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        <title>Amerikareise deutscher Gewerkschaftsführer</title>
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        5 AAHR%
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        führer
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        Die deutsche Gewerkschaftsdelegation bei der American Federation of Labor.
Von links nach rechts, untere Reihe: Müntner (Gemeindearbeiter), Morrison (Generalsekretär der A. F. o. L.), Green (Präsident der
A.F. o. L.), Schumann (Verkehrsbund), Tarnow (Holzarbeiter); mittlere Reihe: Jochade/(Eisenbahner), Dr. Berger (Bergarbeiter),
Scheffel (Eisenbahner), Heinig (AfA-Bund), Wendel (Holzarbeiter), Eggert (ADGB.); obere Reihe: Husemann (Bergarbeiter), Meyer
(Arbeiterbank). Furtwängler (ADGB.), Backert (Lebensmittelarbeiter), Dr. Iserland (Verkehrsbund), Plettl (Bekleidungsarbeiter).
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        Amerikareise
deutscher
Gewerkschaftsführer
Berlin1926
Verlagsgesellschaft des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes
GmbH., Berlin S 14
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        1
g
CC)
€
nn —————————————— ES EN a erlin SOT6
es Deu en Holzarbeiter- , GmbH,, Berlin So 16
Druckausführung: Verlagsanstalt des Deutschen Holzarbeiter - Verbandes, Qt erlin SC
Druckausführung: rlagsaı
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        Inhaltsübersicht‘
Seite
Einleitung ....... U rare 9
I. Kapitel: Die Wirtschalt der Vereinigten Staaten ............ 13
1. Die VergleichsbäsiS nu. er a AS
2.Das Tempo der Produktion... 30
a) Untersuchung über die Quantitätsleistung ........... ...... 31
b) Die physische Leistung des amerikanischen Arbeiters........ 7“
c) Die Produktionspraxis ........0.00.000000 0 6
a) Die NOTMISIETUNE rk es
3; Das Tempo des VerDrauchs u... der 6
4. Der Kampf gegen die Verschwendung in der Industrie .......... 71
5. Die Vereinigten Staaten in der Weltwirtschaft.................. 87
II. Kapitel: Aus dem sozialen Leben Amerikas ................ 91
I. Die Eigenart des gesellschaftlichen Aufbaues.
1. Geschichtliche Besonderheiten ......................00000.0 93
2. Der wirtschaftliche Erfolg und die soziale Oberschicht ...... 95
3. Die Einwanderung ........... SA A 01
Il. Das Heer der Erwerbstätigen,
1. Die unterste Proletarierschicht.... 2.4... 7007
a) Neger und Neueinwanderer ............................ 107
b) Proletariat unter den weissen Vollbürgern .............. 112
c) Kinder-, Frauen- und Heimarbeit in der proletarischen
Unterschicht... .... 0. RE
2, Die höheren Schichten der Lohn- und Gehaltsempfänger .... 121
a) ‘Die gehobene Arbeiterschicht‘......................... 121
b) Der soziale Aufstieg der Fra. .......0..0. 1 24
IH. Einige allgemeine Arbeiterfragen ‚0.0... 129
1.Das Unfall- und Hinterbliebenen-Gesetz .................. 130
2. Soziale Einrichtungen der Einzelbetriebe ......:........... 132
3. Sonstige Formen der sozialen Hilfe ....:...... er 188
4. Verhältnis zwischen Unternehmer und AT ea 135
5. LOhnpolitik und Tarifverirag Y......0......000 00 MI
6. Das Lehrlingswesen ER LS
7. Arbeitsnachweis TARA EU a 9
SARA
9, Arbeitszeit N NS
10. Das Arbeitstempoa N A 55

9
        <pb n="7" />
        IV. Lohn und Lebenshaltung in Amerika. Seite
— “1. Amerikanische Löhne ....... „1570
2. Preise und Lebenshaltung. — Reallöhne...............u- 172
V. Eine kleine Sonderbetrachtung.
Das Alkoholverbot oder die „Prohibition“ ............ -...... 185
VI. Zusammenfassung. 198
Il. Kapitel: Die Gewerkschaltsbewegung in den Vereinigten
Staaten... E99
1. Gewerkschaiftliche Auffassungen in Europa und Amerika ...... 201
2. Aus der Entstehungsgeschichte des Gewerkschaftsbundes
(American Federation of Labor) ..................00047+ 072 207
3. Umfang, Gliederung und Aufgaben .............-............. . 209
4. Stellung zur Politik und zum Parteiwesen .............0....1 218
5. Kartellgesetz und Einhaltsbefehle ................100.00.00... 022
6. Betonung der Berufsinteressen .............0.0..00000401404000, 226
7. Grenzstreitigkeiten RE Ken nenn u BDO
8. Die Finwanderungsfrage .....e lea nt ner AS
9.Das Label a RT WERE DEE Wahn LO
10. Neuzeitliche Probleme für die amerikanischen Gewerkschaften .. 237
IV. Kapitel: Die Arbeiterbanken 0 DE
Schlussbetrachtungen zn N aA

5)
        <pb n="8" />
        Einleitung

DS Weltkrieg hat die alte Ordnung Europas gesprengt. Aus den

zweiundzwanzig früheren Staaten sind deren dreissig geworden.
Im Besitzstand der Rohstoffbasis hat die neue Ländereinteilung
weitgreifende Veränderungen mit sich gebracht. Ehemals gut funk-
tionierende, in staatlicher Einheit zusammengefasste Wirtschafts-
gebiete der Rohstoffgewinnung und der Produktion wurden aus-
einandergerissen. Die europäische Wirtschaft war zerrüttet, ihre
Beziehungen zum Weltmarkt waren zerstört.

‚In den einzelnen Ländern hatten sich während des Krieges und
nach dem Kriege neue Industriezweige entwickelt, die staatlicher-
seits gepflegt und geschützt wurden. Durch diese umfassenden
Neuerungen mussten auf wirtschaftlichem Gebiete auch neue
Orientierungen erfolgen, um die Umstellung des. Produktions-
apparates, den Wiederaufbau der Wirtschaft und deren Einflechtung
in die Weltwirtschaft zu vollziehen.

Deutschland mit seiner vorwiegend industriellen Wirtschaft and
mit seinem auf der verhältnismässig kleinen Fläche von 472.028
Quadratkilometer wohnenden Volk von 62 Millionen Menschen hatte
unter dem neuen Werden schwer zu leiden. Seine Währungs-
katastrophe und die Ruhrbesetzung brachten es wirtschaftlich zu
fast völligem Stillstand. Erst nach der Währungsstabilisierung und
nach Annahme der Dawes-Gesetze durch den Reichstag konnte
Deutschland den Wiederaufbau seiner Wirtschaft auf einigermassen
gesichertem und übersichtlichem Grunde beginnen.

Wenn es für den Neuaufbau der Wirtschaft irgendwo in der Welt
ein Objekt des Studiums gab, so waren dies die Vereinigten Staaten
Nordamerikas. Infolgedessen reiste eine ganze Reihe deutscher
Wirtschaftsvertreter — Männer der Wirtschaftswissenschaft wie
der Wirtschaftspraxis — hinüber, das Neue zu studieren. Viele von
ihnen veröffentlichten die Ergebnisse ihrer Studienreise in Vor-
trägen, Zeitungen und Büchern. Die wirtschaftlichen und sozialen
Verhältnisse der Vereinigten Staaten wurden zum Gegenstand täg-
licher Erörtefungen, und diese Erörterungen sollten den Wieder-
aufbau der deutschen Wirtschaft befruchten. Aber die Dar-
stellungen und Schlussfolgzerungen waren nicht einheitlich.

*
        <pb n="9" />
        Wollten die Gewerkschaften als Sachwalter der Arbeitskraft bei
diesen Auseinandersetzungen ein beachtliches Wort aus eigener Er-
fahrung mitsprechen, so mussten sie selbst Vertreter nach Amerika
schicken. Dies schien um so gebotener, als sie ihr Anrecht auf Be-
teiligung an der Führung der Wirtschaft erst auf dem zwölften Ge-
werkschaftskongress zu Breslau eindringlicher denn je geltend
gemacht hatten. Die Nützlichkeit des Studiums des wirtschaftlichen
und sozialen Lebens der Gegenwart in Amerika durch eigene Ver-
treter stand somit für die Gewerkschaftsbewegung ausser Zweifel.

Aber auch noch aus anderen, nicht minder wichtigen Gründen er-
schien die Reise von Gewerkschaftsvertretern nach den Vereinigten
Staaten nützlich und notwendig. Wohl waren im allgemeinen die
amerikanische Gewerkschaftsbewegung, ihr Umfang und ihre
Gliederung bekannt. Weniger bekannt aber waren die vielen
wissenswerten Finzelheiten über ihren Charakter, ihre Bestrebungen
auf weite Sicht, ihre Taktik, Arbeits- und Kampfmethoden und vor
allem über ihre Stellung zu den grossen Problemen, die sich aus der
hochkapitalistischen Wirtschaftsentwicklung Amerikas für sie er-
geben. Wie findet sich der Arbeiter mit der Arbeit am „laufenden
Band“ ab? Wie beeinflusst die neue Arbeitsweise Geist und Körper
des Arbeiters? Wie ist der Stand der Arbeitszeit, das Verhältnis
von Reallohn und Warenpreisen, das Wohnungswesen, kurz,
die ganze Lebenslage der amerikanischen Arbeiterschaft? Das
alles musste einmal durch Untersuchungen und eigene Anschauungen
von Gewerkschaftsvertretern klargestellt werden. Gleichzeitig
galt es, dem in Atlantic-City tagenden amerikanischen Gewerk-
schaftskongress einen Besuch abzustatten, um auch hier zu studieren
und darüber hinaus Bande der Freundschaft, die der Krieg zer-
rissen hatte, zu erneuern und zu befestigen.

So entschlossen sich der Bundesvorstand des Allgemeinen Deut-
schen Gewerkschaftsbundes, eine Anzahl Gewerkschaften und die
Arbeiterbank zur Entsendung von Vertretern nach Amerika. An
der Studienreise waren beteiligt: M. Pletfl, Vorsitzender des Be-
kleidungsarbeiter-Verbandes; F. Husemann, Vorsitzender des
Bergarbeiter-Verbandes, in seiner Begleitung als Wirtschaftssach-
verständiger und Dolmetscher Dr. E. Berger, Volkswirt und An-
gestellter des Bergarbeiter-Verbandes; F.Schefiel, Vorsitzender

des Finheitsverbandes der Eisenbahner, in seiner Begleitung
F. Jochade, Mitglied des Generalrats der Internationalen Transport-
arbeiter-Föderation; F.Müntner, Vorsitzender des Verbandes der
Gemeinde- und Staatsarbeiter; F. Tarnow, Vorsitzender des Holz-
arbeiter-Verbandes, in seiner Begleitung als Dolmetscher F.Wendel,
Sekretär des Holzarbeiter-Verbandes; E. Backert, Vorsitzender des
Verbandes der Lebensmittel- und Getränkearbeiter; 0. Schumann,
Vorsitzender des Verkehrsbundes, in seiner Begleitung als Wirt-

@
7)
        <pb n="10" />
        2 aa 020 N
schaftssachverständiger und Dolmetscher 4 N EOS olks-
wirt und Angestellter des Verkehrsbund SS Heinig, VölkSwirt
und Angestellter des Werkmeisterverband Arnd B.M er,
Direktor der Bank der Arbeiter, Ang stell en “Beämfen;
W. Eggert, Vorstandsmitglied des Allgemeinen Deutschen Gewerk-
schaftsbundes, in seiner Begleitung alsDolmetscher F. Furtwängler,
Sekretär des Allgemeinen Deutschen GewerKs Kaftsbun S.

Der Plan ging dahin, zunächst als Gesamtabordnung den Gewerk-
schaftskongress in Atlantic-City zu besuchen, sich dann aber in ein-
zeine Gruppen aufzulösen, von denen nun jede für sich ins Land zu
gehen und vorwiegend und in erster Linie das sie am meisten
interessierende Gebiet zu durchforschen habe. Die Zusammen-
setzung der Abordnung war von vornherein unter dem Gesichts-
punkt erfolgt, dass nunmehr jede einzelne Gruppe ihren eigenen
Dolmetscher hatte. Die Reisetouren der einzelnen Gruppen im
Lande waren in grossen Umrissen bereits vor der Abfahrt in
Deutschland festgelegt worden. Sie erfuhren auf dem Schiff
während der Überfahrt kleine Ergänzungen und in Atlantic-
City, vor unserem Auseinandergehen, sorgfältige Organisierung.
Alle jene Behörden und statistischen Bureaus, Universitäten und
Hochschulen, Bergwerke und Ölfelder, Wasserwerke und Getreide-
mühlen, Grossbetriebe und Verkehrseinrichtungen, Warenhäuser
und Druckereien, die wir angesichts ihrer Weltbekanntheit besuchen
wollten, standen bereits in diesen Plänen. Abweichungen und Er-
gänzungen erfolgten nur insoweit, als der Tag unvorhergesehen
Neues brachte, oder insoweit, als sie durch Studium der Arbeiter-
verhältnisse erforderlich wurden.

Am 17. September 1925 verliess die Gewerkschaftsabordnung auf
dem „Columbus“ Bremerhaven und landete am 25. September 1925,
einem Sonnenmorgen, im Hafen von New York-Brooklyn.

Bei der Landung ging die Erledigung der Passkontrolle und der
sonstigen Formalitäten schnell vonstatten. Draussen in der Lan-
dungshalle hatten sich die Vertreter der New Yorker Gewerk-
schaften zu unserem Empfang versammelt. Einige von ihnen kannten
einige von uns persönlich aus der Berufsinternationale. Zwischen
beiden Gewerkschaftsvertretungen erfolgte eine überaus herzliche
Begrüssung. Auch Vertreter der Presse waren gekommen, um über
Zweck und Ziel unserer Reise Auskunft zu erbitten. Unter dem Ein-
fluss der New Yorker Gewerkschaftsvertreter war die Zollabferti-
gung rasch durchgeführt. Hugh Frayne, der Sekretär des amerika-
nischen Gewerkschaftsbundes für den Staat New York, sorgte für
den ordnungsgemässen Abtransport unseres Gepäcks, Autos
standen bereit — und bald fuhren wir vom Brooklyner Hafen quer
durch New York, unseren Hotels zu.
        <pb n="11" />
        In Washington rüstete sich indessen. der Bundesvorstand des
amerikanischen Gewerkschaftsbundes zur Abreise nach dem bevor-
stehenden Gewerkschaftskongress in Atlantic-City. Wir wollten
ihn aber noch vor seiner Abreise im eigenen Bundeshaus zu Wa-
shington begrüssen. So reisten wir nach einem vorläufigen flüchtigen
Überblick von New York und nach einem Besuch des etwa 20 Kilo-
meter von New York entlegenen Grabes Samuel Gompers, des lang-
jährigen Führers der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung,
nach Washington, den Bundesvorstand zu besuchen. Hier hatten
sich zum Empfang der deutschen Gewerkschaftsabordnung im
Bundesbureau versammelt: der Präsident des Bundes, William
Green, der Sekretär Frank Morrison, ferner sämtliche Angestellte
desBundesbureaus und eine grössere Anzahl Vertreter der einzelnen
Gewerkschaften. Wie am Tage unserer Landung von den Vertretern
der New Yorker Gewerkschaften, so wurden wir nun auch hier vom
Bundesvorstand mit Herzlichkeit empfangen. Da war nichts Ge-
künsteltes, alles war einfach und freundschaftlich. In einer herz-
lichen Begrüssungsansprache hiess der Bundespräsident die deut-
schenBesucher willkommen. Er sicherte uns die volle Unterstützung
der amerikanischen Gewerkschaften zur Erleichterung unserer Auf-
gaben zu. Er sprach den Wunsch aus, dass diese Aufgaben zum
Wohle der deutschen Arbeiterbewegung restlose Erfüllung finden
möchten. Kollege Schumann dankte ihm und übermittelte unsere
Grüsse. Dann wurden Gewerkschafts- und Wirtschaftsfragen all-
gemeiner Natur besprochen. Im Anschluss hieran erfolgte die Be-
sichtigung des Bundesbureaus und seiner organisatorischen Ein-
richtungen.

Der kurze Aufenthalt in- Washington wurde benutzt zu einem
Besuch des Botschafters der deutschen Republik, Freiherrn von
Maltzahn. In Begleitung Greens und Morrisons fand ferner ein
Besuch beim Arbeitsminister der Vereinigten Staaten, Mr. Davis,
in den Räumen des Ministeriums statt. In der Unterredung mit dem
Arbeitsminister gewahrten wir zum erstenmal, was wir später noch
oftmals beobachten konnten, dass die in Amerika hochgestellten
Persönlichkeiten mit Vorliebe und Stolz von ihrem Herkommen aus
dem Arbeiterstande sprechen. Er ist ein Sprössling der Arbeiter-
klasse, Klempner von Beruf, und hielt es für erforderlich, uns das
mit besonderer Betonung vorzutragen. Wir begegneten später
noch des öfteren solchen Hinweisen bei hohen Beamten in den
einzelstaatlichen Behörden, bei Unternehmern, die als Habenichtse
ins Land gekommen, vom Glück aber begünstigt wurden, bei
Akademikern, die noch in ihren Jugendjahren selbst als Arbeiter
geschanzt hatten, und bei all den vielen Geschäftsleuten kleineren
Grades, die, aus sozialen Tiefen gekommen, es nun zu einigem
Wohlstand gebracht hatten. Verklungen ist längst auch in Amerika

w
        <pb n="12" />
        die Zeit der Glücksritter, was aber aus dieser Zeit im Bewusstsein
aller Bevölkerungsschichten noch stark fortlebt, das ist die Ehrung
der Arbeit.

Der Arbeitsminister hatte einen ganzen Stab seiner Beamten aus
weiten Gebieten des Landes zu sich gerufen, um uns auf alle Fragen
erschöpfende Auskunft zu geben. Die Mehrzahl der Beamten war
aus der Gewerkschaftsbewegung hervorgegangen. Die Aussprache
erfolgte völlig ungezwungen. Sie drehte sich um alle wirtschaft-
lichen und sozialen Fragen, besonders auch um den Wirkungskreis
und die Aufgaben der amerikanischen Schlichtungsbehörden zur
Schlichtung wirtschaftlicher und sozialer Kämpfe. Der Minister er-
klärte, alles tun zu wollen, um uns bei unserem Studium jede Er-
leichterung, die er ermöglichen könne, zu verschaffen. Er tat dies
sofortdurch Aushändigung schriftlicher Empfehlungen, die uns leicht
und schnell Eingang zur Besichtigung bedeutender Unternehmungen
verschaffen sollten. Wie wir später erkannten, hätte es dieser Emp-
fehlungen nicht einmal bedurft, denn die amerikanischen Unter-
nehmer öffnen freimütig und zuvorkommend jedem Besucher ihre
Betriebe. Ein Wort unserer Absicht genügte, um zu sehen, was
wir zu sehen begehrten. Dennoch waren uns die Empfehlungen des
Ministers wertvoll. Sie hatten zum Beispiel in den Werken der
„Ford-Motorenkompanie“ von Detroit zur Folge, dass wir uns
nicht den 80 bis 100 Leuten, die, aus aller Welt gekommen, täg-
lich durch die Werke laufen, anschliessen mussten, sondern allein
geführt wurden. Dadurch konnte unser Studium eingehender er-
folgen als unter so vielen. In Begleitung des Arbeitsministers er-
folgte auch eine kurze Begrüssung zwischen uns und dem Prä-
sidenten der Vereinigten Staaten, Coolidge, im Weissen Hause zu
Washington.

Dann ging die Abordnung nach Aflantic-City, einem Badeort von
etwa 50 000 Einwohnern, dem Norderney der Vereinigten Staaten.
Hier sollte am 5. Oktober der 45. Jahreskongress des amerika-
nischen Gewerkschaftsbundes eröffnet werden. Der Saal des Kon-
gresses, auf einer Mole erbaut, die weit vom Ufer in den Atlantic
hineinragt, war in seiner ganzen Umgrenzung mit den nationalen
Farben und dem Sternenbanner geschmückt. Obwohl die Fröffnung
des Kongresses, die Begrüssungsansprachen, die Mandatsver-
lesungen sowie der rein geschäftsmässige Verlauf nicht allzu ver-
schieden waren von Gewerkschaftskongressen in anderen Ländern,
so gab es doch zahlreiche hervorstechende Einzelheiten, die dem
deutschen Auge und Ohr als charakteristisch amerikanisch er-
schienen. Weit bekannt ist, dass diese Tagungen mit eines Geist-
lichen Gebet für den Erfolg der Gewerkschaftsbewegung beginnen,
eine Gepflogenheit, die auch im Parlament der Vereinigten Staaten
herrscht. Auffallend stark und nicht ohne Stolz wurde immer

0
        <pb n="13" />
        wieder das staatsbürgerliche Bekenntnis betont. Kaum eine Rede
oder Ansprache wurde gehalten, in der nicht irgendwie dieser
Stolz auf die Vereinigten Staaten, auf die Nation und auf ihr Sternen-
banner angeklungen hätte. Auch die hauptsächlichstenProbleme der
amerikanischen Gewerkschaftsbewegung fanden schon in den Be-
grüssungsreden sehr ausführliche Andeutungen. Im Vordergrund
von allen stand der schwierige Kampf gegen die richterlichen Ein-
mischungen in die Auseinandersetzungen zwischen Kapital und
Arbeit. Es scheint, als könnten die Gewerkschaften auf diesem Ge-
biet nur sehr langsam vorwärtskommen, den Gegner nur Schritt
um Schritt unter Zuhilfenahme des allmählich günstigen Wandels
der öffentlichen Meinung in den Einzelstaaten zurückdrängen.
Unter den Problemen befanden sich ferner die Forderung nach
Frauen- und Kinderschutz und der Kampf um die „workmens com-
pensation acts‘“, eine Art Unfallversicherung, die in einigen Einzel-
staaten eingeführt worden ist, nun in der ganzen Union durch-
gekämpft werden muss. Mit besonderem Nachdruck nahm sich
Green dieser Forderung an, für die er schon in seinem früheren
Wirkungsbereich, im Staat Ohio, erfolgreich gekämpft hat.

Fremdartig für den Europäer auf dem Kongress waren ferner die
Negerdelegierten, von denen eine Anzahl zumeist aus solchen Or-
ganisationen vertreten war, deren Berufe fast ausschliesslich von
farbigen Arbeitern ausgeübt werden. Um die Mitte des vorigen
Jahrhunderts noch Sklaven, dann unter Amerikas grösstem Prä-
sidenten, Abraham Lincoln, im Kampf gegen die Südstaaten befreit,
stehen ihre geistigen Vortrupps heute in Reih’ und Glied der Ge-
werkschaftsbewegung. Persönlich und näher lernten wir von ihnen
den Vorsitzenden des Verbandes der Fuhrleute des Staates Kansas
kennen.

Als der Präsident Green dem Kongress die deutschen Besucher
vorstellte, erhoben sich sämtliche Delegierte von ihren Plätzen, und
als Gegengruss des Kongresses brach ein minutenlanger Beifalls-
sturm los. Er wiederholte sich noch einmal, nachdem Tarnow,
knapp und gewandt, im Namen der Abordnung den Kongress be-
grüsst, den Zweck der Reise dargelegt, der Kämpfe unserer Ge-
werkschaften und der Probleme der‘ deutschen Wirtschaft ge-
dacht hatte.

Nach dreitägigem Aufenthalt nahmen die einzelnen Gruppen und
Einzelpersonen vom Kongress aus ihre verschiedenartigen Reise-
routen auf. Die Vertreter des Bundesvorstandes des Allgemeinen
Deutschen Gewerkschaftsbundes bereisten die Staaten im Nordosten
zwischen Ohio und Mississippi, die Ölfelder und Weizengebiete des
Staates Kansas, hauptsächlich zu dem Zweck, die Lohn- und Arbeits-
verhältnisse und die sozialen Zustände zu ermitteln. Der Vertreter
des AfA-Bundes wandte sich in der Hauptsache dem Studium all-

10
        <pb n="14" />
        gemeiner Wirtschaftsfragen zu, der des Bekleidungsarbeiter-Ver-
bandes der Konfektionsindustrie, die Vertreter des Bergarbeiter-
Verbandes studierten die Verhältnisse in den Bergbaugebieten, die
des Holzarbeiter- Verbandes untersuchten ausser den sie interessie-
renden Berufsverhältnissen hauptsächlich die allgemeine Struktur,
die Taktik und den Charakter der amerikanischen Gewerkschaften,
ein Gebiet, das bisher weniger als andere Erscheinungen des ameri-
kanischen Lebens in den Berichten deutscher Reisenden behandelt
worden ist; ihre Reiseroute führte sie bis weit in die Süd- und ehe-
maligen Sklavenstaaten. Der Vertreter des Lebensmittel- und
Getränkearbeiter-Verbandes untersuchte die heikle Frage der
Wirkung der Antialkoholgesetzgebung, die Vertreter des Einheits-
verbandes der Eisenbahner, ferner der Vertreter des Gemeinde- und
Staatsarbeiter-Verbandes und die Vertreter des Verkehrsbundes
besuchten die Gebiete der grossen Verkehrslinien und die hier
herrschenden sozialen Verhältnisse.

Sieben Mitglieder der Abordnung waren 54 Tage im Lande, sechs
Mitglieder 47 Tage, ein Mitglied 65 Tage. Sie bereisten das Land
von der Ostküste bis zu dem etwa in der Mitte des weiten Reiches
gelegenen Staate Kansas und in diesem Rahmen von der südlichen
bis zur nördlichen Grenze, ein Streckengebiet, an Europa gemessen,
von etwa Kopenhagen bis Konstantinopel und von Lissabon bis
Moskau.

Die Ergebnisse unserer Beobachtungen und Ermittlungen sind in
gemeinsamen Beratungen gesichtet und geprüft worden. Eine
Redaktionskommission wurde mit der Niederschrift des Berichts
beauftragt. Da aber alle Beteiligten ihr reichliches Pensum an täg-
licher Gewerkschaftsarbeit zu erledigen haben, dauerte die Druck-
legung des Berichts länger, als uns lieb war. Um Nachsicht muss
ausserdem gebeten werden, wenn Unebenheiten gefunden werden,
die bei einer Kollektivarbeit kaum ganz vermieden werden können.
Den Abschnitt „Die Wirtschaft der Vereinigten Staaten“ verfasste
K.Heinig; der zweite Abschnitt „Aus dem sozialen Leben Amerikas“
ist von F. J. Furtwängler, der dritte über „Die Gewerkschafts-
bewegung in den Vereinigten Staaten“ von F. Tarnow, das Kapitel
über „Die Arbeiterbanken“ von B. Meyer.

Als Reisebericht und Beitrag zur Wirtschaftsliteratur über
Amerika hat dieses Buch zahlreiche Vorgänger. Wenn wir nichts-
destoweniger mit seiner Herausgabe einem Bedürfnis vieler zu ent-
sprechen glauben, so namentlich deshalb, weil hiermit erstmals ein
Buch über das neue wirtschaftliche Amerika in die Öffentlichkeit
gelangt, das vom Arbeiterstandpunkt und von Arbeitergesichts-
punkten geschrieben ist, Arbeiterpolitik, Arbeitsverhältnisse und
Arbeiterleben nicht auch oder nebenbei behandelt, sondern im

Vordergrund stehen hat. Dank unserer guten und zahlreichen Ver-
11
5
        <pb n="15" />
        bindungen mit amerikanischen Arbeitern und Arbeitervertretern
deutscher wie englischer Zunge war es unserer Delegation möglich,
mit den Lebensverhältnissen der amerikanischen Arbeiter in un-
mittelbare Berührung und Vertrautheit zu kommen.

Wir können hier nicht im einzelnen, sondern nur im allgemeinen
den Dank an alle, die uns bei der Erfüllung unserer Aufgaben behilf-
lich gewesen sind, für das freundliche Entgegenkommen abstatten.
Aber einen können wir nicht ungenannt lassen. Es ist der Berg-
arbeiter Eduard Wick, der aus den Kohlengruben Pennsylvaniens
kam und als Beauftragter des amerikanischen Bergarbeiter-Ver-
bandes vom ersten bis zum letzten Augenblick mit hingebungsvoller
Bereitwilligkeit uns mit seinem klugen Rat zur Seite gestanden hat.
Ihm sei neben dem Dank an alle unser besonderer Dank aus-
gesprochen.

Wir sind uns bewusst, dass zum genauen Erkennenlernen eines
so grossen Landes mit seinem vielgestaltigen Leben nicht nur
Jahre des Studiums, sondern Jahre der Arbeit und des Lebens in
diesem Lande erforderlich wären. Was wir aber in der verhältnis-
mässig kurzen Zeit von zwei Monaten gesehen und gehört, er-
forscht und festgestellt haben, ist wissenswert genug, es hier zu-
sammenzufassen und der Öffentlichkeit zu vermitteln.

19
        <pb n="16" />
        J. KAPITEL:
DIE WIRTSCHAFT
DER VEREINIGTEN STAATEN
        <pb n="17" />
        Die Wirtschaft der Vereinigten Staaten
1. Die Vergleichsbasis
ie Reise der deutschen Gewerkschafter nach den Vereinigten
Dice galt vergleichenden Studien, nicht zuletzt sollte die
amerikanische Wirtschaft betrachtet werden.

Der mächtige nordamerikanische Staatenbund, der Fleiss und die
Tüchtigkeit seiner Arbeiter, das erstaunliche Tempo der Pro-
duktion, die verblüffende Höhe der Technik, das Riesenmass des
Verbrauches und im besonderen das Auto als Triumph jener Ent-
wicklung — das wurde seit Kriegsbeendigung in jeder deutschen
Diskussion zum entscheidenden Argument. Es war, ohne eigene
Kenntnis der tatsächlichen Verhältnisse, kaum zu widerlegen,
auch dann nicht, wenn ihm die Unwahrscheinlichkeit, das Falsch-
aufgefasste, die Beweislosigkeit sichtbar an der Stirn geschrieben
standen.

Während der jüngst vergangenen zehn Jahre erwuchs eine um-
fangreiche Amerikaliteratur, aus der ständig weitere Argumente
entstanden. Diese Berichte und Untersuchungen betrachteten die
Wirtschaft, die Politik und die Psychologie der Vereinigten
Staaten von allen möglichen Standpunkten aus. Es war auch bei
kritischer Überprüfung häufig beinahe unmöglich, das Objektive
von der bewussten Voreingenommenheit und der beabsichtigten
Umbiegung der Tatsachen zu trennen.

Vom Standort des Arbeiters aus fehlte bisher jede Betrachtung

der amerikanischen Wirtschait. Sie sollte durch die Studienreise
der deutschen Gewerkschafter eingeleitet werden.
__ Es gibt auch heute noch Skeptiker, die das Interesse Europas und
im besonderen Deutschlands an der amerikanischen Wirtschaft im
wesentlichen als Zeitmode betrachten. Das ist aber in jeder Rich-
tung falsch.

Auch für den deutschen Arbeitnehmer erwächst der Zwang, sich
mit Amerika zu beschäftigen, aus der rasch stärker werdenden
Verknüpfung der Kapital- und Handelsinteressen Europas und im
besonderen Deutschlands mit dem gewaltigen nordamerikanischen
Kontinent, hier zuerst mit dessen mächtigstem Staatengebilde, mit

den Vereinigten Staaten.

15
        <pb n="18" />
        Die Vereinigten Staaten haben mit dem ungeheuerlichen Schwer-
gewicht ihrer jungen, strotzenden Wirtschaftskraft den Weltkrieg
zur Entscheidung gebracht, nachdem es jahrelang im wesentlichen
ihre Finanzkraft gewesen war, die den europäischen Alliierten die
silbernen Kugeln zum Kampf gegen die Mittelmächte lieferte.

Von den Vereinigten Staaten wurde die politische Idee des
Friedens formuliert; ihre Übersetzung ins Europäische zeigte aller-
dings, dass auch der Aktionsradius und der geistige Horizont
Amerikas ihre Begrenzungen haben.

Während die europäischen Kriegsstaaten nach 1918 von Sorgen
und Schwierigkeiten fast erdrückt wurden, vermochten die
Amerikaner die ihnen überflüssig gewordene Kriegsrüstung ab-
zuwerien, um sich der Sicherung ihres stärker gewordenen Welt-
markteinflusses und der Umgestaltung: und Weiterleitung ihres
Produktions- und Verteilungsapparates zu widmen.

Aus dem schier unheilbaren europäischen Chaos, das der Ruhr-
einfall vollendete, aus der von allen Staaten geübten wirtschaft-
lichen Blutrache (Boykott, Zölle, Dumping), die zur nahezu völligen
Zerstörung der europäischen Produktionskraft führte, wurde wieder
das balkanisierte Europa durch die Vereinigten Staaten heraus-
gerissen. Das Sachverständigengutachten trägt den Namen des
Amerikaners Dawes.

Das amerikanische Geld steht heute im Mittelpunkt der ganzen
Welt.

Schon diese kurz aufgezählte Tatsachenreihe beweist, dass das
Interesse an den Vereinigten Staaten nicht nur die Modestimmung
eines schwach gewordenen Wirtschaftskörpers ist, der gern die
gesunde Muskelkraft des anderen äusserlich nachahmen möchte.

Vom Standort des Arbeiters aus musste die Untersuchung der
amerikanischen Wirtschaft eine andere Betrachtungsweise zur Vor-
aussetzung haben, als das sonst im allgemeinen beim Studium Ame-
rikas üblich ist. Es galt im besonderen, in den Vereinigten Staaten
auch die Schattenseiten nicht nur zu sehen, sondern zu er-
klären. Denn wenn es so sein soll, dass die amerikanische Wirt-
schaft uns zeigt, was die. europäische, und im besonderen die
deutsche, nach Ablauf kürzerer oder längerer Zeit vielleicht ein-
mal sein wird, dann muss von den deutschen Gewerkschaften unter
allen Umständen das Sachargument für vorausschauende Wirt-
schaltspolitik geschaffen werden.

In der deutschen Amerikaliteratur fehlt zumeist eine ausreichende
Darstellung der Schattenseiten der beinahe eruptiven Wirtschafts-
entwicklung jenes mächtigen Wirtschaftskörpers im Zentrum des
Atlantischen und des Pazifischen Ozeans. Das ist schon aus dem
erwähnten Grunde erklärlich, dass die Betrachtungen nicht vom

16
        <pb n="19" />
        Standort des Arbeiters aus gepflogen wur Eee es aber
ae einen anderen Grund; er liegt en 4 dass der h der
Vantität, der durch ganz Amerika gehf,.dem ‚aus autoarmen
und häuserniedrigen Europa kommen Er BEUDAENBAN je t die
Nüchternheit nimmt. N 2

Mit dieser Feststellung stossen wir au ‚den Kernpunkt/und die
Voraussetzung einer obijektiven verglei enden * Ärachtung
zwischen Deutschland und den Vereinigten Städte.

Der deutsche Gewerkschafter ist der Auffassung, dass der
Maschinenpark ebenso wie der geistige Zustand eines Volkes,
eines Wirtschaftskörpers, seine Proportionen wie seine Funktionen,
organische Teile einer bestimmten Gesellschaftsiormung sind. So
stark sein Interesse daran ist, das eigenartige und gewaltige Wirt-
schaftsgebilde der Vereinigten Staaten kennenzulernen, dessen Er-
fahrungen und Erkenntnisse zu nutzen, ebensoviel Wert legt er
darauf, den Nachweis dafür zu erbringen, dass unsere heimische
Wirtschaft nicht durch geistlose Kopie, durch Nachahmung ein-
zelner Räder der amerikanischen Produktionsmaschinerie oder
durch Impfung mit amerikanischem Geist in ihrem Wesen ver-
ändert werden könnte. Ebensowenig wie beim Menschen gibt es
in der Wirtschaft eine Transfusion für blutunterschiedliche Körper!

Die Untersuchung der Gewerkschafter galt deswegen auch der
Feststellung, in welchem Grade heute die deutsche und die ameri-
kanische Wirtschaft etwa miteinander verwandt sind, inwieweit
und in welchem Sinne eine Übertragung von Produktionspraxis
und Wirtschaftserkenntnis überhaupt möglich ist.

Die Voraussetzung einer objektiven, vergleichenden Betrachtung
zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten muss aber
noch mehr umfassen, als bisher angedeutet wurde. Jedes ver-
gleichende Studium verschiedener Tatbestände verlangt als Vor-
aussetzung die Erkenntnis und das sinnliche Erfassen der Unter-
schiedlichkeit der zu untersuchenden Objekte.

Der Grundfehler der meisten Vergleiche zwischen Deutschland
und Amerika, wie sie in Diskussionen und Auseinandersetzungen
üblich geworden sind, liegt darin, dass diese beiden Länder als
gleichwertige Begriffe behandelt werden. Hier soll deswegen vor-
erst einmal die äussere Unterschiedlichkeit der beiden Staats-
gebilde dargestellt werden.

Deutschland und die Vereinigten Staaten sind weder in der
Landgrösse noch in der Menschenzahl oder im Umfang ihrer
Wirtschaft schlechthin miteinander vergleichbar.

Aus der Grösse eines Landes ergeben sich der Tätigkeitsraum
und die natürliche Substanzquantität. Aus der Zahl und der Zuw-
Sammensetzung der Bevölkerung erwächst die Mentalität eines
17
        <pb n="20" />
        Landes. Aus der Gestaltung und dem Geschichtsverlauf der Wirt-
schaft entstehen bestimmte, durchaus eigenartige wirtschaftliche
Energien, wie Bremskräfte, Entwicklungstendenzen und Pro-
duktionsformen.

Vergleichen wir vorerst die geographische Grösse der beiden
Länder.

Nord-Amerika
‚Mexiko
Alaska
Das Land
Europa
Kanada
Europ.
Russland
Bild 1

Das Bild 1 zeigt uns die Landgrössen Europas und Nordamerikas.

Das alte Europa umfasst 9,9 Millionen Quadratkilometer, davon
gehört aber nahezu die Hälfte, 4,6 Millionen Quadratkilometer,
dem europäischen Russland. Für die europäische Wirtschaft ist
diese Hälfte heute kaum wirtschaftliche Aktionskraft, sie ist wohl
erst ein zukünftiges Leistungselement.

Deutschland mit seinen rund 470 000 Quadratkilometern Fläche
ist knapp ein Zwanzigstel von Europa.

18
        <pb n="21" />
        Das junge Nordamerika umfasst über 21 Millionen Quadrat-
kilometer, davon ist über ein Drittel — 7,8 Millionen Quadrat-
kilometer — Gebiet der Vereinigten Staaten. Das noch grössere
Kanada — 9,7 Millionen Quadratkilometer —, Mexiko mit seinen
2 Millionen und Alaska mit 1,5 Millionen Quadratkilometern ver-
wachsen seit Jahrzehnten ständig inniger mit der Wirtschaft der
Vereinigten Staaten. .

Man kann sagen, dass zurzeit die Ausstrahlung der Wirtschaft
der Vereinigten Staaten im besonderen nach Kanada und Mexiko
Viel kräftiger ist als etwa die des alten Europa nach dem euro-
Däischen Russland. .

Der Vergleich zeigt uns, dass schon unter dem Gesichtspunkt
der geographischen Grösse die Voraussetzungen der Wirtschaften
Deutschlands und der Vereinigten Staaten recht unterschiedlich sind.

Noch deutlicher wird diese Unterschiedlichkeit, wenn die beiden
Staatsgrössen in ihrer Entwicklung während des jüngst ver-
gangenen Jahrhunderts und bis zur Gegenwart einer vergleichenden
Betrachtung unterzogen werden. Betrachten wir das Tempo der
geographischen Raumentwicklung.

Die Vereinigten Staaten entstanden 1790 mit 2,1 Millionen
Quadratkilometer Fläche. Das Deutsche Reich entstand erst 1871,
und mit einer Fläche von 570 000 Quadratkilometern. Die Ver-

Quadrat-
| Kilometer
"70 Millionen _. _
9 u AM BÜT)
3 Verleinigte bogfen |
A WS = 7 Bad 1

A VER

5

5

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A ml .
#90 800 10° 20 30 40 50 60 % 80 90 790010 20 36
Bis 2

Sta
19
        <pb n="22" />
        einigten Staaten wuchsen dann, wie das Bild 2 zeigt, um das Mehr-
fache ihrer Anfangsgrösse, das Deutsche Reich blieb. in seiner
Grösse konstant und verlor durch das Versailler Diktat Gebietsteile.

Bei dieser Entwicklung ist etwas zu beachten, auf das in anderem
Zusammenhang noch ausführlicher zurückgekommen werden soll.
Hier sei nur kurz darauf hingewiesen, dass jede Erweiterung der
Vereinigten Staaten diesen im wesentlichen Neuland, staatlich und
wirtschaftlich „Rohstoff“ zuführte, während das Deutsche Reich
auch bei seiner Gründung ausschliesslich mindestens ein Jahr-
tausend alte, sich in festen Entwicklungsformen bewegende Gebiete
zusammenfasste. Der einzige VersuchDeutschlands,sich staatlichen
Ursto{ff, wirtschaftliches Rohmaterial anzugliedern, der sich in der
Erwerbung von Kolonien ausdrückte, hat sachlich wenig Erfolg
erzielt und ist ausserdem durch den Verlust des Weltkrieges vor-
erst zum Abschluss gebracht worden.

Also auch unter dem Gesichtspunkt des Werdens der beiden
Staaten und Wirtschaftskörper — Deutschland und Vereinigte
Staaten — ergibt der Vergleich starke Unterschiedlichkeit im
eigentlichen Wesen des Zustandes.

Vergleichen wir nunmehr die Bevölkerungszahlen, die mensch-
liche Krait der beiden Länder.

Hier zeigt sich eine gewaltige Überlegenheit des alten Europa.
Ohne das europäische Russland wird es von 350 Millionen Menschen
bewohnt. Im europäischen Russland hausen 101 Millionen Menschen,
So ergibt sich für Europa eine Menschenmenge von 451 Millionen,

Europ Russland [)je Menschen
Europa Nord-Amerika
Mexiko Kanada
—— Alaska
5 EL ls
a nn ERS
Ki 3
As
9)
        <pb n="23" />
        Nordamerika zählt heute 128 Millionen Menschen, von denen
105 Millionen in den Vereinigten Staaten wohnen, 14 Millionen
hausen in Mexiko, knapp 9 Millionen in Kanada, ein kleiner Rest
in Alaska. (Wir rechnen Mexiko zu Nordamerika, weil es wirt-
schaftlich mit ihm verwächst.) . |

Die Überlegenheit Europas in der Summe seiner menschlichen
Kräfte ist auffallend. en

Der Unterschied zwischen Deutschland und den Vereinigten
Staaten ist, an der Bevölkerungszahl gemessen, von ganz anderer
Art, als wenn man die Landfläche betrachtet. Deutschland zählt
63 Millionen Einwohner, die Vereinigten Staaten haben deren
105 Millionen. . | e

Aber der Kontinent Nordamerika hat ein gesünderes Herz: die
Vereinigten Staaten haben nur den Grenzdruck zweier Länder aus-
zuhalten (wenn man von Alaska, das den Vereinigten Staaten
gehört, und von den ganz kleinen Staaten absieht, die praktisch
unter der Oberhoheit der Vereinigten Staaten leben). : Europa
bestand schon vor dem Weltkrieg aus 22 selbständigen Reichen.
Die gefährlichste Nachwirkung des Weltkrieges ist aber seine
politische Balkanisierung, die einer wirtschaftlichen Zersplitterung
gleichkommt. Wir haben jetzt in ‘Europa etwa 35 Staaten,. die
Landesgrenzen haben sich ungeheuerlich ausgedehnt; ihre Ver-
längerung wird auf 7000 Kilometer geschätzt!

Einwoßner

110 Millionen Bun 4 |

100 My n ı :

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80° a} Tb aa

| Vereinigte Stoaken

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40 N Delfschland )

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91
        <pb n="24" />
        Die zeitliche Entwicklung der Bevölkerungszifter in Deutschland
und in den Vereinigten Staaten zeigt das unterschiedliche Tempo
in der Summierung menschlicher Wirtschaftskraft, das beide
Staaten eingeschlagen haben. Wenn wir wenige Generationen
zurückgehen, so sehen wir die Vereinigten Staaten als ein dünn
besiedeltes Kolonialgebiet, das sich nicht einmal mit den grösseren
Einzelstaaten zu messen vermochte, die 1871 im Deutschen Reich
zusammengefasst wurden. Aber kurz nach 1870 trafen sich die
beiden Bevölkerungsziffern. Seither ist die der Vereinigten Staaten
stürmisch in die Grösse ihres Landes hineingewachsen, ohne dass
man heute von einem Aufhören dieser Entwicklung sprechen
könnte, während dieBevölkerung Deutschlands, soweit sie imLande
blieb, wesentlich langsamer wuchs und durch das Diktat von Ver-
sailles einen Abstrich erlebte, der seither erst zu einem Teil wieder
durch weiteren Bevölkerungszuwachs ausgeglichen ist. Der Druck
der deutschen Bevölkerung nach aussen, aus Deutschland hinaus,
ist ständig auffallend stark.

Wie steht es nun mit der wirtschaftlichen Aktionskraft der Ver-
einigten Staaten, wie hoch ist ihr Anteil an der Roheisen-, Rohstahl-
und Steinkohlenerzeugung ?

Die Roheisen- und Rohstahlerzeugung der Welt in den Jahren
1913 und 1925 zeigt das Bild 5.

Der Anteil Amerikas — der gleichbedeutend mit dem Anteil der
Vereinigten Staaten ist — an der Welterzeugung in Roheisen und
Rohstahl ist überragend. Gegenüber Frankreich und England
zeigen die deutschen Ziffern ein verhältnismässig günstiges Bild.
Deutschland hat Elsass-Lothringen und Oberschlesien, für eine
Reihe Jahre das Saargebiet und den wirtschaftlichen Einfluss auf
Luxemburg verloren. Wenn man die Vorkriegsproduktionsziffern
dieser Gebiete für 1913 abzieht und so mit der Produktionsleistung
des verkleinerten Deutschlands von 1925 vergleicht, ergibt sich,
dass im besonderen unsere Stahlproduktion im Jahre 1925 grösser
war als 1913. Die Roheisenproduktion ist etwas zurückgeblieben.

Die Deutschland abgenommenen, obenerwähnten Teile seiner
Roheisen- und Rohstahlproduktion sind, wie die Statistik ausweist,
Frankreich nicht in vollem Ausmass zugute gekommen. Es hat
eine Zersplitterung stattgefunden. Sie ist überdies mit einer
Standortsverschiebung in der Beziehung von Erz zu Kohle parallel
gegangen. Deutschlands Eisen- und Stahlerzeugung basiert heute
im wesentlichen auf anderen Erzauellen als vor dem Kriege, weil
die Ansprüche an die Erzaualitäten sich zugleich mit der zu-
nehmenden Stahlerzeugung grundlegend verändert haben.

Englands Roheisen- und Rohstahlerzeugung hat sich gegenüber
demVorkriegszustand ganz wesentlich verringert. Seinen Grund hat
das mit darin, dass einzelne Konsumländer, im besonderen auch
ar

er
nr
        <pb n="25" />
        Deutschland Frankreich England Sonstige
Belgien Luxemburg
Din SO B 25 45 BB 2 1 25 3.25 Be 5% a 5% 3 G He
2
Doheisen Rohstahl
6 1925 198 7925
——— en &gt; r—
S "Andere Länder-| e
. —Luxemburg
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und Saar) e N
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Staaten
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wild 5
416
93
        <pb n="26" />
        solche, zu denen England von jeher in engerer Beziehung stand,
wie Indien und Australien, eine grössere Erzeugung als in der Vor-
kriegszeit zu verzeichnen haben. . Das gilt auch für Italien, Spanien,
Japan und andere Länder.

Wenn die Roheisen- und Rohstahlerzeugung der Welt für 1913
und für 1925 mit je 100 dargestellt wird, ergibt sich eine sehr
beachtliche Verschiebung der einzelnen Anteile an dieser Er-
zeugung. Sie sind in dem Bild 6 graphisch dargestellt.

Sowohl für Roheisen wie für Rohstahl ist die Steigerung des
Anteiles der Vereinigten Staaten an der Welterzeugung ganz auf-
fällig. Für die deutschen und die französischen Anteile gilt, was
schon weiter oben über die Verschiebung der rechnerischen Unter-
lagen gesagt worden ist. Der Rückgang der englischen Roheisen-
produktion in ihrem Anteil an der Welterzeugung ist besonders
beachtlich.

Die Roheisenerzeugung der Welt war im Jahre 1925 nach den
vorläufigen Ziffern um rund sechs Hundertteile geringer als im
Jahre 1913, den Verlust tragen England mit 41 Prozent, Deutsch-
land mit 6 und Frankreich mit 4 Prozent ihrer Produktion. Die
kleinen Länder verloren 48 Prozent ihrer Erzeugung.

&gt; Gesteigert haben ihre Roheisen-
198 1925 erzeugung Luxemburg um 98, die
Vereinigten Staaten um 17 und Bel-
gien um 3 Prozent.
Die Rohstahlerzeugung der Welt

De war im Jahre 1925 um rund 12 Pro-
zent grösser als 1913. Luxemburg

Y steigerte seine Produktion um 72,
en die Vereinigten Staaten um 40 und
GiEN—— Deutschland um 1 Prozent. Zurück-

Frankreich‘ gegangen ist die Stähle tnen m
Belgien um 5 Prozent, in Englan

Deutschlano um 3, inFrankreich um 1 und in den
kleinen Ländern um 42 Prozent.

Die nachfolgenden Zahlenreihen

England zeigen die Veränderung der Roh-
eisen- und Rohstahlerzeugung der
Welt insgesamt und in ihrem Anteil

= an der Welterzeugung für die Jahre

Vereinigte 1913, 1924 und 1925.

Staaten Deutschland und die Vereinigten
Staaten sind in der Tabelle beson-
ders hervorgehoben.

Die Steinkohlen -Welterzeugung
zeigt das nebenstehende Bild.

924
        <pb n="27" />
        1915 1924 1925”)
Anteil Anteil Anteil
an der ı an der ı an der
Sn Welt-Er- man Welt-Er- bnszesan Welt-Er-
zeugung zeugung zeugung
in 1000t| in % in 1000t, in % ‚in 1000t in %
a) Roheisenerzeugung:
Weit... . 0031 100,00 || 66 418 100,00 || 74 235 , 100,00
Davon:
Vereinigte Staaten, . 31462 39,81|| 31574 47,54|| 36 677. 49,41
Deutschland!) .... 10913 13,81'| 7812 11,75 | 10221 13,77
England.) 7. 10650 13,48|| 7426 11,20| 6303 8,49
Frankreich?) ,.... 10357 "13,101 1904] 13,61') 9901 13,34
Belgien ee 2485 3,141 2808 4,23 ı 2550 3,44
Luxemburg... : 1182 1,501 2176 3,28 12344 3,15
Uebrige Länder... 11982 15,16 5571 8,39 6239 8,40
b) Rohstahlerzeugung :
We 790324 100,00 | 75603 100,00 || 84 230 | 100,00
Davon:
Vereinigte Staaten... 31803 42,21 38541 50,98 | 44 637 | 52,99
Deutschland!) .... 12230 16,24 9835 13,02 | 12 321 14,63
England... 7786 10,34 8349 11,04! 7551 8,96
Frankreich?) ‘, .... 9053 12,02 8333 1102| 9009 10,70
Belgien. 2467: 3,28 2861 3,78! 2350 2,79
Luxemburg 1... ... 12120 1,6101 886 2,49!) 2082 2,47
Vebrige Länder ... u 10773) 14,30, 5798, 7,67 || 6280 7,46
*) Für das Jahr 1925 sind die Erzeugungsziffern in der Weise ermittelt, indem für die
fehlende Monatsproduktion des Dezember diejenige des November eingesetzt wurde,
‘) Jetziges Reichsgebiet, also ausschließlich Elsaß-Lothringens, Saar u, Poln.Oberschlesiens,
?) Frankreich einschließlich Elsaß-Lothringens und das Saargebiet.
Die Steinkohlen- Welterzeugung 1913 und 1925.
Monatsdurchschnitt
1913 | 1025)
(in Millionen Tonnen)
Vereinigte Staaten; EST 43,09 43,75
Band. 24,34 20,44
Produktionsgebiete Deutschlands, Frankreichs
und Polens ZUSAMMEN... A 19,99 18,43
(Deutschland) . BET AH ET NEON an (15,84) (11,02)
(Frankreich)... N (3,40) (5,02)
(Polen ee N (0,75) (2,39)
Belgien EA a 1,90 1,93
Holland... TEN. a, 0,16 0,56
Jahres-Weltproduktion , 1%16,0 —— 1151,0
1) Vorläufige Ergebnisse; zum Teil geschätzt,

95
        <pb n="28" />
        Die Weltproduktion an Steinkohle war im Jahre 1925 um etwa
6% Prozent geringer als 1913 und sogar um rund 1% Prozent
niedriger als im Jahre 1924. Der einzige bedeutende Produzent,
der seine Erzeugung während der letzten zwölf Jahre auf gleicher
Höhe zu halten vermochte, ist Amerika. Der Anteil der Vereinigten
Staaten an der Weltproduktion hat sich infolgedessen von 35,4
Prozent in 1913 auf 38 in 1925 gesteigert. An zweiter Stelle steht
England mit 17,7 gegen 20 Prozent vor dem Kriege.

Die kontinentale Gruppe Frankreich-Deutschland-Polen hat als
Gesamtkomplex sowohl absolut als auch relativ einen Produktions-
rückgang zu verzeichnen, der sich infolge der Änderung der
politischen Grenzen jedoch nur bei Deutschland zeigt. Deutsch-
lands Produktion ist von 1913 bis 1925 um reichlich 30 Prozent
gesunken, so dass der relative Anteil Deutschlands an der Welt-
erzeugung von 13 auf 9,6 Prozent zurückging.

Bei der Veränderung der Steinkohlen-Welterzeugung ist zu be-
achten, dass im besonderen in Europa (Deutschland) die Braun-
kohlengewinnung gewaltige Fortschritte gemacht hat, und dass
zum anderen die Wärmewirtschaft und damit die bessere Aus-
nutzung der Heizkraft der Kohle sich weiterentwickelt hat.
Ausserdem sind das ÖZ — der grosse Konkurrent der Kohle — und
die Wasserkrait als Energiequellen rasch zu erstaunlicher Ent-
wicklung gekommen. Das gilt im besonderen für Nordamerika.

Das hier nur in flüchtigen Zügen gezeichnete Kraftfeld der Ver-
einigten Staaten und dessen Vergleich mit dem Deutschlands
gibt — so denken wir — genügend Beweiskraft für die Abwehr
oberflächlicher Vergleiche zwischen Deutschland und Nordamerika,
Der entscheidende Beweis für die Unterschiedlichkeit der beiden
Wirtschaften liegt aber in den Tatbeständen ihrer Wirtschafts-
geschichte.

Deutschland ist wirtschaltsgeschichtlich, im besonderen in
seinen westlichen Teilen, altes Kulturland. Hier haben sich aus der
Hauswirtschaft in jahrhundertelangem Ringen die Stadtwirt-
schaften, aus dieser Verlagssysteme und moderne Fabrikproduktion
entwickelt. Der deutsche Weg von der Naturalwirtschaft zur
Geldwirtschaft führt über ein Jahrtausend.

In den Vereinigten Staaten hat sich die Geldwirtschaft nicht aus
der Naturalwirtschaft entwickelt. Die wirtschaftlichen, sozialen
und politischen Ideen, im besonderen Englands und Frankreichs,
prallten im Ausgang des 18.Jahrhunderts mit der Naturalwirtschait,
der primitiven Nomadenwirtschaft der Ureinwohner Amerikas
plötzlich zusammen. Dabei siegte die europäische Form der Land-
und Weidewirtschaft zugleich mit den europäischen Handels-
methoden und den aus der französischen Revolution erwachsenen
Staatsideen. In diese neue Welt der übertragenen Formen und

26
        <pb n="29" />
        Gedanken brachte der einwandernde Deutsche eine Vorstellungen
und Erfahrungen der handwerklichen Produk om SC af &gt;

Die Entwicklung der Vereinigten Staaten hätte dennoch fick die
ihr eigenartige und wohl einzigartige Ric ltung genommen;5\ enn
nicht zwei aus jenen Verhältnissen erwachsene Auswitkünge Sich
£gewissermassen progressiv gesteigert hätten, U

Die eine Auswirkung entstand daraus, das S-Europa sein® umter-
nehmungslustigsten Kräfte und die Menschen äch den \Vetgsi igten
Staaten abgzab, die geistige Freiheit — an StöHesreligiöfer oder
Dolitischer Unterdrückung — suchten. Jeder amerikanische Ein-
Wanderer war Individualist. Da das Land #rei war, baute sich
jedermann sein eigenes Reich. So strömte der gedankliche Inhalt
europäischer Lebens- und Wirtschaftsformen in ein unendlich er-
scheinendes, jungfräuliches und praktisch herrenloses Gebiet. Dabei
erstickten mit der primitiven Nomadenwirtschaft auch die Ur-
einwohner.

Die Vereinigten Staaten haben also im europäischen Massstabe
keine wirtschaftsgeschichtliche Vergangenheit, keine Jahrhunderte
alten und versteinerten Formen, die umgeschliffen, gesprengt,
beseitigt und neugestaltet werden müssten, damit sie den Be-
dürfnissen der werdenden Zeit gerecht werden. Man denke dem-
gegenüber daran, dass in Deutschland eine ganze Generation ihre
Kraft verbrauchen musste, die tausend Landesgrenzen und Zoll-
schlagbäume des 18. Jahrhunderts zu beseitigen, um den nord-
deutschen Zollverein zu verwirklichen. Man erinnere sich, dass der
Kampf um die Gewerbefreiheit sich als soziale Revolutionierung
auswirkte.

Man kann also geradezu von einer Gründung der amerikanischen
Wirtschaft sprechen; sie liegt kaum hundert Jahre hinter uns.

Dann setzte der gewaltige Menschenzufluss ein.

Damit stossen wir auf die andere Voraussetzung der amerika-
nischen Wirtschaftsentwicklung: Die Geschichtslosigkeit der
amerikanischen Wirtschaft in Verbindung mit der kolonialen Besitz-
Srgreifung des Landes gab dem Handel einen mächtigen Impuls.

‚Die Geschichte der politischen Geographie lehrt uns, dass nicht
die Gütergewinnung, sondern die Verteilung der Güter sowohl ent-
Stehenden wie wachsenden Staatsgemeinschaften den Weg bahnt.
Nicht derProduzent, sondern der Händler hat entdeckt und erobert!
Die Verkehrsstrassen des Handels waren und sind es, die sich zum
wirtschaftlichen Gerippe der jungen Staaten ausbilden.

Betrachten wir die Vereinigten Staaten von Nordamerika unter
diesem Gesichtspunkt.

Dieser Staatenbund hat sich in wenigen Menschenaltern aus einem
kleinen atlantischen Küstenstaat zu einem Lande von 7,8 Millionen
Quadratkilometern entwickelt. Hinter dem erobernden und besitz-
97
        <pb n="30" />
        ergreifenden Kolonisten wanderte der Handel. Seine Wege gingen
vom Osten aus den Hudson und Delaware hinein nach dem Westen,
vom französischen Norden her (Kanada) durch die grossen Seen
nach Süden und vom Süden aus den Mississippi aufwärts nach
Norden. Diese Entwicklung kam zu einem gewissen Abschluss,
als das dreifache Eindringen in den amerikanischen Kontinent sich
in dem gewaltigen Stosse vereinigte, der die Vereinigten Staaten
bis zur Pazifischen Küste westwärts ausdehnte. ;

Die dünne und nur strichweise Besiedelung dieses ganzen riesen-
haften Kontinents wurde durch den Handel zu einer wirtschaftlichen
Einheit verwebt, wenn auch erst nur in weiten und dünnen Maschen.
Dieser selbe Handel ist es überdies, der heute im Norden das
englische Kanada und im Süden das spanische Mexiko ständig
inniger mit der Wirtschaft der Vereinigten Staaten verknüpft.

Jener amerikanische Handel war aber von anderer Art, als er
sonst bei Gewinnung neuer Märkte erkennbar ist. Hier brauchte er
nicht Bedürfnisse zu erwecken, er musste solche, die aus alten
Kulturkreisen, durch die europäischen Einwanderer mitgebracht
worden waren, befriedigen. Nach unserer Auffassung liegt in diesen
Ursachen ganz wesentlich der Grund zur Vereinheitlichung des
amerikanischen Geschmacks, die dann wieder die Massenproduktion
begünstigt hat. Der Konsument überliess die Art der Bedürfnis-
befriedigung dem Handel, damit überliess er ihm auch die Aus-
drucksform der Waren, die Gestaltung der Mode.

Alles, was nach Amerika kam, hatte aus irgendwelchen
Gründen in der Heimat seine Existenz aufgegeben. Für jedermann
wurde die Neuschaffung der Existenz oder die Erfüllung eines
bisher versagt gebliebenen Glückes oder beides zum Ziel seiner
Betätigung. So rückte all das an mitgebrachtem, an differen-
ziertem Geschmack, Lebensstil, Ausdrucksform und an geistigen
Werten, was wir in Europa Kultur nennen (ohne dass es dies über-
dies immer wäre), ständig als eine mehr nebensächlich erscheinende
Bedürfnisbefriedigung in den Hintergrund. Im Vordergrund stand
die Schaffung der Existenz, die Hoffnung auf Ersparnis, auf Besitz.

Der Handel spaltete sich in Warenhandel, und Verdienst-
ansammlung und Verwaltung (Geldhandel), sie beide gemeinsam
vervollkommneten die Massenproduktion.

Gegenüber dieser in wuchtigem Tempo voranschreitenden Ent-
wicklung der „normisierten“ Produktion von alltäglichen Bedarfs-
gütern vermochten sich zuletzt auch jene Einwanderergruppen
nicht zu halten, die festgefügte Wirtschafts- und Lebensformen aus
Europa mitgebracht hatten und pflegten. Diese konservierten Er-
innerungen an die alte Heimat haben sich bis heute im wesentlichen
nur in geistigen Wesensunterschieden noch zu erhalten vermocht,
und sie werden wohl auch, aus bestimmten Gesetzen des Gesell-
28
        <pb n="31" />
        Schaftslebens heraus, sich weiter erhalten. Aber die Produktion,
die Wirtschaft auch dieser Menschen, ist „amerikanisiert“.

So erwuchs das Amerika, wie wir es heute kennen: Vor einem
Jahrhundert erst entstanden, ausdehnungsfähig auf ungeheurem
Raume, besiedelt mit allen individualistischen Energien der Alten
Welt, ohne wirtschaftsgeschichtliche Fesseln, konzentriert auf die
Erlangung von Besitz, auf Erfüllung aller Hoffnungen, die sich
Menschen nur zu machen vermögen: Dies Land ist optimistisch,
optimistisch bis zum Kraftmeiertum. Dieser Stolz wird dadurch
noch vergrössert, dass man den Nationalreichtum bewusst und
mit Erfolg in die Wagschale der Weltgeschichte zu werfen ver-
mochte.

Das Alte nicht beachten, an das Neue glauben — das ist Amerika!

Die Vereinigten Staaten haben sich zwar eigenartig entwickelt,
aber sie konnten sich nicht isoliert gestalten; so ist auch Amerika
in der Konstruktion der Wirtschaft und in der sozialen Schichtung
mit den Verhältnissen und Zuständen in den kapitalistischen Pro-
duktionsgebieten der übrigen Welt durchaus verwandt. Aber die
geistige Einstellung ist eine andere. Sie wird aus dem verständlich,
was hier gesagt wurde, zumal dann, wenn es mit dem verglichen
wird, was über die Gedanken des amerikanischen Gewerkschafters
zum Thema Klasse und Klassenkampf im dritten Abschnitt dieses
Berichtes gesagt wird.

Unsere Darstellung wird dem aufmerksamen Leser, so wenig sie
auch erschöpfend zu sein vermochte, doch klargemacht haben, dass
es einen schematischen Vergleich zwischen Deutschland und den
Vereinigten Staaten ebensowenig gibt, wie es unmöglich erscheinen
muss, durch mechanisches Übertragen eines Konstruktions-
Dartikelchens oder einiger Lebensformen Amerikas die Wirtschaft
Deutschlands auf gesündere Wege zu bringen.

Ebenso wie einem Sklaven die Freiheit wertlos sein muss, wenn
£r sie nicht selbst ersehnt, genau so ist die Gesundung der deutschen
und auch der europäischen Wirtschaft nur in dem Masse möglich,
wie der Wille dazu in Europa und in unserem eigenen Lande vor-
handen ist.

Die Beireiung der europäischen Wirtschait aus den Fesseln ihrer
Rückständigkeit kann nur ihr Werk selbst sein!

Die Gewerkschaften betrachten es als ihre grosse Aufgabe, allen
denen, die sich diesen Notwendigkeiten entgegenstellen, schärfsten
Kampf ANZUSagen. Zugleich bieten sie allen Arbeitern, auch in
fernsten Ländern, die mit ihnen gemeinsam arbeiten wollen,
die Hand.

99
        <pb n="32" />
        Die deutschen Gewerkschaften sind sich bewusst, dass es keine
allgemein gültigen Rezepte der Theorie gibt, die nur praktiziert zu
werden brauchen, um immerwährenden Sonnenschein zu schaffen.
Aber der grosse Gegensatz ist im alten Europa und im besonderen
in Deutschland der gleiche wie im jungen Amerika! Die Realitäten
des Tages werden über der grossen Perspektive der Zukunft von
den Gewerkschaften nicht übersehen. Sie wissen, dass zwischen
dem heute und dem Ziel der Weg liegt. Deswegen haben ihre Ver-
treter bei der Studienreise in den Vereinigten Staaten nicht An-
zeichen der kommenden „grossen Auseinandersetzung‘“ gesucht,
sie haben aber die deutlichen Spuren des Weges gefunden, der zu
sozialen Erkenntnissen und Kämpfen führen muss.

Fbenso wie der amerikanische Arbeiter nur auf seinem eigenen
Boden das werden konnte, was in diesem Bericht geschildert wird,
so ist auch der amerikanische Unternehmer ein spezifisches Pro-
dukt seines Junglandes. Hier sollen nicht die Menschen, sondern
ihre Taten und ihr Tun dargestellt und vergleichend untersucht
werden. Deswegen sind die praktischen Resultate der deutschen
und der amerikanischen Wirtschaft und nicht ihre Theorien mit-
einander in Beziehung gesetzt. Dabei ist nach bestem Wissen und
Gewissen objektiv verfahren worden. Das Urteil ist häufig dem
Leser selbst überlassen, weil es uns selbstverständlich erschien.
Der Standpunkt des deutschen Gewerkschafters ist bekannt genug,
als dass es notwendig erschiene, ihn fortgesetzt zu wiederholen.

2. Das Tempo der Produktion.

Das Tempo der Produktion steht heute im Vordergrund der Dis-
kussion. Dabei wird gemeinhin unter „Tempo der Produktion“ das
Leistungsauantum des Arbeiters in gegebener Arbeitszeit bei be-
stimmter körperlicher Anstrengung verstanden. Hier bleibe noch
unerörtert, dass damit unter einem Sammelbegriff, der schon mehr
ein Schlagwort ist, sehr Unterschiedliches zusammengefasst wird.
Vorerst sei unterstrichen, dass das „Tempo der Produktion“, ganz
gleich, was man sich darunter auch vorstellen mag, aus dem Zu-
sammenhang des lebendigen Kraftfeldes einer Wirtschaft gelöst,
nur bei Berücksichtigung erheblicher Einwendungen beobachtet
werden kann.

Das „Tempo der Produktion“ — auf den arbeitenden Menschen
bezogen — ist in seiner Intensität, nicht nur durch den „guten
Willen“ oder — negativ gesehen — den „bösen Willen“, noch allein
durch die im Arbeitenden vorhandene physische Kraft bestimmt.
Es sind z.B. als das „Tempo“ des Arbeitenden mit beeinflussende
Faktoren die besonderen Voraussetzungen der Arbeit zu beachten:

30
        <pb n="33" />
        die Art der Arbeit (Ermüdungseinwirkung), die physische und
Psychische Veranlagung des Arbeiters (Eignung), aber auch Vor-
AuSsetzungen allgemeiner Natur: Ernährungszustand, Arbeitsdauer,
Betriebshygiene und anderes mehr. Auf die materiellen Elemente
der Arbeit bezogen, ist das „Tempo der Produktion“ im besonderen
von der Qualität des Rohmaterials, von dem Zustande der Appara-
turen und Werkzeuge, von der Organisation des Betriebes und ver-
Schiedenem sonstigen abhängig. Dazu kommt, dass die Art der
Produktion, als allgemeine materielle Voraussetzung des „Tempos“,
wie Grad der Einheitlichkeit der Erzeugnisse, Produktionsmenge
und manches andere mehr, ebenfalls das „Tempo“ mitbestimmt.

Aber auch bei Anerkennung der Mitbestimmung des „Tempos der
Produktion“ durch die erwähnten Elemente und bei deren Abstrich
wird die Intensität der Arbeit, zumal in Deutschland, zumeist nur
in der Quantität, gewissermassen in der Fläche, aber nicht in ihrer
Tiefe, in ihrer Qualität, gesehen.

a) Untersuchung über die Quantitätsleistung.

Die Ertragshöhe der Arbeit (Resultat in Stück, Quadratmeter,
Gewicht usw. bei gegebener Arbeitszeit) wird dem Arbeiter als
Resultat des Tempos (seiner „Fixigkeit“, der „Schnelligkeit“ seiner
Maschine) hingestellt.

Die übliche Schlussfolgerung für eine mögliche Steigerung der
Leistung in der Warenproduktion ist bei dieser, sagen wir
Quantitätsmeinung sehr einfacher Natur: Der Arbeiter möge bei
der Arbeit weniger bummeln, oder: Die Arbeitszeit sollte länger
ausgedehnt werden; oder: Es muss das mögliche Maximum erreicht
werden.

Viele Quantitätstheoretiker schlagen alles dies zugleich vor.

Die Vervielfachung des Leistungseffektes wird von diesen
„Quantitisten‘“ dann als einfache Häufung („viele“ Maurer auf
Sinem Bau, „viele“ Erdarbeiter bei einer Ausschachtung) gesehen.
Ebenso glaubt man, dass die Steigerung des Effektes durch
Tascheren Lauf der Maschine ohne weiteres erreichbar sei.

Es Muss in jener Gedankenreihe konsequent erscheinen — so
unlogisch es auch ist — den Einbau des „fliessenden Bandes“ (den
Konveyor) als Ideallösung aller Quantitätsprobleme zu betrachten.
Die „laufende“ Fabrikation gibt sich bei der Beobachtung durch den
Quantitätsanbeter nicht nur als automatisch reguliertes Tempo der
Produktion, Sondern auch als Ausschaltung des Arbeiterwillens, des
Dsychischen Elements der Arbeit.

Wissenschaftlich glorifiziert nennt sich das Quantitätsprinzip in
Deutschland gern »Taylorismus“.

31
        <pb n="34" />
        Es wird natürlich erscheinen, dass die deutschen Gewerkschafter
bei ihren Studien in den Vereinigten Staaten, dem Geburtslande
Taylors, mit einiger Erwartung alles beobachteten, was mit dem in
Deutschland üblich gewordenen Argument von der amerikanischen
Arbeitsintensität zusammenhing ‚oder doch zusammenzuhängen
schien. Kamen wir doch aus einem Lande, wo von besonderer Seite
(Generaldirektor Köffgen — Siemens-Schuckert — in seinem
Buche: „Das wirtschaftliche Amerika“) gesagt worden ist, dass
durch längere und intensivere Arbeit leicht zwanzig Prozent Mehr-
produktion aus der deutschen Wirtschait herausgeholt werden
könnten.

Diese Quantitätstheorie derProduktionssteigerung hatinDeutsch-
land wohl auch deswegen so beachtliche Anhänger, weilangenommen
wird, dass andere Möglichkeiten der Intensivierung der Produktion,
von der Verbesserung des Maschinenparkes bis zur völligen
Arbeitsteilung und von der Normisierung bis zum Einheitsfabrikat,
vorläufig im besonderen aus Kapitalmangel, aber auch aus
historischen und psychologischen Gründen nicht gegeben seien“).

Aus diesem Grunde wird geschlossen, dass bei uns zurzeit in
erster Linie nur die Möglichkeit der /nfensivierung der Arbeit durch
den Arbeitenden (Steigerung der Leistung pro Mann) gegeben sei.

Hierbei könne von Amerika vieles gelernt und übernommen

werden.

Mehrleistung in jenem Sinne ist nach dieser Auffassung sofort

zu erreichen durch:

1. Physisch gesteigerte Leistung des Arbeiters:

a) „Fixere“ Arbeit, erhöhte Anspannung der Arbeitskraft,

b) weniger tote Zeit (Arbeitsbereitschaft) während sich wieder-

holender Arbeitsvorgänge,

c) längere Arbeitszeit,

d) verschärfte Aufsicht.

2. Beschleunigung des technisch bestimmten Tempos:

a) Schnellere Bewegung der Maschinen.

1) Nebenbei sei hier bemerkt, dass in den Vereinigten Staaten der Befriebskredit dem
Unternehmer durchaus nicht leichter zufliesst als bei uns. Es ist mehr das Umgekehrte der
Fall. Ehe in Amerika ein Unternehmer irgendwelchen Kredit erhält, muss er sich vor der
Bank, dem Geldgeber, bis aufs Hemd ausziehen, Er hat nicht nur bei der Kreditentnahme
sich gefallen zu lassen, dass ihm bis in den letzten Winkel seines Betriebes hinein-
geleuchtet wird, auch solange der Kredit läuft, hat er sich bei seiner Arbeit und in seinen
Büchern mit recht einschneidenden, laufenden Kontrollen seines Gläubigers abzufinden, In
den Vereinigten Staaten fällt trotz Geldüberfluss kein Dollar in eine Fabrik, ehe nicht deren
Leiter bewiesen hat, dass er ihn arbeiten zu lassen vermag

Bei uns wird die Kreditgewährung — dies gilt im besonderen für Staatskredite — häufig
genug als unveräusserliches Unternehmerhoheitsrecht betrachtet.

39
        <pb n="35" />
        3. Häufung der Funktionen:
a) Mehrere Maschinen in einer Hand (Textilindustrie!),
b) Erledigung verschiedener Arbeiten durch einen Arbeiter
(Nebenbei-Arbeit).
4. Umbildung der Lohnmethoden:

a) Stücklohn (Akkord),

b) Prämien.

Das Prinzip ist also die Erreichung eines Maximums durch
Häufung aller quantitativenBeschleunigungsmomente der physischen
Arbeit einschliesslich Ausdehnung der Arbeitsdauer.

Wir sind der Auffassung, dass es mit zu den Hauptaufgaben der
Studienreise gehörte, an der Hand der Tatsachen zu prüfen, inwie-
weit diese deutsche Betriebsideologie in den Vereinigten Staaten
von Amerika als gleichgerichteter Gedankengang vorhanden ist; mit
anderen Worten: Inwieweit die wirtschaftlichen Erfolge und im
besonderen die Produktionsleistungen der Vereinigten Staaten auf
praktisch angewandte OQuantitätstheorie zurückzuführen sind.

Weiter war zu beobachten, ob etwa andere als die erwähnten
theoretischen Auffassungen in die Praxis der Amerikaner übersetzt
worden sind. Oder ob aus dieser Praxis wissenschaftliche Formeln
zum Leistungsproblem entwickelt wordensind, die mit der deutschen
Quantitätstheorie nicht übereinstimmen.

Die entsprechenden Beobachtungen wurden zumeist praktisch in
den amerikanischen Betrieben durchgeführt. Literatur arbeits-
wissenschaftlicher Art wurde ebenso in den Hintergrund gestellt,
wie die häufig in die Hand gegebenen Darstellungen, in denen Ge-
schäftsleitungen die Methoden und Erfolge ihrer Arbeit unter be-
triebswissenschaftlichen Gesichtspunkten aufzeigen. Diese weit
verbreiteten Arbeiten sind dadurch charakteristisch, dass sie mit
Reklame verknüpft sind; es ist allerdings eine psychologisch fein-
fühlige Werbemethode. In der Mehrzahl der Fälle mag der Fehler
Solcher Darstellungen weniger in der Sache selbst liegen, er ent-
Steht daraus, dass die Väter solcher arbeitsorganisatorischen
Leistungen mit elterlichem Optimismus auf die Kinder ihres Geistes
Schauen; es mangelt ihnen an der uninteressierten Objektivität.

Die Nachteile jeder Darstellung, die vorwiegend auf Sehen, Ver-
gleichen und Befragen aufgebaut ist, sind uns natürlich bekannt.
Wir haben diese Methode der Untersuchung dennoch vorgezogen,

© weil Sie einmal durch die Art der Reise gegeben war, zum anderen
et auch deswegen, weil sie den nicht zu verachtenden Vorzug hat,
ne dass sie in ihren Tatbeständen und Schlussfolgerungen gewisser-
eh Massen unter realer Kontrolle steht. Das ist bei den Aufrissen und
In Durchschnitten der Wissenschaftlich-theoretischen Methode meist
S nicht der Fall, deren Konstruktionen lassen den Streit um Begriffe
fig ind Auslegungen zu, ja fordern ihn häufig genug geradezu heraus.

33
        <pb n="36" />
        b) Die physische Leistung des amerikanischen Arbeiters.

Schon die erste Betrachtung der Arbeitsintensität in den Ver-
einigten Staaten zeigte, dass bei Tempovergleichen grobe Fehl-
schlüsse ausserordentlich naheliegen und von anderen Beobachtern
auch häufig gemacht worden sein müssen.

Wenn man Tempovergleiche durchführen will, muss die gleiche
Ausgangsbasis vorhanden sein. Sie ist aber im wesentlichen weder
für den Arbeiter noch für die materiellen Voraussetzungen seiner
Arbeit im Vergleiche zwischen Deutschland und den Vereinigten
Staaten ohne weiteres vorhanden.

Ernährung und psychologischer Zustand („Zufriedenheits“-
stimmung) des deutschen und amerikanischen Arbeiters dürfen
nicht ohne weiteres gleichgesetzt werden. Dasselbe gilt für die
materiellen Voraussetzungen der Arbeit, wie sie einleitend in diesem
Abschnitt schon angedeutet worden sind. Ebenso ist die Arbeits-
dauer unterschiedlich; sie kann zwar bei Gegenüberstellungen auf
den gleichen Nenner gebracht werden, sie ist in ihrem Gehalt
dennoch nicht die gleiche.

Über die Arbeitszeit in den Vereinigten Staaten ist an anderer
Stelle das Notwendige gesagt. (Siehe den zweiten Teil desBerichts.)

Zum Ernährungszustand darf wohl als unbestreitbar festgestellt
werden, dass er beim amerikanischen Arbeiter im allgemeinen er-
heblich günstiger ist als beim deutschen Arbeiter. Die Gründe dafür
sind bekannt genug, sie brauchen nicht im einzelnen angeführt zu
werden. Hier sei nur auf einen sehr wichtigen Gegensatz zwischen
Amerika und Europa, damit auch zwischen den Vereinigten Staaten
und Deutschland, hingewiesen.

In den Vereinigten Staaten ist die Kaufkraft des Geldes gegen-
über dem Allernotwendigsten am grössten, sie sinkt um so mehr,
je weiter man in der Skala der Kulturgüter nach oben geht. Bei
uns in Deutschland ist es umgekehrt. In Auswirkung des Krieges
und der Inflation ist noch heute das Unentbehrlichste (Nahrung,
Kleidung) am teuersten, während die Güter der höheren Lebens-
haltung wesentlich billiger sind.

Aus diesem Gegensatz erklärt sich, dass in den Vereinigten
Staaten auch bei dem schlechtest entlohnten Arbeiter der Anteil
seines Finkommens, der zur Bezahlung eines Existenzminimums
notwendig ist, kleiner ist als bei uns in Deutschland. So bleibt im
besonderen dem besser bezahlten amerikanischen Arbeiter ein er-
heblich grösserer Anteil seines Lohnes für andere Ausgaben als die
des Existenzminimums. Damit ist an sich seine soziale Lage keine
andere als die des deutschen Proletariers, aber er ist ihr gegenüber
körperlich und geistig in anderer Position. (Das führt beim ameri-
En Arbeiter manchmal zur Täuschung über seine soziale
Lage.
34
        <pb n="37" />
        Der psychologische Zustand („Zufriedenheits“stimmung) des
amerikanischen Arbeiters ist ebensowenig gleichmässig, wie seine
Lohn- und Arbeitsbedingungen und damit seine soziale Position
einheitlich sind.
) Auch hier, im materiellen Fundament des psychologischen Zu-
T Standes, drückt sich ein förmliches Gesetz des Gegensatzes
n zwischen Deutschland und Amerika aus.
T In Deutschland hat sich infolge des Krieges und aus der Um-
n bildung der Industrie heraus der Ungelernte in seinem Finkommen
dem Lohnniveau des gelernten Arbeiters stark genähert. Die
m Inflationszeit hat an diesem Tatbestand im wesentlichen nichts ge-
n ändert, die im Gange befindliche Umbildung der Produktions-
e methodenin der deutschen Wirtschafterzeugt weiter eine vermehrte
n Auswirkung jener Entwicklung. Die soziale Oberschicht der Arbeit-
: nehmer, die Angestellten (kaufmännische und technische An-
+ gestellte, ebenso Werkmeister), sind im besonderen während der
It Inflation, aber auch weiterhin aus den schon erwähnten Umbildungs-
tendenzen der Wirtschaft heraus der Schicht der gelernten Arbeiter
T entgegen, also sozial nach unten gerückt. Die Spanne zwischen
) den Angestelltengehältern und dem Einkommen der gelernten
It Arbeiter ist ständig geringer geworden.
F Es hat eine Zusammenpressung der einzelnen Schichten der
ir deutschen Arbeitnehmer stattgefunden. Zugleich ist die Arbeit-
u nehmerschicht in ihrer Gesamtheit in der realen Finkommenshöhe
nm und damit in der sozialen Gesamtstufung innerhalb der Gesell-
n schaft tiefer gedrängt worden, als sie vor dem Kriege stand.
In den Vereinigten Staaten hat die Weltkriegskoniunktur eine
ü- wesentlich andere Entwicklung ausgelöst, die auch durch die grosse
Tr, Nachkriegskrise in ihrer Tendenz nicht verändert wurde.
Ss Der Weltkrieg hob nicht nur die Preise, sondern auch die Löhne.
ze Da in den Vereinigten Staaten die soziale Einzelschattierung der
Sr Arbeiter ausserordentlich vielgestaltig ist und im wesentlichen der
Unterschied zwischen gelerntem und ungelerntem Arbeiter zugleich
= I Zwischen gewerkschaftlich organisiertem und unorganisiertem
il di an Ist, So vermochten bei der allgemeinen Aufwärtsbewegung
ns währe NE der gelernten (gewerkschaftlich organisierten) Arbeiter
an elren st Jahre 1914 bis 1918 und dann bis 1920 lebhafter zu
rn and an die der übrigen Arbeiter. Dort, wo die persönliche Wider-
lie © ib vi ee AM geringsten ist, wo die Energie des sozialen Auf-
ne 69S DISAEF nicht organisiert werden konnte — bei den frisch Ein-
er an den Negern usw. —, da wurden die Löhne von der
r- een C Ger Anfwärtsbewegung naturgemäss am wenigsten mit-
le S ZOgen. SO ist seit 1914 in den Vereinigten Staaten nicht eine Zu-
“mmenschiebung der einzelnen Arbeiterschichten — wie sie in

35
        <pb n="38" />
        Deutschland stattgefunden hat —, sondern eine Auseinanderziehung
eingetreten.

Die Krise warf in den Vereinigten Staaten den Preisindex ge-
waltig nach unten. Es mussten auch viele Löhne weichen. Dort, wo
die Gewerkschaft hinter ihnen stand, ist es zum Teil gelungen, diese
rückläufige Bewegung so stark abzubremsen, dass an einzelnen
Stellen die Lohnkurve die Indexkurve zu überschneiden vermochte!
In diesen Fällen trat eine reale Verbesserung des Lebensstandards
(des Sozialniveaus) ein. Bei den Massen der ungelernten (unorga-
nisierten) Arbeiter wirkte sich die Wucht des Preisrückschlages in
den Löhnen deswegen besonders stark aus, weil zugleich infolge
der Agrarkrise die Landwirtschaft viele Hände frei gab und heute
noch frei gibt, die in die Industrie zur ungelernten Arbeit drängen.
Das wirkt lohndrückend. Aus dieser doppelten Bewegung (Lohn-
rückgang aus Preisrückgang und Lohndruck aus Überangebot von
Arbeitskräften) blieb es nicht nur bei der grösseren Spannung
zwischen den unteren und mittleren Arbeiterschichten, sie hat sich
noch vergrössert.

Die psychologische Auswirkung dieser Tatbestände ist recht ein-
deutig: Je tiefer man in den einzelnen sozialen Arbeiterschichten
der Vereinigten Staaten vordringt, um so grösser ist die Un-
zufriedenheit, die Verbitterung. Überall wurde bestätigt, dass dieses
Grollen derer, die im Schatten leben, heute vernehmlicher ist
als vor dem Kriege. Bei uns in Deutschland ist die Not ebenfalls
hörbarer als vor dem Kriege. Es mögen andere Ursachen als in
Amerika dabei noch mitsprechen, aber es sind die gleichen Wir-
kungen wie in den Vereinigten Staaten.

Davon kann also nicht gesprochen werden, dass der amerika-
nische Arbeiter zufriedener sei als der deutsche Arbeiter, und dass
daraus dessen höhere Arbeitsleistung mit erklärt werden könne.

Richtig mag sein, dass die Auslösung der Unzufriedenheit bei den
deutschen und den amerikanischen Arbeitern von unterschiedlicher
Art ist. Drüben herrscht in breiten Arbeiterschichten starke Ver-
bitterung darüber, dass ihre Arbeit ihnen nicht die Möglichkeit einer
anständigen Behausung — in amerikanischem Sinne — zu gewähren
vermag; bei uns ist der Arbeiter verbittert, weil ihm sein Lohn nicht
einmal das Geld für die Milch der Kinder und für die notwendigen
Stiefelsohlen abwirft, und weil man ihm zugleich noch eine ver-
längerte Arbeitszeit zumutet.

Was würden unsere deutschen Arbeitgeber sagen, wenn ihre
bestbezahlten Arbeiter ebenso wie amerikanische Bauarbeiter oder
Tischler nicht einmal mit der44-Stunden-Woche „zufrieden“ wären,
sondern die 40-Stunden-Woche diskutierten?

Wie man die Frage nach der Stimmung des Arbeiters auch be-
trachtet, man kommt auf Grund der deutschen und der amerika-

26
        <pb n="39" />
        nischen Erfahrung immer wieder zu dem glei em eChhis: den
Vereinigten Staaten sind die Arbeiter durch fusShicht „zufriedener“
und deswegen arbeitstreudiger als bei uns. ES U S

In diesem einen Punkt ist also die Ver eichsbasikin BewRsem
Umfang gegeben, während sie in bezug auf E rhährung und Arbeits-
zeit, wie schon gesagt, nicht ohne weiteres handen ist. ©

Wie leicht bei Nichtbeachtung der unterschiedlieten\mat&amp;iellen
Voraussetzungen der Arbeit alle Tempovergleiche=&gt; rrtümern
führen müssen, sei nachfolgend an einigen Beispielen des näheren
erläutert.

Der quantitative Arbeitseffekt eines qualifizierten, handwerklich
durchgebildeten Maurers, der bei der Errichtung eines amerika-
nischen Wolkenkratzers beschäftigt wird, ist mit der Arbeitsleistung
eines deutschen Miethausmaurers überhaupt kaum vergleichbar.

Beim amerikanischen Wolkenkratzer handelt es sich nicht um
das freie Hochziehen von Mauern, die mehrere Stein stark sind und
zugleich das Konstruktionsgerippe des Hauses darstellen, in das die
Deckenlasten eingelagert und auf das der Dachstuhl aufgesetzt
wird. Die amerikanischen Wolkenkratzer sind Eisenträger-
konstruktionen, das Mauerwerk dient im wesentlichen nur der
Ausfütterung.

Der deutsche Maurer arbeitet vom festen Baugerüst aus, ihm
werden die Ziegelsteine in regellosen Haufen zu Füssen geworfen,
er hat seinen Mörtel selbst anzurühren und muss sich täglich
tausendmal nach Steinen und Kalk bücken und bis in Kopfhöhe
mauern. Der amerikanische Maurer arbeitet vom beweglichen
Hängegerüst aus (kein Bücken, kein Arbeiten in Kopfhöhe), die
Steine werden ihm handgerecht bereitgestellt, Nebenbeschäfti-
gungen hat er nicht zu leisten.

Die Maurerarbeit ist also im amerikanischen Grossbau von völlig
anderer Art als in Deutschland.

Dies gilt überdies auch für die Fundamentierungsarbeiten. So-
Wohl in Deutschland wie in Amerika handelt es sich bei Grossbauten
ZWar gleicherweise um Betonierungen. Aber in Amerika wird all-
Semein im Giessbetonverfahren, nicht mehr im Stamp{ibeton-
verfahren gearbeitet; dabei ist nicht nur die Umständlichkeit der
Stampfarbeit vermieden. Durch Verwendung und Kombination von
Betonmischmaschinen mit Giessturm und beweglichem, den ganzen
Baugrund bestreichendem Giessrohr erfolgt eine direkte Be-
schickung der Arbeitsstellen: die dickflüssig-breiige Betonmasse
wird in die Verschalung eingegossen, ohne dass dazu Handtransport
nötig wäre.

„Noch unterschiedlicher von den bei uns üblichen Methoden ist die
Einfachste Erdarbeit, z. B. die Zuschüttung der Gräben nach er-

37
        <pb n="40" />
        folgten Kabelverlegungen usw. Wir sahen auf Raupenketten fahr-
bar gemachte Kratzbagger, die das ausgehobene Erdreich vom
Bürgersteig wieder in den Graben hineinschoben; hier leisteten die
Erdarbeiter nur Korrekturarbeit, sie waren Fertigmacher. Ihre
physische Kraftausgabe während eines Arbeitstages ist von ganz
anderer Natur als die der deutschen Erdarbeiter, die von früh bis
abends mit Spaten und Schippe arbeiten.

Wer angesichts der geschilderten Unterschiedlichkeit aller ent-
scheidenden Voraussetzungen der Maurerarbeit den Arbeitseffekt
des deutschen Maurers mit dem des amerikanischen Maurers nach
der einfachen Formel vergleicht: „Pro Mann pro Stunde X Ziegel-
steine‘“, der versteht nichts von den Voraussetzungen der Arbeits-
leistung. Und wer Fundamentierungsleistungen oder Erdbewe-
gungen bei Kabelverlegungen in Deutschland und Amerika pro
Mann pro Tag X Kubikmeter vergleicht, ohne jene unterschied-
lichen Voraussetzungen zu berücksichtigen, ist ein Demagoge!

Das Beispiel, das hier für die unterschiedlichen materiellen Vor-
aussetzungen der Arbeit in Deutschland und in den Vereinigten
Staaten von Amerika an einigen wenigen Fällen gegeben ist, lässt
sich für die meisten und nichtetwa die bedeutungsloseren Industrien
gleicherweise geben. Das grundsätzlich Unterschiedliche liegt da-
bei nicht einmal so sehr in der Art der benutzten Maschinen — ob-
wohl man. das annehmen möchte —, als noch mehr in anderen
Eigenarten der amerikanischen Produktion, auf die weiter unten
näher eingegangen werden soll.

Wir trafen auch Berufe und innerhalb so mancher Berufe ganz
bedeutende Betriebe, die in ihren materiellen Voraussetzungen der
Arbeit (Material, Maschinen usw.) sich in nichts von gleich-
gearteten deutschen Betrieben unterschieden. Wo sich die gleichen
Voraussetzungen ergaben, wie z. B. in Konfektionswerkstätten in
Chicago, in Oualitätsmöbeltischlereien (New York), in Maschinen-
werkstätten(Milwaukee), Schlosserei- und Konstruktionsabteilungen
bei Ford (Detroit), da war endlich einmal die Möglichkeit gegeben,
unter Ausschaltung der sonstigen, weiter oben schon erwähnten
Voraussetzungen des „Tempos der Arbeit“ die physische Intensität
objektiv zu vergleichen.

Das Resultat war immer wieder verblüffend.

Betrachten wir zuerst das Tempo der amerikanischen Kon-
fektionswerkstätten. „Fixere‘“ Arbeit als in der deutschen Konfektion
wird in jenen Betrieben auch nicht geleistet! Damit soll nicht gesagt
werden, dass das physische Arbeitstempo in der deutschen oder in
der amerikanischen Grosskonfektion etwa „gemütlich“ sei. Nicht
umsonst ist das Schwitzsystem in der Schneiderei entstanden; es
hat die Arbeitsbereitschaftszeiten, die kleinen Atempausen in der
laufenden Arbeit, so gut wie restlos aus der Arbeitszeit heraus-

38
        <pb n="41" />
        gepresst. Es gibt hier wie dort kaum noch das Aufatmen zwischen
den gleichartigen, sich ständig wiederholenden Teilbearbeitungen
der Einzelstücke. In der Herrenkleider- und Damenmäntel-
konfektion herrscht weitgehende Teilarbeit.

So ist in der deutschen und in der amerikanischen Bekleidungs-
industrie das Tempo, was die physische und die geistige An-
Spannung betrifft, schärfer als z.B.am Zusammensetzband (Montage-
Konveyor) in den Fordschen Automobilfabriken!

Nochmals sei betont, dass das Tempo in der deutschen Kon-
fektion nicht geringer ist als in den gleichen Betrieben der Ver-
einigten Staaten, die Intensität der Arbeit hat auch bei uns in
Deutschland in der Bekleidungsindustrie etwa die maximale Höhe
erreicht, die nicht mehr gesteigert werden kann.

Seine letzte Ursache hat diese physisch grösste Intensität in der
Bekleidungsindustrie, und da im besonderen in der Konfektion, nicht
nur darin, dass es sich hier um ruckweise beschäftigte Betriebe,
um Saisonarbeit, handelt, die dem Bekleidungsarbeiter und der
-arbeiterin in der toten Zeit einige — allerdings unbezahlte — Ge-
legenheit lässt, körperlich und geistig für die nächste Saisonhetze
wieder zurechtzufinden. Die entscheidende Ursache dieses quanti-
tativen Maximaltempos ist wohl, dass die Schneiderei bisher über
die Nähmaschine technisch nicht wesentlich hinausgekommen ist.
Das Tempo der Nähmaschine hat sich durch die Verwendung des
Elektromotors zwar beschleunigen lassen, aber an der Tatsache,
dass immer nur ein Stück Stoff genäht werden kann, und dass die
Führung des Materials durch den Menschen erfolgen muss, daran
ist die technische Entwicklung in der Schneiderei noch nicht vorbei-
gekommen. Die qualifizierte Steigerung des Produktionseffektes —
auf die weiter unten noch genauer eingegangen wird — hat sich
deswegen in der Konfektionsschneiderei bisher im wesentlichen als
unmöglich erwiesen. Daher finden wir in der Konfektion alle
Elemente der quantitativen Leistungssteigerung besonders aus-
geprägt: Arbeitsteilung (Zerlegung der Herstellung eines Herren-
Jackets in 64 Einzelarbeiten), Arbeitshäufung (Multiplizierung des
Zuschneidens durch Schichtung der Stoffbahnen). Technisierung
der Nebenarbeiten (Knopflochmaschine, Bügelpressen, Zuschneide-
maschine). Diese Entwicklung der Nebenarbeitsmethoden hat das
Prinzip und die Methode der Konfektionsschneiderei in ihrem
inneren Wesen nicht anzugreifen vermocht, so dass aus anderen
Quellen als der physischen Anspannung des Beschäftigten hier eine
Produktionssteigerung bisher nicht möglich wurde. Deswegen ist
das Arbeitstempo in der amerikanischen als auch in der deutschen
Konfektionsschneiderei, unter dem Gesichtspunkt der physischen
Intensität betrachtet, ganz ausserordentlich hoch. Ein allerdings
wesentlicher Unterschied zwischen Deutschland und Amerika be-

39
        <pb n="42" />
        steht nur darin, dass die bestorganisierten Gruppen der amerika-
nischen Bekleidungsarbeiter zu den höchstbezahlten gehören.

In der Möbeltischlerei, die einzelne qualifizierte Werkstücke her-
stellt, fanden wir in Amerika Betriebe, die entsprechenden deutschen
Unternehmungen durchaus glichen. Es handelt sich dabei um den
Typ von Produktionsstätten, in denen jeder einzelne Arbeiter einer
mehr oder weniger abgeschlossenen Aufgabe gegenübergestellt
wird. Hier entscheiden trotz aller Entwicklung der technischen
Hilfsmittel, von der Holzbearbeitungsmaschine bis zum Leimkoch-
apparat und der maschinellen Bildhauerei, letzten Endes doch
die individuelle Fähigkeit und die berufliche Erfahrung des Ar-
beiters. In diesen Betrieben war das Arbeitstempo, was die
physische Intensität anbelangt, im Vergleich zu entsprechenden
deutschen Betrieben in keiner Hinsicht unterschiedlich. Eine Fin-
schränkung ist vielleicht in der Richtung zu machen, dass im ame-
rikanischen Betrieb dieser Art sich der Arbeiter freier und selbst-
bewusster bewegt, als das in Deutschland die Mehrzahl der Unter-
nehmer vertragen zu können meint.

Wir sahen auch Maschinentabriken, darunter eine, die zu den
bedeutendsten Spezialunternehmungen im Bau für Zahnradvor-
gelege für Grosskraftmaschinen gehört. Weiter wurde von uns im
besonderen der Teil der Fordschen Betriebe beobachtet, in denen
Konstruktionsarbeiten (Maschinenbau) geleistet werden. Fbenso
wurde von uns die Fordsche Reparaturschlosserei auf die physische
Intensität der in ihr Beschäftigten hin angesehen. Überall in diesen
Betrieben und Betriebsabteilungen ergab sich das gleiche Bild: Das
Arbeitstempo war nicht höher als bei uns in Deutschland, manchmal
konnte man eher feststellen, dass ruhiger gearbeitet wurde alsbeiuns.

Die Bedienung an den Post- und Eisenbahnschaltern, an den
Tischen der Banken, bei den Wechselkassen der Untergrund-
bahnen, beim Strassenbahn- und beim Autobusschafiner ist in den
Vereinigten Staaten durchaus nicht so „fix“, wie man sich das gar
zu gern ausmalen lässt. Die gleiche Einschränkung muss man über-
dies für die Bedienung in den Hotels und Restaurants machen.
Richtig ist allerdings, dass hierbei eine beachtliche Produktivitätund
damit eine gewisse Intensität — wir wollen sie qualitative Inten-
sität nennen — durch die Arbeitsmethode erreicht wird. Die höhere
Leistung gegenüber dem gleichen Arbeiter in Deutschland wird
also von anderen materiellen und organisatorischen Voraus-
setzungen her entwickelt.

Der Bankkassierer zählt das Metallgeld nicht umständlich mit
der Hand auf die Zahlplatte, er tippt auf eine Maschine, aus ihr
klappert das Geld in den entsprechenden Einheiten vor die Hand
des Kunden. Der geheimnisvolle, mehrfach mit einer Zange zu
durchlöchernde oder an den verschiedensten Stellen blau an-
40
        <pb n="43" />
        zukreuzende Fahrschein der deutschen Strassenbahnen ist in
Amerika in der Regel durch einen kleinen Kassenautomaten ersetzt,
der dem Schaffner in die Hand passt. Der Schaffner hält dem
Fahrgast den kleinen Automaten entgegen, dieser steckt die 5 oder
10 Cents hinein, der Schaffner drückt auf einen Knopf, es ertönt
ein kleiner Glockenschlag, etwa wie beim Anschlagen einer Fahr-
radklingel — das Signal für die ehrliche Bezahlung durch den Fahr-
gast und für die ehrliche Quittung durch den Schaffner! Wir
fanden auch andere Systeme. So eines, das für den Zonentarif einer
Überlandschnellbahn eingerichtet war. An den Stirnwänden des
Wagens eine Preisuhr, der Zeiger ist mittels eines langen Stabes
im Wagen von jedem Platz aus zu bewegen. Man denke sich an
Stelle des Klingelriemens in unseren Strassenbahnwagen einen
Stab, der vom Schaffner um seine Achse gedreht wird, bis der
Zeiger an, der Preisuhr den entsprechenden Betrag, den der Fahr-
gast zahlt, jedem Mitfahrenden anzeigt.

Die New Yorker Untergrundbahn hat einen Einheitspreis —
5 Cents —, der Einwurf in den Drehautomaten verschafft den Ein-
tritt in den Bahnhof. Es gibt nur Wechselkassen. Der Austritt aus
den Bahnhöfen ist frei, respektive nur durch Türen zu erreichen,
die eine Rückkehr unmöglich machen.

Die Bedienung an den Post- und Eisenbahnschaltern ist im
Prinzip die gleiche wie bei uns, nur mit dem Unterschied, dass im
besonderen in den Postämtern jeder Beamte seinen Namen an das
Schalterfenster steckt. Der Amerikaner will wissen, mit wem er
es zu tun hat. Deswegen finden wir überdies auch in den ameri-
kanischen Banken die Namen der einzelnen Beamten vor ihren
Plätzen; dies geht bis zu den höchsten Angestellten und Beamten.
Man verlässt sich auf beiderseitiges anständiges Benehmen und
gegenseitige Rücksichtnahme. So ergibt sich auch hier ein Arbeits-
tempo, das physisch durchaus keine grössere Intensität verlangt,
als das bei uns üblich ist.

Über die Arbeitszeit wird im zweiten Abschnitt des Amerika-
berichtes ausführlich gesprochen. Es erübrigt sich deswegen, dass
hier des näheren darauf eingegangen wird. Vorweggenommen
SEl nur, dass der achtstündige Arbeitstag in Amerika wesentlich
weiter verbreitet ist als in Deutschland. Eine quantitative Steige-
rung des Arbeitseffektes auf dem Wege der langen Arbeitszeit ist
in den Vereinigten Staaten im allgemeinen nicht üblich. Das ändert
natürlich hichts daran, dass in so manchem Unternehmen, von der
chemischen Industrie bis zum Aufwaschbetrieb grosser Hotels und
auch an anderen Stellen, immer wieder versucht wird, aus dem
Arbeiter quantitative Maximalleistungen durch willkürliche Aus-
dehnung der Arbeitszeit herauszupressen. Aber ist das in Deutsch-
land nicht ebenso häufig der Fall?
41
        <pb n="44" />
        Die Aufsicht im Betriebe spielt in dem Sinne der Aufmunterung
zu quantitativer Maximalleistung in den Vereinigten Staaten bei
weitem nicht die Rolle, die in Deutschland gern angenommen wird.

Die Art der Aufsicht ist durch die Produktionstechnik und die
Betriebsorganisation bestimmt. Über diese beiden Fragen wird
weiter unten noch im Zusammenhang einiges gesagt werden.

Es ist notwendig, hier einige Bemerkungen über die geschicht-
liche Entwicklung der Arbeitsaufsicht im industriellen Betrieb vor-
aufzusetzen.

In der Zeit handwerklicher Produktion entwickelt sich die
Arbeitsaufsicht aus der Funktion des Meister-Stellvertreters, des
Altgesellen. Aus ihnen entsteht der Werkmeister. Dessen Aufsicht
war zuerst Produktionsqualitätsaufsicht und danach Produktions-
fempoaufsicht. Häufig war sie zugleich Dispositionsstellvertretung.

Der übliche industrielle Betrieb hat heute am Arbeitsplatz Auf-
sichtsorgane mit wesentlich anders gearteten Funktionen. Die
Disposition ist ihnen schon lange genommen, sie wird in technischen
und kaufmännischen Abteilungen erledigt. Die Produktionsaualität
wird heute unter ganz anderen Voraussetzungen beobachtet als ehe-
dem, sie wird häufig mehr durch die Maschinen und den technischen
Arbeitsprozess (Kontrollstellen) als durch die dabei beschäftigten
Vorarbeiter und Werkmeister sichergestellt. Im besonderen in der
Teilfabrikation ist die Erreichung einer bestimmten Qualität bei der
Arbeit nicht mehr in erster Linie das Resultat der individuellen
Tüchtigkeit des Meisters, sondern der Erfolg der Einhaltung der
in Schemata zusammengefassten Arbeitsvorschriften.

Übriggeblieben ist in vielen deutschen Betrieben allein die
Tempoaufsicht. Nur so ist es ja zu erklären, dass mancher Fabrik-
betrieb einer Kaserne zum Verwechseln ähnlich ist: Überall wird
von oben nach unten geschnauzt und gepredigt. Beides ist in
modernen amerikanischen Betrieben kaum möglich. Es fehlt ja
die Voraussetzung, das Reibungsmoment: die Tempokontrolle!

Wenn das Tempo der Produktion, wie in den modernen amerika-
nischen Betrieben, durch die maschinelle Anlage ebenso bestimmt
wird wie deren Qualität, dann besteht die Funktion der Aufsicht nur
noch in einer Überwachung des reibungslosen Lautes der Betriebs-
organisation. Wie schon vermerkt, wird das Problem der amerika-
nischen Betriebsorganisation und der technischen Apparatur der
modernen amerikanischen Betriebe weiter unten im Zusammen-
hang noch erörtert. Deswegen sei hier ohne weitere Begründung
die Schlussfolgerung aus den erwähnten Tatsachen gezogen. Sie
geht dahin, dass die im Gegensatz zu den deutschen Betrieben
anders gearteten und unter anderen Gesichtspunkten organisierten
amerikanischen Betriebe, zum mindesten in ihren modernen und
grossen Typen, nur wenig Möglichkeiten ergeben, durch ver-

49
        <pb n="45" />
        schärfte Aufsicht das physische Arbeitstempo zu beschleunigen, die
Arbeitsquantität zu steigern und damit maximale Leistungen aus
dem Arbeiter herauszupressen.

Der Betriebsaufsichtsbeamte mit der Stoppuhr in der Hand, also
der „Taylorist‘“, wie ihn sich die deutsche Betriebs- und Arbeits-
wissenschaft vorstellt, ist heute in den Vereinigten Staaten so gut
wie völlig verschwunden. Die Entwicklung der Betriebspraxis hat
zu ganz anderen praktischen Methoden der Produktivität geführt,
als unsere in Systematik, Prinzipien und Formeln verliebte Be-
triebswissenschaft meint.

Selbstverständlich soll mit diesen Feststellungen nicht aus-
gedrückt werden, dass es auch in Amerika den Typ des Unter-
hehmers und der Betriebe noch gibt, der durch Erzwingung
maximaler Arbeitseffekte, durch das Antreiben zu quantitativen
Rekorden seine Gewinne zu steigern versucht. Es gibt auch in
den Vereinigten Staaten den Unternehmer, der neben seine Arbeiter
den Kolonnenschieber, den Mann, der „schuftet“ stellt, um auf diese
Art bei seinen Arbeitern höchste quantitative Intensität zu er-
zwingen. Ebenso findet man noch das Prinzip der bestimmten
Pflichtmindestleistungen, die der Arbeiter erreichen muss, wenn er
seinen Arbeitsplatz behalten will. Diese Tatsachen sind in den Ver-
einigten Staaten also ebenso anzutreffen wie in Deutschland.

Das gleiche ist es mit den Klagen darüber, dass der Klempner
bei der Hausreparatur „zu lange geblieben“ sei, dass „schneller
gearbeitet“ werden müsse, dass überflüssige Zeit durch das Nach-
holen vergessener Werkzeuge verlorengegangen sei, USW.

Alle diese Tatbestände sind ja nicht das entscheidende. Für die
Beurteilung der physischen Intensität der Arbeit sind die Tatsachen
des Arbeitstempos ausschlaggebend, die sich in den grossen, den
Massenindustrien finden. Dazu ist festzustellen, dass heute in den
Vereinigten Staaten nach den ursprünglichen, häufig missverstande-
nerweise so genannten Taylormethoden, die die Quantitäts-
Steigerung durch physische Intensivierung der Arbeit erreichen
Wollten, nicht mehr 100000 Arbeiter tätig sind. Diese Zahl
ist nicht von uns geschätzt, sondern stammt aus Angaben der
amerikanischen Taylorleute. Die Zahl ist also eher zu hoch als zu
niedrig gegriffen.

Die Vorstehenden Tatsachen und Beobachtungen ergeben zu-
SAMMENSEfasst, dass dort, wo für Tempovergleiche (physische
Intensität) der Arbeit in deutschen und in amerikanischen Betrieben
die gleiche Ausgangsbasis vorhanden ist, ein Unterschied im
Arbeitstempo nicht teststellbar ist. In diesen Fällen ist auch der
Leistungseffekt nicht höher als bei uns in Deutschland. Dort, wo
der Leistungseffekt des Betriebes im Vergleich zu verwandten
deutschen Unternehmungen höher ist, beruht er nicht auf grösserer

43
        <pb n="46" />
        physischer Intensität der Arbeitenden, sondern auf anderen
Ursachen.

Mit dieser Feststellung soll nicht gesagt sein, dass das Arbeits-
tempo sowohl in Deutschland wie in den Vereinigten Staaten, vom
Standpunkt einer das Opfimum erstrebenden Arbeitswissenschaft
oder unter dem Gesichtspunkt des Arbeitnehmers, das sei, was es
sein sollte oder sein dürfte. In Deutschland und auch in den Ver-
einigten Staaten wird ja die Wirtschaft nicht unter dem Gesichts-
punkt des Gemeinwohls, sondern nach dem Grundsatz des Privat-
proftits betrieben.

Wie schon erwähnt, gibt es noch eine andere Auffassung von der
Möglichkeit der quantitativen Steigerung der Arbeitsintensität. Man
denkt an die schnellere Bewegung der Maschinen und rechnet
damit, dass so der Maschinenarbeiter zur grösseren Quantitäts-
leistung gezwungen werde.

Nach unserer Auffassung ist auch das durchschnittliche Tempo
der Maschinen in der Produktion nicht beliebig veränderlich. Die
Maschine ist im Produktionsprozess nur ein Glied. Ebensowenig
wie sich am menschlichen Organismus die Hand oder irgendein
Sinnesorgan willkürlich verändern, aus den gegebenen Pro-
positionen bringen lässt, ebenso ist es ausgeschlossen, durch Hyper-
trophierung der Maschinerie an irgendeiner Stelle des Produktions-
prozesses (Beschleunigung des Tempos einer Maschine) das
Leistungsresultat des gesamten wirtschaftlichen Organismus zu
verändern. Die Tempi der Maschinen stehen in fester Beziehung
zum Grade der qualifizierten Organisation der Wirtschaft. Des-
wegen ist es auch falsch, anzunehmen, dass die Erfolge der ameri-
kanischen Wirtschaft im rasenden Tempo ihrer Maschinen lägen.

Das ungeheuerliche Tempo der amerikanischen Schnellzüge, der
Hochbahnen, Strassenbahnen, Automobile und nicht zuletzt der
Maschinen in den Fabriken ist eine der zum Axiom gewordenen Be-
hauptungen über die Neue Welt. Bei einer näheren Überprüfung
zeigt sich, dass in dieser allgemeinen Formulierung viele Irrtümer
enthalten sind.

Soweit es sich um die Überwindung grosser Entfernungen mit
Hilfe von Maschinen handelt, ist das Resultat in den Vereinigten
Staaten häufig günstiger als bei uns. Das liegt aber zu einem er-
heblichen Teil daran, dass die Voraussetzungen dafür vorhanden
sind. Im besonderen nach dem Westen der Vereinigten Staaten hin
werden die Stationen der Eisenbahnen ständig seltener, die Gleise
ziehen sich in gerader Linie durch das dünn besiedelte Gebiet. Dem-
gegenüber hat Deutschland kurvenreiche Eisenbahnstrecken, sich
häufende Stationen, die auch für die durchfahrenden Züge wegen
ihrer vervielfältigten Gleise und ihrer komplizierten Signalanlagen
die Geschwindigkeit herabdrücken.

cd
        <pb n="47" />
        Der Automobilverkehr hat in den Vereinigten Staaten bessere
Strassen zur Verfügung; sie sind nicht wie die unsrigen auf einen
gemischten Verkehr, vom grossen Lastwagenzug und dem
schweren Erntefuhrwerk bis zum Kleinauto und — am Rande — für
den Fussgänger und Radfahrenden eingerichtet, sie sind in erster
Linie dem Automobilverkehr angepasst. In Amerika zieht man
den leichteren, aber wendigen und schnelleren Lastwagen den
schweren deutschen Typen vor. So ergibt sich bei der guten Zu-
Sammenpassung der Verkehrsmittel mit den für sie gebauten
Strassen eine ziemlich hochliegende durchschnittliche Verkehrs-
geschwindigkeit. Sie sinkt überdies in den Grossstädten durch die
Unterbrechungen bei der Verkehrsregelung viel weiter als bei uns.

Die Strassenbahnen haben in den Vereinigten Staaten zu einem
erheblichen Teile andere Funktionen als in Deutschland. Sie dienen,
etwa nach dem Prinzip, wie es bei uns im besonderen in Rheinland-
Westfalen schon etwas entwickelt worden ist, mehr dem inter-
lokalen Verkehr. Dieser Verkehr ist entsprechend der Weite des
amerikanischen Gebietes häufig unter dem Gesichtspunkte des
Schnellbahnverkehrs (Eilgüterverkehr!) ausgebaut. Dabei ist man
in der Kombination ausserordentlich beweglich. Als Beispiel sei
nur darauf hingewiesen, dass die Züge der Flachschnellbahn, die
zwischen Chicago und Milwaukee verkehren, über die Hochbahn-
gleise Chicagos geführt werden. Mit der Strassenbahn, die in
New York bis heute noch längs des Broadway fährt, sich abgeben,
heisst genau soviel Zeit haben, wie bei uns notwendig ist, wenn
man in den Grossstädten mit der Strassenbahn im Innern der
Stadt längere Wege zurücklegen will. Einzelne unserer Über-
landschnellbahnen entwickeln die gleichen Geschwindigkeiten wie
die durchschnittlichen gleichartigen Verkehrsmittel in den Ver-
einigten Staaten.

Das Tempo der amerikanischen Autobusse in den Grossstädten
ist nicht anders als in unseren Grossstädten.

Bei den Arbeitsmaschinen in den Betrieben, von den Holz-
bearbeitungsmaschinen der Tischlereien bis zu den Fräsen der
Maschinenfabriken, den Nähmaschinen der Bekleidungswerkstätten
und den Rechenmaschinen in den Bureaus, sind die Bewegungs-
und Umdrehungsgeschwindigkeiten nicht wesentlich anders als bei
uns. Davon kann keine Rede sein, dass bei gleichen Maschinen in
den deutschen und den amerikanischen Betrieben diese höhere
Leistungen Srzielten, weil sie ihre technischen Apparaturen
schneller arbeiten lassen.

Auffallend Unterschiedlich im Tempo zu unseren deutschen Ver-
hältnissen arbeiten in den Vereinigten Staaten viele Maschinen, die
vertikale Distanzen überwinden: Fahrstühle, Ladebäume, Krane.

45
        <pb n="48" />
        Bei den Fahrstühlen ist es nicht nur die grössere Länge (Höhe)
des Weges im Gegensatz zu unseren Verhältnissen, die das
schnellere Tempo ermöglicht, es fährt auch der Fahrstuhl, der in
jeder Etage hält, im allgemeinen etwas rascher, als das bei uns
üblich ist. Der Unterschied ist im besonderen bei den Lastenfahr-
stühlen ganz augenfällig. Bei uns gilt es — mit Ausnahme des
Bergbaues — als eine Art Grundsatz, dass der Lastenfahrstuhl im
Gegensatz zum Personenfahrstuhl sich langsamer zu bewegen
habe. Demgegenüber sahen wir in Amerika, dass die Lastenfahr-
stühle sich im Tempo von den Personenfahrstühlen kaum unter-
schieden. Bei der Lastenbeförderung im Wolkenkratzerbau ist es so-
gar eher so, dass das Tempo schneller ist als beim Personenfahr-
stuhl. Die in primitiver Holzkonstruktion gleitende Fahrstuhlplatte,
die das Material beim Bau der dreissig- und vierzigstöckigen
Häuser nach oben schafft, hat ein Tempo, das dasjenige der
Expressfahrstühle in den grossen Bürohäusern und Hotels er-
reicht, mitunter sogar übertrifft.

Nach dem gleichen Prinzip arbeiten alle Hebevorrichtungen. Wir
sahen und beobachteten das Tempo der Ladebäume (nach diesem
einfachen Konstruktionsgedanken sind in Amerika viele Krane ge-
baut) auf den Bauten und die Hebe- und Transportvorrichtungen in
der Industrie. Überall, wo das Drahtseil als Bewegungsmittel in
Benutzung ist, wird eine beachtliche Geschwindigkeit eingehalten.
Zum Teil ist naturgemäss die Möglichkeit der schnelleren Be-
wegung aus dem längeren Transportweg (Höhe) zu erklären.

Selbstverständlich gibt es in den Vereinigten Staaten auch
Maschinen, an denen dem Beschäftigten keine Zeit zur Arbeits-
bereitschaft und kaum Gelegenheit zum Aufatmen gegeben ist.
Aber haben wir die gleichen Methoden bei uns nicht ebenfalls? Die
Maschine neigt in der privatkapitalistischen Wirtschaft immer zum
Sklavenhalter.

An den Bändern, auf denen die frisch gegossenen Schokoladen-
tafeln in Metallformen entlangwandern, an den Zigarettenmaschinen,
am Kohlensortierband, an den Stanzen in Blechemballagefabriken
ist in Deutschland der Arbeiter ebenfalls zur höchsten quantitativen
Intensivierung der Arbeit gezwungen, zu einer Anspannung, die
sich dem quantitativen Maximum nähert.

Selbstverständlich haben wir besonders beobachtet, ob das
fliessende Band (Konveyor) die physische Leistungsfähigkeit des
Arbeiters bis zum Maximum zwingt. Hier sind die Tatbestände
recht unterschiedlich. Der Zwang zur Ausgabe einer bestimmten
physischen Leistung ist nicht nur je nach der Branche und je nach
der Fabrik, in denen das Band angewandt wird, stark unter-
schiedlich. Auch am gleichen Bande ist die physische Intensität, die
46
        <pb n="49" />
        vom Arbeiter bei den einzelnen sich immer RE
verlangt wird, durchaus verschieden. 7

Wir sahen im River Rouge Plant von Ford in Detroit an einzelnen
Stellen des Fabrikationsbandes Arbeiter, die nu mit Jerfnstankung
aller ihrer physischen Kräfte und bei pause Oser Intensität der
Arbeit mitkamen. Ebenso konnten wir Arbeiter eöbachten —
am Zusammensetzband in Highland Park Plant % 1 For de
jeweils nach der Verrichtung der ihnen zukommenden eit
bequem Zeit blieb, sich umzusehen, das neue Wer stück zu
Srwarten, an sich herankommen zu lassen. Wir sahen einen Holz-
betrieb, der Radiokasten in Bandfabrikation herstellte; hier gaben
uns erst jüngst aus Deutschland eingewanderte Arbeiter selbst an,
dass das physische Tempo der Arbeit nicht anders sei als in einem
normalen deutschen Holzbetrieb. Unbestritten ist demgegenüber
wieder die maximale Ausnutzung der physischen Leistungskraft,
die in einem Chicagoer Versandwarenhaus bei hochentwickeltem
Bandsystembesteht. Das gleiche kann man wohl von der physischen
Intensität der Arbeit in den Chicagoer Fleischpackerfirmen sagen.
Hier ist eine Kombination zwischen Optimalorganisation des Be-
triebes mit Zwang zur physisch quantitativen Höchstleistung ein-
getreten. Hier erlebte der alte Gewerkschaftsgrundsatz: „Akkord-
arbeit ist Mordarbeit“, technisiert seine Auferstehung.

Dort, wo die in der fliessenden Produktion arbeitenden Betriebe
gewerkschaftlich organisiert sind, findet auch, sagen wir, eine
intellektuelle Kontrolle des physischen Arbeitstempos vom Arbeit-
nehmerstandpunkt aus statt. Aber auch da, wo diese aus sozialen
und ethischen Beweggründen herauswachsende Mitbestimmung der
Intensität der Arbeit nicht besteht, ist eine beliebige Beschleunigung
ausschiesslich unter dem Gesichtspunkt der quantitativen Inten-
Sivierung auch nicht möglich. Die Praxis hat ergeben, dass bei
einer gewissen Grenze das erreichte Maximum nicht mehr weiter
ZU entwickeln ist, dass die Kurve derLeistung von einem bestimmten
Punkte an steil abwärts geht. Über den Punkt, an dem jenes
Maximum erreicht ist, werden Arbeiter und Unternehmer sich aber
Selten einigen!

Bei der Beobachtung der Tatbestände, die sich als physische
dUaNÜtative Leistungssteigerung aus der Bedienung mehrerer
Maschinen durch eine Person oder aus der E rledigung verschiedener
Arbeiten durch eine Person kennzeichnen lassen, ergab sich ein
Resultat, das in einem gewissen Gegensatz zu den deutschen Ver-
hältnissen steht.

In Deutschland herrscht, im besonderen in der Textilindustrie, das
Bestreben, den Arbeiter möglichst viele Maschinen zugleich be-
dienen zu lassen; das gilt auch für andere Berufe. Ebenso werden
für einen Arbeiter Sen verschiedene Arbeiten kombiniert. In
A
        <pb n="50" />
        Amerika hat auf diesem Gebiete die Entwicklung aus der Betriebs-
praxis heraus einen grundsätzlich anderen Weg genommen.

Man erstrebt die Zerlegung der Arbeitsvorgänge und die
Automatisierung der Maschinen, der Arbeiter gibt dann, wenn er
mehrere Maschinen zugleich beobachtet, nicht vermehrte physische
Kraft aus, seine Funktionen nähern sich einer Art Aufsichtstätigkeit.
Hier wird natürlich auch bei einer quantitativen Häufung der Auf-
sichtspunkte hohe Intensität der Arbeit erzwungen. Etwas anderes,
als was auf diesem Gebiete in Deutschland üblich ist, sahen wir in
den Vereinigten Staaten nicht.

Die Zulagebeschäftigungen, die in Deutschland sehr üblich sind,
die Nebenarbeiten, die auch vom qualifiziertesten Arbeiter verlangt
werden und teilweise eine erhebliche quantitative Intensivierung
der Arbeit ergeben, obwohl sie die Produktivität der Hauptarbeit
herabdrücken, fanden wir in modernen amerikanischen Betrieben
überhaupt nicht. Das amerikanische Werkstattprinzip geht darauf
hinaus, den Arbeiter auf seine Hauptfunktion zu konzentrieren, ihm
Nebenarbeiten abzunehmen. Von einer Tendenz, den quantitativen
Leistungseffekt des Arbeiters dadurch zu erhöhen, dass er ver-
schiedenerlei Arbeiten ineinanderzuschachteln hat, konnten wir
demnach in Amerika nichts feststellen.

Über die Lohnmethoden — Akkord, Prämie — als Mittel zur
quantitativen Leistungssteigerung ist im zweiten Teile des Berichts
ausführliches Material gegeben. Es erübrigt sich deswegen, hier
auf diese Frage im einzelnen einzugehen. Zusammengefasst sei
nur gesagt, dass die amerikanischen Lohnmethoden im wesentlichen
den deutschen Lohnmethoden durchaus verwandt sind. Wenn auch
ınit irgendwelchen, gern tayloristisch genannten Prämiensystemen
hier oder dort Reklame gemacht wird — in Beziehung zur Gesamt-
wirtschaft, zu den allgemeinen Entlohnungsmethoden handelt es
sich dabei um Einzelfälle, wie etwa in Deutschland bei den Arbeiter-
gewinnbeteiligungen und ähnlichen Versuchen.

Unsere Betrachtungen zeigten bisher schon, dass die höhere
Leistung der amerikanischen Wirtschaft und auch der zweifelsfrei
im allgemeinen höhere Leistungseffekt des amerikanischen Arbeiters
nicht auf grössere physische Intensität seiner Arbeit zurückzuführen
ist. Immer wieder sind wir bei unseren vorstehenden Untersuchungen
auf die Unterschiedlichkeit der Produktionsmethoden gestossen, die
andere Leistungseffekte ergeben.

Diese Produktionsmethoden und im besonderen ihre technischen
Grundlagen seien nunmehr erörtert.

A8
        <pb n="51" />
        c) Die Produktionspraxis.

Der selbstverständliche Einwand auf unsere Feststellungen, dass
die physische — rein quantitative — Intensität der Arbeit in Amerika
im ganzen keine andere ist als bei uns, dass sie sowohl in den
modernen Unternehmungen wie in den unseren Werkstätten gleich-
artigen Betrieben eher etwas ruhiger ist, wird der sein, dass dennoch
eine höhere Produktivität der amerikanischen Arbeit im Vergleich
Zur deutschen nicht abzustreiten sei. Das ist richtig, diese Tat-
sache ist nicht abzustreiten, sie soll auch gar nicht abgeschwächt
werden, kommen wir doch mit ihrer Untersuchung zu einem
Hauptfaktor der amerikanischen Wirtschaftskraft.

Weniger aus der Theorie, dafür aber um so mehr aus der Praxis
heraus hat der Taylorismus in Amerika eine entscheidende Weiter-
entwicklung erfahren. Der Arbeiter ist gewissermassen aus dem
Mittelpunkt des Problems der Steigerung des Arbeitseffektes
herausgerückt worden. An Stelle der Untersuchungen über die für
den Arbeiter bei gegebener Arbeit höchstmögliche physische
Intensität und damit über seine höchstmögliche quantitative Leistung
hat eine Durchforschung des Gesamtbetriebes — als lebendige Ein-
heit gedacht — Platz gegriffen. Der Erfolg ist sinnfällig.

An die Stelle der Bemühungen um quantitative Maximalleistung
ist das Streben nach Optimalerfolgen getreten. Man darf sich dabei
keinen Täuschungen hingeben: Diese Entwicklung ist nicht von all-
gemeiner Menschenliebe getragen, sondern aus sehr realen Er-
wägungen heraus entstanden. Man hat begriffen, dass nicht nur
die menschliche Arbeit in ihrem Leistungseffekt verändert werden
kann, sondern dass das gleiche auch für die sämtlichen sonstigen
Elemente eines Betriebes möglich ist.

Die Zahl der Betriebselemente, die den Arbeitsertrag bestimmen,
ist viel höher, als gemeinhin angenommen wird. Im allgemeinen
Spricht man nur von Rohstoffen, Werkzeugen und Arbeitskraft.
Bei näherer Untersuchung zeigt sich aber, dass die den Leistungs-
effekt eines Betriebes bestimmenden Elemente sehr zahlreich sind,
man denke nur an Leitungsunkosten, Transportiragen (Transport
des Rohgutes innerhalb des Betriebes!), Absatzorganisation, Lager-
haltung usw. usw. Darüber hinaus gibt es noch weitere Elemente,
die den Arbeitseffekt mitbestimmen. Man denke hier an die Be-
deutung der Zeitdauer des Kapitalumschlages für eine Ware vom
Beginn ihrer Fertigung bis zum Absatz an den Käufer.

Die Unternehmerpraxis in den Vereinigten Staaten ist auch nicht
freiwillig zu der Erkenntnis gekommen, dass Optimalleistungen
durch entsprechende Behandlung der sämtlichen Elemente des
Arbeitseffektes vor der Quantitätstheorie, die auf der Intensivierung
der physischen Leistung des Arbeiters aufbaut, den Vorzug ver-
dienen. Die Erkenntnis ist durch die Konkurrenz erzwungen worden.

49
        <pb n="52" />
        In Deutschland haben wir es auch bei den modernsten Unter-
nehmern in ihrer wirtschaftlichen Einstellung mit Ideengängen zu
tun, denen noch zünftlerischer Solidargeist anhaftet. Ist bei uns
eine Industrie oder eine Branche übergründet, kommt irgendeine
Produktionssparte gegenüber den Rohmateriallieferern oder zegen-
über ihren Fabrikateabnehmern nicht mehr nach ihrem Willen
zurecht, so ist der nächste Gedanke, durch die Schaffung von
Konditionen, festen Bindungen und Konventionen doch noch ihren
Willen durchzusetzen. Daraus erwächst dann beinahe „von ganz
allein“ das Kartell mit Absatzregulierung und Preisterror. Diese
in Deutschland üblichen Unternehmerverbindungen sind trotz aller
entgegengesetzten Behauptungen letzten Endes Zünfte, die jeden
Aussenseiter auf dem Markte ebenso jagen wie im Mittelalter die
Herren Handwerker den Bönhasen (den nicht geprüften, den
„wilden“ Meister). In den Vereinigten Staaten ist diese Entwicklung
nicht möglich geworden, es fehlten die historischen Voraussetzungen.
Hier schwemmte die Einwanderung während eines Jahrhunderts
alljährlich neue wirtschaftliche Energien ans Land. Die Ein-
wanderungswellen warfen ihre Spritzer weit über das riesenhafte
Gebiet der Vereinigten Staaten. Jeder Neuling „fing neu an“, keiner
kümmerte sich um den anderen, alle hatten die gleichen Rechte,
soweit ihre Ellenbogen reichten. Hier gab es keine Möglichkeiten
allgemeiner Kartellierungen und Preisbindungen. Der Unternehmer
musste über den anderen Unternehmer hinweg, wenn er nicht
wollte, dass der andere über ihn hinwegsprang! Es gab kein Aus-
ruhen auf dem Thron des Erfolges, keine Innung, die den Preis für
Stiefelbesohlen, keine Konvention, die die Zahlungsbedingungen,
und kein Kartell, das die Grundsätze festlegte, nach denen dem
Aussenseiter der Hals umzudrehen sei.

Aus dieser Entwicklung und Eigenart ist auch zu erklären, dass
in Amerika das Land der Trusts entstand. Eher war Alleinmacht
möglich als Kartellvereinbarung! Aber auch die Trustherrschaft
untersteht im Gegensatz zu Deutschland in Amerika einer eigen-
artigen und merkwürdigen Korrektur. Es ist nicht die Antitrust-
gesetzgebung, deren Wert für die Praxis bei uns häufig noch
allzu hoch eingeschätzt wird, es ist die geistige Einstellung des
Amerikaners, es ist eine wahre Dollarphilosophie, die die Trusts
kontrolliert. Es ist die Idee vom „Dienst am Kunden“, der Glaube
an die Allmacht des Erfolges aus „Organisation“, aus Durch-
denkung des Betriebes, es ist das Misstrauen gegen den anderen,
dessen Verdienstmethoden man ahnt, weil man von sich selbst
weiss, wie Geld verdient wird, und es ist die Meinung, dass auch
in der Produktionsmaschinerie der Trusts immer noch verteuernde
Fehlerquellen beseitigt werden können. Die Nichtkritik an den
Trusts würde bedeuten, dass deren Einkommen sich zur Rente
=
öU
        <pb n="53" />
        entwickeln. Das ist etwas, was gegen die Wirtschaftsphilosophie
des Amerikaners geht. Er hat einen ganz merkwürdigen staats-
Sozialistischen Privatkapitalismus entwickelt (siehe das Kapitel:
Der Kampf gegen die Verschwendung in der Industrie).

Wir sehen also, dass die Durchdenkung des Betriebes, die Be-
obachtung aller den Warenpreis mitbestimmenden Elemente der
Produktion, aus sehr realem Zwang entstanden sind. In der wissen-
schaftlichen Formulierung nennt man diesen Grundsatz der Organi-
Sation, wie er in der amerikanischen Unternehmerwelt praktisch
geworden ist: „Die Organisationssumme ist grösser als die arith-
metische Summe der sie bildenden Elemente.“

Im Gegensatz zu den Maximumbestrebungen besteht der Grund-
satz des Optimums darin, dass versucht wird, ein möglichst grosses
Resultat mit möglichst kleinem Energie- und Materialaufwand zu
erreichen.

Diese Bestrebungen scheinen in Amerika auf zwei Wegen vor
sich zu gehen. Einmal versucht man, zu Optimalleistungen durch
technische Weiterentwicklung der Betriebe zu kommen, zum
anderen ist man bemüht, das Ziel mittels organisatorischer Durch-
denkung zu erreichen.

Es „wäre ein Irrtum, wenn man annehmen wollte, dass die
technischen Apparaturen der amerikanischen Fabriken im all-
gemeinen anders wären als in Deutschland. Wir haben gefunden,
dass unsere deutschen Unternehmer die technischen Hilfsmittel
ihrer Betriebe — Maschinen usw. — häufig schlechter machen, als
sie sind. In der Mehrzahl der Fälle unserer Besichtigungen amerika-
nischer Betriebe konnten wir feststellen, dass viel weniger uns
fremde Maschinen vorhanden waren, als wir angenommen hatten.

Bei Betrachtung der technischen Apparatur der Betriebe der
Vereinigten Staaten, soweit sie von besonderer Art ist, darf nicht
ausser acht gelassen werden, dass die Art und der Leistungsgrad
der Maschinen nicht zufällig entstehen. Es müssen bestimmte Auf-
gaben erst gestellt sein, ehe der Zwang und damit die Möglichkeit
HE sie technisch zu losen. Amerika hat zum Teil andere
braucht siche Aufgaben entwickelt als Deutschland, man
Pro an den Wolkenkratzerbau, an die Jahresmillionen-
anderes De der Automobilindustrie, an die Fleischversorgung und an
die aus U denken. Es würde sinnlos sein, technische Apparaturen,

‚CHEN Aufgaben heraus entstanden sind, auf Deutschland
mechanisch zu übertragen.
U VE ein Beispiel: In den Vereinigten Staaten hat man
CT 0 ie derbohrmaschine für die Automobilindustrie ausser-
N HN Sl entwickelt. Was aber sollte eine solche Maschine
N uischen Unternehmen der Automobilbranche, das täglich
nen Wagen (z.B. Audi-A,-G,, Zwickau) herstellt? Die Über-
51
        <pb n="54" />
        nahme jener Maschine, die in Amerika bei 9000 Motoren als Tages-
produktion (Ford) dem ständigen Zwang weiterer technischer Aus-
gestaltung unterliegt, würde in dem Zwickauer Automobilbetrieb
nicht nur etwas technisch Wesensifremdes, sie würde auch ein
Element der Unrationalität sein. Für 359 Tage im Jahre hätte .sie
keine Arbeit.

Man kann nicht in der Technik eines Landes vergegenständlichten
Geist und Wirtschaftszustand dadurch für sich mobilisieren, dass
man in diesem Lande einfach die modernsten Maschinen kauft und
mit nach Hause nimmt. Damit wäre dasselbe getan, was Goethe in
seinem „Faust“ durch Mephistopheles dem Studenten einredet. Der
glaubt ja auch, dass er das Wissen besitze, wenn er es schwarz auf
weiss nach Hause trage. Die deutsche Wirtschaft wird nicht dadurch
die amerikanischen Produktionsmethoden und Arbeitsresultate er-
zielen, dass sie in den Vereinigten Staaten einzelne Maschinen kauft
oder besondere und auffällig glückliche Teillösungen der Pro-
duktionspraxis kopiert. Maschinen sind nicht Ursache, sondern
Folge, sie sind nicht nur Voraussetzungen zur Weiterentwicklung,
sie verlangen auch Voraussetzungen.

Aus diesen Gründen ist es auch verständlich, dass wir so viele
uns bekannte Maschinen und sogar deutsche Maschinen sahen. Es
ist tatsächlich so, dass dort, wo die amerikanische Warenproduktion
nicht besondere, für uns mehr oder weniger unbekannte Aufgaben
entwickelt hat oder gestellt bekommt, sie fechnisch mit den
deutschen Produktionsstätten durchaus verwandt ist.

Die Bestrebungen der amerikanischen Unternehmer, zu höherer
Produktivität, zu optimalen Leistungen zu kommen, liegen auch
dort, wo die Betriebe den unsrigen verwandte Aufgaben haben,
weniger auf technischem und mehr auf organisatorischem Gebiet.
Erst dort, wo sie Aufgaben lösen müssen, bei denen die Kapazität
der technischen Apparatur allein bei aller Organisation nicht aus-
reicht, erst da legt sich das Schwergewicht auf den Versuch der
technischen Lösung. Sie bleibt dann aber immer mit dem organi-
satorischen Element eng verbunden.

Der Inbegriff der modernsten amerikanischen technischen Orga-
nisation ist heute für Deutschland das, was Ford von Detroit aus
geschaffen hat. Hier ist eine nähere Darstellung notwendig.

Das Auto ist keine einfache Ware, sondern ein ausserordentlich
kompliziertes, sowohl im Material wie in der Herstellung auffällig
vielgestaltiges Produkt. Man denke daran, dass dabei Eisen, Holz,
Leder und Glas, Kupfer für den Magneten, Polsterung für die Sitze,
eine Maschine zum Antrieb (der Motor), ein komplettes Kraft-
übertragungssystem und viele sonstige Spezialprodukte (Gummi-
reifen, Laternen usw. usw.) notwendig sind. Eigentlich ist das
Auto überhaupt nichts anderes als das Resultat der Zusammen-

59
        <pb n="55" />
        setzung einer ganzen Reihe von selbständigen und verschieden-
artigen Erzeugnissen. Die Fordwerke produzieren die Mehrzahl
dieser Einzelfabrikate, sie sind also eigentlich keine Automobil-
fabrik, sondern ein Konzern von Fabriken tür Automobilteile. Die
Fordwerke sind aber nicht nur eine Produktionsgemeinschaft, sie
sind zugleich ein kompletter vertikaler Konzern mit eigenen Erz-
lagern und Kohlengruben, eigenen Schiffahrtslinien und Eisen-
bahnen, eigenen Hochöfen, Koksbatterien, Giessereien, Maschinen-
werkstätten, Drahtspinnereien, Glasziehereien, Lederfabriken,
Lackierereien, und nicht zuletzt mit eigenen Verkaufsorganisationen.
In Detroit werden nur die Automobile und Traktoren zusammen-
gesetzt, die im Bereich der Detroiter Verkaufszentrale zu liefern
sind. Ford hat in den Vereinigten Staaten über dreissig Automobil-
zusammensetzbetriebe. Ford liefert in diese Betriebe seine
Automobilteile, die im wesentlichen in Detroit hergestellt werden.

Es macht sich in den Vereinigten Staaten eine Entwicklung be-
merkbar, die dahin geht, dass die grossen Automobilfabriken be-
stimmte Aufomobilteile, nicht etwa nur Ausrüstungsgegenstände,
von selbständigen Spezialtabriken im freien Markt kauften.

Was bis hierher von der Eigenart des Fordschen Betriebes gesagt
ist, gehört zu dem Kapitel der organisatorischen Zusammenfassung
der Produktion. Bei uns in Deutschland ist diese Entwicklung auf
der Basis der sogenannten Kollegialverfassung (Dachgesell-
schaften), im besonderen in der Elektroindustrie, sehr weit fort-
geschritten. Das einzigartige am Fordsystem ist, dass es auf zwei
Augen gestellt ist.

Die technische Durchgestaltung der Fordschen Automobil-
Produktion ist ein ganz anderes Wirtschaftselement, das sich wieder
aus einer Fülle von einzelnen Erkenntnisreihen und deren prak-
tischen Folgerungen zusammensetzt.

.. Das Transportband, die mechanische Bewegung des Arbeitsgutes
Im Betriebe, ist nichts Neues. Wir haben sie auch in Deutschland.
In den Vereinigten Staaten ist aber das Transportband ausser-
SO Snilich Weit entwickelt und vielfach verbreitet. Bei Ford sehen

I N Neuartig durchgebildet. Hier ist das Transportband nicht
Pe /erbindungsstück zwischen den einzelnen Gruppenstadien der

rbeit, ©S befindet sich zwischen jedem einzelnen Arbeitsvorgang,
es ist auch Zwischen die winzigsten Stadien der Bearbeitung des
Arbeitsgutes eingesetzt. Hier ist das Transportband also nicht
mehr nur in der bekannten Funktion als Zubringerband tätig, es ist
Tan beitsband, also zum Mittel der wirklich „fliessenden“ Pro-
2 durchgebildet. Das setzt eine weitgehende Zerlegung der
ı eit in einzelne maschinelle Teilvorrichtungen voraus. Die Zer-

egung auch kompliziertester Arbeitsvorgänge zu einer Kette von

53
        <pb n="56" />
        einzelnen, durch Maschinen zu verrichtenden Teilarbeiten ist. die
Voraussetzung des Arbeitsbandes.

Von ganz anderer Art ist das Montageband, das Zusammensetz-
band. Auf ihm werden auch bei Ford nur jertige Produkte: der
Automobilrahmen, die Achsen, der Motor, das Chassis, die Räder,
die Kotbleche, die Laternen usw. usw. zu einem Automobil zu-
sammengesetzt.

Diese Entwicklung der Betriebstechnik kann naturgemäss immer
wieder, statt zur Optimalleistung zu führen, zum Zwang der
physischen Maximalintensität des Arbeiters ausarten. Die beiden
Prinzipien, das des quantitativen Maximums und dasdes qualitativen
Optimums, laufen ja nur in der Theorie säuberlich neben-
einander her, in der Praxis berühren und verknüpfen sie sich
häufig. Es ist wohl ohnedies zweifelsfrei, dass bei der privat-
kapitalistischen Organisation des Optimums praktisch immer eine
erhebliche Kompression der Arbeit zur Tatsache wird. Es wird
dabei auf den Standpunkt ankommen, von dem aus die Arbeit an
den Maschinen der so organisierten Betriebe betrachtet wird. Der
Unternehmer wird gern auch dort von einer zwar intensiven, aber
physisch nicht anstrengenden, reinen Beobachtungstätigkeit des
Arbeiters an der Maschine sprechen, wo der Arbeiter selbst der
berechtigten Auffassung ist, dass die fliessende Produktion auf dem
Umweg über angespannteste geistige Tätigkeit auch physisch aus
ihm das Letzte herausholt.

Deswegen ist die Bestimmung über das Tempo des fliessenden
Bandes auch in den Vereinigten Staaten eine Angelegenheit, die
man den Unternehmern nicht allein überlassen hat. Die Mit-
bestimmung über das Tempo des fliessenden Bandes ist ebenso eine
Aufgabe der Gewerkschaft wie ihre Mitbestimmung in der Betriebs-
hygiene, bei der Arbeitszeit und bei den sonstigen Beziehungen
zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern.

In der Praxis hat das Streben nach optimaler Produktion in sich
selbst auch ein gewisses Korrektiv gegen den etwaigen Umschlag
in die Tendenz zu quantitativer Maximalintensivierung. Jede ent-
scheidende technische und organisatorische Verbesserung der Pro-
duktion birgt einen gewissen Verschwendungsfaktor in sich. In die
neuen Produktionsmöglichkeiten muss der Bedarf hineinwachsen.
Zum anderen zieht jede technische und organisatorische Hoch-
entwicklung solche grossen Arbeitermassen an sich oder benötigt
so qualifizierte und spezialisierte Kräfte, dass mit deren Willen eben-
falls gerechnet werden muss. Letzten Endes ist für den klügeren
Unternehmer das Tempo, ganz gleich ob nach dem quantitativen
Maximum oder nach dem produktiven Optimum hin, ein Rechen-
exempel, in dem die Meinung des Arbeiters eine Rolle spielt. Setzt

54
        <pb n="57" />
        er sie in seine Berechnungen nicht ein, so hat er sozialen Konflikt-
stoff im Betrieb. |

Aus diesen Erkenntnissen ist eine weitere, wieder anders ge-
artete Entwicklung der Produktionsmethoden im Sinne des Strebens
zum Optimum in den Vereinigten Staaten deutlich erkennbar.

Sowohl die organisatorische wie die technische Durchdenkung
der Betriebe zeigt überall die gleiche Tendenz: Unkosten in der
Produktion zu vermeiden.

Zu den Unkosten, die nach amerikanischer Auffassung in jedem
Betrieb ständig weiter nach unten gedrückt werden können, ge-
hören nicht nur die Ausgaben für die Bewegung des Arbeitsgutes
während der Bearbeitung, sondern auch die Unkosten, die sich aus
der Umschlagszeit des Kapitals ergeben.

Man sieht, dass im Gegensatz zu Deutschland die amerikanischen
Rationalisierungsmethoden auch noch etwas anderes sind als Er-
sparnisse auf Lohnkonto. Bei uns in Deutschland erschöpft sich
häufig die Rationalisierung in dem Hinauswurf von Arbeitern und
Angestellten; es gibt Unternehmer, die meinen, dass das Wort
„Rationalisierung“ nur das Wort „Abbau“ abgelöst habe, praktisch
hätten aber beide den gleichen Sinn, nämlich den, möglichst „viel“
Arbeit durch möglichst wenig Arbeiter verrichten zu lassen.

Ein bedeutsamer Unterschied zu deutschen industriellen Be-
trieben zeigt sich beim Vergleich mit den Betrieben der Vereinigten
Staaten überdies auch darin, dass die dortigen Unternehmungen
häufig auf einem verblüffend kleinen Raum zusammengepresst sind.
Man rechnet mit den Unkosten, die aus unnötigen Längen der
Wege im Betriebe entstehen ebenso selbstverständlich wie mit Un-
kosten, die aus zu komplizierter Betriebsleitung folgen.

Hier sei eingefügt, dass die Wirtschaftspolitische Abteilung des
Deutschen Werkmeister-Verbandes bei einer kürzlich durch-
geführten Untersuchung der Veränderung des Grundbesitzes und
der Gebäudeausdehnung von 322 deutschen Aktiengesellschaften
feststellte, dass von 1913 bis 1925 der Grundbesitz dieser Unter-
nehmungen von 225 Millionen Quadratmeter auf 435 Millionen, also
UM rund 93 Prozent, gestiegen ist. Die bebaute Grundfläche ist von
26 auf 35 Millionen Quadratmeter, also um rund 35 Prozent, ge-
stiegen.

Aus der Weiträumigkeit vieler deutschen Betriebe und der in den
Vereinigten Staaten üblichen Konzentrierung auf möglichst kleiner
Betriebsfläche ergibt sich nicht nur manche Erklärung für Unter-
schiede im Arbeitseffekt, sondern auch der Tatbestand der qualita-
tiven Intensivierung der Tätigkeit des amerikanischen Arbeiters, die
Physisch zu Erleichterungen führen kann, während der deutsche
Arbeiter in den zu Weiträumig gewordenen Betrieben physisch

55
        <pb n="58" />
        Kraftausgaben vermehrt leisten muss, ohne damit auch nur quan-
titativ irgendeinen Arbeitseffekt zu erreichen.

Es soll — damit keine Missverständnisse entstehen — hier deut-
lich unterstrichen werden, dass der Trieb zur Konzentration auf
möglichst kleiner Fläche beim amerikanischen Unternehmer nicht
etwa nur von organisationswissenschaftlicher Erwägung ausgeht.
Der Unternehmer sieht seinen Vorteil bei dieser Enge. Der Vorteil
ist auch in den Vereinigten Staaten für den Unternehmer ein Be-
weggrund, von dem er sich gern dazu verführen lässt, alle anderen
Rücksichten nicht zu beachten. Deswegen sind die amerikanischen
Betriebe häufig lebensgefährlich eng, und betriebshygienisch sind
sie vielfach mit unseren modernen Betrieben nicht zu vergleichen.
Die älteren Betriebe sind ja allerdings auch in Deutschland keine
Musteranstalten.

d) Die Normisierung.

Ein bedeutsames Element der Produktionssteigerung ist für die
Vereinigten Staaten zweifelsohne die „Uniformität“ der Ware. Dar-
über werden in Deutschland gern Wunderdinge erzählt. Als
klassisches Beispiel gilt gemeinhin die amerikanische Automobil-
produktion. Der innere Zusammenhang zwischen Massenproduktion
und Einheitsfabrikat ist aber in den Vereinigten Staaten ein ganz
anderer, als bei uns zumeist angenommen wird.

Es wird in den Vereinigten Staaten durchaus nicht nur eine
Motortype hergestellt. Wir registrierten 54 marktgängige Auto-
mobil-Motortypen. Die üblichen Wagentypen sind selbstverständ-
lich noch viel zahlreicher. Es gibt zurzeit in den Vereinigten
Staaten nach den eigenen Angaben der Automobilfabriken genau
495 einzelne Ausstattungstypen, die sämtlich in mehr oder weniger
grossen Serien hergestellt und verkauft werden.

In der nachfolgenden Tabelle bringen wir eine Zusammenstellung
der amerikanischen Motortypen. Bei jeder einzelnen sind die Zahl
der mit ihr. hergestellten Wagentypen und dahinter der Preis ver-
merkt. Nicht übersehen darf bei dieser Tabelle werden, dass eine
Reihe der genannten Motorenfabriken in sich wieder Produktions-
konzerne bilden. So existiert z. B. die General Motor Co., sie hat
eine ganze Reihe von Automobilgesellschaften organisatorisch zu-
sammengefasst; dies gilt aber mehr für Einkauf und Verkauf als
für die Produktion.

Das Prinzip der Vereinheitlichung des amerikanischen Autos
liegt also weder im Aussehen, noch in der Qualität der Automobile.
Es liegt darin, dass die Grundlagen der Automobilproduktion,
Wagenrahmen, Motor, Kühler, Räder, Magnet, Vergaser, Laternen,

56
        <pb n="59" />
        Gesenkstücke, Zubehörteile und Schrauben, ji aueh die Gr d-
konstruktionen und die Einzelteile der Kaross Med r
in Spezialfabriken entstehen, die die gemeinsA eZzuUgsqu i
Automobilfabriken darstellen. (Im Fordbetri Sind RC Fabrik
herstellungen, wie erwähnt, in einer Hand veFeinigt.) Aus ijen
ständig zunehmenden Typisierung der AutoMmöBilteile undwseiger
gewissen Normisierung entsteht die EinheitlichKeit der Ware,
Typen und Preise amerikanischer Autos.
Typen Dollar Typen Dollar
AlaX 1.0... 11 865:bis 2595 Junior... 4 41785 bis 2285
AUDUI. zn 10 1395, 2000 Riesel  .. 5.2. 108 1685 5485
Buick ....... 16 1125 ,, 1995 Lexington. ... 6 1595.,,:2895
Cadillac .... 13 2995 „ 4485 Locomobile.. 7 7460 ‚10300
Case ........ 12 1570.,,..2975 (| MecFarlanı. .. 2414| 2650.,,: 9000
Chandler .... 11 1495 ,, 3095 Marmon .... ‚4 3295 ., 3900
Chevrolet... 5 525 „775 MOON. a.00. 7 1195,31 1695
Chrysler .... 12. 895,, 2095 Nash ....... 11 1135 2290
Cleveland. .. 8 895 ,, 1625 Oakland ..... 6 .975,, 1295
Cunningham 4 6150 „„ 8100 Oldsmobile .. 5 875 „ 1125
Davis ...... 11111395 ,, 2095 Overland.... 5] 495... 1095
Diana” ...... 61895 21950 Packard .... 182585 „5100
Dodge Broth. 120 855 , 1145 Paize ...... 42165 , 2840
Duesenberg.. 5 6650 , 8300 _Peerless .... 15 1995 „ 3795
du Pont .... 4 2600 „ 4300 Pierce Arrow 28 2895 „8000
Durant.-.... 6.810 ,, 1160080 SE 1395 1745
Eicar. ...... 131095 ,, 2865 Rickenbacker 18| 1495 ,,. 2395
ESSCX 00 1705, SONO 1155. 1455
Finte 0 ES Str 525... 775
Ford. ,..... 5 200, 660 Stearns-
Lincoln(Ford) 1* 4000 „ 6600 Knight .... 92 1875 „3305
Franklin... 2635 „. 44007 Studebaker .. (7) 1125 ,, 2325
Gardner .... 11 1395 „, 2495 [(Stutz ....... ID 2395... 4035
Gay. 5 505, SS Velie EN 105, 1825
Mudson .... 4 1250, 1650 _Westcott.... 3 2045 „2828
Hupmobile .. 5 1795 „ 2095 Wfills
Jewett. 1245 „„ 1680 St. Claire.. 26 2385 „ 4285
Jordan”... 2275 ,. 29250 Willys Knizht. 11. 1195 ,, 2295
Das Beispiel des Automobils zeigt, dass die amerikanische Nor-
misierung in Deutschland fälschlich als Einheitsware aus Universal-
produktion verstanden wird. Selbstverständlich wirken sich die
Fabrikate der grössten Automobilfabriken im amerikanischen Ver-
kehr wegen ihrer Mengen am stärksten aus. Aber Ford stellt ja
nicht nur eine Wagentype her, sondern deren sieben, dazu sind
dann noch die vierzehn Serienwagen seiner Lincolnproduktion
57
        <pb n="60" />
        zu rechnen und die verschiedenen Lastwagen- und Traktoren-
typen. Also auch im Ford-Konzern haben wir auf der Basis
der einheitlichen Herstellung der Teile eine immerhin erheb-
liche Unterschiedlichkeit des Fertigproduktes. Diese Verschieden-
heit erzwingt sich aus dem Geldbeutel der Käufer und aus
deren unterschiedlichem Bedürfnis. Deswegen wird es auch in
Amerika niemals das „Einheitsauto“ geben. Im Gegenteil: Recht
deutlich lässt sich bemerken, dass gerade in den Vereinigten
Staaten die Abwanderung von einer Wagentype zur anderen, von
der billigen zur besseren Ausstattung, vom schwachen zum starken
Motor sehr lebhaft vor sich geht. (Wir erleben etwas Gleiches in
Deutschland bei den Radioapparaten.)

In Deutschland ist die Uneinheitlichkeit der Automobilproduktion
nicht eine einfache Vergröberung oder eine unfertige Form der
amerikanischen Einheitlichkeit. Der Zustand unserer Automobil-
produktion ist „antiamerikanisch“. Der Nachwuchs unserer Auto-
mobilfabriken kommt aus der Motorschlosserei und demKarosserie-
handwerk.

Es handelt sich, wie man am Beispiel der Automobilindustrie
sieht, bei den Vergleichen der deutschen und der amerikanischen
Industrie um einen Irrtum über die Quelle der Entwicklung. Ausser-
dem bestehen aber auch, wie oben schon angedeutet, über die Ent-
wicklung selbst falsche Auffassungen. Das ist wohl dadurch mög-
lich geworden, dass in Deutschland seit Jahr und Tag über die
Normisierung der amerikanischen Produktion oberflächlich-opti-
mistische Darstellungen verbreitet werden. Sie führen beinahe
sämtlich in dem begründenden Material auf eine Tabelle zurück, die
den Erfolg der Normisierungsarbeit zahlenmässig darstellt, den
eine Abteilung des Bureau of Standards für sich in Anspruch nimmt,
die Vereinfachungen in der Praxis herbeiführen soll. Wenn man,
wie wir es gezwungen waren, nunmehr seit einem Jahr alle wich-
tigeren Äusserungen über Amerika, die in Buchform, in Zeitungen
und Zeitschriften erscheinen, in die Hände nehmen Muss, So er-
schrickt man über die allgemeine Wiederholung einer durch
einige Zahlen ein einziges Mal scheinbar erwiesenen Be-
hauptung. Tatsächlich führen 95 Prozent aller „Feststellungen“
über die Grosszügigkeit und die Resultate der amerikanischen
Produktionsnormisierung auf jene eine Tabelle zurück.

Nach den tabellarischen Angaben dieser zwar amtlichen, aber mit
den amerikanischen Unternehmern zusammenarbeitenden Ab-
teilung des Bureau of Standards soll z. B. der Erfolg herbeigeführt
worden sein, dass die Zahl der Bett-Typen (mit Sprungfedern und
Matratzen) von 78 auf 4, die Zahl der Hospitalbetten-Typen sogar
von 40 auf 1 vermindert wurde. Daraus wird dann von denjenigen,
die diese Zahlen benutzen, ohne weiteres geschlossen, dass diese

58
        <pb n="61" />
        einfachen Beratungsresultate zwischen jener Regierungsabteilung
und der Industrie — soweit diese sich an den Beratungen beteiligt
hat! — praktisch die Normisierung der Produktion bedeuten.

Die Normisierung der Gebrauchsgegenstände, im besonderen
aber der Halbfabrikate, Nebenprodukte, Werkzeuge, Grundmateria-
lien usw. ist ein grosses Problem. Es ist bekannt, dass in Deutsch-
land die Arbeiten des Normenausschusses der Industrie wesentliche
Erfolge bisher nicht zu erzielen vermocht haben. Die Berichte dar-
über sind völlig eindeutig. Um so mehr hatten die deutschen Ge-
werkschafter in Amerika, dem leuchtenden Beispiel der Normisie-
rung, Interesse an den Erfolgen der Normisierungsarbeit. Dies um
so mehr, weil ja die Höhe und Leistungsfähigkeit der amerikanischen
Produktion häufig im wesentlichen auf die erfolgreiche Normisierung
zurückgeführt wird. Weiter überdies auch auf ihre Planmässigkeit
der Produktion. (Über die Planmässigkeit der amerikanischen
Wirtschaft wird in dem Kapitel: „Der Kampf gegen die Ver-
schwendung in der Industrie“ im Zusammenhang berichtet.)

Man muss bei einer Betrachtung der Warennormisierung in den
Vereinigten Staaten, wenn man ihren Grad mit der in Deutschland
bisher erreichten Einheitlichkeit vergleichen will, zuerst die mög-
lichen Fehlerquellen der Beobachtung ausschliessen.

Die Vereinigten Staaten umfassen 110 Millionen Einwohner und
befriedigen erhebliche Bedürfnisse der Bevölkerung Kanadas und
Mexikos. Wir haben es also mit einem Absatzgebiet von über rund
150 Millionen Menschen zu tun. Deutschland hat 65 Millionen Ein-
wohner; sie sind vorwiegend sesshaft und kulturgeschichtlich mit
ihrem Boden verbunden. Rein quantitativ gesehen, können in den
Vereinigten Staaten schon wegen der grösseren Verbraucherzahl
erheblichere Massen einheitlicher Fabrikate hergestellt werden als
bei uns in Deutschland. Zudem erfolgt in Amerika der Waren-
umschlag rascher als bei uns. Die Tyrannin Mode herrscht!

Die einheitliche Massenherstellung wird durch zwei weitere für
Amerika bedingte Ursachen begünstigt. Im einleitenden Kapitel ist
Schon erwähnt, aus wie eigenartigen Umständen der Handel sich
In den Vereinigten Staaten soweit auszudehnen und so stark zu
werden vermochte. Man überliess, da man ja als Einwanderer die
alte Kultur Europas hinter sich geworfen hatte und den Kampf um
EINE Neue, bessere Zukunft führte, die Bedarfsbefriedigung dem
Handel. Das Da-Sein steht vor dem Wie-Sein! Der Handel war
seinerseits an der Einheitlichkeit des Produktes schon deswegen
interessiert, weil er das Geschäft nicht standortmässig — man denke
an die dünne und weitläufige Besiedlung —, sondern nur interlokal
und mit ständig sich verändernderKolonistenschicht betreiben konnte.
Was an kulturellen Eigenheiten von bestimmten Einwanderergruppen
in Tracht und äusseren Lebensformen nach Amerika gebracht wurde,

59
        <pb n="62" />
        verschwand im allgemeinen infolge jener dauernden Umspülung
durch den spezifisch amerikanischen Handel. Es ergab sich dabei
nicht eine Vereinheitlichung der Produktion, sondern die Ent-
wicklung zur Einheitlichkeit des Geschmacks. Es ist ja auch heute
so, dass z.B. die Konfektion, die von New York bis Chicago nicht
abgesetzt werden kann und von den Farmern nicht aufgesaugt
wird, nach dem Süden zu den Negern wandert. Die Neger der
Vereinigten Staaten sind — soweit sie arm sind — in der Mode
vielleicht einige Zeit zurück, aber sie haben einheitlich den Mode-
begriff des weissen Amerikaners.

Die andere Ursache, die die Einheitlichkeit des Warengesichts
sehr förderte, ist in anderem Zusammenhang ebenfalls schon
erwähnt worden, es ist die Entwicklungstendenz, die nicht zu den
Kartellen geführt hat, sondern eher Truste ermöglichte. Kartell in
deutschem Sinne bedeutet Erhaltung der unterschiedlichsten Pro-
duktionsstätten, das ist ein Zwang gegen die Vereinheitlichung des
Gesichts der Ware. In Amerika hat die, wie schon dargestellt,
umgekehrte Entwicklung die Vereinheitlichung in der Waren-
herstellung— die fälschlich Normisierung genannt wird— gefördert.

Diese beiden Tatbestände müssen beachtet werden, wenn man
den Grad der Normisierung der Waren in den Vereinigten Staaten
objektiv mit der deutschen Warenvielgestaltigkeit vergleichen will.

Was ergeben sich nun bei Beachtung jener Einschränkung für
Tatsachen?

In der Bekleidungsindustrie ist die Vielgestaltigkeitder Produktion
ganz wesentlich grösser als bei uns. Jedermann in der Konfektion —
nehmen wir z.B. die Damenmäntelschneiderei — sucht jährlich
zweimal ein eigenes Modell fertigzubringen. Mit ihm wird zu den
grossen Einzelverkaufsgeschäften, den Versandhäusern und Waren-
häusern gerannt. Schlägt das Modell ein, so summiert sich natur-
gemäss dieses Modell in grosser Masse. Bei der Ausdehnung und
dem von Konkurrenzbefürchtungen getriebenen Arbeitstempo der
Handelsorganisation wird ein solches Erzeugnis der Damenmäntel-
schneiderei durch tausend Kanäle innerhalb weniger Tage weit ins
amerikanische Land verbreitet. Die Folge ist, dass die gesamte
Damenmäntelkonfektion, die ja ohnehin in ihren Gedankengängen
gleichartig ist, in derselben Form produziert. Die Frauen Amerikas
sehen dann „ganz einheitlich“ angezogen aus. Man darf nicht ver-
gessen, dass die grossen Versandhäuser Millionen von Kunden
haben, dass grosse Konfektionsschneidereien wöchentlich Hundert-
tausende von Mänteln oder Anzügen oder Kleidern herzustellen
vermögen. Es sind rund 150 Millionen Menschen zu bekleiden.
Überdies ist die Einheitlichkeit des Geschmacks z.B. inder deutschen
Herrenkleidererzeugung trotz des stark handwerklich zersplitterten
Gewerbes ausserordentlich stark ausgeprägt. Äusserlich tritt die

60
        <pb n="63" />
        Einheitlichkeit des Geschmacks in Amerika stärker in den Vorder-
grund, weil dort rascher verbraucht wird.

In der Schuhindustrie ist es ähnlich. Die grösste Fabrik der
amerikanischen Schuhindustrie vermag nur sechs Prozent des
amerikanischen Schuhbedarfs zu decken. Auch in der Schuh-
industrie ist der Konkurrenzgalopp vor der Königin Mode der
höchste Sport. Bei ihm brechen sich jahraus, jahrein viele den Hals.
Jedes Unternehmen entwickelt seine eigene Schuhform, hat seine
eigenen Herstellungsmethoden. Man hält sich zwar an die all-
gemeine Modestimmung — z. B.: breite Absätze oder scharfe
Spitzen oder stark überstehender Sohlenrand usw. —, im übrigen
produziert jede Schuhfabrik ihren eigenen Stil.

Noch toller ist das in der Herrenwäscheproduktion. Es wird in
Deutschland zu gern von der einen Kragenfabrik erzählt, die in
einem Zuschnitt die ganze amerikanische Männerwelt mit Kragen
befriedigt. Aber was ist das für eine Normisierung, wenn jedes
bessere Ladengeschäft 32 unterschiedliche Arten von Kragenformen
führen muss? Hier ist nicht die unterschiedliche Halsweite, sondern
die unterschiedliche Krageniorm gemeint! Wir haben in den ganzen
Vereinigten Staaten kein Herrenmodengeschäft gesehen, das nur
eine Kragenform verkaufte.

Ebenso ist es mit der übrigen Unterkleidung. Neben dem
modernen „Vollblutamerikanischen“, ärmellosen Unterzeug gibt es
die altmodischsten baumwollenen Unterhosen und leinene farbige
Unterkleider in den verschiedensten Zuschnitten — auch hier wird
die Einheitlichkeit im Zuschnitt nur im Rahmen des Absatzes der
einzelnen Firma erreicht.

In Colliers „The national Weekly“ schrieb kürzlich einer der
typischen amerikanischen Sprüchemacher, dass „von einem Block
weit“ (zwei Strassen entfernt) betrachtet, alle amerikanischen
jungen Mädchen völlig gleich aussähen. Das gilt auch für. die
Männer. Aber die Normisierung des Geschmacks ist noch keine
Einheitsware und noch lange keine Einheitstabrikation!

Wir haben uns wochenlang mit solchen Feststellungen beschäftigt,
die einer Nachprüfung der Behauptung dienen sollten, ob die Zahl
der Bettypen mit Sprungfedern und Matratzen im Wirtschafts-
bereich der Vereinigten Staaten sich wirklich von 78 auf 4 ver-
mindert habe. Bei dem raschen Warenumschlag und der Gleich-
artigkeit des Geschmacks quer durch ganz Amerika musste das
Resultat der Normisierungsarbeit von Regierung und Industrie
im Warenhandel und in den neuesten Hotels feststellbar sein,
stammen die erwähnten Normisierungsbeschlüsse doch schon aus
den Jahren 1920 bis 1924,

Wir wohnten in den Vereinigten Staaten in den verschiedensten
Städten in diesen Riesenhotels mit tausend und mehr Zimmern,

61
        <pb n="64" />
        auch in den Riesenkarawansereien, wie sie erst neuerdings die
Statlergesellschaft in den grössten amerikanischen Städten gebaut
hat und baut. Wir fanden kein Einheitsbett, auch nicht in den aller-
neuesten, eben erst eröffneten Betrieben dieser Art. Häufig fanden
sich in jeder Etage, mitunter sogar auf den gleichen Stockwerken
und in den einzelnen Zimmern, verschiedene Bettformen. Die Betten
waren nicht nur in der Form und im Material, sondern auch in den
Grössen, in der Fusshöhe usw. durchaus unterschiedlich. Es war
nicht der Zimmerpreis, der das Aussehen des Bettes bestimmte!
Das gleiche ergab sich überdies auch für die Bettwäsche, ob-
wohl die Normisierungskommission mit Stolz berichtet, dass sie
Bettdecken- und Bettüchergrössen in der Typenzahl von 78 auf 12
herabgedrückt habe. Aber in den Hotels konnten ja Geschäfts-
gründe irgendwelcher Art gegen die Normisierung gesprochen
haben.

Wir gingen in die Möbelabteilungen der Warenhäuser für den
Mittelstand und in die Kaufhäuser, in denen die Arbeiter kaufen,
studierten die Kataloge der grossen Versandhäuser, die an Millionen
von Farmern liefern. Wir fanden einige hundert verschiedene Bett-
typen und -arten. (Wir sprechen hier nicht von gleichen Typen in
unterschiedlicher Qualität!)

Wir befragten uns in den Kaufhäusern über die „Standard“betten,
über diejenigen in der Fülle der vorhandenen Typen, die Massen-
umsätze ergeben. Zu unserem Erstaunen wurde uns immer wieder
gesagt, dass zu den meistgekauften Marken die verschiedensten
Bettypen gehörten. (Wir sprechen hier wieder nicht von ver-
schiedenen Preistypen, sondern von unterschiedlichen Typen in
etwa gleicher Preislage!)

Wir befragten die amerikanischen Gewerkschafter; sie lachten
über die Reklamelüge, auf die man hereingefallen sei.

Wir befragten amerikanische Unternehmer; sie antworteten,
dass Normisierung ... sehr notwendig sei!

Wir fragten nach der grössten Bettstellenfabrik Amerikas; aber
auch „Simons“ hat mit seinem Metallbett noch nicht das normisierte
Einheitsfabrikat erreicht.

Und dann der Unterschied der Preise! Ein schweres, weiss
lackiertes Metallbett, die Hauptteile aus Eisenrohr von etwa vier
Zentimeter Durchmesser, kostet etwa 10 Dollar. Den Patentfeder-
rahmen, den es überdies in den verschiedensten Ausführungen gibt,
kann man ebenso für etwa 10 Dollar haben. Dazu kommt die
Matratze, sie existiert wieder in vielen Ausführungen und Grössen.

Die mittlere Qualität kostet etwa 25 Dollar. Dieses so von jedem
einzelnen Käufer nach seinem Geschmack und nach seinem Geld-
beutel kombinierte Metallbett ist aber durchaus nicht das Ziel aller
Amerikaner, Das Metallbett steht in Idealkonkurrenz mit dem heute
69
        <pb n="65" />
        in den Vereinigten Staaten ebenfalls gern gekauften Bett, das aus
Holz und französisch breit ist, das gedrechselte Beine hat, und das
am Kopf- und Fussende — unpraktisch, in der Konstruktion kom-
pliziert und sinnlos — Holzstummel einen halben Meter in die Luft
EMporstreckt. Es handelt sich nicht nur im Wortsinne, sondern
tatsächlich um die Überbleibsel der Baldachinstangen des englischen
Bettes aus dem 18. Jahrhundert!

Wir geben hier nach einer amerikanischen Zeitungsreklame eine
Skizze, damit sich der Leser eine Vorstellung von jenem „prak-
tischen“ amerikanischen Bett machen kann.

| W

C E

}

n

Die Vorstehenden Tatsachen aus dem realen Leben der Ver-

einigten Staaten zeigen, dass es mit der Normisierung für allgemeine
Gebrauchsgegenstände noch weite Wege hat; die Überlegenheit
der amerikanischen Produktion beruht nicht auf der erreichten
Normisierung der Waren, sondern auf anderen Ursachen.

Selbstverständlich gibt es auch Einheitsfabrikate. Sie werden
durch eine beispiellose Propaganda in das ganze Volk gepresst.
Aber wenn man sich „Kathreiners Malzkaffee“ oder den jetzt

63
        <pb n="66" />
        wieder sanft entschlafenen Dr. Unblutig mit seinem „Kukirol“ in
der Proportion auf die Grösse des amerikanischen Landes und die
Zahl seiner Bevölkerung übertragen denkt, dann ist der Unterschied
des Machtbereiches dieser Einheitsfabrikate im Vergleich zum
„Jedermann“-Kaugummi oder zur „Für-jede-Frau‘“-Tomatensauce
gar nicht so gross.

Der eigentliche Unterschied zwischen den Vereinigten Staaten
und Deutschland liegt nicht in der dort grossartigeren technischen
Normisierung, sondern in der grösseren Einheitlichkeit der Lebens-
auffassung, der stärkeren Unitormität der Gedanken, der Normi-
sierung der Ausdruckstormen. Aber von der Einheitlichkeit der
Lebensauffassung bis zur Einheitsware, von der Normisierung der
Ausdrucksformen bis zur uniformen Produktion ist noch ein weiter
Schritt. Damit soll nicht gesagt sein — das sei hier ausdrücklich
unterstrichen —, dass die Amerikaner annähmen, in der sinnlosen
Vielgestaltigkeit der Produktion läge irgendein volkswirtschaftlicher
oder gar ein privatwirtschaftlicher Vorteil. Die Erkenntnis der Not-
wendigkeit, die alltäglichen und industriellen Gebrauchsartikel von
der Stahlfeder bis zum Kinderwagen und von der Wringmaschine
bis zum Sarg auf einheitliche Nenner zu bringen, die Typenzahl zu
verringern, ist in den Vereinigten Staaten sicher weiter verbreitet
als bei uns. Aber jede Normisierung bedeutet nicht nur für den
Käufer der Ware, sondern auch für den Produzenten, dass er etwas
von seiner individuellen Herrschaft aufgibt. Bei der Einheitlichkeit
der Lebensauffassung in den Vereinigten Staaten wird der Käufer
noch eher für das normisierte Produkt zu haben sein als der Pro-
duzent, denn für diesen bedeutet die Normisierung zuerst mehr oder
weniger grosse Kapitalinvestierung und die mögliche Veränderung
seines Kundenkreises. Auch in den Vereinigten Staaten ist der Weg
von der volkswirtschaftlichen Erkenntnis bis zu ihrer privatwirt-
schaftlichen Verwirklichung häufig sehr weit. Er wird erst dann
kürzer, wenn rechnerisch klar ist, dass das volkswirtschaftliche
Prinzip privatwirtschaftlich nicht nur keinen Nachteil, sondern auch
Vorteil bringt. Gegenüber dem deutschen Unternehmer hat bei
diesen Berechnungen der Amerikaner den Vorteil, dass er beweg-
licher ist, und dass ihn mit dem, was geworden ist, und mit dem,
was er hat, keine Sentiments, keine Gefühle verbinden. Er wird
bedenkenlos auf das Alte verzichten und das Neue akzeptieren,
wenn das nach seiner Rechnung in Dollar auszudrücken ist. Der
deutsche Unternehmer rechnet schlechter und entschuldigt sich vor
der Vergangenheit, wenn er etwas Neues tun möchte.

64
        <pb n="67" />
        3. Das Tempo des Verbrauches.

Erstaunlich wirkt in den Vereinigten Staaten für den Beobachter
aus Deutschland die Höhe des allgemeinen Verbrauches. Sie ist
nicht nur quantitativ beachtsam, noch verwunderlicher wirkt das
Tempo des Verbrauches; der rasche Umschlag multipliziert die
Verbrauchsmengen.

Es erscheint uns ausserordentlich schwer, die ökonomischen und
psychologischen Motive dieser förmlichen Hetze des Waren-
umschlages in der sinnenverwirrenden Fülle der Tatsachen bloss-
zulegen, damit wäre überdies die quantitative Höhe des allgemeinen
Verbrauches noch nicht erklärt. Im Grunde liegen die Dinge wohl
so, dass der amerikanische Boden mit all seinen Schätzen noch
nicht so ausgelaugt ist wie das alte Europa, und dass auf ihm
Menschen leben, die eine Art Sonderzüchtung aus sämtlichen
Völkern des alten Europa sind.

Diese „natürlichen“ Elemente in Verbindung mit der Apparatur
der kapitalistischen Wirtschaft, die ständig erneut sich aus der
Qualität in die Quantität überschlägt, erzeugen jenes Wirtschafts-
„wunder“ des raschen Umschlages.

Die Vereinigten Staaten sind Jungmenschentum. Ihm ist letzten
Endes alles eine Angelegenheit der Energie, der körperlichen Kraft,
der geistigen Beweglichkeit, jedes Problem löst sich real; dabei
sind die materiellen Dinge von einem merkwürdigen Mischgewebe
aus Nüchternheit und Romantik übersponnen. Das ist noch keine
Kultur, es ist erst Besitz. Kultur ist die Beschaulichkeitstorm der
Zivilisation, sie ist die aus ihr erwachsene Tradition der Lebensform
und des geistigen Horizontes. Amerika ist jung! Noch hat alles
einen Preis. Shaw ist es wohl gewesen, der einmal sagte, dass in
Amerika nicht jedes Ding einen Wert, aber alles einen Preis habe.
So ist es auch. Die Preise schreien dem Menschen in den Ver-
einigten Staaten von morgens bis mitternachts ins Gesicht. Es ist
alles zu haben. Es ist alles zu kaufen — für den, der hat, für den,
der es kaufen kann.

Der Überfluss der Produktion will aber genommen, er muss be-
nutzt und verbraucht werden. Der Überfluss ist nicht zuletzt auch
ein Zwang zum Verkauft.

Der Zwang zum Verkauft entwickelte erstaunliche Reklame. Sie
ist in ihrer Wesensart von der, die wir in Deutschland, noch mehr
entwickelt in den anderen europäischen Ländern wie England und
Frankreich haben, nicht grundsätzlich verschieden. Sie ist in
Amerika aber quantitativ gesteigert (den Proportionen der Ver-
einigten Staaten angepasst) und psychologisch verfeinert.

Wenn man nicht die relativen Grössen der Summen, die für
Reklame ausgegeben werden, vergleicht, sondern ihre Quote am

65
        <pb n="68" />
        Preis, so ergibt sich, dass bei allen grossen Reklameangelegenheiten
der Welt, ob man amerikanische Herrenkragen, Tomatensauce,
Fruchtdrops und Kaugummi, französische Seifen und CitroensKlein-
autos, die englischen Eisenbahnen oder deutsche Propaganda für
„die gute Massary“, für Nestles Kindermehl und die Staubsauger
der AEG. nimmt — die Kostenquote etwa zwischen 2 bis 5 Prozent
des Umsatzes liegt. Die besondere Gewalt der amerikanischen
Reklame liegt darin, dass sie auf einer Basis geführt werden kann
wie in keinem anderen Land der Welt. Nur die Vereinigten Staaten
haben eine Konsumentenschaft von weit über hundert Millionen
Köpfen, die in einheitlichen Lebenstormen denken und handeln.
Sie sind so gleichartig, weil sie nicht aus tausendjähriger Ent-
wicklung stammen, sondern im neunzehnten Jahrhundert — aus
der Einwanderungsiflut — erwuchsen.

Der Zwang des Überflusses hat in Amerika ganz eigene Methoden
der Absatzsteigerung entwickelt, die sich bei uns nicht durchsetzen
können, weil in Deutschland das Bremselement, die Reaktion der
weit über 3000 Kartelle und Preiskonventionen, sich auswirkt, weil
— wie schon erörtert — die Mentalität des deutschen Unter-
nehmers in historischen Denkfiguren gebunden ist. Die Einstellung
des amerikanischen Unternehmers zum Warenpreis ist deswegen in
ihrem ganzen Wesen anders als die des deutschen Unternehmers.
Seine Maxime ist: Viel umsetzen und vor allem schnell umsetzen.
Wenig umsetzen ist sehr teuer, und langsam umsetzen kostet Geld.
So entstanden der Sport der Preisherabsetzungen und der so-
genannte „Dienst am Kunden“. Sie haben sich nicht überall frei-
willig entwickelt.

Im besonderen die Preismonopolisten, die Trusts, waren es immer
wieder, die versuchten, ihre Vorherrschaft in der Umbildung der
hohen Gewinne zu Renten sich auswirken zu lassen. Es hat des-
wegen gegen ihre Preispolitik gewaltige Stürme gegeben. Man ist
dabei in Amerika an sich gar nicht so trustfeindlich, wie wir gern
annehmen. Man schätzt und erkennt an, dass Trustbildungen wirt-
schaftliche Rationalisierungen darstellen. Gerade aus dem Gegen-
satz dieser Erkenntnis der Allgemeinheit und der gegen sie sich
auswirkenden privatkapitalistischen Profitpolitik, die in dem er-
wähnten Sinne von den Trustführern fortgesetzt erneut versucht
wird, ist die Kritik der Trusts immer lebendig geblieben. Das ist
durchaus nicht Trustfeindschaft an sich. Auch die Antitrustgesetz-
gebung hat diesen Wandel durchgemacht.

Die Stimmung des Amerikaners, der auf dem Boden der mate-
riellen Formeln der Wirtschaft vertraut ist, ist den Warenpreisen
gegenüber nüchtern. Werden ihm die Waren durch Ermässigungen
entgegengebracht, so sieht er darin für sich den Anreiz des Er-
sparnisgewinnes. Dann kauft er. Das weiss die Industrie. Sobald

AR
        <pb n="69" />
        in irgendeiner Industrie die Aufträge nachlassey „bel umt uesWe
"gen mit dem Zwang des Überflu SeS“ ein eigenarti |
ampf um den Markt. 5 pihliothek &amp;

In den Warenhäusern wandern die schf er Be zZ
bliebenen Waren, im Preise erheblich herab S izt, in das bi
Kellergeschoss. Finden sie dort nicht bald ihre äüfer, müss nAie
bei weiterem Preisabschlag mitunter noch ein Geschess weiterfach
unten. Grundsatz ist auf jeden Fall, möglichst keine „Lädenhüter“
zu behalten. Ladenhüter sind gefährlich, sie sind gefrorenes Kapital,
das aus dem raschen Umschlag des Kapitals ausgeschaltet ist. Bei
der kurzlebigen, das ganze Volk einheitlich beherrschenden Mode
sind viele Waren nach einer beinahe im voraus zu bestimmenden
Zeit völlig unverkäuflich, das in ihnen investierte Kapital ist
verloren.

Sobald die Fabrikanten ein Nachlassen der Bestellungen beob-
achten, setzt die Reklame, die Preisnachlässe ankündigt, mit aller
Macht ein.

Wir erlebten die Preisnachlasskampagne, die im dritten Viertel-
jahr 1925 von den amerikanischen Automobilfabriken durchgeführt
worden ist.

Das ganze Jahr 1924 war für die Automobilindustrie nur ein
mittleres Absatzjahr gewesen, 1925 hatte sich noch schleppender
angelassen, war aber dann besser geworden, um im August rapid
zur erneuten Verschlechterung zu neigen; im August 1923 waren
319 000 Personenautomobile verkauft worden, 1924 deren 255 000,
1925 dagegen nur 222 000 Stück.

Angesichts dieser bedenklich stimmenden Tatsache nahm man
zuerst an, dass sich der Augenblick ankündige, da die Vereinigten
Staaten mit Automobilen im wesentlichen „gesättigt‘“ seien. Man
versuchte es aber noch einmal — aus dem Zwang des Produktions-
überflusses heraus — mit Preisherabsetzungen, die für manchen
Betrieb mörderisch erschienen.

Man ging mit den Automobilpreisen um 10 und dann sogar um
20 und 25 Prozent herab.

Die Zeitungen, deren Inseratenspalten den grössten Teil der
Reklame leisten, füllten sich mit den Annoncen der Automobil-
fabriken, die sämtlich ankündigten, dass sie trotz der Verbesserung
ihrer Produkte die Preise abgebaut hätten. Das führte über Er-
warten Schnell zu einer neuerlichen Hochkonjunktur in der ameri-
kanischen Automobilindustrie, die bis jetzt angehalten hat.

Es ist aber nicht nur die Gewinnung einer neuen Käuferschicht,
die die Konjunktur in der Automobilindustrie neu angekurbelt hat.
Nach uns übereinstimmend gemachten Angaben waren es nicht nur
diejenigen, die bisher noch kein Auto besessen hatten, die durch den
herabgesetzten Preis zum Kauf gereizt wurden, sondern es kauften
67
        <pb n="70" />
        auch diejenigen, die schon ein Auto besassen. Sie verkauften ihr
altes Auto an den Handel der zweiten Hand und bezahlten im
wesentlichen mit dem Erlös für den alten Wagen die Anzahlung für
einen neuen, besseren und eleganten Wagen, die ja jetzt ebenfalls
billiger geworden waren.

Diese Art der Auslösung von Produktionssteigerung hat sich
überdies in Deutschland, natürlich in wesentlich kleineren Mass-
stäben, bei der Entwicklung der Radioindustrie beobachten lassen.
Nachdem hier eine allgemeine Bedürfnisbefriedigung in der ge-
gebenen Fläche der Massenkaufkraft annähernd erreicht war, ent-
wickelte sich ein Bedürfnisreiz und damit eine Bedürfnisbefriedigung
in der Richtung der Qualifizierung; sie geht vom Detektor zum
Lampenapparat, vom Hörer zum Lautsprecher, zum Verstärker
und zum eigenen Bau von Rundfunk-Grossgerät. Der Unterschied
zwischen diesem deutschen Beispiel und dem amerikanischen ist,
dass in den Vereinigten Staaten einmal die allgemeine Kaufkraft
der Bevölkerung viel grösser ist als bei uns, und dass zum anderen
das Konsumgewicht von 150 Millionen Menschen, die in der
Mentalität uniform sind, sich mit ganz anderer Macht auswirkt.
Tatsächlich klagte im Herbst die amerikanische Textilindustrie über
Mangel an Beschäftigung, mit der Begründung, dass die Automobil-
industrie infolge ihrer Preispolitik das Geld allzu stark anziehe!

In den eben geschilderten Tatbeständen liegt ein anderes ameri-
kanisches Problem verborgen. Das ist die Frage, ob das allgemein
übliche Abzahlungsgeschäft, das sich von Möbeln und Automobilen,
Waschmaschinen, Eisschränken und Radioeinrichtungen bis zu
Pelzen und Diamanten erstreckt, nicht eines Tages im Kreislauf der
Produktion ein Vakuum und damit eine Krise erzwingen wird. Ab-
zahlung ist letzten Endes nichts anderes als die Umbildung des Pro-
duzentenkredits in einen Konsumentenkredit. Die Gefahr liegt nicht
nur in dem riesenhaften Umfang der Kreditgewährung — spekuliert
man doch heute sogar in Floridagrundstücken auf Teilzahlung —
die eigentliche Gefahr liegt darin, dass auch rasch verschleissende
Waren auf Kredit gegeben werden, und dass allzu leicht Kredit-
gewährung über die normale Kaufkraft des Konsumenten hinaus
entsteht.

Es ist sicher volkswirtschaftlich bedenklich, eine Ware auf Ab-
zahlung zu verkaufen, deren Preis in so viele Raten zerlegt werden
muss, dass er womöglich auch dann noch nicht vollkommen bezahlt
wurde, wenn die Ware schon verbraucht ist. (Qualifizierte Mode-
artikel.) Ebenso muss es bedenklich erscheinen, wenn so bereit-
willig Abzahlungskredit gegeben wird — bekanntlich auch von
amerikanischen Warenhäusern —, dass die Möglichkeit sehr
nahe liegt, dass über die Kaufkraft (über die Kreditfähigkeit) des
Warennehmers hinausgegangen wird. Diese Gefahren scheinen in

68
        <pb n="71" />
        der Praxis trotz aller dazu bekanntgegebenen Warnungen bisher
für die amerikanische Wirtschaft nicht ernsthafter Natur geworden
zu sein. Das ist auch ein „Wunder“ der amerikanischen Wirtschaft,
dass sie bisher in alle ihre Haussen hineingewachsen ist und immer
noch ihre Wechsel auf die Zukunft bezahlen konnte. Zum Teil mag
die Korrektur der Wirklichkeit darin liegen, dass die Nüchternheit
des amerikanischen Geschäftslebens doch viel offener die Kredit-
Wwürdigkeit prüft, als das bei uns der Fall ist, und dass zum anderen
unbedenklich und rücksichtslos jeder unsicher werdende Gläubiger
„glattgestellt“ wird. Überdies soll auch die Käufermoral anders
Sein als zurzeit bei uns.

Der Konsumentenkredit ist zweifelsohne ein starkes Element der
Wirtschaitsbehebung, das zeigt das amerikanische Beispiel.

Die Höhe der amerikanischen Warenproduktion und die Ge-
schwindigkeit des Warenumschlages bedingen neben der Reklame
und der eigenartigen Kreditgewährung an den Konsumenten auch
noch eine weit ausgedehnte Vermittler- und Agentenapparatur. Es
ist wohl überhaupt das Zukunftsproblem der Vereinigten Staaten,
ob die Wirtschaft das ständig stärkste Wachstum des Handels, also
der Warenverteilung, vertragen kann.

Staatssekretär Hoover stellte zufällig zu der Zeit, als die deut-
schen Gewerkschafter Amerika bereisten, öffentlich fest, dass
während der jüngst vergangenen zehn Jahre in den Vereinigten
Staaten die Verteiler sich achtmal so schnell vermehrt hätten als
diejenigen, die in der Produktion tätig sind! Mit anderen Worten:
Die Entwicklung ist in den Vereinigten Staaten dahin gegangen,
dass die Befriebskosten im Preise der Waren ständig kleiner
werden, während die Vertriebskosten fortgesetzt anwuchsen.

Die amerikanischen Gewerkschafter haben sich dieser Frage sehr
eingehend angenommen. Sie geben darüber in ihrem Jahrbuch für
1925 als besonders typisches Beispiel eine Zerlegung des Preises
für Äpfel auf Produzenten und Verteiler. Die Tabelle besagt das
Folgende:

Zerlegung des Preises einer Kiste Äptel:
Preis Anteil
in Dollar: in Prozent:
OS aEr Eee 1,18 23,6
Transportgesellschaften ........... 0,80 16
Verladungsorganisation .............. 0,27 5,4
MR 349 9,8
Grösshöndler 0,39 8
Kieinhändier ST 37,4
30

&lt;&lt; 16
69
        <pb n="72" />
        Die Trusts, die Warenhäuser und Produzenten (im besonderen
die der Nahrungsmittel) versuchen, ebenso wie die Massenfilial-
betriebe und die Versandgeschäfte, die Verminderung der Vertriebs-
kosten und damit eine Verbilligung der Warenpreise zu erreichen.
Man ist dabei zur Entwicklung der verschiedensten Methoden ge-
kommen, die sich aus der Erstrebung quantitativer Maximal-
leistungen zur Organisation der optimalen Produktivität durchringt.
Der Erfolg scheint bisher nur ein relativer zu sein, die Verteiler ver-
mehren sich ständig weiter. Das haben sie in den Vereinigten
Staaten ja noch leichter als bei uns, weil sie dort, wie weiter oben
skizziert, schon immer eine eigenartig bedeutende Rolle gespielt
haben.

Zu der für unsere Anschauungen sehr nahe liegenden Entwicklung
von Produktivgenossenschaften und ihrer Verbindung mit Konsum-
genossenschaften ist man noch nicht gekommen, nur die Farmer
haben sich unter dem Drucke der Not bisher zu Verwertungs-
genossenschaften für Obst, Getreide usw. zusammengefunden. Der
Konsument ist in Amerika unorganisiert.

Der Arbeitslohn spielt in der Preisbildung bei der Warenverteilung
in den Vereinigten Staaten eine nicht so wichtige Rolle als in der
Preisbildung bei der Herstellung. Das hat seinen Grund darin, dass
die amerikanische Büroorganisation technisch sehr weit ent-
wickelt ist, man kennt weniger den gelernten Angestellten, dafür
aber um so mehr den angelernten Spezialarbeiter, zum anderen er-
hält die Verteilung ihre Arbeitskräfte in beinahe grenzenlosen
Mengen. Das Angestelltengehalt ist deswegen im allgemeinen sehr
niedrig; es gibt auch kaum Ansätze der gewerkschaftlichen
Organisation.

Die niedrigsten Gruppen der Angestellten im Warenhandel (Kauf-
häuser), sind die jungen weiblichen Verkäuferinnen, ihr Gehalt liegt
zwischen 8 bis 16 Dollar wöchentlich. In den Büros werden die
niedrigsten Tätigkeiten, Bedienung von Büromaschinen usw., mit
14 bis 25 Dollar Wochenlohn bezahlt. Die qualifiziertere Arbeit
wird den Angestellten durchschnittlich mit 30 bis 40 Dollar Wochen-
einkommen beglichen. Die qualifiziertesten Angestellten verdienen
zum Teil auch ausserordentlich hohe Gehälter. Im allgemeinen steht
aber der amerikanische Angestellte mit seinem Einkommen nicht
neben oder über, sondern unter dem qualifizierten Arbeiter.

Es ist also nicht der Angestelltenlohn, der stark auf den Ver-
teilungskosten lastet, es ist deren Vielgestaltigkeit und ihre ständig
zunehmende Ausdehnung.

In den Bürobetrieben ist das Arbeitstempo sehr unterschiedlich.

70
        <pb n="73" />
        4. Der Kampf gegen die Verschwendung in der Industrie.

Der grösste Fehler wäre, wenn man die amerikanische Wirtschaft
als ein wundersam organisches Gefüge betrachten wollte. Das
gerade Gegenteil ist der Fall. Deswegen ist es eigentlich nicht das
Wunder, dass jenes Land von schier unendlich erscheinenden öko-
Nomischen Kräften übersprudelt, viel erstaunlicher ist, dass die
Widersprüche sich doch zum Ganzen fügen, dass dieser kapita-
listische Turm zuBabel unerschütterlicherscheint und weiter wächst.

Der Verschwendungskoeifizient der Produktion ist in den Ver-
einigten Staaten für unsere Begriffe ausserordentlich hoch. Es wird
vieles weggeworfen, was bei uns in der verarmten deutschen Wirt-
schaft als hoher Wert gilt. Viele bedeutende Betriebe verachten
noch heute Nebenprodukte und Abfälle in einem Ausmasse, dass
diese Verschwendung erschreckend wirkt.

Man erlebt in Amerika aber noch eine andere Art von Ver-
schwendung. Die Vereinigten Staaten wirken auf den Beobachter
wie ein kapitalistischer Garten Eden, in dem alles wahllos blüht und
wuchert, in dem sich niemand darum kümmert, was umkommt oder
zertreten wird...

Um nur ein Beispiel für viele zu geben, sei hier festgehalten, dass
in der amerikanischen Automobilindustrie trotz Ford die gegen-
seitige Konkurrenz ganz ausserordentlich zross ist, dass dennoch
immer wieder neue Automobilfabriken entstehen, die wieder zu-
sammenbrechen oder andere vernichten. In den Jahren von 1913
bis 1924 sind in den Vereinigten Staaten rund 20 Automobilfabriken,
darunter solche mit grossen Jahresproduktionen, entstanden und
verblüht. Zum Teil hat daran allerdings auch der Krieg mitgewirkt.

Die Leistungsfähigkeit der bestehenden Automobilfabriken ist
ebensowenig voll ausgenützt wie z. B. die der Kohlengruben, der
Mühlen oder der Schuhfabriken.

Der Arbeitsminister Davis veröffentlichtein der offiziellen Monats-
Zeitschrift seines Ministeriums zufällig im September 1925 bis ins
Einzelne gehende Ziffern über die mangelhafte wirtschaftliche
Nutzung wichtigster Industrien. Er stellte fest, dass die amerika-
Nische Schuhindustrie bei voller Beschäftigung in der Lage sei, den
Stiefelbedarf der ganzen Welt zu decken. Sowohl ihr Beschäifti-
SUNSSZTad wie der der Mühlen- und Kohlenindustrie liege zwischen
einem Viertel und einem Drittel ihrer Kapazität, ihrer Leistungs-
möglichkeit.

Man hat in Amerika den Eindruck, als ob die Menschenmassen
den Städten über den Kopf gewachsen seien, sie ständig sprengen
wollten, dass aber zugleich die Waren, die vergegenständlichte Pro-
duktionskraft dieser Menschen, sie selbst im Übermass ihrer Mengen
ersäufen möchten. Man meint, das Herankommen einer Krise des
Überflusses körperlich zu fühlen.

71
        <pb n="74" />
        Die Wirtschaft der Vereinigten Staaten arbeitet also nicht nur
vom Standpunkt der Gemeinwirtschaft aus ungeheuerlich ver-
schwenderisch, sie verschwendet auch vom privatkapitalistischen
Gesichtspunkte aus, sie ist weit vom Optimum des ökonomischen
Kräfteausgleiches entfernt.

Man ist sich dessen in den Vereinigten Staaten weitgehend be-
wusst. Deswegen ist die Kritik, auch der amtlichen Stellen, an
den erwähnten Mängeln der Wirtschaft viel offener und gründlicher
als bei uns. Wie systematisch man dabei vorgeht, dafür sei hier als
schlüssiger Beweis jene Untersuchung gestreift, die nach dem Welt-
kriege von der Kommission zur „Beseitigung der Verschwendung in
der Industrie“ von den vereinigten amerikanischen Ingenieurgesell-
schaften durchgeführt wurde. Man untersuchte und stellte erstaun-
lich rückhaltlos fest, in welchem Ausmasse die amerikanische Wirt-
schaft noch unrationell ist, weil sie überflüssige Verluste nicht zu
vermeiden verstehe.

Man hat in bewundernswert gründlicher Weise für das ganze
Organisationsproblem der Produktionsbetriebe einen umfangreichen
Fragebogen zusammengestellt. An der Hand dieser Angaben sind
die einzelnen untersuchten Betriebe nach Punkten gewertet worden.
Die Berechnungen wurden — und das ist für die Vereinigten Staaten
charakteristisch — in drei Verschwendungs- oder Verlustgruppen
zusammengefasst. Es wurde summiert, in welchem Ausmasse an
den ökonomischen Verlusten der Wirtschaft erstens die Betriebs-
leitung, zweitens die Arbeiter und drittens die äusseren Umstände
die Schuld tragen.

Es ergab sich dabei von den Schuldanteilen an der Unwirtschaft-
lichkeit der untersuchten Industrien das folgende Bild:

Untersuchte Industrien Leitung OU A N
Bekleidungsindustrie ...... Sa 16 9
Bauindustrie Ars re u 21 14
Druckereien A er re 28 f
Schuhindustie. re er ET 11 15
Metallindustrie Ka s  S y 10
Textilindustrie (0.0... 50 10 40

Diese Resultate sind erstaunlich. Sie zeigen, dass die Organisation
der amerikanischen Industrie gründlich unterschiedlich ist, dass so-
wohl die äusseren Umstände wie die Arbeiter an den ökonomisch
mangelhaften Zuständen verhältnismässig am wenigsten schuld
sind. Den Unternehmern wurde nachgewiesen, dass in ihrer Un-
tüchtigkeit die Hauptursache der Verschwendung in der amerika-
nischen Industrie liege.

Die schonungslose Zensur lautete, nach dem Gesichtspunkt, dass
der mustergültige Betrieb gleich Null, der theoretisch schlechteste
7?

Zi
        <pb n="75" />
        mit 100 angenommen wurde, dahin, dass in der Bekleidungsindustrie
auch die beste Anlage noch 27 Verlustpunkte aufweise, in der Bau-
industrie 30, in der Druckereiindustrie 31, in der Schuhindustrie 13,
in der Metallindustrie 6 und in der Textilindustrie 28 Punkte. C

Die durchschnittliche Minderwertigkeit der Betriebe wurde in der
Bekleidungsindustrie mit 64 Punkten als die höchste registriert, in
der Metallindustrie war die durchschnittliche Minderwertigkeits-
ziffer mit 27 Punkten die geringste.

Diese bedeutsamen Untersuchungen sind in ihrem Wesen und im
besonderen in ihrer Konsequenz völlig planwirtschaftlicher Natur.
Aber auch hier tritt wieder in den Vereinigten Staaten das Eigen-
artige ein, was wir weiter oben „staatssozialistischen Privatkapita-
lismus‘“ genannt haben. Die Erkenntnis wird gesucht, was für die
Gesamtwirtschaft richtig ist, und es wird dem Volke eindeutig
genug gesagt, nicht nur wie mangelhaft gewirtschaftet wird, son-
dern auch wer dafür verantwortlich ist. Aber an eine ernsthafte
Auswirkung in der Gesetzgebung, die einen Zwang zur Ökonomisie-
rung darstellen könnte, denkt niemand. Man predigt die Wahrheit,
aber überlässt dem einzelnen die Einsicht. Richtig ist natürlich, dass
solche eingehende Kritik dennoch ihren Einfluss ausübt.

Überdies kann man sich für Deutschland eine gleiche Unter-
suchung über die aus der Verschwendung erwachsende Unwirt-
Schaftlichkeit nicht gut vorstellen. Dazu gehört ein nationaler
Gemeinsinn — und wenn es auch einer von privatkapitalistischer
Natur wäre —, den das führende deutsche Unternehmertum nicht
aufbrächte.

Nachfolgend bringen wir den Fragebogen jener umfassenden
Untersuchung. Er gibt wichtige Einblicke.

1. Datum der Erhebung. A. Beschreibt.

2. Industriegruppe (mit statistischer Bezeichnung).
3. Name des Unternehmens.
a) Wird das Unternehmen als Aktiengesellschaft, in anderer Gesell-
schaftsform oder als Einzelfirma geführt?
b) Gründungsjahr.
c) Daten der Geschäftsumwandlung (Einträge in das Register).
* Sitz der Firma.
a) Liegt das Unternehmen günstig bezüglich
1. der Rohstoffe und der Hilfsmittel,
2. des Absatzes der Erzeugnisse,
3. der Fähigkeit und der Zahl der verfügbaren Arbeiter?

5. Wo ist der Sitz der Hauptgeschäftsleitung ?

6. Ort und Gründungsjahr von Schwester- oder Tochterunternehmungen.

7. Kennzeichnung der Geschäfte (Finzelaufträge oder periodisch laufende

Aufträge?).

73
        <pb n="76" />
        3. Erzeugnisse (genügend unterteilte Liste der verschiedenen Arten von
Erzeugnissen oder Katalog).
a) Wie weit ist der Handel oder die Herstellung im Unternehmen {iort-
geschritten bezüglich:
I. Steigerung der Ausbeute an Fertigfabrikat,
. Steigerung der Produktion pro Arbeiter,
, Verringerung der reinen Handarbeit,
. Zuverlässigkeit des Produktionsvorganges,
verbesserter Güte der Erzeugnisse,
verringerter Unterhaltskosten?
‚. Wie hoch wird der Reinertrag geschätzt, Rücklagen abgerechnet?
b) Was für Patente besitzen Sie, und wann erlöschen sie?
c) Welcher Betrag Ihrer Produktion wird exportiert?
d) Kurze Beschreibung der Wettbewerbsverhältnisse.
e) Wieviel Prozent der gesamten Produktion Ihrer Branche erzeugen
Sie selbst?
f) Sind Verkaufspreise und -bedingungen für alle Kunden die gleichen?
g) Gestatten die Einkünfte nach üblicher Verzinsung des investierten
Kapitals eine mässige Erweiterung des Geschäftes?
h) Hat sich dies seit Kriegsbeginn geändert?
Wie gross war der Umsatz in den Jahren 1918 ff., und zwar monatlich
ausgedrückt, sowohl in Produktionsmengeneinheiten als auch in Geld-
wert?
a) Ist Ihr Unternehmen Saisongeschäft?
l. In welchem Monat ist Hauptsaison?
3. In welchem Monat ist flaue Zeit?
Charakteristik des Saisongeschäftes.
i, Was wurde unternommen, die Saisonschwankungen aus-
zugleichen?
5% Ist Vorsorge getroffen, den Betrieb während der flauen Zeit mit
geringerem (oder ohne) Gewinn durchzuhalten?
10. Wie gross war die jährliche Produktionsfähigkeit in den Jahren
1918 ff., in Mengeneinheiten ausgedrückt?
11. Wie hoch ist der Gesamtwert des im Unternehmen investierten
Kapitals?
12. Wie ist das Prozentverhältnis des tatsächlich investierten zum nomi-
nalen Gesamtkapital?
13. Welche Massnahmen halten Sie für besonders wichtig bezüglich der
a) Vereinheitlichung (Standardisierung) von Art und Grösse der Er-
zeugnisse,
b) Vereinheitlichung der Löhne für gleiche Arbeit,
c) Vereinheitlichung der Kostenberechnung,
d) Vereinheitlichung der Verkaufspreise?
14. Haben Sie etwas in die Wege geleitet, um die Löhne nach den
schwankenden Preisen und Lebenshaltungskosten abzustufen?
[4.
        <pb n="77" />
        B. Organisation.
l. Besteht ein Geschäftsorganisationsplan?
a) Wann wurde er aufgestellt?
b) Sind Mittel für ihn ausgeworfen, und ist jemand für ihn verant-
wortlich?
c) Wird er zurzeit auf dem laufenden gehalten?
° Ist die Organisation nach persönlichen oder sachlichen Gesichts-
punkten aufgestellt?
a) Was ist Ihre Politik bezüglich des Nachwuchses?
b) Wie wird der Nachwuchs für verantwortliche Stellen ausgewählt,
und wird er aus der Masse der Arbeitnehmer entnommen?
3. Ist ein schriftliches Unterweisungssystem vorhanden, und sind die
Aufgaben jeder Teilarbeit und jedes Arbeiters in dem Unterweisungs-
bogen enthalten?
Bestehen Normalunterweisungsbogen über die Ausführung jeder Arbeit?
a) Wie werden Änderungen der Arbeitsmethode in die Wege geleitet
und durchgeführt?
b) Wenn das Unternehmen Werke an verschiedenen Orten hat, wie
ist dann ihr organisatorisches Verhältnis zum Hauptbureau, auch
bezüglich der Einstellung und Überwachung der örtlichen Leiter?
5. Besteht eine Untersuchungsabteilung (Laboratorium)?
6. Werden Personalakten geführt?
a) Werden Sie auf dem laufenden gehalten bezüglich der Güte und
Menge der vom Arbeiter geleisteten Arbeit?
7. Wie erfolgt die Einstellung?
a) Wird ein vom Werkmeister ausgestellter Befähigungsnachweis
verlangt, ein ärztliches Zeugnis oder beglaubigte Leistungs-
zeugnisse?
b) Wie wird der Arbeiter in den Betrieb eingeführt?
©) Ist es bestimmte Übung, jeden Arbeiter systematisch auszubilden?
1. Werden freie Stellen durch Aufrücken besetzt, so dass Ein-
stellungen hauptsächlich für die unteren Stellen erforderlich
werden?

7” Was geschieht, um die handwerkliche Fähigkeit des Arbeiters
allgemein zu heben?

d) Ist der Arbeiter einem zuverlässigen Instruktionsmeister unter-
Stellt, der ihm die beste Arbeitsmethode zeigt?

l. Werden die Leute in besonderer Werkstätte oder am Arbeits-
Platz unterrichtet?
Erfolgt ihre endgültige Zuweisung durch den Instruktions-
meister?

3, Wie viele Arbeitnehmer beschäftigten Sie monatlich während der
Jahre 1918 fi, nach der Auszahlungsliste? Versuchen Sie, den relativen
Umfang der Beschäftigungslosigkeit zahlenmässig anzugeben.

a) Was wurde unternommen, um die Saisonschwankungen aus-
zugleichen?

75
        <pb n="78" />
        b) Wie viele Vorarbeiter beschäftigen Sie
1. im Augenblick,
2. in normalen Zeiten?
°) Wie viele Arbeiter beschäftigen Sie
1. im Augenblick,
2. in normalen Zeiten?
3. Verhältnis der Vorarbeiterzahl zur Arbeiterzahl, womöglich
auch in einigen anderen Werken derselben Industrie.

9. Werden Aufzeichnungen über Entlassungen und über Niederlegen der
Arbeit (Unterbrechungen) gemacht, und werden sie nach Ursachen
registriert?

a) Welcher Prozentsatz ist zuzuschreiben
1. der Unfähigkeit,

2. der Unverträglichkeit,
3. der körperlichen Anlage,
4. dem Arbeitsmangel,

5. der Lohnhöhe?

b) Wurde versucht, unfähige Arbeiter zu schulen oder sie vor der

Entlassung mit anderen Arbeiten zu betrauen?
10. Kommen vorübergehende Betriebsschliessungen vor?

a) Aus welchem Grunde?

1. Inventur?

2. Lohnregulierung?

3. Ungleichmässige Produktion?

4. Schwankung des Absatzes?

5. Aus anderen Ursachen?

b) Wie viele Arbeitnehmer wurden davon betroffen?

c) Für welche Zeitspanne?

d) Wie gross war der Verlust an Sachertrag und Geldwert während
der Betriebsschliessung ?

11. Wird der freiwillige Austritt der Arbeiter auf seine Ursachen hin
untersucht?

a) Zahlenangabe der Austritte nach verschiedenen Ursachen während
der Jahre 1918ff. (Häusliche Verhältnisse, Arbeitsbedingungen,
Lohnverhältnisse der Firmen usw.)

b) Wenn keine Zahlen verfügbar sind, so geben Sie die Ursachen nach
der Reihenfolge ihrer Wichtigkeit an.

12. Wie war der Wechsel der Arbeiter in den Jahren 1918 ff?

a) Wie verteilte er sich?

b) Welcher Prozentsatz der Neueingestellten hat sich bewährt?

c) Wurde der Einfluss des Arbeiterwechsels auf Menge und Kosten
der Produktion bestimmt?

13. Wie werden die Löhne festgesetzt?

a) Beruhen sie auf
1. Tarifvertrag,

2. freien Vereinbarungen nach Lage des Arbeitsmarktes,
3. Schiedsgericht oder Vereinbarung vor ihm,
4. Lebenshaltungskosten?

76
        <pb n="79" />
        b) Wie ist zahlenmässig das Verhältnis von Überafbeit"Zi Normal,
arbeit? mn 5

c) Werden die Arbeiter in Tagelohn bezahlt odef in Stücklohn, nack;
Pensum und Prämiensystem oder anderen Nürnten) finanzieller
Reizmittel? | €

d) Wie wird für Stücklohn oder Prämie der Stüc atz bestimmt? Sn

e) Gibt es Einheitssätze für die Tagesleistung, näch genen. die 7
hältnismässige Leistung der Arbeiter festgesetzt wi a?Kie\*

14. Wie gross ist die Dauer der täglichen und der wöchentlichen Arbeits-
zeit?

a) Wie und von wem wird sie bestimmt?

b) Wie viele Schichten?

c) Machen einige Arbeiter regelmässig Überarbeit?

d) Schätzen Sie die Überarbeit für produktive Leistung ein in Arbeits-
stunden pro Monat?

15. Werden nur nichtorganisierte oder nur organisierte Arbeiter ein-
gestellt?

a) Wenn nur organisierte Arbeiter eingestellt werden, was ist bezüg-
lich der Lehrlinge vereinbart?

L6. Besteht irgendeine Form von Arbeitsvertretung?

a) Wer veranlasste ihre Einsetzung, und aus welchem Grunde er-
folgte sie?

b) Wie sind ihre Statuten?

c) Wann wurde sie eingerichtet?

d) Wie weit gehen ihre Befugnisse?

e) Welche Erfahrungen hat die Betriebsleitung bezüglich ihrer
Leistungsfähigkeit gemacht?

17. Welche Schwierigkeiten infolge Streiks und Aussperrungen waren in
den letzten fünf Jahren zu verzeichnen?

a) Datum des Beginns,

b) Datum der Beendigung,

c) Ursache?

d) Wie lange vor Ausbruch des Streiks und der Aussperrung zeigte
sich eine Beeinträchtigung der Produktionsleistung?

e) Wie lange dauerte es, bis nach Beendigung des Streiks oder der
Aussperrung wieder normal gearbeitet wurde?

In welchen Abteilungen kamen Streiks und Aussperrungen vor?

g) Wie viele Arbeitnehmer waren davon betroffen?

h) Wie viele Arbeitnehmer in anderen Abteilungen mussten infolge

„der Arbeitseinstellung aussetzen?

i) Wie viele Arbeitnehmer wurden während des Streiks neu ein-

„gestellt?

ij) Wie gross war die mittlere Leistung des Werks während des
Streiks oder der Aussperrung im Vergleich zur Vorzeit?

k) Wie gross war der etwaige Verlust an Produktion während des
Streiks oder der Aussperrung nach Mengen der Erzeugnisse oder
ähnlichen Massstäben?

1) Wie gross war der etwaige Verlust an Eigentum?

m) Welche Regelung kam zustande?

7
        <pb n="80" />
        18. Wie war die Entwicklung der wilden Streiks (ohne Billigung der Ge-

werkschaften)?

a) Datum des Ausbruchs,

b) Datum der Beendigung,

c) Ursache?

d) In welchen Abteilungen wurde wild gestreikt?

e) Wie viele Arbeitnehmer beteiligten sich?

if) Wie viele Arbeitnehmer in anderen Abteilungen mussten infolge
Arbeitsmangels aussetzen?

g) Wie gross war der Produktionsausfall nach der Menge der Er-
zeugnisse oder ähnlichen Massstäben?

h) Wie wurde der Streik beigelegt?

19. Ist der Personalstand wieder aufgefüllt worden?

20. Wie gross sind die Jahreskosten für Unfälle (Krankenhausbeiträge,
Versicherungsbeiträge, zugebilligte Entschädigungen und Lohn-
zahlungen während der Arbeitsunfähigkeit)?

a) Gesamtzahl der Unfälle jeder Art in den Jahren 1918 ff.

b) Wie viele Todesfälle?

c) Wie viele dauernde Schäden?

d) Mittlere Dauer der Arbeitsunfähigkeit?

e) Besteht eine besondere Unfallschutzorganisation, wie arbeitet sie?

f) Welche Ergebnisse wurden erzielt?

g) Wurden die Unfälle durch Vernehmung zu Hause oder auch im
Krankenhaus genau verfolgt?

h) Wurde versucht, dauernd oder vorübergehend unpässliche Arbeiter
mit Arbeiten zu beschäftigen, die für sie geeignet waren?

i) Welche Verringerung der Versicherungsprämie wurde während
der Jahre 1918 ff. durch Unfallverhütungsmassnahmen erzielt?

21. Wieviel Prozent der Lohnsumme wurden für sogenannte Wohlfahrts-
einrichtungen verwendet?

a) Gibt es eine Wohlfahrtsabteilung, und welches ist ihr Tätigkeits-
bereich?
b) Welches begonnene Wohlfahrtswerk wurde unterbrochen, und
warum?
c) Wie sind die Umkleideräume ausgestattet?
d) Wie sind die Abortverhältnisse?
e) Besteht ein Hilfsverein?
f) Gibt es eine Kantine für die Arbeitnehmer?
g) Sind Aufenthaltsräume vorhanden?
h) Sind Ruhezeiten vorgesehen?
i) Gibt es besondere Räume zum Ausruhen?
ij) Ist Vorsorge getroffen, eine missliche Lage von Arbeitnehmern fest-
zustellen und zu verbessern?
k) In welchem Umfang machen Arbeiter Vorschläge für Betriebs-
verbesserungen, und wie werden sie vorgebracht?
1) Wieweit nehmen die Arbeitnehmer teil an Erträgen aus der Ver-
besserung?
m) Gibt es eine Werkzeitung?
78
        <pb n="81" />
        C. Technisches.
. Welche organisatorischen Beziehungen bestehen zwischen Werk-
leitung und

a) eigener Industrie,

b) verwandten Industrien,

c) abhängigen Industrien?

Ist ein Werkplan vorhanden?

a) Dient er nur Versicherungszwecken?

b) Zeigt er die verschiedenen Abteilungen, Maschinen- und Arbeits-
plätze?

c) Zeigt er den Gang des Materials oder den Produktionsprozess an?

d) Wann wurde er aufgestellt?

e) Ist er auf den heutigen Stand gebracht?

f) Sind Mittel für ihn ausgeworfen, und ist jemand dafür verant-
wortlich?

z) Werden Planänderungen schon auf Vorschlag der Werkmeister
oder nur als Ergebnis einer Untersuchung durch leitende Kräfte
vorgenommen?

‘') Wie gross ist die überbaute Fläche in Quadratmetern für
1. Arbeitsräume,

2. Lager,
3. Bureau?

‘) Beschreibung der Kraftanlage (Wasserkraft, Dampfkraft?).

1. Eigene Erzeugung,
2. Fremdkraft.

i) Sind automatische Feuerlöscheinrichtungen (Sprinkler) vorhanden?

Wird ein Inventar geführt?

a) Wird Buch geführt über Instandsetzung, Ersetzung und Abschrei-
bung einzelner Maschinen oder Maschinengruppen, und wird es auf
dem laufenden gehalten?

b) Ist jedes Inventarstück numeriert?

c) Wird die Inventur auf dem laufenden gehalten?

' Gibt es Einheitsausrüstungen zur Ausführung einzelner Arbeiten?

a) Welche Ersparnisse werden durch diese Einheitsausrüstungen er-
zielt?

b) Ist ein einschneidender Wechsel in der Ausrüstung, den Maschinen
und Werkzeugen während der letzten zwanzig Jahre zu verzeich-
nen, der die Ergiebigkeit in Ihrer Industrie verbessert? Geben Sie
Zzutreffendenfalls an, worin diese Änderungen bestanden.

c) Welche Ersparnisse brachte die Verwendung von Spezialmaschinen
und -ausrüstungen?

d) Welche Ersparnisse brachte die Verwendung von Automaten und
Halbautomaten?

e) Werden hier Rechenschieber oder Tabellen für Drehzahl und Vor-
schub verwendet?

79
        <pb n="82" />
        5. Besteht ein besonderes Materialunterhaltungsbureau?

a) Wem ist es unterstellt?

b) Wird die Ausrüstung unterhalten auf Grund einer periodischen
Untersuchung und Reparatur?

c) Welche Ersparnisse wurden dadurch erzielt?

5. Sind die Werkzeuge vereinheitlicht?

a) Werden Schablonen oder Lehren gebraucht?

b) Wer ist verantwortlich für den Entwurf oder die Vereinheitlichung
von Werkzeugen?

c) Besteht eine Werkzeugmacherei?

d) Wer schleift und schärft die Werkzeuge oder ist verantwortlich
für ihre Gebrauchsfähigkeit?

e) Ist die Werkzeugausgabe gut ausgestattet?

[) Ist die Werkzeugausgabe gut angeordnet, wird sie ordentlich ge-
führt und übt sie eine wirksame Kontrolle bei Ausgabe und Rück-
gabe der Werkzeuge aus?

g) Besteht ein richtiges Verhältnis zwischen der Menge der Werk-
zeuge und der maschinellen Einrichtung?

h) Welche Ersparnisse wurden erzielt durch die Vereinheitlichung ?

Kostenberechnung und Vereinheitlichung der Produktion. Die

folgenden Fragen bezwecken eine offene Aussprache über fehlende

Normalisierung der Zeichnungen und deren ungüstige Folgen. Dies

ist sehr wichtig und sollte so eingehend wie möglich behandelt werden.

Beantworten Sie, bitte, folgende Fragen für jedes Erzeugnis getrennt

nach der Einteilung der Frage A 8.

a) Zahlenmässige Angabe der Zeichnungen und Modelle für die Er-
zeugnisse. Wie wirkt diese Vielgestaltigkeit auf die Produktion?

b) Besteht ein Zeichnungs- und Entwurfsbureau?

c) Sind Einzelheiten der Erzeugnisse auf ihre Vereinheitlichungs-
fähigkeit geprüft? Sind sie Gegenstand einer Untersuchung?

d) Sind Zeichnungen über alle Erzeugnisse vorhanden?

e) Sind Materiallisten für alle Erzeugnisse vorhanden?

f) Ist jeder Teil durch eine besondere Zeichnung dargestellt, oder sind
mehrere Teile in einer Zeichnung zusammengestellt?

z) Sind Einzelteile der Erzeugnisse vereinheitlicht (Schrauben,
Bolzen, Muttern usw. in der Metallindustrie; Garne und Zutaten
in der Leder- und der Bekleidungsindustrie; Farben, Leim, Binde-
mittel und sonstiges im Druckereigewerbe usw.)?

h) Gibt es Erzeugnisse von abweichender Konstruktion oder ähnlicher
Konstruktion, die sich nur wenig unterscheiden?

i) Werden ähnlich konstruierte Erzeugnisse in verschiedener Qualität
oder aus verschiedenem Material hergestellt?

ij) In welchem Umfang ist die Vielgestaltigkeit der Erzeugnisse zu-
zuschreiben
1. dem Kunden,

2. dem Entwurfs- oder Ingenieurbureau,
3. der Verkaufsabteilung ?

0
        <pb n="83" />
        k) Sind einzelne Teile der Erzeugnisse auswechselbar?

1) Stellen Sie die demselben Zweck dienenden Erzeugnisse in Gruppen
zusammen.

m) Anzahl der hergestellten Typen oder Muster.

n) Mittlere Anzahl der Typen, die in den Jahren 1913 ff. neu auf-
genommen wurden.

0) Mittlere Anzahl der Typen, die in den Jahren nach 1912 ff. wieder
fallengelassen wurden.

” Bis zu welchem Umfang wurden die verschiedenen Prozesse verein-
heitlicht bezüglich
a) des Herstellungsprozesses,

b) der Arbeitsplätze und ihrer Ausrüstung?

9. Ist die Arbeitsfolge für jeden Arbeitsprozess normalisiert?

D. Betriebsführung.

l. Was ist geschehen, um einen laufenden Haushaltsplan aufzustellen?
In welchem Umfang wurde versucht, voraussichtliche Zahlungen, Ein-
nahmen und Löhne mit der Produktion in Einklang zu bringen?

a) Ist die normale Leistungsfähigkeit in Arbeitsstunden und Produkt-
einheiten bekannt, und besteht hiernach ein Verrechnungsschlüssel
für die allgemeinen Geschäftsunkosten?

b) Wird die mutmassliche Geschäftsentwicklung mit der normalen
verglichen (so dass die Unterschiede des mutmasslichen Gewinnes
oder Verlustes sichtbar werden)?

c) Beruht die Berechnung der Produktionskosten auf den tatsächlichen
Aufwendungen oder auf Normalkosten oder auf dem Verkaufspreis?

2. Wird auf Lager oder auf Bestellung gearbeitet? Machen Sie
möglichst genaue Angaben über Vor- und Nachteile.

&gt; Wird der Stillstand der Maschine aufgezeichnet?

a) Wird er ausgerechnet in Geldverlust pro Stunde oder in Arbeitszeit?

b) Zutreffendenfalls geben Sie die Verluste an für
1. Warten auf Arbeit,

. Warten auf Arbeiter,
Warten auf Werkzeuge,

- Warten auf Material,

_ Instandsetzungen,

u Mangel an Aufträgen.

2) Ist der Anteil der Maschinen an den Gesamtkosten bestimmt, und
wie? Wird diese Berechnung zur Preisbestimmung verwendet,
Insbesondere um den Absatz in schlechten Zeiten zu sichern?

d) Wie hoch ist der monatliche prozentuale Kostenbetrag des Still-
standes während der Jahre 1918 ff. nach der Verursachung durch
Hochkonjunktur und Depression?

e) er DE sind die Gesamtkosten des Stillstandes in den Jahren

81
        <pb n="84" />
        4. Besteht ein zentrales Betriebsbureau?

a) Wird das Erzeugnis einzeln hergestellt, in Serien oder als Massen-
erzeugnis?

b) Werden die Mengen bei vollständiger oder teilweiser Massen-
erzeugung auf Lager nach einem Maximal- oder Minimal-Lager-
bestand oder nach einem periodischen Schlüssel bestimmt?

c) Auf welche Zeitspanne erstreckt sich der Produktionsplan?

d) Sind Leistungsmasse bekannt, die zur Planarbeit verwendet
wurden?

e) Sind die Leistungsmasse geschätzt, oder beruhen sie auf Be-
obachtungen?

[) Zeigen die Leistungsmasse
1. die benötigte Zeit für die Vorbereitung,

2. die stündliche Produktion,

3. Bestandteile, aus denen sie sich zusammensetzen?

g) Sind Karten oder Blätter vorhanden, aus denen die verschiedenen
Arbeiten, ihre Reihenfolge und die erforderlichen Hilfsmittel er-
sichtlich sind?

h) Zeigen diese Karten verschiedene Ausführungsmöglichkeiten?

i) Gibt es geschriebene Einheitsvorschriften für jede Teilarbeit?

j) Sind Anleitungen in Form von Zeichnungen oder Schriftsätzen
vorhanden oder in beiden Formen?

k) Wird über das in der Hand des Arbeiters befindliche Material und
den Lagerbestand Buch geführt?

5. Wird die Arbeit dem Arbeiter oder dem Arbeitsplatz zugewiesen?

a) Wenn dem Arbeiter, wie wird die Ausnützung der Maschine oder
des Arbeitsplatzes überwacht?

b) Wenn dem Arbeitsplatz, wie wird die nutzbare Tätigkeit des
Arbeiters überwacht?

c) Werden die folgenden Aufzeichnungen durchgeführt:

1. Für den Arbeiter oder für den Werkplatz verfügbare Arbeit,
für die schon Materialien, Werkzeuge und Hilfsmittel vor-
bereitet sind,

2. Fortschrittsberichte der Arbeiter über ihre Arbeit?

d) Wer weist die Werkzeuge zu?

e) Werden die Werkzeuge den Werkplätzen nach Normen zugewiesen?

f) Wird über nicht gebrauchte oder verfügbare Werkzeuge Buch
geführt?

5. Sind Zeitkarten für jeden Arbeiter, jede Arbeit und jeden Tag vor-
handen?

a) Werden sie im voraus gemacht, und von wem?

b) Besucht ein Schreibmeister die Werkplätze, um Zeiten auf-
zuschreiben?

c) Zeigen Kontrollstreifen oder Zeitkarten die gebrauchte Zeit an?

d) Wird die Zeit bestimmt durch die Stoppuhr?

e) Zeigen die Karten oder Streifen die Zahl der fertiggestellten

Stücke an?

g) Wie wird das Material für den Werkplatz ausgegeben?
h) Wird die Beförderung des Materials zum Werkplatz vom Betriebs-
bureau überwacht?

Q92
        <pb n="85" />
        7. Steht die Kostenberechnung im Einklang mit der Buchführung?
a) Werden die Kosten bestimmt |

1. nach jedem einzelnen Arbeitsstück oder einer Serie,

2. aus allgemeinen Mittelwerten oder Versuchsstücken, |
durch Ermittlung aus vereinheitlichten Arbeitsbestandteilen oder
aus der Gesamtarbeit?

4. Nach welcher Methode?

5) Werden: die Materialkosten bestimmt nach

1. den tatsächlichen Kaufpreisen,

2; dem mittleren Kaufpreis,

3. dem Normalpreis,

4. dem Marktpreis?

c) Wem werden die ermittelten Produktionskosten vorgelegt?
d) Werden die Abteilungsleiter und Meister für die Kosten, die in
ihrer Abteilung entstehen, verantwortlich gemacht?

x. Wird die ungenützte Arbeitszeit des Arbeiters festgestellt?

a) Wird sie in Geld oder in Arbeitsstunden zusammengestellt?
b) Werden die Einzelursachen ersichtlich‘ gemacht durch Warten

L. auf Arbeit,

2. auf Werkzeuge,

3. auf Material, e

4. auf Hilfskräfte,

. 5. auf Instandsetzung der Maschinen?
c) Angaben der Zahlenwerte für die Jahre 1918 ff.
d) Wurde eine Untersuchung der Ursachen nach. ihrer Bedeutung

vorgenommen? Welches Ergebnis hatte sie? .

e) Welche Verluste erlitten die Arbeitnehmer durch unausgenützte

Arbeitszeit, insbesondere der gelernte Durchschnittsarbeiter?

1. Verluste überhaupt in Prozenten der Jahresarbeitszeit,

2. Verluste, verursacht durch Warten ‚auf Arbeit, in. Prozenten
der Jahresarbeitszeit gerechnet,

* Verluste, verursacht durch andere Umstände als Warten auf
Arbeit, in Prozenten der Jahresarbeitszeit gerechnet.

Sind diese Angaben nach tatsächlichen Aufzeichnungen oder
aus dem Gedächtnis ermittelt?

Wurde versucht, die tatsächliche Produktionsergiebigkeit mit einem
Produktionsstandard zu : vergleichen?. Geben; Sie vergleichende
Zahlenwerte an bezüglich
a) der Arbeit,

b) der. Arbeiter, ;

c) der Abteilungen und Gruppen,

d). der Einrichtung.

e) Was Seschieht, wenn ein Arbeiter oder eine Gruppe von Arbeitern
weniger Produziert, als bestimmt ist? . |

j) Ist Sn bestimmter Produktionsstandard, der vom Arbeiter täglich

Erreicht werden Soll, für die verschiedenen Arten von Arbeit

ermittelt?

g) Werden die Arbeiter nach der jeweiligen Eignung zu verschiedenen

Arbeiten klassifiziert?

h) Werden 'sie nach ihrer Stufe in Schichten eingeteilt?

Q5
        <pb n="86" />
        i) Wie weit ist die Arbeit unterschieden in gelernte und ungelernte,
damit gelernte Arbeiter nicht für ungelernte Arbeit bezahlt werden?

ij) Besteht eine Norm für die Leistungsfähigkeit der Meister, und
wie wird ihre Durchführung gewährleistet?

k) Desgleichen für die Arbeiter?

10. Ist die Produktion pro Arbeitsstunde seit 1914 gestiegen oder gefallen,
und um wieviel?

a) Wenn die Leistung von 1912 mit 100 Prozent bezeichnet wird, wie
gross ist die Leistung der Jahre von 1913 an?

b) Geben Sie drei Hauptursachen an in der Reihenfolge ihrer
Wichtigkeit für die Ab- oder Zunahme der Arbeitsleistung.

c) Ist ein Wechsel in der Leistung seit 1920 zu verzeichnen,

1. wie gross,
2. aus welchen Gründen?
d) Wie gross ist der Betrag des Arbeitsverlustes?
1. Wirklicher Verlust (= ohne Auftrag),
2. Arbeitsverlust während der eigentlichen Beschäftigung,
a) durch absichtliche Verkürzungen der Produktion,
b) durch Missbräuche und falsche Angaben bezüglich der tat-
sächlichen Ausbeute gegenüber dem Produktionsstandard,
c) dadurch, dass gelernte Arbeiter ungelernte Arbeit ver-
richten.
3. Arbeiterstreitigkeiten (Streiks, Aussperrungen).
11. Werden alle Verkäufe durch Verkaufsbureaus getätigt? Beantworten

Sie einzeln mit allen Ausnahmen folgendes:

a) Werden alle Ausgaben in eigener Zuständigkeit getätigt?

b) Wer ist für die gekaufte Menge verantwortlich?

c) Beruhen die Mengen auf einem Maximal- oder Minimalbestand?

d) Wie sind diese Maximal- und Minimalmengen bestimmt?

e) Werden Materialien nach irgendeinem Produktionsplan gekauft?

f) Welchen Einfluss hat der Marktpreis auf die gekaufte Menge?

g) Wer ist verantwortlich für die Güte des gekauften Materials?

h) Werden Käufe getätigt, um das Material mit bestimmten Sorten
zu vergleichen oder mit bestimmten Proben?

i) Werden Proben oder Prüfungen bei Empfang des Materials vor-
genommen?

j) Welche Verbindung besteht zwischen kaufmännischer Abteilung
und Betriebsabteilung bezüglich der zur Beschaffung von Material
erforderlichen oder zugestandenen Zeit?

k) Welche Methode wird angewandt, um die Lieferung in der vor-
geschriebenen Zeit zu gewährleisten?

1) Welche Aufzeichnungen werden gemacht über Käufer, Preise und
Lieferbedingungen?

m) Schätzen Sie nach dem Lagerbestand den Teil des Materials, der
in.sechs Monaten oder in einem Jahre nicht zur Ausgabe kommt,
und zwar in Geld oder Waren?

n) Bis zu welchem Betrag dürfen sich Wiederverkäufer (Kom-
missionäre) eindecken?

o) Welches ist die mittlere Lieferzeit für Rohstoffe?

84
        <pb n="87" />
        p) Wie ist der Materialumsatz?
1. Wievielmal im Jahr wird die Menge umgesetzt?
2. Wieviel Zeit liegt zwischen Rohstoffeingang und Versand der
‚ Erzeugnisse? .

a) Stellen Sie den Mengen- und Wertanteil der Hauptbeträge
(mindestens 60 bis 90 Prozent) des gesamten gekauften Materials
dar, unterscheiden Sie hierbei Rohstoff und Halbfabrikat.

12. Wie werden die Lagerbestände, Materialzugänge und -abgänge ge-
prüft?

a) Wieviel Lagerbücher sind vorhanden?

b) Welches ist ihr Zweck?

c) Wo werden sie gehalten?

d) Wie werden die Lagermengen festgesetzt?

e) Wie wird der Bestand gewährleistet?

f) Wie gross ist der Unterschied zwischen tatsächlichem und Soll-
bestand?

g) Wie findet der Ausgleich statt?

h) Für welche Zeitdauer werden die Vorräte angeschafft?

i) Wie ist das Verhältnis von Lagerbestand zu täglichem Bedarf
dem Werte nach?

ji) Wie wird der ungenutzte Bestand nachgeprüft (Vorräte, Fertig-
waren, Halbfabrikat)?

k) Wie wird über den ungenutzten Bestand verfügt?

1) Wie gross ist der Verlust, der während dreier Jahre durch den
ungenutzten Bestand entstand?

m) Wie gross ist der Verlust an verwendetem Material
1. nach Mass oder Gewicht?

2. Wie gross ist der nicht wägbare Verlust?

13. Wie sind die Verhältnisse der Materiallagerung bezüglich des Roh-
materials, der Zwischenerzeugnisse, der Fertigerzeugnisse und der
fertigen Bestandteile?

a) Wie ist die Lage der Lagerräume zu den Arbeitsräumen?

b) Sind die Lager zweckmässig und in Ordnung?

c) Wird das Material aufbewahrt auf Haufen, an Stangen, in festen
oder beweglichen Behältern? .

d) Ist das Material in den Lagerräumen geordnet und in Listen ver-
zeichnet, so dass es rasch gefunden wird?

14. Welche Einrichtungen zur Beförderung sind im Betrieb für die ver-
Schiedenen Materialien vorhanden?

a) Schmalspurwagen,

b) Aufzüge,

c) Handkarren,

d) Schubkarren,

e) Hängebahn,

1) Träger (Arbeiter)?

g) Welche Einrichtungen sind für den Materialtransport noch vor-
gesehen?

h) Wieweit wird die Schwerkraft für die Beförderung verwendet?

i) On irciben Sie die Fisenbahnverbindungen und Anschlussgleis-
anlagen.

85
        <pb n="88" />
        i) Wie wird mit den Eisenbahnverwaltungen ‘ zusammengearbeitet
bezüglich der Wagengestellung und des Wagenstandes? ı

k) Besteht irgendeine örtliche Organisation (z. B. Handelskammer)
zur Erreichung von Vergünstigungen im Eisenbahnverkehr?

15. Wird das Rohmaterial einer Prüfung unterworfen, oder werden

Muster beim Empfang entnommen?

a) Von wem wird die Untersuchung ausgeführt?

b) Wie werden die Mindestanforderungen der Lieferung bestimmt?

c) Wieviel Prozent der Lieferungen werden zurückgewiesen?

d) Welche Ersparnisse sind hierauf zurückzuführen?

16. Findet eine Fabrikationskontrolle statt? ;

a) In welchem Stadium der Produktion oder nach welchen Arbeiten?

b) Besteht eine besondere Prüfungsabteilung, die Massstäbe für die

' Prüfung aufstellt?. Wenn nicht, wie werden sie bestimmt?

c) Wer prüft den Arbeitsvorgang?

d) Wem gegenüber sind die Prüfer verantwortlich?

e) Bestehen . Vorschriften ‚für Genauigkeitsgrade und zulässige

+ Fehlergrenzen?

f) Werden die Anweisungen den Arbeitern schriftlich oder mündlich
mitgeteilt?

z) Wer leitet die Arbeiter bezüglich Güte und fachmännischer Aus-
führung" an?

h) Müssen die Arbeitnehmer die Schäden ohne Vergütung beseitigen?

i) Wird die Zurückweisung nach Art und Menge aufgezeichnet?

ij) Wie gross ist der Betrag der Zurückweisung in Geld oder in
Prozenten der Produktion? :

k) Wurden Vorstösse zur Verbesserung der Qualität unternommen?

Zutreffendenfalls beschreiben.Sie diese nach Art und Ergebnis.
17. Wie wird das Fertigerzeugnis geprüft?

a) Von wem?

b) Wem ist der Prüfer verantwortlich?

c) Wer bestimmt Genauigkeitsgrade und zulässige Abweichungen?

d) Sind schriftliche Anweisungen üblich oder vorhanden, oder werden
sie mündlich erteilt?

e) Wie werden zurückgewiesene Erzeugnisse ersetzt oder ver-
bessert?

f). Ist irgendeine Zusammenstellung über Art und Menge von zurück-
gewiesenen Erzeugnissen vorhanden?

g) Schätzen Sie die zurückgewiesenen Erzeugnisse in Geld oder in
Prozent der Gesamterzeugung?

18. Wie sind Umfang und Art der Prüfungsanstalt?

a) In welchem Umfang wird von ihr Gebrauch gemacht?

b) Wann wurde die Einrichtung in Gebrauch genommen?

c) Geben Sie womöglich Zahlen an, oder schätzen Sie die Erspar-
nisse in den Fällen, in denen die Prüfungsanstalt in Tätigkeit ge-
treten ist.

19. Geschätzte Menge des im Produktionsprozess stehenden Materials
nach Gewicht und Geldwert.

86
        <pb n="89" />
        E. Schlussbemerkungen. u a
'. Werden allgemein anerkannte wirtschaftliche Geetze verletzt? 9
a) Beispiele. EEE aaa
b) Folgen dieser Verletzungen. = Bibliothek a
%. Welches sind nach Ansicht der auskunitgebenden”Stelle die wich?
tigsten Ursachen für Verluste in dem betreffende \Werk? SS

” Welche Vergleichseinheiten werden gebraucht, u ‚die, Kosten Tal!

gemein zu vergleichen? s .
5. Die Vereinigten Staaten in der Weltwirtschaft.

In unserem Bericht ist verschiedentlich die weitausgreifende, tief-
schürfende und systematische Beobachtung und Kritik der ameri-
kanischen Wirtschaft durch ihre Interessenten und durch ihre
Regierung erörtert worden. Es bleibt noch übrig, eine dabei bisher
nicht berührte Schlussfolgerung zu ziehen. Wir streiften sie schon
einmal mit der Bemerkung, dass die amerikanische Wirtschafts-
kritik eine. Art „staatssozialistischen Privatkapitalismus“ pflege.
Am stärksten tritt das dort in Erscheinung, wo die Wirtschaft der
Vereinigten Staaten sich in der Produktion nicht zu einem einfachen,
national geschlossenen Ring zu fügen vermag. /

Je mehr die Vereinigten Staaten von politischer Unabhängigkeit
und von der Uninteressiertheit an Europa sprechen, um so weniger
werden sie dabei durch die Tatsachen gedeckt. Die immer wieder
aus der Qualität in die Quantität umschlagende Weiterentwicklung
der amerikanischen Produktion zwingt den Handel der Vereinigten
Staaten auf den Weltmarkt. Dazu kommt, dass die Wechselwirkung
jeder grossen Wirtschaft darin liegt, dass im Ausmasse der aus
dem Lande hinausgepumpten Warenmengen entsprechende andere
Werte angesaugt werden müssen. Deswegen ist die zunehmende
Verknüpfung der Vereinigten Staaten mit der Welt zugleich der
Zwang der verstärkten Bindung. Die amerikanische Wirtschaft
Wird ebenso wie. die europäische zunehmend Gliedwirtschaft, ja
Teilwirtschaft. Wie weit diese Entwicklung schon vor sich gegangen
Sn dafür ist die Zellstoff- und Papiereinfuhr nach den Vereinigten

taaten der klassische Beweis. Es erscheint symbolisch, dass die
SS ehn a den amerikanischen Geist und die amerikanische Wirt-
Zei Draxis am deutlichsten aufzeigende Warenbranche, das

CHUNSSATUCkgeWwerbe, nur leben kann, weil ihm andere Länder den
schier Unersättlichen Hunger nach Papier befriedigen. Wären die
Vereinigten Staaten mit Zellulose und Papier auf sich selbst an-
SCWIESEN, SO Zähe es keine amerikanischen Zeitungen, die Sonntags
150 und 200 Seiten stark sind.

S Was für Zellstoff und Papier gilt, das ist ebenso richtig bei Kaffee,
eide, Nitraten, Kali, Gummi, Chinin, Jod, Zinn, Hant, einigen
RU
        <pb n="90" />
        Chemikalien, Quecksilber, bestimmten Gerbextrakten und ver-
schiedenen anderen Waren. Der amerikanische Handelsminister,
Herbert Hoover, wies in seiner sehr bekanntgewordenen, im Herbst
vorigen Jahres gegen die Monopole gehaltenen Rede darauf hin,
dass die Vereinigten Staaten Jahr für Jahr /ür mehrere Milliarden
Goldmark Waren zu kaufen gezwungen sind, die sie im eigenen
Land nicht herzustellen vermögen!

Deswegen ist die amerikanische Unabhängigkeit von der Welt-
wirtschaft heute bestenfalls nur noch eine Selbsttäuschung. Soweit
die Erkenntnis der weltwirtschaftlichen Zwangsbindung vorhanden
ist, betrachtet man sie als ein Schwächeelement der amerikanischen
Wirtschaft. .Der Wirtschaftsimperialismus, der in den Vereinigten
Staaten ausserordentlich stark ist, studiert zurzeit diese Probleme
sehr gründlich. Der Handelsminister Hoover meinte in der schon
erwähnten Rede, das Problem, dem sich die Welt jetzt gegenüber-
sehe, liege nicht nur darin, dass gegenwärtig bereits manche Waren
monopolmässig kontrolliert würden, sondern darin, dass noch viele
andere Rohstoffe ähnliche Massnahmen für die Zukunft gestatten.
Der Wollpreis könne durch das englische Imperium kontrolliert
werden, Rohöl, Baumwolle und Kupfer durch die Vereinigten
Staaten, Tee und Jute durch Indien, Antimon und Wolfram durch
China, Nickel und Asbest durch Kanada. In gleicher Art sei auch
eine allgemeine Preisbeeinflussung für Stahl, pflanzliche Öle und
eine lange Liste sonstiger Waren möglich. Wenn das auch vorläufig
weniger die Gebiete der grossen industriellen Nationen seien, die
jene Preiskontrolle ausüben oder auszuüben in der Lage wären, so
erscheine doch gar nicht ausgeschlossen, dass jene Methoden aus
deren Kolonien auf die Mutterländer übersprängen.

Hoover umfasste in seiner Rede, soweit er über die Wirkungen
der kapitalistischen Preisbeherrschung durch Monopole sprach, das
Problem mit den folgenden Sätzen, die wir hier abdrucken, weil sie
einen klaren Einblick in die Gedankenwelt der amerikanischen
Wirtschaftsführung gestatten:

„Vom ökonomischen Standpunkt aus müssen zwei Parteien im Aus-
tauschprozess unterschieden werden — Konsument und Produzent. Hohe
Preise ersticken den Konsum; wenn man den Konsum erstickt, so hat dies
zwei Wirkungen — eine Verschlechterung im Lebensstandard des Kon-
sumenten und, ä la longue betrachtet, eine Verkleinerung der Geschäfte
des Produzenten. Der Konsument sucht in einem solchen Falle sofort nach
jedem Mittel, das ihm eine bessere Ausnutzung ermöglicht, und er wendet
sich ferner, bewusst oder unbewusst, dem Gebrauch von Ersatzmitteln zu.
Die Nachfrage nach Ersatzmitteln regt erfinderische Geister an, solche
zu entdecken und zu verwerten. Ich spreche nicht etwa von Verfälschung. —
Beispielsweise sucht der Kaffeetrinker den letzten Tropfen aus seinen
Bohnen herauszuholen und wendet sich ferner zu Tee und Kakao. In Aus-
wirkung solcher Tendenzen haben wir unseren Kaffeekonsum während des
letzten Jahres um 20 Prozent vermindert. Der Automobilbesitzer flickt
88
        <pb n="91" />
        seine Reifen aus und macht alten Gummi für die Wiederbenutzung brauch-
bar. Jedes chemische Laboratorium beginnt, nach besseren Methoden für
die Gummiregeneration zu suchen. Der Landwirt verlangt von seiner
Regierung, dass sie synthetische Nitrate produzieren soll. Was die kon-
trollierte Ware selbst betrifft, so sucht man in der ganzen Welt nach neuen
Versorgungsquellen ausserhalb der kontrollierten Gebiete. Hohe Gewinne
regen die Produktion in anderen Gebieten an. Wenn alle diese Kräfte sich
bis zum äussersten auswirken, so kann als gemeinschaftliche Wirkung ein
Zusammenbruch der ganzen Industrie eintreten, welcher Produzenten, ver-
arbeitende Konsumenten und Zwischenhandel ergreift.

Hier muss noch eine Gefahr Erwähnung finden, die oft übersehen wird.
Der Zwischenhändler und der verarbeitende Konsument solcher kon-
trollierten Waren sind gezwungen, grosse Bestände Rohmaterialien im
Transit, als Fabrikationsvorräte und im Gang der Fabrikation zu halten.
Wenn die Rohstoffpreise steigen, so kann der Fabrikant grosse Verluste
an den laufenden Bestellungen seiner Abnehmer erleiden. Sinken sie da-
gegen, So muss er seine Fabrikate zu Preisen anbieten, die den Rohstoff-
notierungen des Tages entsprechen. Auf diese Weise ist auch ein geschickt
geleitetes Unternehmer ständig gefährdet durch Kräfte, die es nicht über-
sehen kann.

Schon in der Errichtung solcher Kontrollen liegt eine Herausforderung
an die ganze konsumierende Welt, mit allen Kräften um ihre Existenz zu
kämpfen. Ob sich eine Kontrolle lange Zeit gegenüber diesem Kampf be-
nen kann, hängt jedenfalls davon ab, in welchem Grade die betreffende

a unentbehrlich ist, welche übrigen Bezugsmöglichkeiten für sie be-
stehen und ‚ob Ersatzmittel verwendet werden können. Diese letzteren
Faktoren können wahrscheinlich bei landwirtschaftlichen Produkten jede
Kontrolle in wenigen Jahren durchbrechen, denn hier bestehen zahlreiche
andere Versorgungsmöglichkeiten. Die Kombinationen zur Kontrolle
mancher Chemikalien werden vielleicht durch Fortschritte in deren syn-
thetischer Herstellung beseitigt werden. Andere wiederum mögen schwerer
zu bekämpfen sein. Wie dies aber auch im einzelnen liegen mag, grund-
Sätzlich muss folgendes beachtet werden: Alle Gegenmassnahmen wirken
sich sehr langsam aus. Inzwischen werden die kontrollierenden Nationen,
die den Gang der Entwicklung genau verfolgen, so kalkuliert haben, dass
ihre finanzielle Ernte sie für die Folgen der schliesslich möglichen De-
Moralisation ihrer produzierenden Industrie voll entschädigen wird.
te man die Dinge vom politischen Standpunkt aus — ich spreche
wird ORT Politik, sondern von internationalen Beziehungen —, So
Gefahrenm inden, dass solche Aktionen und Gegenaktionen voll von
dem Fee sind. Solange unser internationaler Handel nur auf
Gesetzen ON. der Produzenten und Händler im freien Markt nach den
Freuden keine et und Nachfrage basiert, üben seine Leiden und
aus. Wenn Sol OS auf die Temperatur des nationalen Empfindens
 Warennreiss U Kontrollen niemals existiert hätten und dennoch die
Wären als SLET Weise auf das gleiche Niveau oder noch höher gestiegen
Vermehrung. de en den Wirkungen der Kontrollen, so würde dies zur
Behallune der Be ON an Stelle der jetzt zu beobachtenden Bei-
das National Sschränkung geführt haben. Vor allem aber wäre niemals

ationalempfinden erregt worden. Aber sobald eine Regierung direkt

89
        <pb n="92" />
        oder indirekt diese Kombinationen fördert oder selbst einführt, übernimmt
sie hiermit die Verantwortung für die Preisentwicklung. Mögen die Preise
vernünftig oder zu hoch sein, die Bevölkerung der konsumierenden Länder
wird stets ihre Aufmerksamkeit auf die verkaufende Regierung richten,
und die Angelegenheit wird das nationale Empfinden aller Konsumenten
erregen. Die betroffenen Völker verlangen sofort ein Einschreiten ihrer
eigenen Regierung und erwarten, dass diese alle Kräfte für ihren Schutz
einsetzen wird. Im vergangenen Jahre hatten unsere Regierungsstellen
Tag für Tag mit solchen Appellen zu tun. Hiermit werden die Handels:
beziehungen der Kaufleute in die Sphäre internationaler Beziehungen
emporgehoben und werden so zur Brutstätte von Kritik und Hass.. Unsere
auswärtigen Amter müssen sich dann früher oder später zu Händlern auf
den Warenmärkten entwickeln. Obwohl kaum wegen der Frage der
Warenpreise Kriege entstehen werden, liegt in solchen Aktionen sicherlich
der Keim zu sehr bösartigen Entwicklungen der internationalen Atmosphäre.“

Aus der Rede Hoovers tritt deutlich die Erkenntnis von der zu-
nehmenden Bindung der amerikanischen Wirtschaft durch das Ge-
flecht der weltwirtschaftlichen Beziehungen zutage. Man versucht,
von starkem nationalen Selbstbewusstsein getragen, sich in freier
Kritik die Bahn für einen Ausgleich zu schaffen. Daran ändert sich
auch dadurch nichts, dass man die Hooversche Stellungnahme in den
Vereinigten Staaten nicht nur als Verteidigung, sondern auch als
Angriff verstehen kann. ‚Die wirtschaftsimperialistischen Gross-
staaten der Welt werden nicht ohne weiteres dadurch friediertig,
dass ihre Produzenten billig einkaufen. Ebensowenigz wird dadurch
der soziale Gegensatz im Lande aufgelöst. Am Anfang aller
wirtschaftspolitischen Verhandlungen und völkerbundlichen Kon-
struktionen steht der Wille zur Verständigung. Bei den amerika-
nischen Gewerkschaftern fanden wir diese Freundlichkeit des guten
Willens. Und am Ende aller Auseinandersetzungen um die relative
Grösse des Anteiles am Ertrage der Arbeit wird in der privat-
kapitalistischen Wirtschaftsordnung immer der Kampf stehen. Das
haben auch 'die amerikanischen Gewerkschaften erkannt. Deswegen
fühlen wir uns ihnen verwandt, trotz aller Unterschiedlichkeit in
der Weltanschauung.

90
        <pb n="93" />
        1. KAPITEL:
AUS DEM SOZIALEN LEBEN AMERIKAS
        <pb n="94" />
        <pb n="95" />
        Il. Die Eigenart des gesellschaftlichen Aufbaues
1. Geschichtliche Besonderheiten,
Ds gesellschaftliche Gebilde der nordamerikanischen Union
hat in seiner heutigen Gestalt, wie in der Eigenart seiner Ent-
stehung, weder einen Vorgänger in der Geschichte noch ein Seiten-
stück in der Gegenwart. Aus einer Vielheit von Nationen alter
europäischer Kultur entstand in drei Jahrhunderten ein neues
Volk, das in Gesinnung, Bildung, Geistesrichtung und äusseren
Gepflogenheiten deutlich und wahrscheinlich noch auf unabseh-
bare lange Zeit die Spuren seiner Herkunft und vornehmlich die
Einflüsse des alten Englands aufweist. Englisch ist der Geist der
Schule und das Schrifttum, an dem die Jugend herangebildet wird,
englisch ist die diktatorische Macht der öffentlichen Meinung und
die demokratische Form und der freie Ton im Verkehr der
Menschen und der Gesellschaftsschichten untereinander; englisch
sind ihrer Wesensart nach die Formen der Rechtspflege, zahlreiche
Institutionen des öffentlichen Lebens, und nicht zuletzt zeigt auch
die. Arbeiterbewegung trotz stark ausgeprägter Eigenart sinn-
fällige angelsächsische Gemeinsamkeiten.

Indessen ist, trotz aller geistigen und äusserlichen Erbstücke
aus der Alten Welt, der soziale Körper des Landes in wesentlichen
Dingen andersartig. Die wirtschaftlich-soziale Lebensform ist
— wie in Europa — der Kapitalismus. Aber dort drüben lebt er
ohne die hemmenden und verschleiernden Reste aus vorkapitalisti-
schen Wirtschafts- und Gesellschaftszuständen, die heute noch
in Europa zu finden sind. Sowohl die untere wie die obere Klasse
jener amerikanischen, rein kapitalistischen, Gesellschaft ist anderer
Art. Der ersteren fehlt die generationenlange Vergangenheit eines
feudalen Hörigkeitsverhältnisses, die nicht selten bei uns ‚die
Unterdrückten selber an den Glauben gewöhnte, für alle Zeit zum
Dienen bestimmt zu sein. Die Einwanderer, die während dreier
Jahrhunderte das Land bevölkerten, brachten mit sich den
starken freien Willen, sich ihre Zukunft — eine freiere und mate-
riell reichere Zukunft — selbst zu gestalten, ein Umstand, der in
der bundesstaatlichen Verfassung, der Stellung der Menschen zum
Staate, den öffentlichen Finrichtungen und, heute noch, in tausend

93
        <pb n="96" />
        Einzelheiten zum Ausdruck kommt. | Der Oberklasse aber fehlen
ebenfalls die festigenden Überlieferungen und erblichen Vorrechte.
Sie ist von unten aufgestiegen, oft recht schnell und nicht selten
aus merkwürdigem Dunkel. Ober- und Unterschicht stehen sich,
weil die Grenzlinien weder alt noch streng und unverrückbar sind,
in Denken und Verstehen näher, haben keinen Jahrhunderte alten
Grenzwall zwischen sich, sind, wenn auch mit ungleichem Glück,
vom gleichen Erfolgsstreben erfüllt und gehen von beiden Seiten
her noch immer ineinander über. Darum fehlt auch dem Tone
und der Sprache zwischen „Vorgesetzten“ und „Untergebenen“ an
den Stätten der Arbeit der Gesindeordnungsgeist, der in unserem
Lande gar oft in den Bereich der Fabrikschlote verschleppt
worden ist.

Der industrielle und kommerzielle Kapitalismus Amerikas ist
„urwüchsig‘ im Wortsinne: nicht mit Resten einer von ihm über-
wundenen Ordnung durchsetzt wie in Europa. Darum konnte er sich
drüben die Gesellschaftsform gestalten nach seinem Ebenbild und
Herzenswunsch, nach seinen Daseinserfordernissen und Wertvor-
stellungen. Für das Studium seines Wesens ist das beachtenswert.

Die Gesellschaft ist völlig unhistorisch; ganz Gegenwarts-
gebilde. Kapitalistischer Liberalismus und politische Demokratie
geben den Grundton*). Wer in diesem Neulande begann, sich seine
Zukunft zu gestalten, der tat es unter denselben Rechtsvoraus-
setzungen wie seine Mitbürger, mochten auch ökonomische Mittel
und Erfolge bei den Individuen noch so verschieden gross sein.
Der soziale Rang und die wirtschaftliche Macht kommen und ver-
schwinden mit dem Geldbesitz. Wohl dient das einmal erworbene
Geld in jedem Falle als Brecheisen der Macht, in zahlreichen
Fällen selbst als Mittel der Rechtsbeugung; aber eine in unerreich-
barer Höhe erstarrte, vom allgemeinen Erfolgsiagen unberührte
Aristokratenklasse hat es bisher noch nicht schaffen können.

Es gibt allerdings im Lande ein Bäckerdutzend gefestigter
Familienreichtümer und Reichtumsfamilien, deren Geld eine feste
Burg ist. Man nennt sie die „Exklusiven“, weil sie sich in Newport,
einer flotten Badestadt in Rhode Island, vom „Volke“ abschliessen.
Allein sie können ihrer Hoheit nicht froh werden, denn sie müssen
ihre „noblesse‘“ immer wieder teilen mit neuen Rittern, welche die
neunstellige Vermögensziffer geadelt hat. In der Politik und
in den Staatsämtern verhindern gleichfalls besondere Umstände
die Entstehung einer. unerschütterlichen Aristokratie. Soweit die
Politiker. vonder Macht einzelner Kapitalgruppen getragen sind,

2) Etwas anders lagen und liegen zum Teil noch heute die. Verhältnisse im „aristokratischen“
Süden, (exakter ausgedrückt: Südosten), in den Staaten der Baumwoll- und Tabakpflanzungen,
Virginien, Nord- und Südkarolina, Georgien, Alabama, Mississippi usw. Dort existiert eine
zewisse: Agrararistokratie und bestand bis 1863 die Sklaverei, der Neger, die heute 35 Prozent
bis stellenweise 60 Prozent von den 17 Millionen der gesamten Bevölkerung der am meisten
typischen Südstaaten ausmachen. — Siehe die Karten Seite. 110 und 118.-

Q4.
        <pb n="97" />
        können diese sie allzeit über die Klinge springen lassen; anderseits
ist die Möglichkeit eigener Willensäusserung für. fortschritt-
liche und demokratische Gruppen gross genug, um auch wirkliche
Männer des allgemeinen Vertrauens zu politischer Macht zu
bringen. Um eine festsitzende Herrenklasse erstarren und kristalli-
sieren zu lassen, sind die Verhältnisse zu sehr im Fluss, die neu
entstehenden Möglichkeiten noch zu zahlreich, die wirtschaftlichen
Gewichtsverschiebungen in dem gewaltigen Raume zu häufig. Auch
manche andere, noch später zu betrachtende Umstände verhindern
einstweilen die kastenmässige Abschliessung und gegenseitige
Fremdheit der Gesellschaftsschichten,

Mit dieser und den folgenden Darlegungen möchten wir beileibe
nicht den Schein vorgeben, als bestehe in Amerika eine durchweg
wünschenswerte Form sozialen Friedens — als bringe persönliche
Tüchtigkeit stets den gebührenden Rang und Erfolg. Nur die Tat-
sache muss von vornherein festgehalten werden, dass der sozialen
Schichtenbegrenzung noch die Schicksalhaftigkeit fehlt, die fort-
wirkt von Geschlecht zu Geschlecht. Dieser Umstand erklärt neben
anderen, und wohl an erster Stelle, dass der sozialistische Klassen-
kampf des kontinentalen Europas drüben keinen Wurzelboden fand.
2. Der wirtschaftliche Erfolg und die soziale Oberschicht.

Ungeahnte, kaum vorausberechenbare, im Umfang gewaltige
Möglichkeiten wirtschaftlichen Erfolges und sozialen Aufstiegs
gibt es in Amerika auch heute noch und durch die beschleunigte
Industrialisierung des Landes (die der Krieg ihm aufgezwungen
hat) sogar wieder erneut. Wieviel neue Reichtümer entstehen
und wieviel von einem Konto aufs andere rollen werden, wenn die
pazifische Küste ihren wirtschaftlich-kommerziellen Wettlauf mit
dem Osten im jetzigen Tempo fortsetzt, oder wenn eines Tages
die grossen Seen mit der Atlantis durch eine Wasserstrasse ver-
bunden werden, oder wenn die Rohstoffgewinnungen, namentlich
der Kohlenbergbau, die Orte ihres Schwergewichtes wechseln, oder
wenn Kansas und Oklahoma erfolgreich fortfahren, ihre Landwirt-
schaft westeuropäisch zu intensivieren, kann gegenwärtig noch
niemand sagen.

Die Wanderungen der Siedlerzeit gehören bis auf geringe Aus-
nahmen der Vergangenheit an, allein im Wirtschaftsleben herrscht
noch heute eine unaufhörliche räumliche Bewegung und Aus-
dehnung. Noch ist nicht jedem Wirtschaftszweig im engen, restlos
genutzten Raum sein Fleck zugewiesen, wie bei uns. In 40 Prozent
der heute betriebenen Bergwerke — so hat der Staatssekretär
Mr. Davis festgestellt — könnte alle verwendbare und absetz-

95
        <pb n="98" />
        bare Kohle gewonnen werden — das andere ist Versuch in der
Richtung auf die niedrigsten Gestehungskosten oder die nächsten
Absatzgebiete; nicht eine sorgliche Ausnutzung alles Vorhandenen,
sondern ein Suchen nach den geringsten Widerständen. Über
ganze Staaten hin entwickelt sich hastig eine rege Bergbau-
tätigkeit, um entweder als unrentabel wieder fallengelassen zu
werden, oder um einem andern Gebiet einen Teil seiner Aktivität zu
entziehen. Solche Versuche haben wir im Staate Kansas in Fülle
gesehen. Ähnliches Wandern und Experimentieren erlebt man
fortwährend in der Landwirtschaft; im Staate Illinois (zu dem
Chicago gehört!) sind zurzeit 11 000 Farmen ausser Betrieb, wäh-
rend weiter westlich und nördlich manche Farmgebiete, die früher
nicht hoch veranschlagt wurden, einen plötzlichen Aufschwung
nehmen.

Auch das Händler-, Agenten- und Zwischenhändlerelement hat
in diesem Lande mehr Spielraum, ist umfangreicher und gestattet
grösseren Zuwachs als in den meisten Ländern Europas. Die
Händlerzahl soll in den letztvergangenen zehn Jahren um ein
Achtfaches schneller gewachsen sein als die Ziffer der produktiv
Tätigen. Händler und Agenten machen 10 Prozent von den
41% Millionen Erwerbstätigen des Landes aus. Herrscht auch
vielleicht bei manchen der ganz grossen „stores‘“ und Warenhäuser
das Prinzip grossen Umsatzes mit kleinem Prozentgewinn, so haben
wir anderseits doch zahlreiche und wohlbegründete Klagen darüber
gehört, welch grosse Bruchteile vom Käuferpreis der Produkte
— insbesondere der landwirtschaftlichen — zum Schaden des Far-
mers wie der Käufermasse an den Händen von Jobbern, Eisenbahn-
gesellschaften und Zwischenhändlern (go-betweens) hängen-
bleiben, ja, es haben einzelne Gewerkschaftsführer die Meinung
geäussert, die Beförderung und Verteilung der Waren, die „cir-
culation“, sei für die organisierte Arbeiterschaft ein ebenso ernst-
haftes Problem wie die Lohnirage, und es sei insofern noch beson-
ders dringlich, als auf genossenschaftlichem Gebiete innerhalb der
industriellen Arbeiterschaft noch kaum etwas Wesentliches be-
gonnen sei.

Man hat uns im Staate Wisconsin die Preisgestaltung durch den
Zwischenhandel am Beispiel der in diesem Staate erzeugten Kar-
toffeln demonstriert. Die Ware geht vom Farmer zum Händler
im selben Staate, der ein Lagerhaus unterhält (the warehouse-man);
von diesem Lager kommen sie zur Eisenbahn und gelangen in die
Hände eines Jobbers in Chicago (Staat Illinois!), gehen wieder
auf die Eisenbahn, um beim Jobber in Milwaukee (Wisconsin) das
Land ihrer Herkunft wiederzusehen. Durch einen abermaligen
Zwischenhändler gelangen sie schliesslich zum Kleinverkäufer und
von diesem zum Verbraucher als zehnte Stelle! Dieser Rundfahrt

96
        <pb n="99" />
        der Ware entspricht der Umstand, den wir sowoh At ANSSpracheN
mit Gewerkschaftsführern als auch mit Profes re der für die '
Agrarfrage besonders zuständigen Universität kadis on in Wis&lt;?
consin festgestellt haben, dass der Farmer vom Kens temmneiST
der Kartoffeln nur 20 bis 25, höchstens 30 Prozent erhält, bei Milcht
bis zu 50 Prozent und bei Getreide, wo die erhältnisse
günstigsten liegen, bis zu 70 Prozent. An der tung. | dies
Händlerkette scheinen die Eisenbahngesellschaften nicht. er
interessiert und nicht minder rührig tätig zu sein als die Jobber und
Händler selbst.

Die Obstpflanzer von Kalifornien haben stellenweise diese Kette
zerrissen, indem sie Verkaufsgenossenschaften gründeten. Es
sind wohl die bedeutendsten Unternehmungen dieser Art, die das
Land aufzuweisen hat. Die Eisenbahngesellschaften müssen ihnen
anfänglich viele Schwierigkeiten und Schikanen in den Weg
gelegt haben, nach dem, was uns an manchen Orten darüber erzählt
wurde. Heute stehen jene kalifornischen Genossenschaiten aller-
dings auf sehr festem Fundament. In bezug auf die übrigen land-
wirtschaftlichen Konsumartikel dagegen sind bisher die gemein-
samen Anstrengungen der Arbeiter und Farmer, die sich in der
Hauptsache auf den Austausch von Delegierten für die Verbands-
tagungen beschränkten, ohne wesentliches Ergebnis geblieben.
Den Arbeitern freundlich und solidarisch sind, wie man oft hört,
meist leider nur die ärmeren und verschuldeten Farmer, die sich
am wenigsten rühren können, und die ausserdem mit ihren Söhnen
und sonstigen Familienangehörigen stellenweise als unorganisierte
und lohnunterbietende Wettbewerber im Industriebetrieb auftreten,
was uns z.B. in St. Paul im Staate Minnesota begegnet ist. Wir
möchten dies indessen nicht als allgemeine Erscheinung feststellen.

So wachsen der unternehmenden und besitzenden Schicht, die
wir als Gross- und Kleinbourgeoisie bezeichnen würden, wie in
jeder im Aufblühen befindlichen kapitalistischen Wirtschaft immer
neue Bestandteile zu, auch dadurch, dass so viele und immer neue
Elemente ins Gebiet des Handels und der Vermittlergeschäfte jeder
Art eindringen. Während unserer Besuche bei den Gewerkschafts-
führern in den verschiedenen Städten lernten wir unter deren
Bekannten und Freunden eine verwunderlich stattliche Anzahl er-
folgreicher Handels- und Geschäftsleute kennen, die vor nicht zu
langer Zeit noch Industriearbeiter und Mitglieder der betreffenden
Gewerkschaft waren und ihren ehemaligen Kollegen die Freund-
Schaft bewahrten. Solcher Berufswechsel vollzieht sich auf allen
Gebieten mit erstaunlicher Schnelle und Häufigkeit. Man wechselt
ebenso rasch auch von einer handwerklichen Tätigkeit zur anderen;

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Die 10 haupfsächlichsten Jndustriestaaten
nach dem Wert ihrer industriellen
Produktion (1919)
in Millionen Dollar
500 17000 1500 2000 2500 3000 3500 4000
New York
Pennsylvanien
Illinois
Ohio
Massachusetts
New Jersey
Michigan
Indiana
Californien
Wisconsin
Zur gegenüberstehenden Karte:

Die schraffierten Teile der Landkarte sind die Industriestaaten,
Neun davon bilden den industriellen Nordosten, der, obwohl er nur
ein Siebentel der Gesamtfläche des Landes einnimmt, von etwa
54 Millionen Menschen bewohnt ist, also fast die Hälfte aller Ein-
wohner der Vereinigten Staaten zählt. Von diesen 54 Millionen
Menschen leben wieder fast die Hälfte (26 Millionen) in den drei
Staaten: New York, Pennsylvanien und Illinois. Von den im
Auslande geborenen Landesbewohnern leben allein weit über
10 Millionen im östlichen Industriegebiet. Die 11 großen Städte
dieses Gebiets, welche auf der Karte eingezeichnet sind, zählen
zusammen ebenfalls gegen 17 Millionen Einwohner.

Unterhalb der verstärktgezeichneten Grenzlinie liegen die SO-
genannten „Südstaaten“ mit insgesamt 31 Millionen Einwohnern.

99
        <pb n="102" />
        „Schuster bleib bei deinem Leisten“, ist ein ins Amerikanische nicht
übertragbares Sprichwort.

Und dass im ganzen gesehen die Aufstiege zahlreicher sind als
die Abstürze, wird einem ebenfalls klar, wenn man das Wachsen
des nationalen Reichtums und des gesamten Volkseinkommens
während der letzten Jahre in Betracht zieht. Der gesamte National-
reichtum des Landes betrug im Jahre 1900 erst 88,5 Milliarden
Dollar, er stieg bis zum Jahre 1912 auf 186,3 Milliarden Dollar und
in den nächsten zehn Jahren bis 1922 auf 320,8 Milliarden Dollar.
Dagegen wuchs in derselben Zeit (1900 bis 1919) die Bevölkerung
nur von 76 auf 106 Millionen. Selbst wenn man die Minderung des
Nominalwertes des Geldes, in dem dieser Reichtum (für 1922) aus-
gedrückt ist, berücksichtigt, bleibt die Steigerung doch eine ganz
gewaltige. Allein der heutige Bestand an Motorfahrzeugen be-
deutet eine Vermögenszunahme von über 4% Milliarden gegenüber
dem Jahre 1912, und der industrielle Maschinerie- und Werkzeug-
bestand, der an Wert am meisten zugenommen hat, ist in der einen
Dekade um etwa das Fünffache gewachsen. Und endlich für das
Jahr 1924’ allein wird eine Steigerung des Nationalreichtums um
10 Milliarden Dollar offiziell angegeben, darunter für 1% Milliarden
neuer Automobile.

Von diesem nationalen Reichtum befinden sich drei Fünftel in
den Händen von zwei Hundertsteln der reichsten Staatsbürger‘?),
eine „Mittelklasse“, die 35 Prozent der Bevölkerung ausmacht, be-
sitzt ein weiteres Drittel davon, und die restliche Masse von
65 Prozent des Volkes besitzt das verbleibende eine Zwanzigstel.

Das Volkseinkommen der Vereinigten Staaten wurde im Jahre
1919 auf 66 Milliarden Dollar geschätzt. Auf das eine Prozent der
Bevölkerung mit den höchsten Jahreseinkommen (bis herunter zu
10 000 Dollar) entfallen 12 Prozent des gesamten Volkseinkommens,
auf die nächsten 13 Prozent (mit Einkommen von 2000 bis 10 000
Dollar) entfallen 28 Prozent, und auf den grossen Rest von 86 Pro-
zent des Volkes (mit unter 2000 Dollar) kommen die verbleibenden
60 Prozent.

Ausser der Raumweite und dem Gesamtreichtum des Landes,
das immer noch Zeiten erlebt, die man im alten Deutschland, als
die Industrialisierung im vollen Schwunge war, „Gründerjahre“
nannte, begünstigt noch ein weiterer, nicht zu unterschätzender
Umstand die schnelle und spielhaft unberechenbare Bildung grosser
neuer Unternehmungen und Vermögen: der für den Europäer fabel-
hafte Massenkonsum gleichartiger Artikel über ein Gebiet hin, das
immerhin mehr Einwohner zählt als Deutschland und Frankreich
FE 1) Als die reichsten Leute des Landes gelten Henry Ford mit 550, John D. Rockefeller mit 500,
die Familie Guggenheim mit 200, Percy Rockefeller, J, B. Duke und George F, Baker, die
Vanderbilts und die Astors mit je 100 und Mellons mit 75 Millionen Dollar.

100
        <pb n="103" />
        zusammen. Taschenuhren, Gaskocher, Oberhemden, Modeschuhe,
illustrierte Zeitschriften, Fleisch-, Gemüse- und Früchtekonserven
sind in etlichen der gebräuchlichsten Typen übers ganze Land ver-
breitet und werden zuweilen von einer einzigen Firma millionenfach
hergestellt. Henry Ford allein liefert in wenigen Typen über die
Hälfte der in einem Jahr in ganz Amerika gekauften Automobile.
Ein anderer Unternehmer verstand es, durch Behendigkeit und ge-
schickte Reklame (die ihm pro Jahr eine Million Dollar kostete)
sich zum Hauptlieferanten seines Volkes für den allerorten und zu
jeder Tageszeit gekauten Zuckergummi zu machen. Er thront heute
zu Chicago als einer der reichsten Bürger der Stadt, und so gründet
sich die Macht vieler Geldkönige auf solchen Massenabsatz.
3. Die Einwanderung.

Für die soziale Betrachtung bedeutungsvoller als die soeben kurz
aufgezeigte Bewegung und Beweglichkeit in den Schichten des
Mandels und der Unternehmungen sind die Flüssigkeit und die Be-
wegung in jener Masse, die wir als „die Arbeiterklasse“ bezeichnen.
Es sei hier nämlich vorweg erwähnt, dass es in den Vereinigten
Staaten ernst zu nehmende und durchaus nicht eben „reaktionäre“
Soziologen und Volkswirtschafter gibt, die bestreiten, dass die
Arbeiterschaft der Vereinigten Staaten eine Klasse im europäischen
Sinne darstelle: eine Vielheit von Menschen annähernd gleicher
Lebenslage und Lebensgewohnheit, für die ausserdem in ihrer Ge-
samtheit ihr Schicksal als unterste und ärmste Schicht des Volks-
ganzen ein unentrinnbares sei, und die gar in dieser Erkenntnis
einen gemeinsamen Geist und Willen entwickele. Vielleicht lassen
die nachfolgenden Betrachtungen uns erkennen, inwieweit diese
Auffassung richtig oder unrichtig ist; auf die akademische Beant-
wortung einer akademischen Frage kommt es indessen hier nicht an.

Dass der allgemeine Aufschwung des Landes und die immer
steigende Produktion auch der Arbeiterschaft zugute kommen, was
sich in den im Vergleich zu irgendeinem Lande Europas hohen
Löhnen ausdrückt, ist offensichtlich und unbestritten. Begünstigend
wirken hierbei die Dünne der Bevölkerung und der Mangel an Ar-
beitshänden, der in keinem Lande mit so starker wirtschaftlicher
und industrieller Rührigkeit so gross ist wie in den Vereinigten
Staaten.

Nun wird die werktätige Bevölkerungsmasse aber ständig von
unten her nachgefüllt durch das Zuflussrohr des New Yorker Hafens,
durch das sich die europäische Finwandererschaft ins Land ergiesst.

101
        <pb n="104" />
        Von den weissen Landesbewohnern stammen
von Eltern, die beide in Amerika geboren sind 54,0 Prozent
von „gemischten“ Eltern (d. h. nur eines von
beiden. in Amerika geboren) ............ 73
von eingewanderten Eltern En re wana Rene IS m
In Amerika geborene Landesbewohner .... 77,1 Prozent
Fingewandert .....................-..... 22,9 ex
Diese Einwanderer nach Zahl, Herkunft und Bildungsstand und
Erwerbstätigkeit zu betrachten, ist bei jedem Versuch einer Würdi-
gung der sozialen Verhältnisse der Vereinigten Staaten unerläss-
lich. Die heutige Bevölkerung der Vereinigten Staaten setzt sich
nach den Gruppen*) ihrer Abstammung prozentual etwa wie folgt
zusammen:
a) Germanisch-nordisch:
englisch. ....... 022 Prozent
deutsch ,..0..... 2
MSc EG 5
skandinavisch ....... 5
holländisch ........ .
b) Süd- und osteuropäisch:
slawisch ........... 10 Prozent
jitaßenischt nf 15
sonstige Romanen .. 3 A
€) NEZE ee WE. Prozent
Dies sind die Nationalitäten, soweit sie für die soziale Betrachtung
in Frage kommen. Die indianischen Ureinwohner machen nur
einen Bruchteil eines Prozentes der heutigen Bevölkerung aus, was
ebenfalls für die Chinesen und Japaner zutrifft. In der obigen
Rubrik „sonstige Romanen“ sind über eine Hälfte Franzosen ent-
halten. Da jedoch viele von ihnen, besonders im Grenzgebiet von
Kanada, eine Art abgeschlossenes nationales Eigenleben führen,
fallen sie für die folgenden Betrachtungen über die Gliederung der
amerikanischen Gesellschaft fort.
Wenden wir uns nun zu den Einwanderungsziffern für je zehn
Jahre während eines Jahrhunderts:
1820 bis 1830 : 13 000
1831: „, 1840 749/000
3841, 1850 171,000
1851 ‚, 1860 2598 000
1861 ‚, 1870 2315000
1571 „ 1880 2812000
1881 „ 1890 5247000
1) Diese Einteilung liegt — unausgesprochen — den Bestimmungen der Einwanderungs-
beschränkung durch das Gesetz von 1924 zugrunde und war der Leitgedanke für dessen
Befürworter,

102
        <pb n="105" />
        1891 bis 1900 446 000
1901 „ 1910 8795 000
1911 ,, 1920 5736000
Die Beteiligung der einzelnen Nationalitäten an der Einwanderung
war in den verschiedenen Zeitepochen eine sehr verschiedene. Die
Einwanderung aus Deutschland erreichte in den Jahren zwischen
1840 und 1850 zeitweilig fast eine Hälfte der Gesamteinwanderung
und hielt im ganzen bis gegen 1890 Schritt mit dem Anwachsen der
Gesamtziffer, die sich damals fast ausschliesslich aus Briten,
Deutschen, Iren und Skandinaviern, also aus nordischen Völkern
zusammensetzte. Diese sind heute — um dieses vorweg {iest-
zuhalten — die soziale Oberschicht im Lande, auch unter der Ar-
beiterschaft, hauptsächlich das grossbritannisch-deutsche, „indu-
strietüchtige‘“ Element, etwas weniger die Iren und Schweden, von
denen die ersteren einen grossen Teil der Hausbediensteten und
wohl die Mehrzahl der Schutzleute stellen, während die Schweden,
sogar in zweiter und späterer Generation, vielfach ärmere Farmer
und Landarbeiter sind und wie die östlichen Einwanderer auch in
den Ölraffinerien usw. arbeiten. Während das britische Element
auch die politische Führerschaifit stellt, findet man in leitenden
Stellungen aller Art in Industrie und Wirtschaft und unter den er-
folgreichen Farmern auch eine ihrer Gesamtzahl im Lande durch-
aus entsprechende Anzahl Deutsche. Wo man auch hinkommt,
sind sie unter den geachteten Bürgern des Landes vertreten und
leisten Tüchtiges in Industrie und Landwirtschaft. (S. Karte S. 123.)
Von 1890 an ging die Zahl der Einwanderer aus den genannten
Ländern stark zurück und mit ihr zunächst die Einwanderung
überhaupt. Dann setzte in den späteren 90er Jahren eine starke
Finwanderung ein, die zwischen 1901 und 1910 zu der mächtigen
Ziffer von 8 795 000 anschwoll. Die neue Einwandererwelle aber
war anderer Art. Sie brachte neben der nunmehr sehr verminderten
nordisch-germanischen Einwanderung den grossen Zustrom aus
dem südlichen und östlichen Europa, und fast der ganze ameri-
kanische Volksbestandteil an diesen Nationalitäten stammt aus den
letzten Jahrzehnten. Oft bringen sie mit sich eine sehr geringe
oder gar keine Schulbildung. Sie haben neben den Negern mit
22,9 Prozent die grösste Zahl der Analphabeten, nämlich 13,1 Pro-
zent. Natürlich ist auch ihre Beschäftigung zumeist untergeordneter
und unqualifizierter Art. Die 135 493 industriellen und landwirt-
schaftlichen Tagelöhner, die im Jahre 1924 ins Land einwanderten,
sind nicht zuletzt aus ihren Reihen, desgleichen viele von dem im
gleichen Jahre eingewanderten Dienstpersonal von 51680 Personen.
Auch wenn sie in der zweiten Generation nicht mehr zu den An-
alphabeten zählen, steigen sie doch nicht allzuoft in die Schicht der
qualifizierten Arbeiterschaft auf.

108
        <pb n="106" />
        Berufstätigkeit der 706 896 Einwanderer des Jahres 1924.
Gelernte Arbeiter: Polster ee 374
Bäcker N es 3521 Uhrmacher . Ders 528
Barbiere N 2621 Weber und Spinner..... 2713
Schmiede 2. 3.233 Stellmacher SE 130
Buchbinder BE 275 Sonstige Holzarbeiter. - 498
Brager 34 Sonst. gelernte Arbeiter _ 5 876
Metzger .............. 2795 Gesamtzahl d. gelernten
Bautischler ......... 487 Arbeiter 4000 A RI60:694
Schreiner u. Zimmerleute 16420
Zigarettenmacher ...... 48 Akademische und künstlerische
Zigarrenarbeiter ...... 267 Berufe:
Zigarrenpacker.:....... 20 ; A Ron
Bureaupersonal ...... 25194 N EHE A 447
Schneider (Konfektion) 3904 Geistliche ...........; 2093
Maschinisten -......... | 3421 Redakteure 1... 40... 56
Kürschner ............ 320 (Geschulte Flektriker .. 3777
Gare er 1280 Ingenieure ............ 4870
Hut- und Mützenmacher 303 Juristen .............. 288
Eisen- und Stahlarbeiter 7308 Sonstige Wissenschafter 712
DWCrG RZ MnSiker  vsarnppt ste LEO
Schlosser. 2 3708 Beamte 553
Maschienschlesserni.s 6616 Arte le Ua
Seeleute .. Ve he 8571 Bildende Künstler .... 429
Maurer ......... ... 5452 Jehrer 1.0.0. Pan 3 460
NNOHHALCH N 8388 Andere akadem. Berufe 4266
etallarbeiter (ausser PO E
Fisen- u. Stahlarheiter) 1123 Gesamtzahl u. SQETTS
Müller NE 525
Mode- und Putzarbeiter 662 Verschiedene Berute:
Bergleute ............ 7001 Agenten und Reisende.. 2179
Anstreicher. ......;.... , 39837 Bankiers euere He 180
Lehrenmacher usw. .... 339 Fuhrleute usw. ........ ‘1770
Photographen ........ 478 Farmatbeiter .......... 27402
Verputzer‘ 1... 769 Farmer rn 20320
Installateure .......... 2080 FISCH rer 118
Buchdrucker‘ ......... 1740 Hoteliers 1 00) 225
Satire, 322 Tagelöhner‘ .......... 108001
Näherinmen 0. 2579 Fabrikanten .......1.. 525
Schuhmacher ........ 14694 Kaufleute und Händler 11390
Heizen. Kan anne 968 Bedienstete ..........: 51680
Steinhauer... ............ 560 Gemischte Berufe .... 26640
Schneider ............ 6 Tee Gesamtzahl .......... 253515
Texiilarbeiter......'.. 482  Berufslose einschliesslich
Blecharbeiter .......... 739 Frauen und Kinder ..2277909
Tabakarbeiter ........ 30 Insgesamt ............ 706896

104
        <pb n="107" />
        Einwanderung und Auswanderung in den Monaten juli bis einschliesslich
Oktober und im Monat November 1924 nach Rasse oder Nationalität*)
A Einwanderung Auswanderung
Rasse oder Nationalität ob November en | November
Schwarze (Afrikaner) .......- 402 78 419 106
Armenier euere an An 167 60 59 7
Böhmen und Tschechen.....- 724 138 812 73
Bulgaren, Serben, Montenegr. 225 68 601 131
Chinesen 1 .....000 0 ent 1 186 146 1 457 432
Kroaten, Slowenen ........- 181 61 664 18
Cubaner 471 50 456 126
Bosnier, Dalmatier ......-..- 23 7 181 33
Holländer und Flämen....... 1274 373 516 118
Ostindier ze ne A 28 1 45 7
Engländer ......00.0.001444 4 24 304 5705 3 703 744
Finnen ih ee AK ee 289 86 169 16
Franzosen... 4... 000er Ale 10813 2930 552 100
Deutsche................. 19366 5 612 1349 432
Griechen............000..0004 361 142 3811 558
Hebräet ee Henne 3824 1 204 155 19%
Jrländer.. he 16 994 4418 843 91l
Norditaliener .......... 0000 706 192 2.976 503
Süditaliener.. 1... .0.uul ne 1576 391 9 730 2283
JAPAN een ler ne Hell 394 81 538 146
N 5 1 18 1
A 132 49 316 9
Magyaren............0.0.00. 406 138 485 40
Mexikaner ............0..00. 9 955 1610 1 156 251
Polen er ae 1 134 339 1916 | 210
Portugiesen 4... 7.4400 u 266 | 64 2.056 578
Rumänen... 0.400 185 39 | 696 | 80
Russen 613 165 357 60
Ruthenen .....0 00 ar er 358 101 40 2
Skandinavier .......00004 8471 1 759 1 242 327
Schöffen. ... 0.0000 nee 12 189 2883 1486 268
SIOwaken.......0.0100 00h ne 192 82 403 9
Spanier ua Met ala kim 284 28 2684 | 544
Südamerikaner ... 0. 1072 142 560 ı 164
Sy RE 157 41 271 46
CA U 24 1 107 7
Walliser re nee 505 103 54 n
Weslindier -ı er ee riesen 148 20 214 35
Sonstige. ee le nr 235 3700 243 22
Insgesamt 119639 29345 43340 8 605
Männliche. + 0er er. 05409 1 16226 7 32910) 7058
Weibliche... +..0..07.0 00000 54 200 | 13 119 10 400 1547
*) Monthly Labor Review, Februar 1925,

105
        <pb n="108" />
        Eine erstmals im Jahre 1920 in Angriff genommene Einwande-
rungsbeschränkung sah die jährliche Zulassung von jeweils 3 Pro-
zent der im Jahre 1910 in den Vereinigten Staaten lebenden Aus-
länder jeder einzelnen Nation vor. Eine weitere Beschränkung der
Einwanderung wurde dann vorgenommen durch das Einwande-
rungsgesetz, das im Jahre 1924, allerdings (wie auch aus den Ein-
wanderungstabellen für 1924, S. 104 u. 105, hervorgeht) erst etwa um
die Jahresmitte in Wirkung trat. Dieses Gesetz mindert die
Quote für jede Nation auf 2 Prozent, legt aber der Berechnung
nicht die Fremdenziffer des Jahres 1910, sondern diejenige des
Jahres 1890 zugrunde. Die Folge dieser Änderung ist ein ent-
scheidendes Zurückdrängen der süd- und osteuropäischen Ein-
wandererschaft zugunsten der germanisch-nordischen Völker mit
dem Ziel der Wiedererlangung der nationalen Zusammensetzung
der Bevölkerung, wie sie sich bis um das Jahr 1890 etwa
darstellte. Von der Einwanderungsbeschränkung ausgenommen
sind Mexiko und Kanada. Für Europa beträgt das jährliche Ge-
samtkontingent etwa 162 000 Personen, wovon auf die nordischen
Industrievölker — Grossbritannien, Deutschland — allein 113 000
(auf Deutschland 50 229) Personen entfallen.

Diese Regelung der Einwanderungsbeschränkung entspricht in
ihrem Grundgedanken wohl dem Wunsche der amerikanischen Ge-
werkschaften, die ja in der Hauptsache das berufsqualifizierte
Element vertreten, das aus den nordischen Industrieländern
Europas kommt, und die sich gegen den reichlichen Zufluss billiger
Arbeitskräfte mit niederen Lebensbedürfnissen aus Gründen der
gewerkschaftlichen Lohnpolitik zu wehren gezwungen sind.

106
        <pb n="109" />
        II. Das Heer der Erwerbstätigensch,

X
. en
1. Die unterste Proletarierschichl.
a) Neger und Neueinwanderer.
N [Eh kommt es darauf an, sich. den Umfang und die wirt-
1} * |schaftlich-soziale Bedeutung der nicht assimilierten und von
den Amerikanern selbst oft als nichtassimilierungsfähig bezeichneten
Volksschichten klarzumachen. Es handelt sich neben den etwa
11 Millionen Negern um ungefähr 17 Millionen Menschen süd- und
osteuropäischer Abstammung, die in der Hauptsache erst während
der letztvergangenen 30 Jahre einwanderten, also um 28 Millionen
Menschen, die an der sozialen Unterschicht zweifellos einen Haupt-
anteil haben.

Legt man zugrunde, dass der Bruchteil der Erwerbstätigen im
Lande, gemessen an der Gesamtbevölkerung, zwei Fünftel beträgt,
so ergeben sich für diese Unterschicht, bei der der Bruchteil der
Erwerbstätigen sicherlich höher ist als im Bevölkerungsdurch-
schnitt (was wohl bei jeder proletarischen Unterschicht der Fall
ist — man denke ausserdem an Frauen- und Kinderarbeit), viel-
leicht 15 oder mehr Millionen, mindestens aber 13 Millionen Er-
werbstätiger!). Dieser letzteren Ziffer aber entspricht (vgl. Tabelle
S. 108) fast genau die Gesamtzahl der ungelernten Arbeiter in
Industrie, Transport, Handel usw. (5,55 Millionen), der. landwirt-
schaftlichen Lohnarbeiter (5,45 Millionen) und der Bediensteten in
Haus, Hotel, Eisenbahn, Theater usw. (2,40 Millionen).

Natürlich kann und soll diese schematische Gegenüberstellung
nichts weiter sein als ein Hinweis auf die zahlenmässige Bedeutung
der farbigen Rasse und der neuesten, untersten Einwandererschicht
für die wenig qualifizierten Erwerbsarten. Keineswegs soll sie etwa
besagen, dass die genannten Volksschichten und Erwerbsarten
genau oder auch nur annähernd sich decken. Von der Neger-
bevölkerung ist die grössere Hälfte heute noch in der Landwirt-
schaft der Südstaaten, und zwar bei weitem nicht ausschliesslich
tw In Westvirginien sind unter der männlichen, über‘ zehn Jahre alten Bevölkerung an
Erwerbstätigen: bei den Negern 83,8 Prozent, bei den Weissen von amerikanischen Eltern 74 Prozent,
bei den Weissen von gemischten Eltern 72,3 Prozent, bei den Einwanderern 93,4 Prozent.
(Monthly Labor Review des U. S. Dept. of Labor, Aug. 1925.)
107
        <pb n="110" />
        Berufsgliederung der erwerbstätigen Personen der Vereinigten Staaten 1920*)
Männliche Weibliche Insgesamt
Land- und Forstwirtschaft
Eigentümer u. leitende Pers. 5 338 047 163 695 5501 742
Arbeiter ......0..0004000- 4528953 920379 5449332
9867 000 1 084 074 10 951 074
Bergbau, Mineralgewinnung
Eigentümer u. leitende Pers. 28271 339 28 610
Halbgelernte Arbeiter ..... 507 796 1245 509 041
Ungelernte Arbeiter....... 551 290 1913 553 203_
1.087 357 3.497 1 090 844
Verarbeitende Industrien
Eigentümer u. leitende Pers, 652 898 7724 660 622
Gelernte Arbeiter ......... 4613814 75312 4 689 126
Halbgelernte Arbeiter ..... 2491 895 1 755.337 4 247 232
Ungelernte Arbeiter....... 3.123.030 "92691 3215721_
10 881 637 1931 064 12812 701
Transport
Eigentümer u. leitende Pers. 202 495 3857 206 352
Bureauberufe usW......... 256 684 198 621 455 305
Gelernte Arbeiter ......... 225311 214 225525
Halbgelernte Arbeiter ..... 644 562 3.857 648 419
Ungelernte Arbeiter....... 1522 991 7713 1 530 704
2 852 043 214 262 3.066 305
Handel
Eigentümer u. leitende Pers. 1511 986 103837 ı 1615823
Bureauberufe uSsW......... 1515 560 547 324 2.062 884
Halbgelernte Arbeiter ..... 343 146 12 059 355 205
ÜUngelernte Arbeiter....... 203743 _ _ 6699 _210442_
3 574 435 669 919 4 244 354
Oeffentliche Dienste
Oeffentliche Beamte....... 195 415 20 656 216 071
Andere Beamte ............ 441 742 538 442 280
Arbeifen si. ale es 111559 ___1210 112769
748 716 22 404 771 120
Freie Berufe
Akademische Berufe usw... 1 123 659 1005 128 2.128 787
Angelernte Personen ...... 12 498 11.179 23 677_
1 136 157 1.016 307 2 152 464
Häusliche 1. persönliche Dienste
Eigentümer u. leitende Pers. 218 907 146 342 365 249
Halbgelernte Arbeiter ..... 260 256 340 737 600 993
Bedienstele 1. 736 988 1697 135 2434 123
1 216 151 2184 214 3 400 365
Verschiedene Bureauberufe ... 1696297 1423658 3.119.955
Gesamtzahl 33059793 ° 8549 399 41 609 192
*) U.S. Bureau of Labor Statistics, Monthly Labor Review, Mai 1922.

108
        <pb n="111" />
        als landwirtschaftliche Lohnarbeiter, sondern auch in grosser Zahl
als Eigentümer und namentlich als Pächter. Aber auch in den
Industriestaaten gehören nicht alle Neger zum untersten Prole-
tariat. In Chicago haben Neger einen Teil der weissen Bevölkerung
gegen sich aufgebracht, weil sie nach und nach die Häuser einer
ganzen Strassenreihe käuflich erworben haben. Es gibt unter ihnen
viele Tausende wohlhabender und sogar reicher Geschäftsleute,
Kaufleute, Tingeltangelbesitzer und andere mehr. Auch Lehrer,
Redakteure, Bürgermeister (in Gemeinden mit einer Negermehrheit)
fehlen nicht unter ihnen!). Ausserdem haben sie in Betrieben und
Bergwerken, deren Arbeiterschaft ganz oder grösstenteils aus
Negern besteht, auch leitende Stellungen, z.B. in den Bergwerken
West-Virginiens. Und selbstverständlich führen auch die südöst-
lichen Einwanderer und deren Nachkommen nicht ausnahmslos die
untergeordneten proletarischen Arbeitsleistungen aus. Da sind
zunächst unter den Emigranten aus den slawischen Ländern zahl-
reiche Juden, die, sofern sie nicht in der Konfektionsbranche als
Arbeiter beginnen, sich in allen möglichen Zweigen des Handels
bewegen. Von den Griechen ist drüben bekannt, dass sie durch
Zusammenhalten und extreme Sparsamkeit sich aus Kellner- und
Dienerstellungen manchmal zu Geschäfts- und Restaurations-
inhabern emporarbeiten. Das gleiche mag auch Italienern glücken.
Und nicht jeder Pole ist ein Bahnstreckenarbeiter oder Fabrik-
tagelöhner. Jede dieser Einwanderergruppen hat sicherlich quali-
fizierte Handwerker, wohlhabende Gewerbetreibende und An-
gehörige der freien, gehobenen Berufe aufzuweisen.

Diese gewiss zahlreichen Ausnahmen widerlegen indessen nicht,
dass die typische Armut und der Brennpunkt des sozialen Problems
— nach unserer eigenen Wahrnehmung und allen uns möglichen
Feststellungen — zu einem auffallend grossen Teil unterhalb der
„Zivilisationslinie“, „Kulturgrenze“, oder wie man es drüben noch
nennt, liegen, d.h. bei jenem farbigen und neu zugewanderten Volks-
element, von dem zuvor die Rede war.

Der des öfteren schon erwähnte Südosten des Landes ist der
Hauptsitz des Negerproletariats. Dort arbeiten sie sowohl als
landwirtschaftliche Tagelöhner wie auch als Industriearbeiter in der
Roheisengewinnung im Staate Alabama, in den Bergwerken von
Westvirginien und besonders auch in der in den Südstaaten heimi-
schen Baumwollgewinnung und -verarbeitung, Die Baumwoll-
&amp; 1) Abgesehen davon, dass Heiraten zwischen Schwarzen und Weissen in Amerika ungültig sind,
ist der Neger in bürgerlicher und politischer Beziehung mit dem Weissen formell völlig gleich-
berechtigt. Die politische Gleichberechtigung wird indessen nicht selten von den Weissen zu ihren
Gunsten kräftig korrigiert. Das massivste Mittel hierzu sind die Gummiknüppel der Ku-Klux-Klan-
Verbindung, die in den Südstaaten den Neger oft gewaltsam an der Wahlausübung hindern. Schmerz-
loser, aber wirksamer ist das Verfahren von Behörden und Gesetzgebungen, die das Wahlrecht an
die Voraussetzung von Hausbesitz, Vermögensbesitz oder dergl, knüpfen, diese Einschränkungen
aber in der Praxis nur gegen die Neger anwenden, während der weisse Bürger ungehindert wählen
darf, ohne nach seinem Besitz gefragt zu werden.

109
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= . Die Südstaaten und deren typische Negerstaaten. Hay”
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Die obere der beiden verstärkten Linien umgrenzt das “ *
historische Gebiet des „Südens“ und der ehemaligen ) &gt; )
Negersklaverei (31 Millionen Einwohner). Die untere
Linie umschliesst diejenigen Südstaaten, die heute
noch die stärkste Negerbevölkerung aufweisen. Sie
haben insgesamt 17 Millionen Einwohner. Die Ziffern BD}
bezeichnen d. Prozentsatz d. schwarzen Bevölkerung,
        <pb n="113" />
        mühlen von Tuscumbia (Alabama) beschäftigen Neger in zwölf-
stündiger Tagesarbeit zu Löhnen von 10 bis 12 Cent pro Stunde.
Diese Löhne stehen ausser allem Verhältnis zum Landesdurchschnitt.
Selbst die Stundenlöhne von 20 Cent für die gleiche Negerarbeit,
die uns aus Tennessee und Georgien bekanntgeworden sind, liegen
noch weit unter dem Durchschnitt selbst desLohnes des ungelernten
Industriearbeiters im Nordosten‘). Die beim Baumwollpflücken be-
schäftigten Negerinnen in Alabama erhalten für hundert Pfund ge-
pflückter Baumwolle (was reichlich einer Tagesarbeit gleich-
kommt) 80 bis 100 Cent, also im besten Falle einen Dollar, d.h.
weniger als den Stundenlohn eines Mechanikers in Chicago oder
ein Fünftel vom Tagelohn des letzten Arbeiters bei Henry Ford.
Die Neger und südosteuropäischen Einwanderer stellen ferner die
unterste Arbeiterschicht in vielen grossen Industrien des Nord-
ostens. Wir fanden sie und ihre Frauen in den Konservenfabriken
mit ihren notorisch schlechten Lohnverhältnissen in allen von uns
bereisten Teilen des Landes wie überhaupt in den Gewerben mit
Frauenkonkurrenz, ungeregelten Arbeitsbedingungen und grössten-
teils fehlender Gewerkschaftsorganisation. Dann gibt es ganze
Berufsarten, wie die der Wagenbediensteten der Eisenbahnen, die
ausschliesslich den Negern vorbehalten sind, andere sind es zum
grossen Teil, wie Fahrstuhlführer usw., andere wieder ausschliess-
lich in einigen Städten, wie der Beruf der Kutscher und Fuhrleute.
Im Nordosten kann der Neger in den Betrieben zwar auch ge-
lernte Berufe ausüben, sofern nicht unter der Belegschaft eine
Gewerkschaft dominiert, die ihn von der Mitgliedschaft ausschliesst.
Letzteres geht zwar stark zurück, ist jedoch immer noch bei
manchen Verbänden der Fall, so z.B. auch bei dem grossen Verband
der Maschinenschlosser. Als Grund der Ausschliessung wurde uns
dort gesagt, die Organisation der Maschinenschlosser und deren
Statut seien seinerzeit im Staate Georgien, im Süden, entstanden,
wo der Neger sogar nur in gesonderten Lokalen, Strassenbahn- und
Fisenbahnwagen usw. sich aufhalten darf und von Weissen über-
haupt in jeder Beziehung strikte getrennt wird. Im Staat Ohio, an
der Grenze zwischen Nord und Süd, wo noch südliche Auffassungen
vorherrschen, sagte man uns auch in einer unorganisierten
Maschinenfabrik, dass der Neger dort nicht als gelernter Arbeiter
tätig sein dürfe. Die Arbeiter würden es zwar dulden, dass er als
Tagelöhner unter ihnen arbeite, sich jedoch weigern, ihn als eben-
bürtigen Nebenmann zu dulden.
In den Schlachthäusern zu Chicago machen die Polen neben den
Negern den grössten Teil der Arbeiterschaft aus. Polen, Italiener,
1) 46,9 Cent ist der angebliche Landesdurchschnitt des Stundenlohnes ungelernter Arbeiter,
Für das Industriegebiet dürfte dies stimmen, jedoch wahrscheinlich nicht für das ganze Land
bei voller Berücksichtigung des Südens,
111
        <pb n="114" />
        Ungarn, Südslawen sind zahlreich in den Stahlwerken von Pitts-
burg und Bethlehem; sie sind stark vertreten unter der grossen
Zahl der mit am schlechtesten bezahlten grösseren Lohnempfänger-
gruppe der Eisenbahn-Streckenarbeiter und gleichfalls stark unter
den schlecht bezahlten unorganisierten Textilarbeitern. In einem
„open shop“ (Betrieb mit unorganisierten Arbeitern) sahen wir die
Unfallverhütungsvorschriften in vier oder fünf slawischen Sprachen
sowie in Italienisch und Ungarisch ausgehängt. Dagegen waren sie
nicht in Deutsch zu finden, obwohl es in Milwaukee war, wo etwa
die Hälfte der Bevölkerung deutsch ist. Und eine Tagelöhner-
gruppe im River-Rouge-Betrieb von Ford wies drei Hautfarben
und vier mit ziemlicher Sicherheit bestimmbare Europäertypen auf,
ein Bild, das überhaupt am „laufenden Band“ bei Ford keine
Seltenheit ist. Den Stahlwerken von Pittsburg und Bethlehem wird
sogar nachgesagt, dass sie sich diese Nationalitäten in bunter Zu-
sammenstellung für ihre Betriebe planmässig aussuchen, um durch
diese, meist der Landessprache unkundigen Arbeiter die Ent-
stehung gewerkschaftlicher Organisationen in ihren Werken zu
verhindern, was ihnen bisher leider geglückt ist; Tatsache ist, dass
die Grossindustrie während des Krieges und nach dem Kriege die
Neger aus den agrarischen Südstaaten in grossen Massen ins Indu-
striegebiet holte und noch immer holt. Eine Gruppenphotographie
von Arbeitern, die wir aus einem Stahlwerk besitzen, sieht wie eine
Bildertafel zur Völkerkunde aus. Auch in ihrem Privatleben sind
die südosteuropäischen Einwanderer oft fast wie die Neger von
den „Vollbürgern“ in Ghettos abgetrennt, und die blutsmässige
Vermischung mit dem angelsächsisch-deutschen Element ist ziem-
lich selten. Das italienische Viertel in der Gegend der Canal-Street
von New York überbietet an Armut, zerfetzter Kleidung, be-
sonders der Kinder, und an schmutzigen Strassenbildern, die oft
genug die Begleiterscheinungen hoffnungsloser Armut sind, bei
weitem den von Negern bewohnten Stadtteil „Harlem“. Diese Ab-
sonderung zeigt übrigens auch deutlich, in welchen Grenzen die
Redensart von dem grossen „Rassenschmelztiegel“ der Vereinigten
Staaten zutreffend ist.
b) Proletariat unter den weissen Vollbürgern.

Töricht wäre es, behaupten zu wollen, dass alle in Amerika ge-
borenen oder die englische Sprache beherrschenden Abkömmlinge
des industrietüchtigen Britentums und Deutschtums nun ohne
weiteres oberhalb des „Kulturdüngers‘“ rangierten. Ganz ab-
gesehen davon, dass die einwandernden deutschen Arbeiter sich
fürs erste durch die Schwierigkeiten der englischen Sprache hin-
durchzuwinden haben und ausserdem genug Briten und Deutschen

119
        <pb n="115" />
        jene vorwärtstreibende „Erwerbstüchtigkeit“ ebenso abgeht wie
angeblich der Mehrzahl der Einwanderer aus den süd- und ost-
europäischen Agrarländern, so gibt es noch viele unglückliche Um-
stände, die einzelne an der Höherentwicklung hindern oder sie von
einer höheren Stufe wieder herabgleiten lassen; diese. Umstände
können allgemein-menschlicher Art sein oder in den besonderen
Verhältnissen des Landes begründet liegen, und diese Verhältnisse
sind auf sozialem Gebiete so vielgestaltig, dass man sich hüten
muss, sie auf bequeme Formeln bringen zu wollen. Die etwa
60000 Mitglieder jener syndikalistisch-revolutionären Arbeiter-
organisation mit dem Namen „International Workers of the World“
(1.W.W.), meist arme Teufel, die in der Mehrzahl in den west-
lichen Staaten des Landes als Transportarbeiter, Farmtagelöhner,
Holzfäller, Hüttenarbeiter, Werit- und Textilarbeiter usw. bei
schlechtem Lohn ein unstetes Leben führen, sind zum nicht ge-
ringen Teil ihrer Herkunft nach „Vollbürger“. Desgleichen
gibt es in der schlecht zahlenden Textilindustrie und den Berg-
werken, Walzwerken und Eisenhütten des Südens zum Teil solche
Leute ebenso wie in manchen Industrien des Nordens.

An dieser Stelle sollen auch die landwirtschaftlichenErntearbeiter
nicht unerwähnt bleiben, die als eine der merkwürdigsten sozialen
Erscheinungen des Landes dastehen. Auch sie sind wohl der Mehr-
zahl nach alteingesessene Staatsbürger. Ihr Problem hat Professor
D. D. Lescohier von der schon erwähnten Universität Madison
untersucht und uns darüber schätzbare Informationen gegeben.
Es handelt sich um jährlich 100000 bis 200000 Arbeiter, die in
den Monaten zwischen Juni und September als Erntearbeiter im so-
genannten „Weizengürtel“, in den Staaten Texas, Kansas, Missouri,
Illinois, Jowa, North- und South Dakota und Minnesota arbeiten.
Sie beginnen ihre Saisonarbeit im Juni und durchziehen die Weizen-
staaten in der aufgezählten Reihenfolge, wobei sie oft bis ins
kanadische Gebiet hineingelangen. Auf jeder Farm, die sie an-
stellt, arbeiten sie während etwa 10 bis 20 Erntetagen, um dann
an einem anderen Orte die Ernte mitzumachen. Nicht alle machen
den ganzen Weg vom Süden zur Nordgrenze. Viele von ihnen
sind ärmere Farmer, die im Stall oder auf dem Felde Unglück
hatten, oder die schwere Pachtzinsen zahlen müssen und mit der Ge-
legenheitsarbeit ihre Habe ein wenig ergänzen. Farmer und Farm-
arbeiter machen zusammen ein reichliches Drittel bis zwei Fünftel
der Saisonarbeiter aus. Diese wohnen meist selber in den ge-
nannten Weizenstaaten. Der grössere Rest sind städtische
Arbeiter (etwa 30 Prozent) sowie 15 Prozent Mechaniker, die die
Traktoren, Mäh- und Erntemaschinen bedienen. Sechs Prozent

118
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Der „Weizengürtel“ (schraffiert). Links davon DE ' i
(zwischen den punktierten Linien) die Randländer
des Felsengebirges, die sogenannten „Border hill
countries“, die von sehr geringer Fruchtbarkeit sind
und insgesamt nur 3,3 Millionen Bewohner zählen, u
1
        <pb n="117" />
        (6000 bis 12000 Mann) sind Studenten und Seminaristen. In
Gegenden, wo sich ein Lehrerseminar oder eine ähnliche Anstalt
befindet, kommt es überhaupt vor, dass Studenten in weitem Um-
fang auch unter der Industriearbeiterschaift als Lohndrücker auf-
treten. Darüber klagten uns die Gewerkschaftsleute in Emporia
im Staate Kansas, wo sich ein solches Institut befindet. (Bei der
breiten demokratischen Basis, die das höhere Schulwesen und
überhaupt das Bildungswesen für Erwachsene in Amerika hat, ist
diese unerwünschte Begleiterscheinung verständlich. Auch kann
sie, wo gute Organisationsverhältnisse bestehen, vermieden
werden.) Die städtischen Arbeiter, die an der Ernte teilnehmen,
kommen meistens aus den industriereichen Nordstaaten. Der In-
dustriezweig, aus dem sie kommen, ist nach dem jeweiligen Ge-
schäftsgang der einzelnen Industrien verschieden. In einem Jahre
kamen sie fast ausschliesslich aus der Automobil- und Gummi-
industrie. In ihrer Gesamtzahl machen die Saisonarbeiter ein
Anderthalbfaches der gesamten Farmer und deren arbeitender
Familienmitglieder aus, bei denen sie arbeiten. Eine volle Million aller
Lohnarbeiter der Vereinigten Staaten hat mindestens einmal die
Weizenernte mitgemacht! Die täglichen Arbeitsstunden zur Ernte-
zeit liegen in der Mehrzahl der Fälle zwischen zehn und zwölf
Stunden, in einem geringen Prozentsatz darunter oder darüber.
Über die Höhe des Lohnes, zu dem noch die freie Verpflegung
hinzukommt, lässt sich etwas Allgemeines aus begreiflichen
Gründen nicht sagen. Man kann den Lohn mit seinen auffallenden
Unterschieden in den einzelnen Jahren allenfalls als ein recht gutes
Konjunkturbarometer der Industrie ansehen, denn in Zeiten grosser
Arbeitslosigkeit in der Industrie sind die „Farmhände‘“ natürlich
billig. So wurden in Kansas in einem Jahre mit schlechter Industrie-
koniunktur Löhne zwischen 2,50 und 5,50 Dollar pro Tag gezahlt,
während sie in dem vorhergegangenen besseren Jahre zwischen
3,30 und 7 Dollar lagen. Eine Ausnahme machen natürlich die
genannten Mechaniker, deren Lohn 10 und 12 Dollar beträgt und
natürlicherweise auch weniger von der Konjunktur abhängig ist.
Wenn dagegen die Löhne der übrigen Arbeiter, die ungelernte
Kräfte sind, einschliesslich der Verpflegung auf den ersten Blick
noch passabel scheinen mögen, so ergibt sich ein weniger günstiges
Bild, wenn maı die Ausfälle berechnet, die den Leuten beim Über-
gang von der einen zur anderen Arbeitsstelle entstehen. . Der
Ausfall macht im Durchschnitt im Laufe eines Monats, wie
Lescohier errechnet hat, nicht weniger als elf Tage aus. Dadurch
reduziert sich die monatliche Reineinnahme auf etwa 87% Dollar
in guten bzw. 68 Dollar in schlechten Jahren. Davon sind abermals
Ausgaben für Eisenbahnfahrt usw. abzurechnen, so dass sich der
Wanderarbeiter kaum viel besser steht als der reguläre Farm-
115
        <pb n="118" />
        tagelöhner, der im gleichen Staate (Kansas) bei freiem Lebens-
unterhalt und mancherlei Sondervergünstigungen, wie z.B. einem
Pferd zu seiner Verfügung, zwischen 30 und 50 Dollar monatlich
erhält.

Ist also die Lage dieser Arbeiter keineswegs eine glänzende,
so muss man doch nach den Beweggründen fragen, die die Leute
im besten Alter veranlassen, diese Art Arbeit zu verrichten. So-
weit Farmer und Farmarbeiter in Betracht kommen, haben wir
die Frage bereits beantwortet. Auch bei den Studenten liegt der
Fall klar. Dann bleiben aber immer noch 30 000 bis 60 000 Industrie-
arbeiter, von denen wiederum nur ein Teil durch Arbeitslosigkeit
zur Annahme dieser Beschäftigung bewogen wird. Man hat den
Rest mit der Freude am abenteuerlichen Wanderleben zu erklären
versucht, dafür spricht auch der Umstand, dass (von den Farmern
abgesehen) die meisten der Leute unverheiratet sind, was das
soziale Problem dieser Arbeiterkategorie mildert. Zudem wechseln
die Individuen mit jedem Jahr zu einem grossen Teil. Immerhin
zeigt sich auch hier, dass manche Vollbürger und hundert-
prozentige Amerikaner im untersten Stockwerk des sozialen
Baues stehenbleiben. Auch Armut fehlt unter ihnen nicht, sowohl
unter den Farmern wie unter den Industriearbeitern, was wir schon
an anderer Stelle gezeigt haben. Wir haben tief im Landesinnern
typische Armeleutefarmen gesehen, die den Pächter oder auch
Eigentümer kärglich ernähren. Man darf sich allerdings auch
nicht darüber täuschen, dass das baufällige Mäuschen und ver-
nachlässigte Gerät eines amerikanischen Farmers nicht immer auf
Armut schliessen lässt. Der Spekulationsgeist, dem auch der
Farmer dort unterliegt, treibt ihn von einem Staat zum andern.
Er gibt mit einer dem Europäer schwer begreiflichen Leichtigkeit
sein Anwesen auf, um auf einem anderen sein Glück zu versuchen.
Darum versucht er — besonders auf der niederen Anfangstufe —
seltener, dem Anwesen, das er besitzt oder in Pacht bearbeitet,
die sorgliche Pflege angedeihen zu lassen, mit der unser Bauer
seinen Hof und seine Scholle zum Obiekt seines Stolzes und seiner
Liebe gestaltet. Dem Farmer sind Haus, Hof und Acker Produktions-
stätte, „Betrieb“ in erster Linie. Unserem Bauern ist sein Fleck-
chen Erde, das klein und darum kostbar ist, „Heimaterde“, „Vater-
erde“, mit der er verwurzelt ist, die ihn und an der er festhält.
Trotz dieser Finschränkung gibt es unstreitig viele ländliche Arm-
lichkeit. Am schlimmsten soll sie in den sogenannten Border-hill
countries (siehe die Karte Seite 114), das sind die Randstaaten zu
beiden Seiten des Felsengebirges vom Süden zum Norden, be-
sonders um Neu-Mexiko, Nevada, Utah, Wyoming, vertreten sein.
In diesen dünn bevölkerten, fernab gelegenen und wenig frucht-
16
        <pb n="119" />
        4a ya SP &amp;
baren Staaten lebt eine ärmliche Farmerbevölkerufig&amp;deren Artfiut
oft dadurch zur Beständigkeit verurteilt ist, dags h Abgelegen-
heit und folglich die hohen Transportkosten die Schaffung selbst &gt;
der einfachsten arbeitsparenden landwirtschaftli hen Maschineries
unerschwinglich machen. \ AD a

Auch der bestverdienende industrielle Arbeite ‚Ka un {i
Mangel an sozialen Einrichtungen durch Krankheit \nkheitS-
fälle in der Familie, zeitweise Stellungslosigkeit usw. in Armut
geraten, aber sie hat dann — auf alle Fälle in der Vorstellung der
Menschen dort und des Betroffenen selbst — mehr den Charakter
des Schicksalschlages als des Lebensschicksals.

Was hier flüchtig gezeigt wurde, ist der in seinem Ausmasse nicht
exakt bestimmbare Rand, mit dem die ältere weisse Einwohner-
schicht industrieeuropäischer Herkunft noch (oder schon?) in die
Sphären des untersten Proletariats hinabreicht.

c) Kinder-, Frauen- und Heimarbeit in der proletarischen Unterschicht.

Am meisten Diskussion und Klage hörten wir in Amerika über
die Arbeit von Kindern in der Baumwollgewinnung. Ihre Zahl kann
hier nicht angegeben werden, da sie in den Statistiken mit unter
den landwirtschaftlich beschäftigten Kindern angeführt sind, doch
handelt es sich hier bereits um eine Massenerscheinung. Das geht
schon daraus hervor, dass die Südstaaten eine unverhältnismässig
hohe Zahl von Kindern beschäftigen. Im Gesamtdurchschnitt der
Vereinigten Staaten sind 8% Prozent der Kinder zwischen zehn
und fünfzehn Jahren beschäftigt. Dagegen in den Südstaaten?)

Alabama ........ 241 P-ozent = 84397 Kinder
Arkansas 2... ; = 48 140
Georgia 0000.00. 208 —88934
Louisiana 2... 125 =—32274
Mississippi ...... 25,9% =70354
North-Carolina .. 16,6 = 621621
South-Carolina .. 214 =60520 »
Tennessee‘ ....:. I =3087
Texas O0 „= 30872 U

Im Durchschnitt wird in den Baumwollstaaten mindestens jedes
zweite — schwarze und weisse — Proletarierkind vom zehnten
Lebensjahre an in dieser Weise kapitalistisch ausgebeutet!

Die Beseitigung der Ausbeutung von Kindern und Frauen ist
eines der dringlichsten sozialen Probleme der Vereinigten Staaten
und beschäftigt ständig den amerikanischen Gewerkschaftsbund.
Zum Schutze der Frauenarbeit hat eine Reihe von Staaten des

1) Berufszählung der Vereinigten Staaten vom Jahre 1920,

7

11:
        <pb n="120" />
        Das Baumwollgebiet der Vereinigten Staaten (schraffiert).
Westens und Mittelwestens Mindestlohngesetze für weibliche
Arbeitsleistung. Es kommt aber hier wie bei anderen Gesetzen
häufig der uns seltsam erscheinende Fall vor, dass eine auf dies
Gesetz gestützte Klage abgewiesen wird, weil das Gericht das be-
treffende Gesetz als verfassungswidrig erachtet. (In diesem Falle,
weil es die persönliche Freiheit und Vertragsfreiheit behindert!)
Staatliche Verbotsmassnahmen gegen die Kinderarbeit wurden
immer und immer wieder vom Bundesparlament für verfassungs-
widrig erklärt — zuletzt im Jahre 1922. Dabei ist das bedenkliche
die Zunahme besonders der Kinderarbeit gerade in den letzten
Jahren. Es sind heute über eine Million Kinder unter 15 Jahren
beschäftigt, darunter auch über ein Viertel Mädchen. Der grösste
Teil dieser Kinder — 329 000 — arbeitet in der Landwirtschaft, der
zweitgrösste — 17 200 — im Handel, der nächstgrösste — 12 170 —
in häuslichen Diensten, und an vierter Stelle steht die Industrie, die
etwa 9500 Kinder beschäftigt. Beinahe 7000 Kinder sind mit Bureau-
arbeiten beschäftigt. Nicht statistisch erfasst sind die Kinder unter
zehn Jahren, die in der Heimarbeit und auch in der Landwirtschaft
nicht gerade selten beschäftigt sind. Und den Typ des Zeitungs-
jungen, der, müde von der Anstrengung, in der Strassenbahn ein-
schläft, wie ihn der englische Schriftsteller H. G. Wells vor andert-
halb Jahrzehnten in seinem Buch über Amerika schilderte, gibt es
auch heute noch.

118
        <pb n="121" />
        Soweit sich übersehen lässt, berührt auch dieses Problem unmit-
telbar bedeutend weniger das alteingesessene Amerikanertum. als
vielmehr die Neueingewanderten, deren schlechtbezahlte Erwerbs-
arten es oft nötig machen, dass die Familienmitglieder mit ver-
dienen. Ganz bestimmt aber trifft dies zu für die Heimarbeiter, die
es heute noch in den Grossstädten des Ostens gibt. Wir haben ihre
Behausungen in den trostlosen Stadtvierteln New Yorks kennen-
gelernt. Sie arbeiten Putzmacherei allerlei Art, machen Schmuck-
gegenstände und Spielereien, billige’ Halsbänder, Armbänder usw.
Wenn die Frau und zwei Kinder von morgens bis abends arbeiten,
bringen sie es allenfalls auf 1% Dollar oder 1% Dollar im Tage. Ihre
Wohnung besteht aus zwei Räumen, die in gesundheitlicher und
ästhetischer Hinsicht der Beschreibung spotten. Nach unserer Er-
kundigung sind sie so gut wie restlos aus der. neueren Ein-
wandererschicht.

Die Frauenarbeit beschränkt sich gewiss nicht auf die ärmere
Schicht der Neueingewanderten und auf die farbigen Rassen. Im
Gegenteil: immer mehr Frauen aus den bessergestellten Schichten
nehmen den Wettbewerb mit dem Manne im Berufsleben auf und
haben oft genug Stellungen inne, die ihnen mehr einbringen, als der
Mann im gleichen Berufe durchschnittlich verdient.

In den niedrigsten Betätigungsarten aber, wo häufig Hunger-
löhne gezahlt werden, ist wieder die Frau aus den ersten Genera-
tionen der Neueinwandererschicht geradezu auffallend stark ver-
treten. Das ergibt sich — ebenso wie der starke Anteil der Kinder-
arbeit — schon durch den schlechten Verdienst der meisten Männer
dieser Kategorie. In Chicago arbeiten Frauen ungarischer, italieni-
scher und slawischer Herkunft in Waschanstalten täglich zehn
Stunden und sogar länger, um einen Wochenlohn von 10bis 12Dollar
(was am gleichen Orte ein Dienstmädchen, jedoch bei freier Ver-
pflegung und Wohnung, erhält!) und manchmal darunter zu ver-
dienen. Wahrscheinlich ist dies auch in anderen Städten nicht
besser, sondern eher schlechter, denn im allgemeinen gehören
sowohl die Organisations- wie die Arbeitsverhältnisse von Chicago,
und anscheinend vom Staate Illinois überhaupt, zu den besten des
Landes. Ja, die genannten Arbeiterinnen haben dort gerade zur
Zeit unseres Aufenthaltes einen erfolgreichen Anfang gemacht, sich
gewerkschaftlich zusammenzuschliessen, um so ihre Arbeitsbedin-
gungen zu verbessern. Vielleicht haben sie sich dabei die Arbeite-
rinnen der Bekleidungsfabrikation zum Vorbild genommen, die vor
noch nicht langer Zeit in ähnlicher Weise ausgebeutet wurden und

nunmehr, seitdem sie eine gewerkschaftliche Organisation haben,
in 44 Wochenstunden in ‚Akkordarbeit (z. B. in Cleveland) bis
zu 50 Dollar verdienen, ein Lohn, der sich neben dem eines

119
        <pb n="122" />
        gelernten Mechanikers irgendeiner amerikanischen Grossstadt
sehen lassen kann.

Aber gerade das Organisieren der südöstlichen, vielsprachigen
Einwandererschaft, der männlichen wie der weiblichen, ist eben die
grosse Schwierigkeit. Ein Gewerkschaftsleiter, der dies bei den
Bediensteten des Restaurant- und Hotelgewerbes durchgeführt hat,
erzählte uns, dass in einer von ihm abgehaltenen Versammlung
kein Zehntel der Anwesenden englisch sprechen konnte, während
im übrigen, wie er scherzhaft sagte, ebenso viele Sprachen wie Per-
sonen vertreten waren. Bei den Arbeiterinnen der Bekleidungs-
industrie war der Fall einfacher. Sie sind zumeist Ostiuden und
beherrschen, wo nicht das Englische, so doch das Deutsche
gemeinsam.

Frauen, die weniger als 9 Dollar pro Woche verdienen, gibt es
ferner z.B. im Staat Massachusetts!) in der Zuckerindustrie 62Pro-
zent, in der schon erwähnten Konservenindustrie 89 Prozent, in der
Papierindustrie 39 Prozent. Nur ein ganz geringer Prozentsatz
der Genannten verdient über 13 Dollar. Und immer findet man
wieder den starken Anteil der Neueinwanderer an dieser Arbeit
unter schlechten Bedingungen.

Die Menschen bewegen sich zu oft in einem verhängnisvollen
Zirkel. Sie kommen ins Land, ohne einen gewerblichen Beruf
erlernt zu haben, folglich müssen sie mit den ungelernten Beschäf-
tigungen vorliebnehmen, in denen keine Organisation den Arbeiter
vor ärgster Ausbeutung schützt. Diese Organisationen für ihre
Beschäftigung selbst zu bilden, hindert sie das babylonische
Sprachgewirr ihrer Arbeitskollegen. Die bestehenden Organisa-
tionen sind Berufsverbände und sind, wenn auch nicht alle, zumeist
auf die Mitglieder industrieeuropäischer Herkunft zugeschnitten.
Die Versammlungssprache ist Englisch oder Deutsch. So müssen
diese Neueinwanderer in unorganisierten Betrieben arbeiten. Der
geringe Lohn des Mannes zwingt die Frau in ähnliche Beschäfti-

gung und hindert oft die Kinder, weil sie ebenfalls früh verdienen
müssen, einen Beruf zu erlernen oder sich die zahlreichen Bildungs-
einrichtungen des Landes zunutze zu machen.

So wird auch die folgende Generation wieder in diesen Kreis
hineingezogen. In gleicher Richtung wirkt die erwähnte Ab-
sonderung dieser nichtgermanischen Nationalitäten in besondere
Stadtteile. Es gibt auch deutsche Stadtviertel, in denen eine Mehr-
heit von Deutschen oder auch so gut wie nur Deutsche wohnen,
nie aber auch nur annähernd alle Deutschen der betreffenden Stadt.
Aber die Lincoln-Avenue von Chicago unterscheidet sich vom
übrigen Chicago eben nur dadurch, dass alles Deutsch versteht, auf
"800 Erhebungen der Massachusetts Minimum Wage Commission.

120
        <pb n="123" />
        der Strasse wie im Restaurant, und dass die evangelischen und
katholischen Kirchen womöglich noch pompöser sind als die
übrigen. Es herrscht keinerlei Atmosphäre der Absonderung; es
ist keine New Yorker Canal-Street, kein Amerikaner tut einen
Seufzer der Erleichterung, wenn er Lincoln-Avenue hinter sich hat,
und kein Deutscher fühlt sich in Fremdheit befangen, wenn er aus
„seinem“ Viertel heraustritt. Der Deutsche gewöhnt sich nicht nur
sehr rasch an die Lebensart des ihm stammverwandten Volkes,
er gibt auch bereitwilligst den bescheidenen Lebensstandard seiner
Heimat auf und akzeptiert die anspruchsvollere Lebensweise des
Amerikaners. Das treibt ihn, wie den Amerikaner selbst, zu höheren
Leistungen, aber auch zu erhöhten Ansprüchen als Arbeiter an den
Unternehmer. Darum wird er vom amerikanischen Arbeiter nicht
als unterbietender Wettbewerber gehasst oder gefürchtet.

2.Die höheren Schichten der Lohn-und Gehaltsempfänger.

a) Die gehobene Arbeiterschicht.

Dem angelsächsisch-deutschen Arbeiterelement, aus dem sich
das Gros der meisten Gewerkschaften zusammensetzt, und das
durch diese sich die höheren Löhne erzwingt, sind die südöstlichen
Europäer und die Neger ausgesprochenermassen unerwünschte
Konkurrenten. Darum gehörten die Gewerkschaften im allge-
meinen zu den Befürwortern der Einwanderungsbeschränkung in
ihrer jetzigen Form. Dennoch ist die Tatsache unverkennbar und
eine ganz natürliche Erscheinung, dass, solange dieser Einwan-
dererstrom ungehemmt andauerte, die ansässige Arbeiterschicht
des Landes im Ganzen gesehen jeweils um die Grösse der von
unten her zufliessenden Schicht sozial gehoben wurde. Diese Nach-
füllung neuer Volkselemente verwischte und verschob beständig die
Ansätze zu einer schärferen Abgrenzung der Gesellschaftsklassen
in europäischem Sinne und hat volkswirtschaftlich eine ähnliche
Bedeutung wie für England die auf niederer Stufe der Lebenshal-
tung existierenden Kolonialvölker des britischen Weltreichs; nur
dass sie zugleich das gesellschaftliche Bild des Landes unmittelbar
gestaltete und veränderte.

Wie wäre es möglich, dass in dem dünn bevölkerten und doch so
rührsamen, produktionswuchtigen Gemeinwesen alljährlich grosse
Massen Werktätiger in der industriellen und landwirtschaftlichen
Produktion in Leiter- und Eigentümerstellungen aufsteigen oder
sich anderen, einträglicheren Erwerben oder höherem Studium
zuwendeten — wenn nicht durch das Einrücken dieser Ersatz-
bataillone? In dem Fordschen Unternehmen, das wie ein kunst-
volles Modell die Zusammensetzung und Funktion der arbeitenden

1921
        <pb n="124" />
        Bevölkerung Amerikas vorführt, ist.uns die Bedeutung dieser Er-
scheinung klar geworden. Fanden wir an der Eintönigkeit des
„laufendes Bandes“ Briten oder Deutsche, so stellte sich bei Be-
fragung meist heraus, dass sie erst kurze Zeit im Betriebe waren
und sich im Übergang zu mehr qualifizierten, besser entlohnten
Stellungen befanden; und in solchen trafen wir sie dort wie überall
in Amerika ausserordentlich zahlreich. Eine briefliche Umfrage,
welche die Teilnehmer unserer Reise unabhängig voneinander be-
antworteten, hat ergeben, dass alle in den von ihnen besuchten
Betrieben und Industrien ehemalige Arbeiter in grosser Zahl in
leitenden Stellungen fanden. In Verkehrsbetrieben wird dieser Tat-
sache die Wirkung zugeschrieben, dass dadurch der Betriebs-
bureaukratismus beträchtlich gemindert sei.

Der Zug nach oben wird verstärkt durch den Druck der Be-
völkerungsnachfüllung von unten. Und fragt man die Vorleute und
oberen Arbeiterschichten, wo ihre Söhne sind, so wird einem
unglaublich oft die Antwort: „Er ist auf der High-School“ oder auf
der „University“. Weil beim Übergang von einer Schule zur nächst-
höheren das Zeugnis-, Prüfungs-, Diplom- und Gummistempel-
wesen nicht mit der bei uns üblichen Engherzigkeit gehandhabt
wird und auch das Vorurteil gegen „niedere Herkunft“ fehlt, so ist
es selbst Arbeitern aus den Betrieben möglich, zu einem akademi-
schen Beruf überzugehen, und wenn sie sich dort als tüchtig
erweisen, wird es keinem aus dem neuen Kollegenkreis einfallen,
sie als „nicht voll“ oder gar „nicht standesgemäss‘“ zu meiden oder
herablassend zu behandeln. In Topeka, der Hauptstadt des Staates
Kansas, waren wir die Gäste eines rührigen und prominenten Mit-
gliedes des Maschinenschlosser-Verbandes. Er hat bis vor einigen
Jahren als Schlosser in Fisenbahnwerkstätten von 30 verschiedenen
Staaten gearbeitet, ging dann zur Hochschule und erwarb den
Doktorgrad. Heute ist Dr. Hope als Zahnarzt Mitglied der staat-
lichen Medizinalbehörde und dabei noch immer einer der eifrigsten
gewerkschaftlichen Organisatoren. Nicht selten auch haben die
Gewerkschaften akademisch gebildete Rechtsberater, die „sich
selbst gemacht“ haben. Zahlreiche Farmersöhne beziehen die land-
wirtschaftlichen Hochschulen. Von den wissenschaftlichen und
akademischen Bildungsmöglichkeiten ist — als Ganzes und für die
Regel — nur eine Volksschicht abgetrennt: jene, deren Armut die
Kinder zum Geldverdienen zwingt. In sozial fortschrittlichen
Staaten wie Wisconsin (dem „roten Sachsen“ von Amerika und
einzigen Staate, wo es, unter Victor Bergers Führung, eine Sozia-
listische Bewegung gibt), wird auch diesen Kindern und jungen Leuten
eine Gelegenheit zu gewerblicher Fortbildung gegeben. Ein Gesetz
dieses’ Staates hat den Fortbildungsschulzwang eingeführt und die
Arbeitgeber verpflichtet, die durch den Schulbesuch ausfallende

129
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        Kos nd EEE . aa
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Die Verteilung der Einwohnerschaft deutscher &gt; ; ®
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        Arbeitszeit voll zu bezahlen!). Die Hauptstadt Milwaukee hat eine
auf breitester Grundlage errichtete Gewerbe- und Fortbildungs-
schule mit vielen hundert Lehrkräften, die in ihrem vorzüglichen
Aufbau als eine geistige und soziale Grosstat angesehen werden
kann. Sie beruht auf einer Verbindung der Grundgedanken der
deutschen Gewerbeschule, Kunstgewerbeschule und technischen
Hochschule. Es fehlt auch hier wieder der Hemmschuh ängstlicher
Abgrenzung. Ihr Leiter, Mr. Cooley, hat das gewerbliche und
technische Schulwesen in Deutschland durch eigene Anschauung
kennengelernt und teils auch in Anlehnung an deren Grundideen
mit der „Vocational-School“ zu Milwaukee ein Werk eigenartiger
Prägung geschaffen, indem er die Lehrmethode so organisierte,
dass so ziemlich alle beruflichen und technischen Fähigkeiten der
ihm anvertrauten Schüler und Schülerinnen herausgefunden und
entwickelt werden können. Von Deutschland spricht Mr. Cooley
mit grosser Achtung.

Abgesehen von einer solchen Einrichtung wie im Staate Wis-
consin kann jedoch wiederholt werden, dass im allgemeinen auch
für höhere Bildungsmöglichkeiten die Grenzlinie — aus schon dar-
gelegten Gründen — zwischen der Ober- und der Unterschicht der
Arbeiterschaft hindurchläuft, und diese Trennungslinie scheint
uns sogar eine der entscheidenden, wenn nicht die entscheidende
zu sein.

Der breite Weg und die weiten Pforten zu jeglicher Bildungs-
einrichtung — wohl der beste Teil amerikanischer Demokratie —
können in ihrer Bedeutung für die soziale Gestaltung und Gesinnung
des Landes kaum überschätzt werden. Die Zahl der Studierenden
auf höheren Schulen reicht gegenwärtig nahe an eine halbe Million!
Die Zahl der eingesessenen Staatsbürger ist eben so dünn, dass für
einen weit grösseren Bruchteil derselben als irgendwoanders ein
über blosser Tagelöhnerstellung liegender Platz im Erwerbsleben
frei ist, ja, man kann, trotz des starken Andranges zu allen Bil-
dungsstätten und der damit verbundenen Anwartschaft auf ge-
hobene. Berufsstellungen, nicht sagen, dass eine Überfüllung auf
diesen Gebieten — selbst nur für die absehbare Zukunft — be-
fürchtet wird. Im Gegenteil hält die Nachfrage nach geschulten
Kräften an. .

b) Der soziale Aufstieg der Frau.

Die Nachfrage nach schulmässig ausgebildeten Kräften im
Erwerbsleben machen sich besonders die Frauen des Landes zu-
nutze. Die ungünstigen, völlig proletarischen Arten der weiblichen
Beschäftigung haben wir bereits kennnengelernt, so dass noch kurz

1) In’anderen Staaten müssen dies zumeist erst die Gewerkschaften durch tarifvertragliche Ab-
machung!lausbedingen. — Vgl, das Beispiel eines amerikanischen Tarifvertrages auf Seite 145 ff.

124
        <pb n="127" />
        das Gesamtbild der weiblichen Erwerbstätigkeit und die darin
zutage tretenden Tendenzen zu betrachten bleiben. Die Gesamt-
zahl der erwerbstätigen Frauen betrug:
1880 1.50.0044 2647000
1890 NE 4000 000
1900. LEN E00
1910 2... SOTDTTZ
1920 A 8540511
Die Zahl der erwerbstätigen Frauen hat sich also in der Periode
von 1910 bis 1920 um rund eine halbe Million oder ein Sech-
zehntel vermehrt.‘ Diese Ziffer ist nicht verwunderlich hoch. Be-
merkenswert dagegen ist die Umgruppierung der BeschäftigungS-
ziffern der Frauen innerhalb der einzelnen Tätigkeitsgebiete. Sie
ist dargestellt in der folgenden Tabelle.
en Zahl der Frauen
Beschäftigung 1910 | 1920
Landwirtschaft, Viehzucht usw. ......-. 1 807 501 1084 128
Mineralgewinnung ......+0000000004000044 1094 2864
Fabrikarbeit"). A N N 1 820 570 1 930 341
Transport LT SL 106 625 213 054
Handel LE PET 468 088 667 792
Oeflentliche Dienste... 1 13 558 21 794
Akademische Berufe usw. .........- 733 891 1 016 498
Häusliche und persönliche Dienste ..... 2531 221 2186 924
Bureaubeschäftigungen. ....- SE 593 224 1426 116
Gesamtzahl || 8075772 8549511
*) In der Industrie arbeiten Frauen in größerer Zahl in nachfolgenden Zweigen (1920):
Tabakindustrie . +. 000.4 + «++ 83960
Bekleidungsindustrie . ....... 265643
Lebensmittelindustrie . . ...... 72402
Eisen- und Stahlindustrie. .... 57819
Schuhfabrikation .......... 73412
Textilindustrie ...........+ 364350
Die Zusammenstellung zeigt zunächst einen Rückgang der weib-
lichen Arbeitskräfte in der Landwirtschaft von 800 000 und in häus-
lichen und persönlichen Diensten von 345 000. Demgegenüber steht
eine Zunahme von 108 871 Frauen in der Fabrikarbeit, von 106 429
im Transport (besonders in den Bureaus der Eisenbahn- und Tele-
graphengesellschaften usw.) sowie von fast 200000 im Handel.
Grösser noch ist das Eindringen der Frauen in die akademischen
und intellektuellen Berufe mit einer Zunahmeziffer von 282 607 und
am grössten bei den Bureaubeschäftigungen mit einer Zunahme von
832839. Die Zahl der Buchhalterinnen allein stieg um 350 000,
die der Stenotypistinnen um 300000. Im ganzen also zeigt
sich ein Rückgang der Frauen in der Haus- und Landwirtschaft von
reichlich einer Million und auf der anderen Seite eine Zunahme in

195
        <pb n="128" />
        Industrie, Handel und Verkehr, öffentlichen Diensten und beson-
ders auch in den gehobenen akademischen und intellektuellen
Berufen von 1 540 000. Diese Umschichtung in der weiblichen Berufs-
tätigkeit hat mancherlei beachtenswerte Ursachen. In der Land-
wirtschaft hat eine weitgehende Maschinisierung den Wirkungs-
kreis der landwirtschaftlichen Arbeiterin nicht unerheblich ge-
schmälert. Der Farmer in den einigermassen fortgeschrittenen
Landwirtschaftsstaaten — vielleicht von den schon erwähnten
Border hill countries abgesehen — Ssäet, mäht, drischt, erntet,
bündelt, füttert und melkt mit Maschinerie. Dem ärmeren Farmer
steht hierfür der genossenschaftliche Maschinenbesitz seines Land-
bezirks zur Verfügung. Das Mahlen des Getreides und das Be-
reiten der Milchprodukte in den Molkereien, wie wir es vielfach
in Wisconsin, Minnesota und Kansas gesehen haben, erfolgt in
weitem Umfang durch genossenschaftliche Betriebe. Und für das
Melken sind die Farmer — wiederum von den Border hill countries
und solchen verlassenen Gegenden abgesehen — bis in die unter-
sten Schichten maschinell eingerichtet. Wir haben dies auf typischen
Armeleutefarmen gesehen. Der Farmer ist eben weniger „Bauer“
als ein gut Stück von einem Mechaniker. Wir werden aber eben-
falls noch sehen, dass dies nicht der alleinige Grund ist für den
Abmarsch der Frau aus der Landwirtschaft.

Im Haushalt liegt es ähnlich. Bis in eine breite Oberschicht der
Arbeiterschaft hinein ist der Haushalt maschinisiert. Zentral-
heizung, Waschmaschine, Plättmaschine, Staubsauger, besonders
der weitverbreitete Konsum fabrizierter Konservenspeisen machen
nicht nur bis hinauf in anspruchsvollere Schichten das Dienst-
mädchen überflüssig, sondern engen auch den Wirkungskreis der
Hausfrau sehr ein. „Die Mädchen zu lehren, den Knaben zu
wehren“, gibt es Kindergärten, Schulanstalten, Lichtspiele, welche
die aufsichtsbedürftige Jugend den grössten Teil des Tages über
aufnehmen. — So wird die Frau in den Wettbewerb mit dem Manne
geradezu hineingedrängt, der ihr um so leichter fällt, als ihr auch
an Musse und Gelegenheit zur Ausbildung alle Wege offenstehen.
Zwei Fünftel der amerikanischen Studenten höherer Lehranstalten,
Hochschulen und Universitäten sind weiblichen Geschlechts. Der
völlig freie Weg zu den Bildungsstätten hilft neben der Mechani-
sierung von Land- und Hauswirtschaft am meisten zur Revolutio-
nierung des weiblichen Lebensberufes.

Demgemäss ist auch die wirtschaftliche Funktion und die soziale
Stellung der Frau eine ganz andere als hierzulande. Noch ist ihre
soziale und wirtschaftliche Position wie das ganze Gesellschafts-
leben des Landes unstet und flüchtig, immer neue Umgestaltungen
zeitigend. Ob die Frau selbst diesen Rollenwechsel als einen Segen
empfindet, erscheint uns nach allem Gehörten und Gesehenen

1926
        <pb n="129" />
        immerhin fragwürdig. Sehr deutlich und klar wir die Pfcbismatik
von berufenen Amerikanern selbst angedeute SS „N

„Die Funktion der Frauen gestaltet sich immer N ODER
wechselt in der heutigen Gesellschaft mit jede = agg.h | Dieh Hau
von heute ist einigermassen überrascht, zu find no dass die häuslich
Arbeiten aus Grossmutters Tagen ihr zum grössten Teile abgen n
sind. Nähen ist nur noch ein Zeitvertreib, denn di Kleider der Famfilie
können fertig und nach Bestellung besser und billigör„ beschafft werden,
als man sie selber herstellen könnte. Die Arbeit des 4 und des
Reinigens wird infolge der Raumeinteilung und durch arbeitsparende
Vorrichtungen auf ein Minimum beschränkt. Heizung und Beleuchtung
erfolgen von der Hausverwaltung oder von städtischen Anlagen aus.
Selbst das Kochen wird zu einer leichteren Aufgabe, denn die meisten
Artikel kommen fast oder völlig fertig für den Tisch in Packungen oder
verlöteten Büchsen. In immer grösserem Ausmasse kann die Hausfrau
zu billigem Preise gut zubereitete Mahlzeiten aus nahe gelegenen
Restaurants und Delikatessgeschäften erlangen. Ihre Kinder sind den
grössten Teil des Tages über in der Schule, wo die Arbeit der Bildung
und Erziehung besonders geschulten Kräften anvertraut ist, und nach
der Schule sind sie auf dem Spielplatz oder in den Lichtspielen. Die
Frau der ärmeren Klassen muss immer noch manche dieser Aufgaben
selber erfüllen und, soweit Zeit verbleibt, ausgehen, um Geld zu ver-
dienen, um das magere Einkommen etwas zu ergänzen. Aber der wohl-
habendere Ehemann ist mehr als willig, seiner Frau jegliche Arbeit zu
ersparen, nicht nur aus Zuneigung, sondern um seine finanzielle Leistungs-
fähigkeit zu demonstrieren. So verfügt die Frau über eine immer länger
werdende Freizeit und hat, weil ihr in dieser Beziehung Gewohnheiten
und Traditionen für die Lebensführung fehlen, keine klare Vorstellung
darüber, was sie damit anfangen soll. In den Frauenklubs und freien
Zusammenkünften findet man daher müssigen Klatsch und Bestrebungen
in der Richtung auf gesellschaftliche und geistige Hebung bunt durch-
einander.

Jedes Jahr tritt eine grössere Zahl von Frauen in die Berufe ein, die
ehemals dem Mann vorbehalten waren, und neue Laufbahnen öffnen
sich ihnen: Nicht nur im Lehr- und Schauspielerberufe und unter-
geordneten Geschäftsfunktionen, wo sie schon lange tätig waren, sondern
auch in der Jurisprudenz, der Medizin und leitenden Stellungen im Ge-
schäftsleben nimmt ihre Zahl rasch zu. Sie sind vertreten unter unseren
erfolgreichsten Romanschriftstellern, Dichtern, Malern und Musikern. Wir
haben noch kaum angefangen, die Probleme zu begreifen, die diese Ent-
wicklungstendenz entstehen liess: Es sind nicht nur Probleme der
Zukunft von Heim und Familie, sondern Probleme, die auch Wirtschaft
und Technik berühren. Überall fordern die Frauen gleichen Lohn für
gleiche Leistung und wollen zu gleichen Wettbewerbsbedingungen wie
der Mann auftreten, obgleich manche für Massnahmen sind, die einen
Schutz gegen zu scharfen Wettbewerb gewähren.“

Diese gehobene Stellung der amerikanischen Frau kommt dann
wieder in den Gesetzen des Landes zum Ausdruck. In keinem der

1) Tugwell, Munro, Stryker: „American Economic Life“ New York, 1925.

1927
        <pb n="130" />
        Staaten gibt es eine eigentumsrechtliche Benachteiligung der Frau
gegenüber dem Manne, wie sie in unserer Gesetzgebung noch be-
steht. Der Mann hat weder irgendeine Kontrolle noch irgend-
welches Eingriffsrecht gegenüber dem erworbenen oder ein-
gebrachten Eigentum und den Einkünften der Frau. Selbst wenn sie
ihn verlässt, darf er nichts von ihrem Vermögen — gleichgültig
wie hoch dasselbe und wie niedrig sein Verdienst sei — für den
Unterhalt der Kinder verwenden. Dagegen hat der Ehemann seiner-
seits für die Schulden und jegliche Art Verpflichtungen seiner Frau
aufzukommen, so dass also drüben die deutsche sozialdemokratische
Rechtsforderung auf Abschaffung einseitig benachteiligender Ehe-
rechtsgesetze nur in ihrer Umkehrung Verständnis finden würde.

Im öffentlichen und politischen Leben ist die Gleichberechtigung
der Frau ebenfalls mit ziemlicher Gründlichkeit durchgeführt.
Sie hat, wie der Mann, das allgemeine Wahlrecht. Politische
Frauentagungen, bei denen es sehr energisch zuging, sahen wir in
unserem Hotel in Chicago prozedieren. Zahlreiche politische und
Verwaltungsämter im Lande sind von Frauen besetzt. In Deslacs,
einer Gemeinde im Staate Nord-Dakota, besteht die gesamte Stadt-
verwaltung vom obersten Würdenträger abwärts aus Vertretern
zarter Weiblichkeit.

Sicherlich hat also die Frau durch ihr Eindringen in die höheren
Formen des Erwerbslebens ihren reichlichen Anteil an dem all-
gemeinen Zug nach oben, und dies trifft bis in die oberen Schichten
der Arbeiterschaft zu. Und wechselwirkend trägt die erwerbstätige
Frau durch ihren Verdienst, der zuweilen in qualifizierten Berufen
so hoch ist wie der des gelernten Arbeiters, zur Hebung des Lebens-
standards der erwerbstätigen Oberschicht bei. Gerade in der
höheren Arbeiterschicht fanden wir viele in Banken, Versicherungs-
gesellschaften, Anwaltsbureaus usw. tätige Frauen, die eine gute
Schulbildung zu solchen Tätigkeiten befähigt, und die infolge der
schon beschriebenen Einrichtungen der Haushaltsarbeit bis auf
weniges enthoben sind. Das typische Eigenheim solcher Familien
zeichnet sich oftmals durch die merkwürdige Erscheinung aus, dass
darin der herkömmliche Küchenraum fehlt, an Stelle dessen ein in
irgendein Zimmer eingebauter kleiner Wandschrank eine zierliche
kleine Gaskochmaschine und ein kleines Glasgehäuse mit einigem
Geschirr und Essbesteck birgt — das Symbol der emanzipierten
Frau.

128
        <pb n="131" />
        Il. Einige allgemeine Arbeiterfragen

8 Ko den gezeigten Tatbeständen bliebe immer noch Raum für

den theoretischen Streit darüber, ob es in Amerika eine „Ar-
beiterklasse‘“ gibt, eine Auseinandersetzung, die nicht in denRahmen
dieses Berichtes gehört. Sicher aber ist nach dem bisher Dar-
gelegten, dass die Gesamtheit der Arbeiterschaft in der amerika-
nischen Union eine viel weniger gleichförmige Masse ist als in den
europäischen Industrieländern, wo die gesellschaftlichen Rang-
grenzen gleichsam mit Stacheldraht gezogen sind und die Auf-
frischung der Bevölkerungsbestandteile von aussen her in nennens-
wertem Umfange fehlt. Zwischen der Ober- und Unterschicht der
Arbeiter liegen drüben grössere und steilere Stufen als bei uns.
Diese Ungleichförmigkeit des Arbeiterelements beeinflusste auch
Art und Tempo der Sozialpolitik ebenso wie Charakter und Ab-
grenzung der Gewerkschaftsbewegung, denn es braucht nicht
weiter bewiesen zu werden, wie schwer es ist, das Notwendige und
Erreichbare für den Proletarier des rückständigen Südens und den
schutzlos umherirrenden ungelernten Wanderarbeiter des Ostens
und Westens und anderseits des besser entlohnten gewerkschaftlich
organisierten östlichen Industriearbeiters auf eine Formel zu
bringen. Es ist noch nicht allzu lange her, als die Forderung einer
sozialen Schutzgesetzgebung auf den Arbeiter höherer Region noch
beinahe wie eine Kränkung seines Stolzes als unabhängiger, im
freien Wettbewerb stehender Bürger des Landes der unbegrenzten
Möglichkeiten gewirkt hätte, während die unqualifizierte und un-
organisierte Proletarierschaft, die solchen Schutzes am meisten be-
durft hätte, gar nicht die Macht besass, ihn zu erringen, noch auch
nur zu fordern. Der Staat seinerseits aber fühlte vielleicht dieser
Schicht gegenüber nicht seine volle Verantwortung, nicht nur weil
gesetzliche Schutzmassnahmen zunächst noch seinen liberalen
Prinzipien zuwiderliefen, sondern weil es sich zum grossen Teil um
landfremdes und fremdsprachiges Element handelte, dessen Pro-
bleme naturgemäss erst in entfernter Linie Beachtung finden.

Aus derartigen Gründen kam der soziale Gedanke langsamer
und in anderer Gestalt ins Land als bei uns, obgleich die ausgekaute
Rede, der glückliche Yankeearbeitgeber ächze nicht unter der Bürde
der „sozialen Belastung‘, wie wir sehen werden, unrichtig ist.
129
        <pb n="132" />
        1. Das Unfall- und Hinterbliebenen-Gesetz.

Das unerhört rasche Anschwellen der Industriearbeiterzahl und
damit natürlich auch der Zahl der Unfälle sowie der materiellen
Unsicherheit hat auch die besser gestellte, organisierte Arbeiter-
schaft — trotz der heute noch weitverbreiteten Neigung zu liberalen
Auffassungen — zu der Erkenntnis geführt, dass es notwendig sei,
sich gegen Schicksalslaunen und Berufsgefahren auf irgendeine
Weise gesichert zu wissen. In einer Äusserung des amerikanischen
Gewerkschaftsbundes zur Unfallgesetzgebung heisst es zustimmend:

„Der Industrialismus, der die heutige Zivilisation beherrscht, ist auf-
gebaut auf der Grundlage der Kollektivität. Die Gruppen der Produktion
unterliegen der Arbeitsteilung. Aus dieser Gruppenorganisation der
Industrie ergeben sich eine Reihe von Folgerungen, die die Einführung der
kollektiven Methode in immer weitere Gebiete und Tätigkeiten nahelegen.
Eine der tiefgreifendsten Entwicklungen besteht in dem Übergang von dem
früheren Begriff der Unfallhaftung des Unternehmers zur Arbeiter-Unfall-
entschädigung oder Sozialversicherung.

Die Unternehmer-Haftpflicht ging davon aus, dass das Arbeitsverhältnis
ein Verhältnis zwischen Individuen sei und folglich jeder Arbeiter ein
gewisses Risiko bei beruflichen Unfällen zu tragen habe. Aus der Wirk-
samkeit des Unternehmer-Haftpflichtgesetzes heraus entwickelte sich ein
klareres Verständnis des Verhältnisses zwischen Berufsunfällen und
mechanischer Massenproduktion sowie der Methoden für die Gewähr-
leistung angemessener Entschädigung derer, die in der Produktion Unfall
erlitten. In Erkenntnis der Tatsache, dass industrielle Unfälle nicht völlig
vermeidbar sind, hat die Industrie in zunehmendem Masse die Ver-
antwortung übernommen für die in der Produktion erlittenen physischen
Schäden.“

Schliesslich musste sich auch der staatliche Liberalismus und
das unternehmerliche Freibeutertum dieser sozialen Notwendigkeit
bequemen. So trat in jüngster Zeit an Stelle einer sehr beschränkten
Haftpflicht des Arbeitgebers (die sich lediglich auf den Fall der
„Fahrlässigkeit‘“ erstreckte) eine ausgebaute Unfall- und Hinter-
bliebenengesetzgebung, die in 42 von den 48 nordamerikanischen
Staaten heute in Kraft ist und von den Unternehmern sowie teil-
weise (namentlich hinsichtlich der Verwaltungsorganisation) vom
Staate finanziert wird.

Ausgenommen von diesem Versicherungsgesetz sind die Arbeiter
der Land- und Hauswirtschaft, in einigen Staaten auch die Bureau-
und kaufmännischen Berufe durch die Bestimmung, dass nur Be-
triebe mit „Berufsgefahren‘“ unter das Versicherungsgesetz fallen.
Gleichfalls sind in einigen Staaten die kleinen Unternehmer mit
drei-bis fünf Arbeitern von der Versicherung befreit. Dagegen
unterstehen die Bundesstaaten und die Bundesregierung als Arbeit-
geber ebenfalls dem Gesetz.
130
        <pb n="133" />
        Die Einzelheiten des Gesetzes sind in jedem der Bundesstaaten
verschieden. So z. B. ist in einer Reihe von Staaten Entschädigung
vorgesehen für jeden „im Betrieb“ erlittenen Unfall, in anderen nur
für Unfälle, die „durch die Berufsausübung“ erfolgt sind. In Weg-
fall kommt in fast allen Staaten eine Entschädigung für Unfälle
durch Verschulden, Trunkenheit usw. des Arbeitnehmers. Die
meisten Gesetze sehen für den Entschädigungbezug eine Wartezeit
bis zu sieben Tagen vor. Alle Gesetze gewährleisten freie Medi-
kamente, manche jedoch mit zeitlicher Begrenzung, während andere
die Höhe des Geldwertes der Medikamente begrenzen. Ebenfalls
gewähren fast alle Gesetze Begräbnisgelder von 150 Dollar und
darüber.

Im Fall völliger Arbeitsunfähigkeit gewähren sechzehn Unfall-
gesetze eine Entschädigung in Höhe von 65 oder 66% Prozent vom
Arbeitslohn des Geschädigten. In elf Staaten beträgt der Ent-
schädigungssatz nur 50 Prozent, in den übrigen Staaten liegt er
zwischen der genannten Mindest- und Höchstgrenze von 50 bzw.
66% Prozent. Diese Sätze sind begrenzt durch eine Festsetzung
von Maximumbeträgen, die in den einzelnen Staaten zwischen
12 und 20 Dollar pro Woche liegen (so dass also ein gut entlohnter
gelernter Werkzeugmacher, Bauarbeiter usw. mit 50 bis 60 Dollar
Wochenlohn bedeutend weniger als den vorgesehenen Prozentsatz
erhält).

Die Leistungen an die Hinterbliebenen sind in den meisten
Staaten‘ entweder im Betrag oder der Zeitdauer nach begrenzt;
dagegen zahlen sieben Staaten sowie die Bundesregierung Hinter-
bliebenengelder bis zum Tode, der Wiederverheiratung bzw. der
Volljährigkeit der Bezugsberechtigten.

Bemerkenswert sind auch die Bestimmungen hinsichtlich der
Ausländer und nichtsesshaften Personen. Nur sieben Staaten ge-
währen diesen die Rechte aus dem Unfallgesetz auf derselben Basis
wie den Angesessenen ausdrücklich durch das Gesetz. Acht
weitere Staaten, deren Unfallgesetz keine besonderen Fremden-
bestimmungen enthält, behandeln die Fremden in der Praxis
ebenfalls als Gleichberechtigte.

Zu diesem Punkte fordert der amerikanische Gewerkschaftsbund
die volle Ausdehnung der Rechte aus den Unfallgesetzen auf die
Fremden in allen Bundesstaaten.

Auch bei dieser Gesetzgebung tritt die anglo-amerikanische
Zwangslosigkeit in interessanter Weise‘ in Erscheinung. Es ist
nämlich nur in 12 von den 42 Staaten, in denen ein solches Gesetz
existiert, obligatorisch. In den anderen 30 Staaten steht es dem
Arbeitgeber formell frei, sich dem Gesetz zu unterstellen oder es
abzulehnen. Im letzteren Fall wird jedoch auf den Arbeitgeber

+07
13
        <pb n="134" />
        dadurch ein Druck ausgeübt, dass er dann verschärften Haftpflicht-
vorschriften untersteht.

Auch in bezug auf die Art und Verwaltung der Versicherungs-
fonds besteht eine typisch angelsächsische zwanglose Mannig-
faltigkeit. Die Fonds können gebildet werden sowohl durch
Leistungen des einzelnen Unternehmers an einen besonderen
Staatsfonds als auch durch Zahlungen an eine Versicherungs-
gesellschaft oder selbst durch private Eigenrücklagen des einzelnen
Unternehmens. Nur wenige Staaten haben in diesem Punkt einige
einschränkende Bestimmungen; die Gewerkschaften dagegen
fordern die strikte Ausschaltung des privaten Versicherungs-
geschäfts aus der Unfallversicherungspraxis wie auch die Ab-
schaffung des Privationds. Sie wollen damit Spekulationen
unmöglich machen und auch der durch geschäftliche Zahlungs-
unfähigkeit für die bezugsberechtigten Arbeiter entstehenden Ge-
fahr vorbeugen.

Die Folge der Leistungspflichten der Unternehmer bei Unfällen
ist eine über das ganze Land verbreitete Propaganda- und Auf-
klärungsarbeit mit dem Ziel der Unfallverhütung unter dem in
jedem Fabrikbetrieb zu lesenden Losungswort: „Safety First!“, das
in allen Betriebsräumen in weithin sichtbaren Lettern angebracht ist.

2. Soziale Einrichtungen der Einzelbetriebe,

Mit der Leistung des Unternehmers für die Unfall- und Hinter-
bliebenenversicherung ist indessen die „soziale Belastung“ des
amerikanischen Unternehmertums noch nicht erschöpft, und es zeigt
nur die völlige Unfähigkeit einzelner deutscher Besucher Amerikas,
die verschiedenen und andersartigen Erscheinungsformen ein und
derselben Sache wahrzunehmen, wenn sie fröhlich und frisch das
Gegenteil berichten, es sei denn — was noch schlimmer, weil un-
ehrlich, wäre —, dass sie ihre Erfahrungen in dieser Hinsicht ab-
sichtlich zurückhalten. Wir haben in Betrieben zu Milwaukee,
Chicago, Cincinnati und auch anderwärts soziale Einrichtungen ge-
sehen, die den betreffenden Betrieb vielleicht nicht weniger kosten
als seinen entsprechenden Anteil an der „sozialen Belastung“ in
Deutschland. Viele der von uns besuchten grösseren Betriebe haben
für ihre Arbeiter einen grösseren oder kleineren Stab von Ärzten
und Zahnärzten für freie Konsultation und Behandlung, haben eine
Abteilung für Rechtsberatung, ein Darlehns- und Unterstützungs-
wesen, zuweilen in Verbindung mit der mehr berüchtigten als be-
rühmten „Gewinnbeteiligung‘“ in der Form der Kleinaktien oder
hochverzinsenden Fabriksparkassen, durch welche die Arbeiter an
den Betrieb gekettet werden. Grossfirmen und namentlich Eisen-

139
        <pb n="135" />
        bahngesellschaften unterhalten Krankenkassen zum gleichen Zweck.
Manche Unternehmen finanzieren Schulen, Spielplätze usw. Andere
haben Konsumeinrichtungen, wiederum mit dem Ziele, durch die
jährliche Gewinnverteilung eine zu starke Fluktuation unter den
Arbeitern, namentlich in Zeiten der Hochkoniunktur, zu verhüten.
Sogar „Betriebsräte“ — mehr oder weniger freigestellte — fanden
wir in gelben Betrieben. Da der Unternehmer sie aber lediglich als
ein Werkzeug für seine Behandlung der Belegschaft benützt, So
ist klar, dass es sich nur um eine Parodierung des gewerkschaft-
lichen Begriffes der Betriebsvertretung handelt.

Bemerkenswert ist, dass wir alle diese Einrichtungen in „non
union shops“, das heisst in Betrieben mit unorganisierter Arbeiter-
schaft kennenlernten, in denen die blosse Organisationszugehörig-
keit mit Entlassung gesühnt wird. Soviel müssen es sich die Unter-
nehmer — namentlich in Betrieben mit „vollamerikanischer“
weisser Arbeiterschaft — kosten lassen, um die Gewerkschaften
aus den Werkstätten fernzuhalten. In den Unternehmungen, deren
Belegschaft aus dem vielsprachigen, hilflosen Nationalitäten-
gemisch der Neueinwanderer und Negern besteht, ist soviel Zucker-
brot selten nötig, und in den „union shops“ mit organisierter
Belegschaft sorgen die Gewerkschaften dafür, dass die fehlenden
Wohlfahrtseinrichtungen durch entsprechend hohe Löhne reichlich
wettgemacht werden. Das Glück der Freiheit von der „sozialen
Belastung“ können also auch drüben nur diejenigen Unternehmer
einigermassen ungetrübt geniessen, die in der Lage sind, restlos
und rücksichtslos mit „Kulturdünger“ zu wirtschaften; — „Volks-
genossen“ machen mehr Schwierigkeiten.

A *
*
3. Sonstige Formen der sozialen Hilfe.

Wie der Staat, so haben auch die Gewerkschaften der Union in
bezug auf ihre eigenen Einrichtungen einen bedeutend engeren
sozialen Wirkungskreis als bei uns. Dies ist abermals leicht erklär-
lich, wenn man bedenkt, dass sie — sehr zum Unterschied von den
unsrigen — in der Hauptsache nur einen Kreis gehobener Berufs-
arbeiter umfassen. In diesem Kreise kann in allen Notfällen das
Vorhandensein irgendeiner Summe von Ersparnissen fast mit
Sicherheit vorausgesetzt werden. Darauf deutet es hin, wenn z. B.
grosse Organisationen beim Ausbruch eines Streiks in Mitglieder-
abstimmung beschliessen, dass die Organisation erst nach drei oder
gar sechs Monaten des Kampfes eine Streikunterstützung gewährt.
So wird auch dem übrigen gewerkschaftlichen Unterstützungs-
wesen nicht die weitreichende soziale Funktion zugemessen wie bei
uns. Nur sehr wenige Verbände zahlen Arbeitslosenunterstützung

1323
        <pb n="136" />
        und die oft nur „casual“, das heisst von Fall zu Fall. Die Erspar-
nisse des einzelnen spielen eine Rolle, an die bei uns nicht mehr zu
denken ist. Auf unsere interessierte Frage an amerikanische Ge-
werkschaftskreise, was denn in einem Lande ohne Altersversiche-
rung aus den alten Leuten werde, erhielten wir wiederholt die fast
stereotype Antwort: ein guter Teil von ihnen habe Ersparnisse,
viele leben bei ihren Kindern, ein grosser Teil sterbe „in den Sielen“,
und nur ein kleiner Teil gehe ins Armenhaus.

Eine grössere Bedeutung kommt der sozialen Arbeit privater
Vereine, Gesellschaften und Selbsthilfevereinigungen zu. Die
Arbeiter selbst — und nicht zuletzt zahlreiche Gewerkschaftsmit-
glieder — sind Mitglieder von Vereinen, sogenannten „Bruder-
schaften‘. Diese Arbeitervereinigungen pflegen, wie bei uns die
konfessionellen Arbeitervereine (jedoch ohne deren agitatorischen
Charakter zu haben) die Geselligkeit. Ausserdem besteht ihre
Funktion in gemeinschaftlicher Hilfeleistung an Mitglieder, die auf
irgendeine Art in Not geraten.

Berühmt ist ferner die über das ganze Land verbreitete Gesell-
schaft „Moose“, die von dem derzeitigen Staatssekretär des
Arbeitsdepartements, Mr. Davis, gegründet wurde, die Waisen-
häuser und andere soziale Einrichtungen unterhält und beitrag-
leistende Mitglieder aus allen Kreisen der amerikanischen Gesell-
schaft hat. Es zeigt sich auch auf diesem Gebiet die echt englische,
schemalose, systemlose Lebendigkeit der organischen Gestaltung,
die Einrichtungen schafft, wie sich von Fall zu Fall die Notwendig-
keit ergibt, und die Probleme anpackt, wie sie aus dem Fluss der
Zeiten auftauchen.

Bei den verhältnismässig hohen Löhnen, die — auch im Landes-
durchschnitt — gezahlt werden, gibt es ausserdem für die staat-
liche Sozialversicherung noch einen weiteren — wenn auch nicht
immer erfreulichen — Ersatz in der privaten Versicherung, der
Arbeiter in viel grösserer Zahl als in irgendeinem anderen Lande
beitreten. Zu diesem Ergebnis kam auch eine Untersuchung, die der
amerikanische Gewerkschaftsbund über die Beteiligung der Arbeiter
an privaten Versicherungseinrichtungen anstellte,

Die Lebensversicherungsgesellschaften der Union hatten (1924)
einen Geldbestand von 10 Milliarden Dollar angehäuft. Die Zahl
der bei ihnen Versicherten hat sich von 1914 bis 1924 vervierfacht.
Der Gewerkschaftsbund schätzt, dass allein seine Mitglieder pro
Jahr über 100 Millionen Dollar an Lebensversicherungsprämien
zahlen, zumeist in der Form der „Sozial-Policen‘“, auf welche die
Prämie wöchentlich erhoben wird. Der Gewerkschaftsbund hegt die
Absicht, den unverhältnismässigen Gewinn der Versicherungs-
gesellschaften ausschalten zu können durch Schaffung eigener Ver-
sicherungseinrichtungen, gleichfalls auf der Prämiengrundlage.

134
        <pb n="137" />
        4. Verhältnis zwischen Unternehmer und Arbeiter.
Hier sei auch das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeit-
nehmer kurz‘ erwähnt, von dem in den Berichten deutscher
Reisenden gern lobend gesprochen wird. Dass dieses Verhältnis im
allgemeinen besser, freier, weniger autokratisch als bei uns ist,
steht ausser Zweifel und wurde auch hier schon gesagt. Es wird
vom Arbeiter alles ferngehalten, was seine Abwehrkräfte wach-
rufen, seinen Oppositionsgeist anspornen könnte. Wenn der
Arbeiter einen der kaufmännischen oder technischen Bureauräume
betritt, so wird weder der Ton des Verkehrs noch die Aus-
stattung der Lokalität das Gefühl der Befangenheit oder des Ab-
standes bei ihm hervorrufen. In allen Fabriken, die wir besuchten,
fiel uns immer wieder die Einfachheit der Bureau- und Verwal-
tungsräume auf. In einer hervorragenden Maschinenfabrik in
Wisconsin ging diese so weit, dass die roten Backsteinwände der
Bureaus ungetüncht waren und ihr einziger Schmuck aus einigen
aufgehängten Tabellen und den einfachsten Kleiderhaken bestand.
Auf unsere Frage nach dem Grund dieser ausgesuchten Schlicht-
heit wurde uns gesagt, den Angestellten soll damit beständig ihre
Verbundenheit mit der Gesamtheit des Betriebes und den robusteren
Arbeiten in der Werkstatt zum Bewusstsein gebracht werden; und
wiederum dürfe auch der Arbeiter nicht die Vorstellung haben, als
ob über ihm da drin sich ein Unteroffizierkorps abgesondert habe.
Die Auffassung von der Angestellten- und manuellen Arbeiter-
schaft als einer arbeitsteiligen Produktivgesamtheit statt einer
Rangstufenleiter mit Offizieren, Feldwebeln, Korporälen und
Musketieren kommt auch in der Art und Höhe der Lohnzahlung
zum Ausdruck. Der „Leistungslohn‘, den unsere Wirtschaftsretter
so sehr preisen, aber nur auf die „ausführende‘“, besonders die
manuelle Arbeit angewendet wissen wollen, erstreckt sich in
Amerika auf fast alle Kategorien der Angestelltenschaft und Be-
triebsleitung. Es gibt wenig oder keine Ranglöhne. Keine Kluft liegt
zwischen Qualitätsarbeiterlöhnen, Werkmeisterlöhnen, Techniker-
löhnen:; .der einzige Unterschied ist, dass die letzteren eine grössere,
wieder von der Leistung abhängige, aber nach unseren Begriffen
gewaltige Bewegungsmöglichkeit nach oben haben. “Anything
between 3,000 and 50,000 Dollars“, sagte man uns bei Ford auf die
Frage, was Meistern und leitenden Personen des Betriebes gezahlt
werde: irgendwas zwischen 3000 und 50 000 Dollar im Jahr. Nicht
einmal die bureaukratische Abgrenzung zwischen „Lohn- und Ge-
haltsempfängern“ gibt es. Wer wirtschaftlich so gestellt ist, dass
er seinen Lohn üblicherweise nicht jede Woche abzuheben braucht,
der bezieht Monatsgehalt, also auch die „Angestellten“ und
„Beamten“ nur, sofern sie wesentlich mehr als den Lohn des ge-
lernten Arbeiters beziehen.
135
        <pb n="138" />
        Auch ausserhalb des Industriebetriebes findet man nicht die hart-
hölzernen Schubladen der standesmässigen Separation. Der
„geistige Mittelstand“ reicht mit seinen unteren Finkommen ohne
jede Ehrfurchtsdistanz unmittelbar an und unter die Grenze der
höheren Arbeiterlöhne, während seine höheren Einkommen gleich-
falls einen fast unbegrenzten Spielraum haben. Als Beispiel mag
hier angeführt werden, dass die üblichen Gehälter der amerika-
nischen Hochschuldozenten eine untere Grenze von etwa 3000Dollar
pro Jahr aufweisen, ein Einkommen, das auch die organisierten
gelernten Bauarbeiter, Buchdrucker, Giesser und Former erreichen.
Bewährte oder berühmte Lehrkräfte dagegen haben, ebenso wie
Journalisten von Ruf, sehr grosse Einkommen. (Arthur Brisbane,
der kluge und gewandte Leitartikler der Hearst-Zeitungen, hatte,
wie man sagt, schon vor 20 Jahren ein Einkommen von 75000 Dollar,
und auch die beliebtesten und gelesensten Autoren der vielen
wöchentlich oder monatlich erscheinenden Magazine erzielen er-
staunlich hohe Einnahmen.) Fast überflüssig zu sagen, dass die
Einkommen der in freier Konkurrenz stehenden akademischen
Berufe, der Ärzte, Rechtsanwälte, Künstler usW., erst recht alle
Variationen zwischen der Proletariergrenze und den grössten
Fabelsummen aufweisen.

Im allgemeinen aber kann man sagen, dass „geistige“ Berufe, wo
und sofern sie irgendeinem Einkommenschema unterliegen, ge-
ringere Unterschiede gegenüber dem Arbeiterlohn zeigen als in
unserem Lande. Sahen wir das schon im Falle der akademischen
Lehrer, so tritt es noch krasser hervor bei Betrachtung des Landes-
durchschnitts der verschiedenen Gehälter der Volksschullehrer,
wie sie die nachfolgende Aufstellung für das Jahr 1924 des Research
Bulletin (Band III, Nr.1 und 2, 1925) der National Education
Association zeigt:

Land- und Kleinstadtschulen:

Schulen mit 1 Lehrer. .. 755 Dollar liegen unter dem

Schulen mit 2 Lehrern . , 743 Dollar | Jahreseinkommen der

Landschulen mit 3 und Eisenbahnhilfs- Vgl.Tab.S.169

mehr Lehrern ..... 804 Dollar J arbeiter

Dorf- und Kleinstadt- ya anchl dem Jahres-

schulen mit 3 und mehr durchschnittslohn in

Lehrern. ,;......1114 Dollar J derWollwarenindustrie vgl. Tab.S.183
Städtische Schulen: Entspricht dem Jahres-

In Städten mit durchschnittslohn der:

5-10000 Einwohnern .1231 Dollar Papierwarenindustrie

10-30000 Einwohnern . 1354 Dollar Papierfabrikation vgl.Tab.S.183

30-100000 Einwohnern 1528 Dollar Gummiindustrie | EA

üb. 100000 Einwohnern 1968 Dollar Zeitungsdrucker
U

136
        <pb n="139" />
        SNCA N

Diese Entlohnungsverhältnisse sind, wie ungete” Gegenüber
stellung entsprechender Arbeiterlöhne zeigt, durghaus proletarisch,
Keine von oben her begünstigte „Standespflege“/dämmthdent Drucks
der freien Konkurrenz, der natürlich in einem\ solchen Beruf im
einem Lande mit so ausgedehnten Bildungsmög hkeiten ein sehr
starker ist. Man denkt dabei an das Beispiel, das Eduärd v. /
mann in einer seiner populären Schriften einmal gibf* ! {b-
kundigen, der einst mit seiner Kunst von Königen und Fürsten
gesucht war, heute aber, im Zeitalter der allgemeinen Schulbildung,
damit allein nicht mehr das tägliche Brot verdienen könnte. In
Amerika, wo man keine Stände konservieren will, wird jede Arbeits-
leistung — nicht nur die manuelle — nur nach ihrer Erlangbarkeit
taxiert und soviel oder sowenig dafür gezahlt, als man zahlen
muss, um sie zu erhalten.

Henry Ford, der auch darin am meisten amerikanisch ist, hat
diese Idee geradezu zum System ausgebaut. Er schickt seine Werk-
meister, wenn sie sich als unfähig erweisen, wieder an die Werk-
bank. Seine Maschinenzeichner sitzen in langen Reihen vor eisernen
Stafetten in Sälen, die sich von den Fabrikräumen nur durch das
Fehlen der Maschinen und Treibriemen unterscheiden. Sie arbeiten
im Stundenlohn und verdienen, wie uns gesagt wurde, „bis zu 1,25
Dollar pro Stunde“ d. h. im Höchstfall den Lohn des Werkzeug-
schlossers. So wird „standesmässige‘“ Absonderung der Betriebs-
teile vermieden. Die Fordschen „Ingenieure“ müssen sich zu ihrer
Stellung durch die Werkstätten hindurchgearbeitet haben; jeder
kennt die Menschenart und die Arbeiten, die ihm unterstehen, soll
sogar der beste Arbeiter sein und darf nie „kraft seines Amtes“
kommandieren.

Dem entspricht auch der Ton, der zwischen Arbeitern, Meistern,
Unternehmern und überhaupt jeder Gruppe des Betriebsganzen
überall im Lande herrscht. Man sagt allerdings, dass der Unter-
nehmer den familiären Ton, mit dem er jeden seiner Arbeiter beim
Vornamennennt, mit guter Berechnung wähle, da „loyal employees“
(so heisst das Schlagwort) dem Unternehmen förderlicher seien
als eine widerwillig oder gar feindselig gesinnte Belegschaft. Das
ist sehr wahrscheinlich immer das Motiv; es verrät aber jedenfalls
mehr Takt als das entgegengesetzte Verfahren. Auch haben wir,
besonders beim berufsqualifizierten Element der Arbeiterschaft,
nicht finden können, dass sie sich durch den Ton der Vertraulich-
keit irgendwie bestechen lassen, ihn auch gar nicht als eine Herab-
lassung des Unternehmers auffassen, sondern für durchaus selbst-
verständlich hinnehmen. Knechtseligkeit ist unter Amerikanern
eine seltene Erscheinung. Zu diesem Ergebnis muss schliesslich
auch der misstrauische Beobachter dort kommen. Das Selbst-
bewusstsein des Amerikaners ist zu gross, um Knechtsinn entstehen
134
        <pb n="140" />
        zu lassen. Selbst dem Personenkult in der Politik und im öffent-
lichen Leben fehlt der servile Beigeschmack. Und den Standes-
dünkel verhindert, wenn nicht, wie manche sagen, eine „demo-
kratische Achtung vor ehrlicher Arbeit“, so doch jedenfalls ein
kluger Takt. Die oft gebrauchte Lobrede von der amerikanischen
Achtung vor der Arbeit als solcher ist natürlich nur eine rührselige
Übertreibung und Verkennung der Tatsächlichkeit und höchstens
für die erste staatsbürgerliche Unterweisung der unteren Volks-
schulklassen brauchbar. Wenn man Erwachsenen den „Adel der
schwieligen Hand“ preisen will, dann weist man auf die Galerie
bedeutender Männer, die aus dem arbeitenden Volk emporstiegen.
Dem Arbeiter als solchem gilt naturgemäss inkeinem kapitalistischen
Staate die besondere Hochachtung. Vielmehr sieht man in ihm —
hier wie dort — denjenigen, welcher in der allgemeinen Rennbahn
auf der Strecke blieb: „Ferner liefen‘“... Der Unterschied ist,
dass Bürger und Unternehmer dies in Amerika weniger taktlos
zum Ausdruck bringen als in mancher anderen Gegend des Globus.

Ausserdem fanden wir in fast allen Unternehmerkreisen eine
wohlbedachte Rücksichtnahme auf die „öffentliche Meinung“, die
in zunehmendem Masse auch durch die Gewerkschaften beeinflusst
wird und seit dem Kriege — wie in fast allen Ländern, gleich-
gültig aus welchen Motiven — den Arbeiter mehr als früher be-
achtet. Den Tausenden von Besuchern der weltberühmten Mühlen-
betriebe von Minneapolis verkündet am Eingang ein grosses Schild,
dass in diesen Werken der Achtstundentag durchgeführt sei. Upton
Sinclairs sozialkritischer Roman „Der Sumpf“ hat die verriegelten
Tore der Schlachtbetriebe von Chicago gesprengt und dem Publi-
kum den Zulass erwirkt. Und als wir in einem grossen Hotel dem
Direktor sagen liessen, wir hätten soeben vernommen, das Hotel
stehe wegen übler Arbeitsverhältnisse auf der gewerkschaftlichen
Boykottliste, und wir würden, wenn dies zuträfe, gezwungen sein,
das Haus zu verlassen, gab sich die Hotelleitung die grösste Mühe,
uns zu überzeugen, dass unserer Information nur eine längst ge-
wesene Auseinandersetzung mit einer Gewerkschaft zugrunde liege
— Was sich später bestätigte — und das Hotel seitdem durchaus
unter die „loyalen Unternehmungen“ zähle, und dass auch die
gerade begonnenen baulichen Erweiterungen von einem organisier-
ten Unternehmen ausgeführt werden. In den besseren Fabrik-
betrieben legt man, . sofern sie unorganisiert sind, überall Wert
darauf, dem Besucher klarzumachen, dass die Arbeitsbedingungen
kaum hinter denen der „union shops“ zurückständen.

Auf der anderen Seite findet man in dieser Beziehung auch
ebenso unerfreuliche Erscheinungen: Vor allem das weitverbrei-
tete System der Betriebsspionage. Unternehmer, welche die Ab-
138
        <pb n="141" />
        sicht haben, die gewerkschaftliche Organisation in ihrem Betriebe
entweder zu verhindern oder zu zerstören, wenden sich an Detek-
tivbureaus, von denen einige sich ganz auf dieses Geschäft speziali-
siert haben. Diese senden ihre Galgenvögel in die Werkstätten,
wo sie wie andere Arbeiter beschäftigt werden und deren Ver-
trauen dadurch gewinnen, dass sie sich als „gute Kollegen“ be-
nehmen und sich in Gesprächen und Versammlungen ziemlich
radikal und aufreizend auslassen, so dass sich oft erst nach
Monaten und Jahren ihre wirkliche Rolle herausstellt. Dem Unter-
nehmer berichten sie (oder das Bureau, das sie entsendet) über
Qualitäten und Gesinnung eines jeden einzelnen Arbeiters, über
Abreden, Organisationsversuche, abgehaltene Versammlungen,
Namen der Teilnehmer oder Sprecher (als die sie selbst oftmals,
zum Schein oder zur Provokation, auftreten) und anderes mehr.

In strategisch möglichst ungünstigen Zeiten provozieren sie ge-
legentlich einen Streik, und das bedeutet dann oft die Zerstörung
jeden Ansatzes zu einer gewerkschaftlichen Organisation. Das
Beobachten und heimliche Überwachen der Arbeiter ist in den
unorganisierten Betrieben Amerikas überhaupt beschämend weit
verbreitet. In einer sonst sehr fortgeschrittenen Maschinenfabrik
zu Cincinnati zeigte und schenkte uns der Inhaber vorgedruckte
Formulare, auf denen die Werkmeister allwöchentlich über jeden
der ihnen unterstellten Arbeiter, dessen Charakter, Gesinnung,
Ausserungen, Verhältnis zu Kollegen und Vorgesetzten in allen
Einzelheiten zu berichten haben. Der Unternehmer war auf diese
organisatorische Einrichtung sehr stolz und erklärte uns ihre
Handhabung sehr eingehend, wie er überhaupt von grösster Höf-
lichkeit war und keine Mühe scheute, uns den ganzen Betrieb zu
zeigen, obwohl wir ausdrücklich als Gewerkschaftsvertreter bei
ihm eingeführt waren.

Manche Unternehmer lassen sich diese verwerfliche Kampfart
sehr viel Geld kosten — eine merkwürdige negative Art „sozialer
Belastung‘. Welche Bedeutung man dem Spionagesystem in Ame-
rika beimisst, und für wie schädlich es in moralischer und anderer
Beziehung gehalten wird, geht daraus hervor, dass Professor Dr.
R.Cabot von der Havard-Universität es einem eingehenden wissen-
schaftlichen Studium unterzogen hat, dessen Ergebnisse er in einer
Broschüre veröffentlichte. Vieles von den Praktiken der Spionage-
politik erinnert an die uns aus Büchern bekannten Gepflogenheiten
zur Zeit der Negersklaverei, wo mit ähnlichen Mitteln Aufstände
und Widerspenstigkeiten der Neger unterdrückt wurden. Es muss
zur Ehre von Henry Ford gesagt werden, dass er, obwohl jede Ver-
handlung mit den Gewerkschaften. ablehnend, für deren Be-
kämpfung oder Unterdrückung kein Geld ausgibt.

139
        <pb n="142" />
        Eine der unerfreulichsten unter unseren Wahrnehmungen war
ferner die Rolle vieler Richter und Gerichte im sozialen Leben.

Der Kampf gegen die richterlichen Streik-Einhaltsbefehle, in
denen der Richter durch den Erlass des Einhaltsbefehls und
durch die Strafverhängung in einer Person als Gesetzgeber und
Rechtsprecher auftritt, beschäftigt jahraus, jahrein seit langem
die Gewerkschaften. Zwar erlaubt das Bundesgesetz friedliches
Streikpostenstehen, und in manchen Staaten wird auch von Fin-
haltsbefehlen nur in Fällen von Gewaltverübung oder vorsätzlicher
Schadenverübung Gebrauch gemacht, während dagegen andere
Staaten oder einzelne Richter ihn auf Wunsch von Unternehmern
rücksichtslos handhaben. Da die Richterstellen — mit Ausnahme
der obersten, die durch Ernennung vom Präsidenten besetzt werden
— Wahlobiekt sind, suchen auch die Gewerkschaften die Richter
durch ihre Wahlstimmen zu beeinflussen. Es kommen aber be-
zeichnende Fälle vor, wo ein mit Arbeiterstimmen gewählter Rich-
ter ebenfalls Urteile nach dem Wunsch der Unternehmer fällt und
willkürlich Einhaltsbefehle erlässt. Verursacht dann bei der näch-
sten Wahl die Abkehr der Arbeiterschaft seine Niederlage, so ist
es schon dagewesen, dass er daraufhin vom Präsidenten in eines
der von diesem zu vergebenden hohen Richterämter berufen wurde
— „in dankbarer Anerkennung“.

Wie die spärlichen Schutzbestimmungen für arbeitende Frauen
und Kinder durch die Rechtsprechung unwirksam gemacht werden,
ist schon in dem entsprechenden Kapitel gesagt worden.

Bei dieser Sachlage ist das Vertrauen der Arbeiter in die soziale
Rechtsprechung — selbst für unsere heimischen Gewohnheiten —
ein auffallend geringes. Damit mag es auch zusammenhängen,
dass der einzige Staat, der durch ein Gesetz den Versuch einer
obligatorischen Schiedsgerichtsbarkeit machte, der Staat Kansas,
damit einen Misserfolg erlebte. In derselben Ebene liegt eine von
einem Redner auf dem letzten Gewerkschaftskongress zu Atlantic
City unter grossem Beifall abgegebene Erklärung, die besagte,
den Richtern stehe nicht das Recht zu, über die Gestaltung der
sozialen Verhältnisse im Lande zu entscheiden.

Durch Gesetze von drastischer Schärfe, besonders gegen die
radikale Arbeiterbewegung, soll sich an erster Stelle der Staat
Californien auszeichnen. Gegen die kommunistische Bewegung
und gegen die schon erwähnte syndikalistische Organisation der
International Workers of the World wird in der Weise vor-
gegangen, dass man schon die blosse Mitgliedschaft strafrechtlich
verfolgt. Aber auch die Gewerkschaftsbewegung wird bei dieser
Jagd nicht völlig verschont. Zahlreiche Personen sitzen infolge-
dessen — anerkanntermassen unschuldig — im Gefängnis. Die
Gesetze, die zu dieser Verfolgung gemacht wurden, sind ein

140
        <pb n="143" />
        Kuriosum dadurch, dass es gegen die auf Grund derseiben ge-
fällten Urteile erster Instanz keine Berufung, sondern nur eine
Begnadigung durch den Staatsgouverneur gibt. Letzterer aber
soll recht selten Lust haben, die Gefahr eines solchen Aktes auf
sich zu nehmen. Wir erstaunten über die Gelassenheit, mit der
uns von diesen Zuständen berichtet wurde. Michael Kohlhaas
hat in Amerika keine Heimat. Die bürgerliche Rechtfertigung be-
steht darin, zu sagen, dass solche Schärfe sich im Prinzip nur gegen
eine Art landiremden Bolschewismus und nicht gegen „loyale
Bürger“ richtet, was bei einer solchen Klassenjustiz natürlich nicht
zutrifft. Der geringe Sinn für abstraktes Recht ist uns drüben
gerade im Bereich der sozialen Kämpfe aufgefallen. Wir können
die historischen und sonstigen Ursachen dafür hier nicht ent-
wickeln. Wer aber das soziale Kapitel in diesem Buch aufmerksam
liest, wird sie sich leicht erklären können.
5. Lohnpolitik und Tarifvertrag.

In dem Buche eines deutschen Amerika-Entdeckers aus dem
Jahre 1925 steht unter dem Kapitel „Lohnhöhe“ zu lesen: „In den
Vereinigten Staaten herrscht noch freies Angebot und Nachfrage.
Nur 8 Prozent der Lohnfestsetzungen geschehen durch Tarif-
vereinbarung. Die Lohnhöhe richtet sich nach der Konkurrenz-
fähigkeit, sie steigt und fällt mit der Konjunktur. Tüchtige, ge-
rw Facharbeiter sind sehr gesucht. Im Akkord wird gut ver-

ient.‘“

Die monumentale Wucht dieser Lapidarsätze, die an die Ger-
mania des alten Tacitus erinnern, darf nicht darüber hinweg-
täuschen, dass ihre Offenbarungen nur sehr bedingt richtig sind.
Man mag zuvörderst sogar die These als richtig hinnehmen, dass
nur 8 Prozent der Lohnabmachungen durch Tarifvertrag erfolgen,
so hat diese Feststellung doch nur sehr wenig praktische soziale
Bedeutung. Tarifliche Lohnfestsetzungen existieren in der Haupt-
sache für einen Teil der organisierten Facharbeiter. Dass diese
im allgemeinen „sehr gesucht“ sind, ist ausser Zweifel — dass sie
nicht alle organisiert sind, ebenfalls. Weil man also mit gelernten
Kräften nicht freigiebig wirtschaften kann, wie vielfach bei uns,
so ist die natürliche Folge, dass der Lohn nichtorganisierter Fach-
arbeiter der gesuchten Kategorien sich ganz notwendigerweise auf
der annähernden Höhe des durch die Gewerkschaften vereinbarten
Tariflohnes halten muss. Soweit sind es also die Gewerkschaften,
welche die Lohnhöhe durch den Tarifvertrag bestimmen — auch
für diejenigen, deren Einzelarbeitsverhältnis sich ausserhalb des

Vertrages bewegt. Daneben gibt es allerdings auch Fälle, wo das
141

A“
        <pb n="144" />
        Spiel von Angebot und Nachfrage den durch gzewerkschaftlichen
Tarifvertrag festgesetzten Arbeitslohn korrigiert, und zwar
nach oben. Zur Zeit unseres Aufenthalts in Detroit teilten uns Mit-
glieder des Maurerverbandes mit, dass Sie einen Tarifvertrag
hätten, der 1,50 Dollar Minimum pro Stunde festsetzt, der Tarif-
satz sei jedoch praktisch ausser Geltung, denn der tatsächlich ge-
zahlte Mindestlohn sei in allen Fällen ohne Ausnahme höher und
gehe sehr häufig zurzeit bis zu 2,25 Dollar pro Stunde. Gleiches
sagten uns die organisierten Modellschreiner, deren Vertrags-
minimum tariflich auf 1,25 Dollar festgelegt war, und die einen
freien Lohnsatz bis zu 2 Dollar erreichten. Das sind indessen
seltene Ausnahmen, hergeschwemmt und wieder verschwindend
mit einer raschen Koniunkturwelle. Aber auch die gelegentliche
und stellenweise Überbietung des gewerkschaftlich errungenen
Lohnes geht eben doch vom letzteren als dem Minimum aus.

In Gegenden mit gewerkschaftlichen Organisationen von starker
Wirksamkeit — und solche finden sich vor allem in den Gross-
städten des Nordostens — erhalten die Arbeitsbedingungen der ge-
suchten Facharbeiter in sehr grossem Umfang ihre Gestaltung
gerade durch die gewerkschaftlichen Kollektivabmachungen, auch
wenn diese nicht das Berufsganze, sondern nur einen beträcht-
lichen Teil der betreffenden Berufsgruppen unmittelbar erfassen.

Selbst in den Fordschen Werken gestaltet sich die Lohnhöhe
nicht einfach „nach der Konkurrenzfähigkeit“. Henry Ford sagt in
seinem Buch, dass er jede Verhandlungen mit Gewerkschaften ab-
lehne und die Arbeitsbedingungen seines Betriebes unabhängig von
diesen festsetze. Formell entspricht dies durchaus der Wahrheit.
Ford gehört nicht zu denjenigen, die sich die Zerstörung oder
Unterdrückung der Arbeiterorganisationen zum Ziele gesetzt haben,
weigert sich aber, mit deren Vertretern für seinen Betrieb Tarif-
verträge abzuschliessen. Er setzt die Löhne für seine Arbeiter-
schaft aus eigener Macht fest — „merkwürdig nur, dass sie immer
grade um 10 Cent über dem Tarifstundenlohn liegen“, bemerkte ein
Gewerkschaftsbeamter der Metallarbeiter auf eine Frage von uns.
Das trifft in dieser etwas sarkastischen Zuspitzung annähernd nur
auf die Löhne der Gelernten zu, wenigstens der Maschinenschlosser
und Werkzeugmacher, deren Arbeitsbedingungen bei Ford wir
einigermassen kennenzulernen Gelegenheit hatten. Ihr Lohn ist um
einen nicht allzu grossen Bruchteil höher als in anderen Betrieben:
der Höchstlohn, der einem Werkzeugmacher dort gezahlt wird, ist
1,37% Dollar pro Stunde oder 11 Dollar pro Tag; allerdings auch
in achtstündiger Tagesarbeit wie in einem gewerkschaftlich organi-
sierten Betriebe. Dies ist jedoch nicht der Durchschnittslohn,
sondern der Höchstlohn, der in anderen Werkstätten in Detroit 1,25
Dollar ist. Anders liegt es-bei den ungelernten Arbeitern der Ford-
4
1.492
        <pb n="145" />
        werke. Diese verdienen 30, 40 und mehr Prozent über den Durch-
schnittslohn der Ungelernten im Lande. Der Durchschnittslohn der
Ungelernten ist in der Metallindustrie des Landes 49 Cent pro
Stunde, im Gesamtdurchschnitt von 23 Industrien — nach sicher-
lich nicht zu tief gegriffenen Angaben der Unternehmervereinigung
des National Industrial Conference Board — 46,9 Cent, bei Ford
dagegen ist der Mindestlohn 62,5 Cent. Einen Lohn von dieser
Höhe erhalten sonst nur noch die Bauhilfsarbeiter der Tarifunter-
nehmungen (San Francisco: 62,5; New York 100 Cent).

Der letzte Werkstattkehrer der Fordwerke verdient in acht-
stündiger Tagesarbeit 5 Dollar (die städtischen Strassenkehrer in
Detroit nur 3,50 Dollar), die Leute am „laufenden Bande“ erhalten
üblicherweise nach 2 Monaten der Betätigung im Betriebe bereits
6 Dollar Tagelohn. Diese Lohnzahlung wird Henry Ford einmal
dadurch ermöglicht, dass er in genialer Weise sich seine Rohsto{ff-
versorgung aus eigenen Wäldern, Bergwerken und Plantagen ge-
sichert hat und deren Verarbeitung bis zum fertigen Motorwagen
selbst betreibt, und sich ausserdem von der Abhängigkeit vom
Bankkapitalismus fast völlig freihält, wodurch er viel Händler- und
Spekulantentribut vermeidet, den er als Gewinn der eigenen Unter-
nehmung buchen kann.

Der entscheidende Umstand aber ist der, dass die ungelernten
Arbeiter im Betriebe von Ford eine weit grössere Produktivität ent-
falten als in irgendeinem der Konkurrenzbetriebe. Sie leisten, was
uns mehrfach versichert wurde, bis zu 40 Prozent mehr als in
anderen Werken. Die Mehrzahl von ihnen ist am „Conveyor“, am
laufenden Bande, beschäftigt, und diese Arbeiter können, wenn sie
erst imstande sind, die Arbeit am Bande in Tempo und Ausführung
korrekt zu verrichten, nicht mehr als völlig Ungelernte bezeichnet
werden. Sie sind einexerziert und haben den Rhythmus ihrer
Arbeitsbewegungen in Mark und Knochen, wie der preussische
Musketier das Laden und Sichern. Ist auch die Arbeitsmühe im
allgemeinen nicht härter als anderswo, so ist doch die Methode
eine andere und der volle Effekt erst einige Monate nach der Ein-
stellung des Arbeiters zu erzielen. Daher bedeutet jeder Personen-
wechsel einen Ertragsverlust, und so heisst es Abwanderungen
nach Möglichkeit verhüten, wozu in erster Linie eine Lohnzahlung
nötig ist, die einigermassen der höheren Leistung gegenüber
anderen Betrieben entspricht. Der Massstab aber ist der gewerk-
schaftlich beeinflusste Lohn des industriellen Ostens der Vereinigten
Staaten. Der Lohn in den Fordwerken muss soviel höher sein, um
das. Verbleiben im Betriebe noch wünschenswert erscheinen zu
lassen. Er entspricht, wie wir sahen, beim Conveyorarbeiter der
Fordwerke etwa einem tiefgegriffenen Durchschnittslohn der
höchstbezahlten Hilfsarbeiter, nämlich des Baugewerbes.‘ (Die
143
        <pb n="146" />
        Mörtelträger in Detroit erhalten 75, der Mann am laufenden Bande
bis zu 77 Cent.) Immerhin sei zugegeben, dass die Arbeitsbedin-
gungen in den Fordwerken auch bei schlechter Konjunktur eine
gewisse Beständigkeit zeigen und Ford nicht jeden Lohndrücker-
feldzug des Unternehmertums mitmacht.

Und nun zu anderen Widersprüchen zu der These von der
Regelung der Lohnhöhe durch Angebot und Nachfrage in Amerika:
Wir zeigten vorhergehend schon das Beispiel der Bekleidungs-
arbeiterinnen, in deren Arbeitsbedingungen ein sehr schädlicher
Anarchismus herrschte, die in neun- und zehnstündiger Arbeitszeit
für 12 Dollar und weniger in der Woche ausgebeutet wurden, bis
sie sich zur Schaffung einer Organisation aufrafften, die dem
wüsten Widerspiel ungleicher Kräfte ein gründliches Ende bereitete,
so dass diese Frauen heute bei durchweg 44stündiger Wochen-
arbeit es auf den Lohn eines gelernten Arbeiters der Metallindustrie
bringen. Sie haben in Chicago einen Durchschnittslohn von 33 und
verdienen stellenweise bis zu 50 Dollar. Wer wollte behaupten,
dass diese Besserstellung lediglich „nach der Konkurrenzfähig-
keit“ und „mit der Konjunktur“ eingetreten wäre? Nicht einmal
technischen Fortschritt kann man in diesem Gewerbezweig wesent-
lich in Anrechnung bringen, sondern fast ausschliesslich die Be-
endigung einer hemmungslosen Ausbeutung durch die vereinte
Kraft zielbewusster Arbeitsmenschen.

Diese Beispiele können wir allein schon aus unseren eigenen, in
Amerika gemachten Erfahrungen um etwas ergänzen: Die un-
organisierten Bergleute des Südstaates Kentucky verdienen fast
genau die Hälfte dessen, was ihren Kollegen in dem fortgeschritte-
neren Staat Illinois gezahlt wird, wo die Bergleute und manche
andere Arbeitergruppen so gut wie restlos organisiert sind. Nicht
„Konkurrenzfähigkeit“ und „Konjunktur“ machen diesen Unter-
schied (und auch die Differenz in den Kosten der Lebenshaltung
nur zu einem recht geringen Teil). Das entscheidende ist vielmehr
die Ausbeutung der Neger im gewerkschafts,freien“ Süden und der
Kampf der Gewerkschaften gegen die Ausbeutung im Norden.

Ein anderes Beispiel: Der organisierte Former und Metall-
giesser verdient in Cincinnati, Philadelphia, Chicago, New
York im Durchschnitt bei achtstündiger Tagesarbeit (nicht
Akkordarbeit!) 7,29 Dollar. Um 15 bis 20 Prozent weniger
(und zwar bei täglich neun Stunden Arbeit!) verdient der Un-
organisierte in diesen gewerkschaftlich „durchsetzten“ Distrikten.
Dagegen erhält der Former und Metallgiesser im Staate
Minnesota mit seiner unzulänglichen Gewerkschaftsorganisation
einen täglichen Durchschnittslohn von 6,50 Dollar, ebenfalls meist
bei neunstündiger Arbeitszeit, und im Süden bis herunter zu 5,50
Dollar. Wiederum: Der junge Mechaniker in St. Paul im Staat
144
        <pb n="147" />
        Minnesota verdient bei wöchentlich 54stündiger Arbeit 24 Dollar
in der Woche. Seinem Kollegen in Chicago (Illinois) ist für die
gleiche Arbeitsart bei 44 Wochenstunden ein Lohn von 41,80 Dollar
tariflich garantiert, und jede über 44 Stunden hinaus geleistete
Arbeitsstunde wird ihm doppelt bezahlt! Die Kosten der Lebens-
haltung rechtfertigen diesen Unterschied auch nicht. Im Gegenteil
hat das Labor Bureau, Chicago, festgestellt, dass ein und derselbe
Haushalt in Minneapolis (Minnesota) 4,6 Prozent mehr kostet als
in Chicago. Aber in Minnesota machten der Saisonwettbewerb
ärmerer Farmer und andere unglückliche Umstände die Schaffung
einer starken Organisation bisher unmöglich, Chicago, das gute
Organisationen hat, hemmt den „freien Wettbewerb“ durch Tarif-
verträge. Und wo immer die gewerkschaftliche Bewegung ihre
Wurzeln schlägt, sei es in einem Distrikt oder in einer Industrie,
da steigen bei sonst gleichen Voraussetzungen die Löhne und
bessern sich die Arbeitsbedingungen. Sind auch die Erfolge nicht
immer so krass wie im Fall der weiblichen Konfektionsarbeiter; so
beweisen doch die Unternehmer bei neuen Lohnerhöhungen ganz
wie bei uns, dass entweder der Betrieb untergeht, oder der
Industriezweig, oder die Nation — je nach dem Grade der Gemüts-
erhitzung.

Also nicht zwischen Tariflöhnen und nichttariflichen Löhnen
verläuft die schärfere Scheidelinie hinsichtlich der Lohnhöhe,
sondern zwischen den von der Arbeiterbewegung (direkt oder
indirekt) irgendwie beeinflussten und den in freier Ausbeutung Zzu-
stande gekommenen Lohnfestsetzungen. Damit soll keineswegs in
Frage gestellt werden, dass die direkten „union shops“ immer noch
bessere Arbeitsbedingungen haben als die nur indirekten Nutz-
niesser des gewerkschaftlichen Kampfes. Die „union shops‘ haben
durchweg den Achtstundentag, sie leiden nicht unter der Betriebs-
spionage, dem heimlichen Beobachtungssystem und seinen Begleit-
erscheinungen an üblem Schmarotzertum, Sie beziehen die
höchsten Löhne ihres Berufes und stellen sich, weil sie ein Wort
mitzureden haben, vor allem auch bei Festsetzung etwaiger
Akkordsätze besser.

Beispiel eines amerikanischen Tarifvertrages.
Tarifvertrag des Internationalen Verbandes der Maschinen- und Werkzeug-
schlosser, Distrikt 8 (Chicago und Umgegend).

Artikel 1.

Hat die Firma Bedarf an Arbeitern, welche unter diesen Tarifvertrag
fallen, so ist davon spätestens 24 Stunden vor der beabsichtigten Ein-
stellung das Werkstattkomitee*) oder das Verbandsbureau, Machinists’
Hall 113 S Ashland Blvd, Chicago, brieflich oder telephonisch zu benach-
# 1) Das Werkstattkomitee („shop committee“) ist kein „Betriebsrat“, sondern eine Gruppe gewerk-
schaftlicher Vertrauensmänner, die u. a. auch Beiträge einziehen,
145
        <pb n="148" />
        richtigen. Das Komitee bzw. Verbandsbureau wird für die Beschaffung
der Arbeitskräfte jede mögliche Sorge tragen.
Artikel 2,
Lohntarif. Die Mindestlöhne für Tagschicht betragen pro Stunde:
Für Maschinenschlosser 00... O6 Cent
„, Werkzeug- und Lehrenmacher .............. 108
x ‚Automatenarbeiler 2a nr TOR
x Automateneinrichter. ee 0.0 Me sr US
;‚ angelernte Spezialarbeiter ................0 67
ungelernte ArDeier An Ser nr a lrm 58
 Automobilreparateurt 0... 100 5

Arbeitern, welche bereits über diese Minima verdienen, ist eine ent-

sprechende Erhöhung zu gewähren.
Artikel 3.

Arbeitszeit. Die reguläre Arbeitszeit beträgt 8 Stunden, und zwar inner-
halb der Zeit zwischen 8 Uhr vormittags und 4% Uhr nachmittags, mit
Ausnahme Sonnabends, wo die Arbeit um 12 Uhr mittags zu beendigen ist.

Nachtschicht. Wo Nachtschicht gearbeitet wird, darf dieselbe nicht
mehr als 40 Stunden pro Woche betragen, welche in 5 Schichten zu
arbeiten sind, und zwar: Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und
Freitag.

Bezahlung der Nachtschicht, Den in Nachtschicht beschäftigten Arbeitern
ist für die 40 Arbeitsstunden derselbe Lohn zu zahlen wie für 44 Stunden
Tagschicht.

Artikel 4.

Überstunden. Alle über die hier vorgesehenen Tag- und Nachtstunden
hinaus geleisteten Arbeitsstunden sowie die Arbeit an Sonntagen und ge-
setzlichen Feiertagen sind doppelt zu bezahlen. Als gesetzliche Feiertage
gelten: Neujahr, Allerseelentag, der 4. Juli (Nationalfeiertag), der Labor
Day*), der Danksagungstag und Weihnachten.

Fällt einer der genannten Feiertage auf einen Sonntag, so wird der vom
Staat oder Bundesstaat oder durch sonstige Proklamation bekannt-
gegebene Tag als gesetzlicher Feiertag betrachtet.

Wenn in der Tag- oder Nachtschicht Überstunden eintreten, so muss
vor Beginn derselben mindestens 30 Minuten Pause gemacht werden.

Keine Überstunden sind gestattet an Abenden, an welchen Betriebs-
versammlungen festgesetzt sind.

Im Fall schlechten Geschäftsganges ist die Arbeitszeit derart zu ver-
ringern, dass die normale Zahl der Belegschaft beibehalten werden kann.
Artikel 5.

Lehrlinge. Lehrlinge dürfen beim Eintritt in das Lehrverhältnis nicht
unter 16 und nicht über 21 Jahre alt sein und müssen 4 Jahre abdienen
mit je 300 Arbeitstagen. Sie dürfen nur in Tagschicht beschäftigt werden,
und ihre Arbeitszeit darf 8 Stunden pro Tag und 4 Stunden am Sonn-
abend nicht übersteigen.

1) Der „Labor Day“ ist der erste Montag im Oktober, Er wird von der organisierten Arbeiterschaft
als „Feiertag der Arbeit“ durch Arbeitsruhe begangen, entspricht also etwa dem „ersten Mai“ in den
verschiedenen Ländern Europas,
‚46
        <pb n="149" />
        Auf 5 Gesellen darf nicht mehr als ein Lehrling AAtfällen, auch dürfe
letztere keine Überzeit arbeiten. iz cn)

Um diesem Vertrage gemäss als Lehrling anerkamt
der Lehrling einen regulären Lehrvertrag haben Ste Ten
Abkommen über sein Lehrverhältnis, welches jedüch-für die Lohnfes
setzung freien Raum lässt. Von den 4 Jahren seitier Lehrzeit muss
drei Jahre lang an den verschiedenen Maschinen und ezidlarbeitenzbe-
schäftigt werden, und zwar nicht länger als 6 Monate an € selben
Maschine, sowie ein Jahr an der Werkbank.

Die Lehrlinge sind zum Besuch einer Fortbildungsschule zu verpflichten,
und zwar mindestens 8 Stunden innerhalb 14 Tagen. Der Schulbesuch darf
keine Lohnverluste zur Folge haben.

Der Mindestlohn für Lehrlinge beträgt pro Stunde:

La AO Cent
EEE U
4 Hate) a 8
4. 0 2 Hakte). a 3 0

Nach dieser Zeit ist ihnen der Mindestlohn ihres Berufes zu zahlen.

Im letzten Dienstjahr kann der Lehrling mit den Gesellen zur Aussen-
arbeit geschickt werden, jedoch nur je ein Lehrling für eine Aussenarbeit.
Für diese Arbeit sind dem Lehrling 85 Cent pro Stunde sowie Fahrgeld
usw. zu zahlen.

Artikel 6.

Sollte zu irgendeiner Zeit die Firma ausserstande sein, ihre Aufträge zu
bewältigen, und die Notwendigkeit entstehen, Arbeit an eine fremde Firma
zu vergeben, so muss in diesem Fall einer Firma der Vorzug gegeben
werden, welche ebenfalls einen Tarifvertrag mit dem Verband der
Maschinisten- und Werkzeugschlosser abgeschlossen hat.

Artikel 7.

Wenn auf Grund einer Untersuchung festgestellt wurde, dass ein Ver-
trauensmann des Verbandes zu Unrecht entlassen ist, so ist ihm die ver-
lorene Zeit voll zu entschädigen.

Artikel 8.

Es wird hiermit vereinbart, dass Änderungen, Reparaturen, Abbau-
arbeiten, Montagen, Installationen usw. von Mitgliedern des Maschinen-
und Werkzeugschlosserverbandes auszuführen sind. Dieselben sollen eine
Bezahlung von nicht unter 1,37% Dollar pro Stunde sowie Fahrgeld und
angemessene Aufwandentschädigung erhalten. Die Verwendung von
Helfern bei Aussenarbeit ist nicht erlaubt.

Artikel 9.

Sollten sich aus den Bestimmungen dieses Vertrages Differenzen er-
geben, die von Werkführern und Vertrauensmännern nicht in befriedigen-
der Weise geschlichtet werden können, so sind solche Streitsachen dem
berufenen Leiter der Firma und einem Vertreter des Maschinenschlosser-
Verbandes zu überweisen, welch letzterem der Zutritt in den Betrieb ge-
stattet ist. Streiks oder Aussperrungen dürfen erst Platz greifen, wenn
letztere nicht zu einer Einigung gelangen.

4 AM

14
        <pb n="150" />
        Artikel 10.

Es wird vereinbart, dass dieser Vertrag nach Unterzeichnung in Kraft
sein soll vom 1. Mai 1925 bis zum 1. Mai 1926 und darüber hinaus, soweit
derselbe nicht von einer Partei mit dreissigtägiger Frist gekündigt wird.

gez.
Für den Internationalen Verband der Maschinenschlosser: Für die Firma:
* T *
6. Das Lehrlingswesen.

Der vorstehend abgedruckte Tarifvertrag der Maschinen- und
Werkzeugschlosser von Chicago regelt auch das Arbeitsverhältnis
der Lehrlinge und darüber hinaus — was besonders bezeichnend
ist — auch die Art ihrer Ausbildung. Es ist wieder spezifisch
anglo-amerikanisch, dass dieses sowohl sozial wie erzieherisch
wichtige Gebiet der Sorge und dem Griffbereich des Staates fast
vollkommen entrückt ist. Im Staat Wisconsin, in dessen Haupt-
industriestadt Milwaukee starke deutsche Finflüsse sind, gibt
es anscheinend einige gesetzliche Bestimmungen über die Hand-
habung des Lehrlingswesens. Exaktes darüber ist uns nicht be-
kanntgeworden. Im ganzen aber sind es hauptsächlich die Gewerk-
schaften, die sich in den von ihren Mitgliedern belegten Betrieben
die Heranbildung des Nachwuchses angelegen sein lassen, in der
Weise, wie es sich aus dem wiedergegebenen Tarifvertrag ergibt.
Dadurch haben sie erst eigentlich in das soziale und wirtschaftliche
Leben Amerikas das eingeführt, was die guten Europäer aus dem
Stände- und Zunftleben des Mittelalters — zum Teil durch die
Handwerkerkammern, die Nachfolger der Zünfte — in die kapita-
listische Epoche hinübergenommen haben: die Regelung, Abgren-
zung und Festlegung der handwerklichen Berufstätigkeiten. Die
amerikanischen Gewerkschaften halten noch heute Fachprüfungen
ab, die allerdings bei den verschiedenen Verbänden mit sehr un-
gleicher Strenge gehandhabt werden. Manche verfahren noch
heute so strikt, dass sie von dem Aufnahmesuchenden die prak-
tische Vorführung seiner Berufsübung an Werkbank oder Schraub-
stock verlangen, also eine regelrechte Lehrlingsprüfung im
deutschen hergebrachten Sinne abhalten. Andere, z. B. die
Maschinenschloser, beschränken sich darauf, der Aufnahme in den
Verband einige formelle Fragen praktischer und theoretischer Art
aus dem Berufsleben vorausgehen zu lassen. Dagegen haben fast
alle Verbände noch das zunftmännisch-feierliche Zeremoniell der
Aufnahme in die „Bruderschaft“ (den Verband), doch ist auch
dieses nur noch eine Äusserlichkeit. Der Neuling wird vereidigt
auf Kameradschaft, Treue und Pflichterfüllung. In einer grossen
Stadt hatten wir Gelegenheit, dieser feierlichen Handlung bei-
‚48
        <pb n="151" />
        zuwohnen. Der Rekrut war ein junger Irländer, der die erhabene
Stunde im voraus feierte, indem er das Trinkverbot bis zur ernst-
lichen Gefährdung seines Gleichgewichtes umging, so dass es ihm
fast unmöglich war, die vom Vorsitzenden vorgelesene Eides-
formel nachzusprechen, was die ganze Versammlung mit lebhafter,
aber gelassener Heiterkeit erfüllte.

Ziemlich ausgedehnt und streng soll das reguläre Lehrlings-
wesen im Baugewerbe, bei den Buchdruckern und Zimmerleuten
sein, etwas lockerer und seltener schon bei den verschiedenen
Metallarbeiterberufen. Im allgemeinen verhält es sich entsprechend
der Stärke der betreffenden Gewerkschaft. In unorganisierten
Betrieben wird ein Lehrzeugnis, eine Prüfung oder eine reguläre
Lehrzeit gemeinhin nicht gefordert, so dass ein jeder, der das Zeug
dazu zu haben glaubt, irgendeine handwerkliche Tätigkeit aus-
üben kann, im Betrieb sowohl wie auch als selbständiger Hand-
werker. Bei einem Kolonistenvolk, dessen Menschen sich wahllos
zusammenfanden, ist dies der gegebene „Urzustand“. Der Farmers-
sohn, der auf den väterlichen Äckern den Traktor bediente, geht
zur Fabrik und arbeitet als Mechaniker oder etabliert sich im
nächsten Städtchen als Schmied oder Tischler und ist das Jahr
darauf vielleicht Buchhalter bei der Telegraphenkompanie. Das
Berufsständische ist unbekannt, denn auch der gewerkschaftliche
Facharbeiter, der seine Berufstätigkeit umzäunt und nach aussen
abgrenzt, wird sie selber jederzeit verlassen, wenn Nachfrage und
seine Fähigkeit ihn in ein anderes Erwerbsgebiet einladen.

7. Arbeitsnachweis.

Wie das Lehrlingswesen, so ist auch die Arbeitsvermittlung
grundverschieden, je nachdem es sich um gewerkschaftlich organi-
sierte oder nichtorganisierte Betriebe handelt. Im ersteren Falle
ist die Stellenvermittlung ziemlich einfach, da der Unternehmer
sich tarifvertraglich verpflichtet, Ersatz und Verstärkung seiner
Betriebsbelegschaft durch deren gewerkschaftliche Organisation
zu beziehen. Dieses Verfahren ist gewöhnlich im Tarifvertrag vor-
gesehen, und das „shop committee“ der Vertrauensmänner meldet
jeden Bedarf an Arbeitskräften und jede freigewordene Stelle bei
seiner Verbandsleitung.

Anders verhält es sich mit den unorganisierten Unternehmungen.
Die Arten, wie diese ihre Arbeitskräfte beschaffen, sind sehr
mannigfaltig. Das nächstliegende ist, dass Meister oder Betriebs-
inhaber nach den ihnen persönlich bekannten Leuten greifen. Da-
neben bedienen sie sich der Vermittlung durch die Zeitung, und vor
allem treibt ein Heer wenig kontrollierter privater Stellenvermittler

449

14:
        <pb n="152" />
        in allen Städten und Gegenden des Landes sein Wesen oder Un-
wesen. Daneben gibt es da und dort Einrichtungen der staatlichen
oder gemeindlichen Stellenvermittlung. So hat z. B. die Staats-
regierung vom Staate Wisconsin ihrem Arbeitsdepartement („In-
dustrial Commission”) ein System der Arbeitsvermittlung an-
gegliedert. Da aber keine Verpflichtung zur Anmeldung offener
Stellen besteht und somit der staatlichen Stelle jede Kontrolle und
Zwangsgewalt fehlt, ist ihre Wirksamkeit neben den vorher-
genannten Faktoren der Arbeitsvermittlung nicht sehr bedeutend.
Ähnlich liegt es bei der staatlichen und kommunalen Vermittlung
für die früher erwähnten Erntearbeiter. Auch dort bestehen alle
Arten der Arbeitsvermittlung bunt nebeneinander.

Bei der grossen Zukunit, die mit zunehmender Erstarrung und
Kristallisierung der Verhältnisse aller Voraussicht nach der ameri-
kanischen Gewerkschaftsbewegung beschieden sein wird, sind auf
allen diesen Gebieten im nächsten Menschenalter tiefgreifende
Änderungen zum Besseren zu erwarten. Der soziale Sinn beginnt
sich durchzusetzen und verdrängt schon jetzt auf manchem Gebiet
den überkommenen Individualismus. Und in Amerika läuft nicht
nur manches Verkehrsmittel schneller als hierzulande, sondern
auch die Entwicklung der sozialen Verhältnisse. Ist ein Gedanke
erst aufgegriffen, so braucht es zu dessen Durchführung weniger
Zeit als anderswo. |

8. Akkordarbeit.

Im Anschluss möge sogleich einiges über die Akkordarbeit in
Amerika hinzugefügt werden.

Es wird im Kreise amerikanischer Gewerkschafter nicht ohne
weiteres begreiflich gefunden, wenn ihnen berichtet wird, dass die
meisten der grossen deutschen Gewerkschaftsverbände die
Akkordarbeit nicht aus Prinzip ablehnen, während zrosse amerika-
nische Organisationen, wie der Verband der Maschinenschlosser,
die Akkordarbeit verwerfen und — z. B. in Chicago — ihre Mit-
glieder verpflichten, gegen ihre Einführung zu wirken. Es bedarf
auch in diesem Fall der Berücksichtigung der besonderen Verhält-
nisse auf beiden Seiten. In den unorganisierten Betrieben wird die
Akkordarbeit (piece work) oft ohne die Garantie eines Mindest-
verdienstes, z. B. des ortsüblichen Stundenlohnes, und ohne jede
andere einschränkende Schutzbestimmung gemacht, so dass die
Akkordarbeit in solchen Betrieben zuweilen echte Schwitzarbeit ist.
Wird aber wirklich einmal bei einer Akkordarbeit in unorgani-
sierten Betrieben gut verdient, dann ist bei der buntscheckigen
Zusammensetzung, dem grossen Wechsel der Arbeiterschaft und
dem Fehlen von Disziplin und Kollektivmoral in solchen Betrieben
150
        <pb n="153" />
        die Gefahr des Missbrauchs und des schliesslichen Herabdrückens
der Sätze grösser als unter unserer mehr sesshaften Arbeiter-
schaft, die an der Stabilität der Arbeitsbedingungen stärker inter-
essiert ist und eher einen Gemeinschaftsgeist entwickelt. Wo
drüben die Akkordvereinbarungen den Stundenlohn als Mindest-
satz garantieren, werden sie schon nicht mehr als reine Stück-
arbeit (piece work), sondern als eine ArtPrämiensystem angesehen.
So nennt man auch die von den deutschen Gewerkschaften ge-
billigte Akkordarbeit. Es gibt auch in Amerika Organisationen, die
der Akkordarbeit zustimmen, und sogar solche, für deren Mit-
glieder sie eine wesentliche Rolle spielt. So arbeitet z. B. ein
grosser Teil der gut organisierten Former und Giesser in Akkord.
Sie verdienen dann statt des schon erwähnten durchschnittlichen
Tagelohnes von 7,29 Dollar nachfolgende tägliche Akkorddurch-
schnitte: in Cincinnati 9,57 Dollar, in Philadelphia 9,72 Dollar, in
Chicago 11,10 Dollar und in Rochester (N. Y.) 12,78 Dollar. Der
Berechnung für Cincinnati liegen 147 Betriebe mit insgesamt 4807
in Akkord arbeitenden Formern zugrunde.

Die im Vergleich zum Stundenlohn ziemlich hohen Akkordver-
dienste zeigen, dass die Gewerkschaft bei deren Gestaltung wirk-
sam mitarbeitet, wogegen nach unserer Kenntnis die Akkordver-
dienste in unorganisierten Betrieben oft genug sehr unbefriedigend
sind. In Akkord arbeiten ferner die Bergleute, sowohl organisierte
wie unorganisierte; desgleichen die fast gar nicht organisierten
Arbeiter der Frzbergzwerke, ferner die Arbeiter der Walzwerke,
deren Akkordlöhne durch eine Komitee festgesetzt und überwacht
werden, die Metallpolierer, die Innenmonteure der Flektroindustrie
(iedoch mit Garantierung eines Tagelohns von 8 Dollar) und
ausserdem die Arbeiter in Schuhfabriken, um die bekanntesten der
in nennenswertem Umfang akkordarbeitenden Berufe aufzuzählen.

9. Arbeitszeit,

Mehr und deutlicher als an der Lohnhöhe — bei deren Ge-
staltung immerhin verschiedenartige Umstände mitwirken —
zeigt sich die Stärke und der Einfluss der amerikanischen Ge-
werkschaften an der Dauer der Arbeitszeit in den einzelnen Indu-
strien und Berufen, ja, man kann die Arbeitszeitverhältnisse fast
immer als den Massstab gewerkschaftlicher Wirksamkeit ansehen.

In den bestorganisierten Berufen herrscht heute die 44-Stunden-
Woche. So z.B. haben die Maurer in allen bis auf vier der von
der Statistik erfassten Städte die 44-Stunden-Woche, desgleichen
die Bauhilfsarbeiter und die Mörtelträger. Weiter haben die

—_

15.
        <pb n="154" />
        44-Stunden-Woche die Bautischler und Zimmerer, Betonarbeiter,
Buch- und Akzidenzsetzer, Setzmaschinenoperateure, Elektro-
monteure, Installateure, Stein- und Marmorhauer, Kesselschmiede
und Dampfkesselmonteure und die Eisenkonstruktionsarbeiter.
Die Anstreicher, die ebenfalls die 44-Stunden-Woche haben, ar-
beiten in Boston, New York und vier weiteren Städten nur
40 Stunden. Die Verputzer und deren Hilfsarbeiter haben ebenfalls
neben der regulären 44-Stunden-Woche in einer Reihe von Städten
allgemein die 40-Stunden-Woche. Die Former und Metallgiesser
arbeiten in zwei Dritteln aller grösseren Städte des Landes gleich-
falls 44, in den übrigen 48 Stunden. Die Zeitungsdrucker arbeiten
in 27 Städten 42 bis 44, in 8 Städten 44 bis 46, in 34 Städten
48 Stunden. In den gewerkschaftlich organisierten Unternehmungen
des Bergbaues wird sowohl unter Tage als auch über Tage acht
Stunden gearbeitet und täglich nur eine Schicht (keine Nacht-
schicht) verfahren. So ist es wenigstens in den bedeutenden
Kohlenbezirken der Industriestaaten Pennsylvania und Illinois
durchgeführt. Auch im Bäcker- und Brauergewerbe herrscht der
Achtstundentag. Diesen haben ausserdem die Staatsarbeiter und
die meisten Gemeindearbeiter. Letztere arbeiten vereinzelt und
stellenweise aber auch neun und zehn Stunden. In der Eisen- und
Stahlerzeugung besteht, wie wir in den Bethlehem-Stahlwerken
sahen, und wie auch für den Landesdurchschnitt festgestellt ist,
auch jetzt noch etwa der Neunstundentag, nachdem in dieser
Industrie vor etwa drei Jahren die zwölfstündige Doppelschicht
abgeschafft wurde unter dem Druck der öffentlichen Meinung und
der indirekten Einwirkung der Gewerkschaften. Letztere sind in
den Eisenhütten und Stahlwerken selbst so gut wie gar nicht ver-
treten. Während der Kriegszeit wurden auch in Bethlehem An-
strengungen zur gewerkschaftlichen Organisierung gemacht, die
aber in der Folge vom Unternehmertum, das in diesem Kampfe
vereint mit der Geistlichkeit und den Behörden der Verwaltung
vorging, wieder zerstört wurden. Alle Mittel der Spionage und
Provokation, alle Besänftigungsversuche mit Hilfe der Schon be-
schriebenen Wohlfahrtseinrichtungen wurden in diesem Feldzuge
eingesetzt. Von der verarbeitenden Metallindustrie kann ebenfalls
gesagt werden, dass in den meisten unorganisierten Unter-
nehmungen neun Stunden gearbeitet wird. Dort zeigt sich am
deutlichsten die unmittelbare Wechselbeziehung zwischen gewerk-
schaftlichem Einfluss und Dauer der Arbeitszeit. In den organi-
sierten Betrieben wird nicht über 48 Stunden pro Woche, oft da-
gegen nur 44 Stunden gearbeitet. Eine Ausnahme macht von den
grösseren Werken nur der Betrieb von Ford, der, obwohl dem
gewerkschaftlichen Einfluss verschlossen, dennoch den Acht-
stundentag konsequent durchgeführt hat,
152
        <pb n="155" />
        Durchschnittliche nominelle wöchentliche Arbeitsstunden in verschiedenen
Industrien im Juli 1914 und im September 1924 *)
Industrien Juli 1914 September 1924
Baumwollindustrie (Süden). ........... 58,3 54,9
Farben- und Lackfabrikation. .......... 53,0 52,3
Holzbearbeitung. „2.0.00. 00 m 56,4 52,7
Chemische Industrie... ee 57,2 51,3
Baumwollindustrie (Norden) ..........- 54,4 50,6
Papier- und Kartonnagenerzeugung. ...... 57,4 50,6
Strumpfwaren- und Trikotagenindustrie . ... 58,1 50,2
MÖöbEHNdUSINE 2 A A a ze a A 54,9 50,1
Giessereien und Maschinenfabriken. ...... 54,7 50,1
Lederindustrie . . „2... 000 4 04 CE 58,4 50,0
Automobilindustrie ....... A 55,0 49,9
Landwirtschaftliche Maschinen .. ...... 54,8 49,8
Fleischfabrikation. +... ar ı 0 a 59,3 49,1
SeidenindustMe 4.20 A Sr ie ern 54,6 48,8
Wolndustne Ele 54,1 48,7
Schuhinduste. a nn OR ER 55,2 48,7
EBilektrische Apparate... 0 He ee 54,1 48,6
Papierwarenindustrie:. ..:. . aan He 55,0 48,3
Gummifabrikation. 2... 0 en eG 52,8 48,0
Buch- und Akzidenzdruck ...... . 0.0 48,7 1 47,5
ZeitUNgSdrUCk en re 49,0 46,4
Von obigen Industrien hat also nur noch die Baumwollindustrie des Südens
den Neunstundentag, während alle anderen weniger als neun Stunden arbeiten,
*) Quelle: National Industrial Conference Board.
Die gewerkschaftliche Arbeitswoche war in den verschiedenen Berufen
1913 bzw. 1924**)

Be riwde 1913 1924
Schmiede... os RR em 48 —54 44—48
Kesseischmiede 1. er een rl 48—54 44—54
Mater UP ER 44—53 | 44—48
Bauhilfsarbeiter... 7... 21.0 H ET) Re 44—60 44—50
Bautischler und Zimmerer... 1... ++ 44—53 44—48
Buch- und Akzidenzsetzer (Handsetzer). .... 48 44
Buch- und Akzidenzsetzer (Maschinensetzer). . 45—48 44
Zeitungsselzer en BE 39—48 42—48
Granithauer .. 2 44—48 40—44
Maschinenschlosser 2... 48—60 44—50
Former und Oiessern da 48—50 44—50
AUStreiCHe  a ehen 44—53 40—48
Installateure. 05. 0 RR 44—53 40—44
Steinhauer ee 2 CH in 44—48 :
Eisenkonstruktionsarbeiter . ........- 44—48

*) U. S. Department of Labor, Monthly Labor Review, September 1925.
“n
153
        <pb n="156" />
        Landesübliche Arbeitsstunden in verschiedenen Industrien 1924*).
in Prozent der GEGEN ers ha pro Woche:
48Std, od. wenig. | 48 bis 54 Stunden | Über 54 Stunden
Buch- und Akzidenzdruck...... 91,7 0,5
Zeitungsdruck 89,2 3,8 2,0
Fleischfabrikat. u.-konservierung 84,3 8,1 7:6
Elektrische Apparate. A 73.6 20,9 5,5
Wollindustrie 69,8 23,1 1
Schuhfabrikation ............. 64,9 32,3 2,8
CGummiindustrie ........ ..... 57,8 21,0 21:2
Papier- u.Kartonnagenfabrikation 56,1 22,5 21,4
Papierwarenfabrikation.... ... 51,2 41.6 7,2
Automobilindustrie ........... 49,5 41,7 8,8
Chemische Industrie .......... 46,9 27,6 25,5
Baumwollindustrie............ 43,4 11,3 45,3
Giessereien und Maschinenbau . 42,7 39,4 17,9
Seidenindustrie............... 42,0 53,6 4.4
Eisen- und Stahlerzeugung. .... 39,7 10,4 49,9
Holzbearbeitung: .... 0.0.0000 39,2 37,9 22,9
Trike en a ra Dr 38,7 41,7 19,6
Lederindustrie 1.1... 0 34,7 52,7 12,4
Möbelindustrie ...........0.... 25,4 50,1 24,5
Farben- und Lackfabrikation ... 25,2 48,3 26,5
Landwirtschaftliche Maschinen . 17,4 79,6 12,0
Kunstdüngerfabrikation........ V T68 773
*) "National Industrial Conference Board,“
4

0.1 ;
94
        <pb n="157" />
        Im Jahre 1914 betrug der Prozentsatz der gesamten industriellen
Lohnarbeiter, welche 54 und mehr Stunden pro Woche arbeiteten,
74,8 Prozent. Er ging bis zum Jahre 1919 auf 34,9 Prozent zurück
und weiter bis 1921 auf 22,5 Prozent. Dennoch haben zurzeit wahr-
scheinlich noch nicht viel mehr als die Hälfte der amerikanischen
Arbeiter die achtundvierzigstündige oder eine noch kürzere Arbeits-
woche. Es bleiben also wohl fast 30 Prozent der Arbeiterschaft,
die zwischen 48 und 54 Stunden wöchentlich arbeiten. Immerhin
hat die Bestrebung der Arbeitszeitverkürzung ziemlich anhaltende
Erfolge aufzuweisen. Nach Ablauf der Hochkoniunktur der ersten
Nachkriegsiahre haben zwar bedeutende Lohnreduktionen, dagegen
kaum eine irgendwie beträchtliche Verlängerung der Arbeitszeit
stattgefunden.

10. Das Arbeitstempo.

Auch zu dem vielgerühmten „amerikanischen Arbeitstempo“ soll
hier ein Wort gesagt werden. In einer deutschen Unternehmer-
schrift über Amerika wird dies mit der vorsichtigen Anspielung auf
den (längst nicht mehr bestehenden) Entlassungsschutz in Deutsch-
land und das Widerstreben deutscher Arbeiter gegen Überstunden-
missbrauch sowie durch die ausdrückliche Bestätigung, der
amerikanische Arbeiter erfülle „seinen Arbeitsvertrag in ehrlicher
Weise“, geradezu so dargestellt, als ob es sich bei amerikanischen
und deutschen Arbeitern um zwei Typen handle, von denen der
eine in klarer Erkenntnis, dass seinLohn oder Wohlstand allein „von
der Produktion pro Mann“ abhängt, seine Pflicht tut, während
der andere unter dem Schirm des Entlassungsschutzes recht ver-
gnüglich auf den Zahltag wartet. Die deutschen Arbeiter mögen
das in diese Andeutungen eingewickelte Kompliment ruhig hin-
nehmen mit dem Troste, dass gerade in Amerika der deutsche
Arbeiter stets mit zu den fleissigsten und geschicktesten Leuten
seines Berufes, aber auch zu den eifrigsten Gewerkschaftern gehört,
sich also dort wie hier gegen Überstundenunfug und willkürliche
Entlassungen zur Wehr setzt. Dass wirklich notwendige Über-
stunden von deutschen Gewerkschaftern ebenso wie von amerika-
nischen akzeptiert werden, bedarf einer besonderen Betonung nicht.

Um nun zu einer sachlichen Betrachtung der Frage des Arbeits-
tempos überzugehen, wollen wir vorweg das eine feststellen,
worüber die Wahrnehmungen unserer Delegierten übereinstimmen:
Das Arbeitstempo ist in den einzelnen Industriezweigen grundver-
schieden. Der Vorsitzende des Deutschen Holzarbeiter-Verbandes
berichtet, dass er in seinem Gewerbe ein Arbeitstempo vorgefunden
habe, das keineswegs höher war als in seinem deutschen Berufe.
Von Neubauten, die wir uns ansahen, und aus Zeitungsdruckereien,

155
        <pb n="158" />
        die wir besuchten, können wir guten Gewissens dasselbe berichten,
und weder die Kellner noch die Barbiere zu New York bewegen
sich flinker als in Berlin. Dagegen haben wir einen höheren Arbeits-
effekt gefunden unter anderem und vor allem in verschiedenen
Zweigen der Metallindustrie. Dies hat zwei augenfällige und ganz
verschiedene Ursachen. Typisch für die erste ist der Fordbetrieb.
Die „Vorleute“, ein Zwischenglied zwischen eigentlichen Werk-
meistern und Arbeitern, haben für die Beschaffung der Zeichnungen
und ähnlicher erforderlicher Hilfsmittel Sorge zu tragen. Zerbricht
der Arbeiter ein Werkzeug, einen Hammerstiel u. dgl., so legt er
das zerstörte Stück beiseite. Irgendein Tagelöhner, der zu diesem
ausschliesslichen Zweck immer die betreffende Abteilung durch-
wandert, greift das Werkzeug auf und schafft in wenigen Minuten
den Ersatz heran. Diese Ersparnis unnötiger Verrichtungen setzt
sich in höheren Produktionseffekt um; aber was beweist das
für den besseren Willen des amerikanischen Arbeiters? Wer
die Wallfahrten deutscher Metallarbeiter von einer Abteilung in
die andere nach einer Zeichnung aus eigener Erfahrung kennt, wer
die Konferenzen und Massenversammlungen vor den Werkzeug-
ausgaben in unseren Maschinenfabriken schon erlebt hat, der weiss,
dass der deutsche Arbeiter viel darum gäbe, wenn er dank einer
entsprechenden Betriebsorganisation diese ärgerlichen Trödeleien
in ein rhythmisches Arbeitstempo umsetzen könnte. Eine solche
Organisation ist auch in Amerika nicht überall durchgeführt. Wir
sahen Reparaturwerkstätten der Eisenbahn im Landinnern, wo an
Gemütlichkeit des „Arbeitstempos“, gekreuzten Beinen und Spazier-
gängen nach der Werkzeugstelle nichts zu wünschen blieb.

Dann gibt es aber ausserdem den Typ von Betrieben mit
„forschem Arbeitstempo“. Es sind dies technisch rückständige
Betriebe, die jedoch nach echter Unternehmersehnsucht die
mangelnde Ergiebigkeit ihrer technischen Einrichtung durch An-
treiben ihrer Arbeitskräfte ersetzen. Sie beschäftigen mit Vorliebe
hilflose Leute, Kinder, Frauen, sprachunkundige Einwanderer, die
nicht überall Beschäftigung finden usw. Diese Art „Tempo“ findet
man in kleinen und kleinsten Schokoladenfabriken, Konserven-
fabriken, Metallwarenfabriken usw., aber auch in grösseren Unter-
nehmen. Die riesigen Schlächtereien und Fleischfabriken von
Chicago dürften z.B. nach unseren Eindrücken eine Kombination
der erstgenannten und der letzteren Art der Arbeitsbeschleunigung
darstellen und wahrscheinlich auch das grosse Versandgeschäft
von Sears Roebuck in Chicago, das mit einer vortrefflichen Be-
triebstechnik und dabei mit meistenteils weiblichen Kräften arbeitet.
In der Hauptsache ist es aber die überaus bedeutende und rasend
schnell gross gewordene Metallwaren- und Maschinenindustrie, die
eine überlegene Betriebsorganisation aufweist.
1m
196
        <pb n="159" />
        . e *
IV. Lohn und Lebenshaltung in AnyEriRä “os
5 Lo
; "ihlinthak 5
&gt;
1. Amerikanische Löhne.
D ass der Arbeitslohn in Amerika fast durchweg höher ist als der
Lohn für die jeweils gleiche Arbeitsleistung in Europa und im
besonderen Falle in Deutschland, ist eine allgemein bekannte und
anerkannte Tatsache, die selbst in tendenziösen Schriften dies-
seits des Wassers zugegeben wird. Den Dollar zu seinem Nomi-
nalwert von 4,20 Mk. gerechnet, verdient der amerikanische Ar-
beiter ein Mehrfaches von dem Lohn seines deutschen Kollegen.
Diejenigen Arbeiter, deren Organisationen bei der Lohn-
gestaltung mitwirken, haben tarifliche Mindestlöhne, die oft weit
über dem Vierfachen der deutschen tariflichen Spitzenlöhne liegen.
Einige Beispiele seien aus einer nachfolgenden kleinen Tabelle
(Seite 158) vorweggenommen. Der höchste Spitzenlohn pro Stunde
des Buchdruckertarifs in Deutschland wurde im Monat September
1925 nach der Statistik der „Gewerkschafts-Zeitung‘“ des All-
gemeinenDeutschenGewerkschaftsbundes in Berlin gezahlt mit 1 Mk.
Das höchste Tarifminimum der amerikanischen Buchdrucker zahlt die
Unternehmerschaft von New York mit 1,205 Dollar gleich 5,06 Mk.,
das ist nominal das Fünffache. In Philadelphia, wo es der grössten
Buch- und Zeitschriftendruckerei Amerikas, der Curtis Publishing-
Company, vor einigen Jahren nach einem von der Arbeiterschaft
verlorenen Streik gelang, ihren Betrieb von Gewerkschaftsmit-
gliedern völlig zu „reinigen“, wird derzeit der niedrigste Tariflohn
des ganzen Nordostens, nämlich 90 Cent gleich 3,78 Mk. gezahlt.
Einen der niedrigsten Spitzenlöhne in Deutschland hat Gera mit
0,90 Mk., das ist etwas weniger als ein Viertel des Tariflohnes
von Philadelphia. Ziehen wir weiter in Betracht den ameri-
kanischen Süden mit seinen notorisch schlechtesten Lohnverhält-
nissen in fast allen Gewerbezweigen, so finden wir in der Stadt
New Orleans im Staate Louisiana einen Buchdruckertariflohn von
78,4 Cent gleich 3,29 Mk., das ist genau das Dreiundzweidrittel-
fache des niederen deutschen Tariflohnes von Gera oder das
Dreiundeindrittelfache des Tariflohnes von Berlin.
Man mag einwenden, dass es sich bei den amerikanischen Tarif-
löhnen nicht so sehr wie bei den deutschen um eine Verallgemeine-
-
15:
        <pb n="160" />
        Gewerkschaftliche Mindestlöhne pro Stunde im Mai 1925 in Cent*).

(Die höchsten Löhne jedes Berufes ST die niedrigsten in schwach Kursiv
Instal- || Buch- Yello | Maurer- lnd Ver Mörtel-
lateure en HZ Mann ke Pie | träger

; | arbeiter |!

Baltimore... 125 (N! 90,9] 100 11 .150° - 1100

Chicago... 125 | 115,9 125 | 150 | 382,5 | 88,8|| 82,5

Cineimnati......j125 || 109,1 125 | 1501 55 ı) 92,5% 92,5
' Cleveland ......1137 | 104,5) ı25 I 1501 37,5 | 87,51 87,5
WDetreit .... 2... so 105 | zı5 | 15001 (60 Alf 8751175
/Kansas Cily .!... 4 137,51 94,5| 112,5| 150 75 | 90 | 90
/Louisville ......Wıszsf — oo 50H so 90 | 90

New York... eo 120,5 131,3 | 150 u. 106,3 || 100

Philadelphia . .... 115 | 90 112,5] 1500 | 8 100

Pittsburg. ...... ed 100 a 155 Il 100. | 100

St. Louis. ...... 150 | 98 I150 | 175 15 25 |ız15

Milwaukee... Unra5l 9320100 I 125 (758 90 MW -

St. Paul. ........ 1100 I 95,5 :-— M 722 055 00 8501785

San Francisco . . 112,5! 115,9|| 104,4! 137 62,5 1100 " 87,5

Südstaaten:

New Orleans .... 112,5|| 78,4|| 90,0|| 125 75 175

Memphis (Kentucky) | 1810| 80 / 100 | 150 75 | 62,5

Atlanta (Georgien) 112,5|| 80 | 80 Ilh12-128! A ?

Charleston (Süd-

Carolina) %..... 100 | 90,9|| 70 “ 100
Birmingham
(Alabama) ...... 150 | Il 87,5| 150
*) Septemberheft 1925 der „„.Monthly Labor Review“ des U, S. Department of Labor,

158
        <pb n="161" />
        Prozentsatz der gelernten, ungelernten und weiblichen Arbeiter in 23 haupt-
sächlichen Industriezweigen, September 1924*).
Gelernte**) | Ungelernte ı) Weibliche
Eisen- und Stahlgewinnung ... 74 26 —
Holzbearbeitung .....-..- 54 46 —
Düngerfabrikation. ......-.- Ze 88 -
Landwirtschaftliche Maschinen . 71 25 4
Automobilindustrie . ......- 77 18 5
Giessereien und Maschinenbau 72 22 6
Möbelfabrikation ....- 68 26 5
Farben- und Lackfabrikation .. 59 35 6
Lederindustrie. . ...2 1.0 + 474 48 45 7
Chemische Industrie ......- 46 45 9
Papier- und Kartonnagen .... 58 32 10
Fleischfabrikation. ......-- 56 32 12
Zeitungsdruck .... 78 6 16
Elektrische Apparate ......-. 73 11 16
Gummifabrikation. . .....-.- 73 8 19
Buch- und Akzidenzdruck . ... 55 20 25
Baumwollindustrie (Süden) ... 47 18 35
Schuhfabrikation ....-..-- 59 2 39
Baumwollindustrie (Norden) . . . 2 39
Papierwarenindustrie . .....- 40
Wollwarenindustrie. ......- 44
Seidenindustrie . 2: . 0. 4 4 36 15 49
Strumpfwaren und Trikotagen. . = 3 ea
In sämtlichen Industrien. . . ” 18
*) Diese Ermittelung des „National Industrial Conference Board“ erstreckt sich wie die
übrigen Tabellen derselben Quelle auf 1800 Betriebe mit etwa 3/4 Millionen Arbeitern.
**) In der Rubrik „Gelernte‘, ist auch der grösste Teil der „Angelernten‘‘ mit enthalten!
159
        <pb n="162" />
        Durchschnitt des tatsächlich gezahlten
Stundenverdienstes in 23 Industrien nach den Lohnlisten im September 1924*).
Angegeben in amerikanischen Cents, umgerechnet in deutsche Pfennige,
Gelernte**) Ungelernte | Weibliche |'Alle 3 Grupp.
Cent | Pf. ı Cent | Pf. ı|Cent| Pf. | Cent | Pf,

Bisen- und Stahlindustrie. ... 73,2 307!50,0| 210 —‘ - 63,9| 268
Holzbearbeitung (Fällen, Sägen

ME 66 273 |37,5| 157 — - 147,1| 196 |
Düngerfabrikation .......... 57,6| 242|32,9| 138 — — 1|50,0| 210
Landwirtschaftliche Maschinen 61,6 258|47,9| 200 |41,3| 173 || 57,6 | 241
Automobile ............... 69,8 293|51,3| 215 '44,4 | 186 || 65,0 | 273
Metallbearbeitung .......... 65,5 - 49,0 | 205 '38,7 | 162|/60,3 253
Giesserei und Maschinenbau. 64,1 269|/49,6| 208 35,5 N 59,3 ı 249 '
Möbelfabrikation ........... 59,5 2501142,7| 179 35,6| 148//53,7ı 225 |
Farben- und Lackfabrikation . 56,9| 239|146,3| 194 33,1 139| 52,21 '219 |
Lederindustrie (Verarbeitung) 56,3! 236|/45,8| 192 :37,5| 157 | 45,9, 205 |
Lederbearbeitung .:......... 57,0. 239[47,5| 199 | 32,0| 133 50,5 212 |
Chemische Industrie........ 58,5 2451]/44,3| 186! 39,4‘ 165|50,3. 211.
Papier- u. Kartonherstellung. 59,4 249 On 182 35,8! 150|52,3' 219
Fleischfabrikation .......... 55,1 231(45,7 | 191 | 37,4 | 157 |150,1 1 210
Zeitungsdruck ............. 192,4 388|/54,6| 2291/45,8! 191 [183,0 | 349
Elektrische Apparate ....... 66,9 280||44,5| 187|/40,1| 168 |59,3' 248
Gummifabrikation.......... ' 68,7 288|/52,2| 2191/43,2 1821|/63,0ı 264
Buch- und Akzidenzdruck... 88,5 371|47,4| 199 | 38,7 | 162 68,4 287
Baumwollindustrie (Süden) .. 36,3 152|24,3| 102] 26] 1. | 8.17| 128
Schuhfabrikation ........... 56,2, 236 |39,3 ob} | 1584 | 204
Baumwollindustrie (Norden). 51,9| 218 |4i,#|! 1. #|1 |4 4] 194
Papierwarenindustrie ....... 59,7| 250|4:,'' 2.,3| 1y5|5y,0| 212 |
Wollwarenindustrie ........ 57,7 2.2|4 mo Da 214
Seidenindustrie ............ 59,“ 31% ‘1 168|4 | 202
Strumpfwaren und Trikotagen 57,9| 243113: 7 148 40,6 | 170
5 *) Zusammengestellt nach Angaben in dem Buche: „Wages and Hours in American
Industry“ (Löhne und Arbeitszeit in der amerikanischen Industrie) 1925, herausgegeben vom
National Industrial Conference Board,

**) In der Rubrik „Gelernte“ ist auch der grösste Teil der „Angelernten“ mit enthalten !

160
        <pb n="163" />
        rung, sondern doch nur um seltene Höchstlöhne handle, da ein viel
grösserer Teil der Berufsgruppe als bei uns ausserhalb der Tarif-
abmachung stehe. Dies ist jedoch im Hinblick auf die in der
Tabelle angeführten Berufe unrichtig, denn diese sind im ganzen
Lande gut, in den bedeutendsten Orten beinahe hundertprozentig
organisiert, so dass ihre Tariflöhne einen ausgedehnten Geltungs-
bereich haben. Das stimmt auch nach der ausdrücklichen Be-
stätigung unserer literarischen Quelle, der September-Nummer der
„Labor Review“ des amerikanischen Arbeitsdepartements, wo €s
heisst, dass die gewerkschaftlichen Mindestlöhne dieser Berufs-
gruppen in den meisten Fällen gleichzeitig die ortsüblichen
Mindestlöhne seien. Das trifft zwar, wie aus der Tabelle der in
Amerika gezahlten Durchschnittslöhne (Seite 160) hervorgeht, nicht
völlig zu, denn in der genannten Tabelle wird der Durchschnitts-
lohn gelernter Buchdrucker mit nur 88,5 bzw. 92,4 Cent angegeben.
Dagegen wissen wir aus den gewerkschaftlich organisierten Be-
rufen und Betrieben, dass grosse Bruchteile der betreffenden or-
ganisierten Arbeiterschaft bedeutend über den tariflichen Mindest-
lohn hinaus verdienen. Von den Maurern, Zimmerern und anderen
Bauhandwerkern haben wir dies schon an anderer Stelle (Seite 142)
erwähnt. Schriftsetzer (sowohl Handsetzer wie Maschinensetzer)
verdienen im Osten bis zu 1,35 Dollar pro Stunde. Aus Chicago
ist uns ferner bekannt, dass dort kaum fünfzig Prozent der organi-
sierten Maschinen- und Werkzeugschlosser zum Tariflohn «von
90 Cent arbeiten, während viele bis zu 1,20 Dollar verdienen und
der Durchschnittslohn etwa 1,05 Dollar pro Stunde beträgt. AÄhn-
liches gilt für Detroit, wo übrigens in der Automobilindustrie der
Mindestlohn saisonmässig wechselt, und in der besten Jahreszeit
erheblich höher ist als in Chicago. Er bewegt sich dort das Jahr
über zwischen 0,90 und 1,25 Dollar.

Der höchste tarifliche Stundenlohn der Zimmerer in Deutsch-
land ist 1,28 Mk. in Hamburg; er ist 1,50 Dollar gleich 6,30 Mk. in
St. Louis im Staate Missouri, also ebenfalls annähernd das Fünf-
fache. Ein niedriger deutscher Tariflohn für Zimmerer (Gleiwitz)
ist 0,80 Mk., im amerikanischen Nordosten (Louisville) 1 Dollar,
das ist das Fünffache, in Charleston (Süd-Carolina) 0,70 Dollar,
also noch immer mehr als das Dreieinhalbfache.

Das höchste Tarifminimum für Maurer hat in Amerika ebenfalls
St. Louis (Missouri) mit 1,75 Dollar, in Deutschland wieder Ham-
burg mit 1,26 Mk., das ist wenig mehr als ein Sechstel des ent-
sprechenden amerikanischen Lohnes. Den niedrigsten Maurerlohn
hat in Deutschland Gleiwitz mit 0,80 Mk., im amerikanischen
Norden St. Paul mit 1,12 Dollar, was wiederum dicht annähernd
das Sechsfache der niedrigsten deutschen Lohnstufe ist. Der ge-
ringste Maurerlohn in Amerika überhaupt wird im Negerstaate

161
        <pb n="164" />
        Süd-Carolina gezahlt und beträgt dort 1 Dollar, das ist reichlich
das Fünffache des Tariflohnes von Gleiwitz. Wahrscheinlich hat
die Gewerkschaft der Maurer im Staate Süd-Carolina (den wir
nicht ‚durch eigene Anschauung kennenzulernen Gelegenheit
hatten) die Neger strikt organisiert, oder aber sie schliesst sie aus
dem Beruf völlig aus; denn bei freier Negerkonkurrenz müsste
der Lohn dort viel geringer sein. Darauf lassen die Löhne in der
Baumwollindustrie und in den Kohlen- und Erzbergwerken des
Südens schliessen sowie auch der Umstand, dass in der von uns
benutzten und hier wiedergegebenen Tabelle bei den drei typischen
Negerstaaten: Georgien, Süd-Carolina und Alabama, die Hilfs-
arbeiterlöhne fehlen. Wahrscheinlich sind es typische Negerlöhne,
die ausserhalb der gewerkschaftlichen Beeinflussung liegen und
so niedrig sind, dass die staatliche Statistik sie wegliess, um das
Zahlenbild nicht zu verunzieren, oder um nicht für die Gewerk-
schaften unfreiwillige Werbearbeit zu leisten.

Den höchsten Hilfsarbeiterlohn im Maurergewerbe hat inDeutsch-
land Hamburg mit 1,07 Mk., in Amerika St. Louis mit 1,15 Dollar
gleich 4,83 Mk., das ist das Viereinhalbfache. Etwa der niedrigste
Lohn dieser Gruppe in Deutschland (Gleiwitz) ist 0,68 Mk., in
Amerika (Louisville) 0,50 Dollar, das ist etwas mehr als das
Dreifache.

War bisher (abgesehen vom Buchdruckgewerbe) nur von Bau-
arbeitern die Rede, so wird sich zeigen, dass es in anderen Ge-
werben ähnlich steht.

Der tarifliche Mindestlohn der Maschinen- und Werkzeug-
schlosser in allen von uns besuchten Städten lag zwischen 0,90
Dollar als unterster und 1,10 Dollar als oberster Grenze (abgesehen
von Detroit, wo er in der Automobilsaison noch höher ist), beträgt
also im Durchschnitt des nordöstlichen industriellen Landesteiles
etwa 1 Dollar gleich 4,20 Mk. Das ist fast das Viereinhalbfache
des durchschnittlichen Stundenlohnes gelernter deutscher Metall-
arbeiter (0,90 Mk.). Andere Metallarbeiter verdienen in Amerika
noch wesentlich mehr als die Maschinenschlosser, z. B., wie die
Tabelle der Tariflöhne zeigt, die Installateure, die allerdings wieder
dem Baugewerbe zugehören, aber auch die Former und Metallgiesser.

Im Falle der Metallarbeiter ist jedoch ganz nachdrücklich zu
bemerken, dass deren gewerkschaftlich vereinbarte Tariflöhne
nicht, wie die der Buchdrucker und namentlich der Bauhand-
werker, ohne weiteres auch annähernd der ortsübliche Tagelohn
sind. Letztere sind prozentual stärker und durchgreifender organi-
siert und sind dadurch, wie schon gesagt, in der günstigen Lage,
ihr tarifliches Lohnminimum beinahe zu verallgemeinern. Das
trifft für die Metallarbeiter nur in einzelnen, und bei weitem nicht
in den grössten Berufszweigen zu. Ausserdem sind in den Metall-

1692
        <pb n="165" />
        arbeiterberufen die Neulinge zahlreicher, besonders aus den schon
oft besprochenen Einwandererschichten und aus der ärmeren
Bauernschaft und deren Söhnen. Dadurch werden zwischen den
Löhnen in den verschiedenen Gegenden und Betrieben ganz be-
deutende Spannen geschaffen, je nach der gewerkschaftlichen
Qualität der Arbeitermehrheit. Und was hier von der Metall-
industrie gesagt ist, gilt ebenfalls für den grössten Teil der übrigen
Industriezweige. Deshalb stehen in diesen Industrien die im
Landesdurchschnitt tatsächlich gezahlten Löhne viel tiefer unter
dem gewerkschaftlichen Tariflohn als im Bau- und Buchdruck-
gewerbe, wo die Wirkung des Tarifs sich auf einen viel grösseren
Bruchteil aller Berufsangehörigen erstreckt. Man vergleiche, um
das bestätigt zu finden, in den beigefügten Tabellen den Durch-
schnittslohn der gelernten Arbeiter im Buch- und Zeitungsdruck
mit deren gewerkschaftlichem Tariflohn und mache dann ander-
seits denselben Vergleich zwischen den Tariflöhnen und den wirk-
lich gezahlten Löhnen in der Metallindustrie, in der Automobil-
industrie und in den Giessereien.

Der tatsächlich gezahlte Landesdurchschnitt der Buchdrucker-
löhne war im September 1924 88,5 bzw. (in Zeitungsdruckereien)
92,4 Cent. Die Tariflöhne vom Mai 1925 lagen zwischen 78,4 und
120,5 Cent. In den Bauhandwerken, bei denen bessere Organi-
sationsverhältnisse bestehen, als die Buchdrucker sie jetzt, naclı
einigen wenig glücklichen Kämpfen, aufzuweisen haben, ist die
Spanne zwischen Landesdurchschnitt und Tariflohn wahrschein-
lich noch geringer. Leider fehlen uns über die tatsächlich gezahlten
Löhne im Baugewerbe exakte Angaben.

Der Landesdurchschnittslohn in den verschiedenen Metall-
branchen liegt mit 69,8 Cent für Gelernte im Automobilfach, 64,1
Cent in Eisengiessereien und im Maschinenbau und 65,5 Cent in der
übrigen Metallbearbeitung wieder bedeutend unter dem gewerk-
schaftlichen Minimum, was übrigens auch daran liegt, dass die
grosse Zahl der „Angelernten‘“ in den Lohnlisten ebenfalls als Ge-
lernte steht! (Vgl. Seite 159.)

Obwohl sich also im Landesdurchschnitt nicht mehr das Fünf-
und sogar Sechsfache deutscher Löhne ergibt, so sind doch selbst
diese Löhne in den aufgeführten Industrien noch immer um ein
Mehrfaches höher als die unsrigen.

Für die Bewertung der Tabelle mit den Durchschnittslöhnen
(Seite 160) ist folgendes zu bemerken: Es handelt sich bei deren
Daten um tatsächlich gezahlte, also nach den Beträgen der Lohn-
listen, dividiert durch die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden, er-
mittelte Lohnziffern. Wären in diesen Stundenlöhnen wesentliche
Beträge an Überstunden- oder Nachtstundenzuschlägen enthalten,
so würde dadurch das Zahlenbild erheblich günstiger gestaltet
werden, als etwa die eigentlichen nominalen Lohnsätze sind. Nach

162
        <pb n="166" />
        dem Text unserer Quelle scheint dies allerdings nicht der Fall zu
sein, da dort behauptet wird, dass die tatsächlich gezahlten Löhne
im grossen und ganzen den nominalen Lohnsätzen entsprechen.
Wahrscheinlich sind auch in diesen Stundenlöhnen zuweilen
Akkordverdienste mit enthalten, so dass es falsch wäre, sie vor-
behaltlos mit den deutschen Tariflöhnen zu vergleichen. Ausser-
dem beschränkt sich die Tabelle auf die Darstellung der Löhne
von 25 Industrien und Berufen; nicht enthalten sind z. B. der
Bergbau, die Eisenbahner, die Ölraffinerien sowie die grossen
Wäschereien und die schwer erfassbaren Gewerbe, in denen
Heimarbeit und Zwergbetrieb die Lohnverhältnisse undurchsichtig
machen. Ferner gründen sich die Angaben auf freiwillige Mel-
dungen der einzelnen Unternehmen, von denen diejenigen, welche
die schlechtesten Lohnverhältnisse haben, wahrscheinlich die
Karten nicht auf den Tisch legen, also die Anfragen überhaupt
nicht beantworten. Zieht man dies alles in Berücksichtigung, so
sieht die Aufstellung der Tabelle vielleicht als Allgemeinbild etwas
zu günstig aus, ohne jedoch eine völlig falsche Idee von den Ver-
hältnissen zu geben, zumal die Berichte aus den verschiedensten
Staaten stammen, obschon in sehr ungleicher Proportion. Für den
industriellen Nordosten des Landes sind diese Angaben, auch
wenn man sie als durchschnittliche nominale Lohnsätze nimmt,
nach unseren eigenen Wahrnehmungen sicherlich nicht zu hoch
gegriffen. Das beweist auch, dass die darin etwa enthaltenen
Akkordverdienste das Ergebnis nicht entscheidend verändert haben.

Für Deutschland ist eine verwertbare Statistik der tatsächlich,
d.h. nach den Lohnlisten gezahlten Löhne überhaupt nicht vor-
handen. Wir sind also bei dem Versuch einer Vergleichung auch
hier auf die Tarifstatistiken der „Gewerkschafts-Zeitung‘ an-
gewiesen. Zwischen den dort angegebenen nominalen Tariflöhnen
und den tatsächlich gezahlten durchschnittlichen Stundenlöhnen
mag eine gewisse Spanne liegen, wie sie durch Akkordverdienste,
Überstundenzuschläge usw. entsteht. Setzt man diese Spanne ije-
weils mit 12 Prozent des Nominallohnes ein, so ist sie — im Durch-
schnitt einer ganzen Industrie — erfahrungsgemäss reichlich hoch
angenommen. Dennoch wollen wir hier diese Annahme machen,
um so wenigstens zu einem rohen Vergleichsmassstab für die hier
und dort gezahlten Löhne zu gelangen.

Der durchschnittlich gezahlte Stundenlohn für gelernte Arbeiter
in der Metallverarbeitung ist mit 65,5 Cent oder 275 Pf. das Drei-
undeinviertelfache eines der besseren deutschen Metallarbeiter-
Tariflöhne oder das nahezu Fünffache der niedrigeren Löhne
kleinerer Städte. Rechnet man, der obigen Erwägung gemäss, den
deutschen Nominallöhnen je 12 Prozent hinzu, so bleibt der ameri-
kanische Durchschnitt immer noch annähernd das Dreifache der

164
        <pb n="167" />
        höheren oder das etwa Vierundeinhalbfache der unteren deutschen
Löhne.

Die gelernten Arbeiter der Automobilindustrie verdienen mit
69,8 Cent gleich 293 Pf. im ganzen Landesdurchschnitt das an-
nähernd Dreieinviertelfache selbst von den höchsten deutschen
Tariflöhnen für gelernte Metallarbeiter, einschliesslich der zu-
sätzlich angenommenen 12 Prozent. Es darf also mit Be-
rechtigung angenommen werden, dass der Durchschnittslohn der
gelernten Metallarbeiter in Amerika gut das Vierfache des deut-
schen Lohnes ist. Allerdings gibt es auch Gegenden, wo er das
Zweieinhalbfache im Durchschnitt wahrscheinlich nicht übersteigt,
so z.B. in St. Paul, im Staate Minnesota, von dem schon die
Rede war, wo Farmerkonkurrenz und der Mangel an einer wirk-
samen Organisation die Löhne niedrighalten. Dort wird gelernten
Metallarbeitern noch ein Lohn bis herunter zu 45 Cent pro Stunde
gezahlt. Ähnliche Verhältnisse fanden wir in anderen Landwirt-
schaftsstaaten des Nordens und Mittelwestens. Allein das sind
peripherische Erscheinungen in Gegenden, wo die Industrie nur
noch in ihren Ausläufen vertreten ist. Sie dürften wohl den
Landesdurchschnitt nicht entscheidend beeinflussen.

Der durchschnittliche Stundenlohn ungelernter Arbeiter in den
verschiedenen Metallindustrien ist: im Automobilfach 51,3 Cent,
in den verschiedenen Arten der Metallverarbeitung 49 und im
Maschinenbau 49,6 Cent. Ob diese Angaben aufrechterhalten
blieben, wenn die Statistik, auf die wir uns beziehen, den Süden
und Mittelwesten des Landes mit der gleichen Intensität erfasst
hätte wie den industriellen Osten, erscheint uns nach allem Ge-
hörten und Erlebten fraglich. Für den industriellen Osten und
die Westküste, die zusammen weit mehr als die Hälfte der Ge-
samtbevölkerung und die hauptsächlichsten Industrien des Landes
beherbergen (vgl. die Karte auf Seite 98), erscheinen sie uns
augenfällig zutreffend, denn wir stellten diesen Durchschnittslohn
für Ungelernte auch in der Metallindustrie von Milwaukee fest,
wo bei weitem nicht die höchsten Löhne gezahlt werden. Auch
für die dortigen Gemeindearbeiter, soweit sie unqualifizierte Kräfte
sind, liegt der Lohn zwischen 45 und 55 Cent pro Stunde.

Ein Stundenlohn von 50 Cent gleich 210 Pf. ist mehr als das
Dreifache des höchsten deutschen Tariflohnes für ungelernte
Metallarbeiter (Mannheim = 0,65 Mk.) bzw. mehr als das Fünfein-
halbfache eines der niedrigsten Löhne (Gleiwitz = 0,33 Mk.)
samt den zusätzlichen 12 Prozent! Er ist 2%mal höher als der
höchste Lohn ungelernter Gemeindearbeiter in Deutschland und
nahezu fünfmal höher als der niedrigste Lohn dieser Art, der in
Tilsit mit 42,5 Pf. gezahlt wird.

165
        <pb n="168" />
        Die niedrigsten Löhne der Metallindustrie fanden wir bei
Stundenlohn-Arbeiterinnen in Werkstätten von Detroit, welche
die grossen Automobilfabriken mit Schrauben und Details be-
liefern. Der nominale Stundenlohn war 25 Cent gleich 1,05 Mk.
Es ist nicht ausgeschlossen, dass in Milwaukee und selbst in
Chicago den Frauen in der Metallindustrie vereinzelt noch
niedrigere Löhne gezahlt werden, jedenfalls aber befindet sich
im ganzen Lande kein sehr grosser Teil der Lohnempfängerinnen
der Metallindustrie auf dieser untersten Grenze. Höchstwahr-
scheinlich sogar ist der Bruchteil der weiblichen Metallarbeiter,
die nur ein viertel Dollar oder darunter verdienen, nicht grösser
als der Prozentsatz weiblicher Metallarbeiter in Deutschland,
deren Tariflohn (in der höchsten Altersklasse) nur ein Viertel
bis ein Drittel dieses Lohnes, nämlich 35 Pf. und weniger beträgt.
(Brandenburg 30 Pf., Frankfurt a.d. Oder 35 Pf., Halle 35 Pf.
Hamburg 35 Pf., Kiel 35 Pf,, Königsberg 26 Pf., Liegnitz 28 Pf.,,
Magdeburg 33 Pf., Stettin 34 Pf., Waldenburg 28 Pf.)

Als tatsächlich gezahlter Durchschnittslohn der weiblichen Ar-
beiter werden in der Statistik für die allgemeine Metallverarbeitung
35,5 Cent angegeben, eine Angabe, die wir nach unseren eigenen
Ermittelungen und den uns von den verschiedenen Orts-
verwaltungen amerikanischer Metallarbeiterorganisationen ge-
gebenen Auskünften ebenfalls für zutreffend halten können. Im
Maschinenbau ist der Durchschnittslohn weiblicher Arbeiter 38,7
und im Automobilbau 44,4 Cent. Es ist dies nach dem Zeitungs-
gewerbe mit 45,8 und der Wollwarenindustrie mit 45,6 Cent der
höchste Durchschnittslohn für weibliche Arbeiter irgendeiner
Industrie des Landes. In Deutschland wird der höchste Tarif-
stundenlohn für weibliche Metallarbeiter in Chemnitz gezahlt und
ist 46 Pf. (in Dresden 45,5, Zwickau 45,5, Plauen 45,5, Biele-
feld 42,5, Berlin 42 Pf). Der Durchschnittslohn weiblicher
Arbeiter in der amerikanischen Metallverarbeitung ist also mit
35,5 Cent gleich 148 Pf. etwa das Dreifache des höchsten oder
das mehr als Fünffache des niedrigsten deutschen Tariflohnes
dieser Art, einschliesslich der angenommenen 12 Prozent tat-
sächlichen Mehrverdienstes über den deutschen Tarifsatz.

Der niedrigste durchschnittliche Stundenlohn aller hier erfassten
Industrien wird den Ungelernten und den weiblichen Arbeits-
kräften in der Baumwollindustrie des Südens mit 24,3 bzw.
26,6 Cent, d.h. 1,02 bis 1,12 Mk. pro Stunde gezahlt. Auch diese
Löhne würden noch einDrei- bis Dreieinhalfaches niederer deutscher
Frauen- und Tagelöhnerverdienste sein, allein wir halten diese
Angaben nach unseren sonstigen Erkundigungen für zu hoch und
glauben, dass besonders in diesem Falle unsere Vermutung zu-
trifft, dass nämlich die Unternehmungen mit den übelsten Arbeits-

166
        <pb n="169" />
        bedingungen in der Untersuchung gar nicht ve ES sind, Ge
überhaupt die Arbeitsverhältnisse des Südens (viel weniger ge&lt;“
regelt sind als die des Nordostens, trotzdem Sch dien hmdehS
ganz bedeutende Unterschiede aufweist, die abef\ im den grösseren?
Berufs- und Industriezweigen immerhin erfassbä r’and auch weit”
bekannt sind. ev KL
In der bisher betrachteten Tabelle fehlen zunächst Ole“ Berg“
arbeiterlöhne. Diese betrugen durchschnittlich nach den Er-
mittelungen unserer Bergarbeiterdelegation pro Schicht:
Gedingearbeiter Schichtlöhner
Dollar Dollar
Weichkohle (1921)
08 EU N era ZZ 7,46
Indiana een En ES Men N an 8,35 7,38
Ohio; 1... 7,86 7,20
Nordwest-Pennsylvanien und Pittsburgbezirk 7,26 7,15
Anthrazitbergbau (1925)
Pennsylvanien:
A En N 6,49
Schlepper... N a 6,21-—6,47 5,12
Untertagearbeiter.. ...4 7... 0} - 3,13—6,98
Übertagearbeiter . %..;, 5... AAN 3,08—6,75
Auch die Bergarbeiterdelegation stellte, in ähnlicher Weise
wie wir, eine unterschiedliche Entlohnung organisierter und
unorganisierter Arbeiter fest, und zwar für die immerhin gewerk-
schaftlich beeinflussten Bergbaudistrikte Pennsylvanien und West-
virginien. Dort ist, ähnlich wie in grossen Teilen der Metall-
industrie, die Minderentlohnung der Unorganisierten im Stunden-
lohn etwa derart, dass sie durch die längere Arbeitszeit, wie
sie in unorganisierten Betrieben üblich ist, im Tages- bzw.
Wochenverdienst annähernd ausgeglichen wird.
organisierten unorganisierten
Schichtlohn in Bergwerken Bergwerken
Dollar Dollar
Weichkohle (1921)
West-Virginien: Schichtlöhner........ 6,92 6,03
Pennsylvanien: Gedingearbeiter........ 7,15 6,54
Schichtlöhner sr 7,09 5,57
Dass in Gegenden, wo jeder, auch indirekte, gewerkschaftliche
Finfluss auf die Lohngestaltung fehlt, der Abstand der Löhne zu
167
        <pb n="170" />
        denen in vollorganisierten Betrieben noch viel grösser ist, wurde
bereits an anderer Stelle gezeigt mit dem Hinweis darauf, dass
das Lohnverhältnis zwischen den organisierten Betrieben von
Illinois und den völlig unorganisierten von Kentucky wie zwei
zu eins ist.

Zu den geringsten Löhnen, die einer bedeutenderen Arbeiter-
gruppe gezahlt werden, gehören die der ungelernten Arbeiter
bei der Eisenbahn. Es handelt sich zunächst um 338 000 Arbeiter
der Tagelöhnerkategorie, die weniger als drei Dollar in :acht-
stündiger Tagesarbeit verdienen, sowie des weiteren um an-
nähernd 118000 Hilfsarbeiter der Werkstätten, die nur wenig
über drei Dollar Tagelohn erhalten. Wir fügen hier eine Auf-
stellung der Lohnverhältnisse im Eisenbahnbetrieb bei, bemerken
jedoch, dass dieselbe nach anderen Darlegungen eher als zu
günstig angesehen werden muss. Im allgemeinen darf übrigens
gesagt werden, dass die amerikanischen Sozialstatistiken über
Löhne, Lebenshaltung usw. ziemlich verlässlich sind oder zu
‚sein scheinen, da von den Gewerkschaften, die sich selbst in
statistischen Ermittelungen betätigen, nicht nur die Statistiken
der Regierung, sondern im grossen und ganzen auch diejenigen
der grossen Unternehmervereinigung, des „National Industrial
Conference Board“, mit wenig Einschränkung verwendet werden,
was zwar noch nicht auf deren unbedingte Richtigkeit, aber immer-
hin darauf schliessen lässt, dass die Gegenseite das Resultat
ihrer Erhebungen nicht durch Rosstäuscherkünste zu korrigieren
versucht.

Aus den grossen Ölraffinerien ist uns ebenfalls bekannt, dass
ein grosser (wahrscheinlich der grösste) Teil der ungelernten
Arbeiter unter drei Dollar, manche sogar weniger als zwei Dollar
täglich verdienen.

In der Konservenfabrikation fanden wir ebenso niedrige Löhne.
Es sind meist Neueinwanderer, die sie beziehen. Die meisten
dieser Löhne sind statistisch nicht erfasst oder werden nicht
veröffentlicht.

Die Richtigkeit der vorstehenden statistischen Angaben mag
in einzelnen Punkten angezweifelt und kritisiert werden. Im
ganzen aber spricht doch für ihre Verwendbarkeit der Umstand,
dass der Besucher des Landes durch Augenschein und persön-
liche Erfahrung zu sehr ähnlichen Folgerungen gelangt. Unsere
gewerkschaftlichen Delegierten, so verschieden der Weg der
Reise war, den die einzelnen Teilnehmer wählten, und so ver-
schiedenartig die Branchen und Industrien, die sie studierten,
hatten alle den übereinstimmenden Eindruck, dass nicht nur
gelernte Facharbeiter meist ein Vierfaches des entsprechenden
deutschen Nominallohnes und darüber verdienen, sondern dass

168
        <pb n="171" />
        Durchschnittlicher täglicher Lohn des Eisenbahnpersonals zu Anfang 1924*)
Grün 6 der Personen Tpelohm
Tagelöhner LA. AR 74 557 2,87
Barrierenwärter und Signalisten. ........ 23 243 2,45
Streckenarbeiter. 1.0 0 Er Er 240 515 2,84
Angelernte Hilfsarbeiter ........ A. 12 579 3,88
Werkstatt- und Maschinenhaushilfsarbeiter .. 50 181 3,17
Werkstatt- und Maschinenhaustagelöhner ... 67 717 3,18
Wagenbauer (Werkstattarbeiter) ........ 142 526 5,49
Maschinenschlosser.. . 2... He al 68 845 6,01
Stationsangestellte 1 NEN 19 768 4,88
Telegraphisten, Telephonisten usw........ 27 705 4,97
Wagenführer (Personenzüge) .......... 10 839 6,72
Wagenführer (Güterzüge). . 17 354 6,23
Bremser und Signalisten (Personenzüge). .,/. . 15114 4,62
Bremser und Signalisten (Güterzüge)...... 40 347 4,91
Lokomotivführer (Personenzüge) ........ 13 438 6,30
Lokomotivführer (Güterzüge) .......... 24 299 7,46
Heizer und Hilfsarbeiter (Personenzüge) .... 13 096 4,73
Heizer und Hilfsarbeiter (Güterzüge) ...... 26 559 5,59
Bureaupersonal mit zweijähriger Dienstzeit . = 4,80
Bureaupersonal mit 1 bis 2 Jahren Dienstzeit 3,70
Bureaupersonal mit unter 1jähriger Dienstzeit . 3,54
* U. S. Railroad Labor Board, Wage Series Report Nr. 4, Februar 1924.
**) Die Personenzahlen gelten für 1923.

PD
169
        <pb n="172" />
        Durchschnittlicher Stundenlohn in 23 Industriegruppen 1914-1924*)
(Die höchsten Löhne der Gesamtperiode stehen in Peftdruck)
a Gelernte**) || Ungelernte || Weibliche Insgesamt
Cent Cent Cent _ Cent
1914: Jul Send 28,0 20,3 15,4 24,5
1920: 3. Quartal... ... 09,5 55,1 42,0 60,6
4. Quartal 68,9 54,5 : 42,2 | 060,7
1921: 1. Quartalk: ....... 10644 49,8 | 38,7 56,2
2. Quali 60,2 46,1 . 37,1 53,1
3. Quartalf. ....... 576 42,22 | 35,8 50,1
4. Quartal 2 2. Z 55,3 40,4 | 35,4 49,9
1922: 3 Quartals 55,5 40,2 35,0 48,4
4. Quartal®. .. 56,9 41,5 36,0 50.1
1923: 1: Quartals 58,0 41,9 36,9 50,6
2. Quartal, 62,1 45,4 | 39,0 54,2
Me ra 22 46,2 | 39,2 54,6
AUZUSE 62,6 46,4 | 39,5 55,0
September”. ........ 63,5 46,6 ı 39,8 55,9
OK(ODEen hr 63,7 46,8 ‘ 40,0 56,1
November... 1... 63,3 46,3 WW 139,7 55,9
Dezember... ..... 63.4 46,6 | 39,4 55,9
1924: Januar 0 u es 99 56,0
Februar... .... 642 47,1 ‘ 39,7 56,1
März entre 47,6 | 40,2 56,1
Apr SO 7 I a se
Ma 656 A 55,9
311 NE 63,7 z 55,9
JUN 63,3 46,9 27,5 56,0
August... 63,0 46.7 2°" | 556
September... .. 62,9 | 4,9 | &gt;”. 8,1
nn Hours in American Industry“, Herausgegeben „National Industrial
**) In der Rubrik „Gelernte“ ist auch ein grosser Teil der „Angelernten“ mit enthalten !
170
        <pb n="173" />
        Durchschnittliche Wochenlöhne im Staate Illinois und im Staate New York
im Oktober bzw. Dezember 1924*).

[MMinois New York

Dollar Dollar
Industrie der Stein-, Glas- und Tonprodukte . . 28,22 28,93
Maschinen- und Metallindustrie .....-.--+- 28,98 30,02
Holzverarbeitung .. A 28,39 28,41
Pelz- und Lederwarenindustrie. ........- 21,03 26,15
Chemische Industrie, Öle, Farben ........ 27,48 28,54
Druck- und Papierwaren ........0.0+00+4 34,26 33,15
Textilindustrie... .-.. =. A 19,47 22,03
Kleidung, Putzwaren und Wäscherei. ..... 25,10 26,51
Lebensmittel, Getränke und Tabakindustrie . . 29,09 25.43
Groß- und Kleinhandel ......... «+++ 22,18 =
Öffentliche Dienste ..........00404044 30,56 U
Kohlenbergbau. ......- PO 37,08 -
Baugewerbe und verwandte Berufe. .....- 36.71

*) Illinois Department of Labor, Oktober 1924. — New York State Department of Labor,

Dezember 1924.
das Lohnverhältnis eins zu vier gegenüber Deutschland selbst weit
in die Kreise unaqualifizierter Arbeiterschichten hineinreicht. Dies
gilt insbesondere für die Industriezentren des Nordostens und für
diejenigen Erwerbsarten ungelernter Kräfte, die, wenn auch
indirekt, die Erfolge der gewerkschaitlichen Lohnkämpife mit
geniessen. Wo dies nicht der Fall ist, wird — wenigstens im
eigentlichen Industriegebiet — der geringere Stundenlohn im
unorganisierten Betriebe in der Wochensumme ganz oder zum
grössten Teil ausgeglichen durch eine längere Arbeitszeit. Über-
stundenzuschläge werden in unorganisierten Betrieben seltener
und in geringerer Höhe, wo überhaupt, gezahlt.

Nicht weit vom Vierfachen des deutschen Einkommens dürfte
z.B. auch der Lohn des weiblichen Verkäuferpersonals in grossen
Geschäften entfernt sein. Die Verkäuferinnen des grossen Waren-
hauses von Sears Roebuck zu Chicago haben einen wöchentlichen
Durchschnittslohn von etwa 23 Dollar. Stenotypistinnen im Nord-
osten und Mittelwesten verdienen im Durchschnitt etwa 25 Dollar
pro Woche, in selbständigen oder Sekretärstellungen ungefähr das
Doppelte.

Die Erwerbsarten mit den schlechtesten Entlohnungsverhält-
nissen sind statistisch offenbar schwer zu erfassen. Deshalb sind
auch die soziale Lage und selbst die Betätigungsart der sozialen
Unterschicht, insbesondere der Neueinwanderer, wie sie hier be-
schrieben wurden, so schwer aufzuklären. Man ist hierbei fast

171
        <pb n="174" />
        ganz auf feuilletonhafte soziale Schilderungen und eigene Beob-
achtungen angewiesen. Von den letzteren haben wir an ver-
schiedenen Stellen unseres Berichtes gesprochen.

Auch die Verhältnisse im Süden, die fast durchweg schlechter
sind als im übrigen Lande, werden, wie wir mehrfach andeuteten,
ungenügend ermittelt. So z. B. stützt sich die Statistik der Durch-
schnittslöhne, welche die Unternehmervereinigung „National In-
dustrial Conference Board“ in dem Buche „Wages and hours in
American Industry“ anstellte, auf sehr viele Berichte aus dem
Norden, dagegen auf nur wenige aus dem Süden, doch ist es frag-
lich, ob eine proportionelle Berücksichtigung des Südens bei solchen
Ermittelungen die Endziffern wesentlich verändern würde, da
immerhin der weitaus grösste Teil aller Industrie im Norden ist,
dessen soziale Verhältnisse von den staatlichen und korporativen
Untersuchungen schärfer durchleuchtet werden.

Die Unterschiedlichkeit in der Entlohnung zwischen Norden
und Süden erinnert an Verhältnisse, wie sie in deutschen Gauen
vor dem Kriege bestanden, wo z.B. in süddeutschen Städten mit
guten Arbeiterorganisationen für ein und dieselbe Arbeitsart und
-leistung genau 100 Prozent mehr gezahlt wurden als in länd-
lichen Industriegegenden, wie im Schwarzwald, der damals in
Ermangelung gewerkschaftlicher Zusammenschlüsse noch das
Glück des „freien Spiels von Angebot und Nachfrage“ genoss,
bis die Ausdehnung des Tarifvertrages auf ganze Landschaften
nach dem Kriege jener „Freiheit“ ein Ende machte. Die ameri-
kanischen Gewerkschaften haben, wenn sie sich später mehr
verallgemeinern und ausdehnen, in dieser Beziehung ein noch
kaum zu übersehendes Arbeitsfeld. Noch sind ganze Kernstücke
des eigentlichen Industriegebietes in einzelnen Berufen und Ge-
werben „organisationsfrei‘“, nicht zu reden von den Rändern des
Industriebezirks und gar vom Süden. Die ungleiche Stärke der
Arbeiterorganisationen in den verschiedenen Territorien macht
die Lohnverhältnisse so verschiedenfältig und schwer über-
sichtlich. Die Differenzen der Lohnhöhe aber verwandeln sich zu-
meist in ungerechtfertigte Spekulations- und Zufallsgewinne.

2. Preise und Lebenshaltung. — Reallöhne.

Bei der verschiedenen Lebensart des amerikanischen und des
deutschen Arbeiters ist eine unmittelbare Vergleichung irgendwie
errechneter sogenannter „Reallöhne“ nahezu unmöglich. Würde
man z.B. gemäss der von der deutschen Reichsstatistik an-
genommenen Lebenshaltung des deutschen Arbeiters auch für den
amerikanischen Haushalt einer durchschnittlichen Familie den un-
17?

1
        <pb n="175" />
        wahrscheinlichen monatlichen Konsum von einem Zentner Kar-
toffeln und fünf Viertelzentnern Schwarzbrot einsetzen, So ergäbe
sich bezeichnenderweise eine verhältnismässig bedeutend höhere
Ausgabe als bei Einsetzung der wirklich konsumierten höher-
wertigen Nahrungsmittel. Das Schwarzbrot steht drüben, weil es
kein allgemeines Volksnahrungsmittel, sondern eher ein Kuriosum
ist, im Preise ebenso hoch wie das Weissbrot, und aus demselben
Grunde sind auch die Kartoffeln verhältnismässig teuer, zeigen in
den verschiedenen Gegenden gewaltige Preisunterschiede und
kosten an den teuersten Orten das Dreifache gegenüber den
billigsten. (Vgl. Tabelle Seite 178.) Nähme man umgekehrt die in
amerikanischen Familien konsumierten Lebensmittel als Massstab,
die etwa dem nahekommen, was in unseren üblichen „bürger-
lichen Restaurants“ geboten wird, so wäre dies wieder auf den
deutschen Arbeiterhaushalt unanwendbar.

Es bliebe also zunächst die eine Vergleichsmöglichkeit, für be-
stimmte Waren und Bedürfnisse die amerikanischen Preise an-
zugeben und dem den Stundenverdienst eines Arbeiters zur Seite zu
setzen. Dies haben wir in Milwaukee versucht. Die dortigen Lebens-
haltungskosten halten sich etwas über der Mitte im Gesamtdurch-
schnitt verschiedener Städte des industriellen Nordostens. Wir
haben die Lebenshaltungskosten in verschiedenen Städten des
Nordostens und der Westküste, wie sie das Labor Bureau zu
Chicago errechnet hat, in Verhältniszahlen zu Milwaukee gleich 100
umgesetzt und dabei folgendes Bild erhalten:

Los Angeles 109
Minneapolis‘ .....4. 4. 107
San Francisco 4.0.4.0 107
Chicago 102
Milwaukee EEE AO
Philadelphia 4
Brock
New Vor
Rochester NS
Reading (Pennsylvania) .. 57
Schenectady (New York).. &amp;°

Bezeichnenderweise ist die Verhältniszahl für die grossen Städte
Philadelphia, Brooklyn, New York und Rochester niedriger und
auch für Chicago nur wenig höher als für Milwaukee, so dass wir
mit unserer Rechnung nicht unter, sondern über den Durchschnitt
gegriffen haben.

Nun haben wir in Milwaukee nachfolgende Preise ermittelt und
diesen die zur Bezahlung erforderlichen Arbeitsstunden eines un-
gelernten Arbeiters am Orte, welcher durchschnittlich 50 Cent oder
einen halben Dollar verdient, gegenübergestellt:

173
        <pb n="176" />
        Dollar Stundenlöhne
VANZUE r A 25  DIs 5 — 50-5is 90
ÜBEN a 28 50 „90
LE Paar SCHUHE % 2 16
l Oberhemd 2... Er 0 en 78
LI Unterwäschegarnitur ............ 2 „7 8 „16
RS O8 1,50 „dl
VD88r SOCKEN kt 025, „50 A!
EAasbinde N 050 150 LS
VA „8 = „0
Rasieten nr 0.25 Dollar = Stundenlohn
Haarschneiden .............. 09,50 De = ji
Wohnungsmiete pro Monat Dollar Stundenlöhne
(3 Zimmer, Bad und Küche).......... 30 bis 45 = 60 bis 90
Möbliertes Zimmer im Monat........ 12 „= 24 50
Möbliertes Zimmer mit Verpflegung
(ohne Mittagessen) pro Woche ...... 10 DZ E24
Mittagessen im gewöhnl. Restaurant. . 0,40 ,, 0,50.= "1
Eine Tonne Kohlen... 6 „16 = 227 36
Wichtig für die Beurteilung des realen Arbeitereinkommens ist
ferner, die Steuerlast zu kennen, die der Arbeiter in dem betreffen-
den Lande zu tragen hat. Erst indem man die steuerliche Bürde
des Arbeiters gegen den oft betonten „Segen sozialer Finrich-
tungen“ und die „soziale Belastung der Arbeitgeber“ aufwiegt, er-
langt man ein zutreffendes Bild der Verhältnisse. Wir zeigen nach-
folgend die steuerliche Belastung der Lohnempfänger in Milwaukee
und im Staate Wisconsin überhaupt:
Besteuerung des Arbeitereinkommens in Milwaukee und im Staate
Wisconsin.
I. Staatliche Besteuerung.
Steuerfreier Betrag:
ÜUnverheiräiele! 7.4 re Be 800 Dollar
Verheiratete ........... ale ke TO,
Ferner für jede zu unterhaltende Person ............ 300%,
Steuersatz:
Für die ersten 1000 Dollar über den steuerfreien Betrag 1 Prozent
Für das nächste Tausend „un EEE
(Zusätzliche Einkommen der Frau oder der Kinder haben keinen
besonderen steuerfreien Betrag.)
174
£ 4-
        <pb n="177" />
        Il. Bundesstaatliche Einkommensteuer.
Steuerfreier Betrag:
Für Unverheiratete ..............0...0000000 HH 1000 Dollar
Für Verheiratete ...... 2500,
Für jede zu unterhaltende Person ................04 400,
Steuersatz:
Für die ersten 4000 Dollar über den steuerfreien Betrag 2 Prozent
Für die nächsten 4000 Dollar ..........0.00000000000000 4 5
(Die Gewerkschaften fordern Steuerfreiheit für 5000 Dollar.)
Man sieht, dass für Kleidung und Essen die absoluten Preise
kaum höher, zum Teil niedriger sind als bei uns. Vor allem aber
kauft der Arbeiter für seinen Lohn mehr davon als der deutsche.
Es dürfte kaum ungelernte Arbeiter in Deutschland geben, die für
anderthalb Wochenlöhne einen Anzug oder einen Überzieher von
einiger Qualität kaufen, auch schwerlich für einen Stundenlohn im
Restaurant eine übliche Portion und Qualität Mittagessen erhalten.
Dabei ist zu beachten, dass wir hier die Kaufkraft vom Lohne des
ungelernten Arbeiters darstellten. Der gelernte Metallarbeiter ver-
dient (im Durchschnitt der Organisierten und Unorganisierten am
Orte) 80 bis 85 Cent. Ebensoviel erhalten die Bauhilfsarbeiter,
während der Stundenlohn des gelernten Bauarbeiters 125 Cent ist.
Ein möbliertes Zimmer mit Frühstück und Abendbrot, also mit
Verköstigung ausser Mittagessen, kostet auch in Detroit und
Chicago, wie wir öfters festzustellen Gelegenheit hatten, nicht
über zehn bis zwölf Dollar, so dass der Lebensunterhalt eines un-
verheirateten Arbeiters pro Woche insgesamt 13 bis 15 Dollar
kostet. Sehr teuer ist dagegen eine Wohnung mit mehreren
Zimmern. Nach unserer obigen Zusammenstellung verschlingt die
Ausgabe für die billigste Art von Wohnungen allein ein Drittel vom
vollen Lohn ungelernter Arbeiter mit einem halben Dollar Stunden-
lohn. Die gleichen Preise gelten auch für alle anderen Städte des
Nordostens, ja, man kann sagen, dass sie in New York, Chicago und
Washington eher noch etwas höher sind. Dabei ist jedoch wohl zu
merken, dass es sich um hochmoderne Wohnungen mit Baderaum
und allem Zubehör, nicht etwa um ein Aquivalent der durchschnitt-
lichen deutschen Arbeiterwohnung handelt. Solche Wohnungen
würden auch in Deutschland mindestens 50 Mk., meist aber mehr
kosten. Immerhin zahlt man für Wohnungen gleicher Güte drüben
nominell einen mehrfachen Betrag. Natürlichbewohnt der ungelernte
Arbeiter, dessen Lohn wir als Vergleichsmassstab nahmen, nicht die
teuerste, sondern die billigste Wohnung, gibt also, wenn er eine
mehrköpfige Familie hat und folglich drei Zimmer braucht, dafür
30 bis höchstens 35 Dollar — immerhin noch ein starkes Drittel
seines Finkommens — aus. Ist seine Familie klein, so wird er —
*._.

1:
        <pb n="178" />
        genau wie in Deutschland — ein Zimmer vermieten und dadurch
seine Wohnungskosten auf ein Viertel oder weniger von seinen Ein-
nahmen reduzieren. Gehört er zu der Einwandererschicht tieferer
Kulturstufe (und dazu gehören viele, die diese untersten Einkommen
beziehen), so wird er überhaupt keine landesübliche Wohnung,
sondern eine der ziemlich billigen Unterkünfte beziehen. Es gibt
nämlich auch in Grossstädten, wie New York, Philadelphia usw.,
schon „Wohnungen“ für 16 und 20 Dollar, die aber allerdings
menschlichen Behausungen nicht in allen Stücken völlig ähnlich
sehen. Diese Mauerhöhlen bilden die engen quadratischen Höfe
der Häuserblocks der Proletarierviertel, haben von aussen Not-
gänge aus eisernen Treppen, die bis in die obersten Stockwerke
führen, und würden mit ihren grossen, in den Hof hinausschauenden
Türöffnungen den Keltengräbern am Bodensee und an der fran-
zösischen Nordküste ähnlich sehen, wenn nicht die im Hofe kreuz
und quer aufgehängten bunten Wäschestücke wieder an ein festlich
drapiertes Bockbierlokal erinnerten.

Die höchste Monatsmiete, die für gute Dreizimmerwohnungen
mit allen modernen Einrichtungen gezahlt wird, ist in den grossen
Städten etwa 50 Dollar. Solche Räumlichkeiten bewohnt die besser
bezahlte Arbeiterschaft, die also dafür auch einen bedeutenden
Bruchteil, im Durchschnitt etwa ein Viertel ihres Einkommens auf-
wendet. Würden die deutschen Arbeiter der bestbezahlten Gruppen
in gleichartig ausgestatteten Behausungen wohnen, so zahlten sie
dafür nominell zwar weniger, jedoch von ihrem Einkommen eine
reiche Hälfte, ja selbst drei Viertel, was natürlich eine Unmöglich-
keit ist.

Die Möbelierung der guten Arbeiterwohnungen ist durchweg
reichlicher und besser, „bürgerlicher“, als in Deutschland.

Grosse Bedeutung kommt in Amerika dem.Eigenheim zu, das
auch sehr viele Arbeiter besitzen. Im Jahre 1920 waren von den
24 351 000 amerikanischen Wohnungen 45,6 Prozent Eigentum der
Bewohner und 54,4 Prozent von Mietern bewohnt. Von den elf
Millionen Eigenheimen wiederum waren 61,7 Prozent freies, nicht-
belastetes Eigentum, während 38,3 Prozent hypothekarisch be-
lastet waren. Im selben Jahre (1920) fielen im Durchschnitt auf
eine amerikanische Familie 4,3 Personen, auf eine Wohnung
5,1 Personen.

Auch für eine Reihe der in Amerika gebräuchlichsten Lebens-
mittel haben wir in Milwaukee die Preise festgestellt. Dasselbe tat
die Bergarbeiterdelegation in der Stadt Erie in Pennsylvanien. Wir
geben hier das Resultat wieder, sowohl in amerikanischen Massen,
Gewichten und Geldwerten, als auch umgerechnet in deutsche Pfund
usw. und in deutschen Geldwert, und lassen zur Vergleichung sSo-
wie zur Vervollständigung unserer eigenen Ermittlungen die

176
        <pb n="179" />
        Lebensmittel preisedes;KÄlerinhande!s
Il _ in Milwaukee (Staat Wisconsin) ii . in Erie (Staat Pennsylvania)
Nas ! eb In Dollar I Se In Mark | FÜ | In Dollar Il a | In Mark
Brot (Weizen oder Roggen). ....... 24Unzen 0,12 1 Pfund 0,37 | 1Pound | 0,10-0,12 | 1 Pfund | 0,46-0,55
Mehl .:......2.0..0.004 7... S50Pound 2,45-2,59 || 1 Pfund | 0,23-0,24 50 Pound 2,40 1 Pfund | 0,22
Fleisch: Schweinefleisch‘. ........ | 1 Pound 0,30 1 Pfund 1,39 — — - —
Hammelfleisch. ......... ....... '})Pouad '0,35-0,40 | 1 Pfund | 1,62-1,85 , — — — _—
OEL 2 ı 1 Pound 0,35 1 Pfund 1,62 | Pe — : 5
indfleisch mit Knochen... ... .... ıl(1 Pound ' 0,10-0,15 | 1 Pfund | 0,46-0,69
Rindfleisch ohıne Knochen, bess. Qual, /1Poumd 0,27 .1Pfund 1,25 (1; Pound 0.30.08 1 Pfund 1.39-1,62
Speck. ....00..000000.11.. 1Pound 0,50 1Pfund 2,31 ||1Pound 0,35-0,40 1Pfund ' 162-185
Schinken, gekochter .“........, JVPound 0,50 1 Pfund 2,31 - ee _ _—
Schinken, roher 44 u = | 1 Pound ' 0,17-0,35 1Pfund 0,79-1,62
Fische: Barsch: 2. 10... 44 Pound 0,12 1 Pfund 0,55 _ — = —
Lachsforellen .....‘°......... X1DPound 0,20 ' 1 Pfund 0,92 = = = =
Schweineschmalz (la). .......... 1Pound 0,25 1 Pfund 1,16 — m — —
Margarine... ......0. 40.4 1LPound 0,27-0,32 | I Pfund 1,25-1,48 - = . =
Milch. ee 4  VQuart 0,09-0,10 : ILiter 090,33-:0,37.( 1 Quart | 0,09-0,10 | 1 Liter | 0,33-0,37
Eier (je nach Saison) ........... 1Dtzd. 0,35-0,50 | 1 Dtzd. 1,47-2,10| 1 Dtzd. | 0,85 | 1 Dtzd. 3,57
Bualler: ek er 2 ni: Round 0,50 1 Pfund 2,31 1 Pound | 0,50-0,60 | 1 Pfund | 2,31-2,77
Käse. ..............-.....4 1Pound 0,30-0,40 ı 1 Pfund !1,39-1,85 | 1 Pound | 0,45 1 Pfund 2,08
Schweizerkäse. .. 4 A. 2. Pound 0,50 | 1 Pfund 2,31 &gt; = s —
Kartoffelnt: - ....... 0 04.54 VVBushel 1,60 * 10 Pfund 1,23 — — = —
Bohnen, getrocknet ... ........ 1Pound 0,09 1 Pfund 0,42 | 1Pound 0,08 1 Pfund 0,37
Erbsen... 1. 0 A 1 Pound ; 0,09 1 Pfund 0,42 — — — in
Obst: Frische Pflaumen. ........ 3Pound: 0,25 1 Pfund ! 0,39 '|2Pound. 0,25 | ı Pfunde weP8 #
Äpfel (beste Qualität) .......... 3Pound 0,25 1 Pfund 0,39 - = 5
Zucker... .. 0.000040: 00. 7. JTPound 4:0,06 1 Pfund 0,28 | 1 Pound | 0,06-0,07 1 Pfünd“| 0,28:0,32
Kaffee... u TPound 0,45-:0,60 | 1 Pfund 2,08-2,77 1 Pound | 0,45-0,60 1 Pfund | 2,08:2,77
Te ee u 1Pound 0,70:1,— Pfund 3,23:4,62 - ER,
Kaka0ı. N a N Pound 0,70 1 Pfund | 1,08 *) Anmerkg.: 1 Pound —0,453 © Ze ;
5 See RE LS LOUnzen 005:0.06 1 Piund 0:87:0,45 VAL |
1 nz
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        pm
]
0 Kleinhandelspreise wichtiger Lebensmittel in verschiedenen Städten der Vereinigten Staaten am 15. Mai 1925 in Cents
© SS SEES
En ahs NEE ame 2353585 35
ib a
EZ EN EEE IS SO SEES ER
SEHE A An ZB 2
Rindfleisch:
beste Qualität .. Pound 41,5 43,6 i 37,9 38,4 41,3 39,6 | 37,5 ! 44,7 ' 53,3 ı 45,9 137,7 36,0 | 32,7 38,4 | 34,1 ' 38,4 | 34,0
billigste Qualität‘. ” 15,3 13,8 | 16,7 ' 12,8 13,2 12,4|13,5| 19,4 10,8 | 11,7 | 13,4 12,0|15,6 13,5114,7! 14,8 | 16;2
Schweinekotelett . . ” 37,0 | 34,7 | 36,5 ' 38,3 38,3 33,3 |34,6 | 39,2 ' 39,7 | 38,5 | 31,6 | 33,3 | 42,2 35,0 | 34,1 | 34,5 | 33,9
Speck in Scheiben . ” 41,3 | 50,1 | 41,3 47,4 47,2 48,7 | 46,4 | 45,8 42,9! 48,7' 45,6 1 47,1 | 57,4 43,6 42,9' 45,9 ' 43,8
Schinkenrin ; ä 55,7 | 53,0 | 53,3 56,5 56,3 54,9 | 49,0 | 57,4 58,0 ! 57,8 50,8 | 50,5 | 61,01 56,3 ı 49,71 52,5. 50,7
Hammelkeule . ... “ 41,6 | 36,7 | 39,4 36,3 39,3 35,5|38,5|37,6 40,2 41,0 39,6 | 33,1 ' 38,2 | 37,1 ı 41,9 37,0 38,4
Huhn ai » 39,8 |37,8141,7 40,5 40,4 32,8 | 36,1 | 39,5 41,0 44,3 36,1 32,9 420 340 37,533,8 37,8
Lachs (konserv.) '. . x 27,7 132,91 29,5 31,0 32,0 34,6ı29,9' 29,5 28,5‘ 28,9 32,7134,2 28,3133,0 30,5 32,1 37,4
Milch. .;...... Quart :13,0|14,0 | 12,0: 14,0 14,0 13,0:10,0 | 15,0 12,0 ' 14,0 13,0111,0 14,0|16,0 18,0 19,0 12,3
Butter ........ Pound 58,1'49,4 50,8 53,2 52,3 50,3 48,0'52,4 75,5‘ 53,2 52,5 46,9 51,9'55,7 52,9 56,1 52,2
Oelmargarine ..., w 28,8 27,6 30,9 32,0: 30,1 26,9 27,8 31,1 30,6 131,4 27,9 27,5 28,8 134,0 30,4 37,6 31,8
Nussmargarine . % 27,7 25,7 29,8 31,1127,5 27,6 27,5 28,3 29,7'29,7 25,9 28,7 29,3'31,4 31,6 33,9 29,5
Kaiser ” 36,6 40,1 36,1 35,9 37,5 37,0 35,0 37,4 38,1 38,4 34,6 33,7 36,2 34,8 33,0 36,2 35,4
Eier .........Dutzend 37,4 40,5 35,6 40,4 40,1! 34,5 37,4 149,2 40,3 41,5 36,1 34,2 39,3 36,2 39,5 37,9 37,5
Brot ........ Pound 9,4 9,9 9,3 :8,0 8,71 9,6. 9,01 9,6; 9,4 9,21 9:5 10,2, 9,9 10,3 10,8 10,4 58,9
Mehl Sl ” 5,6 5:4 5,9|:5,9 5,953,9 5,2 61/57 35,8 5,71 5,8| 6:55 69 72371 7,4
Weisse Bohnen... 9,4 9,9 8,6| 9,7} 9,2|/10,1 9,5,11,3|10,1 9,6 JO) 9,8 | 10,4 12,6 10,8!12,2 9,8
Kartoffeln... 5. „ 1; Sl 23 24 2:6| 1,7128 1,8: 2,9136 2,91 281 1,4 41 32 24 3,7 3,2
Zucker, gemahlen . ” 6,7 69 7,2| 2,41 231.7,7,16,9 62/ 6,3 7,2} 7:2 1,11 7,2 1771 6,8 7,7] 68
Tee a nee 5 76,4 74,1‘ 75,0 | 79,1 | 73,5 | 82,1 Imı'2 63,9 | 70,3 : 79,1 70,0! 72,9 | 67,7 98,8 ı 72,5 | 91,8 | 83,2
Kaffee... 7 ” 49,6 51,5 46,0|52,8 52,0 ' 53,3 48,2 46,0 | 45,9 151,3 48,8 53,1|51,4 51,0 45,8 54,0 37,4
Pflaumen. ... ” 16,7 18,1 Ab 17,8 17,3 15,6|14,8 19,8 19,5 | 17,9 15,1 | 17,5 16,5 ı 19,6 | 18,8
Apfelsinen . .... Dutzend 56,3|60.0|54.8' 599/587. 54.2 54.1}68,5| 64,9 | 59,3 51,2 155.3 | 50.2 ! 51,5 | 48,5 ! 55,9 | 49,9
        <pb n="181" />
        Umrechnung in deutsche Maße, Gewichte und Geldpreise in Pfennige.

Ki SS Ss Yes
Ss 3 © | As = | 3585 85
WE  AHE: Qp SU
En 8! SB SP Sl Bl AS SE Sl SM BEST Ed
SR SS EN Sa A aD ESS ER E=lE5
Ss „m ‚ES o © SS 3 { = ze 4 | 3 ‚5 ss CS

[&lt;6] OÖ 3. | SS s - = Q, B N _ | N ©) OU
Rindfleisch: beste Qual. Pfund 192 201 175|177 191 183 173 207 246 | 212 ' 174 | 166 151 177 158 ‘177 | 157
billigste ;, 71 64 77 / 59 61 57 62 908 5077 546 62 55 728 628 68 68 | 75
Schweinekotelett ... 171 W160" 169 | 177 | 177% 154 1608181 3183 || 178 | 146 154 | 195% 16214 158% 159 | 148
Speck in Scheiben. .-: „ 191 231 | 191 1219 | 21910225 W214 82121 198 i 225 1210 | 2181 265 3201 | 198 | 212 | 202
Schinken in -. 2571124511246 | 261 | 2608254 1122601265 | 268 "| 267 [235 | 23311. 282 1260/11230 | 243 |.234
Hammelkeule ..; ; ;. 19211700182 | 168% 18208164. 1.178 12 186 |" 18911 183% 1538 176 W171 1948 171 | 177
HS er ‚184 175' 193 '] 187 187.152 1671182 1189 | 205{! 167° 1528 197 W157 17381 1564| 175
Lachs (konserv.). . .:. 1281" 1520 1361| 1434| 1480160W 13801364 132 1344| 151 4 1588 131 | 1520141 1481 173
Milch ;. ......., Literm 485 520 441 520 52 48 37 560 446 521 48 41 520 3598 67 70 46
Butter. ........ . Pfund268 22823511246 242 E2320 22200242349 | 246 | 243 217240 257 1244 | 25901241
Oelmargarine .. .  "— 133 128 143 148 139 124 128 144 141 145! 129 127 133 157 1401174 147
Nussmargarine .. ... 128911981384. 144 Mı27 Wız8H 127.131 1370137 | 120 {1330 135 14501468 157011136
Nase , 169 W185167 (166 1.1738171 | 1621738117611 177 | 160[. 156 167W 16131524 167 164
Eier... 4... Dizd.al57 | 1708150 | 17015 1680 1504 157207816941 1741| 152 1440 1650 15208 166 1] 159% 158
Brot. ;. 7 Pfund 43 | 46 43| 37| 40 44 42 44 43| 43| 441 47 46 48 50| 48 41
Mehl... . 0... 26 1 25027 | 271427 27 24028. .26% ‚27 2641,27 30 32 34 1 13301. 34
Weisse Bohnen ... 434 4601 40| 451 43 | 4701 440005200 47 | 44 | 42 | 45 ‚480588 150 | IS64 245
Kartoffeln.....‘... 3 148 110 11 12 8| 11 8a 13 17) Bl B 61 196° 15 11 17 15
Zucker, gemahlen. . . I. 31 | 328 33 341 341 36| 32 | 29 29| 33] 34| 368 33% 361 31 | 36 | 31
Tee. ...... . 1353 | 3421347 | 365 |. 340 | 379 11329 | 295 [325 365 | 323 || 337 313 | 456 | 335 | 424 384
Killer 229 | 2380213 | 2441124011 246 0223 | 213° 2121237 | 225 | 24511237 |" 236 | 212 | 249 | 173
Pflatimen .....'. .. vo / 84 | 81 | 88 &amp;/ / 82 80 727 681 91] 907 83.70 81 76 | 91 87
Apfelsinen _. ...... Dutz.|| 236 | 252 | 230 252 | 247 | 224 | 2.7 | 288 | 273 | 249 | 215 | 232 1211 | 216 | 204 | 235 | 210
— Die Zahlen dieser Seite zeigen die amerikanischen Preise in deutschen Pfennigen, und zwar für die umgerechneten Maß- und Gewichtseinheiten, also

= lı für Pfund, Liter usw. statt der englisch-amerikanischen Pound, Quart usw, (vorige Seite).
        <pb n="182" />
        Höchste und niedrigste Kleinhandelspreise der vorstehenden Tabelle
Cent |Pfennig Cent Pfennig Prozent

Rindfleisch:
beste Qualität... ...... 2327 | 151 53,3 ‚246 63
billigste Qualität ....... 10,8 | 50 | 19,4 | 90 80
Schweinekotelette ....... 31,6 | 146 42,2 | 195 34
Speck in Scheiben ....... 41,3 | 191 57,4 ‚265 39
Schinken in Scheiben ..... 49,0 |226 || 61,0 282 ı 25
Hammelkeule;. ..... 38,1 [153 1419 194 27
An 832,8 [152 044,3, 205 35
Lachs (konserviert). ...... 27,7 |128 | 37,4 173 35
Mi 10,0 | 37 | 19,0 ı 70 90
Butter... er WORT ka 349 61
Oelmargarine .......... 26,9 | 124 | 37,6 174 40
Nussmargarine .......,.. 25,7 [119 | 33,9 157 82
Ki 33,0 |152 | 40,1 185 22
Biete a SA E92 207 44
Brot... 04 ae 80a [108 SO 35
MEERES area BEN 42
Weisse Bohnen... 5... 26140 | 5 58 45
KarloHein ee ea ‘4 6,4% ‚94 193
Zucker (gemahlen) .. .....: 8 129 9 4
Dee ea Se 98,8 | 456 5
Kalte... 8 [540249 ;
PHAMMER A SL late 4
Apfelsinen. ........... 48,5 |204 ‘ı 68,5 |288 j

180
        <pb n="183" />
        offiziellen, vom Labor Department gemeldeten Kleinhandelspreise
von 17 verschiedenen Städten in allen Landesteilen folgen, deren
Preise wir ebenfalls für deutsche Mengen und in deutsche Geld-
währung umgerechnet haben. (Seite 178 bis 180.)

Nach den Veröffentlichungen des amerikanischen Arbeits-
departments stellt sich die Indexziffer für die Kosten der Lebens-
haltung während der letzten Jahre wie folgt dar:

(1913 = 100)
1920 | __ 1921 = E 1922 | 1923 | 1924 BA 1925
März... — = 166,9 168,8 170,4 a
Juni... 2165 180,4 166,4 169,7 169.1 4
September = 177,8 166,3 1 172,1 17%5
Dezember 200,4 174,3 169,5 173,2 — 78

In der Gesamt-Indexziffer von 178 für Dezember 1925 sind die
einzelnen Lebenshaltungsfaktoren mit folgenden Teuerungszahlen
yerfreien: Nahrunz if ....... 2... 1532

EG 180,0
Wohnung .. 175,1
Beleuchtung ........ 186,9
Möbel und Hausrat... . 224,2
Verschiedenes .......... 209,8

Wesentlich unter dem Gesamtindex stehen also nur die Preise
der Lebensmittel zum Nachteil des amerikanischen Farmers. Be-
deutend über dem Gesamtindex liegt dagegen die Teuerungsziffer
für industrielle Erzeugnisse, wie Möbel und Hausrat. Auch unter
„Verschiedenes“ sind solche enthalten.

Die volkswirtschaftliche und sozialpolitische Literatur Amerikas
nennt an verschiedenen Stellen die Summe von 1100 Dollar als das
Minimum eines Jahreseinkommens, welches erforderlich ist, um
eine vier- bis fünfköpfige Arbeiterfamilie zu unterhalten. Was
darunter liegt, ist „poverty level“, Armutsgebiet. Nach dieser
Rechnung muss angenommen werden, dass reichlich ein Drittel der
Industriearbeiterschaft der Vereinigten Staaten im Dunstkreis der
Armut lebt. Allerdings muss, um nicht eine irreführende Dar-
stellung zu geben, gesagt werden, dass die Lebenshaltung für eine
fünfköpfige Familie mit einem Jahreseinkommen von 1000 bis 1100
Dollar noch erheblich über dem liegt, was wir Armut nennen
würden, so dass die höheren Einkommen innerhalb der „Armuts-
grenze“ noch keine Armut in europäischem Sinn bedeuten, doch
liegen auch sehr viele Einkommen tief unter der „Armutsgrenze“.

|

181
        <pb n="184" />
        Für die unteren Einkommen (bis herunter zu 1100 Dollar) rechnet
die amerikanische Statistik auf die einzelnen Haushaltsangaben:
Nahrung re 40 Prozent Der ‘ 54,77 Prozent
Kleidung 27.0 Ci
Wöhnuhg index O0 051 £
Heizung und Beleuchtung rechnet 5,55
Verschiedenes .......... dafür: gs

Das „fair minimum‘ oder „health and decency budget“, das
heisst die Mindestsumme für eine auskömmliche, gesundheits-
mässige und „anständige‘“ Existenz, liegt für die Durchschnitts-
familie in den Städten des Ostens nach statistischen Angaben der
staatlichen Bureaus sowohl als auch der öfters genannten Unter-
nehmervereinigung zwischen 1600 und 1700 Dollar. Ein solches
Einkommen wird allerdings, wenn man den Durchschnitt ganzer
Industrien betrachtet, nur von einzelnen Gruppen verdient. Die
kursiv bzw. fettgedruckten Ziffern der nebenstehenden Aufstellung
sollen zeigen, in welchen Industrien der Durchschnittslohn unter-
halb der Armutsgrenze ist, und in welchen er den „Gesundheits-
und Anständigkeitsstandard“ erreicht.

Darnach liegt also im Durchschnitt der gesamten Baumwoll-
industrie — im Norden sowohl wie im Süden — das Arbeiter-
einkommen unterhalb der Armutsgrenze, dasselbe gilt für die
Strumpf- und Wirkwarenfabrikation. Ausserdem muss auch hier
wieder daran erinnert werden, dass die Meldungen, auf denen die
Statistik beruht, freiwillige sind. Bei voller Erfassung der Verhält-
nisse würden wahrscheinlich auch noch andere Industrien mit dem
Durchschnittslohn unter die Armutsgrenze fallen. Dazu kommt
eine sehr grosse Gruppe von wahrscheinlich etwa einer halben
Million Eisenbahnarbeitern, die ein Jahreseinkommen von 1000
Dollar nicht erreicht. Den „Gesundheits- und Anständigkeits-
standard“ erreichen im Gesamtdurchschnitt nur vier Industrien: die
Automobilindustrie, die Fabrikation schwerer Eisenwaren, das Buch-
druckgewerbe und die Zeitungsdruckereien.

Die Gewerkschaften sowie statistische Bureaus einzelner Städte
stellen sogar „kulturelle Lohnminima‘ auf, die für die einzelnen
Grossstädte des Ostens zwischen 2000 und 2500 Dollar liegen.
Solche werden in keiner einzigen Industrie als Durchschnitt ver-
dient, vielmehr sind dies etwa die Einkommen der gelernten und
organisierten Arbeiter des nordöstlichen Industriegebiets, die von
2000 Dollar ansteigen und in einzelnen Fällen bei 3000 Dollar und
selbst um einiges darüber liegen.

Zum Schlusse sei hier noch eine indexmässige Vergleichung der
Reallöhne in je einer Grossstadt der drei grossen germanischen

182
        <pb n="185" />
        Durchschnittliche Stunden- und Wochenlöhne in den verschiedenen Industrien
der Vereinigten Staaten im Monat Mai 1925*)
a Pro Stunde |Pro Woche N5200n Wochen)
Dollar ! Dollar Dollar
Landwirtschaftliche Maschinen .... 0,582 28,83 1 499,16
Automobilindustrie. .. ..:. +. + 0,655 32,22 1675,44
Schuhindustrie.. 4. 0,509 ı 23,01 1 196,52
Chemische Industrie... 0,535 | 28,21 1 466,92
Baumwollverarbeitung (Norden) ... 0,428; 20,81 1 056,12
Baumwollverarbeitung (Süden) .... 0,300 15,67 | 814,74
Elektrofabrikation. . ......-..:.. 0614 1 28,28 | 1470,56
Möbelindustrie . 0,535 | 24,90 1 294,80
Strumpf- und Wirkwaren ....... 0,416 | 18,79 977,08
Lederbearbeitung ......... 4. 0,514 '| 24,19 1 257,88
Holzbearbeitung... . 4 0,486 | 23,93 ' 1244,36
Schlächterei und Fleischkonservierung 0,512 ı .25,30 | 1318,60
Lack- und Farbenfabrikation ..... 0,517 || 27,88 | 1449,76
Papier- und Kartonnagenfabrik ..... 0,532 | 26,83 | 1395,16
Papierwarenindustrie. ......... 0,501 ' 23,99 I 1247,48
Buch- und Akzidenzdruck ......'. 0,696 32,23 1 1 675,96
Zeitungs- und Zeitschriftendruck ... 0,836 37,74 1 962,48
Gummiindustrie. . 0 0,651 29,44 1530,88
Seidenindusirie .... 0 0,478 “ 22,30 1 159,60
Wollwafenindustfie. ee 0506 2228 1168,56
Eisen- und Stahlerzeugung .....- 0,638 32,78 1 704,56
Giesserei- und Maschinenindustrie .. 0,589 ! 28,70 1 492,40
1. Giessereien, J,999 * 293,33 1 525,16
2. Maschinen und Werkzeuge. ... 0,585 28,48 1 480,96
3. Schwere Eisenwaren ......-. 0,905 8.01 1664,52
4. Klein-Eisenwaren ..... .... Viel wrx 1321,32
Gesamtdurchschnitt ........- 0,560 ! 27,02 || 1405,04
*) Zusammenstellung des „National Industrial Conference Board“.

1823
        <pb n="186" />
        Industrieländer gezeigt, wie sie das Arbeitsstatistische Bureau der
Vereinigten Staaten an dem Massstabe von London gleich 100 zu-
sammengestellt hat:
Vergleichsweise Reallöhne
zu Berlin, London und Philadelphia im Oktober 1924. London = 100
Indexziffer auf Grund der üblichen Allgemeine durchschnittliche
Lebensmittelmengen in Indexziffer
x auf Grund der | unter Berück-
genden, mngtma There Shen
Berlin... ..., 68 60 63 65
Londom ..... 100 100 100 100
Philadelphia ... 205 221 221 220

Nach der obigen Aufstellung war also damals der Reallohn in
Philadelphia gegenüber dem in Berlin — selbst unter Be-
rücksichtigung der verschieden hohen Mietpreise (vgl. die letzte
mit der vorletzten Rubrik) — reichlich das Dreiundeindrittelfache
oder genau das 3,38fache.

Mag diese Verhältniszahl auch für die amerikanische Stadt etwas
zu günstig lauten, so kam sie doch der Richtigkeit ziemlich nahe.
Dies wird jeder bestätigen, der Gelegenheit hatte, sich in beiden
Städten nach den sozialen Verhältnissen umzusehen. Auch das
Verhältnis London zu Berlin war zu jenem Zeitpunkte nach unserer
Erfahrung nicht weit von der Tatsächlichkeit entfernt. Seitdem
hat sich das Verhältnis um einiges, wenn auch sehr ungenügend,
zugunsten Deutschlands geändert.

184
        <pb n="187" />
        V. Eine kleine Sonderbetrachtung
Das Alkoholverbot oder die „Prohibition‘“.
S° unvollständig eine soziale Abhandlung dieses Umfanges sein
muss, und so begreiflich dies wahrscheinlich allen Lesern ist, So
würde der Verfasser doch ihre Nachsicht missbrauchen, wollte er
der Mühe aus dem Wege gehen, einige Worte über das berühmte
oder berüchtigte Alkoholverbot, dessen Bedeutung und Wirkung
zu sagen. Dabei muss man sich allerdings — strikter noch als im
übrigen Text dieses Buches — mit blossem Berichten eigener Wahr-
nehmungen und erhaltener Informationen begnügen. Denn nach
kurzem Aufenthalt im Land ein Urteil abgeben zu wollen, wäre um
so anmasslicher, als selbst unter wohlinformierten und politisch
aktiven Amerikanern die Meinungen sehr geteilt sind. Zwischen
leidenschaftlicher Befürwortung und hitziger Bekämpfung des Ge-
setzes finden sich alle Stärkegrade der Bedenken, der Kritik und
der Einschränkung. Was wir also hier geben können, sind die ganz
oder bedingungsweise befürwortenden sowie die ablehnenden
Stimmen, welche wir vernahmen, und unsere eigenen Eindrücke
von der Handhabung, Einhaltung oder Verletzung des Gesetzes.
Vorläufer des allgemeinen bundesstaatlichen Alkoholverbotes
waren einige wenige Verbote dieser Art, welche vor dem Krieg in
einzelnen Staaten bestanden. Ihr Wurzelboden und Entstehungs-
grund war in der Hauptsache die englisch-puritanische Religiosität,
welche in Amerika ebenso wie in England rührig auf das öffentliche
Leben einwirkt. Dem religiös sittlichen Motiv der Trunkbekämpfung
gesellte sich im Kriege ein merkwürdiger Bundesgenosse in der
Gestalt der Feindschaft gegen das in der Hauptsache deutsche
Braukapital, und weiterhin begünstigte den Schnapskreuzzug die
moralinsäuerliche Atmosphäre, die der aktive Eintritt in den Krieg
erzeugte. Als dieser 1918 zu Ende ging, war bereits etwa die Hälfte
von den 48 Bundesstaaten mit dem Alkoholverbot gesegnet. Da die
kriegsgeborenen Tugenden der Sparsamkeit und frommen Sitte
zunächst weiterwirkten und immer mehr Einzelstaaten zu Verbots-
massnahmen schritten, so brachte der Sommer 1919 den Erfolg,
dass das allgemeine Verbot zum Bundesgesetz erhoben und sogar
der Verfassung als Nachtrag einverleibt wurde. Der Charakter des

185
        <pb n="188" />
        Verbots als Verfassungsbestandteil ist in mehr als einer Hinsicht
bedeutungsvoll und muss deshalb besonders beachtet werden!

Verboten ist nach dem Gesetz „die Fabrikation, der Verkauf oder
Transport von berauschenden Getränken“. Als berauschend gelten
Getränke mit einem Alkoholgehalt von mehr als einem halben
Prozent. Es gibt also ausser dem zu jeder Mahlzeit im Restaurant
kostenlos verabfolgten Eiswasser und der als Getränkeersatz ge-
schlürften süssen Eiscremen in jenem Lande der Mässigkeit immer
noch einen, wenn auch nicht sehr teutonisch schäumenden, Meet,
das sogenannte Schwachbier, das dem Geschmack nach etwa
zwischen Chabeso-Limonade und Seifenwasser rangiert und das,
wenn reichlich genossen, zwar keinen Rausch, aber Magenschmerzen
verursacht. An den Genuss des Eiswassers kann der Fremde sich
schwer gewöhnen, der Einheimische dagegen trinkt es überall und
zu jeder Tageszeit. Es wird ihm nicht nur in Speiselokalen, sondern
in jeder Fabrik, in öffentlichen Gebäuden, im Hotelzimmer, in der
Eisenbahn in Gefässen oder aus Fontänen geboten, und man war
ebenso erstaunt wie erheitert, als wir auf eine entsprechende Frage
sagten, dass bei uns in Deutschland das Eis meist nur in Gummi-
beuteln zu Heilzwecken verwendet wird, und zwar gegen Krank-
heiten, deren erste Anzeichen sich im Kopf geltend machen.

Zwei spezifisch amerikanische Rechtfertigungsgründe, die. in
durchaus einleuchtender Weise für ein wirksames. Alkoholverbot
sprechen, lauten — Erstens: Der Verkehr mit Motorfahrzeugen in
diesem Lande ist so intensiv, dass ein Trunkener im Automobil hier
mehr als irgendwo anders namenloses Unheil stiftenkann. Zweitens:
Die Vielheit von Rassen in diesem Volk, ihr teilweiser kultureller
Tiefstand und der Streit und die Gegensätze zwischen ihnen (man
denkt hierbei besonders an die Neger) sind Gefahrenmomente, die
bei reichlicher Trinkgelegenheit zu den grössten Schand- und Blut-
taten führen können. Angetrunkene Neger haben oft böse gewütet
und bedienten sich (da ihnen die strategische Verwendung des
Masskruges unbekannt ist) des Messers und des Revolvers,

Ein weiteres, sehr verbreitetes Argiüment sagt: „Ja, allerdings hat
das Verbot nur die Wirkung einer gewissen Konsumverminderung,
aber diese wirkt sich gerade in jenen untersten und ärmsten Volks-
schichten aus, wo der Alkohol einstmals die übelsten Verheerungen
anrichtete, bei den Arbeitern.“ Mit frisch-fröhlicher Offenheit trug
uns diese Meinung eine Amerikanerin vor mit den Worten: „Das
allgemeine Verbot ist natürlich Humbug, aber für die Arbeiter ist
es sehr gut. Seit es besteht, erwerben sie Wohnungen, Motorwagen
und Radio, statt zu zechen. Da wir Gegner einer Seligmachung
der Arbeiterklasse durch den polizeilichen Schutzengel sind (auch
wenn Automobil und Radio die Seligkeit verschönen), so wollte
uns dieses Argument nicht recht einleuchten.

186
        <pb n="189" />
        Die Aussagen über das Verhältnis von guten dyschlechten
Wirkungen des Alkoholverbots stellen zwei ganze/einander gegen“
überstehende Armeen von „Einerseits“ und „Anderseits“ dar. Wir“
können hier absehen von der schärfsten, aber doch 6ftogelörtön *
Verurteilung des Verbots, welche in der Behauptung gipfelt, dass, *
seit dessen Bestehen überhaupt nicht weniger getrunken werde?
Dies ist wahrscheinlich unrichtig, denn nach dem u&amp;nis-g auß&gt;,
würdiger Amerikaner und früherer deutscher Besucher andes‘
hatte der Alkoholkonsum ehedem in den „Saloons“ oder Trinkhallen
bei dem Fehlen der deutschen Gemütlichkeit (die offenbar zum
Trinken gehört wie die Lunge zum Atmen) oft die Form des Rekord-
und Dauersaufens. Dies hat seit der Abschaffung der „Saloons“
aufgehört. So kann man also sein Ohr zunächst ruhig jener Dis-
kussion leihen, welche um die Streitfrage geht, ob das Verbot den
Trunk um 20, 25, 30, 35, 40, 42% oder gar 45 Prozent gemindert
habe. Die letztere Ziffer ist so ungefähr das höchste, was ernst zu
nehmende Leute drüben schüchtern zu behaupten wagen. Es wäre
auch für die Amerikaner selbst kein Kompliment, wenn man ohne
weiteres der Annahme stattgäbe, dass sie einst in den Zeiten
goldener Freiheit ein Doppeltes tranken von der nicht knappen
Menge, die sie sich heute noch genehmigen.

Der Annahme, dass das Verbot vorwiegend die Arbeiterschaft
und namentlich die vorhergehend besprochene Unterschicht der-
selben betroffen habe, ist eine starke Wahrscheinlichkeit nicht ab-
zusprechen. Diese Vermutung wird schon nahegelegt durch die
mächtige Preissteigerung, welche die Alkoholika durch das Verbot
erfahren haben. Man kann sich von diesen Preisen, die natürlich
keineswegs einheitlich sind, etwa eine Vorstellung machen, wenn
man zurückdenkt an die Preise, die während unserer Rationierungs-
jahre für im Schleichhandel vertriebene Lebensmittel gezahlt
wurden. Fine Flasche Whisky oder Kognak kann irgendeinen
Kaufpreis zwischen 6 und 18 Dollar haben. Es ist klar, dass die
meisten Arbeiter nicht in der Lage sind, grössere Alkoholmengen
mit solchen Preisen zu bezahlen. Die Beschaffung der Roh-
materialien zur Eigenfabrikation und die dazu erforderliche Haus-
destille, jener Apparat, von dem uns Amerikaner scherzhaft sagten,
dass er in jedes christliche Heim gehöre, ist ebenfalls nicht gerade
billig, so dass man getrost sagen kann, dass das Verbot für die
untersten Bevölkerungsschichten immerhin eine scharfe Ratio-
nierung bedeutet.

Die soeben erwähnte Eigenherstellung alkoholischer Getränke
mit Hausdestillen ist übrigens ein besonderes Kapitel von ziemlicher
Mannigfaltigkeit. Das Bundesgesetz verbietet die Selbsterzeugung
nicht und gleichfalls nicht die Darreichung des Getränks an be-
5 1) Val.z ] B. Legien: „Aus der amerikanischen Arbeiterbewegung.“
187
        <pb n="190" />
        kannte oder befreundete Besucher. Dennoch wird beides, das
Fabrizieren wie das Kredenzen des „home brew“, mit äusserster
Vorsicht ausgeübt, sei es, weil es die Familie um den Ruf als loyale
Staatsbürger bringen kann, sei es, dass die Interpretation des
Begriffs „bekannter oder befreundeter Gäste“ im Zweifelsfall allzu
leicht gegen den hochherzigen Gastgeber ausschlägt.

Auf der anderen Seite kann man aber der häuslichen Schnaps-
fabrikation nicht gut entraten, denn man wird schwerlich einen
Gast, an dessen Freundschaft einem gelegen ist, im Hause emp-
fangen, ohne ihm seine Wertschätzung dadurch zu demonstrieren,
dass man alle Gefahren der Alkoholbeschaffung zu Ehren seines
Erscheinens auf sich nimmt. Selbst Babbitt, der Romanheld, das
etwas in die Karikatur gezogene Muster eines loyalen Bürgers,
der auf das herrschende Parteibekenntnis seiner Heimatstadt
schwört, die dominierende Religionssekte unterstützt, über alle
Fragen der Zeit und Ewigkeit die offiziell gestempelte Meinung
eifrig vertritt und sich völlig der Konvention unterwirft, schleicht
im Abenddunkel zu einer obskuren Lokalität, um für seine Gäste
den verbotenen Labetrunk zu besorgen. — Und gar in den seligen
Gefilden der Jazz-Band, auf dem Tanzboden, erobert man die
begehrtesten Tänzerinnen durch das berühmte Fläschchen in Ge-
sangbuchformat — „hier an dem Herzen treu geborgen“.

Leider ist die häusliche Schnapsbereitung mit mancherlei Ge-
fahren verbunden. Unkundige gelangen bei der Fabrikation zu
einem dem Holzgeist ähnlichen Resultat, dessen Genuss zur Er-
blindung führt. Die amerikanischen Krankenhäuser sind auch tat-
sächlich, wie wir selbst bei Besuchen in solchen gesehen haben,
voll von Menschen, die auf diese Weise ihr Augenlicht ganz oder
teilweise verloren oder sonstwie an ihrem Körper schweren
Schaden litten, so dass es gut wäre, entweder die sokratische
Unterweisung in der Achtung vor dem Gesetz strikt durchzuführen,
oder aber die angehende Hausfrau schon als „höhere Tochter“ über
die gesundheitsgemässe Getränkezubereitung zu belehren. Man
sagt, die verschlechterte Qualität stifte heute nicht weniger Schaden
als früher die übertriebene Quantität. Ausgeschlossen wäre dies
nicht.

Betrachtet man aber die Verbotswirkung nach finanziellen Ge-
sichtspunkten, so ist es vollends unzweifelhaft, dass für den ver-
ringerten Konsum von heute bedeutend mehr Geld ausgegeben
wird als für die grösseren Mengen von früher. Die Herkunft der
verbotenen Getränke ist verschiedener Art. Sie werden von den
Küsten der Ozeane und auch über die Landesgrenzen herein-
geschmuggelt. Aber auch im Landesinnern ist die Herstellung nicht
völlig unterdrückt, da ja die Verwendung geistiger Getränke sowohl
für medizinische wie für kirchliche Zwecke erlaubt ist. Dass beide

188
        <pb n="191" />
        Lizenzen ausgiebig missbraucht werden, liegt auf der Hand und ist
auch festgestellt. Von den Religionssekten sagt der Federal Council,
dass für sie das Vierfache des tatsächlich für religiöse Zwecke ver-
wendeten Weines eingefordert werde. Die Fabrikanten und Händler
bedienen sich eben dieser Sondererlaubnis als Hintertür, um den
illegalen Überschuss gegen hohe Preise in den Verkauf zu bringen.
Das Schiebergeschäft mit alkoholischen Getränken hat ein unheim-
liches Ausmass, und manches unternehmungslustige und nicht allzu
ängstliche Geschäftstalent ist durch dasselbe zum ganzen oder
halben Dollarmillionär geworden. Da diese grossmütig genug sind,
von ihrem Überfluss auch andere empfangen zu lassen, So sind sie
schwer zu kriegen, denn nicht jeder subalterne Polizeibeamte weiss
ganz sicher, ob nicht in dem Alkohol, den er konfisziert, sein hoher
Chef sich die Hände gewaschen hat. Solches sagen, teils in An-
spielungen, teils in aller Deutlichkeit angesehene Zeitschriften, die
in Millionenauflagen übers Land fliegen. Die konkreten Fälle erfährt
man in privaten Unterhaltungen, aber auch indem man die Gerichts-
verhandlungen liest. Solcher Dienst an der Lockerung von Moral
und Gesetzesachtung nährt reichlich seinen Mann, und nirgends
gilt mehr als in Amerika der sinnvolle Spruch:

Lern’, Mensch, den Unterschied erkennen:

Verdienstvoll ist es, Schnaps zu brennen,

Bedenklich schon, ihn zu verkaufen,

Höchst unmoralisch, ihn zu — — trinken.

Dabei gibt die Bundesregierung für die Durchführung des Ver-
bots eine ganze Menge Geld aus; neuerdings etwa 10 Millionen
Dollar pro Jahr. Kenner der Verhältnisse schätzen — unter Hinzu-
zählung der einzelstaatlichen Kosten der Alkoholbekämpfung —
die jährlichen Ausgaben für den Schnapskrieg auf etwa 60 Mil-
lionen Dollar! Der „Prohibitionskommissar“, der hohe polizeiliche
Spezialbeamte, den es in jedem grösseren Stadtbezirk oder Distrikt
gibt, bewacht mit hundert Argusaugen das Verbot berauschender
Getränke. In Chicago hat er zur Zeit unseres Aufenthalts eine
strenge Durchsuchung der stadtbekannten vornehmen Schlemmer-
lokale erstklassiger Hotels angekündigt, und wir müssen kon-
statieren, dass schon die blosse Androhung ihre Wirkung hatte. Die
Whiskygläser verschwanden von den Tischen, und der Schnaps
wurde — aus Mokkatassen getrunken. So einfach ist die Sache
allerdings nur in den vornehmen grossen Lokalitäten verschiedener
Hotels, die Gesellschaften gehören mit „guten Beziehungen“ zur
Behörde. Die ärmlichen Gaststätten müssen derartigen Mangel an
staatsbürgerlicher Tugend nicht selten mit schwerer Strafe, ja mit
völliger Schliessung büssen.

Wie die Handhabung des Gesetzes nach der sozialen Rangstufe
seiner Übertreter verschieden gestaltet ist, so auch in örtlicher Be-

189
        <pb n="192" />
        ziehung je nach der Gesetzgebung und nach der Verwaltungspraxis
der einzelnen Staaten. Wir sagten hier, dass nach dem Bundes-
gesetz nur Erzeugung und Vertrieb, nicht aber das blosse Trinken
von Alkohol strafbar sei. Es gibt aber daneben in einzelnen Staaten
verschärfende Sondergesetze, wonach nicht nur öffentliche Trunken-
heit, sondern der Alkoholgenuss überhaupt bestraft wird. So
wurde uns von einem Staat des Mittelwestens erzählt, dass es dort
schon ausreichend sei, nach Alkohol zu riechen, um in den Höllen-
pfuhl der Vorbestraften zu versinken. Von einem anderen Staat
wissen wir, dass jedes Automobil einfach beschlagnahmt wird, bei
dessen Insassen man auch nur die geringste Menge Alkohol vor-
findet. — Sehr nachsichtig ist man hingegen im Staate New York.
In der Stadt selbst sahen wir auf einem mitternächtlichen Spazier-
gang in der Gegend des Times Square in Zeit von einer halben
Stunde drei Betrunkene, welche ihren Mageninhalt in wenig appetit-
licher Weise übers Zahngehege beförderten. Das Auge der aus-
übenden Gerechtigkeit blickte gütig lächelnd auf diesen Ver-
fassungsbruch, und dem einen der übelgewordenen Übeltäter half
sogar die Hand des Gesetzes in den herbeigepfiffenen Taxi hinein

Am bedauerlichsten werden die fraglichen 45 Prozent Alkohol-
konsumbeschränkung durch den Schaden an der öffentlichen Moral
kompensiert. Man muss sich gegenwärtig halten, was die staatliche
Verfassung einstmals dem Amerikaner bedeutete. Schon den
Zöglingen der Elementarschulen wurde sie nebst der Bibel als
Gegenstand inbrünstiger Verehrung präsentiert. Jetzt wird sie
täglich gebrochen. Tausende wandern wegen Übertretung der
Prohibition ins Gefängnis, und da man dies Gesetz oft und gern
übertritt, so gilt eine solche Strafe nicht einmal als besondere
Schande. Wer aber kann noch genau unterscheiden zwischen dieser
Art von der allmächtigen öffentlichen Meinung im voraus be-
gnadigten „Verbrechern‘“ und denen, die silberne Löffel stehlen?
Die letzteren werden mit Vorliebe sagen, sie hätten wegen Whisky-
trinken gesessen, und sich vor den Augen der Gerechten die
Märtyrerkrone aufs schuldbeladene Haupt stülpen. Denn als
Märtyrer fühlen sie sich alle, die Hunderttausende von Übertretern
des Schnapsverbotes. Und wenn der schulpflichtige Junge draussen
vor der Tür Posten steht, derweil sein Erzeuger im tiefen Keller
oder in der Waschküche den „homebrew“ fabriziert, so muss sich
die Familie vorkommen wie eine kleine Urchristengemeinde in
Roms Katakomben unter Nero und Diokletian oder die Hersteller
sozialdemokratischer Flugschriften unter Bismarcks Verfolgungs-
gesetz. Der zähe Widerstand dieser Gesetzesbrecher hat zuweilen
etwas Imponierendes und wäre einer besseren Sache würdig. „Man
bricht jetzt in diesem Land alltäglich ein Gesetz und will schliesslich
nicht einsehen, warum man nicht auch ein anderes gelegentlich soll

190
        <pb n="193" />
        brechen dürfen“, sagte uns in Chicago einer der klügsten Gewerk-
schaftsführer. Aus solchen Gründen sind wohl auch die Gewerk-
schaften, als das Gesetz selbst nicht mehr zu verhüten war, dafür
eingetreten, dass man wenigstens den Begriff der leichten Ge-
tränke, die nicht unter das Gesetz fallen, etwas weiter spanne. Eine
solche Lockerung wird wahrscheinlich auch für die Zukunft der
einzige gangbare Weg sein, um die Nachteile der jetzt bestehenden
Vorschriften zu beseitigen. An einen Widerruf des Gesetzes selbst
ist nach aller Voraussicht nicht zu denken. Die amerikanische Ver-
fassung gibt zwar Raum für Zusätze und Nachträge zu ihrem Text,
enthält jedoch keine Bestimmung darüber, ob und wie einer ihrer
Artikel und Bestandteile wieder entfernt werden kann.

Was wir hier kurz über das amerikanische Alkoholverbot be-
richteten, klingt gewiss nicht wie ein Preisgesang. So klar man
aber auch das Unheil, Elend und Verbrechen erkennen mag, welche
der Trunkenheit wie ein Schatten folgen, und so gross unsere Be-
reitwilligkeit ist, beizutragen zu dem Kampf gegen den Missbrauch
des Trinkens, so haben wir doch weder Anlass noch Berechtigung
zu der Bemühung, die amerikanische Form der Alkoholbekämpfung
günstiger zu sehen als die Amerikaner selbst, oder deren Wirkungen
anders darzustellen, als sie sich unseren eigenen Augen darboten.
Die allgemeine Schulungsarbeit, die Sportbewegung und die fort-
schreitende Verkürzung der Arbeitszeit, drei Faktoren voneminenter
Wichtigkeit für die geistige und sittliche Kultur wie für die Ge-
sundheit eines jeden Volkes, haben überall niederen Saufgelüsten
das Tummelgelände mehr und mehr begrenzt — auch in Amerika.
Die gehobene Kultur und Denkart nahm der Trinksitte ihre Rolle
als Lebensinhalt ganzer Volksmassen. Das Verbot hat diese Sitte
oder Unsitte mit einem neuen Reiz umwoben. So denken und
sagten uns zahlreiche Amerikaner, und nicht die schlechtesten. Die
Zahl derer, die das Prohibitionsgesetz in seiner derzeitigen Form
billigen, ist bestimmt eine Minderheit — vielleicht sogar eine
kümmerliche. Es ist eine unbestrittene Tatsache, dass die Zahl
seiner Anhänger fortwährend geringer wird und ehemals eifrige
Befürworter von ihm abrücken. Zu seinen Gegnern gehören nicht
nur Flaschenbierhändler und Schnapsbrenner — diese vielleicht
am wenigsten, denn die grössten und gerissensten verstanden sich
auf recht einträgliche Weise der allerorts blühenden Schieberei an-
zupassen. Vor allem aber lehnt es die grosse Zahl derer ab, die der
Meinung sind, dass eine blosse Verbrauchsrationierung von un-
bestimmter Höhe zu teuer bezahlt sei mit der Lockerung des
Respektes vor Gesetz und Staatsgewalt, der Verderbung der Volks-
gesundheit durch Eigenerzeugung von schlechtem Ersatz und dem
Grossziehen von Schiebertum und Korruption. Zu den Gegnern des

191
        <pb n="194" />
        jetzigen Prohibitionsgesetzes gehören viele, die an die Erziehungs-
fähigkeit der breiten Volksmassen glauben und mit Betrübnis
darauf hinweisen, dass die gutenResultate solcher Erziehungsarbeit
in den letzten Jahren vor der Prohibition durch diese gestört oder
zerstört worden seien. Sie alle befürworten die mildere Form der
Antialkoholgesetzgebung, wie sie Kanada hat und besonders skan-
dinavische Länder. Eine solche Gesetzgebung, die von vornherein
nur auf eine Restriktion hinwirkt, würde, wie uns drüben oft gesagt
wurde, nicht solche Umgehungspraktiken und deren schädliche
Folgen erzeugen, vor allem auch nicht der Schnüffelei und wider-
wärtigem Angebertum Raum bieten. Denn diese gedeihen mit Selbst-
verständlichkeit, wo ein Gesetz besteht, auf Grund dessen man
überall Verbrecher wittert.

1992
        <pb n="195" />
        VI. Zusammenfassung

ee wir nunmehr die vorhergehenden sozialen Betrach-

tungen, so sehen wir, wie in einem Lande mit grosser Frucht-
barkeit und reichen Bodenschätzen fast jeglicher Art die
geographischen und klimatischen Voraussetzungen zu wirtschait-
licher Machtentfaltung gegeben waren. Aber auch die Menschen
entsprachen den Erfordernissen zu einer solchen Entfaltung. Die
ursprünglichen Besiedler und heute massgebenden Volksschichten
des Landes entstammen dem germanischen Nordeuropa und be-
sassen und besitzen jene Anlagen zu wirtschaftlicher und indu-
strieller Rührigkeit, die auch in ihren alten Heimatländern den
kapitalistischen Industrialismus schuf, der der Welt des 19. und
20. Jahrhunderts seinen Stempel aufdrückte.

Im industriellen Europa ging Schritt um Schritt mit der Ent-
faltung des Industriekapitalismus eine gewaltige, nie in. der Welt-
geschichte erlebte Vermehrung der Bevölkerung, teils Ursache,
teils Folge der Industrialisierung. So wurde {fortlaufend jene
„Reservearmee“ gezeugt, jene billigen, stets erlangbaren Arbeits-
hände, welche die kapitalistische Produktion fordert: eine Menschen-
masse, gleichartig in ihrer Herkunft, uniform in ihrer Armut, ein-
förmig in ihren schmalen Lebensansprüchen.

Von dieser einen Seite her unterschied sich die Entwicklung in
Amerika grundlegend von derjenigen in unseren Ländern. Das
Siedlervolk war dünn gesät, und der Einwandererstrom, so stark
er auch in manchen Jahren und Jahrzehnten sein mochte, auch
nicht annähernd ausreichend, um einen Menschenverschleiss im
kapitalistisch-europäischen Ausmass zu gestatten, um durch all-
gemeinen Druck auf die Lebenshaltung jene gleichförmige Prole-
tariermasse zu erzeugen, die ein unbestreitbares Ganzes darstellt,
als Trittbrett der kapitalistischen Zivilisation. Menschenknappheit
(gemessen an dem unabsehbaren wirtschaftlichen Betätigungsfeld)
erzwang Arbeitslöhne, die schon vor dem Kriege bedeutend höher
waren als in Europas Industrien.

In dieser Situation, als Land eines schnell aufstrebenden Kolonial-
kapitalismus, mit grossen Möglichkeiten und relativ geringer
Menschenzahl, wären die Vereinigten Staaten vielleicht zu einem
„sozialen Erdteil“ geworden, wie das britische Australien, mit

193
        <pb n="196" />
        dem sie die aufgezählten Merkmale des Siedlerkapitalismus ge-
mein haben, wenn im Verlauf der Geschichte ihre Bevölkerung
nach Rasse und Herkunft, nach Tradition und kulturellen Voraus-
setzungen ebenso homogen geblieben wäre wie diejenige Austra-
liens. Allein hier tritt die Besonderheit der rassenmässigen Zu-
sammensetzung der Bewohner in Erscheinung. Elf Millionen
Neger, die vor wenig mehr als einem halben Jahrhundert noch
Plantagensklaven waren, und eine noch grössere Zahl von Neu-
kömmlingen aus agrarischen Ländern, ohne berufliche Quali-
fikation und mit geringen Lebensansprüchen, sind eine soziale
Menschenkategorie, die von vornherein mit ungleichen, nach-
teiligen Voraussetzungen in den Wettbewerb eintritt, eine Prole-
tarierschaft nach den Wünschen und Bedürfnissen des industriellen
Kapitalismus. So entstand dem Lande eine soziale Unterschicht,
bei der klassenmässige und rassenmässige Benachteiligung weit-
gehend zusammenfallen, was den Herrschenden die Trennung der
Gesamtarbeiterschaft bedeutend erleichterte, indem die klare Linie
der einheitlichen Interessen und des sozialen Kampfes der Gesamt-
arbeiterschaft verwischt wurde. (Ähnliche Gründe mögen wohl
zeitweise den sozialen Kampf in England gemildert haben, dessen
Kolonialproletariat sich in verschiedenen Formen ebenfalls als
unterstes Ausbeutungsobiekt darstellt, über welchem das heimische
Proletariat als eine Oberschicht gelagert ist.)

Und daneben blieb — der australischen Arbeiterschaft ähnlich —
eine arbeitende Oberschicht erhalten, deren Löhne zu den untersten
einen starken Abstand haben, die wenigstens einigermassen Teil-
haber ist an dem allgemeinen Wohlstande des Landes, und die
verständlicherweise dieses Gefühl auch keineswegs verleugnet.
Staatsbürgerstolz und Freiheitsbewusstsein sind bei ihr sehr
hoch entwickelt. Wer das Verwaltungshaus des amerikanischen
Gewerkschaftsbundes betritt, den begrüsst eine Inschrift, welche
lautet: „The soil of the United States is sanctified by liberty;
the seamen and the last of the bondmen are free“ („Der Boden der
Vereinigten Staaten ist geheiligt durch die Freiheit, der Seemann
und der letzte der Landarbeiter sind freie Männer‘‘), und dies ist
auch ungefähr die Schlüsselnote gewerkschaftlicher Kongress-
reden und ähnlicher Auslassungen. Sicher ist es viel weniger
die materielle Besserstellung durch verhältnismässig hohe
Entlohnung, die dieser gehobenen Arbeiterschaft ein solches Ge-
fühl staatsbürgerlicher Vollwertigkeit gibt, als vielmehr der Um-
stand, dass ihr (formell restlos, praktisch vielfach) die Wege offen-
liegen zu höheren Ebenen des sozialen Daseins. Dies haben wir
ausgiebig dargelegt.

Der Freiheitskult und die Aufstiegsaussichten haben lange Zeit
in der oberen Arbeiterschicht auch eine Ideologie begünstigt, die

194.
        <pb n="197" />
        auf sozialem Gebiet jenen Liberalismus des Gehenlassens und
Geschehenlassens befürwortet, und es ist interessant zu sehen,
welcher Wechsel sich gegenwärtig auf diesem Gebiet vollzieht,
wie der Industrialismus, nachdem er, besonders seit dem Kriege,
als Massenerscheinung auftritt, unter der Arbeiterschaft die
Psychologie des Industriearbeitervolkes zeitigt, wie der Gedanke
des Arbeiterseins als Schicksal aufkeimt, folglich soziale Forde-
rungen erhoben werden und die Gewerkschaften für den
Arbeiter Sicherungen verlangen gegen die Zufälle der Krankheit,
des Verunglückens usw. Bezeichnend hierfür ist die Stellungnahme
des Amerikanischen Gewerkschaftsbundes zur Unfallversicherung
(siehe Seite 130). Auch der Schutz der Frauen- und Kinderarbeit,
gegen welchen die Industriellen und auch die offiziell regierenden
Gewalten sich so sehr wehren, muss und wird in absehbarer Zeit
sich durchsetzen.

Die Löhne sind hoch, sie sind es insbesondere, wenn man sie mit
den unsrigen vergleicht. Das gilt nicht nur für die gelernten
Arbeiter im engsten Sinne, sondern für weite Arbeiterschichten
darüber hinaus. Wenn wir im Durchschnitt auch mehr als ein Drei-
faches der deutschen Löhne annehmen, so greifen wir nach dem
vorher Berichteten wahrscheinlich nicht zu hoch.

Aber auch die „Reallöhne‘“ sind hoch, und wir möchten sie im
Durchschnitt auf das annähernd Zweieinhalbfache der deutschen
einschätzen, denn diese eine Wahrnehmung, die wir machten, trifft
in Amerika mehr als in Deutschland zu: Je niedriger der Lohn,
desto höher der verhältnismässige Reallohn! Der ungelernte
Arbeiter in Amerika, der zwischen 3 und 4 Dollar pro Tag ver-
dient, hat vielleicht nur den dreifachen Nominallohn des deutschen
Arbeiters gleicher Art. Aber ein solcher Arbeiter wird den
grössten Teil seines Lohnes ausser für die (nach Lebensgewohn-
heit und Volkszugehörigkeit verschieden hohe) Miete für Er-
nährung und Bekleidung ausgeben. Für diese beiden Posten aber
wird er auf seiner bescheidenen Stufe der Lebenshaltung nicht viel
(wenn überhaupt) mehr aufwenden müssen als für die gleiche
Lebensführung in Deutschland. Diese Tatsache haben wir in sorg-
samen Beobachtungen vielfach bestätigt gefunden. Weder stellt
sich die im Haushalt zubereitete Kost viel höher als bei uns, noch
ist dies in den bescheidenen Speiseanstalten der Fall. In einer
solchen haben wir zum Beispiel in Milwaukee ein Eisbein mit
Sauerkraut zum Preise von 25 Cent, gleich einer deutschen Mark,
erhalten. Man könnte eine Preisfrage daraus machen, wo wir es in
Deutschland für diesen Preis erhalten würden. Solche Speise-
lokale sind in Amerika allerdings zur Massenabfertigung ein-
gerichtet. Weibliche Bedienstete geben dem Gast zugleich mit
dem bestellten Essen ein Billett mit dem aufgedruckten Preis, der

195
        <pb n="198" />
        dann am Ausgang an einer Art Sperre entrichtet wird. Infolge
dieser Einrichtungen werden die Kosten des Unternehmens für die
Bedienung auf ein Unbedeutendes gebracht. In einem gewählteren
Lokal, das man in Deutschland ein „bürgerliches Restaurant‘
nennen würde, haben wir für den gleichen heimatlichen Genuss
das Doppelte, also 50 Cent gezahlt, weil dort männliche Kellner-
bedienung und einige Ausstattung der Räumlichkeit den Betrieb
verteuern. Ähnlich verhält es sich mit den Preisen für Wäsche
und Kleidung. Man kann stundenlang darüber diskutieren, ob ein
bescheidener, fabrikmässig hergestellter Anzug in New York um
5 oder um 10. Prozent oder gar nicht teurer sei als in Berlin;
sehr viel teurer als in Deutschland ist gewöhnliche Kleidung auf
keinen Fall, während Massware wieder wesentlich teurer ist, da
ihr Preis viel Arbeitslohn enthält. Ist also bei einer Lebenshaltung
auf tieferer Stufenleiter (wenn man von den gerade auf niederer
Stufe sehr verschiedenen, aber auf jeden Fall hohen Mietpreisen
absieht) die Kaufkraft des Dollars mindestens der von drei deut-
schen Reichsmark gleich, so ändert sich dies, sobald man in höhere
Regionen des sozialen Daseins steigt. Der besser bezahlte
Arbeiter, der ein Vier- und Fünffaches seines deutschen Berufs-
lohnes erhält, gibt von seinem Einkommen einen viel geringeren
Bruchteil für blosse Nahrung aus. Seine Kleidung ist bereits von
der teureren Art. Er bewohnt die guten Wohnungen, die das Vier-
bis Fünffache der gleichwertigen deutschen (nicht von Arbeitern
besetzten!) Wohnungen kosten. Er leistet sich ferner vieles von
dem, was unter das Konto „Verschiedenes“ fällt und nahezu restlos
teurer ist als bei uns, ob es sich um Bücher handelt oder verbotenen
Schnaps, Grammophone oder Gaskocher, Radioapparate oder eine
Bronzebüste des Generals Dawes. Auch Möbel und Hauseinrich-
tungen aller Art, die beim wohlsituierten Arbeiter einen grossen
Posten ausmachen, sind teurer als bei uns und auch seit der Vor-
kriegszeit‘ stärker im Preise gestiegen als anderer Lebensbedarf,
wie unsere Zergliederung des amerikanischen Teurungsindex auf
Seite 181 zeigt. Die Kaufkraft eines höheren Verdienstes ist also
bei entsprechender Lebensführung geringer. Dafür sind diese
Einkommen nominell bedeutend höher als bei uns. So wird die
Kaufkraft des Dollars immer geringer, je vielfältiger und an-
spruchsvoller die Lebenshaltung ist. Schon für den „bürgerlichen
Haushalt‘, dem auch derjenige des besser entlohnten Arbeiters zu-
zuzählen ist, gilt der Dollar nur noch etwa das Doppelte, höchstens
Zweieinhalbfache der Mark, und geht man in eins der grossen
Hotels mit ihren zahlreichen Bedienten und dem fabelhaften
Komfort, so ist der Dollar eben noch der Mark gleich. Diese
Preisunterschiede auf den verschiedenen Ebenen der Lebenshaltung
sind entschieden grösser, und viel grösser, als in Deutschland.

196
        <pb n="199" />
        Ist also immerhin eine beträchtliche Besserste ne des Ahern
kanischen Arbeiters gegenüber dem deutschen Ser Zweifel, Ze
kann man weiter die Frage erheben, ob dies Ka N ss il
Amerika eine gerechtere Verteilung des Natiorlaleinkomm iS be®
stehe als anderswo. Das ist offenbar nicht def Fall. Schon ar
Anfang unserer sozialen Betrachtung haben wir da auf hingewiesen
welch grosser Teil des nationalen Gesamteinkommöns zum Obi
des Glückspiels wird mit der Wirkung, dass sich grosse gen
in wenigen Händen anhäufen, und wie ausserdem (was volkswirt-
schaftlich offenbar schwerer wiegt) das grosse Nationaleinkommen
zahllose Zwischenexistenzen schafft in allen Sphären der Händler-,
Agenten- und Spekulantenbetätigung. Wie kommt es, dass die
Kohle auf dem inneren Markt der Vereinigten Staaten nicht billiger
ist als bei uns, trotzdem wir zu ihrer Gewinnung viele Hunderte
von Meter in die Erde hinabsteigen müssen, während man sie dort
von der Oberfläche kratzt? Und warum sind zahlreiche Nahrungs-
mittelarten, die der Boden in reicher Fülle und ohne viel Mühe
und Arbeit zu fordern abwirft, oft noch um einiges teurer,
selten aber billiger als hierzulande? Der Farmer selbst be-
reichert sich an ihnen nicht, er wird vielmehr, ebenso wie der
Arbeiter der Industrie und andere Lohnarbeitende, von seinen
Zwischenhändlern und Börsianern an ein Existenzniveau gekettet,
das eben noch den Anreiz bietet, dass er seinen Boden bestellt.
Der Rest des Ertrages fliesst in die Taschen unproduktiver, aber
stets emsiger und überall gegenwärtiger Geschäftemacher.

Mit den Löhnen in der Industrie verhält es sich ebenso. In ver-
schiedenen nationalökonomischen Werken wird die Produktions-

steigerung pro Arbeiter im Gesamtdurchschnitt einer Reihe der
wichtigsten Industrien in dem Jahrzehnt zwischen 1909 und 1919
übereinstimmend auf 30 Prozent angegeben, und der Staatssekretär
des Arbeitsdepartements schrieb, dass in derselben Zeit die Roh-
eisenförderung pro Mann von 671 auf 1179 Tonnen gestiegen sei.
In der gleichen Zeit ist der Reallohn der Arbeiter wenn überhaupt
so nur um weniges gestiegen. Die Angaben hierüber gehen sehr
weit auseinander, wie es überhaupt schwierig ist, Reallöhne mit
einiger Fxaktheit festzustellen. Sicher ist aber, dass auch in jenem
Lande die Reichtumsvermehrung dem Arbeiter erst in letzter Linie
und nur zu einem geringen Teil zugute kam. Man mag im Hinblick
auf die Empfänger der höchsten Arbeitslöhne von einer „Arbeiter-
aristokratie“ sprechen. Sie sind es im Vergleich zu den anderen
Arbeitern des Landes, deren Löhne in grossem Abstand zu den
ihrigen stehen, und sie sind es insbesondere, verglichen mit ihren
Berufskollegen in anderen Ländern, zum Beispiel dem unsrigen.
Das wissen auch ihre Unternehmer und sagen es ihnen bei jeder
Gelegenheit. In Chicago wie in Milwaukee haben uns Arbeiter

197
        <pb n="200" />
        berichtet, dass ihnen bei Lohnforderungen von Unternehmern, die
Deutschland gesehen haben oder gesehen haben wollen, gesagt
worden sei: „Meine Herren, Sie sollten einmal in Deutschland
leben müssen, dann wüssten Sie erst, was es heisst, fürs tägliche
Brot zu arbeiten.“ Solche Reden zeigen, wie auch die „Arbeiter-
aristokratie‘“ Amerikas ihren Unternehmern jeden Cent in hartem
Kampf abringen muss. Wenn man diese Arbeiter, statt in Ver-
gleichung zu ihren schlechter gestellten Mitarbeitern oder zu denen
anderer Länder, einmal in ihrer Stellung im Rahmen ihrer eigenen
Gesamtwirtschaft und -gesellschaft betrachtet, so sieht man nur
allzu deutlich, dass auch sie, bei aller höheren Lebenshaltung, eben
nur Lohnarbeiter sind, mit deren Kämpfen und mit deren Existenz-
unsicherheit. Und dies wird noch deutlicher zutage treten, wenn
erst die kühne Bahn der Gründeriahre endgültig zurückgelegt ist
und das Wirtschaftsleben sich auf einer normalen Ebene bewegt.
Dann wird das Unternehmertum seine Politik von 1921 in ver-
schärfter Form fortsetzen und auf die Löhne drücken. Mit dem
Versiegen des Einwandererstroms infolge der stark einschränken-
den Gesetzgebung wird gleichzeitig die Regenerierung der unteren
Lohnarbeiterschaft aufhören, was einer weiteren Begünstigung der
Tendenz zur Nivellierung gleichkommt. Das nächstliegende wäre
allerdings, dass die Einwanderersperre fürs erste lohnsteigernd
wirkt. Allein eine solche allgemeine Lohnsteigerung ist — selbst
wenn die Fernhaltung der Einwanderer nicht durch eine stärkere
Bevölkerungsvermehrung im Innern beantwortet werden sollte —
von geringer sozialer Bedeutung gegenüber dem allmählichen
Finschmelzen der bisherigen Oberschicht in eine werdende, mehr
oder weniger homogene, Arbeitermasse. Denn die frühere Ein-
wandererschaft wird sich ein Stück weit dem älteren Stamme
angleichen und aufhören, die billige Konkurrenz zu sein. Das
Unternehmertum aber, dem dann dieses Rekrutenmaterial fehlt,
wird versucht sein, sich durch einen allgemeinen Druck auf
die Löhne schadlos zu halten und mehr noch als bisher auch die
Oberschicht herabzudrücken. Der letzteren und ihren Nach-
kommen wird sich auch der Weg zu höheren Stellungen ver-
schliessen in dem Masse, wie die Ersatztruppe der Einwanderer-
schaft ausbleibt; sie wird mit den anderen zum Grundstock der
industriellen Arbeiterschaft — zur „Arbeiterklasse“: Lasciate ogni
speranza! Dieser Prozess wird wiederum das Gesicht der Arbeiter-
bewegung verändern. Ihr wird es zu einer rein defensiven Not-
wendigkeit werden, immer weitere Kreise, auch der Ungelernten,
der süd- und osteuropäischen Einwanderer, der weiblichen Arbeiter,
der Jugendlichen, der Neger, überhaupt aller Lohnarbeiter, ein-
zubeziehen, den Rahmen der Berufsorganisationen zu überschreiten
und auszuwachsen zu einer allgemeinen Arbeiterbewegung.

198
        <pb n="201" />
        1. KAPITEL:
DIE GEWERKSCHAFTSBEWEGUNG
IN DEN VEREINIGTEN STAATEN
        <pb n="202" />
        <pb n="203" />
        Die Gewerkschaftsbewegung
in den Vereinigten Staaten

1.Gewerkschaftliche Auffassungen in Europa und Amerika
D: europäische und ganz besonders die deutsche Gewerk-
schaftsbewegung ist ausgesprochen klassenbewusst. Sie sieht
in den Arbeitskämpfen nur eine Erscheinungsform des Klassen-
kampfes, der unvermeidlich in einer Gesellschaft ist, die durch das
System der privatkapitalistischen Wirtschaft in eine Klasse der
Besitzenden und eine solche des Proletariats gespalten ist. Durch
den Besitz der Produktionsmittel verfügen die Kapitalisten über
eine Waffe zur Ausbeutung derjenigen, die nichts als ihre Arbeits-
kraft besitzen. Diese können nur leben vom Verkauf ihrer Arbeits-
kraft. Aber sie bekommen dafür nicht den vollen Preis, da eine
Rente für die Kapitalisten und ein Profit für die Besitzer der Pro-
duktionsmittel vorweg abgezogen werden. Der übrigbleibende Be-
trag an Arbeitslohn reicht kaum aus, um einen dürftigen Lebens-
unterhalt davon bestreiten zu können. Die Aussicht, selber Pro-
duktionsmittel erwerben zu können, um sich der Ausbeutung zu
entziehen und vielleicht selbst durch Ausbeutung anderer ein
grösseres und: arbeitsloses Einkommen zu erzielen, wird immer
geringer und ist schon nahezu ganz verschlossen. Je mehr die
kapitalistische Wirtschaft fortschreitet, je mehr sich die hand-
werksmässige Kleinproduktion zur maschinellen Grossproduktion
entwickelt, um so hoffnungsloser wird der Versuch des Prole-
tariers, aus eigener Kraft emporzusteigen und sich dem Schicksal
seiner Klasse zu entwinden. Nur ein Weg bleibt offen, nämlich
der Kampf um die Hebung der ganzen Klasse. Das aussichtslos
gewordene Streben des einzelnen ging dahin, selber zu Besitz zu
kommen, um andere für sich arbeiten zu lassen. Die proletarische
Klasse als Ganzes muss notwendigerweise ein anderes Ziel auf-
stellen; nämlich die Beseitigung der Ausbeutung überhaupt. Das
kann aber nur geschehen, wenn der privatwirtschaftliche Charakter
der Produktion aufgehoben wird, die Produktionsmittel in gesell-
schaftliches Eigentum überführt werden und die Gütererzeugung

durch die Gesellschaft betrieben wird.
Das ist die‘ grundlegende Ideologie der europäischen Arbeiter-
bewegung, wobei sich noch‘ mancherlei unterschiedliche Auf-

9201
        <pb n="204" />
        fassungen über die Möglichkeiten, dem Ziel näherzukommen, er-
geben. Diese Ideologie liegt sowohl der politischen wie der ge-
werkschaftlichen Arbeiterbewegung zugrunde. Hat jene die Auf-
gabe, politische Macht zu erobern, um damit auf die Umwandlung
der Wirtschaft einzuwirken, so müssen die Gewerkschaften un-
mittelbar in der Wirtschaft selbst gleichgerichtete Kräfte zu ent-
falten suchen. Diese Zielsetzung schliesst aber nicht aus, dass
die Gewerkschaften schon in der Gegenwart alle Kräfte an-
strengen, um die Arbeitsverhältnisse so günstig wie möglich zu
gestalten. Je besser es ihnen gelingt, für die Arbeiter einen mög-
lichst grossen Lohnanteil von den Erträgnissen der Wirtschaft zu
erkämpfen, je mehr sie die Herrenrechte der Kapitalisten durch
ein Mitbestimmungsrecht in den Betrieben und bei der Wirtschafts-
führung verringern, um so mehr führen sie die Entwickelung dem
gestellten Ziel entgegen.

Wer in dieser Ideologie ein unbedingt notwendiges Erfordernis
jeder konsequenten Gewerkschaftsbewegung sieht, wird durch die
amerikanische Bewegung enttäuscht sein. Wohl gibt es auch dort
Führer und Mitglieder in den Gewerkschaften, die in diesen Ge-
dankengängen leben; aber ihre Zahl ist verhältnismässig gering.
Die Gewerkschaftsbewegung als solche hat sich offiziell auf keine
Theorie verpflichtet, die eine grundsätzliche Umgestaltung der
Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung für notwendig ansieht.
Dabei verschliesst sie sich aber keineswegs den Nachteilen, die
den arbeitenden Massen aus der geltenden Wirtschaftsordnung
erwachsen, und erkennt darin sehr wohl den immanenten Gegen-
satz zwischen Kapital und Arbeit. Das tritt deutlich in Erscheinung
in der Prinzipienerklärung, die dem Statut des amerikanischen
Gewerkschaftsbundes vorausgestellt ist und folgenden Wort-
laut hat:

„Weil ein Kampf in allen Nationen der zivilisierten Welt zwischen den
Unterdrückern und den Unterdrückten aller Länder stattfindet, ein Kampf
zwischen den Kapitalisten und Arbeitern, der an Stärke von Jahr zu Jahr
zunimmt und unheilvolle Folgen für die Millionen der Arbeitenden haben
wird, wenn sie nicht zu gegenseitigem Schutz und Unterstützung ver-
bunden sind,

darum ziemt es den Vertretern der Berufs- und Arbeiterverbände, die
zum Kongress versammelt sind, solche Massnahmen zu treffen und solche
Prinzipien unter den gelernten und ungelernten Arbeitern unseres Landes
zu verbreiten, durch die sie dauernd vereinigt werden, um sich die An-
erkennung der Rechte zu sichern, auf die sie berechtigten Anspruch haben.

Darum erklären wir uns für die Gründung eines vollkommenen Bundes,
der alle Berufs- und Arbeiterorganisationen in Amerika umfasst, die auf
gewerkschaftlicher Grundlage organisiert sind.“

In der Erkenntnis des natürlichen Gegensatzes zwischen Kapital
und Arbeit steht also die amerikanische Gewerkschaftsbewegung

202
        <pb n="205" />
        mit der europäischen auf derselben Linie. Notwendigerweise
folgert aus dieser Erkenntnis auch die Anerkennung des Kampfes
zwischen Unternehmern und Arbeitern als einer unvermeid-
baren Erscheinung der kapitalistischen Wirtschaft selbst. Diese
Auffassung ist aber nicht in dem Masse zu einer abgerundeten
Theorie verarbeitet wie in der Arbeiterbewegung der alten Welt,
und es fehlt ihr vor allem die Konsequenz, dass nun zur Über-
windung dieses Kampfes eine Änderung der Wirtschaitsordnung
angestrebt werden muss. Die amerikanischen Gewerkschafter,
auch die führenden, dürften in der Mehrheit geneigt sein, die wirt-
schaftliche Ordnung als eine gegebene Tatsache anzusehen und
die Aufgabe der Gewerkschaften allein darin erblicken, auf dem
Boden dieser Tatsache die Interessen ihrer Mitglieder so gut wie
irgend möglich zu verteidigen.

Es fehlt in der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung offen-
kundig jenes Klassenbewusstsein, das in der Überzeugung wurzelt,
dass in der kapitalistisch wirtschaftenden Welt der Aufstieg der
Arbeiter nicht anders möglich ist als durch das Vorwärtsschreiten
der ganzen Klasse. Die unbestreitbare Tatsache, dass die ameri-
kanischen Arbeiter durchschnittlich einen erheblich höheren
Lebensstandart haben als ihre europäischen Klassengenossen,
dürfte allein kaum ausreichen, um diese Gesinnung zu erklären.
Das ökonomische und soziale Befriedigtsein hängt nicht nur von
der absoluten, sondern mehr noch von der relativen Höhe der
Lebenshaltungsbedingungen ab. Auch wenn der Reallohn des
amerikanischen Arbeiters höher ist, so ist doch der Unterschied
zwischen seinem Einkommen und dem seiner Ausbeuter keines-
wegs geringer als in Europa. Auch der amerikanische Arbeiter
kann selbstverständlich nicht übersehen, dass sein Lohnanteil
grösser werden müsste, wenn er die Erträgnisse seiner Arbeit
nicht mit den Besitzern von Kapital und Produktionsmitteln zu
teilen hätte. Die ökonomischen Lehren des Sozialismus sind auch
in Amerika keineswegs unbekannt; aber trotz einer jahrzehnte-
Jangen, unermüdlichen Propaganda haben sie bei der dortigen Ar-
beiterschaft keinen Boden gefunden. Um dies zu verstehen, müssen
die von den europäischen abweichenden, besonders ökonomischen
und gesellschaftlichen Zustände in der Neuen Welt näher beleuchtet
werden.

Die sozialistische Tendenz in der europäischen Arbeiterbewegung
stützt sich, wie oben dargelegt, auf die Erkenntnis der ökonomischen
Triebkräfte in der kapitalistischen Wirtschaft. Das Eingehen dieser
Erkenntnis in die Köpfe breiter Arbeiterschichten ist aber zweifellos
darauf zurückzuführen, dass gewisse psychologische Voraus-
setzungen dafür vorhanden waren. Sowohl ökonomisch wie gesell-
schaftlich ist die scharfe Klassenscheidung in den europäischen
208
        <pb n="206" />
        Ländern eine durch Jahrhunderte reichende fest verankerte Tradition.
Das Proletariat von heute ist gesellschaftlich der Erbe der Leib-
eigenschaft in der feudalen Zeit. Das herrische Wort, das vor
einigen Jahrzehnten ein deutscher Kirchenfürst zornentbrannt der
Arbeiterbewegung entgegenschleuderte: „Wer Knecht ist, muss
Knecht bleiben!“ charakterisiert anschaulich das Gefühl der herr-
schenden Schichten. Soweit die Geschichte zurückreicht, weiss
man es nicht anders, als dass eine Klasse der Herren über die der
Knechte herrscht. Innerhalb jeder Klasse haben sich hier die
Knechtspflichten, dort die Herrenrechte von Generation zu
Generation auf die Nachkommenschaft vererbt. Jede Klasse ist
gesellschaftlich für sich abgeschlossen und führt, durch eine hohe
Mauer von der anderen getrennt, ein eigenes Leben. Die Macht des
Besitzes äussert sich in zahlreichen Privilegien der oberen Klassen.
Lange genug waren die Angehörigen der unteren Klasse von jeg-
licher staatsbürgerlichen Mitarbeit vollständig ausgeschlossen,
waren nur Objekt, nicht Subjekt der Gesetzgebung, Rechtsprechung
und behördlichen Verwaltungstätigkeit. Wenn auch schliesslich
freiere Staatsverfassungen erkämpft wurden, so änderte das eben-
sowenig an dem Fortbestehen der ökonomischen Herrschaft der
kapitalistischen Klasse wie an der gesellschaftlichen Klassen-
scheidung, und es zeigte sich, dass letzten Endes die politische
Macht immer wieder zur ökonomischen Macht zurückstrebt.

In einer geradezu lächerlichen Überheblichkeit sehen in den euro-
päischen Ländern die besitzenden Schichten auf die arbeitende
Klasse herab. Diejenigen, die, ohne selbst zu arbeiten, von den Er-
trägnissen der Arbeit ein glänzendes Leben führen, gefallen sich
nichtsdestoweniger in einer grenzenlosen Verachtung derjenigen,
die mit ihren Händen arbeiten. Die Privilegierten haben sich mit
einer hohen gesellschaftlichen Mauer umgeben, über die sie niemand
lassen, der Schwielen an den Händen hat. Diese gesellschaftliche
Ächtung der Handarbeit und ihrer lebendigen Träger hat zweifel-
los sehr viel dazu beigetragen, dass die europäischen Arbeiter die
ökonomischen Lehren des Sozialismus leicht begreifen konnten.

In der amerikanischen Union liegen die Verhältnisse wesentlich
anders. Hier fehlt die alte Tradition der Herrenkaste. Es gibt keine
mit politischen Privilegien ausgestattete Geburtsaristokratie und
kein Gottesgnadentum. Die Rothäute, die einstmals Herren des
Landes waren, sind heute in Reservate eingesperrt und zählen über-
haupt nicht mit. Die weisse Rasse hat das Land usurpiert, und die
einzelnen Usurpatoren haben die Schätze des Bodens gehoben und
sind um so reicher geworden, je besser sie es verstanden, die mit
der Schatzhebung verbundenen Arbeiten andere machen zu lassen
und nur den Gewinn einzustecken. So sind wohl Familienreichtümer
entstanden, die sich von einer Generation auf die andere vererbten

9204.
        <pb n="207" />
        und vergrösserten und auch in diesem Lande eine Aristokratie,
nämlich die des Besitzes, schufen. Ihre Tradition ist aber noch
nicht alt genug, und die nicht immer sehr saubere Entstehungs-
geschichte der grossen Vermögen ist zu bekannt, als dass sich um
die Besitzer dieser Reichtümer derselbe mystische Schleier eines
eingebildeten Edelmenschentums legen könnte wie um die europäi-
schen Herrengeschlechter. Die Arbeitsschwielen an den Händen
sind in der Familiengeschichte noch zu sichtbar, als dass die ameri-
kanischen Besitzaristokraten über ihre Kreise hinaus Eindruck
machen könnten, wenn sie die Diffamierung der Handarbeit ihren
europäischen Genossen nachahmen wollten.

Die europäische Arbeiterschaft ist in eine Welt hineingeboren
worden, in der die Existenz einer Herrenklasse als göttliches Gebot
und ewige, unwandelbare Einrichtung der menschlichen Gesell-
schaft erklärt wurde. Die amerikanische Arbeiterschaft sieht noch
in historischer Reichweite die soziale und ökonomische Gileich-
wertigkeit der Individuen in der Nation. Jene kämpft um die Be-
seitigung der alten Klassenfesseln, diese wehrt sich gegen die Er-
kenntnis, dass die ökonomische Entwickelung die gleiche Kette um
sie zu schmieden bereits längst am Werke ist. Die europäischen
Arbeiter, belastet mit dem Druck jahrhundertelangen Pariatums,
ringen noch mit sich selbst um das Bewusstsein wenigstens der
gesellschaftlichen Gleichwertigkeit; die amerikanischen Arbeiter
kämpfen um die Erhaltung dieses Selbstbewusstseins; und je mehr
die ökonomischen Veränderungen die tatsächlich soziale Diffe-
renzierung vergrössern, um so trotziger betonen sie ihre gesell-
schaftliche Ebenbürtigkeit. Bei unseren Reisen durch die Staaten
sind wir immer wieder überrascht worden durch die Sicherheit, mit
der dort Arbeiter in gesellschaftlichen Kreisen auftreten, in denen
unter gleichen Umständen ein deutscher Arbeiter sich gelähmt
fühlen würde durch innere Unsicherheit und Unfreiheit. So haben
drüben auch das persönliche Verhältnis und der Verkehr zwischen
Arbeitern und Unternehmern ein anderes Gesicht, wenigstens
äusserlich, was noch nichts über den Grad des sozialen Empfindens
der Unternehmer besagen will. Man hört zuweilen, das offensicht-
liche Bemühen des typischen amerikanischen Unternehmers,
zwischen sich und den Arbeitern seines Betriebes eine Atmosphäre
des persönlichen Vertrauens herzustellen, sei nur ein besonderer
Geschäftskniff, weil die Erfahrung gelehrt habe, dass die Behand-
lung des Arbeiters als Gentleman förderlich auf seine Arbeits-
leistungen einwirke. Aber selbst wenn dieses Motiv vorhanden
ist, erscheint uns doch eine solche Methode des persönlichen Ver-
kehrs für die Arbeiter sehr viel erträglicher als die Sklavenhalter-
manieren, in denen sich nur zu viele deutsche Unternehmer gefallen.
In Wirklichkeit ist natürlich die Form des Verkehrs nicht einseitig

205
        <pb n="208" />
        vom Willen der Unternehmer abhängig, sondern das stärkere
Selbstbewusstsein der amerikanischen Arbeiter erzwingt sich eine
anständigere Behandlung. Einen Umgangston, wie ihn vielfach noch
europäische Arbeiter, wenn auch mit in der Tasche geballter Faust,
so doch mit demütig gesenktem Haupt, über sich ergehen lassen,
würden die amerikanischen Arbeiter sich einfach nicht gefallen
lassen. Wir glauben, dass in dieser Beziehung die Arbeiterklasse
der Alten Welt von ihren amerikanischen Klassengenossen noch
sehr viel lernen kann.

Das stärkere, vom Individuum ausgehende Selbstbewusstsein
der amerikanischen Arbeiter ist sicher einer der Gründe, die der
Entwicklung eines Klassenbewusstseins nach europäischem Muster
entgegenstehen. Dem amerikanischen Arbeiter ist der Gedanke,
einer untergeordneten Klasse anzugehören, so unerträglich, dass er
sich gegen eine solche Erkenntnis aufs heitigste sträubt. Ähnliche
psychologische Erscheinungen weist auch die Geschichte der euro-
päischen Arbeiterbewegung auf, aber sie sind schliesslich unter-
drückt worden von der Wucht der ökonomischen Tatsachen. Auch
in Amerika würde sich das gefühlsmässige Bewusstsein der
Gleichwertigkeit nicht halten können, wenn nicht realere Tatsachen
dahinter ständen. Es lässt sich nicht bestreiten, dass die kapi-
talistische Entwicklung der Wirtschaft in Amerika dem einzelnen
Arbeiter sehr viel grössere Möglichkeiten des Emporsteigens offen-
gelassen hat als in Europa, wo die strenge Klassenscheidung und
die Besitzverteilung schon vollzogen waren, als die kapitalistische
Wirtschaft begann. Die Neue Welt hat zwar auch nicht allen Habe-
nichtsen „unbegrenzte Möglichkeiten“ eröffnet, aber die Zahl der
erfolgreichen Glücksuchenden ist doch gross genug, um immer
noch die Vorstellung wachzuhalten, dass jeder tüchtige Arbeiter,
wenn ihm nur das Glück hold ist, eine höhere und womöglich gar
die höchste Stufe der sozialen Leiter aus eigener Kraft zu erklimmen
vermöge. Man denke an Henry Ford, der mit wenigen hundert
Dollar begann und heute der grösste Industrielle und der Mann mit
dem höchsten Einkommen ist! Er ist vielleicht der König der
Emporsteiger, aber mittlere und kleinere solcher Fords gibt es
allerorten im Lande. Unter den Angehörigen der oberen sozialen
Schichten trifft man erstaunlich viele, deren Arbeitervergangenheit
noch nicht allzu weit zurückliegt. Bei einer Nation, deren Mitglieder
entweder selbst als Goldsucher ins Land gekommen sind oder von
solchen Vorfahren abstammen, müssen derartige Beispiele un-
gemein befruchtend auf den Optimismus für die eigene Zukunft
einwirken.

Auch im öffentlichen Leben wird die Ehrung der Arbeit bewusst
gepflegt. Überall bei den politischen Wahlen hört und liest man die
Kandidaten als Männer anpreisen, die sich aus ganz kleinen Ver-

206
        <pb n="209" />
        hältnissen emporgearbeitet haben. Wenn sich die Vahlpropagärida,
nur zur Hälfte auf wahre Tatsachen stützte, dürfte/eS’in den höchsten?
Stellungen nur wenige Persönlichkeiten geben; Bene iS
Stiefelputzer oder Zeitungsjunge angefangen Haben.‘ Als in Kr
jungen deutschen Republik ein ehemaliger Arbeit Reichspräsident
wurde, sahen weite Kreise darin den sichtbarst@i ‚Ausdru k we
Sittenverderbnis und einer ganz und gar verrückte ät as in
„Sattlergeselle“ sich anmassen durfte, das höchste StaatSamt zu
bekleiden. Auch solche, die unumwunden die hervorragende staats-
männische Eignung Fritz Eberts anerkannten, kamen doch über den
„dunklen Schatten“ seiner Arbeitervergangenheit nicht hinweg. In
Amerika versucht jeder Bewerber um ein hohes politisches Amt
krampfhaift, solche „dunklen Punkte‘ in seiner Vergangenheit nach-
zuweisen, um damit die Stimme der öffentlichen Meinung für sich
zu gewinnen. Das sind typische Äusserungen einer allgemeinen
Volkspsyche, die sich sehr von derjenigen in europäischen Ländern
unterscheidet, und die nicht ohne Einfluss ist auf die ideologische
Einstellung auch der Arbeiterbewegung.
n *
2. Aus der Entstehungsgeschichte

des Gewerkschaftsbundes ( American Federation of Labor)

Die Entstehung der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung
hat sehr viel Ähnlichkeit mit derjenigen in europäischen Ländern.
Die Zunitverfassung des Gewerbes führt die Handwerksgesellen
der einzelnen Berufe in lokalen Verbindungen zusammen. Zweck
der Vereinigung ist die Pflege von Unterstützungseinrichtungen.
Ursprünglichineiner organisatorischen Verbindung mit den Meistern,
tritt allmählich eine Trennung ein, und mit der zunehmenden Indu-
strialisierung gerät das gemeinsame Handwerksinteresse mehr und
mehr in Konflikt mit dem besonderen Arbeitsinteresse. Damit voll-
zieht sich der Übergang zur modernen Gewerkschaftsbewegung.

Schon in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts traten Ar-
beiterkongresse zusammen, auf denen die Gründung von nationalen
und internationalen Fachverbänden beschlossen wurde (ebenso wie
heute noch verstand man unter „nationalen“ Organisationen solche,
die sich auf das Bundesgebiet beschränkten, während die „inter-
nationalen“ Kanada, früher auch Mexiko einbegriffen). Indie Zeit von
1850 bis 1880 fällt die Gründung der meisten heute bestehenden
Zentralverbände. Nach einer Statistik von 1884 gab es damals
deren 41 mit zusammen 434 550 Mitgliedern. Die Zahl der Mitglieder
in nicht zentralisierten Lokalverbänden wurde auf 75 000 geschätzt,
und weitere 200 000 gehörten dem gewerkschaftlichen Geheimorden
der „Ritter der Arbeit‘ an.

207
        <pb n="210" />
        Im Jahre 1863 ging von der Maschinenbauergewerkschaft der
Plan aus, alle Verbände in einer zentralen Spitze zu vereinigen. Drei
Jahre später wurde auf einem Kongress in Baltimore die National
Labor Union begründet, der nach zwei Jahren bereits 3000 lokale
Fachverbände angeschlossen waren, die dann aber schnell zurück-
ging und Mitte der siebziger Jahre ihr Leben ganz aushauchte. Die
Ursachen waren zum Teil Streitigkeiten über die Stellung zu politi-
schen Fragen, zum anderen eine schwere Wirtschaftskrise. Später
wurden wiederholt von der politischen sozialistischen Bewegung
aus vergebliche Versuche unternommen, die Gewerkschaften in
einer politisch-gewerkschaftlichen Einheitsorganisation zu sammeln
oder besondere Gewerkschaftsorganisationen zu schaffen.

Eine bedeutsamere Rolle spielte längere Zeit hindurch der Orden
der „Ritter der Arbeit“ (Knights of Labor). Im Jahre 1869 begründet,
trug er bis zum Jahre 1878 den Charakter eines Geheimbundes.
Nach seinem Programm wollte er neben dem Eintreten für „mög-
lichst günstigen Lohn, kurze Arbeitszeit und sonstige Vorteile“ auch
die „der industriellen Ungerechtigkeit zugrunde liegenden Ursachen“
zu beseitigen suchen, seine Ziele aber „allein durch den Appell an
die Vernunft und das Gewissen, niemals auf gewaltsame Weise“ er-
reichen. Im Gegensatz zu den anderen Gewerkschaften lehnte der
Orden die Gliederung nach Berufen ab und machte keinen Unter-
schied zwischen Gelernten und Ungelernten. Seinen Höhepunkt
erreichte er im Jahre 1886 mit 750 000 Mitgliedern. Dann begann
ein schneller Abstieg bis zur völligen Bedeutungslosigkeit.

Das eigentliche Gewerkschaftsleben war in den lokalen und
zentralen Fachverbänden verkörpert, die zwar für die von der
politischen Arbeiterbewegung ausgehenden Zusammenschluss-
bestrebungen nicht zu gewinnen gewesen waren, bei denen aber
nichtsdestoweniger das Bedürfnis nach einem zentralen Zusammen-
schluss sich zusehends verstärkte. Zunächst vollzog sich eine Ver-
bindung der Lokalverbände in örtlichenGewerkschaftskartellen.Nach
einem vorbereitenden Kongress im August 1881 wurde von einem
hier gewählten Ausschuss für November desselben Jahres nach
Pittsburg ein Kongress einberufen, auf dem in aller Form die „Fede-
ration of organized trades and labor unions of the United States and
Canada“ gegründet wurde. In den fünfköpfigen Exekutivausschuss
des neuen Bundes kam auch der Präsident des Zigarrenmacher-
Verbandes, Samuel Gompers, der schon auf dem nächsten Kongress
zum Präsidenten der Federation gewählt wurde. Mit einer drei-
jährigen Unterbrechung, von 1894 bis 1897, hat Samuel Gompers
bis zu seinem Tode am 13. September 1924 an der Spitze des Bundes
gestanden, dessen Aufstieg zweifellos in hervorragendem Masse
dieser ausserordentlichen Persönlichkeit zu verdanken ist.

308
        <pb n="211" />
        In der ersten Zeit des Bundes spielten die Differenzen mit den
„Rittern der Arbeit“ eine grosse Rolle. Eine Reihe von Gewerk-
schaften blieb aus diesem Grunde der Federation fern, bemühte sich
aber, einen Ausgleich zwischen beiden Richtungen herbeizuführen.
Ein von diesen Gewerkschaften im Dezember 1886 nach Columbus
einberufener Kongress veranlasste die Federation, im gleichen Ort
und zu gleicher Zeit ihren eigenen Kongress abzuhalten. Es kam
zu gemeinsamen Verhandlungen, bei denen der Versuch einer Ver-
ständigung mit den „Rittern der Arbeit“ aufgegeben wurde, wo-
gegen eine Vereinigung mit den genannten Gewerkschaften zu-
stande kam. Bei dieser Gelegenheit änderte der Bund seinen bis-
herigen Namen in „American Federation ot Labor“.

u
3. Umfang, Gliederung und Aufgaben.

Die äussere Entwicklung des Bundes wird gekennzeichnet durch

folgende Ziffern:
|Zentral- | Mit |Staaten-|| Orts- ha Mit- In as Bundeskasse

Jahr ver- Local | VET- vartelle Schlossene glieder Ein- Aus-

“' bände + unions ! bände Lokal- ins- nahmen | gaben
a. „„ verbände gesamt Dollar | Dollar

1881 | © 10 75 | 45000 175 036

1885 7 51 — 130 000 584 451

1890 7 2 131 1 199 500 | 23850 21871

1895 34 3: 15) 23 | 207100 13752 15612

1900 63 11 44: 61; 548321 71126 68373

1905 118 331 8599| 1046! 1494 300 207418 196 170

1910 || 120 391) 632 647| 1562 112 193471 177859

1914 | 110121 460 43 647, 570 2020671 263167 265737

1919 | 1 1'33825 45 816| 884 3260068 654688 587518

1925 | 107 '32 157 491 855 436 2865979 509702 533295

Die innere Gliederung des Bundes wird durch die graphische Dar-
stellung auf Seite 210 verdeutlicht. Das Fundament sind die lokalen
Berufsvereine (local unions). Sie sind in der Regel zusammen-
gefasst in zentralen Berufs- oder Industrieverbänden. Daneben
gibt es zurzeit noch 436 lokale Fach- und Arbeiterverbände (local
trade and federal labor unions), die dem Gewerkschaftsbund direkt
angeschlossen sind, und für die ein Zentralverband noch nicht be-
steht. In 850 Orten bestehen Gewerkschalftskartelle (city central
bodies), die beschickt werden sowohl von den Local unions der
Zentralverbände wie von den selbständigen lokalen Gewerkschaften.
In jedem Einzelstaat des amerikanischen Staatenbundes hat die
F.o.L. eine Bezirksorganisation (state federation) gebildet aus

209
        <pb n="212" />
        Amerikanischer
Gewerkschaftsbund
Mitglieder
im Jahre 1925
2878297
zb
i 7 \
Industrie» Zentral- unten-
\ abteilungen verbände abteilungen /
gr
N 1U5-
3eHÜSS®
- 786
Ortsausschüsse
=. industrie-
abteilungen ,
21231
Lokalvereine
\ der Zentral- £
- verbände

210
        <pb n="213" />
        Vertretern der beiden Gruppen von Local unions und der örtlichen
Gewerkschaftskartelle. Neben dieser regionalen Gliederung des
gesamten Bundes besteht für zurzeit vier Industriegruppen (dar-
unter die Label-Organisation, in der diejenigen Verbände zu-
sammengefasst sind, die sich dieses gewerkschaftlichen Schutz-
zeichens bedienen) eine Kartellverbindung mit örtlicher Gliederung
und je einem Zentralausschuss für das gesamte Bundesgebiet.
Die der Federation angeschlossenen Zentralverbände.
(Mitgliederzahl nach der Vertretung auf dem Kongress 1925.)
Bergarbeiter ......-...... 400000 Brücken- und KBEisenbau-
Bautischler und Zimmerer 317 000 arbeiter. .............. 16300
Elektriker ee 142 000 Brauer 1... 2 6000
Fisenbahnwerkstattarbeiter 125000 Seeleute ................ 16000
Maler ....:.....0......... 107600 Feuerwehrmänner ........ 16000
Untergrund- und Strassen- Buchbinder .............. 13600
balıner 20.0...0......0- 101000 Fleischer ..........0.... 12200
Eisenbahnangestellte ...... 91200 Hutmacher .............. 11500
Damenkonfektionsarbeiter 91000 Kürschner .............. 11400
Musiker ................ 80000 KEisen-, Stahl- und Zinn-
Kutscher und Chauffeure .. 78 900 arbeiler 0er. 11400
Maschinenbauer .......... 71400 Artisten und Schauspieler 10100
Typographen ............ 71000 _Kleinhandelsangestellte .. 10000
Maurer ..... 0.4.0.0. 0707 TV 000 EHEIZEr ar rt en L0.000
Bauhilfsarbeiter .......... 61500 Massschneider ..... .... 9300
Barbiere ................ 48000 Weichensteller .......... 8900
Bekleidungsarbeiter ...... 47500 _Rabitzspanneru.-verschaler 8900
Zeitungsdrucker .......... 40000 Granitarbeiter ............ 8500
Rohrleger er. 39200 Hüttenarbeiter” .......... 8500
Eisenbahntelegraphisten .. 39200 Fahrstuhlbauer .......... 8100
Hotel- und Restaurations- TODE er es SI 00
personal .. ............ 38500 —KEisenbahnsignalarbeiter .. 38000
Eisenbahnstreckenarbeiter 37400 Stoff-, Hut- und Putzmacher 7800
Schuhmacher ......,..... 30200 Polsterer ...........0.0.... 70600
Briefträger .............. 382500 Photograveure............ 7200
Hafenarbeiter ............ 31800 Modelltischler ............ 7000
Stukkateure, Betonarbeiter 30000 Stereotypeure und Galvano-
Textilarbeiter ........0... 30000 plasliker .2..0........0. 6800
Former 2.1.0.0... 27500 PortiersundFahrstuhlführer 6200
Maschinisten a 25300 Flaschenmacher ..;....... 6000
Hohlmetallarbeiter ...... 25000 Metallpolierer ............ 6000
Postbureauangestellte .... 23700 Wäschereiarbeiter ........ 5500
Zigarrenmacher .......... 23500 dGlasarbeiter.. ............ 5300
Bäcker und Konditoren .. 21800 Lithographen ............ 5300
Staatsangesfellte ........ 20200 Steinhauer” .............. 5100
Bühnenarbeiter und Vor- Grobschmiede ........:.... 5000
führer ................ 20000 —Ziegel- und Tonarbeiter .. 5000
Bahnpostangestellte ...... 19100 Zellstoff- und Papiermühlen-
Kesselschmiede ......... 17100 arbeiter. „une 38000

9211
        <pb n="214" />
        Papiermacher ............ 5000; Tabakarbeiter ............ 1400
Handelstelegraphisten: .... 4100, Böttcher .............-.. 11,300
LOotSen ee 3 900 Ölfeldarheiter. +... 1.200
a 3500 Kupferdrücker, -präger und
Giessereiarbeiter, ....... 3 500 “StaHZer. rear ne) 200
Marmorarbeiter‘......... a3 200 Ka Hokkzbildhauer ........... 1000
Steinbrucharbeiter ........ 3000 MGold- und Silberschmiede. . 800
Dachdecker .............. 3000 _Besen- und Bürstenmacher 700
Tunnelarbeiter .......... 3000 Ingenieure, Architekten und
Asbest- und Isolierungs- Zeichner: a dr ee eat 600
arbeiter ............... a2 400 BE Piano- und Orgelbauer .... 600
Pflastersteinhauer_........ 2400 Tapetendrucker .......... 600
Schlafwagenschaffner .... 2300 Drahtflechter ........... 400
Fensterglasmacher ...... 2000 _Diamantarbeiter ......... 400
Hüfschmiede ........... zz 000 Handschuhmacher ......7 300
Pederarbeiter ........... 2 000 Landbriefträger ........ 300
Steinsetzer und Asphalt- Pulverarbeiter”. 1... 200
arbeiter ,............ 2000 Metallgraveure ....... 100
Plakatkleber 2... 1600 Trikotweber  . 4... 0. 100
Ofen- u. Heizungsmonteure 1600 Stahlstecher ..........-. 100
Die Local unions sind ähnlich den örtlichen Verwaltungsstellen
der deutschen Zentralverbände, aber doch nicht ohne weiteres mit
diesen vergleichbar, weil die zentrale Organisationsform in den Ver-
einigten Staaten nicht im gleichen Masse durchgebildet ist. Bei uns
liegt das Schwergewicht bei den Zentralverbänden; die örtlichen
Mitgliedschaften sind nur lokale Verwaltungsstellen des Zentral-
verbandes, die Ortsverwaltungen Beauftragte desZentralvorstandes,
Das Gewerkschaftssystem in den Vereinigten Staaten nähert sich
mehr der umgekehrten Reihenfolge: Im Anfang sind die Local
unions, und über ihnen erhebt sich als Oberbau die Zentrale.
Allerdings ist die Verteilung von Rechten und Pflichten zwischen
Zentrale und Local unions bei den amerikanischen Verbänden nicht
einheitlich geregelt. Während in manchen Verbänden die zentrale
Vereinigung der Local unions einen stark föderalistischen Zug hat,
ist in anderen der Zentralismus nicht weit vom deutschen System
entfernt. Im Durchschnitt ist aber die Selbständigkeit und das
eigene abgeschlossene gewerkschaftliche Leben der Local unions
gegenüber dem Gesamtverbande und seinen Instanzen erheblich
grösser als bei den Verwaltungsstellen der deutschen Verbände.
Ein auffälliger Unterschied liegt auch darin, dass nicht jeder Ort
nur eine Verwaltungsstelle des Verbandes bildet, sondern oft sehr
zahlreiche Local unions desselben Verbandes in einem Ort neben-
einander bestehen. Die Brüderschaft der Zimmerer und Bau-
tischler beispielsweise verfügt in Neuyork über 35, Chicago 33,
Cleveland 17 usw. Local unions. In diesen Fällen sind diese noch
durch ein besonderes Ortskartell des Verbandes zusammengehalten.

2192
        <pb n="215" />
        Die Lokalunionen sind in der Regel selbständig in der Fest-
setzung von Aufnahmegebühren und der Beiträge. Die Zentral-
statuten schreiben nur die Sätze vor, die an die Zentralkasse
abgeführt werden müssen. Diese sind oft im Verhältnis zum
Gesamtbeitrag ausserordentlich niedrig. Nach einer (nicht voll-
ständigen) Zusammenstellung finden wir, dass vier Zentral-
vorstände einen Jahresbeitrag pro Mitglied fordern in Höhe von ie
1,15, 2,50, 3,50 und 9,60 Dollar. Acht weitere Vorstände erheben
vierteljährlich Beiträge von je 0,50, 1,—, 1,30, 1,50, 2,75 und
3,75 Dollar. Am meisten üblich ist der Monatsbeitrag, wobei der
Anteil der Zentralverwaltung festgesetzt ist bei 12 Verbänden
zwischen 15 und 30 Cent, bei 14 Verbänden zwischen 35 und 50 Cent,
bei 13 Verbänden zwischen 60 und 100 Cent, bei 8 Verbänden
bis zu 2 Dollars. Wochenbeiträge fanden wir nur bei 7 Ver-
bänden mit Hauptkassenbeiträgen von 10 bis 50 Cent. Der
Schuhmacherverband erhebt für die Zentrale zwei Drittel aller
Lokaleinnahmen, während die Schiffsheizer und Köche 10 Prozent
des Gesamtbeitrages bis zu einem Dollar anfordern.

Über die Höhe des Gesamtbeitrages, den die Mitglieder in den
Lokalunionen zu zahlen haben, lassen sich zusammenfassend Zahlen
nicht geben, da wir eine solche Zusammenstellung nicht vorgefunden
haben. Auch darin äussert sich der geringere Zentralismus der ame-
rikanischen Gewerkschaftsbewegung, dass selbst im Rahmen der
einzelnen Zentralverbände die Hauptvorstände keine genauen
Übersichten über die lokalen Einrichtungen ihrer Lokalunionen
haben — trotz der grossen Statistikfreudigkeit dieses Landes. Die
Mehrzahl der Verbände schreibt zwar für den Beitrag Mindest-
sätze vor; aber es ist nicht zu erkennen, inwieweit diese in der
Praxis überschritten werden. Die in den Satzungen niedergelegten
Mindestsätze bewegen sich zwischen 25 und 40 Cent in der Woche
resp. 0,40 und 2,40 Dollars im Monat. Gemessen an der Beitrags-
höhe in den deutschen Gewerkschaften, wo die Regel ein bis
anderthalb Stundenlöhne in der Woche ist, sind die Gewerkschafts-
beiträge in den Vereinigten Staaten verhältnismässig niedrig; sie
erreichen vielfach kaum einen Stundenlohn im Monat.

Aus den mitgeteilten Zahlen ist zu entnehmen, dass der Anteil
der Zentralverwaltung an den Beiträgen relativ klein ist, worin
sich eben die grössere Selbständigkeit der Lokalunionen auch in
bezug auf die finanziellen Angelegenheiten ausdrückt. Dem-
entsprechend beschränken sich die Zentralen zumeist auf eine ver-
waltende und propagandistische Tätigkeit, während die Unter-
stützungseinrichtungen der Selbstbestimmung der Lokalunionen
überlassen bleiben. Selbst die Streikunterstützung bleibt bei den
meisten Verbänden völlig den Lokalunionen überlassen. Über den
Umfang der sonstigen Unterstützungen, soweit sie von den

9213
        <pb n="216" />
        Zentralen gezahlt werden, gibt eine Aufstellung der Federation für
das letzte Jahr folgenden Aufschluss:
Ausgaben der Zentralverbände für Unterstützungen
im Jahre 1924/25
Verband Sterbegeld Kranken-| Reise- Werk- | Arbeits-
a an A a unter- unter- | .. | Sen
yndlaer Wen stützung stützung' sicherung|stützung
8 _ Dollar | Dollar Dollar _‘_ Dollar , Dollar ' DoNar_
Bäcker 14644 3275 116550: - =
Besen- u. Bürstenmacher 1800 — ee =
Bautischler u. Zimmerer 655310 — | —
Bildhauer‘... 13 2700 — &gt; =
Zigarrenmacher ..... 223278 — ‘162370! 7866| 7958
Stoffhut- u. Mützenmach. - =&gt; 8667 — | 4074
Schlafwagenschaffner . 23000 — — 1 — | 5
Diamantarbeiter. .... 2250 — — = 16 204
Flaschenmacher. .... 44245 — =. = -—

Bauhilfsarbeiter ..... 28800 — = = — —

Hotel- u. Gastwirtsang. 39375 — 41854' — &gt; —

Wäschereiarbeiter. ... 2300 — — 2300 —

Marmorpolierer ..... 1 500 “ - - ——

Steinarbeiter. ...... 4 138 “ -

Piano- und Orgelmacher 400 30 N 20

Buchdrucker:. ........ 96953 — -

Straßenbahner. ..... 871324 -

Dachdecker... 9 400 ®

Stereotypeure ...... 10 400

Ofensetizer. .. 2... 2550 2629

Maßschneider ...... 8 668 en —

Handelstelegraphisten . 1575 ; —

Typographen .....0. 373263

Tapetenmacher... ...... 3200. ,

Insgesamt || 2 421 073 | 3355 [515519 11 563| 2331 | 30 885

Demnach sind es von den 107 angeschlossenen Verbänden nur 24,
die zentrale Unterstützungseinrichtungen eingeführt haben, wovon
die meisten nur Unterstützung in Sterbefällen zahlen. Wie schon
gesagt, ist dies aber nur ein Auszug aus dem gesamten Unter-
stützungswesen, das in der Hauptsache bei den Lokalunionen liegt
und deswegen in der obigen Aufstellung nicht enthalten ist.

Die A. F. o. L. hat ihren Sitz in Washington und wird geleitet von
einem elfköpfigen Vorstand: dem Präsidenten, dem Sekretär, dem
Kassierer und acht Vizepräsidenten, die sämtlich vom alljährlich
stattfindenden Kongress gewählt werden. Nach dem Tode von
Samuel Gompers übertrug der Vorstand die Nachfolgerschaft an
William Green, welche Wahl vom nächsten Kongress in Atlantic
a

214
        <pb n="217" />
        City bestätigt wurde. Besoldete Vorstandsmitglieder sind nur der
Präsident und der Sekretär; der Kassierer (der 500 Dollar Jahres-
entschädigung bezieht) und die Vizepräsidenten verwalten ihre
Posten ehrenamtlich. Sie sind durchweg besoldete Vorstands-
mitglieder angeschlossener Verbände. Soweit auf dem Bureau der
Federation Bureaupersonal erforderlich ist, wird es vom Präsi-
denten angestellt.

Die Einnahmen der Federation bestehen aus Beiträgen der an-
geschlossenen Verbände nach der Mitgliederzahl. Die Zentral-
verbände zahlen im Monat 1 Cent, die selbständigen Lokalverbände
25 Cent pro Mitglied. Die letzteren haben ausserdem 25 Prozent
der Eintrittsgelder bei Aufnahme von Mitgliedern, mindestens aber
1 Dollar für jede Aufnahme an die Federation abzuführen. Jedes
angeschlossene Orts- oder Landeskartell hat an die Federation
einen Jahresbeitrag von 10 Dollar zu entrichten.

Wenn eine angeschlossene Gewerkschaft durch einen Kampf in
finanzielle Not gerät, kann der Vorstand einen obligatorischen
Extrabeitrag von 1 Cent pro Monat und Mitglied für alle an-
geschlossenen Verbände ausschreiben, aber nur bis zur Höchst-
dauer von zehn Wochen innerhalb eines Jahres.

Der höhere Beitrag der direkt angeschlossenen Lokalverbände
erklärt sich daraus, dass ihnen gegenüber die Federation ähnliche
finanzielle Verpflichtungen hat, wie die Zentralverbände gegenüber
ihren Local unions. Im Falle eines Streiks zahlt die Federation an
die beteiligten Mitglieder der direkt angeschlossenen Lokalverbände
eine Unterstützung von wöchentlich 7 Dollar bis zu einer Dauer von
sechs Wochen, die durch Vorstandsbeschluss verlängert werden
kann. Voraussetzung für die Unterstützungsgewährung ist aber,
dass der betreffende Lokalverband mindestens 75 Cent Monats-
beitrag von seinen Mitgliedern erhebt und mindestens 5 Cent pro
Mitglied und Monat in einen eigenen Streikfonds zurückgelegt hat.

Beschliessendes Organ der Federation ist der jährlich im Oktober
stattfindende Kongress. Die Vertretung auf dem Kongress ist so
geregelt, dass die angeschlossenen Zentralverbände mit weniger
als 4000 Mitgliedern 1, mit 4000 Mitgliedern 2, mit 8000 Mitgliedern 3,
mit 16 000 Mitgliedern 4, mit 32 000 Mitgliedern 5 usw. Delegierte
entsenden können: Alle sonst der A.F.o.L.angeschlossenen Körper-
schaften, die Industriekartelle, Landeskartelle, Ortskartelle, wie
auch die direkt angeschlossenen Lokalverbände haben das Recht
auf je einen Delegierten. Bei voller Ausnutzung des Delegations-
rechtes müsste der Kongress einen sehr grossen Umfang ‚haben
(zurzeit allein 850 Ortskartelle, 436 direkt angeschlossene Lokal-
verbände!). Da aber jede Organisation die Kosten der Delegation
selbst zu tragen hat, wird das Beschickungsrecht nur zum Teil in

215
        <pb n="218" />
        Anspruch genommen. So waren auf dem Kongress 1925 in Atlantic

City vertreten:

96 Zentralverbände. . . mit 279 Delegierten und 28 392 Stimmen

4 Industriekartelle . .. ,„ 4 5 „ 4 a

25 Landeskartelle::: ...„ 25 ® ” 25 ”

57 Ortskartele 21. 2 0757 57 x

21 direktangeschlossene
Lokalverbände ...:. „21 , nn 2 %

Zusammen 386 Delegierte und 28520 Stimmen

In der Regel wird auf dem Kongress durch Handaufheben ab-
gestimmt; auf Antrag von einem Zehntel der Delegierten muss
namentlich abgestimmt werden, wobei auf je 100 Mitglieder eine
Stimme entfällt.

Der Zweck des Bundes wird im Statut wie folgt umschrieben:

1. Die Ermutigung und Gründung von lokalen Berufs- und Arbeiter-
vereinen und der engere Zusammenschluss solcher Vereinigungen in
jeder Stadt und die weitere Verbindung solcher Körperschaften zu
Landes- oder Bezirksorganisationen, um eine Gesetzgebung im Inter-
esse der arbeitenden Massen zu sichern;

2. die Gründung von nationalen und internationalen Gewerkschaften auf
der Grundlage ausschliesslicher Anerkennung der Autonomie jedes
Gewerbes sowie die Förderung und Begünstigung solcher Körper-
schaften;

+ die Gründung von Abteilungen, zusammengesetzt aus nationalen oder
internationalen Verbänden der gleichen Industrie, die dem amerikanischen
Arbeiterbund angeschlossen sind; diese Abteilungen sollen gemäss den
Beschlüssen des amerikanischen Arbeiterbundes geleitet werden;
die gegenseitige Hilfe und Unterstützung aller nationalen und inter-
nationalen Gewerkschaften zur Hilfe und Ermunterung des Verkaufs der
Waren mit Gewerkschaftsstempeln und zur Sicherung der Gesetzgebung
im Interesse des arbeitenden Volkes und zur Beeinflussung der öffent-
lichen Meinung durch friedvolle und gesetzliche Methoden zugunsten
der organisierten Arbeiter;

5. Hilfe und Ermutigung der Arbeiterpresse Amerikas.

Die Aufgabe der Federation ist, wie die aller gewerkschaftlichen
Landeszentralen, eine doppelte :‘ Sie muss die Organisierungsarbeit
der einzelnen Verbände fördern und ergänzen und versuchen, an
diejenigen Kreise heranzukommen, die von den einzelnen Verbänden
nicht erfasst werden. Zum anderen muss sie die öffentliche Ver-
fretung der allgemeinen Arbeiterinteressen, besonders auf dem
Gebiet der Sozialpolitik, wahrnehmen und dazu versuchen, die
Gesetzgebung weiterzutreiben.

Die erstgenannte Aufgabe ist bei der besonderen Natur der ameri-
kanischen Gewerkschaftsbewegung ganz besonders wichtig. Bei
den amerikanischen Arbeitern ist, wie in der Einleitung dargestellt,
der Gedanke der Klassensolidarität nicht so stark entwickelt wie

216
        <pb n="219" />
        R 2
bei uns. Dafür tritt die Berufsolidarität mehr in d  Wördersrun®
Die amerikanischen Gewerkschaftsmitglieder sid. stolz darauf,‘
dass ihr Verband für ihre Berufsgruppe gute Arbeitsbedinguhgen
erreicht hat. Aber es ist ihnen nicht recht einle ıchtend, dass sie“
besondere Anstrengungen machen, ja persönlich Opfer bringem
sollten, um auch solchen Arbeitergruppen, die ihnen beruflich fertz
stehen, zu den Vorteilen der Organisation zu verhelfen: *Nichtohrie
Mitleid, aber doch mit einer gewissen Verachtung blicken sie auf
diese Gruppen herab, die nicht organisiert sind und deshalb
schlechte Arbeitsbedingungen haben. Warum gründen sie für sich
nicht auch Gewerkschaften?

Für den deutschen Gewerkschafter ist es eine erstaunliche Be-
obachtung, nicht nur dass ganze und grosse Berufsgruppen völlig
unorganisiert sind, sondern dass die organisierten Gruppen dieser
Tatsache mit ziemlichem Gleichmut gegenüberstehen. Im ganzen
gesehen ist das Organisationsverhältnis in den Vereinigten Staaten
nicht gut. Im Jahre 1920, als die Mitgliederzahl der Federation mit
über 4 Millionen ihren Höhestand erreicht hatte, waren unter Ein-
rechnung auch der anderen Gewerkschaften von den mehr als
26 Millionen Lohnempfängern doch nur weniger als 20 Prozent
gewerkschaftlich organisiert. Inzwischen ist die Zahl der Arbeiter
sicher noch grösser geworden, die der Gewerkschaftsmitglieder
aber um 30 Prozent gesunken. Wir haben aber gefunden, dass
organisierte Arbeiter, mit denen wir dies besprachen, keines-
wegs das Empfinden hatten, als ob dadurch ihre eigenen gewerk-
schaftlichen Erfolge nennenswert beeinträchtigt werden könnten,
sofern nur ihre eigene Organisation gut beieinander sei. Es scheint,
als ob das Interesse vieler Gewerkschaftsmitglieder sich nur auf
den eigenen Verband beschränkt und oft nicht über die engere Local
union hinausreicht. Das ist ein Übel, das in einem gewissen Grad
wohl. in allen Ländern anzutreffen ist, in der amerikanischen Be-
wegung aber ganz besonders stark vorherrscht. Wir wissen uns
eins mit den Führern der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung,
wenn wir in dieser auffallenden Gleichgültigkeit gegenüber der Ge-
samtbewegung eine ernsthafte Gefahr auch für diejenigen sehen,
die heute noch glauben, genügend geschützt zu sein, wenn nur
die eigene Gewerkschaft stark ist. Gerade in den Vereinigten
Staaten, wo die Industrialisierung und Mechanisierung des Arbeits-
prozesses schnellere Fortschritte macht als irgendwo sonst in der
Welt, ist das Problem, die gesamte Arbeiterschaft gewerkschaftlich
zu umfassen, besonders dringlich. Die bisherigen Gewerkschaften
sind entstanden, wo sie am leichtesten zu errichten und wo am
schnellsten sichtbare Erfolge zu erzielen waren, d. h. vorwiegend
bei den qualifizierten Arbeitern. Sowohl die Ungelernten als auch
die Angestellten in den Bureaus und Verkaufsläden sind zum

217
        <pb n="220" />
        grössten Teil noch vollständig unorganisiert, und selbst wenn sich
einzelne Angehörige dieser Gruppen einer Gewerkschaft an-
schliessen wollen, finden sie häufig keine Möglichkeit dazu.

Die Federation hat diesen Übelstand natürlich erkannt und wendet
ihm grosse und wachsende Aufmerksamkeit zu. Mehr als die ge-
werkschaftlichen Landeszentralen in Ländern, wo das Netz der
Organisation zwar auch noch nicht alle Arbeiter, aber doch alle
Berufe umspannt, muss sie sich deshalb der Aufgabe unterziehen,
direkte Organisierungsarbeit zu leisten. Wir haben bei der inneren
Gliederung der Federation gesehen, wie sie sich dazu der Ein-
richtungen der direkt angeschlossenen Lokalverbände bedient.
In den einzelnen Orten werden von Beauftragten der Federation
Anstrengungen gemacht, um die noch unorganisierten Gruppen in
Lokalvereinen, teils beruflich abgegrenzt (local trade union), teils
gemischt-beruflich (federal labor union) zusammenzubringen. Das
Ziel ist, wenn genügend solcher Lokalvereine des gleichen Berufs
errichtet sind, sie in Zentralverbänden zusammenzuschliessen.
Bis dahin übernimmt für sie die Federation selbst die Rolle eines
Zentralverbandes, zieht einen Teil der Beiträge ein und gewährt
dafür gegebenenfalls Streikunterstützung.

* *
4. Stellung zur Politik und zum Parteiwesen.

Für die Wahrnehmung der öffentlichen Aufgaben muss die
Federation mit dem politischen System ihres Landes rechnen. In
den europäischen Ländern ist die Arbeiterklasse bemüht, selbst
einflussreiche politische Arbeiterorganisationen zu schaffen, um
dadurch direkten Einfluss auf die Gesetzgebung zu bekommen. In
den Vereinigten Staaten sind bisher alle solche Versuche fehl-
geschlagen, und wir haben den Eindruck bekommen, dass bei der
Mentalität der dortigen Arbeiterschaft auch in absehbarer Zeit
etwas anderes nicht zu erwarten ist. Die beiden grossen Parteien,
die demokratische und die republikanische, ringen um die politische
Macht mit wechselndem Glück. Soweit wir das erkennen konnten,
legt keine dieser Parteien Wert auf ein ausgeprägtes und bindendes
Programm, so dass der Stellungnahme des einzelnen Abgeordneten
ein grösserer Spielraum bleibt als unter dem bei uns üblichen
Fraktionszwang. In vielen Fragen ist aus der Parteizugehörig-
keit des einzelnen Abgeordneten im voraus überhaupt nicht zu
erkennen, welche Haltung er schliesslich einnehmen wird. Die
persönliche Bearbeitung der Parlamentarier und politisch einfluss-
reichen Persönlichkeiten sowohl bei der Abgabe von Wahl-
versprechungen wie bei den parlamentarischen Entscheidungen,
aber auch in bezug auf die Verwaltungstätigkeit spielt deshalb im
öffentlichen Leben Amerikas eine sehr grosse Rolle, und auch die

218
        <pb n="221" />
        Gewerkschaften bedienen sich bewusst dieses Mittels. Aus der
Tatsache, dass es in den Vereinigten Staaten keine parla-
mentarische Arbeiterpartei gibt, darf keinesfalls geschlossen
werden, dass die Gewerkschaften ohne Einfluss auf die Gesetz-
gebung wären. Im Gegenteil glauben sie, dass sie bei dem gegen-
wärtigen System einen stärkeren Einfluss ausüben können als
durch die Schaffung einer selbständigen Arbeiterpartei, wenigstens
auf absehbare Zeit. Gerade diese Überzeugung scheint ein starkes
Hindernis für die Schaffung einer selbständigen Arbeiterpartei zu
sein; denn es liegt auf der Hand, dass der Einfluss in den vor-
handenen Parteiformationen sofort aufhören würde, wenn die Ge-
werkschaften die Gründung einer eigenen Partei propagierten.

In der Geschichte der Federation und ihrer Kongresse nehmen
die Auseinandersetzungen über die Stellung zur Politik und die
Frage einer eigenen Arbeiterpartei einen sehr grossen Raum ein.
Im Jahre 1894 wurde sogar eine Urabstimmung darüber in Ver-
bindung mit einem politischen Aktionsprogramm vorgenommen,
die aber nur bewies, dass die Masse der Mitglieder diesen Fragen
überhaupt nur wenig Interesse entgegenbrachte. Auf dem Kon-
gress dieses Jahres wurde dann auch die Forderung nach einer
selbständigen Arbeiterpartei entschieden abgelehnt, und zwei Jahre
später beschloss der Kongress, folgende Bestimmung in das Statut
aufzunehmen:

„Parteipolitik, mag sie demokratisch, republikanisch, sozialistisch oder
sonstwie sein, findet in den Jahresversammlungen des Bundes keinen Platz.“

Diese Bestimmung ist natürlich nicht so auszulegen, als ob die Be-
schäftigung mit politischen Fragen ausgeschlossen werden sollte.
Man wollte damit nur festlegen, dass die Federation als solche
sich auf keine bestimmte Partei verpflichtet. Die Absicht, die
Debatte über die Frage einer politischen Arbeiterpartei auf dem
Gewerkschaftskongress mit dieser Bestimmung abzuschneiden,
gelang allerdings nicht. Auf dem Kongress von 1902 hätte ein
Antrag, der die Notwendigkeit einer besonderen politischen Ar-
beiterpartei betonte, sogar fast die Mehrheit erreicht. Aber schon
der nächstjährige Kongress verwarf diese Idee wieder mit einer
sehr grossen Maijorität. Das wiederholte sich 1907 gegenüber
einem Antrag des Ortskartells Cleveland, der die Gründung einer
politischen Partei aus den Gewerkschaften, den Farmerverbänden
und der sozialistischen Partei forderte.

Diese Debatte hatte aber doch die Wirkung, mit veranlasst durch
das Aufkommen einer gewerkschaftsfeindlichen Gesetzgebung und
Rechtsprechung, dass die Federation eine grössere Aktivität bei
den politischen Wahlen entfaltete. Die Gewerkschaftsmitglieder
wurden eindringlichst aufgefordert, bei allen Wahlen nur solche

Kandidaten zu unterstützen, die sich auf die Arbeiter-
9219
        <pb n="222" />
        forderungen verpflichteten, und Geldsammlungen wurden ein-
geleitet zur Unterstützung solcher Kandidaten, die aus den
Gewerkschaften hervorgegangen waren. Den beiden grossen
Parteien wurde ein Mindestprogramm gewerkschaftlicher For-
derungen zur Anerkennung vorgelegt, das von den PRe-
publikanern abgelehnt wurde, während die Demokraten grosses
Entgegenkommen zeigten. Daraufhin erliess Gompers eine Auf-
forderung an die Arbeiterschaft, überall bei den Wahlen die demo-
kratischen Kandidaten zu unterstützen. Der nächste Kongress 1908
billigte mit grosser Mehrheit diese Massnahme. In der folgenden
Zeit hat der Gedanke einer selbständigen Arbeiterpartei auf den
Gewerkschaftskongressen eine grössere Bedeutung nicht mehr
erlangt, bis die Präsidentenwahl im Jahre 1924 die Errichtung einer
Arbeiterpartei plötzlich wieder in greifbare Nähe rückte. Die
Vorgänge sind auch ausserhalb Amerikas noch ziemlich bekannt.
Um den fortschrittlichen Senator La Follette scharten sich ver-
schiedene Gruppen, darunter Farmerverbände, die sozialistische
Arbeiterpartei und eine Reihe Gewerkschaften, während aber die
Federation selbst auch diesem Versuch, eine dritte Partei zu
gründen, fernblieb. Die Wahl selbst erbrachte für die neue
Gruppierung fast fünf Millionen Stimmen, die aber doch nur
16 Prozent aller abgegebenen Stimmen betrugen. In anderen
Ländern hätte man aus diesem doch immerhin beachtenswerten
Erstlingserfolg vielleicht die Hoffnung geschöpft, dass bei zäher
Weiterarbeit in absehbarer Zeit die neue Partei ein ernsthafter
Anwärter auf die politische Macht werden könnte. In Amerika aber,
wo jede grössere organisierte Gruppe überzeugt ist, dass sie
unter dem Zweiparteiensystem, wenn nicht direkt, so doch indirekt
einen politischen Einfluss ausüben kann, der aber verlorengeht,
wenn man seine Karte auf eine dritte, machtlose Partei setzt, war
der augenblickliche Misserfolg entscheidend. Es ist nicht unsere
Aufgabe, zu untersuchen, ob überhaupt die heterogenen Gruppen,
die sich zunächst nur zum Zwecke der Präsidentenwahl zusammen-
gefunden hatten, auf die Dauer in einer Partei beieinanderzu-
halten gewesen wären. Der erste Misserfolg führte jedenfalls
dazu, dass sich die Gruppen wieder trennten. Wir fanden auch
in solchen Kreisen, die sich für die Gründung einer Arbeiterpartei
erklärten, nunmehr die Auffassung, dass der misslungene Versuch
auf absehbare Zeit alle Möglichkeiten zur Verwirklichung des
Planes verschüttet habe.

Dadurch ist auch die Stellung der Federation zur Frage einer be-
sondern Arbeiterpartei weiterbefestigt worden. Diese Stellung
wird am besten erkenntlich in einem von ihr durch eine besondere
Kommission am Ende des Weltkrieges aufgestellten „Wieder-
aufbauprogramm“, in dem es heisst:

290
        <pb n="223" />
        „Staatsbürgerliche Politik.

Bei den politischen Bestrebungen, die aus dem Bedürfnis der Arbeit ent-
standen sind, eine Gesetzgebung zu erreichen, die jene Lebensverhältnisse
und Fürsorge betrifft, die den Kollektivverträgen mit den Unternehmern
nicht unterstehen, haben die organisierten Arbeiter zwei Methoden verfolgt.
Die eine bestand darin, politische Parteien zu organisieren, die andere
war der Entschluss, Vertreter aus den eigenen Reihen in öffentliche Ämter
zu bringen, d. h. solche Kandidaten zu wählen, die die gewünschte Gesetz-
gebung begünstigen und beschützen, und jene zu bekämpfen, deren Politik
den Forderungen der Arbeiter an die Gesetzgebung entgegensteht, un-
bekümmert um parteipolitische Einstellung.

Die traurigen Erfahrungen der organisierten Arbeiter Amerikas mit
eigenen politischen Parteien rechtfertigen zur Genüge die nichtpartei-
politische Politik des amerikanischen Gewerkschaftsbundes. Die Erfolge,
die von Arbeiterparteien in anderen Ländern erreicht werden, sind niemals
solche gewesen, dass sie zu einer Abweichung von dieser Stellungnahme
bevollmächtigen. Die Statuten und Bestimmungen der Gewerkschaften
sollten niemals so erweitert werden, dass das Vorgehen einer Majorität
eine Minorität zwingen könnte, irgendeinem politischen Kandidaten oder
einer Partei, die sie bekämpfen, die Stimme oder finanzielle Unterstützung
zu geben. Die gewerkschaftliche Tätigkeit kann die ungeteilte Auf-
merksamkeit der Mitglieder und Beamten nicht erhalten, wenn die Er-
fordernisse, Lasten und Verantwortungen einer politischen Partei nicht
ihrer wirtschaftlichen und industriellen Organisation verbunden sind:

Die Erfahrungen und Erfolge, die durch die nichtparteipolitische Politik
des amerikanischen Gewerkschaftsbundes erreicht wurden, erstrecken sich
über eine Generation. Dies zeigt, dass durch die Anwendung dieser Politik
die Arbeiter Amerikas sich ein viel grösseres Mass fundamentaler Gesetz-
gebung, Festlegung ihrer Rechte, Schutz ihrer Interessen und ihrer Wohl-
fahrt und bessere Gelegenheiten gesichert haben, als sie von den Arbeitern
irgendeines anderen Landes erreicht werden.

Die höchst notwendige Gesetzgebung, die jetzt erforderlich ist, kann viel
schneller gesichert werden durch Erziehung der öffentlichen Meinung und
den Appell an das Gewissen, ergänzt durch energische unabhängige
politische Tätigkeit der Gewerkschaften, als durch irgendeine andere
Methode. Dies ist die staatsbürgerliche Politik des amerikanischen Ge-
werkschaftsbundes, die festgesetzt wird, wenn die Lehren, die die
Arbeiter in der bitteren, aber praktischen Schule der Erfahrung gelernt
haben, beachtet und verfolgt werden.

Es ist darum sehr wesentlich, dass die Beamten des amerikanischen
Gewerkschaftsbundes, die Beamten der angeschlossenen Organisationen,
die staatlichen und örtlichen Gewerkschaftskartelle und alle Mitglieder
der Gewerkschaftsbewegung die staatsbürgerliche Politik des Gewerk-
schaftsbundes so nachdrücklich wie möglich anwenden, damit die Freunde
und Gegner der Arbeiter weit und breit bekannt. werden und die zuerst
erforderliche Gesetzgebung schnell gesichert wird. Diese Phase unserer
Bewegung ist noch in ihrer Kindheit. Sie sollte fortgesetzt und bis zur
logischen Konsequenz entwickelt werden.“

*

9921
        <pb n="224" />
        5. Kartellgesetz und Einhaltsbefehle.

Die Unternehmer in aller Welt bedienen sich zur Wahrnehmung
ihrer wirtschaftlichen Interessen des Mittels der Kartelle und
Truste mit dem Ziel, innerhalb ihres Wirtschaftsgebietes möglichst
ein Monopol zu erlangen.

Die Gewerkschaften, auch wenn sie wollten, können diese
Methoden nicht einfach nachahmen. Die Monopolisierung der
Arbeitskraft scheitert praktisch daran, dass diese an den lebendigen
Menschen gebunden ist, der zugrunde gehen muss, wenn er seine
Arbeitskraft nicht verkaufen kann. Ein Rohstoff oder eine Waren-
art kann monopolisiert werden, wenn eine Zentralstelle nicht nur
die gesamten Bestände unter ihre Kontrolle bringt, sondern auch
die Erzeugung willkürlich zu regulieren imstande ist. Man weiss,
dass solche Monopolkartelle dazu übergehen, den Markt knappzu-
halten, die Zuflussquellen zu verengen, die Bestände zurückzuhalten
und sie unter Umständen gar dem Verderben preiszugeben. Die
Arbeitskraft, untrennbar mit ihrem lebendigen Träger verbunden,
ist ein ungeeignetes Objekt für solche Methoden. Die Gewerk-
schaften — in Amerika noch mehr als in Deutschland — sind sehr
weit davon entfernt, die vorhandenen Bestände unter ihrer Kontrolle
zu haben. Vollends unmöglich wäre es ihnen, die Zuflussquellen
zu: verstopfen und dauernd grosse Mengen von Arbeitskraft vom
Markt fernzuhalten oder zu vernichten. Wenn also schon von den
Gewerkschaften überhaupt als von „Kartellen‘“ geredet werden
kann, so wird man doch dabei nicht übersehen können, dass es
sich hier um etwas ganz anderes handelt als bei den üblichen
Warenkartellen.

Für die.amerikanische Gewerkschaftsbewegung hat diese Frage
eine nicht nur theoretische Bedeutung. Im Jahre 1890 wurde in den
Vereinigten Staaten ein „Gesetz zum Schutz von Handel und
Verkehr gegen gesetzwidrige Beschränkung und Monopole“ er-
lassen, das als „Cherman-Act“ oder „Antitrustgesetz“ bekannt ist.
Die schamlosen und das Allgemeinwohl bedrohenden Praktiken der
Produktions-, Handels- und Verkehrskartelle hatten die öffent-
liche Meinung so stark erregt, dass zu ihrer Beruhigung dieses
Gesetz notwendig geworden war. Ernsthafte Anwendung hat es
freilich bis zum heutigen Tage kaum gefunden, wenigstens nicht
für den Zweck, für den es gemacht war. Wohl aber kamen findige,
von Unternehmerinteressen beherrschte Richter auf den Einfall,
dass das Antitrustgesetz vorzüglich als Waffe zur Vernichtung der
Gewerkschaften zu gebrauchen sei. Obwohl nicht der geringste
Zweifel bestand, dass bei der Schaffung des Gesetzes kein Mensch
auch nur im entiferntesten an die Möglichkeit gedacht hatte, dass
die Gewerkschaften darunter fallen könnten, gestattete es doch

99
        <pb n="225" />
        die eigenartige Machtvollkommenheit der amerikanischen Richter,
im offenkundigen Gegensatz zum Gesetzgeber diese unnatürliche
Deduktion anzuwenden.

Die Gewerkschaften gerieten dadurch in eine überaus bedrängte
Lage; denn die konsequente Anwendung des Gesetzes im Sinne
einiger Gerichtsurteile wäre ihrer Vernichtung gleichgekommen.
Nicht nur die Teilnahme an jeder gewerkschaftlichen Aktion,
sondern schon die blosse Zugehörigkeit zu einer Gewerkschaft
wäre danach mit Gefängnis bedroht worden. Es versteht sich, dass
die Gewerkschaften gegen diese ungeheuerliche Rechtsauffassung
den allerschärfsten Kampf führten. Eine Reihe von Gerichts-
prozessen beschäftigte die Öffentlichkeit aufs lebhafteste. Der
bekannteste darunter ist derjenige, der aus einem Streik der Metall-
polierer bei der Firma Bucks Stove and Range Co. in St. Louis im
Jahre 1906 hervorging. Der Streik ging zwar durch Arbeitswillige
verloren, aber die Firma fühlte sich weiterhin bedroht, weil sie
von den Gewerkschaften auf die Sperrliste gesetzt wurde. Es
gelang ihr, dagegen einen richterlichen Einhaltsbefehl, der sich auf
das Antitrustgesetz stützte, zu erwirken.

In der bewussten Absicht, den Rechtskampf bis vor die oberste
Gerichtsinstanz zu tragen, forderte nun Samuel Gompers, der
Präsident des Gewerkschaftsbundes, öffentlich auf, diesenEinhalts-
befehl als eine gesetzwidrige Eigenmächtigkeit des Richters zu
missachten. Die erwartete Anklage blieb nicht aus. Gompers und
mit ihm Morrison, der Generalsekretär der Federation, und
Mitchell, der Vorsitzende des Bergarbeiter-Verbandes, mussten
sich vor dem obersten Richter des Staates Columbien verantworten.
Dieser Richter Wright war offenkundig ein fanatischer Gewerk-
schaftsfeind, und die Kontroverse, die zwischen ihm und den
Angeklagten geführt wurde, war auf beiden Seiten von einer
temperamentvollen Leidenschaftlichkeit getragen. Das Urteil
lautete für die drei Angeklagten auf 12, 9 und 6 Monate Gefängnis.
In der schriftlichen Begründung erklärte Richter Wright aus-
drücklich, dass es sich nicht nur um den Boykott der bestreikten
Firmahandele; vielmehr gälte es, „einer allgemeinen Verschwörung
Einhalt zu tun“, als welche ihm die Gewerkschaftsbewegung
erschien. „Es handelt sich um die Herrschaft der Ordnung über
den Pöbel oder um die Demütigung der Ordnung unter den Füssen
der aufrührerischen Massen“, schrieb dies amerikanische Seiten-
stück zu dem deutschen Staatsanwalt Tessendorf sozialistengesetz-
lichen Angedenkens in die Begründung hinein. Und wie sehr er
sich als Matador im Vernichtungskampf gegen die gewerkschaft-
liche Gesamtbewegung fühlte, geht aus einer anderen Stelle hervor:
„Es besteht ein Konflikt zwischen den Verordnungen eines von der
Federal-Regierung eingesetzten Tribunals und den Tribunalen einer

9293
        <pb n="226" />
        anderen Federation (American Federation of Labor), die im Lande
emporwuchs. Eine oder die andere muss untergehen!“

Selbstverständlich legten die Verurteilten Berufung ein. Nach-
dem die nächste Instanz das Urteil bestätigt hatte, wurde es vom
Obersten Bundesgericht im Mai 1911 aufgehoben, aber mehr aus
einem formalen Grunde und mit der Massgabe, dass es dem zu-
ständigen Richter freistehe, eine neue Untersuchung einzuleiten.
Das geschah dann auch, und es erfolgte ein neues Urteil mit den-
selben Gefängnisstrafen, die dann von der Berufungsinstanz in
Geldstrafen umgewandelt wurden. Im Jahre 1914 stand die Sache
erneut vor dem Obersten Bundesgericht zur endgültigen Ent-
scheidung. Hier erfolgte Freispruch, jedoch ohne Klärung des
rechtlichen Sachverhalts, wegen Verjährung zur Zeit des zweiten
Untersuchungsverfahrens. Es war also nicht möglich, auf dem
ordentlichen Rechtswege eine Klärung herbeizuführen.

Daneben waren die Gewerkschaften aber unausgesetzt bemüht
gewesen, eine Änderung des Antitrustgesetzes selbst herbei-
zuführen. Viele Jahre dauerte es, bis endlich 1914 das Parlament
sich bereit fand, das Cherman-Gesetz durch einen Zusatz ( Clayton-
Bill) zu ergänzen. Darin heisst es grundsätzlich: „Die Arbeit
eines menschlichen Wesens ist nicht eine Ware oder ein Handels-
artikel.“ Und dann wird bestimmt:

„Was in den Antitrustgesetzen enthalten ist, darf nicht dahin
ausgelegt werden, um den Bestand und die Tätigkeit von Hilfs-
vereinen, Arbeiter-, Konsumenten-, Ackerbauer- und Gartenbauer-
Organisationen zu verbieten, die zum Zwecke gegenseitiger Hilfe
errichtet wurden, die kein Aktienkapital besitzen, noch um Gewinn
fätig sind. .....“

„Kein Gericht und kein Richter in den Vereinigten Staaten darf
einen Einhaltsbefehl herausgeben bei Streitigkeiten zwischen
Arbeitern und Unternehmern oder zwischen Arbeitern unter-
einander, welche die Arbeitsbedingungen zum Gegenstand haben,
ausser wenn es notwendig ist, um Eigentum oder um Eigentums-
rechte der antragstellenden Partei gegen die Zufügung nicht wieder
gutzumachenden Schadens zu schützen, und wenn die Schädigung
durch kein anderes Rechtsmittel abzewendet werden kann.“

Mit diesen Gesetzesänderungen schien die Gefahr für die Ge-
werkschaften endgültig abgewendet zu sein. Und tatsächlich
machte sich auch bald‘ eine starke Abnahme der richterlichen
Einhaltsbefehle bemerkbar. Im Jahre 1921 hat dann aber die
Angelegenheit eine neue und überraschende Wendung zuungunsten
der Gewerkschaften genommen, indem nämlich der Oberste
Gerichtshof die Clayton-Bill für verfassungswidrig und ungültig
erklärte! Zur Zeit seines Prozesses hatte Samuel Gompers einmal
die Absurdität der richterlichen Machtansprüche durch die Worte

294
        <pb n="227" />
        glossiert: „Wenn nun gar ein Richter sich vergessen würde und
dem Parlament die Gesetzgebung untersagt — will jemand be-
haupten, dass dem Folge geleistet werden müsste?‘“ Es scheint,
als ob in der Tat diese Frage in den Vereinigten Staaten ernsthafiter
zu betrachten ist, als es Gompers vordem ahnte. Jedenfalls ist
durch diese Entscheidung des Obersten Gerichtshofes die Rechts-
lage für die Gewerkschaften wieder sehr unsicher geworden, und
es ist noch nicht abzusehen, welche Folgerungen sich daraus
ergeben können.

Nicht nur die Unsicherheit in bezug auf die Antitrustgesetz-
gebung, sondern auch das System der richterlichen Einhaltsbefehle
gegen die gewerkschaftlichen Kampfaktionen, die auch aus anderen
Gründen als dem Antitrustgesetz erlassen werden, bedeuten für
die Gewerkschaften eine unausgesetzte Bedrohung, die ungeheuer
verbitternd wirkt. Bei ausbrechenden Arbeitskonflikten gelingt es
den Unternehmern sehr häufig, solche Einhaltsbefehle zu erwirken,
die es den Gewerkschaften unmöglich machen sollen, die für einen
Streik erforderlichen Massnahmen, wie Streikpostenstehen, durch-
zuführen und die Streikenden zu unterstützen.

Zwar ist der Streik an sich gesetzlich nicht verboten. Wenn aber
ein Richter glaubt, dass durch die Aktion und die damit ver-
bundenen Massnahmen möglicherweise ein Gesetz verletzt werden
könnte, fühlt er sich zum Erlass eines Einhaltsbefehls berechtigt.
Ist ein solcher Befehl erlassen, gilt die Fortführung von Kampf-
massnahmen, auch wenn sie sich durchaus im Rahmen der Gesetz-
lichkeit bewegen, als ein ungesetzliches und strafbares Vergehen.
Bei der offenkundigen Parteilichkeit mancher Richter kommt dieses
Verfahren zuweilen der Aufhebung des Streikrechts vollkommen
gleich.

Allerdings wird die Willkürlichkeit dieses Rechtszustandes in
der Praxis dadurch gemildert, dass die Richter in den Vereinigten
Staaten keineswegs so geschlossen hinter den Unternehmer-
interessen stehen wie etwa im kaiserlichen Deutschland. Und
manche erlassenen Einhaltsbefehle blieben schliesslich unwirksam,
weil die Heiligkeit solcher Erlasse von den beteiligten Arbeitern
nicht übermässig respektiert wird und die polizeilichen Voll-
ziehungsorgane der offiziellen Gerechtigkeit bei solchen Gelegen-
heiten nicht immer den Eifer entwickeln, den die bestreikten
Unternehmer gern sehen möchten. Wenn deshalb auch der Ge-
werkschaftskampf praktisch nicht in dem Masse behindert wird,
wie es nach der theoretischen Rechtslage scheinen könnte, so bleibt
doch noch genug übrig, um die gewaltige Empörung zu begreifen,
die die Arbeiter in dem „freiesten Lande der Welt“ gegen dieses
System haben.

995
        <pb n="228" />
        6. Betonung der Berufsinteressen.

Bei der praktischen Gewerkschaftsarbeit steht in Amerika die
Vertretung der engeren Berufsinteressen weitaus an erster Stelle.
Dahinter bleibt mehr als in Deutschland die allgemeine Arbeiter-
Solidarität zurück, eine Erscheinung, die sich aus der unter-
schiedlichen Auffassung über die Klassenlage und den Klassen-
kampf leicht erklärt.

Das wirkt sich einmal dahin aus, dass vorzugsweise diejenigen
Arbeiter gewerkschaftlich organisiert sind, die sich mit einem
bestimmten Beruf fest verbunden fühlen, in der Hauptsache die
qualifizierten Facharbeiter. Man wird sich erinnern, dass es auch
in Deutschland und in anderen Ländern zuerst die gelernten
Arbeiter waren, die den gewerkschaftlichen Gedanken begriffen.
Von ihnen ging dann aber, angefeuert durch die Erkenntnis von
der Notwendigkeit des gemeinsamen Klassenkampfes, eine starke
Propaganda zur Organisierung auch der Ungelernten aus. In
Amerika ist diese Antriebskraft erheblich geringer. Das Gefühl
der Pflicht, für die Ausbreitung der Gewerkschaftsbewezung zu
sorgen, beschränkt sich meist auf die eigene Berufsgruppe. Die
Aufgabe, darüber hinaus die Organisation zu fördern, bleibt den
allgemeinen gewerkschaftlichen Instanzen überlassen, die aber nur
schwer vorankommen können, wenn die propagandistische Mit-
arbeit bei der breiten Masse der Gewerkschaftsmitglieder fehlt.
Obwohl die Notwendigkeit, aus der Exklusivität der engeren Fach-
organisation herauszukommen, auf den Kongressen der Federation
schon seit vielen Jahren erkannt und immer dringlicher betont
wurde, ist die relative Beschränkung auf qualifizierte Berufsarbeiter
doch heute noch ein auffälliges Merkmal der amerikanischen Ge-
werkschaftsbewegung. Die Organisation besteht dort, wo sie ver-
hältnismässig leicht zustande kommt; sie fehlt, wo der berufliche
Zusammenhang ein lockerer und die Aussicht, durch den Zu-
sammenschluss schnelle Erfolge zu erzielen, ein geringerer ist.
Die gelernten Arbeiter sind verhältnismässig sehr gut, die un-
gelernten dagegen im grossen Umfang überhaupt nicht organisiert.

Im weiteren ergibt sich aus der starken Betonung der engen
Gruppeninteressen eine starke Dezentralisierung der gewerkschaft-
lichen Organisation. Möglichst jeder Beruf, auch wenn er noch so
klein ist, ist auf seine organisatorische Selbständigkeit bedacht.
So verteilen sich die 2 878 297 Mitglieder der Federation auf nicht
weniger als 107 Zentralverbände und 436 selbständige Lokalvereine,
während beispielsweise die mehr als 4% Millionen Mitglieder im
Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund Ende 1925 auf nur
41 Verbände verteilt sind. Von den Zentralverbänden in der
Federation haben

296
        <pb n="229" />
        unter 1000 Mitglieder .................... 14 Nerban
1000 bis 2000 Mitglieder .......” 2
2000 : 3.000 et hlinthek ©
3.000 5 000 ” a
5000 „ 10000 Sen
10000 ,,„ 20000 a 2 Da
20000 ‚„ 50000 ® N
50000 ‚, 100000 . Y ;
100000 ‚, 200.000 En
über 300 000 Mitglieder ................... er

Auch die Beziehungen der Verbände untereinander sind sehr viel
lockerer, als das bei uns üblich ist. Das gewerkschaftliche Leben
spielt sich mehr innerhalb des einzelnen Verbandes ab. Die Be-
rührungspunkte im Rahmen der Gesamtbewegung sind seltener und
beschränken sich fast ganz auf Ausschüsse der oberen Funktionäre.
Dem einzelnen Gewerkschaftsmitglied ist sein Verband, ja mehr
noch seine Lokalunion, oft der Inbegriff der ganzen Gewerkschafts-
bewegung. Dass die dezentralistische Tendenz der Gesamt-
bewegung sich auch noch innerhalb der einzelnen Zentralverbände
fortsetzt, dass die Selbständigkeit der Lokalvereine grösser ist und
die Mitglieder desselben Zentralverbandes in einem Ort sich häufig
auf eine ganze Anzahl Lokalunionen aufteilen, von denen jede eine
eigene Verwaltung, häufig ein eigenes Bureau und eigene An-
gestellte hat, wurde bereits ausgeführt.

Die Voranstellung der engeren Berufsinteressen zeigt sich auch
bei den Bemühungen, auf den Arbeitsmarkt Einfluss zu erlangen.
Die Sicherheit der Arbeitsgelegenheit ist für jeden Arbeiter ein
hochgeschätzter Vorteil, und diesen Vorteil zu vertreten, ist eine
naheliegende Aufgabe der Gewerkschaften. Auch bei uns und in
anderen Ländern ist zu beobachten, dass jede Gewerkschaft dabei
vornehmlich an die eigenen Mitglieder denkt und wenig davon
erbaut ist, wenn auf ihrem Arbeitsmarkt andere Verkäufer der Ware
Arbeitskraft auftreten. Das dem Berufsegoismus entzgegenstehende
Gefühl einer allgemeinen Arbeitersolidarität wirkt aber doch bei
uns stark bremsend auf diese Tendenz ein. In Amerika sahen wir
diese Tendenz jedenfalls weit stärker entwickelt, wie denn dort
überhaupt die Sicherung des Arbeitsplatzes durch die Gewerkschaft
eine grössere Rolle spielt. Es gibt wohl nur wenige Tarifverträge,
in denen nicht das Recht der vertragschliessenden Gewerkschaft
verbrieft ist, alle Arbeitsplätze in den Vertragsbetrieben aus-
schliesslich mit ihren Mitgliedern besetzen zu dürfen. Dies Recht
gilt geradezu als das Primat des gewerkschaftlichen Einflusses.
Der „Union-Shop“, d.h. der von den Gewerkschaften erfasste
Betrieb, ist deshalb auch immer ein „Closed-Shop“, d. h. für Nicht-
organisierte verschlossen. Umgekehrt ist aber auch der „Open-

997
        <pb n="230" />
        Shop“ ein „Non-union-Shop“, d.h. auf die Nichtvertragsbetriebe
üben die Gewerkschaften überhaupt keinen Einfluss aus. Die
Belegschaften der einzelnen Betriebe sind in der Regel entweder
vollständig oder gar nicht organisiert. Die teilweise Organisierung
ist meist nur ein Provisorium, das nicht von langer Dauer sein kann.
Entweder gelingt es, in kurzer Zeit die Gewerkschaftsbedingungen
einzuführen, einschliesslich der Organisationspflicht für alle Be-
schäftigten, oder die bereits Organisierten geben ihre Mitglied-
schaft als zwecklos wieder auf. In der Zugehörigkeit zur Gewerk-
schaft sieht der amerikanische Arbeiter eine Angelegenheit, die
sich auch in einem unmittelbaren und erkennbaren materiellen
Nutzen für ihn auswirken muss. Der idealistische Schwung, der
aus Anteilnahme am Schicksal der ganzen Arbeiterklasse den An-
schluss an die Gewerkschaftsorganisation auch dann gebietet, wenn
ein direkter persönlicher Vorteil zunächst nicht dabei herausspringt,
ist in der amerikanischen Arbeiterschaft zum mindesten schwächer
entwickelt als etwa unter den deutschen Arbeitern. Nur wenn man
in einem Union-Shop arbeitet, rentieren sich die Gewerkschafts-
beiträge.

Die Sicherheit der Beschäftigung für die Mitglieder hängt ab von
dem Verhältnis der Mitgliederzahl zu der Zahl der Arbeitsplätze,
die der Kontrolle der Gewerkschaft unterliegen. Ist die Zahl der
Arbeitsplätze an einem Ort und für einen bestimmten Beruf eine
feststehende, so bedeutet ein Anwachsen der Mitgliederzahl über
diese Zahl hinaus eine Gefährdung der Existenzsicherheit für die
Mitglieder. Tatsächlich hat diese Überlegung vielfach dazu geführt,
dass die Lokalunionen nicht nur keinen Wert auf die Vermehrung
der Mitglieder legten, sondern im Gegenteil gegen weiteren Zu-
wachs sich absperrten. Harte Bedingungen wurden den Kandidaten,
die sich zum Eintritt meldeten, auferlegt, z. B. ein hohes Eintritts-
geld und die Ablegung einer scharfen Prüfung über die beruflichen
Fähigkeiten. Man ging sogar soweit, die Mitgliederliste auf be-
stimmte oder unbestimmte Zeit ganz zu schliessen. Manche Lokal-
unionen bedienen sich in diesem Zusammenhang auch noch des
„Permitt“-Systems. Sie nehmen auch dann neue Mitglieder nicht
auf, wenn alle Mitglieder Beschäftigung haben und trotzdem noch
Arbeitsplätze frei sind. Sie geben dann an Nichtmitglieder Permitts,
das heisst Arbeitserlaubniskarten, gegen eine fortlaufende Gebühr
aus. Der Sinn dieser Methode ist leicht zu begreifen: verringert
sich die Beschäftigungsmöglichkeit im Beruf, dann zieht die Orga-
nisation zuerst die Permitts wieder ein und sichert die verbleibenden
Arbeitsplätze für die Mitglieder. Für die Nichtmitglieder ist das
natürlich eine grosse Härte. Sie müssen an die Union Beiträge
entrichten, die oft höher sind als die der Mitglieder, haben aber

2928
        <pb n="231" />
        keinerlei Anspruch auf die Leistungen der Organisation und sind
der grössten Unsicherheit ihrer Existenz ausgesetzt.

Solche, dem deutschen Gewerkschaftsempfinden unsymp athischen
Methoden?) sollen in der Vergangenheit sehr stark verbreitet ge-
wesen sein und sind auch heute noch durchaus nicht selten. Un-
zweifelhaft ist aber ihre Anwendung schon sehr erheblich zurück-
gegangen und ist auch wohl nur in solchen kleinen Berufen möglich,
wo die Lokalunion in ihrem Bereich alle Arbeitsplätze genau über-
sehen kann und ein Eindringen von Berufsiremden aus arbeitstech-
nischen Gründen nur schwer möglich ist.

- *
7. Grenzstreitigkeiten.

Das jeder Union innewohnende Bestreben, für ihre Mitglieder
nicht nur gute Arbeitsbedingungen, sondern nach Möglichkeit auch
dauernde Arbeitsgelegenheit zu sichern, führt nun aber auch zu
Differenzen zwischen den Gewerkschaften selbst. Auch in Deutsch-
Jand gibt es gelegentlich Grenzstreitigkeiten, weil die Berufs- oder
Industriezugehörigkeit dieser oder jener Arbeitsgruppe zweifelhaft
ist. Hier geht das Ringen um die Mitglieder. In den Vereinigten
Staaten geht der Kampf um die Arbeitsplätze, der der Federation
ernsthafte Sorgen bereitet. Häufig mussten Schiedsgerichte zu-
sammentreten, um Streitigkeiten dieser Art zu schlichten. Auch
die amtlichen Arbeitsbehörden wenden diesen Grenzstreitigkeiten
ihre Aufmerksamkeit zu, weil dadurch nicht selten schon empfind-
liche Störungen des Wirtschaftslebens hervorgerufen worden sind.
Seit Jahren besteht unter der Kontrolle des Arbeitsministeriums
ein paritätisch von Gewerkschaften und Unternehmern besetztes
besonderes Schiedsgericht für gewerkschaftliche Grenzstreitig-
keiten, das „National Board for Jurisdictional Awards“. Es ge-
lingt aber nicht immer, Entscheidungen zu finden, die auch von
beiden Parteien anerkannt werden.

Fin Streitfall dieser Art, der seit Jahren akut ist und die Zu-
sammenarbeit in der Federation ernstlich stört, mag hier zur
Illustration angeführt sein. Es handelt sich um Differenzen zwischen
dem Verband der Baufischler und Zimmerer und dem der Hohl-

1) Aber auch der deutsche Gewerkschafter muss sich hüten, voreilig den Stab über die
amerikanischen Gewerkschaften zu brechen. Bei uns ist es nur erst vereinzelt Gewerk-
schaften gelungen, für ihre Mitglieder ein Recht auf alle Arbeitsplätze festzulegen. Wo
das aber geschehen ist, finden sich auch bei uns Beispiele von wirksamen Massnahmen
gegen eine Überfüllung des Berufes, Allerdings gehen sie nicht bis zur Schliessung der
Mitgliederliste, sondern beziehen sich auf eine planmässige Einschränkung der Lehrlings-
haltung und Verhinderung von Anlernung Berufsfremder, Überhaupt gebietet die Gerechtig-
keit gegenüber den amerikanischen Gewerkschaften, zu sagen, dass die bei unseren
Gewerkschaften geringere Betonung berufsegoistischer Interessen doch wohl nicht aus-
schliesslich auf das Gefühl der allgemeinen ‘Arbeitersolidarität, sondern auch mit darauf
zurückzuführen ist, dass schon durch die realen wirtschaftlichen und sozialen Macht-
verhältnisse ein Verzicht auf Berufsegoismus erzwungen wird,
9929
        <pb n="232" />
        metallarbeiter. Streitobijekt ist die Arbeit des Einsetzens und An-
schlagens von Türen und Fenstern aus Metall. Diese Arbeit konnte
für den Bautischler nicht bestritten werden, solange es sich aus-
schliesslich um Produkte aus Holz handelte. Die Furcht vor Feuers-
gefahr führt aber in zunehmendem Masse dazu, die Türen und
Fenster entweder mit Blech zu überziehen oder ganz aus Hohl-
metall anzufertigen. Bei Hochhäusern über eine bestimmte Stock-
werkhöhe hinaus wird dies sogar polizeilich vorgeschrieben. Da
auch Versicherungsgesellschaften bei Verwendung von Hohlmetall
hohe Prämienrabatte gewähren, breitet sich diese Änderung schnell
aus. Soweit es sich um die Fabrikation metallener Türen und
Fenster handelt, steht der Anspruch der Hohlmetallarbeiter auf
diese Arbeit fest. Das Recht auf Einsetzen und Anschlazen im
Bau wird aber von den Bautischlern verteidigt, und sie begründen
das nicht nur mit der Tradition, sondern auch mit dem Hinweis,
dass diese Arbeit, gleichgültig aus welchem Material die Gegen-
stände hergestellt sind, eine Arbeitstechnik erfordere, die nur dem
gelernten Bautischler zu eigen sei. Da auch andere Baustoffe ihren
Charakter verändern, befürchten die Bautischler nicht mit Unrecht
eine wesentliche Einschränkung ihrer Arbeitsmöglichkeiten, wenn
die Art des Materials entscheidend sein sollte; wird doch neuer-
dings auch Wand- und Deckenvertäfelung vielfach aus Kunststoff-
platten hergestellt, und dem Parkettboden erwächst eine Kon-
kurrenz in Hartgummiplatten. Die Hohlmetallarbeiter hingegen
verlangen das Recht auch auf die Montage der in ihren Arbeits-
bereich fallenden Gegenstände, also auch der Türen und Fenster.
Dagegen wehren sich die Bautischler auf das heftigste, und wo es
ihnen nicht gelang, die Hohlmetallarbeiter von der umstrittenen
Arbeit fernzuhalten, zogen sie ihre Mitglieder auch von allen
anderen Arbeiten auf den betreffenden Bauten zurück; mehr noch,
sämtliche Bauten des betreffenden Unternehmers, der häufig eine
grosse Gesellschaft ist, die inallen Teilen des Landes Bauten ausführt,
wurden sofort gesperrt. Im Jahre 1923 forderte der Arbeitsminister
von dem „National Board for Jurisdictional“ eine Entscheidung
über diesen Streit. Ständiges Mitglied des National Board war
auch der Präsident der Bautischlerorganisation, der aber ganz ent-
schieden Einspruch dagegen erhob, dass dieser Streitfall über-
haupt verhandelt wurde, da das Recht der Bautischler nicht an-
gezweifelt werden dürfte. Als trotzdem das Schiedsgericht in die
Verhandlung eintrat, verliess er zum Protest die Sitzung. Das
Schiedsgericht fällte dennoch einen Spruch, und zwar zugunsten
der Hohlmetallarbeiter. Damit war aber nur Öl ins Feuer gegossen
worden; denn die Bautischler ignorierten die Entscheidung und
führten ihren Kampf mit verstärkter Energie weiter. Auch der
Versuch, durch richterliche Einhaltsbefehle eine Sinnesänderungz

230
        <pb n="233" />
        zu erzwingen, blieb ohne Erfolg. Es scheint, als ob die Bauunter-
nehmer bei diesem Streit ausgesprochen auf seiten der Bautischler
stehen, und diese hatten sogar die Genugtuung, auf ihrem letzten
Kongress einen Hohlmetallfabrikanten mit einer Rede auftreten
lassen zu können, in der er, der sich selbst als ehemaliger Hohl-
metallarbeiter bezeichnete, das Recht der Bautischler auf das Ein-
setzen und Anschlagen anerkannte.

Wie sich denken lässt, gerät die Federation durch solche Streitig-
keiten in eine sehr üble Lage. Sie erkennt die moralische Ver-
pflichtung an, für die Entscheidungen des National Board einzu-
treten, verfügt aber über keine Machtmittel, um die Organisation
der Bautischler dazu zu zwingen. Diese Organisation ist nächst
den Bergarbeitern die grösste und auch eine der tüchtigsten in
der Federation, und sie ist offenbar fest entschlossen, sich von
niemand das nehmen zu lassen, was sie für ihr Recht hält. Be-
reits ist der Zusammenhalt im Kartell der baugewerblichen Ver-
bände durch diese Streitigkeiten ernstlich gelockert, und es ist
noch gar nicht abzusehen, welche Folgen für die Gesamtbewegung
sich noch weiter daraus entspinnen können.

°8. Die Einwanderungsfrage.

Bei der grossen Bedeutung, die gerade die amerikanischen Ge-
werkschaften auf die Kontrolle des Arbeitsmarktes legen, ist es
begreiflich, dass sie auch der Einwanderungsfrage ihre Auf-
merksamkeit zuwenden mussten. Seit Beginn der neunziger Jahre
haben sie sich andauernd mit diesem Problem beschäftigt und mit
immer grösserer Dringlichkeit eine Beschränkung der Einwanderung
gefordert. Die Gesetzgebung der neueren Zeit ist diesem Verlangen
auch gerecht geworden.

Die Einwanderung ist zurzeit auf 2 Prozent der Einwohner fremd-
ländischer Herkunft, die im Jahre 1890 in den Vereinigten Staaten
lebten, beschränkt worden. Durch diese Bestimmung soll nicht
nur die Einwanderung an sich begrenzt, sondern auch das Nationali-
tätenbild, das sie vor 1890 zeigte, wiederhergestellt werden. Bis
dahin waren es vorzugsweise Angehörige der kulturell fortge-
schrittensten europäischen Nationen, besonders auch der deutschen,
die in Amerika eine neue Heimat suchten. Später versiegte dieser
Strom wegen der günstigeren industriellen Entwickelung im
eigenen Lande, und statt dessen ergoss sich ein neuer Auswanderer-
strom aus den zurückgebliebensten osteuropäischen Gebieten in
die Vereinigten Staaten. Durch die Quotierung auf den Nationali-
tätenstand von 1890 wird also diese osteuropäische Einwanderung
ganz besonders stark gedrosselt. Im ganzen ist nach dem
„Zwei-Prozent-Gesetz‘“ noch eine Einwanderung von höchstens

931
        <pb n="234" />
        165 000 Personen im Jahr (frei von dieser Beschränkung sind
Kanada und Mexiko) zulässig, gegenüber mehr als einer Million
jährlich im Durchschnitt des letzten Jahrzehnts vor dem Kriege.

In der europäischen Arbeiterschaft wird den amerikanischen Ge-
werkschaften ihre Stellungnahme zum Einwanderungsproblem
stark verdacht. Doch wird man zugeben müssen, dass die unbe-
schränkte Einwanderung tatsächlich eine ernst zu nehmende und
wachsende Gefahr für die amerikanischen Arbeiter bedeutet. Sie
konnten ihren wesentlich höheren Lebensstandard im Vergleich
zu dem europäischen zwar erringen und aufrechterhalten trotz
unbegrenzter Einwanderungsmöglichkeit. Die gegenwärtige wirt-
schaftliche Zerrüttung Europas, von der sich die augenblickliche
Wirtschaftsblüte in den Vereinigten Staaten um so krasser abhebt,
bedeutet aber eine wesentliche Steigerung der Gefahr. Noch mehr
aber ist es der innerwirtschaftliche Umschichtungsprozess, der
sich in den Vereinigten Staaten vollzieht, der die Gewerkschaften
zwingt, der Einwanderungsfrage erhöhte Aufmerksamkeit zu
widmen. Wie war es überhaupt möglich, dass in diesem Lande
trotz eines riesenhaften und ununterbrochenen Zustromes mittel-
loser Arbeitsuchender und zu einer Zeit, als die Gewerkschaften
noch zu schwach waren, um die natürliche Auswirkung des Ge-
setzes von Angebot und Nachfrage für den Preis der Arbeitskraft
wesentlich korrigieren zu können, die Löhne verhältnismässig hoch
bleiben konnten? Die Erklärung dafür dürfte in erster Linie in
den besonderen Verhältnissen der amerikanischen Landwirtschaft
zu finden sein. Anders als in den übervölkerten und landhungrigen
europäischen Ländern bot die schier unbegrenzte Weite der neuen
Welt leichte Möglichkeiten, Grund und Boden zu erwerben und
in landwirtschaftlicher Tätigkeit eine ausreichende Existenz zu
finden. Das bedeutete eine kräftige Entlastung für den gewerb-
lichen Arbeitsmarkt und einen natürlichen Schutzwall gegen ein
Sinken der Arbeitslöhne: In der Industrie mussten mindestens die
gleichen Existenzmöglichkeiten geboten werden, die in der Land-
wirtschaft zu erreichen waren.

Die Lage der amerikanischen Landwirtschaft hat sich nun aber
andauernd verschlechtert. Herrenloses Land ist nicht mehr ver-
fügbar, und die Methode der extensiven Wirtschaft auf ijung-
fräulichem Boden lässt sich nicht in alle Ewigkeit fortsetzen. Ohne
hier den Gründen dieses Umschwunges näher nachzugehen, genügt
für unsere Betrachtungen die Feststellung, dass nach der Statistik
in der Zeit von 1913 bis 1922 bei einer allgemeinen Preissteigerung
von 60 Prozent die Löhne in der Industrie um über 100 Prozent,
in der Landwirtschaft aber nur um 37 Prozent gestiegen waren.
Diese Senkung des realen Einkommens in der Landwirtschaft
konnte nicht ohne Folgen für die berufliche Gruppierung bleiben.

9239
        <pb n="235" />
        Aus dem flachen Lande, früher ein aufnahmefähiges Reservoir
für überschüssige Arbeitskraft in der Industrie, ergoss sich nun
umgekehrt ein Menschenstrom in die Industriegebiete, dessen
Grösse allein für das Jahr 1922 auf über eine Million Personen be-
ziffert wird. So müssen die amerikanischen Industriearbeiter mit
einer inneren Einwanderung rechnen, und da sie dagegen Mass-
nahmen nicht treffen können, erklärt sich der wachsende Wider-
stand wenigstens gegen die unbeschränkte Einwanderung vom
Ausland. Dazu kommt auch noch die Nationalitätenveränderung
bei der Einwanderung selbst. Die meistens gewerkschaftlich ge-
schulten Arbeiter, die aus den alten europäischen Industrieländern
einwanderten, wurden als angenehmerer und für die Aufrecht-
erhaltung guter Arbeitsbedingungen weniger gefährlicher Zuwachs
empfunden als die viel bedürfnisloseren Osteuropäer, die auch
in den schlechtesten Arbeitsbedingungen, die ihnen die neue Welt
bot, noch ein Geschenk des Himmels sahen. Waren sie früher
wegen ihrer geringen Fachausbildung keine ernsthafte Gefahr für
die qualifizierten Arbeiter in den Gewerkschaften, so hat sich auch
das durch die Mechanisierung des Arbeitsprozesses geändert. So
bitter die europäische Arbeiterschaft die Stellungnahme der ameri-
kanischen Gewerkschaften in der Finwanderungsfirage empfindet,
so fordert doch die Gerechtigkeit, anzuerkennen, dass dabei ein
starker Zwang des eigenen Selbsterhaltungstriebes obwaltet.

Es ist nicht ohne Interesse, auch die Stellung der Gegen-
kontrahenten der Gewerkschaften, des Unternehmertums, Zu
diesem Problem kennenzulernen. Wenn die Gewerkschaften eine
Beschränkung der Einwanderung fordern, damit der Arbeitsmarkt
nicht überfüllt und ein Lohndruck durch Import billiger Arbeitskraft
verhindert wird, so sollte man annehmen, dass die industriellen
Unternehmer aus denselbenGründen zu einer gegenteiligenForderung
kommen würden. Um so erstaunlicher ist es, dass das volkswirt-
schaftliche Sprachrohr der amerikanischen Industriellen, das
„National Industrial Conference Board“, in einem dazu erstatteten
Gutachten nicht nur gleichfalls eine Beschränkung der Einwanderung
empfiehlt, sondern auch ebenso wie die Gewerkschaften im Ein-
dringen billiger Arbeitskräfte eine allgemeine Gefahr erblickt. In
diesem Gutachten finden sich folgende Sätze:

„Wegen seiner wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Vergangenheit
kann und will der Einwanderer sich mit einer schlechteren Lebenshaltung
begnügen als der amerikanische Arbeiter und hat sich so bereit gefunden,
für einen relativ geringen Lohn zu arbeiten. Da vielfach die Löhne einen
grösseren Anteil an den Produktionskosten ausmachen als andere Faktoren,
wären Industrielle bei starker Anwendung schlecht bezahlter Einwanderer-

arbeit in der Lage, mit anderen Produzenten derselben oder ähnlicher
Waren zu konkurrieren, die wegen besserer Betriebsführung, grösserer
Maschinenanwendung und technischer Fortschrittlichkeit billiger erzeugen.
9233
        <pb n="236" />
        Neben einem allgemeinen Gesichtspunkt kann also der niedrigere Lohn
der eingewanderten Arbeiter ein ökonomischer Nachteil sein, da er nicht
nur eine verminderte Kaufkraft dieser Verbraucher und so eine geringere
Güternachfrage bedeutet, sondern den technischen und wissenschaftlichen
Fortschritt hemmt, der für bessere und billigere Erzeugung unent-
behrlich ist.“

Wir wissen nicht, ob auch politische Motive für diese Stellung-
nahme mit entscheidend waren. Aber auch wenn dies der Fall
wäre, würden die allgemeinen Gesichtspunkte, die über die Be-
deutung der Lohnhöhe in der Volkswirtschaft geltend gemacht
werden, an Richtigkeit nichts einbüssen. In der Tat ist das Hoch-
treiben der Löhne, vom kapitalistischen Unternehmertum zumeist
als eine gemeingefährliche Bedrohung der Wirtschaft und des
Allgemeinwohls bezeichnet, das allerwichtigste Mittel zur Hebung
und Verbesserung der Wirtschaft. Umgekehrt sind niedrige Löhne
nicht nur ein sozialer, sondern auch ein ökonomischer Fluch.
Ungewohnt für uns ist es nur, solche vernünftigen Ansichten bei

einer so autorisierten Unternehmerinstanz zu finden. Sie bedeuten
die glänzendste Rechtfertigung der Gewerkschaftsbewegung, die
damit selbst von ihrem Gegner im sozialen Kampf die wenn auch
wohl ungewollte Anerkennung bekommt, dass ihre Tätigkeit für
die Hebung der Löhne zu den notwendigsten und wertvollsten
Funktionen in der Volkswirtschaft gehört.
9. Das Label.

Eine Eigenart der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung ist
die Anwendung des „Label“, des gewerkschaftlichen Schutz-
zeichens, durch das für den Konsumenten kenntlich gemacht werden
soll, ob eine Ware zu gewerkschaftlichen Bedingungen hergestellt
worden ist. Die Erfindung dieser Idee wird den Carpenters von San
Francisco zugeschrieben, die es im Jahre 1869 in einer Kampagne
für den Achtstundentag einführten. Allgemein bekannt wurde dieses
Mittel dann aber erst mehrere Jahre später, als die Zigarrenmacher
von der Westküste sich seiner bedienten. In diesen Beruf waren
chinesische Arbeiter eingebrochen, die von gewissenlosen Fabri-
kanten zu unglaublich niedrigen Löhnen, aber auch unter Miss-
achtung der einfachsten sanitären Massnahmen ausgebeutet wurden.
Angesichts der Gefahr, von dieser Konkurrenz völlig verdrängt zu
werden, gingen die Zigarrenmacher von San Francisco dazu über,
ihre Erzeugnisse mit einer Schutzmarke zu versehen und im ganzen
Lande eine Propaganda zu entfalten, um die Gesundheitsschädlich-
keit derjenigen Zigarren, die kein Label trugen und also wahr-
scheinlich von den unsauberen chinesischen Kulis hergestellt waren,
in das rechte Licht zu rücken. Die Methode eines solchen sanitären

234
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235
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        Label ist mehrere Jahrzehnte später auch gegen die Heimarbeit in
der Konfektionsindustrie mit ausserordentlichem Erfolg wiederholt
worden, wobei neben den Gewerkschaften auch bürgerliche soziale
Vereinigungen eifrig mitwirkten.

An dem Erfolg, den seinerzeit die Zigarrenmacher mit ihrem
Vorgehen erzielten, erkannten auch andere Gewerkschaften, dass
das Label-System unter Umständen eine brauchbare Waffe im
Gewerkschaftskampf werden könnte, auch wenn der sanitäre Unter-
grund fehlte. Nacheinander gingen noch verschiedene Gewerk-
schaften dazu über, für die von ihren Mitgliedern zu gewerkschaft-
lichen Bedingungen hergestellten Waren solche Abzeichen ein-
zuführen und sie den Unternehmern zur Kennzeichnung ihrer
Fabrikate zur Verfügung zu stellen. Den Zigarrenmachern folgten
die Buchdrucker, Bekleidungsarbeiter, Böttcher, Bäcker, Schuh-
macher, Former u.a. Schliesslich erschien es zweckmässig, das
ganze Label-System zu zentralisieren, um sowohl seine Anwendung
als auch die öffentliche Propaganda zu vereinheitlichen und zu ver-
einfachen. Im Jahre 1909 wurde eine solche Zentralstelle als be-
sondere Abteilung bei der Federation begründet, die sich seitdem
eifrig bemüht, dem gewerkschaftlichen Schutzzeichen grössere
Anerkennung zu verschaffen. Zurzeit sind 51 Zentralverbände
dieser Abteilung angeschlossen und ebenso viele Labels registriert.
Das Label-Departement hat kürzlich mit Zustimmung der an-
geschlossenen Verbände beschlossen, eine grosse Propaganda-
kampagne mit ausserordentlichen Mitteln im ganzen Lande durch-
zuführen. Zu diesem Zweck ist ein grosser Film hergestellt worden,
in dem der Segen ausreichender Arbeitsbedingungen und die Be-
deutung, die darauf das Label-System bei allgemeiner Anwendung
haben kann, anschaulich demonstriert wird.

Nach unseren persönlichen Eindrücken während der Anwesenheit
in den Vereinigten Staaten bleibt die Auswirkung des Label-Systems
vorläufig noch erheblich hinter den damit verbundenen Erwartungen
zurück. Es scheint, als ob breite Kreise, selbst der organisierten
Arbeiter, den gewerkschaftlichen Schutzmarken nur geringe Be-
achtung schenken. In den Verkaufsgeschäften ist sehr selten und
dann noch meist nur sehr versteckt ein Hinweis zu sehen, dass
Label-Waren verkauft werden. Offenbar versprechen sich die
Händler von einer solchen Ankündigung keinen grossen Nutzen,
was doch der Fall sein müsste, wenn grössere Käufermassen ihren
Einkauf davon abhängig machen würden. Mit dieser Beobachtung
stimmt auch die Mitteilung überein, die wir von Gewerkschaftern
erhielten, dass vielfach auch solche Fabrikanten, die berechtigt
sind, ihre Erzeugnisse mit dem Label zu versehen, davon keinen
Gebrauch machen. Wenn somit im öffentlichen Geschäftsleben
das Label allgemein auch noch nicht sehr ins Gesicht fällt, so sind

236
        <pb n="239" />
        . a. MLS6112,
doch zweifellos im einzelnen sehr beachtenswerte Re ultäte erzielt,
worden. Das gilt besonders für Halbfabrikate, die vohn-örganisierten
Facharbeitern fertiggemacht werden müssen. Die RE
auf dem Bau z. B. rühren kein Fenster und keine Tür am 'die ni '
das Label trägt, und manchem Bauunternehmer und Bauherrn ist
es schon sehr teuer geworden, wenn er versuchte, als nichtorgani-&gt;
sierten Betrieben sein Material zu beziehen. x Kie\*
* . *
10. Neuzeitliche Probleme
für die amerikanischen Gewerkschaften.

Es ist nur eine Selbstverständlichkeit, dass Veränderungen in der
ökonomischen Struktur nicht ohne Einfluss bleiben können auf die
wirtschaftlichen Organisationen der Arbeiter, ihren Aufbau und ihre
Methoden. Der unbefangene Beobachter kann nicht daran vorbei-
gehen, dass in der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung sich
mit grosser Zähigkeit Methoden erhalten haben, die in der Ver-
gangenheit und auch jetzt noch auf ihrem Anwendungsgebiet aus-
gezeichnete Erfolge zeitigten, die aber nicht ausreichen, um die
durch die ökonomische Entwicklung neu erschlossenen und immer
bedeutungsvoller werdenden Gebiete zu erfassen. Wenn wir das
aussprechen, wiederholen wir nur, was die prominenten Gewerk-
schaftsführer in Amerika seit Jahren den Arbeitern predigen. Die
Gewerkschaften haben sich stark konzentriert auf die Erfassung
der qualifizierten Arbeiter, und die Organisierung der Ungelernten
wurde vernachlässigt. Für die organisierten Berufsarbeiter schien
das lange Zeit hindurch kein Nachteil zu sein; denn durch ihre
höhere Handgeschicklichkeit fühlten sie sich unabhängig von den
schlechten Arbeitsbedingungen der Unqualifizierten und Unorgani-
sierten.

Die technische Entwicklung ist aber — in Amerika noch erheblich
schneller als bei uns — ununterbrochen am Werke, um die Hand-
geschicklichkeit und die persönlichen Berufskenntnisse des Arbeiters
zu entwerten. Die Maschine schiebt sich vor in die Front der quali-
fizierten Arbeiter, und hinter ihr strömen in Scharen die Ungelernten
durch die Einbruchstelle. An der Maschine und an der Arbeits-
teilung zerbricht die Absperrtendenz der eng begrenzten Berufs-
gewerkschaften und deren Unabhängigkeit vom Schicksal der
anderen Arbeiter. Nicht nur, dass die Maschine und in ihrem Ge-
folge die Ungelernten in solche Betriebe eindringen, die bisher
Domänen der Facharbeiter waren. Daneben wachsen ganze Indu-
strien empor, die von vornherein auf die Handgeschicklichkeit und
die berufliche Qualität verzichten und jeden Arbeiter von der Strasse
in wenigen Stunden zum Vollarbeiter machen. Kein Zweifel, dass

097
        <pb n="240" />
        das Problem der Unorganisierten nicht mehr ausschliesslich deren
eigene Angelegenheit ist, sondern den Organisierten selbst höllisch
auf den Nägeln brennt. Die Tatsache, dass die modernsten Gross-
betriebe zum allergrössten Teil „Non union shops“ sind, bedroht den
Lebensnerv der Gewerkschaften. Und diese Gefahr ist im Wachsen.

Selbstverständlich haben die führenden Männer der Gewerk-
schaften diese Gefahr längst erkannt und sind bemüht, in die Gefilde
der Unorganisierten einzudringen. Es scheint aber, als ob bei den
organisierten Berufsarbeitern die Bedeutung dieser Angelegenheit
noch nicht genügend gewürdigt wird. Das Unternehmertum hat
sich sehr raffinierte Mittel ausgedacht, um die Gewerkschaften von
den Grossbetrieben fernzuhalten. Früher hat es mehr als einmal
offene Vernichtungsfeldzüge gegen die Gewerkschaften geführt und
dabei auch nach Möglichkeit versucht, die Hilfe der Staatsgewalt
und bestechlicher Richter in Anspruch zu nehmen. Diese Versuche
sind gescheitert, und heute hat man sich verfeinerten Methoden
zugewandt.

Die neuen Methoden laufen darauf hinaus, den Arbeitern begreiflich
zumachen, dass sie ohne Gewerkschaften ebensogut und noch besser
fahren. Dabei haben die Unternehmer aus den Erkenntnissen der
modernen Arbeitswissenschaft einiges gelernt, nämlich dass die
Kosten für soziale Betriebseinrichtungen zu den Kapitalanlagen
gehören, die sich ausgezeichnet verzinsen. Durch Wohlfahrts-
einrichtungen mannigfacher Art verbessern sie die produktionellen
Betriebsergebnisse und verschaffen sich obendrein auf billige Art
den Ruhm sozialen Verständnisses. Sie gehen aber noch weiter
und versuchen den Arbeitern weiszumachen, dass sie eigentlich
die wahren Freunde einer industriellen Demokratie sind, die auch
den Arbeitern ein Mitbestimmungsrecht gibt. Nur dürften sich die
Arbeiter nicht den Gewerkschaften verschreiben, sondern müssten
sich betriebsweise mit ihrem Unternehmer zusammentun, um in
demokratischer Gemeinschaftsarbeit den Betrieb und damit die
Interessen beider Teile zu fördern. Die Unternehmer schrecken
nicht davor zurück, nach Art des homöopathischen Heil- und Vor-
beugungsverfahrens selbst den Arbeitern in kleinen und unschäd-
lichen Dosen das „Gift“ der Organisation einzuspritzen: sie gründen
und fördern Betriebsorganisationen, deren Bedeutung uns im
eigenen Lande an den gelben Werkvereinen hinreichend bekannt-
geworden ist. In dieser Richtung liegt auch das Einsetzen von Be-
friebsvertretungen durch die Unternehmer, die ohne die Rücken-
stütze einer unabhängigen Gewerkschaft von ihrem Brotgeber
völlig abhängig sind, aber dennoch die Fiktion eines demokratischen
Betriebssystems hervorrufen. Das Betriebsinteresse wird weiter
gefördert durch die Ausgabe von Kleinaktien an die Arbeiter. Diese
erkennen nicht, dass, selbst wenn man nicht verhindern würde, dass

JARQ
        <pb n="241" />
        ihr gesamter Aktienbesitz stets in der Minderheit bleibt, die zer-
splitterten Kleinaktionäre machtlos bleiben müssen gegenüber den
Grossaktionären und der Leitung des Unternehmens. Nur zu leicht
geben sie sich der Täuschung hin, dass sie nun selbst wirklicher
Teilhaber am Betrieb geworden sind, und dass dessen Ertrag ihr
eigener klingender Gewinn ist. Schliesslich haben die Unternehmer
herausgefunden, dass sie.die Werbekraft der Gewerkschafteninfolge
deren Unterstützungseinrichtungen abschwächen können, wenn sie
selbst solche Unterstützungseinrichtungen fürihre Arbeiter schaffen.

Nach den Zahlen, die darüber vorliegen, sind gegenwärtig nach
dem System der „Gruppenversicherung“ bereits über 2 Millionen
Arbeiter durch ihre Unternehmer in einer Lebensversicherung ver-
sichert. Die Prämien werden häufig von den Unternehmern allein
gezahlt (d.h. auf Betriebsunkosten verbucht), andernfalls müssen
die Arbeiter einen Teil dazu beitragen. Der Anspruch wird schon
nach verhältnismässig kurzer Beschäftigungsdauer im Betrieb er-
reicht, und dann wächst die Versicherungssumme mit jedem
weiteren Beschäftigungsiahr. Alle Ansprüche erlöschen aber in
demselben Augenblick, in dem das Arbeitsverhältnis gelöst wird.

Das System der Lebensversicherung wird ergänzt durch ein
solches der Altersversicherung. Nach dem Report des „National
Industrial Conference Board“ wird für 1925 schon über 215 Betriebe
mit 2815512 Arbeitern berichtet, in denen diese Versicherung ein-
geführt worden ist. Auch hier hören alle Ansprüche auf, wenn das
Arbeitsverhältnis nicht mehr besteht. Im anderen Fall ist der
rentefordernde Arbeiter immer noch der Willkür des Versicherungs-
unternehmens ausgeliefert, an dessen Verwaltung er nicht den ge-
ringsten Anteil hat.

Welchen Umfang das Kleinaktiensystem angenommen hat, kann
man daran ermessen, dass schon 1918 die Zahl der Aktienbesitzer
in den Vereinigten Staaten 2 537 000 betrug, dass sie aber bis 1925
auf 5051 000 gestiegen ist.

Über die Einrichtung von Betriebsräten, die in den Vereinigten
Staaten als eine Massnahme gegen die Gewerkschaften aufzufassen
ist, liegen folgende Zahlen vor:

1919 1922 1924
Anzahl der Betriebe 225 725 814
Darin Beschäftigte „x 391400 690000 1.177000

Angesichts dieser Tatsache ist es vollkommen klar, dass die
Gewerkschaftsbewegung in den Vereinigten Staaten ernsthaft
Problemen gegenübersteht, die nicht nur eine Erweiterung ihres
Aktionsradius gebieterisch fordern, sondern vermutlich auch eine
Änderung des ganzen Organisationssystems früher oder später er-
zwingen werden. Die Vorstellung, als ob die Arbeiter des einzelnen
Berufs einen ausreichenden Schutz haben, wenn sie nur für sich

930
        <pb n="242" />
        selbst eine gute Organisation besitzen, und als ob sie in diesem Fall
ihre Arbeitsbedingungen unabhängig von den Verhältnissen der
übrigen Arbeiterschaft befriedigend gestalten können, kann schwer-
lich aufrechterhalten werden. Das muss zwangläufig dazu führen,
dass die berufliche Enge und Exklusivität der amerikanischen Ge-
werkschaften und die damit verbundene Zersplitterung der Ge-
samtbewegung— heute für deutsche Beschauer ein hervorstechendes
Merkmal — zu einer Ausweitung des beruflichen Rahmens, einem
engeren Zusammenarbeiten und einer weiteren Konzentrierung der
Kräfte planmässig entwickelt werden.

Die Leitung der Federätion hat den Ernst der angedeuteten
Probleme erkannt und in ihrem Bericht an den letzten Kongress
eindringlich darauf hingewiesen. „Es ist nutzlos, den Gebrauch
der Taktik und der Methoden fortzusetzen, die . . . auf Verhältnissen
beruhen, die vor Jahrzehnten bestanden“, heisst es darin. Einige
Andeutungen werden darüber gemacht, welche Wege beschritten
werden könnten: Dem Betriebsvertretungssystem können die Gift-
zähne ausgebrochen werden, wenn die Gewerkschaften diese Ein-
richtung zu ihrer eigenen machen und sie ihrer Kontrolle unter-
stellen. Den Versicherungsunternehmungen der Unternehmer
können die Gewerkschaften eigene Einrichtungen gleicher Art ent-
gegensetzen, und ein Komitee für die Errichtung einer gewerk-
schaftlichen Lebensversicherungsgesellschaft ist bereits tätig. Dem
vorhandenen Bedürfnis der Arbeiterschaft nach einer guten Kapi-
talanlage, das vielfach zu den Kleinaktien seine Zuflucht nimmt,
können die Gewerkschaften durch eigene Einrichtungen entgegen.
kommen. Bisher hat die Leitung der Federation den aufkommenden
Arbeiterbanken ziemlich kühl gegenübergestanden. Aber in diesem
Zusammenhang scheint es, als ob ihr Verhältnis zu diesen In-
stitutionen ein engeres werden könnte. Alles dies sind vorläufig
nur Andeutungen. Der Grundton des Berichtes ist auf die
Erkenntnis eingestellt, dass bisher den besprochenen Unternehmer-
methoden zuwenig Beachtung geschenkt worden ist, dass es nun
aber dringend erforderlich sei, diese Methoden eingehend zu
studieren, die genauen Tatsachen darüber zu ermitteln, um dann
einen eingehenden Aktionsplan aufzustellen. Die europäischen Ge-
werkschaften werden diese Bestrebungen mit einem ganz be-
sonderen Interesse verfolgen; denn es ist sicher, dass die ameri-
kanischen Unternehmermethoden nicht ohne Einfluss bleiben auf
die Massnahmen der europäischen Unternehmer. Gerade diesen
Methoden gegenüber kann es von allergrösstem Nutzen für die
Arbeiter aller Länder sein, wenn sie ihre Erfahrungen gegenseitig
austauschen und gemeinsam versuchen, die Gefahr zu bezwingen.

240
        <pb n="243" />
        IV. KAPITEL:
DIE ARBEITERBANKEN
        <pb n="244" />
        <pb n="245" />
        Die Arbeiterbanken

WA der amerikanischen Wirtschaftskrise des Jahres 1920,

als die amerikanischen Unternehmer die während des Krieges
stark gewachsene Macht der Gewerkschaften zubrechen versuchten,
entstand die erste amerikanische Arbeiterbank. Die Gewerk-
schaften erkannten, dass ihr eigenes Geld in den Händen der
Privatbanken ein Mittel zum Kampf gegen sie selbst wurde. Sie
erkannten, dass sie in der Lage wären, ihre eigenen Gelder und die
Gelder ihrer Mitglieder in eigenen Banken zu verwalten, die eine
Gewähr dafür bieten, dass diese Gelder nicht gegen sie selbst ver-
wendet würden, ja, dass diese Gelder umgekehrt sogar ein nütz-
liches Hilfsmittel für ihre gewerkschaftlichen Kämpfe sein könnten.

Finzelne amerikanische Gewerkschaften gingen mit grosser
Energie an die Organisierung der Arbeiterbanken heran. Sie ver-
sprachen sich von ihrer Entwicklung ungeheuer viel. In der Zeit
von 1920 bis zum Jahre 1925 sind in schneller Aufeinanderfolge
nicht weniger als 32 Arbeiterbanken entstanden. Es waren aller-
dings vornehmlich die nicht zum amerikanischen Gewerkschafts-
bund gehörenden Gewerkschaften, die sich die Förderung der Ar-
beiterbanken angelegen sein liessen. Erst zögernd folgte der
amerikanische Gewerkschaftsbund, der zunächst mit einigem Miss-
trauen die Dinge beobachtete und das Risiko der Arbeiterbanken
höher einschätzte als die Vorteile. Wenn auch heute noch der Bund
zur Vorsicht mahnt, so tritt nun aber auch er nachhaltig für die
Förderung der Arbeiterbanken ein.

Die Hoffnungen, die man an die Entwicklung der amerikanischen
Arbeiterbanken knüpft, sind sehr weitgehend. Man sagt, wenn die
Entwicklung in dem Tempo der letzten Jahre weitergeht, würden
die Arbeiter durch die Gewerkschaftsbanken in 20 Jahren die
massgebende Finanzmacht der Vereinigten Staaten sein. Auch
wenn das offenbar zu optimistisch gesehen ist, so ist doch in der
Tat der Aufstieg der amerikanischen Arbeiterbanken ausser-
ordentlich erstaunlich. Gemessen an europäischen, besonders
deutschen Verhältnissen, sind die Summen, die heute in ihren
Kassen zusammenfliessen, sehr gross. Die gesamten verfügbaren
Mittel der Arbeiterbanken belaufen sich auf etwa 100 Millionen

243
        <pb n="246" />
        Dollar. Dazu kommen noch zwei von Arbeiterorganisationen
kontrollierte grössere Privatbanken, die gleichfalls zusammen über
mehr als 90 Millionen Dollar verfügen. Diese Summen sind natür-
lich, gemessen an den in Amerika gewöhnten Ziffern, immer noch
bescheiden. Aber die Idee der Arbeiterbanken ist noch verhältnis-
mässig neu, sie wird immer populärer, und da in den Vereinigten
Staaten die jetzige Vorherrschaft der Grossfinanziers von Wall-
street und der Grossbanken von weiten Kreisen der Bevölkerung
ungern gesehen wird, so erhoffen auch der Arbeiterbewegung Fern-
stehende durch die von Wallstreet unabhängigen Arbeiterbanken
eine Schwächung dieser Vorherrschaft und unterstützen die
Arbeiterbanken auch dadurch, dass sie mit ihnen Geschäfte tätigen.

Die Art, wie die Arbeiterbanken in den Vereinigten Staaten kon-
struiert sind, der Aufgabenkreis, den sie sich gestellt haben, und die
Ziele, die sie verfolgen, alles dies wird natürlich sehr stark be-
stimmt durch die Ideologie in der amerikanischen Gewerkschafts-
bewegung und durch deren organisatorische Gliederung.

Man unterscheidet unter den Arbeiterbanken in Amerika vier
Typen: 1.solche, die von den gewerkschaftlichen Zentralverbänden,
2. solche, die von selbständigen Lokalorganisationen, 3. solche,
die von den Ortskartellen des amerikanischen Gewerkschafts-
bundes und 4. solche, die von den Ortsverwaltungen einer einzelnen
Gewerkschaft unter Mitwirkung des Zentralverbandes gegründet
sind. Im Gegensatz zu den europäischen Arbeiterbanken, in Öster-
reich, Dänemark und Deutschland, wo unter Führung der Spitzen-
organisationen von sämtlichen Zentralverbänden des Landes eine
Arbeiterbank ins Leben gerufen ist, die die Aufgabe hat, im
ganzen Lande die Gewerkschaftsgelder zu erfassen, erforderlichen-
falls örtliche Zweigstellen zu errichten, hat in Amerika eine weit-
gehende Dezentralisation Platz gegriffen. Dies ist freilich nicht nur
eine Folge der unterschiedlichen Organisationsform der europäischen
und der amerikanischen Gewerkschaften, sondern ist auch bedingt
durch die in Amerika geltenden besonders strengen Bankgesetze.
Diese verbieten den Banken, ein Filialsystem zu schaffen, und
stellen alle Banken, die fremde Gelder ins Depot nehmen, unter
eine strenge staatliche Aufsicht. Auch die Arbeiterbanken unter-
stehen dieser staatlichen Kontrolle. Die Gesetze schreiben u. a. vor,
dass von den fremden Geldern, die die Banken verwalten, ein be-
stimmter Prozentsatz stets bei einer der amerikanischen Bundes-
reservebanken angelegt sein muss, dass einzelne Kredite niemals
höher sein dürfen als ein bestimmter Prozentsatz des eigenen
Kapitals, dass die Anlagen in einer bestimmten Art erfolgen müssen,
so dass eine Liquidität der Banken stets gewährleistet wird. Für
die amerikanischen. Banken ist es besonders wichtig, dem: SO-
genannten Bundesreservesystem angeschlossen zu sein. Die

744
        <pb n="247" />
        Banken, die diesem System angeschlossen sind, stehen in direkter
Abrechnung mit den grossen amerikanischen Bundesreservebanken,
die die Stelle der Reichsbank einnehmen. Der Zahlungs- und
Scheckabrechnungsverkehr kann nur durch solche, dem Bundes-
reservesystem angeschlossenen Banken getätigt werden. Fast alle
amerikanischen Arbeiterbanken sind diesem Bundesreservesystem
angeschlossen und sind dadurch ebenso leistungsfähig wie die
anderen amerikanischen Banken. Der Anschluss an dieses Bank-
system ist zweifellos eine notwendige Voraussetzung für die
Weiterentwicklung.

Besonders charakteristisch für die Ideologie der amerikanischen
Arbeiterbanken ist es, dass, wiederum im Gegensatz zu den euro-
päischen, ihr Aktienkapital in der Regel nur zu 51 Prozent den Ge-
werkschaften gehört. Die restlichen 49 Prozent sind entweder im
Besitz von einzelnen Gewerkschaftsmitgliedern oder bei einigen
Banken sogar im Besitz von Privatleuten, die den Wunsch haben,
Aktien der Arbeiterbanken zu erwerben. Es sind lediglich Vor-
kehrungen getroffen, dass niemand mehr als eine beschränkte An-
zahl Aktien besitzen darf, so dass eine Zusammenballung von
grösseren Aktienbeständen in einer Hand verhindert wird.

Bei der Gründung der amerikanischen Arbeiterbanken war ur-
sprünglich beabsichtigt, den Geldeinlegern, also insbesondere den
Gewerkschaften und Gewerkschaftsmitgliedern, auch besondere
Vorteile zu bieten, und zwar dadurch, dass man ihnen mehr Zinsen
zahlte als die andernBanken. Man gründete sogenannte Kooperativ-
banken. Der kooperative Gedanke fand darin seinen Ausdruck,
dass man die Geldeinleger am Ende des Jahres an den Gewinnen
in Form einer nachträglichen Zinszahlung teilnehmen lassen wollte.
Die grösste und eine der ältesten der amerikanischen Arbeiter-
banken, die der Bruderschaft der amerikanischen Lokomotivführer,

hat dieses System durchgeführt. In den letzten Jahren jedoch ist
man davon abgekommen, da man erkannte, dass auch die Arbeiter-
banken genötigt sind, Kapital zu bilden und die restlose Aus-
schüttung der Gewinne die Entwicklung ausserordentlich schwierig
macht. Auch die Banken, bei denen dieses System noch besteht,
tragen sich stark mit dem Gedanken, eine Änderung herbeizuführen.
Die Verwaltung der amerikanischen Banken ist verschieden-
artig. Die geschäftlichen Leiter sind fast überall reine Fachleute.

Vielfach hat man diese Leiter nur auf Grund ihrer fachlichen Eig-

nung eingestellt ohne Rücksicht darauf, ob sie in irgendeiner Form

mit der Arbeiterbewegung in Beziehungen stehen. In anderen Fällen
wiederum hat man Beziehungen zur Arbeiterbewegung, auch wenn
diese nur in einer erklärten Arbeiterfreundlichkeit bestehen, neben
der fachlichen Eignung zur Voraussetzung für die Einstellung ge-
macht. In einzelnen Fällen sind auch Gewerkschaftsangestellte,
245
        <pb n="248" />
        5079:
x . &gt; it. ı
Arbeiterbanken in Tätigke SA
Datum |
Datum . jakatar
Name der Bank Wohnort der Kontrollierende Gewerkschaft Kapital | Reserven Depositen „Mitz
Eröffnung (biang
Mt. Vernon Savings Bank........ Washington D.C: ...! 5/15/20 Maschinisten ....... $160000 $105 581 |$3 138905/$3 589746 4/6
Bro. Loc. Engineers Coop. Nat’l Bank Cleveland, O0. ..... 11/1/20 Lokomotivführer-Zentrale 1000000 329 348 25 311 122/27 606 291 2/16 '
United Bank and Trust Company ... Tucsön, Ariz. ..... 2/1/21 Ortskartell. .. +... 70 000 16900 | 295977| 382 877, 4/6
Peoples Cooperaive State Bank .... Hammond, Ind. .... 10/17/21 LokomotivführerOrtsverw.| 50 000 28263 1454 021| 1629788 4/6 |
Nottingham Savings &amp; Banking Co... Nottingham, O. ....! 4/27/22 LokomotivführerOrtsverw. 75 000 11832 691355 848229 3/30
San Bernardino Valley Bank ...... San Bernardino, Cal. „5/5/22 Eisenbahner-Ortskartell . | 175.000 22411! 1771 679| 2004490 4/6
Amalgamated Trust &amp; Savings Bank . Chicago, Il. ...... 7/1/22 Bekleidungsarbeiter .,. 200000 100000 2597411! 2976 403' 4/6
Transportation Brotherhoods Nat’l Bank
of Minneapolis '............. .Minneapolis, Minn. . . 12/18/22 Eisenbahner-Ortskartell . 200 000 22201 1936 N 2 239 423| 5/18
Amalgamated Bank of New York ... New York City .... 14/14/23 Bekleidungsarbeiter ...ı 200000 144 156 5263 622| 5674968 4/6
Labor National Bank of Montana ... Three Forks, Mont... 14/23/23 Lokomotivführer-Ortskart. 25 000 5000 174 zn 204 733| 4/6 |
Federation Bank of New York ..... New York City .... 5/1923 Ortskartell. ........ 250000. 277628 8229 799| 8 836 549| 3/25
Telegraphers National Bank. ...... St. Louis, Mo. ..... 6/9/23 Eisenbahntelegraphisten . 500000 102604 5105611 5968 159‘ 4/6
Brotherhood Savings &amp; Trust Co.... Pittsburgh, Pa...... 07/25/23 Eisenbahngewerkschaften 137 800 14113 490 385 659 607 4/9 '
Brotherhood Coop. Nat’l Bank (3)... Spokane, Wash. .... 8/1/23 Eisenbahner-Ortskartell . 200 000 54010 2062 724 2480694 4/6
Brotherhood of Railway Clerks National Cincinnati, O....... 12/15/23 Eisenbahn- und Dampf- 200 000 58316‘ 3139531 3606 746' 4/13
Bank schiffahrt-Angestellte
Bro. Loc. Eng. Coop. Trust Co. (2).. New York City. .... 12/2923 LokomotivführerOrtsverw.' 700000 250000! 5572 908| 7409 658! 4/14
United Labor Bank &amp; Trust Co..... Indianapolis, Ind... .., 1/2/24 Ortskartell. ........ 225000 3403 508991) 739030 4/6
International Union Bank ........ New York City ....' 1/5/24 Schneider. 2. 250000 205632 3345477 3 846 889) 3/25 ı'
First National Bank in Bakersfield. .. Balersfield, Cal. .... 2/2/24 Ortskartell. ........ 100000 4411] 979215| 1158 627' 4/6
Labor National Bank of Great Falls. . Great Falls, Mont.... 4/3/24 Ortskartell. ........ 100000 9105! 357900| 468587 4/6
Farmers &amp; Workingmens Savings Bank Jackson, Mich, ..... 44/10/24 Eisenbahner-Ortskartell . 100 000 25000 421423| 549514 4/6 |
Peoples Bank &amp; Trust Co. ....... Los Angeles, Cal. ... 55/26/24 Oriskartel. .....:-.-- 500000] 80824 2.079435/2 673551 4/6
Bro. Loc. Engineers National Bank ., Boston, Mass. ..... 5/24/24 LokomotivführerOrtsverw. 500000’ 106 058 1773 458! 2479515 4/6 '
Labor Cooperative National Bank ... Paterson, N.J...... 7/26/24 Ortskartell. ........ 200000 123150 1 544 708| 1 889 708 4/6 |
Brotherhood State Bank......... Kansas City, Kan ...!' 9/2/24 Eisenbahn-Kesselschmiede| 100 000 15909 376360| 492284 3/23 '
Bro. Coop. Nat’l Bank of Portland. .. Portland, Oregon ...!| 1/3/25 LokomotivführerOrtsverw., 200 000 50 000 691 963| 1014 oil 5/15
Bro. Loc. Eng. Bank &amp; Trust Co.... Birmingham, Ala, ...' 2/2/25 LokomotiviührerOrtsverw. 500 000 52988 1030913! 1583901! 4/6 |
Amalgamated Bank of Philadelphia .. Philadelphia, Pa... ...' 4/11/25 Bekleidungsarbeiter ...
Bro. Loc. Eng. Title &amp; Trust Co. ... Philadelphia, Pa..... 4/18/25 LokomotivführerOrtsverw.! 500000 | 250 000 565 495/ 1.065 be 4/18
Labor Cooperative National Bank .. Newark. N.J...... 6/27/25 Ortskartell. ........' 250000’ 125 000 20000! 395 000| 6/27
Banken mit stark gewerkschaftlichem Einfluß.
Commercial National Bank ....... Washington D.C. ... 10/10/24 Int. Maschinisten”). ...'1000000| 454 031 |14 940 ON 743 615| 4/6
A N a Hae. 7’ 4 4.000.000 | 3 634 143 166 360 796176 075 997) 3/25
*) Inhaber grosser Aktienpakete.

247
246
        <pb n="249" />
        die aus ihrer gewerkschaftlichen Tätigkeit dann ausschieden, mit
der Leitung der Banken betraut worden. Da in Amerika ins-
besondere die Kenntnis von banktechnischen Dingen viel ver-
breiteter ist als z.B. in Deutschland, konnte man vielfach mit
früheren Gewerkschaftsangestellten als jetzigen Bankpräsidenten
die allerbesten Erfahrungen machen. Der amerikanische Arbeiter,
jedenfalls der, der in Amerika geboren ist, versteht von bank-
technischen Dingen in der Regel viel mehr als z. B. in Deutschland
der kleine Kaufmann oder Gewerbetreibende.

Sämtliche amerikanischen Arbeiterbanken haben die Form einer
Aktiengesellschaft. In den Aufsichtsorganen der Bank, besonders
im Verwaltungsrat, der ungefähr unserem Aufsichtsrat entspricht,
haben die Vertreter der Gewerkschaften entscheidenden Einfluss.
In ihnen sind jedoch auch Unternehmer und andere Persönlich-
keiten, von denen man sich Vorteile für die geschäftliche Entwick-
lung der Bank verspricht, vertreten. Selbstverständlich kommen
nur solche Unternehmer in Frage, die stets mit den Gewerkschaften
auf gutem Fuss gestanden haben. Von den Geschäftserfahrungen
und von den Beziehungen dieser Privatunternehmer erwartet man
eine Geschäftsförderung der Bank.

Die Tatsache, dass die meisten amerikanischen Arbeiterbanken
nur von ‚einer einzigen Organisation getragen und kontrolliert
werden, birgt gewisse Gefahren in sich. Richtungskämpfe innerhalb
der Gewerkschaften, persönliche Streitigkeiten und ähnliche Vor-
kommnisse haben auch auf die Bank dieser Gewerkschaft einen oft
schädlichen Einfluss. Einzelne Arbeiterbanken haben durch der-
artige Vorkommnisse schon beträchtlichen Schaden gehabt, sind
jedenfalls in ihrer Entwicklung gehemmt worden. Es fehlt der Aus-
gleich, der dadurch herbeigeführt wird, dass verschiedene Organi-
sationen gleichmässig an der Bank interessiert sind und irgend-
welche Vorkommnisse in einzelnen Gewerkschaften die Entwicklung
der Bank nicht entscheidend beeinträchtigen können. Diese Er-
kenntnis führte auch in den Vereinigten Staaten dazu, dass die
Träger und Gründer der Arbeiterbanken in den letzten Jahren die
Ortskartelle, nicht mehr die Ortsverwaltungen der einzelnen Ge-
werkschaften sind. .

Die vorstehende Statistik zeigt den Stand der amerikanischen
Arbeiterbanken im Oktober 1925. Sie weist fast durchweg be-
achtenswerte Ziffern auf. Die grösste und eine der ältesten ist die
Bank der Bruderschaft der amerikanischen Lokomotivführer, die
zweitgrösste ist die Bank des Ortskartells des amerikanischen
Gewerkschaftsbundes in New York. Fast alle Banken haben eine
stetige und günstige Entwicklung hinter sich. Fehlschläge und
Zusammenbrüche sind nur ganz vereinzelt vorgekommen, und zwar
war die Ursache durchweg mangelhafte geschäftliche Eignung der

48
        <pb n="250" />
        Leitung, die nach anderen als rein geschäftlichen Prinzipien die
Bank führen wollte.

Die amerikanischen Arbeiterbanken haben nicht nur die Aufgabe,
die Vermögen der Gewerkschaften selbst zu verwalten, sondern sie
haben besonders zu ihrer Aufgabe gemacht, die Spargelder der Mit-
glieder zu erfassen. Der amerikanische Arbeiter ist infolge seines
verhältnismässig hohen Lohnes nicht nur in der Lage, zu sparen,
sondern auch infolge des Fehlens jeglicher sozialen Versicherungen
dazu gezwungen. Tatsächlich ist es gelungen, die Spargelder der
Mitglieder in weitestem Masse den Privatbanken und Sparkassen
zu entziehen und den Kassen der Arbeiterbanken zuzuführen.
Ausserdem hat man in vielen Fällen verstanden, andere wirtschaft-
liche Kreise für die Arbeiterbanken zu interessieren, die ihren Geld-
verkehr über die Arbeiterbanken leiten und somit ihrerseits zu deren
Stärkung beitragen. Da die Arbeiterbanken Vertrauen geniessen
und verstanden haben, sich Ansehen in der Geschäftswelt durch
ordnungsgemässe Geschäftsführung zu erwerben, werden sie vom
Publikum genau so wie jede andere Bank benutzt und haben fast
dieselben Möglichkeiten wie die Privatunternehmungen. Das ent-
scheidende für das Publikum ist in allererster Linie die Leistungs-
fähigkeit, und sowohl technisch wie geschäftlich sind die amerika-
nischen Arbeiterbanken allen Privatbanken im grossen und ganzen
absolut ebenbürtig, wenn nicht in einzelnen Fällen sogar überlegen.

In der Anlage der Gelder unterscheiden sich die amerikanischen
Arbeiterbanken nur unwesentlich von den Privatunternehmungen.
Sie geben Darlehen an Privatpersonen, die die nötigen Sicherheiten
beibringen können, unter Bevorzugung von Mitgliedern ihrer ge-
werkschaftlichen Organisation. Sie geben Kredite an Privat-
unternehmungen, jedoch fast immer nur an solche Unternehmungen,
die gewerkschaftsfreundlich eingestellt sind und im Vertragsver-
hältnis mit den Gewerkschaften stehen. Da in Amerika eine starke

Genossenschaftsbewegung fehlt und der Begriff der Gemeinwirt-

schaft fast unbekannt ist, bestehen nicht die Anlagemöglichkeiten

für Gelder, die.in den europäischen Ländern, besonders in Deutsch-
land und Österreich, für die Arbeiterbanken bestehen. Der Unter-
schied zwischen einer Privatbank und einer Arbeiterbank in der

Geschäftstätigkeit ist deswegen sehr gering, und trotzdem ist die

Tatsache, dass die amerikanische Arbeiterschaft die Organisierung

ihrer Finanzkräfte durch die Arbeiterbanken selbst vornimmt und

somit einen Machtfaktor im Wirtschaftsleben schafft, von un-
geheurer Bedeutung. Das wesentliche ist, dass die Vertreter der

Arbeiterschaft die Verfügungsgewalt über ihre eigenen Mittel be-

kommen. Ob und wie sie diese Verfügungsgewalt einmal anwenden,

ist abhängig von der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung

Amerikas.
24.9
        <pb n="251" />
        <pb n="252" />
        Schlussbetrachtungen

D: unserer Rückkehr nach Deutschland in den letzten November-

tagen 1925 standen bereits schwarze Krisenwolken bedrohlich
über dem Heimatlande. Die folgenden Wochen breitete sich das
Verderben mit unheimlicher Schnelligkeit aus, und nach Monaten
ist immer noch kaum der „Silberstreif‘“ einer entscheidenden
Besserung sichtbar. Auf diesem dunklen Untergrunde musste sich
das Bild der amerikanischen Eindrücke in unserer Erinnerung um
so krasser abheben.

Der vorliegende Bericht legt Zeugnis davon ab, dass wir drüben
nicht nur den Glanz gesehen haben, sondern dass uns auch soziale
Niederungen und Sumpfgebiete nicht entgangen sind. Auch in
Amerika gibt es Elend und Hunger und verzweifeltes Ringen um
die nackte Existenz. Auch dort braucht man nicht allzu tief im
Firnis der Zivilisation zu kratzen, um auf soziale Barbarei zu
stossen. Und dennoch: Wenn mit einem Blick die Summe der vor-
handenen Lebensmöglichkeiten umfasst wird, für das Volkim ganzen
und für die Arbeiterklasse im besonderen, dann bleibt doch nicht
der geringste Zweifel, dass der Lebensstandard in den Vereinigten
Staaten ganz erheblich höher ist als in Deutschland selbst in seiner
besten Zeit.

Wie ist diese Tatsache zu erklären? Die nächstliegende und
einfachste Antwort ist der Hinweis auf die riesige Grösse und den
natürlichen Reichtum des Landes. Bei uns kommen 127 Menschen
auf den Quadratkilometer Bodenfläche; drüben brauchen sich nur
11 Menschen in den gleichen Raum zu teilen und in das, was seine
Oberfläche hervorbringt, und was sein Inneres an Nutzbarem birgt.
Rechnet man hinzu, dass in den Vereinigten Staaten sowohl die
Fruchtbarkeit des Bodens wie sein Inhalt an industriellen Rohstoffen
im Durchschnitt sicherlich erheblich grösser sind als in Deutsch-
land, scheint die Angelegenheit hinreichend geklärt.

Doch es scheint nur so. Die Vorstellung, als ob die Lebens-
möglichkeiten eines Volkes durch die Gunst oder Ungunst der
natürlichen Existenzbedingungen entschieden würden, hat in der
modernen Wirtschaft kaum noch eine Berechtigung. Neben der
Werkstatt der Natur haben sich die Arbeit und die Technik ein-

9251
        <pb n="253" />
        gerichtet, und in ihrem Zusammenwirken vermehren sich die Gaben
der Natur in immer steigender Fülle. Es liegt im Zuge der wirtschaft-
lichen Entwicklung, dass die einstmals überragende Bedeutung der
natürlichen Bedingungen für den Lebensstandard eines Volkes
durch die Vervollkommnung der Technik und die Steigerung des
Arbeitsertrags überwunden wird, und in den modernen Industrie-
ländern ist das längst geschehen. In der heutigen Welt ist der
weiteste Nahrungsspielraum nicht mehr dort gegeben, wo die
Fruchtbarkeit und der Reichtum des Bodens am grössten sind,
sondern wo die Technik am meisten vorgeschritten und die Organi-
sation der Wirtschaft und der Arbeit am zweckmässigsten ein-
gerichtet ist.

Unter Umständen kann sogar die verhältnismässige Weite eines
Landes trotz des grösseren Naturreichtums, der dadurch auf den
einzelnen entfällt, geradezu ein Hemmnis für die Entwicklung des
Wohlstandes werden. In den Vereinigten Staaten muss im Ver-
hältnis zur Bevölkerungszahl ein vier- bis fünfmal so grosses Netz
von Eisenbahnen unterhalten werden als in Deutschland. Die
Riesenzahl der Automobile ist nicht nur der Ausdruck einer
grösseren Wohlhabenheit, sondern in diesem weitläufigen Lande
einfach eine Verkehrsnotwendigkeit. Dazukommt ein erheblicher
Mehraufwand für den Bau und die Unterhaltung von Landstrassen
und sonstigen Verkehrseinrichtungen. So geht vieles von dem;
was durch die leichtere Rohstoffgewinnung für die Wirtschaft ge-
wonnen wird, wieder verloren durch die grösseren Schwierigkeiten
und Unkosten der Güterverteilung.

Mit alledem soll nicht gesagt sein, dass der grössere Natur-
reichtum Amerikas ohne jeden Einfluss auf den Lebensstandard
seiner Bevölkerung wäre. Aber dieser Einfluss wird meistens weit
überschätzt, und dadurch wird der Blick für das verdunkelt, was
wirklich entscheidend für den wirtschaftlichen Vorsprung der Neuen
Welt ist, nämlich: die höher entwickelte Technik und Arbeits-
organisation. Auf diesem Gebiet aber ist der unleugbar vorhandene
Vorsprung Amerikas kein Naturgeschenk, sondern Menschenwerk,
für das die Voraussetzungen auch in der deutschen Wirtschaft
gegeben sind.

Wenn es sich nur darum handelte, durch rationellere Methoden
die Gütererzeugung zu vermehren, läge vorerst für die deutsche
Wirtschaft kaum Anlass vor, von einem „Problem“ zu reden. Selbst
ohne Veränderungen in der Apparatur und der Arbeitsorganisation
könnte ein erhebliches Mehr produziert werden, wenn nur die vor-
handenen technischen Mittel und Arbeitskräfte in Bewegung gesetzt
würden. Es ist aber der Fluch der kapitalistischen Wirtschaft, dass
es nun sehr viel leichter ist, die Produktion schier ins ungemessene

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        zu steigern, als die Gütervermehrung abzusetzen. Dieser Fluch
lastet jetzt ganz besonders schwer auf Deutschland.

So erstaunlich für uns die technischen und arbeitsorganisatorischen
Leistungen Amerikas sind, das eigentliche „Wirtschaftswunder“ ist
doch mehr darin zu suchen, dass die schnell wachsende Güter-
produktion vom Konsum verdaut werden konnte. Neuerdings
nehmen zwar auch drüben die Besorgnisse zu, dass es in diesem
Tempo nicht weitergehen könne, und die Stimmen mehren sich, die
eine „Krise der Überproduktion‘“ prophezeien. Aber selbst wenn
früher oder später eine solche Wendung eintreten sollte, so bleibt
doch der seit Jahren anhaltende günstige Verlauf der Dinge als
eine Tatsache bestehen, die für die Beurteilung der Entwicklungs-
möglichkeiten der kapitalistischen Wirtschaft von allerhöchster
Wichtigkeit ist.

In der sozialistischen Arbeiterbewegung war man früher geneigt,
dem Zusammenbruch der kapitalistischen Wirtschaft als einer ent-
wicklungsgesetzlichen Naturnotwendigkeit entgegenzusehen in der
Annahme, dass mit dem zunehmenden technischen Fortschritt und
dem Anwachsen der Produktivität „die Produktivkräfite der heutigen
Gesellschaft über den Kopf wachsen“ müssten und „immer massen-
hafter die Armee der überschüssigen Arbeiter‘“ würde. Auch ohne
den Einfluss des amerikanischen Beispiels hat sich in den letzten
Jahrzehnten die Erkenntnis durchgesetzt, dass der Verlauf der
Praxis mit einem solchen starren Entwicklungsschema doch nicht
ganz übereinstimmt. Eine entsprechende Revision der theoretischen
Auffassung hat sich — wenigstens in Deutschland — in aller Form
schon vollzogen. Der theoretische Streit darüber, ob unter der
Herrschaft einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung für die
Arbeiterklasse überhaupt die Möglichkeit besteht, bei wachsender
Produktivität an der Vermehrung des Wohlstandes teilzunehmen,
oder ob nicht vielmehr alle Vorteile einer solchen Entwicklung den
Kapitalisten zufallen müssen, ist erloschen. Die Tatsachen und die
Erfolge der Gewerkschaften haben bewiesen, dass es in der
kapitalistischen Wirtschaft durchaus kein Naturgesetz gibt, wonach
die ökonomische Lage der Arbeiterschaft nicht verbessert werden
könne. Diese Erkenntnis ist weit entfernt etwa von einer Aus-
söhnung mit demkapitalistischen System selbst, dessen ökonomische
Widersprüche und soziale Ungerechtigkeiten nicht dadurch wider-
legt sind, dass es immerhin auch der Arbeiterklasse eine Ver-
besserung ihrer Lebenshaltung ermöglicht.

Inwieweit es der Arbeiterklasse nun tatsächlich gelingt, einen
Anteil vom wachsenden Produktionsertrag zu erhalten, erscheint
im wesentlichen als eine Frage der sozialen Machtverhältnisse.
Eben dadurch wurde ja die Theorie von der wachsenden Ver-
elendung der Arbeiterklasse erschüttert, dass die Gewerkschaften

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        sich zu einer Macht auswuchsen, die einer an sich vorhandenen
Tendenz der kapitalistischen Wirtschaft mit Erfolg zu Leibe zu
gehen imstande war. Wir wissen aus der Erfahrung nichts anderes,
als dass der einzelne Unternehmer stets bestrebt ist, seine Arbeiter
möglichst niedrig zu entlohnen, da nach seiner Vorstellung jede
Mark Lohnersparnis für ihn ein wirtschaftlicher Vorteil ist, und nur
wegen dieses Vorteils betreibt er sein Unternehmen. So erscheint
ihm jede abgezwungene Lohnerhöhung als eine geschäftliche
Niederlage, jede Lohnsenkung, die er durchsetzen kann, als ein
wirtschaftlicher Sieg. Man ist so sehr gewöhnt, in der Lohnhöhe
nur ein Objekt der sozialen Machtkämpfe zu sehen, dass dahinter
die volkswirtschaftliche Bedeutung dieser Frage ziemlich ver-
borgen blieb.

Der wirtschaftliche Vorsprung der Vereinigten Staaten rührt nicht
zuletzt daher, dass die Bedeutung des Lohnfaktors für die Gesamt-
wirtschaft erkannt und gewürdigt wird. Nicht nur die Tatsache des
höheren Lohnniveaus, sondern mehr noch die weite Verbreitung der
Erkenntnis, dass von der Lohnhöhe die Blüte der Wirtschaft ab-
hängt — eine Auffassung, zu der sich selbst massgebende Unter-
nehmerorgane unumwunden bekennen —, muss auf den deutschen
Gewerkschafter geradezu wie eine neue Offenbarung zwar nicht
der volkswirtschaftlichen Vernunft, aber der kapitalistischen Wirt-
schaftsführung wirken. Dabei hiesse es Ursache und Wirkung ver-
wechseln, wollte man in dem höheren Reallohn einfach nur das
Ergebnis eines grösseren Wirtschaftsertrages sehen. Umgekehrt
ist es richtig. Aus mancherlei Gründen, die mit der kolonialen Ent-
wicklung des Landes zusammenhängen, war erst der Zwang zu
hohen Löhnen da, und dieser Zwang erwies sich dann als unwider-
stehliche Kraft zur Rationalisierung und Ertragsteigerung der
Wirtschaft.

Hier liegt nach unserer Meinung die wichtigste Lehre, die für die
deutsche Wirtschaft aus dem amerikanischen Beispiel zu ziehen ist,
gilt doch in Deutschland, seit dem Zusammenbruch mehr noch als
immer schon, als der volkswirtschaftlichen Weisheit letzter Schluss,
dass das Volk und besonders die arbeitenden Massen die Tugenden
des höchsten Fleisses und der sparsamsten Lebensführung mit-
einander vereinen müssten, um die Wirtschaft vorwärtszubringen.
Viel produzieren und wenig verbrauchen, niedriger Lohn und lange
Arbeitszeit, so lautete und lautet immer noch das Generalrezept
gegen die Krankheit der deutschen Wirtschaft. Wohin wir damit
gekommen sind und unweigerlich kommen mussten, offenbart mit
erschreckender Deutlichkeit die gegenwärtige Krise. Der Pro-
duktionsapparat ist mit einer Schnelligkeit wiederaufgebaut worden,
die nur zu erklären ist aus den gewiss nicht freiwillig gebrachten
Opfern in der Lebenshaltung der breiten Massen. Aber nun zeigt

254.
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        sich, dass in der kapitalistischen Welt die Grösse der Produktion
nicht bestimmt wird durch die Kapazität des Produktionsapparates,
sondern durch den Umfang der Absatzmöglichkeit. Die planmässige
Unterdrückung der Massenkaufkraft rächt sich durch die Stillegung
des Produktionsapparates.

Allerdings war in diese Wirtschaftspolitik die Hoffnung ein-
kalkuliert, dass jeder Produktionsüberschuss exportiert werden
könne. Wie töricht diese Spekulation war, hat der Verlauf der
Dinge zur Genüge bewiesen. Noch ist der Menge nach nicht einmal
der Vorkriegsexport wieder erreicht worden, und auch dieser war
nur ein Bruchteil der inländischen Gesamtproduktion. Auch wenn
sich alle Exporthoffnungen, soweit sie überhaupt noch im Rahmen
des Denkbaren liegen, verwirklichen könnten, würde dadurch die
weite Kluft, die sich zwischen der Kaufkraft und der Produktions-
möglichkeit im eigenen Lande aufgetan hat, nicht ausgefüllt werden
können. Überdies ist es eine alte volkswirtschaftliche Erkenntnis,
die durch das amerikanische Beispiel eben jetzt wieder anschaulich
bestätigt wird, dass für jede nationale Wirtschaft die gute Be-
schäftigung für den Binnenmarkt die wichtigste Voraussetzung für
die Exportfähigkeit ist.

Die Erschliessung des eigenen Marktes durch planmässige Auf-
zucht einer starken Kaufkraft bei den breiten Massen, das ist das
Geheimnis der amerikanischen Wirtschaft. Hohe Löhne und niedrige
Preise, grosser Umsatz und kleiner Stücknutzen: Aus dieser Praxis
erwuchsen die Wunder der Technik und der Arbeitsorganisation
wie von selbst.

Dieses amerikanische Beispiel ist für das Europa der Nachkriegs-
zeit von entscheidender Bedeutung. Die alte Vorstellung, als
ob die Entfaltung der Produktivkräfte in einer nationalen Industrie-
wirtschaft über einen gewissen Grad hinaus nur noch möglich sei
durch die Unterjochung ausländischer Märkte, ist dadurch er-
schüttert, ebenso aber auch der Pessimismus, der in dem An-
wachsen des Produktionsapparates in aller Welt nichts anderes
zu sehen vermag als eine unverstopfbare Quelle allgemeiner Ver-
elendung in den alten Industrieländern. Die Tatsache, dass nun in
fast allen Ländern, die anden Weltwirtschaftsverkehr angeschlossen
sind, die Produktionsmöglichkeit über die Absatzmöglichkeit hinaus-

gewachsen ist, lässt überhaupt keine andere Lösung mehr zu als die
Aufschliessung der inneren Märkte. Das heisst, dass die kapita-
listische Wirtschaft ein Stadium erreicht hat, wo die weitere Ent-
wicklung nicht anders möglich ist als durch eine Hebung des
Lebensstandards der breiten Massen im eigenen Lande. Diese
Tendenz steht keineswegs im Widerspruch mit der weiteren Aus-
dehnung des weltwirtschaftlichen Verkehrs. Im Gegenteil muss die
Fntdeckung neuer Absatzgebiete in den alten Kulturländern erst
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        recht den wirtschaftlichen Internationalismus, d. h. den zweck-
mässigen Güterverkehr über die ganze Welt fördern.

Es ist sehr notwendig, die natürliche Tendenz zur Inter-
nationalisierung der Wirtschaft nicht nur zu erkennen, sondern sie
auch zu fördern und in die richtigen Bahnen zu lenken. Auch darin
gibt das junge Amerika dem alten Europa eine handgreifliche Lehre.
Die 48 Einzelstaaten des nordamerikanischen Bundes, ein Gebiet
fast von der Grösse Europas, sind durch keine wirtschaftlichen
Grenzmauern voneinander getrennt. Demgegenüber steht Europa
mit seiner politischen und wirtschaftlichen Zerrissenheit, seinen die
Lebensbedingungen verteuernden Zollmauern, seinen Handels-
erschwerungen und Handelskriegen und der dadurch bedingten
Unwirtschaftlichkeit seiner Gütererzeugung.

Die Forderung nach dem wirtschaftlichen Zusammenschluss
Europas ergibt sich geradezu zwangläufig aus der Betrachtung
der amerikanischen Wirtschaft; für uns nicht als Endziel, sondern
als Etappe zur Einheit der Weltwirtschaft. Wenn gegenwärtig
diese alte Forderung der Arbeiterbewegung anscheinend von den
massgebenden Kreisen in fast allen europäischen Ländern unter-
stützt wird, so darf man sich freilich weder über die zu über-
windenden Schwierigkeiten noch darüber täuschen, dass die Ziel-
richtung keineswegs einheitlich ist. Noch überwiegt in den Kreisen
der kapitalistischen Wirtschaftsleitungen die Vorstellung, dass die
weltwirtschaftliche Aufgabe weniger in einer Anpassung des Ver-
brauchs an die erreichten und noch zu vermehrenden Produktions-
möglichkeiten, als vielmehr in einer planmässigen Beschränkung
des „zu gross gewordenen“ Produktionsapparates zu suchen sei.
Noch erhofft jede der beteiligten nationalen Gruppen durch eine
europäische Wirtschaftsorganisation einen vermehrten Ausfuhr-
überschuss für die eigene Wirtschaft, eine Hoffnung, die sich nicht
verwirklichen kann.

Das Kernproblem der europäischen Wirtschaft ist und bleibt die
Steigerung der Massenkaufkraft. Mehr noch als sonstwo hängt in
Deutschland die Kaufkraft von der allgemeinen Lohnhöhe ab, denn
die Konsumkraft aus Ersparnissen ist durch die Inflation vernichtet.
So wird es vollkommen klar, dass der gewerkschaftliche Kampf
um die Steigerung der Löhne nicht nur eine soziale Notwendigkeit,
sondern darüber hinaus eine Aufgabe ist, von deren Gelingen die
Höherentwicklung der gesamten Wirtschaft abhängt.

256
        <pb n="258" />
        . jewerkschaften bedienen sich bewusst dieses Mittels. Aus der
= Tatsache, dass es in den Vereinigten Staaten keine parla-
U mentarische Arbeiterpartei gibt, darf keinesfalls geschlossen
&amp; werden, dass die Gewerkschaften ohne Einfluss auf die Gesetz-
N gebung wären. Im Gegenteil glauben sie, dass sie bei dem gegen-
DS wärtigen System einen stärkeren Einfluss ausüben können als
0 ® durch die Schaffung einer selbständigen Arbeiterpartei, wenigstens
© auf absehbare Zeit. Gerade diese Überzeugung scheint ein starkes
&gt; Hindernis für die Schaffung einer selbständigen Arbeiterpartei zu
N sein; denn es liegt auf der Hand, dass der Einfluss in den vor-
8 handenen Parteiformationen sofort aufhören würde, wenn die Ge-
S Werkschaften die Gründung einer eigenen Partei propagierten.
» In der Geschichte der Federation und ihrer Kongresse nehmen
) die Auseinandersetzungen über die Stellung zur Politik und die
5 Frage einer eigenen Arbeiterpartei einen sehr grossen Raum ein.
Im Jahre 1894 wurde sogar eine Urabstimmung darüber in Ver-
bindung mit einem politischen Aktionsprogramm vorgenommen,
die aber nur bewies, dass die Masse der Mitglieder diesen Fragen
überhaupt nur wenig Interesse entgegenbrachte. Auf dem Kon-
gress dieses Jahres wurde dann auch die Forderung nach einer
selbständigen Arbeiterpartei entschieden abgelehnt, und zwei Jahre
später beschloss der Kongress, folgende Bestimmung in das Statut
aufzunehmen:
„Parteipolitik, mag sie demokratisch, republikanisch, sozialistisch oder
sonstwie sein, findet in den Jahresversammlungen des Bundes keinen Platz.“
_ Diese Bestimmung ist natürlich nicht so auszulegen, als ob die Be-
S schäftigung mit politischen Fragen ausgeschlossen werden sollte.
© Man wollte damit nur festlegen, dass die Federation als solche
. sich auf keine bestimmte Partei verpflichtet. Die Absicht, die
. Debatte über die Frage einer politischen Arbeiterpartei auf dem
£ Jewerkschaftskongress mit dieser Bestimmung abzuschneiden,
gelang allerdings nicht. Auf dem Kongress von 1902 hätte ein
j Antrag, der die Notwendigkeit einer besonderen politischen Ar-
beiterpartei betonte, sogar fast die Mehrheit erreicht. Aber schon
. der nächstjährige Kongress verwarf diese Idee wieder mit einer
sehr grossen Maiorität. Das wiederholte sich 1907 gegenüber
. einem Antrag des Ortskartells Cleveland, der die Gründung einer
politischen Partei aus den Gewerkschaften, den Farmerverbänden
- v8 und der sozialistischen Partei forderte.
w Diese Debatte hatte aber doch die Wirkung, mit veranlasst durch
5 das Aufkommen einer gewerkschaftsfeindlichen Gesetzgebung und
© Rechtsprechung, dass die Federation eine grössere Aktivität bei
; den politischen Wahlen entfaltete. Die Gewerkschaftsmitglieder
- wurden eindringlichst aufgefordert, bei allen Wahlen nur solche
. Kandidaten zu unterstützen, die sich auf die Arbeiter-

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