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        <title>Die russische Weltanschauung</title>
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        PHILOSOPHISCHE VORTRAGE
VERÖFFENTLICHT VON DER KANT-GESELLSCHAFT
HERAUSGEGEBEN V. PAUL MENZER U. ARTHUR LIEBERT. Nr. 29
Dr. Simon Frank
ehemals Professor der Philosophie in St. Petersburg
z. Z. Professor am russischen wissenschaftlichen Institut
in Berlin
1 9 2 6
PAN-VERLAG ROLF HEISE - CHARLOTTENBURG 2

von
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        Quellenhandbücher der Philosophie
&amp;amp; I
IN VERBINDUNG MIT DER KANTGESELLSCHAFT
HERAUSGEGEBEN VON
PROF. DR. ARTHUR LIEBERT, BERLIN
Band I, . Soziologie .. .. ... . Werner Sombart
Band III, Psychologie. .. . ... . Theodor Ziehen
Band V, KReligionsphilosophie . . Georg Wobbermin
Band VI, Ethik . .. 1... 7. Arthur Liebert
Band VII, Staatsphilosophie . . . . Kurt Sternberg
Band IX, Ästhetik... . 0... 4. Emil Utitz
In kurzen Abständen folgen:
Band II, a/b. Erkenntnistheorie . . . Ernst Cassirer
Band IV, Naturphilosophie. .. . . . Erich Becher
Band VIII, Pädagogik ... ... .. . Aloys Fischer
Band X, _Geschichtsphilosophie. . . Heinrich Rickert
Band XI, Logik ... +. AR VL
Oktav-Bände mit je 15—20 Bogen Umfang.
Broschiert 3.30 AA, in Halbleinen 4.50 ZA
DIESE SAMMLUNG
kommt einem allgemeinen Bedürfnis nach orientierenden
 Philosophie - Handbüchern entgegen
und bietet in systematischer Anordnung im Auszug
 die grundlegende Literatur der Philosophie.
Jeder Disziplin ist ein besonderer Band gewidmet.
 Ein Vorwort legt die systematische und
historische Entwicklung des jeweils behandelnden
 Stoffes klar. Eine kurze Bibliographie gibt
dem Leser den Hinweis auf die wichtigste Literatur
 des behandelten Gebietes.
Von Autoren ersten Ranges bearbeitet ist dieses
STUDIENWERRK.
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Dan MV gi Rolf De Use
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        PHILOSOPHISCHE VORTRAGE
VERÖFFENTLICHT VON DER KANT-GESELLSCHAFT
HERAUSGEGEBEN V. PAUL MENZER U. ARTHUR LIEBERT. Nr. 29
Die russische Wellanschauung
Dr. Simon!Frank
ehemals Professor der Philosophie in St. Petersburg
z. Z. Professor am russischen wissenschaftlichen Institut
in Berlin
1 Qt DS
BPAN-VERLAG ROLF HEISE -/ CHARLOTTENBURG 2

von
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        Erweiterte Fassung des Vortrages, gehalten am 26. V.
1925 in der Berliner Ortsgruppe und wiederholt in
mehreren anderen Ortsgruppen der Kant-Gesellschaft
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„Ab SAN
x Klo! 5
BUCHDRUCKEREI PAUL MÜLLER
MÜNCHENZ2, NW8
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        Indem ich versuche, einen Umriß dessen, was man „russische Weltanschauung‘
 nennen darf, zu skizzieren, nötigt mich dies Thema zuerst
zu einem kurzen Vorwort darüber, was eigentlich solch eine Aufgabe
bedeutet und wie sie überhaupt lösbar ist. Eine Weltanschauung
ist immer das Werk und gleichzeitig der Ausdruck eines schaffenden
individuellen Geistes, einer geistigen Persönlichkeit. In einem letzten,
ganz konkreten und aktuellen Sinne gibt es eigentlich soviel Weltanschauungen,
 wieviel es einzelne schaffende Persönlichkeiten oder
Genien gibt. In diesem Sinne könnte man überhaupt nicht von
„russischer Weltanschauung“, sondern nur von den russischen Weltanschauungen
 sprechen, und ich müßte Ihnen eine ganze Reihe von
einzelnen Systemen oder Lehren unserer großen Denker vorführen.
Versucht man aber, aus allen diesen einzelnen Lehren oder Systemen
durch ihre Vergleichung untereinander etwas Gemeinsames, sozusagen
eine gemeinsame Weltanschauung aller, herauszufinden, so ist, bei
der Größe und Tiefe der individuellen Verschiedenheiten, das Resultat
 zu dürftig und abstrakt - allgemein, um ‚ein ernstes Interesse
zu verdienen und als irgendwie geformte und einheitliche Weltanschauung
 zu gelten.‘ Auch darf nicht ohne weiteres jeder Denker eines
Volkes in demselben Sinne und in demselben Grade als Repräsentant
oder Exponent des nationalen Geistes gelten. Hier, wie überall, ist
das wirklich bedeutend und lebendig Allgemeine nicht durch einfache
Vergleichung von vielem verschiedenen und Abstraktion des ihnen
Gemeinsamen zu gewinnen; man muß im Gegenteil schon xon vornherein
 von einer konkreten Einheit ausgehen. Nun ist aber eine nationale
 Weltanschauung, als Einheit gefaßt, natürlich niemals eine nationale
 Lehre oder ein nationales System; so was gibt es überhaupt
nicht, sondern es handelt sich eigentlich um nationale Eigenart des
Denkens selber, um eigentümliche geistige Tendenzen und Richtungslinien,
 im letzten Sinne um das Wesen, des nationalen Geistes selber,
das nur durch eine gewisse ursprüngliche Intuition erfaßt wird. Andererseits
 aber traue ich mir gar nicht zu, mich in die Tiefen einer
mystischen Psychologie der sogenannten „Volksseele“, in unserem
Falle der „russischen Seele“ zu stürzen. Ein solches Unternehmen ist
immer zu subjektiv gefärbt, um auf volle wissenschaftliche Objektivität
 Anspruch zu erheben; und das Resultat ist notwendig ein Schema,
und dazu noch ein ziemlich problematisches Schema. Wir sind also
angewiesen, bei der Lösung dieses schwierigen Problems sozusagen

1*
Q
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        einen Mittelweg einzuschlagen; der Gegenstand unserer Untersuchung
ist nicht die geheimnisvolle und hypothetische „russische Seele“ als
solche, sondern doch ihre, sozusagen objektiven Äußerungen und
Früchte, nämlich hauptsächlich die in den Anschauungen und Lehren
der russischen Denker objektiv und für jeden greifbar vorliegenden
Ideen und Philosophemen; dazu müssen wir noch, um unser Material
nicht unübersehbar zu machen, uns nur mit einer Periode des russischen
 Geisteslebens, nämlich mit dem 19. Jahrhundert begnügen.
Anderseits muß aus diesem Material „die russische Weltanschauung”,
die Eigentümlichkeit der russischen Denkart nicht als etwas abstraktallgemeines,
 sondern als etwas ganz konkretes und wirklich einheitliches,
 durch intuitive Vertiefung und Einfühlung gewonnen werden.
Bei allen Schwierigkeiten, den inneren Gehalt eines nationalen Geistes
in Begriffe zu fassen, und in einer einheitlichen Weltanschauung auszudrücken
 — ganz zu schweigen von der Unmöglichkeit, ihn durch
irgendeine begriffliche Umschreibung zu erschöpfen — müssen wir
doch von der Voraussetzung ausgehen, daß es einen nationalen Geist,
als eine wirklich konkrete, geistige. Persönlichkeit überhaupt gibt, und
daß wir durch Untersuchung seiner Schöpfungen zum Verständnis und
nachfühlendem Ergreifen seiner inneren Tendenzen und Eigentümlichkeiten
 gelangen können. Wer da meint, ein Volk wäre überhaupt
keine konkrete geistige Persönlichkeit, sondern nur ein Kollektivbegriff,
 eine Sammlung von Einzelmenschen, der verneint eigentlich die
innere objektive geistige Einheit des Volkes, und für den würde damit
 auch das ganze Thema einer nationalen Weltanschauung gegenstandslos.

Solch ein geistiges Vordringen zum Erfassen des intuitiven Wesens
der russischen Weltanschauung ist zugleich der einzige Weg, auf dem
man zu einem wirklichen Verstehen und zu einer objektiven Schätzung
der russischen Philosophie. gelangen kann. Spricht man von der „russischen
 Philosophie“, so muß man von Anfang an genau bestimmen,
was unter „Philosophie“ gemeint und in welchem Sinne dieser Begriff
verstanden wird. Es gab und gibt natürlich in Rußland auch eine
„Philosophie“ oder, besser gesagt, philosophische Werke in der gewöhnlichen,
 schulmäßig-systematischen Form, in der zumeist „Philosophie“
 im Westen getrieben wird. Untersucht man aber diese philosophische
 Literatur rein an sich, ohne Beziehung zu ihrem allgemeinen
geistigen Hintergrunde, so fällt es schwer, das wirklich Wichtige und
Originelle in ihr von der Menge des durch die westliche Schultradition
bestimmten abzusondern, und das in ihr herauszufinden, was für
einen, der schon die westeuropäische Philosophie kennt, zur Bereicherung
 und Vertiefung der philosophischen Weltanschauung in irgendeinem
 bedeutenden Maße benutzt werden könnte. Hier gilt es, mit
Bescheidenheit festzustellen, daß die philosophische Forschung in Ruß-
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        land — wie auch die wissenschaftliche Forschung überhaupt — noch
sehr jung ist und sozusagen im Beginne ihrer Laufbahn steht. Erst
in den letzten Dezennien des neunzehnten und im zwanzigsten Jahrhundert
 entsteht in Rußland eine wirklich bedeutsame philosophische
Literatur (in dem hier gemeinten Sinne), die, mit allen Forschungsmethoden
 und Ergebnissen des westeuropäischen-Denkens ausgerüstet,
gleichzeitig an tiefe Eigentümlichkeiten der nationalen Denkungsart
anknüpft und sowohl durch ihfe Originalität wie durch die Wichtigkeit
 ihrer Ergebnisse allgemeines Interesse wirklich beanspruchen darf.
Dies ist ein, wie man hoffen darf, vielversprechender Anfang,
aber doch nur ein Anfang, der bis jetzt im russischen Geistesleben
keine besonders große Rolle spielt und dessen Bedeutung nur in einem
viel weiteren geistigen Zusammenhange beurteilt werden kann. Würde
eben dieser geistige Zusammenhang fehlen, könnte man nicht noch in
einem ganz anderen Sinne von „russischer Philosophie“ sprechen, so
könnte man vielleicht überhaupt nicht von der „russischen Philosophie“,
 sondern höchstens nur von den in Rußland erschienenen philosophischen
 Werken reden. Hier muß man sich aber daran erinnern,
daß auch im westeuropäischen Denken und Geistesleben der Begriff
der Philosophie in einem weiteren Sinne gebraucht wird und notwendig
 gebraucht werden muß. Wenn unter Philosophie nur eine bestimmte
 Wissenschaft, ein gewisses, irgendwie abgegrenztes Gebiet
der wissenschaftlich - systematischen Forschung verstanden werden
müßte, dürfte dann noch ein Sokrates, vielleicht auch ein Plato überhaupt
 als Philosoph gelten? Dürften dann zur deutschen Philosophie
die deutsche Mystik, Meister Eckehardt, Jakob Böhme, Baader, mitgerechnet
 werden? Dürfte der vielleicht einflußreichste deutsche
Denker der letzten Generation, Friedrich Nietzsche, noch Philosoph genannt
 werden? Die Philosophie ist ihrem Wesen nach eben nicht nur
Wissenschaft; vielleicht ist sie sogar nur in einem abgeleiteten Sinne
überhaupt Wissenschaft; primär, in ihrem wurzelhaften Wesen, ist
sie überwissenschaftliche intuitive Weltanschauungslehre, die mit der
religiösen Mystik in einer sehr engen — hier weiter nicht zu bestimmenden
 — Verwandtschaftsbeziehung steht. Nimmt man aber die
Philosophie in dieser ihrer weiteren und zugleich tieferen Bedeutung,
so darf man mit Recht von einer russischen Philosophie sprechen, die
einerseits ein wirklich eigentümliches einheitliches Gepräge hat und
andererseits bedeutsam genug ist, um auch bei einem Westeuropäer
ein wirkliches inneres, nicht nur literar - historisches Interesse zu
wecken.
Es ist eben eine Eigentümlichkeit der russischen Denkungsart, daß
sie sozusagen von Hause aus intuitiv angelegt ist. Das nur Systematische
 und Begriffliche im Erkennen erscheint ihr zwar nicht als Nebensache,
 doch aber als etwas schematisches, das der vollen und leben-5
        <pb n="8" />
        digen Wahrheit doch nicht ebenbürtig ist. Die tiefsten und bedeutendsten
 Gedanken und Ideen wurden in Rußland nicht in systematischen,
wissenschaftlichen Werken, sondern in ganz anders gearteten literarischen
 Formen ausgesprochen. So haben wir bekanntlich eine von
tiefen philosophischen Lebenseinsichten durchdrungene schöne Literatur:
 außer den allgemein bekannten Namen von Dostojewski und
Tolstoi erinnere ich nur noch an Puschkin, Lermontow, Tjutschew,
Gogol; die eigentliche literarische Form des russischen philosophischen
Schaffens aber ist der freie literarische Aufsatz, der nur selten ausdrücklich
 einem bestimmten philosophischen Thema gewidmet, gewöhnlich
 eine Gelegenheitsschrift ist, die, an irgendein ganz konkretes Problem
 des geschichtlichen, politischen oder literarischen Lebens anknüpfend,
 nebenbei die tiefsten und wichtigsten Fragen der Weltanschauung
 behandelt. Solcher Art sind zum Beispiel die meisten Werke
der Slawophilen (deren Führer, wie Chomjakow und Kizejewsky, zu
den bedeutendsten und originellsten russischen Denkern gehören),
ihres Hauptgegners Tschaadajew, des genialen Denkers Konstantin
Leontjew, Wladimir Solowjew und anderer mehr.
Diese typische literarische Form der russischen Weltanschauungslehre
 ist nicht nur durch äußere historische Umstände und Traditionen
bedingt. Wenn auch nicht geleugnet werden kann, daß sich darin die
Jugendlichkeit, sozusagen die äußere Unreife des russischen Geistes
abspiegelt, und wenn auch, wie gesagt, in den letzten Dezennien die
Tendenz wächst, die Grundlagen der nationaleigentümlichen russischen
 Weltanschauung in systematische, logisch - begrifflich streng
durchdachte Formen zu bringen, so hängt doch die bis jetzt vorherrschende
 freie und außerwissenschaftliche Form des philosophischen
Schaffens bis zu einem gewissen Grade mit dem — weiterhin zu
schilderndem — Wesen der russischen Weltanschauung selbst zusammen.
 Hier genügt es, vorläufig festzustellen, daß die russische Philosophie
 in einem viel höheren Grade, als die westeuropäische, eben
Weltanschauungslehre ist, daß ihr Wesen und Hauptziel niemals in
reiner Theorie, im interesselosen Begreifen der Welt allein, sondern
immer in einer religiös-emotionalen Sinngebung des Lebens besteht,
und daß sie also nur von diesem Standpunkte aus, durch Vertiefung
in ihre religiös-weltanschauliche Wurzel begriffen werden kann.
Am leichtesten dringen wir zu einem wirklichen Erfassen und zu
einem inneren Verständnis der russischen Weltanschauung, der typischen
 Eigentümlichkeiten des russischen Geistes vor, wenn wir sie
mit den vielleicht uns besser bekannten und weniger fragwürdigen
Figentümlichkeiten anderer nationaler Denkungsarten vergleichen.

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6
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        Bibliothe“
Dazu müssen wir einige ganz bestimmte Denkungsrichtungen und
geistige Motive wählen, die in der philosophischen Literatur ihre genauen
 Ausprägungen erhalten haben und gleichzeitig als typisch für
irgendeinen nationalen Geist gelten können, deren wir uns als fester
Orientierungslinien bedienen können. Als solche Orientierungslinien
wähle ich zuvorderst einige Denkungsrichtungen, die nicht zu dem
materiellen Inhalte einer Weltanschauung gehören, sondern die ihre
formale Natur als Erkenntnistypus charakterisieren; wenn sie auf den
ersten Blick auch nebensächlich und unbedeutend erscheinen mögen,
so hoffe ich zu zeigen, daß wir eben durch sie am tiefsten zu den
nationalen Geisteseigentümlichkeiten vordringen. Da haben wir z.B.
den sehr charakteristischen Unterschied zwischen Empirismus und
Rationalismus. Der Empirismus, der Hang, die unmittelbare und
konkrete Erfahrung als einzige Quelle und Stützpunkt der ganzen
menschlichen Erkenntnis zu betrachten, bildet bekanntlich eine eigentümliche
 Tendenz des englischen nationalen Geistes, von Francis Baco,
ja von Roger Baco und William Occam, also vom Spätmittelalter an
bis zum J. St. Mill und dem modernen Pragmatismus. Dagegen würde
den französischen Geist, von Descartes, ja vielleicht schon von der
mittelalterlichen französischen Scholastik an, der Hang zum Rationalismus
 charakterisieren, die Neigung, das Wissen auf abstrakt-logischen
 Zusammenhängen und auf logischer Evidenz aufzubauen. Wie
stellt sich nun der russische Geist zu diesen beiden Denkungsarten?
Hier könnte man erstens sagen, daß das russische Denken ganz
entschieden antirationalistisch ist. Dieser Antirationalismus ist aber
weder mit Irrationalismus, d.h. mit irgend einer romantisch-lyrischen
Verschwommenheit und Unklarheit, mit logischer Undifferenziertheit
des Geisteslebens identisch, noch bedeutet er einen Abscheu gegen
exakte Wissenschaft überhaupt oder eine Unfähigkeit zu ihr. Was
das letztere betrifft, so genügt es, darauf hinzuweisen, daß Rußland,
trotz der sehr späten Entwicklung der Wissenschaftspflege (die erste
Moskauer Universität wurde bekanntlich erst im Jahre 1755 gegründet),
 einige wirklich geniale Männer der exakten Wissenschaft hervorgebracht
 hat: ich erinnere hier — um nur von den höchsten Größen
zu sprechen — an den Universalgelehrten Lomonossow noch im 18.
Jahrhundert, an den genialen Entdecker der Pangeometrie, Lobatschewsky
 und an den nicht minder genialen Entdecker des Periodensystems
 der chemischen Elemente, Mendelejeff. Eine der wichtigsten
psychologischen Bedingungen für exakte Wissenschaftlichkeit, eine
gewisse verstandesmäßige Nüchternheit und logische Klarheit — ist
für die russische Geistesart sogar sehr charakteristisch. (Diese Eigentümlichkeit
 kann sich bisweilen auch zu einem wirklichen Rationalismus
 steigern, wie er sich z.B. in der Weltanschauung von Tolstoi
und in den russischen rationalistischen Volkssekten äußert.) Was aber
        <pb n="10" />
        das erste, nämlich den Irrationalismus, betrifft, so darf man wohl
sagen, daß dem russischen religiösen Geiste, der doch am besten die
nationale Geistesart widerspiegelt, ein unwiderstehlicher Drang zur
Spekulation, zur philosophischen Tiefe und Gründlichkeit angeboren
ist, und daß ihm nichts so sehr widerspricht, als ein lyrisch-verschwommener
 Subjektivismus, der gewisse westliche religiöse Sekten und
Richtungen auszeichnet. Geistige Nüchternheit, Abstinenz von jeder
Art Entzückungszuständen und Exaltation, ist eine der charakteristischen
 Forderungen der national-russischen asketischen Praxis; und
damit stimmt auch, daß der genialste national-russische Dichter Puschkin
 ausdrücklich vor einer Vermischung zwischen poetischer Inspiration
und subjektiver Entzückung warnt und auf die kalte Nüchternheit der
wirklichen poetischen Inspiration hinweist. Es ist eben nicht wahr,
daß dem russischen Geiste — wie man es oft behauptet hört — das,
was Nietzsche das „apollinische“ Element nannte, ganz fehlt und in
ihm nur das „dionysische“ allein vorherrscht. Das Wesen des russischen
 Geistes muß eben nicht nach Dostojewski allein, sondern zugleich
 nach Puschkin beurteilt werden. Der russische Antirationalismus
bedeutet nichts weiteres, als daß der russische Geist sich eben weigert,
in der logischen Evidenz und in logischen Zusammenhängen allein den
Ausdruck der letzten und vollen Wahrheit zu erblicken. In diesem
Sinne darf man sagen, daß der russische Geist entschieden empiristisch
ist: das Kriterium der Wahrheit ist für ihn immer im letzten Grunde
die Erfahrung.
Nun merken wir aber sofort den prinzipiellen Unterschied zwischen
dem englischen und russischen Empirismus: er ist in der philosophischen
 Literatur beider Völker ganz ausdrücklich ausgesprochen. Für
den englischen Empirismus ist Erfahrung gleichbedeutend mit sinnlicher
 Evidenz; sie ist restlos in ein Komplex sinnlicher Empfindungsdata
 zerlegbar; etwas „erfahren“ heißt im englischen Sinne auf etwas
Außeres, durch sinnliche Wahrnehmung Greifbares, zu stoßen. Entschieden
 anders ist der Sinn des russischen Begriffes der Erfahrung.
Erfahrung bedeutet für den Russen im letzten Sinne immer das, was
man unter Lebenserfahrung versteht. Etwas „erfahren“ heißt, durch
inneres Erleben und nachfühlendes Verständnis sich etwas zu eigen
machen, es innerlich zu ergreifen und in seiner vollen Lebendigkeit
zu besitzen. Erfahrung heißt hier also, logisch gesprochen, nicht das
äußere Berühren des Gegenstandes, wie es durch sinnliche Wahrnehmung
 geschieht, sondern das Aneignen der vollen Wirklichkeit des
Gegenstandes selbst durch den menschlichen Geist in seiner lebendigen
Ganzheit. Und gegenüber dieser Erfahrung ist auch die logische Evidenz
 nur, sozusagen, ein Berühren der äußeren Oberfläche der Wahrheit,
 ohne Vordringen zu ihrem inneren Kerne, und bleibt deshalb der
vollen und konkreten Wahrheit immer inadäquat.

}
+
        <pb n="11" />
        Dieser Begriff der Erfahrung liegt nicht nur unausgesprochen der
ganzen russischen Denkart und der russischen Philosophie zugrunde;
er ist auch, wie schon gesagt, ganz ausführlich und klar in der russischen
 Philosophie, in der, dem Westen noch ganz unbekannten, eigentümlichen
 national-russischen Erkenntnistheorie, begründet worden.
Ehe ich aber versuche, diese russische Erkenntnistheorie ihrem Inhalte
nach darzustellen, muß ich hier die prinzipielle Frage über das Wesen
der Erkenntnistheorie kurz berühren.
Es ist ganz merkwürdig, daß die russische Philosophie — so wie
man es auch von der deutschen Philosophie seit Kant sagen darf —
auf ihre Art sich auf einer Erkenntnistheorie aufbaut, und daß also
die Erkenntnistheorie für sie eine nicht minder grundlegende Bedeutung
 hat, als für die deutsche. In einem ganz anderen Sinne freilich,
als für die letzere. Die Erkenntnistheorie in ihrer, in Deutschland bis
zur letzten Zeit geläufigen Form, die aus dem Kantianismus stammt
und mit ihm innerlich verbunden ist, ist ihrem ganzen Vorhaben und
Stile nach der diametrale Gegensatz zu dem, was man das Wesen der
russischen Philosophie nennen darf. Sie scheint nämlich in der deutschen
 philosophischen Literatur in einem gewissen Gegensatze zu der
Aufgabe der Philosophie, als Weltanschauungslehre, zu stehen. Als
reine und strenge Wissenschaft, und zwar als Wissenschaft, deren
Ziel es ist, die Grenzen der wissenschaftlichen Erkenntnis zu überwachen
 und jeder kühnen, auf das Sein selber gerichteten und von
metaphysischen Interessen getragenen Forschung vorzubeugen, scheint
sie jedenfalls weit von den Weltanschauungsfragen entfernt zu sein
und in einem gewissen ständigen Kampfzustande zu ihnen sich zu
befinden. Ist es möglich, daß die Erkenntnistheorie die Grundlage
einer Philosophie bildet, deren ganzes Wesen eben im Streben zu einer
positiven, religiös-metaphysischen Weltanschauung liegt? Ist es, mit
anderen Worten, möglich, die Erkenntnistheorie selber als integrierenden
 Teil einer metaphysischen Weltanschauung zu betrachten, sie als
eine Weltanschauungsfrage zu behandeln?
Es genügt, an die Systeme von Fichte und Hegel zu erinnern, um
diese Frage zu bejahen. In der letzten Zeit wird es auch in der deutschen
 Philosophie — ich erinnere an die Namen Max Scheler und
Nicolai Hartmann — wieder immer klarer empfunden, daß die Erkenntnistheorie
 nicht eine kalte und formale sozusagen Polizeiwissenschaft
 ist, die das metaphysische Streben normiert und in Banden
hält, sondern selber ein Teil, und zwar der grundlegende Teil der
Ontologie, ein positives Eindringen in das Innere der geistigen Welt.
Eben insofern wir leidenschaftlich metaphysischen Fragen nachgehen,
Wie etwa: was ist eigentlich der Mensch? welchen Sinn hat sein Leben?
in welcher Beziehung steht er zu den letzten Urgründen des Seins?,
— so wird die Frage nach dem Wesen und Sinn der menschlichen

G
        <pb n="12" />
        Erkenntnis unabwendbar. Denn die Tatsache der Erkenntnis ist nicht
nur im allgemeinen selber ein Teil des Seins, sondern auch — wenn
wir den Begriff der Erkenntnis genügend tief fassen — eben derjenige
Teil, in dem das metaphysische, sozusagen übernatürliche Wesen des
Menschen am klarsten hervortritt.
Diese kurze Andeutung mag hier genügen; es kann nicht meine
Aufgabe sein, sie hier systematisch zu entwickeln. Sie dient mir nur
als eine vorläufige Rechtfertigung meines Versuches, bei der Darstellung
 der russischen Weltanschauung meinen Ausgangspunkt bei
ihrer Erkenntnistheorie zu nehmen. Ihre Grundlage bildet, wie gesagt,
der Begriff der Lebenserfahrung.
An der Schwelle der russischen Philosophie erscheint am Ende des
18. Jahrhunderts die merkwürdige Gestalt eines Volksdenkers, des
ukrainischen Denkers Skoworoda — einer Art von russischem Sokrates
 — der nicht nur sein ganzes Denken, sondern auch sein ganzes
Leben dem Beweise widmet, daß wirkliches Wissen und Leben im
letzten Sinne ein und dasselbe sind. Dann führt der eigentümliche
russische philosophische Denker, der erste Slawophile, Iwan Kirejewsky
 in die philosophische Literatur den Begriff des „lebendigen
Wissens“, oder, buchstäblich übersetzt, des „Lebenwissens“ („schivosnanie“)
 ein, als der einzigen Grundlage der wirklichen und vollen
Erkenntnis, und stellt ihn in scharfer Pointierung der herrschenden,
gewöhnlichen abstrakten Erkenntnis gegenüber. Auf der Forderung,
dieses Lebenswissen zur Grundlage sowohl der ganzen individuellen
Weltanschauung und Lebensführung, als auch der Gesellschaftsordnung
 zu machen, gründet er sein Ideal einer organischen Totalität
des Lebens im Gegensatz zu der im Westen herrschenden rationalistischen
 Zersplitterung und Erstarrung des Lebens. Und dieser Begriff
spielt auch bei seinen Nachfolgern, z.B. bei Samarin und in der ganzen
Literatur der Slawophilen eine grundlegende Rolle. Wl. Solowjew, in
seinem theoretischen Hauptwerke „Kritik der abstrakten Prinzipien“,
das im allgemeinen, im Anschluß an die soeben erwähnte Anschauung
von Kirejewsky, dem Beweise gewidmet ist, daß die Wahrheit des
Seins eine konkrete alleinige Totalität ist, die in keinem einzelnen
abstrakten Prinzip weder im Erkennen noch in der Sittlichkeit adäquat
 und erschöpfend dargestellt werden kann, entwickelt in diesem
Zusammenhange auch eine eigentümliche Erkenntnistheorie, deren
Kern in einer Theorie des Glaubens, als lebendiger Erfassung des
Seins, besteht. Weder der Inhalt der sinnlichen Wahrnehmung, noch
der des rationalen Denkens gewährt uns einen wirklichen Zugang
zum Sein, zu der Wirklichkeit. Die Empfindungsdata sind eben nur
als solche, und nur für den Augenblick ihrer Wahrnehmung, also in
rein subjektivem Sinne gewiß; die Ideen aber, oder allgemeinen Begriffe
 des rationalen Denkens besitzen andererseits eine rein hypo-10
        <pb n="13" />
        thetische Geltung; beides, sowohl Empfindungsdata als Denkinhalte,
werden von uns auf ein gegenständliches, von unserem Bewußtsein
unabhängiges Sein bezogen und als dessen Inhalt erkannt. Woher
kommt aber dieser Begriff des gegenständlichen Seins selber, ohne
Beziehung zu dem unsere Wahrnehmungen und Gedanken überhaupt
keinen Erkenntniswert haben? Wie gesagt, können wir zu ihm weder
durch Erfahrung, noch durch Denken gelangen. Sowohl Empirismus
als Rationalismus verkennen also das Zentralwesen, den Kernpunkt
der Erkenntnis. Zum Sein gibt es keinen äußeren Weg überhaupt;
denn jeder äußere Weg kann nur zu einem äußeren Zusammentreffen
führen, das eben nur für diesen Augenblick der Erkenntnis Gewähr
leistet. Der Sinn aber der Erkenntnis besteht eben in ihrer Transzendenz,
 in der Gewißheit ihrer Geltung außerhalb des Erkenntnisaktes
 selber. Es muß also ein inneres Zeugnis vom Sein geben, ohne
das die Tatsache der Erkenntnis unerklärbar bleibt. Dieses innere
Zeugnis ist eben der Glaube — nicht im gewöhnlichen Sinne eines
blinden, unbegründeten Fürwahrhaltens, sondern im Sinne einer
primären und ganz unmittelbaren Evidenz, eines mystischen Eindringens
 in das Sein selber.
Dieser Gedankengang von Solowjew, der, wie der Kundige sofort
einsehen kann, gewisse Anklänge an die Ideen von Jacobi, aber auch
von Baader und von der Schellingschen Philosophie der letzten Periode
enthält, birgt in nuce eine ontologische Erkenntnistheorie, gegründet
auf einer prinzipiellen Kritik des Idealismus, in sich. Um sie aber
richtig würdigen zu können, müssen wir vorher in allgemeiner Form
ein anderes Prinzip der russischen Weltanschaung in Betracht ziehen.
Mit dieser Richtlinie der russischen Weltanschauung, die durch den
Begriff der Lebenserfahrung, als der Grundlage der Wahrheitserkenntnis
 bestimmt wird, steht nämlich in engem Zusammenhange ein anderer,
 scharf ausgeprägter Zug der russischen Weltanschauung: das
ist ihr Hang zum Realismus oder, besser gesagt, zum Ontologismus,
die Unmöglichkeit für sie, sich mit irgendeiner Form von Idealismus
oder Subjektivismus zu befriedigen. Es ist in diesem Sinne sehr
symptomatisch, daß, trotz dem größten Interesse, das immer in Rußland
 der deutschen Philosophie entgegengebracht wurde, weder Kant
noch Fichte jemals eine irgendwie tiefe und nachhaltende Wirkung
in Rußland gehabt haben. Dagegen war die Wirkung der mehr ontologisch
 gehaltenen Systeme von Hegel und Schelling außerordentlich
groß. Auch ist die Kritik der kantischen Philosophie und der Kampf
gegen den Kantianismus ein ständiges Thema des russischen philosophischen
 Denkens.

Il.
11
        <pb n="14" />
        Man fühlt, daß die Überwindung des philosophischen Idealismus
für die russische Philosophie sozusagen eine Lebensfrage ist. Ich
versuche zuerst, das Grundthema dieser Geistesrichtung, in dem sich
ein sehr bedeutender Unterschied zwischen dem neueren westeuropäischen
 und dem russischen Denken abspiegelt, in seinem Hauptzuge
darzustellen.
Für die westeuropäische Philosophie nicht nur seit Kant, sondern
schon seit Descartes und Locke ist das erste unmittelbare, das Selbstevidente
 nicht das Sein, sondern immer nur das Bewußtsein oder das
Wissen (von dem Unterschiede der verschiedenen Formulierungen darf
ich hier absehen). Das Sein ist entweder im absoluten Sinne überhaupt
 für das Wissen unerreichbar und durch sein phänomenales Bild
im Bewußtsein ersetzt (wie bei Kant), oder jedenfalls nur durch die
Vermittlung des Wissens, also durch das Bewußtsein gegeben. In der
berühmten und sehr charakteristischen Formel von Descartes „Cogito,
ergo sum“ ist das einzige evidente Sein, nämlich das Sein meiner
selbst, doch nur als Schluß (wenn auch als selbstevidenter Schluß) von
meinem Denken gegeben. Für einen in den Begriffen des westeuropäischen
 Denkens erzogenen Geist scheint diese Sachlage selber ganz
evident, und das Gegenteil ihr ganz unmöglich zu sein. Diese vermeintliche
 Selbstverständlichkeit des Idealismus ist auch in den bekannten
 Worten Kants ausgedrückt: „Außer unserer Erkenntnis haben
wir doch nichts, womit wir unsere Erkenntnis vergleichen könnten.“
Es ist auch nicht nur eine abstrakte philosophische Theorie, eine
durch irgendwelche theoretischen Gründe vermittelte These, sondern
es ist eine unmittelbare Äußerung einer sozusagen unwillkürlichen
Lebensauffassung. Der neuere westeuropäische Mensch empfindet sich
eben als ein individuelles denkendes Bewußtsein, und alles übrige,
als nur für dieses Bewußtsein und durch seine Vermittlung gegebenes.
Er fühlt sich nicht im Sein eingewurzelt oder vom Sein getragen,
und sein eigenes Sein empfindet er nicht als eine Äußerung eben des
Seins selber, sondern als eine ganz andere Instanz, die dem Sein
gegenübersteht; er fühlt sich also sozusagen vom Sein geschieden, und
kann zu ihm nur auf dem Umwege einer bewußten Erkenntnis gelangen.
 Ein ganz anderes Lebensgefühl äußert sich in der russischen
Weltanschauung, die eben deshalb auch nach einer ganz anderen
philosophischen Theorie strebt. Diese Philosophie versuche ich hier
natürlich nicht zu begründen, sondern nur darzustellen und klar zu
machen. Dem russischen Geiste erscheint der Weg vom „cogito“ zum
„sum“ immer ganz künstlich; der rechte Weg führt für ihn im Gegenteil
 nur vom „sum“ zum „cogito“. Was unmittelbar evident ist, nicht
durch irgend ein anderes erst erscheinen und erfaßt werden muß, nur
auf sich selbst beruht und durch sich selbst sich darstellt, ist eben das
Sein selber. Das Sein ist nicht durch das Bewußtsein oder für das

12
        <pb n="15" />
        Bewußtsein, als sein gegenständlicher Inhalt, gegeben, sondern, da
unser Ich, unser Bewußtsein nichts anderes ist, als eine Äußerung,
sozusagen eine Abzweigung des Seins selber, so tritt das Sein ganz unmittelbar
 in uns hervor. Nicht müssen wir vorher etwas „erkennen“.
eine Erkenntnis verwirklichen, um zu einem Sein zu gelangen; sondern
im Gegenteil, um etwas zu erkennen, muß man doch vorher schon
sein. Und eben durch dieses ganz unmittelbare und primäre Sein ist
uns schließlich jedes Sein überhaupt erreichbar. Und man darf auch
sagen, daß im letzten Sinne der Mensch nur soviel erkennt, als er
selber ist, daß er das Sein nicht nur durch Erkenntnis und Denken
auf ideale Weise erfaßt, sondern, um es überhaupt tun zu können,
er zuerst sich realiter im Sein einwurzeln muß. Hier sehen wir, wie
der vorher besprochene Begriff der Lebenserfahrung, als Grundlage
des Wissens, mit dem Ontologismus zusammenhängt. Denn „Leben“
ist eben das reale Band zwischen „Ich“ und „Sein“, wogegen „Denken“
nur ihr ideales Band ist. Der Ausspruch „primum vivere deinde philosophari“
 im äußeren Sinne einer utiliteraristisch praktischen Sentenz,
ist eine ziemlich flache Banausenwahrheit; derselbe Ausspruch aber,
in einem inneren metaphysischen Sinne verstanden, als Ausdruck des
ontologischen Primates der Lebenstatsache über das Denken, birgt
einen tiefen Gedanken, der eben, sozusagen, das geistige Grundgefühl
der russischen Weltanschauung wiedergiebt.
Auf dieser Grundlage, der Tradition von Iwan Kirejewsky und
WI. Solowjew folgend, wurde in Rußland in den letzten Dezennien
eine wissenschaftlich-systematische Erkenntnistheorie—entwickelt, die,
wie man behaupten darf, gewisse” ganz originelle und in der
westlichen Philosophie ziemlich seltene Gedanken enthält. Nachdeın
Leo Lopatin in seinem Werke „Die positiven Aufgaben der Philosophie‘“
 schon in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts mit großem Tiefsinne
 und außerordentlicher systematischer Schärfe einen Versuch zu
einer neuen Rechtfertigung und Neubelebung der Metaphysik — in
einem Zeitalter, wo auch in Rußland der Positivismus als einzige
wissenschaftliche Weltanschauung galt und jegliche Metaphysik verpönt
war — unternommen hatte, nachdem später ein anderer russischer
Philosoph, Fürst: Sergius Trubetzkoi, eine Skizze einer Erkenntnistheorie
 geliefert hatte, in, der er die Behauptung aufstellte, daß das
Wesen der Erkenntnis in einem wirklichen Hinausgehen über die
Grenzen der erkennenden Subjekts bestehe —, entstand in Nikolai
Loßkys „Grundlegung des Intuitivismus“ sozusagen das grundlegende
Werk der ontologischen Erkenntnistheorie. Ich kann hier nur die
Hauptthese dieses Systems kurz darstellen. Loßky gründet seine
Lehre auf eine ganz eigentümliche Theorie des Bewußtseins, die durch
ihre Einfachheit frappiert und als eine wissenschaftliche Wiedererneuerung
 des sogenannten „naiven Realismus“ angesehen werden kann.

13
        <pb n="16" />
        IDas Bewußtsein ist nicht, wie es gewöhnlich angenommen wird, ein
in sich verschlossenes Gebiet, sozusagen ein Gefäß, das seine Inhalte
in sich hätte; es ist, im Gegenteil, offen, es ist seiner Natur nach eine
Beziehung zwischen dem erkennenden Subjekt und dem gegenständlichen
 Sein selber. Es ist deshalb gar nicht nötig, daß das Bewußtsein
 die Gegenstände sich irgendwie aneigne, sie in sich wiederhole
oder repräsentiere, und alle Schwierigkeiten, die mit der Frage verbunden
 sind: wie erhält das Bewußtsein eine Kunde vom Sein selber,
oder wie gelangt das Sein zum Bewußtsein, da es doch für ewig
außerhalb des letzteren liegt, und auch der Notbehelf aus diesen
Schwierigkeiten — der kantische Kritizismus — werden damit mit
einem Schlage überwunden. Das Wesen des erkennenden Bewußtseins
besteht eben in einem Gelangen vom Subjekt zum Sein, so wie das
Wesen des Lichtes in der Beleuchtung seiner Umgebung besteht. Wie
es überflüssig und sinnlos ist, zu fragen, ob eine Lampe aus sich selber
hinausgeht, um die Dinge zu erfassen, oder ob und wie es den
Dingen gelingt, in die Lampe hineinzukommen, um von ihr beleuchtet
zu werden, da doch das Wesen der Lichtquelle eben in der Aussendung
von Lichtstrahlen besteht — ebenso sinnlos ist es, zu fragen, wie das
Bewußtsein zu den Dingen herankommt, oder die Dinge ins Bewußtsein
 geraten, da das Bewußtsein seinem Wesen nach eben ein Lichtstrahl,
 eine Beziehung zwischen dem erkennenden Subjekt und den
Dingen ist. Es ist eben ein primärer Tatbestand, über dessen Möglichkeit
 gar nicht gefragt werden darf. Diese Frage selber entstand
nur durch einen falschen Begriff vom Bewußtsein, und dieser falsche
Begriff ist seinerseits durch die gewöhnliche naturalistisch-materialistische
 Vorstellung bedingt, daß das Bewußtsein irgendwo im Gehirne,
 im Menschenkopfe steckt und unmittelbar mit dem Sein in
keine Berührung kommen kann. Hüten wir uns aber: vor einer Verwechselung
 der idealen, überzeitlichen und überräumlichen Natur des
erkennenden Bewußtseins als solchem mit den natürlichen Bedingungen
 einer Wechselwirkung zwischen äußerer Umgebung und dem
menschlichen Körper oder Nervensystem, erkennen wir den grundlegenden
 Unterschied zwischen beiden, so wird die ganze Schwierigkeit
 sofort als eine vermeintliche durchschaut.
Ich selber habe in meinem Buche „Der Gegenstand der Erkenntnis“
(1915) den Versuch gemacht, diese ontologische Erkenntnistheorie
einen Schritt — und, wie mir scheinen möchte, einen prinzipiell wichtigen
 Schritt — weiter fortzuführen, indem ich zugleich an den erwähnten
 Gedankengang von Solowjew anknüpfe, und ich darf mir
wohl erlauben, in diesem Zusammenhange auch über meine Ergebnisse
in ganz kurz gedrängter Form zu berichten. Loßkys Theorie enthält
doch eine wesentliche Lücke. Durch sie wird zwar das reale Erfassen
des Gegenstandes durch das erkennende Bewußtsein verbürgt, aber

14
        <pb n="17" />
        eigentlich nur für den Augenblick des Erfassens selber. Der Begriff
des Seins selber, in seiner ganzen Transzendenz, d.h. in seiner Unabhängigkeit
 von jeglicher Erkenntnis, wird dadurch nicht genügend
erklärt. Es ist überhaupt aussichtslos, zu diesem Begriffe wirklich zu
gelangen, insofern wir von dem Bewußtsein, als von dem einzigen
primären Punkte, unseren Ausgang nehmen. Wenn wir eine Idee
vom Sein haben — nicht vom Sein des Bewußtseins, oder für das
Bewußtsein, sondern vom Sein an sich — und ohne diese Idee fällt
die Transzendenz, und mit ihr der ganze Sinn der Erkenntnis zusammen
 — so müssen wir sie in einer ganz primär-unmittelbaren
Form haben. Und wir haben sie auch tatsächlich, — und nicht nur
in unserem eignen Sein, sondern, damit das letztere selber möglich
sei, im Sein überhaupt, zu dem wir gehören. Daß etwas überhaupt
ist, und daß also das Sein selber ist, — ist viel evidenter, als daß wir
Bewußtsein haben. Auf die Frage der kritischen Philosophie: ist das
Sein außerhalb uns, oder nur innerhalb uns, in unserem Bewußtsein?,
muß geantwortet werden, daß beides zugleich dadurch verbürgt wird,
daß wir innerhalb des Seins sind. Alle Erkenntnis, alles Bewußtsein,
alles Begreifen ist schon eine sekundäre, abgeleitete Form des Aneignens,
 des Seins, die das Sein in die ideelle Form hinüberführt; das
Primäre, das ganz Selbstevidente ist, sozusagen, das Sein im Sein,
das unmittelbare Hervortreten und Sichoffenbaren des Seins selber,
das wir im ontologischen Wesen des unmittelbaren Erlebnisses haben.
Es genügt, von dem gewöhnlichen Subjektivismus, von der Vorstellung,
die Menschenpsyche, unser inneres Sein sei ein ganz eigentümliches,
in sich verschlossenes und dem wahren Sein gegenüberstehendes subjektives
 Gebilde, los zu werden, um zu erblicken, daß wir durch unser
Sein und in ihm zugleich und unmittelbar mit dem Sein selber zusammenhängen,
 in ihm bestehen und es also ganz unmittelbar —
nicht durch das erkennende Bewußtsein, sondern durch das primäre
Erlebnis — besitzen. Bestünde die Außenwelt und überhaupt das
Gebiet des Objektiven aus einzelnen und uns ganz fremden Stücken,
so könnten wir nie gewiß sein, daß etwas wirklich ist und nicht nur
uns im Augenblicke der Erkenntnis erscheint. Da aber jeder einzelne
Gegenstand nur im Rahmen und auf Grund eines einzigen allumfassenden
 Seins, des Seins selber, gedacht werden kann — und zwar
desselben Seins, das auch uns selber umfaßt und durchdringt — so
haben wir darin, in diesem Innewerden des Seins selber, das jeglicher
Erkenntnis vorangeht und ihren Sinn begründet, die absolute Gewähr
 für die Objektivität unserer Erkenntnis.
Das unmittelbare Gefühl, daß mein Sein eben ein Sein ist, daß es
zum Sein gehört und in ihm eingewurzelt ist, und daß der ganze
Lebensgehalt der Persönlichkeit, ihr Denken wie ihr Tun, nur aus
diesem Boden ihr zufließt, — dieses Gefühl eines Seins, das nicht

15
        <pb n="18" />
        äußerlich gegeben, sondern innerlich vorhanden, ohne damit subjektiv
zu werden, eines inneren Seins, das zugleich objektiv überindividuell
und selbstevident ist, — bildet das Wesen des typisch russischen
Ontologismus. Er spiegelt sich auch natürlich in der russischen Religiosität
 ab, oder vielleicht stammt aus ihr — ein Thema, das ich hier
nur im Vorübergehen berühre. Am besten dringen wir auch hier zum
Wesen der Sache durch Unterscheidung von anderen, eben westlichen
Formen der Religiosität. Das Hauptthema des Streites zwischen
Katholizismus und Protestantismus hat nicht nur infolge irgendwelcher
äußerer historischer Umstände das russische religiöse Bewußtsein unberührt
 gelassen; es blieb und bleibt ihm innerlich fremd infolge der
Unvereinbarkeit mit der ganzen Fragestellung. Das russische religiöse
Bewußtsein hat niemals darnach gefragt, ob der Mensch durch innere
Gesinnung und Glauben, oder durch äußere Werke zum Heil gelangt.
Beide Teile des Dilemmas scheinen ihm ein zu äußeres Verhältnis
des Menschen zu Gott, eine ungehörige Trennung zwischen Mensch und
Gott, vorauszusetzen. Weder die innere subjektive menschliche Gesinnung
 allein kann im religiösen Sinne genügen, noch kann der
Mensch durch irgendwelche Werke in eine äußere Verbindung mit Gott
gesetzt werden; sondern nur Gott selber, und Er allein, indem er sich
des Menschen bemächtigt, wenn der Mensch sich in ihn versenkt, kann
den Menschen retten. Auch hat der berühmte augustinisch-pelagianische
 Streit um das Verhältnis zwischen Gnade und freiem Willen, der
bekanntlich eine so große Rolle in der Geschichte der westlichen Kirche
gespielt hat, niemals das russische religiöse Bewußtsein ernstlich beunruhigt.
 Denn dieser ganze Streit fußt eben auf einer gewissen
Trennung und Spannung zwischen Mensch und Gott, zwischen dem
subjektiv-innerlich-persönlichen und objektiv-äußeren überpersönlichen
Momente des Religionslebens, und eben diese Spannung ist dem russischen
 metaphysischen Gefühle ganz fremd. Denn der ganze positive
Gehalt der Persönlichkeit stammt für ihn nur von Gott allein, und
wird dennoch nicht nur als eine äußere Gabe hingenommen, sondern
eben innerlich angeeignet. Sowohl der Individualismus der subjektiven
 Innerlichkeit als auch der nur äußerlich überindividuelle Objektivismus
 werden hier durch einen absoluten allumfassenden Ontologismus
 überwunden, in dem Sinne, in dem es auch bei Goethe heißt:
„Nichts ist innen, nichts ist außen — denn was drinnen, das ist
draußen.“ Nicht das Streben zu Gott, sondern das Sein in Gott bildet
das Wesen dieses religiösen Ontologismus aus.
Derselbe Zug äußert sich in sehr charakteristischer Weise auch in
der russischen Psychologie. Ohne in die Einzelheiten verschiedener
Lehren russischer Denker näher einzugehen, versuche ich in synthetischer
 Form die Eigentümlichkeit des russischen philosophischen Den-16
        <pb n="19" />
        kens im Gebiete der Seelenforschung, sozusagen die typisch-russische
Stellungnahme zu ihm kurz zu schildern.
Betrachten wir zuerst die gewöhnliche, im Westen seit mindestens
einem Halbjahrhunderte verbreitete Stellungnahme zum Gebiete des
Psychischen — wie sie in der sogenannten empirischen Psychologie,
die sich selber als Psychologie ohne Seele proklamiert hat, zum Ausdruck
 kommt —, so dürfen wir sagen, daß für sie die Betrachtung
des Seelischen, als eines kleinen Anhängsels oder Teils der empirischgegenständlichen
 Welt, der ihren Gesetzen unterworfen ist und in
das gewöhnliche Weltbild restlos und gefügig eingeht, charakteristisch
ist. Die moderne Psychologie nennt sich selber eine Naturwissenschaft.
Befreien wir uns von der gewöhnlichen entstellten Wortbedeutung
und kehren wir zu ihrem inneren, wahren Sinne zurück, so werden
wir leicht begreifen, was das eigentlich bedeutet: es bedeutet, daß die
moderne westliche Psychologie im strengen Sinne des Wortes gar
keine Psycho-logie (Seelenlehre), sondern eine Physio-logie ist. Sie
ist keine Lehre von der Seele, als einem Gebiete der inneren Realität,
das — wie wir es auch weiter bestimmen wollen — jedenfalls ganz
unmittelbar, in seinem Erfahrungsinhalte sich von der sinnlich-gegenständlichen
 Welt der Natur abhebt und ihr gegenübersteht; sie ist
im Gegenteil eben eine Naturwissenschaft, eine Lehre von den äußeren,
sinnlich-gegenständlichen Bedingungen und Gesetzmäßigkeiten der
psychischen Phänomene, die, von ihrem urwüchsigen und wahren
inneren Boden abgerissen, nur eben im Rahmen einer ihnen innerlich
fremden Welt — der sinnlich-gegenständlichen Welt — betrachtet
werden. Wenn man auch die Psychophysik und Psychophysiologie
ganz beiseite läßt und nur die sogenannte reine Psychologie in Betracht
zieht, so bemerkt man doch leicht, daß ihr als ihre Grundlage, sozusagen
 als das Gerippe ihres Begriffsystems, an das sich ihre einzelnen
Beobachtungen anschmiegen, das Bild der äußerlich-gegenständlichen,
materiellen Welt dient. Das Seelenleben wird als eine kleine Welt
irgendwo im Inneren des menschlichen Leibes gedacht. Und wenn so
das Seelenleben schlecht oder recht räumlich lokalisiert ist, so ist es
um so mehr zeitlich lokalisiert. Die seelischen Erscheinungen werden
als chronologisch bestimmbare objektive Geschehnisse gedacht, deren
Dauer, Reihenfolge und Zusammenhang mit materiellen Prozessen
man eindeutig feststellen kann. Die Gesamtheit der psychischen Prozesse
 wird überhaupt nur als ein winzig kleiner und abgeleiteter
Teil des biologischen und kosmischen Ganzen betrachtet.
Ohne hier die Frage über den wahren Wert und die objektive Berechtigung
 dieser uns jetzt so geläufigen gewöhnlichen psychologischen
Weltanschauung zu erheben, möchte ich nur hervorheben, daß es auch
eine ganz andere Psychologie geben kann, die eben das Seelische nicht
von außen, von seiten seiner Erscheinung in der sinnlich-gegenständ-2
 Die russische Weltanschauung -

17
        <pb n="20" />
        lichen Welt, sondern sozusagen von innen heraus betrachtet — nämlich
so, wie das seelische Erlebnis nicht einem kühlen und fremden gegenständlichen
 Beobachter, sondern wie es sich selber, dem Erlebenden
selbst erscheint. Und das ist eben die prinzipielle Stellungnahme der
russischen Psychologie — nicht soviel der speziellen psychologischen
Forschung, die meistens unter dem Einfluß der westlichen Wissenschaft
steht, als der allgemeinen philosophischen Weltanschauung im Gebiete
des Seelischen. Betrachten wir das Seelische so von innen heraus, wie
es in unseren Träumen, unseren Affekten und Leidenschaften, unseren
Sehnsüchten und Verklärungen für sich selber im eigenen Erlebnis
ist, so erhalten wir einen ganz andersartigen Begriff von ihm. Es
kann dann gar keine Rede davon sein, daß die Erscheinungen dieses
Gebietes gewissen materiellen Erscheinungen räumlich-zeitlich zugeordnet
 werden könnten und durch diese Zuordnung ihr bescheidenes
Plätzchen in der objektiv-gegenständlichen Welt erhielten. Sie bilden
im Gegenteil ein Weltall für sich, das sozusagen in einer ganz anderen
Weltdimension liegt, — unermeßlich in seiner Tiefe und Reichhaltigkeit,
 nach eigenen Gesetzen lebend, die in einem anderen Weltplane
sinnlos und unmöglich sind, hier aber mit unmittelbarer Evidenz
herrschen. Der Mensch, wie er in der äußeren Welt hervortritt, scheint
ein winziger Teil des Weltganzen zu sein und sein Wesen erschöpft
sich für den äußeren Blick mit diesem Scheine; tatsächlich aber ist
das, was wir „Mensch“ nennen, in und für sich etwas unermeßlich
größeres und qualitativ ganz anderes, als ein kleiner Weltfetzen; es
ist eine, äußerlich in einem kleinen Umfang hineingepreßte, geheime
Welt ungeheurer, potentiell unendlicher Kräfte; und seine unterirdische
Tiefe ähnt ebensowenig seiner äußeren Erscheinung, wie das Innere
eines großen, unermeßliche Reichtümer aber auch Leiden in sich bergenden
 dunklen Schachtes der unmerklichen Öffnung ähnt, die ihn mit
der hellen gewohnten Welt der Erdoberfläche verbindet.
Dies ist eben die prinzipielle Stellung des russischen Geistes zum
Gebiete des Seelischen. Ich erlaube mir, diesen psychologischen Ontologismus
 an einigen Beispielen aus dem Gebiete der russischen Literatur
 zu beleuchten. Der außerordentliche psychologische Tiefblick
Dostojewskis, seine Begabung, in die geheimen und dunklen Abgründe
der menschlichen Seele einzudringen, die Nietzsche zu der Äußerung
veranlaßte, Dostojewski sei der einzige Lehrer der Psychologie in
unseren Tagen, ist genügend bekannt. Ich möchte aber hervorheben,
daß die, sozusagen methodische Voraussetzung für diesen Tiefsinn die
ist, daß für Dostojewski die Menschenseele nicht ein kleines und abgeleitetes
 Gebiet für sich ist, sondern eben unendliche Tiefen hat, mit
denen sie in den letzten Abgründen des Seins eingewurzelt und mit
Gott selber — oder auch mit Satan — unmittelbar verbunden ist, sodaß
 sie in den Augenblicken einer wirklichen Leidenschaft von den

18
        <pb n="21" />
        allgemeinen metaphysischen Kräften des Seins selber überflutet wird.
Was an dem Menschenleben wirkliche Realität hat, und als eine solche
Realität das gewöhnliche konventionelle Scheinleben durchbricht —
das allein interessiert Dostojewski; und diese Realität ist nicht mehr
ein abgeschiedenes und begrenztes psychisches Leben, als solches,
sondern gehört schon sozusagen zu den kosmischen oder metaphysischen
 Kräften des Seins, für deren Wirkung das individuelle Bewußtsein
 nur ein Medium ist. Hierher gehört auch die Weltanschauung
des großen, im Westen wenig bekannten russischen Dichterdenkers
Tjutschew. Seine ganze Lyrik ist durch ein metaphysisches Schaudern
bestimmt, das der Dichter vor den Abgründen der menschlichen
Seele empfindet, weil er unmittelbar ihre Wesensidentität mit den
kosmischen Abgründen, mit dem chaotischen Walten der elementaren
Naturkräfte spürt. Da Tjutschews Dichtung in Deutschland, trotz
einer guten Übersetzung seiner Gedichte“ ziemlich unbekannt ist,
scheint es mir angebracht, zur Erläuterung des Gesagten einige Gedichte
 von ihm hier anzuführen. Das erste ist dem Nachtwinde gewidmet.
 *
Was heulst du, Wind, um Mitternacht?
Was soll dein wahnsinnwildes Grollen?
Bald seufzt es leis, bald brüllt's mit Macht
Aus deinem Laut, dem rätselvollen.
Von unbegriffnen Qualen spricht
Dein Mund, begreiflich jedem Herzen,
So daß aus jeder Seele bricht
Der schrille Schrei verhaltner Schmerzen.
O singe nicht das grause Lied
Vom Chaos unserm Mutterhorte!
Wie lauscht das nächtige Gemüt
So gierig dem vertrauten Worte!
Eins werden möcht’ es mit dem Licht
Das grenzlos strahlt und ewig dauert...
Des Sturmes Schlummer wecke nicht
Weil unter ihm das Chaos lauert!
Das Heulen des Nachtwindes und die dunklen Klagen der Seelentiefe
 sind also eine Manifestation eines und desselben kosmischen Wesens.
 Das Chaotische in der Natur lauert, als unser Mutterhort. im
Grunde unserer eigenen Seele, und ist deshalb, in all seiner Rätselhaftigkeit,
 jedem menschlichen Herzen begreiflich.
* Gedichte von Fedor Tjutschew, übersetzt von F. Fiedler. Reclams
Universal-Bibliothek Nr. 8721.

2* 19
        <pb n="22" />
        In mehreren Gedichten, die die Nacht schildern, zeigt der Dichter
in ähnlicher Weise, daß die Abgründe der Nacht den Abgründen «der
Seele verwandt sind. Der Tag ist „eines Goldgewebs Gefalte“, das
„eines Gottes Hand über einer namenlosen Abgrundspalte“ gespannt
hält: wenn aber dieses Gewebe abgerissen wird, so „starrt der Abgrund“
 „mit seinen grausen Finsternissen“. Dann ist der Mensch
„versenkt in seiner Seele Welt, gleichwie in einen Abgrund ohne
Schranken“.
Und in der unenträtselt fremden Nacht
Erahnt er sein verhängnisvolles Erbe.
In noch einem anderen Gedichte, das sozusagen dem metaphysischen
 Wesen des Traumes gewidmet ist, treffen wir den charakteristischen
 Vergleich:
Gleichwie das Meer den Erdball hält umspannt,
Wird unser Erdensein vom Traum umzogen.
. Der Traum ist also kein rein subjektiv-innerliches Gebilde der
Menschenseele; im Gegenteil ist der ganze Inhalt unseres wachen Bewußtseins,
 die sinnlich-gegenständliche Realität der Welt, nur ein
kleiner Teil des Seins, das, wie die Erde vom Ozean, vom Traum, als
dem unermeßlichen Gebiete des mystischen Seins, umfaßt ist.
Dieser ontologische Seelenbegriff spiegelt sich auch in den Theorien
der russischen philosophischen Psychologie ab. Von allen westeuropäischen
 Denkern — abgesehen von reinen Mystikern, wie Böhme und
Baader, die die Lieblingsnamen der russischen Mystik sind — fühlt
deswegen das russische Denken vornehmlich Schelling und Leibniz
sich als wesensverwandt. Trotz der großen Popularität der Hegelschen
Philosophie in den 40er Jahren des neunzehnten Jahrhunderts war es
eigentlich Schelling, der vom Beginn des neunzehnten Jahrhunderts
bis zu den 50er Jahren das russische philosophische Denken am
meisten beherrschte. In der wissenschaftlich-philosophischen Psychologie
 aber war es Leibniz, an den die russischen Denker in ihrem
Kampf um den psychologischen Ontologismus gegen den Positivismus
und seine seelenlose Psychologie anknüpfen.
In den 80er Jahren führte der Leibnizianer Koslorw, ein systematisch
 nicht besonders bedeutender, intuitiv aber sehr geistreicher
Denker einen erbitterten, mit allen Mitteln der philosophischen Satire
ausgerüsteten Kampf gegen den vorherrschenden Positivismus und
entwickelte eine leibnizianische Metaphysik der Menschenseele. (Von
Kosloro stammt genetisch der Begründer des russischen Intuitivimus,
Loßky, dessen Metaphysik und Psychologie auch ein stark leibnizianisches
 Gepräge trägt.) Ein Leibnizianer war auch der sehr bedeutende
 russisch-deutsche Metaphysiker Teichmüller. Und auch Lopatins

20
        <pb n="23" />
        vorhererwähnte Metaphysik enthält, als wichtigsten Inhalt, eine leibnizianisch
 bestimmte, sehr feinsinnige, zum Teil Bergsons Lehren
antizipierende ontologische Psychologie. Der Verfasser dieser Zeilen
darf wohl auch hier hinzufügen, daß er in seinem Werke „Die Seele
des Menschen“ (Petersburg 1917) den Versuch gemacht hat, diese
Motive der russischen Psychologie im Zusammenhange mit seiner
christlich-platonischen Weltauffassung in einer allgemeinen Phänomenologie
 des Seelenlebens zu bearbeiten.
Und dennoch ist die Psychologie als solche, auch in ihrer ontologischen
 Fassung, kein besonders charakteristisches Gebiet des russischen
geistigen Schaffens. Eben weil das Interesse hier auf die tiefsten
ontologischen Wurzeln des Seelenlebens gerichtet ist, hat es die Tendenz,
 das eigentliche Gebiet des Psychischen sehr schnell zu überschreiten
 und die Sphäre des letzten, allumfassenden Seins zu erreichen.
Und andererseits ist die Vorstellung einer in sich abgeschlossenen
individuellen Persönlichkeitssphäre dem russischen Denken ganz
fremd. Wie groß auch der Einfluß von Leibnizens Monadenlehre auf
einzelne russische Denker war, die Lehre von der Abgeschlossenheit
und Isoliertheit der Monaden haben alle russischen Denker immer
verworfen. Nicht nur hat die Monade, nach der russischen Vorstellung
und trotz Leibniz, „Fenster“, durch sie in Wechselwirkung mit anderen
Monaden, mit Gott und mit der Welt steht, sondern ihr ganzes Sein
ist eigentlich in diesem wechselseitigen Zusammenhange begründet.
7
Dieses letzte Motiv ist aber schon ein Ausdruck eines anderen,
sehr charakteristischen Merkmales der russischen Weltanschauung, das
im allgemeinen ziemlich bekannt ist, aber dennoch — oder vielleicht
eben deswegen — verdient, in seiner ganzen Tiefe, Bedeutsamkeit
und wahrem Wesen beurteilt zu werden. Ich meine die charakteristische
 Abneigung gegen den Individualismus und das Fußen in einer
gewissen Art von geistigem Kollektivismus. Dieses Thema muß mit
Vorsicht behandelt werden, um das wirklich Wahre von falschen Umdeutungen
 zu sondern. Hier muß ich mir eine kurze sozialpolitische
Abschweifung erlauben. Es ist leicht, dies Gemeinschaftsgefühl mit
dem wirtschaftlichen Kollektivismus oder Kommunismus zu verwechseln.
 Die bekannte These der Slawophilen, der slawische oder russische
Geist sei von Hause aus kollektivistisch veranlagt in dem Sinne, daß
er persönliche Freiheit, Vertragsverhältnisse und individuelles Eigentum
 verabscheut und zu kollektivistischen Wirtschaftsformen neigt,
was durch die vermeintlich urwüchsige russische Landgemeinde
(Obschtschina) bewiesen wäre, — diese These, die jetzt ein Westeuropäer
 geneigt wäre, durch die Herrschaft des Kommunismus von neuem

UT,
21
        <pb n="24" />
        bestätigt zu finden, — hat die historische Wissenschaft schon längst
als einen Irrtum erwiesen. Die russische bäuerliche Landgemeinde ist
überhaupt kein ursprüngliches Institut des russischen Rechtlebens und
ist im Gegenteil ziemlich spät und ganz künstlich aus fiskalischen
Interessen eingeführt worden. Auch darf dem russischen Rechtsbewußtsein
 die Neigung zum freien persönlichen Eigentum und Vertragsverhältnissen
 in keiner Weise abgesprochen werden. Was aber die
Möglichkeit der kommunistischen Herrschaft betrifft, so hat sie allerdings
 sehr tiefliegende national-historische Ursachen, die aber nicht
im positiven Inhalte des russischen Rechts- und Kulturbewußtseins,
sondern eben in seiner relativen Schwäche liegen; diese Schwäche selber
steht teilweise ihrerseits im Zusammenhang mit gewissen Kigentümlichkeiten
 der russischen Weltanschauung, worüber noch weiter zu
sprechen sein wird, wurde aber anderseits mindestens sehr begünstigt
eben durch diese slawophile Theorie selber, die dadurch im großen
Maße die Verantwortung an der modernen russischen Katastrophe
trägt. Denn diese verhängnisvolle utopistisch - romantische Theorie
einer patriarchalisch-kollektivistischen Bauerngesinnung, als einziger
Stütze der russischen nationalen Kultur und des russischen Staatslebens,
 diente als Grundlage der ganzen Wirtschafts- und Staatspolitik
des russischen Konservatismus, die künstlich die Entwicklung zu freieren
 und rechtlich bestimmten Formen des wirtschaftlichen und staatlichen
 Lebens hemmte, vor dem freien und selbstbewußten Eigentümer
eine Angst hatte und eben dadurch die chaotisch-revolutionäre Gärung
im Volke begünstigte.
Was das wirkliche innere Wesen des eigentümlichen russischen
geistigen Kollektivismus betrifft, so hat es erstens überhaupt nichts
mit . wirtschaftlichem oder sozialpolitischem Kommunismus gemeinsam;
 und zweitens, trotzdem es einen Gegensatz zu dem Individualismus
bildet, steht es den Begriffen der persönlichen Freiheit und Individualität
 gar nicht feindlich gegenüber, sondern ist im Gegenteil als eine
feste Stütze ihrer gemeint. Es handelt sich um den eigentümlichen Begriff,
 der in der russischen Kirchensprache und dann in den Schriften
der Slawophilen durch das unübersetzbare Wort „Sobornost” ausgedrückt
 wird. „Sobornost“ stammt vom Worte „sobor“ („das Konzil“)
und bedeutet, in buchstäblicher Übersetzung ungefähr soviel als „das
Konzilsprinzip“ oder „der Konziliarismus“. Um diesem eigentümlichen
Begriffe näher zu kommen, empfiehlt es sich auch hier, von dem
Gegensatze zum westeuropäischen Geiste auszugehen, trotzdem hier,
wie überall — was ich ein für alle Mal bemerke, um Mißverständnissen
vorzubeugen, — auch im Westen manche Anklänge und Parallelen
zu diesem geistigen Prinzipe zu finden sind. Die westliche Weltanschauung
 geht vom „Ich“ aus; dem Idealismus entspricht der individualistische
 Personalismus. Es genügt die westliche philosophische

79
        <pb n="25" />
        Literatur von Descartes an im allgemeinen zu kennen, um sich sofort
zu überzeugen, was für einen zentralen Platz in ihr der Begriff „Ich“
einnimmt. „Ich“, das individuelle Bewußtsein ist entweder das einzige
 und letzte Fundament alles Übrigen überhaupt (wie bei Fichte,
in einem gewissen Sinne auch bei Descartes, Berkeley und Kant),
oder jedenfalls ein, sozusagen, eigenmächtiges und selbstgenügsames,
innerlich geschlossenes und von allem übrigen unabhängiges Wesen,
das im Gebiete des Geistigen den letzten Stützpunkt für eine konkrete
Realität abgibt. Nun ist aber auch eine ganz andere Geistesauffassung
möglich, in der nicht das „Ich“, sondern das „Wir“ die letzte Grun«dlage
 des Geisteslebens und -wesens bildet. „Wir“ ist nicht als eine
äußere, nur später hinzukommende Synthese oder Zusammenfassung
von mehrern ‚„Ich“en, oder von „Ich“ und „Du“ gemeint, sondern als
ihre ganz primäre unzerlegbare Einheit, aus deren Schoß das „Ich“
erst erwächst und durch die es erst möglich wird. Nicht nur „Ich“
und „Nicht-Ich“, wie es oft behauptet wird, sind Korrelationsbegriffe,
sondern eben solche aufeinander angewiesene Korrelationsbegriffe sind
auch „Ich“ und „Du“, mein Bewußtsein und das mir gegenüberstehende
 und auf mich gerichtete fremde Bewußtsein, und beide zusammen
 bilden integrierende und von einander nicht abzutrennende
Teile eines primären Ganzen, — des „Wir“. Und nicht nur ist jedes
„Ich“ in einem „Wir“ enthalten und an dasselbe gebunden und bezogen,
 sondern man darf auch sagen, daß in jedem „Ich“ das „Wir“
seinerseits innerlich enthalten ist, weil es eben den letzten Stützpunkt,
sozusagen die tiefste Wurzel und den lebendigen Träger des Ich
bildet. Das „Wir“ ist, kurz gesagt, ein konkretes Ganzes von der Art,
das nicht nur seine Teile in ihm allein existieren können und von ihm
unabtrennbar sind, sondern daß es innerlich seine Teile durchdringt,
und in jedem vollständig anwesend ist. Es handelt sich um eine
folgerichtig durchdachte organische Weltanschauung im Gebiete des
Geistigen. Das „Ich“ in seiner Eigentümlichkeit und Freiheit wird
dadurch aber gar nicht verneint, sondern die Meinung ist eben die,
daß es seine Eigentümlichkeit und Freiheit aus diesem Zusammenhange
 mit dem Ganzen überhaupt erst erhält, daß es sozusagen seinen
Lebenssaft aus der überindividuellen Ganzheit der Menschheit schöpft;
so wie ein Blatt am Baume, das sich äußerlich mit einem andern
Blatte gar nicht oder nur zufällig berührt, innerlich aber durch die
Vermittlung von Zweigen und Ästen mit dem Stamme, als Ganzem
und also auch mit allen übrigen Blättern verbunden ist und ein gemeinsames
 Leben mit ihnen führt (um einen Vergleich zu benutzen, der,
von Plotin stammend, von den russischen Denkern oftmals gebraucht
wird). Was hier verneint wird, ist nur die Unabhängigkeit und Abgetrenntheit
 der „Iche“ von einander und also ihre Selbstgenügsamkeit
und Abgeschlossenheit. Es ist sozusagen eine „Wir-Philosophie“ im

98
        <pb n="26" />
        Gegensatz zur „Ich-Philosophie“ des Westens. Wollten wir die von
Spengler neuerdings eingeführten Begriffe benutzen, so könnten wir
sagen, daß die russische Weltanschauung eine „magische“ ist (als sich
stützend auf eine Wahrnehmung der realen Präsenz eines Allgemeingeistes
 in der Gemeinschaft), im Gegensatze zu der „faustischen“
Weltanschauung des Westens; und das würde damit stimmen, daß
diese Weltanschauung durch das russische kirchliche Bewußtsein begründet
 ist, die russische, griechisch - orthodoxe Kirche aber, nach
Spenglers Terminologie, aus der so von ihm genannten „arabischen“
oder „magischen“ Kultur stammt. Diese „Sobornost“, die „Wir-Anschauung‘“,
 diese organische Einheit der menschlichen Gemeinschaft,
bildet, wie schon gesagt, die Grundlage des russischen Kirchengedankens,
 wie ihn theoretisch so glänzend und tief der geniale russische
Theologe Chomjakow entwickelt hat. Die Kirche ist hier im primären
Sinne keine äußere Organisation, keine Anstalt, die durch Autorität,
geistigen Zwang und Disziplin die Gläubigen zusammenhält, keine
Einheit, die in irgend einer einzelnen menschlichen Macht oder Instanz
 verkörpert werden kann, wie im Katholizismus, sondern eben
die ursprüngliche, lebendige, innere Geisteseinheit aller Gläubigen,
sozusagen das eine göttliche Blut, das in ihnen allen und durch sie
alle zirkuliert. Sie ist aber andererseits auch etwas ganz anderes und
viel Realeres als nur die Gemeinschaft oder die Gesamtheit der Gläubigen,
 wie im Protestantismus, denn sie ist eben ein reales geistiges
Wesen, die überzeitliche und allumfassende Realität des mystischen
Körpers Christi, ohne Anteilnahme an dem es kein Heil, keine religiöse
 Nahrung für die Persönlichkeit gibt. Deswegen durfte Chomjakow
 sagen, daß der Griechisch-orthodoxe die volle individuelle
Freiheit und religiöse Innerlichkeit des Protestantismus besitzt und
außerdem noch die lebendige Einheit der Kirche, weil eben beides,
Universalismus und Individualismus, sich nicht gegenseitig ausschließt
oder begrenzt, sondern innerlich zusammenfällt und sich gegenseitig
stützt.
Es ist auch klar, daß diese organische Weltanschauung im Gebiete
des politischen und sozialen Lebens niemals mit einem Kollektivismus
zusammenfallen oder zu ihm führen kann, sondern eigentlich, trotz
der scheinbaren Ähnlichkeit, den diamentralen Gegensatz zu ihm
bildet. Denn der sozialpolitische Kollektivismus (Sozialismus oder
Kommunismus) beruht, trotz seines Gegensatzes gegen den Liberalismus
 und Individualismus, philosophisch auf der mechanisch-atomistischen
 Auffassung der Gesellschaft.
Die Einzelmenschen sind für ihn eben Atome, die von selbst durch
ihre spontanen Kräfte und Eigenschaften, nur gegeneinander anprallen
 und auseinanderfahren können, und eben darauf beruht der
Gedanken, daß eine Ordnung in das Ganze zu bringen, oder besser

24
        <pb n="27" />
        gesagt, diese chaotische Menge in ein wirkliches Ganzes zu verwandeln
nur durch staatlichen Zwang, durch äußere Zusammenfassung, sozusagen
 durch künstliches Zusammenkleben der innerlich widerspenstigen
Elemente möglich ist. Dadurch aber wird, wie es aus diesem Bilde
eigentlich von vornherein klar ist und wie die Erfahrung es in so
entsetzlich-tragischer Weise bestätigt hat, die lebendige Aktivität des
Menschen und als eine Konsequenz davon, auch das Leben des Ganzen
eigentlich lahmgelegt, und das Ganze zu tötlicher Starre verurteilt.
Es ist, wie gesagt, der diametrale Gegensatz zu dem Begriffe „sobornost”,
 — zu der inneren Harmonie lebendiger persönlicher Innerlichkeit
 und überindividueller Einheit. Die Verfassung, zu der eigentlich
diese Weltanschauung in ihrer ganzen Tiefe strebt, ist eben eine organisch-korporativ-hierarchische,
 die aber zugleich durch ein starkes
Freiheitsgefühl und demokratische Aktivität der Selbstverwaltung
durchdrungen ist. Ob überhaupt, und wenn ja, so wann und in
welcher Form es dem russischen Geiste gelingen wird, eine solche ihm
adäquate sozialpolitische Verfassung zu erreichen, ist natürlich eine
ganz andere Frage, deren Lösung im Gebiete der konkret-geschichtlichen
 Politik liegt und die uns hier weiter nicht zu beschäftigen hat.
Aus diesem, wenn man so sagen darf, „Konziliarismus“ oder „Gemeinschaftsprinzip‘“
 der russischen Geistesveranlagung (was die Slawophilen
 auch das „Chorprinzip“ des russischen Lebens nannten) ist
es auch erklärbar, daß die Politik, der politische Kampf eine so außerordentlich
 große Rolle im russischen geistigen Leben spielt. Es ist
bekannt, daß eine Reihe russischer Generationen im Laufe eines
Jahrhunderts (von dem Dekabristen-Aufstande im Jahre 1825 bis zu
unseren Tagen) sich mit einer Leidenschaftlichkeit der Politik hingegeben
 hat, die dem westlichen Gemüte fast unverständlich ist und
dabei zugleich eine politische Unfähigkeit, eine utopistische und
chaotisch-anarchistische Stimmung an den Tag gelegt hat, die dem
Westeuropäer vielleicht Verachtung einflößt. Es ist — wie paradox
es auch klingen möchte — nur die Kehrseite, die krankhafte Entstellung
 derselben Geisteseigentümlichkeit, deren positiven Sinn wir
soeben zu zeichnen versucht haben. Denn einerseits ist für den Russen
das ganze Leben unvorstellbar anders als eben gemeinschaftliches
Leben, gemeinsame Ordnung und gemeinsames Genießen eines alle
Mitmenschen umfassenden Lebensganzen; wenn diese geistige Idee
eine vollständige empirisch-praktische Verwirklichung zu suchen beginnt,
 so entsteht daraus die politische Leidenschaftlichkeit, hinter
der, wie es mehrmals seit Dostojewski bemerkt wurde, bei den
Russen eigentlich immer die religiöse Leidenschaftlichkeit versteckt
liegt; und andererseits eben deswegen, weil dadurch die politischen
Fragen zu letzten Fragen des persönlichen Heils, des Sinnes des
individuellen Lebens der Persönlichkeit werden, entsteht die anar-925
        <pb n="28" />
        chistisch-utopistische Unfähigkeit zu Kompromissen, zur verständigen
Abgrenzung und Vereinigung der Interessen. Eben die in der russischen
 Geistesanlage liegende prinzipielle Forderung, den vollen Individualismus
 mit vollem Universalismus zu vereinigen oder vielmehr
sie in ihrer urwüchsigen Einheit zu verwirklichen, führt leicht zu der
Möglichkeit der härtesten Kollisionen zwischen heiden Geistestendenzen,
 besonders wenn die religiöse Grundlage, auf der allein der
wahre Konziliarismus möglich ist, dem Bewußtsein entzogen wird,
wie es mit der russischen revolutionären Intelligenz des letzten Jahrhunderts
 geschah. Andererseits darf eben in diesen Tagen des russischen
 Zusammenbruches und der politischen Schwäche nicht vergessen
werden, daß das russische Volk das größte und mächtigste Reich in
Europa einst gegründet und im Laufe mehrerer Jahrhunderte befestigt
 hat und daß dieses Reich nicht durch eine rein weltlich-politische
 Idee zusammengehalten wurde, sondern durch die Monarchie in
ihrer national-russischen Gestalt, d.h. durch eine wesentlich religiöse
Idee des „Väterchen Zaren“, des Zaren, als Träger der religiösen Einheit
 und des religiösen Wahrheitssirebens des russischen Volkes.
IV.
Durch diese Erwägung haben wir schon das Gebiet der praktischen
Weltanschauung betreten. Jede Weltanschauung enthält eine gewisse
Einheit von Theorie und Ideal, verbindet irgendwie, um kantisch zu
sprechen die theoretische Vernunft mit der praktischen, das Gebiet des
reinen Seins und Denkens mit dem des Sollens und Wertes. Von der
russischen Weltanschauung aber darf man behaupten, daß sie in einem
ganz eminenten Sinne praktisch ist, sozusagen von Haus aus immer
auf die Weltverbesserung oder auf das Weltheil, niemals auf das Weltbegreifen
 allein berechnet ist. Es kann kaum ein einziges Beispiel
eines national-russischen Denkers angeführt werden, der nicht zugleich
 als Moralprediger oder Sozialreformator, kurz in irgend einem
Sinne als Weltverbesserer oder Verkünder eines Ideals aufgetreten
wäre. Das hängt aufs engste zusammen mit dem Wahrheitsbegriff
selber, der im Grunde der russischen Weltanschauung liegt und von
ihr immer vorausgesetzt wird. Fassen wir die bis jetzt besprochenen
Hauptmerkmale der russischen Weltanschauung zusammen, nämlich
das Prinzip der lebendigen Erfahrung, der Erkenntnis durch Erleben,
— den Ontologismus, — die Anschauung, daß das Bewußtsein  innerlich
 mit dem Sein verbunden ist und in ihm fußt, daß also jeder
Bewußtseinsschritt, jede Vertiefung und Bereicherung der Erkenntnis
eigentlich eine reale Tat ist, ein Vorgang im Sein selber — und schließlich
 das, was wir Konziliarismus oder Gemeinschaftsprinzip genannt
haben, das Prinzip der Einheit der Einzelwesen, ihres Verflochten-26
        <pb n="29" />
        seins in einer allumfassenden lebendigen Alleinheit des Geistes, sodaß
 dadurch auch die Wahrheit niemals in adäquater Form der
Besitz eines Einzelnen ist, sondern eben nur der geistigen Alleinheit
der Menschheit gegeben ist, — so spüren wir schon damit, wie tief,
konkret und umfassend die Wahrheit ist, nach der der russische Geist
strebt. Es ist nicht die Wahrheit als theoretisches Bild der Welt, als
reine Idee, sondern die Wahrheit, die selber seiend ist, mit dem innersten
 Grunde des Lebens zusammenfällt und die sich selber im wahren
Menschen oder Menschheitsleben darstellt. Es gibt ein sehr bezeichnendes
 Wort in der russischen Sprache, das eine außerordentlich große
Rolle im ganzen russischen Denken spielt, vom Volksdenken an bis
zu den schöpferischen russischen Genien; es ist das unübersetzbare
Wort „Pramda“, das zugleich „Wahrheit“ und auch soviel als „moralisches
 oder natürliches Recht“ bedeutet, so wie in der deutschen
Sprache das Wort „richtig“ zugleich das theoretisch und das praktisch
Passende oder Adäquate bedeutet, sodaß man sowohl eine Meinung,
als auch eine Handlung als richtig bezeichnen kann. Der russische
Geist, sei es der religiöse Sucher und Wanderer aus dem Volke, sei
es Dostojewski, Tolstoi oder Wladimir Solowjew suchen immer die
„Prawda“, die Wahrheit, die ihm einerseits das Leben erklärt und erleuchtet,
 und zugleich die Grundlage des „echten“ d.h. des gerechten
Lebens bildet, wodurch das Leben geheilt und gerettet werden kann.
Es ist eigentlich die Wahrheit, als „das Licht, das jeden Menschen
erleuchtet, der in diese Welt kommt“, die Wahrheit als Logos, in der
das Leben ist, wodurch die Kluft zwischen Theorie und Praxis, zwischen
 Erkenntnis und lebendiger Gestaltung von vornherein überwunden
 wird.
Dieser Begriff einer konkret-ontologischen, lebendigen „Wahrheit“,
der den letzten Gegenstand des russischen geistigen Suchens und
Schaffens bildet, führt dazu, daß das russische philosophische Denken
in seiner typisch-nationalen Form niemals „reine Erkenntnis“, sozusagen
 leidenschaftsloses theoretisches Begreifen der Welt, sondern
immer eine Äußerung des religiösen Heilssuchens ist. Das spinozistische
 „nicht weinen, noch lachen, sondern begreifen“ ist dem russischen
Geiste ganz fremd. Darin kommt einerseits die Schwäche des russischen
 philosophischen Geistes zum Ausdruck, insofern religiöse Leidenschaftlichkeit
 (die bei religiös minderbegabten Naturen sich leicht in
eine sozial-ethische Schwärmerei verwandelt, wie es im typisch-russischen
 Sozialismus der Fall ist) leicht zur Vernachlässigung des reinen,
uneigennützigen Schauens der Wahrheit führen kann. Anderseits aber
ist dieses religiöse Wesen des russischen Geistes in seiner tiefsten
nationalen Eigenart jedem Subjektivismus, jedem Schwelgen in einer
subjektiven Innerlichkeit der Gefühle ganz abhold und hat im Gegenteil
 einen organischen Zug zur Objektivität, zur ontologisch-meta-97
        <pb n="30" />
        physischen Fassung des religiösen Lebens; dadurch führt es auch zur
Vertiefung des philosophischen Denkens, zu einem Streben nach der
tiefsten und konkretesten Form der philosophischen Spekulation, in
der sie als mystisch-spekulative Theosophie erscheint. Rein äußerlich
 betrachtet, könnte man den Hauptinhalt des typisch russischen
philosophischen Denkens als religiöse Ethik bestimmen. In seiner sozusagen
 nacktesten Form erscheint dieses Wesen des russischen Geistes
in Tolstois Moralpredigt, in Tolstois Verneinung aller Kultur und
alles Lebens im Namen der Herrschaft des moralischen „Guten“. Aber
in dieser rein-rationalistischen Form ist Tolstoiismus zugleich eine
Verflachung, ein Zerrbild des russischen religiösen Geistes. Denn es
ist eben für die russische religiöse Ethik gerade charakteristisch, daß
für sie das „Gute“ nicht als Moralpredigt oder sittliches Gebot, nicht
als ein Sollen und eine Norm erscheint, sondern als „die Wahrheit“,
als ein lebendiges ontologisches Wesen, das der Mensch sozusagen nur
erfassen und dem er sich hingeben muß. Mit anderen Worten: die
religiöse Ethik ist zugleich religiöse Ontologie. Andererseits ist dem
russischen Bewußtsein eine individualistisch-moralistische Fassung der
Ethik ganz fremd: bei dem russischen Suchen des „Guten“ handelt es
sich nicht um einen Wert, der persönlich gut macht, rettet oder heilt,
sondern um ein Prinzip oder eine Ordnung, im letzten Sinne um
einen religiös-metaphysischen Stützpunkt oder Grund, worauf das
ganze Menschheitsleben, ja, die ganze kosmische Weltverfassung sich
gründen muß und wodurch die Menschheit und die Welt gerettet und
verklärt wird.
Es wohnt dem russischen Geiste ein Streben nach Ganzheit, nach
allumfassender und konkreter Totalität inne, nach einem letzten und
höchsten Werte und Grunde; durch dieses Streben ist das russische
Denken und Geistesleben nicht nur in seinem innersten Kerne religiös
_— denn man darf behaupten, daß jedes geistige‘ Schaffen in seinem
innersten Kerne eben religiös ist, — sondern die Religiosität durchflutet
 und durchdringt auch alle äußeren Gebiete des russischen
Geisteslebens. Der russische Geist ist sozusagen durch und durch
religiös. Er kennt eigentlich keine Werte außer den religiösen; er
strebt eigentlich nur nach Heiligkeit, nach religiöser Verklärung. Das
ist vielleicht der größte Unterschied zwischen dem westeuropäischen
und russischen Geist. Dem russischen Geist ist die Differenziertheit,
die Abgesondertheit einzelner Gebiete und Werte des westlichen
Lebens fremd und unbekannt, und nicht wegen seiner Primitivität
(wie es oft auch westlich-gebildete Russen meinten), sondern eben
weil es seinem innersten Wesen widerspricht. Alles Relative, woraus
es auch bestände — sei es Moral, Wissenschaft, Kunst, Recht, Nationalität
 usw. — hat als solches für den Russen gar keinen Wert.
Es erhält seinen Wert erst durch seine Beziehung zum Absoluten,

28
        <pb n="31" />
        erst als Äußerung und Erscheinungsform des Absoluten, der absoluten
Wahrheit und des absoluten Heils. Darin besteht der prinzipielle
Radikalismus des russischen Geistes, wovon der politische Radikalismus
 oder Maximalismus nur eine Verzerrung und Entstellung ist,
verursacht dadurch, daß der Geist von seiner wahren, nämlich religiösen
 Wurzel schon losgerissen ist. Andererseits ist der bekannte
russische Nihilismus, der nicht nur eine einzelne historisch bedingte
Form der russischen Weltanschauung ist, sondern einen dauernden
Krankheitszustand des russischen Geisteslebens bildet, nichts anderes,
als die Kehrseite, der negative Pol eben dieses geistigen Radikalismus.
Der russische Geist kennt eben keine Mittelposition; entweder alles
oder nichts — ist seine Parole. Entweder besitzt der Russe wahre
„Gottesfurcht“, wirkliche religiöse Verklärtheit, und dann offenbart
er bisweilen Züge einer bewunderungswürdigen Tiefe, Reinheit und
Heiligkeit, oder er ist ein reiner Nihilist, verkennt alles, glaubt an
nichts mehr, hält alles für erlaubt und ist dann oft zu entsetzlichsten
Untaten und Abscheulichkeiten bereit. Es fällt ihm gar nicht ein, daß
man sich durch autonome Moral-, Rechts- und Staatspflichten gebunden
 fühlen kann, ohne darnach zu fragen, worauf im letzten Sinne
ihre Gültigkeit beruht. In einer charakteristischen Anekdote, die der
Kenner der russischen Seele, Dostojewski, erzählt, fragt ein russischer
Offizier, der atheistischen Reden zugehört hat, in einem Zustande von
tiefstem, inneren Zweifel: „Wenn es aber keinen Gott gibt, wie kann
ich denn dann noch ein Major sein?“ Derselbe Dostojewski führt aus
dem russischen Volksleben Beispiele von rasender Gotteslästerung an,
die fast unglaublich klingen und die doch bei der neuesten Kirchenverfolgung
 und Kirchenhetze durch die Bolschewisten nicht nur vollständig
 bestätigt, sondern vielleicht noch übertrumpft worden sind.
Der ganze Kommunismus ist seinem innersten Wesen nach eigentlich,
wie schon gesagt, nichts anderes als Nihilistmus, Verneinung aller
geistigen Werte des Lebens: von der Verneinung der Religion, aller
geistigen Kultur, aller Menschenrechte an, bis zur Verneinung der
freien Persönlichkeit, sogar in ihrer elementarsten Form, nämlich als
Subjekt der Wirtschaftstätigkeit, ist er von einem Geiste durchdrungen
— eben von dem Geiste der radikalsten und allumfassendsten Verneinung.

Aber der typische russische Nihilismus ist doch nur einseitig charakterisiert,
 wenn ıan ihn nur als Verneinung und Unglauben bestimmt.
 Das erkennt man schon daraus, daß es Formen des Unglaubens
 gibt, wie z.B. der Positivismus, der Skeptizismus oder
Agnostizismus, — die dem russischen Geiste doch ganz fremd sind.
Der russische Nihilismus ist eben gar nicht einfacher Unglaube im
Sinne des religiösen Zweifelns oder des Indifferentismus, sondern
er ist, wenn man so sagen darf, der Glaube an den Unglauben, die

29
        <pb n="32" />
        Religion der Verneinung; von einer anderen Seite betrachtet, ist er
überhaupt nicht nur die theoretische Verneinung der Geisteswerte,
sondern das leidenschaftliche Streben, sie praktisch zu vernichten,
das „Stürmen des Himmels“, wie es einmal die Kommunisten selber
nannten, das selber durch den heißesten Glauben, wenn auch nur mit
negativem Inhalt, angefacht wird. Das ist natürlich viel gefährlicher
und viel entsetzlicher, als der einfache kalte Unglaube oder die
Skepsis, die nur zur Passivität, zur geistigen Beschränktheit und
Ohnmacht, vielleicht zum kalt berechneten Verbrechen, nicht aber zur
Zerstörungswut führt. Andererseits aber ist dieser Fanatismus der
Verneinung doch höher zu schätzen als der kalte Unglaube, in dem
Sinne, in dem eine auch falsch verwendete und auf schlimme Ziele
gerichtete Lebenskraft dem Tode, der tötlichen Ruhe und Starrheit
vorzuziehen ist. Es steckt auch im russischen Nihilismus das leidenschaftliche
 geistige Suchen, und zwar das Suchen des Absoluten, wenn
auch das Absolute hier gleich Null ist. Und in diesen Tagen unseres,
durch den Nihilismus verursachten nationalen Unglücks dürfen wir
doch uns damit trösten, daß — wie paradox das auch klingen möchte
— die unerhörte Tiefe des Abgrundes, in den das russische Volk
geraten ist, nicht nur von seiner Verblendung allein, sondern zugleich
doch selbst auch von der Größe seiner, wenn auch falsch gerichteten
geistigen Schwungkraft zeugt. Der triumphierende Nihilismus ist
doch nichts weiter als eine Krise, ein Durchgangszustand im spannungsreichen,
 religiösen Leben eines Volkes, das Dostojewski nicht mit
Unrecht „das gotttragende Volk“ genannt hat.
\
Zurück aber zum positiven Wesen und Gehalt der russischen Weltanschauung.
 Da sie zu voller, konkreter und allumfassender Wahrheit
 strebt, die mit der Gerechtigkeit oder mit dem Heil zusammenfällt,
 so ist sie, wie gesagt, durch und durch religiös. Es ist schwerlich
ein Volk anzutreffen, dessen ganze Literatur noch im 19. Jahrhundert
in so großem Maße den religiösen Problemen gewidmet ist, wie es
die russische ist.
Alle großen russischen Dichter sind, wie bekannt, zugleich immer
religiöse Denker oder Sucher gewesen. So Gogol in der letzten
Periode seines Schaffens, so der tragische Lermontow, so der große,
im Westen wenig bekannte Dichter Tjutschew (ein persönlicher
Freund von Schelling), so Dostojewski und Tolstoi, so der feine und
tiefsinnige Kenner der russischen Volksreligiosität Leßkow, so der
merkwürdige Beschreiber der Bauernpsychologie, der seiner bewußten
Anschauung nach ungläubige, innerlich aber tief religiöse Gleb
Uspenski. Sogar der russische Goethe, der geniale Puschkin, ein be-7


30
        <pb n="33" />
        wunderungswürdig innerlich ruhiger und ästhetisch verklärter Geist,
bezeugt in einigen seiner tiefsten Dichtungen religiöse Tragik und
heißesten Glauben. Auch darf hier nicht vergessen werden, daß
Rußland vielleicht das einzige europäische Land ist, das noch im
19. Jahrhundert, sozusagen fast vor unseren Augen, einen Heiligen
hervorgebracht hat, der zu den größten, religiösen Genien der Welt
gehört und einem Franziscus von Assisi (mit dem er viel ähnliches
hat) nicht nachsteht — ich meine den heiligen Seraphim von Sarow.
Was aber für die russische Geistesart noch besonders charakteristisch
ist: dieser — natürlich philosophisch und theologisch ganz ungebildete
— Asket, Wundertäter und Hellseher, der typische russische „Staretz“
(Seelenleiter), wie ihn Dostojewski in der Gestalt von Zosima geschildert
 hat, war zugleich ein tiefsinniger, mystischer Denker, der auf
Grund persönlicher Erfahrung eine ganz originelle, in der mystischen
Weltliteratur einzig dastehende Lehre vom „Erwerben des heiligen
Geistes“ entwickelt hat.
Auch waren alle tiefsten russischen Denker und Philosophen zugleich
 Religionsphilosophen oder Theologen. Merkwürdig zugleich ist
es auch, daß man diesen Satz umkehren kann: nicht die Theologen
vom Fach, nicht geistliche und hierarchisch anerkannte Leiter der Kirche
waren es, die (mindestens im 19. Jahrhundert) zur Entwicklung der
religiösen und religionsphilosophischen Ideen in Rußland das Bedeutendste
 und wirklich Originelle beigetragen haben, sondern eben freie
weltliche Denker und Schriftsteller. In der Geschichte der russischen
geistigen Strömungen des 19. Jahrhunderts kann man insbesondere
zwei Epochen bezeichnen, in denen gleichzeitig eine Reihe bedeutender
Denker im Gebiete der Religionsphilosophie und religiösen Weltanschauungslehre
 hervortritt: die eine fällt in die Jahre 1830—50, die
andere beginnt in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts mit Wl. Solowjew
 und dauert bis zu unseren Tagen; in der Mitte zwischen diesen
zwei Epochen erglänzt als einsamer Stern, von seinen Zeitgenossen
ganz unbemerkt, das urwüchsige Genie von Konstantin Leontjew.
Zu den religiösen Denkern der ’ersten Epoche gehören hauptsächlich
die Slawophilen — Iwan Kirejewsky, Chomjakow, Samarin, und ihr
Hauptgegner, der katholisch gesinnte Tschaadajew. Die zweite Epoche
steht noch bis jetzt unter dem Zeichen von WI. Solow jew. )
Es ist mir unmöglich, in die ganze Fülle und Tiefe der Probleme
des russischen religiösen Denkens und Bewußtseins hier einzugehen.
Die philosophischen Hauptlehren von Iwan Kirejewsky und Chomjakow
 und die Erkenntnis- und Glaubenstheorie WI. Solowjews, wurden
 schon vorher erwähnt. Um aber das Bedeutendste und besonders
Charakteristische in diesem Gebiete zu schildern, muß man noch eine
andere Seite der russischen Weltanschauung berühren. Sie besteht
darin, daß im Zentrum der geistigen Interessen immer der Mensch,

31
        <pb n="34" />
        das Schicksal des Menschen und der Sinn des Menschenlebens steht.
Das will nicht besagen, daß der russischen Weltanschauung der kosmische
 Zug fehlt, daß die Naturbetrachtung in ihr keine Rolle spielt.
Im Gegenteil, man darf sagen, daß die national-russische Religiosität
ein sehr starkes Gefühl für das Kosmische hat. Die Verehrung und
Heilighaltung der „Mutter-Erde‘“ ist ein charakteristisches Element
der russischen Volksreligiosität, das von Dostojewski zuerst mit dem
für den russischen Glauben so wichtigen Kult der Mutter Gottes in
Zusammenhang gebracht wurde und dann von Wladimir Solowjew,
Florensky und Bulgakow zu einer theologischen Theorie der „heiligen
Sophia“, der Gottesweisheit, als eines göttlich - kosmischen Prinzips,
als einer Hypostase der Gottheit in der kreatürlichen Welt entwickelt
wurde. Auch ist die Weltanschauung des schon erwähnten großen
russischen Dichters Tjutschew durch ein ganz merkwürdig tiefes
metaphysisches Naturgefühl bestimmt. Die russische Religiosität hat
überhaupt einerseits durch die Vermittlung der byzantinischen Kirche
teilweise das antik-griechische, kosmisch-ontologische Element in sich
aufgenommen, und man darf wohl sagen, daß der Unterschied
der russischen und westeuropäischen Religiosität bis zu einem gewissen
 Grad dem Unterschied zwischen griechischer und römischer
Antike entspricht; und andererseits hat sie damit die Nachklänge
des alten slawisch-heidnischen Naturkultes verbunden. Und dennoch
steht nicht die Natur, sondern eben der Mensch im Zentrum der
russischen Weltanschauung, und die Natur selber wird nicht pantheistisch
 als solche vergöttert, sondern im Gegenteil religiös vermenschlicht
 und in die Sphäre der Metaphysik des Menschen hineingezogen.
Und zwar wird der Mensch, der oben schon dargestellten Eigentümlichkeit
 der russischen Weltanschauung gemäß, immer als die Menschheit,
 das Kollektivwesen des Menschentums genommen. Das Schicksal
des Menschen ist immer irgendwie als weltgeschichtliches Schicksal
der Menschheit gedacht, sein Heil hängt von der Heiligung der ganzen
Welt ab, und sein wahres Wesen stellt sich immer im sozialen Leben
dar. Dadurch wird das russische Denken zu einem eminent geschichtsund
 sozialphilosophischen Denken. Das Bedeutendste und Interessanteste,
 was das russische Denken im 19. Jahrhundert hervorgebracht
hat — außer der Religionsphilosophie selber, — gehört ins Gebiet
der Geschichts- und Sozialphilosophie, und die tiefsten und typischsten
russischen religiösen Gedanken wurden selber im Rahmen geschichtsund
 sozialphilosophischer Betrachtungen ausgesprochen. Das sieht
man schon daraus, wie bedeutungsvoll für den ganzen Gehalt der
russischen Weltanschauung im 19. Jahrhundert die philosophische Betrachtung
 des Verhältnisses zwischen Rußland und Westeuropa ist.
(So bei den Slawophilen, bei ihren Gegnern, den „Westlern“ [Sapadnikil,
 bei Tschaadajew, Danilewsky, Konstantin Leontjew, bis zu der

239
        <pb n="35" />
        neuesten, in unseren Tagen aufgetauchten Theorie, die die russische
Kultur als „eurasische“, der europäischen gegenüberstellt.) Dabei ist
nicht außer acht zu lassen, daß das Problem des Verhältnisses zwischen
 Westeuropa und Rußland nicht einfach als ein national-politisches
 oder kulturgeschichtliches behandelt wird, sondern daß es nur
sozusagen als Sprungbrett dient, von dem aus man sich sofort in die
Höhen der religiös-metaphysischen, oder allgemeiner kulturphilosophischer
 Betrachtungen versetzt. Die große Frage ist eben die, in welchen
Kultur- und Lebensformen sich die letzte Lebensweisheit ausdrücken
läßt, und worin eigentlich der letzte religiöse Sinn des Menschenlebens
und der Menschheitsentwicklung liegt. Deshalb ist in der russischen
Literatur die Religionsphilosophie von der Geschichts-, Sozial- und
Kulturphilosophie kaum zu trennen, und muß auch gemeinsam behandelt
 werden. Als typischstes Beispiel dieser Verquickung der Religionsphilosophie
 mit Sozial- und Geschichtsphilosophie muß zuerst
das Slawophilentum angeführt werden. Es wäre überhaupt ganz
schief, das Slawophilentum seinem Namen nach zu beurteilen. Es ist
in erster Linie und in seinen Grundlagen keine national - politische
Parteirichtung, sondern eine prinzipielle Geistes- und Kulturrichtung.
Sein Hauptgedanke ist — wenn wir ihn mit einem in Deutschland
seit Tönnies geläufigen Begriffe ausdrücken wollten — der der Gemeinschaft.
 Sein Ideal ist eine freie Volksgemeinschaft, die sich auf
der in der griechisch-orthodoxen Kirche verwirklichten Liebesgemeinschaft
 der Menschen in Gott aufbaut und die kalten, vertragsmäßigindividualistischen
 und utilitaristisch-gewinnsüchtigen Beziehungen der
Menschen, die im Westen im wirtschaftlichen, sozialen und politischen
Leben herrschen, durch liebevolle, hingebende Mitarbeit aller in einem
freien, geistigen Gesamtorganismus ersetzen soll. Dieses Ideal hat mit
den Ideen der deutschen Romantik viel Gemeinsames, und stammt
auch teilweise aus ihr, knüpft aber gleichzeitig an gewisse althergebrachte
 Traditionen der russischen Geschichte und der russischen
Geistesart an. In diesem Zusammenhange eben entwickelt sowohl
Chomjakow seine oben besprochene tiefsinnige Theorie vom Wesen
der Kirche, als auch Iwan Kirejewsky — seine gleichfalls schon erwähnte
 Lehre vom lebendigen Wissen, indem beide ihre allgemeinen
philosophischen Gedanken mit dem geschichtsphilosophischen Problem
des Verhältnisses zwischen östlicher (russischer) und westlicher Kultur
verknüpfen.
 Merkwürdigerweise sind aber die erbitterten Gegner der Slawophilen,
 die sogenannten „Westler“ — von denen ich Tschaadajew,
Alexander Herzen und Bjelinsky erwähne — von dieser prinzipiellen
Geistesrichtung gar nicht weit entfernt. Der katholisch und deshalb
„westlerisch‘“ gesinnte Tschaadajew sucht, wie die Slawophilen, eine
religiös-geistige Grundlage für das staatliche und soziale Leben: er
3 Die russische Weltanschauung

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        vermißt sie aber in Rußland; er meint, daß der russischen Geschichte
die sozial-religiöse Zucht und Tradition fehle, die im Westen die
Grundlage der gesellschaftlichen und staatlichen Kultur bildet, und
daß deshalb das russische Geistes- und Kulturleben noch ganz amorph
und primitiv sei. Zugleich verbindet er aber damit (in seinem letzten
Werke „Apologie eines Wahnsinnigen“) die Hoffnung, daß eben
infolge dieser Primitivität es Rußland gelingen wird, den langen,
schwierigen, durch die Entfachung des Individualismus hindurchführenden
 Weg sich zu ersparen und sofort zur höchsten, organischen
Stufe der Kulturentwicklung zu gelangen. Merkwürdige Geistesgestalten
 sind in dieser Hinsicht auch die Stammväter des russischen
Sozialismus, die „Westler“ Alexander Herzen und Bjelinsky. Vertieft
man sich in ihre Schriften, so merkt man sofort, einerseits, daß sie
„Westler“ nur in einem ganz relativen Sinne genannt werden können
und von ihren Gegnern, den Slawophilen, sich gar nicht so prinzipiell
unterscheiden, wie es ihnen selber schien, und anderseits, daß hinter
den sozialpolitischen und geschichtsphilosophischen Ausführungen dieser
 Atheisten starke und typisch russische religiöse Bestrebungen und
Ideen verborgen liegen. Alexander Herzen, der zu den Linkshegelianern
 gehörte, stürzt sich mit Leidenschaft in die Revolution 1848,
erwacht aber aus diesem Taumel mit einer Enttäuschung, aus der
ihm eine ganz neue kulturphilosophische Weltanschauung erwächst.
Als Sozialist haßt er die „bürgerliche Gesellschaft“ Westeuropas und
träumt von nun, ähnlich dem Slawophilentum, daß eben Rußland —
auf Grund seiner Bauerngemeinde und der Abwesenheit individualistischer
 Wirtschaftsverhältnisse — viel reifer für den Sozialismus sei,
als Westeuropa (was auch bekanntlich durch die neuesten Ereignisse
tatsächlich bestätigt wurde, leider aber in einer Form, die im feinfühlenden
 geistigen aristokraten Herzen gewiß Abhbscheu erwecken
würde). Gleichzeitig aber geschieht in ihm ein anderer, prinzipiell
viel tieferer Umschwung. Er haßt das „Bürgertum“ nicht als eine
soziale, sondern als eine Kultur- und Geisteserscheinung; das liberaldemokratische
 (und auch sozialistische) Ideal der Gleichheit erscheint
ihm jetzt als ein Zeichen des geistigen Absterbens Europas, als ein
tötendes Nivellierungsprinzip, wodurch Europa sich in ein neues
China verwandelt. In leidenschaftlich dramatischer Form verneint er
den Fortschritt in der Weltgeschichte; das geschichtliche Leben der
Menschheit ist ebenso sinnlos — und ebenso erhaben in seiner Sinnlosigkeit
 — wie das kosmische Leben. Und in beiden werden die
tiefsten, innigsten Herzenswünsche des Menschen, sein Ideal eines
vernünftigen und freien geistigen Lebens, erbarmungslos zerstampft
und zu Boden getreten. Herzen hat in diesem Zusammenhange eine
Reihe von Ideen (in literarisch hervorragender Form) entwickelt, die
später in Nietzsches geistigem Schaffen für die westeuropäische Welt

34
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        erklangen. In einem etwas anderen Sinne sind die kulturphilosophischen
 Ausführungen von Bjelinsky bedeutsam. Ein ehemaliger Rechtshegelianer,
 wurde er unter dem Einfluß von französischen Schriftstellern
 Saint-Simon, Fourier und Pierre Leroux zum Sozialisten. Beim
Sozialismus von Bjelinsky ist aber — trotz seinem Atheismus, — die
geheime und unbewußte religiöse Tendenz — die auch ihn in die
Nähe des slawophilen Gedankenganges bringt — sofort erkennbar.
Es handelt sich nämlich bei diesem Sozialismus um die Überwindung
des abstrakten Universalismus der Hegelschen Geschichtsphilosophie,
in der die Einzelpersönlichkeit erbarmungslos und kalt der Harmonie
des Weltganzen und des objektiven Geistes geopfert wird, durch einen
konkreten Universalismus, der mit den individualistischen Ansprüchen
der Einzelpersönlichkeit auf Glück und persönliche geistige Entwicklung
 vereinbar wäre. So ist auch das Denken der Westler — bei
Tschaadajew, Herzen, Bjelinsky — durch das Hauptmotiv der Slawophilen,
 — das Ideal eines konkreten Universalismus, einer integralen
Totalität des gemeinschaftlichen und zugleich freien Menschenlebens,
innerlich bestimmt.
In der Mitte zwischen „Slawophilen‘“ und „Westlern“, zu keiner
von beiden Parteien gehörend und die meisten ihrer Vertreter hoch
überragend, steht die einsame Gestalt eines zu seiner Zeit gänzlich
verkannten und vernachlässigten Denkers, dessen Bedeutsamkeit auch
den Russen nur in letzter Zeit klar geworden ist — Konstantin Leontjew.
 Konstantin Leontjew ist nicht nur kein Fachphilosoph, kein
Systematiker; er ist auch kein Theoretiker überhaupt; sein ganzes
Denken ist von heißester Leidenschaft durchglüht und nur auf die
Wertung des Lebens gerichtet. Er ist der russische Nietzsche, sowohl
dem Stile, als auch teilweise dem Inhalte seines Denkens nach. Er
verbindet eine pessimistische Auffassung des Christentums, der zufolge
 es der Menschheit ein für alle Male verboten ist, im irdischen
Glücke ihr Lebensziel zu setzen, mit einer glühenden heidnischen Liebe
zur Kultur, zur Schönheit der freien und vollen Lebensentfaltung.
Das Christentum befiehlt uns den Kampf mit dem Bösen, den
heroischen Willen zur tragischen Lebensführung, nicht aber die Verneinung
 des Bösen und der ganzen Schönheit — jenseits von Gut
und Böse — des emporblühenden Lebens; und es verbietet uns andererseits
 jede Verweichlichung, also auch die falsche süßliche moralische
Liebe, die keine Strenge kennt und nicht zum geistigen Leben, sondern
eben zum geistigen Abwelken führt. Er behauptet eine organische
Lebens- und Sozialanschauung, wonach die Höhe der Kulturentwicklung,
 die er als Blüte des Lebens auffaßt, nicht nach moralischen,
sondern nach ästhetisch-kosmischen Maßstäben beurteilt wird. In der
Differenziertheit des Lebens, in der Fülle der Gegensätze — darunter
auch des Gegensatzes zwischen Gut und Böse, zwischen großen Ver-3*

 35
        <pb n="38" />
        brechen und großen Heldentaten — in der Distanz zwischen Ständen,
in der unerbittlichen Härte der Staatsgewalt, kurz, eben in. der
Tragik der Konflikte aller Art äußert sich, seinem Standpunkte nach,
das wahre Aufblühen und also der wahre Wert des Lebens, wogegen
die moderne, bürgerliche, europäische Gesellschaft, mit ihrer demokratischen
 Gleichheit, spießbürgerlichen Gerechtigkeit und weichlichgeschmacklosen
 Moral, nichts weiter, als eine Agonie und Zersetzung
des wahren Lebens des Geistes, ein Absterben im Sumpfe der „nivelierenden
 Vermischung“ ist. Er stellt aber in dieser Hinsicht dem absterbenden
 Westeuropa nicht Rußland oder das Slawentum, sondern
nur — Byzanz gegenüber. Das Slawische, als solches, ist für ihn das
Chaotische, das Unförmliche; Rußland wurde nur durch die Rezeption
des byzantinischen Elementes zusammengehalten. Obgleich für ihn
die einzige Lebensfrage die ist, ob noch eine Hoffnung bestehe, Rußland
 aus dem Zersetzungsprozeß, der seiner Meinung nach sich Westeuropas
 schon ganz bemächtigt hat, zu retten, macht er sich gar keine
Illusionen; wenn einerseits für den Osten eben wegen seiner Primitivität
 noch die Hoffnung besteht, zu einer wirklichen Lebensentfaltung
 zu gelangen, so ist andererseits für ihn wegen seiner Formlosigkeit
 auch die Gefahr viel größer, als für den Westen, im Prozeß
der nivellierenden Vermischung zu vergehen. In scharfem Gegensatze
zu den Slawophilen und zu der ganzen damals herrschenden öffentlichen
 Meinung Rußlands widerspricht er der Absicht, die Slawen
von der türkischen Herrschaft zu befreien; denn nur unter der türkischen
 Despotie kann das Slawentum und das östliche Christentum
vor der westlichen Zersetzung bewahrt bleiben, und nur solange es
Märtyrer und Helden gibt, besteht noch die Hoffnung, die wahre
Kultur zu retten, wogegen nationale Befreiungskriege hier, wie auch
im Westen, unmittelbar zum demokratisch-bürgerlichen Absterben der
Völker hinführen. In den letzten Jahren seines Lebens ist er ganz
pessimistisch gegenüber Rußlands Zukunft gestimmt; und mit genialer
Einsicht, die jetzt fast unheimlich wirkt, prophezeit er die kommende
kommunistische Revolution in Rußland; eben Rußland sei es beschieden,
 die ganze europäische Kultur, die unvermeidlich sich dem
Tode nähert, durch den Sozialismus in den letzten Abgrund zu stürzen.
Dieser leidenschaftliche Heide, der in seinen Novellen aus dem neugriechischen
 Leben (als russischer Konsul in der Türkei und Griechenland,
 kannte er dies Leben aus persönlicher Erfahrung) in glühenden
Farben den verführerischen sinnlichen Reiz des Südens schildert, dieser
Reaktionär aus unersättlicher Liebe zur freien und reichen Kulturentwicklung
 ist am Ende seines Lebens ein Mönch geworden, stand im
engsten Verkehr mit den berühmten „Startzi“ des Klosters „Optina
Pustyn“, und ergab sich mit der ganzen Leidenschaftlichkeit dem
christlichen Glauben, ohne seinen urwüchsigen Lebenswertungen zu

36
        <pb n="39" />
        entsagen. Dadurch schaffte er einen ganz eigentümlichen, zwar sehr
bedenklichen, aber zugleich auch sehr tiefen und lehrreichen Typus
der christlichen Weltanschauung, der auf die jüngere russische Generation
 nicht ohne Einwirkung blieb. Trotz seiner unvergleichlichen
Originalität, hängt er doch mit der ganzen religiösen Kultur- und
Geschichtsphilosophie zusammen, die von den Slawophilen vorgezeichnet
 wurde und deren Kernpunkt in der organischen Lebensauffassung
liegt.
Eine ganz eigentümliche Gestalt, die auch auf Leontjew in seinen
letzten Lebensjahren einen mächtigen Eindruck gemacht hat, ist der
viel Jüngere Wladimir Solorojewo. Was die Slawophilen (abgesehen
von Chomjakow) meistens nur versprachen, das tat er: er entwickelte
aus den dogmatischen Tiefen des östlichen Christentums eine universale
 philosophische Weltanschauung, die aber auch bei ihm zugleich,
der oben geschilderten Eigentümlichkeit der russischen Denkungsart
gemäß, in eine Kultur- und Sozialphilosophie einmündet. Dadurch
wurde er für die folgende Generation russischer Denker in ganz besonderem
 Maße vorbildlich. Im Zeitalter des auch in Rußland vorherrschenden
 Positivismus und Materialismus entsteht in Solowjew
ein Denker, dessen ganzen Weltanschauung vom christlichen Glauben
genährt und durchdrungen ist. Im Gegensatz zu Leontjew, ist er der
Typus eines reinen Denkers, ja sogar eines rationalistischen Denkers.
Mit ungemeiner Schärfe und Gewandtheit des dialektischen Denkens,
die zuweilen an die Sophistik grenzt, versucht er aus dem Kirchenglauben
 ein universelles philosophisches System zu bilden. Allerdings
 widerstrebt diesem systematisch-begrifflichem Zuge in Solowjews
 Wesen seine geistige Universalität: er ist nicht nur Philosoph
allein; er ist zugleich Theologe, Mystiker, Dichter, Literarkritiker, Historiker
 und Publizist, und eben deshalb konnte er kein philosophisches
System bilden. Es ist auch fast aussichtslos, die Fülle von Solowjews
Gedanken in einer einheitlichen Weltanschauung synthetisch auszudrücken.
 Hier genügt es, den zentralen Punkt seiner Ideenwelt kurz
zu skizzieren. Es ist der Begriff des Gottmenschentums, der, aus
dem Dogma des christlichen Glaubens geschöpft, zu einer universalen
ontologischen und zugleich geschichtsphilosophischen Idee erhoben
wird. Die Welt und die Menschheit ist ein geistiger Organismus,
dessen Haupt Gott ist. Vom religionsphilosophischen Standpunkte
kann diese Weltanschauung als Panentheismus - bezeichnet werden:
WIl. Solowjew nennt sie die „Alleinheitslehre“. Auf Grund persönlichen
 mystischen Erlebens, benutzt Solowjew die Idee der „Sophia“,
der Gottesweisheit, als einer persönlichen göttlich-menschlichen metaphysischen
 Instanz, die der platonischen „Weltseele“ entspricht, und
das weibliche, empfangende, menschliche Prinzip der Gottheit bildet
— eine Idee, die, wie schon erwähnt, in der neuesten russischen Theo-07
        <pb n="40" />
        logie von Florensky und Bulgakow eine zentrale Rolle spielt. Die
Menschheit und durch sie die ganze Welt ist „das werdende Absolute“,
„der werdende Gott“, im Unterschiede vom und zugleich in engster
Beziehung zum „seienden Absoluten“. Die Bestimmung der Menschheit
 ist, die Sophia in sich zu verkörpern und dadurch sich mit dem
Gottmenschen Christus zu vereinigen. Die ganze Menschheitsgeschichte
ist eben ein „gottmenschlicher Prozeß“ solch einer Weltverklärung.
In diesem allgemeinen Rahmen werden die mannigfaltigsten Gedanken
entwickelt, die Erkenntnistheorie, Ontologie, Geschichtsphilosophie,
Ethik und Ästhetik umfassen. Das ganze mündet doch in eine Geschichtsphilosophie
 ein, in die Schilderung der geschichtlichen Entwicklung,
 durch die die Menschheit gerettet und die ganze Welt verklärt
 wird. In dieser Geschichtsauffassung mischen sich bei Solowjew
 in eigentümlicher Weise „slawophile“ und „westlerische“ Gedanken
 untereinander. Vom universalistischen Geiste durchdrungen,
sehnt er sich nach einer Wiedervereinigung der beiden großen christlichen
 Kirchen (auch im persönlichen Glauben neigt er zum Katholizismus)
 und damit zugleich zu einer Synthese der westlichen und östlichen
 Kultur; er glaubt auch in echt „westlerischen‘“ Weise an den
Fortschritt; und der westliche Humanismus, der dem Osten fehlt, erscheint
 ihm als eine echt christliche Richtung. Das „Menschliche“ des
Westens muß mit dem „Göttlichen“ des Ostens wiedervereinigt werden,
damit ein wahres Gottmenschentum entstehe. Andererseits ist Solowjew
 in seiner organischen Weltanschauung, die auch bei ihm zu einer
scharfen Kritik des Rationalismus, der individualistischen Zersplitterung
 des Lebensganzen, des mechanischen, auf „abstrakten Prinzipien“
und kaltem, sachlichem Verkehre aufgebauten Lebensgefüge der westlichen
 Welt führt, den Slawophilen besonders nahe verwandt; und
er war es eigentlich, der dieser, in der Mitte des 19. Jahrhunderts
vergessenen Weltanschauung zu einer Wiedergeburt verhalf. In seinen
letzten Jahren kommt auch Solowjew zu einer pessimistischen Weltanschauung,
 verwirft seinen Lieblingsgedanken von einer stetigen,
fortschrittlichen Christianisierung und Vergöttlichung der Menschheit
und ahnt (in seinem letzten Werke, den „drei Gesprächen“) den nahe
bevorstehenden Weltuntergang und die ihm vohergehende Ausbreitung
der Macht des Bösen.
Solowjews glänzende und doch in gewissen Hinsichten jugendlichunreife
 Gestalt war eine Übergangserscheinung. Unter seiner Kinwirkung
 oder in unmittelbarer Berührung mit ihm entstand in den
80—90er Jahren des 19. Jahrhunderts eine mächtige, geistige Strömung,
die bis zu unseren Tagen fortdauert und eine national-russische religionsphilosophische
 Richtung bildet. Fast gleichzeitig mit Solowjew,
wirkte der merkwürdige, geistig wiederum ganz urwüchsige Schriftsteller
 W. Rosanorm, in dessen religiösem Lebensgefühl das heidnisch-38
        <pb n="41" />
        erotische Moment mit unmittelbarer Macht hervorbricht und der aus
dem Motive der Verherrlichung der Geschlechtsliebe und des relig1ösverklärten
 Familienprinzips zu einer Verwerfung des Christentums
gelangt. Gleichzeitig entsteht unter den Freunden WI. Solowjews an
der Moskauer Universität — hierher gehören hauptsächlich die vorher
schon erwähnten Philosophen Leo Lopatin und Sergins Trubetzkoi,
sowie der Bruder des letzteren, Eugen Trubetzkoi — die grundlegende
Schule der russischen Philosophie, deren Hauptaufgabe es ist, den
Positivismus zu überwinden und eine wissenschaftliche Metaphysik
aufzubauen. Zugleich entsteht, teilweise unter dem Einflusse von WI.
Solowjenm — eine mystisch-symbolische Schule russischer Dichter —
Mereschkowsky, A. Block, A. Bjely, W. Iwanow und andere, einige von
denen auch religionsphilosophisch bedeutend sind. Trotzdem in den
breiteren Schichten der russischen Gesellschaft unter dem Einfluß
von radikalen und sozialistischen Ideen, der Materialismus oder der
Positivismus sich immer weiter verbreitete, bewahrt die Elite der
russischen „Intelligenz“ bis jetzt die geistige Richtung, die von Solowjew
 anfängt. Diese Richtung ist jetzt von den bedeutendsten TUSSIschen
 Denkern, wie Berdjajew, Bulgakow, Florensky, Karsawin u. a.
vertreten. Einige von ihnen waren einst selbst Anhänger des marxistischen
 Sozialismus gewesen und sind dann, durch die Vermittlung des
philosophischen Idealismus, zur religiösen Metaphysik gelangt. Eben
der tiefe geistige Umschwung, der mit Solowjew beginnt und insbesondere
 vom Anfang des 20. Jahrhunderts die meisten originellen
russischen Denker ergriffen hat, wird jetzt, unter dem erschütternden
Eindrucke der nationalen Katastrophe, die ihrem letzten geistigen
Wesen nach als vom Nihilismus und Atheismus verursacht empfunden
wird, — mit unerhörter Schmerzenstiefe erlebt und führt unmittelbar
zur weiteren Bereicherung und Vertiefung der religiösen Lebens- und
Kulturauffassung.
Aber von einem weiteren Gesichtspunkte aus geschaut, darf man
sagen, daß auch der vom Westen importierte und in den letzten Dezennien
 so stark über die russischen Gemüter herrschende Sozialismus,
als Religion empfunden, selber in dem Sinne typisch national war,
daß er, trotz seiner materialistischen Flachheit, eine Denkweise ist,
in der sich die ganze Welt-. und Lebensanschauung im Problem des
Menschheitsschicksals, im Gebiete des Sozial- und Geschichtsphilosophischen
 konzentriert. Wie weit die einzelnen Lehren auch auseinandergehen,
 wie groß auch die Distanz ist, dem Werte und Gehalt nach,
zwischen den tiefen Intuitionen der großen russischen Denker und
den Banalitäten einer auf Durchschnittsmenschen zugerechneten Weltanschauung,
 wie es der materialistische Sozialismus ist — sie haben
doch das typisch-nationale gemeinsam, daß überall hier die Lösung
der letzten metaphvysischen Fragen irgendwie im Zusammenhange mit

39
        <pb n="42" />
        dem Problem des Menschenschicksals versucht wird. Die Worte, die
neulich einmal der französische Philosoph Bergson geäußert hat:
„Wenn die Philosophie nicht dazu beitragen kann, zu ermitteln, woher
wir eigentlich kommen und wohin wir gehen, so ist sie nicht einer
halben Stunde Nachdenkens wert“ -— diese Worte sind ganz aus dem
Herzen der russischen Weltanschauung gesprochen.
Zum Schlusse noch eine allgemeine, prinzipielle Bemerkung. Ich
habe in meinem Vortrage versucht, durch wenige schematische Umrisse
 die Eigentümlichkeit der russischen Weltanschauung zu skizzieren.
Ich möchte aber nicht so verstanden sein, als ob ich die absolute Eigenartigkeit
 der russischen Weltanschauung, ihre völlige Unvergleichbarkeit
 mit der westeuropäischen behaupte. Wie groß auch die Verschiedenheiten
 der beiden Geisteserscheinungen sind, nicht minder bedeutend
 sind auch ihre Ähnlichkeiten und Verwandtschaftsmerkmale.
Es ist ein Verhältnis, wie das zwischen zwei verwandten Personen,
von denen jede einen ganz eigentümlichen geistigen Typus darstellt,
die sich oft gegenseitig garnicht verstehen können, und die doch zugleich
 ihre innere Verwandtschaft spüren. Auch gründet sich hier die
Verwandtschaft auf die gemeinsame Abstammung: beide Kulturen,
sowohl die westeuropäische wie die russische, stammen schließlich von
der Verschmelzung des Christentums mit dem Geist der Antike, und
sind nur verschiedene Abzweigungen dieses gemeinsamen Stammes.
Das haben unsere tiefsten Denker immer anerkannt, auch die Slawophilen,
 und vielleicht sie sogar am meisten, denn es wäre ganz falsch,
das Slawophilentum als prinzipielle Verwerfung der ganzen europäischen
 Kultur zu betrachten; abgesehen davon, daß der Hauptpunkt.
seiner geistigen Interessen, wie schon gesagt, in viel allgemeineren
und prinzipielleren Ideen liegt, verwarf das Slawophilentum wohl die
westliche Kultur nicht als solche, sondern nur ihren neuesten Zustand,
in dem es eben das Abwelken und die Ermattung der wirklichen.
geistigen Kultur erblickte, oder, wie es auch der dem Slawophilentum
nahestehende Konstantin Leontiew tat, verwarf es die Idee des unifizierten
 europäischen Kulturmenschen als Synonym eines abstraktkosmopolitischen,
 d.h. überhaupt geistig-kulturlosen Menschen. Zugleich
 empfanden die Slawophilen (und auch Dostojewski) eine inbrünstige
 Liebe zu der europäischen Vergangenheit. So sagt einmal
Dostojewski mit den Worten einer Persönlichkeit seines Romans, daß
das moderne Europa einem Kirchhof gleiche, in dem aber jeder Grab-:
stein von so tiefem Glauben und wunderbaren Heldentaten zeugt, daß
man vor ihm knieen und ihn küssen möchte. Und Chomjakow nennt
in seinen oft zitierten Versen Europa „Das Land der heiligen Wunder“:

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        <pb n="43" />
        „O wehe, weh, es legt sich dichter Schatten
Im Westenland, im Land der heil’'gen Wunder.“
Fragen wir aber, worin eigentlich die Verwandtschaft beider Kulturgeister
 liegt, so können wir sie, in Übereinstimmung mit allem vorher
 Gesagten, nur im Gebiete des religiös-metaphysischen erblicken.
Und hier möchte ich meine persönliche Überzeugung aussprechen, daß
eben dadurch eine ganz besonders tiefe Verwandtschaftsbeziehung
zwischen dem deutschen und dem russischen Geiste statuiert wird.
Denn das im Westen, wozu der russische Geist in einem wirklichen Gegensatze
 steht und wogegen er sich ständig sträubt, ist eigentlich der
romanische Geist der individualistischen Zersplitterung und rationalistischen
 Starrheit des Lebens. Zwar habe ich selber vorher zu zeigen
gesucht, daß der deutsche Idealismus, in dem man die einzige nationaldeutsche
 Weltanschauung zu erblicken pflegt, dem russischen Geiste
offensichtlich nicht zusagt. Nehmen wir aber denselben deutschen
Idealismus nicht in der eigentümlichen Gestalt, die durch Kants Geist
oder vielleicht durch den Geist der neueren europäischen Weltanschauung
 beeinflußt ist — nehmen wir ihn in weiterer historischer
Perspektive als das, was er wirklich ist, nämlich als eine historisch
bedingte Abzweigung und eigentümliche Äußerung der deutschen
Mystik — stellen wir ihn in eine kontinuierliche Linie mit der großen
Geistesentwicklungsreihe, die von Meister Ekkehard, Nikolaus von
Cues, „der deutschen Theologie“ durch Sebastian Frank, Jacob Boehme
 und Angelus Silesius bis zu Baader, Schelling und Hegel, bis zu
Schiller, Novalis und Goethe führt, — so wird das Verhältnis ein
ganz anderes. Von allen Einflüssen, die das russische Denken erfahren
hat, hat nichts eine so große, tiefe und fruchtbare Wirkung auf den
russischen Geist gehabt, als die deutsche Mystik, Metaphysik und die
philosophische Poesie. Ich lasse schon die vielen russischen Hegelianer
und Schellingianer außer Betracht, weil man hier sagen könnte, daß
die Einwirkung oft eine ziemlich äußere und zufällige war. Mehr
aber, als eine äußere und zufällige Einwirkung ist es, wenn z.B.
Jakob Boehmes „Aurora“ in gewissen russischen mystischen Volkssekten
 als eine heilige Schrift verehrt und studiert wird, oder wenn
die Lyrik des schon erwähnten russischen Dichters Tjutschew als eine
dichterische Transponierung der Boehme’schen Theosophie gelten darf.
Nicht zufällig ist es auch, wenn Dostojewski seine tiefsinnigsten religiösen
 Gedanken in der Rede von Iwan Karamasow an Schillers
Oden anknüpft. Und man kann schon von keiner Einwirkung überhaupt
 reden, wenn man sich der schon erwähnten mehrfachen merkwürdigen
 Antizipationen von Nietzsches Gedanken in der russischen
Literatur erinnert. Das religiöse Wesen des russischen Geistes spürt
sozusagen unmittelbar seine Wahlverwandtschaft mit dem philosophischen
 Wesen des deutschen Geistes.

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        <pb n="44" />
        land — wie auch die wissenschaftliche Forschung überhaupt — noch
sehr jung ist und sozusagen im Beginne ihrer Laufbahn steht. Erst
in den letzten Dezennien des neunzehnten und im zwanzigsten Jahrhundert
 entsteht in Rußland eine wirklich bedeutsame philosophische
Literatur (in dem hier gemeinten Sinne), die, mit allen Forschungsmethoden
 und Ergebnissen des westeuropäischen- Denkens ausgerüstet,
gleichzeitig an tiefe Eigentümlichkeiten der nationalen Denkungsart
anknüpft und sowohl durch ihre Originalität wie durch die Wichtigkeit
 ihrer Ergebnisse allgemeines Interesse wirklich beanspruchen darf.
Dies ist ein, wie man hoffen darf, vielversprechender Anfang,
aber doch nur ein Anfang, der bis jetzt im russischen Geistesleben
keine besonders große Rolle spielt und dessen Bedeutung nur in einem
viel weiteren geistigen Zusammenhange beurteilt werden kann. Würde
eben dieser geistige Zusammenhang fehlen, könnte man nicht noch in
einem ganz anderen Sinne von „russischer Philosophie“ sprechen, so
könnte man vielleicht überhaupt nicht von der „russischen Philosophie“,
 sondern höchstens nur von den in Rußland erschienenen philosophischen
 Werken reden. Hier muß man sich aber daran erinnern,
daß auch im westeuropäischen Denken und Geistesleben der Begriff
der Philosophie in einem weiteren Sinne gebraucht wird und notwendig
 gebraucht werden muß. Wenn unter Philosophie nur eine bestimmte
 Wissenschaft, ein gewisses, irgendwie abgegrenztes Gebiet
der wissenschaftlich - systematischen Forschung verstanden werden
müßte, dürfte dann noch ein Sokrates, vielleicht auch ein Plato überhaupt
 als Philosoph gelten? Dürften dann zur deutschen Philosophie
die deutsche Mystik, Meister Eckehardt, Jakob Böhme, Baader, mitgerechnet
 werden? Dürfte der vielleicht einflußreichste deutsche
Denker der letzten Generation, Friedrich Nietzsche, noch Philosoph genannt
 werden? Die Philosophie ist ihrem Wesen nach eben nicht nur
Wissenschaft: vielleicht ist sie sogar nur in einem abgeleiteten Sinne
überhaupt Wissenschaft: primär, in ihrem wurzelhaften Wesen, ist
sie überwissenschaftliche intuitive Weltanschauungslehre, die mit der
religiösen Mystik in einer sehr engen — hier weiter nicht zu bestimmenden
 — Verwandtschaftsbeziehung steht. Nimmt man aber die
Philosophie in dieser ihrer weiteren und zugleich tieferen Bedeutung,
so darf man mit Recht von einer russischen Philosophie sprechen, die
einerseits ein wirklich eigentümliches einheitliches Gepräge hat und
andererseits bedeutsam genug ist, um auch bei einem Westeuropäer
ein wirkliches inneres, nicht nur literar - historisches Interesse zu
wecken.
Es ist eben eine Eigentümlichkeit der russischen Denkungsart, daß
sie sozusagen von Hause aus intuitiv angelegt ist. Das nur Systematische
 und Begriffliche im Erkennen erscheint ihr zwar nicht als Nebensache,
 doch aber als etwas schematisches, das der vollen und leben-5
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