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        <title>Agrarkrisis und landwirtschaftliche Betriebsorganisation</title>
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            <surname>Aereboe</surname>
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        Petriebswirischaftliche Vorträge aus dem Oebiete
der Landwirilschaft.
Von Professor Dr. phil. et rer. pol. h. c. Friedrich Hereboe,
Pr. Landesökonomierat und Geh. Reg.-Rat.
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u
landwirtschaftliche Betriebsorganisation.
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Berlin
Verlassba4zhovdtuno Paul Yarer
SW-. 11. Hedemannsraße 10 u. 11

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i 926.
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        Betriebswirischaftliche Vorträge aus dem Gebiete
der Landwirischaft.
Von Professor Dr. phil. et rer. pol. h. c. Friedrich Aereboe,
Pr. Landesökonomierat und Geh. Reg.-Rat.
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landwirtschaftlihe Betriebsorganisation.
Berlin
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SW. 11, Hedemannstraße 10 u. 11

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1926
        <pb n="3" />
        Vortrag gehalten am 12. Dezember 1925 in der Hauptversammlung des
Landw. Vereins für Rheinpreußen zu Düsseldorf.
Alle Rechte, auch das der Übersetzung, vorbehalten.
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        Anm 10. Januar 1922, also noch eher, als wir etwas von der Ruhrbesetzung
 ahnten, habe ich auf der Hauptversammlung der Landwirtschaftskammer
 meiner Heimat Schleswig-Holstein in Kiel einen Vortrag gehalten,!)
in dem ich folgendes gesagt habe:
„Die Zeiten einer Besserung unserer Geldverhältnisse werden für die
Landwirtschaft um so schwerer werden, je weiter die Geldentwertung vorher
fortgeschritten war und je weiter daher die Löhne und Preise aller käuflichen
 Produktionsmittel des Landwirtes gestiegen waren. In den Zeiten
wachsender Geldentwertung steigen die Löhne und Preise aller käuflichen
Produktionsmittel des Landwirtes langsamer als die Preise der wichtigsten
Agrarerzengnisse, so daß die Produktionsmöglichkeiten bei allen
genügend einsichtigen Landwirten zunehmen. In den Zeiten einer
Verbesserung der Valuta sinken dagegen zufolge wachsender Auslandskonkurrenz
 die Preise der landwirtschaftlichen Erzeugnisse schneller als die
Preise der Erzeugungsmittel, insbesondere als die Löhne, die sich nicht leicht
wieder abbauen lassen, auch wenn die Kaufkraft des gleichen Lohnes im
Steigen begriffen ist.
Erst eine klare Einsicht in die Verhältnisse dieser kommenden Zeit der
sich besssernden Valuta läßt uns die heutige Lage (1922) der Landwirtschaft
 und ihre Aufgaben richtig erkennen und beurteilen. Heute (1922)
ist es Zeit, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um die Bodenproduktion zu
steigern, nicht nur im Interesse des. ganzen, zum größten Teile notleidenden
deutschen Volkes, sondern erst recht im Interesse der deutschen Landwirte
und ihrer Kinder.
Eine schnelle Steigerung der Bodenproduktion allein kann zurzeit eine
weitere Versschlechterung unserer Valuta, eine weitere Steigerung der
Nahrungsmittelpreise, welcher die Lohnsteigerung auf dem Fuße folgen
muß, aufhalten und. damit die zukünftigen Verhältnisse der deutschen Landwirtschaft
 erleichtern. Heute (1922) gilt es, den Betrieb mit allen
Mitteln auf die Höhe zu bringen, damit er die kommenden
") Als Heft Nr. 7 unserer „Betriebswirtsschaftlichen Vorträge“, Berlin, bei Paul Parey
erschienen.
        <pb n="5" />
        . 2. -
Zeiten ohne Ruin seines Besitzers überstehen kann. Wer heute
meint, Ersparnisse auf die hohe Kante legen zu müssen, wird zum Narren
werden. Wer jeden Pfennig, den er erübrigt und geliehen erhalten kann,
in den Betrieb steckt, um dessen Erträge und Ertragsfähigkeit zu steigern,
der wird als vorsorglicher Hausvater bestehen.
Es ist nicht wahr, daß man heute (1922) deshalb nicht bauen kann,
weil die Gebäude zu teuer geworden sind, daß man keine arbeitsparenden
Einrichtungen schaffen kann, weil diese zu teuer sind, daß man nicht
drainieren und keine sonstigen Meliorationen durchführen kann, weil diese
zu teuer sind. Heute kann man alle diese Dinge noch durchführen, weil
die Kosten im Vergleich zu den Erzeugnispreisen nicht gestiegen sind. Die
Zeiten, wo solche Betriebsverbesserungen von Landwirten nicht
bezahlt werden können, sind nicht heute, sondern sie werden erst
mit der wachsenden Eingliederung unserer Volkswirtschaft in die
Weltwirtschaft kommen.“
Grundsätzlich ist alles so gekommen, wie ich vorausgesagt habe. Im
Ausmaß aber ist alles viel schlimmer gelaufen, weil der Ruhrkampf die
Geldentwertung und mit ihr die Ausplünderung des ganzen Deutschen
Reiches in ein Galopptempo versetzt hat, bis so gut wie nichts mehr zu
entwerten war.
Das Rheinland haben wir Gott sei Dank gehalten. Aber an den
Kosten des deutschen Rheines werden wir noch manches Jahrzehnt zu
würgen haben. Wollen wir darum jammern und klagen?
Je unfähiger der Mensch ist, desto mehr klagt er bei jedem Mißgeschick
 und Unglück das Schictsal an. Je tüchtiger der Mensch ist, desto
mehr beißt er im Unglück die Zähne aufeinander, desto mehr rafft er seine
ganze Arbeitsenergie zusammen, um wieder hoch zu kommen. Noch ist die
Hauptmasse des deutschen Volkes nicht völlig entmannt. Ist schon das
Leben der Güter höchstes nicht, noch viel weniger sind es die materiellen
Güter, um die es ja doch zunächst allein geht. Ist es wirklich so schlimm,
wenn wir an materiellen Gütern erheblich ärmer geworden sind, wir uns
alle auf wirtschaftlichem Gebiete stark einschränken müssen? Ich glaube das
nicht. Denken wir daran, wie bescheiden unsere Vorfahren noch vor hundert
Jahren gelebt und was sie nach den Freiheitskriegen geleistet haben. Auch
damals konnte man in Deutschland Rittergüter gegen die Bezahlung geringer
 Steuerreste kaufen, und doch ist die deutsche Landwirtschaft nach
etlichen Jahrzehnten der Not wieder hoch gekommen, ja wie nie vorher
erblüht, so erblüht, wie sie niemals hätte erblühen können, wenn die
Freiheitskriege nicht als Zuchtrute vorangegangen wären. Wollen wir aber
die rechten Wege zum Aufstiege auch auf matcriellem Gebiete finden, so ist
eine klare Einsicht in unsere Lage erste Voraussezung. Im Augenblicke
        <pb n="6" />
        .)
sieht dabei wohl die Frage im Vordergrunde des Interessses, ob der
Sicherungspakt von Locarno uns wesentliche Erleichterungen auf wirtschaftlichem
 Gebiete bringen kann. Ich stehe auf dem Standpunkte, daß Locarno
unser ganzes Wirtschaftsleben weiter stabilisieren wird, so daß alle wirtschaftlichen
 Kalkulationen sicherer und damit auf längere Sicht ermöglicht werden.
Damit wird auch unsere Kreditfähigkeit im Auslande gestärkt werden. Das
sind z. T. außerordentlich wichtige Notwendigkeiten, deren Wert hoch anzuschlagen
 ist.
Keinenfalls darf man aber darum glauben, daß unsere ganze wirtsschaftliche
 Lage dadurch eine schnelle Besserung erfahren kann. Deutschlands
wirtschaftliche Isolierung der Kriegszeit hat noch nicht aufgehört, sondern
ist nur abgeschwächt. Sie wird auch durch Locarno nicht beseitigt, sondern
allmählich weiter abgeschwächt.1) Einstweilen sperren sich unsere ehemaligen
Absatzländer noch stark durch Zölle ab, um ihre Inlandindustrie weiter zu
entwickeln, und verhindern auch den Austausch von Arbeitskräften. Dazu
ist die Kaufkraft der ganzen Welt infolge dieser Sperrmaßnahmen, infolge
der falschen Goldverteilung auf die Länder und aus anderen Ursachen gesunken.
 Darum sind die Aussichten einer erheblich besseren Beschäftigung
unserer Industrie zunächst noch wenig rosig. Es kommt hinzu, daß der
teilweise Leerlauf eines großen Teiles unserer industriellen Anlagen die
Stückkossten unserer Waren ebenso belastet wie die erdrückenden Steuern und
Abgaben, sowie die hohen Zinsen für Leihkapitalien. Demzufolge ist auch
an einen schnellen und radikalen Abbau der Arbeitslosigkeit unter den
Industriearbeitern und dem sonstigen Industriepersonal nicht zu denken.
Das hat aber wiederum zur Folge, daß auch die Kaufkraft der übrigen
sstädtischen Bevölkerung sich sobald nicht durchschlagend bessern kann. Unter
dem Mangel an Kaufkraft der Industriebevölkerung aber leidet
die deutsche Landwirtschaft weitaus in erster Linie. Die zahlungsfähige
 deutsche Indusstriebevölkerung hat die deutsche Landwirtschaft vor
dem Kriege in erster Linie wohlhabend gemacht, die Zahlungsunfähigkeit
der Industriebevölkerung macht die deutsche Landwirtschaft heute wieder
arm. Warum stehen denn die Preise der wichtigsten Agrarprodukte heute
so niedrig? Doch in erster Linie deshalb, weil die Stadtbevölkerung nicht
bezahlen kann. Das gilt ganz besonders für die Viehpreise und für die
Roggenpreise. Letztere ständen noch niedriger, wenn der Roggenexport sie
nicht noch einigermaßen hielte. In einem Lande, dessen Bevölkerung zu
zwei Drittel Industriebevölkerung ist, gilt nicht mehr das in Agrarexportländern
 berechtigte Sprichwort „Hat der Bauer Geld, hat's die ganze
Welt“, sondern da muß man es umkehren und sagen „Wo soll der Bauer
1) Unsere Elektrizitätswirtschaft und chemische Industrie zeigt z B. in der neuesten
Zeit eine Besserung ihrer Lage auf.
        <pb n="7" />
        .
Geld herbekommen, wenn seine Abnehmer kein Geld haben?“ In Agrarexportländern
 ist eben der Bauer der Mann, der das Geld ins Land zieht
und an die anderen Bevölkerungsschichten weitergibt, diese befruchtet. In
Ländern mit überwiegendem Export von Industrieerzeugnissen und auf diesen
eingestellter Industriebevölkerung müssen die Industrien das Geld ins Land
ziehen und damit die Landwirtschaft befruchten. Versagt die Industrie,
so leidet die Landwirtschaft Not.
Die industrielle Bevölkerung eines Landes kann auch ohne eine blühende
heimische Landwirtschaft existieren, wenn sie einen ausreichenden Auslandsmarkt
 für Rohstoffbezug und Fabrikatabsat hat. Die Landwirtschaft eines
Landes aber kann ohne eine kaufkräftige Inlandindustriebevölkerung nur
extensiv betrieben werden, es sei denn, daß sie sich wie die dänische Landwirtschaft
 ebenfalls auf umfangreichen Rohstoffbezug vom Auslande und
Absatz der Agrarprodukte ins Ausland einstellt.
Graf Kanitz hat die Situation der deutschen Landwirtschaft am
28. Oktober v. J. in der Vertreterversammlung des Reichslandbundes sehr
treffend mit folgenden Worten charakterisiert: „Das gefährlichste Moment
für die deutsche Landwirtschaft ist heute, daß sie unter einer Absatkrise,
nicht nnter einer Produktionskrisse leidet. Diese aber hängt mit dem Niedergange
 der deutschen Gesamtwirtschaft zusammen, die auf der Erlahmung der
europäischen Konsumkraft beruht, welche also keine innerdeutsche Angelegenheit
 allein ist.“
Wie sehr die Kaufkraft unserer Industriebevölkerung gesunken ist, das
erkennt man am besten an der Relation zwischen den Schweinepreisen
einerseits und den Rindviehpreisen andererseits. Je ärmer die Bevölkerung
wird, desto mehr nährt sie sich von Kartoffeln und Schweinefett unter Einschränkung
 des eigentlichen Fleischkonsums. Auch die Spannung zwischen
den Weizenpreisen einerseits und den Roggenpreisen andererseits, die nie
so groß gewesen ist wie heute, beweist die wachsende Verarmung des deutschen
 Volkes.
Auch erneute Auslandskredite können hier nur soweit helfen, als sie
die Exportfähigkeit der Inlandsindustrie steigern. Das tun sie, soweit sie
an sich gesunde Anlagen, deren Produkte auf dem Weltmarkte noch konkurrenzfähig
 sind, von den Kriegsschäden befreien helfen, oder wenn sie die
Arbeitsmethoden soweit rationalisieren helfen, daß diese Konkurrenzfähigkeit
erreicht wird. Im übrigen sind sie schädlich, weil sie nichts bedeuten als
eine Erleichterung der Gegenwart auf Kosten der Zukunft. Ein großer
Teil der bisher aufgenommenen Auslandskredite hat dazu gedient, im
Augenblick den in der Inflationszeit angewöhnten Luxuskonsum aufrecht
zu erhalten und wird daher nur den kommenden Katenjammer verstärken.
        <pb n="8" />
        hidliothek
Heraushelfen aus dieser allgemeinen Not können nur Me feet
rationellere Arbeit und Sparsamkeit des ganzen Volkes. Diese \aklei D
können ganz allmählich zu einer gesunden Kapitalbildung SC Kien «*
Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkte heben. Diese Mehrarbeit undf
Sparsamkeit müssen in allen Berufen und Bevölkerungsschichten endlich
Platz greifen, beginnend bei den Staatsregierungen und allen ihren Organen.
Ein armes Volk kann nicht dasselbe verbrauchen wie ein reiches. Tut es
dies zeitweilig doch, so wird es in Zukunft um so mehr darben.
Unsere Zahlungsbilanz war im Jahre 1924 mit rund 3 Milliarden
Reichsmark passiv. Im Jahre 1925 werden es annähernd 4 Milliarden
werden. Das bedeutet doch nichts als fortgesettten Ausverkauf des Restes
unseres Volksvermögens ans Ausland infolge ungenügender Arbeit und
Sparsamkeit. Unmöglich kann das lange gehen. Einmal wird unsere
Zahlungsbilanz aus der Passivität herauskommen, selbst wenn große Teile
des deutschen Volkes dabei zugrunde gehen sollten. Auch in Rußland ist
die Zahlungsbilanz aktiv geworden.
Wenn so schon das Bild der absehbaren wirtschaftlichen Zukunft des
deutschen Volkes ein ziemlich düsteres ist, so kann das auch bezüglich der
deutschen Landwirtschaft nicht viel anders sein. In diesem Herbsste haben
allerdings besonders viele, sehr ungünstige Momente zusammengewirkt, um
das derzeitige traurige Bild zu zeitigen. Obenan steht dabei die über
Erwarten hohe Welternte, besonders in Getreide, namentlich in Roggen.
Zugleich aber ist der Roggenbedarf in den Vereinigten Staaten infolge der
Trockenlegung derselben stark gesunken. Früher wurde ein großer Teil der
dort und in Kanada geernteten Roggenmengen zu Whisky verbrannt. Diese
Verhältnisse haben besonders die Preise für unseren Exportroggen wesentlich
gedrückt. Auch die gute Roggenernte in Polen hat die Preise des Roggens
in unseren wichtigsten Exportländern Schweden, Norwegen, Finnland,
Baltikum sehr ungünstig beeinflußt. Dann ist besonders dazu gekommen,
daß die Aussicht auf Getreidezölle Leute, die nicht wußten, daß Deutschland
gar keinen Mangel an Brotgetreide überhaupt, sondern nur einen spezifischen
Mangel an Weizen als Umtauschgut für Roggen aufweist, die deshalb auch
glaubten, daß die Getreidezölle die Inlandspreise stark steigern würden, zu
einer spekulativen Einfuhr an Mehl und Getreide verleitet haben, welche
stark drückend auf die Preise eingewirkt hat.1) Das Schlimmste dabei war,
daß dies mit den Notverkäufen der Landwirte vor den Wechselfälligkeitsterminen
 zusammenfiel und auch der Handel und die Mühlen bei der ungeheuren
 Geldknappheit keine Vorratskäufe machen konnten. Die Folge
war, daß die Roggenpreise im Inlande zeitweilig unter die Weltmarkts-1)
 In Ostpreußen kostete z. B. die Tonne Roggen Mitte Juli d. J. noch 224,50 Mart,
anfangs Oktober nur noch 144 Mark.
        <pb n="9" />
        preise fielen. Es ist ausgeschlossen, daß so niedrige Getreidepreise, wie wir
sie gehabt haben, leicht wiederkommen. Ja, auch die derzeitigen wieder
besseren Preise müssen weiter steigen. Meines Erachtens müssen sich die
Getreidepreise auf dem Weltmarkte – Meittelernten vorausgeseßktt – in
den kommenden Jahren etwa auf mittleres Preisniveau der letzten Friedensjahre
 plus Zuschlag für die Goldentwertung einstellen. Letztere beträgt
z. Z. etwa 60 0/2. Das Niveau der Weltmarktgetreidepreise ist heute
nur zufolge der großen Welternte ausnahmsweise niedrig.
Die Inlandsgetreidepreise müssen jetzt nach Wiedereinführung der
Einfuhrscheine ja annähernd um den Getreidezoll über den Weltmarktpreisen
stehen. Die Einfuhrscheine sorgen eben dafür, daß solange Getreide exportiert
wird, bis der Inlandspreis annähernd über dem Weltmarktpreis steht. Sie
machen also die Zölle auch bei hohen Inlandsernten wirksam. In der sogenannten
 Caprivizeit war z. B. der Zollschutz für Getreide in Deutschland
höher als in der Zeit vor dem Abgange Bismarcks, denn was Caprivi an
den Zollsäteen abgebaut hat, das hat er durch die Aufhebung der Identitätsnachweise
 und Einführung der Einfuhrsscheine mehr als eingebracht. Daß
in der Caprivizeit troßdem die Getreidepreise so stark sanken, lag nicht an
einem verminderten Zollschuße, sondern an dem ungeheuren weiteren Sturz
der Weltmarktpreise. Dieser Sturz hätte auf die Inlandspreise bei Beibehaltung
 der Bismarckschen Zollsätze mit Identitätsnachweis noch drückender
gewirkt, als sie es in der Caprivizeit getan haben.
Es ist töricht, zu behaupten, daß die Getreidezölle die Brotgetreidepreise
 des Inlandes nicht steigerten. Es ist nur eine andere Frage, ob
die Landwirtschaft mehr Nutzen von einseitigen Getreidezöllen oder von
einseitigen Zöllen auf tierische Erzeugnisse, insbesondere Molkereiprodukte,
Gartenbauprodukte, Obst usw. hat und wie die ganze Volkswirtschaft dabei
fährt. Ich kann hier heute auf diese und andere Zollfragen nicht näher
eingehen. Sie wissen ja auch wohl, wie ich zu diesen Fragen stehe, und
ich weiß, daß gerade die rheinischen Landwirte mit mir der Uberzeugung
sind, daß es in erster Linie die tierischen Erzeugnisse und die Gartenbauprodukte
 sind, welche zollpolitisch geschittt werden müssen. Das wird in
Zukunft noch mehr der Fall sein als bisher, denn die uns in Zukunft
drohende Auslandskonkurrenz wird auf dem Gebiete der Viehzucht viel
schneller wachsen als auf dem Gebiete des Getreidebaues. Schon heute ist
diese Konkurrenz, namentlich auf dem Gebiete des Molkereiwesens und des
Gemüsebaues, viel schlimmer als auf dem Gebiete des Getreidebaues,
namentlich für den ganzen Westen Deutschlands. Unser Molkereiwesen ist
zudem in der Kriegszeit viel rückständiger geworden als irgend ein anderer
Zweig des landwirtschaftlichen Betriebes. Besonders aber ist an Moltkereiprodukten,
 Gemüse, Obst usw. viel mehr zu verdienen als am Getreide.
        <pb n="10" />
        }

Was die Landwirtschaft in diesem Winter ebenfalls in eine besondere
Notlage gebracht hat, das sind die ungewöhnlich niedrigen Kartoffelpreise
und die schlechte Haltbarkeit der Kartoffeln. An sich dürfte ja eigentlich
eine reiche Kartoffelernte mit niedrigeren Preisen für die Landwirtschaft
nicht ungünstiger sein als eine knappe Ernte mit entsprechend höheren
Preisen. In diesem Jahre aber brauchte der Landwirt im Herbste Geld
und der Handel hatte auch im Kartoffelgeschäft nicht die Möglichkeit, größere
Vorratskäufe zu tätigen. Ganz besonders aber hat sich auch die Aufnahmefähigkeit
 der Kartoffeltrocknereien als völlig unzureichend herausgestellt.
Vielfach hat es auch an den Dämpfanlagen gefehlt, um die sich schlecht
haltenden Sorten wenigstens einsäuern zu können, so daß dieselben jetzt
zum erheblichen Teil in den Mieten faulen. Die ganze Kartoffelverwertung
 muß bei uns auf andere Geleise geschoben werden,
damit eine reiche Kartoffelernte der Landwirtschaft voll zum
Nuyt en ausschlägt. Am besten daran sind mit ihrer Kartoffelverwertung
heute wieder die Brennereibetriebe. Auch die Kartoffelfrachten müßten
weiter herabgesettt werden.
Als vor Jahrzehnten der preußische Eissenbahnminister einmal bei
Vorlage des Finanzetats erklärte, daß die Eisenbahn für den Staat eine
glänzende Einnahmequelle sei, antwortete ihm Eugen Richter sehr trocken,
daß er immer geglaubt habe, sie sei ein Verkehrsmittel. Leider ist es heute
bei den uns auferlegten riesigen Reparationsverpflichtungen, welche ja zum
großen Teile auch direkt auf den Eisenbahnen ruhen, nicht mehr möglich,
letztere lediglich als ein Verkehrsmittel zu betrachten, sondern wir sind leider
gezwungen, sie auch als eine wichtige Cinnahmequelle anzusehen. Es ist
aber unbedingt notwendig, immer wieder darauf hinzuweisen, daß die Eisenbahn
 in erster Linie Verkehrsmittel ist und daß sie als Einnahmequelle
für den ganzen Staat und nicht etwa für das Cisenbahnpersonal da ist.
Wenn es richtig ist ~ was die Fama sagt + daß der Eissenbahnminister
ein Einkommen von 250 000 Mark haben soll, so wäre das ebenso unverantwortlich
 wie die Tatsache, daß die Eisenbahner im vorigen Jahre
als Folge der hohen Einnahmen der Bahn erhebliche Weihnachtsgratifikationen
und Freifahrten bekommen haben. Dafür hat man den Mitgliedern des
Reichswirtschaftsrates bis auf einen verschwindenden Teil ihre Freikarten
genommen, damit sie sich ja nicht mehr im Wirtschaftsleben umschauen
können, soweit sie nicht mit materiellen Glücktsgütern gesegnet sind. Wenn
man sehen will, wie rückständig wir mit unserem Eisenbahnwessen sind, dann
muß man einmal die Kilometerzahl, welche die Wagen bei uns und in den
Vereinigten Staaten im Jahre zurücklegen, vergleichen, ferner auch die Zahl
der Angestellten, die hier und drüben zur Bewältigung der gleichen Personenkilometer
 erforderlich sind.
        <pb n="11" />
        Den Preisabbau muß man bei den zu hoch bezahlten
Menschen und bei der Ausschaltung entbehrlicher, zu wenig
leistender Menschen bewirken. Ein Preisabbau bei den Waren zeigt
von einer allzu wenig komplizierten Auffassung der Zusammenhänge im
Wirtschaftsleben.
Wir leiden heute ganz allgemein an einer Unterproduktion einerseits
und einem Uberkonsum andererseits. Hohe Preise sind aber der erste Anreiz
zur Mehrproduktion und der Zwang zum Minderverbrauch. Niedrige
Preise mit vermindertem Konsum lassen sich nur in der Zwangswirtschaft
vereinigen, und auch hier nur unter der Voraussetzung, daß man eine solche
auch durchführen kann, was natürlich im Frieden noch viel weniger gelingen
 kann als im Kriege.
Ebenso töricht wie der Ruf nach einem Preisabbau ist auch der nach
einem Abbau der Arbeitslöhne. Bei steigenden Kosten der Lebenshaltung
ist ein solcher nicht möglich und nicht zulässig. Zulässig und möglich ist
nur eine Minderung der Arbeitskosten pro Einheit des erzeugten Produktes.
Eine solche Minderung der Stückkossten ist zu erzielen nur durch erhöhte
Leistungen aller in Betracht kommenden Arbeitskräfte. Entscheidend sind
dabei vornehmlich diejenigen Arbeitskräfte, welche den ganzen Arbeitsprozeß
rationalisieren können, und das sind die geistigen Arbeite. Mehrarbeit
und rationellere Arbeit aller sogenannten gebildeten Stände
muß also der Haupthebel sein, der aus den Nöten der Zeit allmählich
 heraushelfen kann.
Andererseits darf auch der Arbeiterstand nicht hoffen, durch erhöhte
Geldlöhne seine Lage bessern zu können, solange die Möglichkeiten der Beschäftigung
 nicht wachsen. Auch bei Löhnen, welche durch Tarife fixiert
sind, steigt und fällt das Einkommen des ganzen Arbeiterstandes mit den
Besschäftigungsmöglichkeiten. Sinken sie, so behalten zwar die noch in voller
Arbeit stehenden Arbeiter ihren Lohn, es wächst aber die Zahl der Kurzarbeiter
 und der Arbeitslosen. Früher sanken bei abfallender Arbeitsgelegenheit
 die Löhne aller Arbeiter und es wurde mehr und billiger gearbeite,,
 um das Einkommen hoch zu halten. Damit stieg dann die
Konkurrenzfähigkeit der hergestellten Waren und folgend auch das Einkommen
der Arbeiter wieder. Heute dagegen fehlt es in den Unternehmungen zum
großen Teile an den Möglichkeiten, die Konkurrenzfähigkeit ihrer Waren bei
stockendem Absatze durch Verbilligung derselben zu steigern. Sinkende Warenpreise
 der Industrievrodukte mit Absatzstockungen führen heute eben viel
schneller zu einer Einschränkung der Produktion und damit zu einem teilweisen
 Leerlauf der Fabrikanlagen, weil der Unternehmer nicht die Möglichkeit
 hat, durch Reduktion der Löhne die Warenpreise zu senken und den
Absatz dadurch zu steigern. Darum ist das ganze Tarifwesen meiner Uber-10
        <pb n="12" />
        1
zeugung nach auf die Dauer unhaltbar, wenn es nicht durch einen gebildeten,
die Produktionsmöglichkeiten mit übersehenden Betriebsrat beweglich gemacht
wird. Ich kann hier leider auf diese wichtigen und interessanten Lohnprobleme
 nicht näher eingehen. Ich wollte Ihnen kurz andeuten, wie sehr
die Frage der Konkurrenzfähigkeit unserer Industrie auch mit inneren
Problemen zusammenhängt, die sich noch völlig in Fluß befinden. Von
ihrer Lösung hängt aber die Kaufkraft unserer städtischen Bevölkerung in
hohem Maße mit ab und damit auch die Frage der Gesundung der deutschen
Landwirtschaft.
Ähnlich so sieht es mit den Fragen des Geld- und Kreditwesens aus.
Statt einer Besserung unserer Geld- und Kreditverhältniste sind dieselben
in diesem Jahre immer schlimmer geworden. Noch im März d. J. stand
beispielsweise der Kurs der schlesischen landwirtschaftlichen achtprozentigen
Goldpfandbriefe auf 84%, ihres Nennwertes. Im Oktober waren sie bis
auf 63%, gefallen. Die zehnprozentigen gleichartigen Papiere standen im
März 92%,, im Oktober 77%). Die zehnprozentigen landschaftlichen
Pfandbriefe der Provinz Sachsen standen zu den gleichen Daten 91"/,
bezw. 79 9%.
Solange aber der Kurs der Grundhypotheken der deutschen Landwirtschaft
 so niedrig steht und so sinkt, können die landwirtschaftlichen Kreditanstalten
 das Beleihungsgeschäft unmöglich forcieren, denn sie würden
andernfalls zufolge Uberangebot den Kurs der Pfandbriefe noch mehr
drücken, so daß der Landwirt beim Verkauf der Pfandbriefe für ein Spottgeld
 eine ungeheure Schuldenlast auf sich laden würde. Er fährt dann
immer noch besser beim Wechselkredit, den er leichter wieder abdecken kann.
Diese Verhältnisse aber drücken erschreckend auf die Güterpreise. Wir
haben heute genau die umgekehrte Sachlage wie nach dem siebenjährigen Kriege.
Damals sank der Zinsfuß der Landhypotheken infolge der Gründung der landschaftlichen
 Kreditinstitute und infolge der starken Nachfrage nach landschaftlichen
 Pfandbriefen seitens einer sparsamen Stadtbevölkerung schnell,
zugleich aber stiegen die Güterpreise. Mit den steigenden Güterpreisen aber stieg
wiederum die zulässige Beleihungsgrenze des Landgutes. Die steigende Kaufkraft
 des Volkes und sein wachsender Sparsinn bedeuteten Absatz für die
Pfandbriefe zu guten Kursen bei sinkenden Zinsen. Heute bewirken die Geldknappheit
 und die hohen Zinssätze zuerst ein Sinken der Kurse der Grundhypotheken
 und dann der Landgüterpreise. Mit dem Absinken der letzteren
aber sinkt wiederum die Kreditwürdigkeit der Landwirtschaft. Es ist genau
derselbe unglückliche Cirkulus vitiosus wie bei den Aktien. Der Geldmangel
drückt diese Kurse. Der Kursschwund der Aktien aber drückt wiederum
auf die Kreditwürdigkeit aller Aktienbesitzer, welche Aktien lombardieren
müssen.

EJ.
        <pb n="13" />
        . 12
Aus dieser Not können uns nur Mehrarbeit und Sparsamkeit heraushelfen.
 Die Sparsamkeit aber muß wie erwähnt in erster Linie bei der
Staatsverwaltung und allen ihren Organen einsetzen. Unsere Kapitalarmut
wird heute durch die ungeheuren Steuern in unverantwortlicher Weise verschärft.
Im Jahre 1913 wurden dem deutschen Volkseinkommen von 40 Milliarden
Goldmark im ganzen an Steuern und Abgaben einschließlich Zöllen 112129/,
entzogen. Im Jahre 1924 waren es dagegen etwa 33°/J des nur noch
etwa 30 Milliarden Reichsmark betragenden Volkseinktommens. Es ist
unverzeihlich, unter solchen Verhältnissen der Volkswirtschaft an Steuern
mehr abzupressssen als irgend notwendig ist, und unumgänglich die Kosten
der Staatsmaschinerie rücksichtslos abzubauen. Auch die Beamten müssen
einsehen, daß heute jeder weniger haben muß als er vor dem Kriege hatte,
sofern nicht der Staat, von dem er ja in erster Linie lebt, zugrunde gehen
soll. Möglichst weitgehende Anstellung der Staatsbeamten auf besonderen
Dienstvertrag ohne Pensionsberechtigung ist aber das wichtigste Mittel, um
die Arbeitsleistungen in den Staatsbehörden zu steigern.
Natürlich sind es nicht nur die Staatsbeamten, die man zur Bescheidung
und zur Mehrarbeit aufrufen soll. Gleiches gilt vielmehr für alle Bevölkerungsschichten.
 Einstweilen ist das ganze deutsche Volk noch psychisch
krank. Man glaubt sich in die schlimmste Zunftzeit versett, wenn man sich
im Wirtschaftsleben umschaut. Nur ganz ausnahmsweise findet man das
Streben, die Lage durch Mehrarbeit zu bessern. Meist stößt man dagegen
auf das Streben, durch Preisvereinbarungen dafür zu sorgen, daß man
weniger zu arbeiten hat. Ganz besonders schlimm sieht es diesbezüglich
im Handwerk aus. Aber auch die Trusts und Syndikate sind vornehmlich
Versicherungsanstalten für die schwachen sonst nicht lebensfähigen Unternehmungen.
 Auch viele Korporationen sind in erster Linie Einrichtungen,
um den Unfähigen über Wasser zu halten. Manchmal kommt man sich
vor, als wäre Deutschland zu einer großen Alters- und Invalidenversorgungsanstalt
 oder zu einer Anstalt mit der Devise „Schutz für die Faulheit und
Unfähigkeit‘ geworden. Wenn dieser Rentnergeisst, der nichts mit wahrer
sozialer Fürsorge für Kranke und Ausgediente zu tun hat, nicht wieder
aus dem Volke herausgebracht werden kann, dann wird unser Volk den
langen und schweren wirtschaftlichen Kampf, der ihm bevorsteht, nicht ohne
großes Reinemachen bestehen können. Glücklicherweise haben wir aber auch
Volksschichten, die von diesem Rentnergeist oder Schlaraffengeist nicht angekränkelt
 sind. Dazu gehört in erster Linie der deutsche Bauernstand. Er
hat nicht nur in der Kriegszeit krumm gelegen, sondern sich auch in der
Inflationszeit größtenteils nicht zu einem üppigen Lebenswandel verführen
lassen. In ihm regt sich auch der Sparsinn in erster Linie wieder, ganz
besonders im deutschen Westen, wie man aus der Statistik der Sparkassen
        <pb n="14" />
        1 3

ersehen kann. Nach der Korrespondenz des preußischen statistischen Landesamtes
 haben sich die Einlagen der ländlichen Sparkassen, die in der Inflationszeit
 ganz zusammengesscholzen waren, bereits im Jahre 1924 merklich
 wieder gehoben und in der ersten Hälfte des Jahres 1925 sich mehr
als verdoppelt. Die größten Bestände weisen dabei die Sparkassen des
Rheinlandes auf; es folgt dann Westfalen und dann Hannover. Zusammen
hatten die Sparkassen dieser drei Provinzen anfangs Juni d. J. 750 Millionen
Reichsmark Einlagen. Die Sparkassen des ganzen übrigen Preußens dagegen
zusammen nur 50 Millionen. Bei den Einlagen sind auch die kleineren Handwerker
 und die Industriearbeiter erheblich beteiligt. Das sind erfreuliche Anfänge
 eines Gesundungsprozesses, der allmählich dahin führen muß, daß auch
der Landwirtschaft, insbesondere der bäuerlichen des Westens, wieder mehr
Geld zur Verfügung gestellt werden kann und zwar zu erträglichen Zinsbedingungen.
 Im allgemeinen zahlen die Sparkassen ihren Sparern heute
ja nur 6.. bis. 8 '/9 Hinsen. Vor Ödem Kriege. haben die 20000
genossenschaftlichen Sparkassen größtenteils die bäuerliche Landwirtschaft
mit Geld versorgt. Die Spargroschen der kleinen Leute, die großenteils
außerhalb der Landwirtschaft standen, haben dabei die Landwirtschaft befruchtee.
 Möglich war dies aber in erster Linie, weil unsere Industrie
blühte. Auch die größeren Landwirte, namentlich diejenigen, denen es noch
gut geht, müssen erheblich zur Kapitalbildung beitragen. Reduktion des
unnötigen Personals für Ziergärten und Parkanlagen, der Kutscherställe,
Minderung der Hausdomestiken und Einstellung aller dieser Leute in den
produktiven landwirtschaftlichen Betrieb spielen dabei eine Hauptrolle. Eine
amerikanische Dame, die sich mit großem Erfolge für die Amerikahilfe in
Deutschland eingesett hatte, schrieb eines Tages an eine Freundin in
Deutschland: „Wie ich höre, habt Ihr dort überall in den Häusern in Stadt
und Land noch Dienstmädchen. Da kann es Euch doch unmöglich recht
und angenehm sein, von amerikanischen Damen, die ihren ganzen Haushalt
 allein besorgen, Unterstütungen zu empfangen.“ Wir müssen es eben
noch viel mehr lernen, uns selbst zu helfen, uns an die veränderten Verhältnisse
 anzupassen. Je früher wir das tun, desto leichter wird uns das
werden. Kommen tut diese Anpassung zwangsläufig doch. Heute ruft alles
in allen Nöten nach Staatshilfe. Gewiß könnte auch der Staat mehr
tun, wenn man alle Menschen bald zur Sparsamkeit und zur Mehrarbeit
bringen könnte. Die Schwierigkeit liegt nur darin, daß dies nicht schnell
gelingen kann und zur Voraussetzung hat, daß die Rufer nach Staatshilfe
selbst mit Sparen und Mehrarbeit vorangehen müssen. Was soll der verarmte
 Staat heute nicht alles leisten? Dem einen soll er ausreichende
Preise für seine Erzeugnisse garantieren, als ob er die Menschen zum
Kaufen zwingen könnte, zumal wenn sie kein Geld haben. Der andere fordert
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        [ 2
wieder Regulierung der Preise nach unten, als ob der Staat die Menschen
zwingen könnte, unterhalb der Selbstkosten zu produzieren. Nur wenn mehr
gearbeitet, mehr produziert wird und wenn die Produktion durch Rationalisierung
 der Arbeit verbilligt wird, können die Warenpreisse sinken und nur
durch diese Mittel kann auch die Produktion wieder einträglicher gemacht
werden. Staatshilfe brauchen wir bei einer Rationalisierung des Steuerwesens,
 des Kreditwesens, des Verkehrswesens, der Verwaltungsmaschine
und Ähnlichem. Aber auch hier müssen doch erst die Menschen da sein,
welche diese Rationalisierung durchführen und die widerstrebenden Elemente
zwingen können. Darum gilt es heute in erster Linie, daß sich jeder
Stand und jeder Staatsbürger durch Mehrleistung selbst zu helfen sucht.
Wie das aber anzufangen ist, darüber wollen wir uns jetzt weiter unterhalten.
Die Frage, ob die deutschen Landwirte auch unter den außerordentlich
schwierigen Geldverhältnissen, den hohen Preisen für die wichtigsten
Produktionsmittel den Betrieb aufrecht erhalten können, oder gar noch in
der Lage sind, die Produktion zu steigern, ist ja viel ventiliert worden.
Klar ist, daß viele Landwirte dazu nicht mehr in der Lage sind, weil ihre
Wechselschulden viel zu groß geworden sind. Die Zahl der Notverkäufe der Pachtzessionen
 und der Zwangsverkäufe mehren sich daher heute in der Landwitschaft
fast so schlimm wie in der Industrie und es ist zu befürchten, daß bis zur
neuen Ernte noch manche Existenz zusammenbrechen wird. Das muß für die
anderen Landwirte ein Menetekel sein, alle Kräfte anzuspannen, um dem
gleichen Schicksale zu entgehen. Obenan steht dabei eine richtige Erkenntnis
der heute gegenüber früher völlig verschobenen Produktionsbedingungen. Alles,
was noch einigermaßen im Preise steht, muß bei der Produktion bevorzugt,
forziert werden, und alle Produktionsmittel, die im Verhältnis zu den
Produktionspreisen sehr verteuert sind, müssen bei der Produktion sparsamste
Verwendung finden. Am günstigsten aber liegen diese Preisspannungen
heute bei der Milchproduktion. Einmal stehen Milch und Molkereiprodukte
troß niedrigen Zollschuzes relativ hoch im Preise, im Verhältnis dazu
aber sind die Kraftfuttermittel und auch die Kunstdüngemittel für Wiesen
und Weiden billig, erheblich billiger als vor dem Kriege. Besonders aber
beansprucht die Milchproduktion relativ wenig Arbeit oder kann doch auf
geringen Arbeitsbedarf umgestellt werden, so daß die gestiegenen Löhne hier
wenig in die Wege fallen.
Darum gilt es die Milchproduktion mit allen Mitteln zu fördern.
Das Wichtigste dabei ist heute aber die Ausmerzung aller schlechten Milchtiere
 und Ersatz derselben durch gute. Dieser Umtausch ist noch nie so
billig gewesen wie heute, denn vorzügliches Zuchtvieh ist heute im Osten
zu ungewöhnlich niedrigen Preisen zu haben. Eine alte holsteinsche Bauernregel
 besagt, daß man für eine junge Milchkuh mindestens soviel bezahlen

e;
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        darf, wie ihr bei mittelguter Fütterung gelieferter Jahresmilchertrag nach
dem dritten Kalbe an Ort und Stelle kostet, es sei denn, daß ihr Schlachtwert
 höher sei. Heute stehen sogar die Herdbuchtiere des osstpreußischen
Herdbuches nahe dieser Mindestgrenze, sofern man die ostpreußischen Milchpreise
 zugrunde legt. Legt man die rheinländischen Milchpreise zugrunde,
so stehen sie erheblich unter dieser Grenze.
Hat man aber gute Milchtiere, so gilt es heute, dieselben durch hohe
Kraftfuttergaben auszunutzen wie nie zuvor. Kosten eiweißreiche Kraftfuttermittel
 pro Pfund halb so viel wie ein Liter Milch, so sind sie billig. Heute
stehen die Kraftfutterpreise für viele Landwirte erheblich niedriger. Hinzu
kommt, daß man das Geld, welches man für Kraftfutter zwecks Milchproduktion
 ausgibt, sehr schnell wieder bekommt, sso daß hier die hohen
Geldzinsen einen am wenigsten drücken. Unter den käuflichen Kraftfuttermitteln
 aber muß man die eiweißreichsten besonders bevorzugen, zumal, wenn
man größere Mengen an Rüben, Rübenblättern und Kartoffeln verfüttert.
Dbenan steht dabei das Sojabohnensschrot. Ich lasse davon auf den von
mir beratenen Gütern an die besten Milchkühe soviel geben, wie sich mit
der Gesunderhaltung verträgt. Herr Dr. Hans Zörner, Administrator der
Herrschaft Görlsdorf in der Niederlausitz, hat einer sehr guten Kuh, deren
Jahresertrag über 9000 Liter hinausging, zeitweilig 14 Pfund Kraftfutter,
zum weitaus größten Teil Sojabohnenschrot gegeben. Wir haben es dort
bei einem Bestand von durchschnittlich 65 Kühen im abgelaufenem Jahre
auf rund 4300 Liter Durchschnittsertrag pro Kuh gebracht. Der durchschnittliche
 Kraftfutteraufwand in der Winterfütterungsperiode beträgt 5 bis
) Pfund. Eine außerordentlich peinliche Leistungskontrolle, scharfe Ausmerzung
 aller nur mittelguten Tiere und Ankauf nur erstklassiger Herdbuchtiere
 aus dem Osten, die auch Herrn Dr. Zörners Vorgänger, Herr Rücker-Embden
 bereits gründlich geübt hat, hat uns in fünf Jahren auf diese
Höhe gebracht. Es ist doch kaum zu verantworten, daß in Deutschland
von allen Milchkühen nur 6 /, unter Leistungskontrolle stehen. In
dem ausgesprochenen Bauernlande Dänemark, das allerdings weniger Arbeitskühe
 hat, sind es dagegen 50 /,). Aber z. B. in Ostfriesland stehen
50 %), aller Kühe unter Leisstungskontrolle, in Ostpreußen trotz der
gewaltigen Leistungen des dortigen Herdbuchverbandes mit seinem Dr. h. e.
Jakob Peters an der Spitze nur 24 9s,.
Nun wird man mir vielleicht einwenden, daß eine allgemeine Steigerung
der Leistungen unserer Milchviehbesstände bald die Milchpreise stark zum
Sinken bringen würde. Demgegenüber ist auf den großen, in den beiden
letzten Jahren wieder riesenhaft angewachsenen Import an Butter, Käse,
Kondenzmilch und andern Molkereiprodukten hinzuweisen. Vor allen Dingen
ist daran zu erinnern, daß der Milchkonsum des deutschen Volkes noch

1 5
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        1
einer ungeheuren Steigerung fähig ist, sofern man nur das Nötige dafür
tut. In den Vereinigten Staaten von Nord-Amerika bekommt jedes Mädel
auf jedem Vergnügungsplatze einen Reklamezettel mit einem niedlichen
Bildchen, das einen frischen rosigen Mädchenkopf darstellt, in die Hand
gedrückt, mit der Aufschrift: Milchgenuß gibt körperliche Schönheit. Auf
jedem Sportplatze wird einem ein ähnliches Bild mit der Aufschrift „Milch
gibt Kraft“ in die Hand gedrückt. Welch ungeheuren Milchabsatz haben
sich die amerikanischen Landwirte durch ihre Agitation für den Eiskrem
geschaffen, und mehr noch durch die großartige Organisation ihres ganzen
Molkereiwesens und Milchhandels. Sie wollen sich ja, wie ich höre, demnächst
 durch Herrn Prof. Dr. Lichtenberg er von der Forschungsanstalt für
Molkereiwesen in Kiel, Vorträge halten lassen, der seit dem Frühjahr
dieses Jahres das Molkereiwesen in den U. S. A. und in Canada
studiert hat.
Wir sind mit unserem Molkereiwessen so rückständig geworden, daß das
Publikum größtenteils dänische Butter lieber kauft und höher bezahlt als
deutsche Butter, und daß Deutschland mit Käse aus aller Herren Länder
überschvemmt wird. Nur erhöhte Reinlichkeit des Stallpersonals, bessere
Ausbildung des Molkereipersonals, Aufstellung von Milchktühlern, Bezahlung
der Milch nicht nur nach Fett, sondern nach dem Grade der Reinheit,
Ausbau des Genossenschaftswesens, Zentralisation des Milchverkaufs zwecks
Dauererhitzung der Milch, können hier helfen. Der Import von Moltkereiprodukten
 muß abgebaut werden, auch wenn der Import von Getreidekörnern
 dabei zunimmt, was ganz besonders im Interesse der Erhaltung
und Förderung des deutschen Bauernsstandes liegt.
Weiter muß die Milchproduktion durch richtigen eigenen Juttermittelbau
unterstüßt werden. Obenan steht dabei auf allen luzernewüchsigen Böden
der Luz ernebau. Der Reinertrag guter Luzernefelder übertrifft heute
denjenigen fast aller anderen Kulturen ganz erheblich, denn die Luzerne
erfordert wenig Arbeit und keinen Stickstoffdünger, ja auf vielen Böden
auch keinen Phosphatdünger, weil sie mit ihren tiefgehenden Wurzeln bisher
unerschlossene Bodenschichten ausbeutet. Besonders wichtig ist ferner, daß
die Luzernefelder nicht nur die Stallmistproduktion sehr heben, sondern
auch die abzumistende Ackerfläche um so mehr verkleinern, je mehr Luzerne
angebaut wird. Mit ihrer Hilfe läßt sich also das Düngerkonto von zwei
Seiten her erheblich vermindern und zugleich das Bakterienleben im Ackerboden
 steigern. Umfangreicher Luzernebau ist schließlich das Mittei um
mit den vorhandenen Arbeitskräften die restlichen Ackerflächen um so besser
bewirtschaften zu können und im Großbetriebe troß vieifach gesunkener
Leistungen der Arbeiter mit den vorhandenen Arbeiterwohnungen auszukommen.


1. 6
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        1
Eine Steigerung des Luzernebaus ist .ein Schulbeispiel dafür, wie
man den Betrieb einenteils extenssivieren muß, um auf dem anderen Teile
die Betriebsintensität aufrecht erhalten oder noch steigern zu können. Es
ist das die Methode, die Hugo Werner derzeit mit ,extensiv organisieren
und intensiv führen“ charakterisiert hat. Wie Herr Schurig-Markee nachgewiesen
 hat, kann man Luzerne auch auf recht leichten Böden mit tiefen
Grundwasserständen dann noch bauen, wenn dieselben vorher in den verschiedenen
 Schichten, also in Oberkrume und Untergrund gründlich durchgekalkt
 und der Kalk gründlich mit dem Boden vermischt ist. Im feuchten
Klima, z. B. am Niederrhein, muß man Luzerne allerdings nach jedem
Schnitte tüchtig eggen und mit dem Jederzahnkultivator behandeln, um sie
von Unkraut rein halten zu können. Wird dieser Kampf zu schwer, müssen
Dauerweiden und Dauerwiesen an ihre Stelle treten. Ausdehnung und
Jorzierung der dauernden Grünlandflächen wirken auf den Betrieb grundsätzlich
 ja genau so, wie wir es eben für die Ausdehnung und Verbesserung
der Luzernefelder gesehen haben. Nur den Düngeetat können wir, da hier
die Stickstoffdüngung nicht entbehrlich ist, nicht so entlasten wie beim
Luzernebau, deshalb muß dieser heute in viel feuchtere Gegenden hinein
getragen werden wie früher. Nichts ist heute unrichtiger als zu viel
Ackerland im Betriebe zu haben. „Grünland“ ist, wie Professor Dr. Strecker
in Leipzig mit Recht sagt, heute mehr denn je „Hoffnungsland“. Beschränkung
 der Ackerfläche unter Steigerung der Intensität der Ackerwirtsschaft
auf der Restfläche muß für die meisten Wirtschaften die Richtschnur sein.
Auf dem Ackerlande aber muß das gleiche Prinzip bezüglich des Anbauverhältnisses
 der Hackfrüchte, Halmfrüchte und Futterpflanzen befolgt werden.
Die Hackfruchtfläche muß im allgemeinen soweit beschnitten werden, daß eine sehr
reichliche Stallmisst- oder Gründüngung auf ihr möglich ist, um so den
Kunstdüngeretat auch hier zu entlasten. Weiter muß der Futterrübenbau
mit Rücksicht auf die relativ günstigen Milchpreise, einen so großen Anteil
am Hackfruchtbau erhalten, daß man den Kühen ungefähr soviel Rüben
geben kann wie sie fresssen mögen. Luzernebau und Futterrüben machen
die Viehfütterung billig und geben erst die rechte Grundlage dafür ab, daß
sich hohe Kraftfuttergaben bezahlt machen.
Wo die Absatverhältnisse für Zuckerrüben günstig liegen, müssen die
Rübenblätter und Rübenschnitzel den größten Teil des Futterrübenbaus
entbehrlich machen.
Der Zuckerrübenbau ist troß der gesunkenen Zucker- und Rübenpreise
immer noch einer der wichtigsten Hebel der deutschen Bodenkultur. Wäre
nicht die finanzielle Not des Staates so groß, sso müßte man den Kampf
gegen die Verbrauchsabgabe als die törichtsste aller Steuern auch heute noch
fortsezen. Würde sie fallen, so würde der Zuckerrübenbau einen gewaltigen
Vorträge Aereboe, Heft 9.

.
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        Ÿ| |. --Aufschwung
 nehmen. Eins der wichtigsten Volksnahrungsmittel würde
verbilligt und durch den gesteigerten Zuckerexport, der dann bei niedrigen
Preisen möglich wäre, würde unsere Zahlungsbilanz stark entlastet
werden. Aber auch so muß der Zuckerrübenbau gepflegt werden. Wir
haben im Inlande alles, was wir für denselben brauchen, Boden,
Kunstdünger, Maschinen, Arbeitskräfte. An eine wesentliche Beeinflussung
der Zuckerpreise auf dem Weltmarkte zufolge einer Produktionssteigerung
Deutschlands ist in den nächsten Jahren kaum zu denken. Hier kann also
der Hebel mit allen Kräften angeseßtt werden und zwar vornehmlich in
allen Bauernwirtschaften, die leidlich günstig zu den Zuckerrübenfabriken
liegen. In den großen Zuckerrübenwirtschaften wird man heute froh sein,
wenn man den alten Umfang des Zuckerrübenbaus wieder erreichen oder
aufrecht erhalten kann, da hier die Arbeitsverhältnisse zufolge Zurücktretens
der ausländischen Wanderarbeiter und zufolge der Lohnsteigerung besonders
bei den inländischen Arbeitskräften erheblich ungünstiger geworden sind.
Allerdings haben sich viele Zuckerrübenwirtschaften bereits durch verstärkte
Heranziehung von Arbeitern aus der Umgegend, umfangreiche Vergebung
der ganzen Rübenkultur in Pauschalakkord und besonders durch weitgehende
Mechanisierung des Rübenbaues zu helfen gesucht. Auch ein verstärktes
Mitarbeiten der Tagelöhnerfrauen ist stellenweise erreicht worden, besonders
dort, wo nicht –} wie in Mecklenburg ~+ ein unverantwortlich hoher
Naturallohn als Jahresgrundlohn ohne jede Arbeitsverpflichtung der Frauen
gegeben wird.
Nirgends aber liegen die Arbeitsbedingungen für den Zuckerrübenbau
heute so günstig wie in den Bauernwirtschaften. Von Haus aus ist es
etwas völlig Unnatürliches, daß der Zuckerrübenbau vornehmlich zu einer
Domäne des Großbetriebes geworden ist. Seinen Grund hat das lediglich
in der Zulassung der ausländischen Wanderarbeiter und deren geringen
Ansprüchen an Wohnraum und Wohnkapital. Eigentlich müßte der Zuckerrübenbau
 eine Domäne des Kleinbetriebes sein, denn er hat für denselben
die besten Arbeitskräfte, insbesondere auch Kinder zum Verziehen der Rüben
und Frauen für die Hackarbeit. Es läßt sich aber auch der Zuckerrübenbau
so organisieren, daß Groß- und Kleinbetrieb dabei zusammenarbeiten. Übernimmt
 der Kleinbauer im benachbarten Großbetriebe die Rübenkultur gegen
Pauschalakkord und erhält seine Bezahlung nicht nur in Geld, sondern auch
in Form von Rübenblättern und Rübenschnitzeln, so ist beiden Teilen gedient.
Landrat v. Wilmowski sagt im Septemberheft der Südd. Monatshefte
mit Recht, „daß in den industriellen Gegenden des Rheinlands, Wäürttembergs
 und Sachsens auch die Überführung eines Teils der industriellen
Arbeitskräfte in die Landwirtschaft auf die einfachste Weise derart geschehen
kann, daß die bodenständigen, hausbesitzenden Arbeiter, die in den letten

V
        <pb n="20" />
        Jahren auf ihren Rädern in die Fabrik gefahren sind, sich nunmehr wieder
~ wie in früheren Zeiten ~ der landwirtschaftlichen Arbeit zuwenden.“
Dabei wird in allen Zuckerrübengegenden der Zuckerrübenbau obenan stehen.
Auch dem Zuckerrübensamenbau, wie überhaupt dem Samenbau muß
mehr Aufmerksamkeit zugewandt werden. Der Export von Zuckerrübensamen
 muß und kann wieder auf die alte Höhe gebracht werden. Bei Grasund
 Kleessamen muß der Import aufhören und ein Export angestrebt
werden. Es ist besser, wenn wir etwas mehr Brotgetreidekörner als wenn
wir Klee- und Grassamen importiere. Gras- und Kleesamenflächen
erfordern verhältnismäßig wenig Arbeit, entlasten ebenso wie Luzerne und
Grünland den übrigen Betrieb derart, daß auf ihm die alte Betriebsintenssität
 aufrecht erhalten werden kann. Swalöf muß uns hier als Muster
dienen. Selbstredend dürfen wir den Samenimport erst dann ablehnen,
wenn wir bessere Saaten haben. Die Getreidesaaten von Swalöf haben
sehr zur Steigerung der Getreideerträge in Deutschland beigetragen.
Nächst dem Luzernebau und dem Zuckerrübenbau ist es der Kartoffelbau,
 der heute unsere besondere Aufmerksamkeit verlangt. Ich brauche
Ihnen das im Rheinlande, in der Heimat und im Arbeitsgebiete von Herrn
Geheimrat Prof. Dr. R em y, dem verdienstvollen Förderer des deutschen
Kartoffelbaues, ja kaum zu betonen.
Ich will mich auch hier auf Einzelheiten nicht einlassen. Betonen
will ich nur, daß der Spätkartoffelbau im Rheinland gegenüber dem Frühkartoffelbau
 immer mehr znrücktreten muß. Das Rheinland mit seinen
günstigen klimatischen Verhältnissen muß die Einfuhr von Frühkartoffeln
aus Holland und Italien immer mehr einengen, damit wir hierfür nicht
so viel Geld ins Ausland schicken. Um so mehr kann es sich Spätkartoffeln
aus dem Osten kommen lassen. Die Eisenbahnverwaltung muß diese Unabhängigmachung
 vom Auslande durch entsprechende Tarife fördern.
Für die Entwicklung des gesamten Kartoffelbaues ist es vor allen
Dingen wichtig, daß die Kartoffeltrocknereien vermehrt werden. Solange
wir noch Kraftfuttermittel, namentlich stärkereiche, wie Kleien, Reismehl,
eiweiß- und fettärmere Olkuchen, Futtergerste, Mais u. a. m. vom Auslande
 in großen Mengen importieren, haben wir keinen Überfluß an
Kartoffeln, sondern nur eine unzulängliche Organisation der Kartoffelverwertung.
 Auf allen leichten Böden muß der Kartoffelbau weit mehr
als bisher auf Gründüngung gestellt werden. Lupinen als Hauptfrucht
und Stoppelfrucht angebaut, machen den Betrieb billig, denn sie brauchen
nur mit 293 Ztr. Kainit pro Morgen gedüngt zu werden. Bei den nachfolgenden
 Kartoffeln aber kommt man, wenn die Lupinen gut gediehen
waren, mit einem halben Zentner Leunasalpeter oder mit noch weniger
aus. Der Getreidebau aber muß auf diesen leichten Sandböden stark ein-1

 9
        <pb n="21" />
        geschränkt werden. Die verstärkte Einstellung auf Lupinen- und Kartoffelkultur
ist hier das einzige Mittel, um diese Böden heute vor der gänzlichen Brachlegung
 oder Umwandlung in Schafhutungen oder Kiefernwald zu bewahren.
Auf allen besseren Sandböden wie auf allen besseren Böden überhaupt
hat auch der Wintergerstenbau heute eine viel größere Bedeutung als früher,
denn auch er ist ein wichtiges Mittel, um den Düngeretat herunter zu
drücken. Starker Wintergerstenbau gestattet ja die Gewinnung von Stoppelgründüngung
 wie kaum eine andere Kulturpflanze. Höchstens der Anbau
von Erstling und anderen frühreifen Frühkartoffeln kommen der Wintergerste
 darin gleich oder übertreffen dieselbe noch insofern, als nach Frühkartoffeln
 für die Einsaat der Gründungpflanzen nicht erst gepflügt zu
werden braucht. Daß viele Landwirte das vorstehend über Luzernebau,
Futterrübenbau und Wintergerstenbau Gesagte, auch bereits voll begriffen
haben, können Sie daran erkennen, daß in der Zeit von 1913 bis 1924
die Anbauflächen des Deutschen Reiches neuen Umfanges gestiegen sind
bei Wintergerste um . 150,6 9%,
bei Runkelrüben um .. 30,2 %,
hei Luzerneum. .. . 29%8,9 %: ö
Der Wintergerstenbau ist dabei noch im weiteren Wachsen begriffen. Olfrüchte,
 Gespinstpflanzen und Hülsenfrüchte, deren Anbau im Kriege stark
zugenommen hatte, werden dagegen weniger kultiviert. Die Abnahme des
Hülsenfruchtbaues ist dabei zu bedauern und auf die Ernteschwierigkeiten
und großen Ertragsschwankungen zurückzuführen. In allen Klimazonen,
wo die Hülsenfrüchte aber leidlich sicher sind, sollte man namentlich den
Pferdebohnenbau fördern, denn derselbe hilft ebenfalls an Kunstdünger sparen.
Auf allen schweren und allen sehr verunkrauteten Böden fällt heute
auch der Brachhaltung wieder erhöhte Bedeutung zu, teils als ständiger
Einrichtung, teils als Notmaßnahme. Man muß eben überall heute die
Bodennutzung vornehmlich auf die vorhandenen menschlichen und tierischen
Arbeitskräfte und Inventarbestände zuschneiden, weil das Umgekehrte, nämlich
die Anpassung der Arbeitskräfte und Inventarien an ein sonst zweckmäßig
erscheinendes Wirtschaftssystem zu teuer ist. HZweckmäßigste Ausnutzung
alles dessen, was man im Betriebe besitzt, muß also die Losung sein und
Ergänzung nur soweit, wie dadurch die Ausnutzung dessen, was man hat,
ganz wesentlich gesteigert werden kann. Namentlich dort, wo man es mit
entfernt gelegenen Schlägen zu tun hat, die man wegen zu trockenen Klimas
als Weide nicht nußen kann, müssen Brachhaltung und Gründungpflanzenanbau
 den Betrieb verbilligen. Liegen Dörfer in der Nähe solcher Felder,
so müssen letztere nach Möglichkeit an die darin wohnenden Banuern verpachtet
 werden. Oftmals kann auch ein Verkauf von Ländereien, selbst zu
mäßigen Preisen und bei relativ geringer Anzahlung, zum Nutzen des Be-20
        <pb n="22" />
        o N --triebes
 ausfallen. Felder, die weit vom Hofe abliegen, zehren nur an dem
Reinertrage der näher gelegenen Ländereien und hindern hier die Aufrechterhaltung
 der Betriebsintensität. Wo eine Extensivierung des Betriebes
unumgänglich ist, muß dieselbe also immer bei der Betriebsorganisation
einseßen, damit die Intensität der Betriebsführung nicht beeinträchtigt wird.
Durch eine Umänderung der Organisation darf man an Arbeit, Kunstdünger,
sîraftfutter, Inventar sparen, niemals aber darf man das, was man macht,
schlecht machen, das, was man an Früchten anbaut, schlecht düngen, das
Vieh, welches man hält, schlecht füttern u. a. m. Wer solche Wege geht, dem
schlagen die Wogen der Zeit bald über dem Kopfe zusammen.
Unter den tierischen Erzeugnissen wird neben der Milch auch das
Schweinefleisch relativ günstige Preise behalten, wenn dasselbe auch, zufolge
der Abhängigkeit der Schweinehaltung vom Kartoffelbau und damit auch
von den großen Schwankungen der Kartoffelernten, ziemlichen Preisschwankungen
 ausgesetzt bleiben wird. Diese Schwankungen würden aber
mit Ausdehnung der Kartoffeltrockfnung geringer werden. Daß aber das
Schweinefleisch im Vergleich zum Rind- und Schaffleisch im Durchschnitt relativ
gut im Preise bleiben muß, hängt mit dem Umstande zusammen, daß der Bedarf
an Fett und fettem Fleisch, relativ betrachtet, um so mehr hervortritt, je
mehr die Menschen zufolge wachsender Verarmung auf vegetarische Nahrung,
insbesondere auf Kartoffeln, angewiesen sind. Allerdings wird das Ausland
zufolge der gänzlich falschen Abstufung der Zölle zwischen Schweinefett und
Getreide uns erhebliche Konkurrenz machen. Wir haben durch unsere Zollgesetgebung
 ja z. B. für Dänemark eine Prämie für den Ankauf ausländischen
Getreides und Umwandlung desselben in Schweinefleisch hinter der Grenze
mit folgendem Export nach Deutschland ausgesett. Die eigentliche Körnermast
 von Schweinen ist damit im deutschen Inlande ziemlich erdrosselt worden.
Günstiger liegen die Dinge bei der Geflügelhaltung, insbesondere bei
der Hühnerhaltung für die Eierproduktion. Zwar ist auch hier der Zollschutz
ein lächerlich niedriger. Dafür sind aber die natürlichen Möglichkeiten auf
dem Gebiete dee Geflügelhaltung bislang viel weniger und völlig unzulänglich
 ausgenutzt, so daß hier durch eine Verbesserung der Technik und
der Organisation noch viel zu erreichen ist. Außerdem sind die Preisspannungen
 für die Geflügelhaltung viel günstiger geworden. Man ssieht
dies aus folgenden Zahlen. Es kostete ein Schock inländischer Eier:
über 55 g unter 55 g
Stückgewicht Stückgewicht
am 831. 7. 1913 3,90 M 3,65 M
am 20. 11. 1913 5,80 M 4,65 M
am: 27. . 7. 41925 13,07 M 12,01 M
am t. 11. 1925 91, M 16,25 :.M

1
        <pb n="23" />
        ? Bibliothek ~
Die Ki reise haben sich also seit 1913 ungefähr verdreifacht. Die Getreide-.gif.
 stehen heute unter den Preisen ven 1913. Vor dem Kriege
ostete 1 Pfund Eier nur etwa halb so viel wie 1 Pfund knochenfreies
Rindfleisch im Fleischerladen kostete. Heute ist der Preis der Eier höher
als der des Rindfleisches. Früher tat man, wenn man Körner verfüttern
wollte, daher besser, diese dem Großvieh zu geben, weil man sie dort ~
abgesehen von dem Winternotfutter für die hauswirtschaftliche Geflügelhaltung
 — viel höher verwertete; heute kann man die Geflügelhaltung
durch Körnerzugaben viel weiter ausdehnen. Nach dem verdienten Förderer
der deutschen Geflügelzucht, Herrn Professor Düringen in Berlin, hatten
wir am 1. Dezember 1900 bei der ersten Geflügelzählung Deutschlands
64,5 Millionen Stück Geflügel (wovon 55,3 Millionen auf Hühner entfielen)
im Gesamtwert von 143,3 Millionen Mark. 1912 waren es 82,7 Millionen
Stück (davon 72,8 Millionen Hühner), welche 41/, Milliarden Eier brachten.
Trotzdem aber betrug der Eierimport aus dem Auslande noch 3,3 Milliarden
Stück. 1913/14 wurden in Deutschland an Eiern, Eigelb, Geflügel und
Federn zusammen für ca. 260 Millionen Mark importiert. Nach den
steigenden Importziffern der Neuzeit sind wir auf dem besten Wege, diese
ungeheure Importziffer bald wieder zu erreichen. Dem muß mit allen
Kräften entgegengearbeitet werden, und kann entgegengearbeitet werden,
zum Wohle des deutschen Bauernstandes, in dessen Händen ja weitaus in
erster Linie die Geflügelzucht liegt. Namentlich der Eierverkauf muß nach
dänischem Muster überall organisiert werden und kann das relativ leicht,
wie die großen Erfolge, die Herr Ok.-Rat Zollikof er in Hannover dabei
erzielt hat, ohne weiteres beweisen. In Dänemark, das auf der gleichen
landwirtschaftlich genutzten Fläche fast dreimal so viel Geflügel hat, wie
Deutschland, sind die ersten Eierverkaufsgenossenschaften im Jahre 1875
gegründet worden; 1894 wurden diese Genossenschaften in einer großen
Zentralgenossenschaft zusammengefaßt, welche 1894 bereits 364 Vereine mit
18 000, 1919 aber 500 Vereine mit rund 50 000 Mitgliedern umfaßte.
Außerdem waren noch 15 000 Geflügelhaltungen den Butterverpackungsgenossenschaften
 angegliedert, die sich auch mit Eierversand befassen, ebenso
8000 Mitglieder den Schweineschlachtgenossenschaften, die das gleiche tun.
Im Jahre 1917 hatten diese und andere Genossenschaften, die sich mit dem
Eierhandel befassen, bereits 70 000 Mitglieder. Musterhühnereien und Geflügelinstruktoren
 sorgen dabei besonders für weitere Fortschritte in der
Geflügelzucht.
Die Ausdehnung der Geflügelhaltung kann in den meisten deutschen
Betrieben viel leichter erfolgen als die irgend eines anderen Nutviehzweiges,
weil der Bedarf an Stallraum gering ist. Auch der Produktion und dem
Sammeln von Geflügelfedern muß erhöhte Aufmerksamkeit zugewandt werden.

I9
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        Frau Jakob in Burkhardshain in Sachsen, welche auf der Novembertagung
der D. L. G. darüber Vortrag gehalten hat, führte an, daß Deutschland
vor dem Kriege jährlich für 28 Millionen Mark Federn importiert hat und der
Import jetzt wieder 25 Millionen Mark erreicht haben dürfte. Ohne Vermehrung
 der deutschen Geflügelhaltung, lediglich durch sorgfältigeres
Sammeln der Federn, sollen daran für ca. 5 Millionen Mark gespart
werden können. Wenn wir uns dauernd ebenso weich betten wollen wie
vor dem Kriege, so müssen wir eben überall mehr arbeiten und mehr sparen,
im Großen wie im Kleinen. Die Produktionsbedingungen der Geflügelhaltung
 liegen bei uns doch nicht ungünstiger als beispielsweise in Holland,
das einen erheblichen Eierexport hat, z. B. vor dem Kriege allein nach
Deutschland für 8 Millionen Mark schickte.
 ÖUhnlich so wie auf dem Gebiete der Geflügelzucht sieht es auf dem
des Gemüsebaues und der Obstzucht aus. Auch hier haben wir einen unzureichenden
 Zollschutz erhalten. Das ist deshalb besonders zu bedauern,
weil der Gemüsebau und Obstbau die wichtigsten Hebel einer Steigerung
der Bodenproduktion sind und gute Gemüsepreise für den Kleinbetrieb viel
wichtiger sind, als etwas höhere Getreidepreise. Es kommt hinzu, daß nirgend
so viele Arbeitskräfte (auch Arbeitslose) so leicht und bei so geringen Kapitalanforderungen
 beschäftigt werden können wie beim Gemüsebau. Bei ihm
haben daher auch Erziehungszölle in erster Linie Berechtigung. Es ist
doch einfach nicht zu verantworten, daß wir für Millionen von Mark
Zwiebeln, Blumenkohl, Gurken, Salat, Spinat u. a. mehr vom Auslande
hereinholen, bloß damit einige wohlhabende Leute diese Dinge besonders
zur Unzeit essen können. Wer das will und kann, der mag auch die Zölle
mit tragen. Das Interesse der breiten Volksmassen, die doch nur vom
späteren Inlandsgemüse leben, wird dadurch nicht negativ, sondern nur
positiv betroffen, indem viel mehr Menschen im Inlande mit Frühgemüsekulturen
 beschäftigt werden können. Der Gartenbau ist überhaupt ein
Schulbeispiel dafür, wie wir die Nahrungsmittelproduktion auch dann heben
können, wenn es uns an Kapital fehlt, sofern nur Arbeitskräfte zur Verfügung
 stehen. Die Arbeitslosenbeschäftigung im Gartenbau ist auch deshalb
relativ leicht möglich, weil die Wohnungsfrage dabei zum großen Teil ausscheide.
 Im nächsten Sommer wird sich der Zwang zur Arbeitslosenbeschäftigung
 im Umkreis der Städte in verstärktem Maße fühlbar machen
und mancher Landwirt, der dort wohnt, wird sich diese Verhältnisse zunutze
 machen können.
Unter den Gartenkulturen im weiteren Sinne des Wortes müßte unter
den heutigen Verhältnissen auch der Tabaktbau eine besondere Pflege erfahren.
 Weiter müßte die Verarbeitung des inländischen Tabaks mit allen
Mitteln gefördert werden. Man kann auch aus deutschen Tabaken sehr

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        e NVA. ...-gute
 Zigarren herstellen und wir sind, was Tabakzucht und Tabakverarbeitung
 anbelangt, noch ziemlich weit zurück. Die Badische Anilinund
 Sodafabrik hat in sehr dankenswerter Weise eine Tabakverarbeitungsversuchsstation
 auf ihrem Verssuchsgute Limpurgerhof bei Ludwigshafen
eingerichtete. Ich war in diesem Sommer mit ca. 100 Studierenden der
landwirtschaftlichen Hochschule dort und wir bekamen dort echte Limpurger
Havannas vorgessettt, die nach allgemeinem Urteil auch einem ziemlich verwöhnten
 Geschmack genügen könnten. Der Tabak war zeitweilig unter
Halbschatten gezogen und einem besonderen Aufbereitungsverfahren unterworfen.
 Es geht eben beim Tabak wie beim Wein. Wer den rechten
Erntezeitpunkt nicht abzupassen und die Gärung nicht richtig zu führen
weiß, der kann keinen guten Wein gewinnen.
Auch auf dem Gebiete des Obstbaues ist noch viel zu tun und namentlich
durch genossenschaftliche Organisationen zu erreichen. In Frankreich ist
man z. B. auf dem Gebiete der Organisation des Obstexportes viel weiter
als bei uns. Man sorgt dort viel mehr für genossenschaftliche Sortierung
und Verpackung und hat im Auslande große Obstläger eingerichtet. In
Holland geht man ähnlich vor. Dort werden jetzt vom Landesverbande
der Obst- und Gartenbauvereine Obstsortiermaschinen aufgestellt. Stellenweise
 rührt man sich allerdings in Deutschland neuerdings auch mehr als
früher. Sehr wirksam sind z. B. die zweitägigen Obstpackerkurse, welche
die Landwirtschaftskammer für die Provinz Brandenburg zu wiederholten
Malen in Werder abhielt. Außerdem hat die Gartenbauzentrale A. G. in
Berlin jetzt Obstlagerhallen eingerichtet.
Es kommt eben heute überall darauf an, daß die Landwirte sich selbst
zu helfen suchen und sich dabei gegenseitig zu unterstützen suchen, denn von
dem verarmten Staate ist viel Hilfe nicht zu erwarten. Umstellung und
Schulung der Menschen ist dabei aber die Hauptsache. Je teurer die sachlichen
 Produktionsmittel werden, desto mehr muß die Produktion auf persönliche
 Leistungen abgestellt werden. Diese Leistungssteigerungen der Menschen
muß bei allen in Betrieben tätigen Menschen erreicht werden. Bei den
Lohnarbeitern muß das Haupthemmnis dazu, nämlich der Wohnungszwang,
so bald wie möglich abgebaut werden und muß der Landarbeitsunterricht,
insbesondere der für die Viehpfleger (Lehrgänge für Schweinepfleger, Schäfer),
für Maschinenführer usw. ausgebaut werden. Auch die Hausfrauenbildung
muß mit allen Mitteln gefördert werden, denn die Tüchtigkeit der Hausfrau
wird immer wichtiger für den Erfolg des landwirtschaftlichen Betriebes.
Namentlich an unseren Winterschulen müssen Parallelklassen für die weibliche
 Landjugend eingerichtet werden, zunächst mit fünfmonatlichen Lehrgängen.
 Der miärkische Verband ländlicher Hausfrauenvereine hat bereits
bis zum Ablauf des Geschäftsjahres 1924 an 11 landwirtschaftlichen
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        Schulen landwirtschaftliche Haushaltungslehrerinnen für diesen Zweck angestellt.
 Außerdem werden Wanderlehrgänge abgehalten. Im Jahre 1924
wurden bereits 600 junge Mädchen in Schulen und Lehrgängen unterrichte.
 Am wichtigsten ist natürlich die Erziehung und Schulung der derzeitigen
 und der angehenden Betriebsleiter selbste Für die mitten im Betriebe
 steckenden Betriebsleiter müssen die Ausstellungen mehr durch kurzfristige
 Lehrgänge ersetttr werden. Das Ausstellungswesen hat bei uns
direkt überhand genommen und belastet besonders die Aussteller furchtbar.
Die Kosten aber werden nachher auf die Ausstellungsgegenstände, wie
Maschinen usw., darauf geschlagen. Die Konkurrenzen und die Ausstellungen
müssen mehr getrennt werden. Heute kann man auf den Ausstellungen
meist vor Bäumen den Wald nicht mehr sehen. Was wir brauchen, sind
kurzfristige Lehrgänge im Gebrauche der wichtigsten Maschinen, im Molkereiwesen,
 im Gebrauch der Melkmaschinen, in der Geflügelzucht, im Tabakbau,
im Obstbaumschnitt und in vielen anderen Dingen. Diese Kurse dürfen
drei Tage nicht überdauern und nicht mit hohen Kosten verbunden sein,
was durch gemeinsame Verpflegung zu erreichen ist. Wo es an Kursusleitern
 fehlt, müssen solche in Landwirtschaftslehrerkursen, die einige Tage
länger dauern, herangebildet werden. Die Leiter der Lehrerkurse aber
müssen später die von ihren Schülern abgehaltenen Kurse besuchen.
Weiter müssen die Bauern wieder mehr Einfluß auf die Besezung der
Landwirtschaftslehrerstellen in ihrem Bezirke zu gewinnen suchen. Da die
Winter- und Ackerbauschulen von ihrer Kammer ressortieren, so kann ihnen
das ja nicht schwer fallen. Nur so kann es gelingen, zu erreichen, daß
man an die Winterschulen nicht Männer als Landwirtschaftslehrer setzt, die
mit den Bauern gar keine innere Fühlung haben und zu finden verstehen.
Auf diese Weise kann dann ein Gegengewicht gegen die Strömung der Zeit
geschaffen werden, die dahin geht, die Bauernsöhne von der Lehrtätigkeit an
den Winterschulen und Ackerbauschulen immer mehr auszuschalten. Praktisch
wird dies doch durch die Forderung der Abiturientenprüfung erreicht.
Außerdem aber leidet die praktische Ausbildung dadurch auch bei denjenigen
Landwirtschaftslehrern, die aus dem Bauernstande stammen. Ein Bauernsohn,
 der mit 15 Jahren den Einjährigenschein erlangt hat und dann fünf
Jahre vor seinem Studium in der Praxis war, hat doch eine ganz andere
Anwartschaft, ein tüchtiger Lehrer für die Bauernsöhne zu werden, als ein
anderer, der mit 18 Jahren das Abitur erreichte und dann vor dem Studium
 nur zwei Jahre in der Praxis war. Es ist zudem leider häufig so,
daß diejenigen Studierenden mit der besseren praktischen Vorbildung nach
dem Studium viel leichter wieder in der Praxis unterkommen, als die
anderen. Von denen, welche die geringere praktische Vorbildung haben,
kommt dann ein verhältnismäßig großer Prozentsatz in den Stand der

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        Landwirtschaftslehrer hinein. Je mehr man das Abitur als Vorbedingung
für die Ausbildung fürs Leben fordert, desto mehr fällt diese Ausbildung
in die Schule und desto weniger ins Leben. Statt die Examina an den
Hochschulen zu erschweren und alle Leute durchfallen zu lassen, die nichts
Ordentliches wissen, statt dessen erschwert man die Zulassungsbedingungen
und sperrt den Zutritt zur Hochschule immer mehr für die Tüchtigsten,
welche in der Wahl ihrer Eltern unvorsichtig gewesen sind. Und das geschieht
 in einer Zeit und bei der Ausbildung für einen Beruf, wo alles
darauf ankommt, Menschen zu gewinnen, bei denen Urteil und Können den
Ausschlag geben. So wird unser Bildungswesen immer chinesischer und
unsere Organisationen und Einrichtungen werden immer mehr zu einer
Zwangsjacke, welche das Leben zum Stagnieren bringen, statt ihm aufzuhelfen
 und es fortzuentwickeln.
Ist es da zu verwundern, daß man sich in der Praxis immer häufiger
über die unzulänglichen Leistungen der sogenannten , Vollakademiker“ beschwert?
 Gefördert wird dieses ganze System aber besonders dadurch, daß
der größte Teil der Lehrer an unseren Hochschulen die Bedürfnisse der
praktischen Landwirtschaft gar nicht kennen kann, weil er selbst niemals
praktisch Landwirtschaft gelernt und auch nicht Landwirtschaft studiert hat.
Wir müssen unbedingt dahin kommen, daß auch der Lehrer, der an einer
Landwirtschaftlichen Hochschule Botanik, Physik, Zoologie oder ein sonstiges
naturwissenschaftliches oder volkswirtschaftliches Fach unterrichtet, vorher
Landwirtschaft praktisch und wissenschaftlich erlernt hat. Ein Mann, der
ein praktisch, wissenschaftlich und pädagogisch tüchtig durchgebildeter Landwirt
 ist, kann sich z. B. auch in die Botanik oder in die Physik soweit
hineinarbeiten, daß er die Studierenden einer Landwirtschaftlichen Hochschule
in diesen Fächern gründlich unterrichten kann. Er aber kann allein die
Bedürfnisse des Lebens dabei gebührend berücksichtigen, was ein reiner
Botaniker oder Physiker usw. niemals kann. Vor allen Dingen krankt
unser ganzes Studium an einer viel zu großen Zersplitterung im Unterricht,
die nur zur Vielwisserei ohne genügendes Urteil führt und sich daher auch
niemals zu ordentlichem zielbewußten Können und Handeln ausmünzen
läßt, sondern gewöhnlich dafür sorgt, daß das Selbstbewußtsein im kubischen
Verhältnis zum wirklichen Können steigt. Das wirkt sich dann besonders
beim Geschick oder Ungeschicé im Umgang mit Menschen, sowohl Nebengeordneten
 als Untergeordneten, aus. Auf dieses Geschick kommt es heute
aber in der Landwirtschaft mehr denn je an. Wird hier nicht endlich
Wandel geschaffen, so werden die höheren landwirtschaftlichen Lehranstalten,
die eine viel verständigere Organisation und verständigere Unterrichtsmethoden
 aufweisen, unseren Hochschulen troß des Nimbus, den dieselben
haben, die Studierenden immer mehr wegnehmen, und zwar die besonders

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tüchtigen zuerst. Auch die Nöte der Zeiten werden in der gleichen Richtung
wirken, da die Studienkosten nur ca. 30 % derjenigen an den Hochschulen
betragen. Schon jetzt können die höheren landwirtschaftlichen Lehranstalten
die Angemeldeten kaum zur Hälfte aufnehmen urd sichten daher stark, die
Nichtaufgenommenen aber ziehen dann, soweit ihre Mittel es erlauben, zur
Hochschule.
Wir müßten an unseren Landwirtschaftlichen Hochschulen endlich auch
die von mir seit Jahren geforderten Beiräte von akademisch gebildeten, besonders
 erfolgreichen praktischen Landwirten erhalten. Diese müßten vornehmlich
 bei Beratung der Lehrpläne und Studienordnungen herangezogen
werden. Die höheren landwirtschaftlichen Lehranstalten haben Kuratorien,
die großenteils aus solchen praktischen Landwirten bestehen, die auch mit
in der Prüfungskommission sitzen und bei den Examina mit Fragen stellen.
Das wirkt ungemein heilsam auch auf die Lehrer ein. Solange wir aber
diese und andere Reformen noch nicht durchgesetzt haben, müssen Lehrkurse
nach den verschiedensten Richtungen hin den Unterricht an den Lehranstalten
in ausgiebigem Maße ergänzen. Obenan stehen dabei die Lehrkurse in
der Landarbeitslehre und Landarbeitsforschung. Die Wichtigkeit gerade
solcher Kurse kommt auch immer mehr in das Bewußtsein der praktischen
Landwirte hinein, so daß diese Kurse geradezu überlaufen sind. In der
Rationalisierung aller Arbeitsmethoden und Arbeitsprozesse muß und wird
in erster Linie der Fortschritt der Landwirtschaft in der Zukunft liegen.
Diese Rationalisierung aber setztt Einsicht in diese Prozesse und besonders
Kenntnis normaler und hoher Leistungen der Menschen voraus. Ohne
diese Kenntnis kann man keine verständigen Lohntarife schaffen, ohne sie
kann man die Arbeitsprozesse nicht vervolllommnen, die Aussichtskosten
nicht vermindern u. a. m. Das alles hat aber für die Landwirtschaft noch
viel höhere Bedeutung wie für die Industrie, weil die Arbeiten in der
Landwirtschaft ungemein verschiedenartig sind und für den einzelnen Arbeiter
schnell wechseln. Darum sind hier aber auch die Möglichkeiten der Leistungssteigerung,
 und zwar großenteils ohne vermehrte Anstrengung der Arbeiter,
besonders groß. Damit soll nicht gesagt sein, daß man nicht auch eine
erhöhte Anstrengung der Arbeiter erstreben soll. Gerade in dieser liegt
eine Interessengemeinschaft zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, sofern
die erhöhte Anstrengung ihren vollen Lohn findet. Sie alle haben von
den hohen Leistungen und hohen Verdiensten schon gehört, die man in
Amerika bei Anwendung des Taylor- und Ford-Sysstems erreicht hat. In
Deutschland ist durchaus dasselbe zu erreichen. Noch in diesen Tagen
habe ich von einer solchen Leistung gehört, die vielleicht noch die besten
amerikanischen Leistungen übertrifft. Es handelt sich um zwei Arbeiter, die
bei Herrn Hennig in Klossow Kartoffeln aus Zentnerkörben bei der Ernte
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©Fauf

 den Wagen zu verladen hatten. Herr Hennig gab den Leuten außer
dem Tagelohn 11/, Pfennig pro Korb, und die beiden Männer haben es
fertig gebracht, pro Tag 1600 Ztr. zu verladen, so daß sie pro Tag
12 Mark Prämie verdient haben. Auch im vorigen Jahre haben dieselben
Leute die gleiche Arbeit bei Herrn Hennig geleistet und sie haben sich in
diesem Jahre schon vor der Kartoffelernte wieder für dieselbe gemeldet.
Das beste Geschäft hat dabei aber doch zweifellos der Arbeitgeber gemacht.
Natürlich hat das Arbeitsgeschick, welches sich die Leute angeeignet, dabei
eine große Rolle gespielt. Ähnliche Beispiele könnte ich viele anführen.
Wir brauchen unter allen Forsschungsinstituten in erster Linie Landarbeitsforschungsanstalten,
 welche aber nicht nur forschen, sondern als
Beispielwirtschaften und Propagandastätten weit hinaus ins Land wirksam
werden. Nur Mehrarbeit und rationellere Arbeit können uns aus allen
Nöten heraushelfen. Dabei muß allerdings die geistige Arbeit obenan
stehen. Einer unserer erfolgreichsten Praktiker in der Mark Brandenburg,
Herr Schurig-Martkee, sagt in seiner stets anschaulichen und treffenden
Sprache, daß die geistige Brache in den Köpfen endlich abgeschafft werden
muß, wie sie auf dem Acker abgeschafft ist.
Herr Prof. Dr. Seedorf in Göttingen aber hat das treffende Wort
geprägt, daß die Düngung der Gehirne die wirksamste aller Düngungsmethoden
 ist.
Ein zweiter alter und hervorragender Praktiker, Herr Nägele in
Crumbach bei Kassel, sagt: „Geist haben wir alle, der eine weniger, der
andere mehr. Derjenige aber, der zu wenig davon hat, der muß bei seinen
Nachbarn pumpen gehn." Weiter sagt Nägele ,Die Zeit ist bitter ernst.
Es ist aber noch immer so gewesen, daß die schwersten Zeiten. die stärksten
Kräfte mobil gemacht haben. Setzen wir darum unser ganzes Ich ein in
den Kampf um Sein oder Nichtsein, denn Selbsthilfe ist immer die beste
Hilfe gewesen. “
Druck von Hermann Beyer &amp;amp; Söhne (Beyer &amp;amp; Mann) in Eangenfalza.
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Schulen landwirtschaftliche Haushaltungslehrerinnen für diesen Zweckt an- t?
gestellt. Außerdem werden Wanderlehrgänge abgehalten. Im Jahre 1924 L
wurden bereits 600 junge Mädchen in Schulen und Lehrgängen unter- . !
richte. Am wichtigsten ist natürlich die Erziehung und Schulung der der- ô
zeitigen und der angehenden Betriebsleiter selbst. Für die mitten im Be- -
triebe steckenden Betriebsleiter müssen die Ausstellungen mehr durch kurzfristige
 Lehrgänge ersetztr werden. Das Ausstellungswesen hat bei uns
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Die Kosten aber werden nachher auf die Ausstellungsgegenstände, wie :
Maschinen usw., darauf geschlagen. Die Konkurrenzen und die Ausstellungen :
müssen mehr getrennt werden. Heute kann man auf den Ausstellungen
meist vor Bäumen den Wald nicht mehr sehen. Was wir brauchen, sind .
kurzfristige Lehrgänge im Gebrauche der wichtigsten Maschinen, im Molkerei- ;
wesen, im Gebrauch der Melkmaschinen, in der Geflügelzucht, im Tabakbau,
im Obstbaumschnitt und in vielen anderen Dingen. Diese Kurse dürfen
drei Tage nicht überdauern und nicht mit hohen Kosten verbunden Fein,
was durch gemeinsame Verpflegung zu erreichen ist. Wo es an Kursusleitern
 fehlt, müssen solche in Landwirtschaftslehrerkursen, die einige Tage
länger dauern, herangebildet werden. Die Leiter der Lehrerkurse aber
müssen später die von ihren Schülern abgehaltenen Kurse bessuchen.
Weiter müssen die Bauern wieder mehr Einfluß auf die Besetzung der
Landwirtschaftslehrerstellen in ihrem Bezirke zu gewinnen suchen. Da die
Winter- und Ackerbauschulen von ihrer Kammer ressortieren, so kann ihnen j
das ja nicht schwer fallee. Nur so kann es gelingen, zu erreichen, daß
man an die Winterschulen nicht Männer als Landwirtschaftslehrer setzt, die
mit den Bauern gar keine innere Fühlung haben und zu finden verstehen.
Auf diese Weise kann dann ein Gegengewicht gegen die Strömung der Zeit |
geschaffen werden, die dahin geht, die Bauernsöhne von der Lehrtätigkeit an ;
den Winterschulen und Ackerbauschulen immer mehr auszuschalten. Praktisch
wird dies doch durch die Forderung der Abiturientenprüfung erreicht.
Außerdem aber leidet die praktische Ausbildung dadurch auch bei denjenigen !
Landwirtschaftslehrern, die aus dem Bauernstande stammen. Ein Bauernsohn,
 der mit 15 Jahren den Einjährigensschein erlangt hat und dann fünf
Jahre vor seinem Studium in der Praxis war, hat doch eine ganz andere
Anwartschaft, ein tüchtiger Lehrer für die Bauernsöhne zu werden, als ein
anderer, der mit 18 Jahren das Abitur erreichte und dann vor dem Studium
 nur zwei Jahre in der Praxis war. Es ist zudem leider häufig so,
daß diejenigen Studierenden mit der besseren praktischen Vorbildung nach
dem Studium viel leichter wieder in der Praxis unterkommen, als die
anderen. Von denen, welche die geringere praktische Vorbildung haben,
kommt dann ein verhältnismäßig großer Prozentsatz in den Stand der
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