Europa verliert jeden Tag mehr seine ökonomische Vorherrschaft und, was schlimmer ist, sein Ansehen. Mir kam ein Gebet in die Hände, das im manchen amerikanischen Kirchen gesprochen wird. Die Gläubigen danken Gott zuerst. für alle seine Wohltaten, dann aber auch für den Ozean zwischen Europa und Amerika. Die Mitglieder des Völkerbundes verherrlichen ihr Werk in jeder ihrer Sitzungen. Dann und wann erhebt sich aber aus der Ferne eine störende Stimme, ein rauher Ruf zurück in die Wirklichkeit. Der Vertreter Australiens machte vor zwei Jahren die ironische Bemerkung, es gebe seit dem Bestehen des Völkerbundes in Europa eine Million Menschen mehr unter den Waffen. Im März 1926 entstand gelegentlich des Eintritts Deutschlands in den Völker- bund ein Streit um ständige Ratssitze, der nicht ganz nach den Grundsätzen von Treu und Glauben verlief. Waren in jener Zeit vielleicht dunkle Kräfte wirksam, die den Völkerbund tödlich zu treffen drohten? Als Alles zu gutem Einverständnis zu kommen schien, verursachte Brasilien mitseinem unzeitigen Verlangen nach einem ständigen Ratssitz eine ungelegene Krise, schädlich für den Frieden wie für die Tätigkeit des Völkerbundes selbst. Bei dem ge- rechten Tadel von seiten des Ministers Vandervelde, fehlte es dem Haupt der brasilianischen Delegation, trotz der groben Unbedachtsamkeit seines Be- tragens, nicht an einer leichten Antwort: Es ist nicht Europa, welches das Recht hat, von Frieden zu reden. Wir in Südamerika leben im Frieden; von dem Beispiel Europas können wir nichts lernen. Die Worte des brasilianischen Vertreters, ungefähr in dieser Fassung von den Zeitungen wiedergegeben (auf den Buchstaben kommt es nicht an), werfen ein schlechtes Licht auf seine diplomatische Klugheit und vermindern durchaus nicht das Unpassende seines Gesuches. Aber sie zeigen, wie das Ansehen Europas seit dem Kriege in den Augen der übrigen Welt gesunken ist. In allen Ländern europäischer Herrschaft, in allen Kolonien finden wir heute Keime des Aufstandes.Die Kolonialheere in großen Teilen Asiens und Afrikas geben für die Zukunft keine genügende Bürgschaft ihrer Treue. Die Verwendung kolonialer Truppen im europäischen Kriege war ein Schaden, aber sie war auch eine Notwendigkeit. Es war aber keine Notwendigkeit, son- dern nur ein Schaden, sich nach dem Kriege kolonialer Truppen zu bedienen, um politische Ziele zu erreichen. Auch die Handlungsweise gegen Deutschland nach dem Jahre 1919 war nicht geeignet, den Frieden und das europäische Zusammenleben wieder her- zustellen. Das willkürliche Verfügen über deutsche Gebiete war gewiß kein geringes Hemmnis für den Frieden. Nicht nur wurde Deutschland viel beweg- 66