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        <title>Wert und Kapitalprofit</title>
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            <forname>Franz</forname>
            <surname>Oppenheimer</surname>
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        Wert und Kapitalprolit
Neubegründung der objektiven Wertlehre
0. 5. Professor an der Universität Frankfurt a. M.
Dritte, völlig neu bearbeitete Auflage
KE
Jena
Verlag von Gustav Fischer

1926
        <pb n="3" />
        Verlag von Gustav Fischer in Jena
Die Preise sind in Goldmark angegeben, Preisänderungen bleiben vorbehalten,
Güterverzehrung und Güterhervorbringung. Von Dr. Wilhelm Hasbach,
ord. Prof. an der Universität Kiel. V, 88 S. gr. 8° 1906 Gmk 2.40
Inhalt: I. Güterverzehrung und Güterhervorbringung. 1ı. Kritik
des Systems der Volkswirtschafıslehre. 2, Folgerungen aus dem Wesen der gesellschaft -
lichen Wirtschaft. 3. Nachfrage und Güterverzehrung. 4. Die Güterhervorbringung: De-
finition, Einteilung, ihre Probleme. 5. Der Einfluß der Nachfrage und des Handels auf
die Güterhervorbringung. 6. Das Mißverhältnis zwischen Güterverzehrung und Güter-
hervorbringung (Die Krisen). 7. Nachfrage und Betriebsgrößen. Der Standort, 8. Berg-
bau, Forstwirtschaft, Landwirtschaft, Gewerbe. 9, Der Staat und die Güterhervorbringung.
— I. Ergänzungen. 1. Wirtschaften und Sozialwirtschaftslehre. 2. Gegen Stammlers
„Wirtschaft und Recht‘. |
Soziale Kultur, Mai 1908: Das Buch will Richtlinien weisen für die me-
thodische Stoffverteilung in der Behandlung nationalökonomischer Theorien. Als Aus-
gangspunkt der Betrachtungsweise wird die Güterverzehrung aufgenommen. . , . Einzelne
Partien gewähren durch die knappe, scharfe Form, die klare Darstellung und die eigen-
artige Beleuchtung, in die schon bekannten Tatsachen gerückt werden, bei der Lektüre
einen wirklichen Genuß. . . Paul Beutsch,
Der soziale Gehalt der Marxschen Werttheorie. Von Franz Petry, Doktor
der Staatswissenschaften. VIII, 70 S. gr. 8° 1916  Gmk 2.—
Ricardo als Begründer der theoretischen Nationalökonomie. Eine Ein-
führung in sein Hauptwerk und zugleich in die Grundprobleme der national-
ökonomischen Theorie. Zur hundertjährigen Wiederkehr seines Todestages
(11. September 1923). Von Alfred Amonn, o. 5. Prof. an der Deutschen Uni
versität in Prag. V, 122 S. gr. 8° 1924 Rmk 3.—, geb. 4.—
‘Inhalt: ı. Gegenstand u. Aufgabe d. nationalökonomischen Theorie, 2. Der
Wertbegriff in der theoretischen Nationalökonomie. 3. „Wert“ und „Reichtum“. Theo-
retische Nationalökonomie: und Volkswohlstandslehre. 4. Das Grundprinzip der Tausch-
werterklärung. 5, Das Grundgesetz der Tauschwertbildung. 6, Arbeitsmenge und Arbeits-
wert. (Verschiedenheit der Arbeitsarten.) 7. Unmittelbare u. „vorgetane‘“ Arbeit (Kapital).
8. Der Kapitalprofit. 9. Der verschiedene Dauergrad d. Kapitals. 10/13. Die Grundrente:
Allgemeiner Charakter d. Ricardoschen Grundrententheorie. Die Qualitätsrente, Die In-
tensitätsrente, 14. Die Bergwerksrente. 15. „Natürl. Preis“ u, Marktpreis‘, Angebot
u. Nachfrage. 16. Der Arbeitslohn. 17. Rückblick. Die Unhaltbarkeit des Arbeitswert-
prinzips. 18. Der Umbau der Ricardoschen Theorie, Das wahre Prinzip d. Tauschwert-
erklärung. 19. Anwendung d, Prinzips. Die Seltenheitswerttheorie. 20, Der Allzusammen-
hang der Tauschwerte. Das Tauschwertsystem. Die Casselsche Formel.
Grundzüge einer personalistischen Werttheorie unter besonderer Berück-
sichtigung wirtschaftlicher Probleme. Von Dr. Folkert Wilken, Privatdoz.
a. d. Hochschule für Staats- und Wirtschaftswissenschaften in MDetmold.
WII, 169 8. gr. 8° 1924  Gmk 5.—
Inhalt: L Wert als Gegenstand. — II. Die Analyse des _Wertungs-
vorganges und des Wertbewußtseins. 1. Die Subjektivität des Wertwesens.
2. Subjektiver Wertgrund, Wertungssubjekt, Wertobjekt. 3. Die Art der Beziehung
zwischen jenen. hr "Die psychische Gegebenheit der idealen Wertbeziehung; die Motivation.
5. Bedürfnisse als selbständige Wertreaktionen nichtpersönlicher Art; Wünschen und
Begehren. 6. Die Wertrelation als Existentialintention; Phantasie- und Annahmewertungen.
7. Wertbedeutung von Objekten; Nützlichkeit; Werturteile, 8. Die voluntaristische
Werttheorie, 9. Gebrauchswert und Tauschwert. 10. Positiver und negativer Wert in
der Wirtschaft; Der Begriff des Aufwandes. — III. Das Wertungssubjekt. Egoität
und Idealität der Wertung. 1. Mißverständliche Auffassungen des Wertungssubjektes.
2. Das Ich als geistige Tatsache und personale Wertinstanz. 3. Das Egotismusprinzip;
BEE Egozentrismus; Das Problem der subjektiven Wertgründe. 4. Die
höhere Tchfortas Des Ieallsmusprinzip; Das Problem der objektiven Wertgründe, 5. Wert-
anordnung und das Problem der Übergegensätzlichkeit der obersten Werte, — IV, Ob-
jektivität und Subjektivität in den Wertverhältnissen. 1, Der Gegensatz von
A A :, Probleme des Aufwandwertes. 2. Der Gegensatz von
En ‚Allgemeinheit des Geltens; Problem der sozialen Objektivität der Wertung
and der Wertobjekte. 3. Der Gegensatz von Erlebnis und Gedanke; das Problem der
Wertrationalität; Ausblick, — Anhang: Exkurs in die werttheoretische Literatur:
1. J. C. Kreibig. 2. W. Windelband. 3. Th. Häring. 4. D. v. Hildebrand. 5, W. Stern.
        <pb n="4" />
        Wert und Kapitalprotit
Neubegründung der objektiven Wertlehre
Dr. med, et phil, Franz ‚Oppenheimer
0. 5. Professor an der Universität Forte a. M.
Dritte völlig neu bearbeitete Auflage
Jena
Verlag von Gustav Fischer

von
1926
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        Alle Rechte vorbehalten
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        Vorwort.

„Wert und Kapitalprofit“ ist 1916 zum ersten Mal heraus-
gekommen. Da sich meine Hoffnung nicht erfüllte, daß die von
mir zur Diskussion aufgeforderte Grenznutzenschule sich mit der
objektivistischen Wertlehre auseinandersetzen würde, die hier in
neuer, und, wie ich behauptete, keinen Einwänden mehr ausgesetzter
Form vorgetragen wurde, habe ich die zweite Auflage (1922) in
völlig unveränderter Form erscheinen lassen. Ich habe dann das
Buch zum größten Teile in die fünfte Auflage meiner „Theorie der
reinen und politischen Ökonomie“ hineingearbeitet und hatte die
Absicht, es nicht mehr erscheinen zu lassen.

Seitdem hat sich ein Mann, der zwar kein '©orthodoxer Ver-
treter der Grenznutzenschule, aber ein ihr nahestehender angesehener
Fachmann ist: Alfred Amonn, mit meiner Auffassung beschäftigt *).
Daran hat sich eine Diskussion geknüpft ?), die fortgesetzt werden
wird®). Schon jetzt hat sie zu weitgehender Einigung geführt und
das Gebiet des Meinungsstreits stark eingeengt. Was mich betrifft,
so habe ich daraus namentlich zweierlei gelernt: erstens, daß ich
meine Theorie mit Erörterungen belastet hatte, die jedenfalls über-
flüssig, wenn nicht verdächtig waren; es handelt sich um die be-
rühmten „Eierschalen“, die fast jede neue Theorie noch von ihrem
Werdegange her mitschleppt: um Reste veralteter Problemstellungen
und überlebter Hilfskonstruktionen. Und zweitens: daß die Methode
der Deduktion, wie unsere Klassiker sie übten, noch viel mehr ver-
schüttet worden ist, als ich bisher annahm.

Aus diesem Grunde habe ich mich entschlossen, unter dem
alten Titel ein fast durchaus neues Buch herauszubringen. Es

ı) Zeitschrift für Volkswirtschaft und Sozialpolitik, neue Folge, Bd. IV, S. ı(f.

2) Ebenda, Bd. V, S. 109ff,

3) Meine Duplik und Amonns Antwort darauf (in Zukunft bezeichnet als
„Amonn II“) liegen mir bereits in Korrekturfahnen vor. Ich spreche dem Verfasser
wie der Redaktion dafür meinen Dank aus.
        <pb n="7" />
        IV

ist dazu bestimmt, die entsprechenden Abschnitte meiner „Theorie“
zu ergänzen, die ich vorläufig keine Aussicht habe, in neuer ver-
besserter Auflage erscheinen zu lassen. Unter diesem Gresichts-
punkt darf ich es mir versagen, die literarischen Nachweise zur
Dogmengeschichte der ersten beiden Auflagen von „Wert und
Kapitalprofit“ hier noch einmal abzudrucken. Sie finden sich jetzt
in der „Theorie“. An dieser Stelle will ich in erreichbarer Kürze
die Methode der deduktiven Untersuchung und die mit
ihrer Hilfe von mir erarbeitete Theorie vom Wert und Kapital-
profit darstellen — und nur insoweit polemisieren, wie mir neue
Angriffe auf meine Lösung dieses Problems (es ist nur eines!) —
bekannt geworden sind,

Frankfurt a. M., 16. Dezember 1925.
Franz Oppenheimer.
        <pb n="8" />
        Inhaltsverzeichnis.

a. Seite
I. Das Problem. ZN . A ON
11... Der statische Preis 2 N Ua a a On a na a Ma nn ar el ar 2
1. Die Statik 1 u al Ere  a e a TA  e e eh e  ?
2. Das Einkommen. Mn SE A
3: Die Daten 0. Era nn ee A N
4- Die allgemeine Wertformel .. . SE
5. Die Wertformel der beliebig. reproduzierbaren Güter ...... .. 23
It. Der Kapitalprofit 2 u A a a RS Na ir nA
1. Die Theorien A 2
2. Das Mönoppk + ee ea ea AR nn 3
3. Das Bodenmonopel ... ; . .—. m 33

4. Die Wertformel der kapitalistisch erzeugten beliebig reproduzierbaren
Ge
IV. Antikritische Nachlese 0 ER
1. Die ‚Substanz‘ des Werles er ee DO
2. Die Qualifikation... er A
3: Rein analytische Sätze... NEN SS
4. Die Krisis der Grenznutzentheorie , . . Eu udn OB
        <pb n="9" />
        I. Das Problem.

Die Begriffe „Wert“ oder „Tauschwert“ bedeuten in der
klassischen Ökonomik den Preis der beliebig reproduzierbaren
Güter „auf die Dauer und im Durchschnitt“, d. h. unter Abstraktion
von den „zufälligen Schwankungen“, die durch Änderungen im
Verhältnis von Angebot und Nachfrage verursacht werden. „Preis“
bedeutet immer eine Relation. Das Problem ist, warum auf die
Dauer und im Durchschnitt eine bestimmte Menge der Ware a
sich gegen eine bestimmte andere Menge der Ware b tauscht,
z. B. 10 kg Kupfer gegen ı g Gold, 20 1 Wein gegen 50 Kilowatt
elektrische Energie, „20 Ellen Leinwand gegen einen Rock“ (Marx).
Wo Geldwirtschaft besteht — und wir werden nur geldwirtschaftlich
entfaltete Märkte zu betrachten haben — erscheint das Geld, als
das „allgemeine Wertäquivalent“, auf der rechten Seite der Gleichung.
Unter der Annahme, daß auch das Geld auf seinem Tauschwert ver-
harre, oder, was das gleiche sagt, daß wir auch bei ihm von jenen
„zufälligen“ Schwankungen absehen, ist also jeder Geldpreis einer
Ware auf die Dauer und im Durchschnitt ihr Geldwert.

Aber dieses Problem ist an sich von sehr geringer Bedeutung.
Dem Praktiker genügt es vollkommen zu wissen, daß der Preis
einer ihn interessierenden Ware im Durchschnitt so und so hoch
steht: warum er so hoch steht, ist ihm gleichgültig. Und der
Theoretiker könnte das Problem als eine „Doktorfrage“ ruhig liegen
lassen, wenn es nichts anderes trüge. Das aber ist eben der Fall:
es trägt das wichtigste von allen, das Zentralproblem unserer
Wissenschaft, das der Distribution, und das heißt: der Klassen-
einkommen, insbesondere das des Kapitalprofits.

Dieses Problem ist ein Wertproblem. Es lautet: warum hat
in unserer Gesellschaft die mit eigenen Produktionsmitteln nicht
ausgerüstete Arbeit diesen, uns empirisch gegebenen Wert?
Warum haben die Nutzungen von Kapital und von Bodeneigentum
diesen, uns empirisch gegebenen Wert? und zwar auch hier: Wert
auf die Dauer, unter Abstraktion von allen zufälligen Schwankungen
im Verhältnis von Angebot und Nachfrage, so daß das Einkommen

Fr. Oppenheimer, Wert und Kapitalprofit, 3. Aufl,
        <pb n="10" />
        —— 2 —}
der Arbeiterklasse aus Lohn, das der Kapitalistenklasse aus Profit,
das der Grundbesitzerklasse aus Grundrente, sich ohne weiteres aus
dem Wert dieser ihrer sog. „produktiven Beiträge“ ergibt?

Von diesen drei Unterproblemen ist das der Grundrente hier
nicht zu behandeln. Es kann als vollkommen gelöst betrachtet
werden. Dagegen ist noch nicht einmal der erste Anfang zu einer
Einigung über die Bestimmungsgründe des Kapitalprofits erreicht
worden: und vorher ist Einigung über die Bestimmungsgründe des
Lohnes unmöglich.

Man sieht also: Wert und Kapitalprofit stellen in der Tat
nur ein einziges Problem dar. Der Wert hat für uns nur
Interesse als das unentbehrliche Fundament, auf dem allein die
Lösung des Profitproblems stehen kann. Dieses kann nicht anders
gestellt werden, als wie Karl Marx es stellte: „Der Geldbesitzer
muß die Waren zu ihrem Werte kaufen, zu ihrem Wert verkaufen,
und dennoch am Ende des Prozesses mehr Wert herausziehen, als
er hineinwarf ... wie kann Kapital entstehen bei der Regelung
der Preise durch den Durchschnittspreis?“ 1)

II. Der statische Preis.
1. Die Statik. ;

Indem die Klassiker erklärten, von den zufälligen Schwan-
kungen des Preises durch Veränderungen im Verhältnis von An-
gebot und Nachfrage absehen zu wollen, stellten sie das Problem
des Wertes als ein solches der Statik.

Die statische Betrachtung ist eine Methode zur Ent-
deckung der Gesetze, unter denen die Bewegung eines Sy-
stems steht. Sie dient nicht der Feststellung, sondern der Er-
klärung von Erscheinungen. Sie beruht regelmäßig auf folgender
Erwägung a priori:

Wo immer Kräfte antagonistisch gegeneinander wirken, ten-
dieren sie auf einen Zustand hin, in dem sie sich gegenseitig
„ausbalancieren“, so daß unter der Voraussetzung keiner von außen
kommenden Störung des Systems oder, was dasselbe besagen will,
keiner „Änderung der rechnungsmäßigen Daten“, die Gegen-
bewegung der Elemente aufhört, und je nachdem das ganze System
zur vollkommenen Ruhe kommt, wie etwa eine Wasserfläche,
G I) Kapital 4- Aufl., 1. Band, S. 129. Der Ausdruck: „Wie kann Kapital ent-
stehen?“ bedeutet bei Marx: „Wie kann Profit entstehen?“ Denn für ihn sind Produk-
tionsmittel und Geld nur dann Kapital, wenn sie Profit abwerfen.
        <pb n="11" />
        m
oder sich in einer ganz bestimmten Weise als Ganzes bewegt,
wie etwa unser Planetensystem. Diesen Gleichgewichtszustand
nennt die Physik die Statik!)., Wobei zu bemerken ist, daß es
durchaus nicht darauf ankommt, ob diese Statik realiter zu er-
reichen ist oder nicht. Das ist kaum jemals der Fall. Die stabilsten
Gebäude „setzen sich“, auch kleinere Wasserflächen, von den Ozeanen
ganz zu schweigen, liegen so gut wie niemals in vollkommener
Ruhe in der Horizontalen, und sogar unser Planetensystem unter-
liegt gewissen, von anderen Systemen herrührenden Störungen,
Es kommt also nicht auf die Realisierungsmöglichkeit der Statik
an, sondern nur auf ihre Berechenbarkeit als den Zustand des
Gleichgewichts der antagonistischen Kräfte: die Statik ist fast
immer nur eine „methodische Fiktion“. Aber diese Fiktion ist der
Physik vollkommen unentbehrlich: sie kann die Gesetze, die sie
sucht, nur finden, wenn sie methodisch, im Isolierverfahren, alle
„Störungen“ ausschaltet, d. h. von allen Änderungen der Daten,
die im Sinne ihrer Fragestellung „zufällig“ sind, abstrahiert. Dazu
hat sie zwei Methoden. Zuerst die des Experiments, wo alle
Störungen, soweit wie irgend möglich, de facto ausgeschaltet werden,
indem man z. B. im luftleeren Raum experimentiert, oder, bei elek-
trischen Messungen, alle „vagabundierenden Ströme“ der Luft und
des Bodens systematisch ableitet, oder, in chemischen Analysen,
sich reiner Reagentien und störungsfrei aufgestellter Wagen bedient.
Zweitens die Abstraktion im „Gedankenexperiment‘“: das Absehen
in methodischer Fiktion von gewissen „Störungen“.

Um ein solches Gleichgewicht zu errechnen, ist, außer selbst-
verständlich der Kenntnis der anschaulichen Eigenschaften des Sub-
strats, weiter nichts erforderlich als die durch Beobachtung ge-
wonnene Erkenntnis von Art, Richtung und Stärke der auf das
Substrat wirkenden Kräfte. Wenn ich weiß, was Wasser ist, und
durch Beobachtung finde, daß, von nicht interessierenden Kleinig-
keiten („Störungen“) abgesehen, auf den Ozean nur wirken der
Wind und die Schwerkraft einerseits der Erde, anderseits des
Mondes: so ist die Statik, das MNormalnull, theoretisch fest-
gelegt als derjenige Punkt eines Pegels, der bei Windstille

ı) Amonn (II) bestreitet das. Tatsächlich ist dieser Sprachgebrauch in Europa
ungebräuchlich. Ich habe mich der amerikanischen Terminologie angeschlossen, die für
unsere soziologischen Zwecke praktischer ist. Vgl. meine „Allgemeine Soziologie‘“ I,
S. 71. Es handelt sich hier um eine lediglich terminologische, d. h. völlig gleichgültige
Differenz: Amonn erklärt ausdrücklich, daß zwischen ihm und mir über den Begriff
der Statik „vollkommene Übereinstimmung“ besteht.
I“
        <pb n="12" />
        A
genau zwischen | Ebbe- Tief und Flut-Hoch gemessen wird.
Durch diesen Punkt wird eine Horizontale gezogen, und die
durch die Horizontale gelegte Kugelebene ist das dynamische
Gleichgewicht des Ozeans!). Und ebenso kann ein Mathematiker,
dem das Gewicht und die gegenseitige Entfernung der Körper
unseres Planetensystems bekannt sind, ihre Bewegung errechnen,
weil er die auf das Substrat wirkenden Kräfte: Zentrifugal- und
Zentripetalkraft, als die einzigen in Betracht kommenden kennt.

Das also sind die allgemeinen Bedingungen jedes Problems
einer Statik. Wenden wir unser Ergebnis auf den uns vorliegenden
Fall an.

Die Methode der Klassiker stellte eine Annäherung, aber
eben nur eine Annäherung an diese methodische Fiktion dar. Sie
sahen klar, daß die Schwankungen des Preises infolge der Ver-
änderungen im Verhältnis von Angebot und Nachfrage nicht nur
kein Problem darstellen (der Kausalzusammenhang ist völlig klar),
sondern sogar das eigentliche Problem nur verwirren und ver-
dunkeln: das Problem von den Ursachen, die das gegenseitige
Verhältnis der Mittelpunkte jener Oszillationen des Preises, eben
der „Werte“ bestimmen. Sie erklärten also, von jenen Schwankungen
abstrahieren zu wollen.

Diese Abstraktion war identisch mit der methodischen F iktion,
daß das ganze System der Marktwirtschaft (oder was das Gleiche
sagt, der Konkurrenz) sich in seinem „Gleichgewichtszustande“,
modern ausgedrückt ?): in seiner „Statik“ befindet. Denn nur bei
Gleichgewicht des Systems kann das Gleichgewicht einer seiner
Funktionen bestehen. Die Klassiker, vor allem Ricardo, suppo-
nieren also einen Zustand der Marktwirtschaft, in dem „die Kon-
kurrenz ihren Ruhezustand erreicht hat“ und in ihm verharrt.

Schon diese Annahme gestattet eine Anzahl von wichtigen
Ableitungen. Die Erwägung ist überall die folgende: in der Kinetik,
d. h. der Realität des Marktes, versucht Jeder jedem Anderen
konkurrierend alle Vorteile abzujagen, die ihm irgend abgejagt werden
können; erst wenn das geschehen ist, hat die Konkurrenz ihren
Ruhezustand erreicht.

1) Ich weiß, daß das nicht ganz exakt ist, weil die Erdmassen der Kontinente
das Wasser an- und emporziehen.

2) Der Ausdruck ist erst von John Stuart Mill, dem Freunde und Schüler
Comtes, aus der jungen Soziologie (wie von dieser aus der mathematischen Physik,
Comtes Ausgangswissenschaft) in die Ökonomik übernommen worden.
        <pb n="13" />
        Man fragt also jedes Mal: bei welchem, uns hier gerade
interessierenden Zustande kann die Konkurrenz als im Ruhezustand
befindlich gedacht werden? Das zufällige Verhältnis der einzelnen
Glieder und Funktionen des Systems zueinander ist realiter, kine-
tisch, der „Realgrund“ der Tendenz zum Ruhezustande: aber rech-
nerisch, statisch, ist umgekehrt der Ruhezustand der „Erkenntnis-
grund“ für das statische Verhältnis aller einzelnen Glieder und
Funktionen zu einander. Die deduktive Rechnung lautet: als
gegeben angenommen der Ruhezustand der Gesamtfunktion, der
Konkurrenz: wie verhält sich das einzelne Glied („Organ“) oder
die einzelne Funktion des Ganzen? Auf diese Weise entwickelte
z. B. Ricardo seine Theorie von der Grundrente, von Thünen
seine Lehre von den Zonen im „isolierten Staat“, ich selbst das
Gesetz der Wanderbewegung, sowohl in der reinen, wie in der
politischen Ökonomie (das Gesetz vom gleichmäßig, bzw. vom
einseitig sinkenden Druck); und auf die gleiche Weise kam wieder
Ricardo zu der Erkenntnis, daß der „Grenzproduzent“ in der
Statik immer von normaler Qualifikation sein muß: nicht eher
kann die Konkurrenz zur Ruhe kommen, als bis überall, in jeder
Produktion, die unter freier Konkurrenz steht, den „Pionieren“ alle
Vorteile der Konjunktur, die ganzen Vorteile, und nichts als diese
Vorteile, abgejagt sind, die sie lediglich ihrem kinetischen Vor-
sprung verdankten: alle Vorteile heißt das; die der normalen
Qualifikation erreichbar sind.

Aber — es war doch eben nur eine Annäherung. So
wichtig es war, das Problem richtig zu stellen, indem man suppo-
nierte, daß das System seinen Ruhezustand erreicht habe, so reichte
das doch nicht hin. Gelöst war das Problem erst in dem Augen-
blick, in dem festgestellt war, wo das System seinen Ruhezustand
erreicht. Das aber haben die Klassiker versäumt.

Dieses Problem ist es mir gelungen zu lösen. Zu dem Zwecke
brauchte ich mich nur daran zu erinnern, daß auch die Markt-
wirtschaft ein System antagonistischer Kräfte ist. Sie ist, vom
Standpunkt der einzelnen Wirte aus gesehen, nichts als Konkurrenz,
von einem Standpunkt über dem Ganzen aus gesehen, nichts als
Arbeitsteilung und -Vereinigung (ich halte die Erkenntnis dieser
Identität, die mir erst in der fünften Auflage meiner Theorie ge-
glückt ist, für eines meiner wichtigsten Ergebnisse. Ich glaube
kaum, daß man es mir je bestreiten wird). Uns interessiert hier
nur der eine Aspekt: die in der Konkurrenz sich auswirkenden
antagonistischen Kräfte, nämlich der Inbegriff der wirtschaftlichen
        <pb n="14" />
        m OÖ —
Handlungen der Gesellschaftsglieder, die aus dem Kampf der Ver-
käufer um die wirksame Nachfrage und der Käufer um das wirk-
same Angebot hervorgehen.

Dieser Kampf ist zunächst Preiskampf. Der Verkäufer
sucht beim Käufer einen möglichst hohen, dieser bei jenem einen
möglichst niederen Preis durchzusetzen. Je nach dem Verhältnis
von Angebot und Nachfrage wird in diesem Kampfe bald der
Käufer, bald der Verkäufer einen Vorteil haben. Dann wird im
ersten Falle das Angebot auf den nächsten Märkten sinken —
und der Preis steigen, im zweiten steigen — und der Preis sinken:
und das ganze System würde, wenn keine „Störung“ eintritt, auf
jenem Preisnivean seine „Statik“ erreichen, das zu finden unsere
Aufgabe ist. Man sagt nun häufig, daß hier „Angebot und Nach-
frage ihren Gleichgewichtszustand erreicht haben‘, oder, daß hier
„die Preise in ihrem Gleichgewicht stehen“. Das sind bequeme
Abkürzungsformeln, die man sich gefallen lassen kann, solange sie
nichts anderes bezeichnen wollen, als den Gleichgewichtszustand
des ganzen Systems, die aber völlig inhaltlos werden, wenn
man sie verabsolutiert. Denn die statischen Mengen von Angebot
und Nachfrage hängen natürlich von dem statischen Preise ab;
und unsere Frage nach dem statischen Preise: „Warum kostet
auf die Dauer und im Durchschnitt die Menge x einer Ware a
die Menge y einer Ware 6?“ ist mit der Feststellung, daß die
beiden Werte sich derartig verhalten, noch nicht um den kleinsten
Schritt gefördert. Warum ist x-a4=y-6, und nicht z. B.=z. 6?
Warum kostet ein Rock just 20, und nicht ıo oder 3o Ellen
Leinwand? Warum steht das ganze System „in seinem Gleich-
gewichtszustand“, wenn z.B. ein Luxusautomobil bestimmter Marke
24000 Mk., und eine Stecknadel !/,9 Pfennig kostet? Was ist das
für ein „Gleichgewichtszustand der Preise‘, wenn wie hier ein
a= 24000000 6 ist?

Wenn die Wendung vom „Gleichgewicht der Preise“ über-
haupt einen selbständigen Sinn hat, d. h., nicht als Ausdruck da-
für gebraucht wird, daß das System als Ganzes in seinem Gleich-
gewicht ruht, so kann sie nur bedeuten, daß nicht nur auf einem
Markte, sondern im räumlich-zeitlichen Zusammenhang aller Märkte
einer statischen Gesellschaft immer x.a=y:6 ist; — daß jeder
Rock just 20 Ellen Leinwand wert war, ist und sein wird. Aber
mit dieser Feststellung oder besser: Fiktion ist ja das Problem
nicht etwa gelöst, sondern eben nur als statisches Problem ge-
stellt. Wir wissen immer noch nicht mehr, als daß es nur mit
        <pb n="15" />
        ; 5 5
4 % '
der Methode des Isolierverfahrens gelöst werden kann: ab@r-7ias 7
materielle Problem des Wertes, die Entdeckung der A N S
für, daß gerade diese statische Preisrelation (x:a@=y:6, und n {x Kie\*
=2.6) uns gegeben ist, bleibt uns nach wie vor aufgegeben.
Wir stehen noch am Ausgangspunkt unserer Untersuchung, zu dem
wir erst in der quaestio facti zurückkehren dürfen, nachdem wir
das Gesetz gefunden haben, das jede: beobachtete und nicht be-
obachtete, vergangene, gegenwärtige und zukünftige, statische
Preisrelation beherrscht, das ihrer aller „Bestimmungsgrund“ ist).

Offenbar kann daher der Kampf um den Preis nicht das
letzte Streben der konkurrierenden Kräfte sein. Denn es liegt im
Begriffe eines Systems antagonistischer Kräfte, daß sie auf ein
genau bestimmbares Gleichgewicht hin tendieren?). Was erstreben
also diese Kräfte und wo liegt ihr Gleichgewicht?

2. Das Einkommen.

Auf die erste Frage habe ich geantwortet: Die Konkurrenten
erstreben über das Mittel des „möglichst hohen Preises“ das
Endziel des möglichst hohen Einkommens, und so liegt
denn das Gleichgewicht der Wirtschaft dort, wo alle
Einkommen aller Konkurrenten soweit ausgeglichen
sind, wie es die Konkurrenz durchzusetzen vermag.

Zu meiner Freude hat die Debatte auch in diesem Punkte
zu einer vollkommenen Einigung zwischen Amonn und mir ge-

1) Ich hoffe, mich jetzt vollkommen unmißverständlich ausgedrückt zu haben.

Amonn hat einige kürzer gefaßte Sätze meiner Duplik dahin mißverstanden, daß ich
eine „Unterscheidung ohne Unterschied‘ zwischen dem „Preise“ schlechthin und dem
„Preise einer Ware, ausgedrückt in einer anderen‘* gemacht hätte. Ich habe selbst-
verständlich nicht daran gedacht. Was ich in Wirklichkeit unterschieden habe, ist die
Tatsache einer gegebenen Preisrelation von ihrer Erklärung aus einem allgemeinen
Wertgesetz. Ich glaube, daß zu Amonns Mißverständnis hier die bei seiner Aus-
gangsschule häufige, von mir aufgedeckte (Theorie S. 461) Äquivokation mit dem Worte
„Bestimmen“ mitgewirkt hat. Das bedeutet bald: „Messen‘, bald: ‚,Verursachen‘‘.
Selbstverständlich ist in der Statik der Wert jeder Ware messend „bestimmt“ durch
den jeder anderen: aber das Problem ist das des Bestimmungsgrundes. Wir wollen
wissen, was die gegebene Relation verursachend „bestimmt“.

2) Auch das bestreitet mir Amonn als allgemeinen Satz. Offenbar glaubt er,
daß ich, wenn ich von einem genau bestimmbaren Gleichgewicht spreche, darunter
ein genau berechenbares Gleichgewicht verstehe. Das liegt mir fern. In unserem
Falle ist es übrigens, wie sich herausstellen wird, in der Tat genau berechenbar. Denn
es handelt sich in der Tat um ein „System empirischer Kräfte‘, deren Richtung
und Kraft wir exakt zu messen imstande sind, und die ich genau genug bezeichnet habe
und unten noch genauer bezeichnen werde.
        <pb n="16" />
        führt. Er hatte in seiner ersten Erwiderung meiner These die
folgende entgegengestellt: „Das Streben der Produzenten, für ihre
Produkte einen möglichst hohen Preis zu erzielen, ist die die
Tauschwirtschaftt beherrschende Kraft“ (S. 127), Mir war sofort
klar, daß es sich hier nur um ein terminologisches Mißverständnis
handeln konnte, und diese Vermutung hat sich bestätigt. Amonn
gibt nämlich jetzt (II) seiner These die folgende Auslegung: „daß
alle Produzenten nach der bestmöglichen Verwertung ihrer
Leistung streben“ und an anderer Stelle: „Ich behaupte, daß der
Produzent für das Produkt, das er zu Markte bringt, den höch-
sten Preis und damit Gewinn erstrebt, den er dafür erhalten kann
... ich behaupte, daß der Produzent ‚nach dem höchsten Gesamt-
gewinn‘ für seine Leistung oder bezogen auf seine Leistung —
auf eine bestimmte Leistung strebt.“ Nun, das ist sinngetreu
meine eigene These, daß „die Konkurrenten über das Mittel des
möglichst hohen Preises das Endziel des möglichst hohen Ein-
kommens erstreben“. Denn „Gesamtgewinn“ während einer be-
stimmten Periode ist eben — Einkommen. Und so ist es durch-
aus im Sinne meiner Auffassung, wenn Amonn schreibt: „Das
Streben des Produzenten nach dem höchst erreichbaren Preis für
sein Produkt kann man — mit einer gewissen Einschränkung —
als die allgemein gültige und alles beherrschende Kraft
gelten lassen . .. die Marktwirtschaft ist ein System antagonistischer
Kräfte, die, jede für sich, den höchsten Preis für ihre Leistungen
oder — allgemeiner ausgedrückt — die bestmögliche Verwertung
ihrer Leistungen im Preiskampf zu erzielen sucht").

Damit sind wir, ich wiederhole es, in dem entscheidenden
Punkte vollkommen einig. Auch die von Amonn erwähnte Ein-
schränkung dürfte keine Schwierigkeiten machen. Er schreibt im
Anschluß an den soeben analysierten Satz, worin er das Streben
der Produzenten nach dem möglichst hohen Preise ihrer Produkte
als „die die Tauschwirtschaft beherrschende Kraft“ bezeichnet: „Die
einzige bewegende Kraft ist auch dieses Streben nicht, sondern
es gibt noch andere.“

Offenbar denkt Amonn hier an die „nichtwirtschaftlichen“
Motive, aus denen heraus Produzenten unter Umständen auf die

1) Diese Einigung wird im Augenblick noch ein wenig verdeckt durch ein Miß-
verständnis Amonns, das mit einem Worte zu beseitigen ist. Er glaubt, mein
„Streben auf das höchste Einkommen“ bedeute so etwa jenes „zügellose Gewinnstreben‘‘,
das man so gern dem homo sapiens lombardstradarius nachsagt. Ich habe nie daran
gedacht, wie mein Wortlaut zeigt.

dm
        <pb n="17" />
        Verfolgung des größten Vorteils im Preiskampfe verzichten, z. B.
aus Patriotismus oder aus Mitleid oder aus Prestigebedürfnis. Es
fallt mir nicht ein, solche Motive und ihre Einwirkung auf die
Preisgestaltung irgendwie leugnen zu wollen: aber es ist klar,
daß diese Motive und ihre Wirkungen zu jenen äußeren „Stö-
rungen“ gehören, von denen. unser Isolierverfahren abzusehen
hat. Wir haben das Erkenntnisobjekt „Wirtschaftsgesellschaft‘,
das wir uns durch die Auswahl der uns interessierenden Kenn-
zeichen aus dem, allen Gesellschaftswissenschaften gleichmäßig
vorliegenden, Erfahrungsobjekt „Gesellschaft“ zu ‚bilden haben. Wir
haben (a. a. O. S. 243) geschrieben: „Eine Gesellschaft ist eine
Wirtschaftsgesellschaft, wenn ausschließlich die wirtschaftlichen
Handlungen, also Beschaffung und Verwaltung von Wertdingen
nach dem Prinzip des kleinsten Mittels, ausgewählt werden, um
das besondere ‚Erkenntnisobjekt‘ zu bilden. Diese Handlungen in
ihrem Inbegriff bilden die Gesellschaftswirtschaft der Wirtschafts-
gesellschaft.“

Nur in diesem Sinne war es gemeint, wenn ich von dem
Streben nach dem höchsten Einkommen als der „einzig bewegenden
Kraft der Wirtschaftsgesellschaft“ sprach. Und in diesem Sinne
wird gerade Amonn, mit dessen Kalbe ich hier gepflügt habe,
den Satz unterschreiben.

Ich habe diese verhältnismäßig unbedeutende Differenz, auf
die Amonn selbst kein Gewicht legt, hier behandelt, weil sie auf
die bedeutsameren Streitpunkte vordeutend ein Licht zu werfen
geeignet ist. Es handelt sich nämlich in letzter Linie überall um
das Problem, wie weit das Isolierverfahren gestattet ist, und
was man wissenschaftlich davon an Ergebnissen zu erwarten be-
rechtigt ist.

3. Die Daten.

Stellen wir also jetzt die „Daten“ unseres Problems fest:
Was ist uns empirisch gegeben? Als Erfahrungsobjekt:
eine Gesellschaft. Wir bilden uns daraus, durch Auswahl der uns
interessierenden Kennzeichen (der Handlungen der Beschaffung und
Verwaltung kostender Objekte nach dem Prinzip des kleinsten
Mittels) das Erkenntnisobjekt „Wirtschaftsgesellschaft“. Aber wir
dürfen dabei nie vergessen, daß das Substrat, auf das unsere ant-
agonistischen Kräfte wirken, immer eine Gesellschaft bleibt, mit
allen Eigenschaften, die essentiell zum Begriff einer solchen gehören.
Diese Eigenschaften sind erstens „natürliche“. Jede Gesellschaft

AL
        <pb n="18" />
        lebt in einem realen Gebiete, das bestimmte Bodenfrüchte trägt,
bestimmte Mineralschätze birgt, bestimmte Verkehrsbedingungen
(Meeresküste, Flüsse, Gebirgspässe, Ebenen usw.) besitzt. Sie
besteht aus einer Bevölkerung von bestimmter bio-psychologischer
Beschaffenheit, für die ganz allgemein das folgende gilt: wie
immer sie im einzelnen beschaffen sein möge, ob es sich um
eine Bevölkerung von auffällig gut oder auffällig schlecht ent-
wickelter Körpergröße und Kraft handele (als polare Beispiele
nennen wir die riesenhaften Südseeinsulaner auf der einen, die
zwerghaften Kümmerrassen der Jägerstämmchen auf der anderen
Seite); ob es sich fernerhin um eine Bevölkerung von ausnehmend
hoher geistiger Begabung handele, als welche z. B. Galton die
Athener anspricht, oder um eine solche von scheinbar sehr ge-
ringer durchschnittlicher Begabung, wie sie nach manchen Ethno-
logen z. B. die Neger haben sollen: immer wird sich innerhalb
dieser gegebenen Bevölkerung das Bild der „binomialen Kurve“
ergeben, kraft des „Gesetzes der großen Zahl“. Nach diesem Ge-
setze sind die Fälle, die einem bestimmten arithmetischen Mittel-
wert am nächsten stehen, die weitaus häufigsten. Die Abweichungen
werden, je größer sie werden, nach oben wie nach unten hin immer
seltener, bis schließlich das Maximum der Abweichung sowohl
positiv wie negativ sich nur noch in ganz wenigen oder sogar nur
einzelnen Fällen vorfindet. Dieses Gesetz gilt unbestritten für die
sämtlichen körperlichen und moralischen und, soweit wir sehen
können, auch für die geistigen Eigenschaften.

Auf diesen natürlich bedingten Eigenschaften jeder Gesell-
schaft, also auch jeder Wirtschaftsgesellschaft, ruhen nun soziologisch
bedingte: einer bestimmten Dichte der Bevölkerung entspricht eine
bestimmte Höhe der Kooperation, und dieser eine bestimmte Technik,
die wieder vor allem auf den vorhandenen Rohstoffen beruht. Da
ferner jedes reale Gebiet Böden verschiedener Fruchtbarkeit enthält,
und die Urproduktion unter dem Gesetz der sinkenden Erträge steht,
muß sich unter bestimmten Verhältnissen Grundrente bilden. Diese
Verhältnisse sind für uns gegeben. Denn wir haben uns ja die
Aufgabe gestellt, den Kapitalprofit aus dem Wert abzuleiten, und
haben daher eine geldwirtschaftlich entfaltete kapitalistische Gesell-
schaft zu untersuchen. Alle ihre Kennzeichen: Lohnsystem, Kapital-
profit, Grundrente usw. usw. gehören neben den Kennzeichen jeder
Wirtschaftsgesellschaft im allgemeinen zu den uns geg ebenen
empirischen Daten unserer Rechnung.

10
        <pb n="19" />
        Tamm IL,

Dazu kommt nun ferner als soziologisch bedingt, daß
jede Gesellschaft einen Kodex von Normen und Wertungen be-
sitzt. Welche Normen und Wertungen, das interessiert uns
hier nicht. Wir rechnen sozusagen mit unbenannten Ziffern und
brauchen nichts weiter für unsere Rechnung als das Datum, daß
jede Gesellschaft ein bestimmtes Recht und eine bestimmte Sitte
und für Dinge und Menschen bestimmte Wertungen besitzt. Von
Recht und Sitte braucht hier nicht weiter gehandelt zu werden,
dagegen interessiert uns die Bewertung von Dingen und Menschen,
weil sie, in ökonomische Termini umgeformt, in unsere Rechnung
eingehen: als Qualität und Qualifikation.

Beide Phänomene gehören der Sphäre der Werterscheinung
an, wie diese der weiteren Sphäre der Interessen, Wir haben dazu
geschrieben: „Jedes Begehren in seiner Eigenschaft als Interesse
verleiht seinem Gegenstande einen Wert ... und dieser Wert
erscheint dem Bewußtsein dann als eine objektive Eigenschaft des
Dinges, die ihm an sich zukommt, wie etwa die Süße dem Zucker.
Es sagt nicht, ich verleihe dem Ding Wert, sondern das Ding
hat Wert. Die subjektive Desirabilität erscheint als objektive
Utilität, so etwa wie das Licht des Mondes uns als sein eigenes
erscheint.“ (Theorie, S. 80.)

Völlig wissenschaftlich korrekt ist mithin nur der Ausdruck
„Wert“ als Substantivierung des Zeitwortes „bewerten“: als Be-
wertung durch den Begehrenden, zu verstehen. Nicht korrekt
aber ist die dem Worte im gemeinen Sprachgebrauch verliehene ad-
jektivische Bedeutung, wo es die Eigenschaft eines Dinges bezeich-
net. Hier war bisher vom subjektiven Verwendungswert die Rede:
dem in die Kompetenz der Psychologie fallenden Verhältnis zwischen
einer Person und dem von ihr begehrten Gute. Ganz ähnlich liegt
es bei dem objektiven Beschaffungswert in seiner gesellschaft-
lichen Erscheinungsform als Tauschwert. Auch hier faßt der ge-
meine Sprachgebrauch den Begriff adjektivisch als „inneren Wert“
eines Dinges: er bedeutet aber auch hier nichts anderes als, in
verbalem Sinne, Bewertung, und zwar hier nicht durch eine
Person, sondern durch die Gesellschaft. Er bezieht sich eben auf
einen soziologischen Tatbestand, das heißt auf eine Objektivität,
eine Extensitätsgröße, nicht mehr wie dort auf einen psycholo-

gischen Tatbestand, eine Subjektivität, eine Intensitätsgröße *).
ı) Vgl. unsere Allg. Soziologie, S. 445 ff.
        <pb n="20" />
        — 12 —

Ganz das gleiche gilt von dem Spezialfall der Qualifikation.
Das Wort wird ebenfalls in der Regel adjektivisch gebraucht: als
objektive Eigenschaft einer Person oder als ein Inbegriff von
objektiven Eigenschaften einer Person. Aber auch hier ist wissen-
schaftlich korrekt nur die verbale Bedeutung: die Qualifizierung
einer Person durch die Gesellschaft, kraft gesellschaftlicher
Wertung. In dieser Bedeutung wird der Begriff auch gelegentlich
gebraucht. Man denke an die bekannten „Qualifikationslisten“,
z. B. der Richter und Offiziere. Die darin enthaltenen Daten be-
sagen nicht unmittelbar, daß die Individuen die ihnen beigelegten
Eigenschaften wirklich besitzen, sondern nur, daß ihre Vorgesetzten
die Vorstellung haben (oder zuweilen auch zu haben vorgeben),
daß sie jene Eigenschaften besitzen. Ja man findet auch wohl in
jener älteren Zeit, in der der Terminus in unsere Wissenschaft
eingegangen ist, die Formeln: „Dem P. P. ist die Qualifikation
als Leutnant, als Assessor, als praktischer Arzt verliehen wor-
den.“ Hier spricht die Gesellschaft offiziell durch ihre eingesetzten
Organe: in der Regel spricht sie inoffiziell, aber nicht minder ent-
scheidend, durch ihren Apparat von Wertungen !).

Qualifikation in diesem verbalen Sinne heißt „Qualifizierung“,
bedeutet also, daß die Gesellschaft eine bestimmte Person für fähig
hält, eine bestimmte soziale Stellung einzunehmen, mit der wirt-
schaftlich je nachdem ein bestimmtes Einkommen (Gehalt usw.)
oder ein zwar unbestimmtes, aber doch nach unten und oben
einigermaßen begrenztes Klasseneinkommen verknüpft ist.

Mit diesen Erörterungen ist für die methodische Fiktion der
Statik alles Erforderliche bereits geleistet. Es gehört zu den uns
gegebenen empirischen Daten, daß die sämtlichen Produ-
zenten mit verschiedener Qualifikationshöhe „bewertet“ sind und
ein dementsprechendes Einkommen beziehen. Die Qualifikation
wird in der Statik unmittelbar am Einkommen gemessen. Oder,
arithmetisch ausgedrückt, die Qualifikationsstufen verhalten sich wie
die Einkommensverschiedenheiten. Das hat Ricardo gemeint, als
er schrieb: „Die Schätzung der verschiedenen Arbeitsarten wird
sich bald auf dem Markte mit hinreichender Genauigkeit festsetzen.
... Diese Skala unterliegt, wenn sie einmal festgelegt ist, nur
geringen Veränderungen.“ (Kap. I, Sekt. 2.)

I) In der Praxis des merkantilistischen Staates, z. B. im alten Österreich der
vorjosephinischen Zeit, wurde ganz analog auch gewissen Waren amtlich „Qualität“
beigelegt.
        <pb n="21" />
        = 3)

Mit diesen Bestimmungen haben wir alle empirischen Daten
gewonnen, die sich auf das Substrat des von uns aufzuklärenden

Prozesses beziehen.

Ebenso sind uns empirisch gegeben die in dem betrachteten
System wirkenden antagonistischen Kräfte: das Streben aller
Individuen auf das Ziel des höchsten Einkommens durch das Mittel
des Kampfes um den Preis.

Daraus ergibt sich nun als logisches Datum, daß das Gleich-
gewicht des ganzen Systems erreicht ist, wenn alle Einkommen
soweit ausgeglichen sind, wie die Konkurrenz es durchzusetzen
vermag.

Und daraus ergibt sich schließlich ein letztes methodo-
logisches Datum. Wir supponieren in einer methodischen
Fiktion im Sinne Vaihingers jenen Zustand des Gleichgewichts
erstens als erreicht uud zweitens als beharrend. Das heißt:
wir schließen in Gedanken jede „Störung“ des Systems, d.h. jede
Änderung dieser sämtlichen Daten aus, unterstellen die Unver-
änderlichkeit der sämtlichen Daten. Das ist das „Isolier-
verfahren“.

Unsere Annahme lautet also folgendermaßen:

Die von uns beobachtete Gesellschaft erleidet weder von Seiten
der Elementarkräfte noch der Politik die geringste Änderung. Die
Bevölkerung bleibt an Zahl, Zusammensetzung und biopsychologischer
Beschaffenheit konstant, der Apparat von Normen und Wertungen
ebenfalls; die Ernten ergeben die gleichen Mengen gleicher Früchte
von gleicher Güte, neue Erfindungen werden nicht gemacht, ver-
besserte Maschinen und Werkzeuge nicht hergestellt, aber die alten
immer wieder nach Art und Güte genau im Verhältnis ihres Ver-
schleisses wieder erzeugt; und auch wirtschaftspolitisch bleibt alles
beim alten: es werden z. B. keine neuen Steuern erhoben, keine
alten ermäßigt, und die Staatsausgaben bleiben die gleichen für

die gleichen Zwecke. Und so weiter: es hat keinen Zweck, dieses
Datum unseres Problems noch weiter auszumalen.
4. Die allgemeine Wertformel.

Damit haben wir alle Daten gewonnen, um zunächst die
Formel des Wertes zu entwickeln.

Wir haben oben zwei Fragen gestellt: was erstreben die
konkurrierenden antagonistischen Kräfte, und wo liegt ihr Gleich-
gewicht? Die erste Frage haben wir beantwortet: das Streben

«7
        <pb n="22" />
        A —
geht auf das höchste mögliche Einkommen. Damit ist implicite
auch die zweite Frage gelöst. Die Antwort lautet — schon Adam
Smith besaß diese Einsicht, hat sie aber leider nicht ausge-
wertet — :

Dieses Gleichgewicht liegt dort, wo die Einkom-
men soweit ausgeglichen sind, wie die Konkurrenz es
gegen ihre „Hemmungen“ bewirken kann. Oder: soweit
nicht die Konkurrenz durch ihre Hemmungen verhindert ist, diese
Ausgleichung zu vollziehen. Das heißt also, um es zu wiederholen,
bei einer Relation aller Preise, wo den Pionieren alle Vorteile der
Konjunktur, die ganzen Vorteile, und nichts als diese Vorteile, ab-
gejagt sind, die sie ihrem kinetischen Vorsprung verdankten.

Wir brauchen jetzt nur noch unter den uns gegebenen em-
pirischen Daten unserer Rechnung jene „Hemmungen“ aufzusuchen
und in unsere Rechnung einzustellen, um den „Ansatz“ für die Be-
stimmung des Wertes und des Kapitalprofits, die Statik der Markt-
wirtschaft, vollkommen zu besitzen.

Die Hemmungen der Konkurrenz sind, wie gleichfalls schon
Adam Smith festgestellt hat, die Verschiedenheiten der Qualifikation
und die Monopole. Erstere, weil die ihnen korrespondierende Ver-
schiedenheit der Einkommen zu den Daten unserer Rechnung gehört.
(Man könnte das auch so ausdrücken, daß in einem Spiel antago-
nistischer Kräfte offenbar die soziologisch stärkere mehr erreichen
muß, als die schwächere); letztere, weil die Konkurrenz per definitionem
nicht frei wirken kann, wo ein Monopol besteht. Monopol und
freie Konkurrenz sind einander ausschließende Begriffe. Die freie
Konkurrenz besteht nach Adolf Wagners prächtiger Formel
überall dort, wo Jeder, der sich an einer Produktion beteiligen
will, es auch kann und darf. Wenn er es nicht kann, besteht
ein natürliches, wenn er es nicht darf, ein rechtliches Monopol.
Die Definition des Monopols ist also die folgende: es ist eine
Machtposition im Preiskampfe, die darauf beruht, daß die Kon-
kurrenz nicht uneingeschränkt wirken kann oder darf (man sieht,
daß die Definition nicht von der Aufhebung, sondern nur von
der Beschränkung der Konkurrenz spricht).

Aus diesen Erwägungen ergibt sich folgendes:

Da alle Einkommen nur aus den Gewinnen bestehen, die
der Einkommensträger während einer Einkommensperiode am
Preise seiner Produkte gemacht hat, so liegt die Statik bei
derjenigen Preisrelation (statische Preisrelation), wo alle Pro-
duzenten aus ihren Gewinnen am Preise gleiches
        <pb n="23" />
        5
Einkommen erzielen, soweit nicht Unterschiede der
Qualifikation und der Stellung zu. Monopolverhält-
nissen Verschiedenheiten bedingen.

Um von hier aus bis zum letzten Ziele wissenschaftlicher
Genauigkeit, nämlich zur quantitativen Bestimmtheit zu gelangen,
müssen wir offenbar das „mittlere Einkommen“ des „normal Quali-
fizierten“ feststellen, der unter keinem Monopolverhältnis produziert,
um sozusagen das Normalnullniveau zu besitzen, von dem aus die
Abweichungen gemessen werden können.

Wer normal qualifiziert ist, wissen wir bereits: es ist der
„Grenzproduzent“. Ricardo sagt: „Der Tauschwert aller Güter
wird stets bestimmt ... durch die größere Menge von Arbeit,
welche notwendig auf deren Hervorbringung von denjenigen ver-
wendet wird, die keine solche besondere Geschicklich-
keit besitzen und mit der Hervorbringung derselben unter den
ungünstigsten Verhältnissen fortfahren“ (in den Worten „notwendig“
und „fortfahren“ ist ausgedrückt, daß es sich um eine nur für die
Statik geltende Betrachtung handelt.) Wir brauchen also nur
Grenzproduzenten aufzusuchen, um das Normaleinkommen zu finden,
und zwar sowohl als Real- wie als Nominaleinkommen:

Das Nominaleinkommen ist das des Produzenten der „Grenz-
mine“. Nimm an, daß ihm nach Abzug der für eingekaufte Werk-
güter und -dienste verausgabten Selbstkosten 10 kg Silber als
Reineinkommen übrigbleiben, und daß seine Gesellschaft, wie
Frankreich, aus dem Kilogramm 200 Franken schlägt: so ist sein
Geldeinkommen und mithin das aller anderen Produzenten der
gleichen Qualifikation, die unter keinem Monopolverhältnis produ-
zieren, 2000 Franken.

Das Realeinkommen aber wird bestimmt durch den Produ-
zenten irgendeines Grenzbetriebes, der Güter der Verwendung
produziert, ohne unter einem Monopolverhältnis zu stehen, z. B.
eines Grenzbauern, der per definitionem in der Statik normale
Körperkraft, Intelligenz und Willensstärke besitzt und so vielen
nicht Rente tragenden Boden bebaut, wie er allein bei normaler
Anspannung der Kräfte bewirtschaften kann. Sein reales Ein-
kommen, das heißt alles, was er aus den Erzeugnissen seines Be-
triebes mit den Seinen verzehrt, was er aus dem Erlös an fremden
Gütern und Diensten der Verwendung einkauft, und was er schließ-
lich erspart, ist in der Statik exakt 2000 Franken wert; und um-
gekehrt kann sich der Grenzminenproduzent und jeder andere
        <pb n="24" />
        E16 1 —
Grenzproduzent mit seinen 2000 Franken reinen Geldeinkommens
exakt die gleichen Lebensannehmlichkeiten leisten wie er.

Die zweite Bestimmung lautete, daß unser Produzent unter
keinem Monopolverhältnis produzieren dürfe. Das heißt: er darf
weder Monopolist, noch Kontrahent eines Monopolisten sein; er
darf keinen Monopolgewinn machen und keinen Monopoltribut
abtreten. Er darf aber auch keine „Differenzialrente“ aus einem
„Monopoloid“ (meinem „Produktionsmonopol“) einstreichen. Und
das alles heißt nichts anderes, als daß er ein Grenzproduzent in
dem soeben dargestellten Sinne ist. Seine Produktionskosten ein-
schließlich seines Gewinnes bestimmen bekanntlich nach Ricardo
den „Wert“: unseren statischen Preis.

Hier muß aber eine Abweichung gegenüber der Ricardo-
schen Auffassung hervorgehoben werden: Ricardo faßte als den
Grenzproduzenten den „Grenzkapitalisten“ auf. Das dürfen wir
nicht tun. Wir werden beweisen, daß der Kapitalprofit ein Mo-
nopolgewinn ist, und zwar der Gewinn eines Einkaufsmonopols,
der sich als Abzug vom Lohne der „freien Arbeiter“ realisiert.
Aus diesem Grunde müssen wir bei der Bestimmung des normalen
Einkommens des Nichtmonopolisten alle „Besitzeinkommen“ aus
der Rechnung lassen; ja sogar diejenigen Arbeitseinkommen, deren
Höhe nur auf der Existenz einer großen Klasse von solchen Men-
schen beruht, die ein starkes Besitzeinkommen haben: das’ Ein-
kommen also z. B. von hervorragenden Künstlern, Anwälten,
Ärzten usw. dürfen wir aus dem Grunde nicht mit heranziehen,

weil es zu großen Teilen nur aus dem Besitzeinkommen ihrer
Mäzene, Klienten und Patienten „abgeleitet“ ist. Ebenso müssen
wir nach unten hin alle diejenigen Arbeitseinkommen aus der
Rechnung lassen, die offenbar nicht hinreichen, um ihre Träger
ungefähr nach den Ansprüchen der Zeit und des Landes zu er-
halten: der Alten, Kinder, Krüppel, Kranken und Minderwertigen.
Ferner müssen wir aus der Rechnung lassen das Arbeitseinkommen
der eigentlichen „freien Arbeiter“, weil es, wie wir beweisen werden,
das Einkommen von Personen ist, die unter einem Monopol-
verhältnis, als Kontrahenten von Monopolisten, produzieren.
Wenn wir uns somit auf die selbständigen, unter keinem
Monopolverhältnis produzierenden und der Definition nach normal
begabten Grenzproduzenten beschränken, so können wir sicher
sein, das Einkommen der mittleren Qualifikation auch im Sinne
des Gesetzes der großen Zahl gewonnen ZU haben. Da Qualifi-
kation gar nichts anderes bedeutet, als die Fähigkeit, ein Ein-
        <pb n="25" />
        — 17
kommen von bestimmter Höhe zu erwerben, und da diese Fähig-
keit in der Statik per definitionem sich in dem tatsächlichen Bezuge
genau dieses Einkommens auswirkt, so muß der Träger des Normal-
einkommens dem „homme general“ Quetelets so nahe stehen,
wie es für wissenschaftliche Zwecke irgend gefordert werden kann:
er besitzt die mittlere Kraft und Beweglichkeit des Körpers, Geistes und
Willens und die mittlere Folgsamkeit gegenüber den Normen und
Wertungen seiner Gesellschaft. Diejenigen ihrer Mitglieder, die
in einer dieser Eigenschaften geringer ausgestattet sind (ökonomisch
gesehen: geringer; wir wissen leider, daß Unempfindlichkeit gegen-
über den Strafgesetzen und Ehrgeboten der Gesellschaft eine
seltenere, und darum unter Umständen höhere wirtschaftliche
Qualifikation darstellt), ohne daß dieses Minus durch ein Plus bei
einer der anderen Eigenschaften kompensiert oder überkompensiert
wäre, sind unter dem Durchschnitt fähig und qualifiziert; und das
gleiche gilt mit umgekehrtem Vorzeichen für die höheren Stufen*).

Mit diesen Bestimmungen sind wir weit genug gediehen, um
unsere Ergebnisse in arithmetischen Symbolen auszudrücken. Wir
nennen das Einkommen eines normal Qualifizierten, der unter
keinem Monopolverhältnis produziert, Z, den Zu- oder Abschlag
für höhere oder geringere als die normale Qualifikation g, und
den Zu-, resp. Abschlag. für die Produktion unter einem Monopol-
verhältnis (je- nachdem der Produzent der Monopolist oder sein
Kontrahent ist) z.

Dann ist jedes Einkommen der Gesellschaft ausgedrückt in
der Formel:

e— EL IE:

Aus dieser Formel für die Statik der Einkommen ergibt sich
nun als einfaches Korollar die so lang gesuchte Theorie des „Tausch-
wertes“ der einzelnen Produkte:

Jeder Preis setzt sich zusammen aus dem Gewinne des Pro-
duzenten und seinen „Selbstkosten“. Der Gewinn in der Statik
ist das Einkommen, dividiert durch die Zahl der in der „Einkommens-
periode“ verkauften Produkte. Nenne ich diese Zahl, die „Pro-
duktivitätsziffer“, x, und die Selbstkosten der Einheit s, so läßt sich
der statische Preis irgendeines Produkts ausdrücken durch das
Einkommen seines Produzenten, dividiert durch die Produktivitäts-
ziffer plus den Selbstkosten:
= I) Wir kommen unten unter IV. 2. noch einmal antikritisch auf den Gegen-
stand zurück.

Fr. Oppenheimer, Wert und Kapitalprofit. 3. Aufl.
        <pb n="26" />
        — AD —
EM, Lg:
Sa

Wir werden zuerst den ersten Teil der Formel, den Ausdruck
für den Gewinn (g), betrachten.

Während in der Kinetik das Einkommen sich bestimmt als
Summe der Gewinne, die während der Einkommensperiode an den
sämtlichen verkauften Produkten gemacht werden (Realgrund),
bestimmt sich umgekehrt in der Statik der (für alle Produkte
des gleichen Produzenten gleiche) Gewinn am einzelnen‘ Stück
durch das tendenziell gleiche Einkommen aller Produzenten (Er-
kenntnisgrund).

Um nun den zweiten Teil der Formel zu betrachten, so sind
zu diesem in der Statik immer gleichen Gewinne die ebenfalls
immer gleichen Selbstkosten zu addieren, das heißt die Kosten,
die der Produzent aufwenden muß, um andere Produkte anderer
Produzenten zum Zwecke seiner eigenen Produktion zu erwerben.
Auch diese Produkte stehen selbstverständlich auf dem soeben in
allgemeiner Formel entwickelten statischen Preise, das heißt: sind
bestimmt als die Gewinne ihrer Produzenten zuzüglich des Zu-
schlages für deren Selbstkosten. Es könnte scheinen, als trieben
wir hier in einen regressus infinitus hinein, weil immer wieder
Selbstkosten in der Formel erscheinen. Das ist aber nicht der
Fall: denn man kommt fortschreitend überall auf Produkte solcher
Produzenten, deren Selbstkosten gleich Null sind, weil sie an freien
Naturgütern arbeiten oder „freie Arbeiter“ sind. Wir haben somit
genau so viele Gleichungen wie Unbekannte und können die
Größe s in jedem Falle bestimmen. Man kann das auch so aus-
drücken: alle Preise lösen sich auf in die Gewinne der

sämtlichen beteiligten Produzenten.

Diese Elimination von s läßt sich noch auf eine andere
Weise vornehmen, die vorzuziehen ist, weil wir bei der ersten
Methode in einzelnen seltenen Fällen zeitlich bis in eine Periode
zurückgehen müßten, die ganz andere Geldpreise als die heutigen,
oder gar überhaupt noch keine Geldpreise hatte. Dieser Schönheits-
fehler haftet der jetzt darzustellenden Methode nicht an.

Orientieren wir uns zunächst an einem Beispiel. Hier ist
ein Gut, dessen statischer Preis 90.— M. ist. Der sechste Teil
(15.— M.) sei Gewinn, 5/6 = 75.— M. sind Selbstkosten des Produ-
zenten. Dafür hat er, so nehmen wir an, von fünf anderen Produ-

&amp;
        <pb n="27" />
        TO
zenten Werkgüter und Werkdienste gekauft, von jedem durch-
schnittlich für 15.— M. Zwei dieser Verkäufer seien unselbständige
Arbeiter, die bei der Produktion ihrer Dienste keine Selbstkosten
haben (das ist für den Durchschnitt der „Produktion“, die auch
Urerzeugung und Handel samt Transport einschließt, sehr mäßig
gerechnet). Die übrigen drei Produzenten haben ebenfalls je !/4
Gewinn, also 2,50 M., und 5% Selbstkosten, also ı2,50 M. Der
Preis hat sich also bereits im zweiten Gliede aufgelöst in 15 -}-30-
+7,50 = 52,50 M. Gewinn, und es bleiben nur 37,50 M. Selbst-
kosten. Auch diese sind der Preis von Werkgütern und Werk-
diensten, die unsere drei Produzenten der zweiten Reihe von ihren
Produzenten der dritten Reihe eingekauft haben, jeder, wie wir
annehmen, wieder von je fünf Lieferanten, von denen je zwei Arbeiter
sind. Auf jeden dieser im ganzen ı5 Lieferanten entfallen also
2,50. M. Davon sind Gewinn der ganze Lohn der 3&gt;&lt;2 =6 Arbeiter,
also ı5.— M.. und vom Rest von ı7,50 M. wieder !/% == rund
3.— M. zusammen 18.— M. Bleiben nur rund 18.— M. noch
aufzulösende Selbstkosten. Wenn wir unter den gleichen Vor-
aussetzungen die Reihe fortsetzen, so haben wir in der vierten
Reihe 9&gt;x5==45 Lieferanten, von denen ı8 als Arbeiter keine
Selbstkosten haben. Auf jeden entfallen ?/, M. Davon sind
reiner Gewinn die %/, =71/, Mark, die den Arbeitern zufließen,
und 1/4 des Restes von ı10*, M.= 1%, M., zusammen 9.— M.
bleiben nur noch rund M. 9.— aufzulösende Selbstkosten.

Es läßt sich leicht sehen, daß wir bei Fortsetzung der in
ihren Ansätzen absichtlich uns sehr ungünstigen Rechnung (der
Gewinn wird im Durchschnitt, da ja auch die Landwirtschaft ein-
rechnet, wahrscheinlich viel mehr als */„ des Preises der Güter
ausmachen) schnell zu einem Reste gesamter unaufgelöster Selbst-
kosten aller beteiligten Produzenten gelangen, den wir vernach-
lässigen dürfen, weil er nur noch Bruchteile eines Pfennigs aus-
macht.

Oder, um ein berühmtes Beispiel zu variieren, mit dem man
die weitreichende Verzweigung der Arbeitsteilung zu. illustrieren
liebt: wohl ist technisch die Axt unentbehrlich, die den Baum
fällte, aus dem die Bretter hergestellt wurden, mit denen das Schiff
gebaut wurde, das Steinkohlen aus England brachte, mit denen
das Eisen geschmolzen wurde, aus dem in Deutschland der Stahl
erzeugt wurde, aus dem die Spinnmaschine gebaut wurde, auf der
das Garn gesponnen wurde, aus dem die Strümpfe angefertigt
wurden: aber in den Preis eines Paares oder sogar Dut-
        <pb n="28" />
        zends von Strumpfpaaren geht der Abnutzungskoeffizient jener
ersten Axt mit einem Wertdifferential ein, das vernachlässigt werden
darf. Und dasselbe gilt von allen zur technischen Erzeugung not-
wendig gewesenen Gütern einer so weit entfernten Reihe.

Wir wollen aber das Letzte leisten und auch noch arithme-
tisch beweisen, daß auch auf diese Weise sich der Wert s aus
jeder Preisformel eliminieren läßt.

Unsere Formel lautete

Et gem,
Vi +Si=
N;
Ss

Wir setzen jetzt, um die Reihe der immer ferneren beteiligten
Produzenten zu bezeichnen, ı statt i, und in den folgenden Gliedern
der Reihe 2, 3, usw.

=
X. $
u X
X (23 -{- S8)
VE
Kun — 1 (Qu | Sn)
ausgerechnet:
= Ag N Ma Sa Ar Ma Mr “
EZ Wa Mg + My (Zn + Su).

Hierbei stellt x,, x, usw. die Anzahl der in den einander
folgenden Reihen beteiligten Produzenten dar. Wir nennen nun
weiter das Verhältnis des Gewinnes zu den Selbstkosten bei den
Produzenten der ersten Reihe &amp;%, 1

SE
7 . . Ye 1
in der zweiten Reihe: ©? = — usw.
Sa U
wobei wir der Einfachheit halber die erlaubte Voraussetzung
machen, daß das Verhältnis bei allen Produzenten derselben Reihe
das gleiche ist.
Dann ergibt sich:
TG
Se Mt
U,
SA)‘ U

20
        <pb n="29" />
        — 21
und da gg, Ss, = %ı,
nn
1) = % 1
In der zweiten Reihe ergibt sich entsprechend:
EL
82%
Up
Sa == (£ HL
= (Ba Se) TE
Sr
Da 2 +5, = ist,
X
SS Un
so folgt 5 == &gt; —{— oder, wenn wir den Wert der Formel ı
X +1
für s, einsetzen:
% U, Ur
2 SS
Y% X 1 a 1
era
2 17m U; —- 1 Up = 1
In derselben Weise ergibt sich:
Us
Sa = Sa): —m—m——-r
= (gs $) Ma
Da % {ss = zZ,
X
S, u,
folgt sz=-2.——— 2,
N Mol
oder, wenn wir für s„ den Wert von Formel 2 einsetzen:
Dr U, Un Ug
3) Sg Le
X, X U F+1 0-1 8-41
s U, U Ug
Sat Mr Koz= UL Hr Emm EL
EN al Mar 1
In allgemeiner Formel ausgedrückt
Ur Un Us
EM MU ve CN
WS SL FL
Zt.
Un —— 4
Lasse ich also % beliebig wachsen, so vermehrt sich in gleichem
u“ N x
Maße die Anzahl der echten Brüche ——, Se uswW., mit denen
u +1 + 1
v, multipliziert wird. Die Größe der noch aufzulösenden Selbst-
kosten s läßt sich daher bis unter jede denkbare Größe vermindern.
        <pb n="30" />
        2
Da zudem &amp; immer einen merklichen Wert darstellt, die Quo-
1
tienten —— also wesentlich hinter 1 zurückbleiben, vermindert
sich die Größe der noch aufzulösenden Selbstkosten in den ein-
ander folgenden Reihen sogar sehr rasch. Die Wertkurve der Selbst-
kosten verläuft bald asymptotisch auf 0.

Schon diese allgemeine Formel des statischen Preises, so un-
vollkommen sie noch ist, genügt durchaus für die Rehabilitation
der objektiven und die Abweisung der subjektiven Preislehre.
Denn sie enthält nur objektive, gesellschaftlich gegebene Daten.
Kein einziges Element subjektiver Nutzenschätzung ist in sie ein-
gegangen. Gesellschaftlich, das heißt objektiv, bestimmt ist das
Grundeinkommen, das allen normal qualifizierten Produzenten, die
unter keinem Monopolverhältnis produzieren, in gleicher Höhe zu-
fließt; ebenso ist gesellschaftlich objektiv bestimmt, und zwar durch
den Stand der Technik, die Produktivitätsziffer; ferner der Zu-
bzw. Abschlag für die Qualifikationsdifferenzen und der Zu-
bzw. Abschlag für die Produktion unter Monopolverhältnissen: denn
ein solches beruht immer auf einer gesellschaftlich gegebenen
„einseitigen Dringlichkeit des Austauschbedürfnisses.“

Nun läßt sich aber unsere Formel noch sehr bedeutend ver-
einfachen und verbessern:

Wir sind erstens berechtigt, von den unter Monopolverhält-
nissen produzierten Gütern und daher von dem Zu-, bzw. Abschlag +
zu abstrahieren. Schon deshalb, weil alle Rechtsmonopole . nicht
statisch sind, sondern der Kinetik angehören: die öffentlich-recht-
lichen (Patente und dergleichen) sind befristet, und die privatrechtlich,
durch Vereinbarung der Produzenten geschaffenen, Monopole sind
labil, weil durch die verschiedene Entwicklung der Teilhaber und
durch Außenseiter in ihrem Bestande bedroht. Die Naturmonopole
aber, von denen allein die ältere Theorie immer sprach (die Edel-
weine, die Kunstwerke verstorbener Meister usw.) bilden in der
Tat, darin muß man Ricardo Recht geben, eine so kleine und be-
deutungslose Klasse, daß man sie füglich vernachlässigen darf,

Wir dürfen aber vor allem aus einem anderen Grunde von
den Monopolgütern und ihren Preisen abstrahieren: sie sind für
das große Problem der Distribution, dem die Lösung des Wert-
problems vor allem zu dienen hat, ohne Bedeutung, sie tragen
nichts.
        <pb n="31" />
        Wir haben das schon oben gesagt, als wir das Problem des
Kapitalprofits in Übereinstimmung mit Karl Marx stellten. Er ist
abzuleiten aus dem statischen Preise der beliebig reprodu-
zierbaren Güter. Dessen näherer Bestimmung wenden wir uns
jetzt zu.

5. Die Wertformel der beliebig reproduzierbaren Güter.

An dem Begriff der beliebig reproduzierbaren Güter läßt sich
besonders deutlich erkennen, wie wenig die Methode der Klassiker,
und wie wenig daher die Klassiker selbst heute sogar von solchen
Gelehrten verstanden werden, die sich als Spezialisten mit öko-
nomischer Theorie beschäftigen. Ich habe den Begriff in den
ersten Auflagen dieses Buches (S. 76 ff.) und in meiner „Theorie“
(S. 476 ff.) ausführlich festgelegt und Diehl und von Wieser nach-
gewiesen, daß und wie sie ihn mißverstanden haben. Amonn
folgt ihnen trotzdem*). Auch er faßt das Wort „beliebig“ auf, als
bedeute es „grenzenlos“, aber das soll es beileibe nicht heißen.
Man muß Ricardo immer ganz lesen. Hier kommt es auf den
Schluß der Definition an, die Amonn zitiert: „Bei weitem der
größte Teil der Güter wird durch Arbeit beschafft, und diese können
nicht nur in einem Lande, sondern in vielen beinahe ohne jede
angebbare Beschränkung vervielfacht werden, wenn wir geneigt
sind, die zu ihrer Erlangung erforderliche Arbeit auf-

zuwenden.“ Das besagt nichts anderes, als daß, wenn wir (das
heißt der Markt) eine vermehrte Produktion bestimmter Güter
„belieben“, „wenn wir geneigt sind, die zu ihrer Erlangung nötige
Arbeit“ unmittelbar oder, was wichtiger ist, in Gestalt von da-
gegen auszutauschenden eigenen Arbeitsprodukten auf-
zuwenden, d. h. wenn wir geneigt sind, einen entsprechend höheren
Preis zu bezahlen, — diese Produktion „beliebig“ ausgedehnt werden
kann. Was hier festgelegt werden sollte, ist — und so ist es von
den Objektivisten früher, als man die Klassiker noch verstand, z. B.
von Adolf Wagner, auch immer verstanden worden — die dis-
junctio completa zwischen solchen Produkten, bei deren Pro-
duktion die volle freie Konkurrenz besteht, und solchen, bei denen
sie nicht besteht, d. h. Monopolprodukten. Diese, wie z. B. Edel-
weine und alte Geigen, können eben nicht „beliebig“ vermehrt
werden, mag man auch noch so „geneigt sein, die zu ihrer Er-
langung erforderliche Arbeit aufzuwenden“, d. h. höhere Preise zu

1) Ricardo als Begründer der theoretischen Nationalökonomie, Jena 1924, S. 18.
        <pb n="32" />
        24 -

bezahlen. Man muß hier verstehen, daß das „Belieben“ der ein-
zelnen Individuen und daher der ganzen Marktwirtschaft, ihre
Nachfrage nach einem bestimmten Produkte zu vermehren, in die
engsten Grenzen, die ihrer Kaufkraft, ihres „Istbudgets“, ein-
geschlossen ist, aus dem außer diesen, auch bei einem höheren
Preise noch nachgefragten, noch sehr viele andere Güter und
Dienste beschafft werden müssen, um das „Sollbudget“ zu decken.
Das alles waren Dinge, die sich für einen Kopf wie Ricardo
von selbst verstanden.

Nach dieser notwendigen Abschweifung kehren wir zu un-
serem Gegenstande zurück:

Es ist also der Profit aus dem statischen Preise der beliebig
reproduzierbaren Güter abzuleiten und nicht etwa aus einem Monopol-
preise weder der Kapitalgüter, d. h. der zur Fertigstellung von
Verwendungsgütern erforderlichen Werkzeuge, Roh- und Hilfs-
stoffe, noch der fertigen Verwendungsgüter selbst.

Denn beide sind „beliebig reproduzierbar“, können also in der
Statik keine Monopolgewinne über den statischen Konkurrenzpreis
hinaus abwerfen. Außerdem ist ein uns gegebenes Datum der
kapitalistischen Gesellschaft, daß alle Kapitalisten, die beliebig
reproduzierbare Güter erzeugen, einen ihrem Kapital entsprechenden
Profit einstreichen, diejenigen aber, die außerdem ein Verkaufs-
monopol besitzen, über diesen sozusagen „normalen“ Profit hinaus
noch den Surplusgewinn eines Monopoleinkommens. Nur der
normale „Profit“ aber ist Problem: der Surplusgewinn des Monopols
läßt sich auf das Einfachste verstehen.!)

Suchen wir also die Formel für den statischen Preis der be-
liebig reproduzierbaren Güter. Da der Zuschlag von +m hier
fortfällt, ergibt sich zunächst ihre Wertformel in folgender Gestalt:
sie läßt sich aber noch viel mehr vereinfachen: wir können auch
den Zu- bzw. Abschlag g eliminieren. Und zwar, weil die
höhere oder geringere Qualifikation ohne Einfluß
auf den Preis der beliebig produzierbaren Güter ist.

1) Ich habe trotzdem ein übriges getan und gezeigt, daß der Zu- resp. Ab-
schlag für Monopolgewinne, resp. -tribute zwar nicht mit absoluter, wohl aber mit
genügender Genauigkeit berechnet werden kann. Dieser Gegenstand interessiert uns
hier nicht.
        <pb n="33" />
        Das folgt ohne weiteres aus unserer Feststellung, daß in
der Statik in jedem Zweige der Grenzproduzent normale Quali-
fikation besitzt. Seine Produktionskosten, zu denen wir auch den
ihm zustehenden Gewinn rechnen, bestimmen den statischen Preis;
da sie aber eben nur den normalen Gewinn, also während einer
Einkommensperiode das normale Einkommen Z einschließen, so ist
hier überall g gleich Null.

Dieser Satz bedarf einer Erläuterung, die aber keine neue
Schwierigkeit bedingt: der Grenzproduzent kann nämlich „erworbene“
höhere Qualifikation besitzen, d. h. eine solche, zu der ein
normal Begabter durch Ausbildung erzogen werden kann. In
diesem Falle ist zwar sein Einkommen um einen Zuschlag höher
als das des normal begabten nicht Ausgebildeten, aber der Zuschlag
läßt sich genau berechnen und ohne Fehler unter „Selbstkosten“
verbuchen. - Die (niemals bestrittene) Formel ist schon früher, z. B
von Marx, in etwas anderer Form ausgerechnet worden; sie lautet
in meiner Darstellung folgendermaßen :

Der betreffende Produzent hat während der Ausbildungszeit
das Normaleinkommen Z nicht, dessen sich der nicht in der Aus-
bildung Begriffene bereits erfreut. Er hat ferner Selbstkosten von
bestimmter Höhe für die Ausbildung aufzuwenden. Jenes lucrum
cessans und dieses damnum emergens zusammen müssen in der-
jenigen Anzahl von Jahren amortisiert werden, die nach der
Lebenswahrscheinlichkeit der voll Ausgebildete noch vor sich hat,
Diesen Tilgungsbetrag schlägt er jährlich seinen Selbstkosten zu.

Wenn man so vorgeht, kann man sagen, daß das Einkommen
sämtlicher Grenzproduzenten beliebig reproduzierbarer Waren, auch
derjenigen mit erworbener höherer Qualifikation, in der Statik gleich
groß ist, und daß daher der Zuschlag g überall gleich Null ist und
aus der Formel eliminiert werden kann.

Die Wertformel dieser Waren lautet also:

zZ
Ye
Das erste Glied der rechten Seite dieser Gleichung (Z:%,) ist
wieder der statische Gewinn an der Wareneinheit; denn alles Ein-
kommen setzt sich ja zusammen aus den Gewinnen (g), multipli-
ziert mit der Zahl der während der Einkommensperiode verkauften
Produkte, unserer Produktivitätsziffer x. Es ist also:
ge ni=E
Also ist £; = 2a NA ZI M=St
        <pb n="34" />
        255
. . ; Na N
Folglich ist Sand SE,
ER N; Z7 UT
oder in Worten: die Gewinne an allen beliebig produ-
zierbaren_ Produkten verhalten sich umgekehrt wie
ihre Produktivitätsziffern.

Nun lösen sich auch die Selbstkosten, wie oben gezeigt,
durchaus in Gewinne auf: nämlich die Gewinne der sämtlichen, an
der Herstellung eines solchen Gutes unmittelbar und mittelbar be-
teiligten Produzenten. Folglich besteht der statische Preis aller
beliebig produzierbaren Güter aus nichts als Gewinnen, nach der
folgenden Formel:

A Ui
= X: und —
Nı Ur

Diese schon sehr einfache Formel, die nichts mehr als ein
Verhältnis der verschiedenen Produktivitätsziffern enthält, läßt sich
nun noch mehr vereinfachen, wenn man, was sehr leicht geschehen
kann, die % in Zeiteinheiten (£) ausdrückt.

Nach der Voraussetzung arbeiten nämlich alle Grenzprodu-
zenten in der Statik, weil gleich qualifiziert, gleich lange mit
gleicher Intensität!). Folglich verhält sich ihre Produktivitätsziffer

1) Auch das hat mir Amonn bestritten. Wenn er, wie es eigentlich seine
Aufgabe gewesen wäre, mein Lehrbuch eingesehen hätte, so hätte er gefunden, daß
es: sich ausdrücklich um eine „abgekürzte Formel‘ handelt, die ich in einem für Fach-
männer bestimmten Aufsatz ausführlich zu erläutern nicht für nötig hielt. Hier
steht (S. 450/51) das folgende: „Selbstverständlich kann diese abgekürzte Formel nur
unter unserer Voraussetzung gelten, daß beide verglichene Arbeitsmengen oder -zeiten
der gleichen ‚Dimension‘ angehören, d. h. den gleichen Wert oder statischen Preis
haben. Sobald es sich nicht mehr um gleiche Anspannung gleich qualifizierter Per-
sonen handelt, gilt die Formel in dieser Einfachheit nicht mehr. Dann müssen die
Arbeitszeiten auf den gleichen Wert reduziert werden, um gleicher Dimension zu sein
und in eine Gleichung eingestellt werden zu können. Das geschieht bereits in den
gleichen großen Stufen der Qualifikation dadurch, daß eine kürzere Zeit schwerer, gefähr-
licher oder unangenehmer Arbeit einer längeren Zeit gewöhnlicher Arbeit als gleich-
wertig betrachtet wird.‘“ Bergmannsarbeit z. B. wird eben — aus guten Gründen —
von der Gesellschaft höher „qualifiziert“. Das drückt Marx folgendermaßen aus: „Die
Arbeit, die als höhere, kompliziertere Arbeit gegenüber der gesellschaftlichen Durch-
schnittsarbeit gilt, ist die Äußerung einer Arbeitskraft, worin höhere Bildungskosten
eingehen ... und die daher einen höheren Wert hat, als die einfache Arbeitskraft.“
(Kapital I, S. 160.) Sein Ausdruck „gilt‘“ ist völlig gleichbedeutend mit dem unseren
„wird qualifiziert‘.

ff
        <pb n="35" />
        umgekehrt wie die auf jedes Produkt verwendete Arbeitszeit. Wir
erhalten also folgende Formel:

Dr 2b

We Si

Das heißt, daß die statischen Preise der beliebig
reproduzierbaren Produkte sich verhalten wie die auf
sie von sämtlichen beteiligten Produzenten verwendete
Gesamtarbeitszeit. Und diese stellt hier, wo keine Rechts-
monopole einspielen, das Maß der natürlich gegebenen gesellschaft-
lichen Widerstände dar, bedingt natürlich durch die „relative
ökonomische Seltenheit“ der Naturgegenstände und gesellschaft-
lich durch den Stand der Technik.
III. Der Kapitalprofit.

Was wir bis jetzt als „Gewinn“ des Grenzproduzenten beliebig
reproduzierbarer Güter bezeichnet haben, stellt offenbar seinen
Arbeitslohn oder besser: den statischen Preis der von ihm dem
Erzeugnis einverleibten „zusätzlichen Arbeit“ (additional labour) dar.
Auch sie ist ein während der Produktion aufgewendetes Wertding,
und ihr Wert muß im Preise des Produktes Ersatz finden. Wir
dürfen uns daher der eleganten Formel Josef Schumpeters bedienen
und sagen mit ihm, daß der statische Preis der beliebig reprodu-
zierbaren Güter dem Grenzproduzenten nur seine „Kosten“ vergütet;
darunter verstehen wir von jetzt an die Summe seiner „Selbstkosten‘“
an baren Auslagen plus dem statischen Preise seiner zusätzlichen
Arbeit. Darüber hinaus kann der Grenzproduzent beliebig‘ repro-
duzierbarer Güter nach unseren bisherigen Ergebnissen keinen
„Surplusgewinn“ am Preise seiner Produkte, und daher kein „Sur-
pluseinkommen“ erzielen.

Dieses Ergebnis scheint mit den Tatsachen in unlöslichem
Widerspruch zu stehen. Kein Zweifel, daß die kapitalistischen
Grenzproduzenten (also abgesehen von allen Inhabern eines Verkaufs-
monopols und allen Begünstigten eines „Produktionsmonopols‘“, das
eine Differenzialrente abwirft) über ihre Selbstkosten und ihren
Unternehmerlohn für geleistete zusätzliche (in der Regel dank er-
worbener Qualifikation höher bewertete) Arbeit hinaus auch auf die
Dauer und im Durchschnitt einen Surplusgewinn erzielen, der im

A
        <pb n="36" />
        genauen Verhältnis zu dem von ihnen in ihrem Betriebe
angelegten Kapitale steht *).

Dieser Surplusgewinn ist das Problem des Kapitalprofits. So
hat es, wie wir sahen, Karl Marx gestellt und so müssen auch
wir es stellen.

1. Die Theorien.

Die meisten bürgerlichen Theoretiker haben sich sehr bemüht,
einen Faktor aufzufinden, der es dem Kapitalisten gestattet, einen
Aufschlag auf seinen Kostenpreis zu machen. Bald soll das
Kapital als Inbegriff produzierter Produktionsmittel eine eigene
„Wertproduktivität“ besitzen, bald soll es „Arbeit leisten“ oder
„fruchtbar“ sein, bald soll der Faktor „Enthaltsamkeit“, aus dem
das Kapital angeblich als Ersparnis aus früheren Produktionsperi-
oden entstanden sei, eine eigene Vergütung beanspruchen dürfen,
bald soll die „Nutzung“ des Kapitals neben seinem Verbrauch, oder
die „Kapitaldisposition“ einen eigenen, vergütungsberechtigten
„Produktionsfaktor“ darstellen. Böhm-Bawerk hat sich in seiner
klassischen „Geschichte der Kapitalzinstheorien“ mit dem ganzen
Aufwande seiner überragenden kritischen Kunst darum bemüht,
alle diese Theoreme durch den immanenten Gegenbeweis als falsch
darzutun. Das ist ihm denn auch im wesentlichen gelungen. Aber
er hätte sich die große Mühe sparen dürfen. Denn alle diese Ver-
suche der Lösung und alle ähnlicher Art, die einige dieser Er-
klärungen eklektisch zusammenfassen, wie sie im unendlichen Spiel
der „Kombination und Permutation“ immer neu auftauchen, sind
längst durch eine wenig bekannte Auslassung von Marx voll-
kommen erledigt:

„Gesetzt nun, es sei durch irgendein unerklärliches Privilegium
dem Verkäufer gegeben, die Ware über ihrem Werte zu verkaufen,
zu 110, wenn sie ı00 wert ist, also mit einem nominellen Preis-
aufschlage von 10%. Der Verkäufer kassiert also einen Mehrwert
von ıo ein. Aber nachdem er Verkäufer war, wird er Käufer.

1) Wir sehen hier davon ab, daß es geradeso verschiedene Stufen des Profits
wie des Lohnes gibt. Solche Anlagen, die von der Gesellschaft als sicherer, ehrenvoller,
reicher an Zukunftschancen usw. „qualifiziert“ sind (mögen sie es „Objektiv“ sein oder
nicht), werfen selbstverständlich geringeren Profit ab, als solche, die als weniger sicher,
ehrenvoll usw. qualifiziert sind. Denn selbstverständlich ist dort die Konkurrenz größer,
und daher das statische Angebot im Verhältnis zur statischen Nachfrage größer, und der
Preis, und somit die Gewinne am Preise, und das sich aus ihnen zusammensetzende
Besitzeinkommen, der Profit, geringer. Auch das gehört zu den gegebenen „Daten“
unseres Problems.

28
        <pb n="37" />
        — 20 1—

Ein dritter Warenbesitzer begegnet ihm jetzt als Verkäufer und
genießt seinerseits das Privilegium, die Ware 10°% zu teuer zu
verkaufen. Unser Mann hat als Verkäufer ı0 gewonnen, um als
Käufer ıo0 zu verlieren, Das Ganze kommt in der Tat darauf
hinaus, daß alle Warenbesitzer ihre Waren einander 10%, über
dem Wert verkaufen, was durchaus dasselbe ist, als ob sie die
Waren zu ihren Werten verkaufen ... Unterstellen wir umgekehrt,
es sei das Privilegium dez Käufers, die Waren unter ihrem Wert
zu kaufen. Hier ist es nicht einmal nötig zu erinnern, daß der
Käufer wieder Verkäufer wird. Er war Verkäufer, bevor er
Käufer ward. Er hat bereits 16%, als Verkäufer verloren, be-
vor er 10%, als Käufer gewinnt. Alles bleibt wieder beim
Alten“ 1).

Die Widerlegung ist schlagend. Alle diese Theoreme bleiben
im Privatwirtschaftlichen stecken. Sie betrachten immer nur einen
vereinzelten Kapitalisten. Da läßt sich irgendein Aufschlag auf
seinen Kostenpreis schon irgendwie konstruieren, wenn auch die
Tatsachen und vor allem die Logik hart dabei leiden müssen.
Aber die Ökonomik ist die Lehre von einer Gesellschafts-
wirtschaft; sie ist eine soziologische Disziplin. Man muß nun
einmal nicht einen, sondern alle Kapitalisten zusammen ins Auge
fassen, wenn man den Profit wirklich ableiten will. Dann aber
bleibt es bei dem, was Marx sagte:

„Die Bildung von Mehrwert und daher die Verwandlung von
Geld in Kapital, kann also weder dadurch erklärt werden, daß die
Verkäufer die Waren über ihrem Werte verkaufen, noch dadurch
daß die Käufer sie unter ihrem Werte kaufen.“

Einige gute Köpfe haben das denn auch eingesehen. Zu ihnen
gehören Walras, der meiner eigenen Lösung nähergekommen
wäre, wenn er einen ausreichenden Begriff vom Monopol gehabt
hätte?), ferner Böhm-Bawerk selbst und Schumpeter. Böhm
hat versucht zu zeigen, daß der Kapitalist zwar mehr Geld, aber
dennoch nicht mehr „Wert“ erhält, denn er strecke eine Geldsumme
vor, die er erst nach Ablauf der Produktionsperiode zurückerhalte.
Da aber, kraft einer „perspektivischen Verkürzung“, eine gegen-
wärtige Geldsumme höheren subjektiven Wert habe als eine
künftige, so müsse er für die Wartezeit während des „Produktions-
umweges“ eine Vergütung erhalten, die diese Wertdifferenz er-

I) Kapital, I, S. 123/24:

2) Elements d’Economie politique pure, 4. Aufl., Lausanne, Paris, 1900, S.435/36.
        <pb n="38" />
        230

setze. Ganz abgesehen davon, daß auch diese Theorie aus ihren
eigenen Prämissen widerlegt werden kann (der Kapitalist „wartet“
gar nicht auf den Wertersatz)!), gilt die Marxsche Widerlegung
auch gegen sie. Wenn ein Kapitalist für die Wartezeit den Auf-
schlag machen darf, dürfen es alle — und dann kommt eben kein
Surplusgewinn heraus. —

Das hat Schumpeter erkannt und den Notausgang gewählt,
das Problem für falsch gestellt zu erklären, wie etwa die Aufgabe,
ein rechtwinkliges und dabei gleichseitiges Dreieck zu konstruieren.
In der Statik, so erklärt er ausdrücklich, kann kein Profit ent-
stehen, wohl aber entstehe er in der Kinetik mit so großer Regel-
mäßigkeit, daß das Phänomen den Eindruck eines statischen mache.
Auch dieser Ausweg, ein wahrer Akt der Verzweiflung, da er auf
die Lösung des eigentlichen Problems verzichtet, ist verriegelt:
es handelt sich in der Tat um ein rein statisches Problem?®).

Den Weg zur richtigen Lösung hat Karl Marx beschritten.
Aus dem Verkehr der Kapitalisten untereinander und mit den
Konsumenten kann kein Profit entstehen: wohl aber ist er zu dedu-
zieren, wenn sich nachweisen läßt, daß die Kapitalisten ihren
Arbeitern weniger als den „Wert“ ihrer zusätzlichen
„Arbeit“ bezahlen. Da ihm zufolge der statische Preis der kapita-
listisch hergestellten beliebig reproduzierbaren Güter ungefähr ihrem
„Wert“, und dieser der für ihre Erzeugung notwendigen „durch-
schnittlichen gesellschaftlichen Arbeit“ entspricht, so müssen sowohl
die Kapitalisten, insofern sie bei anderen Kapitalisten Güter der
Erzeugung kaufen, wie auch die Konsumenten diesen Preis be-
zahlen, und damit bleibt ihren Verkäufern der „Mehrwert“.

Der Grundgedanke war richtig, aber seine Ausgestaltung war
fehlerhaft?). Marx hatte vollkommen recht, wenn er das Ver-
kaufsmonopol aus der Deduktion ausschloß: Sind doch die so-
genannten Kapitalgüter selbst beliebig reproduzierbar, können also
keinen Mehrwert erbringen. Aber das Verkaufsmonopol ist nicht
das einzige seiner Art.

2. Das Monopol.

Ein Monopol besteht, wie wir wissen, überall dort, wo die
Konkurrenz nicht völlig frei wirken kann, und ein statisches

1) Meine Theorie, S. 665 ff,

2) Theorie, S. 664.

3) Theorie, S. 711{ff.
        <pb n="39" />
        =

Monopol dort, wo sie aus dauernden Ursachen nicht völlig frei
wirken kann. Dieser Zustand äußert sich regelmäßig in einer „ein-
seitigen Dringlichkeit der Nachfrage“, und die Folge ist, daß der
Monopolist für das von ihm hergegebene Wertding von seinem
Tauschgegner (den wir in Zukunft als seinen „Kontrahenten“ be-
zeichnen werden) mehr, und dieser weniger von dem Preisgut er-
hält, als bei voller freier Konkurrenz der Fall wäre. Jener streicht
einen Monopolgewinn über den statischen Konkurrenzpreis hinaus
ein, den dieser als Monopoltribut, d. h. als Abzug vom Ssta-
tischen Preise seines in Tausch gegebenen Wertdinges abtritt.

Das ist das allgemeine Gesetz. Nun unterscheiden wir aus
rein praktischen Gründen der leichteren Verständigung zwischen
Verkauf und Kauf, je nachdem die von uns gerade betrachtete
Tauschpartei Geld empfängt oder hergibt. Logisch-theoretisch be-
steht hier kein Unterschied: wer kauft, verkauft Geld, wer ver-
kauft, kauft Geld. Aber es ist praktisch nützlich, zwischen den
beiden Handlungen, und entsprechend auch zwischen dem Ver-
kaufs- und dem Einkaufsmonopol zu unterscheiden. Beim ersten
erhält der Monopolist mehr an Geld, als das Wertding bei völlig
freier Konkurrenz wert wäre, als einen Surplusgewinn über seine
„Kosten“ hinaus. Beim Einkaufsmonopol zahlt der Monopolist für
das gekaufte Wertding weniger an Geld, als er zahlen müßte, wenn
völlig freie Konkurrenz bestände. Wenn er Wiederverkäufer ist,
kann er aber das eingekaufte Wertding zum vollen Konkurrenz-
preis in seine Selbstkosten einsetzen, realisiert also, nur etwas
später, den Mehrwert dennoch in Geld.

Daraus geht hervor, daß der Profit seinem Ursprunge
nach ohne weiteres erklärt ist, wenn sich zeigen läßt, daß die
Kapitalisten den Arbeitern gegenüber ein Einkaufsmonopol beim
Eintausch ihrer „Dienste“ besitzen. Wenn das der Fall ist, kaufen
sie z. B. einen Dienst, der 6 M. wert ist, für 3 M. und verkaufen
ihn, als in das Erzeugnis inkorporierten Wert, später für volle 6 M.,
womit dann der Mehrwert realisiert — und der Profit erklärt ist.

Oder, um eine von mir vorgeschlagene Terminologie einzu-
führen: der Profit läßt sich unmöglich aus der Monopol- Preis-
Theorie, aber sehr einfach aus der Monopol- Lohn - Theorie dedu-
zieren. Er entsteht nicht durch Aufschlag auf den Preis zu Lasten
der Konsumenten, sondern durch Abzug vom Lohne zu Lasten
der unselbständigen Produzenten, der Arbeiter.

Nun kann gar kein ernsthafter Zweifel daran bestehen, daß
in der Tat jeder Arbeitsvertrag unter einem Monopolverhältnis ab-
        <pb n="40" />
        22

geschlossen wird, so daß der Arbeiter den Monopoltribut abtreten
muß. Wir wissen, daß überall ein statisches Monopol zugrunde
liegt, wo auf die Dauer das Austauschbedürfnis von einseitiger
Dringlichkeit ist. Das heißt nicht, daß nur der eine Teil über-
haupt das Bedürfnis des Austauschs hat, sondern daß es dem einen
Teile merklich dringlicher ist als dem anderen. Und solche Dring-
lichkeit besteht auf Seiten des Arbeiters immer, wenn er einen
Lohnvertrag abschließt. Er ist seinem Begriffe nach ohne aus-
reichende eigene Produktionsmittel und ohne ein Besitzvermögen,
das ihm erlauben könnte, längere Zeit ohne Lohnverdienst zu leben.
In aller Regel kann er nur kurze Zeit, oft nur wenige Tage, ohne
solchen Verdienst existieren. Dagegen ist der Kapitalist seinem
Begriffe nach mit Produktionsmitteln wohl versehen, die er
äußersten Falles zu Gelde machen könnte, wenn er nicht schon
ohnehin mit Geld oder Kredit für längere Zeit der Stillegung
seines Unternehmens versehen sein sollte. Unter solchen Um-
ständen hat er selbstverständlich im Preiskampfe um den Lohn
das Übergewicht, und der Monopolgewinn muß sich bilden *).

Daß also ein Monopol besteht, ist evident. Die Frage
kann sich nur noch darum drehen, worin es wurzelt. Wir werden
sie zu stellen haben, wenn wir nicht mehr bloß nach dem Ursprung,
sondern nach der Höhe des Monopolgewinns fragen werden. Zu-
nächst wollen wir nur feststellen, daß von Adam Smith an bis
auf die neueste Zeit herauf kein Theoretiker von einigem Rang
die Dinge anders gesehen hat, wenn auch kaum ein einziger das
Verhältnis zwischen Kapitalisten und Arbeiter als ein Monopol-
verhältnis vollkommen verstanden hat: genannt worden ist es
so unzählige Male, aber ohne daß sich die betreffenden Autoren
den Mechanismus klar gemacht hätten, kraft dessen ein solches
Verhältnis regelmäßig „Mehrwert“ abwirft. Die einzige Ausnahme
macht vielleicht Lexis, der ausdrücklich folgendes sagt: „Der
großkapitalistische Unternehmer hat seinen Arbeitern gegenüber
eine Art von Ankaufsmonopol in bezug der Arbeit“”). Alle
ältere bürgerliche Ökonomik hat das konstante dringliche Über-
angebot der Arbeit und den daraus folgenden Druck auf die
Löhne mit Malthus aus einer „Übervölkerung“ abgeleitet und
als Monopolwirkung zwar nicht immer bezeichnet, wohl aber ver-

1) „Der Arbeiter kann nicht warten: daher seine konstitutiv schlechtere Markt-
position.“ (Goetz Briefs, Grundr. d. Soz. Ök. IX, 1, S. 148).

2) Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 3. Aufl., Ba. VI, S: 773;
        <pb n="41" />
        standen; — und der Sozialismus spricht bis auf das Erfurter Programm
herauf überall von der „Monopolisierung“ der Produktionsmittel,
freilich ebenfalls, ohne weiter als bis zum Schlagwort zu kommen.
Marx insbesondere spricht häufig von der „Hungerpeitsche“, die
der Kapitalist über dem Arbeiter schwingt, und leitet die einseitige
Dringlichkeit des Arbeitsangebots gleichfalls aus einer „Über-
völkerung“ ab, aber freilich nicht aus einer naturgesetzlich, sondern
historisch bedingten, aus dem „spezifischen Populationsgesetz der
kapitalistischen Wirtschaft“, dem Gesetz der kapitalistischen Ak-
kumulation, kraft dessen sich eine für die Verwertungsbedürfnisse
des Kapitals ausreichende Reservearmee unbeschäftigter Arbeiter
immer automatisch reproduzieren muß, sodaß die einseitige Dring-
lichkeit des Austauschbedürfnisses dauernd besteht. Die Deduk-
tion ist unhaltbar!): aber daß ein Monopolverhältnis besteht, hat
er gesehen und mit unzweideutiger Klarheit dargestellt. Was er
das „Kapitalverhältnis“ nennt, ist nach allen Kennzeichen ein wohl
charakterisiertes Klassenmonopolverhältnis.
3. Das Bodenmonopol.

Es ist also vollkommen klar, ja, es ist evident oder apodeik-
tisch, daß ein Einkaufsmonopol der Kapitalisten gegenüber den
Arbeitern besteht. Jetzt haben wir die Frage zu erörtern, worin
es wurzelt. Daß es nicht primär im Besitz an den produzierten
Produktionsmitteln, dem „Kapital“, wurzeln kann, haben wir be-
reits festgestellt: denn diese sind beliebig reproduzierbar. Da es
aber nirgends anders wurzeln kann, als in dem Besitz von Pro-
duktionsmitteln, so bleibt nichts anderes übrig, als seine Wurzel
im Bodeneigentum aufzusuchen.

Diese Erwägung wird gestützt durch gewisse großartige
Tatsachenmassen soziologischer Feststellung. Alle bisherige öko-
nomische Theorie, auch die Marxistische, geht stillschweigend von
der Prämisse des Gesetzes der ursprünglichen Akkumulation aus.
Dieses aber besagt, in meiner absichtlich paradoxalen Zuspitzung ?),
daß die politische Geschichte nicht gewesen ist, oder wenigstens
in den Institutionen der heutigen kapitalistischen Gesellschaft nicht
die geringste Spur hinterlassen hat. Wir haben die psycholo-
gischen Gründe dieser überaus starken Zumutung an unsere Gläu-

1) Theorie, S. 1087 £.

2) Mein „Staat‘* (Syst. d. Soziol., II), S. 258]

Fr. Oppenheimer, Wert und Kapitalprofit. 3. Aufl.

53
        <pb n="42" />
        bigkeit sowohl in bezug auf die bürgerliche wie die Marxische
Doktrin in unserem „Staat“, dem zweiten Bande unseres Systems
der Soziologie, in ausführlicher geistesgeschichtlicher Darstellung
dargelegt und müssen hier darauf verweisen. Was uns interessiert,
ist folgendes:

Alle originären Staaten sind entstanden durch Unterwerfung
einer ethnischen Gruppe durch die andere. Dabei sind regelmäßig zwei
Institutionen gesetzt worden: die Stände mit ihren positiven resp.
negativen Privilegien und das Großeigentum an Grund und Boden.
Die bürgerliche Revolution hat die eine dieser beiden Institutionen
abgebaut: die Stände, hat aber die zweite unberührt gelassen: das
Großgrundeigentum.

Zweitens: es zeigt sich überall, was Marx zu seiner Zeit
bei dem Stande der historischen Forschung noch nicht sehen
konnte, daß der agrarische Kapitalismus führt und der industrielle
nur sehr langsam und zögernd folgt‘).

Drittens: Marx hat völlig darin Recht, daß Kapitalismus nur
solange bestehen kann, wie eine Reservearmee, und durch sie der
konstante Druck auf die Löhne besteht, der diese herabzieht oder
wenigstens ihren Aufstieg hemmt. Aber es kann keinem Zweifel
unterliegen, daß die Reservearmee vom Lande stammt, und
zwar ausschließlich aus den Gebieten des Großgrundeigentums,
und daß ihre „Freisetzung“ nicht, wie Marx annahm, von der
technischen Ausgestaltung des Betriebes, sondern lediglich von
der juristischen Gestaltung des Besitzes abhängt”).

Alle diese Dinge beweisen übereinstimmend mit voller
Klarheit, daß die Ursache der einseitigen Dringlichkeit des Aus-
tauschbedürfnisses auf Seiten der Arbeiterschaft in der Institution
des massenhaften Großgrundeigentums gesucht werden muß, das
in seiner Gesamtheit die „Bodensperre“ konstituiert, d. h. die
Unmöglichkeit für den kapitallosen freien Arbeiter, „ein Stück
Land in sein individuelles Privateigentum und Produktionsmittel
zu verwandeln, ohne den:  spätren Ansiedler an der gleichen
Operation zu verhindern“). Wo diese Bedingung besteht, kann
nach Marx selbst und Kautsky Kapitalismus nicht bestehen, sind
Geld und Produktionsmittel so wenig Kapital, wie der „Zuckerpreis

1) Unser „Staat“, S. 693.

2) Theorie, S. 1099. Staat, S. 703 ff,

3) Kapital, I, S. 733.

4
        <pb n="43" />
        23
der Zucker ist“: sie verwerten sich nicht. Marx selbst schreibt
folgendes:

„In der heutigen Gesellschaft sind die Arbeitsmittel Monopol
der Grundeigentümer (das Monopol des Grundeigentums
ist sogar die Basis des Kapitalmonopols) und der Kapi-
talisten.“l) Und er weiß, daß ein „natürliches oder künstliches
Monopol eine der kontrahierenden Seiten befähigt, über den Wert
zu verkaufen, oder sie zwinge, unter ihm loszuschlagen“?).

Das ist meine ganze Theorie!

Aber wir brauchen vorläufig gar nicht das Zugeständnis, daß
es diese besondere Form des Grundeigentums ist, die den Monopol-
gewinn aller Besitzer von Produktionsmitteln verursacht. Wir
brauchen die Frage nicht zu erörtern, ob es sich beim Boden-
eigentum um ein „natürliches“ Monopol handelt, das auf einer
naturgegebenen „Knappheit“ des Bodenvorrats im Verhältnis zum
Bodenbedarf beruht, oder um ein rechtliches „Oligopol“, das auf
der Sperrung des von Natur aus im Verhältnis zum Bedarf noch
überreichen Vorrats an Boden beruht. Wir brauchen nur von
der uns unmittelbar gegebenen Tatsache auszugehen, daß in allen
kapitalistisch entfalteten Ländern ein Teil der Bevölkerung, in der
Regel die Minderheit, und fast überall eine kleine Minderheit, sich
im Besitze allen überhaupt verfügbaren Bodens, auch des noch
nicht in Anbau genommenen oder zum Bau von Häusern usw.
benutzten, befindet, während die Mehrheit, und zumeist die große
Mehrheit, keinen Boden besitzt. Nun ist aber Boden ein unent-
behrliches Gut: für jeden Urproduzenten als Produktionsmittel,
für Jeden überhaupt als Standort seiner Wohnung und Werkstatt.
Da nun die Besitzer von Boden mit dem Unentbehrlichen versorgt
sind, so befinden sie sich gegenüber den Nichtbesitzenden, die
ihres Bodens bedürfen, in einer Machtstellung, die im Preiskampf,
gegenüber der einseitigen Dringlichkeit der Nachfrage, zum Mo-
nopolgewinn führen muß.

In Parenthese: Wir sprechen hier, um es zu wiederholen,
nicht von der Grundrente, die für uns kein Problem mehr
darstellt, sondern lediglich von dem Kapitalprofit, den auch der
kapitalistische Eigentümer des Grenzbodens, und natürlich jeder
günstiger gestellte Eigentümer von Boden höherer Rentierung
neben seiner Differentialgrundrente bezieht.

1) Kritik des sozialdemokratischen Parteiprogramms, Neue Zeit, IX, ı, S. 561 ff.

2) Das Kapital, IT, 1, S. 156,

SC
34
        <pb n="44" />
        Dieser Mechanismus wirkt sich zuerst auf dem Lande
zwischen den agrarischen Kapitalisten und dem besitzlosen Land-
proletariat aus. Wo nun Freizügigkeit besteht, muß die Kon-
kurrenz der Arbeiter untereinander unvermeidlicherweise dahin
führen, daß alle kapitallosen „freien“ Arbeiter auf den gleichen
Lohnsatz herabgedrückt werden. Das geschieht durch Vermittlung
der Wanderung vom Lande in die Industriebezirke. Wenn das
Bodenmonopol nicht bestünde, wäre das normale Nullniveau des
Lohnes das Einkommen eines normal qualifizierten Bauern auf
ausreichendem unverschuldetem Ackerlande: der Lohn des Land-
arbeiters ist dieses Einkommen abzüglich des Monopolgewinns.
Und zwar läßt sich dieser Abzug exakt bestimmen. Im „Grenz-
gebiet des höchsten sozialen Drucks“, bis zu dem die Absaugung
der Landproletarier in die Industriebezirke noch nicht reicht, erhält
der Arbeiter als Lohn das bare Existenzminimum: hier ist das
„eherne Lohngesetz“ bittere Wahrheit. Dieser Lohn besteht aus
Geld und gewissen Naturalleistungen, Gütern, die ihrem statischen
Preise nach durch die sofort zu entwickelnde Formel genau be-
stimmt sind. Die Differenz zwischen diesem Lohne und dem
Einkommen Z des unverschuldeten Grenzbauern ist der Mehrwert,
der Profit, pro Kopf des Arbeiters.

Es ist überflüssig, hier des Näheren auszuführen, wie und in
welchem Maße dieser Normallohn des freien Arbeiters von der
Peripherie aus bis zum Zentrum hin steigt. Wir brauchen diese
Finessen nicht. Ebenso überflüssig ist es, hier eine andere Methode
darzustellen, mit der es möglich ist, das Normalnullniveau nicht,
wie eben geschehen, in internationaler, sondern in nationaler Be-
trachtung festzulegen?).

4. Die Wertformel der kapitalistisch erzeugten beliebig
reproduzierbaren Güter.

Diese Erörterungen geben uns die Möglichkeit, ein Problem
zu lösen, mit dem sich die älteren Vertreter der objektivistischen
Wertlehre umsonst abgequält haben: das des statischen Preises
der kapitalistisch hergestellten beliebig reproduzierbaren
Güter. Hier würde kein Problem bestehen, wenn jeder Kapitalist
von seinen eigenen Arbeitern die ganze Differenz zwischen dem
statischen Preise des Produktes und demjenigen Bestandteile ihres
Wertes einstreichen könnte, der der Wiederersatz des statischen

I) Wert und Kapitalprofit, 1. u. 2. Aufl., S. 1ı32ff. Theorie S, 634ff.

26
        <pb n="45" />
        17

Konkurrenzpreises des von ihnen zur Erzeugung beigesteuerten
Dienstes ist. Das ist aber nicht der Fall, und zwar infolge der
sogenannten „Ausgleichung der Profitrate“. Die Konkurrenz führt
(mit der oben erwähnten Einschränkung) notwendigerweise dahin,
daß jeder Kapitalist einen der Größe. seines--Kapitals_genau ent-
sprechenden Surplusgewinn aus Profit macht. Ein Kapitalist, der
z. B. 10000000 M. in seinem Betriebe investiert hat, erwirbt hundert-
mal mehr an Profit als ein solcher, der nur 100000 M. investiert hat.
Und zwei Kapitalisten, die gleichmäßig je 100000 M. investiert
haben, verdienen in der Statik genau die gleiche Profitmenge:
eher kann die Konkurrenz nicht zur Ruhe kommen!

Nun mag aber der eine dieser beiden Kapitalisten, deren
Kapital gleich groß ist, der Natur seines Betriebes nach 100, der
andere nur 20 Arbeiter (und Angestellte) zu beschäftigen nötig
haben. Nimm an, diese beiden Unternehmungen stellten die ganze
Gesellschaft dar (es handelt sich hier nicht um eine Deduktion,
sondern ganz simpel nur um eine Illustration), und der Mehrwert
betrage zusammen für beide Unternehmungen 24000 M., so würde
das bedeuten, daß pro Kopf des Arbeiters 200 M. Monopoltribut
abgetreten werden. Bliebe dieser Tribut jedem Fabrikanten für
sich, so hätte der eine 20000 M., der andere nur 4000 :M. Profit-
einkommen. Das ist in der Statik unmöglich. Die Konkurrenz
befindet sich erst dann in ihrem Ruhezustande, wenn der erste
wie der zweite ihre Produkte zu einem Preise verkaufen, der jedem
genau 12000 M. an Profit übrig läßt. Der erste muß also seine
Waren billiger verkaufen, als ihrem Gehalt an Arbeitsmenge, bzw.
Arbeitszeit (7°) entspricht, der zweite teuerer.

Dieser Umstand hat, wie gesagt, den Vertretern der älteren
objektivistischen Lehre die größten Schwierigkeiten bereitet.
Rodbertus hat gar keinen Versuch gemacht, das Problem zu
lösen; Ricardo hat sich in den sechs Unterabschnitten seines
ersten Kapitels vom Werte schwer damit herumgeschlagen, und
wir wissen aus seinem Briefwechsel, daß er weit entfernt davon
war, mit der von ihm erreichten Lösung zufrieden zu sein. Marx
hat das Problem völlig klar gestellt und dahin entschieden, daß
kapitalistisch hergestellte Waren nicht zu ihrem „Werte“, sondern
zu dem soeben von uns bestimmten „Produktionspreise“ in der
Statik verkauft werden. Diese geringe Abweichung war von dem
Standpunkte aus, von dem er sein Problem gestellt hatte, ohne
viel Bedeutung: woran ihm lag, war, entsprechend seiner überall,
soziologisch, vom Ganzen der Gesellschaft ausgehenden An-
        <pb n="46" />
        35

schauung, festzustellen, daß alle Arbeiter zusammen, d. h. der „Ge-
samtarbeiter“, dem „Gesamtkapitalisten“ den Klassenmonopoltribut
des Mehrwerts abtritt; die Verteilung auf die einzelnen Unter-
nehmungen interessierte ihn kaum. Übrigens ist es ein Unfug zu
behaupten, daß es sich hier um eine nachträgliche Erkenntnis,
um einen „verschleierten Widerruf“ seiner ursprünglichen An-
schauung erst im dritten Bande des „Kapital“ gehandelt habe.
Bereits im ersten Bande steht vollkommen klar: „Weil die Durch-
schnittspreise nicht direkt mit den Wertgrößen der Waren zusammen-
fallen, wie A. Smith, Ricardo u. a. glauben *).“

Immerhin bleibt hier ein kleiner Schönheitsfehler bestehen: es
stellt sich doch heraus, daß die Wertrelation dieser Güter sich
doch nicht genau nach der in ihnen „geronnenen“, nach Zeit ge-
messenen durchschnittlichen Arbeit einstellt.

Wir werden später noch genauer darstellen, daß unsere
Wertlehre, die ja gar nicht Arbeitsmengen- oder Arbeitszeittheorie
des Warenwertes ist, diesen Schwierigkeiten entgangen ist. Wir
können ohne Bedenken daran gehen, die exakte Formel auch für
den statischen Preis der kapitalistisch hergestellten beliebig produ-
zierbaren Güter zu entwickeln. Sämtliche dazu erforderliche Daten
sind jetzt in unserer Hand,

Wir kennen den Einzelprofit pro Arbeiter. Er ist gleich
unserem Durchschnittseinkommen Z abzüglich des von uns be-
stimmten Normallohnes (/) also gleich Z—/ Sämtliche Arbeiter,
x an der Zahl, treten sämtlichen Kapitalisten zusammen den
Klassenmonopoltribut des Profits in der Höhe von x. (Z—I1) ab.
Um die Rate des Profits zu gewinnen, brauchen wir diese Ziffer,
deren sämtliche Komponenten uns bekannt sind, nur zu dem
gesellschaftlichen Gesamtkapital in Beziehung zu setzen.

Auch dafür habe ich die Formel gefunden. Ich betrachte sie
als eines der schönsten Ergebnisse meiner bisherigen Arbeit, wenn
ich auch bisher (das ist bei dem heutigen Zustande der Kritik in
in unserem Fache leider selbstverständlich) nicht die Freude ge-
habt habe, sie irgendwo anerkannt zu finden:

Seit Beginn unserer Wissenschaft besteht das lebhafte Ge-
fühl dafür, daß das sogenannte „Kapital im volkswirtschaftlichen
Sinne“ und das „im privatwirtschaftlichen Sinne“ irgendwie iden-
tisch sein müssen. Selbstverständlich kann von einer Identität der
Substanz nicht die Rede sein: denn Kapital im volkswirtschaftlichen

1) Sar20, Anm. 27.
        <pb n="47" />
        en
Sinne besteht aus Sachen, Kapital im privatwirtschaftlichen
Sinne aber aus Rechten, die nicht einmal immer sich auf Sachen
beziehen. Aber selbst davon abgesehen: unmöglich können Sachen
und Rechte, die ganz verschiedenen Dimensionen angehören, sub-
stanzgleich sein.

Aber sie sind wertgleich! Ich habe geschrieben: „In
der Statik muß der autogene Tauschwert (statische Preis)
des Kapitals im volkswirtschaftlichen Sinne, d. h. eines
Stammes von Beschaffungsgütern, und der Kapitalisierungs-
wert eines normalen Kapitals im privatwirtschaftlichen Sinne zu-
sammenfallen; eher kann der Konkurrenzkampf nicht zur Ruhe
kommen. Würde nämlich einmal zuviel gesellschaftliches Be-
schaffungsgut, d. h. volkswirtschaftliches Kapital, in Unter-
nehmungen angelegt werden, so würde sein Gesamtprodukt an
Erzeugnissen den Kollektivbedarf überschreiten; ihr Preis würde
sinken, und die Basis der Kapitalisierung, der Ertrag des Pro-
duktivkapitals, sich verkleinern, so daß bei gleichbleibendem Fuß
der Wert des dadurch repräsentierten Privatkapitals unter den
Tauschwert der Beschaffungsgüter fallen würde. Dann wendet
sich die Nachfrage der Anlagebedürftigen von dem Markte der
Beschaffungs- und namentlich der Werkgüter ab und dem Markte
der Anleihen zu: und das hat eine doppelte Wirkung: erstens fällt
der Preis der Werkgüter, und zweitens steigt der Fuß der Kapi-
talisierung; denn dort sinkt, und hier steigt die Nachfrage, so daß
der Kurs der fest verzinslichen Anleihen steigt, und der Zinsfuß be-
stimmter Geldsummen fällt. Dadurch wird die Anlage von Kapital
in neuen Produktivgütern wieder rentabel: denn die gleiche Geld-
summe erwirbt mehr davon, oder der gleiche Stamm kostet weniger.
Und auf der andern Seite wirft er jetzt wieder ebensoviel Ertrag
ab, wie das inzwischen im Ertrage gesunkene Leihkapital. Würde
umgekehrt einmal zu wenig gesellschaftliches Beschaffungsgut ge-
bildet, so wird ihr Produkt über seinen statischen Preis, und daher
der kapitalisierte Betrag des dadurch geschaffenen Privatkapitals
über den Wert der Beschaffungsgüter steigen. In diesem Falle
würde die Nachfrage auf dem Leihemarkte und der Fuß der Ka-
pitalisierung sinken, und die Bildung neuer „volkswirtschaftlicher
Kapitale“ zunehmen, bis ihr Wert wieder mit dem dadurch be-
schaffenen „Privatkapitale“ zusammenfiele. Eher könnte der Kon-
kurrenzkampf nicht zur Ruhe kommen“ 1).

1) Theorie, S. 832/33., ı. Auflage, S. 452/53.

U
        <pb n="48" />
        AO

Wenn wir also den statischen Preis sämtlicher Beschaffungs-
güter der von uns betrachteten Gesellschaft, unter Abzug des
hier gleichfalls exakt bekannten, durch die Zeit bestimmten Ab-
nützungskoeffizienten („moralischer Verschleiß“ kommt in der
Statik nicht vor) addieren, so erhalten wir exakt den Wert des
darauf radizierten privatwirtschaftlichen Kapitals).

Nennen wir die auf diese Weise erhaltene Geldsumme, die
das gesamte, nicht begünstigte, „normale“ Kapital der von uns be-
trachteten Gesellschaft angibt, X, so drückt die Formel

x-(E—1)
I
das Verhältnis aus, in dem der den Arbeitern abgepreßte Gesamt-
profit zu dem gesellschaftlichen Gesamtkapital steht.

Diese Größe ist höchstwahrscheinlich ein echter Bruch, da,
soweit wir sehen können, der Profit im Durchschnitt nirgends
über hundert Prozent beträgt. Wir können ihn infolgedessen in
dem Bruche ı : @ ausdrücken: dann ist @ der Kapitalisierungsfaktor,
mit dem jeder Reinertrag aus Profit multipliziert werden muß, um
den statischen Wert eines Kapitals auszurechnen:

Nehmen wir z. B. an, der Bruch 1:«@ ergebe, in Geldziffern
ausgerechnet, 1:5, so repräsentiert jeder Ertrag das fünffache Kapital;
z. B. der Ertrag von 20000 M. ein Kapital von 100000 M.— Divi-
diert man den Kapitalisierungsfaktor in 100, so erhält man den
allgemeinen statischen Profitsatz: in unserem Beispiel 20°.

Danach sind wir imstande, das jedem beliebigen Grenzkapitalisten
(d. h.: jedem durch Monopole und Differentialrenten nicht be-
günstigten Kapitalisten) zufließende Einkommen aus Profit genau
zu errechnen. Wir addieren die statischen Preise seiner Beschaffungs-
güter (seines „Kapitals im volkswirtschaftlichen Sinne“) und erhalten

ı) Die auf diese Weise erhaltene Summe repräsentiert nicht das gesamte privat-
wirtschaftliche Kapital der Gesellschaft. Dazu muß gerechnet werden der kapitalisierte
Wert der sämtlichen Monopolerträge, sowohl des Ertrages von Tauschmonopolen, hier
lediglich Verkaufsmonopolen, aus Patenten usw., soweit man diese als statisch überhaupt
einrechnen will, und aus Naturmonopolen, z. B. von Weingärten besonders guter Lage,
wie auch der kapitalisierte Ertrag sämtlicher Differentialrenten in Landwirtschaft und
Industrie. Dieser Umstand aber stört unsere Rechnung nicht im mindesten. Denn diese
Renten und Surplusgewinne aus Verkaufsmonopolen sind nicht Abzüge vom Lohn der
Arbeiter, sondern werden vom Konsumenten bezahlt: bei Verkaufsmonopolen als Auf-
schlag auf den Konkurrenzpreis, bei Differentialrenten als Gewinn des Produzenten am
Konkurrenzpreis, ein Gewinn, der der Ersparung an Selbstkosten gegenüber der Kon-
kurrenz zu verdanken ist. Der Kapitalisierungsfaktor, mit dem diese Mehrerträge zu
multiplizieren sind, wird sofort im Text ausgerechnet werden.
        <pb n="49" />
        441
auf diese Weise den statischen Preis („Wert“) seines Privatkapitals,
das wir als %,; bezeichnen wollen. Dann ist sein Profit £, : a. Wir
wollen diese Größe mit %; bezeichnen.

Das ist die Umkehrung, die „Probe aufs Exempel“, der soeben
von uns angestellten Rechnung. Wenn ein Kapital den statischen
Preis von 100000 M, hat, und der Kapitalisierungsfaktor auf 5
steht, so hat es ein Profiteinkommen von 20000 M.

Danach ist der statische Preis kapitalistisch hergestellter be-
liebig reproduzierbarer Güter durch die beiden folgenden Formeln
bestimmt:

a) bei nicht mitarbeitenden Kapitalisten gilt:

Pr
= ar &amp;r

b) beim mitarbeitenden Kapitalisten gilt:

= DL SR

Nun läßt sich aber die zweite Formel leicht in die erste, ein-
fachere, umformen. Wir brauchen den selbst mitarbeitenden,
d. h. leitenden Kapitalisten nur als einen der von ihm selbst be-
schäftigten Arbeiter, bzw. Angestellten zu betrachten. In der Tat
muß ja der nicht leitende Kapitalist einen leitenden Beamten mit
dem Unternehmerlohn einer Arbeitskraft bezahlen, deren (in der
Statik erworbene) Qualifikation zur Führung des Grenzbetriebes
hinreicht. Wir rechnen daher die sämtlichen mitarbeitenden Ka-
pitalisten in die Zahl der Arbeiter und Angestellten ein. Dadurch
wird der Zähler unseres Bruches

X. (EV),

KR
um ein sehr Geringes größer, also der Kapitalisierungsfaktor um ein
sehr Geringes kleiner, da die Zahl der mitarbeitenden Kapitalisten
im Verhältnis zu den unselbständigen Arbeitern und Angestellten sehr
gering ist. Damit wird aber auch der Profitsatz um eine entsprechend
geringe Größe größer, so daß die Profitmasse ungefähr die gleiche
bleibt. Sollte hier eine Differenz gegenüber Formel a) bestehen, so
kann sie sich nur in einer so hohen Dezimalstelle zeigen, daß wir
berechtigt sind, sie zu vernachlässigen: Wir dürfen daher Formel a)
als allgemeingültig betrachten:

zz
0;— Zda S;
        <pb n="50" />
        Ca

Sy, läßt sich genau, wie wir es oben getan haben, in anderen
v ausdrücken. Auch hier löst sich der statische Preis aller beliebig
reproduzierbaren Güter auf in nichts als „Gewinne“, aber in ka-
pitalistische Gewinne aus Profit, nicht mehr in die statischen
Gewinne zusätzlicher Arbeit. Die entsprechenden Formeln
lauten :

vi= X
v9
Folglich verhält sich = —
7% A
DI
rn
. Rz BR
Nun aber ist , = En DR
also: =
Dr ;

Schon diese Formel ist sehr einfach. Sie läßt sich aber arith-
metisch noch stark vereinfachen, wenn wir unsere Berechnung von
v auf ein bestimmtes Einheitskapital beziehen. Das ist ohne
weiteres möglich, weil ja in der Statik alle Kapitale gleicher
Größe gleichen Profit abwerfen. Was immer mit solchem Einheits-
kapital produziert werde: es wirft immer den gleichen Profit ab.
Wir gewinnen auf diese Weise auch hier eine Konstante, die, wie
oben unser Z, in die Proportion irgendwelcher kapitalistisch her-
gestellter Waren eingestellt werden kann. Wir wollen dieses Ein-
heitskapital £ nennen.

Dank dieser arithmetischen Vereinfachung bleiben als ver-
schieden in unseren Formeln nur noch die Produktivitätsziffern der
ihrem Geldwert nach gleichen, aber auf verschiedene Produktionen
eingestellten Kapitale. Wir müssen diesen Ziffern jetzt eine neue
Bezeichnung geben, weil sie jetzt nicht mehr die Produktivität
eines beliebigen Betriebes, sondern eines Stammes von Produktiv-
gütern von bestimmtem Geldwert (£) bedeuten. Nennen wir sie
Vi, Y%A USW.

(Zur besseren Verständigung: unser Einheitskapital betrage
1000 M. Ein mit einem Kapital von £ = 100000 M. aus-

|
        <pb n="51" />
        ——
gestatteter Betrieb bringe %, Produkte heraus, Dann ist £% =
1.00 A, und entsprechend v,="/,90 %:. — Ein anderer Betrieb,
der andere Produkte herausbringt, sei mit einem Kapital 2 =
500000 M. ausgestattet. Dann ist £ = 1/00 Am und 7% =— "00 M4)

Allgemein verhält sich also‘

oder
und:
Wenn wir dies in die obige Formel einsetzen, so ergibt sich
; !
rn BE. |
A
v.

Auch hier ist also in der Schlußformel nichts mehr enthalten
als ein einfaches Verhältnis der verschiedenen Produktivitätsziffern.
Wir erhalten fast die gleiche Schlußformel wie oben.

Wie diese beiden Formeln sich unterscheiden, wird aus der
folgenden Betrachtung deutlich werden: wir unterstellen sowohl in
der nichtkapitalistischen wie der kapitalistischen Wirtschaft je ein
technisch völlig gleiches Kapital im volkswirtschaftlichen Sinne.
Beide werden unter sonst gleichen Umständen die gleiche Zahl
von Produkten herausbringen. Aber sie werden sich in ihrem
Geldwert, also als Kapitale im privatwirtschaftlichen Sinne,
unterscheiden, weil das zweite aus Produktivgütern besteht, die
selbst bereits kapitalistisch erzeugt sind und deshalb, kraft des
Gesetzes von der Ausgleichung der Profitraten, einen anderen
Preis haben, als sie in der nichtkapitalistischen Wirtschaft haben
würden. Infolgedessen ist das Verhältnis von Geldwert des Kapitals
zu der jeweiligen Produktivitätsziffer (£,:7%,, %z:%»% usw.) in beiden
Fällen ein verschiedenes, und dementsprechend unterscheiden sich
auch die auf das Einheitskapital (£) bezogenen Produktivitätsziffern
Vi, Y% usw... und daher selbstverständlich auch die statischen Preise,

Aus diesem Grunde läßt sich nun diese Formel für den Wert.
der kapitalistisch hergestellten, beliebig produzierbaren Waren nicht
mehr in der gleichen Weise weiter vereinfachen wie die der nicht
kapitalistisch hergestellten. Die Umrechnung in gleiche Zeit-
        <pb n="52" />
        41

mengen gleich qualifizierter und gleich angespannter Arbeit ist
aus dem soeben angeführten Grunde nicht mehr möglich, weil die
Gewinne, aus denen sich das Einkommen zusammensetzt, nicht
Arbeit-, sondern Kapitalgewinne sind. Man wird nur sagen
dürfen, daß die jetzt von uns errechneten „Produktionspreise“
nicht sehr stark von den früher von uns errechneten „Werten“ ab-
weichen können. Die hier durch die Ausgleichung der Profitrate
verursachten Abweichungen nach oben und unten heben sich
selbstverständlich gegenseitig auf, wenn man, worauf es Marx
ankam, den Tribut berechnen will, den der „Gesamtarbeiter“ dem
„Gesamtkapitalisten“ abzutreten hat.

Damit ist die uns gestellte Aufgabe völlig gelöst: zu be-
stimmen, in welchem Verhältnis sich auf die Dauer und im Durch-
schnitt die beliebig reproduzierbaren Güter austauschen, d. h., wa-
rum ein bestimmtes Quantum der Ware a sich tauscht gegen ein
anderes _bestimmtes Quantum der Ware 6.

IV. Antikritische Nachlese.
1. Die „Substanz“ des Wertes.

Unsere am Schluß des zweiten Abschnitts entwickelte Formel
für den statischen Preis der nicht kapitalistisch hergestellten be-
liebig reproduzierbaren Güter

a I

2 Zu
stimmt mit der „Arbeitszeittheorie des Warenwertes“ durchaus
überein, wie sie vor allem Marx, aber schon vor ihm Petty und
Ricardo bestimmt, und ihre bürgerlichen Nachfolger bis auf
John Stuart Mill angenommen hatten.

Der Unterschied ist nur, daß wir diese Formel deduziert
haben, die jene „postuliert“ hatten. Und daraus folgt, daß sich
ihnen ein unlösbares Problem stellte, das für uns schlechthin nicht
existiert: das von der „Substanz“ des Wertes.

Da sie unseren Ausgangspunkt, die statische Ausgleichung
der Einkommen, nicht besaßen, waren sie. gezwungen, nach der
Substanz des Wertes zu „greifen“. Nun war es ja ohne weiteres
klar, daß der Gehalt an Arbeit (gemessen an der Zeit) der Waren
mit ihren „Werten“ (ihren Preisen auf die Dauer und im Durch-
schnitt) eng verkoppelt ist, wenn er sie nicht allein bestimmt.
Darum schrieb schon Sir William Petty in seiner „Treatise

iz
        <pb n="53" />
        45
of Taxes“!): „If a man can bring to London an ounce of Silver
out of the Earth in Peru, in the same time that he can produce
a bushel of Corn, then one is the natural price of the other“.

Unsere Deduktion hat denn auch ergeben, daß diese An-
schauung für die beliebig reproduzierbaren Güter einer vom
Klassenmonopol des Kapitalismus freien Gesellschaft durchaus
richtig ist. Aber wir haben sie auch nur für eine solche dedu-
ziert, während unsere Vorgänger von ihrem postulierten Ausgangs-
punkte aus in die oben dargestellten Schwierigkeiten hineingeraten
mußten, da, selbst von Monopolen und von der Schwierigkeit
abgesehen, die die qualifizierte Arbeit doch noch bereitete,
die Formel der Wertsubstanz, d. h. die Arbeitszeittheorie, für die
kapitalistisch hergestellten beliebig reproduzierbaren Güter nicht
genau stimmen wollte.

Wir haben die Formel auch für diese entwickelt. Diese
Schwierigkeit existiert also für uns nicht.

Aber es hat eine gewisse Zeit gedauert, bis ich mir dessen
bewußt geworden bin. Ich habe mich — das war eine der oben
erwähnten „Eierschalen“ — doch noch ein wenig mit diesem
Problem herumgeschlagen. Ich sah zwar sofort, daß eine ganze
Anzahl von Schwierigkeiten der älteren Theorien für die meinige
überhaupt nicht existierten; so z. B., daß meine Formel ohne
weiteres auf den soeben entwickelten „Produktionspreis“ der
beliebig reproduzierbaren Güter führte. Aber ich quälte mich
doch noch insofern mit dem Substanzproblem herum, als ich mich
bemühte, meiner neuen objektivistischen Theorie einen Namen zu
finden, der die Substanz des Wertes bezeichnet. Ich kam freilich
schon damals zu dem Ergebnis (S. 147), daß das Problem „kaum
ernste Bedeutung für die Lehre im ganzen hat. Denn die Frage
stellt ein rein akademisches, sozusagen ästhetisches Problem. Ihre
Lösung ist der goldene Knopf auf den Kirchturm, das Zeichen
der letzten Vollendung, aber sie unterbaut nichts.“ Seitdem habe
ich erkannt, daß das ganze Problem überhaupt nur noch in einer
dogmenhistorischen Betrachtung der Erwähnung wert ist (meine
Theorie S. 778, 797);

Aber, wie gesagt, 1916 suchte ich noch nach einem die Wert-
substanz bezeichnenden Namen für die Theorie. Ich bezeichnete
sie, schon damals mit starken Vorbehalten, als die Arbeitswert-
theorie des Warenwertes, um sie der älteren Ricardoschen

I) Ausg. Hull, Cambridge 99, vol. I, S. 50.
        <pb n="54" />
        40

Arbeitsmen gentheorie und der darauf aufgebauten Marx schen
Arbeits zeit theorie des Warenwertes einigermaßen zu kontrastieren,
obgleich mir selbstverständlich klar war, daß darin kein Unterschied
der grundsätzlichen Auffassung, sondern eben nur der Betonung,
liegen sollte: selbstverständlich ist auch die Ricardosche sowohl
wie die Marxsche Wertlehre prinzipiell eine „Arbeitswerttheorie
des Warenwertes“. Denn jede Werterklärung ist eine Gleichung,
muß eine Gleichung sein, weil der Wert ein Maß ist, und alle
Maßausdrücke nichts als Gleichungen sind In einer Gleichung
dürfen aber nur Größen „gleicher Dimension“ stehen:
das ist ein Elementarsatz der Arithmetik. Man kann Längen nur
mit Längen, Gewichte nur mit Gewichten usw. messen. Alle
Gleichungen für den Wert, die wir bisher aufgestellt haben, haben
überhaupt nur unter der einen Voraussetzung einen Sinn, daß auf
beiden Seiten nichts vorkommt als Wertausdrücke.

Nicht einmal das wird heutzutage von Leuten mehr ver-
standen, die als angebliche Fachmänner für theoretische Ökonomik
das kritische Richtschwert schwingen. Das wird durch die folgende
Polemik gezeigt, zu der ich einmal gezwungen wurde:

In Nr. ı1 des Jahrgangs VI., 1915 des „Kampf“, des offiziellen
wissenschaftlichen Organs der Österreichischen Sozialdemokratie,
ließ Herr Paul Brunner über meine Broschüre „Die soziale Frage
und der Sozialismus“ eine kritische Anzeige vom Stapel, die den
Titel trug: „Herr Oppenheimer, der marxistische Bourgeois“. Die
Redaktion verweigerte mir mutvoll die Erlaubnis zur Erwiderung,
der ich den Titel geben wollte: „Herr Brunner, der antimarxistische
Marxist“. Ich lasse aus dem liegengebliebenen Manuskript, dessen
positiver Inhalt im vorhergehenden verarbeitet worden ist, das
Polemische folgen, nicht Herrn Brunner zu Ehren, sondern weil
die Sache wohl einer größeren Ausführlichkeit wert ist:

„Ich bin Herrn Brunner dankbar, erstens, weil er sich auf
meine Herausforderung gestellt hat, und zweitens weil er mich
viel liebenswürdiger behandelt hat, als ich es von jener Seite ge-
wöhnt bin. Er hat sich bemüht, meine Anschauungen und Be-
hauptungen korrekt und vollständig wiederzugeben; und auch der
Tenor seiner eigenen Ausführungen zeugt von gewisser Milde.
Die althergebrachte, sozusagen rituelle ungeheure Heiterkeit über
die geistigen Defekte des unglücklichen Angreifers ist ja noch zum
Ausdruck gebracht (irre ich mich, wenn sie mir ein klein wenig
gezwungen erscheint?): aber es fehlt ganz und gar die eigentlich
        <pb n="55" />
        47 AST
doch auch zur Liturgie gehörige Entrüstung über die entsprechenden
sittlichen Defekte.

Und nun zur Sache:

Ich habe der Marxschen Arbeits-Zeit-Theorie des Waren-
wertes meine „Arbeits-Wert-Theorie“ des Warenwertes entgegen-
gestellt. Dazu bemerkt Herr Brunner: „Schon der Name der
neuen Lehre macht uns stutzig. Der Arbeitswert als Wertmaß-
stab? Höchst sonderbar und unlogisch klingt das!“

Wirklich? Ach, Herr Brunner, als ein kritischer Richter,
der nach dem Marxschen Kodex seine Urteile zu fällen hat,
sollten Sie wirklich wissen, daß auch die Marxsche Wertlehre im
Grunde eine „Arbeitswerttheorie des Warenwertes“ ist!. Und
wenn Sie nur ein wenig nachdenken wollten, würden Sie finden,
daß es gar nicht anders sein kann. Es gibt nämlich einen Ele-
mentarsatz, — ich bitte um Verzeihung, wenn ich hier mit ABC-
Weisheiten komme, aber, wenn man dazu gezwungen wird ...—
der sich auf den Geltungsbereich von Gleichungen bezieht: und
das werden Sie ja wohl wissen, daß alles Messen auf Gleichungen
hinausläuft, und daß das Problem des Wertes ein Messungsproblem
ist. Jener Elementarsatz lautet, daß in einer Gleichung nur „gleich-
dimensionale Größen“ vorkommen dürfen. Das heißt: ich kann
Längen (Strecken) nur mit Längeneinheiten, Gewichte nur mit Ge-
wichtseinheiten, Volumina nur mit Volumeinheiten, Temperaturen
nur mit Temperatureinheiten usw. messen. Und so kann ich
Werte nur mit Werteinheiten messen. So wenig ich sagen darf:
der Weg von London nach Berlin ist 99° Celsius oder ı23 Kilo,
oder: das Gewicht der Bavaria ist 1296 Hektoliter oder 70 Kilo-
watt — — geradeso wenig darf ich sagen: der Wert dieser Uhr
ist 23 Stunden.

Das hat Karl Marx, der als Schüler Hegels in solchen
Formalien stärker war als mancher seiner heutigen Adepten, sehr
gut gewußt. Und darum hat er als Wertmaß selbstverständlich
eine Werteinheit aufgestellt und zwar eine Arbeitswerteinheit,
nämlich den Aufwand einer selbst Wert besitzenden und daher
Wert bildenden Substanz während einer bestimmten Zeit, einer
Stunde, eines Tages, eines Jahres. Sein Wertmaß ist eine Stunde
usw. einer Arbeit von bestimmtem gesellschaftlichen Wert, näm-

I) Marx sagt ausdrücklich: „Ist der Wert dieser Kraft höher, so äußert er sich
aber auch in höherer Arbeit und vergegenständlicht sich daher in denselben Zeiträumen
in verhältnismäßig höheren Werten.‘
        <pb n="56" />
        .  4- —-
lich eine Stunde usw. einer „gesellschaftlich nützlichen“ und gleich-
zeitig „gesellschaftlich notwendigen“ oder „gesellschaftlich durch-
schnittlichen“ Arbeit.

Nicht die Zeiteinheit als solche ist sein Wertmaßstab (was
ganz unsinnig wäre); aber auch nicht die auf beliebige mensch-
liche Arbeit verwandte Zeiteinheit. Er weiß, das menschliche
Arbeit nur Wert bildet, wenn sie für die Befriedigung eines ge-
sellschaftlichen Bedürfnisses erforderlich, d. h. „gesellschaftlich
nützlich“!) ist: die Arbeit eines Bergsteigers kann noch so viele
Meterkilogramm leisten, sie schafft keinen Wert. Ja, selbst solche
Arbeit, die beabsichtigt, gesellschaftlich nützliche Produkte herzu-
stellen, kann wertlos sein, wenn sie „überflüssig verausgabte Ar-
beitszeit“2) darstellt, weil entweder das vermutete gesellschaftliche
Bedürfnis in Wirklichkeit nicht vorhanden war, oder zwar vor-
handen war, aber von anderen Produzenten bereits befriedigt
wurde. Das Wertmaß ist also ein Wert: wertschaffende, oder
vielmehr: ihren eigenen Wert übertragende Arbeitszeit.

Aber damit ist, wie Marx sehr wohl erkennt, das Wertmaß
nur qualitativ, aber noch nicht quantitativ bestimmt, und das ist
die Hauptsache. Wir brauchen zum Zweck des Messens überall
eine quantitativ genau bestimmte Einheit des qualitativ geeigneten,
weil „gleichdimensionalen“ Maßobjektes. Diese Einheit versucht
Marx zu gewinnen, indem er eine Arbeit von ganz bestimmtem
eigenen Wert und daher ganz bestimmter Wert bildender Kraft
herausgreift, nämlich die „gesellschaftlich durchschnittliche“ oder
„gesellschaftlich notwendige“ Arbeit. Und das ist die Arbeit, die
sich charakterisiert als Verausgabung einer „durchschnittlichen“
und, nach dem Stande der jeweiligen Technik, „durchschnittlich“,
„notwendig“, mit Produktionsmitteln bewaffneten „Arbeitskraft‘
für gesellschaftlich notwendige Zwecke. Und diese Arbeitskraft
hat, wie man weiß, nach Marx selbst Wert, und zwar, wie er
annimmt, den durch ihre Produktionskostenarbeit bestimmten
Wert.

Wenn Marx also als von seinem Wertmaß von der „Arbeits-
stunde“, dem „Arbeitstage“ usw. spricht, so ist das ein kurzer, aus
denkökonomischen Gründen terminologisch gekürzter Ausdruck für
einen komplizierten Begriff, nämlich: während einer Stunde usw.
verausgabte Arbeitskraft bestimmten Wertes, oder noch klarer:

I) „Kapital‘, I, S. 70.

2) „Kapital“, I, S. 71.

be
        <pb n="57" />
        AA —
während einer Stunde verausgabter Wert von bestimmter Größe.
Der Begriff „Arbeitsstunde“ will genau so exakt verstanden werden,
wie etwa der Begriff „Kilowattstunde‘‘. Das bedeutet auch nicht
etwa eine Stunde, in der irgendeine elektrische Arbeit geleistet
wird, sondern eine Stunde, während deren eine Arbeit von genau
bestimmter Größe geleistet wird.

Die „Arbeitsstunde“ ist also selbst ein Wert und konnte nur
darum, als „gleichdimensional‘“, als Wertmaß benützt werden. Wer
sie als „Zeit“ auffaßt, imputiert M ar x den plumpsten aller elementaren
Fehler und sieht lächerlicherweise nicht, daß die Angabe der
„Arbeitszeit“, bei den „Arbeitsstunden“ wie bei den Kilowatt-
stunden, nichts weiter bedeutet als die Zählung der aufgewendeten
und gemessenen Werteinheiten.

Ob dieses Wertmaß brauchbar ist, ist eine Frage für sich.
Jedenfalls hatte Marx, nachdem er es einmal definiert hatte, nicht
mehr nötig, jedesmal ausdrücklich zu betonen, daß sein Maßstab
selbst ein Wert sei, so wenig wie es uns bei Längenmessungen
jeweils einfallen wird, ausdrücklich hervorzuheben, daß ein Meter
ein Längenmaß und nicht ein Temperaturmaß ist. Was uns bei
Längenmessungen allein noch interessiert, und was Marx bei
seinen Wertmessungen ebenfalls allein noch interessierte, bestand
einzig und allein darin, festzustellen, wie oft sein Maßstab in dem
zu messenden Objekt enthalten war, d. h. eben zu messen. Darum
spricht er nur von der Zahl der Arbeitsstunden, gerade wie der
Geodät nur von der Zahl der Kilometer spricht. Aber sein Maß
bleibt darum doch ein Wert, und zwar ein Arbeitswert, und seine
Theorie eine Arbeitswerttheorie des Warenwertes,

Nun habe ich, weil Marx nach meiner Meinung die Be-
deutung der bloßen Zahl von Arbeitswertstunden stark überschätzt,
d. h. der „Arbeitszeit“ mehr Bedeutung beimißt als ihr zukommt,
seiner Theorie als „Arbeitszeittheorie“ die meine gegenübergestellt,
die ich als „Arbeitswerttheorie“ bezeichnet habe. Das sind Be-
quemlichkeitsausdrücke, kurze Bezeichnungen für komplizierte Be-
griffe, die rein denkökonomisch gemeint und vielleicht nicht
glücklich gewählt sind’): und da kommt ein angeblicher Marx-
schüler und jedenfalls wohlbestallter marxistischer Richter und
nimmt das Wort beim Worte, bildet sich ein, Marx habe in der
Tat eine Arbeitszeittheorie des Wertes im strengen Sinne des

1} Vielleicht könnte man weniger mißverständlich sagen; unvollkommene und voll-
kommene Arbeitswerttheorie; aber das klänge weniger bescheiden, als es gemeint ist.

Fr. Oppenheimer, Wert und Kapitalprofit, 3, Aufl.

‚9)
        <pb n="58" />
        Wortes vorgetragen, und befindet jede Arbeitswerttheorie an sich
— nicht nur etwa die meine, sondern grundsätzlich jede! — als
„höchst sonderbar und unlogisch“. Ich will nicht sagen, wie ich
das finde, sondern nur wiederholen, daß auch die Marxsche Wert-
lehre nichts anderes ist als eine solche „höchst sonderbare und un-
logische“ Arbeitswerttheorie des Wertes — und daß jede andere,
z. B. jede wörtlich gemeinte Arbeitszeittheorie, schon formal un-
möglich, ein logisch-arithmetischer Nonsens wäre‘).

Nach dieser ersten Probe wird man es begreiflich finden,
wenn ich auch im sachlichen, zu dem ich jetzt schreite, vom ABC
beginne. Ich werde, wie mein Herr Kritiker von Marx rühmt,
ihn‘ „nach altbewährter didaktischer Methode schrittweise, gleich-
sam mitfortschend und mitentdeckend, dem vollständigen Gesetz
näher bringen“. Dabei werde ich mich, so viel wie möglich, einer
Sprache bedienen, die so leicht kein Mißverständnis zuläßt, und
die auch Marx mit Vorliebe anwendet, der mathematischen.“

Bis hierher bin ich meiner damaligen Niederschrift gefolgt
Ich entwickelte dann die Formel des statischen Preises ähnlich wie
oben und fuhr darauf fort:

„Wir haben in unserer Gleichung auf der rechten Seite nur
bekannte Größen. Und zwar lassen sich alle diese bekannten Größen
ohne weiteres umrechnen auf einen Generalnenner, nämlich auf
Arbeitswert, gemessen an der Zeit. Es ist das ein kom-
binierter Maßstab, wie wir ihn oft brauchen, ähnlich wie Kilogramm-
meter (bei Kraftmaschinen) oder Tonnenkilometer (bei Eisenbahnen)
oder Stundentonnen (bei Wasserfällen). So können wir auch hier
E und s zurückführen auf „Arbeitswertstunden“. Denn hier er-
zeugt jede Arbeitsstunde jedes Produzenten den gleichen Wert.

Nenne ich die Arbeitswertstunde @ und die Zahl der in einem
Produkt insgesamt verkörperten Stunden 77 so erhalte ich also die
Formel:

= TG

Das ist die Marxsche Formel des absoluten Wertes.

ı) Es bedarf für den Kenner der älteren Theorie keines ausführlichen Beweises,
daß alle „Arbeits‘“-Theorie des Wertes vor Marx ebenfalls schon Arbeitszeit- und
Arbeitswerttheorie war. Das ist bei Smith, Ricardo usw. ausdrücklich ausgesprochen.
Wenn man hier überhaupt unterscheiden will, so kann man es nur tun, weil die älteren
den Ton mehr auf die Menge, Marx mehr auf die Zeit, ich mehr auf den Wert der
Arbeit lege. Aber wir wollen sämtlich die Menge einer Arbeit bestimmten Wertes
an der Zeit messen.
        <pb n="59" />
        Daraus ergibt sich die Formel für den relativen Wert wie
folgt:

ACEN
ve Ta I

Das ist die Marxsche Formel‘ für den relativen Wert, der-
zufolge, um Brunner zu zitieren, die „Waren sich im Verhältnis
der zu ihrer Herstellung gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit
austauschen“ (S. 499). Dieses Ergebnis wird hoffentlich bei meinem
Herrn Gegner ein gewisses Vertrauen zu der Methode hervorrufen,
durch die es gewonnen wurde.

Wir wollen uns aber doch die Formel ein wenig genauer
anschauen. Z; und 7, bedeuten hier nichts anderes als nackte
Ziffern. Jeder Rest einer Maßbezeichnung ist aus der Formel ver-
schwunden; übrig geblieben ist nur das bloße Maßverhältnis. Wenn
7, z. B. ı9 und Z, 76 bedeutet, so sagt die Formel nur noch, daß
ich für ein Exemplar % vier Exemplare z, eintauschen kann, denn
die Werte verhalten sich wie ı:4. Nach welcher Werteinheit wir
gerechnet haben, ist nicht mehr erkennbar; geradesowenig, wie es
erkennbar ist, nach welcher Längeneinheit, ob nach Meilen oder
Metern oder Werst, wir gerechnet haben, wenn wir einmal berechnet
haben, daß sich die Strecke Berlin-Leipzig zu der Strecke Berlin-
Wien verhält wie ı:4. Diese Feststellung ist vielleicht nicht ohne
Bedeutung. Sie erklärt wenigstens, wie es möglich ist, daß
schwache Mathematiker und Logiker, die sich nur die nackte
Schlußfassung anschauen, zu der „höchst sonderbaren und unlo-
gischen“ Auffassung kommen können, man könne Werte mit
Zeiten messen.

„Sapienti sat“!
2. Die Qualifikation.

Der zweite Gegenstand, der hier antikritisch gesichert werden
muß, ist mein Begriff der „Qualifikation“. Es ist klar, daß meine
Formeln mit ihm, und namentlich mit der Möglichkeit, den „durch
schnittlich qualifizierten Produzenten“ aufzufinden, stehen und fallen.

Hier weicht Amonns Auffassung noch von der meinen ab,
wenngleich sich auch hier erfreulicherweise die Annäherung schon
so weit vollzogen hat, daß ich auf eine vollkommene Einigung zu
hoffen wage. Ich habe die Qualifikation definiert: „als die Fähigkeit
einer ökonomischen Person, Produkte zu Markte zu bringen, die

AI
        <pb n="60" />
        im Verhältnis zu den Produkten anderer Personen ein höheres
(bzw. geringeres) Einkommen erbringen“!). Amonn erklärt (II),
diese Definition nicht bestreiten zu wollen. Er habe sich „ja schon früher
auf ihren Boden gestellt“. Aber er könne, sagt er, es nicht als ihre
Konversion anerkennen, „daß jeder, der ein geringeres (bzw. höheres)
Einkommen aus seinen Produkten erzielt als ein anderer, geringer
(bzw. höher) qualifiziert ist. Das brauche ich wohl nicht zu beweisen.
Es liegt offenkundig wieder eine Verwechslung der ‚Fähigkeit‘
mit der Ausnützung oder Verwertung der Fähigkeit vor. Ich
bin mir vollkommen bewußt, daß ich dem Sinn, den Oppen-
heimer mit seiner Definition verbindet, nicht vollständig gerecht
werde. Er gebraucht das Wort ‚Fähigkeit‘ offenbar in einem
anderen Sinn, als es in der gewöhnlichen Sprache üblich ist, er
sagt aber niemals klipp und klar, was er darunter versteht“.

Nun, ich will mich mit der allerdeutlichsten Klarheit aus-
drücken: ich brauche „Fähigkeit“ in der Bedeutung, in der die ge-
wöhnliche Sprache z. B. von der „Zahlungsfähigkeit“ eines Kauf-
manns, der „Wettbewerbsfähigkeit“ eines Fabrikanten, der „Steh-
fähigkeit“ eines Leichtathleten spricht. All das ist nichts als der
nackte Ausdruck der empirischen Tatsache, daß der Kaufmann
seine Verpflichtungen erfüllt hat, daß der Fabrikant seine Produkte
mit Vorteil zu dem gleichen Preise verkauft hat wie seine Kon-
kurrenz, und daß der Athlet eine Langstrecke in guter Zeit durch-
laufen hat.

Nun bedeutet aber das Wort „Fähigkeit“ in der gewöhnlichen
Sprache noch etwas anderes, nahe Verwandtes, nämlich einen In-
begriff von persönlichen und sachlichen Eigenschaften, kraft deren
die Fähigkeit im ersten Sinne vorhanden, d. h. der ökonomischen
Person die Möglichkeit gegeben ist, die betreffenden Produkte
zu Markte oder die betreffenden Leistungen zustande zu bringen.
Wir sagen z. B., daß die „Zahlungsfähigkeit“ eines Kaufmanns durch
den Bankrott eines Geschäftsfreundes erschüttert ist, daß eine
Spinnerei von 1000 Spindeln unter heutigen Verhältnissen nicht
„wettbewerbsfähig“ ist, daß ein berühmter Langstreckenläufer durch
eine Erkrankung seine „Stehfähigkeit“ verloren hat”).

1) Theorie, S. 468.

2) Die gleiche Doppelbedeutung findet sich auch bei Sachen. Man spricht
z. B. von der Backfähigkeit eines Mehls und meint damit nichts anderes, als daß dieses
Mehl sich leicht verbacken läßt. Aber man sagt auch hier z. B., daß ein aus auschließ-
lich deutschem Weizen hergestelltes Mehl seines großen Wassergehalts wegen nur schlechte
„Backfähigkeit‘“ besitzt.

A
        <pb n="61" />
        a

Ich habe den Ausdruck Fähigkeit gerade dieser Doppelbedeu-
tung wegen mit gutem Bedacht gewählt, weil er, richtig verstanden,
aus diesem Grunde auch für die kinetische Betrachtung verwertbar
ist, die uns auch hier wieder den „Realgrund“ für das statische
Gleichgewicht zu geben hat. Hier entscheidet nämlich nicht, wie
in der Statik, nur die Tatsache, sondern oft bereits die
Möglichkeit, gegeben in jenem Inbegriff von persönlichen und
sachlichen Eigenschaften, über Art und Produktion, weil sie über
die Wahl und eventuell den Wechsel des Berufs entscheidet.

Hier setzen Amonns Bedenken ein; er schreibt in seiner
Kritik etwa das Folgende: Hier ist ein Mensch, der zwischen
zwei Berufen zu wählen hat. Für beide besitzt er die volle
Begabung des Körpers und Geistes, aber der eine Beruf ist
schwerer, unangenehmer oder gefährlicher als der andere. Er wird
ihn nur wählen, wenn ihm in Gestalt höheren Preises für seine
Arbeit oder seine Erzeugnisse ein Äquivalent für das größere
Opfer gewährt wird. Folglich bestehe die von mir behauptete
Tendenz zur Ausgleichung der Einkommen nicht einmal zwischen
den gleich Qualifizierten.

Darauf habe ich zunächst in meiner Replik mit Ausführungen
über die „soziologische Bestimmtheit“ der Qualifikation geantwortet,
die oben in größerer Ausführlichkeit wiederholt worden sind. Sie
schlossen folgendermaßen: Für uns ist nur das eine maßgebend,
daß in der von uns betrachteten Gesellschaft diese Auffassungen
herrschen. Wo sie aber herrschen, da ist es klar, daß in der
Kinetik den als angenehmer usw. angesehenen Berufen im Ver-
hältnis zur Nachfrage mehr, den anderen weniger Adepten zu-
strömen: daß daher die Konkurrenz dort schärfer, hier weniger
scharf wirkt; daß daher in der Statik dort der Preis der Arbeit
geringer, hier höher sein muß. Das aber heißt schließlich nichts
anderes, als daß die Angehörigen der weniger anziehenden Be-
rufe höher qualifiziert sind.

Wenn also,., um sein Beispiel zu benützen, ein Knabe im
Berg werksbezirk vor der Berufswahl steht, so ist ihm die gesell-
schaftliche Tatsache gegeben, daß er als Bergmann ein bestimmtes
Mehr an Lohn verdienen oder ein bestimmtes Minder an Arbeits-
stunden zu leisten haben wird wie als Handwerker. Wenn er
trotzdem den angenehmeren oder weniger gefährlichen Beruf wählt,
so ist er eben deshalb als minder qualifiziert gekennzeichnet: er
zieht das kleinere Mittel zum kleineren Erfolge dem
größeren Mittel zum größeren Erfolge vor.

y X
        <pb n="62" />
        —- 54 -

Darauf hat Amonn in seiner Duplik das folgende erwidert :

„Daist erstens die Voraussetzung der Ausgleichstendenz
der Einkommen in der Statik. Oppenheimers Bemühungen,
die Richtigkeit dieser Behauptungen zu erweisen, scheinen mir
leider nicht von Erfolg gekrönt zu sein. Wenigstens ist es mir
nicht möglich, mich als überzeugt zu bekennen. Daß die An-
schauungen über die „Annehmlichkeit usw.“ der verschiedenen
Berufe „soziologisch bestimmt“ sind, das will ich gewiß nicht be-
streiten, aber es scheint mir nicht, daß dieser Tatsache irgendeine
Relevanz für die behauptete Tendenz der Ausgleichung der Ein-
kommen Gleichqualifizierter in der Statik zukommt. „Denn was
bedeutet Qualifikation? Es bedeutet nichts anderes als die Fähig-
keit einer ökonomischen Person, Produkte (Güter oder Dienste)
zu Markte zu bringen, die im Verhältnis zu den Produkten anderer
Personen ein höheres als deren Einkommen erbringen.“ So spricht
Oppenheimer selbst. Nun, angenommen, zwei haben gleiche
„Fähigkeit“ in dieser Hinsicht, — Oppenheimer variiert leider
mein früher als Gegeninstanz gebrachtes Beispiel so, daß das
punctum saliens nicht mehr zur Geltung gelangt, — nämlich die
Fähigkeit, sowohl höher als minder bezahlte Produkte (Güter oder
Dienste) zu Markte zu bringen, also „Produkte, die im Verhältnis
zu den Produkten anderer Personen ein höheres als deren Ein-
kommen erbringen“ oder ein niedrigeres. Ist damit schon gegeben,
daß sie sich beide dem Berufe zuwenden, in welchem sie das höhere
Einkommen gewinnen können? Da steht wohl noch in Frage, ob
die Differenz im Einkommen die Differenz der Annehmlichkeit,
der Gefährlichkeit, der Anstrengung, nach ihrer „subjektiven“
Schätzung aufwiegt, die „subjektive“ Schätzung mag nun rein sub-
jektiv oder objektiv durch die gesellschaftlichen Anschauungen,
Traditionen usw. bedingt sein. Auf jeden Fall ist ein derartiges
Aufwiegen neben der Tatsache der „Qualifikation“ oder Fähigkeit,
solche höher bezahlte Produkte zu Markte zu bringen und dadurch
ein höheres Einkommen zu gewinnen, notwendig. Die Fähig-
keit allein ist nicht entscheidend, auch wenn man darunter nicht
bloße intellektuelle „Begabung“ versteht, sondern auch „moralische“
Fähigkeit. Nun scheint Oppenheimer sagen zu wollen, wenn
einer „trotzdem den angenehmeren oder weniger gefährlichen Beruf
wählt“, obwohl er weiß, daß damit ein geringeres Einkommen ver-
knüpft ist oder ein gleich großes nur bei größerer Arbeitszeit,
— eine Annahme, die jener, daß in der Statik alle gleich lang
arbeiten, eigentlich widerspricht, ein Widerspruch, der bei Oppen-
        <pb n="63" />
        heimer dafür charakteristisch ist, daß sein Denken selbst von
der dieser Behauptung widersprechenden Wirklichkeit sich nicht
freimachen kann*), — „so ist er eben deshalb als minder quali-
fiziert gekennzeichnet“, so nimmt er als kennzeichnend für den
Begriff der „Qualifikation“ nicht mehr die „Fähigkeit“, sondern
einfach die Tatsache einer bestimmten Wahl. Damit ist aber
dann eine petitio principii gesetzt: er setzt schon voraus, daß die
Qualifizierten ein höheres Einkommen beziehen, indem er eben
diejenigen „qualifiziert“ nennt, die einen Beruf ergreifen, der ein
höheres Einkommen erbringt. Natürlich setzt dies auch die „Fähig-
keit“ voraus, aber nicht die Fähigkeit, höher bezahlte Produkte
zu erzeugen, ist dann das entscheidende, sondern erst die auf
Grund dieser Fähigkeit vollzogene Wahl, die Tatsache, daß man
höher bezahlte Produkte erzeugt. Logisch ausgedrückt: der Satz
Oppenheimers ist nunmehr ein rein analytisches Urteil,
und aus einem solchen können sich keine empirischen Erkenntnisse
ergeben“ (S. ı25 ff.).

Über den letzten Satz werden wir im nächsten Abschnitt zu
sprechen haben. Hier will ich mich vorläufig nur auf den Streit-
punkt: Qualifikation beschränken. Dazu das folgende: |

Amonn legt mich vollkommen richtig aus: nicht die Fähig-
im zweiten Sinne, höher bezahlte Produkte zu erzeugen, ist das Ent-
scheidende, sondern die auf Grund dieser Fähigkeit vollzogene
Wahl, die Tatsache, daß die betreffende ökonomische Person
höher bezahlte Produkte erzeugt (Fähigkeit im ersten Sinne). Das
gilt sogar schon für die Kinetik: wer Fähigkeit 2 hat, aber sie
nicht für Fähigkeit ı ausnützt, ist geringer qualifiziert als sein
Konkurrent von gleicher Fähigkeit 2, der es tut. Es gilt aber
vor allem für die Statik, die uns ja in diesen Betrachtungen fast
allein interessiert. Ich nenne in der Tat diejenigen „qualifiziert“,
die einen Beruf ergreifen (und ausüben), der (ihnen) ein höheres
Einkommen erbringt. Das ist meine Definition des Be-
griffes Qualifikation. Sie enthält nicht ein Gran von „Er-
klärung“, sondern ist nichts als eine Begriffsbestimmung.
Ich könnte sie jetzt, nachdem ich den Begriff „Fähigkeit‘“ so aus-
führlich erläutert habe, auch mit „Einkommensfähigkeit“ übersetzen.

Um aber womöglich jedes weitere Mißverständnis aus-
zuschließen. will ich den zweideutigen Ausdruck „Fähigkeit“ durch
einen eindeutigen ersetzen, wennschon das zu Schwerfälligkeiten

ı) Vgl. dazu oben S. 26 Anm.

55
        <pb n="64" />
        56

führen muß, da die gewöhnliche Sprache keinen anderen mir be-
kannten Ausdruck für das besitzt, was hier ausgedrückt werden soll:
Qualifikation ist der Ausdruck der gesellschaftlichen
Bewertung von Produzenten, gemessen an ihrem Ein-
kommen (geradeso wie „Qualität“ der Ausdruck der gesellschaft-
lichen Bewertung von Gütern ist, gemessen an ihrem Preise). Wer
für seine „zusätzliche Arbeit“, werde sie nun als Gut oder als Dienst
produziert, ein höheres Einkommen erzielt, ist höher qualifiziert als
jemand, der ein geringeres Einkommen erzielt, und zwar — in der
Statik — genau im Verhältnis zu der Verschiedenheit der Ein-
kommen. Die Qualifikationsstufen verhalten sich wie
die Einkommenverschiedenheiten: wir können die
Qualifikation verschiedener Produzenten an nichts anderem, als ihrem
Einkommen messend vergleichen.

Das ist meine Definition. Und ich behaupte bis zum Be-
weise des Gegenteils, daß es auch einem Manne von dem Scharf-
sinn meines Herrn Gegners nicht gelingen wird, eine andere
Definition zu finden, die der logischen Forderung entspricht, sämt-
liche Tatsachen des Gebietes, und nur sie, zu decken.

Worum handelt es sich? Um die Tatsache, daß eine Anzahl
von Produzenten aus persönlichen Gründen (also abgesehen von
den durch Monopole verursachten Verschiedenheiten) ein höheres
(beziehungsweise geringeres) Einkommen beziehen als andere. Und
diese Tatsachen sind überaus vielgestaltig und zum Teil sehr merk-
würdig: ein Boxerchampion z. B. hat heutzutage das hundertfache
Einkommen eines berühmten Gelehrten, und die allergrößten Ge-
lehrten und Künstler haben zuweilen überhaupt kein Einkommen
von den Produkten ihres Genies! Oder eine tugendhafte Nähterin
nagt am Hungertuche, während eine leichtfertige Schöne im Über-
fluß schwelgt! Unzweifelhaft korrespondieren diese Verschieden-
heiten des Einkommens mit gewissen Verschiedenheiten der per-
sönlichen „Fähigkeiten“. Ich behaupte, daß nur meine Definition
auch alle -diese seltsamen Tatbestände deckt.

Aber ich will mich tiefer einlassen. Ich bin mir vollkommen
klar darüber, daß meine Definition etwas sehr Unbefriedigendes hat.
Es verlangt uns, zu wissen, auf welchen Gründen jene seltsamen
Tatsachen der Bewertung durch die Gesellschaft beruhen, Indem
ich diesem Gegenstande nachgehe, werde ich auch noch die letzte
Aufgabe zu lösen versuchen, die die Kritik sich stellen kann:
nämlich den psychologischen Quellpunkt des gegnerischen Irrtums
        <pb n="65" />
        ss
so aufzudecken, daß der Leser versteht, wie der Irrtum möglich,
fast unvermeidbar gewesen ist.

Da ist zuerst zu sagen, daß wir Tatsachen von ganz der
gleichen Seltsamkeit auch auf dem Gebiete der Bewertung von
Sachen antreffen. Warum „schmeckt“ Kaviar kraft gesellschaft-
licher Bewertung „besser“ als Butterbrot? Warum sind Diamanten
„schöner“ als Rheinkiesel, von denen sie nur der Juwelier unter-
scheiden kann? Warum sind gar künstliche Rubine und Smaragde,
die vollkommene und völlig reine Kristalle sind, weniger hoch
bewertet als echte Steine der gleichen Art und Größe, die man
als echt nur an ihren Fehlern erkennen kann?!

Aber mit dieser Parallele ist unsere Zweifelsfrage nur ver-
schoben. Wenn wir erkennen, daß sie auf ein weiteres Gebiet
anwendbar ist, so haben wir um so mehr eine Erklärung nötig
oder wollen wenigstens den Beweis haben, daß sie unmöglich ist.

Orientieren wir uns wieder an dem Wert der „Sachen“.
Eine Sache wird in der Regel nur aus dem Grunde begehrt, weil
der Begehrende aus persönlicher Erfahrung oder aus der Erfahrung
seiner Gesellschaft, die ihm als Teil ihrer Wertungen objektiv
übermittelt worden ist und subjektiv als Beweggrund in ihm wirkt,
weiß, daß diese Sache die objektive Nützlichkeit hat, das empfundene
Bedürfnis auch wirklich zu befriedigen, wie etwa Brot, den Hunger
zu stillen, oder Chinin, die Malaria zu heilen. Nun ist das freilich
„für unsere Begriffsbildung“ nur akzidentell und nicht essentiell.
Essentiell ist als Bedingung eines Begehrens nur die Vorstellung
des Bedürfenden von der Tauglichkeit des Dinges, gleichgültig,
ob sie wahr oder falsch sei. (Theorie, S. 88.) Es werden auch
Rauschgifte, Amulette und Liebestränke begehrt, trotzdem die
erstgenannten objektiv schädlich, und die beiden letzten nach der
Überzeugung der Oberschichten moderner Kulturgesellschaften
ohne objektive Nützlichkeit sind.

Aber es gibt doch unzweifelhaft Dinge von objektiver Nützlich-
keit, von denen daher die ganz allgemein verbreitete Vorstellung
besteht, daß sie objektiv nützlich sind, und die deswegen von
jedermann begehrt werden — wo also die objektive Nützlichkeit
die Bedingung der Bedingung des Begehrens ist. Und von diesen
Dingen sagt der Sprachgebrauch, von dem man wissenschaftliche
Exaktheit nicht verlangen kann, sie hätten „Wert“. Hier wird
das Wort rein adjektivisch als Eigenschaft des Dinges gebraucht.

Ganz analog liegen die Dinge nun auch beim Begriff Quali-
fikation. Auch hier hängt die Qualifizierung der Personen durch
        <pb n="66" />
        Sa

die Gesellschaft offenbar in den meisten Fällen mit objektiv ge-
gebenen Eigenschaften dieser Personen irgendwie zusammen, so eng
zusammen, daß wir die Ursache der Einkommensverschieden-
heiten „erklärend verstehen können“, um Max Webers Ausdruck
anzuwenden. Aber es handelt sich für uns nicht darum, die Ur-
sache, sondern die Höhe dieser Einkommensverschiedenheiten zu
verstehen, und zwar kann, da es sich um ein quantitatives Phänomen
handelt, hier natürlich nur das „rationale erklärende Verstehen“ in
Frage kommen, weil es sich um „intellektuell sinnhafte Hand-
lungen“ handelt. Das aber ist uns nur in einer sehr beschränkten
Klasse von Qualifikationsbewertungen möglich, nämlich fast nur
dann, wenn es um ungelernte Muskelkraft im Akkordlohn geht.
Hier handelt es sich erstens um Leistungen der gleichen Dimen-
sion, die zweitens unmittelbar quantitativ vergleichbar sind. Selbst-
verständlich verdient ein starker Sackträger, der doppelt soviel
Säcke vom Schiff auf den Speicher trägt wie ein schwächerer
Kamerad, im Akkord auch den doppelten Lohn. Aber dieses Ver-
stehen versagt schon dann häufig, d. h., es kann die Unter-
schiede des Einkommens nicht mehr vollkommen erklären, wenn
es sich um Leistungen gleicher Dimension, aber um gelernte Arbeit
handelt. So z. B. wird ein Stenograph, der 300 Silben in
der Minute aufzunehmen imstande ist, viel mehr als sechsmal so
hoch qualifiziert und entlohnt werden wie ein anderer, der es nur
auf 50 bringt. Hier können wir immerhin noch ungefähr intellek-
tuell die Ursachen der Einkommensverschiedenheit verstehen: aber
dieses Verstehen versagt bereits vor der Tatsache, daß ein hoch-
gewachsener Tenorist mit wohlgebildetem Antlitz wesentlich
höher qualifiziert ist, als ein stimmlich und schauspielerisch gerade
so begabter, aber körperlich weniger bevorzugter Kollege; und es
versagt vollkommen gegenüber so wunderlichen Tatsachen, wie
wir sie oben angeführt haben, wo es sich um Leistungen ver-
schiedener Dimension, z. B. eines Boxerchampions und eines
Gelehrten handelt; hier. ist nur noch ein „irrationales“ erklärendes
Verstehen aus irrationalen Motiven möglich.

In solchen Fällen hilft sich das unausrottbare Streben des
Menschen nach rationaler Erklärung mit dem typischen Trugschluß,
dem wir überall in der Soziologie, z. B. bei der Erklärung der Ge-
schichtsabläufe aus rassenmäßiger Anlage, begegnen. Gegeben und
zu erklären ist eine bestimmte Verschiedenheit des Einkommens. Man
schließt daraus auf die genau entsprechende Verschiedenheit der
„natürlichen Begabung“ und leitet dann wieder daraus die Ver-
        <pb n="67" />
        . 753
schiedenheit der Einkommen ab: die klare Setzung einer „quali-
tas occulta“, ein typischer Zirkelschluß. Das geschieht gerne und
oft namentlich dann, wenn es sich um Leistungen zwar ver-
schiedener, aber doch verwandter Dimensionen handelt, etwa beim
Vergleich der Einkommen verschiedener akademischer Berufe oder,
noch weiter spannend, der verschiedenen „geistigen“ Berufe von
Wissenschaftlern und Künstlern. Mit anderen Worten: man faßt
hier die Qualifikation durchaus adjektivisch, als objektive Be-
gabung der betreffenden Personen auf.

Offenbar hat Amonn den Begriff „Fähigkeit“ in meiner De-
finition der Qualifikation in dieser Weise mißverstanden. Ich hatte
davor gewarnt. Auf S. ırı meiner Replik steht: „Begabung ist,
was Amonn zu verkennen scheint, ökonomisch ebensowenig ohne
weiteres ‚Qualifikation‘, wie etwa ‚Bedürfnis‘ wirksame Nachfrage ist.“

Daß Amonn mich in dieser Weise mißverstanden hat, geht
nicht nur aus dem schon soeben Abgehandelten hervor, sondern
noch aus manchem anderen, Er macht z. B. gegen meine grund-
legende Definition der Qualifikation den folgenden Einwand, auf
den er freilich kein Gewicht zu legen, von dem er „absehen“ zu
wollen erklärt: „Vor allem hängt nun aber die Höhe des Einkommens
gar nicht allein von der Art der Produkte ab, die jemand zu Markte
bringt, sondern auch von der Menge derselben, nicht ausschließlich
von der qualitativen, sondern auch von der von jener unabhängigen
quantitativen Leistung des Produzenten. Infolgedessen kann, streng
genommen, nur von einer Fähigkeit, Produkte zu Markte zu bringen,
die im Verhältnis zu den anderen Produkten (nicht zu „den
Produkten anderer Personen“) einen höheren oder geringeren Preis
erbringen im Verhältnis zur Leistung, die das Zumarktebringen
bedeutet oder erfordert, gesprochen werden“.

Der Einwand würde mich nicht getroffen haben: ich habe
nirgends von der „Art“ der Produkte, sondern immer nur von
„Produkten“ schlechthin gesprochen. In den ersten Auflagen dieses
Buches (S. 67) kann man finden, daß ich ausdrücklich als höher
qualifiziert bezeichnet habe: erstens diejenigen, die aus höher
bezahlten Einzelprodukten ein höheres Einkommen beziehen, und
zweitens diejenigen, die in gleicher Zeit eine größere Menge gleich
hoch bezahlter Einzelprodukte zu Markte bringen (und daraus ein
höheres Einkommen gewinnen) als ihre Konkurrenten. Das heißt
also: wer zwar höher bezahlte Einzelprodukte, diese aber in so
geringer Zahl zu Markte bringt, daß sein Einkommen geringer ist
als das eines Konkurrenten, der eine größere Zahl geringer bezahlter

CC
        <pb n="68" />
        60

Produkte zu Markte bringt, ist nach meiner Definition geringer
qualifiziert; und das stimmt denn auch mit dem allgemeinen Urteil
überein, entspricht der „soziologischen Bewertung“. Man erkennt
aus diesen Sätzen, daß Amonn den Begriff Qualifikation als „Fähig-
keit“ im zweiten Sinne, und zwar in einer noch engeren Bedeutung
auffaßt, als gewöhnlich der Fall ist. Er denkt offenbar an den
„qualifizierten Handarbeiter“ und den „hochqualifizierten Geistes-
arbeiter“, die Produkte ganz anderer „Art“ hervorbringen als die
„Unqualifizierten“.

Um aber die Dinge noch vollständiger aufzuklären, wollen
wir uns noch einmal zur Kinetik und zur Berufswahl zurück-
wenden. Ich habe in meiner Duplik auf die obigen Ausführungen zu
diesem Gegenstande folgendes erwidert: Wer einen Beruf wählt,
sieht sich vor der objektiven Tatsache, daß von den verschiedenen
Berufen, für die er nach Körperbeschaffenheit, Vorbildung und
allgemeiner sozialer Lage die „Fähigkeit“ und die äußere Möglich-
keit besitzt, die einen ein höheres Einkommen abwerfen als die
anderen. Dem höheren Einkommen auf der Habenseite stehen
auf der Sollseite gegenüber: längere oder schwerere oder unan-
genehmere oder gefährlichere Arbeit des Körpers oder Geistes,
oder geringere Aussicht auf Erfolg: er wird z. B. als subalterner
Beamter mit großer Sicherheit regelmäßig avancieren, wird
aber freilich nur ein bescheidenes Einkommen erzielen, während
er als Anwalt, Arzt, Künstler, Kaufmann usw. zu sehr großem
Einkommen gelangen — aber auch ganz scheitern kann; oder es
steht auf der Sollseite geringere gesellschaftliche Ehre: Er wird
als Bordellwirt besser leben können wie als Handwerker, Sie als
Prostituierte besser wie als Arbeiterin — und die Unehre fällt
bei „normalen Menschen“ (von diesem Begriff wird sofort zu
sprechen sein) schwer ins Gewicht.

Wenn Er (oder Sie) den geringer bezahlten Beruf ergreift,
so kann das verschiedene Ursache haben. Er weiß nicht, daß ein
günstigerer Beruf offensteht, dann ist er gegenüber dem, der es weiß
und danach wählt, minder „fähig“, wenn auch vielleicht ebenso. „be-
gabt‘“: denn auch Kenntnisse sind „Fähigkeiten“. Oder: er weiß es
zwar, traut sich aber die Kraft und Ausdauer nicht zu, um zum Ziele
zu gelangen, oder fürchtet die Beschwerden oder Gefahren des Be-
rufes oder glaubt nicht an sein „Glück“, die wenigen großen Chancen
zu nehmen. Dann ist er gegenüber demjenigen, der den Mut hat
und danach wählt, minder „fähig“: denn auch Mut und Selbst-
vertrauen sind Fähigkeiten. Oder schließlich: er schreckt vor der
        <pb n="69" />
        —— 6. -
gesellschaftlichen Unehre zurück: wir haben das vom Standpunkt
des Ethikers aus in aller Herzlichkeit zu billigen, aber von dem
Standpunkt des Ökonomisten aus müssen wir sagen: es fehlt ihm
eine (zum Glück) relativ seltene und eben darum relativ hoch-
bezahlte „Fähigkeit“.

Amonns Antwort hierauf beweist, daß er den Begriff
„Fähigkeit“ nach wie vor als „Begabung“ deutet. Er schreibt: (II.)
„Fassen wir dieses Beispiel etwas allgemeiner, so lautet es: jemand
hat die Fähigkeit, sowohl einen Beruf mit schwerer und natürlich
besser bezahlter und einen anderen mit leichter und vielleicht
schlechter bezahlten Arbeit zu ergreifen. Er hat auch die äußere
Möglichkeit. Er weiß davon. Er ist sich auch durchaus sicher,
daß er die Arbeit leisten kann. Keiner der Gründe, die Oppen-
heimer für die Ergreifung des leichteren Berufes in Betracht zieht,
kommt in Frage. In Frage kommt lediglich, ob die Differenz im
Einkommen die Differenz in der Arbeitsbeschwerde nach der sub-
jektiven Schätzung des „Produzenten“ aufwiegt oder nicht. Dabei
handelt es sich doch nicht mehr um eine „Fähigkeit“ im üblichen
Sinne des Wortes, und wenn Oppenheimer aus der Tatsache der
Wahl in der einen oder der anderen Richtung auf die „Fähigkeit“
zurückschließt, so verwechselt er Können und Wollen oder
Fähigkeit und Ausnützung, oder Verwertung der Fähigkeit
oder eine Möglichkeit mit einer Tatsache“,

Das Mißverständnis liegt klar auf der Hand. Ich habe nichts
mehr hinzuzusetzen. Wenn sein Subjekt den höher bezahlten Beruf
nicht ergreift, so ist es per definitionem minderqualifiziert, weil es
das kleinere Mittel zum kleineren Ziele wählt. (Man könnte
immerhin auch sagen, daß ihm der Mut zu dem schwereren Berufe
fehlt: und Mut ist Begabung).

Damit sind wir an den letzten Punkt gekommen, der in
diesem Zusammenhang vielleicht noch behandelt zu werden ver-
dient. Man muß sich klarmachen, daß prinzipiell die Bewertung der
Qualifikation durch die Gesellschaft nach denselben Gesetzen erfogt
wie die Bewertung der Sachgüter durch die Gesellschaft, d. h.
ihre Preisfeststellung. In beiden Fällen entscheidet dasjenige, was
ich vorgeschlagen habe, als „relative ökonomische Seltenheit“ zu
bezeichnen. Je seltener eine überhaupt begehrte Eigenschaft ist,
handle es sich nun um körperliche Vorzüge: z. B. auffällig
kurze Stimmbänder (die Bedingung des Tenoristen) oder sinnen-
mäßige (z. B. die „Weinzunge“ oder in früheren Zeiten das
„Indigoauge“ eines Experten) oder geistige oder schließlich er-

en
        <pb n="70" />
        freuliche oder unerfreuliche moralische „Vorzüge“ (d. h. im Ver-
hältnis zum Bedarf seltene Eigenschaften): um so höher ist die
gesellschaftliche Bewertung der so ausgestatteten Personen, ist ihre
Qualifikation — genau aus demselben Grunde, warum Diamanten
teuerer sind als Rheinkiesel, und Kaviar teuerer als Butterbrot.
Es wird kaum nötig sein, hier näher auf die Verschiedenheiten sich
einzulassen, die innerhalb und unterhalb dieses allgemeinen Gesetzes
zwischen der Preisbildung der Sachgüter einerseits und der per-
sönlichen angeborenen Qualifikation anderseits bestehen. Dort nämlich
kann bei der weitaus überwiegenden Menge der Güter, nämlich den
„beliebig produzierbaren Gütern“, das Angebot bei steigender
Nachfrage „beliebig“ vermehrt werden: hier aber nicht.‘ Und
darum besitzt, was schon James Mill und Senior gesehen haben,
die Qualifikation eine beträchtliche Ähnlichkeit mit den Monopol-
stellungen; darum stellt sie mit diesen zusammen die beiden ein-
zigen „Hemmnisse der Konkurrenz‘, ihrer Tendenz dar, die Ein-
kommen völlig auszugleichen.

Nach Erledigung dieses Punktes können wir zum zweiten
fortschreiten. Amonn kann nicht verstehen, daß der „Grenz-
produzent“ immer „durchschnittlich qualifiziert“ ist; daß nach meinen
Worten, in der Statik „jeder Produzent in einer Grenzmine oder
jeder Grenzbauer von gleicher Qualifikation ist“ (S. ı29)- Er be-
merkt dazu: „Wie aber, wenn es Grenzbauern von verschiedener
Qualifikation gibt, und in der ‚Grenzmine‘ Produzenten von ver-
schiedener Qualifikation arbeiten? Sagen wir: in einer ‚Grenzmine‘,
die jedem offensteht, oder in mehreren solchen ‚Grenzminen‘, die
frei zugänglich sind, in welchen die äußeren Produktionsbedingungen
überall gleich und zugleich die ungünstigsten sind, unter welchen über-
haupt gearbeitet wird, produzieren mehrere Arbeiter mit verschiedener
Qualifikation (verschiedener Geschicklichkeit, verschiedenem Fleiß
usw.), und jeder von ihnen erarbeitet ein anderes Quantum, der
eine ı2kg, der zweite ıı kg, der dritte 1ı0kg, der vierte 9 kg, der
fünfte 8 kg, der sechste.7 kg Silber Reineinkommen. Wer ist nun
der ‚durchschnittlich Qualifizierte‘, wo beginnt die ‚überdurch-
schnittliche‘ wo die ‚unterdurchschnittliche Qualifikation‘ und
welches ist das ‚Normaleinkommen‘ Z? Die gleiche Frage 1läßt
sich in bezug auf die ‚Grenzbauern‘ aufwerfen.“

Hier kann ich nur wiederholen: es ist vollkommen per defini-
tionem ausgeschlossen, daß es in der Statik „Grenzbauern“ von
verschiedener Qualifikation geben könnte. Was nämlich versteht die
Theorie unter dem Grenzbauern? Nicht etwa den Bauern, der auf

02
0
        <pb n="71" />
        der Grenze des Anbaukreises sitzt, wie Amonn mißzuverstehen
scheint: diese Annahme ist nur unter der weiteren Voraussetzung
gestattet, daß alle Bauern völlig gleiche Qualifikation haben; dann
freilich ist jeder auf der Grenze des Anbaukreises sitzende Bauer
auch ein Grenzbauer. Sondern unter dem Begriff „Grenzbauern“
versteht die neue Theoretik (Ricardo hatte alle Elemente des
Begriffs, aber den Terminus selbst noch nicht, der erst unter dem
Einfluß der Grenznutzenlehre aufgekommen ist) die am: ungünstig-
sten gestellten normalen Urproduzenten, deren Produkt der Markt
noch braucht und daher zu einem Preise abnehmen muß, der ihnen
über ihre Kosten hinaus (zu denen auch ihr eigener Arbeitslohn
gehört) in der kapitalistischen Gesellschaft noch den Kapitalprofit,
aber nicht eine Grundrente abwirft. Und der Grenzbauer
ist, wie Ricardo ausdrücklich erklärt hat, durchschnittlich
qualifiziert.

Das geht aus den Daten der Statik wieder als ein „rein
analytischer Satz“ mit vollkommener Sicherheit hervor. Denn die
Statik ist charakterisiert dadurch, daß der Konkurrenzkampf in
ihr seinen Gleichgewichtszustand erreicht hat. Das heißt, daß
wohl in der Kinetik einzelne Produzenten aus irgendwelchen Ur-
sachen einen Vorsprung im Preiskampf — und daraus ein zeit-
weilig höheres Einkommen — genießen; daß aber die Konkurrenz
sich sofort daran macht, ihnen diese Vorteile wieder abzujagen,
und nicht eher damit aufhört, als bis ihr das vollkommen ge-
glückt ist.

Halten wir uns an unserere Sonderfälle! In der Kinetik der
Volksvermehrung wächst der Getreidepreis; die bisherigen Grenz-
bauern, deren Kosten als gleichbleibend gesetzt werden, verdienen
infolgedessen eine Zeitlang mehr als Lohn und Kapitalprofit?), haben
eine vorübergehende Grundrente. Das ruft die Konkurrenz wach;
es werden marktfernere oder von Natur aus geringere Böden in
Angriff genommen oder auf schon bebauten Böden neue Zusatz-
kapitale investiert, bis der nunmehrige Grenzbauer mit seinem
Grenzkapital auf dem Grenzboden (all das hängt in der Statik
untrennbar zusammen) bei dem jetzt geltenden Getreidepreis wieder
nur Lohn und Profit, aber keine Grundrente erwirtschaftet. Im
Lohn ist auch hier wieder einbegriffen sein eigener Arbeits- oder
Unternehmerlohn, und der ist selbstverständlich per defini-

1) Wir drücken uns hier in den Kategorien der kapitalistischen Wirtschaft aus.
Lohn und Kapitalprofit der Grenzproduzenten zusammen sind in der Statik gleich Z.

53
        <pb n="72" />
        Bo

tionem der Lohn eines durchschnittlich Qualifizierten. Denn
eher hört der Konkurrenzkampf nicht auf, als bis sämtliche Vor-
teile im Preiskampf nivelliert sind, die den begünstigten Produ-
zenten überhaupt abgejagt werden können; und das sind eben alle
solche, die weder der höheren Qualifikation noch einer Monopol-
stellung verdankt sind.

Wenn, wie mir Amonn entgegenhält, ein unterdurchschnitt-
lich qualifizierter Produzent auf der Anbaugrenze sitzt, so muß er
sich mit dem Preise begnügen, den die durchschnittlich qualifizierten
Kollegen haben; d. h, er wird einen geringeren Arbeits- oder
Unternehmerlohn erwirtschaften, weil er als unterqualifiziert weniger
oder geringere Produkte zu Markte führt. Würde er etwa auf die
Dauer, d. h. in der Statik, das volle Einkommen eines durch-
schnittlich qualifizierten Gewerbetreibenden erwerben, so würden
alle anderen landwirtschaftlichen Produzenten entsprechend ihrer
demgegenüber höheren Qualifikation mehr als die industriellen
Gleichqualifizierten erwerben: und das widerspricht der Voraus-
setzung von der Gleichheit der Einkommen. Genau dasselbe gilt
von den Grenzminenarbeitern.

Es bleibt dabei: in der Statik ist — rein analytischer Satz!
— jeder Grenzproduzent durchschnittlich qualifiziert. Er hat das
Einkommen Z, und alle anders qualifizierten Konkurrenten haben
den ihrer Qualifikationsstufe entsprechenden Zuschlag +g oder
Abschlag — g.

Und es bleibt daher dabei, daß der durchschnittlich Qualifi-
zierte ohne weiteres festgestellt werden kann, wenn man einen
Grenzbetrieb feststellt. Daß das real unmöglich ist, weil die Statik
nur eine methodische Fiktion und keine Realität ist, habe ich selbst-
verständlich immer wieder mit äußerster Schärfe ausgesprochen; aber
es bedeutet nicht den geringsten Einwand gegen unsere Rech-
nungsmethode, die ja nicht dazu da ist, um im einzelnen Fall ein
gegebenes Einkommen exakt bis auf Mark und Pfennig abzuleiten,
sondern der die Aufgabe gestellt ist, das Gesetz für die uns ge-
gebenen, quantitativ bestimmten, klassenmäßigen Verschiedenheiten
des Einkommens in den großen Bevölkerungsgruppen aufzufinden.

Amonn fordert von mir eine Präzision der Bestimmungen,
die in mehr als hundert Jahren niemand von den Meistern der
Deduktion, von einem Ricardo oder Thünen, gefordert hat.
Aber ich bin auch dafür gewappnet. Ich kann ihm die theoretische
Methode angeben, durch die er in der Statik einen Grenzbetrieb
im strengsten Sinne des Wortes, d. h. einen solchen auffinden kann,

J4
        <pb n="73" />
        den ein normal qualifizierter Produzent führt. Ja, diese Methode
dürfte sogar geeignet sein, auch in der Realität das Durchschnitts-
einkommen Z mit aller der Genauigkeit festzustellen, die für unsere
Zwecke erforderlich ist (es ist uns ja nicht aufgegeben, heraus-
zufinden, warum z. B. von zwei Maurergesellen, die ungefähr als nor-
mal qualifiziert erscheinen, der eine im Jahre, sage 98,75 M. mehr
verdient als der andere, sondern es ist uns aufgegeben, die Stufen
der normalen Klassen einkommen zu bestimmen):

Amonn hat bereits angefangen, einer Anzahl von Produ-
zenten, die auf der Grenze sitzen, ihr Einkommen abzufragen. Er
hat weiter nichts zu tun, als damit fortzufahren, bis er eine Anzahl
von Fällen gesammelt hat, groß genug, um nach dem Gesetz der
großen Zahlen ein zuverlässiges Ergebnis zu gewährleisten: handelt
es sich ja doch hier um „typische Größen“! Diese Daten trage er
in ein Koordinatensystem ein, dessen Abszisse die Einkommensstufen,
dessen Koordinate die Zahl der“für jede Stufe festgestellten Fälle
angibt. Er wird eine binomiale Kurve erhalten, und deren Median-
wert ist die gesuchte Zahl Z. Wer mehr bzw. weniger einnimmt,
ist höher bzw. geringer qualifiziert.

Es kann daher keine Rede davon sein, daß mein „Begriff
der Statik zu stark stilisiert ist, um für die Erkenntnis der Wirk-
lichkeit noch etwas bedeuten zu können“ (S. 128); der Begriff ist
nicht nur nicht zu stark stilisiert, sondern er ist überhaupt nicht
stilisiert! Er ergibt sich mit zwingenden Notwendigkeit aus den
Bedingungen des Problems: hier ist ein Gegenspiel antagonistischer
Kräfte: in welchem Punkte oder in welchem System von Punkten
würde es in Ruhe, im Gleichgewichtszustande sein ?

3. „Rein analytische Sätze.“

Damit bin ich zu dem nächsten Gegenstande der Antikritik
gekommen, der hier zu behandeln ist. Sie richtet sich gegen den
soeben angeführten Satz Amonns, daß mein Begriff der „Statik
zu stark stilisiert ist, um für die Erkenntnis der Wirklichkeit noch
etwas bedeuten zu können“. Ich erstrecke meine Erwiderung auf
den mit diesem Satze inhaltlich nächst verwandten anderen Satz,
den ich oben zitiert habe: „Logisch ausgedrückt: der Satz Oppen-
heimers ist nunmehr ein rein analytisches Urteil und aus solchem
können sich keine empirischen Erkenntnisse ergeben.“

Meine Sache liegt noch viel schlimmer, als Amonn hier an-
gibt. Der Satz, um den es sich handelt, ist noch nicht einmal

Fr. Oppenheimer, Wert und Kapitalprofit, 3. Aufl.

95
        <pb n="74" />
        „rein analytisch“: er ist gar rein definitorisch. Es ist alles „in
die Definition“ geschoben.

Hier handelte es sich um die Qualifikation, ein Gegenstand,
den wir jetzt hoffen als endgültig erledigt betrachtet zu dürfen, aber
auch für den Rest meiner Ausführungen muß ich Amonns Fest-
stellung ausdrücklich bestätigen, daß alle meine Sätze
„rein analytisch“ sind, so daß sich aus ihnen „keine empirischen
Erkenntnisse ergeben können“.

Nur daß ich die Gegenfrage stellen muß: wo findet sich
denn in meinen Schriften auch nur die geringste Andeutung da-
von, daß ich mit meinen Erörterungen über die Statik, den Wert
und die Klasseneinkommen empirische Kenntnisse erzielen und
anderen vermitteln will?!

Unser Verfahren will nicht empirische Kenntnisse geben,
sondern es will gegebene empirische Tatsachen aus Gesetzen ver-
stehen lehren. Die Tatsachen sind sein Ausgang und nach Vollendung
der Deduktion, wenn mit der Quaestio facti die Probe aufs Exempel
gemacht wird, sein Prüfstein. Um an einem sehr nahe ver-
wandten Beispiel zu orientieren: zum Zwecke einer trigonometrischen
Landesaufnahme wird eine Basis möglichst genau vermessen: sie
entspricht den Tatsachen, von denen eine Deduktion ausgeht.
Dann werden nur noch abstrakte Dinge gemacht, Winkel gemessen
und Längengrößen berechnet. Und ganz zum Schluß wird die
letzte berechnete Dreieckseite wieder genau vermessen, um die
Richtigkeit des Verfahrens zu prüfen: das ist die Quaestio facti.

Amonn sagt (in II): „Wir haben es mit einem System em-
pirischer Kräfte zu tun, und nur aus der Untersuchung der
empirischen Wirksamkeit dieser Kräfte können wir erkennen,
welcher Art das Gleichgewicht ist, auf das hin sie tendierten. Auch
die Frage, welche Kräfte es sind, die da aufeinander wirken und
zu einem Gleichgewicht hinstreben, kann nur empirisch gelöst
werden. Denn wir haben es in unserer Wissenschaft mit einem
Erfahrungsgegenstande zu tun, und reine Spekulation ist da nicht
am Platze.“

Ich bin durchaus einverstanden. In der Tat ist, wie es weiter
unten heißt, „unsere Wissenschaft eine ‚empirische‘ oder eine ‚Er-
fahrungswissenschaft‘, d. h., ein System von ‚empirischen‘ oder von
einem Erfahrungsgegenstande geltenden Erkenntnissen oder ein
System von Urteilen oder Erkenntnissen über die Zusammenhänge
von Erfahrungstatsachen (zum Unterschied von rein logischen
Urteilen oder Erkenntnissen als Urteilen über die Zusammenhänge

66
        <pb n="75" />
        fo
von bloßen Begriffen). Es handelt sich also um ‚empirische
Begriffe‘ und ‚Erkenntnisse‘, Solche können aber — nach Kant —
niemals rein analytisch sein“.

Wie gesagt, ich bin vollkommen einverstanden. Aber ich
meine, daß das alles unseren Streitfall gar nicht berührt, und zwar
aus folgendem Grunde:

Alle diese empirischen Erkenntnisse usw. liegen unserem
Verfahren bereits zugrunde; sie sind die „Daten“ der theo-
retischen Probleme und als solche „gegeben“, ehe die Deduktion
beginnt. Wir müssen, das ist selbstverständlich, und das haben
wir oben in größter Ausführlichkeit auseinandergelegt, das „Sub-
strat“ und die darauf wirkenden „Kräfte“ empirisch, also aus An-
schauung und synthetischer Erkenntnis, auf das Genaueste kennen,
um unsere Probleme überhaupt nur exakt stellen zu können. Wenn
dann aber die Lösung beginnt, so handelt es sich nur noch um eine
Aufgabe der „Analysis“. Und zwar im streng mathematischen
Sinne: nach der schulmäßigen Definition wird das Wort Algebra
heute gleichbedeutend mit algebraischer Analysis gebraucht.
Ihr erster Hauptteil besteht in der Auflösung von Gleichungen für
eine Unbekannte und Systeme von Gleichungen für ebensoviel
Unbekannte zum Zweck der Bestimmung der Unbekannten. Das
ist genau das Verfahren, das wir angewendet haben. Wir sind, um
an dem elementarsten aller Beispiele zu illustrieren, gerade so ver-
fahren wie bei dem Beweise des Satzes, daß die drei Winkel des
Dreiecks zusammen zwei Rechte betragen. Gegeben sind uns
drei Gerade, die sich in einem Punkte schneiden, und eine, zu einer
dieser Geraden parallele vierte Gerade. Bekannt, d. h. ebenfalls
gegeben, ist uns das Parallelenaxiom. Dann ist evident, daß
die drei Winkel an der Spitze des entstandenen Dreiecks zusammen
zwei Rechte betragen, und es ergeben sich zwei Gleichungen, aus
denen hervorgeht, daß jeder der Winkel an der Basis des Dreiecks
einem der Winkel an der Spitze gleich ist. Und daraus ergibt sich
analytisch der zu führende Beweis,

Gerade so sind wir, nur an einem viel komplexeren System
mit viel mehr bekannten Daten, vorgegangen, haben Gleichungen
gewonnen und aufgelöst, mit dem griechischen Wort: analysiert.

Aber auch nach dem geltenden Sprachgebrauch der Logik
sind die von uns gewonnenen Sätze „analytisch“. Im synthetischen
Urteil, sagt die Schule, wird der Begriff des Subjekts um ein
neues, noch nicht in ihm enthaltenes Merkmal erweitert, während
das analytische Urteil nur (durch Auflösung des gegebenen,

R*

)7
        <pb n="76" />
        68

zusammengesetzten Begriffs) ein in ihr schon enthaltenes Merkmal
herausstellt und zum Bewußtsein bringt. Nun, unser Verfahren
(das im übrigen auch schon darum „analytisch“ genannt werden
könnte, weil es das Gesuchte, die Statik der Marktwirtschaft, als
„gegeben“ supponiert) hat dem Begriff seines Subjekts, eben der
statischen Marktwirtschaft, kein neues Merkmal hinzugefügt: alle
empirisch gewonnenen Erkenntnisse über dieses System galten uns
als „gegeben“. Wir haben nur „in ihm schon enthaltene Merk-
male herausgestellt und zum Bewußtsein gebracht“: die Gleichheit
der Einkommen, soweit die Konkurrenz sie durchsetzen kann, die
statische Preisrelation, die Ursache und Höhe des Kapitalprofits usw.

Und das ist denn überhaupt das Wesen des deduktiven Ver-
fahrens: man formt empirische, von einem Erfahrungsgegenstande
geltende Erkenntnisse oder ein System von Urteilen oder Erkennt-
nissen über die Zusammenhänge von Erfahrungstatsachen in
„Größen“ um, d. h. gibt ihnen eine Form, in der sie als „Daten“
in eine Rechnung eingesetzt werden können, aus der sich Glei-
chungen zur analytischen Bestimmung der noch unbekannten Größen
gewinnen lassen. Um Beispiele anzuführen, so hat Ricardo die
durch die bekannte Parlamentsenquete ans Licht gezogene Tat-
sache, daß Landgüter mit besserem Boden gegenüber denen mit
schlechterem Boden, und daß Landgüter näher dem Markt gegen-
über denen ferner vom Markte Vorteile genießen, zu Formeln aus-
gestaltet, aus denen die Größe der Grundrente bestimmt werden
konnte. So hat ferner Malthus (freilich mit einem falschen An-
satz) die empirische Tatsache des „Gesetzes der sinkenden Er-
träge“ zu einer Formel ausgestaltet, aus der er das Lohnsystem
und den Lohn entwickelte. So hat von Thünen aus der em-
pirischen Tatsache der mit der Transportentfernung steigenden
Kosten und der gleichfalls empirischen Tatsache des „relativen
Transportwiderstandes“, gleichfalls ausgedrückt in Transportkosten,
jene genialen Formeln des isolierten Staates gewonnen, aus denen
sich der Standort der verschiedenen Arten der Urproduktion, die
Anordnung seiner „Zonen“ berechnen ließ. So habe ich selbst aus
der empirischen Tatsache, daß auf Großgrundbesitz die Arbeiter
auf ein Fixum gesetzt sind, während alle Vorteile der steigenden
gesellschaftswirtschaftlichen Kooperation (auch dieses Smithsche
Gesetz ist ein „Datum“ unserer Rechnung) dem Eigentümer zu-
fließen, das „Gesetz des einseitig sinkenden Druckes“ entwickelt
und die Quantitätsformel für die Wanderbewegung daraus ge-
wonnen. So habe ich ferner die empirische Tatsache, daß außer-
        <pb n="77" />
        ökonomische Gewalt zwei wichtige Institutionen unserer eigenen
Gesellschaft geschaffen hat: die Stände bzw. Klassen und das
große Grundeigentum, umgeformt in den Begriff des Monopols
und damit eine Größe gewonnen, die in unsere Rechnung ein-
gesetzt werden konnte. Ein Kenner der Methode wie Schum-
peter hat mir ausdrücklich zugegeben, daß logisch deduktiv nichts
mehr einzuwenden wäre, wenn meine Diagnose des Großgrund-
eigentums als eines Monopols oder besser Klassenmonopols stich-
hielte?).

Hier überall ist nur der Ansatz der Rechnung synthetisch,
aber die Ausrechnung der gewonnenen Gleichungen ist analytisch.

Damit halte ich meine Terminologie für gerechtfertigt. Aber
es ist mir freilich wohlbekannt, daß in Philosophie und Logik die
Worte „Synthese“ und „Analyse“ in sehr verschiedener Bedeutung
gebraucht werden, und ich will mit niemandem über rein ter-
minologische, d. h. gleichgültige Fragen streiten. Sachlich jedoch
muß ich dabei bleiben: die Zumutung an eine solche statische Be-
trachtung, daraus „empirische Kenntnisse“ (S. ı27) gewinnen zu
sollen, ist völlig ungerechtfertigt. Umgekehrt ist aus empirischen
Erkenntnissen das Gesetz zu finden, das jene beherrscht. —
Und das ist doch wohl die Aufgabe der Ökonomik, die
Gesetze der Marktwirtschaft zu entdecken.

4. Die Krisis der Grenznutzentheorie.

In den ersten Auflagen dieses Buches habe ich meine Neu-
fassung der objektivistischen Wertlehre ohne viel Polemik gegen die
Grenznutzentheorie entwickelt: ich hatte keine große Neigung,
mich in neue Kämpfe zu verwickeln, namentlich mit einer Schule,
die mir doch wenigstens insofern nahe steht, als sie sich eben
auch theoretisch bemüht. Ich hatte die schwache Hoffnung,
daß sie sich dazu verstehen würde, meine, den entscheidenden
Einwänden nicht mehr ausgesetzte Lehre zu akzeptieren. Das
wäre wohl möglich gewesen. Denn erstens stehe ich, soweit die
„vorwirtschaftliche Erwägung“ in Frage steht, durchaus auf dem
Boden Gossens, und zweitens habe ich nie bestritten, daß diese,
von der Schule übernommene, Lehre sehr wohl imstande ist,
gewisse Erscheinungen besser zu erklären, als es der Klassik
gelungen ist: Erscheinungen, die freilich keines der großen Pro-
. 1) Vgl. unsere Diskussion über den Gegenstand im ‚Archiv für Sozialwissen-
schaft‘, Band 42, 44 und 47, abgedruckt in meine „Wege zur Gemeinschaft‘, S. 411 ff,
Sch. hat auf meine letzte Erwiderung nicht mehr geantwortet. Trotzdem scheint ihn
Adolf Weber (Festgabe für Brentano, II, S. 29) für den Sieger zu halten.

60a
        <pb n="78" />
        — 7) —
bleme tragen, aber immerhin von akademischem Interesse sind, wie
z. B. der laufende Preis überhaupt, ferner die Preise für Singu-
laritäten und Novitäten u. a. m.

Jene schwache Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Ja, auch zu
einer ernsthaften Polemik haben sich die Führer der Schule nicht
entschließen können. Nur ein paar mindere Parteigänger haben
mich mit Waffen angegriffen, deren mich zu bedienen ich aus
Gründen der persönlichen Würde ablehnen muß.

Inzwischen bin ich in der fünften Auflage meiner „Theorie
der reinen und politischen Ökonomie“!) zum Angriff mit dem
schwersten Geschütz vorgegangen. Ich habe von von Wiesers
„Theorie der gesellschaftlichen Wirtschaft“ gesagt, daß die Schule
mit diesem ersten vollen System, das sie hervorgebracht hat —
vorher waren es immer nur Spezialuntersuchungen — Selbstmord
begangen hat (S. 131) ?).

Seitdem zeigt die Schule immer bedrohlicher die facies hippo-
cratica: der „Selbstmord“ hat eben nicht unmittelbar zum Tode geführt.
Wissenschaftliche Schulen pflegen langsam zu sterben, selbst wenn
sie längst ihre theoretische Basis eingebüßt haben. Aber die Kritik
aus dem eigenen Lager wird immer schärfer und zersetzender.

Um einige Beispiele anzuführen, so hat Emil Lederer in
einer Abhandlung: „Der Zirkulationsprozeß als zentrales Problem
der ökonomischen Theorie“, erschienen in der „Zeitschrift der öko-
nomischen Fakultät der kaiserlichen Universität Tokio“ (1925),
bereits sehr deutlich seine Abwendung von der Wiener Schule aus-
gesprochen. Er hat vor allem einsehen müssen, daß ihre für das
Problem der Distribution entscheidende Lehre von der „Zurechnung“
unhaltbar ist, von der ich (a. a. O. S. ı91) spöttisch geschrieben
habe, „daß sie den Besitzern der Produktionsmittel, den Grund- und
Kapitaleigentümern, immer exakt dasjenige Einkommen zurechnet,
das sie zufällig gerade erhalten“?). Man könnte, unter Anwendung
des Wortes „Fähigkeit“ in dem oben erläuterten Sinne, sehr wohl
von der „Un-Zurechnungs-Fähigkeit‘“ der Grenznutzenschule sprechen.

Sogar Hans Mayer, Böhm-Bawerks Nachfolger auf seinem
Lehrstuhl, hat sich der schlimmsten Ketzerei ergeben. Er hat in
der „Zeitschrift für Volkswirtschaft und Sozialpolitik“ (N. F. I, 7—9
Die Grenznutzenschule‘‘, S, 119 ff. und „die objektivistische Kritik an der sub-
jektiven Wertlehre‘“, S. 797 ff.

2) Adolf Weber (a. a. O. S. 27) nennt die Grenznutzentheorie gerade im
Hinblick auf dieses Buch „überraschend steril‘.

3) Vgl. auch S. 543. Über die Zurechnung der „Bodenleistung‘“, ferner 684,
721, 748 und passim.

C
        <pb n="79" />
        und II, 1—3) unter dem Titel „Untersuchung zu dem Grundgesetz
der wirtschaftlichen Wertrechnung“ eine vortreffliche Arbeit ver-
öffentlicht, die leider bisher Torso geblieben ist. Hierin geht er
von der bekannten Tatsache aus, daß nicht eine, sondern zwei
„Österreichische Theorien“ nebeneinander bestehen: die Wieser’
sche und die Böhm-Bawerksche. Zwar werden, so sagt er, die
„Gegensätze, durch die abstrakte Darstellungsform überdeckt, nicht
in allen folgenden Problemlösungen sofort sichtbar, müssen in
Wahrheit aber doch allen immanent sein und würden sofort zum
Ausdruck kommen, wenn in alle einzelne Ableitungen konkrete,
ziffernmäßige Daten eingesetzt würden. Am deutlichsten zeigt sich
das bei den verschiedenen Lösungen des ‚Zurechnungsproblems‘.“
(S. 432). Dann macht mindestens sehr große Schwierigkeiten das
Problem des „Gesamtvorrats‘“: soll man mit Wieser die Zahl der
Stücke des gleichen Gutes mit dem Grenznutzen multiplizieren oder
soll man mit Böhm-Bawerk sich jedesmal das letzte Stück weg-
denken und die derart eruierten verschiedenen Grenznutzen addieren?
Oder soll man sie, fügen wir hinzu, mit Schumpeter integrieren?
(S. 434 ff.)

Bedenklicher aber noch ist, daß Mayer klar den Zirkel er-
kennt, in dem alle Vertreter der Schule von den verschiedensten
Richtungen sich unaufhörlich drehen, wenn sie vom subjektiven
Wert (Verwendungswert) zum objektiven Preis (Beschaffungswert)
zu gelangen versuchen. Mayer lehnt die häufige Berufung auf
die „Erfahrung“ als theoretisch unmöglich ab: „Denn es könnte
sein, daß die derart festgestellte Bewertungsnorm ... bereits eine
Folge der verkehrswirtschaftlichen Beziehungen, des Bestehens
der Preise ist“ (II, S. 2). Dann „müßte das Wertgesetz selbst erst
aus den Preisen und dem Mechanismus der Tauschwirtschaft ab-
geleitet werden, während die Wirtschaftstheorie eines primären,
unabhängig von der konkreten Gestaltung der sozialwirtschaftlichen
Organisation geltenden Wertgesetzes bedarf. . .“

Vor allem aber sieht Mayer ein, daß die Erscheinungen der
Marktwirtschaft im allgemeinen und die Preise im besonderen
unmöglich abgeleitet werden können, wenn man, wie es die Schule
immer tut, von einem „gegebenen Vorrat“ ausgeht. Ihm hat sich
erschlossen „die Erkenntnis, daß in den wirtschaftlichen Ent-
scheidungen der Wirklichkeit infolge der periodischen Wiederkehr
und des wechselseitigen Zusammenhanges der Bedürfnisse nicht
die isolierte Befriedigung augenblicklicher, aus dem zeitlichen Zu-
sammenhang‘ der Seinszustände losgelöster einzelner Bedürfnisse,
        <pb n="80" />
        72
sondern die Herstellung bestimmter Gesamtabläufe von Zu-
ständen (für längere oder kürzere Zeit), welche als Ganzes erfaßt
werden, tatsächlich bestimmend ist“ (II, S. 16).

Das ist vollkommen richtig und stimmt mit unserer kritischen
Auffassung durchaus überein. (Vgl. Theorie S. 138 u. 141.) Aber
Mayer, der (I, S. 446) noch mit dem ganzen Stolz seiner Schule
die objektivistische Theorie als die „überwundene Wertlehre“ be-
zeichnet, scheint sich, als er diesen Fortschritt machte, doch noch
nicht klar darüber gewesen zu sein, daß es ein Schritt fort über
die Grenze und aus dem Bezirk seiner Schule heraus gewesen ist.
Folgendes nämlich ist festzustellen: wenn, wie es in der Tat der
Fall ist, das wirtschaftende Individuum „die regelmäßige Wieder-
kehr der Bedürfnisse in der Zeit in Betracht zieht“ und in Be-
tracht ziehen muß, wenn es nicht „seine Existenz negieren und
aus der Reihe der empirischen Wirtschaftssubjekte ausscheiden
will“; wenn es also mit anderen Worten über eine größere Zeit-
spanne fort derart disponieren muß, daß es periodisch aus seinen
Einnahmen bestimmte Wertdinge (Güter und Dienste) erwerben
muß: so muß ihm der Marktpreis sowohl seiner eigenen Pro-
dukte wie der zu erwerbenden fremden Produkte annähernd be-
kannt sein: sonst ist irgendeine wirtschaftliche Disposition offen-
bar unmöglich. Und damit ist denn jener Zirkel unwidersprech-
lich gegeben: die Preise müssen bekannt sein, damit jene sub-
jektiven Wertfunktionen entstehen können, aus denen dann wieder
die Preise abgeleitet werden.

Wir möchten fast die Vermutung wagen, daß der scharfsinnige
Verfasser seit der Veröffentlichung jener beiden ersten Aufsätze
bereits selbst zu ähnlichen Schlüssen gekommen ist. Das wäre
wenigstens eine zureichende Erklärung für die immerhin auffällige
Tatsache, daß der Schluß der Artikelreihe seit bald 4 Jahren auf
sich warten läßt.

Noch viel schlimmer geht ein ausgezeichneter Theoretiker mit
der Schule ins Gericht, der zwar nicht als ihr orthodoxer Anhänger
bezeichnet werden kann, der ihr aber doch immer nahe gestanden
hat: Alfred Amonn. Er hat im zweiten Bande der Festgabe
für Lujo Brentano eine längere Abhandlung unter dem Titel
„Der Stand der reinen Theorie“ erscheinen lassen, in der er sich
(unter 2) auch mit der Grenznutzenschule beschäftigt, und sein Ver-
dikt ist geradezu vernichtend. Er schreibt den Anhängern der
Lehre ins Stammbuch, daß sie „in erster Linie Psychologen sein
und Psychologie treiben müssen. Allein sie sind auf diesem Ge-
        <pb n="81" />
        S S Biplic. X 5
biete ‚Dilettanten‘ ... geblieben, und dies hatte zur Fol ; Adaß &gt;
gerade ihre allgemeine Werttheorie nicht nur — insbesonde A S&amp;
Psychologen — außerordentlich umstritten ist, sondern sich atich* Kie\*
innerlich, von weitgehenden Divergenzen beherrscht darstellt“
(S. 280). Dann wird festgestellt, in Übereinstimmung mit unserer
eigenen Kritik (Theorie S. 461), daß die Preistheorie sich schon
insofern in einem Zirkel bewegt, als sie den Preis durch die
Schätzungen der Grenzkäufer — resp. Grenzverkäuferpaare be-
stimmt sein läßt, während doch sicher ist, daß ‚es durch den Preis
bestimmt ist, wer der letzte noch zugelassene bzw. ausgeschlossene
Kaufswerber bzw. Verkaufswerber ist. Ebenso wird der andere
Zirkel zugegeben, gleichfalls in voller Übereinstimmung mit unserer
eigenen Kritik, daß die Schule bei der Ableitung der Preise aus
dem Wert in gröblicher petitio principii die Preise bereits vor-
aussetzt (S. 283). Es wird weiterhin in Übereinstimmung mit vielen
anderen Kritikern auf die unbestreitbare Tatsache hingewiesen, daß
das Geld an sich keinen subjektiven Verwendungswert besitzt, und
daß daher seine Wertschätzung subjektiv wieder nur möglich ist,
wenn man die Preise der damit zu kaufenden Güter kennt: wieder
der gleiche Zirkel! Und schließlich wird wenigstens bei Wicksell
der groteskeste Grundfehler der ganzen Schule gerügt, daß sie mit
„Intensitätsfunktionen“ rechnet, als wären sie mathematische
Größen und könnten in Zahlen ausgedrückt werden (S. 287). Auf
diese Weise entstehen nicht nur hei Wicksell, sondern, wie ich
erweiternd behaupte, überall in dieser Doktrin „Scheingleichungen“,
wie Amonn sie glücklich bezeichnet, keine Gleichungen im
mathematischen Sinne, die ein „extensives Größenverhältnis ergeben
könnten, wie es der Preis darstellt“.

Und so kommt Amonn zu dem Schlusse, daß die Grenz-
nutzentheorie „für die Preiserklärung“ sehr wenig bedeutet
und leistet. Für sie ist lediglich die Tauschwertschätzung
von Bedeutung. Diese geht freilich auf die Nutzwertschätzung
zurück. Aber in welcher Weise dies der Fall ist, wie sie entsteht,
das ist für die Preiserklärung ohne Belang. Für die Preisbildung
ist einzig maßgebend, wie die Tauschwertschätzung der Käufer
(und eventuell Verkäufer) ist, nicht, wiesie geworden ist. Sie ist
für diese ein Datum. Für eine weitergehende „wirtschaftliche“ Be-
trachtung kann die genaue Kenntnis des Wertbildungsprozesses
von seinem Ursprung an möglicherweise wohl von Bedeutung sein.
Zur Preiserklärung ist sie jedenfalls nicht notwendig. Wir sind
also auch hier wieder völlig einig.
        <pb n="82" />
        = a an

Amonn stellt dann unter anderem‘ auch unsere eigene
Theorie dar und macht ihr außer den oben bereits erörterten Ein-
wänden noch besonders den folgenden Mangel zum Vorwurf, durch
den sie sich ganz besonders ungünstig von der Grenznutzentheorie
unterscheiden soll: „Sie ist vor allem nicht allgemein. Sie er-
klärt nicht alle Preiserscheinungen. Sie erklärt nur die Preise be-
liebig produzierbarer Güter“. Nun, das wäre doch immerhin schon
etwas, selbst wenn es richtig wäre, daß mein Begriff der beliebig
produzierbaren Güter enger ist als der der Klassiker, was nicht
richtig ist. Aber dabei wollen wir uns nicht aufhalten. Selbst
wenn ich weiter nichts geleistet hätte als dieses, so wäre doch
wenigstens eine richtige Teilerklärung vorhanden, der die Grenz-
nutzenschule zwar eine Gesamterklärung entgegensetzen kann, aber
leider, wie Amonn selbst nachweist, eine falsche.

Aber auch dieser Vorwurf trifft ja gar nicht zu. Ich habe
ja die Formel für die allgemeine Wertrelation mit vollster Deutlich-
keit entwickelt; sie findet sich oben unter dem Rubrum „Die all-
gemeine Wertformel“. Ich schreibe sie noch einmal her:

BE GEM ar
Da 7
Ya Ki Ce SA

Diese Formel ist in der Tat nicht nur die allgemeine Formel
des Wertes im Sinne des Wortes als Preis auf die Dauer und im
Durchschnitt, und zwar der sämtlichen beliebig produzierbaren
Güter, der Konsum-, wie der Produktivgüter und des Geldes,
wie auch der Monopolgüter, sondern sogar des Preises in der
Kinetik, des laufenden Marktpreises. Man braucht zu diesem Zweck
nur die Situation der Käufer bei überwiegendem Angebot und der
Verkäufer bei überwiegender Nachfrage als ein vorübergehendes
Monopol aufzufassen, was vollkommen korrekt ist, da hier auf
Seiten ihrer Kontrahenten die charakteristische einseitige Dring-
lichkeit der Nachfrage besteht!). Unter dieser erlaubten Voraus-
setzung trifft unsere Formel also sämtliche zum Markte kommenden
Produkte, auch Novitäten und Singularitäten, deren Besitzer ent-
weder ein zeitliches Monopol daran hat, oder als ihr Hersteller
von einer seltenen Qualifikation ist, die nicht durch Ausbildung
beliebig erworben werden kann.

Diese Formel ist also die „Werttheorie, die alle Werterscheinung
aus einem Guß“ erklärt, die die Theorie verlangen muß, und die

I) Vgl. Theorie, S. 498,
        <pb n="83" />
        Amonn mit Recht von mir verlangt. Und diese Lehre ist nur
in ihrer arithmetischen Formel neu. Sie gibt etwas verfeinert nur
die längst bekannte großartige Wertformel wieder, die Carey zu-
erst gefunden und Eugen Dühring dann ausgestaltet hat:

„Der Wert ist das Maß der Beschaffungswiderstände“,
und zwar der Wert der beliebig reproduzierbaren Güter das Maß
der natürlichen, von der Natur gegebenen, und der Wert der
Monopolgüter außerdem das Maß der gesellschaftlichen,
rechtlichen Widerstände!). Güter solcher Produzenten, deren
besondere Qualifikation nicht durch Ausbildung erworben werden
kann, stehen unter den Gesetzen der Monopolpreisbildung.

Somit scheint es uns, als wenn auch das letzte Postulat, das
an eine Wertlehre gestellt werden kann, durch uns erfüllt ist; und
so haben wir die Hoffnung, unseren Herrn Gegner noch ganz für
uns gewinnen zu können, wenn es uns gelungen sein sollte, seine
Bedenken in den übrigen Punkten zu zerstreuen.

Um dazu auch noch das letzte zu tun, will ich noch auf ein
Gedankenexperiment eingehen, das ich schon früher der Grenz-
nutzenschule und jetzt in unserer Debatte Amonn entgegen-
gehalten habe. Auf Rodbertus’ isolierter Insel, wo aller Boden
von gleicher Güte ist, lebt die Bevölkerung zu 90% von Roggen-
und zu 10% von Weizenbrot. Da Weizen etwas mehr Produktions-
kosten bedingt als Roggen, so steht der Preis ır:10. Jetzt lasse
ich aus irgendeinem Grunde den Geschmack umschlagen. In der
Kinetik steigt selbstverständlich jetzt der Weizen, und der Roggen
fällt. Das Roggenareal schrumpft, und die Weizenfläche wächst ent-
sprechend. Irgendwo wird eine neue Statik erreicht, sagen wir: wenn
90% Weizen- und 10% Roggenbrot verzehrt werden. Da sonst alles
beim gleichen geblieben ist, steht der Preis genau wie vor der
Umwälzung des Geschmacks und der landwirtschaftlichen Erzeugung
11:10. Daraus habe ich den Schluß gezogen: „Das Begehr hat
nur auf die zu Markte gebrachte Menge, aber nicht auf die
Preisrelation gewirkt“. Amonn hält dem gegenüber, daß ja
der Preis von der Menge und also (indirekt) vom Begehr, der also
dennoch auf den Preis „wirke“, abhänge. Es ist wirklich schwer,
sich zu verständigen. Hier wird wieder der Realgrund einer Er-
scheinung mit ihrem Erkenntnisgrunde verwechselt und verwirrt.
Vielleicht wird mich Amonn nicht mehr mißverstehen, wenn ich
sage, daß die ungeheuere Revolution des gesellschaftlichen Begehrs,

1) Vgl. unsere „Theorie“, S..767.

{5
        <pb n="84" />
        — 75 —
die hier vorausgesetzt wird, die statische Preisrelation nicht ver-
ändert hat. Sie ist nach ihrem Ablauf genau die gleiche wie
vor ihrem Beginn. Sie ist unabhängig von der Größe der Nach-
frage und der Menge des Produkts.

Es fällt mir ja durchaus nicht ein, zu bestreiten, daß der
subjektive addierte Begehr der Mitglieder einer Wirtschaftsgesell-
schaft kinetisch auf die Preise „einwirkt“, daß das alles in Rechnung
gezogen werden muß, solange es sich darum handelt, die empirischen
Tatsachen und ihre Zusammenhänge zu gewinnen, die dann als
„Daten“ in unsere Rechnung eingestellt werden müssen, um von
hier aus die Statik und damit den Erkenntnisgrund für die gesuchten
Größenbeziehungen zu gewinnen. Ich will mich hier noch
einmal abschließend prinzipiell über das Verhältnis der subjekti-
vistischen Auffassung zur eigentlich ökonomistischen äußern:

Was die Klassik behandelte, und was man von jeher als
„Nationalökonomie“ bezeichnete, ist ausschließlich die Lehre von
der Marktwirtschaft. Diese Lehre war, wie gesagt, in allen
ihren guten Vertretern essentiell statisch, konnte nur statisch sein.
Das bedingte gewisse Voraussetzungen, u. a. auch die, daß An-
gebot und Nachfrage konstant sind, d. h. daß die Personalwirt-
schaften in ihrer Statik fungieren. Diese Supposition ist an sich
ohne weiteres gestattet. Aber es konnte wohl die Frage gestellt
werden, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit Angebot
und Nachfrage konstant sein können.

Die eine dieser Bedingungen kennen wir bereits: das dyna-
mische Gleichgewicht der Marktwirtschaft muß hergestellt, die
Konkurrenz auf ihrem Ruhezustande angelangt sein. Solange
nämlich die Preise schwanken, ist es unmöglich, daß Angebot und
Nachfrage konstant bleiben, weil sie durch jede Preisänderung in
der bekannten Weise beeinflußt werden.

Aber es ist eine zweite Frage möglich, wenn auch national-
ökonomisch von keiner Bedeutung. Sie lautet: wie muß die
Versorgung der Individuen beschaffen sein, damit sie auch bei als
konstant angenommenen Preisen keine Veranlassung haben, weder
ihre Nachfrage, noch ihr Angebot zu ändern?

Dieses Problem ist, wie Amonn selbst sagt, durchaus nicht
nationalökonomisch. Es ist rein psychologisch. Nun hat die
Psychologie es leider versäumt, wie die von uns bedurften Grund-
begriffe (z. B. Bedürfnis, Trieb usw.) überhaupt, so auch diesen
Gegenstand zu untersuchen und uns, hier in der Rolle unserer
Hilfswissenschaft, fertig zubereitet und zuverlässig darzubieten.
        <pb n="85" />
        Infolgedessen sind die Ökonomisten gezwungen gewesen, sich
dieses Handwerkzeug schlecht und recht (mehr schlecht als recht)
selbst zuzubereiten; und aus diesem Grunde ist es üblich geworden,
den Lehrbüchern der Ökonomik eine „Grundlegung“ voraus-
zuschicken, die diese Dinge enthält. Aus der Entwicklungs-
geschichte unserer Wissenschaft ist leicht zu verstehen, daß die
Autoren selbst kaum das Bewußtsein davon hatten, hier noch
nichts eigentlich Nationalökonomisches zu bringen, sondern sich
noch im Gebiet der Psychologie zu bewegen.

Diesen Unterbau hat in beiden Teilen Hermann Gossen
uns in vollkommener Weise geliefert. Niemand hörte auf ihn, und
ich betrachte es als ein unzweifelhaftes Verdienst der Grenznutzen-
schule, diese verschütteten Wahrheiten wieder ans Tageslicht ge-
bracht und ins Bewußtsein der neueren Fachwissenschaft einge-
prägt zu haben. Ich habe die Gossenschen Sätze fast ohne jede
Einschränkung akzeptiert; und ich hoffe, die Grenznutzenschule
wird mir zugeben können, daß es mir gelungen ist, die Lehren von
der „vorwirtschaftlichen Erwägung“ und der Statik der Personal-
wirtschaft knapper und klarer darzustellen, als es in einem der
bisherigen Lehrbücher geschehen war.

Aber ich weigere mich, den Schritt mitzutun, den die Grenz-
nutzenschule über Gossen hinaus, oder vielmehr von Gossen
fort, getan hat. Sie beruft sich auf ihn als ihren großen Meister,
pflegt aber nicht mitzuteilen, daß er in Beziehung auf den Preis
strenger Objektivist gewesen ist. Es ist ihm niemals eingefallen,
den objektiven statischen Beschaffungspreis der Marktwirtschaft
aus seinem subjektiven Verwendungswert der Personalwirtschaft
deduzieren zu wollen. Dafür ist die „Schule“ allein verantwortlich,
und nur dagegen: nicht gegen die Grenz werttheorie, sondern
gegen die Grenzpreistheorie, richten sich meine Angriffe.

Die Marktwirtschaft ist ein im Dienste der einzelnen Per-
sonalwirtschaften entstandener und ihren Zwecken dienender
Mechanismus. Er wird bewegt durch die von den einzelnen
Personalwirtschaften auf ihn ausgeübten summierten Kräfte, die
sich in Gestalt von Angebot und Nachfrage als bestimmte Mengen
von Wertdingen (Gütern und Diensten) darstellen. Das heißt,
daß die psychischen Antriebe, die in letzter Linie zugrunde liegen,
daß diese Intensitätsgrößen sich in der Marktwirtschaft restlos um-
gesetzt haben in Extensitätsgrößen, in Quanten, deren gegen-
seitiges Verhältnis mathematischer Behandlung zugänglich ist, wie
die Ausführungen des ersten Teils dieser Arbeit jetzt hoffent-

7)
        <pb n="86" />
        —- 78 —

lich endgültig bewiesen haben werden. Indem wir von der Psy-
chologie und der Personalökonomik zur Marktwirtschaft und Na-
tionalökonomik weiterschreiten, haben wir den Schritt von der
Sozialpsychologie zur eigentlichen Soziologie gemacht: „Wir be-
trachten die Dinge nicht mehr in bezug auf ihre seelischen Wur-
zeln im Individuum, nicht mehr als ‚subjektive Bewußseinsinhalte‘,
die auf Verwirklichung in Betätigung drängen, sondern als ob-
jektive Strukturen und Funktionen ‚der lebendigen
Einheit ‚Gesellschaft‘,!)“

In dieser Betrachtung ist das Psychologische überall aus-
gelöscht. Es interessiert nicht mehr, weil es sich in objektive
Quanten „entäußert‘“ hat. Man wird das aus einem Beispiel leicht
verstehen: ein Dynamo muß durch irgendeine Kraft angetrieben
werden, durch Verbrennungswärme oder Wassergefälle oder mensch-
liche oder tierische Muskelkraft oder Wind usw. Aber im Apparat
selbst entsteht jetzt eine völlig neue Kraft, die Elektrizität.
Und es ist zwar gut zu wissen, daß Elektrizität ihrem Ursprung
nach nichts anderes ist als transformierte mechanische oder ther-
mische oder animalische Energie: aber damit ist für das Wesen
und vor allen Dingen für die Messung der Elektrizität als
einer ganz neuen Erscheinungsform der allgemeinen Energie nicht
das mindeste gewonnen. Wenn der Dynamo von Wassergefälle
betrieben wird, dürfen wir die Elektrizität doch nicht nach Kilo-
grammetern messen; und ebensowenig nach Kalorien, wenn der
Dynamo von tierischer oder menschlicher Kraft oder Verbrennungs-
wärme getrieben wird. Wir müssen sie immer und in jedem Falle
messen nach den für sie geltenden spezifischen Maßeinheiten, nach
Watt, Volt, Ohm usw.

Diese Ergebnisse sind sinngemäß auf das Verhältnis der
psychologischen vorwirtschaftlichen Erwägung und des markt-
wirtschaftlichen Mechanismus anzuwenden. Dann wird die un-
geheuere Verwirrung endlich ein Ende nehmen, von der heute auch
unsere besten jüngeren Köpfe heimgesucht sind, das Suchen nach
dem Unmöglichen: nach einer als Einheit sowohl für die psycho-
logische Grundlegung wie für die marktwirtschaftliche‘' Mechanik
gültigen Maßeinheit, Aus dieser Verwirrung sucht z. B. ein Mann
von dem Scharfsinn eines Ernst Schuster in seiner Abhandlung:
„Untersuchungen zur Frage nach der Möglichkeit einer theoretischen
Wirtschaftswissenschaft“ (1922) vergeblich einen Ausweg. Und ist

1) Unsere Allgemeine Soziologie, S. 445.
        <pb n="87" />
        doch so dicht an der Erkenntnis der letzten, und von unserem
Standpunkte aus so überaus einfachen Wahrheit!

Um es zuguterletzt logisch unmißverständlich zu kennzeichnen,
so ist jeder Versuch, vom subjektiven Verwendungswert aus den
objektiven Beschaffungswert abzuleiten, eine „Metabasis eis allo
genos“.

Und nun ein allerletztes Wort, warum ich auf alle diese
scheinbar so abstrakten Berechnungen und Betrachtungen einen
so großen Wert lege:

Das Problem der Distribution und vor allem des Kapital-
profits ist, im Gegensatz zum Problem des Wertes an sich, auch
praktisch das wichtigste von allen. Das Schicksal unserer Welt
hängt an. seiner Lösung. Bürgertum und Sozialismus rüsten sich
zum letzten, entscheidenden, weltzerstörenden Kampfe, und die
letzte tiefste Wurzel ihres Antagonismus ist die verschiedene
Lösung, zu der sie sich bekennen. Jeder der beiden Gegner gibt
die eine der beiden einzig möglichen Lösungen. Die Bourgeoisie
leitet die Verschiedenheit der Klasseneinkommen ausschließlich aus
den Differenzen der Qualifikation ab und stützt darauf ihren Ka-
pitalismus und Imperialismus. Hier spricht die „Wurzel aller
soziologischen Übel“ in Theorie und Praxis, das Gesetz der ur-
sprünglichen Akkumulation. Der Sozialismus aller Richtungen,
auch unbewußt oder halbbewußt der Marxismus, bekennt sich zu
der anderen Lösung: jene Unterschiede sind auf die Monopoli-
sierung der Produktionsmittel zurückzuführen.

Dieser Konflikt, der schwerer wiegt als die Streitigkeiten
zweier gelehrter Schulen, läßt sich nur schlichten, wenn man das
Wesen des Wertes und daher des Kapitalprofits richtig erkannt
hat. Meine Theorie bahnt, wenn sie richtig ist, den Weg zur Syn-
these von Sozialismus und Liberalismus und dadurch praktisch zur
Versöhnung der Klassen, zur Beendigung des Klassenkampfes.
Es ist mir gleichgültig, wenn das „utopisch“ klingt. Weil ich
meiner Sache sicher zu sein glaube, muß ich sie, aus tiefster
sittlicher Verpflichtung, kämpfend vertreten und darf nicht
eher ruhen, als bis ich heimkehre, „mit oder auf dem Schilde“,
Ich spreche den ernsten Wunsch aus, daß auch meine künftigen
Kritiker diese gleiche sittliche Verpflichtung empfinden möchten.

79
        <pb n="88" />
        Franz Oppenheimer
System der Soziologi
Drei Bände
I. Band:
Allgemeine Soziologie. 2 Teile. (1. Halbband: Grundlegung. 2. Halb-
band: Der soziale Prozeß.) XX u. XII, 1149 S. gr. 8° 1922 und 1923
Gmk 18.—, geb. 22.—
II. Band:
Der Staat. X, 859 S. gr. 8° 1926 Gmk 32.—, geb. 34.—
III. Band:
Theorie der reinen und politischen Okonomie. Fünfte, völlig neubearbeitete
Auflage. (6.—8. Tausend.) Zwei Teile. (1. Halbband: Grundlegung,
9. Halbband: Die Gesellschaftswirtschaft.) XXV u. XIII, 1148 8,
gr. 89° 1923-24 Gmk 21.50, geb. 25.50
Verlag von Gustav Fischer in Jena

Archiv für Politik und Geschichte, 1925, Heft ı: Oppenheimers „System
der Soziologie‘ ist der Ausdruck eines selten stark entwickelten Kausaltriebes: es ist ein
Werk, das versucht, in wahrhaft humanistischem Geiste weit über die Grenzen des Spezial-
forschertums hinauszutreten, um zu letzten Allgemeinheiten und damit zum Allgemein-
menschlichen vorzudringen. In einer kühn ausgreifenden geistigen Zusammenschau will
uns dieses Werk ein Gesamtbild von den ursächlichsten Zusammenhängen
vieler unserer wichtigsten Lebensbeziehungen bieten; ja es beabsichtigt nichts
Geringeres, als die eigentlichsten, die tiefsten Wurzeln des gesellschaftlichen Zusammen-
lebens der Menschen bloßzulegen. ...

Oppenheimers Versuch der Begründung eines ‚Systems der Soziologie“ stellt
zweifellos ein außerordentlich gewagtes wissenschaftliches Unternehmen dar! Es handelt
sich zunächst um nichts Geringeres, als der Soziologie das eigentliche Bürgerrecht unter
den überlieferten und bereits anerkannten Wissenschaften zu erringen. . .. Hier wird ein
stattliches, eindruckgebietendes. Heer von erkenntnistheoretisch sichtenden Vortruppen, ge-
folgt von einer positiv erkenntnisfördernden Hauptmacht ins Treffen geführt, ein Gedanken-
heer, das zudem mit reichem, durchaus zeitgemäßem Rüstzeug von Tatsachenmaterial aller
Art ausgestattet ist... Oppenheimer erneut nun diesen kühnen Versuch, der Soziologie
eine feste, dauerhafte Grundlage zu schaffen durch Ausarbeitung eines sowohl nach
formalen wie auch nach inhaltlichen Gesichtspunkten gründlich durchdachten Systems ,..

Das Bedeutendste an diesem Werk erscheint uns seine selten umfassende, gerade-
zu staunenerregende Systematik. Oppenheimer ist ein Meister der „Zusammenschau‘“‘;
er holt seine Bausteine aus den verschiedensten entlegenen Steinbrüchen und ordnet sie
zu einem wahrhaft eindrucksgebietenden, selten stattlichen wissenschaftlichen Bauwerk zu-
sammen; man möchte beinahe sagen, Oppenheimers Werk verwirkliche im Rohbau den
von Auguste Comte erträumenten herrlichen „Dom der Geisteswissenschaften‘“ ...

Hans Honegger.
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        -- +. —.
’konomische Gewalt zwei wichtige Institutionen unserer eigenen
esellschaft geschaffen hat: die Stände bzw. Klassen und das
;roße Grundeigentum, umgeformt in den Begriff des Monopols

N ind damit eine Größe gewonnen, die in unsere Rechnung ein-

SS ‚esetzt werden konnte. Ein Kenner der Methode wie Schum-

. eter hat mir ausdrücklich zugegeben, daß logisch deduktiv nichts

nn aehr einzuwenden wäre, wenn meine Diagnose des Großgrund-

N igentums als eines Monopols oder besser Klassenmonopols stich-
tjelte?).

' Hier überall ist nur der Ansatz der Rechnung synthetisch,
| ber die Ausrechnung der gewonnenen Gleichungen ist analytisch.
Damit halte ich meine Terminologie für gerechtfertigt. Aber

*S ist mir freilich wohlbekannt, daß in Philosophie und Logik die

5 ‚Vorte „Synthese“ und „Analyse“ in sehr verschiedener Bedeutung

_ zebraucht werden, und ich will mit niemandem über rein ter-
hinologische, d. h. gleichgültige Fragen streiten. Sachlich jedoch
nuß ich dabei bleiben: die Zumutung an eine solche statische Be-
rachtung, daraus „empirische Kenntnisse“ (S. ı27) gewinnen zu
‚ollen, ist völlig ungerechtfertigt. Umgekehrt ist aus empirischen
irkenntnissen das Gesetz zu finden, das jene beherrscht. —
Jnd das ist doch wohl die Aufgabe der Ökonomik, die
tTesetze der Marktwirtschaft zu entdecken.

Ss 4. Die Krisis der Grenznutzentheorie.

: In den ersten Auflagen dieses Buches habe ich meine Neu-
assung der objektivistischen Wertlehre ohne viel Polemik gegen die
Arenznutzentheorie entwickelt: ich hatte keine große Neigung,
Mich in neue Kämpfe zu verwickeln, namentlich mit einer Schule,
lie mir doch wenigstens insofern nahe steht, als sie sich eben
‚uch theoretisch bemüht. Ich hatte die schwache Hoffnung,
laß sie sich dazu verstehen würde, meine, den entscheidenden
Zinwänden nicht mehr ausgesetzte Lehre zu akzeptieren. Das
wäre wohl möglich gewesen. Denn erstens stehe ich, soweit die
‚Vorwirtschaftliche Erwägung“ in Frage steht, durchaus auf dem

@ 3oden Gossens, und zweitens habe ich nie bestritten, daß diese,

&gt; /on der Schule übernommene, Lehre sehr wohl imstande ist,

&amp; rewisse Erscheinungen besser zu erklären, als es der Klassik

o zelungen ist: Erscheinungen, die freilich keines der großen Pro-

I Y I) Vgl. unsere Diskussion über den Gegenstand im „Archiv für Sozialwissen-
chaft‘“, Band 42, 44 und 47, abgedruckt in meine „Wege zur Gemeinschaft‘, S, 411 ff,
ich. hat auf meine letzte Erwiderung nicht mehr geantwortet. Trotzdem scheint ihn
\idolf Weber (Festgabe für Brentano, II. S. 29) für den Sieger zu halten.

So
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