Sa die Gesellschaft offenbar in den meisten Fällen mit objektiv ge- gebenen Eigenschaften dieser Personen irgendwie zusammen, so eng zusammen, daß wir die Ursache der Einkommensverschieden- heiten „erklärend verstehen können“, um Max Webers Ausdruck anzuwenden. Aber es handelt sich für uns nicht darum, die Ur- sache, sondern die Höhe dieser Einkommensverschiedenheiten zu verstehen, und zwar kann, da es sich um ein quantitatives Phänomen handelt, hier natürlich nur das „rationale erklärende Verstehen“ in Frage kommen, weil es sich um „intellektuell sinnhafte Hand- lungen“ handelt. Das aber ist uns nur in einer sehr beschränkten Klasse von Qualifikationsbewertungen möglich, nämlich fast nur dann, wenn es um ungelernte Muskelkraft im Akkordlohn geht. Hier handelt es sich erstens um Leistungen der gleichen Dimen- sion, die zweitens unmittelbar quantitativ vergleichbar sind. Selbst- verständlich verdient ein starker Sackträger, der doppelt soviel Säcke vom Schiff auf den Speicher trägt wie ein schwächerer Kamerad, im Akkord auch den doppelten Lohn. Aber dieses Ver- stehen versagt schon dann häufig, d. h., es kann die Unter- schiede des Einkommens nicht mehr vollkommen erklären, wenn es sich um Leistungen gleicher Dimension, aber um gelernte Arbeit handelt. So z. B. wird ein Stenograph, der 300 Silben in der Minute aufzunehmen imstande ist, viel mehr als sechsmal so hoch qualifiziert und entlohnt werden wie ein anderer, der es nur auf 50 bringt. Hier können wir immerhin noch ungefähr intellek- tuell die Ursachen der Einkommensverschiedenheit verstehen: aber dieses Verstehen versagt bereits vor der Tatsache, daß ein hoch- gewachsener Tenorist mit wohlgebildetem Antlitz wesentlich höher qualifiziert ist, als ein stimmlich und schauspielerisch gerade so begabter, aber körperlich weniger bevorzugter Kollege; und es versagt vollkommen gegenüber so wunderlichen Tatsachen, wie wir sie oben angeführt haben, wo es sich um Leistungen ver- schiedener Dimension, z. B. eines Boxerchampions und eines Gelehrten handelt; hier. ist nur noch ein „irrationales“ erklärendes Verstehen aus irrationalen Motiven möglich. In solchen Fällen hilft sich das unausrottbare Streben des Menschen nach rationaler Erklärung mit dem typischen Trugschluß, dem wir überall in der Soziologie, z. B. bei der Erklärung der Ge- schichtsabläufe aus rassenmäßiger Anlage, begegnen. Gegeben und zu erklären ist eine bestimmte Verschiedenheit des Einkommens. Man schließt daraus auf die genau entsprechende Verschiedenheit der „natürlichen Begabung“ und leitet dann wieder daraus die Ver-