller internationalen
Verkehrsmittel auf wichtigen festländischen Strecken verkrüppeln.

Aus ähnlichen Gründen wird sich auch die Knebelung der deutschen
Flugzeug-Industrie auf die Dauer schwerlich durchführen lassen. Es
gibt eine Solidarität der Weltwirtschaft, die man nicht ungestraft
verletzt,

Immer schlechter wurde die deutsche Valuta, immer geringer da-
her die Einkäufe Deutschlands auf dem Weltmarkt, immer bedroh-
licher spitzten sich angesichts der Not und der Verelendung breiter
Schichten in Deutschland die Verhältnisse zu. Daß wir das Chaos über-
wunden und an Stelle unserer alten, zertrümmerten, schließlich vom
Veitstanz befallenen Währung eine neue aufgebaut haben — dieses
„Rentenmarkwunder“” gehört zu den erstaunlichsten Tatsachen
der Wirtschaftsgeschichte aller Zeiten und Völker. Noch heute ver-
steht man im In- und Auslande nicht, wie es möglich war. Dem organi-
satorischen Geschick und dem Wiederaufbauwillen des deutschen
Volkes stellt es ein treffliches Zeugnis aus.

Aber es hat uns vor neue gewaltige Aufgaben gestellt. Das Da w e s-
Abkommen verkörpert die Einsicht der Siegermächte, die leider
mehrere Jahre zum Ausreifen nötig hatte, daß auch die übrige Welt,
wie McKenna es bereits vor einigen Jahren ausdrückte, sich politisch
und wirtschaftlich besser stehen würde, wenn die deutsche Valuta die
Höhe des Vorkriegsstandes wieder erreichte und auf ihr bliebe. Zu-
gleich aber legt das Dawes-Abkommen, im August 1924 nach heftiger
Opposition eines großen Teiles der öffentlichen Meinung Deutschlands
durch Regierung und Reichstag beschlossen, der deutschen Volkswirt-
schaft die allerschwersten, großenteils unerfüllbare Verpflichtungen
auf. Auf die Dauer wird Deutschland, durch Gebietsabtretungen,
Bevölkerungsverluste und Kapitalschwund in seiner wirtschaftlichen
Kraft arg geschwächt, nicht imstande sein, die von dem Abkommen
befohlenen Zahlungen zu leisten, Irgendwie wird es, ebenso wie
sein weit schlimmerer Vorgänger, der Versailler Vertrag, revidiert
werden müssen, Die weltwirtschaftliche Vernunft wird dazu zwingen,
die in dem Dawes-Abkommen zum ersten Male ein wenig zu Worte
kommen durfte,

Es geht von der Überzeugung aus, daß Deutschland ein unentbehr-
liches Glied in dem Organismus der Weltwirtschaft ist, daß man es
also nicht mißhandeln kann, ohne die anderen Glieder dieses Organis-

£
        <pb n="38" />
        3U Prof. Dr. Ernst Schultze:

mus zu schädigen. Die Wiederherstellung gesunder weltwirtschaftlicher
Beziehungen gilt dem Londoner Abkommen vom August 1924 als selbst-
verständliches Ziel. Denn obwohl die „Sachverständigen”, die den
Dawes-Plan entworfen und begründet haben, manchen Beobachtungs-
irrtum und mehr als einen Urteilsfehler begangen haben, die sich hätten
vermeiden lassen, wenn sie mit deutschen Sachverständigen darüber
rechtzeitig beraten hätten, so bietet das Abkommen im großen und
ganzen doch etwas mehr als die unselige Diktatpolitik der Jahre 1918
bis 1923 die Möglichkeit, den wechselseitigen Wirtschaftsverkehr zum
allseitigen Wohle, anstatt zum ausschließlichen Vorteil der Sieger-
mächte wieder anzubahnen.

IL Die Erschütterung unserer Stellung in der Weltwirtschait,

Allein alle diese Tatsachen und Überlegungen, alle Wucht des
Meinungsumschwunges auch in den Ländern der Entente dürfen uns
den Blick nicht für die Erkenntnis trüben, daß Deutschland, so unent-
behrlich es für die Weltwirtschaft sein mag, in seiner weltwirt-
schaftlichen Stellung durch die Ereignisse der
letzten 10 Jahrebisinden Grunderschüttert ist. Wir
leben in einer anderen Welt als in der vor 1914, Wirtschaftlich und
politisch sieht sich Deutschland um Jahrzehnte zurückgeworfen, Durch
Krieg und Nachkrieg hat es ungeheure Verluste erlitten; sie hier zu
schildern, wäre unnütz, da sie den meisten Deutschen bekannt sind. Ge-
bietsabtretungen, Reparationszahlungen, Warentribute, Exportrückgang,
eine verhängnisvolle Passivität unserer Handelsbilanz, der Verlust der
Souveränität selbst über unser Verkehrswesen, der Aufstieg Frank-
reichs zur ersten Eisen- und Stahlmacht Europas bei gleichzeitiger Ver-
kümmerung der deutschen Produktions- und Absatzmöglichkeiten, die
Zerschneidung und Verstümmelung unseres Wirtschaftskörpers durch
den polnischen Korridor, durch die Abtretung zahlreicher rein deutscher
Gebiete und blühender deutscher Städte — alles das hat die Produk-
tionsgrundlagen der deutschen Volkswirtschaft so tief unterhöhlt und
geschwächt, daß nur ein weltfremder Illusionist erwarten kann,
Deutschland vermöchte unter diesen Umständen seine frühere Stellung
in der Weltwirtschaft zurückzugewinnen.

Niemand, der die unter deutscher Herrschaft blühenden, inzwischen
polnisch gewordenen Landesteile wiedersieht, kann sich dem Eindruck
eines wirtschaftlichen und kulturellen Verfalls entziehen, Niemand,
der die Kapitalnot aller Wirtschaftszweige in Deutschland betrachtet,
kann im Zweifel darüber sein, daß die deutsche Aktionskraft im Außen-
handel unterbunden ist. Niemand, der sich die Mühe macht, zahlen-
mäßige Vergleiche zwischen der deutschen Ausfuhr vor dem Kriege

at
        <pb n="39" />
        Deutschlands Stellung in der Weltwirtschaft. 3]
und der jetzigen anzustellen, kann sich der Sorge entschlagen, wie unter
solchen Verhältnissen ein Wiederaufbau möglich sein soll. Der Wert
der deutschen Ausfuhr nach England ist im ersten Halbjahre 1924 auf
28 % der Vorkriegsausfuhr gefallen, während die deutsche Einfuhr von
dort sich auf 57 % des damaligen Wertes bezifferte.

In der Scheinblüte, die einige wenige Wirtschaftszweige in
Deutschland während der Inflationsjahre erlebten, haben sie sich tot-
verdient, während die übrigen Zweige unserer Volkswirtschaft zu-
sehends verarmten, Mit dem Augenblick, da die Umsiellung auf feste
Währung versucht wurde, begann der schmerzliche Prozeß der Rück-
kehr in die Wirklichkeit und der Wiederanpassung an die internatio-
nalen Wettbewerbsverhältnisse. Damals stiegen beispielsweise die
deutschen Eisenpreise über die Weltmarktpreise hinaus. Eine lang-
dauernde Umstellungskrisis folgte für alle Teile der deutschen
Volkswirtschaft, und dieser Anpassungsvorgang ist noch lange nicht
zu Ende, Er bringt uns immer wieder zum Bewußtsein, daß die deut-
schen Preise sehr hoch, die Löhne und Einnahmen sehr niedrig sind,
daß daher die Gewinnmöglichkeiten unseres Exports äußerst schmal
sind, falls überhaupt noch ein Gewinn verbleibt, und daß die Preis-
bildung innerhalb Deutschlands mehr und mehr von internationalen
Momenten bestimmt wird, So stehen wir mitten in einer langdauernden,
schmerzhaften Wiedergenesung, die sich nur vollenden kann, falls es
uns gelingt, unsere Stellung auf dem Weltmarkt, die während des letzten
Jahrzehnts zum großen Teile verlorengegangen ist, unter wesentlich
veränderten Umständen neu zu gewinnen.

Aus dem umfangreichen Fragenkomplex, der sich
hier vor unseren Augen auftut, seien angesichts des beschränkten
Raumes dieser Arbeit als wichtigste Belange herausgegriffen unser
Außenhandel, die weltwirtschaftliche Stellung unserer Industrie, die
Neubildung des deutschen Kapitals, und die Beziehungen der deutschen
Landwirtschaft zum Weltmarkt. Für Industrie und Landwirtschaft
werden wir zu einer stark abweichenden Stellung gelangen, da die
erstere im eigenen wie im nationalwirtschaftlichen Interesse ex-
portieren muß, während die letztere einstweilen das Nahrungsmittel-
bedürfnis des deutschen Volkes noch nicht durch eigene Erzeugung
deckt, vielmehr mancherlei Lebensmittel eingeführt werden müssen”).

*) Leider hat die Schriftleitung aus Raumgründen die beiden Kapitel über die
Landwirtschaft und über die Kapitalbildung fortlassen müssen, so daß die Archi-
tektonik dieser Arbeit nach den anderen Richtungen hin verschoben ist,
        <pb n="40" />
        32 Prof. Dr. Ernst Schultze:
Il, Der deutsche Außenhandel,
Unser Außenhandel ist in erschreckendem Maße passiv geworden.
Das blühende Deutschland vor dem Kriege, dessen Zahlungsbilanz
durch große Einnahmen aus überseeischen Schiffahrtsdiensten, aus dem
Ertrage zahlreicher Unternehmungen in fremden Ländern und aus inter-
nationalen Effekten günstig beeinflußt wurde, wies eine bedeutend ge-
ringere Spannweite zwischen Ein- und Ausfuhrwerten auf, Der Einfuhr-
überschuß bezifferte sich 1913 auf weniger als 1 Milliarde Goldmark bei
einem Gesamtaußenhandel von fast 21 Milliarden. Den höchsten Einfuhr-
überschuß der Vorkriegszeit wies das Jahr 1907 mit 1,9 Milliarden auf,
also ein ausgesprochenes Krisenjahr, nur 1909 wiederholte sich das.
In allen jenen Jahren hat die deutsche Handelsbilanz sich niemals
so ungünstig gestaltet wie in den letzten Jahren. Die Gesundungskrisis
des Jahres 1924 hat noch keineswegs die wünschenswerte Besserung
herbeigeführt,
1924
Herkunfts- und Bestimmungsland Deutsche Einfuhr aus Deutsche Ausfuhr nach
Mill, Goldmatk °% Mill. Goldmark %
Insgesamt. - Gm Da 9316,8 100 6566,9 100
Davon aus oder nach
Großbritannien . . . + + « 881,007 9,8 611,490 8,1
Beigien , . ie 158,477 1,5 94,845 1,4
Luxemburg +. 5 4 45,784 0,3 10,718 0,1
Frankreich 0 U 220,146 2,0 101,795 1,4
Elsaß-Lothringen. . . . . 512,027 5,5 12,180 0,2
Saargebiet . . . . - 79,682 0,5 70 035 1.0
Halien 2 le elle 367,517 3,8 241,056 3,7
Spanien. , . . ; ...47® 105,769 1,2 90,425 1.4
Schweiz... 0 He 274,228 3,2 380,013 5,4
Österreich ee ae 142,767 1,4 316,482 5,3
Tschechoslowakei . . . .- 436,229 4,7 379,415 5.9
Polen. 2. eh el ae» 401,986 4,4 301,740 4,8
Danzig 2. ee ee 55,378 0,9 93,765 1,5
Rußland... 2 De dee 126,051 1,4 88,999 1,3
Japan. EN 17,647 0,1 143,983 2,6
Deutschland hat mithin in einem Jahre einen Einfuhrüberschuß
von mehr als 2,7 Milliarden Mark zu verzeichnen, bei einem Gesamt-
außenhandel von 15,88 Milliarden”). Unsere Handelsbilanz
ist verhältnismäßig etwa 5mal so passiv wie vor
dem Kriege”)!
*) 1913 betrug die Passivität 1 Milliarde auf insgesamt 21 Milliarden Außenhandel,
**) Freilich darf bei Beurteilung dieser Zahlen nicht außer acht gelassen werden,
daß die Verwaltungsverhältnisse im besetzten Gebiet die Statistik empfindlich gestört
haben, besonders für diejenigen Staaten, mit denen der Verkehr sich im wesentlichen
über die Westgrenze abwickelt.
        <pb n="41" />
        Schwerindustrie und Metallindustrie. (1 bis 5)
1. Kommerzienrat Dr.-Ing, e. h. Wilh, Ashoif,
Generaldirektor der Selve A.-G. in Altena.

Geb. 31. Juli 1857 in Altena, Schule daselbst und in Siegen, 1874 in Fa. Basse
&amp; Selve in Altena, Prokurist, Direktor, Generaldirektor, seit 1899 General-
bevollmächtigter. — Förderung der Gemeinschaftsarbeit in der Kupfer-, Messing-,
Aluminium- und Nickel-Industrie, — Vorstandsmitglied von: Kupferblech-Syndikat
(Cassel), Kupferrohr-Verband (Köln), Deutscher Kupferdraht-Verband, Aluminium-
Walzwerk-Verband u, a. — Gegensätzeausgleich bei Arbeiterverhandlungen. —
Vors. d, Wirtschaftl, Vereinigung dt, Messingwerke, d. Zentralverbands d., dt.
Metallwalzwerks- u, Hüttenindustrie, Hauptausschußmitglied d. D, Industrie- und
Handelstags, d,. Vereins für wirtschaftl, Interessen in Rheinland-Westfalen,
Mitgl, d. Reichswirtschaftsrats, Vor, d, Handelskammer Altena, 1923 Dr.-Ing. e. h.
der Bergakademie Clausthal,

2. Kommerzienrat Dr.-Ing, e. h. Max v. Bleichert,

Geb. am 24, Mai 1875, Gymnasium, Werkstattpraxis, Militärjahr, 1895—1899
Studium Techn, Hochschulen Karlsruhe und Dresden, Ausbildungsreise Frank-
reich, Belgien, Nordamerika. Übernahm nach Tod des Vaters, des Gründers der
Firma Adolf Bleichert &amp; Co. in Leipzig, mit seinem Bruder Paul die Leitung.

1912 Kommerzienrat, 1913 erblicher Adel. Ehrensenator der Techn. Hoch-
schule Dresden, 1924 Dei Inf: e, h. „in Anerkennung seiner hervorragenden persön-
lichen Verdienste um die Entwicklung der Fördertechnik, insbesondere der Seil-
und Hängebahnen‘“,

3, Geh, Kommerzienrat Dr.-Ing. e. h, Ernst von Borsig.

Geb. am 13. September 1869 als zweiter Sohn Albert von Borsigs. Im
Alter von 24 Jahren Leitung des noch aus verschiedenen getrennten Be-
trieben bestehenden Berliner Werkes, während sein älterer Bruder Arnold an die
Spitze des Borsigwerkes in Oberschlesien trat. Seit dessen Tod 1897 Leitung des
gesamten Unternehmens in den Händen der beiden Brüder Ernst und Conrad
von Borsig, Sieht neben der Leitung der Werke seine Hauptaufgabe in sozial-
politischer und wirtschaftspolitischer Betätigung. Mitglied des Reichswirtschafts-
rates und 1, Vorsitzender der Vereinigung der Dt. Arbeitgeberverbände; ent-
sprechende Stellungen in einer Reihe anderer wirtschaftlicher und sozialpolitischer
Organisationen,

4, Bergrat Dr.-Ing. e. h. Alired Groebler.

Geb. 25, März 1865 in Aschersleben, Realgymnasium, Studium des Maschinen-
und Bergfaches in Clausthal, Hannover und Berlin. 1888 Diplom-Bergingenieur, 1889
in Italien, Aufschließung von Asphaltbergwerken, Errichtung von Fabriken für
Reh &amp; Co., Asphaltgesellschaft San Valentino in Berlin. 1893 Direktor der Kali-
gewerkschaft Glückauf in Sondershausen, Anlegung der Schacht- und Tages-
anlagen bei Sondershausen, 1897 Bergrat. 1901 bis 1911 Generaldirektor der
Kaliwerke Salzdetfurth, A.-G., 1912 desgl. der Buderusschen Eisenwerke zu
Wetzlar, 1921 Dr.-Ing, e. h. der Techn, Hochschule zu Darmstadt, 1924 Ehren-
senator der Universität Gießen. 1914 Vors, der Handelskammer Wetzlar. Vor-
standsmitglied mehrerer Spitzenverbände, Aufsichtsratsmitgl. der Kaliwerke
Aschersleben und Salzdetfurth, der Ilse Bergbau-Aktiengesellschaft, der Asphalt-
gesellschaft Reh &amp; Co, G. m. b. H., der Stahlwerke Röchling Buderus zu Wetzlar,
der Maschinen- und Armaturenfabrik vorm. H, Breuer &amp; Co., Höchst, der Mitteld.
Creditbank,

5. Geh. Bergrat Dr.-Ing, e. h. Ewald Hilger,

Geb. 13, Juni 1859 zu Essen, Studium Universitäten Lausanne, Straßburg, Berlin,
Bergakademie Berlin, Ecole des Mines in Mons; bergmännische Ausbildung in
sämtl. Bergrevieren Deutschlands und des Auslandes, — 28 Jahre im Preuß. Staats-
bergdienst, darunter fast 20 Jahre im Saarrevier, zuletzt als Präsident der Berg-
werksdirektion Saarbrücken; ‚seit 1905 20 Jahre Generaldirektor der Ver. Königs-
und Laurahütte A.-G, für Bergbau und Hüttenbetrieb in Oberschlesien und Berlin.
— Präsidialmitglied des Reichsverbandes der Dt. Industrie, Senator der Kaiser-
Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften; 1. Vors, der Knapp-
schafts-Berufsgenossenschaft für das Deutsche Reich. — Im Weltkrieg Major
der 15, Ulanen, Kommandant des Korpshauptquartiers XXI,

Ta*

zei il
        <pb n="42" />
        (6 2id 1) ‚9intenbaklisioell bau 2120 ba wase
‘Hödz X HEW dd’ 3 aka Tessa
‚sasHA ni ‚0-,A 9vl98 19b,rotl9riblergn90
k1 = GE AiSCHS ZN...
92268 ST ni DY8BL ‚nodei@ ni han tjedieasb olıda@ ‚eneklA ai XC8E iluL..IE ‚da
ra Rh den ' ioh60 ehmlord ee iavla@ 8
‚anteesM 1algu 2 eb ni Jiedısettedoaniemex) 9b aayısbıö dl — 1978 Apfel vod
Yslibne?.dasldrstqu N :nov bseilatimebast210 V — eDDAI Tolaif Das Le im £
\muiniaglA (basdte V-tdertbretge 2 +sdsees CC \(alö62) basdıe V-rdortstä0M, ‚(16e260)
—. „ne3nubasdrevasstisdtA, ijad daielaausastsenehen) +— 5 U bnsdıs, asien
3b bb abasdıevisttneN ‚b' ‚sr wanie251M 4b ammginiete V JisdoatiiW DD 210V
bewesidenbnel I ‚b beilzhaüudsseretgu el ‚gibts öH u! «eo Welswies M
‚asisttes W-brsintsdi_ at mos2e19tnl Aal nie VD easalen RR
die anl-.C ES@P ‚smeHA 5ommselsbaeH ‚b 10V ‚es 12Hedoehiwendoiefl ‚D al
zit ‘2 atı weniter # IsdiensIDV eimebalsars et YoDı
/ Ahodoield v x8M „dd ,9 ‚Zul. sın9isr mn SS Ay
0081— 2081 ‚ıdejı6hiM, ‚21Xs1qlista 19 W „mia sn, „781 .16M ‚PS ans ‚da
Ansıl 92i8728n0blidey Al © NasbasSı Ban SAunelıe N nl dESCH LAST antbule
19b 2rebaüıg ash ‚21945 Vi. 29h, hol dosn mdenıedU ‚sıliremesbıoM, ai
‚yaufis ll sib IvsT 1sbind maenise Jim ‚Bisqgiel ni ‚oJ 3 Trorloreldl Hop. Sand
-dooH adosT seb tokeneatsedaı (JebA" Ttodoildıe CIeL ‚esımeistemm6ö HM SIE KTIL
-nö213q na hasasıro vradıremiee Bnumna TonmÄ ai, cd ii Ser ‚aohe9r6, dudoz
{1is2 49b S19bnozadent ‚ltndosirebrö 4 19b anuldotwind 9ib mu staneibıeV modoil
‚"nondsdaanEH base
„u und Die108 noy, Jen dan erusisıemmo A as.
ml ‚e8ie108 nov 4ıadlA ndo2 nratiewa 4.alsı. 9081 19dmetgs@ (ENimerbda
-s&amp; meinasılen nonsbeidoerev zus „doaom 29b aayies anoıdel.. PS aov 2941A
ib as BlonmıA 19b0r9 19396 nie bmastdEw ‚2919 W 19nilıe4 nabnadatzed medatıt
z9b ansdisI TeE8L.DoT nseesb 1is@ ‚tem aeteeldo2r1edO ni aaxıewbier04 a9b sstiqe
bs1000 baw jemA 1obirn&amp; oobisd +ab nmohnßH asbı mi ansmdemretml notarsasd
-Isisoe ai sdealusiqueH anisz slısW 19h annliel ı9b maden Idai@,. ‚Bier04 ,nov
-afterloetiwadoia zeb beilatiM ‚anuaikäied 19doeitilogettedoeksiw br 19doaitilog
„ine jobnädrtovsedaalisdıA 40 19b anuainisıeV 1t9b 19bnestieroV I bau 28ls1
1edoeitiloqglsisoe bas 19doilttedoetsiw tersbas sdiafl zanie si mezmullet® sbnedagtge
onoifseingaxO
.ısldso10 batllA ud ‚a Anl-. a0 jerı8 BD al
„a9nidoesM 29b mutbul@ ‚muiesnmyalsa dd modalaradazA mi CO8BL znßM ‚OS ‚det -
0881 usinedaiı9 A-mrolgil 8881 ‚nilıad bay ı9vonnst ‚IentenslO at 29dosiared hau
A ashds’I nov anuldoimA ‚nortewatsdiledgzA mov anıdeildoeiuyÄ ‚neilstl ni
LileM-isb 1otlarid 3081 niled ni ondaSleV nse HedozliazeatlenqeA ‚„0oI 3 -dsA
«2986 TE. bo -Jdosdo@ 19b 3auBslnÄä‘ ‚aseusdensbaoe€ ni Iusebidl HsdoelıswWoa
sb 10)491ibilsı1en90) LIEL aid 10€K AR 1881 . ‚mseusderebne&amp;nied mazsins
Us "ar weeei  nordozauıebud 9b Jazeb SIEL „D-.A ‚diwifahs en
lmsat9 bS@et ubetzmmel um sludaadooki ‚adoaT ob ud ‚9 aal-C' ©: ‚1sIst
BrVandaslstöW vommezelgbnsH 19b'.210V AICel AsfsiO täter Vi) 19b 1076m92
sılıawileM 9b ‚JatimetstehdoielrA ı‚obasdre vasstigqge 39010 1d905,04D NH hnb
-HedqzA ı19b ODE an nn A TTKU Pa A sla19dozA
‚161st9W us ana byd aaildoö os widete zab Hyd Du BE eb 94 ;
‚Is HM 19b 412d56H es A ha -aanido25M sl
VE N A Milliarae AN u. verzeichnen E As dba
tal | nm 45,82 Mussarden" Uns: anne D:.: au
‚ro3liH blswA; .d.9 „anl- 19 4623198 de Eayıy wie VO
En ‚Sanseus metälizrevinU muihut@ ‚nozal us @88T Knul El de)
ni anublidarA® Sdaziankmered ;zn0oM ai 290iM 29b 91094 ‚nmilıad@4 simsbsAsaıe 4
„2466i@ Ayoıd mi sıdel 88 — ‚2obnsleayA 29b bus ebneldoatus maraivergıe4 ‚Iimäe
‚3198. 19b insbie619 yels  istelus: „1oIXSTLES0, al oxdel, OS 4est 19tnureh, Aem9ibBıed
-28in6öX 39V. 19b 10719 ıibisiene AUTET. N S001 Aisa jn9lair dısae oltılaılbeadıaw
.atlıo9 bau söleeldD 7900,41 dOHISdnS LET Dir uedareE al OnA 35 Sn
“4906 X 19b totkh92 site nbnl JC 1SB #55hedievedois%l sb. beilatimf[sibiesıt. —
14 &amp;en A 49b 210V' 1 4nSHebeanse2I WW. 1Sb SH b1ö4 us Hedosliees0-mlsdliW
%oisM ehe W im Ar asieA arloztuell 26h 1äl HAsdoenszeonsBehred-27tenoe
IXX 2r0irsuplausdeqr0 X 29b insbremmoX ‚nonsiU ‚Et 19b
It 3: |

ia Tre. A
        <pb n="43" />
        Tr a7

1
        <pb n="44" />
        <pb n="45" />
        Deutschlands Stellung in der Weltwirtschaft, 33

Was sind die Hauptgründe für den überraschend starken
Rückgang der deutschen Ausfuhr und das verhängnisvolle Überwiegen
der Einfuhr?

Die wichtigsten sind vielleicht die folgenden:

1, Kreditnot, Eine Volkswirtschaft, die gezwungen ist, ge-
liehenes Kapital nicht etwa um einen Bruchteil höher zu verzinsen als
andere Länder, sondern die deren Zinshöhe multiplizieren muß, die zu
einem Diskontsatz von 10 % gezwungen ist, während er in England,
den U, S, A, und anderen Staaten zwischen 5 und 3 % schwankt, be-
lastet ihre Produktion mit weit höheren Kapitalspesen.

2, Gleichzeitig ist sie außerstande,fürihre Lieferun-
gen einsolanges Ziel zu gewähren, wie es insbesondere
die im Kapitalüberfluß lebenden Vereinigten Staaten tun können. In
vielen Ländern aber wird ein langes Ziel (3 oder 6 Monate und noch
mehr) zur Bedingung des Kaufes fremder Waren gemacht. Zahlreiche
Lieferungsgeschäfte haben sich infolgedessen für Deutschland zer-
schlagen.

3. Alle Welt hat sich mit Schutzzöllen umgeben. Selbst Eng-
land, jahrzehntelang auf seinen Freihandel sehr stolz, hat ein Industrie-
schutzgesetz erlassen, das fremden Wettbewerb rücksichtslos abwehrt.

Empfindlich wird die Ausfuhr deutscher chemischer Erzeugnisse,
die wir als Beispiel für das Exportschicksal unserer Qualitätsindustrien
wählen können, durch die hohen Zollmauern gehemmt, die so viele
andere Länder errichtet haben. England, das die chemische Industrie
zu den Schlüsselindustrien rechnet, erhebt einen Schutzzoll von 33% %,
zu denen noch einmal der gleiche Betrag tritt, sobald nach Ansicht der
englischen Behörden ein Dumping vorliegt. Für Teerfarbstoffe ist eine
besondere Einfuhrbewilligung vorgeschrieben, die nur in Ausnahme-
fällen erteilt wird, — Der Zolltarif der U, S. A. vom 21. IX. 22 belegt die
Kohlenteerprodukte mit einem Zoll von 55 bzw. 60 % des Wertes, zu-
züglich eines Gewichtszolles von 7 Cents das Pfund. Als Wert gilt aber
nicht sowohl der Einfuhrwert als der amerikanische Inlandswert. — Die

höchsten Zölle für deutsche Chemikalien erhebt Frankreich, alsdann
die Tschechoslowakei, die im Durchschnitt das 11fache des Durch-
schnittes in Deutschland verlangen, Polen, wo das 10fache, die Ver-
einigten Staaten, wo das 9ache gefordert wird. Gegen die deutsche
Chemikalieneinfuhr haben sich ferner Spanien, Italien und andere
Länder abgeschlossen. Einen so niedrigen Zollschutz für chemische Pro-
dukte wie Deutschland haben nur noch Schweden und die Schweiz.

4. Politische Feindschaft wirkt ebenfalls hemmend auf
die deutsche Industriewarenausfuhr. Es sei nur daran erinnert, daß

Die deutsche Wirtschaft.
        <pb n="46" />
        34 Prof. Dr. Ernst Schultze:
Australien erst seit dem 1. August 1924 deutsche Waren theoretisch
wieder zuläßt,

5, In den von anderen Ländern abhängigen Ge-
bieten wird die Einfuhr gernnach dem Wunsche des
Herrscherlandesgedrosselt. So hat sich England in seinen
Kolonien und Besitzurgen, auch in denen mit Selbstverwaltung, einen
überwiegenden Anteil sowohl an der Einfuhr wie an dem Ausbau des
Verkehrswesens und der Industrie gesichert. Die maßgebenden Ämter
sind mit Personen besetzt, die die englische Einfuhr begünstigen, die
nichtenglische hingegen benachteiligen, auch wo es an gesetzlichen
Handhaben dafür mangelt, So wird die englische Industrie durch die
Verwaltungsorgane sowohl der Südafrikanischen Union wie Kanadas,
Australiens und Indiens begünstigt. Wenn trotzdem die deutsche
Industrie Bestellungen aus diesen Ländern erhält, ist dies ein Beweis
für die Güte ihrer Waren und ein hoffnungsvolles Anzeichen für eine
vorurteilsfreiere Gestaltung der weltwirtschaftlichen Beziehungen”).

6. Unsere Außenhandelsbeziehungen werden durch die Fesse-
lung unseres Wechselkurses ungünstig beeinflußt, Wir
haben ja nicht die Goldmark, sondern die Dollarmark, Um eine stabile
Währung zu schaffen, lehnte die Reichsbank die deutsche Valuta eng
an den Dollar an. 4,20 Mark = 1 USA - Dollar, das ist die unver-
änderlich befolgte währungstechnische Parole. Die Folge ist, daß der
deutsche Wechselkurs alle Schwankungen des Dollarkurses mitmacht,
daß aber auch jenes leise Zittern der Magnetnadel der Valuta, das in
normalen Verhältnissen ein zu starkes Anschwellen der Einfuhr durch
eine Verschlechterung des Wechselkurses anzeigt, heute in Deutsch-
land fehlt. Es ist durch künstliche Maßnahmen ersetzt, die der Sicher-
heit jener untrüglichen Zeichen entbehren.

7. Zugleich behelfen wir uns noch immer mit einem System von
Einfuhrverboten, die erlassen sind, um eine Verschlechterung
des Wechselkurses durch zu starkes Überwiegen der Einfuhr zu ver-
hindern, In Wirklichkeit ist durch das Nebeneinanderbestehen der
Einfuhrverbote und der Fesselung unseres Wechselkurses an den Dollar
das Gegenteil erreicht worden,

Die Wettbewerbsfähigkeit einer Industrie auf dem Weltmarkt wird
am besten durch schrankenlose Einfuhrfreiheit gewährleistet. Auch in
England haben kluge Männer dies erkannt. Die dortige Automobil-
industrie hat, nachdem sie unter dem industriellen Schutzzoll anfäng-
lich Vorteile einzuheimsen glaubte, bald gesehen, daß ihre Auslands-

°) Ich erwähne beispielsweise, daß die südafrikanische Regierung 1925 nicht
unerhebliche Bestellungen auf Lokomotiven und Lokomotivkessel verschiedener Typen
an deutsche Firmen (Maffei und Krupp) erteilt hat.
        <pb n="47" />
        Deutschlands Stellung in der Weltwirtschaft, 35
lieferungen zurückgingen, und hat daraus die kluge Folgerung gezogen,
daß sie unter dem Schutzzoll nicht wettbewerbsfähig bleiben könne.
Sie hat deshalb die Beseitigung des Schutzzolles für sich selbst gefordert
und erreicht, Schon ein halbes Jahr nach der Aufhebung des Auto-
mobileinfuhrzolles ist die englische Kraftwagenausfuhr wieder beträcht-
lich gestiegen. Die deutsche Industrie sollte daraus lernen.

IV, Die deutsche Industriewaren-Ausiuhr,

Als die deutsche Industrie ein halbes Jahr nach dem Waffenstill-
stand von der feindlichen Blockade befreit wurde und sich wieder nach
Absatzmärkten im Ausland umsehen durfte, befand sie sich in der
Lage eines Kranken, der lange Zeit im dunklen Zimmer gelegen hat und
nun plötzlich wieder ins Licht hinaustritt, Alles sah anders aus; die
Linien hatten sich verschoben; der Rekonvaleszent suchte die Glieder
so zu bewegen wie früher, taumelte aber hin und her, Als ihm vollends
durch die heimische Inflation die Kräfte abermals schwanden, sah er
die Welt wiederum nur wie durch wallende Nebel, Die weltwirtschaft-
lichen Vorgänge dieser Jahre vollzogen sich für Deutschland in Rech-
nungseinheiten, über deren Wert man zu keiner klaren Vorstellung
gelangen konnte, Einfuhr und Ausfuhr litten schwer darunter, selbst
wenn sie zu verdienen glaubten, In all diesen Jahren erfolgte die
Preisbildung für die deutschen Außenhandelsbewegungen, zumal ange-
sichts der Zerrüttung auch der meisten übrigen Valuten, in Geldwerten,
die sich von einem Tage zum nächsten verschoben, so daß aus sicher
erwarteten großen Gewinnen manche Verluste wurden, nur selten ein-
mal aber ein Verlust sich in einen Gewinn wandelte”).

Im ganzen war es ein wildes Hin und Her zwischen
Preisübersteigerung und Preisschleuderei. Zumal
der unorganisierte Außenhandel gelangte zu keiner klaren Entschei-
dung, Eine straffe, planmäßige Preispolitik herrschte nur bei den kar-
tellierten Industrien, Aber auch bei ihnen ging sie weit auseinander.
Die einen (und zwar die Mehrzahl) forderten hohe Preise im Inlande
und niedrige im Auslande, beherrscht von dem Schlagwort, daß nur die
Ausfuhr Deutschland retten könne, Die anderen (die Minderzahl) legten
dem Auslande höhere Preise auf als dem Binnenmarkt; beispielsweise
das Kalisyndikat, das, in enger Anlehnung an seine Preispolitik vor dem
Kriege, da es die praktische Monopolstellung auf dem Weltmarkte be-
saß, bei diesen Preisdifferenzen beharrte, obwohl ein bedeutender Teil
seiner Lothringer Gruben an Frankreich verlorengegangen war. Die

*) Siehe mein Büchlein „Das Doppelgesicht der Valuten". Stuttgart, Verlag
Kohlhammer,

2°
        <pb n="48" />
        50 Prof, Dr. Ernst Schultze: .

Folge war, daß die Vereinigten Staaten ihren Kalibedarf statt in
Deutschland nun in Frankreich deckten, so daß unsere Kali-Ausfuhr ins
Stocken geriet,

Die übrigen kartellierten und die große Mehrzahl der nichtkar-
tellierten Industrien hat, wie gesagt, den umgekehrten Weg beschritten,
Ihnen lag, so wurde behauptet, mehr am Ausland als am Binnenmarkt,
Eine Zeitlang waren etwa bestimmte in Deutschland erzeugte Arznei-
mittel daheim für den Verbraucher kaum zu haben, weil der ganz über-
wiegende Teil der Produktion ins Ausland ging. Wurde es doch er-
forderlich, den Ausverkauf deutscher Waren (neu produzierter und
schon vorhandener, namentlich Möbel und Hausgerät) in das valutastarke
Ausland durch strenge Ausfuhrverbote und den Aufbau einer kost-
spieligen Ausfuhrkontrolle zu.verhindern. Deutsche Fabrikindustrien
mußten zum Teil das Halbzeug im Auslande beziehen, weil deutsche
Rohstoffe billiger dorthin als an unsern eigenen Markt geliefert
wurden,

Die Industrie lebte fast allgemein in dem Glauben, daß es in erster
Linie auf die Ausfuhr ankomme. Das war zunächst privatwirtschaftlich
gedacht, hüllte sich aber gern in den Mantel volkswirtschaftlicher
Gründe, Gewiß konnte es für Deutschland nützlich sein, wenn es durch
gesteigerte Ausfuhr Devisen zur Abzahlung seiner nach dem Kriege
so viel zahlreicheren Verpflichtungen an das Ausland erwarb, Allein
eine klare Gewinn- und Verlustrechnung ließ sich in den Inflationsjahren
leider nicht aufstellen, es mangelte dazu sowohl an den wissenschaft-
lichen wie an den praktischen Grundlagen. Selbst als man in den
Industriezweigen, die es durchzusetzen wußten, daß der Staat sie von
dem Verbote der Fakturierung in Auslandswährung befreite, die
deutsche Währung grundsätzlich aus allen Preisberechnungen und
Kalkulationen ausschaltete und versuchte, auch Gestehungskosten und
Löhne in Dollars oder anderen stabilen Fremdwährungen auszudrücken
und zu zahlen (wie in der Farben-Großindustrie oder in der Schmuck-
stein-Industrie des Nahegebietes oder in Hamburger Handelshäusern),
ergaben sich empfindliche Preiszerrungen, da es eben nicht möglich ist,
in einer Volkswirtschaft, rechne sie in welcher Währung sie wolle,
isolierte Wirtschaftsinseln auf anderer Währungsgrundlage zu bilden,

So kam es zur Verschleuderung erheblicher Vermögensteile des
deutschen Volkes durch die Ausfuhr, von der man doch den wirtschaft-
lichen Wiederaufbau erhofft hatte. Zugleich haben diese Jahre der deut-
schen Ausfuhrwirtschaft einen anderen empfindlichen Schaden zugefügt:
Handel und Produktion wichen von den alten, gediegenen Grundsätzen,
die Deutschland vor dem Kriege in der Welt groß gemacht hatten, zum
Teil in bedauerlicher Art ab.

km
        <pb n="49" />
        Deutschlands Stellung in der Weltwirtschaft, 37

Die Klage über das Sinken der kaufmännischen und,
wenn man so sagen darf, der technischen Moral im Deutsch-
land der Nachkriegsjahre ist allgemein,

Während des Krieges hörten wir aus allen Teilen der Welt, wie
sehr man die deutschen Waren vermisse, Die Abschnürung unserer Aus-
fuhr durch den englischen Blockadekrieg hatte in vielen Ländern zu-
nächst die Wirkung, den Käufern recht augenfällis die Unentbehrlich-
keit der deutschen Waren zu beweisen, Das galt besonders von Arz-
neimitteln und Farben, die als Erzeugnis unserer hochentwickelten
chemischen Industrie auf dem Weltmarkt eine herrschende Stellung
einnahmen; sie hatten ein förmliches Monopol errungen, und zwar nicht
durch irgendwelche Maßnahmen der Handelspolitik, sondern allein
durch ihre Gediegenheit und Wohlfeilheit. Allenthalben sei der Welt-
markt, so hörte man nun, da der Krieg die Zufuhr deutscher Farben
abschnitt, von sehnsüchtigem Verlangen nach ihnen erfüllt. Die U. S. A.
waren, bevor sie sich offen auf die Seite unserer Gegner stellten, froh,
als die Erfindung unserer. Handelstauchboote die Zufuhr deutscher
Farben wieder möglich machte, In Indien wurden bei den Versteige-
rungen der letzten deutschen Farbenvorräte fabelhafte Preise erzielt,
Die englische Regierung selbst machte, als sie wenige Monate nach
Kriegsausbruch einer Privatfirma die Lieferung mehrerer tausend bri-
tischer Flaggen übertrug, heimlich zur Bedingung: sie müßten mit deut-
schen, nicht mit englischen Farben hergestellt werden. In Südamerika
lehnten die Fabrikanten, die deutsche Farben nicht mehr erhalten
konnten, jede Gewähr für die Genauigkeit der Schattierungen und mehr
noch für die Farbenhaltbarkeit ihrer anders gefärbten Waren ab,

Für mehr als eine Warengruppe der deutschen Industrie galt ähn-
liches, Unaufhörlich wurde von dem „Hunger nach deutschen Waren“
berichtet, Hat unsere Industrie die glänzenden Möglichkeiten, die ihr
auf Grund dieser Sachlage nach dem Kriege für den Absatz auf fremden
Märkten winkten, tatsächlich ausgenutzt? An sich wurde ihr dies
durch das katastrophale Sinken unserer Valuta nach dem Waffenstill-
stand bedeutend erleichtert. Kaum war der eiserne Ring, den die
Blockade um uns gezogen hatte, gebrochen, als die Aufträge an die
deutsche Industrie massenhaft hereinströmten, obwohl die Konkurrenz
anderer Industrieländer (zumal der Vereinigten Staaten) das Menschen-

mögliche tat, um uns dauernd fernzuhalten.

Was aber fremde Machenschaften nicht vermochten, das brachte
unser eigenes Ungeschick zustande: der deutschen Industrie gar man-
chen ausländischen Kunden zu entfremden. Das geschah durch drei
Fehler, von denen jeder einzelne genügt hätte, eine Exportindustrie
mit weniger glänzendem Ruf als die deutsche um Jahrzehnte zurück-
        <pb n="50" />
        35 Prof. Dr. Ernst Schultze:

zuwerfen: unsere Lieferungen erfolgten unpünktlich, sie ließen an Ge-
diegenheit zu wünschen übrig, und es wurden Preiserhöhungen gefor-
dert, die schließlich den größten Unwillen der Käufer erregten.

Es sei aufs schärfste betont, daß der Vorwurf der Pfuscharbeit
keineswegs unsere gesamte Exportindustrie traf. Zum Glück gab es
in Deutschland auch in diesen trüben Jahren stets eine große Zahl
von Betrieben, die trotz schlechten und unzulänglichen Rohstoffen Aus-
gezeichnetes leisteten, Allein es gab doch auch andere, denen dies
nicht nachgerühmt werden kann, Im Urteil der Welt aber entscheiden
in solchen Dingen die paar schlechten Fälle, über die man die sehr viel
zahlreicheren guten übersieht,

Einer der zukunftsreichsten Märkte der deutschen Industrie ist
Südamerika. Die dortigen Staaten haben sich, mit wenigen Ausnahmen,
in den Krieg gegen Deutschland nicht hineinziehen lassen, Wir konnten
also dort um so eher absatzfähige Märkte finden, als man von Mexiko
bis zur Südspitze Amerikas keine große Neigung bekundet, sich in
wirtschaftliche Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten bringen zu
lassen, Der Hunger nach deutschen Waren war infolgedessen in Süd-
amerika zunächst recht groß. Allein wir erlebten die böse Enttäu-
schung, daß die dortigen Kaufleute ihre Bestellungen einschränkten,
weil Deutschland in mancherlei Fällen teuer, unzuverlässig und schlecht
geliefert habe, Nachträgliche Preiserhöhungen durch die deutschen
Lieferanten unter Hinweis auf die gestiegenen Herstellungskosten, die
Ausfuhrabgaben und ähnliche Dinge trugen nicht dazu bei, die Beliebt-
heit deutscher Waren zu steigern,

Noch unangenehmer aber empfand man es, daß die Pünktlichkeit
der Lieferungen oft in Frage gestellt wurde. Man versetze sich in die
Lage des überseeischen Händlers oder Verbrauchers, wenn er sechs
bis acht Monate nach Auftragserteilung statt der erwarteten Waren
den Bescheid erhält: er müsse sich noch einige Monate gedulden, auch
sei der Preis inzwischen um 50 oder 100% gestiegen, wobei eine
Gewähr für Lieferung und Preis nicht einmal übernommen werden
könne! Und das mußte gerade im deutschen Ausfuhrhandel geschehen,
dessen Zuverlässigkeit in bezug auf Lieferung und Preisstellung man
vor dem Kriege widerspruchslos zu rühmen wußte!

Freilich war, wenn die deutschen Betriebe immer wieder durch
Kohlenmangel, Streike oder andere Arbeitshemmnisse geschädigt
wurden, nicht wohl zu erwarten, daß wir mit einiger Pünktlichkeit
lieferten; von der Schnelligkeit schon gar nicht zu reden, in der die
Nordamerikaner jeden Wettbewerb schlugen. Es rächte sich nun
bitter, daß sich weite Kreise in Deutschland nach dem Kriege ein
lässiges Arbeiten angewöhnen zu dürfen glaubten. Schuld an diesem

X
        <pb n="51" />
        Deutschlands Stellung in der Weltwirtschaft. 39
Niedergang, an dieser Verdrängung der Gediegenheitsware, auf die
Deutschland früher so stolz sein konnte, durch oberflächliche, verant-
wortungslose, schlechte Produktion waren hauptsächlich zwei Ur-
sachen: die Gleichgültigkeit, die sich seit der Revolution eines Teiles
der deutschen Arbeiterschaft bemächtigt hatte, und die monopolartige
Stellung, die unserer Industrie während der Kriegsjahre beschert wurde.
Nicht nur der ausländische Wettbewerb blieb ihr damals fern, sie war
auch so überreich mit innerstaatlichen Aufträgen versehen, daß ihr
wenig Zeit blieb, den übrigen Binnenabsatz zu beliefern. Infolgedessen
sah sich der Privatverbraucher, der früher die Auswahl zwischen einer
größeren Zahl von Angeboten hatte, gezwungen, wollte er überhaupt
etwas erlangen, zu nehmen, was man ihm bot, und zwar in einer
Qualität und zu Preisen, die vom Produzenten oder Händler willkürlich
bestimmt wurden. Das Verhältnis zwischen Käufer und Verkäufer
hatte sich gänzlich umgedreht: während vor dem Kriege der letzte dem
ersten nachgerannt war, saß er jetzt auf einem Thron, dessen Stufen
sich der Käufer nur voller Demut nähern durfte.

Schuld an der Lieferung der Pfuscharbeit ins Ausland trugen
mithin sowohl die Exporteure wie die Betriebsleitungen und die
Arbeiter, Keine dieser drei Instanzen darf in der Gewissenhaftigkeit
nachlassen, Versagen sie alle zusammen, so geht schlechte Ware ins
Ausland, und wir verlieren den dortigen Absatzmarkt.

Zum Glück ist mittlerweile in die deutsche Arbeit die alte Ge-
diegenheit wieder zurückgekehrt. Wenn die Folgen der schlechten
Lieferungen nicht noch verderblicher waren, so wird dazu etwas der
Umstand beigetragen haben, daß auch von anderen Ländern nach dem
Kriege (und während der Kriegsjahre) nicht gerade mit hervorragender
Gediegenheit gearbeitet wurde.

Allein nicht nur die kaufmännische Zuverlässigkeit und die tech-
nische Güte der deutschen Ausfuhr haben 1919 und in den folgenden
Jahren Einbußen erlitten, die im Ausland manche Abkehr von deut-
schen Lieferanten verursachten. Vielmehr ist die deutsche Ausfuhr
auch dadurch geschädigt worden, daß die Kenntnis von Land
und Leuten infolge der langen Abschließung durch den Krieg bei
unseren Exporteuren gesunken war. Gewiß, sie ist nicht ganz ver-
lorengegangen. Aber daß sie nicht dieselbe Sicherheit besaß wie vor
dem Kriege, da sie sich auf den jahrzehntelangen Erfahrungen einer
Handelsorganisation aufbaute, die mit nie ermüdendem Eifer ihren Auf-
gaben obgelegen und nach immer neuen Vervollkommnungen gestrebt
hatte, ist selbstverständlich.

Schädlich war ferner die Neigung manches großen
Unternehmens, sich eigene Auslands-Vertre-
        <pb n="52" />
        40 Prof. Dr. Ernst Schultze;

tungen zu schaffen. Man kann es verstehen, daß die Aus-
wüchse im deutschen Exportgeschäft, die sich in den Inflationsjahren
einnisteten, in den Großfirmen den Wunsch entstehen ließen, die Aus-
landgeschäfte, die so hohen Nutzen zu versprechen schienen, selbst zu
machen. Allein das war ein Rechenfehler, der sich bitter gerächt hat.
Die Biegsamkeit unseres Exporthandels hat dadurch nicht gewonnen.
Fast überall auf der Erde bedarf es zum Absatz fremder Waren einer
Handelswerbung, die helläugig und mit scharfer Aufmerksamkeit jeden
Bedarf schon im Aufkommen erspäht und zu erobern sucht, Vertre-
tungen, die sich auf die Erzeugnisse einer Firma beschränken, sind
für diese Aufgabe ungeeignet, Es hatte schon seinen guten Grund, daß
der deutsche Ausfuhrhandel sich vor dem Kriege einer großen Anzahl
von Exportfirmen bediente, die jenen Anforderungen gerecht zu
werden suchten, Auf die Suche nach Aufträgen zu gehen, um eine
Produktion, der es an Absatz fehlt, in Gang zu halten, verspricht
viel weniger Erfolg als die planmäßige Anregung des Bedarfs durch
Organe, die feinfühlig jeden Bedarf schon in statu nascendi erspähen,

Zudem sieht sich die deutsche Industrie, die ja allein große Aus-
{uhrwerte schaffen kann, da wir landwirtschaftlich vielmehr der Ein-
fuhr bedürfen, einer völlig anderen weltwirtschafit-
lichen Lage gegenüber als vor 1914, Zahlreiche Märkte, die
Deutschland damals offenstanden, sind uns durch den Krieg verloren-
gegangen, Entweder hat man die Einfuhr aus Deutschland gesetzlich
oder durch die Verwaltung auf Jahre hinaus unterbunden (wie beson-
ders in Australien und vielen anderen Staaten der Entente), oder die
deutschen Exportwaren stießen, als sie wieder die alten Wege zu be-
schreiten suchten, auf Erzeugnisse anderer Länder, die früher nicht
dorthin gelangten,

Zudem ist in den letzten zehn Jahren die Industrialisie-
rung vor allem auch der überseeischen Welt mit
Siebenmeilenstiefeln fortgeschritten. Jedes Land sucht seine Indu-
strien, ganz besonders die jungen, soeben erst entstandenen, durch
hohe Zollmauern vor allem Wettbewerb des Auslandes zu schützen,
Auch sprechen fiskalische Gründe bei der Schutzzollpolitik mit, die
eine scheinbar sehr bequeme und sichere Methode ist, um Geld in die
Staatskasse zu führen,

Allenthalben stößt daher die Industriewaren-Ausfuhr entweder
auf verschlossene Tore oder sie prallt mit fremdem Wettbewerb zu-
sammen, Nicht einmal diejenigen Industriezweige, in denen Deutsch-
land auf dem Weltmarkt ehemals führend war, so daß es damals genügen-
den Auslandabsatz erzielte, sind von dieser Ungunst der Zeiten ver-
schont geblieben, Soist dieüberragende Stellung Deutsch-
        <pb n="53" />
        Deutschlands Stellung in der Weltwirtschaft, 4
lands auf dem Gebiete der technischen Chemie
seit dem Kriegsende dahin. Während des Krieges schon
haben neben den feindlichen auch neutrale Länder sich tatkräftig be-
müht, eine eigene chemische Industrie zu entwickeln, Nach Friedens-
schluß hat man sie weiter ausgebaut, Auch wurden die ungeheuren
Anlagen, die im Kriege zur Erzeugung von Sprengstoffen ins Leben
gerufen waren, auf die Produktion von Chemikalien umgestellt, da
nur wenige andere Verwendungen möglich waren,

Infolgedessen ist unsere Ausfuhr von Chemikalien in absoluten
Ziffern stärker gesunken als unsere Einfuhr, Sehen wir, um nur wenige
Zahlen zu nennen, von den chemischen Rohstoffen und Halbzeugen ab,
und ziehen aus der Statistik des deutschen Spezialhandels nur die
Ziffern für Farben, Firnisse und Lacke und für „sonstige chemische und
pharmazeutische Erzeugnisse‘ heran, so sank zwischen 1913 bis 1924
die Einfuhr für die erstere Gruppe von 78 374 auf 12 746 t (der Einfuhr-
wert von 24,84 auf 9,60 Mill, M.), die Ausfuhr dagegen von 268 617 auf
108 268 t (der Ausfuhrwert von 305 auf 196 Mill, M.). Für die „sonstigen
chemischen und pharmazeutischen Erzeugnisse‘ betrugen die Ziffern:
Einfuhrrückgang von 342 445 auf 103 502 t (Rückgang des Einfuhrwertes
von 151 auf 67 Mill, M.); die Ausfuhr sank von 717 022 auf 431 379 t (der
Ausfuhrwert von 384 auf 243 Mill, M.).

Wollen wir die Bedeutung der einzelnen deutschen Wirt-
schaftszweige für die Ausfuhr an den Ziffern des Jahres 1924
ablesen nach der Größe des effektiven Devisenüber-
schusses, so dürfte die Land- und Forstwirtschaft an die letzte,
die chemische Industrie an die erste Stelle rücken. Ist doch die Ein-
fuhr chemischer Erzeugnisse auf weniger als die Hälfte zurückgegangen,
sie beträgt nur mehr 1,5% der Gesamtausfuhr gegen damals 3,9 %.
1913 bezogen wir noch große Mengen Chilesalpeter, heute verwenden
wir vorwiegend eigene künstliche Düngemittel,

V. Ausblick,

Beruhte der Wohlstand Deutschlands vor dem Kriege auf seiner
Industriewaren-Ausfuhr, die ihm die Mittel bot, 20 Millionen Menschen
mehr zu ernähren, als es durch die Erzeugnisse des eigenen Bodens
hätte erhalten können, so gesellt sich zu diesem alten Zwange, ent-
weder Waren auszuführen oder Menschen, der neue, für unsere ver-
armte, blutleer gewordene Volkswirtschaft frische Mittel zu beschaffen.
Zugleich legt uns das Dawes-Abkommen die Pflicht auf, unsere Indu-
striewaren-Ausfuhr mächtig zu steigern,

Wir bedürfen zu diesem Zwecke einer Neugestaltung der
handelspolitischen Verhältnisse, für die uns erst durch
        <pb n="54" />
        42 Prof. Dr. Ernst Schultze:

den Ablauf der fünfjährigen Frist, die uns bis zum 10, Januar 1925
an Händen und Füßen fesselte, die Bewegungsfreiheit zurückgegeben
wurde, Indessen werden wir durch den Abschluß neuer Handels-
verträge nur den Rahmen schaffen können, innerhalb dessen
sich ein Wiederanstieg unserer Fertigwaren-Ausfuhr vollziehen kann.

Um sie wieder auf die alte Höhe zu bringen, müssen wir uns der
Kräfte erinnern, die vor dem Kriege die deutsche
Industrie groß gemacht haben. Sie bestanden in dem
Fleiß unseres Volkes, in organisatorischem Geschick und in der Ver-
geistigung unserer Arbeit,

Der alte Fleiß war in den Flitterwochen der Revolution verloren-
gegangen und wollte sich lange nicht wieder einstellen, Aber die
Wiedergesundung ist, das beobachten wir deutlich, auf dem Marsche.

Unser organisatorisches Geschick haben wir, wie die
bösen Erfahrungen, die wir mit der Überorganisation in der Kriegs-
und Nachkriegszeit machten, beweisen, zu hoch eingeschätzt‘). Allein
in dieser Beziehung ist auch im Auslande viel gesündigt worden,

Daß die deutsche Volkswirtschaft organisatorisch Treffliches
leisten kann, hat beispielsweise die Tatsache erwiesen, daß einige
große Schiffahrtslinien der U, S. A., die über einen gewaltigen Schiffs-
park und beträchtliche Kapitalsummen verfügen, im Jahre 1919, obwohl
Deutschland seiner ganzen Handelsflotte beraubt war, mit unseren
beiden größten Schiffahrtslinien (Hamburg-Amerika-Linie und Nord-
deutscher Lloyd) vertragsmäßig ein Zusammenarbeiten vereinbarten,
um sich die organisatorischen Einrichtungen und Fähigkeiten der deut-
schen Reedereien nutzbar zu machen.

Die zähe Tatkraft der deutschen Schiffahrtsgesellschaften hat
darüber hinaus in wenigen Jahren Dinge erreicht, die im Auslande
bestaunt werden und auf die wir mit Fug und Recht stolz sein dürfen.
Schon ist unsere Kauffahrteiflotte im Umfange von etwa zwei Dritteln
der früheren wieder aufgebaut. Der alte Hanseatengeist hat sich durch
das Unglück Deutschlands nicht niederbeugen lassen, In Schiffbau
und Schiffahrt sind Erfindungen gelungen — ich brauche nur an das
Flettner-Rotorschiff zu erinnern oder an das Flettner-Ruder —, die eine
neue Epoche in der Schiffahrt heraufzuführen bestimmt sind,

Erfindungen! Das ist die Losung auch für unsere Industrie.
An Erfindergeist und technischer Schulung hat sie wenig ebenbürtige
Nebenbuhler, In der Denkschrift der „Deutschen Gewerbeschau”
München im Jahre 1924 ist das Programm unserer besten Industrie-

°*) Siehe über diese Fragen mein Buch: „Organisatoren und Wirtschaftsführer",
Leipzig. Brockhaus, 1923. Ferner: „Not und Verschwendung‘, ebenda 1923, besonders
das Kapitel über die Bürokratie (S. 454 £.).
        <pb n="55" />
        Deutschlands Stellung in der Weltwirtschaft. 4;
arbeit klar ausgesprochen: „Sind wir arm an Rohstoffen, so liegt es an
uns, reich zu sein im Wollen, Erfinden, Gestalten; müssen wir sparsam
sein im Kaufen, so soll doch jedes Stück eine beste Leistung sein;
treten wir wieder auf den Auslandsmarkt, so soll unsere Ware mit
einem Maximum an Fertigkeiten erfüllt sein.”

So bietet das deutsche Wirtschaftsleben trotz den ungeheuerlichen
Blutverlusten, die es im Kriege und nachher erlitt, trotz der Verstüm-
melung unseres Wirtschaftskörpers, trotz der würgenden Kapitalnot,
trotz der politischen Unfreiheit, in der wir zu leben gezwungen sind,
die Anzeichen einer unablässig strebenden, von wissenschaftlichem
Geiste durchseelten, den Wettbewerb mutig wieder aufnehmenden
Triebkraft, Sie ist überzeugt, daß sie das Verlorene nur durch müh-
same, bienenfleißige Arbeit wiedergewinnen kann und daß sie gerade
durch die Entfaltung ihrer eigenen besten Kräfte der Weltwirtschaft am
besten zu dienen vermag.
        <pb n="56" />
        3.

Wirtschaft und politische Parteien.
Von Professor Dr. Moldenhauer, M.d, R,, Köln,
I. Die Wirtschaft und die Gesetzgebung,

Wenn man die Stellung der politischen Parteien zur Wirtschaft
untersuchen will, muß man von den Möglichkeiten der politischen Par-
teien, auf die Wirtschaft einzuwirken, ausgehen, Diese Möglichkeiten
sind wiederum für die Stellung der Parteien im einzelnen maßgebend.
Die Einwirkung wird sich im wesentlichen vollziehen durch die Gesetz-
gebung, soweit diese in das Wirtschaftsleben eingreift, Mit anderen
Worten, die Beantwortung der Frage hängt davon ab, welche Stellung
der Staat zum Wirtschaftsleben einnimmt. Dementsprechend werden
die politischen Parteien, die die Staatspolitik bestimmen, auch die
Wirtschaftspolitik zu beeinflussen suchen, Dabei ist unter Wirtschafts-
politik die Gesamtheit der Maßnahmen zu verstehen, durch die der
Staat auf die Gestaltung der Wirtschaft einzuwirken sucht, Sie um-
faßt also die Wirtschafts- und Handelspolitik im engeren Sinne sowohl
wie die Sozialpolitik und die Steuergesetzgebung. Die Stellung des
Staates zur Wirtschaft kann außerordentlich verschieden sein. Der
Staat kann der Wirtschaft vollkommene Freiheit lassen und sich ledig-
lich damit begnügen, die Sicherheit des Eigentums zu gewährleisten und
jede Verletzung der Rechtssphäre eines anderen unter zivil- oder straf-
rechtlichen Schutz zu stellen. Nach außen wirkt sich diese Stellung des
Staates im vollkommenen Freihandel aus, nach innen in einem Man-
chestertum, das lediglich auf das freie Spiel der wirtschaftlichen Kräfte
vertraut, Der Gegenpol ist jene sozialistische Auffassung, die die Wirt-
schaft überhaupt dem einzelnen Staatsbürger entzieht und alles Wirt-
schaften und Handeln nur dem Staat selbst überläßt, Der extremste
Kommunismus erkennt keinerlei Privateigentum an. Der marxistische
Sozialismus begnügt sich damit, das Privateigentum an den Produk-
tionsmitteln abzulehnen und es dem Staat zu übertragen, während er
das Privateigentum an den Gebrauchsgütern zuläßt, Nicht weit von
ihm entfernt ist jene staatssozialistische Auffassung, die den Betrieb
möglichst vieler, jedenfalls aller wichtigen Wirtschaftszweige dem
Staat überträgt, Zwischen den beiden Polen, dem vollständigen
        <pb n="57" />
        Wirtschaft und politische Parteien, 45
Gehenlassen und der vollständigen Übernahme der Wirtschaft selbst,
schwankt die Wirtschaftspolitik, bald dem einen, bald dem anderen
Extrem sich nähernd, zeitlich und örtlich die größten Verschiedenheiten
aufweisend, In der äußeren Handelspolitik folgen auf Zeiten des Frei-
handels, wie wir sie in den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahr-
hunderts in Deutschland erlebt haben, Zeiten der Schutzpolitik, wie sie
mit 1879 beginnen, Zeiten, in denen andere Staaten, wie z. B. die Ver-
einigten Staaten von Nordamerika, sich zur Hochschutzzollpolitik ent-
wickeln, Im Innern haben wir während des Krieges einen Eingriff des
Staates auf unendlich vielen Gebieten erlebt, eine Zwangswirtschaft, wie
wir sie seit der Blüte des Zunftwesens und dem Polizeistaat nicht mehr
gekannt haben, Als Reaktion gegen sie entsteht der Ruf nach der freien
Wirtschaft, aber auch er findet manchen Widerspruch. In der Sozial-
politik hat die Gesetzgebung der letzten 50 Jahre mehr und mehr mit
dem Gedanken der Freiheit des Arbeitsvertrages gebrochen und einer
Schutzpolitik zugunsten des wirtschaftlich Schwächeren, des Arbeit-
nehmers, Platz gemacht. Begleitet ist diese Schutzpolitik von einer
staatlichen Fürsorge, die das Sorgen für den kommenden Tag und die
Zeiten der Not nicht mehr jedem einzelnen überläßt, sondern in be-
stimmter Form der Allgemeinheit aufzwingt. Die charakteristischste
Erscheinung auf diesem Gebiet ist die deutsche Sozialversicherungs-
gesetzgebung, die mit dem Jahre 1881 einsetzte und in den meisten
Ländern Nachahmung gefunden hat. Nur die Vereinigten Staaten von
Amerika haben bis auf den heutigen Tag den Gedanken des „Help
yourself” festgehalten, Die Steuergesetzgebung folgt den allgemeinen
Tendenzen der Staatspolitik. Eine dem Sozialismus zugeneigte Staats-
politik wird auch in der Steuergesetzgebung sich äußern, wird das
Schwergewicht in die Besitzsteuern legen und nur ungern an die in-
direkten Steuern herangehen, Es ist bezeichnend genug, daß die Ein-
kommensteuergesetze des Jahres 1919 von der linken Seite als der
Beginn der Sozialisierung des Besitzes angesehen wurden.

IL Die Stellung der politischen Parteien zur Wirtschattspolitik,

Die Stellung der politischen Parteien zur Wirtschaftspolitik in dem
oben angedeuteten weiteren Sinne hängt ab von der die einzelnen Par-
teien beherrschenden Grundanschauung und der Zusammensetzung der
Partei, zunächst also von der Weltanschauung, auf der die einzelne
Partei sich aufbaut, Die beiden schärfsten Gegensätze, die sich hier
ergeben, sind der Individualismus auf der einen Seite, der Sozialismus
auf der anderen Seite. Gewiß ist die Sozialdemokratie nicht aus-
schließlich von wirtschaftlichen Ideen beherrscht, aber sie stehen doch
bei ihr im Vordergrund. Die Vereinigung der Proletarier aller Länder
        <pb n="58" />
        40 Prof. Dr. Moldenhauer:
zu einer gewaltigen Klassenpartei sollte den wirtschaftlichen Um-
schwung bringen, wie Karl Marx sagt; „Die Expropriation der Expro-
priateure‘, die Überwindung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung
durch die sozialistische, die Ersetzung des Privateigentums, wenigstens
desjenigen an den Produktionsmitteln, durch das Gemeineigentum,
Diese Auffassung ist für die Stellung der Sozialdemokratie maßgebend,
Wo die sozialistische Partei zur vollkommenen Herrschaft gelangt, wie
in Rußland, versucht sie, dementsprechend das Wirtschaftsleben zu ge-
stalten. Freilich auch der Bolschewismus hat vor den Gesetzen der
Wirtschaft haltmachen müssen. Er hat wohl die Bauernbefreiung ge-
bracht, aber das Privateigentum und den Privatbetrieb in der Land-
wirtschaft nicht aufheben können, Er hat sich genötigt gesehen, wenig-
stens in bescheidenem Umfang den privaten Handel als Binnenhandel
zuzulassen, während der Handel mit dem Ausland Staatssache geblieben
ist. Da, wo die sozialistische Partei nicht die alleinherrschende ist,
sondern mit bürgerlichen Parteien sich in die Herrschaft teilen muß,
wird sie versuchen, etappenweise ihr Ziel zu erreichen. In Deutschland
hat die Sozialdemokratie am zähesten an der Aufrechterhaltung der
Zwangswirtschaft festgehalten, weil sie ihrem Wirtschaftsideal am
besten entsprach; sie hat die Sozialisierung des Bergbaus und der Elek-
trizitätswirtschaft einzuleiten versucht, ohne dies Ziel zu erreichen. Wo
immer es sich um einen Eingriff des Staates handelt, befürwortet sie ihn,
während sie entsprechend ihrer internationalen Einstellung im zwi-
schenstaatlichen Verkehr Anhänger des Freihandels ist, Auch deshalb
ist sie das, weil sie die kurzsichtige Konsumentenauffassung vertritt,
daß den breiten Massen am besten mit einem durch keinen Zollschutz
verteuerten Hereinströmen der Lebensmittel, der Rohstoffe und Fabri-
kate gedient sei, Sie steht unter dem Bann der Ansicht, daß Schutzzoll
die Lebenshaltung verteuert, ohne die Frage aufzuwerfen, ob nicht
wichtiger die Aufrechterhaltung der nationalen Wirtschaft ist. Auf dem
Gebiet der Sozialpolitik redet die Sozialdemokratische Partei jedem
Eingriff in den Arbeitsvertrag das Wort, während sie auf der anderen
Seite die Macht der Gewerkschaften in jeder Weise zu fördern be-
strebt ist. Auf dem Gebiet der Steuerpolitik kämpft sie gegen die in-
direkten Steuern, wenn sie auch in den Zeiten, wo sie in der Regierung
sitzt, sich der Notwendigkeit derartiger Steuern nicht verschließt, Das
klassische Beispiel hierfür ist die Zustimmung der Sozialdemukratie zur
Einführung der rohesten und den Massenverbrauch besonders belasten-

den Umsatzsteuern,

Viel schwerer als bei der Sozialdemokratie ist bei den bürger-
lichen Parteien aus ihrer Grundanschauung ihre Stellung zur Wirt-
schaft zu folgern. Wenn eine Partei wie das Zentrum auf einer religi-

A
        <pb n="59" />
        Wirtschaft und politische Parteien. 47
ösen Idee sich aufbaut, so ist damit eine bestimmte Stellung zur Wirt-
schaft nicht gegeben. Gewiß hält auch das Zentrum an dem Grund-
gedanken des Privateigentums fest, aber es sieht im Eigentum nur eine
von Gott den Menschen übertragene Aufgabe, die deshalb der Mensch
nicht nach seinem Gutdünken lösen dürfe, sondern nur in der Weise,
wie es dem göttlichen Gebot entspricht. Von diesem Standpunkt aus
ist es begreiflich, daß im Zentrum sozialpolitische Ideen sehr früh Boden
faßten, seine Führer, erwähnt seien nur Trimborn und Hitze, aber
auch Stegerwald, für einen kraftvollen Eingriff des Staates in die Frei-
heit des einzelnen zugunsten der wirtschaftlich Schwachen eintraten.
Die Stellung auf der anderen Seite zum Schutzzoll oder Freihandel,
auch zur Steuergesetzgebung, wird von Opportunitätsgründen bestimmt
und nicht durch Weltanschauungsfragen.,

Eine liberale Partei wird geneigt sein, auch in wirtschaftlichen
Fragen der Freiheit möglichst das Wort zu reden. Es gab eine Zeit,
in der wirtschaftlicher und politischer Liberalismus miteinander iden-
tisch waren, Auch hier vollziehen sich mit der Zeit Wandlungen, doch
bleibt eine gewisse Grundtendenz vorhanden, Es ist nicht uninteres-
sant, diese Wandlungen einmal sich kurz zu vergegenwärtigen. Die
Spaltung in der großen Nationalliberalen Partei der Reichsgründung
tıat ein, als die Frage des Schutzzolles aufkam und der eine Teil der
Nationalliberalen mit Bennigsen sich für den Schutzzoll einsetzte und
die Bismarcksche Wirtschaftspolitik, während der andere, die Frei-
sinnigen in den verschiedensten Schattierungen, an dem Gedanken des
wirtschaftlichen Liberalismus festhielt. Wie in England die liberale
Partei der Vorkämpfer für den Freihandel geblieben, so eine Zeitlang
auch diese Parteigruppen, die sich in ihrem Individualismus als die
stärksten Gegner der Sozialdemokratie auf wirtschaftlichem Gebiet
fühlten, so daß sie z. B. auch einer sozialen Zwangsversicherung wider-
strebten, Aber auch hier treten Wandlungen ein, 1902 setzte sich
Eugen Richter für den Zolltarif ein. Die Nachkriegszeit führte die den
damaligen Freisinnigen entsprechende heutige Demokratische Partei
sehr stark an die Seite der Sozialdemokratie, Sie entfernt sich damit
immer mehr von dem alten wirtschaftlichen Liberalismus und redet
einem starken Eingriff des Staates in die Privatwirtschaft, insbesondere
in den Arbeitsvertrag, also auf sozialpolitischem Gebiet, in steigendem
Maße das Wort. Umgekehrt wendet sich die alte Nationalliberale Par-
tei, die mit Bismarck für Schutzzoll und Sozialversicherung eingetre-
ten war, als Deutsche Volkspartei nach Ausgang des Krieges am schärf-
sten gegen das Aufrechterhalten der Zwangswirtschaft, Sie ist gewiß
weit entfernt vom Manchestertum der 50er Jahre, Sie ist von der Not-
wendigkeit des sozialen Ausgleichs durchdrungen. Aber ihre liberale
        <pb n="60" />
        45 Prof. Dr, Moldenhauer:

Grundtendenz wehrt sich gegen Übergriffe des Staates, sucht auch im
modernen Staat eine möglichst freie Entwicklung der produktiven
Kräfte. Eine konservative Staatsgesinnung, die die Staatsautorität in
den Vordergrund schiebt, wird leicht geneigt sein, dem Staat Eingriffe
auch in die Privatwirtschaft zu vindizieren, soweit nicht durch solche
Eingriffe die unmittelbaren Interessen der Mitglieder der Partei eine
ernstliche Gefährdung erfahren; aber über die Einwirkung dieser Rück-
sicht ist weiter unten zu reden, Die alte Konservative Partei hat Bis-
marcks Wirtschafts- und Sozialpolitik mitgemacht. Sie hat die Han-
delspolitik Caprivis wegen ihrer ungünstigen Wirkung für die Landwirt-
schaft bekämpft. Sie stand hinter dem Schutzzoll von 1902, In ihr
entwickelte sich andererseits frühzeitig ein Flügel, der, ähnlich wie
das Zentrum von religiösen Vorstellungen ausgehend, eine andere Auf-
fassung des Verhältnisses von Arbeitgeber und Arbeitnehmer zuein-
ander verlangte und daher dem Gedanken staatlichen Eingriffs in diese
Verhältnisse geneigt war, Wie im Staate die Ordnung aufrecht-
erhalten werden sollte, so auch Disziplin und Unterordnung im Betrieb.
Auf der anderen Seite wurde die Notwendigkeit erkannt, im Arbeit-
nehmer den christlichen Mitmenschen zu sehen und ihn deshalb gegen
Unterdrückung und Ausbeutung zu schützen, In der heutigen Deutsch-
nationalen Partei sind dieselben Strömungen vorhanden. Auch sie
lehnt eine Zwangswirtschaft ab, aber auch sie stellt bewußt den Staat
über die Wirtschaft und hält an den sozialen Traditionen der alten
Konservativen Partei und ihres christlich-sozialen Flügels fest.

Aber die Stellung der Parteien zur Wirtschaft wird, wie schon
oben angedeutet, nicht nur durch ihre Grundanschauung, sondern auch
wesentlich durch ihre Zusammensetzung bestimmt, Dabei wird die
Grundanschauung vielfach bestimmend für die Zusammensetzung und
diese wieder für die politische Idee. Beides bedingt einander, Man pflegt
seit alters her zu sagen, daß der an der Scholle und Überlieferung
haftende Landwirt zur Konservativen Partei drängt, der freie Beruf, der
beweglichere Kaufmann, der Industrielle, die wirtschaftlich liberale
Anschauungen haben, werden sich auch am leichtesten politisch liberal
orientieren. Von dem Augenblick an, in dem eine Lohnarbeiterschaft
entsteht, liegt es nahe, daß breite Massen dieses Standes sich in die
sozialistischen Parteien drängen, weil der Sozialismus sich gegen den
Arbeitgeber richtet, dem sie oft genug in ihrem Beruf als Gegner gegen-
überstehen und weil er ihnen einen wenn auch utopischen Ausweg aus
den Nöten der Gegenwart verspricht. Die Zusammensetzung muß auf
die Stellung der politischen Parteien zu den Fragen der Wirtschaft ein-
wirken, am stärksten dort, wo in einer Partei ein Berufsstand allein
oder doch überwiegend vorherrschend ist, Die sozialistischen Parteien
        <pb n="61" />
        Wirtschaft und politische Parteien. 49

sind fast ausschließlich Arbeiterparteien. Nur wenige Mitglieder an-

derer Berufsstände zählen sie, einige Vertreter freier Berufe, der Jour-

nalisten und Rechtsanwälte, heute eine größere Zahl von Beamten, die

sich dann aber viel weniger als Beamte denn als Arbeitnehmer des

Staates fühlen, kaum Vertreter der Landwirtschaft, des Handwerks

und des Handels, So kommt es, daß die sozialistischen Parteien die

Wirtschaft und die Fragen der Wirtschaftspolitik mit den Augen des

Arbeitnehmers und des Konsumenten betrachten, aus diesen Kreisen

allein rekrutieren sich ihre Wähler, deren Masseninstinkten, auch wenn

sie wirtschaftlich vollkommen in die Irre gehen, sie Rechnung tragen
müssen, Deshalb sind sie Gegner eines Schutzzolles, Gegner indirekter
Steuern, deshalb Freunde weitestgehender sozialpolitischer Einschrän-
kung des Unternehmerwillens und der Unternehmerinitiative. Die
bürgerlichen Parteien umfassen alle Schichten der Bevölkerung, die sich
zu einer bestimmten politischen Auffassung bekennen. Aber auch in
ihnen sehen wir die Berufsstände nicht in der gleichen Zahl verteilt. Wie
die Landwirtschaft in der alten Konservativen Partei ihre Hauptvertre-
tung sah, so zählen auch heute die überwiegenden Massen der Land-
wirtschaft zur Deutschnationalen Partei, mit Ausnahme der Angehörigen
der christlichen katholischen Bauernvereine, die trotz stärkster wirt-
schaftlicher Bedenken eben durch das religiöse Band am Zentrum fest-
gehalten werden. In der Demokratischen Partei tritt die Landwirt-
schaft ganz zurück, In der Deutschen Volkspartei ist sie jedenfalls in
erheblich geringerem Umfang vertreten als bei den Deutschnationalen.
Nur der Westen macht hier eine Ausnahme. Daraus folgt, daß in ihrer
Wirtschaftspolitik die Deutschnationale Volkspartei insbesondere den
Bedürfnissen der Landwirtschaft Rechnung tragen muß. Sie neigt des-
halb am stärksten dazu, durch Schutzzölle die Landwirtschaft zu
schützen, doch darf nicht übersehen werden, daß der starke gewerk-
schaftliche Flügel innerhalb der Deutschnationalen ein Gegengewicht
gegen eine allzu einseitige landwirtschaftliche Interessenpolitik bildet.
Man hat die alte Nationalliberale Partei häufig als die Partei der
Schwerindustrie bezeichnet. Sicher war es eine Übertreibung, aber
man kann nicht leugnen, daß gerade die führenden Köpfe der Wirt-
schaft in ihr, der am meisten ihrer Grundanschauung entsprechenden
Partei, standen. Man hat die Deutsche Volkspartei häufig als die
Partei der Wirtschaft bezeichnet, auch diese Bezeichnung ist nicht
richtig, deutet aber an, daß die liberale Grundrichtung auf die Männer
der Wirtschaft besonders anziehend wirken muß. Diese Zusammen-
hänge müssen die Stellung zu den Wirtschaftsfragen beeinflussen. Die
alte Freisinnige Partei hat man vielfach als die Partei des mobilen
Kapitals, als die Freundin der Börse bezeichnet, Bei dem merk-

Die deutsche Wirtschaft.
        <pb n="62" />
        50 Prof, Dr. Moldenhauer:

würdig konservativen Charakter, der dem deutschen Parteileben
anhaftet, sind diese Zusammenhänge auch in der heutigen Demokra-
tischen Partei unverkennbar und üben gerade in wirtschaftlichen Fragen
ihren Einfluß aus, wenn auch diese Einwirkung heute unendlich geringer
ist. Daß ein Vorkämpfer des wirtschaftlichen Liberalismus wie Gothein
so stark in den Hintergrund gedrückt ist, und Männer wie Erkelenz und
andere in den Vordergrund treten, ist kein reiner Zufall,

IL Die Berufsstände und die politischen Parteien.

Es liegt auf der Hand, daß die einzelnen Erwerbsgruppen ver-
suchen, auf die politischen Parteien Einfluß zu gewinnen, weil diese
wiederum durch ihre Entscheidungen die Wirtschaftspolitik unmittelbar
beeinflussen und damit auch an die Belange der einzelnen Berufsstände
rühren. Um so stärker wird das Streben der Berufsstände sein, je
mehr die Politik von den Parteien allein abhängt; aber auch um so
mehr dieses Drängen, je mehr wirtschaftliche Fragen im Vordergrund
stehen. Die Nationalversammlung der Paulskirche hatte eine rein
politische Aufgabe. Die Wirtschaftsgruppen traten infolgedessen
zurück, Die Kämpfe um die preußische Verfassung, die Zeit der
Reichsgründung, der darauf einsetzende Kulturkampf ließ ebenfalls
die politische Idee in den Vordergrund treten, Aber bald spielten im
politischen Kampfe auch die wirtschaftlichen Interessengegensätze eine
Rolle, wie sie zum erstenmal bei dem Zolltarif von 1879 zutage traten.
Dazu kam die neu emporsteigende Sozialdemokratische Partei, durch
die ein bestimmter Berufsstand, die Arbeitnehmerschaft, seine besonde-
ren wirtschaftlichen Interessen zu vertreten suchte. Die Not der Land-
wirtschaft, die durch die Caprivischen Handelsverträge der 90er Jahre
vergrößert wurde, führte dazu, daß der Bund der Landwirte stärkeren
Einfluß auf die Konservativen zu gewinnen suchte und tatsächlich auch
einen solchen Einfluß in hohem Maße gewann, Die Nachkriegszeit hat
die wirtschaftlichen Fragen in den Vordergrund gedrängt, so sehr, daß
Rathenau einmal das Wort wagen konnte: „Die Wirtschaft ist das
Schicksal!“ Berücksichtigt man die gesteigerte Macht der Parteien,
berücksichtigt man aber auch das heutige Listenwahlsystem, so begreift
man die Versuche der Berufsstände, den Parteien ihren Kandidaten
aufzuzwingen, gerade als Vertreter eines bestimmten Berufsstandes, In
mancher Beziehung hat der Reichslandbund die Traditionen des Bundes
der Landwirte aufgenommen, wenn er auch sich in stärkerem Maße
bemüht, den einzelnen bürgerlichen Parteien gegenüber neutral zu
bleiben. Um die Seele des Zentrums ringen Landwirtschaft und
Industrie auf der einen, die christlichen Gewerkschaften auf der
anderen Seite. Trotzdem versuchen die bürgerlichen Parteien die
        <pb n="63" />
        Wirtschaft und politische Parteien, 51
großen politischen Ideen in den Vordergrund zu schieben und wehren
sich dagegen, in Abhängigkeit von den großen Wirtschaftsgruppen
zu gelangen. Das führt nun wiederum dazu, daß diese glauben,
daß ihre Interessen nicht genügend von den politischen Parteien ver-
treten werden, Infolgedessen beginnen sie, bei der Wahl selbständig
vorzugehen, Schon in der Nationalversammlung war der Bayerische
Bauernbund als einzelne Wirtschaftsorganisation vertreten. Bei den
Wahlen zum ersten Reichstag stellte der Landbund in Thüringen
eine eigene Liste auf. Die Gewählten schlossen sich der Deutsch-
nationalen Volkspartei und der Deutschen Volkspartei an, Bei den
Reichstagswahlen im Mai 1924 ging der Landbund nicht nur in Thüringen
sondern auch in Baden, in Württemberg und in Hessen mit eigenen
Listen vor, Neben ihm trat die Wirtschaftspartei auf, die im wesent-
lichen im städtischen Grundbesitz Unterstützung fand, der sich von den
bürgerlichen Parteien infolge des Fortdauerns der Zwangswirtschaft
vernachlässigt fühlte. Dazu traten gewisse, ebenfalls verärgerte Kreise
des Handwerks und Kleinhandels, Daß diese auf rein wirtschaftlicher
Grundlage gewählten Abgeordneten, um eine Fraktion zu bilden, sich
nicht nur mit dem Bayerischen Bauernbund, sondern auch mit den rein
auf politischer Grundanschauung beruhenden Deutsch-Hannoveranern
zu einer Fraktion zusammenfanden, ist eine der politischen Merk-
würdigkeiten, an denen unsere Zeit so überreich ist. Die vom Land-
bund gewählten Kandidaten sind ausnahmslos der Deutschnationalen
Volkspartei beigetreten, haben also keine eigene Fraktion gegründet.
Damit ist die alte Frage: Politische oder ständische Vertretung? wieder
aufgeworfen. Sollen die Entscheidungen der Politik im großen und im
kleinen von Abgeordneten gefällt werden, die auf Grund eines politisch
aufgebauten Wahlsystems gewählt werden, oder von Abgeordneten, die
von einzelnen Wirtschaftsgruppen als ihre Vertreter gewählt worden
sind? Bisher hat die öffentliche Meinung die letztere Auffassung

bekämpft, und zwar aus zwei Gründen.

Die letzten großen Entscheidungen eines Volkes liegen auf dem
Gebiet seiner äußeren Politik in der Richtung auf die Selbstbehauptung
als Nation, Sie liegen in der Stellung zur Verfassung, zur inneren
Gestaltung, sie liegen auf kulturellem Gebiet. Zu diesen großen Fragen
können nur politische Parteien das Wort nehmen. Sie können nicht
vom Standpunkt einer Interessentengruppe, sei es einer noch so
wichtigen, entschieden werden. Wirtschaftsfragen, so sehr sie uns
auch im Augenblick beschäftigen und so sehr von ihrer richtigen Lösung
der Fortbestand des Deutschen Reiches abhängt, sind, gegenüber den
letzten politischen Fragen, sekundär. Nicht Rathenau hat recht, als
er die Wirtschaft das Schicksal nannte, sondern Napoleon I. mit seinem

4°
        <pb n="64" />
        52 Prof, Dr. Moldenhauer:

Ausspruch: „Die Politik ist das Schicksal!‘ Würden die politischen
Parteien ausgeschaltet und ersetzt durch Vertreter der großen Erwerbs-
gruppen, so würde die Idee als solche aus dem politischen Kampfe aus-
geschaltet und nur das Ringen um das materielle Wohlergehen an ihre
Stelle treten. Ein Kampf aller gegen alle wird dann entbrennen,
während die politischen Parteien versuchen müssen, auch die Wirt-
schaftsfragen unter dem großen Gesichtswinkel der Erhaltung der
Unabhängigkeit der Nation nach außen und ihrer Kräftigung und
Stärkung im Innern zu lösen,

IV. Ergebnis.

Aus dem Vorhergehenden ergeben sich die Folgerungen für die
Stellung der politischen Parteien zur Wirtschaft, Die politischen
Parteien müssen in erster Linie sich leiten lassen von dem Gedanken
an das Staatsganze. Nie gilt dieser Grundsatz aber mehr als in der
gegenwärtigen Zeit. Das bedeutet, daß auch die Wirtschaftspolitik
nicht herabsinken darf zur Parteipolitik, sondern daß die politischen
Parteien sich bemühen müssen, in allen Wirtschaftsfragen den Weg
zu finden, der am meisten dem Ganzen nützt. Sie werden zu der Frage
des Schutzzolls oder Freihandels nicht Stellung nehmen dürfen vom
Standpunkt dieser oder jener Interessengruppe, wie sie in der Frage
der Sozialpolitik versuchen müssen, die oft einander widerstreitenden
Auffassungen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer auf den gemeinsamen
Nenner der Arbeitsgemeinschaft, d. h. der Verknüpfung beider mit dem
Wohlergehen des Werkes, dem sie ihre Arbeit widmen, und
der Wirtschaft zu bringen. Umgekehrt werden die Wirtschafts-
gruppen dafür Sorge tragen müssen, daß den Parteien, denen
die letzten Entscheidungen auch in Wirtschaftsfragen zufallen,
über sie mit möglichster Sachkunde urteilen können, Dieses
Ziel kann auf zwei Wegen erreicht werden, Zunächst einmal
dadurch, daß alle Gesetze von wirtschaftlicher Tragweite den
Vertretern der Wirtschaft selbst‘ zur Begutachtung vorgelegt werden.
Die Verfassung sieht im Artikel 165 einen Reichswirtschaftsrat vor,
der diese Aufgabe haben soll, Dieser Artikel ist noch nicht zur Aus-
führung gelangt, Der vorläufige Reichswirtschaftsrat, wie wir ihn heute
haben, ist ein Notbehelf und hat gewiß große Mängel, und doch leistet
er eine gute vorbereitende Arbeit, Der zweite Weg ist der, dafür
Sorge zu tragen, daß in den politischen Parteien genügend Männer vor-
handen sind, die über die notwendigen wirtschaftlichen Kenntnisse
verfügen und deshalb die Entscheidungen der Fraktionen auf die nötige
Sachkunde aufbauen können. Während die Landwirtschaft längst
diese Aufgabe erkannt hat und es keiner Fraktion an tüchtigen, nicht
        <pb n="65" />
        Wirtschaft und politische Parteien, 5.
nur ihren eigenen Betrieb, sondern das ganze Gebiet der Landwirt-
schaft überblickenden Persönlichkeiten fehlt, haben Handel und Industrie
vielfach diese große Aufgabe verkannt. Es ist zuzugeben, daß der Land-
wirt sich namentlich in den hauptsächlich der politischen Arbeit ge-
widmeten Wintermonaten leichter frei machen kann, aber auch Handel
und Industrie müssen, wie in England, ihre Aufgabe erkennen, in den
großen politischen Parteien mitzuarbeiten, und zwar gerade durch ihre
führenden Persönlichkeiten. Politische Parteien und Berufsstände sind
keine Feinde, sie sollen einander ergänzen, zusammenarbeiten, von der
Erkenntnis ausgehend, daß die gleichmäßige Förderung aller Berufs-
stände der einzige Weg ist, auf dem das Wohl auch des Staates zu
verfolgen ist,
        <pb n="66" />
        4,

Die Wirtschaft und die soziale Frage.
Von Professor Dr. Ernst Horneffer, Gießen.

Als das deutsche Volk den großen Krieg verloren hatte und infolge
dieser Erschütterung alle Bande der Ordnung sich lösten, so daß das
ganze Volk in einen Abgrund der Verwüstung zu versinken drohte,
rafften sich die beiden großen Gruppen unseres Wirtschaftslebens auf,
die Arbeitgeber und die Arbeitnehmer, schlossen einen vorläufigen
Arbeitsfrieden, verständigten sich unter bestimmten Bedingungen zu
dem Entschluß, in der schweren Notstunde durch vereinigte Kraft die
deutsche Wirtschaft aufrechtzuerhalten und damit das gesamte Volk
zu retten, Man prägte damals für diesen Entschluß und die ihm nach-
folgende Tat den Ausdruck „Arbeitsgemeinschaft‘, und seitdem ist das
Wort oft wiederholt worden, Aber der Geist und Sinn dieses Wortes
ist nicht verwirklicht worden, Der gute Wille hat zweifellos auf beiden
Seiten nicht gefehlt, wenigstens nicht bei den besten und verant-
wortungsbewußten Vertretern beider Wirtschaftsgruppen. Aber überall
im Leben tut es niemals allein der gute Wille. Er ist die unerläßliche
Voraussetzung für alles gedeihliche Wirken, für erfolgreiches Schaffen.
Zu dem guten Willen aber muß sich hinzugesellen die große Kunst oder
vielmehr aus dem guten Willen muß ein großes Künstlertum hervor-
gehen, um die von dem Leben gestellten Aufgaben zu bewältigen, Alle
Lebensbetätigung ist künstlerisches Schaffen. Das künstlerische Schaf-
fen besteht in der Zusammenfassung, Vereinigung, Harmonisierung von
Gegensätzen. Spannungen gegensätzlicher Kräfte und Erscheinungen
werden in der künstlerischen Form versöhnt und aufgelöst. Das Wider-
streitende und Mannigfaltige geht in einer geschlossenen Einheit auf.
Diese hohe Leistung aber kennzeichnet nicht nur das Werk der Kunst,
welche in der Einbildung schafft, mit erdichteten Gestalten und Hand-
lungen schaltet, Die nämliche Kunst muß sich bewähren im Bereiche
der Tat, wo hart im Raume sich die Sachen stoßen. Auch in der
greifbaren Wirklichkeit, wo die Kräfte wild durcheinanderwirbeln, muß
das Künstlertum der Überwindung von Gegensätzen, der Ausgleichung
von Spannungen sich beweisen, Darin liegt alles geschichtliche Ringen
und Schaffen. Entweder es bilden sich aus den gespannten Gegen-
        <pb n="67" />
        Die Wirtschaft und die soziale Frage, 55
sätzen der geschichtlichen Kräfte höhere Formen, Formen der Einheit,
oder die Gegensätze können sich nicht mehr zusammenfinden, die
plastische, gestaltende Kraft versagt, die sie in einen übergreifenden
Rahmen zwingt, Dann beginnt die große Zersetzung, der Zerfall, das
unheilbare Siechtum, das die Lebenskräfte langsam, aber unaufhaltsam
der Verwesung zuführt,

Das deutsche Volk steht vor einer unermeßlich schweren und
großen Aufgabe künstlerischer Gestaltungs- und Schaffenskraft. Bis
in die tiefste Tiefe unseres Volkstums, unserer Volksseele sich ein-
bohrende Gegensätze harren der Vereinigung und „Befriedigung“ in
der wahren Bedeutung dieses Wortes, daß sie in der Vereinigung den
„Frieden finden. Kein Gebiet unseres Lebens ist von dieser tief-
greifenden Zerklüftung unberührt, ob wir auf den Staat oder die Wirt-
schaft schauen, die Kunst oder die religiöse Weltanschauung bedenken,
ob alte Sitte oder neuer Lebensdrang und Freiheitsdurst den Zustand
unserer Gesellschaft bestimmen. Wir stehen entweder vor einer
ganz großen Zeit oder vor unabwendbarem Untergange. Vielleicht, da
wohl kaum je die menschlichen Gegensätze so hart und schroff gewesen
sind, wird eine Zeit allerhöchster Schaffenskraft, großartigsten
Künstlertums anheben, jenes Künstlertums, das die schmerzhaften und
grausamen Spannungen der lebendigen Kräfte der Wirklichkeit in reine
Harmonie auflöst, oder das Dunkel der Nacht senkt sich nieder auf
unser Volkstum, das, höchst befähigt, große und stolze Werke als Offen-
barungen seiner Kraft auch noch für die Zukunft zu versprechen
scheint. Es wäre ein tragisches Los. Aber gerade die großen, weiten,
reichen Naturen werden am leichtesten von der Tragik ergriffen, weil
sie mit der Vielseitigkeit ihrer inneren Möglichkeiten und der daraus
erwachsenden inneren Gegensätzlichkeit nicht fertig werden können.
Diese Tragik der großen Kraft und des inneren Reichtums sucht nicht
nur die starken Einzelnen, sondern auch die hochbegabten Völker heim.

Eins steht fest: der bloße Umsturz, die Negation haben uns aus
der Not unserer Zwiespältigkeit nicht befreien können. Es war ein
kindlicher, unreifer Wahn, zu glauben, wenn nur alle Mächte der Ver-
gangenheit vernichtet seien, werde von selbst ein neues goldenes Zeit-
alter heraufziehen, Und die neuen klangvollen Ideen, mit denen man
gegen die überlieferten Mächte zu Felde zog, waren nur verhüllte
Negationen, die einen positiven Gehalt, eine neue Lebensfügung und
Lebensordnung vortäuschten, Worte, in Schlagworte eingekleidete
Ideen sind nicht nur geeignet etwas auszudrücken, sondern auch zu
verschleiern. Worte sind oft Hüllen, Kleider mit prunkenden
Farben, die etwas, das Grund hat sich zu verstecken, verbergen sollen.
Aber nun wird der magere Gehalt oder die volle Hohlheit dieser farben-
        <pb n="68" />
        5u Prof. Dr. E. Horneffer:

prächtigen und klingenden Worttäuschungen offenbar. Versprechen
ist leichter ‚als Halten, Verführen leichter als Beglücken. Im Wirt-
schaftsleben hat die Idee und das Wort „Sozialismus‘ Unerhörtes ver-
sprochen, einen anderen, besseren Aufbau, eine andere, heilsamere
Ordnung und Verbindung der in der Wirtschaft tätigen Kräfte und
infolge dieser gerechteren und edleren Ordnung den schönen, so heiß
ersehnten Arbeitsfrieden, Und nun stehen wir vor einer Lage, als ob
es niemals einen Sozialismus gegeben hätte, denn zu einer wirklichen
Besserung unserer wirtschaftlichen Verfassung und Arbeitsordnung hat
er nichts, gar nichts beigesteuert, Die soziale Frage in der Wirtschaft
steht nach wie vor mit derselben Schwere, mit derselben drohenden
Gefahr vor dem Gewissen der Gegenwart, Nirgends ist die Spannung
so scharf, die Spaltung so tief wie unter den Kräften des Wirtschafts-
lebens, Hier muß das höchste Künstlertum walten. Oder der Zu-
sammenhang zerspringt völlig. Die eiserne Not mag eine Weile noch
die widerstrebenden Kräfte zur Arbeit zwingen, zur Arbeit unter dem-
selben Dache und an demselben Werke. Aber es ist freudlose Arbeit,
der der innere Schwung fehlt und die deshalb auch nicht ganz hohe
Erfolge erzielen kann. Und nur ganz hohe Erfolge, überschwengliche
Leistungen können dem deutschen Volke aus seinem Elend aufhelfen.
Bleiben diese höchsten Leistungen aus, ist das Zurückbleiben der
deutschen Wirtschaft, ein allmähliches Absinken unausbleiblich.

Sollen wir nicht an den großen und schönen Gedanken der „Arbeits-
gemeinschaft‘ wieder. anknüpfen? Als das Wort ausgesprochen wurde,
war es nur eine Hoffnung, ein Wunsch, der nicht erfüllt worden ist, ein
Ziel, das man wieder aus den Augen verloren hat. Nur eine sorgfältige
Beobachtung der Tatsachen, eine wissenschaftliche Einsicht in die
inneren Beziehungen und tiefer liegenden Zustände des Wirtschafts-
jebens können uns Aufschluß geben über die gestellte Aufgabe. Zu-
nächst ergibt sich, daß es eine psychologische Aufgabe ist;
welche der Lösung harrt, Menschen sind es, die die wirtschaftlichen
Güter erzeugen, die durch den Zwang der systematischen Arbeit, durch
die Organisation der Arbeit in größeren Betrieben zu gemeinsamer, ver-
bundener Tätigkeit genötigt werden. Da gilt es, durch klare psycho-
logische Erkenntnis die gegenseitigen Beziehungen dieser verbundenen
Menschenkräfte zu ermitteln, die Ursachen zu erkennen, weshalb so
schwere, anscheinend unlösbare Konflikte unter ihnen ausgebrochen
sind, Nur’ durch diese Erkenntnis können wir instand gesetzt werden,
uns Gedanken zu machen, Vorschläge auszuarbeiten, wie die Konflikte
zu beheben sind,

Jede Zusammenarbeit unter Menschen vollzieht sich unter
Herrschaftsformen. Nur durch Befehlen und Gehorchen, An-

An
        <pb n="69" />
        Die Wirtschaft und die soziale Frage. 57
ordnen und Ausführen können gemeinsame Handlungen, welche viel-
fache mitwirkende Kräfte erfordern, vollbracht werden. Aber nun ist
das Geheimnis des Herrschens, daß die Herrschaft nicht gefühlt werden
darf, daß sie nicht als ein harter und peinvoller Druck empfunden wird.
Sie muß gern und freiwillig hingenommen, ja gesucht werden. Im
Grunde verlangen die Menschen, da sie nicht selbständig ihr Leben in
der Isolierung gestalten können, nach nichts dringlicher als nach der
rechten Herrschaft, die sie an den rechten Platz stellt und ihnen die
rechten Aufgaben zuweist, in denen sie die volle Befriedigung ihrer
Lebensbetätigung finden, Dies ist das Ideal, das zwar niemals völlig
erfüllt werden kann, wie bei jedem Ideal, dem das Leben sich aber
dennoch ziemlich annähern muß, wenn es nicht tragisch zerspringen
soll, nicht in inneren Konflikten sich aufreiben soll. Man kann die
ganze Lage der heutigen Wirtschaft in den einen Satz zusammenfassen:
„Großartig ist unsere Wirtschaft in der Materialbeherrschung, aber
gänzlich versagte sie bisher in der Menschenbeherrschung.‘ Der Weg
aber zur rechten Menschenbeherrschung ist die Kunst der Psychologie.
Ich sage absichtlich: die Kunst, Nicht nur das Verständnis der in
Betracht kommenden psychologischen Gesetze, sondern deren An-
wendung ist das Gebot, das hier Erfüllung heischt. Wie
die gesamte Staatskunst an erster und entscheidender Stelle
die Kunst der Psychologie verlangt, durchdringende Menschen-
kenntnis, so besteht die Wirtschaft nicht nur in der Überwältigung der
Elemente, die sie in den Dienst des Menschen zwingt, sondern vor-
nehmlich auch in der eindringenden und durchdringenden Erkenntnis
des Menschenwesens, da nur menschliche Kräfte in gemeinsamer Arbeit
die Elemente bezwingen können, Man kann den Menschen nicht wie
eine mechanische Größe, die ein für allemal und unweigerlich ihre be-
stimmten Gesetze abrollt, in Rechnung stellen, man kann die
Menschenkräfte nicht wie mathematische Größen, nach Art der be-
rechenbaren Naturerscheinungen nur als Zahl handhaben. Hier sind
viel höhere Künste erforderlich. Nur ein zartes Feingefühl, dem man
nicht entfernt mit einer Rechnung nachkommen kann, vermag in das
Dunkel der seelischen Vorgänge einzudringen.

Die Psychologie ist die schwerste von allen Künsten. Die meisten
Menschen können niemals aus ihrer Haut heraus, sie leben immer in
ihrem eigenen Umkreise, können die Grenze ihrer Persönlichkeit und
ihrer Erfahrung nicht überschreiten, um sich in eine andere Seele hin-
einzuversetzen, gleichsam das Leben eines andeıen mit- und nach-
zuleben. Im Grunde genommen ist diese Fähigkeit eine dichterische
Fähigkeit, ist die Voraussetzung und das Geheimnis des Dichters, Die
Menschen haben zumeist keine Einbildungskraft, um in der Vorstellung
        <pb n="70" />
        58 Prof. Dr. E. Horneffer:

und in dem Wesen eines anderen Menschen fühlen und leben zu
können, Sie sind zu nüchtern, zu eingeschränkt, Dies ist der wahre
Grund, weshalb es beispielsweise so sehr wenig glückliche Ehen gibt.
Die beiden Geschlechter sind in tiefster Tiefe verschieden, und wenn
der erste Rausch der Leidenschaft verflogen ist, können sich die Ver-
treter der beiden Geschlechter, die aneinandergekettet sind, nicht
mehr verstehen, können sich schlechterdings nicht in die Empfindungs-
weise und die Bedürfnisse des andern hineinversetzen, Und dann gähnt
der Abgrund des Mißverständnisses zwischen ihnen. Deshalb zerfallen
fast alle Freundschaften, Das Leben verwandelt die Menschen, und
wenn die besten Freunde nach langen Jahren sich wiederfinden und
sich nicht nur flüchtig begegnen — in diesem Falle wird die Ent-
fremdung nicht empfunden — sondern wenn sie dann wieder dauernd
miteinander leben sollen, dann können sie den seelischen Einklang
nicht mehr zurückgewinnen, sie sind einander urfremd geworden. Un-
erhört schwierig ist das psychologische Verständnis der verschiedenen
Völker untereinander, Zeitungen fliegen herüber und hinüber, persön-
liche Begegnungen finden fortgesetzt statt, die Parlamente, die leitenden
Staatsmänner sprechen ihre Gedanken und Absichten aus, die ganze
Literatur, das Geistesleben der Völker liegt ausgebreitet da und offen-
bart den innersten Gehalt der. Völker. Und doch verstehen sie einander
nicht im geringsten, jedes kleinste Wort wird zu Irrtum und Miß-
verständnis. Wenn wir Deutsche nur ein klein wenig mehr Psychologie
besessen hätten, wer weiß, ob wir nicht den ganzen Weltkrieg hätten
vermeiden können, Völker recht behandeln ist eine unsäglich seltene,
feine Kunst,

Doch endlich komme ich zu unserer Sache, Am allerschwierigsten
erscheint das Verständnis der sozialen Schichten untereinander inner-
halb eines Volkes, zumal wenn sich neue Schichtungen und Um-
schichtungen in dem Aufbau eines Volkes vollziehen. Die Menschen
können jahraus jahrein, tagaus tagein miteinander leben und arbeiten,
können sich täglich sprechen, daß man meinen müßte, und daß sie vor
allem selbst meinen, sie kennen einander, sie kennen sich gegenseitig
bis in ihre innersten Regungen, Im Gegenteil, So nahe sie räumlich
einander sind, geistig, seelisch wissen sie voneinander nichts, Sie sind
einander seelenlose Marionetten, die auf- und abwandeln, deren
Gebärden sie nur schauen, deren innere Triebkräfte ihnen aber
völlig verborgen bleiben. Wie in einer verunglückten Ehe leben sie
nebeneinander her, ohne auch nur einen Hauch der Seele von der
andern Seite herüberwehen zu spüren. Es ist der größte Irrtum der
meisten wirtschaftlichen Praktiker, keineswegs aller, aber sehr vieler,
der Leiter der großen Werke, der Generaldirektoren und in Sonderheit

*
        <pb n="71" />
        Die Wirtschaft und die soziale Frage. 59
der Betriebsdirektoren, sie kennten den Arbeiter. Wer soll ihn denn
kennen, wenn nicht sie, die in täglichem Umgange mit den Arbeitern
stehen? Aber die räumliche Nähe verbürgt wahrlich nicht die geistige
Nähe, Dieser Irrtum beruht auf einer schweren Verkennung des ge-
samten geistigen Lebens, der Geistigkeit überhaupt, die in hohem Grade
unabhängig ist von der Nähe oder Ferne in Zeit und Raum. In den-
selben Fehler verfallen naturgemäß auch die Arbeiter. Sie bilden sich
ein, den Unternehmer bis ins innerste Herz zu kennen, sie glauben das
Wesen des Unternehmertums liege vor ihnen offen wie ein auf-
geschlagenes Buch, sie kommen gar nicht auf den Gedanken, der Unter-
nehmer könne noch etwas anderes sein als die Seite zeigt, die ihnen
zu Gesichte kommt, die sie allein wahrnehmen können. Und darum
ist so wenig Hoffnung vorhanden, daß beide großen Wirtschaftsgruppen
aus sich heraus einander wiederfinden und Frieden schließen werden.
Zu tief sind die Mißverständnisse eingewurzelt, als daß sie auch beim
besten Willen sich gegenseitig unbefangen beurteilen und nach so
langer Zwietracht wieder verstehen könnten. Es wird der Ver-
mittlung bedürfen, Zum Zweck dieser Vermittlung, die sich jedem
als notwendig aufdrängt, greift man zunächst, was natürlich ist, zu den
Verwaltungsbeamten, Aber gerade unser Beamtentum hat doch bei
aller technischen Tüchtigkeit und Treue in der Berufspflicht gerade
psychologisch so schmerzlich versagt, Unser leitendes Beamtentum hat
sowohl in Fragen der Außenpolitik wie der Innenpolitik, bei der Be-
handlung der fremden und des eigenen Volkes furchtbar enttäuscht.
Aber auch der Gelehrte, der Volkswirt, der Nationalökonom wird diese
hohe Aufgabe der Vermittlung kaum erfüllen können. Denn diese Auf-
gabe erfordert nicht nur die Einsicht in die zuständlichen Gesetze und
in die Bedingungen des Wirtschaftslebens. Gerade die Anwendung die-
ser Erkenntnis ist es, die hier im Spiele steht. Nicht psychologisches
Wissen allein, psychologische Kunst, psychologische Fein kunst
nur kann die namenlos schwierige Aufgabe der Lösung näher
führen,

Die folgenden Ausführungen sollen einen bescheidenen Beitrag für
die gestellte Aufgabe, die so dringlich ist, die so gebieterisch auf Lösung
drängt, bedeuten.

Der Sozialismus ist gescheitert. Und nun stehen wir vor einem
vollkommenen Dunkel, wie denn künftig die wirtschaftliche Organi-
sation beschaffen sein soll. Viele zwar glauben, daß alles beim alten
bleiben müsse, daß die wirtschaftliche Organisation, wie sie sich in den
Jahrzehnten vor dem Kriege ausgebildet hat und auch trotz der
revolutionären Stürme noch heute besteht, unverändert bleiben müsse.
Sie sei unabänderlich, weil sie in unumstößlichen Naturgesetzen ver-
        <pb n="72" />
        60 Prof. Dr. E, Horneffer: .

wurzelt sei, Darin gerade, daß die Revolution trotz aller Leidenschaft
und heißen Willens diese Organisation nicht hat beseitigen können,
erblickt man den Beweis, daß sie zu Recht besteht, daß sie durch un-
erschütterliche und dauernd gültige Gesetze gedeckt werde, an denen
alle menschliche Willkür und utopische Schwärmerei zerschellen müsse,
Anderen aber will dieser Verzicht auf jede Reform nicht einleuchtend
und notwendig erscheinen, Wie sich die Sozialisten die Umwandlung
dachten, hat sich als Utopie erwiesen. Aber als eine nicht minder
gefährliche und unmögliche Utopie will es ihnen erscheinen, das ent-
gegengesetzte Extrem zu behaupten, nämlich an dem Bestehenden gar
nicht zu rühren und die bisher gewachsene Wirtschaftsorganisation als
unabänderlich, als abschließend zu betrachten, die einer Reform weder
bedürftig noch fähig sei, Jede Utopie straft die Schwärmer durch ver-
hängnisvolle Auswirkung, Auch diese Utopie, die sich an das
Gewordene wie an ein unantastbares Heiligtum klammert, muß furcht-
bare Folgen heraufbeschwören, Mit Nietzsche möchte man rufen: „Es
ist Zeit, es ist die höchste Zeit!”

Auf den ersten Eindruck hin scheint die gegenwärtige Organisation
der industriellen Werke vollständig in Ordnung zu sein. Kapitalisten
schaffen auf eigene Gefahr die Werke. Und nur das risikofreudige
Privatkapital kann bei der vielverschlungenen und unübersehbaren
Möglichkeit der Wirtschaft Werke gründen und betreiben, Die Kapita-
listen benötigen Mitarbeiter, geistige und Handarbeiter, Diese berufen
sie und besolden sie. Mehr als die Gehälter und Löhne als Entgelt für
die Arbeit betragen, kann aus den Werken nicht herausgewirtschaftet
werden. Der eiserne Zwang der weltwirtschaftlichen Lage mit ihren
unaufhebbaren Gesetzen des Angebotes, der Nachfrage, der Kon-
kurrenz, der allgemeinen und besonderen Erzeugungsbedingungen läßt
aus den Werken keine höheren Löhne herauswachsen als tatsächlich
herausgearbeitet werden, Keine Zauberei kann an diesen ehernen Not-
wendigkeiten etwas ändern. So scheint diese Arbeitsordnung voll-
kommen „in Ordnung‘ zu sein, Was sollte und könnte an dieser Or-
ganisation umgewandelt werden, wenn nicht der ganze Wirtschafts-
zweck, die Ertragfähigkeit der Werke und damit ihr Bestand gefährdet
werden sollen? Allein diese Organisation rechnet nicht mit der mensch-
lichen Natur, sie übersieht wesentliche Notwendigkeiten der mensch-
lichen Anlagen, sie verkennt grundlegende Funktionen der menschlichen
Wesensart. Man mag immer wieder die Notwendigkeit und Unabänder-
lichkeit der gegenwärtigen Verfassung im Wirtschaftsleben behaupten.
Der Psychologe, dessen Erkenntnis und Rat bei der Beurteilung dieser
Verfassung nicht entbehrt werden kann, muß erwidern; Sogehtes
nicht.
        <pb n="73" />
        Die Wirtschaft und die soziale Frage, 61
Es ist eine Eigentümlichkeit des Menschen, daß der Mensch
innerlich mit seiner Umgebung verwächst, und zwar mit jeder Um-
gebung, in der er ständig tätig ist. Der Mensch steht seiner Umgebung
niemals nur mit der kalten Berechnung des Nutzens gegenüber, wie er
sie auswertet zu seinen Zwecken, Der Mensch ist niemals ausschließ-
lich Intellekt, sondern zugleich auch Gefühlswesen, das seine Empfin-
dungen an die Stätte seines Lebens und Wirkens hingibt, Er verwächst
mit seiner Umgebung zu einer seelischen Einheit, er umklammert sie
mit warmen Gefühlen, er lernt sie lieben. Darauf beruht das starke
Heimatsgefühl der Menschen. Und auch in die rauhesten Verhältnisse
lernt sich der Mensch schicken, wenn sie ihm zur dauernden Gewohn-
heit und Bedingung des Lebens geworden sind. Die armseligen Fischer,
die mühsam genug dem unwirtlichen Element ihre kärgliche Nahrung
abringen, die Gebirgs-, Wüsten- und Steppenbewohner, sie alle lieben
ihre angeborene Heimat mit all ihrer Herbheit, sie wollen nicht davon
lassen, Und verpflanzt man sie, so sind sie an ewiger Sehnsucht krank.
Der Mensch findet sich in alles hinein, findet sich mit allem ab, wenn
es seine dauernde Lebensart ist, Diese Macht der Gewohnheit, der
gefühlswarmen Verknüpfung mit dem Gegebenen geht so weit, daß der
Mensch sogar zuletzt sein Unglück liebt. Wer irgendein großes,
schweres Leid erfahren hat, will von diesem Leide nicht befreit werden,
will es nicht vergessen. Er umkreist es ständig mit seinen Gedanken
und Gefühlen, Deshalb greifen häufig unberufene Seelsorger fehl, wenn
sie den Unglücklichen ihr Leid ausreden, vergessen machen wollen,
wenn sie sie trösten wollen mit dem, was ihnen das Leben sonst noch
Lebenswertes und Liebenswertes bietet — die übliche Art, nach der
die meisten Seelsorger verfahren. Das nehmen die Unglücklichen tief
übel, das verbittert sie, Der Seelsorger muß den Unglücklichen ihr
Leid gelten lassen, muß es ihnen aber in einer höheren oder tieferen
Ordnung der Dinge, in einer göttlichen Wahrheit und Weisheit ver-
ankert zeigen, daß sich ihnen ihr Leid verklärt, als notwendig und zu-
letzt auch als heilsam erweist. Und selbst im alltäglichen Leben kann
man diesen seltsamen Zug der Menschennatur zum Gegebenen, das
Vertraute und Gewohnte zu lieben, trefflich beobachten, wo diese
Eigenschaft oft genug lächerliche Formen anzunehmen pflegt. Wer
beispielsweise daran gewöhnt ist, sich täglich so recht von Herzen und
rechtschaffen zu ärgern, kann mit der Zeit ohne diesen täglichen Ärger
gar nicht mehr auskommen, dieser ist ihm zu einer trauten Gewohn-
heit, zur zweiten Natur geworden,
Deshalb ist es eine unerhört schwächliche Sentimentalität gewesen,
den Arbeitern ihre Lage durch Mitleid und Bedauern zu verleiden, ihnen
ihre Lage und Arbeitsweise als ganz unerträglich hinzustellen.: Gewiß,
        <pb n="74" />
        52 Prof. Dr. E, Horneffer:

es gibt gesundheitsschädliche Betriebe, wie Bleiweißfabriken und
anderes, in denen die Arbeit nichts weniger als Freude ist, wo die
Gesetzgebung einzugreifen und tunlichst die Gesundheit zu schützen
hat, Im großen und ganzen aber, im allgemeinen sind auch bei harter
und schwerer Arbeit die Arbeiter nicht zu bedauern, aus jener wohl-
tätigen Eigenschaft der Natur heraus, die den Menschen auch mit der
härtesten Umgebung sich innerlich abfinden und verwachsen läßt. Der
echte Bergarbeiter will trotz aller Gefahr unter der Erde arbeiten.
Er hält es für erbärmlich, über der Erde arbeiten zu müssen. Er ist
stolz auf seinen unerhört rauhen und schweren Beruf, Wenn man vor
einigen Jahrzehnten eine Fabrik betrat, wo die Arbeiter schwere Arbeit
zu verrichten haben und man sein Erstaunen über ihre gewaltige
Arbeitsleistung nicht zu verbergen wußte, dann konnte man Stolz in
ihren Mienen lesen: „Ja, das können wir! Das könnt ihr Stubenhocker
und Federfuchser natürlich nicht!‘ Sie waren noch nicht verbittert.
Aber dann kamen die Romanschriftsteller, Männlein und vor allem
Weiblein, und redeten den Arbeitern ein, auf allen Gassen wurde es
ausgeschrien: „Eure Lage ist ja ganz unerträglich, das dürft Ihr Euch
nicht länger gefallen lassen!‘ — bis die Arbeiter es glaubten und mit
einstimmten: „Das lassen wir uns nicht länger gefallen,” Ich halte diese
Sentimentalität für einen sträflichen Unfug, der unsere ganze soziale
Ordnung und Kraft, die Arbeitskraft des Menschen überhaupt, seinen
trotzigen Widerstand, seine Unbeugsamkeit in jeder Lebenslage ver-
zehren und untergraben muß. Ich gestehe, daß mir die vielgepriesenen
Bildwerke eines Meunier und einer Käthe Kollwitz Grauen erwecken,
daß sie mir aus einer ganz schwächlichen und verwerflichen Senti-
mentalität, die unser ganzes Zeitalter vergiftet hat, geboren zu sein
scheinen, daß sie mir eine ganz grobe und plumpe Fälschung der Wahr-
heit dünken. Keine Arbeit vertiert den Menschen so, wie es hier
geschildert wird, Solange der Mensch echt, stark, selbstbewußt ist,
stählt und adelt ihn gerade die rauhe Arbeit, und er weiß zu lieben und
zu ehren, was allerdings anderen Menschen aus anderen Lebenslagen
heraus unfaßlich und unerträglich erscheint, So will es die heilsame,
bildende und erziehende Kraft der Natur.

Aber nun hat dieser eigentümliche Zug des Menschen, seine Liebe
zum Gewohnten, eine bedeutsame Kehrseite, Der Arbeiter kann der
gewohnten und geliebten Umgebung gegenüber nicht fremd bleiben, er
kann seelisch mit seinem Gefühl nicht wider diesen Zug der Natur aus-
geschlossen werden, er kann nicht eingeschränkt werden auf die kalte
Berechnung von Leistung und Lohn, Arbeit und Gewinn, Die unaus-
bleiblichen Gefühle der inneren seelischen Zugehörigkeit zu den Werk-
        <pb n="75" />
        Die Wirtschaft und die soziale Frage, 563
stätten, zu dem dauernden Feld ihrer Tätigkeit, müssen bei den Arbei-
tern anerkannt und gewürdigt werden,

Hier wird sofort der Einwand erhoben werden: Das ganze ist ein
großer Irrtum, die Arbeiter lieben die Werke, in denen sie tätig sind,
gar nicht, sie sind ihnen vollkommen gleichgültig, gehen ihr innerstes
Herz nicht im geringsten an, ja, sie hassen sie vielfach. In den Zeiten
der Revolution sind sie manchmal nicht vor Sabotage zurückgeschreckt.,
Ich kenne allerdings bezeugte Beispiele grauenvoller Sabotage aus
jener wilden Zeit, die das Gegenteil zu bezeugen scheinen, nämlich, daß
ein abgrundtiefer Haß die Arbeiter gegen ihre Werkstätten beseelt.
Aber da muß der Psychologe tiefer schauen und erklären: Dies ist
ursprüngliche Liebe, die in Haß umgeschlagen ist.
Unglückliche Liebe, welche nicht befriedigt wird, verwandelt sich in
grimmigsten Haß, Deshalb ist der Bruderzwist der giftigste Zwist, des-
halb enden unglückliche Ehen mit dem unnachsichtigsten Haß. Man
muß durch den Schein hindurch die Wahrheit der Menschenseele zu
lesen wissen, die oft tief verborgen ist. Wenn in einer Fabrik eine neue
Maschine aufgestellt wird und die Besitzer und Ingenieure das neue
Kunstwerk betrachten und ausprobieren, was es leistet, ob es die daran
geknüpften Erwartungen erfüllt, und höchste Spannung auf allen
Gesichtern ruht, dann gehen die Arbeiter mit ihren Töpfen scheinbar
ganz gleichgültig vorüber, als ob sie das neue Kunstwerk gar nichts an-
gehe, als ob sie damit gar nichts zu schaffen hätten. Ich sage: Das ist
Heuchelei; in Wahrheit interessiert sie die neu aufgestellte
Maschine im höchsten Maße, Wenn die hohen Herren weggegangen
sind, treten die Arbeiter auch heran, betrachten mit höchster Aufmerk-
samkeit das Werk und geben ihre klugen oder dummen Bemerkungen
ab. Sie sind mit ihrem Herzen, mit der Wärme ihres Gefühls aufs
stärkste beteiligt. Aber dieseihreinnere, seelische An-
teilnahme findet nun niemals Nahrung, weil sie
vonjedemgeistigen Anteil, jeder verantwortlichen
Mitbestimmung ausgeschlossen sind.

Man macht ständig den Arbeitern zum Vorwurf, daß sie ausschließ-
lich Sinn für die Lohnfragen hätten, daß sie nichts, auch gar nichts
anderes als die Lohnfrage beschäftige. Ich entgegne: Wie soll der Ar-
beiter für die anderen großen Fragen der Wirtschaft auch nur das
geringste Interesse und mit dem Interesse auch Verständnis gewinnen,
wenn er zu den anderen Fragen der Wirtschaft überhaupt niemals
herangezogen wird? Er hat keine Vorstellung davon, mit welchen
Schwierigkeiten das gesamte Werk zu ringen hat. Er erfährt nicht, wie
und unter welchen Bedingungen die Rohstoffe zu beschaffen sind, wie
der gesamte Herstellungsprozeß abläuft, wie die hergestellten Erzeug-
        <pb n="76" />
        b4 Prof. Dr. E. Horneffer:

nisse verwertet und veräußert werden. Der ganze geistige Vorgang
in dem reichgegliederten kunstvollen Arbeitswerk bleibt dem Arbeiter
ein Buch mit sieben Siegeln. Und dann wundert man sich, daß die Ar-
beiter einem utopischen Wahne verfallen sind, mit ihren ganzen Vor-
stellungen von der Wirtschaft in utopischen Träumen schwelgen, und
daß es gar nicht gelingen will, sie mit ihren Begriffen auf den Boden der
tatsächlichen Wirklichkeit zurückzuführen. Nicht die höchste Kunst
der Beredsamkeit kann einen utopischen Schwärmer von seinen Wahn-
bildern heilen, auch die beweiskräftigste Wahrheit überzeugt ihn nicht.
Er lacht dieser. Wahrheit ins Gesicht, er hält seinen Wahn fest.

Ich möchte gerne wissen, wie sich eigentlich unsere Unternehmer
die Befreiung der deutschen Arbeiterschaft von den Utopien, welche
sie beherrschen und knechten, vorstellen, Die politische Propaganda
ist, wie die Erfahrung gelehrt hat, nicht das geeignete Mittel, dieses
Ziel zu erreichen, Und bloß von der Heilkraft der Zeit einen so tief-
greifenden geistigen Umschwung zu erwarten, dürfte gleichfalls ver-
fehlt sein. Am allerunwirksamsten aber ist gewiß die rein theoretische
Belehrung und Aufklärung, die man mit Hochschulkursen über die
Volkswirtschaft im allgemeinen anzustreben sucht. Es gibt nur einen
Weg, einen langsamen, mühevollen und steilen Weg, Utopien auszu-
merzen. Das ist der Weg der Erfahrung. Und ich setze hinzu, nur die
Einzelerfahrung, die ganz bestimmte Erfahrung an dem einzelnen
bestimmten industriellen Werke, an dem lebendigen Betriebe mit seinen
Nöten und Schwierigkeiten, seinen Bedingungen und seinen Leistungen,
nur die unmittelbare Anschauung des wirklichen wirtschaftlichen
Lebens, einer lebendigen wirtschaftlichen Zelle, kann Utopien aus-
schalten, an Stelle der Träume die Erkenntnis der Wahrheit zur
Geltung bringen,

Das Betriebsrätegesetz hat sich durchaus nicht nur als schädlich in
der praktischen Erfahrung erwiesen. Es ist geeignet, auf neue wirt-
schaftliche Wege hinzuweisen. Die Wirkungen des Gesetzes waren
durchaus nicht immer so verheerend, wie man ursprünglich gefürchtet
hatte. Gar manche Arbeiter, die in den Betriebsrat entsandt worden
waren, haben an Hand der unwiderlegbaren, aufdringlichen, überzeugen-
den Erfahrung klarere Einsichten über das Schicksal und die Aufgaben
ihrer Betriebe gewonnen. Aber sie haben dann meist sich der Pflicht
zu entziehen gewußt, nunmehr aus ihrer Einsicht heraus aufklärend auf
ihre Kameraden einzuwirken, was übrigens auch keine dankbare Auf-
gabe ist. Der Direktor eines großen Werkes erzählie mir, daß einer
seiner Arbeiter im Betriebsrate den Wunsch aussprach, „ob der Herr
Direktor das nicht in einer Betriebsversammlung selbst vor den Ar-
beitern vortragen möchte‘, worauf dann sein Kollege im Betriebsrate
        <pb n="77" />
        Schwerindustrie und Metallindustrie. (6 bis 10)
6. Kommerzienrat Dr.-Ing, e. h, Heinrich Kleyer,
Vorsitzender des Aufsichtsrats der Adlerwerke, Frankfurt a. M.

Gründet diese 1880 als kleine Maschinen- und Velozipedhandlung, in verhältnis-
mäßig kurzer Zeit das größte Industriewerk Frankfurts und eine der bedeutendsten
Automobilfabriken Deutschlands. Die vier Frankfurter Werke bedecken .eine
Nutzfläche von über 200000 qm und beschäftigen zeitweise bis 10000 Arbeiter.
Die Adler-Erzeugnisse genießen ob ihrer hervorragenden Qualität Weltruf,

Geb. in Darmstadt, war er in früheren Jahren einer der erfolgreichsten Rad-
Rennfahrer und ist heute noch ein eifriger Förderer jedes Sports. Einer der Be-
gründer und hervorragendsten Förderer der Verkehrsmittelindustrie,

7, Dr.-Ing, e. h, Konrad Piatscheck,
Generaldirektor in Halle a. d. S.

1872 in Großwitz, Provinz Sachsen, geboren. Gymnasium Leipzig, Bergakademie
Freiberg, 1896 Diplom-Bergingenieur.,

Von 1898—1922 im Vorstande der Anhaltischen Kohlenwerke. Entwicklung der
Gesellschaft von 900000 auf 4000 000 t Förderung, 1900—1903 Direktor der Ge-
werkschaft Vereinigte Ville bei Köln. 1906 Einführung der Großraumwagen mit
pneumatischer Selbstentladung im Bergbau.

1921 Dr.-Ing. e. h. der Bergakademie Freiberg. Seit 1921 Vors. des Dt. Braun-
kohlen-Industrie-Vereins und dessen Arbeitgeberverbandes, Vors. und Gründer
der Braunkohlenstiftung an der Bergakademie Freiberg, Vors. des Sach-
verständigenausschusses {für Brennstoffverwendung im Reichskohlenrat. Präsidial-
mitglied des Reichsverbandes der Dt. Industrie.

8. Dr.-Ing. e, h. Woligang Reuter,
Generaldirektor der Deutschen Maschinenfabrik A.-G. in Duisburg.

Geboren 24, Juni 1866 in Helsingfors, Studium Techn. Hochschule. 1888 Kon-
strukteur in Kranfabrik Ludwig Stuckenholz in Wetter-Ruhr, 1896 Teilhaber,
1899 Inhaber. 1906 Vereinigung mit der Märkischen Maschinenbau-Anstalt,
Generaldirektor, Zusammenschluß mit der Benrather Maschinenfabrik A.-G. und
der Duisburger Maschinenbau-A.-G., zur Deutschen Maschinenfabrik A.-G. in Duis-
burg, 1910 deren Generaldirektor.

1919 Vorstandsmitgl., 1923 Präsidialmitgl, des Reichsverbandes der Dt. Industrie,
1923 Vors, des Vereins Deutscher Maschinenbau-Anstalten, Mitglied der preuß.
Akademie des Bauwesens, 1919 Dr.-Ing, e.h. der Techn. Hochschule Aachen. Mitgl,
der Handelskammer Duisburg, Präsidialmitgl. des Wirtschaftsinstituts für die Ost.
staaten, Aufsichtsratsmitgl. der Dt. Bank, sowie versch. industr. Unternehmungen,

9, Kommerzienrat Justin Schwarz,
Vorstandsmitglied der Bing-Werke A.-G., Nürnberg.

Geb, 12, Februar 1876, — In der Firma seit 34 Jahren tätig, seit 10 Jahren etwa
als Vorstandsmitglied, Hauptsächl, Tätigkeit: Pflege des Exports nach allen euro-
päischen und überseeischen Ländern.

Vorstandsmitgl, der bedeutendsten wirtschaftl, und Fachverbände, der Zweig-
stelle des Auswärtigen Amts für Außenhandel in Nürnberg, des Reichsbundes der
Dt. Metallwaren-Industrie, Mitglied des Verwaltungsrats der Zweigstellen des
Auswärt, Amtes, der Handelskammer Nürnberg, des Industrie- und Handelstags
(Zollbeirat), der Deutschen Handelskammer in der Schweiz, Zürich, u. a. m. Als
Mitglied dieser Verbände Sachverständiger bei den Beratungen der verschiedenen
Zollverträge, usw.

10, Dr.-Ing. e.h. Dr. rer. pol. h.c, Kurt Sorge,
Aufsichtsratsmitgl, der Friedr. Krupp A,-G., Essen, Stellvertr. Vors. des Aufs, der
Fried. Krupp Grusonwerk A.-G, Magdeburg-Buckau, Vors, des Aufs. der Dt. Kredit-
sicherung A,-G., Ehrenpräs, des Reichsverb. der Dt, Industrie, Ehrenmitgl, der
Verein, der Dt, Arbeitgeberverbände, Fhremitgl. des V, Dt. Maschinenbau-Anstalten,

„&lt;. R,

Geb. 28, Juli 1855 in Zwickau i. Sa. Gymnasium, 1873 Bergakademie in Frei-
berg i. Sa., 1877. Dipl.-Eisenhütteningenieur, Ingenieur Ilseder Hütte bei Peine,
Georg-Marienhütte bei Osnabrück, Osnabrücker Stahlwerk, dann bei Carl Später,
Coblenz, 1888—1893 Direktor der Rombacher Hüttenwerke in Lothringen. Seit
1893 bei Fried, Krupp, Essen, bis 1899 in Essen, dann in Magdeburg, seit 1919
in Berlin, Direktorialmitglied seit 1899.

Taf.‘

:e1:1M1
        <pb n="78" />
        (O5 eid 8) ‚eimenbailisel bau sitteubaiıswase
ol, Ur  niorneHer:..
"ASS dere near mm. =
AM 6 hublosı7 ‚aılıewrelbA 19b atsıetndoietu A 2ob 19bnestie10 V
Ph ED ah te me 0888 masibl fo bnin
asjebhneaiusbsd zeb,snis bay alıylaastn Ar ointaubaf ‚a40ö18 28h HieN texuni ailßm
anis .„gal9gsbad, alte W _rehwldnsıT x9lv Mare“ Mn dee
7392 00008 2id Saiowfiös nsaiikdbesdihan impi(000 00a düs ko, stloßlisiul
tuatle W..48tilenQ nobnasastroyıen yaıi do meflaine3, 9aeinzuasıN-1elbA sid
„bel netedoioralokıe 19b T90i9 metdsl metedinmt at 19 z56w ‚Jbstammed BES
598 4Sb 5sniH ‚et10q@ 2sbhef 4515brö 1x ailtS eionoon Shuod tet ba woalginns 2
iO ; ‚alıkeubailettimeardasıe V, a9b.1919h764 nolzhnszsti0vıen bau 39 TR
© AXIAN AUT ER “en DOGEen ı
‚losdietsid bsıhoX TOM. 20 3a 1Ste '
‚Er beine ab zielen rn ahı
sims besser A isqieu muiesatay gro den „asalag@.anivorE ‚shiwdor) ai SI8L .
/ A ysinesäa re A-molgil 83081 ‚zradiertd
19b anuhloiwind ‚ode wasidoA HodoziiietdalA 4b obustzr0 V mmiSSEl=-8081 noV
„90 +9b 104219ri0. 2081-——0001 . ‚aaurebröd 4000 000 5 tus 000008 mov 3isdoalie290
Hin nodswausıtlor0 19b "anıidbima 0001 ‚nl6M tod alV' SIE V -caa
uer Geulischen ‚yedare mi anubelinstedie@ modsaiksmysnq
-ausı9. 4 29h ,2r0V ISCIHi90 1. aradier 7 simabsılsarad 19b .d 9 ‚Zal- Cl 18er”
sohn bau 210V a bfedısyisdentisdiA noeesb bar anisıs V-Sirfeubnlaastdoni
o6@ 29h 0210 VlalyredistTelsitmebslsare dic ıeb (as aanktikeneldonusıd 9b,
-Asibieä11, „AsıneldoxadaieA mi aaubnaewırerliolennerd aut 2922u do2au6neBihn&amp;t21sV
2 76 hr GC ob ssbasdrsvedois 2b bailgtim
ı 861 } al F SE 15 Ho. ad +3 „A A u a8 PC "man Diaz
‚ıudeiull ai D-.A, ESS M DER 15h 101 tiblehens0)
„no 8881 olbedb Et ‚alas T muibute e1olameloH nt 8081 Le Kesasiodhoer Ci
„SdedlisT 8081 hduA-ast Won eslodneonte: Faiw band, irdetsı An ab. aushblunde,
4lstanA-usdnenidaes M_ medoziA:äM 9b tim anamainiare V 0001 © ‚ı9denal ER8l
Bau DA brdetnsnidbi MW rodtehhse +55 Fin QuldsanshmnseN KULT SEHON
ind at ‚D..ArılidetnsmidsieM dedosiuad us O-A-usdnatidoaeM zoaıud2iu(l, 19h;
ol lonibls19ns0 nmer9b 0feL ‚aıud“
oirlenbn] 30 19b z5bnsdıevedois A 2ob ‚Jatfnlsibiesid ESCt oe hnsteroV QIEL
\Qu91q. 19b. beilatiM  netlstenA-usdnanidozeM Tedoziusl zuis1eV.29b „2x0V ESOI
JatM ‚nodosA aludaarlooH .adoaT 19b ‚de ‚zal- Cd OIer ‚e2n929wusd 29h simabsA
"RO aib al? alırtitentelisdoaehiW 9b JatimisibiesrE arurdeiud 18mm sel bneHıxeb
nsaaumdentetall denbai .doeisy Siwoe as 40 1b Jatimzts12tdoiely A ‚noheste
a. ‚sı15wdo@ aitenl Fsınsisıs mmoX
100 0 ar dmbN „D-. A She Wan” 196 "hsilatimehnstero V zu
SWbeEeLiOL dise ‚ala model DE Jise sarıl 1 19b al — ‚0T8E 18mmda N SE ‚da
„or aller dosnahoqxA 2ob aaelt4 Jie2ai6T IdoßatkqueH ‚beilgligehnsjeroV als
"OU BAR AodoeioSstSdal bir Aadazikq ID
A388 wWN as ebnschevdos 4: bau. Kisrdoetziw notöbnstusbad 19h, ‚Jatimehnst210V wär]
&lt;9b_zebaudendaiesl zob; arsdaröli mit IobasdasluÄ züt am A naar ıEwenA 255 allSte
ab nollst24i9wWN arsb  ets12amullewireV e9b beilghiMn 0 ienbal-nstawlistesMwad
austelebneHr bet ieindenbnl,2sb ‚aradariM! Toms elobnskt 1ab „zat0rA ‚Jrö&amp;wanA
2A um sr ‚domöxN ‚siawdo@ x9b ai vommsNalshaslt nodoatu sd 45b ‚(151isdHoX}
sans beidietev sb hebaufehs 4 mb: sd 4o8ibee ges bad +529ib beilatiM
: 3 STATT A } 7. al ARE ‚9Börhrayllos
8302 du inn ab loq Garne ads c8al-Lch 01 4e Aufga.
sol Ar aber unkrollot2 ‚dead. DA, qauızl, ai71. 9b Jatimels Adel
-4barX 4A 19b ‚zit A e9b ‚210V ‚usXoud-31udabasM 5 ılıownoeut0 ganz ‚bar
195° Uafimmsad 3 ‚Sirleubal UA 5b Adi5v2dsiel bb esiqhesmae. De ammedbie
\noiistenA-usdrenidaesM.4C;.V,e9b BE „obaödı9yredaaticdrAntC a9b .ni919V
„iard nl Simebelsaı0d ET8T Mh BE N Car c88t yes 69 er
SnisT Dd oHöH 1sbsell zuaitepnkt cuisine BRinoüdneei nic UL are)
‚ae}äq@. 1150 ied_mnsb ‚lıowidste 192l9üxdene0 ‚H9lıd sn20 iad ojtidhehsM-3109%
492" SB EN SO WESO a ON: Ha So
C1@iedisev; zudsbasMunk-ansb‘ ‚ng22s nl 4381 92a GaUA DS An
) ) case a ME mi
Niet

A A
        <pb n="79" />
        Tatel

ılı
        <pb n="80" />
        <pb n="81" />
        Die Wirtschaft und die soziale Frage. 65
hinzufügte: „Ach nein, das können wir doch dem Herrn Direktor nicht
zumuten, da wird er niedergeschrien.“ Aber vor diesem Niederschreien
dürfen sich die Leiter der Werke, die Unternehmer und ihre Vertreter,
die Direktoren der ganzen Werke und der einzelnen Zweige, nicht
fürchten. Es muß einelebendige Berührung und Aus-
einandersetzung zwischen den wirtschaftlichen
Führern und den wirtschaftlich Geführten in
jedem Betriebe stattfinden. Hierfür müssen
Formen ausgebildet werden. Das ist allerdings eine
mühselige Arbeit, die aber unvermeidbar ist. Denn eine gefährliche
Folge hat die vollständige Trennung der wirtschaftlichen Leitung von
der Arbeiterschaft hervorgerufen. Dadurch haben nämlich die wirt-
schaftlichen Führer jede Herrschaft über die Arbeiterschaft eingebüßt.

Man sagt unserem Unternehmertum nach, daß es so außerordent-
lich herrschsüchtig sei, Ich finde das Gegenteil, finde einen beklagens-
werten Mangel an wirklichem Herrschaftswillen, der nun einmal für alle
großen menschlichen Leistungen unerläßlich ist. Der Wille aber zur
Herrschaft muß es sein, wie ich sie oben andeutete, nämlich zu einer
Herrschaft, die die Geführten überzeugt, der sie sich willig unterordnen,
weil sie ihren Wert anerkennen und ihr Vertrauen schenken. Man kann
nur über Menschen herrschen, mit denen man in Fühlung ist, mit denen
man in einer ständigen Berührung lebt, in ständigem Austausch der
Gedanken und Erfahrungen steht. Das wissen die ausländischen Staats-
männer der politisch geschulten Völker des Westens. Sie spielen auf
der Seele ihres Volkes wie auf einem Instrumente. Sie herrschen wirk-
lich über ihre Völker, weil sie ihre Gedanken in die Völker hineinzu-
leiten wissen. Es ist nicht nur die technische Kunst der Rede, nein, es
ist die feine psychologische Einfühlung in die Seele der Massen. Unsere
Beamten der alten Schule waren viel zu vornehm, um wirklich innerlich
mit dem Volke zu leben und dadurch das Volk zu verstehen und es so
zu führen. Sie glaubten nur durch kalte Verordnungen und Befehle
regieren zu können, Hierfür ist die Zeit vorbei. Und die Staatsmänner,
welche durch unseren jungen Parlamentarismus an ihre Stelle getreten
sind, wissen auch noch nicht das Volk wahrhaft zu verstehen und so zu
lenken, Es ist das eine schwierige Kunst, ja, Herrschen ist vielleicht die
allerschwierigste Kunst im Menschenleben. Unsere Unternehmer ver-
lassen sich heute auf den eisernen Zwang der Notwendigkeit, die auch
die Widerwilligen zuletzt überzeugen müsse. Sie meinen auch mit der
bloßen Anordnung regieren zu können. Das ist ein Irrtum. Durch diese
Enthaltsamkeit sind ihnen die Massen entglitten. Denn der Mensch
will beherrscht sein. Wenn die rechtmäßigen Herrscher ihr Herrscher-
amt nicht zu führen wissen, dann suchen die Massen sich andere, illegi-

Die deutsche Wirtschaft.
        <pb n="82" />
        56 Prof. Dr. E. Horneffer:

time Herrscher, So sind sie den Hetzern in die Hände gefallen. Und
auf diese Hetzer als den Ursprung alles Bösen wird das ganze Unheil
unserer sozialen Verhältnisse abgewälzt, diese seien an allem schuld.
Ich sage aber, die Hetzer müssen einen bereiten Boden finden, wenn sie
mit ihren Hetzereien etwas ausrichten wollen. Wenn man schüren will,
muß man einen brennbaren Stoff haben, der Feuer fängt. Sonst nützt
alles Schüren nichts, Dann prallt alle Kunst der Verführung ab.

Man wird erwidern, zu alledem sind die Arbeiter nicht reif. Gewiß
sind sie nicht reif. Aber Schwimmen kann man nur im Wasser lernen.
Nur die ständige, andauernde, ununterbrochene Übung, nur die lange
Schule der Erfahrung, wirklich angewandter, unmittelbar ausgeübter Er-
fahrung kann die menschliche Urteilskraft stählen und reifen. Im all-
gemeinen kann man sagen, daß jede menschliche Gruppe, jede größere
Gemeinschaft von Menschen in drei Unterabteilungen zerfällt. Diese
Einteilung und Gliederung wiederholt sich bei allen einheitlichen Bil-
dungen und sozialen Schichten, Berufen und Ständen, Ob es sich um
eine gelehrte Körperschaft, ein Lehrerkollegium, ein Offizierkorps, einen
Künstlerverein, eine Bauernschaft oder eine Arbeiterschaft handelt,
spielt keine Rolle, Die gleichen menschlichen Gesetze dringen immer
wieder durch, drängen immer wieder zum Vorschein, Ein Viertel des
Kreises, der in Frage steht, ist im hohen Sinne strebsam und tüchtig,
ringt mit Leidenschaft und Ehrgeiz um die Erfüllung der Aufgaben, die
dieser Gemeinschaft gestellt sind, Zwei Viertel sind Mittelware, sind
lau, nicht kalt und nicht warm, gleichgültig, gelangweilt; nur die nötige
Pflicht ableistend, folgen sie den Führern gedankenlos, wer sich ihnen
nun als Führer aufwirft, sie lassen sich dahin und dorthin reißen. Und
das letzte Viertel ist völlig untüchtig, steht weit hinter den notwendigen
Leistungen, die sie ihrer Gemeinschaft schuldig sind, zurück. Nun aber
ist zu begreifen: es kommt ausschließlich auf jenes
erste, strebsame Viertel an. Wir müssen uns endlich von
der Suggestion der Zahl frei machen. Die Wenigen sind es, die Besten
und Tüchtigsten, welche die Entscheidung geben. Kommen diese zu
ihrem Rechte, finden diese die Erfüllung ihrer inneren Bedürfnisse,
können sie ihre Kräfte rein. zur Entfaltung bringen, dann bestimmen sie
damit das Urteil der ganzen Gruppe und Gemeinschaft, in die sie
gestellt sind.

Das Mißtrauen der Arbeiterschaft gegen das Unternehmertum ist
grenzenlos. Die Spannung ist so groß, der Gegensatz so tief, daß es lange
Zeit erfordern wird, diesen Gegensatz zu überwinden oder nur abzu-
mildern. Selbstverständlich werden die Arbeiter zunächst den Unter-
nehmern, die mit ihnen in einen dauernden Konnex zu treten suchen,
alle ihre Angebote und Versuche vor die Füße werfen, Darüber darf
        <pb n="83" />
        Die Wirtschaft und die soziale Frage, 67
man sich keinen Täuschungen hingeben. Und dennoch muß mit rast-
loser Geduld dieser Versuch immer und immer wieder erneuert werden.
Wie behandelt man ein trotziges Kind? Und unsere großen Massen
sind heute ein wild sich gebärdendes, trotziges, aber im Grunde nicht
schlechtes Kind, Ich glaube, man irrt, wenn man die deutschen Volks-
massen im großen und ganzen für schlecht und verderbt ausgibt. Ihre
Reden und ihre Gebärden erwecken allerdings diesen Anschein, wie ein
trotziges Kind den Schein unheilbarer Bosheit erwecken kann. Aber
hinter dem Schein verbirgt sich das Wesen. Dieses Wesen des
deutschen Volkes, auch der breiten Arbeitermassen, ist nach meiner
festen Überzeugung nicht schlecht, innerlich verderbt und entartet,
sondern nur trotzig. Wie beruhigt man ein trotziges Kind und bringt es
zur Vernunft zurück? Nicht durch Schelten, noch weniger durch
Schläge, Und wenn man nach der Diktatur bei uns ruft, nach der
starken Gewalt, die mit eisernem Besen auskehren solle, so gleichen
diese Maßnahmen dem Schelten und Schlagen, das unfähige Erzieher
allein bei einer sich aufbäumenden und trotzigen Jugend anzuwenden
pflegen, womit sie aber deren Zustand nur noch weit mehr verschlim-
mern, bis sie sie völlig verstocken. Durch falsche Behandlung in der Er-
ziehung können gutgeartete Wesen bis in die volle Entartung, bis ins
Verbrechertum verstockt und verprügelt werden. Ein trotziges Kind faßt
man sanft und zart an die Hand, redet ihm langsam und geduldig,
freundlich und gelassen zu und bringt es so ganz allmählich wieder zur
Herrschaft der eigenen Vernunft und Einsicht, so hebt man langsam den
besseren Teil seines Wesens wieder empor. Und wenn einmal erst der
Anfang gemacht ist, ist das Kind selbst überglücklich, von diesem Trotz
erlöst zu werden. Denn es leidet selbst schwer und tief unter diesem
Widerwillen gegen die Erzieher und Führer, zu denen Vertrauen zu
haben ihm selbst tiefstes Bedürfnis ist.

Ich weiß wohl, man kann die Beziehung zwischen einzelnen nicht
auf ganze große soziale Schichten übertragen. Aber ich meine doch,
daß uns dieses Beispiel und Gleichnis etwas zu lehren vermag. Es
kann auch bei der Überwindung der sozialen Spannung nur mit grenzen-
loser Geduld etwas erreicht werden. Aber es muß auch etwas
geschehen. Es muß irgendwie der Anfang gemacht werden. Man
muß beginnen, irgend etwas zu tun, zu unternehmen, um aus der qual-
vollen Spannung, mit der die sozialen Schichten feindselig bis ins
innerste Herz einander gegenüberstehen, herauszukommen. Was aber
kann dies sein, das man zu tun verpflichtet ist? Materielle Leistungen
sind so gut wie gänzlich ausgeschlossen. Ich will nicht behaupten, daß
nicht auch auf diesem Gebiete gewisse Möglichkeiten vorhanden sind,
ohne die Tragfähigkeit unserer Wirtschaft zu überlasten. Ich habe in

5°
        <pb n="84" />
        bo Prof. Dr. E. Horneffer:

meinem Buche „Die große Wunde. Psychologische Betrachtungen zum
Verhältnis von Kapital und Arbeit‘ mich darüber ausgesprochen,
worauf ich verweisen muß. Aber solche materiellen Leistungen werden
bei der namenlosen Überlastung unserer Wirtschaft durch den ver-
lorenen Weltkrieg, durch die ganze Weltwirtschaftslage immer nur
äußerst geringfügig bleiben müssen. Das deutsche Volk wird in allen
seinen Teilen bei sehr geringem Entgelt, bei sehr kümmer-
licher Besoldung unsäglich arbeiten müssen, Wir müssen, darüber
kann kein Zweifel obwalten, allesamt durch herbe, bittere, schwere
Armut hindurchwandern, Das wird zuletzt auch der Arbeiter be-
greifen müssen, Um so mehr aber sind wir genötigt, nach einem
anderen Ausgleich und Entgelt zu suchen. Die uralte Wahrheit bleibt
bestehen: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Es
schlummern in den Arbeitern, wenigstens in dem besten Teile unter
ihnen, in jenem strebsamen, begabten obersten Viertel, von dem ich
eben gesprochen habe, Befähigungen höherer, geistiger Art. In ihrer
politischen Betätigung können wir genugsam diese ihre höheren Befähi-
gungen beobachten und würdigen, Die Menschen sind niemals ganz
einseitig veranlagt, niemals ausschließlich nur zum Gehorchen und
Folgen, nur zum Ausführen von Befehlen, zur Unterordnung berufen.
Es schlummern in ihnen auch direktive Begabungen, Fähigkeiten
zum Leiten, zum Ratschlagen, zum Anordnen und Führen, die bei der
heutigen Wirtschaftsordnung, die die Arbeiterschaft gänzlich außer-
halb der geistigen Leitung der Werke stellt, nicht zur Ausbildung und
Entfaltung kommen. Und das verbittert, das treibt in den Wider-
spruch und die Auflehnung hinein. Die Befriedigung aber urwüchsiger
Bedürfnisse hat eine erstaunlich heilsame Wirkung, gewiß nicht im
Augenblicke, aber mit dem langsamen Wirken der Zeit,

Und die Leiter der großen Werke sollen nicht glauben, daß sie nun
damit, wenn sie den Arbeitern einen gewissen Anteil und Einblick in
die höheren geistigen Funktionen der Wirtschaft gewähren, die in-
timsten Geheimnisse ihrer Werke verraten müßten. Es gibt keine
menschliche Gesellschaft, nicht den einfachsten Verein mit den gering-
fügigsten Zwecken, wo nicht der gewählte Vorstand die Tugend der
Schweigsamkeit besitzen muß, In jeder Gemeinschaft gibt es Dinge,
die noch nicht spruchreif sind, die unter der schützenden Hülle der
Schweigsamkeit reifen müssen. Der Gedanke beispielsweise, die
staatsmännische Leitung eines ganzen Volkes, selbst die äußere Politik
vor aller Welt mit schrankenloser Offenheit führen zu wollen, ist von
all dem Wahnsinn der Gegenwart wohl der tollste Wahn gewesen.
Schweigen ist eine Kunst, eine hohe und edle Kunst; aber auch Reden
und Bekennen, Mitteilen ist eine Kunst und Pflicht. Jedes muß an se i-

++
        <pb n="85" />
        Die Wirtschaft und die soziale Frage, 69
ner Stelle erfolgen. Das psychologische Augenmaß, das seelische Zart-
gefühl müssen entscheiden, wann das eine, wann das andere geschehen
soll. Wenn heute die Unternehmer, die wirtschaftlichen Führer mit
ihrer hohen geistigen Arbeit, die so staunenswert ist, der von ihnen
geführten Arbeiterschaft gegenüber gänzlich zurückhaltend sind, sie so
gut wie gänzlich hiervon ausschließen, so soll nun die von mir gestellte
Forderung nicht bedeuten, daß sie diese Zurückhaltung mit einem
Schlage gänzlich preisgeben, in das andere Extrem des Ausplauderns,
schrankenloser Mitteilsamkeit verfallen sollen. Beides ist notwendig,
Schweigen und Reden, Zurückhalten und Mitteilen. Wir müssen uns
im Menschenleben von allen Extremen frei machen. Auch die Erziehung
darf nicht einseitig sein, entweder nur streng oder nur ganz milde,
Sie muß beides zugleich sein, jedes an rechter Stelle, Strenge und Milde
miteinander verbinden, Das ist das Geheimnis jeder Erziehung, die
hohe Kunst der Erziehung. Ehemals herrschte bei uns in der Erziehung
eine gewisse Überstrenge, und nun sind viele Eltern und Erzieher in das
Gegenteil verfallen, alle Zügel locker zu lassen, die Jugend völlig laufen
zu lassen, Gar nicht mehr zu erziehen scheint heute die Kunst der Er-
ziehung zu sein, Auch in der Behandlung der Menschen in den Wirt-
schaftskörpern müssen die Leiter das rechte Maß, die Verbindung zu
finden wissen von freimütiger Offenheit und weiser Vorsicht. Aber die
hohe Mauer der Burg, in die sie sich bisher einschlossen, müssen sie
niederlegen, Es muß Gelegenheit zu dauernder Wechselrede aller Ar-
beitskräfte in jedem Werke gegeben werden. Neben den Betriebsrat
muß die regelmäßige Betriebsversammlung treten. Das wird gewiß zu-
nächst viel neuen Zank und Streit, viel Widerwilligkeit und Mißver-
ständnis, Bitterkeit undUnruhe zeitigen. Zweifellos. Und doch ist dieser
schmerzensreiche Weg der einzige Weg, der zum Frieden führen kann.
Nur dadurch kann die äußere Arbeitsgemeinschaft in eine innere Ar-
beitsgemeinschaft, in eine seelische Einheit der Führer und der
Geführten, aller mitwirkenden Kräfte verwandelt werden. Und zwar
jedes einzelne Werk mit seinen wirtschaftlichen Bedürfnissen, Schwierig-
keiten, Gefahren, Schicksalen muß der Schauplatz dieses inneren,
geistigen Ausgleichs, gemeinsamer geistiger Arbeit werden. Das Ziel
ist niemals auf dem Umwege der Behandlung der großen, allgemeinen
Wirtschaftsfragen und Sorgen, der Notstände und der Aufgaben der
deutschen Wirtschaft in ihrer Gesamtheit zu erreichen. Nur von der
Quelle und Zelle der Einzelwirtschaft aus, nur aus der Einzelerfahrung
der bestimmten Betriebe kann Einsicht und Klarheit über das Ganze
gewonnen werden. Das Verständnis für das Gesamtleben der
deutschen Wirtschaft, das für jeden Volksgenossen, namentlich
aber für jeden in der Wirtschaft im engeren Sinne tätigen Arbeiter
        <pb n="86" />
        70 Prof. Dr. E. Hornetter:.

so dringend erforderlich ist, kann nur aus den Schicksalen der lebendi-
gen wirtschaftlichen Einheiten, der Einzelwerke geschöpit werden, Vom
Einzelnen geht der Weg ins Allgemeine, nicht umgekehrt, Will man
ernstlich, daß das ganze deutsche Volk seine eigene Wirtschaft ver-
stehe — und wie soll es freudig und willig wirtschaftlich arbeiten ohne
dieses Verständnis? —, nun, dann muß man auch an die Aufgabe heran-
gehen, an die wirtschaftliche Belehrung von innen heraus und von unten
herauf, von dem einzelnen Betriebe aus, an dessen innersten Lebens-
nerv, an dessen wirtschaftlichen Pulsschlag alle mitberufenen Kräfte
herangeführt werden müssen, daß sie diesen wirtschaftlichen Pulsschlag
fühlen lernen. Haben sie das wirtschaftliche Leben und Wesen ver-
standen, so werden sie es zuletzt auch lieben lernen. Man kann nur
lieben, was man begreift, was man kennt. Was einem verschlossen ist,
haßt man, was einem verborgen bleibt, dem widmet man Mißtrauen, da-
hinter wittert man Böses und Arges, Das sind immer gleiche Grund-
gesetze des Menschenlebens.,

Es ist eine Art „geistiger Sozialismus‘, was ich hier fordere, gleich-
sam ein geistiger „Mitbesitz‘‘, eine geistige Mitanteilnahme, die die
Arbeitsgemeinschaft im tieferen Sinne des Wortes ‚erzeugen soll.
Gewinnbeteiligungen irgendwelcher Art, materielle Leistungen und
Opfer werden die innere Vereinigung der Arbeitskräfte niemals voll-
bringen können. Wir sind allesamt Opfer des Marxismus geworden,
haben uns unbewußt alle dem Abgott der Materie gebeugt. Tausend-
und aber tausendmal hat man die sinnlose Rede wiederholt: „Die
soziale Frage ist eine Magenfrage.‘” Das ist der größte Wahn, der je
die Menschen umnebelt hat. Die soziale Frage ist eine geistige
Frage, es ist die Aufgabe geistiger Arbeitsgemein-
schaft, die Frage eines rechten und gerechten Austausches und der
Verbindung der geistigen Leistungen in der Wirtschaft und für die
Wirtschaft. Geistige Arbeit und Handarbeit sind gewiß verschieden.
Aber die Menschen selbst als Persönlichkeiten sind nicht so ver-
schieden, daß sie nur und ausschließlich in das eine oder das andere zu
drängen wären. Gewiß, ihre vorwiegende Arbeit, ihre Hauptleistung
wird hier oder dort zu suchen sein, Aber im ganzen sind die Menschen
nicht aufzuteilen und zu registrieren wie ein Registrierschrank in einem
Büro, Der Mensch ist ein anderes Material als die tote Materie. Er
ist ein spröderer und zugleich auch weicherer Stoff, den man in seiner
bestimmten Art zu behandeln hat, Nur durch Anpassen herrscht man.
Wie der Bildhauer seinen Stoff beherrscht, den Marmor zu bilden weiß
dadurch, daß er sich ihm unterordnet und fügt, die Gesetze dieses
Stoffes rückhaltlos anerkennt und ihm in seiner Art, aus seiner Art her-
aus die Gestalten abrinst, die er in seiner Einbildungskraft trägt, so
        <pb n="87" />
        Die Wirtschaft und die soziale Frage. 71
kann der Mensch auch nur über den Menschen herrschen, den Menschen
bilden, in bestimmte Gestaltungen bringen, wenn er sich den Gesetzen
des Menschentums freudig und willig unterordnet, die unverbrüchlichen
Gesetze des Menschentums anerkennt, gelten und walten läßt. Nur
durch Dienen herrscht man, das ist die ewige Weisheit aller Ge-
schichte, die auch unser verirrtes Zeitalter wieder wird lernen müssen.
Die berufenen Führer haben die Entscheidung der deutschen Zukunft
in der Hand, Wenn ein Volk entartet, verwildert — die Führer sind es,
auf welche die Verantwortung zurückfällt, Wirtschaften heißt nicht
nur wirtschaftliche Werte aus den Elementen der Natur hervorzaubern.
Wirtschaften bedeutet zugleich auch her rs ch en, und über Menschen
kann man nur herrschen, wenn man willig auf ihre Art eingeht, wenn
man sie versteht und liebt, auch in ihrem Trotz noch liebt, um ihrer
selbst willen sie von der Qual dieses Trotzes zu befreien sucht. Wir alle
waren fleißig und arbeitsam, jeder war treu in seiner Berufspflicht. Aber
das Geheimnis des Herrschens hatten wir nicht gekannt, weder im
Staate noch in der Wirtschaft, Und nun glaubt alle Welt, das beste
sei, alle Herrschaft überhaupt abzuschaffen, die allgemeine Herrschafts-
losigkeit zu verkünden, Wir aber müssen lernen, recht zu
herrschen in Staat und Wirtschaft,

„Wage nur dich zu erdreisten,
Wenn die Menge zaudernd schweift.
Alles kann der Edle leisten,
Der versteht und rasch ergreift,“
(Goethe, Faust II.)
        <pb n="88" />
        5,

Industrie und Finanz,
Von Leopold Merzbach, Frankfurt am Main,

Die starke Vermehrung der kulturfähigen Bevölkerung im Laufe
des vorigen Jahrhunderts erforderte eine neue Wirtschaftsorganisation.
Dank den Errungenschaften der Technik vollzog sich allenthalben ein
industrieller Aufschwung, Auch das kaiserliche Deutschland mußte
sich, um seine wachsende Bevölkerungszahl zu ernähren, vom vorwie-
gend auf die Landwirtschaft eingestellten zum Industriestaat entwickeln.
Die Arbeit für den heimischen Bedarf allein konnte aber die Existenz
der Bevölkerung nicht sicherstellen: fremde Wirtschaftsgebiete mußten
erobert werden, Neue Unternehmungen entstanden neben den alten,
und kleinere weiteten sich zu großen aus,

Die Organisation solch großer Wirtschaftsbetriebe erfordert drei-
fache Leitung:

Dietechnische, die, mit möglichst kleinem Aufwand, das sach-
lich Vorzüglichste herzustellen, es den wechselnden Wünschen der Ab-
nehmer anzupassen hat,

Die allgemein kaufmännische, welcher der Einkauf von
Rohstoffen und Halbfabrikaten und die Organisation des Absatzes mit
niedrigstmöglichen Vertriebskosten obliegt. Durch geeignete Reklame
muß für vermehrte Nachfrage gesorgt werden,

Schließlich die eigentlich finanzielle Leitung. Sie dient
dem Industriellen wie dem Kaufmann. Das Anlagekapital — Immo-
bilien, Maschinen und Einrichtungen —, das Betriebskapital — Mittel
für die Einkäufe und für Darlehen an die Kundschaft — sind von ihr
bereitzustellen,

Ein Unternehmen, das technisch auf der Höhe bleiben will, muß
stetig wachsende Ansprüche an die Finanz stellen. Neue Investitionen
müssen immer wieder erfolgen. Ihnen muß nicht nur der größte Teil
der Erträgnisse zugeführt werden, darüber hinaus bedarf es neuen An-
lagekapitals zur Erweiterung des Unternehmens,

Der kaufmännische Leiter seinerseits ist in ähnlicher Lage, Absatz-
vergrößerung wie billiger Einkauf bedingen reichlich vorhandene Be-
triebsmittel.
        <pb n="89" />
        Industrie und Finanz, 13

Diesen Ansprüchen hätten die Eigenkapitalien der Unternehmer
nicht zu genügen vermocht, Erst der Zustrom von Kollektivkapital in
die Wirtschaft hat deren Wachstum ermöglicht. Bei Hypotheken-
banken, Sparkassen und Lebensversicherungsgesellschaften sammelten
sich die Kapitalien, die der Landwirtschaft und dem städtischen Grund-
besitz zugeführt wurden, Die Banken aber mit ihrem Eigenkapital,
ihren Depositen und ihrer Akzeptkreditgabe stellten die Mittel für den
industriellen Aufbau zur Verfügung,

Die Organisation der deutschen Banken ist anders geartet als die
der ausländischen. In England, dem Lande des altererbten Reichtums
und der klassischen Finanztheorie und Praxis, sind die Banken auf ein-
zelne Gebiete spezialisiert: die einen treiben das Depositengeschäft,
andere den Kontokorrent- und Remboursverkehr, wieder andere das
Finanz- und Börsengeschäft, Hingegen in Deutschland, das im Ver-
gleich zu jenem Emporkömmling ist, müssen alle Sparten des Bank-
faches in einem Betriebe, zumal in dem großen, vereinigt werden.

Ohne ein derartig organisiertes Bankgewerbe, das zur Kapitalbe-
reitstellung befähigt und bereit war, wäre der industrielle Aufschwung
Deutschlands nicht möglich gewesen. Andererseits wurzelte das
Wachstum der deutschen Bankwelt im Emporkommen der deutschen
Industrie,

Der Zufluß der auf diese Weise gesammelten Kapitalien vollzog
sich mit der Ausgestaltung der Wirtschaft in veränderten und neuen
Formen, Die einfachste ist die ungedeckte Kreditnahme seitens des
Unternehmers, Sie konnte bei wachsendem Verkehr nicht ausreichen,
weil auch das noch so hoch stehende Ansehen des Einzelkaufmanns
oder der offenen Handelsgesellschaft nicht die zu beanspruchende Kre-
dithöhe hätte rechtfertigen können. Auch muß es immer das Prinzip
jedes vorsichtig disponierenden Unternehmers sein, Bankkredit nur für
vorübergehenden Geldbedarf in Anspruch zu nehmen: für Saisonkredit,
für den Bezug von Rohstoffen oder für den vom Lieferungs- bis zum
Zahltag sich erstreckenden Zeitraum. Bankkredit für Investitionen in
Anspruch zu nehmen, muß immer unwirtschaftlich sein, sowohl wegen
der prozentual zu hohen Kosten als auch mit Rücksicht auf die Un-
möglichkeit der notwendigen kurzfristigen Heimzahlung.

Hypothekarkredit wiederum konnte für industrielle Unternehmun-
gen weniger in Betracht kommen, weil ihnen meistens ein solcher von
Sparkassen, Lebensversicherungsgesellschaften und Hypothekenbanken
mit gutem Grunde verweigert werden mußte: der Hypothekarkredit
gründet sich weniger auf die Solvenz des Subjekts, als auf die unbe-
dingte, auf lange Zeiträume verbürgte Sicherheit des verpfändeten Objekts,
Eine solche Sicherheit bieten zwar der landwirtschaftliche und der
        <pb n="90" />
        7 Leopold Merzbach:

städtische Grundbesitz, deren stabiler Wert und gleichmäßige Renta-
bilität in einem hohen Maße wahrscheinlich sind. Die Industrieanlage
behält jedoch nur dann ihren unveränderten Wert, wenn aus ihr eine
fortlaufende Rentabilität zu erzielen ist. Ist das nicht der Fall, oder
kommt gar das Unternehmen zum Stillstand, so hat die mit teuren
Mitteln errichtete Anlage nur Abbruchswert,

Selbst in Obligationsform gewährter Hypothekarkredit konnte nur
solchen Wirtschaftsunternehmungen zufließen, die erstklassige subjek-
tive und objektive Sicherheit boten. Wurden selbst diese Voraus-
setzungen erfüllt, so mußten sich dennoch industrielle Unternehmungen
mit niedrigeren Beleihungsquoten als andere Wirtschaftskreise begnü-
gen. Wenn ganz große Gesellschaften von Weltruf in den Vorkriegs-
jahren Obligationen ohne jede hypothekarische Sicherheit emittieren
konnten, so hatte das seinen Grund in dem unbegrenzten ihnen ent-
gegengebrachten Vertrauen.

Mit Leihkapital allein hätten also die Industriellen ihren Bedarf
nicht finanzieren können. Es bedurfte der Beteiligung weiter Kreise
an den Unternehmungen selbst: in Form der Kommanditgesellschaft bei
natürlichen Personen, oder in Form der Aktiengesellschaft und der Ge-
sellschaft mit beschränkter Haftung bei Körperschaften.

Hauptsächlich durch diesen Zustrom von Kollektivkapital in die
Aktiengesellschaften wurde der gigantische Bau der deutschen Wirt-
schaft aufgerichtet. Die eine Ursache zu diesem Zustrom war, daß eine
Beteiligung an einer Körperschaft ohne persönliches Engagement nach
außen möglich war, wie das in der französischen Bezeichnung „Societe
anonyme‘ ausgedrückt ist. Darauf beruhte die psychologische Bereit-
schaft, Die im englischen Namen „Limited company” hervorgehobene
Risikobeschränkung auf den eingezahlten Betrag war ein wesentliches
anderes Motiv und schuf die Bereitschaft aus ökonomischen Anlässen,
Die leichte Veräußerungsmöglichkeit der Anlage, die sich in der deut-
schen Bezeichnung „Aktie‘“ widerspiegelt, war das dritte Motiv zur
Entstehung von Aktiengesellschaften großen Stils.

Die Aktien mußten gegen sofortige Einzahlung von den Banken
übernommen werden, sowohl um den Vorschriften des Handelsgesetz-
buches als auch um dem finanziellen Bedarf zu genügen. Die Banken
konnten aber die übernommenen Werte nur in längeren Zeiträumen, der
Bildung von Sparkapital entsprechend, placieren. Sie unternahmen
eine volkswirtschaftlich nützliche Spekulation, Unter dieser versteht
man den zeitlichen Ausgleich zwischen Kapitalangebot und -nachfrage,
die niemals im Gleichgewicht sind. Ohne solche Spekulation ist das
Räderwerk des modernen, fein organisierten Wirtschaftsbetriebs nicht
in Gang zu halten.. Sie in der beschriebenen Art zu unternehmen, ist
        <pb n="91" />
        Industrie und Finanz. 75
Aufgabe des Bankgewerbes, wodurch Kollektivkapital zur Finanzierung
der Wirtschaft in weitem Maße herangezogen werden kann,

Zu diesem Zwecke muß die Übertragung des Besitzes durch die
Form der Beteiligung von Kollektivkapital erleichtert werden, Das ge-
schieht am vollkommensten in der Aktienform, In ihr ist der Aktionär
Mitbesitzer des Unternehmens, während die Leitung dem Vorstand und
Aufsichtsrat obliegt. Er muß Vertrauen in deren Geschäftsführung
haben, und sie müssen sich durch Begabung und Charakter zur Führer-
schaft eignen, Ist das aber selbst der Fall, so entstehen dennoch leicht
Reibungen zwischen Verwaltung und Aktionären: der Aktionär hat den
verständlichen Wunsch, über die Entwicklung des Unternehmens in
allen Einzelheiten unterrichtet zu werden, Berechtigt ist die Forderung
aber nur bis zu einem gewissen Grade: die Verwaltung kann un-
möglich über alle ihre Pläne, über die Details der Bilanz in der Öffent-
lichkeit allzu weitgehende Auskunft geben: mit Rücksicht auf die In-
teressen des Unternehmens selbst, Trifft das schon gegenüber dem
Daueraktionär zu, dessen Ziele völlig mit denjenigen der Verwaltung
übereinstimmen sollten, so ergeben sich neue Schwierigkeiten gegen-
über dem Aktionär, der nicht eine längere Anlage, sondern eine Agio-
tage beabsichtigt hat. Diese darf nicht mit volkswirtschaftlich nütz-
licher Spekulation verwechselt werden; sie ist Spiel, das nur Kursge-
winn beabsichtigt, wobei das Unternehmen selbst dem Spieler mehr
oder minder gleichgültig ist. Der nur vorübergehende Besitzer wünscht
während seiner Besitzzeit Ausschüttung einer möglichst hohen Divi-
dende, da eine unerwartet hohe Dividende zu einer Kurssteigerung
führt, von der er profitieren will. Die Verwaltung hingegen muß im
Interesse der dauernden Aktionäre wie der Gesellschaft selbst auf
Stabilität der Dividende und auf deren Festsetzung nach Maßgabe der
liquiden Mittel Wert legen. Hohe Dividenden führen Konkurrenzunter-
nehmungen auf den Plan und verstimmen die Kundschaft, weil sie die
Meinung erwecken, die Verkaufspreise seien zu hoch.

Solche vorübergehende Aktionäre können gefährlich für Durch-
führung berechtigter Verwaltungswünsche werden, wenn sie in ihrer
Hand ein Viertel des Aktienkapitals vereinigen und dadurch die Auf-
bringung der für gewisse Fälle vom Handelsrecht geforderten Drei-
viertelmajorität verhindern können, Dabei wird von ihnen nicht immer
mit den reinsten Mitteln gearbeitet, was zur Prägung des geflügelten
Wortes „Erpresserminorität‘ geführt hat,

Weitaus größeren Konfliktsstoff bieten aber noch Mißgriffe der
Verwaltung: das Aktienrecht fordert das Angebot der Neuemissionen
an die alten Aktionäre im Verhältnis ihres Besitzes. Zwar erfolgte
auch früher immer zur Vereinfachung der Abrechnung die Übernahme
        <pb n="92" />
        76 Leopold Merzbach:

neu ausgegebener Aktien durch ein Konsortium unter formalem Aus-
schluß dieses gesetzlichen Bezugsrechts. Die Verwaltungen aber
empfanden es als Ehrenpflicht, dem Übernahmekonsortium die ratier-
liche Verfügungstellung an die alten Aktionäre aufzuerlegen. Von
dieser Tradition ist man leider im letzten Jahrzehnt abgewichen, Ver-
waltungen hielten sich für berechtigt, einen Teil des Bezugsrechts zu
niedrigem Preise an dem Unternehmen nahestehende Kreise zu über-
lassen. Gedacht war dabei ursprünglich wenigstens an einen dauern-
den Besitz, Die leichte Verkäuflichkeit der billig übernommenen
Aktien mit einem erheblich scheinenden Zwischengewinn brachte jedoch
die auf diese Weise Begünstigten in Versuchung, die übernommenen
Aktien abzustoßen.

Dieser im Zeitpunkt der Übernahme nicht in Aussicht genommene
Verkauf hatte noch einen anderen Mißstand zur Folge: die Verwaltun-
gen verminderten ihren Dauerbesitz und ihre Herrschaftsmöglichkeit
über die Körperschaft; das geschah sogar in erhöhtem Maße, als Aus-
länder an deutschen Unternehmungen Interesse nahmen. Diese auslän-
dischen Käufe bedeuteten Kapitalanlagen oder auch in vielen Fällen
Spekulationen, die Gewinne aus der erhofften Wertsteigerung der
Aktien wie der deutschen Valuta einheimsen wollten. Sie schufen
die Gefahr einer Überfremdung, In der Tat war die Befürchtung
berechtigt, daß bei dem niedrigen Stand der deutschen Valuta,
gegenüber welchem der nur scheinbar hohe Preis der Aktien
nicht ins Gewicht fiel, das Ausland sich deutscher Unterneh-
mungen völlig bemächtigte. Dem mußte vorgebeugt werden. So war
es zu begrüßen, daß der Verkauf von Schiffahrtsaktien an das Ausland
zeitweilig verboten wurde, Ein erheblicher Einfluß auf die deutsche
Flotte hätte Ausländern nicht eingeräumt werden dürfen, Man konnte
aber unmöglich solche Verkaufsverbote für alle Aktienwerte erlassen.
Deswegen schuf man, um der Überfremdungsgefahr auf andere Weise zu
begegnen, den Typ der mehrstimmigen Vorzugsaktien. Solche Vorzugs-
aktien genießen nur verhältnismäßig niedrige Verzinsung und haben be-
schränkten Anteil am Liquidationserlös. So haben sie mehr obligations-
ähnlichen Charakter, Hauptsächlich das Stimmrecht kennzeichnet sie
als Aktien,

Das mit der Schaffung der Vorzugsaktien eigentlich erstrebte Ziel:
die Abwendung ausländischen Einflusses, trat aber bald in den Hinter-
grund, Vielmehr benützte man die Mehrstimmigkeit der Vorzugsaktien,
deren Bezug man nur Verwaltungskreisen gestattete, um nicht das Un-
ternehmen, sondern die Verwaltung vor Überfremdung zu schützen, Da-
durch erhielten diese einen Stimmrechtsumfang, der die Geltend-
machung entgegengesetzter Anschauung ausschloß. Ja, man ging zu-
        <pb n="93" />
        Industrie und Finanz, 7
weilen weiter: man nützte die Vorzugsaktien zu materiellen Vorteilen
aus, indem man sie durch Generalversammlungsbeschluß in Stamm-
aktien umwandelte und sie damit als solche an der Rentabilität und dem
Vermögen des Unternehmens teilnehmen ließ. Eine solche, dem Geiste
des Aktienrechts widersprechende Handhabung konnte erfolgen, weil
der Kreis der wirklich interessierten Aktionäre sich erweitert hatte:
Aktienanlage erfolgte auch von solchen Kapitalisten, die früher nach
der mündelsicheren oder mindestens nach der auf eine feste Verzinsung
gestellten Anlage strebten. Durch die Flucht aus der Mark in die Sach-
werte, als welche man den Aktienbesitz ansah, sowie durch die allge-
meine Spekulationslust erweiterte sich noch dieser Kreis. Je mehr
aber dies der Fall war, um so weniger waren die der Verwaltung fern-
stehenden Aktionäre bei den Generalversammlungen vertreten. Sie
erhielten kaum Kenntnis von deren Anberaumung. War selbst dies der
Fall, so mangelte es ihnen an Zeit zum Besuch, Dadurch erfolgten der-
artig weitgehende Beschlüsse, wie die Umwandlung von Vorzugs- in
Stammaktien, zwar unter Achtung der gesetzlichen Vorschriften, aber
ohne Mitwirkung, ja oft ohne Billigung der an dem Unternehmen inter-
essierten Aktionäre.

Durch diese Indolenz der Aktionäre wurde die übertriebene Stimm-
rechtsbevorzugung der Vorzugsaktien zur allgemeinen Übung und ward
zum Gewohnheitsrecht, Selbst die Goldmarkbilanzverordnung, auf die
später noch zurückzukommen sein wird, hat diese Gewohnheit legali-
siert und bestimmt, daß das Stimmenverhältnis zwischen Vorzugs- und
Stammaktien in seiner Gesamtheit durch die Umstellung auf Goldmark
unverändert bleibt.

Die Unstimmigkeiten innerhalb der Körperschaften beschränken
sich jedoch nicht auf das Verhältnis zwischen Aktionären und Verwal-
tungen, auch innerhalb der letzteren herrschen oft Interessenverschie-
denheiten, Sie entstehen dadurch, daß der Aufsichtsrat notwendiger-
weise aus verschiedenen Elementen zusammengesetzt sein muß; oft drän-
gen sich auch gegen den Willen der Verwaltung unerwünschte Persön-
lichkeiten ein, Rohstoff- und Halbfabrikatlieferanten wünschen Sitze
im Aufsichtsratsgremium eines Unternehmens, um sich die Kundschaft
zu sichern, Der Großvertreiber des Fabrikats hat das gleiche Streben,
weil er auf die Bezugsquelle dauernd Einfluß haben will. Schließlich
will der Bankier, der die Finanztransaktionen zu erledigen hat, als
Aufsichtsratsmitglied eine gründliche Einsicht erhalten, ohne die er
weder Kredite gewähren‘ noch die Aktien vertreiben kann. Selbst
unter Ausschaltung individueller Interessen haben sie alle eine ver-
schiedene Einstellung zu dem Unternehmen, und es ergeben sich daraus
Konfliktstoffe,
        <pb n="94" />
        78 Leopold Merzbach:

Diese werden dadurch verschärft, daß zwar der Rechtskonstruktion
nach das demokratische, in der Realität aber das autokratische Prinzip
in der Körperschaft vorherrscht: der groß angelegte Unternehmer dul-
det nur selten gleichstehende Kräfte neben sich. Ihn treibt meist nicht
Gewinnsucht, sondern ihn beherrschen Machtwille wie Schöpferlust.
Derartige Naturen werden Könige der Wirtschaft. Überschreiten sie
nicht die Grenzen ihrer technischen und finanziellen Leistungsfähigkeit,
so entstehen stolze Unternehmungen. Andernfalls scheitern sie aber
an dem Mißverhältnis zwischen Wollen und Können. Zu welch tra-
gischen Konflikten dies führen kann, hat Ibsen in John Gabriel Bork-
man in künstlerischer Wiedergabe realer Vorkommnisse gestaltet,

In günstigen Zeiten konnten aber die meisten von Erfolg gekrönt
werden. Aus ihrem genialischen Drang und aus den ökonomischen
Notwendigkeiten erwuchsen die neugebildeten Formen der Wirtschafts-
organisation. So entstanden Kartelle und Syndikate mit Monopol-
charakter, Die in ihnen zusammengeschlossenen Betriebe konnten
Preise diktatorisch festsetzen und Löhne bestimmen. Zwischen gleich-
artigen Unternehmungen bildeten sich Interessengemeinschaften, nicht
nur zur Verminderung der Kosten, auch um das Gesamtgebiet zu be-
herrschen. Aus ihnen entwickelten sich dann noch engere Zusammen-
schlüsse: Fusionen, in welcher Form das machtvollere Unternehmen
den schwächeren Konkurrenten aufsaugte. Darüber hinaus noch ent-
standen Konzerne: Wirtschaftsgebilde, die Einfuhr des Rohstoffes, die
Gewinnung des Halbfabrikates bis zum Vertrieb des Endproduktes in
sich vereinend, Derartige Vertikalkonzerne fanden Unterstützung in
der Gesetzgebung, zumal in den letzten Jahren: hohe Umsatzsteuern
wurden durch die Vertikalkonstruktion des Konzerns gespart.

Wagemutige Unternehmer sind noch weiter geschritten: sie haben
Konzerne gebildet, die nicht einmal mehr ein organisches Ganze bilden,
und sind in einander ganz fern liegende Wirtschaftsgebiete eingedrun-
gen, Sie haben dadurch ihr Risiko vermehrt, insbesondere, wenn sie
sich schließlich Konzernbanken zur Erledigung der Finanzangelegen-
heiten angliederten. Ganz gewiß muß die finanzielle Leitung eines
großen Unternehmens, auch dann, wenn es an vielen Orten Betriebs-
oder Vertriebsstätten hat, eine einheitliche sein. Das muß aber auf or-
ganisatorischem Wege erreicht werden. Schließt das Wirtschaftsunter-
nehmen sich jedoch eine sich lediglich seinen Interessen widmende
Bank an, so steht und fällt diese Bank mit dem Ansehen und der Renta-
bilität des Mutterunternehmens, Sie ist gerade zur Zeit, wenn ihre Hilfe
in Krisen gebraucht wird, zur Ohnmacht verurteilt. Stockungen blieben
allerdings in der Vorkriegszeit nur ganz vereinzelte Erscheinungen,
        <pb n="95" />
        Industrie und Finanz, 79
dank dem gesunden, immer fester werdenden Aufbau der Wirtschaft,
den Industrie und Finanz gemeinsam aufrichteten.

Diese beiden Elemente der Wirtschaft wußten sich im Kriege den
Kriegsbedürfnissen anzupassen. Krieg zeitigt erhöhten Verschleiß aller
Waren, Die Absatzmöglichkeit der für Kriegsbedarf nötigen Güter war
demnach eine unbegrenzte; nur um die Leistungsmöglichkeit handelte
es sich. Diese entstand auf einer ungeheuer verbreiterten Produktions-
basis.

Sie konnte errichtet werden, weil die Finanzierung, je mehr die
Finanzpolitik zur Inflation führte, eine in jeder Hinsicht leichte war,
Der Staat war nicht nur kulanter Zahler für Lieferungen, er gewährte
bei Kriegslieferungen die Mittel selbst zur Erweiterung der Anlagen.
Die Reichsbank war bis zum höchsten Maße freigebig in Diskontierun-
gen. Die Banken gewährten Kredite, ohne zu erkennen, daß sie gegen
weggegebenes gutes Geld schlechtes zurückempfingen. Sie waren fer-
ner zur Aktienübernahme geneigt, weil das Publikum durch die immer
wachsende Notenvermehrung Kapitalien frei hatte und sich zu Aktien-
käufen drängte, Es sah die rauchenden Schornsteine, beobachtete die
völlige Ausnützung der Kapazität und war dadurch zur Beteiligung an
Unternehmungen geneigt. Auf diese Weise glaubte es, die Flucht in
die Sachwerte vollziehen zu können, als das Mißtrauen in die Währung
im Verlaufe des Krieges und der Nachkriegszeit immer weitere Kreise
beherrschte.

Noch ein anderes bestimmte die große Masse: mit der Aus-
schüttung von Dividenden, mochten sie auch in Papiermark das Viel-
fache des Aktiennominalbetrags erreichen, war ihr nicht gedient, da der
Besitz von Geld unerwünscht war, Diese Konjunktur benützten die Ver-
waltungen zur Erhöhung der Eigenkapitalien, indem sie altem Besitz
neue Bezugsrechte anboten.

Auf diese Weise trat in der Inflationszeit das Finanzproblem in
den Mittelpunkt der Betriebsaufgaben. Es mußte nicht nur die finan-
zielle, sondern auch die allgemein kaufmännische Leitung in Atem
halten. Ein Fehler in der Gelddisposition konnte alles über den Haufen
werfen, Handel und Industrie mußten daher in erster Linie Sorge tra-
gen, den Gefahren der Währungsverschlechterung zu entgehen. Jeder
strebte, dieses Risiko auf den anderen abzuwälzen. Der Käufer wollte
nur mit möglichst weit gestreckten Zahlungsverpflichtungen erwerben,
der Verkäufer auf raschen Eingang seiner Forderungen bedacht sein.
Im gesamten Wirtschaftsleben, im Verhältnis zwischen Arbeitgeber und
Arbeitnehmer, in dem vom Produzenten zum Konsumenten, entstand
ein Kampf aller gegen alle.
        <pb n="96" />
        80 Leopold Merzbach:

Er wäre noch viel schärfer geworden, wenn nicht, in völliger Ver-
kennung der Währungslage, die Reichsbank die Entwertungsgefahr zum
Teil der Wirtschaft durch billige und ausgedehnte Diskontierung ab-
genommen hätte, An dieser Vergünstigung hatten jedoch nicht alle
Kreise gleichmäßig teil. Die bei der Reichsbank weniger gut Akkredi-
tierten hatten unter der verhängnisvollen Wirkung des irrtümlich auf-
gestellten Grundsatzes „Mark gleich Mark” zu leiden. Nach der auf
diesem begründeten Rechtsprechung konnte der Verkaufserlös nicht
einmal entfernt die Wiederbeschaffungskosten decken, wodurch das
Finanzproblem nach anderer Richtung hin noch an Bedeutung gewann.

Gegenüber der Aufgabe, den vielseitigen Währungsgefahren nicht
zu erliegen, trat die technische Leistung in den Hintergrund, zumal
Waren aller Art ohne Rücksicht auf Qualität in jeden Mengen ab-
gesetzt werden konnten, Der Wunsch, in Sachwerte zu flüchten, stei-
gerte die inländische Nachfrage ins Ungeheure.

Auch der Absatz nach dem Ausland blühte: durch eine entstehende
Exportprämie, Es hatte sich ein Wertunterschied der inneren und
der äußeren Währungskaufkraft herausgebildet: die innere folgte nur
langsam der rascher sinkenden äußeren Bewertung. Diese Kaufkraft-
differenz wurde durch die Ernährungs- und Wohnungszwangswirtschaft
— beides notwendige soziale Maßnahmen — verstärkt. Durch diese
Währungskaufkraftdifferenz entstand diese Exportprämie, die irrtüm-
lich oft dem an und für sich niedrigen Stand der heimischen Valuta zu-
geschrieben wurde, In Wahrheit war diese zusätzliche Exportkraft
die Dynamik, die aus der Differenz zwischen innerer und äußerer Kauf-
kraft der Währung entsteht. Zwar streben selbstverständlich, nach den
ökonomischen Gesetzen, beide Kräfte nach einem Gleichgewicht, das
ja auch schließlich erreicht wurde. Aber während der Dauer dieser
Annäherungsbestrebungen waren die Länder mit zusätzlicher Export-
kraft in so gesteigertem Maße konkurrenzfähig, daß der Schein des
„Dumping‘ entstand.

Durch die infolge aller dieser Umstände entstehende Absatzmög-
lichkeit verbreiterte sich aber die Produktionsbasis noch mehr ins Un-
gesunde als während des Krieges, Die technische Kapazität verminderte
sich, weil sie im Konkurrenzkampf wie für die Rentabilität zu geringerer
Bedeutung herabgesunken war: Industrie und Finanz litten unter dem
depravierenden Einfluß der Inflation.

Nunmehr ist die Inflation beendet, die Währung stabilisiert. Die
Wirtschaft steht zu Beginn der neuen Epoche industriell wie finanziell
großen Schwierigkeiten gegenüber. Die Anlagen sind für die jetzigen
Wirtschaftsverhältnisse zu groß und können nunmehr nicht voll aus-
genützt werden. Jeder leidet unter Absatzschwierisgkeiten, nachdem
        <pb n="97" />
        Industrie und Finanz, 81
der Konsum im Inland durch die Verarmung herabgedrückt ist, die Ex-
portprämie nicht mehr existiert und das Ausland in protektionistischer
Politik sich abschließt,

Die kaufmännische Disposition ist erschwert durch die Verwilde-
rung der Zahlungssitten und den Bonitätsrückgang der Kundschaft, Zwar
sind Passivhypotheken mit Bruchteilen der früheren Schuldenlast durch
die Markentwertung getilgt, das spielt jedoch keine Rolle gegenüber der
weitgehenden Verschuldung, denn mit einer solchen ist die Industrie
in die neue Epoche eingetreten, Das schlimmste ist, daß Betriebsmittel
allenthalben fehlen, Bestände in Markwährung aus früherer Zeit sind
ja wertlos geworden. Der gewiß einmal vorhanden gewesene, wenn
auch immer stark überschätzte Devisenbesitz der Industrie mußte schon
längst zu Auffüllung der Betriebsmittel und zu Steuerzahlungen reali-
siert werden und fehlt heute, Zu allem kommt noch die Industrie-
belastung gemäß dem Dawes-Gutachten,

Alle in der Wirtschaft wirkenden Kräfte stehen demnach vor
neuen, sehr schweren Aufgaben. Durch die Vernachlässigung der tech-
nischen Seite sind wir im Rückstand gegenüber manchen fremden Län-
dern, Die technische Leitung muß nunmehr für rationelle Produktion
sorgen, Überschüssige, lebensunfähige Gebilde werden verschwinden
müssen, um in der straffen, zur höchsten Leistung fähigen Anlage zu-
sammengefaßt zu werden. Wir werden so zu einer Konzentration der
Kräfte kommen müssen, was aber keineswegs gleichbedeutend mit Kon-
zernbildung ist,

Mehr aber noch als bisher, wenn auch in anderer Weise, wird das
Finanzproblem uns beschäftigen. Mit kargen Mitteln müssen wir einen
raschen und hohen Umsatz bei relativ niedrigem Nutzen bewältigen.
Dennoch muß sich der Umsatz aber der finanziellen Leistungsfähigkeit
anpassen, Wird diese bei der Produktion der Industrie oder bei dem
Umsatz des Handels nicht genügend berücksichtigt, so drohen dem Un-
ternehmen Stockungsgefahren, Häufiger noch als in früheren Epochen
ist Illiquidität des Unternehmens, nicht Minussaldo der Bilanz, zur Zeit
die Ursache von Zusammenbrüchen.

Diesem Umstand der Betriebsmittelnot muß auch die Steuergesetz-
gebung Rechnung tragen, der Ökonomie eine Atempause geben, damit
sie sich aus dem Chaos des letzten Dezenniums erhole.

Das beleuchtet nur die negative Seite. Positiv muß dafür gesorgt
werden, daß die Finanz den Unternehmungen wieder Kapitalien zuführt.
Auch das ist erschwert. Kreditnahme, in welcher Form sie auch er-
folgt, muß notwendigerweise gegenwärtig mit zu hohem Zins belastet
sein, Der Leihwert des Geldes besteht aus zwei Komponenten: dem
Zinssatz und der Risikoprämie. Zins ist der Preis für Geldhergabe.,

Die deutsche Wirtschaft.
        <pb n="98" />
        SZ Leopold Merzbach:

Wie der Wert aller Waren, richtet er sich nach Angebot und Nach-
frage. Er ist hoch, weil die Nachfrage das Angebot um ein Bedeuten-
des. übersteigt, Die Risikoprämie mußte während der Inflationszeit
nach dem Gefahrenmoment für die Wertverminderung der deutschen
Valuta kalkuliert werden. So erklärt es sich, daß im November 1923,
in dem Augenblick, in dem das Mißtrauen gegen die deutsche Währung
den Höhepunkt erreicht hatte, ein Geldleihwert von 1000 % für einen
einzigen Monat bewilligt werden mußte; selbst für Transaktionen an
der Börse, bei denen die Sicherheit in doppelter Höhe des Leihkapitals
gestellt wurde. Das Gefahrenmoment für die Währung ist nicht mehr
vorhanden. An seine Stelle aber ist ein anderes Risiko getreten: der
Zweifel an der dauernden Bonität des Darlehensnehmers, Auch dieses
Risiko muß bei einer Leihgabe einkalkuliert werden, Dadurch ist die
Situation entstanden, daß kurzfristiges Geld, gedeckt durch zweifel-
freies Depot oder durch erstklassige Bankunterschrift, zu einem relativ
niedrigen Satz erhältlich ist, während langfristige und ungedeckte Dar-
lehen, wenn überhaupt, nur zu einem hohen Satz erhältlich sind.
Gewiß ist der Geldleihsatz für die Industrie zu hoch. Sie kann unmög-
lich in ihren Betrieben eine seiner Höhe entsprechende Rentabilität
erzielen, Andererseits kann aber, solange die geschilderten Gefahren
vorhanden sind, der Geldleihwert nicht sinken, Beschränkt man durch
Gesetz oder Rechtsprechung künstlich die Einbeziehung dieser Risiko-
prämie, so wird dem mittleren und kleinen Unternehmer jeder Bank-
kredit überhaupt entzogen, Er findet alsdann keinen Darlehensgeber,
der ohne entsprechendes Entgelt das Risiko zu tragen gewillt ist.
Ein Ausgleich der widersprechenden Interessen ist sehr schwer
möglich.

Wenn die Industrie daher Leihkapitalien nur zu einem Entgelt sich
beschaffen kann, das ihre eigene Rentabilität übersteigt, wenn man-
gelnde Depositen und reduziertes Eigenkapital der Banken ohnehin
Darlehens- und Akzeptkreditgabe nur in reduziertem Maßstabe zu-
lassen, so ist die Wirtschaft um so mehr auf die direkte Beteiligung des
Spargeldes an der Körperschaft angewiesen. Damit der Wille hierzu
wachse, müssen die Verwaltungen wieder mehr Rücksicht auf den ein-
zelnen Aktionär nehmen, die Öffentlichkeit minder souverän behandeln,
als das bisher geschehen ist,

Um die Beteiligungslust zu heben, muß ferner ein Abbau des mehr-
stimmigen Vorzugsaktiensystems unbedingt erfolgen. Wenn die Ge-
setzgebung darin nicht eingreift. sollten die Banken einschreiten. Sie
müßten die Übernahme neuer Aktien davon abhängig machen, daß die
den Vorzugsaktionären zustehenden Stimmrechte in ein gerechtes Ver-
hältnis zu denen der Stammaktionäre gestellt werden.
        <pb n="99" />
        Industrie und Finanz, 83

Auch die Dividendenpolitik muß das gleiche Ziel verfolgen: dem
Aktionär mehr Rücksicht tragen, Ganz gewiß können nur dann Divi-
denden gezahlt werden, wenn nicht nur ein Gewinn erzielt, sondern
auch die Ausschüttung mit Rücksicht auf die Liquidität des Unterneh-
mens statthaft ist, Ist dies jedoch der Fall, so muß dem Aktionär auch
eine Rendite gewährt werden,

Aber auch dieser muß seine Anschauungen ändern: er muß sich
wieder mehr denn bisher als Teilhaber der Körperschaft fühlen. Das
müßte er durch Besuch der Generalversammlung zum Ausdruck bringen,
Die Kosten sind ihm jedoch zu hoch, so muß er seine Interessenvertre-
tung anderen anvertrauen, Es wäre eine nützliche Aufgabe für nicht
genügend beschäftigte, unabhängige Privatbankfirmen, solche Vertre-
tungen zu übernehmen, Allerdings ist es für den Kleinaktionär schon
schwer, selbst diese Kosten aufzubringen. Sie können nicht ganz gering
sein, da solche Tätigkeit immer Reisen erfordert,

Macht der Aktionär auf solche Weise von dem ihm zustehenden
Rechte Gebrauch, so darf er die Belange des Unternehmens selbst nicht
aus dem Auge verlieren. Sie sind für den Außenstehenden oft nicht er-
kenntlich, Das hat sich bei der Kritik der Goldmarkumstellungen ge-
zeigt. Bei ihnen wurde oft die Herabsetzung des Kapitals als eine allzu
radikale bemängelt, Inzwischen hat die Wirtschaftsentwicklung
Deutschlands jedoch bewiesen, daß oft nicht einmal allen Reduktions-
notwendigkeiten Rechnung getragen worden ist. Noch vor wenigen
Monaten hat man den Substanzwert überschätzt, weil man die Renta-
bilität des Unternehmens nicht richtig bewertet hat.

Dessenungeachtet kann gesagt werden, daß die Umstellung auf
Goldmark den Inflationsschleier zerrissen und Klarheit geschaffen hat:
sie läßt die tatsächlichen Verhältnisse der Gesellschaften in Erscheinung
treten, Über die Art der Aufnahme der Aktiven bestehen Vorschriften
dahingehend, daß diese mit ihrem Anschaffungswert, aber keinesfalls
über den Zeitwert hinaus aufgenommen werden dürfen. Geschieht das
nicht, so muß dies in der Bilanz und in dem Prüfungsbericht deutlich
hervorgehoben werden,

Die so bewerkstelligte Umstellung des Gesamtvermögens einer
Aktiengesellschaft auf Goldmark mußte automatisch auch zu einer Ver-
änderung des Aktien-Nominalbetrages führen, Während früher nach
dem Aktienrecht eine deutsche Aktie einen Nominalwert von mindestens
1000 Mark haben mußte, wurde in der Goldbilanzverordnung ein Mini-
malbetrag von M, 20,— vorgesehen, Das war notwendig zur Wahrung
der Rechte von Klein-Aktionären. Hätte man nämlich die Grenze nicht
so weit nach unten gezogen, so hätte man bei der Goldmarkabstem-

ß*
        <pb n="100" />
        Bei Leopold Merzbach:

pelung für mehrere Aktien eine neue ausstellen müssen, Einzelaktio-
näre wären dadurch, wenn ihnen die Mittel zum Einkauf von Spitzen
fehlten, gezwungen worden, ihre Aktien zu verkauten.

Wir haben also dadurch in Deutschland nunmehr Aktien im Nomi-
nalbetrag von M. 20,.— im Umlauf, Das erschwert den Umsatz, denn
es gibt zuviel Titres mit den verschiedensten Nominalbeträgen, und
die entstehenden Kosten sind im Verhältnis zum Werte zu hoch. Eine
weitere Folge gibt aber noch zu denken: nunmehr ist der Erwerb einer
Aktie auch dem kleinsten Kapitalisten ermöglicht. Man hat früher mit
Recht den Standpunkt vertreten, derjenige, der nicht tausend Mark
aufbringen könne, solle seine Anlage in festverzinslichen Obligationen
und nicht in der in Ertrags- und Substanzwert schwankenden Aktie
bewerkstelligen. Wenn in England anders gedacht wurde, so ist das
mit unseren Verhältnissen nicht vergleichbar. Selbst der Kleinkapitalist
ist dort infolge einer langen Tradition geübter in der Auswahl seiner
Anlageobjekte. Es ist zu hoffen, daß durch die technisch notwendige
Maßnahme in Deutschland nicht die Agiotagelust Kreise ergreift, die ihr
unbedingt ferngehalten werden müssen. Aus allen diesen Gründen wird
man bald doch zu einem Umtausch der umlaufenden Kleinaktien in
eine Urkunde von größerem Nominalwerte greifen müssen.

Durch die Klarheit, welche die Goldmarkumstellung geschaffen hat,
ist auch zu hoffen, daß das Ausland sich wieder mehr für deutsche
Werte interessiert. Es wird allerdings vorher die Schmälerung der
Vorzugsaktienrechte verlangen. Sie sind nicht mehr zeitgemäß, denn
eben herrscht keineswegs mehr die einmal vorhanden gewesene Gefahr
der Überfremdung vor, sondern umgekehrt: die schlechte Rentabilität
der Wirtschaft, das Mißtrauen gegenüber dem durch Krieg und Infla-
tion geschwächten Land schrecken ausländische Kapitalisten ab,

Wenn wir das Interesse des Auslandes wiedergewinnen wollen,
so müssen wir uns seinen Wünschen auch in unseren Formen anpassen,
Als solche kommt unter anderem der in England und Amerika schon
marktgängige Typ der Convertible Bonds in Betracht, Darunter ver-
steht man festverzinsliche Obligationen, die nach Wahl der Gläubiger
in Aktien umgewandelt werden können. Dieser Typ bietet dem Kapi-
talisten den Vorteil, zunächst eine Schuldverpflichtung der Gesellschaft
darzustellen, für die sie mit ihrem ganzen Vermögen haftet, und die sie
feststehend verzinst. Dadurch genießt der Besitzer zuerst die Vorteile
der Gläubigerrechte: gesicherte Kapitalforderung mit feststehendem
Zinseinkommen, Bessert sich die Lage des schuldnerischen Unterneh-
mens, so wandelt der Bondsbesitzer die Obligation in eine Aktie um
und tauscht dann deren Vorteile ein: Beteiligung an einem Unternehmen
und Dividendenanspruch. Für das Unternehmen aber besteht der Vor-
        <pb n="101" />
        Industrie und Finanz, 85
teil darin, daß es in einer Periode großer Kapitalnachfrage die Gelder
zu relativ billigem Zinssatz erhält, die ihm sonst überhaupt unerhältlich
sind,

Die Ausgabe solcher in Aktien konvertiblen Obligationen dürfte
wohl auch nach den bestehenden deutschen Gesetzen möglich sein. Eine
Gesellschaft kann mit 25 % eingezahlte Aktien emittieren und sie an
einen Treuhänder zum Nominalwert mit der Verpflichtung verkaufen,
sie zurückzuliefern, sobald die Inhaber der Convertible Bonds den Um-
tausch fordern, Wenn dieser in Deutschland noch selten gewählte Typ
demnach auch ohne Änderung des Aktienrechts — obwohl über diesen
letzten Punkt Meinungsverschiedenheit herrscht — benutzt werden
kann, so muß das Aktienrecht doch einer Revision, unseren gegenwärti-
gen Verhältnissen entsprechend, unterzogen werden,

Durch Änderungen von Gesetzen und Formen wird jedoch nur die
äußere Konstruktion der Wirtschaft gewandelt, Ihr festes Gefüge er-
hält sie durch den Menschen selbst, der ihr seine Tätigkeit widmet.
Eine große Rolle spielen daher psychologische Einwirkungen. Solche,
sowie ökonomische Notwendigkeiten haben im letzten Jahrzehnt dazu
geführt, daß industrielles Können hinter spekulativer Betätigung zurück-
getreten, daß der Machtwille einzelner zur Vorherrschaft über die
Masse der Beteiligten gelangt ist. So kam die Wirtschaft in Verwirrung,
Ihr entrinnen wir, indem wir unter Aufgebot aller sittlichen Kräfte zum
Ganzen streben. Alsdann werden die in der Ökonomie wirkenden
Elemente, Industrie und Finanz, einander ergänzend, harmonisch zu-
sammenarbeiten zum Nutzen der Wirtschaft und der Gesamtheit.
        <pb n="102" />
        6,

Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Handels,
Von Otto Keinath, M. d. R., Geschäftsführendes Präsidialmitglied des Zentral-
verbandes des Deutschen Großhandels,

I, Die Entwicklung des Handels,

Obwohl die Ereignisse der letzten Jahre den Deutschen mehr als
früher zum volkswirtschaftlichen Denken angeregt haben, ist vielen
unserer deutschen Mitbürger das Wesen und die Bedeutung des Han-
dels verschlossen geblieben. Ferner haben die vergangenen Jahre der
Zwangswirtschaft und die oft wenig erfreulichen Folgeerscheinungen
der Inflationszeit mit der Unzahl neu gegründeter „Handelsunter-
nehmen‘ das klare Bild vom ehrbaren Handel, wie es uns in den
blühenden Hansastädten so besonders sinnfällig vor Augen tritt, ge-
trübt und verdunkelt,

WasistHandel? Von den unendlich vielen Variationen der
Begriffsdefinierung des Handels wollen wir nur eine kleine Auslese
bringen: Der Handel als Gewerbe ist gewerbsmäßiger Kauf und Wie-
derverkauf von Gütern behufs Gewinnerzielung, Seine wirtschaftliche
Tätigkeit beruht darin, den Austausch von Gütern zwischen
Produzenten und Konsumenten zu bewirken, wobei das Hauptaugen-
merk darauf gerichtet wird, die Tauschobjekte dort zu beziehen, wo sie
preiswert zu erwerben sind und die Güter in die Hand jener zu bringen,
welche die Güter höher schätzen, sei es, daß diese Güter (z. B, Roh-
stoffe) dringend zur industriellen Produktion gebraucht werden,
sei es, daß die vom Handel vermittelten Waren (z. B. Nahrungsmittel)
direkt in den Konsum gelangen, Durch den Eigentumswechsel, den
der Handel bewirkt, und durch die zweckmäßige Verteilung der
Ware von den Orten, wo Angebot herrscht, an die Orte, wo Nach-
frage vorliegt, vergrößert er den Wert der Tauschobjekte und schafft
damit neue Werte, Durch die ausgleichende, den Raum überbrückende
Tätigkeit des Handels — die letztgenannte Funktion gewinnt an be-
sonderer Bedeutung nach Einführung der Eisenbahn und der Ozean-
schiffahrt — vermindert sich aber auch die Verschiedenartigkeit der
Wertschätzung, die die Tauschobjekte bei verschiedenen Personen
(Völkern) an verschiedenen Orten (Ländern) und zu verschiedenen
        <pb n="103" />
        Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Handels, 87
Zeiten finden. Markttechnisch kommt das dadurch zum Ausdruck, daß
durch die Nachfrage des Handeltreibenden am Kaufplatze bzw.
während der Zeit des Aufkaufes der Preis erhöht wird, während
sein Angebot am Verkaufsplatze bzw. z. Zt. des Verkaufes die
Preiseerniedrigt. Auf diese Weise schöpfen aus der ursprüng-
lichen Wertdifferenz nicht nur der Verkäufer, sondern auch der
Käufer Gewinn. Die vorstehende Überlegung zeigt, daß die
Preisregulierung auch zu den wichtigsten Aufgaben bzw.
Folgeerscheinungen des Handels gehört. Der Handel entfaltet daher
in engerem Sinne nicht nur eine volkswirtschaftlich
fruchtbare Tätigkeit, Werte schaffend und Güter verteilend;
er entwickelt auch, trotzdem seine Handlungsweise aus egoistischen
oder „kapitalistischen“ Motiven hervorzugehen pflegt, eine Tätig-
keitim Dienste des Gemeinwohls,

Der selbständige Handel hat sich unter Ausbildung der Arbeits-
teilung entwickelt und gewinnt um so größere Bedeutung, je mannig-
faltiger und komplizierter sich einerseits der Bedarf, andererseits die
Produktion gestaltet. Zu den Aufgaben des Handels gehört
es, zwischen Produzenten und Konsumenten, in des Wortes weiterer
Bedeutung, Warezuvermitteln, Vorratund Bedarf nach
Art und Zeit auszugleichen und Angebot und Nachfrage in ein
richtiges Verhältnis zu bringen. Der Handel ermöglicht es, Produktion
und Konsum durch Verteilung der Güter unabhängig von den Orten
der Herstellung und des Verbrauches zu machen, Er kann dabei beim
Großbezug die verschiedenartige Wert- und Preisbildung an den ver-
schiedenen Orten der Einkaufsmöglichkeiten im In- und Auslande zu-
gunsten der Orte des Verkaufes ausnutzen, Er schafft die einzelnen
Waren von den Produktionsorten, an denen die Produktion günstig
und daher im Verhältnis zum Bedarf groß und der Warenpreis billig
ist, dorthin, wo die Produktionsmöglichkeiten nicht vorhanden oder
ungünstig sind, so daß Güter herbeigeschafft werden müssen, um den
Bedarf zu decken. Der Großhandelbewirktalsomit Hilfe
der neuzeitlichen Verkehrsmittel die notwen-
dige Ausgleichung der Güter und Warenvorräte und
damit zugleich einen Ausgleich der Preise, Ohne seine Ver-
mittlung würden wir Verhältnisse wie in den verkehrsarmen Teilen
Rußlands haben, wo stets in einigen Gegenden Überfluß an Waren
(z. B. Getreide, Futtermittel) herrscht und deshalb die Produktion un-
rentabel ist, während zugleich in anderen Gegenden ein derartiger
Mangel an gleichen Gütern vorhanden ist, daß die schwierigsten wirt-
schaftlichen Verhältnisse (bei dem Beispiel Getreide: Hungersnot und
Teuerung) eintreten,
        <pb n="104" />
        88 Otto Keinath:

Auch über diese örtlich ausgleichende Wirkung hinaus führt
der Großhandel eine zeitlich gleichmäßige Verteilung der Güter
herbei. Der Handel muß nach seinem Wesen bestrebt und in der Lage
sein, erst später eintretenden Bedürfnissen (z. B. Saisonware
oder die Zeit vor der Ernte usw.) schon im voraus Re chnung zu
tragen, indem er für die rechtzeitige Herbeischaffung
und Lagerung von Gütern Sorge trägt, um mit ihnen im Augen-
blick des eintretenden Bedarfes auf den Markt zu kommen.

Es liegt auf der Hand, daß erst der Großhandel mit einer solchen
Erleichterung und Ausgleichung des Warenabsatzes eine St etig-
keitund Steigerungder Produktion schafft, indem er dem
Produzenten, der bei örtlicher oder zeitlicher Überproduktion keinen
oder nur unlohnenden Absatz für seine Ware finden würde, die Ware
abnimmt, um die beste räumliche und zeitliche Verteilung der Güter
herbeizuführen. Erst hierdurch wird der Produzent in die Lage ver-
setzt, sich voll und ganz mit den wichtigen ProblemenderPro-
duktion zu beschäftigen, da der Handel den Produzenten unab-
hängig von lokalen und zeitlichen Zufälligkeiten des Absatzes macht.
Der Großhandel fördert also durch Herbeiführung eines kon -
tinuierlichen Absatzes die bestehenden Produktionsunter-
nehmungen und gibt überdies durch Vermittlung des mannigfaltigen,
in den verschiedenen Absatzgebieten andersartigen Bedürfnisses der
Konsumenten den Produzenten die Anregung zu neuen Varia-
tionen der Produktion und damit zu neuen Verdienstmöglichkeiten
(z. B, auf dem Gebiete der Modewaren). Er bestimmt daher auch bis
zu einem gewissen Grade die Richtung der Produktion,

Wenn demnach der Handel auf der einen Seite dem Produzenten
— sei es dem industriellen Produzenten oder sei es dem landwirtschaft-
lichen Erzeuger (z. B. dem von Kaffee, Getreide, Baumwolle) — die
Sorge um die Verwertung seiner Produkte abnimmt und
diese weitestgehend unabhängig macht von dem lokalen Bedarf und
den örtlichen Preisschwankungen — die Weltkonjunkturschwankungen
liegen auf einem anderen Gebiete —, so macht er andererseits den
Abnehmer (weiterverarbeitende Industrie oder Kleinhandel) un -
abhängig von den zufälligen Produktionsmöglich-
keiten in seiner näheren Umgebung und nimmt ihm die Mühe ab,
geeignete, aber oft weit entfernte Produzenten aufzusuchen, Er ent-
hebt Lieferant und Abnehmer der Sorge für den Absatz und das jeder-
zeitige Vorhandensein der jeweils verlangten und notwendigen Ware.

Diese Kardinalaufgaben, welche der Handel erfüllt und welche
speziell dazu beigetragen haben, daß der Großhandel ein nützliches
und nicht entbehrliches Glied der Volkswirtschaft geworden ist, dessen
        <pb n="105" />
        Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Handels, 89
Ausschaltung aus dem Räderwerk des weltwirtschaftlichen Getriebes
den Stillstand der Weltwirtschaft bedeuten würde, sind, wie die
historische Entwicklung zeigt, erst allmählich im Laufe der Jahrhun-
derte zu dieser Vollkommenheit herangereift.

Nach und nach brach sich die Erkenntnis Bahn, daß besonders die
weitreichenden Beziehungen des Handels zum Ausland
geeignet seien, dem Lande durch Austausch von Gütern Ge-
winn zu bringen, List erwähnte die unterschiedliche Bedeutung
des Handels auf den einzelnen Stufen der wirtschaftlichen Entwicklung
und schätzte vor allem den Handel als Decker ersten Bedarfes und
als Verwahrer der Überschüsse einer voll entwickelten Volkswirt-
schaft, Er stand jedoch noch dem „Importhandel‘, der dem Lande
die Konkurrenz auswärtiger Waren verschaffte, im Gegensatz zu
Ricardo und Smith, feindlich gegenüber und eiferte daher auch gegen
das „Freihandelstor Hamburg‘ und gegen die Leipziger Messe.

Die Aufgabe, welche der Handel in bestimmten Epochen für ein
bestimmtes Land zu leisten hat, bleibt entscheidend für seine Würdi-
gung. Nicht nur das Verhältnis zu den übrigen Produktionskräften
eines Landes kommt für die Würdigung des Handelsstandes in Betracht,
sondern mindestens ebenso seine selbständige Stellung im Konkurrenz-
kampf mit auswärtigen Händlern oder in der Erschließung neuer Tätig-
keitsgebiete, Auch in neuerer Zeit erfährt das Aufgabengebiet des
Handels von Jahrzehnt zu Jahrzehnt eine Änderung. Der Kampf
zwischen der Hanse und den Merchant adventurers im 16. Jahrhundert
drehte sich um die Frage, wer Deutschland mit englischen Tuchen
versorgen sollte, Die vom Handel angeknüpften Beziehungen zum
Auslande und auch die Gewinne, welche durch diesen Außenhan-
del oder auch Transithandel erzielt werden, sind für die
Nationalwirtschaft von Wichtigkeit. Beachtlich bleibt, daß der
Handel nicht lediglich Diener. der heimischen
Produktion ist, sondern ebenso für die ausreichende Ver-
sorgung des Landes mit Rohstoffen, Nahrungs-
mitteln und anderen Gütern aufzukommen hat. Neue Ent-
wicklungsmöglichkeiten und neuen Ansporn zur Verbilligung der Pro-
duktion bietet der Handel, wenn er bei zurück gebliebenen
Produktivkräften eines Landes als Vertreter der Kon-
kurrenz des Auslandes diese Tatsache zuerst aufdeckt.

Die Durchführung des Handelsbetriebes, der lediglich mit An-
wendung der Arbeitsteilung erhebliche Dimensionen annimmt, hat im
Laufe der Jahrhunderte gewaltige Wandlungen erfahren. Im Anfangs-
stadium des Handels begleitet der Kaufmann seine auf Wagen ge-
stapelte Ware selbst zu Roß, umgeben von gewappneten Knechten. Er
        <pb n="106" />
        O0) Otto Keinath:

betreibt Wanderhandel, zieht von Stadt zu Stadt, von Markt zu
Markt, um seine Güter auszutauschen oder in gutes
Geld zu verwandeln, Da es bekanntlich im Mittelalter noch
keine Münzeinheit des Reiches gab — jede Stadt und auch jeder Fürst
prägten oft eigenes Geld aus — so war der Geldverkehr mit besonderen
Schwierigkeiten verknüpft und erforderte ein hohes Maß von feinem
Verständnis für Wert und Feinheit des für die Ware eingetauschten
Geldes,

Noch im Orient erblicken wir im Karawanenhandel eine
ähnliche Form des Handels, wie er zu Zeiten des Mittelalters in euro-
päischen Ländern üblich war. Einen großen Fortschritt bedeutete
die Entdeckung der Seewege nach Amerika und dem fernen
Osten, einmal weil hierdurch neue Bezugsquellen entdeckt
wurden und die Reisedauer erheblich ermäßigt und ge-
sicherter wurde und zum anderen deshalb, weil das Schiff in der
Lage war, viel größere Mengen von Gütern aufzunehmen als
Wagen oder Packtiere. Die hervorragende Bedeutung der
Schiffahrt für den Handel als Verkehrsmittel zeigte die blühende
Entwicklung der deutschen Hansastädte und auch
Hollands,

In einer späteren Zeit erst entsteht die Bildung eines regel-
mäßigen Marktverkehrs und die Einrichtung von Jahr-
märkten, die an den verschiedenen Orten und an bestimmten Tagen
im Jahr wiederkehren. Die auf den Jahrmärkten von weither gereisten
Kaufleuten zur Schau gestellte Ware bot der Bevölkerung eine Gelegen-
heit, sich vorübergehend von der Preisstellung der heimischen Zünfte
zu emanzipieren, Aus der Abhaltung der Jahrmärkte entwickelte sich
dann allmählich die Idee der Messen, die sich von jenen durch
die Größe der Umsätze — von Produzenten an Großabnehmer — unter-
scheidet,

Im Mittelalter war die Unterscheidung zwischen
Groß-undKleinhandel noch nicht so scharf wie jetzt, da z. B.
auch der Tuchkaufmann, welcher sein Tuch an die Bürger der Stadt
verkaufte, seine Tuche oft selbst mit eigenen Wagen von weither aus
Flandern, aus Brügge, Gent und Antwerpen, zu holen pflegte, Die
älteste Form seßhaften Kleinhandels war der „Kramladen‘“ oder die
„gemischte Warenhandlung‘, in denen sich die verschiedenartigsten
Handelsartikel zusammenfanden; jedoch setzte sich schon während der
Zunftperiode eine gewisse Spezialisierung durch. Neben den alten
Kramladen trat bald ein Handel mit frischen Lebensmitteln und damit
vier regelmäßig wiederkehrende Typen: das Manufakturwarengeschäft,
das Glas-, Porzellan- und Steingutwarengeschäft, die Stahl-, Messing-
        <pb n="107" />
        Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Handels. 91
und Eisenwarenhandlung und schließlich die Galanterie- und Spiel-
waren- (Nürnberger) Handlung.

Wie bereits ausgeführt, bereitete die Vervollkommnun gg der
Verkehrstechnik der Entwicklung des Handels einen günstigen
Boden. Jedoch ließ die wachsende Verkehrsmöglichkeit neben dem
privilegierten Handel einen starken Schmuggelhandel entstehen. Schon
im Mittelalter beschränkt sich der Handel, wo er es kann, nicht allein
auf den Verkehr mit seiner Heimat und nicht allein auf den Export und
Import von Gütern von und nach dem Heimatlande, sondern suchte ein
weiteres Feld der Betätigung im Austausch der Güter zwischen zwei frem-
den Ländern: der Transithandel, Je mehr sich der Handel durch
Vermittlung der Schiffahrt ausdehnen konnte, je größere Bedeutung
gewannen auch die Märkte. Der Markt ist noch älter als die Stadt.
Seine örtliche und zeitliche Beschränkung knüpft an die Ankunft von
Karawanen an, und der Fremde spielt auf diesem Markt die größte
Rolle. Die berühmtesten Märkte des Mittelalters waren die Messen
der Champagne, wo sich die Flandrer mit den Italienern trafen, um
flandrische Tuche gegen italienische Spezereien auszutauschen. In
Deutschland erlebten im 16, und 17. Jahrhundert Frankfurt a. M,,
Frankfurt a, d. O, und Leipzig ihre Blütezeit, weil sich hier östlicher
und westlicher Verkehr trafen. Die bedeutendste Messe von Rußland
war im 19, Jahrhundert die in Nishnij Nowgorod, welche dem euro-
päisch-asiatischen Verkehr diente,

Die Verdichtung des Verkehrs ermöglichte schließlich dem wan-
dernden Händler, seßhaft zu werden. Die mittelalterliche
Stadt ist oft eine Siedlung der Handel- und Gewerbetreibenden; denn
die Stadt bietet den Vorteil eines ständigen Marktes, Durch die Ein-
richtung der Wochenmärkte sicherte sich der Städter die Möglichkeit
des Einkaufs der Produkte des umliegenden Landes, In größeren
Städten finden wir schließlich eine Reihe von Spezialmärkten; für den
Verkauf bestimmter Waren, Brot, Fleisch, Tuch usw., wurden besondere
Hallen zur Verfügung gestellt, Allen Stadtbürgern bleibt der
Handel im Großen mit aus der Ferne kommenden
Waren gestattet. Die Stadt behält sich lediglich die Kontrolle dieses
Handels vor, indem sie den Gebrauch der öffentlichen Wage oder die
Lagerung im öffentlichen Kaufhaus vorschreibt, wobei städtische Ab-
gaben erhoben werden. Der Klein-Absatz bleibt nach wie vor der
zunftmäßig abgeschlossenen Krämerschaft vorbehalten. Mit der
Entwicklung des Marktverkehrs und der Städte bildet sich das
Straßenrecht, welches die Händler zwingt, gewisse Straßen zu
benutzen. Das Stapelrecht wird von den Städten geschaffen mit
Rücksicht auf den Konsum der Bürger; dieses verlangt, daß die fremde
        <pb n="108" />
        92 Otto Keinath:
Ware in der Stadt zum Verkauf ausgestellt wird (z. B. Stapelhaus
in Köln),

Die Aufrechterhaltung des Straßenrechtes und des Stapelrechtes
gab im Mittelalter Anlaß zu zahlreichen Streitigkeiten und Kämpfen
zwischen den konkurrierenden Städten; besonders Italien, die klassische
Stätte frühen und blühenden Handelsverkehrs, bietet hierfür ein an-
schauliches Bild. Da sich bald zeigte, daß bei zunehmendem
Verkehr die Beibehaltung von Stapelrechten und Privi-
legiennicht mehr aufrecht zu erhalten war, sahen sich
die Städte veranlaßt, durch besondere Vorteile, die sie fremden Händlern
boten, ihrem Platz gesteigerten Handelsverkehr zuzuführen, Diese
Vorteile bestanden in Gewährung gleicher Handelsfreiheit
an fremde Händler, in der Einräumung einer besonderen Lager-
stätte, in der die Durchgangsgüter nicht dem Ein- und Ausfuhrzoll
unterlagen (der Vorstufe unserer Freihafengebiete) usw. Durch solche
Vorteile angespornt, zogen sich die Händler in solche Städte, die ihnen
die meisten Vorteile sicherten. Die zunehmenden Handelsverbindungen,
die von dieser Stadt ausgingen, verschafften dieser einen Vorsprung vor
anderen Plätzen, Der Austausch mit einheimischen und fremden
Waren sowie das Geld, welches diesem Handelsplatz durch den Transit-
handel seiner Kaufleute zufloß, brachte der Stadt reichen Gewinn und
vermehrte den Wohlstand des Handels, Immer wichtiger wird die
Kapitalkraft eines alten Handelsplatzes. Das Monopol
und die besondere Stellung der Hansastädte beruht jedoch nicht allein
in der Anhäufung von Kapital und Reichtum eines Handels,
welcher mit Hilfe der Kapitalkraft immer größere Unternehmungen,
auch im Auslande errichten konnte und immer mehr Kauffahrteischiffe
erwerben konnte, mit deren Hilfe er den Handel der Welt an sich zog.
Von den Hansastädten bzw. von den Handelsplätzen mit starkem
Handels- und Schiffahrtsverkehr geht auch die Eroberung frem-
der Weltteile durch Gründung von Plantagen und durch
Erwerb von Kolonialbesitz aus. Man braucht nur an die Gründung
der holländischen Kolonien auf Java und Sumatra sowie an Nieder-
ländisch-Indien und schließlich an die Besitzergreifung Britisch-Indiens
durch Großbritannien zu denken, um sich dessen bewußt zu werden,
daß der Handel die treibende KraftderBesitzergreifung
der Kolonien war, daß der Handel der Pionier in der Erschlie-
Bungfremder Länder, im Erwerb von Plantagenbesitz,
und im Anschluß daran der Begründer des weiten Welthandels wurde,
dem zahlreiche Länder ihren Reichtum und ihren Aufstieg verdanken,

Wir erkennen schon aus der vorstehenden Skizze der Entwicklung
des Handels im Mittelalter, daß offenbar der erste Hauptimpuls
        <pb n="109" />
        Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Handels, 93
des Handelsverkehrs in der Vermittlung fremder, aus-
ländischer Güter liegt, welche der Händler dem heimischen
Landmann, Städter und Handwerker zuführt. Der ursächliche Zu-
sammenhang ist ganz logisch, weil die primitive Volkswirtschaft sich
ja zunächst nur von Viehzucht und in einem späteren Stadium vom
Ackerbau ernährte, und weil der Lebensstandard noch im frühen Mittel-
alter ein äußerst bescheidener war. Die geschlossene Hauswirtschaft
begnügte sich mit den Nahrungsmitteln, welche das umgebende Land
hervorbrachte und mit den Textilerzeugnissen heimischen Bodens, mit
dem Leinen und dem Tuche, welches man durch Verspinnen von
heimischem Flachs und heimischer Wolle erzeugte. Erst der wachsende
Wohlstand und auch die zunehmende Fertigkeit in der Herstellung be-
stimmter Waren (Seide, Wein, Tuche, Waffen, Leinwand) gaben den
Anreiz, entweder den Überfluß an heimischen Bodenerzeugnissen gegen
andere Güter auszutauschen, oder aber die in besonderer Güte her-
gestellten heimischen Waren gegen andere Waren aus fremden Landes-
teilen auszutauschen,

Die weitere wirtschaftliche Entwicklung zeigt uns dann neben dem
Entstehen des Im- und Exporthandels sowie schließlich, bei zunehmen-
der Entwicklung des Handwerkertums, neben den Anfängen späteren
Fabrikwesens die Notwendigkeit der Schaffung eines Binnen -Groß-
handels”), welcher dafür sorgte, daß dieim heimischen Land
geschaffenen Bodenerzeugnisse und Industrieprodukte an die Orte und
den Bevölkerungskreis verteilt werden, welcher diese Waren benötigt.

Der Handel zwischen verschiedenen Ländern und Völkern erhöhte
das Risiko des Großhandels außerordentlich stark, weil der
Handel mit einer viel längeren Dauer des einzelnen Umschlages bei
Überseetransporten und mit ganz besonderen Verschieden-
heiten der Sprache, der Rechtsgestaltung, des Geld- und Währungs-
wesens, der Bezugs- und Absatzmöglichkeiten in verschiedenen Län-
dern zu rechnen hat, Die besonderen Schwierigkeiten des inter-
nationalen Handelsverkehrs sind allerdings in den letzten
Jahrzehnten durch weit ausgebildete Handelsverträge der ein-
zelnen Staaten untereinander beseitigt. Dennoch bleibt gerade für den
Außenhandel die besonders schwierige Aufgabe übrig,
sich eingehend mit den Bezugs- und Absatzbedingungen
im fremden Land, mit fremden Handelsgebräuchen und
fremder Sitte zu beschäftigen. Erst ganz speziell erworbene Kennt-
nisse auf diesem schwierigen Gebiete verbürgen für den Import- oder
Exportkaufmann den Erfolg,

*) Vgl. hierüber die weiter unten unter 28 (Binnen-Großhandel) gegebenen Aus-
führungen,
        <pb n="110" />
        04 Otto Keinath:

Auch im Überseehandel bildet der „Wanderhandel‘“ die
Grundlage des Handelsverkehrs bzw. des überseeischen Warenaus-
tausches, Das Schiff des Handelsherrn fuhr von Hafen zu Hafen mit
dem Zweck, die mitgeführte Ware ohne bestimmtes Absatzziel, d. h.
ohne besondere Bestellung, an den fremden Handel gegen andere Güter
oder gegen Geld auszutauschen. Der gelegentliche Besuch des fremden
Landes entwickelte sich dann zu dauerndem Aufenthalt; es folgt oft die
Gründung einer Faktorei mit der Unterhaltung ständiger Einkäufer
und Verkäufer an den wichtigsten Plätzen der Erde. Die Schwierig-
keit für den Exportkaufmann, alle die zahlreichen Artikel
seiner Ausfuhr bei der Unmenge von Erzeugern und Verarbeitern
zusammenzusuchen, führt schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts
zu einer vierfachen Stufenteilung. In den führenden
Handelsländern kauft der Exporteur vom Binnen-Großhändler und ver-
treibt die Ware an den überseeischen Importeur, der seinerseits
wiederum die Güter an die 2, Hand, den Binnen-Großhandel, abgibt, der
für die weitere Verteilung der Ware sorgt. Auf demselben Wege gelangt
die Überseeware zurück bis in den Haupthafen, in die gewaltige
Handelszentrale, von welcher aus die Verteilungder Übersee-
güter an das Binnenland durch Vermittlung des
Binnen-Großhandels erfolgt. Noch immer charakterisiert die
Warenkombination in höchstem Ausmaße den Handelsbetrieb. Wenige
starke Export- und Importhäuser lenken vom großen Hafenplatze aus
den noch schwach entwickelten Welthandel, Solange eine Vereinheit-
lichung der Handelsverkehrsform, des Münzwesens, des Handelsrechtes
und der Handelssitte noch nicht gefunden war, bildete die Technik des
Handels mit dem Auslande eine Geheimwissen-
schaft für sich,

Wenn auch die im 20, Jahrhundert in immer übersichtlicherer
Form entwickelten Verträge auf dem Gebiete internationalen Rechtes,
internationaler Geschäftsform, der Seeschiffahrt, des Fracht- und des
Versicherungswesens, wie überhaupt das gesamte Verkehrswesen den
Handel mit dem Auslande übersichtlicher gestalteten und diesen weniger
risikoreich machten, so bildet dennoch die Beherrschung des Handels
mit dem Auslande noch immer solche Schwierigkeiten, daß, wie die
neueste Zeit lehrt, sich unverkennbar die Tendenz bemerkbar macht,
daß zahlreiche Industriekreise in Deutschland wieder auf die Vermitt-
lung des Handels zurückgreifen, da man schlechte finanzielle Erfahrun-
gen mit dem „direkten Absatz‘ deutscher Fertigprodukte im Ausland
gemacht hat,

Wie die Passivität der Handelsbilanz des Jahres
1924 mit 2,7 Milliarden Defizit gezeigt hat, ist die Förderung des
        <pb n="111" />
        Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Handels, 95
deutschen Exportes von ausschlaggebender Wichtigkeit für die
künftige Gestaltung unserer Wirtschaftslage, Der Handel ist von sich
aus gern bereit, den Export im alten Umfange aufzunehmen und ihn
weiter auszubauen. Zur Vorbedingung für das wirkungsvolle Ar-
beiten gerade des Exporthandels gehört jedoch nicht allein die Mög-
lichkeit des Absatzes im Auslande, sondern auch zum
mindesten die ideelle Unterstützung des Außenhandels
durch die deutsche Industrie, Das Defizit der Handels-
bilanz im Jahre 1924, welches leider im ersten Halbjahre 1925 noch
eine Zunahme erfahren hat, erfordert mit gebieterischer Notwendigkeit
eine starke Vergrößerungder Ausfuhr, da eine Verminderung
der Einfuhr aus nachbenannten Gründen in wesentlichem Umfange kaum
möglich ist, um das im valutarischen Sinne höchst ungünstig wirkende
Defizit der Handels- und Zahlungsbilanz auszugleichen. Leider ist ja
Deutschland heute nicht mehr in der Lage, das Defizit der Handels-
bilanz auszugleichen durch Zinsen von Guthaben im Auslande, durch
Dividenden an Anteilen fremder Bergwerks- und Industriegesellschaf-
ten, durch solche Erträgnisse der deutschen Fracht- und Seeschiffahrt
wie früher und durch andere Faktoren der „unsichtbaren‘ Zahlungs-
bilanz. Es fragt sich nur, ob es möglich ist, die Gesamt-
einfuhr noch in wesentlichem Umfange zu vermindern,
oder ob nicht die größere Wahrscheinlichkeit be-
steht, den schlechten Status der Handelsbilanz durch Förde-
rung der Ausfuhr zu verbessern, Ein Blick auf die Einfuhr-
statistik zeigt, daß die Gesamteinfuhrziffer 1924 etwa 62% der
Gesamteinfuhr 1913 (auf Grundlage der Vorkriegswerte, d, h. Geld-
entwertungsfaktor ausgeschaltet) beträgt, während die Gesamtausfuhr-
ziffer nur 50% der Gesamtausfuhr 1913 (dem Vorkriegswerte nach)
erreicht,

Eines der wesentlichsten Argumente, welches die Vertreter der
Agrar-Schutzzölle anführen, ist bekanntlich, daß durch Steigerung der
Intensität der landwirtschaftlichen Produktion die vorerwähnten
2,7 Milliarden Defizit der Handelsbilanz glatt aufgebracht werden
könnten, Wenn dies der Fall wäre, so würde das zweifellos die beste
und sympathischste Lösung sein, da es immerhin zweifelhaft erscheint,
ob es Deutschland gelingt, die Ausfuhr in Kürze so zu fördern, daß die
2,7 Milliarden Defizit herausgewirtschaftet werden, würde doch ein
solches Vorhaben mindestens die Verdoppelung des jetzigen Ge-
samtexportes bedingen. Leider sieht aber die rauhe Wirklichkeit
anders aus, Denn nahezu alle wissenschaftlichen Sachverständigen
haben sich dahin ausgesprochen, daß es mehr als unwahrscheinlich
wäre, in einem relativ kurzen Zeitraum (2 bis 3 Jahre) die Steigerung
        <pb n="112" />
        Du Otto Keinath:
der landwirtschaftlichen Produktion so zu forcieren, daß das erhoffte
Resultat eintritt,

Wenn auch die Bevölkerungsziffer Deutschlands — jetzt 63 Mil-
lionen — sich gegenüber der Vorkriegszeit nicht allzu wesentlich ver-
schoben hat, trotzdem wichtige Teile des Deutschen Reichs uns ge-
nommen wurden, hat doch immerhin die Gesamteinfuhr einen
Rückgang von etwa 40% gegenüber der Vorkriegszeit erfahren.
Nach der Statistik entfällt das Hauptkontingent der Einfuhr auf lebende
Tiere (97 Millionen), Lebensmittel und Getränke (2,1 Milliarden) und
Rohstoffe (2,7 Milliarden) sowie Halbfabrikate (736 Millionen). Auf die
Einfuhr von Fertigwaren kommt nur ein Anteil von ca. 1,150 Mil-
liarden Mark, Wenn man den Durchschnitt der Gesamt-
einfuhr gegenüber 1913 mit 62% zugrunde legt, so würde es aller-
dings möglich sein, die Einfuhr der Fertigwaren, die ungefähr
81% der entsprechenden Einfuhr 1913 beträgt, um ca, 20% zu
reduzieren, Dieses Ergebnis würde schon außerordentlich günstig
sein, im Effekt jedoch nur ein Ersparnis von200bis250Mil-
lionen Mark ausmachen, Diese 250 Millionen Mark, wir nehmen
die günstigste Ziffer, würden jedoch keinesfalls die Passivität der Han-
delsbilanz in einer irgendwie entscheidenden Weise beeinflussen
können, Ein wesentliches Ersparnis an Lebensmitteln und Getränken
(zur Zeit 76% der Einfuhr 1913) wird sich auch kaum durchführen
lassen, da nämlich sehr wichtige Gebiete der landwirtschaftlichen Er-
zeugung — Ost- und Westpreußen, teilweise Elsaß-Lothringen —
Deutschland entrissen sind, und weil sich erfahrungsgemäß das unbe-
dingt notwendige Lebensbedürfnis an Nahrungsmitteln eines großen
Volkes nicht willkürlich vermindern läßt.

Andererseits würde jedoch die rigorose Absperrung der
„überflüssigen Einfuhr durch Einfuhrverbote — unseligen
Gedenkens während der Nachkriegszeit — zweifellos vom Aus-
lande in höchstem Maße gemißbilligt und mit Gegenmaßnah-
men beantwortet werden. Kein vernünftiger Volkswirtschaftler, noch
Industrieller, noch Regierungsvertreter kann daher einem Wiederauf-
leben der Einfuhrverbote das Wort reden. Die Erhöhung der Zölle laut
Zolltarifnovelle wird im übrigen dazu beitragen, die Einfuhr ausländi-
scher Waren nach Deutschland soweit wie möglich zu drosseln, ganz
abgesehen davon, daß die verminderte Konsumkraft Deutschlands auch
zweifellos weiterhin zu einer Selbstbeschränkung der Bevölkerung in
der Beschaffung solcher ausländischen Waren, die im Inlande ebensogut
erhältlich sind, führen wird,

Wegen der Notwendigkeitdesinternationalen gegen-
seitigen Warenaustausches würde überdies eine sehr starke

AC-
        <pb n="113" />
        Schwerindustrie und Metallindustrie. (11 bis 15)
11, Oberbergrat Otto von Velsen,
Generaldirektor der Bergwerksgesellschaft Hibernia in Herne.

Geb. am 19, Sept. 1869. — 1893 Referendar, 1897 Assessor, 1898 Bergassessor
im Oberbergamtsbezirk Dortmund, 1901 Berginspektor bei der Zentralverwaltung zu
Zabrze, 1904 Bergwerksdirektor und Direktor der Berginspektion zu Knurow. —
1910 Bergrat, 1913 Oberbergrat, Seit August 1917 Generaldirektor der Bergwerks-
gesellschaft Hibernia zu Herne,

12. Wilhelm Vögele, Mannheim,
Inhaber der Maschinenfabrik Joseph Vögele, Mannheim,

Geb, am 15, Juni 1884, Gymnasium in Mannheim, Techn, Hochschule in Karls-
ruhe und Hannover, 1908 Eintritt in die väterliche Fabrik mit dem älteren Bruder,
Dr.-Ing. Joseph Vögele. Tätigkeit in der väterl. Fabrik und Auslandsreisen.

1914 bis 1918 im Heeresdienst, zuletzt als Rittmeister d, R. 1917 mit dem
Bruder, Dr.-Ing. Joseph Vögele Übernahme der Firma, im Jahre 1920 in die Joseph
Vögele A.-G. Mannheim umgewandelt, Mitgl. des vorl, Reichswirtschaftsrats,
Vizepräs, der Handelskammer Mannheim, Mitgl, des Reichseisenbahnrats und des
Reichswasserstraßen-Beirats, Aufsichtsratsmitgl. der Neckar A.-G, Stuttgart,

13. Dr.-Ing. Albert Vögler,

Generaldirektor der Deutsch-Lux, Bergwerks- u. Hütten A.-G, in Bochum.

Geb, 8, Februar 1877 in Borbeck, Realgymnasium, Technische Hochschule, 1901
Direktor der Union A,-G, für Eisen- und Stahlindustrie, Dortmund. Seit 1915
Generaldirektor der Deutsch-Luxemburgischen Bergwerks- und Hütten A.-G.,

ochum,

Mitglied der Handelskammer Dortmund. Vors. des Vereins Dt. Eisenhütten-
leute, Düsseldorf, Hauptvorstandsmitgl, des Vereins Dt. Eisen- und Stahlindustrieller,
Vorstand des Vereins zur Wahrung der wirtschaftl. Interessen in Rheinland-West-
falen; Wasserstraßenbeirat.

1919 Mitglied der Nationalversammlung, 1920 des Reichstags.

14. Justizrat Dr. jur. Walter Waldschmidt,
Vorstandsmitglied der Ludwig Loewe &amp; Co, A.-G., Berlin.

Geb, 20, August 1860 in Berlin, Gymnasium in Frankfurt a. M., Universitäten
Heidelberg, Leipzig, Berlin, Studium der Rechtswissenschaft und der Volkswirt-
schaft. Dr. jur, utriusque,

1888 preuß, Gerichtsassessor, 1889—1893 Magistratsassessor in Frankfurt a. M.,
1893—1896 Beigeordneter Bürgermeister in Krefeld, — 1897—1902 Syndikus des
Loewe-Konzerns in Berlin, 1902 stellvertr, Vorstandsmitgl. der Ludw. Loewe &amp; Co.
A,-G. 1903 bis Ende 1924 ordentl, Vorstandsmitglied, Mitglied der Industrie- und
Handelskammer zu Berlin.

15, Geh, Kommerzienrat Dr.-Ing. e, h. Ph, Wieland, Ulm.

Geb. 10, April 1863 in Ulm, Gymnasium in Ulm und Stuttgart, Ecole Industrielle
Cantonale in Lausanne, Lehrzeit im väterl. Geschäft; Bergakademie in Clausthal,
England, Übernahm 1891 das väterl, Geschäft mit seinem Bruder, Kommerzienrat
Max R, Wieland, 1901 Erwerb der Deutschen Delta-Metall-Gesellschaft Alexander
Dick &amp; Co. in Düsseldorf,

‚Dr.-Ing, e. h. der Techn, Hochschule Stuttgart, ran miteked des Württemb.
Bezirksvereins Dt. Ingenieure, Vors. im Aufs, der Wieland-Werke A.-G., Mitgl.
des ‚Aufs, der Ver, Industrie-Unternehmungen A.-G, und Elektrowerke A.-G. in
Berlin; Präsidialmitgl. des Reichsverb. der Dt. Industrie. Mitgl. der Württ. 2, Kammer
1909—1918; Mitglied der Württ, Landesversammlung 1919—1920, der National-
versammlung und des Reichstags seit 1920,

Tafel IV.
        <pb n="114" />
        (GE aid IE) ‚ie ubaillisteN bag SIDE W-
‚aseleV nov oHO 18154154 15d0 Ef
er Iandasıek.. ai, aiaredil itedoalleseBea ware neh T0hleuiblerenen, ,
102292263194 ‚8081 ‚r022922A 1081 ‚1ebnsrsteli EC81 — ‚0081 4qa@e LI ms ‚daD
us aayliswıevisıinaN ıob isd 10)loqeamiared 1001 ‚bmumihoC visodetmsarsdıedO mi
A rn ONCE 9b! Y61SEIC nu Yotlozibelsewarsd A00LL,esıdeN
jalıs war 4 19b rote riblsrensch TICt7janbu A 3i9@ : .JeraredredO EICt + 01
nn EN SS EN US So Een
A em wichtige Leue x © nRAichs uns
- 5 40CH MAMer hin imfiuhr ein.
misdansM „91935 V dqszol MirdsimanidoesM 19b 19dadal © REN
Ü k LIallt Gas Maui K OU Mi + 15befde
„elısX ni oludaedooH ‚adoal ‚misdansM ai mulesamyı) P881 inul ‚Ct ms a Jgbend )
sbna ası96 mb Hin ds eds Si ni Head 8008 ‚19 vonnsH ba ade
‚nezierehüslayAy bis alizdeH, 1 Iretär „185. mir HoatST. (zb dqszolL ‚anl-aCı;
mısb #im IE: „A ‚D Tofeiom}id 216 Istolus ‚jansibasıseH mi 8ICK 2id BICL
dqa2oU 2ib’ ai 0SCP Orden US ade siagoV Adqsaol anl-uC ‚zoburd
elsteilsdoahiwedois A .Ixoy 29b...IatiM Hlebnasweamu miedagsM. ‚DA al93öV
2ab hau etsmmdsdaszisenNdis4l 2b JatM ‚miedansM rommselsbnsH 19b ‚281qesiV
#10 heat AOL el A Bias rede Gate A-nafs— - urarlaie 4
‚mudood, ai „D-.A asttüH nr -ahıe ward ‚xuJ- dans 9b 10a miblsrene0
&gt; ‚I DICK. JeQdOCH GUT CN DIS AatTU LS VOR 2 UU DIS RE
021 ‚aludoadooH sdozindosT ‚mies namyalssh „schafl mi V18L z6u1ds ERGEON
Zier nee bäunho AS Badet2 ‘bä6 «need 0A Hol, 1561 Hoerider
1D-Aashöhls Bär eexsewaı9 a, dendbeigrudmaxu Kdoatus(l web, star hlene
An Ss PESSEWESE Snloo
Jastiüdaszid FT Zst V 2550 E6V 0.beioT wamafeslelsbheHiseb FeilahMusse:
‚ollaintenbnlidste brau -ad2iH 40 aniozeV. 29b JatimebnstzroviqueH ‚txobleaeuC „aiyel
329 W-baslaied$l at noeestsial Jiisdozhıtw 19b anurdsW 1us aniereV sb baster0 V
Js1i9dasflsttere2es W ;nalet
‚28stedoieM 29b 0SCL ‚amulmmser9vismoikeN 9b bailatiM eIer
Abimdoebis W ste Wu u jamsitank br u
is n0-Ano BeswWaddiaiwbul eb, beilgtimebastaro Vin as sroßen
notätiereviaU. Ms huldasıt'd a il mi 0981 JeuauA ‚OS ‚das
AxtweloV 19b ba Hedoanseaiwetdasi ı9b muibut@ ‚nilte4, ‚Bisqiod ‚arsdlebisH
wurd 210CH S MOOTuss SUDAN “ Ada Diedsesr
AM as(ublasıl ni to2esdasets eis M.EC81-—+0881, ‚To2a92262idglıreW „9TG BERLIN A an
29b, zuAibaye&amp; SOCI-—T08R — ‚Dieter mi oleiome 108 2elalrosfisf SCHE EUR 5
00 Bew WEIS JatimebinsketoV ss llste SOC ZA aD Enten A-awsol
has -Siztaybril ab BeilatiMt „‚bailatimnabnste10 V i.nebro AS ah id E0RL. „D-.A
nn nn MA nike 4 us TommesdelsbneH
1 '; 20H HE "wann da. er sum
ler FU bes [ei 7 apl-nCıtameismma ie &amp;1, zone lau
slfeirtenbnl sloaX ‚Jı5638ı@ bay mIU at EEE „lÜ mi Be ‚99. a
Iedtausl0 nt simebelsere@ Edles Hier mE Hostsil (oansayal ni” olEkOiaBO)
ein ph ee PEN.
bı 2 | D-UNetaM-st ‚asdoatue (Cl 19b drewin I0eL , x
19basx9 sdoallo29D-Useiol AM AT u Dloas a sich
dem NW z2sb beil Hier zeldinsalful@, oibdoedaoH.indosT 1ob ‚A 9 BD Ad T
JatiM „0-.A TEN 19b ‚lu A, mi 210V „‚amusinoanl &amp; Een
at DIA SılıoworhlSiH Bau DAN Geandfde ns ieitten hal aM al „ehFA web
AS HE W 1b datM.ohrtenbal 4U 1eb ‚drevedoisA 2eb JatimIsibießt9 (nilı98
‚IsmoitsM 19b ‚0S@I—@Ter anılmmsarevesbnsi 4415W 19b bailgsiM ;81@1-—0001
&lt;&lt; © 0S0T 9692 zuskedbia 4 sebchfunahelaimarE
Len, Wenn © „e8 CIE
VIiIiataT
        <pb n="115" />
        I
        <pb n="116" />
        <pb n="117" />
        Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Handels, 97
Verminderung der Wareneinfuhr nach Deutschland weder zu ermög-
lichen noch aus handelspolitischen Gründen zu befürworten sein.

Welche Faktoren können nun andererseits zur Steigerung
desExportes führen, und welche Gründe erklären den bisherigen
Rückgang des Fertigwarenexportes (50% der gesamten Ausfuhr 1913)?

Die Ursachen des Rückgangs des Fertigwaren-
exportes sind hauptsächlich folgende:

1. Übersetzte deutsche Preise als Folgeerscheinung der Stabilisierungskrise, rück-
ständige Fabrikationsmethoden, Kalkulation mit Risikoprämien, Steuerbelastung, hohe
Frachtgebühren, teuere Kredite usw.

2, Schwächere Konsumkraft des Auslandes — Nachwehen des Weltkrieges —
schlechte Valutalage in manchen Ländern,

3, Geringere Aufnahmelust des Auslandes,

a) Kriegspsychose,
b) Ärger über schlechte deutsche Nachkriegsware, Preisnachforderungen, Über-
schreitung der Lieferzeit usw.

4. Erstarkung vieler ausländischer Industrien und in Zusammenhang damit:

5. Hochschutzzolltendenz und Protektionismus ausländischer Staaten,

6. Bevorzugung des Inlandsmarktes in geldknappen Zeiten, da im Inland Bar-
zahlung, Ausland dagegen 3—6 Monate Kredit. (Die Inlands-Barzahlung ist jetzt
jedoch häufig in Fortfall gekommen.)

Die Passivität der Handelsbilanz als solche ist nicht besorgnis-
erregend, grundfalsch ist nur die Einstellung zahlreicher Wirtschafts-
kreise und leider auch eines Teiles der Presse, die auf der einen Seite
nach Auslandskrediten rufen, aber dann, wenn diese in der verkappten
Gestalt von Rohstoffen, Halbfabrikaten oder Fertigerzeugnissen nach
Deutschland hineingelangen, sich über die Passivität der Handelsbilanz
wundern und in aller Welt die Wandlung der Kredite als „Unglück“
bezeichnen, Gewiß kann die Passivität dann ein Unglück werden,
wenn die Auslandskredite auf die Dauer zur Belebung des Konsums
und nicht zur Steigerung der Produktion oder zum Aufbau der Wirt-
schaft verwandt werden,

Wie kann aber die Ausfuhr gesteigert werden, wo der
Bedarf, die Kaufkraft und die Kauflust des Auslandes, abgesehen von
den oft hohen deutschen Preisen, die Absatzmöglichkeit deutscher
Waren so behindert? Die Gründe, die wir oben angeführt haben und
die das ständige Klagelied des Außenhandels bilden, lassen
sich in entgegengesetzter Richtung noch erweitern, wenn man sich die
Lehre vor Augen hält, welche gerade der für diese Dinge berufene
Außenhandel immer und immer wieder von sich gibt: Die Absatz-
möglichkeit deutscher Waren im Auslande könnte nach

Die deutsche Wirtschaft.
        <pb n="118" />
        98 Otto Keinath:

Ansicht des Handels erheblich erweitert werden, wenn eine
großzügige billige Kreditgewährung durch Reichsbank,
Banken und Regierung zur Förderung des Exportes beitragen würde
und wenn die Ermäßigung untragbarer Steuerlasten und eine
erhebliche Reduzierung der Frachtraten der Eisenbahn zu
einer Verminderung der sogenannten „Vorbelastung‘ der Industrie und
damit zu einer Reduktion der Produktionskosten der deutschen Ware
führen würde. Aber nicht allein diese Momente können zur
Gesundung führen; sie müssen ergänzt werden durch schärfste
Kalkulationen in allen Wirtschaftszweigen, durch Qualitäts-
arbeit, durch preiswerte und mustergerechte Liefe-
rung, pünktliche Innehaltung der Lieferfristen, annehm-
bare Zielgewährung und entgegenkommende Behandlung der aus-
ländischen Abnehmer. Diese Leitsätze beruhen auf den Er-
fahrungen, welche der Exporthandel auf Grund seiner
ständigen Fühlungnahme mit Kunden der ganzen Welt sammelte und
deren Beachtung dringend notwendig ist, wenn Deutschland angesichts
der ungeheuren Konkurrenz fast aller Staaten der Welt auch nur
annähernd den Exportumfang wieder erreichen will, den es vor dem
Kriege hatte, und den es erreichen muß, um auch nur einigermaßen die
ungeheuer drückenden Verpflichtungen auszugleichen, die ihm die Er-
füllung des Dawes-Gutachtens auferlegt,

Wenn zu diesen Voraussetzungen noch als Basis der Abschluß
annehmbarer Handelsverträge mit dem Auslande als
„Gabe der Regierung“ tritt, so wird das verständnisvolle und tatkräftige
Zusammenarbeiten von Wirtschaftund Regierung hoffentlich
in absehbarer Zeit von einem aktiven Erfolg der Handels-
bilanz gekrönt werden,

Il, Übersee- und Außenhandel,

Wir haben bereits an einer früheren Stelle gesehen, daß die Ent -
wicklung des Verkehrs, vor allen Dingen aber der Schiffahrt,
erheblich zu der Ausdehnung des Waren- und Handelsverkehrs beitrug,
Diese Entwicklung bedeutet jedoch auch eine Erleichterung des
Überseehandels und führt dadurch einerseits zu einer Demokra-
tisierung des Handelsstandes, andererseits aber auch zu einer Speziali-
sierung des Handels in sich und zu einer Absonderung des
Transportgewerbes vom Handel,

Während früher der Kaufherr seine eigenen Wagen und seine
eigenen Schiffe, mit seinen Waren befrachtet, in die Welt hinausgehen
ließ, wird der Transport der Güter etwa um die Mitte des 19, J ahr-
hunderts von der Eisenbahn bzw. von den Schiffahrts-

*
        <pb n="119" />
        Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Handels, 99
gesellschaften übernommen, die allmählich von der Tramp-
schiffahrt zur Linienschiffahrt übergehen, Der große zur Verfügung
stehende Raum bei Eisenbahn und Schiffahrt drängte jedoch die
Eisenbahn oder Schiffahrtsgesellschaften dazu, sich Frachtgut zu
suchen, wo immer es sich finden ließ, Während früher nurder große
Handelsherr, der über eigene Schiffe verfügte, seine Ware sicher
verschicken konnte, fanden allmählich auch kleine Sendungen mitt-
lerer Kaufleute und Fabrikanten ihren sicheren und schnellen
Weg nach allen Ländern zu vorausbestimmbaren Frachtraten. Die
Zusammenstellung der Waggon- und Schiffsladungen übernimmt zuerst
die Bahn oder der Schiffseigentümer bzw. die Schiffahrtsgesellschaft,
doch wird diese Aufgabe mehr und mehr von den großen S pe-
ditionsunternehmungen übernommen, die sich auch ihrer-
seits wieder für ganz bestimmte Warenarten spezialisieren.

Der Handel erfährt insofern durch die Ausgestaltung des Ver-
kehrswesens eine Demokratisierung, als der Handel nicht mehr die
Domäne der reichen Kaufleute bleibt, sondern auch von kleineren
Firmen betrieben werden kann, welche in früheren Jahrzehnten und
Jahrhunderten daran nicht denken konnten.

Wie sich sowohl auf dem Gebiete der Güterbewe gung all-
mählich eine Spezialisierung herausbildet, finden wir auch alsbald bei
dem Außenhandel und beim Binnenhandel (vgl. darüber die Ausführun-
gen unter 28.) eine zunehmende Spezialisierung. Je mehr Konkurren-
ten sich an den Welthandels- und Seehafenplätzen zusammendrängen,
um so mehr muß der einzelne versuchen, gegenüber den anderen Beson-
deres zu leisten, d.h. er muß sich spezialisieren,

Der Warencharakter zwingt jedoch die Spezialisierung bei
den Rohstoffen in eine andere Richtung als bei den Fabri-
katen.

Die Rohstoffe, welche an ihren Quellen durch den Auf-
kaufhandel erfaßt werden, gelangen in großen Mengen an die Zen-
tralmärkte in Übersee oder auch im Heimatland. Hier kommt es nun
darauf an, für den gleichmäßigen Materialbedarf der weiterverarbeiten-
den Industrie aus den oft sehr ungleichen Lieferungen der Rohstoffe
— Holz, Häute, Wolle, Baumwolle, Gummi, Metalle usw. — stets
gleichartige Sortimente zusammenzustellen. Damit wird der
Rohstoffhändler am Welthandelsplatz zum Sortierer des Weltmarktes.
Zu seinen weiteren Aufgaben gehört der schnelle Umschlag und die
sichere Verteilung der unregelmäßig ankommenden Warenmengen an
die richtigen Plätze, Quantität und Qualität der Ernte spielen hier, bei
den Rohstoffen, naturgemäß eine wichtige Rolle; zwangläufig trägt
daher der Rohstoffhandel spekulativen Charakter im besten Sinne des

”»
        <pb n="120" />
        10Uu_ Otto Keinath:

Wortes, Der effektive Handel mit Rohstoffen drängt weiterhin natur-
gemäß zu einer Spezialisierung nach Warenarten, da
genaueste Kenntnis der gehandelten Waren, der Aufkaufmärkte und
der Hunderte von verschiedenen Warensorten erforderlich ist, zählen
wir doch z. B. bei den Artikeln Tee, Kaffee, Kakaobohnen, Wolle, Tabak
usw. Hunderte von verschiedenen Spezialsorten.

Anders liegt nun die Situation beim Welthandel der Fabrikate.
Hier fehlt der Zentralmarkt mit einheitlicher Preisbildung; auch spielt
die Spekulation auf Preis- bzw. Konjunkturschwankungen eine wenig
bedeutende Rolle, Die genaue Kenntnis der einzelnen Waren kann
vielfach durch Proben und Muster, durch Kataloge oder durch. die
Garantie des Fabrikanten ersetzt werden, Das wesentlichste Moment
für den Außenhandelin Fertigwaren ist die Anpassung
an den Bedarf der Abnehmer, Aus dieser Eigenart des Fertig-
warenhandels ergibt sich die Tätigkeit des Engros-Sortimenters im
Weltverkehr, jedoch gibt es auch hier wieder Unterschiede, Ein Teil
dieses Exporthandels paßt sich dem besonderen Bedarf eines
oder weniger Absatzgebiete an und sieht seine Stärke in der
Lagerhaltung von vielen Warenarten, d.h. von Waren-
sortimenten. Ein anderer Teil des Außenhandels beschränkt sich
dagegen auf die Führung weniger Warenarten, die jedoch nach
vielen Gebieten exportiert werden,

Die Welthandelsplätze haben ihre besondere Bedeutung
oft in ihrer Eigenschaft als große Konsumplätze erlangt, d. h. sie waren
in der Regel in der glücklichen Lage, dank ihrer eigenen starken Bevöl-
kerungsziffer ein großer Konsumplatz und dank ihres stark bevölkerten
Hinterlandes ein gesuchter Stapelplatz für die ankommenden Waren
zu sein. Als solche Welthandelsplätze sind London, New York, Ant-
werpen und Hamburg anzusehen. Neben diesen Konsumplätzen gibt es
noch zahlreiche Umschlagplätze, die weniger Handelsbedeutung, desto
mehr aber Verkehrsbedeutung haben, z. B, Rotterdam, Marseille, mit
Übergang von See- zur Flußschiffahrt usw. Die großen Welthäfen übten
jedoch fast eine ebenso starke Rolle als Verteilungsplatz — Hamburg
für den ganzen Kolonialwarenhandel Skandinaviens, für den Kaffee- und
Südfruchthandel Deutschlands — wie als Stapelplatz aus. Diese Stapel-
plätze bieten der Schiffahrt den Vorzug, ihre Schiffe nach Entladung der
Fracht auch wieder mit neuer sicherer Rückfracht — Exportware —
versehen zu können. Vom Standpunkt einer günstigen „Tonnagebilanz”
betrachtet, ist natürlich Hamburg und London der Vorzug zu geben vor
Bremen, Rotterdam oder Boulogne. Jeder moderne Staat trachtet da-
nach, in seinen wichtigsten Häfen dem internationalen Zwischen-
oder Durchfuhrhandel eine Heimstätte zu bereiten, da der zu

WO
        <pb n="121" />
        Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Handels. 101
erzielende Zwischengewinn oft geeignet ist, die Handelsbilanz
eines Staates nicht unerheblich zu bessern,

Die Lage Deutschlands in Mitteleuropa als Brücke
zwischen dem Westen, dem Osten und dem Orient sowie die zwingende
Notwendigkeit, seine Handelsbilanz zu verbessern, muß und wird
hoffentlich dazu führen, daß Deutschland als Transithandels-
land künftig eine noch bedeutsamere Rolle spielen wird als bisher,
Die Umgehung der dem Transithandel außerordentlich lästigen
und diesen sonst erheblich verteuernden Zollgebühren wird durch
die Gründung der Freihafengebiete und der Freiläger oder
Transitläger gewährleistet,

Die vorhin erwähnten Stapelplätze sind zwar häufig Seehafen-
plätze, wie z. B. neben Hamburg (Kaffee, Tee, Südfrüchte) Bremen
(Baumwolle), Lübeck (Holz), doch gibt es auch im Binnenlande oft recht
bedeutende Stapelplätze, wie z. B. Leipzig (Borstenhandel, Pelz-
geschäft), Berlin, Mannheim (Getreidehandel u. ä.). Auf diesen Stapel-
plätzen entwickelt sich nun feinste Warenkenntnis und eine besonders
starke Ausprägung des Sortierhandels, Die Warenkenntnis gerade an
den Stapelplätzen läßt die Handelsschiedsgerichte
entstehen, deren Sachkenntnis und Urteilskraft oft für den ganzen Welt-
handel maßgebend werden,

Die Kapitalkraft ist und bleibt sowohl im Außenhandel als
auch im Binnengroßhandel von ausschlaggebender Bedeutung für die
Entwickungsmöglichkeit des Handels, Die Einfuhr der ungeheuren
Rohstoffmengen, die oft schiffsladungsweise von Übersee gekauft
werden, ferner die Notwendigkeit, dem Fabrikanten, besonders dem
kleinen und mittleren Industriellen, die Rohstoffe und Halb-
fabrikate auf Kredit zu beschaffen, da die Bezahlung in der
Regel erst nach Fertigstellung der Ware erfolgen kann, erfordert außer-
ordentlich starke Geldmittel. Auch der Export von Fertigwaren
nach dem Auslande, deren Bezahlung oft 3, 6 und auch 9 Monate auf
sich warten läßt, erheischt gleichfalls eine nicht unbedeutende Geld-
flüssigkeit, zumal da der inländische Fabrikant sich jahrzehntelang
daran gewöhnt hat, von dem Exporthandel die Ware in bar
bezahlt zu erhalten, während diesem das Risiko der Ver-
schiffung der Ware und die Sorge des Einbringens der Außen-
stände im fremden Land überlassen blieb.

Leider hat die Inflationszeit in Deutschland mit der unaus-
bleiblichen Folge des Kapitalschwundes nicht zum wenigsten
dazu beigetragen, die Stoßkraft und Bedeutung des Handels
außerordentlich zu schwächen, abgesehen von allen anderen
        <pb n="122" />
        102 Otto Keinath:

Faktoren des Eingriffs oder der Verminderung der Vermögenssubstanz
— Preistreiberei-Verordnung, ferner die unheilvolle These: Mark gleich
Mark —, die ihm besonders in der Nachkriegszeit die Existenz be-
drohten. Nach unendlich schweren Kämpfen und nach langen Jahren
bitterer Erfahrungen ist es erst allmählich dem Handel gelungen, die
durch den Krieg völlig zerstörten Auslandsgeschäfte wieder anzubah-
nen und vor allen Dingen den „Kredit”im Auslande wiederzu-
gewinnen, welcher in den Vorkriegszeiten dem deutschen Kaufmann
wegen seiner über alles erhabenen Reellität bedenkenlos gewährt
wurde, Schon seit alters her liegt dem ehrbaren Kaufmann mehr noch
als am Gelde an der Einräumung des — moralischen — Kredites. Erst
der fundamentale Grundsatz von Treuund Glauben, der das ge-
sprochene Wort ebenso wertvoll erscheinen läßt wie schriftlich fun-
dierte Verträge, bildet jene Brücke vertrauensvollen Zusammenarbei-
tens zwischen Deutschland und dem Ausland, ohne welche ein er-
sprießlicher Außenhandelsverkehr unmöglich ist.

Das Zusammenströmen wichtiger Abnehmer- und Lieferanten-
kreise an den großen Stapelplätzen der Welt bedingte die
immer mehr zunehmende Bedeutung solcher Plätze als Kredit-und
Zahlungszentrale, Der internationale Wechselverkehr, der
Terminhandel, gestützt auf große Mengen greifbarer Waren, die Kon-
zentrierung großer Kapitalmassen aus allen Teilen des Binnenlandes
und des Auslandes, gaben einem solchen Platz ein besonderes Gepräge
finanzieller Stoßkraft, Eines der bedeutendsten Beispiele bildete bis
zum Weltkriege London, welches die Beherrscherin des inter-
nationalen Geld- und Kreditmarktes war und sich jetzt wieder intensiv
bemüht, diese bedeutsame Vormachtstellung den Bankiers und Finan-
ziers New Yorks zu entwinden. Die vorhin angedeutete Schwächung
der deutschen Kapitalkraft blieb auch auf die größten deutschen
Warenhandelsplätze nicht ohne Rückwirkung, In mühseliger
Arbeit muß auch hier wieder der Aufbau auf dem deutschen Geld- und
Kapitalmarkte vollzogen werden.

III, Importhandel,

Bereits vorhin streiften wir mit einem Wort die Gefahren der
Ausschaltung des Handels, Diese treten bereits beim Im-
porthandel von Massenwaren auf, Je geringer der Quali-
tätsunterschied der Rohstoffe, je weniger es der Tätigkeit der Sortierer
bedarf, desto größer wird die Gefahr, daß der „Cif-Agent‘, welcher
die Offerte vom ausländischen Exporthause direkt erhält, diese gegen
geringe Provision den verarbeitenden Industrien, der Mühle, der
Spinnerei, der Eisenhütte oder der Schokoladenfabrik in die Hände
        <pb n="123" />
        Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Handels, 103
spielt. Die Ausschaltung des selbständigen, mit eigenem Kapital
arbeitenden Berufshandels im Rohstoffgeschäft wird noch besonders
stark gefördert durch die Vereinfachung und Vereinheitlichung der
Verkehrsbedingungen zwischen den Staaten, gelingt es doch in neuerer
Zeit mit Hilfe der „Durchfrachttarife‘”‘ auf Grund eines einzigen
„Durchfrachtkonnossementes‘, z, B. die Baumwolle vom Ursprungs-
lande über den Seeumschlagsplatz und dann per Eisenbahn nach
München-Gladbach, Lodz oder Chemnitz in die Fabriken zu bringen.
Hierdurch war wieder dem Handel ein wichtiges Stück
Arbeit entzogen, nämlich die Wahl des besten und
billigsten Transportweges und die Organisation der
Warenbewegung.

Drei Ausschaltungstendenzen setzten hier gegen den
„Propre-Handel‘ in Massenwaren ein: der Produzent (durch Da-
zwischenschaltung des Cif-Agenten), der Verbraucher (infolge direkter
Abnahme vom Ausland mit Hilfe des bequemen Durchfrachtbriefes)
und schließlich das Verkehrswesen, welches mit zunehmender Entwick-
lung der Schiffahrtsunternehmungen, Speditionsfirmen und der Eisen-
bahn die Güterbewegung dem Handel aus der Hand nimmt,

Die Gefahr einer solchen Ausschaltung wird jedoch geringer,
wo die Ware noch der Sortierung, Reinigung oder Bearbeitung bedarf,
Hier hält sich der Berufshandel am Sortierungsplatze, d. h. in der Regel
am Hafen. Die sicherste Stütze für den Handel der Seestädte
bzw. für den Importhandel überhaupt sind Waren wie Tabak,
Kaffee, Gewürze, Reis, Tee, Kakao, Wolle u. dgl. Die
eigentliche Domäne des Außenhandels liegt auf dem Gebiete der
verfeinerten Sortierung überseeischer Rohstoffe.

Auch vermögen die vorhandenen Auwusschaltungstendenzen da
wenig Einfluß auf den Handel auszuüben, wo es sich um den Groß-
handel in frischen Lebensmitteln und Genußmitteln,
Gewürzen, Fleisch, Vieh usw. handelt, da mit diesen Waren der letzte
Konsum bzw. der Kleinhändler oft unter Zuhilfenahme der Großmarkt-
hallen zu beliefern ist, und da auf diesem Gebiete keine mäch-
tigen Einzelverbraucher in Erscheinung treten, die in der
Lage sind, dem Handel das Geschäft aus der Hand zu nehmen. Der
relativ schnelle Umschlag, welchen der Welthandel in Gefrierfleisch,
Südfrüchten, Eiern, Butter und Fischen — neuerdings auch Blumen —
notwendig macht, um diese Ware nicht dem Verderb auszusetzen, ver-
langt eine enge Zusammenarbeit zwischen Speditionsfirmen und Han-
delsbetrieben, deren Oberaufsicht zumeist in den Händen des daran
beteiligten Handels liegt. Eine gefährliche Rolle in den Aus-
schaltungsbestrebungen des Handels spielen die Rohstoffe
        <pb n="124" />
        104 Otto Keinath:

mineralischen Ursprungs, wie Erze, Kali, Schwefel, Salpeter, Petroleum
u, dgl, da diese Bodenerzeugnisse nicht von irgendwelchen Ernte-
schwankungen und ähnlichen Zufälligkeiten in der Preisgestaltung ab-
hängig sind, infolgedessen stabilere Preise kennen und infolge ihrer
ziemlich gleichbleibenden Qualität die Einschaltung des speziellen Sor-
tierhandels überflüssig machen. Solche Waren eignen sich nicht für
Terminhandel und Spekulativhandel, denn alle diese Bodenerzeugnisse
werden das ganze Jahr hindurch durchweg gleichmäßig gefördert oder
abgebaut, ihre Mengen sind übersehbar und sowohl der Beeinflussung
durch die Erzeuger als auch der Verarbeiter zugänglich. Zwar spielt
auch hier der freie Markt im Welthandel — Angebot und Nachfrage —
eine bedeutsame Rolle, doch bewegen sich die Konjunktur-
schwankungen in weiteren, allmählich auf- und absteigenden
Linien, Internationale Zusammenschlüsse und Trusts neigen dazu, sich
gerade dieser Bodenerzeugnisse zu bemächtigen (Petroleumtrust —
Kalitrust; Deutschland/Elsaß-Lothringen — Eisensyndikat), um das
Risiko von nichtübersehbaren Preisschwankungen nach Möglichkeit
von vornherein auszuschalten.

Ein ganz anderes Bild bietet sich uns bei dem Importvon aus-
ländischen Fabrikaten im Gegensatz zu dem obenerwähn-
ten Import von Rohstoffen, Beim Fabrikatenimport bestehen keine
solchen straffen Organisationen, wie wir sie beim Import wichtiger
Rohstoffe und Stapelwaren kennengelernt haben; insbesondere fehlt
auch hier das wichtige Moment der Bildung von Spezialmärkten an
den Stapelplätzen, da ja die eingeführten Fabrikate von außerordent-
licher Vielfältigkeit und unterschiedlicher Qualität sind, so daß die
Preisbildung sich nicht „börsen- oder marktmäßig‘ vollziehen kann.
Im Gegensatz zum Auslande — in Amerika (New York) haben sich
speziell Importeure von europäischen Massenartikeln festgesetzt —
finden wir in Deutschland beim Import von Fertigwaren nur losere
Organisationen, die auf nur ganz wenigen Gebieten einen besonderen
Zusammenschluß bewerkstelligt haben (z. B. Tuch-Importhandel), Der
übliche Import von Fertigwaren wird in der Regel ent-
weder vom Exporthandel mit übernommen oder nur vom
binnenländischen Großhandel vollzogen, der 80 % seines
Geschäftes durch Vertreiben von im Inland erzeugten Fertigfabrikaten
aufrechterhält, während er die übrigen 20%, um nur eine Ziffer zu
nennen, aus dem Auslande bezieht, und zwar von Fall zu Fall dorther,
wo ihm die Wareambilligsten und auch der Qualitätnach
am preiswertesten angeboten wird, oder von solchen
Ländern, die sich auf die Erzeugung bestimmter Quali-
tätsware eingestellt haben, wie z. B. französische Seifen und
        <pb n="125" />
        Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Handels. 105
Parfüms sowie Seidenerzeugnisse, Brüsseler Spitzen, englische Zink-
bleche, Gablonzer Artikel, Erzeugnisse der Wiener-Vorstadt-Industrie,
böhmische Glaswaren u. ä. m.
IV. Exporthandel,

Die Untersuchung über die Organisation des Außenhandels ergibt,
daß die Exporthäuser nur zu einem gewissen Prozentsatz (60 %)
reinen Export betreiben, während etwa 40 % sich neben der Ausfuhr
noch mit der Einfuhr nach Deutschland befassen. Dieses Bild ergibt
sich jedenfalls aus den aus Hamburg vorliegenden Statistiken,

Von den in Deutschland zur Zeit vorhandenen, etwa 200- bis 300000
Großhandlungen beschäftigt sich nur ein relativ geringer Prozentsatz
ausschließlich mit dem Außenhandel, viele Firmen betreiben jedoch
Export und Import neben einem ausgedehnten Inlandsgeschäft — teils
wegen Vervollständigung und besserer „Assortierung‘ ihrer Lagerbe-
stände, teils wegen Ausdehnung der Absatzgebiete auf das Ausland,
welches vielfach gern vom deutschen Kaufmann kauft wegen der
Reichhaltigkeit seiner „Kollektionen", inländischen und ausländischen
Ursprungs,

Je nach der Struktur und dem Standort der Exportgeschäfte kann man
zwei Arten unterscheiden, die einen, welche ihren Sitz dicht bei
der Industrie haben (z. B, sächs, Textilexport, Kleineisen- und
Stahlwaren in Remscheid, Solingen und Iserlohn, Spielwaren in Nürn-
berg, Korbwaren in Koburg, Bijouteriewaren und Edelschmuckwaren
in Pforzheim) und dieanderen, welche ihr Exportgeschäft von
dem Hafenplatze aus betreiben. Die ersteren — die Branchen-
Exporteure — pflegen, wie wir schon oben gesehen haben, das Ge-
schäft nach vielen Ländern mit wenigen, in sich allerdings reichhaltigen
Artikeln, zählt man doch z. B. gerade in der Kleineisen- und Spiel-
warenbranche Tausende von verschiedenen Artikeln, Je größer die
Kapitalkraft der Industrien ist, deren Export diese Handelshäuser be-
treiben, desto größer wird auch hier die Gefahr der Ausschaltung des
betreffenden Exporthandelszweiges durch Gründung eigener Export-
abteilungen der immer größer werdenden Industrien.

Wie wir bereits an anderer Stelle anführten, ist die Geschäftsge-
barung des speziellen Exporteurs, des eigentlichen En gr os-
Sortimenters, eine ganz andere, da er grundsätzlich keine Ware
von seinem Geschäftsbetrieb ausschließt und sich nicht der Ware,
sondern dem Abnehmerkreis anpaßt, Den Typ dieses speziellen
Exporthandels finden wir sehr häufig in Hamburg; er exportiert
sämtliche erdenklichen Waren von der Stecknadelbis zur
Lokomotive.
        <pb n="126" />
        106 Otto Keinath:

Es kommt jedoch auch vor, daß manche „speziellen Exporteure"
ihren Wohnsitz von dem Hafenplatze nach dem Binnenlande verlegen
und ihr Haus in Paris oder Berlin, Köln und Wien als Sammelplatz für
den Export der verschiedensten Waren begründen, wenngleich dieser
Sammelexport sich auch auf eine gewisse Spezialgruppe
von Waren beschränken kann, die an sich wieder außerordentlich
vielseitig ist, wie z. B. Modeartikel, Herrenbedarfsartikel, technische
Artikel, Haus- und Küchengeräte und dergleichen mehr. Die Begriffe
„Branchen-Exporteure‘” und „Engros-Sortimenter‘” lassen oft keine
ganz präzise Unterscheidung zu.

Der Exporteur und noch mehr der Exportagent pflegt in immer
weiterem Umfange direkten Verkehr mit dem Fabrikanten., Die Eigen-
art der Exportagenten bildet häufig die ständige Ausstellung
eines Musterlagers im privaten Ausstellungsraum, wodurch sich
der ausländische Abnehmer in bequemster Weise über das zu bestel-
lende Sortiment oder die gewünschten Artikel Aufschluß an Hand von
Mustern verschaffen kann.

Neben dem Eigenhandel finden wir sehr häufig die Ge-
schäftsform des Kommissionshandels, d. h. der Exporteur
kauft gegen Auftrag des Überseekäufers die gewünschte Ware ein und
exportiert sie nach Katalog oder nach vorher übersandten Mustern an
den ausländischen Abnehmer (Export-Kommissionäre), Immerhin ist zu
beobachten, daß — bereits in der Vorkriegszeit — die meisten
Kaufleute vom Kommissionsgeschäft zum Eigengeschäft übergegangen
sind, da die Kommissionsraten immer mehr gesunken sind und den für
den Fortbestand des Geschäfts unbedingt erforderlichen Nutzen nicht
mehr zuließen.

Wir haben bereits vorhin in kurzen Umrissen gesehen, daß die
Zwischenschaltung des Handels sowohl beim Import als auch Export
mehr oder weniger notwendig wird, je nach den Warenarten, um welche
es sich handelt. In den letzten Jahren hat sich herausgstellt, daß
offensichtlich die Erzeugnisse der Groß- und Schwer-
industrie: Automobile, elektrische Anlagen, Bergwerksanlagen,
Bau von Eisen- und Untergrundbahnen, Eisenbahnwaggons und Loko-
motiven, Anilinwaren und Rohfilme, Eisenbahnschienen, Walzwerks-
produkte — inderRegelnichtmehrvom Exporthandel,
sondern von der Industrie selbst im Ausland abgesetzt wer-
den. Die mittlere und kleine Industrie dagegen pflegt sich in der Mehr-
zahl der Fälle noch des Exportkaufmanns zu bedienen, da die
Gründung von Filialen im Ausland oder die Unterhaltung
ständiger Vertreter für diese zu kostspielig wird und im
Verhältnis zu der Absatzfähigkeit der Artikel nicht lohnt, oder weil
        <pb n="127" />
        Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Handels, = 107 |

- 3 sTEROINE“
die betreffenden Artikel so mannigfaltiger Natur sind, wie z. \B2Holz- ;
waren, Lederartikel, Kleineisenwaren, Textilerzeugnisse (beson rs/der -
Mode unterworfene Artikel), daß sich der Export dieser Wareiauf
zweckmäßigste und lohnendste Weise unter Vermittlung des Export-
handels vollzieht.

Durch die vorstehenden Ausführungen zieht sich wie ein Leit-
motiv die Feststellung der Tatsache, daß das eigentliche Lebenselement
des Handels die Freizügigkeit der Warenbewegung und -verteilung im
In- und Auslande, daß „das Feld des Handels die Welt” ist.
Dieser stolze hanseatische Wahrspruch verrät jene freie Denkungsart
des Großkaufmanns, die dem deutschen Handel und damit auch Deutsch-
land in der Welt Ansehen und Geltung verschafft hat. Ein lebensfähiger
und der Wirtschaft nützlicher deutscher Großhandel braucht aber zur
Entwicklung aller seiner Fähigkeiten nicht nur Bewegungsfreiheit in
Deutschland selbst, sondern auch ungehinderten Anschluß an den
durch möglichst günstige Handelsverträge geregelten Welthandel und
Weltverkehr, Die weitgehende Einschaltung des Handels in
den internationalen Güteraustausch ist für die deutsche Wirtschaft
ungemein viel nützlicher als alle kraftverschwendenden Versuche
der Ausschaltung des Handels, bleibt doch unser aller ge-
meinsames Ziel, mit den tauglichsten Mitteln und so bald wie möglich
Deutschlands Weltgeltung und Handelsmacht in altem Glanze wieder-
erstehen zu lassen.
        <pb n="128" />
        7,

Das Handwerk im Rahmen der Volkswirtschaft,

Von Dr. E. Wienbeck, Handwerkskammersyndikus, M. d. R., Hannover.

I. Begrifi des Handwerks,

Einen allgemein gültigen Begriff des Handwerks gibt es nicht.
Gewerbe, die unter den Begriff des Handwerks fallen, kommen ent-
weder n ur als handwerkliche Betriebsform vor, wie z. B. das Schmiede-
handwerk, oder sowohl handwerks- wie fabrikmäßig, wie z. B. die
Möbeltischlerei, Zu dem Begriff des Handwerks im Rahmen dieser
Ausführungen gehört aber das Merkmal der Selbständigkeit,
Es gibt z, B, in großindustriellen Betrieben zahlreiche Handwerker
(Schlosser, Schmiede, Tischler usw.), die dort handwerksmäßig arbeiten,
aber als Arbeitnehmer von Fabrikbetrieben nicht in den gesetzlichen
Rahmen des Handwerks fallen.

Die Versuche, durch Gerichts- oder Verwaltungsent-
scheidungen einen klaren Begriff des Handwerks zu schaffen, sind
bisher nicht gelungen, Man kommt daher immer mehr dazu, die Frage,
ob ein Betrieb handwerksmäßig ist oder nicht, von Fall zu Fall auf
Grund gutachtlicher Äußerungen sachverständiger Vertretungen (z. B.,
Handwerks- und Handelskammern) zu entscheiden, Jedenfalls ist es
nicht mehr angängig, einen Betrieb etwa wegen hoher Gehilfenzahl,
wegen starken Betriebskapitals, wegen kaufmännischer Buchführung,
höherer Vorbildung des Inhabers oder Maschinenverwendung ohne
weiteres als nichthandwerksmäßig zu bezeichnen,

IL, Zahl und Art der Handwerke,

Man kann annehmen, daß heute in Deutschland 90 bis 100 ver-
schiedene Handwerke bestehen. Spezialisiert man Haupthandwerks-
arten, z, B. das Mechanikerhandwerk, in alle Abarten, so kommt man
zu einer viel höheren Ziffer, Sehr wichtig ist es, zu prüfen, ob die
Handwerke seit dem Mittelalter, wo sie ja die ausschließliche technische
Betriebsform bildeten, sich vermindert haben. Selbstverständlich sind
unzeitgemäße Handwerke, wie z. B. die Schwertfegerei, die Harnisch-
macherei oder die Beutelschneiderei, verschwunden, Dafür sind aber
neue, zum Teil volkswirtschaftlich sehr bedeutende Handwerke ent-
        <pb n="129" />
        Das Handwerk im Rahmen der Volkswirtschaft, % 109
standen, z. B. das Elektromonteurhandwerk, die Gas- und Wasser-
installation, die graphischen Gewerbe aller Art, die Stickerei usw. Man
kann daher sagen, daß die Handwerksarten seit dem Mittelalter sich
nicht verringert, sondern eher vermehrt haben. Die Notwendigkeit,
ein Handwerk 3—4 Jahre zu lernen, ist heute mindestens ebenso
zwingend als im Mittelalter,

Die Zahl der Handwerksbetriebein Deutschland
ist zwar wegen der erwähnten mangelnden Begriffsbestimmung bisher
statistisch nicht einwandfrei festgestellt, man kann sie aber auf 1% bis
11% Million schätzen,

Nach den zuverlässigen Beobachtungen einiger Handwerks-
kammern nahm die Zahl der Handwerksbetriebe vor dem Kriege
langsam zu. Dies war eine gesunde Erscheinung, soweit es sich um
die Entwicklung neuer Handwerke in Stadt und Land (z. B. Fahrrad-
mechaniker, Elektromonteure) handelte oder um die Ausbreitung ur-
sprünglich städtischer Handwerke auf Landbezirke (Bau-, Bekleidungs-
und Lebensmittelhandwerke aller Art), Die Entwicklung war volks-
wirtschaftlich teils gesund, konnte aber auch Bedenken erregen, wenn
gewisse Handwerke, wie z. B. Schuhmacherei und Tischlerei, allzu
schnell und zahlreich in Landbezirken mit stabiler Bevölkerung ent-
standen, Der erreichbare Kundenkreis wird dann zu klein, um selbst
Kleinbetriebe ausreichend zu ernähren,

Solche „Übersetzung‘ kann nur dann eintreten, wenn zum Selb-
ständigwerden in einem Handwerk geringes Betriebskapital gehört. Sie
ist fast ganz unmöglich in Handwerken wie der Bäckerei und
Fleischerei, die räumlich und finanziell nicht nur gute Grundstücke,
sondern auch solides Betriebskapital verlangen.

Als vorübergehende Erscheinung sei erwähnt, daß während der
Inflationsperiode der deutschen Währung im Winter 1923/24 15—20 %
der Handwerksbetriebe eingestellt wurden. Nach Stabilisierung der
Mark hob sich die Zahl der Betriebe wieder langsam, hat aber
zweifellos die Friedenshöhe — namentlich im Baugewerbe — noch
nicht erreicht,

Auch der Beschäftigungsgrad der einzelnen Betriebe
bleibt hinter den Friedensverhältnissen noch zurück. Dies wird deutlich
dadurch bewiesen, daß die Zahl der Handwerksgesellen etwa 75%
der Friedenszahl beträgt, Dagegen scheint die Zahl der Lehrlinge die
Friedenshöhe wieder erreicht zu haben. Es zeigt sich bei allen Lehr-
stellenachweisen, daß der Zudrang zum Handwerk und besonders zu
einzelnen Handwerken, wie z. B, Schlosserei und Elektromontage,
sehr groß ist, Wichtig ist ferner noch die Beobachtung, daß die Stärke
        <pb n="130" />
        110 Dr. E, Wienbeck:

der Zwangsinnungen, die finanzielle Kraft der Handwerkskammern und
somit auch die Zahl und Wirtschaftskraft der Einzelbetriebe des Hand-
werks überall da zunehmen, wo sich die Großindustrie vermehrt.
Man findet ein besonders starkes Handwerk z. B, in Berlin, in den Berg-
werksbezirken von Oberschlesien, an der Ruhr usw. Neue Handwerks-
betriebe entstehen auch überall da, wo sich die Landwirtschaft
kräftig oder, wie in Siedlungsgebieten, neu entwickelt.

Die Schlußfolgerung aus diesen Tatsachen ist die, daß die volks-
wirtschaftliche Lehre vom Rückgang des Handwerks oder das politische
Schlagwort vom „Todeskampf des Handwerks‘ durchaus falsch sind.
Die heutige Volkswirtschaftslehre muß das Handwerk als einen not-
wendigen, wirtschaftlich ausreichend begründeten und sich nach Zahl
und Art ständig fortentwickelnden Berufsstand betrachten.

II, Organisation des Handwerks,

Das Handwerkergesetz vom 26. Juli 1897 (Titel VI der Reichs-
gewerbeordnung) bedeutete zunächst nur einen Versuch, Zahl, Art und
Entwicklungsfähigkeit des Handwerks gegenüber der herrschenden
volkswirtschaftlichen Lehre vom Verschwinden dieser Betriebsart fest-
zustellen, Die Ergebnisse dieses Versuchs sind in dem vorhergehenden
Abschnitt kurz dargestellt, Das Gesetz vom Jahre 1897 hat somit das
Verdienst, die volkswirtschaftliche Bedeutung des Handwerks bewiesen
und seine Fortentwicklung gefördert zu haben. Es ist dadurch weiter
klargestellt worden, daß gewerbliche Betriebsarten mittleren und
kleineren Umfangs nicht einfach dem Spiel der freien Kräfte überlassen
werden dürfen, sondern durch eine pflegliche Behandlung die pro-
duktive und steuerliche Kraft eines Staates erfreulich stärken können.
Insofern besitzen gesetzliche Organisations- und Erziehungsvorschriften
volkswirtschaftliche Bedeutung.

Das Gesetz vom Jahre 1897 schuf in Anlehnung an die Handels-
und Landwirtschaftskammer die Handwerkskammern und hielt da-
neben die älteren Gewerbekammern des Staates Sachsen und der
Hansestädte aufrecht, Es gibt heute 68 Handwerks- und Gewerbe-
kammern in Deutschland, die je ein bis zwei Regierungsbezirke preußi-
schen Umfangs oder einen Bundesstaat umfassen. Die Mitglieder der
Handwerkskammern werden von den Innungen und handwerklichen
Vereinigungen des Bezirks gewählt, Die Innungen zerfallen heute noch
in Zwangsinnungen, freie Innungen und gemischte Innungen. Die
Zwangs- und freien Innungen sind Vereinigungen gleicher oder ver-
wandter Handwerke, Die gemischten Innungen nehmen alle Hand-
werke auf, Diese letzte Innungsart verschwindet allmählich gegenüber
derstarken Entwicklung der Zwangsinnungen, denen
        <pb n="131" />
        Das Handwerk im Rahmen der Volkswirtschaft, 111
jeder Handwerksbetrieb des Innungsfaches im Innungsbezirk angehören
muß,

Die Aufgaben der Handwerkskammern und der Innungen liegen
hauptsächlich in der Erziehung des Nachwuchses (Lehr-
lingsrollen, Überwachung der Lehrverträge, Gesellen- und Meister-
prüfung, gewerbliches Schulwesen) und in der gutachtlichen Tätigkeit
zu allen Fragen des Handwerks, Handwerkskammern und Innungen
beschäftigen sich somit mit Gesetzentwürfen und Verordnungen des
Reiches und der Länder, mit Gutachten und Anträgen an Behörden
aller Art, mit Errichtung und Förderung von Innungen, Genossen-
schaften und Fach- und Fortbildungsschulen, auch Buchführungs- und
Meisterkursen, mit Ausstellungen für das Handwerk, Berufsberatung,
Lehrstellenvermittlung, Arbeitsnachweisen, Sie fördern Unter-
stützungs- und Krankenkassen, namentlich Innungskrankenkassen,
unterhalten außergerichtliche Schiedsstellen (Güteverfahren), ernennen
gerichtliche Sachverständige, beeinflussen das Verdingungs- und Ver-
gebungswesen, errichten Steuerberatungsstellen und erörtern mündlich
und schriftlich, allgemein aufklärend, aber auch statistisch und wissen-
schaftlich die Handwerkerfragen.

Es sei erwähnt, daß das heute noch geltende Gesetz vom Jahre
1897 in absehbarer Zeit durch ein neues — die sogenannte Reichs-
handwerksordnung — abgelöst werden dürfte. Den Kernpunkt
dieses Reichsgesetzes, das als amtlicher Entwurf schon vorliegt, bildet
die sogenannte Pflichtorganisation. KErhält das Gesetz
Rechtskraft, so wird das ganze deutsche Handwerk in Pflichtinnungen
organisiert, Volkswirtschaftlich gewinnt dies Gesetz Bedeutung, weil
es den Handwerksstand als einheitlich geschlossenen Stand den
andern selbständigen Berufsarten entgegenstellt und als klar erkenn-
baren Faktor in die Volkswirtschaft eingreifen läßt.

IV, Umiang der Produktion.

Eine Statistik über die Gesamtproduktion des Handwerks oder
seinen Ertragswert gibt es bisher nicht. Gewisse Anhaltspunkte
gewinnt man daraus, daß heute etwa 10 Millionen Menschen in Deutsch-
land unmittelbar durch das Handwerk ernährt werden dürften. Hierin
eingeschlossen sind Meister, Gesellen und Lehrlinge, die Familien der
Meister und der verheirateten Gesellen. Nach neueren Ermittelungen
kann ferner angenommen werden, daß sich die Jahresproduktion des
deutschen Handwerks auf etwa ein Drittel der Gesamtproduktion des
Reiches beläuft,

Als Binnenproduzent ist das Handwerk notwendig für die lokale
Verteilung aller Güter, die nicht durch die Maschine oder den Handel
        <pb n="132" />
        112 Dr. E, Wienbeck:

fertig geliefert werden sollen oder können, ferner für Umarbeitung,
Adaptierung und Reparatur aller, gleichgültig wo und wie, fertig-
gestellten Güter,

Aus diesen notwendigen Aufgaben ergeben sich die volkswirt-
schaftlichen Gefahren für das Handwerk und die Notwendigkeit des
gesetzlichen Schutzes vor diesen Gefahren.

Welches sind die Gefahren? Hierfür einige Beispiele:

Eine große Fabrik beschäftigt Tausende von Arbeitern. Der Bedarf
dieser Arbeiter an Schuhzeug aller Art ist so groß, daß die Einrichtung
einer eigenen Schuhmacherwerkstatt unter Verbilligung aller Liefer-
preise möglich ist, wenn die Fabrik die Unterhaltung der Werkstatt, die
Lieferung der Rohstoffe und die Entlohnung der Schuhmacher sicher-
stellt. Hier handelt es sich also um einen sogenannten privaten
Regiebetrieb, der nicht den Zweck hat, dem Unternehmer Vor-
teile zu bringen, sondern den Arbeitern des Unternehmers billigere
Schuharbeit zu liefern, als es der selbständige Meister tun kann,

Häufiger entstehen die Regiebetriebe der Behörden,
die zum Teil — wie z.B. die Tischlerwerkstätten der Gefängnisse —
den Nebenzweck haben, die Gefangenen zu beschäftigen, zum Teil -—
wie z. B. die Beamtenkonsumvereine — den Bezug aller möglichen
Waren verbilligen sollen.

Alle solche Regiebetriebe haben die Wirkung, Handwerksbedürf-
nisse eines gewissen Personenkreises dem selbständigen Handwerk zu
entziehen und somit die Steuerkraft dieses Berufsstandes zu verringern;
sie haben nie die Wirkung, die Produktion zu verbilligen. Man kann
sogar annehmen, daß die Generalunkosten, die direkt oder indirekt von
dem Großbetriebe oder der Behörde übernommen werden, die Pro-
duktion gegenüber dem selbständigen Mittel- und Kleinbetriebe erheb-
lich verteuern,

Die Duldung von Regiebetrieben aller Art, deren Entwicklung im
großen schließlich zur Kommunalisierung und Soziali-
sierung mancher Handwerkszweige führen kann, bedeutet daher eine
volkswirtschaftlich nicht zu verteidigende Schädigung des selbständigen
Handwerks und der Steuerkraft des Staates,

Die Staatswirtschaft ist ein großer Teil der Volkswirtschaft, Der
Staat ist der größte Arbeit- und Auftraggeber. Es ist selbstverständ-
lich, daß diese Aufträge gleichmäßig und gerecht auf die produktiven
Stände des Staates verteilt werden müssen. Aber gerade hier lauern
ständig Gefahren für das Handwerk, Für den Staat, für eine Provinz
oder eine Stadt ist es natürlich bequemer, Neubauten oder ganze Innen-
einrichtungen an einen Generalunternehmer zu vergeben, der den ein-
zelnen Handwerker dann nach Gutdünken heranziehen kann, als diese
        <pb n="133" />
        Das Handwerk im Rahmen der Volkswirtschaft. 113
Aufträge’ nach Industrie- und Handwerkslosen einzuteilen und auf das
Gewerbe des Bezirks gleichmäßig umzulegen. Daher der jahrelange
Streit um das Submissionsunwesen, das sich auch in der Nei-
gung, stets das billigste Angebot zu bevorzugen, kennzeichnet. Da die
Gefahr, das Handwerk ausreichend an öffentlichen Aufträgen zu
beteiligen, neuerdings, bei der Vergebung der Reparationsaufträge aus
dem Friedensvertrag von Versailles, besonders brennend wurde, so
haben sich in allen Teilen Deutschlands besondere Handwerks-
wirtschaftsgesellschaften gebildet, die unter Vermittlung
der staatlichen Landesauftragsstellen sich um öffentliche Aufträge
bewerben und sie dann an die angeschlossenen Handwerksbetriebe und
-genossenschaften weiterverteilen.

Im übrigen sollen die allgemeinen Verdingungsfragen, namentlich
für die öffentlichen Verwaltungen, durch eine Reichsverdin-
gungsordnun gg geregelt werden,

Als dritte volkswirtschaftliche Gefahr erscheint die Kredit-
frage. Der Kredit für das Handwerk wurde seit Jahrzehnten durch
die Kreditgenossenschaften nach dem System Schulze-Delitzsch, die
ihre finanzielle Zusammenfassung in der preußischen Zentralgenossen-
schaftskasse und in der Genossenschaftsabteilung der Dresdner Bank
fanden, vermittelt, Hierüber einige Zahlen”):

Der Deutsche Genossenschaftsverband berichtet, daß die Gesamt-
bilanzsumme von etwa 1000 städtischen Kreditgenossenschaften im
Jahre 1921 nur 230 Millionen Mark Gold betrug, gegenüber 1,8 Mil-
liarden Ende 1913. Die anvertrauten fremden Gelder betrugen nur noch
195 Millionen gegenüber 1,3 Milliarden im Jahre 1913, die ausgeliehenen
Kredite 147 Millionen gegenüber 1,5 Milliarden im Jahre 1913. Das
eigene Vermögen betrug im Jahre 1921 nur noch 16 Millionen gegen-
über 390 Millionen im Jahre 1913, Hieraus wird gefolgert, daß die für
den Geschäftsbetrieb der Genossenschaften zur Verfügung stehenden
Mittel, fremde und eigene, im allgemeinen auf 5 bis 10 % des Friedens-
standes zurückgegangen sind,

Es geht ferner hieraus hervor, daß das Handwerk sich vor dem
Kriege in der Kreditfrage selbst genügend helfen konnte, daß jetzt aber,
namentlich durch die Inflation, die Kreditmittel derart vermindert sind,
daß irgendeine Hilfe von außen her notwendig ist. Diese Hilfe kann
auf zweierlei Art gebracht werden. Zunächst durch Bereitstellung von
Kreditsummen, ähnlich wie sie für Industrie und Landwirtschaft durch
die Rentenbank beschafft wurden. Diese Aufgabe verfolgen gegen-
wärtig Reichs-, Länder- und Provinzialregierungen und die entsprechen-

*) Vgl. Meyer, Kreditnot des gewerblichen Mittelstandes, Deutsches Handwerks-
blatt, 15, August 1924,

Die deutsche Wirtschaft.
        <pb n="134" />
        114 Dr, E, Wienbeck:
den Parlamente teils durch vorübergehende Sonderkredite, teils durch
Vorbereitung besonderer Kreditmaßnahmen,

Sodann muß die Steuerlast, die auf dem selbständigen Hand-
werk ruht, vermindert werden, Der Mittel- und Kleinbetrieb opfert
heute in der Gewerbe-, Einkommen-, Umsatz-, Hauszins- und Grund-
steuer etwa das Sechzehnfache der Friedensbesteuerung und 25 bis
40 % des Reinertrages. Die Entlastung ist notwendig und kann so-
wohl dadurch erreicht werden, daß für Handwerksbetriebe gewisse
steuerfreie Einkommens- oder Umsatzgrenzen gelassen werden, als
auch dadurch, daß man einstweilige Notsteuern, deren Aufbau und
Wirkung offenbar ungerecht sind, wie z.B. die Umsatz- und Luxus-
steuer, beseitigt.

Es versteht sich von selbst und sei nur nebenbei bemerkt, daß noch
geltende Verordnungen über Preisbildung und Preisprüfung
als Überreste der wirtschaftlichen Notgesetzgebung des Krieges
schleunigst abgebaut werden müssen, Solche Verordnungen richten
sich hauptsächlich gegen Handwerk und Einzelhandel als die Letzt-
verarbeiter und Letztverteiler und hindern bei stabilisierter Währung
jede gesunde Entwicklung des freien Wettbewerbs,

Die vorstehenden Ausführungen begründen nur in den wichtigsten
Punkten, was auch in dem Artikel 164 der Verfassung des Deutschen
Reiches vom 11. August 1919 gefordert wird: „Der selbständige
Mittelstand in Landwirtschaft, Gewerbe und Handel ist in Gesetzgebung
und Verwaltung zu fördern und gegen Überlastung und Aussaugung zu
schützen,“

V. Selbsthilie des Handwerks,

Die Ausbildung des Handwerks auch in kaufmännischer Hinsicht
wird durch die Gesellen- und Meisterprüfungen, denen sich heute kaum
ein Handwerker noch entziehen kann, gewährleistet. Die Vorbereitung
zu diesen Prüfungen und Weiterbildung darüber hinaus wird durch Fort-
bildungs- und Fachschulen aller Art, sodann durch Meister- und Buch-
führungskurse überall unterstützt.

Die Organisation ist bereits oben geschildert; ebenso die
Kredit- und Auftragsvermittlung, Sehr schwierig liegt die Preis-
bildung im Handwerk, und zwar deshalb, weil die Kundschaft volks-
wirtschaftlich viel zu wenig geschult ist, um OQualitätsarbeit von
Massenarbeit durchgängig zu unterscheiden. Es ist viel weniger
bekannt, als man glauben sollte, daß z. B. Anzüge und Schuhe sich nach
Sitz und Haltbarkeit bedeutend unterscheiden, je nachdem sie Hand-
oder Fabrikarbeit darstellen. Das gleiche gilt von allen Waren, die
gute Form und reifen Geschmack beweisen sollen, Somit muß gute
Handwerksware teurer sein als maschinelle Massenware, und die Löhne
        <pb n="135" />
        Das Handwerk im Rahmen der Volkswirtschaft, 115
guter Handwerksgesellen müßten höher als die der Fabrikgehilfen sein,
Jeder Versuch des Handwerks, seine Preise der Voraussetzung besserer
Qualitätsarbeit anzupassen, stößt aber auf weitgehendes Unverständnis,
Daher ist das Handwerk vielfach gezwungen, seine Preise und damit
auch die Qualität der Massenware unterzuordnen, oder neben der
Handwerksware auch die Fabrikware zu verkaufen. Der volkswirt-
schaftliche Fehler, der darin liegt, beruht auf falscher Erziehung der
öffentlichen Meinung. Der Geschmack der Masse — auch der so-
genannten gebildeten Stände — ist durch Massen- und Modeware ver-
dorben worden, Demgegenüber kann sich der Grundsatz der Qualitäts-
arbeit, die im originalen Einzelstück ihr Ideal sieht, noch nicht genügend
durchsetzen. Würde das Allgemeinempfinden des Publikums so er-
zogen sein, daß es dem gediegenen, auch künstlerisch reifen Einzelstück
wenn irgend möglich den Vorzug gibt, so würde dadurch ein Handwerk
erhalten und fortgebildet, das ausreichende Preise fordern kann, ohne
der Maschine und dem Massengeschmack ungesunde Zugeständnisse zu
machen,

Die Preisbildung im Handwerk ist somit eine wesentliche Kultur-
frage des Volkes. Kultur ist aber eine Hauptaufgabe der Erziehung
und daher auch des Staates, der sich allerdings selbst bei eigenen
öffentlichen Bauten und sonstigen Aufträgen nur ganz allmählich zu
reifer Werkkultur aufschwingt.

VL Überblick,

Das deutsche Handwerk ist also ein volkswirtschaftlich berech-
tigter Berufsstand, der nicht etwa nur geduldet, sondern der bewußt an-
erkannt und gefördert werden muß, Dieser Stand muß daher jede
staatliche Hilfe bekommen, die der Landwirtschaft und der Industrie
bewilligt werden. Er muß ferner die gleiche Würdigung in der öffent-
lichen Meinung finden, Hierzu gehört auch, daß Mängel und Mißstände,
die auch im Handwerk vorhanden sind, nicht verantwortungslos verall-
gemeinert werden. Es gehört ferner dazu, daß die allgemeine Vor-
bildung des Handwerkslehrlings wie seine technische Veranlagung,
möglichst hoch vorauszusetzen sind.

Wird so die Pflege des Handwerks von allen Seiten richtig ver-
standen, so bleibt das Goethewort wahr, das auch die volkswirtschaft-
liche Bedeutung des Handwerks richtig erfaßt:

„Allem Leben, allem Tun, aller Kunst muß das Handwerk
vorausgehen, welches nur in der Beschränkung erworben wird.
Eines recht wissen und ausführen, gibt höhere Bildung als Halbheit
im Hundertfältigen.‘

Q»
        <pb n="136" />
        8,

Reichsverfassung und Wirtschaft.
Von Professor Dr. H. Göppert, Wirklicher Geheimer Rat, Bonn,

Die Reichsverfassung vom 11. August 1919 zerfällt in zwei Haupt-
teile: „Aufbau und Aufgaben des Reichs‘ und „Grundrechte und Grund-
pfllichten der Deutschen‘, Der erste Hauptteil befaßt sich mit der
engeren Aufgabe der Verfassung: Nennung der höchsten Organe des
Reichs, Bestimmung ihrer Rechte und Aufgaben, ihres Verhältnisses
zueinander und zu den Bürgern, Mit ihm haben wir es zunächst zu tun.

I. Auf dem vom Zollverein bereiteten Boden schuf Bismarcks
Reichsverfassung den einheitlichen deutschen Wirtschaftskörper, der die
Grundlage für die mächtige Entwicklung von Deutschlands Wirtschaft
und Deutschlands Wohlstand geworden ist, umgeben durch die gemein-
schaftliche deutsche Zollgrenze, und durch sie zu einer selbständigen,
vom Reiche geführten Außenhandels-, Wirtschafts- und Sozialpolitik
befähigt: nach außen vertreten und geschützt durch das Reich, mit
einheitlicher Handelsmarine unter der einheitlichen deutschen Flagge;
im Innern mit Freizügigkeit und dem gemeinsamen deutschen Indigenat,
vermöge dessen der Angehörige jedes Bundesstaats in jedem anderen
Bundesstaat als Inländer zu behandeln und demgemäß wie der Ein-
heimische zum Gewerbebetriebe zuzulassen war, mit gemeinsamer
Währung, mit trotz der Reservatrechte Bayerns und Württembergs
einheitlichem Post- und Telegraphenwesen und mit gemeinsamem
Recht. Die Bestimmungen über den Gewerbebetrieb, einschließlich des
Versicherungswesens, die Handelsgesetzgebung, die Ordnung des Maß-,
Münz- und Gewichtssystems, die allgemeinen Bestimmungen über das
Bankwesen, die Erfindungspatente, den Schiffahrtsbetrieb waren der
Beaufsichtigung und Gesetzgebung durch das Reich unterstellt, Für
die Verkehrsadern, die diesen Wirtschaftskörper durchziehen und ihn
mit dem Auslande und dem Meere verbinden, die Eisenbahnen und
Wasserstraßen, war die Verwaltung im Interesse des allgemeinen Ver-
kehrs durch das Gesetzgebungs- und Aufsichtsrecht des Reichs ge-
währleistet. Der damalige Charakter des Reichs als ausgesprochener
Bundesstaat machte sich natürlich auch hier bemerkbar, Aber das
        <pb n="137" />
        Reichsverfassung und Wirtschaft, 117
Ziel Bismarcks, „das historische Grenznetz, das Deutschland durch-
zieht, unschädlich zu machen‘, war auf wirtschaftlichem Gebiet
erreicht. Den Kindern und Enkeln blieb, um wieder ein Wort Bis-
marcks zu gebrauchen, nur die Aufgabe, „den Block handlicher aus-
zudrechseln und zu polieren“,

Entsprechend ihrer stärkeren Neigung zum Einheitsstaat hat die
Verfassung von Weimar einige Unebenheiten abgeschliffen, die die alte
bundesstaatliche Verfassung noch hatte stehen lassen, z. B. die Ver-
waltung der Zölle und Verbrauchssteuern den Reichsbehörden über-
tragen, die Sonderrechte der süddeutschen Staaten bezüglich des Post-
und Telegraphenwesens sowie bestimmter indirekter Steuern beseitigt
usw, Das Aufsichtsrecht des Reichs in den seiner Gesetzgebung unter-
stehenden Angelegenheiten konnte verstärkt, seine Zuständigkeit für
die Gesetzgebung erweitert werden,

Die ersten gesetzlichen Maßnahmen nach der Revolution hatten
auf dem Gebiete des Arbeitsrechts gelegen. Dies war das Gebiet, auf
dem die Zeit ihre nächsten Aufgaben erblicken mußte, Mit beson-
derem Nachdruck wird daher im Artikel 7 die Zuständigkeit der Reichs-
gesetzgebung für das Arbeitsrecht in seinem ganzen, nach der alten
Verfassung noch nicht völlig (Landarbeiter) gedeckten Umfange fest-
gestellt, Neu ist die Einbeziehung des Enteignungsrechts und des Berg-
baus, den die alte Verfassung, entsprechend seiner Eigenart, noch aus-
schließlich der Landesgesetzgebung überlassen hatte, Seit der Revo-
lution war das Wort „Sozialisierung‘ in aller Munde. Die noch von
den Volksbeauftragten eingesetzte Sozialisierungskommission und nicht
nur sie, sondern ungezählte freiwillige Ratgeber bemühten sich, diesem
so oft gebrauchten, aber so selten mit einem bestimmten Sinne ver-
bundenen Schlagwort Verwirklichung zu ermöglichen, Je unbestimmter
die Vorstellung davon war, um was es sich eigentlich handle, um so
weiter mußte die Bestimmung gefaßt werden, die die Zuständigkeit
des Reichs für Sozialisierungsmaßnahmen begründen sollte. So lautet
denn Artikel 7 Nr. 13:

„Das Reich hat die Gesetzgebung über die Vergesellschaftung von Natur-
schätzen und wirtschaftlichen Unternehmungen sowie die Erzeugung, Herstellung,
Verteilung und Preisgestaltung wirtschaftlicher Güter für die Gemeinwirtschaft.”

Im Grunde ist hier nur ein vieldeutiges Fremdwort durch viel-
deutige deutsche Worte ersetzt worden, Nachdem die Gesetzgebungs-
befugnis des Reichs durch Ausdehnung auf das Enteignungsrecht und
den Bergbau vervollständigt war, wäre diese Bestimmung wohl ent-
behrlich gewesen. Sie enthält indessen eine gewisse Bedeutung durch
die Bestimmung im Artikel 12, Abs, 2, Bei den anderen Gegenständen
des Artikels 7 sind die Länder in der eigenen Gesetzgebung un-
        <pb n="138" />
        118 Prof. Dr. H. Göppert:

beschränkt, soweit das Reich von seinem Gesetzgebungsrecht noch
keinen Gebrauch gemacht hat. Gegen Sozialisierungsmaßnahmen der
Länder aber steht der Reichsregierung nach Artikel 12 Abs. 2 stets
ein Einspruchsrecht zu, wenn das Wohl der Gesamtheit im Reiche
berührt wird.

In einer Hinsicht suchte die neue Verfassung einen wirklich be-
deutsamen Schritt über Bismarck hinaus zu tun; sie wellte durch Über-
nahme der Eisenbahnen und der Wasserstraßen auf das Reich eine
große einheitliche Reichs-Verkehrspolitik schaffen. Bismarck hatte
bei der Verstaatlichung der Eisenbahnen haltmachen müssen. Jetzt
bot sich die Möglichkeit, seinen unausgeführt gebliebenen Gedanken
der Reichseisenbahn zu verwirklichen, freilich unter so völlig ver-
änderten Verhältnissen, daß es sich für die Länder kaum noch um ein
Opfer, eher um eine Entlastung zu handeln schien. Aber schon vor
dem Inkrafttreten der neuen Verfassung hatte der Versailler Vertrag
durch die Internationalisierung des Rheins, der Elbe, der Oder und der
Donau die Selbständigkeit der geplanten einheitlichen Reichsverkehrs-
politik stark beeinträchtigt, und die Übernahme der Eisenbahnen auf
das Reich ist leider nur eine Vorstufe für ihre Verwertung als Repa-
rationsinstrument geworden, Nach dem Gesetz über die deutsche
Reichsbahngesellschaft vom 30. August 1924 ist nicht mehr das Reich,
sondern ein international beeinflußtes und kontrolliertes Rechtsgebilde
der Herr über die deutsche Reichsbahn und hat, zwar unter Wahrung
der Interessen der deutschen Volkswirtschaft, aber nach „kaufmän-
nischen Gesichtspunkten‘ den Betrieb zu führen, in erster Linie mit
der Aufgabe, die von dem Sachverständigen-Gutachten bestimmten
Jahresleistungen aufzubringen. So sind diese als große Errungen-
schaften begrüßten Bestimmungen der Verfassung von Weimar heute
in der Hauptsache nur noch ein Zeugnis für den Idealismus, mit dem
man glaubte höhere Ziele anstreben zu können, ohne sich darüber klar
zu sein, daß man angesichts des Versailler Vertrags nicht mehr Herr
im Hause war.

II. Damit endet der Vergleich, den man hinsichtlich der für die
Wirtschaft wesentlichen Bestimmungen zwischen den beiden Ver-
fassungen des Deutschen Reichs ziehen kann. Dem zweiten Haupt-
teile der Verfassung von Weimar „Grundrechte und Grundpflichten der
Deutschen‘ hat die Verfassung Bismarcks nichts gegenüberzustellen.
Ihr fehlt eine Aufzählung von Grundrechten, wie sie bis dahin nach
dem Vorbild der Verfassungen der nordamerikanischen Einzelstaaten
in alle Verfassungen aufgenommen waren. Die in dem bundesstaat-
lichen Charakter des alten Reichs liegenden Bedenken, die gegen die
Aufnahme von Grundrechten in die Verfassung vom 16, April 1871
        <pb n="139" />
        Reichsverfassung und Wirtschaft. 119
sprachen, fielen für die Nationalversammlung in Weimar fort, Aber
auch die gesamten Verhältnisse lagen so ganz anders. Mit der alten
Verfassung hatte der Mann, dessen Hand Deutschland zur Höhe geführt
hatte, den Schlußstein in den von ihm nach eigenem Plane gewölbten
Bau des Reichs eingefügt. Die Größe der Tat und des Vollbringers
prägt sich auch in der schlichten Nüchternheit der Verfassung aus, die,
auf alles Beiwerk verzichtend, kein entbehrliches Wort enthielt. Die
„schmerzgeborene‘ Verfassung von Weimar hat einen wesentlich
anderen Charakter. Sie bedeutete nicht einen Abschluß, sondern sollte
den Grund für eine neue Entwicklung legen, die sich, von wenigen vor-
ausgesehen und wenigen wahrhaft willkommen, durch den plötzlichen
Zusammenbruch des Reichsbaus als vermeintlich einziger Ausweg auf-
zudrängen schien, Sie wurde schleunigst von ungeübten Händen auf
den alten Fundamenten nach ausländischen Vorbildern errichtet, an-
gesichts einer geistigen Verfassung der Nation, die, ihrer besten Söhne
beraubt, enttäuscht und verbittert, durch leibliche Nöte geschwächt,
durch leibliche Sorgen in Anspruch genommen, dem neu entstehenden
Staatsgrundgesetze völlig teilnahmslos gegenüberstand, das Werk
weder zu kontrollieren noch zu befruchten vermochte, oder aber, noch
in revolutionärer Gärung begriffen, ganz anderen Zielen nachhing,

Man glaubte in Weimar den „Volksstaat‘ zu schaffen und empfand
deshalb das Bedürfnis, nicht nur zu denen zu reden, die die Verfassung
auszuführen haben würden. Auch das Beispiel der Nationalversamm-
lung in der Paulskirche, als deren Erbe man sich fühlte, drängte zu der
hergebrachten Verkündung von Grundrechten. Der Verfassungs-
entwurf von Preuß hatte dieser Neigung nur einige wenige, fast ver-
legene Zugeständnisse gemacht. Es war verständlich, daß die National-
versammlung es hierbei nicht bewenden lassen wollte. Nachdem
einmal die Schleuse aufgezogen war, fanden die verschiedenartigsten
Gedanken ihren Weg in die Verfassungsurkunde.

Die Verfassung sollte zum Volke reden. Es war namentlich der
Führer der Demokratischen Partei, der große Volksredner Naumann,
der nach seinem eigenen Ausdruck einen Volkskatechismus schaffen
wollte, um in Sätzen von sprichwortartiger Prägung das Wesen des
neuen Staates zu verkünden. Dem zum Gesetzgeber gewordenen
Volksredner wurde auch das Gesetz zur Volksrede. Die Aufgabe des
Gesetzes, Recht zu setzen, trat immer mehr zurück, und es entstand
jener zweite Hauptteil der Reichsverfassung, von dem der Reichs-
minister Preuß, der doch bei der Entstehung der Verfassung ständig
mitgewirkt hatte, schließlich gestehen mußte, daß selbst ihm es noch
nicht geglückt sei, den Inhalt zu überschauen. Um ‚„Grundrechte‘
allein handelte es sich schon längst nicht mehr. Aber auch die Über-
        <pb n="140" />
        120 Prof. Dr. H, Göppert:

schrift „Grundrechte und Grundpflichten der Deutschen‘ ist viel zu
eng. Es ist hier nicht der Ort, dieses einzigartige Konglomerat im
ganzen und in seiner politischen Bedeutung zu würdigen, Uns inter-
essiert nur die Bedeutung des fünften Abschnitts „Das Wirtschafts-
leben‘.

1. Die „Menschenrechte‘ der vorbildlich gewordenen nordameri-
karnischen und französischen Verfassungen waren, soweit sie hier
interessieren, Freiheitsrechte, die dem Bürger eine für den Staat un-
antastbare Sphäre der Freiheit sichern sollten. Dazu waren dann in
den französischen Verfassungen von 1789 und 1793 soziale Menschen-
rechte, Forderungen an den Staat zugunsten der Schwachen getreten.

Auch in unserem Abschnitte finden sich entsprechende Bestim-
mungen, So der Artikel 159:

„Die Vereinigungsfreiheit zur Wahrung und Förderung der Arbeits- und
Wirtschaftsbedingungen ist für jedermann und alle Berufe gewährleistet.“

Damit sind alle reichs- und landesgesetzlichen Beschränkungen,
die allerdings schon früher beseitigt waren, gefallen und künftige
landesgesetzliche Beschränkungen ausgeschlossen. Eine Sicherheit
gegen künftige reichsgesetzliche Beschränkungen ist freilich nur so lange
gewährleistet, als die Reichsgesetzgebung nicht unter Wahrung der
durch Artikel 76 für Verfassungsänderungen vorgeschriebenen Voraus-
setzungen ein anderes bestimmt. Ein „Gewährleisten‘ durch unsere
Reichsverfassung versteht sich eben nur bis auf weiteres. Bemerkens-
wert ist übrigens, daß in unserem Artikel „Vereinigungsfreiheit‘” an die
Stelle von „Koalitionsfreiheit‘ gesetzt worden ist, weil man ein Streik-
recht in der Verfassung nicht anerkennen wollte,

Zu den sozialen Menschenrechten ist das Recht auf Arbeit oder
Unterhalt zu rechnen, das schon in der französischen Verfassung vom
24, Juni 1793 mit den Worten deklariert wurde:

„La societe doit la subsistance aux citoyens malheureux, soit en leur pro-
curant du travail, soit en assurant les moyens d’exister ä ceux qui sont hors d’etat
de travailler.‘

Unser Artikel 163 Abs, 2 sagt:

„Jedem Deutschen soll die Möglichkeit gegeben werden, durch wirtschaftliche
Arbeit seinen Unterhalt zu erwerben. Soweit ihm angemessene Arbeitsgelegenheit
nicht nachgewiesen werden kann, wird für seinen notwendigen Unterhalt gesorgt.”
Aber es heißt weiter:

„Das Nähere wird durch besondere Reichsgesetze bestimmt.”

Es handelt sich eben bei solchen Bestimmungen nicht um Rechts-
sätze, die, wie der vorher zitierte Artikel 159, unmittelbar recht-
        <pb n="141" />
        Reichsverfassung und Wirtschaft, 121
liche Wirkungen äußern können, sondern um Aussprüche, die wiederum
zu ihrer Verwirklichung besonderer gesetzlicher Maßnahmen bedürfen,
bei deren Ausbleiben oder Beseitigung aber nichts bedeuten,

2, Wie schon die Überschrift unseres Abschnittes zum Ausdruck
bringt, wollte die Nationalversammlung den Rechten auch Pflichten
des einzelnen gegenüber der Allgemeinheit entsprechen lassen. Ich
verweise auf den Schlußsatz des Artikels 153:

„Eigentum verpflichtet, sein Gebrauch soll zugleich Dienst sein für das
gemeine Beste."

Ferner auf Artikel 163 Abs. 1:

„Jeder Deutsche hat unbeschadet seiner persönlichen Freiheit die sittliche

Pflicht, seine geistigen und körperlichen Fähigkeiten so zu betätigen, wie es das

Wohl der Gesamtheit erfordert.”

Schöne Worte, die wert wären, an jeder Bildungsstätte für die
Jugend angebracht zu werden. Aber man fragt sich vergebens, wie
der Gesetzgeber durch gesetzliche Bestimmungen diesem Gedanken
Geltung verschaffen soll; hier ist die Verfassung ganz auf ethisches
Gebiet abgeglitten, Auch der Heidelberger Katechismus sagt nach den
Lehren von Calvin, „daß ein jeder seine Gaben zu Nutz und Heil der
anderen Glieder willig und mit Freuden anzulegen sich schuldig wissen
soll*)*‘!

3. Zu den Rechten und Pflichten des Deutschen treten aber noch
Verpflichtungen des Reichs, programmatische Erklärungen für die künf-
tige gesetzgeberische Arbeit. Die Nationalversammlung hat hier sozu-
sagen Wechsel auf die zukünftigen Reichstage gezogen. Doch es fehlt
das Akzept; der Bezogene braucht sie nicht einzulösen. Das Wesen
der parlamentarischen Demokratie, die in dem Parlament den Reprä-
sentanten des Volkes als des Trägers der Souveränität sieht, läßt für
eine solche Bindung keine Möglichkeit. Was jeweils zu geschehen hat,
bestimmt allein und souverän der jeweilige Reichstag durch seine
jeweilige Mehrheit. Von ihm allein hängt es ab, ob programmatische
Erklärungen seiner Vorgänger, ja seine eigenen, Druckerschwärze auf
Papier bleiben oder als Gesetze in das Leben treten sollen. Es ist
nicht einmal aus solchen Erklärungen, hinter die sich nicht der Wille
der jeweiligen Reichstagsmehrheit stellt, eine Verpflichtung der Reichs-
regierung zu folgern, ein Gesetz vorzulegen. Man sprach während der
Verhandlungen der Nationalversammlung gern von der „Verankerung”
eines Gedankens in der Verfassung und meinte damit die Aufnahme
einer solchen programmatischen Erklärung. Das Bild ist falsch. Der

") Bredt: „Der Geist der deutschen Reichsverfassung‘, S, 337,
        <pb n="142" />
        122 Prof, Dr. H. Göppert:

Anker faßt nicht den Grund und vermag es nicht zu hindern, daß der
Gedanke von dem Strom seitwärts auf den Sand gesetzt wird. Dieses
Schicksal scheint den in Artikel 165 verankerten Rätegedanken, von
dem noch zu sprechen sein wird, treffen zu sollen. Indessen hatte
dieser Artikel, wie so mancher andere, der eine mit den damaligen
Verhältnissen nicht mehr vertraute Zukunft befremden wird, doch
politisch die Bedeutung, die nach Verwirklichung drängende Unruhe
durch den Hinweis auf die „Verankerung‘ in der Verfassung einst-
weilen zu beschwichtigen, Die Verfassung hat hier sozusagen als Stau-
und Klärungsanlage gewirkt,

In dem gesetzgeberischen Programm nimmt die Fortbildung des
Arbeiterrechts, für die, wie wir schon sahen, in der Reichsgesetzgebung
freieste Bahn geschaffen ist, eine hervorragende Stellung ein. Die
Arbeitskraft wird unter den besonderen Schutz des Reichs gestellt;
die Schaffung eines einheitlichen Arbeitsrechts wird versprochen
(Art, 157). Die schon in dem Erlasse Kaiser Wilhelms II, vom Februar
1890 aufgestellte Forderung einer internationalen Regelung des
Arbeiterrechts, die während des Weltkriegs dann von allen beteiligten
Staaten aufgenommen war, hat im Artikel 162 ihre Stätte gefunden.
Auf anderem Gebiet will Artikel 155, in dem das Programm der Boden-
reformer niedergelegt ist, die Wege weisen. Im übrigen ist nicht
leicht zu erkennen, weshalb Aufgaben hervorgehoben werden, die
längst von der Reichsgesetzgebung aufgenommen waren, wie der
Aufbau der Sozialversicherung (Art. 161) und der Schutz des geistigen
Eigentums durch Gesetz und internationale Vereinbarungen (Art, 158).
Namentlich auf letzterem Gebiet kann wesentlich Neues nicht mehr
geleistet werden, Ein Zeichen des Gedenkens aber sollte wohl der
in letzter Stunde aufgenommene Artikel. 164 sein, der dem Mittelstand
Schutz gegen Überlastung und Aufsaugung zusagt. Die Dinge sind frei-
lich so ganz anders gelaufen. Doch ist der Artikel für den allgemeinen
Standpunkt der Verfassung von Bedeutung. Er lehnt die sozialistische
Auffassung ab, wonach die Proletarisierung des Mittelstandes einem
natürlichen Gesetz entspricht, dem sich entgegenzustemmen zwecklos
ist und nur das Heranreifen der Gesellschaft für den Zukunftsstaat
verzögert,

4, Nach dieser kurzen Charakteristik der drei wesentlichsten Be-
standteile der „Grundrechte und Grundpflichten‘ ist nun die grund-
sätzliche Stellung der Verfassung zu der Ordnung der Wirtschaft zu
erörtern,

Man hat die wahre Volksrede als einen Monolog des Volkes an
sich selbst bezeichnet. Auch in unserem Abschnitt, der zum Volke
        <pb n="143" />
        Reichsverfassung und Wirtschaft, 123
sprechen will, kommt die im Volke nach dem Zusammenbruch herr-
schende Unklarheit und Gegensätzlichkeit deutlich zum Wort, Man
glaubt verschiedene Stimmen zu hören, Freilich dringt eine Stimme
am stärksten durch,

Die Wahlen zur Nationalversammlung hatten für keine Partei eine
Mehrheit ergeben. Keine Partei konnte sich also uneingeschränkt durch-
setzen, In der parlamentarischen Demokratie nach westlichem Muster
hatte sich für die Weimarer Koalition aus Mehrheitssozialdemokratie,
Zentrum und Demokratie ein gemeinsamer Boden für die Neugestaltung
des Staatswesens geboten. Wenngleich die Demokraten durchaus
nicht mehr die alten Liberalen Eugen Richterscher Observanz waren,
sondern unter dem Einflusse Naumanns in das soziale Fahrwasser ein-
gelenkt hatten und das Zentrum stark unter dem Einflusse seines
gewerkschaftlichen Flügels stand, der Gegensatz zur Sozialdemokratie
bestand doch fort, Für die Wirtschaft fehlte ein gemeinsamer Boden,
Übergehen aber wollte man dieses Gebiet nicht. Gerade auf ihm sollte
sich ja der „neue‘ Geist, dem die Revolution vermeintlich die Bahn frei
gemacht hatte, besonders betätigen. Es handelte sich darum, welche
Wirtschaftsauffassung den Grundton angeben, welche sich mit bloßen
Konzessionen zu begnügen haben würde, Der Sozialdemokratie hätte
auch dann die letztere Rolle zufallen müssen, wenn hier ihre Koalitions-
parteien nicht vermöge der Unterstützung durch die Rechte das Über-
gewicht gehabt hätten. Denn ein bestimmtes, auf die Gegenwart an-
wendbares Programm fehlte ihr und mußte ihr fehlen. Gemäß ihrer
wissenschaftlichen Auffassung, nach der die wirtschaftliche Entwick-
lung in ihrem zwangläufigen Gang sich selbst die Formen für ihre Be-
tätigung bilden muß, hatte sie die Gestaltung der Zukunft getrost der
Entwicklung selbst überlassen. Sie war nie eine Produktionslehre,
sondern nur eine Lehre von der das Proletariat erwartenden reichen
Erbschaft und deren Verteilung gewesen, Sie hatte der Arbeiterschaft
immer nur einen leeren Rahmen hinhalten können, der die Umschrift
trug: Erlösung von der Arbeitsqual, Muße und Freude, dessen Aus-
füllung aber der Phantasie des Beschauers überblieb. Jetzt, wo sie
zum Handeln berufen war, hatte sie sich als völlig bar jeder positiven
gestaltenden Kraft erwiesen. Schon ihre eigene Unfähigkeit verhinderte
ihre Lehre, die Verfassung zu durchdringen. Die Verfassung konnte
sich nur auf den Boden der geltenden Wirtschaftsordnung stellen. Aber
wenn dem Sozialismus die Gegenwart wie bisher nicht Erfüllung, son-
dern nur die Brücke zu einer heute noch nicht erkennbaren Erfüllung
bleiben mußte, so suchte die Verfassung diese Brücke auch nicht abzu-
brechen, Auch der auf die Zukunft hoffende Sozialist kann sich mit den
Worten der Verfassung abfinden.
        <pb n="144" />
        124 Prof. Dr. H. Göppert:

So sehen wir denn die Grundlagen der bisherigen Wirtschafts-
ordnung, das Privateigentum, die Freiheit von Handel und Verkehr, die
Vertragsfreiheit und das Erbrecht in der Verfassung anerkannt oder,
wenn man will, „verankert‘, freilich in außerordentlich vorsichtiger
Verklausulierung, Artikel 154 sagt: „Das Erbrecht wird nach Maß-
gabe des bürgerlichen Rechts gewährleistet.‘ Ein Strich durch das
bürgerliche Recht, und die eine Säule unserer Wirtschaftsordnung
fällt, Eine Verfassungsänderung aber läge nicht vor. Der Wort-
laut der Verfassung läßt nur erkennen, daß die Mehrheit, die sich
für diesen Artikel zusammenfand, grundsätzlich die Beibehaltung
des Erbrechts wünschte, ohne indessen eine Einschränkung abzu-
lehnen, auf die die folgende Bestimmung sogar hinweist: „Der An-
teil des Staates am Erbgut bestimmt sich nach den Gesetzen,“
Die ominöse Klausel „nach Maßgabe der Gesetze‘ fehlt denn
auch weder bei der Freiheit des Handels und Gewerbes (Art. 151
Abs, 3: „Die Freiheit des Handels und Gewerbes wird nach Maßgabe
der Reichsgesetze gewährleistet‘), noch bei der Vertragsfreiheit (Art. 152
Abs. 1: „Im Wirtschaftsverkehr gilt Vertragsfreiheit nach Maßgabe der
Gesetze‘), noch beim Eigentum (Art. 153 Abs. 1: „Das Eigentum wird
von der Verfassung gewährleistet, Sein Inhalt und seine Schranken
ergeben sich aus den Gesetzen,‘) Es handelt sich dabei ebenso um die
vorhandene wie um die künftige Gesetzgebung. Bezüglich des Eigen-
tums liegt, wie mit Recht gesagt worden ist, lediglich die Zusicherung
vor, daß das Eigentum als „Rechtsinstitut‘” erhalten bleiben, daß also
ein Privatrecht möglich bleiben soll, das den Namen Eigentum verdient,
In welchem Umfange und mit welchem Inhalte, das liegt in der Hand
der künftigen Gesetzgebung. Von einer Zusicherung, daß das Privat-
eigentum in dem Umfang und mit dem Inhalt erhalten bleiben soll, wie
wir es heute kennen, ist keine Rede, Eine künftige Gesetzgebung findet
kein verfassungsmäßiges Hindernis, die anerkannten Grundlagen der
Wirtschaftsordnung zu unterhöhlen. Es sei hier nur daran erinnert, wie
unbekümmert das neue Recht mit der Vertragsfreiheit auf dem Gebiete
des Miets- und auch des Arbeitsrechts umgesprungen ist, Sehr bezeich-
nend ist der Eigentumsartikel selbst. Die Unverletzlichkeit des Eigen-
tums, sein Schutz gegen willkürliche Inanspruchnahme durch den
Staat war von jeher in den Menschenrechten betont worden, Die letzte
dieser Bestimmungen, Artikel 9 der Verfassungsurkunde für den preußi-
schen Staat vom 31. Januar 1850 lautete:

„Das Eigentum ist unverletzlich, Es kann nur aus Gründen des öffentlichen
Wohles gegen vorgängige, in dringenden Fällen wenigstens vorläufig festzu-
stellende Entschädigung nach Maßgabe des Gesetzes entzogen oder beschränkt
werden.”
        <pb n="145" />
        Reichsverfassung und Wirtschaft, 125

Artikel 153 Abs, 2 der Verfassung von Weimar aber sagt:

„Eine Enteignung kann nur zum Wohle der Allgemeinheit und auf gesetz-
licher Grundlage vorgenommen werden, Sie erfolgt gegen angemessene Ent-
schädigung, soweit nicht ein Reichsgesetz etwas anderes bestimmt. Wegen der
Höhe der Entschädigung ist im Streitfalle der Rechtsweg bei den ordentlichen
Gerichten offenzuhalten, soweit Reichsgesetze nichts anderes bestimmen. Ent-
eignung durch das Reich gegenüber Ländern, Gemeinden und gemeinnützigen Ver-
bänden kann nur gegen Entschädigung erfolgen.”

Das heißt: die Länder sind allerdings durch die Verfassung gehin-
dert, Enteignungsgesetze zu erlassen, in denen eine angemessene Ent-
schädigung der Betroffenen nicht vorgesehen oder der Rechtsweg wegen
der Höhe der Entschädigung ausgeschlossen ist. Aber für die Reichs-
gesetzgebung bestehen solche Schranken nicht. Sie kann den Rechts-
weg über die Höhe der Entschädigung ausschließen. Die unzähligen
Eingriffe in das Privateigentum, die der Friedensvertrag von Versailles
zur Folge haben mußte, machten diesen Vorbehalt allerdings not-
wendig. Aber das Reich ist durch die Verfassung auch nicht gehindert,
gegen unzureichende oder überhaupt ohne Entschädigung zu enteignen,
soweit sich die Maßnahme nicht gegen die Länder usw. richtet. Eine
Anerkennung des Eigentums mit der Maßgabe, daß der Staat es nicht
zu respektieren braucht, konnte auch ein überzeugter Bolschewist
unterschreiben,

Die Wirtschaft muß sich darüber klar sein, daß ihre gegenwärtige
Ordnung in der Verfassung eben nur in der eben gekennzeichneten
Weise „verankert‘ ist. Selbst der geringe Schutz, den unsere Ver-
fassung als jederzeit durch den Reichstag abänderbares Gesetz nur
zu gewähren vermag, ist hier recht problematisch und verflüchtigt sich
bei näherem Zusehen immer mehr.

Andererseits kann nicht zugegeben werden, daß diese Artikel neue,
erst durch die Revolution zum Durchbruch gelangte Gedanken, oder
gar, wie mit heute, nach allem, was geschehen ist, fast komisch wirken-
der Übertreibung gesagt worden ist, eine Weltenwende offenbaren. Es
gehört zu den typischen Zügen nachrevolutionärer Epochen, daß die
Erinnerung an das Gewesene zurücktritt. Was ihnen jetzt neu erscheint,
hat sich meist schon lange vorbereitet, vielleicht längst verwirklicht.
Neu ist oft genug nur die Formulierung, in der es jetzt der Welt ver-
kündet wird, Auch Revolutionen müssen aus dem Schatze der Ver-
gangenheit schöpfen, zumal die deutsche Revolution vom 9. November
1918, der alle revolutionären Kräfte fehlten.

Seit Anfang des vorigen Jahrhunderts bis zum Ausgang der 60er
Jahre hatten in Deutschland bald stärker, bald schwächer, am ausge-
sprochensten vielleicht kurz vor ihrer Überwindung die Lehren des
        <pb n="146" />
        126 Prof. Dr. H, Göppert:

wirtschaftlichen Liberalismus geherrscht, der nur in der freien, unein-
geschränkten Betätigung der Persönlichkeit die Gewähr für die höchste
Entwicklung und die automatische Heilung aller Schäden erblickte.
Der Sturmwind der Französischen Revolution hatte ihnen auch in
Deutschland die Bahn frei gemacht, Die Reichsgewerbeordnung von
1869 stand noch durchaus unter dem Einfluß dieser Lehren, Das
formelle Fortbestehen der aus der damaligen Zeit stammenden Vor-
schriften mag die seither eingetretene Wandlung verdeckt haben, Seit
der großen Wendung in der Wirtschafts- und Sozialpolitik des Reichs,
durch die Bismarck mit den Lehren des wirtschaftlichen Liberalismus
brach, waren aber alte deutsche Rechtsanschauungen, die nur zeitweise
zurückgedrängt, doch nicht erstickt worden waren, zu neuem Leben
erwacht; immer ausgesprochener waren soziale Gedanken wieder in
den Vordergrund getreten. Das Eigentum hatte seinen Fetisch-
charakter, den ihm der wirtschaftliche Liberalismus gegeben hatte, für
uns längst wieder verloren, Wir hatten längst wieder gelernt, den ein-
zelnen nur als Glied der Gesamtheit, die private Berechtigung als dem
Wohle der Gesamtheit unterworfen zu betrachten, in dem Staat aber
den obersten Hüter des Gesamtwohls zu erblicken, der das Allgemein-
interesse gegenüber dem privaten Interesse zu vertreten hat, Das
Obereigentum des Staates konnte im Kriege nur mit solcher Selbst-
verständlichkeit zur Geltung kommen, weil es schon vorher still-
schweigend zur Herrschaft zurückgelangt war. Der Satz der Ver-
fassung: „Eigentum verpflichtet” findet sich bereits in einer vor dem
Kriege ergangenen Entscheidung des Reichsgerichts”). Aber schon im
Allgemeinen Landrecht für die preußischen Staaten ($ 34 I 8) hieß es:

„Soweit die Benutzung einer Sache zur Erhaltung des gemeinen Wohles er-
forderlich ist, kann der Staat die Benutzung befehlen und die Unterlassung durch
Strafgesetze ahnden,‘

Wenn die Verfassung unseren fünften Abschnitt mit den Worten
einleitet:

„Die Ordnung des Wirtschaftslebens muß den Grundsätzen der Gerechtigkeit
mit dem Ziele der Gewährleistung eines menschenwürdigen Daseins für alle ent-
sprechen. In diesen Grenzen ist die wirtschaftliche Freiheit des einzelnen zu
sichern“,

so mag man von einem Vorbehalt von „gewaltiger Tragweite”
sprechen”**), obwohl er praktisch gar nichts bedeutet. Denn es handelt
sich um nichts weiter als um die Feststellung der schon längst voll-
*) Entscheidungen in Zivilsachen Bd. 89, S. 121: „Das Eigentum berechtigt nicht
nur, sondern verpflichtet ebenso den Eigentümer,‘ Siehe Martin Wolff, Reichsver-
fassung und Eigentum, Festgabe der Berliner Juristen-Fakultät für Kahl, 1923.
*) So Bredt: „Geist der deutschen Reichsverfassung‘, S. 336,
        <pb n="147" />
        Reichsverfassung und Wirtschaft, 127
zogenen Abkehr von den Lehren des wirtschaftlichen Liberalismus in
besonders eindrucksvoller Formulierung. Freilich klingt sie stark an
die Worte Bismarcks, mit denen dieser sein großes Werk der Sozial-
versicherung begleitete, an, „daß dem Staat auch die Aufgabe obliegt,
durch zweckmäßige Einrichtungen und durch Verwendung der zu seiner
Verfügung stehenden Mittel der Gesamtheit das Wohlergehen aller
seiner Mitglieder und namentlich der Schwachen und Hilfsbedürftigen
positiv zu fördern‘), Ob die schwache, je nach der Änderung in der
Zusammensetzung der jeweiligen Reichstagsmehrheit schwankende
Hand des demokratisch-parlamentarischen Staatswesens diesen schönen
Worten beständig nachzuhandeln vermögen würde, war eine Frage, die
man sich selbstverständlich an der Schwelle des Neubaus, ohne Be-
wußtsein von dem Einfluß der Änderung des Staatswesens auf dessen
Betätigungsmöglichkeit und der Tragweite des Versailler Vertrags nicht
vorlegen konnte, Es handelt sich eben, wie so oft in dem zweiten
Hauptteile unserer Verfassung, um gute Vorsätze, mit denen auch ganz
andere Wege, als der Idealismus der Nationalversammlung in Aussicht
nahm, gepflastert sein können.

Auch die programmatischen Erklärungen, die das Arbeiterrecht
betreffen, drücken sozialen, nicht sozialistischen Geist aus. Die Worte
des Artikels 165 Abs. 1:

„Die Arbeiter und Angestellten sind dazu berufen, gleichberechtigt in Gemein-
schaft mit den Unternehmern an der Regelung der Lohn- und Arbeitsbedingungen
sowie an der gesamten wirtschaftlichen Entwicklung der produktiven Kräfte mit-
zuwirken“

geben den Gedanken der an der Schwelle der Revolution gegründeten,
heute freilich nur noch als Ruine bestehenden Zentralarbeitsgemein-
schaft wieder, Diese Zentralarbeitsgemeinschaft aber bedeutete auf
der Unternehmerseite den Verzicht auf den ja schon lange durch die
wachsende Macht der Gewerkschaften unterhöhlten Standpunkt vom
„Herrn im Hause”, auf seiten der wirtschaftlichen Vertretung der
Arbeiterschaft, der Gewerkschaften, das Bekenntnis zu einer Reform-
politik auf dem Boden der geltenden Wirtschaftsordnung, die Anerken-
nung des kapitalistischen Unternehmers und die Abwendung von der
sozialistischen Auffassung, daß die Leitung im Unternehmen denen
gebührt, die die tägliche Arbeit leisten, oder, wie es in völliger Ver-
kennung der in der Wirtschaft wirkenden Kräfte hieß, die „Werte
schaffen‘, Jetzt, wo frühere Widerstände, insbesondere auch bei der
politischen Vertretung weiter Arbeiterkreise, der Sozialdemokratie, die
Abneigung, das Dogma vom zielbewußten Klassenkampf durch Reform-
*) Siehe Bredt, S. 325.
        <pb n="148" />
        126 Prof. Dr. H. Göppert:

arbeit auf dem Boden der geltenden Wirtschaftsordnung zu verletzen,
gefallen waren, handelte es sich darum, die Reformgesetzgebung, deren
Einleitung das geschichtliche Verdienst Kaiser Wilhelms II ist, ent-
schiedener zu fördern. Es handelte sich darum, den Anschauungen
unserer Kulturepoche, nach denen der Mensch nicht das willenlose
Werkzeug eines anderen sein darf, stärkere Geltung zu verschaffen,
der Arbeitskraft die ihr nach diesen Anschauungen gebührende Stellung
zu geben,

Nur vermissen wir in diesem Programm den weisen Vorbehalt des
Februarerlasses, daß die Sozialpolitik an der Leistungsfähigkeit der
Wirtschaft ihre Grenzen finden muß, wenn sie nicht die Existenzgrund-
lage der Arbeiterschaft vernichten will, Diesem jedem sozialreforme-
rischen Herzen schmerzlichen, aber unabänderlichen Zusammenhang
war freilich schon im Vorbereitungsstadium der Revolution, unter der
Kanzlerschaft des Prinzen Max von Baden, durch die höchst bedenk-
liche Auslösung der sozialpolitischen Angelegenheiten aus dem Reichs-
wirtschaftsamt und ihre Überweisung an ein besonderes Reichsamt zu-
widergehandelt worden, Daß er sich nun nicht in der Verfassung aus-
drückt, läßt sich verstehen. Aus der Welt der Tatsachen ist er damit
nicht beseitigt.

Es ist schon gesagt, daß die Verfassung die Tür zu einer Entwick-
lung nach sozialistischen Vorstellungen nicht zuschlägt, In einer Hin-
sicht hat sie aber versucht, ihr sogar die Wege zu weisen. Es handelt
sich um den Artikel 156. Er entstammt dem am 23. März 1919 ange-
sichts der spartakistischen Unruhen erlassenen, spöttisch als Lex Spar-
tacus bezeichneten Sozialisierungsgesetz, das von vornherein als anti-
zipierter Teil der Verfassung bezeichnet wurde und in der Tat eben
nur ein Programm enthielt. Er ist als Anleitung zu betrachten, wie die
schon oben berührte Ermächtigung des Reichs zu Sozialisierungsmaß-
nahmen (Art. 7 Nr. 13) verwertet werden soll, wenn im Einzelfalle be-
sondere Umstände dazu Anlaß geben. Die geistigen Väter des Artikels
156 scheinen freilich an eine vollkommene „Sozialisierung‘” der Wirt-
schaft auf den in diesem Artikel angedeuteten Wegen gedacht zu
haben. In die Verfassung ist aber dieser Gedanke nicht übergegangen,
Die Maßnahmen, auf die Artikel 156 hinweist, sind für uns nicht neu.
Auch der frühere Staat hatte sich durchaus nicht darauf beschränkt,
durch Gesetze regelnd, fördernd oder hemmend in das Wirtschaftsleben
einzugreifen, sondern hatte durch Verstaatlichungen, Schaffung eigener
Unternehmungen oder Beteiligung an privaten Unternehmungen selbst
eine Rolle im Wirtschaftsleben gespielt oder führend und organisierend
an der Lösung wirtschaftlicher Aufgaben mitgearbeitet. Auf die dem
Staate von dem wirtschaftlichen Liberalismus zugemutete bloße „Nacht-

CC
        <pb n="149" />
        Funkindustrie und Elektroindustrie.
1. Dr, h. c. Georg Graf von Arco,

Geb. 30. August 1869.zu Großgorschütz in Oberschlesien, Zunächst Offiziers-
laufbahn bei dem Berliner Garde-Schützen-Bataillon. Interesse für technische
Dinge, nahm auf Rat des Rektors der Techn. Hochschule Charlottenburg Urlaub
behufs Studium, Begann technische Laufbahn als Slabys Assistent.

Bei Gründung der Telefunken-Gesellschaft am 17.5, 1903 wurde Graf von A,
Direktor der neuen Gesellschaft. Unter seiner Leitung schneller Aufstieg zu
heutiger Weltbedeutung, In Anerkennung seiner Verdienste um Entwicklung der
drahtlosen Technik verlieh Universität Straßburg 1916 Dr. phil. h. c. Hat eine große
Zahl von Erfindungen auf dem Gebiete der Funktechnik gemacht. Die wichtigsten
sind der erste Wellenmesser und die Telefunken-Hochfrequenzmaschine. .

2. Geh, Kommerzienrat Dr.-Ing, e. h, Dr. rer, pol, h, c, Felix Deutsch,

Geb. 16. Mai 1858, Seit Begründung i. d. A, E,G., tätig, seit 20. Juni 1915 Vors.
des Direktoriums. Berufung in den Reichswirtschaftsrat. Dr.-Ing.e.h. der Techn,
Hochschule Karlsruhe und Ehrenbürger der Techn. Hochschule Charlottenburg.
Seitens der Universität Köln Würde eines Doktors der Staatswissenschaften als
einem Manne, „der die mustergültige Organisation eines der angesehensten deutschen
Großunternehmen geschaffen, der ., , durch geschickte Finanzierungsmethoden der
Ausbreitung des Unternehmens im In- und Auslande die Wege geebnet und dem
deutschen Können in der Weltwirtschaft ein weiteres Wirkungsfeld verschafft hat“.

3. Dr.-Ing, e,h, Carl Köttgen,
Vorsitzender des Vorstandes der Siemens-Schuckertwerke G.m.b.H. und stell-
vertr, Vors, des Reichskuratoriums für Wirtschaftlichkeit.

Geb, Barmen 29, August 1871, Techn. Hochschule Berlin-Charlottenburg, Leitung
des Büros für Kraftübertragung bei der Firma Siemens &amp; Halske, 1901 erste große
Schachtfördermaschine, 1903 erstes großes Reversierwalzwerk, elektrisch betrieben,
1907 Leitung der Siemens-Brothers-Dynamo-Works, London und Stafford. — 1919
aus Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt, Leitung der Zentral-Werksverwaltung,
dann Gesamtleitung der Siemens-Schuckertwerke G.m.b.H. Zahlreiche Veröffent-
lichungen über elektrische Kraftübertragung und Studien rein wissenschaftlichen
Charakters,

4. Hans von Raumer,
Reichschatzminister und Reichswirtschaftsminister a.D., Berlin.

Geb, am 10, Januar 1870 zu Dessau; evang., 189%0 Gymnasialabiturium, 1890—1893
Universitäten Lausanne, Leipzig, Berlin. 1893 Referendar, 1905 Landrat. 1911
Übernahme der Leitung der Hannoverschen Kolonisations- und Moorverwertungs-
Gesellschaft zu Osnabrück. 1915 Direktor des Bundes der Elektrizitätsversorgungs-
Unternehmungen Deutschlands.

1918 Geschäftsf, Vorstandsmitglied des Zentralverbandes der dt. elektrotechn.
Industrie. Anreger, Mitbegründer, Zentralvorstandsmitglied der Zentralarbeits-
gemeinschaft der industriellen und gewerblichen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, 1920
Mitglied des Beirates für Reichselektrizitätswirtschaft. 1920 Reichstagsabg., bis 1921
Reichsschatzminister, 1922 Sachverständiger in Genua. 1923 Reichswirtschafts-
minister, Mitglied des Aufsichtsrates zahlreicher Gesellschaften,

5. Dr.-Ing. e. h, Carl Friedrich von Siemens.

Geb. 5, Sept. 1872 als dritter Sohn d. Begründers d. Siemensfirmen, des genialen
Erfinders Werner von Siemens in Charlottenburg. Trat nach Beendigung seiner
Ausbildungszeit 1899 in die Firma Siemens &amp; Halske ein, übernahm 1900 in London
die Leitung von Siemens Brothers &amp; Co,, kehrte 1909 nach Berlin zurück; 1912
Vorsitz im Direktorium der Siemens-Schuckertwerke G. m. b. H., 1919 Vorsitzender
der Aufsichtsräte der Siemens &amp; Halske A.-G. und der Siemens-Schuckertwerke
G.m.b,H, 1920 Reichstagsabg., 1923 Präsident des Vorläufigen Reichswirtschafts-
rates, 1924 Präsident des Verwaltungsrates der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft:
gleichzeitig legte er sein Reichstagsmandat nieder,

Tafel V.
        <pb n="150" />
        ‚541120 Dni000H9 I bau ideen Dame
1051A 80V 1810) 31090 9 OT
-2491i1O‚ JedsänuNt ‚ndieoIdoeredO! mi stüdo2t0Blou)1ust008L deuduA 408 „du
odziandost öl saa919Inl noltsladl-9sH28-oh120, amlıod mnaß x GL %
dishU 2ıydasttokiedD pa 098 Sb nn A 355715 Aue ade oki
Öinleitung Jmoteie2 Al 24delQ als ndedimeL.edsgiedost mnsayadl,ı muibui@:akırdad,
‚A nov 1810 sbıuw E0RL € TI ms aaa a RMSIST 19b A Ch
Us Sieh A rollandas (anuliel 1emi6a0 KeeU 5 edoallsas deuen Asbcherloude n
asb Baulsiwand aus, alaasibra V. yoniga, anungadıenA al A
aflo13 anis IeH_ ‚a. lidq Cd dter aıwdüsıl@ JElerevinU doilrev Aindas T mo20lidsıb
nejaaitdorw. aiC” Yılosarsa Mindostilau 9 Ash sI8idal! mob ios weanubhiä nor Ideen
„.‚onidoesmanenpartidooH-noziauteleT ‚aib bau, z922smaglle WW ‚a}219,.10b briie
‚doetual is 4 leg Ast. nl isıaeisremme N deal des
‚230 V,EI0L i0uL408S ton 8HEH  ChAnı by anubnlızs A Ho@ ‚3681 ieM On deut ae:
‚adosT 9b. ‚do ‚anlıd ‚Jerettedoztsiwedatel mob mi aaulus98 ‚20ıyioleri 295
Awdnasl told Sind .adbsT "sb sa ibdaeuda bar  sdurels A siundoadsoh
als nottsdoangeeiwatset2, -1ab „erotzlo@ | aesie, Sbızü WW. alö2l. +Etie1evinU 9b! areließ
norlaatush .nstensdaesans 19b a9mis moitsainsa3rO aaillüar9eleum Sih 19b,, ‚nass M mens
+ob mebodiomeefnksitngarT StldilSeen do ‚1: 496 1asitedoesa notidemetnudorD
mob bau! tetdesal, ars Wırsib/ ‚obasleuA has a lieinen a einher anutiordauy A
tod 3isdozıey, blateznyılıi W 29194i9W nis Hsdoztıiwil9W 19b ni nsnnöA noloajusk
-Hojz bay ‚Hıdm.) sılıswiredlouda@-2namai@ 19b N 2sb 19bnestie10V
WICer BEN SAN eos Bob Er VA LASSUNG AUS
Baudisıl: ‚arvdnstHösdO-asa Siudsandso dos 1“ TEA Senn de lami|
oflo383 Sia19 10QH ‚oxelsH 3 znam9i@ said 19b ied anuasthedüheıA 1üt 20708 2b
‚nodatıted dozirhlole ‚Aıswelswreierevod zeflorb 29lere EOCL ‚anidoasmrobrölldosda®,
Cie; — ‚brotist@ batı"a6bhnol jeaxlıo W-omenyd-erschorAsenemoi@ ixeb Bantis.h MOCt
‚dauflswreverlre W-IeıtneN: 9b Bauliel ‚Judazlehzlolzus }Heloansaynstioheä9in A aus
„not619V arbiotden H.dum.) aılıswirerlonda@-2aamsi@ 19b anıliolims2sd) ansh
nedoil}tedozasz2iw nit metbul2 bar anuyerlreditter 2 odoaidalals xodir meahudoil
‚zes
‚19mUs n0Y angH + / Se
‚als „U. zoteinime)isdoetriwedoisM bau 1eteiniestedoadaist | SS
50810081 (muiulidelsiaenmtO 0081 1ansvs ‚ugaas ll x OT8E Yanmal ‚OP ne .dSO ©)“
1010 Garbas 22008 rebnerotol. E08‘ milısdn Bisqiel dansensdchstätierevinUlie
-aBnutrowrevr00M bau, -2noitszinalol modoar9vonnsl] ob. aaudig.l 19b.; amdsmı9dU
-Eamu810219velBlicht 91H 19b 29ebnud iD soflSHd 1er AöfdenzO us Hedaellozs 0
ahmen {. "ei werıe: werden scebnelame(Anndenumdentstn U
‚arloajortlale 4b. 19b_29hnsdtevisniaeN, 2ob boilatimebnaste10 V ‚te}ädo290) BICE rt
25016161198 4b bstlatimebnstetovisthhex tobnbusdhiM 5 ab5ınmA ‚Sirteubil”*
0801 «rohnrlantiediAcHan sodaztiedrA nmerlildrawsar bau oSlieirkeänbmirısh Alsdoacaieonton ı
1SOP aid „bdszastenoie%l 0SEL, AAerloetajwelätiskrlaloloe io a8! ale ash beilaliM
„aiterloatıiwarndois 3 ESOr “ennSO ar rouihnsjetevidos@ SS 1 ‚Steinimstedozenoie
h ı die Vneftedoeliesstrerfoienldke este tehdotalyr Arzeb BailatiM ı oteinnun
men, auf die Artikel 156 hinweist. sind tür uns Michal neu
het no Hobbit HOCH AS aa gare nn van t
nelsinsa 2sb“ ‚deinen ee BES bins SCHEN ST yaszehaspleb CH
r9mis2 BanBibnsoE- dasm IkrT 4 odıhdnsktohedD: nit ensmai@ cnov em Wıraso ball or
nobmo.l mi 0081 miedsnmradir ‚mis olals 3 ansmai@, st 9ih ni CC81 Jiex anblideuA
SIOr ‚loifus als dosnm ORT DES ACT DEU ansmsie nOV aanaI® 4 !
vöbasstiero V Le Hud mei wirsaudo@t2netmei@ Yo bio lS Ti ai lie10 Var
Slıswherondo@-anamsi2 19h hau De oAelsH 3 anom2i2. 1ob alrehlaleluh 19b
HEdsehwerdois Al HSalleElroV 2sb“ fm biestd EsOr "ndsaaktatlois$t 0SE ÜH dm D-
Atsdsallees)-nadededaisfl- nddoeita ab] zstereahtutlewaeN. p hoiebirä SCI 29dsht.
19bsin }ebasmzastedoiel mise 19 Slasl aitiosdotela
Y Istel
        <pb n="151" />
        <pb n="152" />
        <pb n="153" />
        Reichsverfassung und Wirtschaft, 129
wächterrolle‘“ hatte sich unser Staat eben nie beschränkt, und Bismarck
haite durch die Verstaatlichung des Eisenbahnwesens, die schon der
ersten gesetzlichen Regelung des Eisenbahnwesens in Preußen vor-
schwebte, die Zwirnsfäden der Doktrin endgültig zerrissen. Die prak-
tische Wirtschaftspolitik des sich seines Könnens und damit der Ver-
pflichtung, sich dieses Könnens für die allgemeine Wohlfahrt zu be-
dienen, bewußten Staates verlangte diese Betätigung. Auf denselben
Wegen waren die Kommunalverbände mit wachsender Unternehmungs-
lust und wachsendem Erfolg gewandelt. Neu ist im Artikel 156 nur
der Zusammenhang mit sozialistischen Vorstellungen, der sich in den
notgedrungen unklaren Worten „Vergesellschaftung‘, „Überführung in
Gemeineigentum'” usw. kundgibt. Größeren Schaden hat der Artikel 156
nicht angerichtet, Das Gesetz zur Sozialisierung der Elektrizitätswirt-
schaft vom 31. Dezember 1919, das übrigens in der ihm von der
Nationalversammlung gegebenen Gestalt durchaus nicht sozialistisch
ist, sondern schon vor dem Kriege in mehreren Bundesstaaten, ins-
besondere in Preußen verfolgte Absichten mit den durch die Verhält-
nisse bedingten Änderungen verwirklichen wollte, hat sich nie von
seiner papiernen Grundlage im Reichsgesetzblatt erhoben. Die gemein-
wirtschaftliche Regelung der Kohlenwirtschaft und der Kaliwirtschaft
aber ist gerade von sozialistischer Seite, und wohl nicht ganz mit Un-
recht, als Verewigung des Kapitalismus bezeichnet worden. Man mag
über ihren Wert denken, wie man will, jedenfalls wird eine solche
Regelung, die bei Kohle und Kali sehr übersichtliche Verhältnisse vor-
fand und sich im wesentlichen auf eine bereits vorhandene Organisation
der Industrie stützen konnte, schwerlich für andere Industrien verwert-
bar sein. Die von den sechs Volksbeauftragten eingesetzte Sozialisie-
rungskommission, die im Jahre 1920 wiederum zusammentrat, hat nur
eine stattliche Anzahl von Bänden mit höchst interessanten Unter-
suchungen und Berichten gefüllt. Ihre Bemühungen, ausführbare Pläne
zu entwerfen, aber sind verpufft, Unter der Herrschaft des Dawes-
Gutachtens, also für das nächste Menschenalter, werden wir wohl mit
einem Wiederauftauchen des Gedankens, vielleicht ist es richtiger zu
sagen des Phantoms, der Sozialisierung nicht mehr zu rechnen brauchen.

5. Unter die verschiedenen Stimmen, die wir aus unserem Ab-
schnitt reden hören, mischt sich, allerdings nur gedämpft und darum
kaum noch wiederzuerkennen, auch die Stimme der Unabhängigen
Sozialisten, Es handelt sich um die „Verankerung‘ des Rätegedankens
in dem durch Artikel 165 aufgestellten Programm.

Es kann hier nur daran erinnert werden, wie ursprünglich auch die
sozialistischen, aber durchaus gewerkschaftlich und demokratisch
orienlierten Mitglieder des Reichskabineits jeder „Trübung der Demo-

Die deutsche Wirtschaft.

a
üÜ
        <pb n="154" />
        130 Prof. Dr. H, Göppert:

kratie”” durch Konzessionen an den Rätegedanken entschieden abge-
neigt waren, dann aber unter dem Druck der Unruhen und unter dem
Einfluß namentlich des Vorsitzenden des Zentralrats Cohen nachgiebig
wurden, Nachdem man sich einmal entschlossen hatte, entgegenzu-
kommen, scheint man sich in „Räten‘“ gar nicht genug haben tun zu
können. Der Artikel 165 sieht vor: Arbeiterräte für die Betriebe,
Bezirksarbeiterräte für nach Wirtschaftsgebieten gebildete Bezirke und
einen Reichsarbeiterrat zur Wahrnehmung der „wirtschaftlichen und
sozialen Interessen” der Arbeiter, Die Bezirksarbeiterräte aber und
der Reichsarbeiterrat sollen mit den Vertretungen der Unternehmer
und sonst beteiligten Volkskreise zu Bezirkswirtschaftsräten und einem
Reichswirtschaftsrat zusammentreten zur Mitwirkung bei den Soziali-
sierungsgesetzen und zur Erfüllung, wie es ursprünglich hieß, der
„gesamtwirtschaftlichen‘ Aufgaben, was dann ohne weitere Begründung
in „gesamte wirtschaftliche Aufgaben‘ geändert wurde.

Als Bismarck einen Volkswirtschaftsrat für das Reich schaffen
wollte, bezweckte er einstweilen nur, die fehlende Sachkunde der Re-
gierung und des Reichstags durch ein sachverständiges, unabhängiges
Organ zu ergänzen, das sich über die Vorlagen äußern sollte, bevor sie
der parlamentarischen Bewertung unterzogen würden, „bei welcher auf
eine gleich fachkundige und unbefangene Mehrheit nicht zu rechnen
ist, sondern die Abstimmung meist nach anderen, die Wahlfrage im
Auge haltenden Erwägungen erfolgt‘, Aber, wie die Erfahrungen mit
dem zunächst für Preußen eingeführten Volkswirtschaftsrat und den
später für Preußen geschaffenen Gewerbekammern, die man als Vor-
läufer der Bezirkswirtschaftsräte ansehen mag, beweisen, war über-
haupt die Zeit für den Gedanken einer beruflichen Vertretung noch
nicht reif. Jetzt aber handelte es sich um etwas ganz anderes. Der
Unterschied zwischen dem von Bismarck als primäres Gebilde geplan-
ten Volkswirtschaftsrat und dem Reichswirtschaftsrat, den sich Art, 165
auf breitem Unterbau denkt, tritt deshalb nicht so stark hervor, weil
die hinter Artikel 165 stehenden Gedanken nur in verkrüppelter Form
ihre Unterkunft im Reichsgesetzblatt gefunden haben, Man wollte die
„realisierbaren organisatorischen” Grundgedanken der Rätebewegung
aufnehmen. In Wahrheit hat man dem eigentlichen Rätegedanken,
d, h. der Herrschaft rein proletarischer Organisationen über Staat und
Wirtschaft, nur die Benennung der geplanten Organisationen und deren
pyramidalen Aufbau entnommen. Greifbarer steht hinter Artikel 165
der Gedanke der Verkörperung einer besonderen Wirtschaftsver-
fassung, die der politischen eingebaut ist, entsprechend der sozia-
listischen Auffassung der Wirtschaft als des Richtunggebenden und des
Staates als bloßen Überbaus der Wirtschaft, Freilich mußte sich dieser
        <pb n="155" />
        Reichsverfassung und Wirtschaft. I
Gedanke vor den parlamentarisch-demokratischen Vorstellungen, von
denen die Mehrheit der Nationalversammlung beherrscht war, ver-
stecken, Aber er schlummert unter den außerordentlich dehnbaren
Zweckbestimmungen der Organisationen, Er deutet sich auch beim
Reichswirtschaftsrat an, der sich in die parlamentarisch-demokratische
Verfassung nur als im wesentlichen begutachtende Stelle einfügen ließ,
aber doch das wichtige Recht erhalten soll, die Vorlegung eines von
ihm beschlossenen Gesetzentwurfs beim Reichstage auch dann zu ver-
langen, wenn die Reichsregierung ihm nicht zustimmt, und den Entwurf
im Reichstage durch einen Delegierten vertreten zu lassen. In dieser
Hinsicht wurde also die Stellung des Reichswirtschaftsrats der des
Reichsrats angenähert, Es ist immerhin fraglich, ob beide Organe auf
die Dauer selbständig nebeneinander würden bestehen können und ob
nicht schließlich auch ein Konflikt mit dem Reichstage unvermeidlich
sein würde, Zwar ist die Stellung des Reichstags als des Repräsentan-
ten des souveränen Volkes nicht angetastet. Aber einem Reichswirt-
schaftsrat, wie man ihn sich nach Artikel 165 denken muß, würde un-
ausbleiblich das Streben nach der Stellung einer gleichberechtigten
Kammer innewohnen,

Die Probe auf das Exempel wird schwerlich gemacht werden. Der
Artikel 165 ist ein Fremdkörper, der mit Hilfe äußerer Umstände in
die Verfassung hineingeschoben worden ist.

Der Organisationsplan ist theoretisch auf dem Papier entworfen,
die erforderlichen Bildungen werden mitten hineingestellt in die große
Zahl der schon vorhandenen Organisationen, die sie überschneiden und
von denen sie daher als unerwünschte und als bestenfalls zwecklose
Konkurrenz empfunden werden müssen. Es fehlt eine klare Scheidung
zwischen den Aufgaben der reinen Arbeiterorganisationen auf der
einen, der Bezirkswirtschaftsräte und des Reichswirtschaftsrats auf der
anderen Seite und wiederum der Arbeiterorganisationen und der doch
ausdrücklich im Absatz 1 anerkannten Gewerkschaften. Abgesehen
von dem Reichswirtschaftsrat läßt sich unter den Worten, mit denen
die Aufgaben angedeutet werden, überhaupt alles mögliche, nur nichts
Bestimmtes denken, Eine Bestimmung wie „zur Erfüllung der gesamten
wirtschaftlichen Aufgaben‘ sucht an Unklarheit ihresgleichen. Der für
die beginnende Inflationszeit bezeichnende Mangel an Sinn für Spar-
samkeit mit Geld, Zeit und Menschenkräften zeigt sich deutlich.

Es ist dann auch gekommen, wie es kommen mußte. Als man ver-
suchte, den Bau nach den nebelhaften Andeutungen des Artikels 165
zu errichten, sah man sich alsbald in eine solche Fülle zweifelhafter
Fragen verstrickt, daß die Arbeit nicht von der Stelle kam. Ein Wort
wie „Gliederung des Reichs nach Wirtschaftsgebieten‘” ist leicht aus-

Co
        <pb n="156" />
        132 Prof. Dr. H. Göppert:

gesprochen, aber es ist unendlich schwer, den für die Dauer maßgeben-
den Gesichtspunkt zu finden. Deutschland ist eben ein einheitliches
Wirtschaftsgebiet, in dem alle großen Fragen letzten Endes gemeinsame
Angelegenheiten sind und der örtlichen Behandlung widerstreben, Es
zeigte sich auch, wie bedenklich es ist, in Gesetzen mit allgemeinen
Redensarten zu operieren. So erwuchsen aus dem Artikel 165 Be-
strebungen nach Bildung von Wirtschaftsprovinzen mit Gesetzgebungs-
und Verwaltungsautonomie auf wirtschaftlichem Gebiete, Das würde
in Wahrheit eine Rückkehr zu den Verhältnissen des Zollvereins und
damit den ersten Schritt zur Auflösung des Reichs bedeutet haben, Die
Gefährlichkeit solcher Gedanken ist glücklicherweise bald erkannt
worden, Andererseits gelang es aber auch nicht, für die Bezirkswirt-
schaftsräte angesichts der schon vorhandenen Organisationen einen
Aufgaäbenkreis festzustellen, der ihre Errichtung lohnt, So scheinen sich
die Versuche, den Artikel 165 auszuführen, totgelaufen zu haben. Sie
ruhen schon seit langer Zeit,

Wenn durch ein noch von der Nationalversammlung beschlossenes
Gesetz die Betriebsräte ins Leben gerufen worden sind, so handelt es
sich in Wahrheit nicht um den ersten Baustein für die geplante Orga-
nisation, sondern um eine Einrichtung von selbständiger Bedeutung, die
durchaus in der Linie der im Jahre 1890 leider zu zaghaft begonnenen
Entwicklung lag.

Ebensowenig kann der durch die Verordnung vom 4, Mai 1920
geschaffene Vorläufige Reichswirtschaftsrat als die vorweggenommene
Krönung des von der Verfassung projektierten Baues bezeichnet
werden. Jetzt griff man vielmehr wirklich auf den alten Gedanken
Bismarcks der Schaffung eines beratenden und begutachtenden Organs
zurück, dem die Vorlagen vor der parlamentarischen Beratung unter-
breitet werden können, Dem Vorläufigen Reichswirtschaftsrat sind
allerdings gewisse äußere Vorrechte eines Parlaments beigelegt. Aber
das wichtige und bezeichnende Recht, die Vorlegung von ihm be-
schlossener Gesetzentwürfe beim Reichstage zu verlangen, fehlt, Es
liegt im Belieben der Reichsregierung, ihn in völliger Bedeutungslosig-
keit zu halten, ein Schicksal, dem er in dem letzten Jahre bereits ver-
fallen ist und nach seiner unglücklichen Struktur auch verfallen muß,

Seit Bismarcks verunglücktem Versuch, hinter dem übrigens wohl
weitergehende Gedanken standen, die man unserer Verordnung nicht
unterstellen darf, haben Gesetzgebung, Verwaltung und die rege Initia-
tive der Beteiligten ein außerordentlich vielseitiges System von Inter-
essenvertretungen geschaffen. Die wirtschaftliche Unternehmerschaft
hat sich nach jeder Richtung hin durchorganisiert und ist in starken
Spitzenvertretungen für das Reich zusammengefaßt, Für einzelne
        <pb n="157" />
        Reichsverfassung und Wirtschaft, 133
Zweige der Verwaltung bestehen besondere sachkundige Beiräte, Die
Arbeitnehmerschaft wurde immer vollständiger in den mächtig an-
schwellenden und zu starken politischen Faktoren gewordenen Gewerk-
schaften organisiert, Es ist bezeichnend, daß von den früher so dringend
verlangten Arbeitskammern heute noch kaum etwas verlautet, Die
ımmer stärker in den Vordergrund tretenden wirtschaftlichen Aufgaben
haben auch dem Reichstag zahlreiche Vertreter wirtschaftlicher Inter-
essen zugeführt, Wenn die Wirtschaft noch in einem besonderen Organ
zu Worte kommen sollte, so hätte es sich nur um eine unabhängige,
sichtende und begutachtende Stelle handeln dürfen, wie es vor der
Revolution der Wirtschaftliche Ausschuß war. Statt dessen setzt die
Verordnung den Wirtschaftsrat, abgesehen von 24 durch den Reichsrat
und die Reichsregierung zu ernennenden Mitgliedern, aus Entsandten
der Interessenvertretungen selbst zusammen und kommt, weil keiner
übergangen werden darf, auf 326 Mitglieder, Diese sollen nun freilich
Vertreter der wirtschaftlichen Interessen des ganzen Volkes und an
Aufträge nicht gebunden sein, aber sie liegen naturgemäß in ihren Auf-
fassungen fest. Das Ergebnis der Verhandlungen ist daher regelmäßig
von vornherein zu übersehen, Die Teilnahme an den Verhandlungen
einer so großen und anspruchsvollen Versammlung bedeutet für den
Regierungsapparat eine neben der Inanspruchnahme durch den Reichs-
tag kaum tragbare Belastung. Sachliche Information läßt sich auch
auf einfacherem Wege beschaffen. Trotz seiner staatsrechtlichen Be-
deutungslosigkeit muß selbst dieser Vorläufige Wirtschaftsrat dem
Reichstag naturgemäß als möglicher. Ansatz zu einer Änderung in der
Bildung der Volksvertretung verdächtig sein, Dazu kommt, seitdem in
Deutschland Geld wieder eine Rolle spielt, die gar nicht zu verant-
wortende Kostspieligkeit. Auch der Vorläufige Reichswirtschaftsrat
mußte deshalb dem Abbau verfallen, Nur noch die Mitglieder des nach
Artikel 11 der Verordnung zu wählenden wirtschaftspolitischen und
sozialpolilischen Ausschusses sind im Besitze von Freifahrkarten ge-
lassen worden, So scheinen die Verhältnisse dahin zu wirken, daß
von den Gedanken des verfassungsmäßigen und des Vorläufigen Reichs-
wirtschaftsrates das übrigbleibt, was nach der gegenwärtigen Gestal-
tung des Reichs praktisch allein brauchbar ist: ein kleiner Beirat für
die Vorbereitung wichtiger wirtschaftlicher und sozialpolitischer Maß-
nahmen, Andererseits hat sich aber wohl gezeigt, daß der Gedanke
einer Fortbildung unseres verfassungsmäßigen Zustandes durch Ein-
fügung einer berufsständischen Vertretung jedenfalls nicht in der
Weise verwirklicht werden könnte, daß ein berufsständisches Parla-
ment neben das auf allgemeinen gleichen Wahlen beruhende Parlament
gesetzt wird, sondern daß, wenn die parlamentarische Maschinerie
        <pb n="158" />
        134 Reichsverfassung und Wirtschait,

nicht an ihrer Unhandlichkeit rettungslos Schiffbruch erleiden soll, nur
an. die Zusammenfassung in einer Körperschaft gedacht werden
dürfte.

Es soll nicht bestritten werden, daß, nachdem am 9. November
1918 die sozialistische Republik ausgerufen worden war und die erste
Kundgebung der Volksbeauftragten die Verwirklichung des Erfurter
Programms in Aussicht gestellt hatte, unser Abschnitt insofern poli-
tische Bedeutung hatte, als er weithin vernehmbar die Ablehnung von
grundstürzenden Änderungen für die Wirtschaft verkündete. Für die
heutige Zeit schrumpft seine Bedeutung stark zusammen. Erklärungen
einer neuen Verfassung, die dem Wirtschaftsleben eine bestimmte Prä-
gung geben oder erhalten wollen, werden immer nur bedingten Wert
haben. Der Laie pflegt die Macht des Gesetzgebers zu überschätzen.
Das Gesetz sagt, was sein soll, das Leben aber bestimmt, was wird.
Solche Erklärungen können bestehen bleiben, das Leben kann aber auch
über sie hinweggehen., Bleiben sie bestehen, dann nicht wegen ihrer ver-
fassungsmäßigen Sicherung, sondern weil sie durch die Realitäten des
Lebens bestätigt werden. Der vom rechtlichen Standpunkt aus höchst
geringe Gehalt unserer Verfassung für die Wirtschaft verschlägt darum
wenig. Die einzige wirkliche Sicherung, die eine Wirtschaftsordnung
besitzen kann, liegt in ihr selbst, d. h. in ihrer Notwendigkeit und Un-
ersetzlichkeit sowie in der weisen Voraussicht, mit der sie es versteht,
sich gegen Erschütterungen dadurch zu schützen, daß sie den Anforde-
rungen der Zeit vorausblickend Rechnung trägt.
        <pb n="159" />
        9

Wirtschaft und Reparationspolitik.
Von Dr. J. W., Reichert, Hauptgeschäftsführer des Vereins deutscher Eisen- und
Stahlindustrieller, M.d.R., Berlin.

Schlagworte einfachster Art verschleierten dem deutschen Volk und
der Welt lange Zeit die Verwickeltheit und Unlösbarkeit der zahllosen,
aufs engste miteinander verknüpften Reparationsprobleme. „Durch
Arbeit zur Freiheit” ist die Parole, die Dr. Wirth nach der
Durchbringung des Londoner Zahlungsplans im Reichstag ausgegeben
hat. „Es gibt keine absolute Unerfüllbarkeit!”, rief
kurz danach der Wiederaufbauminister Dr. Rathenau aus und fügte
hinzu: „Denn es kommt darauf an, wie tief man das Volk in Not
geraten lassen darf,”

Das böse Kriegserbe der Geringschätzung der Millionen und
Milliarden hat also nicht nur draußen im Ausland, sondern auch im In-
land, und zwar selbst in führenden Köpfen, nachgewirkt, Der Maß-
stab für die Größenordnungen war nach den staunenswerten finanziellen
Leistungen im Krieg verlorengegangen. Sonst hätten so kluge Männer
wie Rathenau und Wirth nach dem Kriegselend die Reparationsleistung
in Milliardenbeträgen schwerlich als eine Frage der „Not‘ oder der
„Arbeit“ hinstellen können.

Während zahlreiche Führer der deutschen Wirtschaft auf Befragen
der Reichsregierung vor der Londoner Konferenz vom März 1921 fast
einstimmig schon eine Milliarde jährliche Leistung als höchst fraglich und
gefährlich hinstellten, schätzte damals Dr. Rathenau, dem offenbar die
Verhältnisse der Großbetriebe vom Rang der A. E, G. vorschwebten, die
deutsche Leistungsfähigkeit auf 2 bis 3 Milliarden jährlich. Dr. Wirth
hatte erst recht keine Vorstellungen davon, wie hoch die Leistungs-
fähigkeit gehalten oder gehoben werden könne. Das auffälligste ist
schließlich, daß das Kabinett Wirth-Rathenau trotz der Betonung der
Notwendigkeit der Arbeit eigentlich nichts getan hat, um durch Steige-
rung der Wirtschaftsleistungen dem Volke sein Reparationsschicksal zu
erleichtern, „Das deutsche Volk“, so sagte einmal Dr. Helfferich
im Frühjahr 1922, „hat die Erfüllung mit dem Zusammenbruch seiner
Valuta, mit einer furchtbaren Preisrevolution, mit der Zermalmung des
        <pb n="160" />
        136 Dr. J. W, Reichert:

Mittelstandes, mit schwerer sozialer Unruhe und mit neuen Erschütte-
rungen der Fundamente von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft
bezahlt.” Man darf wohl hinzufügen, daß die Reparationspolitik sogar
die Weltwirtschaft und damit wieder die Weltpolitik aufs tiefste beein-
flußt hat. Im Verhalten des englischen Kabinetts zeigt sich dann und
wann der Wille zu einer durchgreifenden Lösung des unendlich ver-
wickelten Problems, aber auch ebensooft ein verzagtes Zurückweichen
vor dem Durchhauen des gordischen Knotens.

Hätte Lloyd George mit der schnellen Abrüstung Englands
nicht den größten Fehler seines Lebens gemacht, so ständen die Dinge
jetzt wohl anders, Allein das Stirnrunzeln Frankreichs hat schon oft
den englischen Mund verstummen und die englische Hand sinken lassen.
Das deutsche Schicksal ist jedenfalls für London nicht so viel wert, daß
es dieserhalb große Gefahren auf sich nehmen möchte.

In Cannes hat England zu Anfang Januar 1922 Frankreich zum
erstenmal zum Nachgeben gebracht. Das deutsche Moratoriumsgesuch
vom 14. Dezember 1921 hatte dahin geführt, daß Deutschland für 1922
ein Nachlaß der Reparationen bis auf 720 Millionen Goldmark an
Barzahlungen und auf 1450 Millionen Goldmark an Sachleistungen zu-
gestanden worden ist, Das war zwar eine Ermäßigung des Londoner
Zahlungsplans um etwa ein Drittel, aber dennoch unerfüllbar. Denn
nebenher liefen noch die Besatzungskosten, die Belastung durch das
sog. Ausgleichsverfahren usw., so daß sich das Reichskabinett nur unter
dem Druck einer Drohrede des neuen französischen Ministerpräsiden-
ten Poincare zur Annahme entschloß.

Aus der Erwartung, die von Lloyd George damals angeregte Welt-
wirtschaftskonferenz zu Genua werde die Reparationsforderungen unter
die Lupe nehmen und von wirtschaftlichen Gesichtspunkten aus die
Revision des Versailler Vertrags und des Londoner Zahlungsplans
fordern, wurde leider nichts, Denn Frankreich widersetzte sich von
vornherein aufs äußerste dem Plan einer Erörterung der Reparations-
irage in Genua, und kündigte durch Poincares Rede vom 19. Januar
seine „Politik der Pfänder, der Garantie und Finanzkontrolle‘“ an.

Die Genueser Konferenz ließ dennoch im April 1922 für Deutschland
eine Frucht reifen, nämlich den deutsch-russischen Rapallovertrag. Der
darin ausgesprochene gegenseitige Verzicht auf Entschädigungen sagte
sich völlig vom Reparationsgedanken los und brachte sogar die erste
gegenseitige Meistbegünstigung im Handelsverkehr.

Indessen entwickelte sich in Deutschland die Produktions- und
Konsumtions-, die Finanz- und Währungslage immer ungünstiger, Die
Fehlbeträge im Haushalt des Reichs und der Länder, ferner die Fehl-
beträge in der Außenhandels- und Zahlungsbilanz wuchsen zusehends,
        <pb n="161" />
        Wirtschaft und Reparationspolitik, 137
Weder die Einführung neuer Steuern noch die Durchführung einer
inneren Zwangsanleihe versprachen Erleichterung, Deshalb forderte
Deutschland bei der Reparationskommission auf Grund des Versailler
Vertrages die Nachprüfung der deutschen Leistungsfähigkeit. Schnell
wurde ein Sachverständigenausschuß, mit dem Amerikaner P. Morgan
an der Spitze, zur Nachprüfung der deutschen Zahlungsfähigkeit und
der Frage einer internationalen Anleihe nach Paris eingeladen, Die
Sachverständigen gerieten bald in Kompetenzstreitigkeiten mit der Re-
parationskommission und gaben nur ihrer Ansicht darüber Ausdruck,
daß bei dem gegenwärtigen Stand der Dinge Deutschland keine Anleihe
gegeben werden könne, Zu einem Urteil über Deutschlands Zahlungs-
fähigkeit ließen es die Franzosen nicht kommen.

Inzwischen mehrten sich die deutschen Zahlungsschwierigkeiten,
so daß am 12, Juli 1922 ein Moratorium verlangt wurde. Poincare
benutzte diese Notlage, um seinen Plan eines selbständigen Vorgehens
immer unverhüllter anzukündigen. Am 21. Juli 1922 sprach er zum
ersten Mal von einer „absichtlichen Verfehlung‘“ Deutschlands, als das
Kabinett erklärte, die Ausgleichszahlungen neben den Reparations-
zahlungen einstellen zu müssen, Poincare vergrößerte ferner die Wirt-
schaftsnot in Deutschland dadurch, daß er die an sich schon schwer
drückenden Koks- und Kohlenanforderungen ganz gewaltig steigern ließ,
während Deutschland schon seit Monaten Kohlen einführen mußte. Er
verstieg sich sogar zu der Anschuldigung, Deutschland treibe „Kata-
strophenpolitik”, Was nutzte da Wirths Erklärung: „Erst Brot für
das deutsche Volk, dann Reparationen‘“? —

Poincare griff wegen der Einstellung der deutschen Ausgleichs-
zahlungen zu Retorsionen gegen die Deutschen in Elsaß-Lothringen und
verfolgte in London sein „Programm produktiver Kontrollmaßnahmen“,
während in England sich die Stimmen über die Unerfüllbarkeit des
Londoner Zahlungsplans von 1921 mehrten. Bra dbury begründete
damals in der Reparationskommission den englischen Antrag, Deutsch-
land eine „Atempause” von fünf Jahren zu gewähren. Belgien sprach
von der Notwendigkeit einer Markstabilisierung. Der Dollar, der zu
Anfang des Jahres 1922 noch zu 187 Mark zu haben war, hatte Mitte
August 1000, Anfang Oktober 2000, Mitte Oktober 3000, am 21. Ok-
tober 4000 überschritten und war Anfang November auf 6000 und am
8, November auf 9150 geklettert.

In jenen Tagen war auf Veranlassung der Reichsregierung in Berlin
die Währungskonferenz der internationalen Sachverständigen zu-
sammengetreten, bestehend aus den Fachmännern Brand, Cassel, Dubois,
Jenks, Kamenka, Keynes und Vissering. Diese Währungstheoretiker
konnten sich zwar nicht alle auf ein und denselben Vorschlag für die
        <pb n="162" />
        133 Dr. J. W. Reichert:

Überwindung der Markkrise einigen. Aber die Erkenntnis, daß die
Reparationen die Quelle alles Übels seien, einte sie. Alle forderten
einen mindestens zwei Jahre dauernden Zahlungsaufschub für Bar-
zahlungen und Sachleistungen, ferner ausländische Währungshilfe, end-
gültige Regelung des Reparationsproblems usw, Unter dem Eindruck
dieser Gelehrtengutachten übergab die Reichsregierung der Repara-
tionskommission einen zusammenfassenden Stabilisierungsplan, der die
Befreiung von allen Reparationen für drei bis vier Jahre, ferner die Nor-
mierung der Reparationsschuld in einer Höhe, daß sie aus dem Über-
schuß des Haushalts bezahlt werden könne, schließlich die handels-
politische Gleichberechtigung auf dem Weltmarkt verlangte.

Nach diesen Forderungen und der Erkenntnis der tieferen Zu-
sammenhänge der Reparationsfrage trat Dr. Wirth ab, Einen Monat
früher, nämlich am 19. Oktober 1922, war bereits Lloyd George
zurückgetreten. Nun konnte sein Gegenspieler Poincare das Feld
leichter beherrschen und allen Anläufen zu einer wirtschaftlich ver-
nünftigen Lösung des Reparationsproblems begegnen. —

Weder Lloyd George noch Wirth und Rathenau, weder
die deutsche Erfüllungspolitik und die freiwilligen Sachleistungs-
angebote, noch die englische Betonung der Unerfüllbarkeit vermochten
Poincare von seinem brutalen Erpressungsplan abzubringen. Weder
Morgans Auftreten in der Pariser Anleihekonferenz noch der Liefer-
vertrag, den Stinnes mit dem Marquis de Lubersac zu-
gunsten des französischen Wiederaufbaus schloß, machten auf den
kriegerischen Ministerpräsidenten irgendeinen Eindruck, Wozu wollte
Poincare produktive Pfänder? War es nur das Verlangen, die rache-
lustigen Poilus wenigstens halbwegs Berlin marschieren zu lassen? War
es die Absicht, das Schlagwort wahr zu machen: „Le boche
payera tout‘?

Mit frommem Augenaufschlag verlangte Poincare vor seinen
Freunden „produktive Pfänder‘ für einen Zahlungsaufschub zugunsten
Deutschlands, während es ihm um Ausdehnung seines Machtbereiches,
um Verstärkung der französischen Vorherrschaft in Europa, um Zer-
schlagung des Deutschen Reiches und um Überlistung Englands zu tun
war, Sein alter Freund Lloyd George, dem die Entbindung von
seinem langjährigen Amt als Ministerpräsident nicht nur Schmerzen des
Abschieds, sondern auch Freiheit der Zunge gebracht hat, nannte schon
im Dezember 1922 Poincares Schliche offen und treffend „Austern-
politik” und riß ihm damit die Larve vom Gesicht,

Die alten Römer huldigten dem Grundsatz: „Divide et impera”, d, h.
„Teile und herrsche‘“, Lloyd George spielte dagegen auf die Unersätt-
lichkeit des triumphierenden Frankreich an, das durch Besetzung und

&amp;.
        <pb n="163" />
        Wirtschaft und Reparationspolitik. 139
Zollinie, also mit militärischen und Verwaltungsmaßnahmen, erst die
Besitzergreifung und Loslösung der Rheinlande vom deutschen Mutter-
land herbeiführen wollte, um dann, wenn der Appetit es reizte, die Ein-
verleibung der rheinischen Auster vorzunehmen, Ein altes französisches
Sprichwort heißt: „L’appetit vient en mangeant‘“, d. h, „Der Appetit
kommt beim Essen“, Tatsächlich genügte Frankreichs Machthunger
der Raub Elsaß-Lothringens nicht. Ein alter politischer Traum sollte
in Erfüllung gehen, nämlich der Rheinstrom sollte die Grenze bilden.
Aber auch dann fühlte sich Frankreich nicht sicher. Zu seiner „Sicher-
heit vor Deutschland” bereitete es seit langem planmäßig die Besetzung
der Ruhr vor.

Auch der Nachfolger Lloyd Georges, nämlich Bonar Law, gab
sich Mühe, Poincare zur Vernunft zu bringen. England bestimmte
Italien am 11, Dezember 1922 auf der Londoner Konferenz, den fran-
zösischen Vorschlag, zur Besetzung der Ruhr zu schreiten, abzulehnen.
Auch nachdem die Reparationskommission mit der Stimme Frank-
reichs, Belgiens und leider auch Italiens, bei Stimmenenthaltung Eng-
lands, eine Verfehlung Deutschlands in Holzlieferungen festgestellt hatte,
und nachdem sie am 28, Dezember 1922 das Auslegungskunststückchen
„Nichterfüllung ist gleich vorsätzlicher Nichterfüllung des Versailler
Vertrags” gewagt hatte, hielt Bonar Law an seinem Bestreben fest, die
Reparationsschuld herabzusetzen, die deutsche Finanzreform an-
zuregen und von produktiven Pfändern abzusehen. Selbst die amerika-
nische Regierung machte sich damals bemerkbar und schlug wiederholt
vor, die Reparationen der politischen Behandlung zu entziehen und
einen Sachverständigenausschuß mit der Prüfung der deutschen Zah-
lungsfähigkeit zu betrauen. Das Kabinett Cuno wollte es an neuen
Vorschlägen nicht fehlen lassen. Aber alle Anstrengungen waren
nutzlos, Kaum hatte die neue Pariser Konferenz am 2. Januar 1923
begonnen, da wurde sie auch schon abgebrochen. Die Reparations-
kommission stellte noch schnell wiederum bei Stimmenthaltung Eng-
lands, am 9, Januar 1923, eine „vorsätzliche Verfehlung‘ Deutschlands
bei den Kohlenlieferungen fest. Dann konnte der kriegerische Einfall
der verbündeten Franzosen und Belgier ins Ruhrgebiet beginnen.

Der zum Himmel schreiende Rechts- und Friedensbruch einte seit
langer Zeit wieder einmal das ganze deutsche Volk. Die Abwehr be-
stand im wesentlichen in der Einstellung jeder Art von Reparations-
leistungen, in der passiven Resistenz gegenüber den französisch-belgi-
schen Befehlen, Die feindlichen Gegenmaßnahmen waren von vorn-
herein mit militärischer Gewaltanwendung und Unterdrückung gepaart.
Nichts war davon zu merken, daß sie eine „friedliche Mission friedlicher
Ingenieure“ sei, wie Poincare amtlich erklärt hatte. Der Abschnürung
        <pb n="164" />
        140 Dr. J. W. Reichert:

und Absperrung des Ruhrgebiets und seiner Wirtschaft von der Außen-
welt folgte die willkürliche Ausbeutung in jeder nur denkbaren Be-
ziehung, die fast völlige Lahmlegung der Wirtschaft und sogar die
Gefährdung der Ernährung, Millionen von Menschen, die gehindert
wurden, ihrem Broterwerb nachzugehen, konnten nur durch die Aus-
gabe neuer Reichsbanknoten vor dem Verhungern geschützt werden.
Von einer Achtung des völkerrechtlich unantastbaren Privateigentums,
von einem Schutz des Menschenlebens war nicht mehr die Rede. Die
Gewalttaten nahmen zu, es kam selbst zu Morden und Hinrichtungen.
Die Bevölkerung im ganzen besetzten Gebiet litt unsäglich. Es war
eine furchtbare Tragödie von Millionen von Menschen, die der Re-
parationskrieg Poincares heraufbeschworen hatte,

Am 16, April 1923 erklärte der neue Außenminister Dr. v. Rosen-
berg, in der Pariser Januarkonferenz habe das deutsche Kabinett
ein Angebot von 30 Milliarden Goldmark machen wollen; jetzt habe der
Ruhreinbruch die deutsche Zahlungsfähigkeit vermindert. Nun müßten
internationale Sachverständige die Leistungsfähigkeit Deutschlands
feststellen. Auf englische Anregung machte dann am 1. Mai die Reichs-
regierung in einer Note der Entente den Vorschlag, die Gesamt-
verpflichtung auf 30 Goldmilliarden festzusetzen und zur Sicherung des
Schuldendienstes neben dem Besitz und allen Einnahmequellen des
Reichs und der Länder die gesamte Wirtschaft heranzuziehen. Allein
die französische Regierung schrie ihr „Unannehmbar‘ und verlangte
vor allem Einstellung des deutschen Widerstandes an Ruhr und Rhein,
Selbst England und Italien antworteten dem deutschen Kabinett
ablehnend,

Kurz danach, nämlich am 27. Mai 1923, erklärte sich der Reichs-
verband der Deutschen Industrie für eine gleichzeitige
Lösung des Gesamtproblems der Reparationen nach außen wie inner-
halb Deutschlands und machte dem Kanzler Cuno das große Angebot
zur Übernahme einer Sondergarantie in Höhe von 500 Millionen
Goldmark auf die Dauer von 30 Jahren seitens der deutschen Industrie,
Der Reichsverband ging dabei von der Voraussetzung aus, daß die
Kriegs- und Zwangswirtschaft einschließlich der Außenhandelskontrolle,
ferner die Demobilmachungsvorschriften aufgehoben werden, daß sich
die Staatsgewalt selbst bei großen Arbeits- und Wirtschaftskämpfen
auf die Rolle eines Schiedsrichters beschränke, daß außerdem das
Steuerwesen geändert, ferner ein Arbeitszeitgesetz geschaffen und
schließlich die Wirtschaft von allen unproduktiven Ausgaben entlastet
werde, Ein entsprechendes Angebot machte wenige Tage danach der
Reichslandbund für die Landwirtschaft, So kam es zu Dr. Cunos
Memorandum vom 7, Juni, in dem folgende Garantien geboten
        <pb n="165" />
        Wirtschaft und Reparationspolitik, 141
waren: 1, Die Reichsbahn gibt fünfprozentige Goldobligationen in Höhe
von 10 Milliarden zur Sicherung des Zinsendienstes der 500 Gold-
millionen jährlich aus. 2, Industrie, Banken, Handel, Verkehr und Land-
wirtschaft leisten jährlich 500 Millionen Goldmark für eine durch erst-
stellige Pfandrechte gesicherte Verpflichtung von 10 Milliarden Gold-
mark, 3, Als Sicherheit für die Jahresleistungen werden die Zölle auf
Genußmittel, ferner die Verbrauchsabgaben für Tabak, Bier, Wein und
Zucker sowie die Erträge des Branntweinmonopols verpfändet.

Drei Wochen später kam die Friedenskundgebung des Papstes.
Allein Frankreich war nach Poincares hochmütigen Worten von
„keiner geistlichen und keiner weltlichen Macht zu hindern“, den ein-
geschlagenen Weg weiterzugehen; es habe es mit der Regelung der
Reparationsfrage keineswegs eilig. Damals stand der Dollar, obwohl
schon riesige Goldbeträge zur Stützung der Mark geopfert waren, auf
176 000 Mark gegen 10000 Mark bei Beginn der Ruhrbesetzung. In
rasendem Lauf ging die Markentwertung weiter, Es kostete der Dollar

am 9. Juli 1923 .‚ . . . 180000 Mark
am 23. Juli 1923 . . . . 350000 Mark
am 30, Juli 1923 ‚ . . . 1100000 Mark.

Der damalige englische Ministerpräsident Baldwin verglich die
Wirkung der Ruhrbesetzung für den internationalen Handel mit den
Folgen, die sich ergeben, wenn man mit der Klinge eines Taschenmessers
in ein Uhrwerk hineinstoße. Die Vergewaltigung der Ruhr konnte keine
produktive, sondern nur eine destruktive Wirkung haben.

Da Poincare internationale Sachverständige zur Prüfung der Re-
parationsfirage nach wie vor ablehnte, griff England zu dem Mittel,
daß es in einer Note vom 11. August 1923 vor der ganzen Welt die
Rechtswidrigkeit der Ruhrbesetzung betonte. Aus
diesem aufsehenerregenden Schritt Englands gegenüber dem England
verbündeten Frankreich zog Deutschland keinen Nutzen. Die Sozial-
demokraten hatten damals nichts Besseres zu tun, als durch ein
Mißtrauensvotum die Stellung des Kanzlers Dr. Cuno zu erschüttern.
Um die angeblich wertvolle, in Wirklichkeit schon lange fragwürdig
gewordene Hilfe der Sozialdemokratie der Reichsregierung zu erhalten,
bildete am 13. August Dr. Stresemann als neuer Kanzler das
Kabinett der sog. Großen Koalition. Die Regierungskrise trieb
den Dollar auf 3,3 und 4,86 Millionen Mark. Die baldige Annahme des
Goldanleihegesetzes, das schon von Dr. Cuno angekündigt war, dämpfte
das Valutafieber und brachte den Dollar vorübergehend auf 2,7 Mil-
lionen herunter, Allein schon am 21, August erreichte der Dollar einen
neuen Höchststand von 5,5 Millionen Mark, An diesem Tage wurde
        <pb n="166" />
        142 Dr. J. W, Reichert:

Poincares Note der englischen Regierung übergeben, in der unter
Ablehnung einer internationalen Sachverständigenkonferenz ein Ge-
samtbetrag von 50 Milliarden Goldmark zuzüglich der von Frankreich
den Vereinigten Staaten geschuldeten Beträge gefordert worden ist.
Zudem verlangte Poincare weiterhin produktive Pfänder und das Ein-
verständnis mit dem Verbleiben an der Ruhr. „Der Kanzler
Dr. Stresemann nahm die Poincaresche Forderung nach produk-
tiven Pfändern an und richtete am 26. September an das deutsche Volk
einen Aufruf, den passiven Widerstand im Ruhrkampf abzubrechen.
Das hatte die Wirkung, daß der Dollar, der inzwischen schon auf
182 Millionen Mark gestiegen war, bis auf 126 Millionen fiel.

Längst hatte der verdienstvolle Dr. Helfferich einen Wäh-
rungsplan für die Markstabilisierung dem Kanzler Dr. Cuno
und am 18, August 1923 auch dem Kabinett Dr, Stresemann bekannt-
gegeben. Allein der sozialdemokratische Finanzminister der Großen
Koalition, Dr. Hilferding, verschleppte und verschlechterte den
Rettungsplan, Schon waren kostbare Wochen vergangen und der
Helfferichsche Währungsplan zugunsten einer Goldwährung am
10. September abgelehnt, dann aber wieder aufgenommen und hin und
her erörtert worden, Zur Zeit der Überreichung des vollständig
fertigen Gesetzentwurfs Helfferichs, Anfang August 1923, hatte der
Dollar auf etwa 4 Millionen gestanden, Am 3, Oktober, nach Ablauf
von acht Wochen tollster Aufregungen, mußte Dr. Hilferding zurück-
treten. Damals hatte der Dollar den Stand von 440 Millionen erreicht.
Drei Tage zuvor war bei der französisch-belgischen Regiebahn die
Frankenwährung eingeführt worden und der Plan einer eigenen rheini-
schen Währung schien der Verwirklichung nahe zu sein. Erst
Dr. Luther, der Finanzminister des zweiten Kabinetts Stresemann,
nahm den Helfferichschen Währungsplan mit einigen Änderungen an
und brachte am 15, Oktober, als der Dollar auf 4,1 Milliarden stand,
das Gesetz zur Schaffung der deutschen Rentenmark
heraus, Allein es dauerte noch einen vollen Monat, bis die erste
Rentenmark in den Verkehr kam, Damals stand der Dollar auf
2,52 Billionen; er stieg noch auf 4,2 Billionen am 20, November und ist
seitdem stabil gehalten worden. Allen Männern, die sich um die Festi-
gung der Währung verdient gemacht haben, in erster Linie
Dr. Helfferich, ist das deutsche Volk den größten Dank schuldig.
Es läßt sich schwerlich ausdenken, welche Entwickelung die deutsche
Wirtschaft und Politik ohne den Helfferichschen Währungsplan nach
Aufhebung des Ruhrwiderstandes genommen hätte. Sicher ist, daß die
neue Rentenmark uns die Erlösung aus tiefster wirtschaftlicher und
politischer Not gebracht hat. Heute weiß man auch, daß die von
        <pb n="167" />
        Wirtschaft und Reparationspolitik. 143
Frankreich genährte rheinische Separatistenbewegung mit daran
gescheitert ist, daß sich die Rentenmark stabil erwies, während der
französische und belgische Franken ins Rutschen kamen.

Eine Lösung der Reparationsprobleme ist auf der Londoner Kon-
ferenz im Juli und August 1924 nicht erreicht worden. Dazu ließ es
die machtpolitische Einstellung Frankreichs nicht kommen. Die Rolle,
die Poincar&amp; € bei der Vorbereitung dieser Konferenz, nämlich bei den
Frühjahrsverhandlungen der Reparationssachverständigen in Paris,
gespielt hatte, übernahm im Sommer sein Nachfolger Herriot. Die
Befreiung des Ruhrgebiets, auf die die deutsche Reparationspolitik hin-
drängte, ist nicht sofort erzielt worden. Die Verbündeten Frankreichs
leisteten dem schlauen Gedanken der französischen Diplomatie Vor-
schub, die auf eine Spaltung des Begriffs „Befreiung der Ruhr” hin-
arbeiteten, So kam es zur sogenannten „wirtschaftlichen Räumung‘,
während man die militärische Besetzung noch ein Jahr beibehielt.

Zweifellos brachte schon die „wirtschaftliche Räumung‘ für Handel
und Wandel manche Erleichterung, Die Einheit des Wirtschaftsgebiets und
die Hoheit des Reichs wurde durch Beseitigung der Ruhrzollinie, durch
Wiedereinsetzung der deutschen Zollbeamten an der Westgrenze, durch
Rückgabe der Regiebahnen, nicht zuletzt durch Wiedereinsetzung der
großenteils ausgewiesenen und verurteilten Reichs-, Staats- und Kom-
munalbeamten wiederhergestellt. Die Steuern und Abgaben fließen
wieder Reich, Ländern und Kommunen zu. Die unerhörte Sonder-
belastung der Micum fiel weg. Die Gewährung einer internationalen
Anleihe in Höhe von 800 Millionen Goldmark für die neue Goldnoten-
bank des Reiches kommt der F estigung unserer Währung zugute.

Indes kehrten die deutschen Minister von der Londoner Konferenz
mit einem heiteren und mit einem nassen Auge zurück, Die Ruhr ist
seitdem zwar geräumt — die bittere Pille aber, die das deutsche Volk
nach dem Dawesplan zu schlucken hatte, liegt ihm schwer im Magen.
Denn an den Jahresleistungen in Höhe von 1 bis 2% Milliarden Gold-
mark hat sich nichts geändert, Innerhalb der ersten fünf Jahre sollen
auf diese Weise 7,67 Milliarden, und im zweiten Jahrfünft sogar
12,5 Milliarden aus dem deutschen Volke herausgezogen werden. Das
sind ganz erhebliche Teile des Volkseinkommens. Stellt man die
Jahreslasten gar in Vergleich zu den Werten der Ausfuhr, so kommt
man bei Annahme baldiger Wiedererreichung des Friedensexports auf

25 v.H, Zweifellos droht somit der Handels- und Zahlungsbilanz und
deshalb der Valuta eine große Gefahr. Wir haben in London keinerlei
Gewähr dafür erhalten, daß unter allen Umständen die Tragfähigkeit
unserer Zahlungsbilanz und unserer Valuta geschont wird; es kommt
im wesentlichen auf die Persönlichkeiten des Transferkomitees an, das
        <pb n="168" />
        144 Dr. J. W. Reichert:
über die jeweilige Menge von Zahlungsmitteln und Sachleistungen, die
für die Ententemächte bestimmt werden, zu entscheiden hat.

Dann und wann hört man, wir könnten beruhigt sein; angesichts
der Ersparnisse, die Deutschland infolge der Einschränkung seines
Heeres und seiner Marine gemacht habe, ferner wegen der großen
Eisenbahnüberschüsse, die es in der Vorkriegszeit erzielt habe, sei es,
theoretisch betrachtet, wohl imstande, die Reparationen zu leisten,
ohne großen Schaden zu nehmen. Allein das Deutschland der Gegen-
wart unterscheidet sich von dem der Vergangenheit nicht nur durch den
Wegfall von Wehrmachtsausgaben, sondern auch durch den Wegfall
von reichen deutschen Einkommensquellen im In- und Ausland. Das
Entscheidende für den Transfer, d.h. die Überführung von Bar- und
Sachleistungen, ist sicherlich die Tatsache, daß vorerst unsere Handels-
bilanz hoffnungslos passiv ist und nur durch Kredite ausgeglichen wird.
Selbst im Jahre der Stabilisierung 1924 hat die Außenhandelsbilanz
in der Ausfuhr mit einem Minus von mehr als 2,7 Milliarden gegenüber
der Einfuhr abgeschlossen. Die 1924 hereingekommenen Auslands-
kredite müssen diesen Betrag überschritten haben”), da sonst die Er-
haltung der Markstabilisierung unmöglich gewesen wäre, Im Jahre
1925 betrug in acht Monaten, bis einschließlich August, die Passivität
nicht weniger als 3,123 Milliarden,

Selbst für die Aufspeicherung der Reparationszahlungen im Inland
ist es nicht gleichgültig, an welchen Adern die Blutsauger sich ansetzen.
Offensichtlich richtet sich die Ausbeutung mehr gegen die Industrie als
gegen andere Wirtschaftszweige. Zwar wird durch die Belastung der
Reichsbahn infolge der höheren Frachten auch die Landwirtschaft
getroffen, die hauptsächlich für den Versand ihrer Erzeugnisse die
Eisenbahn benötigt, Die Industrie jedoch ist gleichermaßen im Ver-
sand wie im Bezug der Rohstoffe auf die Reichsbahn angewiesen. Erst
recht werden Industrie und Gewerbe durch die sechsprozentigen
Industrieobligationen getroffen, die 16% ‚des Vermögens vom
31. Dezember 1923 belasten. Es ist wichtig, sich einen Überblick
über die gesamte Industriebelastung der Gegenwart zu
beschaffen.

Zunächst ist es die von der Londoner Konferenz 1924 verlangte
Übernahme und Verzinsung einer Reparations-Obligations-
schuld von 5 Milliarden, die jährlich 300 Millionen Goldmark für
Zinsen und Tilgung erfordert. Dazu kommen als jährliche Repa-

*) Nach einer Außerung. des Reichsbankpräsidenten (Karlsruher Rede) betrug im
September 1925 die Verschuldung an das Ausland, einschließlich der Dawes-Anleihe,
3 bis höchstens 3% Milliarden Mark, von denen 1% Milliarden langfristig und eine
etwas höhere Summe kurzfristig gegeben ist,
        <pb n="169" />
        Wirtschaft und Reparationspolitik. 145
rationslast der Reichsbahn 600 Millionen, die hauptsächlich
mittels erhöhter Güterfrachten auf die Wirtschaft abgewälzt werden.
Selbst wenn man den Anteil der Industrie am Gesamtgüterverkehr nur
mit 50% annimmt, .wird die Industrie auf die Dauer mit einer wei-
teren Mehrbelastung von 300 Millionen zu rechnen haben. Das ergäbe
zusammen schon 600 Millionen Mehrbelastung der Industrie gegenüber
der früheren Friedenszeit, Es soll jedoch die in der Vorkriegszeit nicht
bekannte Verkehrssteuer der Reichsbahn als Repa-
rationsabgabe weiter erhoben werden und jährlich 290 Millionen Mark
erbringen, Infolgedessen steigt die Industriebelastung um weitere
145 Millionen auf 745 Millionen. Nun sind jedoch auch die Sozial-
lasten für die Arbeiter-, die Kranken- und Unfallversicherung usw.
etwa doppelt so hoch wie früher. Schon im Jahre 1913 bezahlte die
ganze deutsche Arbeitgeberschaft erheblich mehr als die Arbeiter-
schaft, nämlich 1 Milliarde, wovon auf die Industrie wohl 500 Millionen
entfielen. Jetzt trifft für diese sozialen Zwecke die Industrie eine
weitere Belastung von mindestens 500 Millionen, so daß die gesamte
Mehrbelastung mit den obigen 745 Millionen auf 1245 Millionen steigt.
Dabei darf man nicht vergessen, daß die Industrieverschul-
dung bei inländischen und ausländischen Kreditgebern mindestens
wieder 3 Milliarden beträgt, für die schon bei einem durchschnittlichen
Zinssatz von nur 10% jährlich 300 Millionen aufzubringen wären.
So steigt die industrielle Mehrbelastung gegenüber der
Vorkriegszeit auf mindestens 1,5 Milliarden, die jährlich für
Verzinsung und Tilgung aufzubringen sind.

In dieser Summe sind die Steuern noch nicht enthalten.
Sätze wie das Zehnfache der Vorkriegszeit und noch mehr sind
1924/25 für industrielle Firmen nichts Seltenes. Von den 11 Milliarden
Gesamtsteuer entfallen wohl 2% Milliarden allein auf die Industrie.
Mit den obenerwähnten Mehrbelastungen für Reparationszwecke,
Schuldenzinsen und soziale Versicherungen hat die Industrie insgesamt
4 Milliarden Mark jährlich herauszuwirtschaften. Selbst in der Vor-
kriegszeit war die deutsche Industrie weit davon entfernt, Jahr für Jahr
einen solchen Überschuß zu erzielen. Wie sollte es ihr jetzt gelingen?
Ja, so muß man sofort hinzufügen, wie soll überhaupt die deutsche
Volkswirtschaft in die Lage versetzt werden, Jahr für Jahr die Milli-
ardenopfer herauszubringen? Die sich häufenden Zusammenbrüche in
der Industrie und in anderen Wirtschaftszweigen, insbesondere die
Auflösung großer Konzerne, beleuchten die bedrohliche Krise, in die
unsre Volkswirtschaft geraten ist,

Die von der Entente über unsere Reichsbahn und Reichsbank, über
unseren Reichshaushalt und Volkshaushalt gesetzten Kontrollbeamten,

Die deutsche Wirtschaft

10
        <pb n="170" />
        146 Dr. J. W. Reichert:

die Agenten und Komitees, werden nicht das mindeste Positive, d. h.
Produktive in diesem Sinne, leisten. Solange nicht unsere Produktiv-
kraft eine die Einfuhr weit übersteigende Ausfuhr zuwege bringt,
können wir uns nur über Wasser halten, solange der Kredit des Aus-
landes fließt, d.h. solange der Kredit sich ständig erhöht, um auch auf
dem Wege neuer Kredite die Schuldenzinsen aus dem alten Kredit zu
bezahlen, Wenn die Londoner Konferenz entsprechend dem Dawes-
Vorschlag für diese „Atempause‘ nur die Zeit eines Jahres vorgesehen
hat, so liegt darin eine grobe Verkennung der deutschen Wirtschafts-
kraft und der Lage der Weltwirtschaft, Denn so schnell können wir
mit unserem Außenhandel nicht auf einen grünen Zweig kommen. Die
Passivität wird schon wegen des Inlandmangels an Roh- und Nährstoffen
viele Jahre andauern, möglicherweise wegen der Schwächung der
Kaufkraft auch des Auslandes und wegen der handelspolitischen Ab-
schließung vieler Länder in absehbarer Zeit überhaupt nicht zu be-
seitigen sein, Deshalb muß heute schon das Ziel unserer Wirtschaft
und Politik die Revision des Londoner Paktes, d.h. eine
weitgehende Herabsetzung der Reparationslasten, sein.

Das andere und nicht minder zu betonende Ziel unserer Wirt-
schaftspolitik muß sein, durch Selbsthilfe den großen Versuch zu
machen, die Stabilisierung der Währung durch eine Stabilisie-
rung der ganzen Volkswirtschaft zu festigen. Wie die Fehlbeträge im
Haushalt des Reiches, der Staaten und Kommunen verschwunden sind,
so müssen möglichst die Fehlbeträge in der Außenhandels- und Zah-
lungsbilanz sowie in der inneren Wirtschaftsbilanz beseitigt werden.
Wir dürfen nicht auf die Dauer mehr einführen als ausführen und nicht
dauernd mehr verzehren als schaffen.

Das Ziel unserer Wirtschaftspolitik, die schon zur Erhaltung des
Volkslebens, erst recht aber zur Durchführung der Dawes-Gesetze not-
wendig ist, läßt sich mit einfachen Worten kennzeichnen. Aber die
Wege, die hierzu eingeschlagen werden müssen, sind mannigfach ver-
schlungen und denkbar schwierig. Vor allem bedarf es einer neuen
Einstellung unserer Wirtschaftspolitik, die solche Wirtschaftszweige,
die im Inland zu ungünstigeren Bedingungen als im Ausland arbeiten,
erst recht unterstützen muß. Denn sonst ist weder eine Milderung der
Arbeitslosigkeit noch eine Steigerung unserer Produktion zu erreichen,
Deshalb muß auch entschlossen dem gefahrdrohenden Auslandswett-
bewerb Halt geboten werden. Hier helfen keine Freihandelsträume,
hier muß der Zollschutz angewandt werden, mag man diese Mittel Er-
ziehungs-, Ausgleichs- oder Schutzzölle nennen. Für zollfreie Einfuhr-
kontingente, wie sie uns das Versailler Diktat auferlegt hat, ist über-
haupt kein Raum mehr, Für einen unvoreingenommenen Beobachter
        <pb n="171" />
        Wirtschaft und Reparationspolitik. 147
besteht auch kein Zweifel, daß die Landwirtschaft genau so stark wie
die Industrie das Bedürfnis nach einer Hilfe hat. Bei allen Handels-
vertragsverhandlungen muß aufs peinlichste auf diese Lebensbedürf-
nisse geachtet werden. Hierbei führt das alte System der Meist-
begünstigung nicht immer ans Ziel, Angesichts unserer handelspoliti-
schen Lage erscheint es oft viel wertvoller, den Grundsatz der Rezi-
prozität anzuwenden und unsere Zugeständnisse genau nach den Ver-
günstigungen zu bemessen, die uns die Gegenseite bietet. Die Reform
unserer Zoll- und Handelspolitik muß von einer Neuordnung unseres
Steuerwesens und unserer Sozialpolitik begleitet sein. Wir müssen
auch im Innern viel genauer rechnen lernen, als es bisher der Fall war.
Kurz, die Welt muß erkennen, daß auch kein einziges der tauglichen
Mittel unversucht bleibt, um die Wirtschaftsnot zu meistern. Nur so
kann die Überzeugung verbreitet und vertieft werden, daß es tatsäch-
lich unmöglich ist, die Reparationslasten zu tragen, ohne von neuem die
deutsche Währung und Wirtschaft zu ruinieren. Die Politik darf nichts
unterlassen, um die Weltmeinung über diese Zusammenhänge und die
tatsächliche Unmöglichkeit der Erfüllung der Reparationsansprüche
aufzuklären. Es ist ein hohes Ziel, das uns gesteckt ist; es gilt, das
deutsche Volk von seinem tragischen Schicksal zu befreien.

10°
        <pb n="172" />
        10.
1

Wirtschaftliches Organisationswesen.
Von Reichswirtschaftsgerichtsrat Dr. Tschierschky, Berlin.

Unbestreitbar ist die geltende Wirtschaftsordnung, die wir ihrem
Kerne nach immer noch als die „kapitalistische‘” ansprechen müssen,
einem auffällig starken Zuge zur Organisation unterworfen, wie bei uns,
so im Auslande, Über die Ursachen sind schon viele treffliche Unter-
suchungen veröffentlicht worden, ohne daß das Problem als restlos
gelöst gelten kann. Für die Betrachtung ihrer gegenwärtigen staats-
wirtschaftspolitischen Bedeutung, insbesondere als „Wiederaufbau-
faktor”, die uns hier allein interessieren soll, muß es genügen, daran zu
erinnern, daß schon die Verschiedenartigkeit der wichtigsten Organi-
sationsformen und ihre unterschiedliche Verwendung in den einzelnen
Wirtschaftskreisen zu der Annahme drängt, daß die ökonomische ratio
nicht allein bestimmend sein kann, vielmehr beeinflußt wird von
iremden Elementen”). Soweit hierbei „gesellschaftliche‘ Kräfte am
Werke sind, dürfen wir von der aufstrebenden soziologischen Forschung
wertvolle Aufschlüsse erwarten, wobei vor allem die Dienstbar-
keit der rein wirtschaftlichen Organisation für die soziale Klassen-
bildung und deren Einfluß auf das Staatsleben von besonderem staats-
politischem Interesse sein muß,

Daß der Staat selbst auf diese Entwicklung einen weitgehenden
Einfluß nehmen kann, und zwar sowohl aus allgemeinen staatspoli-
tischen, wie besonderen wirtschaftlichen Gründen, wissen wir aus der
Wirtschafts- und Rechtsgeschichte, Die Grenzen sind hier sehr weit
gesteckt. Sie bewegen sich zwischen der merkantilistischen Wirt-
schaftsverfassung**) mit ihrem System eines staatlich regulierten Orga-
nisationswesens bis zur Manchesterlehre in seiner Verherrlichung des
Individualismus mit Verboten wirtschaftlicher korporativer Selbsthilfe
in mannigfachen Abstufungen.

*) Hierfür H. v. Beckerath: „Kräfte, Ziele und Gestaltungen in der deut-
schen Industriewirtschaft‘, Jena, 1924, 2. Aufl., insbesondere S, 5, 89, — Othmar
Spann: „Tote und lebendige Wirtschaft‘, Jena 1921, insbesondere S, 25 {f,

"*) In meiner Schrift „Wirtschaftsverfassung‘, Breslau 1924, habe ich erstmalig
den Versuch einer systematischen Darstellung unternommen.
        <pb n="173" />
        Wirtschaftliches Organisationswesen, 149

Entscheidend für die Entwicklung des uns hier beschäftigenden
Problems aber ist der ökonomische Aufstieg der letzten 100 Jahre
geworden. Er erst hat mit seiner industriellen Technik das Gefüge
der einzelnen Staats- und der Weltwirtschaft geschaffen, das auch eine
ganz besondere Entwicklung der ökonomischen Organisation bedingte.
Und für ihre Gestaltung ist es zweifellos von entscheidender Bedeu-
tung geworden, daß alle großen Kulturstaaten sich bis in die neunziger
Jahre des vergangenen Jahrhunderts eigener programmatischer
Stellungnahme enthielten, vielmehr der freien Initiative der Wirtschaft
selbst Ziel, Form und Maß der Organisation überließen“”).

Betrachten wir nun zunächst die industrielle Unternehmer-
organisation als diejenige, die rein wirtschaftlich für die Ent-
wicklung der kapitalistischen Kultur von der positiv größten Bedeutung
geworden ist, so stellen wir zwei scharf sich unterscheidende Entwick-
lungstendenzen fest: eine schlechtweg kapitalistische in der
Ausbildung von Groß- und Riesenunternehmen und eine völlig davon
verschiedene, dem Grundgedanken der kapitalistischen Konkurrenz-
wirtschaft scheinbar sogar widerstreitende genossenschaft-
liche Schutzform, erstere unter dem Begriff des „Trust", letztere
dem des „Kartell“ seit Jahrzehnten in einer ungemein reichen Lite-
ratur auch wirtschafts- und rechtswissenschaftlich eingehend durch-
leuchtet. Leider nur besitzen wir über Entstehen und Entwicklung
beider Organisationsformen in den wichtigsten Kulturländern noch bei
weitem nicht genügend Einzelbeschreibungen, um ihre Naturgeschichte
anders als in großen Zügen festlegen zu können. Es fehlt inbesondere
aber auch an Darstellungen über die Wirkungen auf das Gewerbe und
damit an völlig ausreichenden Unterlagen für ihre staatswirtschaftliche
Wertung. Wie diese Formen ‚sich rechtlich, wirtschaftsorganisations-
technisch und in ihren Aufgaben unterscheidend im einzelnen darstellen,
muß hier vorausgesetzt werden“).

Zum Verständnis des Gesamtbildes, das wir zu zeichnen haben, ist
jedoch vor allem darauf hinzuweisen, daß die genossenschaftliche
Kartellform keineswegs, weder als Wirtschafts-, noch auch als Rechts-
form, etwa als Neuschöpfung moderner Volkswirtschaft angesprochen
werden kann. Der Zusammenschluß wirtschaftlich gleichstrebender
Berufsgenossen zwecks Verhinderung ungesunden Wettbewerbs hat
vielmehr seit dem Altertum, vor allem aber in der außerordentlich ein-
flußreichen Zunitwirtschaft seine Rolle gespielt, baute sich doch zum

*) Franz Klein: „Das Organisationswesen der Gegenwart‘, Berlin 1913, be-
sonders S. 254 ff.

*°) Ich darf hierzu auf meine Übersicht S.13ff; in Isay-Tschierschky:
„Kartellverordnung', Mannheim 1925, verweisen, S. 37ff.
        <pb n="174" />
        150 Reichswirtschaftsgerichtsrat Dr. Tschierschky:

guten Teil auf ihnen nicht nur die gewerbliche Wirtschaft, sondern in
den Städten besonders bis fast gegen Ende des 18, Jahrhunderts auch
die politische Verwaltung auf, Namentlich durch die bahnbrechenden
Untersuchungen von Gierke lernten wir die Genossenschaft als Wirt-
schafts- und Lebensinstitution des germanischen Kulturkreises kennen.
Zweifellos hat diese Tradition mit dazu beigetragen, daß gerade in
Deutschland auch im Rahmen der ganz anders gearteten kapita-
listischen Wirtschaftsverfassung gerade die Kartelle eine führende wirt-
schaftspolitische Stellung errangen, Dem Wesen dieser Wirtschaft,
deren Lebensbedingung rastloser Wettbewerb auf dem Rechtsgrunde
der Gewerbefreiheit ist, muß die in den Kartellen übernommene frei-
willige Solidarität zum Zwecke ungesunder Konkurrenzbeschränkung
durch Regelung der Preise und Absatzbedingungen an sich durchaus
widersprechen. Ihr liegt es jedenfalls viel mehr, den Konkurrenten als
Gegner durch überlegene kapitalistische Waffen zur Strecke zu
bringen, wie sie die Trustform in ihren verschiedenen Gestaltungen
bietet,

Wenn wir gleichwohl in Deutschland bis zum Weltkriege eine
überlegene Organisationsherrschaft der Kartelle feststellen, so waren
hierfür noch besondere Gründe entscheidend. Zunächst ein ebenso
wichtiger wie einfacher: die hervorragende Hilfe und Sicherung, die
das in Frage kommende bürgerliche Recht, insbesondere das Vertrags-
recht, für die Ausbildung und Durchführung solcher Wirtschaftsver-
bände bot, in Verbindung mit einer — im Gegensatz zum romanischen,
aber auch dem englischen Rechtskreise — praktisch unbegrenzten
Assoziationsfreiheit. Bis zum Weltkriege hat das Reich auf alle Be-
strebungen einer staatlichen Kontrolle dieser autonomen Wirtschafts-
mächte verzichtet, wenngleich es auch durch das Kaligesetz 1910 oder
durch den, freilich nur kurzweiligen, Beitritt des preußischen Bergfiskus
zum Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikat 1911 auf stark umstrit-
tenen Organisationsgebieten besondere Wachsamkeit walten ließ”) und
durch eine große parlamentarische Untersuchung 1903/06 eingehende
Klarheit über die wirtschaftspolitische Bedeutung dieser Organisationen
herbeiführte.

Schwieriger zu analysieren ist schon der weitere Grund: die be-
sondere Struktur der deutschen Industriewirtschaft, An sich sind die
Voraussetzungen einer Kartellierungsfähigkeit verhältnismäßig eng be-
grenzt, Da sie, um wirksame Ordnung auf ihrem Markte zu schaffen,

*) Eine ausführlichere Übersicht über die Vorkriegsstellung des Staates bei
Tschierschky: „Zur Reform der Industriekartelle‘”, Berlin 1921, S. 1—30. —
über staatliche Kartellaufsicht im allgemeinen, insbesondere auch im Auslande:
Derselbe: „Das Problem der staatlichen Kartellaufsicht‘, Mannheim 1923,
        <pb n="175" />
        Wirtschaftliches Organisationswesen, 151
zwar nicht notwendigerweise ein Monopol, aber jedenfalls beherrschen-
den Einfluß erfordert, vertragen diese Organisationen weder eine über-
große unternehmungsweise Zersplitterung, noch auch stärkeren quanti-
tativen und vor allem qualitativen Wechsel der Wettbewerbsgrund-
lagen, Deshalb sehen wir die Kartellierung ihren Ausgangspunkt von
solchen Industrien nehmen, deren natürliche Gebundenheit großkapita-
listische Unternehmung und Begrenzung des möglichen Wettbewerbs
schafft, von Kohle und Eisen.

Aber auch für letzteres Gewerbe, selbst soweit es nur die eisen-
erzeugende Industrie umfaßt, wäre die hochentwickelte Syndizierung,
die mit freilich wechselvollen Schicksalen schließlich im Stahlwerks-
verbande kulminieren sollte, nicht möglich geworden ohne die staat-
liche Hilfe der grundsätzlichen Schutzzollpolitik,

Die weitere Entwicklung des deutschen Vorkriegs-Kartellwesens
hat sich ihren Weg trotz hervorragender Entwicklung der Organi-
sationstechnik schrittweise erkämpfen müssen. Sie ist auch kaum über
500 bis 600 Verbände hinausgelangt und umfaßte durchweg solche in-
dustrielle Gewerbe, bei denen die erwähnten natürlichen Gründe (be-
schränkter Wettbewerbsradius wegen engerer Frachtgrenzen) oder
aber die Jugend ihrer Entwicklung oder auch ein spezifischer Rechts-
schutz (Patente) günstige Vorbedingungen boten. Große, wichtigste
Gewerbe, wie fast alle Zweige der Textilindustrie, wiesen — ganz im
Gegensatz zu ihrer Nachkriegsentwicklung — jedenfalls qualitativ nur
sehr schwächliche Kartellierungsversuche auf‘). Gerade bei dieser
Industrie vermögen wir auch die Widerstände deutlich aus ihrer ge-
schichtlichen Entwicklung zu erkennen und stoßen damit auf ein Ele-
ment, das einerseits den Wert dieser Organisationsform ebenso ver-
deutlicht, wie es ihre Grenzen weist.

Ein sehr erheblicher Teil unseres Industriekörpers ist in den
letzten drei Vierteln des verflossenen Jahrhunderts aus handwerks-
mäßigem Ursprunge in die kapitalistische Technik hineingewachsen.
England, in erheblichem Abstande schon Frankreich, waren uns hierin
um etwa ein halbes Jahrhundert voraus, während die Vereinigten
Staaten bekanntlich ohne den Übergang ihre Industrie als „kapita-
listische‘“ von der Alten Welt importieren konnten. Vom Standpunkte
der Staatspolitik aus gesehen, hatte unsere Entwicklung das Gute, daß
sie mit großer Energie einen breiten Raum von mittleren und kleineren

") Eine Ausnahme bildete die „Textilveredelungsindustrie” infolge ihres eigen-
artigen Charakters als Werklohngewerbe. Wenige Zweige der Weberei, namentlich
Seide und Samt, konnten Kartelle nur mit Hilfe von Rückversicherungsverträgen
(Exklusivkontrakten) mit der Veredelungsindustrie oder ihrem organisierten Groß-
handel durchführen,
        <pb n="176" />
        152 Reichswirtschaftsgerichtsrat Dr. Tschierschky:

Unternehmen, also einen wertvollen, auf Individual- (meist genera-
tionenweise aufgebautem) Besitze beruhenden industriellen Mittelstand
zu konservieren vermochte, der zäh am Erworbenen festhielt und dem
andringenden unpersönlichen gesellschaftsrechtlichen Großkapitalismus
starken Widerstand entgegensetzte. Aus der Zeit des wirtschaftspoli-
tischen Individualismus entstammend, dessen Quelle die Stein-Harden-
bergschen Reformen erschlossen, fanden auch die Bestrebungen zu
genossenschaftilicher Abwehr der Auswüchse der Konkurrenz um so
schwieriger Anklang, als eben dieses allmähliche Werden, was Stand-
ort des Gewerbes, Entwicklung der maschinellen Technik und vor allem
auch produktive Arbeitsteilung und Absatzmöglichkeiten anlangte, die
Struktur und damit die Konkurrenzgrundlagen vielfach sehr undurch-
sichtig gestaltete. Und der auf den politischen Erfolgen der Reichs-
gründung ruhenden gesunden Entwicklung unseres inneren Marktes,
der rastlosen Energie unserer Unternehmer und der überragenden
Schulung und weitgehenden Anspruchslosigkeit unserer Arbeiterschaft
war es zu danken, wenn vor dem Kriege ein scharfer, sich rasch stei-
gernder Wettbewerb nur zu vorübergehenden Krisen führte und eine
wachsende Ausfuhr chronische Überproduktion mit allen Folgen über-
steigerter Konkurrenz verhindern konnte. Immerhin aber brachte
bereits die Jahrhundertwende einen Überdruck, der außerordentlich
kartellfördernd wirken mußte.

Für die überwiegenden Kreise der Industrie kam aber aus den ge-
schilderten sachlichen und menschlichen Gründen nur diese genossen-
schaftliche Organisation in Frage, die, ohne die vermögens- und besitz-
rechtlichen Grundlagen des einzelnen Unternehmens anzutasten, ja auch
ohne nur stärker in die produktionstechnische Selbständigkeit einzu-
greifen, lediglich dem Verkauf solche Fesseln auferlegte, die hinreichten,
um in den Preisen und Absatzbedingungen die erstrebten Rentabilitäts-
grenzen zu sichern. Während so der breite Strom der deutschen In-
dustrie mehr und mehr diese sichernden Häfen zu gewinnen strebte,
begann die Großindustrie bereits die Kartellbahnen zu verlassen und
der kapitalistischen Konzernentwicklung mit vertikalem Aufbau in
gemischten Unternehmen sich zu erschließen, während einzelne Ge-
werbe mit besonders günstigen Vorbedingungen, wie die Elektrizitäts-
und die Industrie künstlicher Farbstoffe, die Kartellära fast ganz über-
sprangen und in rascher Entwicklung jenen englisch-amerikanischen
Vorbildern nacheiferten.

Heute hätte es ja nur noch theoretischen Wert, nachzuprüfen, wie sich
ohne die Kriegskatastrophe die Entwicklung der beiden, in ihrem Ziele
gleich-, in ihren Mitteln aber völlig auseinanderstrebenden Organi-
sationsformen im Rahmen der deutschen Industriewirtschaft gestaltet
        <pb n="177" />
        Wirtschaftliches Organisationswesen, 153
hätte. Fortschritte der Technik, deren Nutzbarmachung unstreitig
immer stärkere Kapitalmassen erheischte, Steigerung der Arbeits-
kosten, die in gleicher Richtung wirkten, steigender internationaler
Wettbewerb, der die Absatzkosten erhöhen, den Umsatzgewinn herab-
drücken mußte, schon diese wesentlichsten Faktoren deuten darauf hin,
daß der kapitalistische Großbetrieb und darüber hinaus seine effekten-
kapitalistische „Trust‘-Organisation nach allen Erfahrungen, die be-
sonders die Vereinigten Staaten von Amerika und England zeigten,
auch für Deutschland steigende Bedeutung hätte gewinnen müssen, Ihr
gegenüber bot die Kartellierung für die breiten Schichten der Industrie
ein wesentlich konservierendes Element, und insoweit hatte ein Staat
mit stark anwachsender Bevölkerung von hoher sozialer Durchschnitts-
bildung ein wesentliches Interesse, gerade diese Organisationsform aus
sozialpolitischen Gründen zu erhalten, aber auch aus wirtschafts-
politischen wenigstens insoweit, als sie ißnhm Unternehmerenergien lie-
ferte, wie sie in den stark nivellierenden Formen der großkapitalisti-
schen Unternehmungen weit weniger gedeihen können,

Das Hauptbedenken, das die Gegner der Kartelle stets vorgebracht
haben, daß sie nämlich die Tendenz zur Erhaltung unwirtschaftlicher
Industriezellen durch unnatürliche Preispolitik entwickelten, hat, ab-
gesehen von gelegentlichen Konjunkturauswüchsen, wie sie auch die
freieste Konkurrenz, oder vielmehr sie erst recht zeitigt, nach allen Er-
fahrungen der Vorkriegsgeschichte nur sehr problematische, für längere
Entwicklungszeiten in Frage kommende Geltung, die aber staatspolitisch
durch die angedeuteten sozialen Vorteile mehr als ausgeglichen werden
dürften,

Das hängt nicht mit der Psyche des einzelnen Unternehmers, dessen
Profitsucht man so stark bewerten mag, wie man nur immer will, son-
dern mit objektiven und deshalb auch unvermeidbaren korrigierenden
Faktoren zusammen, die beim Kartell wesentlich anderen Ursachen
entspringen als bei dem ganz anders gelagerten Trust. Die Zusammen-
fassung einer Vielheit von immerhin recht ungleichartigen Unternehmen
im Kartell bedingt dauernd eine wohlabgewogene Kompromißpolitik,
die für Extreme wenig Raum, allerdings auch volkswirtschaftlich den
Nachteil läßt, daß sie nicht nach den leistungsfähigsten, sondern den
schwächsten Elementen orientiert werden muß. Sind diese Gegen-
sätze industrieller Leistungsfähigkeit von vornherein zu stark, so hin-
dern, und wenn sie sich erst im Kartell vertiefen, so zerstören sie un-
weigerlich die Organisation,

Diese internen, nach dem Wesen der einzelnen Industrie gestalteten
Spannungsverhältnisse aber waren in der normalen Vorkriegswirtschaft
gar nicht einmal das wichtigste Sicherheitsventil gegen Überspannungen
        <pb n="178" />
        154 Reichswirtschaftsgerichtsrat Dr. Tschierschky:

der Kartellpolitik. Weit entscheidender war die wirtschaftliche Um-
welt selbst, die nationale wie die internationale. Der weltwirtschaft-
liche Marktmechanismus ließ vor 1914 selbst bei stärkeren Zoll-
korrekturen monopolistische Willkür nicht zu, mit Ausnahme ganz
weniger Industriekreise, die etwa, wie die deutsche chemische Farben-
industrie, ein internationales, wissenschaftlich begründetes Monopol
besaßen. Es ist wichtig, diese Zwangslage der deutschen Kartelle sich
vor Augen zu halten, schon um ihre durch Krieg- und Nachkriegs-
wirkungen wesentlich veränderte Stellung zu begreifen, worauf wir
noch zurückzukommen haben.

Wägt man die Möglichkeiten monopolistischer Marktpolitik
zwischen Kartell und Trust ab, so liegen die wesentlich günstigeren
Chancen auf seiten letzterer Organisation. Schon der Umstand allein,
daß sie gegenüber dem stets auf zeitlichem Vertrage beruhenden Kartell
auf unbegrenzte Dauer abgestellt ist, daß sie ferner in den höheren
Formen der Fusionen und Holding-Gesellschaften durch weitgehende
Verfügungsrechte über die zusammengeschweißten Unternehmen pro-
duktions- und absatztechnische Konkurrenzwaffen gebrauchen kann,
daß sie endlich vermöge ihrer Kapitalkräfte zur Vorbereitung eines
Monopols die Marktgegner niederkonkurrieren kann, alle diese kapi-
talistische Bewegungsfreiheit verleiht ihr ein praktisch unbegrenztes
Übergewicht über die wesentlich gebundenere und schwerfälligere Kar-
tellierung. Denn diese hat jedenfalls in ihren Vorkriegsformen sich so
weitgehend auf eine reine absatztechnische Sicherung des Unter-
nehmergewinnes beschränkt, daß sie dagegen schwere Nachteile man-
gelnder wirtschaftlicher Lebensfähigkeit eintauschen mußte, namentlich
auf den industriellen Gebieten, wo der ungebundene Privatkapitalismus
im In- und Auslande den technischen Fortschritt besonders zu propa-
gieren vermochte, Rein wirtschaftlich betrachtet hat das Kartell jeden-
falls schon vor dem Kriege wegen mangelnder wirtschafts-
rationalisierender Aktivität im Gegensatz zum Trust dem
wirtschaftlichen Fortschritt nur indirekt durch Risikoentlastung seiner
Mitglieder zu dienen vermocht, es hat gerade deswegen aber auch sehr
enge Grenzen seiner Macht gefunden.

IL

Über den Einfluß der Kriegszeit auf das Organisationswesen ein-
gehender zu berichten, würde dem Rahmen dieser Übersicht nicht
gerecht werden,

Als typisch kann heute bereits festgestellt werden, daß die unge-
heuerliche Zusammenpressung unserer wirtschaftlichen Hilfskräfte ein
so langes Durchhalten ohne den ausgezeichneten organisatorischen
        <pb n="179" />
        Wirtschaftliches Organisationswesen., 155
Unterbau unserer Friedenswirtschaft nicht gestattet hätte. Durchweg
alles, was an Kriegsgesellschaften in Eile, oft in Übereile aufgebaut
wurde, hat sich auf vorhandene Kartelle gestützt oder ihren recht-
lichen und wirtschaftlichen Wesenskern zum Muster genommen.
W. Troeltsch") behauptet jedem, der die Verhältnisse aktiv mit-
erlebte, nicht zuviel, wenn er betont: „Wie es hätte sein können ohne
die Kartelle, das zeigen die Erscheinungen auf dem Lebensmittel- und
Ledermarkt, auf dem Metallmarkt und sonst in vielen Geschäfts-
zweigen, denen eine den Markt beherrschende Kartellierung der Produ-
zenten oder eine Bindung des Handels fehlte. . . . Daß Deutschland ...
als einziger größerer Staat auf ein Moratorium verzichten konnte ...
das danken wir gewiß nicht allein, aber doch recht wesentlich dieser
Friedensorganisation unserer Industrie.‘ Schöpferisch hat der Krieg auf
dem Organisationsgebiete insofern und insoweit gewirkt, als der immer
breiter ausgeübte Zwang auch solche Industriekreise einspannte, die aus
den oben angedeuteten Gründen freiwilligem Zusammenschlusse wider-
strebten. So wurde der Boden für eine neue Kartellära vorbereitet, die
dann materiell durch die schweren wirtschaftlichen Folgen des Zu-
sammenbruches noch erheblich gefördert wurde.

Allerdings setzte gleichzeitig auch eine sehr starke Gegenströmung
namentlich in schwerindustriellen Kreisen ein, die im Kriege selbst und
durch Entschädigungen für Verluste in den abgetretenen Gebieten
kapitalkräftig geblieben waren und für den Wiederaufbau der beengen-
den Kartellfesseln ledig sein wollten. Bestimmend war ihnen ferner
eine vielfach begreifliche Antipathie gegen das kriegsmäßige Übermaß
von Organisationszwang und die Sorge, daß die Sozialisierungsbestre-
bungen mit allem Drum und Dran die staatliche Bevormundung in wenig
veränderten Formen fortsetzen könnten.

Wirtschaftspolitisch aber leiteten die kartellfeindlichen Führer der
Industrie ihre Reformideen aus ähnlichen Gedankengängen her, wie sie
ein Jahrhundert zuvor den Stein-Hardenbersschen Reformen der weit-
gehenden Gewerbefreiheit zugrunde gelegen hatten.

Sie sahen die Grundlagen des Wiederaufbaues angesichts der
materiellen, vorübergehenden und dauernden, Verluste an wirtschaftlich
vielfach unersetzlichen Werten in einer weitgehenden Umstellung der
Wirtschaft, deren Voraussetzung, eine scharfe Konkurrenzauslese, die
Kräftigsten an die Oberfläche bringen sollte, Für ein solches Programm
mußte die kapitalistische Großunternehmung, der vertikale Aufbau
großer Industriekonzerne, allerdings allein geeignet erscheinen. Und der

") „Die deutschen Industriekartelle vor und seit dem Kriege“, Essen 1916,
Baedeker S. 39/41.
        <pb n="180" />
        156 Reichswirtschaftsgerichtsrat Dr. Tschierschky:

Umfang wie das Tempo dieser Organisationsentwicklung während des
letzten Jahrfünfts haben uns wenigstens in der Großindustrie dem
amerikanischen Trustideal erheblich näher gebracht. Wieweit hierbei
die schwere Inflationskrise Geburtshelferdienste geleistet hat, mag un-
erörtert bleiben. Festzustellen aber ist, daß jedenfalls mit der Stabili-
sierung der Währung und der dadurch offenbarten Kapital- und Kredit-
not die deutsche „Trustierung‘” eine merkliche Verlangsamung, vielfach
sogar bereits eine Rückbildung und reumütige Rückkehr zur Kartell-
form, ganz besonders auch wieder in der Schwerindustrie, erfahren hat.
Diese Erscheinung ist um so bedeutsamer, als gleichzeitig in diesem
Lustrum die Kartellierung selbst und ihre öffentliche Kritik sich stark
gewandelt hatten.

Die Inflation, ebenso eine Folge der innerpolitischen Umwälzungen
wie der Fortsetzung des Krieges als Wirtschaftskrieg durch die Feinde,
brachte auf der einen Seite einen Aufstieg der Kartellierung, den man
bis auf annähernd 2000 solcher Organisationen berechnet hat,

Der Grund hierfür lag einmal in der veränderten innerwirtschaft-
lichen Machtstellung nicht nur der Industrie, sondern der gesamten
produktiven Kräfte, und zweitens in den Gefahren, die dem Waren-
hersteller aus dem Währungsverfall drohten,

Das erstere Moment wurde geschaffen durch den künstlichen
Schutzwall, den jede verfallende Währung ausländischer Wareneinfuhr
entgegenstellt, in Verbindung mit dem binnenländischen Warenhunger
und den Fesseln, die Kapitalknappheit dem produktiven Aufbau
schlugen. Die natürliche Marktlage, die vor dem Kriege fast ständig
infolge latenter Überproduktion zugunsten der Nachfrage alle mono-
polistischen Tendenzen der Kartelle vereiteln konnte, war zugunsten
eines Übergewichts der Produzenten tiefgehend verändert. Auf dieser
Basis war es ein leichtes, selbst solche Industrien zu kartellieren, die
auch in der Kriegszeit nur dem Zwange gehorcht hatten. Aber auch das
Ziel der Organisation hatte sich einseitig in dem Rahmen dieser ver-
änderten Wirtschaftsgestaltung verschoben. Nicht die Sicherung an-
gemessener Preise, die organisationspolitisch schwierigere Aufgabe,
galt es zu lösen, dieses Ziel hatte vielmehr die erwähnte einseitige Kon-
junktur fast völlig zurückgedrängt. Dagegen galt der organisierte
Schutzkampf in erster, vielfach ausschließlicher, Hinsicht der Abwen-
dung der Währungsverluste im Zahlungsverkehr, eines inflationistischen
„Ausverkaufens‘, der „Erhaltung der Substanz‘. Man dürfte kaum zu-
viel behaupten, wenn man annimmt, daß es in den letzten Jahren kaum
noch eine Industrie gegeben hat, die nicht zu einem „Konditionen-
kartell‘“ zusammengeschlossen und hiermit den Kampf mit dem Käufer
um das Risiko der Geldentwertung geführt hätte, Selbst wenn aber

ad
        <pb n="181" />
        Wirtschaftliches Organisationswesen, 157
dieser Kampf auf der ganzen Linie mit der nötigen Rücksicht auf die
entgegenstehenden Interessen des Zwischenhandels, der letzten Ver-
braucher und auch der industriellen Abnehmer selbst geführt worden
wäre, was nach dem einsichtigen Urteil erfahrener Verbandsleiter
keineswegs der Fall war, selbst wenn also nicht starke monopolistische
Überspannungen den Markt beunruhigt hätten, konnte das Ziel nur
dem Grunde, nicht seiner Durchführung nach als richtig anerkannt
werden, Denn die Art und Weise, wie vielfach mit völliger Einseitig-
keit die Konditionen überspannt wurden, zerstörte nicht nur die Kapi-
talkraft breiterer Abnehmerschichten, unterhöhlte einen gesunden
Kreditverkehr und führte zu wirtschaftlich und sozial ungesunder
Kapitalakkumulation, sondern bewirkte im Endeffekt auch eine emp-
findliche Preissteigerung in Verbindung mit künstlicher Warenknapp-
heit, und das in einer Zeit, die ohnehin mit sozialem Gärungsstoffe
überladen war, Die führende Spitze der deutschen Undustrie, der
„Reichsverband‘, insbesondere seine „Kartellstelle’, hat mit be-
merkenswerter Energie den Kampf gegen diese Auswüchse der glück-
licherweise verflossenen Kartellperiode aufgenommen. Sie hat auch
zweifellos verhindert, daß die scharfe öffentliche Kritik sich in einer
organisationsfeindlichen Gesetzgebung entlud, sie hat aber nicht ver-
hindern können, daß der Staat sich grundsätzlich zu einer Kontrolle des
wirtschaftlichen Organisationswesens bekehrte, und damit einem
Wunsche entsprach, den schon vor 1914 weite Kreise sowohl der Wirt-
schaft selbst, auch der industriellen, wie Wirtschafts- und Rechts-
wissenschaft geäußert hatten.

Man erschöpft aber die Gründe, die zu dieser aktiven Politik des
Staates geführt haben und unsere sicherlich nicht organisationsfeind-
liche oder auch nur bedrückende „Verordnung gegen Mißbrauch wirt-
schaftlicher Machtstellungen‘“ vom 2, November 1923 zeitigten, nicht
hinreichend, wenn man hierin lediglich eine Reaktion auf Verfehlungen
der inflationistischen Kartellpolitik erblicken wollte. Jene Sünden
haben vielmehr lediglich die Aufmerksamkeit in besonderem Maße auf
dieses Wirtschaftsproblem gelenkt und gleichzeitig den Blick für die
Schwächen jener Organisationspolitik kritisch geschärft.

Wie bereits erwähnt wurde, haben führende Industriekreise selbst
sofort nach dem Kriege die Eignung unserer bisherigen Kartellierung
für die gewaltigen Aufgaben unseres wirtschaftlichen Wiederaufbaues
bezweifelt, Worum es sich hierbei drehte, habe ich bereits in der
erwähnten Schrift von 1921 zu begründen versucht, der ich mit voller
Absicht den Titel „Zur Reform der Industriekartelle‘‘ gegeben habe.
Es seien hier nur die volkswirtschaftlich wichtigsten Grundfragen kurz
berührt,
        <pb n="182" />
        158 Reichswirtschaftsgerichtsrat Dr. Tschierschky:

Für die neudeutsche Wirtschaftspolitik ist die Devise ganz ein-
deutig gegeben: stärkste Rationalisierung der Gesamtwirtschaft ohne
Schädigung der sozialen und kulturellen Volksentwicklung. Das Pro-
gramm wäre ohne diese Einschränkung, etwa auf der Grundlage der
kulturellen und sozialen Entwicklungsstufe der Vereinigten Staaten von
Nordamerika, viel einfacher zu lösen, eine ganze Reihe staatspolitischer
Hemmungen könnte fortfallen, Aber daran ist für ein Kulturvolk wie
das deutsche weder zu denken, noch hätte es Aussichten, seinen ihm
zukommenden Platz im europäischen und Welt-Staatenkonzern jemals
wiederzugewinnen, wenn wir einseitige innere „Wirtschafts‘-Politik
treiben wollten. Ja es ist zu bedauern, daß — leider nicht ohne Ver-
schulden einzelner Wirtschaftskreise — überhaupt eine staatspolitisch
so verkehrte Antithese, wie „Staat oder Wirtschaft‘, auch nur dis-
kutiert werden konnte, Diese Erörterung hat freilich insoweit Nutzen
gestiftet, als sie ganz unzweifelhaft in allen einsichtigen Kreisen die
Überzeugung verstärkte‘), daß die Wirtschaft niemals Selbstzweck,
sondern nur Dienerin des Staates sein kann, daß alle Versuche, der
Wirtschaft, seien es Unternehmer oder Arbeitnehmer, einseitigen über-
ragenden politischen Einfluß verschaffen zu wollen, nur zum Schaden
des Staates ausschlagen können.

Der moderne Staat kann sich aber auch auf dem eigensten Ge-
biete der Wirtschaft nicht mehr neutral verhalten, seit seine Auf-
gaben mit der Entwicklung der Kultur ständig wuchsen und die an-
dauernde Komplizierung der Wirtschaft selbst seine regelnde Hand ge-
bieterisch fordert. Es muß hier genügen, statt weiterer Erläuterungen
auf die unleugbare Tatsache zu verweisen, daß in allen Kulturstaaten,
selbst Albion nicht ausgenommen, während des letzten halben Jahr-
hunderts eine wachsende Abkehr von der Doktrin der Manchesterlehre
erfolgt ist, die dem Staate, namentlich auf ökonomischem Gebiete, be-
kanntlich lediglich den Rechtsschutz zubilligen wollte.

Bilden sich nun im Bereiche der Wirtschaft autonome Machtkörper
heraus, wie wir sie in den Kartellen und Trusts zweifellos erkennen
müssen, und führt diese Entwicklung zu Kämpfen, die vielfach über die
privatwirtschaftlichen Interessen hinausragen, insbesondere aber auch
unerwünschte sozialwirtschaftliche Folgeerscheinungen auslösen, was
besonders für schwierige Übergangszeiten gilt, so wird eine gewisse
maßvolle Kontrolle des Staates zur Vermeidung von Einseitigkeiten,
zum Schutze bedrohter Minderheiten und zur Vermeidung verlust-
reicher Interessenkämpfe unerläßlich werden, Es liegen denn auch

*) Hierzu: „Staat oder Wirtschaft”, Dunkmann: „Staat und Wirtschaft“,
Heft 5 u, 6 der Schriften der Vereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände,

—- ——-
        <pb n="183" />
        Wirtschaftliches Organisationswesen. 159
bereits sehr deutliche Anzeichen vor, daß weitere europäische Staaten
unsere und die weit ältere amerikanische und australische Organisa-
tionskontrolle nachahmen werden.

Unser deutsches „Kartellgesetz‘ bekämpft aber lediglich monopo-
listische Auswüchse und solche des inneren und äußeren Organisations-
zwanges, und dies vor allem in der Absicht, ungesunde Hemmungen des
wirtschaftlichen Fortschritts zu beseitigen. Damit ist es in die Hand
der Organisation selbst gegeben, sich staatlichen Eingriffen zu ent-
ziehen. Für die Kartelle bedeutet das aber zugleich eine Forde-
rung auf wesentliche Rationalisierung ihrer Politik. Das
bisherige einseitige Programm einer Zwangssicherung bestimmter, zu-
meist auf unsicheren Kalkulationsgrundlagen beruhender Durch-
schnittspreise und Absatzbedingungen, also der weitgehende Verzicht
auf produktions- und absatztechnische Rationalisierung, kann den For-
derungen der neuen Zeit nicht genügen. Es ist bereits in einer statt-
lichen technischen, betriebswissenschaftlichen und volkswirtschaftlichen
Literatur”) während der letzten Jahre nachgeprüft und nachgewiesen
worden, daß neben der kapitalistischen Organisation auch der Ge-
nossenschaftsform oder einer zwischen beiden vermittelnden, kombinie-
renden Gestaltung (Interessengemeinschaften!) erfolgversprechende
Wege offenstehen, um etwa auf der Grundlage der Normung, Serien-
fabrikation mit rationeller Arbeitsteilung unter den Mitgliedern, ge-
meinsamen Einkaufs von Rohstoffen und Produktionsmitteln und um-
gekehrt vereinfachter, konzentrierter Absatzorganisation durch Aus-
schaltung überflüssiger Zwischenglieder, kollektive Propaganda usw.
solche ökonomischen Vorteile zu erringen, daß die bisherige künstliche
Preisherrschaft zu einer weit sichereren und privat- wie volkswirt-
schaftlich nützlicheren, nämlich der konkurrenzfreier Billigkeit, sich um-
kehrt, Wo aber der ganzen Struktur der Industrie nach eine solche
Rationalisierung nicht oder vorerst noch nicht erreichbar wird, müssen
sich die Kartelle jedenfalls auf solche Grundlagen stellen, die eine
stärkere Individualisierung der Preise auf Grund normativer Einheits-
kalkulationen gestatten, Der ökonomisch unhaltbare Zustand der
Schematisierung einzelner Märkte, die bei freier Konkurrenz von der
Rohstoff- oder der Absatzseite oder von beiden her erfahrungsgemäß
stärkeren natürlichen Schwankungen unterliegen müssen, und als Folge
jener Versteinerung des lebendigen Marktes wechselnde, aber in jedem
Falle ungerechtfertigte, dem Verbraucher vorenthaltene Differential-
gewinne müssen eliminiert werden. Das liegt im Interesse der volks-

°") Schulz-Mehrin: „Die industrielle Spezialisierung‘, Berlin 1920. —
Lage: „Vereinheitlichung industrieller Produktion‘, Jena 1922, insbesondere S. 122 ff.
        <pb n="184" />
        160 Reichswirtschaftsgerichtsrat Dr. Tschierschky:

wirtschaftlich erwünschten Regelung der Wirtschaft durch die Organi-
sationen. Erreichen sie dieses Ziel nicht, so werden sie mit jedem Jahr
weiterer Konsolidierung der Weltwirtschaft durch die überlegene kapita-
listische Organisationspolitik im In- und Auslande hinweggefegt werden,

Gewiß sind mir, der ich selbst zwei Jahrzehnte auf diesem Gebiete
tätig war, die Schwierigkeiten bekannt, aber wie — leider noch, erst
vereinzelte — Beispiele lehren, sind sie nicht unüberwindbar, Daß
freilich die losen Rechts- und Sachformen, bei denen sich bisher das
Gros der Kartelle begnügte, hierfür nicht zulangen, versteht sich am
Rande. Aber wir besitzen in den „Syndikaten‘, in der Rechtsform der
G. m. b. H. oder der A.-G, bereits Grundlagen und Modelle, die sich
bei einigem Verständnis der Interessenten entsprechend ausbauen
ließen. Für die Reform der Preiskartelle zu Kalkulationskartellen
genügt zudem bereits ein freilich industrietechnisch und betriebswissen-
schaftlich aufs beste durchgebildetes Verbandsbüro mit sachgemäßer,
scharfer Kontrolle des Absatzes und einer nicht schematischen, sondern
qualifizierten Kontingentierung des Verkaufs, wobei, was heute zumeist
ganz unvollkommen kartellpolizeilich oder auch gar nicht geregelt ist,
zugleich eine rücksichtslose Qualitätskontrolle durchgreifen muß, Ein
so organisiertes Kartell hat Außenseiter gar nicht oder jedenfalls nicht
in'dem Maße zu fürchten wie die heutigen Verbände, die sich hier-
gegen mit recht fragwürdigen Mitteln, wie den Exklusivverträgen mit
Abnehmerverbänden oder Treurabattklauseln, schlecht und recht durch-
schlagen. Gute, garantierte Ware mit schärfster Preisstellung und an-
gemessenen Absatzbedingungen haben sich bisher schon als die zuver-
lässigsten Schutzwaffen der Kartelle erwiesen, und sie werden es an-
gesichts des steigenden Konkurrenzdruckes in wesentlich verstärktem
Maße sein,

In dieser vertieften Form aber bleiben die Kartelle für die kom-
mende Zeit im Interesse der Unternehmer und Arbeiter eine Not-
wendigkeit, um so mehr, als, wie schon hervorgehoben werden mußte,
unsere Bevölkerung sich der verkleinerten wirtschaftlichen Decke ent-
sprechend nicht vermindert hat, sondern relativ sie rasch auszuweiten
trachten muß. Diese Aufgabe wird uns der kapitalistische Großbetrieb
nur auf wenigen Gebieten lösen. Die Erhaltung mittelständischer in-
dustrieller Unternehmen mit ihrer natürlichen Vielseitigkeit und ihren
technischen wie wirtschaftlichen Energien bleibt ökonomisch ein Vor-
teil, sozialwirtschaftlich eine Notwendigkeit. Es kann heute als er-
wiesen gelten, daß der „Fordismus‘ als Programm in den Wirtschaften
der alten Kulturwelt nur ein sehr enges Feld praktischer Betätigung
finden kann, und zwar aus genau den gleichen bekannten Gründen, die
der „Trustierung' bei uns knappe Grenzen stecken. Es ist aber zwei-
        <pb n="185" />
        Chemische Industrie und Öl-Industrie.
1. Dr, jur. Hans Berkemeyer,
Generaldirektor der Kokswerke und Chemische Fabriken A.-G,

Geb, 29, Dezember 1873. Abiturientenexamen in Arnsberg i. Westf, Ju-
ristisches Studium in Marburg, Göttingen, München und Bonn, Referendar 1899,
Gerichtsassessor 1904. Tätigkeit als jurist. Hilfsarbeiter bei der Gelsenkirchener
Bergwerks-A,-G, Acht Jahre jurist, Direktor der Bergwerksgesellschaft ‚„Hibernia”
zu Herne, Ab 1913 Generaldirektor der Oberschl, Kokswerke und Chemische
Fabriken A.-G,

2. Geh. Kommerzienrat Prof. Dr.-Ing. e. h, Dr. h, c, Carl Bosch,
Vors, des Direktoriums der Badischen Anilin- und Soda-Fabrik Ludwigshafen,

Geb, 27, August 1874 Köln. Metall-Hüttenfach und Chemie in Berlin, Char-
lottenburg und Leipzig. 1899 in die Badische Anilin und Soda-Fabrik, Ludwigs-
hafen a. Rh. als Chemiker, 1914 Mitgl. des Vorst., 1919 Vors. des Direktoriums.
Geh. Kommerzienrat, Prof. Dr. phil., Dr.-Ing. e. h., Dr. der Landwirtschaft e, h,,
Dr, der techn, Wissenschaften e. h., Inhaber der Liebig-Medaille, der Bunsen-
Medaille und des Siemensringes. — Ehrenmitgl, des Vereins Dt, Chemiker, Mit-
erfinder des Haber-Bosch-Verfahrens zur Herstellung von Ammoniak aus dem
Stickstoff der Luft und Überleitung in den techn, Großbetrieb, Bau der Fabriken
in Oppau und Merseburg, um Deutschland von der Einfuhr des Chilesalpeters un-
abhängig zu machen, Anlagenbau zur direkten Überführung von Ammoniak in
Salpeter und Salpetersäure.

3. Geh. Regierungsrat Profi, Dr. phil. Dr.-Ing. e. h. Dr, h. c. Carl Duisberg,
Generaldirektor der Farbenfabriken vorm. Friedr, Bayer &amp; Co, in
Leverkusen bei Köln a. Rhein,

Geb, 29, September 1861 in Barmen, 1883 als Chemiker in die Fabrik und be-
gründet deren wissenschaftliches Laboratorium. Entdeckte das Theeracetin und
eine Reihe von Farbstoffen, Weltruf der Firma. 1900 Direktor, seit 1912 General-
direktor der Farbeniabriken vorm. Friedr, Bayer &amp; Co, Hauptverdienst Aufbau
der riesigen Werkanlagen der Leverkusener Farbenfabriken und damit der Stadt
Wiesdorf-Leverkusen, deren Ehrenbürger er ist. Gründete die Interessengemein-
schaft der deutschen Teerfarbenfabriken, die jetzt alle Fabriken dieser Art zu-
sammenschließt. Auch sonst Interesse für alle wirtschaftlichen, sozialen und
wissenschaftlichen Dinge. Lange Vors, des Vereins Dt. Chemiker, des Vereins
zur Wahrung der Interessen der Dt. chem, Industrie, des Dt. Vereins zum Schutze
des gewerbl, Eigentums, Seit 1925 Vors, der industr, Spitzenorganisation, des
Reichsverbandes der Dt. Industrie.

4. Ernst Possel, Hamburg,
Mitglied des Reichswirtschaftsrats,

Geb, 17, September 1887 zu Osnabrück. 1915—1920 Vorstandsmitglied des
Reichsausschusses für pfl, und tier, Öle und Fette. 1917 Verwaltungsratsmitgl, der
Wirtschaftsges, dt, Ölmühlen. 1920 Mitgl, d, Außenhandels-Ausschusses Öle und
Fette, Vors. der Interessengemeinschaft dt, Ölfabriken. Präsidialmitgl, d. Ver-
bandes Dt. Ölmühlen E, V., Vorstandsmitgl. der Fachgruppe Öle und Fette beim
Reichsverband der Dt, Industrie sowie der Reichsarbeitsgemeinschaft Öle und
Fette. — Vors. bzw. Mitgl, im Aufsichtsrat der: Ver, Dt, Fettwerke A.-G., Berlin,
Kochs Ölwerke A.-G., Harburg, C, &amp; G. Müller Speisefettfabrik A.-G., A,-G, für
Seifenindustrie, Berlin, Sunlicht Gesellschaft A.-G,, Mannheim, Ver. Chem. Werke
A.-G., Charlottenburg, A. Motard &amp; Co., A.-G., Spandau u. a.

5. Kommerzienrat Friedrich Thörl, Harburg.

Geb, 10, April 1857, Begründer der Dt. Ölindustrie. Harburger Ölfabriken:
Verarbeitung sämtl, Ölfrüchte (Leinsaat, Palmkerne, Kokosnüsse, Soyabohnen
usw,); angeschlossen bed, Weberei-Betrieb und Tranverarbeitung, 1906 A,-G, mit
10% Millionen Mark Kapital. Leitung der A.-G, bis 1922, Österreich, Konsul;
Ehrenvors, der Industrie- und Handelskammer Harburg; Ehrenmitgl, des Ver-
bandes dt, Ölmühlen; Mitgl, des A, der Dt. Bank, Harburger Gummiwarenfabrik
Phoenix, Harburger Eisen- und Bronzewerke, Hoffmanns Stärkefabriken, Internat,
Galalith-Gesellsch., Hoff &amp; Co., des Harburger Mühlenbetriebes.

Tafel VI.
        <pb n="186" />
        ‚9620 bal-IÖ bass 9iteubakl 9dazinrmdD
‚ı9yvamalıs 8 zusH mi ad 4

uietsch As nodirdeis odhamnedD chim use wedo AU zobeabnfhiblersdb alle Ordan)
ul, joa OB mb Amex aekmdinukidA, sc 8irddmarbel MO£ jean 2)

‚0081 1sbanaxslosA anod bau aorlonüM , ‚maBniH60 .,arudısM mi saytbut@- zedoaiteis: «

tSHSdesidnselsD 19b 19d 19liocdheeiliH A an“ SHE AO EEE
“sintsdiH., Hiedoallezeye ro wars dd: tobrnmoixerich deines Sadel: werner
slbeimed)_ bau sSaıaeweloA ‚IdoeredO,. 19b 10t9sibisrene ‚EtEL ‚dA: ‚anıs us,
1 r SP NL ZW { { KG WU Se U

nn _eiten bekannt, 4! leider noch. er.
9208 hsdr.9 da dd nl- 0 t01E 48 rasissemmo A en har, Da,

‚nelsdegiwbirnl airds1-sbog, bau -niligA godozibsd ı19b emuirohl9rid 29h, 210V. 4a!
69 ‚nilrs8 ni sims), Bau doginsttöH-IistoM ‚nlöM ST8L JeuauA ‚TS 491 %
-abiwbu LE adide A: sbo@ BAU A sAdEihed sih ni: 0081 uisqgisd bi a jda86l ©
‚2muiro tert 29h „2x0 Vi, Sie adeioVdaeb „Jar DIE no dimedQ als dh sl mob]
„Ad 9 Hödozhiwbasl Tab ad ud anl- GC „lidg ad d07E ‚IemmsisıommoX iQ
-asand&amp; 9b ‚ollisbsMChidsidh. ab deal „do nmoftendoanes2iW ndost 19b SM
-4M olimad) CE emisı9Vn29b Autimfsidh,— „‚eoamianemei@ 290 bau sllisbeM
arsb”_ us sinommA nov ‚anulletarsH us , enetdetre V-dozo4-1sdsH 29h 19baitıe
nslirdeN 1b Un ACC (dato dA0ED ‚ads ab” nt adult dU bas Hu 19b Hotzlait@
-qur ‚2r9lsqiszelid) jeab xdutakd. roh ‚ih HanddnstubC amade M bau usqq0 nal
nt sinommA "nov 8nyıdalı9dU motlsyth ıus usdagasinA, ‚nmarlosım ux Biänsddds,.

schalftlich aufs beste durchscbildeies VerDalgeperbals?e bmn 15l0alee”

scharfer Kontrolle des Absatzes und einer nicht scr-&gt;— A

aus @Rdeiwl Iıs0 Dad aT el; 9. Bak- IC „Lid, A639 Jeneanh rei hde ee ZUM

A At ‚00,08 19v64 bat MOV no irdsina hs N zo notzlarihlsren On calt ic

janz Unrolikommed. Kar IP GIOE Td wa RE DE re Beregelt
„SA Bi Glinde T Si hr Sein El Het nee ht 1081 ametqoe 08 .da0.
bau alaasıesdT esblatlosbidth | .nmirödsnode Lrestloiliteduyehsesint asYab EEE
-IsTtona OO SICP tie2 ‚roteril 0001 ‚smridyneb; [9 W_‚nettotladhs goviadiefi mid,
usdiyAl YensibieviquesH ‚09 3 49vys4 Abi Sata noir deinsdis a +9b 10) 49ıib
bsi8 9b. timeb. bau mezideinsdısT 1er va 1b meaelasrs WVAoyiaSir Tab
-Aismaynse2sıstal sib siehninhD ‚dal 19 r98r0dnsıdH  mareb. ‚meoauAıe vs l-trobaesiW
-us® A 1920ib nsılide sils istep aib ‚noAirdeinsdieltesT aedoztuysb 19b Hedoz
bay mnalsisoe ‚nodailitenaedxiw.- elle 1ül 922919inl 4amo2 douA  sildoenemms?
ents19V 29b ‚1ozimad) ‚JC ermioreV a9b. ‚2x0V sans. ‚a3midl modailiisndoamezeiw
axjudo@ mus znier9V 40 29h ‚aidenbnl msdo 40x95 mo2e9t9tnl 195 anuıdsW us
z9b ‚noisainshronestiqe: .ıtenbal mob „210V CSCh Ho ‚2mudne3i Idrswsn 26b

‚olılaubal. 40 x9b, a9 bmegdısvarloie #
‚21udmsH Je2204 jamıy S RE Pe a
In die vertiaksensdoawebis fl ea5il BSH hartelle Tür Pu KO
2ob, cbeilktifizbtstero VIrOREISSEIO: dei dEd2O1GRTTERL Slim! dE
19b ‚Jatimatsıeanuliswaa V LIPL ‚aka L bau SIÖ aoih braun Kgqetükleseeudoaeunerloistl
bay S1Ö 29822 u All bnsdnsduA' ‚BB IasM 0S@I ASldüml0' an ‚893ellsdoehiW
19V or alimlsihieerIndeeitdetlÖ W651 LOCH A EC ni 7 A TE "O9
misd_ 9419 baw ‚olÖ, aqgurados 1 19b, „Iatimabnstz2x0 Vo 4 Vi moldienlÖöl.10 eobnsd
bar S1ö HMO HES Ro SCSUTE EN MOD Str0 etılenbal Jd 19h Dusche eloion
‚ie (De Ans wiss Ars Vaksb Werd A da 180M sd S210V — 95
zöt ‚D- A 4D-A dee NE JO Bin) Fe oe wWIÖl aroo
SAW td AV isn M VO. isdoe[l9250 1 on „ ‚il199 ‚hrtaubninslie?
; as can aebasg2 mD- Are D8l Erste NMENA V,arrdasHolsdO DA.
} « Lean FEnerdien hi KOM An 1
I wie wıirtschaitllichen CLDNerpich D :

‚Ads H 1, 1ödT doksbelr7 teımeisıammo X .Ecann heute als eı
ins lirdsllÖ 1931udieH ‚atrlenbailÖ „4C 19h. 1obningad. „Te81 liqA chat
nsndodero&amp; © ‚aedlnkoo A Cm kant) | StdoilÖö Im B2 am Ha 1619V
Jim ..D-,A „000 hr ‚rwiischere vastT Hau dei sAigrade WW ‚‚bodmse2oldizeg wa
‚luyeno X ‚doiomrei20 ‚SKY 2id ‚D-.A 19b nie .Istiqes 2 A
-—5Vicz5b Uatmnsdd 80 Sehe be Bart -sitlenbnl sb‘ ‚Z10Vn91
irdsinotewimmuQ, a8 H, „las ar abi rAnzeb JatiMl. ae ldilÖ 1b zo basd
Jemoidl ‚noirdsto 812 annsmitoH ‚sA1swesnotd bau -meaiH 1981udı6H ‚xinsodI

.29deittodmsidäM 19810d16H 2b „oO 3 HoH „dolle D-AtilelsO
A ee!
1 = Q.
        <pb n="187" />
        <pb n="188" />
        <pb n="189" />
        Wirtschaftliches Organisationswesen, 161
fellos ebenso gewiß, daß wir mit zunftähnlichen Kartellformen brechen
müssen,

Was hier von der Industrie gesagt ist, gilt programmatisch auch
für die übrigen großen Gewerbe, Landwirtschaft und Handel, während
beim Handwerk die Verhältnisse zur Zeit wiederum viel undurchsich-
tiger liegen.

Es gilt aber auch”) von der Organisation der Arbeiterschaft, Auch
sie wird im eigensten Lebensinteresse Abstand nehmen müssen von der
Verfälschung ihrer ökonomischen Interessen mit politischen Maximen.
Auch sie wird als numerisch jedenfalls wichtigstes Glied der deutschen
Wirtschaft den verstärkten Einfluß, den sie gewonnen hat und kaum
wieder verlieren dürfte, ummünzen müssen in eine nüchterne, wirt-
schaftlich und nur wirtschaftlich orientierte Organisation, die auf dem
Boden des in der Kodifikation begriffenen Arbeitsrechtes die Grenzen
zu erkennen bestrebt bleibt, die auch für sie zwischen den eigenen
privatwirtschaftlichen Interessen und denen der Allgemeinheit not-
wendigerweise sich aufrichten.

*) Auf eine auch nur andeutungsweise Behandlung der anderen Seite der Wirt-
schaftsorganisation, der Regelung des Einkaufs, muß verzichtet werden. Es ist aber
darauf hinzuweisen, daß der Konsumgenossenschaft und den Einkaufsgenossenschaften
zweifellos eine weit größere Bedeutung heute schon und erst recht in Zukunft beizu-
messen ist, als manche Industrie- und namentlich Großhandelskreise zugeben wollen.

Die deutsche Wirtschaft.

11
        <pb n="190" />
        11.

Die wirtschaftliche Führerpersönlichkeit.
Von Richard Müller, M. d. L, L., Vorsitzender des Westfälisch-Lippischen
Wirtschaftsbundes, Örlinghausen.

Die Öffentlichkeit ist im allgemeinen geneigt, die Stellung von
Persönlichkeiten, die sich in irgendeiner Weise, sei es als Leiter großer
Betriebe, sei es als Finanz- oder Organisationskräfte in Handel oder
Industrie einen Namen gemacht haben, nach ihren eigenen materiellen
Erfolgen zu bestimmen, weil man sich bei der Beurteilung solcher
Naturen in einer vorgefaßten falschen Einstellung befindet. Wem
würde es einfallen, bei einem schaffenden Künstler zuerst danach zu
fragen: Was hat ihm sein Genie oder Talent „eingebracht“, „wie reich‘
ist er dadurch geworden? statt, wie es natürlich ist, sich mit seinen
Anschauungen, seinen Ideen und Werken bekannt zu machen und das
Besondere, wenn dergleichen wirklich an ihm ist, herauszufinden?
Nur weil der Wirtschaftsführer scheinbar sein Herz an materielle Dinge
gehängt hat, setzt man ohne weiteres voraus, daß er sich nur für
„Geldmachen'” — to make money — interessiere, daß man seine
Leistungen, seine Kenntnisse und die Wirkung seiner Tätigkeit für die
Allgemeinheit nur unter dem Gesichtspunkte beurteilen könne: Was hat
er selbst dabei gewonnen?

Es soll nicht bestritten werden, daß eine solche Auffassung ver-
ständlich ist, denn tatsächlich hat ein großer Teil der im Wirtschafts-
leben tätigen Menschen (allerdings vergißt man gern, daß bei den
meisten anderen Berufen die idealen Momente auch sehr oft hinter den
realen zurücktreten) eine große Sehnsucht, die heißt: Wie kommt man
am besten zu Geld und damit zu wirtschaftlicher Geltung? Und nach
dieser Durchschnittsmeinung stellt man sich nun grundsätzlich ein. Das
ist nur deshalb möglich, weil man sich selten die Mühe gibt, über die
Wesensgrundlagen hervorragender Wirtschaftsführer einmal in Lebens-
beschreibungen zu lesen oder gar darüber ebenso interessiert nach-
zudenken wie über sonstige bedeutende Männer. So übersieht man zu
gerne, daß es ebenso schöpferischer Drang ist, der solche wirtschaftlich
oder technisch hervorragende Menschen beseelt, wie die künstlerisch
oder wissenschaftlich sich auszeichnenden Persönlichkeiten. Genies
        <pb n="191" />
        Die wirtschaftliche Führerpersönlichkeit, 163
sind hier wie dort die Ausnahme, und jedes Jahrhundert fördert auf der
Erde ein halbes oder auch ein ganzes Dutzend aller Art davon zutage,
aber die großen Begabungen wie der Besitz von Kenntnissen nehmen
mit der Ausbreitung der Kultur und Wirtschaft zu, und zwar auf allen
Gebieten menschlicher Leistung; je zahlreicher jedoch diese Begabungen
erscheinen, desto schwieriger wird die richtige Einschätzung der auf-
tretenden Kräfte, desto seltener das Durchdringen eines Genies,

Gab oder gibt es solche auf wirtschaftlichem Gebiete? Gar kein
Zweifel. Wir wollen ganz davon absehen, hier einzelne Persönlich-
keiten als Genies, andere als ganz seltene Talente hinzustellen, aber
Namen wie Rockefeller, Carnegie, Stinnes, Ford, Krupp, Thyssen,
ganz wahllos hingeworfen, bezeichnen doch jeder für sich eine Summe
von schöpferischen Leistungen, die nicht leicht überboten werden
kann, Was trieb oder treibt diese Männer dazu, nicht an einem
Punkte ausruhen und sich zu sagen: So, das genügt mir, so viel
Millionen oder Milliarden hast du hinter dich gebracht, jetzt kannst
du dich zur Ruhe setzen, Wären sie Spießbürger, Genießer oder
Naturen, die nach der landläufigen Idee des Geldraffens wegen sich
quälen, so würden sie zweifellos so gehandelt haben, aber der
Schaffensdrang ist in ihnen viel zu gewaltig, das niemals ruhende
schöpferische Gehirn zu lebendig bis zum letzten Atemzuge, als daß sie
plötzlich den Bleistift hinlegen könnten. Damit ist auch die Antwort
auf die so oft von Laien gestellte Frage gegeben: Warum „genießt‘ der
Mann sein Leben nicht besser und hört auf, sich immer größere Ge-
schäfte an den Hals zu laden?

Genau so gut könnte man einem Künstler zurufen: Verehrter, lassen
Sie doch nun das Dichten, Sie haben doch schon genug damit „ver-
dient”! Der Dichter würde lächeln und sagen: Wenn ich aber weiter-
schaffen muß, solange mir etwas einfällt?! Ford betont ganz richtig in
seinem für die Erkenntnis der Psychologie des modernen amerika-
nischen Wirtschaftsführers sehr aufschlußreichen Buche über sein Leben
und sein Werk, daß ein Unternehmen ein lebendiger Organismus ist,
das entweder unter richtiger Führung die Kraft hat, sich weiterzuent-
wickeln oder zum Stillstand und damit sehr oft zum Rückgang oder gar
zum Absterben bestimmt ist. Menschen in ihm und an ihm arbeiten zu
lassen, seine Organisation immer aufs neue zu durchdenken und zu
vereinfachen, es zu einem wichtigen Bestandteil des Staates und der
Volkswirtschaft zu machen, die Erzeugnisse stets vollendeter und vor-
teilhafter an den Verbraucher heranzubringen, das ist die täglich aufs
neue zu bewältigende Aufgabe des Wirtschaftsführers, der über den
eigenen Geldbeutel hinaus zu denken fähig ist; und nur solche Persön-
lichkeiten werden im allgemeinen als Führer der Wirtschaft in
11°
        <pb n="192" />
        164 Richard Müller:

Erscheinung treten, wenn anders ihre Begabung an sich erheblich
genug ist, um über den Kreis der engeren Tätigkeit hinaus wirken
zu können,

Nur derjenige, der ungefähr in dieser Richtung die Grundlagen wirt-
schaftlich schöpferischer Tätigkeit zu suchen geneigt ist, wird Ver-
ständnis genug aufbringen, um über manche unliebsamen Tatsachen des
Geschäftslebens hinweg (und welcher Beruf hätte nicht seine
Schwächen) auch in solchem Schaffen den großen Zug, die einheitliche
Linie aufzufinden, die bei allen Menschen, die über den Durchschnitt
hinausragen, einerlei, welches ihre besondere Begabung ist, lebens- und
wirkensbestimmend mehr oder weniger klar hervortritt.

Welche Eigenschaften werden nun — den Drang zum eigenen
Schaffen einmal vorausgesetzt — wesentlich den Lebenslauf und die
Beziehungen des Wirtschaftsführers bestimmen? Zunächst ist allen
gemeinsam ein zäher Wille angeboren, einem bestimmten Ziele mit
unerbittlicher Konsequenz nachzugehen. Wir wollen nicht darüber
streiten, ob Willenskraft in solch hervorragendem Maße stets vererbt
ist, oder ob sie erworben oder anerzogen werden kann, wenngleich
eine solche Feststellung, sofern sie überhaupt getroffen werden könnte,
sehr wesentlich für die Beurteilung der überaus schwerwiegenden Frage
wäre: Woher nehmen wir den besten Nachwuchs für die Fortführung
unserer Wirtschaft, und wie bilden wir ihn am besten heran? Worauf
noch zurückzukommen sein wird. Halten wir uns an die Tatsache, daß
die Zielstrebigkeit, der Wille auch gegen unüberwindlich scheinende
Hindernisse sich durchzusetzen, ein Hauptmerkmal all der Männer war,
die durch ihr wirtschaftliches Können die Welt in Staunen gesetzt
haben. Aus den kleinsten Verhältnissen, als Zeitungsjungen, Lauf-
burschen oder dgl., haben sie oft angefangen, um dann von Stufe zu
Stufe sich weiterzuarbeiten, weil sie des Schicksals Sterne in der
eigenen Brust trugen, weil sie wußten, daß sie zum Führen geboren
sind. Durch dieses Arbeiten von der Pike auf, durch das Ausfindig-
machen jeder kleinsten Möglichkeit, aus dem bisherigen, sie noch zu
sehr beengenden Zustand herauszukommen, wird ihr Blick für die Tat-
sachen des Lebens ungemein geschärft, mit Kraft und oft mit Rück-
sichtslosigskeit werden weniger Fähige, weniger Willenstarke beiseite-
geschoben, um die Bahn für die Betätigung der eigenen Gaben frei
zu machen. Und doch hören wir selten, daß die Kameradschaftlich-
keit gegenüber den Mitarbeitern in die Brüche gegangen wäre; sicher
ein beachtliches Zeichen dafür, daß ihnen eine außergewöhnliche
Menschenkenntnis eigen ist, die sie durch tägliche scharfe Beobachtung
der Umwelt erworben haben, Entstammt sie zunächst auch rein
egoistischen Motiven, nämlich dem Wunsche, ohne viel Umschweife
        <pb n="193" />
        Die wirtschaftliche Führerpersönlichkeit, 165
festzustellen, ob irgend jemand ihnen zu dem gesetzten Ziele, zunächst
Luft für sich zu schaffen, Ellbogenfreiheit zum Aufstieg zu gewinnen,
verhelfen kann oder ob er im Wege ist, so ist sie doch eine unbedingte
Voraussetzung für spätere Großtaten der Organisation, der Ver-
wendung wirtschaftlicher Beziehungen und Möglichkeiten.

Aber Wille und Menschenkenntnis würden nicht hinreichend sein,
um ungewöhnliche Erfolge zu erzielen oder technisch große Probleme
zu lösen, es gehört dazu in enger Verwandtschaft zur Willenskraft die
Fähigkeit, schnelle, die Dinge beim Schopfe fassende Entschlüsse zu
fassen, rasch und sicher zu denken und dementsprechend voraus-
schauend zu handeln. Es ähneln diese Eigenschaften stark denen,
welche man bei bedeutenden Feldherren voraussetzt. Ein zu lange
erwogener Plan taugt oft wenig, zumal bei gefährlicher oder sich täg-
lich verändernder Lage; da kann es nur darauf ankommen, intuitiv den
Stand der Dinge zu erfassen und gleich zur Tat zu schreiten und trotz-
dem stets die eigenen Kräfte richtig einzuschätzen.

Wie der Heerführer, so muß auch der erfolgreiche Wirtschafts-
führer zweifellos in gewissem Sinne „Glück haben”, Es gibt tüchtige
Menschen, denen günstige Gelegenheiten zur Bewährung verhältnis-
mäßig selten vorkommen, andere, die aus einer einmal gebotenen Sache
zwanzig neue Gedanken und Möglichkeiten zu entwickeln wissen. Aber
man soll dieses sogenannte Glück auch im Wirtschaftsleben nicht über-
schätzen: spekulative Naturen, d, h. Errechner oder Erhoffer müheloser
Zufallsgewinne, werden selten große Organisatoren, selten Wirtschafts-
führer erster Ordnung, weil ihr Denken zu sehr von dem Auf und Nieder,
mit dem ihr Schiff flott wird oder auch bisweilen untergeht, in An-
spruch genommen wird, Gedanken und Werke von Ausmaß und Dauer
weist im allgemeinen nur der zähe und begabte Schaffer auf.

Und diese hat Deutschland in seiner heutigen Lage bitter nötig:
die Frage des Wiederaufbaues der Nation, der Herausarbeitung aus
Versklavung und Verarmung ist ebensosehr eine solche der richtig
geleiteten Wirtschaft wie der planvoll, in vaterländischem, deutschem
Geiste der neuen Zeit Rechnung tragenden Fortentwicklung der eigenen
Kultur, wie einer mit staatsmännischer Klugheit und Vorsicht geführten
Politik,

Dem deutschen Wirtschaftsführer jeder Art — wir wollen hier ein-
mal den Kreis recht weit ziehen — erwachsen in den nächsten Jahr-
zehnten schwerwiegende, schwer zu lösende Aufgaben; jeder von ihnen
wird sich sagen müssen, daß die Nation von ihm das Äußerste an Tat-
kraft, an Intelligenz, an volkswirtschaftlicher Einsicht verlangt, wenn
anders er im Interesse des Gesamtwohls als die höhere Pflicht die an-
        <pb n="194" />
        166 Richard Müller:
sieht, auch im beengten Rahmen nicht das größere gemeinsame Ziel zu
vergessen,

In welcher Richtung werden diese Aufgaben zu suchen sein und
wie sollen sie gelöst werden? Zunächst handelt es sich um die Not-
wendigkeit, die (jetzt, nach der Annahme des Londoner Abkommens)
einmal gegebene wirtschaftspolitische Lage klar zu erkennen und sie in
die. Rechnung zwar als bekannte Größe, jedoch als eine solche mit un-
bekannter Wirkung einzustellen; und die Erwägung wird zu dem Schluß
führen, trotz schwerer Belastung die Wettbewerbsfähigkeit der deut-
schen Produktion wiederherzustellen. Gelingt das nicht, so ist die
Hoffnung auf Freiheit wenigstens für unsere Kinder allerdings ein leerer
Wahn. Also gilt es für dieses ideale Ziel in die Kampffront zu treten,
hier müssen die deutschen Wirtschaftsführer, groß und klein, beweisen,
ob die Welt mit Recht überzeugt ist, daß wir organisatorisch begabt
genug sind, um uns auch aus tiefster Not wieder emporzuringen. Es
heißt zehn Jahre Zerstörung trotz Kapitalarmut nachzuholen, durch An-
spannung der ganzen Nerven und Willenskraft neue Wege zu suchen,
um den Vorsprung, den glücklichere Staaten gewonnen haben, wieder
einzuholen, Die Methoden des Auslandes müssen wieder eingehend
studiert, die besten Maschinen ausfindig gemacht oder neu erfunden und
konstruiert werden, In den Betrieben hat der Wirtschaftsführer, der
richtig seines Amtes walten will, mit allem alten Zopf aufzuräumen, die
Unterlagen für die Kostenberechnungen müssen wieder zuverlässig und
sicher gewonnen werden wie im Frieden, und als Endergebnis der
Arbeit hat nicht, wie in der unseligen Zeit inflationistischer Verkommen-
heit, der nicht mehr nachzuweisende Preis, sondern der niedrigstmög-
liche Selbstkosten- und Verkaufspreis zu treten, den das Unternehmen
und seine Erzeugnisse bedingen. Nicht schamlose Konkurrenz oder
Preisunterbietung soll damit etwa als Ziel gelten, sondern die in zäher
organisatorischer Arbeit liegende Verbilligung der Kosten. Diese wird
immer ihren Ausgang nehmen müssen von der Einsicht der leitenden
Persönlichkeit, die es versteht, alles diesem einheitlichen Gedanken
dienstbar zu machen und alle Widerstände rücksichtslos zu brechen;
die teils aus den schlechten Gewohnheiten der letzten Jahre, teils aus
verknöchertem Bürokratismus — diesen gibt es nicht nur im Staats-
betriebe! — stammen.

Allein schaffen kann das auch der Begabteste nicht; er muß seine
Führereigenschaften erst dadurch richtig erweisen, daß er versteht,
mit der notwendigen Menschenkenntnis die rechten Menschen an den
rechten Platz zu setzen. Dann, nur dann wird der Organismus, den er
schaffen und wachsen lassen will, seine Funktionen erfüllen können.
An dieser schwierigen Aufgabe sind Herrscher, Staatsmänner und Wirt-
        <pb n="195" />
        Die wirtschaftliche Führerpersönlichkeit, 167
schaftsführer so oft gescheitert, daß man sich fragen muß, ob wirklich
die Auswahl und Heranziehung von aufwärtsstrebenden Menschen eine
so außerordentlich seltene Gabe ist, oder ob nicht auch oft Vorurteile,
Standes- und Bildungsbefangenheit oder gar verknöcherter Kastengeist
eine Auslese herbeigeführt hat, die beispielsweise ein an schnellen Auf-
stieg gewöhnter Amerikaner nicht getroffen haben würde.

Aufstieg und soziale Frage — freie Bahn dem Tüchtigen — jahr-
hundertelanges Ringen der Fürsten, Ritter, Bürger, Bauern und Arbeiter
gegeneinander, eine Fülle von Schlagworten, politischer Kampf taucht
unmittelbar vor uns auf — wir stehen auf dem umstrittensten Boden
der nahen Vergangenheit, der Gegenwart, vor allem aber der kom-
menden Zeit.

Es kann wohl keinem Zweifel unterliegen, daß der Frage der Auf-
stiegsmöglichkeit von modernen Wirtschaftsführern ganz besondere
Aufmerksamkeit gewidmet werden muß, denn sie ist nicht nur wegen
der Zuführung ständig frischen, unverbrauchten Blutes und Geistes in
alle Schlagadern der Betriebe von geradezu ausschlaggebender Bedeu-
tung, sondern sie führt außer ihrer Lösung im beschränkteren Rahmen
des Einzelunternehmens hinaus zu dem Aufbau der menschlichen Ge-
sellschaft im Industriestaat überhaupt. Daß viele tüchtige und streb-
same Menschen auch unter ungünstigen Umständen sich den ihrer
Begabung und Leistung entsprechenden Wirkungskreis geschaffen
haben, kann ebensowenig als der einzig tröstliche Hinweis zur Vor-
wärtsentwicklung angesehen werden wie die Theorie der zur Verelen-
dung verurteilten Masse während der Jahrhunderte der kapitalistischen
Wirtschaftsmethoden die Unmöglichkeit des Aufstiegs beweisen kann.
Der industrielle Führer hat gerade in dieser Beziehung eine große Ver-
antwortung vor der Allgemeinheit, nicht etwa in dem Sinne menschen-
freundlicher Neigungen und Hilfeleistungen, die selten Tüchtigkeit,
Selbstvertrauen und Kraft zu erwecken oder zu fördern geeignet sind,
sondern in dem der Schaffung von Möglichkeiten, die wirklich Begabten
ausfindig zu machen und ihnen im wohlverstandenen Allgemeininteresse
wie dem eigenen nach und nach steigend schwierigere Aufgaben zur
Bewährung anzuvertrauen bis zu dem Punkt, wo die volle Leistung
und die größte Befriedigung für alle Teile erreicht ist.

Die Verfahren, welche bei dieser richtigen Auswahl und F örderung
angewandt werden können, führen nur zum kleinsten Teil auf mecha-
nischen, psychotechnischen oder ähnlichen Wegen zum Erfolge, wenn-
gleich die Fortschritte dieser Wissenschaften zweifellos erhebliche Aus-
sichten für die Zukunft eröffnen. Gewiß werden der Leiter von Betrieben
bzw. die für die Einstellung passender Kräfte von ihm mit dieser —
wenn ernst und richtig angefaßt, sehr schwierigen — Aufgabe Be-
        <pb n="196" />
        168 Richard Müller:

trauten in Zukunft vielleicht manchen wertvollen Fingerzeig aus solchen
wissenschaftlichen Vorprüfungen bekommen können, zumal wenn es
sich um bestimmte, für Hand- oder maschinelle Arbeit erforderliche
nerven- oder muskelmäßige Voraussetzungen handelt, Schon das be-
deutet einen unermeßlichen Gewinn für die Volkswirtschaft, denn es
bedarf wohl keiner Erörterung, daß die Höchstleistung von mehr mecha-
nisch beschäftigten Arbeitskräften nach gründlicher Feststellung der
hervorstechendsten körperlichen Eigenschaften leichter und mit größter
Freudigkeit erreicht wird, als wenn durch Einstellung am falschen Platz
die Erzielung selbst mäßiger Durchschnittsleistungen erschwert ist und
das Erklimmen der Höhe in entsprechend weite Ferne gerückt erscheint,
Die Führer werden deshalb nicht nur platonisch oder mit gelegentlichen
Geldspenden an wissenschaftliche Institute ihrer Pflicht in dieser Hin-
sicht genügen, sondern sie sollten praktisch jede Möglichkeit der An-
wendung solcher Verfahren unterstützen, denn nur dann kann die
Grundlage für diese Untersuchungen immer weiter ausgebaut werden,
um damit eines der verwickeltsten Probleme der Lösung einen Schritt
näherzubringen, das so einfach lautet: Wo ist der gegebene Platz für
diesen Menschen?

Die Schwierigkeiten wachsen erheblich, sobald es sich nicht nur
um die Auswahl für mehr mechanische Verrichtungen, sondern für
geistige Leistungen zunächst in einfacherem Sinne handelt. Vielleicht
wird man für einen Teil der benötigten Eigenschaften auch noch wissen-
schaftliche Prüfungsverfahren, z. B. für die Feststellung schneller Auf-
fassung und dergleichen anwenden können, aber sehr oft werden sie
hier versagen und die Menschenkenntnis wird an ihre Stelle treten
müssen, Daß Zeugnisse und Auskünfte dabei manchmal nützlich sind,
kann nicht bestritten werden, aber der Wirtschaftsführer weiß, daß
ebensooft grobe Enttäuschungen eintreten, wenn man sich zu sehr auf
sie verläßt, Im vorigen Rahmen, vielleicht engbegrenzt, ohne große
Verantwortung, weil der Leiter selbst alles sah — und machte, hat sich
in der Tat das Bild des Betreffenden ganz gut ausgenommen und in den
Auskünften entsprechenden Niederschlag gefunden, aber o weh, in den
scharfen Wind gestellt, bleibt nur ein wenig erfreulicher, langsamer,
unentschiedener Mittelmensch übrig, und das Suchen beginnt entweder
von neuem, oder der Ärger der falschen Wahl frißt dauernd weiter.
Auch der erfahrenste Betriebsleiter und Menschenkenner wird hierbei
Nieten ziehen, weil die Probe auf das Exempel bei jeder geistigen
Leistung, sei sie noch so bescheiden, erst die Richtigkeit beweist,
solange es keine Maschinen gibt, die das Gesamtbild eines Menschen,
seinen Charakter und seine besondere Begabung vom Gehirn ablesen
lassen, und das wird wohl noch gute Weile haben!
        <pb n="197" />
        Die wirtschaftliche Führerpersönlichkeit, 169

Der Staat hat sich zu seiner Erleichterung bei der Auswahl die
Examina geschaffen, die aber auch schließlich nur zum Ergebnis haben
können, festzustellen, ob jemand eine gewisse Summe vorausgesetzter
Kenntnisse sich erworben hat, um ihn zu einem bestimmten Amt, mit
einiger Aussicht auf erfolgreiche Führung desselben, zu befähigen. Sie
werden schlecht zu entbehren sein, weil der Zustrom Unfähiger an die
Staatskrippe irgendwie abgedrosselt werden muß, aber eine sichere
Auswahl der rechten Menschen für den rechten Platz verbürgen sie
nicht, Protektion, politische Schiebung, „Pöstchen‘“ hat fast jeder
Staat in reichlichem Maße zu verzeichnen, und seine Sonne bescheint
oft auch die zu leicht Befundenen unter den Geprüften.

Dem Wirtschaftsführer stehen diese Auslesemittel meistens nicht
zur Verfügung, er ist auch im allgemeinen kein Freund prüfungsmäßiger
Befähigungsnachweise, weil er sich naturgemäß mehr auf die tatsäch-
liche Leistung verläßt, Er hat keine großen Titel und dergleichen zu
vergeben, sondern er muß die produktive Tat in allen Stufen nach
ihrem Seltenheitswert so gerecht als möglich abschätzen und die ent-
sprechende Gegenleistung dafür geben. Das hat in allen Kulturstaaten
zur Folge, daß die volkswirtschaftlich tüchtige oder gar hervorragende
Kraft in materieller Beziehung größere Aussichten hat als der durch
Ruhegehalt gesicherte, gleichmäßiger und ruhiger seine Aufgaben er-
füllende Staatsbeamte, Indem sich ferner die Bezahlung nach der Lei-
stung richtet, findet ständig eine natürliche Auslese statt, welche die
Unfähigen weit zuverlässiger ausscheidet und selbständige, organisa-
torisch oder sonst praktisch begabte Menschen sicherer an die Spitze
bringt als eine mehr oder minder schematische Prüfung.

Werden ähnliche Grundsätze als einigermaßen für die Praxis des
Wirtschaftslebens zutreffend und auch als richtig anerkannt, so fragt
es sich, ob der deutsche Wirtschaftsführer nicht noch manches von den
ausländischen, besonders amerikanischen, Methoden absehen könnte,
insbesondere hinsichtlich der Einstellung der Leiter zu den am Werke
Mitschaffenden, Zweifellos sind wir in Vorkriegsdeutschland in sozialer
Beziehung, an Fürsorge für Kranke, Schwache, Alte am weitesten vor-
geschritten gewesen, und doch mußte der ohne Scheuklappen das Aus-
land besuchende Unternehmer oft interessante Beobachtungen machen,
aus denen zu lernen wir nicht vergessen sollten. Der moderne
amerikanische Führer verstand es schon vor dem Kriege, und er hat
hierin infolge der Entwicklung der letzten zehn Jahre allem Anschein
nach noch erhebliche Fortschritte gemacht, das Interesse nicht nur
seiner ersten, sondern seiner Mitarbeiter überhaupt in hervorragendem
Maße zu wecken und dauernd lebendig zu halten. Er wendet hierzu
nicht nur die Beteiligung mit Gewinnanteilen, Produktionsprämien,
        <pb n="198" />
        170 Richard Müller:

Kleinaktien an, sondern er hat erkannt, daß mit dem in manchen Be-
trieben nach guter alter Methode üblichen Unteroffizierston keine
freudige Mitarbeit erzielt wird, sondern daß jedem nach seiner Stellung
und seinem geistigen Vermögen das Gefühl und die Überzeugung ein-
geimpft werden muß: Hier schaffst du nicht für jemand anders, sondern
hier gilt es dem eigenen Vorwärtskommen, du fällst und stehst mit dem
Gedeihen dieses Werkes, das in diesem Sinn auch dein Werk ist.

Hier liegt eine ganz große Aufgabe für den modernen deutschen
Wirtschaftsführer, der vorbildliche Leistungen erreichen will. Dem
deutschen Charakter liegt im allgemeinen gerade die Mitwirkung an der
Minderung der sozialen Spannung weit mehr als den nüchterner ein-
gestellten Wirtschaftsvölkern von Belang. Freilich, mancher Unter-
nehmer hat an der Betätigung in dieser Richtung seit 1918 die Freude
verloren, weil er beobachten mußte, daß die maßlose Hetze gegen In-
haber und Leiter von Betrieben, ja gegen die Industrie- und Handels-
arbeit überhaupt jeden Versuch, neue Wege zur Belebung der Arbeits-
freudigkeit zu gehen, durch das ihm entgegengebrachte Mißtrauen im
Keime erstickte. Umgittert von Tarifparagraphen, zermürbt in fast
täglichen Sitzungen in Lohnfragen, gejagt von der rasend gewordenen
Papiermark, umlagert von Hunderten von Gesetzen und Verordnungen,
durch die selbst die rettenden Syndici nicht mehr hindurchfanden,
glich der so viel Beneidete mehr einem angeschossenen Wild im
überall geschlossenen Gatter als einem seiner großen Verantwortung
bewußten und ruhiger Sammlung zur Tat über den Tag hinaus fähigen
Führer,

Zweifellos haben unter diesen seit 1919 sich immer mehr ver-
schärfenden Zuständen nicht nur der Wohlstand des deutschen Volkes,
die einzelnen Betriebe und die Konkurrenzfähigkeit Deutschlands emp-
findlich gelitten, sondern in ganz besonderem Maße auch alle sozialen,
hygienischen, betriebstechnisch verbessernden Maßnahmen. Nachdem
die Ordnung im Geld- und Geschäftsleben allmählich wieder sich ein-
stellt, wird der vorausschauende Unternehmer, soweit es die noch für
längere Zeit in unserm Vaterlande vorherrschende Kapitalarmut über-
haupt gestattet, sich auch mit den oben angedeuteten Aufgaben wieder
eingehender befassen müssen. Er wird ernstlich zu prüfen haben, ob
innerhalb eines im Verhältnis zu den Großstaaten der anglikanischen
Völker kleinen, unter schwerem Druck seufzenden Reiches der Anteil
des Arbeitslohnes an der gesamten Volksleistung der Steigerung fähig
ist und ob z.B. die Methoden Amerikas: rücksichtsloser Hochschutz-
zoll, Steigerung der Löhne, Schaffung ohne ersteren nicht konkurrenz-
fähiger Industrien, Großproduktion und Arbeitsteilung bis zu einem
tausendmal täglich wiederholten Handgriff des einzelnen, bei uns zu
        <pb n="199" />
        Die wirtschaftliche Führerpersönlichkeit, 17 1
diesem Zweck anwendbar erscheinen, oder ob nicht andere Wege für
uns Deutsche die richtigeren sind, Wenn man das Für und Wider sorg-
fältig abwägt und unseren Entwicklungs- und Bildungsstand genügend
berücksichtigt, so wird man wohl zu der Überzeugung gelangen müssen,
daß in der Herausschleuderung von Millionen Stück Massenware die
Amerikaner schon wegen ihres gewaltigen Geld- und KRohstoff-
vorsprunges in den meisten Gewerben uns schlagen werden und daß
höchstwahrscheinlich Erfolge auf dem Weltmarkt auf die Dauer nur
mit der besseren Qualität und geschmackvolleren Ausführung der deut-
schen Waren erzielt werden können.

Faßt man dieses Ziel ins Auge, so wird der Handarbeiter, der schon
nach einer halben Stunde Übung gemäß amerikanischem Muster seinen
reichlichen Lebensunterhalt verdienen kann, bei uns zu den Ausnahmen
gehören, und es wird die unausgesetzte Sorge der Führer in der Wirt-
schaft sein müssen, den Boden für Qualitätsleistungen auf jede nur
denkbare Weise vorzubereiten und zu ebnen. Daneben sind auch in
erster Linie die bereits erwähnten Maßnahmen erforderlich zur Wieder-
erweckung der alten deutschen Freude an der Arbeit, die uns hoch-
gebracht hat und die allein uns wieder vom Joch des Frondienstes und
aus der Armut befreien kann.

Das Leben ist so vielgestaltig, die Betriebe, der Menschenschlag,
die Charaktere und Begabungen der Wirtschaftsführer und ihrer Mit-
arbeiter sind so verschieden, daß es eine der individuellsten Aufgaben
bleiben wird, wie jeder einzelne dabei im Sinn der Gemeinsamkeit der
Arbeit zu wirken vermag, aber ständig vor Augen halten muß sich der
verantwortliche Leiter, daß das Wohl des schwergeprüften Vaterlandes
von seiner Einsicht und Tatkraft, von ruhiger, wohlmeinender Führung
der unter ihm Arbeitenden mit abhängt. Wir stehen noch auf vulka-
nischem Boden, heftige Strömungen politischer und wirtschaftlicher
Natur werden das Wirtschaftsleben nach wie vor beunruhigen; um so
mehr hat jeder einzelne innerhalb seiner Grenzpfähle die Pflicht, das
Staatsbewußtsein seinen Tagesaufgaben voranzustellen und nie zu ver-
gessen, daß Deutschland von uns fordert, daß wir Deutsche sind und
deutsche Menschen deutsche Eigenart auch dem Wirtschaftserzeugnis
und der Wirtschaftsführung ihren Stempel aufdrücken müssen.

Es ist keine glückliche Konstellation, daß gleichzeitig niemals so
dringend die Mitarbeit der Wirtschaftskenner im Staate und an seiner
Leitung notwendig war wie jetzt, und doch infolge des Rückganges der
Betriebskapitalien und damit des durchschnittlichen Standes der deut-
schen Betriebe die Möglichkeiten dazu so gering sind, denn die starken
Ziffern der Arbeitslosen verlangen neben allen anderen zwingenden
Gründen gebieterisch die Einsetzung jeder tüchtigen Kraft an der
        <pb n="200" />
        172 Richard Müller:

geeignetsten Stelle, um volle Arbeitsgelegenheit für unser Volk und da-
mit wieder eine ruhige wirtschaftliche Entwicklung zu gewährleisten.
Man darf sich also keiner Täuschung darüber hingeben, daß die Gewin-
nung von Köpfen der Wirtschaft für die politische Arbeit womöglich
noch größeren Schwierigkeiten begegnen wird, als es ohnehin schon bis-
her der Fall war — und doch bleibt die Mitwirkung solcher Männer
eine unbedingte Voraussetzung für den Wiederaufstieg, weil sich in den
letzten fünf Jahren erwiesen hat, daß der Einfluß der Wirtschaftskreise
eben zu gering war, Zwar hat man es von bestimmter Seite immer gern
so dargestellt, als machten einige große Herren die maßgebenden Ge-
setze, aber das ist eine Verdrehung der Tatsachen, und man kann
getrost behaupten, daß wir gewiß nicht so heruntergekommen wären,
wenn man beizeiten in der Steuer- und Finanzpolitik mehr auf die
wirklichen Kenner und Könner gehört hätte, statt unsinnige Dinge zu
tun, um der Menge zu gefallen, die nun so bitter mit all den vielen
leiden muß, die ihre Arbeit von Jahrzehnten und oft die von Genera-
tionen in Rauch aufgehen sahen.

Die Mitarbeit im Parlament von England kann uns als ein gutes
Beispiel dafür dienen, wie lebenswichtig für eine Nation von Bedeutung
richtige wirtschaftliche Maßnahmen und Gesetze sind, und für wie uner-
läßlich man dort gerade das Urteil der Praktiker des gewerblichen
Lebens in diesen Dingen hält.

Die großartige Wohlhabenheit des englischen Volkes ermöglicht
zweifellos vielen Unternehmern erheblich leichter, längere Zeit der täg-
lichen Arbeit fernzubleiben und sich den öffentlichen Interessen zu
widmen, als es bei uns, zumal in der jetzigen Lage, der Fall sein kann,
aber Opfer werden auch in dieser Beziehung von manchem Führer und
seinem Betriebe verlangt werden, und sie werden zugunsten des
Gesamtwohls gebracht werden müssen, wenn diese auch für die Allge-
meinheit schwerwiegenden Fragen nicht nur von Theoretikern gelöst
werden sollen, so überaus nötig und schätzenswert deren Hilfe auch
ist, Setzen wir einmal voraus, alle diese den neuzeitigen deutschen
Wirtschaftsführer bedrängenden und erfüllenden, ihn vorwärtstreiben-
den Aufgaben würden von denen ruhig durchdacht und zur Durch-,
führung gebracht, die noch die Schule des Friedens durchgemacht
haben, so ständen wir bald vor dem Zeitpunkt, wo eine jüngere Gene-
ration in die leitenden Stellen aufrückt, und auf diesem Nachwuchs be-
ruht auch in industrieller Beziehung das Wohl und Wehe des zukünf-
tigen, hoffentlich wieder größeren Deutschland, Die Ausbildung dieser
Jungen hat stark unter der Absperrung vom Auslande während der
Kriegsjahre gelitten, ferner durch das jahrelange Herausreißen aus der
Arbeit und die Verwilderung alles kaufmännischen Denkens während
        <pb n="201" />
        Die wirtschaftliche Führerpersönlichkeit. 173
der Inflation, Viele von ihnen werden noch durch eine verspätete, harte
Schule gehen müssen, wo nicht ein gutes Geschick ihnen Berater ge-
geben hat, die nicht zu alt und noch willensstark genug waren, die tolle
Zeit zu begreifen und zu meistern.

Die wichtige kaufmännische und technische Erziehung der Jungen,
die sich befähigt genug zeigen, zu führen, wird die Aufgabe der jetzt
Schaffenden sein. Mögen alle, die ein Lebenswerk und damit ein Stück
unserer Heimat zu verteidigen haben, eingedenk sein, daß die Grund-
sätze einer gesunden Überlieferung von unendlichem Wert sind und
daß sehr oft tüchtigste Leistungen erst aus einer Reihe von Geschlech-
tern gleicher Betätigung und Befähigung erwachsen, aber tragisch ist
es, wenn unfähige Enkel dereinst den Bau der Väter zerstören, weil sie
die Nerven- und Willenskraft nicht mehr besitzen, die, wie zu Beginn
dieser Zeilen angeführt, die Voraussetzung für den schweren wirtschaft-
lichen Kampf ums Dasein des einzelnen und der Nation sind. Gewiß
ist nichts von solchen Dingen ewig. Im Zeitlauf der Geschichte ist alles
nur von sehr begrenzter Dauer, aber eine der schwersten Verantwor-
tungen ist für den Führer die Frage des geeigneten Nachfolgers, seine
richtige Auswahl und Ausbildung. Die Jugend ist Deutschlands Hoff-
nung, ebnen wir den Fähigen rechtzeitig den Weg.

Wer führen kann, der führe!
        <pb n="202" />
        12.

Die menschlichen Kräfte in der Wirtschaft.
Von Professor Dr.-Ing. Adolf Friedrich, Karlsruhe,

In einer Zeit, in der sich das Wirtschaftsleben in scheinbar
ständigem Kampfzustande befindet, die sich auszeichnet durch ein
dauerndes Schwanken der Wirtschaftsbedingungen, durch Unstetigkeit
und Kopflosigkeit, erscheint es fast als selbstverständlich, daß ein
allgemeines Streben nach Organisation vorhanden ist. Diese Organi-
sation, die in dem ganzen Ablauf der Arbeit Klarheit schaffen, die in
unser Werktagswirken Harmonie hineintragen soll, ist es, welche die
Menschen augenblicklich mehr denn je bewegt. Unmöglich ist es, die
Probleme dieser Organisation und der Wirtschaft lösen zu wollen, ohne
stärkstes Eingehen auf die menschliche Arbeit, auf das Wesen und
Wirken des Menschen. Der Mensch trägt das Schaffen.
Durch menschliche Kraft hindurch geschieht alles, was wir an Arbeitstat
und Werteschaffung erblicken, Und dieses Wirken des Menschen ist
um so höher, je mehr er nach Harmonie strebt, je mehr Reibungslosig-
keit in seinem Innern wie in seiner gemeinsamen Arbeit vorhanden ist.
Wenn wir die Forderung möglichst hoher Reibungslosigkeit, möglichst
großer Harmonie als Grundlage jeden produktiven Schaffens an
die Spitze stellen, so müssen wir erkennen, daß in dem Zwiespalt
zwischen Mensch und Arbeit ein Grundübel vorliegt, das uns in jeder
Weise hindert, überhaupt Wirtschaft in wahrstem Sinne des Wortes
aufzubauen, Mensch und Arbeit zu vereinen, ist tat-
sächlich das Problem, das wir lösen müssen, wenn wir wirklich ein
Höherführen des einzelnen und der Gesamtheit ehrlich im Auge haben.
Wenn wirklich eine lebendige Wirtschaft aufgebaut werden soll, eine
Wirtschaft, die alle kraftvollen, lebendigen Quellen zusammenschließt,
dann kann sie sich nur gründen auf ein Eingehen auf das Leben in der
Arbeit, auf die natürlichen Wachstumsbedingungen zu höheren Zielen.
Lebendige Wirtschaft aber tut uns bitter not, wenn wirklich
von einem Aufstieg die Rede sein soll,

Wenn nun alle Wirtschaft von menschlicher Arbeit getragen ist —
und sie ist es tatsächlich —, so erscheint es notwendig, diese näher zu
        <pb n="203" />
        Die menschlichen Kräfte in der Wirtschaft. 175
betrachten, Wirtschaft trägt das Streben nach höchster Gütererzeugung
in sich, nach einer Gütererzeugung, welche an Güte und Zahl den
Ansprüchen der Gesamtheit gerecht wird. In dieser Gütererzeugung,
in welcher die Menschen den ausschlaggebenden Teil ausmachen, kommt
es an auf deren Kraft und Arbeitsfähigkeit, auf deren Harmonie und auf
die klare Arbeitsgestaltung, d. h, auf die gute Organisation, welche die
Arbeitsform beeinflußt. Alle drei Faktoren beruhen auf menschlichen
Eigenschaften, werden von Menschen gegeben, müssen berücksichtigt
werden, wenn wir wirklich höher bauen wollen.

Die Kräftigung des Menschen, die Ertüchtigung menschlicher
Eigenschaften, das Emporführen zu höheren Zielen steht an erster
Stelle, Hier aber nun muß betont werden, daß es nicht allein ankommt
auf die Arbeitsfähigkeit, die wir so oft in den Vordergrund geschoben
sehen, In einem Zeitalter, in dem technische Vollendung ausschlag-
gebend war, erschien es fast als selbstverständlich, daß Menschen-
ertüchtigung gleichbedeutend sein müßte mit Ertüchtigung zu be-
sonderen beruflichen Tätigkeiten. Aber nicht allein darauf kommt es
an, nicht allein darauf, daß jemand feilen, hämmern, richten, drehen,
hobeln kann, sondern darauf, daß er die innere Geradheit und Ziel-
strebigkeit besitzt, die wir als Charakter bezeichnen. Wenn ich hier
nun von Charakter spreche, so möchte ich darunter nicht das ver-
standen wissen, was man als starres Festhalten an überkommenen
Zielen bezeichnet. Wahrer Charakter ist innere Reinheit, ist Streben
nach innerer Vollendung, ganz unbeeinflußt durch das Werturteil
anderer Menschen, Das Spiegelbild aber des wahren Charakters, der
Seele, drückt sich in der ganzen inneren Harmonie aus. Darauf kommt
es an, daß jemand in sich harmonisch und — glücklich ist. Und diese
Harmonie soll nicht nur in der Arbeit vorhanden sein, sondern soll all-
gemein das Wesen des Menschen kennzeichnen. Das bedingt, daß auch
in der Familie diese Harmonie notwendig ist und daß, wenn jemand von
Menschenertüchtigung spricht, diese zuerst in einer harmonischen
Familie einsetzen muß.

Wie wir wissen, daß in den technischen Abläufen Reibungslosigkeit
die größte Produktivität gewährleistet, so wissen wir, daß allein har-
monische Gestaltung alles Denkens und Schaffens die höchste Stufe
der Vollendung erreichen läßt. Und dieses Harmoniegesetz durchzieht
alles, was wir wahrnehmen und erfassen können. In jeder, aber auch
jeder Beziehung besteht für uns die Aufgabe, das eine Ziel, die Reinheit,
die Vollendung und Harmonie frei zu machen und aus diesem Streben
heraus unsere ganze Arbeit, unser ganzes Schaffen zu gestalten. Und
wenn dieses Streben Grundlage ist für unsere äußere Arbeit, so muß
für uns selbst die Bedingung sein, in unserem eigenen Ich zur Reinheit
        <pb n="204" />
        176 Prof. Dr.-Ing. A, Friedrich:
und Vollendung zu streben. Wir müssen uns endlich einmal offen klar-
machen, daß ein anderes Lebensziel überhaupt nicht in Frage kommt.
Halten wir doch Umschau nach all dem, was die Menschen sich als
Lebensaufgabe setzen, halten wir Umschau nach der Vernichtung, die
diesen scheinbar äußerlichen Lebenszielen meistens widerfährt. Ver-
hehlen wir uns doch nicht, daß all das Abtun des Unendlichen, daß das
Überspringen der tiefinneren Selbstarbeit nichts weiter als eine Selbst-
flucht ist. Hier liegt der Kernpunkt alles wirtschaftlichen Verfalls.
Wenn ein großes Gefüge aufgebaut werden soll, müssen die einzelnen
Teile echt und wahr sein. Nur dann kann eine Wirtschaft erblühen,
wenn sie sich auf einem reinen Streben der Menschen aufbaut, Glauben
wir denn wirklich, durch das Jagen nach Profit, durch das Übervorteilen
des anderen, durch Rachegedanken, Haß und Gewalttätigkeit auch nur
einen Schritt vorwärtszukommen? Lehrt uns die Geschichte nicht
genugsam, daß auf diese Weise nur ganz kurze Blütezeiten hervor-
gebracht werden können, Blütezeiten, die einem trügerischen Gewinn
durch Raubbau auf dem Lande verzweifelt ähnlich sehen? Und hier
ist die große Scheidewand. Stellen wir alles auf materielle Dinge ein,
rechnet der Arbeitgeber und Wirtschaftler lediglich nach geldlichem
Gewinn, so braucht er sich nicht zu wundern, wenn seine Untergebenen
das gleiche tun und jede einzelne Handreichung berechnen. Er braucht
sich nicht zu wundern, wenn bei der Festsetzung des Akkordes immer
und immer wieder ein Zurückhalten der Arbeitskraft in Erscheinung
treten wird, da sich kein Mensch veranlaßt fühlt, die tatsächlich un-
geheueren Arbeitskräfte, die jeder in sich frei machen kann, materiellen
Menschen herzugeben. Mit materiellen Dingen dem Schaffenden einen
Anreiz zu geben, ist ein Unding, denn ein derartiges Betonen des
Materiellen führt den Schaffenden bergab und läßt ihn abweichen von
dem inneren Sinn und heiligen Zweck der Arbeit. Einen Anreiz zum
Schaffen kann nur das eigene innere Weiterkommen geben, nichts
anderes, Mit materiellen Dingen hat dies nichts gemein. Niemals
kann aus der Entwicklung einer materiellen,
noch so gut kombinierten Wirtschaft Seele ent-
wickelt werden, wohl aber hat seelische Stärke
und Streben nach innerer Vollendung auch die
Erringung der notwendigen materiellen Gewinne
im Gefolge. Und hier ist die Stelle, wo wir das Haus mit dem
Dache zu bauen angefangen hatten. Weil unsere Menschen fast aus-
nahmslos Materialisten geworden sind, weil der tiefinnere Glaube an
alles das, was übergeordnet ist, fehlt, deshalb ist vieles Schaffen
Stümperwerk und muß es so lange bleiben, bis wir unseren Weg wieder-
gefunden haben,
        <pb n="205" />
        Die menschlichen Kräfte in der Wirtschaft, 177

Nicht Wohltaten und prunkend prahlerische Fürsorge fordern wir,
sondern innere Versenkung zum mindestens der Führer, Vertiefung in
sich, um den wahren Weg zeigen zu können.

Das Streben zu Gott, zum Unendlichen, zum All oder wie wir es
nennen wollen, ist die Innenarbeit, ist die Arbeit schlechtweg, aus der
heraus alles andere Schaffen geboren wird. Alles im Allist Kraft,
und diese unendliche Kraft steht uns in dem Maße zur Verfügung, wie
wir selbst harmonisch und frei sind. Die Worte Erfinden und Ent-
decken treffen das Richtige, denn es ist für uns nichts möglich, was
nicht tatsächlich schon vorhanden ist. So muß unser Ziel sein: die
Freimachung der Kraft in uns und um uns, die Erschließung all der
Kraftquellen, die für unser Weiterstreben nützlich sind. Wenn wir die
Kraft nicht offenbaren können, wie wir es uns vorstellen, so ist dies
zurückzuführen auf Belastungen, die wir durch das, was wir Vererbung
nennen, durch Erziehung und Zivilisation erfahren haben. Für uns ist
von höchster Bedeutung, daß wir diese Belastungen unserer Kraft lösen,
daß wir den Menschen frei machen von all dem, was ihm an Schlacken
anhaftet, Wir wissen, daß auf Menschen, welche aus einer selbst-
belasteten Familie stammen, das Bewußtsein der Folgen oft einen ver-
heerenden Einfluß ausübt, ja geradezu zersetzend auf die Gesundheit
wirkt. Wir wissen, daß ein Mensch, dem in der Jugend seitens seiner
Eltern oder Lehrer Können oder sittlicher Ernst abgesprochen ist, die
schwersten Kämpfe auszufechten hat, um wieder ins Gleichgewicht zu
kommen, oft aber strauchelt und auf falsche Bahnen abgelenkt wird. Wir
wissen, daß wir in unserer Zivilisation, die keine Kultur ist, sehr oft
Menschen durch Maßnahmen belasten, welche sie an der Entwicklung
hindern, Durch die Belastung wird besonders das Minderwertigkeits-
gefühl des Menschen hervorgerufen, das überall dort hinderlich ist, wo
wirklich von einem Aufbau die Rede sein soll. Dieses Minderwertigkeits-
gefühl beruht darauf, daß der Mensch sich dem Schicksal gegenüber
nicht gewachsen glaubt, daß der Mensch in Arbeit und Schaffen sich
mitgezerrt fühlt von den Ereignissen. Und dieses Minderwertigkeits-
gefühl drückt sich aus in der Überhebung, in übergroßer Vorsicht und in
einem Versagen, das bis zu vollkommener Passivität übergeht. Wir
müssen uns klarmachen, daß nur derjenige Mensch sich überhebt, der in
der Wirklichkeit nicht mit Taten sprechen kann, daß nur derjenige sich
überhebt, welcher krampfhaft an einem Trugbild seines minderwertigen
Könnens festhalten muß. Und dieses Trugbild wird um so stärker und
heftiger verfochten, je mehr die Tätigkeit und die Auswirkung des
Menschen Schein ist. Die übergroße Vorsicht, die viele Menschen an
den Tag legen, ist eine andere Äußerung des Minderwertigkeitsgefühls,
ein Ängstlichsein, es könnte doch nicht ganz klappen, eine nicht ge-

Die deutsche Wirtschaft.
19
        <pb n="206" />
        178 Prof. Dr.-Ing. A, Friedrich:

nügende Sicherheit über die eigene Kraft. Und die weitere Stufe ist
dann das vollkommene Verzagen, das Hin- und Hergeworfenwerden im
Leben und in der Arbeit. Diese Menschen sind es, die den verhetzenden
Führern leicht zum Opfer fallen, weil die stets bewahrte Passivität ein
eigenes Denken und Handeln vollkommen ausschaltet. Wenn wirklich
ehrliche Kritik geübt werden soll an anderen Menschen, dann darf man
nicht an den äußeren Erscheinungen, welche ich eben kurz schilderte,
stehen bleiben, sondern muß tiefer gehen und den Grund der Belastung
aufdecken und beseitigen und wo es möglich ist, verhindern, Hier setzt
die große Arbeit der Erziehung ein, der Erziehung in Haus, Schule und
Beruf. Es erscheint selbstverständlich, daß jede Erziehung von Liebe
getragen sein muß, und da wir selbst täglich und stündlich in unserem
Zusammensein mit den anderen gestaltend wirken, muß es unser
Streben sein, nur positive Gedanken, Worte und Taten zu bilden, unsere
ganze Kraft dadurch frei zu machen, daß wir selbst vorwärtsstreben.
Wie wir in der Körperausbildung darauf hinausgehen, das rhythmische
Gefühl wieder frei zu machen, den Menschen von der Körperschwere
zu befreien und eine natürliche Harmonie der Bewegungen möglich zu
machen, so muß auch unser ganzes Schaffen in einer Bahn verlaufen,
die uns gestattet, auf uns und andere erlösend zu wirken.

Wenn nun die Innenarbeit des Menschen die Arbeit schlechtweg
bedeutet, so ist es notwendig, die Beziehungen zu all dem zu finden, was
wir als Werksarbeit, als alltägliches Schaffen vor uns haben, Jede
Innenarbeit bedingt ein Offenbarwerden, ein Zutagetreten der frei-
gemachten inneren Kraft, um sich selbst über den Fortschritt klar zu
werden, um selbst darüber Gründe zu empfangen, ob der eingeschlagene
Weg der richtige war, So ist die Äußerung der Kraft, die wir in der
Arbeit und in allem Schaffen erkennen, ein Beispiel des inneren Fort-
schritts, den der Mensch in seinem Streben zur Klarheit und Harmonie,
zur inneren Stärke erreicht hat. Die äußerliche Arbeit ist gewisser-
maßen die Probe aufs Exempel, die Kraftprobe, die jeder nötig hat,
um über sich selbst klar zu werden. Es ist unmöglich, daß jemand
dauernd in der Studierstube sitzt und das, was er in sich aufgenommen
hat, nicht durch neues Erarbeiten in irgendeiner Form anwendet, Es
ist unmöglich, stets nur innerlich zu arbeiten, ohne äußerlich die Kraft
zu offenbaren. Eins bedingt das andere, und hier liegt die große Be-
deutung der Arbeit, Nicht um der Arbeit willen arbeitet der Mensch,
sondern die Arbeit ist Ausfluß innerer Kraft, In welcher Form sich
die innere reine Kraft des Menschen offenbart, ist belanglos, Sie wird
sich aber in dem, was wir Arbeit nennen, um so höher ausgedrückt
finden, je reiner diese Arbeit wirklich gestaltet ist, je reiner die Ge-
danken der Führer in der Bewirtschaftung der Arbeit sind, Innenarbeit,
        <pb n="207" />
        Die menschlichen Kräfte in der Wirtschaft, 179
Streben zur Reinheit und Kraft ist das einzige Ziel unseres Menschen-
lebens, Unsere äußere Tätigkeit soll so gestaltet sein, daß wir in ihrer
Bewältigung auch wirklich wachsen, Das Kind, das mit irgendeinem
Spielzeug einen Gegenstand herstellt, wächst in der Vollendung des
hergestellten Gebildes und wird das nächstemal schon ein vollkomme-
neres Werk zustande bringen, Genau so ist es beim erwachsenen
Menschen, Der Mensch muß Schwierigkeiten finden, damit er sich
höherarbeitet, Er muß an den Hindernissen wachsen, um selbst stärker
zu werden, Aber hier gilt ein großes Gesetz, daß zu große Schwierig-
keiten den Menschen zum Verzagen, zu kleine Schwierigkeiten den
Menschen zur Oberflächlichkeit veranlassen. Und hier ist auch der
Fingerzeig gegeben, warum eine monotone Arbeit so oft als entseelt
bezeichnet wird. Der Mensch wächst nicht mehr in ihr, der Mensch
bewältigt die Arbeit, ohne irgendeine Schwierigkeit überwinden zu
müssen, es fehlt die Beziehung zwischen Arbeit und innerem Wachstum.
Arbeitsteilung und Automatisierung des Arbeitsvorgangs ist möglich
und gut, wenn die Gelegenheit und die Notwendigkeit dem Menschen
gegeben ist, die Arbeitsstellen mit eintöniger Beschäftigung zu
wechseln, sich dadurch stets wieder in neue Arbeitsbedingungen ein-
arbeiten zu müssen,

Bei der Beurteilung monotoner Tätigkeit ist ausschlaggebend, daß
nicht die Form der Arbeit die größte Bedeutung besitzt, sondern der
Geist, aus dem sie geboren und in dem sie verrichtet wird. Es ist nicht
gleichgültig, ob ein Arbeitgeber lediglich um Gelderwerb die Arbeit
monoton gestaltet oder in tiefer Erkenntnis, der Allgemeinheit in Not-
zeiten durch Schaffung lebenswichtiger Werte schnell helfen zu müssen,
zur Unterteilung der Arbeiten schreitet, nicht gleichgültig andererseits,
ob ein Arbeitnehmer sich als willenloses Arbeitsmittel fühlt oder das
Bewußtsein in sich birgt, Träger und Helfer der Gemeinschaft zu sein.
Nicht gleichgültig ist, mit welchen Augen die Arbeiten selbst betrachtet
werden, ob stumpfes Betrachten die Tätigkeit mechanisch, tot oder
klares Schauen sie voll lebendiger Kräfte erscheinen läßt. Denn nicht
immer ist eine für den flüchtigen Beschauer eintönige Tätigkeit es wirk-
lich, nicht immer mechanisch und entseelt, was dem Fremden, der nicht
das Leben in der betrachteten Arbeit kennt, so erscheinen mag. Nicht
der äußere geringe Umfang der Arbeitstätigkeit bedingt die Eintönig-
keit, denn sehr, sehr oft hat diese Beschränkung eine Vertiefung der
Arbeitsausführung, eine Steigerung der Güte und gewissenhaften
Arbeitserledigung zur Folge, die keinesfalls als schädlich anzusprechen
sind,

Weil in dem Empfinden eintöniger Tätigkeit durch den Arbeiter die
seelischen Einflüsse die größte Rolle spielen, ist es schwer möglich, eine
192*
        <pb n="208" />
        180 Prof, Dr.-Ing. A, Friedrich:
Grenze zu ziehen zwischen lebendiger und entseelter Tätigkeit, solange
wir nur die Form der Arbeit im Auge haben.

Tätigkeit, ohne Liebe gegeben, Tätigkeit, ohne Hingabe vollendet,
wird stets den Fluch der Eintönigkeit tragen. Gemeinschaftsarbeit —
und jede Werkstätigkeit ist es — soll ein höherer Geist tragen als
materielle Wirtschaftlichkeit, Nicht die materiellen Gewinne, nicht Er-
zeugung und Anhäufung von Gütern bauen Menschheit, Volk und
Familie auf, sondern die seelischen Kräfte sind es, die allein höher-
führen, Nur von diesem Gesichtspunkte aus kann die Frage der
Arbeitsgestaltung geklärt werden. Ist in dem Arbeitgeber das Bewußt-
sein wach, Helfer und Führer zu sein, dann wird auch die Arbeits-
teilung in der Gemeinschaftsarbeit seines Werkes Zweck und lebendigen
Sinn besitzen, dann wird er vermögen, seinen Untergebenen die Arbeit
durch Vertiefung und öfteren Wechsel lebendig zu machen, Wie in
allen Dingen unseres Werklebens, brauchen wir auch hier ein viel
stärkeres, positives und hingebendes Einsetzen des Führers,

Wenn von Arbeitsteilung die Rede ist, muß besonders beachtet
werden, daß hierbei nicht eine Entseelung des Arbeitsvorganges der
Zweck ist, sondern daß die Notwendigkeit besteht, in den zum Teil sehr
komplizierten Arbeitsabläufen eine sachliche Gerechtigkeit walten zu
lassen. Es ist nicht gleichgültig, ob eine Fehlarbeit auf einem Versehen
des Arbeiters, des Vorarbeiters oder Meisters, auf der Minderwertigkeit
des Rohmaterials oder auf falschen Arbeitsmethoden beruht, es ist not-
wendig, um Unproduktivität zu vermeiden, die Gründe festzustellen, um
einen möglichst reibungslosen Ablauf zu erreichen, Alles aber, was
Reibungslosigkeit bezweckt, ordnet sich dem Gesetz der Harmonie ein,
das dem ganzen menschlichen Schaffen Grundlage sein sollte. Infolge-
dessen müssen wir, wenn wir nur diejenigen Bestrebungen Taylors und
anderer Organisatoren, die Harmonie und Reibungslosigkeit bezwecken,
herausgreifen, unbedingt zugeben, daß auch hier Wege gegeben sind, um
zu einer besseren Klarheit und zielsicheren Betriebsführung zu gelangen.
Wovor wir uns hüten müssen, ist eine Entseelung des Arbeitsvorganges
dadurch, daß wir es bei der Analyse bewenden lassen, ohne die Ergeb-
nisse nun wieder mit menschlicher Initiative und menschlichem Helfen-
wollen anzuwenden,

Von innen heraus muß die Kraft entwickelt
werden, nicht von außen. Werksarbeit zu gestalten und durch
sogenanntes Pflichtgefühl und Strenge die Menschen zu einem Zu-
sammenschluß bringen zu wollen, ist ebenso töricht, als wenn der
Gärtner lediglich den Wachstumsbedingungen der schon blühenden
Pflanzen Rechnung tragen würde und das Säen und Keimen nicht
beachtete. Unsere äußere Arbeit aber ist unbedingte Notwendigkeit,
        <pb n="209" />
        Die menschlichen Kräfte in der Wirtschaft, 181
da wir ohne sie sehr leicht den Mut zu uns selbst verlieren. Ein Mensch,
der nie sein Wissen, nie seine Kraft anwenden kann, wird leicht in die
Versuchung geführt, an diese nicht mehr zu glauben und in sich das
Minderwertigkeitsgefühl aufzunehmen, das ich eingangs schilderte. Ein
gesundes Selbstvertrauen auf die Kraft, die wir umschließen, ist not-
wendig, soll wirklich ein Höherführen in zielbewußter Weise erfolgen.
Die Aufgabe der Arbeitgeber ist nicht nur, die kaufmännische Seite des
Unternehmens zu regeln oder die technische Organisation zu gestalten,
sondern auch insbesondere, Führer zu sein. Hier sehe ich eine ganz
besondere und hervorragende Bedeutung der Arbeitgeberschaft. Die
Arbeitslosenfrage ist nicht dadurch zu erledigen, daß Unterstützungen
gezahlt werden, denn durch Unterstützungen und Wohltaten wird keine
Kraft erzeugt. Was wir brauchen, ist Arbeit, ist Auswirkung der Kraft
des Menschen, damit diese nicht in falscher Richtung gegeneinander
angewendet wird. Die ungeheuren Kräfte, die wir in den Arbeitslosen-
heeren zur Verfügung haben, müssen in produktiver Form angewandt
werden, in Gütern, mit denen wir noch nicht übersättigt sind, Woh-
nungen und dergleichen,

Unser Schaffen ist in die verschiedensten Berufe unterteilt. Zu
einem Berufe weist diejenige Seite unseres Wesens hin, die am freiesten
ist, in deren Richtung die Auswirkung unserer Kraft am leichtesten
möglich ist. Wenn nun aber die Vollendung unseres Ichs an die Spitze
all unseres Schaffens gestellt werden soll, dann ist es eine Selbst-
verständlichkeit, daß dieser Berufskreis erweitert wird und daß wir in
ihm zu größerer Vollendung höherwachsen. Beweglichkeit und An-
passungsfähigkeit tut not, um wirklich höchste Kraft zur Auswirkung
zu bringen.

Bei den Prüfungen der Fähigkeiten, den Fähigkeitsfeststellungen, ist
zu berücksichtigen, daß das menschliche Wesen in höchstem Maße ent-
wicklungsfähig ist und daß es niemals die Aufgabe sein kann, auf Grund
augenblicklicher Feststellungen einen Menschen in einen bestimmten
Beruf zu zwingen. Gerade weil der Mensch in der Arbeit wachsen
soll, muß bei den Fähigkeitsfeststellungen höchstes Gewicht auf die
kommende Ausbildung gelegt werden, und es darf infolgedessen eine
solche Vermittlung niemals dazu benutzt werden, eine end gültige
Rangreihe aufzustellen. Eine Eignungsprüfung ist von höchstem Werte
dort, wo der Betreffende unmittelbar in seine Tätigkeit gestellt werden
soll. Auch hier indessen muß betont werden, daß der größte Prozentsatz
der Geprüften zu den noch Ausbildungsfähigen gehörte, denen noch diese
oder eine andere Eigenschaft fehlt, welche noch zu ergänzen ist. Um
über die notwendigen Eigenschaften in einem Berufe Klarheit zu
schaffen, wurden die Berufsanalysen aufgestellt, die die Arbeitsvorgänge
        <pb n="210" />
        182 Prof, Dr.-Ing. A, Friedrich:

in die verschiedensten Untertätigkeiten unterteilen und die hierzu not-
wendigen Fähigkeiten aufweisen. Diese Fähigkeiten werden in der
ersten Prüfung (Einstellungsprüfung oder Fähigkeitsfeststellung) er-
mittelt und in der Fähigkeitsschulung, der die Fertigkeitsschulung folgt,
ergänzt, Von Fähigkeitsschulung, die seit den letzten Jahren in dem
Verkehrswesen und in der Industrie eingeführt wird, muß überall dort
gesprochen werden, wo nicht die ganze Fertigkeit sofort übermittelt
wird, sondern zunächst die grundlegenden Fähigkeiten, wie Farb-
schätzen für das zu beobachtende glühende Material, Schlagwahl bei
dem Schmied, Höhenschätzung bei dem Kranführer und dergleichen, ein-
geschult werden. Die Fähigkeitsschulung, welche an anderer Stelle
schon ausführlich behandelt wurde, hat das Ergebnis, daß einerseits die
Berufstätigkeit viel stärker und organischer den Menschen übermittelt
wird und eine bessere, leichtere und schnellere Arbeitsleistung die
Folge ist (Zufriedenheit und Leistung), daß andererseits die Anlernzeit
auf die Hälfte bis ein Drittel der bisherigen verringert wird und alles
in allem eine weitaus stärkere Erschließung menschlicher Kraft erfolgt.

Im allgemeinen muß gesagt werden, daß auf Grund der Erfahrungen
die Übungsfähigkeit und Ausbildungsmöglichkeit viel, viel größer ist,
als im allgemeinen angenommen wird,

Die Erziehung zu den Berufen bedingt das Berücksichtigen des
Führens und Leitens, Was eingangs über Harmonie gesagt wurde,
was über das Bewußtsein innerer Stärke erwähnt wurde, verdient
höchste Anwendung auf das Führertum, Niemals darf ein wahrer
Führer von materiellen Gesichtspunkten ausgehen, weil ihm dadurch
die Entwicklung seelischer Kräfte unmöglich gemacht wird,

Viel höhere Anforderungen als bisher müssen wir heute an die
Person des Führers stellen. Wir dürfen nicht erwarten, daß von der
Menge die großen Gedanken der helfenden Tat in unser Arbeitsleben
hineingetragen werden können, Wenn wir Hingabe des einzelnen
Menschen im Arbeitsleben und im Schaffen hervorrufen wollen, dann
ist erstes Erfordernis die Hingabe der Führer zu dem höchsten Ziel,
das ein Mensch überhaupt haben kann, zur Vollkommenheit. Hier aber
ist Grundbedingung, daß der Führer sich selbst über sein Ziel klar ist,
daß er selbst Reinheit und Klarheit in sich trägt. Nicht auf berufliches
Können allein kommt es bei den Führern an, sondern insbesondere auf
eine strahlende und hinreißende Persönlichkeit, die die Kräfte und
Herzen aller Mitarbeiter im Bann hält. Erst dann, wenn unsere
Erziehung eine Führererziehung ist, erst dann, wenn wir in jedem Vor-
arbeiter, in jedem, der andere unter sich hat, den Führergedanken ent-
wickeln und insbesondere auch in dem, der einzeln steht, das Führen
        <pb n="211" />
        Die menschlichen Kräfte in der Wirtschaft, 183
seines eigenen Ichs wachrufen, erst dann können wir von einem selb-
ständigen Volk sprechen, Das wahre Führen liegt abseits des
Materiellen, das wahre Führen ist rein geistig und gibt sich immer
wieder von neuem in ständigem Helfen, Wie in früheren Zeiten sollte
es Aufgabe der Führer sein, sich vor allen Dingen mit dem Wesen der
höchsten Kraft zu beschäftigen und tiefer und reiner zu sehen als die-
jenigen, die sich ihnen anvertraut haben. Äußere Machtfaktoren sind
lediglich Hilfsmittel, sind lediglich Sinnbilder, ohne Einfluß auf die einer
Persönlichkeit wirklich innewohnende Kraft,

Bei dem Arbeiten selbst kommt es insbesondere darauf an, das
Selbstbewußtsein in der Behandlung der Materie zu stählen, dem
Menschen dauernd den Begriff zu stärken, daß er über dem Stofflichen
steht. Hier spielt insbesondere auch die Arbeitsgestaltung eine große
Rolle, Während auf der einen Seite in handwerklicher Betätigung des
Menschen Wesen ganz in die Arbeit überfließt, ist oft in den Halb-
automaten die Gegensätzlichkeit zwischen Mensch und Maschine vor-
handen, Es ist ein Unding, in maschinellen Getrieben einen Menschen
als Zwischenglied einzuschalten, denn Rhythmus und Takt läßt sich
niemals zusammensperren, Entweder es werden hier Zwischen-
vorrichtungen geschaffen, Schubvorrichtungen und dergleichen, welche
dem Menschen freies rhythmisches Schaffen möglich machen, oder die
Maschine wird ganzautomatisch gestaltet, um so den Menschen wieder
als Beherrscher in Tätigkeit treten zu lassen. Wir dürfen nicht ver-
kennen, daß die Mehrzahl unserer Maschinen nur halbfertig sind und
daß in der Anpassung der Werkzeuge und Maschinen an lebendiges
menschliches Wesen eigentlich erst die hohe Konstrukteurtätigkeit
einsetzt,

Wenn in dem Vorhergehenden besonders die Gütererzeugung in
den Vordergrund gerückt war, erscheint es notwendig, auch kurz den
Handel zu erwähnen, Auch hier gilt es, in allem, aber auch in allem
Schaffen die ethische Richtlinie einzuhalten und den Handel als Ver-
mittler der Werte zu betrachten, welche der Mensch notwendig hat,
Nicht ist die Aufgabe des Handels, einzelne Wirtschaftsgebilde künstlich
zu erhalten und durch Suggestion und Reklame den Menschen Waren
aufzuschwatzen, welche sie in Wirklichkeit nicht brauchen, sondern
auf möglichst große Güte und Echtheit hinzuzielen und ein Gleich-
gewicht nicht durch Rotation, sondern durch Anpassung an die wahren
Lebensbedingungen zu erreichen. Natürlichkeit und Reinheit tut dem
Handel vielleicht noch mehr als der Gütererzeugung not. Auch hier
gilt, daß die Seele, der Geist ausschlaggebend für das Handeln und für
den ganzen Erfolg ist, daß der Wert des Schaffens nur getragen wird von
dem Eingehen auf das Lebendige.
        <pb n="212" />
        184 Prof, Dr.-Ing. A. Friedrich:

Grundlage jeder Wirtschaft ist die Arbeit des Menschen, Bedingung
dieser wieder die Innenarbeit. Ausbildung zum Führen und Leiten ist
Grunderfordernis, bewegliche Anpassung in Schule und Beruf not-
wendig, um höchste Kraft frei zu machen. Wir brauchen seelische
Führung, die nicht Dogma ist, wir brauchen seelische Führung, die
eingeht auf das Leben und nicht nur materiell denkt. Immer und immer
wieder haben wir versucht, vom materiellen Gesichtspunkt aus das
Arbeitsproblem zu klären, Es ist uns nicht gelungen. Ebensowenig
wird es einem Kommunismus gelingen, mit materialistischen Mitteln
einen Idealismus, der nichts mit dem Weltengeist gemein haben soll, auf-
zubauen, Wir brauchen Klarheit in der Organisation, ich möchte fast
sagen, eine eisige Klarheit, die in ihrer Reinheit alles beseitigt, was
naturwidrig und erkünstelt ist. Wir brauchen Freimachung von allem
Ballast, der uns in den Vorurteilen materieller Auffassung überkommen
ist, Freimachung zur Offenbarung höchster Kräfte, deren wir tatsächlich
teilhaftig sein können, Solange der Mensch in der Arbeit noch nicht
die Kräfte zeigt, die er in der Begeisterung zutage treten läßt, so lange
ist noch ein grundsätzlicher Fehler in der Organisation vorhanden,

Arbeit ist das Spiegelbild des Menschen, Arbeit und Menschen
bestimmen die Wirtschaft, also in allem der Mensch, Die Wirtschaft
soll nicht den Menschen einreihen in erkünstelte Ziele, in eitle Kom-
binationen, sondern soll sich beugen vor dem ungeheuren Leben, das
durch die Menschen hindurchfließt. Entweder wir denken materialistisch,
und dann ist die Folgerung Chaos und Vernichtung, oder wir stellen die
Seele über alles und machen aus den Menschen das, was er sein soll,
das Ebenbild Gottes. Eine Unmöglichkeit ist es für uns, den Fragen
des Seelischen immer wieder ausweichen zu wollen, eine Unmöglich-
keit deshalb, weil wir darunter als Volk ständig leiden. Derjenige, der
falsch handelt, bleibt krank, derjenige, der wirtschaftlich falsch denkt,
bleibt wirtschaftlich schwach, Einem blutkranken Menschen hilft keine
äußerliche Behandlung des Ausschlages, einem irreligiösen Volk keine
äußerlich noch so starke Organisation,

Was wir brauchen ist Kraft, Kraft in höchstem Ausmaße, Aber
zur Krafterschließung brauchen wir das, was wir Glauben nennen,
Glauben an uns, Glauben an die Macht, die höher ist als wir, an das
Unendliche, Erst dann, wenn wir den Blick zu einem Begriff der
Allmacht, Liebe und Harmonie gerichtet haben, der alles formt und
schafft, was wertvoll ist, erst wenn wir diesen Begriff der Liebe leben,
erst dann können wir wieder sagen, auf dem richtigen Wege zu sein.
Dann wird Wirtschaft natürlich und klar werden, dann wird Wirtschaft
das werden, was sie sein soll, ein Zusammenschluß und ein Ausgleich
der auswirkenden Kräfte in der Arbeit,
        <pb n="213" />
        Die menschlichen Kräfte in der Wirtschaft, 185
Allen praktischen Erfolgen, allen großen Taten liegt ein höheres,
inneres Streben zugrunde, Gute Methoden und praktische An-
wendungen sind Offenbarungen kraftvoller Zielstrebigkeit. Weil diese
der Quell menschlicher Kräfte in der Wirtschaft ist, mußten die Aus-
führungen das geistige Streben als ausschlaggebend betonen, denn nur
auf Geradheit und Charakter bauen sich große wirtschaftliche Taten
auf, die lebendig weiterwachsen und Bestand besitzen.
        <pb n="214" />
        13.

Wirtschaftliche Betriebsmethoden,
Von Professor Dr. Otto Goebel, Hannover.

Wirtschaftliche Betriebsmethoden anwenden heißt nicht nur den
inneren Geschäftsgang eines einzelnen Unternehmens nach solchen
durchführen, sondern auch das Unternehmen richtig in den Rahmen der
Branche, der ganzen Volkswirtschaft und der Weltwirtschaft ein-
gliedern. An den letzteren Aufgaben sind Staat, öffentlich-rechtliche
und private Wirtschaftsverbände weitgehend mitbeteiligt. Die Einfluß-
nahmen dieser Stellen sind teils einschränkend, teils fördernd.
Man denke z. B., außer an die weiter hinten zu erörternde Handels-
politik, an die Gewerbeaufsicht, an die Tätigkeit der Revisions-
ingenieure der Unfallberufsgenossenschaften und Dampfkesselüber-
wachungsvereine, an die gemeinsamen Bestrebungen des Staates mit
großen Verbänden im Ausschuß für wirtschaftliche Fertigung und an
die Hilfen, die den einzelnen Unternehmen aus der umfassenden Tätig-
keit der Handelskammern erwachsen können, Es gilt, sich die Er-
fahrung und den Einfluß dieser Stellen mit Geschick und durch ver-
trauensvolles Zusammenarbeiten möglichst nutzbar zu machen, Die
einzelnen Unternehmungen versäumen zu ihrem Schaden oft, sich diese
Möglichkeit der Zusammenarbeit in positivem Sinne zu sichern, mit
ihrer Hilfe die volks- und weltwirtschaftlichen Zusammenhänge dauernd
zu prüfen und sich ihnen unter Veränderung des Herstellungs- und
Leistungsprogramms anzupassen, Aus dieser Versäumnis der Nach-
prüfung der allgemeinen Lage der wirtschaftlichen und technischen
Weiterentwicklung entstehen leicht unerwartete Rückschläge, In den
Konjunkturschwankungen liegt ja das größte Kreuz aller geschäftlichen
Betätigung, Das rechtzeitige Erkennen von Konjunkturen ist vom ein-
zelnen Unternehmen aus so gut wie unmöglich, Immer wieder muß sich
der einzelne vor Augen halten, daß das Wirtschaftsleben im Zusammen-
hang mit zahlreichen, oft scheinbar ganz wirtschaftsifremden Einflüssen
wächst, abnimmt, erkrankt, gesundet. Neben langwelligen Entwick-
lungen nach oben und unten laufen die auf ganz anderen Ursachen-
reihen beruhenden kurzwelligen Krisen und Haussen. Letzten Endes
ist jedes Unternehmen mit vielen vorher gar nicht zutage liegenden
        <pb n="215" />
        Wirtschaftliche Betriebsmethoden, 187
Fäden mit dem Gesamtgang der Volks- und Weltwirtschaft verknüpftt.
Dieses ganze Gebiet der Konjunkturdiagnose und die richtige Schutz-
politik gegen die Konjunktureinflüsse sind in erster Linie entscheidend
für das dauernde Gedeihen einer Unternehmung.

Ganz den einzelnen Unternehmungen überlassen pflegte bisher die
Anwendung wirtschaftlicher Betriebsmethoden in der Durchführung des
Geschäftsganges, also die Betriebsführung im engeren Sinn, zu sein;
immerhin sind mit der Ausdehnung der Sozialpolitik und mit den zu-
nehmenden, wenn auch meist nur beratenden, Eingriffen von Verbänden
in Kalkulation und Betriebsführung auch auf diesem Gebiet zunehmende
Beeinflussungen von außen her festzustellen.

Jeder größere Unternehmer, die Leitung der Verbände und die
mit Wirtschaftsfragen befaßten Stellen der Staatsverwaltung haben also
gemeinsam an der Durchdenkung und Durchführung wirtschaftlicher Be-
triebsmethoden zu arbeiten, schon deshalb, weil es auf die Dauer keinen
blühenden Staat ohne blühende Einzelzellen des Wirtschaftslebens gibt
und ebensowenig auf die Dauer blühende Einzelzellen ohne Gesundheit
des Staates, Im Rahmen der wirtschaftspolitischen Gesamtlage muß der
einzelne Unternehmer sein Leistungsprogramm, sein Finanzprogramm,
seine Verbandspolitik und die Durchführung der Geschäftsabwicklung
durchdenken und organisieren,

Die Möglichkeit, überhaupt eine bestimmte Fabrikationstätigkeit
oder sonstige wirtschaftliche Leistung durchzuführen, hängt heute mehr
denn je von den von außen her aufgezwungenen Faktoren ab. Es
genügt heute nicht, irgendeine Ware in einem Betriebe wettbewerbs-
fähig herstellen zu können, sondern es fragt sich, ob die betreffende
Ware überhaupt hergestellt werden darf (Verbot der Herstellung von
Waffen, Munition, bestimmten Arten von Flugzeugen usw.), ob die Roh-
stoffe dazu erhältlich sind (Ausfuhrsperren in manchen Ländern), ob die
Waren in größeren Mengen absetzbar sein werden (Einfuhrerschwerung

im Ausland, mangelnde Kaufkraft im Inland) und ob nicht Verträge und
Verbände Beschränkung aufzwingen, Hinzu kommen die sozialen und
finanziellen Schwierigkeiten, Auch sie (Arbeitszeitvorschriften, Kredit-
möglichkeiten) sind heute mehr denn je von Staat und Ausland her
bestimmt. Insbesondere das Kreditnehmen, in dem wir weitgehend auf
das Ausland angewiesen sind, ist von einschneidender Bedeutung; kön-
nen doch manche an sich möglichen Geschäfte aus Mangel an Mitteln
nicht durchgeführt werden. Es muß aber vor einer Überschätzung der
Kredithilfe gewarnt werden, Kredit nehmen war in Zeiten der Aus-
dehnung der Wirtschaft, die durch Jahrzehnte bis zum Weltkriege
bei uns als Selbstverständlichkeit erschien, in der Tat ein Faktor
zum Aufstieg der Unternehmungen, denn bei der dauernden Ver-
        <pb n="216" />
        188 Prof. Dr. O. Goebel:

größerung der Unternehmungen und bei der auch vor dem Kriege vor-
handenen, wenn auch langsam voranschreitenden Geldentwertung, die
sich bei sonst gleichen Voraussetzungen als allgemeine Tendenz der
Preissteigerung äußerte, war die Rückzahlungslast in der Regel geringer
als der Nutzen der Kreditentnahme, Gerade das Umgekehrte findet
heute bei sinkenden Umsätzen und nach dem Aufhören der Geldent-
wertung statt, Sich möglichst ohne Kredit einrichten, muß das Ziel der
Wirtschaftsführung der einzelnen Betriebe sein.

Wer nicht alle diese Zusammenhänge in ihren gegenwärtigen wie
in ihren möglichen zukünftigen Einflüssen richtig abschätzt, setzt sich
in den heutigen schwierigen Zeiten der größten Gefahr aus, mag er noch
so gut die Methoden der inneren Betriebsführung beherrschen, Die
Volkswirtschaft als die der Privatwirtschaft übergeordnete Wirtschafts-
einheit muß danach streben, die Versorgung aller Volksgenossen mit
einer möglichst großen Menge notwendiger und wünschenswerter Güter
ohne zu starke subjektive Belastung des einzelnen mit Arbeit zu er-
reichen. Dem darf sich die Privatwirtschaft mit ihrem an sich berech-
tigten und notwendigen Verdienstprinzip nicht widersetzen. Die Leitung
der Volkswirtschaft hat das Recht und die Pflicht, insbesondere in
schweren Zeiten wie den unsrigen, unnötige wirtschaftliche Leistungen
mittelbar und unmittelbar zu bekämpfen. Derartige unnötige wirtschaft-
liche Leistungen sind: jede vermeidbare Leerlaufarbeit der Wirtschaft
(z. B. eine zu große Zahl von händlerischen Zwischeninstanzen), un-
nötige Transportleistungen, Herstellung von Kitsch, zu große Aus-
dehnung der Luxus- und Genußmittelindustrie, zu häufiger Wechsel der
Moden und dergleichen. Mit der staatlichen Notwendigkeit, durch
Kredit und Handelspolitik nach dieser Richtung zu wirken, haben die
Einzelwirtschaften zu rechnen und dürfen sich über die daraus ent-
stehenden Folgerungen für ihre Betriebe nicht täuschen, sondern müssen
unter Umständen ihr Fabrikationsprogramm danach revidieren. Alles
dagegen, was mit der Beschaffung notwendiger Güter in Landwirtschaft
und Gewerbe zusammenhängt, wird die Förderung des Staates im stei-
genden Maße finden müssen, Diese Gesichtspunkte würden noch viel
schärfer in Erscheinung treten, wenn wir in einem gegen außen abge-
schlossenen Staat lebten; das ist aber nicht der Fall. Große Mengen
von notwendigen Gütern erwerben wir durch Austausch auf dem
Weltmarkt. Bei diesem Austausch aber entscheidet zunächst nicht der
Gebrauchswert, sondern der Verkaufswert der Ausfuhrgüter auf dem
Weltmarkt. Man darf aber auch dabei die Qualität der Güter nicht
außer acht lassen, denn letzten Endes erhält man sich die dauernde
Verkaufsmöglichkeit auch hier nur durch den Gebrauchswert der
Güter.
        <pb n="217" />
        Wirtschaftliche Betriebsmethoden, 189
Allen diesen Entwicklungsrichtungen muß das Fabrikations-
programm angepaßt werden, vor allem auch der zunehmenden Er-
schwerung des Auslandabsatzes durch die Weiterentwicklung eigener
Industrien in den bisherigen Absatzländern und durch die für uns viel-
fach ungünstig gewordene Kalkulationsbasis. Sorgfältige Auswahl der
Fabrikation für das Ausland nach Art, Güte und Preisbildung, Aus-
bau derjenigen Fabrikationen für den inneren Markt, die lebenswichtige,
produktionsfördernde Beziehungen haben, möglichste Freimachung von
ausländischen Rohstoffen und möglichste Beschränkung auf die eigene
finanzielle Kraft sind einige der führenden Gesichtspunkte für die Auf-
stellung des Fabrikationsprogramms der einzelnen Unternehmungen.
Wichtig ist in dieser Richtung auch die Stellung der Unter-
nehmungen zum Zusammenschlußgedanken, Man sucht den steigenden
Rentabilitätsschwierigkeiten auf drei Wegen zu begegnen: entweder
man stellt sich ganz auf eigene Füße, erzwingt durch entsprechende
Preisnachlässe die Vollbeschäftigung seines Unternehmens und ver-
wendet die ganze Kraft darauf, die innere Geschäfts- und Betriebs-
führung so zu gestalten, daß man trotz der Preisunterbietung mit einem
Nutzen herauskommt. Daß zur Wahl dieses Weges eine von vornherein
starke Stellung gehört, ist klar. Auch ist es nicht, insbesondere nicht
bei der zurückgehenden Kaufkraft Deutschlands, auf jedem Gebiet mög-
lich, den zur entscheidenden Verbilligung der Fertigung notwendigen
Massenabsatz überhaupt zu erzielen, Es ist immer daran zu denken, daß
im Unterschied gegen früher die mengenmäßige Ausdehnung mancher
Fabrikationen heute enge Grenzen hat. Die zweite Möglichkeit ist, den
Weg des horizontalen Zusammenschlusses zu gehen. Man saugt die
Wettbewerber gleicher Stufe auf oder schließt sich mit ihnen in
Kartellen zusammen, um dem Markt so hohe Preise aufzwingen zu
können, daß man unabhängig von den Absatzmengen mit Gewinn
herauskommt. Diese Politik ist die in den letzten Jahrzehnten üblich
gewesene; ihr im ganzen vorhandener Erfolg war bedingt durch die
aufsteigende Entwicklung der deutschen Volkswirtschaft. Dieser Weg
erscheint aber heute weitgehend gefährdet, da es nicht mehr überall
möglich ist, dem Kartellgrundgedanken entsprechend alle Werke am
Leben zu erhalten, Der deshalb in neuester Zeit stark nach vorn
strebende dritte Weg ist der der Auslese durch Konzern- und Trust-
bildung. Man vereinigt den ganzen Fabrikations-, womöglich auch
Transport- und Absatzgang vom Rohstoff bis zur Lieferung des ver-
feinerten Enderzeugnisses an den letzten Kunden in einem einzigen
großen Unternehmen, dessen einzelnen Gliedern — den früher selb-
ständigen Werken — man ihre genaue Stellung im gesamten Fabrika-
tionsprogramm anweist, wodurch man die Kräfte ihrer Leiter von den
        <pb n="218" />
        190 Prof. Dr. O, Goebel:

kaufmännisch-finanziellen Aufgaben entlastet und für die intensive Aus-
gestaltung der inneren, technisch-kalkulatorischen Betriebsführung
frei macht. So richtig dieser Gedanke erscheint und so erfolgreich er
in einzelnen Fällen durchgeführt worden ist, auch er schließt zahlreiche
Schwierigkeiten und Gefahren ein. Man bindet sich an die nicht immer
geeignetsten bestimmten Rohstoffe und Halbfabrikate der Vorstufen,
und vor allem zehrt oft die ungeheure Schwerfälligkeit eines so großen
Apparats mit seinen inneren Reibungen, die Gefahr der Bürokratie als
Größenordnung, den Nutzen der Ausschaltung der Zwischengewinne,
den der Arbeitsteilung im großen und den der teilweisen Markt-
beherrschung wieder auf, Unsere Organisationskunst und Organisa-
tionswissenschaft sind diesen riesenhaften Aufgaben gegenüber noch
nicht genügend entwickelt, Aus diesem Grunde ist eine wichtige Unter-
nehmeraufgabe der Gegenwart, sich eindringlich mit der Organisations-
wissenschaft zu befassen, die allmählich aus ihren soziologisch - philo-
sophischen Ausgangsstadien immer mehr auch zu unmittelbar praktisch
brauchbaren Ergebnissen fortschreitet. In solchen Trustgebilden macht
insbesondere auch die Disziplinierung der heutigen Menschen Schwierig-
keiten. Wegen des Wettbewerbs mit andern Teiltrusts und der Not-
wendigkeit, eine große Zahl von Werken mit aufzunehmen, die man
später stillzusetzen gezwungen ist, ist auch die finanzielle Belastung
dieser Konzernbildungen nicht selten ein schweres Hindernis für ihre
gesunde Weiterentwicklung. Andererseits ist aber diese Ausschaltung
überflüssig gewordener Betriebe nicht nur nicht vermeidbar, sondern
sogar das erste Erfordernis für unsere wirtschaftliche Gesundung, denn
nur bei Vollbeschäftigung der bestehenbleibenden Betriebe können
wir wieder zu wettbewerbsfähiger Preisbildung gelangen, Eine zu weit-
gehende Konzentration der Unternehmungsgrößen erschwert endlich
die Heranbildung eines Führernachwuchses, denn wenn auch die
Führereigenschaften in großen Gebilden zum Teil andere sind wie in
kleinen, so ist doch frühzeitige selbständige Betätigung eine wichtige
Voraussetzung zur Ausbildung von wirklichen Führern, Auf Grund
aller dieser Zusammenhänge ist auch heute noch manches gutgeleitete
mittlere Unternehmen in der Vereinzelung am stärksten und in seinen
Anpassungsmöglichkeiten durchaus lebensfähig,

Auf diesem allgemeinen volkswirtschaftlichen und organisatorischen
Hintergrund gilt es für den Unternehmer, sich erfolgreich zu behaupten.
Zunächst die Wahl des Fabrikationsprogramms! Es gibt nach dieser
Richtung mehrere grundsätzlich verschiedene Einstellungen, wie sie sich
etwa in der Rolle spiegeln, die Deutschland einerseits, die Amerikaner
andererseits vor dem Weltkrieg auf dem Weltmarkt spielten. Die
deutsche Warenherstellung und -ausfuhr hatten zwei verschiedene
        <pb n="219" />
        Wirtschaftliche Betriebsmethoden. 191
Grundlagen, Deutschland, wenig auf eigenen Rohstoffen stehend,
zeichnete sich als typisches Veredelungsland dadurch aus, daß in seinen
Grenzen alle überhaupt denkbaren Waren aus allen nur denkbaren
Rohstoffen gefertigt wurden, Wer irgend in der Welt sonst seinen Be-
darf nicht decken konnte, wandte sich an Deutschland. Fand er die
betreffende Ware nicht vor, so fand er doch jeden Augenblick einen
Fabrikanten, der willig war, den individuellen Wunsch zu erfüllen,
Diese Vielseitigkeit und Anpassungsfähigkeit hat viel von unserem Ruf
in der Welt ausgemacht; in ihr fanden vor allem die Industrien geogra-
phisch ungünstig gelegener Gebiete Deutschlands ihre Existenzmöglich-
keit. Man darf aber nicht verkennen, daß in diesen Geschmacks- und
Modewaren viel Minderwertiges mit unterlief und daß der Absatz auf
diesen Gebieten starken Konjunkturschwankungen unterlag, Daneben
war Deutschland groß durch eine zweite Art individuell gerichteter An-
passung, Deutschland war das Land, in dem man die durchdachtesten,
wissenschaftlich einwandfreisten Gesamtanlagen (z. B. elektrische Sta-
tionen, ganze Werkseinrichtungen usw.) am wohlfeilsten erwerben
konnte, Ebenfalls auf wissenschaftlicher Grundlage war Deutschland
drittens fast monopolartiger Lieferant von großen Warengruppen, wie
z. B, vielen Erzeugnissen der chemischen und optischen Industrie. Die
Vereinigten Staaten dagegen führten auf dem Weltmarkt auf ganz
wenigen, aber umfangreichen Spezialgebieten, wo sie durch ihren Roh-
stoffvorsprung, ungeheuer gesteigerte, auf ihren breiten inneren Markt
gestützte Massenfabrikation und durch weitgehende Mechanisierung der
Herstellung eine überlegene Wettbewerbsfähigkeit erreichten, während
die übrige amerikanische Fabrikation vielfach noch große Rückständig-
keit zeigte, Die auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähigen Erzeugnisse
der amerikanischen Industrie lassen sich an den Fingern abzählen. Der
amerikanische Weg der Mechanisierung der Fabrikation hat sich im
Zusammenhang mit der teuren Arbeitskraft entwickelt, Die rechtlich-
psychologische Möglichkeit, Arbeiter für die mechanisierten, ermüdend
einförmigen Arbeitsleistungen zu finden, ist im Zuwanderungsland mit
seiner rücksichtslosen Menschenausbeute vorhanden. Der deutsche
Weg erforderte Beweglichkeit, auf vielen Gebieten wissenschaftliche
Schulung von Leitung und ausführender Arbeit und weitgehende persön-
liche Verbindung zwischen Lieferant und Kundschaft, wie sie durch das
damals bestehende Weltmonopol der Leipziger Messe, durch den Strom
deutscher Handlungsreisender, Agenten und Vertreter im Ausland her-
gestellt wurde, Der Vertrieb typisierter Waren, wie es die amerika-
nischen sind, gestaltet sich ganz andersartig., Handelt es sich um kon-
kurrenzlose Massenwaren (in der Art der amerikanischen Ernte-
maschinen z, B.), so trägt sich finanziell die größte Verkaufsorganisation.
        <pb n="220" />
        192 Prof. Dr. O. Goebel:

Viele typisierte Erzeugnisse lassen sich aber auch ohne eigene Ver-
kaufsorganisation durch Lieferung an Ausfuhr- und Einfuhrhäuser des
eigenen und fremder Länder oder durch Lieferung auf bloße Druck-
sachenreklame hin vertreiben. Die individuelle Leistung verknüpft zwar
fest mit einer bestimmten Abnehmerschaft, zwingt aber auch dazu, hohe
Kosten für Aufrechterhaltung dieser Verbindung aufzuwenden. Auch
hier muß unter Umständen ein großes Werk die ganze Welt mit einem
Netz eigener Entwurf- und Verkaufbüros überspannen, um diese
Fühlung dauernd zu erhalten, aber ohne daß sich jedes dieser Büros
durch seine Abschlüsse regelmäßig zu erhalten imstande wäre. Es ist
kein Geheimnis, daß die Lieferung der großen individuell gestalteten
Anlagen (z. B. ganzer elektrischer Zentralen und Werkseinrichtungen)
vor dem Weltkrieg oft unter den eigentlichen Selbstkosten, als Propa-
ganda oder zur Vollbeschäftigung der Werke, erfolgte und daß es das
„Kleinzeug‘, die mehr oder weniger typisierte Massenfabrikation war,
an der die betreffenden Werke verdienten, Zum Teil ging der man-
gelnde Verdienst bei den individuellen Leistungen auf gegenseitige
Unterbietung deutscher Unternehmungen zurück, selbst wenn ernsthaft
gar kein ausländischer Wettbewerb in Frage kam. Das ist ein organisa-
torischer Fehler. Die Verbandspolitik der deutschen Industrie in Be-
ziehung auf die Preisbildung hat sich bisher leider viel mehr auf dem
inneren Markt, wo der Preisdruck durch Wettbewerb erwünscht wäre,
ausgewirkt als auf den ausländischen Märkten. Der Zusammenschluß
zum Auslandsgeschäft findet zumeist nur psychologische und keine tat-
sächlichen Hemmungen. Eine vertiefte Durchdenkung der ungeheuren
Belastung durch die geschilderten Unterbietungen und durch die Pro-
pagandakosten im Auslandsgeschäft fehlt überhaupt noch weitgehend.
Es ist nicht zu verkennen, daß ein guter Teil der Propaganda sowohl im
Inland wie im Ausland mehr als Repräsentation aufgefaßt und wenig
nach seiner Wirksamkeit kontrolliert wurde. Es muß heute gefordert
werden, daß sich jeder Unternehmer über jeden Schritt auf diesem Ge-
biet nach Kosten und Wirkung klar zu werden versucht. Wie für das
Erkennen von Konjunkturen, so kann auch auf diesem Gebiet die wich-
tige, aber noch wenig systematisch genutzte Handelsberichterstattung
über das Ausland herangezogen werden. Bekanntlich arbeiten auf
diesem Gebiet Konsuln, amtliche Handelssachverständige, gemein-
nützige und wissenschaftliche Institute, Handelskammern, zwischen-
staatliche Verbände, Fachverbände und Auskunfteien zusammen, Es
darf aber nie vergessen werden, daß diese allgemeine Handelsbericht-
erstattung nur eine Ergänzung der Informationen der eigenen Firma sein
darf. Die typischen Fehler, denen man heute begegnet, sind: entweder
man verläßt sich in dieser Richtung ausschließlich auf die allgemeine
        <pb n="221" />
        Textilindustrie.
1. Kommerzienrat Paul Delius,
Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Bielefeld.

Geb, 5. Juni 1855 zu Bielefeld, Seniorchef der Firma C. A, Delius &amp; Söhne,
Seidenweberei, in Bielefeld, Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Biele-
feld seit Juli 1914, Mitglied der Kammer seit 1895, Mitglied des Landesaus-
schusses der Pr, Industrie- und Handelskammern, des Hauptausschusses und des
Außenhandelsausschusses des Dt, Industrie- und Handelstages, der Landeseisen-
bahnräte zu Hannover und Frankfurt a, M, der Dt, Reichsbahn, Stellvertr. Mitgl.
des Wasserstraßenbeirats zu Münster und des Wasserstraßenbeirats für die Provinz
Westfalen,

2, Abr. Frowein, Elberfeld,
Mitglied des Reichswirtschaftsrates.

Geb, am 19, September 1878 in Elberfeld, Mitinhaber der Firma Abr, &amp; Gebr.
Frowein, Mitglied des Reichswirtschaftsrats, Stellvertretender Vorsitzender des
Reichsverbandes der Deutschen Industrie, Vorsitzender des Vereins deutscher
Seidenwebereien, Vorstandsmitglied des Verbandes von Arbeitgebern im ber-
gischen Industriebezirk, Mitglied der Handelskammer für den Wuppertaler
Industriebezirk, Mitglied des Verwaltungsrats der Internationalen Handels-
kammer,

3. Ernst Meyer-Leverkus,
Generaldirektor der Rheinischen Textilfabriken A.-G, in Elberfeld,

Geb, 1863 zu Elberfeld; Gymnasium: 1881 nach England, Frankreich, Spanien.
Trat 1884 in die väterliche Firma Reimann &amp; Meyer, Elberfeld ein. Nach Übernahme
der Firma Fritz Boeddinghaus Wwe, &amp; Sohn durch Reimann &amp; Meyer (Firma Boed-
dinghaus, Reimann &amp; Co.) 1900 in die Leitung beider Unternehmungen, wandelte
beide in G. m. b. H’s, um, 1910 die Firma Boeddinghaus, Reimann &amp; Co, in eine
A.-G, 1911 Generaldirektor der A.-G, 1924 Vereinigung beider Firmen mit den
Firmen D, Peters &amp; Co. und de Weerth &amp; Co. zu der „Rheinische Textilfabriken
A,-G." deren Generaldirektor er seitdem ist.

4. Georg Müller-Oerlinghausen,
Mitglied des Reichswirtschaftsrates.

Geb, 22, April 1878 in Oerlinghausen bei Bielefeld, Sohn des Kommerzienrats Br.
Müller, Seit 1903 in der väterlichen Leinenweberei Carl Weber &amp; Co., G.m. b.H.,
Oerlinghausen, tätig, 1914 an der Spitze der Gesamtorganisation der Leinenindustrie.
Mitbegr, der Leinengarn-Abrechnungsstelle A.-G., des Leinen-Kriegsausschusses,
der Bastfaserkontor A,-G. Vors, der Reichswirtschaftsstelle für Flachs. Seit
1924 Vors, der Fachgruppe Textilindustrie des Reichsverb. der Dt. Industrie,
Präsidialmitglied des R. d, d, I, Mitgl, des RWR. sowie anderer Organisationen.

5, Kommerzienrat Friedrich Bernhard Uebel, Plauen i. V.

Geb. 24, Oktober 1867 in Netschkau, Gymnasium in Plauen i. V., im 21, Lebens-
jahr Prokurist, im 25, Lebensjahr Teilh, der väterl. Firma Gebr. Uebel, Plauen,
Netschkau und Adorf (Baumwollspinnerei und Webereien), gründete später mit Teil-
haber Elster noch die Firma Uebel &amp; Co, (Bleicherei, Färberei u. Appretur).

1905 in den Gesamtvorstand des Verbandes Sächs, Industrieller, Vorsitz der
Ortsgruppe Plauen dieses Verbandes bis 1921, 1913 Mitgl. der Handelskammer
Plauen, 1920 stellvertr. Vors., 1921 Vorsitzender. Seit 1924 im Vorstand des
Dt. Industrie- u. Handelstages.

Tafel VI
        <pb n="222" />
        ‚deu baitze
) re, Dr, 0. Goebe..
= mei us hsunsiaremmo ee
‚bistalsi&amp;4 uns 1ommsdelsbnsH br -oittenbnl 19b tnsbieß1d N
(Sa62 PS A DD Seh Bsi0lns2 DAR LE Bed) I fe Ver:
„alet£bus sms elo back” bas-8iEuBnl 5 be hE RUE SWaSbisZ”®
ausasbnelnasb beilgtiM | EE8t- Head sem ho bien ner hietgioe) TEE
‚9b, bau a9eaudo22uedqualk „ash, „orsmmslelsbhas HE. bau Dinegbaks ATriobiiesteurdaent
‚-n32ie29hns, 1 19b ‚as3stel bnsH ‚ba -„oiteubnlc4.10 9b 2922udo2auGalo brnsdasuA,
AaHM ‚dolle? ‚adsdenotsl, 40 19h, M 1 N at net ba 19vonasH us Bin dx
snivor9 ib at 2) esdese fe SE Bmw 3ofenM us 6 risdisls lesen W An
aden ein großes Werk die danze Weit MG
twurf- . und , Verkaulbürb: yyannen, um diese
 ‚bistradi4 ‚aiawort .ıdA ‚£ . A in
' U U HE ah BeilatiM an dieser Hüros
1dsO 8C10A shaft sb Seen DIS ar 8T8t 1odmstqa2 01 as SS
9b: 1bnbslier0Ve 1sbnstetir vilSt2e nem Nedäziıwardoied 2b beilatiM | ‚ai9wor
uoerlogtusb (ants3e Wine be zo bhekiietoVh aait/zuhrd. medoatua(l roh eobnsdıevendois A
„19d mi aradanligdıA mov, zebnedaeV ‚29h. heilztimebnsis;oV..neigxsdswnSbie@
1916119qquW n9b . 781. 9mmgel9bnsH , 19b,wbailalhM- ‚Aıisodaitaubnl nero2ia
C1Sbae A“ Hofes 9b MeV BSD “DSlahM ) ‚Arisodairteubnl
Kleinzeug”, die mehr oder weniger Iypisierie Masconiabrikalioh nk
1: hateaffanden Werke verdiente A Teil din der mar
an der Me : 24rel ie nden ‚zuaigvad-19r9M Ten E m X :s “ S SS S en
Gene BHSsdHSh DElA HS os SB Göfoblsohsd On
Unsinn G2 (dbtslme Da fen OS BEP ea SBSE us EOBL daD
samdearedUrddi date Bist SEE HERMES da N bb BEE
ı-bso8 smıi9) 48yeM 3 nasıhish domwbundo@ 8 dm WOzustianibbs och ei ‚3b
sHobnsw. ‚ga aumdsmıetnl sa biedi anaudie lt, oib| ati 0081. (009 Si ahsmisk ‚ausfadib
ani9 al 0) 3 ansmiel ‚eusdanibbeod, smail sib OICL mr ‚2°H ‚dom „O mb abisd
nsb tim asmıiT sobisd amıainieraV bS@F ‚D-,A 19b 10lfsuiblerene) 11er ‚D-,A
AolindetlitxeT sdoeiniendA,, 19b us 00 3 AtısasW 9b Bar 00 3 219799 CI mamıi9
‚je: mobiisa 19 Tohlouiblersnes meısb ".D-.A
© y* Dan
‚aseusdaqilıeO-1011EM ar090 A Mur nn | En
Dina 291610 edbetiwardois Ad 2eb bailalM!pt noch weittehend
Ra&amp; etaniknsistemmoHdebrndo@, ‚bletsleit isd sa uk Ag kilkeO Kiranar dagAess eh! im
in dann, 0.09, B479da W A160 „iarodewnShiek hedoilıetämebuht EOCRYie8 drhMig
„Setenbninani dach, neigen t eine AO MAN
e922ufösensegeitA-nsnisl 29b „0- A ollotze anundosxd/ argan9 is. ob _89dtiM
We OTdSeI A) SHINE BB SE SEA tn Haralea Ss
beitanbah JCbasbn ‚dredeSiflcesb binauBailikeTdSgqhadad Tab VO V ECO
Erl-Asngitsains310 atebrist aiwor AWiHheab asiM alıfbdb-stesbbeilatimiesibiess®
ige, aber noch wenig systematisch genutzte Handels”
der das Nudlmeubl9h dedal) chasdate A vleHbsiT JatrsieemmoA BE
Hanadad AScht N KaousiTmj mutatkntQ ‚kb etos nt nd OLE ‚denen.
‚rauel9 ‚JodaU „daD sm retäy Tob-tidligt, 1dkiensda di ES miete Ep
-LisT tim 194äge ot9bninz „{msioxoda W.bau ioxognigallowmund) hobA, baugsenldoets ME
‘0 (utetqqA Cr i91bdh6 1 ‚ioredoield) Se ll end ‚ib EC ode;
9b sH216 VHS ent de GSBHSERNV } 46° Bnstetovimeea “a9 $ a Si
„rofneiedelsbnasH ob a hHMigrend. mer To Ebd eskSih CE
295 bfist2xoV mi LAST Hero brestie ro Vant Ser 20 Sata it0SR LETESERET
Man Ve3 ‚ qıeser Kichtung anssch@aßlglebnsHf ılieinibbahdth.
UV I9321
        <pb n="223" />
        WE. 2

3 I
        <pb n="224" />
        <pb n="225" />
        Wirtschaftliche Betriebsmethoden. 193
Berichterstattung, die aber nicht genügend auf den Einzelfall speziali-
siert sein kann, oder man unterschätzt die Bedeutung der allgemeinen
Handelsberichterstattung und glaubt mit den eigenen, einseitig fach-
lichen und kurzfristigen Informationen auskommen zu können. In großen
Firmen, bei denen der Chef nicht mehr selber dieses wichtige Gebiet
bearbeiten kann, sollte man Spezialisten mit der richtigen Erfragung
und Auswertung betrauen. Neuerdings hat auch eine Reihe von
Handelskammern besondere Einrichtungen auf diesem Gebiete ge-
schaffen,

Der vorhin geschilderte deutsche Weg der individualisierten
Leistung gegenüber der typisierten amerikanischen Leistung war nur
möglich durch die relative Billigkeit geistiger und körperlicher Arbeit in
Deutschland und durch ein Nachwirken der besonderen Grundlagen, auf
denen Deutschland seinen Platz auf dem Weltmarkt aufgerichtet hatte.

Es ist offenbar, daß sich die Verhältnisse in dieser Beziehung nach

mehreren Richtungen entscheidend verschoben haben. Es ist von
Branche zu Branche und von Werk zu Werk sorgfältig nachzuprüfen,
welchen Weg man in Zukunft beschreiten will. Im ganzen wird sich
jedenfalls für viele Fälle ergeben, daß eine Annäherung an die amerika-
nischen Methoden, aber in sorgfältiger Abwandlung für die deutschen
Verhältnisse, unvermeidlich ist, falls wir uns auf dem Weltmarkt halten
wollen, Diese amerikanischen Methoden bestehen betriebswirtschaft-
lich im einzelnen z, B. in ausgesprochener Spezialisierung als Grundlage
für die denkbar größte Massenfabrikation in Verbindung mit Typisierung
(also Herstellung möglichst weniger, auf lange Zeit feststehender
Typen) und Normung (aufs äußerste überlegte, sparsame, ganz gleiche
Ausführung häufig wiederkehrender Teile an allen F abrikaten mit ihren
Vorteilen geringsten Materialaufwandes bei gleicher Brauchbarkeit,
leichter Transportfähigkeit und leichter Auswechselbarkeit der Teile).
Dazu tritt eine nur bei ausgesprochener Massenfabrikation mögliche
volle Ausnutzung der Arbeitskräfte im Sinne des Taylorismus und der
Psychotechnik.

Abgesehen von dieser grundsätzlichen Entscheidung über das
Fabrikationsprogramm gibt es Entscheidungsreihen von Wichtigkeit bei
der Herstellung sonst ganz gleicher Fabrikate in Beziehung auf die
betriebstechnische Durchführung. Man kann die Rentabilität des Be-
triebes nach verschiedenen Prinzipien zu erreichen suchen: entweder
man nutzt einfache und billige Einrichtungen und Maschinen unter ver-
hältnismäßig großem Aufwand billiger Arbeitskräfte aus, oder man geht
den Weg, mit den hochwertigsten, wenn auch teueren Einrichtungen
und Maschinen bei Verwendung möglichst weniger, aber hochqualifi-
zierter Arbeiter zu fabrizieren, oder endlich, man geht zum Ersatz der

Die deutsche Wirtschaft.
13
        <pb n="226" />
        194 Prof, Dr. O. Goebel:

menschlichen Arbeit durch möglichst völlige Mechanisierung (Automati-
sierung) des Betriebes über, Alle drei Wege können zum Erfolg führen;
ihre geringere oder größere Aussicht wird weitgehend von der Art des
Erzeugnisses und vom Standort des betreffenden Werkes abhängig sein.
Das eine Fabrikat verträgt besser mehr Anlagekapital, das zweite
mehr allgemeine Unkosten, das dritte mehr Lohn. In den verschiedenen
Gebieten Deutschlands sind die Frachtbelastungen für Einrichtungen,
Rohstoffe und Fertigerzeugnisse recht ungleich, und es sind auch die
deutschen Arbeitskräfte nach Billigkeit, Anlernbarkeit und Zuver-
lässigkeit immerhin nicht unerheblich verschieden.

Die Verschiedenheit der Bedingtheiten nach der Lage zum Verkehr
und zu den Arbeitskräften sind Zusammenhänge, wie sie die Standorts-
theorie erörtert. Der Wahl des besten Standortes würde in normalen
Zeiten für die wirtschaftliche Betriebsführung eine entscheidene Bedeu-
tung zukommen; aber Neuerrichtungen von Werken sind in Deutsch-
land für absehbare Zeit kaum zu erwarten, Es kommt aber die Durch-
denkung der Standortsfaktoren zur Geltung, wo ein Unternehmen sich
gezwungen sieht, von mehreren Werken das eine oder andere stillzu-
legen. Dieser Fall wird bis zur endgültigen Anpassung der deutschen
Wirtschaft an die neuen Verhältnisse, d. h. bis zur Wiederherstellung
der Vollbeschäftigung für die verbleibenden Werke im Rahmen der
gesunkenen Kaufkraft, häufig genug eintreten, Daher sei an die haupt-
sächlichsten Zusammenhänge der Standortstheorie und an die vielfach
nur geschichtlich zu verstehenden lokalen Anhäufungen bestimmter
Industrien erinnert‘). Die drei grundlegenden Standortsfaktoren
sind die Lage zum Rohstoff, zur Arbeitskraft und zum Absatz,
Wo nicht, wie beim Bergbau, der Rohstoff die Lage eindeutig
bestimmt, ergeben sich in der Regel mehrere Standortsmöglichkeiten,
deren jeweilige Vorzüge und Nachteile sorgfältig gegeneinander ab-
gewogen werden müssen, Vor allem ist dabei in unserer Zeit
allgemeiner Umstellung auch an mögliche zukünftige Verschiebungen
im Rohstoffbezug und in der Absatzlage zu denken, Im Zweifelsfall
ist demjenigen Standort der Vorzug zu geben, der die größte Viel-
seitigkeit und Beweglichkeit zeigt. Nicht immer freilich erfolgt die
Wahl des Standorts nach den drei genannten Kostenelementen; man-
cher Unternehmer will auf alle Fälle in seinem Heimatbezirk bleiben.
Auch Sicherheitsgründe (z. B. Lage außerhalb eines evtl, Kriegsgebiets,
Ruhe der Bevölkerung) lassen ihn eine rechnerisch vielleicht nicht ganz
so günstige Lage vorziehen. Gewisse Orte haben auch für bestimmte

*) Vgl. auch das Kartenwerk der Reichsarbeitsverwaltung:; „Die Arbeiter-
verteilung in der deutschen Industrie Ende 1921,” Von Dr. Fr. Syrup, Präsident
der Reichsarbeitsverwaltung, (Verlag Reimar Hobbing, Berlin.)
        <pb n="227" />
        Wirtschaftliche Betriebsmethoden. 195
Industrien einen besonderen Ruf, so daß sich die etwa betriebstechnisch
ungünstigere Lage durch Erleichterung der Propaganda ausgleichen
wird, Es ist sicherlich mit weniger Kosten verknüpft, Stahlwaren von
Solingen und Remscheid aus zu vertreiben als von einem beliebigen
andern Ort aus, Auch Finanzierungszusammenhänge spielen eine Rolle:
in Gegenden, wo bestimmte Industrien eingeführt sind, erhält man für
dieselben leichter Kapital als anderswo, selbst wenn neue Orte nach
den Berechnungen der Standortslehre an sich fabrikatorisch günstiger
wären, Bei der Wahl zukünftiger Standorte ist für manche Branchen
daran zu denken, daß wir für absehbare Zeiten ein relatives Aufblühen
des platten Landes und ein relatives Zurückbleiben der großen Städte
erleben können.

Nach getroffener Entscheidung über das Fabrikations- und Absatz-
programm auf Grund der erwähnten Zusammenhänge erwächst nunmehr
die Hauptaufgabe des Betriebsleiters, Er muß sein Werk in Durch-
führung des gewählten Arbeitsprogramms nach den wirtschaftlichsten
Methoden einrichten und führen. Diese Aufgabe hat viele rein tech-
nisch-konstruktive, fabrikatorische und buchhalterische Seiten, die ich
hier nicht zu erörtern habe. Andere dagegen stehen in engster Ver-
knüpfung mit den allgemeinen wirtschaftlichen und sozialen Bedingt-
heiten, die von außen her in den einzelnen Betrieb hineinstrahlen und
sein Verhalten beeinflussen. Eine gegen früher sehr gestiegene Bedeu-
tung kommt dabei z, B. in kalkulatorischer Beziehung den Fragen der
Transportökonomie, der Wärmeökonomie sowie der Abfallökonomie
zu. Die Transportkosten sowohl innerhalb der Betriebe als auf Land-
wegen, Eisenbahnen und Wasserstraßen sind in vielen Unternehmen
heute ausschlaggebender für die Rentabilität als früher. Hinzu kommt
das unter den heutigen Verhältnissen verständliche Streben nach
möglichst großer Unabhängigkeit von bestimmten Transporteinrich-
tungen, Betriebs- und Rohstoffen. Anzustreben ist möglichste Be-
weglichkeit und aus volks- und privatwirtschaftlichen Gründen eine
Bevorzugung einheimischer Verkehrsmittel, Roh- und Betriebsstoffe.
Der letztere Gesichtspunkt führt auf das im Kriege oft bekrittelte und
tatsächlich nicht immer richtig gehandhabte, in seinem Kern aber
richtige Ersatzstoffwesen,

Man darf in der Tat die Mühe der Ausprobung in der Gewinnung,
Zurichtung, Verarbeitung und Verwendung neuer einheimischer Roh-
stoffe nicht scheuen. Die große Schwierigkeit liegt darin, daß die neuen
Stoffe zum Teil nicht so vielseitig verwendbar sind wie die gewohnten.
Man muß sich aber dabei daran erinnern, daß manche uns heute selbst-
verständlichen Stoffe den gleichen Entwicklungsgang gegangen sind. Holz,
einer der universellsten Stoffe, ist in der Neuzeit in vielen Verwendungs-
13*
        <pb n="228" />
        196 Prof, Dr. O0. Goebel:

zwecken durch weniger universelle Stoffe so weitgehend ersetzt
worden, daß es aus vielen Verwendungszwecken ganz und für immer
verdrängt ist. Vor allem sind freilich hierbei die Kosten der Umstellung
gegenüber den erreichbaren Vorteilen abzuwägen. Es ist ja heute
leider so, daß viele deutsche Firmen aus Mangel an Barmitteln zweifels-
frei feststehende Verbesserungen nicht vornehmen können. Der weniger
universelle, wenn auch bessere Roh- und Betriebsstoff hat auch noch
den Fehler größerer Abhängigkeit, so.z. B, waren Werke mit einfachen
Rostanlagen zu den Zeiten der wechselnden Brennstoffe der Kohlen-
zwangswirtschaft zum Teil besser imstande, fertig zu werden, als solche
mit hochwertigen, aber auch verwickelten und empfindlichen Spezial-
einrichtungen.

Von großer Bedeutung ist ferner die Abfallökonomie. Ihre Bedeu-
tung braucht nach den weltbekannten Erfolgen der deutschen chemi-
schen Industrie, deren hohe Rente zum guten Teil auf die restlose Aus-
nutzung aller Abfallstoffe zurückzuführen ist, nicht mehr nachgewiesen
zu werden, Aber in anderen Branchen steht es mit dieser Abfall-
ausnutzung noch sehr mäßig. Die Möglichkeit systematischer Abfall-
verwertung ist übrigens ein ausschlaggebender Gesichtspunkt bei der
Wahl der Betriebsgrößen.,

Von außen her gegeben ist ferner für den einzelnen Betrieb die
Notwendigkeit einer verbesserten Kalkulation, Die Zeit liegt noch gar
nicht sehr weit zurück, in der in vielen Industrien, ähnlich wie noch
heute vielfach im Handwerk, die Preise nachträglich gemacht wurden,
Je mehr aber vorherige bindende Preisabgabe notwendig wurde und je
geringer sich der Verdienst am einzelnen Stück gestaltete, um so wich-
tiger wurde die Kalkulation, Die Inflationszeit hat erwiesen, daß die
Kalkulation vor allem nicht schematisch erfolgen darf, soll nicht unbe-
rechenbarer Schaden angerichtet werden, sondern sie muß innere Wahr-
heit und Klarheit besitzen. Andererseits ist auf Grund steigender
Vertiefung des Wissens um die Kalkulationszusammenhänge bei den
verschiedenen Unternehmungen mehr und mehr eine gewisse Gleich-
mäßigkeit der Methoden festzustellen. Das bezieht sich aber nur auf
die Methoden; das Gewicht der einzelnen Kalkulationsfaktoren ist für
jedes Unternehmen verschieden. Noch auf einen Gesichtspunkt möchte
ich hinweisen: Ich halte es kalkulatorisch für falsch, voreilig die letzte
Karte auszuspielen, sondern gerade die genaue Kenntnis und die innere
Wahrheit der Kalkulationsmethoden gestattet, gewissermaßen Ver-
fahrensreserven zu bilden, d, h. sich schon auf weite Sicht neue be-
triebs- und absatztechnische Wege zu überlegen, auf Grund deren man
notfalls Preiszugeständnisse machen kann, wenn es unter dem Druck
des Wettbewerbs erforderlich wird. Wo man mit Aussicht auf den
        <pb n="229" />
        Wirtschaftliche Betriebsmethoden, &gt; 197
größten Erfolg solche Ersparnisse planen kann, ob in der Werkstatt,
in der allgemeinen Werksverwaltung oder in der Vertriebsorganisation,
hängt im allgemeinen davon ab, an welchen Stellen die größten Preis-
anteile entstehen, Das ist nach Branchen außerordentlich verschieden.

Nach welchen dieser Methoden man betriebstechnisch arbeiten will,
als besonders wichtig tritt immer die Frage des Verhältnisses zur
menschlichen Arbeitskraft hervor, Es ergeben sich weitgehende Unter-
schiede daraus, ob man grundsätzlich mehr mit gelernter, angelernter
oder ungelernter Arbeit, mit einem starken Einschlag jugendlicher oder
weiblicher Arbeiter, nur mit ansässigen oder auch mit zugewanderten
Arbeitskräften arbeiten will, Aber mit dieser rein sachlichen Ent-
scheidung ist es nicht getan, Es bleibt immer eine Hauptaufgabe und
eine Hauptleistung eines tüchtigen Unternehmers, ein wirkliches Zuge-
hörigkeits- und Verbundenheitsgefühl seiner Arbeitnehmerschaft mit
dem Unternehmen hervorzurufen, Das Vertrauen in die Dauer und
Blüte des Unternehmens macht die Leute seßhafter und williger.
Dieses Werkgefühl läßt sich sowohl durch tatsächliche Leistungen
(hierher gehört das ganze Gebiet einer wohlüberlegten privaten Wohl-
fahrtspolitik des Unternehmens) als auch durch psychologische Mittel
fördern, Achtungsvolle und, wem es liegt, joviale Behandlung der Unter-
gebenen bei aller Strenge der Disziplin, Gewährung von Aufstieg-
möglichkeiten für begabte Leute und ihren Nachwuchs, Mitheranziehung
bei wichtigen Ereignissen im Leben des Werks und dergleichen,
aber auch bauliche und sonstige anheimelnde Ausgestaltung der
Arbeitsräume und ihrer Umgebung sind Merksteine auf diesem
Wege. Auch durch die unvermeidlichen Enttäuschungen, die man
auf diesem Gebiet bei der Einstellung der Massen immer wieder er-
leben wird, darf man sich von diesem Weg nicht abdrängen lassen,
Wenn Riedler in seinem Buch „Vom Werden der Großwirtschaft in
Deutschland‘ unser Land das Land der wissenschaftlich gründlichen,
unermüdlichen Arbeit, der Arbeitsfreudigkeit und der guten Arbeiter-
verhältnisse nennt und sie als Grundlagen des Erfolges bezeichnet, so
sehen wir zwar, was wir verloren haben, aber auch, was wir wieder-
gewinnen können,

Auch der Boden für Anwendung psychotechnischer und taylori-
stischer Methoden ist jedenfalls ungleich besser vorbereitet, wenn dieses
Werkgefühl in den Arbeitnehmern vorhanden ist, denn ohne die
Willigkeit der Betroffenen können die Methoden des Taylorismus und
der Psychotechnik nicht zur vollen Auswirkung gelangen. Das theore-
tisch Mögliche in der Auslese ist freilich in der Praxis nicht annähernd
erreichbar, Es ist.sehr selten möglich, sich die geeignetsten Leute aus
einer beliebig großen Zahl von Bewerbern auszuwählen. Nicht selten
        <pb n="230" />
        198 Prof, Dr. O0, Goebel:

kann man daher die Auslese vor dem Eintritt nicht anwenden, sondern
nur die Hilfe der Psychotechnik bei der Verteilung der Arbeitskräfte
im Werk in Anspruch nehmen. Aber hier verspricht die Auslese, sach-
gemäß vorgenommen, nennenswerten Nutzen, um so größeren, je mehr
es sich um mechanisierte Betriebe, um Reihen- und Massenfabrikation
handelt, Die psychotechnische Auslese ist nicht nur wichtig für die
Handarbeiter, sondern auch für die Angestelltenschaft, Bei Werken,
bei denen nach der Art des Betriebes eine verhältnismäßig große Zahl
von Angestellten gegenüber den Arbeitern vorhanden ist, sind gerade
hier die Ersparnismöglichkeiten besonders groß. Jeder Bürobetrieb
neigt zu einem bürokratischen Gebilde; es sind Zuständigkeiten gegen-
einander durch generelle Verordnungen und Geschäftsverteilungen ab-
zugrenzen, und doch sind im Gegensatz zur ausführenden Handarbeit
wiederum fast alle darauf angewiesen, sich mit vielen anderen fort-
während über die Erledigung der Angelegenheiten auseinanderzusetzen.
Die daraus entstehenden Berührungs- und Reibungspunkte nehmen
stets stärker zu als die Zahl der beteiligten Personen. Je hochwertiger
und je besser für seine Sonderarbeit ausgesucht der einzelne Angestellte
ist, mit um so geringeren Gesamtzahlen von Angestellten kommt man
aus, um so kleiner ist die Zahl der Teilungspunkte und um so geringer
sind die Gefahren bürokratischer Unübersichtlichkeit und Schwer-
fälligkeit, die große Betriebe der Privatindustrie ebenso bedrohen wie
große öffentliche Verwaltungen.

Der Gesichtspunkt der Gefährdung durch bürokratische Schwer-
fälligkeit und bürokratischen Schematismus spielt auch bei Einführung
des Taylorismus erheblich mit. Es ist ja doch nicht so, daß man die
geistige Arbeit, die früher der gelernte Arbeiter neben seiner Hand-
tätigkeit leistete, erspart, sondern man verlegt sie nur an andere
Stellen, in die Hand besonderer Angestellter, in der Hoffnung, sie da-
durch sachgemäßer und systematischer ausüben zu können. Aber in der
Errichtung besonderer Büros für die Vorbereitung und Leitung des Her-
stellungsvorganges bis in die letzte Einzelheit hinein liegt die Gefahr
der Bürokratisierung, der Zunahme der Reibungspunkte, der formalen
Erledigung, der Auseinanderreißung von Planung und Ausführung. In
manchem Werk haben sich schon aus diesem Grunde die erwarteten
Vorteile der Taylorisierung nicht eingestellt, und amerikanische Bei-
spiele zeigen, daß man im Rahmen der weitgehenden Arbeitsteilung, die
im Taylorismus liegt, sich davor hüten muß, die ausführenden Kräfte zu
gedankenlosen Mechanismen herabzuwürdigen, denn sonst versagt auf
die Dauer selbst die einfachste Ausführung nach Anweisung, und die
Zahl der Aufsichtsbeamten schwillt in einer Weise an, daß alle Vorteile
wieder verlorengehen. Im Gegenteil, man muß immer bestrebt sein,
        <pb n="231" />
        Wirtschaftliche Betriebsmethoden. 199
den Geist der Leute lebendig zu erhalten, sie von der eigenen Durch-
denkung der Herstellungsmethoden nur insoweit zu befreien, wie an
anderer Stelle ein Mehr an geistiger Anspannung erforderlich wird.
Der Taylorismus hat bekanntlich mehrere Seiten: die erste Stufe ist
die systematische vorherige Überlegung der später erforderlich werden-
den Arbeitsgänge. Er sucht dabei arbeitsteilig zu erzwingen, was immer
geschehen sollte, aber infolge der psychologischen Einstellung der
Menschen durchaus nicht immer geschieht, nämlich daß die Über-
legung der Ausführung vorangeht. Die zweite Betätigung des Tayloris-
mus ist das Studium der günstigsten Ausführung der erforderlichen Be-
wegungen, die dritte die Anlernung der Arbeiter zu diesen optimalen
Bewegungen, die vierte die Anpassung der Vorrichtungen und Werk-
zeuge an die ermittelten günstigsten Verfahren und Handgriffe.

Es ist klar, daß die genaue Durchdenkung und Festlegung, wo es
sich, wie es in der Regel bei der Fabrikation der Fall ist, um zahlreiche
aufeinanderfolgende Arbeitsgänge und Handgriffe handelt, zunächst
einen großen einmaligen Arbeitsaufwand sowie erhebliche Kosten für
die erforderlichen Umstellungen und Einrichtungen erfordern. Diese
Aufwendungen rechtfertigen sich nur da, wo eine große Anzahl von Er-
zeugnissen für lange Dauer mit Sicherheit nach dem gleichen Verfahren
hergestellt werden kann. Man darf die Gefahr nicht verkennen, die
darin liegt, daß man aus Scheu vor den erheblichen Umstellungskosten
unter Umständen länger, als richtig ist, bei veralteten Fertigungen
stehenbleibt. Die Möglichkeiten der Taylorisierung sind am größten,
je mehr man sich spezialisiert, aber dann tritt wieder der Umstand ein,
daß die Taylorisierungsbüros in langen Zwischenzeiten unterbeschälftigt
sind, Nur in sehr großen Betrieben wird man dauernd volle Beschäfti-
gung für Spezialisten auf diesem Gebiet haben. Die einseitige Speziali-
sierung der Fabrikation, die die Taylorisierung erleichtert, hat zugleich
die von mir in anderem Zusammenhang schon angedeuteten großen
Gefahren nach der Absatzseite. Niemals kann man wissen, ob man
nicht durch Konstruktion eines Wettbewerbers, durch ganz neue Er-
findungen oder auch durch plötzliches Versagen des Bedarfs aus seinem
Spezialgebiet hinausgedrängt wird. Schon aus dem Grunde wird man
sich nicht zu einseitig spezialisieren und werden sich die Kosten weit-
getriebener Taylorisierung nicht immer rechtfertigen. Oft genügt es
unter diesen Umständen — und das sollte allerdings in keinem neuzeit-
lichen Betriebe versäumt werden —, daß man die Gedanken des Taylo-
rismus zum Gemeingut der gesamten Angestellten- und Arbeiterschaft
macht, auch wenn man keine besonderen Einrichtungen dafür trifft
und keinen Zwang ausübt. Diese mittelbare Taylorisierung, die man
        <pb n="232" />
        200 Prof. Dr. O, Goebel:
durch Vorträge, persönliche Anregung, Prämien usw. erreichen kann,
führt mit geringen Kosten oft zu guten Erfolgen,

Die nicht zu entbehrende Willigkeit der Arbeitnehmer gegenüber
den Taylorisierungsbestrebungen wird weitgehend durch die Stellung-
nahme des Arbeitgebers zur Arbeitszeitfrage bedingt. Es ist hierbei
vor jeder doktrinären Einstellung zu warnen, wie es ja gerade auch
im Interesse der Arbeitnehmer zu bedauern ist, daß der Achtstunden-
tag als Doktrin, ohne Rücksicht auf die weitgehenden Verschieden-
heiten in verschiedenen Arbeitsarten, die Tendenz immer weiterer Ver-
kürzung der Arbeitszeit aus dem Eigeninteresse des Unternehmers her-
aus durchbrochen hat. Darüber besteht ja kein Zweifel, daß der Arbeit-
geber im großen und ganzen (eine wichtige Ausnahme bilden ununter-
brochene Betriebe, wo damit die Entscheidung zwischen doppelter und
dreifacher Belegschaft verbunden ist) kein Interesse daran hat, daß
länger gearbeitet wird als bis zur Erreichung der optimalen Produktion.
Diese liegt bei vielen Arbeitsarten beim Achstundentag, allerdings nur
dann, wenn innerhalb dieser Stunden mit voller Intensität gearbeitet
wird, eine Voraussetzung, die heute vielfach noch nicht wieder vor-
liegt, sich aber allmählich wieder durchzusetzen scheint. Die grund-
sätzliche Stellung des einzelnen Arbeitgebers zur Arbeitszeitfrage in
seinem Betrieb ist jedenfalls von entscheidender Bedeutung für die
Betriebsführung.

Es ist selbstverständlich, daß die Voraussetzungen für die Taylo-
risierung wie durch Spezialisierung, so auch durch Normung stark ge-
fördert werden, Bei der Normung muß man die allgemeine von der-
jenigen innerhalb der einzelnen Betriebe unterscheiden. Die allgemeine
Normung schreitet nur sehr langsam fort. Ein Grund der Ablehnung
allgemeiner Normung ist häufig der, daß große und gute Firmen kein
besonderes Interesse daran haben, durch weitgehende Normung klei-
neren Wettbewerbsfirmen die gleiche und gleichzeitige Verbesserung
ihrer Konstruktionen zu ermöglichen, ohne daß diese wesentliche eigene
Arbeit und Kosten dafür aufgewendet hätten. Der Vorsprung führen-
der Firmen kann dadurch gelegentlich beeinträchtigt werden. Eine
gemeinsame Gefahr von Normung und Typisierung ist die des Still-
standes im Fortschritt, Sie ist groß bei der Typisierung. Man kann
hier sagen: „Das Gute ist des Besseren Feind,” Nur schwer wird man
sich entschließen, zugunsten oft vielleicht nur geringfügiger Verbesse-
rungen womöglich die ganze Grundlage der Fertigung umzustoßen ‘und
kostspielige Einrichtungen stillzusetzen, Auch pflegt das Werk mit typi-
sierten Fabrikaten weniger neue Erfahrungen zu sammeln, so daß ihm
Fortschritte auch aus diesem Grunde weniger leicht fallen als Werken,
die an individuellen Konstruktionen festgehalten haben. Geringer ist
        <pb n="233" />
        Wirtschaftliche Betriebsmethoden, 201
die Gefahr bei der Normung. Die Normung bezieht sich ja in der
Regel auf solche Teile, die längst einen konstruktiven Abschluß ge-
funden haben, und sie vereinigt im Prinzip die Konstruktionen, Her-
stellungs- und Verwendungserfahrungen aller maßgebenden Stellen.
Aber von einer Seite können doch auch hier Neuerungsnotwendigkeiten
eintreten, denen sich anzupassen ähnlichen Widerständen begegnen
wird wie die Neutypisierung, Es ist das das Auftreten neuen
Materials, Neue Legierungen mit bisher ungeahnten technischen Eigen-
schaften oder die Notwendigkeit, lieber einheimische als ausländische
Rohstoffe zu verwenden, können die Grundlagen einer Normung
umstellen,

Eine wichtige Seite der Betriebsführung ist die Betriebskontrolle
durch Formulare und Statistiken. Auf diesem Gebiete wird viel ge-
sündigt, Nicht mit einer Flut von Formularen und Kontrollen soll
man arbeiten, sondern mit möglichst wenigen, dafür aber klaren und
unausweichlichen, Eine zu große Ausdehnung des Formularwesens
erfordert ein großes Personal, erschwert die Übersichtlichkeit und ruft
passiven Widerstand hervor. Es kommt dann leicht zu leichtsinnigen
Eintragungen, insbesondere wo es gilt, Fehler zu vertuschen. Die Auf-
gabe der Abfassung der Formulare wird zu Unrecht oft subalternen
Stellen überlassen; durch die Vertausendfachung ihrer Wirkung rächen
sich auf diesem Gebiet selbst kleine Fehler und unnötige Verwickelt-
heiten stark, Es darf auch keine lebensfremde Starrheit in der Be-
arbeitungsfolge im Betrieb infolge formularmäßiger Ordnung eintreten.
Eine zwingende Reihenfolge der Fertigung vom Rohstoff bis zum
letzten Erzeugnis im gleichmäßigen Fluß des Materials ist natürlich als
Ideal anzustreben, läßt sich aber in der Praxis durchaus nicht immer
durchführen,

Es ist, wie ersichtlich, eine Fülle von Aufgaben, die dem Unter-
mehmer in der neuzeitigen wirtschaftlichen Betriebsführung gestellt
wird, Alles in allem bleiben geistige Beweglichkeit, verbunden mit
einer eigentümlichen Mischung von Vorsicht und Entschlußkraft, die
Haupteigenschaften, die ein Unternehmer zeigen muß, Aber mit der
geistigen Beherrschung der Betriebsführung allein ist es nicht getan.
Der erfolgreiche Unternehmer muß auch eine moralische Persönlich-
keit sein und ein Führer für seine Arbeitnehmer sowie im öffentlichen
Leben, Auch das gehört zur erfolgreichen wirtschaftlichen Betriebe-
führung,
        <pb n="234" />
        Gewerblicher Urheberschutz.
Von Geh, Regierungsrat Momber, Berlin,

Die gewerblichen Urheberrechte schützen die geistige Arbeit des
gewerblichen Unternehmers, die sich in den Erzeugnissen und
Waren des Unternehmers und in dem Unternehmen selbst
verkörpert.

Die Erzeugnisse und Waren des Unternehmens sollen die Bedürf-
nisse der Käufer befriedigen, Das Unternehmen steht dabei im Wett-
bewerb mit anderen. Die Käufer werden natürlich dort kaufen, wo sie
nach Güte und Preis der Waren glauben, am vorteilhaftesten bedient zu
werden. Sie werden, nachdem sie ihre Erfahrungen mit konkurrieren-
den Waren gemacht haben, oder auf Grund von gewichtigen Emp-
fehlungen bestimmte Waren verlangen und andere zurückweisen.
Schließlich werden sich, da die Erfahrungen aller Käufer im wesent-
lichen dieselben sein werden, für jedes Bedürfnis eine oder einige
wenige Waren auf dem Markt behaupten und die anderen Waren vom
Markt verdrängen. Da liegt es natürlich für die anderen Unternehmer
nahe, das erfolgreiche Erzeugnis nachzuahmen, um sich auch an der
Bedarfsdeckung beteiligen zu können. In der Gestaltung dieses besten
Erzeugnisses steckt aber schöpferische Geistesarbeit, Fleiß und Geld
des ersten Erzeugers, und der Anreiz, das Gewerbe weiterzuentwickeln,
würde verlorengehen, wenn ohne weiteres andere an der Ernte des
ersten, erfolgreichen Unternehmers teilnehmen könnten. Daher sind
gewerbliche Ideengestaltungen durch Sonderrechte geschützt, Über
die rechtliche Natur der gewerblichen Schutzrechte sind zwei An-
schauungen verbreitet, Erstens wird der gesamte gewerbliche Rechts-
schutz aus dem Recht der Persönlichkeit abgeleitet. Zweitens werden
in den gewerblichen Schutzrechten unkörperliche Sachen oder im-
materielle Güter gesehen. Die Entwicklung der Immaterialgüterrechts-
lehre ist das große Verdienst Josef Kohlers.

An dieser Stelle interessieren aber weniger die rechtlichen als die
wirtschaftlichen Grundlagen des gewerblichen Rechtsschutzes,
haben doch erst die wirtschaftlichen Bedürfnisse des Gewerbes den
Anlaß zu einer gesetzlichen Regelung der gewerblichen Urheberrechte
gegeben. Der Begriff „gewerblich‘ umfaßt hierbei außer dem Gewerbe

14.
        <pb n="235" />
        Gewerblicher Urheberschutz, 203
im engeren Sinne auch das Großgewerbe, nämlich die Industrie, den
Handel und die Landwirtschaft. In allen diesen Gebieten der Tätig-
keit des freien Unternehmers ist es notwendig, den unlauteren Wett-
bewerb, der so alt ist wie der Wettbewerb selbst, abzuwehren, und den
lauteren Wettbewerb, die Wurzel des wirtschaftlichen Fortschrittes,
anzuspornen,

Wenn auf einem völlig ausgebauten Gebiet des Gewerbes wesentliche
neue Ideengestaltungen nicht mehr auftauchen, ist es das Bestreben des
Unternehmers, die Einheitsform der betreffenden Ware möglichst
gut und billig zu verkörpern, Die Schulung des Personals, zweckmäßige
Organisation des Betriebs, geschickte Ausnutzung der Konjunkturen,
also Eigenschaften des gutgeleiteten Unternehmens, führen zu diesem
Ziel. Firma und Warenbezeichnung des leistungsfähigsten Unter-
nehmens verbinden sich dann im Gedächtnis der Käufer eng mit den im
übrigen schwer oder gar nicht von den Konkurrenzerzeugnissen zu
unterscheidenden Erzeugnissen. Hieraus entsteht das Bedürfnis nach
Schutz des Unternehmens selbst und seiner Warenbezeichnungen.

Neben der Zweckmäßigkeit der Form und der Güte des Materials
verlangt der Käufer auch eine geschmackvolle Ausführung eines
Gebrauchsgegenstandes. Dem trägt das Gewerbe Rechnung, indem es
mehr oder weniger als Kunstgewerbe ausgeübt wird. In dieser Eigen-
schaft benötigt das Gewerbe einen Schutz für die künstlerische Aus-
gestaltung von Gebrauchsgegenständen.

Neben dem Bedürfnis eines weitgehenden Schutzes von Erfindungen
muß auch dem Bedürfnis des Gewerbes nach einem weniger starken
Schutz für nicht so bedeutungsvolle Gebrauchsgegenstände, der aber
leichter zu erlangen ist, Rechnung getragen werden.

So sind, diesen mannigfaltigen Bedürfnissen des Gewerbes an-
gepaßt, die verschiedensten Typen des gewerblichen Rechtsschutzes
entstanden. Sondergesetze regeln das Patent-, Gebrauchsmuster-, Ge-
schmacksmuster- und Warenzeichenrecht. Auch dem Schutz gegen un-
lauteren Wettbewerb dient ein Sondergesetz. Die allgemeinen
bürgerlichen Rechtsnormen bringen wichtige Ergänzungen für dieses
Gebiet. Das Namens- und Firmenrecht ist schließlich im Bürgerlichen
Gesetzbuch und im Handelsgesetzbuch geregelt. Im folgenden soll eine
Einführung in die Hauptgedanken der gewerblichen Urheberschutz-
rechte gegeben werden.

L_ Patentrecht.

„Patente werden erteilt für neue Erfindun gen, welche eine
gewerbliche Verwertung gestatten“, lautet die wichtigste
Bestimmung des Patentgesetzes vom 7. April 1891, das an die Stelle des
ersten Reichs-Patentgesetzes vom 25, Mai 1877 getreten ist.
        <pb n="236" />
        204 Geh, Regierungsrat Momber:

Eine Erfindung besteht in einer Gestaltung von Naturkräften,
und zwar entweder in der Gewinnung und Bearbeitung der Rohstoffe
der Natur oder in dem Freimachen und Umwandeln der Energien der
Natur, zum Zweck, eigenartige Wirkungen zu erzielen, ‚Es genügt nicht,
neue Stoffe, neue Energien, neue Eigenschaften der bekannten Natur-
gegebenheiten zu entdecken, sondern es muß die Erkenntnis hinzutreten,
daß das Neuentdeckte gewissen Zwecken dienstbar gemacht werden
kann, Die durch Patent schutzfähigen Erfindungen müssen auf tech-
nischem Gebiet liegen, wie der obige Hinweis auf die Ebene der Natur
erkennen läßt, sie dürfen nicht geistige Schöpfungen sein, die ihre Eigen-
art der Individualität des Urhebers verdanken, Ausgeschlossen vom
Patentschutz sind daher Regeln und Methoden für menschliche, körper-
liche und geistige Betätigung, Die eigenartige Wirkung der Erfindung
begründet ihre Patentfähigkeit, indem sie einen technischen Fortschritt
darstellt gegenüber dem Bekannten. Schließlich wird für den Begriff
der Erfindung eine schöpferische Idee, ein „Gedankenblitz‘ als wesent-
lich angesehen, so daß die übliche Leistung des Durchschnittsfach-
mannes nicht als erfinderische Tätigkeit gilt. Ausgeschlossen vom
Patentschutz sind Erfindungen, deren Verwertung den Gesetzen oder
guten Sitten zuwiderlaufen würde, Erfindungen von Nahrungs-, Genuß-
und Arzneimitteln, sowie von Stoffen, welche auf chemischem Wege
hergestellt sind, soweit die Erfindung nicht ein bestimmtes Verfahren zur
Herstellung der Gegenstände betreffen, Der Ausdruck „gewerbliche
Verwertung” des Gesetzes wird als „gewerblich anwendbar”
und nicht als „gewerbsmäßig verwertbar‘ ausgelegt.

Als ne u gilt dasjenige, was zur Zeit der Anmeldung der Erfindung
nicht in öffentlichen Druckschriften der letzten hundert Jahre bereits
derart beschrieben, oder im Inlande so offenkundig vorbenutzt ist, daß
danach die Benutzung durch andere Sachverständige möglich erscheint.

Den Anspruch auf die Erteilung des Patents hat
grundsätzlich derjenige, welcher die Erfindung zuerst nach Maßgabe des
Patentgesetzes angemeldet hat. Dies wäre also der Erfindungs-
besitzer, der seinen Besitz als erster durch Anmeldung zum Patent
geltend macht, Falls die Erfindung vom Erfindungsbesitzer rechtmäßig
erworben wurde, hat der Erfinder kein Recht mehr auf das Patent, Das
deutsche Patentrecht ist ein Anmelderecht und kein Erfinderrecht.
Bei widerrechtlicher Entnahme der Erfindung kann der Er-
finder oder rechtmäßige Erfindungsbesitzer nach Bekanntmachung der
Anmeldung durch das Patentamt Einspruch erheben, die Erteilung des
Patents an den Anmelder verhindern und selbst das Patent erlangen.

In dem Maße, als die Kleinunternehmer den Großunternehmungen in
Gesellschaftsform weichen, steigt die Bedeutung der gesetzlichen Rege-
        <pb n="237" />
        Gewerblicher Urheberschutz. 205
lung der Angestelltenerfindung. Es besteht die Absicht, sie
durch einen Abschnitt des Arbeitsgesetzes einheitlich zu regeln. In-
zwischen regeln Tarifverträge neben der Erfinderehre — dem Anspruch
des Angestellten-Erfinders gegenüber dem patentanmeldenden Arbeit-
gebers auf Nennung des Erfindernamens in der Patentschrift — auch
das Recht an der Erfindung und den Erfinderlohn. Es werden meistens
drei Fälle unterschieden, Erstens die Betriebserfindung, die
allmählich durch das Zusammenarbeiten mehrerer Angestellten unter
Benutzung der schon bei dem Unternehmen vorhandenen Vorarbeiten
und Erfahrungen gemacht werden, so daß eine Scheidung des Anteils
des Einzelnen wie des Unternehmens nicht möglich ist. Sie gehört un-
entgeltlich dem Unternehmer, Zweitens die Diensterfindundg, die
ein bestimmter Angestellter auf Grund eines besonderen Auftrages
oder innerhalb seines vertragsmäßigen Aufgabenkreises macht. Sie fällt
dem Unternehmer zu. Der Angestellte kann aber auf Grund besonderer
Abmachung außer der Erfinderehre eine angemessene Vergütung ver-
langen, Drittens die freie Erfindung des Angestellten, die außer-
halb seines Aufgabenkreises oder des Gebietes liegt, auf dem das Unter-
nehmen arbeitet, Sie gehört dem Angestellten zur freien Verfügung,
Außerhalb des Aufgabenkreises liegen im allgemeinen Erfindungen von
Angestellten in kaufmännischer, verwaltender oder untergeordneter
technischer Stellung,

Ist das Patent erteilt, so hat der Patentinhaber das Alleinrecht
zur gewerbsmäßigen Benutzung des Gegenstandes der Er-
findung auf dem Gebiet des Deutschen Reiches. Er hat das Recht, alle
anderen von dieser Benutzung auszuschließen, also auf Unterlassung zu
klagen, Ferner hat er einen Anspruch auf Herausgabe der Bereiche-
rung, Der wissentliche oder grob fahrlässige Verletzer des Patentrechts
ist dem Patentinhaber zur Entschädigung verpflichtet. Der Wissent-
lichkeit wird von der Spruchpraxis der dolus eventualis gleichgestellt,
d. h, der Fall, in dem der Verletzer die Möglichkeit eines Eingriffs in das
Patent erkannt, aber dennoch die verletzende Handlung gewollt hat. Die
Wissentlichkeit begründet auch noch den Antrag auf Geld- oder Ge-
fängnisstrafe, Schließlich ist die sogenannte Patentanmaßung, d.h. die
Erregung des Irrtums, daß ein Gegenstand patentiert sei, strafbar.

Ist das Patent auf einen Gegenstand erteilt, so schützt es den
Gegenstand unabhängig von seinem Herstellungsverfahren. Ist das
Patent auf ein Verfahren erteilt, so schützt es auch die durch das Ver-
fahren unmittelbar hergestellten Erzeugnisse.

Für alle Klagen auf Grund einer Patentverletzun g sind die
ordentlichen Gerichte (Landgericht, Oberlandesgericht, Reichsgericht)
zuständig, Diese befinden darüber, welche Wirkung das vom Patentamt
        <pb n="238" />
        206 Geh. Regierungsrat Momber:

a ——-
erteilte Patent hat, Nach der ständigen Rechtsprechung des Reichs-
gerichts ist es Sache des Patentamts, in der Patentschrift den unmittel-
baren Gegenstand der Erfindung zu bezeichnen und darüber hinaus den
Schutzumfang, soweit tunlich, abzugrenzen. An diese Festsetzungen
ist der Verletzungsrichter gebunden. Bestehen aber Unklarheiten über
den Gegenstand der Erfindung oder über den Schutzbereich, so kann
der Patentinhaber im Zweifel den Schutz beanspruchen, der ihm nach
dem — mit Hilfe von Sachverständigen — durch das Gericht ermittelten
Stande der Technik gebührt. Da im Verletzungsprozeß in der Regel
gegenüber dem Erteilungsverfahren neue Umstände auftreten, so ist
dieser Zweifelsfall die Regel und daher der Ausfall des Prozesses
schwer vorauszusagen. Im allgemeinen pflegen die Gerichte Patente
weit auszulegen und Übereinstimmungen in wesentlichen Punkten trotz
sonstiger Abweichungen als Verletzungen anzusehen.

Ein wichtiger, durch die ordentlichen Gerichte zu entscheidender
Streitfall ist auch die Kollision zweier Patentrechte, die einmal bei
völliger oder teilweiser Gleichheit der Gegenstände eintreten kann,
oder, wenn diese verschieden sind, bei Benutzung der Gegenstände ein-
treten kann. Hier ist die Abhängigkeit des jüngeren vom älteren
Patent festzustellen. Der Inhaber des jüngeren Patents darf es sodann
ohne Einwilligung des Inhabers des älteren nicht benutzen.

Wenn jemand zur Zeit der Anmeldung eines Patents die Erfindung
im Inland in Benutzung genommen oder die zur Benutzung erforder-
lichen Veranstaltungen getroffen hatte, so wirkt das Patent nicht gegen
ihn, Sein Besitzstand ist durch das Vorbenutzungsrecht
geschützt, Er darf die Erfindung für die Bedürfnisse seines eigenen
Betriebes in eigenen oder fremden Werkstätten ausnutzen und darf
dieses Recht zusammen mit seinem Betriebe vererben oder ver-
äußern.

Das Recht aus der Anmeldung und das Recht aus dem Patent sind
Vermögensrechte und unterliegen im rechtsgeschäftlichen Verkehr unter
Lebenden und von Todes wegen den Bestimmungen des bürgerlichen
Rechts. Beim Verkauf des Vollrechts haftet der Verkäufer, der Eigen-
art des Gegenstandes entsprechend, nur beschränkt, denn er kann Ab-
hängigkeiten, Vorbenutzungsrechte u, dgl. nicht übersehen. Häufig
wird nur das Recht auf Ausbeutung des Patents, und zwar als aus-
schließliche oder (örtlich oder zeitlich) beschränkte Lizenz über-
tragen, Diese Lizenzen haben im allgemeinen die quasi-dingliche Wir-
kung, so daß der Lizenznehmer Patentverletzungen selbständig ver-
folgen kann. Ein anderes Rechtsverhältnis ist die Erlaubnislizenz, nach
welcher der Patentinhaber dem Lizenznehmer vertraglich die Benutzung
der Erfindung erlaubt. Der Lizenznehmer hat sodann Dritten gegenüber
        <pb n="239" />
        Gewerblicher Urheberschutz. 207 '
- gibliothek
keine Rechte, Es besteht nur die obligatorische Beziehung %wischen N
ihm und dem Patentinhaber, Die früher 15jährige Dauer des \Pätents SS
wurde im Inflationsjahr 1923 aus fiskalischen Gründen auf 18 Jahrö&amp;ger-Kie\*
längert. Die jährlich zu entrichtenden Gebühren steigen zuers
langsam, nachher — besonders in den drei letzten Jahren — schnell.
Sie müssen als Steuern vom Ertrag des Patents angesehen werden, der
bei wertvollen Patenten entsprechend der mit den Jahren zunehmenden
Einführung steigt. Steigt der Ertrag nicht entsprechend den Gebühren,
so wird der Patentinhaber durch Nichtzahlung der fälligen Jahresgebühr
das Patent erlöschen lassen. Nun steht seine Benutzung dem Gewerbe
offen und es ist möglich, daß durch den freien Wettbewerb anderer Er-
finder auf den Gedankenbahnen des ehemaligen Patents neue Erfin-
dungen entstehen, die als Patente die Feuerprobe der wirtschaftlichen
Ausbeutung besser bestehen und neue Vermögenswerte der Industrie-
wirtschaft darstellen. Wenn so auch der Erfinder bzw. Anmelder der
älteren, nicht einträglichen Erfindung nicht den erhofften materiellen
Lohn gefunden hat, so hat er doch durch die — als eine Gegenleistung
für die Patenterteilung anzusehende — Preisgabe seines Geheimnisses
— denn über jedes Patent wird eine überall käufliche Patentschrift her-
ausgegeben — dem gewerblichen Fortschritt genützt. Er ist als „Lehrer
der Nation‘ für die Offenbarung der Einfindung so lange privilegiert
gewesen, als der Erfindungsgedanke brauchte, um Allgemeingut zu
werden,

Eine besondere Vergünstigung genießen diejenigen Erfindungen, die
die Verbesserung oder sonstige weitere Ausbildung einer anderen, zu-
gunsten des Patentsuchers durch ein Patent geschützten Erfindung
bezwecken, Sie können auf Antrag als Zusatzpatente erteilt
werden, und haben nur die Hälfte der im Gebührentarif vorgeschrie-
benen Sätze zu entrichten, solange das Hauptpatent besteht.

Es war oben schon erwähnt, daß bei nichtrechtzeitiger Gebühren-
zahlung das Patent erlischt, Der Zeitablauf der längsten gesetzlichen
Dauer hat dieselbe Wirkung. Schließlich hat auch die gegenüber dem
Patentamt abgegebene Verzichterklärung das Erlöschen des Patents
zur Folge,

Eine auch in die Vergangenheit gerichtete Wirkung hat
die auf Grund einer Nichtigkeitsklage vom Patentamt ausge-
sprochene Nichtigkeitserklärung des Patents, Die
Nichtigkeitsklage kann von jedermann jederzeit damit begründet
werden, daß die Erfindung Gegenstand des Patents eines
früheren Anmelders sei. Nur längstens fünf Jahre nach der Bekannt-
machung der Erteilung des Patents kann jedermann die Nichtigkeits-
klage damit begründen, daß der Gegenstand des Patents nicht die
        <pb n="240" />
        208 Geh. Regierungsrat Momber:

gesetzlichen Voraussetzungen der Neuheit, Erfindungseigenschaft,
gewerblichen Verwertbarkeit usw. besitze, die am Anfang dieses
Kapitels zusammengestellt sind. War die patentierte Erfindung dem Er-
finder oder rechtmäßigen Erfindungsbesitzer widerrechtlich entnommen
— in welchem Falle der Verletzte schon im Erteilungsverfahren zum
Einspruch gegen die Patenterteilung berechtigt war — so kann der Ver-
letzte nach Erteilung des Patents aus demselben Grunde die Nichtig-
keitsklage erheben.

Die Vernichtung des Patents hat insofern rückwirkende Kralt, als
Patentverletzungen ihren Charakter als solche verlieren, Verein-
barungen auf Grund des Patentrechts angefochten werden können,
Restitutionsklagen gegen rechtskräftige Zivilurteile erhoben, Wieder-
aufnahme des durch rechtskräftiges Urteil geschlossenen. Straf-
verfahrens beantragt werden kann. Nichtrückwirkend ist die Vernich-
tung insofern, als die Tatsache des zeitweiligen Bestehens des Patents mit
etwaiger Verwendung desselben bestehen bleibt. Lizenzverträge endigen
daher im allgemeinen erst im Zeitpunkt der Nichtigkeitserklärung.,

Treffen die Voraussetzungen der Nichtigkeitsklage nur gegen Teile
des Patents zu, so erfolgt nur eine teilweise Nichtigkeitserklärung, d. h.
eine Beschränkung des Patents,

Wenn einem inländischen Patentinhaber eine angemessene Ver-
gütung und Sicherheitsleistung für die Erlaubnis zur Benutzung der Er-
findung von einem anderen angeboten wird, so wird er diese Er-
laubnis in Form einer Lizenz erteilen. Das gewerbliche Leben Deutsch-
lands wird dadurch bereichert, Anders liegt es aber für einen aus-
ländischen Patentinhaber, Für ihn kann die Herstellung des Erzeug-
nisses in seinem Land und der Import nach Deutschland aus Gründen
der Rohstoffpreise, Löhne, Exportprämien, Zölle, Steuern u. dgl. vorteil-
hafter sein als die Zulassung des Wettbewerbs von Lizenznehmern in
Deutschland. Das deutsche Gewerbe würde dadurch geschädigt werden,
Dieser Möglichkeit trägt das Patentgesetz durch die Bestimmung Rech-
nung, daß, wenn ein öffentliches Interesse vorliegt, auf Antrag unter an-
gemessenen Bedingungen eine Zwangslizenz zugesprochen werden
kann,

Falls nicht Staatsverträge entgegenstehen (was für Italien, Schweiz
und die Vereinigten Staaten von Amerika zutrifft), kann auch ein
Patent zurückgenommen werden, wenn die Erfindung aus-
schließlich oder hauptsächlich außerhalb des Deutschen Reiches aus-
geführt wird.

Die Erteilung einer Zwangslizenz und die Zurücknahme des Patents
können erst nach Ablauf von drei Jahren nach der Bekanntmachung
der Patenterteilung ausgesprochen werden.

-
        <pb n="241" />
        Gewerblicher Urheberschutz., 209

Das Recht aus einem deutschen Reichspatent erstreckt sich auf das
deutsche Inland, Wenn der Unternehmer die Erfindung auch im Auslande
ausbeuten will, so muß er in den betreffenden Auslandsstaaten besondere
Patente nehmen, die teils nach Prüfung, teils ohne Prüfung erteilt
werden, Da die Veröffentlichung des Inhalts der deutschen Patent-
anmeldung die Erlangung von Patenten im Auslande gefährdet, mußte
sich früher der Unternehmer zur gleichzeitigen Anmeldung in einer
Reihe von Auslandsstaaten entschließen, und riskierte dabei, viel Geld
und Arbeit zu verlieren, wenn sich die Erfindung als nichtpatentfähig
erwies, Diese Schwierigkeit beseitigt die Pariser Verbandsüberein-
kunft vom 20. März 1883 zum Schutze des gewerblichen Eigentums, der
Deutschland und alle größeren Industriestaaten angehören. Der Staats-
oder Gebietsangehörige eines Staates, der dem „Unionsvertrag‘ (U, V.)
beigetreten ist, genießt auf Grund der Patentanmeldung in irgendeinem
Unionsstaat das Recht, innerhalb eines Jahres unter Beanspruchung der
Priorität der Erstanmeldung das Patent in anderen Unionsstaaten an-
zumelden, Voraussetzung für das Prioritätsrecht ist Identität der oder
des Anmelders und der Erfindung. Das Prioritätsrecht kann rechts-
geschäftlich übertragen werden und besteht selbständig und unabhängig
von der Patentanmeldung, aus der es erwuchs,

Zuständig für die Erteilung und Nichtigkeitserklärung, die Zurück-
nahme von Patenten und Erteilung von Zwangslizenzen ist das
Patentamt,

Die schriftlich in vorgeschriebener Form einzureichenden Patent-
anmeldungen werden von etwa 130 Prüfungsstellen, unter denen
das Gesamtgebiet der Technik aufgeteilt ist, auf das Vorhandensein der
oben angegebenen materiellen und gewisser formeller Voraussetzungen
geprüft und, falls die Erteilung eines Patents nicht ausgeschlossen er-
scheint, bekanntgemacht, andernfalls zurückgewiesen.

Die Bekanntmachung geschieht durch Veröffentlichung im Patent-
blatt und zweimonatige Auslegung im Patentamt. Innerhalb dieser Frist
kann Einspruch mit der Behauptung des Fehlens der materiellen Vor-
aussetzungen der Patentfähigkeit eingelegt werden, Die Prüfungsstelle
faßt sodann nach Lage der Sache Beschluß. Das Patent wird erteilt
und in die Patentrolle eingetragen oder versagt. Anmelder und Ein-
sprechender können innerhalb eines Monats Beschwerde gegen
Beschlüsse einlegen, durch die die Anmeldung zurückgewiesen oder im
Einspruchsverfahren über die Erteilung entschieden ist. Gegen
andere Beschlüsse ist eine nichtbefristete, gebührenfreie Beschwerde
gegeben.

Die Nichtigkeits- und Zurücknahmeanträge werden von der
Nichtigkeitsabteilung behandelt, gegen deren Beschlüsse gleichfalls

Die deutsche Wirtschalt.

14
        <pb n="242" />
        210 Geh. Regierungsrat Momber:
nichtbefristete, gebührenfreie Beschwerde eingelegt werden kann, Die
Beschwerden werden von der zweiten Instanz des Patentamts, den
Beschwerdeabteilungen, entschieden.

Gegen die (End-)Entscheidungen der Nichtigkeitsabteilung ist die
Berufung beim Reichsgericht zulässig.

Die jetzige Organisation der ersten Instanz beruht auf einer Bundes-
ratsverordnung vom 9, März 1917, durch die zum Zweck der Verein-
fachung die Prüfung der Anmeldungen und die Erteilung der Patente
Prüfungsstellen übertragen wurden, die aus einem Prüfer (technischem
Mitglied des Patentamts) bestehen, während früher diese Aufgaben
zum großen Teil den Anmeldeabteilungen zufielen. Letzteren liegen
jetzt im wesentlichen die Rechtsprechung nach Patenterteilung (Ge-
bührensachen) und Verwaltungsangelegenheiten ob.

Der beschränkte Raum gestattet nicht, auf die zahlreichen
materiellen und formellen Gesichtspunkte hinzuweisen, die beim Ver-
fahren vor dem Patentamt zu beachten sind. Es kann jedem Patent-
anmelder nur dringend in seinem eigenen Interesse empfohlen werden,
sich der berufsmäßigen Vertreter vor dem Patentamt, der Patent-
anwälte, zu bedienen. Der Patentanwaltstand wurde durch Reichs-
gesetz vom 21. Mai 1900 geschaffen und ähnlich dem der Rechtsanwälte
geregelt, Strenge Zulassungsbestimmungen und Ehrengerichtsbarkeit
sichern die notwendige Befähigung und Zuverlässigkeit. Die Einrichtung
einer Patentanwaltskammer steht bevor.

IL. Gebrauchsmusterrecht.

Da die Patenterteilung von einer gewissen „Erfindungshöhe‘“ des
neuen Gegenstandes abhängt und die Prüfung auf Patentfähigkeit um-
ständlich ist, zeigte sich das wirtschaftliche Bedürfnis nach einem
leichter zu erwirkenden und billigeren, wenn auch kurzfristigeren
Schutz. Diesem Bedürfnis wurde durch Gesetz, betreffend den Schutz von
Gebrauchsmustern vom 1, Juni 1891 Rechnung getragen, nach welchem
Modelle von Arbeitsgerätschaften oder Gebrauchsgegenständen oder
von Teilen derselben, insoweit sie dem Arbeits- oder Gebrauchszweck
durch eine neue Gestaltung, Anordnung oder Vorrichtung dienen sollen,
als „Gebrauchsmuster‘ geschützt werden, Es muß also eine dem Ge-
brauchszweck dienende, eigenartige Gestaltung oder Raumform des
Gebrauchsgegenstandes vorhanden sein. Es kommt dabei auf die
Gebrauchswirkung an und nicht auf geschmackvolle Gestaltung, wie bei
dem später zu behandelnden, mitunter für denselben Gegenstand zu er-
langenden Geschmacksmusterschutz. Ist durch eigenartige Gestaltung
eine besonders günstige Gebrauchswirkung erzielt, so ist die Möglich-
keit gleichzeitigen Gebrauchsmuster- und Patentschutzes gegeben.
        <pb n="243" />
        Gewerblicher Urheberschutz. 211

Den Gebrauchsmusterschutz können außer den Inländern nur die-
jenigen Ausländer erlangen, die im Inlande einen Wohnsitz oder eine
Niederlassung haben.

Der schriftlichen Anmeldung muß ein Modell beigefügt sein. Die
Prüfung durch die Anmeldestelle für Gebrauchsmuster
des Patentamts richtet sich auf die vom Gesetz und Bestimmungen an-
gegebenen formalen Voraussetzungen. Sind diese vorhanden, so ver-
fügt das Patentamt die Eintragung in die Rolle für Gebrauchsmuster. Die
Schutzdauer beträgt drei Jahre und kann nochmals um drei Jahre ver-
längert werden, Das Recht erlischt, abgesehen vom Zeitablauf, durch
Verzicht oder durch Löschung. Der Löschungsantrag kann vom Ein-
getragenen selbst oder von anderen mit seiner Bewilligung gestellt
werden, Diese Bewilligung kann gerichtlich erzwungen werden, wenn
die Voraussetzungen zur Eintragung (vor allem Neuheit) nicht vorlagen.
Zuständig für die Löschungsklagge sind die ordentlichen Gerichte.

Der Umfang des Rechtes aus dem Gebrauchsmuster ist gleich dem
aus dem Patent. Die zivilrechtlichen Rechtsbehelfe sind die Unter-
lassungs-, Bereicherungs- oder Schadenersatzklage gegen den Verletzer.
Bei wissentlicher Verletzung tritt auf Antrag Geld- oder Gefängnis-
strafe ein.

II. Geschmacksmusterrecht.,

Die gewerblichen Erzeugnisse können, außer durch vollkommene
Erfüllung des Gebrauchszweckes, auch durch geschmackvolle Aus-
gestaltung der durch den Gebrauchszweck bedingten Zweckform im
Wettbewerb erfolgreich sein. Die Befriedigung der ästhetischen Be-
dürfnisse der Käufer ist nicht minder wichtig als die Befriedigung der
simplen Naturnotwendigkeiten, die die Käufer unbedingt befriedigen
müssen, Das Gewerbe kann daher die Kunst nicht entbehren, und dem
Rechtsschutzbedürfnis des Kunstgewerbes soll das unter der Bezeich-
nung Gesetz, betreffend das Urheberrecht an Mustern und Modellen vom
11. Januar 1876 erlassene Geschmacksmustergesetz Rechnung tragen.
Das Gesetz besagt, daß als Muster und Modelle im Sinne des Gesetzes
nur neue und eigentümliche Erzeugnisse angesehen werden, und hat da-
mit die genauere Begriffsbestimmung der Rechtsprechung überlassen,
die als wesentlich erkannt hat, daß die Gestaltung keinen Gebrauchs-
zweck, sondern der Einwirkung auf das ästhetische Ge-
fühl diene,

Die Gestaltung kann in der Fläche liegen (Muster) oder in der Form
bestehen (Modell). Die vom Gesetz geforderte Neuheit und Eigentüm-
lichkeit ist vorhanden, wenn sich der Gegenstand deutlich von anderen
unterscheidet, Dies wird stets eintreten, wenn zwei Künstler unabhängig
voneinander schaffen.

14*
        <pb n="244" />
        212 Geh. Regierungsrat Momber:

Als Urheber gilt der Eigentümer einer inländischen gewerblichen
Anstalt, in dessen Auftrag oder für dessen Rechnung Zeichner, Maler,
Bildhauer Muster oder Modelle gefertigt haben, falls nicht ein ander-
weitiger Vertrag besteht. Der Urheber muß den Gegenstand anmelden
und ein Stück oder eine Abbildung bei der mit der Führung des
Musterregisters beauftragten Behörde hinterlegen. Zuständig
sind die Amtsgerichte. Über die Führung des Musterregisters hat der
Reichskanzler am 29, Februar 1876 Bestimmungen erlassen. Die Höchst-
dauer des Schutzes beträgt 15 Jahre, Es ist jedermann gestattet, von
dem Musterregister und den nichtversiegelten Mustern und Modellen
Einsicht zu nehmen und sich beglaubigte Registerauszüge erteilen zu
lassen, Die versiegelt niedergelegten Muster und Modelle werden nach
längstens drei Jahren von Amts wegen eröffnet.

Das Gesetz gewährt dem Berechtigten die ausschließliche Befugnis
der Nachbildung und Verbreitung, d.h. der Vervielfältigung. Verboten
sind auch Nachbildungen mit gewissen Abänderungen nichtkünst-
lerischer Art: erstens, wenn ein anderes Herstellungsverfahren als beim
Originalwerk angewendet ist, oder wenn die Nachbildung für einen
anderen Gewerbezweig bestimmt ist; zweitens, wenn die Nachbildung
in anderen räumlichen Abmessungen oder Farben als das Original her-
gestellt ist oder vom Original nur bei Anwendung besonderer Aufmerk-
samkeit unterschieden werden kann. Natürlich ist auch die Nachbildung
einer Nachbildung des Originalwerkes verboten. Erlaubt sind Einzel-
kopien, die ohne die Absicht gewerbsmäßiger Verbreitung und Ver-
wertung angefertigt sind, die Nachbildung von Flächenmustern durch
plastische Erzeugnisse und umgekehrt und die Aufnahme von Nach-
bildungen in Schriftwerken,

Das Recht am Geschmacksmuster ist vererblich und übertragbar
wie ein Vermögensrecht. Es endigt durch Verzicht oder Ablauf. Gegen
Verletzer besteht der Anspruch auf Unterlassung, Schadensersatz, Her-
ausgabe der ungerechtfertigten Bereicherung, Einziehung der wider-
rechtlichen Nachbildung nebst dazugehörigen Vorrichtungen, Strafe
und Buße,

Wenn der Gebrauchszweck eines Gegenstandes gegenüber der
künstlerischen Darstellung völlig zurücktritt, handelt es sich um ein
Kunstwerk, das durch das Kunstschutzgesetz von 1907 formlos im
Augenblick der Schöpfung geschützt ist.

IV. Warenzeichenrecht,

Uralt ist der Gebrauch von Zeichen oder Marken zur Kennzeich-
nung des Eigentums an einem Gegenstande oder des Ursprungs eines
Erzeugnisses. Im Mittelalter regelten die Zünfte den Gebrauch der Ur-
        <pb n="245" />
        Gewerblicher Urheberschutz, 213
sprungszeichen, Der Gewerbetreibende pflegte ein oder nur wenige
Zeichen für alle Waren zu führen. In neuerer Zeit, in der die Viel-
gestaltigkeit der Gewerbeerzeugnisse unübersehbar groß wurde, ent-
stand aber das Bedürfnis, eine bestimmte Ware in ihren besonderen
Eigenschaften gegenüber gleichartigen Waren deutlich zu kenn-
zeichnen, und so entwickelte sich aus dem alten Geschäftszeichen das
heutige Warenzeichen,

Während in vielen Staaten alle formal richtig angemeldeten Fabrik-
oder Handelsmarken — wie im Ausland die Warenzeichen genannt zu
werden pflegen — eingetragen werden und die Feststellung des Ein-
griffs in ältere Rechte späteren Prozessen überlassen bleibt, hat im
Deutschen Reich das Patentamt die Aufgabe, angemeldete Waren-
zeichen nach bestimmten Gesichtspunkten auf ihre Eintragefähigkeit zu
prüfen und sie erst nach Bestehen der Prüfung in die Warenzeichenrolle
einzutragen.

Für diese Prüfung ist es bedeutsam, für welche Warenklasse oder
Warenklassen Schutz begehrt wird, Das Gesamtgebiet des Gewerbes
ist nämlich in Klassen und Unterklassen eingeteilt, für die getrennte Ge-
bühren zu entrichten sind,

Die Eintragung kann aus absoluten Gründen versagt werden,
die für alle Waren ohne Unterschied der Klasse zutreffen, oder aus
relativen Gründen wegen Übereinstimmung derselben mit einem älteren
Zeichen oder einer gleichartigen Warenklasse. Zwuerst sollen die
absoluten Gründe aufgeführt werden.

Vor allem wird gefordert, daß ein Warenzeichen Unter-
scheidungskraft besitzt und sich dem Gedächtnis einprägt. Es
darf nicht zu einfach und nicht zu verwickelt sein. Es kann in Bild oder
Wort bestehen, Nicht eintragefähig sind Freizeichen, d.h. solche
Warenzeichen, die infolge Gemeingebrauchs die Unterscheidungskraft
verloren haben. Ferner werden nicht eingetragen Warenzeichen,
welche ausschließlich in Zahlen, Buchstaben oder Angaben über Her-
stellung, Beschaffenheit, Bestimmung, Preis-, Mengen-, Gewichtsverhält-
nissen der Ware bestehen; ferner, welche in- oder ausländische Staats-
wappen oder inländische Orts-, Gemeinde-, Kommunalverbands-
Wappen enthalten; schließlich, welche ärgerniserregende Darstellungen
oder falsche und irreführende Angaben enthalten. In diesen Fällen
versagt also die zuständige Warenzeichen-Prüfungsstelle des Patent-
amts die Eintragung in die Warenzeichenrolle.

Es folgen jetzt die relativen Gründe. Erachtet das Patentamt, daß
ein angemeldetes Zeichen mit einem anderen für dieselben oder für
gleichartige Waren früher angemeldeten Zeichen übereinstimmt,
so macht es dem Inhaber des letzteren Mitteilung. Erhebt dieser nicht
        <pb n="246" />
        214 Geh. Regierungsrat Momber:

innerhalb eines Monats Widerspruch, so wird das Zeichen ein-
getragen. Anderenfalls wird über die Übereinstimmung Beschluß
gefaßt. Wird die Übereinstimmung verneint, so wird das Zeichen ein-
getragen. Wird sie bejaht, so wird die Eintragung versagt. Der Be-
schluß kann vom Anmelder oder Widersprechenden durch Beschwerde
angefochten werden.

Die Eintragung wirkt zunächst für zehn Jahre und kann nach Ab-
lauf der Zeit beliebig oft um zehn Jahre verlängert werden, so daß die
Schutzdauer zeitlich unbegrenzt ist.

Ein eingetragenes Zeichen kann auf Antrag des Inhabers oder nach
Schutzdauerablauf von Amts wegen gelöscht werden, schließlich auch,
wenn die Eintragung des Zeichens hätte versagt werden müssen. Diese
letzte Löschungsart kann von Dritten angeregt werden. Vor der
Löschung von Amts wegen ist der Inhaber zu benachrichtigen, kann
Widerspruch, und gegen den Löschungsbeschluß trotz Widerspruchs Be-
schwerde erheben.

Ein Dritter kann die Löschung beantragen, wenn das Zeichen
für ihn eingetragen ist, wenn der Geschäftsbetrieb, zu welchem das
Zeichen gehört, von dem eingetragenen Inhaber nicht mehr fortgesetzt
wird, oder wenn es sich ergibt, daß das Zeichen den tatsächlichen Ver-
hältnissen nicht entspricht und Täuschungsgefahr vorliegt. Abgesehen
vom Fall der Aufgabe des Geschäftsbetriebs, in dem zunächst das
Patentamt zuständig ist, erfolgt die Klage bei den ordentlichen Ge-
richten. Unter Vorlage des rechtskräftigen Urteils ist sodann die
Löschung des Zeichens beim Patentamt zu beantragen.

Der Kreis der eintragefähigen Personen ist vor einigen Jahren da-
durch erweitert worden, daß rechtsfähige Verbände, die gewerbliche
Zwecke verfolgen, Warenzeichen anmelden können, die in den Ge-
schäftsbetrieben ihrer Mitglieder zur Kennzeichnung der Waren dienen
sollen. Diese ,„ Verbandszeichen”‘ haben bereits eine große Be-
deutung gewonnen.

Dem Eingetragenen steht ausschließlich das Recht zu, Waren der
angemeldeten Art oder deren Verpackung oder Umhüllung mit dem
Warenzeichen zu versehen, die so bezeichneten Waren in Verkehr zu
setzen, sowie auf Ankündigungen, Preislisten, Geschäftsbriefen, Emp-
fehlungen, Rechnungen oder dergl. das Zeichen anzubringen. Im Gegen-
satz zu den Rechten aus dem Patent und Gebrauchsmuster ist dieses
Recht an die Person gebunden und schützt diese im Gebrauch des
Zeichens. Das Zeichen ist nicht, wie das Patent und Gebrauchsmuster,
ein immaterielles Gut, sondern ein Persönlichkeitsrecht.

Gegen die widerrechtliche Benutzung des Zeichens ist gegeben: die
Klage auf Unterlassung, Schadenersatz, Beseitigung des widerrecht-
        <pb n="247" />
        Gewerblicher Urheberschutz, 215
lichen Zeichens, und im Falle wissentlicher Verletzung Strafantrag
und Buße,

Über den engen, formalen Warenzeichenschutz hinaus gibt das
Warenzeichengesetz noch einen zivil- und strafrechtlichen Schutz gegen
die zum Zweck der Täuschung in Handel und Verkehr erfolgte Benutzung
der Ausstattung, die ein anderer für seine Waren, deren Ver-
packung, für seine Ankündigungen, Preislisten, Geschäftsbriefe, Emp-
fehlungen, Rechnungen oder dgl. verwendet. Dieser Schutz ist formlos
und geht erheblich weiter als der des Zeichens, Wesentlich für diesen
Schutz ist Unterscheidungskraft der Ausstattung und ihre Geltung als
Kennzeichen des Inhabers innerhalb der beteiligten Verkehrskreise.

Das Warenzeichen hat, ebenso wie die übrigen gewerblichen Schutz-

rechte, nur Wirkung innerhalb der Grenzen des eintragenden Staates,
müßte also grundsätzlich in jedem Staat angemeldet werden, mit dem
der Unternehmer einen durch Warenzeichen geschützten Außenhandel
treiben will, Diese Mühe hat der deutsche Unternehmer nicht mehr,
seitdem kürzlich das Deutsche Reich dem Madrider Abkommen
vom 14. April 1891, betreffend die internationale Registrierung von
Fabrik- und Handelsmarken beigetreten ist. Von für die deutsche
Ausfuhr wichtigen Staaten gehören diesem Abkommen an: Österreich,
Ungarn, Belgien, Brasilien, Danzig, Spanien, Frankreich, Italien, Mexiko,
die Niederlande, Portugal, Schweiz, Rumänien, Serbokroatien, Tschecho-
slowakei, Die Angehörigen dieser Staaten können sich den Schutz ihrer
im Ursprungsland zur Hinterlegung zugelassenen Fabrik- oder Handels-
marken (Warenzeichen) in allen übrigen vertragschließenden Ländern
dadurch sichern, daß sie die Marken durch Vermittlung der Behörde des
Ursprungslandes beim Internationalen Berner Büro hinterlegen. Für
Deutsche ist das Patentamt in Berlin diese Vermittlungsbehörde. Den
Angehörigen eines Vertragsstaates stehen Nichtangehörige, die in einem
Vertragsstaat Wohnsitz oder tatsächliche und wirkliche gewerbliche
oder Handelsniederlassung haben, rechtlich gleich.

Das Berner Büro trägt ohne Prüfung alle ihm angemeldeten
Marken in sein Register ein und teilt sie den zuständigen Behörden der
Vertragsstaaten mit. Soweit die Staaten aber ein Prüfungssystem
besitzen — wie z.B. Deutschland —, prüfen sie die Eintragefähigkeit
der Marke nach ihren Bestimmungen und teilen etwaige Einwendungen
dem Berner Büro mit, das sie über die Heimatsbehörde dem Anmelder
übermittelt, Dieser hat dann dieselben Rechtsmittel, als wenn er in dem
beanstandenden Staat unmittelbar angemeldet hätte. Unter Umständen
wird also in einigen Verbandsländern der nachgesuchte Schutz versagt.
Die internationale Anfangsschutzdauer beträgt 20 Jahre. An die Erneue-
rung wird sechs Monate vor Fristablauf vom Berner Büro aus erinnert.
        <pb n="248" />
        216 Geh, Regierungsrat Momber:
Ein teilweiser, territorialer Verzicht ist zulässig, Auf Antrag gibt das
Berner Büro über jede Marke einen gebührenpflichtigen Registerauszug.

In diesem kurzen Überblick über das Warenzeichenrecht konnten
eine Reihe von Frist-, Gebühren- und sonstigen Verfahrensbestim-
mungen, die für die Erlangung des Rechtes bedeutsam sind, nicht
gestreift werden. Es ist ebenso, wie bei der Patentanmeldung, auch
hier ratsam, sich der Hilfe eines Patentanwalts zu bedienen.

V., Namens- und Firmenrecht,

Wenn der gewerbliche Unternehmer Waren kauft, sie verarbeitet,
bearbeitet oder irgendwie herrichtet und sodann verkauft, so handelt
er als Kaufmann, und der Name, unter dem er im Handel seine Ge-
schäfte betreibt und seine Unterschrift abgibt, ist seine Firma. Name
und Firma sollen Bezeichnungen des Unternehmers und Unternehmens
sein, die vor einer Verwechslung schützen. Sie sind mit dem Unternehmer
bzw. Unternehmen untrennbar verbunden und Ausfluß des Rechtes der
Persönlichkeit, Ihre unbefugte Benutzung begründet nach dem Bürger-
lichen Gesetzbuch und dem Handelsgesetzbuch einen Unterlassungs-
anspruch, Ihre vorsätzliche oder fahrlässige widerrechtliche Verletzung
verpflichtet nach dem BGB, zum Schadenersatz. Die Verletzung des
Interesses des Berechtigten durch unbefugten Gebrauch des gleichen
Namens begründet nach dem BGB. die Klage auf Beseitigung der Be-
einträchtigung. Die Benutzung eines Namens oder einer Firma im
geschäftlichen Verkehr in einer Weise, welche darauf berechnet und
geeignet ist, Verwechslungen hervorzurufen, verpflichtet gegenüber
dem berechtigten Inhaber nach dem Gesetz zur Bekämpfung des un-
lauteren Wettbewerbs zum Schadenersatz, Die widerrechtliche Be-
nutzung eines fremden Namens zur Bezeichnung von Waren steht nach
dem Warenzeichengesetz der widerrechtlichen Benutzung eines ein-
getragenen Zeichens gleich.

Außer Namen und Firma gibt es noch andere Kennzeichen des
Unternehmens, die im Verkehr eine ähnliche Rolle spielen. Das Waren-
zeichen wurde soeben genannt. Hierzu kommt das eingebürgerte
Schlag- oder Kennwort der Firma, das meist aus Abkürzungen der
vollen Firmenbezeichnung entstanden ist, vielfach aus den Anfangs-
buchstaben allein besteht. Diese Schlag- und Kennworte genießen nach
ihrer Einbürgerung den Namensschutz. Auch die bei der Reichspost
angemeldeten abgekürzten Telegrammanschriften können diese Bedeu-
tung gewinnen,

Diese Rechte können durch später von anderen angemeldete
Warenzeichen verletzt werden. Der Verletzte kann auf Löschung des
Zeichens klagen, wenn Umstände vorliegen, aus denen sich ergibt, daß

Ki
        <pb n="249" />
        Gewerblicher Urheberschutz. 217
der Inhalt des Warenzeichens den tatsächlichen Verhältnissen nicht
entspricht und die Gefahr einer Täuschung begründet,

VL. Wettbewerbsrecht,

Alle Schutzrechte des gewerblichen Urhebers, die ihm durch all-
gemeine und Sondergesetze für sein Unternehmen und seine Waren
eingeräumt sind, verfolgen unter anderem auch den Zweck, den un-
lauteren Wettbewerb zu bekämpfen. Die außerordentliche An-
passungsfähigkeit des unlauteren Wettbewerbs an die bis dahin vor-
handenen Abwehrgesetze, mit dem Erfolg, immer wieder Lücken
zwischen den Einzelbestimmungen zu finden und auszunutzen, veran-
laßte im Jahre 1896 den Erlaß des Gesetzes zur Bekämpfung des un-
lauteren Wettbewerbs, das einige Fälle herausgreift, die besonders
regelungsbedürftig erschienen, Dies sind die unlautere Ankündigung,
die Anschwärzung und üble Nachrede, der auf Verwechslung berechnete
Gebrauch von Individualzeichen und Druckschriftentiteln, und schließ-
lich der Geheimnisverrat durch Angestellte, Hiergegen sind die Unter-
lassungs- und Schadensersatzklage gegeben, die, soweit Landgerichte
zuständig sind, von den Kammern für Handelssachen behandelt werden.
In gewissen Fällen kann auch auf Strafe erkannt werden. Wichtig ist,
daß auf den Schutz des Gesetzes nur der Besitzer einer Niederlassung
im Inlande Anspruch hat,

Das jüngere BGB. enthält in seinen bekannten 88 823, 824, 826 all-
gemeine Schutzbestimmungen gegen unlauteren Wettbewerb, die die
Persönlichkeit gegen Störung ihrer gewerblichen Betätigung schützen.
Dieser Schutz steht Inländern und Ausländern in gleicher Weise zu.
Voraussetzung der Schadenersatzklage ist Vorsatz oder einfache Fahr-
lässigkeit. In der Regel wird die schädigende Handlung gegen die guten
Sitten verstoßen und in diesem Fall unter 8 826 fallen. Diese all-
gemeinen Bestimmungen können in vielen Fällen neben den Sonder-
bestimmungen der gewerblichen Sondergesetze angewendet werden, sie
verstärken und ergänzen den Schutz, den jene dem gewerblichen Unter-
nehmer geben.

Schrifttum,
Damme, Das deutsche Patentrecht, Verlag Liebmann, Berlin 1906.
Isay, Patentgesetz und Gesetz betr, den Schutz von Gebrauchsmustern. Verlag

Vahlen, Berlin 1920,

Lutter, Patentgesetz. Guttentagsche Sammlung Nr. 22. Vereinigung wissenschaft-

licher Verleger, Berlin und Leipzig, 1920.

Osterrieth, Lehrbuch des gewerblichen Rechtsschutzes, Verlag Deichert Nachf,,

Leipzig 1908,

Seligsohn, Patentgesetz und Gesetz betr, den Schutz von Gebrauchsmustern. Ver-

lag Guttentag, Berlin 1920,

Seligsohn, Schutz der Warenbezeichnungen. Berlin 1905,
        <pb n="250" />
        15.

Kommunale Wirtschaftsbetriebe.
Von Oberbürgermeister Mitzlaff,
Geschäftsführendem Vorstandsmitglied des Deutschen Städtetages.
Das Gebiet kommunaler Wirtschatit,

Wenn die Stellung der kommunalen Betriebe in der Gesamtwirtschaft
erörtert wird, pflegt es sich in erster Linie darum zu handeln, das Be-
tätigungsgebiet der Gemeinden in der Wirtschafit
zu umgrenzen, also die Linie festzustellen, innerhalb deren man eine
wirtschaftliche Betätigung der Kommunen auf wirtschaftlichem Gebiet
fordern oder zulassen will, Auffassungen, die ein Nebeneinander von
privater und kommunaler Wirtschaft von vornherein überhaupt aus-
schließen, die entweder extrem sozialistisch alle wirtschaftliche Be-
tätigung sozialisieren und in die Hand der Gesamtheit übergeführt haben
wollen, oder umgekehrt extrem individualistisch nur privatwirtschaft-
liche Formen in der Wirtschaft dulden wollen, können dabei aus der
Erörterung ausschalten. Beides sind extrem doktrinäre Konstruk-
tionen, lediglich theoretischer Art, über welche die Praxis zur Tages-
ordnung übergehen kann.

Praktisch hat die Entwicklung des letzten Jahrhunderts sich denn
auch immer nur um die Auffindung der richtigen Grenzlinie zwischen
beiden bemüht, und wir dürfen heute sagen, daß die Praxis mit einer
gewissen Zwangläufigkeit im wesentlichen auch die Lösung schon
gebracht hat,

Vom Standpunkt der Kommunen ist zunächst grundlegend die
Rechtslage. Sie ist — bekanntlich im bewußten Gegensatz zum eng-
lischen Kommunalrecht — so, daß die Gemeinden nach den ver-
schiedenen Städte- und Gemeindeordnungen in Deutschland grundsätz-
lich das uneingeschränkte Recht zu wirtschaftlicher Betätigung auf allen
Gebieten auch des wirtschaftlichen Lebens haben. Schon die Städte-
ordnung von Stein von 1808 enthält den Satz, der in ähnlicher Fassung
dann in alle späteren Ordnungen übergegangen ist: daß die Städte
„alles in den Kreis ihrer Tätigkeit ziehen dürfen, was ihnen für das
Wohl ihrer Bürger zweckentsprechend erschiene, soweit nicht das
Gesetz und der Wille des übergeordneten Staates ausdrücklich Grenzen
ziehen“.
        <pb n="251" />
        Kommunale Wirtschaftsbetriebe. 219
Die Frage ist, wieweit sie selbst von diesem Rechte Gebrauch
machen wollen. Die Entwicklung hat ihnen hier von selbst den Weg
gewiesen. Erst die Fortschritte der Technik und Industrie einerseits
und das starke Wachstum der Städte andrerseits brachten in der
zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die Probleme der Wasser-
versorgung, der Gasversorgung, der Elektrizitätsversorgung, des
Straßenbahnverkehrs und die hygienischen Probleme der Großstadt-
bildung, Aus dieser Entwicklung selbst ergaben sich aber bald mit
voller Klarheit die zwingenden Gründe für eine kommunale Betätigung
auf diesem Gebiete, nicht überall zwar gleichmäßig und bestimmt,
sondern örtlich verschieden und tastend, aber doch sich schließlich als
allgemein anerkannte Normen für das Kommunalisierungsproblem
durchsetzend und auch heute noch im wesentlichen geltend. Zwei Ge-
sichtspunkte treten vor allem hervor: Einmal die Überzeugung, daß die
Betriebe, welche sich auf der Benutzung der städtischen Straßen mit
festen Leitungsnetzen aufbauten und daher die Bedeutung von Mo-
nopolbetrieben hatten, dann, wenn es sich um absolut lebens-
notwendige Dinge für die ganze Bevölkerung handelte, wie Wasser,
Gas, Elektrizität, Straßenbahnen, nicht der privaten Wirtschaft mit
ihrer lediglich privatwirtschaftlichen Geschäftsführung überlassen
werden dürften, sondern daß eine den Bedürfnissen der Gesamtheit
gerecht werdende, gleichmäßige Versorgung der Bevölkerung zu an-
gemessenen Preisen nur durch die kommunale Betriebsführung, deren
leitender Gesichtspunkt das Gemeinwohl ist, erreicht werden könne.
Dazu kam als zweites, verwaltungspolitisch außerordentlich wichtiges
Moment, daß die Kommunen auf dem wichtigsten Gebiet der kommu-
nalen Selbstverwaltung, nämlich bei ihrer Siedlungspolitik, der
freien Verfügung sowohl über das städtische Straßennetz wie über die
Mittel zur Versorgung neu zu erschließender Stadtteile mit Wasser,
Gas, Elektrizität, und über die zu schaffenden Verkehrsverbindungen
bedürfen und darin nicht von privaten Unternehmungen mit ihren
privaten Interessen abhängig sein dürfen, Wasser, Gas, Elektrizität,
Straßenbahn, selbstverständlich auch Kanalisation, ergaben sich aus
diesen beiden Gründen zwingend als erste Domäne kommunaler
Tätigkeit,

Eine weitere große Gruppe kommunaler Betriebe stellte sodann
das Gebiet der öffentlichen Gesundheitspflege: Fäkalabfuhr,
Müllabfuhr, Straßenreinigung, Schlachthöfe, Markthallen, Milchkühe,
Krankenhäuser.

Um diese beiden, mehr oder weniger in allen Städten wieder-
kehrenden Stammgruppen schlossen sich in buntem Wechsel, je nach
        <pb n="252" />
        220 Oberbürgermeister Mitzlaff:

den örtlichen Verhältnissen, hier die, dort die Betriebe, hervor-
gewachsen aus den örtlichen Bedürfnissen: so Theater — als öffentliche
Einrichtungen notwendig, weil, von besonders günstigen Verhältnissen
abgesehen, die Rentabilität fehlt, deren die Privatwirtschaft bedarf;
Häfen — als Bestandteil vorausschauender Kommunalpolitik erbaut,
um Handel und Gewerbe zu heben, und als nicht auf unmittelbaren
Nutzen abgestellt, sondern nur mittelbar durch Stärkung des kommu-
nalen Wirtschaftslebens und der kommunalen Steuerkraft nutzen-
bringend, für die Privatwirtschaft kein geeignetes Objekt, zumal im
Stadium der ersten, auf weite Zukunft weisenden Entwicklung; kommu-
nale Leichenbestattung — besonders verbreitet im Freistaat Sachsen,
hervorgerufen teils durch Wahrnehmung von Mißständen im privaten
Bestattungsgewerbe, teils entsprungen ähnlichen sozialen Gedanken
wie die Krankenversicherung, nur statt auf beruflicher, auf kommunaler
Grundlage, usw.

Gelegentlich, wenn auch selten, stößt man auch auf kommunale
Betriebe, welche die private Wirtschaft nicht ersetzen, sondern ledig-
lich als Vorbild und Regulator für die Privatwirtschaft dienen sollen,
vor allem, um Preisüberforderungen zu verhindern, z. B. Lebensmittel-
geschäfte, Brotfabriken, Schuhmachereien u. dgl.

Schon diese Aufzählung zeigt, daß die verschiedensten Gründe zur
Errichtung eines kommunalen Betriebes führen können. Voneinander
heben sich dabei ab die Fachgebiete, bei denen die kommunale Betäti-
gung sich als Regelform aus der Natur der Sache ergibt, und die Fach-
gebiete, in denen nur besondere Umstände einen kommunalen Betrieb
rechtfertigen, Unter die letztere Gruppe fallen vor allem alle Gebiete,
wo die Kommunalbetriebe nur als Konkurrenzbetriebe neben die meist
absolut überwiegenden Privatbetriebe treten. Gemeinsam ist aber allen
Fällen, daß die kommunale Betriebsführung nicht wegen des
bloßen Sozialisierungsprinzips an sich errichtet
werden darf, Ihre Rechtfertigung erhält sie nur durch Vorliegen
des öffentlichen Interesses, d, h. es muß die privatwirtschaftliche
Gestaltung im Ergebnis vom Standpunkt der Gesamtheit aus un-
genügend sein, sei es, daß die Privatwirtschaft wegen mangelnder Ge-
winnmöglichkeit überhaupt nicht ein bestimmtes Versorgungsgebiet in
Angriff nimmt, sei es, daß die Privatwirtschaft wegen des ausschlag-
gebenden Gewichts des Gewinnzweckes oder wegen Fehlens der Kon-
kurrenz nicht die Versorgung der Gesamtheit mit lebenswichtigen Be-
darfsgegenständen zu angemessenen Preisen gewährleistet. Immer
muß es sich natürlich um lebenswichtigen Bedarf, nicht um Luxusgegen-
stände handeln. Ob im einzelnen Fall hiernach die Voraussetzungen
        <pb n="253" />
        Kommunale Wirtschaftsbetriebe., 221
vorliegen, daß das öffentliche Interesse eine kommunalwirtschaftliche
Tätigkeit erfordert, läßt sich nur nach den einzelnen Umständen
beurteilen.

Gibt vorstehende Darstellung etwa die Verhältnisse wieder, wie
sie sich schon vor dem Weltkriege herausgebildet hatten, so ergab die
Kriegs- und Nachkriegszeit für das Kommunalisierungs-
problem außerordentlich bedeutsame neue Momente. Der Krieg, vor
allem, als die Blockade einsetzte, kehrte so ziemlich für den ganzen
Bereich des Bedarfs des täglichen Lebens, in erster Linie für Nahrungs-
mittel und Kleidung, das Verhältnis zu Ware und Bedarf durchaus um.
Bildete im Frieden der Bedarf stets den Regulator für Warenerzeugnis
und Preis, so war die Folge der Blockade, daß die Warenmenge nicht
mehr ausreichte, um die Gesamtheit normal zu versorgen, Die Grund-
lage, auf der die freie Wirtschaft in der Lage ist, trotz ihrer eigenen
naturnotwendigen Einstellung auf den Gewinnzweck zugleich, sozusagen
ungewollt, die Interessen der konsumierenden Bevölkerung auf dem
zweckmäßigsten und billigsten Wege zu befriedigen, war damit weg-
gefallen, und wie wir es aus früheren Hungersnotzeiten und von Burg-
und Stadtbelagerungen her lesen, mußte in gleicher Weise, nur in gigan-
tischem Ausmaß, die öffentliche Rationierung, Beaufsichtigung und Ver-
waltung der ganzen Warenbestände, kurz, eine Sozialisierung
der gesamten Wirtschaft an die Stelle der freien Privat-
wirtschaft treten, Es fing an beim Getreide und Mehl und Futter-
mitteln und ging weiter zu Fleisch, Fett, Milch, Fischen, Eiern, Kar-
toffeln, Kleidern, Schuhen, Kohlen usw., und die eigentlichen Träger
der Ausführung dieser gewaltigen Aufgabe waren wieder die Ge-
meinden, Die Aufgabe, die ihnen über Nacht in den Schoß fiel, war um
so schwerer zu bewältigen, als es sich nicht bloß darum handelte,
bestimmte Warenmengen, die ihnen zugewiesen waren, rein mechanisch
nach Eingang zu verteilen, sondern die Gemeinde, die nicht in schwerste
Bedrückung kommen wollte, mußte wie ein gewiegter Kaufmann auf
lange Sicht disponieren, beizeiten große Warenvorräte auf Lager
nehmen, und dabei durch Erfahrung lernen, daß die Behandlung
besonders der organischen Ware auf dem Lager oft schwierige Aufgaben
stellte, auch die Kunst kaufmännischer Kalkulation mußte die Gemeinde
lernen. Vor allem aber zwang die Not der Zeit die Gemeinden darüber
hinaus, immer neue Spezialbetriebe in den Kreis ihrer Tätigkeit zu
ziehen, große Massenspeisungsküchen, Brotherstellung, große
Fleischerei- und Wurstereibetriebe, Kleiderflickereien, Schuh-
machereien u. dgl. einzurichten, so daß die Gemeinden schließlich

a
        <pb n="254" />
        222 Oberbürgermeister Mitzlaff:
Universalwarenhäuser und -fabrikationsstätten von unendlicher Viel-
seitigkeit waren,

Die Aufgabe der Gemeinden war zu groß und zu vielseitig, um
überall ganz zu klappen, zumal angewiesen auf ungeschultes Personal
und im Kampf mit einer nervösen und die Achtung vor dem Gesetz
immer mehr verlierenden Bevölkerung. Aber die Aufgabe mußte gelöst
werden und sie wurde gelöst. Freilich kann, wer selbst daran mit-
gearbeitet hat, nur mit der Erfahrung daraus hervorgehen, daß nur die
absolute Notwendigkeit eine solche „Sozialisierung‘ rechtfertigen kann,
daß zwar die Aufgabe, jedem die notwendige Ration zuzuführen, nur
auf diese Weise, nicht durch die freie Wirtschaft, gelöst werden kann,
daß aber im übrigen, rein wirtschaftlich betrachtet, die
öffentliche Verwaltung nicht entfernt das leisten kann, was die berufs-
mäßige freie Wirtschaft mit ihrer durch das eigene Interesse angespann-
ten Findigkeit und durch eine lange Tradition erworbenen Geschäfts-
erfahrung leistet. Die Kenntnisse und die Geschicklichkeit, welche in
jedem einzelnen Geschäftszweig, mag es sich um Getreide und Mehl,
oder um Kartoffeln oder Eier, oder Leder oder sonst einem kleinen Aus-
schnitt der großen Wirtschaft handeln, in bezug auf die zweckmäßigsten
Bezugsquellen und Transportmittel, die Qualität der Ware, die Behand-
lung auf dem Lager, die besten Absatzmöglichkeiten, die Behandlung
der Kundschaft, die Schulung des Personals usw. aufgespeichert sind,
lassen sich, zumal für eine unendliche Vielheit von Warenartikeln, un-
möglich in einer öffentlichen Gemeindeverwaltung in gleicher Art dar-
stellen. Das Urteil kann daher nur lauten: Diese Kriegsnotwendigkeiten
mußten damals geschaffen werden, über den Krieg hinaus aber kann
das Streben nur sein, möglichst bald die freie Wirtschaft wieder in Lauf
zu setzen. Inzwischen ist dieser Kriegsspuk ja auch überall ver-
schwunden, die Getreidestelle der Reichsregierung, die am längsten ihre
Tätigkeit aufrechterhielt, ist aufgelöst und die freie Wirtschaft wieder
in ihre zuständige Rolle eingetreten,

Übriggeblieben von der ganzen Kriegswirtschaft ist zur Zeit nur
noch die Wohnungswirtschaft. Sie steht unter besonderen Gesichts-
punkten und fällt aus dem Rahmen der hier zu behandelnden Frage
hinaus. Auch sie wird verschwinden, sobald die Voraussetzungen für
ein Funktionieren der freien Wirtschaft auf diesem Gebiet gegeben
sind,

Es liegt mir als Kommunalvertreter selbstverständlich fern, die
freie Wirtschaft etwa als vollkommenes Instrument zur Versorgung der
Bevölkerung zu preisen, es wird vielmehr oft genug mit Recht Klage
geführt über ungerechtfertigt hohe Preisbildung der Wirtschaft, aber es
ist eben als allgemeine Wirtschaftsform hier nur die Privat-
        <pb n="255" />
        Kommunale Wirtschaftsbetriebe. 223
wirtschaft möglich, und die Korrektur gegenüber Übelständen in
der freien Wirtschaft muß in anderer Weise gesucht werden. Dabei
kommt — allerdings nur aus örtlichen Verhältnissen — auch die Er-
richtung von kommunalen Konkurrenzbetrieben der Gemeinden in Be-
tracht, um die Preisbildung der freien Wirtschaft kontrollieren und
beeinflussen zu können,

Mit unter dem Einfluß der Kriegsversorgungswirtschaft, im Grunde
aber wohl noch mehr unter der Wirkung der sozialistischen Welle, die
sich in Verfolg der Revolution in allen Zweigen des öffentlichen Lebens
bemerkbar machte, machte man in der Nachkriegszeit aber zugleich den
sehr bemerkenswerten Versuch, für die kommunale Betätigung eine
neue Rechtsgrundlage zu schaffen. In bezug auf das Recht
zur Betätigung auf dem Gebiete der privaten Wirtschaft brauchten die
Kommunen an sich allerdings keine Stärkung ihrer Position, denn sie
besaßen ja das ausdrückliche Recht, jede Tätigkeit in die Hand zu
nehmen, die sie betreiben wollten. Aber sie besaßen dadurch nur die
gleiche Stellung wie jeder Privatmann, der, wenn er ein Unternehmen
anfängt, sich im freien Wettstreit gegen die bestehenden oder neuent-
stehenden Konkurrenzunternehmungen durch seine Leistungen durch-
setzen muß, Die von der Reichsregierung zur Prüfung der gesamten
Sozialisierungsfrage eingesetzte Sozialisierun gskommission
wollte nun den großen Schritt weitergehen und durch ein Kom muna -
lisierungsgesetz den Gemeinden das Recht geben, zum Zwecke
kommunaler Betriebsführung bestehende private Unternehmungen zu
enteignen oder stillzulegen. Für eine Reihe von Wirtschaftsgebieten,
die sog. Freiliste, sollten die Kommunen diese Zwangsbefugnisse ohne
weiteres bekommen, für die nicht zur Freiliste gehörigen Fälle sollte
„aus Gründen des öffentlichen Wohles“, „bei Vorliegen eines dringenden
Bedürfnisses‘ ein besonderes Verleihungsverfahren treten.

Bei der Ausarbeitung der Freiliste steckte die Sozialisierungs-
kommission, die von starken sozialistischen Grundideen ausging, den
Rahmen sehr weit. Der im Ministerium des Innern aufgestellte Entwurf
enthielt in ziemlicher Übereinstimmung mit der bisherigen Friedens-
entwicklung nur: Straßenbahn, Wasser-, Gas- und Elektrizitäts-
versorgung, Anschlagwesen, Bestattungswesen, Abfuhrwesen, Theater,
Lichtspiele. Die Sozialisierungskommission dagegen wollte auch noch
die wichtigsten Gebiete der Kriegswirtschaft hinzunehmen, nämlich:

Erzeugung, Beschaffung, Lagerung, Bearbeitung und Vertrieb von
Nahrungs- und Genußmitteln,
Beschaffung, Lagerung und Vertrieb von Brennstoffen,

=
        <pb n="256" />
        224 Oberbürgermeister Mitzlaff:

wobei die Sozialisierungskommission allerdings, wie gerechterweise hin-
zugefügt werden muß, keineswegs selbst daran dachte, daß in Zukunft
etwa die ganz e Lebensmittelversorgung und die Brennstoffversorgung
aus der privaten Hand in die kommunale Verwaltung übergeführt werden
sollte, man wollte nur den Kommunen den Weg eröffnen, Einzelzweige
oder auch nur Einzelunternehmungen im Wege der Enteignung zu über-
nehmen, statt den Weg der freien Konkurrenz gehen zu müssen.

Es ist begreiflich, daß die Kommunalverwaltungen die durch den
Entwurf verheißene Erweiterung ihrer Rechtsstellung begrüßten, sie
kamen aber schließlich selbst dazu, den Entwurf so, wie er vorlag, ab-
zulehnen. Die Gestaltung der Freiliste war zu beanstanden, noch mehr
das behördliche Verfahren, das viel zuviel sachliche Entscheidungen
über die Kommunalisierung im Einzelfalle in die Hand der staat-
lichen Behörden statt in die freie Entschließung der Kommunen legte,
und vor allem brachte die Regelung der Entschädigungsfrage der Ent-
eigneten den Kommunen keine wirtschaftlich brauchbare Basis für eine
rentable kommunale Betriebsführung. Ohne eine dem öffentlichen
Zweck Rechnung tragende Regelung der Entschädigung mußte das ganze
Gesetz aber ein Schwert ohne Klinge sein, das gar nicht angewandt
worden wäre. Schließlich mußte man sich auch sagen, daß man ohne
das neue Gesetz praktisch in den meisten Fällen — allerdings nicht in
allen — seine kommunalisierungspolitischen Absichten mit bestem Er-
folg hätte verwirklichen können, wenn auch im Rahmen der freien
Wirtschaft und unter dem Walten des Grundsatzes der Konkurrenz,

Über allen diesen Meinungsverschiedenheiten blieb das Gesetz
schließlich stecken, die Rechtslage ist also dieselbe geblieben, wie sie
vor dem Kriege war.

Die Verwaltungsform der kommunalen Betriebe,

Ebenso wichtig wie die Frage, welche Arten von Betrieben als
kommunale Betriebe in Betracht kommen, ist die Frage, wie sie ver-
waltet werden. Der Besitz eines wertvollen Instruments schafft noch
keine praktischen Werte, es kommt darauf an, wie das Instrument
gehandhabt wird, Dabei ist von vornherein klar, daß die Art der Or-
ganisation und die Führung der Verwaltung sich ganz und gar danach
richten muß, um was für einen fachlichen Betrieb es sich handelt. Ein
Krankenhaus, ein Leichenbestattungsbetrieb, ein städtisches Brauhaus,
ein Gaswerk, ein Theater sind in der Art ihrer Betriebsführung, in der
Mentalität ihres Personals und ihres abnehmenden Publikums, in den
Ansprüchen, die an die Beweglichkeit und Entschlußfähigkeit der
Leitung gestellt werden, voneinander so himmelweit verschieden, daß
ein einheitliches Verwaltungsschema für sie nicht paßt, es muß vielmehr
        <pb n="257" />
        Textil- und sonstige Industrien.
1. Textilindustrie: Kommerzienrat Hans Vogel, Chemnitz,

Geb. 29, März 1867 zu Chemnitz, Mitinhaber der Firma Wilhelm Vogel,
Chemnitz, stellvertretender Vorsitzender der Handelskammer, Vorsitzender des
Weberei-Verbandes, Chemnitz, Vorstandsmitglied des Verbandes Deutscher
Teppich- und Möbelstoff-Fabrikanten, Leipzig, der Vereinigung Deutscher Arbeit-
geberverbände, des Arbeitgeberverbandes der Sächsischen Textil-Industrie,
Chemnitz, beratendes Mitglied des Aufsichtsrates beim Internationalen Arbeitsamt
in Genf,

2. Papierindustrie: Dir, Hans Kraemer, Berlin,

Geb, Mannheim, 22, April 1870, stud. Naturwissenschaft und Geschichte, Seit
1894 Herausgeber viel verbreiteter Publikationen, u, a. Verbesserung des Kunst-
drucks, Direktor der von ihm begr, Rotophot A,-G, für graphisches Gewerbe und
des Tiefdruck-Syndikats. Leiter der „Reichsarbeitsgemeinschaft für das Papier-
fach‘, Präsidial- und Vorstandsmitglied des Reichsverb, der Dt. Industrie, Vor-
sitzender des erst, Dt. „Wirtschaftsrats‘, ferner des Wirtschaftspol, Aussch, des
Reichswirtschaftrats,

3. Mühlenindustrie: Dr, rer, pol. h. c. Fr. Artmann,

Generaldirektor der Ludwigshafener Walzmühle in Ludwigshafen a, Rhein.

Geb, 1864 in Soest i, Westf, Bekämpfte erfolgreich das industriefeindliche
bayerische Mühlen-Umsatzsteuer-Gesetz, Mitbegründer größerer industrieller Ver-
bände, Mitglied der Handelskammer und Handelsrichter. Kommerzienrat. 1924
Geh, Kommerzienrat, 1924 von der philosophischen Fakultät der Universität
Heidelberg zum Ehrendoktor der Staatswissenschaften ernannt.

(Bild nach Photo von G, Tillmann-Matter, Mannheim.)
4. Lebensmittelindustrie: Generaldirektor Leberecht Hoffmann,
Hoffmanns Stärkefabriken A.-G, in Bad Salzuflen,

Geb, 2, Juli 1863 in Bad Salzuflen. Gymnasium in Lemgo, Dresden-N. und
Detmold, 1882 Abiturient, 1882-83 Einj.-Freiw. Kaufm, Ausbildung 1883-87 in
Köln, Paris und London, 1887 Reisender bei Hoffmanns Stärkefabriken in
Salzuflen, 1888 Prokurist, 1894 Vorstandsmitglied, 1910 Generaldirektor,

18% bis 1918 Mitglied des Lippeschen Landtags, 1900 Vizepräsident, 1913
Vors, der Handelskammer für Lippe.

5. Zuckerindustrie: Dr. h. c, Erich Rabbethge,

Geb. 22, Mai 1870 zu Einbeck (Hannover). Schule in Einbeck, Gymnasium in
Kassel, 1889: Rechtswissenschaft, Naturwissenschaft, Technik in Straßburg,
Braunschweig, Berlin, Praktisch gelernt als Landwirt, Kaufmann, Zuckerfabrikant.
Am 1. April 1893 die väterliche Firma, Landwirtschaft und Zuckerfabrik in Einbeck,
übernommen, 1900 in den Vorst, der Zuckerfabrik Kleinwanzleben (Rübensamen-
zucht, Landwirtschaft und Zuckerfabrik). 1901 Oberamtmann, 1910 Kommerzien-
rat, 1914-16 Feldzug, leitend in der gesamten Ernährungswirtschaft der Prov.
Sachsen, 1919 Dr. e, h, der Universität Halle.

Tafel VIIL
        <pb n="258" />
        ‚asien ball opitenor bay «Hitze -
- Mitzlar
* „stiamsdD ‚Ia30V 2a8H $pureisıemm0 seileubnilitxaT Ev
ea ti A a ee N ARE 106) OT all we Ös a ZeTeCcn » Kr eh
WSV lsdliW. amt 39b  1odadainıM a Kohl all UD N
UBS Bitosti@roV  rsmmee1SbREA 1sb* bnaitie SV“ YobhSrsi Sylt) Wied”
abtloahırb@ £ asbnsche V.C a6 beige) YenasD 1b k GEN
‚rtiedtA, 19do2lu90l Barhigigne +Ankisqie da (oolfeide AetojelsdäMs bhüdAdiqasT
‚akleubal-IiäxsT ‚,norloaieda” ‘. prab.. „gehe“ "es "gr A 589Bbe nr Biäcketredel
x SR } 7 4% “ e 2 SA ? e BR} A133 x % 4 br rn x « A . .
MaseliadrA aolenoitenıetnT mi9d_ 2916 12ldbie boilatiM FEAR
, | iz 3 AnsQ) ni
6 der freien K + Zu müsser
allich, daß die A0OMMUb ven die durch der
En 09E 9meer A Fan A eubaleiged So eräßten, sie
14i9g ‚S}doidaee0 ‚bau Hedaansseiwaute N U „0t81 H1qA SS na b
"au zb an r9225d15V- ir ‚mSnoP EM 4 yöfstiichev {9iv +9daB2u619 n al’
baus SchswoD esflsellgerg HALO-WA Folgolö Ye mi n6V ob rot zo
Apiqe 4 eb.) zul dieAbenignkeyelischeenois | 1bv te aelihar@-HonebisiT aab
„10V, ‚tan bel, 40 ‚19b, );dtsvadaie A; ,e9b Fhoilatieehnst4ro VAbnau | -Isibiesidr ‚dba
9 Age 29h anal, ıjelere innen Aero zab achasskie
‚d vor allem brachte_die Rogelung der Entschädier Wipbahiwadaied
eigneten den Kommunen keine wirtschaftlich brauch .ıare Basis Kir ein.
entable Lometesatra Ta. du log aa. 10 eiteubninaldüM (Em öffentlicher
we Rechner Merende Eden Mer PER ERW rain ganz.
Soilbniststrleubnt ash Aoisraloke Cr a9 W at 38308 nf; 8081 dan
AV 15llShanbnt 19790678 ‚9 baiıgsdiE A ‚Sto29 0-19 9dex}samU-molduM Sdoeteysd
BE FeTioittommö Aoidbittelsbast!” bar often HE SE betEHM Do ‚Sbmrd
JölierevinU sb" 48Heae NT oedoeidqezolidqr shi Inov. BEL —detasitiain6 N ds
‚ Jnansars Aeltedoanseaiwatsste 19b tohlobnasıdd mus bredisbisH
(mmislaneM „uote M-aasmliT OD. mov. otodI .doasm .blia)
LO?
‚ansmiioH idoarodek 1elA9uibletene) sakıleubaiietlimansdae! a4 io ©
ac usisg be8d ni ‚0Q-A nsıllıdesları6i@ aansmtiohH
bau N-naobesrl ‚obmad mi muiesamyO ‚noltusis? bs ni 8081 ilulL £ ‚daO
ai V8-E881 anublidauA miusA ‚wistT-.inid E8-S881 JnsirutidA 8881 ‚blomtoC
ai nodirdsiodräl@ enhemttoH NP WERE ENGE LE “eired ‚alöX
‚7 herrobfanikierene Qu0EE 1 A heilstimebnetiero Ver BOB LAldiunlorDT88Ete Uns hate Qa-
ELCE dm bieEx as si: 00T 4,205) bns L-10edpesgail geb; boilauM7 8ICL eidi 0081
WS! udn. er Besitz o'3es werPaghl öl rammelelabeett aabereraN,
| ‚-aktischen Werte. es kommt darauf an,
&amp; KEN ; n ns : of &gt; 4 VOrANerEein klar, 5 ad Adsr 4
bt WI Sadteddast datıg Sn 30 sileubatsuS aa
ni? mufesamyO ‚Aosdat dt oludse igvognali) Möadni us TE HMM LS do ;
de Ua WS (H6dsenSeiwihtk I \Aedoemoeatweidoe :@881 Ws
Ansatidstrazdoun re ne Ah bekam datolsy  Adeitder I ai at
‚„Aosdnid, ni lirdstrezloh % batsttedaehiwbahek-‚stazt Ti adailısfäv sib 2081 Hirgad,LiumA
„m9msan9dü A nsdolznswaisl 2 alixdeirszuS, 19h, „JeroV „a9b mi 00081 A9mer0NF9di
-asisıemmo A OLE ‚nnsmimpısdQ, 1081 ‚(liade194ouS, bau adonlaite 7 „Aus
vor% 9b" Hefloehiwenndadkara “nSlMee98 a9) ni “bastiol ‚3usbis - ee 1
Le. WC, One as A er Casallss
ein € Verse: HeMA Tür Sur» LE A 4
IV fateT
        <pb n="259" />
        <pb n="260" />
        <pb n="261" />
        Kommunale Wirtschaftsbetriebe. __225
individualisiert werden. Es würde zu weit führen, für jede einzelne
Betriebsart Untersuchungen über die ihr gemäße Verwaltungsform an-
zustellen, das Typische des Problems kommt genügend zum Ausdruck,
wenn man sich nur auf die eigentlichen Standardbetriebe der Kom-
munalverwaltung: Wasserwerke, Gaswerke, Elektrizitätswerke, Straßen-
bahnen, beschränkt,

Der Ausgangspunkt für die Verwaltung aller und auch dieser kom-
munalen Werke ist natürlich die hergebrachte ordentliche Verwaltungs-
methode der Kommunen, wie sie für Armenverwaltung, Bauverwaltung,
Schulverwaltung usw. gilt: die Grundlage der Verwaltung ist der Etat,
die Durchführung geschieht in der Form der kameralistischen Buch-
führung, alle Sachen, die über das Laufende hinausgehen, bedürfen
kollegialer Beschlußfassung, und zwar je nachdem der zuständigen Ver-
waltungsdeputationen oder des Magistrats oder der Stadtverordneten-
versammlung. Besonders für alle Geldbewilligungen außerhalb des
Etats und die Tarife ist es notwendig, die Stadtverordneten anzugehen,
Nur die ganz im gewöhnlichen Tritt sich vollziehenden laufenden Ver-
waltungsakte sind dem Direktor oder dem Direktor und dem Dezer-
nenten allein anvertraut.

Schon längere Zeit vor dem Kriege empfand man bei den großen
Werken dies Verfahren als ungenügend und als jede rasche und kühne
Entwicklung hindernd, man sah mit Neid auf die freie Wirtschaft, wo
Entschließungen, die in der städtischen Verwaltung durch den langen
Weg über Deputationen, Magistrat, Stadtverordnetenversammlung und
unter Umständen auch noch einen langsam arbeitenden, besonderen
Ausschuß Monate mit unendlicher Schreiberei und unendlichen Ver-
handlungen erforderten, durch kurze Besprechungen von wenigen
Stunden oder Minuten auf einen Schlag getroffen werden konnten, und
es erscholl der Ruf: Mehr kaufmännischer Geist! Los von der Büro-
kratie!

Die Lösung glaubte man zunächst zu finden in der Bildung
„gemischtwirtschaftlicher Gesellschaften” in der
Form der G. m, b. H, oder der Aktiengesellschaft, in die die Gemeinde
ihre Werke, die sie aus dem allgemeinen Gemeindevermögen loslöste,
einbrachte, und an der sich von der andern Seite her auch das private
Kapital beteiligte. Durch diese Verbindung „behördlichen Gewichts
und behördlicher Korrektheit” mit ‚„kaufmännisch-industrieller Intelli-
genz” glaubte man das Problem gelöst zu haben, unabhängig von den
politischen Erwägungen der parteimäßig aufgezogenen Gemeinde-
vertretungen, rein geleitet von wirtschaftlichen Gesichtspunkten, die
Werke praktisch und unbeengt durch bürokratische Hemmnisse zu ver-
walten und die höchstmöglichen Überschüsse herauszuwirtschaften.

Die deutsche Wirtschaft.
15
        <pb n="262" />
        226 Oberbürgermeister Mitzlaff:

Immerhin setzte sich das System des gemischtwirtschaftlichen
Betriebes nur in einem Teil der Betriebe durch, und es war gut, daß die
Kommunen nicht alle voreilig ihre Verwaltung nach dem neuen System
umgestalteten, Nach einer 1920 von dem Deutschen Städtetag auf-
gestellten Statistik, die freilich, da von sehr vielen Städten die Ant-
worten überhaupt nicht eingingen, nicht vollständig ist, waren von
allen kommunalen Betrieben aus allen Verwaltungszweigen, ein-
schließlich auch der Betriebe des Ernährungswesens und Wohnungs-
wesens, nur rd, 8 v, H, gemischtwirtschaftlich aufgezogen, und auf den
vier großen Gebieten, die hier speziell behandelt werden, betrug die
gemischtwirtschaftliche Form

bei den Wasserwerken sogar nur, . . . 5,0 v.H.

und den Gaswerken. . A559 v1.
Nur bei Elektrizitätswerken und den Straßenbahnen waren die Ziffern
höher, nämlich

bei den Elektrizitätswerken . .... 22,4 v. Hl.

bei den Straßenbahnen . . . A 36,8 v.H.

Eine für die Art der Verwaltung überaus lehrreiche Situation ergab
die Inflationszeit, Eine große Anzahl städtischer Werke standen im
Herbst 1923 unmittelbar vor dem Zusammenbruch, besonders die
Straßenbahnen, Es gelang den städtischen Betrieben nicht, mit dem
rasenden Eiltempo des Währungsverfalles Schritt zu halten, und der Ver-
gleich mit der Privatindustrie und dem privaten Handel und Gewerbe,
die sich der täglich und stündlich wechselnden Lage der Währung
gewandt anzupassen verstanden, ließ mancher Stadtverwaltung als
einzige Rettung die Entkommunalisierung und den schnellen Übergang
zur gemischtwirtschaftlichen Betriebsform erscheinen. Manche Stadt-
verwaltung hat diesen Schritt damals getan,

Aber besonnene Kommunalpolitiker warnten schon damals vor
übereilten Maßnahmen, Eins war gewiß richtig, Daß nämlich die In-
flation mit schlagender Überzeugungskraft den Beweis erbrachte, daß in
solchen Situationen der bürokratische Apparat gänzlich versagen mußte.
Aber daraus folgte nicht mit Notwendigkeit der Übergang gerade zum
„gemischtwirtschaftlichen‘ System, weil bürokratische Verwaltung
und gemischtwirtschaftliche Verwaltung nicht die einzigen Ver-
waltungsformen sind, zwischen denen zu wählen ist,

Inzwischen hatte die Praxis vielmehr zwei neue Formen heraus-
gearbeitet, mit denen man auch die Entpolitisierung und die
Entbürokratisierung erzielen konnte, ohne die Werke zugleich
zu entkommunalisieren,
        <pb n="263" />
        Kommunale Wirtschaftsbetriebe. 227

Der erste Weg ist die Bildung einer rein kommunalen Ge-
sellschaft, Die Anwendung der Gesellschaftsform, die ja die Aufgabe
der Befreiung der Geschäftsführung von den Umständlichkeiten und
Hemmungen des gewöhnlichen bürokratischen Verfahrens vortretfflich
löst, setzt ja keineswegs die Beteiligung des Privatkapitals voraus. Man
kann sehr wohl die Gesellschaftsform nehmen, aber, unter Verzicht auf
das Privatkapital, das gesamte Kapital in Händen der Stadt
behalten. So hat die Stadt Königsberg, die früher eine gemischtwirt-
schaftliche Gesellschaft hatte, vor einiger Zeit für ihre verschiedenen
wirtschaftlichen Betriebe diesen Weg beschritten und für die Betriebs-
führung reine kommunale Gesellschaften gebildet, welche die
Werke betreiben. Das Eigentum der Werke ist dabei nicht von der Stadt
abgelöst und auf die Gesellschaften mitübertragen, die Gesellschaften
sind nur „Betriebsgesellschaften”, Das System hat sich durchaus
bewährt,

Der zweite Weg bleibt im an sich gegebenen Rahmen der kom-
munalen Verwaltungsmethode, Er sucht das Ziel dadurch
zu erreichen, daß er die Hemmungen, welche im gewöhnlichen kommu-
nalen Verfahren die Werkleitung in ihrer Betätigung und in der
Schnelligkeit ihrer Entschließungen hindern oder aufhalten, durch
organisatorische Änderungen in den internen kommunalen Zuständig-
keiten ausschaltet, Leipzig und Dresden sind hier in der Schaffung eines
„verbesserten Regiebetriebes” auf der Grundlage der kommunalen
Selbstverwaltung vorangegangen. Die Mängel des gewöhnlichen kom-
munalen Verfahrens, welche die kommunale Werkverwaltung gegen-
über einer privaten industriellen Verwaltung so in den Nachteil setzen,
beruhen ja nur darauf, daß der kommunalen Werkleitung von vorn-
herein durch den Etat und durch allgemeine Vorschriften die Hände zu
stark gefesselt sind, und darin, daß bei Akten, welche in der privaten
Geschäftswelt durch die Werkleitung allein oder nur durch ihren Auf-
sichtsrat erledigt werden, der umständliche und Wochen in Anspruch
nehmende Weg einer Beschlußfassung der Stadtverordnetenversamm-
lung nötig ist. Diese Mängel lassen sich aber auch im Rahmen der kom-
munalen Verwaltung ohne weiteres abstellen — wenn die städtischen
Körperschaften nur wollen, Die Selbstverwaltung läßt eine Über-
tragung der den städtischen Körperschaften zustehenden Befugnisse auf
andere Organe, auf die Verwaltungsausschüsse und Werkleiter, ohne
weiteres zu, Auch auf die Aufstellung spezieller Etats in der Art, wie
sie sonst für die kommunalen Verwaltungszweige aufgestellt werden,
kann verzichtet, und lediglich der Überschußbetrag, den die Werke ab-
liefern sollen, in einer einzigen Ziffer in den Etat eingestellt werden. Der
15*
        <pb n="264" />
        228 Oberbürgermeister Mitzlaff:
Entwurf der Preußischen Städteordnung, der im Jahre 1924 im Preußi-
schen Landtag zur Erörterung stand, enthielt recht zweckmäßig eine
ausdrückliche Vorschrift darüber, indem er vorsah:
Durch Gemeindebeschluß kann die Verwaltung der gewerbs-
mäßigen Betriebe in einer von den sonstigen Vorschriften der Ge-
meindeverfassung abweichenden Weise in der Art beweglicher
gestaltet werden, daß

1, die Betriebe im Haushaltsplan der Gemeinde nur mit dem vor-
aussichtlichen Gewinn oder Verlust erscheinen,

2, die Beschlußfassung an Stelle der städtischen Körperschaften
einem Verwaltungsausschuß übertragen werden kann.

Praktisch kommen die beiden neuen Systeme — das System der
reinen Kommunalgesellschaft und der verbesserte Regiebetrieb — so
ziemlich auf das gleiche hinaus. Für den Erfolg kommt es natürlich
bei beiden auf die Art der Ausgestaltung an. Dabei sind entscheidend
zwei Fragen:

1. Wie ist der Aufsichtsrat bei der Gesellschaft oder der Ver-
waltungsausschuß (Verwaltungsrat) beim Regiebetrieb zu-
sammengesetzt?

2, Welche Kompetenzen hat sich etwa die Stadtverordnetenver-
sammlung noch besonders vorbehalten?

Zur ersten Frage ist zu bemerken: Es ist sicher kein leichter Ent-
schluß, den man der Stadtverordnetenversammlung zumutet, wenn sie
auf ihre Zuständigkeit auf dem Gebiet der städtischen Werke zugunsten
eines von ihr unabhängigen Organs, sei es nun der Aufsichtsrat oder der
Werkausschuß, überhaupt verzichten soll. Die ganze Organisation hat
aber nur Zweck, wenn die Stadtverordnetenversammlung sich ohne
Rückhalt dazu entschließt, und zwar in der Art, daß das neue Ent-
schließungsorgan nicht etwa als verkleinerte Stadtverordnetenver-
sammlung die Zusammensetzung der großen Versammlung wider-
spiegelt, sondern eine ganz abweichende, lediglich durch die Gesichts-
punkte zweckmäßiger Verwaltung erforderte Struktur erhält. Der Ver-
waltungsausschuß muß enthalten die maßgebenden Persönlichkeiten
der allgemeinen ausführenden Verwaltung — also wohl regelmäßig den
Oberbürgermeister, den Finanzdezernenten, selbstverständlich auch
den Dezernenten für die Werke — und eine Anzahl von Stadtverordne-
ten, bei deren Wahl aber grundsätzlich nicht das hier gänzlich verfehlte
Verwaltungswahlsystem nach der Parteigruppierung in der Stadt-
verordnetenversammlung angewandt werden darf, sondern die nur
nach fachmännischer Eignung gewählt werden dürfen. Es sind gewiß
        <pb n="265" />
        Kommunale Wirtschaftsbetriebe. 229
Forderungen, die bei der politischen Einstellung unserer Stadt-
verordnetenversammlungen nicht leicht durchzusetzen sind, die aber
durchaus mit allem Nachdruck vertreten werden müssen, Daneben
liegt es aber nur im Interesse einer planvollen Führung der Werke,
wenn neben den Magistratsmitgliedern und Stadtverordneten auch
noch für eine Anzahl von erfahrenen, urteilsfähigen Persönlichkeiten,
Technikern, Industriellen, Kaufleuten, Bankleuten u. dgl. außer-
halb der städtischen Körperschaften eine bestimmte Anzahl von
Sitzen im Verwaltungsausschusse vorbehalten wird, Auf diese Weise
wird die Entpolitisierung der Verwaltung und ihre Einstellung
lediglich auf geschäftliche Zweckmäßigkeit auf das beste erreicht. Die
Erfahrung zeigt auch, daß die Hinzuziehung geschäftlicher Intelligenzen
in die Verwaltung keineswegs von einer Beteiligung des Privatkapitals
in Form der gemischtwirtschaftlichen Gesellschaft abhängig ist, viel-
mehr gelingt es auch ohnedem, Gottlob nimmt die Freude an amtlicher
Betätigung, wenn auch sehr langsam, wieder zu, so daß führende Persön-
lichkeiten der praktischen Geschäftswelt für die Beteiligung an solchen
Aufsichtsräten und Verwaltungsausschüssen sich gewinnen lassen,

In der Frage der Begrenzung der Ermächtigung, welche die städti-
schen Körperschaften aussprechen — es ist die zweite entscheidende
Frage —, kann nur eine großzügige, von Vertrauen getragene Auf-
fassung zum Erfolg führen, Die städtischen Körperschaften müssen sich
grundsätzlich damit begnügen, daß sie nur den an die Stadtkasse ab-
zuführenden Überschuß festsetzen, Wie die Verwaltung diesen Über-
schuß herausarbeiten will, muß ihrer Geschicklichkeit ohne weitere Ein-
mischung überlassen bleiben. Grundsätzlich muß daher auch die Fest-
setzung der Tarife dem Verwaltungsrat überlassen bleiben, ein-
einschließlich der besonders bei den Elektrizitätswerken bedeutungs-
vollen Befugnis, im einzelnen Falle aus Gründen geschäftlicher
Zweckmäßigkeit Tarifsonderabmachungen zu anderen Sätzen zu
treffen, Weiter muß natürlich auch im Verhältnis zwischen Ver-
waltungsrat und Werkleitung der Werkleitung ein reichlicher Be-
wegungsspielraum, der Verantwortungsfreude und Initiative wachhält,
gelassen werden,

Beide Systeme lösen die doppelte Aufgabe, die kommunalen Be-
triebe wirtschaftlich zu entpolitisieren und zuentbürokra-
tisieren und ihnen die Bewegungsfähigkeit zu geben, deren sie zur
Erreichung wirtschaftlicher Betriebsführung bedürfen, und anderseits
ibren kommunalen Charakter zu bewahren, sie also nicht zu ent-
kommunalisieren, sondern sie bei aller Bewegungsfreiheit in
einer solchen organischen Verbindung mit der allgemeinen kommunalen
Verwaltung zu lassen, daß es möglich ist, ihre Verwaltungspolitik in
        <pb n="266" />
        230 Oberbürgermeister Mitzlaff:

den Rahmen der allgemeinen Verwaltungspolitik der Kommunen ein-
zufügen und zugleich neben dem rein geschäftlichen Gesichtspunkte
auch die finanziellen, kulturellen oder sozialen Gesichtspunkte, die für
den einzelnen Betrieb nach dem Willen der Kommune von Bedeutung
sein sollen, zur Geltung zu bringen.

Von den vier Formen, wie bei kommunalen Werken — im Gegen-
satz zu den lediglich auf der Grundlage eines Konzessions-
vertrages arbeitenden, rein privaten Werken — die Betriebsführung
gestaltet werden kann:

gewöhnlicher Regiebetrieb,

verbesserter Regiebetrieb,

rein kommunale Gesellschaft,

gemischtwirtschaftliche Gesellschaft,
können nach alledem die verbesserte Regie und die rein
kommunale Gesellschaft vor der gewöhnlichen Regie und der
gemischtwirtschaftlichen Gesellschaft den Vorrang beanspruchen. Sie
werden sich, wie ich nicht zweifle, mehr und mehr durchsetzen. Welcher
von beiden Formen der Vorzug zu geben ist, kann zweifelhaft sein, sie
sind m, E. ziemlich gleichwertig, Die verbesserte Regie hat gegenüber
der kommunalen Gesellschaft den Mangel, daß die geschaffene interne
Organisation durch die städtischen Körperschaften jederzeit wieder ab-
geändert werden kann und die Werkverwaltung daher bei ihren Dis-
positionen nicht sicher ist, ob ihren auf lange Sicht angelegten Maß-
nahmen nicht unversehens die Unterlage weggezogen wird. Für die
zahlreichen Fälle, in denen ein Unternehmen sich über mehrere Ge-
meinden ausdehnt, kann natürlich nur die Gesellschaftsform in Frage
kommen, Der „gemischtwirtschaftlichen‘ Gesellschaft soll im übrigen
damit die Existenzberechtigung nicht glatt abgesprochen werden, im
Einzelfalle können besondere Gründe vorliegen, die von selbst zu dieser
Form führen, z, B. wenn aus einem kommunalen und einem privaten
Werke durch Zusammenschluß eine neue Gesellschaft gebildet werden
soll, oder wenn — wie bei manchen überlokalen Werken — die große
Industrie neben den Kommunen besonders interessiert ist. Solche Fälle
werden aber als Ausnahmefälle angesehen werden müssen.

Die Art der Verwaltungsführung.

Durch die ganzen bisherigen Darlegungen geht als Grundgedanke,
daß für die städtischen gewerblichen Betriebe — Gas-, Wasser- und
Klektrizitätswerke und Straßenbahnen u. ä. — privatwirtschaftliche
Auffassungen und Methoden in starkem Maße Beachtung verdienen. Es
wäre aber falsch, dies so aufzufassen, daß die städtischen Betriebe etwa
        <pb n="267" />
        Kommunale Wirtschaftsbetriebe. 231
in jeder Beziehung genau so wie ein privatwirtschaftlicher Betrieb
geführt werden könnten.

Als glatt zu übernehmen kann man wohl nur das kaufmännische
Buchführungswesen mit Gewinn- und Verlustrechnungen, Jahres- und
Zwischenbilanzen usw. bezeichnen. Es kommen die Abschreibungen
und die Feststellung der Lagerwerte hierbei in der Tat mehr zu ihrem
Recht, und es ist leichter, jederzeit den Überblick über den finanziellen
Stand des Geschäftes zu gewinnen als bei der kameralistischen Buch-
führung, die natürlich sonst eine ebenso fein wie die kaufmännische
Buchführung ihrem Zweck angepaßte, auf langer Erfahrung aufgebaute
Rechnungsart ist.

Im übrigen wird aber die Art der Verwaltung der städtischen
Werke, mag man auch noch so sehr die Anwendung kaufmännischer
Grundsätze proklamieren, doch beherrscht von dem {fundamentalen
Satze: Alle Verwaltungszweige der Stadt und daher auch die Werke
sind Bestandteile der allgemeinen Kommunalpolitik, und damit gilt die
allgemeine Verwaltungsmaxime, die den Unterschied zur privaten Be-
tätigung enthält, daß nämlich die öffentliche Verwaltung nicht für sich
da ist, sondern für die Bürgerschaft, auch für die Werke. Daraus folgt
für die Werke: oberstes Ziel ist die einwandfreie Versorgungder
Einwohner mit Gas, Wasser, Elektrizität usw., nicht die Ge-
winnerzielung. Nimmt man. dazu dann noch je nach den Um-
ständen siedlungspolitische und spezifisch soziale Gesichtspunkte,
welche für die kommunalen Werke neben den Privatgrundsatz der Ge-
winnerzielung treten können, so ergibt sich für die ganze Werkgebarung
doch eine ganz wesentliche Sondernuance gegenüber den privaten
Werken,

Die Unterstellung auch der Werke unter die Gesichtspunkte der
allgemeinen Kommunalpolitik führt auch in anderen Punkten zu Be-
schränkungen, die ein rein privatwirtschaftlich eingestelltes Werk nicht
kennt. So steht u.a. das geschäftliche Verhältnis zu den anderen
städtischen Ressorts auch unter dem korrigierenden Maßstab
des kommunalen Gesamtinteresses, Beispielsweise kann, wenn die
städtische Krankenhausverwaltung oder die Schlachthausverwaltung
vor der Frage steht, ob sie einen Brunnen anlegen oder das Wasser vom
städtischen Wasserwerk beziehen, ob sie eine Dynamo aufstellen oder
sich an das Elektrizitätswerk anschließen soll, die Entscheidung nicht
danach erfolgen, ob das Wasserwerk oder das Elektrizitätswerk, rein
geschäftlich betrachtet, dabei ein Geschäft macht, sondern die Kalku-
lation muß dahin gehen, welche Ausführung für die Stadtverwaltung im
ganzen, die Finanzverwaltung der beteiligten abnehmenden und liefern-
den Verwaltungen zusammengenommen, vorteilhafter ist.
        <pb n="268" />
        232 Oberbürgermeister Mitzlaff:

Auch in bezug auf die Aufnahme von Krediten ist eine volle
Verselbständigung der Werke nicht möglich, höchstens die Aufnahme
von schwebenden Krediten für die laufenden Betriebsbedürfnisse kann
der Werkleitung, jedenfalls bei der Gesellschaftsform, freilich frei über-
lassen werden, dagegen dauernde Anleihen kann nur die Haupt-
verwaltung der Stadt aufnehmen, denn für alle Anleihen der Stadt
haftet das ganze Vermögen der Stadt, auch das Vermögen der Werke,
wenn nicht der nicht gewöhnliche Fall vorliegt, daß die Werke ver-
gesellschaftet sind und die Gesellschaft nicht bloß den Betrieb, sondern
auch das Eigentum der Werke mitumfaßt, Sonst aber wäre eine Spal-
tung des Vermögens der Stadt in ein allgemeines Vermögen, das für die
Deckung für die allgemeinen Schäden der Stadt haftet, und ein Ver-
mögen der Werke, das nur für die Schäden der Werke haften würde,
für die gesamte Kreditpolitik der Stadt von gefährlichen Folgen. Die
Verwaltung muß selbstverständlich dafür sorgen, daß in solchen Fällen
die Genehmigung und Begebung der Anleihen mit solcher Beschleuni-
gung vor sich geht, wie sie durch das geschäftliche Interesse der Werke
gefordert wird,

Abgesehen von diesen Einschränkungen ist allerdings die Finanz-
gebarung der gewerblichen Unternehmungen der Stadt nach rein
geschäftlichen Gesichtspunkten wie ein privatwirtschaftliches Unter-
nehmen zu führen, auch bei ihnen muß Erzielung höchster Wirtschaft-
lichkeit, soweit eben nicht die öffentlichen Interessen Abweichungen
erfordern, das Ziel der Betriebsführung sein. Dabei müssen selbstver-
ständlich auch die Abschreibungen kaufmännisch richtig bemessen
werden, nur ganz zwingende Notlagen, wie wir sie in der Kriegs- und
Nachkriegszeit erlebt haben, mögen äußerliche Abweichungen ent-
schuldbar machen, Ebenso muß bei allen Anschaffungen weitsichtig
disponiert, und sowohl bei der Eindeckung mit Kohlen wie mit sonstigen
Bedarfsgegenständen muß eine günstige Konjunktur wie in der Privat-
wirtschaft rasch und energisch ausgenutzt werden.

Ganz besonders tritt die Besonderheit, die den kommunalen
Werken im Vergleich zu den privaten anhaftet, aber hervor in der Ge-
staltung des Verhältnisses zu ihrer Arbeiterschaft, Es ist eine Folge
der verschiedensten Umstände, daß sich zunächst formell der Typus
„Gemeinde‘-Arbeiter neben dem „Staats‘”-Arbeiter und dem ‚„In-
dustrie”-Arbeiter als besondere Spezies gebildet hat. Die Einheitlich-
keit des Arbeitgebers, der Stadt, war es dabei in erster Linie, die auch
zu einer einheitlichen Gestaltung der Arbeits- und Lohnverhältnisse in
den verschiedenen städtischen Verwaltungszweigen und Betrieben
führte. Diese Entwicklung führte dann gleichzeitig zur Koalitions-
bildung, und zwar zuerst auf der Arbeitnehmerseite, die sich auf dem
        <pb n="269" />
        Kommunale Wirtschaftsbetriebe. 233
„Gemeindearbeiter‘‘ als gewerkschaftlichem Grundbegriffe aufbaute.
Auf der Arbeitnehmerseite bildeten sich für die Staats- und Gemeinde-
arbeiter besondere Gewerkschaften, die nicht die Berufsgruppierung
des einzelnen Arbeiters zur Grundlage hatten, sondern alle Staats- und
Gemeindearbeiter ohne Rücksicht auf die Art des Betriebes, in dem
der einzelne beschäftigt war, und auf spezielle Berufsarbeit des ein-
zelnen umfaßte. Um Verhandlungen mit den organisierten Gemeinde-
arbeitern führen zu können, schufen die Gemeinden demgegenüber dann
eine von den allgemeinen kommunalen Spitzenorganisationen, wie dem
Deutschen Städtetag und Reichsstädtebund, getrennte, natürlich durch
personelle Beziehungen stark mit ihnen verbundene Sonderorgani-
sation, und zwar für die einzelnen Wirtschaftsgebiete in Anlehnung
etwa an die Grenzen der einzelnen Länder und der preußischen Pro-
vinzen kommunale Bezirksarbeitgeberverbände, darüber für das Gebiet
des Reichs als Spitze den Reichsarbeitgeberverband deutscher Gemein-
den und Kommunalverbände. Das Grundprinzip dieser beiden Organi-
sationen: Aufbau der Verbände nicht auf dem Be ruf, sondern auf dem
Betriebe, weicht von dem sonst in der Gewerkschaftswelt geltenden
Organisationsgedanken, dem Aufbau auf dem Berufsprinzip, grundsätz-
lich ab, und die Zwiespältigkeit der beiden Systeme führt zu Über-
schneidungen und Friktionen, wo die gleiche Betriebsart oder der
gleiche Berufstypus unter den kommunalen Unternehmungen und unter
den Unternehmungen der freien Wirtschaft nebeneinander bestehen.
Als Hauptbeispiele können die Elektrizitätswerke und die Straßen-
bahnen genannt werden. Die Entwicklung ist hier allerdings sicherlich
noch nicht zu Ende; der grundsätzliche Kampf zwischen Berufssystem
und Betriebssystem ist noch im Gange, und der Gedanke des Betriebs-
systems wird auch innerhalb der Arbeitergewerkschaften, nicht bloß
unter den Gemeindearbeitern, von manchen als der Organisations-
gedanke der Zukunft angesehen, auf dem die beruflichen Gewerk-
schaften überhaupt aufzubauen wären, Vorderhand gilt der Betriebs-
gedanke jedenfalls bei den Gemeinden, und die Gemeinden müssen da-
her auf dem Standpunkt stehen, daß alle kommunalen Betriebe, auch
die städtische Straßenbahn und die Elektrizitätswerke, formell in den
Bereich der kommunalen Tarifabmachungen gehören, nicht zu den
privaten Verbänden,

Sachlich steht die Arbeitertarifpolitik der Gemeinden nun etwa in
der Mitte zwischen Reich und Staat auf der einen Seite und der In-
dustrie auf der anderen. Was das Verhältnis bei den öffentlichen Ar-
beitgebern, Reich. Ländern und Gemeinden, von dem Arbeitsverhältnis
der Privatwirtschaft unterscheidet, ist im wesentlichen zweierlei: daß
die öffentlichen Betriebe fast ausschließlich lebenswichtigen
        <pb n="270" />
        234 Oberbürgermeister Mitzlaff:

Bedürfnissen dienen, und daß sie regelmäßig eine gleich-
mäßige Betriebsleistung aufweisen, ohne Konjunkturschwan-
kungen ausgesetzt zu sein, Aus dem ersten folgt, daß Arbeitsein-
stellungen von vornherein strenger als bei der allgemeinen Industrie zu
betrachten sind, aus dem zweiten, daß die städtischen Betriebe regel-
mäßig mit einem gleichbleibenden Arbeiterstamm arbeiten, und daß in
der Lohnpolitik gute Konjunkturen nicht zu Lohnerhöhungen, und
schlechte Konjunkturen nicht zu Lohnherabsetzungen führen können.
Wir sind noch nicht so weit, daß Arbeitseinstellungen bei den kommu-
nalen Werken überhaupt nicht mehr vorkommen, wenn sie auch nur
selten vorgekommen sind, auch können die Kommunen bisher keines-
wegs die Sicherheit haben, daß im Falle einer Arbeitseinstellung wenig-
stens die Notarbeiten, die in einzelnen Betrieben ja nur die Erhaltung
der Substanz zu umfassen hätten, in manchen kommunalen Betrieben
allerdings — z.B. Krankenhäusern, Wasserwerken — die volle Be-
triebsweiterführung zu bedeuten haben, von der Arbeiterschaft aus-
geführt werden. Gerade die Kommunen müssen daher z.Z, noch auf
das energischste an der Technischen Nothilfe festhalten, nicht
vom Standpunkt eines Arbeitgebers aus, der Lohnforderungen seiner
Arbeiterschaft umgehen wollte, sondern infolge ihrer Verpflichtung, der
städtischen Einwohnerschaft die notwendigen Lebensbedarfsgüter zu
sichern,

In der sachlichen Gestaltung der Arbeitsbedingungen und Löhne
ist den Kommunen der Weg durch die Eigenart ihrer Betriebe vor-
gezeichnet. Eine soziale Luxuspolitik können die Kommunen bei
unseren Verhältnissen, ebensowenig wie auf sonstigen Gebieten, so auch
bei ihrer Arbeiterpolitik, betreiben, Die Notwendigkeit weist ihnen
vielmehr als klare Aufgabe lediglich, die Arbeits- und Lohnbedingungen
so zu gestalten, daß sie sich damit eine Arbeiterschaft erhalten, mit der
die städtischen Betriebe zweckentsprechend und auf die Dauer geführt
werden können. Diese Problemstellung ist im Grunde die gleiche wie
in der Industrie, nur daß für die Gestaltung des Arbeitsverhältnisses in
der Industrie die besonderen Bedürfnisse und Verhältnisse der In-
dustrie maßgebend sind. Natürlich besteht auf weiten Gebieten grund-
sätzlich gleiche Einstellung. Gleich ist zunächst die allgemeine Technik:
Regelung der Arbeitsbedingungen durch Tarifvertrag, und zwar nicht
abgeschlossen von der einzelnen Gemeinde als Arbeitgeber, sondern
von Verband zu Verband. Dabei haben die Gemeinden von Anfang an
sich bestrebt, der Gefahr allzuweit gehender Zentralisierung zu ent-
gehen, indem nur die allgemeinen Arbeits- und Lohnbedingungen
durch Tarifverträge für das ganze Reich festgesetzt sind, die Löhne
selbst dagegen stets gesondert für dieeinzelnen Wirtschafts-
        <pb n="271" />
        Kommunale Wirtschaftsbetriebe., 235
bezirk e durch Bezirkstarifverträge der Bezirksverbände. Auch sach-
lich deckt sich aber die Politik der Gemeinde in vielem, wenigstens
grundsätzlich, mit der Politik der Industrie: so in bezug auf Arbeitszeit,
Urlaub, Krankenlohn, Zuschlag für Überarbeit und Sonntagsarbeit usw.
Bei der Bemessung des Lohnes ist natürlich eine völlige Gleichheit mit
der Industrie weder lokal noch für die größeren Bezirke zu erreichen.
Abgesehen davon, daß die einzelnen Industrien ganz verschiedene
Löhne haben und in dem einen Falle Zeitlohn, und in dem anderen
Falle Akkordlohn in Betracht kommt, müssen die Gemeindelöhne
grundsätzlich als stabile Löhne festgesetzt werden, allgemeinen Kon-
junkturschwankungen weder nach oben noch nach unten folgend. Auch
können die Gemeinden dem Vergleich mit den Reichs- und Staats-
arbeiterlöhnen nicht ganz ausweichen, Das Ergebnis ist, daß, wo
Reichslöhne und Industrielöhne ungefähr zusammentreffen, auch die Ge-
meindelöhne sich auf der gleichen Höhe bewegen, dagegen, wo Reichs-
und Industrielöhne erheblich differieren, die Gemeinden etwa in der
Mitte zu beiden stehen. Daß die Gemeindelöhne höher sind als die
Industrielöhne, kann nur ganz ausnahmsweise und vorübergehend vor-
kommen, nämlich nur, wenn durch eine niedergehende Konjunktur die
Industrie vorübergehend zu starken Lohnsenkungen genötigt ist. Ein
wesentlicher Unterschied zwischen den Lohnbedingungen der Gemeinde
und der Industrie liegt im übrigen sonst wohl nur vor bei der Alters-
versorgung, die von vielen Gemeinden mit oder ohne Lohnabzug ein-
geführt ist. Der ganze Gedanke wird von der Privatwirtschaft stark
bekämpft, Aber es wäre falsch, in ihm nur ein Produkt sozialer Senti-
mentalität oder ein Erzeugnis politischer Machtkämpfe zu sehen. Auch
die Gemeinden dürfen in der Tat ihre Betriebe nicht in dem Sinne, daß
die soziale Gestaltung der Arbeitsverhältnisse der Arbeiterschaft das
Bestimmende wäre, als soziale Betriebe führen, die Gesetze der Wirt-
schaftlichkeit sind auch für die kommunalen Betriebe wirtschaftlichen
Charakters maßgebend. Aber es ist eine wirtschaftlich richtige Ein-
stellung auf etwas weitere Sicht, wenn die Gemeinden bei der Aufgabe,
sich für ihre lebenswichtigen Betriebe einen verläßlichen und auch in
schwierigen Verhältnissen durchhaltenden Arbeiterstamm zu erhalten,
ihre Arbeiter auch für das Alter sicherstellen.

Erwägt man alle die zahlreichen Verschiedenheiten, die auf den
Einzelgebieten zwischen kommunalen und industriellen Betrieben zu-
tage treten, so gewinnt man auch die richtige Einstellung zu der viel-
umstrittenen Frage, ob die steuerlich privilegierte Stellung der
kommunalen Betriebe vor. den privatwirtschaftlichen Betrieben gleicher
Art gerechtfertigt ist. Daß aus der ganzen Frage solche Betriebe, die
weniger geschäftlichen als sozialen Charakter haben, von vorn-
        <pb n="272" />
        236 Oberbürgermeister Mitzlaff:

herein ausscheiden müssen, ist klar, ebenso auf der anderen Seite, daß
für rein geschäftliche Unternehmungen der Gemeinden, z.B.
den Betrieb einer Bierbrauerei oder eines Feinkostgeschäfts, die Forde-
rung steuerlicher Gleichheit absolut begründet ist. Aber gerade bei
denjenigen Betrieben, die man meist nur im Auge hat, den Gas-,
Wasser- und Elektrizitätswerken und Straßenbahnen, handelt es sich,
wie des näheren dargelegt, nicht um Betriebe mit rein geschäftlichem
Charakter, sondern um Betriebe, bei denen die zweckmäßige und billige
Versorgung der Bevölkerung, also ein Gesichtspunkt öffent-
lichen Interesses neben dem finanziell-geschäftlichen, von
wesentlicher Bedeutung ist. Hier muß eine gewisse steuerliche Differen-
zierung grundsätzlich als gerechtfertigt angesehen werden. Eine andere
Frage ist, welche Betriebsarten im einzelnen privilegiert und bei
welchen einzelnen Steuerarten Vergünstigungen gewährt werden
sollen. .Umsatzsteuer, Vermögenssteuer, Einkommensteuer, Gewerbe-
steuer, Grund- und Gebäudesteuer usw. stehen dabei jede für sich unter
ganz anderen Gesichtspunkten sowohl vom Standpunkt des Gewerbes
aus wie vom Standpunkt der allgemeinen Grundsätze über Besteuerung
öffentlicher Körperschaften, und ebenso braucht, was dem Wasserwerk
oder Schlachthof zugebilligt ist, keineswegs immer dem Elektrizitäts-
werk oder der Straßenbahn ebenso zugestanden zu werden”),

Ganz allgemein ist zum Schlusse noch folgendes zu sagen: Die
kommunalen Betriebe bilden einen nicht ganz unwesentlichen Teil des
deutschen Wirtschaftslebens, Bei einer Arbeiterzahl von 200000 Ar-
beitern erreichen sie äußerlich etwa mehr als ein Drittel des Umfanges
des größten Arbeitgebers, der Reichsbahn, Sie entstammen nicht zu-
fälligen willkürlichen Tendenzen, sondern sie sind ein aus innerer Not-
wendigkeit erwachsenes Produkt des deutschen Gemeindelebens. Die
Hauptträger der kommunalen Betriebe sind bisher gewesen, und werden
wohl auch in Zukunft bleiben, die Gemeinden im engeren Sinne, Ge-
wisse Aufgaben, vor allem auf dem Gebiete des Verkehrswesens, eignen
sich allerdings auch für die weiteren kommunalen Verbände, die Kreise
und die Provinzen, doch werden sich auch viele überlokale Aufgaben
durch Zusammenschluß mehrerer Gemeinden und Gemeindeverbände,
sei es allein, sei es in Verbindung mit der Privatwirtschaft, in der Form

°) In dem neuen Körperschaftssteuergesetz vom 10, August 1925 ist nach
langem parlamentarischen Kampf die Lösung gefunden, daß körperschaftssteuerfrei
bleiben sollen die „Versorgungsbetriebe‘, d. h. kommunale Betriebe, die lebenswichtigen
Bedürfnissen der Bevölkerung dienen, zu deren Befriedigung die Bevölkerung auf die
Betriebe und Verwaltungen angewiesen ist,
        <pb n="273" />
        Kommunale Wirtschaftsbetriebe. 237
von kommunalen oder gemischten Gesellschaften,
lösen lassen. Abzulehnen ist jedenfalls der Gedanke, der eine Zeitlang
die Öffentlichkeit beschäftigte, daß die Kommunen auf dem Gebiete
wirtschaftlicher Betätigung etwa ersetzt werden sollten durch die Be -
zirkswirtschaftsräte. Die Kommunen sind und bleiben die
gegebenen Träger für die Verfolgung der öffentlichen Interessen auf
wirtschaftlichem Gebiet,

Das Wesen der kommunalen Betriebe aber ist richtig nur zu er-
kennen, wenn man die öffentlichen Zwecke, denen die Betriebe
gewidmet sind, würdigt, Es sind Gebilde, die mit einem Fuße in der
Privatwirtschaft stehen, mit dem anderen in dem kommunalen, dem
öffentlichen Interesse gewidmeten Leben, ihre Struktur weicht daher
mit Notwendigkeit in manchem von den Gebilden der Privatwirtschaft
ab. Auch die Privatwirtschaft wird die Berechtigung solcher Ver-
schiedenheit zugestehen müssen, und es liegt kein Grund vor, daß nicht
kommunale Wirtschaft und reine Privatwirtschaft einträchtig an dem
gemeinsamen Ziel der Entwicklung ihres öffentlichen und wirtschaft-
lichen Lebens arbeiten sollten,
        <pb n="274" />
        16.

Deutsche Wirtschaftsbeziehungen zu Österreich,

Von C. Trosset, Präsident der Deutschen Wirtschaftskammer in Wien.

Weder unsere Landsleute daheim noch jene in der weiten Welt
sind sich bewußt, welche Bedeutung Österreich als Bezugs- sowie Ab-
satz- und Durchgangsland eigentlich hat. Die wirtschaftliche Bedeutung
Österreichs für Deutschland ist unseren Landsleuten daheim und im
Auslande nicht so geläufig, wie es eigentlich sein sollte, und besonders
scheint man Wien als das Ausgangstor nach dem Osten noch nicht
richtig zu würdigen,

Immer wieder muß darauf aufmerksam gemacht werden, welche
Wichtigkeit den Handelsbeziehungen beider Länder beizumessen ist,
eine Wichtigkeit, welche am besten aus einem statistischen Vergleich
erhellt, An der Gesamtausfuhr Österreichs im letzten vollen
Friedensjahre 1913 war beteiligt als größter Abnehmer Deutschland mit
38,4 v.H., während damals Deutschland 39,8 v,H. der österreichischen
Gesamteinfuhr deckte. Im Jahre 1923 sind die Zahlen auf 12,7 bzw.
16,8 v. H. gefallen. Beweist 1913 die eminente Wichtigkeit des deutsch-
österreichischen Güteraustausches, so belegt der kaum verständliche
Rückgang bis 1923, daß in allererster Linie die Wirtschaftskreise
Deutschlands und Österreichs alles aufbieten müssen, um in ihrem ur-
eigensten Interesse zumindest die alte Stellung wiederzugewinnen,

Die Voraussetzungen, den wirtschaftlichen Aufstieg verheißungs-
voll zu beginnen, sind in Österreich gegeben: ungeheure Werte
schlummern in Forst und Krume, Berg und Strom, und es darf kühn
behauptet werden, daß die sogenannte wirtschaftliche Rückständigkeit
Österreichs in den letzten Jahrzehnten heute einem kaum abzu-
schätzenden Reservefonds materieller Werte gleich zu erachten ist.

Wird das heutige Deutschösterreich an dem noch mal einsetzen-
den Aufschwung Anteil haben zu Nutz und Frommen der heimischen
Gemeinwirtschaft und ihrer Glieder?

Darauf antworte ich schon im vorhinein mit einem runden Ja, —

Warum?

Heute umfaßt Österreich: Stadt und Land Wien, Niederösterreich,
Oberösterreich, Salzburg, Steiermark, Kärnten, Tirol, Vorarlberg. Zu
        <pb n="275" />
        Deutsche Wirtschaftsbeziehungen zu Österreich. 239
einem möglichen Vergleiche ziehe ich Bayern (ohne Pfalz) bei, weil
dieses Land 1870 in fast ähnlicher Lage war und an Umfang sowie Be-
schaffenheit Deutschösterreich am nächsten kommt. Meine Quellen
sind die statistischen Handbücher von Berlin und Wien.

Der Flächeninhalt Deutschösterreichs beträgt (nach oben ab-
gerundet) 84 000 qkm, Bayerns 76 000 qkm.

Es wohnen auf 1 qkm in Deutschösterreich 77, in Bayern 90, in
Preußen 115 und in der bayerischen Pfalz sogar 160 Menschen! Da
Bayern in der Bevölkerungsdichte um 25 Köpfe hinter Preußen zurück-
geblieben ist, kann Österreich sicher 17 v.H. mehr Menschen Raum
gewähren, um erst auf die bayerische Dichte zu kommen.

Und nun zur Land- und Forstwirtschaft.

Zuerst die Forstwirtschaft:

Deutsch-Österreich hat rund 4 Millionen Hektar Wald- Bayern
42%, (che mit einem Jahreszuwachs (It. Forstrat Henrich) 2,5 Millionen
von je 2'/, Festmetern, total 10 Millionen Festmeter. 33%
Die Acker- und Feldwirtschaft:
Deutsch-Österreich Bayern
23 °/, rund 2200 0C0 Hektar Ackerland 3 050 000 Hektar 40 °/,
1% u 1090000; 1  Wiesenland 1 300 000 U 171%
Sn 270000 „„ Alpwiesen 260 000°... 3%
1% 88000 „ Weinland 25 000, a

Die österreichische Statistik für 1913 zeigt, daß in dem Jahre an
Getreide 7506000 qu im Werte von 97299 000 Kr. von der ganzen
Monarchie Österreich eingeführt wurden und für damals rund 29 000 000
Einwohner, und müßten theoretisch für die jetzigen 6% Millionen
1,7 Millionen qu Getreide genügen, wonach durch vermehrten Anbau
über die Hälfte = 890000 qu Getreide erspart würden, Der dann,
auch theoretisch entwickelte, restliche Einfuhrbedarf würde durch den
inländischen Kartoffelzuwachs ganz überflüssig. Nach alledem sind auf
dem Gebiete des Ackerbaues und der Viehzucht ganz gewiß die
Vorbedingungen gegeben, welche die Eigenernährung
von Mensch und Tier gewährleisten, selbst dann, wenn die jetzige Be-
völkerungsdichte Deutschösterreichs, 77, sich auf die bayerische Dichte,
90 Menschen per 1 qkm, hebt. Dazu kommt, daß im Moment der
gesicherten Eigenernährung die Einfuhr von Getreide auf-

hört und somit 1,7 Millionen Doppelzentner in Milliardenwerten nicht
mehr dem Auslande bezahlt werden müßten.

Mit einem bekannten Fachmann Österreichs habe ich ermittelt, daß
die österreichische Landwirtschaft seither und durchschnittlich jährlich
an Kunstdünger verbrauchte:
        <pb n="276" />
        240 C. Trosset:
300 000 Doppelzentner Superphosphat,
278 000 Sn Thomasmehl,
50 000 5 Stickstoffdünger,
134 000 #r Kalisalze.
Wünschenswert und rationell jedoch wäre ein jährlicher Aufwand von
1200 000 Doppelzentner Phosphate, also das Vierfache,
300 000 - Stickstoffdünger, also das Sechsfache,
300 000 % Kalidünger, also das Dreifache.

Diese Zahlen sprechen für sich und bedürfen keines Kommentars,

Von der Ernährungsmöglichkeit leitet sich von selber die Frage ab:
„Wie bezahlt der Einwohner die Nahrungsmittel?‘ Ich glaube, die Ant-
wort lautet sehr einfach — indem er, so er nicht selbst Landwirt ist,
seinem Berufe, seiner Veranlagung entsprechend, ebenfalls Werte pro-
duziert! Und so gelangen wir logisch zu den einheimischen Rohstoffen
für die industrielle Entwicklung.

Erwähnt wurde schon, daß Deutschösterreich jährlich rund
10 000 000 Festmeter Holzzuwachs hat, also eine Menge, die alljährlich
forstgerecht, ohne Schädigung der Waldbestände eingeschlagen werden
kann; sie wird es wahrscheinlich auch werden, weil Holz zur Zeit der
wichtigste Ausfuhrwert dieses Landes ist, Das alte Österreich führte
1913 aus: etwa 5 Millionen Festmeter Bau- und Nutzholz zum damaligen
Gesamtwert von 259316000 Kr., aber nur 74000 cbm Holzwaren,
Möbel usw. im Wert von 87377000 Kr. Während also Roh- und Bau-
holz nur 47,50 Kr. pro Kubikmeter gebracht haben soll, ist als Erlös
des Meterzentners Fertigware 1200 Kr, pro Kubikmeter statistisch an-
gegeben. An diese enorme Spannung kann man zwar nicht recht
glauben. Unterstellt man sie aber als nur annähernd richtig, dann
folgt daraus für den Wirtschaftspolitiker, daß es für die Ööster-
reichische Volkswirtschaft allerdings wichtiger ist, fertige Holzwaren
zu exportieren, welche die gewaltigen Arbeitslöhne, Veredelungs-
kosten, Steuern usw. dem Lande eintragen.

Ein weiterer, ebenso wichtiger Rohstoff dieses Landes ist die
„weiße Kohle‘, Immer sind es heute noch etwa 2000 000 ausbau-
würdige Pferdekräfte der Ströme, Flüsse, Bäche Deutschösterreichs.

Von den Wasserkräften gelangen wir zu den geologischen Vor-
kommen,

Ich darf zitieren, was darüber gesagt ist in der Darstellung der
wirtschaftlichen Verhältnisse Nordtirols, Grünheft im Selbstverlag der
Handels- und Gewerbekammer in Innsbruck im Dezember 1919:

„Tirol ist reich an Mineralschätzen, sein Bergbau stand einstmals in
hoher Blüte. Die Bergreviere von Schwaz und Rattenberg allein

U
        <pb n="277" />
        Deutsche Wirtschaftsbeziehungen zu Österreich, 241
beschäftigten zu Fuggers Zeiten über 40000 Bergknappen; ein Zeit-
genosse pries den Bergsegen Tirols als die unermüdliche Quelle, welche
ganz Deutschland mit Geld (Gold und Silber) versieht. Der Geister-
schacht in Röhrenbüchel zählte mit seinen 1200 Metern im 17. Jahr-
hundert zu den tiefsten Bergbauen der Welt,

Viele einstige Betriebe sind, wohl hauptsächlich, weil sich die alte
primitive Baumethode überlebt hatte, und wegen Mangels an großen
Kapitalien zum Stillstand gekommen, Es ist jedoch zu hoffen, und die
jüngsten Erfahrungen berechtigen dazu, daß die in neuerer Zeit wesent-
lich vervollkommnete Arbeitsweise, namentlich die elektrolytische Ver-
hüttung, wofür genügend Wasserkräfte zur Verfügung stehen, den alten
Tiroler Bergsegen wiedererwecken und neues Leben aus so manchen
aufgelassenen Gruben erblühen werde.“

Diese Darlegungen der Handelskammer zu Innsbruck können
getrost auf ganz Deutschösterreich übertragen werden, vornehmlich
der Satz, daß sich die alte primitive Bergbaumethode überlebt hatte
und für die Modernisierung das Kapital fehlte.

Für die Steinölgewinnung sind inzwischen auch neue Unternehmen
gebildet worden, z.B, die Suchywerke in Kufstein, welche inzwischen
in den Besitz der Oberschlesischen Kokswerke übergegangen sind. Die
Mergel-, Kalk- und Tonvorkommen an fast allen Ecken und Enden
Deutschösterreichs sind für die Portlandzementerzeugung wie
geschaffen, Nur einige Fabriken der Perlmooser A.-G. von allerdings
großer Bedeutung gibt's in Nordtirol; aber gerade Perlmoos hat den
guten Ruf des österreichischen Zements so gefestigt, daß der vermehrte
Absatz weiteren Fabriken zu gegebener Zeit keine Sorgen machen
würde, Zu begrüßen ist es, daß — um einen Moment bei der Keramik
im engeren Sinne zu verweilen — auch in jüngster Zeit anerkannt
wurde, welche Werte in den Kaolinlagern hierzulande stecken. Ferner
könnte Deutschösterreich den Wettbewerb auf dem Gebiete der Hohl-
gläser glatt forcieren; ob auch mit den feinen Glasartikeln Böhmens,
das vermag ich nicht zu sagen, weil ich über Kontrollbohrungen nach
sehr reinem Quarz nie etwas gehört habe. Durch rationelle Schafzucht
könnte die Gewinnung von Wolle für Loden- und Tuchfabriken, für
Strumpfstrickereien und Wirkwaren sichergestellt werden; der Rüben-
bau gäbe neuen Zuckerfabriken Arbeit; vermehrte Kartoffel- und
Weizenerzeugung ermöglicht industrielle Stärkeerzeugung usw.

Es dürfte den Rahmen der mir gestellten Aufgabe weit über-
schreiten, wenn ich über diese Erwähnungen hinaus die Entwicklungs-
möglichkeiten noch gar mannigfacher Industrien schilderte, sei es
mechanische, sei es Hausindustrie.

Die deutsche Wirtschaft.

16
        <pb n="278" />
        242 C. Trosset:

Aber darauf muß aufmerksam gemacht werden, daß über diese Ent-
wicklungsmöglichkeiten auch unsere „Toujours-und-everywhere-Kon-
kurrenten‘ auf dem Weltmarkt durch ihre Kammer zu Wien fortlaufend
unterrichtet wurden und werden, Wie sie einen besseren Wirtschafts-
verkehr und Güteraustausch u. a, anstreben, mögen zwei Beispiele
zeigen:

Die Franzosen haben begabte junge Leute, mit Stipendien aus-
gerüstet, in Österreich bei Industrie- und Handelsunternehmungen
untergebracht, so wie Ende der neunziger Jahre unser Rheinland und
Westfalen von jungen Japanern überflutet wurden. Während diese so-
genannten Preußen des Ostens nur zu dem Zweck kamen, uns alles ab-
zugucken, um es daheim unter rücksichtsloser Ausschaltung ihrer Lehr-
meister nachzumachen (siehe Gutehoffnungshütte — „Tokio Steel
Works“), sollen die jungen Finanzmänner ä la fraternite die Wirtschafts-
fäden anbandeln.

Die Britische Handelskammer veröffentlichte vor einiger Zeit
folgende Notiz in der Wiener Presse:

„Bei einer Versammlung der Mitglieder der British Chamber of
Commerce in Wien wurde eine Besprechung abgehalten über die
großen Schwierigkeiten, welche die Handelsverbindungen zwischen
England und Österreich beeinflussen, so z. B. die lange Dauer und
hohen Kosten der Transporte sowie die hohen Preise der österreichi-
schen Produkte, Einer der Anträge, der bei dieser Versammlung
diesbezüglich gestellt wurde, erscheint von besonderem Interesse, Er
geht dahin, dass die Britische Handelskammer in Wien ein System
ausarbeite, wonach Sammelladungen österreichischer Erzeugnisse von
Vertretern, welche von den Wiener Kaufleuten bezeichnet werden,
nach London dirigiert und dort entweder verkauft oder gegen englische
Erzeugnisse eingetauscht werden sollen, Durch ein solches Verfahren
würden die Transportkosten für den einzelnen wesentlich reduziert
werden und der Absatz der Waren rascher erfolgen, da die Durch-
führung der Verkäufe durch tüchtige Vertreter bewerkstelligt werden
müßte, die eine genaue Kenntnis des englischen Marktes haben und
nur im Interesse dieser Aktion arbeiten dürften,“

Dies ist also der auch hierzulande seit Jahrzehnten bewährte
Sammelladungsdienst in anderer Auflage, Jedenfalls sind beide Bei-
spiele gefälliger Nachahmung angelegentlichst zu empfehlen.

Zur Erschließung und wettbewerbsfähigen Verwertung wirtschaft-
licher Vorkommen ist aber ein gut durchdachtes und ebenso verwal-
tetes dichtes Verkehrsnetz so blutnötig wie dem menschlichen Körper
die Adern,
        <pb n="279" />
        Deutsche Wirtschaftsbeziehungen zu Österreich, 243

Das Eisenbahnnetz der Haupt- und Lokalbahnen des heutigen
Deutschösterreich hat im ganzen eine abgerollte Baulänge von
7335 km, und 1 km Bahn kommt durchschnittlich auf 858 Einwohner
dieses Landes, Bayerns Bahnen messen 8161 km, und schon 838 Men-
schen verfügen über ein Kilometer, Der Flächeninhalt Bayerns ist
demjenigen Deutschösterreichs 10 % geringer, diesem aber trotzdem
noch um 10 % Bahnlänge voraus, Zu den Verkehrsfragen gehört
ferner die richtige Ausnützung der Donau. Die schiffbare Donau mit
großzügigen Häfen, ganz modernen Lagerhäusern, Zollfreilagern vor-
nehmlich für den Transitverkehr, mit technisch vollendeten Werften
für den Binnenschiffbau, das ist ein Kapitel für sich und ein Stoff, über
den schon gewaltige Pläne geschmiedet wurden. Auch diese werden
eines schönen Tages spruchreif werden, und darauf sei deutsche In-
dustrie, deutscher Handel hiermit rechtzeitig aufmerksam gemacht.

Ich behaupte, Wien an der Donau kann, wenn richtig angefaßt,
eine Binnenhafenstadt ersten Ranges und besonders das ganz große
Ausgangstor nach dem Osten werden, Diese Aufgabe und ihre Durch-
führung ist des Schweißes der Edlen wert.

Ein besonderer Wunsch der österreichischen Verkehrsinteressen-
ten an die Reichsbahnhauptverwaltung ist allerdings die Erstellung
direkter Frachtsätze im Güterverkehr zwischen den deutschen Statio-
nen einerseits und den österreichischen sowie den ungarischen, jugo-
slawischen und rumänischen Stationen andererseits. Vor dem Kriege
haben solche direkten Tarife bestanden, Daß sie in der Nachkriegs-
zeit, als die Währung Deutschlands und anderer Länder fortwährend
großen Schwankungen unterworfen war, nicht mehr aufrechterhalten
werden konnten, wird ohne weiteres zugegeben. Nachdem aber die
Währungen zum Stehen gekommen sind, besteht doch wohl die Mög-
lichkeit der Wiederherstellung der direkten Gütertarife.

Da die wirtschaftlichen Verhältnisse Österreichs eine erfreuliche
Besserung aufweisen, sind wichtige Vorbedingungen für die Renta-
bilität der hier noch fehlenden Industriezweige gegeben. Voraus-
setzung ist natürlich, daß dies in großzügiger Weise mit genügenden
finanziellen Mitteln geschieht. Da durch die Errichtung solcher In-
dustrieunternehmungen Österreich in die Lage versetzt wird, eine
Reihe von Artikeln des Inlandbedarfes im Lande selbst zu erzeugen,
und dadurch die Handels- und Zahlungsbilanz in günstigem Sinne be-
einflußt wird, ist nicht daran zu zweifeln, daß die österreichische
Regierung solchen Bestrebungen ihre Unterstützung angedeihen
lassen wird,

In diesem Zusammenhang muß auch darauf hingewiesen werden,
daß die österreichischen Zollvorschriften für Maschinen, Maschinen-
16»
        <pb n="280" />
        244 C. Trosset:

teile und ähnliche Fabrikeinrichtungen Zollfreiheit gewähren, wenn
es sich um Übersiedlungsgut handelt, das wegen gänzlicher oder
teilweiser Verlegung von Betrieben oder zur Errichtung von
Zweigniederlassungen ausländischer Betriebe nach Österreich ein-
geführt wird,

Die günstige Lage an den Kreuzungspunkten der von Westen nach
Osten und von Norden nach Süden ziehenden mitteleuropäischen Ver-
kehrsstraßen gibt Österreich von vornherein in hohem Grade den
Charakter eines Durchzugslandes, in dem neben der eigenen Produktion
auch dem Handel mit Erzeugnissen anderer Länder große Bedeutung
zukommt, Auch der Umstand, daß Wien jahrhundertelang die Zen-
trale eines mächtigen und wirtschaftlich starken Reiches war, trug viel
zur Förderung der Handelsstadt Wien bei. Der unglückliche Ausgang
des Krieges hat eine Anzahl neuer Staaten an Stelle der österreichisch-
ungarischen Monarchie ins Leben gerufen, die alle mehr oder weniger
die Tendenz zeigten, sich von Wien und seinem Handel ganz unab-
hängig zu machen. Wie man aber heute schon mit ziemlicher Sicher-
heit sagen kann, haben sich die wirtschaftlichen Tatsachen stärker
erwiesen als das nationale Selbständigkeitsgefühl der jungen Staaten,
Wien hat trotz aller gegenteiligen Bestrebungen seine Stellung als
Handelszentrum der Nationalstaaten und als Hauptlieferant der
Balkanländer bewahrt,

Die wirtschaftlichen Kreise Österreichs und die österreichische
Regierung sind sich der Wichtigkeit des Durchzugshandels für Öster-
reich und Wien insbesondere bewußt und sind bemüht, ihm alle Er-
leichterungen zukommen zu lassen, die gerechterweise gefordert wer-
den können,

Zusammenfassend kann man wohl sagen, daß die Gründungen
von Handelsniederlassungen und Vertretungen in Österreich und ins-
besondere in Wien für deutsche Kaufleute und Industrielle, welche
in den Nachfolgestaaten und am Balkan Absatz suchen, nicht
nur außerordentlich empfehlenswert, sondern beinahe unbedingt not-
wendig ist,

Nun noch eine reichsdeutsche Ansicht über die den Güteraus-
tausch vermittelnde Wiener Messe:

Der Beweis dafür, daß man in Österreich die Wiener und Leipziger
Messeveranstaltungen nicht als Konkurrenzmessen auffaßt, ist wohl
durch die Tatsache gegeben, daß der größte Teil der österreichischen
Aussteller auf der altberühmten Leipziger Messe, meist mit denselben
Kollektionen, die acht Tage später beginnende Wiener Messe be-
schickt. Diese Aussteller erwarten eben mit Recht, in Wien ein im
wesentlichen anders zusammengesetztes Einkäuferpublikum zu finden
        <pb n="281" />
        Deutsche Wirtschaftsbeziehungen zu Österreich, 245
als in Leipzig, Die alten Kunden Wiens aus den Sukzessionsstaaten
und aus dem Balkan kommen eben zum größten Teil nur nach Wien,
wo sie ihre angestammten Geschäftsverbindungen haben und mit
klugem Eingehen auf ihre Eigenart behandelt werden. Es ist also
klar, daß, wer diese Kunden nach Wien ladet, keinem bestehenden
andern Markt Abbruch tut, Aber auch die deutschen Industriellen
und Kaufleute sind offenbar der Ansicht, daß Wien neben Leipzig be-
sondere Chancen bietet, daß also die Interessensphären sich nicht
kreuzen, Sonst würde nicht alljährlich zweimal eine große Zahl von
reichsdeutschen Firmen zur Wiener Messe ziehen,

Für den deutschen Handel und die deutsche Industrie bietet sich
durch die Wiener Messe insbesondere Gelegenheit, das Exportgeschäft
mit der Levante (Griechenland, Ägypten usw.) zu pflegen, das bis nun
noch lange nicht genügend ausgebaut wurde und das für
Deutschlands Produktion sehr bedeutsame Zukunftsmöglichkeiten
bietet,

Der feste Wille deutscher Industrie, dem deutschen Handel die
alte machtvolle Stellung in Österreich zu erhalten, und der Umstand,
daß sich in Wien englische, französische, italienische, schweizerische,
rumänische usw. Handelskammern bildeten, führte im Sommer 1920 zu
unserer deutschen wirtschaftlichen Vereinigung,

Die Deutsche Wirtschaftskammer für Österreich steht voll und
ganz im Dienste des deutsch-österreichischen Güteraustausches, Sie
will planmäßig daran mitarbeiten, daß dieser nicht nur inniger und
klagloser werde, sondern auch möglichst zu jenen Höhen zurückfindet,
welche in beiden Ländern vor dem Kriege erreicht waren. Planmäßig
will die Kammer Industrie und Landwirtschaft, Handel und Verkehr —
daher auch der Name Wirtschaftskammer — immer wieder will sie die
Landsleute in der alten Heimat, welche nach Neuland ausschauen, auf
Österreich, das Land schlummernder Werte, das Land derselben
Mutterlaute, aufmerksam machen, und dies wird den österreichischen
Einwohnern um deswillen sicherlich willkommen sein, weil noch zu
frisch die Erinnerung ist, wie die Verschiedenheiten neunerlei Natio-
nalitäten im alten Österreich sich auszuwirken pflegten.

Und den nach neuen Existenzmöglichkeiten ausspähenden deut-
schen Landwirt will die Deutsche Wirtschaftskammer in Wien auch
gern betreuen; ihn will sie, ob er Hack- oder Halmfruchtbauer, ob er
Tier- bzw. Schweinezüchter, ob er an der animalischen Bewirtschaftung
hängt oder viehlos wirtschaftet, je nachdem will sie ihn in die frucht-
baren Landstriche des Tullner oder Marchfeldes, der Grazer oder
Welser Heide leiten, sei es als Käufer, sei es als Pächter, jedenfalls so,
daß er gar bald auf der neuen Scholle die Empfindung hat, daß die
        <pb n="282" />
        246 Deutsche Wirtschaftsbeziehungen zu Österreich,
alte deutsche Hilfsbereitschaft und Treue ihn nicht im Stich ge-
lassen hat.

Wenn auch in diesem Augenblick das Deutschtum unter dem Druck
eines haßverblendeten Feindes seufzen muß, so wollen wir uns doch
immer und immer wieder an Fichte aufrichten oder wir wollen uns
an Wort und Praxis Thyssens Ende der neunziger Jahre erinnern:
„Man baut und rüstet in schlechten Zeiten, um in der kommenden
guten Zeit gserüstetzusein,“
        <pb n="283" />
        17.

Die angewandten Naturwissenschaften im Dienste
der Wirtschaft.
Von Dr.-Ing. Dr. rer. pol. Waffenschmidt, Privatdozent, Heidelberg.

Es liegt an sich nicht im Wesen der Wissenschaft, dem täglichen
Leben oder auch der Wirtschaft dienstbar zu sein. Ganz besonders
ist die Vorstellung, die sich der Deutsche von der Wissenschaft macht,
so sehr an das Absolute, über dem Alltag Stehende geknüpft, daß er
in einer „angewandten“ Wissenschaft schon das eigenste
Wesen der Wissenschaft aufgegeben sieht, nämlich lediglich der Er -
kenntnis zu dienen und keine anderen Zwecke zu verfolgen,

Das ist gut, und es hat sich gerade auch auf dem Gebiet der
Wirtschaft als erstrebenswert erwiesen, so scharf als möglich zu
trennen zwischen dem Wissenschaftlichen, rein Erkenntnismäßigen,
Allgemeingültigen und dem auf das Handeln Bezüglichen, dem Poli-
tischen, das nur Meinung des einzelnen ist, von Vorurteilen nicht
unabhängig, von Interessen und Willenskräften getrieben.

Daß allerdings in diesem Interessenkampf vom Politiker hinüber-
gegriffen wird in das andere Land, das Land der Wissenschaft, daß er
dort Werkzeuge sucht, Geisteswerkzeuge, die seinem Wirkungsbereich
dienlich sind, verwehrt ihm niemand, am wenigsten versagt die Wissen-
schaft diese Dienstbarkeit des redlichen Denkens, denn sie ist hier
neutral,

Die genauere Untersuchung zeigt nun, daß die Wissenschaft dem
praktischen Leben nicht als einheitliches Gebilde gegenübersteht. Ohne
daß wir uns in die Philosophie verlieren dürfen, können wir auf den
Unterschied aufmerksam machen, den die neuere Forschung zwischen
Naturwissenschaft und Kulturwissenschaft ausge-
prägt hat. Die Gesetzmäßigkeiten, denen ein fallender Stein, das
sprießende Korn, die Sehvorgänge im Auge unterliegen, sind offen-
kundig ganz anderer Art als die Frage nach Gut und Böse, nach Recht
und Pflicht, nach logischer Richtigkeit, aber auch verschieden von
wirtschaftlichen Problemen, der Begründung von Schutzzoll und Frei-
handel, von Kapitalismus und Sozialismus.

Insofern gehört die wissenschaftliche Behandlung des Wirt-
schaftsgeschehens sozusagen zu den „angewandten Kulturwissen-
        <pb n="284" />
        248 Dr.-Ing. Dr, rer. pol. Waffenschmidt:
schaften”, zu denen auch das „Recht‘“ überhaupt, die „Gesellschafts-
lehre‘ im weiteren Sinne, zu rechnen ist.

Für den Bereich der angewandten Naturwissenschaften aber hat
sich ein ganz geläufiger Begriff, „Technik“, gebildet. Beide, Technik
und Wirtschaft, haben das gemeinsam, daß sie nicht um der bloßen
Erkenntnis willen da sind, sondern dem Leben dienen. Als ange-
wandte Naturwissenschaft ist die Technik im wesentlichen „kausal“
orientiert, das heißt: ihre Hauptfrage richtet sich auf Ursacheund
Wirkung, ihre Hauptordnungslinie liegt in den Gesetzen des Dinges,
des Objektes, der äußeren Natur. Die Wirtschaft aber fragt nach
dem Zweck; sie richtet das Geschehen nach der Gesetzmäßigkeit
der Gesellschaft, des Menschen, des Subjektes als Gegenstand der
Fürsorge,

Diese Trennung zwischen Technik und Wirtschaft ist aber, so
erstrebenswert sie wäre, nicht streng durchzuführen. Beide Anwen-
dungen der Wissenschaften durchdrin gen sich, Technik ist tat-
sächlich mehr als nur kausal orientierte Naturwissenschaft, denn auch
ihr ist bereits ein Ziel gesetzt oder, mit einem Kunstwort: auch sie
ist final orientiert, Nicht ausschließlich, aber beherrschend wird
diese finale Orientierung der Technik durch die Wirtschaft vorge-
nommen, Durch sie ordnet der Mensch der Technik ihre Aufgaben zu.
Die Wirtschaft ist mehr als die Technik zweckbestimmt.

Aber auch die Wirtschaft kommt ohne Beachtung des Naturgesetz-
lichen nicht aus, Sobald sie über die primitiven Verhältnisse hinaus-
geht, ist ihre Existenz von der der Technik abhängig.
= Nicht immer war es so, daß die Wissenschaft im täglichen
Leben angewandt wurde, Das Mittelalter war beherrscht von
transzendenten Ideen, Die Wirtschaft kam nur insoweit in Frage, als
sie zur Freimachung des Weges von irdischen Sorgen für den Aufstieg
zu Gott dienen mußte, Dem Glauben gegenüber war das Wissen
belanglos, Zünftlerische Gebundenheit des Absatzes, Taxen als „Se-
rechter Preis‘, Zinsverbot sind wirtschaftliche Folgen dieser Welt-
anschauung,

Es ist bezeichnend, daß diese gegenrationalistische Einstellung sich
auch bei der Technik des Mittelalters geltend machte, so allerdings, daß
in genialer Umkehr durch eine peinlich vorsichtige Tradition, wenn auch
in langsamem, zögerndem Aufstieg, doch technische Meisterwerke, ins-
besondere der Baukunst, geschaffen wurden. Aber der Techniker
sieht im gotischen Geist die intuitive Gewalt der unterdrückten Ratio
in mannigfacher Form,

Auch heute ist das Unrationelle keineswegs, weder aus
der Technik, noch aus der Wirtschaft, verschwunden. Sehr starke
        <pb n="285" />
        Die angewandten Naturwissenschaften im Dienste der Wirtschaft, 249
Kräfte willkürlicher Art regieren in der Wirtschaft und verhindern eine
stetige vernunftmäßige Regelung, und jede „Mode'-Industrie weiß hier-
von ein Lied zu singen,

In der Technik aber ist der empirisch arbeitende zünftlerische
Handwerker nicht verschwunden, der mangels Übersicht über Ursache
und Wirkung ängstlich an der Einhaltung der Regel klebt, mit Recht
fortschrittsfeindlich ist, da er eben die Folgen von Abweichungen nicht
übersieht,

Für diese technischen und wirtschaftlichen Empiriker ist der Fort-
schritt höchstens zufallgeboren und etwas ihrem System Feindliches;
nichts könnte den Abstand von früheren Zeiten so kennzeichnen, wie
gerade die Pietätlosigkeit der heutigen Technik und Wirtschaft und
ihr Verdacht gegen jedwede Anordnung, für die keine logische oder
sachliche Begründung gegeben werden kann.

Auch in der Wirtschaft findet sich heute die Natur-
wissenschaft angewandt, ohne daß sie den Umweg über die
Technik gewählt hätte, Insbesondere beginnt die Psychologie und
Physiologie vorzudringen. Als Ausgangspunkt des Wirtschaftens wird
üblicherweise das Bedürfnis als einfach gegeben von der Theorie dar-
gestellt, Tatsächlich ist auch die menschliche Natur so glücklich ein-
gerichtet, daß sie allen naturgesetzlichen Folgen mit mehr oder
weniger starkem Drang Geltung verschafft, Hunger, Durst, Schutz-
bedürfnis vor Kälte und Hitze, alle Spielarten von Lust und Unlust
gehören hierher, Die Wissenschaft ist mit diesen Bedürfnissen als
Grundlage nicht zufrieden; sie geht den Kräften weiter nach und
kommt tatsächlich zu vielfach vertieften, neuen Ergebnissen. Sie er-
kennt die Atmungsvorgänge in ihrer chemischen Gesetzmäßigkeit, sie
analysiert die Ernährungsbedürfnisse in Kohlenhydrate, Eiweiß und
Fette, Sie führt in der Kalorie ein Maß für die Ernährungsvorgänge
ein, Sie untersucht weiterhin den Einfluß der verschiedenen Lebens-
bedingungen, so z.B, die Abhängigkeit von Klima und von Beschäfti-
gung, Sie dringt auch tiefer in die Analyse der unterbewußten
Psyche vor,

Dieser Dienst, den die Naturwissenschaft durch die Psycho-
logie und Physiologie der Wirtschaft unmittelbar leistet, tritt
aher gegenüber dem mittelbaren Dienst durch die Technik sehr
zurück, Deren Wirken gerade in der Wirtschaft ist so beherrschend,
daß man schon den gesamten Bereich der Produktion der „Technik“
zuschreiben wollte; die Belange, die bei der Erzeugung von Gütern
und Leistungen maßgebend sind, machen das erklärlich. In der Land-
wirtschaft, dem Bergbau, der mechanischen Technologie, dem Holz-
bearbeitungsgewerbe, der Metallbearbeitung und der Textilindustrie,
        <pb n="286" />
        250 Dr.-Ing. Dr. rer. pol. Waffenschmidt:

der chemischen Technologie, bei der Erzeugung von Verkehrsleistungen
überwiegen die technischen Fragen, und erst bei der Verteilung der
erzeugten Güter beginnt wieder die Vorherrschaft der Wirtschaft,
nachdem sie allerdings auch am Anfang die entscheidende Weisung
gegeben hat, welcher Produktion sich die Technik zuwenden soll.

Bevor wir näher auf die technisch-wirtschaftlichen Beziehungen
eingehen, wollen wir das vorwiegend technische Vorgehen im großen
betrachten, und zwar am besten an einem Beispiel, an dem
eines Brückenbaues., Auf Grund des Verkehrsbedürfnisses
stellt die Wirtschaft der Technik die Aufgabe. Zunächst ist es nun
Sache der räumlichen Vorstellung und des Anschauungs-
vermögens, mit der der Techniker die Aufgabe im Geiste gelöst vor
sich sieht, eben die Überbrückung des Tales. Nicht aber nur eine
Möglichkeit ist auszudenken, sondern die Technik verfügt hier grund-
sätzlich über eine fast unabsehbare Anzahl von prinzipiellen Lösungs-
möglichkeiten. Die Brücke kann aus Holz, Stein, Eisen, Beton, Eisen-
beton usw. hergestellt werden, Sie kann sich innerhalb der gleichen
Materialgrenzen nach ihrer Form unterscheiden: Bogenbrücke, Balken-
brücke, Hängebrücke, solche mit, solche ohne Pfeiler, Kombinationen
von Balken- und Bogenbrücken oder Balken- und Hängebrücke, Dar-
unter sind noch weitere Untervariationen möglich, ob die Brücke
massiv oder in ein luftiges Gitterstabwerk aufgelöst ist. Es ist bezeich-
nend für den fortgeschrittenen Zustand im Brückenbau, daß grundsätz-
liche systematische Neuheiten selten sind, daß es sich vielmehr beim
Entwurf um die Anwendung bekannter Prinzipien auf den Einzelfall
handelt, Es werden kaum noch neue Brückensysteme „erfunden“,
sondern die Brücken werden „konstruiert‘,

Ist nun ein solches Brückenproblem heute zu lösen, so verlangt
die Wirtschaft von der Technik, daß sie ihr alle diese tech-
nısch möglichen Lösungen vorlegt, damit sie aus ihrer Zahl die ihr
günstigsten auswählen kann. Hierbei müssen allerdings zunächst die
rein technischen Erfordernisse erfüllt sein, das heißt die Naturgesetze
müssen so berücksichtigt sein, daß der Bestand, hier z. B. des Bauwerks,
gesichert ist. Daß in dieser rein technischen Lösung
Schwierigkeiten genug liegen, braucht nicht weiter betont zu werden,
ist es doch eine allgemein verbreitete Vorstellung, daß sich die Natur
nicht leichthin den menschlichen Zwecken gefügig zeigt und daß sich
jeder Irrtum und jede Unachtsamkeit bitter rächt; andererseits ist aber
auch bei Beachtung der naturwissenschaftlichen Gesetze ein Verlaß
auf die Durchführung des Planes vorhanden, wie er bei rein wirt-
schaftlichen Unternehmungen nie gegeben ist, da deren Gesetzmäßig-
keiten anderer, nicht so strenger Natur sind, Die rein kausalen Be-
        <pb n="287" />
        Die angewandten Naturwissenschaften im Dienste der Wirtschaft, 251
dingungen erschöpfen jedoch die Aufgabe nicht. Schon wieder leitet
die Wirtschaft das technische Schaffen nach ihrem Sinn, Da die Wirt-
schaft aus der Gesamtzahl der technischen Entwürfe den wirtschaft-
lichsten auswählen will, so muß für jeden einzelnen die Bedin-
gung erfüllt sein, daß er soweit als möglich selbst den Anforderungen
der Wirtschaftlichkeit entspricht.

Der Nachweis für die Erfüllung dieser beiden Forderungen, tech-
nische Sicherheit und Wirtschaftlichkeit, muß nun vom Ingenieur rech-
nungsmäßig durchgeführt werden. Die Naturwissenschaft hat der
Technik die Mittel zu einer solchen Berechnung in die Hand ge-
geben, Die Abstraktion spielt hier eine große Rolle. Es sind nicht
mehr Pferde, Wagen, Menschengedränge, die zu befördern sind, sondern
es sind soundso viel Tonnen abstrakte „Last‘, die nach unter wirken,
soundso viel Tonnen Auflagerdruck, die nach oben wirken, beides
gleichartige abstrakte Kräfte, darstellbar durch benannte Zahlen oder
in der graphischen Berechnung durch Längen, Nach den logischen und
empirischen Regeln der Mechanik wird die Verteilung dieser Kräfte
ermittelt und die Beanspruchung der einzelnen Brückenteile, z. B. der
Stäbe einer Balkenbrücke, festgestellt, Wenn man nun unter Berück-
sichtigung von Sicherheitswerten die zulässige Beanspruchung des
Eisens auf 1200 kg/qcm festsetzt und z. B. die im Stab wirkende Kraft
zu 12000 kg berechnet, so muß der Träger 10 qcm Querschnittfläche
erhalten, Damit ist dann die technisch e Forderung der Sicherheit
und die wirtschaftliche Anpassung des Aufwandes an die An-
forderungen gelöst, beide decken sich hier.

Nachdem nun die Kräfte und die erforderlichen Querschnitte be-
rechnet sind, handelt es sich darum, den letzteren eine solche Form
zu geben, daß sie aan den Enden zusammengefügt werden können,
kurzum einen bildmäßigen Entwurf der zu bauenden Brücke
in irgendeinem verkleinerten Maßstab herzustellen. Jede Einzelheit,
jeder Winkel, jeder Niet, jede Schraube wird gezeichnet, mit Maßen
versehen, welche Lage und Größe kennzeichnen, kurzum die ganze
geistige Form ist fertig, bevor mit der tatsächlichen Ausfüh-
rung begonnen wird. Darin liegt ein grundsätzlicher Unterschied der
modernen Technik gegen die vergangenen Zeiten,

Der weitere Schritt des Fortgehens, der eigentliche Bau der
Brücke, die Umgestaltung des Erdachten in die Wirklichkeit, ist
von den bisherigen psychisch sehr verschieden. Hier handelt es sich
darum, rasch und geschickt den unvorhergesehenen Einflüssen der
Natur Rechnung zu tragen und gemäß dem Bauplan die Ausführung
zu bewerkstelligen, aber auch unter Einhaltung der vorgesehenen
Kosten, wenn nicht gar mit Ersparnissen. Hier beim Bau zeigen sich
        <pb n="288" />
        252 Dr.-Ing, Dr. rer. pol. Waffenschmidt:

nun unerbittlich die Fehler der Berechnung und Konstruktion, und der
schöpferisch tätige Ingenieur empfindet darin eine gewisse Überlegen-
heit gegenüber andern Geistesarbeitern, daß er die Richtigkeit seines
Denkens nachweisen kann, daß er, geschult durch erwiesene Fehler-
haltigkeit, zur Vorsicht und Gewissenhaftigkeit erzogen wird,

Nach der Herstellung folgt nun die Inbetriebnahme, die
lebendige Benützung des technischen Produkts, hier also die Belastung
durch den Verkehr, bei der Maschine die Arbeitsleistung, die sie voll-
bringt, Hier zeigt sich erst in vollem Umfang, ob der Gesamt-
ertrag dem Gesamtaufwand entspricht. Die tech-
nisch-sachliche Lösung reicht, wie schon erwähnt, ganz offenkundig zur
Rechtfertigung des Unternehmens nicht aus, es muß noch die mensch-
lich-gesellschaftlich-wirtschaftliche Rechtfertigung gegeben sein. Die
Brücke muß in dem Ausmaß, in dem sie gebaut ist, auch wirklich be-
nutzt werden, und letzten Endes müssen die Werte, die durch sie ge-
schaffen sind, größer sein als die Werte, die in sie hineingesteckt und
anderer Verwendung entzogen wurden.

Zu dieser Ordnung der technischen Gestaltung durch die Wirt-
schaft im ganzen kommt die mannigfache Beeinflussung beider im ein-
zelnen, Gleich zu Anfang der Produktion, und zwar gerade bei der
eigentlichen Produktion der Genuß- und Gebrauchsgüter, leistet die
angewandte Naturwissenschaft der Wirtschaft grundlegende Dienste,
Man muß sich nur vor Augen halten, daß die Dinge nicht um
ihrer selbst willen, sondern um ihrer Eigenschaften und Leistungen
willen erzeugt werden, wobei diese Leistungen zumeist in
sehr mittelbarer Weise, aber zuletzt doch immer zur Bedürfnis-
befriedigung beitragen müssen. Einer Ordnung der primären Bedürf-
nisse durch die Physiologie und Psychologie steht eine Ordnung der
primären Bedürfnisbefriedigungsmittel durch die
Technik gegenüber nach ihrer Eignung für die wissenschaftlich analy-
sierten Bedürfnisse, „Reform‘ ist das Kennwort für derartige Ratio-
nalisierungsbestrebungen, Reformspeise, Reformkleidung,

Die naturwissenschaftliche Reduktion, die Analyse der
Eigenschaften einer Ware, sei es Zerreißfestigkeit, Arbeitsfähig-
keit, Wärmeleitungsverhältnis, Widerstand gegen Nässe, Nährwert,
Heizkrafi, Süßigkeitsgehalt, Färbekraft, ist uns jetzt so geläufig, daß
wir diese Leistung der Naturwissenschaft für die Wirtschaft nicht
weiter bewundern. Wer aber vielleicht vor Jahrzehnten im Ausland
die deutsche Ware ohne jede weitere Begründung als schlecht herunter-
setzen hörte, dem mußte die hadernde Frage auf der Zunge brennen:
Gibt es denn hier kein Mittel sicherer Beweise, kein Mittel, um diese
        <pb n="289" />
        Die angewandten Naturwissenschaften im Dienste der Wirtschaft, 253
Ungerechtigkeit abzutun? Die physikalischen Methoden haben
diesen Sieg endgültig errungen und Klarheit geschaffen. Messung
und Wägung bis ins kleinste läßt Qualität und Quantität feststellen.
Es ist bezeichnend, daß in einem Fragebogen, den die amerikanischen
Ingenieure für die Beurteilung der Rationalisierung ihrer Industrie auf-
gestellt haben, die Frage steht: Haben Sie ein Versuchs- und Prüfungs-
laboratorium? Denn nicht allein Gerechtigkeit schaffen diese Prüfungs-
methoden, sondern es ist für die rationelle Produktion eine Grund-
bedingung, daß sie sich auf die Eigenschaften der gelieferten Rohstoffe
verlassen kann, Nichts hat die deutsche Industrie im eigentlichen
Produktionsbereich so sehr außer Rand und Band gebracht als die
Unzuverlässigkeit in der Materialqualität während der In-
flation, Firmen, die sie rechtzeitig feststellen konnten, waren wenig-
stens in der Lage, entweder den Betrieb einzustellen oder auf schlech-
tere Qualität umzustellen, manche aber merkten erst im Verlauf der
Produktion, nachdem eine Menge Aufwand vertan war, daß das Er-
zeugnis mit diesen Rohstoffen mißlingen mußte.

Auf die Güteprüfung folgt die Güteschaffung, Die Wichtigkeit
der Zuverlässigkeit führt insbesondere dazu, das „organisch Ge-
wachsene” durch das anorganisch „Künstliche“ zu
ersetzen. Das natürliche Wachstum kennt Launen und Willkürlich-
keiten. Wir wissen nicht, ob im Baumstamm eine verborgene Wachs-
tumstörung die Zugkraft gerade der Faser zerstört hat, auf deren
Leistung wir unsere Berechnung gegründet haben; wir wissen nicht,
ob der Stein, auf dessen Tragkraft wir uns verlassen, im Innern einen
Hohlraum aufweist. Die Technik aber hat uns gelehrt, anorganische
Stoffe zu verwenden und dazu noch ihnen diejenige Leistung zuzu-
weisen, für die sie besonders geeignet sind, Wir stellen z. B. eine
künstliche Betonmischung her, auf deren Verhalten wir uns sicherer
veriassen können als auf den Sandsteinquader und in dessen Her-
stellung wir die summierten Erfahrungen legen. Wir stellen als Ersatz
für Holz Eisenbetonbalken her und weisen die Druckkräfte dem Beton
zu, die Zugkräfte dagegen dem Eisen, deren beider Leistungsfähigkeit
wir uns leichter versichern können als der des Holzes, ja wir sind in
der Lage, damit die Materialgüte und damit — wirtschaftlich so
wichtig — die Kosten den Anforderungen anzupassen.

Mancher Leser, der in dem Thema die Darstellung der äußeren
Großtaten der Technik erwartete, welche sie der Wirtschaft leistete,
wird von den bisherigen Entwicklungen der inneren denkmäßigen Be-
ziehungen enttäuscht sein. Er wird sagen: Nicht die gewöhnliche,
laufende, alltägliche Dienstleistung der angewandten Naturwissenschaft
ist es, die uns packt, sondern es ist die qualitative Erweiterung des
        <pb n="290" />
        254 Dr.-Ing. Dr. rer. pol. Waffenschmidt:
Könnens, die über die bloße Anwendung naturwissenschaftlicher Er-
kenntnis fühlbar schöpferisch hinausgeht.

Diese qualitative Erweiterung des technischen Könnens hat man
im Auge, wenn man oberflächlich vom Dienst spricht, den die Technik
der Wirtschaft leistet. Es ist das Gebiet der Erfindung, die der Zivi-
lisation neue Wege bereitet, wenigstens bereiten kann, der Erfindung,
die als Schwester der Wissenschaft und der Entdeckung aus dem
Haupte des Zeus, geistig fertig gerüstet, entsprungen sein könnte.

Diese ganz bestimmte Selbständigkeit der Technik gegenüber der
Naturwissenschaft zeigt eine gewisse Feindseligkeit der schöp-
ferischen Psyche gegen jede Beeinflussung darin, daß der Erfinder die
naturwissenschaftliche Belehrung ablehnt und daß er sich mit dämo-
nischer Leidenschaft, unbeeinflußt durch fremdes Wissen, Bahn brechen
will, Der disziplinierte Erfinder kennt diese Gefahr; er ist
gelassener, er weiß, daß die Wissenschaft und die ihm gebotene
Kenntnis der Gesetzhaftigkeit viele Umwege und Aufwendungen erspart,
und darin ist eben ein bedeutsames Geschenk der Naturwissen-
schaft an das technisch Schöpferische einerseits und die Wirtschaft
andererseits zu erblicken, Wieviel unnützer Aufwand für die Erfin-
dung des Perpetuum mobile wäre erspart worden, wenn den Erfindern
das Gesetz über die Erhaltung der Energie und die Reibungstheorie
bekannt gewesen wäre.

Eine gewisse Selbständigkeit des Erfinders ist wohl auch sachlich
gerechtfertigt, denn es liegt auch die Möglichkeit vor, daß die Natur-
wissenschaft irrt, Die Atomtheorie hat die Suche nach dem Stein der
Weisen zur unsinnigen Phantasterei gestempelt. Heute wissen wir,
daß die Umwandlung der Elemente in andere nicht unmöglich ist und
daß wir sehr wohl daran denken können, unedle Metalle in edle zu
verwandeln. Der Fall jedoch, daß eine Erfindung zu einer Ent-
deckung auf naturwissenschaftlichem Gebiet führt, ist seltener als
der umgekehrte, daß eine naturwissenschaftliche Entdeckung zu neuen
technischen Möglichkeiten Wege eröffnet.

Jedenfalls ist die Technik hier nicht nur „Anwendung‘ der Natur-
wissenschaiten.

Neben diesen Erfindungen, die einer ausgesprochenen schöpfe-
rischen Tätigkeit entspringen, gibt es Zufallserfindungen, die aus
Zufallsentdeckungen entspringen, doch sind diese Fälle nicht die Regel,
Die Geschichte der Erfindungen zeigt vielmehr, daß ein in seinen
letzten Einzelheiten nicht erfaßbarer gesellschaftlicher An-
trieb zum technischen Fortschritt drängt, daß die Erfindungen „zu
ihrer Zeit kommen", der Buchdruck in der Renaissance, die Dampf-
maschine aus dem englischen Früh-Industrialismus. Nicht nur die Not
        <pb n="291" />
        Die angewandten Naturwissenschaften im Dienste der Wirtschaft. 255
macht erfinderisch. Daß die Gesellschaft, der Staat, schon frühzeitig
die Bedeutung des technischen Fortschritts erkannt hat, zeigt sich aus
den Privilegien, mit denen er die Erfinder ausstattete, und die
sich auf die bevorzugte wirtschaftliche Ausbeutung erstreckten,

Im Gegensatz zur Erfindung erkennt man in jener beim Brückenbau
geschilderten Konstruktion einen geringeren Grad schöpferischer
Tätigkeit, sie hat jenen ausgesprochenen Charakter der Anwendung.
Die Konstruktion findet sich sowohl bei der Ausarbeitung des erfinde-
rischen Gedankens, der das Grundsätzliche der Lösung gegeben hat,
wie auch bei der Wiederholung und Vergrößerung dieser Lösung in
ibrer Anwendung auf Einzelfälle, Der Konstrukteur wendet also be-
kannte Lösungen auf den Einzelfall an. Größe, ja Großartigkeit ist
durchaus zu vereinbaren mit der Konstruktion, aber sie trägt einen
anderen Charakter als die Erfindung, sie schafft quantitativ Neues,
aber nicht qualitativ Neues,

Das qualitative und quantitative Ausmaß des technischen Fort-
schrittes durch Erfindung und Konstruktion ist oft genug beschrieben
und besungen worden, Das Tempo ist erstaunlich. Wo noch vor
100 Jahren die Krafterzeugung weniger Pferdestärken bestaunt wurde,
sind heute Wasser- und Dampikraftmaschinen gebaut, die in einer Ein-
heit 80 000 PS erzeugen, Die Rotationspresse leistet mit einigen Über-
wachungs- und Zurichtungsmaschinisten die stündliche Herstellung von
100 000 achtseitigen Zeitungen, zusammengelegt, gebündelt und gezählt,

Wo noch vor wenigen Jahrzehnten der Schreiner den Hobel führte,
steht jetzt die Holzbearbeitungsmaschine, die das Hobelmesser
10 000mal in der Minute um die Messerwelle dreht, damit doppelte
Schnellzugsgeschwindigkeit erreicht und mit einer Exaktheit arbeitet,
die von Hand nie erreichbar wäre,

Hier müßten wir nun mit der Beschreibung der technischen Er-
rungenschaften, der Wunscherfüllung und der Ersparnis, welche die
Wirtschaft durch sie erzielt, fortfahren, bis wir etwa im Gebiet der
drahtlosen Nachrichtenübermittlung landeten, wo die naturwissen-
schaftliche Entdeckung mit der technischen Erfindung sich am offen-
kundigsten weitgehend deckt, Wir haben aber, wie schon klar ge-
worden sein wird, das Thema: „Angewandte Naturwissenschaft im
Dienste der Wirtschaft‘ nicht so aufgefaßt, als ob es sich um eine Be-
schreibung der Tatsachen handle, sondern wir wollen die gegenseitigen
Beziehungen des naturwissenschaftlichen, technischen Denkens und des
wirtschaftlichen Denkens darstellen. Deshalb ist es nicht störend, daß
wir in der stofflichen und sachlichen Beschreibung des technisch-wirt-
schaftlichen Gebietes beschränkt sind und uns nur auf einige typische
Fälle beziehen können.
        <pb n="292" />
        256 Dr.-Ing. Dr. rer. pol. Waffenschmidt:

Die Maschinenfrage gehört wohl mit zu den wichtigsten,
und wir wollen deshalb gerade Beziehungen der Maschine zur Wirt-
schaft noch näher analysieren. Es ist scharf zu unterscheiden zwischen
der Arbeitsmaschine und der Kraftmaschine. Die
erstere ist der unmittelbare Ersatz der Arbeit, die die Hand getan hat,
sie braucht aber zu ihrer Bewegung eine Antriebskraft, die ihr in der
Regel durch die Kraftmaschine zugeleitet wird, Ursprünglich war die
Konstruktion der Arbeitsmaschine ein Abbild der menschlichen Tätis-
keit, sehr bald aber erkannte der Mensch intuitiv und ohne Natur-
wissenschaft, daß die Maschine anderen Lebensprinzipien folgt
als der Mensch; für dessen körperliches Pendel- und Gelenksystem ist
die hin- und hergehende Bewegung die natürliche, im Wesen der
Maschine dagegen liegt die stetige Drehbewegung, das Rotationsprinzip.
Mit der Erfindung des Rades hatte man dieses Grundelement der
Maschine schon geschaffen, und überall wird man bei den modernen
Arbeitsmaschinen die Fortbildung des Rotationsprinzips feststellen
können, so z. B. von der Handpresse über die Tiegelpresse zur Schnell-
presse und Rotationsmaschine. Der Hin- und Hergang ist technisch
deshalb so unvollkommen, weil die Geschwindigkeit bei jeder Umkehr
Null wird und daß zur Umkehr der Bewegungsrichtung unnütz Kraft
aufgewandt werden muß, Bei der Drehbewegung dagegen summiert
sich die durch eine stetige Kraft bewirkte Geschwindigkeit, und wir
sehen wieder an diesem Beispiel, wie auch ohne naturwissenschaftliche
Kenntnisse im einzelnen technische Fortschritte zu erzielen sind, wie
aber die Naturwissenschaft in der Lage ist, das Geschaffene ein-
zuordnen, zu klären, zu befestigen.

Der zweite Weg, auf dem die Technik dem Menschen größere
Freiheit von den Lasten der Natur verschafft, zeigt sich in der Dienst-
barmachung der Naturkräfte für alle die Arbeiten, die vordem
einem organischen Wesen oblagen, sei es der Sklave oder das Tier
gewesen, Nutzbarmachung der Wasserkräfte, des Windes und der
Wärme sind die Gebiete des technischen Fortschreitens. Die Mittel
sind zu verschiedenartig, um sie im einzelnen aufzuzählen, Die Um-
kehr der Prinzipien spielt hier eine wesentliche Rolle: statt z, B. durch
die Drehung des Schöpfrades Wasser nach oben zu befördern, wird
umgekehrt das Rad durch das oben zufließende, in die Radzellen ge-
langende Wasser in Umdrehung versetzt,

Ganz anderen Charakter erhält aber die Technik gerade auch hier
durch die naturwissenschaftliche Erkenntnis, und gerade
bei der Krafterzeugung wird es deutlich, wie innig technische und wirt-
schaftliche Gesichtspunkte verbunden. sind, Die äußere wirt-
schaftliche Bedeutung des Ersatzes von Menschenkraft durch die
        <pb n="293" />
        Sonstige Industrien.
1. Zementindustrie: Baurat Dr.-Ing. Riepert, Vorstand des Deutschen Zementbundes,
Tutzing in Bayern,

Geb, 1874 zu Köln. Vorstand des Deutschen Zementbundes, Ab 1902 Reg.-
Baumeister der öffentl, Arbeiten, Regierung Posen bis 1911. Ab 1911 Zement-
industrie, jetzt Vorstand des D. Zementbundes, Mitglied des Reichswirtschaftsrats,
Reichskohlenrats, Präsidial- und Vorstandsmitglied des Reichsverb, der D. Industrie,
Vors, der Fachgruppe Steine und Erden,

2. Geh. Kommerzienrat Dr.-Ing. e, h. Fr. Schott, Heidelberg,
Präsident der Handelskammer Heidelberg.

Geb, 27. Dezember 1850 zu Seesen a.H, 1867 Reifezeugnis, Nach Absolvie-
rung des Fachgebietes für technische Chemie und weiterem Studium 1875 Eintritt
als Betriebsleiter bei der Firma Schifferdecker &amp; Söhne in Heidelberg. 1889 als
technischer Direktor in den Vorstand der in eine Aktiengesellschaft umgewandelten
Firma. 1899 Präsident der Handelskammer Heidelberg, 1906 Kommerzienrat, 1911
Verleihung des Dr.-Ing. e, h. durch die Techn. Hochschule Braunschweig, 1911 Geh.
Kommerzienrat, 1913 Berufung in die 1, Badische Kammer, 1919 in den Aufsichts-
rat der Ges.,, dessen Vorsitz er seit 1923 innehat. Ehrenbürger der Stadt Heidelberg.

3. Porzellanindustrie: Geh. Kommerzienrat Dr. Philipp Rosenthal,
Berg bei Starnberg.

Gründete 1880 in Erkersreuth bei Selb Porzellanmalerei., Pläne zu neuen
Ideen in Dekoration und Formgebung. Gründete in Selb eigene Fabrik, nachmals
größtes Privatunternehmen der Porzellanindustrie, 1897 in A.-G. umgewandelt.
1908 Porzellanfabrik F. Thomas, Marktredwitz, 1917 vorm. Jacob Zeidler &amp; Co.,,
Selb-Plösberg, angegliedert, später die Krister Porzellanmanufaktur, Waldenburg,
sowie die P,-F, Bohemia, Neurohlau bei Karlsbad.

Jetzt ein Konzern mit 10 Werken und 5000 Arbeitern, sowie einer Verkaufs-
organisation, welche fast alle Kulturstaaten umspannt,

4. Kali-Industrie: Berghauptmann Georg Gante,
Vorsitzender der Anhaltischen Salzwerksdirektion Leopoldshall.

Geb. am 15, April 1859 zu Bielefeld, Abiturientenexamen 1878 dortselbst,
Praktisches Jahr als Bergbaubeflissener auf einer Steinkohlenzeche bei Bochum.
Universitätsstudium Göttingen und Berlin, Besuch der Bergakademie Berlin.

Nach bestandenem Bergreferendar- und Bergassessorexamen Berginspektor auf
staatlichem Steinkohlenbergwerk bei Saarbrücken, Bergrevierbeamter in Herne und
Witten, Bergwerksdirektor des staatlichen Steinkohlenbergwerks Camphausen bei
Saarbrücken,

„3901 Austritt aus dem preußischen und Übertritt in den anhaltischen Staats-
dienst. Bis zum Ausscheiden am 1, Oktober 1924 Vorsitzender der Anhaltischen
Salzwerksdirektion Leopoldshall,

5. Luitschiffbau: Dr., Dr.-Ing. e. h. Hugo Eckener,
Leiter der Zeppelinwerft Friedrichshafen.

„Geb. 10. August 1868 zu Flensburg, Gymnasium Flensburg, Studium der
Philosophie. — Bis 1907 Schriftsteller. 1909 Fahrtenleiter und Prokurist, 1912
Direktor d. D, Luftschiffahrts-A,-G. (Delag), Im Kriege Instrukteur d. Marine-
luftschiff-Abt, 1922 Geschäftsf, der Verkehrs-Abt. des Luftschiffbau Zeppelin.
1924 Vors, der Gesellschaften des Luftschiffbau Zeppelin.

Präsident der Luftschiffbau Zeppelin G.m.b.H., Ehrenbürger der Stadt
Flensburg, 1924 Amerikafahrt mit Z.R.III. (8157 km in 81 Stunden.)

{Photo Transozean-G. m. b. H., Berlin).
Tafel!)

nn
        <pb n="294" />
        MS DER Pak
‚29obnndins 6X, nsdoal ua 29h; bnasl219V JaqeiA zahl jewsE sollen bnilnemeN ‚t
| ns ysdl ai BebstuT
an 5 ZIEH UNSEN er „HAaSCHU Zu
‚941: 8001 dA ‚29obaudingmaeN asdoetuall, asb bastzıoV ‚alöX us 18T da
am n  7r0r dA ler id’ mo209 ame” Ins}iedtAU (Hasllö Hob astelsmasd
bs1rellendgetsiwerloiehh aab: boilatiM ‚2sbaudinsitneX ‚Gr esb basizroV. istier ‚olıtenbmi
‚oizteubnl ‚TI 19b .dısvedoioA 29h bailatimebastaro V bay -Isibie&amp;19 inmeldonledoie#
/ nn 1212 asbıa Bau anist@ sqqeıanasd ob! zer0V
‚21ediebieH ‚tHado® 3 ud ‚5 aul-C }sımeis1ommo A ‚dod, S %. X /
‚ayodlebieH 19mmsXelsbasH 19b ImabieBrE EHEN
„aivloedA das”! ‚einäuosstiehl 081 ‚Hıs mo2992 us 0881 yodmazaCl (S .‚de' an
YiixtalE 2T81 muibot® mr liew Ban simsAO (sdeeindast 151 z9tsidsadosT 'zebhiaauı
eis 0881  ZusdisbieH; aicendö2; 3. z9loebhietlida2 san" 19b ied 1olialadeinte4 216
no}lobnaswedmum HedoellozsaneihlA-anis ni 19b bnmete10V mob ni xotlaril 4adbeindost
FOL ‚YemeistemmoN 0001 (arSdIsbisH “aias JelebneH 19b insbieär9 @8I 4 usami7
\dsQ 1010 ‚alewdoanusrE dudbardooH indoST ‚sib, darub .d,.9 ‚anl- Cd ob aassdisla V
„etdoizty A mobumit 2IEL ‚r9mmsA adoeibsd gib mi anulure&amp; SIEP ‚iemmeistommoA
‚3r9dlsbisH 1618 19b hFadısdnsin- Gedsaat ECK IESE 15 sitar6V ns22sb „290 19b de1
Önnen Jediaee6H ‚gqilidd. „1C; Isaneisremume 2 „deQ seitzubninsllas104 .E
TeSSı nl ® ‚a19dmsi8 isd 3198 ; er V ; /
nayan us Saöld ‚ior9lsmmslisx104 dis@ jad‘ diverse ni 0881 Stsbniid
elsmdasa dbhdet sasyls diese at SisbalrO) emrdbamc 1. bau nö 10 Hs rni nsshi
Hobnewasmm u D-An (niz 708 | ehtenbnigsliexto‚ 1eb, asmmnsarelaud svirT; 2910613
„00. 3 19lbieX doosl .mrov. TIER, ‚stiwberhlısM ‚zemodT € Airdeinellssı10T 8001
anıdasble WW robletonemmnellssroT 9teirA Si‘ 193Eqe ‚robeilgehns‘ ‚3rsdzöld-dise
‚bedalte3 ied usldorws/M ‚simedod A. L sih siwoe
„also V. 1909 9iwoe ‚nroliedıA 000€ bau asılı9W Ol Jim mr9xn0 A nis istol
Jansqamu astesteruHuM elle jest orlolaw. ‚moitsainsato
‚ins 21090 ansmquedateäi ‚oitenbnl-UsX ‚b
‚Merlebloqoa I mottlexibeıe wals® modozitisdnA 19b TobnastiereV
jedisalrob 878: nomsxemeiashunidA ‚bietolsil x 0C8I Ing A210 meN.da li ET
"nudso&amp; to sdasensldoAmiest@: mania: kus nomngaeilisdusdyreA als. ırdel asdoeitalsıd
air. simgbsalsaıs&amp; ı19b dauves4l ‚miladl bau modniltöQ mwibuteatstiera viaÜU
lus 1o/lageniarad momsxs102292263198 Ber is baneto tar ET möhebitktesd Haar
basrsat ll ab teimsadıtsiveram d a nöolndıs 62 is waren ldoalniait madoilisste
isd, nozusdqme). zılıswaredaeldoniste ‚modoilieste ash 1ohlartibadıs wars ‚as W
3 1 N CO t Tr: $ gl VOC W + as lud
Jia ei2 medoaitlkdnsCnobi michi dh ba; metloailusıg ars b ‚26 Attıtamfe 10T
nodoeilisdnA roh 19 bmnostiz10 V SSEI.19dotO,.F ms nebierlozerA mus zi&amp;4 ‚Jjensth
; DR, 0 Sie 1m 6IN7ZeMetleblogosI7znotsnibetewslse
; ‚19n9l9H oauH .d 9 ‚aal-.1C „rd iusditidoeHud, E
| \nofsdenohBSHE HRS WasqqN Tab rated ©
zb mibut2 erden lT AnieshiyO  anfdenelT us 8081 jeuauA ‚Ol ‚daD
SIer eb br Gstsinstuis’br@0Rk abelletättiıds2 TOOL 219 — ‚oidqozolidd
„aiıe Minh wuotdurtenl. 9392 ml  (as!90), „D-.A-ahıtiettidozttul ‚db 1049310
.nil9qqeN. usdiidaeilul sb JdA-etrdsoV 455 Beftöädoesi ESEL ‚Ad A-Nidsettul
‚ in filesqgeNeusditidsahb.1 sb asitedozlloz90 19h ‚210V bSeN
+b612 -29b.. 1e&amp;rüdesidN. Hd m.) AR usditidoattu1 19b InsbieBrd
| (‚.a9baı32 18 ni ma VEI8) HEN Jim Yarlatelirom A SC arudenst4
. es i.H dm OinkssoensiT otodı A
Xi Ioa1EW

Sa
        <pb n="295" />
        nm.

Sa.
        <pb n="296" />
        <pb n="297" />
        Die angewandten Naturwissenschaften im Dienste der Wirtschaft, 257
Naturkraft zeigt die Berechnung: Die Arbeitsstunde des Menschen ent-
spricht ungefähr einer Fünftel-PS-Stunde und kostet, sagen wir, 40 Pfg,,
während eine Fünftel-PS-Stunde am Elektromotor, am Sauggasmotor
oder an der Dampfmaschine einen Bruchteil von einem Pfennig kostet.

Wir haben schon oben darauf hingewiesen, daß die Kenntnis natur-
wissenschaftlicher Gesetze von mancherlei als unerfüllbar erkannten
Aufgaben abhält. Der erste Hauptsatz der Energetik bewahrt uns
aber nicht nur vor dem Abweg des Perpetuum mobile, sondern er läßt
uns auch Wärme- und Kraftwirtschaft treiben, nachdem
wir von der Naturwissenschaft Begriff, Maß und Zahl erfahren haben,
das heißt hier die Tatsache, daß die Wärmemenge 1 Kalorie, die 1 Liter
Wasser um 1 Grad erwärmt, einer Arbeit gleichzusetzen ist, die 427 kg
1 Meter hoch hebt. Damit beginnt eine typische Wirtschaftlich-
keitsuntersuchung, die sich darauf erstreckt, festzustellen, wieweit
die vorhandene Wärmemenge sich nach der gewünschten Linie, also
hier in Arbeit, umsetzt. Zunächst hat die Naturwissenschaft, wie schon
bemerkt, den Techniker gelehrt, den Kaloriengehalt der Kohlensorten,
des Holzes, der Öle und Gase zu bestimmen, und die moderne Wirt-
schaft macht von dieser Kenntnis so weit Gebrauch, daß sie die Kohlen
nicht nach Tonnen, sondern nach Kaloriengehalt kauft.

Diesen verfügbaren Stoff will der wirtschaftende Techniker mög-
lichst vollkommen nach der Richtung verwenden, die ihm aufgegeben
ist. Ein ganz einfaches Beispiel: Durch Versuch sei festgestellt,
daß der Kaloriengehalt eines Liters Gas 5 Kalorien betrage. Im Be-
trieb möge der Techniker ablesen, daß er zur Erwärmung eines Liters
Wasser von 8 Grad auf 98 Grad 36 Liter Gas braucht, während also
die theoretische Berechnung einen Verbrauch von 90:5 = 18 Liter
zubilligt, Daraus ergibt sich, daß das Gas nicht vollkommen in der
gewollten Richtung verwendet ist, daß Wärme „verloren‘” wurde. Ver-
loren nicht im naturwissenschaftlichen Sinn, wo das Gesetz der Erhal-
tung des Stoffes und der Energie Mißverständnissen vorbeugt, aber
verloren in technisch-wirtschaftlich em Sinn, indem die Wärme
ungewollte Wege geht, z. B. in die Wandung des Gefäßes, in die Luft
oder indem überhaupt keine vollständige Verbrennung stattfindet,

Aber der Techniker weiß nicht nur, da ß ein Verlust auftritt und
daß er Verbesserungen anbringen kann, sondern er hat auch ein Maß
für den Fortschritt, er weiß, daß er nur einen Wirkungsgrad von 50 %
erreicht hat, wenn er von 5 Kalorien nur 2% ausnützt, er weiß ferner,
daß etwa andere technische Anordnungen einen günstigeren Wirkungs-
grad halten, und wenn sie nicht vorhanden sein sollten, so wird er ver-
anlaßt, solche zu suchen, sei es eine Verbesserung des Brenners, sei
es eine günstigere Form des Gefäßes usw. Er weiß aber auch weiter,

Die deutsche Wirtschaft.

17
        <pb n="298" />
        258 Dr.-Ing. Dr. rer. pol. Waffenschmidt:
daß die Aussicht auf Verbesserung desto größer ist, je geringer
der bisher erreichte Wirkungsgrad ist.

Dieselben Verhältnisse liegen bei der Krafterzeugung vor. Würden
wir feststellen, daß durch irgendeine Kraftmaschine mit 1 Kalorie
eine Arbeit von 427 mkg erreicht wird, so wäre es zwecklos, sich um
einen Fortschritt, um eine Verbesserung dieser Maschine zu bemühen.
Der tatsächliche Wirkungsgrad wäre mit 100 % gleich dem theoretisch
Erreichbaren, Leider sind wir in der Praxis hiervon weit entfernt.
10—15 % ist der übliche Wirkungsgrad der Dampfmaschinen. Aber
auch hier genügt es nicht, zu wissen, daß Verluste auftreten, die Natur-
wissenschaft drängt den Techniker vielmehr zur Untersuchung, wohin
die Kalorien verlorengehen; er mißt die Verluste in der Wärme-
strahlung des Kessels, in den Abgasen im Kamin, im Abdampf, in den
Reibungsverlusten der bewegten Maschine. Der wissenschaftlichen
Erkenntnis der Fehler folgt aber unmittelbar aus wirtschaftlichem
Drang der Wunsch zu ihrer Verbesserung.

Der bekannte Erfinder des Dieselmotors erzählt, daß er schon als
Student durch die gelehrte schlechte Wärmeausnutzung in der Dampf-
maschine auf sein neues Prinzip gekommen ist, das allerdings mit Erfolg
den Wirkungsgrad auf 35 % in die Höhe trieb.

Man kann uns vielleicht den Vorwurf machen, daß wir hier nicht
den Dienst der Technik, sondern umgekehrt den der Wirtschaft schil-
derten, Tatsächlich ist in dem eben genannten Bereich der eigent-
lichen „technischen Ökonomik“ die Anwendung wirtschaftlicher Prin-
zipien auf technischem Gebiet beherrschend. Doch knüpfen wir nun
wieder strenger an die Beschreibung der Dienste an, die die Technik
leistet.

Wesentlich schwieriger als die Aufweisung typischer Leistungen
der angewandten Naturwissenschaften ist die Darstellung der tech-
nischen Aufgaben im System unserer heutigen kapitalen
Wirtschaftsverfassung. Sechs Faktoren sind besonders. zu
beachten. Die Produktionsmenge und der Preis, die Menge der in-
vestierten Arbeit und der Lohn, die Menge des investierten Kapitals
und die Verzinsung, Mit dem Lohn wird von der Wirtschaft die Menge
der investierten Arbeit reguliert (große Arbeitermenge oder quali-
fizierte Arbeit, hoher Lohn); mit dem Zins reguliert sie die Kapital-
menge (hoher Zins lockt Kapital an); mit dem Preis reguliert sie die
Absatzmenge und damit die Produktionsmenge (niedriger Preis, großer
Absatz). Innerhalb dieser sechs Faktoren erhält nun die Technik von
der Wirtschaft die Aufgabe, festzustellen, wieviel Kapital und wieviel
Arbeit zu den in Betracht zu ziehenden Produktionsmengen erforder-
lich sind. Die Produktion, sagen wir von 100, 200, 300 Paar Stiefeln pro
        <pb n="299" />
        Die angewandten Naturwissenschaften im Dienste der Wirtschaft, 259
Tag, kann mit wenig Maschinen, das heißt wenig Kapital und viel
Arbeitern (also im arbeitsintensiven Betrieb) hergestellt werden, sie
kann aber auch umgekehrt mit viel Kapital und wenig Arbeitern her-
gestellt werden (kapitalintensiver Betrieb), Zu jeder Arbeitermenge
gehört jedoch für jede Produktionsmenge eine bestimmte Anzahl von
Maschinen, und dieses Verhältnis muß der Techniker dem
Wirtschafter sagen, damit dieser auf Grund der obengenannten
drei Funktionen die günstigste Zusammensetzung für die Betriebs-
gestaltung herausrechnen kann, Wir wissen, daß bei einer geringen
Produktion die günstigste Verteilung von Arbeit und Kapital beim
arbeitsintensiven Betrieb liegt, während bei der Massenproduktion im
Großbetrieb viel mehr Maschinen und Kapital auf den Arbeiter ent-
fallen. Wir wissen, daß eine Verbilligung der Produktion durch die
Verwendung von Maschinen erzielt wird und daß der Großbetrieb dem
kleinen grundsätzlich insofern überlegen ist, als sich verschiedene ein-
malige Ausgaben, insbesondere auch das Kapital für die Maschinen,
auf eine wesentlich größere Anzahl von Erzeugnissen verteilt. Hierin
liegt die Überlegenheit der maschinellen Erzeugung.

Hieraus entwickelt sich dann die weitere Aufgabe für den Tech-
niker, durch ständige Verbesserung den Aufwand für die Pro-
duktion herunterzusetzen, was in der Regel dadurch geschieht, daß
Handarbeit durch die Maschine ersetzt wird, wenn nicht beides, sowohl
Kapital als auch Arbeitsaufwand, verringert werden kann.

Darüber hinaus hat dann die Technik die Aufgabe, auch das Er -
zeugnis so zu verbessern, daß seine Leistungen besser werden und
dadurch auch die Absatzmöglichkeit gesteigert wird.

Es ist typisch für die neuere Entwicklung, daß nicht mehr allein
die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse und die Erfindung eine aus-
schlaggebende Rolle spielen, sondern eine Reihe von Prinzipien, denen
man keinen ausgesprochen naturwissenschaftlichen Charakter zu-
erkennen kann, wie überhaupt ein guter Kenner der technisch-wirt-
schaftlichen Beziehungen das technische Handeln als das vernunft-
gemäße Handeln schlechtweg bezeichnet. Insbesondere
fallen hierher alle betriebsorganisatorischen Maßnahmen; doch sind
auch hier, wenn man tiefer blickt, eine Reihe von Motiven, die natur-
wissenschaftlich kausalem Denken entspringen. So ist die Speziali-
sierung eines Betriebes auf möglichst nur ein Erzeugnis wohl eines der
wirksamsten Mittel billiger Massenerzeugung und Versorgung. Die
wirtschaftliche Organisation kann diese für den einzelnen Erzeuger
wie auch für die Gesamtheit gleich wichtigen Vorteile auf zwei Wegen
erreichen, Erstens durch Normalisierung des Fertigprodukts, zweitens
dadurch, daß sie wenigstens für eine Reihe von Zwischenprodukten,
17*
        <pb n="300" />
        260 Die angewandten Naturwissenschaften im Dienste der Wirtschaft,

Nieten, Schrauben, Träger usw., Normen schafft, welche dann bei einer
größeren Anzahl von Fertigfabrikaten Verwendung finden. Zu diesem
Zweck muß aber die Technik sachgemäße, genaue Maße feststellen,
welche die Gewähr bieten, daß die Verwendung der Normen zum Erfolg
führt. In der deutschen Industrie ist hierfür ein besonderer Normen-
ausschuß gebildet worden,

Des weiteren übt aber die Technik nun wieder ihrerseits mit dieser
Normalisierung einen Einfluß dahin aus, daß die Wirtschaft den Bedarf
normalisiert und nicht jedem kleinlichen Einzelwunsch Rechnung trägt.
So schreitet die Verquickung von Technik und Wirtschaft fort, daß
die Unterscheidung von Diener und Herr schwer wird.

Man mag in unserem kapitalen Wirtschaftssystem und insbeson-
dere in der Verteilung seines Ertrages Mängel genug erblicken; für den
Techniker stellt es einen Mechanismus dar, der in einer unerhörten
Feinheit die letzten Kräfte und auch die der angewandten Naturwissen-
schaften in ihren Dienst stellt. Trotzdem erblickt er auch eine große
Anzahl von Störungserscheinungen (insbesondere Krisen), die in den
Sinn technischen Gestaltens nicht hineinpassen, und es ist für ihn inter-
essant, zu verfolgen, wie von verschiedenen Seiten her ein Angriff auf
diese Mängel erfolgt, insbesondere aber auch aus den Reihen der tech-
nischen Betriebe. Zweifellos erkennt der Tieferblickende eine starke
Beeinflussung der Wirtschaft durch technische Denkart, die sich durch-
aus nicht in einem öden Materialismus erschöpft; so ist es nicht aus-
geschlossen, daß der Einfluß der angewandten Naturwissenschaften in
immer weiterem Umfang das menschliche Handeln beeinflußt zu dem
Ende, daß der Mensch von dem Objekt Besitz ergreift, wie er jetzt um-
gekehrt in Not und Verblendung von ihm besessen ist.

Damit wird das Thema: Angewandte Naturwissenschaft im Dienste
der Wirtschaft gehoben zum Thema: Wirtschaftliches und technisches
Denken im Dienst der Menschheit.
        <pb n="301" />
        18

Wirtschaft und Steuerpolitik.
Von Dr. Sogemeier, Geschäftsführer des Zweckverbandes norddeutscher Wirtschafts-
vertretungen, Berlin,

„Sind die Staatsleistungen an sich nicht entbehrlich, kann auch an
den Kosten für sie nichts gespart werden, so beweist die Unmöglich-
keit, den Staatsbedarf aufzubringen, eben die Unmöglichkeit des
dauernden Bestandes eines solchen Staates. Selbst die Hilfe durch
Staatsbankrott, also durch Bruch der privatrechtlichen Verpflich-
tungen, wird hier nicht dauernd helfen. Die ‚Staatsproduktion‘ muß
in solchen Fällen am Ende wie die ‚Privatproduktion‘ eingehen, weil
‚das Unternehmen nicht mehr die Kosten deckt‘, Auch hier ist die
Geschichte die Richterin, die aber ihr endgültiges Urteil mitunter länger
verschiebt, als man erwartet (Türkei!).‘” (Adolf Wagner, Finanzwissen-
schaft, Seite 75.) Diese Darlegungen des großen deutschen Finanz-
wissenschaftlers, in den 90er Jahren niedergeschrieben, haben heute
leider für das Deutsche Reich und seine Glieder eine besonders ernste
Bedeutung. Da die Mittel für die Deckung des öffentlichen Bedarfs
im Deutschen Reich, von den einzelnen Ländern und ihren Gemeinden
und Gemeindeverbänden heute zum überwiegenden Teil durch laufende
Steuern aufgebracht werden müssen und diese Steuerlast, wie später
noch im einzelnen darzulegen ist, bei uns eine auf längere Dauer ganz
unmögliche Höhe erreicht hat, wenn man ihr die allgemeine Leistungs-
fähigkeit der Steuerträger gegenüberstellt, bedeuten die angeführten
Sätze Adolf Wagners für uns in der Gegenwart folgendes:

Kann das deutsche Volk, insbesondere die deutsche Volkswirt-
schaft, den öffentlichen Bedarf, wie er heute in den verschiedenen Etats
festgelegt ist, in dieser Höhe weiter aufbringen? Wenn nicht: Wieweit
sind die heutigen Leistungen der öffentlichen Körperschaften entbehr-
lich, und was kann an Kosten für sie gespart werden? Wenn alle diese
Fragen verneint werden müßten, würde das die Unmöglichkeit des
dauernden Bestandes unseres Staatslebens bedeuten. Die Fragestellung
meines Themas „Steuern und Wirtschaft‘ geht damit bei ihrer Anwen-
dung auf unsere gegenwärtigen deutschen Verhältnisse weit über den
Rahmen einer mehr wissenschaftlich-theoretischen Untersuchung hin-
        <pb n="302" />
        262 Dr. Sogemeier:
aus, Es geht hierbei um Tatsachen, Erkenntnisse und praktische Folge-
rungen, die wie kaum andere den Bestand unseres außen- und innen-
politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Lebens bedingen.
Die gewaltigen sozialen und wirtschaftlichen Erschütterungen der
letzten Jahre hatten zur Folge, daß die öffentliche Diskussion sich in
stark überwiegendem Maße um „die Wirtschaft‘ gruppierte, so daß
vielfach starker Unmut laut wurde über dieses einseitige „Vordrängen“
der Wirtschaft, Die Unmutigen erblickten darin die Unterstellung
unseres staatlichen, in erster Linie auch unseres kulturellen Lebens
unter die Wirtschaft. Wirtschaft, Technik und Mechanisierung, so
folgerte man, würden nun der deutschen Entwicklung ihren Stempel
aufdrücken. Der Unmut wurde zur Abneigung und Feindschaft weiter
Bevölkerungskreise gegen die Wirtschaft und alles, was aus Wirtschafts-
kreisen über öffentliche Probleme geäußert wurde. Dabei wurde von
vielen die Wirtschaft gleichgesetzt mit der Unternehmerschaft und den
Kapitalbesitzern, was zur Folge hatte, daß sich damit auch diese Kreise
in eine Front mit denen stellten, die in rein sozialem Gegensatz Unter-
nehmertum und Kapital in der bestehenden Wirtschaftsform bekämpf-
ten. Alle Warnungen und auch in das Staatspolitische übergreifenden
Äußerungen aus Wirtschaftskreisen wurden daher mit solcher Menta-
lität aufgenommen, d, h. innerlich und äußerlich von vornherein abge-
lehnt. Unmut, Feindschaft oder Überdruß findet heute leider in aus-
gedehntem Maße alles, was zur Frage unseres öffentlichen Lebens vom
wirtschaftlichen Standpunkt geäußert wird. Man will einfach nicht
mehr glauben, sogar nicht einmal mehr hören, was einfach nicht ge-
leugnet werden kann, daß durch die allgemeine weltgeschichtliche und
weltwirtschaftliche Entwicklung die politischen, soziologischen und
kulturellen Voraussetzungen für die Existenz des deutschen Volkes so
ausschlaggebend wie nie bisher von den materiellen wirtschaftlichen
Existenzmöglichkeiten abhängig sind, Wenn die Produktionswirt-
schaft keine Absatzmöglichkeiten hat, gibt es für die gewerblichen und
landwirtschaftlichen Arbeitskräfte nicht Arbeit und Brot. Ohne diese
Möglichkeiten und die tatsächliche. Schaffung von Produktionswerten
durch die verschiedenen Teile der Wirtschaft ist jede soziale und
kulturelle Entwicklung nicht nur unmöglich, sondern es ist sogar das
bisher Erreichte gefährdet. Endlich läßt sich auch nicht bestreiten,
daß ein Staatsleben ohne einen gesicherten Zufluß von finanziellen
Mitteln aus der Wirtschaft nicht denkbar ist. Das widerspricht nicht
dem, daß auch die wirtschaftliche Entwicklung ihrerseits entscheidend
beeinflußt und gefördert wird durch staatliche und kulturelle Einrich-
tungen und Aufwendungen, eine Tatsache, die man in Zukunft vielleicht
mehr unterstreichen sollte, als es durchweg in den letzten Jahren ge-
        <pb n="303" />
        Wirtschaft und Steuerpolitik. 263
schehen ist. Das gleiche gilt für die sozialen Lasten, die auch nicht
absolut unproduktive Abgaben der Wirtschaft darstellen, sondern, so-
lange sie in einem richtigen Verhältnis zu der Tragfähigkeit der Wirt-
schaft bleiben, zu einem Teil auch der Wirtschaft wieder zugute
kommen. Aber ebenso wie die Wirtschaft nicht der ausschließliche
Faktor unseres Volkslebens sein will, darf man, gegenüber dem rein
Politischen, Sozialen und Kulturellen, die der Wirtschaft einmal un-
abweisbar zufallende Bedeutung im Staate nicht ableugnen und dabei
so weit gehen, daß man in ihr und ihren Äußerungen immer nur den
Feind der anderen Faktoren sieht.

Wenn man nun die gegenseitige Verbundenheit des staatlichen und
kulturellen Lebens mit der Wirtschaftskraft und der Wirtschaftsent-
wicklung richtig erkennt — und es wäre zu wünschen, daß alle Volks-
kreise immer mehr in dieser Erkenntnis wüchsen —, so ist es auch klar,
daß bei einem kraftvollen Entwicklungsstreben der genannten Teile
die Ansichten der jeweils verantwortlichen Führer darüber leicht aus-
einandergehen können, was der Wirtschaft und was des Staates ist.
Diese Meinungsverschiedenheiten werden bestehen, wenn auch zu-
nächst grundsätzlich niemand, der auf dem Boden der Grundsätze
unserer heutigen politischen und Wirtschaftsverfassung steht, die These
bestreiten wird, daß die für öffentliche, d. h. staatliche, kommunale,
soziale und kulturelle Zwecke von der Wirtschaft aufzubringenden
Beträge allgemein in einem richtigen Verhältnis zu ihrer Leistungs-
fähigkeit stehen müssen, und daß eine zu starke Anspannung dieser
Wirtschaftsbelastung selbst wiederum wesentliche Grundlagen für den
dauernden Bestand dieser öffentlichen Zwecke untergraben muß,
Spezialisiert und ziffernmäßig werden sich diese Grenzen allerdings
nicht ziehen lassen. Immerhin muß es die Aufgabe einer großen
Staats- und Finanzpolitik sein, jeweils die richtigen Grenzen gegen-
einander abzuwägen und im Interesse des gesamten Volkslebens eine
verhängnisvolle Überspannung unbedingt zu vermeiden.

Aufgabe der Wissenschaft ist es, die verschiedenen Tatsachen und
Faktoren auf diesem Gebiete der öffentlichen Haushaltsführung und
der steuerlichen Ansprüche an die Wirtschaft zu klären. Daß diese
Wissenschaft die heute aktuellen und außerordentlich hart umstritte-
nen finanzpolitischen Probleme von höchster Warte nicht so abklärt,
wie man es schließlich wohl von allen Seiten wünschen mag, erklärt
sich ganz einfach daraus, daß bei der Fülle der Tatsachen und dem
gewaltigen Umfang der staatlichen, sozialen und wirtschaftlichen Um-
wälzungen die Finanzwissenschaft in der Gegenwart unfertig sein muß,
Man vergegenwärtige sich nur die Unmöglichkeit, bei den gegenwärtig
auf- und abschießenden Wirtschaftskonjunkturen das Wesentlichste
        <pb n="304" />
        264 Dr. Sogemeier:

für derartige wissenschaftliche Untersuchungen einigermaßen objektiv
festzustellen, So erhebe ich darum auch nicht den Anspruch, in den
folgenden Ausführungen völlig exakte wissenschaftliche Untersuchun-
gen vorzulegen. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, ein Bild der
leider außerordentlich ernsten finanzpolitischen Lage Deutschlands in
erster Linie vom wirtschaftlichen Standpunkte zu geben. Die von
mir aufzuführenden Tatsachen reichen hin, um denen, die es angeht, und
die ein Urteil über diese Probleme gewinnen wollen, die harte Wirk-
lichkeit und unbestreitbar notwendigen Folgerungen klarzumachen.
Die rasende und ständig von Grund aus verschiedene Entwicklung, in
die wir auf wirtschaftlichem und finanziellem Gebiet in den letzten
Jahren hineingetrieben sind, die für das deutsche Volk noch längst
nicht hinreichend beachtete, ganz außerordentlich ernste finanzpoli-
tische Situation verpflichtet geradezu, diese Dinge so zu zeichnen. Die
notwendige und harte Lösung, die das Problem „Wirtschaft und
Steuern‘ heute und in der nächsten Zukunft fordert, ist nur möglich,
wenn möglichst breite Kreise sich diese Erkenntnisse zu eigen machen,
und den verantwortlichen Staatsmännern, die entsprechende Folge-
rungen ziehen wollen, das dadurch erleichtern, daß sie solche Maß-
nahmen verstehen, einfach als staatspolitisch notwendig und nicht als
von der verhaßten Wirtschaft aus eigensüchtigem Streben diktiert.
Nun wird man gleich einwenden, daß unser Staatsleben einfach weiter-
bestehen muß. Ein Hinweis darauf, daß es einmal anders kommen
könnte, ist nur eine schwarze Drohung. Dem gegenüber will ich gleich
darauf hinweisen, daß wir heute bekanntlich Dawes-Politik treiben.
Wir haben uns verpflichtet, die in dem Sachverständigengutachten uns
auferlegten Leistungen zu erfüllen, Das Ausland ist in weitem Maße
an dieser Erfüllung interessiert. Man hat uns zwei Jahre lang eine
Atempause gegeben, um unsere inneren und öffentlichen Finanzen und
unsere Wirtschaft in Ordnung zu bringen. Wenn uns die Erfüllung
all dessen nicht gelingt, besteht zweifellos die Gefahr, daß im Auftrage
der ausländischen Gläubiger uns eine absolute Finanzdiktatur vorge-
setzt wird, die dann ihrerseits bestimmt, was an steuerlichen Abgaben
aus der Wirtschaft herauszuholen ist, und zwar zunächst für die Repa-
rationsgläubiger und dann erst für die eigenen staatlichen, sozialen und
kulturellen Zwecke, Dann ist es eben mit dem dauernden Bestande
eines selbständigen Staatslebens und einer nationalen freien Wirtschaft
bei uns vorbei, und alle Kreise, die auf die Wirtschaft nicht hören
wollen, sollten sich darüber klar sein, daß gerade die Wirtschaft bei
ihren Warnungen und Mahnungen die Probleme auch vorwiegend von
diesem Gesichtspunkt aus betrachtet. Steuern und Wirtschaft in ein
richtiges Verhältnis zueinander zu bringen, ist daher eines der be-
        <pb n="305" />
        Wirtschaft und Steuerpolitik, 265
deutungsvollsten Probleme für unsere Staats- und Wirtschaftspolitik
der nächsten Jahre,

Auf die tatsächliche Lage der Wirtschaft ist in den vorliegenden
Abhandlungen schon verschiedentlich hingewiesen worden, Die Ver-
luste des Krieges, durch den Friedensvertrag, durch die politischen und
wirtschaftlichen Gärungen und Umstellungen lassen sich ziffernmäßig
zwar nicht feststellen, aber es genügt, hier nochmals darauf hinzuweisen,
daß die Deutschland zur Verfügung stehenden Rohstoffquellen sich
ganz beträchtlich vermindert haben. Zunächst einmal die landwirt-
schaftlich genutzte Fläche, die um 14 % zurückgegangen ist. Ferner
sind die Kohlen- und Erzbasis, auf denen unsere schwere Industrie
aufgebaut war und aus denen die weiterverarbeitende Industrie ver-
sorgt wurde, durch die uns im Versailler Vertrag auferzwungenen
Gebietsabtretungen besonders stark eingeengt worden. Die Verluste
betragen 75% der Eisenerze, 68 % der Zinklager, 24 % unserer
Kohlenlager, 44 % unserer eigenen Roheisenerzeugung, 36 % unserer
Flußstahlerzeugung und 54% unserer Walzwerkserzeugung, Dazu
kommen die außerordentlich starken Schäden auf dem Gebiete der
Schiffahrt, die vor dem Kriege sehr günstige Erträge für die deutsche
Wirtschaft brachte, vor allen Dingen aber die ungeheuren Verluste an
beweglichem deutschen Kapital im In- und Ausland, die sich nach neuer
Berechnung auf rund 100 Milliarden belaufen. Die Verluste der Roh-
stoffquellen und der Schiffahrt spiegeln sich wider in der zunehmenden
Passivität unserer Handelsbilanz: so haben wir im Jahre 1924 für über
2,7 Milliarden Mark mehr eingeführt als ausgeführt, im ersten Halbjahr
1925 ist bereits die gleiche Ziffer erreicht als Überschuß der Einfuhr
gegenüber der Ausfuhr. Wir müssen eben heute zahlreiche Rohstoffe
und auch andere Waren vom Ausland einführen. Demgegenüber
fließen uns Zinsen des deutschen Kapitals im Auslande und sonstige
Arbeitsverdienste, die deutsche Arbeit und deutsches Kapital zu-
gunsten unserer Handelsbilanz brachten, nicht mehr zu. Statt dessen
müssen wir ungeheure Zinsen für Kredite an das Ausland zahlen. Die
Inflation hat gerade auch der Wirtschaft die empfindlichsten Verluste
beigebracht. Zunächst ging die allgemeine Meinung dahin, daß gerade
die Wirtschaft nicht nur in dieser Zeit keine Verluste erlitten, sondern
durch die Vermehrung ihrer Substanz sich sehr bereichert hätte. Heute,
wo der größte Teil der deutschen Unternehmungen ohne Gewinn
arbeitet, die Verschuldung der Industrie und der Landwirtschaft ein
Ausmaß angenommen hat, das zu den stärksten Besorgnissen Anlaß
geben muß und sich in ständig zunehmenden Konkursen, Betriebsein-
schränkungen und Betriebsstillegungen äußert, erkennt man klar, daß
industrielle Anlagen nur dann der Ausdruck für eine reiche und starke
        <pb n="306" />
        266 Dr. Sogemeier:;

Wirtschaft sind, wenn diese Anlagen erfolgreich wirtschaftlich arbeiten
können, Diesen Prozeß der Verschuldung und die Aufzehrung des
Betriebskapitals hat die Steuerpolitik der letzten zwei Jahre noch
außerordentlich verstärkt. Wir sahen hier das eigenartige Bild, daß
die öffentlichen Kassen unverhältnismäßig flüssig waren, während die
Wirtschaft immer neue Kredite aufnehmen mußte, nur zu einem
geringen Teil aus dem Inlande und in erheblichen Summen aus dem
Auslande, Ein ansehnlicher Teil der Beträge, die in Form von Steuern
aus der Wirtschaft genommen wurden, konnte nur durch Kredite
aufgebracht werden, die bekanntlich mit ganz ungeheuren Sätzen ver-
zinst werden müssen,

In diesem Zusammenhang muß noch darauf hingewiesen werden,
daß das Ende der Inflationskonjunktur auch dem Letzten die Augen
darüber geöffnet hat, wie sehr die Wirtschaftslage Deutschlands sich
zu ihren Ungunsten verschoben hatte, durch stärkste Veränderungen
der Produktionsverhältnisse in den verschiedenen Ländern, Neugestal-
tung der Absatzmöglichkeitn in enger Verbindung mit der gesamten
Umschichtung der Produktions- und Kapitalverhältnisse der Welt. In
dieser Schwächung der inneren Wirtschaftskraft und der ungeheuren
Wandlungen der Produktionsstruktur der Welt muß sich die deutsche
Wirtschaft neu orientieren. Das Dawes-Gutachten sah für sie, ebenso
wie für den Reichshaushalt und den Reparationsetat, eine zweijährige
Atempause vor, deren Ende wir bereits erreicht haben. Dabei ist auch
immer klarer geworden, daß diese Atempause der Wirtschaft und auch
der deutschen Finanzwirtschaft nicht die Voraussetzungen geschaffen
hat, die, wenn nicht ganz besondere Maßnahmen getroffen werden,
auch nur den ruhigen Fortbestand der Wirtschaft und der öffentlichen
Finanzen, wenn wir dabei ganz von den hohen Reparationslasten ab-
sehen, sichern werden. Man versucht neuerdings die Hemmungen für
eine grundlegende Gesundung der deutschen Wirtschaft, soweit . wir
selbst sie beeinflussen können, folgendermaßen zu gruppieren:

1. die handelspolitischen Beschränkungen,

2, die soziale Belastung der Wirtschaft,

3. die erheblich gestiegenen Abgaben im Eisenbahnfrachtverkehr
und endlich

4. die Belastung der Produktion durch die enorm gesteigerten
öffentlichen Abgaben.

Diese erwähnten Faktoren beeinflussen den Gang der Wirtschaft
ebenso wie die vorher erwähnten allgemeinen Bedingungen, unter
denen die Wirtschaft heute arbeitet, Man muß sich also auch bei den
Betrachtungen über die Steuerfähigkeit der Wirtschaft ‚dieses vor

x
        <pb n="307" />
        Wirtschaft‘ und Steuerpolitik, 267
Augen halten. Bis zum Januar 1924 waren wir schon durch den
Versailler Vertrag handelspolitisch absolut eingeengt, und in der Zeit,
bis der Abschluß von Handelsverträgen mit den Hauptländern, mit
denen wir in wirtschaftlichen Beziehungen stehen, vorliegt, muß die
Unsicherheit und Unklarheit auf handelspolitischem Gebiet, verbunden
mit starken Beschränkungen, denen unser Export noch in vielen Län-
dern begegnet, die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft ganz außer-
ordentlich beengen,

Deutschland ging bekanntlich vor dem Kriege mit seiner sozialen
Gesetzgebung und der Fürsorge für die schwächeren Kreise der Bevöl-
kerung allen anderen Ländern der Welt voran. Der Krieg und die Nach-
kriegszeit hat uns eine ganz außerordentliche Fülle von neuen sozialen
Gesetzen gebracht, von denen ein großer Teil theoretisch und ideal
wünschenswert und berechtigt sein mag. Man muß sich aber darüber
klar sein, daß auch die Mittel hierfür letzten Endes von der Wirtschaft
und der Produktion aufgebracht werden müssen und daß die sozialen
Leistungen, die die Wirtschaft direkt zu erfüllen hat oder mit Hilfe von
besonderen aus der Wirtschaft entnommenen Abgaben durch staatliche
Organe erledigt werden, nur in dem Ausmaße zu verantworten sind, als
sie aus Überschüssen der Produktion finanziert werden können. Eine
Überspannung, die der Produktion zu starke Lasten auferlegt, ihre Lei-
stungsfähigkeit und ihren Wettbewerb auf dem Auslandsmarkt hemmt,
muß naturnotwendig über kurz oder lang die soziale Fürsorge selbst
untergraben, insofern entweder die Lasten eines Tages nicht mehr auf-
gebracht werden können, oder eine übermäßige Belastung durch solche
Aufwendungen mit dazu beiträgt, die Arbeitsmöglichkeiten zu ver-
ringern, Die soziale Belastung für das Jahr 1924 betrug ohne
öffentliche Mittel 1692 Millionen Mark, mit Einschluß der Staats-
zuschüsse 1923 Millionen Mark. Durch die neue Gesetzgebung und
die Änderung verschiedener Versorgungsgesetze beträgt die soziale
Belastung für die Zukunft rund 2,7 Milliarden Mark. Wenn man die
Zahl der Versicherten jetzt und in der Vorkriegszeit mit 18 Millionen
einsetzt, so bedeutet das eine jährliche Belastung auf den Kopf des
Versicherten von 155 M., während 1913 rund 68 M. auf den Kopf des
Versicherten entfielen, Die gesamte soziale Belastung einschließlich
der staatlichen Mittel — denn diese müssen ja auch in Form von
Steuern von der Wirtschaft aufgebracht werden — ist also gegenüber
1913 um rund 100 % gestiegen. Man hat berechnet, daß die Durch-
schnittsbelastung des Arbeitslohnes des gewerblichen Arbeiters heute
10,9 % beträgt, in manchen Berufsgruppen ist diese Belastung noch
wesentlich höher und erreicht sogar den Betrag von 32 % der Lohn-
summ..

“a.
        <pb n="308" />
        268 Dr. Sogemeier:

Auf die Mehrbelastung der Wirtschaft durch die Eisenbahn-
frachten will ich hier im einzelnen nicht eingehen. Nach Angabe der
Reichsbahnverwaltung beträgt die Steigerung nur 40 %. Tatsächlich
haben spezielle Untersuchungen ergeben, daß die Steigerung erheblich
höher ist. Das erklärt sich auch schon daraus, daß bei einer Gesamt-
leistung, die 30 % unter der der Vorkriegszeit liegt, die sächlichen
Ausgaben der Reichsbahn trotz starker Einschränkungen, die auf dem
Gebiete der Ergänzung und Vermehrung des Materials vorgenommen
sind, fast 50 % mehr betragen, die Steigerung der persönlichen Aus-
gaben rund 80 %. Diese Mehrausgaben müssen natürlich durch die
stärkere Belastung der Frachten wieder eingeholt werden, d. h, die
Warenpreise für das Inland und auch für den Export müssen eine ent-
sprechende Mehrbelastung auf sich nehmen.

Das finanziell wirklich Entscheidende für die Lasten, über die die
Wirtschaft heute klagt, sind aber die erheblich gestiegenen öffent-
lichen Abgaben und Steuern, Hier liegen die Dinge heute so, daß
diese Milliardenbeträge, die heute ein Mehrfaches der Vorkriegszeit
ausmachen, von der Wirtschaft auf die Dauer einfach nicht mehr ge-
tragen werden können.

Im Jahre 1913 betrug die gesamte deutsche Steuerlast rund 4,4
Milliarden Mark (Summe der Reichs-, Länder- und Gemeindesteuern).
Wenn man die Verluste an Bevölkerungszahl und Gebietsabtretungen
berücksichtigt, wird man, um für die heutigen Verhältnisse eine Ver-
gleichszahl zu finden, höchstens 4 Milliarden als die Steuerbelastung
der Vorkriegszeit einsetzen dürfen. Hierbei wird dann aber nicht be-
rücksichtigt die durch andere, obenerwähnte Faktoren ganz außer-
ordentlich stark geminderte Steuerkraft der deutschen Wirtschaft, ins-
besondere auch die Verminderung der für eine Besteuerung in Betracht
kommenden Objekte. Im Jahre 1924 hat allein das Reich an Steuern
7,3 Milliarden vereinnahmt, gegenüber einem Voranschlag von 5,2
Milliarden, der damit um 40% überschritten wurde, Insgesamt wird
das Steueraufkommen des Jahres 1924 in Reich, Ländern und Ge-
meinden auf mindestens 12 Milliarden geschätzt. Das bedeutet eine
Verdreifachung der Steuern gegenüber der Vorkriegszeit. Wenn gegen
diese Zahl von 12 Milliarden namentlich von kommunaler Seite Sturm
gelaufen wird und Berechnungen vorgenommen werden, die nicht zu
einer Verdreifachung kommen, sondern nur das 21fache der Vorkriegs-
belastung errechnen, so wird eine genaue amtliche Statistik, deren
Durchführung bei den zahlreichen Steuergläubigern leider immer
jahrelang dauert, doch mindestens den Betrag von 12 Milliarden
ergeben müssen. In dieser Gesamtbetrachtung ist es ja aber ziem-
lich unwesentlich, ob die gegenüber 1913 außerordentlich ge-
        <pb n="309" />
        Wirtschaft und Steuerpolitik, 269
schwächte deutsche Steuerkraft 1924 215- oder 3mal soviel an Steuern
aufbringen muß, Ein Mehrfaches gegenüber 1913 ist überhaupt eine
Unmöglichkeit, denn was besagen, wirtschaftlich und finanzpolitisch
gesehen, diese Zahlen? Wer im Jahre 1925 einigermaßen aufmerksam
den Handelsteil der Tagespresse verfolgt hat, dem konnte nicht ent-
gehen, wie viele große Unternehmungen im letzten Jahre nur einen
ganz geringen Überschuß erzielt haben; wie die meisten überhaupt
keine Gewinne auswiesen, sondern erhebliche Verluste. In zahlreichen
Fällen wurden dann die Überschüsse ganz weggesteuert, oder die
Steuern aus dem Vermögen, der Substanz oder durch Aufnahme von
teuren Krediten bezahlt, Bei einer großen Anzahl der großindustriellen
Betriebe des rheinisch-westfälischen Gebietes hat man beispielsweise
durch besondere Untersuchungen festgestellt, daß hier letzten Endes
alle Steuern, 4- bis 5mal soviel wie 1913, aus dem Vermögen bezahlt
wurden, da Gewinne durchweg nicht erzielt worden waren. Um nun
überhaupt zahlenmäßig den Steuerdruck auf diese Wirtschaftskreise
ausdrücken zu können, hat man bei diesen Unternehmungen das Jahr
1913 herangezogen. Dieses Jahr war für die rheinisch-westfälische In-
dustrie das ertragreichste seit ihrem Bestehen. Wenn sie 1924 mit dem
gleich hohen und günstigen Ertrag gearbeitet hätte wie 1913 (tatsächlich
sind aber Gewinne nicht erzielt), würden die in diesem Jahr gezahlten
Steuern mehr als die Hälfte dieser Gewinne in Anspruch genommen
haben. Wenn diese Unternehmungen aber weiterhin so hohe Steuern
wie 1924 zahlen müßten, so müßten sie, wenn sie auch nur die Hälfte
von dem verdienen würden wie im Jahre 1913, also bei guter Aus-
nutzung der Produktionsmittel, was leider vorläufig nicht der Fall sein
wird, diese gesamten Erträge an die öffentlichen Kassen abführen. Das
ist wirtschaftlich selbstverständlich ein ganz unmöglicher Zustand, Er
würde den Untergang der rheinisch-westfälischen Industrie bedeuten
und diese wichtige Steuerquelle für Reich, Länder und Gemeinden
überhaupt vernichten. Eine solche Steuerpolitik müßte weiter den
Hunderttausenden von Angestellten und Arbeitern, die in diesen Unter-
nehmungen beschäftigt sind und den vielen Nebenbetrieben und
anderen Berufen, die nur in Verbindung mit diesen Unternehmungen
existieren können, jegliche Lebensmöglichkeit nehmen. Die neueste
Ruhrkrisis ist ein besonders ernstes Signal dieser Entwicklung, das die
verantwortlichen Stellen zwingt, diese Wirtschaftskrise gerade auch
von der Seite der allgemeinen Finanzpolitik aus zu betrachten. Andere
allgemeine Statistiken über die Auswirkung der Steuern unmittelbar auf
die Wirtschaft sind mir nicht bekannt geworden, Bei den Beratungen
über die Umsatzsteuer, ihre Herabsetzung und grundlegende Reform ist
von verschiedenen Gewerben dargelegt worden, wie außerordentlich
        <pb n="310" />
        270 Dr. Sogemeier:

preisverteuernd die Umsatzsteuer wirkt, insbesondere bei den Produk-
ten, die bis zur Fertigstellung zahlreiche Produktionsphasen durch-
machen müssen, Es sind da Beispiele angeführt worden, aus denen her-
vorgeht, daß eine 2prozentige Umsatzsteuer das Endprodukt, welches
an den Verbraucher geht, um 15 und noch mehr Prozent belastet.

Dagegen lassen sich ganz allgemeine Berechnungen darüber auf-
stellen, wie die derzeitige Steuerbelastung sich auf das gesamte Volks-
einkommen auswirkt. Dieses wurde vor dem Kriege auf 43 Milliarden
beziffert, Bei 4,4 Milliarden Gesamtsteueraufkommen betrug also die
steuerliche Belastung des Volkseinkommens rund 10 %. Die heute
aufgestellten Berechnungen unseres Volkseinkommens schwanken
zwischen 24 und 36 Milliarden, Wenn die neueste amtliche Zahl von
35 Milliarden für das heutige Jahres-Volkseinkommen als richtig ange-
nommen wird, so bedeuten die 12 im Jahre 1924 aufgebrachten Steuer-
milliarden über ein Drittel unseres Volkseinkommens. Ein so großer
Prozentsatz wurde also aufgebracht und auch ausgegeben für die
Finanzierung öffentlicher Einrichtungen. Dazu kommen dann noch als
weitere öffentliche Lasten 2 Milliarden für soziale Zwecke, soweit
diese nicht durch Steuern aufgebracht werden. Von den 35 Milliarden
des deutschen Volkseinkommens entfallen nach der amtlichen
Schätzung 29 Milliarden auf Arbeitseinkommen (Löhne und Gehälter),
die restlichen 6 Milliarden auf übriges Einkommen (Kapital und Ge-
werbe). Dieses außerordentlich merkwürdige Verhältnis zeigt, wie
außerordentlich schwierig die wirtschaftliche Lage heute ist und unter
welch schwierigen Verhältnissen und wie verlustbringend vielfach die
deutschen Unternehmungen arbeiten. Diese Ziffern erklären sich
ferner daraus, daß das Kapitalvermögen im Inland durch die Inflation
fast restlos aufgezehrt ist und Einkommen aus Kapitalzins, das früher
bei uns eine sehr große Rolle spielte, heute so gut wie gar nicht mehr
vorhanden ist. Man beziffert die Verminderung des mobilen Kapitals
auf 100 Milliarden, Da nun der Lohnabzug bei der großen Mehrzahl
der Lohnempfänger im Durchschnitt 6 %. beträgt, dagegen bei einer
Reihe von Gehaltsempfängern mehr oder weniger über 10 % hinaus-
geht, ist anzunehmen; daß diese 29 Milliarden im Durchschnitt nicht
höher als mit 10—12 % belastet werden. Daraus ergibt sich, daß
mindestens zwei Drittel des Steueraufkommens direkt auf der Pro-
duktion und dem Handel liegen,

Diese Milliarden werden, soweit das nach wirtschaftlichen Ge-
setzen möglich ist, auf die Warenpreise gelegt und verteuern die
Lebenshaltung für diejenigen, die diese Waren kaufen oder die Pro-
dukte für die Warenerzeugung anschaffen müssen. Der Verbraucher
könnte von seinem Einkommen mehr kaufen, wenn die Preise um die
        <pb n="311" />
        Wirtschaft und Steuerpolitik, 271
darauf liegenden Steuersätze billiger sein könnten, ebenso auch, wenn
ihm von seinem Einkommen nicht 10 % abgezogen würden, Er muß
sich also entsprechend in seiner Lebenshaltung einschränken, Viele
Waren, in erster Linie diejenigen, welche mit ausländischen Waren
konkurrieren müssen oder die für den Export bestimmt sind, können
aber diese Preiserhöhungen durch die Steuerbeträge nicht ertragen,
da sie sonst nicht mehr abgesetzt werden können. Eine Abwälzung
der Steuern kann in all diesen Fällen nicht stattfinden. Um trotzdem
konkurrenzfähig zu bleiben, müssen dann andere Unkosten der Pro-
duktion entsprechend herabgesetzt werden, um die Produkte über-
haupt noch zu Selbstkosten verkaufen zu können. Zum Teil wird ver-
sucht werden, entsprechend die Preise für andere Waren, die im Inland
abgesetzt werden, heraufzusetzen. Das führt dann wieder zu Preis-
erhöhungen auf dem Inlandsmarkt und mindert die Konsumfähigkeit
des Inlandsverbrauchers. Manchmal wird auch der Unternehmer ge-
zwungen sein, schlechtere Ware zu liefern oder geringere Löhne zu
zahlen, um konkurrenzfähig zu bleiben. In all den Fällen, wo diese
Auswege nicht möglich sind, und das trifft in sehr zahlreichen Fällen
zu, muß der betreffende Wirtschaftszweig in der Hoffnung auf bessere
Zeiten mit Verlust arbeiten, Schulden machen, um seine Steuern be-
zahlen und weiterarbeiten zu können. Es steht jedenfalls fest, daß
alles, was an übermäßig hohen Steuern gezahlt werden muß, und
darunter verstehe ich alle Steuern, die nicht aus dem Ertrage der
Produktion gezahlt werden können, und zwar nur bis zu einer Höhe,
die auch einen gewissen Teil dieses Ertrages für die Erneuerung der
Produktion und der Absatzorganisation zurückläßt, allgemein den
inneren Konsum belasten, den Export nach dem Ausland behindern
oder zu einer Verschuldung und Einschränkung der inneren deutschen
Produktionsbasis führen. Wenn unsere öffentliche Verwaltung mehr
kostet, als aus den Erträgen der Wirtschaft abgegeben werden kann,
muß das in zunehmendem Maße die Beschäftigungsmöglichkeit in der
deutschen Wirtschaft einschränken und die Lebenshaltung aller von der
Wirtschaft lebenden Kreise herabdrücken. Wenn ich also davon ab-
sehe, daß viele Unternehmungen die Steuern weder auf die Preise ihrer
Produkte abwälzen können noch durch niedrige Löhne auszugleichen
vermögen (daß die Zahl solcher Fälle sehr groß ist, wird vielfach in
der weiteren Öffentlichkeit verkannt, aber neuerdings an dem großen
Umfang der jetzt ungeheuer zunehmenden Betriebseinschränkungen
und -stillegungen immer klarer), so bedeuten die hohen Steuern oder,
wie man es auch bezeichnen kann, die zu hohen Ausgaben von Reich,
Ländern und Gemeinden für die große Masse der deutschen Ver-
braucherkreise eine starke Einschränkung der einzelnen privaten
        <pb n="312" />
        272 Dr. Sogemeier:

Haushalte. Dieser Druck auf den privaten Verbrauch wird bei gleich-
bleibender Steuerlast immer größer, je weniger die Betriebe die
Steuern abwälzen können, je mehr wir zu Einschränkungen gezwungen
werden und damit an Steuerfähigkeit einbüßen. Die Möglichkeit,
höhere Löhne zu bezahlen, wird immer geringer, je stärker absolut und
im Verhältnis zur Steuerfähigkeit der Wirtschaft der Steuerdruck auf
ihr lastet. Auch unser Export muß naturnotwendig sich immer schwie-
riger gestalten. Letzten Endes werden dann Betriebe, die an sich noch
mit Gewinnen arbeiten, durch die ständige Erhöhung der deutschen
Lebenshaltungskosten, durch die Vermehrung ihrer eigenen Produk-
tionskosten immer weniger steuerkräftig, so daß dadurch die Quellen,
aus denen die Steuern fließen, immer trockener werden und, wenn man
die Dinge auf die Spitze treibt, Wirtschaft und öffentliche Finanzen
zusammenbrechen müssen. Letzten Endes wird es also gerade die
Masse des deutschen Volkes sein, die unter einer Überspannung der
Steuerpolitik leiden muß (steigende Preise, Arbeitslosigkeit). Diejeni-
gen politischen Führer aus allen Parteien, die heute die Wählermassen
mit Maßnahmen an sich ziehen wollen, die eine Vermehrung unserer
öffentlichen Ausgaben bedeuten, sollten sich darüber klar sein, daß nur
der umgekehrte Weg auf die Dauer für das gesamte deutsche Volk der
richtige sein kann, Reich, Staat, Gemeinden und öffentliche Betriebe
verausgaben an Gehältern und Pensionen über 8 Milliarden, Auch eine
geringe Erhöhung dieser Bezüge bedeutet gleich eine sehr starke Be-
lastung der Steuerpflichtigen. Umgekehrt muß es schon jetzt zweifel-
haft erscheinen, ob überhaupt noch für längere Zeit die deutsche Wirt-
schaft derartig hohe Beträge für solche Zwecke aufbringen kann.

Der deutsche Finanzwissenschaftler Adolf Wagner hat den Satz
aufgestellt, zu dem auch die übrigen finanzwissenschaftlichen Unter-
suchungen gekommen sind, daß die Besteuerung des Einkommens im
Höchstfalle eine Belastung von etwa einem Drittel aushält, Da nun
von den 35 Milliarden Volkseinkommen rund 29 Milliarden im Durch-
schnitt bis zu 10 und 12 % besteuert werden und tatsächlich auch nicht
höher besteuert werden können, müßten die restlichen 8 bis 9 Milli-
arden des Steueraufkommens, wenn dieses gesamte Aufkommen nicht
vermindert werden soll, zum Teil von dem restlichen Teil des Volksein-
kommens gezahlt werden oder in ganz gewaltigem Ausmaße die oben ge-
zeichneten Wirkungen der Abwälzung, Inangriffnahme der Substanz,
Verschuldung und Einschränkung der Wirtschaft zur Folge haben.

Die Unmöglichkeit, die bisherige steuerliche Belastung durchzu-
führen, ist deshalb auch von den meisten Regierungsstellen wie poli-
tischen Parteien anerkannt. Man hat eingesehen, daß das eine ernst-
liche Gefährdung der Wirtschaft, der Lebenshaltung des deutschen
        <pb n="313" />
        Wirtschaft und Steuerpolitik, 273
Volkes, der öffentlichen Finanzen und des Staatslebens bedeutet, Die
Steuerreform 1925 wurde im wesentlichen auch mit derartigen
Argumenten begründet. Die bis dahin geltenden Steuervorschriften
haben ja zu einem großen Teil diese Überspannung der Steuern
herbeigeführt. Ein geordnetes Steuerwesen hatten wir seit dem Kriege
nicht. In der Inflationszeit war es unmöglich, Außerdem lebten
damals Reich, Länder und Gemeinden aus der Inflation selbst, aus
der Notenpresse, Mit der Stabilisierung der Währung kamen die sog.
Steuernotverordnungen, die von ihrem Schöpfer, dem jetzigen Reichs-
kanzler Dr. Luther, selbst als brutale Notmaßnahme bezeichnet wurden,
mit denen das Äußerste aus der Volkswirtschaft herausgeholt wurde,
um die öffentlichen Einnahmen und Ausgaben ins Gleichgewicht zu
bringen und als wesentliche Sicherung für den Fortbestand der stabi-
lisierten Währung. Diese Notverordnungen nahmen die Steuern be-
kanntlich ohne Rücksicht auf den Ertrag und die tatsächliche steuer-
liche Leistungsfähigkeit. Die sog. Einkommensteuern wurden erhoben
nach Merkmalen des Umsatzes oder des Vermögens. Länder und Ge-
meinden schlossen sich diesem Vorgehen an. Nur dadurch war es
möglich, in dieser Zeit und bei dieser Wirtschaftslage überhaupt so
hohe Summen aufzubringen. Nun hat die Wirtschaft selbst wiederholt
anerkannt, daß im Interesse der Währung und der Aufrechterhaltung
des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens eine solche brutale Steuer-
politik zunächst notwendig war, Diese Maßnahmen sind aber viel zu
lange aufrechterhalten worden, die Einnahmen sind nicht nur, ent-
sprechend den an sich schon überspannten hohen Anforderungen der
öffentlichen Verwaltungen, aufgekommen, sondern es sind sogar erheb-
liche Überschüsse erzielt worden. Den Ländern und Gemeinden sind
große Mittel zugeflossen, mit denen sie zunächst nicht rechneten,

Nach dem tatsächlichen Ergebnis des Steueraufkommens im ersten
Vierteljahr des Rechnungsjahres 1925/26 überstiegen die Gesamtein-
nahmen die Einnahmen in dem entsprechenden Zeitabschnitt des Jahres
1924 um 311 Millionen. 35% des Jahressollaufkommens waren am
30. Juni 1925 bereits hereingebracht, das bedeutet auf das Jahr um-
gerechnet eine Überschreitung des Reichshaushaltsvoranschlages um
2 Milliarden,

Leider sind diese Mehreinnahmen nicht etwa als Notreserve zu-
rückgestellt, sondern als Mehrausgaben aufgezehrt worden. Die
öffentlichen Haushaltspläne haben sich weiter auf so hohe Einnahmen
eingestellt und sind zum Teil noch über die Ergebnisse des letzten
Jahres hinausgegangen, so daß wir zum Teil durch die allgemeine Etats-
politik der letzten Jahre, die über die tatsächlichen Möglichkeiten,
entsprechende Mittel aufzubringen, einfach hinwegging, zum anderen

Die deutsche Wirtschaft.

18
        <pb n="314" />
        274 Dr. Sogemeier:

aber auch durch die stark überfließenden Steuerquellen der letzten
Jahre zu einer Gestaltung unserer gesamten Ausgabenpolitik gekom-
men sind, die im schärfsten Widerspruch zur Leistungsfähigkeit der
Wirtschaft und zu den in den nächsten Jahren aufzubringenden Steuern
steht. Nach der im Sommer 1925 abgeschlossenen Steuerreform muß
unbedingt eine Finanzreform kommen, d, h. eine Einstellung der Aus-
gaben auf die Einnahmemöglichkeiten, In Zukunft sind nicht mehr die
Ausgaben zuerst zu beschließen und entsprechend die Einnahmen fest-
zusetzen, sondern die harte Not zwingt jetzt zu dem umgekehrten
Verfahren,

Damit komme ich zu der anderen Seite des Problems, zur Aus-
gabenwirtschaft der öffentlichen Körperschaften, Im Jahre 1924 er-
hielt das Reich rund 1 Milliarde mehr an Steuern als veranschlagt war,
einen Betrag, der höher ist, als die Dawes-Anleihe von 800 Millionen
Mark, über den die ganze Welt in Aufregung gesetzt wurde. Von den
gesamten Steuereinnahmen des Reichs in Höhe von 7,3 Milliarden sind
rund 2,8 Milliarden an Länder und Gemeinden überwiesen worden,
Wenn man dann noch die Ausgaben für die Kriegslasten absetzt, so
hat das Reich allein 1924 so viel an Steuern verbraucht, als 1913 in
Reich, Ländern und Gemeinden an Steuern aufgekommen sind, 1924
haben alle Verwaltungen fast das Dreifache des gesamten Steuerauf-
kommens von 1913 für ihre Zwecke verbraucht. Für 1925 rechnen diese
Körperschaften zum Teil mit noch höheren Ausgaben, Der Reichs-
tag hat allein in der letzten Sitzungsperiode so viel neue Ausgaben
beschlossen, daß der Reichsetat mit 800 Millionen Mark mehr belastet
wird, d, h, dem doppelten Betrage des Aufkommens der preußischen
Staatseinkommensteuer von 1913. Eine kurze Betrachtung der Haupt-
ausgabenposten des Reichs ergibt folgendes Bild: Die Reichsfinanzver-
waltung kostet nach dem Voranschlag 1925 399 Millionen Mark, also
6 Millionen Mark mehr, als Preußen im Jahre 1913 aus seiner Ein-
kommensteuer bekam. Diese Verwaltung kostet achtmal soviel wie die
gesamte preußische innere Verwaltung, Die Kosten des Reichstags
sind von 2,2 Millionen im Jahre 1913 auf 5,6 Millionen im Jahre 1924
gestiegen. Die Gesamtausgaben des Auswärtigen Amtes sind mit
42 Millionen veranschlagt. Das bedeutet eine Verdoppelung gegenüber
1914, Der Reichsarbeitsminister verlangte an Zuschüssen für seine
Verwaltung ursprünglich rund 300 Millionen. Zu diesem ersten Ansatz
im Haushaltsentwurf für 1925 kommen dann noch die Mehrbewilli-
gungen des Reichstags in den letzten Monaten mit weiteren rund
200 Millionen. Heer und Marine kosten 435 Millionen gegenüber
1,7 Milliarden vor dem Kriege, Dafür sind aber die Pensionen in Höhe
von 1,4 Milliarden zu zahlen, also fast soviel, wie uns im Frieden
        <pb n="315" />
        Wirtschaft und Steuerpolitik, 275
Heer und Marine kosteten, oder der Betrag, den heute die Reichsfinanz-
verwaltung aus der Einkommensteuer erwartet, Die Zahl der plan-
mäßigen Beamten im Reich beträgt ohne Wehrmacht 94332, davon
entfallen allein auf die Finanzverwaltung 73227, Im Jahre 1913 zählte
das Reich 19255 planmäßige Beamte,

Auch in den Länderetats zeigt sich ganz allgemein eine bedeutende
Steigerung der Ausgaben, nicht bloß gegenüber 1913, sondern auch
gegenüber 1924, Besonders auffallend ist hier die starke Vermehrung
des Personals, die zu einem Teil erklärt wird durch die Übernahme
der Polizei auf den Staat, Nach dem preußischen Haushaltsplanent-
wurf für 1925 sollen aus Überschüssen der Betriebe und aus Steuern
1 Milliarde 427,2 Millionen Mark gedeckt werden. Preußen erwartet
allein an Steuern 1373 Millionen Mark, also 2%mal soviel als 1913,
Der Mehrbedarf Preußens beläuft sich, trotzdem eine Reihe von Ver-
waltungen an das Reich übergegangen und auch das Staatsgebiet ver-
kleinert ist, auf 558,2 Millionen Mark, also etwa 60 % mehr gegenüber
1913. Die für Besoldung aufzubringenden Beträge haben sich von
460 Millionen im Jahre 1913 auf 891 Millionen, d. h. um 91,7 %, erhöht,
Die Kopfzahl der Beamten und Angestellten ist von 109 203 auf 182 157
gestiegen, wovon allerdings 63 000 auf die Polizei entfallen. Wenn man
die Vermehrung der Polizei und sonstige organisatorische Verwal-
tungen außer Betracht läßt, so bleibt eine Vermehrung des Personal-
bestandes gegenüber 1913 in Preußen von 11 500.

Auch in Bayern ist eine erhebliche Vermehrung des Beamten-
apparates festzustellen. Wenn man die Verwaltungsänderungen, um
eine richtige Vergleichszahl zu gewinnen, berücksichtigt, beträgt diese
50 % oder 10 000 Personen, Der Besoldungsbedarf hat sich gegenüber
1913 rund verdreifacht,

Im Freistaat Sachsen sind die persönlichen Ausgaben, wenn man
gleichfalls durch Berechnungen die verwaltungsmäßigen Änderungen
berücksichtigt, von 1913 bis 1925 von 70 Millionen auf 200 Millionen
angewachsen. Die Zuschüsse zu den Verwaltungskosten sind von
rund 85 Millionen im Jahre 1913 auf 193 Millionen im Jahre 1925
gestiegen,

Ähnlich liegen die Verhältnisse in den anderen Ländern, Endlich
ist interessant, festzustellen, daß nach der Besoldungsdenkschrift der
Reichsregierung der jährliche gesamte Besoldungsaufwand der öffent-
lichen Körperschaften im Reich einschließlich Militärverwaltung, Post,
Eisenbahn, der Länder und Gemeinden nach dem Stande vom Dezem-
ber 1924 8% Milliarden Mark beträgt. Wir zahlen also allein für diese
Zwecke fast das Doppelte dessen, was 1913 durch Steuern aufgebracht
worden ist,

18 *
        <pb n="316" />
        276 Dr. dogemeier:

Über die Finanzgebarung der Gemeinden und Gemeindeverbände
ist in letzter Zeit sehr viel Material veröffentlicht worden. Eine
genaue Statistik fehlt. Ich kann daher nur einige Angaben anführen,
die auf einer statistischen Erhebung von 67 Gemeinden im Ruhrgebiet
beruhen. In diesen Gemeinden sind die Gesamtausgaben von 224 auf
rund 400 Millionen gestiegen. Die Gewerbesteuern sollen im Jahre
1925 mehr als das Dreifache der Vorkriegszeit einbringen. Die Ein-
nahmen aus der Gemeindeeinkommensteuer betrugen im Jahre 1914
53 Millionen Mark, während die Überweisung des Reichs aus der
Reichseinkommen-, Körperschaftssteuer, Umsatzsteuer und die Erträge
der Hauszinssteuer für 1925 mit rund 70 Milliarden eingesetzt sind,

Über die kommunale Finanzgebarung sind derartig viele einzelne
Mitteilungen veröffentlicht, daß, wie allgemein bekannt ist, gerade von
diesen Stellen in persönlichen und sachlichen Ausgaben mit einer Groß-
zügigkeit gewirtschaftet wird, die unmöglich länger fortgesetzt wer-
den kann,

Gewiß hat der Krieg mit seinen Folgen und außerdem die Gesetz-
gebung in Reich und Staat den Gemeinden eine große Menge neuer
Aufgaben auferlegt, ohne in vielen Fällen die entsprechenden Mittel
hierfür zur Verfügung zu stellen. Es wird eingehend zu untersuchen
sein, wieweit hier durch eine Minderung dieser Aufgaben oder durch
eine anderweitige Verteilung der finanziellen Lasten die Höhe der
Gemeindeausgaben herabgesetzt werden kann, Auf den anderen Ge-
bieten der Gemeindeausgaben sind aber gleichfalls erhebliche Über-
spannungen festzustellen, wobei zugegeben ist, daß eine ganze Reihe
dieser Ausgaben zu an sich guten Zwecken verwandt werden, Der
Fehler der Gemeindefinanzpolitik liegt aber meistens darin, daß der-
artige Ausgaben heute eigentlich nur aus laufenden Einnahmen be-
stritten werden. Man überlegt sich in den verantwortlichen
Organen solche Ausgaben weniger gründlich, als man das vor dem
Kriege tat, wo vorwiegend Anleihemittel und nicht laufende Steuer-
einnahmen hierfür verwandt wurden. Das Tempo der kommunalen
Entwicklung hat sich gegenüber der Friedenszeit ganz außerordentlich
beschleunigt. Arbeiten, die früher auf Jahre verteilt wurden, werden
heute in kurzer Frist zur Ausführung gebracht, und zwar auf Kosten der
Steuerzahler, die in vielen Fällen die hierfür aufzubringenden Beträge
durch Aufnahme von Schulden flüssig machen müssen. Gerade bei
den Gemeinden muß der Grundsatz zur Durchführung kommen, daß in
erster Linie die Ausgaben sich nach den Einnahmemöglichkeiten zu
richten haben, daß kommunales Leben, kommunale Entwicklung auf
das engste verbunden sind mit der wirtschaftlichen Entwicklung der
in der Gemeindeverwaltung liegenden Unternehmungen, Die den
        <pb n="317" />
        Wirtschaft und Steuerpolitik, 277
Kommunen durch die Steinsche Gesetzgebung gewährte freie Selbst-
verwaltung ist durch die parteipolitische Umgestaltung der Gemeinde-
parlamente in eine gefährliche Entwicklung gekommen. Auf dem Ge-
biete der Sach- und Personalausgaben suchen die verschiedenen Par-
teien sich zu übertrumpfen, um sich bei den Wählern möglichst beliebt
zu machen. Es werden alle Angriffe auf die Gemeindefinanzpolitik
vielfach als Verletzung der kommunalen Selbstverwaltung hingestellt,
anstatt daß gerade die Verfechter der Selbstverwaltung sich darüber
klar sein sollten, daß Selbstverwaltung in der heutigen Zeit nicht freie
Ausdehnung der Selbstbetätigung sein kann, sondern daß dieses Recht
der Selbstverwaltung gleichbedeutend ist mit der ernsten Pflicht der
Selbstbeschränkung. Dieser Grundsatz wird freilich sehr schwer durch-
zusetzen sein, da vielfach diejenigen Steuern beschließen, die sie nicht
zu bezahlen haben.

Es genügt auch hier, abschließend festzustellen, daß in allen öffent-
lichen Körperschaften die Ausgaben gegenüber 1913 ganz außerordent-
lich gesteigert sind, daß diese Ausgaben im Jahre 1924 nur gedeckt
werden konnten durch eine ganz unmögliche Überspannung der Steuer-
last und daß eine Minderung der Steuerlast gleichbedeutend mit einer
Minderung dieser Ausgaben ist. Diese Einschränkungen werden sich so-
wohl auf die Besoldung wie auf die Zahl der Beamten und Angestellten
erstrecken müssen; ein großer Teil der sonstigen sachlichen Ausgaben
wird zurückzustellen sein, wenn wir tatsächlich die Steuerlast mindern
wollen. Wenn dieser Weg nicht planmäßig beschritten wird, muß
schon die starke Minderung der den öffentlichen Kassen zufließenden
Mittel unnachsichtig eine solche Maßnahme erzwingen. Dazu kommt,
daß am 1. Dezember 1925 die Zahlungen nach dem Dawesplane be-
ginnen, die im ersten Jahre 1 Milliarde 220 Millionen betragen, stei-
gend bis 1928/29 auf 2,5 Milliarden Mark, wovon dann die Hälfte aus
dem Reichshaushalt entnommen werden muß, 950 Millionen der Eisen-
bahn zur Last fallen, einschließlich der Transportsteuer, und 300 Millio-
nen auf die Industriebelastung,

Was ist nun geschehen, um die Steuern bzw. die öffentlichen Aus-
gaben in ein richtiges Verhältnis zu unserer allgemeinen und wirtschaft-
lichen Lage zu bringen, um alle die Folgen zu verhüten, die, wie ich
oben dargelegt habe, sich aus einer weiteren Überbesteuerung ergeben
müssen? Was ist ferner geschehen, um zu verhüten, daß die öffent-
lichen Verwaltungen plötzlich vor der Tatsache stehen, daß ihnen die
Mittel nicht mehr in der Höhe zufließen, mit der sie in ihren Ausgaben-
voranschlägen gerechnet haben?
| Regierungen und Parteien haben sich jedenfalls überwiegend davon
überzeugt, daß hinsichtlich der Steuerbelastung ein starker Abbau ein-
        <pb n="318" />
        278_ Dr. Sogemeier:

treten muß, Der Reichstag hat auch unter Betonung dieses Gesichts-
punktes eine große Anzahl neuer Steuergesetze verabschiedet, die ge-
sunde Steuergrundsätze zur Anwendung bringen sollen und zur Folge
haben werden, daß jedenfalls in den wichtigsten Steuern nicht mehr
mit den rohen Maßstäben gearbeitet wird, wodurch es allein möglich
war, die gewaltigen Beträge herauszuholen. Diese Steuergesetzgebung
wird allein schon in einigen Monaten zur Folge haben, daß der Reichs-
finanzminister mit Fehlbeträgen rechnen muß und dann vor der Alter-
native steht, ob er die Steuerschraube neu anspannen kann und will,
oder ob er zu energischen Sparmaßnahmen schreitet. Anders liegt es
zunächst noch bei den Ländern und Gemeinden, wo Sparen noch viel
dringender wäre. Diese hatten in klarer Erkenntnis der Gesamtlage
zunächst den Plan, durch die Forderung der Rücksabe der Reichsein-
kommensteuer an Länder und Gemeinden die kommenden Lücken aus-
zufüllen, Da die volle Rückgabe auch ihnen nicht erreichbar erschien,
verlangten sie ein unbeschränktes Zuschlagsrecht zu einem Teil des
Reichseinkommensteuertarifs, Das Reich sollte 10 % der Reichsein-
kommensteuer für sich behalten und 90 % des Reichstarifs den Ländern
und Gemeinden abgeben mit der Maßgabe, daß diese dazu unbe-
schränkte Zuschläge erheben könnten, Daraus hätte sich praktisch
ergeben, daß der in den Reichseinkommensteuergesetzen festgelegte
Tarif durch die unbeschränkten Zuschläge der Länder und Gemeinden
erheblich, ja theoretisch sogar unbeschränkt, überschritten worden
wäre, Die sehr langwierigen und zeitweise sehr harten Auseinander-
setzungen um den Finanzausgleich, d. h. um die Beteiligung des Reichs,
der Länder und der Gemeinden an den Steuerquellen und dem Steuer-
aufkommen, drehten sich in erster Linie darum, daß jeder der Betei-
ligten versuchte, bei der jetzt sehr viel enger werdenden Steuerdecke
möglichst viel für sich zu erreichen. Von den Freunden des Zuschlags-
rechts zur Einkommensteuer wurde besonders darauf hingewiesen, daß
die Rückgabe dieses Rechtes, das dann den Länder- und Gemeinde-
parlamenten es auferlegt, auch über die Höhe der steuerlichen Be-
lastung des Einkommens zu beschließen, einen selbstverständlichen
Teil des Selbstverwaltungsrechtes darstelle und die Selbstverantwort-
lichkeit dieser Körperschaften wiederherstellen würde. Diese Selbst-
verantwortlichkeit würde ganz von selbst dahin führen, daß in den
Gemeinden wieder sparsamer gewirtschaftet würde, Diese Gedanken
und Erwägungen sind zweifellos theoretisch richtig, Heute ist der ein-
zige wesentliche Faktor in den Einnahmen der Gemeinden, über dessen
Höhe sie selbst bestimmen können, die Grund- und Gewerbesteuer,
während die Einnahmen aus der Einkommensteuer nach einem be-
stimmten Schlüssel vom Reich an die Länder und von den Ländern
        <pb n="319" />
        Wirtschaft und Steuerpolitik, 279
an die Gemeinden verteilt werden. Da nun die Grund- und Gewerbe-
steuer nur von einem Teil der Bevölkerung bezahlt wird und die Über-
spannung dieser Steuern in vielen Fällen von den Gemeindeparlamen-
ten in der Weise beschlossen wird, daß diejenigen, die diese Steuern
zu zahlen haben, in der Minderheit sind, erblickt man in der Rückgabe
des Zuschlagsrechts zur Einkommensteuer einen Riegel für die Ge-
meindeparlamente. Die Zuschläge zu den Realsteuern sollen nur in
einem bestimmten Verhältnis zu den Zuschlägen zur Einkommensteuer
angespannt werden können. Dieser Gedanke ist zweifellos gesund,
Durch die starke Heraufsetzung des steuerfreien Existenzminimums
werden aber breite Kreise der Gemeindebevölkerung durch die Ein-
kommensteuerzuschläge nicht berührt, Die Verhältnisse haben sich
in dieser Hinsicht gegenüber der Vorkriegszeit ganz außerordentlich
verschoben. Außerdem muß ja erst eine ordentliche Veranlagung der
Einkommensteuer vorliegen, ehe man die Gemeindeetats auf solchen
Veranlagungsergebnissen aufbauen und Zuschläge zur Einkommen-
steuer beschließen kann. Die gegenüber den Forderungen der Länder
und Gemeinden ablehnende Haltung der Mehrheit des Reichstags und
auch der Reichsregierung wurde mit Recht damit begründet, daß das
Reich unmöglich mehr abgeben könne, als zur notwendigen Balancie-
rung seines Etats möglich ist, zumal die Reichsfinanzen in erster Linie
für die Erfüllung der Dawes-Lasten aufkommen müssen, Außerdem
sagte man sich mit Recht, daß es ganz unmöglich wäre, in einem Augen-
blick eine grundsätzliche und endgültige Verteilung der Steuern vor-
zunehmen, wo man nicht wüßte, was eigentlich zu verteilen ist. Es
weiß niemand, was zumal bei der ständig sich verschlechternden Wirt-
schaftslage die neuen Steuern erzielen werden. Deshalb ist die Ent-
scheidung hierüber so lange verschoben worden, bis die Ergebnisse der
ersten Veranlagung vorliegen. Je geringer aber diese Steuerergeb-
nisse sind, um so härter wird der Kampf um den Finanzausgleich sein.
Jeder der Beteiligten wird seine Forderung so stellen, daß er seine
Ausgaben möglichst wenig herabzumindern braucht. Die Wirtschaft
und damit gleichzeitig alle Steuerpflichtigen können nur mit Sorge
diesen Auseinandersetzungen entgegensehen und werden alles daran-
setzen müssen, damit dieser Ausgleich nicht wieder auf ihre Kosten
durchgeführt wird, d. h. durch eine entsprechende Erhöhung der Steuer-
lasten.

So kann man sagen, daß das schwierigste Problem der gesam-
ten Frage „Steuern und Wirtschaft‘ mit der jetzigen Steuerreform noch
nicht gelöst ist, so sehr es an sich bedeutungsvoll sein mag, daß die
Wirtschaft wenigstens bezüglich der Reichssteuern wieder mit einer
ordentlichen Gesetzgebung rechnen kann. Die Länder werden sich
        <pb n="320" />
        Z6U Dr. Sogemeier:

hinsichtlich ihrer Gewerbe- und Grundsteuern den neuen Grundsätzen
des Reichs im großen und ganzen anschließen müssen, Die Entschei-
dung über das Maß der gesamten steuerlichen Belastung ist dadurch
schon erheblich mitbeeinflußt, endgültig gefallen ist sie aber mit der
Steuerreform 1925 noch nicht. Die wirkliche Lösung kann nur eine
mit starker Hand durchgeführte Finanzreform bringen, die die Aus-
gaben im Reich, bei den Ländern und Gemeinden an die steuerliche
Leistungsfähigkeit anpaßt, d. h. den Abbau der Ausgaben in so rück-
sichtsloser Weise durchführt, daß trotz geringer Steuereingänge eine
neue Verschuldung des Reichs, der Länder und Gemeinden oder eine
neue Vermehrung der Steuern in großem Umfange nicht eintritt. Diese
Maßnahmen werden allerdings die schwierigsten und härtesten sein,
die im Deutschen Reich vielleicht überhaupt je zu treffen waren. Ob
die politischen Parteien hierfür die nötige Verantwortung werden auf-
bringen und in die Tat umsetzen können, erscheint zunächst noch sehr
zweifelhaft, da Beschlüsse und Maßnahmen, die weite Kreise der Be-
völkerung hart treffen müssen, vom parteipolitischen Standpunkt aus
schwer vertreten werden können, da sie ohne weiteres die Opposition
stärken, Die Lösung dieses Problems wird nur durch eine starke Hand
oder dann möglich sein, wenn die breitesten Kreise der Bevölkerung
erkennen, daß die Fortsetzung der bisherigen Ausgabenwirtschaft sich
mit unserer sonstigen Lage nicht verträgt und Wirtschaft, Volk, öffent-
liche Finanzen und auch das Staats- und Gemeindeleben an den siche-
ren Abgrund führen muß.

Deutschland ist arm geworden, Das erfuhren zunächst die Sparer
und Rentner, dann die vielen Beamten, Angestellten und Arbeiter, die
bei Behörden und Privatunternehmungen infolge des Rückganges der
Beschäftigungsmöglichkeiten und der Mittel nicht mehr Arbeit und
Brot fanden. Die zunehmende Verarmung zeigt sich jetzt auch in
größtem Ausmaße bei der Industrie, deren Verschuldung stark zu-
nimmt und zu immer größeren Betriebseinschränkungen und Stillegun-
gen führt, Ähnlich sieht es in der Landwirtschaft aus, wo die Ver-
schuldung, trotz der vermeintlich guten Inflationsjahre über Nacht ge-
kommen ist. Im Handel häufen sich die Konkurse; der Mittelstand
ruit in seinen Verbänden und durch die parlamentarischen Vertretungen
nach Krediten, Der Rückschlag dieser Entwicklung auf die öffent-
lichen Finanzen muß kommen, besonders stark, wenn eine weise Finanz-
politik dem nicht durch rechtzeitige und durchgreifende Sparsamkeit
vorbeugt, Je früher damit begonnen wird, die durch Steuern aus der
Wirtschaft zu nehmenden Mittel auf eine angemessene Höhe zu be-
schränken, um so milder wird die Krisis sein, um so rascher wird die
Wirtschaft auch als Steuerquelle mit den ihr belassenen Mitteln wıeder
        <pb n="321" />
        Wirtschaft und Steuerpolitik, 281
produktiver arbeiten, Arbeitsmöglichkeiten aufrechterhalten und neue
schaffen sowie auch Steuern zahlen können, Durch zu hohe öffent-
liche Abgaben wächst die Verschuldung an das Ausland stark an. Die
Rückzahlung und Verzinsung dieser Beträge wird immer schwieriger.
Was an Zinsen an das Ausland zu zahlen ist, geht der deutschen
Produktion, dem inneren Konsum, verloren, auch dem Steuerfiskus,
Wieviel weniger Zinsen brauchten wir an das Ausland zu zahlen, wenn
die zuviel weggesteuerten Milliardenbeträge der Wirtschaft geblieben
wären, die dafür nun teures Geld hereinnehmen muß, Wenn die
öffentlichen Kassen zuviel inländisches Kapital in Anspruch nehmen,
müssen auch die Zinssätze im Inlande so hoch steigen, wie es jetzt der
Fall ist, Die Rentabilität der gesamten Produktion wird entsprechend
herabgemindert, Die Preise müssen steigen, entsprechend der Ver-
teuerung des Betriebskapitals. Die Politiker, die so starke öffentliche
Lasten auf die Wirtschaft legen und sich mit ihren Wählern freuen, daß
diese Wirtschaft ordentlich herangeholt wird, sollten bedenken, daß
das auf sie selbst zurückfällt: Rückgang der Wirtschaft, Rückgang der
Arbeits- und Verdienstmöglichkeit und der Kaufkraft,

Das Wohlergehen des gesamten deutschen Volkes wird bedingt
durch ein richtiges Verhältnis von „Steuern und Wirtschaft‘. Ein ge-
sundes Staatsleben kann nur bestehen bei gesunder Wirtschaft, Auf-
geblähte öffentliche Abgaben zerstören die Grundlagen der Privat-
wirtschaften im weitesten Sinne, der öffentlichen Finanzen und des
öffentlichen Lebens, Mögen die verantwortlichen Führer, mögen auch
die breitesten Kreise des deutschen Volkes alles das rechtzeitig er-
kennen, damit nicht erst die äußerste Not diesen Weg ebnet oder es
sogar dahin kommt, daß ausländische Macht und Finanzdiktatur uns
diesen Weg vorschreibt, was das Ende eines eigenen Staatslebens be-
deuten würde.
        <pb n="322" />
        19,

Die Gesundung der Währung in Deutschland.
Von Reichsbankrat Alfred Speer, Berlin,

Währung und Wirtschaft eines Landes sind in Gedeih und Verderb
auf das engste miteinander verknüpft. Wie im tierischen Organismus
Zusammensetzung und Kreislauf des Blutes gesund sein müssen, um
ein gedeihliches Funktionieren des ganzen Körpers zu gewährleisten,
und wie andererseits die Erkrankung einzelner Organe das Blut in
seinen lebenswichtigen Funktionen störend beeinflußt, so hat auch im
Organismus einer Volkswirtschaft, eines modernen Staates, das Geld-
wesen weitgreifende, das Ganze durchdringende Funktionen zu er-
füllen und steht in seiner Verfassung in Wechselwirkung mit dem Ge-
deihen der gesamten Wirtschaft und darüber hinaus auch des Staats-
wesens in allen seinen Erscheinungsformen auf rechtlichem, sozialem,
sittlichem und nicht zuletzt auf finanzpolitischem Gebiete, Von wie
weittragender Bedeutung ein geordnetes Geld- und Währungswesen
ist, das haben wir in Deutschland alle am eigenen Leibe erfahren
müssen, als im Jahre 1923 die Entwertung der Mark in ein so rasendes
Tempo geriet, daß schließlich ihre Annahme an Zahlungs Statt auch im
Inlande vielfach verweigert wurde und die ganze Wirtschaft ins Stocken
zu geraten drohte, Vor dem Kriege hatte Deutschland wie die meisten
wichtigeren Kulturstaaten die international fest verankerte Gold-
währung, Durch sie wurde erreicht, daß sich der Geldumlauf dem
Güterumlauf automatisch anpaßte, Bei einem entstehenden Mißver-
hältnis zwischen beiden griff die Diskont- und Devisenpolitik der
Notenbank korrigierend ein, Durch die Normierung des amtlichen
Diskontsatzes wurde der Kreditverkehr nicht nur im Inlande, sondern
auch in seinen Beziehungen zum Ausland geregelt. Und mittelbar
wurde durch den Kreditverkehr auch der Warenverkehr, der ganze
Produktions- und Verteilungsprozeß der Volkswirtschaft, die Kapital-
bildung und Einkommenverteilung weitgehend durch die Diskont-
politik beeinflußt, Jetzt ist die Goldwährung durch den Weltkrieg
aus den Fugen gebracht, und es ist ein Streit entbrannt, ob sie in der
alten Form notwendig und zweckdienlich sei, In der Praxis wurde
dieser wissenschaftliche Streit durchweg zugunsten der Goldwährung
        <pb n="323" />
        Die Gesundung der Währung in Deutschland, 283
entschieden. Freilich hat außer den Vereinigten Staaten, welche die
Hälfte des gesamten monetären Goldbestandes der Welt (rund 4% von
9 Milliarden Dollar) an sich zogen durch Ankauf jeder angebotenen
Goldmenge zur Vorkriegsparität des Dollars, und welche an der allge-
meinen Rückkehr zum Golde als Währungsgrundlage ein Interesse
haben, noch kein Land die ganz freie Goldwährung wiederhergestellt,
selbst Schweden nicht, wo seit dem 1. April 1924 die Goldeinlösung der
Noten wieder aufgenommen worden ist, Die Wiederherstellung des
Goldmünzfußes ist letzten Endes ein internationales Problem, und jeden-
falls ist der Kampf um eine Gesundung der durch den Krieg derangierten
Währungen keineswegs eine nur Deutschland eigentümliche, sondern
vielmehr eine ganz allgemeine Erscheinung, Allerdings haben wir in
Deutschland die Zerrüttung der Währung in einer einzig dastehenden
krassen Form erlebt mit allen ihren verhängnisvollen Folgen. — Nicht
weniger ungewöhnlich als die für Deutschland vor dem Kriege kaum
von irgend jemandem für möglich gehaltene Währungszerüttung war
die Festigung der Geldverhältnisse, die im Strudel der Ereignisse am
Ende des Jahres 1923 die ganze Welt überraschte.

Das Ende der Inilationsperiode.

Über die Inflation in Deutschland ist so viel geschrieben worden,
daß wir uns auf die Grundzüge der Entwicklung beschränken können,
soweit sie für das Verständnis der hier interessierenden Maßnahmen
zur Gesundung der Währung von Bedeutung sind, Die Grundursachen
des Zerfalls der deutschen Währung liegen klar zutage: sie liegen
begründet in dem langen, schließlich verlorenen Kriege, in den ver-
nichtenden Friedensbedingungen und der dem Friedensdiktat weiter
folgenden Gewaltpolitik der ehemaligen Kriegsgegner. Nachdem
Deutschland schon im Kriege alle seine Kräfte auf das äußerste ange-
spannt und seine volkswirtschaftlichen Reserven, insbesondere auch
an ausländischen Wertpapieren und sonstigen Forderungen, weit-
gehend verbraucht hatte, wurde es durch den Vertrag von Versailles
schwer verstümmelt und schließlich durch die Abschnürung der volks-
wirtschaftlich lebenswichtigen Gebiete an Rhein und Ruhr in seinen
Grundfesten erschüttert. Unter dem Einfluß des unerhörten außen-
politischen Druckes, an dem letzten Endes alle Maßnahmen zur Ge-
sundung der Währung scheiterten, war die deutsche Wirtschaft und
mit ihr die deutsche Währung unrettbar dem Verfall preisgegeben.
Der vom feindlichen Auslande vielfach erhobene Vorwurf, daß Deutsch-
land absichtlich und böswillig seine Währung verschlechtert hat, bedarf
angesichts der ungeheuren volkswirtschaftlichen Schäden des Wäh-
rungsverfalles keiner Widerlegung, Die Besatzungskosten, die Bar-
        <pb n="324" />
        284 Reichsbankrat Alfred Speer:

und Sachleistungen an die Vertragsgegner, die Entschädigung der durch
den Friedensvertrag geschädigten deutschen Staatsangehörigen, der
anhaltende Überschuß der Einfuhr über die Ausfuhr infolge von Ge-
bietsverlusten und des Fehlens der Gleichberechtigung im internatio-
nalen Handelsverkehr, die Schuldverpflichtungen an das Ausland
u, a, m, gestalteten die Zahlungsbilanz gegenüber dem Auslande und
zugleich auch die Staatsfinanzen derart ungünstig, daß die Bewertung
der Mark ins Bodenlose stürzte. Es soll hier nicht die Kontroverse
ausgefochten werden, ob die Passivität der Zahlungsbilanz oder das
Defizit im Haushalt der öffentlichen Körperschaften, also die Ver-
mehrung der schwebenden Schuld und damit des Papiergeldumlaufs,
das Hauptübel war; beide Ursachenreihen für die Markentwertung sind
eng miteinander verknüpit.

Die Erscheinungsformen der Inflation, d. h. die Auswirkungen der
Markentwertung auf das gesamte Wirtschafts- und Staatsleben und
insbesondere auf den Kapital- und Kreditverkehr sollen hier nur im
Hinblick auf die letzten Phasen der Entwicklung etwas näher beleuchtet
werden, soweit sich in ihnen bereits die Keime einer Stabilisierung
zeigen, Hand in Hand mit den wirtschaftlichen, finanziellen und poli-
tischen Grundursachen der Markentwertung ging die fortschreitende
Erschütterung des Vertrauens in eine schließliche Stabilisierung des
Markwertes, War in früheren Stadien die Mark Spekulationsobjekt
in allen Ländern gewesen, so trat schließlich eine allgemeine Flucht
aus der Mark in Erscheinung, nicht nur im Auslande, sondern in
wachsendem Maße auch im Inlande, Da jedoch für die große Masse
der Bevölkerung im Inlande die Mark einziges Zahlungsmittel war,
versuchte ein jeder Verluste durch Markentwertung dadurch zu ver-
meiden, daß er sich der erhaltenen Markzahlungsmittel so schnell wie
irgend möglich entledigte und irgendwelche, von der Markentwertung
tatsächlich oder vermeintlich unabhängige Werte erwarb (Waren,
Devisen, Aktien..,). Die Markzahlungsmittel gerieten so schließlich
in ein rasendes Umlaufstempo und konnten vielfach nicht in den er-
forderlichen Mengen bereitgestellt werden, so daß sich hieraus volks-
wirtschaftlich höchst bedenkliche Konsequenzen ergaben in der schließ-
lich unkontrollierbaren Ausgabe von Notgeld seitens öffentlicher und
auch privater Stellen, die darin einen besonderen Antrieb fand, daß
für die ausgebenden Stellen der Vorteil eines zinsfreien Darlehns und
außerdem eines Gewinnes bei Einlösung des ausgegebenen Notgeldes
in entwertetem Gelde lag, Das Geldwesen wurde dadurch in unüber-
sehbarer Weise verwirrt, Die vielen Fälschungen von Geldzeichen
kamen hinzu, um die Unsicherheit im Zahlungsverkehr aufs höchste
zu steigern, Der Geld- und Kapitalmarkt verödete vollständig, die
        <pb n="325" />
        Die Gesundung der Währung in Deutschland, 285
Zinssätze stiegen ins Phantastische, weil sich in ihnen neben dem
eigentlichen Zins hauptsächlich die Risikoprämien der Geldentwertung
ausdrückten. Auf Papiermark lautende Kreditverträge für längere
Fristen wurden zur Unmöglichkeit. Sogar der Überweisungsverkehr
geriet ins Stocken, weil die kurze Zeit zwischen Erteilung und Aus-
führung des Überweisungsauftrages schon ein zu schweres Entwertungs-
risiko in sich barg. Die Kapitalbildung hörte mangels wertbeständiger
Anlagemöglichkeiten in Inlandswerten schließlich ganz auf. Die Be-
triebskapitalien der Wirtschaft zerflossen in der Markentwertung oder
wurden in Sachwerten festgelegt, und zwar zum sehr großen Teil in
volkswirtschaftlich unerwünschter Weise. Soweit die Gelder Anlage
in ausländischen Werten suchten, wurde dadurch der an sich schon
geringe Vorrat an Devisen noch verknappt und die Gesamtsituation
verschärft. Den Produzenten und Händlern wurden die Waren aus
den Händen gerissen, was natürlich letzten Endes auf Kosten der
Qualität der Waren ging. Die vielbesprochene Scheinkonjunktur
entstand, begünstigt durch den Aufkauf von Waren durch Ausländer.
Die Reichs- und Staatsfinanzen verschlechterten sich zusehends, zumal
die Unterstützung des Rhein- und Ruhrgebiets wachsende Aufwen-
dungen erforderte. Die Steuern und sonstigen Einnahmen schmolzen
im Werte dahin, da sie von der Ausschreibung bis zur Erhebung sich
immer rascher entwerteten. Verträge, die in Mark abgeschlossen
waren, erheischten immerwährende Revisionen. Das stets neu erfor-
derliche Umrechnen der Ziffern auf schwankender Währungsgrundlage
verursachte gewaltige Mehrkosten in der Volkswirtschaft, Vernunft
wurde Unsinn, wenn alte Goldschulden in entwertetem Papiergeld ohne
Erhöhung der Summen zurückgezahlt werden durften, Rechtsstreitig-
keiten und insbesondere Lohnkämpfe mit kräfteverzehrenden Streiks
nahmen kein Ende. In die ganze Wirtschaft wurde ein unheilvolles
Moment der Spekulation getragen. Bevölkerungskreise, die früher
nichts von Aktien gewußt hatten, beschäftigten sich mit Börsenspeku-
lation. Das Streben nach mühelosen Gewinnen durch Spekulation
wurde immer allgemeiner, Die soliden Arbeiter aller Art sowie vor
allem die Rentner, die sich von Spekulationen fernhielten, verarmten,
Eine ungeheuere Verschiebung in den Wohlstandsverhältnissen inner-
halb der Bevölkerung trat ein: Luxuskonsum auf der einen, soziales
Elend auf der anderen Seite! Die Begriffe für Recht und Unrecht in
wirtschaftlichen Dingen, Treu und Glauben im geschäftlichen Verkehr
und die ganze öffentliche Moral wurden schwer erschüttert. So drohte
die Währungsanarchie nicht nur die Wirtschaft lahmzulegen, sondern
das ganze Staatswesen in eine unübersehbare Katastrophe hineinzu-
treiben.
        <pb n="326" />
        286 Reichsbankrat Alfred Speer:

Aber im Chaos des Inflationselends entwickelten sich die Anfänge
des Übergangs zu einer festen Währung. Während die Reichsbank,
solange kein anderes Zahlungsmittel geschaffen war, alles daransetzen
mußte, die Papiermark, wenn irgend möglich, zu halten, schritten die
privaten Wirtschaftskreise zur Selbsthilfe in dem Maße, wie die Mark
durch ihre fortschreitende Entwertung die Fähigkeit einbüßte, die Geld-
funktionen zu erfüllen, Sie wurde immer allgemeiner sowohl als Wert-
messer wie auch als Tausch- und Wertaufbewahrungsmittel außer
Funktion gesetzt und versagte schließlich auch als gesetzliches Zah-
lungsmittel, Mit der Schaffung wertbeständiger Anleihen war ein
erster Schritt der Loslösung von der Papiermark aus den Wirtschafts-
kreisen heraus getan, Die auf Grund des Gesetzes vom 2. März 1923
vom Deutschen Reich ausgegebenen, auf Dollar abgestellten, bei der
Zeichnung in Gold oder Devisen einzuzahlenden „Schatzanweisungen
des Deutschen Reiches von 1923‘ fanden zunächst wenig Aufnahme.
Mehr Anklang fanden die ab Juni 1923 zur Ausgabe gelangenden,
teils privaten, teils öffentlichen ‚„wertbeständigen“ Obligationen
aller Art, die auf marktgängige Waren, wie Roggen, Kohle, Kali usw.,
oder auf fremde Währungen oder auf Gold abgestellt waren. Bei dem
Mangel an wertbeständigen Anlagemöglichkeiten riß sich das Publikum
förmlich um diese Papiere, Diese sogenannten wertbeständigen An-
leihen wurden teils von eigens zu diesem Zwecke neugegründeten
Geldinstituten, teils auch von bestehenden Unternehmungen und
Körperschaften zur Ausgabe gebracht, Sie waren in ihrer Ausstattung
recht verschiedenartig und in ihrer Sicherheit schwer zu beurteilen.
Ein weiterer Schritt zur Emanzipierung des Kapitalverkehrs von der
Papiermark war die Verabschiedung des Gesetzes über die wertbe-
ständigen Hypotheken, in welchem ausdrücklich ausgesprochen wurde,
daß die Geldsumme durch den amtlich festgesetzten Preis einer be-
stimmten Menge von Roggen, Weizen, Kohle, Kali oder Feingold be-
stimmt werden kann, Es folgte die Umstellung des Versicherungs-
wesens und des Sparkassenverkehrs auf die Goldrechnung und die
teilweise Valorisierung der Steuern, Auch die Privatbanken stellten
mehr und mehr ihre Kreditgeschäfte auf die wertbeständige Basis ein.
Aber nicht nur im Kapital- und Kreditverkehr, auch im Warenhandel
und ganz allgemein vollzog sich in den letzten Stadien der Papier-
markinflation die Abkehr von dem immer unbrauchbarer werdenden
Gelde. Industrie und Großhandel gaben Waren nur noch auf der Basis
einer hochstehenden Währung ab; z. T, setzte sich die Zahlung in
effektiver Auslandsvaluta durch, auch im inländischen Großverkehr.
Die Festlegung der Löhne und Gehälter in ihrer Kaufkraft durch Um-
stellung auf wertbeständige Grundlage wurde angestrebt unter Zu-
        <pb n="327" />
        Die Gesundung der Währung in Deutschland. _287
grundelegung gewisser Maßstäbe der Geldentwertung, Zu einem
automatischen System der Indexlöhne wie in Österreich ist man in
Deutschland indes im allgemeinen nicht übergegangen, vielmehr wurden
Gehälter und Löhne immer wieder neu geregelt,

Die Politik der Reichsbank wie auch der Reichsregie-
rung war darauf gerichtet, die Bewertung der Mark stabil zu machen,
aber alle Maßnahmen konnten unter dem Einfluß der geschilderten
übermächtigen Faktoren naturgemäß so lange nur einen vorübergehen-
den oder beschränkten Erfolg haben, als es nicht gelang, der letzten
Ursachen — der Defizitwirtschaft des Reiches usw. und der ungünstigen
Gestaltung der Zahlungsbilanz — Herr zu werden. Man bemühte sich,
die Einfuhr nach Möglichkeit zurückzudämmen, die Ausfuhr zu
steigern, Den Exporteuren wurde eine Devisenablieferungspflicht auf-
erlegt und dem Devisenhamstern entgegenzuwirken versucht. Zur
Beschaffung weiterer Devisenbeträge wurden Reichsanleihen (die
erwähnten „Dollarschatzanweisungen“, später die „Goldanleihe‘) aufge-
legt, deren Zeichnungspreis in Devisen gefordert wurde, oder, soweit die
Zahlung auch in Mark zugelassen war, bei Zahlung in Devisen Er-
mäßigung erfuhr, Schließlich schritt das Reich zu einer zwangsweisen
Erfassung der Devisen. Die so seitens des Reichs aufgebrachten
Devisenmengen dienten dazu, die von der Reichsbank für die Beein-
flussung der Wechselkurse eingesetzten Devisenvorräte zu ergänzen,
Angesichts der ungeheuren Notlage des Reichs glaubte die Reichs-
bankleitung ferner, eine Hingabe von Gold aus ihren Beständen zum
Zwecke der Devisenbeschaffung nicht verweigern zu dürfen. Außerdem
war die Reichsbank bestrebt, neben der vom Reiche ausgehenden In-
flation nicht noch eine durch private Kreditinanspruchnahme ent-
stehende Inflation sich ausbreiten zu lassen. Das Hauptgewicht wurde
auf die einschränkende Auslese der gewährten Reichsbankkredite unter
dem Gesichtspunkte der volkswirtschaftlichen Notwendigkeit gelegt.
Hierbei sah sich die Reichsbank gezwungen, die Laufzeit der erteilten
Wechselkredite immer weiter herabzusetzen, zuletzt bis auf 10 Tage.
Der Diskontsatz wurde allmählich von 10 % bis auf 90 % erhöht; die
Sätze für tägliches Geld am offenen Markt stiegen während der gleichen
Zeit auf ein Vielfaches des Reichsbanksatzes. Unter dem Zwange der
Entwicklung wurde auch die Reichsbank gerade durch währungspoli-
tische Rücksichten dazu bestimmt, die bis dahin zähe festgehaltene
Währungsgrundlage der Mark in ihrem Geschäftsverkehr schließlich
aufzugeben, als die Schäden der rapide fortschreitenden Geldentwer-
tung so überhandnahmen, daß die Zustände am Geld- und Kapitalmarkt
völlig unhaltbar geworden waren. Unter schonender Berücksichtigung
der besonderen Schwierigkeiten des besetzten Gebietes, der Lebens-
        <pb n="328" />
        288 Reichsbankrat Alfred Speer:

mittelversorgung des Landes usw. nahm die Reichsbank die Umstellung
ihrer Kreditgewährung auf die wertbeständige Grundlage schrittweise
vor, beginnend im Lombardgeschäft der Reichsbank und der Darlehns-
kassen, Ferner richtete die Reichsbank durch Einführung der soge-
nannten Kontomark einen auf Dollar abgestellten Giroverkehr ein,
der später in einen reinen Dollargiroverkehr umgewandelt wurde; doch
wurden diese Einrichtungen durch die Ereignisse bald überholt. Als
im Spätherbst die Inflationswirtschaft ihre letzten Möglichkeiten aus-
geschöpft hatte und aus dem Währungszerfall eine Versorgungskata-
strophe zu entstehen drohte, drängte die Entwicklung mit elementarer
Wucht zur Stillegung der Notenpresse hinsichtlich der Schaffung
fiktiven Kapitals, zum allgemeinen Übergang zur Goldrechnung und
zur Schaffung von neuen, wertbeständigen Zahlungsmitteln, Im Rhein-
lande und in den Hansastädten hatte sich bereits die ausländische
Währung als Zahlungsmittel des täglichen Verkehrs in gewissem Um-
fange durchgesetzt. Da sprang zunächst das Reich mit der Ausgabe
kleiner Stücke der auf den amerikanischen Dollar abgestellten Reichs-
goldanleihe zur Verwendung als wertbeständiges Zahlungsmittel ein,
Wertbeständiges Notgeld der Reichsbahn, einiger Staaten, von Kom-
munen wie von Privaten folgte, Die Geldzeichen fanden Vertrauen,
obwohl sie größtenteils lediglich ein Zahlungsversprechen auf Wert-
beständigkeit darstellten, Mit gleichem Vertrauen wurde der weitere
Schritt auf dem Wege der Umstellung auf Sachwertbasis aufge-
nommen, nämlich die Errichtung der Rentenbank,

Die Rentenbank,

Unter den vielen Reformvorschlägen zur Gesundung der Währung,
die in Deutschland vor der Gründung der Rentenbank auftauchten,
befand sich natürlich auch der, zur Goldwährun g zurückzukehren.
Aber der Übergang zur effektiven Goldwährung erschien angesichts
der wirtschaftlichen und politischen Lage Deutschlands nicht möglich,
denn es fehlte an den für die Aufrichtung einer Goldwährung nötigen
volkswirtschaftlichen Reserven an Gold und Devisen und ebenso an
der Möglichkeit, diesen Mangel durch Kredite im Auslande auszu-
gleichen, solange das Reparationsproblem ungelöst war und Deutsch-
land sich außenpolitisch und damit auch wirtschaftlich in unheilvollster
Abhängigkeit von den Einbruchsmächten befand. Man mußte sich
also mit einer Zwischenlösung begnügen, ohne indes das eigentliche
Ziel, nämlich die schließliche Aufrichtung einer wirklichen Goldwäh-
rung, dabei aus dem Auge zu verlieren, Als eine solche Zwischen-
lösung hat die Schaffung der Rentenmark als eines neuen Zahlungs-
mittels zu gelten. Der erste von Helfferich eingereichte Gesetzentwurf
        <pb n="329" />
        ‚Landwirtschaft und Handwerk.
1. Hermann Gebhard,
Landwirt in Eppingen (Baden).

Geboren am 13.. September 1878. — Landesvorsitzender des Badischen‘ Land-
bundes seit dessen Gründung 1920, Vorsitz. der bad, Landwirtschaftskammer
1921-—25, zweiter Vizepräsident seit 1921. /

Haupttätigkeitsgebiet:. Bäuerliche Wirtschaftspolitik, Bemühungen zur Ver-
einfachung und Vereinheitlichung des landwirtsch. Organisationswesens nach
technischen, wirtschaftlich-genossenschaftlichen und wirtschaftspolitischen Ge-
sichtspunkten als Vorauss e(7URE EIN den erfolgreichen Kampf der Landwirtschaft
um ihre Existenz und zu ihrer Befähigung, die ihr gestellte große volkswirtschaft-
liche und nationale Aufgabe zu erfüllen.

2. Karl Hepp,
Landwirt in Seelbach (Oberlahnkreis).

Geb, 10. Februar 1889 in Seelbach (Oberlahnkreis); evang, Volksschule des
Heimatortes, Gymnasium. Studium an Hochschulen. Tätig in landwirtschaftl,
Betrieben Provinz Sachsen und Unterfranken, 1914 bis 1918 Kriegsteilnehmer;
von‘ da ab im heimatlichen landwirtschaftlichen Betrieb.

Vorsitz. der Bezirksbauernschaft für Nassau und den Kreis Wetzlar, Präsident
des “Reichs-Landbundes, Tätig im landwirtschaftlichen ‘ Genossenschaftswesen.
Mitgl. des Vorst. d. Landwirtschaftskammer für den Regierungsbez, Wiesbaden. —
1920 ’Mitglied des Reichstages,

3. Harry Plate,
Präsident der Handwerkskammer Hannover,
Vors. des Deutschen Handwerks- u. Gewerbekammertages,

Geb. 18. 10. 1853 in Hannover, verwaist. Mittelschule, Klempnerlehre. 1872
auf Wanderschaft, arbeitete in großen Städten des Auslandes, November 1885
in Hannover selbständig.

Anfang der neunziger Jahre in die Handwerkskammerbewegung eingetreten, —
Zu Vorberatungen z. Handwerkergesetz 1897 zugezogen. 1900 Vorsitz. der Hand-
werkskammer Hannover und Vorsitz. des Dt. Handwerks- und Gewerbekammer-
tages. 1911 Herrenhausmitglied. 1919—1924 Mitglied des vorl. Reichs-Wirtschalfts-
rates, 1923 vom Kammertage zum Ehrenmeister des deutschen Handwerks ernannt,

4, Eberhard Grai v, Kalckreuth,
Rittergutsbesitzer in Nieder-Siegersdorf, Kreis Freystadt i. Schles.

Geboren 1881, evanf- Realgymnasium, Vier Jahre aktiver Offizier im 2. Garde-
feldatt, Prakt. Ausbildung und Betätigung in der Landwirtschaft, landw. Hoch-
schylstudigm. 1906 Übernahme einer Pachtung vom Fürsten Solms in der Nieder-
ausitz,

Wahlkreisvors. d. Bundes der Landwirte. -1914—1917 im Felde, meist als
Batterieführer, . 1919 Übernahme des väterl. Betriebes in Nieder-Siegersdorf,
Saatenanbaustelle für Pettkus. Tätig in der Zentrale des Reichs-Landbundes, ins-
besondere im Genossenschaftswesen; Mitgl. d, Bundesvorstandes, 1924 Präsident
des”Reichs-Landbundes.,

5, Geh. Landesökonomierat Matthäus Mittermeier,
Guts- und Brauereibesitzer in Haunersdorf bei Landau a. d. Isar.
_ Geboren 27, 9. 1864 in Haunersdorf bei Landau (Niederbayern). Bürgermeister
seit 1900, —

Präsident. des Bayerischen Landwirtschaftsrates, IL Präsident der Bayerischen
Landesbauernkammer, L. stellvertr. Präsident des Deutschen Landwirtschaftsrates,
Mitglied des vorl. Reichswirtschaftsrates, des Deutschen Reichstags 1903 bis 1906.

Tal

Sal Y
        <pb n="330" />
        ‚A19wbasH bau 3isdseiwbas.l.
‚bısddai ansmıaH ‚I
mıttelve ‚(asbs8} nezniqggA Inh hiwbhsdchsbank die Umstel!
+has.1"nodoaibs4 2sb 19bnsstierövasbnsl.=+1,8T8E nodmot4s Que] ns CnSIOdSDE u
19mm522}sdoetriwbneI ‚bsd 19b. ‚sti210V 0S@1- 3aubnüıQ ehsasaB 41927 esbnud
GC 5 NN
319 Vo als nednudümed,  itlogqetiedaahiWsladoilzeusE:: oiderehiseäHqueH SOC
dosm enszewenoitseins310 ‚doztıiwbnsl, ‚29b- anudoiltiodnisıe V bau aaundosinie
450) "nsdoeitilogesisdoahiw " Bir? marlsiledbeihezzonsa-doilttedet rw ‚nSoziados
HsdoehiwbnsJ. 19b. iqmsX aodoisıalotre:nob-aüt Ahustozens10Vrels | nstlangehlaie ;}
-Hedoetiiwenlov slo13 silstzea di sib ‚anıaidsted 191di us bau snasteixH, still mu ı.
ELSE EN CUFCMnaMöhre: us SdialrA "sisnoifs bay sdaif
e Intlationswirtschatt re ler on M4lichkeiten aus
; .  (2t914ndelrsdO)' dosdiss2 ni Hiwbasl Er Tl 0
zsb‘ SIudoz2 lo V” ansvs Mei tadekrsdO) Hasdlss@ ni 0881 1eu1dad ‚Ol ‚dat En
‚Mistlozhiwbash ai 38T m.nehidaeooH cns \mpibu@n ( mbiesamyO ‚eStrotetiS HC
iTammonlist23air2 81er eid ALeL  ‚nexlnsıtıeinU bay neadas@, snivord modaittedl,
ee Le "7 die nofoilitsdoehiwbnsl nadoiltsmisd mi ds sb aov
Mnebie819; nıelste Weist nah: batriuszeeN ıül Hedoarakousdakiss Ash ‚tie10V |
‚as29w?}isdoznazzong90  nmadailiisdpziriwbnsl.ı mi 3HäT, 129bnudbhasl-adois;2sb |
— m9bedesiW-issdiangısiasdl mob UF joe Hesse wbnsI ‚bb .4216V 29b JatiM
fange durchgesetzt. "a sprang zunächst ceaysiadsiefl 2SblbsiläHM OSer!
SOXM anleih ‚ur V | wendch "sisld 8° ä a ge Ss d SA UEST nn er € T
YeriD N
munern wesheameedr wa! is La WöasH; madoeiusCh 29 bare Vertraue:
181 ‚axdelrongmelX ‚aludaelat}iM 1 deiswrer ‚Tavonnsl ab EC81 01481 daD VWer!,
c881 ı9dmsvoNl ‚29bnsleuA 2b nmetbät@ nmallora mi ototiedıs Hisdoaz1ebasW_ tus
- ‚3ibnätediez 19vodasH ni
— ‚agteılsanie anuaswadremmedeıe wbnsH' sib ni sıdel 198isauen 19b ansinA
-brnsH 19b .stie10V 0081 ‚mragosaaus TO8L stozeaT19lı9wbnsH nam s19di0 V uNX
-tenimsAsdıswsO bau -arowbineH 40 29b stieroV bau 19vonnsH 19mmedel row
-&amp;isdoetiW-2dois Jı0v 2b a bser—eie! ‚beilatimeusdastıeH LIEeL (2986t
Jansma zlıswbnasH nadoeiusb 2eb 19t2ismnatdA mus sSashemms A mov ES@T ‚2961
die in Opulschland wenlalsA ,isr0 basdıadd entenbank auftauchten
Kafın 79lda2 .i ibsizyard aiszÄ ‚Hober939i@-1ebeiN ni restieedeiuaıettifl 1
-sb160 .&amp;. mi 19isi11O 19vihls audel.19iV. ‚mulesnmyalas dl „ansva „1881. a910ds0) u.
-dooH" ‚wbisl Het basT 6b ar 340er Dit ahnbliden A A619  sblet
-mabsiV/l 9b. ni ‚efelo@2 n9lerüdimew]BriuidosI tonisc dmientedUl d0RIs niribbjahitloe
eb” Yalorn5 ‚bla T mi N IELAFOF OS Wbne I SB Gebe b “e10velstlldeW
‚Aobezen si sa beifl 1 ni a9d$i98, „Jaeläyn 2Sb-emdenisdUc-RIEIn. a9ıdüksirettsd
-emi ‚zobnudbnasl-zdais 1 2eb SS 19b ni 3HET „„eulits9 1üt ollotausdnsngtsse
Irnrsbie51T° BCQ1 Hesbnetetr6VeSBr ABM Halo weHstldehesz2OhsSO mi’ s19bno29d
| ı, solange das KReparationsproblem ungel#bnudbasd-zdöia A zsb
land n auf enpolitisch und damit auch wirtschaftlich i
A bhang!clel setsairein enäEM Hatsimono dies be HD
Alec naselahı ‚s usbasıE isdiltoberanusHcni tostizediatenstd bau „2100 N,
19l2i9m 193108 - {mm vscazebsiMp HebnsJiisdrkhoberenbsHi nt d381 ‚Q TS nss0400 "
; | 0 TE OP Du ur HB on
nSHöei1s 74 1sb FnsbiesiT II Sfr anodoei19ys8 29b insbie£1I !
‚e9}53alisdoatriwhns. I: medadiysd ab +kdbhiesaE nisse vilste: I ‚remmsAnrsusda  brisch fs
3001 ‚eid £0@P 2astedoieM, nodoetus zob ‚eotenettendoztriwendois A ‚Irov.29b bailatiM

x 93%
        <pb n="331" />
        <pb n="332" />
        <pb n="333" />
        Die Gesundung der Währung in Deutschland. 289
erfuhr im Laufe der Verhandlungen gewisse Abänderungen, blieb aber
in den hauptsächlichsten Gedanken bestehen.

Der Zweck der Rentenbanklösung war die schleu-
nigste Schaffung eines Zahlungsmittels, welches so viel Vertrauen ge-
noß, daß die der gesamten Wirtschaft unmittelbar drohende Kata-
strophe vermieden wurde. Es galt den Grundursachen der Währungs-
verschlechterung Einhalt zu tun. Soweit diese in der Unterbilanz der
Außenwirtschaft (Zahlungsbilanz .,..) lagen, blieben sie freilich deut-
scherseits in der Hauptsache unbeeinflußbar. Dagegen wurde mit der
Rentenmark versucht, des inneren Hauptfaktors der Währungs-
zerrüttung, nämlich der Verschuldung des Reiches, Herr zu werden.

Die Grundzüge der durch Verordnung vom 15. Oktober 1923
(RGBl. I, S. 963) begründeten, am 15, November ins Leben gerufenen
Deutschen Rentenbank waren folgende: Grundkapital und
Grundrücklage in Höhe von 3200 Millionen Rentenmark wurden zur
Hälfte von der deutschen Landwirtschaft, zur Hälfte von Industrie,
Gewerbe und Handel im Wege einer Belastung der Grundstücke und
Unternehmungen mit Grundschulden oder Schuldverschreibungen in
Höhe von 4 % des Wehrbeitragswertes von 1913 freiwillig aufgebracht.
Die Grundschulden und Schuldverschreibungen lauteten auf Goldmark
und waren von den Eigentümern der belasteten Grundstücke und
Unternehmungen an die Rentenbank mit 6 % zu verzinsen, und zwar
nach dem Goldwerte zur Zeit der Zahlung in Rentenmark. Die
Rentenbank stellte auf Grund dieser Grundschulden usw. 5prozentige
Rentenbriefe aus, die auf je 500 Goldmark oder ein Vielfaches davon
lauteten, und die als Deckung für die Ausgabe von Rentenbank-
scheinen dienten, Die Rentenmark wurde neben der Papiermark als
dem gesetzlichen Zahlungsmittel zugelassen, Die Rentenbank gewährte
dem Reich, das bei der Reichsbank weitere Schatzanweisungen nicht
mehr diskontieren durfte, 1200 Millionen Rentenmark Kredite, und
ebenfalls 1200 Millionen Rentenmark an die Reichsbank und die vier
Privatnotenbanken zur Weitergabe an die privaten Wirtschaftskreise.
Der Rest von 800 Millionen Rentenmark blieb in Reserve. Die Renten-
mark stellte nicht eine neue Währung dar, sondern lediglich ein für
den Inlandsverkehr bestimmtes Zahlungsmittel.
Die Rentenmark war eingeteilt in 100 Rentenpfennige, in Stücken zu
1, 2, 5, 10 und 50 Rentenpfennig vom Reiche im Einvernehmen mit der
Rentenbank als kleinere Scheidemünzen geprägt. Eine Annahme-
pflicht bei der Begleichung einer Rentenmarkschuld bestand für die
Münzen von 1 bis 10 Rentenpfennig nur bis zur Höhe von 5 Renten-
ınark, für die 50 Rentenpfennigstücke bis zum Gesamtbetrage von
20 Rentenmark.

Die deutsche Wirtschaft.
19
        <pb n="334" />
        290 Reichsbankrat Alfred Speer:

Die Wertbeständigkeit der Rentenmark wurde von vornherein mit
starken Mitteln gesichert: Vor allem wurde sie dadurch garantiert, daß
die großen Wirtschaftsgruppen, welche die Goldmarkbelastung zwecks
Fundierung der Rentenmark freiwillig übernahmen, eben deshalb ein
lebhaftes eigenes Interesse daran hatten, daß die Rentenmark nun auch
als wertbeständiges Zahlungsmittel allseitig verwendet wurde, Dazu kam
die gesetzliche Begrenzung des Umlaufsbetrages, die unverändert auf-
rechterhalten wurde. Als ein weiteres wichtiges Moment kam hinzu,
daß die Einführung der Rentenmark von einer Sanierung der Reichs-
finanzen und der Reichsbank begleitet war. Wenngleich der Ersatz
der bisher von der Reichsbank dem Reiche gegebenen Kredite durch
die Kredite der Rentenbank für die Finanzverwaltung nur eine vorüber-
gehende Aushilfe blieb, so war doch dieser Zwischenkredit dazu an-
getan, dem Reich den Übergang zu erhöhten Steuereinnahmen und zu
energischen Sparmaßnahmen (Beamtenabbau usw.) zu erleichtern. Die
Einlösbarkeit der Rentenbankscheine in Rentenbriefen hat zwar eine
praktische Bedeutung nicht gewonnen, hat aber zur Stärkung des Ver-
trauens in die Rentenmark erheblich mit beigetragen.

Der Erfolg der Durchführung des Rentenbankprojekts übertraf
alle Erwartungen. Mit dem Aufhören der Diskontierung weiterer
Schatzanweisungen des Reiches bei der Reichsbank war die Haupt-
quelle der Inflation verstopft, Durch die Abdeckung der ausgegebenen
Schatzanweisungen von seiten des Reichs mit Hilfe der Rentenmark-
kredite wurde der Banknotenumlauf verknappt und die Reichsbank
ihrer eigentlichen Aufgabe, nur wirtschaftlichen Zwecken zu dienen,
zurückgegeben. Der Reichsfinanzverwaltung gelang es, das Gleich-
gewicht der öffentlichen Haushaltspläne durchzuführen. Die Renten-
mark fand als neues Geld allseitig Eingang und wurde sowohl als
Zahlungs- und Tauschmittel wie auch als Wertmesser verwendet. Das
Wertverhältnis zwischen Papiermark und Rentenmark (1 Rentenmark
= 1 Billion Papiermark = 1 Goldmark) konnte von der Reichsbank
unverändert aufrechterhalten werden, so daß im praktischen Verkehr
bald kein Unterschied mehr gemacht wurde zwischen der Rentenmark
und der Billionmark, cbwohl das feste Wertverhältnis der beiden Geld-
arten zueinander gesetzlich nicht festgelegt war. Damit war eine feste
Basis für geschäftliche Kalkulation zurückgewonnen. Einer etwaigen
Spekulation der Kreditnehmer auf eine Entwertung der Rentenmark
und den hieraus entstehenden Folgen wurde von vornherein dadurch
nach Möglichkeit vorgebeugt, daß alle Rentenmarkkredite nur mit der
Wertbeständigkeitsklausel gegeben wurden, d, h. mit der ausdrück-
lichen jedesmaligen Verpflichtung des Kreditnehmers, bei Rück-
zahlung des Kredites den Valutaunterschied der entliehenen Renten-
        <pb n="335" />
        Die Gesundung der Währung in Deutschland, 291
marksumme zwischen dem Termin der Entnahme und der Rückzahlung
auf Grundlage des Dollarkurses zu entrichten. Eine merkliche Be-
ruhigung des Wirtschaftslebens mit einem Abbau der durch die Ein-
kalkulierung der Geldentwertungsrisiken hochgetriebenen Preise war
die Folge, Die Warenläger und die zurückgehaltenen Devisenbestände
kamen langsam in Bewegung, die Ernte konnte finanziert werden,
Handel und Verkehr belebten sich, Die Umlaufsgeschwindigkeit der
Zahlungsmittel nahm beträchtlich ab, die Spartätigkeit fing an, sich
wieder zu entwickeln, das Notgeld verschwand allmählich aus dem
Verkehr, Der Umkehr zu solider Geldwirtschaft war der Weg geebnet,
Alle Spekulationsmöglichkeiten auf dem Rücken der Valuta waren
ausgeschlossen, Das Hasten um möglichst schnelle Anlage erworbener
Geldmittel hörte auf, den Lohnkämpfen war der Hauptgrund entzogen,
und alle die oben geschilderten inneren Reibungen des volkswirtschaft-
lichen Mechanismus, die die Staatsmaschine fast zum Stocken gebracht
hätten, wurden gemildert, wenn auch die durch die ungeheure Ent-
wertung der Mark auf 1 Billionstel ihres Vorkriegswertes angerichteten
Schäden und die daraus entspringenden schweren rechtlichen und so-
zialen Probleme bestehen blieben,

Die Golddiskontbank,

Als ein weiteres Hilfsinstitut für die Stabilisierung der deutschen
Währung wurde angesichts des großen Kapitalmangels der deutschen
Wirtschaft auf Anregung der Reichsbank zum Zwecke der Heranzie-
hung von ausländischem Kapital am 7, April 1924 die Deutsche
Golddiskontbank gegründet, Mit der Golddiskontbank sollte
nicht, wie anfangs vielfach angenommen wurde, ein Währungsinstitut,
sondern ein Kreditinstitut zur Bereitstellung von Valutakrediten für
die deutsche Wirtschaft geschaffen werden. Die Form einer Bank
wurde gewählt, weil so die am internationalen Geldmarkt jeweils ver-
fügbaren und kreditbereiten Mittel in einfachster und beweglichster
Weise herangezogen werden konnten unter Ausnutzung der sich jeweils
bietenden vorteilhaftesten Bedingungen. Bald lagen die Aufgaben der
Bank und die volkswirtschaftlichen und privatwirtschaftlichen Vor-
teile ihrer Geschäftsführung klar zutage. Für das deutsche Geldwesen
wurde durch die Heranziehung ausländischen Kapitals und durch das
sich hierdurch dokumentierende Vertrauen des Auslandes zur Wieder-
aufrichtung der deutschen Wirtschaft viel gewonnen,

Das Grundkapital der Golddiskontbank in Höhe 10 Millionen
Pfund Sterling wurde je zur Hälfte von der Reichsbank und von einem
fast die gesamte deutsche Bankwelt umfassenden Konsortium über-
nommen, Der Reichsbank wurde zur Erleichterung der von ihr zu
19*
        <pb n="336" />
        292 Keichsbankrat Alfred Speer:

leistenden Kapitaleinzahlungen von der Bank von England ein lang-
fristiger Kredit in Höhe von 5 Millionen Pfund Sterling zu günstigen
Bedingungen bewilligt, Die hiernach ausschließlich auf Privatkapital
gegründete Bank ist von der Regierung völlig unabhängig; die un-
mittelbare und mittelbare Gewährung von Krediten an das Reich, die
Länder oder Gemeinden ist ihr ausdrücklich untersagt. Ihre Geschäfte
werden durch die Reichsbank geführt.

Abgesehen von der direkten Beteiligung des Auslands an der Be-
schaffung des Grundkapitals wurden der Golddiskontbank vom Aus-
lande Rediskontkredite eingeräumt, durch welche ihre Aktionsfähig-
keit erheblich erweitert wurde. (In England 5 Millionen Pfund, in
Amerika 25 Millionen Dollar und in der Schweiz 25 Millionen Schweizer
Franken, zusammen etwa 11% Millionen Pfund, also mehr als das
Aktienkapital.) Außerdem besaß die Golddiskontbank Kapital-
reserven in dem allerdings niemals ausgenutzten Notenemissionsrecht
in Höhe von 5 Millionen Pfund, in den angesammelten Girogeldern
und in dem noch nicht eingezahlten Aktienkapital, In welchem Um-
fange und Tempo ausländisches Kapital der deutschen Wirtschaft im
Kreditwege mit Hilfe der Golddiskontbank dank der Zweckmäßigkeit
ihrer Konstruktion zur Verfügung gestellt werden konnte, geht daraus
hervor, daß sich die Gesamtsumme der von der Golddiskontbank dis-
kontierten Wechsel von 184000 Pfund im ersten Ausweis vom
23. April 1924 in kräftig steigender Tendenz bis auf 13,5 Millionen
Pfund am 23, Juli 1924 erhöht hat.

Zunächst schöpfte die Golddiskontbank aus dem eingezahlten
Grundkapital und den langsam sich ansammelnden Giroguthaben. Von
den eingeräumten Rediskontkrediten machte sie erst seit der zweiten
Juniwoche Gebrauch. In den Ausweisziffern drückte sich die Entwick-
lung erst in der ständigen Abnahme der durch die Einzahlungen auf das
Aktienkapital entstandenen Forderungen im Auslande, dann in einer
Zunahme der Giroverbindlichkeiten, d.h. der rediskontierten Wechsel,
aus, Zur Bemessung der tatsächlich gewährten Kredite müssen in den
Ausweisen der Golddiskontbank die Bestände an Wechseln und
Schecks und die Summe der Giroverbindlichkeiten zusammengezählt
werden,

Es ist durch die Beobachtung des Geldmarktes bestätigt, daß die
durch die genannten Ziffern gekennzeichnete Tätigkeit der Gold-
diskontbank für die kapitalverarmte deutsche Wirtschaft eine sehr
erhebliche Erleichterung bedeutet hat. Zwar kommen für die Kredite
bei der Golddiskontbank in der Hauptsache nur solche Betriebe in
Frage, die mit dem Auslande in geschäftlicher Verbindung stehen;
denn es muß die Garantie gegeben sein, daß der Gegenwert der diskon-
        <pb n="337" />
        Die Gesundung der Währung in Deutschland, 293
tierten Wechsel bis zur Fälligkeit in Auslandsvaluta tatsächlich aus
dem Auslande eingeht, aber in der Befriedigung bestimmter Gruppen
von Kreditansprüchen liegt selbstverständlich eine Entlastung der ge-
samten Geldmarktlage, und diese Entlastung mußte um so fühlbarer
ins Gewicht fallen, je knapper die für Betriebskredite zur Verfügung
stehenden Kapitalien waren. Die Kredite der Golddiskontbank kamen
um so gelegener, als gerade zur Zeit ihrer Gründung, Mitte April 1924,
die Reichsbank unter dem Zwange der Devisenlage und der Außen-
handelssituation sowie der für die Notenausgabe gezogenen Grenzen
zu schärfster Kreditrestriktion greifen mußte, wenn das Geldwesen
stabil erhalten bleiben sollte. Allerdings führte die Ablieferung der
Devisen‘) an die Reichsbank zunächst zu einer Vermehrung der Mark-
umlaufsmittel, da die Reichsbank den Gegenwert der übernommenen
Auslandsforderungen entweder in Marknoten oder in Markguthaben
zur Verfügung stellte, aber die Kreditgewährung der Golddiskontbank
war, bei strenger Handhabung der von ihr aufgestellten Grundsätze,
vom währungspolitischen Standpunkt betrachtet, einwandfrei insofern,
als aus tatsächlich verfügbarem, realem Kapital, nämlich ausländischem,
geschöpft wurde und die Kongruenz zwischen Güter- und Geldumlauf
gewahrt blieb. Einer inflationistischen Wirkung solcher Kredite war
also in denkbar bester Weise vorgebeugt, Die Reichsbank bekam durch
Erhöhung ihres Devisenbestandes ein wertvolles Interventionsmittel in
die Hand, um gelegentliche Kursschwankungen am Devisenmarkt zu
nivellieren. Die Erleichterung der Devisenlage in den Monaten April
bis zum Juni 1924, die sich u. a. in der günstigen Entwicklung des
Markkurses im Auslande und in der Möglichkeit voller Zuteilung der
angeforderten Devisenbeträge ausdrückte, ist großenteils mit auf die
Tätigkeit der Golddiskontbank zurückzuführen, obwohl sie die Gren-
zen ihrer Leistungsfähigkeit, besonders ihre Rediskontmöglichkeiten
im Auslande, niemals voll ausgenutzt hat. Durch die Neuordnung des
Notenbankwesens in Deutschland nach dem Dawesplan ist die Gold-
diskontbank in der neuen Reichsbank aufgegangen, doch bleibt ihr
bewährter Apparat innerhalb der Reichsbank zunächst erhalten.

Die Kreditpolitik der Reichsbank.

Bei Gründung und Konstruktion sowohl der Rentenbank wie auch
der Golddiskontbank mußte darauf Rücksicht genommen werden, daß
die Einheitlichkeit der Währungs- und Kreditpolitik unbedingt gewahrt

*) In der Regel haben sich die Kreditnehmer bei der Golddiskontbank, die den
kreditierten Auslandsvalutabetrag entweder gar nicht oder nur zum Teil effektiv
DERSUSTT zu verpflichten, die nicht benötigte Valutasumme an die Reichsbank weiter-
        <pb n="338" />
        294 Reichsbankrat Alfred Speer:

blieb, Gerade in der äußerst schwierigen Stabilisierungsperiode mußte
sie mehr denn je in einer Hand — nämlich bei der Reichsbankleitung —
vereinigt liegen, wenn die deutsche Wirtschaft die Erschütterungen,
welche die Umstellung auf eine feste Währungsgrundlage nach allen
geschichtlichen Erfahrungen mit sich bringen mußte, mit Erfolg über-
stehen sollte, Es galt, die mit der Gründung der Rentenbank ein-
geleitete und durch die Golddiskontbank gestützte Stabilität des Geld-
wertes unter allen Umständen aufrechtzuerhalten. Und diesen obersten
Grundsatz ihrer Politik mußte die Reichsbank in ihrem eigenen Ge-
schäftsverkehr sowohl wie auch in der Erteilung der Rentenbank- und
Golddiskontbankkredite mit aller Energie zur Geltung bringen; denn
eine neue Inflation mußte um jeden Preis vermieden werden.

Als die Umstellung der deutschen Wirtschaft auf die Goldrech-
nung allgemein wurde, ergab sich mit erschreckender Deutlichkeit, daß
der Zusammenbruch der Währung die gesamte Grundlage der Volks-
wirtschaft verschoben hatte, Das vorhanden gewesene Kapital war
in einem Maße verzehrt worden, wie es selbst die besten Kenner der
Wirtschaft in der Inflationszeit nicht voll erkannt hatten. Im beson-
deren waren die Betriebskapitalien der Wirtschaft fast völlig zerstört
oder festgelegt. Die deutsche Wirtschaft als Ganzes ging verarmt und
illiquide aus der Geldentwertungszeit hervor. Die zwangläufige Folge
war ein außerordentlicher Kreditbedarf, Ihn zu mildern war die
Reichsbank bemüht, ihn völlig zu befriedigen war sie aber auch mit
Hilfe der Rentenbank- und Golddiskontbankkredite nicht imstande.
Die Geldsummen, welche sie aus der Notenpresse heraus der Wirt-
schaft zur Verfügung stellen konnte, ohne die Währung zu gefährden,
reichten bei weitem nicht aus, um die durch die Inflation gerissene
Lücke auszufüllen, Doch so schwer auch die Stabilisierungskrise für
die Wirtschaft sich gestaltete, so unterschied sie sich doch von der
Inflationskrise grundsätzlich dadurch, daß sie von der Befolgung alt-
bewährter Prinzipien ausging und von dem gesunden Bestreben be-
gleitet war, mit allen Mitteln die Wiedereinführung wirtschaftlich-
rationeller Handlungsweise herbeizuführen,

Nachdem die erste Hilfe, welche der privaten Wirtschaft in Gestalt
der Rentenmarkkredite zur Verfügung stand, verbraucht war, ähnlich
wie die dem Reich zur Verfügung gestellten Summen, zeigten sich in
den ersten Monaten des Jahres 1924 gewisse Anzeichen einer Ge-
fährdung der Stabilität der Mark und Rentenmark. Der Markkurs im
Auslande zeigte Schwankungen bis zu 15 % unter die Parität, Die
Devisendeckung wurde immer knapper, die Quote der Zuteilung auf
die täglichen Devisenanforderungen mußte bis auf 1% der angefor-
derten Summen herabgesetzt werden, Die Handelsbilanz gestaltete sich
        <pb n="339" />
        Die Gesundung der Währung in Deutschland, 295
stark passiv, die Warenpreise stiegen. Doch die Mitte April ein-
setzende Kreditrestriktion der Reichsbank, d. h. die Vermeidung wei-
terer Kreditausdehnung, genügte, um die Währungslage wieder zu be-
festigen, Der Erfolg drückte sich nicht nur in einer Erleichterung
des Status der Notenbank aus, sondern auch in anderen wichtigen
Wirtschaftsziffern. Die Devisenlage besserte sich, die angefor-
derten Devisenbeträge konnten in erhöhtem Umfang, seit Anfang
Juni voll, zugeteilt werden, und darüber hinaus konnte die Reichs-
bank ihre Devisenbestände verstärken. Der Kurs der Mark im
Auslande hielt sich stabil, und die Warenpreise schlugen eine sinkende
Richtung ein,

Daß die Kreditbeschränkungen dem Wirtschaftsleben schwere
Lasten und Opfer auferlegen würden, war von vornherein klar, aber
sie mußten in Kauf genommen werden. Die Wirtschaft mußte von den
ungesunden Elementen gereinigt werden, Übrigens handelte es sich
bei den auftretenden Zahlungsstockungen und Konkursen fast aus-
schließlich um Gründungen der schlimmsten Inflationszeit, Soweit
auch alte solide Firmen, die sich von leichtfertigen Spekulationen fern-
gehalten hatten, in Schwierigkeiten gerieten, versuchte die Reichsbank
stets zu helfen, freilich nur innerhalb der ihr durch die Rücksicht auf
die Währung gezogenen Grenzen. Sie war vor allem bestrebt, im
Rahmen des für richtig erkannten Kreditkontingents eine möglichst
zweckmäßige Verteilung der Kredite vorzunehmen unter dem Gesichts-
punkte volkswirtschaftlicher Notwendigkeit und Dringlichkeit. Ferner
war die Reichsbank bemüht, die krisenhaften Auswirkungen der
Kreditbeschränkung durch ihre Zinspolitik soweit wie irgend möglich
zu mildern, und hielt, besonders auch mit Rücksicht auf die Landwirt-
schaft, beharrlich an dem Diskontsatz von 10 % fest, obwohl die Sätze
des freien Marktes bei dem starken Mißverhältnis zwischen Angebot
und Nachfrage an Leihkapital sich zeitweise ganz erheblich über den
offiziellen Satz stellten. Mit der einfachen Anwendung der Diskont-
schraube war unter den geschilderten ganz außergewöhnlichen Um-
ständen der Geldmarkt nicht zu regeln. Die Erfahrung hat gelehrt, daß
der angestrebte Erfolg mit der Kreditbeschränkung auch ohne über-
mäßige Steigerung des amtlichen Diskontsatzes erreicht werden
konnte. Eine weitere Erleichterung der Kreditlage erstrebte die
Reichsbank dadurch, daß sie ihren ganzen Einfluß einsetzte, um alle
verfügbaren Kapitalien, besonders die öffentlichen Gelder, straff zu-
zammenzufassen und auf volkswirtschaftlich gesunde Zwecke hinzu-
lenken. Um die Kapitalbindung auf längere Fristen zu begünstigen, hat
ferner die Reichsbank den Kreis der lombardfähigen Papiere durch
Einbeziehung von auf Sachwert basierenden Schuldverschreibungen
        <pb n="340" />
        296 Reichsbankrat Alfred Speer:
erweitert, sah sich allerdings genötigt, dem Lombardverkehr ganz all-
gemein enge Grenzen zu ziehen.

Daneben liefen die Bestrebungen, den Zahlungsmittelumlauf zu
vereinheitlichen und zu verbessern. Der Einziehung des Notgeldes
wurde größte Aufmerksamkeit geschenkt. Auch die vielfach gefälsch-
ten kleinen Abschnitte der sogenannten Goldanleihe wurden ein-
gezogen, Eine Verbesserung des Zahlungsmittelverkehrs ist ferner in
der Ausgabe des neuen Silbergeldes auf Grund der Verordnung vom
10. März 1924 zu erblicken, obwohl die Münzen mit einem Feingehalt
von nur °°°/, 0 (gegenüber °°/,. in der Vorkriegszeit) ausgeprägt sind.

So kamen die deutsche Währung und das deutsche Geldwesen
wieder in geordnete Bahnen, schneller, als in der Zeit der schlimmsten
Inflation kaum irgend jemand in der ganzen Welt geglaubt hatte. Die
Maßnahmen, die dazu nötig waren, waren tief einschneidend und
brachten uns wie anderen Ländern in ähnlicher Lage (Tschecho-
slowakei, Österreich) die schweren Erscheinungen einer Gesundungs-
krise. Das Gleichgewicht zwischen Einnahmen und Ausgaben für
die öffentlichen Haushalte und {für die ganze Wirtschaft im Innern
wie im Verkehr mit dem Auslande wurde durch eine planmäßige
Währungs- und Wirtschaftspolitik erzwungen, Größte Einschränkung
auf allen Gebieten sowie die Heranziehung aller verfügbaren und im
Kreditwege erreichbaren Mittel war dabei erforderlich. Die steuer-
liche Belastung der Wirtschaftskreise mußte auf das äußerste an-
gespannt und ein für Deutschland ungewöhnlich hohes Zinsniveau in
Kauf genommen werden,

Die neue Goldnotenbank,

Das weitere Streben mußte dahin gehen, den erreichten Erfolg für
die Dauer zu befestigen und gleichzeitig das durch die Hilfsinstitute
kompliziert gewordene Geld- und Währungswesen zu vereinheit-
lichen, Diesem Zwecke dient die in dem Dawes-Gutachten vor-
gesehene und im Reichsgesetz vom 30. August 1924 geschaffene neue
Goldnotenbank, Ihre Begründung bildet einen Schlußstein in der Kette
der währungspolitischen Maßnahmen zur Gesundung der Währung in
Deutschland, Ob Deutschland die im Schlußprotokoll von London vom
16, August 1924 vorgesehenen enormen Leistungen wird aufbringen
können, muß die Zukunft zeigen. Voraussetzung für die Aufbringung
und Überführung der Reparationszahlungen ist nach dem Gutachten
selbst die Aufrechterhaltung einer festen Währung und einer geordne-
ten Wirtschaft, Die für die Durchführung der Reparationszahlungen
verantwortlichen Organe werden also nicht nur den Devisenmarkt
beobachten, sondern auch den Stand der gesamten deutschen Wirt-
        <pb n="341" />
        Die Gesundung der Währung in Deutschland, 297
schaft fortlaufend sorgfältig berücksichtigen müssen. Die zur Erfüllung
der Zahlungsverpflichtungen der deutschen Wirtschaft durch Steuern
und Zinsen entzogene Kaufkraft wird der Wirtschaft großenteils im
Kreditwege überlassen werden müssen zur Vermeidung schwerer Stö-
rungen, die sich letzten Endes in einer neuen Währungskrise auswirken
müßten,

Zugleich mit dem Bankgesetz wurden am 30, August
1924 das Privatnotenbankgesetz, das Gesetz über die Liquidierung des
Umlaufs der Rentenbankscheine und das Münzgesetz erlassen. (RGBl.
1924 Teil II Nr. 32 S.235ff.) Nach diesen Gesetzen wurde die alte
deutsche Reichsbank in das neue im Dawes-Gutachten vorgesehene
Noteninstitut umgewandelt, Organisation und Geschäftstätigkeit der
neuen Reichsbank schließen sich eng an das Alte an, aber immerhin
mit Änderungen in wichtigen Punkten,

Eine grundlegende Neuerung bedeutet die Mitwirkung des
Auslandes bei der Bank, ausgeübt durch den Generalrat und
durch den Notenkommissar, Der Generalrat besteht aus
14 Mitgliedern, und zwar zur einen Hälfte aus Deutschen und zur an-
deren aus Ausländern. Seine Aufgabe besteht im allgemeinen darin,
die Berichte des Präsidenten und des Kommissars fortlaufend zu
prüfen sowie über Vorschläge des letzteren zu beschließen, Der Kom-
missar ist eines der ausländischen Mitglieder des Generalrates, Er hat
insbesondere die Kontrolle des Notenumlaufs unter sich und führt aus-
schließlich den Kontrollstempel, den jede ausgegebene Banknote tra-
gen muß. Die Disposition über das Reparationskonto, auf welchem bei
der Reichsbank die Reparationszahlungen angesammelt werden, ist
dem Transferkomitee und dem Agenten für die Repa-
rationszahlungen vorbehalten,

Gewisse Abweichungen des neuen Banksystems von dem früheren
zielen auf eine vollständige Absonderung des Zentral-
noteninstitutes von der Finanzgebarung des Reichs
und der Länder sowie von politischen Einflüssen ab. Während sonst
der Geschäftskreis der Bank im wesentlichen derselbe geblieben ist
wie bisher, wurde das Verhältnis zu den Reichsfinanzen streng ge-
regelt, Kredite an die allgemeine Reichsverwaltung dürfen nur auf
3 Monate und nur bis zu einem Höchstbetrage von 100 Millionen
Reichsmark gewährt werden, mit der weiteren Einschränkung, daß am
Ende des Geschäftsjahres keinerlei Verschuldung des Reichs gegen-
über der Bank vorhanden sein darf, Die Reichsbankkredite an Reichs-
post und Reichsbahn sind ebenfalls beschränkt, und zwar auf zu-
sammen 200 Millionen Reichsmark, Der Grundsatz der Unabhängig-
keit der Reichsbankleitung von der Reichsregierung wurde erneut
        <pb n="342" />
        298 Reichsbankrat Alfred Speer:

ausgesprochen. Das frühere Reichbankkuratorium, das Aufsichtsorgan
der Reichsregierung über die Reichsbank, ist in Wegfall gekommen.
Der Reichsbank ist lediglich die Verpflichtung auferlegt, der Regierung
in regelmäßigen Zeitabständen sowie jederzeit auf Ersuchen Bericht zu
erstatten, Die Verwaltung der Bank liegt wie bisher in den Händen
des Reichsbankdirektoriums, das ausschließlich aus deutschen Staats-
angehörigen besteht, Präsident und Mitglieder des Direktoriums sind
nicht mehr von der Reichsregierung auf Lebenszeit ernannte Beamte,
sondern werden nach bestimmten Vorschriften (8 6) auf 4 bzw. 12 Jahre
bestellt; dagegen wurde für alle übrigen Reichsbankbeamten die bis-
herige Grundlage des Beamtenverhältnisses, soweit tunlich, beibehal-
ten, Die Rechte und Pflichten der Reichsbankbeamten sind durch ein
besonderes Beamtenstatut geregelt worden.

Das Grundkapital der Reichsbank von 180 Millionen Mark
der früheren Währung wurde durch Beschluß der außerordentlichen
Generalversammlung vom 4. Oktober 1924 auf 90 Millionen Reichs-
mark umgestellt und das Direktorium ermächtigt, eine Erhöhung des
Kapitals um 210 Millionen Reichsmark auf den in 8 5 des neuen
Bankgesetzes vorgesehenen Mindestbetrag von 300 Millionen Reichs-
mark vorzunehmen. So wurde im Januar 1925 das Reichsbankkapital
unter Annahme der Golddiskontbankaktien zum Betrage der bereits
erfolgten Einzahlung und eines kleinen Postens von Aktien der
Schleswig-Holsteinschen Girobank auf 122 788 000 Reichsmark erhöht.
Eine weitere Erhöhung ist zunächst nicht in Aussicht genommen. Über
die Aktiven und Passiven der neuen Reichsbank gibt die Bilanz und
der Verwaltungsbericht Aufschluß.

Die Notendeckung wurde auf 40 % in Gold oder Devisen
festgelegt, wobei drei Viertel der Deckung in effektivem Golde be-
stehen müssen, Darüber hinaus hat die Bank auch die täglich fälligen
Verbindlichkeiten zu 40 % in sofort verfügbaren Depositen in Deutsch-
land oder im Auslande, in Schecks auf andere Banken, in Wechseln mit
einer Laufzeit von höchstens 30 Tagen oder täglich fälligen Lombard-
forderungen sicherzustellen; eine Vorschrift, die im alten Bankgesetz
fehlte,

Das Notenausgaberecht wurde der Reichsbank auf
50 Jahre, und zwar ihr ausschließlich, verliehen. Neben ihr blieben nur
die vier Privatnotenbanken mit einem Notenausgaberecht von zusam-
men höchstens 194 Millionen Reichsmark bestehen. Bis zur Beendi-
gung der Liquidation der Rentenbank bemißt sich gemäß $ 3 des
Privatnotenbankgesetzes das Notenausgaberecht der vier Privatnoten-
banken auf zusammen 8,5 % des Umlaufs an Reichsbanknoten, Die
alten Marknoten, die sobald wie möglich eingezogen und durch neue
        <pb n="343" />
        Die Gesundung der Währung in Deutschland, 299
Reichsmarknoten ersetzt werden sollten im Wertverhältnis von
1 Billion Mark = 1 Reichsmark, sind durch Bekanntmachung des
Reichsbankdirektoriums vom 5. März 1925 aufgerufen worden und haben
am 5, Juni 1925 ihre Eigenschaft als gesetzliches Zahlungsmittel ver-
loren. Das Notenausgaberecht der Golddiskontbank, welches übrigens
niemals in Anspruch genommen worden ist, ist erloschen und die
Rentenbank in ihrer bisherigen Form in Liquidation getreten. Der
Betrag der ausgegebenen Rentenbankscheine, deren Zurückziehung
innerhalb längstens 10 Jahren durch die Reichsbank durchgeführt sein
muß, hat in Durchführung des Gesetzes über die Liquidierung des Um-
laufs an Rentenbankscheinen bereits eine Verminderung erfahren, teils
durch Barrückzahlungen der Reichsbank an die Rentenbank ä conto
ihres Darlehns, teils mit Hilfe des Tilgungsfonds gemäß $ 6 und 7 des
Rentenbankliquidierungsgesetzes. Die Rentenmark wurde in das feste
Wertverhältnis von 1 Rentenmark = 1 Reichsmark gesetzt. Das
Kapital der Rentenbank wurde auf 2 Milliarden Rentenmark herab-
gesetzt und nur von der Landwirtschaft aufgebracht unter Aufhebung
der Belastung der industriellen, gewerblichen und Handelsbetriebe und
unter Erhöhung der Belastung der landwirtschaftlichen Grundstücke
von 4% auf 5 % des Wehrbeitragswertes bei einer Verzinsung der
Grundschulden mit 5 % jährlich statt bisher 6 %. Die Abwicklung der
durch die Reichsbank und die Privatnotenbanken an die Wirtschaft
gegebenen Kredite, die innerhalb von 3 Jahren ab 1, Dezember 1924
erfolgen soll, hat programmäßig eingesetzt. Die künftigen Aufgaben
der Rentenbank haben eine vorläufige Regelung erfahren durch die
Schaffung einer Treuhandstelle und sind im Juli 1925 auf die Renten-
bank-Kreditanstalt übergegangen.

In engstem Zusammenhange mit der Umformung der Reichsbank
steht auch die Neuordnung des Münzwesens. Der $ 1 des
neuen Münzgesetzes beginnt mit denselben Worten wie das alte: „Im
Deutschen Reich gilt die Goldwährung.‘ Die Rechnungseinheit wird
zur Unterscheidung von der früheren Mark jetzt Reichsmark genannt,
eingeteilt in 100 Reichspfennige. Feingehalt und Stückelung der neuen
Goldmünzen sind unverändert geblieben. Gewicht und Gehalt der
Silber- und der kleinen Scheidemünzen werden vom Reichsfinanz-
minister bestimmt, Bis auf weiteres gelten die alten Reichsgoldmünzen
weiter, ebenso die auf Grund des Gesetzes vom 20, März 1924 ausge-
prägten neuen Silbermünzen, desgleichen die Rentenpfennigmünzen und
die alten 1- und 2-Pfennigstücke aus Kupfer. Alleinige gesetzliche
Zahlungsmittel sind fortan die bei Kriegsausbruch in Deutschland
geltenden und die neuen Reichsmark-Goldmünzen und die von der
Reichsbank ausgestellten, auf Reichsmark lautenden Banknoten unbe-
        <pb n="344" />
        300 Die Gesundung der Währung in Deutschland,

schränkt; die Silbermünzen nur bis zum Betrage von 20, die Pfennig-
münzen bis zum Betrage von 5 Mark. Von den Reichs- und Landes-
kassen werden jedoch die Scheidemünzen in jedem Betrage in Zahlung
genommen, Der Gesamtbetrag der Scheidemünzen zu 5 Mark und
darunter darf 20 Reichsmark für den Kopf der Bevölkerung des Reichs
nicht übersteigen. Sie sollen von der Reichsbank nach dem Bedürfnis
des Verkehrs zur Ausgabe gebracht werden.

So haben wir mit dem Inkrafttreten des neuen Bank- und Münz-
gesetzes und der erwähnten Zusatzgesetze in Deutschland die formell
allerdings nie aufgehobene Goldwährung tatsächlich wiedergewonnen.
Die Einlösung der Noten gemäß 8 31 des neuen Bankgesetzes wird
freilich zunächst nicht in Frage kommen können. Aber für die Stabil-
erhaltung des Geldwertes und im besonderen auch für die Geltung der
Reichsmarknoten im internationalen Verkehr dürfte die Frage der Ein-
lösung zunächst auch nicht von ausschlaggebender Bedeutung sein.
Bisher hat außer den Vereinigten Staaten von Amerika nur Schweden
die Einlösungspflicht der Noten in Gold wieder aufgenommen. Die
andern Länder, die die Rückkehr zum Goldstandard beschlossen haben,
sehen sich zunächst alle noch zu Einschränkungen der freien Gold-
währung genötigt. Ob es in Deutschland gelingen wird, die Stabilität
der Währung aufrechtzuerhalten zum Gedeihen der Wirtschaft und des
Staatslebens, das wird nicht nur von einer straffen Wirtschafts- und
Währungspolitik abhängen, sondern besonders auch von einer ver-
ständnisvollen Durchführung der Reparationszahlungen.

384
        <pb n="345" />
        20.

Qualitätsarbeit.
Von Dr. G. Freiherr v. Pechmann,
Abteilungsleiter im Bayrischen Nationalmuseum, München.

1. Der Qualitätsbegriff., Die Qualität eines gewerblichen
Erzeugnisses wird bedingt durch die Güte des Materials, der
Technik und der Form. Unter „Form“ sind hierbei alle Eigen-
schaften des Erzeugnisses begriffen, welche seine ästhetische Wirkung
bedingen. Dieser Qualitätsbegriff ist eine Erweiterung des älteren
„technischen“ Qualitätsbegriffes, Überall, wo Materie durch Menschen-
hand oder durch die Maschine geformt wird, ist ein größerer
oder geringerer ästhetischer Wert, man kann auch sagen: ein Ge-
schmackswert, gegeben. Es wäre aber falsch, anzunehmen, daß
Geschmackswerte immer künstlerische Werte seien, daß Qualitäts-
arbeit also nichts anderes bedeute als der ältere Begriff „Kunst-
gewerbe‘“, Von „künstlerischem'‘ Wert wird man nur da sprechen
können, wo die geformte Materie zum Träger seelischer Werte
geworden ist und die Persönlichkeit des Schaffenden sich in seinem
Werk ausdrückt, was immer nur da der Fall sein wird, wo seine Hand
den Stoff unmittelbar gestaltet und geformt hat. Solchen Werken,
seien es Bilder, Skulpturen, Webereien, Goldschmiedearbeiten, oder
was immer sonst, geben wir eine besondere Stellung als „Kunst-
werken‘“, Weit über diesen Bereich hinaus sehen wir aber die Welt
mit Dingen erfüllt, die bewußt von Menschen gestaltet sind und die
wir ganz allgemein dann als Qualitätsarbeit bezeichnen, wenn ein
kultivierter Geschmack die Formgebung beeinflußt hat und Material
und technische Ausführung allen Anforderungen entsprechen,

2. Die Entwicklung der Qualitätsiorderung, Die Forderung, daß
Qualitätsarbeit nicht nur Material und Technik, sondern auch die Form-
gebung berücksichtigen müsse, entwickelte sich in engem Anschluß an
die kunstgewerbliche Bewegung, die Ende des vorigen Jahrhunderts
in England ihren Ausgang genommen hat, Das Kunstgewerbe des
19, Jahrhunderts ist, ebenso wie die Architektur jener Zeit, dadurch
gekennzeichnet, daß es die Stilformen vergangener Epochen nach-
ahmte und auch nicht davor zurückschreckte, wertvolle Materialien
        <pb n="346" />
        302 Dr. G. Freiherr v. Pechmann:

durch billige Ersatzstoffe vorzutäuschen. In Deutschland tritt der
Wendepunkt ein mit der Gründung des „Deutschen Werkbundes‘ im
Jahre 1907. Eine Gruppe von Künstlern, Kunsthandwerkern, gewerb-
lichen Unternehmern und Volkswirten schloß sich damals zusammen,
mit der programmatischen Erklärung: „Wir verstehen unter Qualität
nicht nur ausgezeichnete, solide Werkarbeit und die Verwendung tadel-
loser echter Materialien, sondern auch die mit diesen Mitteln durch-
geführte organische Idee der sachlichen, edlen oder künstlerischen Ge-
staltung, Wir lieben die Kunst der Vergangenheit und die Erzeugnisse,
die uns aus der Blütezeit des deutschen Handwerks überliefert worden
sind, Aber gerade weil wir die alte Kunst lieben, hüten wir uns, sie
durch Nachahmungen schlecht zu machen.“ Man beschränkte sich bei
dieser Forderung durchaus nicht auf das engere Gebiet des Kunsthand-
werks, Was man von der Arbeit des einzelnen Künstlers und Hand-
werkers verlangte, nämlich eine durchgeistigte Ausbildung der Form,
das erwartete man jetzt auch von Ingenieurwerken jeder Art, wie
Maschinen, Brücken und technischen Anlagen, aber auch von den Er-
zeugnissen der auf Massenproduktion eingestellten modernen Industrie.
Das Grundsätzliche der Qualitätsforderung war auf jedem dieser Ge-
biete die Übereinstimmung von Material, Technik und Form; die Ver-
schiedenartigkeit der Ergebnisse erwuchs dann von selbst aus der Ver-
schiedenartigkeit der Arbeitsmethoden und der Zwecke. Im hand-
gearbeiteten Einzelstück des Künstlers und Kunsthandwerkers ist dem
künstlerischen Spieltrieb in Form und Ornament keine Grenze gezogen.
Technische Werke dagegen verlangen strenge Anpassung an den Zweck,
klare Durchbildung der konstruktiven Form. Die Massenerzeugnisse der
Industrie endlich sollen darauf verzichten, als billige Nachahmungen
handgearbeiteten Kunstgewerbes zu erscheinen; ihre Qualität muß
aus der zielbewußten Anwendung der modernen Maschinentechnik bei
der Bearbeitung des Materials erwachsen.

3, Die Qualität des Materials, Qualitätsarbeit hat zur Voraus-
setzung, daß der Verfertiger dem Material, das er bearbeitet, Ver-
ständnis und Liebe entgegenbringt; er tut dem Material keinen Zwang
an, sondern läßt sich bei der Formgebung und bei der technischen Be-
arbeitung von den besonderen Eigentümlichkeiten des Werkstoffes
leiten. Das gilt sowohl für die Handarbeit wie für die Maschinenarbeit.
Hieraus erwächst von selbst die weitere Forderung, kein Material durch
andere Stoffe zu imitieren. Qualitätsarbeit ist immer echt im Material.
Dabei ist zu beachten, daß es an sich keine unechten Stoffe gibt. Jeder
Stoff ist echt. Zum Surrogat wird er erst dadurch, daß die auf ihn
verwendete Bearbeitungsart und Formgebung einem anderen Stoff ent-
liehen wird, Um dies an einem Beispiel klarzumachen: Eine licht-
        <pb n="347" />
        Qualitätsarbeit, 303
beständige, geschmackvoll bedruckte Papiertapete kann Qualitätsarbeit
sein; wird jedoch dem gleichen Papier eine Bearbeitung zuteil, die ihm
das Aussehen gepreßten Leders verleiht, so ist es für die Qualitäts-
beurteilung nicht mehr Papier, sondern imitiertes, unechtes
Leder, und damit ist es aus der Klasse der Qualitätserzeugnisse aus-
geschieden. Der Wert des Materials spielt für die Qualitätsbeurtei-
lung keine Rolle. Ein Gebrauchsgegenstand, der nur für kurzen Ge-
brauch bestimmt ist, kann aus billigem und vergänglichem Stoff erzeugt
und dennoch Qualitätsarbeit sein, Der vergängliche Stoff wird erst
dadurch zum „schlechten‘ Stoff, daß er für Gebrauchszwecke ver-
wendet wird, die Dauerhaftigkeit des Materials verlangen. Ein kost-
barer Lederband mit geschmackloser Goldpressung ist trotz seiner
Dauerhaftigkeit und seines hohen Materialwertes keine Qualitätsarbeit.
Ein billiger Pappband in gutem Papier wird Qualitätsarbeit sein, wenn
Einband, Schnitt, Rückenschild und Schrift eine künstlerische Gesamt-
wirkung ergeben,

4. Die Qualität der Technik, Kein technisches Verfahren ist an sich
qualitätssteigernd oder qualitätsmindernd. Dies gilt vor allem für die
Bewertung der Maschinenarbeit im Gegensatz zu der Handarbeit. Nicht
die Maschinentechnik macht manche Arbeit minderwertig, sondern die
Unfähigkeit des Menschen, die Maschine richtig anzuwenden.
Maschinentechnik, welche Handarbeit nachahmt, muß ihre eigenen
Vorzüge verleugnen, ohne den Vorzug wirklicher Handarbeit erreichen
zu können, Jede Überladung mit Schmuck und jede unsachliche Form
kann maschinell hergestellte Dinge abstoßend machen. Für die Hand-
arbeit gelten völlig andere Grundsätze. Wie dem Wesen der Maschine
eine vollkommene Genauigkeit entspricht, so entspricht dem Wesen der
Handtechnik eine gewisse Wärme und Beseeltheit der Bearbeitung, die
vor Zufälligkeiten und kleinen Unregelmäßigkeiten nicht zurück-
schreckt, Die Gegenwart begeht häufig den Fehler, daß sie die Ge-
nauigkeit der Bearbeitung auch zum Maßstab für die Bewertung von
Handarbeit macht. Und doch muß die mathematische Geradheit
der Linie, die Schärfe der Winkel und die Glätte der Flächen da als
Mangel erscheinen, wo von der unmittelbaren Einwirkung der mensch-
lichen Hand eine Beseelung der Materie erwartet wird.

5. Die Qualität der Form, Qualitätsarbeit läßt sich nur da erzielen,
wo die Formgebung von allem Anfang an sowohl der Eigentümlichkeit
des Materials wie der Eigentümlichkeit der angewandten Technik
Rechnung trägt. Die alte Handwerksarbeit entwickelte die Form ganz
natürlich während des Arbeitsprozesses, Schwierige Probleme traten
erst auf, als die Rationalisierung der Technik es notwendig
machte, vor Beginn des Arbeitsprozesses durch eine Zeichnung oder
        <pb n="348" />
        304 Dr. G. Freiherr v. Pechmann:

ein Modell die Form bis in alle Einzelheiten festzulegen. Jetzt
entwickelte sich der Stand der „Entwerfer‘, die mit dem Arbeitsprozeß
nichts zu tun hatten, Die formschaffende Arbeit vollzog sich ganz auf
dem Papier, und so entstanden Dinge, die handwerklich gedacht waren,
häufig sogar alte Handwerksarbeit zum Vorbild hatten, dann aber der
Maschine zur Ausführung übergeben wurden. Solche Erzeugnisse
mußten , notwendigerweise an einer inneren Unwahrhaftigkeit leiden
und konnten deshalb einem kultivierten Geschmack nicht genügen. Mit
Recht hielt man solchem Talmi-Kunstgewerbe die Erzeugnisse der
Ingenieurkunst entgegen, wo Entwurf und Ausführung aus dem gleichen
modernen Geist geboren waren und deshalb als Zeugnisse einer neuen
technischen Formschönheit erschienen. Erzeuger und Verbraucher
müssen sich heute zu der klaren Erkenntnis durchringen, daß von dem
maschinell hergestellten Gebrauchsgegenstand eine andere Art von
Schönheit verlangt werden muß als von dem handwerklich und künst-
lerisch durchgebildeten Einzelstück, Für die Formgebung der Hand-
arbeit haben sich die Voraussetzungen seit Jahrtausenden nicht ge-
ändert; hier wird es sich immer darum handeln, das Erzeugnis durch die
ganz persönliche Einwirkung des Schaffenden zu beseelen, es nach
Möglichkeit zu jener Höhe zu erheben, wo es als Kunstwerk zu wirken
beginnt. Für die Formgebung maschineller Arbeit bedarf es
auf seiten des Entwerfers einer klugen Einsicht in das Wesen der
Maschine; er wird sich beschränken müssen, gediegene, zweckmäßige
und geschmackvolle Arbeit zu leisten und auf alle Wirkungen zu ver-
zichten, die der Maschine nicht gegeben sind.

6. Die Erziehung zur Qualitätsarbeit. Die Schulverwaltungen aller
Kulturstaaten haben in den letzten Jahrzehnten die Erkenntnis ge-
wonnen, daß es zu den wichtigsten Erziehungsaufgaben unserer Zeit
gehört, in der heranwachsenden Jugend das Gefühl und das Ver-
ständnis für wirkliche Qualitätsarbeit zu wecken. Die älteren Unter-
richtsmethoden, welche einseitig die Ausbildung des Intellekts ver-
folgten, werden in der Gegenwart überall durch die Grundsätze des
Arbeitsunterrichts verdrängt, Sein Ziel ist die Vergegenständlichung
des Unterrichts, Lernen durch das Auge statt wie bisher durch das Ohr,
Begreifen mit der Hand statt des ausschließlichen Begreifens im Kopfe.
In fortgeschrittenerem Alter dient den gleichen Aufgaben der eigent-
liche Werk- oder Handwerksunterricht, dem sich sodann die Aus-
bildung in gewerblichen Fortbildungsschulen, in Fachschulen und —
für künstlerisch Begabte — in den Kunstgewerbeschulen anschließt,
Während aber heute für die unteren Gruppen der arbeitstätigen Kreise
der Werkunterricht fast überall durchgeführt ist, fehlt es an gleich-
artigen Bildungsmitteln für die geistigen Leiter der Produktion, für die
        <pb n="349" />
        Qualitätsarbeit, 305
Fabrikbesitzer, die Fabrikdirektoren und die Betriebsleiter, Diese
nehmen fast durchweg einen einseitigen kaufmännischen oder tech-
nischen Bildungsgang, und so ist es nicht zu verwundern, daß gerade
bei den leitenden Personen der Industrie sich häufig eine große Un-
sicherheit in allen Form- und Geschmacksfragen findet, Diese Per-
sonen bestimmen aber die Erscheinung und die Qualität weitaus der
meisten Dinge, die uns Menschen der Gegenwart umgeben, während
die Werkmeister, Arbeiter und auch die Zeichner und Modelleure
moderner Fabrikbetriebe meist nur ausführende Organe sind, die bis
in alle Einzelheiten der Formgebung und Materialbearbeitung an die
ihnen gegebenen Weisungen gebunden sind. Eine wichtige Bildungs-
aufgabe ist hier noch zu erfüllen, von deren richtiger Lösung in ganz
besonderem Maße die Qualität der Produktion in Zukunft ab-
hängen wird.

7. Der Qualitätssinn der Verbraucher, Die Erzeugung billiger und
geschmackloser Ware wird von den Produzenten häufig damit be-
gründet, daß das Publikum nach solcher Ware verlange. Jedoch wird
die oft gebrauchte Wendung: „Das Publikum will es so‘ den Tatsachen
nur unvollkommen gerecht. Die Gütererzeugung der modernen, kapi-
talistisch organisierten Produktion setzt ja nicht ein Verlangen des Ver-
brauchers voraus, sondern sucht es durch das Warenangebot erst zu
erwecken: sie ist nicht Kundenproduktion, sondern Marktproduktion.,
Das massenhafte Angebot schlechter und geschmackloser Ware hat
erst dazu geführt, den Geschmack großer Verbraucherschichten zu
verderben, Will man in der Gegenwart die Verbraucher zu höheren
Anforderungen erziehen, so wird man vor allem berücksichtigen
müssen, welch große Rolle der Handel in allen seinen verschiedenen
Abstufungen vom Einkäufer oder Grossisten bis herab zur Verkäuferin
spielt. Weder Produzentenschulung noch Verbrauchererziehung führen
zu Qualitätssteigerungen, wenn nicht auch in allen Kreisen des Handels
der Wille zur Qualität erweckt und gefestigt wird.

8. Die volkswirtschaftliche Bedeutung der OQuwalitätsarbeit.
Schlechte und geschmacklose Materialbehandlung ist Materialvergeu-
dung. Qualitätsarbeit steigert den Wert des Werkstoffes aufs höchste
und ist deshalb von besonderer wirtschaftlicher Bedeutung für das
deutsche Volk, das in seinen Rohstoffquellen beschnitten ist, dagegen
über einen großen Reichtum gebildeter Arbeitskraft verfügt. Schlechte
und geschmacklose Materialbehandlung ist aber auch Arbeits-
vergeudung. Es gibt nichts Unsozialeres, als wenn ein Volk
Millionen seiner Angehörigen dazu gebraucht, um Dinge herzustellen,
die weder dem Erzeuger noch dem Verbraucher zur Freude und
dauernden Befriedigung gereichen können. Für die Privatwirtschaft

Die deutsche Wirtschaft,

0
        <pb n="350" />
        306 Qualitätsarbeit,

des Unternehmers kann es mitunter gleichbedeutend sein, ob er
schlechte Ware verfertigt und absetzt oder Qualitätsware; das erstere
kann sogar für ihn — wenigstens vorübergehend — vorteilhafter sein.
Im Interesse der Volkswirtschaft liegt es, daß nur Qualitätsarbeit
geleistet wird, Schlechte und geschmacklose Arbeit verliert rasch
ihren Wert; sie verringert das Vermögen ihres Besitzers und damit den
allgemeinen Wohlstand. Dauerhafte und schöne Arbeit ist wert-
beständig; wo sie sich zu künstlerischer Höhe erhebt, wächst ihr Wert
im Laufe der Zeit. Sie trägt deshalb dazu bei, den Wohlstand der
Nation zu erhöhen,

9, Die weltpolitische Bedeutung der Qualitätsarbeit, Die National-
staaten der Gegenwart stehen sich gegenüber wie große Persönlich-
keiten. Wie über die Persönlichkeit des Einzelnen sich eine allgemeine
Meinung bildet, die sich in Wertschätzung oder Mißachtung, in Be-
wunderung oder dem Mißtrauen anderer äußert, so bildet sich über die
einzelne Nation eine öffentliche Meinung, die sich als Weltmeinung dar-
stellt. Daß diese Weltmeinung existiert und daß sie eine gewaltige
Macht auszuüben vermag, dafür bedarf es nach dem Weltkrieg für den
Deutschen keiner Beweise, Von allen Lebensäußerungen der Nationen
wie der Einzelpersönlichkeit formt nichts so stark und dauernd das
Urteil der Welt als wie das, was sie schaffend hervorbringt. Der haupt-
sächlichste Gegenstand dieser schöpferischen Tätigkeit ist zu ver-
schiedenen Zeiten ein anderer. Einst war es vor allem die nationale
Literatur; in den Industriestaaten der Gegenwart sind es die Erzeugnisse
der gewerblichen Tätigkeit. Mag auch heute noch alles, was in
deutscher Sprache geschrieben, geredet und gesungen wird, der Welt
etwas von Deutschlands Wesen sagen, so liegt es doch schon in der
ungeheuren quantitativen Zunahme der gewerblichen Produktion be-
gründet, daß das, was Deutsche an körperlichen Dingen hervorbringen
und verkaufen, der Welt das Bild der deutschen Nation vermittelt. Von
der Qualität der deutschen Arbeit wird die zukünftige Weltgeltung der
deutschen Nation abhängen.

(Vsl. Pechmann, Die Qualitätsarbeit. Frankfurter Societäts-
druckerei G. m. b. H., Abteilung Buchverlag, Frankfurt a. M., 1924.)
        <pb n="351" />
        ES «OR
Verkehrspolitische Aufgaben der Deutschen Reichspost.
Von Dr.-Ing, Bredow,‚, Staatssekretär im Reichspostministerium.

Der Begriff des Verkehrs ist ein Inbegriff hoher Kultur; die Ver-
kehrspolitik dient der Menschheit im kosmischen Sinne. Ihr Wert für
die Weltwirtschaft liegt in der Art des Verkehrs, die wir unpersönlich
als „Nachrichtenaustausch‘ bezeichnen. Die Entwicklung der Nach-
richtenmittel hat dazu geführt, daß wir heute die Welt als gemeinsamen
Sprechsaal erkennen, ganz gleich, ob wir Flurnachbarn sind oder —
Antipoden. Und die ethischen Aufgaben unserer Verkehrspolitik
krönt als Leitsatz das dankbare Ziel: Schafft dem Menschengeist Wege!

Das Rüstzeug dazu hat die Technik uns reichlich geliefert; doch
fehlt uns die Möglichkeit, alles nach Wunsch zu verwenden. Die
Deutsche Reichspost ist jederzeit eifrig bemüht, jeden technischen Fort-
schritt verkehrspolitisch zu nützen, wo nicht völkerpolitische Hemmung
die Wege versperrt. Aus den Trümmern der alten Verkehrsmittel
wuchs ein Betrieb, der in hohem Maße dem Wirtschaftsbedürfnis
gerecht wird, und dessen Schnelligkeit und Verläßlichkeit Weltruf
genießen. Auf den Wegen, die das Verkehrswesen neuester Zeit in
beispielloser Naturkraftausnutzung geschaffen — der Luftfahrt und dem
elektrischen Nachrichtendienst —, liegt die Zukunft des Weltverkehrs
und ein Erfolg für die Wirtschaft.

Die Lultpost.

Die Einführung des Luftpostverkehrs stützte sich auf reiche
Erfahrungen in der zuverlässigen Verwendung der Luftfahrzeuge im
Kriege, Die Deutsche Reichspost ging darum bald dazu über, den
leistungsfähigen Luftverkehrsunternehmern da, wo es für die Post-
beförderung vorteilhaft schien, die Luftpostbeförderung zu übertragen,
Die ersten Verkehrslinien dieser Art wurden im Jahre 1919 versuchs-
weise eingerichtet, Im Sommer 1920 konnte bereits ein Netz von
800 km Ausdehnung beflogen werden, und im April 1921 hatte sich die
Gesamtlänge des Netzes auf über 4000 km erweitert. Trotz ungünstiger
Verkehrslage und zeitweiliger gänzlicher Betriebseinstellung in den
Wintermonaten der folgenden Jahre führte sich das neue Verkehrs-
mittel mehr und mehr ein und umfaßte im Jahre 1924 rund 7400 km

21.
90*
        <pb n="352" />
        308 Dr.-Ing, Bredow:
mit folgenden wichtigen und unvergleichlich schnellen Auslands-
verbindungen: /

Deutschland mit England, den Niederlanden, Dänemark, Schweden,
Danzig, dem Memelgebiet, Lettland, Litauen, Estland, Finnland, Ruß-
land, Österreich, Ungarn und der Schweiz,

Weiter wurde der Versuch eines planmäßigen Nachtflugdienstes
mit Postbeförderung zwischen Berlin, Warnemünde, Karlskrona und
Stockholm sowie zwischen Berlin, Stettin und Kopenhagen unter-
nommen,

Eine Glanzleistung, die zu den größten Hoffnungen berechtigt, war
die Amerikafahrt des Luftschiffes L Z 126, das etwa 150 kg Briefpost in
drei Tagen über den Atlantischen Ozean schaffte und dadurch die
Beförderungsdauer der Postsachen nach Amerika um nahezu sechs Tage
verkürzte.

Werden auch die Vorteile der Luftpost von der Handelswelt noch
nicht genügend beachtet, so ist doch ein erfreuliches Anwachsen der
Verkehrsziffern bei der Luftpostbeförderung zu verzeichnen, Gern
benutzt werden die Flugzeuge auch zur Beförderung von Zeitungen zum
schnellen Massenabsatz am Erscheinungstag in Orten, nach denen die
Zeitungen mit der Eisenbahn erst am folgenden Tage oder später
gelangen. Unbestreitbar ist die Luftpost heute ebenso unentbehrlich
wie die ganze friedliche Luftfahrt. Der weitere Ausbau der Luftpost-
verbindungen muß deshalb mit allen Mitteln und im Verein mit der
Funktechnik, der der wichtigste Teil des Flugsicherungsdienstes zufällt,
gefördert werden. Dabei kommt es vor allem darauf an, große
internationale Linien zu schaffen, auf denen die Schnelligkeit des Flug-
zeugs in wesentlicher Beschleunigung des Postverkehrs zum Ausdruck
kommen kann, Ein Haupterfordernis für solche Verbindungen ist die
möglichst ununterbrochene Fortsetzung der Beförderung durch
Aneinanderreihung von Tag- und Nachtflügen und, solange wir einen
genügend entwickelten Nachtflugdienst noch nicht haben, durch gutes
Zusammenarbeiten von Luftfahrt, Eisenbahn und Schiffahrt. Soweit
Luftposten auch im Innern des Reiches verkehren, werden sie zunächst
vorwiegend als Zubringerdienst für die internationalen Verbindungen
zu bewerten sein. Für den Luftverkehr ist Deutschland das Herz von
Europa; es würde daher nicht nur für Deutschland, sondern für alle
europäischen Staaten und Völker von größtem Vorteil sein, wenn die
immer noch bestehenden Beschränkungen des deutschen Luftfahrzeug-
baues so bald als möglich beseitigt würden, weil Deutschland seine
wichtige Aufgabe bei der Entwicklung des Weltluftverkehrs und
namentlich auch der Luftpost nur als gleichberechtigter Staat er-
füllen kann.
        <pb n="353" />
        Verkehrspolitische Aufgaben der Deutschen Reichspost. 309
Das Überlandkabelnetz.

Das Telegraphen- und Fernsprechnetz eines Landes hat im wesent-
lichen eine dreifache Aufgabe zu erfüllen. Es dient den unmittelbaren
staatlichen Belangen, indem der gesamte Verwaltungsapparat im
weitesten Sinne des Wortes seiner benötigt. Ferner fördert es das
kulturelle Leben dadurch, daß die einzelnen Glieder eines Volkes oder
die verschiedenen Volksteile eines Landes trotz räumlicher Trennung
in engster Verbindung miteinander bleiben. Vor allem aber ist es ein
unentbehrliches Werkzeug der Wirtschaft, die seiner bedarf, um die
Erzeugung und den Austausch der Güter zu regeln, Man sagt mit
Recht, daß das Schnellnachrichtennetz das Nervensystem des Wirt-
schaftskörpers darstelle, Der Schnellnachrichtenverkehr bedingt die
Leistungsfähigkeit der einzelnen Glieder dieses Körpers und des
Ganzen, Die Zuverlässigkeit des Nachrichtenaustausches gewährleistet
den Zusammenhang aller Teile, sein Versagen führt früher oder später
zur Verkümmerung auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens und der
Wirtschaft,

Diese Wirkungen gehen über die Grenzen des Landes hinaus, Die
Weltgeltung, die ein Land zu beanspruchen und zu behaupten hat und
seine Bedeutung für die Weltwirtschaft hängt in nicht geringem Maße
davon ab, ob es über ein leistungsfähiges Nachrichtennetz in seinem
Innern verfügt und wie dieses Netz in das allgemeine Weltnetz ein-
gegliedert ist. Die englische Weltgeltung und Englands Bedeutung für
die Weltwirtschaft haben ihre stärkste Stütze an dem hochentwickelten
Nachrichtennetz, das von London, dem Nervenzentrum des britischen
Reichs, nach allen Ländern der bewohnten Erde ausstrahlt.,

Soll ein Nachrichtennetz diesen Aufgaben entsprechen, so muß es
möglichst vollkommen sein, d, h. in der Dichte seines Gefüges und in
der flächigen Ausbreitung allen Bedürfnissen der einzelnen Teile des
Landes bis zu den Übergangspunkten nach dem Ausland angepaßt sein,
und es muß an Zuverlässigkeit den höchsten Anforderungen genügen,
Der erreichbare Grad der Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit richtet
sich — abgesehen vom Kostenpunkt — nach dem jeweiligen Stande
der Technik, Jeder Fortschritt muß so schnell wie möglich nutzbar
gemacht werden; denn jede Rückständigkeit auf dem Gebiete des
Nachrichtenwesens macht sich unweigerlich in einem Nachlassen der
Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt bemerkbar. Länder wie
Deutschland, dessen geographische Lage es zu einem ausgesprochenen
Durchgangsland für den Nachrichtenverkehr macht, haben dabei eine
besonders wichtige Aufgabe. Ein unzulängliches oder unzuverlässiges
deutsches Nachrichtennetz schädigt nicht nur die Belange des eigenen
Landes, sondern aller anderen Länder, die auf den Durchgangsverkehr
        <pb n="354" />
        310 Dr.-Ing, Bredow:

durch Deutschland angewiesen sind, Ein leistungsfähiges deutsches
Netz wird anderseits für den europäischen Verkehr von größtem Nutzen
sein und allen Völkern zugute kommen. Ebenso muß Deutschland
seinerseits den größten Wert darauf legen, daß die Nachrichtennetze
der ihm benachbarten oder sonst mit ihm in Beziehung stehenden
Länder in der technischen Ausgestaltung und im Betrieb so vollkommen
wie möglich sind.

Als die Deutsche Reichspost nach dem Kriege vor der Aufgabe
stand, ihr in der Entwicklung gehemmtes und teilweise abgewirt-
schaftetes Telegraphen- und Fernsprechnetz wieder aufzubauen, konnte
es daher nicht genügen, das vorher Gewesene instand zu setzen und
wieder in Gang zu bringen, sondern es mußten alle Mittel der neuzeit-
lichen Technik angewandt werden, um ein Netz zu schaffen, das den
gesteigerten Bedürfnissen des Verkehrs in jeder Hinsicht entsprechen
konnte.

Besonders notleidend war der Überland-Fernsprechverkehr. Zu
seiner Vervollkommnung boten sich zwei technische Errungenschaften.
Die eine, ältere, aus der Zeit vor dem Kriege, war die Anwendung des
Pupinsystems für die Leitungsanlagen des Fernsprechweitverkehrs, die
andere, jüngere, während des Krieges erprobte, die Einführung der Ver-
stärkerröhre in die Fernsprechtechnik. Mit dem Pupinsystem war es
möglich, den bis dahin an ziemlich enge Grenzen gebundenen Fern-
sprechverkehr auf größere Weiten auszudehnen, Es gelang mit seiner
Hilfe, auf Freileitungen bis zu 2000 km Länge (Berlin—Rom) eine aus-
reichende Verständigung zu erzielen. Auch war man kurz vor dem
Kriege so weit, Pupinkabel bis zu 800 km Sprechweite herzustellen,
Das noch vor dem Kriege begonnene und bald nach Friedensschluß
vollendete Rheinlandkabel ist das bekannteste Beispiel eines solchen
Kabels, Mit den langen Freileitungen war aber dem Verkehr nur
mangelhaft gedient, weil sie zu unzuverlässig waren. Die Pupinkabel
waren wegen des großen Kupferbedarfs viel zu kostspielig, als daß sie
allgemein hätten eingeführt werden können. Ihre Sprechweite reichte
zudem nicht einmal für den innerdeutschen Verkehr aus, bei dem Ent-
fernungen bis zu 1600 km (Baden—Ostpreußen) zu überbrücken waren,
geschweige denn für den zwischenstaatlichen Verkehr mit Ent-
fernungen von mehreren tausend Kilometern (z. B. London—Konstanti-
nopel = 3200 km).

Die Lösung brachte die zweite der erwähnten technischen
Errungenschaften, der Fernsprechverstärker, der im Sprechbetrieb die-
selbe Rolle spielt wie das bekannte Relais in der Telegraphie. Jetzt
war es möglich, jede noch so lange Leitung in beliebig viele Abschnitte
einzuteilen, an den Abschnittpunkten Verstärker einzuschalten und auf
        <pb n="355" />
        Verkehrspolitische Aufgaben der Deutschen Reichspost. 311
diese Weise die Sprechverständigung von der Entfernung unabhängig
zu machen, Die Leiterstärke in den Kabeln konnte bis auf die
mechanisch zulässige Grenze herabgesetzt und dadurch eine solche
Kostenverminderung erzielt werden, daß in allen Gebieten mit einiger-
maßen dichtem Verkehr die Kabelanlagen den Freileitungen wirtschaft-
lich überlegen wurden,

Beim Telegraphennetz lagen die Verhältnisse nach dem Kriege
nicht ganz so ungünstig wie beim Fernsprechnetz. Der Bedarf an
Telegraphenleitungen war wesentlich geringer, besondere Schwierig-
keiten für den Weitverkehr gab es nicht, weil brauchbare Relais seit
langem in Benutzung waren; auch bestand in Deutschland seit Ende der
siebziger Jahre ein ausgedehntes Telegraphenkabelnetz, daß das
Rückgrat des inländischen und ausländischen Telegrammverkehrs
bildete. Trotzdem war auch an das Telegraphennetz die bessernde
Hand anzulegen, wenn der Betrieb den gesteigerten Anforderungen der
Neuzeit entsprechen sollte.

Die Unzulänglichkeit der Freileitungen war auch hier auf die
Dauer unvereinbar mit den Betriebserfordernissen. Die Einführung der
Maschinentelegraphen auf allen wichtigen Linien bedingte störungsfreie
Leitungen, wie sie nur ein Kabelnetz bieten konnte. Das vorhandene
unterirdische Netz war wegen seiner veralteten Bauart dafür nicht
geeignet und in den fast 50 Jahren seines Bestehens so verbraucht, daß
es ohnehin erneuert werden mußte. Der Wiederaufbau hatte also auch
den neuen Bedürfnissen des Telegraphendienstes Rechnung zu tragen,

Nach umfassenden Versuchen wurde eine wirtschaftlich und tech-
nisch außerordentlich günstige Lösung darin gefunden, unter Ver-
wendung des Pupinsystems und der Verstärkerröhre einen Mehrfach-
Telegraphenbetrieb mit Wechselströmen von der Art der Fernsprech-
ströme einzurichten, so daß also Kabelleitungen gleicher Bauart
ebensogut für den Sprechverkehr wie für den Telegrammverkehr
benutzbar sind.

Bei dieser Sachlage war der Deutschen Reichspost der Weg vor-
gezeichnet, den sie zu beschreiten hatte, um ihren verkehrspolitischen
Aufgaben gerecht zu werden. Die Arbeiten an dem bestehenden Frei-
leitungsnetz waren darauf zu beschränken, das Netz für die Übergangs-
zeit betriebsfähig zu erhalten, Inzwischen mußte mit größter
Beschleunigung der Plan eines umfassenden, nicht nur für den inner-
deutschen, sondern auch für den zwischenstaatlichen Verkehr be-
stimmten Fernsprech- und zugleich Telegraphenkabelnetzes verwirk-
licht werden,

Die Arbeiten dazu sind seit dem Frühjahr 1921 im Gange und
so weit gediehen, daß im Laufe des Jahres 1925 rund 5000 km Kabel-
        <pb n="356" />
        312 Dr.-Ing, Bredow:
linie mit mehr als 700000 km Stromkreislänge fertig sein werden.
Alle wichtigen deutschen Verkehrsorte sind an das Netz an-
geschlossen, Der Erfolg zeigt sich darin, daß die Pünktlichkeit des
Nachrichtenverkehrs innerhalb des Kabelbereichs allen Anforderungen
entspricht, und daß Unwetterstörungen, wie sie beispielsweise Ende
1924 und Anfang 1925 in den Nachbarländern in großem Umfang auf-
getreten sind, im deutschen Netz immer weniger fühlbar werden,
© Mwst “ Hetsinafors-r © ;
du. atersburg
MOSiäu

OFnO.NER

Die segensreichen Auswirkungen des deutschen Vorgehens in der
Schaffung eines aufnahmefähigen und betriebssicheren Überlandkabel-
netzes kommen namentlich dem Auslandsverkehr, bei dem es sich in
der Regel um besonders lange und deshalb sehr störungsanfällige
Leitungen handelt, zugute. Dies gilt sowohl für die Verbindung
zwischen Deutschland und anderen Ländern, als auch für solche
zwischen anderen Ländern, die durch Deutschland hindurchgehen.
Eine der wichtigsten Voraussetzungen für den Wiederaufbau und die
Entwicklung der europäischen Wirtschaft nach dem Kriege ist die Ver-
einigung der einzelstaatlichen Fernsprechnetze und deren Ausbau zu
einem gemeinsamen alleuropäischen Fernsprechnetz, Um diesen

- nQlensk
        <pb n="357" />
        Verkehrspolitische Aufgaben der Deutschen Reichspost., 313
Zusammenschluß herbeizuführen, hat sich im Jahre 1924 in Paris unter
Beteiligung fast aller europäischen Staaten, auch Deutschlands, ein
„Internationaler Ausschuß für den Fernsprechweitverkehr‘ gebildet,
Dieser Ausschuß setzt sich aus den führenden Fernsprechtechnikern
Europas zusammen. Er entwirft die technischen Regeln für den Bau
der Anlagen des Fernsprechweitverkehrs und berät die Pläne, nach
denen die Liniennetze miteinander in Verbindung gesetzt werden sollen,

Aus dem Gesagten ergibt sich, daß die Deutsche Reichspost auf
diesem Gebiet der Entwicklung in bedeutendem Maße vorgearbeitet
hat. Die beigegebene Karte zeigt, wie das deutsche Netz sich auf allen
Seiten mit den Netzen der Nachbarländer zusammenschließt und so
das Ganze vereinigt. Das deutsche Überlandkabelnetz bildet das Kern-
stück des alleuropäischen Schnellnachrichtennetzes, Von der tech-
nischen Ausgestaltung und dem guten Betriebszustand des deutschen
Netzes hängt daher die Zukunft des europäischen Schnellnachrichten-
verkehrs in erster Linie ab. Die sich hieraus ergebenden Pflichten
stellen der Deutschen Reichspost dauernd eine große Aufgabe, die nur
mit Anspannung aller technischen und geldlichen Mittel erfüllt
werden kann,

Der internationale elektrische Nachrichtenverkehr Deutschlands,

Der Verkehr der Völker untereinander, namentlich in wirtschaft-
licher Beziehung, ist — wie wir soeben gesehen haben — ohne ein
geregeltes elektrisches Nachrichtenwesen heute nicht mehr denkbar.
Die Deutsche Reichspost war sich von vornherein ihrer hohen Aufgabe,
in erster Linie Trägerin der Kultur zu sein, wohl bewußt und daher von
Anfang an bestrebt, für den Verkehr leistungsfähige und dabei doch
billige Absatzwege zu schaffen, die Gebührensätze so niedrig wie mög-
lich zu halten, den Bedürfnissen des Publikums entsprechend Nach-
richtenarten einzuführen, die zu ermäßigten Gebühren befördert
werden konnten (Pressetelegramme, Zurückgestellte (LC-) Telegramme,
Wochenendtelegramme usw.) und schließlich die Betriebsvorschriften
so einfach und so leicht verständlich wie nur irgend angängig zu
gestalten, Das bezieht sich sowohl auf den elektrischen Nachrichten-
verkehr im Inland als auch auf den Verkehr mit dem europäischen,
ganz besonders aber auf die Verbindung mit dem außereuropäischen
Ausland,

Als Ergebnis dieser Bestrebungen verfügte Deutschland schon vor
dem Kriege (neben einem ausgezeichnet arbeitenden Inlandnetz) über
gute und leistungsfähige, zum großen Teil unmittelbare und in genügen-
der Zahl vorhandene Verbindungen mit den Haupthandelsmittelpunkten
Europas, auf denen ein reger Verkehr abgewickelt wurde. Als beson-
        <pb n="358" />
        314 Dr.-Ing, Bredow:

ders lästiger Übelstand war es schon immer empfunden worden, daß
Deutschland keine unmittelbaren Kabelverbindungen nach dem über-
seeischen Auslande hatte; zäher Beharrlichkeit gelang es aber, auch
auf diesem Gebiete schließlich doch noch schöne Erfolge zu erzielen,
wie die hier folgende kurze Übersicht der bei Kriegsausbruch vor-
handenen deutschen Kabel zeigt:

1, Emden—Vigo (in Betrieb genommen 24. Dezember 1896).

© Emden—New York I (1. September 1900).

Emden—New York II (1. Juni 1904).

; Menado—Yap—Guam (27. April 1905).

+. Konstanza—Konstantinopel (20. Juli 1905).

5. Yap—Schanghai (1. November 1905).

7. Emden—Teneriffa (26. August 1909).

8, Teneriffa—Monrovia (21. März 1910).

9. Monrovia—Pernambuco (29. März 1911).

10. Monrovia—Lome—Duala (19. Januar 1913).

Der Vorkriegs-Auslandsverkehr Deutschlands stellte ein getreues
Spiegelbild des damals besonders blühenden deutschen Außenhandels
und der deutschen Wirtschaft dar, was einige aus der Auslands-
Telegrammstatistik entnommene Zahlen belegen mögen: Im Jahre 1913
wurden nach dem Ausland insgesamt aufgegeben 7995020 Tele-
gramme, darunter nach europäischen Ländern 7326 930 Stück, vom
Ausland gingen insgesamt ein 8304 460 Telegramme, darunter aus
europäischen Ländern 7536 770 Stück.

Verkehr mit den einzelnen Ländern:

Nordamerika Südamerika Afrika Asien Australien England
nach 383511 97 208 69630 105710 12 030 1 101 860
von 428 998 112 641 92510 118930 14610 1 434 600

Frankreich Holland Belgien Luxemburg Schweiz Italien
nach 823 220 529 750 464 130 53 810 368 490 3471400
von 0915880 503 410 450 070 58 680 345270 357 350

Österreich-Ungarn Rußland Dänemark Schweden Norwegen
nach 1 578 400 1 095 720 264 720 227 720 149 450
von 1 527 930 1 021 410 242 390 210 440 134 770

Besondere Fürsorge wendete die Telegraphenverwaltung von jeher
dem Telegraphenwesen in den damaligen deutschen Schutzgebieten zu
und hatte auch hier durch zielbewußtes Vorgehen erreicht, daß bei
Kriegsausbruch alle Schutzgebiete mit einem ausreichenden Tele-
graphennetz versehen waren, das den Anforderungen der in erfreulicher
Weise von Jahr zu Jahr mehr aufblühenden Kolonialwirtschaft genügte.
        <pb n="359" />
        Verkehrspolitische Aufgaben der Deutschen Reichspost. 315
Der Verkehrsumfang in den Schutzgebieten im Jahre 1913 wird durch
folgende Zahlen gekennzeichnet:
Ostafrika Südwestafrika Kamerun Togo
Stück Stück Stück Stück
Aufgelieferte Telegramme 96800 93 860 38790 15180
Angekommene Telegramme 94 530 90 870 38980 14360
Deutsche Post Neu-
in China Kiautschou Guinea Samoa”)
Stück Stück Stück Stück
Aufgelieferte Telegramme 24 850 30 560 1100 =
Angekommene Telegramme 19 220 38 430 900 —

Zur elektrischen Nachrichtenübermittlung im Verkehr mit dem
Auslande wurde in der Vorkriegszeit hauptsächlich die Draht- und
Kabeltelegraphie benutzt, während die damals technisch noch weniger
entwickelte Funktelegraphie nur bei solchen Verbindungen verwandt
wurde, die auf anderem Wege nur schwer oder gar nicht zu ermög-
lichen waren, z. B. nach den Schutzgebieten in Afrika. Des weiteren
waren damals aber auch Funkstellen an den deutschen Küsten ein-
gerichtet worden, die es den Schiffen in der Nord- und Ostsee, im
Mittelmeer und bis über die Mitte des Atlantischen Ozeans hinaus
ermöglichten, Tag und Nacht mit der Heimat in unmittelbaren Verkehr
zu treten, Bei Kriegsausbruch waren rund 500 deutsche Handelsschiffe
mit Bordfiunkstellen ausgestattet, die mit den 17 deutschen Küsten-
funkstellen und mit den 9 deutschen Küstenfunkstellen in den Schutz-
gebieten jährlich etwa 25000 Telegramme wechselten. Daneben
erhielten die Schiffe bis auf 3000 km und darüber hinaus von den
deutschen Funkstellen täglich Zeitzeichen, Wetternachrichten, Sturm-
warnungen und die neuesten Pressemeldungen,

Als Ganzes betrachtet, kann man ohne Übertreibung sagen, daß
der deutsche elektrische Auslands-Nachrichtendienst der Vorkriegszeit
allen billigen Anforderungen genügte und durch seine zweckmäßigen,
den Fortschritten der Technik stets sofort angepaßten Einrichtungen
für den deutschen Außenhandel und die deutsche Volkswirtschaft im
allgemeinen eine außerordentlich wertvolle und unentbehrliche Stütze
darstellte,

Der Ausbruch des Krieges
im August 1914 erforderte eine vollständige Umstellung des gesamten
deutschen Telegraphendienstes, denn die deutschen Überseekabel
waren vom Feinde durchschnitten oder weggenommen worden. Ferner
wurde über das ganze Land eine streng durchgeführte Blockade ver-

"*) Die Funkstelle in Samoa war gerade bei Kriegsausbruch fertiggestellt worden
und konnte nicht mehr in Betrieb genommen werden.

“ &amp;
        <pb n="360" />
        316 Dr.-Ing. Bredow:
hängt, so daß Deutschland durch diese feindlichen Maßnahmen beinahe
völlig von der übrigen Welt abgeschnitten war. Trotz dieses starken
Drucks von außen, der sich von Jahr zu Jahr steigerte und das deutsche
Wirtschaftsleben bis auf den Grund erschütterte, gelang es doch,
während der gesamten Kriegszeit den Verkehr mit dem Ausland über
die neutral gebliebenen Länder einigermaßen ordnungsmäßig, wenn
auch mit wesentlichen Einschränkungen, aufrechtzuerhalten. Von
größter Wichtigkeit für Deutschland wurde der gleich zu Anfang des
Krieges zwischen der deutschen Großfunkstelle Nauen und der amerika-
nischen Großfunkstelle Sayville eingerichtete Nachrichtenverkehr,
ebenso wie die etwas später geschaffene Verbindung zwischen der
Funkstelle Tuckerton bei New York und der von der Hochfrequenz-
maschinen A,-G. (Homages) betriebenen Funkstelle Eilvese bei Han-
nover, Dies waren die beiden einzigen Verbindungen nach Übersee,
durch die es Deutschland möglich war, seine Nachrichten über die Vor-
gänge innerhalb Deutschlands und auf den Kriegsschauplätzen an das
anfangs noch neutrale Amerika gelangen zu lassen. Dadurch, daß
Amerika zu Anfang des Jahres 1917 an die Seite unserer Gegner trat,
wurden wir dann auch dieses letzten Verbindungsmittels mit dem über-
seeischen Ausland beraubt. Außerordentlich nützliche Dienste hat uns
während des Krieges auch ein auf Anregung deutscher und spanischer
Handelskreise im Jahre 1916 eingerichteter Funkverkehr zwischen
Königswusterhausen und Carabanchal (später Aranjuez) in Spanien
geleistet. Diese Verbindung, die anfänglich nur unter den durch den
Kriegszustand unvermeidlichen Einschränkungen betrieben werden
konnte, wurde später erheblich erweitert und dann in einen heute noch
bestehenden regelmäßigen Nachrichtenbeförderungsdienst übergeleitet.

In bezug auf die Funktelegraphie während des Krieges sei hier ganz
allgemein gesagt, daß sie als internationales Nachrichtenmittel natur-
gemäß während dieser Zeit stark eingeschränkt werden mußte, dagegen
wurde sie um so mehr für die Zwecke der Heeresleitung zur Verbindung
der einzelnen Kriegsschauplätze und für die militärische Nachrichten-
übermittlung allgemein im weitesten Maße benutzt. Die hierüber
gesammelten Erfahrungen waren für die Weiterentwicklung des gesam-
ten Funkwesens von größtem Nutzen, und die in der Kriegszeit erzielten
Erfolge haben bei der späteren Heranziehung der Funktelegraphie als
Nachrichtenmittel für den allgemeinen internationalen Verkehr eine
bedeutende Rolle gespielt,

Nach Beendigung des Weltkrieges

machten sich die Mängel der durch die jahrelange äußerste Belastung
und nur ganz notdürftige Instandsetzung sehr in Unordnung geratenen
        <pb n="361" />
        Verkehrspolitische Aufgaben der Deutschen Reichspost, 317
Telegraphenleitungen nach fast allen Ländern Europas bemerkbar:
schlechte Verbindung zwischen den Haupt- und den großen Handels-
städten, überhaupt keine unmittelbare Kabelverbindung mehr mit Über-
see, dadurch verursachte, der deutschen Handelswelt sehr unerwünschte
Leitung vieler Telegramme über England u. a, m. Abhilfe tat hier drin-
gend not. Und sie wurde gefunden in der Funktelegraphie, die
ja im Kriege ihre Feuerprobe bestanden hatte und die nun, da weder
an Leitungen noch an Kabel gebunden, hervorragend geeignet war, die
vorhandenen Mängel erheblich herabzumildern. Mit der Indienst-
stellung dieses vorzüglichen Ersatzes zögerte daher die Verwaltung
nicht lange: in rastloser Arbeit wurde vom Beginn des Waffenstill-
standes an bis auf die heutige Zeit an dem Ausbau eines leistungs-
fähigen Funknetzes gearbeitet, und mit einem in Anbetracht der schwie-
rigen Zeitverhältnisse sicherlich nicht unberechtigten Stolz kann
Deutschland heute auf folgendes Funknetz blicken:

Nauen und Eilvese—Abu Zabal (Ägypten),

Nauen—Buenos Aires (Argentinien),

Königswusterhausen—Sofia (Bulgarien),

Königswusterhausen—London (England),

Königswusterhausen—Hapsal (Estland),

Königswusterhausen—Rom (Italien),

Königswusterhausen—Serajewo, Belgrad (Jugoslawien),

Königswusterhausen—Riga (Lettland),

Hannover—Rotterdam (Niederlande),

Königswusterhausen— Wien (Österreich),

Königswusterhausen—Bukarest und Oradeamare (Rumänien),

Nauen—Moskau (Rußland),

Nauen—Aranjuez und Barcelona (Spanien),

Königswusterhausen—Budapest (Ungarn),

Nauen und Eilvese—New York (V. St. v. Amerika).

Über dem Aufbau des neuzeitlichsten Verkehrsmittels, der Funk-
telegraphie, ist der Wiederaufbau der internationalen Telegraphen-
leitungen und der verschiedenen Kabelverbindungen keineswegs ver-
nachlässigt worden, und die Deutsche Reichspost ist andauernd darauf
bedacht, weitere notwendige und zweckmäßige Verbindungen zu
schaffen. In diesem Zusammenhang sei nur kurz der Plan erwähnt,
Deutschland und Amerika wieder durch ein unmittelbares, von Eng-
land unabhängiges Kabel zu verbinden, sowie ferner durch ein in der
Ostsee verlaufendes Kabel nach Rußland einen neuen zuverlässigen
Weg der unmittelbaren Nachrichtenübermittlung für den allgemeinen
Verkehr bereitzustellen.
        <pb n="362" />
        318 Dr.-Ing, Bredow:

Über den Umfang des internationalen Telegrammverkehrs im Jahre
1924 gibt die hier folgende Übersicht Aufschluß:
Nach dem Ausland (europäischer und außereuropäischer

Verkehr) wurden insgesamt aufgegeben. . . . . 6053428 Telegramme

davon entfallen auf den europäischen Verkehr. . 5383762 7
Vom Ausland (europäischer und außereuropäischer

Verkehr) gingen insgesamt ein. . . „7. 106503034 “

davon entfallen auf den europäischen Verkehr. . 5733766 7

Verkehr mit den einzelnen Ländern:

Nordamerika Südamerika Afrika Asien Australien England
nach 1432195 121 137 53402 137914 4.928 772 557
von 460 276 134 281 64917 138312 6 249 875 066

Frankreich Holland Belgien Luxemburg Schweiz Italien
nach 1413977 839 656 195 169 31 959 406633 319897
von 420 591 980 440 207 990 32 060 465911 2324 154

Österreich Ungarn Rußland Dänemark Schweden Norwegen
nach 503 274 57 339 41 428 234814 190 229 114441
von 493 040 70217 50 830 255 848 215 796 126 535

Die Deutsche Reichspost ist andauernd bemüht, den den inter-
nationalen Telegraphen benutzenden Teilen der Bevölkerung, wo immer
nur möglich, Erleichterungen zu gewähren. So sind beispielsweise im
überseeischen Verkehr die „zurückgestellten‘ (LC-) Telegramme wieder
zugelassen worden, neu eingeführt wurden die „Funkbriefe” (RL) im
Verkehr mit Amerika; auch der Presse wird jedes Entgegenkommen
gezeigt, so daß ihr Verkehr neu aufgelebt ist und bereits einen statt-
lichen Umfang angenommen hat. Das jüngste Kind des elektrischen
Nachrichtenwesens, der Rundfunk, hat inzwischen in Gestalt des
Presse-, Wirtschafts- und Unterhaltungsrundfunks im internationalen
Verkehr auch bereits seinen Einzug gehalten, und es besteht begründete
Aussicht, daß dieser Zweig des Nachrichtenwesens einen jetzt noch gar
nicht geahnten Umfang annehmen wird. Außerordentlich zu beklagen
ist es, daß die zur Regelung des internationalen Telegraphen- und Funk-
telegraphenwesens dringend notwendigen und schon längst fälligen Kon-
ferenzen der Welttelegraphenvereins-Verwaltungen wegen des Krieges
und seiner Folgen bis jetzt noch nicht haben stattfinden können, Vor
kurzem hat aber die französische Regierung für das Frühjahr 1925 zu
der im Jahre 1908 in Lissabon beschlossenen Welttelegraphenkonferenz
nach Paris eingeladen, während für die nächste internationale Funk-
konferenz voraussichtlich erst nach Beendigung der Pariser Tagung
Einladungen nach Washington, das 1912 in London als Konferenzort
bestimmt worden war, ergehen werden. In Paris werden, da seit 1908
        <pb n="363" />
        Verkehrspolitische Aufgaben der Deutschen Reichspost. 319
keine Zusammenkunft der Welttelegraphenvereins-Mitglieder mehr
stattgefunden und die Technik inzwischen gewaltige Fortschritte ge-
macht hat, bedeutsame Beschlüsse gefaßt werden müssen. Mit an erster
Stelle werden die Beratungen über eine den neuzeitlichen Verhältnissen
entsprechende Neufestsetzung der internationalen Telegraphen- und
Fernsprechgebühren stehen. Einen zweiten wichtigen Beratungsgegen-
stand werden die Vorschläge über die Verwendung der Code-Sprache
im internationalen Verkehr bilden. Im weiteren wird zur Erörterung
kommen ein Antrag Deutschlands, dem Internationalen Büro des Welt-
telegraphenvereins in Bern einen Ständigen Technischen Ausschuß zur
Beratung der Vereinsmitglieder in allen technischen Fragen beizugeben.,
Erwähnt seien noch ganz kurz die Vorschläge zur Neuregelung des
internationalen Fernsprechverkehrs, des Pressedienstes und des LC-
Verkehrs,

Außerordentlich wichtig und bedeutsam werden auch die Be-
ratungen der nächsten Weltfunkkonferenz werden. Von den zur Be-
ratung kommenden Fragen seien hier nur kurz die wichtigsten auf-
geführt:

Verwendung von selbsttätigen Apparaten zur Abgabe von Seenot-

zeichen zum Schutze des menschlichen Lebens auf See,

Regelung des Funkverkehrs mit Luftfahrzeugen,

Neuregelung des Wetternachrichten-, Eismelde- und Sturm-
warnungsdienstes sowie des internationalen Zeitzeichen-
dienstes,

Hinzuziehung von Wirtschafts-, Schiffahrts- und Handelssach-
verständigen zu den internationalen Funkkonferenzen,

Verteilung der Wellen auf die einzelnen Verwaltungen und Dienst-
betriebe,

Regelung der funktelephonischen Übermittlung von Wirtschafts-
nachrichten, Vorträgen, Konzerten usw.,

Verpflichtung für alle Schiffe über 1000 Tonnen, F, T,-Sende- und
-Empfangsanlagen zu führen,

Verpflichtung aller größeren Schiffe, zur Sicherung der Fahrgäste
und der Besatzung sowie zur Erleichterung der Schiffahrt
Funkpeileinrichtungen an Bord zu führen,

Anregung, in allen Ländern so viele Funkpeilstellen einzurichten,
daß jede Funkstelle an Bord von Schiffen oder Luftfahrzeugen
ihre Peilungen von jeder beliebigen Peilstelle aufnehmen kann.

Deutschland wirdals Mitgliedsowohldes Welt-
telegraphen- als auch des Weltfunktelegraphen-
vereins auf diesen Konferenzen vertreten sein und
        <pb n="364" />
        320 Verkehrspolitische Aufgaben der Deutschen Reichspost,

dafür Sorge tragen, daß seine berechtigten Forderungen und Wünsche
berücksichtigt werden, Dies ist notwendig, damit die Deutsche Reichs-
post auch in bezug auf den Auslandstelegraphenverkehr den früheren
hohen Grad ihrer Leistungsfähigkeit wiedererreicht oder ihn gar noch
übertrifft, Wie in alter Zeit, so ist auch heute noch die Deutsche
Reichspost der Anschauung, daß der deutsche Auslandstelegraphen-
dienst nur dann als leistungsfähig angesehen werden kann, wenn er eine
möglichst vollkommene, durchaus sichere, schnelle und dabei trotzdem
verhältnismäßig billige Verkehrsvermittlung darstellt, die sich den
wechselnden Verkehrsverhältnissen schnell anpaßt. Wie in Ver-
gangenheit und Gegenwart, so wird auch in Zukunft der deutsche Aus-
landstelegrammverkehr nach diesen Grundsätzen abgewickelt werden.
Der internationale elektrische Nachrichtendienst Deutschlands wird
dadurch in die Lage versetzt werden, der deutschen Volkswirtschaft im
allgemeinen und dem deutschen Außenhandel im besonderen als feste
und zuverlässige Stütze zu dienen und auf diese Weise auch einiges
zum Wiederaufbau des Vaterlandes beizutragen,
        <pb n="365" />
        Handel. (1 bis 5)
1. Dr. jur, Bernhard Grund, Breslau, Präsident der Handelskammer,

Geb. 25, November 1872, Mitinhaber der Drogen- und Chemikalien-Groß-
handlung Bernh, Jos. Grund, Breslau, Regierungsassessor a.D. Von 1911 bis 1919
unbesoldeter Stadtrat in Breslau, von 1913 bis 1919 Mitglied des Preuß. Abgeord-
netenhauses, bis 1924 Mitglied des Preuß, Landtages, Von der Industrie- und
Handelskammer Breslau 1912 als Mitglied und 1920 zum Präsidenten gewählt, —
Mitglied des Vorläufigen Reichswirtschaftsrates seit dessen Einsetzung.

2. Otto Keinath, M.d.R.,
Geschäftsführendes Präsidialmitglied des Zentralverbandes des Deutschen
Großhandels,

Geb. 22, November 1879 zu Hausen a. L, (Württemberg). Studierte in Tübingen
Mathematik, Physik, Volkswirtschaft, Einige Jahre im württemb, Staatsdienst
tätig, dann vollständig politische Betätigung, insbes, wirtschaftl, Fragen, 1912
bis 1918, 1920 wieder Mitgl. d. Reichstags, Mitgl. des Kleinen und des Vorl.
Reichswirtschaftsrates bis 1923, des Verwaltungsrates der D. Rentenbank; 1916
Geschäftsf, Präsidialmitglied des Zentralverbandes des D. Großhandels E. V.

(Photo von Suse Bück, Berlin.)
3, Konsul Dr. jur, h,. c. Dr.-Ing. eh. K, Kotzenberg, Frankfurt a. M.,

Geb, 1866 in Frankfurt, Realgymnasium, Lehrzeit in Südfrankreich, Einjähriger,
je ein Jahr Aufenthalt in Krefeld, Spanien, Ver, Staaten, Eintritt ins väterliche
Geschäft, Geschäftsreisen in Deutschland und Europa.

Im Kriege u.a.: Teilnahme an den Verhandlungen mit der Schweiz, Reichs-
wirtschaftsamt, Nach dem Kriege Teilnahme an den Wirtschaftsverh, in Paris und
Genua, M, des Reichswirtschaftsrates, Delegationsmitglied für die Handelsverträge
in Rom und Paris, Mitbegründer u. Vors, von großen Fachverbänden, Hauptgründer
des Zentralverbandes des Deutschen Großhandels und Präsidialmitglied, Vors. des
Deutschen Luftrats, Ehrenbürger der Universität Frankfurt a. M., Ehrendoktor der
Universität Frankfurt a. M. und der Techn, Hochschule in Darmstadt usw. usw.

4. Konsul Dr. Hugo Meyer, Düsseldorf,
Vorsitzender des Direktoriums der Getreide-Kommission A.-G,

Geb. 15, November 1871 zu Bochum i. Westf, Lernte erst Tuchfabrikation,
dann 1895 Teilhaber der väterlichen Firma Eduard Meyer, Düsseldorf, seit 1909
Aktiengesellschaft „Getreide-Commission Aktiengesellschaft‘, 1914 im Vorstand
der „Kriegsgetreidegesellschaft m, b. H.', der späteren „Reichsgetreidestelle‘, 1916
als Deutscher Konsul nach der Türkei, Gneraldirektor des Kaiserlich Osmani-
schen Ernährungsamts in Konstantinopel. — In Anbetracht der Verdienste um
die Ernährung des deutschen Volkes Ehrendoktor der Univ. Frankfurt. Schuf
beim Übergang von der Zwangswirtschaft die „Getreide-Finanzierung A.-G.', Düs-
seldorf, deren Aufsichtsratsvorsitzender, sowie einer Reihe von Großmühlen. Mit-
glied der Handelskammer Düsseldorf, Vorstandsmitglied des Zentralverbandes des
Dt. Großhandels, Vorsitzender der Düsseldorfer Produktenbörse usw. Wissen-
schaftl. Arbeiten, Mitwirkung bei der neuen Agrarzollgsseizgchung.

(Verstorben während Fertigstellung des Werkes, November 1925.)

5, J. van Norden, Köln,

Geb. 1. Mai 1861 zu Leer in Ostfr, 1892 in Köln ein Geschäft in Öfen, Haus- und
Küchengeräten; 1919 Ansgliederung von Glas- und Porzellanwaren. 1906 Mit-
gründer des Kölner Detaillistenverbandes, dessen 1. Vorsitzender. 1913 in die
Handelskammer, stellvertr, Vorsitzender, Vorstandsmitglied des Deutschen In-
dustrie- und Handelstages, Vorsitzender von dessen Einzelhandelsausschuß, sowie
des Einzelhandelsverbandes für Rheinland und Westfalen; am Kölner Landgericht
Handelsgerichtsrat. Die beiden Söhne, Dr. jur. Karl van Norden und Dr. phil.
Heinrich van Norden Mitarbeiter und Teilhaber des Geschäfts,

Tafel XI
        <pb n="366" />
        (2 »id 1) ‚fobneH
at eis Pe
/ ommszzlshnsH 1sb insbiz611 ‚uslker8 baut) bausdmıa4 auf ıC A
1610. m PAihsd9 Rt „ne8040 "sh ne pe \88.daD "“
Or@. aid ALO moV..C..8, 2022 ge2ß2dnur0ide% ars lear8 (baurO deol ulaıedl Baulbnsd
-Bro93dA ‚AuaıT zb hailztıM EIek aid EIet A ‚Uelzo1d ni jsıtbete ı di
Bir „sittenbal 19b aoV  \2o86iBas I Aus Sb” Death) KSer ei GSehetlasten
4 Hidswsa neinsbiaes1% ‚mus; OSCX Bat LbeilakiM. als, SIEL. uslaorı9 mario hasli
‚Aaustsanid mozesh jise 29et6ıeltenoehtwadois A  KEAULNEN z9b bsilatıM
7 61% Is : us Noch die Dehis
} 11170 (3: 3 Alm At A 115 vr ur Ä &gt;?
.5,M ‚disnieH oO £
narloeins Cl s9b 2shnachevisttneN aob beilghimisihte&amp;19 zobmasidütensdbes0 ©
ne, durclhlebasdicr)r:
aeamidü Tl. ni. strsihute, (re deralhu W.),.L.6.09206H ux PT8L 19dmavoM SS da
janethetss)@ ‚dmsthüw mi ordel Saint JisdoaehiweloV ‚„lieydg ‚AitsasdteM
SIef user Jiiebahiw Yesdent. ‚anubiihe4C seloaitilog Bibnätellov ansb Aaudßı
‚oV;,29b „bau. ‚asnialX; ‚2ob,.diM.. „e&amp;ssedoiefl, ‚b MaktM., yobaiw. 0S@l „‚BIEL aid
Öle: lnsdastiasA U 45b 29tstegnutleswıeV_29b ‚ESCI 2id z9tsneltedoahiwendaiall
nos (VoHrelsbardderg XI 2eblsebnesdisvisunsNlasb beilätimisibiek: 9. 12tadoas
ernat 15 Anis eabbd Beau may biodM
UcemeMes hubälnsıd Bısdnesto AA (de Kanl-.ıC oo ld duenoA
‚aadiıdsiaid-doiestanetlbi@ nat tiosıdsdnmwizaenmeralesAc hautnkt nic008L da
Sfloilrelsy amt Itirkmid ‚„notsste, a9V ‚moinsqe ‚blatsrX at HadiasluA ıdsl mis Si
Er PAUZDAU 065 VggomA bay biaeldsehs ai naeis1eltädoeet) ‚Höädsest
-2oia ‚siowdo2 19b tim nmsdaulbasdısV asb ns amdenliaT :.5 u 9891 ml
bau es mi ‚drevellsdoaetıiW mob as smdsnalieT saenA meb das ‚4meztisdoehiw
a3öärhevelebnsH sib 1ö1 beilatimanoitsaeleCd ‚eeisreltedoehiwedoie 29b MM ‚sunsi
vobainalqueH ‚nobnaöädıevdoasi asflora mov ‚2r0V .y 1obnürasdtiM ‚eis bau mo ni
2sb ‚210V ‚boilatimisibieß19 bau elsbasddor) nedoetusC 29b zebhmsdtevisıtneNn 2b
ı19b 101Xobnasıdd „Ms dublasıT 1ötiereviaU 1b 19310dnsrdE ‚aterttenl nmoroatuesd
‚wen ‚wen ibstamıed ai aludoaedooH ‚adoaT 19b bau Ms hutdasıT 4ötier0vimÜ
‚Hobis2250 ‚ı19vy9M oa&amp;uH .ı1C Iyeno A 4b
‚0-..A. moieeimmoA-sbisttet 19b zmuiroi et 29h. 19basstie10 V
‚woltesAirdetdauT tere oimred ‚MHeoW 4 mudoo&amp; us IV8I 1admsevoNi ‚EI ‚dat
e0et }#is2 ‚hoblezeil ‚ı9y9M busubH smıid modoiletäv 19b tededlisT G081, mmnsb
brnsteroV mi bQ1 ‚'AedoellazoansihlA moieeimmoI-abistte Ol, HensellgesansithlA
ler ‚"ollateobierienedois A, morotäqe 19b ‚HH ‚dm HedoellszezsbiswieneaeirA.. 19b
-insmeO doilrs2isH 29b rohleriblersn) ‚isıınT ı19b dosm IuvenoM 19doajusl 215
mu stansibıaV 19b idostlednA al — ‚JaqonmitastenmoAl mi atmeaänmuyıdäm A nedoe
iudoa2 ‚hurbiasıl ‚viaU 196 10tlobnerdH a9lloV modoetusb z9b amımdämA sib
-2501 ,'.0-.A aemrsisnesniHA-sbistte,. sib HsdoekhiweanswN 19b mov ansar9dÜ misd
iM ‚aoldümlor) nov sdisA 19nmis siwog ‚1ebnestieroveistetdoietyA aort9b ‚hobise
2sb esbnmsdıevieriasN 2eb boilatimebnsteroV ‚hoblaz2Cl ı19mmerelesbhnsH 19b bailz
.ns221W ‚wen setödastıluborX 1ehoblee2iC 19b Ttohbnestie10V ‚elshnsdüor). 40
3andaastezealloste13A mauan 19b isd amuyzlhiwiiM ‚matiadıA Jitendoe
(‚8s@e! +admavoM ‚29279 W 29b anulietehitıe N basıdiw msdıote19V)
‚a6 ‚asbioh nsv .L 2
bass -2usH ‚nstÖ ni HädoaesO nis alöM ni SO8L „ll20O ai 199 1us 1081 isM .l ‚daD
-4M 0081 ‚nerswasllest0T bau -26l0 mov anırsbailanA @Iel ;natßroansdoiäl
sib. ni EI! obnostieroV ‚I mozesb ‚eobnasdrevnsteillistell TtanmlöM 2ob 19 bairıa
-al nmodoatueCl 29b beilglimebnetzı1oV obnestieroV ‚ılıevilate ‚xominsdelebnsh}
aiwoz ‚AudoszeuselohnsendisaniH ase2sb mov 1tabnastieroV ‚a9astelehneH bau -aiteub
idamseabns.I 190mlöX ms ıasistieoW bau bmeiaisdA 1ö1 zobnschavelobneniesnil z9b
Jidg Cd bau asbrol asv I6A at a ‚andö@ mebisd sill ‚jmretdoiregelohneH
‚2ilädoee) 29h TadedliesT bau 191i9dıstiM nebio asv doinisH
OH
‚x 191,7
        <pb n="367" />
        <pb n="368" />
        <pb n="369" />
        22.
91

Die wirtschaftliche Bedeutung der Seeschiffahrt.
Eine Studie zum Sanierungsproblem der Volks- und Weltwirtschaft.
Von Dr, Harald Feddersen, Hamburg,

Als unmittelbar nach Ausbruch des Weltkrieges die deutschen
Häfen verödeten, die deutschen Handelsschiffe zu einem großen Teile
der Beschlagnahme oder der völligen Untätigkeit verfielen, als der
Warenaustausch von Land zu Land stockte, uralte Wirtschaftsbe-
ziehungen plötzlich zerrissen wurden und die Lebensmittelversorgung
Deutschlands ernstlich in Frage gestellt wurde, als Rohstoffe und
Fabrikate ausblieben, kurz, als mit einemmal alles Leben wie ausge-
storben schien, da erkannte man zugleich auch — und das war der
Lichtblick in all dem Dunkel — wie noch nie zuvor unmittelbar und
mit elementarer Gewalt, welche ungeheure Bedeutung im Leben des
deutschen Volkes der Seeschiffahrt mit ihrem völkerverbindenden Ver-
kehr zugesprochen werden mußte, Gemäß der alten Wahrheit, daß
man erst dann eine Sache oder einen Menschen schätzen und lieben
lernt, wenn man sie verloren hat, überkam auch der deutschen Volks-
wirtschaft erst beim Verlust der deutschen Seegeltung
und der Seeschiffahrt die Erkenntnis von der Unersetzlichkeit
und Unentbehrlichkeit seewärtigen Güter- und Personenverkehrs. Und
es ist vielleicht eine Hauptursache des verhältnismäßig schnellen Wie-
deraufbaus der deutschen Handelsflotte nach dem Zusammenbruch, daß
die bittere Erkenntnis ihres völligen Verlustes wie noch nie vorher
zugleich die Erkenntnis ihrer ungeheuren wirtschaftlichen Bedeutung
überall wachrief — und damit den Willensboden zur Wiederaufbau-
arbeit nachdrücklicher schuf, als alle Propagandatätigkeit in glück-
lichen Vorkriegszeiten,

Es ist zweifellos gut, daß derartige Ereignisse wie der verflossene
Weltkrieg; die Zusammenhänge der internationalen
Wirtschaft, wie sie erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit im
Organismus der Weltwirtschaft als Ganzes aufgetreten waren, an einem
gigantischen negativen Beispiel einmal der Menschheit vor Augen
führen konnten. Gerade die Organisation der Weltschiffahrt war es
natürlicherweise, die am schwersten unter den wirtschaftlich anormalen
Verhältnissen des Krieges aller gegen alle zu leiden hatte — war und
ist doch ihr Sinn und ihr Zweck, weltwirtschaftliche, also zwischenstaat-

Die deutsche Wirtschaft,
        <pb n="370" />
        322 Dr. Harald Feddersen;

liche, Aufgaben neben ihren nationalwirtschaftlichen Zielen zu erfüllen.
Der nationale und der internationale Charakter
der Seeschiffahrt — beide unentbehrlich, beide oft einander
feindlich gesinnt — kamen in den wirtschaftschaotischen Kriegs- und
Nachkriegszeiten mehr denn je zum Ausdruck. Es ist schwer, die
wirtschaftliche Bedeutung der Seeschiffahrt zu schildern, ohne mit ein
paar Worten dieser beiden Wesenseigenheiten der Seeschiffahrt zu
gedenken. Vor allem muß man sich völlig darüber im klaren sein, daß
der nationale Charakter der Seeschiffahrt in vielen Fällen ein Hinder-
nis in der Entwicklung der Seeschiffahrt ist, was namentlich die Nach-
kriegsepoche der Seeschiffahrt mehr wie einmal deutlich gezeigt hat.
So unersetzlich auch die Organisation der gesamten deutschen Schiff-
fahrt für unsere Volkswirtschaft ist und so große Bedeutung man ihr
auch in jeder Beziehung unbedingt zusprechen muß, so richtig ist es
auch, daß, je länger je mehr, die Weltwirtschaft das eigentliche Arbeits-
und Tätigkeitsgebiet der Seeschiffahrt sein wird, und zwar in dem
Sinne, daß mit zunehmender Entwicklung der Nationalwirtschaft diese
immer mehr in den Organismus der Weltwirtschaft verflochten wird
bis zu dem Augenblicke, wo die nationalwirtschaftlichen Grenzen
überhaupt fallen und übergeleitet werden in die weltwirtschaft-
liche Arbeitsgemeinschaf{t, deren Bildung die Seeschiffahrt
naturgemäß in hohem Maße beeinflußt und in ihrer Eigenart nicht un-
wesentlich verändert. Es soll damit im wesentlichen gesagt sein, daß
die Seele der Seeschiffahrt die Internationalität
im wirtschaftlich - organisatorischen, nicht völ-
kischem Sinne ist und daß in ihr das Leben am raschesten und
kräftigsten pulsiert, wenn sie ihre Anker tief in die Weltwirtschaft und
all ihre neuen und vielfach noch im Werden begriffenen Lebensformen
hineinsenkt. Der nationale Charakter der Seeschiffahrt ist der
feste Boden, in dem sie wurzelt, ihr internationaler Charakter
ist der weite, unendlich lebensvolle und beziehungsreiche Raum der
Welt, in dem sie neue Kraft und neues Leben holt und empfängt,

Zunächst aber ist die Seeschiffahrt ein Glied der deutschen Volks-
wirtschaft, und dessen Bedeutung für Deutschlands Aufstieg, Nieder-
gang und Wiederaufbau gilt es zu erfassen,

Schon im ProspektdesNorddeutschenLloyd aus dem
Jahre 1857 war seitens der Leitung der Gesellschaft viel von den wirt-
schaftlichen Aufgaben der deutschen Reederei die Rede, Schon da-
mals — weit vorausschauend — bezeichnete man die Schiffahrt als
einen intesgrierenden Bestandteil der deutschen Volkswirtschaft und als

I
        <pb n="371" />
        Die wirtschaftliche Bedeutung der Seeschiffahrt. 323
einen der wichtigsten Pioniere des Außenhandels, Waren auch zu
jenen Lehrzeiten der deutschen Seeschiffahrt sowohl die deutsche
Volkswirtschaft als auch mit ihr der Außenhandel noch reichlich be-
scheiden und als Ganzes überhaupt noch kaum spürbar, so hatte der
Norddeutsche Lloyd doch in richtiger und weitsichtiger Erkenntnis die
Grundlagen jeder Überseereederei erkannt und dementsprechend seine
Organisation aufgebaut, Damals wie heute baute sich alles auf dem
Güter- und dem Personenverkehr von und nach Übersee auf, und nur
die Ausmaße sowie die Auswirkungen dieses Verkehrs scheinen sich
seitdem gewandelt zu haben, Was aber maßgebend und bezeichnend
zugleich für die wirtschaftliche Bedeutung der Seeschiffahrt jener Zeiten
ist, das ist das AlleinstehenderSeeschiffahrtim Volks-
körper und in den damaligen wirtschaftlichen Bestrebungen des
deutschen Volkes, Die Reederei stand damals so gut wie ohne den
Rückhalt einer starken und aufstrebenden Volkswirtschaft da und ent-
behrte vor allem der Mannigfaltigkeit und des Transportbedarfs einer
lebendigen Weltwirtschaft, die noch völlig schlummerte, deren Kräfte
noch gebunden waren. KGüter- und Personenverkehr hatten immer
noch das Gepräge einer Lokalwirtschaft, noch dazu langsamen
Tempos, Der wegen der unliebsamen politischen und wirtschaftlichen
Zustände der 40er und 50er Jahre konjunkturartig blühende Aus-
wandererverkehr bildete das feste Einkommen der bestehenden
Schiffahrtsgesellschaften, nicht der Überseegüterverkehr.

Der wirtschaftliche Aufschwung in Deutschland seit der Gründung
des Deutschen Reiches mußte aus alledem zugleich und wohl in erster
Linie auch ein AufschwungderSeeschiffahrt werden, denn
nun stand ihr in zunehmendem Maße eine sich rapide entwickelnde
Volkswirtschaft und damit auch eine anwachsende Weltwirtschaft zur
Seite, Es ist nicht immer lediglich so gewesen, daß die Seeschiffahrt
dem Handel folgte in seinem Ausdehnungsbestreben, sondern in nicht
wenigen Fällen war das Verhältnis geradezu umgekehrt: der Handel
folgte der Seeschiffahrt, Die Tatsache, daß mehr wie einmal die großen
Reedereien von sich aus, oft unter nicht unbedeutenden Opfern an
Kapital und Materie, neue Schiffahrtsverbindungen nach bisher dem
Handel noch wenig erschlossenen außereuropäischen Gebieten einrich-
teten — weil sie von der wirtschaftlichen Zukunft jener Länder dank
ihrer vielverzweigten Verbindungen überzeugt sein konnten — beweist
zur Genüge die wirtschaftliche Bedeutung der Seeschiffahrt als
Pionier und Wegbereiter des Außenhandels. In der
Tat ist dann allmählich das Emporkommen einer eigenen deutschen
Seeschiffahrt und deren Aufstieg bis zur weltbeherrschenden wirt-
schaftlichen und nationalen Blüte zu einem Spiegelbilde der Ent-
91*
        <pb n="372" />
        324 Dr. Harald Feddersen:

wicklung der deutschen Volkswirtschaft und mit ihr der Weltwirtschaft
geworden. Deutschlands wirtschaftlicher Aufstieg, wie er bis zum
Jahre 1914 zum Neide der Welt sich beispiellos vollzog, kann am
zwingendsten und anschaulichsten an Hand der Entwicklung der deut-
schen Seeschiffahrt dargestellt werden, ebenso wie dessen Verfall am
gleichen Objekt am erschütterndsten sich kundgibt,

Einige Erläuterungen zu diesen allgemeinen Ausführungen
mögen das Bild vervollständigen,

Wenn man von der volkswirtschaftlichen Forderung ausgeht, daß
der Außenhandel eines Landes mit Seeverkehr zur Mehrheit in der
Hand seiner eigenen Handelsschiffahrt liegen muß (besonders Nord-
amerika huldigt dieser Auffassung), so hat die deutsche Handelsflotte
diese Forderung vor dem Kriege erfüllt, Sie beförderte bis 1914
rund 60% des gesamten deutschen Im- und Exports, was einen Wert
von rd. 15 Milliarden Goldmark darstellte. Das konnte sie naturgemäß
nur leisten dadurch, daß sie in ihrer gesamten Organisation und in
ihrem Rauminhalt den Bedürfnissendesdeutschen Außen-
handels rechtzeitig folgte bzw. ihm sogar voranging. Die beinahe
sprunghafte Steigerung der Außenhandelsziffern ging daher parallel mit
der Steigerung der Tonnage der Reedereien und des
Hafenverkehrs, was durch nachfolgende Zahlen Kurz verdeut-
licht werden mag.

Das Wachstum der deutschen Reedereien 1907—1913 (Ende)

in Br.-Reg.-Tonnen.
Deutsch-
Jahr | Hapag er we FA Austral-—Stinnes
1907 | 955 742 | 804 060 | 244 985 | 197 600 | 308 351 —
1913 1 360 360 982951 * 1440 544 384 982 527 718 | 30 025

. (Seeschiffe)

Die Anpassung der Reedereiorganisation an diese rapide Entwick-
lung des Handels und Weltverkehrs war eine der schwersten Aufgaben,
die im Interesse des ungehinderten Güter- und Personenverkehrs zu
leisten war. Wenn man bedenkt, daß schon 1906 von den in Newyork
gelandeten Passagieren 380 000 von nur zwei großen Reedereien be-
fördert wurden, so ist einzusehen, daß zur Bewältigung allein dieser
wirtschaftlichen Aufgabe des Personenverkehrs ein umfang-
reicher Beamten-, Angestellten- und Arbeiterapparat nötig ist, dessen
Funktionen auf das genaueste reguliert sein müssen, wenn das Höchst-
maß wirtschaftlich-finanzieller Ökonomie erreicht werden soll. Ein
Blick in den Personalbestand des Norddeutschen
        <pb n="373" />
        Die wirtschaftliche Bedeutung der Seeschiffahrt, 325
Lloyd sowie in dessen Proviant- und Kohlenverbrauch im Jahre
1912 gibt einen Begriff von dem Umfang einer Großreederei vor dem
Kriege und von dessen wirtschaftlicher Bedeutung,

Der Anschaffungswert der Schiffe des Norddeutschen
Lloyd entsprach 1912 der Summe von über 500 Millionen Goldmark, der
Proviantverbrauch von 20% Mill, Mark, der Kohlenver-
brauch von 1758 740 Tonnen oder 30 728 065 Mark. Der Gesamt-
personalbestand von 22 000 Personen (1912) setzte sich zusammen aus
12000 seemännischem Personal, 6000 Arbeitern, 3400 Ingenieuren und
Technikern und 600 kaufmännischen Angestellten. Nimmt man hinzu
die ungeheuren Sachwerte der Großreederei an Piers
(Hoboken!), Hafenanlagen, Lagerhäusern, Kranen, Hebezeugen, Docks,
Auswandererhallen und Verwaltungsgebäuden — um nur einen wich-
tigen Teil zu nennen —, so erkennt man schon an diesem Beispiel die
wirtschaftliche Kraft und Wirkungsmöglichkeit dieser Großorganisa-
tion sowie deren Bedeutung als Arbeitgeberin und Wertmesser der
Volkswirtschaft,

Das Wachstum der deutschen Reedereien bis 1914 konnte daher
naturgemäß nur mit dem zunehmenden Verkehr in den See-
häfen parallel gehen, wie er vom deutschen Außenhandel in auf-
steigender Linie geschaffen wurde.

Die Verkehrsaufgaben der Reedereien waren dement-
sprechend ganz gewaltige. Wenn man in den Jahresberichten der
Schiffahrtsgesellschaften nachforscht, liest man des öfteren von den
Schwierigkeiten, den gesteigerten Güterverkehr der ganzen Welt mit
eigenen Dampfern bestreiten zu können — trotz der ununterbrochenen
Bautätigkeit vor dem Kriege, Sie sahen sich oft gezwungen, mit ge-
charterten Dampfern den Güterverkehr zu bewältigen. Welche wirt-
schaftlichen Leistungen auf diesem einen Hauptaufgabengebiet des
Reedereibetriebes vor dem Kriege zu vollführen waren, mögen folgende
Angaben zeigen:

Tonnagebilanz 1913 über den Seeschiffsverkehr Bremens*”).

Angekommen:
Beladen 1... DT 7 rt 79.6956 Schlife 4911317 Tonnen
Leer. Un a 6m n 339 950 %)
Zusammen: 6223 Schiffe 5 251 267 Tonnen
Abgegangen:
Beladen =. . „x. « 4601 Schiffe X *° 3675498 Tonnen
Beer. SE MO 1 793 ' 1 530 023 ”
| Zusammen: 6349 Schiffe 5205521 Tonnen
*) Vgl. Jahrbuch des Norddeutschen Lloyd 1922/23, S. 89.
        <pb n="374" />
        326 Dr. Harald Feddersen:

In diesen Zahlen, die durch die entsprechenden Angaben für H a m-
burg und die größeren Ostseehäfen noch ergänzt werden könnten
(Hamburg 1913: 16 400 Seeschiffe mit 14,2 Mill. Reg.-Tonnen und
16,5 Mill, Tonnen Gütermenge), drückt sich besser als in theoretischen
Darlegungen die Bedeutung der Seeschiffahrt als Gütertransportmittel
innerhalb der Volks- und Weltwirtschaft aus, Dargestellt am Nord-
deutschen Lloyd sieht die Gütertransportleistung einer Großreederei
von 1906 bis 1913 folgendermaßen aus:

Die Gütertransporte des Norddeutschen Lloyd:
1906 .. . . , 3804738 Tonnen 1910. .. . 3316623 Tonnen
1907... ; 4390051 N 1911 0.4 4 3586178 H
1908. 4 3.376 639 2 2: 43 710.739 %
1909. 3 498 986 N 3 2 4 178.133 n

Die entsprechende Durchschnittsleistung der Hapag
betrug 8 Millionen Frachttonnen pro Jahr, und wenn man nun noch
diesen Gütertransportziffern der Großreedereien die diesbezüglichen
Ziffern der Personentransportleistungen gegenüberstellt,
so vervollständigt sich ganz erheblich die Übersicht über die wirtschaft-
liche Bedeutung der Seeschiffahrt vor dem Kriege.

Die Personentransporte des Norddeutschen Lloyd:
1906 . . . . 491383 Personen 1910 . . . . 562608 Personen
1907‘. . . . W661 258 9 1911 514 272
19081 21. % 458 580 % 112 558 671 8
19091. 521 122 - 1713 . . 662385

Die Gesamtzahl aller durch den Norddeutschen Lloyd beförderten
Personen bis 1913 (Ende) beträgt 10408 113. Man fragt sich unwill-
kürlich, wie derartig hohe Ziffern überhaupt zustande kommen, und
wenn man daher versucht, sich ein Bild von den einzelnen Kate-
gorien der beförderten Reisenden zu machen, so kommt man beim
Norddeutschen Lloyd und bei der Hamburg-Amerika-
Linie dabei zu nebenstehendem Ergebnis (vgl. S. 327 unten):

In diesen Ziffern zeigt sich vor allem zweierlei: das langsame, aber
stetige Anwachsen der Zahl der beförderten Kajütspassagiere
auf der einen Seite und die starken Schwankungen unterworfene Zahl
der Zwischendeckpassagiere, die in der Regel mindestens
zur Hälfte aus Auswanderern bestand, Darin offenbart sich
deutlich die große Abhängigkeit des Reedereipassagiergeschäfts von
den Schwankungen der internationalen Auswanderungsbedürfnisse und
-möglichkeiten, die in den jeweiligen politischen und wirtschaftlichen
        <pb n="375" />
        Die wirtschaftliche Bedeutung der Seeschiffahrt., 327
Krisenzuständen ihre Ursachen hatten, sowie von den von Jahr zu Jahr
sich ändernden Einwanderungsbestimmungen der Haupteinwanderungs-
länder Nord- und Südamerika, Die Blüte der Auswanderungs-
tätigkeit bestimmte in hohem Maße die Rentabilität der Seeschiffahrt,
und ihre starke Einschränkung nach dem Kriege beeinflußte dement-
sprechend auch ihre dauernd kritische Lage sowie ihre Umstellung
auf den Passagierverkehr der mittleren Schichten der Bevölkerung
unter gleichzeitiger Besserung der hygienischen und sozialen Einrich-
tungen der Transportmittel. Die Bedeutung des Auswandererverkehrs
für die Schiffahrtsgesellschaften, scheinbar lediglich eine Angelegenheit
privatwirtschaftlicher Rentabilität, liegt aber ebenso auf volkswirt-
schaftlichem Gebiete. Der Austausch entweder überschüssiger Arbeits-
kräfte oder solcher aus politisch-wirtschaftlicher Notlage heraus nach
brachliegenden Erdteilen oder nach der personellen Auffrischung be-
dürftigen Nationen ist ein wirtschaftlicher P ro ze ß von nicht zu unter-
schätzender Bedeutung, sowohl für die jeweilig in Betracht kommende
Volkswirtschaft als auch für die dadurch neue Impulse erhaltende
Weltwirtschaft, Die Förderung dieses notwendigen Prozesses durch
die Seeschiffahrt liegt durchaus im Rahmen der mehr als privatwirt-
schaftlichen Probleme dieser Transportorganisation. Gerade auf diesem
Arbeitsgebiet reicht die Tätigkeit der Seeschiffahrt aber mehr ins
Internationale als ins Nationale hinein. —

Passagier- und Auswandererverkehr des Norddeutschen Lloyd und der

Hapag von 1900—1913”).
Jahr Zahl der | I. Klasse | Il. Klasse! Zwischen- Insgesamt ME
Reisen deck ;

ä \ Lloyd | Hapag

1900 | 838 137 852 403 491 / 541343 | 118720 95 902
1901 887 128 143 438 868 567 011 124 344 99 557
1902 922 139 849 574 276 714124 | 138 463 119 686
1903 ' 9659 ° 67808 93 630 643 358 804 796 155110 138 423
1904 |! 967 68 704 93 685 572 798 735187 13554711 120323
1905 | 1 006 77 835 107 097 776 330 961 262 177 871 138 621
1906 1 097 84 435 134 285 940 831 i 159 551 194 523 185 689
1907] 1182 94 961 156 470 1 036 186 1287017 221 121 200 879
1908 1 049 84 403 117251 309 979 511.633 87046 | 69520
A 2 044 130 017 167 252 771 380 / 1 068 649 | 169 234 | 143 584
1910 2230 146 027 187 785 770542 ı 1104352 ‚ 160234 154 050
1911 2280 149 173 185 772 510565 845510 | 118871 | 97286
1912 2235 146 915 198 041 721 389 1066345 . 168723 . 137076
1913 | 2294 152 416 | 230437 ı 955363 | 1338216 | 218614 . 185234

*) Vgl. Jahrbuch des Norddeutschen Lloyd 1922/23, S. 173.
        <pb n="376" />
        328 Dr. Harald Feddersen:

Eine als Glied der Volkswirtschaft derart komplizierte und über
die ganze Erde reichende Organisation wie die Seeschiffahrt erschöpft
naturgemäß ihre Wirkungsmöglichkeit nicht allein in den ihr zukom-
menden Aufgaben des internationalen Güter- und Personenverkehrs,
sondern sie geht bewußt und unbewußt vielfach darüber hinaus. Ihre
wirtschaftliche Bedeutung als Verkehrsmittel im Dienste des Im- und
Exports birgt zugleich auch ihrefinanzpolitischeBedeutung
in sich. Der Verdienst der Seeschiffahrt aus ihren Frachten war und
ist zum größten Teile Devisenverdienst, und ein finanzieller Überschuß
in dieser Richtung kann deshalb als ein Überschuß gebucht werden,
der in der Hauptsache der Zahlungsbilanz des Staates zugute
kommt. Man schätzt den jährlichen Durchschnittsüberschuß der
Reedereien an Auslandsfrachten vor dem Kriege auf rd. 2 Milliarden
Goldmark, eine Summe, die der deutschen Handels- und Zahlungs-
bilanz vor 1914 als erhebliches Ausgleichsmittel in finanzpolitischer
Beziehung sehr wohl zugute kam und — wie noch gezeigt wird —
gerade nach dem Kriege die Volkswirtschaft und die Währungs-
politik als Problem stark beschäftigten. Der Frachtengewinn der
Reedereien ist daher eine erhebliche Hilfsauelle des ganzen Volkes,
seine Höhe ein ausgezeichneter Gradmesser der Export-
kraft und der weltwirtschaftlichen Verflochtenheit jeder selbstän-
digen Volkswirtschaft, Sein Ausbleiben kann mit Bestimmtheit Anlaß
zu pessimistischen Betrachtungen geben — was die Nachkriegsent-
wicklung der deutschen Wirtschaft nachdrücklich illustriert.

Die Bedeutung der Seeschiffahrt als Arbeit-
geberin wurde bereits an Hand des Norddeutschen Lloyd kurz ge-
streift,

Es wurde gesagt, daß allein diese Großreederei 22 000 Personen
Arbeit und Verdienst gab, als sie 1912 personell auf dem Höhepunkte
ihrer Erfolge stand und mit einem Netze von 2200 Vertretungen die
ganze Erde umspannte, Nimmt man die übrige deutsche Reederei
hinzu, so ergibt sich, daß die Seeschiffahrt innerhalb des volkswirt-
schaftlichen Arbeitsprozesses eine achtunggebietende Rolle einnimmt,
damals und heute — leider — mit stark verminderten Zahlen. Aber
damit sind die Wirkungen noch keineswegs erschöpft. Ihre Rolle als
direkte oder indirekte Arbeitgeberin ist weit in die Wirtschaft hinein
verzweigt, Industrie, Handel, Gewerbe und Landwirt-
schaft sind stark am Gedeihen der Seeschiffahrt beteiligt. An der
Herstellung eines Überseedampfers sind viele Industrien mit
lohnenden Aufträgen beschäftigt, und zwar außer der spezifischen
Schiffbauindustrie die Schwerindustrie des rheinisch-west-
fälischen Industriegebietes als hauptsächlichste Rohstofflieferantin und
        <pb n="377" />
        Die wirtschaftliche Bedeutung der Seeschiffahrt. 329
Brennstoffversorgerin, die Maschinen- und Motorenindustrie, die
Elektroindustrie, die Farb-, Holz- und Glashüttenindustrie, das Kunst-
gewerbe, die Möbel- und Heizungsindustrie, die Funkentelegraphie und
viele andere. Zur Verpflegung eines Überseedampfers wird die
Produktionskraft der Landwirtschaft und Viehzucht sowie der Lebens-
mittel- und Konservenindustrie in ganz bedeutendem Maße herange-
zogen, und zur innenarchitektonischen Ausstattung dieses
schwimmenden Verkehrsmittels bedarf es einer großen Anzahl künst-
lerischer und gewerblicher Kräfte, Alles in allem: dauernde Beschäf-
tigungsmöglichkeiten für maßgebende Zweige der deutschen Volks-
wirtschaft, Rückschläge in der Rentabilität der Seeschiffahrt zeigen
demnach stets tiefgreifende Wirkungen im Arbeitsmarkt und gehen
weit über den Rahmen einer privatwirtschaftlichen Angelegenheit hin-
aus, was ein Schlaglicht mehr auf die mannigfache wirtschaftliche Be-
deutung der Seeschiffahrt wirft.

Fassen wir nun die Ergebnisse unserer bisherigen Betrach-
tungen (die Bedeutung der Seeschiffahrt vor dem Kriege) einmal kurz
zusammen, so ergibt sich ungefähr folgendes Bild:

1. Die deutsche Seeschiffahrt der Vorkriegszeit ist als die
Schrittmacherin des deutschen Außenhandels
zu bezeichnen. Ihre wirtschaftliche Bedeutung beruht als Verkehrs-
mittel zunächst im Güterverkehrdienst, dann im Personenverkehrdienst.
Ihre Aufgaben sind die Überführung der produzierten Güter in den
Weltverbrauch einerseits sowie die Heranschaffung von Rohstoffen und
Halbfabrikaten nebst Lebensmitteln zur Verarbeitung, Fertigstellung
und zur Versorgung der Bevölkerung andrerseits, sowie die Beförde-
rung von Reisenden, zum Teil zu Vergnügungszwecken, zum größten
Teile aber im Interesse der Wirtschaft (Kaufleute, Agenten, Vertreter,
Ingenieure, Unternehmer, Reisende von Im- und Exportfirmen usw.).

2, Die deutsche Seeschiffahrt ist eine bedeutende Arbeit-
geberin zunächst in der eigenen Organisation, dann aber auch für
viele maßgebende andere Industriezweige.

3, Die deutsche Seeschiffahrt ist ein Aktivum innerhalb
der deutschen Zahlungsbilanz und hat als solches staats-
politische und finanzpolitische Bedeutung.

4. Die deutsche Seeschiffahrt stellt einen wichtigen Bestand-
teildes Nationalvermögens und der Weltgeltung dar.

Die Kriegsentwicklung der deutschen Seeschiffahrt ist
noch in aller Erinnerung und läßt sich daher in wenigen Tatsachen kurz
kennzeichnen: Beschlagnahme und Festlegung eines großen
Teiles der Handelsflotte im feindlichen oder neutralen Ausland, Zer -
        <pb n="378" />
        330 Dr. Harald Feddersen:

störung aller seit Jahrzehnten geschaffenen wirtschaftlichen Be-
ziehungen und Enteignung umfangreicher Anlagen der Reedereien
im Auslande, Internierung der deutschen Angestellten der Reede-
reibetriebe, Zurverfügungstellung der in heimischen Ge-
wässern verbliebenen Handelsschiffe für den Kriegshilfsdienst, Ein-
reihung in die Lebensmittel- und Rohstoffversorgung Deutschlands
(Erztransporte usw.). Diese wenigen, aber schicksalschweren Tat-
sachen sind der Ausdruck für die völlige, restlose Unterbindun g
des im vollsten Gange gewesenen Entwicklungsprozesses der deutschen
Seeschiffahrt, wie sie durch die Gewaltmaßnahmen des Krieges er-
zwungen wurde, Die Grundlage jeder Seeschiffahrt, die Freiheit der
Meere, wurde zertrümmert und damit die Axt gelegt an die Wurzeln
des Reedereigeschäfts, nämlich den regelmäßigen Güter- und Personen-
verkehr, Krieg und Handelsschiffahrt schließen sich natürlicherweise
aus, Der internationale Charakter der Seeschiffahrt findet also — wie
bereits kurz erwähnt wurde — in ihrem auch von der Nationalität ab-
hängigen Charakter einstweilen starke, ja fast grundlegende Hem-
mungen und die Interessen der Weltwirtschaft werden durch die
nationalwirtschaftlichen Interessen vorläufig mattgesetzt. Die wirt-
schaftliche Bedeutung der Seeschiffahrt aber
wurde im Kriege Mittelpunkt einer großzügigen
Strategie: die Blockade, die Minen, der Kreuzer- und U-Boot-
Krieg sind nichts anderes als der Ausdruck für die zunehmende Er-
kenntnis der Kriegführenden, daß die Vernichtung der Han-
delsschiffahrt gleichbedeutend sei mit der Ver-
nichtung der Rohstoff- und Lebensmittelbasis
eines Volkes und daher entscheidend für den End-
erfolgwerde., Ihre Zerstörung bewies auch dem Einfältigsten ihre
Macht und Unentbehrlichkeit!

Auf diese abschüssige Entwicklung wurde dann der Schlußstein
gesetzt durch die im Trierer Abkommen seitens der Entente
gewaltsam bestimmte und dann rücksichtslos durchgeführte Ablie-
ferung der deutschen Handelsflotte für alle Schiffe bis
zu 1600 Tonnen Rauminhalt, was nichts anderes als die Vernichtung
auch des kleinsten Teiles der deutschen Seeschiffahrt bedeutete.

Die wirtschaftliche Bedeutung der Seeschiffahrt konnte — wie zu
Beginn unserer Betrachtungen bereits angedeutet wurde — nicht besser
bewiesen und dargestellt werden als durch ihren Verlust, Es wird
stets den hanseatischen Reedern unvergessen bleiben müssen, daß sie
den Augenblick, in dem die Enteignung der gesamten deutschen Han-
delsflotte zur traurigen Gewißheit wurde, zugleich zum Beginn
        <pb n="379" />
        Die wirtschaftliche Bedeutung der Seeschiffahrt, 331
eines großzügigen und konsequenten Wiederauf-
baus der deutschen Handelsflotte werden ließen, Sie
wußten eher und besser als manche Führer der Nachkriegszeit, daß
gerade das von allen seinen bisherigen Hilfsmitteln entblößte, seiner
Rohstoffquellen beraubte, vom Weltverkehr und von der Weltwirt-
schaft künstlich ferngehaltene, überall mißtrauisch und ängstlich beob-
achtete Deutschland wieder eine eigene Seeschiffahrt unbedingt nötig
hatte, um seine alte Stellung wiederzuerringen und seinen internatio-
nalen Verpflichtungen dann nachkommen zu können, Mit — allerdings
von Jahr zu Jahr illusorischer werdender — Unterstützung des Reiches
gingen sie unter erheblichen Opfern an den Wiederaufbau ihrer frühe-
ren Besitzstände heran. Es war so gut wie nichts vorhanden, woran
sie anknüpfen konnten, nur ihre Organisationen im Inlande, ein Teil
ihres alten Personals, ihre jahrzehntelangen Erfahrungen und ihre Rück-
lagen aus guten Vorkriegs- und teilweise auch Kriegsjahren, die aber
durch die Inflation im Werte ganz erheblich zusammengeschrumpft
waren. Die deutschen Häfen der Nord- und Ostsee lagen völlig verödet
da. Hambur«g als bedeutendster deutscher Güterumschlagsplatz war
1919/1920 gegen 1913 überhaupt nicht wiederzuerkennen, In ihm
machten sich in Ohnmacht eigener Schiffahrt ausländische Reedereien
gewinnhaschend breit. DerdeutscheAußenhandellagbis
auf einen lächerlich geringen Bruchteil völlig
darnieder. Die deutsche Wirtschaft, Industrie, Handel und Land-
wirtschaft bluteten aus tausend Wunden, die Produktion sank zuneh-
mend, die Konsumtionskraft der Bevölkerung zeigte alle Merkmale
eines der Verarmung verfallenen Volkes.

Auf diesem düsteren Hintergrunde vollzog sich der Wiederaufbau
der deutschen Seeschiffahrt, Es zeigte sich mehr und mehr, daß die
geschwächten Wirtschaftskräfte des deutschen Volkes nicht ausreich-
ten, um merkbar daran mitzuhelfen. Das Ausland mußte zunächst
als Kapitalgeber und Sachwertbesitzer mitherangezogen werden, um
über die ungeahnten Schwierigkeiten der ersten Zeit hinwegzukommen.
Neue Organisationsformen innerhalb der deutschen See-
schiffahrt tauchten auf: die Verträge mit amerikanischen und eng-
lischen Reedereien zur Wiederingangsetzung der alten Überseeverbin-
dungen. Die Gemeinschaftsdienste der Hamburg-Amerika-
Linie mit den United American Lines (Harriman) und des Nord-
deutschen Lloyd mit der United States Mail Shipping Co. sind
die bedeutsamsten unter ihnen. Sie konnten mit Recht als „Dienst an
der Volkswirtschaft‘ aufgefaßt werden, denn sie zeigten dem Außen-
handel neue Wege aus seiner Stagnation und förderten ganz erheblich
die allmählich nach dem Zusammenbruch sich wieder bemerkbar
        <pb n="380" />
        332 Dr, Harald Feddersen:
machenden Bestrebungen zur Wiederherstellung weltwirtschaftlicher
Arbeitsmöglichkeit in Deutschland. Auch innerhalb der deutschen
Seeschiffahrt zwang die Not der Zeit die Reedereien zur schärfsten
Konzentration der Betriebe. Auf den verschiedensten Linien des
wiedererwachenden Weltverkehrs vereinigten die deutschen Reede-
reien ihre Organisationen, um der übermächtigen Konkurrenz stand-
halten zu können, Klassische Beispiele hierfür sind die Gemein-
schaftsdienste im Orientverkehr, im Ostasienverkehr, nach
Cuba-Mexiko, Afrika, Australien und Santos, die alle der Stärkung
der Betriebsmittel und damit der Konkurrenzfähigkeit dienten. Die
Bedeutung der Wiederaufbauarbeit in der Seeschiffahrt für den Ge-
samtwiederaufbau der deutschen Volkswirtschaft liegt auf der Hand.
Alles, was über die Vorkriegszeit der Seeschiffahrt gesagt werden
konnte, findet naturgemäß erhöhte Anwendung auf die Nachkriegszeit,
insofern als in ihr in wenigen Jahren das geleistet werden mußte, was
sonst jahrzehntelanger Pionierarbeit bedurft hatte! Nie hätte Deutsch-
land so verhältnismäßig schnell sich wieder erholen können, nie hätten
die deutschen Wirtschaftsbeziehungen zu allen Teilen der Erde so
schnell wiederangeknüpft und der Handel mit allen Nationen sich derart
kraftvoll wieder entwickeln können, hätte nicht die W iederin-
gangsetzung des Überseeverkehrs möglichst auf eigenen
deutschen Schiffen nach Aufbietung aller Kräfte bald nach dem Zu-
sammenbruch so energisch und zielbewußt eingesetzt. Das Ziel des
Wiederaufbaus, die Mehrzahl der überseeischen Gütertransporte von
und nach deutschen Seehäfen auf deutschen Schiffen vornehmen zu
können, konnte bisher allerdings nicht erreicht werden, denn nur 38
bis 40% des gesamten Überseegüterverkehrs werden zur Zeit auf deut-
schen Schiffen bewältigt, Auch hat der gegen 1913 der Schiffszahl
nach sogar gestiegene Hafenverkehr von Hamburg und
Bremen in bezug auf die beförderte Gütermenge — und das
ist das Wesentliche — noch immer gegen früher nachgelassen, was in
der Verminderung des deutschen Außenhandels seine Ursache hat”).
Aber diese Mängel liegen nicht in der Seeschiffahrt, sondern in der
*) Die Steigerung des Schiffsverkehrs im Hamburger Hafen während des
1. Vierteljahres 1925 gegen 1924 zeigt sich an folgenden amtlichen Zahlen:
Angekommen: Abgefahren:
Schiffe Br.-Reg,-Tons Schiffe Br.-Reg.-Tons
I. Vierteljahr 1924. . .. 2386 3.384 786 2490 3160 582
IL " 1925... 32958 4 108 413 3746 4 099 192
Aus diesen an sich gewiß erfreulichen Feststellungen darf man jedoch keineswegs auf
eine entsprechende Vermehrung des Güterverkehrs Rückschlüsse ziehen, sondern
man muß dabei beachten, daß der Anteil der deutschen Flagge an diesem gewachsenen
Verkehr, verglichen mit dem I, Vierteljahr 1924, nur um 2% v. H, gestiegen ist, und daß
vor allem auch viele Schiffe noch immer leer ausfahren.
        <pb n="381" />
        Die wirtschaftliche Bedeutung der Seeschiffahrt, 333
Volkswirtschaft, die nur sehr langsam und unter ständigen Rückschlä-
gen jener neue Impulse gibt.

Ein Überblicküberdiegeleistete Wiederaufbau-
arbeit der deutschen Seeschiffahrt möge abschließend
dartun, mit welcher unwiderstehlichen Gewalt der trotz aller Entente-
Wirtschaftsfeindlichkeit ungemindert starke deutsche Wille zur
wirtschaftlichen Weltgeltung sich Bahn gebrochen hat,
und vor allem, mit welcher Folgerichtigkeit der Wiederaufbau Deutsch-
lands an einer seiner entscheidendsten Stellen aufgenommen worden ist.
Die Flotten der führenden deutschen Reedereien 1913 und 1924 (Mitte).
. x Schiffe} Br.-Reg.-T. Se Br.-Reg.-T.

Becderzi 1924 | 1924 I 1913 1913
Hapafıı N 7 373 021”) 175 | 1038645
Norddeutscher Lloyd. 4 286 365") ; 706 996
Deutsch-Austral.-.Kosmos . . . .- V 173 583 54 429 196
Hansa- Linie 2 el ke ee a ee 28 148 993 x 343 609
Hamburg-Südamerikanische D.-G. . . 17 129 464***) 45 263 422
Stinnes-Linien 1 Cr e  e  e ae 22 | 125 083 ij | 42 761
Argo-Roland-Linie ‘2... 0. a2 98 621 h 113 634
Ostafrika-Woermann + 0 . 85 619 213 879
Hamburg-Bremer-Afrika-Linie . . -‘ 19 27121 1 42 934

Die Organisation der Seeschiffahrt nach dem Kriege
weist gegen früher einige Neuerscheinungen auf: die intensive
Verbindung von Seeschiffahrt, Werftindustrie und Schwerindustrie, die
Interessengemeinschaft von Schiffahrt und Großbanken, von Schiffahrt
und Industrie der verschiedensten Zweige (Beteiligungen, Lieferungs-
gemeinschaften, Betriebsgemeinschaften), die Konzentration innerhalb
der deutschen Schiffahrt zu gemeinsamen Auslandsdiensten und ebenso
mit der befreundeten ausländischen Schiffahrt, die Umstellung auf neue
Schiffstypen (Motorschiff, Einheitsschiffe, Gemischte Schiffe) und neue

*) Der Jahresbericht der Hamburg-Amerika Linie (Stand: 31. Dezember
1924) weist bereits wesentlich höhere Ziffern auf, und zwar 76 Seeschiffe, 4 Seebäder-
dampfer, 13 Seeschlepper und 149 Flußfahrzeuge mit insgesamt 449 337 Br.-Reg.-
Tons, Hierbei ist der neuerdings in Auftrag gegebene dritte Dampfer des „Albert-
Ballin‘-Typs (etwa 22000 Br.-Reg.-Tons) nicht eingerechnet. Mit diesem Neubau
dürfte der Wiederaufbau der Hapag-Flotte vorerst abgeschlossen sein.

**) Der Fottenbestand des Norddeutschen Lloyd(31.Dezember 1924) weist
einschließlich der Neubauten insgesamt 244 Fahrzeuge mit 415118 Br.-Reg.-Tons auf.

”*) Die Hamburg - Südamerikanische Dampfschiffahrts-
Gesellschaft erklärte ebenfalls, daß mit der Indienststellung des am 22, April
1925 seine Jungfernreise nach Südamerika antretenden 14060 Br.-Reg.-Tons großen
Motorschiffes „Monte Olivia der Wiederaufbau ihrer Flotte als vorläufig ab-
geschlossen zu betrachten sei, die nunmehr annähernd 200 000 Br.-Reg.-Tons erreicht
habe. Damit hat die gesamte deutsche Handelsflotte eine Größe von 3 Mill, Br.-Reg.-
Tons (1913: 5,3 Mill. Br.-Reg.-Tons) erreicht.
        <pb n="382" />
        334 Die wirtschaftliche Bedeutung der Seeschiffahrt,
Passagierkreise (Fortfall des übertriebenen Luxus und der Rekord-
bauten) und schließlich die Industrie-Reederei, die als Spitze
einer industriellen Großorganisation anzusehen ist (Stinnes). Alle sind sie
mehr oder weniger entstanden als Ergebnis der Lage der Weltschiffahrt,
wie sie durch das Übergewicht des Frachtraumangebots gegenüber
dem stark verminderten Ladungsangebot geschaffen wurde, sowie als
Ausdruck der Wandlungen innerhalb der finanziellen und organisato-
rischen Grundlagen der deutschen wie der ausländischen Schiffahrt.
Trotzdem Deutschland heute bereits erheblich
über die Hälfte seiner Vorkriegshandelsflotte,
und zwar in durchweg besserer Qualität als ehe-
mals wieder aufgebaut hat, kann man noch keines-
wegs davon sprechen, daß nun alles getan ist, um
allen Anforderungen der Wirtschaft gerecht
werdenzu können. Die dauernd ungesunde Lage des deutschen
und des internationalen Geldmarktes, die ungeheuren Substanz- und
Kapitalverluste unserer Reedereien, verbunden mit ihrer übermäßigen
steuerlichen und sozialpolitischen Belastung sowie die wenig groß-
zügigen Maßnahmen der Eisenbahn zum Schutze der Konkurrenzfähig-
keit der Seehäfen: all diese betrüblichen Erscheinungen haben eine
Stagnation im Wiederaufbau der Seeschiffahrt
unter eigner Flagge herbeigeführt, Seine Wiederaufnahme kann auch
durch die sogenannte „Bauhilfe‘‘ von 50 Millionen Mark nicht garantiert
werden, weil andere Krisenzustände der deutschen Wirtschaft hemmend
auf die günstige Entwicklung der Schiffbauindustrie einwirken, Dazu
kommen Hemmungen außerdeutscher Natur: die dauernde Weltschiff-
fahrtskrisis, die im Kriege geboren und nachher durch falsche staatliche
Schiffahrtspolitik (Amerika, Australien, Kanada, Frankreich) noch
unterstützt wurde, und der immer noch unter dem Druck des inter-
nationalen Verschuldungsproblems leidende Zustand der Weltwirt-
schaft, Sie alle haben zur Folge gehabt, daß immer noch Hunderte
von Millionen Mark an Frachtgeldern ins Ausland wandern und so die
deutsche Zahlungsbilanz verschlechtern, weil der Weiterbau der deut-
schen Handelsflotte, den Außenhandelsinteressen nicht entsprechend,
abgestoppt werden muß. Die wirtschaftliche Bedeutung
derSeeschiffahrt wird sich daher in absehbarer Zeit allen Deut-
schen spürbar machen, und zwar in dem Augenblicke, wo der Stillstand
der Handelsflotte zu einer für Deutschland katastrophalen Wirtschafts-
krisis sich auswirken wird, Dann wird man die Lage der Seeschiffahrt
als weltwirtschaftliches Problem — vielleicht zu spät — auch bei den
Reparationsgläubigern erfaßt haben und hoffentlich noch danach
handeln.
        <pb n="383" />
        23.

Deutsche Wasserstraßenpolitik”.
Von Regierungsrat Dr. Werner Teubert, Potsdam.

Schon vor dem Weltkriege gingen die Bestrebungen in Deutsch-
land planmäßig dahin, die Wasserstraßennetze durch Ausbau der
Ströme und ihre Verbindung durch leistungsfähige Kanäle immer
weiter auszugestalten, um den Güteraustausch innerhalb Deutschlands
und mit dem Ausland durch billige Verkehrswege zu erleichtern und
um insbesondere den stark anwachsenden Massengutverkehr durch
Schaffung leistungsfähiger Verkehrsmittel zu ermöglichen. So standen
Deutschlands Wasserstraßen, denen die technischen Fortschritte im
Wasserbau und Schiffbau in hohem Maße zugute kamen, nach ihrem
Zustand und ihren Verkehrsleistungen vorbildlich da, auch gegenüber
Frankreich und Belgien, die zwar verhältnismäßig ausgedehntere
Kanalnetze geschaffen, sie jedoch den Anforderungen der Neuzeit nicht
so weit angepaßt hatten, daß sich ein annähernd so umfangreicher Ver-
kehr vollzog wie auf den deutschen Wasserstraßen, Der Krieg und
seine Folgen ließen jedoch in Deutschland die Erkenntnis des volkswirt-
schaftlichen Wertes der Wasserstraßen erst in weiteste Kreise des
Volkes dringen. Angesichts der ungünstigen wirtschaftlichen und
finanziellen Lage mußte man mehr als früher danach streben, die
Bodenschätze weitgehend nutzbar zu machen, die Gütergewinnung und
den Güteraustausch und insbesondere die Ausfuhr mit aller Kraft zu
fördern, So entstanden die zahlreichen neuen Wasserstraßenpläne, die
zum Teil in Angriff genommen werden konnten, zumal sie mit der
Schaffung eines billigen Verkehrsweges auch die Gewinnung bedeuten-
der Wasserkräfte verbinden, die nach Verlust der Kohlengebiete an der
Saar und in Oberschlesien zur Verbilligung der elektrischen Energie
besonders dringend geboten ist, Diese regen Bestrebungen zur

") Umfassende Darstellungen über Wesen und Bedeutung von Wasserstraßen
und Binnenschiffahrt geben u. a. die Werke von O, Teubert: „Handbuch der Binnen-
schiffahrt‘, Wilhelm Engelmann, Leipzig 1912 und 1918, — Sympher: „Die Wasser-
wirtschaft Deutschlands und ihre neuen Aufgaben‘, Reimar Hobbing, Berlin, 1921.
(Neuer Band 1925 herausgegeben von Soldan). — E. Mattern: „Die Wasserstraßen",
Wilhelm Engelmann, Leipzig, 1922.
        <pb n="384" />
        336 Regierungsrat Dr. Werner Teubert:
Förderung der Wasserwirtschaft, die wir gerade heute auch in ähn-
lichem Maße in anderen Ländern finden, lassen es erforderlich
erscheinen, bei der Betrachtung des Gefüges der deutschen Volkswirt-
schaft auch auf die Entwicklung und Bedeutung der Wasserstraßen und
auf die Aufgaben des Staates ihnen gegenüber hinzuweisen.

I. Die Entwicklung der Wasserstraßen,

Im frühen Mittelalter schon suchte der Güterverkehr die Wasser-
läufe auf, und die ersten Ansiedlungen und die wichtigsten Stapelplätze
finden wir an den deutschen Strömen. Die Landstraßen waren
schlecht, auf den Wasserstraßen vollzog sich der Verkehr wohl auch
sicherer, und sie kamen allein für die Massenbeförderung in Betracht.
Trotzdem war der Verkehr mit großen Schwierigkeiten verknüpft: nicht
nur, daß die planmäßige Fürsorge für die Schiffbarkeit der Ströme
fehlte, der gewerbliche Betrieb der Binnenschiffahrt wurde durch das
Strandrecht und die Flußzölle, die an zahlreichen Stellen in
drückendster Weise ausgeübt wurden, schwer geschädigt, während der
technische Betrieb durch die zahlreichen Mühlenstaue behindert
wurde, Daher konnte eine auf große Entfernung durchgehende Schiff-
fahrt auf den meisten Flüssen sich erst entwickeln nach Einführung der
im 15, Jahrhundert erfundenen Kammerschleuse, die es auch erst
ermöglichte, im Hügellande Schiffahrtskanäle zu bauen. In Deutsch-
land, dessen natürliche Beschaffenheit durch die ausgedehnten Strom-
gebiete der Entwicklung der Schiffahrt sehr förderlich war, beruhte der
Wasserstraßenverkehr, wie auch heute noch, in erster Linie auf dem
Güteraustausch der Seehäfen mit dem Binnenland, Der Mangel an
anderen leistungsfähigen Verkehrsmitteln führte jedoch zu dem Be-
streben, die Wasserwege auch für die Gütervermittlung innerhalb des
Landes nutzbar zu machen, was in ausgedehntem Maße nur bei der Ver-
bindung der Stromgebiete untereinander durch Kanäle möglich war.
So war es für den Güterverkehr der preußischen Landesteile von großer
Bedeutung, daß Ende des 17. Jahrhunderts der Friedrich-Wilhelm-
Kanal und damit eine Schiffahrtsverbindung zwischen der oberen Spree
und der Oder geschaffen wurde, der unter Friedrich dem Großen die
Vollendung des Finowkanals, des Plauer Kanals und des Bromberger
Kanals folgte, so daß die durchgehende Schiffahrt von der Elbe bis zur
Weichsel ermöglicht wurde.

Das 19. Jahrhundert brachte bedeutungsvolle Fortschritte in der
Entwicklung der Wasserstraßen, Der Wiener Kongreß mit seinen
Bestimmungen über die Flußzölle, über die Aufhebung der Stapelrechte
und den zwischenstaatlichen Verkehr, sowie die gleichzeitige Erfindung
        <pb n="385" />
        Deutsche Wasserstraßenpolitik. 337
des Dampfschiffs schufen die Grundlage für den neuzeitlichen Betrieb
der Binnenschiffahrt. Mit Einführung der Dampfschiffahrt, die sich
zuerst in Deutschland auf dem Rhein entwickelte und die nunmehr die
Güterbeförderung durch frei fahrende Frachtschiffe und durch Schlepper
ermöglichte, konnte der Verkehr, da nicht nur eine Beschleunigung der
Reisen, sondern auch der Bau größerer Fahrzeuge ermöglicht wurde,
einen bedeutenden Aufschwung nehmen. Der neue Schiffahrtbetrieb
stellte aber auch erhöhte Anforderungen an die Wasserstraßen, und es
begann daher der planmäßige Ausbau der Ströme, der neben der Be-
seitigung der Hochwassergefahr und der Förderung der Landwirtschaft
durch zweckmäßige Be- und Entwässerung in den angrenzenden Tälern
namentlich der Verbesserung der Schiffbarkeit diente. Wurden so
durch die technischen Fortschritte der Entwicklung der Binnenschiff-
fahrt neue Aussichten eröffnet, so erwuchs ihr andererseits durch die
Erfindung der Eisenbahn ein einschneidender Wettbewerb. Glaubte
man auch zunächst vielfach nur, durch die Eisenbahn Zufuhrstraßen
zu den Wasserwegen schaffen, nicht aber durch Bau von Eisenbahnen
in den Flußtälern mit ihnen in Wettbewerb treten zu sollen, so führte
doch die schnelle Entwicklung des Eisenbahnwesens, die gegenüber der
Schiffahrt meist eine Überlegenheit an Schnelligkeit, Regelmäßigkeit
und Sicherheit brachte, zu einem scharfen Wettbewerb dieser beiden
Beförderungsmittel, der z, B. in England so weit führte, daß die Eisen-
bahngesellschaften die Kanäle aufkauften und stillegten, um ihren Wett-
bewerb zu beseitigen.

Auch in Deutschland sollten die Eisenbahnen, die neben ihren
sonstigen Vorzügen als Verkehrsmittel vielfach auch billiger beförder-
ten, den Wasserstraßen zum Teil verhängnisvoll werden. So hatte die
Binnenschiffahrt besonders auf den kleinen Strömen mit geringer Schiff-
barkeit einen schweren Stand und mußte im Verlauf des 19. Jahr-
hunderts z, B, auf der Lippe, Ruhr, Lahn, Mosel, Leine und auf dem
Ludwigskanal bis zu einem bedeutungslosen Verkehr zurückgehen.
Dagegen führte jedoch die Erkenntnis, daß die Wasserstraßen bei
großen Entfernungen und bei Beförderungen in großen Schiffsgefäßen
dem Wettbewerb der Eisenbahn nicht nur gewachsen, sondern, ins-
besondere im Massengutverkehr sogar überlegen sein würden, dazu,
die durchgehenden Wasserstraßen weiter zu verbessern und insbeson-
dere für größere Fahrzeuge und den Schleppdampferbetrieb befahrbar
zu machen, So wurde namentlich nach der neuen Gründung des Reiches
der auch für das Ausland vorbildliche planmäßige Ausbau der deutschen
Ströme fortgesetzt, der, soweit wegen großen Gefälles oder geringer
Wasserführung die angestrebte Fahrwassertiefe nicht, wie bei den
großen Strömen, durch Regelung des Flußbettes erreicht werden konnte,

Die deutsche Wirtschaft.

99
        <pb n="386" />
        338 Regierungsrat Dr. Werner Teubert;

auch zu einem Aufstau (Kanalisierung) von Flußstrecken führte. So
wurde durch Einbau von Staustufen die Schiffbarkeit des Mains, der
Fulda, Aller, Saale, der märkischen Wasserstraßen und der oberen Oder
verbessert, Um den Verkehr der Wasserstraßen durch Verbindung und
Anschluß verkehrsreicher Gebiete weiter zu beleben, wurde der Oder-
Spree-Kanal für größere Fahrzeuge ausgebaut, der in erster Linie dem
Versand schlesischer Kohlen zur Mark diente und durch den späteren
Bau des Teltow-Kanals noch größere Bedeutung gewann. Ferner
wurden der Elbe-Trave-Kanal und der Dortmund-Ems-Kanal ge-
schaffen, die durch billige Beförderung von Massengütern für die
Bedeutung Lübecks und Emdens im Seeverkehr von großem Nutzen
wurden,

In Preußen, wo nach der geographischen Beschaffenheit des Landes
der Binnenschiffahrt eine weit größere Bedeutung zukommt als in den
anderen Teilen des Reiches, gelangte die Wasserstraßenpolitik mit
Beginn dieses Jahrhunderts in einen neuen Abschnitt durch das Wasser-
straßengesetz von 1905. Die zunehmende industrielle Entwicklung des
Reichs stellte immer höhere Anforderungen an die Verkehrsmittel; in
dem Maße, wie die Eisenbahn durch Vervollkommnung ihres Bahn-
netzes und ihres Betriebes, durch Vergrößerung der Güterwagen sich
dem starken Verkehr auch gerade an Massengütern anpaßte, mußten
auch die Binnenwasserstraßen, deren Unentbehrlichkeit im Güter-
verkehr an sich nicht mehr bezweifelt wurde, in ihrer Entwicklung
weiter fortschreiten. Die technischen Grundlagen hierzu waren
gegeben: der Schiffbau hatte große Fortschritte gemacht, im Flußbau
lagen reiche Erfahrungen vor, und insbesondere hatte die Entwicklung
im Kanal- und Schleusenbau dahin geführt, daß unbedenklich Kanäle
mit langen durchgehenden Haltungen und Staustufen mit hohem Gefälle
geplant werden konnten, In der Schleppschiffahrt, die bei dem Ver-
kehr zu Wasser am wichtigsten war, wenn auch noch daneben, beson-
ders auf den großen Strömen, die Güter- und Personendampfer ihren
Verkehr behaupteten, war die Entwicklung dahin gegangen, daß die
Größe der Lastschiffe mit dem fortschreitenden Ausbau der Ströme
ständig zugenommen und mithin auf den einzelnen Wasserstraßen einen
verschiedenen Umfang angenommen hatte,

Das Gesetz von 1905 beabsichtigte nun, durch Schaffung neuer
Kanalverbindungen ausgedehntere Wasserstraßennetze zu schaffen und
durch Anpassung der Abmessungen der Wasserstraßen an die
zunehmenden Schiffsgrößen den durchgehenden Verkehr zu fördern.
Wenn auch auf der Elbe Schiffe bis zu 1000 t, auf dem Rhein solche von
sogar über 2000 t Tragfähigkeit verkehrten, glaubte man doch der Ent-
wicklung der Binnenschiffahrt Rechnung zu tragen, wenn man für die
        <pb n="387" />
        Deutsche Wasserstraßenpolitik, 339
neuen westlichen Wasserstraßen Abmessungen für 600-t-Schiffe, für die
östlichen solche für 400-t-Schiffe vorsah. Größere Abmessungen hätten
auch zur Deckung der Kosten Schiffahrtabgaben in einer Höhe
erfordert, die vielleicht die Verkehrsentfaltung beinträchtigt hätten.
Für das östliche Wasserstraßennetz brachte das Gesetz die Ver-
besserung der Oder-Weichsel-Wasserstraße, der oberen Oder, dabei
insbesondere den Aufstau der Oder von der Neißemündung bis Breslau,
neue Bauten an der unteren Havel und der oberen Spree und ferner
einen neuen Großschiffahrtsweg Berlin—Stettin, den Hohenzollern-
kanal. Für Nordwestdeutschland wurde der Bau des Rhein-Weser-
Kanals und seine Fortsetzung bis Hannover beschlossen, der den Dort-
mund-Ems-Kanal mit der Weser und zugleich durch den Rhein-Herne-
Kanal mit dem Rhein verbindet. Zur noch weiteren Erschließung des
Ruhrgebietes wurde der Bau eines Lippe-Seitenkanals von Wesel nach
Hamm und Lippstadt vorgesehen. Die Verbindung zwischen den west-
lichen und den östlichen Wasserstraßen, die Kanalstrecke von Hannover
zur Elbe, die als wichtigstes Glied der deutschen Wasserstraßen den
gesamten Schiffahrtsverkehr im besonderen Maße befruchtet haben
würde, mußte jedoch, obgleich die Regierung jahrelang um sie gekämpft
hatte, von der Wasserstraßenvorlage abgesetzt werden. Der Wider-
stand der Konservativen im Preußischen Landtag, der teils aus
politischen Erwägungen entsprang, teils aus Befürchtungen, die Wasser-
straßen würden den Absatz der Landwirtschaft gefährden, hatte den
„Mittelland-Kanal“ zu Falle gebracht.

Die so beschlossenen Kanäle konnten bis zu Beginn des Welt-
krieges zumeist dem Verkehr übergeben werden und haben während
des Krieges, als die deutschen Eisenbahnen durch die militärischen Auf-
gaben überlastet wurden, wesentlich dazu beigetragen, daß die
deutschen Wasserstraßen den an sie herantretenden dringenden
Anforderungen des Güterverkehrs gerecht werden konnten. Durch die
Erfahrungen im Kriege ist aber auch erkannt worden, welch Fehler
dadurch begangen wurde, daß der Mittelland-Kanal ein Torso geblieben
war; und noch während des Krieges wurde der Plan wieder auf-
genommen, ihn durch die Verbindung zwischen Hannover und der Elbe
zu vollenden, und die Durchführung wurde bald nach dem Kriege trotz
der ungünstigen Lage vom Reich beschlossen, und zwar für die Befahrung
von Schiffen bis zu 1000 t, Den Bestrebungen, die nach dem Kriege
in weiten Kreisen der Bevölkerung dahin gingen, durch Schaffung
weiterer Wasserstraßen die deutsche Volkswirtschaft zu fördern,
konnte das Reich infolge der immer ungünstiger werdenden Finanzlage
nur in geringem Maße entgegenkommen; so wird zur Zeit noch der
Lippe-Seitenkanal seiner Vollendung entgegengeführt; mit dem Bau des
09%
        <pb n="388" />
        340_ Regierungsrat Dr. Werner Teubert:

Mittelland-Kanals, von dem zunächst die Strecke von Hannover nach
Hildesheim und Peine fertiggestellt werden soll, wird zugleich an dem
Ausbau der märkischen Wasserstraßen gearbeitet, die ebenfalls den
1000-t-Schiffen Zugang geben sollen. Dazu sind ferner von großen
Wasserstraßenbauten die süddeutschen Kanalpläne in Angriff ge-
nommen worden, und zwar werden bei der Neckarwasserstraße von
Mannheim bis Plochingen, bei dem Kanal von Aschaffenburg bis Nürn-
berg und bei dem Ausbau der Donau zwischen Passau und Regensburg
vor allem die Bauten fertiggestellt werden, die durch ihre Ver-
bindung mit Wasserkraftanlagen der Schaffung elektrischer Energie
dienen sollen,

Es besteht ferner die Absicht, diese bayerischen Wasserstraßen
nach Fertigstellung des Großschiffahrtsweges vom Main bis Nürnberg
durch Fortsetzung dieses Kanals bis zur Donau zu verbinden, und somit
den nicht nur für Deutschland, sondern auch für die angrenzenden
Länder bedeutungsvollen Wasserweg Rhein-Main-Donau herzustellen.
Wieweit es sich bei solchen Kanälen um ein an sich wirtschaftliches
Unternehmen handelt, bedarf noch eingehender Untersuchung, be-
sonders da in den letzten Jahren ein Wandel eingetreten ist in der
Beurteilung, wieweit von dem Erlös aus Wasserkräften eine Verzinsung
der Wasserstraßenbauten zu erwarten ist. Nach Überwindung der
Kohlenknappheit der letzten Jahre und der Verbesserung der Wärme-
kraftmaschinen ist mit einer wesentlichen Verbilligung der aus Kohlen
erzeugten elektrischen Energie zu rechnen, so daß der Gewinn durch
Wasserkraftwerke nicht mehr so bedeutend erscheint wie vor einigen
Jahren. Doch werden in vielen Fällen nur bei Ausnutzung der Wasser-
kräfte neue Wasserstraßen möglich sein, So auch bei dem Plane Frank-
reichs, von Straßburg bis Basel einen Seitenkanal auf dem linken Rhein-
ufer zu schaffen, und bei dem von Baden und der Schweiz befürworteten
Entwurf, durch künstlichen Aufstau des Rheins von Basel bis zum
Bodensee, bei gleichzeitiger Errichtung von Kraftwerken, die eine Ge-
winnung von etwa 300000 PS ermöglichen sollen, die durchgehende
Rheinschiffahrt bis zum Bodensee zu ermöglichen, Der französische
Plan, der nicht nur die Schiffahrt erschweren würde, sondern auch
durch Ablenkung des Rheins in einen Kanal der badischen Landwirt-
schaft Schaden brächte, ist von Deutschland und anderen Rheinufer-
staaten bekämpft worden, und es ist zu hoffen, daß statt des Seiten-
kanals der von der Schweiz und Baden aufgestellte Entwurf, der den
Rhein durch Regulierung von Straßburg bis Basel zu einer vollwertigen
Wasserstraße ausbauen will, zur Durchführung kommt. Die inter-
nationale Zentralkommission hat beide Pläne genehmigt, den franzö-
sischen und den deutschen. Da der letztere als der billigere und
        <pb n="389" />
        Deutsche Wasserstraßenpolitik, 341
praktischere wohl zuerst in Angriff genommen werden dürfte, steht zu
hoffen, daß der andere sich dann infolge der hohen Kosten von selbst
erledigt.

Über den Umfang des gegenwärtig fertiggestellten deutschen
Wasserstraßennetzes geben folgende Zahlen Aufschluß:
Länge der schiffbaren deutschen Wasserstraßen.
Stromgebiete Serum U Secn | Kanäle | CO "Hoffe | Im ganzen
km | km I km ' km
Östliche Wasserstraßen . 835 94 | 112 1041
Odergebiet...ı 1 438 I 152 0 454 2 044
Märkische Wasserstraßen 976 486 &gt; 1 462
Elbegebiet 2. 1875 268 49 2192
Ems-Weser-Gebiet . . . 1395 | 1017! 35 2 447
Rheingebiet ...... u 2047 5710 - 2104
Donaugebiet . . . . 787 139) — 926
Gesamtlänge . . . . | sc 22 | 650 | 12216
Vor der Durchführung des Versailler Vertrages umfaßten die
schiffbaren Wasserstraßen etwa 13900 km. Im Verlaufe der vorher-
gehenden drei Jahrzehnte hatte sich ihr Umfang nur verhältnismäßig
wenig verändert; es waren nur etwa 350 km Kanäle neu hinzugetreten.
Demgegenüber umfaßte das deutsche Eisenbahnnetz im Jahre 1880 nur
30 000, im Jahre 1913 jedoch etwa 61000 und gegenwärtig etwa
55000 km, Die Entwicklung der Wasserstraßen kann also nicht nach
der Ausdehnung der schiffbaren Wasserstraßen, sondern nur nach
der Verbesserung ihrer Schiffbarkeit und ihrem Einfluß auf die Schiff-
fahrt beurteilt werden, Sieht man zunächst von den Verkehrsleistungen
der Wasserstraßen ab, so kommen die Erfolge der deutschen Wasser-
straßenpolitik schon deutlich zum Ausdruck in der Entwicklung deı
deutschen Binnenflotte, die folgende Zahlen veranschaulichen:
Entwicklung der deutschen Binnenflotte,
Jahr:
1877 1887 1897 1907 1912
Schiffe ohne eigene Triebkraft:
Anzahl ; ... + -. 17083. 19237 20611. 22923; 25042
Tragfähigkeit in 1000t . 1346 2049 3266 5725 7 134
Mittlere Tragfähigkeit in t 79 106 159 250 285
Dampfer: Anzahl . 510 1153: 1953 5 3312 44901
Leistungen in 1000 P.S, — 140 241 485 611

A 45%
        <pb n="390" />
        342 Regierungsrat Dr. Werner Teubert:

In den 35 Jahren von 1877 bis 1912 hat sich die Zahl der Schiffe ohne
eigene Triebkraft um 50 % vermehrt, ihre Tragfähigkeit hat sich aber
infolge der Verbesserungen der Wasserstraßen auf mehr als das Fünf-
fache erhöht, Wie sehr sich die Schiffsgröße entwickelt hat, geht
auch daraus hervor, daß im Jahre 1887 noch kein Schiff eine Tragfähig-
keit von 1200 t erreichte, im Jahre 1912 aber bereits mehr als
600 Schiffe über 1200 t und mehr als 200 Schiffe von über 1600 t gezählt
wurden; letztere entfielen ausschließlich auf den Rhein. In noch
stärkerem Maße entwickelte sich in dem betrachteten Zeitraum der
Dampferbestand, der im Jahre 1912 den achtfachen Umfang des
Jahres 1877 aufwies. Durch die im Versailler Vertrag vorgesehene
Abtretung von Binnenschiffen und die Gebietsverluste verminderte sich
die deutsche Binnenflotte in erheblichem Maße, Trotz der neuen
Bauten in den letzten Jahren vor dem Kriege und in den letzten Nach-
kriegsjahren umfaßt der heutige Bestand nur noch etwa 90% des Um-
fangs von 1912. Davon entfällt über ein Drittel des Kahnraums und
gegen 40% der Schleppkraft der Dampfer auf den Rhein,

IL Das Verhältnis des Staates zu den Wasserstraßen,

Die Verwaltung. Die natürlichen Wasserstraßen sind in den
meisten Ländern im Besitz des Staats, doch schwanken die Eigentums-
verhältnisse nach den betreffenden Gesetzen, so auch in den deutschen
Ländern, In Preußen wurden sie durch das Allgemeine Landrecht von
1794 festgelegt, dessen Vorschriften mit geringen Änderungen bis zum
Jahre 1914 galten, in dem das neue preußische Wassergesetz in Kraft
trat. Nach ihm wurden alle Wasserläufe in drei Ordnungen eingeteilt,
Das Eigentum an den Wasserläufen erster Ordnung, zu denen die
meisten Wasserstraßen gehören, steht dem Staate zu, dem die Unter-
haltung des Wasserlaufs zur Erhaltung der Schiffbarkeit und der Vor-
flut obliegt, Die Bewirtschaftung der übrigen Gewässer liegt in der Hand
von Wassergenossenschaften und der Eigentümer unter Aufsicht des
Staates, Die Unterhaltung der künstlichen Wasserstraßen trägt der
Eigentümer; die Kanäle sind jedoch in Deutschland, wie zumeist in
anderen Ländern, aber im Gegensatz z, B. zu England, in der Hand des
Staates; nur in wenigen Fällen wurden Kanäle, wie z. B. der Teltow-
Kanal, von Kreisen oder Gemeinden geschaffen. Dagegen wird die An-
lage von Häfen und deren Unterhaltung in der Regel als Aufgabe der
Gemeinden angesehen oder Privatunternehmungen überlassen; auch ist
in dem erwähnten Gesetz ein gewisses Uferrecht der Anlieger für den
Lade- und Löschverkehr geschaffen worden,

Die Aufgaben, die die Wasserwirtschaft stellt, sind umfangreich und
heute vielseitiger als früher. Der Ausbau der großen Ströme geschah
        <pb n="391" />
        Deutsche Wasserstraßenpolitik. g 343
sowohl zur Förderung der Schiffahrt als der Landwirtschaft, sei es durch
Hochwasserschutz, Verbesserung der Vorflut, Vertiefung und Regelung
des Fahrwassers, Deiche, Schleusen und Wehre., Als weitere Aufgaben
der Wasserwirtschaft traten hinzu Be- und Entwässerung, Wasserauf-
speicherung, Trinkwasserversorgung, Abwasserbeseitigung, Fischzucht
und Fischerei, Kanalverbindungen, Hafenanlagen, Wasserkraftgewin-
nung. Diese Arbeiten, die zum großen Teil auch mit den Strom- und
Kanalbauten in Verbindung stehen, unterstehen der Aufsicht des Staats,
dem zum Teil die Durchführung selbst obliegt. Er übt an den Wasser-
straßen, ferner gegenüber den Anliegern und Schiffahrttreibenden die
Strompolizei aus, er erläßt zum Schutz der Wasserstraßen und Häfen
strompolizeiliche Vorschriften und überwacht andererseits den Schiff-
fahrtsbetrieb; dieser wird durch Schiffahrts-Polizeiverordnungen ge-
regelt, die für einzelne Wasserstraßen u. a. Vorschriften über die Be-
schaffenheit der Schiffe, ihre Benutzung und Ladung, über das
Verhalten der Schiffe während der Fahrt, bei ihrer Unterbrechung
und Beendigung enthalten. Durch Betriebsordnungen wird ferner
der Betrieb von Verkehrsanlagen, wie bewegliche Brücken, Wehre
und Schleusen, geregelt.

Die erwähnten wasserwirtschaftlichen Aufgaben greifen in der
Regel in mehrere Zweige der staatlichen Verwaltung ein, und es ist da-
her von besonderer Wichtigkeit, diese Aufgaben in der Zentralver-
waltung wie in den nachgeordneten Behörden so zu verteilen, daß ein
reibungsloses Zusammenarbeiten der Dienststellen, denen die einzelnen
Befugnisse übertragen sind, im Sinne einer einheitlich geleiteten
Wasserstraßenpolitik gewährleistet ist. Dies ist in Deutschland bisher
noch nicht erreicht. In Preußen war z. B. bis zu den durch die Reichs-
verfassung von 1919 vorgesehenen Änderungen die Schiffahrtspolizei
sowie auch die Strompolizei in der Regel den Wasserbauämtern über-
tragen, denen ferner Bau und Unterhaltung der Wasserstraßen obliegt.
Diese unterstanden den Regierungspräsidenten oder, soweit im Ver-
laufe der letzten Jahrzehnte zwecks Zusammenfassung der wasserbau-
lichen Aufgaben für die Hauptstromgebiete eine besondere Strombau-
verwaltung geschaffen war, den Oberpräsidenten. Während jedoch für
die Schiffahrtspolizei und die gewerblichen Einrichtungen der Minister
für Handel und Gewerbe zuständig war, unterstand die Strompolizei
und der gesamte staatliche Wasserbau dem Minister für öffentliche
Arbeiten. Das landwirtschaftliche Wasserbauwesen liegt in der Hand
des Landwirtschaftsministers, für die Fragen der Wasserversorgung und
Entwässerung der Städte ist der Minister des Innern zuständig, während
bei der Beschaffung von Mitteln und insbesondere auch bei der Fest-
setzung von Abgaben auf den Wasserstraßen und sonstigen Tarifen der
        <pb n="392" />
        344 Regierungsrat Dr. Werner Teubert:

Finanzminister maßgebend mitwirkte. Die Erkenntnis, daß eine solche
Zersplitterung der wasserwirtschaftlichen Aufgaben bei verschiedenen
Behörden eine erfolgreiche Wirtschaftspolitik erschweren muß, kam
auch in der neuen Reichsverfassung zum Ausdruck, die die Einheit des
deutschen Verkehrswesens bringen sollte und daher, wie die Eisen-
bahn, auch die Wasserstraßen, für die bisher lediglich die Länder zu-
ständig waren, dem Reiche unterstellte,

Die Verfassung von 1919 bestimmt durch Artikel 97, daß es Auf-
gabe des Reichs ist, die dem allgemeinen Verkehr dienenden Wasser-
straßen in Eigentum und Verwaltung zu übernehmen. Es können mithin
auch neue Wasserstraßen nur durch das Reich oder mit seiner Zu-
stimmung angelegt oder ausgebaut werden, Die Wassergesetze der ein-
zelnen Länder bleiben bestehen, doch haben Bestrebungen eingesetzt,
auch ein einheitliches Recht an den Reichswasserstraßen zu schaffen.
Die Rechtsverhältnisse sind einstweilen durch den Staatsvertrag be-
treffend den Übergang der Wasserstraßen von den Ländern auf das
Reich (Reichsgesetz vom 29, Juli 1921) geregelt worden. Als Reichs-
wasserstraßen, die in diesem Vertrag namentlich aufgeführt sind, gelten
alle Wasserstraßen, deren Schiffahrtsverkehr von einiger Bedeutung ist
oder die insbesondere dem durchgehenden Verkehr zwischen mehreren
Wasserstraßen dienen, Das Reich hat hiermit auch die Strom- und
Schiffahrtspolizei und die Enteignungsbefugnis erhalten. Das dem Reich
zustehende Eigentum unterliegt jedoch insofern Einschränkungen, als
den Ländern zum Teil an den Wasserstraßen die Nutzungen verbleiben
sowie die Fischerei. Auch die schon vorhandenen Wasserkraftanlagen
bleiben Eigentum der Länder, während dem Reich nur die an Reichs-
wasserstraßen künftig zu gewinnenden Wasserkräfte zufallen. Der land-
wirtschaftliche Wasserbau und die Fürsorge für das Schiffahrtsgewerbe
und die Häfen gehören nach wie vor zu den Aufgaben der Länder.

Wie die Schaffung der Reichswasserstraßen in erster Linie der Ver-
einheitlichung des Verkehrswesens dienen sollte, soll sich auch die
Tätigkeit der Reichswasserstraßen-Verwaltung nicht nur auf Bau und
Betrieb der Wasserstraßen, sondern auch auf alle Fragen der Förde-
rung von Schiffahrt und Verkehr erstrecken, Die dadurch mitbedingte
Neuordnung der Verwaltung konnte aber durch den genannten Staats-
vertrag nur vorläufig geregelt werden; so wurde zwar im Reichsver-
kehrsministerium die Abteilung für Wasserstraßen geschaffen, doch nur
die diesem angehörenden Beamten sind Reichsbeamte; unter dem
Ministerium stehen die Wasserbaubehörden, die, wie schon früher zum
Teil zu Strombauverwaltungen, nunmehr noch zu weiteren Wasser-
straßendirektionen zusammengefaßt sind. Diese sind jedoch Landes-
behörden geblieben, wenn auch ihre Beamten auf Kosten und unter
        <pb n="393" />
        Deutsche Wasserstraßenpolitik, 345
Leitung des Reichs arbeiten. Der Umstand, daß diese Behörden sowie
die ihnen unterstehenden Dienststellen vielfach auch mit den gleichen
Beamten zugleich die bei den Ländern verbliebenen Aufgaben auf dem
Gebiete der Wasserwirtschaft wahrzunehmen haben, hat dazu geführt,
daß es heute fraglich erscheint, ob die durch den Staatsvertrag herbei-
geführten Verhältnisse in der Tat vom Standpunkt der gesamten
Wasserwirtschaft als Fortschritt gegenüber dem früheren Zustand an-
gesehen werden können, Wenn auch die Bestrebungen der Länder, die
vielfach darauf abzielen, sich ihre Wasserbaubehörden und -beamten zu
erhalten, begreiflich sind, so müßte es doch zur Entwicklung der
Wasserstraßen begrüßt werden, wenn es den zur Zeit schwebenden Ver-
handlungen gelänge, sämtliche Wasserstraßenbehörden in Reichs-
behörden mit Reichsbeamten umzuwandeln,

Die Folgen des Weltkrieges wurden nicht nur durch die Reichsver-
fassung für die Wasserstraßen bedeutungsvoll, auch der Versailler Ver-
trag brachte für sie weittragende, und zwar verhängnisvolle Bestim-
mungen, Nicht genug, daß Deutschland durch die Gebietsabtretungen
einen großen Teil seines Wasserstraßenetzes einbüßte, es verlor auch
einen bedeutenden Teil seiner Binnenflotte, der an Frankreich und
Belgien als ein Bestandteil der „Reparationen‘‘ abgeliefert werden
mußte, Darüber hinaus sah der Vertrag eine Internationalisierung der
deutschen Ströme vor, und Deutschland mußte am Rhein, an der Elbe,
Oder und Donau an Frankreich, die Tschechoslowakei und Polen noch
weitere bedeutende Bestände seiner Binnenflotte abtreten, weil nach
dem Vertrag diese Länder auf den deutschen Strömen eigene Schiffahrt
in dem Umfang betreiben sollten, in dem ihre Ein- und Ausfuhr ihren
Weg über diese Ströme nahm oder künftig nehmen soll, Die weiteren
ausführlichen Bestimmungen des Versailler Vertrages über die Inter-
nationalisierung der deutschen Wasserstraßen bedeuten eine dauernde
Beeinträchtigung der deutschen Verwaltungshoheit. Wenn auch die
Internationalisierung der verschiedene Länder verbindenden Wasser-
straßen aus der geschichtlichen Entwicklung vollkommen zu verstehen
und vielleicht bei der Donau mit ihren zahlreichen Anliegerstaaten,
deren Bestrebungen zur Förderung der durchgehenden Schiffahrt bis-
her durchaus nicht einheitlich waren, sogar zu begrüßen ist, so sind doch
die Bestimmungen für Deutschland ungeheuerlich. Nicht nur, daß die
Oder „internationalisiert‘‘ wurde, die eine rein deutsche Schiffahrts-
straße ist, auch die Zusammensetzung der internationalen Kom-
missionen, denen eine weitgehende Kontrolle über die Schiffahrt, Unter-
haltung und Ausbau der Ströme zusteht, ist derartig, daß Deutschlands
Vertreter überall in der Minderheit sind, obgleich nicht nur an der
Oder, sondern auch an der Elbe und am Rhein der Stromlauf und
        <pb n="394" />
        346 Regierungsrat Dr. Werner Teubert:

namentlich der Schiffahrtsverkehr in ganz überwiegendem Maße
deutsch ist. Dabei war gerade Deutschland das Land, das bisher schon
an diesen Strömen nicht nur die ausländische Schiffahrt als gleich-
berechtigt behandelte, sondern auch die größten Aufwendungen zur
Verbesserung der Schiffahrt gemacht hatte. Die Internationalisierung
könnte für Deutschland nur von Nutzen sein, wenn die Schiffahrts-
kommission ihre Befugnisse, die ihr durch die neu geschaffene Schiff-
fahrts-Akte gegeben werden, nicht dazu ausnützen würde, um Deutsch-
lands Binnenschiffahrt zu schwächen, sondern um zu erzielen, daß die
übrigen Anliegerstaaten in gleicher Weise wie Deutschland für die Ver-
besserung ihrer Wasserstraßen und für den ungehinderten Verkehr
auch der ausländischen Schiffahrt Sorge tragen. Im Versailler Vertrag
ist im übrigen auch die Internationalisierung des Kaiser-Wilhelm-Kanals
ausgesprochen worden, obgleich dieser nur auf deutschem Hoheitsgebiet
liegt, während ähnliche Absichten gegenüber anderen noch in größerem
Umfange gerade dem internationalen Verkehr dienenden Seewasser-
straßen, wie z. B. dem Suez- oder Panama-Kanal, nicht bestehen.

Die Aufbringung der Mittel. Obgleich die natürlichen
Wasserstraßen von jeher in dem Besitz des Staates standen, war es doch
vor dem 19. Jahrhundert weder in Deutschland noch in anderen Ländern
üblich, ihre Unterhaltung und Verbesserung aus öffentlichen Mitteln zu
bestreiten, Die früher eingeführten Flußzölle waren willkürliche Ver-
kehrssteuern, die selten für die zu Landeskulturzwecken oder zur Ver-
besserung der Schiffbarkeit erforderlichen Arbeiten verwendet wurden,
Die Mittel hierzu mußten von den Ortsgemeinden, den Anliegern oder
den Schifferzünften aufgebracht werden, Im Verlauf des vergangenen
Jahrhunderts erst führte die Entwicklung zusammen mit der Aufhebung
der Fluß- und anderen Binnenzölle dazu, daß solche Aufwendungen aus
Staatsmitteln gedeckt werden mußten. In die alte Verfassung des
Deutschen Reiches wurde die Bestimmung aufgenommen, daß auf allen
natürlichen Wasserstraßen Abgaben nur für die Benutzung besonderer
Anstalten, die zur Erleichterung des Verkehrs bestimmt sind, erhoben
werden dürfen, Diese Abgaben sowie die Abgaben für die Befahrung
solcher künstlichen Wasserstraßen, die Staatseigentum sind, dürfen die
zur Unterhaltung und gewöhnlichen Herstellung der Anstalten und An-
lagen erforderlichen Kosten nicht übersteigen. Für die künstlichen
Wasserstraßen einschließlich der kanalisierten Flußstrecken traten hier-
mit keine wesentlichen Änderungen ein, denn die früher willkürlich
erhobenen Besteuerungen hatten schon vorher meist die Form von Ge-
bühren erhalten, die in der Regel an den Schleusen entrichtet wurden
und infolge des Wettbewerbs der Eisenbahn mit der Binnenschiffahrt
auf mäßiger Höhe gehalten werden mußten.
        <pb n="395" />
        Deutsche Wasserstraßenpolitik, 347

Trotz der Bestimmungen der Reichsverfassung blieb aber die Frage
der Schiffahrtsabgaben auf den freien Strömen auch weiterhin ein leb-
haft umstrittenes Gebiet, denn die so gewährte weitgehende Abgaben-
freiheit bildete ein gewisses Hindernis für den weiteren Ausbau der
Wasserstraßen. Den gewaltigen Summen, die die Strombauten im Ver-
lauf der letzten Jahrzehnte verschlungen hatten, standen keine Ein-
nahmen gegenüber, und die Allgemeinheit sollte weiterhin für die
Wasserstraßen und damit für die Förderung der Binnenschiffahrt Zu-
schüsse aufwenden, während die Eisenbahn jährlich Überschüsse dem
Staat lieferte. Dem Vorbilde Frankreichs und Hollands, wo die Wasser-
straßen einschließlich der Kanäle, zum Teil zwar zwecks Beeinflussung
der Tarifpolitik der Privatbahnen, im wesentlichen jedoch aus der An-
schauung heraus, daß die Vorteile eines billigen Schiffahrtsverkehrs der
gesamten Volkswirtschaft zugute kommen, fast durchweg abgabenfrei
geblieben sind, glaubte man sich in Deutschland vielfach nicht an-
schließen zu sollen. Der lange Streit für und wider die Schiffahrts-
abgaben führte schließlich im Jahre 1911 zu dem „Gesetz über den Aus-
bau der Wasserstraßen und die Einführung von Schiffahrtsabgaben“.
Danach dürfen für alle Anstalten, Werke oder Einrichtungen, die den
Verkehr erleichtern, Abgaben erhoben werden, und zwar kann eine
Deckung der Herstellungs- und Unterhaltungskosten einschließlich der
Verzinsung und Tilgung der Anlagekosten erstrebt werden. Mit der
Verabschiedung dieses Gesetzes konnte ein neuer Abschnitt in dem
planmäßigen Ausbau der deutschen Wasserstraßen beginnen, in dem
nunmehr das Reich an Stelle der Einzelstaaten aktive Wasserstraßen-
politik betreiben wollte. Der Ausgang des Krieges ließ dies jedoch in
dem erstrebten Umfang noch nicht zu, denn infolge der Internationali-
sierung der deutschen Ströme ist Deutschland bei der Erhebung der Ab-
gaben auf die Zustimmung der fremden Staaten angewiesen, und die
Einführung der Abgaben ist bisher noch nicht erfolgt.

Die Bereitstellung der Mittel für die Wasserstraßenbauten erfolgte
in Preußen durch den Staatshaushalt der Bauverwaltung oder durch
besondere Anleihegesetze. Zur Deckung dieser Aufwendungen, soweit
sie, wie die Kanäle und die Anlage von Staustufen, zur Vertiefung des
Fahrwassers und zur Förderung der Binnenschiffahrt dienten, war auch
schon früher, z. B, bei dem Wasserstraßengesetz von 1905, die Erhebung
von Schiffahrtsabgaben vorgesehen. Da ihr Ertrag eine Verzinsung und
Tilgung der Baukosten ermöglichen sollte, waren Einträglichkeits-
berechnungen aufgestellt, nach denen die Höhe der Abgaben zu be-
messen war, Derartige Berechnungen haben bei der Entscheidung über
spätere Wasserstraßenpläne, seitdem durch das Schiffahrtsabgaben-
Gesetz von 1911 und die Umwälzungen, die der Krieg brachte, die Auf-
        <pb n="396" />
        348 Regierungsrat Dr. Werner Teubert:

wendungen zur Hebung der Schiffahrt nicht mehr der Allgemeinheit auf-
gebürdet werden dürfen, an Bedeutung gewonnen. Es kommt dabei
darauf an, einerseits den Umfang des Verkehrs zu ermitteln, der durch
Verbesserung oder Neubau einer Wasserstraße ihr zugeführt werden
kann, andererseits die jährlichen Kosten festzustellen, die außer den
Beträgen für Unterhaltung, Betrieb und Verwaltung der Wasserstraßen
für die Verzinsung und Tilgung der Baukosten erforderlich sind. Danach
ergeben sich die Abgabensätze, mit denen die Verkehrseinheit zu be-
lasten wäre, Es ist also zur Beurteilung der Ertragsfähigkeit der ge-
planten Wasserstraßenbauten zu prüfen, ob die Schiffahrtskosten er-
höht werden können, ohne den Güterverkehr zu unterbinden oder da-
hin zu führen, daß der Verkehr andere Wasserwege einschlägt oder
anderen Verkehrsmitteln sich zuwendet. Um die Aussichten eines neuen
Verkehrsweges im Wettbewerb mit den bestehenden beurteilen zu
können, sind eingehende Berechnungen über die Gesamtfrachten bei
allen in Betracht kommenden Beförderungsmitteln, und zwar für die
verschiedenen Güterarten, erforderlich. In der Regel ging man bei der
sich aus den Frachten ergebenden Verkehrsberechnung davon aus, daß
die vorhandene Güterbewegung in den in Betracht kommenden Ge-
bieten nach Herstellung eines neuen Wasserweges an sich unverändert
bleibt, und daß ein Verkehr namentlich dadurch zustande kommt, daß er
billigere Frachten bietet und daher den Verkehr von anderen Verkehrs-
wegen, meist von der Eisenbahn, auf sich ablenkt. Eine auf Grund
solcher Berechnung für bauwürdig erkannte Wasserstraße wird in der
Regel auch einen Ertrag abwerfen, denn zu dem so ermittelten Ver-
kehr wird nicht unbedeutender Verkehr hinzutreten, der sich durch
die Verbilligung der Frachten und durch Schaffung neuer Unter-
nehmungen, besonders Industrien, an den Wasserstraßen selbst er-
fahrungsgemäß entwickelt, nur bei der Vorausberechnung zahlenmäßig
sich weniger leicht erfassen läßt,

Die Bemessung der Schiffahrtsabgaben und die Art ihrer Erhebung
erfolgen auch heute nach verschiedenen Grundsätzen, Entsprechend dem
Gebührengrundsatz, daß die Leistung der Gegenleistung entsprechen
soll, wurden die Abgaben ursprünglich nach Tarifen, die die Tragfähig-
keit der Schiffe zugrunde legten, erhoben. Die Notwendigkeit, durch
die Tarifpolitik den Verkehr nach Möglichkeit heranzuziehen und da-
her die Abgaben so zu verteilen, daß sie auch im einzelnen Falle für
die Schiffahrt tragbar sind, führte dann zu den Ladungstarifen, die nicht
nur nach der Größe des Schiffes und der Ladungsmenge, sondern auch
nach der Beschaffenheit und dem Wert der beförderten Güter die Ab-
gabensätze bemaßen, Die Erhebung erfolgte in Preußen in der Regel
bei den Schleusen, indem an einzelnen Schleusen Hebestellen ein-
        <pb n="397" />
        Deutsche Wasserstraßenpolitik, 349
gerichtet wurden, die von jedem Schiffe die für die Durchfahrt bestimm-
ten Tarifsätze erhoben. Wenn mit fortschreitender Verbesserung der
Wasserstraßen diese Einkünfte zur Deckung der Kosten nicht aus-
reichten, wurden weitere Schleusen zu Hebestellen bestimmt, Wenn
diese Form der Abgabenerhebung auch heute noch auf einigen Wasser-
straßen üblich ist, so ist man andererseits doch dazu übergegangen, die
Tarife noch weiter der Leistungsfähigkeit der Schiffe anzupassen, und
zwar insbesondere durch Festsetzung von Abgabensätzen je Tonnen-
kilometer Nutzlast und durch geringe Belastung leerer Fahrzeuge. Der-
artige Tarife, die sich in der Art der Gütereinteilung in verschiedene
Klassen und in der Bemessung der Abgaben nach der auf dem betreffen-
den Verkehrsweg zurückgelegten Entfernung den Grundsätzen des
Eisenbahntarifwesens anpassen, gelten bei den nordwestdeutschen
Kanälen; sie waren auch für die Schiffahrtsabgaben auf den deutschen
Strömen vorgesehen und werden wohl auch für künftige Wasserstraßen
Geltung bekommen, Auf dem Rhein-Weser-Kanal wurden z. B. bis zur
Erhöhung infolge der Markentwertung die Abgaben nach fünf Klassen
erhoben, für die 0,5 bis 1,0 Pfg. je Tonnenkilometer berechnet wurden.
Dabei gehörten Kohlen in die niedrigste, Getreide in die höchste Klasse;
für Kalisalze, deren Beförderung zu Wasser als Rückfracht erwünscht
war, und die wegen der niedrigen Eisenbahntarife nicht hoch belastet
werden durften, berechnete ein Ausnahmetarif die Hälfte der niedrigsten
Klasse, Der zunehmende Wettbewerb der Eisenbahn und der anderer
Verkehrswege führte später dazu, durch noch weitere Ausnahmetarife
den Übergang auf die Wasserstraßen zu erleichtern.

Wenn es heute bei dem Mittelland-Kanal und anderen geplanten
wichtigen Kanalverbindungen gelingen wird, durch die Befahrungs-
abgabe trotz des Wettbewerbs der Eisenbahn eine ausreichende Ver-
zinsung der aufgewendeten Kosten zu erreichen, so ist dies einmal der
außerordentlichen Entwicklung der Massengüterbewegung gegenüber
früherer Zeit, sodann aber dem Ausbau der schon vorhandenen, meist
abgabenfreien Wasserstraßen zuzuschreiben, mit denen der Kanal-
verkehr fast regelmäßig in Verbindung steht. Die Entwicklung des so
vorzüglichen deutschen Wasserstraßennetzes und die Entfaltung der
Schiffahrt war bis zum Kriege aber nur dadurch möglich, daß die Auf-
wendungen für‘die Wasserstraßen nicht nur von der Schiffahrt, sondern
auch von weiteren beteiligten Kreisen oder der Allgemeinheit getragen
wurden, Es war eine Verzinsung der Wasserstraßen durch Schiff-
fahrtsabgaben nur in sehr geringem Maße möglich. Nach Mattern ver-
zinsten sich die märkischen Wasserstraßen mit 2,3 %, der kanalisierte
Main mit 0,5%, und die gesamten künstlichen Wasserstraßen Preußens
ergaben nur eine Kapitalverzinsung von 0,02 %. An anderen kanali-
        <pb n="398" />
        350 Regierungsrat Dr. Werner Teubert:

sierten Flüssen und auch am Dortmund-Ems-Kanal deckten die Ein-
nahmen nicht einmal die laufenden Kosten. Auch bei den durch das
Gesetz von 1905 beschlossenen Kanälen glaubte man, obgleich grund-
sätzlich die Aufwendungen durch die Befahrungseinnahmen gedeckt
werden sollten, sich nicht allein von der Schiffahrt in der Deckung der
Kosten abhängig machen zu sollen. Während man bei früheren Kanal-
bauten die anliegenden oder sonst beteiligten Städte, Kreise oder Pro-
vinzen zu Geldbeiträgen oder zur unentgeltlichen Überlassung von
Grund und Boden herangezogen hatte, glaubte bei diesen Kanälen der
Staat sich durch Bildung von „Garantieverbänden“ gegen einen etwa
eintretenden Einnahmeausfall sichern zu sollen. So mußten sich die am
Rhein-Weser-Kanal beteiligten Provinzen und andere öffentliche Ver-
bände verpflichten, die durch Kanalabgaben nicht gedeckten Fehl-
beträge der Betriebs- und Unterhaltungskosten dem Staate zu erstatten
und außerdem einen Baukostenanteil zu verzinsen. Nach dem Kriege
hat man dann angesichts der unglücklichen Finanzlage des Reichs
andere Wege eingeschlagen, um den weiteren Ausbau von Wasser-
straßen zu ermöglichen. So schritt man, um die in Süddeutschland ge-
planten Wasserstraßen in Angriff nehmen zu können, zur Gründung
der Neckar-Aktien-Gesellschaft, sowie der Rhein-Main-Donau-Aktien-
Gesellschaft, Diese Unternehmungen wurden unter Führung des Reichs
als gemischtwirtschaftliche Gesellschaften gegründet, deren Aktien-
kapital unter starker Beteiligung des Reichs von den Ländern, Städten
und sonstigen Beteiligten aufgebracht wurde. Das Reich, an das die
fertiggestellten Wasserstraßen übergehen sollen, ist verpflichtet, für
einen Teil der Verzinsung von Vorzugsaktien und Schuldverschrei-
bungen aufzukommen.

Die Fürsorge für die Binnenschiffahrt. Wasser-
straßen werden nur in seltenen Fällen Selbstzweck sein können und mit
der Absicht geschaffen werden, eine hohe Verzinsung des Anlagekapitals
zu finden, Daher entspringt die staatliche Förderung der Binnenschiff-
fahrt nicht nur dem Bestreben, den Schiffahrtsverkehr zu vermehren,
um durch erhöhte Abgabenbeträge Wasserstraßenbauten einträglicher
zu machen, sondern vor allem aus den Aufgaben der Wirtschaftspolitik,
durch Verbilligung des Verkehrs die Gütererzeugung und ihren Absatz
zu erleichtern und zu fördern, In der Billigkeit der Beförderung gegen-
über anderen Verkehrsmitteln, insbesondere der Eisenbahn, liegt aber
der eigentliche Wert der Binnenschiffahrt, Dienen auch die Wasser-
straßen in manchen Verkehrsbeziehungen und in Zeiten starken Ver-
kehrs dazu, die Eisenbahn zu entlasten, indem sie ihr vielleicht wenig
wirtschaftliche Aufwendungen für Bau und Betrieb ersparen, so würde
doch in der Regel in normalen Zeiten infolge unseres weit verzweigten
        <pb n="399" />
        Deutsche Wasserstraßenpolitik, 351
Bahnnetzes in den meisten Fällen der Güterverkehr die Eisenbahn
bevorzugen, da diese regelmäßiger, sicherer, häufiger und namentlich
schneller befördert, Dazu kommt, daß für die Abfertigung von Gütern
die Beförderung auf dem Bahnwege in der Regel bequemer ist und der
Versender mit festen, vorher bekannten Frachtsätzen rechnen kann,
während die Frachten auf den meisten Wasserstraßen ständig großen
Schwankungen unterliegen. Demgegenüber treten die Vorteile, die die
Wasserwege bisweilen, z. B. in den Kohlengebieten und Seehäfen, durch
die Möglichkeit bieten, gleichzeitig Massengüter, wie namentlich
Kohlen und Erze, in sehr großen Mengen verfrachten zu können, doch
zurück; und die Fälle, daß die Wasserstraßen, wie im Eildampferverkehr
auf dem Rhein, gelegentlich gar schneller befördern als die Eisenbahnen,
oder daß, wie auf den Haffen oder der Unterelbe, die Eisenbahnen für
den Wettbewerb nicht in Betracht kommen, sind selten,

Welche volkswirtschaftliche Bedeutung den Wasserstraßen durch
Verbilligung der Frachten zukommt, zeigt folgendes Beispiel einer
Gegenüberstellung von Eisenbahn- und Wasserfrachten:

Frachten auf Wasserstraßen und Eisenbahnen,
a) Mittlere Binnenschiffahrtfrachten in Mark je Tonne
b) Mittlere Binnenschiffahrtfrachten v. H. der Eisenbahnfrachten
Duisburg-Mannheim Hamburg — Tetschen | em Kosel—Stettin
Im. Jahre (355 km) (535 km) (486 km) (486 km)
Steinkohlen Getreide Eisenerz Steinkohlen
2 F a 1 a ba kıa b_
1913 _ 2. 15,05 ZI | 4,55 67 | 4,63 45
1922 38 | — 41 = 66 Sn 54
1923 \ - 30 4J) | 3,48 66 4113,36 49
1924 ‚ 2,86 4m ‚7,26 22 | 5,46 51. (15,90 42

Es ist jedoch zu beachten, daß in der Regel eine derartige Ver-
billigung, wie sie diese Zahlen für große Entfernungen zeigen, durch Be-
nutzung des Wasserweges nicht eintritt, denn es sind die vorher
erwähnten Nachteile gegenüber der Eisenbahn zu berücksichtigen, die
dazu führen, daß man damit rechnet, daß in der Regel 10—15 %
Frachtersparnisse nötig sind, um den Wasserweg vor der Eisenbahn
zu bevorzugen, Auch die Nebenkosten, wie Hafen- und Versicherungs-
gebühren, erhöhen noch die Wasserfrachten; vor allem aber tritt in
sehr vielen Verkehrsbeziehungen, wenn Versand- und Empfangsort
nicht an einem Wasserweg liegen, zur Wasserfracht noch eine Eisen-
bahnfracht, die dann zusammen mit den Umschlagkosten zwischen
Eisenbahn und Schiff die Spanne zwischen der direkten Bahnfracht und
        <pb n="400" />
        352 Regierungsrat Dr. Werner Teubert:

der Gesamtfracht bei Benutzung des Wasserwegs erheblich verringert.
Der Wettbewerb der Wasserstraßen wird sodann dadurch erschwert,
daß für die Massengüter, die in erster Linie für die Schiffahrt in Be-
tracht kommen, auf den Eisenbahnen meist die niedrigsten Tarifsätze
gelten, die oft auch gerade aus Wettbewerbsgründen eingeführt wurden.
Es ist daher eine der Hauptaufgaben der gesamten Verkehrspolitik,
durch Tariftmaßnahmen dahin zu wirken, daß Eisenbahn und Wasser-
straße jeweils der Güterverkehr zufällt, der von jedem Verkehrsmittel
am billigsten befördert werden kann, und daß diese sich gegenseitig so
ergänzen, daß die Güterbeförderung des Landes insgesamt sich am
billigsten vollzieht. Dies konnte vor dem Kriege in Deutschland nicht
erreicht werden, da der privaten Schiffahrt der Staatsbetrieb der
Eisenbahn gegenüberstand, der bestrebt war, möglichst viel Verkehr
an sich zu ziehen, und der namentlich bei dem ausgedehnten
Eisenbahnetz auch in der Lage war, im Wettbewerb gegen andere
Verkehrsmittel durch die niedrigsten Ausnahmetarife ihren Verkehr zu
erhöhen und durch hohe Tarife für andere Strecken oder Güterarten,
wo kein Wettbewerb bestand, zu verhüten, daß die Gesamteinnahme
zurückging.

So war die deutsche Eisenbahntarifpolitik der Entwicklung der
Binnenschiffahrt hinderlich; denn während z. B. billige Seehäfenaus-
nahmetarife den Wasserstraßen gerade den für sie nach Verkehrs-
richtung und Güterarten günstigsten Verkehr entzogen, wurde anderer-
seits der Wunsch der Schiffahrt, durch entsprechende Eisenbahntarife
zu den Binnenhäfen das Zusammenarbeiten dieser beiden Verkehrs-
mittel zu fördern, nur in wenigen Fällen erfüllt. Einen wesentlichen
Fortschritt zugunsten der Wasserstraßen erhoffte man durch Schaffung
des Reichsverkehrsministeriums, in dem nun von einer Stelle aus der
gesamte Verkehr geleitet werden sollte. Diese Hoffnung erfüllte sich
jedoch nicht, denn die Nachkriegszeit brachte mit dem fortschreitenden
Währungsverfall, dem sich die Eisenbahntarife nur langsam anpaßten,
für die Wasserstraßen einen weit stärkeren Verkehrsrückgang als für
die Eisenbahn; dieser wurde dadurch noch verschärft, daß die Reichs-
bahn bei der neuen Tarifbildung zu Staffeltarifen überging, die für
Massengüter und große Entfernungen, also gerade für den Verkehr, der
sonst der Schiffahrt zufiel, so niedrige Frachtsätze vorsahen, daß viel-
fach der Wasserweg nicht mehr in Betracht kam. Wenn auch bei den
oben aufgeführten Strecken das Verhältnis zwischen Eisenbahn- und
Wasserfracht im Jahre 1924 wieder dem vor dem Kriege nahekam, so
galt dies doch nur für wenige Fälle; überall dort, wo eine Eisenbahn-
anschlußfracht hinzutritt, ergeben sich für den Wasserweg ungünstigere
Verhältnisse als vor dem Kriege, Eine gewisse Förderung der Schiffahrt
        <pb n="401" />
        Handel (6 bis 7) und Schiffahrt (8 bis 10).
6, Dr. rer, pol, h.c, Ludwig Roselius, Bremen,

Geb. 2. Juni 1874 zu Bremen, führte bis 1912 die Firma Roselius &amp; Co, mit
Niederlassungen in Amsterdam, Hamburg, London und Wien, Erfand 1906 den
koffeinfreien Kaffee Hag, gründete die Kaffee-Handels-Aktiengesellschaft, Er-
richtete nach Ausbruch des Krieges in Rumänien die Agentia Romana et Germana,
schuf Grundlage des Vertrags zwischen Deutschland und Bulgarien, Aktiv beim
Regiment 20. Errichtung des Instituts für den Wirtschaftsverkehr mit Bulgarien.
Bulgar. Generalkonsul in Bremen, Veranstalter der Niederdeutschen Woche in
Bremen, Dr. rer, pol. h. c. der Universität Münster, Nachrichtenreform des Aus-
wärtigen Amtes. Neubau des Kaffee-Hag-Geschäftes.

7. E. Tgahrt,
Präsident der Industrie- und Handelskammer Hannover,
Vorsitzender des Industrie- und Handelskammer-Verbandes Niedersachsen-Cassel.

Geb. 17. Juli 1882 zu Marienwerder i, Westpr. — Schulbildung, Lehrzeit,
1902—1904 Handelshochschule in Köln mit Abschlußprüfung (Diplomkaufmann), —
1904 Privatsekr. des Kom.-R. C. Schlieper in Düsseldorf-Remscheid, 1906—1911
Angestellter, Leiter d. Informationsbüros, Prokurist, Sekr. d. Aufsichtsr. d. Metall-
bank Frankfurt a. M., 1911 Direktionsass, bei der Fried. Krupp A.-G. Rheinhausen.
— Seit Frühjahr 1912 Dir, der Georg von Cölln G. m. b. H, Hannover, Duisburg,
Hamburg, Magdeburg (zum Krupp-Konzern), 1920 Mitgl, der I.- und Handels-
kammer Hannover. 1923 Präsident derselben, zugleich Vors, d, I.- u. Handels-
kammer-Verb. Niedersachsen-Cassel, des Verkehrsverb. und d. Wirtschaftsaus-
schusses Niedersachsen. Vorstandsmitgl. des D. I.- und Handelstages,

Schiffahrt:
8, Wilhelm Cuno, Reichskanzler a. D.,
Leiter der Hamburg-Amerika Linie,

Geb. am 2, Juli 1876 in Suhl (Thür.), Rechts- und Staatswissenschaften Univers.
Berlin und Hide lber: Referendar, Assessor im Kammergerichtsbezirk, 1906 Zoll-
verwaltung, 1907 Reichsschatzamt, Regierungsrat, Geh, Regierungsrat und Geh, Ober-
regierungsrat zunächst in Steuerreferaten. 1915-16 Leiter und Organisator der Ge-
schäftsabteilung der Reichsgetreidestelle, 1916 Mitarbeiter des Ernährungsministers
Batocki. 1917 Vorstandsmitglied der Hamburg-Amerika Linie, nach dem Tode
Ballins Generaldirektor, bei den Friedensverhandlungen Sachverständiger, No-
vember 1922 Bildung der Reichsregierung bis August 1923. Wieder in die Hamburg-
Amerika Linie, Stellvertr. Vors. und Delegierter des Aufsichtsrats im Vorstande.

9, Dr.-Ing. h, c. Ph. Heineken,
Präsident des Norddeutschen Lloyd, Bremen,

„Geb, 1. März 1860 in Bremen, Lehrzeit im Baumwollhandel, in England
Gründete Firma Heineken &amp; Vogelsang, Baumwollimport- und Versandgeschäft.
Ehrenämter Gelegenheit zur Entfaltung kaufmännischer und organisatorischer
Fähigkeiten zum Wohle der Allgemeinheit, Lange Jahre Erster Vizepräsident der
Bremse Baumwollbörse, 1905 Präs, der Handelskammer Bremen. 1906 im Vorstand
des Nordd. Lloyd, zunächst Frachtabteilungen, 1906 Vorsitz im Direktorium des
Nordd, Lloyd, Generaldirektor, 1920 Präsident des Nordd. Lloyd.

10. Konsul F. Albert Pust, Wesermünde.

Geb. 23, August 1842 in Rostock. Realschule, Seemannsberuf, dann Kaufmann.
Durch Reisen nach England großes Interesse für die Hochseefischerei mit
Dampfern, 1887 nach Geestemünde, Pionier der Dt. Hochseefischerei, Im Besitz
mehrer Orden und Auszeichnungen, 1895 Mitgl. der Industrie- und Handelskammer
Geestemünde, 1921 Präsident.

Tafel XII
        <pb n="402" />
        „(0P 2id 8) 34ndettids@ bay (V aid 9) Iebas
rn sem9r8 ‚euilaeo ziwbu I ul Joqian adhahlich = = ir
tim ‚0373 ‚emilogoArsomid aib SICK 2id atzdöt. ‚game us BTL eu deut
nsb” 800f bush nei W bar mobno ‚8ıwdmeH ‚mebrelemA mi ‚n9Bnuzeslr9bai/
9b HerloaflezeamnsihlA-zlobmeH:asteM Sib loben? ‚aeHC ost nel to
‚Sam 9 sasmo A sihnayA aib nsinsmuf ni 298912 29h, dauzdeas A dasn Stofdait
mi9d vitlA” neitsau&amp; bau brnsidaetre Cl modoeiwx 28819 V 255 N SUSIBEUTS) Saar
‚ats en rdeadte valtenlozthi Wales b\ mal 2a as Bedsie £ OS 3890
ni; sdooW , madoetusbiebei/l 1b, ‚xelletenena V....nomard: mi Iyeno ists as L.xsaluıa
-20 A 29b mmotsmstidaisdos 1 ‚15th M HEHarovinl 35b 9 ‚A Joq. ‚197, 10 ‚named
‚estHöfo290-ReH-esHE esb‘ vsdhaN )EStmrAN RE
‚1svondsIT 19mm eis basH“ Bi oiehbnal sb Imsbiakr9 | ©
IosesO-noadasersbeiN es bisdıa V-rammslelabnehHnbnir eixtarbal 2eh 19bmestigroV
‚Jiexıdel, ‚anublidludo@ 4-— AxqgleaWi..b ebro Weeits Miu 8881 Heb.XI ‚dad
— ‚(masmiysarolgid) ER um nlö2l nt aludaedaodelebnsH b021—S0RQ1
1 ERL-—0001 bi Asse Lo blS2e Caı! 194SHEdb2” (0 WALmoN 2b urlaatenird b0el
Meteo M Di retdajetuA De, r98, tat or ‚201üdenoitsmrolhl.;b 1atie.l aetllotesanA
.nsensdatsdA ‚D-,A qquıy (beitd 19b isd ‚22s2n0 H9ıi(1 110 „Ms hutinsı% ansd
‚314080 ‚Svomn eh CH ‚dA (OT nall60! GoW &amp;tos Oo b (id RICl Adeidind oe —
„elsbasH, ‚bau: ı4.17 19b...1HiM.. 0S@I 1 (mama Haqguu 2) mus) vd baeM \BaudesH
-elsbneH ur 1b ‚210V. dotslaus ‚nodis219b 3n9gbieß1d ESEL ‚avonmneH. 1emme2l
-enseHe As W. GUhar dısverdsaieV 85 YlBeek0:nsedikersbai dis Virdee
‚zo3stelsbashH. brus 1. „Ci 29b..Iatimebnster0 Vi. mozdasetaheik; zasandar
; adsttida@,...
„Is 19olsnsdedaie ‚onuO mladliW 8
‚ini! saihsmA-3rudmsH 19b 19891
‚219vinU nmoltsdoanseziwetsst@ bau -2tdoal ‚(0dT) Idu2 mi OT8L ul S mes ‚da
-HoX' 3081 ‚Arissdatdairebremms A mi 1022922A ‚yabinmeretsA ‚arsdlsbisH bau nilıe&amp;
-19dO daD) bar 4sre8nuıei3e A ‚dat ‚Herennureiae fl Imsstiedozadaiefl TORL ‚anıilewrer
-50 19b 10}s2imnsa370 bais 19391 Ol-CIeI ‚neterolorreust@ ni jedoknus 4sıeBmmreider
atojeinimmea nd En a9b TeliedretiM alet ‚ollstzobierteaedoisMl ob amılistdeattäcse
oboT, mob, dasm ‚aigil sıliramA-arudmsH 9b beilatimebnstzr0V VIEL .iootsd
-ol ‚x93ibnöter9vdas@ nebnulbasdıevensbaird mob i9d ‚ıotl9riblsrens) zaillsd
-31udmaH sib ni 1obeiW ‚ESCL jeuauA id baursiaerenoieH 1ob Banblid SEI xSdmey
‚obaster0 V mi. etsretdoielu A 2eb 19hr9iaele0 har „210V „alas vlle}2.,siniH es ismA
jedoch nic! "an dieasdenis dIssch keiıd&lt;emit_ dem fortschreit-n
/ährungsve‘r(nom$a4, ‚byohl fradostucbbioN.edbrihebieärT]angsam ann:
baslagl, At „Jobasdllowmug 4. min tiosıde I. 4 memond, mi ‚008 bhsräMelkdsadaD:
J15dozsabnsereV bay, -hoqmillowmusd. ‚anszl930V, 3 no fanisH, sat) at9bai.ı)
19ddbeitofkeins&amp;r6 ba“ Hadoeihnstährs BanlsaH ne! HiotlhsasloD* 19tmänsıd a
15b '4mshiaäxqgariV 19bardpnorfhl- sank, HiodaiomSallA „ish reIdeW (dus nietisBids’
basteroV mi 000? ‚mamse14, 19mmsalelobnsH ı19b ‚2519 C0CI, ‚921ödllowmusd 19m914
295 mulotderil mi“ ster0V” 3001 ash ls ed Gedskhus! we ‚.bbı0% 2b
1o).brold-ibbro-2eb.tasbiesa 9; OSPL-„ı6hleribls1enet. „Dvol.I .bb1oN
Sbrümis2sW" teud pedlA (inenoM Ol
‚ansmlus N ansb ‚odennkfes@ Aaludselksl GBeioA al Sbat JeunuA ‚ES ds)
}im  ‚ietodoeitesedooH ;r9ibi- 1ül-,saeorsinll | 29 Nor biislänH‘ dosm -maeiofl „dotuC
stie94l, ml. ‚i9ıendoeilesanooH „CI 1b, 19in0i9, ‚obnümstessO dosm 1881 mroiqmsC
fm elobnsH bar -sitfenbnl 15b" 1aHM 208) \noahundoissauA bau nobrO tsrdem
1 | ine dewinsbizäı I IsQh &lt;‚obalrm =‘
1. XD

1 Jatge"
        <pb n="403" />
        <pb n="404" />
        <pb n="405" />
        Deutsche Wasserstraßenpolitik. 353
konnte jedoch dadurch eintreten, daß nach langen Bemühungen im
Jahre 1924 erreicht wurde, daß wenigstens für bestimmte Verkehrs-
beziehungen am Rhein ein Wasserumschlagtarif für einige Häfen ein-
geführt wurde, der so niedrige Eisenbahnfrachten vorsieht, daß dort der
Rheinschiffahrt wieder etwa der gleiche Verkehr zufallen kann wie
vor dem Kriege,
Ist es auch die wichtigste Aufgabe der Wasserstraßenpolitik, einen
maßgebenden Einfluß auf die Gestaltung der Eisenbahntarife zu ge-
winnen, so gilt es doch, auch auf anderen Gebieten die Binnenschiffahrt
zu fördern. Hierzu gehört die Fürsorge für die Entwicklung der Häfen,
deren Ausbau und Ausgestaltung durch leistungsfähige Umschlag-
einrichtungen wesentlich dazu beitragen kann, den Kahnumlauf zu
beschleunigen und so die Frachten zu verbilligen; auch der unmittelbare
Anschluß der Häfen an die Eisenbahn und die Errichtung von Eisen-
bahn-Tarifstationen in den Häfen selbst ist von erheblicher Bedeutung.
Bei allen diesen Aufgaben, die der Förderung der Wasserstraßen dienen
sollen, wird ein Zusammenarbeiten der Regierung mit den am Verkehr
beteiligten Erwerbskreisen, besonders mit den Vertretern der Schiff-
fahrt, von Nutzen sein. So waren schon vor dem Kriege in Preußen zur
beratenden Mitwirkung bei Bau und Betrieb der Kanäle Bezirkswasser-
straßen-Beiräte und ein Landeswasserstraßen-Beirat gebildet worden.
Auf Grund der neuen Reichsverfassung wurde dann, entsprechend dem
Reichseisenbahnrat, die Errichtung eines Reichswasserstraßen-Beirats
sowie von acht Bezirkswasserstraßen-Beiräten vorgesehen, zu deren
Bereich auch die Seewasserstraßen gehören. Zu ihren weitgesteckten
Aufgaben gehört nicht nur die Mitwirkung bei baulichen und polizei-
lichen Maßnahmen, sie sollen auch bei Fragen der Landeskultur, bei
Einrichtung der Wasserstraßenverwaltung und insbesondere bei der Ge-
staltung der Abgabentarife mitwirken. Für die Entwicklung der Binnen-
schiffahrt war ferner von Bedeutung das im Jahre 1895 erlassene
Reichsgesetz, betreffend die privatwirtschaftlichen Verhältnisse in der
Binnenschiffahrt, das mit den bis dahin vielfach unklaren Verhältnissen
und den in einzelnen Gebieten abweichenden Bestimmungen aufräumte
und für alle Fälle eindeutige Entscheidung gibt. Neuerdings gehen die
Bestrebungen im Zusammenhang mit der Internationalisierung der
Wasserstraßen dahin, nach und nach ein gemeinsames europäisches
Binnenschiffahrtsrecht zu schaffen, Erwähnt sei in diesem Zusammen-
hang auch die Errichtung von Schifferbörsen, die manchen Übelständen
im Frachtenwesen abhalfen, und ferner die Reichsstatistik der Binnen-
schiffahrt, die durch ausführliche Veröffentlichungen über den Schiffs-
bestand, insbesondere über den Verkehr auf den Wasserstraßen, den
Behörden wie den Schiffahrttreibenden eingehenden Aufschluß über
Die deutsche Wirtschalft.

93
        <pb n="406" />
        354 Regierungsrat Dr. Werner Teubert:
die gesamte Verkehrslage und damit Fingerzeige für mancherlei Maß-
nahmen auf dem Gebiet des Wasserstraßenverkehrs liefert.

Wenn auch die nach dem Umsturz im Jahre 1918 vielfach ein-
setzenden Sozialisierungsbestrebungen den Gedanken auftauchen
ließen, zwecks enger Zusammenarbeit mit den vom Reich betriebenen
Eisenbahnen auch den Schiffahrtbetrieb vom Reich selbst oder mit
seiner Beteiligung durchführen zu lassen, so geht doch heute fast
allgemein die Ansicht dahin, daß eine weitere Entfaltung der Binnen-
schiffahrt am ehesten gewährleistet ist, wenn man sie der privaten
Unternehmung überläßt, Dies schließt jedoch gewisse Einwirkungen
des Staates auf die Ausübung des Schiffahrtgewerbes nicht aus, wie
sie z. B. zum Ausdruck kam in den Bestimmungen über die Betriebs-
verbände, die nach dem Kriege auf den östlichen Wasserstraßen durch
Zusammenschluß sämtlicher Einzelschiffer gebildet werden mußten und
zum Zweck hatten, angesichts des großen Überangebots an Kahnraum,
den der starke Verkehrsrückgang zur Folge hatte, der infolge des
gegenseitigen Wettbewerbs vielfachen Erwerbslosigkeit der Schiffer zu
steuern. In manchen Fällen ist jedoch auch eine Beteiligung des
Staates an der Schiffahrt selbst wünschenswert. Dies gilt z. B. für
das in Preußen schon vor dem Kriege für den Rhein-Weser-Kanal vor-
gesehene Schleppmonopol, auf Grund dessen auf dieser Wasserstraße
nur staatliche Schlepper zugelassen werden. Seine Einführung wurde
zwar von den Schiffahrttreibenden lebhaft bekämpft, weil die Aus-
dehnung des eignen Gewerbes dadurch behindert wurde und man
befürchtete, daß ein Schleppmonopol auch zu einem Betriebsmonopol
und einer Verstaatlichung der gesamten Schiffahrt führen könnte.
Jedoch hat sich das Schleppmonopol, dem der Gedanke zugrunde lag,
daß ein Kanal sich nur bei einheitlicher Leitung des Schiffahrtsbetriebes
zur höchsten Leistungsfähigkeit entfalten könne, und daß zugleich auch
zur Verhütung von Verkehrsstockungen und Beschädigungen des Kanal-
bettes ein staatlicher Betrieb am vorteilhaftesten ist, auf dem Rhein-
Weser-Kanal trotz der Schwierigkeiten, die gerade die Kriegs- und
Nachkriegsjahre brachten, bewährt. Ein Schleppmonopol ist natürlich
in erster Linie dann erforderlich, wenn die Fortbewegung der Schiffe
nicht durch Schleppdampfer, sondern, wie auf dem Teltow-Kanal, durch
Lokomotiven vom Ufer aus erfolgt. Ebenso wie die Beteiligung des
Staates an der gewerblichen Schiffahrt durch eigenen Betrieb nur auf
wenige Fälle beschränkt wurde, ist auch seine Beteiligung durch Geld-
mittel nur gering. Erwähnt sei die Beteiligung des preußischen Staates
an dem Aktienkapital eines Rheinschiffahrt-Konzerns, die der Absicht
entsprang, zur Förderung des Kohlenabsatzes der staatlichen Bergbau-
verwaltung einen gewissen Einfluß auf die Rheinschiffahrt zu gewinnen.
        <pb n="407" />
        Deutsche Wasserstraßenpolitik, 355
In ähnlicher Weise sind auch der badische und der bayerische Staat
an der Rheinschiffahrt beteiligt,

Einen viel weitergehenden Einfluß auf den Schiffahrtbetrieb übte
jedoch das Reich während der Kriegsjahre aus. Hier galt es, um die
für militärische Zwecke stark in Anspruch genommenen Eisenbahnen
nach Möglichkeit zu entlasten, alle für die Wasserstraßen möglichen
Transporte auf diese abzudrängen und auch sie so für die Kriegs-
zwecke auszunutzen, Eine planmäßige Regelung des ganzen Verkehrs-
wesens, wie sie die Friedenswirtschaft nicht kannte, wurde durch-
geführt, Unter der Schiffahrtsabteilung beim Chef des Feldeisenbahn-
wesens stand ein weitverzweigtes Netz militärischer Dienststellen,
deren Tätigkeit sich auf sämtliche Wasserstraßen des Inlandes und der
besetzten Gebiete erstreckte; für die belgischen und nordfranzösischen
Wasserstraßen bestand in Brüssel eine besondere Militär-Kanal-
Direktion, Die Aufgaben dieser Stellen bestanden in der Organisation
des Schiffahrtsgewerbes, Verteilung des Schiffsparks auf das In- und
Ausland, Beschaffung von Mannschaften für Schiffahrtsbetrieb und Um-
schlag, im Ausland auch in der Unterhaltung der Wasserstraßen; es
galt, genaue Transportprogramme durchzuführen. Die Wasserstraßen
mußten namentlich der Güterbeförderung zur Versorgung des Heeres
und der Zufuhr zu militärischen Bauten dienen, Die private Schiffahrt
mußte sich dem Zwange fügen, der freie Frachtenmarkt wurde zum
Teil ausgeschaltet. Wenn auch mit Kriegsende die freie Schiffahrt
wieder eingeführt wurde, so ergaben sich doch aus dem militärischen
Betrieb manche Erfahrungen für die künftige Wasserstraßenpolitik,

HL Die Bedeutung der Wasserstraßen.

Während der Umfang des deutschen Wasserstraßennetzes sowie
die Entwicklung der Binnenflotte schon früher besprochen wurde, soll
hier an Hand einiger Zahlen, die Veröffentlichungen des Statistischen
Reichsamts entnommen sind, die Entwicklung und der gegenwärtige
Umfang des Wasserstraßenverkehrs und seine Bedeutung im Rahmen
des gesamten Verkehrswesens gezeigt werden. Der außerordentliche
Aufschwung, den der deutsche Wasserstraßenverkehr genommen hat,
geht am deutlichsten daraus hervor, daß in den 35 Jahren von 1875 bis
1910, in denen sich die Bevölkerung des Reiches um 50 % vermehrt hat,
die Güterbeförderung zu Wasser sich auf etwa die sechsfache Menge
erhöht hat und im Jahre 1910 über 80 Millionen Tonnen erreichte. Die
tonnenkilometrischen Leistungen der deutschen Wasserstraßen er-
höhten sich in diesem Zeitraum infolge der zunehmenden durchschnitt-
lichen Beförderungsweite sogar von 2,9 auf 19 Milliarden Tonnenkilo-

98+
        <pb n="408" />
        356 Regierungsrat Dr. Werner Teubert:
meter, während in der gleichen Zeit die Leistungen der deutschen Eisen-
bahnen im Güterverkehr von 10,9 auf 56,3 Milliarden Tonnenkilometer
stiegen, also in geringerem Maße als die der Schiffahrt, Dabei ver-
änderte sich das befahrene Wasserstraßennetz von etwa 10 000 km nur
wenig, während das Eisenbahnnetz von 26 500 auf 58 500 km sich aus-
dehnte, In welchem Maße diese so rasch zunehmende Belebung der
Wasserstraßen in einigen wichtigen Verkehrspunkten, für die sich die
Statistik zurückverfolgen läßt, zum Ausdruck kam, zeigen folgende
Zahlen:
Binnenwasserstraßenverkehr wichtiger Häfen und Grenzstellen,
Gütermengen in 1000 t.
In den Häfen | Im Jahre:
1881-1885”) 1900 | 1910 | 1913 | 1922 | 1923 | 1924°*”)
Königsberg. . . angekommen! 425 694 1051| 978 | 289| 283| 332
( angekommen — 80| 645 1368| 444 482 695
Kosela + A abgegangen x 813 ll E er 1 854
Berlin‘). . . . angekommen! 2977 |4783| 5197| 3390| 1686|1400| 2218
| angekommen 1200 |2709| 5109| 5382| 2438!2574 3080
Hamburg . . . abgegangen ! 1300 |3537 or 7251| 2418 2223 2998
Duisburg-Ruhrort | abgegangen | 1918 WW "a 10 95731666 15513
Köln. . . . . angekommen‘ 180 605| 897' 1072| 821 1607 1100
Mannheim . . . angekommen 1 134 4543| 5757 6563! 6314' 760 6343
Durchgang an der
Grenze bei:
(zu Berg ınal 432) ni] 784 204 286| 1763
Schandau .. .l 74 Tal | 1626 = 27 U 577 Sl 1105
ER eHchUN ıf zu Berg 1 726 9 038 | 17 254 | 19 823 |11 531 | 7 202 11 601
\zu Tal 2612 |a153 12 877 117 638 | 8931 ı 4970 | 19 064
Die stärkste Entwicklung nahm der Rheinverkehr, besonders bei
Emmerich, wo über ein Drittel aller auf deutschen Wasserstraßen be-
förderten Gütermengen über die deutsch-holländische Grenze ging und
die Ausfuhr in den 35 Jahren sich verzehnfachte, Dies war in erster
Linie dem Kohlenversand in den Duisburg-Ruhrorter Häfen zuzu-
schreiben, die sich zum größten Binnenhafen der Welt entwickelten
und auch noch von 1910—1913 bedeutend an Verkehr gewannen. Dem-
gegenüber war die Entwicklung in den drei nächstgrößten deutschen
Binnenhäfen, Berlin, Hamburg und Mannheim, die schon in den 80er
Jahren einen großen Verkehr aufwiesen, geringer. Der Krieg brachte
") Jahresdurchschnitt.
**) Ohne Vororte; einschließlich dieser 1913: 7951; 1924; 4544,
**°) Für das ganze Reich liegen die Verkehrszahlen für 1924 noch nicht vor.
        <pb n="409" />
        Deutsche Wasserstraßenpolitik, 357
dann den außerordentlichen Verkehrsrückgang für die Binnenschiffahrt,
der im Jahre 1922 dann wenigstens in gewissem Umfange wieder aus-
geglichen werden konnte, bis das Jahr 1923 mit dem Ruhreinbruch und
dem Zusammenbruch der deutschen Währung den Verkehr fast allge-
mein wieder lähmte. Eine Ausnahme bildete fast nur Köln, während
andererseits z. B. der Königsberger Verkehr, auch durch die Gebiets-
abtretungen, sehr hart betroffen wurde und den größten Teil seiner
Holzzufuhr zu Schiff und in Flößen von der Memel her verlor. Die
Gebietsverluste im Osten des Reichs zeigen sich auch in den Zahlen
über den Anteil der deutschen Stromgebiete an den gesamten Ein- und
Ausladungen an deutschen Wasserstraßen:

Gesamtverkehr der deutschen Stromgebiete
1913”) | 1922 | 1923

in Mill. t| v.H. [io Mill. t| v.H. [inMil t| v.H.
Östliche Wasserstraßen 5,0 3:2 1,1 1,2 ä 1,9
Odergebiet A, 14,9 9,5 | 5,6 5,9 | no 10,3
Märkische Wasserstraßen 15,7 10,1 8,2 8,7 U | 11,3
Elbegebiet; .. 1. 25,5 16,3 0 210,3 10,9 | 10,2 19,4
Ems-Weser-Gebiet. , | 10,7 6.3 15,1 16,0 11,3
Rheingebiet.. 2...“ HS 53,2 | 56,6 |
Donaugebiet. . 2.) &gt; a &gt; on.  Urz |
Insgesamt; .... 156,4 | 100,0 | 94,1 | 100,0 | 52,7 | 100,0

Hiernach entfiel über die Hälfte des deutschen Binnenschiffahrt-
verkehrs auf das Rheingebiet, das seinen Anteil nach dem Kriege noch
erhöhen konnte, während in dem östlichen Wasserstraßennetz ein-
schließlich der Elbe die Binnenschiffahrt weit stärker zurückging. Hier
spielte jedoch auch in den letzten Jahren die fremde Flagge nur eine
geringe Rolle auf den deutschen Gewässern, während auf sie von dem
deutschen Rheinverkehr vor dem Kriege etwa ein Viertel, im Jahre
1922 aber schon über ein Drittel entfiel. Das Jahr 1923 brachte für die
besetzten Gebiete und damit für die Rheinschiffahrt naturgemäß die
schwerste Schädigung; erst Ende des Jahres trat mit der Besserung der
politischen Lage ein gewisser Umschwung ein, der sich im Jahre 1924
fortsetzte und auch auf die Schiffahrt der übrigen Wasserstraßen über-
griff. Die Festigung der deutschen Währung, die Senkung der Wasser-
frachten gegenüber den Eisenbahnfrachten, das weniger feindliche
Verhalten der Besatzungsbehörden und die Einführung des früher
erwähnten Umschlagtarifs führten dazu, daß sich die deutsche

*) Ehemaliges Gebiet,
        <pb n="410" />
        358 Regierungsrat Dr. Werner Teubert:
Binnenschiffahrt so entfalten konnte, daß der Verkehr des
Jahres 1922 wieder erreicht, in der zweiten Hälfte des Jahres
sogar recht wesentlich übertroffen werden konnte. Der Vor-
kriegsverkehr konnte jedoch mit Ausnahme weniger Häfen auch
noch nicht annähernd erreicht werden.
Süterbewegung auf deutschen Seewärtiger ! Seeverkehr in | Einfuhr im
Binnen- | Eisen- Güter- deutschen Häfen _ Gesamt-
Im Jahre _wasserstraßen bahnen“) verkehr””) nn eigenhandel
in Millionen
in Millionen t ‚in Millionen 1 in Millionent N -Reg.-Tons in Millionen t
1913. 101,3 501 56 69,7 74,6
1920 . 2. 44,7 337 13 24,9 19,5
19210008 42,1 354 j 20 38,3 26,2
1922. 59,3 405**) 34 | 52,8 47,7
1923. 4 34,5 244°") | 41 | 61,8 48,6 ***)
1923 |
9% von 1913 34% 49% u 89% 65%
1923
9% von 1922 58% 0% 121% 117% | 102%
War schon vorher angedeutet worden, welche Entwicklung die
Binnenschiffahrt im Verlaufe der letzten Jahrzehnte vor dem Kriege
gegenüber der Eisenbahn genommen hatte, so lassen die vorstehenden
Zahlen ein Bild darüber gewinnen, welche Bedeutung der Binnenschiff-
fahrt innerhalb des Gesamtverkehrs zukommt, und wie die letzten Jahre
ihre Entwicklung gegenüber der übrigen Güterbewegung beeinflußten.
Handel, Seeschiffahrt und Eisenbahn weisen in den Nachkriegsjahren
einen ganz bedeutenden Rückgang auf gegen 1913, selbst wenn man be-
rücksichtigt, daß das Gebiet sich verkleinert hat — aber nirgends ist
der Rückgang, auch in den Jahren 1922 und 1923, so beträchtlich ge-
wesen wie bei der Binnenschiffahrt. Während im Jahre 1913 die
Binnenschiffahrt ein Fünftel der Gütermengen bewältigte, die die Eisen-
bahnen beförderten, war ihr Anteil im Jahre 1922, obgleich dies Jahr
ihr schon wesentliche Fortschritte brachte, nur noch etwa ein Siebentel;
und auch im Jahre 1923 konnte sich dieser Anteil nicht erhöhen, ob-
gleich in den angeführten Zahlen der Eisenbahnverkehr fehlte, der sich
unter der „Regie“ vollzogen hatte. Die Folgen des Krieges haben je-
doch nicht nur den Umfang, sondern auch die Richtungen des Güter-
verkehrs beeinflußt; so wurde besonders stark der Verkehr mit dem
") Ab 1920 ohne Verkehr innerhalb des Saargebiets und zwischen Saargebiet
und Ausland.
*) Geschätzte Zahlen,
""*) Wegen des Ruhreinbruchs unvollständig.
        <pb n="411" />
        Deutsche Wasserstraßenpolitik. 359
Ausland betroffen, während der Güteraustausch im Inland, der einen
Teil der früheren Einfuhr vom Ausland ersetzen mußte, in manchen
Verkehrsbeziehungen sogar reger wurde, Im Jahre 1913 entfielen von
dem gesamten Eisenbahnverkehr 85 %, im Jahre 1922 fast 90 % auf
Inlandverkehr, während bei der Binnenschiffahrt nur 56 % im Jahre
1913 und 61 % im Jahre 1922 auf ihn entfielen. Der Verkehr deutscher
Schiffe mit dem Ausland vollzog sich namentlich über Emmerich und
Schandau.
Anteil der Hauptwarengruppen am Gesamtverkehr
der Eisenbahn und Binnenschiffahrt,
nn 1913°) 1922 1923
? auf der | auf dem . auf der [1 dem | auf der | auf dem
Es wurden befördert Bahn | Wasser | Bahn Wasser Bahn Wasser
in Millionen Tonnen
Steinkohlen . . . . + 160,6 29,9 117,9 22,0 47,4 | 9,6
Braunkohlen . . . 38,3 1,8 55,3 3,3 44,5 1,5
Torf FE Te 0,6 0,2 23 0,2 | 1,5 | 0,2
Erden aller Art . . . 39,5 11,9 22,9 5,9 15,2 3,7
Se CE, 50,8 6,0 4711 30.0 25,3 2,3
Kalk und Zement. . . 12,2 | 2,9 9,2 1,4 5,8 ze
Erze aller Art +24 25,1 | i4,2 10,6 8,9 6,0 3,9
Eisen und andere Metalle 41,0 | 4,1 31,2 | 1,9 11.3 1,3
Holz aller Art. u. 23,0 \ 57 ı 24,5 1,77 - 205 1.4
Getreide...» 20, ei 15,6 7.1 ' 8,0 | 3,3 1.3 2,9
Müllereierzeugnisse . . 8,1 1,4 4,2 ; 33 / 3.4
Rüben aller Art‘... 12:2 DD 6,5 5,2 J,3
Kartoffeln 5 5 le 4,5 Urs 5,7 . 5,6 d,1
Zucker (ie CD 3,4 Ze 2,0 / . 1,9 6
Salze vr A 220 0,6... 3,3 1,6 2,0 v5
Mineralöle “1... 2,4 | 1.2 1,8 45 1,3 | 0,2
Düngemittel aller Art . 10.4 7 4.0 15 1,9 1,2
Sonstige‘ Güter; 5. 45,3 | 3 + 7 31,8 3.0
Zusammen 5013 1.000 1 300,2), 588 1 200 3437
Wie die vorstehenden Zahlen zeigen, dienen die Wasserstraßen
in besonderem Umfang den Massengütern, denn allein auf Kohlen und
Erze entfielen im Jahre 1913 etwa 45, im Jahre 1923 sogar 53 % aller
auf Wasserstraßen beförderten Gütermengen. In den Nachkriegsjahren
wandte sich auch die Braunkohle in erheblichem Maße diesen zu.
Einen großen Umfang nimmt ferner in der Binnenschiffahrt die Be-
*) Altes Reichsgebiet,
*) Die Angaben sind unvollständig, der Güterverkehr betrug schätzungsweise
405,4 Millionen Tonnen; der Unterschied von rund 15,3 Millionen Tonnen verteilt sich
auf die einzelnen Güterarten außer Steinkohlen, deren Mengen hier bereits erhöht sind,
        <pb n="412" />
        360 Regierungsrat Dr. Werner Teubert:

förderung von Steinen und Erden, Holz und, von wertvollen Gütern,
Getreide und Zucker ein, für die der Wasserweg im Verkehr mit den
Seehäfen besondere Vorteile bietet, Aber auch für hochwertige Güter
selbst in geringeren Mengen bot der Wasserweg vielfach Vorteile, be-
sonders in den letzten Jahren, seitdem nach dem neuen Reichsbahn-
tarif die hochwertigen Güter sehr hohe Eisenbahnfrachten bezahlen
müssen, Daher konnten die Güterdampfer, die namentlich wertvollere
Güter befördern, in mehreren Verkehrsrichtungen sogar einen größeren
Verkehr als vor dem Kriege annehmen. Immerhin wurden auch im
Jahre 1922 nur etwa 3 % aller auf deutschen Binnenwasserstraßen
bewegten Güter durch Schiffe mit eigener Triebkraft befördert. Der
Floßverkehr ist nicht nur gegenüber der Vorkriegszeit, sondern auch in
den Jahren 1920—10923 weiter zurückgegangen.

Die deutschen Binnenwasserstraßen wurden im Jahre 1922 auf
einer Länge von etwa 11000 km von Schiffen oder Flößen befahren,
und es wurden im Güterverkehr etwa 13,5 Milliarden Tonnenkilometer
geleistet, d. h, über 50% mehr als 1921, jedoch nur 63% des Jahres 1913.
Von diesen tonnenkilometrischen Leistungen entfiel 1913 nur ein
Sechstel, 1922 aber, namentlich infolge der Schiffsabtretung an Frank-
reich und die Tschechoslowakei, fast ein Viertel auf ausländische
Schiffe, Die durchschnittliche Verkehrsbelastung aller befahrenen
Wasserstraßen im Jahre 1922 betrug 1,2 Millionen Tonnen, sie steigerte
sich auf dem Rhein jedoch im Durchschnitt fast um das Zehnfache; bei
Emmerich erreichte der Rhein sogar eine Verkehrsdichte von 20,5 Mil-
lionen Tonnen. Im Jahre 1922 betrug die mittlere Beförderungsweite
auf deutschen Wasserstraßen 229 km; rechnet man dazu die Strecken,
die im Verkehr mit Deutschland auf den angrenzenden Wasserstraßen
des Auslands zurückgelegt wurden, sogar 288 km. Demgegenüber
betrug im Jahre 1922 die mittlere Beförderungsweite auf der Reichs-
bahn 168 km gegenüber nur 120 km im Jahre 1913. Diese Zunahme
ist zum großen Teil auf die Einführung der Staffeltarife und die durch
sie bedingte Abwanderung des Verkehrs vom Wasserweg zur Eisen-
bahn zurückzuführen. Während das Reichsbahnnetz, das etwa die
fünffache Ausdehnung des deutschen Wasserstraßennetzes besitzt, im
Jahre 1922 durchschnittlich die gleiche Verkehrsdichte aufwies wie die
Wasserstraßen, war im Jahre 1913 noch die mittlere Verkehrsbelastung
der Wasserstraßen um fast 50% höher als die der Eisenbahn; im
Jahre 1913 entfiel auf die Binnenschiffahrt ein Viertel, im Jahre 1922
nur noch ein Sechstel der gesamten Verkehrsleistungen zu Bahn und
zu Wasser,
Welche Bedeutung der deutschen Binnenschiffahrt trotz ihres durch

den Krieg verminderten Umfangs noch zukommt, erhellt auch aus
        <pb n="413" />
        Deutsche Wasserstraßenpolitik, 361
einem Vergleich mit der französischen Binnenschiffahrt, Das franzö-
sische Wasserstraßennetz ist mit 12 000 km, die etwa je zur Hälfte auf
Flüsse und Kanäle entfallen, umfangreicher als das deutsche. Es wurden
jedoch dort im Jahre 1922 nur 30 Millionen Tonnen Güter, d, h. halb so-
viel wie auf den deutschen Wasserstraßen, befördert. Was die Binnen-
schiffahrt für die deutsche Volkswirtschaft bedeutet, erhellt auch aus
einem Vergleich mit der Seeschiffahrt, Die gesamte Tragfähigkeit der
deutschen Binnenschiffe war schon vor dem Kriege größer als die der
Seehandelsflotte und wird gegenwärtig jene um mehr als das Doppelte
übertreffen, Im Jahre 1913 wurden auch fast doppelt soviel Güter auf
den Binnenschiffen befördert als im Seeverkehr der deutschen Häfen.
In den Jahren 1922 und vor allem 1923, in denen der seewärtige Güter-
verkehr, namentlich infolge der erhöhten Einfuhr englischer Kohlen,
einen bedeutenden Aufschwung nahm, blieb jedoch die Binnenschiff-
fahrt hinter dieser Entwicklung, namentlich durch den Ruhreinbruch,
zurück, Ebenso wie Eisenbahn und Binnenschiffahrt aufeinander ange-
wiesen sind, ist auch das Gedeihen von See- und Binnenschiffahrt mit-
einander verknüpft, Wenn auch die Eisenbahnpolitik der Binnenschiff-
fahrt wenig förderlich ist, geht ihr enger Zusammenhang doch daraus
hervor, daß z, B. im Jahre 1922 bei einem Gesamtverkehr der Binnen-
schiffahrt von knapp 60 Millionen Tonnen 30 Millionen Tonnen zwischen
Eisenbahn und Wasserstraße umgeschlagen wurden. Die Entwicklung
der deutschen Seehäfen und der Binnenwasserstraßen stand von jeher
in engstem Zusammenhang, Die großen deutschen Seehäfen liegen an
den Flußmündungen und konnten sich zum größten Teil nur dadurch zu
ihrer Bedeutung entwickeln, daß die anschließenden Wasserstraßen
durch ihre billigen Frachten ihren Einflußbereich weit in das Binnen-
land hineintrugen, während andererseits, wie schon früher erwähnt, das
Schwergewicht des deutschen Binnenwasserstraßenverkehrs auf dem
Güterverkehr von und nach den Seehäfen beruht.

IV, Ziele der Wasserstraßenpolitik.

Nach den vorangegangenen Ausführungen über die Entwicklung
der deutschen Wasserstraßen und ihres Verkehrs sowie über die Be-
ziehungen zwischen dem Reich und der Binnenschiffahrt bestehen die
künftigen Aufgaben der deutschen Wasserstraßenpolitik vornehmlich
darin, eine einheitliche Wasserstraßenverwaltung zu schaffen, die
Grundlagen für einen wirtschaftlichen Betrieb der Binnenschiffahrt zu
verbessern, insbesondere das Zusammenarbeiten zwischen Binnenschiff-
fahrt und Reichsbahn zu fördern, die vorhandenen Wasserstraßen zu
vervollkommnen und durch Herstellung wichtiger Kanalverbindungen
        <pb n="414" />
        362 Regierungsrat Dr. Werner Teubert:

die Binnenschiffahrt auch auf den vorhandenen Wasserstraßen zu be-
leben und den Nutzen eines billigen Güterverkehrs weiteren Landes-
teilen zukommen zu lassen.

Angesichts der großen Lasten, die der deutschen Wirtschaft durch
das Londoner Abkommen von 1924 für die Zukunft auferlegt sind,
kommt es nicht nur darauf an, in Landwirtschaft, Industrie und Handel
alle Kräfte anzuspannen und die Gütererzeugung zu vermehren und zu
verbilligen, auch das Reich und die Länder werden noch mehr als bis-
her bemüht sein müssen, in ihren Verwaltungszweigen und Betrieben
trotz großer Sparsamkeit die höchsten Leistungen zu erzielen. Daher
muß auch erwartet werden können, daß den Aufgaben der gesamten
Wasserwirtschaft einheitlicher als bisher nachgegangen wird, und daß
insbesondere die Reichswasserstraßenverwaltung durch Schaffung ihr
nachgeordneter Behörden in die Lage versetzt wird, ohne Hemmungen
ihre weitverzweigten Ziele zu verfolgen. Dabei wird es auch nötig
sein, einerseits die Wasserstraßenbeiräte derart heranzuziehen, daß
ihre Mitwirkung den Aufgaben der Verwaltung förderlich ist, anderer-
seits das Zusammenarbeiten in den neuen internationalen Schiffahrts-
kommissionen so zu gestalten, daß die deutsche Schiffahrt ihre frühere
Bedeutung auf den deutschen Strömen wiedererlangt und sich auf
Grund internationaler Bestimmungen, wie sie schon auf der Inter-
nationalen Verkehrskonferenz in Barcelona angebahnt werden sollten,
weiter, auch im Verkehr mit dem Ausland, entwickeln kann.

Sodann wird es Aufgabe der Verwaltung sein, durch ständige Ver-
kehrsbeobachtung und ausführliche Statistik die Entwicklung der Schiff-
fahrt genau zu verfolgen, um zu erkennen, wo durch staatliche Ein-
griffe Hemmungen beseitigt werden können. Dazu gehört eine genaue
Kenntnis der Frachten und der Selbstkosten im Schiffahrtsbetrieb und
bei den im Wettbewerb stehenden Verkehrsmitteln, die besonders für
die Bemessung der Schiffahrtsabgaben erforderlich ist. Eine richtige
Abgabenpolitik wird aber die wichtigste Handhabe der Wasserstraßen-
verwaltung sein, mit der sie daran mitwirken kann, den Verkehr den
Wegen zuzuweisen, die ihn am günstigsten befördern können. Es wird
daher nicht nur darauf ankommen, das Zusammenarbeiten zwischen
Reichsbahn und Binnenschiffahrt günstiger zu gestalten, auch die Ent-
wicklung der Seeschiffahrt und des Lastkraftwagenverkehrs wird zu-
gunsten der Wasserstraßen beeinflußt werden müssen, Mit der rasch
zunehmenden Bedeutung der Kraftwagen im Güterverkehr — umfaßt
ihre Tragfähigkeit doch bereits etwa 1% % aller Eisenbahngüterwagen
— werden diese für die Wasserstraßen als Zubringer eine ähnliche
Rolle spielen können wie für die Eisenbahnen. Die Förderung der deut-
schen Seehäfen wird aber nach ihrer geographischen Lage stets auch
        <pb n="415" />
        Deutsche Wasserstraßenpolitik. 363
einen Gewinn für die Binnenschiffahrt bedeuten; jedoch wird es immer
eine schwierige Aufgabe der Verkehrspolitik bleiben, mit der Be-
günstigung der deutschen Seehäfen gleichzeitig auch die Rheinschiff-
fahrt zu stützen, die in ihren wichtigsten Verkehrsbeziehungen von der
Entwicklung Rotterdams und Antwerpens abhängig ist, die ihrerseits
wiederum in großem Umfang auf dem Wettbewerb mit den deutschen
Nordseehäfen beruht. Die Verflechtung der Binnenschiffahrt mit den
übrigen Verkehrsmitteln wird mit in erster Linie durch eine Verbesse-
rung des Hafenwesens erreicht werden können, auf die auch nach
Möglichkeit vom Reich aus hinzuwirken ist. Nicht nur, weil durch
niedrige Hafenabgaben und leistungsfähige Umschlageinrichtungen die
Binnenschiffahrt in manche neuen Verkehrsbeziehungen eingeschaltet
werden kann — jede Abkürzung des Aufenthaltes der Binnenschiffe in
den Häfen ist für die Bemessung der Frachten von großem Einfluß und
kann in erheblichem Umfang den Neubau von Schiffen ersparen.

Von größter Bedeutung für die Entwicklung der Binnenschiffahrt
bleibt aber die Tarifpolitik der Eisenbahn, und es muß mit allen Mitteln
von der Wasserstraßenverwaltung und der Schiffahrt versucht werden,
auf sie Einfluß zu gewinnen. Dies erscheint zunächst dadurch er-
schwert, daß die Reichsbahngesellschaft vom Reichsverkehrsministe-
rium nunmehr losgelöst ist und nach ihren Bestimmungen und den ihr
auferlegten Lasten noch mehr als bisher danach streben muß, hohe
Gewinne zu erzielen. Gerade der Umstand aber, daß sie bestrebt sein
muß, möglichst gewinnbringenden Verkehr an sich zu ziehen, kann doch
vielleicht dazu führen, daß sie mehr solchen Verkehr den Wasser-
straßen überläßt, den diese vorteilhafter bewältigen können. Dazu
kommt, daß auch die Binnenschiffahrt in dem Verwaltungsrat der
Reichsbahn vertreten ist und die Tarifänderungen von der Zustimmung
des Reichsverkehrsministeriums abhängig bleiben. Es muß mithin doch
gehofft werden, daß sich hier ein für alle Teile förderliches Zusammen-
arbeiten ermöglichen läßt, das einmal dahin führt, daß dort, wo
Wasserstraßen vorhanden sind, bei großen Entfernungen ihnen nicht
der Verkehr durch Ausnahmetarife entzogen wird, andererseits durch
billige Tarife zu den Binnenhäfen die Wasserstraßen noch mehr als
bisher zur Verbilligung der gesamten Güterbewegung eingeschaltet
werden, Sodann wird versucht werden müssen, durch weitschauende
Tarifpolitik zu erreichen, daß beide Verkehrsmittel mehr als bisher
Rückfrachten erhalten; gerade für die Binnenschiffahrt liegen die Ver-
kehrsverhältnisse bisher so, daß, abgesehen von ganz wenigen Verkehrs-
beziehungen, bei denen in beiden Richtungen Ladungen zu erwarten
sind, die Schiffe bei der Rückfahrt leer fahren oder sich mit geringen
Rückladungen begnügen müssen, Wenn in diesem Sinne die Güter-
        <pb n="416" />
        364 Regierungsrat Dr. Werner Teubert:

bewegung und ihre Verteilung auf die Verkehrsmittel beeinflußt werden
könnte, wäre mit einer erheblichen Verbilligung des Güterverkehrs zu
rechnen,

Die Fortschritte, die die Eisenbahnen in ihren technischen Einrich-
tungen und in ihrem Betriebe gerade unter dem Zwang der wirtschaft-
lichen Verhältnisse der Nachkriegsjahre genommen haben, und die u. a.
auch in der Verwendung größerer Güterwagen mit vorteilhafteren Lade-
vorrichtungen zum Ausdruck kommen, zwingen auch die Schiffahrt,
ihren Betrieb weiter zu vervollkommnen. Dies gilt auch für die
Gestaltung der Wasserfrachten, die bisher so starken Schwankungen
unterlagen, und deren Höhe somit vorher nicht feststeht, so daß
manche Versender sich den Eisenbahnen zuwenden, obgleich der
Wasserweg billiger wäre, Es muß angestrebt werden, durch noch
engeren Zusammenhang von Versender, Spediteur und Reeder den
Durchfrachtenverkehr zu verbreiten, indem für die Eisenbahn-, See-
und Wasserstraßenstrecken einschließlich der Umschlagkosten feste,
für längere Zeit geltende Tarife aufgestellt werden. Eine Stetigkeit
und zugleich eine Verbilligung der Wasserfrachten wird jedoch am
ehesten erreicht werden können durch einen fortschreitenden Ausbau
der deutschen Ströme, indem durch Vertiefung des Fahrwassers,
Errichtung von Staustufen oder Talsperren der Wasserabfluß geregelt
und die der Binnenschiffahrt so nachteiligen Niedrigwasserzeiten
abgekürzt werden. Für den künftigen Ausbau der Wasserstraßen
wird es vor allem wichtig sein, sich auf bestimmte Schiffsgrößen fest-
zulegen, einerseits, um durch Schaffung bestimmter Typen Bau und
Unterhaltung der Schiffe zu verbilligen, andererseits, um die Ab-
messungen der einzelnen Wasserstraßennetze durchgehend bestimmten
Höchstmaßen der Schiffe anpassen zu können. Diese Abmessungen
festzulegen, bedarf noch eingehender Wirtschaftlichkeitsberechnungen
und engen Zusammengehens von Verwaltung und Schiffahrt,

Zur besseren Ausnutzung der deutschen Wasserstraßen durch den
Güterverkehr bedarf es jedoch nicht nur ihrer Verbesserung durch
wasserbauliche Maßnahmen, es wird auch durch Bau von neuen Kanälen
nach Hauptverkehrspunkten sowie durch Kanalverbindungen zwischen
einzelnen Strömen der Verkehr belebt werden müssen; durch solchen
Ausbau des Wasserstraßennetzes wird dann auch erreicht werden, daß
weiteren Teilen des Reiches als bisher billige Verfrachtungsmöglich-
keiten gegeben werden, In diesem Sinne hat die Wasserstraßenpolitik
der letzten Jahre bereits erfolgreich gewirkt, Nicht nur die Vollendung
des Mittelland-Kanals wird in wenigen Jahren erreicht sein, auch die
Neckarwasserstraße und der Großschiffahrtweg von Aschaffenburg bis
Nürnberg und der Ausbau der Donau von Passau bis Regensburg sind
        <pb n="417" />
        Deutsche Wasserstraßenpolitik, 365
in Angriff genommen worden, Diese Bauten durchzuführen, muß trotz
der finanziellen Schwierigkeiten gelingen, Gerade wie die Tschecho-
slowakei und die Schweiz seit Jahren danach streben, durch leistungs-
fähige Wasserstraßen nach der Elbe, Oder und Donau, bzw. zum Rhein
und zur Rhone ihren Verkehr mit den Seehäfen zu verbessern und zu
verbilligen, glauben auch Württemberg und Bayern durch die erwähn-
ten Wasserstraßen nach den Rheinmündungshäfen und dem Ruhrgebiet
ihre Volkswirtschaft fördern zu können, Als weitere, gleich wichtige
Kanalverbindung sei noch der Hansakanal erwähnt, der zwischen dem
Ruhrgebiet und den deutschen Nordseehäfen die kürzeste Verbindung
schaffen, den zwischen diesen Gebieten bestehenden gewaltigen Güter-
verkehr verbilligen und vor allem der Ruhrkohle in den Seehäfen den
Wettbewerb mit der ausländischen Kohle erleichtern soll,

Darüber hinaus wird von beteiligten Kreisen der Bau zahlreicher
weiterer Wasserstraßen betrieben. Erwähnt sei hier nur der Ausbau
des Oberrheins von Straßburg bis Basel und weiter bis zum Bodensee,
mit dem die Gewinnung bedeutender Wasserkräfte verbunden sein
würde; die Kanalisierung der Mosel, die den regen Güterverkehr des
Ruhrgebietes mit Lothringen und dem Saargebiet erleichtern soll; der
Rhein-Schelde-Kanal, der im Versailler Vertrag vorgesehen wurde; ein
Kanal von Kosel bis in das oberschlesische Kohlengebiet, dessen Absatz
dann durch Fortfall erheblicher Eisenbahnanschlußfrachten erleichtert
würde; ferner die Verbindung der Donau mit dem Main und dem Neckar,
Alle diese Pläne werden jedoch nur zur Durchführung kommen können,
wenn sich bei eingehenden Berechnungen der zu erwartenden Ein-
nahmen und Ausnahmen ergibt, daß es sich um gewinnbringende Unter-
nehmungen handelt, Da dies namentlich von dem Verkehr abhängen
wird, den die Kanäle erwarten können, wird eingehend untersucht
werden müssen, wie sich die Güterbewegung und die Frachtenlage
in Deutschland gestalten wird, Dabei wird auch zu berücksichtigen
sein, in welchem Maße der fortschreitende Ausbau von Wasserkräften
in Deutschland sowie die sich weiter ausdehnende Fernübertragung
elektrischer Energie die Kohlentransporte einschränken wird, nach
welchen Richtungen sich die Absatzgebiete der englischen Kohlen
sowie der Kohlen im Ruhr- und Saargebiet und in Oberschlesien ent-
wickeln werden, sowie welche Wege der deutsche Außenhandel ein-
schlagen wird. Die wieder zunehmende Bevölkerung Deutschlands und
die voraussichtlich noch stärker anwachsende gewerbliche Tätigkeit
werden jedoch dazu zwingen, auch das Verkehrsnetz leistungsfähiger zu
gestalten. Die Wasserstraßen als besonders für Massengüter geeignete
Beförderungsmittel werden dazu das Bestreben unterstützen können,
durch eine Dezentralisierung der Übervölkerung der großen deutschen
        <pb n="418" />
        366 Deutsche Wasserstraßenpolitik.

Industriegebiete entgegenzuwirken. Man wird daher auch weiterhin
danach streben müssen, alle als wirtschaftlich und gewinnbringend
erkannten Wasserstraßenpläne, soweit es die finanziellen Verhältnisse
gestatten, zu verwirklichen.

Wenn die in den angedeuteten Richtungen liegenden Ziele der
Wasserstraßenpolitik erreicht werden, so werden die Wasserstraßen
mit dazu beitragen, den Güterverkehr zu verbilligen, den Zusammen-
hang der deutschen Landesteile enger zu gestalten, Deutschland vom
Ausland unabhängiger zu machen, zugleich aber die für Deutschland
so wichtige Ausfuhr zu erleichtern und so der so lange Jahre darnieder-
liegenden deutschen Volkswirtschaft wieder zum Aufstieg zu verhelfen.
        <pb n="419" />
        24,

Verkehrspolitische Aufgaben der Reichseisenbahn.
Von Dr. Finkenwirth, Hannover.
L

Seitdem der Ertrag des deutschen Bodens nicht mehr hinreichte,
seine Bewohner zu ernähren, seitdem der deutsche Gewerbefleiß über
die Verarbeitung heimischer Urerzeugnisse hinaus fremde Rohstoffe
und Halbfabrikate in immer steigendem Umfange veredeln mußte, um
aus dem Ertrag deutscher Arbeit das deutsche Volk ernähren zu helfen,
ist für unser kontinental gelegenes Land die richtige Lösung der Ver-
kehrsprobleme zu einer der Haupt- und Grundfragen seiner wirtschaft-
lichen Entwicklung geworden. Der notwendige Versand von landwirt-
schaftlichen Erzeugnissen und Rohstoffen nach den Gegenden des Ver-
brauchs und der Verarbeitung erfordert, infolge der geologischen und
klimatischen Bedingtheiten Deutschlands sowohl wie aus bevölke-
rungspolitischen Erwägungen, Massentransporte von oft mehr als 1000
Kilometern, und aus gleichen Gründen hat der Güteraustausch mit dem
Ausland über die trockene Grenze und über die Seehäfen in großem
Umfange weite Strecken deutschen Landes zu durchmessen,

So entwickelte sich im Jahrhundert der Industrialisierung Deutsch-
lands neben dem unter solchen Verhältnissen unbegreiflich mangel-
haften Ausbau der Wasserstraßenverbindungen (die Kanalisierung des
einzig freigebliebenen deutschen Stroms, der Weser, ist noch heute
nicht beschlossen; die einzige leistungsfähige Binnenwasserstraße West-
Ost, der Mittellandkanal, blieb ein Torso und harrt noch immer der
Vollendung von Hannover bis zur Elbe!), namentlich unter der weit-
sichtigen Führung Preußens, ein deutsches Eisenbahnnetz von einer
technischen Vollendung und einer staatspolitischen Bedeutung, die eine
Welt uns neidete. Die preußischen Staatsbahnen sind Jahrzehnte hin-
durch bis Ende 1917, vom finanziellen Standpunkt aus betrachtet, eines
der wertvollsten Aktiva des preußischen Staates gewesen; weit größer
war aber noch ihr indirekter Nutzen über die Grenzen des preußischen
Staates hinaus für den wirtschaftlichen Aufstieg des ganzen Deutschen
Reiches, Die preußisch-hessischen und danach die deutschen
Eisenbahnen waren vor dem Kriege das wichtigste In-
        <pb n="420" />
        368 Dr. Finkenwirth:

strument deutscher Wirtschaftspolitik; nur sie er-
möglichten es den numerisch schwachen Kräften der Mittelmächte, den
heldenhaften Verteidigungskrieg gegen eine Welt von Feinden so zu
führen, daß deutsches Land von den unmittelbaren Greueln des Krieges
verschont geblieben ist.

Es ist hier nicht der Platz und heute auch müßig, darüber zu rech-
ten, ob unsere Unterhändler in den Dawes-Verhandlungen die seit Sep-
tember 1924 eingetretene Auslandskontrolle der Deut-
schen Reichsbahn und deren enorme Belastung mit einem
Hauptteil des uns auferlegten Kriegstributs hätten wirksam hintan-
halten können; heute nicht zu ändernde Tatsache ist, daß die Reichs-
bahn und damit die deutsche Wirtschaft mit einer jährlichen Auslands-
abgabe von rund 1 Milliarde Goldmark vorbelastet ist, daß die Auf-
bürdung einer Obligationslast von 11 Milliarden Goldmark die Kredit-
fähigkeit der Reichsbahn, wenn nicht aufhebt, so doch ungemein
schwächt und daß die dauernde Kontrolle des Eisenbahnbetriebs durch
Beauftragte unserer Gegner, die ja gleichzeitig unsere Hauptkonkurren-
ten auf dem Weltmarkt sind, eine Eisenbahnpolitik in nationalem Sinne
zu vereiteln vermag und den Kontrollstaaten in den Gang unserer
nationalen Wirtschaft einen Einblick gestattet, der — so wenig auch
naturgemäß von seiner Handhabung in der Öffentlichkeit verlauten
kann — in seinen Folgen unabsehbar ist. Es kam der Entente wohl
weniger auf das Pfand an! Der fein ausgedachte Dawesplan ist hin-
sichtlich der Eisenbahnbestimmungen ein Meisterstück in der Kunst,
einen tributpflichtig gewordenen Konkurrenten zu höchsten Leistungen
anzutreiben, um ihm die Früchte seines Mühens von Zeit zu Zeit ab-
zunehmen, ohne irgendwie verbürgte Hoffnung, die verlorene wirt-
schaftliche Freiheit wiederzuerlangen. Dies ist die bittere Wahrheit!

Wenn nun in jüngster Zeit von autoritativer Seite”) erklärt worden
ist, „von irgendeinem Versuch des Auslandes, auf die Mitglieder des
Verwaltungsrats der Reichsbahngesellschaft einzuwirken, sei nichts be-
kannt; man habe vielmehr von den ausländischen Mitgliedern des Ver-
waltungsrats und dem Kommissar nur eine Förderung unserer Bestre-
bungen erfahren, die Reichsbahn auf den Zustand zu bringen, der ihr
ihre wirtschaftlichen und finanziellen Aufgaben ermöglicht; der Kom-
missar habe die ihm durch die Gesetzgebung auferlegten Schranken
eingehalten, und er fühle sich durchaus nur in der Rolle des Finanz-
kontrolleurs der Gesellschaft und nicht in der des Kontrolleurs der
deutschen Wirtschaft‘, so wird niemand das Vorhandensein dieser
„korrekten‘ Beziehungen der ausländischen Vertreter zur General-

*) Staatssekretär a, D. Dr. Stieler vor dem Verkehrsausschuß des Deutschen
Industrie- und Handelstags.
        <pb n="421" />
        Verkehrspolitische Aufgaben der Reichseisenbahn., 369
direktion der Reichsbahn-Gesellschaft in Zweifel ziehen. Des Wesens
Kern treffen diese Darlegungen aber nicht, und ob der Herr Kommissar
sich als „Kontrolleur der deutschen Wirtschaft‘ fühlt oder nicht: die
Tatsache der Vorbelastung der deutschen Wirtschaft mit 1 Milliarde
Jahresabgabe, die 11-Milliarden-Fessel und was der Reichsbahn an Kon-
trollen und Belastungen sonst auferlegt ist, sprechen eine zu harte
Sprache, die die deutsche Wirtschaft, die das deutsche Volk nur zu
gut versteht.

So sehr dieser Zustand zu beklagen ist und so gering unser Zu-
trauen zu dem angeblich guten Willen der Kontrollstaaten nach Lage
der Dinge sein muß, ebenso falsch ist die blinde Kritik, die von
vielen, u. a. auch sonst maßgebenden politischen und wirtschaftlichen
Kreisen, an der Reichsbahnleitung geübt wird. General-
direktor Oeser hat im Februar d. J. mit dürren Worten in öffentlicher
Rede darauf verwiesen, daß nach dem Reichsbahngesetz, das der
Reichstag mit Zweidrittelmehrheit angenommen hat, die „Reparations-
lasten der Reichsbahn den volkswirtschaftlichen Belangen voran-
gesetzt werden müssen‘, Das sei der Sinn des Gesetzes, das auch
ausdrücklich das Aufsichtsrecht des Reiches an dem Punkt beschränkt,
wo das Aufkommen für die Reparationslasten gefährdet sein könnte;
die Erfüllung dieser Reparationslasten läge auch durchaus im deut-
schen Interesse, da für den Fall der Nichterfüllung die Reichsbahn in
fremde Hände gelangen könnte. Es ist Herrn Oeser darin zuzustim-
men, daß er es für absolut falsch hält, über diese Rechtslage auch
nur den geringsten Schleier zu werfen. Es wäre Pflichtverletzung
allergröbster Art, wenn die Männer, denen das schwergefährdete
Gut der deutschen Reichsbahn anvertraut ist, diese zwingenden
Vorschriften außer acht lassen und dadurch Folgen unabsehbarer
Art herbeiführen würden, Jede Kritik an der Reichsbahnver-
waltung, mag sie auch von den besten Motiven ausgehen und durch
schwere wirtschaftliche Not ausgelöst sein, muß — will sie Anspruch
auf Beachtung haben — den gegebenen Verhältnissen gerecht werden
und bedenken, daß die Verwaltung nicht frei einen selbständigen Be-
trieb verwaltet, sondern die unendlich schwere Aufgabe hat, den
größten Betrieb der Welt mit % Millionen Beschäftigten, belastet mit
großen, schweren Auflagen und Hemmnissen außen- und innenpoli-
tischer Art jahrzehntelang hindurchzusteuern, damit das kostbare Gut
der Reichsbahn unbeschädigt, entlastet und frei einst dem deutschen
Volke wiedergegeben werden kann,

Die Leitung der Reichsbahn-Gesellschaft andererseits wird ständig
sich vor Augen halten müssen, welch schwerwiegende Bedeutung alle
ihre Maßnahmen, namentlich diejenigen auf dem Gebiete der Tarilf-

Die deutsche Wirtschaft.

94
        <pb n="422" />
        370 Dr. Finkenwirth:
politik, für die Entwicklung der deutschen Wirtschaft haben, und daß
Verwaltungsüberheblichkeit Zündstoff schafft und Vertrauen tötet,

Einig zu sein, ist das erste Gebot unserer ernsten Lage! Von gegen-
seitigem Vertrauen getragene, auf das gemeinsame Ziel eingestellte
Zusammenarbeit zwischen Reichsbahnverwaltung, Regierung und Wirt-
schaft ist nationale Pflicht und der einzige Weg, unter geringstmöglicher
Belastung der deutschen Wirtschaft die Zukunft der Deut-
schen Reichsbahn zu sichern.

IL

Wenn man Klarheit gewinnen will, wie die Deutsche Reichsbahn
unter gegebenen Verhältnissen ihrer schweren Aufgabe, „ihren Be-
trieb unter Wahrung der Interessen der deutschen Volkswirtschaft
nach kaufmännischen Grundsätzen zu führen‘, gerecht werden soll,
ist es nötig, zunächst die Grundlagen und Bedingtheiten des Betriebes
in formalrechtlicher und in finanzwirtschaftlicher Hinsicht zu prüfen,

Die Rechtsverhältnisse sind in drei Gesetzen geregelt. Durch das
Gesetz über die Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft (Reichsbahngesetz)
vom 30. August 1924 hat das Deutsche Reich zum Betriebe der Reichs-
eisenbahnen eine Gesellschaft mit der Firma „Deutsche Reichsbahn-
Gesellschaft“ errichtet. Dieses Gesetz, die einen Bestandteil desselben
bildende Satzung der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft (Gesell-
schafts-Satzung) und das Gesetz über die Personalverhältnisse bei der
Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft (Reichsbahn-Personalgesetz) ent-
halten die Bestimmungen, nach denen der Betrieb zu führen ist. Die
neugeschaffene Reichsbahn-Gesellschaft entspricht keiner der im
deutschen Handelsrecht vorgesehenen Gesellschaftsformen, insbeson-
dere nicht der Aktiengesellschaft, sondern bildet eine Gesellschaft
eigenen Rechts mit privatwirtschaftlichem Charakter, aber mit stark
öffentlich-rechtlichem Einschlag. Inwieweit diese Stellung auf das
Finanzgebaren, die Tarifpolitik, die Regelung der personellen Fragen
usw. von Einfluß ist, wird später im einzelnen zu erörtern sein, Wich-
tig ist in der Praxis, daß an Stelle der Generalversammlung und des
Aufsichtsrats des Handelsgesetzbuches ein „Verwaltungsrat“ mit weit-
gehenden Befugnissen eingerichtet ist und daß die Gesellschaft von
den Reichsfinanzen, den gesetzgebenden Körperschaften des Reiches
und — mit Ausnahme gewisser Aufsichts- und Hoheitsrechte, auf die
noch zurückzukommen sein wird — auch von der Reichsverwaltung
völlig losgelöst ist.

Das Eigentum an der Deutschen Reichsbahn, ein-
schließlich deren Beteiligung an anderen Unternehmungen, bleibt nach
S 6 des Reichsbahngesetzes dem Reich, Wenn die Gesellschaft Grund-
        <pb n="423" />
        Verkehrspolitische Aufgaben der Reichseisenbahn, 371
stücke und Zubehörstücke aller Art einschließlich der Fahrzeuge für
Zwecke der Reichseisenbahn erwirbt, so fallen auch sie mit dem Er-
werbe durch die Gesellschaft kraft Gesetzes in das Eigentum des
Reichs. Die Gesellschaft ist auch verpflichtet, vor einer Verfügung
über Gegenstände, deren Wert 250 000 Goldmark übersteigt, die Ein-
willigung der Reichsregierung einzuholen, Andererseits wird dieses
Reichseisenbahnvermögen zugunsten der Reparationsverpflichtungen
des Reiches stark belastet, Nach $ 4. des Reichsbahngesetzes
mußte die Gesellschaft sog. „Reparationsschuldverschreibungen' im
Nennwert von 11 Milliarden Goldmark einem von der Reparations-
kommission ernannten Treuhänder aushändigen. Kraft Gesetzes ist
eine erststellige, allen bereits eingetragenen Hypotheken und allen
sonstigen Pfandrechten im Range vorgehende Gesamthypothek an
allen Grundstücken, die zum Reichseisenbahnvermögen gehören
oder gehören werden, sowie an allen Grundstücken, die Eigentum der
Gesellschaft selbst sind oder werden, entstanden (Reparationshypo-
thek). Diese Schuldverschreibungen sind mit 5 vom Hundert jährlich
zu verzinsen und von 1928 ab mit jährlich 1 vom Hundert zuzüglich
der durch die Tilgung ersparten Zinsen zu tilgen; nur für die ersten
3 Jahre sind gewisse Zahlungserleichterungen vorgesehen, Nach 8 8
des Reichsbahngesetzes hat die Gesellschaft ferner das Recht, ohne
Genehmigung der Reichsregierung selbständig Kredite, deren Lasten
vor dem 1. Januar 1965 endigen, aufzunehmen und dafür das Reichs-
eisenbahnvermögen hypothekarisch zu belasten,

Es ist ohne weiteres klar, daß durch diese Bestimmungen — wenn
auch das Reichsbahnvermögen formell dem Reiche verbleibt, und wenn
auch im $ 41 des Reichsbahngesetzes vorgeschrieben ist, daß die Ge-
sellschaft mit Ablauf des Betriebsrechts die Reichseisenbahnen samt
allem Zubehör und den zur ordnungsmäßigen Betriebsführung nötigen
Betriebsvorräten sowie mit allen Nebenbetrieben lastenfrei in ord-
nungsmäßigem Zustand dem Reich zu übergeben und alle Beteiligungen
an anderen Unternehmungen auf das Reich zu übertragen hat —, das
wertvollste Pfand des Deutschen Reiches stark gefährdet ist, sofern
die übernommenen Verpflichtungen nicht erfüllt werden, Sollte es
bei einem Verzug in den Zahlungsverpflichtungen dahin kommen, daß
der durch das Reichsbahngesetz eingesetzte fremde Eisenbahnkom-
missar die Eisenbahn selbst in Betrieb nimmt oder sie gar verpachtet,
so wären die Folgen für die deutsche Wirtschaft unabsehbar. Der
Bericht des Organisationskomitees an die Reparationskommission
betont zwar, „daß das Reich im äußersten Falle eines Verzuges von
6 Monaten das Eigentum an den Reichseisenbahnen endgültig behält”,
Aber selbst wenn der Verkauf der Reichsbahn oder einzelner Teile
94
        <pb n="424" />
        372 Dr. Finkenwirth:

in diesem Falle nicht stattfinden sollte, so würden die Interessen der
deutschen Volkswirtschaft bei einer solchen Betriebsführung wohl
nicht mehr gewahrt bleiben. Reichsbahnverwaltung und Reichsregie-
rung haben sonach die große Verantwortung und die ernste Pflicht,
unbedingt dafür zu sorgen, daß die im Reichsbahngesetz geschaffenen
Reparationsverpflichtungen erfülltwerden; kann dieReichsbahn-Gesell-
schaft selbst aus irgendwelchen Gründen die erforderlichen Mittel
nicht aufbringen, so wird — was vorgesehen und zulässig ist — das
Reich aus allgemeinen Mitteln einspringen müssen,

Entsprechend ihrer Doppelaufgabe ist die Verfassung der
Reichsbahn-Gesellschaft in vieler Hinsicht abweichend von
den Bestimmungen des Handelsgesetzbuches geregelt. Die wichtigsten
Organe der Gesellschaft sind der Verwaltungsrat und der Vorstand,

Der Verwaltungsrat besteht aus 18 Mitgliedern, von denen
je 9 durch die Reichsregierung, als Eigentümerin der Stammaktien, und
dem Treuhänder, als Vertreter der Gläubiger der Reparationsschuld-
verschreibungen, zu ernennen sind. Die deutsche Qualität der einen
Hälfte der Verwaltungsratsmitglieder ist gesichert, da auch, wenn die
geschaffenen Vorzugsaktien ausgegeben werden, die den Vorzugsaktio-
nären von der Reichsregierung zu überlassenden 1—4 Sitze nur mit
Reichsdeutschen besetzt werden dürfen. Von der Möglichkeit, daß
unter den vom Treuhänder zu bestellenden Mitgliedern 5 Deutsche
sein können, hat, was anerkannt werden muß, der Treuhänder bis jetzt
Gebrauch gemacht; gegenwärtig gehören dem Verwaltungsrat
14 Deutsche, darunter bestimmungsgemäß der Präsident des Verwal-
tungsrates, und 4 fremde Mitglieder an, Der Verwaltungsrat hat die
Aufgabe, die Geschäftsführung der Gesellschaft zu überwachen und
über alle wichtigen oder grundsätzlichen Fragen oder solche von all-
gemeiner Bedeutung zu entscheiden; hierzu gehören insbesondere die
Ernennung des Generaldirektors und auf dessen Vorschlag der oberen
Beamten, die Feststellung des Voranschlages, die Feststellung der
Bilanz und der Gewinn- und Verlustrechnung, die Gewinnverteilung,
die Anlegung der flüssigen Mittel der Gesellschaft, die Ermächtigung
zur Aufnahme von Anleihen durch Kredite zu Lasten der Gesellschaft,
die Besoldungs- und Lohnordnung, die Genehmigung aller Ausgaben
aus Kapitalrechnung in gewissem Umfange. Hieraus erhellt die große
Bedeutung, die dem Verwaltungsrate beizumessen ist.

Unter Aufsicht des Verwaltungsrates führt der Vorstand die
Geschäfte der Gesellschaft. Er besteht aus dem Generaldirektor, der vom
Verwaltungsrate auf 3 Jahre mit einer Mehrheit von drei Vierteln der
abgegebenen Stimmen zu ernennen ist und der Bestätigung des Reichs-
präsidenten bedarf, Zur Abberufung des Generaldirektors genügt ein
        <pb n="425" />
        Verkehrspolitische Aufgaben der Reichseisenbahn, 373
Verwaltungsratsbeschluß mit gleicher Mehrheit. Der Generaldirektor
und die ihm beigegebenen Direktoren, für deren Wahl und Ab-
berufung dieselben Vorschriften gelten, müssen Deutsche sein. Die
Verantwortung für die Geschäftsführung trägt der Generaldirektor
allein, so daß vom deutschen Standpunkt aus in der Wahl des richtigen
Mannes eine ungeheure Bedeutung liegt; zur Zeit ist als General-
direktor der frühere Reichsverkehrsminister Oeser bis zum 31, De-
zember 1927 ernannt. Für den Fall seiner Behinderung ist als erster
Vertreter Direktor Staatssekretär Vogt, als zweiter Stellvertreter
Direktor Staatssekretär Kumbier im Amte,

Das Reichsbahngesetz hat die Reichsbahn-Gesellschaft als
Betriebsgesellschaft gestaltet. Wenn sonach die Reichs-
bahn-Gesellschaft, wie oben näher ausgeführt, nicht Eigentümerin der
Reichseisenbahnen ist, so hat das Reich der Gesellschaft bei ihrer Er-
richtung doch zwei erhebliche Werte zugewendet, das Recht, die
Reichseisenbahn zu betreiben, und das Recht, sie zu benutzen. Hierin
liegt der Gegenwert dafür, daß die Reichsbahn-Gesellschaft bedeu-
tende Reparationslasten für das Reich übernommen hat, Das Be-
triebsrecht und Benutzungsrecht der Reichsbahn-Gesellschaft ist genau
festgelegt; es ist in seiner Dauer begrenzt bis zu dem Zeitpunkt,
wo sämtliche Reparationsschuldverschreibungen getilgt und sämtliche
Vorzugsaktien eingezogen sind, wie angenommen wird, spätestens am
31. Dezember 1964. Gegenstand des Betriebsrechtes bilden die Reichs-
eisenbahnen und alle Nebenbetriebe derselben. In der Art, wie das
Betriebsrecht ausgeübt wird, hat die Gesellschaft sehr weite Freiheit,
da ihr durch $ 9 des Reichsbahngesetzes übertragen ist, den Betrieb
so zu führen, wie sie es für angemessen erachtet; lediglich mit der
Einschränkung, daß sie die gesetzlichen Vorschriften und die durch
die Aufsicht des Reiches bestimmten Grenzen einzuhalten, ferner den
Betrieb sicher zu führen und nach den Bedürfnissen des Verkehrs so-
wie nach dem jeweiligen Stande der Technik gut zu unterhalten und
weiterzuentwickeln hat. Neben der Erfüllung der Reparationslast hat
die Gesellschaft also die Pflicht, den Betrieb mindestens in der bis-
herigen Weise und sicher aufrechtzuerhalten und ihn der Entwick-
lung entsprechend auch weiterzubilden. Man darf nach den bisherigen
Erfahrungen zu der Leitung und zu dem gesamten Personal der Reichs-
bahn das Vertrauen haben, daß in dieser Richtung das Menschenmö$g-
liche geschehen wird,

Zur Sicherung der Reparationsverpflichtungen, insbesondere zur
Wahrung der Rechte aus den Reparationsschuldverschreibungen be-
stehen zwei besondere Kontrollinstanzen, nämlich der Treu-
händer, der die Inhaber der Reparationsschuldverschreibungen ver-
        <pb n="426" />
        374 Dr. Finkenwirth:
tritt und letztere zu verwalten hat, und ferner der Eisenbahn-
kommissar,

Dieser wird, da er ebenfalls Vertreter der Schuldverschreibungs-
Interessen ist, von den ausländischen Mitgliedern des Verwaltungs-
rates gewählt. Er steht zu den Organen der Gesellschaft in engem
Verhältnis und ist die eigentliche fremde Kontrollinstanz. Die Auf-
gaben und Befugnisse des Eisenbahnkommissars sind sehr weit-
gehend; sie werden von dem obersten Grundsatze beherrscht, daß der
Dienst der Schuldverschreibungen nicht notleidend wird. Der Kom-
missar hat u. a. das Recht, an den Sitzungen des Verwaltungsrates und
seiner Ausschüsse teilzunehmen und sich sonst in jeder Hinsicht zu
unterrichten. So kann er alle Anlagen und Dienststellen besichtigen,
ihm sind alle Berichte, statistischen und finanziellen Übersichten, die
Voranschläge für außerordentliche Ausgaben, Vorschläge der Ab-
änderungen der Tarife sowie alle anderen Angelegenheiten mitzu-
teilen, die der Genehmigung des Generaldirektors bedürfen. Außer-
dem ist der Eisenbahnkommissar berechtigt, jeden Bericht, jede Über-
sicht usw. zu fordern, die er für nötig hält, Falls irgendeine Bau-
betriebs- oder Tariftmaßnahme seines Erachtens wesentlich dazu bei-
trägt, die Rechte oder Interessen der Schuldverschreibungsgläubiger
oder der Reparationskommission zu bedrohen und insbesondere die
Reparationszahlungen an den Fälligkeitsterminen zu gefährden, kann
er Einspruch erheben, muß aber die Frage zunächst mit dem General-
direktor erörtern. Erfolgt keine Einigung, so entscheidet endgültig der
Verwaltungsrat. Der Eisenbahnkommissar kann auch die Abberufung
des Generaldirektors durch den Verwaltungsrat mit einfacher Stim-
menmehrheit verlangen, wenn die Gesellschaftssatzung verletzt worden
ist oder wenn Anordnungen des Verwaltungsrates zuwidergehandelt
wurde,

Wenn die Gesellschaft mit dem Schuldendienst in Verzug gerät (ob
hierunter einfache Nichterfüllung oder schuldhafte Nichterfüllung zu
verstehen ist, steht dahin), kann der Kommissar den Fortfall bestimm-
ter Ausgaben oder Tariferhöhungen anordnen; er kann ferner unter
Ausschaltung der Zuständigkeit des Verwaltungsrates einen Wechsel
in der Person des Generaldirektors fordern. Sollte innerhalb 6 Mona-
ten nach Nichtleistung der fälligen Zahlungen die Deckung des fehlen-
den Betrages sich nicht haben ermöglichen lassen, so kann der Eisen-
bahnkommissar im Einvernehmen mit dem Treuhänder die Eisenbahn
selbst in Betrieb nehmen, entbehrliche Fahrzeuge oder andere Sachen
veräußern oder letzten Endes das Betriebsrecht ganz oder zum Teil
verpachten. Dieser äußersten Maßnahme hat indessen eine Entschei-
dung eines besonderen Schiedsrichters (s. u.) dahin vorauszugehen, daß
        <pb n="427" />
        Verkehrspolitische Aufgaben der Reichseisenbahn, 375
die in Aussicht genommene Maßnahme nötig und geeignet ist, die
Durchführung des Dienstes der Reparationsschuldverschreibungen zu
sichern.

Sonach ist der Eisenbahnkommissar, der stets fremder Natio-
nalität sein wird, in der Lage, sich einen völligen Einblick in den
deutschen Eisenbahnbetrieb in allen seinen Teilen zu verschaffen; es ist
auch sein gutes Recht, zahlenmäßige Unterlagen über die gesamte Be-
triebsführung zu verlangen. Hierin liegt mindestens eine schwere Ge-
fahr für die deutsche Wirtschaft, da deren intimste Dinge, soweit sie
mit dem Verkehr zusammenhängen, auf diese Weise zur Kenntnis des
Auslandes kommen können. 8 22 Abs, 8 des Reichsbahngesetzes legt
zwar dem Eisenbahnkommissar und seinem Personal unbedingte Ver-
schwiegenheit über die Angelegenheiten der Gesellschaft auf; indessen
ist der Begriff „Angelegenheiten der Gesellschaft‘ mindestens dehnbar.

Von wesentlicher Bedeutung sind die Aufsichts- und
Hoheitsrechtedes Reiches gegenüber der Reichsbahn; diese
Rechte sind in den 88 30 bis 35 des Reichsbahngesetzes genau um-
schrieben. Das Reich hat das Recht, zu überwachen, daß alle Anlagen
und Betriebsmittel in betriebssicherem Zustande erhalten werden und
daß die Betriebsführung den Bedürfnissen des Verkehrs und dem
Stande der Technik entspricht. Ferner ist der Reichsregierung, die
in allen Angelegenheiten der Reichsbahn durch den Reichsverkehrs-
minister vertreten wird, die Mitwirkung bei einer Reihe von Entschei-
dungen der Gesellschaft vorbehalten, die zum Teil von einschneiden-
der Bedeutung für das Wirtschaftsleben sind. So steht der Regierung
ein weitgehendes Mitwirkungsrecht bei der Gestaltung der Tarife zu,
Die Gesellschaft hat zunächst die bei ihrer Errichtung geltenden Tarife
übernommen. Für ihre Änderung bedarf die Gesellschaft der Geneh-
migung der Reichsregierung in folgenden Fällen: Änderung der Aus-
führungsbestimmungen zur Eisenbahn-Verkehrsordnung, Änderung der
Normaltarife einschließlich der allgemeinen Tarifvorschriften, der
Gütereinteilung und der Nebengebühren, Einführung, Änderung und
Aufhebung internationaler Tarife, der Ausnahmetarife und sonstiger
Tarifvergünstigungen. Die Reichsregierung kann ferner von sich aus
Änderungen der Tarife verlangen, wenn sie es im Interesse der deut-
schen Volkswirtschaft für notwendig erachtet, und es entspricht nur
dem Grundsatz des 8 2 des Reichsbahngesetzes, daß der Betrieb
unter Wahrung der Interessen der deutschen Volkswirtschaft zu führen
ist, wenn das Reichsbahngesetz als Beispiel solcher Forderung aus-
drücklich Ermäßigungen der Personen- oder Gütertarife erwähnt.

Allerdings ist diese Einwirkung des Reichs auf die Tarifpolitik der
Gesellschaft an bestimmte Schranken gebunden. $ 33 des Reichsbahn-
        <pb n="428" />
        376 Dr. Finkenwirth:

gesetzes bestimmt, daß bei Meinungsverschiedenheiten zwischen der
Reichsregierung und der Gesellschaft ein besonderes Schiedsge-
richt, das beim Reichsgericht aus einem Vorsitzenden und zwei Bei-
sitzern gebildet ist, angerufen werden muß. Glaubt die Reichsregie-
rung oder die Gesellschaft, daß bei Durchführung der Entscheidung des
Gerichts der Zinsen- und Tilgungsdienst der Reparationsschuldver-
schreibungen gefährdet wird, so kann jeder der beiden Teile den
Schiedsrichter anrufen, der nach $ 45 des Reichsbahngesetzes
im übrigen berufen ist, Streitfälle zwischen der Reparationskommission
oder einer in ihr vertretenen Regierung oder dem Treuhänder oder
dem Eisenbahnkommissar einerseits, der Reichsregierung und der Ge-
sellschaft oder einer dieser beiden andererseits zu entscheiden. Der
Schiedsrichter, der von dem jeweiligen Präsidenten des Ständigen Inter-
nationalen Gerichtshofes zu ernennen ist, urteilt endgültig und unan-
fechtbar.

So begrüßenswert also das Aufsichts- und Mitwirkungsrecht des
Reichsverkehrsministers bei der Betriebsführung der Reichsbahn ist,
so wenig kann dies nützen, wenn die Vertreter der fremden Mächte
nicht guten Willens sind, oder wenn gar politische, insbesondere han-
delspolitische Bestrebungen dazu führen, daß die fremden Vertreter in
der Reichsbahnverwaltung Forderungen stellen, die der deutschen
Wirtschaft abträglich sind. Mindestens können Maßnahmen, die die
Leitung der Reichsbahn-Gesellschaft oder der Reichsverkehrsminister
zur Wahrung des deutschen volkswirtschaftlichen Interesses für not-
wendig halten — dies brauchen nicht immer Tarifermäßigungen zu
sein —, so verzögert werden, daß ihre Wirkung verspätet oder gar nicht
eintritt, Wer bei dieser Sachlage behauptet, daß das Hoheitsrecht
des Deutschen Reiches gewahrt sei, ist falsch im Bilde. In den wesent-
lichen Fragen der Betriebsführung sind wir, solange die Reparations-
last auf der Reichsbahn ruht, vom guten Willen der beteiligten Aus-
landsmächte, die auf vielen Gebieten unsere wirtschaftlichen Kon-
kurrenten sind, durchaus abhängig.

IL,

Für die Deutsche Reichsbahn und unsere Wirtschaft von ent-
scheidender Bedeutung ist die Frage, ob die Reichsbahnunter
dengegebenen VerhältnisseninderLageist,die von
ihr verlangten Erträgnisse herauszuwirtschaften
und ihren Betrieb dennoch im Sinne einer Förderung
der deutschen Volkswirtschaft zuführen.

Groß ist die Aufgabe und schwer die Verantwortung,
die der Verwaltung der Deutschen Reichsbahn zuge-
        <pb n="429" />
        Verkehrspolitische Aufgaben der Reichseisenbahn, 377
fallen sind: der Reichsbahn als Trägerin der Hauptreparationslast, der
Reichsbahn als einem der wichtigsten Glieder des deutschen Produk-
tionsprozesses, der Reichsbahn als größtem Arbeitgeber, von dem —
Pensionäre und Angehörige eingerechnet, aber ausschließlich Unter-
nehmer und andere, denen die Eisenbahn sonst Verdienst gibt —
3 Millionen Menschen leben. Und in diese verantwortungsvolle Auf-
gabe teilt sich die Leitung des Unternehmens mit jedem, der den Ehren-
titel „Deutscher Eisenbahner” trägt,

Einer zweckmäßigen Eisenbahnbetriebspolitik stehen nun leider
bedeutendeHindernisse entgegen. DieReichsbahn-Gesellschaft soll nach
ihrem Statut den Betrieb kaufmännisch führen; ihr fe h1t aber in mehr
als einer Hinsicht diekaufmännischeBewegungsfreiheit.
Durch den ihr auferlegten Zwang, 40 Jahre lang „bei Vermeidung von
Zwangsvollstreckung' erhebliche Summen an das Ausland abzuführen,
ist die Reichsbahn genötigt, ohne Rücksicht auf die jeweilige Betriebs-
lage Jahr für Jahr zu bestimmten Terminen Barmittel in Höhe von
mehreren hundert Millionen dem Betrieb zu entnehmen. Eine Aktien-
gesellschaft würde aus wohlerwogenen Gründen, um den inneren Status
des Unternehmens zu stärken, eine Zeitlang geringere oder keine
Dividende ausschütten können, wenn die Lage des Betriebs dies er-
fordert. Die Reichsbahn muß für eine ihr zwangsweise auferlegte
Schuld jedes Jahr feste Beträge aufbringen, und zwar in Millionen
Goldmark:

Im Reparationsjahr”) TRAOHALTES Verkehrs- Ausleihe Insgesamt
Reparationslast steuer ücklage
1924/25 200 250°") „I - 560
1925/26 595 250 . 45
1926/27 550 290 #50
1927/28) 660 290 2 =="1070

Die Reparationslast, die vom vierten bis vierzigsten Reparations-
jahr 660 Millionen Mark jährlich beträgt, und die Verkehrssteuer von
jährlich 290 Millionen Mark fließen an das Ausland, so daß diese ge-
waltige Summe von jährlich 950 Millionen Mark der deutschen Wirt-
schaft ohne jeden Nutzen verloren geht. Die Verkehrssteuer ist an sich
bei der Reichsbahn ein durchlaufender Posten; da sie aber die Tarife
dauernd um 7% höher hält, als ohne sie nötig wäre, wird der Wirkungs-
grad des Reichsbahnbetriebs zum Nachteil der Gesellschaft und der

*) 1. September bis 31. August,

**) Im ersten Reparationsjahr noch an das Reich zu zahlen.

***) Berechnet nach den für 1925 geschätzten Betriebseinnahmen und in der An-
nahme, daß der Verkehr sich Jahr für Jahr mäßig steigert.

T) usw. bis 1964.
        <pb n="430" />
        378 Dr. Finkenwirth:

deutschen Wirtschaft durch die Verkehrssteuer beeinträchtigt. Die
zwangläufige Rückstellung von 2% der Betriebseinnahme in die Aus-
gleichsrücklage entfällt zwar, sobald eine Summe von 500 Millionen
Mark angesammelt ist; indessen wird die Verwaltung gut tun — aller-
dings erst nach einer mehrjährigen Pause —, auf eine Erhöhung der
Rücklage Bedacht zu nehmen. Reparationslast und Ausgleichsrücklage
in Höhe von zusammen 800 Millionen Mark bedeuten im ersten Repara-
tionsjahr, das bei 15 Monaten Laufzeit rund 5% Milliarden Betriebs-
einnahme bringen soll, über 14% der Betriebseinnahme. Dasselbe Auf-
bringen von 800 Millionen Mark bedeutet aber für ein Jahr von 12 Mo-
naten mit annehmbar 41; Milliarden Mark Betriebseinnahme 19% der-
selben. Diese Zahlen zeigen, wie schwer die Reichsbahn kämpfen muß,
um den erforderlichen Überschuß zu erzielen. Wertvolle Verkehrs-
gebiete, wie die Saar und Oberschlesien, sind ihr verlorengegangen. Und
wenn es auch richtig ist, daß die deutschen Eisenbahnen in den Jahren
1910 bis 1913 jährlich rund 1 Millarde erübrigt haben, so besaßen wir
damals eine blühende Wirtschaft, während wir heute mindestens einer
schwer ringenden gegenüberstehen.

Das Finanzgebaren der Reichsbahn ist ferner dadurch beschränkt,
daß sie, wie die Verwaltung annehmbar auf Grund von Erfahrungen
behauptet, zur Zeit keine Kredite erhalten kann. Der ihr zu-
gesagte amerikanische 15-Millionen-Dollar-Kredit ist zwar noch nicht
in Anspruch genommen; er kommt wegen des relativ geringen Betrages
und als kurzfristiger Kredit in diesem Zusammenhang auch nicht in
Frage. Könnte die Reichsbahn eine umfangreichere Anleihe lang-
fristig aufnehmen — ein solcher Versuch muß gemacht, gegebenenfalls
wiederholt werden —, so wäre sie in ihrer Finanzpolitik wesentlich
freier. Sie wäre dann in der Lage — was Staatssekretär Stieler im Hin-
blick auf mangelnde bare Reserven zur Zeit als unmöglich erklärte‘) —,
die Tarife mindestens probeweise zu senken, um dem zum guten Teil
wegen der hohen Frachtkosten zurückgehenden Eisenbahngüterverkehr
einen starken Impuls zu geben; denn wenn man die erforderlichen In-
vestierungen, wie dies kaufmännisch üblich und angebracht ist, aus
Anleihe bestreitet, so werden die jetzt hierfür verwandten laufenden
Betriebsmittel als Reserve für ein etwaiges Mißglücken der Tarif-
senkung frei. Staatssekretär Stieler behauptet zwar bei der gleichen
Gelegenheit, der jetzige Betriebshaushalt sei mit Ausgaben, die eigent-
lich auf Kapitalkonto (Anlagenkonto) übernommen werden müßten, nur
in Höhe von 100 bis 150 Millionen Mark belastet. Die Ausweise der
Reichsbahn von Oktober 1924 bis April 1925 gestatten jedoch einen

*) Am 15, Mai 1925 in der Sitzung des Deutschen Industrie. und Handelstags.
        <pb n="431" />
        Verkehrspolitische Aufgaben der Reichseisenbahn, 379
anderen Schluß: es wurden nämlich in dieser Zeit für „werbende An-
lagen‘ 164 Millionen Mark verausgabt, und diese Summe muß man in
diesem Zusammenhang noch um die Personalausgaben für diejenigen
Beamten und Arbeiter erhöhen, die für die werbenden Anlagen tätig
sind. In dem 15 Monate umfassenden Betriebsjahr 1925 wird für
werbende Anlagen schätzungsweise eine Summe von Yı—% Milliarde
Mark investiert werden müssen; dies wird bei einer Gesamteinnahme
von 5500 Millionen Mark 11—14 % der Einnahmen. Zeigt sich ein
Weg — und wir müssen ihn finden —, die Investierung auf Anleihe zu
bringen, so wird schon im Betriebsjahr 1925 ein Betrag frei,
der die Senkung der Tarife um mindestens 15%
gestattet. Der Präsident der Industrie- und Handelskammer zu
Hannover, Tgahrt, ist in einem Referat über die Tarifpolitik
der Deutschen Reichsbahn*), von einer anderen Rechnung, dem Haus-
haltsvoranschlag für 1924, den ausgewiesenen Einnahmeziffern der
damals nur auf Grund von Ausführungen Oesers zu schätzenden
Ausgaben ausgehend, zu ähnlichen Ergebnissen gekommen, wenn
er neben anderen tarifpolitischen Maßnahmen eine Frachtermäßigung
im Ausmaße von 20—15 % für die nahen und mittleren Ent-
fernungen als vom Standpunkt der Reichsbahn aus durchaus
möglich und notwendig erklärt. Die Vertreter der Reichsbahn-Gesell-
schaft haben in ihrer damaligen Antwort eine Tarifsenkung als nicht
angängig bezeichnet, nicht etwa weil sie die erwähnte Berechnung als
unrichtig beanstandeten, sondern weil sie meinten, den notwendigen
langfristigen Kredit nicht erhalten zu können. Die Zeiten haben sich
indessen geändert; die Bereitwilligkeit Amerikas, guten deutschen
Unternehmungen Kredit zu geben, ist in letzter Zeit, wie die Tatsachen
zeigen, größer geworden. Es ist also für die Reichsbahn das Gebot
der Stunde, ernsteste Verhandlungen zur Auf-
nahme einer Investierungsanleihe in solcher Höhe zu
führen, daß ‚die bisherigen Investierungen und die der nächsten Jahre
daraus bestritten werden können. Der automatisch folgende Schritt
wird die Senkung der Tarife um durchschnittlich 15 % sein können
und müssen; über ihre zweckmäßige Durchführung im einzelnen sind
noch Erwägungen anzustellen,

Nicht zu unterschätzende Gefahren für eine kaufmännisch rich-
tige Betriebspolitik der Reichsbahn liegen in der Abhängigkeit
von Reichsregierungund Reichstag. Die Finanzlage der
Reichsbahn und in ursächlichem Zusammenhang damit die Tarifhöhe
ist offensichtlich dadurch sehr ungünstig beeinflußt, daß das Unter-

°) Sitzung des Deutschen Industrie- und Handelstags vom 11. März 1925.
        <pb n="432" />
        380 Dr. Finkenwirth:

nehmen aus seinen laufenden Einnahmen in diesem Jahre erhebliche
Aufwendungen zu machen hat, die dem Eisenbahnbetrieb als solchem
nicht zur Last zu legen, sondern politischer Natur sind. Hierher ge-
hören die Beseitigung der Kriegs- und Nachkriegsschäden an
Gleisanlagen, Brücken, Lokomotiven, Fahrzeugen usw., die Instand-
setzung der Rhein- und Ruhrbahnen, die zur Behebung der
Regieschäden 100 Millionen Mark erforderten, und schließlich
die auch als politische Folge anzusehende überaus große Personal-
inflation, auf die noch besonders einzugehen sein wird. Maß-
gebende Persönlichkeiten der Reichsbahnleitung haben wiederholt
gefordert, daß das Reich diese Aufwendungen aus allgemeinen
Mitteln ersetzen sollte. Selbst wenn das Reich an eine solche
Aktion, die vom Standpunkt der Bilanzwahrheit zu begrüßen wäre,
die Bedingung der Verwendung der Mittel zur Tarifsenkung knüpfen
würde, so wäre sehr viel nicht geholfen, da die gleiche Last von der
Volksgemeinschaft durch Steuern aufgebracht werden müßte, die dann
ihrerseits wieder die Produktion belasten. Also zu diesem Experiment
kann nicht geraten werden, und man darf ja auch hoffen, daß die alten
politischen Lasten von Jahr zu Jahr geringer werden. Die Ruhr-
schäden sind bald ausgewetzt, die finanzielle Wirkung des Personal-
abbaues wird sich immer wieder geltend machen müssen; der Ver-
schleiß verringert die großen Bestände von Tag zu Tag, und die Mög-
lichkeit, nunmehr das gesamte Reichsbahngebiet nach einheitlichen
Grundsätzen bewirtschaften zu können, wird gewisse Erleichterungen
bringen. Eins muß man aber aus dem Vorgang lernen, daß nämlich
Reichsregierung und Reichstag sich hüten müssen,
der Reichsbahn neue politische Lasten aufzuer-
legen; leider ist in dieser Richtung schon manches Erschwerende
geschehen.

Die Reichsregierung kann, wie wir oben sahen, nach dem Reichs-
bahngesetz durch Forderungen der verschiedensten Art den Anlaß zur
Aufwendung größerer Summen geben; sie könnte auch — und wer
kann bei den wechselnden parlamentarischen Geschehnissen garantie-
ren, daß dies nicht geschieht — eines Tages eine Verzinsung der ihr
gehörenden Stammaktien fordern u. a. m. Man muß, was die Betriebs-
technik anlangt, der Reichsbahnhauptverwaltung das Vertrauen ent-
gegenbringen, daß sie das Richtige findet; sicher ist sie dazu besser be-
rufen als etwa ein Parlament, Das in der Sitzung des Deutschen Indu-
strie- und Handelstags vom 11. März 1925 geprägte Wort: „Die beste
Verzinsung der Stammaktien, die im Besitze des Reiches sind, besteht
darin, daß die Tarifpolitik der Reichsbahn jede nur mögliche Rücksicht
auf die Erfordernisse der deutschen Wirtschaft nimmt”, sollte der Leit-
        <pb n="433" />
        Verkehrspolitische Aufgaben der Reichseisenbahn. 381
stern der Regierung in dieser Frage sein, Staatssekretär Stieler be-
klagte in der Sitzung des Deutschen Industrie- und Handelstags vom
15. Mai 1925, daß das Reichskabinett eine Regelung der Urlaubs-
frage beschlossen habe, die bei Annahme der Reichsbahn einen
Mehraufwand von etwa 2 Millionen Mark gebracht hätte, Die Gesell-
schaft läßt sich auch amtlich darüber aus"), daß die Erhöhung der
Arbeiterlöhne im März d, J. infolge des Schiedsspruches des Reichs-
arbeitsministeriums, die Erhöhung des Wohnungsgeldzuschusses auf
Grund des Beschlusses des Reichstags sowie die Nachprüfung der Ge-
samtlage der persönlichen Ausgaben nach Einsichtnahme in die Ent-
wicklung der bislang besetzten Direktionen — mangels eines anderen
Ausweges — dazu hätte führen müssen, die Zeitkartentarife ab 1. April
1925 und die gesamten Personentarife (ohne Berliner und Hamburger
Vorortverkehr) ab 1. Mai um 10 % zu erhöhen. Reichstagsresolutionen
auf Gehaltserhöhungen u. dgl. sind deshalb für die Reichsbahn
äußerst gefährlich. Für Reichstag und Reichsregierung, die sicher die
Reichsbahntariflage wegen der Rückwirkung auf Wirtschaft und
Arbeitsmarkt mit dauernder Sorge betrachten, liegt hierin eine ernste
Mahnung, die Folgen aller Anregungen und Maßnahmen sozialpolitischer
Art auf das größte deutsche Unternehmen bei dessen ausschlaggebender
Bedeutung für die ganze Wirtschaft stets besonders sorgsam abzu-
wägen.

Auch die Entwicklung der Wissenschaftund Tech-
nik hat für den Reichsbahnbetrieb Folgen, die bis vor kurzem niemand
erwartet hätte. So ist der Übergang zur Ölfeuerung bei Schiffsmaschi-
nen und sonstigen Antriebsmitteln ein Grund mit dafür, daß der Kohlen-
versand, der mehr als 40 % aller Eisenbahnfrachten ausmacht, im Zu-
rückgehen ist; wenn auch nicht für die allernächsten Jahre, so be-
deutet diese Entwicklung (Verflüssigung der Kohle!) doch auf
die Dauer einen Frachtausfall für die Reichsbahn, für den ein
Ersatz wohl schwer zu schaffen ist. Die Konkurrenz des Kraftwagens
ist, wie der Generaldirektor der Reichsbahn Oeser und Staats-
sekretär Stieler mehrfach offen erklärt haben, schon heute für die
Reichsbahn recht fühlbar; allerdings hat die Reichsbahn diese Kon-
kurrenz zu einem guten Teil sich selbst zuzuschreiben; denn die über-
triebene Frachtbelastung der nahen bis mittleren Entfernungen zu-
gunsten der weiten war ein schwerer Fehler im Tarifaufbau, der sich
heute rächt. Die Vorzüge des Automobilverkehrs (erleichterte Ab-
fertigung, Fehlen von Begleitpapieren, Abholungen und Zustellungen
beim Versender und Empfänger u. a. m.) wirken natürlich sehr

*) „Die Reichsbahn” Nr. 18 vom 12, Mai 1925, Seite 121.
        <pb n="434" />
        382 Dr. Finkenwirth:

zugunsten des Automobils; eine tarifarischeEntlastungder
Entfernungen bis zu 200 km würde aber der Bahn
viel der verlorengegangenen Frachten zurück-
gewinnen,

Aus den bisherigen Darlegungen, die Wesentliches herausgreifen,
ohne erschöpfend sein zu wollen, erhellt eins, daß es für die Reichs-
bahnleitung eine Riesenaufgabe ist, angesichts so vieler Widrigkeiten
und Schwierigkeiten die richtige Betriebspolitik zu treiben, d. h. über
die aufgezwungenen, vorläufig nicht abänderbaren Lasten hinaus für die
deutsche Wirtschaft das Möglichste zu leisten. Die im vorstehenden
gemachten Vorschläge grundsätzlicher Art werden nach unserer An-
sicht zum Gelingen beitragen; zur Abrundung des Bildes erscheint in-
dessen die kritische Erörterung gewisser Posten der Ausgaben und Ein-
nahmen der Reichsbahn-Gesellschaft noch am Platze.,

Zunächst die Ausgabenseite. Die Betriebszahl, die
1913 72,12 % betrug, ist heute auf 83,74 % gestiegen, d. h. im Ge-
schäftsjahre 1925 werden von 100 Mark Einnahmen rund 84 M. für den
Betrieb verbraucht; der Dienst der Reparationsschuldverschreibungen
und die Ausgleichsrücklage, die zusammen fast 10 % der Einnahme er-
iordern, während der Rest des Überschusses von rd, 6 % auf die säch-
lichen Ausgaben für werbende Zwecke entfallen, ist in dieser Betriebs-
zahl für 1925 nicht enthalten. Auf alle Fälle ist eine Betriebszahl von
84 % zu hoch; sie zeigt, daß die Selbstkosten zu groß sind, Wertvoll
für die Beurteilung dieser Frage sind auch die Vergleichszahlen
1913/1925 hinsichtlich der personellen und der sächlichen
Aufwendungen:

Es entfielen: auf personelle Ausgaben auf Sachausgaben
1913 61 % 39 %
1925 66 % 34%

Vom Betriebsstandpunkt aus betrachtet ist es ungesund, wenn
wegen steigender Aufwendungen für Löhne und Gehälter die technische
Ausgestaltung des Betriebes zurückstehen muß. Der beste technische
Apparat muß angestrebt werden, denn sein Zustand ist für die Wirkung
des Reichsbahnbetriebes ausschlaggebend. Die Reichsbahnverwaltung
wird deshalb sich ernstlich angelegen sein lassen müssen, das Ausgaben-
verhältnis zugunsten der Sachaufwendungen zu verbessern,

Daß die Reichsbahnverwaltung besondere Aufmerksamkeit den
Personalausgaben zuwenden muß, ergibt sich daraus, daß hier-
durch 66 % aller Einnahmen in Anspruch genommen werden, Die
Dinge liegen auf diesem Gebiet wenig erfreulich, wie folgende Zahlen
zeigen:
        <pb n="435" />
        Verkehrspolitische Aufgaben‘ der Reichseisenbahn, 383

Es betrug die Kopfzahl des Eisenbahnpersonals”)

1913 693 000 Mann
Ende 1919 1 112 000 Mann
Oktober 1923 1011 000 Mann
Mai 1925 765 000 Mann
Juli 1925 730 000 Mann.

Ganz auffällig ungünstig haben sich auf Grund dieser Personal-
aufblähung die Pensionszahlen entwickelt, Die Pensionslast der
Reichsbahn beträgt heute mehr als das Vierfache der Vorkriegszeit,
sie ist von 114 Millionen Mark im Jahre 1913 auf 487 Millionen Mark
im Jahre 1925 gestiegen. Vermehrte Todesfälle als Kriegs- und Nach-
kriegsfolge, starker Personalabbau zur Verminderung der obenerwähn-
ten Personalinflation, Erhöhung der Pensionen und Hinterbliebenen-
renten entsprechend der Höherstufung des Personals durch die Reichs-
besoldungsordnung haben jedes das Seine dazu beigetragen,

Im Januar 1925 entfielen auf

Beamte im Ruhe- Akti Gesamtpersonali,
Aktive Beamte stand einschl. G Aves al R. einschl. Hinter-

Witwen u. Waisen esamtperson bliebene
339000 Köpfe 230000 Köpfe 770000 Köpfe | 325000 Köpfe

Die Zahlen des Dienstpersonals verhalten sich also zu den im
Ruhestand befindlichen

wie 1,5 | zu 1 | wie 2,4 | zu |
Diese unglaubliche Belastung wäre für einen jeglichen Betrieb gänzlich
untragbar; sie müßte die Reichsbahn dauernd lähmen, wenn nicht zu
hoffen wäre, daß noch rüstiges abgebautes Personal nach und nach
andere Verdienstmöglichkeiten findet. Die Notmaßnahme der Ver-
waltung, im Beamtendienst entbehrliche Kräfte im Arbeiterdienst der
Bahnunterhaltung zu beschäftigen, rechtfertigt sich angesichts der be-
sonders ungünstigen Pensionslastverhältnisse der Bahnbeamten. Im
übrigen ist die Sorge der Verwaltung, das Personal so wirtschaftlich
wie möglich zu verwenden und durch Leistungszulagen einen beson-
deren Ansporn zu geben, durchaus zu billigen.

Geht man den sonstigen Ursachen der Steigerung der Personal-
ausgaben nach, so muß auf die Denkschrift der Reichsbahnverwaltung
vom Mai 1925 über „Die wirtschaftliche Lage der Reichsbahngesell-

*) Ohne abgetretenes Gebiet.

“
        <pb n="436" />
        384 Dr. Finkenwirth:
schaft‘ verwiesen werden, In dieser Denkschrift wird zahlenmäßig
belegt, daß als Wirkung der Reichsbesoldungsordnung das Gehalt-
und Lohnniveau durch starke Steigerung der Be-
züge der unteren Kategorien (I—V) so in die Höhe ge-
trieben ist, daß bei einer allgemeinen Lebenshaltungsziffer von 135,6
die Kopfkostenziffer des Reichsbahnpersonals auf 152 steht. Um einige
Beispiele zu nennen, so beträgt die Gehaltssteigerung bei den Gruppen
Oberbahnwärter .. . .. 64 %
Lokomotivheizer .. . . . ., 59%
Rottenaufseher U
Oberschaffner .. .. .. . 18%
Werkmeister 2... 2.0.0... 78%
Lokomotivoberheizer .‚. . , C1%
Rottenmeister . . .. .. , 68%
Sonach ergeben sich bei den unteren Gruppen Gehaltserhöhungen bis
zu 88 %, und auch das Realeinkommen der Gruppen I—V liegt, wie
die Reichsbahn tabellarisch nachweist, erheblich über dem Einkommen
der Vorkriegszeit, während sich die oberen Gruppen allerdings schlech-
ter stehen.

Angesichts dieser Entwicklung vertritt die Reichsbahn mit Recht
den Standpunkt, daß an alle Gehaltserhöhungswünsche mit außer-
ordentlicher Zurückhaltung herangegangen werden müsse. Nach dem
augenblicklichen Stand der Dinge würden weitere Lohn- und Gehalts-
erhöhungen zu Tariferhöhungen führen, die ihrerseits wieder ihre un-
günstige Wirkung auf die deutsche Wirtschaft äußern werden. Hinzu-
zufügen ist, daß eine Einkommensteigerung, die nicht aus Nationalver-
dienst bestritten werden kann, wie wir erlebt haben, mangels gleich-
zeitiger Vermehrung der der Nation zur Verfügung stehenden Werte
lediglich preissteigernd wirkt, eine Besserstellung der Lohn- und Ge-
haltsempfänger also nicht erreicht und noch dazu die Konkurrenzfähig-
keit der deutschen Wirtschaft zum Nachteil der Volksgesamtheit
schwächt. Alle Bemühungen müssen deshalb darauf abgestellt sein, den
Reallohn zu heben, weil davon der Lohn- und Gehaltsempfänger einen
wirklichen Nutzen hat. Wenn die Reichbahnverwaltung den Wirkungs-
grad ihrer Betriebspolitik nicht durch falsche lohnpolitische Maßnahmen
beeinträchtigt, handelt sie somit nur im wohlverstandenen Interesse
ihres Personals,

Der prozentuale Rückgang der Sachaufwendungen von
39 % im Jahre 1913 auf 34 % im Jahre 1925 ist bereits als vom Be-
triebsstandpunkt aus ungesund bezeichnet worden. Während der
Durchschnitt der sächlichen Ausgaben im Monat rund 100 Millionen
        <pb n="437" />
        Banken. (1 bis 5)
1. Kommerzienrat Eduard Beit von Speyer,

Geb, 1860 in Hamburg. Nach Besuch des dortigen Gymnasiums kaufmännische
Lehre in einem Im- und Exporthaus daselbst. Weitere Ausbildung und Tätigkeit
in London, Paris und New York.

Seit 1892 ansässig in Frankfurt a. M., zuerst als Prokurist, seit 1896 Teilhaber
des Bankhauses Lazard Speyer-Ellissen,

2. Dr. Arthur von Gwinner,
Leiter der Deutschen Bank.

Geb, 1855 in Frankfurt, 1873 Banklehrling, vier Jahre in London, in Madrid
selbständig, Konsul des Deutschen Reichs, Nach 10 Wanderjahren Bankmann in
Berlin, Ende 1893 im Vorstand der Deutschen Bank. 1901 Nachfolger von Georg
von Siemens in der Leitung der deutschen Eisenbahnunternehmungen in der Türkei.
Ohne den verbrecherischen Weltkrieg war die Deutsche Bank, an ihrer Geschäfts-
ausdehnung und dem ihr geschenkten Vertrauen gemessen, 1915 die größte Bank
der Welt. Trat 1919 aus dem Vorstande der Deutschen Bank in deren Aufsichts-
rat über,

3. Geh. Kommerzienrat Dr, h. c. Dr.-Ing, e. h. Louis Hagen.

Geb. 15. Mai 1855 Köln, Teilh, der Bankgeschäfte A, Levy u. Sal. Oppen-
heim jr, &amp; Co., Ehrendoktor d. Univers, Bonn, Köln, der Techn. Hochsch. Aachen,
Ehrenb, der Univers, Köln, Vors. der I.- u. Handelskammer Köln, des Wirtschafts-
aussch, u. d, Verein. d, Handelskammern des bes, Gebietes, M. d. Pr. Staatsrats,
des Reichswirtschaftsrats, des Provinziallandt., des Generalrats der Reichsbank,
des Reichseisenbahnrats, des Landeseisenbahnrats Köln, des Rhein- u. des Landes-
wasserstraßen-Beirats, V.-M. d, D, I.-- u. Handelstags, stellv. Vors. d. Landesaus-
schusses der Pr. Handelskammern, M, d. Kur, d. Univers. Köln, Stadtver. Mitgl.
d. Friedensdelegation, Teiln, an d. Beratungen in Berlin, Spa, Versailles, Genua u.
allen Verh, des Rhein-Ruhrkampfes, Vors. und stellv. des A. großer industr.
Werke, A.-M, zahlreicher Industrie-, Handels-, Versicherungsgesellschaften und
Banken, Mitgl, der Intern. Handelskammer zu Paris,

4. Geh. Kommerzienrat Gustav von Klemperer,
Österr,-Ungar. Generalkonsul, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Dresdner Bank,
Ehrensenator der Techn. Hochschule Dresden,

Geb, 25, April 1852, 1866 Banklehrling. 1867 Beamter, 1871 bis 1891 Einzel-
prokurist, dann Teilhaber des Bankhauses Robert Thode &amp; Co. 1891 bis 1914
Vorstandsmitglied der Dresdner Bank, 1914 stellvertr. Vorsitzender des Aufsichts-
rates, 1925 Vorsitzender, Stellvertr. Vorsitzender der Sächsischen Bank zu Dresden
(Sächs, Notenbank), Vorsitzender und stellvertr. Vorsitzender zahlreicher, besonders
sächsischer, industrieller Unternehmungen u.a. m,

5. Franz von Mendelssohn.
Präsident des D, Industrie- und Handelstages,

Geb. zu Berlin 29, Juli 1865, juristisches Studium, 1888 Referendar, 1889 in
das Bankhaus Mendelssohn &amp; Co., Mitinhaber 1892. Bei Gründung der Handels-
kammer Berlin (1902) Mitglied und Vizepräsident, 1914 Präsident. Vorstand des
Deutschen I- und Handelstages 1906—1914; seit 1921 Präsident. 1902—1913 belgi-
scher Generalkonsul, 1913 Berufung in das Preuß, Herrenhaus. 1922 M. des Vorl.
Reichswirtschaftsrats, Im Generalrat der Reichsbank, 1921 Präs. des Verwaltungs-
rates der Treuhandverw. für das D.-Niederl. Finanzabkommen.

(Photo Transozean-G, m, b. H., Berlin),
Tafel! Xill
        <pb n="438" />
        (€ 2id 1) .‚n9lasH
chaft‘ SV Ararsqe nor 398: brsubi rtsıkeictsmmö A twird vnhler
Scbaikh Sms name samyo (noathrob esh rlones@ das scyıudmeH ml 08381.da *
H92308T bau 3aublideuA 979419 W + ‚4ediezsb ausdioqxH bau ml manisjni dr
nn BA ‚al0Y “WS bir 2i159 ‚gobnoI ni
ago” TORE jiea (HaimAor9 eleater9us Q.Mis: huliası 1 ler hen NORTON g
u allgeme ineeeeilA-r9v9qe ‚bissel aseusclnsd zebh
u SO Bahiw9. dor dA AS) ı bei den Gruppe:
»chahrlasdl neo 19b 19891
birbsM ai ‚nobnod ai 9xdsl_ 19iv_‚3nilıdoldns9d ET8L Jautdlamsıl, ni 888L ‚daß
ai ansmAns@d aotdestrobnasW Ol dasNi ‚zdoisfl 'madoetuell 29h IuanoX ‚aibnsätediee
31090 mov 193lotdas/ll 4001 LalnsErnedozjusCl 19b ‚basteroV mi EC81 sbnd ‚ailıedl
90T 19b ai nedaumdanıetnundsdaseil nordoakısb ı9b anutiesd ı19b ni anm9i@ mov
-allödo29) 1910i me ‚nsE Srlo21usC sih sw asinlHeW aadoeirodosrdıev mob. andO
ns9 stü6ör3 sih CiOirmsa2amed meausıhaV astılmadoasa di mob bau anuadsbeus
-etdoieluA morob ai AnmsH madoaius 19b obnastzr0V mob zus PIEK jsrT HaW 19b
| | nn ‚od den
= (ns8sH ziyoJd_..d 3 ‚anl-. 1 dad isınsisremmo A dd £ r ni SE rn
"noqq0 .Is@ u vol A oiHädsesannsd 19b ‚dlisT. ,‚nlöM 8e8E isM ‚et. da
‚dos A C.dianbsoH (anasT As GelöM (ano8  erovVig UC.B ohlobksidd” 60-3 at mis
+2iterloahıi W_29b „elö2l rammrexelsbnasHius „I abet V,.lö2, ‚erSvinl neh dns
‚eie1et6sie 19 bb M ‚2915idsO ‚e29d 29b mısamselsbnasH ‚bb .ataısV ‚bu dozeus
Ansdedsiöfl. 1ob eisılsıemel zb „jbaslisisnivord 2eb ‚eisıeltedoetriwendoieA 29b
-2sbnsI 29b. .y -niodA 29b ‚nlöXl etsumdedmseisashns.I 29b „atsındesdaseisadoieA.2sh
„a2usesbiel bb \er0V' Wilsie austelsbasH u 4.1 Tb MAN ‚2}61i98-mo ls ıer9225W
J83M ıovibet@. (alöX ‚2revinU. \b. at b. Moses elsbash I 1b 2922002
4 sunaQ) ‚eollisere V ‚sqEe ‚nilı1odl ai aodnuters4 ..b ms ‚mliaT ‚moitsuelebensbeird .b
deubni To0013 ‚A 29b ‚vilste ba ‚210V ‚eetqgmerduf-nisdA 29b ‚dreV nolls
bay naottedoellszshäeammedoiereV ‚-elsbasH ‚-sitteubnl odoteriden MA ‚oe WW
289 us 19mmealohnsH .mstal 19b JatiM ‚nolnsd
„1915qm9 1A mov vslenO iemmeistemmoM da BUS NALLODALVE
jins9! tonbesı0 ob veisretdoieluA a9 b robnestieroV co, luenoalerens U Aka U- Ar9eÖ
a ‚aobaor(l ‚olundoazdooH ‚dos T, xsbr To}sn92ngıd4 ehenden wWeı
[ax 1081 2id [T8L ‚ı9tmsa8 TOBL ‚anilıdellas@ 0081 SC8L lixgAr,eS ‚da Mm
Or id’ 108F 109 3 SbodT‘ HsdoM 292usdumed 2ob‘ 1SdedlisT_ Ansb‘ ‚jatuloig
-eldotztu A’ 2eb' mobmastiero Vhhhrevilstz B1Qin dns@ xonbaeı(E xobl bSilatimebmetero V
nabası10 ux Ans4 ‚nodoziedoä@, 19b 19bhnestieroV ılnavllat@, abnastieroV_ CSCL ‚29161
219bnmo2sd „enbisıldes 1obnssfia1o V rlrevilete bau 45basstieroV ‚(AnsdistoN ‚2052)
Wacht, A hundenmms anadfanet a meinten ‚rodoetedok:
Neben 1 + radozalabneM noy xnmı 8)
‚z986j2lsbneH bau -orzubnl ‚T’29b ‚3n9bie519
ni 0881 ebnotste HM 8881 ‚muibul? zöddoeifetıut ‚CO8T ilul OS nila8 us ‚dad
-elobnasH 455 zaubabıtO id ‚SO8L 1odedemitiM „02 3 ndlozelabaaM 2usdınsd 2sb
zab ‚baste1o0V ‚jmsbießrd BIeL ImsbießıqgesiV bau beilatiM (S0@l) milıs4 omas
-i3lod E1e1- 007 FndbizärT- FSer Arge ;KLef— 30010 zSastelebnsH han -.I nadoztıurs Cd
450V 29b ‚M Set ı Cebrednasrre HA ‚Ans 19T, ech; hi aagtyisad Eier „InenoAisıona© monde,
-20utswr9V 25h ‚2819 1IS@t ‚Ansdadoiefl 19b. terls1en90) ml ‚2tereltenloetniwendois A
‚aSmmoldesmeniT ‚sb Cd’ zeb it ‚wisvbasduatT tb 29467
{ats HH ‚dm Danone T otodf)
INX ista]
        <pb n="439" />
        <pb n="440" />
        <pb n="441" />
        Verkehrspolitische Aufgaben der Reichseisenbahn, 385
Mark beträgt, sind im Monat April, dem letzten, über den ein Aus-
weis vorliegt, nur noch 93% Millionen Mark aufgewendet worden.
Dies kann ein Zufall sein, und wir wissen aus den Darlegungen der
Reichsbahnverwaltung, daß sie lediglich wegen der gestiegenen
Personalkosten und nur ungern die Sachausgaben Zzurückstellt,
Höchstwahrscheinlich bedeutet eine solche Politik indessen falsche
Sparsamkeit,

Die Zurückhaltung der Reichsbahnverwaltung wird mit dem Hin-
weis auf den übergroßen Betriebsmittelbestand und dem Mangel an
verfügbaren Mitteln begründet. Hierzu ist folgendes zu sagen: Wenn
es richtig ist, daß leistungsfähigere Lokomotiven, großraumigere Wagen,
verbesserte Betriebsanlagen den Nutzeffekt des Betriebes erhöhen, so
ist es kaufmännisch unrichtig, sich mit leistungsschwächerem Material
zu behelfen, lediglich, weil es nun einmal vorhanden ist; die Mittel zur
Verbesserung der Betriebsanlagen müssen aufgebracht werden, wenn
zu erwarten steht, daß der Betrieb hierdurch wirtschaftlicher wird. Für
letzteres ein Beispiel: Sämtliche Züge, die auf der Strecke Hamburg—
Frankfurt Hannover berühren, müssen auf eine Entfernung von 15—20
Minuten Fahrzeit in Lehrte und Hannover Spitzkehren fahren. Tag
für Tag entstehen also Zeitaufwand und Rangierkosten angesichts des
bedeutenden in Frage kommenden Verkehrs sicherlich in erheblichem
Umfang, Die direkte Strecke Hannover—Celle ist seit langem so gut
wie fertig; die Übersichtskarten der Kursbücher, auch der amtlichen,
verzeichnen sie bereits, Die Linie ermöglicht einen schlanken Durch-
gangsverkehr, ohne jedes Umrangieren. Aber sie wird nicht in Betrieb
genommen und niemand weiß, warum die noch fehlenden wenigen An-
lagen auf der nahezu vollendeten Strecke nicht geschaffen werden.

Über die wichtige Frage der Selbstkostensenkung
durch zweckmäßige technische Verbesserungen und
durch richtige Betriebsführung liegen ausgezeichnete Dar-
legungen des als Autorität anerkannten Professors Dr.-Ing. Blum-
Hannover”) vor, der bekanntlich speziell als Eisenbahnfachmann zum
Mitglied des Verwaltungsrates der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft
berufen worden ist, Wir folgen ihm und den interessanten Ausfüh-
rungen des Regierungsbaumeisters a. D. Rabe**), Assistenten am Lehr-
stuhl für Eisenbahnwesen der Technischen Hochschule Hannover, bei
der folgenden Erörterung dieser für die Wirtschaftlichkeit des Eisen-
bahnbetriebes höchst wichtigen Fragen, Professor Blum betont, daß die
Reichseisenbahn-Gesellschaft die Pflicht habe, dem Selbstkostenproblem

") „Die Reichsbahn‘ Nr. 25, Seite 193, Artikel: „Bescheidenheit.”

**) „Neuzeitliche technische Fortschritte im Eisenbahnwesen“ im „Wirtschafts-
blatt Niedersachsen‘ 1925, Nr. 17—18.

Die deutsche Wirtschaft.

925
        <pb n="442" />
        386 Dr. Finkenwirth:

die größte Aufmerksamkeit zu widmen. Die glückliche Zeit, in der die
Eisenbahnen nicht scharf zu rechnen brauchten, sondern die Gegen.
wart durch Anlagen für einen erst in späterer Zeit eintretenden größe-
ren Verkehr und durch Vermehrung der Wertsubstanz aus laufenden
Einnahmen zugunsten der Zukunft belasten konnte, sei vorbei. Blum
sagt: Die Reichsbahn ist gezwungen, sich in den technisch-wirtschaft-
lichen Grundanschauungen umzustellen, es darf heute nicht mehr „Zu
Gutes‘ geschaffen werden, der technische Apparat muß so unterhalten,
erneuert und weitergebildet werden, daß den Notwendigkeiten des
geringer gewordenen Verkehrs entsprochen wird, und in allen Bau-,
Betriebs- und Verkehrsmaßnahmen muß zum Ausdruck kommen, daß
ein verarmtes Volk sich auch bezüglich seiner Ansprüche an den Ver-
kehr zur Bescheidenheit zu bekennen hat, Das Grundgesetz der Wirt-
schaftlichkeit muß auf das genaueste beachtet werden: „Mit dem ge-
ringsten Aufwand von Mitteln ist das Ausreichende zu schaffen, also
nicht etwa das Beste.”

Diese Sparsamkeit in der Ausführung vorangestellt, fordern Blum
und Rabe Beschaffung modernster Betriebsmittel,
Neuerungenim Bau und Umstellungen im Betrieb, um
den Wirkungsgrad des Eisenbahnbetriebs zu erhöhen. Man gebe sich
keinem ungerechtfertigten Optimismus hin, wenn man behaupte, daß
wir auf eine Ermäßigung der Selbstkosten hoffen dürften; denn die
deutsche Technik könne, wie sich z. B, auf der Eisenbahntechnischen
Tagung in Berlin und durch die Ausstellung in Seddin erwiesen habe,
der Deutschen Reichsbahn große technische Fortschritte zur Verfügung
stellen, Wie die monatlichen Berichte der Reichsbahn zeigen, hat sie
Verbesserungen auf technischem Gebiet schon vielfach eingeführt, so
daß sich die Erfolge bereits einzustellen beginnen, So beweist die
fortschreitende Einschränkung des Werkstättenpersonals, daß der Be-
trieb in den Werkstätten rationeller geworden ist; neukonstruierte
Lokomotiven erbringen, z. B. auf den Gebirgsstrecken des Breslauer
Bezirks, unerwartet gute Ergebnisse, Die Umstellung des gesamten
Zugverkehrs auf die Kunze-Knorr-Bremse hat große wirtschaftliche Vor-
teile, da die Geschwindigkeit der Züge bei gleicher Betriebssicherheit
gesteigert werden kann und da nach fachmännischem Urteil beträcht-
liche Ersparnisse beim Bremsen erzielt werden; man hat ausgerechnet,
daß die Kosten des Einbaues in alle neu in Dienst gestellten Güter-
wagen allein durch die ersparten Gehälter für die Bremser in höchstens
10 Jahren getilgt sein werden, Ohne auf Einzelheiten einzugehen, sei
hier an Neuerungen technischer Art, die einen wirtschaftlicheren Be-
trieb ermöglichen sollen, genannt: die selbsttätig wirkende Mittelpuffer-
kupplung, die Turbolokomotive von Krupp, bei der die Wärmeein-
        <pb n="443" />
        Verkehrspolitische Aufgaben der Reichseisenbahn. 387
heiten des Abdampfes, die bislang unbenutzt blieben, weiter ausgenutzt
werden, die Diesel-Lokomotive, die billige und schwere Mineralöle
direkt verbrennt und diese gut ausnutzen soll.

Ob die Einführung größerer Güterwagen, mit einer Nutzlast bis zu
50 Tonnen, für deutsche Verhältnisse zweckmäßig ist, steht noch nicht
fest, da Massengüter in Deutschland kaum auf große Entfernungen
versandt werden und die Einführung so schwerer Fahrzeuge eine Ver-
stärkung des gesamten Oberbaues und der Brücken erfordern würde.
Immerhin wird die Frage der Vergrößerung der Güterwagen ein wich-
tiges Problem bleiben. Blum ist der Ansicht, daß auch auf bau-
technischem Gebietneue Wege eingeschlagen werden kön-
nen und müssen, die zur Senkung der Betriebskosten führen. Auf
Einzelheiten einzugehen, verbietet sich hier; es ist aber zu verweisen
auf den Vorschlag der besseren Ausbildung der freien Strecke. Unter
Ersparung viergleisigen Ausbaus könne die Gesamtleistungsfähigkeit
einer zweigleisigen Strecke durch den planmäßigen Ausbau bestimmter
genau zu ermittelnder Stationen, die die Leistungsfähigkeit jetzt herab-
setzen, ferner durch den Bau von Überholungsgleisen an solchen
Stellen, wo sie ohne großen Bau- und Betriebsaufwand geschaffen wer-
den können, stark gesteigert werden. Die richtige technische Aus-
führung der Gleisentwicklungen, z. B. durch Bildung von Vorstationen
von Bahnhofseinführungen, die verbesserte Anlage von Verschiebe-
bahnhöfen und die Vereinfachung der gesamten Rangiertechnik würden
bedeutende wirtschaftliche Erfolge haben. Blum schlägt auch vor, bei
den Personenbahnhöfen, die, was Raumbedürfnis, Lage und Ausstattung
anlangt, bezgl. der Bau- und Betriebskosten besonders anspruchsvoll
sind, gewisse technische Vereinfachungen vorzunehmen und die
Empfangsgebäude, namentlich in größeren Städten, zu mehrgeschossigen
Geschäftsgebäuden umzugestalten, um diese Bahnhöfe hochwertiger
auszunutzen,

Was die Betriebsführun g anlangt, so ist die Reichsbahnver-
waltung allem Anschein nach auf dem besten Wege, durch Beschleu-
nigung der Züge, durch größere Zugdichte bei kleineren Zuglängen und
durch Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit des Betriebes den Perso-
nenverkehr zu verbessern. 1920 verkehrten 50 % der Vorkriegs-
D-Züge mit einer durchschnittlichen Reisegeschwindigkeit von 51 km;
1924 schon wieder 65 % mit einer Stundengeschwindigkeit von 65 km,
und im Jahre 1925 dürften 72 % des Friedensverkehrs bei einer Ge-
schwindigkeit von über 70 km wieder erreicht sein. Die Reichsbahn-
verwaltung hat jüngst auch mitgeteilt, daß sie eine große Reihe von
Güterzügen auf gewissen Strecken mit 40 km Geschwindigkeit
fahren läßt, d. h. 25 % schneller als bisher. Die Eilgüterzugverbin-
95»
        <pb n="444" />
        388 Dr. Finkenwirth:

dungen wurden mit Erfolg planmäßig durchgeprüft, um eine beschleu-
nigte Beförderung der Eilgüter auf weite Entfernungen zu erreichen.
So wird — und es ist zu hoffen, daß die Reichsbahn in diesem Be-
streben fortfährt — eine bessere Ausnutzung der Fahrzeuge und des
Personals erreicht und die Leistungsfähigkeit der Strecken erhöht.
Hierin liegt eine prozentuale Verringerung der Ausgaben, ein unver-
kennbarer wirtschaftlicher Vorteil, der sowohl dem Bahnunternehmen
wie den Reisenden und Verfrachtern zugute kommt.

Wenn man an diesen Beispielen sieht, welch großen finanziellen
Vorteil die Einführung verbesserter Betriebsmittel und der Umbau ver-
alteter Betriebsanlagen und die Schaffung leistungsfähiger neuerer Be-
triebsanlagen hat, so muß man sich auf den Standpunkt stellen, daß die
Zurückhaltung der Reichsbahngesellschaft bei der Neubestellung
moderner Lokomotiven, Fahrzeuge und anderer Be-
triebsmittel und das Zögern in der Vollendung angefan-
gener Betriebsanlagen, gerade vom Standpunkt der Reichs-
bahn aus, gar nicht verantwortet werden kann, und es ist dringend zu
hoffen, daß die Politik der Reichsbahn in dieser Hinsicht sich ändert,

Der Haupteinwand der Verwaltung — es sei unmöglich, die nötigen
Mittel zu schaffen — ist nicht stichhaltig, Die Notwendigkeit der Ver-
besserung der technischen Einrichtungen der Reichsbahn ist ein Grund
mehr, die oben erörterten Anleihepläne in Angriff zu nehmen und zu
lösen, Noch besitzt die Reichsbahn 2 Milliarden Mark Vor-
zugsaktien im Portefeuille. Ihr Verkauf wird, wenn die Gesell-
schaft Reingewinne erzielt, den Aufwand von mindestens 7 % Dividende
zur Folge haben; der Besitz von Barmitteln ist für die Reichsbahn
angesichts der obigen Darlegungen indessen viel wertvoller, Die ersten
500 Millionen Mark des Verkaufserlöses müssen allerdings an das Reich
zur Tilgung der Reparationsschuld des Jahres 1926 abgeliefert werden;
bis zur Fälligkeit derselben könnte die Reichsbahn wahrscheinlich auch
mit diesem Betrag wirtschaften; die restlichen 1% Milliarden Mark
verbessern voll die Liguidität, der Gesellschaft.
Gewiß wird der Verkauf der Vorzugsaktien mit einigen Schwierigkeiten
verbunden sein, vor allem, da lediglich eine Abgabe in deutsche Hände
zur Vermeidung der Überfremdungsgefahr und weil je 500 Millionen
Mark Vorzugsaktienbesitz einen Sitz im Verwaltungsrat gewähren in
Frage kommt. Die Flüssigmachung des Kapitals läßt sich aber bei
richtigem Zusammenwirken mit unseren öffentlichen und privaten
Banken, unter gewisser Beteiligung des Auslandes, durchführen, und
angesichts der großen Bedeutung, die der Beschaffung neuer
Betriebsmittel und der Vollendung Rentabilität versprechender
Bauten für unseren Arbeitsmarkt und die Wirtschaftlichkeit
        <pb n="445" />
        Verkehrspolitische Aufgaben der Reichseisenbahn, 389
des Bahnunternehmens mit den weiteren Folgen für die Tarif-
bildung zukommt, ist an das deutsche Kapital, insbesondere die
deutsche Wirtschaft, soweit sie nur über Mittel verfügt, die dringende
Mahnung zu richten, mit Vertrauen diesen Werten sich zuzuwenden
und dadurch die Reichsbahn zu unterstützen.

Noch einige Bemerkungen zu den Einnahmeposten. Der
Personenverkehr hat im Monatsdurchschnitt seit Oktober 1924
rund 96 Millionen Mark erbracht; im März 1925 waren es 97 Millionen
Mark, im April 118 und im Mai 128 Millionen Mark. Es scheint
also, als ob der Verkehr sich an der Erhöhung im April 1925
nicht gestoßen hat, Hiermit wird es die Reichsbahn aber
auch genug sein lassen müssen, Die Personenfahrpreise sind
gegenüber dem Frieden reichlich hoch, wenn man bedenkt,
daß die Tarifsteigerung ohne Verkehrssteuer bei der 1.—4, Klasse
sich zwischen 33 und 50 % bewegt und daß die Steigerungen einschließ-
lich der Verkehrssteuer 54—65 % betragen.

Viel richtiger ist es, die Betriebsführung in kaufmännisch ge-
schickter Weise den Verkehrsbedürfnissen anzupassen. Häufig sieht
man lange Züge fahren, die schwach besetzt sind. Es erscheint
zweckmäßiger, kurze, leichte Züge zu verwenden und öfter den Verkehr
zu bedienen, Besondere Aufgabe der Fahrpländezernenten möchte es
sein, die Anschlußverhältnisse bestmöglich zu regeln. Die Einnahmen
der Bahnverwaltung werden nur gehoben, wenn man den Bedürfnissen
des Publikums mehr nachkommt, Sonderzüge und Sonntagszüge zu
richtigen Zeiten werden meistens gut besetzt sein. Warum bei den
meisten Relationen keine Sonntagsfahrkarten 2, Klasse ausgegeben
werden und warum die Bahn sich diese erhöhten Einkünfte entgehen
läßt, ist schwer verständlich. Bei allen tarifarischen und betrieblichen
Maßnahmen sollte aber darauf gesehen werden, daß der Berufsverkehr
geschont und gefördert wird, In dieser Richtung ist es zu begrüßen,
daß der Vorortverkehr in Berlin und Hamburg von der allgemeinen Er-
höhung vom 1, Mai d, J, nicht betroffen worden ist; es muß auch er-
wartet werden, daß die Reichsbahnverwaltung dem Vorortverkehr der
übrigen großen deutschen Städte und der Ausbildung der richtigen Zug-
lagen mehr als bisher Aufmerksamkeit schenkt. Der Schonung bedarf
insbesondere der reisende Kaufmann, und so schwer auch die Abgren-
zung dieses Teiles des Berufsverkehrs von dem Vergnügungsverkehr
sein mag, eine Lösung dieser Frage, die vielleicht in der Einführung
von Kilometerheften nach früherem badischen System liegt, muß ge-
funden werden,

Sehr erfreulich ist es, daß die Reichsbahnverwaltung mehr, als dies
früher bei der Staats- und Reichsregie der Fall war, dazu übergeht,
        <pb n="446" />
        390 Dr. Finkenwirth:

hinsichtlich der Ausgestaltung des Personenverkehrs sich des Rats
der provinziellen und zentralen Wirtschaftsver-
tretungen zu bedienen, So ist z. B. im Verkehrsgebiet
Niedersachsen-Cassel die Einrichtung getroffen worden, daß die Fahr-
plandezernenten der sechs beteiligten Eisenbahndirektionen Altona,
Oldenburg, Münster, Hannover, Cassel und Magdeburg jährlich zweimal
mit einem Ausschuß des Verkehrsverbandes Niedersachsen (der alle
maßgebenden amtlichen und freien Berufsvertretungen von Industrie,
Handel, Handwerk und Landwirtschaft und die wichtigsten Städte und
Landkreise des Gebietes zusammenfaßt) sich treffen, um die besten
Zuglagen in der nächsten Fahrplanperiode zu beraten. Da die Handels-
kammern Bremen, Halberstadt, Nordhausen und Magdeburg sich diesem
Verfahren jetztangeschlossen haben, dürften diese niedersächsich-mittel-
deutschen Fahrplankonferenzen das Beispiel der einfachsten
Art der Zusammenarbeit zwischen Verwaltung und Wirtschaft bieten.
Sinngemäß besteht zwischen der Reichsbahnhauptverwaltung einer-
seits, dem Deutschen Industrie- und Handelstag andererseits ein Ab-
kommen, daß ein kleiner Ausschuß von Vertretern der Industrie, des
Handels und der Landwirtschaft jährlich zweimal mit den Personen-
fahrplandezernenten der Reichsbahnverwaltung zusammentreffen, um
die Bedürfnisse des großen Fernverkehrs und des internationalen Ver-
kehrs zu erörtern, Diese Zusammenarbeit zwischen Verwaltung und
Wirtschaft muß zu guten Ergebnissen führen.

Und nun die Fragen des Güterverkehrs, dieses Schmerzens-
kindes der Wirtschaft! Es erscheint nicht notwendig, nachzuweisen,
wie schwer die bisherige Gütertarifpolitik der Reichsbahn die Wirt-
schaft belastet und von welch unheilvollen Folgen die — anders kann
man es nicht nennen — grundfalsche Tarifpolitik der Reichsbahn bis-
lang gewesen ist.

Wenn die Reichsbahnverwaltung auf die vielen Angriffe, die sie
hinsichtlich ihrer Gütertarifpolitik erfahren muß, immer antwortet, daß
die tonnenkilometrische Mehrbelastung einschließlich der Ver-
kehrssteuer noch nicht 50 % gegenüber dem Frieden betrüge und daß
der Tarifindex ohne die Verkehrssteuer noch unter 135 liegt, während
die Preise der Hauptbetriebsstoffe nicht niedriger, eher höher und der
Kopfkostenindex des Bahnpersonals sogar 152 ist, so ist eine solche
Darstellung schief, Wenn man hierüber ein richtiges Bild gewinnen
will, so muß man die einzelnen Güter ansehen und ihre Frachtverteue-
rung prüfen, Und so zeigt sich denn, um nur einige Beispiele heraus-
zuheben, nach einer Statistik der Industrie- und Handelskammer Essen
folgendes: Auf 10—500 km waren im März 1925 gegenüber 1914 die
Frachten teurer:
        <pb n="447" />
        Verkehrspolitische Aufgaben der Reichseisenbahn. 391
bei Versand von um Prozent:
Roheisen und Schrott . . ‚ 31—73
Stab- und Formeisen . 100—40
Teilen von Eisenbauwerken, Blechen und Platten . 184—129
Maschinen”... m. 191—103
Benzol usw... . Se „+, 209—170
Teeren  .., ; . „‚. 78-31
Stamm- und Stangenholz . RR 110—72
Bau- und Schnittholz . . . SU 112—74
Grubenholz . En Pa 78—52
Kalk, Zement usw. . ; 78-—31

Diese Beispiele ließen sich beliebig vermehren; u. a. zeigt auch
eine von der Reichsbahndirektion Berlin herausgegebene Gegenüber-
stellung der Frachtsätze der Normalklassen nach dem Stand vom
Jahre 1914 und vom 1. Oktober 1924, daß sowohl beim Stückgut wie
bei den Klassen A, C und D bei den nahen Entfernungen durchschnitt-
lich eine Verdoppelung der Frachtkosten vorliegt, und daß die Fracht-
verteuerung bis zu den Entfernungen von 400 und 500 km, abgesehen
von den Klassen E und F, bis meistens 50 % geht.

Man muß sich dabei klar sein, daß die meisten Güter nicht über
weite Entfernungen gefahren werden, sondern daß der Nahverkehr der
Menge nach das wichtigste ist. In der allzu starken Be-
lastung der nahen und mittleren Entfernungen
liegt der Hauptfehler des heutigen Tarifschemas,
Die vertikale Staffelung der Tarife ist in der Weise überspannt, daß die
Güter aller Tarifklassen bei den weiten Entfernungen zu billig, von
1200 km an sogar unter dem Friedenspreis, befördert werden, während
die Nahfrachten, z. B. bei 100 km im Durchschnitt etwa um 63 %,
teurer sind als 1913. Besonders der Bergbau und die Schwerindustrie,
die in der Hauptsache Massengüter auf kurze Strecken versenden,
werden von dem ungerechten Tarifschema stark betroffen; die Eisen-
bahn hat es sich selbst zuzuschreiben, wenn der Verkehr in großem
Umfange andere Wege und der Bahn verlorengeht.

Die Änderung des deutschen Gütertarifs nach dem Kriege hat
ferner eine Neueinteilung der einzelnen Tarifklassen
gebracht. Die Vergrößerung der Spanne innerhalb der einzelnen
Ladungsklassen und die Eintarifierung der meisten Waren in eine
höhere Tarifklasse als bisher hat ebenfalls bedenkliche Folgen gezeitigt.
Die Wettbewerbsverhältnisse haben sich infolge dieser Umtarifierung
nicht nur innerhalb Deutschlands verschoben, sondern auch dazu ge-
führt, daß nachweisbar Auslandsaufträge, die regelmäßig deutschen
        <pb n="448" />
        392 Dr. Finkenwirth:

Firmen zugingen, nach dem Ausland gehen, weil die deutschen Frach-
ten gegenüber den ausländischen zu hoch sind; denn man muß be-
denken, daß nicht der Vergleich, um wieviel ein Ware heute gegen
1913 teurer reist, die Wirkung der Erhöhung genügend zeigt, sondern
ähnlich wie bei der Umsatzsteuer wird durch die vielen Vorfrachten
für Rohstoffe, Halbfabrikate, Betriebsmaterial usw. die Frachterhöhung
in ihrer Wirkung kumuliert.

Es ist zweifellos zuzugeben, daß die Reichsbahnverwaltung be-
müht ist, durch Einführung von Ausnahmetarifen und durch
Änderungen in der Qualifikation der Güter die Folgen des Tarifaufbaus
zu mildern. Indessen ein solches Vorgehen genügt nicht, wenn man
auf dem Standpunkt steht, daß die Reichsbahn die Pflicht hat, in
ihrem eigenen Interesse und in dem der deutschen Wirtschaft die Wett-
bewerbsfähigkeit der deutschen Waren auf dem Aus- und Inlands-
markt mit allen ihren Kräften bessern zu helfen. Niemand verlangt, daß
hierbei die Reichsbahn allein vorgehen soll. Wie notwendig es ist,
daß überall die Hand angelegt wird, um die Produktionskosten zu ver-
ringern, haben wir oben dargelegt, Die Reichsbahnverwaltung kann
und muß aber auf diesem Gebiet noch vieles tun. Daß sie zu einer
Tarifsenkung materiell in der Lage ist, wenn sie finanztechnische
Schwierigkeiten zu überwinden versteht, haben wir oben nach-
gewiesen; daß eine Tarifsenkung hinsichtlich des Güterverkehrs im
Interesse der deutschen Wirtschaft unerläßlich ist, braucht nicht be-
wiesen zu werden.

Hinsichtlich der Durchführung im einzelnen ist dem Programm der
Reichsbahn zuzustimmen, daß sie durch Einführung von Ausnahme-
tarifen den Sonderheiten der Wirtschaft sich allmählich anzupassen
sucht, Das Ziel ist es: den Tarifaufbau wieder zu dem
feinabgestimmtenInstrument der deutschen Wirt-
schaft zu machen, das er vor dem Kriege war,

Maßgebende Persönlichkeiten der Reichsbahnverwaltung haben
bereits erklärt, daß es nötig ist, den Staffeltarif daraufhin durch-
zuprüfen, ob seine gegenwärtige Zusammensetzung richtig ist. Daß sie
es nicht ist, daß die nahen und mittleren Entfernungen bis 500 km
ganz wesentlich zu hoch belastet sind, haben wir gezeigt. Es liegt im
Interesse der Bahn und es ist vom Standpunkt der deutschen Wirt-
schaft aus geboten, die nahen und mittleren Entfernungen wesentlich
zu senken, Es erscheint unbedenklich und im Interesse der Finanz-
wirtschaft der Reichsbahn auch angebracht, daß die weiten Entfer-
nungen, soweit unter Friedenssätzen gefahren wird, wenigstens auf
diese gehoben werden. Dieser Vorschlag zielt nicht darauf hin, unsere
Randgebiete wie Oberschlesien, wie Südbayern, wie Ostpreußen usw.
        <pb n="449" />
        Verkehrspolitische Aufgaben der Reichseisenbahn., 393
zu schädigen. Lebensinteressen dieser Bezirke können und müssen
durch Ausnahmetarife ihr Recht finden, aber es ist nicht zu vertreten,
daß ganz allgemein auf weite Entfernungen unter den Selbstkosten
gefahren wird,

Und schließlich muß die deutsche Wirtschaft die Forderung stellen,
daß die Reichsbahntarife im Durchschnitt um min-
destens 15 %, vor allem auch die näheren und
mittleren Entfernungen, gesenkt werden. Wenn
die Reichsbahnverwaltung mit Energie und Umsicht die Betriebs-
politik durchführt, die im vorstehenden gekennzeichnet ist, so
wird sie in die Lage kommen, ihre Selbstkosten herabzudrücken.
Wege zu diesem Ziele sind, um es zusammenzufassen: die
Aufnahme einer Investierungsanleihe und die weitere
Flüssigmachung von Mitteln durch Verkauf der Vorzugs-
aktien; scharfe Beschränkung übermäßigen Perso-
nalaufwandes und Ausnutzung aller wissenschaft-
lichen Erkenntnisseundtechnischen Fortschritte,
um den Eisenbahnbetrieb mit den geringsten Unkosten zu führen; An -
passung des Personenverkehrs an die Verkehrs-
bedürfnisse der Reisenden und Ausbildung der Güter-
tarife in gerechter, den Verschiedenheiten der
deutschen Wirtschaft entsprechender Art und
Weise und schließlich in allen Fragen enge Zusammenarbeit
zwischen der Reichsbahnverwaltung und den
Vertretungen der Wirtschaft; denn essind:

Die Deutsche Reichsbahn, die deutsche
Wirtschaft auf Gedeih und Verderb
miteinander verbunden.
        <pb n="450" />
        25,

Luftfahrt in Wirtschaft und Politik.
Von Dr, E. Everling, Professor an der Technischen Hochschule Berlin,
Referent im Reichsverkehrsministerium.,

„Luftfahrt ist not! -— das ist fast schon zum abgegriffenen
Schlagwort geworden; und doch ist es eine wirtschafts poli-
tische Wahrheit; sie zeichnet sich von Jahr zu Jahr klarer ab,
sie drängt sich von Monat zu Monat immer weiteren Kreisen auf. Recht
deutlich zeigt das die „Stimme des Volkes“, die Presse,

Luftfahrt ist not, denn sie fördert unsere Kultu r, nützt unserer
Wirtschaft, stärkt unsere Weltgeltung

Die uralte Sehnsucht der Menschheit, den Vögeln gleich in der
Luft zu schweben, zu fliegen wie Dädalus, der griechische Ingenieur,
und Wieland, der germanische Schmied, ist seit einem Vierteljahrhun-
dert Wahrheit geworden. Das Luftfahrzeug hat sich das Reich der
Wolken erobert, es beherrscht die gesamte Kriegführung, es erringt
sich seinen Platz im Getriebe des Verkehrs ‚ es dient mancherlei
Berufen, es stählt die Jugend in herrlichem Sport, es erobert sich
auch das Herz des Volkes und gibt dem Denken und Dichten ungeahnte
Nahrung: die dritte Dimension ist besiegt, das „drunter durch
oder drüber weg‘ hat einen neuen Sinn erhalten; nie hat menschliche
Technik Größeres errungen, Die Kultur, die manche schon sterben
sehen, hat das Letzte, Größte erreicht!

Nein, es ist nicht nur die „Zivilisation‘, was durch das Fliegen
gefördert wurde, mag auch die Luftfahrt ein Kind der Technik sein,
Die Umwälzung der Wirtschaft, die sich hier anbahnt, greift aufs
tiefste in unser ganzes Leben ein. Freilich, jetzt erkennen wir's nur
stückweise; aber wir müssen uns klarmachen, was sich hier vor-

bereitet, welche Rolle das Luftfahrzeug schon in wenigen Jahren in Ver-
kehr und Landwirtschaft, für Handel und Geldwesen spielen kann, wie
wir den Organismus der Wirtschaft gestalten müssen, damit er aus der
Beherrschung der Luft den vollen Nutzen zieht.

Der rasche Verkehr, der durch Fernsprecher und Tele-
gramm, durch Funk und Fernbild etwas Unpersönliches, Unvollstän-
diges erhalten hat, wird wertvoll ergänzt durch Mittel, die Personen,
Urkunden und wichtige Waren schnell befördern. Das Luftfahrzeug
mit seiner hohen Geschwindigkeit, seiner weitgehenden Unab-
        <pb n="451" />
        Luftfahrt in Wirtschaft und Politik, 395
hängigkeit von Land- und Wassergrenzen, Berg- und Talgestaltung,
seiner von harten Stößen freien, für Schreibarbeit und Schlaf
angenehmen Bewegung und seiner hohen Betriebssicherheit ist ein
ideales Personenverkehrsmittel, wenn die Flugplätze vom Herzen der
Städte rasch genug erreicht werden können, wenn es gelingt, die Regel-
mäßigkeit, die Unabhängigkeit vom Wetter, vor allem vom Nebel,
weiter zu erhöhen, wenn zeitsparende Nachtflüge mit noch größerer
Zuverlässigkeit durchgeführt werden können — in vielen Fällen aber
auch schon heute ohne diese Einschränkungen, zumal der Mehraufwand
für den Flugpreis im Verhältnis zu den Vorzügen sehr gering ist. Es
fehlt diesem Luftverkehr nur noch das Vertrauen weiterer Kreise, das
er schon jetzt verdient, eine regere Benutzung, die manchem Vorteile
bringen könnte und dazu beitrüge, den Verkehr selbst zu verdichten
und zu verbessern,

Eilige Reisende finden sich nicht bloß unter Geschäftsleuten, Poli-
tikern, Schauspielern, Rennreitern, die ihre Wirksamkeit verdoppeln,
wenn sie rasch von einem Ort der Berufsausübung zum andern ge-
langen; auch der Arzt, der zum Verletzten auf einsamer Insel, der
Kranke, der durch Einöden mit Sanitätsflugzeug zum Seuchenlazarett
gebracht wird, sind keine Phantasie mehr,

Noch nicht gelungen und daher von vielen als utopisch angesehen
ist der Massenschnellverkehr durch die Luft, Aber haben
wir nicht im Kraftwagen, im Autobus ein Verkehrsmittel, dessen
Leistungsfähigkeit in der Großstadt mehr durch die Zahl als durch die
Größe der Einheiten gesteigert wird?

Auch die Post hat sich dieses raschen Beförderungsmittels be-
mächtigt und verwendet die Flugzeuge auf Linien und zu Zeiten, die
für den Reiseverkehr noch nicht freigegeben sind. Über die Luftpost
(und ihre gewaltige Zeitersparnis gegenüber der gewöhnlichen Brief-
beförderung) ist an anderer Stelle bereits berichtet worden‘).

Neben Briefen und Paketen, neben Ersatzteilen für andere Luft-
fahrzeuge, Proviant für verstiegene Hochtouristen, Arzneimitteln für
entlegene Siedlungen und ähnlichen Hilfsmitteln für Notfälle werden
schon jetzt eine Reihe eiliger Waren, wie kleine Tiere, frische
Blumen, Feinkost und Modeschöpfungen häufig durch die Luft ver-
schickt; auch hochwertige Dinge, wie Schmuck, Edelsteine,
Metallbarren, Banknoten und Schecke werden im Flugzeug isoliert und
rasch, also sicherer befördert. Bei der Versendung von Ge1d und
Geldersatz wiegt vielfach der Zinsgewinn durch Zeitersparnis die
Mehrkosten der Luftbeförderung bei weitem auf,

*) Vgl. den Aufsatz „Verkehrspolitische Aufgaben der Deutschen Reichspost‘”
oben Seite 307 {£f.
        <pb n="452" />
        6 Prof. Dr. E, Everling:

Daß Fischerei durch Aufsuchen von Fischbänken, Melden von
Fischschwärmen mit Seeflugzeugen, durch Fischfänge mit kleinen Luft-
schiffen, wie durch Abschießen von Raubtieren gefördert werden, daß
man mit dem Flugzeug ja g e n kann, sei nur nebenbei erwähnt, ebenso,
daß Land- und Forstwirtschaft in schwachbevölkerten Ge-
bieten schon jetzt durch Flugzeuge unterstützt werden, die aussäen,
Vieh überwachen, Schädlinge mit Gift bekämpfen, nachdem sie ihre
Sporen in der Luft, ihre Brutplätze am Boden festgestellt haben, die
Waldbrände sogleich erkennen und durch Abwerfen von Feuerlösch-
bomben ersticken, über Windbruchschäden und Pflanzenstände einen
raschen Überblick geben,

Wichtig ist, auch für unser gutvermessenes Gebiet, das Lu{ft-
bild, das Landesaufnahmen vor allem unzugänglicher oder veränder-
licher Gelände rasch und zweckmäßig ergänzt, Dazu kommt der
Nutzen, den schon jetzt viele Wissenschaften aus dem Luftfahrzeug
ziehen können: Geologie, Erd-, Siedlungs- und Wetterkunde be-
dienen sich seiner; sogar Regen machen und Nebel zerstreuen soll das
Flugzeug! Das klingt uns heute noch wie ein Märchen, ist aber viel-
leicht in einigen Jahren ebenso Wirklichkeit, wie schon jetzt die übri-
gen erwähnten Herkulesarbeiten, die die Luftfahrt leistet,

Mittelbar wirtschaftsfördernd, den Warenaustausch beschleunigend
wirkt das Luftfahrzeug im Werbewesen; es selbst als sensationeller
Gegenstand, der überall Interesse erweckt, wird gerne zu Darstellungen
verwendet, die für eine Idee, für einen Handelsartikel Propaganda
machen sollen. Durch Flugblattabwurf aus der Luft, Schauflüge mit
anpreisender Bemalung und Beleuchtung, durch ‚„Himmelsschrift‘ mit
Rauchfahnen stellt sich das Flugzeug in den Dienst der Reklame.

Endlich erzeugt die Luftfahrt selbst wichtige Ausfuhrgüter,
Leichtbauwaren, Qualitätsarbeit hochwertiger Facharbeiter; sie nährt
eine ganze Reihe von Hilfsindustrien, die ihr Roh- und Werk-
stoffe, Betriebsmittel und Hallen, Zubehörteile und Meßgeräte liefern.

Trotz dieses wirtschaftlichen Nutzens haben die Luftfahrzeugbauer
aller Länder, verglichen etwa mit den Kraftfahrzeugfirmen, ein sehr
beschränktes Absatzgebiet. Ihre Hauptabnehmer sind im
allgemeinen die Staaten, die starke Luftflotten unterhalten, trotz
aller Abrüstungsvereinbarungen und Friedensbeteuerungen, in der rich-
tigen Erkenntnis, daß ein Zukunftskrieg sich in erster Linie zwischen
Maschinen, vorwiegend in der Luft und über dem ganzen Hoheitsgebiet
der Kriegführenden abspielen wird,

Nur Deutschland und den andern Besiegten des Weltkrieges
ist es untersagt, eine Kriegsluftflotte und auch nur Militär- oder Polizei-
flugzeuge zu besitzen; ja, unsere Industrie darf sie nicht einmal für die

-r
        <pb n="453" />
        Luftfahrt in Wirtschaft und Politik, 397
Ausfuhr bauen; und noch mehr: über jenes Verbot im Versailler Vertrag
hinaus ist unser friedlicher Luftfahrzeugbau durch die ‚,‚9 Regeln” be-
schränkt, durch Begriffsbestimmungen, die jedes Luftfahr-
zeug oberhalb bestimmter Geschwindigkeit, Steigfähigkeit, Ladung und
Betriebsdauer, auch wenn es rein für Handelszwecke gebaut und an
sich nur für diese geeignet ist, als militärisch erklären und damit
untersagen,

Daß unser Luftfahrzeugbau trotzdem Leistungen wie das
Amerika-Luftschiff L.Z.126, wie die neuen Groß-Kabinen-
Verkehrsflugzeuge von Dornier und Junkers hervorgebracht hat,
daß wirohneLuftmachtdochLuftgeltung besitzen, beruht
auf den Leistungen unserer Ingenieure, Kaufleute und Flieger, auf einer
zielbewußten Luftpolitik in einmütigem Zusammenarbeiten aller
Beteiligten, endlich auf unserer geographischen Lage, die uns einst die
Einkreisung brachte, die jetzt unsere wirtschaftliche Rettung werden
wird, weil sie uns zum Durchgangsflughafen Europas be-
stimmt; denn wegen seiner Bodengestalt und seines Klimas ist Deutsch-
land für einen durchgehenden Luftverkehr bestens geeignet.

Daß die außenpolitischen Hemmungen deshalb nicht bloß unsere
Luftfahrt schädigen, sondern auch die zum Durchflug bereiten Nach-
barstaaten, daß sie den deutschen Luftfahrzeugbauer zwingen, mit dem
Bau seiner Schöpfungen und dem Betrieb seiner Fluglinien ins Ausland
zu wandern und denen, die uns knebeln, mit seinem lästigen Wettbe-
werb näher und um so erfolgreicher auf den Leib zu rücken, wird sie
über kurz oder lang doch nötigen, uns zur Lufthoheit, die wir
wahrten, auch die Luft freiheit. die wir entbehren, wiederzugeben.

Hat die Luftfahrt außenpolitisch als Waffe — in andern
Ländern — und als wirtschaftlicher Aktivposten — vor allem in unserer
Zukunftsbilanz — Bedeutung, ist sie bei uns durch äußere Ein-
wirkungen schwer bedrängt, so nimmt sie innenpolitisch —
wenigstens in Deutschland — eine Sonderstellung ein: während sonst
alles parteipolitisch betrachtet und behandelt wird, genießt die Luflft-
fahrt, abgesehen von gelegentlichen Entgleisungen der Extreme,
die gemeinsame Gunst aller Parteien; vielleicht wird auch sie zum
Zankapfel, wenn man ihre Bedeutung richtig erkannt hat; heute jeden-
falls begegnet ihr die ganze Presse mit gleicher Hochachtung und
— das hat sich freilich in der letzten Zeit gebessert! — mit der
gleichen Verständnislosigkeit: Unfälle bei Kunstflügen und im Aus-
lande, die mit der Sicherheit unseres Flugverkehrs gar nichts zu tun
haben, werden von allen Zeitungen gleich verkehrt aufgebauscht; und
wenn wir mit unsern Vertragsgegnern über die Befreiung der deutschen
Luftfahrt verhandeln, lassen sich alle die gleichen falschen Meldungen
        <pb n="454" />
        398 Luftfahrt in Wirtschaft und Politik.
aus dem Auslande aufhängen — stets abgesehen von einigen rühmlichen
Ausnahmen, die das rechte Gefühl oder einen tüchtigen Fachmann für
das schwierige, weil ungewohnte, Gebiet besitzen.

Umgekehrt ist auch der Flieger, der meilenhoch über den
Parlamenten schwebt und in wenigen Minuten eine Provinz durchquert,
kein Parteimann oder Partikularist. Wer Luftverkehr betreibt, muß
heute schon „in Erdteilen denken“. Und das Flugzeug, das Länder
verknüpft, wird auch die Herzen der Völker verbinden; wenn wir heute
in der Welt wieder geachtet werden, so hat unsere Nachkriegsfliegerei
einen großen Teil des Verdienstes, und die Kameradschaft der Flieger
aller Länder, die in ritterlichem Kampf den Krieg überdauerte, die den
andern wertet, weil er sich selbst achtet, sollte auch die Völker lehren,
einander zu verstehen, statt sich nur zu verständigen.

Auch die Kreise des eigenen Volkes, die sich fremd gegenüber-
stehen, kann die Luftfahrt zusammenführen: mag der Flugverkehr
ein Vorrecht derer sein, die sich Reisen zweiter Klasse leisten können,
das Fliegen selbst ist GemeingutallerSchichten: auf unsern
Flugschulen findet sich neben dem wohlhabenden Sportsmann der un-
bemittelte Student, dem ein Gönner als „Pate‘ das Fliegenlernen er-
möglichte, und der weiterstrebende Arbeiter, den seine Firma am
Unterricht teilnehmen läßt; denn die nächste Zukunft schon fordert
„Luftkutscher‘‘ und Verkehrsflieger in großer Zahl. Sodann ist das
Fliegen unerläßlich für den Ingenieur, der selber Luftfahrzeuge
bauen will, und endlich ist es ein gesunder Sport, eine nerven-
stählende, willenstärkende Körperbetätigung, die Entschlußfähigkeit
und Verantwortungsfreudigkeit hebt, die positive, zum Aufbau bereite
Menschen schafft — ein treffliches Werkzeug zielbewußter Be völ-
kerungspolitik.

Wir möchten nicht schließen, ohne die Aufgaben zu nennen, die
uns die Luftfahrt stellt, weil sie erfülltes Sehnen unserer Väter, köst-
liches Gut unserer Kultur und sichere Hoffnung unserer Kinder ist;
weil Deutschland an den Hauptstraßen des Luftmeeres
liegt, weil seine Wirtschaft durch Luftverkehr und Luftpost, Luft-
frachten und Luftbild gefördert wird, weil das Luftfahrzeug selbst als
Wirtschaftsteil beachtlich ist und wichtig werden wird, weil unsere
Lufthoheit uns auch ohne Luftwaffen Luft geltun gg bringen soll, weil
die junge Generation, die aufbauen soll, was wir zertrümmern ließen,
gesunden Mut und starke Nerven braucht: das Luftfahrzeug will seinen
Platz an der Sonne des Wirtschaftslebens; bereitet ihm den Weg!

Schafft Vertrauen zum Flugzeug, denn es ist sicher; fördert
seine Benutzung, denn sie bringt Vorteil; lehrt unser Volk fliegen,
denn Luftfahrt ist not!
        <pb n="455" />
        26.

Messen und Ausstellungen.

Von Paul Voß, Direktor im Meßamt für die Mustermessen in Leipzig,

I, Das deutsche Messe- und Ausstellungswesen einst und jetzt,

Messen und Ausstellungen haben gemeinsam eine doppelte Auf-
gabe, Einesteils sollen sie die Allgemeinheit mit dem neuesten Stande
der Sachgütererzeugung, mit den neuesten Fortschritten des Ge-
schmacks und der Technik bekannt machen, Andererseits erwartet
man von ihnen, daß sie den Verkehr zwischen Produzenten und Händ-
lern erleichtern, daß sie den Weg zwischen Angebot und Nachfrage
abkürzen und dem einen Part günstigeren Verkauf, dem anderen be-
quemeren Einkauf ermöglichen, Diese Doppelaufgabe wird jedoch von
Messen und Ausstellungen verschieden gelöst und verschieden be-
wertet, Bei der Ausstellung tritt mehr — ohne allerdings die kauf-
männischen Notwendigkeiten zu vernachlässigen — das allgemeine
Aufklärungs- und Bildungsinteresse in den Vordergrund. Aus-
stellungen finden stets als besondere Veranstaltungen statt, auf Grund
eines jeweils aufgestellten Programms, um die Entwicklung während
eines größeren Zeitabschnittes auf einem bestimmten Gebiet darzutun.
Messen dagegen sind regelmäßige, periodische Veranstaltungen, die
sich in erster Reihe an den Kaufmann wenden und aus diesem Grunde
oft sogar für das große Publikum, für nichtkaufmännische Kreise, mehr
oder weniger verschlossen sind, Messen und Ausstellungen, die letzt-
genannten nur insoweit, als sie „Ausstellungen‘ auch im volkswirt-
schaftlichen Sinne sind, erscheinen erst in dem Stadium der Wirt-
schaftsgeschichte, wo der Güteraustausch größere Formen annimmt, wo
insbesondere die Produktion aufhört, nur für bestimmte Kunden zu
arbeiten, sondern sich ganz allgemein an den Markt wendet. Je mehr
sich gleichzeitig der Verkehr entfaltet und regelmäßige Verbindungen
zwischen den entferntesten Ländern schafft, um so mehr zeigt sich auch
das Bedürfnis, den allmählich entstehenden internationalen Waren-
markt auch in bestimmten Veranstaltungen in Erscheinung treten zu
lassen.

Die ersten Messen finden wir demgemäß im Mittelalter in der Zeit
kurz nach den Kreuzzügen, als das Städtewesen, das Handwerk, der
Seehandel auf der Nordsee und im Mittelmeer, als gleichzeitig die
Hanse im deutschen Norden und die großen italienischen Stadt-
        <pb n="456" />
        400 Direktor Paul Voß:

republiken starken Aufschwung nahmen. Damals entstanden in
Deutschland die ersten großen Warenmessen, unter denen sich schon
irühzeitig die Leipziger Messe hervorhob, Der Grundgedanke bestand
darin, daß zu bestimmten Zeiten, namentlich vor und nach den Fest-
tagen der Kirche, Kaufleute aus allen Himmelsrichtungen mit ihren
Warenbeständen zusammenkamen, um ihre Güter untereinander aus-
zutauschen, um das zu verkaufen, was ihr Heimatsort im Übermaß
hervorbrachte, und das einzukaufen, woran zu Hause Mangel bestand.
Diese Messen waren von Antang an international, Da treffen wir Lom-
barden, Polen, Russen, Griechen, Skandinavier, Holländer und Flamen,
Und die Waren, die man zum Austausch bringt, sind die Gewürze
Indiens, die Seidenstoffe des Orients, Spitzen aus Venedig, Tuche aus
Flandern, Pelzwerk aus Osteuropa, Leinen aus den Ostseeländern,
Stockfisch aus Norwegen und deutsche Handwerksware mancherlei
Art, Die Behörden förderten mit großem Interesse die Entwicklung
des Messewesens. Das Messeprivileg ward nur wenigen ausgewählten
Städten erteilt. Auch anderswo entwickelten sich Warenmessen, ins-
besondere in Osteuropa.

Mit Beginn der Neuzeit trat eine gewisse Stagnation und ein Verfall
im Messewesen ein. Dies lag einmal an der Entdeckung Amerikas und
des direkten Seewegs nach Ostindien, wodurch die uralte Handels-
straße, die von den kleinasiatischen Häfen über das Mittelmeer nach
Venedig und Genua und von hier aus über die Alpen nach Deutsch-
land, Ost-, Nord- und Westeuropa führte, fast völlig an Bedeutung
verlor, Die zweite Ursache waren die schweren Kriege, die Deutsch-
land seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts andauernd heimsuchten.
Nur die Leipziger Messe blieb damals bestehen, während alle anderen
deutschen Warenmessen eingingen. Sie stand in innerem Zusammen-
hang namentlich mit den großen Warenmessen Rußlands, insbesondere
der von Nishnij-Nowgorod. Dies hing wiederum stark mit der Ent-
wicklung des Leipziger Rauchwarenhandels zusammen,

Eine starke Erschütterung erfuhr die Leipziger Messe dann durch
die Napoleonischen Kriege, Die Mitte des 19. Jahrhunderts brachte
dann schließlich einen bedeutsamen Wendepunkt. Daß die alte
Warenmesse überlebt war, daran bestand kein Zweifel mehr. War
doch inzwischen das moderne Fabrikwesen aufgeblüht, mit der Folge,
daß der Händler beim Produzenten nicht mehr die bereits fertigen
Warenvorräte — also „vom Lager“ — zu kaufen brauchte, sondern
nach einem ihm vorgelegten Muster und, wenn nötig, mit gewissen.
Abweichungen von diesem Aufträge auf eigens zu fabrizierende Ware
erteilen konnte. Es wäre durchaus sinnlos gewesen, hätte man nun
auch weiter Warenvorräte auf Warenmessen zusammenschleppen
        <pb n="457" />
        Messen und Ausstellungen, 401
wollen. Die „Waren‘”-Messe war also tatsächlich erledigt. Nicht aber
der Meßgedanke selbst, also die Zusammenfassung aller Ein- und Ver-
kaufsinteressenten einer oder vieler Branchen zu bestimmter Zeit an
bestimmten Orten zum persönlichen Austausch von Angebot und Nach-
frage. Die neue Fabrikindustrie des 19. Jahrhunderts erkannte, daß
man neben den inzwischen üblich gewordenen Systemen der Kunden-
werbung, Aussendung von Reisenden, Versand von Mustern und Pro-
spekten, auch den Meßgedanken in neuer Prägung in den Dienst der
Handelsinteressen stellen konnte, Man brauchte ja nicht mehr die
Waren selbst zur Messe zu bringen, man konnte ja auch einfach die
Muster ausstellen und die Bestellungen der Meßbesucher darauf ent-
gegennehmen, um sie dann von der Fabrik aus zu beliefern.

Die Leipziger Messe vollzog diese Umstellung um die Mitte des
19, Jahrhunderts, mit dem Resultat, daß 1885 bereits die Mustermesse
in ihren Grundzügen vollendet war. 1892 wurde dann zur Regelung
des Messewesens ein Messe-Ausschuß gegründet, 1917 schließlich das
Meßamt, Anfangs waren es vor allem die Branchen der Fertigwaren-
industrie, die der Leipziger Messe angehörten, also Haus- und Küchen-
bedarf, Spielwaren, Luxus- und Papierwaren, Stahl- und Metallwaren,
Holzwaren. Allmählich geschah die Umbildung zur „Allgemeinen
Mustermesse‘, die auch Textilien, Schuhwaren, Musikinstrumente,
Buchgewerbe und Graphik, Möbel, Bürobedarf umfaßte, während sich
gleichzeitig in großem Maßstab die Leipziger „Technische Messe mit
Baumesse‘ entwickelte, Diese Ausgestaltung der modernen Leipziger
Mustermesse setzte besonders kräftig während des Weltkrieges ein
und ist seitdem in ständigem Fortschreiten begriffen. An der Leipziger
Frühjahrsmesse 1925 waren 13 996 Aussteller beteiligt; auf der gleichen
Messe betrug die Zahl der geschäftlichen Meßbesucher 180 000,
darunter 17200 aus dem Auslande.

Bis zum Beginn des Krieges war die Leipziger Mustermesse die
einzige moderne Messe der ganzen Welt von internationalem Zuschnitt
und Charakter. Erst im Krieg entstanden im Auslande, vor allem bei
den Kriegsgegnern Deutschlands, verschiedene neue Messen, fast durch-
weg mit der Tendenz des Wirtschaftskrieges. So 1915 in London, 1917
in Birmingham, 1916 in Lyon. Nach dem Kriege setzte auch in Deutsch-
land und in zahlreichen anderen Ländern, die bisher noch keine Messen
hatten, eine lebhafte Entwicklung ein. Das treibende Motiv war das
Bedürfnis vieler Städte, nach den Schädigungen des Kriegs eine neue
Anziehungskraft für den Fremdenverkehr und eine Verbesserung
ihrer wirtschaftlichen Lage zu erzielen. Psychologisch erleichtert wurde
die Gründung neuer Messen durch den allgemeinen Warenhunger der
Nachkriegszeit, durch die immer noch abnorme Lage des Verkehrs,

Die deutsche Wirtschaft,

26
        <pb n="458" />
        402 Direktor Paul Voß:

durch die zahllosen Schwierigkeiten, die sich aus der Inflation für die
normale Abwicklung des Geschäfts ergaben. Vielfach kehrte man,
wenn auch unausgesprochen, zum Typ der Warenmesse zurück, Denn
auf diesen Nachkriegsmessen war mit „greifbaren‘ Warenposten in der
Regel das beste Geschäft zu erzielen, weil hier gleich Ware gegen Kasse
gegeben werden konnte und somit das ganze Risiko jener unsicheren
Zeit wegfiel,

In Deutschland bildete sich in jenen Nachkriegsjahren eine gewisse
Systematik des Messewesens heraus, mit Leipzig als Zentralmesse, die
immer stärker für den Binnenhandel und das internationale Geschäft
in den Vordergrund trat, und mit Frankfurt a. M., Breslau, Königsberg
i. Pr., Köln a. Rh., Wesel und Kiel als sogenannten „Grenzmessen“, die
einesteils dem Wirtschaftsbedürfnis bestimmter Provinzen und Landes-
teile, andernteils dem Warenaustausch mit den jeweils in Frage kom-
menden Nachbarstaaten dienen sollten, wobei die besonderen Verhält-
nisse im deutschen Westen, andererseits die komplizierte Lage in Ost-
europa eine bedeutsame Rolle spielten. Ob nach der Wiederkehr regel-
mäßiger Wirtschaftszustände, wie sie die Annahme des Dawes-Plans,
die Wiederherstellung des einheitlichen deutschen Zollregimes im
Westen und der Beginn der neuen Handelsvertragspolitik (10, Januar
1925) mit sich bringt, die Vorteile der verschiedenen Grenzmessen den
Nachteil der Zersplitterung des Messewesens noch überwiegen werden,
dürfte vielleich®anzuzweifeln sein. Wahrscheinlich wird die Entwick-
Jung dahingehen, daß man entweder die „Grenzmessen‘ in Märkte für
den industriellen Güteraustausch bestimmter Landesteile oder in
gewisse Spezialmessen umwandelt, wobei die Aufgaben des inter-
nationalen Geschäfts wieder völlig in Leipzig zentralisiert würden, Für
den deutschen Markt waren in den letzten Jahren auch die Neu-
gründungen einer Prager Messe und einer Wiener Messe von Bedeu-
tung. Für die Staaten, in deren Hauptstädten sie abgehalten werden,
zweifellos von bestimmtem Wert, überschätzten sie doch wohl ihre
Kraft, wenn sie sich bemühten, einen Teil der deutschen Aussteller-
schaft an sich heranzuziehen und gewisse Funktionen des deutschen
Messewesens zu übernehmen. Die Ausstellerfrequenz der wichtigsten
deutschen Messen neben Leipzig betrug nach letzten Feststellungen in
Frankfurt (Frühjahrsmesse 1925) 2638, in Königsberg (Frühjahrsmesse
1925) 1420, in Köln (Frühjahrsmesse 1925) 2047, in Breslau (Frühjahrs-
messe 1925) 1102, in Kiel (Frühjahrsmesse 1925) 370,

Das deutsche Ausstellungswesen hat sich ähnlich wie in anderen
Kulturstaaten entwickelt, Daß neuerdings zahlreiche Fachausstellungen
sich als „Messen‘ bezeichnen, ist ein irreführender Mißbrauch, der bald
wieder verschwinden dürfte.

ü
        <pb n="459" />
        Messen und Ausstellungen, 403
I, Die Bedeutung des Messewesens 1ür die Volks-
und die Privatwirtschait,

Unsere deutsche Volkswirtschaft ist in den letzten zehn Jahren
mehr als einmal dem gefährlichsten Abgrunde nahe gewesen, einer
Katastrophe gewärtig, gegen die der wirtschaftliche Zusammenbruch
Rußlands fast ein Kinderspiel zu nennen gewesen wäre, Es kommt uns
heute noch fast wie ein Wunder vor, daß wir der Gefahr, wie sie sich
im Herbst 1923 zu kritischem Höhepunkte erhob, schließlich: doch unter
immerhin noch erträglichen Opfern entgangen sind. Wir haben unsere
volkswirtschaftliche Organisation gerettet, haben das Anlagekapital
unserer Produktion — abgesehen von den Gebietsverlusten — unver-
sehrt erhalten und beklagen zwar die Einbuße des größten Teils
unseres volkswirtschaftlichen Betriebskapitals, sehen aber doch einen
Hoffnungsschimmer in der Möglichkeit, durch zielbewußt sparsame
Wirtschaft auf solider Währungsbasis das Verlorene in angemessener
Zeit wieder aufzubauen.

Prüfen wir die Faktoren, denen wir die Überwindung der Krise am
meisten zu verdanken haben, dann können wir nicht am Messewesen
vorübergehen, Wir wollen nicht vergessen, daß es Zeiten gab, wo der
geordnete Verkehr zwischen Produzent und Händler fast unmöglich
geworden war, Der Produzent sah sich genötigt, Goldmark- oder
Devisen-Preisbasis zu fordern; der Händler aber konnte, wie er selbst
nur Papiermark einnahm, so auch seinen Lieferanten wiederum nur
Papiermark bieten, An diesem Interessengegensatz drohte jeder
gesunde Geschäftsverkehr zu scheitern. Das Wirtschaftsleben setzte
sich fast nur noch aus Überraschungen, Sensationen und Spekulationen
zusammen, Im Wirbel der Erscheinungen war nur das Wort „frei-
bleibend‘ beständig. In dieser Zeit entfaltete das Messewesen eine
segensreiche Tätigkeit, Es führte die widerstreitenden Elemente per-
sönlich zusammen, wirkte vereinfachend auf die Formen des Geschäfts-
verkehrs, ermöglichte Ersparnisse an Spesen und gestattete, so gut es
in jenen Zeiten ging, eine Versorgung des Konsums, die sonst unmöglich
gewesen wäre, Besonderen Nutzen zog aus der Teilnahme an den
Messen unser Auslandsgeschäft, Auslandsgeschäft war ja in der In-
flationszeit nicht nur der „deutsche Ausverkauf“ unseligen Andenkens,
sondern auch die Aufrechterhaltung und Neuanknüpfung solider Aus-
landsverbindungen im Lebensinteresse unserer Exportindustrie. Man
erinnert sich wohl, daß damals im Ausland die unglaublichsten Gerüchte
über Deutschlands innere Verhältnisse im Umlauf waren. Die Güte
der deutschen Waren wurde angezweifelt, die Solidität der deutschen
Kaufleute bestritten, der Einkauf in Deutschland überhaupt als un-
96*
        <pb n="460" />
        404 Direktor Paul Voß:

zweckmäßig hingestellt. Da waren es die Messen, die den Ausländer
nach Deutschland führten und ihn persönlich von der Haltlosigkeit der
Anschuldigungen und von dem Ernst überzeugten, mit dem die besten
Deutschen, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, selbst in fast hoffnungsloser
politischer Situation an ihren wirtschaftlichen Aufgaben arbeiteten.
Das Messewesen war also damals an der Stärkung unseres Selbstver-
trauens, an der Sicherung des guten Rufs der deutschen Arbeit, an der
Durchführung eines leidlich geordneten In- und Auslandsgeschäfts
selbst im Augenblick der schärfsten Valutakrise, in hohem und unent-
behrlichem Maße beteiligt,

Welche Aufgaben hat nun das Messewesen in der neuen Periode
normaler Wirtschaft, die mit dem Londoner Abkommen vom 29, August
1924 begonnen hat und durch die am 10, Januar 1925 beginnende Neu-
orientierung der Außenhandelspolitik fortgesetzt werden soll?

Für den inneren Markt hat der Meßgedanke, wie schon einst in
der Vorkriegszeit so auch jetzt vor allem wieder die Bedeutung, daß
er dem Produzenten Kenntnis von allen Wünschen der Kundschaft,
dem Händler Kenntnis von allen neuen Erzeugnissen, Geschmacks-
richtungen und Erfindungen gibt, daß er andererseits den Weg aus der
Fabrik zum Verkaufsladen unendlich abkürzt, verbilligt und verein-
facht, Beide Zwecke werden um so vollkommener erreicht, je mehr eine
Messe möglichst alle Fabrikanten und alle Händler vereinigt und die
verschiedensten Branchen universal zusammenfaßt. Die Vorteile ver-
vielfachen sich in dem Moment, wo ein und derselbe Meßteilnehmer
gleichzeitig als Aussteller und Einkäufer auftreten kann, wo etwa bei-
spielsweise ein Textilwarenfabrikant, der Textilwaren ausstellt und
verkauft, zu gleicher Zeit als Einkäufer die Ausstellungsstände der
Textilmaschinen-Fabrikanten aufsuchen kann, Es kann daraus die
Regel abgeleitet werden, daß die Messe am vorteilhaftesten wirkt, die
den Verkäufer von Fertigfabrikaten gleichzeitig als Einkäufer von
Maschinen und technischem Bedarf, von Rohstoffen, Hilfsstoffen und
Halbfabrikaten fungieren läßt.

Der privatwirtschaftliche Wert der Teilnahme an Messen läßt sich
aus dem soeben Ausgeführten bereits deutlich ableiten, Das Messe-
wesen bringt eine Ersparnis an Zeit und Spesen, vergrößert den Ein-
kaufsmarkt und den Absatzmarkt, schafft zahlreiche Anregungen,
fördert den Fortschritt und setzt den Fabrikanten oder den Händler
auch aus den abgelegensten Landesteilen immer wieder in lebendige
Beziehung zu den Ideen, den Wünschen und Forderungen der großen
Welt, Wer regelmäßig an einer Messe teilnimmt, wird also niemals
„einschlafen‘, Ein ganz besonderer Vorteil besteht darin, daß auf der
Messe ausschlaggebend nicht die Reklamen und die kostspieligen Pro-
        <pb n="461" />
        Messen und Ausstellungen, 405
pagandamittel wirken, sondern nur die Waren selbst, die durch Muster
repräsentiert sind, Das ist ein wertvoller demokratischer Grundzug im
Messewesen, Der kleine Produzent, der an sich leistungsfähig ist, aber
mit der teueren Reklame größerer Konkurrenten nicht mitkommen
kann, hat durch die Messe immer wieder die Gelegenheit, an den
Kunden direkt heranzukommen und durch die Güte seiner Leistung
selbst all die Reklame von Wettbewerbern, die zwar finanzkräftiger,
aber nicht leistungsfähiger sind, aus dem Felde zu schlagen. Ähnlich
ergeht es auch dem Einkäufer, Auf der Messe braucht er sich nicht
durch die Flut von Reklamen verblüffen zu lassen, die täglich auf ihn
herniedergehen; hier sieht er vielmehr die Waren selbst und kann sich
unbefangen und objektiv sein eigenes Urteil bilden.

Dieser große Vorteil, den nur die moderne Mustermesse bietet,
tritt dann besonders hervor, wenn auf der Messe die verschiedenen
Branchen spezialisiert und übersichtlich zusammengefaßt werden. Den
Wünschen der Aussteller, die nicht gern „unmittelbar neben der Kon-
kurrenz” stehen möchten, kann man dadurch gerecht werden, daß man
innerhalb einer bestimmten Branchengruppe eine gewisse Mischung
der Spezialitäten durchführt, was nicht bedenklich ist, wenn man es
etwa mit der Ausstellerschaft eines bestimmten Meßpalastes zu tun
hat und die praktisch gebotenen Grenzen mit Umsicht innehält.

Ein nicht unbedeutendes privatwirtschaftliches Interesse ist
schließlich noch die persönliche Fühlungnahme zwischen Käufer und
Verkäufer, die heute so notwendig für die Gesundung unserer inneren
Wirtschaftsverhältnisse ist, nachdem in den letzten Jahren der Infla-
tion die Kartelle und Konventionen gepanzerte Fronten der verschie-
denen Interessentengruppen geschaffen haben, die — was aber begreif-
licherweise niemals völlig gelang — durch komplizierte Formeln das
in der Krisenzeit abhanden gekommene persönliche Vertrauen zu er-
setzen suchten,

Wenn irgendeine Einrichtung wirtschaftspolitischen Charakters
der Privatwirtschaft in allen ihren Teilen — Produzenten und
Händlern, Arbeitnehmern und Konsumenten — gleichmäßig Nutzen
bringt, dann kann es auch an ihrer volkswirtschaftlichen Zweckmäßig-
keit keinen Zweifel mehr geben, Fragen wir uns heute nach den vor-
nehmsten Zielen unserer Wirtschaftspolitik, so stehen Steigerung der
produktiven Leistungsfähigkeit einerseits, Sparsamkeit zur Bildung
neuen Betriebskapitals andererseits wohl unbedingt voran. Das Messe-
wesen wirkt positiv im Sinne beider Forderungen, Es schafft einen
gesunden Wettbewerb der sachlichen Leistungen und zwingt den
Unternehmer, besser und billiger zu produzieren, damit er sich im
Konkurrenzkampfe behaupten kann. Es bahnt dem Fortschritt neue
        <pb n="462" />
        406 Direktor Paul Voß:

Wege und sorgt dafür, daß alte, unzweckmäßige Produktionsmethoden
durch neue ersetzt werden, die oft bei geringerem Bedarf an Material
und Kraft etwas Zweckmäßigeres, Schöneres und Billigeres erzeugen.
Neben den Ersparnissen im Produktionsprozeß, zu denen der Leistungs-
wettbewerb führt, stehen die aus der Vereinfachung des Handelsver-
kehrs, Alles, was durch Teilnahme an einer Messe an Kosten für
Reisende, Prospekte, Musterversand eingespart werden kann, bildet
eine Entlastung des Warenpreises und eine Vermehrung der Finanz-
kraft unserer Betriebe.

Der Meßgedanke hat seit dem Zeitpunkte, da seine Umprägung in
die Idee der modernen Mustermesse stattfand, den großen inter-
nationalen Zug wiedergewonnen, der schon den alten Warenmessen
eigen war, Heute ist Außenhandel mit aktiven Ergebnissen eine
Existenznotwendigkeit der deutschen Volkswirtschaft, die ja künlftig
die 2% Milliarden GM, jährlicher „normaler“ Reparationszahlung nur
aus Exportüberschüssen wird bestreiten können und müssen. Neben
der Regulierung des Inlandsmarktes nach den natürlichen Gesetzen
der freien Wirtschaft ist daher der Ausbau unseres Außenhandels die
Hauptaufgabe des deutschen Messewesens. Die Grundlagen störungs-
ireier Arbeit haben wir durch die neuen Handelsverträge erlangt, die
ja vom Prinzip der gegenseitigen Meistbegünstigung und der „offenen
Tür” getragen sind, Das Ausland soll durch den Besuch der Messe
persönliche Kenntnis vom deutschen Warenangebot hinsichtlich
Qualität, Preis, Anpassungsfähigkeit an fremde Bedürfnisse, Lieferungs-
bedingungen und allgemeiner Entwicklungstendenz erhalten, Diesen
Dienst hat das Messewesen bewiesenermaßen schon für zahlreiche
wichtige Gewerbezweige tatsächlich erfüllt, Erinnert sei etwa an die
Art, wie die Leipziger Messe die bis in die neueste Zeit hinein in Klein-
und Zwergbetrieben zersplitterte deutsche Spielwarenindustrie zusam-
mengefaßt und auf dem Weltmarkt zu hoher Geltung gebracht hat.
Der ausländische Einkäufer in zahlreichen Branchen weiß heute schon
ganz genau, daß ihm das Messewesen allein den Vorteil allumfassender
Orientierung zu bieten vermag, Im Interesse unseres Exports müssen
wir weiter dahin streben, daß im deutschen Messewesen die verschie-
densten Branchen, insbesondere auch die Leistungen der kleineren und
mittleren Produzenten, zu einheitlicher Geltung gebracht und an den
Weltmarkt angeschlossen werden. Entsprechend unserer Rohstofflage,
der Notwendigkeit gemäß, auf einem kleinen Gebiet eine große Be-
völkerung kulturwürdig zu unterhalten, muß künftig das deutsche
Gewerbeprodukt einen möglichst hohen Prozentsatz an veredelnder,
umformender Arbeit aufweisen, also Qualitätsfabrikat sein. Die
Fertigwarenindustrie rückt damit mehr und mehr in den Vordergrund.
        <pb n="463" />
        _ Messen und Ausstellungen, — adQihek ;
Das Eigentümliche an ihr ist bekanntlich die Unzahl der Wh die &lt;
Vielfältigkeit des Schaffens, die der individuellen Bedarifs- u Gekie\*
schmacksrichtung des Konsumenten möglichst weit entgegenkommt;
ganz im Gegensatz zum Prinzip der Typisierung, das die Produktion
der Schwerindustrie und der reinen Technik beherrscht. All die zahl-
losen Einzelartikel, etwa einer modernen Schuhwarenfabrik, kann nur
der Musterstand auf der Messe dem Einkäufer eindrucksvoll genug vor
Augen führen, Wir stellen fest, daß zahlreiche Spezialartikel, die dem
deutschen Fabrikanten und Arbeiter guten Nutzen und Lohn bringen,
niemals zur Kenntnis des Auslandes kommen und niemals im Export
verkauft werden würden, träfe man sie nicht auf den Musterständen
der Messe an,

Moderne Handelspolitik bedeutet Gegenseitigkeit, bedeutet Geben
und Nehmen, Wie beim Abschluß der Handelsverträge, so auch beim
Messewesen. Wir können unsere Messen gar nicht besser fördern,
als dadurch, daß wir es dem Auslande ermöglichen, auf der Messe nicht
nur einzukaufen, sondern auch seine eigenen Waren zum Angebot zu
bringen, selbst auch in Artikeln, die wir selber fabrizieren. Enge Ab-
grenzung des Ausstellerkreises hat noch keiner Messe gut getan. Erst
die Internationalität der Ausstellerschaft bringt auch die ersehnte
Internationalität der Einkäuferschaft hervor. Durch solche weitherzige
Auffassung ihrer Aufgabe erweist sich die moderne Mustermesse auch
als ein Mittel zur Verwirklichung der großen weltwirtschaftlichen
Ideen, die uns heute in der Zeit der erdumspannenden Funkentele-
graphie und Luftschiiffahrt bewegen. Das Messewesen wirkt stärker
für die internationale Völker- und Wirtschaftsverständigung als alle
möglichen diplomatischen und wissenschaftlichen Kongresse, da es ja
regelmäßig die Repräsentanten des kaufmännischen Lebens, die nüch-
tern denkenden Vertreter der realen Wirklichkeit zur Aussprache und
zum praktischen Interessenausgleich zusammenführt. Das ist {für
Deutschland, das heute zum Durchzugsland des internationalen Ver-
kehrs im großen Stile — beispielsweise Luftverbindung zwischen Eng-
land und Indien — sich entwickelt, von großem, auch wirtschaftlich
feststellbarem Wert, Im deutschen Messewesen wird sich dereinst ein
gut Teil der ökonomischen Kräfte unseres Kontinents konzentrieren.

Das Wesen des modernen deutschen Meßgedankens ist sehr
einfach, Aber es darf durch die Praxis des Messewesens nicht un-
nötiger- und schädlicherweise kompliziert werden, Planmäßigkeit im
Messewesen ist daher eine wichtige Wirtschaftsforderung, die man
immer und immer wieder an alle maßgebenden Faktoren stellen muß,
Die Veranstaltung von Messen darf keine Gelegenheit zur beliebigen
Wahrnehmung lokaler Interessen, zur Befriedigung des Ehrgeizes ein-
        <pb n="464" />
        408 Direktor Paul Voß:

zelner Städte oder Interessenvertretungen oder Wirtschaftsverbände
sein, Messen abzuhalten ist eine Sache, die vielmehr nur unter rein
volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet werden darf. Soll
das Messewesen eine Konzentration der Kräfte sein, so darf es sich
nicht selbst wieder in einer unübersichtlichen Vielheit von Messen zer-
splittern, Das Erstrebenswerte bleibt die Einheitsmesse, wofür das
Fundament in der einzigen geschichtlich gewordenen und nicht künst-
lich gegründeten deutschen Messe, der Leipziger Messe, gegeben ist.
Für die anderen in den letzten Jahren geschaffenen Messen wird sich
unschwer eine definitive Form erzielen lassen, die ihren Veranstaltern
und den durch sie vertretenen regionalen Interessen Genugtuung ver-
schafft und dabei doch dem großen volkswirtschaftlichen Prinzip der
Messe-Einheit keinen Abbruch tut. Das Ausstellungswesen, das heute
so oft unnötigerweise mit dem Messewesen vermengt wird, wird weise
abzugrenzen sein, um seine nicht minder notwendigen, aber durchaus
anders gearteten volkswirtschaftlichen und kulturellen Aufgaben —
die Darstellung unserer Fortschritte auf den verschiedensten Gebieten
in allgemein interessierenden, historisch denkwürdigen Veranstaltungen
— selbständig erfolgreich zu lösen.

IL Die Zukunft des Messewesens,

Wie jede Einrichtung des öffentlichen Lebens, die sich an weite
Kreise der Allgemeinheit wendet, unterliegt auch das deutsche Messe-
wesen andauernd teils mehr, teils weniger temperamentvollen oder
bedachtsamen Urteilssprüchen der Umwelt. Insoweit die Zzeit-
genössische Kritik am Messewesen aufbauend gemeint ist, indem sie
das noch zu Erfüllende zum Wertmesser des bereits Geschaffenen
wählt, ist sie ein wesentlicher Faktor für die Anpassung des deutschen
Messewesens an die Forderungen der neuen Wirtschaftsperiode, in die
wir jetzt eingetreten sind, Denn das ist ja ganz gewiß, daß die Formen
des Messewesens, wie sie sich unter dem Einfluß der Inflationszeit ge-
stalteten, heute an die allgemeine Normalisierung der Verhältnisse an-
gepaßt werden müssen,

Eine Forderung stellen wir hierbei unbedingt voran, die Kon-
zentration aller Kräfte, Im Meßgedanken selbst ist diese Konzen-
tration einfach und klar ausgesprochen, Zusammenfassung möglichst
aller Käufer und aller Verkäufer möglichst an einem Ort und möglichst
zu genau festgelegten, periodisch wiederkehrenden Terminen, Die
Praxis tut gut daran, diesem Ideal energisch nachzustreben, Wie er-
reichen wir am besten die Konzentration der Käufer und Verkäufer,
die wirklich maßgebende Marktbildung durch das Messewesen, die
Heranziehung der leistungsfähigsten Fabrikations- und Händlerfirmen
        <pb n="465" />
        Messen und Ausstellungen. 409
aus allen Branchen? Es kann dazu wohl gesagt werden, daß man heute
in einsichtsvollen Kaufmannskreisen des In- und Auslandes von der
volkswirtschaftlichen Bedeutung des Messewesens und von seinem
Nutzen für den Unternehmer wie auch für den Konsumenten voll-
kommen überzeugt ist. Die Propaganda des deutschen Messewesens
im Auslande wird zugleich auch als die wirkungsvollste Außenhandels-
werbung für unsere gesamte Exportwirtschaft anerkannt, insbesondere
als glänzende Kollektivpropaganda für all jene Firmen, die unter den
heutigen Verhältnissen nicht die Kosten für umfassende Reklame im
Auslande aufbringen können, Diese große Werbekraft des Messe-
wesens für den deutschen Fabrikanten und Exporteur, deren Nutzen
man ohne erheblichen Kostenaufwand mit genießt, sollte berücksichtigt
werden, wenn man sich kritisch gegen die Spesen des Messewesens
wendet, Daß die Teilnahme an einer Messe neben Reise- und Auf-
enthaltskosten auch einen nicht immer unwesentlichen Posten an Miet-
und sonstigen Messespesen mit sich bringt, ist eigentlich eine Selbst-
verständlichkeit, Nicht die absolute Höhe der Kosten entscheidet,
sondern ihr Verhältnis zu dem auf der Messe erzielten geschäftlichen
Nutzen, Und auch hierbei darf man nun nicht gerade eine Messe her-
ausgreifen, die infolge allgemeiner schwacher Konjunktur vielleicht
einmal etwas ungünstig abgeschnitten hat, sondern man muß natürlich
auch die „guten‘ Messen hierbei mit berücksichtigen und für den Ver-
gleich zwischen Spesen und Erfolg auf beiden Seiten einen Durchschnitt
aus möglichst umfangreichen Daten berechnen. Eine ganz große Messe,
die die weitesten Möglichkeiten des internationalen Geschäfts
erschließt und den gesamten Inlandsmarkt praktisch umfaßt, wie die
Leipziger Messe, wird sich hierbei in der Tat als die billigste Messe
erweisen, während kleinere Messen mit geringerem Geschäftskreis
wahrscheinlich ungünstiger abschneiden dürften. Damit kommen wir
aber auf eine Frage, die mit dem Kostenproblem innig zusammenhängt
und uns für die Zukunft vor wichtige Entscheidungen stellt. Ist die
jetzige Vielheit der Messen heute, nach Abschluß der Inflationsperiode
mit ihrem abnormen Warenhunger, heute beim Übergang zu normalen
Wirtschaftszuständen noch weiter lebensfähig?

Mit der Erörterung dieses Problems in knappen Strichen kann
man gleich die Behandlung der Kritik verbinden, die heute in weitesten
Geschäftskreisen an der Zersplitterung des Messewesens geübt wird,
sowie die Untersuchung, inwieweit das deutsche Messewesen der prin-
zipiellen Forderung der Konzentration „an einem Ort“ bereits ent-
spricht oder sich künftig anpassen wird. Es ist zu beklagen, daß die
verantwortlichen Regierungsstellen, die sich von Amts wegen mit der
Wirtschaftspolitik zu beschäftigen haben, dem deutschen Messe-
        <pb n="466" />
        410 Direktor Paul Voß:

wesen — obwohl die einheitliche Behandlung der Messefragen ebenso
wichtig ist wie die der Zollprobleme und Handelsverträge — heute
immer noch viel zuwenig Interesse schenken und es ganz und gar
lokalen Faktoren überlassen, Zum Glück regt sich dafür aufbauende,
richtungweisende Kritik aus den beteiligten Wirtschaftskreisen selbst
um so lebhafter, begreiflicherweise, denn das Messewesen ist ja gerade,
was sein wichtigstes Glied, die Leipziger Messe, betrifft, im Wesen
eine freie Schöpfung von Handel und Industrie, Bereits im Jahre 1920
faßte der Vorstand des Ausstellungs- und Messeamtes der Deutschen
Industrie einen wichtigen Beschluß, des Inhalts, „als allgemeine Messe
die Leipziger Messe zu fördern, da es im gesamtdeutschen Interesse
liegt, daß deren vom Ausland vielfach angegriffene Weltstellung durch
neue Inlandsmessen nicht gefährdet wird‘. Diese Stellungnahme der
führenden Industriekreise ist in allerletzter Zeit, im November 1924,
durch eine Entschließung des beim Reichsverband der Deutschen
Industrie bestehenden Ausschusses für Messe- und Ausstellungsiragen
nochmals unterstrichen worden, eine Entschließung, die alsbald die
einstimmige Billigung des Reichsverbandsvorstandes gefunden hat.
Darin wird gesagt, daß „die Entstehung einer größeren Anzahl von all-
gemeinen, örtlichen und Fachmessen für die Aussteller eine schwere
finanzielle Belastung bedeutet, der gegenüber ein entsprechender wirt-
schaftlicher Erfolg nicht immer vorhanden ist“, Es wird die Ansicht
ausgesprochen, daß alles getan werden müsse, um das deutsche Messe-
wesen auf ein solches Maß zurückzuführen, das der Lage und den Be-
dürfnissen der deutschen Wirtschaft entspreche,. Aus der Entschlie-
ßung geht sodann hervor, daß dieser maßgeblichste Industriellenverband
Deutschlands die Allgemeine Leipziger Messe als einzige Messe in
ihrem Umfange und Bestande unberührt lassen will, während sich die
übrigen Messen fachlich oder regional beschränken sollen. Insbeson-
dere wird auch darauf verwiesen, daß die sogenannten „Grenzmessen“
keinen Umfang annehmen sollen, der über ihre Bedeutung als Vor-
posten gegenüber dem benachbarten Auslande hinausgeht, Diese Ent-
schließung ist eine Folge davon, daß die deutsche Industrie und der
Großhandel durch den Besuch zahlreicher Messen und Ausstellungen
ungeheuerlich belastet werden, ohne daß dabei für die Aussteller
nennenswerte Erfolge herauskommen. Es kann nicht verlangt werden,
daß die Geschäftsleute einen großen Teil des Jahres auf Messen zu-
bringen, Die hierdurch hervorgerufenen riesigen Geschäftsspesen
wirken unfehlbar auf die Verkaufspreise ein, Die Vergeudung natio-
nalen Vermögens durch den Kostenaufwand zahlreicher Splittermessen
widerspricht dem Prinzip der Zusammenfassung aller Kräfte und der
rationellsten Ausnutzung unserer finanziell stark begrenzten Werbe-
        <pb n="467" />
        Messen und Ausstellungen, 1
mittel. Wenn im Auslande mehrere deutsche Messen nebeneinander
Propaganda machen oder sich sogar konkurrenzmäßig bekämpfen, so
wird der ausländische Einkäufer leicht verwirrt und abgeschreckt, was
in erster Linie der englischen Wirtschaft zugute kommt, deren grund-
sätzlich zentralisiertes Messewesen dann die Einkäufer mit Leichtig-
keit an sich ziehen würde, Soll das verhindert werden, so muß endlich
zu einer durchgreifenden Ordnung des deutschen Messewesens ge-
schritten werden, um vor allem zu erreichen, daß dieses dem Auslande
gegenüber als ein einheitliches Ganzes erscheint. Es kann selbst-
verständlich keine Rede davon sein, daß etwa für Leipzig ein Monopol
beansprucht wird, doch muß zweifellos bei einer Neuordnung an-
erkannt werden, daß Leipzig die Zentralmesse für ganz Deutschland
bildet und daß weitere allgemeine Messen unnötig sind und zweifellos
ungünstig wirken. Alle anderen bereits bestehenden Messen könnte
man am besten als regionale oder als Branchenveranstaltungen in das
deutsche Messewesen einordnen, Die Auffassung muß durchdringen,
daß das Messewesen eine allgemeine deutsche Angelegenheit ist.

Auch das Ausstellungswesen hat in Zukunft große Bedeutung, be-
sonders auf dem Gebiet internationaler Fachausstellungen oder solcher
Ausstellungen, die nach ganz bestimmtem Programm wichtige Zusam-
menhänge der Weltwirtschaft aufweisen wollen. Das deutsche Aus-
stellungswesen hat es nicht nötig, durch falsche Anwendung des
Wortes „Messe‘ nach Popularität zu suchen, Die Messe ist das regel-
mäßig Wiederkehrende, die Ausstellung das besondere Einmalige; darin
liegt die Aufgabe beider auch in Zukunft deutlich vorgezeichnet.
        <pb n="468" />
        27.

Banken und Industrie.
Von Syndikus Dr, K, A, Fischer, Köln.
A, Stellung der Banken in der Gesamtwirtschait.

Versucht man, die verschiedenen Erwerbszweige einer Volks-
wirtschaft unter dem Gesichtspunkt ihrer Funktion innerhalb des
Gesamtprozesses der volkswirtschaftlichen Bedürfnisbefriedigung und
Bedarisdeckung zu werten, so wird man das Bankgewerbe als Hilfs-
gewerbe derjenigen Wirtschaftsgruppen bezeichnen können, die die
Herstellung, Beförderung, Verteilung und Vorratshaltung von Gütern
betreiben; ihre Aufgabe besteht darin, daß sie, z. T. im Zusammenhang
mit dem bargeldlosen Zahlungsverkehr (Giro-, Scheckverkehr), die
vielen Einzelbeträge der vorübergehend oder für längere Frist ver-
fügbaren flüssigen Mittel der Privatwirtschaften an sich ziehen und
sie an die kapitalbedürftigen Unternehmungen weiterleiten,

Dem Charakter der Banken als Hilfsgewerbe entspricht die Heran-
bildung bestimmter Banktypen gemäß der Eigenart der zu ver-
sorgenden Unternehmungsgruppen: Landschaften (neuerdings auch die
Rentenbankkreditanstalt), landwirtschaftliche Kreditgenossenschaften,
Landbanken für die Landwirtschaft, genossenschaftliche Gewerbe-
banken für den gewerblichen Mittelstand, Hypothekenbanken für den
Bodenkredit (insbesondere den städtischen Grundbesitz), Sparkassen
für den Mittelstand und die weniger bemittelten Volkskreise, Staats-,
Landes- und Kommunalbanken für die finanzwirtschaftlichen Aufgaben
der öffentlichen Körperschaften.

Entsprechend dieser Spezialisierung bleibt die Tätigkeit der
wichtigsten Bankengruppen, nämlich der Kommerzbanken (im Sinne
von Diskont-, Depositen- und Emissionsbanken), vorzugsweise, ins-
besondere seit dem stärkeren Hervortreten der öffentlichen Banken,
auf die Kapitalversorgung der mittleren und größeren Betriebe der
Industrie und des Handels beschränkt, An sich würde es der Eigenart
des gewerblichen Kapitalbedarfes entsprochen haben, wenn der
Differenzierungsprozeß bei der Herausbildung von Spezialbanken für
Handel und Industrie nicht stehengeblieben wäre. vielmehr eine weitere
Differenzierung in Banken zur Pflege des kurzfristigen und des lang-
        <pb n="469" />
        Banken und Industrie. 413
fristigen gewerblichen Kredites stattgefunden hätte. Im Gegensatz
zu den Verhältnissen in anderen Ländern (z. B. England) hat in Deutsch-
land die Entwicklung diesen Weg nicht genommen; die Kommerz-
banken in Deutschland, und zwar sowohl die Aktienbanken als auch
die privaten Bankinstitute, sind, soweit sie nach ihrer Kapitalbasis
überhaupt für die Emissionstätigkeit in Betracht kommen können,
sowohl Depositen- und Diskont- als auch Emissionsbanken; auf die
Gründe für diese Entwicklung der Dinge braucht hier nicht näher ein-
gegangen zu werden, —

Betrachtet man die großen Erwerbszweige der modernen, arbeits-
teiligen Volkswirtschaft (Landwirtschaft, Industrie, Handwerk usw.) als
Einheiten unter dem Gesichtspunkte ihrer Interessen, so zeigt sich ein
System von mannigfaltig gleichlaufenden und sich kreuzenden Inter-
essenlinien. Es ergeben sich Interessengemeinschaften und Interessen-
gegensätze, die sich bis zu ausgeprochenen Interessenkämpfen steigern
können, In erster Linie beziehen sich diese Gegensätze und Kämpfe
auf den beiderseitigen Anteil an den Erträgen der Erwerbszweige, ohne
daß die Selbständigkeit der Interessengegner an sich angegriffen wird.
Die neuere Entwicklung insbesondere des Effektenkapitalismus hat es
jedoch mit sich gebracht, daß aus reinen Interessenkämpfen Macht-
kämpfe entstehen, die darauf hinzielen, die gegnerische Gruppe einem
mehr oder weniger starken Herrschaftseinfluß zu unterwerfen.

Entsprechend der eingangs vorgenommenen Charakterisierung der
Banken wären die Kommerzbanken (in den folgenden Ausführungen
der Einfachheit halber lediglich als „Banken“ bezeichnet) als ein Hilfs-
gewerbe von Industrie und Handel anzusehen. An sich würde eine
Entwicklung der Wirtschaft möglich sein, die die Banken nicht nur
hinsichtlich ihrer volkswirtschaftlichen Funktion, sondern auch in Hin-
blick auf ihre Machtstellung innerhalb der Volkswirtschaft der Industrie
unterordnet, Eine solche Entwickelung ist nicht eingetreten, ja man
kann den Satz aufstellen, daß die TendenzderEntwickelung
auf die Herausbildung eines überwiegenden Ein-
flusses der Banken geht. Wie noch zu zeigen sein wird, ist
das für Industrie und Handel in Betracht kommende Kapital im
wesentlichen in den Banken konzentriert, zwischen dem kapital-
bedürftigen Unternehmer und dem Kapital steht als nicht ausschalt-
barer Faktor der Bankenapparat. Diese Tatsache führt zunächst zu
einem Interessengegensatz bezüglich des Anteils des von den Banken
zur Verfügung gestellten Kapitals am Industrieertrage; weiter ergibt
sich aus gewissen noch zu besprechenden Faktoren die Möglichkeit
eines Herrschaftseinflusses der Banken auf Industrie und Handel, der
den Rahmen des für die Verwaltung des dargeliehenen Kapitals not-
        <pb n="470" />
        414 Syndikus Dr. K, A, Fischer:

wendigen Einflusses zu überschreiten strebt, Bis zum Ausbruch des
Krieges hatte sich dieser Einfluß auf große Teile der Industrie und des
Handels so entwickelt und gesteigert, daß schon von einer Banken-
herrschaft gesprochen werden konnte, Während des Krieges und nach
dem Kriege ging dieser Einfluß infolge guter Verdienstmöglichkeiten der
Industrie (Kriegslieferungen) und infolge der Inflation wieder verloren,
schlug sogar z, T, ins Gegenteil um; so war es z. B. dem Stinneskonzern
möglich, maßgeblichen Einfluß auf zwei Großbanken zu gewinnen, Die
Stabilisierung der Mark verkehrte das Bild wieder zugunsten der
Banken, Die Inflation hatte das Betriebskapital der Industrie zu einem
erheblichen Teile aufgezehrt, während anderseits das Anlagekapital
infolge einer falschen Finanzpolitik während der Inflation sich z. T.
unverhältnismäßig vermehrt hatte; die Folge war die z. Z. noch be-
stehende außergewöhnliche Kreditnot, die die Industrie zwang, etwa
während der Inflation erworbene Beteiligungen an Banken wieder ab-
zustoßen, während anderseits die Bedeutung der Banken als Sammel-
becken des flüssigen Kapitals ganz außerordentlich gestiegen ist.

Es würde den Rahmen dieser Untersuchung überschreiten, auf den
geschichtlichen Verlauf des Interessengegensatzes zwischen Industrie
und Banken näher einzugehen, In den folgenden Ausführungen soll
lediglich das Wesen dieses Gegensatzes bzw. Kampfes untersucht wer-
den; entsprechend der Annahme, daß die Entwicklung auf ein Über-
wiegen des Bankeneinflusses zu tendieren scheint, sollen zunächst
Wesen und Wirkungen des Bankeneinflusses auf die Industrie, sodann
die Abwehrmittel der Industrie untersucht werden, Auf den Handel
sei hierbei nicht näher eingegangen; die Interessenlage des Handels
gegenüber den Banken ist zwar zum großen Teil mit der der Industrie
identisch; aus der Eigenart des Handels (geringer Bedarf an Anlage-
kapital, größere Elastizität in der Finanzgebarung, Überwiegen der
personalen Unternehmungsform, Ein- und Ausfuhrhandel usw.) ergeben
sich jedoch Sonderprobleme, die hier nicht erörtert werden sollen,

Die Beschränkung der nachstehenden Austührungen auf das Ver-
hältnis von Industrie und Banken unter dem Gesichtspunkte der Inter-
essengegensätzlichkeit bringt es mit sich, daß auf dieaußerordent-
lichen Verdiensteder deutschen Banken um die Ent -
wickelung der deutschen Industrie nicht näher ein-
gegangen werden kann, Keineswegs soll auch behauptet werden, daß
bei den Beziehungen der Industrie zur Bankwelt der Gesichtspunkt der
Gegensätzlichkeit im Vordergrunde stände; bei einem Rückblick auf die
deutsche Industrieentwicklung erscheinen die Banken ebensosehr
als Förderer und Freunde wie als Interessengegner
der Industrie. Auch darf nicht außer acht gelassen werden, daß es
        <pb n="471" />
        Banken und Industrie. 415
immer Industriekomplexe gegeben hat und voraussichtlich geben wird,
deren Finanzkraft so beträchtlich ist, daß sie ihre volle Unabhängigkeit
vom Bankkapital sich bewahren können, — Diese Hervorhebungen sind
notwendig, um dem Einwand der Einseitigkeit, der sonst entstehen
könnte, von vornherein zu begegnen,

B, Wesen und Wirkungen des Bankeneinilusses,

I, Die von mir für die Gesamtbetrachtung des Problems angenommene
Überlegenheit der Banken im Interessenkampfe hat ihren Grund
in der Organisation des Kapitalverkehrs sowie in der Eigenart der
rechtlichen Regelung des Aktienwesens,

1. Die Banken sind Sammelbecken der in der ganzen Volkswirt-
schaft zerstreuten Einzelbeträge an anlagebedürftigem (geld-
förmigem) Kapital, An sich ist es durchaus möglich, daß flüssige
Mittel ohne Dazwischentreten der Bank investiert werden; mit
jeder Investierung ist jedoch eine mehr oder weniger große Ver-
waltungsarbeit verbunden (Ausfindigmachen eines Kapitalnach-
firagers, Abschluß von Verträgen mit diesem, Prüfung und Über-
wachung der wirtschafilichen Lage des Kreditnehmers, Ein-
ziehung der Zinsen usw.); diese Verwaltungsarbeit würde sich
für den Einzelnen, wenn überhaupt, nur bei langfristigen Anlagen
lohnen. Ferner ist jede direkte Investierung mit einem Risiko
behaftet, das vielfach größer ist als das Risiko der Anlage bei
einer soliden Bank, Ähnliche Schwierigkeiten ergeben sich für
den Kapitalnachfrager. Der Weg der direkten Kapitalanlage
und -beschaffung ist daher nur in Ausnahmefällen gangbar; viel-
mehr tritt zwischen Kreditnehmer und Kreditgeber in der Regel
der für diese Zwecke besonders eingerichtete Apparat der Bank.
Bei der Beschaffung von Kapital auf dem Wege der Emission
kommt hinzu, daß dem kapitalsuchenden Unternehmer der un-
mittelbare Zutritt zum freien Kapitalmarkt, nämlich der Börse,
nicht gegeben ist, anderseits die Begebung der Wertpapiere an
einen großen Kreis von Kapitalisten in der Regel nur möglich ist
auf Grund der Empfehlung eines angesehenen Bankinstituts.
Sogar bei der Kapitalerhöhung unter Anbietung der Aktien an
die bisherigen Aktionäre kann die Hilfe der Banken schon aus
technischen Gründen meistens nicht entbehrt werden.

An sich braucht aus der Unentbehrlichkeit der Banken
für die Kapitalbeschaffung nicht zu folgen, daß die Banken
eine überlegene Stellung im Wirtschaftskampfe innehaben; auch
der Handel kann beispielsweise auf den meisten Gebieten nicht
ausgeschaltet werden, und trotzdem ist er in vielen Branchen
        <pb n="472" />
        416 Syndikus Dr. K., A, Fischer:
gegenüber der Industrie durchaus der schwächere Teil. Im
Verhältnis der Banken zur Industrie bestehen jedoch neben der
Unentbehrlichkeit der Banken bei der Kapitalbeschaffung eine
Reihe Faktoren, die eine überlegene Stellung der Banken im
Interessenkampfe bedingen.

a) In erster Linie kommt die Tatsache der relativen
Kapitalknappheit in Betracht, mit der an sich jede {fort-
schreitende, nichtstationäre Volkswirtschaft zu rechnen hat;
in ganz besonderem Maße gilt dieser Gesichtspunkt der Kapital-
knappheit für die durch Krieg und Inflation in ihrer Kapitalkraft
auf lange Zeit hinaus geschwächten Volkswirtschaften des euro-
päischen Kontinents, insbesondere Deutschlands (vgl. auch den
Einfluß des Dawes-Plans).

b) Sehr wesentlich für die Stellung der Banken ist auch die
Tatsache der Bankenkonzentration. Eine Reihe von hier nicht
zu erörternden Gründen verwaltungs- und finanztechnischer
Natur haben in Deutschland neben einem Wachsen der Groß-
banken aus sich heraus zu einer so gewaltigen Konzen-
trationsbewegung durch Fusionierung, Übernahme und
Kommanditierung von Provinzbanken geführt, daß die für die
Industrie in Betracht kommenden Kapitalien zum ganz über-
wiegenden Teil in den Berliner Großbanken und den diesen
nahestehenden Instituten vereinigt ist. Dieser Tatsache steht
allerdings die starke Vermehrung der Zahl der Bankunter-
nehmungen gegenüber (von 2500 im Jahre 1913 auf rd. 5000).
Abgesehen davon, daß ein sehr großer Teil dieser Betriebe nach
ihrem Kundenkreise und ihrer Geschäftsbetätigung für die
Finanzierung der Industrie überhaupt nicht in Betracht kommt,
kann jedoch die Zahl der Bankbetriebe nicht als maßgeblich
anerkannt werden, ausschlaggebend für die Frage der Kapital-
versorgung der Industrie ist allein die Größe des Kapitals,
über die ein Bankunternehmen verfügt. Unter diesem Gesichts-
punkt betrachtet, schrumpft der allergrößte Teil der 5000 Bank-
betriebe für die Industrie zur Bedeutungslosigkeit herab. Man
wird die Anzahl derjenigen Bankinstitute, die für die Finan-
zierung der Industrie als nennenswert überhaupt in Betracht
kommen, höchstens auf einige hundert einschätzen können,
darunter als ausschlaggebende Banken und Bankiers
kaum mehr als einige Dutzend, Dieser geringen Zahl von für den
Interessenkampf bedeutsamen Bankinstituten steht die große
Masse der Industriebetriebe gegenüber, ein Marktverhältnis,
das sich unbedingt zuungunsten der Industrie auswirken muß.

ES
        <pb n="473" />
        Banken. (6 bis 10)
6. Hofrat Hans Remshard,
Direktor der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank in München,

Geb, 3. Januar 1870 in Fischbach bei Nürnberg, absolviert das humanistische
Gymnasium, 6 Jahre aktiver Militärdienst. Übertritt zur Reserve und Absol-
vierung einer Lehrzeit in dem Bankhause Hermann Menner, Landau (Pfalz), später
Pfälzische Bank bzw. Deutsche Bank.

Beamter bei der Bayerischen Notenbank Ludwigshafen a. Rh., 1898 Eintritt
bei der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank, München; 1907 Prokurist,
1909 Vorstandsmitglied u. stellv. Direktor, 1912 ordentl. Vorstandsmitglied; seit
1915 leitender Direktor der Bankabteilung der Bayerischen Hypotheken- und
Wechselbank.

7. Geh. Justizrat Dr. J. Rießer,
Professor an der Universität Berlin,
Vors, des Vorstands des Zentralverb. des D, Bank- und Bankiergewerbes (E. V.).

Geb. 17, November 1853 in Frankfurt a. M. — Eröffnete 1902 den ersten Allg.
D. Bankiertag daselbst. — Aufsichtsratsvors. der Darmstädter und Nationalbank
K,-G, a, Aktien, Präsident der Berliner Juristengesellschaft, Vizepr. des Reichs-
tags, Mitgl. der ständ. Deput. des D. Juristentages, Herausgeber des ‚„Bank-
Archivs‘, Präsident der Bankiertage, Verf. handelsrechtlicher, wirtschaftlicher
und finanzieller Werke und Schriften.

8, Dr. Hjalmar Schacht,
Präsident des Reichsbank-Direktoriums.

Geb, Januar 1877, Gymnasium in Hamburg. 1895—1899 Nationalökonomie in
München, Leipzig, Berlin und Kiel. 1899 Dr. — 1900 Zentralstelle für Vorbereitung
von Handelsverträgen, 1901 Geschäftsführer des Handelsvertrags-Vereins. 1903
Beamter der Dresdner Bank und 1908 stellvertr. Direktor, 1914/15 General-
gouvernement Brüssel, 1916—1923 Direktor der Nationalbank und Geschäftsinhaber
der vereinigten Darmstädter und Nationalbank, November 1923 Reichswährungs-
kommissar, Dezember 1923 Präsident des Reichsbank-Direktoriums.

9. Dr. Franz Schroeder,
Präsident der Preußischen Staatsbank,

Geb, 7, Mai 1874 in Danzig. Jurist, Studium auf den Universitäten Tübingen
und Berlin, 1894 Referendar, 1899 Gerichtsassessor; Hilfsarbeiter am Ober-
verwaltungsgericht, dann im Pr. Finanzministerium. 1906 Regierungsrat in Danzig.
1908 Geh. Finanzrat und Vortrag, Rat im Finanzministerium, 1916 Direktor im
Reichschatzamt, 1918 Unterstaatssekretär ebendort, dann Staatssekretär im Reichs-
finanzministerium. Seit 1. April 1924 Präsident der Preuß. Staatsbank. Vertreter
der Reichsfinanzverwaltung bei den Verhandlungen in Brest-Litowsk, Bukarest,
Versailles, Spa, Brüssel, London und Genua,

10, Franz Urbig,
Geschäftsinhaber der Disconto-Gesellschaft,

Geb. 23, Januar 1864 in Luckenwalde, 15, Januar 1884 Eintritt in die Disconto-
Gesellschaft, 1894—1900 als Direktor der Deutsch-Asiatischen Bank in China
(Schanghai, Hongkong, Tientsin, Peking) und Britisch-Indien (Kalkutta). Seit 1908
deren Präsident des Aufsichtsrates, Seit 1. Januar 1903 Mitinhaber der Disconto-
Gesellschaft,

{Photo von Elite, Berlin).
Tafel AV

Da
        <pb n="474" />
        (OP eid 9) ‚aoans8
der bısdemel 05H IsıloH SO nn
‚asddonüM ‚nt Ansdiaadoo W har -noXodtoqyH asdoair9 rd 15b röhlariT LE
odoeiteinsmud 26h 3reiviozds ‚aısdaril isd dosdndoeiT ai OÖTSI 15nn6% (8 1800
_lozdA Bar soviel os“ HinasdU — GenbibrähliM Crevilde patdsb cc kmölesnmnr
491802 ‚(51619} uehnelnsans Mi ansaneH ;sausduas9 meb, ni; }Hiosıde 390i9 aayıeiy
. ‚Ans odoainsll ‚wed asd olo2isi61d
HirkaiT 8081 „dA Is astedetiwbeI dasdastoVl madoeireve&amp; 19b iod relmsed -
‚JeiruorI TOCH ınadonüM, _„AnedioadoaW _ bar , -aslarltoqgyH marloeirevsd 10b isd
+is2 ;boilatimebnsti210V ‚Mnsbro SIE ‚1o6hlsu0d ‚vilste ns 5Saiinebnkte 16V 0001
ba -nsledtöqreH: modsatravadi mob Anılistdems@t 19b- nolhleriG zabnatiel, CICI
| ‚Ansdisados W
7 AT SS DT EEE WR er Danitalkı
| AI nAsE HtevinUVs bl) a6 noeestord 1 Les en
{VI} 2odiawezı0iAGad ı braun nsd (I 29h, dravierineX 2sb abnstaroV a9b ‚210V
3A aofzio dobl SOCK 530mllörEa «Mi. hullasıl ai E08 r1odmavoN TI ‚den
UnsdisnoiteN ‚hau, 29lbälznnsd x9b ‚erovelsretrdoiety A — ‚Jedisasb 3ehreidnsE CI
„2doi9A 29b AqostV {He Mellsesanstehnlchoniltelnob: Hebieer dl nmelA ss ,D- A
„Ans8,, Zab zo dapemsıe Hh „eodsineteil ‚I 29b Jugel ‚baste 19b Ja}iM ‚867
xodoilitgdoetıiw. ‚redoiltdasrelsbned Hs V  ,9a6frebilnsd 5b tnsbießid VavidorA
STOLLEN ng BHdo@ Dam sale Wa sellatemanit bau
m. ‚emuir0} 19 1i-Ansdadois 5b 3nsDiekyd. — . N
mi simosoXölsnoiteN 0081-2081 ‚auudmsH ni mulesnmyO ‚(U8L abnnsl de! |
3audieredto V 151 SS IsrEe N 0001 — (5C 0081 Ist bau nilıed ‚aisgio.l ‚madoniM
£0RP ‚enter V-2861ı0velehnsH ob, 19erdüleltädoast) 1001 ‚note velehnasH .nov
„[stons) Erbiet oben Jılıevilatz 8081 bar ms 4anbestd 9b 19lmss8d
rodednizltäds250 bar MasdlemoisVi x9b total ES@L— 310) Uoazin4 imomsemıa vuoa
„edauıdäwedoiefl ESCtr 4admavoN ‚AlmsdisnoieN bau 19tbätemedl mojhinierev 19h
zmubohleri-Unsdenoie 29h InsbieärT ESOL rodmasal ‚r6e2immo X
‚sbso152 zanıd ad deiätigung, ür di
| nee E22 astloaidusT ee boinshieBıdin AM
nodnidü T nbiaersinU CaSb Ayk muibt@ Hetml isnsCh ah 2081 iM Tadel:
-9dO mis. zoliechsehliH,. ix02e92262tdoirer), 0081 „rsbnasretell, 3081 „ailı9 Dat
‚ins ni }erehanısigefl d0eI Amuisteimtmsnenmid a9 mi ans ‚notre Bzamniewaey
art Toll SEOE (meistens ia tbnaen6V ebd) teısaenk4 „den (8001
„2dois A Ai 1ätenlo2ete0 ‚adneh, dıobaeds, zäteı92etestateinU 81ER ‚Jmsx}sdoadoisH
19j9119V ‚nsdetesi@ „‚Ausıd +95 Insbieß19 Ser IhqA ‚1 dis8 Orts teinimensalt
Jestsu A dewolkIIsıE Chi oanulbaedıs V-rnebh eiedı Bendle wma vansnitedoie A 9b
Fre et-i 6pa9Opha nobaoJ „Jo22ü78, „sq@ ‚29lliser9 V
‚isdoelfs2sD-04x0s2il 19b +9 dadaieltsdoe50
„o4nosei(l ih mi Hitkaid 2881 1enasl CP ,Sblswreon ni BOB 4sumsl ‚ES ‚de
enidD m? WnbEı modoasie AulbeinS 7r9b. 107MoiGr ale, 00@L— A081  ‚Hsdoella295)
8081 #92, „(sthulIsH). aeihnl-.doaittr9 bau (anided ‚aiztneiT ‚anolanoH „isdansdo@)
„o}nmos2i(l 19b 19dednttiM E001 zennelL 1 Hie@2 eetsteidoielu A 290 3asbießr9 asısb
) LE in AI „Hsdoalleran,
ich unbedine(mie9 Hk noy 04040 ren mul
NVIX Isteal
        <pb n="475" />
        <pb n="476" />
        <pb n="477" />
        Banken und Industrie, 417

c) Diese günstige Marktstellung der Banken wird noch ver-
stärkt durch die unter den Banken bestehenden Konditionen-

vereinbarungen. Zwar stellen die Konditionenverbände
(Bankenvereinigungen) keine straffen Kartelle im eigentlichen
Sinne dar, vielmehr ist der Zusammenschluß formell ein lockerer
und der Austritt aus den Verbänden nicht sehr erschwert. Die
geringe Zahl der kapitalkräftigen Bankunternehmungen und der
überragende Einfluß der großen Berliner Aktienbanken gibt den
Bankenvereinigungen jedoch trotz der in den letzten Jahren
stärker in Erscheinung getretenen Konkurrenz der Sparkassen
und Giroverbände!) eine so starke innere Geschlossenheit,
daß man von einem Bankenkartell als einem der mächtigsten
Kartelle Deutschlands sprechen kann.

Die Überlegenheit der Bank im Interessenkampfe mit der
Industrie wird nun noch erheblich verstärkt durch die Möglich-
keit, einen Einfluß auf die Industrie auszuüben, der unmittelbar
mit der Kapitalversorgung der Industrie und der Verwaltung der
gewährten Kredite nicht mehr zusammenhängt, die Möglichkeit
nämlich, industrielle Aktiengesellschaften durch
die Generalversammlung zu beeinflussen, wenn nicht zu
beherrschen. Die Geltendmachung eines Einflusses auf dem
Wege über die Generalversammlung setzt an sich eine erheb-
liche Beteiligung an der Gesellschaft voraus. Einedauernde
Festlegung der Bankmittel in solchen Beteiligungen
ist jedoch den Banken normalerweise nicht möglich, sie ist
jedoch aus verschiedenen Gründen gar nicht er-
forderlich.

Das deutsche Recht kennt den Begriff der Legiti-
mationszession von Aktien; Legitimations-
aktionär ist derjenige, der mit fremden Aktien im
eigenen Namen das Stimmrecht ausübt. Eine solche Stimm-
abgabe ist nach ständiger Rechtsprechung des Reichsgerichts
gültig, Die Bank kann also diejenigen Aktien, die bei ihr im
Depot lagern, auch wenn sie kein Eigentum daran hat, in der
Generalversammlung für sich selbst verwenden; hat nun eine
Bank bei der Gründung oder Kapitalerhöhung einer Aktien-
gesellschaft mitgewirkt, so bleibt erfahrungsgemäß, insbesondere
bei den Großbanken mit ihrem weitverzweigten Filialsystem,
der größte Teil der an Bankkunden weitergegebenen Aktien im
Depot der Bank. Ferner kann die Bank diejenigen Aktien für

*) Vgl. hierzu auch unten CII2. (Seite 423.)
Die deutsche Wirtschaft,

97
        <pb n="478" />
        418 Syndikus Dr. K. A, Fischer:

die Abstimmung verwerten, die ihr von Bankkunden zur
Sicherung von Krediten verpfändet sind. Schließlich besteht
die Möglichkeit, sich Aktien des betreffenden Unternehmens
vorübergehend zu beschaffen, sei es durch Leihe von befreunde-
ter Seite, sei es durch vorübergehenden Erwerb an der Börse,
Da nun erfahrungsgemäß in den meisten Generalversammlungen
nur etwa ein Drittel des gesamten Aktienkapitals vertreten ist,
bietet sich für die Bank die Möglichkeit, falls nicht besondere
Verhältnisse bestehen, ohne dauernde Aufwendung eigener
Mittel bereit mit etwa 20 % des Grundkapitals die Industrie-
gesellschaft zu majorisieren,

Die Fälle einer derartigen Beherrschung nicht nur kleiner,
sondern auch großer und größter Unternehmungen durch eine
Bank bzw. Bankengruppe sind bis zu Beginn der Inflations-
periode außerordentlich häufig gewesen. Während der Inflation
ist, wie bereits erwähnt, der Einfluß der Banken auf die Industrie
wesentlich zurückgegangen, während anderseits infolge der
immer umfassender werdender Konzernbildung sehr viele
Gesellschaften konzernmäßig gebunden wurden. Die gegen-
wärtige Entwicklung geht jedoch unverkennbar auf eine Locke-
rung bzw. einen Abbau der Konzerne, In Anbetracht der außer-
ordentlich fortgeschrittenen Konzentration im Bankgewerbe und
der bestehenden Solidarität zwischen den Großbanken ist daher
für die Industrie die Gefahr der Bankenherrschaft in Zukunft
nicht geringer als in der Vorkriegszeit. Hinzu kommt noch, daß
auch die in der Inflationsperiode geschaffenen Vorzugsaktien
mit mehrfachem Stimmrecht sich zum großen Teil in den
Händen von Konsortien befinden, an denen die Banken aus-
schlaggebend beteiligt sind.

Im übrigen ist die Stimmabgabe in der Hauptversammlung
nicht der einzige Weg zur Ausdehnung des Bankeneinflusses.
Unter Umständen kann mit der Handhabung der Kredit-
gewährung dasselbe erreicht werden, und zwar durch Kredit-
beschränkung, Kreditabbruch, Kreditsperre!), In dem kürz-
lichen Konflikt zwischen den Großbanken und Edmund Stinnes
haben die Banken sogar zu dem Mittel eines ausgesprochenen
Kreditboykotts gegriffen.

N. Wirkungen des Bankeneinflusses,
1. Die wichtigste Wirkung der überlegenen Stellung der Banken
im Preiskampfe bzw. des Bankeneinflusses ist die Möglich-
*) Vgl. hierzu das von Obst, Das Bankgeschäft II, Bd. (Leipzig 1914) auf S, 483
gebrachte sehr bezeichnende Beispiel,
        <pb n="479" />
        Banken und Industrie, 419
keit der Überspannung der Konditionen, ins-
besondere der Zinssätze, Es ist bekannt, welch ungeheuerliche
Sätze von den Banken in den ersten Monaten nach der Stabili-
sierung der Mark verlangt und durchgesetzt worden sind (ohne
entsprechende Erhöhung der Habenzinsen), und daß hieraus
s, Z. ein ernsthafter, teilweise erbitterter Gegensatz zwischen
Banken und Industrie entstanden ist. Seit Ende 1924 hat sich
nun das Zinsniveau dem Normalzustand wieder mehr angenähert,
immerhin kostet z, Z, Bankkredit je nach den Umständen noch
15 bis 18 % p.a., während Einlagen von den Banken durch-
schnittlich nicht über 5 bis 8 % verzinst zu werden pflegen. Die
Frage, ob die in diesen Sätzen liegende große Spanne auf die
Auswertung einer Vormachtstellung der Banken zurückzuführen
ist, ist umstritten; naturgemäß wird die Frage von den Banken
verneint, wobei sie einerseits auf die gestiegenen Unkosten des
Bankbetriebes, anderseits auf die Tatsache hinweisen, daß die
Zinssätze sich im freien Spiel von (Kapital-) Angebot und Nach-
frage bilden und die Banken für das bestehende Mißverhältnis
zwischen Kapitalbedarf und Kapitalvorrat nicht verantwortlich
gemacht werden können, Demgegenüber wird von seiten der
Kreditnehmer folgendermaßen argumentiert: Die Tatsache der
Steigerung der Unkosten ist zweifellos zutreffend, bedeutet
jedoch nur teilweise eine Erklärung des Problems; zu dem Ein-
wand, daß sich die Zinssätze im Spiel von Angebot und Nach-
frage bilden, ist zu erwidern, daß eine freie Konkurrenz auf der
Bankenseite nicht besteht, die Stellung der für die Industrie in
Betracht kommenden Banken vielmehr z. Z. eine monopolartige
ist, Ist jedoch die eine Partei bei einem Preiskampfe überlegen,
so hat sie bei der Festsetzung des Preises im Rahmen der
bestehenden Bedarfs- und Vorratsverhältnisse einen Spielraum,
der in mehr oder weniger entschiedener Weise ausgenutzt
werden kann, und zwar entweder durch Niedrighaltung der
Habenzinsen oder durch Steigerung bzw. Hochhaltung der Soll-
zinsen, oder aber nach beiden Richtungen zugleich,

Im Rahmen dieses Aufsatzes, der vorwiegend eine
Schilderung und Erklärung der zwischen Industrie und Banken
bestehenden Interessengegensätze zum Ziel hat, kann eine
Stellungnahme zu der obigen Streitfrage nicht erfolgen. Es soll
lediglich auf die weittragenden Wirkungen einer etwaigen über-
mäßigen Ausnutzung der überlegenen Stellung der Banken inner-
halb der Gesamtwirtschaft hingewiesen werden (Wirkungen der
Niedrighaltung der Habenzinsen: Lähmung der Kapitalbildung;
97*
        <pb n="480" />
        420 Syndikus Dr. K. A, Fischer:
mögliche Wirkungen der Übersteigerung der Sollzinsen: Preis-
steigerung, Exportschwierigkeiten, Lohndruck, einseitige
Schmälerung des Gewinnes des Industrieunternehmers); eine
nähere Erörterung dieser außerordentlich wichtigen und inter-
essanten Zusammenhänge kann hier nicht erfolgen, sie müßte
Aufgabe einer Spezialuntersuchung sein,

2. Das wichtigste Werkzeug der Ausübung des Herrschafts-
einflusses der Banken auf die Industrie ist der Auf-
sichtrat. Die Vertretung der Banken in den Aufsichtsräten
der industriellen Aktiengesellschaften ist fast restlos durch-
geführt, zum größten Teil sind die Bankenvertreter Vorsitzende
oder stellvertretende Vorsitzende, also in Stellungen, die inner-
halb des Gesamtaufsichtsrates ein besonderes Maß von Einfluß
verbürgen. Die Bankenvertreter sind meistens in erster Linie
daran interessiert, die betr. Unternehmung zum auss ch lie ß-
lichen Geschäftsverkehr mit der Bank zu veran-
lassen. Der allgemeine Einfluß der Bank auf die Verwaltung
(den Vorstand) richtet sich zunächst naturgemäß auf die
Herstellung eines Vertrauensverhältnisses zwischen Bank und
Werksverwaltung, das bei Beherrschung des Unternehmens
durch die Bank sich jedoch leicht in ein Abhängigkeitsverhältnis
der Verwaltung umwandelt, Besteht eine tüchtige und ziel-
bewußte Verwaltung, so wird sich diese Abhängigkeit in der
Regel nicht in Personenveränderungen und Einmischungen in
die laufende Geschäftsführung auswirken, vielmehr wird sich
der Einfluß der Banken lediglich auf finanzwirtschaftliche
Fragen und auf die große Linie der Geschäftspolitik geltend
machen,

Daß die Banken, um sich vor Verlusten zu bewahren, sich
durch ihre Vertreter im Aufsichtsrat einen genauen Einblick in
die finanziellen und wirtschaftlichen Verhältnisse des Industrie-
unternehmens zu verschaffen trachten, ist durchaus verständlich.

3, Besonders wichtig ist der Einfluß der Banken bei Zusam m e n-
schlüssen, Umwandlungen und Fusionen, Oft
müssen die Banken die Umwandlung von Personalunter-
nehmungen in Aktiengesellschaften gezwungenermaßen be-
treiben, um „eingefrorene‘ Kredite frei zu machen; im übrigen
sind die — meist erheblichen — Emissionsgewinne der Beweg-
grund. Die Wirtschaftsgeschichte bietet zahlreiche Beispiele
dafür, daß großzügige Finanztransaktionen von volkswirtschaft-
schaftlicher Bedeutung unter dem treibenden und fördernden
Einfluß der Banken zustandegekommen sind, Besondere, oft
        <pb n="481" />
        Banken und Industrie, 421
über die privatwirtschaftliche Sphäre hinausragende Aufgaben
erwachsen den Banken bei der Stützung und Sanierung not-
leidender Industriegebilde; die Geschichte der jüngsten Konzern-
krisen zeigt, daß hierbei sowohl die Macht der Banken als auch
der Gegensatz von Industrie- und Bankkapital besonders scharf
hervortritt,

Bei den großen Finanztransaktionen finden die Banken
ihren Nutzen, abgesehen von der sehr häufig bestehenden Mög-
lichkeit dauernder Einflußnahme, vorzugsweise in dem
Emissionsgewinn bei der Weiterbegebung der übernommenen
Aktien, Bei der Bemessung der Emissionsbedingungen handelt
es sich wiederum um einen Preiskampf, als dessen Resultat
sich normalerweise für die beteiligten Banken ein erheblicher
Nutzen ergibt, dem gegenüber das mit solchen Geschäften ver-
bundene Risiko allerdings nicht außer acht gelassen werden
darf,

Nicht nur kapitalmäßige Zusammenschlüsse entstehen unter
dem Einfluß der Banken; auch bei dem Zustandekommen bzw.
Wiederzustandekommen von Kartellen und Syndikaten haben sie
häufig als entscheidender Faktor mitgewirkt; eine Begünstigung
derartiger Zusammenschlüsse kommt für eine Bank insbesondere
dann in Betracht, wenn sie mehreren Unternehmungen derselben
Branche Kredit gewährt hat und bei freier Konkurrenz der
betreffenden Werke untereinander die Sicherheit der gewährten
Kredite gefährdet erscheint.

C. Die Abwehrmöglichkeiten der Industrie,

Sobald und insoweit die vorstehend geschilderte überlegene
Stellung der Banken als ein Übelstand empfunden wird — was keines-
wegs immer und überall der Fall zu sein braucht —, ergibt sich für die
Industrie die Frage, welche Mittel und Wege gegeben sind, um die
eigene Stellung im Wirtschaftskampf zu stärken. Diese z.T. noch
problematischen Abwehrmittel der Industrie, deren wichtigste im
folgenden kurz besprochen werden sollen, richten sich einerseits auf
eine größere Unabhängigkeit von den Banken bei der Kapital-
beschaffung, anderseits auf die Einschränkung des Einflusses der Banken
in den Generalversammlungen der industriellen Aktiengesellschaften.

I, Das Problem der direkten Kapitalbeschaffung.
Das Problem entsteht überhaupt nicht, wenn es dem Industrie-
unternehmer gelingt, sich so liquide zu halten, daß eine wesentliche

Inanspruchnahme von Kredit überhaupt nicht erforderlich ist. Diese

Möglichkeit ist naturgemäß nur in wenigen Fällen gegeben; er-
        <pb n="482" />
        422 Syndikus Dr. K. A, Fischer:

wähnt sei hier, daß der Zusammenschluß zu Syndi-

katen meistens zu einer strafferen Handhabung der Zahlungs-

bedingungen führt, die die Liquidität der syndixierten Unter-
nehmungen verbessert und die Nachfrage nach laufendem Kredit
wesentlich herabsetzt.

1. Der erste Weg zur unmittelbaren Kapitalbeschaifung ist das
unmittelbare Aufsuchen des „letzten“ Geld-
gebers. Die Ergänzung des Eigenkapitals von Personalunter-
nehmungen (offenen Handels- und Kommanditgesellschaften,
stillen Gesellschaften) durch Aufnahme neuer Gesellschafter
kommt in der Regel in dieser Weise zustande, da bei diesen
Unternehmungsfiormen das auf persönliche Bekanntschaft
begründete Vertrauen der Teilhaber zueinander die Grundlage
bilden muß; ähnlich liegen die Dinge bei der Gesellschaft mit
beschränkter Haftung. Für den kurzfristigen Kredit ist dieser
Weg der unmittelbaren Geldbeschaffung von zu vielen Zufällig-
keiten abhängig, als daß er eine größere Bedeutung erhalten
könnte,

In vielen Fällen vollzieht sich die direkte Kapitalbeschaffung
unter Vermittlung eines Finanzagenten., Von jeher haben
diese Kapitalvermittler eine erhebliche Bedeutung für den
Hypothekenmarkt gehabt; nach dem Kriege haben sie auch für
den gewerblichen Kredit eine gewisse Rolle gespielt, ins-
besondere in der ersten Zeit der Stabilisierungskrise, Z,Z, hat
diese Art der Kapitalbeschaffung für die Industrie keine
nennenswerte Bedeutung mehr,

Mit der unmittelbaren Kapitalvermittlung beschäftigen sich
auch die Treuhand- und Finanzierungsgesell-
schaften (nur die von den Banken unabhängigen Institute
dieser Art kommen hier in Betracht). Für den Kreditgeber bietet
die Inanspruchnahme dieser Unternehmungen manche Vorteile
(Ermittlung und Kontrolle der Kreditwürdigkeit, insbesondere
der Ertragsaussichten der kreditsuchenden Unter-
nehmungen durch Revision; Vertragsberatung). Da die Treu-
handgesellschaft sich lediglich mit einer Vermittlungsprovision
begnügen kann, ergibt sich die Möglichkeit, den Zinsfuß vom
Darlehnskapital so festzusetzen, daß sowohl Kreditgeber als
auch Kreditnehmer verglichen mit den Bankbedingungen ihren
Nutzen dabei finden. Es ist allerdings hervorzuheben, daß eine
Beschaffung von kurzfristigem Kredit durch Vermittlung von
Treuhandgesellschaften in der Regel nicht möglich ist, — Im
Vergleich zu anderen Ländern ist die Bedeutung des Treuhand-
        <pb n="483" />
        Banken und Industrie, 423

wesens trotz der großen Anzahl der vorhandenen Firmen in
Deutschland gering; den Treuhand- und Finanzierungsgesell-
schaften ähnliche Institute (Trust Companies) spielen beispiels-
weise in der nordamerikanischen Wirtschaft eine nicht un-
wesentliche Rolle,
Langfristiger, hypothekarisch gesicherter Kredit kann der
Industrie unter geeigneten Verhältnissen von Sparkassen,
Hypothekenbanken und ähnlichen Instituten (Ver-
sicherungsgesellschaften) gewährt werden, im all-
gemeinen jedoch nur, wenn Zinswohnhäuser und Bürohäuser mit
guter Rentabilität als Kreditunterlage zur Verfügung gestellt
werden können, Dagegen kommt die Belastung von Fabrik-
grundstücken im allgemeinen nicht in Betracht, und zwar des-
halb nicht, weil der Wert eines Fabrikgrundstückes im Ernst-
falle von der Fortführungsmöglichkeit des Betriebes abhängig
ist; zu einer Fortführung ist jedoch das Gläubigerinstitut selbst
fast niemals in der Lage.

In den letzten Jahren sind die Sparkassen und Giroverbände
in steigendem Umfange dazu übergegangen, neben dem traditio-
nellen Sparkassengeschäft auch das eigentliche Bankgeschäft zu
pflegen, und zwar nicht nur mit der alten Sparkassenkundschaft,
sondern auch mit der Industrie. Diese Ausdehnung der
Geschäftstätigkeit von Instituten, bei denen die Einlagen
Mündelsicherheit genießen, ist seitens der Banken sehr lebhaft
kritisiert worden; insbesondere wird auf die erheblichen Ver-
luste hingewiesen, die viele Sparkassen in der Stabilisierungs-
epoche an dem industriellen Kreditgeschäft erlitten haben
(vgl. z. B. den Fall Hasper Sparkasse—Stahlwerk Becker). — Im
übrigen darf man aus den Verhandlungen des VI. Allg. Deutschen
Bankiertages über die „Verbankung‘“ der Sparkassen wohl
schließen, daß in Sparkassenkreisen selbst das Bestreben
besteht, die Tätigkeit der Sparkassen in Zukunft wieder mehr
auf das Hypothekengeschäft und auf die Gewährung von Kre-
diten an den Mittelstand unter Vermeidung großer
Industriekredite zu beschränken.

Die Stabilisierung der Mark ist im wesentlichen zurückzuführen
auf eine äußerst rigorose Steuerpolitik, die den öffentlichen
Körperschaften zeitweise die Verfügung über beträchtliche
flüssige Mittel gab. Die Anlage dieser Beträge liegt in der
Hand der Staatsbanken im weiteren Sinne. Grundsätzlich
widerspricht es nun dem Wesen der Staatsbanken, ihre Gelder
unmittelbar, unter Ausschaltung der Banken, an private Unter-
        <pb n="484" />
        424 Syndikus Dr. K, A, Fischer:

nehmungen auszuleihen, Trotzdem hat die Preußische Staats-
bank, wie aus den Verhandlungen anläßlich der Barmat- und
Höfle-Affären bekannt geworden ist, ebenso wie die Reichs-
post, größere Beträge unmittelbar an Privatunternehmungen
ausgeliehen, Das erhebliche Aufsehen, das diese Vorgänge in
der Öffentlichkeit erregt haben, wird voraussichtlich zur Folge
haben, daß in Zukunft eine unmittelbare Kreditgewährung nur
noch in Ausnahmefällen stattfinden wird; es kommen hier z. B.
Fälle in Betracht, wo ein Eingreifen der Staatsbanken im
öffentlichen Interesse erwünscht sein kann, ins-
besondere, wenn es sich um Sein oder Nichtsein großer Unter-
nehmungen handelt, deren Zusammenbruch eine erhebliche Er-
schütterung der Gesamtwirtschaft, insbesondere auch eine
große Vermehrung der Zahl der Arbeitslosen bedeuten würde
und die Privatbanken aus privatwirtschaftlichen Erwägungen
allein sich zu einer Stützung nicht entschließen können.

° Eine größere Bedeutung hat seit Stabilisierung der Mark auch
die unmittelbare Kapitalbeschaffung aus dem
Auslande gewonnen. Soweit unmittelbare persönliche Be-
ziehungen und ein Vertrauensverhältnis zwischen Inlands-
unternehmen und ausländischem Geldgeber besteht, ist diese
Art der Kapitalbeschaffung ohne Mitwirken der Banken mög-
lich; insbesondere wird es der Export- und Veredelungs-
industrie in sehr vielen Fällen möglich sein, ausländische Be-
ziehungen zur Geldbeschaffung auszunutzen. Ebenso ist es den
industriellen Großunternehmungen gelungen, erhebliche Kre-
dite in den Vereinigten Staaten aufzunehmen.

Für das Gros der in der Inlandwirtschaft verankerten mitt-
leren und kleineren Werke kommt dagegen eine unmittelbare
Inanspruchnahme des ausländischen Kapitals normalerweise
nicht in Betracht; diesen Unternehmungen kann Auslandskapital
nur durch Vermittlung der Banken zugeführt werden.

Es entspricht den veränderten Verhältnissen, daß man
neuerdings im Gegensatz zu der Stellungnahme während der
Inflation den Erwerb von Aktien deutscher Aktiengesell-
schaften durch das Ausland als durchaus wünschenswert an-
sieht; in der Tat liegt hierin die wirtschaftlich für das Inland
ungefährlichste Art der Beschaffung von Auslandskapital, aller-
dings unter Verlust eines entsprechenden Teils der Ver-
fügungsgewalt im eigenen Lande. Der Umfang einer der-
artigen Investierung ausländischen Kapitals ist naturgemäß
abhängig von den Ertragsaussichten der deutschen Industrie.
        <pb n="485" />
        Banken und Industrie, 425

5 Ein weiteres Mittel zur Abwehr der überlegenen Stellung der

Banken hat die Industrie in der Gründung eigener Konzern-
banken angewandt,

Die Funktion dieser Banken besteht zunächst im Geld- und
Zahlungsausgleich zwischen den einzelnen Unternehmungen
des Konzerns; vorübergehend oder auf längere Zeit verfügbare
Mittel des einen Werkes können bei anderen Werken an-
gelegt werden, so daß sich für diese letzteren insoweit die In-
anspruchnahme der Banken erübrigt. Ferner ergibt sich für
die Konzernbank die Möglichkeit, sowohl von den Lieferanten
als auch von den Abnehmern des Konzerns flüsige Mittel
wenigstens vorübergehend hereinzuholen und sie den eigenen
Werken zuzuführen, sowie überhaupt sonstige Kapitalquellen
direkt aufzusuchen, Weiter hat die Konzernbank die Aufgabe,
die einzelnen Mitglieder des Konzerns bei der Inanspruch-
nahme des fremden Bankkredits zu unterstützen, z. B. im
Akzeptverkehr,

Bekannte Konzernbanken sind: Westfalenbank A.-G. in
Bochum (Lothringen-Konzern); Westbank A.-G. in Frankfurt
a, M, (Sichel-Konzern); Industrielle Bankgesellschaft m. b. H.
(Indubank), Düsseldorf (Stahlwerk Becker); ferner die Metall-
bank in Frankfurt (gleichzeitig Holdinggesellschaft).

Der bisher großzügigste Versuch, einen Konzern durch
eigene Bankinstitute von den Kommerzbanken unabhängig zu
machen, ging von Hugo Stinnes aus; es gelang ihm, auf die
Berliner Handelsgesellschaft und den Barmer Bankverein Ein-
fluß zu gewinnen; bei der letzteren Bank konnte Stinnes eine
wesentliche Veränderung in der Leitung der Bank (Eintritt des
Finanzdirektors des Stinnes-Konzerns als Geschäftsinhaber)
durchsetzen, Angesichts der Größe und Bedeutung der ge-
nannten Banken hätten diese Transaktionen auf die Dauer dem
Konzern zweifellos erhebliche finanzwirtschaftliche Vorteile
gebracht; der Zusammenbruch des Stinnes-Konzerns hat dann
diese Entwicklung wieder abgebrochen,

Es ist nicht leicht, sich über den Wert und die Bedeutung
der Konzernbanken für die Kapitalwirtschaft im allgemeinen
ein Urteil zu bilden, da die Konzernleitungen naturgemäß nicht
geneigt sind, die Öffentlichkeit über Interna ihrer Finanzpolitik
zu unterrichten, Je nach dem Charakter der Bank (Kapital-
kraft, Leitung, Ansehen, Organisation) wird man im Einzel-
falle zu einer ganz verschiedenen Beurteilung gelangen. Letzten
        <pb n="486" />
        426 Syndikus Dr. K, A, Fischer:
Endes hängt der Erfolg der Tätigkeit der Konzernbank von der
Kreditwürdigkeit des Gesamtkonzerns selbst ab.

6 Die Deckung des Anlagekapitalbedarfs der Industrie auf dem
Wege des normalen Bankkredits ist eine Gefahrenquelle so-
wohl für die Bank als auch für das kreditnehmende Werk.
Die Bank kann, wenn sie nicht ihre Liquidität gefährden will,
langfristige Kredite nur in einem bestimmten Verhältnis zu den
ihr selbst zur Verfügung stehenden langfristigen Geldern ge-
währen, Für das kreditnehmende Werk kann sich aus einer
Kündigung des kurzfristig genommenen, für Anlagezwecke ver-
wendeten Kredits eine gefährliche Krise ergeben. Während
nun gutfundierte große Unternehmungen ihren Anlagekapital-
bedarf auf dem Wege der Emission von Aktien und Obliga-
tionen decken können, ist dieser Weg für kleinere Unter-
nehmungen nicht gangbar; die Hypothekenbanken scheiden,
wie oben erwähnt, für die Industrie ebenfalls in der Regel aus.
Zur Beseitigung dieses Übelstandes ist bereits vor dem Kriege
die Neuorganisation des industriellen An-
lagekredites durch Gründung von Industrie-
hypothekenbanken vorgeschlagen worden”). Nachdem
das Problem während der Inflationsperiode wegen der leichten
Finanzierungsmöglichkeiten gegenstandslos geworden war, hat
es neuerdings wieder ein erhöhtes Interesse erlangt.

Die Gründung eines derartigen Kreditinstituts würde auf
zweierlei Weise möglich sein: entweder durch Aufbringung
des Grundkapitals im freien Markt, gegebenenfalls unter
Mitwirkung anderer Bankinstitute; es wäre in diesem Falle
dafür Sorge zu tragen, daß die kapitalmäßige Beherrschung
des Unternehmens den industriellen Verbänden bzw. den diesen
nahestehenden Industriekreisen verbliebe; oder durch genossen-
schaftlichen Zusammenschluß von industriellen Werken unter
solidarischer Haftung für die Verbindlichkeiten der Bank, wo-
bei natürlich nur gutfundierte Unternehmungen als Mitglieder
zugelassen werden dürften, Im ersteren Falle würde das
Kreditinstitut ein reines Erwerbsunternehmen sein, im letzteren
Falle eine den Landschaften ähnliche Struktur aufweisen; man
hat daher für den letzteren Typ den Ausdruck „Industrie-
schaft” geprägt. Die Geldbeschaffung durch das Kredit-
institut würde durch Ausgabe! von festverzinslichen Obliga-
tionen erfolgen; als Sicherung der an die industriellen Werke

*) Vgl. u. a. Sontag, Die Gründung einer Industriehypothekenbank, Berlin 1909

{besondere Berücksichtigung auch der Rechtsfragen).
        <pb n="487" />
        Banken und Industrie, 427
weitergegebenen Kredite käme im wesentlichen Eintragung von
Hypotheken auf die. Fabrikgrundstücke in Betracht; möglich
wäre auch die Inpfandnahme anderer Werte (z.B. Effekten).
Das unter staatliche Aufsicht zu stellende Kreditinstitut wäre
mit einem ausreichenden Stab von Fachleuten auszustatten, die
eine ständige Überwachung der Schuldner durchzuführen
hätten,

Die Befürworter dieses Planes sind der Ansicht, daß die
Industriehypothekenbanken dem anlagesuchenden Publikum in
ihren Obligationen ein gutverzinsliches, sicheres Papier zu bieten
imstande wären, Die Sicherheit insbesondere wäre gewähr-
leistet durch strenge Auswahl der Kreditnehmer, besonders
sachkundige Prüfung der Rentabilität der Werke sowie Ver-
minderung des Risikos durch Verteilung der Kredite auf eine
große Anzahl von Werken verschiedener Branchen und, bei
dem Typ der Industrieschaften, Mithaftung der angeschlossenen
Mitgliedswerke,

Die Bedenken gegen den Plan beziehen sich vorwiegend
auf die Tatsache, daß bei finanziellen Schwierigkeiten der
Bankschuldner der Wert der Kreditunterlagen, insbesondere
der Grundstücke, sich leicht in außerordentlicher Weise ver-
ringern könnte, Diese Bedenken würden nur dann fortfallen,
wenn die Organisation der Bank so gestaltet würde, daß sie in
solchen Fällen in der Lage wäre, einer Verschleuderung
von Werten durch Stützung des notleidenden Unternehmens,
gegebenenfalls unter zeitweiser Fortführung in eigener Regie,
vorzubeugen,

Man wird die Frage der Industriehypothekenbanken ins-
besondere angesichts der gegenwärtigen Geld- und Zinsver-
hältnisse als noch nicht spruchreif bezeichnen können. Zweifel-
los verdient jedoch das Problem für die Zukunft eine ernst-
hafte Prüfung sowohl in rechtlicher als auch in wirtschaftlicher
Hinsicht durch alle beteiligten Kreise.

‘ Zieht man das Fazit aus den vorstehenden Unter-
suchungen über die Möglichkeiten einer unmittelbaren in-
dustriellen Kapitalbeschaffung, so wird man zu folgendem Er-
gebnis kommen müssen: Bei der gegenwärtigen Lage und Orga-
nisation des Geldmarktes ist der Industrie eine unmittelbare
Beschaffung langfristigen Kapitals in beschränktem,
jedoch unzureichendem Umfange möglich; für die Beschaffung
kurzfristigen Kredits kommt eine Ausschaltung der Banken
praktisch überhaupt nicht in Betracht.
        <pb n="488" />
        428 Syndikus Dr. K. A, Fischer:
I Der Bankeneinfluß durch Effektenbesitz,

1, Das nach dem gegenwärtigen Rechtszustande allein wirksame
Abwehrmittel gegen den Bankeneinfluß bzw. die Bankenherr-
schaft in der Generalversammlung ist die Schaffung fester Mehr-
heitsverhältnisse, gegebenenfalls durch Vereinbarung unter den
Großaktionären („Poolung‘ der Aktien); diese Art der Beherr-
schung der Aktiengesellschaften ist die Grundlage der vielen
Konzerne, Erfahrungsgemäß ist es jedoch sehr schwer, der-
artige Blocks, soweit sie nur auf Besitz von Stammaktien be-
ruhen, auf die Dauer zusammenzuhalten.

Nun beruhen derartige gesicherte Stimmrechtsmehrheiten
in den meisten Fällen ganz oder teilweise auf dem Besitz an
mehrstimmigen Vorzugsaktien, An sich bietet die Verfügung
über die Stimmrechtsaktien ein sehr wirksames Mittel, fremden
Einfluß, auch Bankeneinfluß, abzuwehren. Es fragt sich jedoch,
ob die Beibehaltung der Stimmrechtsaktien auf die Dauer den
wohlverstandenen Interessen der Aktiengesellschaften selbst
entspricht. Die Probleme der Stimmrechtsaktie sind in der
letzten Zeit so ausgiebig erörtert worden, daß es überflüssig
erscheint, hier näher darauf einzugehen. Es sei nur darauf
hingewiesen, daß, wenn durch irgendwelche Umstände eine
Bank direkt oder indirekt Verfügungsgewalt über die Stimm-
rechtsaktien erhält, dem Wesen dieser Aktiengattung ent-
sprechend die Herrschaft der Bank dadurch erst recht fest
fundiert wird,

2. Es wurde oben (B I 2) bereits dargelegt, daß die Banken nur
deshalb einen so großen Einfluß in den Generalversammlungen
und damit über die Gesellschaft selbst erringen konnten, weil
die deutsche Rechtsprechung im Gegensatz zum Handelsrecht
der meisten übrigen Industriestaaten den Begriff der „Cessio
in legitimationem‘“ geschaffen hat. Es ist im Rahmen dieser
Ausführungen nicht möglich, auf das rechthkiche Problem
der Legitimationsübertragung einzugehen; m. E, lassen sich
jedoch die für die Zulässigkeit der Legitimationsübertragung
geltend gemachten Gründe zum mindesten nicht mit dem Geiste
des Aktienrechtes vereinbaren (vgl. 8252 Abs.2 H.G.B.). Falls das
Reichsgericht von sich aus sich nicht dazu entschließen kann, mit
seiner bisherigen Rechtsprechung zu brechen, gehört die aus-
drückliche Beseitigung der „Cessio in legitimationem” m. E, zu
den Aufgaben der in absehbarer Zeit wohl erforderlich werden-
den Reform des Aktienrechtes, Die Verwendung der Deponenten-
aktien zu Abstimmungszwecken würde alsdann den Banken,
        <pb n="489" />
        Banken und Industrie. 429
abgesehen von den uneigentilichen Verwahrungsverträgen,
nur möglich sein dadurch, daß sie entweder als Beauftragte der
namentlich zu nennenden Deponenten auftreten, oder daß vor
der Generalversammlung das Eigentum an den Aktien von den
Banken erworben würde, In beiden Fällen würde die Aus-
übung des Stimmrechtes durch die Banken wesentlich erschwert,
und zwar wegen der damit verbundenen verwaltungstech-
nischen Schwierigkeiten und Mehrarbeit oder, bei Eigentums-
übertragung, wegen der alsdann fällig werdenden erheblichen
Beträge an Börsenumsatzsteuer,

” Auch die Verwirklichung sonstiger Reformpläne hinsichtlich
des Aktienrechtes würde geeignet sein, den der Industrie un-
erwünschten Bankeneinfluß in den Generalversammlungen
zurückzudämmen, Hierher gehört insbesondere der Vorschlag
eines Ausbaues der gesetzlichen Regelung der Genußscheine.,
Erfahrungsgemäß macht der bei weitem überwiegende Teil der-
jenigen Aktionäre, die in der Aktie lediglich eine Kapital-
anlage erblicken, von dem Stimmrecht keinen Gebrauch. Für
diese Aktionäre würde es völlig genügen, ein der nichtmehr-
stimmigen Vorzugsaktie ähnliches Papier zu erhalten, das ein An-
teilsrecht lediglich am Gewinn und Vermögen der Gesellschaft
begründet, ohne ein individuelles Stimmrecht zu gewähren
(obligationsähnliche Aktie, vgl. die Preferred shares des anglo-
sächsischen Rechtes). Die Wahrnehmung der — gegenüber
den Stammaktionären prioritätischen — Vermögensrechte der
Inhaber dieser Genußscheine könnte einem Treuhänder über-
tragen werden, Durch diese Regelung würde erreicht, daß
dem Bestreben der Industrie, ohne übermäßige Festlegung von
eigenen Mitteln (in Stammaktien) die Aktiengesellschaften zu
beherrschen, innerhalb berechtigter Grenzen Rechnung ge-
tragen würde,
        <pb n="490" />
        28.

Der Binnengroßhandel.
Von Walther Basson, Mitglied der Geschäftsführung des Zentralverbandes des
Deutschen Großhandels.,

Bei den Ausschaltungsbestrebungen, die den Handel in den letzten
Jahren von allen Seiten bedrohen und angesichts der Vorwürfe, die dem
Großhandel — unberechtigterweise — wegen seiner „warenverteuern-
den‘ Wirkung gemacht werden, genügt es nicht allein, daß in der Presse
und in der Öffentlichkeit immer wieder Einspruch gegen solche halt-
losen Behauptungen erhoben wird, Vielmehr ist auch jede Gelegenheit
zu begrüßen, wo im Rahmen wissenschaftlicher oder wirtschaftlicher
Abhandlungen auf Grund der historischen Entwicklung der Dinge dar-
getan werden kann, daß der Großhandel überaus nützliche und — in-
folge des Konkurrenzprinzips — preiswerte volkswirtschaftliche Arbeit
leistet. Bisher ist jedenfalls noch nicht der Nachweis erbracht worden,
daß irgendeine andere „Warenverteilungsinstitution‘ auf den eigent-
lichen Arbeitsgebieten des Großhandels billiger, zweckmäßiger und
schneller arbeiten konnte als dieser. Die die gesamte Wirtschaft be-
lastenden Verteuerungsfaktoren der Stabilisierungsperiode 1924/25:
Steuern, Frachtkosten, Kreditzinsen, Risikoprämien (Delkredere),
soziale Abgaben usw., sind natürlich nicht auf das Konto des Groß-
handels zu setzen, da er wahrlich nach den Inflations-Substanzverlusten
und nach den Perioden der Wegsteuerung des Kapitals schon schwer
genug unter der Ungunst der wirtschaftlichen Verhältnisse leidet, Die
nachstehenden Ausführungen sollen sowohl die historische als auch
die gegenwärtige Entwicklung zeigen, die: der deutsche Binnengroß-
handel genommen hat und in steter Variation und Anpassung weiter
nimmt, und den Beweis erbringen, daß es für die deutsche Wirtschaft
nützlicher wäre, wenn der Großhandel — statt Tadel und Wider-
ständen — für seine Arbeit Anerkennung, Förderung und Unter-
stützung gerade in diesen krisenhaften Zeiten erführe,

Schon an anderer Stelle der vorliegenden Aufsatzreihe ist darauf
hingewiesen worden, daß die Trennung zwischen Binnengroßhandel,
Import- und Exporthandel nicht immer mit voller Klarheit und Schärfe
durchführbar ist, da die Grenzfälle, wo der Binnengroßhandel gleich-
        <pb n="491" />
        Der Binnengroßhandel, 431
zeitig Importeur oder Exporteur ist oder sein muß, so häufig zu kon-
statieren sind, daß oftmals eine Verflechtung zwischen Binnengroß-
handel, Import- und Exporthandel klar zutage tritt, wenngleich es
selbstverständlich noch immer eine bedeutsame Anzahl von Handels-
unternehmungen gibt, die Importfirmen oder Exportfirmen in Rein-
kultur darstellen, die sich jedoch in der Regel an den Hafenplätzen an-
zusiedeln pflegen,

Geschichtliche Entwicklung des Großhandels,

Die über das Wesen des Binnengroßhandels existie-
rende Literatur, insbesondere über die Differenzierung zwischen
Groß- und Kleinhandel im deutschen Mittelalter, ist verhältnismäßig
dürftig, Auch enthalten die wissenschaftlichen Untersuchungen
hierüber oftmals Widersprüche, Professor v. Below hat gefunden, daß
wenigstens im Mittelalter, der Großhandel als solcher ein nicht so
gesuchter Gewerbezweig war wie der Kleinhandel, der an besondere
rechtliche Konzessionierung gebunden war. Der Großhandel konnte
jedoch damals von jedem Kleinhändler ausgeübt werden. Das so-
genannte „Gastrecht‘, d, h, das Recht der Fremden, gewährt zwar
innerhalb der Städte dem Fremden, d. h. den von auswärts kommenden
Kaufleuten, kein geringeres Recht als das, was den Bürgern der Stadt
zukommt, mit Ausnahme der Erlaubnis zum Detail- oder Kleinhandels-
verkauf, Der Ausschluß vom Detailverkauf — dagegen die Zulassung
zum Großhandel — bildet die hauptsächlichste Benachteiligung der
Fremden im Gastrecht, Lediglich bei Abhaltung von Jahrmärkten war
es den fremden Kaufleuten ermöglicht, auch den Detailabsatz ihrer
Waren vorzunehmen, Von besonderer Bedeutung sind die Unter-
suchungen, ob es bereits im Mittelalter eine bestimmte Abgrenzung
zwischen Groß- und Kleinhandel gegeben hat. Es scheint festzustehen,
daß die vornehmste Kategorie des Kleinhandels: der „Gewand-
schneider‘ und der „Krämer“, sehr häufig nebenbei auch Großhandel
betrieben haben und in diesem Sinne auch häufig als Großhändler an-
gesprochen wurden. Das Recht zum Kleinverkauf des Tuches, d. h. die
Konzessionierung zum Detailhandel, gründet sich auf die Maßfest-
setzungen: die Betreffenden dürfen das Tuch „nach der Elle aus-
schneiden‘, Erst im späteren Mittelalter stößt man auf Nachrichten,
die von einer gesetzlichen Beschränkung auf den Kleinhandel zu
sprechen scheinen, während in der früheren Epoche nur von einem
Recht zum Kleinhandel, dagegen von einem Zwang (für die Fremden)
zum Großhandel die Rede war. Einen besonderen Stand der Groß-
händler gab es lange Jahrhunderte hindurch wohl kaum. Der Klein-
        <pb n="492" />
        432 Walther Basson:

handel galt weit mehr als der Großhandel für erstrebenswert, so daß
das Recht zum Detailabsatz späterhin selbst von den vornehmsten
Kaufleuten begehrt wurde, Die großen Handelsgesellschaften
der Fugger und Welser, der Baumgartner und Höchststetter suchten
zwar ein Monopol in bestimmten Handelszweigen auszubilden, was
man in gewissem Sinne als Großhandelsmonopol ansprechen könnte,
insbesondere weil deren Geschäfte einen solchen Umfang angenommen
hatten, daß ihnen der Kleinverkauf oder der Detailabsatz als etwas
ganz Unwesentliches erscheinen mußte, Die Beschwerden über das
Geschäftsgebaren dieser Großhandelsgesellschaften tauchen um die
Mitte und zum Ende des 15. Jahrhunderts zuerst auf, Die Beschwerden
beklagen sich darüber, daß die Kaufleute für die aus Venedig oder
anderswoher kommenden Waren, namentlich für Sammet, Seide und
Gewürze, zu hohe Preise nehmen. Die im Mittelalter allgemein er-
wähnten Kaufmannsgilden sind nach den Untersuchungen von
Below durchaus nicht ohne weiteres als Großhandelszusammenschlüsse
anzusehen. In der Regel waren nämlich die Kaufmannsgilden der Mittel-
alterstädte in der Hauptsache die Gilden der Gewandschneider, d. h. der
Detaillisten im Tuchhandel, und der Krämer, also Gilden von Klein-
händlern. Neben diesen Kaufmannsgilden wird noch die Zunft der
Waidhändler und der Weinhändler erwähnt, Bemerkenswert bleibt,
daß wohl hauptsächlich der Tuchhandel und der Weinhandel
als die vornehmsteArtdes Handels während des Mittelalters
angesehen wurden. Die im Wiener Stadtrecht von 1340 erwähnten
„Laubenherren“, die „Gewölbeherren‘, die im Stadtrecht von Ofen
(Budapest) erwähnt wurden, waren auch keine Großhändler, sondern
wiederum Gewandschneider. Immerhin gab es eine Anzahl von Groß-
kaufleuten, die sich außerhalb jedes Gildenverbandes befanden, zumal
da die Zunftbildung unter den Kaufleuten nicht so ausgedehnt war wie
unter den Handwerkern. Die Gewandschneider genossen, wie schon
erwähnt, in den älteren Jahrhunderten großes Ansehen, und aus ihnen
setzten sich größtenteils die Patrizier zusammen, Die Kaufleute jedoch,
die so hoch über den Handwerkern zu stehen glaubten, sind nicht
Großhändler, sondern Detaillisten, Immer wieder tritt indessen die
Tatsache in Erscheinung, daß die Gewandschneidergilde als Kauf-
mannsgilde schlechthin bezeichnet wird,

Eine besonders bemerkenswerte Erscheinung bilden die K auf-
fahrergilden der Hansastädte; die reichste Gliederung weist
Lübeck auf mit seinen Kompanien der Schonen-, Nowgorod-, Stock-
holm-, Island-, Spanien- und Rigafahrer, Auch in Hamburg und Stettin
treten solche Kauffahrergilden in Erscheinung, Viele Wissenschaftler
        <pb n="493" />
        Der Binnengroßhandel, 433
wollen in diesen Kompanien Großhändlergilden sehen, was deshalb
vielleicht nicht ganz von der Hand zu weisen ist, weil es sich im Ver-
kehr mit den Überseegebieten zweifellos um starke Engrosumsätze
(Heringe, englische Wolle, russische Felle, Salz, Tuch, Leinwand,
Wachs, Pelzwerk, Barchent und Seidenwaren, Honig, Fleisch, Butter,
Mandeln, Kümmel, Öl und Pfeffer) gehandelt haben muß. Interessant
ist es, aus vorstehendem Überblick zu ersehen, welche Warenartikel
im Mittelalter vom Kaufmann gehandelt und vom Konsum begehrt
wurden, Jedoch auch diese Kauffahrer mit großhändlerischem Ein-
schlag, die „Hanseaten”, legten im Ausland großen Wert auf die
Erlaubnis zum Kleinhandel, die ihnen auch häufig auf Grund besonderer
Erlaubnis gewährt wurde. Immerhin ist festzustellen, daß von ver-
schiedenen Historikern der Volkswirtschaft der Seehandel als
älteste Formdes Großhandels angesehen wird, da die Natur
des Seeverkehrs den Transport und Umschlag größerer Warenmengen
zur Folge hat.

Bereits im Mittelalter macht sich der Umstand bemerkbar,
daß der Besitz von Geldund Kapital dem Kaufmann jene über-
ragende Stellung verleiht, die dahin führt, daß einzelne hervorragende
Kaufherren einen Besitz und eine Ausdehnung des Geschäftsbetriebes
hatten, welcher an moderne Riesenunternehmungen erinnert,

In Italien — vor allen Dingen in Venedig und den übrigen bedeut-
samen Handelsstädten Oberitaliens (z. B. Genua) — ist bereits im
Mittelalter der Kapitalismus im allgemeinen weit stärker als in
Deutschland entwickelt. Die großen Handelsgesellschaften, von denen
vorhin die Rede war, fanden auch in dem Besitz von Geld ein Macht-
mittel, welches sie jedem Fürsten ebenbürtig, wenn nicht überlegen
machte, Die bedeutsame Rolle des Fuggerschen Hauses als groß-
zügiger Finanzierer deutscher und ausländischer Fürsten sowie des
Papstes dürfte nicht unbekannt sein.

Der Großhandel im 20, Jahrhundert.

Auch im 20. Jahrhundert, dem Zeitalter des modernen Groß-
handels, spielt die Kapitalfrage eine bedeutsame Rolle.

Wenn auch die Auffassungen darüber auseinandergehen, ob das
Kapital des Handels mehr als eine Folgeerscheinung denn als eine Ur-
sache des Handels anzusehen ist, können wir feststellen, daß der Handel
sehr häufig und viele Jahrzehnte hindurch dem Produzenten in erster
Linie mit seinem Kapital gedient hat und dabei erst durch seine Kredit-
einräumung es dem Industriellen ermöglicht hat, sein Produktions-
unternehmen in einer Weise auszubauen, die später dem Handel ge-

Die deutsche Wirtschaft.
28
        <pb n="494" />
        434 Walther Basson:;

fährlich wurde. Die Tragik des Handels liegt leider gerade darin, daß er
sich häufig den Boden für seine berufliche Sonderexistenz selbst unter-
gräbt. Der Grund ist einfach darin zu suchen, daß der Handel zunächst
die größten Schwierigkeiten des Transportes, das Risiko des Absatzes
und der Verbilligung der Ware, die Möglichkeiten des Absatzes je nach
dem Bedarf der betreffenden Bevölkerung oder des betreffenden
Landes zu tragen und zu erforschen hat und daß dann, wenn die Bezugs-
oder Absatzmöglichkeiten glatt und risikofrei sich abspielen, der
Fabrikant in die schön geebneten Pfade, welche der Handel ihm be-
reitet hat, eintritt und mühelos die Früchte weiterernten kann, welche
der Handel gesät hat. In großen Zügen läßt sich die Entwicklung
des Handels dahin charakterisieren, daß sich einerseits seine
Aufgabengebiete fortwährend ändern — bis zu einem
gewissen Umfange erleichtert dies die Anpassungsfähigkeii des
Handels —, während andererseits die Entwicklung dahin geht, daß sich
entweder die Industrie dem Handel angliedert (z. B. Otto-Wolff-Konzern)
oder der Handel der Industrie,

Das charakteristische Merkmal des modernen Warenverkehrs beruht
in der Tendenz zur unbegrenzten Warenverwertung, Der Handel hat
im letzten Jahrhundert zahllose Güter zur Ware werden lassen und
hierdurch erst riesige Werte geschaffen, Der Handel weiß in seiner
schmiegsamen Anpassungsfähigkeit an den Bedarf der Bevölkerung
im In- und Auslande bald herauszufinden, was dem Konsum behagt;
andererseits aber erweckt er auch neuen Bedarf durch Zuführung von
Gütern, die vorher dem Konsum unbekannt waren, Er bringt Kaviar
und lebende Krebse aus Rußland nach London oder Berlin; er ver-
frachtet Kondensmilch nach China und Fischkonserven nach Afrika,
die dort als Ersatz für den durch die fortschreitende Zivilisation unter-
bundenen Genuß von Menschenfleisch sehr begehrt sind. Er tauscht
dafür Elfenbein, Kokosfasern, Palmkerne und andere Waren ein, die
er wieder Europa zur Verwertung zuführt. Überall sehen wir die
außerordentliche Geschäftigkeit des Handels im In- und Auslande, In
ähnlicher Weise sorgt auch der Großhandel im Inlande für die Bedaris-
deckung, Es ist nicht unbekannt, daß die häufigen Modeschwankungen,
das Herausbringen bestimmter Dessins bei Modeartikeln, auf Inspira-
tionen des Handels beruhen und daß der Handel oftmals der Anreger
von Zusammenstellungen neuer Musterkollektionen und Sortimente,
speziell auf dem Gebiete des Textilfaches, ist und hierdurch zu einer
Belebung des Konsums durch Steigerung der Konsumfreudigkeit bei-
trägst, Oft führt allerdings auch diese Wesensart des Handels dahin,
daß der Handel selbst einen Zweig der Fabrikation aufnimmt oder gar
selbst zum Fabrikanten wird, Wir sehen dies besonders sinnfällig auf
        <pb n="495" />
        Der Binnengroßhandel, 435
dem Gebiete der Konfektion, der Kleineisen- und Messerwarenindustrie
(Solingen, Remscheid, Iserlohn), bei den Nürnberger Spielwaren, den
Koburger Korbwaren usw. Zunächst spielt der Handel die Rolle des
Verteilers, der für seine Rechnung Heimarbeiter beschäftigt, an sich
nur mit den Sachen handelt und schließlich doch den Charakter des
Fabrikanten annimmt, zumal wenn er die Möglichkeit hat, einen Teil
der Betriebe aus den Stuben und Hütten der Heimarbeiter heraus-
zuziehen und in einem Sammelbetrieb in seiner Fabrik zusammenzu-
fassen.

Die Artikel, welche starken Modeschwankungen unterworfen sind,
ferner die Artikel, denen ein hoher spezifischer Wert innewohnt (z. B.
Gold- und Edelsteinhandel) und die Gebiete, wo sich die Verteilung
der Ware in feine und feinste Kanäle vollziehen muß, bilden die eigent-
liche Domäne des Handels, Auch der Altwarenhandel und der Roh-
produktenhandel spielen eine nicht unwesentliche Rolle als Sammler
und Sortierer von Waren, die zur wiederholten Nutzung und Ver-
wertung gelangen können und Papierfabriken, Glas- oder Eisenhütten
an Stelle importierter Rohstoffe zugeführt werden.

Eine weitere Domäne des Großhandels bildet der Absatz von
Waren mit schneller Verderblichkeit, wie von Lebens- und Genuß-
mitteln, Seefischen, frischem Fleisch, Milch, Butter, Eier, Käse, Gemüse,
Obst, Südfrüchten, Diese Artikel können nur durch den Großhandel in
engster Verbindung mit dem Kleinhandel die wünschenswerte Schnellig-
keit des Absatzes finden, welche durch die leichte Verderblichkeit der
Ware bedingt wird. Auch der Handel mit Kolonialwaren, mit Wein
und Holz wird nach menschlicher Voraussicht von großer Widerstands-
fähigkeit bleiben, da sich keine andere oder bessere Verwendung bzw.
Verteilungsmöglichkeit findet, als sie der Handel bietet. Die Besonder-
heit vieler Waren, der Zwang zur Lagerhaltung gebietet jedoch dem
Handel die Festlegung namhafter Kapitalien, da Hölzer oftmals eine
mehrjährige Trocknung erfahren müssen und umfangreiche Lagerräume
und Lagerplätze beschafft werden müssen, wo das Holz zweckmäßig
aufbewahrt wird. Ähnlich liegt die Situation bei Wein, der erst jahre-
lang reifen muß, bis er eine besondere Güte erhält, und auch bei
Kaffee, der erst einen Sortierungs-, Mischungs- und Röstungsprozeß
durchmachen muß, um endlich den Geschmack des Verbrauchers zu
befriedigen.

Wenn, wie wir aus den vorstehenden Ausführungen gesehen haben,
auch das Kapital eine bedeutsame Rolle beim Großhandel spielt,
insbesondere dann, wenn der Handel durch Kredite die Existenz-
bzw. die Arbeitsmöglichkeit der Produktionsunternehmungen und auch
seiner anderen Abnehmer (Detailkundschaft) schafft, so liegt es jedoch

Q»
        <pb n="496" />
        436 Walther Basson:

in der Natur der Sache, daß der Warencharakter in besonders
entscheidendem Maße die Funktionen des Handels beeinflußt, In
diesem Zusammenhang betrachtet, ist die Natur der Ware für die Be-
triebsform und den Daseinszweck des Großhandels von großer
Wichtigkeit. Es hat sich gezeigt, daß die Lebensfähigkeitdes
Handels um so unbestrittener ist, je differenzierter eine
Ware ist, je höheren spezifischen Wert eine Ware hat und je mehr der
Handel die Funktion des Sortierens ausüben muß, bzw. der Charakter
der Ware dazu neigt, sich als börsenfähiges Gut (z, B. Getreide,
Futtermittel, Kaffee, Metalle) verwerten zu lassen. Auch die Lebens-
dauer bzw. die Verderblichkeit einer Ware wird oft bestimmend für
seine Eignung als Handelsware, wie wir bereits an anderen Stellen
dieses Aufsatzes gesehen haben (Altwarenhandel, Handel mit Nahrungs-
mitteln, Früchten usw.).

Wir können allmählich die große Linie erkennen, die dahingeht,
daß der Warencharakterunterschied zwischen Rohstoffen und Fabri-
katen mitbestimmend wird für die Möglichkeit der dauernden
Einschaltung des Handels in den Gesamtwirt-
schaftsverkehr, In erster Reihe sind es die Rohstoffe aus
Heimatland und Übersee, deren Sortierung dem Handel obliegt
und deren Wert erst am Zentralmarkt meist börsenmäßig bestimmt
werden muß, Der Großhandel in Verbindung mit der internationalen
Börsenarbitrage sorgt für die Bildung eines einheitlichen Welt-
marktpreises, der sich wieder ohne Einschaltung des reinen
Spekulativhandels nicht reibungslos vollziehen läßt, denn
dieser wieder sorgt dafür, daß der Effektivhandel Geschäfte auf
weite Sicht in aller Ruhe abwickeln kann.

Ganz anders liegt die Situation beim Handel mit Fabrikaten
Hier liegt die Preisbildung nicht so sehr in der Hand des Großhandels
als in der Hand der Industrie, denn erst die Rohstoff- und
Arbeitskosten bilden die Preisgrundlage der Fabrikate, Die Er-
oberung der Absatzgebiete ist im Fabrikatenhandel die wesentlichste
Aufgabe, weshalb auch oft die Hersteller der Fabrikate in rücksichts-
losester Weise versuchen, sich Absatzgebiete im In- und Auslande zu
verschaffen; in diesem Kampfe um die Absatzgebiete schneidet natur-
gemäß der Handel in zahlreichen Fällen wesentlich ungünstiger ab als
die Industrie, weil der Handel an eine bestimmte, von ihm nicht beein-
flußbare Preisgrundlage gebunden ist, welche die Industrie festsetzt.
Dennoch werden wir an späterer Stelle unseres Aufsatzes erkennen,
daß die Funktion des Großhandels als letzter Verteiler an
den Konsum jedoch gerade die Hauptstärke ausmacht und, soweit
wir bisher übersehen, von anderen Einrichtungen der Wirtschaft nicht
        <pb n="497" />
        Der Binnengroßhandel, 437
oder jedenfalls nicht ähnlich preiswürdig ersetzt werden kann, trotz
der scharfen Kämpfe, welche Konsumgenossenschaften,
Einkaufsvereinigungen der Detailhändler usw. gegen den
Großhandel führen,

Bevor wir auf dieses Gebiet übergehen, wollen wir noch einen
kurzen Überblick geben über die wichtigsten Gebiete, für deren Be-
herrschung der Großhandel prädestiniert ist. Wir sahen bereits ver-
schiedentlich, daß der Handel mit Rohstoffen oder Urerzeugnissen ein
besonderes Spezialgebiet des Handels bleiben wird, wenngleich nicht
zu verkennen ist, daß Großbetriebe immer wieder versuchen, sich von
dem Handel unabhängig zu machen und ihre Rohstoffe selbst aus dem
Auslande zu beziehen, z, B. Baumwollspinnereien Baumwolle, Woll-
wäschereien, Wolle, Ölmühlen, Ölfrüchte und Ölsaaten. Die Aus-
schaltung des Großhandels fällt dort am leichtesten, wo in
der Qualität verhältnismäßig gleichbleibende Rohstoffmengen im Er-
zeugungslande anfallen, so daß eine Sortierung bzw. Spezialisierung
der Erzeugnisse überflüssig wird und das Qualitätsrisiko keine bedeut-
same Rolle spielt. Aus diesem Grunde sehen wir auch, daß die Be-
schaffung der Erzeugnisse des Bergbaues (Kohle, Eisenerze, metal-
lische Erze) in immer wachsendem Umfange von den Hütten bzw.
weiterverarbeitenden Industrien in eigene Regie unter Ausschaltung
des Handels genommen wird, Anders liegt es jedoch bei den Erzeug-
nissen der Land- und Forstwirtschaft, vor allen Dingen der
überseeischen, weil hier der Charakter der Ware — Getreide, Vieh,
Kolonialwaren, Weine, Hölzer, Kaffee, Häute und Felle — so ver-
schieden ist, daß die Einschaltung des Handels unbedingt nötig er-
scheint, um der Industrie bzw. dem Konsum jene stets gleichmäßig
bleibende Qualität zu sichern, welche entweder für die weitere Fabri-
kation oder für den letzten Verbraucher von unerläßlicher Not-
wendigkeit ist,

Die Bedeutung des Absatz-Großhandels wird in all den
Fällen nicht durch ausschaltende Tendenzen erheblich gefährdet
werden können, wo starke Schwankungen in der Mode oder Viel-
gestaltigkeit des Bedarfes bzw. nichtübersehbare Kreditwürdigkeit
der Abnehmer ein Risiko schaffen, welches der Produzent von seinem
Standort aus nicht übersehen kann, abgesehen von der Unmöglichkeit,
die in großen Mengen hergestellte Ware in die weitverzweigten
Kanäle des Bedarfes zu bringen. Je verschiedenartiger der Bedarf
der Abnehmer Detailgeschäfte) ist und je weiter die hier-
für benötigten Industrien auseinanderliegen, desto wichtiger wird die
Funktion des Großhandels als Verteilungsgrossist, der auf
seinem Lager eine Unzahl von Mustern, Warenproben und zusammen-
        <pb n="498" />
        438 Walther Basson:

gestellten Sortimenten der verschiedensten Provenienzen vereinigt;
nur ein solcher Verteilungsgrossist ist in der Lage, den außerordentlich
vielseitigen Bedarf des Detailhandels, der sich wieder nach seiner
Kundschaft richten muß, zu befriedigen, In diesem Zusammenhang
steht auch die Beobachtung, daß sich der Großhandel von dem Sitz der
Fabriken fort in die großen Verkehrsmittelpunkte, z. B. Berlin, zieht,
um dem Konsum möglichst nahe zu kommen. Wie wir noch an anderer
Stelle sehen werden, haben der Sortierer, der Engros-Sortimenter und
der Kreditgrossist ihr Dasein auf starken Fundamenten gebaut, die von
der Produktion nicht so leicht erschüttert werden können.

Dennoch darf nicht verkannt werden, daß nach wie vor dem Groß-
handel insofern große Gefahren drohen, als die Industrie mit allen
Mitteln versucht und bemüht ist, auch ihrerseits in direkte Füh-
lung mit dem Konsum zu kommen durch Errichtung weitverzweigter
Fabriklager im In- und Auslande, durch Bildung eines Netzes von
Agenten und Vertretern, die ihrerseits wieder den Detailhandel
besuchen, um diesem die Ware der Fabrik zu offerieren.

Großhandel, Genossenschalten und Kartelle,

Besondere Gefahren drohen dem Großhandel von seiten des Kon-
sums in Gestalt der Genossenschaften, die in den letzten
Jahren in immer größerem Umfange an Gewicht und Bedeutung ge-
wonnen haben. Der Kampf der Genossenschaften um ihre Anerkennung
als Großhändler ist schon seit Jahren mit zäher Erbitterung geführt
worden. Denn die Genossenschaften legten größten Wert darauf, die
gleichen Bezugsbedingungen, wie sie der Großhändler hat, für sich von
den Industrien zu erwirken. Eine besondere Gefahr beruht besonders
in dem Umstande, daß zweifellos in der Gesetzgebung und öffentlichen
Verwaltung eine gewisse Tendenz vorherrscht, die Genossenschaften
besonders bevorzugt zu behandeln, und zwar gerade auf steuer -
lichem Gebiete. Auch sonst trat sehr häufig eine erhebliche
Überspannung insbesondere der konsumgenossenschaftlichen An-
sprüche hervor, Ansprüche, die besonders die Gestaltung der Pro-
duktion betrafen, welche die Konsumvereine allmählich in die Hand
zu nehmen gedenken (z. B. Großbäckereien, Seifenfabriken) und deren
Gefahr offenbar in weiten Kreisen der Industrie noch nicht beachtet
worden ist, wahrscheinlich, weil die Industrie vorläufig noch nicht von
diesem Vordringen der Konsumvereine bedroht wird, Die Genossen-
schaften sind im übrigen in ihrer genossenschaftlichen Wirtschafts-
führung innerhalb der Wirtschaft durchaus ebenso egoistisch wie die
Privatwirtschaft selbst, und auch die bei ihnen zum Austrag gebrachten
Lohnkämpfe zeigen deutlich, daß auch die Genossenschaften höhere
        <pb n="499" />
        Der Binnengroßhandel, 439
Gestehungskosten als ihre Mitbewerber keinesfalls tragen wollen oder
können. Wenn auch hier nicht der Ort ist, darüber ein Urteil zu fällen,
inwieweit die Existenznotwendigkeit der Genossenschaften anzuer-
kennen ist, so muß jedoch vom Standpunkte einer objektiven Wirt-
schaftsbetrachtung heraus verlangt werden, daß der Gesetzgeber den
Genossenschaften keine bevorzugte Stellung innerhalb der deutschen
Wirtschaft im Wege der Gesetzgebung einräumt. Es ist bekannt, daß
die Genossenschaften immer und immer wieder den Versuch
gemacht bzw. beim Reichstag Anträge gestellt haben, eine steuerliche
Besserstellung: die Befreiung von der Umsatzsteuer und
in den Inflationsjahren die Befreiung von der Zwangsanleihe usw., zu
erreichen.

Des öfteren ist auch die Frage aufgeworfen worden, ob nicht dem
Großhandel auch eine Gefahr in dem Kartell- und Trustwesen drohe,
welches in dem Erstarken der industriellen Verbände seine Begründung
findet. Es zeigt sich jedoch, daß in den großen und starken Organi-
sationen des GroßhandelsderKartellgedanke viel Unter-
stützun g findet, weshalb auch die berufsständische, im Jahre 1916 ge-
gründete machtvolle Organisation des Großhandels,
der „Zentralverband des Deutschen Großhandels“”,
in der Behandlung der Kartellfragen von jeher dem Kartellgedanken
als solchem gegenüber niemals eine ablehnende Haltung eingenommen
hat. Besonders in den Textilgroßhandelskreisen ist die Neigung zu
einem kartellartigen Zusammenschluß in besonders starkem Umfange
feststellbar. Ohne Kartelle würden namhafte Kreise des organisierten
Großhandels, die für die deutsche Wirtschaft einen unentbehrlichen
Teil bilden, erheblichen Schaden genommen haben, wenn nicht dem
Ruin entgegengegangen sein, Daß dennoch der Großhandel unter über-
spannten Kartellmaßnahmen der Industrie zu leiden hatte, ist bei
näherer Kenntnis der Dinge kein Wunder. Die im November 1923
erlassene sogenannte Kartellverordnung, die Verordnung
gegen Mißbrauch wirtschaftlicher Machtstellungen, versucht gegen Miß-
brauch und Überspannung des Kartellgedankens im Wege staatlichen
Zwanges vorzugehen, wobei dem richterlichen Ermessen absichtlich
weiter Spielraum gewährt worden ist. Die Verhandlungen, die unter
dem Druck der Kartellverordnung vor der Kartelleinigungsstelle statt-
gefunden haben, haben erfreulicherweise überwiegend zu einer Ver-
ständigung geführt. Der Großhandel verlangt von den Kartellen durch-
aus nicht ihre völlige Preisgabe, jedoch eine elastische Anpassung der
Organisationen der Industrie an die wirtschaftlichen Verhältnisse. Ins-
besondere legt der Großhandel Wert darauf, daß die Konditions-
gebarungen der Industrie nicht eine so diktatorische Form beibehalten,
        <pb n="500" />
        440 Walther Basson:

wie es bisher der Fall war; diese genügten den fortschrittlichen wirt-
schaftlichen Ansprüchen des Großhandels keinesfalls, Wenn auch der
Großhandel in seinem innersten Wesen staatliche Aufsichtsinstanzen
im Hinblick auf die zu erstrebende Freizügigkeit der Wirtschaft nicht
für opportun hält, so hat die Kartellverordnung immerhin den großen
Fortschritt gebracht, daß selbst die großen Industrieorganisationen, die
es bisher grundsätzlich ablehnten, mit dem Großhandel — ihrer Groß-
abnehmerschaft — vor Erlaß ihrer Bedingungen zu verhandeln, sich
doch allmählich dazu bereit finden, von dieser überholt erscheinenden
Handhabung der Geschäfte abzugehen, Um nach Möglichkeit den
Verhandlungen vor dem Kartellgericht vorzubeugen, bzw. unerwünschte
Schärfen zu vermeiden, ist in einer obenerwähnten Verordnung auch
eine Kartelleinigungsstelle vorgesehen, die vom Zentral-
verband des Deutschen Großhandels im Benehmen mit dem Reichs-
verband der Deutschen Industrie und der Hauptgemeinschaft des
Deutschen Einzelhandels geschaffen wurde. Dieser Einigungsstelle
fallen wichtige halbamtliche Aufgaben zu. Die regierungsseitige An-
erkennung der in freier Selbstverwaltung geschaffenen Organe der
Spitzenverbände hat naturgemäß andererseits auch starke Verpliflich-
tungen für eine ordnungsgemäße Abwicklung der vor die Kartell-
einigungsstelle gebrachten Streitfälle mit sich gebracht; daher ist auch
die Geschäftsordnung für die Kartelleinigungsstelle im Einvernehmen
mit dem Reichswirtschaftsministerium einer Revision unterzogen und
neu festgelegt worden,

Wir haben gesehen, daß der Großhandelsstand sich keineswegs
ausnahmslos von den Industriekartellen geschädigt fühlte. Gelegent-
lich wird auch darauf hingewiesen, daß der Großhandel selber die Pro-
duzenten zum Zusammenschluß gedrängt habe, weil der Handel die
Gepflogenheit habe, einen Fabrikanten gegen den anderen auszuspielen,
insbesondere durch Bevorzugung des Ausländers, sofern dieser bessere
oder billigere Ware anbot als der deutsche Industrielle. Die Ansicht ist
wohl vertretbar, daß die kartellartigen Produzentenzusammenschlüsse
nur zu einem ganz geringen Bruchteil durch eine solche „Furcht vor dem
Handel‘ zustandegekommen sind. In diesem Zusammenhange scheint
es übrigens angezeigt, darauf hinzuweisen, daß eine der wichtig-
sten Aufgaben des Großhandels darin beruht, dem Spiel
der freien Konkurrenz Raum zu gewähren, denn nur der
scharfe Wettbewerb bringt es zustande, daß mindertaugliche und nicht
voll leistungsfähige Industrie- und Handelsunternehmungen ausge-
schieden werden, Die lange unfreiwillige Abgeschlossenheit der deut-
schen Industrie von dem Auslande während des Krieges — und auch
teilweise noch nach dem Kriege infolge von Einfuhrverboten aus
        <pb n="501" />
        Der Binnengroßhandel, 441
Gründen der zu erstrebenden Valutaverbesserung — hat gezeigt, daß
zahlreiche deutsche Industriezweige das Nichthereindringen des leben-
digen Hauches ausländischer Konkurrenzluft nur mit Mühe und Not
überwunden haben, weil sich nämlich zeigte, daß die Konkurrenzfähig-
keit der deutschen Produktionsbetriebe, die ehemals vorbildlich waren,
sehr stark nachgelassen hat, da die ausländischen Betriebe
in intensivster Weise durch freien Wettbewerb gezwungen waren, sich
den neuesten Forderungen der Technik und Arbeitsmethoden
anzupassen, Man kann also dem Handelniemalsden Vorwurf
machen, daß er die Hand dazu biete, ausländische Konkur-
renzfabrikate nach Deutschland hereinzubringen. Bei objektiver
Betrachtung der Sachlage drängt sich nämlich dem vorurteilsfreien Be-
obachter unwillkürlich die Frage auf, was denn die deutschen Industri-
ellen, denen am Export ihrer Fertigfabrikate mindestens ebensoviel
liegt als den regierungsseitigen Sachwaltern einer deutschen aktiven
Handelspolitik, dazu sagen würden, wenn dem ausländischen
Import oder Großhandel erschwert oder verboten würde, deutsche
Waren im Auslande einzuführen, Da die moderne Volkswirtschaft auf
eine intensive internationale Verflechtung der Wirt-
schaftsbeziehungen und auf einen Austausch aller
Güter — geistiger und materieller Art — hinzielt, so ist es unseres
Erachtens eine welt- und volkswirtschaftliche Unmöglichkeit und Un-
klugheit, einem bedeutenden Wirtschaftszweig einen Vorwurf daraus zu
machen, wenn er das freie Spiel der Konkurrenz ausnutzt, wo immer
sich die Gelegenheit hierzu bietet. Fortschritt und Höchst-
leistung können eben nur im freien Wettbewerb — sei
es beim Sport, sei es im Wirtschaftsleben — erzielt werden. Gerade
der Konsum, d, h, der letzte Verbraucher, hat von dieser Tendenz, die
dem Handel innewohnt, den größten Vorteil, denn gerade der freie
Wettbewerb ist die Haupttriebkraft billigster und
vollendetster Erzeugung, sie bildet den Hauptfaktor
zur Erzielung der Preiswürdigkeit der Ware.

Durch die wachsende Bedeutung der Industriekartelle ist eine be-
deutsame Funktion des Handels, nämlich der Preisausgleich bzw. die
Preisbildung, zurückgedrängt worden. Während sich früher auf dem
freien Markte die Preisbildung je nach Angebot und Nachfrage ent-
schied, übernimmt das Industriekartell die eine Hauptfunktion des
Handels, den Wertausgleich, wodurch dem Spekulativhandel der Boden
für seine Tätigkeit entzogen wird, da die dauernde Spekulation auf die
künftige Marktlage ein Ende nimmt. Auch der Effektivhandel verliert
einen erheblichen Teil seiner Stärke, die vor Bestehen eines Kartells
darin bestand, daß er je nach der Kauflust und Kaufkraft der Ver-
        <pb n="502" />
        442 Walther Basson:

braucher die Situation ausnutzen, d. h, als Vermittler des Absatzes oft
dem Erzeuger die Preise bestimmen konnte, Durch das Dazwischen-
treten des Kartells verschiebt sich die Preisgestaltung von der Einfluß-
sphäre des Handels in die der Industrie, wobei die „Konditionen“ sehr
häufig nicht gerade zu des Großhändlers Nutzen reichen, sobald näm-
lich der Händler gezwungen ist, auch das Risiko sinkender Preise zu
tragen. Der Großhandel wird auch von starken Kartellen sehr häufig
deshalb nicht ausgeschaltet, weil man den Handel oft als wertvolle
Absatzorganisation ansieht, die sich besonders zur Ausspielung gegen-
über Außenseitern eignet. Doch wird dem Handel auch nicht mehr
der ganze Absatz übertragen, da die bedeutenden Lieferungen an Groß-
betriebe zumeist vom Kartell direkt besorgt werden, während dem
Handel die Abwicklung der kleineren Lieferungen mit den weniger
erstklassigen Abnehmern überlassen wird.

Großhandel und Produzent,

Wenn auch zahlreiche Vertreter des freien Handels, der durch die
wirtschaftliche Situation nicht gezwungen ist, eine Anlehnung oder
Freundschaft mit den Produzentenkartellen zu suchen, gegen die Ab-
hängigkeit des Handels von Industrieverbänden polemisieren, so ist
doch nicht zu vergessen, daß Produzenten und Großhändler zwei von-
einander abhängige Wirtschaftskreise sind, deren wirtschaftliche
Struktur allerdings voneinander erheblich abweicht. Häufig hat der
Großhandel alle von einer organisierten Produktion ausgehenden Vor-
stöße in erster Linie in vollem Umfange auszuhalten, damit sozusagen
als Wellenbrecher gegenüber den Abnehmern zu fungieren, Um die
Sicherheit und Rentabilität der Großhandelsunternehmen zu heben,
muß der Handel naturgemäß den größten Wert auf gesicherte, für beide
Teile ersprießliche Beziehungen zu seinen Lieferanten legen, Eine gut
arbeitende Industrie ist eine wesentliche Voraus-
setzung für die gedeihliche Entwicklung des betreffenden
Handelszweiges, da die Absatzmöglichkeit eines Produktes
wesentlich von seiner Güte und Preiswürdigkeit abhängt. Die
zwischen Industrie und Handel allmählich sich bildenden Betriebs-
und Verkehrsformen sind verschiedener Art. Es gibt sowohl vertikale
als auch horizontale Kombinationen. Die vertikale Kombination
wird durch die Angliederung von Händlerfirmen oder Errichtung
eigener Verkaufsstellen, Kartellkontore, Ein- und Verkaufskontore,
durch den Werkshandel als letztes Glied gebildet. Bei der hori-
zontalen Kombination kann man verschiedene Formen unterscheiden:
die lose Branchenorganisation (allgemeine Wirtschafts-
verbände) und den Zusammenschluß selbständiger Handelsunternehmer
        <pb n="503" />
        Der Binnengroßhandel, 443
mit dem Zweck, durch Beschränkung der Konkurrenz und durch Markt-
beherrschung eine vorteilhafte Bewältigung des Warenmarktes zu er-
zielen: das ist die Konvention, Innerhalb des Handels sind wieder-
um Unterschiede zu machen zwischen Preiskonventionen und Kon-
ditionskonventionen. Der Preiskonvention wohnt durch Fixierung
von Mindestpreisen oder durch feste Bindung der Preise überhaupt
eine starke monopolistische Tendenz inne, während die Konditions-
konventionen ohne diese Tendenz zur gesunden Marktbeherrschung
durch Regelung des Geschäftsverkehrs mit Hilfe festumrissener
Lieferungsbedingungen beitragen,

Der Werkshandel bildet mehr eine Form der vertikalen
Kombination, indem sich Werke der deutschen Schwerindustrie durch
Kapital und Verträge mit Großhändlerfirmen eng liiert haben. Der
Handel muß sich wegen Begrenztheit der Rohstoffmengen, die über-
dies im Besitze relativ weniger Erzeuger zu sein pflegen, dem indu-
striellen Kontrahenten unterwerfen, Als Typ des Werkshandels sind
die Handelsfirmen anzusehen, die z., B. mit dem Stahlwerksverband
oder dem Kohlensyndikat verbunden sind. Die Händlerkartelle und
Syndikate, die sich in Anlehnung an das Rheinisch-Westfälische
Kohlensyndikat und an den Stahlwerksverband gebildet haben, bieten
ein bemerkenswertes Bild gegenseitiger Abhängigkeit. Das Rheinisch-
Westfälische Kohlensyndikat mußte mit den Kohlenhandelsgesell-
schaften, die sich ihm gegenüber organisierten, einen Vertrag schließen.
Die Handelsgesellschaften sind hier die alleinigen Handelsabnehmer
des Produktionssyndikates. Die Preise werden auch hier strikt nach
gegenseitiger Vereinbarung innegehalten. In ähnlicher Weise garan-
tiert die Organisation des Stahlgroßhandels und die Trägerhandelsver-
einigung die Einhaltung der Preise des Produzentensyndikates, das
ihnen dafür die Fernhaltung weiterer Händlerkonkurrenz sichert. Die
innere Struktur solcher Vereinigungen ist verschieden: vom einfachen
Preiskartell bis zum richtigen Händlersyndikat mit eigenem Verkaufs-
kontor. Den Handelsgesellschaften werden von den Produzenten-
syndikaten Höchst- und Mindestpreise vorgeschrieben,

Die Händler- oder Handelsvereinigungen sind zum exklusiven
Verkehr, d. h. zum alleinigen Bezug vom Produzentenkartell, ver-
pflichtet, Ebenso sind sie zu sogenannten Nationalsperren und zur
Sperre des Absatzes gegenüber Außenseiter-Produzenten und
Außenseiter-Händlern verpflichtet. Das Handelssyndikat wird somit ein
wesentlicher Bestandteil der Aufrechterhaltung des Produzenten-
kartells, Solche Erscheinungen finden wir jedoch nicht allein bei der
Schwerindustrie, sondern auch bei Teilen der weiterverarbeitenden
Industrie, wie z, B. bei der Fahrradteile-Industrie und dem hiermit ver-
        <pb n="504" />
        444 Walther Basson:

knüpften Fahrradteile-Großhandel, Die hier zwischen Industrie und
Handel bestehenden Konventionen und Preisbindungen verhindern die
Belieferung von Außenseitern-Handelsfirmen und verbieten den
Bezug von Außenseitern-Industriefirmen. Eine solche „Wirtschaftsehe"
zwischen Industrie und Handel erscheint deshalb zweckmäßig, weil die
herstellenden Fabriken nur an gewissen Orten des Landes bestehen,
wo die Arbeiterverhältnisse und Produktionsbedingungen besonders
günstig liegen. Ein direkter Absatz dieser Fabriken an vielleicht
20- oder 30 000 Fahrräder-Kleinhandelsgeschäfte ist technisch außer-
ordentlich schwierig, wenn nicht unmöglich und verschlingt eine Un-
summe von Reisespesen, Reklamekosten und anderen Propaganda-
mitteln, Der Absatz von Fahrradteilen mit Hilfe des Großhandels voll-
zieht sich daher wesentlich billiger und für die Fabriken einfacher, da
in einem Verbande vielleicht 400—500 Grossisten, die in allen Teilen
Deutschlands wohnen, vereinigt sind, deren Funktion die eines „Engros-
Sortimenters‘” ist. Wenn ein kleines Fahrradgeschäft nun gewisse
kleine Ersatzteile benötigt, so können diese sofort ohne große Mühe
und ohne wesentliche Spesen von dem in der betreffenden Stadt an-
sässigen Großhändler bezogen werden, der zumeist die gewünschten
Ersatzteile auf Lager hat. Es zeigt sich hier deutlich, da ßeineganz
erhebliche Verbilligung der Warenverteilung
durch ein zweckmäßiges Zusammenarbeiten zwi-
schen Großhandel und Industrie erzielt werden
kann, Naturgemäß läßt sich ein solches Zusammenarbeiten zwischen
Industrie und Handel nicht verallgemeinern, da ja in jedem Waren-
zweige die Verhältnisse grundverschieden sind und auch ganz ver-
schiedene Zusammenschlußkombinationen erfordern. Immerhin ist das
vorstehend angeführte Beispiel typisch für die wesentlichen Aufgaben
des Großhandels, zeigt es doch, daß die Hauptstärke in einer zweck-
mäßigen Verteilung der Ware an die weitverstreute Detailkundschaft
liegt und daß es sehr schwer hält, eine Verteilungsform zu finden, die
auch nur annähernd so billig und zuverlässig arbeitet wie der Groß-
handel,

Auch dieses willkürlich herausgegriffene Beispiel mag wiederum
zeigen, daß der Großhandel wirtschaftspolitische Aufgaben zu erfüllen
hat, die in ähnlicher Vollkommenheit von keinem anderen Wirtschafts-
zweige wahrgenommen werden können. Über die Zweckmäßigkeit
bzw. Rückwirkung der Kartellierung der Industrie auf den Großhandel
ist viel gestritten worden; während die einen der Ansicht sind, daß
der Großhandel, früher ein gleichberechtigtes Glied in der Wirtschaft
neben der Industrie, jetzt zum Diener der Produktionsgewerbe ge-
worden sei, vertreten andererseits namhafte Sachkenner die Auf-
        <pb n="505" />
        Der Binnengroßhandel., 445
fassung, daß gerade durch die Kartellierung der Industrie der Handel
für die Produktion noch größere Bedeutung gewonnen habe, Daß ein Zu-
sammenarbeiten zwischen Industrie und Handel ersprießlich verlaufen
kann, haben wir an verschiedenen Beispielen gezeigt. Selbstverständ-
lich kann man nicht jeden Handelszweig über denselben Leisten
schlagen, da individuelle Verschiedenheiten mannigfaltigster Art so-
wohl bei den verschiedenen Spezialhandelszweigen als auch bei den
dazugehörigen Industrien vorhanden sind, die erst eine Form der Ver-
ständigung oder des Zusammenarbeitens erheischen, die sowohl der
Wirtschaft als auch den betreffenden Handels- und Industriezweigen
besondere Vorteile verspricht.

Die verschiedenen Funktionen des Großhandels,

Es hält außerordentlich schwer, vom Großhandel ein klares, scharf-
umrissenes Bild mit einer einheitlichen Entwicklungs-
richtung zu geben, da es im großen und ganzen an einer gut auf-
gebauten wissenschaftlichen Durcharbeitung fehlt. Wir wollen nunmehr
in den folgenden Ausführungen, gleichsam als Zusammenfassung des
bisher Gesagten, versuchen, eine große Linie zu entwickeln, aus welcher
die Hauptfunktionen und Haupttypen des Großhandels erkennbar sind.

Die Funktionen des Binnengroßhandels verlaufen
mit den Funktionen des Außenhandels, d. h, des Import- und des
Exporthandels, ziemlich parallel, nur mit dem Unterschied, daß der
Aufkaufhandel der Rohprodukte im Auslande sich naturgemäß
auf andere Waren erstreckt als im Binnenlande und daß weiterhin der
Absatz der fertigen Ware im Auslande, welchen der Exporthandel voll-
zieht, auf einen anderen Abnehmerkreis stößt als der Absatz im
Binnenlande. Es bleibt im Binnenhandel dann noch die Frage des
Handelszwischen den Produktionsstufen zu erörtern,
dessen Lebensfähigkeit ganz von der Art der Ware abhängt, die er
vertreibt.

Ein beruflich spezialisierter Aufkaufhandel entsteht zuerst
und wird von längster Lebensdauer sein bei weitzerstreuter Klein-
produktion, die auf einen zentralisierten Absatzmarkt angewiesen ist.
Der Lebensmittelaufkäufer, der die städtische Bevölkerung versorgt,
ist der Urtyp des sogenannten Aufkaufhandels, Die Bedeutung eines
solchen Handels wächst naturgemäß mit dem Umfang der Absatz-
möglichkeit. Wir sehen, daß kleine Aufkaufhändler für die Zufuhr an
die Bahn sorgen (Gemüse, Geflügel, Eier, Milch, Vieh, Getreide), wäh-
rend die Sammlung und der Vertrieb in ganzen Waggonladungen von
den Provinzgrossisten übernommen wird, die wiederum an die Gros-
sisten in den großen Städten und in den Zentralmarkthallen bzw. in den
        <pb n="506" />
        446 Walther Basson:

Zentralmärkten liefern. Nicht nur industrielle Rohstoffe, sondern auch
direkt für den Konsum geeignete Nahrungsmittel wandern oft denselben
Weg, d. h. zuerst eine Zusammenfassung der von den industriellen und
landwirtschaftlichen Erzeugern herangeschafften Produkte, sodann die
Konzentration derselben auf den Großhandelsmärkten und von hier
aus erst die Weiterverteilung an die übrigen Glieder der Absatz-
organisationen, an Zwischenhandel und Kleinhandel,

Von besonderer Wichtigkeit und Lebensfähigkeit wird der
vorhin erwähnte, spezialisierte Aufkaufhandel dann, wenn er zum
Sortierer der Ware wird, Die Funktion des Sortierers wird
bei der Ware besonders wirksam, die in verschiedenartigen, oft
wechselnden Qualitäten auftritt. Hierhin gehört z. B. der Viehhandel
beim Zucht- und auch beim Schlachtvieh mit hoher oder geringerer
Qualität, der Häutehandel, der eine vielfältige und sorgfältige Sortie-
rung der anfallenden Häutemengen vorzunehmen hat, je nachdem, für
welche Zwecke die Lederfabriken und Gerbereien bestimmte Arten
von Häuten benötigen, Von großer Wichtigkeit ist auch der Sortier-
handel im Pelzwarenhandel, da der hohe Wert und die Verschieden-
artigkeit der tierischen Felle, die zu Pelzen verarbeitet werden
können, ein besonderes Maß von Sachkenntnis erfordern, das erst in
Generationen erworben werden kann. Auch der Holzhandel sowie der
Tabakhandel usw. erfordern ein bedeutendes Maß an Sachkenntnis, da
der Sortierer die zu den verschiedenartigsten Verwendungszwecken
eintreffenden Warenmengen unbedingt so zweckmäßig wie möglich
disponieren muß, weil sonst erhebliche finanzielle Verluste unvermeid-
lich sind. Der Sortierer-Grossist sortiert die nach
dem Zufall der Produktion herankommenden Roh-
stoffe je nach dem Bedarf der Verarbeitung oder
des Konsums,

Eine besondere Art von Sortierhandel ist der Altwarenhandel
oder der Handel mit Rohprodukten, der für die Wieder-
gewinnung abgenutzter Stoffe, die als industrielles Rohmaterial wieder
benutzbar sind, dauernd an Bedeutung gewinnt, zumal da Deutschland
jetzt wegen seiner starken passiven Handelsbilanz gezwungen ist, mit
größter Sparsamkeit zu wirtschaften und sich nach allem Altmaterial
umzusehen, welches irgendwie für die Produktion verwendbar ist,
Hierhin gehört auch in gewissem Sinne der Schrottgroßhandel, der
nicht allein in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern zu großer
volkswirtschaftlicher Bedeutung gelangt ist.

Die bedeutsamste Rolle spielt bei der Gattung des Aufkaufhandels
der Zentralmarktgroßhandel, der zwar in gewaltigen
        <pb n="507" />
        Der Binnengroßhandel, 447
Massenabschlüssen Geschäfte tätigt, wobei die Warentypen eine immer
weitgehendere und an Hand von bestimmten Mustern festgelegte Diffe-
renzierung der Warentypen erfahren. Dieser Massenhandel — Ge-
treide, Wolle, Baumwolle, Kaffee, Südfrüchte, Öle und Fette —
erfordert ein hohes Maß kaufmännischer Dispositionsfähigkeit, wobei
als charakteristisches Merkmal feststellbar bleibt, daß die großen
Warenmengen für den Bedarf mancher Länder und Kontinente von
relativ kleinen Personenkreisen verteilt werden, und daß auch die
Preisbildung von einem relativ geringen Kreis von Interessenten vor-
genommen wird, Von wesentlicher Bedeutung hierbei ist die Schaffung
geeigneter Handels- und Marktformen, die Festlegung bindender
Rechtsformen des Geschäftsverkehrs (Kontraktformulare), die Ver-
einheitlichung der Warentypen nach bestimmten Mustern sowie die
Herausbildung internationaler Geschäfts- und Börsenregeln (Schieds-
gerichte), die klar und eindeutig sind und Mißverständnisse nach
Möglichkeit anschließen, Die großen zusammenströmenden Waren-
massen sowie die Notwendigkeit ihrer sachgemäßen Lagerung und
Beaufsichtigung erfordern natürlich auch einen erheblichen Aufwand
an Kapital. Der für das ständige Orientiertsein notwendige Ausbau der
Informationsmittel, der telegraphischen und telephonischen Verbindung,
des Bank- und Börsenverkehrs reizt naturgemäß zur Bildung von
Zusammenschlüssen, von gewissen Formen des Kartells, die im
Rohstoffhandel häufiger sind, als man gemeinhin annimmt. Um nur ein
Beispiel herauszugreifen, führen wir den außerordentlich umfang-
reichen Apparat an, welchen z, B. der Kaffeehandel an den Seeplätzen
errichtet hat, Die Notwendigkeit der steten Kenntnis der Weltmarkt-
preise sowie die außerordentliche Wichtigkeit, Informationen zu
erhalten über den Stand der Welternte, über klimatische Einflüsse auf
dieselbe, zwingt zur Aufrechterhaltung eines mit allen technischen
Vollkommenheiten ausgestatteten Nachrichtenbüros und umfang-
reicher Lagerhäuser, welche die eintreffenden Waren aufnehmen, So
ist es verständlich, daß ein einziger Spezialhandelszweig — Kaffee — im
eigenen Hause eine eigene Börse, eigene Versammlungssäle, telegraphi-
schen Nachrichtendienst, Redaktionsbüros und Postanstalt (für die
Kaffeeproben) enthält, um dem Umfang der Geschäfte einigermaßen
gerecht zu werden,

Eine wichtige Ergänzung für den Effektivhandel des
Zentralmarktgroßhandels bildet der Spekulativhändler. Seine
Existenznotwendigkeit ist darin begründet, daß der Weltmarktpreis für
alle Waren niemals auf lange Sicht hinaus zu bestimmen ist und häufig
sogar von Tag zu Tag schwankt, Der Effektivhändler und vor allen
Dingen der Verarbeiter einer Ware muß jedoch mit festen Preisen
        <pb n="508" />
        448 Walther Basson:

rechnen, Der Spekulativhändler glaubt die künftige Preisentwicklung
richtig beurteilen zu können und nimmt daher dem Effektivhandel die
Unsicherheit des Weltmarktes, die risikoreichen Gefahren der Preis-
schwankung ab, Er wagt an die richtige Schätzung des künftigen
Preises oft sein ganzes Vermögen. Er steht jedoch nicht allein, sondern
bildet eine Art von Rückversicherung mit einer ganzen Kette anderer
Spekulanten, die sich gegenseitig Ware anbieten und abnehmen, bis
endlich der Lieferungstermin, der ja bei Termingeschäften oft monate-
lang hinausliegt, herannaht, Die Schätzungstechnik sowie die Infor-
mationsquellen des Spekulativhändlers sind außerordentlich voll-
kommen, Der Spekulativhandel wird somit zu einem wichtigen
Hilfsmittel für die Ausschaltung der unvermeidlichen
Preisschwankungen und damit auch — so paradox es klingen
mag — zu einem bedeutsamen wirtschaftlichen Faktor aller Zentral-
märkte oder Weltmarktbörsen,

Ein besonderes Glied des Handels bildet der Produktions-
zwischenhandel, welcher zwischen den einzelnen Stufen der
Industrie auftritt, d, h. zwischen erzeugender Industrie und weiter-
verarbeitender Industrie den Güteraustausch vermittelt, Dieser
Produktionszwischenhandel übernimmt von der einen Industrie Erzeug-
nisse, welche für die andere Industrie die Halbfabrikate oder Hilfsstoffe
darstellen. Um nur einige Arten dieses Zwischenhandels heraus-
zugreifen, nennen wir z. B. den Baumwollgarngroßhandel, den Ölhandel,
den Draht- und Drahtstiftegroßhandel, den Stahl- und Stahlrohrgroß-
handel, die Trägerhändler, den Werkzeugmaschinenhandel, den Metall-
und Zinkblechgroßhandel u, a. m. Es gibt zahlreiche Variationen dieses
Zwischenhandels, der alle die mannigfachen Funktionen übernimmt, die
wir als dem Handel eigentümlich kennengelernt haben, er fungiert also
als Aufkäufer und Sortierer, als Verteiler und Engros-Sortimenter
(Kleineisenwaren- und Werkzeughandel) und eventuell auch als Kredit-
grossist. Der Großhandel wird hier das verbindende Glied der produ-
zierenden Teile des Wirtschaftskörpers. Die Notwendigkeit und die
Dauer seiner Existenz hängt auch hier ganz davon ab, inwieweit es ihm
gelingt, sich unentbehrlich zu machen,

Eine besondere Abart des Handels finden wir weiterhin in dem
Handel als Verleger. Der Händler-Verleger findet seine
Existensmöglichkeit da, wo er durch Einfügung von selbstüber-
nommener Teilarbeit eine Kostenersparnis herbeiführen kann, indem
er von ihm gekaufte Rohware oder Halbfabrikate Heimarbeitern zur
Be- und Verarbeitung in Lohn gibt, Typische Beispiele hierfür finden
wir in der Kleineisen- und Messerwarenindustrie (Solingen, Remscheid),
in der Korbindustrie (Koburg), in der Groß-Konfektion (Berlin, New
        <pb n="509" />
        Sonstige Wirtschaitsiführer.
1. Dr. phil., oec. pub. h. c. Hermann Bücher,

Wirklicher Legationsrat a, D., Präsidialmitglied des Reichsverbandes der

deutschen Industrie,

Geb, 28, August 1882. Universitätsstudium Leipzig und Berlin. Promotion
Leipzig in beschreibenden Naturwissenchaften, 1905-14 Kolonialbeamter für
Landeskulturwesen in Kamerun; 1915-1918 Berater im türkischen Ministerium {für
Handel und Landwirtschaft. 1919-1921 Vortragender Rat in der wirtschafts-
politischen Abteilurg des Auswärtigen Amtes, 1921-1925 Geschäftsführ, Präsidial-
mitglied des Reichsverbandes der Dt. Industrie. Mitglied des Vorl. Reichs-
wirtschaftsrats,

2, Dr, jur. et rer. pol. h. c. Bernhard Dernburg,
Staatssekretär des Reichs-Kolonialamts a. D., Reichsminister der Finanzen
und Vizepräsident des Reichsministeriums a, D,

Geb, zu Darmstadt am 17, Juli 1865. Direktor der Dt. Treuhand-Gesellschaft
(1889—1901), der Darmstädter Bank (1901—1906). Preuß, Bevollmächtigter zum
Bundesrat (1906—1910), Mitglied des Preuß. Herrenhauses (1908—1918), der
Nationalversammlung und des Reichstags seit 1919, Dr. der Rechte (Königsberg)
und der Staatswissenschaften (München), beides ehrenhalber.

3. Rechtsanwalt Dr, jur. Hermann Fischer, M. d. R.,
Präsident des Hansa-Bundes für Gewerbe, Handel und Industrie.

Geb. 22, Nov, 1873 in Magdeburg, Gymnasium in Köln, Rechtswissenschaft an
den Universitäten Bonn und Straßburg. 1900 Rechtsanwalt in Köln, später in
Berlin, Bis 1912 Dozent der Handelshochschule in Köln. Vorstandsmitglied des
A, Schaaffhausen’schen Bankvereins in Köln; 1914 gleichzeitig in der Direktion
der Disconto-Gesellschaft, seit 1919 in deren Aufsichtsrat, Mitglied der Ver-
waltungen einer Reihe führender industrieller und Handels-Unternehmungen, ins-
besondere der deutschen Eisen-, Kohlen- und Verkehrswirtschaft. M. d. R.
seit 1920,

4. Geh, Rat Ludwig Kastl, Berlin,
Geschäftsf, Präsidialmitglied des Reichsverbandes der D. Industrie,

Geb. 17, September 1878. 1904 Assessor, 1905/06 Aufenthalt in England zwecks
Studiums der englischen Kolonialwirtschaft; dann Assessor an der Reg. von Ober-
bayern, 1906 Eintr. in Kolonialdienst. 1907—1920 in der Verwaltung von D.-Süd-
westafrika. 1910 Regierungsrat, 1912 Leiter der Finanzabteilung und im Kriege
stellvertr. Gouverneur und d,. Kommissar, 1920 nach Deutschland zwecks Ab-
wicklung der Verwaltungsgeschäfte von Deutsch-S, W. A, 1921 Hauptreferent und
Leiter für Reparationsangelegenheiten im Reichsfinanzministerium, Februar 1925
Geschäftsf, Präsidialmitglied des Reichsverbands d, D. Industrie,

5. Staatsminister Dr. v. Möller, Brackwede +.

Geb, 10, August 1840 zu Kupferhammer bei Brackwede, Gymnasium in Biele-
feld, — Geschäftliche Ausbildung in Hamburg, Liverpool und London, 1863
Maschinenfabrik Brackwede errichtet, 1878 väterliche Lederfabrik mit Bruder
übernommen. 1880 Begründung der ersten Kokerei mit Gewinnung der Neben-
produkte, — 1890 in den Reichstag, 1893 in das Preuß, Abgeordnetenhaus. 1901
bis 1905 preuß, Minister für Handel und Gewerbe. 1913 Herrenhaus, 1914 Vors.
der Kriegsleder-Ges, bis 1920, Betätigt in zahlreichen Wohlfahrtsvereinigungen,
u.a, Zentralstelle für Volkswohlfahrt; geschäftlich in kolonialen Unternehmungen
der Plantagenwirtschaft und des Bergbaues, u.a. Pomona-Diamanten-Ges.,, überall
als Vorsitzender.

(Verst, während Fertigstellung des Werkes, Dezember 1925.)

Talel af

N \
        <pb n="510" />
        ‚UNI TEN 9pi2n0e
„19908 ans od .duq ‚so „lidqg Cd
‚19b__29bnsdıaverlote ‚29h, beilbtimisihies19:,.C; „61 Iarenoi sag ao Wu
; ‚Stau bnI”nsdoafush. BB A
nofomorI” \nilıo9 bau Bisqis I muibuleei Eier sin © 1881 ann At 88 S
ıöt.ı 19imsedisinoloX At-202L 1 (metterldnsaeiwindeNic nebnsdistdoeschn mi! e Bisgiedls-
15% mubistainiM madozialılt mt yotsıedl, SLCI-CLEL snuremsAM, ai mazowıaudlulaohnsJl
-altsdoahiw. 19b ni ie 49bnmeusthoV “IS@P0I0r“ Hendoetiwbas I“ Bau IsbasH-
Asibies19 ‚rdütettädoesn). CSOL-ISCK 5 ‚29tmA7 moi täwen A 2$b -3anlistdA- mnendozihilogrn
-erl9i9A ‚JoV, 29b boeilatiM, ‚olıeubal U 19b 29obnsdısvedaioAy-2ob boilatim
ickyerisiche ht einer SanZeh Aykrefietldethtwre.
‚ayydar9d bisdarsa 5 dd Joq 391 19 auf add nr a zn A
naxnsni &lt;sbl xotalkimendiel. „TE 2hmelkinoeloMiadsie hd 2b 1894 lS2efe ke 1107
„nd 46, emmirodeinimenoisfl, 29h „jnobies1qesiV bauasde; h— vo]
Hsdoells2sOchnsdusıT. 40. 19b xohlerid „981 (ul „Ulm, Ibstamıe0. ws „dad den
mus 39)8idosmllovsa, ‚AuarT  ‚(00@1-—1001) Ansd 19tbötemıe 19b ‚(10@L-— 0881)
19b ‚(81@1:80@1) 25emedmstio  H/.Aysı9C 295 beilahiM ‚(01e1—8001) 16129 bau&amp;
(319deainö A). sido 4b, „ad „CIeL tea 2astedoieA29b_ bay Zaulomms2r9visnoits 1
| ‚1od[snnsıde zobisd ‚(asdomüM) notlsdoenszeiwetsste 19b bau
/ ST
„9hrtzubnl bau JobasH ‚adrswaD 1ö e9baud-sensH 29b insbieärd
ns, #isdoanmseeiwatdas I „nlöM ni muizsnmyO ‚BıydabasM ni ET8L „vo ‚SS ‚daß .,
nr Yst8qe mlöN ni iswasetdos A 0001 ruddkıte Bau mnod mofßtiersviaU "nsb
29b. bailatimebaster6 V-/,.al6ö2l ni Aludoeldodalehbnsh: zehn so@d-SLi@ei-2i8 ‚aillıedeı
moihlazi(l 19b mi aitissdoiela, AICL nlöX mi, enietewlnsd, mardoa nszusditssdo@ ‚A
49V ob‘ BollghiM- \Usrefdoietu A nortsh ni eiet }ie2' ‚Hensells290-o1n0s2H1 xob
„20 ‚noahmdsnrataU-2l9basH bau eileitienbni Tabrterdüt sdies A 1enis modnuilew
‚A 5 MM AsdoatriwerdesheV bay -moldoA ‚-nozi msdoaatyab ı19b sıshnozsd
‚OS@! tia2
‚allı99 ‚Hess aiwbuI 36% daß b Met:
‚denhnl CI 19b zehnsdıeveadois 29b boilatimisihiesıI «te11ödo290
25ows husland mi HerlinmaiyA 00\C0CI ‚roa2922A b0Ct. .8T8L 19dmatqs@ X da,
-r9dO n0v7 (39% 1b, as r022922A ns ;HedsehiwieinoloM- nsHieilens sb. enitibee
-böe- 0 mov 3nudlswao V, 29h. ab; 0S@L-—T0@L „tensiblsineloMatinntni d0@i6i rm een:
93511 mi bar anuliskdssnsniT ob rote SIOL” te1280ur9ia9 0er a SAiristeow
„dA /e9swsl biteldoztus (CO Honh OSCI Asekiim62 Ch Bad ıu9ais 760 AS VS
bau ‚InszotertquestI ISEL ‚AxW „Q-doztue(L.movı sttädoasbeanutLewraV- ho bl! anılloiw
KOT“ Yanıda 1 ‚mo irsfainimsnsnitedaiol mi On ER DN z0l T9otio.d
‚olen belce.Cubrzebnadisvanldioe A Sb baifatielsihieEr9 dertshda2sO
/ 4 ba walok1d ell6M ‚v0 1oleinimetest2 8 /
„olsif mi miesnmyO  ‚obswaldstd iSd rommecketquÄl us 0b8I jauaırA ‚OL ‚ds
8081  nobnodn barrloodrevid‘ ‚ardmeHnai anublidarA VsdoilHädaes DD!" — ‚blet
1sbun9, tim ixdshebel aroilıstäv 8781. ‚tehloiııe .obswalosıd . lirdetnanido2sM
&lt;nmada/l 19b aauaniwad }im“ 815202 miete 195 amubairasd 0881 ‚mommonradi
1081 „eusdimstsnbroa3dA „AusıIvaesb al EC8RL NYSE neh! ht 0081 — ‚ohluborg
‚210 V BI? ‚ausdaarısH,EIEl ‚adrewet has IobasH. ih, ıeteimiM ‚Ausıq C0OCL, did,
‚deämukiniste vehrndstldoW_ nadoietides ni ists  ‚OSEt 2id ‚z90-rabelzäetX 19b
nodaudsaue nl. melsinoloAn ai doilttädsasy GrdetidowenloV öl ollateleıtneN "sr
5190 „29D-notnemsil-snomoT 46 u. ,29usdara9 ;29b bau HsdoekiwnaasingII sb
| AM ; „ıohnastier0oV als,
' (‚ESEL 19dmsss(l- ‚22h Wresb anullstabihse Tl brnrotdsw” JarsVC1C
VX Iata 0
        <pb n="511" />
        <pb n="512" />
        <pb n="513" />
        Der Binnengroßhandel, 449
York, London usw.). Die Eigenart des Handelsverlegertums bringt es
mit sich, daß oft die Produktion von den Stätten der Heimarbeiter in
eigene Fabrikgebäude verlegt werden muß, so daß der Handel hierdurch
selbst zum Neugründer von Industrien wird, Die großen
Stahl- und Messerwarenfabriken des Bergischen Landes sind fast sämt-
lich ursprünglich von „Handelsverlegern‘‘ gegründet worden. Auch
heute finden wir noch eigenartige Fabrikationsunternehmen, die sich
Fabriken nennen, eigentlich aber nichts anderes darstellen als
Handelsunternehmen, welche Rohware. (Roheisen) durch Heimarbeiter
(Schleifkottenschmiede) zu Gabeln, Messern, Schwertklingen usw.
verarbeiten lassen, um diese Güter als Fertigprodukte ins In- und
Ausland zu versenden. Das hieraus sich entwickelnde Fabrik-
verlegertum wollen wir nicht weiter berühren, da dies zu weit
führen würde,

Eine weitere besondere Art des Großhandels bilden die sogenannten
Bedarfsartikelhandlungen, welche hauptsächlich alle Arten
der von Kleinindustrie und Handwerk benötigten Ware führen. Wir
nehmen hier als Beispiel den Schuhmacherbedarfsartikel-Großhandel,
der vom Holzstift und Schnürriemen bis zum Hammer und Amboß alle
Waren auf Lager hält, die der Schumacher benötigt. In diese Kategorie
gehört auch der Baumaterialiengroßhandel, dessen Warenkatalog außer
zahlreichen Sorten Eisen und Holz auch Ziegel, Rohre aus Ton, Rohr-
gewebe, Bausand, Verblendsteine und Türschlösser umfaßt, Wir
weisen ferner auf den Großhandel für Wasserleitungsbedarfsartikel, für
Installationsmaterial, den Elektrogroßhandel und auch auf den bereits
erwähnten Fahrradteile-Großhandel hin, die letzten Endes
auch einen Typvon Engros-Sortimentern darstellen, Bei
der außerordentlich umfangreichen und in sich wenig geschlossenen
Abnehmerschar dieser Bedarfsartikelgroßhändler erscheint die Existenz
dieses Großhandelszweiges ziemlich gesichert, da wohl keine Industrie
in der Lage sein dürfte, die ungeheure, weitverzweigte Absatz-
organisation in dem Umfange zu übersehen und die Abnehmer mit der
Schnelligkeit zu befriedigen wie der Bedarfsartikelgroßhändler, ganz
abgesehen davon, daß es für die einzelne Fabrik unmöglich ist, die
Kreditwürdigkeit des einzelnen letzten Abnehmers zu übersehen.

Das Schlußglied des Binnengroßhandels bildet der „Absatz-
grossist”, Wir haben schon an verschiedenen Stellen darauf hin-
gewiesen, daß die Warenverteilung an die letzten Abnehmer eine der
wesentlichsten Aufgaben des Großhandels ist. Die letzte und zugleich
die größte und vielfältigste Handelsetappe finden wir nun in der Absatz-
organisation der Fertigwaren, Wir unterscheiden in diesem
Großhandelsfach wieder verschiedene Abarten: den Verteilungs-

Die deutsche Wirtschaft.

99
        <pb n="514" />
        450 Walther Basson:
grossisten, den Engros-Sortimenter, den Kredit-
grossisten und den Einrichtungsgrossisten,

Bereits von alters her sah man in der Lagerhaltung und Verteilung
der aufgestapelten Güter die besondere Aufgabe des Großhandels; ins-
besondere gewährleistete die Aufstapelung der Warenmengen in den
Lagerhäusern des Handels erst eine stetige Versorgung der Produktion
und des Konsums, besonders in den Zeiten, wo die Verkehrsmittel noch
nicht so ausgebildet waren, daß ein sich geltend machender Bedarf
nicht, wie heute, auf telegraphischem Wege bestellt und mittels Flug-
zeug- (z. B. Blumen, Seidenwaren, Edelsteine), Eisenbahneilgut- oder
Kraftwagenversendung an den Ort des Bedarfes herbeigebracht werden
konnte. Gewiß haben wir feststellen müssen, daß der Großhandel aus
der Warenbewegung vom Produzenten zum Detailhandel oder gar zum
letzten Konsumenten (man denke an Tuchfabriken, Zigarrenfabriken
usw., die ihre Ware direkt an den einzelnen Bürger versenden) häufig
ausgeschaltet wurde, daß jedoch auf der anderen Seite oftmals die
dringende Notwendigkeit einer besonderen Handels-Verteilungsorgani-
sation besteht, und daß sich für den modernen Großhandel
immer neue Verteilungs- und Absatzmöglich-
keiten erschließen, und zwar dann, wenn der Kreis der zu
beliefernden Detailgeschäfte und anderer Großhandelsabnehmer so
groß wird, daß das einzelne Fabrikationsunternehmen aus finanziellen
Gründen weder die ungeheure differenzierte und dadurch teure Ver-
teilungsorganisation übernehmen kann bzw. auf den direkten Vertrieb
verzichten muß, weil sich die Kreditwürdigkeit von Tausenden von
Abnehmern von einem Ort aus kaum übersehen läßt, Das Auf-
finden der kleinsten Kanäle des Detailabsatzes, in welche die
Ware fließen soll, ist eine Aufgabe, für welche gerade der Groß-
handel prädestiniert erscheint. Wir sahen bereits an anderen Stellen,
daß die Großhandels-Absatzorganisation geradezu unentbehrlich ist auf
dem Gebiete der Kolonialwaren, Genuß- und Nahrungsmittel, vollzieht
sich doch beispielsweise der Kaffeehandel in Mindestmengen von
100 bis 500 Sack, d. h. in Mengen, die dem Werte nach von keinem
einzigen Detailhändler in kurzer Frist umgesetzt werden können. Der
Detailhandel ist in der Regel darauf angewiesen, vom Großhandel, der
auch noch in diesem Falle die Funktion der Sortierung und Mischung
zu den gängigsten Kaffeesorten übernimmt, in wesentlich kleineren
Posten zu beziehen, Besonders dann, wenn der Detailhandel keine
eigene Rösterei betreibt, ist es notwendig, um stets frisch gerösteten
Kaffee zu erhalten, daß er sich an den Kaffeegroßhandel mit Rösterei-
betrieb wendet, um von ihm kleinere Mengen gerösteten Kaffees zu
beziehen. Wenn man die zur Zeit überall herrschende Geldknappheit
        <pb n="515" />
        Der Binnengroßhandel, 451
und den Rückgang des Konsums in Betracht zieht, so wird es verständ-
lich sein, daß der Kleinhandel weder in der Lage ist, große Mengen
auf einmal zu beziehen, noch daß es für den Detailhandel wirtschaftlich
vorteilhaft ist, solche Waren auf Lager zu nehmen, die dem Verderb,
dem Modewechsel oder der Substanzveränderung ausgesetzt sind und
daher schon nach relativ begrenzter Zeit nahezu wertlos werden.
Die Kundschaft bevorzugt erfahrungsgemäß nur das Ladengeschäft,
welches die frischeste Ware oder die neuesten Artikel führt. Der
Großhandel kann das Risiko einer größeren Lagerhaltung — sofern
heutzutage das nötige Kapital dazu vorhanden ist — naturgemäß eher
übernehmen, da der Abruf von Waren aus seinem Lager beständig von
den verschiedensten Seiten, d, h. von Hunderten oder gar Tausenden
von Detailhändlerfirmen, erfolgt, die ihre Bestellungen in mehr oder
weniger großen Mengen aufgeben,

Typisch für die volkswirtschaftliche Notwendig-
keitder Verteilungsfunktion des Großhandels beim
Fabrikatenhandel ist z, B. das Textilgebiet. Tuche, Seide und andere
Gewebe werden dem Großhändler von der Fabrik in großen Stücken
geliefert; er teilt diese Stücke in einzelne kleinere Coupons auf, um
damit das kleine Detailgeschäft, den Schneidermeister oder die
Modistin zu beliefern,

Noch wichtiger und sinnfälliger wird die Verteilungsaufgabe des
Großhandels bei dem auch bereits verschiedentlich beschriebenen Typ
des Engros-Sortimenters, da dieser nicht allein die Lager-
haltung und Verteilung einer bestimmten, an sich gleichmäßigen
Warenart vornehmen, sondern dafür Sorge tragen muß, daß ent-
sprechend den vielgestaltigen Wünschen einer bestimmten Kategorie
des Detailhandels (Eisenwaren, Haus- und Küchengeräte, elektro-
technische Artikel, Modewaren, Papier- und Schreibmaterialien,
Drogen, Kolonialwaren, Zigarren usw.) von ihm noch eine spezielle
Unterverteilung der auf Lager befindlichen Güter vorgenommen wird.
Er muß die Warensortimente oft zu Kollektionen vereinigen und diese
an Hand eines reichhaltigen Warenkatalogs seinen Abnehmern
anbieten,

Es liegt auf der Hand, daß ein einzelnes Detailgeschäft
unmöglich die Tausende von verschiedenen vom Großhandel
regelmäßig zu führenden Artikel in größeren Mengen auf La ger
halten kann, zumal da die Wünsche der Kundschaft sich in der Regel
nur auf bestimmte gangbare Sorten zu beschränken pflegen, Dennoch
muß der Detailhandel auch bei besonderen Wünschen der Kundschaft
in der Lage sein, diese dem Abnehmer baldmöglichst anzubieten. Hier
greift wiederum der Großhandel ein, der nicht allein den laufenden
90*
        <pb n="516" />
        452 Walther Basson:

vielgestaltigen Bedarf des Kleinhandels deckt, sondern auch sofortige
Bestellungen auf bestimmte Spezialwaren ausführt, da er diese stets
auf Lager vorrätig hat und solche dem Detailgeschäft auf Abruf sofort
andienen kann. Wenn man beachtet, daß ein großer Kolonialwaren-
betrieb über 3000 verschiedene Artikel führt, der Großhandel in Drogen
mit 4—5000 regelmäßig zu führenden Artikeln rechnet,
und daß selbst auf einem Spezialgebiet, nämlich dem Tuchhandel, 500
bis 800 verschiedene Muster geführt werden, so wird hieraus die Be -
deutung des Engros-Sortimenters offenbar, Abgesehen
von der finanziellen Unmöglichkeit für den Detailhandel, solche aus-
gedehnten und ungeheuer vielgestaltigen Läger zu unterhalten, wäre es
aber auch für die meisten Detailgeschäfte unmöglich, für jeden der ge-
führten Artikel den Vertreter eines Lieferanten zu empfangen, um
diesem Bestellungen aufzugeben, Andererseits würde naturgemäß
auch die einzelne Fabrik im Einzelfalle ungeheure Ver-
sand-, Porto- und Reisekosten zu tragen haben, wenn sie
jeden Detailbetrieb mit oft winzigen Mengen der angeforderten Ware
beliefern würde. Dieunwirtschaftliche Verteuerungdes
Absatzes durch Reklame-, Reise-, Verpackungs- und Transport-
spesen wird durch die Dazwischenschaltung des
Engros-Sortimenters erheblich gemildert, da er
den Vertrieb am einzelnen Platze infolge vorhergehenden Massen-
bezuges der Ware wesentlich billiger vornehmen kann, trotzdem das
Faktum des Wettbewerbes — wenigstens bei größeren Plätzen — nicht
ausgeschaltet wird, da eine Reihe von Großhandelsfirmen gleicher Art
mit verschieden zusammengestellten Sortimenten oder Kollektionen im
gegenseitigen Wettbewerb dafür sorgen, daß der Detail-
handel und damit letzten Endes der Konsum so preiswert
wiemöglich beliefert wird,

Dabei erfüllt diese Art des Großhandels noch eine von dem
Produzenten angenehm empfundene Aufgabe: die Abna hme des
Verteilungsrisikos. Er sorgt für die Kontinuierlichkeit des
Absatzes der einzelnen Fabrik und bietet für den Eingang des Gegen-
wertes für die abgenommene Ware eine ungleich größere und leichter
übersehbare Garantie als die im ganzen Lande hundertfältig verstreute
Einzelhandelskundschaft,

Am Ende unserer Betrachtungen über die verschiedenen Formen
des Binnengroßhandels lernen wir noch den Kreditgross isten
kennen, welcher besonders im Lebensmittelhandel (Gemüsehandel,
Schuhwarenhandel, Mehlhandel usw.) eine besondere Rolle spielt und
dessen Funktion darin beruht, daß er kleineren Kaufleuten, die oft im
Nebenberuf ein Geschäft betreiben, aber des nötigen Betriebskapitals
        <pb n="517" />
        Der Binnengroßhandel, 453
ermangeln, langfristigen Warenkredit einräumt und sich hierdurch eine
Anzahl von ihm indirekt abhängiger Absatzstellen sichert, deren Ge-
samtumsatz naturgemäß eine große Rolle spielt. Dieser Kreditgrossist
beliefert z, B. die Bäcker mit Mehl, den Schuhmacher mit Leder, den
Grünkramladen mit Gemüse, den Schneidermeister mit Stoffen,

Und schließlich nennen wir noch den sogenannten Einrich-
tungsgrossisten, der in Deutschland oftmals der Gründer von
Herrenkonfektionsgeschäften, von Tabakläden, von Drogenhandlungen,
von Friseurgeschäften, Schneider- und Metzgerläden usw. geworden
ist, Die wirtschaftliche Aufgabe dieser Einrichtungsgrossisten besteht
einmal darin, daß er reellen Geschäftsleuten, die jedoch kein Kapital
haben, zu einer guten Existenz verhilft und darin, daß er andererseits
durch den damit in Zusammenhang stehenden, sich ständig steigernden
Umsatz — denn der Einrichtungsgrossist liefert ja selbstverständlich
seine Ware den Ladeninhabern, denen er zur Einrichtung ihres Ge-
schäfts verholfen hat — die Absatzmöglichkeit des landwirtschaftlichen
oder industriellen Erzeugers, von welchem der Großhandel wiederum
seine Ware bezieht, fördert,

Schlußwort,

Ein abschließender Rückblick auf unsere Betrachtungen über die
wirtschaftliche Bedeutung des Großhandels läßt erkennen, daß die viel-
fach zu Unrecht vorgenommene Anfeindung des Großhandels einseitiger
Unterrichtung entspringt, und daß demagogische Schlagworte — Ver-
teuerung der Waren durch den Zwischenhandel — dazu beitragen, über
die vielfältigen Funktionen des Großhandels einen falschen Eindruck
zu erwecken, Zweifellos hat der Krieg und seine Folgewirkung, die
Lockerung der allgemeinen Grundsätze von geschäftlicher Disziplin und
Moral, dahingeführt, daß sich in den reellen Großhandelsstand eine
Reihe von Firmen eingeschlichen haben, die ein größeres Maß von
„Geschäftstüchtigkeit‘ als von grundreellem Kaufmannssinne aufweisen.
Wir erwähnen in diesem Zusammenhange nur das ominöse Wort
„Kettenhandel’, um uns mit Schaudern in die früheren unerwünschten
Zustände zurückzuversetzen, die allerdings zumeist ihre verhängnisvolle
Ursache in dem System der Plan- und Zwangswirtschaft, während des
Krieges in der Kriegswirtschaft hatten. Weiterhin ist objektiv fest-
stellbar, daß als Folgeerscheinung dieser Zustände und vor allen Dingen
der Inflation die Anzahl von oft wenig sachverständig geleiteten
Handelsunternehmungen eine Zeitlang erschreckend zugenommen hat,
und daß in der Stabilisierungsperiode 1924/25 zwangläufig wegen all-
meinen Substanzverlustes der Handelsfirmen deren Zahl zunehmen
mußte, damit — bei den dezimierten Geldmitteln des Handels — der
        <pb n="518" />
        454 Der Binnengroßhandel,

Konsum (etwa 70—80 % der Vorkriegsumsätze) ausreichend, d. h,
durch eine größere Anzahl von Händlern, mit Waren versorgt werden
konnte, Es ist selbstverständlich — und die zunehmende Anzahl von
Geschäftsaufsichten und Konkursen beweisen dies —, daß die Stabili-
sierungskrise sowie der gegenüber der Vorkriegszeit erheblich ver-
minderte Konsum einerseits und die allmählich in Gang kommende
Kapitalbildung andererseits — nach alten wirtschaftlichen Gesetzen —
dazu führen werden, daß die Übersetzung des Handels mit volkswirt-
schaftlich überflüssigen Handelsgliedern allmählich ein Ende finden wird.
Die Jetztzeit, d. h. die Wiedereinholung der Verluste des verlorenen
Krieges, die Aufbringung der uns auferlegten Lasten aus dem Versailler
Friedensvertrage, sowie die unendlich verschärfte Konkurrenz auf allen
Gebieten der Weltwirtschaft, zwingt uns in Deutschland überdies zu
einer Auslese der besten und fähigsten Einzelindividuen sowie der
leistungsfähigsten und rentabelstenHandels- und Fabrikunternehmungen,
Wirtschaftlich überflüssige oder notorisch unrentable, schlecht geleitete
oder veraltete Unternehmungen müssen verschwinden, da Deutschland
sich den Luxus des Durchhaltens solcher Unternehmungen nicht mehr
leisten kann.

Immer wieder muß man sich dagegen wenden, daß, genährt von oft
mißverstandenen Äußerungen aus führenden Kreisen der deutschen
Wirtschaft, der Eindruck aufkommt, als ob der Großhandel ein voll-
kommen überflüssiges und daher zu beseitigendes Glied der deutschen
Wirtschaft sei. Nichts ist törichter als eine solche Vermutung, die
übrigens bemerkenswerterweise im Auslande zu keiner Zeit an Boden
gewonnen hat. Mit diesen Ausführungen ist an Hand einer Anzahl prak-
tischer Beispiele, soweit dies im Rahmen eines Aufsatzes möglich ist,
der Versuch unternommen, darzulegen, welche bedeutsamen
wirtschaftlichen Aufgaben gerade der Handel zu
erfüllen hat,

Hoffentlich ist in Deutschland nun die Zeit nicht mehr fern, wo
alle Erwerbsstände sich dessen bewußt werden, daß nicht das Gegen-
einander-, sondern das Miteinanderarbeiten der deut-
schen aufeinander angewiesenen Wirtschaftskreise den er-
sprießlichsten Erfolg verbürgt, den wir alle in gemeinsamer Arbeit er-
hoffen nämlich den Wiederaufstieg unseres deutschen Vaterlandes zu
der alten wirtschaftlichen Macht und Größe von einst.
        <pb n="519" />
        29,

Die staatspolitische Bedeutung der Landwirtschaft.

Von Graf Eberhard von Kalckreuth, Präsident des Reichslandbundes.

Die staatspolitische Bedeutung der Landwirtschaft beruht auf der
Stellung, die dieser wichtige Zweig nationaler Wirtschaft und natio-
nalen Lebens überhaupt im Staate einnimmt, und auf den Aufgaben, die
er im Dienste der Nation auf wirtschafts- und bevölkerungspolitischem
Gebiet zu erfüllen hat.

In wirtschaftspolitischer Hinsicht findet die Stellung der Landwirt-
schaft ihren Ausdruck in der Zahl der Menschen, die ihren Lebens-
unterhalt ganz oder teilweise durch landwirtschaftliche Tätigkeit finden,
und in der Masse der erzeugten Güter, Der prozentuale Anteil der
Landwirtschaft an der Gesamtbevölkerung ist in den letzten fünfzig
Jahren — etwa seit dem Jahre 1875, in dem die starke, treibhausartige
Entwicklung unserer Industrie einsetzte — dauernd zurückgegangen.

Berufsangehörige
Berufsabteilung 1882 1895 1907
a) Landwirtschaft... 51% 35,74 °% 28,65 °%
b) Industrie einschl. Bergbau . . . . . 3551% 39,12 % 42,75 °%
c) Handel und Verkehr . . „10,02% 11,52% 13,41 %
d) Sonstige Berufe u. beruflose Selbständige 11,96 % 13,62 °% 15.19 %%
100,00 % 100,00 % 100,00 %

Während also noch im Jahre 1882 die Landwirtschaft, einschließ-
lich Gärtnerei, Viehzucht, Forstwirtschaft und Fischerei, an Berufs-
angehörigen 42,5 % der Gesamtbevölkerung aufweisen konnte, sank
dieser Anteil auf 28,7 % im Jahre 1907. Faßt man die hauptberuflich
Erwerbstätigen als die für die Produktion wesentliche Bevölkerungs-
schicht innerhalb der einzelnen Berufsabteilungen ins Auge, so schneidet
die Landwirtschaft weniger ungünstig ab. Von 100 hauptberuflich Er-
werbstätigen aller Berufsabteilungen gehörten ihr 1882 43,4, 1907 noch
32,7 an. Die Zahl der in der Landwirtschaft Erwerbstätigen hat in
diesen Jahren sogar absolut nicht unerheblich zugenommen. Freilich
tritt diese Zunahme gegenüber dem rascheren Anwachsen der Zahlen
in der Industrie zurück. Deutschland erlebte die Entwicklung von
        <pb n="520" />
        456 Graf Eberhard von Kalckreuth:

einem überwiegenden Agrarstaat zu einem überwiegenden Industrie-
staat. Trotzdem bleibt die Zahl der an der Landwirtschaft unmittelbar
als Produzenten interessierten Erwerbstätigen größer, als die angeführ-
ten Ergebnisse der Statistik erkennen lassen, Denn ein erheblicher
Teil der der Industrie oder dem Handel zugezählten Erwerbstätigen
betätigt sich nebenberuflich als Landwirt, In gleicher Weise wird die
Gesamtheit der in den kleinen Provinzstädten wohnenden Handwerker
und Gewerbetreibenden, die lediglich ihre Existenz auf der Kundschaft
des umliegenden Landes aufbauen, von der Statistik restlos dem Handel
oder der Industrie zugezählt. Den Mangel der Statistik erhellt folgende
Gegenüberstellung:

Nebenberuflich Tätige in der Land- und Forstwirtschaft

1882 1895 1907
4 065 645 3 648 237 5 601 222

Bei den drei Zählungen kann hinsichtlich der Unterscheidung von
Haupt- und Nebenberuf nicht gleichmäßig verfahren worden sein, Aber
trotz der Schwierigkeit des Vergleiches der Zahlen in den verschiede-
nen statistischen Aufnahmen läßt sich feststellen, daß die Zahl derjeni-
gen gewachsen ist, die in der Landwirtschaft ein Nebeneinkommen
finden, Mit dieser Zahl der am landwirtschaftlichen Gewerbe Inter-
essierten wächst der Wert dieser Berufsabteilung für die Volksge-
samtheit.

Ein anderes Bild über die Bedeutung der Landwirtschaft gewinnt
man, wenn man die dem Boden durch die landwirtschaftliche Bear-
beitung abgerungenen Werte früherer Jahre mit den Werten einer
heutigen Durchschnittsernte vergleicht,

Deutsche jährliche Durchschnittsernten in 1000 t:
Jahrfünft Roggen Ku Pr Gerste Hafer Kartoffeln Zuckerrüben
1881—1885 5,366 2,780 2,173 3,946 20,630 8,282
1910—1914 11,125 4,585 3,271 8,449 45,549 15,071

Im Jahre 1909 ergab eine Berechnung über den Wert der land-
wirtschaftlichen Reinproduktion eine Endsumme von rund 11 Milliarden
Mark, denen die Industrie trotz ihrer ungeheuren Entwicklung nur
rund 10 Milliarden Mark an Wert ihrer Reinproduktion entgegen-
zusetzen hatte,

Die besondere Stellung der Landwirtschaft auf wirtschaftspoliti-
schem Gebiete beruht aber nicht so sehr auf dem Geldwerte ihrer
Produktion, sondern muß vielmehr in dem Gebrauchswerte gesucht
werden,
        <pb n="521" />
        Die staatspolitische Bedeutung der Landwirtschalft. 457

Wirtschafts- und staatspolitisch liegt die größte Bedeutung der
Landwirtschaft in ihrer vornehmsten Aufgabe, die Ernährung des
Volkes aus eigener Scholle sicherzustellen. Gelingt es nicht, einen
Staat wie das Deutsche Reich — mit ungünstigem Zugange zur Küste
und rings von feindlichen Nachbarn umgeben — aus dem Ertrage der
eigenen Scholle zu ernähren, so ist die wirtschaftliche und politische
Unabhängigkeit des Volkes dauernd durch das größere oder geringere
Wohlwollen der Nachbarstaaten bedingt. Der Weltkrieg, den das
deutsche Volk letzten Endes unter der Wirkung des Hungers verloren
hat, beweist, wie ungeheuer wichtig gerade für unser Volk in seiner
exponierten Lage die Ernährung aus eigener Scholle ist. — Vergleicht
man die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion mit dem Be-
völkerungszuwachs, so war trotz erheblicher Zunahme der Bevölkerung
(von 45,2 Millionen im Jahre 1880 auf 67,8 Millionen im Jahre 1914)
der Anteil der Volkernährung, der aus eigener Scholle erzeugt wurde,
dauernd im Wachsen begriffen.

Im Durchschnitt der letzten drei Friedensjahre 1911
bis 1913 wurde der Fleischverbrauch Deutschlands aus
Inlandsproduktion und Einfuhrüberschuß (einschließ-
lich Fett) je Kopf der Bevölkerung wie folgt gedeckt:

kg pro Kopf
Eigenproduktion Einfuhrüberschuß Gesamtverbrauch
48,63 225 52,59
Prozentualer Anteil
an dem Gesamt-
verbrauch . . . 92,47

Deutschland deckte demnach aus seiner Eigenpro-
duktion an Vieh rund 92,5% seines Fleischverbrauches der
letzten Friedensjahre, und zwar einschließlich Fett.

Der Einfuhrüberschuß von 3,9 kg pro Kopf setzte sich wie
folgt zusammen:

aus lebendem Vieh . . . . 0,94

eis N ES

FO er re uw

insgesamt 3,96.
Berücksichtigt man die Einfuhr an Futtermitteln, deren Anbau im In-
lande unter dem Einfluß der hierfür ungünstigen Zollpolitik nicht aus-
reichte, so lieferte die deutsche Landwirtschaft immer noch über 76 %

des Bedarfs an Fleisch und Fett ganz aus eigener Kralt.

Die Ernten an Brotgetreide (Roggen, Weizen, Spelz) stellten sich
abzüglich Aussaat im Durchschnitt der drei letzten Friedenswirtschafts-
jahre 1909/10 bis 1913/14 auf 14,15 Millionen Tonnen im Jahresdurchschuitt.

A
7,53
        <pb n="522" />
        458 Graf Eberhard von Kalckreuth:

Nach der im Jahre 1913 veröffentlichten amtlichen
Statistiküberdas Mühlengewerbe, die sicherste vorhan-
dene Grundlage über den Brotkornverbrauch, wurden jährlich pro Kopf
verbraucht:

Roggent 2 0 916 kg
Weizen. 2 W755 kg
insgesamt 167,1 kg.
Legt man einen Verbrauch von 170 kg zugrunde, so wurden in den
in Rede stehenden fünf Jahren jährlich im Durchschnitt verbraucht
11,18 Millionen Tonnen, Es blieben somit aus der heimischen Erzeu-
gung für tierische Ernährung und für gewerbliche Betriebe durch-
schnittlich 3,19 Millionen Tonnen übrig, also mehr als die Gersten-
einfuhr betrug.

Daß wir unseren Bedarf an Kartoffeln mit Ausnahme von Früh-
kartoffeln, die aus klimatisch mehr begünstigten Ländern bezogen wur-
den, reichlich aus eigener Scholle deckten, ist bekannt, Dem Bedarf
an Kartoffeln zur menschlichen Ernährung, der für die Zeit vor dem
Kriege bei einem Verbrauch von 244 bis 2% dz jährlich je Kopf der
Bevölkerung mit 15—17 Millionen Tonnen geschätzt werden kann,
standen Erntemengen von 45,75 Millionen Tonnen im Durchschnitt des
letzten Vorkriegsjahrzehnts gegenüber, Nach Abzug der Saatmengen, der
Verluste durch Krankheiten, Schwund usw. blieb der Bedarf zur mensch-
lichen Ernährung immer noch mehr als doppelt gedeckt, d. h. es stand
für gewerbliche Zwecke und als Viehfutter mindestens die gleiche
Menge wie die zur menschlichen Ernährung nötige zur Verfügung.

Lediglich die Produktion von Fett und die Produktion von Futter-
mitteln hatte nicht den den Eigenverbrauch deckenden Umfang er-
reicht. In den kommenden Jahren wird die Frage, ob die Ernährung
aus eigener Kraft sichergestellt werden kann, eine noch wesentlich
größere Bedeutung haben als in der Vorkriegszeit, Denn nach dem
Verluste unserer Handelsflotte, nach dem Verluste unserer wertvollen
Kolonien und nach dem Verluste großer Absatzgebiete unserer Industrie
wird es nicht möglich sein, die schweren Kriegsreparationen und den
Einfuhrbedarf an Kohle, Eisen, Baumwolle usw. aus dem Ausfuhrüber-
schuß der Industrie zu bezahlen. Eine Balancierung des Wirtschafts-
haushaltes für unser Volk wird in Zukunft nur dann möglich erscheinen,
wenn die heimische Landwirtschaft nicht nur den wesentlichsten Bedarf
der eigenen Volksernährung deckt. Darüber hinaus muß Deutschland
zu einem Ausfuhrüberschuß an landwirtschaftlichen Produkten, z. B.
Zucker, Zuchtvieh, Saatgut und anderen hochwertigen landwirtschaft-
lichen Produkten, gelangen. Die Frage, ob eine solche Steigerung der
        <pb n="523" />
        Die staatspolitische Bedeutung der Landwirtschatt, 459
eigenen Produktion trotz des Verlustes wertvoller landwirtschaftlicher
Erzeugungsgebiete möglich sein wird, ist unbedingt zu bejahen, Die
landwirtschaftlich benutzte Fläche Deutschlands ist durch den Frie-
densvertrag um 14,2 %, die Bevölkerungszahl nur um etwa 9,97 %
vermindert worden. Trotzdem ist es nach dem Stande der heutigen
landwirtschaftlichen Wissenschaft durchaus möglich, dem Boden die
erforderlichen Mehrwerte abzuringen, wenn es nur gelingt, die Er-
rungenschaften der Wissenschaft rasch in großem Umfange für die
Allgemeinheit der Landwirtschaft nutzbar zu machen. Auf diesem
Gebiete liegt eine sehr wesentliche Aufgabe der landwirtschaftlichen
Organisationen sowie der Staatsbehörden, Ihr Ziel muß sein, durch
raschen und zweckmäßigen Ausbau von landwirtschaftlichen Unter-
richtsanstalten — Universitäten, Landwirtschaftsschulen, Versuchs-
gütern usw. — die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung der
Allgemeinheit nutzbar zu machen und durch eine zweckmäßige Wirt-
schaftspolitik das Preisverhältnis zwischen landwirtschaftlichen Pro-
dukten und Produktionsmitteln dahin zu beeinflussen, daß für den ein-
zelnen Landwirt privatwirtschaftlich eine möglichst starke Anwendung
von Produktionsmitteln in Form von Kunstdünger, Maschinen und
Arbeitskräften je Hektar der Fläche vorteilhaft erscheint. Wie groß auf
der heutigen Kulturfläche die Möglichkeit einer Ertragssteigerung noch
ist, soll durch folgende Betrachtungen angedeutet werden.

In den letzten Jahren vor dem Kriege hatte Deutschland einen Be-
stand von etwa 10,5 Millionen Milchkühen, deren Durchschnittsmilch-
ertrag auf höchstens 6 Liter täglich mit einem Fettgehalt von etwa
3 % zu schätzen ist. Nach Abzug der verfütterten Milch blieben etwa
20 Millionen Tonnen Milch mit 600 000 t Fettgehalt zur menschlichen Er-
nährung übrig, Zahlreiche auf Leistung gezogene hochwertige Herden
ergaben in den Jahren 1913 und 1914 unter für die Viehhaltung durch-
aus nicht günstigen klimatischen und Bodenverhältnissen einen Durch-
schnittsertrag von über 10 Litern je Kuh mit einem Fettgehalt von
3,5 %. Das sind über 4 Liter mehr als der Reichsdurchschnitt. Ange-
nommen, daß dieser um nur 2 Liter gesteigert und der Fettgehalt auf
3,25 % erhöht würde, so ergibt das, auf den heutigen Bestand an Milch-
kühen berechnet, nach Abzug der gleichen verfütterten Menge einen
Ertrag von etwas mehr als 21 Millionen Tonnen Milch mit rund 685 000 t
Fett, Danach würde schon jetzt, trotz unseres absolut und relativ zur
landwirtschatlich benutzten Fläche verminderten Viehstapels die Frie-
densproduktion übertroffen werden können. Falls in Kürze die Renta-
bilität der Landwirtschaft wiederhergestellt wird und in Zukunft ge-
sichert bleibt, ist es nur eine Frage der Zeit, wann die frühere starke
Viehhaltung wieder erreicht und der Bestand an Milchkühen um die zur
        <pb n="524" />
        460 Graf Eberhard von Kalckreuth:

Zeit noch fehlenden 1725000—1750000 Stück aufgefüllt sein wird. Mit
Hilfe der geforderten Ertragssteigerung wird es dann gelingen, nicht nur
den Inlandsbedarf an Milch und Milchprodukten voll zu decken, sondern
auch an die Stelle eingeführter pflanzlicher Fette, die stets ihren
Charakter als „Ersatz‘” behalten, hochwertigere Milchfette, in erster
Linie Butter, zu setzen, —

Vor dem Kriege ergaben die deutschen Ernten folgende Durch-
schnitts-Hektarerträge: Brotgetreide rund 18 dz, Hafer und Gerste
19 dz, Kartoffeln 135 dz. Für Zucker- und Futterrüben wird der Durch-
schnitts-Hektarertrag mit 297 dz nicht zu hoch geschätzt sein. Diese
aus den Ernten des letzten Vorkriegsjahrzehnts sich ergebenden Durch-
schnittserträge wurden bei einem Verbrauch von rund 11% Millionen
Tonnen stickstoffhaltiger künstlicher Düngemittel erzielt. Sieht man von
der Düngung der Wiesen und Weiden ab und verteilt man die Menge des
künstlichen Stickstoffdüngers auf die Fläche, auf der das Getreide, die
Hülsen- und Hackfrüchte, Garten- und Handelsgewächse und das Obst
erzeugt wurden (zusammen 24 676 000 ha), so ergibt sich eine Dünger-
gabe von % dz je Hektar, wobei zu berücksichtigen bleibt, daß diese
Menge in Wirklichkeit infolge der Verteilung auch auf Wiesen und
Weiden geringer war. Eine Steigerung auf 2 dz stickstoffhaltiger Dünge-
mittel je Hektar wird selbst unter Berücksichtigung der stärkeren Vieh-
haltung des Kleingrundbesitzes für alle Böden Deutschlands als Höchst-
grenze der rentablen Stickstoffanwendung nicht zu hoch gesetzt sein,
Das würde im Vergleich zu der vor dem Kriege angewendeten Stickstoff-
düngung eine Vervierfachung bedeuten. Im heutigen Reichsgebiet be-
trägt die Anbaufläche für Brotgetreide rund 5800 000 ha. Mit Hafer
und Gerste werden etwa 4300 000 ha bestellt. Kartoffeln beanspruchen
etwa 2 725 000 ha, Zucker- und Futterrüben zusammen eine Fläche von
rund 1150000 ha. Da durch Verwendung von 1 Ztr, stickstoffhaltiger
Düngemittel mindestens 2 Ztr, Getreide oder 20 Ztr, Kartoffeln oder
30 Ztr. Rüben mehr geerntet werden können, so ergibt sich allein durch
stärkere Anwendung von Stickstoff auf den alten Kulturböden eine
Mehrerzeugung von 1740000 t Brotgetreide, 1290000 t Gerste und
Hafer, 8 175 000 t Kartoffeln, 5175000 t Rüben, Eine weitere wesent-
liche Steigerung der Ernte wird durch Verwendung nur erstklassigen
und für die betreffende Gegend passenden Saatgutes und durch zweck-
mäßigere Bodenbearbeitung (ein Gebiet, auf dem wir gerade in den
letzten Jahren wissenschaftlich sehr erhebliche Fortschritte gemacht
haben) zu erreichen sein, — Auch das schwierige Problem der Be-
schaffung der notwendigen Futtermittel, um aus der eigenen Scholle
die fehlenden Fleisch- und Fettprodukte zu erzeugen, geht durch die in
den letzten Jahren stark in Bearbeitung genommene Grünlandbewegung
        <pb n="525" />
        Die staatspolitische Bedeutung der Landwirtschaft, 461
seiner Lösung entgegen, Auf dem Gebiete der Grünlandwirtschaft
wird die Züchtung hochwertiger Gräser und Kleearten in den kommen-
den Jahren eine große Rolle spielen. Während unsere Getreidezucht
durch die hervorragenden Leistungen unserer deutschen Züchter in
wenigen Jahren um mindestens 10 % gesteigert wurde, ist auf dem
Gebiete der Gräserzucht bisher noch wenig geschehen, und doch haben
neue Züchtungsversuche ergeben, daß es sehr wohl möglich ist, die
vorhandenen Gräser züchterisch so zu bearbeiten, daß sie auf der
Fläche bei gleicher Düngung nicht nur an Masse, sondern auch an
Nährwert ein sehr viel gehaltreicheres Futter als die bisher zur Ver-
wendung kommenden Grassamen ergeben.

In Deutschland befinden sich außer den 27,3 Millionen Hektar land-
wirtschaftlich benutzter Fläche noch 3,5 bis 4 Millionen Hektar Ödland,
darunter über 2 Millionen Hektar Moor, von denen 1,1 bis 1,2 Millionen
Hektar ohne große Schwierigkeiten sofort und eine mindestens ebenso
große Fläche in späterer Zeit bei günstigeren wirtschaftlichen Voraus-
setzungen urbar gemacht werden können. Es kann also kaum ein
Zweifel darüber bestehen, daß es bei dem heutigen Stande der land-
wirtschaftlichen Technik der Landwirtschaft gelingen müßte, auch eine
größere Bevölkerungszahl als die gegenwärtige zu ernähren.

Mit dieser möglichen und notwendigen Intensivierung der land-
wirtschaftlichen Produktion geht eine starke Arbeitsbeschaffung für
unsere Industrie als Ersatz für den verlorengegangenen Auslandsmarkt
Hand in Hand, um so mehr als die Verwendung von Maschinen in der
deutschen Landwirtschaft heute besonders im Kleingrundbesitz noch
lange nicht den Umfang erreicht hat, der für die intensive Wirtschaft
nötig und vorteilhaft ist. Hierzu treten die Arbeits- und Verdienst-
möglichkeiten, die sich für Industrie und Handel aus der Urbarmachung
des Ödlandes ergeben. Bei richtiger Ausnutzung der im deutschen
Boden noch schlummernden Kräfte wird man trotz ungünstigen Klimas
und trotz zum großen Teil wenig fruchtbaren Ackerlandes der heutigen
weltwirtschaftlichen Lage Rechnung tragen können. Sie hat die indu-
striellen Erzeugnisse Deutschlands auf der ganzen Linie zurückgedrängt.
Das Deutschland der Vorkriegszeit, das sich — gestützt auf die syste-
matische Pflege des Exporthandels und der Exportindustrie seitens der
Regierung — in erstaunlich raschem, aber — wie der Krieg gelehrt
hat — für die Gesamtheit des Volkes bedenklichem Umfange von
einem Agrar- zu einem Industrie- und Handelsstaat entwickelt hat,
muß zurückgeleitet werden, zwar nicht in die Bahnen eines reinen
Agrarstaates, wohl aber eines industrialisierten Agrarstaates, d. h.
eines Staates, der den heimatlichen Boden unter stärkster Inanspruch-
nahme industrieller Hilfsmittel zu einer Höchstleistung zwingt und
        <pb n="526" />
        462 Graf Eberhard von Kalckreuth:

damit der Gesamtheit des Volkes durch landwirtschaftlichen Export

wirtschaftlichen Ersatz für den Ausfall der Industrieausfuhr schaflit.
Bevölkerungspolitisch ist auf Grund der vorhandenen statistischen

Unterlagen festzustellen, daß in der Landbevölkerung eine erheblich
größere Lebenskraft gegenüber der städtischen Bevölkerung liegt,

In Preußen entfielen auf 1000 weibliche, im Alter von 15 bis 45

Jahren stehende Personen durchschnittlich jährlich

Lebendgeborene:

Zeitabschnitt 1876/80 1881/90 1891/95 1896/1900 1901/05 1906/10 1911/14
auf dem Lande 182,9 179,1 181,9 183,1 178,1 168,8 152,3
in den Städten 160.6 145.2 140,7 136,6 129,1 117,6 100,0

Differenz 23,3 339 412. 465 2490 1512 516
Nach den Sterbetafeln für 1911 bis 1914 betrug in Preußen die mitt-
lere Lebensdauer für die Neugeborenen:
männliche weibliche
auf dem Lande . . . . ,‚ . 149,22 Jahre 51,85 Jahre
in den Städten U 4622 50,83

Über 50 % der männlichen Personen überlebten auf dem Lande das
61. Lebensjahr, während in den Städten nur 42 % dieses Alter erreich-
ten. Die Lebenskraft der ländlichen Bevölkerung ist der Quell, aus
dem jahraus, jahrein der Menschenstrom in die Städte und Industrie-
bezirke fließt, der nach Hunderttausenden jährlich zählt, Als eine der
bedenklichsten Erscheinungen der Neuzeit ist der in den Großstädten
schon seit Jahren beobachtete freiwillige Geburtenrückgang nunmehr
auch auf dem Lande festzustellen. Es muß eine der wesentlichsten Auf-
gaben der Landwirtschaft und der Regierung sein, dieser bedauerlichen,
bevölkerungspolitisch schädlichen Erscheinung entgegenzuarbeiten,

Damit gelangen wir zu dem Werte, welcher der Landwirtschaft als
politischer Faktor im Staate zukommt. In einer Zeit fortschreitender
Industrialisierung und sich ausdehnender Verstaatlichung gewinnt der-
jenige Stand an Bedeutung, der das natürliche Gegengewicht gegen eine

zu starke und rasche Ausdehnung dieser Entwicklung bildet. Im
Landvolke ruhen die sittlichen und politischen Eigenschaften, die den
gegebenen Ausgleich zu der ganz anders gearteten industriellen und ge-
werblichen Bevölkerung darstellen. Das Leben auf dem Lande bildet
eine andere Menschenart. Eng verknüpft mit dem Herkommen und
den Bräuchen, verwachsen mit der Scholle, ist der Bauer ein schwer-
fälliges Glied in dem natürlichen Organismus des Staates. Ihm mangelt
der rasche und bewegliche Geist, welcher dem Handelsstande und vie-
len Gewerbetreibenden eigen ist. Er ist bodenständig, Wie er selbst
Neuerungen schwer zugänglich ist, so ist auch sein Betrieb den Zufällig-
        <pb n="527" />
        Die staatspolitische Bedeutung der Landwirtschalt. 463
keiten, die der Fortschritt bedingt, weniger ausgesetzt. Technische Er-
findungen, die oftmals und leicht alte Gewerbezweige beseitigen, ver-
mögen ihn nicht in seinen Grundfesten zu erschüttern. Sein Leben
spielt sich in wesentlich engeren Grenzen ab, sein Reich ist nicht die
große Welt, in welcher der Händler und der Industrielle leben. Die
weitgehende Dezentralisation der landwirtschaftlichen Betriebe, das
Zusammenleben in engsten Gruppen — Höfesystem, Dorfgruppierung —
steht in vollkommenem Gegensatze zu der Zentralisation der Industrie
und der industriellen Gruppen in Städten und Städtebezirken. Die
Massen des Volkes — auf engem Raum zusammengedrängt — können
nicht in gleichem Maße das Staatsgefühl empfinden, wie es in dem
Heimatgefühl dem Landvolke angeboren ist. Es „besitzt‘‘ in ganz
anderem Ausmaße und eigentlich den Staat. In der Eigenart und Be-
schaffenheit der ländlichen Arbeit findet die besondere Art des Land-
volkes eine weitere Stütze, Der landwirtschaftliche Betrieb ist ein or-
ganisches Ganzes, Die weitgehende Arbeitsteilung, wie sie in der In-
dustrie möglich und die Regel ist, bleibt ihm fremd. Die Entseelung
der Arbeit, welche industrielle Arbeitsmethoden schaffen, kennt er
nicht, Des Landmanns Arbeit fordert in viel höherem Maße Können,
es nimmt das ganze Interesse des Menschen in Anspruch und schafft
die Liebe zum Berufe. Es erzieht den Menschen zur Ehrfurcht gegen-
über den Gesetzen der Natur, zur Bescheidenheit gegenüber dem Wal-
ten natürlicher Kräfte, welche außerhalb menschlicher Macht stehen.

Selbst die Arbeit des nichtselbständigen Landarbeiters ist in viel
größerem Umfange eine schöpferische als die des Industriearbeiters.
Während der Industriearbeiter meist durch eine rein mechanische, jahr-
aus, jahrein sich täglich wiederholende Teilarbeit gebunden ist und den
Wert und die Bedeutung seiner Arbeit im Rahmen des ganzen Unter-
nehmens, in dem er beschäftigt ist, nicht überblicken kann und somit
den inneren Zusammenhang und das persönliche Interesse an dem Ge-
deihen des Gesamtwerkes verliert, kann der Landarbeiter dauernd den
Erfolg seiner Arbeit im Gesamtbetriebe überblicken. Er sieht die
Früchte seiner Arbeit reifen, und damit wird seine Tätigkeit aus der
geistlosen, mechanischen Arbeit des Fabrikarbeiters emporgehoben zu
der schöpferischen Tätigkeit, die allein den Menschen auf die Dauer
zu befriedigen vermag, Daher findet man selbst bei den Arbeiter-
familien des Landes, die keinen Besitz haben, in außerordentlich viel
stärkerem Maße als bei der Industriearbeiterschaft das Heimatgefühl
und die Liebe zum Betriebe, in dem sie beschäftigt sind, ausgebildet.
So gibt es auf den Gütern, die einen dauernden Tagelöhnerstand be-
schäftigen, Familien, die zwei und mehrere Generationen hindurch der
Arbeitsstätte treu bleiben.
        <pb n="528" />
        464 Graf Eberhard von Kalckreuth:

Wichtig für die politische Beurteilung des landwirtschaftlichen Be-
rufes ist die Tatsache, daß die deutsche Landwirtschaft in ihrer histo-
rischen Gruppierung eine wertvolle soziale Schicht des selbständigen
Unternehmertums darstellt. So gewertet, überragt sie bei weitem die
anderen Erwerbsgruppen des Handels und der Industrie, Bei dieser ist
das Mißverhältnis zwischen Unternehmer- und Arbeiterzahl besonders
augenfällis, Das ist nicht zufällig, es liegt in der Natur der Dinge.
Stadttum und industrielle Tätigkeit bieten in weit geringerem Grade als
das Land und der landwirtschaftliche Beruf die Möglichkeit, selb-
ständige Persönlichkeiten heranzubilden. So bildet die Arbeit das
Landvolk zu einem anders als die städtische Masse gearteten Volks-
teile, zu einem staatserhaltenden, nicht staatszersetzenden und deshalb
höchst wertvollen politischen Faktor im Staate.,

Vergleicht man die drei großen wirtschaftlichen Berufsgruppen der
Land- und Forstwirtschaft, des Handels und der Industrie, so zeigt sich
folgende Entwicklung.

Von 100 Berufszugehörigen einer Berufsabteilung gehören zu den
Selbständigen (mit ihren Angehörigen)

1895 1907

in der Land- und Forstwirtschaft . . . . . 60,0 65,8 %
in.der Industrie 2 A N LL27,9 20,0 } (nach Sering).
im Handel... a 45,0 36,0
Dem Anwachsen des Bruchteiles der selbständigen Bevölkerung in der
Landwirtschaft steht ein Fallen dieses Teiles in der Industrie und dem
Handel gegenüber. In diesen Berufsgruppen besteht heute die große
Masse der dazugehörigen Bevölkerung aus abhängigen Menschen, Ihre
Zahl aber nimmt ständig zu; denn es wurden gezählt zur Schicht der

Selbständigen Abhängigen

1895 1907 1895 1907
Land- und

Forstwirtschaft 57,2 58,3 292. 1877 | %

Gewerbe .. . 29,1 26,7 57,8 65,0 ( (nach Sering).
Handelu. Verkehr 13,7 15,0 13,0 16,3

100,0 100,0 100,0 100,0

In der Landwirtschaft macht sich also allein eine Steigerung der
selbständigen und eine Abnahme der abhängigen Bevölkerung bemerk-
bar. Bei Behandlung dieser Frage kann man nicht an der inneren
Kolonisation, der ländlichen Siedlung, vorübergehen., Sie bietet den
stark zur Abwanderung neigenden zweiten und dritten Bauernsöhnen
und aufstrebenden Landarbeitern Gelegenheit, im Lande einen eigenen
Bauernhof zu erwerben. In einer Reihe von Jahren wird die deutsche
        <pb n="529" />
        Die staatspolitische Bedeutung der Landwirtschaft. 465
Landwirtschaft mit Sicherheit um eine große Zahl selbständiger Land-
wirte vermehrt werden können, wenn bei der inneren Kolonisation die
produktionstechnischen und wirtschaftlichen Grundbedingungen inne-
gehalten werden, die für eine dauernde erfolgreiche Bewirtschaftung
jeder einzelnen Siedlerstelle Voraussetzung sind. Der sehr viel stärkere
Anteil selbständiger Existenzen der Landwirtschaft gegenüber der
Industrie- und Stadtbevölkerung ist in staatspolitischer Bedeutung un-
geheuer wichtig. Abgesehen von der nicht unwesentlichen Stärkung
der Steuerkraft wird der Mann, der mit seinem Eigentum eng ver-
knüpft ist, für die Erhaltung und das Wohlergehen des Staates stets
ein größeres Interesse haben als der nicht durch Eigenbesitz gebun-
dene unselbständige Angestellte und Arbeiter. Er wird den gefähr-
lichen, historisch unbegründeten wie dem Charakter des Volkes
wesensfremden Staatsexperimenten einen größeren Widerstand ent-
gegenzusetzen wissen, weil er weiß, daß mit der Gefährdung des
Staates auch seine Existenz gefährdet wird, besonders dann, wenn er
als Landmann noch nicht, wie der Städter, die Fühlung mit der Natur
verloren hat und in ihm die Stimme des Blutes noch nicht, wie beim
Intellektuellen, getötet ist.

Die Landwirtschaft hat also für den Staat nach zwei Richtungen
hin eine grundlegende Bedeutung:

1. ist sie es, die allein die Ernährung des Volkes sicherstellen und die
wirtschaftliche Unabhängigkeit vom Auslande gewährleisten kann;

” ist sie die Quelle, die einen ununterbrochenen Strom frischer Ar-
beitskraft den Arbeitsstätten der Industrie, den Städten, zuführt
und deren Bevölkerung ergänzt, die ohne diesen Zuwachs von
außen unter den schädlichen Wirkungen städtischer Zivilisation
zusammenschmelzen und degenerieren würde. Aufgabe jedes
Staates, der sich der nationalen Aufgaben seines Volkes in der ihm
durch die Natur gegebenen kulturellen und völkischen Eigenheit
bewußt ist, muß es sein, sich eine unabhängige, bodenständige Land-
wirtschaft zu erhalten, um aus ihr stets aufs neue seine Kräfte zu
ergänzen,

Die deutsche Wirtschaft,

30
        <pb n="530" />
        30.

Die wirtschaftliche Einstellung der öffentlichen
Verwaltung.
Von Ministerialrat Dr. Frielinghaus, Berlin,
I

Die öffentliche Verwaltung Preußens und, infolge des Schwer-
gewichts Preußens innerhalb Deutschlands, wohl ganz Deutschlands,
war bis zum Kriege durch den Geist der alten Beamtenfamilien be-
stimmt, denen Preußen seit den Tagen Friedrich Wilhelms I, seinen Auf-
stieg zu verdanken hat. Sie entstammten im wesentlichen dem ost-
elbischen Großgrundbesitz, und erst ganz allmählich hatten in den
letzten Jahrzehnten auch Söhne anderer Familien in die allgemeine
Verwaltung Preußens und des Reichs Eingang gefunden, ohne aber an
dem Geist dieser Verwaltung, der im wesentlichen konservativ-agra-
risch blieb, Entscheidendes ändern zu können. Das vertrug sich nicht
ganz mit einer Zeit, wo Deutschland längst von einem Getreide aus-
führenden zu einem Getreide einführenden Lande geworden war, das
nur noch 73 % des Getreidebedarfs selbst decken konnte; wo die In-
dustrie die jährliche Produktionsleistung der Landwirtschaft längst
überflügelt hatte und mit gewaltigen Exportziffern unsere Handels-
bilanz fast zu einer aktiven gestalten konnte; wo seit dem Jahre 1902
die Produktion an Eisen und Stahl selbst die englische übertraf und mit
der Kohle sich das gleiche im Jahre 1914 und 1915 ereignet hätte, wenn
nicht der Weltkrieg dazwischengetreten wäre,

Die Ursachen dieses Krieges sind, wenn auch sein Anlaß ein natio-
naler war, wirtschaftliche gewesen, und der englische Botschafter
Geddes in Washington hatte recht, wenn er den Krieg einen Kampf um
die Futterplätze der Welt nannte, Auf einen solchen Wirtschaftskrieg
waren wir mit unserem Beamtenapparat nicht vorbereitet, und wenn
nicht Wirtschaftsführer, wie Rathenau, gleich zu Beginn des Krieges
eingesprungen wären und die ganze Schwerindustrie mit all ihren
geistigen und materiellen Kräften sich in den nationalen Dienst gestellt
hätte, wir hätten nie und nimmer so lange durchhalten können, Rück-
schauend darf man vielleicht sagen, es war ein Unglück, daß die
lebendigen Kräfte des Handels durch eine vielleicht unvermeidliche
Zwangswirtschaft ausgeschaltet wurden, daß der königliche Kaufmann
        <pb n="531" />
        Die wirtschaftliche Einstellung der öffentlichen Verwaltung, 467
Hamburgs und Bremens seine internationalen Kenntnisse nicht eben-
falls im Interesse der Nation verwerten konnte, und daß Handel und
Wandel überall lahmgelegt wurden, bis das deutsche Volk infolge
innerer Blutleere nicht mehr die Kraft fand, die zersetzenden Keime,
die innere und äußere Feinde ihm einimpften, zu überwinden,

Nach dem Kriege sollten alle lebendigen Kräfte des Volkes an der
Verwaltung teilnehmen. Es trat deshalb eine bewußte Zurückdrängung
des konservativ-agrarischen Elementes und eine Durchsetzung des
Beamtenapparates, besonders im Reich, mit Vertretern des Handels,
der Industrie, des Handwerks, vor allem aber mit Arbeitnehmern ein,
um ihnen als gleichberechtigten Faktoren der Wirtschaft auch den
nötigen Einfluß in der Staatsverwaltung zu sichern. Es war das
umgekehrte Bild wie vor dem Kriege. Damals eine ge-
wisse Einseitigkeit in einem geschlossenen, an Disziplin gewohnten
und in seiner materiellen Lage infolge seiner Abstammung gesicherten
Verwaltungskörper, jetzt zwar Vielseitigkeit dieses Körpers, aber auf
Kosten der Einheit! Überall Reibungsflächen infolge der verschiedenen
sachlichen und persönlichen Anschauungen, Drängen nach den besser
besoldeten und einflußreichen Stellen, und zwar nicht nur seitens der
oberen, sondern auch der mittleren und unteren Beamten, sowie der
zahlreichen Angestellten nach Beamtenstellungen. Es geschah nicht
aus einem natürlichen Ehrgeiz, sondern oft aus der Not des Lebens
heraus, und deshalb wahllos in den Mitteln, besonders den politischen,
In einzelnen Ländern konnte sich zwar der alte Beamtengeist etwas
besser erhalten, soweit die Durchdringung mit den neuen Elementen
vorsichtiger erfolgte. Nur in den politischen Stellen trat der Wandel
auch hier zu schnell und unter zu starker Außerachtlassung der Vor-
bildung und Befähigung ein, was zu manchen Rückschlägen führte,
während in der Justiz, infolge der Unabsetzbarkeit der Richter, sich das
alte Beamtentum fast unvermischt erhalten konnte. Im ganzen: das
Drängen des neuen Deutschland nach neuen Lebensformen auch hier
an einer für seinen Aufbau so wichtigen Stelle. Viel unsicheres Tasten
auf neuen Wegen, viel Mißgriffe, und doch im ganzen ein ehrliches
Wollen von Kräften, die nach Besserem strebten und dem Bedürfnis des
Volkes in seiner schweren internationalen Lage gerecht zu werden
trachteten,

Man kann nicht sagen, daß die Einstellung der öffentlichen Verwal-
tung infolge der vielen der Wirtschaft entnommenen neuen Kräfte wirt-
schaftlicher geworden wäre. Im Gegenteil! Die alte preußische Spar-
samkeit, bei der fast um jede neue Etatsstelle ein Kampf geführt wer-
den mußte, und zwar sowohl innerhalb der Verwaltung selbst wie in
den Parlamenten, sie war dahin. Der Wunsch nach Einschiebung neuer
30*
        <pb n="532" />
        468 Ministerialrat Dr. Frielinghaus:
Kräfte begünstigte geradezu die Schaffung von Etatsstellen besonders
im Reich, wo der Aufbau der neuen Reichsfinanzverwaltung, der Über-
gang der Eisenbahnen auf das Reich, die Ausgestaltung der Reichs-
ministerien den willkommenen Anlaß zu immer neuen Einstellungen
bot. Hier haben dann auch die Abbauverordnungen am schärfsten ein-
setzen müssen. Hinzu kam die Inflation, die ein sparsames Wirtschaf-
ten fast unmöglich machte, und eine gewisse Großzügigkeit der aus an-
deren Berufen übernommenen Beamten, die die sparsame Art der
preußisch-deutschen Verwaltung als etwas Rückständiges bewußt über
Bord warfen, wobei anstatt Wirtschaftlichkeit oft Ver-
wirtschaftung herauskam. Gewiß, die Methoden der Ver-
waltung sind stark bürokratisch und bedürfen in vielen Behörden noch
immer einer Umgestaltung im Sinne größerer Wirtschaftlichkeit, wobei
manches Privatunternehmen als Vorbild dienen kann. Richtige Aus-
nutzung der Kräfte, Übertragung unwichtiger Arbeiten auf nach-
geordnete Stellen, volle Anwendung der technischen Hilfsmittel, das
sind Forderungen, auf die oft hingewiesen worden ist, und deren
Wichtigkeit auch für die öffentliche Verwaltung nicht übersehen
werden darf, Der Geist der neuen Beamten hat hier durchaus noch
nicht die notwendige Besserung gebracht. Im Gegenteil hat sich man-
cher frühere Kaufmann von den Schlingen der bürokratischen Metho-
den, die ihm geheiligte Formen erschienen, einfangen lassen und ist
stärker darin verstrickt als seine Kollegen der alten Schule, Die
Methoden selbst müssen geändert werden, wobei die heilige Scheu vor
der Oberrechnungskammer und dem Rechnungshof des Reiches nicht
aufgegeben zu werden braucht. Wissenschaftliche Betriebsführung ist
ein Wort, dem wir in unserer wirtschaftspolitischen Lage doppelte Be-
deutung beimessen müssen, und es ist erfreulich zu sehen, wie fast alle
größeren industriellen Betriebe bestrebt sind, sich nach wissenschaft-
lich begründeten Erfahrungssätzen umzugestalten, Das Buch des
Amerikaners Ford hätte bei uns nicht solchen Anklang gefunden, wenn
wir nicht seit Jahren bemüht wären, auf dem gleichen Wege weiter-
zukommen, und nur fehlendes Kapital und fehlender Absatz, nicht
mangelnder Wille oder Einsicht haben unsere Wirtschaftsführer viel-
fach verhindert, dieselben Wege zu gehen. Der Steuerzahler kann aber
verlangen, daß die öffentliche Verwaltung nach gleichen wissenschaft-
lichen Prinzipien arbeitet. Allgemeingültige Regeln lassen sich dabei
nur wenige aufstellen. Der Vorsteher jeder Behörde muß diese Re-
geln für sich ausbauen, und es bleibt nichts anderes übrig, als wie durch
scharfe Kontrollen ihre richtige Anwendung zu sichern, Dazu gehört
auch Pünktlichkeit im Dienst, Zuvorkommenheit gegenüber dem Publi-
kum und nicht zuletzt das Zusammenarbeiten von zahlreichen Arbeits-
        <pb n="533" />
        Die wirtschaftliche Einstellung der öffentlichen Verwaltung, 469
kräften in einem oder mehreren größeren Räumen, wobei es dem Büro-
vorsteher, wie in Privatbetrieben, möglich sein muß, den ganzen
Arbeitsraum zu überschauen,

Man kann hier an der großen Verwaltungsreform nicht
ganz vorbeigehen, die in Preußen seit mehr als 20 Jahren gefordert
wurde und jetzt endlich einer teilweisen Verwirklichung entgegen-
geführt werden soll, Eine Verwaltung arbeitet nicht schon dann gut,
wenn die einzelnen Behörden nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten
arbeiten; die Behörden müssen auch die richtige Stellung inerhalb des
Behördenorganismus haben. In der allgemeinen Verwaltung Preußens
stehen zwischen Lokalinstanz (Landrat, Stadtkreis) und der Zentral-
instanz (den Ministerien) zwei Mittelbehörden: der Regierungspräsi-
dent und der Oberpräsident, Welcher von ihnen soll weichen? Denn
einer ist zuviel, besonders wenn man bedenkt, daß auf manchen Ge-
bieten, z. B. dem sozialpolitischen, das Reich immer mehr Teilnahme
an der Verwaltung als Zentralinstanz beansprucht, nicht selten in
innerem Widerspruch zu Artikel 15 der Reichsverfassung. Die preu-
ßische Staatsregierung hat sich für die Aufgabe der Regierungspräsi-
denten entschieden und will zu diesem Zwecke zunächst zu dem frü-
heren Zustande zurückkehren, der den Oberpräsidenten mit dem am
Sitze des Oberpräsidiums vorhandenen Regierungspräsidenten in einer
Person vereinigte, Dadurch werden zunächst elf Regierungspräsidenten
frei. Die Beamten dieser Regierungspräsidenten sollen aber nicht auf
das Oberpräsidium übergehen, die Oberpräsidien werden vielmehr
durchweg verkleinert und in ihren Aufgaben beschränkt, während
an dem Beamtenapparat der Regierungspräsidenten zunächst nichts
Wesentliches geändert werden soll. Es wird abzuwarten sein, wie auf
diesem Wege die allmähliche Aufsaugung der Regierungen durch die
Oberpräsidien möglich gemacht werden kann,

Noch wichtiger ist für eine wirtschaftliche Gestaltung der öffent-
lichen Verwaltung die Stellung der Länder zudem Reich.
Nach dem Umsturz schwollen die Reichsministerien außerordentlich an.
Alle wichtigen Aufgaben sollten auf sie übergehen, und der deutsche
Einheitsstaat schien der Verwirklichung nahe, Doch die Weimarer
Verfassung erreichte dieses ihrem Verfasser vorschwebende Ziel nicht.
Deutschland wurde kein Einheitsstaat, blieb aber auch kein Bundes-
staat — ein halber Zustand, der naturgemäß zu Reibungen führte, Es
setzte deshalb unter der Führung Süddeutschlands, besonders Bayerns,
schon bald eine rückläufige Bewegung ein, die ihren Abschluß noch
nicht erreicht hat. Den Stein des Anstoßes bildete vor allem die Erz-
bergersche Steuerreform, die durch die Schliebenschen neuen Steuer-
gesetze ersetzt ist. Letztere stellen ein gewaltiges Gesetzgebungswerk
        <pb n="534" />
        470 Ministerialrat Dr. Frielinghaus:

dar, das unter dem Motto der Entlastung der Wirtschaft von einem
übermäßigen Steuerdruck zustande gekommen ist, Ob dieses Ziel
wirklich erreicht ist, kann erst die Zukunft lehren. Zweifellos sind
aber ganz erhebliche Verbesserungen in der Struktur der Gesetze vor-
handen, die ihre erleichterte Handhabung und damit auch eine Verein-
fachung für die Wirtschaft sicherstellen. Allerdings ist das wichtigste
Finanzausgleichgesetz nur ein vorläufiges. Es will den Gemeinden erst
vom 1. April 1927 ab das Recht zur Erhebung von Zuschlägen zu den
Einkommens- und Körperschaftssteuern geben. Damit wird die Her-
stellung einer Relation zwischen Personal- und Realsteuer zwar hinaus-
geschoben. Bei allen Vorzügen, die eine solche Relation für eine spar-
samere Wirtschaft innerhalb der Gemeinden hat, erwies sich die Hin-
ausschiebung des Zuschlagsrechtes doch als notwendig, damit in-
zwischen durch die auf das Jahr 1926 hinausgeschobene Veranlagung
der Personalsteuern und die notwendige Neuordnung der Realsteuern
eine bessere Grundlage gewonnen werden kann, Es ist dringend not-
wendig, daß die Länder bei der Neuordnung der Realsteuern auf die
Belange der Wirtschaft in weitgehendster Weise Rücksicht nehmen.
Andernfalls wird der schon jetzt hin und wieder hervorgetretene
Wunsch nach Verreichlichung auch dieser Gesetze immer mehr hervor-
treten, wodurch sich das staatsrechtliche Verhältnis zwischen Reich,
Ländern und Gemeinden auf das empfindlichste verschieben würde.
Das wäre eine Entwicklung, die Länder und Gemeinden am meisten
beklagen müßten, denn ohne eigene Steuern, die den veränderten Be-
dürfnissen des Staates und der Gemeinde angepaßt werden können,
gibt es kein Eigenleben, keine Selbstverwaltung in den Kommunen,
Sind die Länder nur auf Überweisungssteuern seitens des Reiches an-
gewiesen, so sinken sie zu Reichsprovinzen herab.

In diesem Zusammenhang muß man sich auch der Unzulänglichkeit
bewußt werden, die in der augenblicklichen Zusammensetzung
des Reichs liegt. Durch den Zusammenschluß von Thüringen und
durch den Übergang Koburgs an Bayern ist zwar die Zahl der Länder
von 24 auf 18 zurückgegangen. Aber welche Existenzberechtigung
haben jetzt noch die kleineren Länder, da auch die Staatsverwaltung
sich immer mehr von wirtschaftlichen Rücksichten leiten lassen muß?
Die Wirtschaft rechnet mit großen Wirtschaftsgebieten und kann nicht
an den Grenzen Waldecks oder Mecklenburg-Strelitz’ haltmachen, Und
wie schwer ist auf der anderen Seite das richtige Verhältnis zwischen
dem großen Preußen und dem Reich zu finden, nachdem Preußen seine
Vorrechte als Präsidialmacht freiwillig aufgegeben und sich mit den
übrigen. Ländern auf gleiche Stufe gestellt hat! Früher wurde ein
großer Teil der Reichsgesetze in den preußischen Ministerien aus-
        <pb n="535" />
        Die wirtschaftliche Einstellung der öffentlichen Verwaltung, 471
gearbeitet, die infolge ihrer Erfahrungen bei der Anwendung der Ge-
setze am besten wissen mußten, wie die Neuordnung zu gestalten sei.
Jetzt ist Gesetzgebung und Verwaltung auf den wichtigsten Gebieten
zwischen dem Reich und den Ländern geteilt, was sowohl auf die große
Zahl wie auf die Güte der Gesetze nicht ohne Einfluß bleiben konnte.
Aber die Lösung der hiermit zusammenhängenden großen innerpoliti-
schen Fragen muß hinausgeschoben werden, bis Deutschland in seiner
Außenpolitik sich wieder zu Freiheit und vollkommener Unabhängig-
keit durchgerungen hat; deshalb sollen sie hier auch nur angedeutet
werden,

X.

Die Übernahme zahlreicher neuer Kräfte hat eine gewisse Starre
in der öffentlichen Verwaltung gelöst und sie dem wirtschaftlichen
Leben nähergebracht, Das gilt nicht gleichmäßig für alle ihre Zweige.
Besonders in den Regierungs- und Provinzbehörden verhindert eine
rein staatliche und kommunale Einstellung nicht selten das verständnis-
volle Eingehen auf die Belange der schwer ringenden Wirtschaft. Auch
führt in manchen Behörden Sankt Bürokratismus noch nach wie vor das
Zepter und wird erst mit den leitenden Personen ausscheiden. Aber
man darf wohl feststellen, daß das wirtschaftliche Verständnis inner-
halb der meisten Behörden doch zugenommen hat, und zwar in dem-
selben Maße, als — leider — die Achtung der Wirtschaftskreise vor den
Behörden abnahm. Durch die Beseitigung des Obrigkeitsstaates haben
die Behörden den schwersten Stoß erlitten. Alle die ungeheuren
Schwierigkeiten, die der Zusammenbruch des Jahres 1918 mit sich
brachte, haben sich zunächst innerhalb der Behörden ausgewirkt, und
hätte der Geist des alten Beamtentums sich den neuen Verhältnissen
nicht anzupassen gewußt, wir wären nie über die letzten fünf Jahre hin-
weggekommen. Die neu eingetretenen Beamten haben den Staat nicht
über Wasser gehalten. Im Gegenteil, es waren manche ungeeigneten
Elemente darunter, die zu den Totengräbern des Staatsgedankens ge-
worden wären, wenn sie ungehemmt von dem Pflichtbewußtsein ihrer
Kollegen alter Schule sich hätten auswirken können. Die Wirtschaft
darf allmählich die Geringschätzung der Behörden, die sich in dem
Worte von dem unproduktiven Stande ausspricht, aufgeben. Das große
Reinemachen, dem auch sie sich unterziehen muß, weil sie wieder zur
Produktivität gelangen will, hat auch bei den Behörden eingesetzt und
wird dazu beitragen, daß sich beide in Zukunft in gleichmäßiger Ach-
tung und gemeinsamer Arbeit zum Wohle des Ganzen begegnen.

Mit dem Verlust der alten übergeordneten Stellung werden sich
die Behörden allerdings abfinden müssen, und das ist gut; denn sonst
werden zu leicht wieder Grenzgräben zwischen ihnen und dem Publi-
        <pb n="536" />
        472 Ministerialrat Dr. Frielinghaus:

kum, ja zwischen den einzelnen Behörden selbst, gezogen, die zu über-
brücken uns nach unserem ganzen Nationalcharakter so außerordent-
lich schwer wird. In jedem Abschließen liegt das Eingeständnis einer
Schwäche. Der tüchtige Berufsstand, der in inniger Berührung mit
anderen Berufen seine Pflicht erfüllt, wird sie nicht nötig haben. Das
gilt für die Justiz nicht minder wie für die allgemeine Verwaltung, für
das Heer wie besonders für das Auswärtige Amt, an dem die Fehler
einer zu weit gehenden Abschließungsich am deutlichsten offenbart haben.

Eine Folge dieser inneren Umwandlung ist die Einsicht, daß die
Behörde nicht alles kann, daß sie insbesondere der Wirtschaft nicht
auf ihrem eigensten Gebiete Konkurrenz machen darf. Wie nahe waren
wir den Sozialisierungs- und Kommunalisierungsbestrebungen nach
russischem Muster! Aber das sich offenbarende Fiasko der russischen
Waırtschaft und mehr wohl noch die Unmöglichkeit der Durchführung
einer Zwangswirtschaft in wirtschaftlich normalen Zeiten haben auch
die einsichtigen Arbeitnehmer davon überzeugt, daß die ungeschrie-
benen Gesetze der Wirtschaft nicht verletzt werden dürfen, ohne daß
das ganze Volk Schaden erleidet.

Inzwischen hat eine Bewegung in entgegengesetzter Richtung an
Platz gewonnen. Sehr viele staatliche Betriebe sind
allmählich in privatwirtschaftliche Formen über-
geführt worden. Was im Obrigkeitsstaat noch möglich war, das
erwies sich im Volksstaat, in dem die Regierung dem Druck des Parla-
mentes und des Volkes so viel mehr ausgesetzt ist, als unmöglich, Die
wirtschaftlichen Belange der Betriebe konnten diesem Drucke nicht
standhalten. Um dem Niedergange der Betriebe selbst vorzubeugen,
mußten sie umgewandelt und dadurch von dem Druck befreit werden,
Die Deutschen Werke, in der alle früheren militärischen Betriebe des
Reichs vereinigt wurden, konstituierten sich alsbald nach dem Kriege
als privatrechtliche Gesellschaft, Es folgten die Elektrizitätsunter-
nehmen des Reichs, dann Preußens. Auch die Bergwerke Preußens
wurden in eine Aktiengesellschaft übergeführt, und zwar — ein Zeichen
der Zeit — unter einem sozialistischen Minister, Schließlich folgte auch
die Reichseisenbahn, als stärkstes Bollwerk eines früher so glänzend
geführten Staatsbetriebes”).,

*) Das Gesetz über die Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft sagt in der Begründung:
„Die neue Gesellschaft entspricht keiner der im deutschen Handelsrechte vorgesehenen
Gesellschaftsformen, sondern bildet eine Gesellschaft eigenen Rechtes mit privat-
wirtschaftlichem Charakter, aber mit starkem öffentlich-rechtlichem Einschlag. Die
Bestimmungen des Handelsgesetzbuches über Gesellschaften finden demgemäß
auf sie nur insoweit Anwendung, als sie im Gesetz selbst bezeichnet sind,”
(S i6 des Gesetzes.) Die Abweichung vom Aktienrecht besteht hauptsächlich darin,
daß es bei der neuen Gesellschaft an der Generalversammlung fehlt. Deren Auf-
        <pb n="537" />
        Die wirtschaftliche Einstellung der öffentlichen Verwaltung, 473

Wenn wir auf die Gesellschaften im einzelnen eingehen, so er-
folgte die Umwandlung in der Regel in der Weise, daß ein Teil der
Beamten unter Aufgabe ihres Beamtenverhältnisses, aber unter mög-
lichster Sicherung ihrer bisherigen wohlerworbenen Rechte auf die
Gesellschaft übernommen wurde, Der Personalbestand der Gesell-
schaft wurde durch Personen des Wirtschaftslebens ergänzt. Insbe-
sondere wurden in die führenden Stellungen solche Personen berufen,
die ihre Leistungsfähigkeit schon bisher in Privatbetrieben erwiesen
hatten. Nur die „Deutsche Reichsbahn" machte hierin eine
Ausnahme”).

Bei den Kommunen hatte die Annahme privatrechtlicher Ge-
sellschaftsformen für die kommunalen Betriebe schon mit Beginn des
Jahrhunderts eingesetzt, Sie erfolgte vielfach in der Form ge-
mischtwirtschaftlicher Unternehmungen, wobei das
Gesellschaftskapital zum Teil von privater Seite aufgebracht wurde.
Immer mehr ist es das Bestreben der öffentlichen Verwaltung gewor-
den, alle Wirtschaftsbetriebe entweder der Privatwirtschaft zu über-
lassen oder sie wenigstens in den Formen der Privatwirtschaft zu be-
treiben. Nur im freien Konkurrenzkampf mit gleichartigen Privat-
betrieben können die öffentlichen Betriebe ihre Wirtschaftlichkeit er-
weisen und sich vor Erstarrung schützen, Hierbei ist notwendig, daß
sie auch unter gleichartigen Bedingungen arbeiten. Es ist ein
schwerer Fehler, wenn öffentliche Betriebe z. B.
gaben liegen dem Verwaltungsrat ob. Auch in den Bestimmungen über die Aus-
gabe der Aktien, über die Rechie der Aktionäre und in anderen Punkten finden
sich im Gesetz und in der Satzung so wesentliche Unterschiede von den für die
Handelsgesellschaften geltenden Bestimmungen, daß die Aktien der Deutschen
Reichsbahn-Gesellschaft den Aktien des deutschen Handelsrechts nicht ohne weiteres
gleichstehen.

*) Nach $ 15 der Satzung der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft hat der Ver-
waltungsrat die Aufgabe, die Geschäftsführung der Gesellschaft zu überwachen und
über alle wichtigen und grundsätzlichen Fragen oder solche von allgemeiner Bedeu-
tung zu entscheiden, Hierzu gehören insbesondere:

Die Ernennung des Generaldirektors und der oberen Beamten; diese hat
der Generaldirektor vorzuschlagen;

die Feststellung des Voranschlages;

die Feststellung der Bilanz und der Gewinn-und-Verlust-Rechnung;

die Gewinnverteilung;

die Anlegung der flüssigen Mittel der Gesellschaft;

die Ermächtigung zur Aufnahme von Anleihen und Krediten zu Lasten
der Gesellschaft;

die Besoldungs- und Lohnordnung;

die Genehmigung aller Ausgaben auf Kapitalrechnung, wenn diese die
vom Verwaltungsrate festgesetzte Begrenzung übersteigen,

Danach liegt die Leitung der Reichsbahn-Gesellschaft in der Hand des Verwal-
tungsrates und des Vorstandes, während die Aufsicht über die Reichsbahn nach wie
vor dem Reiche als Träger der Eisenbahnhoheit (Reichsverkehrsminister) verbleibt.
        <pb n="538" />
        474 Ministerialrat Dr. Frielinghaus:
steuerrechtlich bevorzugt werden. Dies erkennt das
neue Gesetz über die gegenseitige Besteuerung von Reich, Ländern und
Gemeinden wenigstens im Prinzip an. Wenn es noch zahlreiche Aus-
nahmen von dem Grundsatz enthält, und insbesondere die Steuer-
freiheit der Eisenbahn‘), die durch das Londoner Abkommen leider
festgelegt wurde, nicht beseitigen, sondern nur abschwächen konnte,
so ist das gewiß zu bedauern,
HL

Mit je weniger Beamten ein Staatswesen auskommen kann, desto
besser wird es im allgemeinen verwaltet. Das gilt ganz besonders für
Deutschland in seiner jetzigen Lage, die ihm die äußerste Sparsamkeit
auferlegt. Immer mehr muß sich deshalb der Staat darauf beschrän-
ken, die Hoheitsverwaltung, also insbesondere die Justiz und die allge-
meine Verwaltung, allein in der Hand zu behalten. Genau wie vor
mehr als hundert Jahren ein Hauptpunkt des Steinschen Reformwerks
die Trennung von Justiz und Verwaltung war, so müßte es jetzt heißen;
Trennung von Verwaltung und Wirtschaft, und ähnlich
wie vor hundert Jahren von der allgemeinen Verwaltung die Selbst-
verwaltung der Kommunen abgezweigt wurde, müßte jetzt von ihr eine
Selbstverwaltung der Wirtschaft losgelöst werden,

Die Wirtschaft ist mündig geworden. Sie hat Deutschland im
letzten halben Jahrhundert groß gemacht, sie ist der feste Grund, der
weder von unseren auswärtigen Feinden noch durch die inneren Wirren
der letzten Jahre erschüttert werden konnte. Freilich, es geht ihr
schlecht genug infolge des Unverstandes der Welt. Aber ihre Wurzeln
sind gesund, und sie wird wieder frische Zweige und Blüten treiben,
wenn ihr wieder frische Luft und das Licht der freien Entwicklung
zuteil wird. Was sie zum Leben braucht, das wird sie selbst am besten
beurteilen können, und wie sie es braucht, sollte man ihr ebenfalls
überlassen. Gewiß bedarf sie der staatlichen Unterstützung durch ein
wirtschaftsfreundliches und mit dem nötigen Verständnis für das Wesen
der Wirtschaft ausgerüstetes Beamtentum, Aber wir haben zu zeigen
versucht, daß jeder unmittelbare Eingriff in die Wirtschaft durch Über-
nahme allgemeiner Wirtschaftsaufgaben oder der Betrieb einzelner

*) Nach 8 14 des Reichsbahngesetzes ist die Reichsbahn-Gesellschaft von
jeder neuen direkten Steuer auf ihre Rein- oder Roheinnahmen, auf ihr bewegliches
oder unbewegliches Eigentum oder auf ihr Personal und von jeder sonstigen neuen
direkten Steuer des Reichs, der Länder, der Gemeinden (Gemeindeverbände) und
sonstiger öffentlichen Körperschaften befreit. Als neue Steuer gilt jede Steuer, der
das Unternehmen „Deutsche Reichsbahn” am 12. Februar 1924 nicht unterworfen war,
Nach dieser gesetzlichen Feststellung wird nur noch übrigbleiben, im Wege der Ver-
handlung zwischen Reichsbahn-Gesellschaft und Betriebsgemeinden die steuerlichen
Verluste der letzteren durch Beitragsleistung abzuwenden.
        <pb n="539" />
        Die wirtschaftliche Einstellung der öffentlichen Verwaltung, 475
Wirtschaftszweige durch den Staat möglichst zu vermeiden ist. Dennoch
wachsen bei der überragenden Bedeutung der Wirtschaft für den
modernen Staat die Wirtschaftsaufgaben von Jahr zu Jahr, und immer
mehr zeigt sich das Bedürfnis, im Wege der Gesetzgebung und Ver-
waltung helfend und regelnd in die Wirtschaft einzugreifen.

Wer soll diese Gesetze ausführen, wer die wirtschaftliche Ver-
waltung übernehmen? Der Staat mit seinen Behörden oder die Wirt-
schaft selbst durch ihre Organe? Wir sind der Meinung, daß die
staatlichen Behörden bei aller wirtschaftlichen Einstellung, die man
von ihnen verlangen muß, hierzu nicht in der Lage sind. Ihr verständ-
nisvolles Zusammenarbeiten mit den Organen der Wirtschaft ist nötig.
Aber der Staat sollte möglichst viel der Wirtschaft selbst überlassen
und sich darauf beschränken, zu verhindern, daß in dem Konkurrenz-
kampf der einzelnen Wirtschaftszweige und Wirtschaftsfaktoren der
eine den anderen zu Lasten der Allgemeinheit zu übervorteilen sucht.
Diese Gefahr liegt nahe, und sie könnte zu Mißständen führen, wenn
solche Vorteile bei der Ausführung von Staatsaufgaben erstrebt wür-
den. Deshalb muß man sich zunächst fragen, ob die Organe der Wirt-
schaft zur Übernahme dieser großen Aufgabe geeignet erscheinen, ins-
besondere, ob sie ihrer ganzen Struktur nach objektiv genug sind,
solche Aufgaben im Interesse der Allgemeinheit auszuführen,

Die Organe der Wirtschaft sind außerordentlich mannigfaltig.
Darin liegt eine Hauptschwierigkeit bei der Übernahme. Wir haben
reine Interessenvertretungen, wie den Reichslandbund, den Reichs-
verband der Deutschen Industrie, den Zentralverband des Großhandels,
die Hauptgemeinschaft des Einzelhandels und für das Handwerk die
Innungen mit ihren Verbänden‘). Wir haben ferner in sozialpolitischer
Hinsicht Arbeitgeber- und Arbeitnehmervereinigungen, von denen die
Arbeitgebervereinigungen fast durchweg in enger Verbindung mit den
obengenannten Organisationen stehen, wenn auch häufig mit anderem
bezirklichen Unterbau, während die Arbeitnehmer in den drei großen
Gewerkschaftsrichtungen vereinigt sind, und zwar den an Zahl bei
weitem am stärksten freien Gewerkschaften, den christlichen und den
Hirsch-Dunckerschen Gewerkschaften, neben denen noch arbeitsfried-
liche Vereinigungen stehen, die den Streik ablehnen und an Bedeutung
in letzter Zeit gewachsen sind; ferner radikale, wie die Arbeiterunion
und die syndikalistischen Vereinigungen, die die Übernahme der Be-
triebe durch die Arbeitnehmer unter Ausschaltung der Arbeitgeber
anstreben. Neben diesen reinen Interessenvertretungen stehen Kam-
mern der drei großen Berufsrichtungen, nämlich Landwirtschafts-, Han-

°) Vgl. Jahrbuch der Berufsverbände 1925. Herausgegeben von der Reichsarbeits-
verwaltung, Verlag von Reimar Hobbing.
        <pb n="540" />
        476 Ministerialrat Dr. Frielinghaus:

dels- und Handwerkskammern, als Körperschaften des öffentlichen
Rechts mit der Stellung von Behörden und mit Geschäftsführern, die
Beamtencharakter haben. Sie sind bisher allein der Landesgesetz-
gebung unterworfen und deshalb nicht ganz einheitlich in ihrem Auf-
bau. Aber da sie im letzten Jahrhundert nicht nur in den einzelnen
Ländern Deutschlands, sondern in allen Kulturstaaten — wenigstens
gilt dies für die wichtigen Handelskammern — entstanden sind, so
verdanken sie ihre Errichtung einem überall empfundenen praktischen
Bedürfnis. In dieser Hinsicht ist bezeichnend, daß die Türkei alsbald
nach Abschüttelung der Kapitulationen in dem Frieden von Lausanne
an die Gründung von Handelskammern herangetreten ist, die gleich-
mäßig über das ganze Land verteilt werden sollen,

Liegt die Vielgestaltigkeit der Organisationen im Interesse der
Wirtschaft? Die Frage läßt sich nicht mit einem glatten Ja oder Nein
beantworten. Wo Doppelarbeit oder gar Gegeneinanderarbeit erfolgt,
da sollte eine Vereinfachung angestrebt werden. Denn wenn die
Wirtschaft so häufig über die vielen Behörden klagt und sich über die
oft vorhandenen Gegensätze der Behörden untereinander wundert, so
sind die Behörden nicht minder erstaunt, wenn sie die Kämpfe der
Wirtschaftsorganisationen sehen und wegen ihrer Vielgestaltigkeit oft
nicht wissen, mit welcher sie wegen einer gesetzgeberischen Frage ver-
handeln sollen, da fast immer mehrere sich für zuständig halten. In der
Wirtschaft selbst führt dies oft dazu, daß die Wirtschaftsführer dieselbe
Frage in den verschiedensten Organisationen behandeln müssen. Das
hat gewiß manchmal seine Berechtigung, wenn nämlich verschiedene
Interessen eine verschiedene Beleuchtung der Frage erfordern. Aber
man darf wohl sagen, daß in den meisten Fällen eine Zeit- und Arbeits-
verschwendung vorliegt, die den Führern der Wirtschaft das Mitwirken
an den öffentlich-wirtschaftlichen Fragen so sehr verleidet. Zusam-
menfassung der Kräfte unter Abbau der Organisationen wäre deshalb,
genau wie bei den Behörden, auch hier am Platze. Erst dann wird
sich klar ergeben, daß zur Übernahme der wirtschaftlichen Selbstver-
waltung die Kammern am geeignetsten erscheinen,

Bei den Handwerkskammern hat sich diese Erkenntnis schon Bahn
gebrochen und soll demnächst in einem Reichsgesetz ihren Ausdruck
finden. Hier marschieren Innungen und Kammern, also die reinen
Interessenvertretungen und die halbamtlichen Vertretungen, zusammen
und ergänzen sich in ihren bezirklichen wie zentralen Organisationen,
Es soll eine volle Zusammenfassung der Kräfte angestrebt werden, die,
wenn sie den richtigen Ausdruck findet, für das Handwerk gewiß
segensreich sein wird, In der Landwirtschaft gehen die beiden Rich-
tungen nicht immer zusammen, Hier sind die Kammern, wenigstens
        <pb n="541" />
        Die wirtschaftliche Einstellung der öffentlichen Verwaltung, 477
in Preußen, einem starken Druck in der Richtung der Bürokratisierung
ausgesetzt, während auf der anderen Seite der Reichslandbund und
die Bauernvereine als berufliche Interessenvertretung von politischen
Einflüssen nicht ganz frei sind, In Industrie und Handel sind die Orga-
nisationen am vielgestaltigsten. Bei der Interessenvertretung trennen
sich Industrie, Großhandel und Einzelhandel, während in den Industrie-
und Handelskammern alle drei vereinigt sind, was letzteren eine be-
sondere Bedeutung verleiht und sie wohl mit dazu veranlaßt hat, neben
der Zentrale der industriellen Interessenvertretungen, dem Reichsver-
band der Deutschen Industrie, sich im Deutschen Industrie- und Han-
delstag eine besondere Vereinigung zu schaffen, die aber leider
nicht, wie ihre Glieder, bisher das Recht der öffentlichen Körperschaft
genießt,

Es konnte nicht ausbleiben, daß zwei solche mächtige Organi-
sationen, deren Tätigkeitsgebiet teilweise dasselbe ist, in eine gewisse
Konkurrenz traten. Da manche Wirtschaftsführer in beiden Organi-
sationen tätig sind, wird es vor allem ihre Aufgabe sein, unnötige
Reibungen durch Abgrenzung des Aufgabengebietes nach Möglichkeit
auszuscheiden. Im übrigen kann aber eine Konkurrenz sehr wohl
dann stattfinden, wenn der Reichsverband mit seiner Stoßkraft als
industrielle Interessenvertretung eine Sache allein vom Standpunkt der
Industrie behandelt, während der Industrie- und Handelstag sie unter
Berücksichtigung der mit der Industrie oft eng verbundenen Interessen
des Groß- und Einzelhandels beleuchtet und vor allem den objektiveren
Maßstab einer halbamtlichen Berufsvertretung anlegt. Das erfordert
in den Augen der interessierten Wirtschaftskreise manchmal eine Ent-
sagung, aber eine Entsagung zugunsten des Allgemeinwohls und damit
eine Erhebung zu einem höheren Standpunkt der Nationalwirtschaft.,

Gerade das letztere ist es, was die Kammern in den Augen des
Staates zu Trägern der wirtschaftlichen Selbstverwaltung besonders
geeignet erscheinen läßt. Diese Entwicklung hat sich schon im Laufe
des letzten Jahrhunderts angebahnt. Die Kammern sind z. B. die
Träger des landwirtschaftlichen und gewerblichen Schulwesens ge-
worden, Auch die Handelsschulen und Handelshochschulen verdanken
ihnen fast durchweg ihre Entstehung. Sie haben Börsen, Messen und
Märkte eingerichtet, Fachausstellungen veranstaltet, Häfen geschaffen
und unterhalten, Wasserstraßen reguliert oder neu gebaut und andere
Einrichtungen getroffen, die ihren Berufsmitgliedern zugute kamen,
Alle diese Veranstaltungen hätte der Staat im Interesse seiner Bürger
selbst treffen müssen, wenn sie nicht von den Kammern in die Hand
genommen wären. Indem er es den Kammern überließ, sie im Wege
der Selbstverwaltung zu schaffen, befreite er sich selbst von wirtschaft-
        <pb n="542" />
        478_ Ministerialrat Dr. Frielinghaus:

lichen Aufgaben und legte sie zum Segen der Beteiligten in die Hände,
die nicht nur am sachkundigsten waren, sondern auch das größte In-
teresse an einer richtigen Gestaltung der Einrichtungen hatten.

Neuerdings ist aber der Staat in einer viel zu wenig er-
kannten Entwicklung noch ein ganzes Stück weitergegangen,
Er überläßt der Wirtschaft nicht nur wirtschaftliche Selbstverwaltungs-
aufgaben, sondern er überträgt den Kammern auch staatliche Auf-
gaben auf dem Gebiete der Wirtschaft im Wege des Auftrages; mit
anderen Worten: Die Kammern nehmen diese Aufgaben im Namen des
Staates wahr, Es ist dies dieselbe Entwicklung, wie sie viel früher in
der Gemeindeverwaltung eingesetzt hat. Zunächst handelte es sich
nach der Stein-Hardenbergschen Gesetzgebung auch dort um die Be-
teiligung der Gemeinden an der Verwaltung ihrer eigenen Angelegen-
heiten, die bis dahin entweder überhaupt nicht oder von den Staats-
behörden wahrgenommen waren, Im Laufe der Entwicklung wurden
den größeren Kommunen, besonders den Landkreisen und kreisfreien
Städten, auch rein staatliche Aufgaben, wie z. B. die Polizei, als Auf-
tragsangelegenheiten übertragen. Zu diesem Punkt der Entwicklung
sind wir jetzt auch in der Wirtschaft gekommen.

Den Kammern, besonders den Industrie- und Handelskammern,
sind in den letzten Jahren in zunehmendem Maße rein staatliche Auf-
gaben der Wirtschaft übertragen, Ich erinnere an die Mitwirkung der
Handelskammern bei den Handelserlaubniserteilungen, in der Devisen-
gesetzgebung, der Reichspost- und Reichseisenbahnverwaltung, der
Reichsnachrichtenübermittelung und Steuergesetzgebung, um nur einige
Beispiele zu nennen. Bei der letzteren ging die preußische Gesetz-
gebung so weit, daß sie in 8 54 Abs. 3 des Kommunalabgabengesetzes
den Berufsvertretungen, also den Kammern, ein Anhörungsrecht bei
der Festsetzung der Realsteuern einräumte. Als das preußische Ober-
verwaltungsgericht diese Bestimmung für eine Sollvorschrift erklärte,
so daß sie von den Kommunen ohne Schaden für die Gültigkeit der
Steuerbeschlüsse außer acht gelassen werden konnte, legte die preu-
ßische Gewerbesteuerverordnung vom 23, November 1923 sie als Muß-
vorschrift von neuem fest, In den Ausführungsvorschriften zu dieser
Verordnung wurde ferner den Industrie- und Handelskammern Einblick
in alle Unterlagen der Gewerbesteuerbeschlüsse, also auch in die Haus-
haltspläne der Kommunen, gewährt, was nicht nur für die Entwicklung
des Kammerwesens, sondern vor allem für die Stellung der Wirtschaft
zum Staate einen außerordentlichen Schritt nach vorwärts bedeutete,
Die staatlichen Aufsichtsbehörden der Kommunen (Landrat, Regie-
rungspräsident, Oberpräsident) sehen sich allein nicht mehr in der Lage,
zu beurteilen, ob ein Steuerbeschluß der Gemeinde für die Wirtschaft
        <pb n="543" />
        Die wirtschaftliche Einstellung der öffentlichen Verwaltung. 479
noch tragbar ist, mit anderen Worten, ob die Gemeinde nicht auf
anderem Gebiete noch Ersparnisse machen kann, damit der Beschluß
tragbar wird, und ziehen nach der Vorschrift des Gesetzes die Industrie-
und Handelskammern zur Beurteilung dieser Frage mit heran. Und
die Kammern betonen etwa nicht nur das Interesse der Wirtschaft
und lehnen hoch erscheinende Beschlüsse ohne weiteres ab, sondern
als Finanzsachverständige versenken sie sich mit außerordentlicher
Sorgfalt in die Gemeindeetats und haben den Steuerbeschlüssen in
vielen Fällen zugestimmt, wenn sie für die Wirtschaft zwar untragbar
waren und ihre Substanz in weitgehendem Maße angriffen, aber im
Interesse einer ordentlichen Gemeindeverwaltung erforderlich erschie-
nen, Besonders haben sich hier die Kammern des Ruhrgebiets durch
Selbstlosigkeit hervorgetan, die, ungeachtet der verzweifelten Lage der
Wirtschaft, mit den Gemeinden immer wieder Hand in Hand gingen,
um aus der durch den Einbruch der Franzosen und Belgier geschaffenen
schwierigen Lage gemeinsam einen Ausweg zu finden,

Wirstehenhier erstam Anfang einer Entwick-
lung, die nicht nur für die Stellung der Staatsbe-
hörden zur Wirtschaft, sondern vorallem für diese
selbst vonder größten Bedeutung werden kann, Hin
und wieder ist seitens der Kammern geklagt: Warum belastet uns der
Staat mit allen möglichen Aufgaben? Sie bringen nur Arbeit und
kosten Geld, über das wir in der jetzigen Zeit nicht verfügen. Diese
Stimmen sind gottlob nur vereinzelt geblieben. Der Staat hat den
Kammern das Besteuerungsrecht ihrer Mitglieder verliehen. Die Kam-
mern sind also in der Lage, die nötigen Mittel im Wege der Umlage
aufzubringen. Wer sich scheut, diese Mittel herzugeben, der muß eben
auf die Mitwirkung im Staatsleben verzichten, aber den Interessen
seines eigenen Berufes und der Allgemeinheit dient er damit nicht.

Schwerer ist ein anderer Punkt zu nehmen. Die Industrie- und
Handelskammern sind historisch gewordene Gebilde, die zu verschie-
denen Zeiten und in ganz verschiedener Größe entstanden sind und
im Gegensatz zu den Landwirtschafts- und Handwerkskammern ein
ganz uneinheitliches Bild gewähren. Jene schließen sich eng an die
Provinzialgrenzen, diese im allgemeinen an die Regierungsbezirke an
und bekommen damit schon den nötigen Zusammenhang mit den
Staatsbehörden, Die Industrie- und Handelskammern sind dagegen
fast willkürlich über Deutschland zerstreut, obwohl sie in erster Linie
Träger der modernen Entwicklung sind, was bei der außerordentlich
gewachsenen Bedeutung von Industrie und Handel für das Staatsganze,
ja für die Existenz Deutschlands, erklärlich ist. Aber sie sind in ihrer
Organisation am rückständigsten. Allein in Preußen gab es bis vor
        <pb n="544" />
        480 Ministerialrat Dr. Frielinghaus:

kurzem noch 75 Handelskammern gegenüber 11 Landwirtschafts- und
33 Handwerkskammern, Ganz kleine, durchaus leistungsunfähige Kam-
mern stehen neben großen, leistungsfähigen, die ein einheitliches wirt-
schaftliches Interessengebiet umfassen und deshalb sich sehr stark be-
tätigen können. Demgegenüber mußte sich die Tätigkeit mancher
kleinen Kammer schon aus Personalgründen auf die Wahrnehmung rein
örtlicher Interessen beschränken, was eine Vernachlässigung der größe-
ren Wirtschaftsinteressen des Bezirkes zur Folge hatte. Die Schäden
dieser unhaltbaren Organisation wurden schon früher erkannt. Aber
zwei Anläufe der preußischen Gesetzgebung im Jahre 1897 und 1918
scheiterten an der Hartnäckigkeit, mit der ein größerer Teil der Han-
delskammern an dem historisch gewordenen Bezirk festhielt.

Nun hat eine neuere preußische Verordnung mit Gesetzeskraft vom
1. April 1924 den Kammern die Möglichkeit geboten, durch Vereinigung
von Zweckverbänden auch den größeren bezirklichen Wirtschafts-
interessen gerecht zu werden und aus dem Dornröschenschlaf einer
nicht mehr zeitgemäßen Wirtschaftsbehandlung zu erwachen, Zahl-
reiche Kammern haben von dieser Befugnis schon Gebrauch gemacht
und sich damit vor der Anwendung des dem preußischen Handels-
minister verliehenen Auflösungsrechts geschützt. Aber es ist noch
mehr als bisher zu tun! Die Übertragung von Staatsaufgaben muß
eine Unterbrechung erleiden, wenn sich die Kammern diesen Aufgaben
nicht voll gewachsen zeigen und nicht den Nachweis erbringen, daß
die Wirtschaft, ebenso wie die Kommunen, zur Selbstverwaltung reif
ist. Genau aber wie die kommunalen Gebilde nicht nur aus Gemein-
den, sondern auch aus Kreisen und Provinzen bestehen, so müssen
auch die Industrie- und Handelskammern nötigenfalls zu Gebilden
greifen, die zwischen der einzelnen Kammer und dem deutschen In-
dustrie- und Handelstag stehen. Das erfordert schon das Zusammen-
arbeiten mit den kommunalen Verbänden und den Organen der Staats-
verwaltung, den Regierungs- und Oberpräsidenten, wie das Zusammen-
gehen mit den übrigen Organisationen von Handel und Industrie, die
sich durchaus nicht an die Grenzen der Handelskammerbezirke ge-
bunden haben.

Schon häufig haben die in der Reichsverfassung vorgesehenen
Gebilde der Bezirkswirtschaftsräte die Wirtschaft er-
schreckt, weil sie mit Recht das Entstehen einer künstlichen Über-
organisation mit starkem Sozialisierungseinschlag befürchten ließen, für
die weder die richtigen Grenzen noch die nötigen Aufgaben gefunden
werden konnten. Möge die Wirtschaft beweisen, daß sie selbst die
richtigen Grenzen für ihre Kammer — und damit ihre Wirtschafts-
organisation zu bestimmen weiß, deren staatliche und Wirtschaftsauf-
        <pb n="545" />
        Wirtschaftsführer deutscher Auslandshandelskammn:: - u
1. Dr. H, H, Grieme in Havanna,
Syndikus der Deutschen Handelskammer für Kuba,
(Photo Zander &amp; Labisch, Berlin).
2. E. Heliterich-Batavia,
Präsident des Deutschen Bundes in Batavia.
(Photo Zander &amp; Labisch, Berlin).
3. Regierungsrat z. D. Dr. jur. Friedrich Wilhelm Mohr, Hamburg,
Geschäftsführer des Ostasiatischen Vereins Hamburg-Bremen,

Geb. 25. Mai 1881 in Engers a. Rhein. — Jurisprudenz und chines. Sprache,
Referendar- u, Dolmetscherexamen, — 1907 bis 1913 in Tsingtau Dolmetscher und
stellv, Bezirksamtmann, 1913 bis Kriegsausbruch Kommissar d. Chines. Salz-
verwaltung, Schantung. — 1914 Reserveolflfizier in Tsingtau, 1914—1920 Kriegs-
gefangener in Japan, — 1920—1921 Regierungsrat im Reichswanderungsamt Berlin.
— Seit 1. Januar 1922 Geschäftsführer des Ostasiatischen Vereins Hamburg-Bremen.
Schriftstellerisch wirtschaftspolitisch, bes, Ostasienfragen.

(Photo Zander &amp; Labisch, Berin).
4, Friedrich Karl Trosset,
Präsident der Deutschen Wirtschaftskammer in Wien.

Geb. in Elberfeld. Kaufm., techn. und landwirtschaftliche Laufbahn. Besitzer
und Teilhaber verschiedener Unternehmungen im Auslande. Führend in Wirt-
schaftsverbänden. Bis nach Kriegsende Senatsmitglied der Reichs-E.-K., Berlin,
Organisator ihrer handelswissenschaftl, Abteilung. Galt als ungewöhnlicher Kenner
der heimischen sowie internat, Wirtschaft und Warenkunde. Seit 1922 geschf.
Präsident der großen Deutschen Wirtschafts-(Handels-)Kammer für Österreich,
Wien,

5. Rechtsanwalt G. Wirth in Zürich,
Syndikus der Deutschen Handelskammer in der Schweiz.
(Photo Deulig-Film, Berlin).
Tafel XV!

A
Tr
        <pb n="546" />
        aus elshasdebasleyA 19dr2ty9b 19rdüitettsneet
ügegenüber mußte sich die Fätigkeit ap
EM („sans veHrni mein). „HH A Aie WW: hrnehmung r:
‚sduA il z9mmselobnsH notloztus Cd ı19b auihnye. mm
“” [ailrs@ ‚dozide,1 @ 10bneN otod9)
Cie der Dre EL WB. 1» CE
heiterten an Arsen ssbeE: ab ahisd Eh AnsbiekrE Han
Jelskammern an demmibs@ QAiarda IB WMSbAeN 6rodEL |
Nun hat eine neuer! preußische Verordnung mut CD
\pril 1924 den Kammern die Möglichkeit geboten, 4
on YamudmsH „doM mledliW.1doitbeiti;,mup 100 Is Serena Eine
Kar oes m ma18-2audmaH anisı9V morloeitsiesteO, agb 7ezdüleädae90. 11a f ein
‚odosıq@ ‚egnida bay saohıngeisul — nis, sı ex98ni ni 1881 iM OS dad 77
brur 1edoats mio ustacteT af EICT aid VO@F I == ‚noms xt Aoetemloll, N -ı15bns1919 A
Af8 \Gonid 9b 6 Ekeatifim6H Adiidangeash Gerd“ EreL" hmm nass Allee
LS DE 0SC1ALE0et ‚OEnieT mil Wiese A Sen EM Shnedse an swe
"ai mszanursbaswerloie I mi! Asreamirreiz sl ASCI-= 0801 =&amp; msgblani asnedisigR
"nom9xA-auudmeH, anier9V modoeitsiesteO eeb, ı91dittatlädazs) SSCI 16u06% 4 His —
‚.nodstlmsiest2O ‚a9d „doeitilogestedaehiw dozi9llotastiado®
(nixo&amp; ‚dozide.l 3 19bnsN otod9)
J9e201T IX doaibaitT ‚2 / ; —
asiW nl 1ommseNsdoehiW merloztua' 19b 1nSbieBıE Li SA
SsebE“ Indsdinat sdbilitedietiwbnel bar (ndoaf ‚nie „blohedid at ‚ds 2
NW ont. basa as hrglau Armin NH bis ses T bau)
ins: M--A-edaal iebstbailatimehense@ Tahnrezaeintl dasngeidh ‚nobnßdtavelkscloes
19nm9 2 Todoikndöweanı eis. 4ls. „BnuliotdA. Htsdgangeeiwelobnsd x9rli,yodsainsanO
ido293 SSCL tHial ‚ebaulngıs W_ bas HsdaahiW .‚ieareini siwoe nodozimisd 19b
‚döterrst2Ö “ül James A(-2lobnsH)-ailedoai WW nsdo2ius Cd aeflora 9b jansbie619
ehen mit den übrigen Wa von Handel und iIndusipurwi
on häufie do aicdu WW. N Hewbbeldas ae 5 Vi
‚xiawndo2 9b; mit 19ommsxlelohnsH agdoatus CT 19b alibnr@;
1 | sie“ mir(ellı98l unliH-gilweC o10d9), SEE
a tarkem Sozialisierungseinschlaggbs
Ördanısa u bestimmen weiß, deren staatlu A x
HVX Isla L
        <pb n="547" />
        <pb n="548" />
        <pb n="549" />
        Die wirtschaftliche Einstellung der öffentlichen Verwaltung. 1
gaben nicht erst gefunden, sondern im Laufe der natürlichen Entwick-
lung ihr nach dem Bedürfnis des Staates und der Wirtschaft über-
tragen werden, Dann ist die Schaffung von Bezirkswirtschaftsräten
überflüssig geworden, und die damit bisher verbundenen langwierigen
unfruchtbaren Verhandlungen sind ein für allemal erledigt,

Kehren wir zu dem Ausgangspunkt unserer Ausführungen zurück,
so dürfen wir feststellen, daß die wirtschaftliche Einstellung der öffent-
lichen Verwaltung infolge der Veränderungen in dem Beamtenkörper
gewachsen ist. Von einer etwas einseitig agrarischen Einstellung ist
sie zu einer mehr allgemeinwirtschaftlichen gelangt. In der Durch-
bildung der Verwaltung nach wirtschaftlichem Grundsatze und in der
Anwendung von Wirtschaftsmethoden in den verschiedenen Verwal-
tungszweigen bleibt aber noch viel zu tun. Andererseits ist die Er-
kenntnis gewachsen, daß die öffentliche Verwaltung zwar die Wirt-
schaft soweit wie irgend möglich unterstützen und fördern soll, was
ein hohes Maß von wirtschaftlicher Denkungsweise zur Voraussetzung
hat, die längst noch nicht überall vorhanden ist. Die Verwaltung ist
jedoch auch zu der Erkenntnis gelangt, und darin liegt ein großer Fort-
schritt, daß sie sich vor unmittelbaren Eingriffen in die Wirtschaft hüten
muß, weil bei allem Verständnis für die Aufgaben der Wirtschaft ihre
Kräfte in dieser Hinsicht doch begrenzt sind. Sie hat deshalb in zu-
nehmendem Maße öffentliche Betriebe in private umgewandelt, um den
letzteren einen größeren wirtschaftlichen Nutzeffekt zu verleihen; sie
hat damit bewußt einen Weg eingeschlagen, der den nach dem Umsturz
so stark vorhandenen Sozialisierungs- und Kommunalisierungstendenzen
direkt entgegenläuft. Die öffentliche Verwaltung hat ferner der Selbst-
verwaltung der Wirtschaft die Wege geebnet und in hoher wirtschaft-
licher Einsicht auf einen großen Teil von Aufgaben verzichtet, von
denen sie glaubte, daß die Wirtschaft selbst mit ihren Organen sie
besser lösen könnte, In diesem für unser zukünftiges Wirtschafts-
leben sehr bedeutsamen Punkte stehen wir erst am Anfang einer Ent-
wicklung. Es wird von der Wirtschaft selbst abhängen, ob sie sich den
Selbstverwaltungsaufgaben gewachsen zeigt, und manches ist in dieser
Hinsicht von ihr noch zu bessern. Der Staat aber sollte nicht in ängst-
licher Sorge von seinem Aufsichtsrecht gegenüber den Wirtschafts-
kammern zu starken Gebrauch machen, wie er es gegenüber den
kommunalen Selbstverwaltungsorganen zu ihrem Leidwesen häufig ge-
tan hat, Er darf auch nicht auf eine Bürokratisierung der Kammern
hindrängen, wie es z. B. Österreich durch ein Gesetz vom Jahre 1920
mit seinen Handelskammern gemacht hat, und wofür auch in Deutsch-
land sich in letzter Zeit, insbesondere bei der Anwendung des Besol-
dungssperrgesetzes auf die Kammern, Neigung zeigte. Der Vorzug der

Die deutsche Wirtschaft.
31
        <pb n="550" />
        482 Die wirtschaftliche Einstellung der öffentlichen Verwaltung.

Kammern beruht vielmehr darin, daß in ihr die führenden Wirtschafts-
kräfte unmittelbar tätig sind und nur durch geschulte Juristen und
Volkswirte unterstützt werden, die zwar die Rechte und die Pflichten
von mittelbaren Staatsbeamten haben, die aber doch die Kammern
nicht zu Behörden stempeln. Hier ist ein Punkt, wo sich Kammern
und Kommunen stark unterscheiden, weil die Wirtschaft freie Be-
tätigungsmöglichkeiten behalten muß. Das liegt in ihrem Wesen!
Wollte man die Kammern bürokratisieren, so würde ihre Selbst-
verwaltung der allmählichen Verkümmerung anheimfallen. Deshalb
Freiheit der Wirtschaft auch hier!
        <pb n="551" />
        31:
810

Die wirtschaftliche Einstellung der Rechtspflege.
Von Reichsgerichtsrat Dr. Max Reichert, Leipzig.
Das Urteil soll gerecht sein und verständig,
Bolze,

Daß in einem Werke, das die gesamten öffentlichen Belange unter
den Generalnenner der Wirtschaft zu bringen sucht, auch die R e chts-
pflege nicht fehlen darf, leuchtet ohne weitere Begründung ein. Wer
sich überhaupt um die Zusammenhänge des Lebens kümmert, weiß,
daß zwischen Recht und Wirtschaft enge Verknüpfungen bestehen.
Sie können hier naturgemäß nicht erschöpfend dargestellt werden. Die
Grundzüge aber zusammenzustellen von allem dem, was über die
wirtschaftliche Einstellung und Ausgestaltung der Rechtspflege bislang
zutage getreten ist, erscheint gerechtfertigt; handelt es sich doch darum,
Erkenntnisse zu fördern und zu vertiefen, die zu den erheblichsten Not-
wendigkeiten des staatlichen Lebens gehören.

Es gilt zunächst, das Gesichtsfeld abzustecken. Der Begriff „W ir t-
schaft‘ muß hier meines Erachtens ganz allgemein aufgefaßt werden.
Es gehören dazu alle Einrichtungen der im Staate vereinigten Volks-
genossen, die sich auf das berufsmäßige Erwerbsleben beziehen, gleich-
gültig, ob es sich um Bankwesen, Landwirtschaft, Industrie oder Handel
usw. dreht, mithin alle jene Tätigkeiten von Einzelpersonen oder Ge-
samtheiten, die — im Gegensatz zu den übrigen Kulturfaktoren: Politik,
Wissenschaft, Kunst und Religion — die Befriedi gung wirt-
schaftlicher Bedürfnisse zum Gegenstand haben. Einzelne Ge-
biete des Wirtschaftslebens mögen anderen gegenüber vielleicht je nach
Ort und Art wichtiger und bedeutsamer erscheinen; hier eine Unter-
scheidung oder Auslassung eintreten zu lassen, geht nicht an: vor dem
Rechtsforum sind alle gleich. Die Abgrenzung des Begriffs „Rechts-
pflege‘ wird im Gegensatz hierzu einschränkend vorzunehmen sein.
Nicht das ganze Rechtswes en gehört hierher, wie es in der Gesetz-
gebung, der Rechtswissenschaft und der Rechtsprechung seine Grund-
pfeiler hat, Hier soll nur von dem Teil der Tätigkeit der Gerichte
gesprochen werden, der die Rechtsprechung im engeren Sinne umfaßt.
Die Rechtswissenschaft mag völlig ausscheiden; die Gesetzgebung kann
nur insoweit berührt werden, als sie im Zusammenhang mit der Recht-
        <pb n="552" />
        484 Reichsgerichtsrat Dr. Max Reichert:

sprechung der Erörterung bedarf. Ebenso wird das Gebiet der soge-
nannten freiwilligen Gerichtsbarkeit keiner besonderen Behandlung be-
dürfen, auch nicht die Verwaltungsrechtspflege. Unter der Recht-
sprechung kommt aber endlich wesentlich die der Zivilgerichte in Be-
tracht; die Strafrechtspflege hat gewiß auch eine Reihe von Beziehun-
gen zur Wirtschaft, Sie mögen, da sie aber mehr mittelbarer Natur
sind, gelegentlich gestreift werden. Soweit das Strafrecht die allge-
meine Staatssicherheit und den Schutz des Rechtsfriedens bezweckt,
kann es gegenüber der Wirtschaft keine andere Einstellung haben als
zu den übrigen Gebieten des öffentlichen Lebens.

Will man zu klaren Erkenntnissen gelangen, so soll man den
Dingen auf den Grund gehen. Es scheint mir deshalb angebracht, mit
drei Strichen das Wesen der Wirtschaft sowie den Kern-
gedanken des Rechts zu zeichnen und dabei auch im Vorüber-
gehen einen Blick darauf zu werfen, wie sie sich zu dem übrigen staat-
lichen Leben verhalten. Man gelangt dabei zwar auf das Gebiet allge-
meiner, abgezogener Betrachtungen. Sie sind aber m. E, die Vorbe-
dingnisse für eine Verständigung, da hierdurch zum mindesten sofort
die Verschiedenheiten in den grundlegenden Anschauungen aufscheinen.,
Vielleicht ist das Verfahren nicht unähnlich dem eines artistischen
Schnellmalers, der mit groben Zügen zunächst einen Hintergrund
schafft, dessen Bedeutung sich erst beim fertigen Bilde ergibt.

Das Wesen einer Sache begreift in sich ihre Entstehung, ihren
Zweck und ihre Formen,

1. Die Wirtschaft zielt auf Befriedigung materieller Bedürf-
nisse. Sie ist im wahren Sinne des Wortes „von dieser, nicht von
jener Welt”. Vermögenswerte sind es, um die sie sich dreht,
Ihre letzte Wurzel hat sie im Selbsterhaltungstrieb des Menschen und
ist daher mit dem menschlichen Egoismus eng verknüpft, Auf den an-
fänglichen Stufen erscheint sie in der Form der Selbstgewinnung der
lebensnotwendigen Güter (Naturalwirtschaft), um dann allmählich mehr
und mehr zum Austausch und zur Geldwirtschaft überzugehen. Auch
wenn man annimmt, daß das Wirken der Menschheit ursprünglich grup-
penweise geschah, entwickelt sich gerade im Wirtschaftsleben sehr
bald der Individualismus. Von der einfachen Befriedigung der Selbst-
erhaltung ging es zum Vermögenstrieb und zur Ansammlung von Ver-
mögenswerten (Kapital). Gleichzeitig sowie Hand in Hand mit
der Entwicklung der Wirtschaft und in gegenseiti-
ger Bedingnis mit ihr entwickelt sich aber das
Recht. Es ist wichtig, das von vornherein festzuhalten. Denn es

1
        <pb n="553" />
        Die wirtschaftliche Einstellung der Rechtspflege. 485
gibt für das Verständnis der Beziehungen von Recht und Wirtschaft das
richtige Maß. In Utopien, wo die wirtschaftlichen Verhältnisse der
Menschheit ideal geregelt sind, so daß Reibungen ausgeschlossen er-
scheinen, braucht es sinngemäß weder Richter noch Gerichte zu geben;
sie haben sich wohlgefällig in Verwaltungsorgane aufgelöst.

Mit dem Steigen der Kultur weitet sich auch das wirtschaftliche
Moment: „Der Appetit wächst mit dem Essen.‘ Bald sind es auch die
geistigen Bedürfnisse, zu deren Befriedigung die Wirtschaft dienen muß:
denn sie sind fast stets mit materiellen Grundlagen verknüpft. Das
Wesen der Wirtschaft erfährt aber auch gleichzeitig eine Einschnürung
nach der Richtung, daß dem Gedanken des individualistischen Egois-
mus der soziale Gemeinschaftsgedanke entgegentritt.
Zunächst nur als korrektiver Faktor; blind vorwärtsstürmende Rich-
tungen wollen ihn allerdings als Hauptelement einstellen (Sozialismus,
Kommunismus), Der Sozialgedanke als solcher ist ein natürlicher
Sproß der Wirtschaft, Er ist nicht neu. Im Gebiete der Religionen
nimmt er in Gestalt der Nächstenliebe einen breiten Raum ein. In
dieser Form wurzelt er aber im Transzendenten und hat die Gestaltung
der Wirtschaft kaum jemals tatkräftig befruchtet, Das Samenkorn liegt
vielmehr im wirtschaftlichen Fühlen und Denken selbst und sprießt
unter dem Licht des Rechtsgedankens auf. Die Gerechtigkeit
weitet sich zur Billigkeit und legt der schrankenlosen Auswirkung des
Egoismus die ersten Fesseln an, wenn sich das Billigkeitsempfinden da-
gegen sträubt, daß es zu einer untragbaren wirtschaftlichen Besser-
stellung des einzelnen auf Kosten des anderen kommt: ein
bedeutsames Merkzeichen für die Art der Verknüpfung der Wirtschaft
mit dem Recht!

Vom Zweck und den Zielen einer Sache lassen sich deren Formen
nicht trennen; sie gehören zusammen wie Seele und Leib. Auch im
Wirtschaftswesen tritt das deutlich hervor.

Ein Blick auf die moderne Wirtschaft zeigt, daß sie den Bedürf-
nissen einer stark angewachsenen und räumlich eng zusammengeführten
Bevölkerung genügen muß und im Zeichen der Errungenschaften der
Technik und der Naturwissenschaften steht. In der
Überwindung von Raum und Zeit zeigen sich hervorstechende Seiten.
Mehr noch in der starken und innigen wirtschaftlichen Ineinanderver-
flechtung der verschiedenen Wirtschaftsgebiete, der Betriebe und der
Individuen, Aus der Volkswirtschaft kommt es zur W elt wirt-
schaft, Das Technische hat im modernen Wirtschaftsleben einen un-
geahnten Raum gewonnen. Es hat den Gedanken der Typisierung ge-
boren. Das Streben herrscht vor, alle in feste, bestimmte Formen zu
bringen, Insbesondere ist es aber der Rhythmus des wirtschaftlichen
        <pb n="554" />
        486 Reichsgerichtsrat Dr. Max Reichert:

Lebens, der wie ein kräftiger beschleunigter Pulsschlag des im Organis-
mus kreisenden Blutes das ganze Leben beeinflußt. Wer kann sich
heute noch der großen Schnelligkeit entziehen, die im modernen Wirt-
schaftsleben als fast selbstverständliches Element hervortritt? Die Ein-
flüsse der Maschine auf unser Zeitalter sind tausendfältig. Nur das
Zweckmäßige gilt, Nur die Einrichtung kann Bestand haben, die zu-
verlässig arbeitet, wie es die Maschine im mer, der Mensch in diesem
Sinne fast nie zu Wege bringt. Zweck, Ziele und Formen der Wirtschaft
streben unaufhörlich nach dem Praktischen. „Zugleich ist aber
die Wirtschaft zu einer Bedeutung im staatlichen Leben hinaufgehoben,
wie sie eine frühere Zeit niemals gekannt hat.

2, Die Rechtspflege dient der Verwirklichung des Rechtsgedan-
kens. Breite Erörterungen über das Wesen des Rechts haben hier
keinen Raum. Nur das eine mag betont werden: Nicht ein Homunkulus,
eine künstlich geschaffene bloße Ordnungsform für vernünftige Lebens-
gestaltung ist das Recht, Es erscheint vielmehr als ein unmittelbarer
Ausfluß jener geheimnisvollen Seite des Menschengeistes, die sich —
gleich einem Volksgewissen — im Verkehr der Menschen unerschöpf-
lich meldet, um nach einem intuitiven Empfinden den Drang und Trieb
zu verwirklichen, daß im Verbande der Gemeinschaft „Jedem das
Seine‘ wird. Es ist ein primärer Zug der menschlichen Seelentätig-
keit, der sich an allen Erscheinungen des Lebens mißt, So weist das
Recht auf Methaphysisches hin, wie denn in allen Zeiten sich die Vor-
stellungen von einem höchsten Wesen mit dem eines höchsten und ge-
rechten Richters verbunden haben“).

Geht somit die wirtschaftliche Betätigung des Menschen mit der
Wurzel des Egoismus vom Einzelindividuum aus, so ist es beim Recht
entgegengesetzt. Es nimmt seine Grundlage von der Gemeinschaft her:

„Das Recht ist die Norm des Verhaltens, die sich von der Gesamtheit aus
den einzelnen aufdrängt, Es scheidet sich von Sitte, Brauch, Religion aus,
sobald man dazu kommt, Zwangsnormen von solchen Gebieten zu trennen,
die nur die gesellschaftliche Annehmlichkeit, nicht die Möglichkeit des un-
beanstandeten Verbleibens in der Gesellschaft bedingen‘. (Kohler, Rechts-

philosophie, S. 39.)

Der Wirkungskreis des Rechts ist ein ganz allgemeiner; kaum ein
Gebiet des Lebens, das nicht von ihm erfaßt wird. Aber — xdvra el,
alles fließt! Das gilt auch beim Recht. Mit den Zeiten ändern sich
die Verhaltensnormen, die die Gesamtheit dem einzelnen aufdrängt.
Etwas Feststehendes, Ewiges im Recht gibt es nicht, Auch das so-

*) Man beachte hierbei übrigens, daß sich unter den Eigenschaften Gottes die
Übersteigerungen „allmächtig‘“, „allweise‘, „allgütig‘‘ usw. finden gegenüber dem
einfachen „gerecht“, das offenbar als nicht zu überbieten angesehen wurde,
        <pb n="555" />
        Die wirtschaftliche Einstellung der Rechtspflege, 487
genannte Naturrecht ist — abgesehen davon, daß es kaum etwas Wirk-
liches darstellt — nichts Konstantes, Hier liegt ein Hauptproblem der
Einstellung des Rechts auf andere Gebiete des gemeinen Wesens, Wer
ist Führer, wer der Geführte? Wo ist der feste Maßstab? Solchen
gibt es nur im Sinne relativer Dauer.

Noch ein Blick auf die Formen des Rechts, Recht ist nur das, was
im Einzelfall als Ergebnis der Rechtsfestsetzung zutage tritt, Damit
ist der klare Hinweis gegeben für die Art und Weise, wie das Recht
sich verkörpert, wie es geschöpft wird. Der Richter als Vertreter der
Gemeinschaft ist es, der durch seinen Spruch dem einzelnen die Norm
aufdrängt. Nicht nach Gutdünken und Willkür, sondern an der Hand
des Gesetzes.

Hier tritt das zweite problematische Moment für eine Einstellung
der Rechtspflege zutage:

Das Verhältnis zwischen Richter und Gesetz — eine gerade in dem
letzten Jahrzehnt lebhaft und viel umstrittene Frage! Es sind hierüber
Bände geschrieben worden, Die äußersten Gegensätze liegen, in der
Theorie wenigstens, weit auseinander, Vom Freirechtler, der in Inter-
essenabwägungen nur nach Billigkeit judizieren will, bis zum strengen
Paragraphenrichter, der sich zunächst — und damit meist endgültig —
an den Wortlaut des Gesetzes hält: welche lange Reihe von Abstufun-
gen! Beide Richtungen nehmen übereinstimmend den 8 1 des Gerichts-
verfassungsgesetzes für sich in Anspruch, wonach der Richter dem Ge-
setze unterworfen ist, Am schließlichen Ende ist es eine Frage allge-
meiner Weltanschauung und der Stellung des einzelnen zum Ganzen.
Der eine Richter fühlt sich als Handlanger des Gesetzgebers, dem
Rechtswesen streng eingeordnet, der andere als freier Meister der
Gesetzesnorm, Der eine trachtet danach, Fälle des Lebens unter die
Gesetze zu subsumieren; der andere sucht diejenigen Gesetzesnormen
heraus und zusammen, die er seinem Rechtsempfinden nach
für anwendbar erachtet. In der Würdigung wird an späterer Stelle noch
einiges über diese Frage zu sagen sein, So viel mag vorweggenommen
werden, daß das Dogma von der Vollkommenheit und Lückenlosigkeit
der Gesetze überwunden erscheint und eine Rechtsprechung nach-
gerade Platz greift, auf die das Eingangsmotto Anwendung finden kann:
„Das Urteil soll gerecht sein und verständig.” Die vielgestaltige, kräf-
tige und komplizierte Entwicklung der Wirtschaft hat hieran als Trieb-
faktor wesentlichen Anteil,

Halten wir uns noch kurz die systematischen Formen der Rechts-
pflege der Vollständigkeit halber vor Augen, die jeweils bei Fällung
eines Urteils in Anwendung kommen: materielles Recht, die Prozeß-
ordnungen und die Gerichtsverfassung, so kann hierüber das Nähere
        <pb n="556" />
        488 Reichsgerichtsrat Dr. Max Reichert:

sich erübrigen, ebenso wie über den Unterschied der staatlichen Ge-
richte und der privaten Schiedsgerichte, zumal letztere in die Prozeß-
ordnung gewissermaßen eingegliedert sind, Etwas darf jedoch schon
an dieser Stelle betont werden, weil es dem Nichtjuristen meist nicht
sinnfällig vor Augen tritt: die wichtigste Sparte des Rechtswesens ist
die Gerichtsverfassung. Denn in diese gehören die Bestimmungen über
den Richter, von dessen Person die Ergebnisse der Rechtspflege zu-
nächst abhängen und ausgehen,

3. Unter den Beziehungen von Recht und Wirtschaft zu den
übrigen Faktoren des gesamten Lebens interessiert vorwiegend nur das
Verhältnis der beiden zur Politik.

Die Staatslenkung nimmt im modernen Staat das Vorrecht für sich
in Anspruch, als oberster Faktor über allen anderen zu stehen und sie
zu beherrschen. Das erfließt aus dem Gedanken der dem Staat zu-
geschobenen allseitigen Fürsorgepflicht und dem Grundsatz der ober-
sten Macht, Die Politik erstrebt den Erfolg; mit welchen Mitteln, ist
erst von zweitem Belang, Die Diplomatie hat nie die Verschleierung
und Lüge verschmäht, Das Recht hat das Ferment der Wahrheit in
sich; es dient nur der Wahrheit und Gerechtigkeit, unbekümmert um
den Erfolg, ähnlich wie die voraussetzungslose wissenschaftliche For-
schung, Deshalb ist aber auch das Recht und seine Pflege ein so hoher
Kulturfaktor, Dafür ist es andererseits auf die Politik als den Macht-
faktor angewiesen, von dem es seine Stärke zur Durchsetzung nehmen
muß. Die wichtigste Beziehung liegt in der mit der Politik verbundenen
Gesetzgebungsmacht und deren nahen Beziehung zur Verwaltungs-
tätigkeit des Staates, der im wesentlichen die meisten Gesetzesent-
würfe entstammen. Die Wirtschaft dagegen steht der Politik als
bedeutsamer Machtfaktor gegenüber, die sich der Oberhoheit des
Staates nicht ohne weiteres unterwerfen will und kann. Der Staat weiß,
daß nur gesunde Wirtschaftsverhältnisse das Fundament seines Be-
standes bilden. Der Kampf zwischen dem freien Spiel der Wirtschafts-
kräfte und unerträglichen staatlichen Einflüssen rührt an den Lebens-
nerv der Nation, Wir haben es in den verflossenen Zeiten erlebt!

3.

Lassen sich aus diesem flüchtigen Überblick wirklich Anhalts-
punkte für die Frage der wirtschaftlichen Einstellung und Ausgestal-
tung der Rechtspflege gewinnen? Ich denke — ja! Nur darf man die
Frage nicht dahin auffassen; Was erwartet die Wirtschaft von der
Rechtspflege? Sie muß vielmehr lauten: Was kann die Wirtschaft
verlangen? Entwicklung, Zwecke und Ziele lassen erkennen, daß es
sich hier nicht um Faktoren handelt, von denen der eine ständig die
        <pb n="557" />
        Die wirtschaftliche Einstellung der Rechtspflege. 489
Dominante des anderen ist. Rechtund Wirtschaftsindge-
genseitig Führer und Geführte. Um mich eines Gleich-
nisses aus der Technik zu bedienen: sie erscheinen mir wie ein Pla-
netenrad-Getriebe, bei dem bald das eine Zahnrad an dem anderen,
bald aber umgekehrt abläuft, je nachdem die Kräfteeinspielung erfolgt.
Statt allgemeiner Betrachtungen ist es aber wohl richtiger, konkrete
Überlegungen anzustellen,

Man muß meines Erachtens davon ausgehen, daß die Berührung
der Rechtspflege mit der Wirtschaft stets nur auf dem Weg der jewei-
ligen Entscheidung des einzelnen Falles erfolgt, der bereits
einen Konfliktsstoff als etwas zur Wirklichkeit Gewordenes
in sich trägt — im Gegensatz zu Anordnungen der Verwaltung, die
bestimmte Maßnahmen für eine Reihe gleichartiger Fälle im voraus
anordnet.

Auch ist es meistens nicht so, daß die Entscheidung eines
Rechtszugs den Abschluß bedeutet, Sehr oft muß ein länger dauernder
Instanzenzug durchlaufen werden, bis im gegebenen Einzelfall das end-
gültige Recht zum Vorschein kommt. Dabei ist naturgemäß nicht ver-
kannt, daß die Entscheidung des einen Falles maßgebend für andere,
gleichgelagerte, sein kann und wird und damit eine ganze Richtungsein-
stellung zur Folge hat"). Immer aber wird damit zu rechnen sein, daß —
solange man an dem Gedanken eines Instanzenzuges festhält — ein
nicht geringer Zeitablauf nötig wird, bis die Entscheidung fällt. Daß
diese Tatsache mit den Bedürfnissen der Wirtschaft und
dem Rhythmus des wirtschaftlichen Lebens sehr oft in scharfen
Widerspruch gerät, ist einleuchtend. Da es sich aber hierbei um eine
mehr technische Maßnahme der Prozeßvorschriften handelt, muß m. E.
dem höheren Gesichtspunkt vitaler wirtschaftlicher Bedürfnisse un-
bedingt Rechnung getragen und der Weg gesucht und eingeschlagen
werden, der — unbeschadet der Gründlichkeit des Verfahrens — eine
jederzeit rasche Erledigung der Streitfälle gewähr-
leistet. Der Ruf der Wirtschaft nach Beseitigung des Schnecken-
gangs der Prozesse ist berechtigt. Für das Zeitalter der Kraftwagen
und Flugzeuge taugt es für die Regel nicht mehr, in der idyllischen
Postkutsche zu fahren. Indessen darf die Wirtschaft nicht bloß Hei-
schende sein, Sie kann selbst vielfach Maßnahmen treffen, um eine
Aufklärung des Sachverhalts schnell und zuverlässig zu ermöglichen
dadurch, daß im Wirtschaftsleben längere Schwebezustände nicht ge-
duldet und zugleich Formen gefunden werden, die den Sachverhalt hin-

°) So war z.B. in den Fragen der sogenannten Freizeichnungsklauseln in den
tetzten Jahren sofort zu spüren, daß die Vertragsbestimmungen sich alsbald den
ergangenen oberstrichterlichen Entscheidungen anpaßten.
        <pb n="558" />
        490 Reichsgerichtsrat Dr. Max Reichert:

reichend sichern. Hierher gehört die genaue Niederlegung in klaren,
schriftlichen Verträgen, Führung einer geordneten Korrespondenz und
von Aufzeichnungen (Büchern usw.). Was hier für die großen Wirt-
schaftsbetriebe schon bisher meist als selbstverständlich angesehen
wurde, wird tunlichst in allen wirtschaftlichen Betrieben Eingang zu
finden haben. Ist es wirklich zuviel verlangt, daß auch da, wo ein ge-
setzlicher Buchführungszwang nicht besteht, Bücher geführt werden?
Dann wird die allerorts und mit Recht erhobene Forderung nach be-
schleunigten Prozeßerledigungen schon eher Erfüllung finden können.
Denn die Urkunde ist zuverlässiger als die Erinnerung des Zeugen. Was
aber die Frage der zahlreichen Instanzen anlangt, so geht sie zunächst
auf das Konto des Gesetzgebers, Die Rechtsprechung bietet zur Rechts-
mitteleinlegung nur in beschränkter Weise Anlaß. Denn nicht alle Ent-
scheidungen werden nur angefochten, weil sie unrichtig sind, sondern
weil man eben zur Verfolgung seines Rechtes glaubt so lange pro-
zessieren zu sollen, als es vermöge noch offenstehender Instanzen an-
geht, Niemand wird es mehr wie der Richter selbst begrüßen, wenn
die Instanzen eingeschränkt und hierdurch der in Deutschland nicht ge-
ringen Prozeßsucht Riegel vorgeschoben würden. Eine Tatsachen-
instanz müßte bei entsprechender Mitwirkung der Parteien genügen.
Ansätze zur Besserung sind vorhanden, So legt die neue ZPO.-Novelle
besonderes Gewicht auf die Eindiämmung neuen tatsächlichen Vor-
bringens in der zweiten Instanz. Gewiß können aber auch die Gerichte
viel Gutes zur Einschränkung der Rechtsmittel beitragen. Ein verstän-
diger Erstrichter wird es oft zuwege bringen können, daß der Sach-
verhalt bei ihm erschöpfend geklärt wird, Wenn er sich erst daran
gewöhnen will, daß er selbst den Tatbestand vor der Entscheidung klar
zusammenfaßt und den Parteien Kenntnis davon gibt, wie er ihn be-
trachtet, werden Lücken und Überraschungen bald seltener werden.
Einen beachtenswerten Fortschritt hat die Novelle zur ZPO, durch die
sog. Revisio per saltum gebracht, wonach bei Übereinstimmung der Par-
teien die Sache vom Landgericht sofort an das Revisionsgericht ge-
bracht werden kann, Gute und allseitige Feststellung des Sachver-
halts vorausgesetzt, kann hieraus eine dem Wirtschaftsleben sehr vor-
teilhafte Beschleunigung des Verfahrens erwachsen,

Ebenfalls einen verfahrenstechnischen Umstand betrifft die Stel-
lungdes Richtersim Prozeß, Ich habe mich darüber — bei
Berührung des sozialen Moments im Verfahren — bereits in der „Deut-
schen Richterzeitung‘ 1923 S. 53 ff, ausgelassen. Die Tätigkeit des
Richters soll eine helfende sein. Dieses ist m. E, die deutsche Auf-
fassung im Gegensatz zum oft gepriesenen englischen Richter: nicht
stummes Anhören, sphinxähnliches Schweigen ziemt dem Richter, son-
        <pb n="559" />
        Die wirtschaftliche Einstellung der Rechtspflege, 491
dern rege aktive Anteilnahme an der Erreichung des gemeinschaft-
lichen Zieles, den Streit gut und richtig zum Ausgang zu bringen. Mehr
Geist des Arztes, denn jener eines bürokratischen Beamten! Eine rich-
tige Anwendung des richterlichen Fragerechts ($ 139 ZPO.) kann hier
sehr vorteilhaft wirken. Daß dabei gleichzeitig die Möglichkeit be-
steht, sich über die allgemeinen und besonderen wirtschaftlichen Be-
lange des Falls Einblick zu verschaffen, liegt zutage,

Sind diese verfahrensmäßigen Einstellungen der Rechts-
pflege gewiß nicht zu unterschätzen, so fällt doch das Schwergewicht
auf die materiell-rechtliche Entscheidung, Wie entsteht eigentlich ein
Urteil? Solange wir nicht öffentliche Beratungen der Entscheidungen
haben — wozu es so rasch wohl nicht kommen wird —, vollzieht sich
der Vorgang ohne Kenntnis der Rechtsuchenden, Er verläuft auch an-
ders beim Einzelrichter wie beim Kollegium, das oft nur Kompromisse
zwischen Einzelmeinungen erzielen kann, Einer unserer besten Juristen,
der vor kurzem verstorbene frühere Reichsgerichtsrat und badische
Minister Dr. Düringer, plaudert hierüber in seiner Schrift „Richter und
Rechtsprechung“ sehr nett aus der Schule, Er sagt:

„Wenn mir ein Fall vorgetragen wird, so habe ich von ihm einen
bestimmten Eindruck, ähnlich, wie wenn ich ein Buch gelesen oder mir ein
Theaterstück angehört habe, Und aus diesem Eindruck ergibt sich unwill-
kürlich und meistens sofort mein erstes bestimmtes Urteil: Diese Partei
hat recht, jene unrecht! Es ist der Ausdruck meines Rechtsgefühls, Dabei
urteile ich aber keineswegs als Laie, sondern mit meinem durch Rechtskenntnis
und praktische Erfahrung entwickelten Verständnis.‘

Er führt dann des näheren aus, wie er dieses erste, vorläufige Urteil
nachprüft, korrigiert, vielleicht auch aufgeben muß und zitiert auch den
schon beim alten Bartolus zu findenden, paradox klingenden Satz, daß
man sich mannigfach erst das Urteil bildet und dann nach den Gründen
sucht. Es ist dies von einem früheren Mitglied des höchsten Gerichts
kommende Bekenntnis wert, in weiteren Kreisen bekannt zu werden:
denn aus den in den amtlichen Entscheidungen veröffentlichten, oft ge-
lahrt anmutenden Gründen eines Urteils geht natürlich diese Art des
Urteilsschöpfens nicht hervor. Manch anderer wird entgegengesetzt
verfahren, bis es zu einer Entscheidung kommt. Daß aber eine sehr
große Anzahl von tüchtigen Richtern ähnliche Pfade geht, kann ich aus
meiner langjährigen Richterpraxis bestätigen. Der Akt der Urteils-
findung ist zweifellos eine Tätigkeit der ganzen menschlichen Psyche.
Man teilt bekanntlich die seelische Tätigkeit in die des Verstandes,
der Empfindung und des Willens ein. Es ist das eine Anschauungsform,
die man sich aus wissenschaftlichen Untersuchungszwecken gefallen
lassen kann. Für das praktische Leben darf man aber nie außer Be-
        <pb n="560" />
        492 Reichsgerichtsrat Dr. Max Reichert:

tracht lassen, daß alle drei fortgesetzt ineinanderfließen und eins
werden, und erst mit dem Bewußtsein und Unterbewußtsein zusammen
die Gesamtheit des inneren Lebens darstellen. Eins von dem andern
künstlich loslösen zu wollen, gelingt nicht. Es ist demnach auch ohne
weiteres unrichtig, die Tätigkeit des Urteilfindens nur als eine solche
des Verstandes anzusehen. Der Verstand hat — vermöge seiner über-
ragenden Kraft der Selbstspiegelung — besonderen Anteil daran.
Ebensogut ist es aber auch ein Willensakt, namentlich wenn es sich
darum dreht, unter allen Abwägungen und Gründen zu einem Ende zu
kommen. Nicht minder wirkt aber die Empfindungsseite mit. Zunächst
ohne weiteres das Rechtsempfinden, das mit seinen Wurzeln in das
Unterbewußtsein hinabreicht, aber auch die übrigen Empfindungen der
Seele mitschwingen läßt; nur werden sie im Spiel mit dem Logos und
dem Willen vielfach paralysiert. Mancher taugt deshalb z. B. weniger
zum Strafrichter, weil er zu weich empfindet,

Dieser Exkurs über die Urteilsfindung scheint mir, wo es sich um
die wirtschaftliche und, wie noch zu betonen sein wird, sozial-wirt-
schaftliche Einstellung handelt, für angebracht; denn es ergeben sich
für die Ausbildung und Auswahl der Richter m. E. wesentliche Gesichts-
punkte,

Der eine kann hier ohne weiteres angereiht werden. Er betrifft
die oben schon angedeutete Stellung des Richters zum Gesetz, Ich
habe den Eindruck, als ob sich in diesem Punkt die Anschauungen der
Wirtschaft und der Rechtsprechung gegenübertreten. Die Wirtschalfts-
kreise verlangen zumeist eine genaue Bindung des Gerichts an das Ge-
setz. Sie wollen den Ausgang eines Prozesses vorher sicher errechnen
können, Hier wirkt sich das auf das Typische gerichtete Mechanisie-
rungsstreben aus, das uns die Technik gebracht hat. Der Wirtschaftler
wünscht keine Dubiosen, Alles soll sicher und exakt sein. Das geht
einem Gebilde gegenüber, das mit menschlichen Handlungen zu tun hat,
wie der Prozeß, nicht an. Hier schiene mir die Einstellung der Wirt-
schaft weitaus richtiger, mehr dem Grundsatz zu huldigen, unsichere
Prozesse nicht anzufangen oder im Keim durch einen Ausgleich zu er-
ledigen, noch richtiger jenem anderen, sich tunlichst so zu verhalten,
daß Prozesse nicht entstehen können. Eine kasuistische Gesetzgebung,
die dem Richter für alle Fälle des Lebens Vorschriften geben will, ist
bei der Vielgestaltung der Wirtschaft ein Unding, Bei Prozessen han-
delt es sich nicht um Mechanik, auch nicht um Feinmechanik, sondern
um Ausschnitte aus dem Leben, um Biologisches. Je vielgestaltiger
das Wirtschaftsleben wird, je enger die gegenseitigen Verknüpfungen ge-
raten, je mehr muß sich der verständige Gesetzgeber darauf beschrän-
ken, nur Richtlinien zu geben, dem Richter aber zu überlassen, gemäß
        <pb n="561" />
        Die wirtschaftliche Einstellung der Rechtspflege, 493
derselben das Rechte im Einzelfall zu finden. Mit klaren und schönen
Worten hat das Reichsgericht Aufgabe des Gesetzes und Richters in
seiner Entscheidung vom 2. Februar 1889 umrissen (Entsch. d. RG. in
Zivilsachen Bd, 24, S. 49). Hierzu bedarf es allerdings besonders tüch-
tiger Richter-Persönlichkeiten, die die Stellung dem Gesetz
gegenüber richtig auffassen, Die Vorschriften und die Gesetze müssen
auf ihre wirkliche Bedeutung zurückgeführt werden. Sie dürfen stets
nur dazu dienen, ein praktisches, brauchbares Ergebnis im
Rechtsstreit zutage zu fördern. Weil Gleichmäßigkeit in der Rechts-
pflege eine wichtige Sache ist, müssen die Gesetze — auch die Ver-
träge sind in diesem Sinne Gesetze — wohl so lange als möglich be-
obachtet werden. Das hat eine natürliche Grenze aber da, wo man zu
unerträglichen Ergebnissen kommt. Nur ein Richtertum, das sich die
Freiheit erringt, die Gesetze auf diese Weise zu handhaben, kann auf
die wirtschaftliche Entwicklung Rücksicht nehmen. Ein anderes nicht,
Es könnte äußerstenfalls den Gesetzgeber auf die schlimmen Folgen
hinweisen und Anregung zu Gesetzesänderungen geben. Das wird aber,
zumal bei den heutigen Gesetzgebungsverhältnissen, recht wenig oft zu
einem für die Wirtschaft ersprießlichen Ziele führen. Es hat sich der
frühere Reichsjustizminister Heinze hierzu im Reichstage mit Worten
geäußert, die ganz besonders angemerkt zu werden verdienen:

„Ich bin der Ansicht, daß die Anforderungen der Zeit noch sehr viel mehr
durch die Rechtsprechung befriedigt werden könnten als bisher. Sie
muß sich mehr und mehr daran gewöhnen, das, was an Möglichkeiten im Gesetze
liegt, auszuwerten, die Gesetze dem Geist der Zeit anzupassen, nicht immer nach
neuen Gesetzen zu rufen, sondern tatsächlich die Gesetze so anzuwenden, daß
den veränderten Verhältnissen Rechnung getragen wird, Denn das Recht
entwickelt‘ sich Teitzten Endes hinter den Gesetzes:
Paragraphen, und wenn sich die Dinge ändern, so erfüllen sich von
innen heraus die Gesetzesparagraphen mit einem neuen Geiste.”

Liegt hiernach der Schwerpunkt der Rechtsgestaltung in der Per-
son des Richters, so muß auch er es sein, der mit klugen, weit-
ausschauenden Blicken das Steuerrad der wirtschaftlichen Einstellung
des Rechts handhabt. Zur Erfüllung dieser Aufgabe muß er auf so hoher
Warte stehen, daß er die gesamte wirtschaftliche Entwicklung seiner
Zeitepoche erfaßt und überblickt. Dann erfolgt in gewissem Sinne
auch eine Annäherung an das Verlangen der Wirtschaft nach Typisie-
rung, Nicht in dem Sinne, daß jeweils im einzelnen Falle ohne weiteres
der Richterspruch voraussehbar und gewiß — förmlich mechanisiert —
wäre, Das ist unmöglich schon wegen des meist unsicheren Tatsachen-
komplexes, der den Streitfällen zugrunde liegt, Sondern in dem
anderen Gedanken, daß tunlichstbald erkennbar wird, wie
die Rechtsentwicklung auf die Wirtschaftsentwicklung reagiert, d. h. wo
        <pb n="562" />
        494 Reichsgerichtsrat Dr. Max Reichert:

sie ihren Belangen nachgeben und sie fördern kann, wo sie sich anderer-
seits aber einzelnen wirtschaftlichen Vorgängen gegenüber ablehnend
verhalten muß, weil sie dem gesunden Rechtsempfinden widerstreben.
Wenn sich auch die Rechtsentwicklung nur in der Entscheidung des
Einzelfalles offenbart, so muß diese doch auch auf das Typische, das
im Einzelfall enthalten ist, unmittelbar Rücksicht nehmen, Es bedarf
daher eines scharfen Unterscheidungsvermögens dafür, was an dem
einzelnen Rechtsfall die Besonderheiten des konkreten Streits sind und
was von allgemeinen wirtschaftlichen Momenten darin steckt. Sie klar
herauszuschälen und auch in den Entscheidungsgründen zum Ausdruck
zu bringen, dünkt mir im Interesse der Wirtschaft als ein dringendes
Gebot, Ob nicht außer der Entscheidung im Einzelfalle noch andere
Beziehungen von Rechtspflege und Wirtschaft im Sinne einer Synthese
geschaffen werden könnten, mag später gestreift werden,

Die Rechtspflege muß freilich immer im Auge behalten, daß sie
nicht bloß Dienerin oder Koeffizient der Wirtschaft ist, sondern
zu allen Erfordernissen des Gemeinwesens Verhältnis zu nehmen hat.
Diesem großen Gesichtspunkt kann sie im Zusammenhalt mit dem, was
oben über das Verhältnis zum Gesetz gesagt ist, nur gerecht werden,
wenn sie sich davon leiten läßt, was man die Ratio legis nennt. Denn
bei den verschiedenen widerstrebenden Belangen wirtschaftlicher und
nichtwirtschaftlicher Natur ist naturgemäß der im Gesetz zum Aus-
druck gekommene Richtgedanke maßgebend. Zwei Beispiele dafür:
Das Börsengesetz vom 22, Juni 1896 trug den ausgesprochenen Charak-
ter eines Tendenzgesetzes. Es war das Ergebnis des Sieges der börsen-
feindlichen Richtung. Die Rechtsprechung des Reichsgerichts hat trotz
aller Anfeindungen aus Börsenkreisen diesen Gesichtspunkt nie außer
acht gelassen. Konnte man von ihm verlangen, daß es die ausdrück-
liche Willensmeinung des Gesetzgebers hätte ignorieren oder abbiegen
sollen? — Die vielumstrittene Abgeltungsverordnung vom 24, Oktober
1923 wurde durch Beschluß der vereinigten Zivilsenate vom 22, Februar
1924 für gültig erklärt. (RGE. Z.-S., Bd. 107, S, 320). Das Reichsgericht
hat sich dabei zunächst auf den Standpunkt gestellt, daß es die Ver-
fassungsmäßigkeit der Verordnung nachprüfen könne, ist aber dann
zur Überzeugung gelangt, daß die Verordnung gültig sei, weil der
wesentliche Kern der Verordnung nicht in der Verfahrensregelung
stecke, sondern in seinem materiellen Gehalt. Die in $ 1 enthaltenen
Ansprüche gegen das Reich waren ihrer Natur als Rechtsansprüche
entkleidet worden, mit anderen Worten, das Reich hatte im Hinblick
auf seine finanzielle Not durch einen Staatsakt seine Verpflichtungen
(als R ech t sverpflichtungen) ausgelöscht und einen Vorgang geschaf-
fen, ähnlich dem bei der Enteignung, So mußte bei der rechtlichen
        <pb n="563" />
        Die wirtschaftliche Einstellung der Rechtspflege. 495
Abwägung nach der Ratio legis aus dem höheren Gesichts-
punktdesallgemeinen Staatsinteresses das wirtschaft-
liche Moment der Forderungen derReichsgläubiger zurücktreten, ebenso
wie die von Konkursgläubigern gegenüber einem vermögenslos gewor-
denen Kridar‘). Daß gerade in Zeiten starker wirtschaftlicher Er-
schütterung die Notwendigkeit der Berücksichtigung allgemeiner
Interessen die Rechtsprechung zu einem sehr unsicheren Faktor
machen kann, ist vom wirtschaftlichen Gesichtspunkt aus gewiß tief-
bedauerlich, aber nur in der Natur der allgemeinen Verhältnisse gelegen.
Die Regelung der Aufwertungsfrage bildet dafür einen klassischen
Beleg.

Nicht bloß allgemeine Interessen des Staats, sondern auch allge-
meine wirtschaftliche Gesichtspunkte nötigen z. B. oft zu einer beson-
deren Einstellung. Wenn z. B. ein Erfinder seinem Patent eine zu weite
und unklare Fassung gegeben hat, so wird trotz des wirtschaftlich Wert-
vollen der Erfindung — vorausgesetzt, daß keine klare Einschränkung
des Patents statthaben kann — der Patentschutz im Nichtigkeitsver-
fahren möglicherweise zu versagen sein, wenn sich ergibt, daß durch
das Patent in der gewählten Form der ganzen Industrie un-
tragbare Beschränkungen auferlegt würden. (Entsch. d. RGZ. I. C.S.
vw. 23:6, 24.)

Stehen lediglich individuelle wirtschaftliche Interessen im Rechts-
streit einander gegenüber, so ist — abgesehen von der Berücksichtigung
der obenerwähnten typischen Wirkung der Entscheidung auf das Wirt-
schaftsleben — so zu verfahren, daß die Entscheidung nicht bloß
„gerecht‘, sondern „verständig‘ ist, wie der langjährige Vorsitzende
des I, Zivilsenats des Reichsgerichts, Bolze, sagte, Ich sehe darin nicht
ein Zwiefaches, sondern eine Einheit. Gerecht, weil es verständig,
verständig, weil es gerecht ist. Das Ergebnis des Streits soll prak-
tischbrauchbar, d.h. den Belangen, die in Frage kommen, ange-
messen sein, Dieses Endziel soll unverrückbar dem Richter vor Augen
schweben. Bloß mit Ergebnissen scharfsinnigen, logischen juristischen
Denkens ist dem Leben und der Wirtschaft nicht gedient. Man kann
getrost sagen, daß ein Resultat, das das Rechtsempfinden und die prak-
tische Brauchbarkeit des Richterspruchs unbefriedigt läßt, immer als
ein Mahnzeichen angesehen werden muß, den eingeschlagenen Weg auf
seine Richtigkeit nachzuprüfen. Man wird einwenden, das Moment

°) Die Sache bekam hinsichtlich der Ansprüche gegen die Reichsbahn wegen
Schadenersatzes tiefgreifende Bedeutung, Es war dann bei Erörterung der Frage,
ob und inwieweit solche Ansprüche der Aufwertung unterliegen, die Per-
spektive eröffnet worden, daß bei {finanzieller Untragbarkeit der Fülle solcher
Ansprüche möglicherweise die AbgeltungsVO, hierfür in Wirksamkeit gezogen würde.
        <pb n="564" />
        96 Reichsgerichtsrat Dr. Max Reichert:
des praktisch Brauchbaren bilde noch kein festes Kriterium im einzel-
nen Falle. Das starke Festhalten an den Regeln und Worten des
Rechts sei besser. Mitnichten! Darin besteht eben die Kunst der
Rechtsprechung, daß der Richter die bei jedermann vorhandene allge-
meine Veranlagung des Rechtsempfindens bei sich unausgesetzt an den
zur Entscheidung gestellten Fällen schult, reinigt, verfeinert, kurzum
ausbildet, so daß er als Vertreter der Allgemeinheit die richtige Norm
dem einzelnen aufdrängen kann. Warmes Erfassen aller einschlägigen
Verhältnisse, Kenntnis des Lebens, Empfänglichkeit für Kritik und Auf-
klärung — all das sind die Umstände, die das Rechtsempfinden
unausgesetzt fördern und vertiefen, Wenn er dabei noch gute juristische
Schulung und Berücksichtigung dessen mitbringt, was seine Standes-
genossen in anderen Fällen schon an reifen Ergebnissen zutage ge-
fördert haben, kann auch die wirtschaftliche Einstellung auf das Prak-
tische nicht zu Fehlzügen führen. Nicht bloß offene Augen — offene
Poren möchte man dem Richter wünschen, mit denen er alles auf-
nimmt, was sein Rechtsempfinden schärfen kann. Auf einzelne Fälle
einzugehen, fehlt hier leider der Raum. Mein verehrter Kollege
Reichsgerichtsrat Czolbe hat in dem Organ des Deutschen Richter-
bundes, das sich um richtige Rechtsfindung von je besonders bemüht
hat, der „Deutschen Richterzeitung‘ 1924, S. 18, eine größere Reihe von
Fällen der Rechtsprechung zusammengestellt, die die wirtschaftliche
Einstellung der Rechtsprechung, insbesondere auch nach der rechts-
schöpferischen Tätigkeit des Richters, darlegen. Auf einen Gesichts-
punkt ist noch einzugehen. Der Begriff der „Verständigkeit”, die man
vom Urteil fordern muß, umschließt m. E. auch gleichzeitig jenen des
„Sozialen‘. Mit keinem Wort ist wohl mehr Unfug getrieben worden
als mit diesem. Man ist schon bald daran, ihm mit Mißtrauen zu be-
gegnen. Mit Begriffsbestimmungen ist es immer — so sehr sie ein
Steckenpferd der Deutschen sind — ein übel Ding. Ich habe an anderem
Ort”) unter Anführung der verschiedenen von anderen Seiten gegebenen
Definitionen die Erfassung des Sozialgedankens dahin versucht: Sozial
ist nicht bloß einseitiger Schutz. Ziel der sozialen Idee ist die orga-
nische Regelung des Verhältnisses des einzelnen werktätigen Menschen
zur Gesamtheit. Das Soziale soll zunächst ein Ausgleichsmoment auf
dem Gebiet der menschlichen Arbeit — mithin vorwiegend wirtschaft-
licher Tätigkeit — sein. Auf dem Gebiet des Arbeitsverhältnisses wird
es also jene Rechtsgestaltung umfassen, vermöge deren einerseits der
Arbeitnehmer in den Stand gesetzt wird, durch seine Arbeit
eine möglichst gute wirtschaftliche, persönliche und kulturelle Stellung
*) „Deutsche Juristenzeitung‘ 1923, S, 522. „Wie ist die Grenze zwischen dem
Recht der öffentlichen Beamten und dem Recht der Privatangestellten zu ziehen?”
        <pb n="565" />
        Die wirtschaftliche Einstellung der Rechtspflege. 497
in der Volksgemeinschaft zu erringen, während andererseits die Belange
der Allgemeinheit und der darin Wirkenden, insbesondere auch des
Arbeitgebers, angemessen Genüge finden, Ich führe diese Ge-
sichtspunkte deshalb mit Betonung hier an, weil das gesamte Arbeits-
recht bereits lebhaft an die Tore des Rechtswesens pocht und sowohl
mit dem materiellen Recht (Arbeitsgesetzbuch) wie mit den Verfah-
rensvorschriften und der Gerichtsverfassung (Arbeitsgerichte) einen
Ausblick auf die künftige Rechtsentwicklung gestattet, Es ist eine
Forderung der Richter und Anwälte nicht minder wie weitester Wirt-
schaftskreise, daß kein unheilvoller Schnitt zwischen dem Arbeitsrecht
und den übrigen Rechtsgebieten gemacht werden darf, Die Arbeits-
gerichte müssen in die ordentlichen Gerichte eingebaut werden; das
Arbeitsrecht muß von den ordentlichen Richtern — zusammen mit
Arbeitsgerichtsschöffen — gesprochen werden. Arbeits- und bürger-
liches Recht, wenn man das überhaupt als gegensätzliches ansehen darf,
müssen Hand in Hand miteinander gehen. Die Arbeitsverhältnisse sind
ja auch nur ein Teil der allgemeinen Wirtschaft; sie greifen stark in
die Beziehungen der übrigen Wirtschaftsfaktoren ein. Wie von jeher
die Entwicklung der Wirtschaft in enger Fühlung mit dem Recht vor
sich ging, darf es auch nicht anders sein mit der wirtschaftlichen Ent-
wicklung der Arbeit. Gerade die Rechtspflege, die den sozialen Ge-
danken mit zum Sprießen gebracht hat, ist berufen, in ihrer künftigen
Einstellung zur Wirtschaft nach Recht und Billigkeit sozial ausgleichend
auf die verschiedenen Gestaltungen des Erwerbslebens zu wirken und
umgekehrt von der im Arbeitsrecht hauptsächlich zutage tretenden
Sozialidee das bürgerliche Recht zu befruchten. Dem beim Reichs-
gericht ins Auge gefaßten Reichsarbeitsgericht stehen hier bedeutsame
Aufgaben bevor.

Bis es so weit ist, kann man sich fragen, inwieweit schon jetzt im
Gebiete des Zivilrechts die Rechtsprechung im Hinblick auf wirt-
schaftliche Umstände dem sozialen Gesichtspunkt der Aus-
gleichung Rechnung zu tragen hat. Die Frage ist in dieser allgemeinen
Fassung kaum zu beantworten. Handelt es sich um Interessengegen-
sätze zwischen der Allgemeinheit und dem einzelnen, dann wird der
Gesichtspunkt des Sozialen vielfach ohne weiteres einschlagen und ein
verständiger Ausgleich der verschiedenen wirtschaftlichen Kräftever-
hältnisse erfolgen müssen. Anders, wenn es sich um wirtschaftliche
Belange einzelner Individuen handelt, die miteinander in Konflikt ge-
kommen sind, wobei auch eine mittelbare Rückwirkung auf die Ge-
samtwirtschaft zurücktritt, Darf hier die Rechtsprechung den Sozial-
gedanken des Ausgleichs ohne weiteres dahin ausweiten, daß die Be-
lange des wirtschaftlich Schwächeren gegenüber denen des wirtschaft-

Die deutsche Wirtschaft.

29
        <pb n="566" />
        498 Reichsgerichtsrat Dr. Max Reichert:

lich Stärkeren nur wegen dieser Stärkeunterschiede einen besonderen
Rechtsschutz verdienen? Bei der Entwicklung der Rechtsprechung
über die Klausel der veränderten Umstände ist einmal der Gedanke
der Ruinosität der Vertragsbindung als Vertragslösungsfaktor aufge-
taucht. Er wurde aber rasch wieder fallen gelassen. Etwas anderes
ist es schon wieder, wenn z, B, in der Entscheidung des Reichsgerichts
Bd. 107, S, 108 gesagt wird, daß den Gruppen der Erzeuger und Ver-
käufer ihre Vereinigungen usw. eine außerordentliche wirtschaftliche
Überlegenheit über die Käufer und Verbraucher gebracht hätten. Diese
Übermacht dürfe nicht mißbraucht, sondern nur unter Schonung auchder
Interessen des Vertragsgegners angewendet werden. In der Frage der
Art und Höhe der Aufwertung zeigen sich ja auch Ansätze dafür,
daß hierbei die persönlichen wirtschaftlichen Verhältnisse der beiden
Streitsteile in Rechnung gezogen werden sollen. Hier betritt die
Rechtspflege Neuland. Ihre Einstellung auf wirtschaftliche Belange
solcher Art wird nur sehr vorsichtig vorzunehmen sein. Denn es drängt
sich hier ein Faktor herein, der dem Wirtschaftsleben, das klarer und
fester Verhältnisse bedarf, an sich widerstrebt,

Wie steht es gegenüber allen diesen Betrachtungen über die not -
wendige Einstellung der Rechtspflege mit der tatsächlichen
Gestaltung der Verhältnisse?

Eine führende Rolle hat die Rechtspflege sicher nicht eingenommen,
Das ist auch geradezu selbstverständlich. Denn die wirtschaftliche
Entwicklung in Deutschland vor dem Krieg ist jener des Rechtswesens
mit Sturmesschritten vorangeeilt, Allzu unangenehm hat sich dieses
Mißverhältnis vor dem Kriege vielleicht nicht ausgewirkt; denn bei er-
heblichem allgemeinen und gesundem wirtschaftlichen Aufschwung tritt
die Notwendigkeit einer wirtschaftlichen Einstellung der Rechtspflege
nicht allzu rasch zutage, Anders gestaltete sich die Sache nach dem
verlorenen Kriege bei den davon bedingten wirtschaftlichen Krisen.
Ihnen gegenüber stand die Rechtspflege zweifellos nicht so gerüstet da,
daß sie mit kraftvoller Hand zur Schonung und Aufrichtung der Wirt-
schaft mit hätte eingreifen können, soweit hierzu die Rechtspflege
überhaupt in der Lage ist, Sie ist von den Verhältnissen getrieben
worden, genau ebenso wie die Wirtschaft selbst. Eine Einstellung ist
erfolgt zunächst hauptsächlich auf dem Wege der Clausula rebus sic
stantibus, Sie verlief reichlich langsam und unebenmäßig. Dann kam
die Riesenentwertung des Geldes, und erst zu letzter Stunde gab die
Rechtsprechung notgedrungen den Grundsatz „Mark — Mark“ auf,
Hätte die Rechtsprechung es nicht erheblich früher tun sollen und
können? Man wird heute die Frage mit Ja beantworten, ebenso
aber beifügen müssen, daß mit Rücksicht auf die Verhältnisse zum
        <pb n="567" />
        Die wirtschaftliche Einstellung der Rechtspflege, 499
Ausland und auch die der Innenwirtschaft von anderer Seite ein herz-
haftes Zupacken in einer entsprechenden Ausgestaltung dessen hätte
erfolgen müssen, was nach Fallenlassen des Geldes als Währung hätte
treten müssen, Soll man sich mit dem Gedanken beruhigen, daß sich
hinterher leicht kluge Erwägungen anstellen lassen und die Verhältnisse
so übermäßig stark waren, daß sie von niemandem, von der Regierung
und von den Banken und von der ganzen Wirtschaft selbst nicht gebannt
und gemeistert zu werden vermochten, Ich glaube: nein! Die Krise ist
zudem noch lange nicht überwunden. Wir stehen im Rechisleben noch
immer in der stachligen Frage, wie aufgewertet werden soll, Auch
hier zeigt sich den neuen Aufgaben gegenüber ein langsames, tastendes
Suchen, Reichsgerichtsrat A. Zeiler hat mit seiner Schrift „Maß-
stäbederUmwertung" eine allgemeine Norm zu geben versucht.
Ob sie die Rechtsprechung allgemein aufnimmt, bleibt abzuwarten. Zu
wünschen wäre es, schon wegen der Einheitlichkeit und Raschheit der
Rechtsfortbildung. Soll die Wirtschaft nicht einen zu langsamen Gesun-
dungsprozeß durchmachen, so muß auch das Recht ihr hierbei an die
Hand gehen. Das Verhältnis der beiden muß ein engeres, ein besseres
werden, Kann das die Rechtspflege aus sich heraus? Ich glaube wohl,
wenn ihr die Wirtschaft dabei entgegenkommt, Sofern zwei Faktoren
zu gemeinsamer Arbeit berufen sind, müssen sie sich verständigen. Ist
es bis jetzt vorgekommen, daß wirtschaftliche Verbände sich außer-
amtlich an die Gerichte oder Richter gewendet haben? Sind sie bei
den Vereinigungen erschienen (Juristen-, Richter-, Anwaltstagen), die
über die Ausbildung des Rechtswesens sich bemüht haben? Hat man
aus Richterkreisen mit der Wirtschaft und ihren führenden Kreisen
Fühlung genommen? Ein Schweigen ist die Antwort. Es müssen also
offenbar erst noch Brücken geschlagen werden, die mehr Uferstellen
miteinander verbinden als bisher. Da nun jeder nur zu sagen vermag,
wie es nach seiner Auffassung sein müßte, und vom anderen die Gegen-
gedanken erwartet, sei hier kurz angedeutet, welche Schritte vom
Rechtswesen aus unternommen werden können.

Sie sind eindeutig klar, Sie können nach dem Gesagten nur über
die Person des Richters gehen. Mit der bislang beliebten Gesetzes-
inflation und der kasuistisch-bürokratischen Gesetzgebung halte man,
je eher, je lieber, ein! Gesetze müssen sein, Auch neue Gesetze
müssen erlassen werden, wenn die Verhältnisse es gebieterisch er-
heischen, Man erinnere sich aber doch daran, daß der Gesetzgeber
früher erst auf den Plan trat, wenn ihm die wirtschaftliche Entwicklung
und die daran anknüpfende Rechtsprechung die nötigen Grundlagen
geschaffen hatte, Das ganze Verlagsrecht ist erst kodifiziert worden,
als die Praxis der Gerichte es an der Hand der Bedürfnisse der betei-

29*
        <pb n="568" />
        500 _ Reichsgerichtsrat Dr. Max Reichert: ;

ligten Wirtschaftskreise vorgearbeitet hatte, Die Ratio legis soll, wenn
das Gesetz erscheint, klar sein, Ein Paragraphieren in infinitum hat
keinen Sinn, Den Ausbau des Rechts lasse man der Rechtsprechung
und der Wissenschaft, Aber man gestalte das Rechtswesen so, daß
die Anpassung an die Bedürfnisse des Lebens rasch und gut durch die
Rechtsprechung erfolgen kann, Hier wird man bei der Person des
Richters einsetzen müssen. Seitdem der frühere Frankfurter Ober-
bürgermeister Adickes den Aufruf nach Reform der deutschen Rechts-
pflege durch einen Hinweis auf den hochstehenden englischen Richter
hat erschallen lassen, gehört es förmlich zur Tradition, diesen Vergleich
zwischen England und Deutschland immer aufs neue zu wiederholen.
Ich halte das für unrichtig; die deutschen Richter können und werden
nie so etwas werden wie die englischen und amerikanischen, Die
ganze historische Entwicklung des Rechtswesens in Deutschland und
die Rücksicht auf die ganz anders gearteten wirtschaftlichen Verhält-
nisse schließen das aus. Deutschland mit seinen Bewohnern und deren
Wirtschaft trägt zum großen Teil den Stempel des Binnenlandes, Auch
sind die Eierschalen der vormärzlichen Kleinstaaterei von ihm noch
nicht abgefallen. Der Zug ins Große und zum Gemeinsamen fehlt, Der
Richterstand geht auf das bürokratische Beamtenrichtertum der
früheren Einzelstaaten zurück. Auch heute gibt es nur hessische,
badische,preußische Richter, Die Länder wachen sorgsam ob
ihrer Justizhoheit. Gerade im Geiste des Bürokratischen schlummert
aber der Keim, dem Gesetz gegenüber sich ebenso unfrei einzustellen
wie gegenüber dem Vorgesetzten, Was die Rechtspflege aber braucht,
sind kraftvolle Persönlichkeiten, die mit der Bindung an das
Gesetz dessen Meisterung vereinigen, und zwar offen und aufrecht. Ein
einziges Gericht kennt deutsche Richter: das ist das Reichsgericht.
Bei ihm hat man auch die Maßnahmen versucht, die allein zu einem
wahrhaften Richtertum führen können: Auslese und Abstreifung
alles Bürokratisch-beamtenmäßigen, Auf diesen Weg muß auch die
Gerichtsverfassung der unteren Gerichte einzulenken versuchen, Man
trachte zusammen mit der Wirtschaft danach, daß die Zahl der Rechts-
streitigkeiten stark vermindert wird; denn das liegt im Interesse der
Wirtschaft selbst. Dann kann dem Prinzip der Auslese auch bei den
unteren Instanzen Rechnung getragen werden, weil es dann möglich wird,
mit einem erheblich kleineren Teil von Richtern in Deutschland auszu-
kommen. Die Auslese muß aber aus allen Juristen erfolgen. Es geht nicht
an, daß die Besten z. B. von der Industrie herangeholt werden, dadurch,
daß man sie wirtschaftlich sehr viel besser stellt als die staatlichen
Richter, Und welcher tüchtige Anwalt mit guter Praxis wird heute
noch zum Richter übertreten wollen? Die Ausbildung der Richter muß
        <pb n="569" />
        Die wirtschaftliche Einstellung der Rechtspflege, 501
reichsgesetzlich — wenn auch vorerst nur in Form gemeinschaftlichen
Rechts — geregelt werden. Juristischer Wissensstoff ist den Juristen
bislang wohl genügend dargereicht worden. Was sie aber noch brauchen,
isteinegutewirtschaftlicheAusbildun g, diediejuristischen
Kenntnisse erst praktisch verwertbar macht. Alle Wege, die dazu
führen, sind beachtlich. Daneben versuche man es aber noch mehr
mit außeramtlichen Berührungen zwischen Justiz und Wirtschaft, und
stelle diese nicht auf Theoretisches, sondern auf Konkret-praktisches
ab. Laien zur Zivilrechtspflege noch weiter heranzuziehen, empfiehlt
sich nicht. Dagegen sollte das Gericht, mehr wie jetzt, sich sachver-
ständige Information verschaffen, wenn es sich um Fragen dreht, bei
denen es gilt, die wirtschaftlichen Anschauungen kennenzulernen,

Das scheint mir ungefähr die mögliche und notwendige Entwicklung
der deutschen Rechtspflege zu sein. Sie wird dann nicht, wie das
wenig schön geratene Wort von Windscheid sagt, eine Magd sein,
die eine Krone trägt, wohl aber die verständige Hausfrau, die für Ruhe
und Frieden der Hausgenossen sorgt und mit klugem Abmaß des Mög-
lichen sich dafür müht, daß „Jedem das Seine‘ wird.
        <pb n="570" />
        32.

Die außenpolitischen Aufgaben der Wirtschaft.
Von Reichsminister a. D, Dr.-Ing. e,h, Gothein.

Je mehr die Kultur sich entwickelt, je mannigfaltiger die Bedürf-
nisse der Menschen werden, um so weniger ist ein Land in der Lage,
sie durch Eigenwirtschaft zu decken, Selbst ein von den tropischen
bis in die arktischen Regionen reichendes, ein so ungeheures Gebiet
umspannendes, mit so einzigartig reichen Naturschätzen ausgestattetes
Land wie die Vereinigten Staaten von Amerika vermag das nicht.
Weder den Kaffee Brasiliens noch den Tee und die Jute Indiens, weder
die Seiden Italiens, Japans und Chinas noch das Holz Kanadas oder
den Kautschuk tropischer Länder können sie entbehren. Und sie sind
auf den Absatz ihrer landwirtschaftlichen Erzeugnisse und ihres Kupfers
nach Europa, ihrer Industrieerzeugnisse nach nahezu allen Ländern der
Welt angewiesen. Ihr gewaltiger Kapitalüberschuß muß Anlagemög-
lichkeiten in anderen Staaten suchen, Selbst sie können keine aut-
arkische Wirtschaft führen.

Was für Nordamerika nicht möglich ist, ist es erst recht nicht
für die in einer Gemengelage, vielfach ohne natürliche Grenzen, lie-
genden Staaten Europas. Das Streben nach natürlichen Grenzen ist
ebenso verständlich wie das, die Angehörigen einer Nationalität in
einem gemeinsamen Staatswesen zusammenzufassen. Aber weder das
eine noch das andere darf — will es nicht die schwersten Gefahren
und Störungen hervorrufen — die wirtschaftlichen Bedürfnisse und
Notwendigkeiten der Nachbarn außer acht lassen, Umgekehrt dürfen
die Wünsche und Ziele der Wirtschaft nicht politische Gefahren her-
aufbeschwören, die sich letzen Endes auch an ihr rächen.

Nicht der Friede um jeden Preis kann die Aufgabe der Politik
eines Staates sein, Ein schimpflicher oder seine Lebensinteressen
treffender Friede birgt die Gefahr neuer Kriege in sich, Er ist sonst
„die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln‘, Das Ziel einer
klugen Wirtschaftspolitik muß daher sein, den Krieg zu vermeiden; sie
wird auf egoistische Wünsche verzichten müssen, wo diese Zündstoff
schaffen können, der im Verein mit anderem nationaler, religiöser und
sonstiger Art zur Verstimmung der Völker führt und den Boden vor-
bereitet, auf dem Kriege erwachsen.
        <pb n="571" />
        Die außenpolitischen Aufgaben der Wirtschaft. 503
Die sozialistische Auffassung, alle Kriege hätten kapitalistische
Ursachen, wird von der Geschichte einwandfrei widerlegt, Reine
Machtbestrebungen, Ruhmsucht, nationale und religiöse Gegensätze
sind zweifellos noch bis in die neueste Zeit die Ursache von Kriegen
gewesen, Kennt die Geschichte doch eine ganze Anzahl aus-
gesprochener Religionskriege, wie überhaupt solcher zur Durchführung
einer Idee politischer, sozialer, religiöser oder nationalistischer Art.
Wie aber die Beweggründe der meisten menschlichen Handlungen
komplexer Natur sind, so nicht minder die der Handlungen, welche
Kriege herbeiführen. Selbst bei solchen Kriegen haben vielfach
kapitalistisch-wirtschaftliche Motive mitgewirkt, So war der Drang
Rußlands nach Konstantinopel und den Dardanellen zwar in erster Linie
von machtpolitischen Erwägungen — Erringung eines eisfreien Hafens
oder eines militärischen Stützpunktes am Mittelmeer, volle Beherr-
schung des Balkans wie des Schwarzen Meeres, also auch Kleinasiens —
diktiert, Religiöse Empfindungen — Befreiung der Christen vom
türkischen Joch, Wiederaufpflanzung des Kgriechisch-katholischen
Kreuzes auf der Hagia Sophia — und nationalistische — der unklare
panslawistische Gedanke — haben ebenfalls mitgewirkt und jedenfalls
die Volksstimmung dafür so reif gemacht, daß der widerstrebende Zar
Alexander II, in den Balkankrieg hineingetrieben wurde. Indessen
auch wirtschaftliche Momente haben ‘dabei ’stark hineingespielt,
Darunter an sich so berechtigte wie das Verlangen Rußlands, bezüglich
seiner großen Ausfuhr von Getreide, Ölsaaten, Zucker, Erzen und
Mineralölen über die Schwarze-Meer-Häfen ebenso wie der Einfuhr
über diese nicht von dem guten Willen am Goldenen Horn abhängig zu
sein, Ausschließlich waren solche maßgebend für die russischen
Ambitionen auf die Mandschurei, auf Sachalin usw. Alleinausschlag-
gebend waren sie für die Eroberungspolitik Japans gegenüber Korea
und China, für die Algier-, Tunis- und Marokkopolitik Frankreichs,
für den Krieg Englands gegen Transvaal, Dessen ägyptische und
mesopotamische Politik gilt dagegen zum guten Teil der Sicherung
Indiens, also der Machtpolitik, die freilich mit kapitalistischen Wirt-
schaftsinteressen aufs engste verflochten ist.

Der Merkantilismus, der jedenfalls vom 17. Jahrhundert bis in das
letzte Drittel des 18, Jahrhunderts hinein die Weltpolitik beherrscht hat,
verquickte Macht und Wirtschaft vollständig, Macht besaß, wer das
Geld hatte, ein möglichst großes Heer und eine starke Flotte zu unter-
halten, Deshalb sollte das Geld im Lande behalten, also keine fremden
Waren eingeführt werden; erstrebte man Kolonien, deren Schätze helfen
sollten, den Reichtum zu vermehren, und wollte möglichst viel eigene
Waren dem Ausland verkaufen, um damit Geld ins eigene Land zu
        <pb n="572" />
        504 Reichsminister a, D. Dr.-Ing. e. h. Gothein:

bekommen, Mit der Vertiefung volkswirtschaftlicher Erkenntnis durch
Adam Smiths „Reichtum der Völker“, mit der nordamerikanischen wie
mit der französischen Revolution wurde der Merkantilismus schwer
erschüttert, ohne freilich in der praktischen Politik jemals ganz auf-
gegeben zu werden, Im letzten Viertel des 19, Jahrhunderts hat er
im Imperialismus eine Auferstehung gefeiert. Auch. dieser ist der
Wurzel des Schutzzollgedankens entsprossen. Je mehr sich einzelne
Staaten gegen die Industrieerzeugnisse anderer absperrten, um so
stärker mußte bei den letzteren der Drang werden, gesicherte Absatz-
gebiete zu erwerben, Charakteristisch dafür ist, daß England in den
Jahrzehnten des 19, Jahrhunderts, in denen der Freihandelsgedanke in
der Welt starke Fortschritte machte, auf weitere koloniale Expansion
verzichtete, daß aber mit dem Wiedererstarken des Schutzzollsystems
in den meisten Staaten Europas wie in den Vereinigten Staaten von
Amerika diese einen gewaltigen Aufschwung nahm und auch andere
Industriestaaten, in erster Linie Frankreich, sodann Belgien, die Nieder-
lande, Deutschland, Japan, schließlich auch Italien, ja selbst die
Vereinigten Staaten, sich Kolonien zu verschaffen bzw. ihr Kolonial-
reich zu erweitern suchten. Rußland fand sie im Kaukasus, in Tur-
kestan, Persien und im Fernen Osten.

Der Cobden-Club, der in den vierziger Jahren des vorigen Jahr-
hunderts den Freihandelsgedanken in England zum Siege gebracht
hatte, führt das Programm: „Free trade, peace and goodwill among
nations,‘” Freilich, England verzichtete wohl auf Schutzzölle, nie aber
auf die starke Machtpolitik, Das „Britannia rule the waves‘ haben
auch seine freihändlerischsten Regierungen nicht aufgeben wollen. Noch
1918 haben sie die „Freiheit der Meere‘ aus den 14 Punkten Wilsons
gestrichen und damit den Freihandels- und Friedensgedanken um den
Sieg gebracht. Und heut ist ersterer selbst in England ernstlich gefährdet.
Eine schutzzöllnerische Strömung von seit fünf Vierteljahrhunderten
nicht gekannter Stärke durchzieht die Welt; sie stellt eine ernstliche
Gefährdung des friedlichen und {reundschaftlichen Lebens der
Völker dar.

Sie ist das auch in den Jahrzehnten des sich verstärkenden
Protektionismus vor dem Kriege gewesen, Die Meinung Bismarcks,
gute politische Beziehungen ließen sich sehr wohl mit schlechten wirt-
schaftspolitischen vereinigen, ist durch die Ereignisse widerlegt worden.
Durch nichts haben die nationalen Aspirationen Serbiens eine solche
Unterstützung erfahren wie durch die rigorose Absperrungspolitik
Österreich-Ungarns gegen den kleinen, wirtschaftlich auf es ange-
wiesenen Nachbarn, Man ließ sein Vieh nicht herein, erhob von seinem
Obst (speziell dem wichtigen Ausfuhrartikel getrocknete Pflaumen) auf
        <pb n="573" />
        Die außenpolitischen Aufgaben der Wirtschaft, 505
den ungarischen Bahnen Frachtsätze, die den Transitverkehr nach
Deutschland oder Polen unmöglich machten, und gestattete Serbien
keinen Mittelmeerhafen zur Ausfuhr seiner Produkte, So bereitete man
selbst den Nährboden, auf dem die fanatische, von Rußland ge-
schürte antiösterreichische serbisch-nationalistische Agitation üppig ins
Kraut schoß,

Die gegenseitige Absperrungspolitik, die zu dem viele Jahre
dauernden österreichisch-ungarisch-rumänischen Zollkrieg führte, hat
jedenfalls die beiderseitigen politischen Beziehungen beider Staaten
überaus nachteilig beeinflußt.

Bismarck hat sich die größte Mühe gegeben, den Draht, der uns
politisch mit Rußland verband, zu erhalten. Wer aber — wie der
Schreiber dieser Zeilen — in den Jahren der wachsenden gegenseitigen
Zollschranken nahe der russischen Grenze gewohnt und sie recht häufig
überschritten hat, der weiß auch, wie die Stimmung hüben und drüben
immer gespannter wurde und der aufmerksame Beobachter sich sorgen-
voll fragte: „Wann kommt es zum Krieg, der nicht mehr fern ist?“
Dem stiegen doch schon damals sehr ernsthafte Zweifel auf, ob das
Bismarcksche System: „politische Freundschaft, wirtschaftliche Gegner-
schaft‘ sich bewähren würde, War doch die russisch-französische
Annäherung bereits während Bismarcks Kanzlerschaft zustande
gekommen und durch nichts so gefördert worden wie durch die von
ihm angeordnete Sperrung des deutschen Geldmarktes für russische
Anleihen; sie trieb Rußland geradezu in Frankreichs Arme.

Wenn man dagegen nach Abschluß des deutsch-russischen Handels-
vertrags von 1894 über die Grenze kam, begegnete man einer erfreu-
lichen Entspannung, Der lebhafte Warenaustausch, die sich mit ihm
steigernden angenehmen Beziehungen der Geschäftsfreunde, die Befriedi-
gung über den sich mehrenden Wohlstand diesseits und jenseits der
Grenzpfähle schufen eine friedfertige Stimmung. Jedermann wünschte
den Frieden und in ihm weitere wirtschaftliche Belebung. Ganz anders
wurde aber wiederum die Stimmung nach dem auf Grund des Bülow-
tarifs 1906 in Kraft getretenen neuen Handelsvertrag mit seinen beider-
seits erhöhten Zollschranken, Zwar stiegen Ein- und Ausfuhr weiter,
aber die Ausfuhr russischen Weizens und Roggens nach Deutschland
ging bei den erhöhten Zöllen stark zurück. Unter dem Ausbau der Ein-
fuhrscheine zu Ausfuhrprämien wurde sogar beträchtlich Roggen, aber
auch Hafer, nach Rußland ausgeführt und drückte dort die Preise. Dies
verstimmte die landwirtschaftliche Bevölkerung, die in Rußland die
ungeheure Mehrheit ausmacht, Willig lieh sie den panslawistischen
Anklagen ihr Ohr: Deutschland habe diesen Handelsvertrag unter
Ausnutzung der russischen Niederlage gegen Japan erpreßt, der Ruß-
        <pb n="574" />
        506 Reichsminister a, D, Dr.-Ing, e, h. Gothein:

land ruiniere, Deutschland sei der Feind; der Weg nach Konstanti-
nopel. führe über Berlin, Die Klagen über den Handelsvertrag waren
gewiß unsagbar übertrieben, aber sie enthielten ein Körnchen Wahr-
heit, und das genügte, den Nährboden zu schaffen, auf dem die Saat des
Unfriedens aufging.

Den Krieg gegen Deutschland hat England nicht aus Handelsneid
herbeigeführt. Sein Anschluß an die russisch-französische Politik war
allein die Folge der deutschen Flottenrüstung, In England fragte man sich:
„Gegen wen rüstet Deutschland zur See, wenn nicht gegen uns?‘ Und da
man mit ihm nicht zu der erstrebten Verständigung kommen konnte und
nicht isoliert sein wollte, schloß man sich der Entente an. Aber zweifellos
hat die deutsche Schutzzollpolitik ganz wesentlich dazu beigetragen, die
englische Stimmung gegen uns zu verschlechtern. Die deutschen
Industriellen schrien ihre technische und organisatorische Überlegen-
heit und ihre Erfolge marktschreierisch in die ganze Welt hinaus. Gleich-
zeitig aber setzten sie Schutzzölle durch, die Englands Waren, das die
deutschen zollfrei hereinließ, in vielen Artikeln vom deutschen Markt
ausschloß, Die deutschen Kartelle unterboten mit Kartellexportprämien
die englischen Eisenwerke in Großbritannien wie auf dritten Märkten.
Gewiß hatten Englands Schiffbau, Konstruktionswerkstätten, sein
Maschinenbau wie seine Blechverarbeitung von dem billigen deutschen
Eisen die größten Vorteile, Aber die durch solche Konkurrenz geschä-
digten Eisenhüttenbesitzer klagten laut über den unlauterenWettbewerb,
den ihnen Deutschland mache. Nicht minder die englischen Tuch-
fabrikanten und Baumwollweber darüber, daß Deutschland sich gegen
die Einfuhr ihrer Waren mit hohen Zöllen schütze und gleichzeitig diese
Artikel in Massen nach England absetze. Wer Vorteil von der deutschen
Einfuhr hatte, schwieg, wem sie Konkurrenz machte, klagte laut; und
diese Klagen waren Wasser auf die Mühle der Kriegsparteien.

Es ist notwendig, sich das rückblickend zu vergegenwärtigen, um
für die Zukunft die Fehler zu vermeiden, die auf wirtschaftlichem Gebiet
gemacht worden sind und den Boden für den Weltkrieg vorbereitet
haben. Hat mir doch nach ihm ein Führer der schutzzöllnerischen
Großindustrie offen zugegeben, daß, wenn die deutsche Industrie und
Landwirtschaft auch unter den Schutzzöllen eine glänzende Entwick-
lung genommen hätten, diese doch wesentlich mit die Ursache zum
Kriege gewesen seien,

1.

Durch den Weltkrieg und seinen für Deutschland unglücklichen
Ausgang haben die Wirtschaftsverhältnisse der Welt eine ungeheure
Verschiebung erfahren. Nach einer Statistik der New Yorker National

TF
        <pb n="575" />
        — Die außenpolitischen Aufgaben der Wirtschaft, zz ZT othek ‘
a )

City Bank hat sich von 1912 auf 1922 das Nationalvermögen def Ner- &amp;

einigten Staaten um 134,5 Milliarden Dollar oder 72 %, Großbrita {ens Kiel xx

um 9,55 Milliarden Dollar = 14%, Frankreichs um 10,6 Milliardem

Dollar = fast 16 %, Kanadas um 11 Milliarden Dollar = 100 %,

Australiens um 3,58 Milliarden Dollar = 57%, der Schweiz um

1,54 Milliarden Dollar = 50%, Italiens um 2,95 Milliarden Dollar

= 13% vermehrt, das Deutschlands aber um 44 Milliarden Dollar

= 56% % vermindert, Unendlich viel größer ist natürlich noch der

Rückgang des Nationalvermögens Rußlands, Kaum geringer als in

Deutschland der in den meisten Nachfolgestaaten Österreich-Ungarns,

vornehmlich in den „Siegerstaaten‘“ Polen und Rumänien. Aber auch

in den Siegerstaaten, die eine Vermehrung ihres Nationalvermögens

erfahren haben, ist diese im Verhältnis zu dessen riesiger Zunahme

in Nordamerika verschwindend, entspricht nicht im entferntesten der

seitdem eingetretenen starken Entwertung der Kaufkraft des Geldes.

Die Vereinigten Staaten von Amerika — früher an Europa stark ver-

schuldet — sind heute dessen mächtiger Gläubiger.

Wenn auch die meisten Siegerstaaten ihren Außenhandel dem
Goldwert nach wieder auf die Höhe der Vorkriegszeit gebracht haben,
manche, wie Frankreich, das so starke Exportgebiete wie Elsaß-
Lothringen hinzugewonnen hat, ihn sogar beträchtlich steigern konnten,
zumal sie die Industriewerkstätten der zerstörten Gebiete in ungleich
leistungsfähigerer Form neu aufbauen konnten und mit der Reparations-
kohle und dem Reparationskoks sowie unterstützt durch eine sinkende
Valuta billig zu produzieren vermochten, so dürfte doch — wenn man
den gesunkenen Geldwert in Betracht zieht — bei keinem von ihnen
die Ausfuhrsteigerung der in der Periode vor dem Kriege entsprechen.
Muß doch z, B, bei Frankreich, um einen Vergleich zu gewinnen, die
Ausfuhr Elsaß-Lothringens in Abzug gebracht werden, die 1924 allein
nach Deutschland weit über eine halbe Milliarde Goldmark ausgemacht
haben wird und insgesamt auf erheblich mehr als 1 Milliarde zu schätzen
ist. Im Jahrzehnt vor dem Kriege war die englische Ausfuhr jährlich um
nahezu eine halbe Milliarde Goldmark gestiegen; 1924 war sie zwar
6,3 Milliarden Reichsmark höher als 1913, die Steigerung also scheinbar
noch höher, aber am Großhandelsindex gemessen lag überhaupt kaum eine
solche vor, Die Einfuhr — der Gradmesser für Englands Wohlstand — ist
gegen 1913 sogar um fast 1% MilliardenReichsmark zurückgegangen. Seine
unsichtbare Ausfuhr — die Erträgnisse seiner Seeschiffahrt für fremde
Rechnung, die Vermittlungseinnahmen seines Handels und seiner
Banken, die Gewinne aus den Kolonien und ausländischen Nieder-
lassungen und fremden Effekten — ist eben ganz wesentlich gesunken.
Die Passivität seiner Handelsbilanz, die der Engländer mit größtem
        <pb n="576" />
        508 Reichsminister a, D, Dr.-Ing, e. h, Gothein:

Gleichmut betrachtete, weil sie durch die enorme Aktivität der Zahlungs-
bilanz völlig in den Schatten gestellt wurde, wird heute selbst in Eng-
land schwer empfunden. Sie drückt sich in einer nachhaltigen und um-
fassenden Arbeitslosigkeit, in einem Sinken der Rentabilität, einem
Rückgang der Seeschiffahrt, der Kohlenförderung, der Eisenproduktion,
des Schiff- wie Maschinenbaues wie der Lebenshaltung und in einem
kaum tragbaren Steuerdruck aus, Die obenangeführte Zunahme
des Nationalvermögens ist angesichts des gesunkenen Geldwertes tat-
sächlich auch nur eine scheinbare, Das Unbefriedigende der Wirtschaft
löst den Schrei nach Schutzzöllen aus,

Selbst die Staaten, die am Kriege nicht oder doch nur in sie wenig
berührendem Maße teilgenommen haben, vermochten ihre Ausfuhr
nicht wesentlich zu steigern, Seine Verarmung macht Europa wenig
aufnahmefähig für ihre Produkte. Die in starkem Aufstieg befindliche
Konsumkraft Nordamerikas vermag ihnen dafür keinen vollen Ersatz
zu gewähren, Darüber läßt ihre Kaufkraft für die europäischen
Industrieerzeugnisse ebenfalls nach, waren sie doch auch während des
Krieges gezwungen, eigene Industrien zu entwickeln,

HL

Eine schwere Gefahr für die übrige Welt bietet die Wirt-
schaftspolitik der Vereinigten Staaten von
Amerika, Ihr brutaler Protektionismus führt zu einer überaus
starken Drosselung der Einfuhr, während die Welt ihre Ausfuhr weniger
als je entbehren kann, Die Revolution in Rußland, die Agrarrevolution
in Rumänien wie in den ehemaligen russischen Ostseeprovinzen haben
die Getreideproduktion und Ausfuhrfähigkeit dieser Länder ungeheuer
eingeschränkt, die letztere nahezu vernichtet und damit Nordamerika
an die erste Stelle der Getreideausfuhrländer gerückt, Der Rückgang
der Wollproduktion und die starke Steigerung der Wollpreise haben
die Nachfrage nach Baumwolle verschärft, die Baumwollpreise enorm
erhöht. Die Verringerung der Vieh-, besonders der Schweinehaltung
in Europa steigert die Nachfrage nach amerikanischem Schmalz, der
wachsende Papierverbrauch die nach Holz, die elektrotechnische wie
die Automobilentwicklung die nach Kupfer und Blei. In all dem und in
noch vielem andern kann die Welt die nordamerikanischen Lieferungen
nicht entbehren, Da die Vereinigten Staaten aber die Einfuhr weit-
gehend durch exorbitante Zölle und anderweitige Erschwerungen fern-
halten, so wächst ihr Ausfuhrüberschuß ständig, In den letzten
drei Monaten 1924 hat er 523,4 Millionen Dollar betragen, Das ist bei
einem Schuldnerland allenfalls zu ertragen, bei einem ausgesprochenen
Gläubigerland muß es dazu führen, daß die andern Länder immer mehr
        <pb n="577" />
        Die außenpolitischen Aufgaben der Wirtschaft, 509
in seine Schuldknechtschaft kommen. Ein solches Verhältnis löst nur
zu leicht Verstimmung, Verbitterung bei ihnen aus.

Verschärft wird es dadurch, daß die Vereinigten Staaten die Ein-
wanderung in ganz unerhörter Weise ausschließen. Sie nehmen den
Völkern Europas die Absatz- und damit die Arbeitsmöglichkeiten und
gleichzeitig die, sich eine Wohn- und Arbeitsstätte bei ihnen zu suchen.
Das heißt sie auf doppelte Weise ins Elend treiben. Sie verteuern damit
freilich ihre eigene Produktion und schränken sie ein, ganz besonders
die von Getreide und Baumwolle. Das treibt aber wieder deren Preise;
wird doch der Anbau absichtlich zu diesem Zweck eingeschränkt. Die
auf deren Verbrauch angewiesenen Länder suchen sich gegen solche
Schädigungen zu schützen und sich — wenn sie dazu in der Lage sind —
unabhängig von Nordamerika zu machen. England will mit den
gewaltigen Staudämmen des Nils im Süden den Baumwollanbau dort so
steigern, daß es seinen Eigenbedarf dort und in Ägypten decken kann.
Mit europäischem und eigenem Kapital ist das gleiche in Brasilien und
in Nordargentinien, von den Holländern in Niederländisch-Indien in
Angriff genommen, Die steigende Kupfergewinnung am Kongo
(Katanga) und in Südafrika. in Australien und Chile, die wachsende
Bleigewinnung Mexikos könnten das amerikanische Übergewicht be-
seitigen, wenn nicht die Produktion Europas in so furchtbarem Rück-
gang wäre. Das amerikanische Erdölmonopol ist durch die reichen
Funde in Südrußland und Persien, in Mesopotamien, Niederländisch-
Indien, in Mexiko und neuerdings in verschiedenen Staaten Südamerikas
wohl durchbrochen; aber die ungeheure Kapitalmacht des nord-
amerikanischen Standard Oil Trust faßt in allen andern Produktions-
gebieten Fuß und zwingt durch einen brutalen Wettbewerb die andern
Unternehmungen unter seine Kontrolle. Und diese Gefahr besteht nicht
nur bei Mineralölen, sondern auch bei Baumwolle, Kupfer, Blei,
Zink usw.

Kein anderes Land hat auf dem Gebiet des Dumpingexports so
gesündigt wie die Vereinigten Staaten, Die Geschichte des Standard
Oil Trust wie die des Steel Trust liefern ungezählte Beispiele dafür,
Und gerade sie sind es, die sich nicht nur gegen wirkliches Dumping,
sondern auch gegen jede Einfuhr zu niedrigerem Preise als dem Konsum-
preise des Herkunftslandes mit brutalen Strafmaßnahmen wenden.
Erblicken sie doch ein solches selbst in der Rückvergütung der deut-
schen Umsatzsteuer bei der Ausfuhr, obgleich diese doch eine aus-
gesprochene Verbrauchssteuer ist, Ihre Industriellen können infolge
ihrer Kapitalmacht schon durch ausgedehnte Zahlungsziele ein wirk-
sames Dumping ausüben, gegen das andere Länder sich kaum schützen
können.
        <pb n="578" />
        510 Reichsminister a, D, Dr.-Ing. e. h. Gothein:

Die jetzige amerikanische Wirtschafts- und Einwanderungspolitik
liegt nicht im Interesse des amerikanischen Volkes, und sie ist geeignet,
es in einen ausgesprochenen Gegensatz zu allen andern Völkern zu
bringen, Dessen sollte sich gerade dieses von ehrlichem Friedenswillen
erfüllte, moralischen Erwägungen so zugängliche Volk klar werden!
Dem Mächtigen ist alles erlaubt. Doch „alle Schuld rächt sich auf
Erden‘,

I

Kein großes Volk ist heut so ohnmächtig wie das deutsche. Seine
Wirtschaftspolitik kann nicht mehr durch Macht unterstützt werden.
Vom russischen abgesehen ist auch keines so verarmt, Im Krieg hat es
nahezu ein Achtel seiner im Alter von 18—46 Jahren stehenden männ-
lichen Bevölkerung durch den Tod verloren, hat nahezu drei Fünftel
seines Nationalvermögens eingebüßt, und ihm werden Reparations-
leistungen zugemutet, die nach einer kurzen Übergangszeit auf
2,5 Milliarden Goldmark jährlich anwachsen. Der Dawesplan spricht
wenigstens klipp und klar aus, daß diese Zahlungen allein aus den Über-
schüssen der Ausfuhr über die Einfuhr geleistet werden können, und
das auf ihm aufgebaute Londoner Abkommen bestimmt, daß

1. die Transferierungen dieser Zahlungen an die Reparations-
empfängerstaaten nur insoweit erfolgen dürfen, als dadurch keine Ge-
fährdung der deutschen Währung eintritt, und daß

2, eine Revision des Friedensdiktats eintreten muß, wenn das aus
diesem Grund nicht transferierbare Guthaben des Agenten der Repara-
tionskommission bei der Deutschen Reichsbank 5 Milliarden Goldmark
erreicht,

Damit ist einmal eine weitgehende Vorsorge für die Stabilität der
deutschen Währung getroffen und steht eine Revision des Versailler
Diktats ebenso wie des Londoner Abkommens, wenn auch erst in 6 bis
7 Jahren, in Aussicht, Dadurch, daß sowohl England wie Frankreich
vom Wert der deutschen Ausfuhr sich 26 % stets sofort vom Repara-
tionsagenten vergüten lassen und dieser auch die Zahlungen für alle
Reparations-Sachlieferungen alsbald zu leisten hat, erfährt diese Siche-
rung der deutschen Währung allerdings eine nicht unbedenkliche
Schwächung,

Einstweilen sind die Aussichten, die deutsche Handelsbilanz aktiv
zu gestalten, gering, 1924 stand einer Wareneinfuhr im Werte von
9135 Millionen Reichsmark nur eine Warenausfuhr im Werte von
6531 Millionen Reichsmark gegenüber, Es ergab sich also ein Ein-
fuhr überschuß von rund 2600 Millionen Reichsmark, Im Januar 1925
hat er sogar 586 Millionen Reichsmark betragen. Er beruht nicht aus-
schließlich auf vermehrter Einfuhr, sondern auch auf der stark zurück-

75;
        <pb n="579" />
        Die außenpolitischen Aufgaben der Wirtschaft. 511
gegangenen Ausfuhr, Auf Vorkriegswerte berechnet, hat diese im
Jahre 1924 nur 50,5 %, die Einfuhr dagegen 62,1 % erreicht. Allerdings
sind in der Ausfuhr die Werte der Reparationslieferungen nicht ent-
halten, weil Deutschland dafür keinen Gegenwert erhält; sie werden
uns aber auf Reparationskonto gutgeschrieben. Setzt man sie — was
recht reichlich erscheint — mit % Milliarden ein, so würde sich die
deutsche Warenausfuhr auf 7,2—7,3 Milliarden erhöhen, aber immer
noch um 1,9 Milliarden hinter der Einfuhr zurückbleiben. Diese
Passivität in eine Aktivität von gleicher Höhe zu
verwandeln, ist diegroße wirtschaftliche und poli;-
tische Aufgabe des deutschen Volkes.

Ob sie überhaupt voll zu lösen ist, ist zu bezweifeln. Der Dawes-
plan meint, daß bei einer Steigerung unserer Ausfuhr auf 14 Milliarden
Reichsmark ein Ausfuhrüberschuß von 2% Milliarden Reichsmark zu
erzielen sei. Man hat in dem Rekordjahr 1913 die deutsche Waren-
ausfuhr knapp 10,1 Milliarden gewertet; ihr stand eine Einfuhr im
Werte von 11,65 Milliarden gegenüber, in der Rohstoffe und rohe halb-
fertige Waren (z. B. rohe Metalle, nicht aber Garne) mit 6,5 Milliarden,
Nahrungs- und Genußmittel und lebende Tiere mit 3,35 Milliarden ent-
halten waren, Von dieser Einfuhr von 9,85 Milliarden könnten wir
allenfalls auf 550 Millionen für Genußmittel aller Art, einschließlich der
zu ihrer Herstellung dienenden Rohstoffe, verzichten. Dann würde
immer noch ohne Fertigwaren ein Einfuhrbedarf von 9,3 Milliarden
Reichsmark übrigbleiben, um nur die frühere Ausfuhr von 10,1 Mil-
liarden Wert zu erlangen. Nun haben wir aber die großen Rohstoff-
gebiete Lothringens und Luxemburgs, der Saar und Oberschlesiens,
haben die fruchtbaren landwirtschaftlichen Überschußgebiete Posens,
Westpreußens und Nordschleswigs verloren, wodurch unser Einfuhr-
bedarf an Rohstoffen, rohen Halbfabrikaten und Nahrungsmitteln allein
um mindestens 1 Milliarde gestiegen ist. Jede Zunahme der Ausfuhr
erfordert eine solche der Rohstoffe, Halbfabrikate und Nahrungsmittel
um mindestens 66—75 % des Wertes der Ausfuhr, also eine solche der
letzteren um 4 Milliarden Reichsmark gegen 1913 eine Steigerung
dieser Einfuhr um 2,65—3 Milliarden Reichsmark, also auf 11,9—12,3
Milliarden. Nun können wir aber — wollen wir einigermaßen erträg-
liche Handelsverträge erzielen — weder auf die Einfuhr von Kaffee
und Tee, noch von Tabak und Südfrüchten oder von Wein verzichten,
Wir dürfen auch nicht durch prohibitive Zölle die Einfuhr von Fertig-
waren ausschließen, wenn wir selbst solche ausführen wollen. Deren
Einfuhr machte vor dem Krieg über 5/, Milliarden Mark aus und ist
nach dem Verlust Elsaß-Lothringens, Ostoberschlesiens und dem —
wenn auch nicht definitiven — des Saargebiets noch gestiegen, während
        <pb n="580" />
        512 Reichsminister a. D, Dr.-Ing, e, h, Gothein:

dadurch unsere Ausfuhrfähigkeit erheblich eingebüßt hat, Die ganze
Berechnung, daß wir bei einer Ausfuhr im Werte von 14 Milliarden
2% Milliarden Reichsmark Reparationszahlungen aus Ausfuhrüber-
schüssen leisten könnten, ist daher eine Milchmädchenrechnung., Das
um so mehr, als wir noch die Verzinsung und Tilgung der zum Wieder-
aufbau unserer Wirtschaft aufgenommenen Auslandsanleihen auf-
bringen müssen, Wir müßten unsere Ausfuhr auf mindestens 18 Mil-
liarden, d. i. nahezu das Dreifache der letztjährigen, bringen, um allen
uns auferlegten Verpflichtungen gerecht zu werden,

Ist das Ausland in der Lage oder auch nur gewillt, eine solche
gewaltige Warenausfuhr aufzunehmen? Rußland, das uns vor dem Krieg
für 880 Millionen Mark Waren abnahm, dürfte jetzt einschließlich
seiner Nachfolgestaaten‘) auf kaum mehr als 350 Millionen Reichs-
mark kommen, Unsere Ausfuhr nach Großbritannien ist von 1432 auf
etwa 460 Millionen, die nach Frankreich (altes Gebiet) von 790 auf
etwa 80, die nach den Vereinigten Staaten von Amerika von 713 auf
etwa 410, die nach Belgien von 551 auf rund 85 Millionen Mark
gesunken. Und die Erfahrungen mit verschiedenen Handelsvertrags-
verhandlungen zeigen, wie wenig die Gegner geneigt sind, die Kon-
sequenzen des Londoner Abkommens zu ziehen. Man will Repara-
tionszahlungen; man weiß, daß sie nur aus Ausfuhrüberschüssen zu
leisten sind, verlangt aber von Deutschland Erleichterung der Einfuhr
und sucht dessen Erzeugnisse von sich fernzuhalten. Welchen Sturm
hat allein in England der Auftrag zum Bau von fünf großen Motor-
schiffen an die Deutsche Werft erregt!

Mit dem Abschluß von Handelsverträgen und der Wiederein-
räumung der Meistbegünstigung dürfte sich allerdings die deutsche Aus-
fuhr wieder heben. Aber wir müssen auch alles daransetzen, unsere
Handelsbilanz wieder aktiv zu machen. Denn ein Schuldnerland mit
passiver Bilanz muß verelenden, kann auf die Dauer auch seine Wäh-
rung nicht halten, Gerät diese aber wieder ins Gleiten, so ist das Chaos
nicht zu vermeiden,

Y,

Nun beruht der Rückgang unserer Ausfuhr keineswegs allein in
den Schwierigkeiten, die andere Staaten der Einfuhr unserer Waren
und der Einreise unserer Handelsvertreter machen, sondern noch mehr
darin, daß unsere Waren teurer als die anderer Länder sind, Wollen
wir mit Erfolg den Wettbewerb mit ihnen aufzunehmen, so müssen wir
unser Preisniveau senken, Voraussetzung dafür ist die Senkung der
Selbstkosten, Inwieweit ist eine solche möglich?

*) Von Polen ist dabei nur Ostpolen einbezogen,

'-
        <pb n="581" />
        Die außenpolitischen Aufgaben der Wirtschaft, 513
Die Arbeiterlöhne sind im allgemeinen um 30 % höher als vor dem
Kriege; das entspricht der Verringerung der Kaufkraft des Geldes,
Allerdings hat eine öde Gleichmacherei die Löhne des Landes denen
der Stadt, die der Ungelernten denen der Gelernten, die der Weiblichen
denen der Männlichen in überaus bedenklicher Weise angenähert und
die der Jugendlichen gegen früher stark erhöht. Aus der Textilindustrie
— früher unsere weitaus bedeutendste Exportindustrie — wird bitter
geklagt, daß die Löhne der in ihr vorzugsweise beschäftigten weiblichen
Arbeitskräfte die der Vorkriegszeit um nahezu 75 % überstiegen., Der
furchtbare Rückgang unserer diesbezüglichen Ausfuhr habe in erster Linie
darin seinen Grund, zumal die Leistung keine Steigerung, sondern über-
wiegend einen Rückgang erfahren habe. Über letzteres klagt auch der
Bergbau, Auch bei der 8%stündigen Schicht einschließlich Ein- und Aus-
fahrt, die die Gewerkschaften wieder um 17% Stunden verkürzen wollen,
ist die Förderleistung trotz wesentlicher Verbesserung der maschinellen
Ausrüstung auf drei Viertel der früheren zurückgegangen. In den Eisen-
hütten war sie während der Ersetzung des Zweischichten- durch das
Dreischichtensystem sogar auf die Hälfte gesunken, hat sich aber nach
Rückkehr zum ersteren wieder auf die Vorkriegshöhe gehoben. Im
Hamburger Hafenbetrieb ist der Stundenlohn von 60 Pfg. vor dem
Kriege auf 78,75 Pfg. im Februar 1925, d. i. um 31,25 %, gestiegen,
während der dortige Lebenshaltungsindex sich nur um 24,13 % erhöht
hat. Die Leistung pro Mann und Schicht ist aber von 11,5 auf 8,4 t, also
fast um 27 %, gesunken. In der bayerischen Industrie waren die Löhne
vom 7, Januar bis 19, November 1924 durchschnittlich um 35,6 %
gestiegen. Die Nominallohnsätze in den bayerischen Großstädten
waren gegenüber 1924 um 28 % höher. In den kleineren Städten und in
ländlichen Orten gingen die Steigerungen bis auf 75 %. Bei der Reichs-
bahn wird ein wesentlich eingeschränkter Verkehr von einem um
120 000 Köpfe stärkeren Personal bewältigt; die Löhne sind bei ihr
noch wesentlich stärker als in der Industrie gestiegen usf,

Man sollte meinen, die Inflationszeit habe den Arbeitnehmern und
ihren Organisationen drastisch genug vor Augen geführt, daß keine
Steigerung ihrer Löhne ihnen dauernden Nutzen bringt, wenn die
Warenpreissteigerung bzw. die Geldentwertung sie überholt. Jeder
Lohnempfänger muß sich darüber klar sein, daß eine Lohnerhöhung, der
keine entsprechende Mehrleistung gegenübersteht, eine Verteuerung
der Produktionskosten und damit der Preise nach sich zieht; daß eine
Senkung des Preisniveaus für ihn unendlich viel wertvoller ist als eine
Lohnsteigerung, weil durch die erstere, nicht aber durch die letztere sein
Reallohn erhöht wird; daß, wenn das Preisniveau sinkt, die Inlands-
nachfrage sich hebt und die Ausfuhr steigt; daß bei besserer Aus-

Die deutsche Wirtschaft.
33
        <pb n="582" />
        514 Reichsminister a. D. Dr.-Ing, e. h. Gothein:

nützung der Betriebsstätten die Selbstkosten geringer werden, damit auch
die Preise weiter gesenkt werden und die Wettbewerbsfähigkeit auf den
Auslandsmärkten wächst; daß dann auch die Arbeitslosigkeit zurück-
geht und damit die Lasten, die dem Volksganzen daraus erwachsen,

Leider aber haben — im Gegensatz zu den alten englischen Trade
unions — die meisten deutschen Gewerkschaften dafür kein Verständnis,
und unter dem terroristischen Druck der jüngeren ungelernten Arbeiter
wagen auch einsichtige Gewerkschaftsführer kaum mehr zu einer maß-
vollen, verständigen Gewerkschaftspolitik zu raten. Also werden immer
neue Forderungen erhoben, wird zu ihrer Durchsetzung gestreikt. Und
dann setzt das Schlichtungsverfahren ein. Dabei glaubt der Schlichter,
um eine Einigung zu erzielen, den Arbeitnehmerforderungen entgegen-
kommen zu müssen, auch wenn die ganze Wirtschaftslage das verbietet.
Und die Streikenden müssen immer wieder eingestellt werden. Der
Schiedsspruch bedeutet daher meist eine Prämie auf das Streiken, So-
lange man nicht den Mut hat, einen großen Streik sich ausbrennen zu
lassen, wird die Streikepidemie nicht aufhören,

Ein ständiger Streitpunkt ist dabei die Achtstundenschicht. Sie ist
am Platz, wo in ihr das gleiche geleistet wird wie in der Zehnstunden-
schicht, Aber ihre schematische Durchführung auch da, wo ein. erheb-
licher Teil der Arbeitszeit auf Pausen oder auf bloße Arbeitsbereit-
schaft entfällt, erlaubt uns unsere Verarmung nicht, Selbst Karl Marx
und Rodbertus waren Gegner der schematischen gleichen Arbeitszeit,
haben vielmehr ausdrücklich gefordert, daß diese sich nach Kompliziert-
heit und Schwere der Arbeit richten müsse.

Wer dem Volk vorredet, daß es ohne hingebende Arbeit und ohne
weitgehenden Verzicht auf Luxusgenüsse aus dem Elend dieser Zeit
herauskommen könne, ist kein Freund des Volkes, sondern ein Volks-
verführer,

VL.

Unsere Selbstkosten werden ganz unverhältnismäßig gesteigert
durch das Übermaß von Steuern, Nach dem Durchschnitt der Monate
Oktober-Februar 1924/25 würde sich eine Jahresbelastung allein an
Reichssteuern und Zöllen von 8250 Millionen Reichsmark ergeben, die
sich durch Steuerrückstände und Steuern der Länder und Gemeinden auf
rund 11,5 Milliarden erhöht. Das sind 40—45 % unseres Volkseinkommens,
während dasselbe in England nach den Erklärungen des Finanzministers
Churchill mit 25, in Frankreich mit 15, in den Vereinigten Staaten
mit noch nicht 10 % belastet ist. Dabei verlangen Englands Industrie
und Handel stürmisch Herabsetzung der untragbaren Steuern.

Zur Sicherung der neugeschaffenen Währung war die Balancierung
der Etats durch Steuern unerläßlich; ohne Eingriffe in die Vermögens-
        <pb n="583" />
        Die außenpolitischen Aufgaben der Wirtschaft, 515
substanz war diese Aufgabe zunächst nicht durchzuführen. Aber man
unterschätzte den Ertrag der durch die Steuernotverordnungen ein-
geführten Reichssteuern, die über 2 Milliarden mehr als veranschlagt
brachten. Man entschloß sich daher, zum 1. Oktober 1924 die Umsatz-
steuer von 2% auf 2, und zum 1. Januar 1925 auf 1% % — zu diesem
Termin ward auch die erhöhte Umsatzsteuer von 15 auf 10 % herab-
gesetzt — sowie zum 1, Dezember die Vorauszahlungen auf die Ein-
kommen- und Körperschaftssteuer auf drei Viertel der bisherigen zu
senken, Diese Ermäßigungen haben der Reichskasse keinen Einnahme-
ausfall gebracht. Der Januar hat trotzdem noch 83 Millionen Reichs-
mark mehr ergeben als der korrespondierende Monat Oktober des
vorangegangenen Quartals, und der Februar noch mehr als der Kor-
respondenz-Monat November, Im Februar hatte die Reichskasse einen
Einnahmeüberschuß von 100 Millionen Reichsmark!

Die weiter geplanten Steuerermäßigungen sind ungenügend. Die
großen Überschüsse und die unglücklichen Zuschüsse des Reichs an
Länder und Gemeinden lähmen überall das Verantwortlichkeitsgefühl
für die Ausgaben, Die Ansprüche der beiden letzteren an den Reichs-
säckel wachsen ständig und noch stärker die der Beamten, Trotz des
großen Beamtenabbaues im Reich sind allein dessen Personalausgaben
noch 210 Millionen Reichsmark größer als vor demselben vor Jahres-
frist. Trotzdem das Reich den Ländern die meisten Aufgaben auf dem
Steuergebiet abgenommen hat, kostet beispielsweise Preußen sein
Finanzpersonal heut 40 Millionen Reichsmark mehr als vor dem Kriege.
Das Reich gibt allein für die Besoldung seiner Finanzbeamten rund
500 Millionen Reichsmark aus — eine Folge seiner unübersichtlichen
und unsagbar komplizierten Steuergesetze.

Am schlimmsten ist die Finanzwirtschaft der Gemeinden. Eine bei
95 größeren Gemeindeverwaltungen vorgenommene Enquete ergab, daß
diese durchschnittlich 54,2 % mehr Beamte und Angestellte beschäftig-
ten als vor dem Kriege, und deren Mehrzahl ist in weit höhere Gehalts-
klassen eingestuft als ihrer Amtsstellung entspricht. Für die Industrie-
gemeinden des Westens ist das Beispiel der einen typisch, in der sich
gegen die Vorkriegszeit die Bevölkerung um 20, die Zahl der Gemeinde-
beamten um 70, deren Gehaltssumme aber um 142 % vermehrt hat. Daß
die Gemeindeausgaben sich je Kopf der Bevölkerung auf das 21%fache
der früheren erhöht haben, ist keine Seltenheit.

Wenn Deutschland es nicht fertigbringt, diesen unsagbar auf-
geblähten Verwaltungsapparat auf ein vernünftiges Maß einzu-
schränken, kann es nicht erhoffen, seiner Verelendung Herr zu werden.
Es muß sich ein Beispiel an den Vereinigten Staaten von Amerika

233*
        <pb n="584" />
        516 Reichsminister a. D, Dr.-Ing. e. h. Gothein:

nehmen, die in 1924 ihre öffentlichen Ausgaben auf ein Sechstel derer
von 1919 zurückgeführt haben. Das geht nicht ohne Härten; aber hart
sein heißt hier barmherzig sein gegen die Volksgemeinschaft,

Gebrochen muß vor allem werden mit jenen Steuern, die die Pro-
duktion wie den Warenpreis unsinnig verteuern, also mit der Lawinen-
steuer der Umsatzsteuer, mit der Luxussteuer, die nur eine Steuer auf
Qualitätsware ist. Findet diese keinen Markt im Inland, so verliert sie
auch den im Ausland. Beseitigt werden muß alsbald die rohe Be-
steuerung der Vorauszahlungen ohne Rücksicht auf den Ertrag, die zu
den schreiendsten Ungerechtigkeiten führt. Wenn das eine Unter-
nehmen von seinem Gewinn von 322000 RM. 48,1 % an Steuern ab-
führen und ein anderes mit 120000 RM. Verlust von diesem noch
52 754 RM., ein Dritter, der ohne Gewinn gearbeitet hat, 472 590 RM.
Steuern zahlen muß (Beispiele der Handelskammer Essen), so illustriert
das den Wahnsinn eines solchen Steuersystems.

Aufhören muß auch die Doppel- und Dreifachbesteuerung, die Be-
steuerung der Steuer, wie sie in der Erhebung von Vermögen- wie Ein-
kommensteuer bei der Körperschaft wie beim physischen Zensiten, in
der Nichtabzugsfähigkeit der ersteren vom Einkommen liegt. Sie ver-
schleiern dem Ausland die furchtbare Härte unseres Steuersystems, er-
wecken bei ihm den Glauben, wir klagten zu Unrecht, suchten uns von
Steuern zu drücken. Wir müssen zu klaren, einfachen, für das Ausland
verständlichen Steuern kommen, damit es keine Böswilligkeit, die ihm
zu Sanktionen den Anlaß geben könnte, bei uns vermuten kann,

VIL

Dringend notwendig erweist sich eine Herabsetzung der unsere
Produktions- wie Debitskosten gewaltig verteuernden Bahnfrachten.
1913 betrugen die Gesamteinnahmen aller vollspurigen deutschen Eisen-
bahnen 3179 Millionen Mark, heut, in dem um 11 % und um verkehrs-
reichste Gebiete (Oberschlesien, Saar, Lothringen) verkleinerten Gebiet,
etwa 4% Milliarden, Damals mußte das Volk für diesen Verkehr 7,41 %
seines Einkommens aufwenden, heut nahezu 18 %. Dabei schränkt die
Höhe der Gütertarife den Verkehr ein, vertreibt ihn im Nahverkehr
auf das Lastauto, im Fernverkehr da, wo die Möglichkeit besteht, auf
die Wasserstraße. Viele Güter lohnen die Fracht nicht mehr; ganze
Gegenden verkümmern wirtschaftlich darüber. Die am 16, September
erfolgte 10proz. Frachtherabsetzung hat die Einnahmen der Reichs-
bahn nicht geschmälert, Das gesunde kaufmännische Prinzip „Großer
Umsatz, kleiner Nutzen“ müßte ihr Leitstern werden, Auch bei einer 10-
bis 15proz. Ermäßigung würde sie den Schuldendienst der Obligationen
sehr wohl erfüllen können, zumal jede Verkehrsverbilligung den Ver-

DD
        <pb n="585" />
        Die außenpolitischen Aufgaben der Wirtschaft, 517
kehr belebt. Die deutsche Wirtschaft kann nicht Frachten tragen, die
doppelt so hoch sind wie die des konkurrierenden Auslandes.

Eine schwere Überlastung bedeuten auch die riesig erhöhten
Telephon-, Telegramm- und Geldverkehrsgebühren der Post. Betrugen
deren Gebühreneinnahmen vor dem Kriege im heutigen Gebietsumfang
etwa 850 Millionen Mark, so erreichen sie jetzt 1800 Millionen Reichs-
mark, Alle Erweiterungs- und Verbesserungsbauten und Neuanlagen
werden aus den laufenden Einnahmen gedeckt; kein Pfennig fließt
in die Reichskasse, Auf Kosten der Wirtschaft wird eine riesige
Thesaurierungspolitik getrieben.

Dasselbe tun die Gemeinden mit ihren Betriebswerken: Elektrizi-
täts-, Gas- und Wasserwerken. Sie erheben erhöhte Gebühren, schaffen
daraus gewaltige Neu- und Erweiterungsanlagen, die früher aus An-
leihen bestritten wurden, und führen nichts in den Stadtsäckel ab, wo-
durch die Steuerlasten natürlich wachsen.

VIIL

Der Privatwirtschaft wird durch all dies das Betriebskapital ent-
zogen und der Kredit aufs furchtbarste verteuert. Leihgeld ist in
Deutschland so teuer, daß die Betriebe die Zinsen dafür nicht heraus-
wirtschaften können; ja, meist können sie es überhaupt nicht erlangen.
Alles Thesaurieren der öffentlichen Hand ist heut vom Übel, Wo es
sich um werbende Vermögensanlagen handelt, soll sie deren Kosten
durch langfristige Auslandsanleihen aufbringen, die sie günstiger er-
halten kann wie Private, Für letztere hat der Auslandskredit, ganz
besonders der kurzfristige, seine schweren Gefahren. Freilich auch
Ländern und Gemeinden gegenüber kann das Reich nicht auf eine
Kontrolle der Auslandsanleihen verzichten, soll nicht die Gefahr einer
neuen Inflation heraufbeschworen werden.

Industrie und Handel können auch ihrerseits wesentlich zur Hebung
der Ausfuhr beitragen. Sie müssen den nach dem Kriege eingerissenen
Leerlauf restlos abbauen, müssen zur sorgfältigen Pfennigkalkulation
und zu dem Geschäftsprinzip „Großer Umsatz, kleiner Nutzen‘ zurück-
kehren, Senkung der Herstellungskosten und des Preisniveaus für In-
wie Ausland muß ihr Programm werden. Hochhalten der Inlandpreise,
um billig exportieren zu können, treibt die Herstellungskosten in die
Höhe und verschleudert die Vermögenssubstanz, bringt uns in den Ruf
zu dumpen und verschärft im Ausland die Neigung, sich gegen deutsche
Waren abzusperren, Unser Zolltarif darf nicht der Erhöhung der
Inlandpreise, sondern nur als Kompensationsobjekt bei Verhandlungen

{X
        <pb n="586" />
        518 Reichsminister a. D, Dr.-Ing. e. h, Gothein:

dienen. Als solcher ist er freilich bei der schutzzöllnerischen geistigen
Einstellung des Auslandes nicht zu entbehren; das will für seine Waren
Zollnachlässe von uns einhandeln.

Wir sollen uns nicht einbilden, die Amerikaner und Engländer in
der Massenherstellung und Ausfuhr von Massenartikeln übertrumpfen
zu können. Den Schwerpunkt der letzteren müssen wir wieder in der
Qualitätsware suchen. Das „Made in Germany“ muß aufs neue die beste
Reklame für die deutsche Ware im Ausland werden, Die Güte unserer
Ware muß uns die Achtung vor unserer Tüchtigkeit erringen. Deshalb
sollen wir die Vorteile der Massenherstellung erprobter Typen nicht
vernachlässigen, denn erst sie ermöglicht, billig zu produzieren, Vor
allem sollen wir — und nicht bloß im Maschinenbau — zu möglichst
einheitlicher Normung kommen, die ebenfalls die Herstellungskosten
herabsetzt und Reparaturen erleichtert,

Seitdem unsere Währung wieder stabil ist, muß der Lieferant sich
unbedingt an seine Offerte binden, Kaum etwas hat unsern Absatz im
Ausland so geschadet wie „freibleibend‘, Das raubte dem deutschen
Kaufmann den Ruf der Zuverlässigkeit, Die Lieferung muß aufs
strengste der Probe entsprechen, und sie muß pünktlich erfolgen. Durch
die Einschränkung der deutschen Dampfierverbindungen ist das heute
schwerer als früher, Aber der Hauptkrebsschaden liegt an den vielen
und unberechenbaren Streiks der mit der Herstellung der Ware
befaßten wie der Transportarbeiter. Sie alle müssen sich klar darüber
werden, daß sie sich damit die Arbeitsmöglichkeit untergraben, den
Ast absägen, auf dem sie sitzen, Gerade auf diesem Gebiet ist es Auf-
gabe der Gewerkschaften, Erziehungsarbeit zu leisten.

Mit den deutschen Messen allein — so wertvoll und unentbehrlich
sie sind — kann die deutsche Ausfuhr nicht wieder in Schwung
gebracht werden. Der ausländische Abnehmer muß wieder vom
deutschen Vertreter persönlich aufgesucht werden. Spätestens mit
Jahresschluß wird ihm das auch in den englischen Dominions, Kolonien
und Mandatsgebieten wieder möglich sein, Erschwert bleibt ihm dann
freilich dort wie in deren Mutterland die Errichtung eigener Handels-
niederlassungen. Und in den elf Jahren, die wir fernbleiben mußten,
sind wohl die meisten deutschen Kenner jener Absatzgebiete und
bewährten Pioniere der deutschen Ausfuhr dahingegangen. Hier muß
mühsam neu aufgebaut werden. Das ist nicht leicht, und die Erfolge
werden sich auch erst allmählich einstellen; aber es ist nicht aussichts-
los, Dabei wird der Deutsche im Ausland sich ständig bewußt sein
müssen, daß er durch sein persönliches Auftreten eine politische Auf-

VY
        <pb n="587" />
        Die außenpolitischen Aufgaben der Wirtschaft, 519
gabe zu erfüllen hat. Wenn auch über die Kriegsschuldfrage die Wahr-
heit auf dem Marsch ist, so sind doch noch weiteste Kreise des Aus-
landes — und nicht nur des früheren Feindbundes — stark gegen
Deutschland voreingenommen. Nicht ruhmredig über das, was das
deutsche Volk geleistet hat, nicht mit heftigen Anklagen gegen die,
die uns ins Verderben gebracht haben, aber mit jener ruhigen Würde,
die dem durch ein schweres Verhängnis und durch an ihm begangenes
Unrecht ins Unglück Geratenen ziemt, soll er auftreten und ungerechten
Beschuldigungen entgegentreten. Ihn darf auch der Ton der Höflich-
keit wie des Anstandes nie verlassen. Die erstere ist — insbesondere
dem weiblichen Geschlecht wie dem Alter gegenüber — dem Durch-
schnittsdeutschen durch den Krieg in erschreckendem Maße abhanden
gekommen. Man muß die Urteile von Ausländern hören über den
Mangel an Höflichkeit der jüngeren Männer gegenüber dem weiblichen
Geschlecht, aber auch der jungen Mädchen gegenüber älteren Frauen
in elektrischer Bahn, Autobus, überfüllten Zügen usw. Der Glaube,
daß die Deutschen ein Kulturvolk seien, geht den Ausländern darüber
verloren. Nicht minder aber angesichts des Auftretens mancher
jüngeren deutschen Handlungsreisenden in obszönen Worten und
Geschichten. Der verstorbene hervorragende Nationalökonom Max
Weber hat lange vor dem Kriege bittere Worte darüber geschrieben.
Solches Auftreten hat viel zu der feindlichen Einstellung des Aus-
landes gegen Deutschland während des Krieges beigetragen.

Das deutsche Volk darf nicht erwarten, daß ein außenpolitisches
Wunder ihm seine frühere Stellung wiedergibt. Nur durch hingebendste
Arbeit und Sparsamkeit aller seiner Teile kann es das furchtbare Elend
überwinden, in das es der Krieg gestürzt hat. Und es muß dazu die
Achtung und die Sympathie des Auslandes wiedergewinnen. Das wird
es aber nur, wenn es mit ganzer Kraft bestrebt ist, soweit als irgend
möglich den übernommenen Pflichten gerecht zu werden, wenn es aus
Ausfuhrüberschüssen Reparationen zu leisten ernstlich bemüht ist.
        <pb n="588" />
        Sachverzeichnis.

Abbauverordnungen 468 Arbeitsteilung, Nachteile 23 Banken, Einfluß auf die Wirt-
Abfallökonomie 195, 196 Arbeitsverhältnis, rechtliche schaft 413
Absatz, Lage zum A, 194 Gestaltung 497 — Einfluß durch Effekten-
Absperrungspolitik 504 Arbeitsvertragspolitik, sozial- besitz 428
Achtstundenschicht 514 demokratische 46 — Konditionenüberspannung
Adickes, Oberbürgermeister Arbeitswerk, geistige Einheit 419

500 64 — Konzentration 416
Akkordlohn 176 Aischaffenburg- Nürnberg- — Sanierungsaktionen 421
Aktien 74 Kanal 340, 364 — Überlegenheit im Wirt-
— Neuemissionen 75 Athen, altes, politischer Ein- schaftskampf 415
Aktiengesellschaft 74 fluß der Kaufleute 12 — Vertretung im Aufsichts-
— Bankeinfluß 417 Aufkaufhandel 445 rat industr, Gesellschaften
Aktionäre 75, 83 Aufsichtrat, Bankvertretung 1420
Aller, Schiffbarkeit 338 420 Bankgesetz 297
Altertum, Der Kaufmann im Aufsichtsrat, Zusammen- Bankkapital 73

12 setzung 77 Bankkredit 73
Altwarenhandel 435, 446 Aufstiegsmöglichkeit 167 Bankorganisation
Angestellten-Erfindung 205 Ausfuhr, siehe auch Export in Deutschland 73
Anpassungsfähigkeit der Fa- Ausfuhr, Steigerung 97f, 517 Barmer Bankverein 425

brikation 191, 193 — -Überschuß landw. Pro- Bauernvereine 477
Antwerpen als Welthandels- dukte 458 Baumessen 401

platz 100 — Ursachen des Rückgangs Baumgartner, Handelshaus 432
Aranjuez, span. Funkstelle 35, 97 Baumwollbau i, Agypten 509

316 Ausland -\Kabelverbindungen Bayer, Chemiker 17
Arbeit, Beseelung 179 314 Bayerischer Bauernbund 51
Arbeit und Gütererzeugung Auslandsanleihen 512 Beamte, Ausgaben für B. in

175 Auslandsgeschäft nach dem Reich und Ländern 275
Arbeiterparteien. 49 Kriege 37{ff, Beamtentum 471
Arbeiterräte 130 — und Messen 403, 406 Bedarfsartikelhandlungen 449
Arbeiterrecht 122, 127 — Zusammenschluß 192 Bennigsen, nationalliberaler
Arbeiterschutzpolitik 45 Auslandskapital für die In- Führer 47
Arbeiterstand, kulturelle He- dustrie 84, 424 Bergbau, Zuständigkeit der

bung 22 Auslandspatente 209 Reichsgesetzgebung 117
Arbeitgeberverbände, Auslandsvaluta, Zahlung in — in Österreich 241

soziales Programm 22 A, 286 Berliner Handelsgesellschaft
Arbeitgeber und Arbeitneh- Auslandsvertretungen deut- 1425

mer, Fühlungnahme 65 scher Firmen 39 Berlin—Stettin, Schiffahrts-
— Interessenharmonie 23 Ausnahme-Tarife, Eisenbahn weg 339
— sozialer Ausgleich 59 392 Berufsausbildung 182
— Verbände 475 ‚ Ausschaltungstendenzen Berufsstände und politische
Arbeitnehmer, seelisches Ver- gegen den Handel 103, Parteien 50 ff,

hältnis zu ihrer Arbeit 62 107 Berufsständische Volksver-
Arbeitsgemeinschaft (Ver- Außen- und Überseehandel tretung 24

band) 54, 56 32, 98, Berufswahl 181 f
— geistige 70 Außenpolitische Aufgaben Beschäftigungseinschränkung
Arbeitskammern 133 der Wirtschaft 502 #f, durch hohe Steuerlast 271
Arbeitskraft 194, 197 Ausstellungswesen 398 £, Betriebserfindung 205
Arbeitslöhne 512 Auswandererverkehr 323 Betriebsführung im engeren
Arbeitslosenbeschäftigung 181 Sinne 187
Arbeitslust, Förderung 23 Banken und Industrie 412 if, Betriebskapital, Knappheit
Arbeitsmaschinen 256 Banken, Einfluß bei Zu- und Teuerung 517
Arbeitsrecht, reichsgesetz- sammenlegungen, Fusionen — Mangel nach der Stabili-

liches 127 usw, 420 sierung 81
        <pb n="589" />
        Sachverzeichnis. 521
Betriebskapital, Verschuldung ' Deutscher Werkbund 302 Elektrizitätswerke, kommu-
und Verminderung 266 Deutsch-Hannoversche Par- nale 225, 226
— Zerstörung durch Inflation tei 51 Elektrizitätswirtschaft, So-
294 Deutschland als Durchgangs- zialisierung 129
Betriebskontrolle 201 land f. d, europ. Verkehr 28 Elisabeth, Königin v, England
Betriebsleiter, Menschen- — als Kunde auf dem Welt- 12
kenntnis 58 markt 26 Elsaß-Lothringen, Ausfuhr 507
Betriebsmethoden, wirt- — als Verwalter u. Lieferer Engros-Sortimenter 105, 450
schaftl, 186 if, f, d. Weltwirtschaft 27 Entdecker, Verständnis für
Betriebsrätegesetz u. soziale Deutschnationale Partei 48, E, in Deutschland 17
Frage 64 49 Enteignungsrecht 117, 125
Betriebstätigkeit, Vorbedin- Devisenablieferungspflicht Entschlußkraft der Wirt-
gungen 187 2870 schaftsführer 165
Bezirksarbeiterräte 130 Diensterfindung 205 Erbrecht 124
Bezirkswirtschaftsräte 130, Diesel-Motor 258 Erfindung 204
237, 480 Diktatpolitik der Entente 30 __ von Angestellten 205
Binnenflotte, deutsche 341 Dividendenpolitik 75, 83 — und Naturwissenschaften
Binnengroßhandel 93, 430if, Dollarschatzanweisungen 254
Binnenhäfen, Ausbau 353 286, 287 | Erfindungsgeist, deutscher 43
Binnenschiffahrt, Förderung Donau, Internationalisierung Erfindungsschutz 203
350 118 Erkelenz, demokrat. Führer
— u, Eisenbahntarife 352, 363 Donauwasserstraße 340, 364 50
— europäische 353 Dornier-Flugzeuge 397 Ernten, Durchschnittserträge
Birmingham, Messe 401 Dortmund-Ems-Kanal 338, 460
Bismarck 47, 116, 126, 129, 339 ‚Export siehe auch Ausfuhr
130, 132, 504, 505 Dresden, kommunale Regie- Exportagenten 106
Bordfunkstellen 315 betriebe 227 Exporthandel 105 if,
Bonar Law 139 Dumping 80, 509 Exportprämie, Entstehung
Bradbury 137 Düngemittel, Verbrauch 460 infolge Inflation 80
Bremen, Hafenverkehr 325, Dunkmann: „Staat u. Wirt-
332 schaft‘ 158 Fabrikationsprogramm, Ge-
Brennstoffversorgung, kom- Durchfuhrhandel siehe sichtspunkte 189, 193, 195
munale 223 Transit Fabriklaboratorien, che-
Breslau, Messe 402 mische 17
Breysig, deutscher Ge- Eignungsprüfungen 181 Fach- u. Fortbildungsschulen,
schichtsforscher 14 Eilvese, deutsche Großfunk- gewerbliche 111, 304
Bromberger Kanal 336 stelle 316 Faktoreien 94
Einfuhr siehe auch Import Farbenindustrie, deutsche 37
Calvinismus u. engl, Kapita- Einfuhrdrosselung zugunsten Fernsprechnetz, alleuropä-
lismus 12 des Herrscherlandes 34 isches 312
Cannes, Konferenz 1922 136 Einfuhrverbote 34, 96 Fernsprech- u, Telegraphen-
Saprivische Wirtschafts- Einheitstaat 117 netz 309
politik 48, 50 Einkaufsvereinigungen des Fernsprechverstärker 310
Carnegie 163 Kleinhandels 437 Fernsprechweitverkehr,inter-
Chemie, technische, in Ein- u, Verkaufskontore 442 nationaler Ausschuß 313
Deutschland, Verlust ihrer Eisenbahn siehe Reichseisen- Finanz u. Industrie 72{f,
Weltstellung 41 bahn Finanzagenten 422
Cobden-Club 504 Eisenbahnfrachtsteigerung Finanzausgleichsgestz 470
Cohen, Vorsitzender des 266, 516 Finanzdiktatur, fremdherr-
Zentralrats 130 Eisenbahn, Verstaatlichung liche 264
Convertible Bonds 84 129 Finanzielle Betriebsleitung 72
Cuno, Reichskanzler 139 Eisenbahnen und Wasser- Finanzpolitische Lage 264
Cunos Memorandum 7, 6. straßen, Verstaatlichung Finanzreform 274, 280
1923 141 118 Finowkanal 336
Einzelhandel, Hauptgemein- Fleischverbrauch 457
Dampfschiff, Erfindung 337 schaft 475 Flugpost 307 f.
Dawes-Abkommen 29, 81, Einzelunternehmung 189 Flugwesen siehe auch Luft-
129, 143, 264, 296, 402, 510 Einrichtungsgrossist 450 fahrt
Demokratische Partei 47, 49 Elbe, Internationalisierung Ford, Henry 160, 163, 468
Deutsche Volkspartei 47, 49 118 Forschertätigkeit, deutsche
Deutsche Werke 472 Elbe-Trave-Kanal 338 17 if
Deutscher Industrie- und Elektrizitätsbetriebe, staat- Fortbildungsschulen, gewerb-
Handelstag 477 . liche, Umwandlung 472 liche 304
        <pb n="590" />
        522 Sachverzeichnis.
Frankfurt a. M., Messe 402° Goldnotenbank 296 ii, Helfferich, Prof, Dr., Staats-
Freihäfen 101 Goldwährung 282, 288, 299 minister 135, 141, 288
Freihandel 44, 504 othein, demokrat. Führer 50 „Herr im Hause‘“-Standpunkt
Freiheit der Meere 504 Grenzmessen 402, 410 127
Freisinnige Partei 49 Großbanken 416 Herrschaftswillen des Unter-
Freizeichen (Warenzeichen) Großhandel siehe auch En- nehmers 65
213 groshandel Hilferding, Finanzminister 142
Friedrich der Große 336 Großhandel, Entwicklung 431 Hitze, Zentrumsführer 47
Fugger, Handelshaus 12, 432 _— u. Industrie, Zusammen- Höchststetter, Handelshaus
Führerpersönlichkeit 162%, arbeiten 444 432
182 — u, Konsumenten 436 Hohenzollernkanal 339
Fulda, Schiffbarkeit 338 — _Zentralverband 439, 475 Horizontalzusammenschluß
Funkbriefe 318 — u, Kleinhandel 90 (Kartellierung) 189
Funkstellen 315 Grundrechte u. Grundpflich- Hypothekarkredit 73
Funktelegraphie 315, 317 ten der Deutschen 118 Hypothekenbanken 73, 412
Fusionen 78 — als Geldgeber ff. industr.
Hamburg als Welthandels- Betriebe 432
„Gastrecht‘ für fremde Kauf- platz 100, 105
leute 431 — Hafenverkehr 326, 332 Ibsen 78
Gaswerke, kommunale 225, Hamburg-Amerika-Linie 327, Imperialismus 504
226 331 Import siehe auch Einfuhr
Gebrauchsmusterrecht 210%, Handel, Entwicklung und Importhandel 93, 102 if,
Geldleihsatz 82 Aufgaben 86 ff. Indigo, künstlicher 17
Gemeindearbeiter 232 — geistig-sittliche Einstel- Individualismus 45
Gemeindebetriebe siche lung 183 Industrialisierung der über-
kommunale u. städt, B. — volksw. Bedeutung 86 if. seeischen Welt 40
Gemeinschaftsgedanke, so- Handelsberichterstattung 192 Industriebelastung durch das
zialer 485 Handelsbilanz, Passivität der Dawes-Abkommen 81
Gemeinwirtschaft 21 33, 95if., 265, 507, 510 —, gesamte 144
Genies, wirtschaftliche 163 Handelsflotte, Beschlag- Industrie-Hypothekenbanken
Genossenschaftliche Unter- nahme: 329 426
nehmerorganisation 149 — Wiederaufbau 331 Industrie- u. Handels-
Genua, Konferenz 136 Handelsfreiheit i. d. Städten 92 kammern 478
Geographische Lage Deutsch- Handelsgesellschaften im Industrieschaften 426
lands 28 Mittelalter 432 Inflation 79, 265, 283 if,
Geschmacksmusterrecht 211 1i. Handelskammern 475 — u, Kartellierung 156
Geschmackswert 301 Handelspolitische Beschrän- Innungen 110, 475
Gesellschaft mit beschränkt, kungen der Wirtschaft 266 Institut f, Textilforschungen
Haftung 74 Handelspolitik, Neugestal- in Dresden 17
Gesundheitspflege u. Kom- tung 42 Interessengemeinschaften,
munalbetriebe 219 Handelsschulen und -hoch- industrielle 78, 159
Gewandschneider im Mittel- schulen 477 Interessenharmonie zwischen
alter 431€, Handelsverleger 448 Arbeitgeber und Arbeit-
Gewerbebanken 412 Handels- u. Verkehrsfreiheit nehmer 23
Gewerbekammern 110, 130 124 Interessenvertretungen,
Gewerbestand, kultur- Handelsverträge 93, 98, 512 wirtschaftliche 475
fördernde Tätigkeit 17if. Handelsvertrag, deutsch-
Gewerbe, Stellung zur russischer von 1894 505 Jahrmärkte 90
Wissenschaft 18, Handelsschiedsgerichte 101 Junkers-Flugzeuge 397
— u, soziale Frage 20° - Händlerkartelle 443
Gewerbl, Schulwesen 477 Handwerk 109 ii, Kaiser-Wilhelm-Institut in
Gewerkschaften 475, 514 — gesetzl. Schutz 112 Dahlem 17
Gewinnanteile der Arbeit- — Organisation 110 Kaligesetz von 1910 150
nehmer 169 Handwerkskammern 110, 476 Kaliwirtschait, gemeinwirt-
Gewohnheit, Bedeutung f. d, Handwerksunterricht 304 schaftl. Regelung 129
soziale Frage 61 Handwerkswirtschafts- Kalkulation 196
Glauben und Kraft 184 gesellschaften 113 Kammern, Mitwirkung a, d.
„Glück” im Wirtschaftsleben Hansa u. Hansastädte 12, 89, öffentl. Verwaltung 477
165 90, 92, 399, 432 Kammerschleusen 336
Golddiskontbank 291 ff, Hauptgemeinschaft d. Einzel- Kanäle 336 ff,
Goldmarkbilanzverordnung handels 475 Kaolin, Österreich 241
77, 83 Heimatsgefühl, Bedeutung f, Kapitalbeschaffung 72f,, 81,
Goldmünzen, neue 299 soziale Frage 61 „421
        <pb n="591" />
        Sachverzeichnis. 523
Kapitalfrage im Großhandel‘ Königswusterhausen, Groß- Landwirtsch. Reinproduktion

433 funkstelle 316 456
Kapitalistische Unternehmer- Konjunkturdiagnose 186 — Schulwesen 477

organisation 149 Konservative Partei 48 Lebensmittelversorgung,
Kapitalverkehr, Organisation Konstruktion, technische 255 kommunale 223

415 Konsumgenossenschaften 437 Lebensversicherungsgesell-
Karawanenhandel 90 Kontomark 288 schafts-Kapital 73
Kartelle 78, 149 Konventionen 443 Leerlauf der Wirtschaft 188
Kartelleinigungsstelle 440 Konzerne 78, 152, 189 Legitimationsaktionäre 417
Kartellgesetz 159 Konzernbanken, industrielle Leihkapitalbeschaffung 82
Kartellkontore 442 78, 425 Leihwert des Geldes 81
Kartellverordnung von 1923 Konzernkrisen 421 Leipzig, kommunale Regie-

439 Kostenverbilligung 166 betriebe 227
Kartellwesen, Vorkriegszeit Kraftmaschinen 256 Leipziger Messe 191, 400, 410

151 Kraft- und Wärmewirtschaft Liberalismus 47, 126
Kaufmannsgeist, universaler 257 Lieferungsgeschäfte, Er-

25 Kramhandel 90, 91, 431, 432  schwerung 33
Kaufmannsgilden 432 Kreditaufnahme 187 List, Fr., Nationalökonom 89
Kaufmännische Betriebs- Kreditbedarf infolge Inflation Lohn nach Leistung 169

leitung 72 294 Lohnfrage und soziale Frage
— Moral, Verfall nach dem Kreditbeschränkung der 63

Kriege 37 Reichsbank 295 London als Welthandelsplatz
Kiel, Messe 402 Kreditfrage im Handwerk 113 100, 102
Klassenkampf 20, 127 Kreditgenossenschaften des Londoner Abkommen 136,
Kleinaktien 170 Handwerks 113 143, 146, 156, 296, 362, 510
Koalition, Große 141 Kreditgrossist 450 Londoner Messe 401
— Weimarer 123 Kreditkontingente der Lloyd George 136, 138
Koalitionsfreiheit 120 Reichsbank 295 Lubersac, Marquis 138
Kohlensyndikat 150 Kredit, moralischer, im Aus- Luftfahrt 394{f,
Kohlenwirtschaft, gemein- land 102 — u, Versailler Vertrag 397

wirtschaftliche Regelung Kreditnot u. Handelsbilanz 33 Luftflotten 396

129 Kriegsursachen 503 Luftschiff L.Z.126 308, 397
Kollektivkapital 73 Kriegswirtschaft 221, 222 Luftpost 307 f, 395
Kollwitz, Käthe, Arbeiter- Krupp 163 Luftschiff L, Z. 126 308, 397

darstellungen 62 — Arbeiterwohlfahrtsbestre- Luther, Finanzminister 142
Köln a. Rh., Messe 402 bungen 22 — Reichskanzler 273
Kolonialpolitik, englische 13 Kunstgewerbe 301 Lyon, Messe 401
Koloniengründung 92 — -Schulen 304
Kolonisation, innere 464 Kunstschutzgesetz von 1907 Madrider Abkommen (1891)
Kommanditgesellschaft 74 212 215
Kommerzbanken 412 Kupfermünzen 299 Main, Schiffbarkeit 338
Kommissionshandel, Export Küstenfunkstellen 315 Main-Nürnberg-Schiffahrts-

106 weg 340
Kommunale Wirtschafts- Laboratorien der chemischen Manchestertum 44

betriebe 218 #, Fabriken 17 Märkische VWoasserstraßen,
Kommunalbetriebe, Entpoli- Lamprecht, deutscher Ge- Schiffbarkeit 338

tisierung 227 £f, schichtsforscher 14 Marktwesen früherer Zeit 90,
— Finanzgebarung 232 Landarbeiter 463 91
— gemischtwirtschaftliche Landbanken 412 Marx, Karl 14, 46

Unternehmungen 225, 473 Landbevölkerung, Kraft- Marxismus 70
— Steuerprivileg 235 quelle für die Gesamtheit Maschinenarbeit 256
— Verwaltungsform 224 ff. 462 Massenfabrikation 191
— Verwaltungsführung 230ff, Länder, deutsche, Zahlver- Material, Qualität 303
Kommunale Arbeitertarif- minderung 470 Materialersatz mit Hilfe

politik 233 Landschaften (Bankinstitute) naturwissenschaftl. Mittel

— Finanzgebarung 276, 515 412 253
— Regiebetriebe, verbesserte Landwirtschaft 455 {if Materialprüfung 252

227 — Berufstätige 455{ff,, 464 Max von Baden, Reichs-
Kommunalisierungsgesetz 223 — Ausfuhrüberschuß 458 kanzler 128
Kommunalisierung u, Sozia- — u, Industrie 461 Meistbegünstigung 512

lisierung d, Handwerks 112 Landwirtschaftskammern 475 Mensch und Arbeit, Vereini-
Kommunismus 21, 44 Landwirtsch. Kreditgenossen- gung 174
Königsberg i, Pr., Messe 402: schaften 412 ı Mensch u. Materie 183
        <pb n="592" />
        524 Sachverzeichnis.
Mensch und Wirtschaft 56, Normung 159, 200, 259 Politische Parteien und

174 1£. Notendeckung 298 Berufsstände 50 ff,
Menschenbeherrschung 57 Noteneinlösungspflicht 300 Politische Parteien und
Menschenkenntnis d, Wirt- Notgeld 284, 288, 296 Wirtschaft 44 if,

schaftsführer 164 Postgebühren, zu hohe 516
Menschenrechte 120 Obligationen, in Aktien um- Prag, Messe 402
Merkantilismus 503 wandelbare 84, 85 Preisabbau 513
Messen u. Ausstellungen 90, Obligationskredit 74 Preisbildung im Handwerk

399 if., 518 Obrigkeitsstaat, Beseitigung 114
— persönliche Vermittlung A471 Preisregulierung durch den

zwischen Käufer und Ver- Oder, Internationalisierung Handel 87

käufer 405, 408 118 Preisverordnungen 114
— Zersplitterungsgefahr 409 __ Schiffbarkeit 338 Preuß, Verfassungsentwurf
— Zukunft 408 Oder-Spree-Kanal 338 119
Meßämter 401 Oder-Weichsel-Wasserstraße Privateigentumsrecht 124
Messeprivileg 400 339 Privatnotenbank-Gesetz 297
Meunier, Arbeiterdarstellun- Ödlandkultur 461 Produktionskosten und

gen 62 Organisation großer Betriebe _Steuerlast 271
Mitarbeiter, Auswahl 168 72 Produktionsprämien für den
— Behandlung, amerikani- _— Beseelung, z. Freimachung Arbeitnehmer 169

sche Methoden 169 aller Kräfte 184 Produktionsregelung durch
Mittelalter, Wirtschafts- Organisations-Kunst und den Handel 88

auffassung 248 „Wissenschaft 190 Produktionszwischenhandel
— Messewesen 399 Organisationswesen 148 ff, 448
— Handelsrecht 431 Oeser, Generaldirektor der Protektionismus 504
Mittellandkanal 339, 364 Reichsbahn 369, 373 Pupinsystem 310
Mittelstandspolitik 122 Österreich, Wirtschaftsbezie- Psychologie 57, 65
Mode 20 hungen zu Ö, 238{i£, — und Physiologie, Dienst
Moral, kaufmännische 37 — Bodenschätze 240 ff, für die Wirtschaft 248
Morgan, Pierpont 137 — Deutsche Wirtschafts- Psychoteclhinik 197
Monopolbetriebe, städtische kammer 245

219 — Land- u. Forstwirtschaft Qualität des Materials 302
Musterlager f, Exporthandel 239 — der Technik 303

106 — Wasserkräfte 240 — der Form 303
Mustermessen 4C1 — wirtschaftl. Entwicklungs- Qualitätsarbeit 115, 171,
Münzgesetz 297 möglichkeiten 238 ff, 301bit,, 518
Münzwesen, Neuordnung 299 — Erziehung zur 304

Pariser Übereinkunft von — volksw, Bedeutung 305

Nachrichtennetz 309 1883 zum Schutze gewerb- — und Weltgeltung 306
Nachrichtenverkehr, inter- lichen Eigentums 209

nationaler elektrischer 313 Patentamt 209 Rätegedanke 122, 129{£,
Namens- und Firmenrecht Patent, Anmeldung 209 Rathenau, Walter 50, 51

203, 216 DR Benutzungsrecht 205 Rationierung, öffentliche 221
Nationalliberale Partei 47, 49 __ im Auslande 209 Realsteuern, Neuordnung 470
Nationalvermögen, — Lizenzen 206 Recht auf Arbeit 120

deutsches 510 — Nichtigkeitserklärung 208 Rechtsempfinden des Rich-
Nationalversammlung in der — Recht 203, ters 496

Paulskirche 50 — Unionsvertrag 209 Rechtsformen 487
Naturkräfte, Dienstbar- — Verletzung 205 Rechtsmitteleinlegung 490

machung 256 - — Vorbenutzungsrecht 206 Rechtspflege 483 ff.
Naturwissenschaften — Zurücknahme 208 — Instanzenzug 489

und Wirtschaft 247, 485 — Zusatz-P. 207 Rechtsschutz, gewerbl. 202
Nauen, Großfunkstelle 316 — Zwangslizenz 208 Rechtsprechung, Dienerin der
Naumann, demokr. Führer 119 Pflicht z. Dienst am Gesamt- Gesamtheit 494
Neckar-Wasserstraße 340, wohl 121 Rechtsurteile 491

364 Planwirtschaft 21 Reedereien, Tonnage 324, 333
New York als Welthandels- Plauer Kanal 336 Regiebetriebe, behördl., im

platz 100 Poincare 136, 138 Handwerk 112
Nilstaudämme 509 Politische Betätigung der Rhein, Internationalisierung
Nishnij-Nowgorod, Messe 400 Wirtschaftsführer 172 118
Neopatriarchalismus 23 Politische Feindschaft, Hem- Rhein-Basel-Wasserweg 340
Norddeutscher Lloyd 322, mung für deutsche Aus- Rhein-Bodensee-Wasserweg

326: 327,331 fuhr 33 340
        <pb n="593" />
        Sachverzeichnis. 525
Rhein-Herne-Kanal 339 Revolution und Wirtschafts-' Seeweg nach Amerika 90
Rhein-Main - Donau-Wasser- ordnung 60 — nach Ostindien 400
weg 340 Ricardo, englischer National- Siedlungspolitik u. Kommu-
Rhein-Weser-Kanal 339 ökonom 89 nalwirtschaft 219
Reich und Länder, Verwal- Richter, deutsche und eng- Silbergeld, neues 296, 299
tung 469 lische 500 Smith, Adam, engl. National-
Reichsarbeiterrat 130 Richter, Persönlichkeit und ökonom 89, 504
Reichs-Ausgabenwirtschaft Ausbildung 490, 492, 493, Sortierer-Grossist 446
275 501 Soziale Frage 15, 20, 544
Reichsbahn-Gesellschaft 118, Richter, Eugen, freisinniger Soziale Gesetzgebung 21, 45,
367 It, Führer 47 122, 127%
Reichsbahnverkehrssteuer 145 Rockefeller 163 Sozialisierung 128, 221
Reichsbank, Diskontierungen Rohproduktenhandel 435, 446 Sozialisierungskommission
während der Inflation 80 Rohstoffe, Ausprobung 195 117, 129, 223
— Kreditpolitik 293 ff, — Spezialisierung 100 Sozialisierung und Kommu-
— Notenausgaberecht 298 Rohstoffgebiete, Verluste 511 nalisierung des Handwerks
— Politik gegen die Inflation Rohstoffquellen, Verminde- 112
287 rung 265 Sozialismus 21, 44, 45
Reichseisenbahn 118, 3671f. Rom, altes, politischer Ein- Sozialistische Parteien 46, 49
— Aufsichts- und Hoheits- fluß der Kaufleute 12 Soziallasten 266
rechte des Reiches 375 v, Rosenberg, Außenminister Sparkassen 73, 412, 423
— Auslandskontrolle 368 140 Speditionsunternehmungen
— Eigentum 370 Ruhrbesetzung 139, 141 99
— Finanzgebaren 378 Rundfunk 318 Spekulativhandel 436, 447
— Investierungsanleihe 379 Spezialisierung 200, 259
— -Kommissar 374 Saale, Schiffbarkeit 338 Staat und Wirtschaft 24, 44,
Konkurrenz durch Kraft- Sachwerte, Flucht in die S, 261 ff,
wagen 381 77,79, 80 Staatsbedarf 261
— Obligationslast 368 Sammelexport 106 Staatsbetriebe, Umwandlung
- Personalausgaben und Sayville, amerik, Großfunk- in Privatbetriebe 472
Pensionen 382 stelle 316 Staatssozialismus 44
— Rechtsverhäitnisse 370 Schacht, Reichsbankpräsi- Staats-, Landes- und Kom-
— Reparationslast 377 dent 144 munalbanken 412
— Selbstkostensenkung 385 Schäfer, Dietrich, Staatsbanken als Geldgeber
— Steuerfreiheit 474 Geschichtsforscher 12 für industr. Betriebe 423
— Tarifpolitik 379 Schaffensdrang der Wirt- Stabilisierung der Währung
— Verfassung 372 schaftsführer 163 80, 142, 273, 282 if., 510
Reichsgewerbeordnung von Schiffahrt, Rückgang 265 Stabilisierungskrise 294, 296
1869 126 Schiffahrtsakte 346 Städteordnung von 1808 218
Reichs-Goldanleihe 287, 288 Schiffahrtsaktien, Verkaufs- Städte- und Gemeindeord-
Reichshandwerksordnung 111 verbot 76 nungen und Kommunal-
Reichslandbund 50, 475, 477 Schiffahrtskanäle 336 betriebe 218
Reichpost 307 Schiffahrtskommission 346 Städtewesen und Handel 91
Reichsverband d. Deutschen Schiffbarkeit der Ströme 336 Städtische Monopolbetriebe
Industrie 140, 157, 475, 477 Schleppschiffahrtsmonopol 219
Reichsverdingungsordnung 354 Staffeltarife, Eisenbahn 392
113 Schulz-Mehrin: „Industrielle Stahlwerksverband 151
Reichsverfassung uud Wirt- Spezialisierung‘ 159 - Stamm- und Vorzugsaktien,
schaft 116 if, Schutzgebiete, ehem. deut- Stimmverhältnis 77
Reichs-Verkehrspolitik 118 sche, Telegraphenwesen Standard Oil Trust 509
Reichswirtschaftsrat, 314 Standortsfaktoren 194
vorläufiger 130, 132 Schutzzölle 46, 95, 151, 504 Stapelplätze 101
Reklame, Ersatz durch — fremde, hemmen deutsche — als Kredit- und Zahlungs-
Messen 404, 409 Ausfuhr 33 zentralen 102
Rentabilität 193 Seehafenverkehr, Tonnage Stapelrecht 91
Rentenbank 288 {ff, 325 Statistische Betriebskontrolle
Rentenmark 29, 142, 289 Seehandel u. Großhandel 433 201
— Liquidierungsgesetz 297 Seelische Antriebe mensch- Staustufen 338
Reparationslasten 296. 507, licher Arbeit 62, 176 Steel Trust 509
510 Seeschiffahrt 321 #£, Stegerwald, Zentrumsführer
Reparations-Treuhänder 373 — und Außenhandel 323 47
Reparationszahlungen, — finanzpolit. Bedeutung 328 Stein-Hardenbergsche
Agent für 297 — neue Organisation 331 ‚ Reformen 152, 155, 478
        <pb n="594" />
        526 Sachverzeichnis.
Steinöl in Österreich 241 * Tuckerton, amerik. Groß- Warenpreis u, Steuerlast 270
Steuerbelastung d. Industrie funkstelle 316 Warenmessen 400
145 Typisierung 191, 193, 200 Warenverkehr, moderner 434
Steuergesetzgebung und 485 Warenzeichen, Madrider Ab-
Betriebsmittelnot 81 kommen von 1891 215
Steuerlasten d. Handwerks Überfremdungsgefahr 76 Warenzeichenrecht 212 if,
114 Überlandkabelnetz 309 ff, Wärmeforschungslaborato-
Steuernotverordnungen 273 Übersee- und Außenhandel rium in München 17
„teuerpolitik 46, 261 4, 94, 98 if, Wärme- u, Kraftwirtschaft
steuerreiform Erzbergers 469 Umsatzsteuer der Genossen- 257
Steuergesetze, neue Schlie- schaften 439 Wärmeökonomie 195
bensche 469 Urheberschutz, . gewerblicher Warren Hastings; Kaufmann
Steuerreform von 1925 202 ii, und Kolonisator 13
274, 279 Utopien, soziale 60, 64 Wasserstraßen, Abgaben, 346
Steuer-Übermaß 268, 277, — deutsche 341
514 Verbandspolitik d, Industrie — Entwicklung 336 ff,
Stinnes, Hugo 138, 163, 425 192 — Ertragsfähigkeit 348
Straßenbahnen, kommunale Verbands(waren)zeichen 214 —__ Internationalisierung 118,
225, 226 Verbraucher, Erziehung zum — süddeutsche 340
Straßenrecht 91 Qualitätssinn 305 345
Streikrecht 120 Vereinigung der deutschen — und Staat 342 ff,
Stresemann, Reichskanzler —Arbeitgeberverbände, so- — Unterhaltung 342
141 ziales Programm 22 — Verkehr 356
Ströme, Ausbau 337 Vereinigungsireiheit 120 — u, Versailler Vertrag 345
— Schiffbarkeit 336 ff, Vereinigte Staaten v, Ame- Wasserstraßenbeiräte 353
Substanzerhaltung 156 rika, Nationalvermögen 506 Wasserstraßenpolitik 335{f.
Syndikate 78, 160 — Wirtschaftspolitik 508 — in Preußen 338
Verkehrstechnik, Einfluß auf — Ziele 361 ff,
Talente, wirtschaftliche 163 den Handel 91 Wasserwerke, kommunale
Taylor-System 18, 180, 197 ff, Verteilungsgrossisten 437, 225, 226
Technik, Bedeutung für den 449 Weber, Max, KEisenbahn-
Kulturfortschritt 15 Vertikal-Zusammenschluß techniker 12
— Qualität 303 (Konzern- u, Trustbildung) Wechselkurs, deutscher,
— Absatzsteigerung 259 78, 189 Fesselung 34
— Produktionsverbilligung Vertragsfreiheit 124 Weimarer Koalition 123
259 Verwaltung, öffentl, 466 if, Weimarer Verfassung 117,
Technik und Wirtschaft 248, Verwaltungsreform in 469
485 Preußen 469 Weinhandel im Mittelalter
Technische Messen 401 Versailler Vertrag 118, 125, 432
Technische Betriebsleitung 72 127, 136, 283, 397, 510 Welser, Handelshaus 432
Technische Nothilfe 234 Versicherungsgesellschaften Weltfunkkonferenz 319
Telegrammverkehr 309 als Geldgeber f, industr, Welthandel, Welteroberung
— internationaler 318 Betriebe 423 92
Teltow-Kanal 338 Viehhaltung 459 Welthandelsplätze 100
Textilforschungs - Institut in Volksernährung aus Eigen- Weltkrieg, auch durch wirt-
Dresden 17 erzeugung 458 schaftliche Ursachen her-
Thyssen 163 Volkswirtschaft, Vorrang vor _vorgerufen 506
Trade Unions 514 Privatwirtschaft. 188 Weltiuftverkehr 28
Transferkomitee 297 Volkswirtschaftsrat 130 Weltmarktpreis 436
Transithandel 91, 101 Vorzugsaktien 76, 82, 84 Weltproduktion, Wandlung
Transportgewerbe, Absonde- — u, Stammaktien, Stimmen- 266
rung vom Handel 98 verhältnis 77 Welttelegraphenkonferenz
Transportökonomie 195 318
Treuhand- u, Finanzierungs- Währungsstabilisierung 80 Weltwirtschaft, Deutschlands
gesellschaften 422 Wanderhandel im Mittelalter Stellung in d., W. 26i£,
Trierer Abkommen betr. Ab- 90 — Verschiebung der Ver-
lieferung der deutschen — in Übersee 94 hältnisse 506
Handelsflotte 330 Warenausgleich durch den Weltwirtschaftliche Lage u,
Trimborn, Zentrumsführer 47 Handel 87 Arbeitsorganisation 60
Troeltsch, W, 155 Warenausstattung, Schutz Werkshandel 442
Trusts 149, 153, 189 215 Wertbeständige Anleihen u.
Tuchhandel im Mittelalter Warenherstellung, Grund- Hypotheken 286
432 lagen 190 - Wesel, Messe 402
        <pb n="595" />
        Verzeichnis der Bildnisse von Wirtschaftsführern. 527
Wettbewerbsrecht 217 Wirtschaftsführer, Nach- Wohnungsreform 20
Wien als Binnenhafen und wuchs 164, 172, 173 Wohnungswirtschaft 222
Ausgangstor n. d, Osten Wirtschaftsleben in der
243 ff, Reichsverfassung 120 Zentralarbeitsgemeinschaft 127
Wiener Messe 244, 402 Wirtschaftskammern 475ff; Zentralmarktgroßhandel 446
Wilhelm II, soziale Rrformen — Aufsichtsrecht d, Staates Zentralverband des Deut-
122, 128 481 schen Großhandels 439, 475
Willenskraft u. Wirtschafts- Wirtschaftsorganisation, Zentrumspartei 51
führer 164 künftige 59 — Stellung zur Wirtschafts-
Wirth, Reichskanzler 138 Wirtschaftspartei 51 politik 47
Wirtschaft, Unterbau für das Wirtschaftspolitik (Begriff) Zivilrecht, soziale Auslegung
Staatswesen 24 44 497
— Wesen 484 — und politische Parteien Zolltarif 517
Wirtschaftlichkeitsberech- 45 if. Zollverein 116
nung mit Hilfe der Natur- Wirtschaftsverbände 442 Zunftwirtschaft 149
wissenschaft 251 Wissenschaft, Bedeutung für Zwangswirtschaft 45, 46
Wirtschaftsbelastung durch Kulturfortschritt 15 Zweckverbände zur Ver-
öffentliche Abgaben 263, Wohlfahrtspflege d. gewerb- einigung von Wirtschafts-
266 lichen Unternehmertums 22 kammern 480
Verzeichnis der Bildnisse von Wirtschaftsführern.
Die römische Zahl bezeichnet die Tafel, auf der sich das Bild befindet.
Arco, Georg Graf von, Berlin, Direktor Duisberg, Carl, Geh. Regierungsrat
Telefunken-Gesellschaft. V,1. Prof. Dr., Leverkusen, Vors, des Reichs-
Artmann, Fritz, Geh, Kommerzienrat, verbandes der D. Industrie. VI.3.
Mannheim, Direktor der Ludwigshafener
Walzmühlen. VII, 3, Eckener, Dr., Friedrichshafen, IX, 5.
Ashoff, Dr... W.,.. Kommerzienrat,
Generaldirektor, Altena i. W. IL 1, Fischer, Hermann, Dr. (Köln), Präs.
des Hansabundes, XV, 3.
Ballin +, Albert, Generaldirektor der Frowein, Abraham, Elberfeld. VII, 2.
Hapag, Hamburg. 1,1.
Beit von Speyer, E., Kommerzienrat, Gante, Georg, Berghauptmann a. D.,
Frankfurt a, M, XI, 1. Staßfurth-Leopoldshall, IX, 4,
Berkemeyer, Dr., Berlin, General- Gebhardt, Hermann, Eppingen, Vors.
direktor der oberschl. Kokswerke, VI, 1. des Landbundes, X,1.
v. Bleichert, Max, Dr.-Ing. e, h, Grieme, Dr. H. H., Syndikus der D.
Kommerzienrat, Leipzig-Gohlis, II,2. Handelskammer in Havanna. XVI, 1.
v, Borsig, Ernst, Dr.-Ing, Geh, Kom- Groebler, Alfred, Bergrat Dr., Wetz-
merzienrat, Tegel-Reiherwerder, II, 3, lar. Generaldirektor der Buderusschen
Bosch, Prof. Dr., Ludwigshafen/Rhein, Eisenwerke, Wetzlar, II, 4.
Generaldirektor der bad. Anilinfabrik. Grund, Bernhard, Dr., Präs, der L- und
VI,2, Handelskammer Breslau. XI,1,
Bücher, Geheimrat, Berlin, Geschäfts- v, Gwinner, Arthur, Dr., Berlin, Deut-
führendes Präsidialmitglied des Reichs- sche Bank. XI. 2.
verb. der D, Industrie. XV. 1.
Hagen, Louis, Geh. Kommerzienrat, Präs,
Cuno, Reichskanzler a. D., Hamburg, der I.- und Handelskammer Köln. XII, 3.
Hamburg-Amerika-Linie, XII, 8. Heineken, Dr. phil, Bremen, Präsi-
| dent des Norddeutschen Lloyd. XII, 9.
Delius, Paul, Kommerzienrat, Bielefeld, Helfferich {,.K..Th., Prof. Dr.. Staats-
Seidenweberei. VII, 1. minister. I,2.
Dern b urg, Reichsminister a, D.,, Dr., Helfferich, E., Präs. des Deutschen
Berlin. XV,2, Bundes, Batavia, XVI,2.
Deutsch, Felix, Dr., Geh, Kommerzien- He pP: Karl, Seelbach (Oberlahnkreis),
rat, Berlin, AEG. V.2. Vors, des Reichslandbundes., X,2.
        <pb n="596" />
        528 Verzeichnis der Bildnisse von Wirtschaftsführern,
Hilger, Ewald, Dr.-Ing. h. c., Geh, Berg- Reuter, W., Dr.-Ing., Duisburg, General-

rat, Generaldir, der Ver. Königs- und dir. der Demag. 1I, 8.

Laurahütte. II, 5. Riepert, Dr.-Ing, Baurat, Tutzing,
Hoffmann, Leberecht, Bad Salzuflen, Vorst. d. deutschen Zementbundes. IX, 1,

Generaldir, von Hoffmanns Stärke- Riesser, J., Geh. Justizrat, Berlin,

fabriken. VII, 4. Zentralverb, des D. Bank- und Bänkier-
Hue +, Otto, hervorragender Bergarbeiter- gewerbes, XIV, 7.

führer, 1,3, Roselius, Ludwig, Dr., Kaffee-Handels-
A.-G., Bremen. XII, 6.
vv, Kalckreuth, Graf, Berlin, Präs. des Rosenthal, Phil, Kommerzienrat, Selb

Reichslandbundes, X,4. (Bayern), Generaldir, d. Porzellanfabrik
Kastl, Geheimrat, Berlin, Geschäftsf, Ph. Rosenthal &amp; Co. 1IX,3.

Präsidialmitglied des Reichsverb. der

D. Industrie. XV,4, Schacht, Hjalmar, Dr., Berlin, Präs.
Keinath, Otto, Berlin, Geschäftsf, Prä- der Reichsbank, XIV, 8,

sidialmitglied des Zentralverbands des Schott, Fr., Dr.-Ing., Geh, Kommerzien-

D,. Großhandels, XI,2, rat, Heidelberg, Portland-Zementwerke
v, Klemperer, G., Geh. Kommerzien- Heidelberg-Mannheim-Stuttgart, IX, 2.

rat, Dresden, Dresdner Bank. XIII,4. Schröder, Dr., Berlin, Präs. d, Preuß.
Kleyer, Heinrich, Dr., Kommerzienrat, Staatsbank. XIV, 9.

Frankfurt a, M., Adlerwerke. III, 6. Schwarz, Justin, Kommerzienrat, Nürn-
Koettgen, Carl, Dr., Berlin, Siemens- berg, Bing-Werke A.-G. III, 9,

Schuckert-Werke G.m.,b.H, V,3. v. Siemens, Carl Friedrich, Dr.-Ing. e. h.,
Kotzenberg, Dr., Konsul, Frankfurt Berlin, Siemens &amp; Halske, V,5.

am Main, X1I,3, Sorge, Kurt, Dr.-Ing., Dr. rer. pol., Ber-
Kraemer, Hans, Direktor, Berlin, Roto- lin, Fried, Krupp A.-G. III, 10,

phot A.-G., VIII, 2. Speyer, s. Beit v. Speyer.

Stinnes tt, Hugo, Großindustrieller. I, 5,
v. Mendelssohn, Franz, Präs. des D.

Industrie- und Handelstags, XII, 5, Tgahrt, Erich, Hannover, Präs. d. L-
Me y er, Hugo, Konsul Dr., Düsseldorf, XI, 4. und Handelskammer Hannover, Vors.
Meyer-Leverkus, E, Elberfeld, d, Industrie- und Handelskammer-Ver-

Generaldir. d. Rhein. Textilwerke. VII, 3. bandes Niedersachsen-Kassel, XII, 7.
Mittermeier, Geh, Landesökonomie- Thörl, Fr., Kommerzienrat, Harburg,

rat, Hammersdorf in Bayern, X,5, Vors. der L- und Handelskammer. ‚VI, 5.
Mohr, Dr. F, W., Geschäftsführer des Trosset, C., Wien, Präs. der D. Wirt-

Ostasiatischen Ver.,, Hamburg, XVI,3. schaftskammer in Österreich. XVI, 4.
v, Möller, Brakwede, Staatsminister

a. D.. XV, 5. Uebel, Fr. , Kommerzienrat, Plauen im
Müller - Oerlinghausen, Georg, M. d. Vogtl. VII, 5. .

RWR., Oerlinghausen. VII, 4. Urbig, Franz, Inhaber der Disconto-

gesellschaft, Berlin. XIV, 10.
van Norden, J, Köln a. Rh. X1L5,
v. Velsen, Otto, Oberbergrat, Herne in
Piatscheck, Dr., Generaldir, Halle Westf., Generaldir, der Hibernia A.-G.

a. d, Saale, 11, 7. IV, 11. .
Plate, Präs, der Handwerkskammer, Vogel, Hans, Kommerzienrat, Chemnitz.

Hannover. X,3, ; VIIL, 1. ı .

Possel, Ernst, Hamburg, Vors. der Inter- Vög e le, Wilhelm, Mannheim, Fa. Josef

essengemeinschaft D, Ölfabriken. VI, 4. Vögele A.-G, IV, 12,

P ust, Konsul, Wesermünde. XII, 10. Vö g } er, Dr. A,, Generaldir, der Deutsch-
Lux, Bergwerks- u. Hütten - A.-G.,
Rabbethge, Erich, Dr., Kommerzienrat, Bochum, IV, 13.

Kleinwanzleben, Zuckerfabrik. VII, 5. ,
Rathenau +, Walter, Dr., Reichs- Waldschmidt, Justizrat, Berlin, Lud-
minister, Berlin, I,4. wig Loewe &amp; Co, A,-G, IV, 14.

v. Raumer, Reichsminister a, D., Berlin. Wieland, Dr.-Ing., Geh. Kommerzien-

V,4 rat, Ulm a, d, D, IV, 15.
Remshard, Hans, Hofrat, München. Wirth, G., Syndikus der D. Handels-

XIV, 6. kammer in Zürich. XVI,5,
        <pb n="597" />
        Die außenpolitischen Aufgaben der Wirtschaft. 503 )
Die sozialistische Auffassung, alle Kriege hätten kapitalistische ,
Ursachen, wird von der Geschichte einwandfrei widerlegt, Reine
Machtbestrebungen, Ruhmsucht, nationale und religiöse Gegensätze
sind zweifellos noch bis in die neueste Zeit die Ursache von Kriegen
gewesen, Kennt die Geschichte doch eine ganze Anzahl aus- .
gesprochener Religionskriege, wie überhaupt solcher zur Durchführung
einer Idee politischer, sozialer, religiöser oder nationalistischer Art.
Wie aber die Beweggründe der meisten menschlichen Handlungen
komplexer Natur sind, so nicht minder die der Handlungen, welche
Kriege herbeiführen. Selbst bei solchen Kriegen haben vielfach /
kapitalistisch-wirtschaftliche Motive mitgewirkt. So war der Drang
Rußlands nach Konstantinopel und den Dardanellen zwar in erster Linie
von machtpolitischen Erwägungen — Erringung eines eisfreien Hafens
oder eines militärischen Stützpunktes am Mittelmeer, volle Beherr-
schung des Balkans wie des Schwarzen Meeres, also auch Kleinasiens —
diktiert, Religiöse Empfindungen — Befreiung der Christen vom
türkischen Joch, Wiederaufpflanzung des griechisch-katholischen
Kreuzes auf der Hagia Sophia — und nationalistische — der unklare
panslawistische Gedanke — haben ebenfalls mitgewirkt und jedenfalls
die Volksstimmung dafür so reif gemacht, daß der widerstrebende Zar
Alexander II, in den Balkankrieg hineingetrieben wurde, Indessen
auch wirtschaftliche Momente haben ‘dabei ’stark hineingespielt,
Darunter an sich so berechtigte wie das Verlangen Rußlands, bezüglich
seiner großen Ausfuhr von Getreide, Ölsaaten, Zucker, Erzen und
Mineralölen über die Schwarze-Meer-Häfen ebenso wie der Einfuhr
über diese nicht von dem guten Willen am Goldenen Horn abhängig zu
sein, Ausschließlich waren solche maßgebend für die russischen
Ambitionen auf die Mandschurei, auf Sachalin usw. Alleinausschlag- ,
gebend waren sie für die Eroberungspolitik Japans gegenüber Korea
und China, für die Algier-, Tunis- und Marokkopolitik Frankreichs,
für den Krieg Englands gegen Transvaal. Dessen ägyptische und |
mesopotamische Politik gilt dagegen zum guten Teil der Sicherung
Indiens, also der Machtpolitik, die freilich mit kapitalistischen Wirt-
schaftsinteressen aufs engste verflochten ist.
Der Merkantilismus, der jedenfalls vom 17. Jahrhundert bis in das
letzte Drittel des 18, Jahrhunderts hinein die Weltpolitik beherrscht hat,
verquickte Macht und Wirtschaft vollständig, Macht besaß, wer das
Geld hatte, ein möglichst großes Heer und eine starke Flotte zu unter-
halten. Deshalb sollte das Geld im Lande behalten, also keine fremden
Waren eingeführt werden; erstrebte man Kolonien, deren Schätze helfen
sollten, den Reichtum zu vermehren, und wollte möglichst viel eigene
Waren dem Ausland verkaufen, um damit Geld ins eigene Land zu
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
