Dieser Begriff der Erfahrung liegt nicht nur unausgesprochen der ganzen russischen Denkart und der russischen Philosophie zugrunde; er ist auch, wie schon gesagt, ganz ausführlich und klar in der russi- schen Philosophie, in der, dem Westen noch ganz unbekannten, eigen- tümlichen national-russischen Erkenntnistheorie, begründet worden. Ehe ich aber versuche, diese russische Erkenntnistheorie ihrem Inhalte nach darzustellen, muß ich hier die prinzipielle Frage über das Wesen der Erkenntnistheorie kurz berühren. Es ist ganz merkwürdig, daß die russische Philosophie — so wie man es auch von der deutschen Philosophie seit Kant sagen darf — auf ihre Art sich auf einer Erkenntnistheorie aufbaut, und daß also die Erkenntnistheorie für sie eine nicht minder grundlegende Bedeu- tung hat, als für die deutsche. In einem ganz anderen Sinne freilich, als für die letzere. Die Erkenntnistheorie in ihrer, in Deutschland bis zur letzten Zeit geläufigen Form, die aus dem Kantianismus stammt und mit ihm innerlich verbunden ist, ist ihrem ganzen Vorhaben und Stile nach der diametrale Gegensatz zu dem, was man das Wesen der russischen Philosophie nennen darf. Sie scheint nämlich in der deut- schen philosophischen Literatur in einem gewissen Gegensatze zu der Aufgabe der Philosophie, als Weltanschauungslehre, zu stehen. Als reine und strenge Wissenschaft, und zwar als Wissenschaft, deren Ziel es ist, die Grenzen der wissenschaftlichen Erkenntnis zu über- wachen und jeder kühnen, auf das Sein selber gerichteten und von metaphysischen Interessen getragenen Forschung vorzubeugen, scheint sie jedenfalls weit von den Weltanschauungsfragen entfernt zu sein und in einem gewissen ständigen Kampfzustande zu ihnen sich zu befinden. Ist es möglich, daß die Erkenntnistheorie die Grundlage einer Philosophie bildet, deren ganzes Wesen eben im Streben zu einer positiven, religiös-metaphysischen Weltanschauung liegt? Ist es, mit anderen Worten, möglich, die Erkenntnistheorie selber als integrieren- den Teil einer metaphysischen Weltanschauung zu betrachten, sie als eine Weltanschauungsfrage zu behandeln? Es genügt, an die Systeme von Fichte und Hegel zu erinnern, um diese Frage zu bejahen. In der letzten Zeit wird es auch in der deut- schen Philosophie — ich erinnere an die Namen Max Scheler und Nicolai Hartmann — wieder immer klarer empfunden, daß die Er- kenntnistheorie nicht eine kalte und formale sozusagen Polizeiwissen- schaft ist, die das metaphysische Streben normiert und in Banden hält, sondern selber ein Teil, und zwar der grundlegende Teil der Ontologie, ein positives Eindringen in das Innere der geistigen Welt. Eben insofern wir leidenschaftlich metaphysischen Fragen nachgehen, Wie etwa: was ist eigentlich der Mensch? welchen Sinn hat sein Leben? in welcher Beziehung steht er zu den letzten Urgründen des Seins?, — so wird die Frage nach dem Wesen und Sinn der menschlichen G