<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Der geistige Arbeiter in der gegenwärtigen Gesellschaft und Geschichtsepoche</title>
        <author>
          <persName>
            <forname>Karl</forname>
            <surname>Renner</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>168999925X</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>
        <pb n="1" />
        <pb n="2" />
        L[4.,

«Ö ui .

SZ. 11E UE ... . ]

W

. .
Cui ia
II

1,1

Me
I

Jj

„. «

' p
U
'10») :
I6
e. ' § .
«ur as ~ 1-.
SI m tr.
“G,
[I 1
        <pb n="3" />
        Der
geistige Arbeiter
in der
gegenwärtigen Gesellschaft
und
Geschichtsepo che
Dr. Karl Renner
Österreichischer Staatskanzler a. D.
g .5'!.
O qsuirtscqss 70.0;
B Ak DA
H ._.
- J. H. W. Dietz Nachfolger, Berlin TT
g 2.6
. U 481

Üct
        <pb n="4" />
        Vortrag
gehalten am 17. April 1926
in der Freien Sozialistischen Hochschule
Berlin
Presse: Frankendruck G. m. b. H., Nürnberg
        <pb n="5" />
        Durch die Welt unserer Intellektuellen geht zur Zeit eine starke,
wenn auch widerspruchsvolle Bewegung. Die Stellung der
geistigen Arbeit ist ökonomisch und gesellschaftlich im Wandel
begriffen und jeder einzelne Intellektuelle, durch diesen Wandel
persönlich betroffen, sucht nach neuer geistiger und politischer
Orientierung. Dieses Suchen drängt viele Intellektuelle in die
entgegengesetztenund doch verwandten Richtungen des Faschismus
und des Bolschewismus, erfüllt viele mit dem Irrwahn einer
neuen „Führerideologie" und treibt die meisten in Organisati-
onen, deren Inhalt und Aufgaben ihnen selbst erst halb be-
wußt sind.

Erscheinungen dieser Art haben wohl die Leitung der Freien
Sozialistischen Hochschule in Berlin veranlaßt, mich zu
einem Vortrag über das Thema „Der geistige Arbeiter in der
gegenwärtigen Gesellschaft“ einzuladen. Ich habeam 17. April1926
den Vortrag gehalten und übergebe ihn, ermuntert durch die
Leitung der Hochschule, hiermit nahezu unverändert dem Drucke.
Um dessen Lektüre nicht zu erschweren, habe ich es unterlassen,
ihn mit historischen und literarischen Belegen zu belasten. Ich
hege das Vertrauen, daß die heutige intellektuelle Jugend selbst
die Forscher hervorbringen wird, welche die ökonomische und
geistige Geschichte der intellektuellen Klassen schreiben, und muß
mich begnügen, zu dieser notwendigen Arbeit einige Anregungen
gegeben zu haben. Ich hoffe, daß sie nicht wertlos sind und
fruchtbar werden.

Auch in dieser gedrungenen Form kann die vorliegende Arbeit
zwei Zwecken dienen: Sie kann den „Intellektuellen“ die Ver-
ständigung über sich selbst und den „Manuellen“ das Verständ-
nis der Intellektuellen erleichtern. Beides scheint mir für die
nächste Zukunft der sozialen Entwicklung geboten.

Wien, den 1. Oktober 1926

Dr. Karl Renner
        <pb n="6" />
        <pb n="7" />
        Intelligenzproletariat – Boheme
Geistiger Arbeiter
Mie kapitalistiscche Entwicklung gebiert täglich neue
Probleme. Sie ist die Umwälzung in Permanenz,
. die alle Schichten der Gesellschaft, die herrschenden
nicht minder als die beherrschten, ergreift und ständig umwan-
delt. Diese Entwicklung hat in den letzten Jahren insbesondere
eine Gruppe ergriffen, die man heute als geistige Arbeiter-
schaft bezeichnet. Der Begriff geistige Arbeiterschaft, geistige
Arbeit ist im gewissen Sinne geradezu erst von heute! Man
hat vor zwanzig und dreißig Jahren angefangen, von einem
„Intelligenzproletariat‘““ zu sprechen. Aber man sprach
davon in einem anderen Sinne und mit anderer Betonung
als heute von geistiger Arbeit. Wenn von Intelligenzprole-
tariat die Rede war, so in dem Sinne, daß neben der in
die bürgerliche Gesellschaftsverfassung eingegliederten Intelli-
genz eine kleine Gruppe deklassierter Intellektueller lebte, die
damals zum erstenmal in größerer Zahl auftrat, ein Intelli-
genzproletariat gleichsam als Abfall und Deklassationspro-
dukt der bürgerlichen Gesellschaft, nicht aber als eine Gruppe,
die einen normalen Bestandteil der Gesellschaft darstellt, wie
der ist, den die geistige Arbeiterschaft heute bildet. Es war ein
Ausnahmefall, von dem man sprach. Die Regel war: Besitz-
und Bildungsklassen sind identisch. Wenn Gebildete nicht
den besitzenden Klassen angehörten, so war das die Ausnahme.
Diese Ausnahme ist geschichtlich die Fortsetzung einer früheren,
auch sozial schr bedeutsamen Erscheinung, der Erscheinung der
Boheme. Sie war eine kleine Schar vonIntellektuellen, welche,
ohne sich zum Sozialismus zu bekennen, ohne eine bestimmte
Weltanschauung auszudrücken, sich entweder freiwillig oder aus
Verschulden einer proletarischen oder halbproletarischen Lebens-
weise befleißigten, das Leben des „Spießbürgers‘“ verachteten
und um freiere Daseinsgestaltung rangen.
        <pb n="8" />
        Es wäre nun falsch, anzunehmen, daß das, was man heute
geistige Arbeit nennt, seinen Ursprung vom Intelligenzproleta-
riat oder der Boheme herleitet.

Denn die geistige Arbeiterschaft – das wollen wir zu-
nächst zur vorläufigen Orientierung festhalten – stellt schon
quantitativ, der Zahl nach, heute eine große, eine beachtliche
Masse von Menschen dar, eine große Zahl von Angehörigen der
Gebildeten, die nicht zugleich Bessitzende sind, und diese Gebil-
deten nennen sich heute selbstbewußt, mit einer bestimmten
Auszeichnung, geistige Arbeiter. In dieser Bezeichnung liegt
eben eine doppelte Hervorhebung. Es ist auffällig, daß sich die
Gruppe , Arbeiter““ nennt, und es ist unterscheidend, daß sie,
die sich als Arbeiter in eine Kategorie mit den arbeitenden
Klassen stellt, doch zugleich von ihr differenziert als geistige
Arbeiter gegenüber den manuellen Arbeitern.

1. Vergangenheit

Wenn man nun zum Verständnis dieser ganzen sozialen Er-
scheinung und ihrer Neugestaltung gelangen will, muß man ge-
schichtlich vorgehen und die letzten Ursprünge dieser gesellschaft-
lichen Schicht, die heute die geistigen Arbeiter darstellt, auf-
spüren. Mein geschichtlicher Exkurs wird nicht zu weit ausholen,
aber ich glaube durch die geschichtliche Aufrollung des Problems
der geistigen Arbeit die Entwicklungslinien dieser gesellschaft-
lichen Gruppe dartun zu können.

a) Kleriker und Laie

Im früheren Mittelalter ist die geistige Arbeit völlig getrennt
von jeglicher anderer Betätigung und geschlossen organisiert.
Geistige Arbeit ist mit geistlicher Arbeit, mit der Arbeit der
Geistlichkeit, völlig identisch und sie ist losgetrennt von der
übrigen Gesellschaft in dem Gegensatz von Klerikern und
Laien. Aus diesem Zustand heraus entspringt der geistige Ar-
beiter zuerst in dem Maße, wie das Laienstudium Plat greift,
wie die Universitäten von Laienstudenten besucht, mit Laien-
lehrern besetzt werden. Das tritt erst in dem Augenblick ein,
wo die Universitäten der Kirche entzogen, entkirchlicht, verstaat-
licht und später nationalisiert werden. Es ist das Zeitalter des
Humanismus, das das Laienstudium, die Laienwissenschaft und
        <pb n="9" />
        den Laiengelehrten anstelle des Klerikers setzt, und zwar zu-
nächst nur in einer geringen Zahl. Das Prozentverhältnis der-
jenigen, die studierten, die sich also zur geistigen Arbeiterschaft
rechnen konnten, ist im Anfange außerordentlich niedrig.

Wenn wir die Lage der sozialen Schicht, von der wir sprachen,
in der stufenweisen Abfolge ihrer Entwicklung prüfen wollen,
müssen wir uns auf jeder Stufe fragen: Woher kommt
die Schicht der geistigen Arbeiter in bestimmten Epochen? Aus
welchen Gesellsch aftsklassen? Wohin geht sie? In welche
Klasse mündet sie ein? Welches ist die gesamte gesellschaft-
liche Stellung? Was ist die ökonomische Unterlage des gei-
stigen Arbeiters, d. h. wovon lebt er? Und weiter: Was ist
die ideologische Einkleidung, d. h. in welcher Vorstellungs-
welt lebt er kraft seiner ökonomischen Daseinsweise?

Wenn wir nun diese Fragen für die älteste Zeit uns zu beant-
worten suchen, müssen wir feststellen: WelcheLaienkreise besuchen
zuerst die Universität und das humanistische Gymnasium?
denn diese zwei Studienanstalten sind zunächst die einzigen, die
in Betracht kommen. In der Regel sind es Kinder der Stadt-
bürger und Kinder des niedrigen Adels, höchst selten andere
Gessellschaftsschichten. Diese, die nun durch das humanistische
Gymnasium und die Universität durchgehen, haben drei Stu-
dienmöglichkeiten und nehmen dreifache Stellungen ein, nach den
drei Fakultäten ~ außer der theologischen, die für uns nicht in
Betracht kommt, wie denn überhaupt die eine Gruppe der geisti-
gen Arbeiter, die ich geistliche Arbeiter nennen möchte, bis heute
fortbesteht, aber für unsere Untersuchung außer Betracht bleibt.

Ein Teil studiert Jura. Was wird denn aus den Juristen?
Die Juristen werden in dem Maße, wie das römische Recht das
alte deutsche Recht verdrängt, wie der gelehrte Richter anstelle
des Laienrichters tritt, mit dem sich das ganze Mittelalter be-
holfen hat, Richter und Anwälte. ~ Die Medizin ist ein freier
Beruf, sie nimmt aber bedeutend in ihrer zahlenmäßigen Be-
setzung zu. ~ Die philosophischen Fakultäten stellen die Lehrer.
Alle drei Gruppen zusammen sind praktisch die einzigen gei-
stigen Berufe. In dem Maße wie die Stände durch das abso-
lute Fürstentum verdrängt werden, treten die Kameralisten
neben die Juristen. Die Kameralisten besetzen die Verwaltungs-
ämter des Landesfürsten. Diese Berufsgruppen also stellen die
ganze studierte Welt jener Zeit dar.
        <pb n="10" />
        b) Öffentliche Dienste ~ liberale Berufe.
Der Fürstendienst.

Sie zerfällt in zwei Hauptarten, einmal in die öffentlichen
Dienste und dann in die liberalen Berufe. Die öffentlichen
Dienste sind Richteramt, Lehramt, Verwaltungsamt. In allen
dreiBerufen ist derStudierte, der geistige Arbeiter, ein Gehilfe des
Fürsten, ein Fürstendiener. Die liberalen Berufe, bei denen der
intellektuelle Beruf zugleich bürgerlicher Erwerb ist (der Be-
ruf des Advokaten, des Arztes), haben eine halb und halb
zunftmäßige Verfassung. Die charakteristischen Eigenschaften
dieser Berufe werden wir noch kennen lernen. Die Bürger-
kinder, die Kinder des niederen Adels, die auf diese Weise ent-
weder in den öffentlichen Dienst treten oder liberale Berufe
ausfüllen, sind vorbestimmt, in die oberste Schicht der herr-
schenden Klassen überzugehen. Die Fürstendiener, die Bureau-
kraten, Beamten, Richter, sie leben von ihrem Gehalte, aber
das, was ihre Stellung am meisten hervorhebt, ist nicht der
Gehalt, sondern das Ausmaß von Privilegien und Ehren, das
ihnen zugedacht ist. Ein namhafter Teil von ihnen geht im
Wege des Briefadels allmählich in die Aristokratie über. Der
Weg ist offen, und manche von unseren Fürstenhäusern gehen
nicht auf den alten grundbesitzenden Lehnsadel zurück, sondern
auf Fürstendienst und zählen zum Briefadel. Die liberalen Be-
rufe, Ärzte, Advokaten, Notare, führen das Leben eines erwer-
benden Stadtbürgers. Sie gelangen zu beträchtlichem Ver-
mögen und rücken in den Kreis der städtischen Patrizierfamilien
auf. Die geistigen Arbeiter ~ wenn man aus unserer Zeit
diesen Begriff auf die vergangene Zeit übertragen darf —
gehen allzumeist in die herrschende Klasse und zwar in die oberste
und entscheidende Schicht der herrschenden Klasse über, fühlen
sich mit ihr identisch und würden es als Kuriosum bezeichnet
haben, wenn man sie als geistige Arbeiter angesprochen hätte.
Diese Schicht, wie gering an Zahl sie im Körper des Volkes
war, hat dennoch eine außerordentliche Bedeutung gehabt, eine
außerordentliche Rolle gespielt. Mit Hilfe dieser geistigen Arbeiter
hat das absolute Fürstentum zuerst den modernen Staat
aufgebaut, insbesondere mit der Beamtenschaft, und es ist diese
Schicht, welche in fast allen Ländern den Absolutismus gestützt
hat, wie der Absolutismus sie gestützt und benützt hat. Der
        <pb n="11" />
        Habitus der geistigen Arbeiter dieser Zeit ist der, den Goethe aus-
drückt in den Worten: „Einem edlen Herrn zu dienen““, das ist
eine Aufgabe, die des Lebens wert war. Einem edlen Herrn
zu dienen — der Gedanke des Fürsstendienstes, die Ideologie
einerseits der persönlichen Treue und Hingebung an den Herrn,
und auf der andern Seite die Ideologie, daß dieser Dienst zu-
gleich Standesehre und Standesvorzug bedeutet: Treue und
Ehre sind die Grundideen der Organisation der geistigen Arbeit
auf dieser Entwicklungsstufe. Das gilt allerdings in erster
Linie von den beamteten geistigen Arbeitern jener Zeit.

In dem Maße, wie das Stadtbürgertum in der Entwicklung
fortschreitet, wie insbesondere durch die Enzyklopädisten das
bürgerliche Denken im Gegensatz zum feudalen Denken zum
Siege geführt wurde, in dem Maße bemächtigte sich auch die
geistige Arbeiterschaft im ganzen, als Stand betrachtet, der
neuen Ideenwelt. Wir sehen, daß die zweite Grundform des
modernen Staates — die republikanische neben der absolutisti-
schen — wieder in führender Weise von einer Schicht der gei-
stigen Arbeiter ausgedrückt wird; im bürgerlich-republikanischen
Staat — 1789 in der französischen Revolution und 1848 bei
uns — wird diese Schicht von selbst zur Führerin der Entwick-
lung. Wie sie seinerzeit den Absolutismus getragen hat, so
trägt sie jetzt die republikanische bzw. die bürgerlich-demo-
kratische politische Geistesrichtung.

c) Der Staatsdienst. Die bürgerliche Freiheit.

Wir treten damit in die frühkapitalistiscche Epoche ein und
sehen, daß die Studenten die Revolution mit auf der Straße
einleiten, welche hinterher die Studierten am grünen Tisch voll-
ziehen. Auch in dieser Zeit sind die geistigen Arbeiter noch Ab-
kömmlinge in erster Linie des städtischen Bürgertums, zum Teil
auch schon Bauernsöhne — ich muß es mir versagen, alles ein-
zeln durch geschichtliche Beispiele zu belegen , Arbeitersöhne
kommen nicht in Betracht, weil es ein Proletariat in so großem
Maßstabe noch kaum gibt. Daneben sind es schon in großem
Maße Abkömmlinge der eigenen Standesgruppe, Kinder von
Studierten, die studieren. Der Studierte führt seine Kinder
dem Studium zu, die Gruppe ergänzt sich aus sich selbst, was
ein wesentliches Merkmal ihrer künftigen Entwicklung zur
besonderen Klasse ist. Bis zum Jahre 1848, in der ganzen
        <pb n="12" />
        frühkapitalistischen Epoche, sind noch immer Universität und hu-
manistisches Gymnasium die alleinigen Bildungsstätten, aber
in der ganzen Geistigkeit dieser sozialen Gruppen sehen wir
einen charakteristischen Wandel. Von den zwei Gruppen oder
Zweigen, in die sich von Anfang an die intellektuelle Welt ge-
spalten hat, nämlich in öffentliche Bedienstete und liberale Be-
rufe, sind nunmehr die liberalen Berufe die führenden,
nicht mehr die öffentlichen Bediensteten.

Die liberalen Berufe sind es, welche den Jahren 1789 und
1848 überwiegend das geistige Gepräge geben. Die Ideologie
ist eine andere. Anstelle der Vorstellung, daß einem Herrn zu
dienen, Fürstendiener zu sein, Glück und Freude, Rang und
Standesehre bedeute, tritt eine andere Auffassung vom Dienst:
nicht der Person des Fürsten, sondern dem Staate als Idee
zu dienen! Aus dem Fürstendiener werden Staatsdiener. 'Es
vollzieht sich jene Umwälzung, die am besten durch ein Wort
Fichtes charakterisiert ist. Fichte spricht an einer Stelle von der
deutschen Treue. Er spricht davon, daß nach der überlieferten
Auffassung es gerade dem deutschen Geiste eigentümlich sei,
treu zu seinem Fürsten zu stehen. Er unterscheidet aber von der
Treue der Person für die Person die Treue für eine Idee und
spricht das viele unserer Mitbürger heute noch sehr empfindlich
treffende, aber berechtigte Wort aus: Treue für die Person ist
eine Tugend der Hunde. Die Treue für eine Idee ist das, was
den Menschen auszeichnet. Es bricht in der frühkapitalistischen
Epoche auch in der Intelligenz die Auffassung durch, daß man
nicht dem Fürsten, sondern dem Staate, einer Idee diene, und
diese Auffassung vom Staat war die des Rechtsstaates. An-
stelle des Gehorsams und der Ergebenheit tritt der Gedanke
der bürgerlichen Freiheit. Die Intelligenzklassen werden
als Träger dieser bürgerlichen Ideen auch die geistige Führerin
der ganzen Gesellschaft. Ich bemerke dabei, daß es heute ja
nicht meine Aufgabe ist, für diese ganzen geschichtlichen Ent-
wicklungsprozesse die ökonomischen Unterlagen zu geben. Ich
möchte nicht von einem Leser in dem Sinne korrigiert sein,
daß man mir einwendet: Die bürgerliche Klasse ist zur Herr-
schaft gekommen und damit mittelbar ihre Denkweise. Das
bestreite ich nicht, sondern es fragt sich: Wer war der Stimm-
führer? Wer hat der bürgerlichen Klasse die Ideologie in ihrem
Kampf gegeben? Wer war in der Vorhut der Kämpfe? Da

~
        <pb n="13" />
        kann man mit Recht sagen, daß die Intelligenzkreise den bürger-
lichen Liberalismus, den bürgerlichen Rechtsstaat anstelle des
absoluten Staates geschaffen haben. Die Intellektuellen erleben
so eine zweite Glanzzeit. Die Glanzzeit des bürgerlichen Libera-
lismus ist zugleich eine Glanzzeit der Studierten, der geistigen
Arbeiter.

d) Besitz und Bildung.

Auch noch in jener Epoche hätte es jeder Studierte als eine
Sonderbarkeit bezeichnet, ihn als geistigen Arbeiter anzusprechen,
in irgendeine Beziehung zur Arbeiterschaft gebracht zu werden,
zumal damals auch der Handwerksgeselle noch die Bezeichnung
„Arbeiter“ ablehnte, die nur auf Ungelernte und ländliche Tag-
löhner paßte. In jener Zeit steigt der heute sogenannte geistige
Arbeiter wieder unzweifelhaft und in der Regel in die bes itzende
Klasse auf, auch wenn er aus der Arbeit kommt. Armut und
Besitzlosigkeit sind bekanntlich nicht dasselbe. Auch der arme Stu-
dent jener Zeit denkt nicht proletarisch, er denkt nicht im Sinne
der Klasse, aus der er hervorgeht, sondern im Sinne der Klasse,
in die er hinein will. Er denkt also im Sinne der Bourgeoisie
und er steigt in der Regel auch in die Bourgeoisie auf. Der Ge-
bildete muß nicht aus der Besitzklasse kommen – er kommt
in der Regel aus ihr, er muß es indessen nicht; aber er geht
zu ihr über und zwar teils, wie bei den freien Berufen, durch
eigenen Erwerb von Vermögenschaften ~, und Sie wissen alle
von Vätern und Großvätern her, welche für die damalige Zeit
ganz ansehnlichen Vermögen der Beruf eines Advokaten, eines
Arztes geschaffen hat. Zu Vermögen kam der Gebildete aber
auch durch Einheirat in die besitzende Klasse. Der Gebildete
wurde also ein Besitzender. „Besitz“ wird dabei nicht im
gleichen Sinne des Wortes, wie es Marx meint, gebraucht. Er
ist nicht unmittelbarer Eigentümer und Anwender von Pro-
duktionsmitteln, er bezieht abgeleitetes Besitzeinkommen auf
dem Umwege der Mitgift der Frau. Die Frau ist von einem
Grundbesitzer ausgesteuert und die Aussteuer ist durch eine Hy-
pothek gesichert. Oder der Gebildete hat Anteil am Vermögen,
ist Gesellschafter, zumeist stiller Gesellschafter oder bezieht eine
Rente. Er führt also in der Regel keine unmittelbare wirtschaft-
liche Verwaltung als Produzent, er ist nur mittelbar am Besitz
beteiligt, und diese mittelbaren Besitzbeteiligungen sind für

T=
1 |
        <pb n="14" />
        die intellektuelle Klasse jener Epoche geradezu charakteristisch.
Diese Mittelbarkeit ermöglicht eine gewisse Freiheit des Den-
kens in sozialen Dingen, man ist nicht unmittelbar und voll-
ständig in der Besitzideologie befangen wie derjenige, der als
Unternehmer selbstProduktionsmittel beherrscht, aber manistdoch
mit seinem ganzen Interesse an die besitzende Klasse gebunden.

Diese Bewegung des Gebildeten zum Besitz auf der einen
Seite hat ihr Widerspiel auf der andern Seite: Während der
Gebildete Besitzender wird, wandelt sich der Besitzende, ins-
besondere in den abendländischen Gebieten, also auf dem euro-
päischen Kontinent, in der Regel auch zum Gebildeten. Auch
wenn er nicht die Absicht hat, einen gelehrten Beruf zu er-
greifen, studiert er wenigstens bis zu einem gewissen Grade,
und die Mittelschulmatura ist gleichsam Standeserfordernis des
Besitzenden, auch wenn er nicht einen gelehrten Beruf ausübt.
Es ist bekannt, daß dieses Vorurteil von den Amerikanern bis
in die jüngste Zeit nicht geteilt worden ist und daß dort Be-
sitzende und Höchstbesitzende lange gar keinen Wert auf allge-
meine Bildung gelegt haben. Bei uns ist das eine Epoche, in
der Besitz und Bildung gleichsam in eins verschmelzen, wo die
Gebildeten allesamt, weit entfernt davon, sich als Arbeiter zu
empfinden, sich geradezu als eine Abteilung der Besilzenden an-
schen, so fühlen, so denken und handeln, und wo nur ganz
ausnahmsweise besitzende Gebildete sich zum Proletariat
bekennen, ganz ausnahmsweise, niemals in Gruppen, noch
viel weniger in ganzen Schichten.

Das ist die Zeit, wo aus diesen Gesellschaftsschichten das eine
oder andere Mal eine große Persönlichkeit zum Proletariat her-
überkommt – zuweilen auf dem Umweg der Boheme , nie
aber eine Gruppe. Das ist die frühkapitalisstische Epoche, die hier
geschildert wurde. Das wird ganz anders und sehr wesentlich
umgestaltet durch die Entwicklung zum Hochkapitalismus.

2. Ubergang
a) Umwälzung des Schulwesens.

Wir wissen, das Kapital wälzt ständig alle Besitzverhältnisse
um, es wälzt die technischen Methoden um. Das Kapital hat
sich die Wissenschaft dienstbar gemacht und so das Gebiet
des gelehrten Studiums außerordentlich erweitert. Es ist eine
TA

154
        <pb n="15" />
        charakteristische und viel zu wenig beobachtete Tatsache, daß in
den letzten, sagen wir achtzig Jahren, durch den Kapitalismus
das Studienwessen mehr umgewöälzt wurde als in vorangegan-
genen Jahrhunderten. Bis dorthin war der Normaltyp der
Studienanstalten Gymnasium und Universität, und die Univer-
sität it ~ ihr Name universitas sagt es – die Summe aller
Wissenschaft. Das hört nun auf. Neben die Universitäten treten
Hochschulen in großer Zahl, technische Hochschulen als die ersten
Rivalen, Bergbauhochschulen als eine Abart der technischen
Hochschulen, landwirtschaftliche Hochschulen, kommerzielle
Hochschulen und zum Schluß auch noch Kunsthochschulen. Wie
neben die alte Hochschule treten auch neben die alte Mittelschule
neue Typen, neben das Gymnasium die Realschule mit allen
möglichen Zwischenbildungen und die Fachschule. Dazu kommt
die ganz grandiose Erweiterung des Schulwesens im allge-
meinen, vor allem andern die Ausgestaltung der Volksschule zu
einer achtjährigen Pflichtschule des ganzen Volkes ~ ihr Durch-
schnittsabsolvent überragt den gebildeten und besitzenden Durch-
schnittsbürger des 18. Jahrhunderts an Wissen.

Das hat nun folgende Wirkung. Sehen wir die studierte
Welt alten Stils an, zuächsst die alte Lehrbureaukratie, die Ge-
samtheit der Lehrpersonen von den Hochschulen bis zur Ele-
mentarschule ~ einsichtige Hochschullehrer werden es verzeihen,
daß ich sie mit ihrem nicht gewohnten aber wahren Namen als
Lehrbureaukratie bezeichne ~ die Lehrbureaukratie ist ungeheuer
ausgedehnt. Die Zahl der Lehrpersonen ist etwa zehnmal so groß
wie 1848, in allen Stufen, insbesondere in den unteren Stufen.
Die Juristen: Die Zahl der Advokaten und Notare wird Legion.
Ich weiß nicht, wie es hier in Berlin ist, aber die Stadt Wien
zählt, glaube ich, 1000 Advokaten, während sie sich früher mit
60 bis 80 begnügt hat. Die Zahl der Mediziner wird ebenfalls
ungeheuer groß. Die Zahl der öffentlichen Beamten vermehrt
sich nicht nur dadurch, daß der Staat immer neue Aufgaben
aufgreift, sondern auch dadurch, daß die anderen öffentlichen
Körperschaften, die Gemeinden, die öffentlichen Anstalten und
Korporationen große Heere von Beamten einzustellen sich ge-
nötigt sehen. Das ist indessen alles noch altstudierte Welt, dazu
kommt noch eine neustudierte.

Da haben wir erstens für das Verkehrswesen die Unzahl
Eisenbahnbeamten, Postbeamten, Telegraphenbeamten, Schiff-
        <pb n="16" />
        fahrtsbeamten, in der Landwirtschaft den ganzen großen Stand
der Güterbeamten, die es früher in der Art gar nicht gab.
Man hat früher ausgediente alte Offiziere oder Unteroffiziere
oder Hauslehrer bei den Gütern angestellt. Das war die einzige
Art und Weise, wie die Güter verwaltet wurden. Nun aber das
ganze Heer der Güterbeamten, das ganze Heer der Bergwerks-
beamten, das ganze große Heer der Industrieangestellten,
der Handelsangesstellten, der Bankangestellten, die alle
aus Fachschulen und zum Teil aus fachlichen Hochschulen her-
vorgegangen sind.
b) Alt- und Neu-Studierte. Kapitaldienst.
Wirtschaftsbürokratie.

Wir sehen nun in der studierten Welt einen neuen Gegensatz.
Der erste war Kleriker und Laienstudent, Laienwissenschafter, der
zweite beamtete und liberale Berufe. Nun aber der Gegensatz
zwischen den alten liberalen Berufen und den alten Beamten
einerseits und der neuen Wirtschaftsbureaukratie und den wirt-
schaftlich freien Berufen anderseits. Denn zu den Beamtenkate-
gorien, die ich Ihnen aufgezählt habe, kommen ja die entspre-
chend freien Berufe, freie Architekten, freie Ingenieure, behörd-
lich konzessionierte Zivilingenieure usw. Die Altstudierten treten
weit hinter den Neustudierten an Zahl zurück, die Verwaltungs-
bureaukratie hinter die Wirtschaftsbureaukratie. Diese Entwick-
lung setzt bei uns nach der Revolution des Jahres 1848, aber am
meisten erst nach der Begründung des Deutschen Reiches 1870/71
und bei uns in Österreich etwa nach 1867 mit dem Ausbau des
konstitutionellen Staatswesens ein, aber sie verändert die Struk-
tur der studierten Welt oder der geistigen Arbeiter vollständig.

Noch ist es in den ersten Zeiten des aufsteigenden Kapitalis-
mus Regel, daß das Studium und die Ausübung eines mehr
oder minder gelehrten Berufs in die besitzenden Klassen hin-
überführt. .Es ist zum mindesten Gewißheit, daß es bis ins
Kleinbürgertum führt. Das innere Verhältnis aber, die innere
Struktur ist schon eine wesentlich andere. Ich möchte sie durch
folgenden Vergleich klar machen.

c) Die Jakobsleiter.

In der ersten Zeit des Absolutismus, in den anfänglichen
Zeiten des Kapitalismus sieht jeder, der studiert hat, irgendwie
14
        <pb n="17" />
        eine Jakobsleiter vor sich. Er steigt auf die unterste Sprosse
und geht nun von einer Sprosse zur andern bis nach oben,
bis in den Himmel selbst, bis hinauf zur Bourgeoisie. Manche
bleiben allerdings auf halbem Wege stecken, das ist dann eigene
Schuld, Schicksal, Zufall. Hinter dem einen kommt immer ein
anderer nach. Da aber die Gesellschaft sich rapide entwickelt
und der Bedarf an geistigen Arbeitern enorm groß ist, so kommt
irgendwie ein jeder an, und deshalb steht immer hinter dem,
der aufgestiegen ist, einer, der nachkommt. In der weiteren
kapitalistischen Entwicklung wird das schon anders. Jch nehme
den Advokaten und seine Kanzlei. Hinter dem Advokaten steht
ursprünglich ein Konzipient. Nun aber je größer auch in den
freien Berufen der Erwerbsgeist, je mehr die kapitalistischen
Methoden eingreifen, desto häufiger wird das Verhältnis so
sein, daß ein Advokat zwei oder drei Konzipienten beschäftigt.
Man könnte von gewissen Berufen sagen, daß die zunftmäßige
Verfassung noch maßgebend ist, daß hinter dem einen Meister
zwei Gesellen und hinter den zwei Gesellen vielleicht drei Lehr-
buben stehen und also der Aufstieg in diesem Maße erfolgt.
Das ist zwar keine Jakobsleiter mehr, wo eine Sprosse so ist
wie die andere, sondern da ist die Basis unten breiter und ver-
schmälert sich nach oben, aber noch immer sehr allmählich.
d) Die Spezialisierung.

Das wird nun in der Zeit der höchsten kapitalistischen Ent-
wicklung ganz anders. Zahlenmäßige Verschiedenheiten werden,
wie wir sehen werden, sehr bald auch Verschiedenheiten im
Wesen bedeuten. Der Grundzug der Entwicklung ist nun das
mächtige Anschwellen jener Schichten, die Zahl der Studierten
wird enorm groß. Anstalten, die früher in den unteren Klassen
mit 30 Zöglingen begonnen haben, beginnen jetzt mit 200. Un-
mittelbar vor dem Kriege war ja diese Entwicklung am aller-
stärksten. In allen Berufen zeigt sich die bedeutende Anschwel-
lung der Zahlen. Aus den Erscheinungen, die früher nur immer
Spitzenerscheinungen waren, werden jetzt Massenersscheinungen,
die nach ihrer Quantität auffallen und außerdem innerhalb
dieser Quantität eine weitgehende Differenzierung und Spe-
zialisierung aufweisen. Der Mediziner ist früher universae
medicinae doctor, das heißt Universalist seines Faches. Nun
wird er immer mehr Spezialist. Aber auch die Juristen, die
        <pb n="18" />
        Advokaten werden Spezialisten. Innerhalb der Bureaukratie,
innerhalb der Beamtenschaft, zeigt sich die Spezialisierung in der
unerhörtesten Weise. Am frappantessten ist mir die Erscheinung
zum erstenmal entgegengetreten, als ich als junger Abgeord-
neter zugunsten eines Gewerbetreibenden mich zu verwenden
hatte. Ich kam zu einem Hofrat und verlangte Abhilfe in einer
Gewerbestreitsache. Der Hofrat sagte mir, er sei in dieser Ge-
werbesache nicht kompetent, es sei sein Amt, zu entscheiden in
allen den Fällen, die den § 23 der Gewerbeordnung betreffen.
Das heißt innerhalb der Amter eine solche Spezialisierung, daß
ein jeder zum Schluß nur ein enges Teilgebiet beherrscht und
bearbeitet und alle Gebiete notwendigerweise dabei zurückstellt,
vernachlässigt.

Der Habitus des geistigen Arbeiters wird immer mehr ver-
einseitigt, der Gelehrte ist nicht mehr der Polyhistor, der Uni-
versalgelehrte von anno dazumal, sondern er ist Spezialist auf
einem Gebiete, und es vereinigt sich sehr wohl, daß jemand
z. B. in der Mathematik ein außerordentlicher Gelehrter ist und
in den politischen Wissenschaften die völligste Unbeholfenheit
verrät. Das ist der gewöhnliche Fall nicht nur bei der Mathe-
matik, sondern bei jedem einzelnen Wissenszweig.

e) Der neue zahlenmäßige Aufbau.

Diese Spezialisierung hat weitere Folgen. Man muß viele
Spezialisten nebeneinander stellen, um ein Ganzes zu bekom-
men, das heißt auf jeder einzelnen Stufe, insbesondere auf den
unteren Stufen, steht eine große Zahl von Bewerbern und
Mitbewerbern gegenüber der geringen Zahl derjenigen, die an
der Spitze stehen. Ich habe eine Fabrik vor Augen, die in den
achtziger Jahren einen Chef, der Techniker war, besaß, einen
tuts tten sertgtn Fechulkee slsqteieren hetserurtautunt
wie ich es vorher etwa Meister, Geselle, Lehrling, 1:2:3 geschil-
dert habe. Gehen Sie nun in die AEG. und schauen Sie sich
dort nur die Versuchs- und Prüfungsstelle an! Ich kann Ihnen
nicht genaue Zahlen sagen, aber gegen den einen Chef wer-
den vielleicht zehn mittlere Beamte sein und dann 100 in
untergeordneter Stellung. Daraus ergibt sich vor allem eins:
von den 100 kann nicht mehr ein nennenswerter Prozent-
satz die erste Stelle erreichen, es können nur 10 Prozent die
        <pb n="19" />
        mittlerenStellen und nur 1 Prozent die leitende Stellung erobern.
Das bedeutet, daß wir es nicht mehr mit einer Jakobsleiter
zu tun haben, sondern mit einer Pyramide von sehr breiter
Basis, die sich nach oben zu immer rascher verjüngt. Wir wer-
den nachher noch sehen, daß die Spitzenstellen aus einem andern
Grund aufhören, auch dem einen Besten zugänglich zu werden.

Diese Umwandlung bewirkt eine völlige Strukturveränderung
in der ganzen geistigen Arbeit: einmal die Tatsache, daß 100
in der untersten Stufe stehen und immer wieder 100 in der
untersten Stufe bleiben müssen, und daß diese 100 nun wie
die Teilarbeiter an der Maschine als Teilarbeiter in einem gei-
stigen Prozeß auch geistig verkümmern werden. Denn wenn ein
Chemiker darauf eingestellt ist, immer und immer wieder ~
sagen wir in einem großen Nährmittelwerk — dieselben Fett-
analysen zu machen und zu anderem gar nicht kommt oder nur
gelegentlich, so erlahmt der wissenschaftliche Geist.

Aber es zeigt sich dabei ein für den geistigen Arbeiter noch
viel furchtbareres Phänomen, das ist folgendes: Wir haben
davon gesprochen, daß die allgemeine Volksschule, die acht-
jährige Schulpflicht, das Gesamtniveau unseres Volkes geho-
ben hat. Die weitgehende Arbeitsteilung in der Industrie im
Zusammenhang mit dieser Tatsache der hohen Allgemeinbildung
bewirkt, daß der Arbeiter, der als Helfer diesem Prozeß zuge-
teilt ist, in Jahren denselben Prozeß, den der Techniker voll-
zieht, mit voller Sicherheit als Spezialprozeß vollziehen lernt.
Ich will nicht behaupten, daß der Arbeiter dann dem studierten
Techniker allgemein gleichwertig ist, aber in der spezifischen öko-
nomischen Funktion kommt bei der Spezialisierung und Verein-
zelung der höher qualifizierte, eingearbeitete Arbeiter dem zu
unterst stehenden, noch so gut qualifizierten, aber spezialisierten
Techniker gleich. Ich spreche hier nicht ein Urteil über den
geistigen Habitus der zwei Männer aus, ich spreche von ihrer
ökonomischen Funktion, und da doch der Kapitalismus nicht
den geistigen Habitus und nicht den Charakter des Intel-
lekts bezahlt, sondern nur die ökonomischen Funktionen, so
kommt zum Schluß die Tatsache zur Geltung, daß diese Spe-
zialisten der geistigen Arbeit, die nun in Massen auftreten,
ebenso schlecht bezahlt werden, wie qualifizierte Arbeiter, sagen
wir gut bezahlt werden. Wir sehen nun, daß diese soziale
Pyramide der Techniker, die 1:10: 100 lautet, sich ohne
        <pb n="20" />
        Unierbrechung gradlinig fortsetzt zu 1000 qualifizierten und
10 000 unqualifizierten Arbeitern, das heißt, daß aus den Ar-
beitern und aus den Studierten, aus zwei ganz verschiedenen
Schichten, die aus ganz verschiedenen Welten kommen, eine ein-
heitliche Pyramide mit geschlossenen Übergängen wird.

k) Die Mechanisierung der geistigen Arbeit.

Aber ein dritter Faktor meldet sich. Weitgehende Spezialisi-
rung ist immer die Vorstufe der Mechanisierung. Eine Menge
Funktionen, die vordem dem geistigen Arbeiter vorbehalten wa-
ren, werden nun, nachdem sie durch Spezialisierung vereinfacht
worden sind, mechanisiert und durch die Maschine ersetzt. Die
Schreibmaschine ist nur ein mechanischer Behelf, aber sie hat
viele Studierte ersetzt, und die Schreibmaschinenarbeit kommt
sso — ich weiß nicht, ob mit Recht oder Unrecht –~ an die
Grenzlinie der geistigen und der manuellen Arbeit. Nun kommt
die Rechenmaschine, die die kompliziertesten Rechnungen durch-
führt, absolut mechanisch, mit völliger Ausschaltung dessen, was
seinerzeit spezifisch hochqualifizierte Geistesarbeit war. Der
bloße Rechenschieber, der multipliziert, dividiert, potenziert und
radiziert, erspart und ersetzt geistige Funktionen, die vordem
sicherlich dem geistigen Arbeiter vorbehalten waren. Die ganze
Technik des Bureaus ersetzt geistige Arbeit oder macht sie der
manuellen Arbeit gleich.

g) Die freie Fachliteratur.

Dazu kommt nun ein ganzanderes Gebiet, das beiunsgeringere,
aber in der neuen Welt, insbesondere in den Vereinigten Staa-
ten, eine große Bedeutung hat. Da doch alles Wissen konkret
nur in der Form von Spezialkenntnissen verwertet mid, so
ist es sehr einfach, einen populären Auszug des Wissenswerten
für einen Spezialisten herzustellen. Die organische Chemie ist eine
der schwersten und wunderbarstenWissenschaften. Aber der Ertrakt
von organischer Chemie, der die Rezeptur eines bestimmten tech-
nischen Produktionszweiges betrifft, ist eine sehr einfache Sache.
Ist die Allgemeinbildung sehr hochstehend, so können alle Leute,
die einen Anreiz dazu haben, einige Fachliteratur zusammen-
raffen, um diesen oder jenen mehr oder minder mechanssierten
Industriezweig technisch aufzubauen, oder dazu gelangen –
insbesondere in Amerika + die freien Kurse ohne Zahl,
        <pb n="21" />
        in denen Fachkenntnisse nur für Spezialisten gelehrt werden,
zu besuchen. Das ist ein Grund des Wirtschaftserfolges, den
die Amerikaner so vielfach erreichen, ohne daß sie die schwere
und komplizierte Tortur unserer Hochschulen mitzumachen haben,
indem sie, wenn sie, mit einer mäßigen Allgemeinbildung aus-
gerüstet, sich auf ein Spezialgebiet werfen, dieses eine Spezial-
gebiet mit Hilfe von Lehrern, von populärer Fachliteratur,
oft mit Unterrichtsbriefen, durcharbeiten und auf Grund der
Ergebnisse Industrien von größtem Umfange aufbauen. Es sind
einige von den erfolgreichsten amerikanischen Unternehmern auf
diese Weise, ohne den Umweg über die Allgemeinbildung auf
Hochschulen oder Fachschulen zu machen, zu den erfolgreichsten
Kapitalisten geworden. Diese vollständig freie Fachliteratur
und das freie fachliche Schulwesen ergänzen und ersetzen
nun das staatlich organisierte Schulwesen und schaffen neben
dem auf Realia Studierten, aber im geordneten Schulgang mit
Diplom und Zeugnis Erzogenen den studierten Laien, den
Privatsstudierten oder gar den erfahrenen Fachmann, der
auf seinem Spezialgebiet stärker sein kann als der Studierte!
Diese Erscheinung ist außerordentlich wichtig zur Beurteilung
der Lage der geistigen Arbeiter in unserer Zeit, weil sehr viele
in Verkennung dieser Tatsachen die politissche Bewegung des
Proletariats und auch die geistige Richtung des Sozialismus
verantwortlich machen für Dinge, die nicht der Sozialismus
verschuldet hat, sondern die allgemeine kulturelle oder spezielle
kapitalistische Entwicklung. Um das anschaulich zu machen, was
ich hier meine, möchte ich folgendes Erlebnis vorführen. Es
spielt auf dem Gebiet der politischen Parteiarbeit, aber es zeigt
jedem, wie die Dinge liegen. Ich habe in meinem Wahlkreis
[t rm L turm Uu en tu
. . .
sammlungen einzuberufen, die Vereine zu organisieren, die
Vereine in Ordnung zu halten, Mitteilungen an die Presse
ergehen zu lassen, die Presse zu verbreiten und so fort. Da-
durch erlangt er, besonders wenn er in ständigem Kampf mit
der politischen Behörde steht, eine eingehendste Kenntnis der
Bestimmungen des Vereinsgesetzes und Verssammlungsgesetzes
und der paar Vorschriften des Pressegesetzes, die für ihn wichtig
sind. Wie ich nun einmal mit diesem Vertrauensmann rede,
wie es mit den Beamten der Bezirkshauptmännerschaft stehe,
TC)
        <pb n="22" />
        wie er mit denselben auskomme, da lacht er. Er lacht, weil
diese jungen Verwaltungsbeamten, denen zeitweilig das Ver-
einsgeseß und das Versammlungsgesetz zu handhaben über-
tragen wird, sich ihm gegenüber immer blamierten: Erwar im-
mer der besssere Jurist. Warum? Weil er als erfahrener Laie
in diesem Spezialgebiet eingearbeitet ist, der Jurist aber mag
ein ausgezeichneter Kenner des römischen Rechts sein, er mag
ganze Kapitel der Digesten gelesen haben, er mag unter Um-
ständen auch die Rechtsphilossophie und die Rechtssystematik
beherrschen, aber er kann nicht auf allen Gebieten des Rechts
zugleich Spezialist sein. Weil man ihm aber im Amt nach-
einander alle Spezialgebiete auf einige Wochen zuteilt, damit
er möglichst das Ganze kennen lerne – was er doch nie er-
reicht ~ so wird er nie so vollkommen wie der Laienspezialist
in seinen Spezialparagraphen. Daraus ergibt sich wieder ein
interessantes Paradoxon: Die Summe der Rechtskenntnisse
der Laien zusammen genommen ist größer als die Summe der
Rechtskenntnisse der Juristen. Das ist eine Erscheinung, die
noch nicht auf allen Gebieten genau durchdacht ist, ist auch
gewiß ein Paradoxon, das übertreibt, es ist nicht wörtlich wahr,
aber es ist ein gutes Stück Wahrheit dahinter.
h) Die Vergeistigung der manuellen Arbeit.

Dieser Entwicklung tritt nun eine andere gegenüber, die aber-
mals den geistigen Arbeiter außerordentlich beeinträchtigt hat,
und die im Gegensatz steht zur Mechanisierung der geistigen
Funktionen. Die geistigen Funktionen des Rechnens sind me-
chanisiert worden durch die Rechenmaschine usw. Aber es ist
noch anderes geschehen, was noch viel schlimmer für die geisti-
gen Arbeiter wurde, nämlich die mechanische Arbeit ist ver-
geistigt worden. Was verstand man vordem in der Regel
unter einem Arbeiter? Einen Muskelarbeiter, welcher mit der
Muskelkraft Materien bewegt, vor zwei Menschenaltern ver-
schmähte noch der Handwerksgeselle, Arbeiter genannt zu wer-
den. Aber die Maschine hat die Materie zu bewegen auf sich
genommen. Und was hat der Arbeiter dabei zu tun? Er hat
die Maschine zu leiten und ein hohes Maß von Aufmerksamkeit
auf sie zu verwenden. Der Weber, der vordem am Webstuhl
saß, hatte Aufmerksamkeit auf den Faden und den ganzen
Arbeitsprozeß des einen Stuhles zu verwenden und zugleich

IO
        <pb n="23" />
        Muskelarbeit zu leisten. Das Mädchen, das heute ~ ich nehme die
Spinnmaschine ~ eine Reihe von Spinnmaschinen nebeneinan-
der zugleich bedient, hat sehr wenig mechanische Arbeit, aber
außerordentlich hohe Aufmerksamkeit zu leisten. Alle geistige
Arbeit aber ist im Grunde genommen Aufmerksamkeit. In
einer Reihe von Arbeitsprozessen ist der Arbeiter so aus einem
manuellen Arbeiter zu einem geistigen Arbeiter geworden.
3. Gegenwart
a) Die einheitliche Arbeitspyramide. Soziale Umschich-
tung.

Fassen wir zusammen: Von unten herauf eine allmähliche
Hebung der manuellen Arbeit, eine immer größere Vergeisti-
gung, von oben herab eine Spezialisierung und Mechanisierung
der geistigen Arbeit. Die Folge davon ist, daß man heute von
rein körperlicher Arbeit nur mehr bei sehr primitiven Verrich-
tungen sprechen kann, in einer wohlgeordneten Industrie kaum
mehr. Man kann nur immer sprechen von einer mehr oder
minder geistigen oder mehr oder minder mechanischen Arbeit,
wenn ich von den höchsten geistigen Funktionen, von der wissen-
schaftlichen Forschung, vom dichterischen Schaffen usw. abssehe,
Funktionen, die immer nur einer verschwindenden Minderheit
vorbehalten sind.

Wir sehen also, daß diese Erscheinung der Pyramide, der sich
rasch nach oben verjüngenden Arbeitspyramide, nicht nur räum-
lich aufzufassen ist, sondern auch der inneren Struktur nach,
daß also der ganze Aufbau der gesellschaftlichen Arbeit innerlich
so ist, daß er nirgends ohne Übergänge ist und daß dabei nicht
mehr so wie früher ausschließlich entscheidet, ob einer ein
Diplom als Studierter hat, ob er überhaupt einen regelmäßigen
Studiengang gehabt hat, sondern daß die reine Erfahrung des
Praktikers, wenn er geistige Energie entwickelt, ebenso erfolg-
reich werden kann. Das besagt uns, daß nicht nur äußerlich,
sondern auch innerlich die Pyramide der gesellschaftlichen
Arbeit fine Einheit mit kaum merklichen Übergängen
geworden ist.

So hat sich jene soziale Umschichtung vollzogen, welche aus den
früher fast identischen Begriffen „Besitz und Bildung““ etwas
anderes gemacht hat, welche bewirkt hat, daß die Gebildeten

I]
        <pb n="24" />
        sich nicht mehr mittels desselben Namens zugleich mit den
Besitzenden nennen, wie es noch vor zwanzig Jahren üblich
war, sondern daß sie jetzt auf einmal anfangen, sich mittels
des Namens von ,,Arbeitern““ zu nennen: ,geistige Arbei-
ter“, und sich nur durch das mehr oder minder ,,Geistige'“
differenzieren, denn dieses ist an den Übergangsstellen nur ein
Mehr oder Minder, wie sehr auch Basis und Spitzen abweichen
mögen.

Das ist nun ein soziales Phänomen, das ich die soziale
Umschichtung nennen möchte, die Andersreihung einer
Schicht, die sich selbst bisher in dem einen gesellschaftlichen Zu-
sammenhang allein gesehen hat, in dem einen Zusammen-
hang allein vielleicht auch gestanden ist wie Besitz und Bildung,
derzufolge sich eine solche Schicht auf einmal in einem anderen
Zusammenhange sieht und anderswohin einreiht. Es ist ein
großes Stück, wenn heute Gelehrte und wisssenschastlich Be-
schäftigte aller Art sich zu einem Kongreß der geistigen Arbeiter
zusammenfinden. Sie werden sagen, dieser Kongreß sei eine
Falschmeldung ~ das gebe ich ohne weiteres zu. Es ist im Be-
wußtsein dieser Schicht der Versuch, dem Arbeiter das vorzüg-
liche Prädikat seines Daseins, nämlich die Arbeit, streitig zu
machen und für eine andere Klasse in Anspruch zu nehmen.
Aber trotzdem D daß dies geht und sich im Ohr festsetzt, und
daß sich zum Schluß Tausende und Abertausende in dem Zu-
sammenhang wirklich begreifen lernen, das ist soziale Umschich-
tung. Man hätte früher von einem Kongreß der gelehrten Be-
rufe oder von einem Kongreß der angewandten Wissenschaften
gesprochen, man spricht heute von einem Kongreß der geistigen
Arbeiter.

b) Der geistige Arbeiter ist Lohnarbeiter.

Nun habe ich an der äußeren Erscheinung und inneren
Struktur der gesellschaftlichen Arbeitspyramide dargetan, daß
hier eine Einheit hergestellt wurde, die früher nicht bestand. Denn
sie bestand vordem faktisch nicht und es gab zwischen dem, was
man manuelle Arbeit und geistige Arbeit nannte, fast keine
Brücke. Die beiden waren auch rechtlich getrennt, das heißt
sie waren verschiedene Stände. Sie hatten auch ökonomisch eine
andere Verfassung, und darauf komme ich jetzt zurück. Welche
ökonomische Verfassung hat die geistige Arbeit damals und
:

22
        <pb n="25" />
        B A k 1 N 1 Q Y«tzsct 2 0 Z § 7
hat sie heute? Die ökonomische Grundlage der geistigen Arbeit
war der bürgerliche Erwerb. Der bürgerliche Erwerb, der ins-
besondere bei den freien Berufen alten und neuen Stils, also bei
dem Anwalt und bei dem Baumeister vorlag, führte direkt zur
Vermögensbildung. Aber auch dort, wo Gehalt vorlag, war
das Gehalt nicht das Wesentliche. Das Gehalt war auch nicht
in erster Linie als Lohn gedacht. Daher kam es, daß z. B.
geistige Berufe mit hoher Qualifikation manchmal viel weniger
bezahlt bekamen als ein Arbeiter, weil der Gehalt ja nur einst-
weilen ein Unterhaltsbeitrag war, ein Vorschuß auf die große
Zukunft. Darum hat man den richterlichen Beamten, die Ver-
waltungsbeamten, die in den Dienst eintraten, ein Jahr, zwei
Jahre, drei Jahre gar nichts bezahlt, und sie haben doch Arbeit
geleistet. Die Bezahlung war nicht als Lohn empfunden, son-
dern was man bekam, diente als Beihilfe zur Einrichtung einer
klein- oder großbürgerlichen Lebensstellung. Man bezahlte in
späteren Jahren einen hohen Gehalt, den dem Lohn gleichzu-
stellen auch ökonomisch unrecht gewesen wäre, denn dieses Ge-
halt war in der Regel ein Gewinnanteil in irgendeiner Form,
und dieser Gewinnanteil wurde später auch geleistet in der
Form, daß z. B. der langjährige Direktor, zu dem man Ver-
trauen hatte, zum Kompagnon oder gar zum Schwiegersohn
gemacht wurde. Es war also immer ein Beteiligungsverhältnis
und Gehalt hat etwas anderes geheißen als heute. Heute ist
Gehalt nur ein schönerer Name für Lohn. Aber Lohn ist eine
ganz andere ökonomische Kategorie. Es ist ein Äquivalent für
die schon geleistetete Arbeit, nicht eine Zukunftsanweisung auf
Begründung einer Lebensstellung, er ist etwas, was man nur
monatlich bekommt oder —~ nicht bekommt, wenn man außer
Stellung ist, was aber mit dem Menschenleben als ganzem
keinen direkten Zusammenhang hat. Freilich hat dieser Lohn
noch eine Eigentümlichkeit besonders in Industrie und Handel,
im Bankwesen. Da wird dem Lohn noch oftmals etwas hinzu-
gefügt, was an die alte Anteilnahme an dem Unternehmen er-
innert, nämlich eine Tantieme oder mindestens eine Prämie.
Das sind neue Formen der Anteilsbegründung. Aber der Grund-
stock ist der Lohn. Damit auch hier wieder die Pyramide ohne
Übergänge verlaufe, bekommt nun auch der besser qualifizierte
Lohnarbeiter wenigstens eine Prämie. Die ökonomische Grund-
lage ist Lohn, also ist der geistige Arbeiter Lohnarbeiter geworden,

27
        <pb n="26" />
        auch wenn er einen Gehalt als Beamter bezieht. Ich kann
mich nicht darauf einlassen, das noch im einzelnen auszuspinnen.
©) Der Markt der geistigen Arbeit. Der Zwang zur
Schaffung von Gewerkschaften.

Daraus ergibt sich ein zweites. Wir wissen, die Arbeitskraft
ist eine Ware, und jede Ware hat ihren Markt. Es gibt einen
Arbeitsmarkt für Lohnarbeiter, wie Bäckergesellen usw. Nun
tritt eine neue Erscheinung auf: Mit der Überfüllung ihres Be-
rufs hat die geistige Arbeit einen Markt bekommen, einen Ar-
beitsmarkt für geistige Arbeiter. Früher hat es allerdings
z. B. für Juristen auch einen Markt gegeben ~ wenn ich so
sagen darf ~, das war der Heiratsmarkt. Man wußte: ein
Advokat in diesem Bezirk hat einen Anspruch auf eine Braut
mit 200000 Mark Vermögen. Ich kenne die Berliner Usancen
nicht ~ in Wien hat man in jedem Stadtviertel gewußt, was
der Advokat dort an Mitgift erwarten kann. Aber heute ist
es anders, heute hat jede Arbeit einen Arbeitsmarkt, und der
Arbeitsmarkt ist überfüllt. Wenn die geistigen Arbeiter ihre Lage
verbessern wollen, so können sie sich noch immer selbst vorgau-
keln, daß sie auf einer Jakobsleiter hinaufsteigen. Aber sie
werden entdecken, daß das keine Jakobsleiter ist, sondern eine
Pyramide, die sich nach oben verjüngt, und sie werden sehen,
daß das Gedränge nach oben so groß wird, daß alle Hoffnung
schwindet. Es bleibt ihnen also zur Besserung ihrer Lage nur
übrig, die Methoden anzuwenden, die man auf dem Arbeitsmarkt
anwendet, das heißt gewerkschaftliche Kampfmittel.

Daher die Tatsache, daß in den letzten zwei Jahrzehnten erst da
und dort, dann in allen Ländern die geistigen Arbeiter angefan-
gen haben, sich in Gewerkschaften zu organisieren. Es wird einer
einwenden: die Juristen haben ihre Juristenvereine schon in den
sechziger Jahren gehabt. Aber diese Juristenvereine waren Stan-
desvereine. Man ist jeden Monat einmal im dunklen Rock zusam-
mengekommen, um gemeinsam zu speisen, dann ist man bei fest-
lichen Gelegenheiten gemeinsam mit dem Zylinderhut ausgerückt.
Aber das war kein gewerkschaftlicher Kampfverein. Die Angestell-
tenvereine sind heute Kampforganisationen auf dem Arbeitsmarkt.

Natürlich ist es verständlich, daß ich mich immer ungenau
ausgedrückt habe, wenn ich von den alten Laiengelehrten als
24
        <pb n="27" />
        geistigen Arbeitern gesprochen habe; es war nur des historisschen
Zusammenhanges wegen. Sie waren nicht Arbeiter im mo-
dernen Sinne, diese Intellektuellen aber sind im Verlauf der
Jahrhunderte geistige Arbeiter und Lohnarbeiter geworden, die
gezwungen sind, auf dem Arbeitsmarkt zu kämpfen.

Nun sehen wir, daß die alten Ideologien von Standesehre
und von Dienssttreue für diese Kategorien Menschen gar keinen
Sinn mehr haben außer einem falschen. Der Chef, der seine
Industrieangestellten mit Ehre zahlen wollte, würde sich lä-
cherlich machen. Sie würden ihm sagen: Wir können davon
nicht leben, erst zahlen Sie uns das Gehalt, das wir brauchen,
um leben zu können. Treue! Das Wort Treue und Untreue
ist in den Angestelltengesetzen durch die Einrichtung der Kündi-
gungsfristen ersetzt worden, ist also gesetzlich oder durch Ver-
trag geregelt. Dienst! Man arbeitet nicht, um dem Chef einen
Dienst zu tun, man arbeitet für sich selbst, um zu leben, man
arbeitet für die Gesellschaft. Zwischen seinem eigenen Wohl
und der Gesellschaft steht der Chef. Jeder will gern der All-
gemeinheit und muß natürlich sich selbst dienen. Einer Person
zu dienen, das ist der Vorzug der Hunde, wenn ich das Wort
von Fichte aufnehmen kann. Der Gesellschaft zu dienen ist ein
erhabener Beruf, aber darauf kommt es ja heute noch garnicht
an. Der Dienst für die Gesellschaft wird nicht bezahlt. Wenn
der geistige Arbeiter das Größte schafft ~ er erhält nicht mehr
bezahlt, als sein Vertrag vorsieht. Die Leistung des geistigen
Arbeiters für die Gesellschaft fällt nicht ihr, sondern dem Un-
ternehmer zu und nicht einmal das ist ausgemacht, daß dieser
sie in seinen Profit ummünzen kann. Aber es ist wahrscheinlich:
Der Unternehmer kann auf Kosten der Allgemeinheit hohe Ge-
winne machen, der geistige Arbeiter hat der Allgemeinheit einen
U t Bent V Tutte ar keis CLC es,
wir nicht vom Dienst, reden wir von der Arbeit! Alle die wirt-
schaftlichen Kategorien desselben Menschenkreises sind gleichsam
auf den Kopf gestellt.

d) Die Brücken zum Besitz eingebrochen. Konsumenten-
interesse und Genossenschaften.

Die Menschen ändern ihre Ideologie, aber das ist noch drasti-
scher in anderer Beziehung! Im Wege des abgeleiteten Besitz-

25
        <pb n="28" />
        einkommens, des eigenen Besitzes oder des Besitzes oder der
Mitgift der Frau war der geistige Arbeiter irgendwie an der
Produktion interessiert. Hatte er zur Frau eine Grundbesitzers-
tochter und war die Mitgift gesichert auf Gutsbesitz oder hatte
man Anteil an dem Gutsbesitz, so war der Intellektuelle ge-
neigt, wirtschaftlich ungefähr so zu denken wie ein Agrarier,
wie ein Junker, auch wenn er es selbst nicht war. War aber
die bessere Hälfte etwa aus Industriellenkreissen, so dachte man
so wie ein Industrieller. So kam es zuweilen, daß zwei Brü-
der, die verschiedene Bräute geheiratet hatten, der eine ganz
konservativ, agrarisch, junkerlich dachte, der andere ganz modern
liberal, jeder nach den Besitzbeziehungen, die er hatte. Die
Mehrzahl war kleinbürgerlich, weil die Mehrzahl der Bräute
dem Kleinbürgertum angehörte. So war für wenige Gottbegna-
dete, die in die Hektare hineingeheiratet hatten, eine stramm
junkerliche Gesinnung angemessen, für diejenigen, die in die
großen Fabriksvermögen hineingeheiratet hatten, eine liberale,
für die große Masse nur eine kleinbürgerliche. Was ist denn
des Kleinbürgers Denken? Was anders als antisemitische Ge-
sinnung! Also war das Gros der Intellektuellen eben Anti-
semit. Jetzt ist aber alles anders geworden und das ist mir
wieder zuerst in der Praxis so wunderbar aufgefallen.

Da war ich mit einem in Wien lebenden Angestellten eines
großen Industrieunternehmens, nämlich der Alpinen Montan-
gesellschaft zusammen gekommen. Die Alpine Montangesell-
schaft ist die größte eisenerzeugende Unternehmung Österreichs
und hat natürlich das größte Interesse an den Eisenzöllen.
Weil sie Eisenzölle haben will, ist sie als Alpine Montangesell-
schaft natürlich sehr gern bereit, dem Agrarier Agrarzölle zu
geben. Ich spreche mit dem Angestellten und sage also: Sie
freuen sich wohl schon, daß wir einen Eilssenzoll bekommen?
Da sagt er: „Was habe ich davon! Ich brauche keinen Eisenzoll,
ich habe mein Gehalt, und um mein Gehalt kaufe ich meine
Lebensmittel, die Zölle verteuern mir meine Lebensmittel." Wir
sehen aus diesem Ausspruch die Emanzipation der geistigen
Arbeiter von der Ökonomie der Produzenten. Das ist nicht nur
so in diesem Falle, wo der Angestellte der Produktion nicht
mehr das Produzenteninteresse hat, sondern wird allgemein so
bei jedem Gehaltsempfänger, der nunmehr seine eigenen öko-
nomischen Interessen hat: ich muß mit meinem Gehalt aus-
        <pb n="29" />
        kommen und brauche billige Lebensmittel, habe also reines
Konsumenteninteresse. Da gibt es, wenn man reine Kon-
sumenteninteressen verteidigen will, nur eine Waffe: die ge-
nossenschaftliche Organisation. Gewerkschaftliche Organissatio-
nen, genossenschaftliche Organisationen sind die Kampfmittel,
die das Proletariat in hundert Jahren des Kampfes gegen
das Kapital ausgebildet und ausgeübt hat, und die gei-
stigen Arbeiter sind immer mehr genötigt, zu denselben
Waffen zu greifen, wie die sogenannten manuellen Ar-
beiter. Wir erleben nun, daß Organisationen von geistigen
Arbeitern ihre gewerkschaftliche Vertretung in zentrale Gewerk-
schaftskommissionen entsenden. Es ist also die Loslösung nicht
nur in der inneren Struktur erfolgt, sondern in der ökonomi-
schen Gesamtlage, und das, was die ökonomische Gesamt-
lage erfordert, ist nun auch in den gesellschaftlichen Be-
ziehungen durchgeführt.

e) Die gesellschaftliche Absonderung. Wechselheirat.

Der Weg nach oben gesperrt.

Was ist das Grundmerkmal der Verbindungsfähigkeit sozia-
ler Schichten? Was die Lateiner conubium nennen, das heißt
das Recht und die Gepflogenheit der Wechselh eirat. Schich-
ten, in denen Wechselheirat die Regel ist, sind gesellschaftlich
dieselben Schichten. Schichten, in denen Wechselheiraten als
Mißheiraten empfunden werden, sind sich fremde Schichten.
Nun waren die Gebildeten, wie sie ehedem hießen, oder die
geistigen Arbeiter, wie sie jetzt heißen, früher mit der Bour-
geoisie in allen ihren Zweigen durch den Anspruch auf Wechsel-
heirat verbunden. Das hat nun heute vielfach ~ ich weiß
nicht, wie die Verhältnisse hier in Berlin sind – beim Klein-
bürgertum aufgehört. Die Kleinbürger selbst und die Bauern
haben Mißtrauen gegen die Schicht der Studierten, der nie-
deren Beamten. Sie halten sie mehr oder weniger für Hunger-
leider. Während z. B. noch unmittelbar vor dem Kriege die
Heirat eines jungen Landlehrers und einer Großbauerntochter
das Selbstverständlichste von der Welt war, ist das heute gar
nicht mehr so der Fall, wenigstens bei uns.

Aber wie kommt es denn, daß hier der Riß so stark geworden
ist? Daran hat der Krieg am meisten verschuldet. Der geistige
        <pb n="30" />
        Arbeiter, der Gebildete von ehemals, hat in der Regel selbst
ein kleines Vermögen, seine Frau hatte Vermögen, in der Fa-
milie war abgeleitetes Einkommen. Das kleine Rentenver-
mögen ist fast restlos im Kriege zugrunde gegangen, die Mit-
gift von vielen tausend Intellektuellen ist zugrunde gegangen,
und viele, die sich vordem differenziert hatten, Freunde, wo
der eine arm, der andere steinreich geheiratet hatte, sind hinter-
her wieder gleich geworden, und die Frauen kommen hinterher
nach ihrer persönlichen Qualität zur Geltung und nicht mehr
nach dem Grad der Mitgift.

Die Brücken, die geschichtlich lange Zeit zwischen besitzen-
den Kreisen und Gebildeten bestanden, sind in den Ländern, die
vom Kriege heimgesucht worden sind, vielfach eingebrochen. Das
ist nicht so in Frankreich oder wenigstens nur zum Teil so,
gewiß nicht so in England und gar nicht in Amerika, aber bei
uns im allerhöchsten Grade. Dadurch sind viele Intellektuelle,
die durch irgendwelche allein oder mitbesessenen Besitztümer
zum Klein- oder Großbürgertum gehört haben, auch im
technischen Sinne besitzlos geworden, wirkliche Pro-
letarier. Das beweist, warum in unseren Ländern Mittel-
europas und selbst in Frankreich bei diesen Intellektuellen der
Übergang zum Sozialismus leichter geworden ist, während er
in Amerika heute noch fast unvorstellbar ist. In Amerika
finden wir zwar nicht bureaukratisch, wohl aber wirtschaftlich
bei jedem einzelnen in seiner Vorstellungswelt das Bild einer
ökonomischen Jakobsleiter, wo jeder hinaufsteigen und jeder
ein Morgan oder Ford werden kann. Diese ökonomische Jakobs-
leiter ist bei uns längst eingebrochen. Aber auch die Jakobs-
leiter der Intellektuellen ist bei uns dahin, und wir sehen
zum Schluß bei unserer kontinentalen Entwicklung noch ein
weiteres dazu kommen, was die soziale Pyramide noch mehr
verjüngt, das heißt, was ihr die Spitze abbricht.

Ich habe mir einmal angesehen, wer vor noch nicht langer
Zeit, in der eben dahingegangenen Generation, die Wiener
Großbanken verwaltet hat. Das waren zum allergrößten Teil
selbst Männer, die als Bankleute initiative und bahnbrechende
Naturen waren, selbst Begründer der Banken oder wegen
ihrer Tüchtigkeit in die Verwaltung der Banken genommen.
Dann habe ich damit die jetzige Generation der Bankdirektoren
verglichen. Da ist mir aufgefallen, daß das nicht mehr der
        <pb n="31" />
        Fall ist, im Gegenteil, die Tüchtigen stehen alle an zweiter
und dritter Stelle und können zur ersten nicht kommen, weil
der Kapitalismus sich sagt: Wissen und Können, das kauft
man auf dem Markt und bezahlt man mit Lohn, allenfalls
mit Beteiligung; die Spitzenstellungen erfordern nicht Wissen
und nicht Können, sie erfordern „V ertrauen‘’. Darum blei-
ben die Spitzenstellen der Banken Minderbegabten vorbehalten,
die kraft ihrer Familienbeziehungen oder ihres Charakters das
persönliche Vertrauen der Großaktionäre haben, und dieselassen
die Arbeit von anderen Köpfen machen, die ihnen weit über-
legen sind. Das ist aber auch überall dort so, wo eine Industrie
verwaltet wird vom Erben, nicht mehr von dem Begründer
und Unternehmer. Der Erbe genießt nur die Vertrauensstellung
der Familie, er ist aber in der Regel nicht auch Erbe des Ta-
lents, und das Geschäft wirklich führen muß der angestellte
Intellektuelle. Das bedeutet aber, da die Unternehmungen meist
Assoziationen sind, Aktiengesellschaften und dergleichen, daß die
Spitze der Pyramide dem geistigen Arbeiter in dieser seiner
Qualität überhaupt nicht mehr zugänglich ist, sondern nur dem
Vertrauensmann des Kapitals, der dorthin berufen wird, nicht
so sehr wegen seiner Tüchtigkeit als Arbeiter, sondern nur &amp;
wie sagt man? —~ wegen der Treue und wegen der Ehre!
k) Die geistige Arbeiterschaft als Klasse.

Das zeigt uns, daß diese ganze soziale Gruppe in ihrer inneren
Struktur, in ihrer ökonomischen Grundlage, in ihrer gesellschaft-
lichen Stellung eine Einheit geworden ist, die sich auch in der
Theorie zu begreifen anfängt, selbstbewußt zu werden anfängt, die
eine einheitliche Ideologie entwickelt, mit einem Wort: aus einer
sozialen Schicht ist eine eigene Klasse geworden! Denn alles
Angeführte läßt sich als Klasssenmerkmal bezeichnen. Die In-
tellektuellen von früher waren keine Klasse, sondern
ein spezifischer Einschlag aller Klassen. Das ist freilich noch
in einem gewissen Maße der Fall. Es gibt Intellektuelle in allen
Klassen, aber die Zahl klassenfremder Intellektueller wird stän-
dig geringer. Heute sind die Intellektuellen in ihrer großen
Mehrzahl eine eigene selbständige Klasse, deren Nachwuchs
sich in der Regel aus sich selber ergänzt. Immerhin bleiben
sie eine Klasse mit widerspruchsvoller Existenz: nämlich alle

29
        <pb n="32" />
        ihre ökonomischen und sozialen Grundlagen verweisen sie auf
das Proletariat, auf die Arbeiterschaft ~ aber die überlieferte
Vorstellungswelt, die Vergangenheit weist sie ins Lager der
Bourgeoisie. Die Tatsachen sagen ihr: Du bist eine arbeitende
Klasse. Die geschichtliche Überlieferung sagt: Nein, du hast doch
als intellektuelle Gruppe im Staat den absoluten Staat auf-
zurichten mitgeholfen, du hast die bürgerliche Revolution ge-
macht, du hast den bürgerlichen Staat eingerichtet, als Staats-
beamter verwaltest du den Staat, du warst immer ein Instru-
ment der Herrschaft! Du hast aber auch im Wirtschaftsleben
als Techniker, Chemiker usw. die Fabriken alle einzurichten und
zu begründen mitgeholfen, Banken und Handelsunternehmun-
gen schaffen helfen, du bist noch immer ein Instrument der
Kapitalherrschaft gewesen. So wohnen nun in diesen In-
tellektuellen zwei Seelen! Jene Intellektuelle, in denen die
Überlieferung übermächtig ist, schreien auf: Nein, nein, ich will
nicht hinein ins Proletariat, ich will keine Gemeinschaft mit
der Arbeiterschaft, ich will nicht zu den untersten Gliedern der
Gesellschaft gehören, sondern zu deren Spitze!
4. Zukunft
a) Irrwege der Übergangszeit.

Daraus entwickeln sich geistige Reaktionsbewegungen un-
serer Zeit, die am besten so charakterisiert sind: diejenigen, die
vordem geschichtlich Instrument der Herrschaft des Absolutis-
mus waren, fühlen sich durch die revolutionäre Entwicklung
abgedankt und sagen: Wir wollen das nicht, wir wollen nicht
Diener der Gesellschaft im allgemeinen sein, sondern Herr-
schaftsinstrumente eines edlen Herrn. Das ist der Grund-
gedanke des politischen Faschismus. Und wenn diese edlen Her-
ren es nicht verstehen, so werden wir nach Rom marschieren
und werden sie zwingen, es zu verstehen und werden herrschen
um der Herrschaft willen, und das Charakteristische wird sein:
Treue dem Führer, und das Spezifische: Ehre den Faszi! Da
haben wir die ganze faschistische Psychologie: das Herrschafts-
instrument, das fürchtet, im Staat abgedankt zu werden, und
das sich selbst zum Herrn macht und die Gesellschaft beherrscht.

Aber wir sehen das auch auf dem Gebiete der Ökonomie. Da
haben wir diejenigen, die sich sagen:Was denn! Der Kapitalismus
        <pb n="33" />
        war es doch, der diese großstädtische Entwicklung, die Banken
und Bergwerke geschaffen hat und zwar durch uns; wir als die
Studierten waren die Helfer des Kapitalismus. Wir gehören an
seine Seite. Kapitalisten wollen wir haben und wollen ihnen
dienen, und wenn sie selber nicht wollen, wir werden das für
sie besorgen: der Grundgedanke der gelben Organisationen! Das
ökonomische Herrschaftsinstrument, das sich verselbständigt.

Aber wir sehen noch andere Zeiterscheinungen. Es gibt geistige
Arbeiter, die in ihrem Denken Sozialisten sind, die gar nicht
darauf ausgegangen sind, sich als Herrschaftsinstrument zu
fühlen, die aber einem Proletariat gegenüberstanden, das zu
60 bis 70 Prozent analphabetisch ist, einer Bauernschaft, die
Grund und Boden haben wollte, der aber sonst alles gleich-
gültig war; und diese geistigen Arbeiter sagten sich: Unsere
Schützlinge sind leider noch nicht reif, sich selbst zu regieren, also
raffen wir uns auf und verwandeln uns aus Herrsschaftsinstru-
menten selbst zu Herrschern, um den Sozialismus zu begrün-
den ~ da haben wir den Kommunismus!

Bewegungen der geistigen Arbeit! – ich will damit keine
derselben erschöpfend charakterisiert haben, aber ich will die
Grundnote herausarbeiten, die aus diesen Bewegungen, soweit
die Intelligenz an ihnen teil hat, herausklingt. Was bedeuten
diese Bewegungen?

Das sind die Verrenkungen der Übergangszeit. Jn
dieser Zeit kann es geschehen, daß diejenigen, die berufen sind,
als ein wesentlicher Teil der Arbeiterklasse die Zukunft zu be-
gründen, mit dieser Arbeiterklasse zusammen in einer einzigen
demokratischen Einheit zu wirken, entweder der Vergangenheit
nachhängen und in Verkennung ihrer eigenen Lage ins reaktio-
näre Lager hinüberschwenken. Es kann sein, daß sie der Zeit
vorausgreifen und die Arbeiter zum Glück zwingen wollen.
Alles für das Volk, nichts durch das Volk! Alles durch uns,
durch die Intellektuellen! Verrenkungen der Übergangszeit!

b) Der Weg der Zukunft.

Aber wem ernstlich klar geworden ist, wie die ökonomische
Lage dieser neugewordenen Klasse ist, dem wird gar kein Zwei-
fel mehr übrig bleiben, daß es nicht der Ehrgeiz der ihrer selbst
bewußt gewordenen geistigen Arbeiter sein kann, der Nachtrab
        <pb n="34" />
        der Reaktion oder die letzte Schutzgarde der Reaktion zu sein,
daß es eher ihr Beruf ist, die Vorhut der Zukunft zu sein.
Und wer begreift, daß diese soziale Pyramide, die ich geschildert
habe und deren geschlossene innere Struktur darzutun ich mir
soviel Mühe gegeben habe, daß diese soziale Pyramide gar keine
standesgemäße Unterscheidung mehr zuläßt, daß zwischen den
hochqualifizierten Arbeitern und den auf mittlerer Stufe der
geistigen Arbeit stehenden Intellektuellen und Studierten kein
ökonomischer Unterschied besteht und bestehen kann, wer das
begreift, der wird einsehen, daß diese neue Pyramide der
Arbeit nur demokratisch gefaßt werden kann, der wird
begreifen, daß diese Gruppe der geistigen Arbeiter Großes
und Entscheidendes nur in der demokratischen Gemeinschaft
des Gesamtproletariats sein kann, nicht aber für sich allein
und gegen die Mehrheit des Proletariats! Auf der andern
Seite müssen die Arbeiter, die man als manuelle Arbeiter
bezeichnet und die bisher die Träger der ganzen sozialen Ent-
wicklung gewesen sind, begreifen: wir müssen aus den Dingen
in Rußland und Italien erkennen, daß das Proletariat,
wenn es sich zu eng begreift, bloß als das gewerbliche Arbeiter-
proletariat ohne die Summe der geistigen Arbeiter, allein die
soziale Entwicklung nicht vollziehen kann! Das müssen
alle, die einen wie die andern, begreifen.

Und das zeigt uns die tiefe Wahrheit, die in einem Wort
von Ferdinand Lassalle liegt. Ferdinand Lassalle ist einer po-
litiscchen Konzeption gefolgt: zwischen dem Proletariat der un-
gebildeten, besitllosen Massen und den Gebildeten, den Wissen-
schaftern, unmittelbar die Brücke herzustellen. Das war damals
unmöglich, denn in der Zeit Lassalles hat sich nach unserer
geschichtlichen Darstellung erst jene Entwicklung vollzogen, wo-
nach Besitz und Bildung zusammengeschmolzen sind! Erst
hat der ökonomische Prozeß eines halben Jahrhunderts und das
Kriegsschicksal einerseits Besitz und Bildung auseinanderreißen
und auf der andern Seite Bildung und Arbeit einander näher
bringen müssen, bis jene Konzeption Realität bekommen konnte!
Aber in letzter Linie, als eine Vorwegnahme der Zukunft, ist
es wahr, was Lassalle gesagt hat: Die Wissenschaft und die Ar-
beit, die Wissenschaft und das Volk, das ist das Dioskurenpaar,
das, wenn es zusammenkommt, in seiner Umarmung alle Wi-
derstände der kulturellen Entwicklung erdrücken muß.
        <pb n="35" />
        .1)
1 T usr
. 1
1x
r HP.
UV
tu.; D
        <pb n="36" />
        CA
geistigen Arbeitern gesprochen habe; es war nur des historischen
Zusammenhanges wegen. Sie waren nicht Arbeiter im mo- :
dernen Sinne, diese Intellektuellen aber sind im Verlauf der %)
Jahrhunderte geistige Arbeiter und Lohnarbeiter geworden, die Ü
gezwungen sind, auf dem Arbeitsmarkt zu kämpfen.
Nun sehen wir, daß die alten Ideologien von Standesehre
und von Dienssttreue für diese Kategorien Menschen gar keinen
Sinn mehr haben außer einem falschen. Der Chef, der seine ;
Industrieangestellten mit Ehre zahlen wollte, würde sich lä-
cherlich machen. Sie würden ihm sagen: Wir können davon
nicht leben, erst zahlen Sie uns das Gehalt, das wir brauchen,
um leben zu können. Treue! Das Wort Treue und Untreue
ist in den Angestelltengesetzen durch die Einrichtung der Kündi-
gungsfristen ersetzt worden, ist also gesetzlich oder durch Ver-
trag geregelt. Dienst! Man arbeitet nicht, um dem Chef einen
Dienst zu tun, man arbeitet für sich selbst, um zu leben, man
arbeitet für die Gesellschaft. Zwischen seinem eigenen Wohl
und der Gesellschaft steht der Chef. Jeder will gern der All-
gemeinheit und muß natürlich sich selbst dienen. Einer Person
zu dienen, das ist der Vorzug der Hunde, wenn ich das Wort
von Fichte aufnehmen kann. Der Gesellschaft zu dienen ist ein
erhabener Beruf, aber darauf kommt es ja heute noch garnicht
an. Der Dienst für die Gesellschaft wird nicht bezahlt. Wenn
der geistige Arbeiter das Größte schafft ~ er erhält nicht mehr
bezahlt, als sein Vertrag vorsieht. Die Leistung des geistigen
Arbeiters für die Gesellschaft fällt nicht ihr, sondern dem Un-
ternehmer zu und nicht einmal das ist ausgemacht, daß dieser
sie in seinen Profit ummünzen kann. Aber es ist wahrscheinlich:

Der Unternehmer kann auf Kosten der Allgemeinheit hohe Ge-

winne machen, der geistige Arbeiter hat der Allgemeinheit einen

Br Lcitnttz tar Arbeüsleifturte wire ecehle Rite rise

wir nicht vom Dienst, reden wir von der Arbeit! Alle die wirt-

schaftlichen Kategorien desselben Menschenkreises sind gleichsam Ê

auf den Kopf gestellt.

d) Die Brücken zum Besitz eingebrochen. Konsumenten-

interesse und Genossenschaften.
Die Menschen ändern ihre Ideologie, aber das ist noch drasti- ö

scher in anderer Beziehung! Im Wege des abgeleiteten Besitz-

4.4
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
