wunderungswürdig innerlich ruhiger und ästhetisch verklärter Geist, bezeugt in einigen seiner tiefsten Dichtungen religiöse Tragik und heißesten Glauben. Auch darf hier nicht vergessen werden, daß Rußland vielleicht das einzige europäische Land ist, das noch im 19. Jahrhundert, sozusagen fast vor unseren Augen, einen Heiligen hervorgebracht hat, der zu den größten, religiösen Genien der Welt gehört und einem Franziscus von Assisi (mit dem er viel ähnliches hat) nicht nachsteht — ich meine den heiligen Seraphim von Sarow. Was aber für die russische Geistesart noch besonders charakteristisch ist: dieser — natürlich philosophisch und theologisch ganz ungebildete — Asket, Wundertäter und Hellseher, der typische russische „Staretz“ (Seelenleiter), wie ihn Dostojewski in der Gestalt von Zosima ge- schildert hat, war zugleich ein tiefsinniger, mystischer Denker, der auf Grund persönlicher Erfahrung eine ganz originelle, in der mystischen Weltliteratur einzig dastehende Lehre vom „Erwerben des heiligen Geistes“ entwickelt hat. Auch waren alle tiefsten russischen Denker und Philosophen zu- gleich Religionsphilosophen oder Theologen. Merkwürdig zugleich ist es auch, daß man diesen Satz umkehren kann: nicht die Theologen vom Fach, nicht geistliche und hierarchisch anerkannte Leiter der Kirche waren es, die (mindestens im 19. Jahrhundert) zur Entwicklung der religiösen und religionsphilosophischen Ideen in Rußland das Bedeu- tendste und wirklich Originelle beigetragen haben, sondern eben freie weltliche Denker und Schriftsteller. In der Geschichte der russischen geistigen Strömungen des 19. Jahrhunderts kann man insbesondere zwei Epochen bezeichnen, in denen gleichzeitig eine Reihe bedeutender Denker im Gebiete der Religionsphilosophie und religiösen Weltan- schauungslehre hervortritt: die eine fällt in die Jahre 1830—50, die andere beginnt in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts mit Wl. Solow- jew und dauert bis zu unseren Tagen; in der Mitte zwischen diesen zwei Epochen erglänzt als einsamer Stern, von seinen Zeitgenossen ganz unbemerkt, das urwüchsige Genie von Konstantin Leontjew. Zu den religiösen Denkern der ’ersten Epoche gehören hauptsächlich die Slawophilen — Iwan Kirejewsky, Chomjakow, Samarin, und ihr Hauptgegner, der katholisch gesinnte Tschaadajew. Die zweite Epoche steht noch bis jetzt unter dem Zeichen von WI. Solow jew. ) Es ist mir unmöglich, in die ganze Fülle und Tiefe der Probleme des russischen religiösen Denkens und Bewußtseins hier einzugehen. Die philosophischen Hauptlehren von Iwan Kirejewsky und Chom- jakow und die Erkenntnis- und Glaubenstheorie WI. Solowjews, wur- den schon vorher erwähnt. Um aber das Bedeutendste und besonders Charakteristische in diesem Gebiete zu schildern, muß man noch eine andere Seite der russischen Weltanschauung berühren. Sie besteht darin, daß im Zentrum der geistigen Interessen immer der Mensch, 31