erklangen. In einem etwas anderen Sinne sind die kulturphilosophi- schen Ausführungen von Bjelinsky bedeutsam. Ein ehemaliger Rechts- hegelianer, wurde er unter dem Einfluß von französischen Schrift- stellern Saint-Simon, Fourier und Pierre Leroux zum Sozialisten. Beim Sozialismus von Bjelinsky ist aber — trotz seinem Atheismus, — die geheime und unbewußte religiöse Tendenz — die auch ihn in die Nähe des slawophilen Gedankenganges bringt — sofort erkennbar. Es handelt sich nämlich bei diesem Sozialismus um die Überwindung des abstrakten Universalismus der Hegelschen Geschichtsphilosophie, in der die Einzelpersönlichkeit erbarmungslos und kalt der Harmonie des Weltganzen und des objektiven Geistes geopfert wird, durch einen konkreten Universalismus, der mit den individualistischen Ansprüchen der Einzelpersönlichkeit auf Glück und persönliche geistige Entwick- lung vereinbar wäre. So ist auch das Denken der Westler — bei Tschaadajew, Herzen, Bjelinsky — durch das Hauptmotiv der Slawo- philen, — das Ideal eines konkreten Universalismus, einer integralen Totalität des gemeinschaftlichen und zugleich freien Menschenlebens, innerlich bestimmt. In der Mitte zwischen „Slawophilen‘“ und „Westlern“, zu keiner von beiden Parteien gehörend und die meisten ihrer Vertreter hoch überragend, steht die einsame Gestalt eines zu seiner Zeit gänzlich verkannten und vernachlässigten Denkers, dessen Bedeutsamkeit auch den Russen nur in letzter Zeit klar geworden ist — Konstantin Leont- jew. Konstantin Leontjew ist nicht nur kein Fachphilosoph, kein Systematiker; er ist auch kein Theoretiker überhaupt; sein ganzes Denken ist von heißester Leidenschaft durchglüht und nur auf die Wertung des Lebens gerichtet. Er ist der russische Nietzsche, sowohl dem Stile, als auch teilweise dem Inhalte seines Denkens nach. Er verbindet eine pessimistische Auffassung des Christentums, der zu- folge es der Menschheit ein für alle Male verboten ist, im irdischen Glücke ihr Lebensziel zu setzen, mit einer glühenden heidnischen Liebe zur Kultur, zur Schönheit der freien und vollen Lebensentfaltung. Das Christentum befiehlt uns den Kampf mit dem Bösen, den heroischen Willen zur tragischen Lebensführung, nicht aber die Ver- neinung des Bösen und der ganzen Schönheit — jenseits von Gut und Böse — des emporblühenden Lebens; und es verbietet uns anderer- seits jede Verweichlichung, also auch die falsche süßliche moralische Liebe, die keine Strenge kennt und nicht zum geistigen Leben, sondern eben zum geistigen Abwelken führt. Er behauptet eine organische Lebens- und Sozialanschauung, wonach die Höhe der Kulturentwick- lung, die er als Blüte des Lebens auffaßt, nicht nach moralischen, sondern nach ästhetisch-kosmischen Maßstäben beurteilt wird. In der Differenziertheit des Lebens, in der Fülle der Gegensätze — darunter auch des Gegensatzes zwischen Gut und Böse, zwischen großen Ver- 3* 35