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        <title>Bolschewismus, Fascismus und Demokratie</title>
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            <forname>Francesco Saverio</forname>
            <surname>Nitti</surname>
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EIGENTUM
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NANZ HANFSTAKNGL/ MÜNCHEN
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        BOLSCHEWISMUS, FASCISMUS
UND DEMOKRATIE
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        phot. Henri Martinie, Paris
FRANCESCO NITTI
EXPRÄSIDENT DES ITALIENISCHEN MINISTERRATS
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        FRANCESCONITTI
BOLSCHEWISMUS
FASCISMUS
UND
DEMOKRATIE
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«
FRANZ HANFSTAENGL / MÜNCHEN
19.36
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        * Kie\*
Druck der Universitätsdruckerei Dr. C. Wolf &amp;amp; Sohn, München
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        WIDMUNG
Diese Schrift widme ich meinem Großvater, dem Doktor Francesco Nitti,
Carbonaro und Liberaler, der in der Erhebung gegen die Bourbonen im
Jahre 1861 für die Freiheit ermordet wurde ; seinen Söhnen, die 1848 verfolgt,
 verurteilt und verbannt wurden ; meinem Vater, dem unbekannten
und glühenden Verfechter der liberalen Idee, Mitglied des „Jungen Italiens“
und ein Führer der „heiligen Phalanx‘“ von Mazzini und Kämpfer unter Garibaldi
 in den Kriegen für die Unabhängigkeit Italiens ; meinem Sohn Vincenzo,
der als sechzehnjähriger Kriegsfreiwilliger für die Freiheit der Völker und
die Demokratie Italiens zu kämpfen glaubte.
FRANCESCO NITTI
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        VORWORT
Diese Studie wurde in Italien in fast unveränderter Form unter dem Titel
„Die Freiheit“ gedruckt. Aber die Veröffentlichung wurde dem Verleger
Piero Gobetti von der Zensur verboten. Sie wurde dann in Turin von der
Druckerei Carlo Accano gedruckt.
Am 28. Juli 1925 hielt ich in London, auf Einladung des British Institute
of foreign Affairs, eine Rede über den Frieden. Der Vorsitzende der Versammlung
 war Lord Morton. Die Diskussion gab mir Gelegenheit zur kurzen
Erörterung vieler politischer Fragen von internationalem Interesse. Am
31. Juli hielt ich in Cambridge, auf Einladung der Liberal Summer School,
eine andere Rede über die Freiheit. Der Vorsitzende der Versammlung war
‚der Profesor John Maynard Keynes vom King’s College. Die darauf folgende
 Diskussion war sehr interessant. Ich habe immer die Probleme der
Freiheit und des Friedens als unbedingt zusammengehörend betrachtet und
habe es daher für ratsam gehalten, in diesem kleinen Buch die grundlegenden
Teile der beiden Reden zu vereinigen.
        <pb n="9" />
        il.
DIE KRISIS DER FREIHEIT NACH DEM WELTKRIEG
Umana libertäa, come sei caral
(Leonardo da Vinci)
Ich gedenke noch eines langen Gesprächs, das ich vor vielen Jahren mit
Gladstone hatte gelegentlich einer seiner Reisen nach Italien — ich glaube,
es war die letzte. Er war schon sehr alt und hatte die Absicht ausgesprochen,
sich von der Politik zurückzuziehen, aber er besaß noch eine große geistige
Regsamkeit und eine erstaunliche Leichtigkeit der Rede. Wie alle Greise, die
ein reiches Leben hinter sich haben, pflegte er gern zu erzählen. Er bestand.
darauf, italienisch zu sprechen, und die Anstrengungen, die er machte, um
die richtigen Worte zu finden, verliehen seiner Rede einen noch größeren
Reiz. Er erzählte mir von seinem Besuch in Neapel unmittelbar nach den Ereignissen
 von 1848, wo er sich bemüht hatte, die Liberalen zu unterstützen
und die Urteilsvollziehungen und Verfolgungen zu verhindern. Er hatte nach
seiner Rückkehr in England viel Gleichgültigkeit gefunden, und es war ihm
sehr schwer geworden, die öffentliche Meinung für die italienische Sache zu
begeistern. Trotz der feindlichen Gleichgültigkeit der Konservativen war es.
ihm jedoch endlich gelungen, das britische Empfinden gegen die reaktionären:
Bewegungen Italiens und vor allem gegen die Bourbonen aufzustacheln.
„Ich konnte es nicht über mich bringen,‘ sagte er mir, „ein großes Volk
in Knechtschaft und noch dazu in so niedriger Knechtschaft zu sehen. Nichts.
kann die Freiheit aufwiegen, und keine große Tat ist ohne Freiheit denkbar.“
Und er fügte hinzu: „Die Freiheit ist wie die Luft. Man empfindet erst ihre
Notwendigkeit, wenn sie einem zu fehlen beginnt. Man kann gewiß mit spärlicher
 Luft in einem Bergwerk oder in einem Kerker leben. Aber wirkliches.
Wohlbefinden, wahre Freude am Leben, genießt man nur dort, wo die Luft
rein und frei ist. Ein Volk kann nichts Großes leisten, wenn es die Freiheit:
entbehrt.“
Viel später, im Jahre 1912, war ich Handelsminister und verbrachte
meinen Urlaub im Walde von Vallombrosa mit meinem Kollegen, dem Mar--chese
 di San Giuliano, Minister des Auswärtigen. Der Marchese di San Giu--liano
 war ein Schöngeist. Die Politik hatte ihn keiner der hellenischen Feinheiten
 beraubt, die er von seiner Heimat, am Fuße des Ätna, geerbt hatte..
Wir sprachen mehr über Dichtung und Kunst als über Politik, und er liebte:

Q
        <pb n="10" />
        es, bei unseren Gängen durch den Wald lange Stellen aus Shakespeare und
Goethe zu zitieren, deren Werke er sehr gut kannte. Ich traf ihn eines Abends
in großer Aufregung, ganz verlieft in die Briefe Richard Wagners. Vor
vielen Jahren war Wagner in seiner Villa am Ätna sein Gast gewesen, und der
große Meister hatte in langen Briefen die Gespräche aufgezeichnet, die ihn
am meisten interessiert hatten. Man sprach eines Abends von Garibaldi, wie er
1848, während der Verteidigung Roms, sein Artilleriefeuer nicht gegen gewisse
 Stellungen richtete, von denen seinen Leuten Gefahr drohte, in der
Furcht, große Kunstwerke zu beschädigen. Wagner brach in einen Ruf der
Entrüstung aus: „Was sind Kunstwerke! Was für ein elendes Ding ist die
Kunst ohne Freiheit !“
San Giuliano sagte mir, daß er ihn nie so aufgeregt gesehen habe, So
fühlte wohl auch Beethoven, der göttliche Musiker, für die Freiheit, von der
er als Demokrat und Liberaler mit religiöser Verehrung sprach.
Solche Erinnerungen und ein ganzes Leben.im Dienste
derDemokratieunddes Friedenslassen mich besonders tief
dieKrisisder Freiheitempfinden, dieheutedie Zivilisation
und das Leben Europas bedroht.
Die Freiheit? Viele lächeln darüber. Die Demokratie? Viele lachen darüber.
 Es gibt fast keinen Menschen, der nicht die Parlamente anklagt, und
am allermeisten tun es diejenigen, welche Enttäuschungen erlitten haben
oder selbst nicht dem Parlament angehörten oder vergebens versucht haben,
hineinzukommen. Vor einigen Jahren, während des Krieges war, so sagte
man, Europa in zwei Hälften getrennt. Die eine Hälfte, die Entente kämpfte
gegen die andere, die Zentralmächte und ihre Bundesgenossen, um die Freiheit
 zu verteidigen, welche durch den militaristischen und zentralistischen
Germanismus gefährdet wäre. Die Unterscheidung war ziemlich willkürlich.
Die Entente bestand weit über die Hälfte aus Bewohnern des zaristischen
Rußland, welches durchaus kein Freiheitsideal aufzuweisen hatte, und welches
 unter der schwächlichen, dabei grausamen Herrschaft eines mystischen
Döcadents die erste und tiefste Ursache der Ereignisse gewesen war, die für
Europa und die Zivilisation der Welt so unheilvoll werden sollten.
Aber die Folge des Krieges ist, daß in Wahrheit beide
Teiledeseuropäischen Kontinents die Freiheitschoneingebüßt
 haben oder in Gefahr sind, sie zu verlieren.
So haben jetzt Rußland und Italien Minderheitsregierungen, die sich allerdings
 mit entgegengesetzten Zwecken durch Gewalt behaupten und eine stolze
Verachtung für freiheitliche Einrichtungen zur Schau tragen. Diktaturen

10
        <pb n="11" />
        und reaktionäre Regierungen herrschen unter verschiedenen Formen in Spanien,
 in der Türkei, in Ungarn, in Rumänien, in Bulgarien und in Griechen-'
land. Fast alle Staaten, die im Gebiet des früheren österreich-ungarischen
Kaiserreiches entstanden sind, besitzen keine Freiheit mehr, vor allem nicht
die weiten Gebiete mit Bevölkerungsmassen gemischter Nationalität. Oft werden
 Minderheiten von völkischen Mehrheiten erdrückt; manchmal sind es
die Minderheiten, welche sich den Mehrheiten aufzwingen.
In Großbritannien, in Frankreich, in Belgien, in Holland, in Skandinavien,
selbst in Deutschland scheinen die Demokratie und die liberalen Staatsformen
nichts befürchten zu müssen und endgültig gesichert zu sein. Aber auch in
den alt - demokratischen Ländern fehlt es nicht an reaktionären Parteien,
die nach  Minderheitsregierungen, welche auf Gewalt beruhen, nach mehr
oder minder verhüllten Diktaturen streben. In Frankreich wie in Deuitschland
 gibt es Parteien, welche sich zu allen reaktionären Grundsätzen bekennen:
Klerikalismus, Antisemitismus, Militarismus, Monarchismus und nach Regierungsformen
 trachten, welche schon endgültig beseitigt zu sein schienen.
Ganz widersinnig ist es aber, daß es selbst in England kleine Minderheiten
gibt, welche Bewegungen zu begünstigen scheinen, die sich auf die britischen
Inseln nicht verpflanzen lassen. Es gibt dort konservative Zeitungen, welche
von Reaktionären des ancien regime geschrieben zu sein scheinen, und andere,
welche sich darauf beschränken, die Gewaltherrschaft in den Ländern, wo
sie herrscht, zu loben und zu verteidigen, da sie es nicht wagen, sie als Regierungs-System
 für ein freies Land wie Großbritannien zu empfehlen.
Auch in freien Ländern sieht man oft recht falsche Grundsätze wieder zu
Ehren gelangen: die Anbetung der Gewalt, den Kultus des nationalen Staates,
die bald versteckte, bald offene Verachtung für die Parlamente. Dies sind in
guter oder schlechter Verkleidung die Grundsätze des alten Absolutismus.
Die Völker kämpfen nicht mehr wie in der Frühzeit der alten Demokratien
gegen die Macht der Fürsten. Fürsten gibt es fast nicht mehr, und ihr per-Sönlicher
 Einfluß ist, außer in wenigen Ländern, sehr beschränkt. Aber die
freien Völker müssen sich heute gegen kühne und aufrührerische Minderheiten
 verteidigen.
Es gibt rote Minderheiten, welche eine Gefahr darstellen, aber sie verursachen
 Gegenbewegungen selbst im Arbeiterstand, und sie haben fast nirgends
 Aussicht, zu siegen. Sie dienen oft als Grund oder als Vorwand für die
Bildung von weißen Minderheiten, welche bei den reichen Klassen, vor allem
bei den Kriegsgewinnlern, starke Zustimmung und direkte oder indirekte
Unterstützung finden.

1A
        <pb n="12" />
        In ganz Europa sind die Kriegsgewinnler die unmoralischste Schicht. Der
Reichtum verlangt Bildung und Gewöhnung., Die neuen Reichen haben wenig
Skrupel und Sinn für Recht. Sie sind verderbt und lieben es, zu verderben.
Ihre Vermögen sind oft durch Blut, öfter aber noch durch Verrat und Abenteuerei
 erworben. Ich kenne verschiedene Arten von Kriegsgewinnlern, alle
gehören jedoch der niedrigsten moralischen Stufe an.
Einen der gefährlichsten von ihnen bezeichnete man mir schon als verdächtig,
 während ich in der Regierung und im obersten Kriegsrat war, in
den schwierigsten Zeiten des Weltkriegs. Der Gesandte einer großen befreundeten
 Nation lenkte meine Aufmerksamkeit auf seine zweideutige Handlungsweise,
 die verräterische Verbindungen mit dem Feind vermuten ließ.
Nach dem Krieg war der Betreffende unmäßig reich geworden. Er beriet
und ermutigte alle reaktionären Bewegungen, wie er auch die schlechteste
Presse unterstützte und beherrschte.
Selten murrt das Volk gegen Vermögen, die durch Arbeit erworben wurden,
gegen überlieferten Reichtum, der oft an berühmte Namen geknüpft ist.
Die Menschen, die mit ihrer Tätigkeit sich selbst und ihr Land bereichert
haben, genießen fast immer die Achtung selbst ihrer Gegner. Aber diese ungeheuren
 Kriegsvermögen haben stets etwas Abstoßendes. Die neuen Reichen
werden mit Mißtrauen angesehen und sind selbst von Mißtrauen erfüllt ; sie
unterstützen daher alle reaktionären Unternehmungen, und ihre Presse ist
immer die schlechteste.
Eine seltsame Atmosphäre hat sich allmählich gebildet. Es herrscht eine
Tatenunlust, die dazu neigt, alle Maßnahmen zur Erhaltung des bisherigen
Zustandes annehmbar zu finden.
Im Laufe eines Jahrhunderts sind wir von Lord Byron und Garibaldi,
den Vorkämpfern und Helden der Freiheit, von der erhabenen Schar der
Idealisten und Romantiker, zu den Geldgebern der Reaktion gekommen,
Die alte Heuchelei der absolutistischen Regierungen ist wieder zu Ehren
gelangt. Vor dreißig Jahren ließ ein Angriff auf die Freiheit eines Volkes
alle anderen Völker erbeben ; in jedem Lande waren junge Menschen bereit,
für die heiligsten Güter zu sterben. Heute gehört die Gleichgültigkeit zum
guten Ton, zu den Gesellschaftsregeln eines internationalen Zynismus. Wenn
die Freiheit eines Volkes zusammenbricht, wenn der Absolutismus irgendwo
wieder triumphiert, wenn die Grundsätze der Gewaltherrschaft proklamiert
werden, betrachtet man diese Ereignisse nur als eine innere Angelegenheit
der Anderen, mit der man sich nicht zu befassen braucht. Aber auch wo die
Freiheit nicht eigentlich gefährdet ist, steht sie in einer Krisis.

19
        <pb n="13" />
        Man muß diese Krisis konstatieren und prüfen, ob sie vorübergehend oder
nur eine Folge der Nachkriegszeit ist, oder ob sie eine endgültige oder wenigstens
 länger währende Veränderung des modernen Lebens darstellt.
DIE FOLGEN VON KRIEG UND FRIEDEN
Es war leicht, diese Krisis der Freiheit vorherzusehen. Die großen modernen
 Kriege werden. nicht mehr von ausgebildeten Truppen, sondern von der
ganzen Nation ausgefochten und bewirken dann Revolutionen und Reaktionen.
Verbrechen und Krankheit streben nach Vereinigung, wie auch die großen
Plagen der Menschheit sich gegenseitig anziehen. In den heiligen Büchern
werden Krieg, Hungersnot und Seuche Geißeln des Herrn genannt, die einander
 folgen und sich vereinen. Jeder Krieg, welcher große Menschenmassen
gegeneinander getrieben hat, hatte auch immer tiefe Wandlungen zur Folge.
Zwischen den napoleonischen Kriegen und dem Weltkrieg 1914/1918 ist
der deutsch-französische Krieg 1870/71 der größte gewesen, obwohl er nur
sieben Monate dauerte. Die Zahl der Toten und Verwundeten auf beiden
Seiten erreichte nicht einmal die Hälfte der Totenzahl auf italienischer Seite
im Weltkrieg. Es wurden im ganzen weniger Kanonenschüsse abgefeuert als
an einem einzigen Tage des großen Krieges. Die Kriegsentschädigung, die
dem Besiegten auferlegt wurde, betrug insgesamt nur fünf Milliarden, und
die Okkupation war kurz und ohne ernste Folgen.
Trotzdem gab es in dem besiegten Frankreich eine große kommunistische
Bewegung, die Kommune von Paris, den Sturz der Monarchie und den langen
erbitterten Kampf zwischen der Demokratie und der Reaktion. Die Demokratie
konnte sich nur langsam befestigen und machte eine ernste Krisis durch.
Das siegreiche Preußen erlebte nach der Gründung des Deutschen Reiches
ein Plötzliches und mächtiges Erwachen des Sozialismus und als Gegensatz den
Militarismus und die imperialistische Politik. Es gab große Religionskämpfe
und Konflikte mit der katholischen Kirche, es zeigten sich neue Formen der
Intoleranz und soziale Spaltungen, bedeutender als je vor dem Kriege. Durch
die Mobilisierung großer Menschenmassen rührt der Krieg ihren Geist auf,
gewöhnt sie an Gewaltsamkeiten und begünstigt revolutionäre Strömungen.
Die Reichen, die Vorsichtigen, die Schwankenden werden durch die drohende
Revolution wiederum zur Reaktion getrieben. So folgen sich oft Revolution
und Reaktion.

LE
13
        <pb n="14" />
        In der instinktiven Abneigung der Volksmassen gegen den Krieg liegt die
Ahnung der Gefahr.
Der europäische Krieg, wer auch immer ihn verursacht hat, ist der törichtste
 und verruchteste Krieg gewesen, den die menschliche Zivilisation
je erlebte. Zugleich war er der niedrigste, grausamste und verderblichste
Krieg, der die meisten Opfer an Menschen, Wohlstand und Glück gekostet
hat. Vor allem war er ein Bürgerkrieg Europas, der Sieger und Besiegte fast
gleichermaßen erniedrigt hat; die einen wie die anderen haben irgend etwas
eingebüßt, Reichtum, inneren Frieden, Freiheit. Man kann nicht ohne tiefe
Wehmut alle diese Verluste verzeichnen, und in diesem Verzeichnis ist die
Vernichtung moralischer Werte noch größer als die Vernichtung wirtschaftlicher
 Güter.
Der Versailler Vertrag und die Verträge, die ihm gefolgt sind, haben das
Urteil der Geschichte vorwegnehmen wollen und haben die Besiegten zu der
Erklärung gezwungen, daß die Verantwortung allein Deutschland und seinen
Bundesgenossen zufalle. Selbst wenn man eine sehr große Verantwortung
Deutschlands annehmen will, sind sich doch alle ernsthaften Politiker und
Gelehrten darin einig, daß die Verantwortung überhaupt nicht auf einen,
sondern mehr oder weniger auf alle fällt; zum großen Teil auf Österreich-Ungarn,
 zum noch größeren auf Rußland, d. h. auf zwei Staaten, welche
aus innerpolitischen Gründen früher oder später Krieg führen mußten. Die
Wahrheit, die aus allen diplomatischen Dokumenten hervorleuchtet,
 ist, daß der Konflikt wohl zu verschieben, aber nicht zu verhindern
 war, daß Alle, wenn auch in verschiedenem Maße, Schuld
daran haben, daß man in den Krieg gestolpert ist, fast ohne es zu
merken, wie Lloyd George gesagt hat.
Zweifellos fällt aber ein viel größerer Teil der Verantwortung auf einige
wenige Männer, als auf die Völker selbst. Denn die europäischen Verfassungen
waren auch vor dem Krieg und vor den heutigen reaktionären Bewegungen so
eingerichtet, daß die Völker durch ihre Vertreter keine Kontrolle über die
Unternehmungen der Regierung ausübten. Die Geschichtsschreiber pflegen
gerne die Ereignisse als Äußerungen großer Staatseinheiten darzustellen:
England, Frankreich, Deutschland, Rußland, Italien usw. Diese geographischen
 Bezeichnungen haben etwas Unbestimmtes, denn es sind kleine Minderheiten
 gewesen, eigentlich nur wenige Engländer, Franzosen, Deutsche, Russen,
 Österreicher und Italiener, die den Krieg verursacht haben.
Die drei großen kontinentalen Kaiserreiche Rußland, Deutschland, Österreich-Ungarn
 waren von kleinen Gruppen regiert; die äußere Politik war

A
        <pb n="15" />
        ausschließlich in der Hand der Fürsten, ihrer wenigen Vertrauten und Heerführer.
 Und wie mittelmäßig waren diese Männer ! Ich habe mehrere unter
ihnen gekannt und mit mehreren auch verkehrt. Der alte Kaiser von Österreich
 war von Menschen ‚umgeben, die meist weder Autorität noch Ernst
hatten. Vielleicht wollte er den Frieden ; aber alle rissen ihn zum Kriege fort.
Um über die Tragödie Klarheit zu gewinnen, muß man Menschen wie Berchtold
 gekannt haben. Dieser Minister besaß weder Klugheit noch Ernst, noch
genug Würde, um eine Werkstatt von zehn Arbeitern nutzbringend zu leiten,
Und doch lenkte und entschied er die Geschicke eines Reiches von 54 Millionen
 Menschen ! Der mystische, beschränkte und abergläubische Nikolaus von
Rußland wollte vielleicht auch den Frieden und fand sich gegen seinen
Willen in den Krieg gezogen. Aber was vermochte sein schwacher Wille gegen
Menschen wie den Großfürsten Nikolaus und gegen gewissenlose Individuen
wie Sasonow und Iswolski? Was waren mit wenigen Ausnahmen ‘die
Menschen, die Wilhelm II. in seiner grenzenlosen, dabei prätentiösen Urteilslosigkeit
 bevorzugte ?
Jede absolutistische Macht neigt zu Mißbrauch und daraus folgendem
Verfall. Die drei großen europäischen Kaiserreiche befanden sich in solcher
Konfliktstellung, daß der Krieg unvermeidlich war. Und zwanzig oder dreißig
Personen verfügten über das Geschick von über dreihundert Millionen Menschen.
 Ihre Verträge, ihre Zwistigkeiten, ihre Unternehmungen, Pläne, zuweilen
 sogar ihre finanziellen Abenteuer waren allen Bürgern, auch den am
besten unterrichteten unter ihnen, ja manchmal selbst den verantwortlichen
Ministern unbekannt.
Aber auch in den demokratischen Staaten wurden die bedeutendsten und
gefährlichsten Wagnisse ohne die Zustimmung der Parlamente, ja manchmal
selbst ohne die der Ministerien unternommen, und die Parlamente mußten
die vollendete Tatsache anerkennen. In Italien wurde das Iybische Unternehmen,
 das den italienisch-türkischen Krieg und dann die zwei Balkankriege
 herbeiführte (welche wiederum den europäischen Konflikt einleiteten),
ohne ein bestimmtes Votum des Parlaments, sogar ohne den Spruch des
Ministerrates begonnen. Aüch 1915 trat Italien ohne Entscheidung des Minısterrats
 in den Krieg ein.
Selbst im demokratischen Frankreich mit seinen alten parlamentarischen
Traditionen hattedas Parlamentvon den Maßnahmen keine Kenntnis, welche die
äußere Politik bestimmten. Manchmal wurde diese nur ganz Wenigen bekannt.
Nur die Verfassung der Vereinigten Staaten Amerikas beschränkt vielleicht
das Wirkungsgebiet des Präsidenten und der Staatssekretäre in genügendem

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        <pb n="16" />
        Maße oder wenigstens so, daß von individuellen Interessen diktierte Kriegsunternehmungen
 nicht zu befürchten sind.
Haben die Erfahrungen des Krieges etwas gelehrt? Ist die Zeit der geheimen
 Diplomatie vorüber ? Sind keine individuellen Unternehmungen mehr
zu befürchten ? Werden trotz dem Völkerbund keine Verträge und Bündnisse
mehr geschlossen, welche neue Kriege herbeiführen könnten? Ich wage es
nicht, mich darüber auszusprechen.
Zehn Millionen Menschen haben den Tod gefunden ; über tausend Milliarden
 sind verschleudert worden ; eine ungeheuere Zahl von Verstümmelten
und Verwundeten hat die produktive Kraft Europas geschwächt; der europäische
 Kontinent ist balkanisiert worden, und Europa hat nicht mehr die
Führung in der Zivilisation der Welt. Dies Alles ist das Werk weniger Menschen
 gewesen. Nicht einmal jetzt, nach so langem Krieg, hassen sich die
Völker. Wenn nicht die Wirkung einer gewissenlosen Presse wäre und auf
der Weltbühne nicht noch so viele von denen ständen, die mit der schwersten
 Verantwortung belastet sind, würde eine Aktion für wirklichen Frieden
überall versöhnungsbereite Seelen finden.
Nach der Sicherung ihrer inneren Freiheit waren die großen Demokratien
schon vor dem Kriege mit wirtschaftlichen Kämpfen beschäftigt und maßen
den Problemen der äußeren Politik nur geringe Bedeutung bei. Aber es
waren gerade die Irrtümer der äußeren Politik, welche den Krieg herbeiführten,
 und der Krieg hat die Krise für Freiheit und Demokratie verursacht.
So lange fortwährende Kriegsgefahr besteht, ist die Freiheit bedroht. Die
Staaten streben nach Macht und nicht nach Entwicklung ; die Probleme der
Sicherheit sind ihnen dann wichtiger als die des sozialen Lebens. Für den
Frieden wirken heißt für die Freiheit wirken. Für die Vereinigung der Völker
wirken heißt für das Leben der Demokratie innerhalb jeden Volkes wirken.
Das riesige Phänomen einer Reaktion der Unordnung, welches sich unter
verschiedenen Formen fast überall zeigt, hat gleiche Herkunft und Ursachen.
Wir haben geglaubt, Wilhelm II. niederzuschlagen, den miles gloriosus,
den prahlerischen Soldaten, der mit seinem Schwerte auch ohne Anlaß drohte,
der die Bibel und die Reaktion gegen die demokratische Seuche beschwor,
der den Ruhm blutdürstiger Hunnen vor den nach China ziehenden Truppen
pries. In der Tat haben wir ihn auch besiegt; die Völker, welche sich gegen
ihn im Namen der Freiheit und der Demokratie verbündet hatten, haben ihn
niedergeschlagen. Aber er hat sich gerächt. Der Giftkeim seiner Ideen hat
die Seelen der meisten seiner Feinde angesteckt. Es gibt Völker, die die Reaktion
 proklamieren, andere, die sie vollziehen, und andere, die sie begehren,

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        <pb n="17" />
        Se Noch heute gibt es viele Anhänger der Gewalt, gibt es wiedererwachende
Formen des Klerikalismus ; es bestehen schon Diktaturen, andere bereiten
vi sich vor. Vor zehn Jahren, in der Stunde der Gefahr, predigte man die Verir
 einigung der Völker, die Notwendigkeit der Abrüstung : der Krieg sollte den
ze Frieden vorbereiten. Und nun haben wir mehr Menschen in Waffen als
os früher ; wir sind geschiedener als je, und das Regime der F reiheit hat vielleicht
 seit einem Jahrhundert nicht so viele Feinde gehabt wie heute.
Jien
 1
°0- DIE LEHREN DER FREIHEIT UND DIE FREIEN VERFASSUNGEN
lie IM 19. JAHRHUNDERT
u Wir stehen also in einer reaktionären Zeit. Handelt es sich um ein vor-N
 übergehendes Phänomen ? Oder befinden wir uns vor einem langen Stillstand
N auf dem Wege unserer Zivilisation ?
8 Diese Fragen finden ihre Antwort durch das Studium der europäischen
' Krisen nach den großen Kriegen. Die Krise ist diesmal größer, weil der Krieg
größer gewesen ist, ja an Umfang und Gewalt jeden früheren Krieg übertroffen
 hat.
Ne Die Generation nach dem Kriege scheint nicht mehr den gleichen Glauben
ne an die Freiheit und an die Demokratie zu besitzen. Wir sind in der Über-Wi
 zeugung erzogen worden, daß die Freiheit nicht nur ein notwendiges Element,
En sondern das Lebenselement sei. Es gab vor dreißig Jahren Grundsätze der
ie politischen, wirtschaftlichen und religiösen Freiheit, die ein dauernder Besitz
ler des fortgeschrittensten Teils der Menschheit schienen. Wir alle haben unsere
N geistige politische Erziehung in Universitäten und Parlamenten vor allem
or nach dem Vorbild der englischen Philosophen der liberalen Schule orien-_
 tiert. John Stuart’s Buch „On Liberty‘“ hat zwei Generationen vor dem
in Krieg zu liberaler Gesinnung erzogen. Wir betrachteten es nicht nur als ein
ne Meisterwerk englischer Weisheit, sondern auch als ein Dokument des praküschen
 Geistes im britischen Volk. Wir waren von dem Nachteil jeder un-K
 AO Einschränkung überzeugt. Wir betrachteten die Freiheit als einen
N abso. uten Wert und die menschliche Persönlichkeit in der harmonischen
en Entwicklung ihrer moralischen und geistigen Eigenschaften als unantastbar.
HB Wir glaubten Say die Freiheit nicht nur als Norm des bürgerlichen Lebens,
at an als an ein allgemeines Ziel, maßgebend für alle anderen geistigen,
e ürgerlichen und politischen Lebensziele. Über die religiöse Freiheit war
für uns nicht mehr zu streiten. Wir waren alle überzeugt, daß es für die
di Bolschewismus 2

U
47
        <pb n="18" />
        menschliche Gemeinschaft viel nützlicher sei, alle Menschen nach eigenem
Willen denken, leben und handeln zu lassen, als sie zu zwingen, näch fremdem
 Willen zu leben und zu handeln. Die Gewissensfreiheit, die Berufs-,
Vereins-, Lehr- und Pressefreiheit waren für uns keinem Zweifel ausgesetzt.
Wir glaubten alle, kein menschlicher Fortschritt sei denkbar ohne die Sicherung
 der Freiheit. Keine, auch die gesetzlichste politische Macht hatte in
unseren Augen das Recht, die Minderheiten zu erdrücken.
Die Nationalökonomen betrachteten die wirtschaftliche Freiheit, welche
die Verteilung der Arbeit unter Individuen und Staaten bestimmte, als Grundlage
 der internationalen Beziehungen. Nicht nur Gelehrte und Politiker in
ihren besten Vertretern, auch Parlamente und Presse erkannten, daß nach so
vielem Ringen der Menschheit die Freiheit die äußere und innere Richtlinie
der Nationen sein müsse.
Jetzt ist es Sitte, die Freiheit zu lästern. In meiner Jugendzeit erstrebten
selbst die Politiker, die einer reaktionären Gesinnung beschuldigt waren, den
Beweis, daß zeitweilige Einschränkungen nur als Mittel für die Sicherstellung
der Freiheit anzusehen seien. Ich erinnere mich noch einer Unterredung mit
dem schon sehr bejahrten Crispi zur Zeit seiner größten Macht. Ich hatte
ihn der Verleugnung seiner Vergangenheit und reaktionärer Handlungen beschuldigt
 gehabt. Meine Artikel hatten ihn sehr schmerzlich getroffen, und
er verlangte mich sogleich zu sehen. Ich traf ihn in einem Zustand wirklicher
Aufregung. Er sprach wie Clemenceau in abgerissenen Sätzen, in prägnanten
Ausdrücken oft rauher, aber äußerst wirksamer Art. Unter allen europäischen
Politikern, die ich gekannt habe, sind sich wenige so ähnlich wie Crispi und
Clemenceau : dieselbe Art von übersteigertem Patriotismus, gleiches Mißtrauen
 und Abneigung gegen Feinde, dieselbe Unfähigkeit zu vergessen, und
eine in die gleichen Worte gekleidete individualistische Einstellung. „Sie
haben mich beschuldigt, die Freiheit verletzt zu haben. Sie sind jung, können
Vieles noch nicht wissen. Sie kennen gewiß nicht mein Leben, welches ganz
der Freiheit geweiht war. Ich möchte lieber Italien arm sehen als reich und
in Knechtschaft. Keine Größe ohne Freiheit. Ich will die Größe Italiens, aber
vor allem die Freiheit Italiens.‘ Das waren seine Worte.
Erregt erklärte er mir den Sinn seiner Maßnahmen, die ein notwendiges
Provisorium seien. Ich war nicht ganz überzeugt, aber vor dem Schmerz des
Greises, der trotz vieler Fehler sein ganzes Leben feurig für Vaterland und
Freiheit gewirkt hatte, schämte ich mich meiner jugendlichen Keckheit und
gab ihm gerne zu, daß ich übertrieben und mich vielleicht getäuscht, aber
nie an seiner Gesinnung gezweifelt hatte.

I8
        <pb n="19" />
        Heutzutage spricht im gleichen Italien das italienische Staatsoberhaupt von
dem verwesten Leichnam der Freiheit und vom Ende der Demokratie, wiederholt
 und übertreibt die Reden, die wir an Wilhelm IT. getadelt hatten.
In unserer Jugend standen wir zwei Auffassungen von Freiheit gegenüber :
der britischen und der französischen. Für England war die Freiheit mehr
eine selbstverständliche historische Tatsache als eine politische Anschauung.
Die Engländer haben unabhängig von jeder theoretischen Formulierung
Schritt für Schritt ihre öffentlichen und persönlichen Freiheiten erkämpft.
Für die Franzosen war die Freiheit eine Idee der Vernunft, eine Bejahung:
von Prinzipien unabhängig von geschichtlichen Tatsachen, die Selbstbehauptung
 der ihrer Fesseln befreiten menschlichen Persönlichkeit. Diese beiden
Auffassungen hatten sich in unserem Geiste zu einer Synthese vereinigt, und
die Gewöhnung der Freiheit lehrte uns, das heilige Erbe eines jahrhundertelangen
 Ringens um die Emanzipation für unantastbar zu halten.
Schon vor der Verkündung der Menschenrechte in Frankreich war die Proklamierung
 der Verfassung der Vereinigten Staaten Amerikas am 17. September
 1787 das größte Ereignis der modernen Geschichte gewesen. Zu
einer Zeit, wo fast überall absolute Monarchien bestanden, stellte jene Staatsverfassung
 einen bewundernswerten Ausgleich von praktischer Weisheit und
Idealismus dar ; sie hatte das Prinzip des Selfgovernment durchgesetzt und
zur Grundlage einer großen Republik gemacht. Es war die erste große Republik
 der modernen Welt. Sie sollte später durch das Vorbild ihrer Größe die
herrschende monarchistische Gesinnung erschüttern und die Monarchie, deren
historische Funktion noch nicht beendet ist, einem fast republikanischen
System zutreiben wie in Großbritannien. Vor den Völkern mit starkem Kulturbewußtsein,
 welche eine beträchtliche Entwicklungsstufe erreicht haben, steht
schon seit einigen Jahrhunderten deutlich das grundlegende Problem der
Freiheit.
Kann eine fortgeschrittene Gesellschaft dulden, daß eine Dynastie oder
eine kleine politische Partei, gegründet auf eine organisierte Macht, die sozialen
 Kräfte fesselt, oder ist es im Interesse der Gemeinschaft wünschenswerter,
 daß jede Gesellschaft sich selbst organisiere, je nach ihren Bedürfnissen
 und ihren Tendenzen ?
War die autokratische Gesinnung am Ende der feudalen Zeit möglich, als
das Bedürfnis nach einem mächtigen Staat stärker empfunden wurde, so ist
sie um so absurder in einer Gesellschaft, wo große soziale Kapitals- und
Arbeitskräfte, große industrielle Verbände und große Presse-Organisationen,
die vielfachsten Gedanken- und Lebensströmungen bestehen. Die dynastische

19
        <pb n="20" />
        Volksbevormundung und die diktatorische Autokratie sind nicht denkbar oder
nicht haltbar in einer Gesellschaft höherer Kultur, welche einen eigenen Staat
bilden will, der ihr organischer und natürlicher Ausdruck, nicht aber ihr von
einer Minderheit aufgezwungen sel,
Das 19. Jahrhundert, welches jetzt von den Unwissenden geschmäht und
verhöhnt wird, ist das große Jahrhundert der menschlichen Freiheit, des
freien Handelsverkehrs, der großen Erfindungen und zugleich des nationalen
Prinzips und der großen nationalen Staatsbildungen gewesen. Lange wurden
weder von den Konservativen noch von den Demokraten überlieferte Freiheiten
 oder neuerworbene soziale Formen in Frage gestellt. Die Konservativen,
 besonders in Großbritannien, versuchten ohne Verleugnung der Freiheit
 ihre Privilegien zu erhalten, indem sie sich den neuen Formen fügten.
Lange haben die Konservativen das bürgerliche Stimmrecht nicht bekämpft
und sich auf die Forderung beschränkt, daß das Stimmrecht nur den geistig
Reifen gegeben werden solle (Studienzeugnisse) oder den an der Erhaltung:
des Staates Interessierten (Eigentum oder Einkommen). Sie haben das Recht
jedes Bürgers auf öffentliche Ämter nicht bestritten, aber durch Pflichten
und Einschränkungen in Wirklichkeit die Mehrzahl von vielen dieser Ämter
fern gehalten. Die Nützlichkeit der Bildung wurde von ihnen nicht bestritten ;
doch verlangten sie, daß die Verantwortung dafür den Familienhäuptern
anvertraut werde. Oberflächlich betrachtet, vermieden sie nicht nur, gegen
die Freiheit zu streiten, sondern schienen ihre konsequentesten Verteidiger.
Bis nach dem Kriege hat man in keiner der westlichen Demokratien die
Freiheit verneint. Man kritisierte die Parlamente, versuchte aber, sie mit
den neuen Formen des sozialen Lebens in Einklang zu bringen, sie organischer
 zu gestalten. Man kritisierte die Freiheit, aber nur deshalb, weil sie
ein Prinzip der Verneinung darstellte, und das Streben war eher auf das Organisieren
 der sozialen Kräfte zugunsten der freien Staatsverfassungen gerichtet,
 als auf das Verleugnen der Freiheit.
In Großbritannien, in Frankreich, in Italien wäre vor zwanzig Jahren nicht
etwa nur die Unterdrückung der Freiheit, sondern selbst ihre theoretische
Verneinung unsinnig erschienen. Italien, welches 1860 noch in mehrere
Staaten geteilt war, besaß in Giuseppe Mazzini den liberalen Denker, welcher
mehr als jeder andere das nationale Bewußsein weckte. Es ist hauptsächlich
wenn nicht allein ihm zu danken, daß das italienische Bewußsein von dem
Gefühl der Nationaleinheit durchdrungen wurde. Er war eine edle Gestalt
und ein hoher Geist, der mit tiefer Mystik praktische Wirksamkeit verband.
Er schrieb wie ein Apostel und handelte wie ein erfahrener Verschwörer.

2
        <pb n="21" />
        Mazzini, der Denker und Verbreiter großer Ideen, Cavour, der große
Staatsmann und Realpolitiker, hatten lange in England gelebt und von ‘der
englischen Schule nicht nur die Lehre von der Freiheit, sondern, was mehr ist,
das Gefühl dafür geerbt. Mazzini, der Schöpfer des Einheitsbewußtseins Italiens,
 verzichtete auf alle Ehren, opferte selbst seinen Plan und sein republikanisches
 Ideal, als er der Monarchie nicht widerstrebte um der Einheit willen
(weder Apostat, noch Rebell, wie er sagte). Er liebte aber doch die Freiheit
noch mehr als sein Vaterland. „Ich liebe die Freiheit,“ sagte er, „und liebe
sie vielleicht noch mehr als das Vaterland. Ohne Freiheit ist das Vaterland
ein Kerker.“
Alle Programme, die Europa im Laufe eines Jahrhunderts verwirklicht
hat, verdankt man vor allem den freiheitlichen Lehren und Einrichtungen :
Fortschritt des Geistes, der Ideen, des Wohlstands. Wenn Europa vor dem
Krieg so reich und entwickelt war, verdanken wir das vor allem den freien
Staatsverfassungen, der politischen und wirtschaftlichen Freiheit.
Selbst während des Krieges boten die freien Völker einen viel stärkeren
Widerstand als die autokratisch Regierten, an deren Zusammenbruch allerdings
 auch andere, vor allem ökonomische Faktoren schuld hatten. Aber
mit welchem Argument hat die Entente erst Italien und dann Amerika in
den Krieg zu ziehen gewußt? Hat sie nicht proklamiert, daß der zentralistische
 Germanismus die Verleugnung der Freiheit und das Ende der Demokratie
 bedeute? Hätte Amerika, der entscheidende Faktor des Krieges, daran
teil genommen, wenn nicht die Freiheit bedroht geschienen hätte?
Noch erinnere ich mich gelegentlich meiner Reise nach Amerika unmittelbar
 nach dem Eintreten des amerikanischen Volkes in den Krieg der Reden
Wilsons und seiner wichtigsten Mitarbeiter. War die Vergewaltigung Belgiens
durch Deutschland schon ein bedeutsames Argument, so war die Bedrohung
der Freiheit aller europäischen Völker ein noch bedeutsameres. Wie oft wurde
ich im Gespräch gefragt: „Glauben Sie, daß Wilhelm II., wenn er siegte,
sein System überall aufzwingen würde? Glauben Sie, dies würde das Ende
der freien Staatsverfassungen sein ?“
Und heute, nachdem wir im Namen der freien Verfassungen gekämpft und
im Namen der Freiheit, mit Hilfe der freien Völker gesiegt haben, sind doch
bei einzelnen Völkern starke reaktionäre Strömungen groß geworden ; einige
haben unter dem Druck diktatorischer Systeme, die an ferne Kulturen und
primitive Völker erinnern, ihre Freiheit verloren.

7A
        <pb n="22" />
        IV
99

DIE URSACHEN DER VERWIRRUNG UND IHR WACHSEN
Nach so vielen Siegen der liberalen Idee erleben wir jetzt eine wirkliche
Krisis der Freiheit, die sich entweder durch Revolution, wie der Bolschewismus,
 oder durch autokratische oder reaktionäre Erscheinungen, wie der
Fascismus und die militärischen Diktaturen, äußert. Die revolutionären und
reaktionären Elemente regen sich überall, und der Kampf zwischen ihnen
ist stärker als der zwischen den liberalen und den anderen Parteien.
Wo sich infolge des Krieges nationalistische Tendenzen zeigen, reagieren
fast immer die Arbeitermassen durch revolutionäre Kundgebungen oder durch
einen maßlosen Sozialismus, der oft kommunistische Formen annimmt. Wo
aus Not oder durch die Einwirkung fremder Elemente revolutionäre oder
kommunistische Ideen sich durchsetzen wollen, versucht das Bürgertum ihnen
durch Schaffung oder Unterstützung bewaffneter Reaktion verschiedener
Art, aber immer gleichen Ursprungs entgegenzuwirken.
Die Freiheit bedeutet bei modernen Völkern zugleich Gesundheit. Nach
dem Krieg blieb die moralische Gesundheit in wenigen Ländern erhalten. Es
gab und gibt noch immer einen Machtrausch. Wenige Völker Europas wissen
von ihrer Freiheit einen gesunden Gebrauch zu machen. Die wirtschaftliche
Freiheit ist fast verschwunden, die religiöse Freiheit in vielen Ländern bedroht,
 die politische Freiheit täglichen Krisen ausgesetzt. Europa befindet
sich in einem Prozeß der Auflösung. Täglich mehr droht es, in neue Staaten
zu zerfallen und durch die Übertreibungen des Schutzzoll-Systems zu verarmen.
Nur wenige Länder haben noch eine gesunde Währung, in vielen ist die
Produktion geringer als der Verbrauch. Zwischen den Staaten, die Krieg geführt
 haben, herrscht kein gegenseitiges Vertrauen : überall Arbeitslosigkeit,
überall Unordnung im Handelsverkehr, überall die Gefahr neuer Kriege, Die
Sieger haben nur geringes Vertrauen, daß die Verträge gehalten werden ;
die Besiegten nehmen gegen ihre Überzeugung diese Verträge für die Zukunft
an. Hieraus entsteht der Zustand gegenseitigen Mißtrauens.
Ein grundlegender Irrtum hat das ganze europäische Leben beeinflußt:
die Haltung gegen Rußland.
Die siegreichen Mächte glaubten nach dem Krieg und angesichts der polnischen
 Gefahr den Bolschewismus mit allen Mitteln, vor allem mit militärischen,
 bekämpfen zu sollen. Sie sträubten sich nicht nur lange Zeit, die
Regierung von Moskau anzuerkennen, sondern suchten sie mit allen militärischen
 und wirtschaftlichen Mitteln zu bekämpfen. Nach dem vergeblichen
        <pb n="23" />
        Versuch militärischer Aktionen bildeten, unterstützten und besoldeten sie revolutionäre
 Truppen. Manches Land ging selbst so weit, diese als Verireter
der Jegitimen Regierung anzuerkennen. Später versuchten sie die wirtschaftliche
 Isolierung Rußlands. Man konnte keine schädlichere Politik treiben,
weil man so auf der einen Seite dem Bolschewismus nationalen Charakter
verlieh, ja ihn geradezu zum Verteidiger der slawischen National-Idee stempelte
 und auf der anderen Seite in den Arbeitermassen der ganzen Welt
ein berechtigtes Vorurteil gegen die anti-russische Politik erzeugte. Dadurch,
daß er von allen europäischen Nationen bekämpft wurde, erhielt der Bolschewismus
 vor dem Weltproletariat einen Nimbus, der ihm keineswegs gebührte.
Aber der Bolschewismus, mit falschen Waffen bekämpft, reagierte in
seinem gefährlichen Irrsinn mit noch unbilligeren Mitteln, indem er versuchte,
 aus der russischen Revolution eine Weltrevolution zu machen, und er
beantwortete das illegitime Verfahren mit einem noch illegitimeren, mit dem
Bestreben, allerorten den Kommunismus einzuführen und revolutionäre Erhebungen
 zu nähren und zu besolden.
_ Nach vielen Jahren des Irrtums hat Europa die Moskauer Regierung ananerkannt
 und auf jede Offensive verzichtet; die Moskauer Regierung hat
sich ihrerseits von dem Mißerfolg der Weltrevolution überzeugt und verzichtet
 langsam auf ihre stolzen Pläne. Aber das Gift der beiden Aktionen
ist im europäischen Organismus geblieben und wird nur langsam daraus entweichen.
 In der Tat hat jede bolschewistische Aktion immer militaristische
und nationalistische Erhebungen hervorgerufen, und diese Erhebungen haben
ihrerseits das Mißtrauen der demokratischen Parteien und des Sozialismus
nur erhöht. Dies ist eine der wichtigsten Ursachen für das Hinsiechen der
liberalen Idee und für die Krisen, die jedes wahre freiheitliche Regime jetzt
durchmacht.
Es gibt aber auch andere, nicht minder wichtige Ursachen für das Darniederliegen
 der Freiheit. Die bedeutsamsten Ursachen liegen in den Friedensverträgen.
 Wie man diese auch beurteilen will, sie haben einen Zustand von
Unbeständigkeit und Unsicherheit geschaffen, der das Leben von ganz Europa
erschwert. Auf lange Jahre hinaus wird es Gebiete geben, deren Schicksal
unsicher ist, wird es militärische Besetzungen, Kriegsentschädigungen, Kontrollen
 usw. geben. Vielleicht war auch das zum Teil notwendig. Aber man
kann nicht behaupten, daß das Gefühl der Sicherheit zunimmt.
Es gab vor dem Kriege nur eine elsaß-lothringische Frage. Jetzt gibt es
aber mindestens neun oder zehn ähnliche : nicht nur deutsche, sondern auch
ungarische, bulgarische und russische Rückforderungen. Rußland fordert

93
        <pb n="24" />
        das orientalische Galizien zurück und wird bei der ersten Gelegenheit Beßarabien
 wieder zu erobern versuchen. Sobald Rußland in der Lage sein wird,
einen Feldzug gegen Polen und vor allem gegen Rumänien zu unternehmen,
wird es sich durch nichts zurückhalten lassen.
Es gab vor dem Krieg ein Österreich-Ungarn, d. h. einen aus verschiedenen
Nationen zusammengesetzten Staat, regiert von einer Hauptmacht. Jetzt gibt
es sechs.oder sieben Nachfolgestaaten. Täglich entstehen im Innern dieser
neu gebildeten Staaten neue Schwierigkeiten für die liberalen Regierungen.
Die Tschechoslowakei liefert hierfür das deutlichste Beispiel. Dort gibt es
Gruppen verschiedener Nationalitäten und von ganz verschiedener Herkunft:
Tschechen, Slowaken, Deutsche, Ungarn und kleine slawische Völkerschaften.
Die Tschechen sind in der Minderzahl, aber sie streben danach, das ganze Gebiet
 zu nationalisieren, d.h. praktisch : die anderen Völker ihrer Nationalität
zu berauben. Sie benötigen also ein großes Heer gegen Deutsche und Ungarn
und müssen auch eine Politik der Unterdrückung und Zentralisation verfolgen.
 So unterdrücken sie oft genug örtliche Freiheiten und zwingen ihre
slawische Sprache Ungarn turanischer Herkunft auf, wie auch den Deutschen,
einer größeren Minderheit mit höherer Kultur. Die Tschechen sind ein sehr
intelligentes Volk, das einer großen Zukunft wert ist. Ihre Führer sind zum
größten Teil eifrige und achtenswerte Patrioten. Aber welch schwierige Aufgabe
 steht ihnen bevor! Die Engländer wissen, wie schwer es ist, ein Volk
von fremder Religion und Rasse zu entnationalisieren. Das beharrliche ununterbrochene
 Werk von Jahrhunderten hat es nicht vermocht den irischen
Widerstand zu brechen. Es kann gelingen, Völker von niedriger Kulturstufe
zu entnationalisieren, niemals Deutsche und Ungarn. Dennoch glauben auch
die tschechischen Staatsmänner, deren Ideen und Herkunft demokratisch
sind, aus nationaler Notwendigkeit gezwungen zu sein, eine Politik der Unterdrückung
 zu treiben und die innere Freiheit zu verneinen.
Am größten ist die Schwierigkeit in Polen, wo die polnischen Volkselemente
 in der Minderzahl sind oder doch nur in schwacher Mehrzahl gegen
Russen, Deutsche und Juden, die noch heute mit unberechtigtem Mißtrauen
angesehen werden. Polen steht in wirklichem Gegensatz zu Rußland und
Deutschland, und trotz der Verträge, ja vielleicht infolge derselben, wird
es zu den Waffen gezwungen und muß in vielen Fällen in seinem Innern
jede Freiheit ersticken.
Ähnliche Situationen, wenn auch in verschiedenem Ausmaße, bestehen in
Griechenland, in Rumänien und in anderen Staaten ; Rumäniens Gewaltsamkeiten
 in Beßarabien haben die ganze zivilisierte Welt erschüttert.

DA
        <pb n="25" />
        Die einzige Garantie der Freiheit, die einzige wahre Verteidigung der Verträge,
 würde ein Staatenbund sein. Aber jede Siegergruppe drängt im Gegenteil
 nach zentralistischem Zusammenschluß, und der Kampf der Rassen und
der Nationalitäten wiederholt den Irrtum von Österreich-Ungarn, der so viel
zum europäischen Krieg beigetragen hat.
Die Notwendigkeit, eine schwankende Ordnung aufrecht zu erhalten, erfordert
 große und kostspielige stehende Heere. Dies aber schadet wiederum
dem demokratischen Geist und treibt die Mittelschichten zur Reaktion und
das Volk zur revolutionären Gesinnung. Es steigert noch dazu das gegenseitige
 Mißtrauen und die finanziellen Schwierigkeiten, wie es auch die wirtschaftliche
 Gesundung der vom Kriege hart geprüften Staaten verhindert.
DIE KRISIS DER LIBERALEN PARTEIEN UND IHRE URSACHEN.
DIE WIRKUNG DES SOZIALISMUS IN DEN FREIEN VERFASSUNGEN
Während dieses internationalen Darniederliegens der Freiheit und der De-Mokratie
 bestehen aber innerhalb jedes Landes die günstigsten Bedingungen
für die Entwicklung des Nationalismus und der Reaktion im Bürgertum
einerseits und des Sozialismus und Kommunismus in der Arbeiterklasse andererseits.
 Diese entgegengesetzten Strömungen stammen aus den gleichen
Sorgen und drohen Europa in eine Folge von Revolutionen und Kriegen zu
verwickeln. Man darf ruhig behaupten, daß wahre und dauerhafte Friedensbedingungen
 den roten und weißen Unruhen jede ernstere Bedeutung nehmen
würden. In Amerika, Australien und den neuen Gebieten sind Sozialismus.
und Nationalismus vor allem deshalb so bedeutungslos, weil dort niemand an
den Krieg glaubt. Es kann übersteigerten Patriotismus oder große und mächtige
 Arbeitsdemokratien geben, aber niemals einen Sozialismus, der das Vaterland
 verleugnet, oder einen Nationalismus, der vom Haß gegen andere Staaten
lebt. Schon vor langer Zeit hat ein tiefer französischer Denker Proudhon
— interessant bis in seine Paradoxe — den überzeugendsten Beweis erbracht,
daß der Krieg den Keim zur Revolution in sich trägt. Es ist hinzuzufügen,
daß die Revolutionen fast immer schon die Reaktion in ihrem Schoß tragen.
Keine geringe Verantwortung für die liberale Krise fällt auf den Sozialismus.
 Die sozialistischen Schriftsteller haben zu viel und zu oft die Sünden
des Liberalismus und die angebliche Schuld des freiheitlichen Wirtschaftssystems
 übertrieben. Die Schriften von Marx, voll von Sympathie für die

V
25
        <pb n="26" />
        Aristokratie und den alten Konservatismus, wurden geschrieben, um die Kritik
gegen das plutokratische Bürgertum wirksamer zu machen. Sie. haben aber
‚deshalb doch keine geringere und minder schädliche Wirkung auf die Geister
ausgeübt. Noch vor wenigen Jahren zeigte G. Sorel, der Apostel des revo-Jutionären
 Syndikalismus, seine Sympathie für die jungen französischen
Monarchisten. Die Kritik des Bürgerstandes veranlaßte stets die sozialisti-‚schen
 Schriftsteller zu den unsinnigsten Übertreibungen gegen die Liberalen.
Die unheilvollen Ideen von Marx haben den Sozialismus auf die Seite der
rohen Gewalt gedrängt. Dies erklärt die Tatsache, daß nicht nur die rote
Revolution in Rußland , sondern auch die weiße Reaktion in Italien von früheren
 revolutionären Sozialisten gemacht worden ist. Es erklärt auch, daß die
italienischen Pazifisten und Nationalisten größtenteils von dem revolutionären
Sozialismus kommen. Ich weiß wohl, daß Marx die Prinzipien der französischen
 Revolution verteidigt hat, denn er betrachtete sie als eine ungeheuere
Stufe in der Entwicklung des Proletariats. Aber ich weiß auch, daß in seiner
Idee die Prinzipien der französischen Revolution nur eine Vorstufe der proletarischen
 Revolution bedeuteten und daß die Endphase nach seiner Meinung
notwendigerweise auf der Diktatur des Proletariats beruhen müsse. Bei aller
Achtung, die man einem Denker von der Kraft und dem Ernst eines Marx
‚schuldig ist, muß man doch zugeben, daß all seine Lehren durch die wissen-‚schaftliche
 Kritik widerlegt sind und daß wenig genug von seinem großen
Werke übrig geblieben ist. Die Wert- und Mehrwert-Theorie, die Geschichte
als Klassenkampf und der historische Materialismus: dies alles sind Ideen,
welche die Kritik vollständig überwunden hat.
Marx sah in der Geschichte der Menschheit nach dem Verlust des ursprünglichen
 Kommunismus einen fortdauernden Kampf, der die Menschheit
durch Knechtschaft, Sklaverei und Frondienst schließlich zum Kommunismus
 zurückführt. Es ist fast eine theologische Vision, an der zum großen
Teil der jüdische Geist teil hatte, ein edler und ruheloser Geist, der seit über
zweitausend Jahren viel Sorge und Trauer in der Welt verschuldet hat.
Aber Marx’ apokalyptische Vision mußte zu einer Schwächung der liberalen
 Gesinnung führen, zu einer Anerkennung der reinen Gewalt und zu
‚einer Anbetung der Macht, welch letztere auch im Dienste des Proletariats
ihrem Wesen treu blieb.
Die sozialistische Organisation, gestützt auf das Prinzip des inneren Klas-‚senkampfes,
 hat eine ganz besondere Denkart geschaffen, welche zur Gewalttätigkeit
 neigt. Der politische Kampf hat, indem er sich in einen Wirtschafts-‚kampf
 verwandelte, die Gegner des Sozialismus zur Organisation von Klassen-26
        <pb n="27" />
        parteien getrieben und die Kraft einer breiteren und universelleren politischen
Idee geschwächt. Der Sozialismus hat kräftig zur Hebung der Arbeiterklassen
beigetragen, indem er sie zusammenschloß, aber er hat mit seinem praktischen
 Materialismus auch jede idealistische Anschauung beeinträchtigt.
Der Sozialismus schwankt immer in dem Widerspruch zwischen einem
unwirksamen Partikularismus und einer apokalyptischen Vision. Der Liberalismus,
 als ein Ausdruck bürgerlicher Interessen betrachtet, hat in der Tat
das Gefühl für die Freiheit beeinträchtigt, aber das eigentliche revolutionäre
Ideal des Sozialismus, das auf einer Beseitigung der Klassen beruht, hat auch
dazu beigetragen, angesichts der Tatenunlust der Massen die Gewaltinstinkte
der sie vertretenden Männer zu fördern.
Der Ruf von Marx: „Proletarier aller Länder vereinigt euch! ist
in Wirklichkeit oft genug nicht ein Ruf der Vereinigung, sondern der Entzweiung
 gewesen. Wie oft haben wir mit Abscheu von revolutionären Sozialisten
 die Behauptung gehört, die Kapitalisten ihres eigenen Landes seien
schlimmere Gegner als die äußeren Feinde!
Gleich nach dem Krieg hat ein größerer Drang zur Gewalttätigkeit die
Sozialistischen Parteien entflammt; zu dieser äußerst bekümmernden Tatsache
 hat das Beispiel und die Propaganda Rußlands nicht wenig beigetragen.
Das russische kommunistische Experiment hat viele Geister verwirrt und
viele Gewissen betrogen.
So erinnere ich mich einer bewegten Sitzung der italienischen Kammer
nach dem Kriege, wo ein Mitglied der sozialistischen Arbeiterpartei — einer
von den Erregtesten, aber nicht von den Intelligentesten — eine Reihe unheilvoller
 Ideen mit endlosen Irrtümern darlegte. Ich folgte als Ministerpräsident
der Diskussion vom Regierungstisch aus und konnte als Kenner der nationalökonomischen
 Wissenschaften und der gesamten sozialistischen Literatur den
Einwurf nicht unterdrücken : „Kein Theoretiker des Sozialismus hat diese
Dinge gesagt, weder Marx, noch Engels . . . .“ Sicherlich hatte der Redner
diese nie gelesen und konnte sie gewiß nicht begreifen. Er erwiderte aber mit
der Sicherheit der Ignoranten : „Wir glauben nicht an die deutschen Lehren,
sondern nur an den russischen Sowjet-Sozialismus . ...“
Kriege können wohl eine Notwendigkeit sein, aber fast niemals die Verbreitung
 moralischer Grundsätze fördern, auf denen die soziale Ordnung allein
beruht. Es ist nicht richtig, daß sie an Disziplin gewöhnen oder daß sie das
Ordnungsgefühl wecken. Der Krieg gewöhnt an Gewaltsamkeit und läßt im
Geist der Menge die gefährlichen Leidenschaften wuchern, die die Zivilisation
wenn nicht erstickt, so doch gebannt hatte. Als die Kriege von einer kleinen

7
        <pb n="28" />
        Zahl Berufssoldaten ausgefochten wurden, griffen sie noch nicht stark in das
wirtschaftliche Leben ein und übten auf den Geist keinen dauernden Einfluß
aus. Aber heute, wo ganze Nationen gegen einander kämpfen, wo Völker
gegen Völker, zehn Millionen Kämpfer zehn anderen Millionen gegenüber
stehen, heute rufen die Kriege wahre soziale Katastrophen hervor. Sie nähren
den Geist der Gewalt und das Verlangen nach müßigem Leben und mühelosem
 Gewinn.
Der letzte große Krieg ist für fast alle gleich unheilvoll gewesen. Sieger,
Besiegte und Neutrale haben alle, wenn auch in verschiedenem Maße, darunter
gelitten. Wo wirtschaftliche Zusammengehörigkeit zwischen den Völkern
herrschte, hat er entzweit; er hat Revolutionen und Reaktionen, Diktaturen
und innere Gegensätze verursacht, ein tiefes allgemeines Siechtum und neue
Bedrohungen der Freiheit.
DER NATIONALISMUS ALS VERLEUGNUNG DER FREIHEIT
UND DER DEMOKRATIE
Der Krieg hat in jedem Land den Nationalismus entwickelt und ihn dort,
wo er nicht bestand, hervorgerufen. Der Nationalismus ist die unvermeidliche:
Folge revolutionärer Bewegungen; er ist zugleich ein Gegengift und eine
Gefahr, weil der Nationalismus eines Landes den Nationalismus aller umgebenden
 Länder weckt und der Wettstreit dieser nationalistischen Gesinnungen
 nur neuen Haß und neue Kriege erzeugen kann.
Was der Nationalismus eigentlich ist, läßt sich schwer sagen. Bis heute
besitzt er gewandte Schriftsteller und eifrige Verbreiter, aber keinen wahren
Denker und keinen wahren Theoretiker. Seine geschätztesten Theoretiker sind
Literaten oder Roman-Schriftsteller, die oft feine Stilisten sind, aber keine
historischen und häufig auch keine volkswirtschaftlichen Kenntnisse besitzen..
Der Nationalismus ist mehr ein reaktionärer Seelenzustand als eine Lehre. In
ihm findet man die Keime aller alten Ideen und Irrtümer wieder, die schon
verschwunden schienen ; alle Keime der Gewalt, den Geist der Reaktion, den
Anti-Semitismus, die Xenophobie (Fremdenfurcht) und die alten Formen des
Klerikalismus.
Die Freiheit und die Demokratie stellen das Gleichgewicht der zivilisierten
 Gesellschaften dar ; die Reaktion und der Sozialismus sind zwei extreme
 Formen der Verneinung. Ein wahrer Liberaler, der zugleich überzeugter
 Demokrat ist, kann weder Reaktionär noch Revolutionär werden, Da-VI.


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        <pb n="29" />
        gegen werden Reaktionäre und Revolutionäre von ihrer Geistesart zum Radikalismus
 getrieben. Es ist höchst charakteristisch, daß der Nationalismus und
der Fascismus in Italien zum großen Teil das Werk revolutionärer Sozialisten
ist, die noch vor wenig Jahren Familie, Vaterland und Eigentum verleugneten.
Viele der Männer, die jetzt in Europa den Nationalismus vertreten, waren früher
Sozialisten und haben am stärksten die Arbeitermassen aufgehetzt. Der Nationalismus
 ist also nicht eine Lehre, sondern ein Seelenzustand ; er ist die patriotische
 Übersteigerung gegenüber anderen Ländern; er ist Rückkehr in die
Vergangenheit sowohl in den inneren wie in den internationalen Beziehungen.
Die Liebe zum Vaterland ist heilig. Die Nation ist eine erhabene Idee,
aufgefaßt als historische Form und Grundlage des Vaterlandes. Man kann in
der jetzigen Kulturepoche keine menschliche Entwicklung begreifen, wenn
nicht in jenen von Geschichte und Gefühl gebildeten Gruppen, die man Nationen
 nennt. Jedes internationale Werk, jedes gemeinsame Wirken von Völkern
 setzt das Vorhandensein freier und unabhängiger Nationen voraus.
Die Nationalisten bedienen sich fast immer der gewaltsamen Ausdrucksweise
 der revolutionären Parteien. Sie wollen, indem sie sich mit der Nation
identifizieren, eine bestimmte Gesellschaftsform auf reaktionärer Grundlage
aufzwingen und erklären diejenigen für antinational, die nicht bereit sind,
ihre. Behauptungen anzuerkennen.
Der Nationalstaat gründet sich nach der Auffassung des Nationalismus
auf das Mißtrauen gegen andere Völker, auf das Programm der Macht und
auf die Begeisterung für den Krieg. Er bedeutet nicht Liebe zum Vaterland,
sondern Haß gegen die anderen Länder. Jeder Nationalstaat kann, als ein Organismus
 aufgefaßt, sich nur zum Schaden der anderen Nationen entwickeln.
Der Nationalismus ist für die Nation dasselbe, was die Bigotterie für die
| Religion ist: die Herabsetzung einer erhabenen Idee. Der Nationalismus jedes
: Volkes neigt logischerweise zur Hegemonie über andere Nationen. In jedem
Lande streben die Nationalisten nach der Beherrschung anderer Völker; so
ı wandelt sich der Nationalismus fast immer zum Imperialismus, zum Schaden
1 der nationalen Idee. Es handelt sich nicht darum, daß sich die Nation be-L
 haupte, sondern daß der Staat herrsche.
Wohin würden die nationalistischen Programme führen ?
Wenn die siegreichen Deutschen Belgien oder ausgedehnte französische
und russische Gebiete annektiert hätten, so wären sie nicht nur zu einer militärischen
 Politik gezwungen, sondern auch zur Unterdrückung aller inneren
Freiheit, um die annektierten Gebiete zu nationalısıeren.
Dasselbe würde eintreten, wenn die siegreichen Franzosen das linke Rhein-79
        <pb n="30" />
        ufer mit elf Millionen Deutschen annektierten. Frankreich hätte keinen Frieden
 und vielleicht auch selbst keine Freiheit mehr. Ich spreche nicht von
einem italienischen nationalistischen Programm, das gegen Franzosen, Deutsche
 und Slaven gerichtet sein müßte, d.h. gegen kräftige Völker, die sich
nicht assimilieren lassen. Die siegreichen Nationen würden sich durch das
Aufnehmen fremder Elemente ihrer organischen Form berauben.
Während also die internationale Politik des Nationalismus notwendig zum
Kriege, ja zu einem dauernden Kriegszustand führt, muß sich seine innere
Politik auf die reaktionärsten Kräfte gründen. Der deutsche Nationalismus
stützte sich vor allem auf das preußische Junkertum und auf die großen
Kriegsindustriellen; er trachtete nach der gewaltsamen Vereinigung verschiedener
 Völkerschaften in Mittel-Europa. Der französische Nationalismus ist
eine mittelalterliche Idee, die auf monarchischen und religiösen Überlieferungen,
 auf Chauvinismus und literarischen Übersteigerungen beruht. Er
ist also vor allem monarchisch. Aber in einem scharfsinnigen Land, wo die Bewunderung
 selten und das Belächeln von Übertreibungen groß ist, und wo
die betreffenden Anwärter auf den Thron eben nicht nur zum Lächeln, sondern
 zum Lachen bringen, stellt der Nationalismus nur eine vage reaktionäre
Tendenz dar. In Italien ist der Nationalismus geistig zu arm, um hervorgehoben
 zu werden. Er ist ein eingeführtes Produkt, welches der Natur der
Italiener nicht entspricht und noch nie eine Idee geschaffen hat.
Vor und während des Krieges warf man nur dem deutschen Volke seinen
Nationalismus, mehr noch die Bestrebungen seiner Nationalisten vor. Aber
nach dem Kriege hat sich der nationalistische Geist fast überall ausgebreitet.
Jedes Land, welches Gebiete verschiedener Sprachen und Nationalitäten annektiert
 hat, will diesen die eigene Nationalität aufzwingen. Die Tschechen
wollen die Slovaken, Deutschen und Ungarn beherrschen und entnationalisieren.
 Die Rumänen erstreben das Gleiche bei russischen, ungarischen und
bulgarischen Volksteilen, ebenso die Griechen bei den verschiedensten Völkern,
 die Polen gewaltsam bei Russen und Deutschen und ebenso die Italiener
bei den Deutschen des oberen Etschgebietes. Solche Versuche sind oft ebenso
ergebnislos wie heftig und führen am Ende zu geistigen Bündnissen jenseits
der Grenzen des Staates. Jeder Staat wird vom Nationalismus einerseits zu
großen militärischen Waffenrüstungen, andererseits zum Schutzzoll-System
getrieben. Die Finanzkrise wird nicht geringer und die der Produktion und
des Handelsverkehrs nimmt zu. Nach der Abrüstung der Besiegten steht in
Europa eine Million Menschen mehr unter den Waffen als vor dem Krieg.
Man sucht und schließt Garantie-Verträge, und niemand erkennt, daß die

30
        <pb n="31" />
        einzige Garantie in der geistigen Abrüstung liegt, d.h. im Aufgeben der
nationalistischen Überhebung.
Die Illusion jedes Nationalismus ist, wirken zu können, ohne bei anderen
Völkern eine Gegenwirkung auszulösen. Der Nationalismus, d.h. der Dauerzustand
 von Mißtrauen eines einzelnen Volkes gegen die anderen, muß das Mißtrauen
 aller anderen Völker erregen. Natürlicherweise verursacht ein deutscher
Nationalismus einen französischen, wie ein polnischer Nationalismus einen
) heftigen russischen Nationalismus hervorruft oder verstärkt. Wenn die italie-;
 nische Regierung eine nationalistische Haltung annimmt, müssen selbstver-'
 ständlich Franzosen, Deutsche und Slaven denselben Weg einschlagen. Seit
Europa begonnen hat, vom Nationalismus zu sprechen, sind alle Völker außerhalb
 Europas mißtrauischer geworden. Sie haben der Einwanderung ihre
Pforten versperrt und die wirtschaftlichen und bürgerlichen Rechte der Fremden
 beschränkt. Wenn alle Völker der Erde der nationalistischen Seuche verfallen
 und ihre Grenzen sperren, ist es vor allem das mit Menschen überfüllte,
landarme Europa, welches darunter leiden muß.
Die nationalistische Gesinnung hat das Schutzzoll-System zur Folge gehabt
&amp;gt; und dieses nicht in dem vernünftigem Maße wie vor dem Krieg, sondern ein
intolerantes Schutzzoll-System. Auch die minderwertigen Industriezweige fordern
 nationalen Schutz, und jedes Land will seine nationale Industrie haben.
Man spricht hochtrabend von nationalem Korn, nationalem Eisen und anderen
ı nationalen Erzeugnissen. Ich selbst habe in manchen Zeitungen gelesen, daß
® es das Ziel der Italiener sein müsse, nationales Brot aus nationalem Korn
herzustellen. Es ist schwierig für die Italiener, bei dem Anwachsen ihrer Bevölkerung
 und ihrem engen und zum großen Teil aus klimatischen Gründen
; für Getreidebau nicht geeigneten Gebiete je dieses Ziel zu erreichen. Aber ist
dieses unsinnige und banale Ziel überhaupt wichtig? Es ist nicht nur sinnlos,
1 sondern auch unökonomisch. Das wesentliche für Italien ist eine solche Fülle
und Mannigfaltigkeit von Produkten hervorzubringen, daß der Güteraus-7
 tausch alles für das Leben Nötige verschafft. Es gibt wenige Länder der
&amp;gt; Erde, die wie die Vereinigten Staaten Amerikas, Rußland oder China durch
5 ihre Größe selbständige Wirtschafisgebiete bilden und von ihren eigenen Er-1
 zeugnissen leben können. Alle anderen Länder können nur durch Güterausa
 tausch leben.
1 Für Länder wie Italien ist der Nationalismus nicht nur ein Verbrechen,
2 sondern eine Torheit; und Torheit ist für die Völker schlimmer als Verbrechen.
 Italien wird wie kein anderes Land vom Nationalismus geschädigt,
6} da es nur durch freiheitliche: Verhältnisse und durch Güteraustausch leben

234
        <pb n="32" />
        kann. Italien müßte liberal und demokratisch sein, um gedeihen und erstarken
zu können. Es umfaßt jetzt eine große Zahl von Menschen : etwa zweiundvierzig
 Millionen im Inlande und ungefähr zehn Millionen im Auslande. Das
Gebiet ist so beschränkt, und der Feldbau begegnet in einem beträchtlichen
Teil der Halbinsel so großen Schwierigkeiten in den natürlichen Verhältnissen
(Malaria, unregelmäßiger Regen, Unsicherheit in der Bewässerung), daß
Italien vom Ackerbau allein nicht leben kann. Es braucht vielmehr eine große
Industrie und einen ausgedehnten Güteraustausch. Italiens schon zu dichte
Bevölkerung wächst aber jährlich um etwa eine halbe Million Menschen. Die
mineralischen Bodenschätze sind gering, und die Kolonien haben einen mehr
als bescheidenen Wert und sind ganz ertraglos. Sie werden nie eine große
Entwicklung haben, noch einen großen Einwandererstrom aufnehmen können.
 Aber sie werden zu ihrer Aufschließung großes Kapital erfordern und
werden niemals, vor allem Lybien nicht, nennenswerte Erträgnisse liefern.
Mehr als jedes andere Land des europäischen Kontinents braucht Italien Freiheit
 für seine Existenz und Entwicklung. Italien muß seine Erzeugnisse und
den Überschuß seiner Bevölkerung nach dem Ausland abführen, um die unentbehrlichsten
 Dinge zu erwerben : wenigstens 100 Kilo Korn, Lebensmittel
und Fett für jeden Bewohner, die ihm völlig mangelnden Kohlen, das ihm
fast ganz fehlende Eisen, die Baumwolle, die Düngemittel usw.
‚_ Vor allem muß es nach freiem Güteraustausch und reger, freier Arbeitsamkeit
 trachten. Sein ganzes Streben muß dahin gehen, seine Arbeiter zur Tüchtigkeit
 zu erziehen, die Arbeit, welche „unskilled‘““ (ungelernt) ist, wie die
Engländer sagen, „skilled‘“ zu machen. Es muß all seine Wasserkräfte ausnutzen
 und in den fruchtbareren Landstrichen den Kampf gegen die Malaria
aufnehmen. Italien braucht billiges Kapital, zahlreiche Schulen, einen wohlerwogenen
 Produktionsplan und ein Abflußgebiet für die Auswanderung,
Jede nationalistische Regierung bei anderen Völkern ist für Italien eine
Gefahr und ein Unheil. Jede nationalistische Erhebung in Italien, jede schutzzöllnerische
 Maßnahme, jede mißtrauische Haltung, jede imperialistische Geschmacklosigkeit,
 sei sie auch nur literarisch, muß unvermeidlich nationalistische
 Bewegungen bei anderen Völkern hervorrufen. Der italienische Arbeiter
 ist ausdauernd und genügsam ; seine Stärke ist zum großen Teil die
Folge seiner Bewegungsfreiheit. Was bedeutet für ihn eine nationalistische
Politik ?
Italien muß entweder die anderen Völker beherrschen oder mit ihnen in
Eintracht leben. Die Völker, die Italien umgeben, sind sehr kriegserfahren:
die Franzosen, die Deutschen, die Slaven. Ohne Gefahr und Unheil kann

39
        <pb n="33" />
        U Italien nicht hoffen, neue Gebiete zu erobern. Und andererseits haben die
- Gebiete, die es annektieren könnte, keinen beträchtlichen wirtschaftlichen
3 Wert. Jeder Kampf zwischen Italien und den Nachbarvölkern würde tödlich
} sein und in jedem Fall unheilvoll für den europäischen Frieden. Nichts-©
 destoweniger muß aller italienische Nationalismus französische, deutsche und
&amp;gt; slavische Nationalisten-Bewegungen verursachen. Der Nationalismus ist für
S Italien eine Quelle unfruchtbaren Hasses, wenn nicht der gerade Weg zum
S Selbstmord. Er ist ein Programm künftigen Elendes, bar jeder Vernunft.
7 Trotzdem besitzt auch Italien einen heftigen und intoleranten Nationalismus,
C und wenn dieser noch nicht viel Schaden verursacht hat, so ist es deshalb, weil
2 in der auswärtigen Politik seine Äußerungen, abgesehen von manchem groben
Irrtum, wie die Besetzung von Korfu, die Bedrohungen Afghanistans und
die Beschimpfungen Deutschlands, bisher nur in Worten bestehen.
Der Nationalismus oder, besser ausgedrückt, das Streben nach Vergrößerung
 des Staates war die Basis alles Wirkens der meisten absolutistischen
Regierungen. Aber die letzteren sprachen ım Namen eines göttlichen Rechtes,
und die Eroberung schien den weniger fortgeschrittenen Völkern ein Mittel
| zur Bereicherung.
: In allen Zeiten sahen sich die Menschen vor die Frage gestellt, ob es
vorteilhafter sei, selber Reichtum zu erzeugen oder den von anderen erzeugten
Reichtum sich anzueignen. Oft erschien das Letztere vorteilhafter. Die Kriege,
von kleinen Berufsheeren geführt, konnten lange dauern, ohne zu sehr die
Wirtschaft der kämpfenden Nationen zu erschüttern. Die Sieger bemächtigten
 sich aller Reichtümer der Besiegten, ja oft auch ihres Landes und der
Menschen. Die einbrechenden Truppen machten sich zu Herrschern, und die
Soldaten wurden zu Lehensherren und Landeigentümern. Vom wirtschaftlichen
 Standpunkt aus war der Krieg fast immer ein Vorteil für den Sieger.
Aber die modernen Kriege, die von ganzen Nationen ausgefochten werden,
verelenden fast im gleichen Maße Sieger und Besiegte ; auch die gerechtesten
Landesvergrößerungen, seien sie selbst eine historische oder nationale Notwendigkeit,
 gereichen fast niemals zum Vorteil. Die wirtschaftliche Lage
nach einem großen Kriege bedeutet im heutigen dicht bevölkerten und auf
den Güteraustausch angewiesenen Europa nichts als allgemeinen Schaden,
ganz gleich, ob man von Siegern, Besiegten oder Neutralen spricht. Die Auffassung
 des Krieges als wirtschaftliches Unternehmen ist also recht weit von
der heutigen Wirklichkeit entfernt. Ein Krieg kann eine Notwendigkeit sein,
aber niemals ein Gewinn.
Früher, als der Krieg als wirtschaftliche Unternehmung aufgefaßt wurde,
Bolschewismus 3

33
        <pb n="34" />
        setzte die persönliche Verantwortlichkeit der absoluten Herrscher und die
Bedrohung ihrer Dynastie ihren Irrtümern Schranken. Aber wer zügelt heute
die untauglichen nationalistischen Parteien? Ihre Männer haben weder das
Ansehen der Tradition, noch den Nimbus des göttlichen Rechtes. Sie haben
nur die literarischen Ergüsse ihrer Zeitungen, die, wenigstens in Italien, oft
an der Zurechnungsfähigkeit der Verfasser zweifeln lassen.
VIL
DIE REAKTION IN EUROPA UND DAS DIKTATUR-FIEBER
DER MITTELMEERSTAATEN
Überall wo der Nationalismus herrscht, neigt er dazu, den demokratischen
Monarchien einen autokratischen Charakter zu verleihen oder die republikanische
 Regierung zu Gunsten einer proletarischen oder militärischen Diktatur
umzustürzen. Haben diese Versuche zur Wiederherstellung der Monarchie
und zur Verwandlung einer demokratischen in eine autokratische Monarchie
irgendwelche Aussicht auf Erfolg?
Der Krieg hatte die Krisis der Monarchien zur Folge. Die Überdauernden
wie Großbritannien, Belgien, Holland und Skandinavien haben sich zum
großen Teil mutig in die neue Situation gefunden ; einige wurden zur Reaktion
 getrieben, wie Spanien, und begingen damit ihren gefährlichsten Irrtum.
In meiner Kindheit war ein guter Teil der Erde von drei Kaiserreichen beherrscht:
 Rußland, China und Brasilien. Heute sind sie verschwunden. In
ganz Amerika gibt es heute keine einzige Monarchie, und niemand glaubt, daß
es möglich sei, dort eine neue zu gründen. Die englischen Dominions, von
größerer Ausdehnung als Gesamteuropa, haben republikanische Verfassungen
und sind größtenteils wirkliche Arbeiterdemokratien.
Bei Ausbruch des Krieges 1914 nahmen drei kontinentale Kaiserreiche
den größten Teil Europas ein : Rußland, Deutschland und Österreich-Ungarn.
Heute finden sich auf dem gemarterten Boden der drei großen Reiche nur
Republiken. Alle besiegten Länder haben die monarchische Regierungsform
aufgegeben ; nur Bulgarien hat sie behalten, dessen innere Lage aber äußerst
schwierig geworden ist. Bei Kriegsausbruch gab es in Europa einschließlich
der vier Kaiserreiche einundzwanzig Monarchien und nur drei Republiken ;
die Bewohner der Republiken standen im Verhältnis ı zu 6 gegen die der
Monarchien. Nur das britische Imperium hat den Krieg überstanden, und die
Monarchien haben sich auf elf vermindert, die Republiken auf sechzehn vermehrt.
 Die republikanische Staatsform hat sich in den größten Ländern des

3A
        <pb n="35" />
        © Kontinents eingebürgert. Das Verhältnis hat sich völlig umgekehrt : die Rein
 publiken haben heute die doppelte Bevölkerungszahl der Monarchien. Eine
S solche Umwandlung der Verfassung ist noch nie dagewesen, und man kann
n vorhersehen, daß ein neuer Krieg die letzten Monarchien stürzen würde.
N Ist nun die Wiederherstellung von Monarchien möglich? Für die neuen
Erdteile ist eine solche Möglichkeit nicht anzunehmen. Für Europa ist aber
jede Prophezeiung schwierig wegen der Unsicherheit der allgemeinen Lage
und der herrschenden Unordnung. Man kann jedoch ohne Zögern behaupten,
daß für Frankreich und Deutschland, die zwei großen industriellen Nationen
des Festlandes, eine Rückkehr zur Monarchie nicht wahrscheinlich ist. Plötzliche
 reaktionäre Bewegungen sind überall, wo ein gebildetes und intelligentes
8 Bürgertum lebt, nicht zu erwarten. Frankreich ist durchaus republikanisch.
] Deutschland besitzt wohl reaktionäre Parteien, aber die Rückkehr zur Mox
 narchie ist dort kaum möglich. Die Verfassung von Weimar — die demokra-°
 tischeste Verfassung des modernen Europa — kann sich für festgegründet
n halten ; sie hat noch dazu das Verdienst gehabt, den überlieferten Partikularismus
 zu mildern und das nationale Bewußtsein zu entwickeln. Was auch
n die Schicksale des Bolschewismus und seine unvermeidlichen Wandlungen
ns und Schwächungen sein mögen, so denkt in Rußland doch niemand ernsthaft
an die Rückkehr zur zaristischen Regierung, die zu den schändlichsten und
brutalsten Herrschsystemen der Geschichte gehörte. Eine der größten Sünden
 der Entente war es, die erfolgte Umwandlung nicht gleich verstanden
n und die Männer des alten Regimes in ihren unsinnigen Forderungen unterstützt
 zu haben.
&amp;gt; Nur die monarchischen Versuche in Ungarn haben einen gewissen Bestand
n gehabt. Sie waren vor allem Ausdruck der Unzufriedenheit, der berechtigten
Unzufriedenheit eines edlen Volkes, dem die Verträge das schändlichste Un--
 recht und die empörendsten Beraubungen zugefügt hatten. Aber diese Vern
 suche, entartet durch die dekadenten Elemente einer zynischen Aristokratie,
x die bis zur Geldfälschung ging, haben die lebhafteste Abneigung Europas
n hervorgerufen und der Sache, der sie zu dienen vorgaben, außerordentlich
;t geschadet.
B Es hat sich in Europa ein Mittelmeer-Fieber der Diktatur verbreitet.
. In allen Ländern des Mittelmeers haben sich Diktaturen unter verschiedenen
. Formen und Gründen festgesetzt: Italien, Spanien, Türkei, Griechenland.
; Jedes dieser Länder hat tatsächlich die frühere Verfassung beseitigt und eine
besondere Art von Diktatur gewählt. Welches auch die Schicksale dieser Dik-|
 taturen des Mittelmeeres sein mögen, sie haben keine Aussicht auf Nachfolge.

35
        <pb n="36" />
        Der Versuch der Türkei aber verdient Beachtung. Die Türkei hat nach drei
unglücklichen Kriegen und nachdem die Grundlage ihrer Macht verloren war,
durch die Rückkehr nach Asien und durch die Befreiung von allen europäischen
 Intrigen Konstantinopels ihre ganze Kraft wieder gewonnen. Das arme,
verheerte und von Malaria verseuchte Angora löste die Türkei von der europäischen
 Diplomatie, welche gerade in Konstantinopel ihre schmachvollsten
Seiten gezeigt hatte. Es ist dieselbe Bewegung wie in Sowjet-Rußland, wo
man Petrograd verließ und in Moskau alle Kräfte slavischer Überlieferung
wiederfand.
Die Bewegungen in Griechenland verdienen kein Interesse, weil sie nur die
Unordnung zeigen, die den Niederlagen in Kleinasien folgte.
Die militärische Diktatur in Spanien ist eine vorübergehende Erscheinung
von geringerer Wichtigkeit. Den streitenden Parteien gelang es nicht, feste
und dauernde Regierungen zu bilden. Der König beseitigte im Einverständnis
mit einigen der militärischen Führer die Verfassung oder hob sie vielmehr
auf, ohne wirklichen Widerstand im Volk zu finden. Wahrscheinlich wird
das alles schnell enden ; wahrscheinlicher noch bereiten sich künftige Revolutionen
 vor. In jedem Falle hat diese Diktatur weder Wirkung, noch Nachahmung,
 noch Sympathie in der europäischen Politik gefunden, hat aber die
Monarchie ernstlich bloßgestellt. Wahrscheinlich wird sie Spanien zu einer
demokratischen Gegenbewegung treiben, die seine Erneuerung bedeuten kann.
Es gibt in Europa nur zwei wichtige Erscheinungen, welche die
Verleugnung der Freiheit darstellen: den russischen Bolschewismus
 und den italienischen Fascismus.
Das Charakteristische dieser beiden Bewegungen liegt nicht nur darin, daß
sie von Männern des revolutionären Sozialismus ausgehen, sondern auch in
ihrer gemeinsamen Abneigung gegen jegliche Freiheit des Einzelnen und
gegen die Demokratie. In beiden Fällen war es eine Minderheit, welche idie
durch den Krieg geschaffenen Zustände benutzte und sich mit Waffengewalt
durchsetzte. Sie behauptete ihre Herrschaft, indem sie die Freiheit mehr
oder weniger unterdrückte und nur Abneigung und Verachtung für die demokratische
 Organisation zur Schau trug. Aber welche Verbrechen man auch der
Sowjetherrschaft vorwerfen mag, sie bleibt ein großes geschichtliches Weltereignis.
 Die Reaktion in Italien bleibt dagegen nur ein Tagesereignis, weil sie
sich auf kein Ideal, nicht einmal auf ein falsches gründet, sondern nur auf
brutale Gewalt.
Aber doch haben Bolschewismus und Fascismus auf die Arbeiterklassen
und die reaktionären Schichten eine große Anziehungskraft ausgeübt. Jahre-36
        <pb n="37" />
        lang hat das Volk fast überall mit dem Bolschewismus sympathisiert, yielleicht
 infolge des ungerechten Kampfes der Regierungen gegen Sowjet-Rußland.
 Als die wahren Zustände bekannt wurden, hat fast überall diese Sympathie
 nachgelassen ; die Hoffnung und das Vertrauen auf die Weltrevolution
und die Illusionen über das Werk des Kommunismus sind fast allgemein verschwunden.
 Auch die kommunistischen Parteien neigen zu einer Entfremdung
 von Moskau.
Die reaktionären Schichten haben dagegen überall Freundschaft und
Wohlwollen für den Fascismus gezeigt. Für eine bewaffnete Macht, die sich
des Staates zu bemächtigen weiß, die Verfassung abändert, den Sozialismus
unterdrückt und die Arbeiterbewegung erstickt, bedeutet der Fascısmus das
einfachste und kostenloseste Mittel zur Reaktion. Statt die Arbeiter an der
Hand zu fassen, um sie zu überzeugen, ist es einfacher, sie an der Kehle zu
packen ; statt Sinn für Ordnung durch Presse und Propaganda zu verbreiten,
ist es einfacher und billiger, die Ordnung durch Überfälle, Rizinusöl und bewaffnete
 Banden zu erzwingen. Auch in England, Frankreich und Deutschland
 ersehnen viele Reaktionäre einen Mussolini.
Ist es möglich, daß der Fascismus Nachahmer findet und in andere Länder
eindringt? Oder ist er nur ein durch zeitliche und örtliche Umstände bedingtes
 Phänomen ?
VIIL
DIE NEUE FORM DER REAKTION: DER FASCISMUS
Ich will von dem Fascismus leidenschaftslos reden, ohne der Fehler und
selbst der Gewaltsamkeiten zu gedenken, die man ihm vorgeworfen hat. Ich
will von ihm reden als von einem politischen Ereignis, als von einer Gesinnung,
 die die Freiheit und die Demokratie verneinen möchte.
Der Fascismus ist in Italien, wie ich schon sagte, auf das Werk von revolutionären
 Sozialisten zurückzuführen, welche erst den Krieg bekämpften
und sich dann später zu ihm bekannten. Er stellt in seinen Anfängen eine
äußerst radikale und auch sozialistische Bewegung dar. Der Urheber der
Bewegung, Mussolini, hatte als Leiter des Avantı immer die allerradikalsten
Grundsätze vertreten. Er war zu Beginn des Krieges Neutralist; dann bekannte
 er sich zum Krieg. Er beteiligte sich an der roten Woche von 1914,
also an einem proletarischen Aufstand kommunistischer Art.
Der Fascismus vertrat im März 1919 vor der Öffentlichkeit Alles, was er
heute leugnet. Statt seiner heutigen antidemokratischen und hierarchischen

37
        <pb n="38" />
        Formen zeigte sein Programm die äußersten radikalen Grundsätze: eine italienische
 konstituierende Nationalversammlung, aufgefaßt als Teil einer gesamteuropäischen
 Revolutionsbewegung, Beseitigung der Monarchie und Proklamation
 der Volksherrschaft, Beseitigung des Senats und jeder künstlichen
und willkürlichen Art von Vorrechten, Abschaffung der politischen Polizei,
Beseitigung aller Klassentitel, aller Adels- und Ritterschaftstitel, Gewissensfreiheit
 und weiteste Religionsfreiheit, Auflösung der Aktiengesellschaften,
Unterdrückung aller Arten von Bank- und Börsenspekulationen, Abschätzung
des Besitzes und Beschränkung der großen Vermögen, Verteilung des Landes
unter Bauerngenossenschaften, Abschaffung der geheimen Diplomatie, Bund
der europäischen Staaten usw. Der Fascismus war eine Form von gemildertem
 Kollektivismus. Er proklamierte die extremsten Ideen und gewann
die begeisterte Jugend und die mit dem Krieg Unzufriedenen leicht für sich.
Eine Zeitung, die heute das fascistische Programm vom Jahre 1919 vertreten
 wollte, würde sofort von der Zensur der fascistischen Regierung unterdrückt
 werden, man würde ihre Herausgeber als Feinde des Vaterlands verfolgen.
 Man würde sie sogar töten oder mindestens mit Rizinusöl strafen.
Während meiner Regierung wetteiferten Mussolini und die Fascisten mit
den radikalsten Sozialisten im Ermutigen und Erregen von Streiks, auch in
den öffentlichen Betrieben, und im Aufstacheln revolutionärer Bewegungen.
Meinem Ministerium folgte ein Ministerium Giolitti. Ich hatte immer, sogar
mit gewaltsamen Mitteln, jede Besetzung von Fabriken verhindert, und die
einzige in Piemont aus besonderen Ursachen vorgekommene Besetzung hatte
keine Folgen gehabt. Der allgemeine Einbruch in die Fabriken fand unter
dem Ministerium Giolitti statt und wurde unerklärlicherweise geduldet; der
Fascismus ermutigte und verteidigte ihn. Der Fascismus war also ursprünglich
 eine revolutionäre Bewegung. Auch später warf Mussolini den Sozialisten
immer vor, daß sie ihm nicht gefolgt seien und den günstigen Augenblick für
eine revolutionäre Erhebung hätten vorübergehen lassen.
Der günstige Augenblick war in der Tat im Jahre 1919 gewesen, als die
Wiederaufnahme der Arbeit sich als schwierig herausstellte, weil die Kriegsneurose
 noch zu stark war ; die Zahl der Unbeschäftigten war besonders im
kleinen Bürgertum sehr hoch. Damals bestand noch der Glaube an Rußland
und eine allgemeine Unzufriedenheit. In jener schweren Stunde versuchte ich,
alle Maßnahmen zu treffen, welche eine revolutionäre Erhebung am sichersten
 verhindern konnten. Inmitten der Schwierigkeiten, die nationalistische
und rote Abenteuer mir verursachten, spaltete ich die reaktionären Kräfte
mit einer mutigen demokratischen Politik ; ich vermehrte die Polizei-Mann-38
        <pb n="39" />
        schaften und Organe der öffentlichen Sicherheit gewaltig, schränkte die Ausgabe
 von Papiergeld ein und sorgte mit kühnen Steuern für die Gesundung
des Reichshaushalts. Aber ich mußte gegen die extremsten Elemente kämpfen,
und unter den Aufgeregtesten waren die Anhänger des Fascismus.
Mussolini übte als Revolutionär auftretend eine große Anziehungskraft
aus. Wenn die Sozialisten ihrerseits ihn verleugneten, weil er sıe verlassen
hatte, schmähte er sie seinerseits wegen ihrer Inkonsequenz. Seine kommunistische
 Herkunft veranlaßte ihn zur Abneigung gegen liberale und demokratische
 Einrichtungen; sein revolutionäres Temperament führte ihn bis zur
Verherrlichung der Gewalt. Gleichzeitig erfüllte ihn seine Zustimmung zum
Krieg und seine Beteiligung daran mit einem übertriebenen nationalen Stolz,
| der stark im Gegensatz stand zu seiner oft vulgären und niedrigen Redeweise,
wie sie von vielen Sozialisten nach dem Kriege gebraucht wurde. (Auch wer
den Frieden liebte, konnte den Ekel nicht unterdrücken über die Verherrlichung
 der feigen Desertation in den niederen sozialistischen Kreisen nach
dem Kriege.) Man muß erkennen, daß auch bei dem Parteiwechsel Mussolinis
seine N eigung zur Gewalt gegenüber allen Klassen der Gesellschaft die gleiche
| blieb. Er hätte für den Sozialismus das tun wollen, was er unter dem Zwang der
Ereignisse später gegen ihn tun mußte. Ich schließe nicht aus, daß in seinem
/ Innern noch die Sehnsucht nach den alten Idealen und die Abneigung gegen
seine früheren Genossen wach sei, die er räudige Schafe nannte, weil sie ihm
nicht hatten folgen wollen. Mussolini muß man nicht nach seinen Ideen beı
 urteilen, die sich oft gewandelt haben und wahrscheinlich noch oft wandeln
werden, sondern als ein Eroberer-Temperament und einen unzähmbaren und
heftigen Abenteurergeist. Seine Bewunderung für den russischen Bolschewismus,
 dessen Methoden er oft befolgt, ist aufrichtig, weil sie aus derselben
Auffassung der Gewalt stammt. Mussolini hat aber nie das Vorbild der englischen
 Demokratie aufrichtig geliebt, das auf Freiheit und Ordnung beruht.
Die Sozialisten machten sich selbst Mussolini allmählich zum Feinde durch
die maßlosen Reden, die sie gegen ihn führten, auch als er ihren Grundsätzen
und ihrer Handlungsweise zustimmte. Anfangs, nach dem Ausbruch des Konflikts
 und nachdem der Fascismus sich zu bewaffneten Scharen geordnet
hatte, war er eine revolutionäre Erhebung gegen den Sozialismus ; später
wurde er einfach eine anti-sozialistische Bewegung. Die Industriellen, die
zu dem Staat kein Vertrauen hatten, die Landwirte, die alle ihre Vorrechte,
selbst die unbilligen, behalten wollten, die Kaufleute, die fast überall von der
Ausbreitung der Konsumvereine bedroht waren, wie auch all die Furchtsamen
 und die Schwankenden begannen in dem Fascismus das Gegengift

39
        <pb n="40" />
        gegen den Sozialismus zu sehen. Die Streiks hatten allmählich abgenommen,
aber die Unordnung mancher öffentlichen Ämter und die Verwegenheit mancher
 Arbeiterschichten erbitterten gerechterweise die Allgemeinheit. Die bewaffneten
 Scharen des Fascismus durchdrangen die roten Klassen ohne wirklichen
 Widerstand zu finden. Sie überfielen die Feinde, verteilten Rizinusöl
und brachen in die Konsumvereine ein, was die Regierung auch in den Jahren
1921 und 1922 stillschweigend billigte. Trotz seines Ursprungs wurde so allmählich
 der Fascismus auch aus innerpolitischen Gründen eine weiße Garde
für die Industriellen und vor allem für die Landwirte gegen den Sozialismus.
Mussolini wußte selbst nicht, wohin seine Unternehmung ihn führen
würde: vielleicht hatte er auch weniger ehrgeizige Pläne, als es den Anschein
hat. Ich muß zugeben, daß er oft Versöhnungspläne hegte und daß seine
früheren sozialistischen Freunde äußerlich eine zu starke Unnachgiebigkeit
bezeigten, als sie ihn hart zurückstießen, während sie andererseits keinen
ernsten und mutigen Widerstand boten.
Der Fascismus war vor dem Marsch auf Rom im Herbst 1922 in seiner
letzten Phase schon eine reaktionäre Bewegung geworden. Der Marsch auf
Rom wurde mühelos und fast in stillem Einverständnis mit allen Elementen
der Reaktion ausgeführt. Noch wenige Wochen vor dem Marsch auf Rom erklärte
 Mussolini in einer zu Udine gehaltenen Rede seine republikanische Gesinnung.
 Aber als er plötzlich erster Minister des Königs wurde, änderte sich
diese Gesinnung. Nach der Verbindung mit den Nationalisten, die zwar gering
an Zahl, aber maßlos und zum Äußersten bereit waren, betonte der Fascismus,
der jeder Eigenlehre entbehrt, seinen anti-demokratischen und anti-liberalen
Charakter. Es hatte keine fascistische Revolution gegeben und es konnte
keine geben; es fand nur ein Vergleich der Staatsmacht mit der Reaktion
statt. Nachdem er die öffentliche Macht errungen hatte, proklamierte der
Führer des Fascismus, der noch am Tag vorher revolutionär gewesen war,
sofort die größte Verachtung für die Freiheit, die er einen verwesten Leichnam
 nannte, und setzte ein Programm auf, das seinen Anfängen gerade entgegengesetzt
 war. Als Mussolini sich dem Parlament als Haupt der Regierung
zeigte, erklärte er sogleich, daß er aus der dumpfen und grauen Kammer der
Abgeordneten ein Feldlager für seine fascistischen Truppen machen könne,
wenn er wolle, und daß er die Kammer, je nach ihrem Benehmen, zwei
Monate oder zwei Jahre tagen lassen würde. Es erhob sich in der Kammer
keine einzige Stimme des Protestes, und das war an diesem Schauspiel das
allertraurigste und allererniedrigendste. Mit dieser verachtungsvollen Sprache
bekannte sich Mussolini zur Diktatur und bedrohte die parlamentarische

A.)
        <pb n="41" />
        Einrichtung und jede öffentliche Freiheit, ja auch die Staatsverfassung mit
Unterdrückung.
In der Tat wurde die Freiheit allmählich fast ganz unterdrückt, denn jeder
Verleugnung der Freiheit folgt eine Beschränkung derselben, und jede reaktionäre
 Politik führt zu immer größeren Forderungen der reaktionären Parteien.
 Der Fascismus genoß im Anfang die Unterstützung der konservativen
Parteien ; allmählich trennte er sich dann auch von diesen. Der Fascismus
wurde unduldsam, und er mußte es werden, d. h. er erkannte keine Partei
mehr an außer sich selbst. Nicht nur der Kampf gegen die Sozialisten, sondern
 auch der Krieg gegen die Demokraten, Liberalen und endlich auch gegen
die konservative Rechte wurde notwendig. Der vom König ernannte Senat,
der bestehen blieb, war nie von großer Wichtigkeit für das politische Leben
Italiens ; heute bedeutet er noch weniger als früher.
Die von der Allgemeinheit gewählte Kammer der Abgeordneten, welche die
lebenden Kräfte der Nation darstellte, wurde praktisch abgeschafft. Die
Wahlen unter der fascistischen Regierung im Jahre 1924 waren eher Ernennungen.
 Die Abgeordneten waren schon im Voraus von einem Regierungskomitee
 benannt, und die Wahlversammlungen bestätigten nur, was schon
vorher bestimmt war. Es fehlte nicht nur jede Freiheit, sondern es kam oft
Nicht einmal zu einer wirklichen Abstimmung. Die Gegner der Regierung
hatten fast nirgends eine Stimme, außer in manchen großen Städten. Die
Fascisten gestalteten die Abstimmung nach ihrem Belieben, und die gleichen
Personen wählten vierzig-, fünfzig- oder sechzigmal.
/ Aber die Abschaffung des Parlaments hatte auch die Abschaffung der
kommunalen Freiheiten zur Folge. Die italienischen Gemeindeverwaltungen
wurden fast alle aufgelöst und von Fascisten besetzt, mit anderen Worten:
die kommunalen Vertretungen werden nicht mehr von den Wählern bestimmt,
sondern sogar in der Hauptstadt und anderen großen Städten sind zur Verwaltung
 von Gemeinden und Provinzen von der Regierung königliche Kommissäre
 ernannt worden. Dieses System ist schließlich Gesetz geworden durch
die Einführung einer alten österreichischen Institution, nämlich der des Stadtvogtes,
 d.h. eines Vertreters der Regierung, der die einzelnen Bezirke verwaltet.
Nach dem Verschwinden der Volksvertretungen kam als notwendige Folge
die Beseitigung aller Vereins- und _Versammlungsfreiheit. Es wurden zuerst
verfassungsmäßige Versammlungen der gegnerischen Parteien verboten, später
 wurde überhaupt jede Versammlung untersagt. Es wurden aber nicht nur
politische Vereinigungen der Oppositionsparteien, sondern auch Studentenverbindungen,
 Beamten-, Krieger- und Invalidenvereine verboten. Ein einv4
        <pb n="42" />
        facher Widerstand gegen die Regierung ist schon ein Grund zur Verfolgung
geworden.
Unter einer solchen Regierung gab es auch keine Pressefreiheit. Ehe man
sie durch das Gesetz beseitigte, wie es später geschehen ist, hob man sie
de facto auf. Viele Zeitungsbetriebe und Journalisten sind überfallen worden,
selbst monarchistische und konservative; manche Betriebe hat man ganz zerstört.
 Später wurde diese Vernichtungspolitik gesetzlich. Man führte die Zensur
 der Presse und später das Beschlagnahme- und Aufhebungsrecht ein.
Viele der größten konservativen und liberalen Zeitungen waren Gegenstand
täglicher Beschlagnahme, was praktisch ihren Bankerott bedeutete. Einige
der größten wurden unter nichtigen Vorwänden monatelang konfisziert. Endlich
 gaben alle ihren Widerstand auf, Entweder sie wurden von Geschäfts-Jeuten,
 Vertretern des Fascismus, aufgekauft, oder sie verschwanden. Da
die Journalisten- und Autoren-Vereine eine feindliche Haltung beobachteten,
wurden die Organisationen aufgelöst und durch königliche Kommissäre ersetzt.
 Der journalistische Beruf und die Ausgabe von, Zeitungen wurden einer
Kontrolle unterworfen, die selbst in den Ländern des strengsten Despotismus
unbekannt war.
Nachdem auch die Gewerkschaften eingeschränkt und die freien Genossenschaften
 unterdrückt worden waren, wurden die Arbeiter und Bauern durch
die Not gezwungen, in fascistische Gewerkschaften einzutreten,
Die Staats- und Magistratsbeamten stimmten entweder gar nicht oder nur
widerwillig der Regierung bei und wollten sich ihre Bewegungsfreiheit_ erhalten.
 Die Regierung strafte sie dafür oder behielt sich wenigstens das Recht
vor, die nicht einverstandenen oder feindlich gesinnten Beamten zu bestrafen
und abzusetzen. Heute kann eine Magistratsperson schon dann abgesetzt werden,
 wenn sie durch ihre Haltung den Fascismus nicht begünstigt, was in
Italien selbst zur Zeit der Bourbonen nicht geschah.
Nach den sozialistischen Vereinigungen verfolgte man die der Klerikalen
und dann die der Liberalen. Endlich wurde die Freimaurerei unter dem Vorwand
 des Verbots geheimer Verbindungen faktisch abgeschafft. Man erlaubt
heute den Beamten nicht, Freimaurer zu sein, und hat fast in ganz Italien die
Freimaurerlogen zerstört. Die Anstifter der Plünderungen, der Zerstörungen,
der Überfälle wurden jedoch fast nie bestraft oder doch durch spätere Amnestien
 jeder Strafe enthoben.
Zur Erhaltung seiner Organisation mußte der Fascismus allmählich nicht
nur alle innere Freiheit und Unabhängigkeit unterdrücken, sondern auch
gesetzmäßige Erlasse ausgeben und eine Ordnung einführen, die nicht auf

A922
        <pb n="43" />
        der Zustimmung des Landes, sondern auf Diktatur beruht. Es wurde notwendig,
 eine bewaffnete Parteimacht zu schaffen, die zwar vom Staat bezahlt
) wird, aber im Dienste des Fascısmus steht.
Jede absolutistische Monarchie sucht sich auf religiöse oder klerikale Erziehung
 zu stützen. So hat auch der Fascismus den religiösen Lehrzwang eingeführt
 und Anlehnung an die Kirche gesucht. Aber die katholische Kirche ist
vor allem eine große, religiöse Institution, der religiöse und moralische Wirksamkeit
 näher liegt als politisches Wirken, und hat dem Fascismus niemals
Nachgiebigkeit gezeigt. Die Kirche strebt mit ihrer ungeheueren geistigen
Macht danach, die Volksmassen an sich heranzuziehen, und sie wird nie eine
Regierungspolitik gutheißen, die sich auf Gewalt gründet und gegen das Volk
richtet. In allen katholischen Ländern hegen die reaktionären Parteien den
Wahn, die Kirche könne ihrem Werke förderlich sein. Die Kirche aber, die
durch Jahrhunderte gesehen hat, wie alle großen Schismen das Werk absolutistischer
 Herrscher waren, und welche die ganze Wichtigkeit kennt, die
T das Volksstimmrecht und die freie Verfassung für ihre Entwicklung be-Ss
 deuten, arbeitet allen volksfeindlichen Bewegungen und reaktionären Richtungen
 offen entgegen. Sie weiß, daß diese Unternehmungen nichts End--
 gültiges sind, und daß den Reaktionen immer Revolutionen folgen, wie der
h Diktatur immer der Krieg.
. Jede unnötige Begrenzung der Freiheit verursacht neue Begrenzung; €s
ır ist so weit gekommen, daß die fascistische Regierung sich als eine nationale
m ausgibt; sie erklärt demnach diejenigen für anti-national, welche anti-fasat
 cistischen Parteien dienen, seien sie auch nur Demokraten, Liberale und
m Konservative. Es ist bereits so weit, daß man Staat und Nation verwechselt
5 wie bei absolutistischen Regierungen, ja noch weiter: man verwechselt Partei
n mit Nation.
Der Führer des Fascismus hat wiederholt seine Gesinnung erklärt: er
EZ glaubt, daß alle nationalen Kräfte: Politik, Industrie, Handel, Universitäten,
a Schulwesen, Banken und Militär unter der gleichen Zucht und Führung
bt stehen müssen und im gleichen Sinne unter der Aufsicht der Regierung wir-®
 ken sollen. Erinnert dies nicht an die Reden Wilhelms 11.? Bedeutet nicht
n, der Versuch, die eigene Meinung mit Zwang durchsetzen zu wollen, eine
ü Rückkehr ins Mittelalter ?
In den autokratischen Staatsordnungen, wie in den Reden Wilhelms II.
ht ging man so weit zu behaupten, der Sozialismus bedeute Verwirrung und
;h Gefahr, man müsse wählen zwischen Bibel, Verwirrung und Sozialismus
uf (Bibel, Babel, Bebel). Aber immerhin wagte man nicht, die Grundprinzipien

A3
        <pb n="44" />
        der modernen Zivilisation anzugreifen. Mussolini hat als erster offen ausgesprochen,
 daß eine Staatsordnung — seine Staatsordnung — die vollkommene
 Verleugnung aller Grundsätze von Demokratie, Freiheit und Frieden
bedeute. „Wir verkörpern ein neues Weltprinzip‘‘, hat er gesagt. „Wir verkörpern
 den strengen, kategorischen, endgültigen Gegensatz zur Gesamtwelt
der Demokratie, der Plutokratie, der Freimaurerei, kurz zur Welt der »unsterblichen«
 Prinzipien von 1789.“
Wilhelm II. drohte, Mussolini droht auch, obwohl er über viel bescheidenere
Mittel verfügt. „Drei Millionen italienische Männer stehen bereit, gegen Norden
 oder Süden in den Kampf zu treten!“ — hat er ausgerufen.
Gleich wie Wilhelm II. das Meer beherrschen wollte, hat Mussolini mehrmals
 ausgesprochen, daß das Mittelmeer von neuem ein römischer See werden
muß. Nun aber haben verschiedene Staaten teil am Mittelmeer, vor allem
Frankreich und England. Können sie sich ohne kriegerische Entscheidung
damit abfinden, das Mittelmeer als: den römischen See anzusehen?
Was ist aber die Verleugnung der Prinzipien von 1789? Jene Prinzipien
sind im Grunde dieselben, auf denen die amerikanische Staatsverfassung von
1787 beruht; sie sind die Grundlage der modernen Zivilisation. Entweder
man bekennt sich zu diesen Prinzipien, oder man kehrt zurück zur Barbarei,
zu den Zeitläufen, die noch keine Zivilisation besaßen. Entweder gibt es ein
freies Mehrheitsregiment oder ein despotisches Regiment, wo ein einzelner
Mensch alle Macht in sich vereinigt und die Gesamtheit gehorcht.
Vor Mussolini hatte kein Leiter einer Regierung, kein Staatsoberhaupt die
Prinzipien verleugnet, auf denen alle modernen Demokratien beruhen. Keiner
hatte die edelste Errungenschaft, die Menschenrechte, zu verletzen gewagt.
Diese Verleugnung ist keine Staatslehre, noch weniger ist sie ein Fortschritt.
Sie ist ‚ein versuchsweises Zurückgreifen auf Vergangenes; sie bedeutet die
Moral der Gewalt,das Prinzip der Diktatur, was nur Revolution und Krieg zur
Folge haben kann.
In allen absoluten Monarchien von Gottes Gnaden wird die Forderung
des blinden Gehorsams der Untertanen durch den göttlichen Ursprung des
Herrschertums gerechtfertigt. Aber kann man Männern blindlings gehorchen,
die nur im Namen einer Partei reden, wenn ihre heutige Partei gebietet, die
von gestern zu vernichten? Wo ist die Hoheit der Monarchien von Gottes
Gnaden, welche der unwissenden Menge Ehrfurcht gebot? Es kann also keine
Ehrfurcht, sondern nur Furcht, Scheu, Sorge fürs Leben oder etwa auch Gemeinsamkeit
 von Interessen geben. Der alte Absolutismus fand in sich selbst
seine Verteidigung; der neue findet sie in der Gewalt.

AA
        <pb n="45" />
        DER FASCISMUS ALS WEISZER BOLSCHEWISMUS
+ UND EINE GEFAHR FÜR DEN FRIEDEN
4 Der Fascismus gründet sich also auf keine eigentliche Lehre. Er ist eine
/ Bewegung, welche Männer aller Parteien vereinigt und durch den Nationalismus,
 den sie aufsaugte, manche unfruchtbaren und gefährlichen Formen von
Sn militärischer Macht, von Herrschertum und von Expansion angenommen hat.
Seine Anhänger nennen ihr Haupt den Duce. Sie verteilen die Staatsämter.
Ihrem Regierungssystem eignen Grundsätze und Handlungen, die sich im
direkten Gegensatz zu dem vom Fascismus anfänglich verfolgten Programm
a befinden und die in keinem zivilisierten Land ihresgleichen haben. Dem
a Haupt der Regierung, dem Duce, sind durch ein Gesetz Ehren und Würden
N zuerteilt worden, die kein anderes Regierungshaupt der Welt besitzt; jede
Beleidigung seiner Person wird von den Tribunalen wie eine Beleidigung des
n Königs geahndet.
N Der Fascismus hat kein Ideal außer dem eines Nationalstaates, was not-T
 wendig zu einer imperialistischen Politik führen muß. In der Tat erklärt sich
; der Fascismus seit einiger Zeit für imperialistisch, d. h. den Grundsätzen, aus
n denen er stammt, entgegengesetzt. Aber man kann ohne Imperium nicht im-P
 perialistisch sein, und es gibt kein Imperium ohne Land. Welchen Krieg
könnte aber Italien mit Gewinn führen? Auf Kosten welches Imperiums
© könnte es ein Imperium bilden? Wahrscheinlich handelt es sich nur um eine
x Phrase, aber um eine, die auf Irrtum beruht und Gefahr bringen kann.
4 Da seine imperialistischen Pläne dem Ausland berechtigte Sorgen machen,
| erklärte Mussolini, daß das Imperium vor allem im Gefühl der Macht bestehe
® und daß das dichtbevölkerte und landarme Italien die ihm in der Welt ge-P
 bührende Stellung einnehmen müsse. Aber diese Stellung kann eine zweifache
Sein: entweder kann Italien eine große Macht der Arbeit und des Friedens
n Oder ein Element des Krieges sein. Das imperialistische Bewußtsein kann
ES nur zum Krieg führen. Ein Krieg gegen wen?
Dem Namen nach ist Großbritannien das einzige Imperium Europas. Kein
S Volk, das ein Imperium aufgerichtet hat, hat es jemals vorher proklamiert.
; Auch die Proklamierung des British Empire folgte erst nach der tatsächlichen
x Aufrichtung des britischen Imperiums, die das Werk vieler bewundernswerter
 ‚Persönlichkeiten war. Welches Imperium könnte aber Italien unter
den jetzigen Umständen haben?
Die elenden italienischen Kolonien als Reich ausrufen, wäre lächerlich.

IX
45
        <pb n="46" />
        Rhodus, die Inseln des Dodekanos, die Erythraea, Somalien, Lybien haben
kaum mehr als eineinhalb Millionen Einwohner, die in Lybien stehen zum
großen Teil in Wirklichkeit nicht unter italienischer Oberherrschaft. Somalien
 und Erythraea haben vielleicht eine bescheidene wirtschaftliche Zukunft,
mit großen Opfern und viel Kapital zu erkaufen; Lybien, die einzige ausgedehnte
 Kolonie, ist, wie ich oft gesagt habe, nur eine riesige Sandbüchse,
welche immer ohne Wert bleiben und niemals einen kleinen Teil der ungeheueren
 Summen wieder einbringen wird, die sie gekostet hat.
Wie kann Italien mit seinen jetzigen Kolonien ein Imperium bilden? Und
wie vermag es dies auf andere Weise? Italien grenzt an die Schweiz, an
Frankreich, Österreich und Jugoslavien. Man kann nicht daran denken, der
Schweiz etwas streitig zu machen. Das heutige Österreich ist ein nur noch von
Deutschen bewohnter Staat und bietet daher kein Ziel für imperialistische
Pläne. Kein vernünftiger Mensch kann endlich glauben, daß sich auf Kosten
Jugoslaviens ein Kaiserreich gründen ließe.
Faktisch gibt es in Europa nur zwei Kolonialreiche. Großbritannien besitzt
 mehr als vierunddreißig Millionen Quadratkilometer Dominions, Schutzgebiete
 und Kolonien. Frankreich hat in Form von Kolonien, Schutzgebieten
und Mandaten etwa zwölf Millionen Quadratkilometer in der Hand. Da Großbritannien
 vor allem Dominions besitzt, d. h. freie Länder, die nur durch ein
politisches und geistiges Band mit dem Mutterland verbunden sind, so ist es
Frankreich, das die meisten wirklichen Kolonien sein eigen nennt.
In der Tat, da in Amerika Gebietserweiterungen unmöglich sind, dem
Land, wo große Massen italienischer Bevölkerung leben, könnte Italien nur
auf den Trümmern Großbritanniens und Frankreichs ein Imperium gründen.
Dies ist nicht nur sinnlos, es ist lächerlich.
Es gibt keine törichtere Behauptung als die, daß Italien für seinen Bevölkerungsüberschuß
 Kolonien brauche, da, wie man sagt, die Geburten die
Sterbefälle um etwa eine halbe Million jährlich übersteigen. Nur Menschen
ohne Sachkenntnis können so naiv denken. Sie halten Auswanderung und
Kolonisieren für dasselbe und glauben, man könne jedes koloniale Gebiet
ohne weiteres zum Sammelbecken für die Auswanderung machen. Die Länder
mit großem Kolonialbesitz sind im Gegenteil solche, die keine Auswanderung
haben. Dies scheint widersinnig, ist aber leicht zu erklären.
Die Länder mit der größten Auswandererzahl sind solche, deren Eigenkapital
 nicht ausreicht, um die Arbeitskraft ihrer Bevölkerung voll zu beschäftigen,
 die dann notgedrungen in Länder ziehen muß, wo das Kapital
schneller wächst als das Arbeitsangebot. In Frankreich fällt der Beginn der

46
        <pb n="47" />
        kolonialen Entwicklung mit dem Stillstand der Geburtenziffer zusammen.
Es handelte sich ‚also nicht um Menschen, sondern um Kapitalien, die neues
Gebiet suchten. Dazu kamen politische Ziele, die die kolonialen Unternehmungen
 anregten und unterstützten.
Deutschland war ursprünglich ein Land mit viel Auswanderung. Auf dem
Wege zum Industriestaat, absorbierte dann die Industrie immer mehr den
Bevölkerungszuwachs. So gründele es Kolonialgebiete, die es infolge des Versailler
 Vertrages in dem Augenblick verlor, wo die Auswanderung größtenteils
aufhörte. Im Jahre 1880 betrug die Zahl der deutschen Auswanderer etwas
über hunderttausend Menschen, 1890 weniger als hunderttausend und 1900
nur zwanzigtausend. Sehr oft überstieg die Einwanderung die Auswanderung,
und die Kolonien nahmen nur geringe Mengen deutscher Arbeiter auf. Nichts
ist törichter, als zu glauben, die Arbeiter der zivilisierten Länder könnten in
Massen Arbeit finden in Ländern mit ungesundem und tropischem Klima,
wo auch die eingeborenen Arbeiter nur niedere Löhne haben. Um in großen
Mengen nach fernen Ländern auswandern zu können, müssen die europäischen
 Arbeiter Entwicklungsmöglichkeiten finden, also vor allem mehr Kapital
 als Arbeitsangebot. Die Italiener und Europäer im allgemeinen gehen
daher vorzugsweise nach den Vereinigten Staaten Amerikas, weil es dort
reichliche Arbeitsmöglichkeit, d. h. viel freies Kapital gibt, das die meisten
Arbeitsangebote decken kann. Die Unwissenden glauben, daß jedes unbesiedelte
 oder noch schwach besiedelte Gebiet Arbeitermengen anziehen müßte.
Es gibt nichts Falscheres.
Durch die Gründung von Kolonialreichen wird die Krise der kapitalarmen
Länder noch verstärkt, da durch die Aufschließung der Kolonien das dem
Mutterland selbst notwendige Kapital ihm entzogen wird.
Italien hat heute nicht viele Kolonien, aber doch für einige davon unnützerweise
 große Summen ausgegeben. Die vom Iybischen Unternehmen verschlungenen
 Gelder allein hätten ausgereicht, um die Wasserkräfte Italiens
auszubauen und seine Eisenbahnen zu elektrisieren. Die Kosten für Lybien,
für einen törichten Versuch in Albanien und für alle anderen kolonialen
Ausgaben betrugen rund sechs Milliarden Goldlire; allein Lybien hat viel
mehr als drei Milliarden gekostet. Dadurch ist zwar in Italien die Not gestiegen,
 aber die Auswanderung in seine Kolonien blieb nur gering.
Wohin hat es dagegen seinen beträchtlichsten Auswandererstrom geleitet?
Vor dem Krieg nach den Vereinigten Staaten, nach dem Krieg nach Frankreich.
Man darf nie vergessen, daß Frankreich, wie ich schon sagte, erst vom
Zeitpunkt des Geburtenrückgangs an seine koloniale Politik begann, während

AN
        <pb n="48" />
        Deutschland mit der seinen anfing, als seine Auswanderung aufhörte. Also
nicht Menschen, sondern Kapitalien suchen in den Kolonien Unterkommen.
Der italienische Nationalismus fordert ohne Instinkt für Notwendigkeiten
Kolonien für die Arbeiter in einem Augenblick, wo Italien dringend Kapital
für seine innere Wirtschaft bedarf, nicht bedenkend, daß ein weiteres Abführen
 von Kapital nur die Arbeitslosigkeit und das Elend erhöhen würde.
Ich war immer Gegner der Kolonial-Abenteuer Italiens, weil ich immer die
wirkliche Lage Italiens erkannte. Dennoch wird man auch Italien bei der
Regelung künftiger Kolonialfragen billigerweise berücksichtigen müssen, obwohl,
 wie ich wohl weiß, die Erwerbung von Kolonien nichts mit der Dichte
und Vermehrung der italienischen Bevölkerung zu tun hat. Aber es ist gerecht,
daß Italien aus politischen Gründen nicht beiseite gesetzt werde und in Zukunft
 seine Kolonien habe, auch ohne daraus Nutzen zu ziehen. (Wieweit
künftige technische und industrielle Fortschritte die Ausnützung von jetzt
noch brach liegenden Werten ermöglichen und weiten Bevölkerungskreisen
Beschäftigung geben werden, ist ein Problem für sich und hat mit der gegenwärtigen
 Bevölkerungspolitik nichts zu tun.)
Jedenfalls würde der Erwerb von Kolonien, welchen die sogenannten Imperialisten
 mit lauter Stimme fordern, Italiens augenblickliche Schwierigkeiten
 noch vergrößern. Für ein italienisches Kolonialprogramm können also
kaum wirtschaftliche Vorteile, wohl aber politische Gesichtspunkte maßgebend
 sein.
Kehren wir also zur ersten Frage zurück. Auf wessen Kosten oder im
Kampf gegen wen könnte Italien in kürzer Zeit einkoloniales Reich gründen?
Gewiß nicht gegen England, wahrscheinlich nicht gegen die Türkei, die ein
zäher und widerstandsfähiger Feind mit wenig begehrenswerten Gebieten
ist. Gegen wen aber dann?
Es ist klar, daß das Problem der Auswanderung Italiens nicht einen Schritt
weiterrückte, wenn Frankreich sein Mandat über Syrien und seine Rechte
über Marokko Italien überließe, da dann die notwendigen Kapitalien der
Wirtschaft des Landes entzogen würden, zum großen Schaden der Arbeiter
und aller Klassen, ausgenommen der Kapitalisten, die nach dem Kriege von
neuen Kriegen und Abenteuern träumen. Italien hat das größte Interesse daran,
 in Frankreich einen starken und reichen Nachbarn zu haben, wie es auch
alles Interesse daran hat, Deutschland blühend und produktiv zu sehen. Der
Fall eines dieser beiden großen Länder wäre für Italien, abgesehen von den
politischen Folgen, ein wirtschaftlicher Zusammenbruch.
Die innerpolitischen Spaltungen Frankreichs, der Mangel an Bevölkerungs-AR
        <pb n="49" />
        zuwachs, die Schwierigkeiten der Nachkriegszeit haben zuweilen im Ausland
eine zu pessimistische Beurteilung dieses Landes zur Folge. Man hört nicht
selten in England, Deutschland und Italien von Frankreich als von einem
dekadenten und politisch siechen Lande sprechen. Ausländer beurteilen Frankreich
 oft nach ein paar Äußerungen des Pariser Lebens und Paris nach den
von Fremden am meisten besuchten Arrondissements. Sie begehen damit einen
groben Irrtum. Frankreich ist nicht nur ein innerlich gesundes Land, sondern
 es hat auch wunderbare Hilfsquellen. Es ist ein produktives Land mit
vorzüglichen Arbeitskräften und großen Überschüssen. Wenn es auch in
seiner Nachkriegspolitik gefehlt hat und unnötige und zu schwerwiegende
Aufgaben auf sich genommen hat, verfügt es doch über solche Kräfte, daß es
weit größeren Schwierigkeiten als den jetzigen widerstehen könnte. Der Geburtenrückgang,
 den die Statistiker Oliganthropie nennen, ist die Folge der
Ausbreitung des Wohlstands, der Neigung zum Sparen und Zusammenhalten.
Er bezeichnet keinerlei Abnahme der Volkskraft und noch weniger eine Erkrankung
 der Rasse. Dies wird durch die gleichen Erscheinungen in dem
wohlhabendsten Teil der Vereinigten Staaten Amerikas, wie in Australien und
allen Ländern, wo Reichtum und Zivilisation herrschen, vollauf bestätigt. In
Italien selbst weisen die Provinzen, die wie Piemont und Ligurien einen bestimmten
 Grad von Wohlstand erlangt haben, die gleiche Geburtenziffer wie
Frankreich auf, zuweilen sogar eine geringere. Gewiß, wenn Frankreich
mit Deutschland und Großbritannien in dauerndem Krieg stünde, würde
dieser Stillstand der Geburten mit der Zeit eine Gefahr bedeuten. Aber die
Fortdauer des Hasses und der heutigen Trennung würde Deutschland und
Großbritannien noch früher als Frankreich Unheil bringen. Daher müßte
die gesamte erleuchtete Demokratie Europas nun, da die Tollheiten der Nachkriegszeit
 vorüber sind, nach einer menschlicheren Form des Zusammenlebens
 und statt der heutigen Vernichtungspolitik nach Werken der Gesittung
und einer das Leben fördernden Politik trachten. Wir müssen Frankreich
immer als ein politisch und sozial unentbehrliches Element Gesamteuropas
betrachten und ebenso als einen mächtigen Organismus, der den heutigen
Schwierigkeiten sicher nicht erliegen wird.
Vom menschlichen Gesichtspunkt aus ist es gewiß ungerecht, daß zwei
große und dichtbevölkerte Länder des europäischen Festlandes, Deutschland
und Italien, entweder keine oder ganz unbeträchtliche Kolonien haben. Das
Problem ist aber nicht, die Kolonialländer ihrer Territorien zu berauben,
Sondern mit ihnen die völlig gleichen Bedingungen auf ihren Kolonialgebieten
 zu genießen. Ehe das Mißtrauen entstand, fanden die Italiener im
Bolschewismus

A.Q
        <pb n="50" />
        französischen .Nordafrika einen ausgiebigen Verdienst, französisches Kapital
und italienische Arbeit vereinigten sich in einem Werk der Zivilisation. Hat
Italien nach dem Kriege nicht unter einer furchtbaren Arbeitslosigkeit gelitten,
 so war es nur deshalb, weil mindestens achtmalhunderttausend Italiener
nach Frankreich auswanderten, wo sie Aufnahme und Arbeit fanden. Ohne
dies wäre Italiens Lage entsetzlich gewesen.
Wie man ihn auch auffaßt, der italienische Imperialismus kann sich nie
gegen Deutschland oder Rußland richten. Deutschland hat weder Gebiete
abzugeben, noch mit Italien gemeinsame Grenzen. Italien kann aber ebensowenig
 seine Grenznachbarn: die Schweiz, Österreich und Jugoslavien angreifen.
 Eine Unternehmung gegen das türkische Kleinasien wäre ebenso
töricht wie unheilvoll, und die Mandate Frankreichs und Großbritanniens
zu besitzen, wäre eine ungeheuere Last ohne jeden Vorteil.
Eine imperialistische Politik könnte sich also nur gegen Großbritannien
oder gegen Frankreich richten. Aber die Tatsache, daß Italien nur ein Mittelmeer-Staat
 ist und nur durch das Meer alle notwendigen Lebensgüter erhält,
macht jede anti-britische Politik unmöglich. Praktisch also könnte sich eine
imperialistische Politik nur gegen Frankreich richten, oder man könnte auf
einen Weltkonflikt hoffen, der dem siegreichen Italien neue Möglichkeiten
der Macht und Herrschaft geben würde. Aber dieses unheilvolle Ziel könnte
in einem wirtschaftlich armen Land, wo der Krieg viel Reichtum zerstört hat
und wo Kriegsschulden und Militärkosten einen großen Teil des Budgets verschlingen,
 nur unruhige und unverantwortliche Geister anziehen. Der fascistische
 Imperialismus ist also nur ein Wort; aber auch Worte sind eine Gefahr,
 da sie einen Erregungszustand verursachen. Krieg und Frieden sind,
noch ehe sie Wirklichkeit werden, Seelenzustände.
Alle Macht vereinigt sich in dem Führer des Fascismus. Er ist das Haupt
der Partei, der nationalen Miliz, des Heeres, des Marine- und Flugwesens,
Minister des Auswärtigen. In seiner Hand vereinen sich alle, auch die subtilsten
 Befugnisse; er verfügt eigenmächtig über alle Staatsmittel. Er ist also
zugleich Ministerpräsident und führt den Titel eines Ministers des Äußern,
der Kriegs-, Marine- und des Flugwesens. Alle Minister sind Anhänger der
fascistischen Partei. Ein Parlament gibt es nicht mehr; die Presse übt keine
Kontrolle mehr. Praktisch besteht ein Diktatur-System. Ein Volk von zweiundvierzig
 Millionen Menschen vermag nicht, seinen Willen irgendwie kundzutun.
 Es befindet sich in der Gewalt eines einzigen Mannes und einer einzigen
 Parteı, die ihrerseits von demselben einzigen Mann abhängig ist.
Auch wenn man Mussolini die besten Eigenschaften zuerkennt, kann man

50
        <pb n="51" />
        nicht darüber hinwegsehen, daß eine Macht, die keiner Aufsicht unterworfen
ist, eine stete Gefahr für das innere Leben des Volkes und für den internationalen
 Frieden bedeutet. In seiner stark schwankenden „Unfehlbarkeit“
lenkt des Haupt der Regierung die Geschicke der Nation.
Im Jahre 1911 bekämpfte er mit anti-militaristischer und revolutionärer
Schärfe die Unternehmung in Lybien; 1913 bereitete er revolutionäre Bewegungen
 vor; 1914 entfesselte er den Aufruhr der sogenannten roten Woche
und hetzte die proletarischen Massen zum Angriff auf den Kapitalismus.
Im Jahre 1914 widersetizte er sich heftig dem Krieg; 1915 verherrlichte
er ihn; 1919 organisierte er den Fascismus als eine Erhebung gegen Monarchie
 und Kapitalismus; dann verwandelte er ihn in eine reaktionäre
Bewegung. Am Vorabend des Marsches auf Rom im Jahre 1922 erklärte er
sich noch als Republikaner, und einige Tage später, als er die Regierung an
sich gerissen hatte, nannte er diejenigen Verräter, welche einen Teil des fascistischen
 Programms von 1919 in gemäßigter Form ausriefen. Die Anhänger
 der absoluten Monarchie von Gottes Gnaden konnten sich wenigstens
 auf die Beständigkeit und Unveränderlichkeit ihrer Grundsätze stützen.
Welche Veränderungen aber wird der Fascismus noch bringen, da in Italien
keinerlei Opposition mehr vorhanden ist? Wird Mussolini gegenüber etwaigen
populären Strömungen noch gar Kommunist werden? Wird er plötzlich auf
seine Anfänge zurückgreifen? Wie man ihn auch beurteilen mag, Mussolini
ist für unsere Zivilisation kein Vorläufer, sondern nur ein Nachläufer. Er
wiederholt in Sprache, Ausdrucks- und Handlungsweise weit zurückliegende
Formen primitiver Kulturen. Er ist nicht nur weit entfernt von jeder ‘Zukunftsidee,
 sondern auch von der heutigen Zivilisation. Er ist ein Mann des
14. Jahrhunderts inmitten einer schwankenden und unentschlossenen Menge.
Er ist nicht ein Mann der fernhin geht, sondern einer, der fernher kommt.
Welches sind nun die Grundsätze des Fascismus, die der Menge als eine
verehrungswürdige Idee des fascistischen Staates und seiner Macht erscheinen
können? Die Organisation einer bewaffneten Macht bedeutet kein Programm
und noch weniger ein Ideal; sie bedeutet nur einen vorübergehenden Zwang.
Niemand kann glauben, daß sich alle Freiheitsformen für längere Zeit unterdrücken
 lassen, und noch weniger, daß man allen die gleiche Gesinnung oder
Formen zentralistischer Organisation dauernd aufzwingen könne, die noch
tyrannischer sind, als die des zaristischen Rußlands.
Die Führer des Fascismus haben immer erklärt, daß sie die öffentliche
Meinung gering schätzen, daß sie nur die Macht brauchen, keine ‚Zustimmung.
 Vor mehreren Jahrhunderten warnte der größte politische Schrift-BA
        <pb n="52" />
        steller Italiens, Machiavelli, vor der Gefahr dieser Auffassung: „Wer nur
wenige zu Feinden hat,“ sagte er „kann sich ohne ärgerliche Mittel Sicherheit
verschaffen. Wer aber die Welt zum Feinde hat, wird nie sicher sein, und je
mehr Grausamkeit er verübt, desto schwächer wird seine Herrschaft.“
Ein Diktatur-System kann in einer Monarchie nicht gesetzlich bestehen.
Entweder unterwirft sich der Herrscher der Diktatur, und seine Herrschaft
verliert dadurch ihren Sinn, oder die Diktatur ist nur der Ausdruck des
Herrscherwillens — dann ist die Staatsordnung unterdrückt, und die Monarchie
 hat ihre Konstitution verloren.
Die Gewalt genügt nicht lange zur. Verteidigung irgend einer Staatsform;
die absolute Macht verlangt stets eine theokratische und traditionelle Grundlage.
 Die absolute Macht stützte sich auf das Wort Gottes. Unsere Väter
glaubten ernsthaft, daß Gott einem einzigen Menschen, einer einzigen Familie
das Recht des Herrschens verliehen habe. Die absoluten Herrscher waren von
ihrer göttlichen Berufung aufrichtig überzeugt. Jeder Angriff auf das Herrschertum
 war ein Angriff gegen die Gottheit. Nikolaus II. von Rußland und
Wilhelm II. von Hohenzollern, die letzten Herrscher, die im Namen Gottes
zu regieren glaubten, bezeigten in ihrer Haltung stets eine Art von priesterlicher
 Feierlichkeit und hielten fest an der Idee ihrer göttlichen Berufung.
Aber was ist eine absolute Macht, wenn sie weder von Gott, noch von Eroberung
 oder Tradition stammt? Sie ist nur ein vorübergehender Zwang!
Der russische Bolschewismus hat lange Zeit auf die revolutionären Arbeitermassen
 eine starke Anziehungskraft ausgeübt, wie der Fascismus in
vielen Ländern auf die reaktionären Schichten wirkt. In verschiedenen Staaten
betrachtet man tatsächlich den Fascismus ernsthaft als Gegengift gegen den
Bolschewismus. Die Sowjet-Regierung suchte lange Zeit, ihre Grundsätze im
Ausland zu verwirklichen. Das ist ihr aber nicht gelungen, und sie hat auf ihr
Ziel einer Weltrevolution vorläufig verzichten müssen. Die fascistische Unternehmung
 wird das gleiche Schicksal haben und keine Weltreaktion vollbringen
 können. Schwache Nachahmungsversuche hat es gegeben und wird
es noch geben, aber sie werden unmöglich in den großen industriellen Ländern
 wie Großbritannien, Frankreich, Belgien, Holland, Deutschland und
Skandinavien eine bedeutende Entwicklung erleben. Der englische Premierminister
 Baldwin erklärte, daß Großbritannien nie ein Phänomen Mussolini
dulden würde. In Frankreich ist keine persönliche Diktatur denkbar. In
Deutschland stehen die demokratischen Parteien und die Republik fest gegründet.
 In Belgien folgte einem kleinen fascistischen Versuch eine sofortige
Gegenbewegung. In den Ländern von beträchtlicher wirtschaftlicher Ent-597
        <pb n="53" />
        wicklung wird jede fascistische Unternehmung nur ein fruchtloser Versuch
bleiben, dem Volksbewegungen von unübersehbarer Tragweite folgen müssen.
Fascismus und Bolschewismus beruhen nicht auf entgegengesetzten
Grundsätzen, sie bedeuten die Verleugnung derselben Grundsätze von
Freiheit und Ordnung, der Grundsätze von 1789, wie Mussolini gesagt hat,
also der Grundsätze der amerikanischen Verfassung von 1787 und des englischen
 öffentlichen Rechtes. Sie sind also die Verleugnung aller Grundlagen
der modernen Zivilisation, die Rückkehr zur Moral der absoluten Monarchien
 und der Auffassung des Krieges als die selbstverständlichste Hantierung
einer Nation.
Die Ordnung des Fascısmus ist nur eine oberflächliche, da die großen
Arbeitermassen und die geistigen Schichten die Gewalt zwar ertragen, aber
nicht anerkennen. Wenn ein System nicht im Gewissen der Allgemeinheit
wurzelt, bricht es beim ersten Stoß zusammen. Shakespeare, der größte Kenner
 der menschlichen Seele, hat geschrieben, daß die auf Furcht gegründete
Macht keinen festen Grund habe, weil die Furcht sich mit der Zeit in Haß
yverwandle.
In Rußland schien am Vorabend des Zusammenbruchs der zaristischen
Regierung alles in Ordnung zu sein, während sich zur selben Zeit in England
und Frankreich die Unzufriedenheit offen äußerte. Jeder kehrte aus Rußland
mit der Überzeugung zurück, daß die zaristische Regierung sehr fest stünde.
Scialoja, ein denkender und scharfsinniger Mann, der in meinem Ministerium
Minister des Auswärtigen war, versicherte allen Journalisten, als er wenige
Wochen vor dem Ende der zaristischen Regierung aus Rußland zurückkehrte,
daß der Sturz des Zarismus undenkbar sei. Den gleichen Irrtum begingen erfahrene
 englische Politiker,
Fascismus und Bolschewismus sind beide Verneinungen der Ordnung. Wie
man ihn auch betrachte, der Bolschewismus ist ein Ideal; er ist ein kommunistischer
 Organisationsversuch, den eine Minderheit dem Land aufgezwungen
hat. Dies geschah in einem durch zwei unheilvolle Kriege verheerten Land,
wo es ein intelligentes und schaffendes Bürgertum nicht gibt, noch gegeben
hat und wo die Bevölkerung zum großen Teil aus Analphabeten besteht, die
nicht am Leben des Staates teilnehmen. Aber der Bolschewismus wurde von
seinem größten Führer als ein Plan kommunistischer Organisation ersonnen,
wenn auch die Ausführung schreckliche Irrtümer aufweist. Vieles, was wir
im Bolschewismus beklagen, finden wir schon in der Geschichte der französischen
 Revolution, die wir nur deshalb verherrlichen, weil sie so weit zurückliegt.
 Viele Fehler des Bolschewismus sind allen Revolutionen gemeinsam.

53
        <pb n="54" />
        Der Bolschewismus ist der Sozialismus der Verelendung mit all ihrem Irrwahn
 und ihrem Verschulden. Aber er enthält etwas anderes als bloße Gewalt,
Der Fascismus dagegen hat kein Ideal. Er bedeutet einfach die Eroberung
des Staates durch eine bewaffnete. Minderheit, die Ideen ausgibt, welche in absolutem
 Gegensatz zu denjenigen stehen, auf denen seine bisherige Existenz
beruhte. Die einzige hervorleuchtende Idee ist die des Nationalstaates, welcher,
gelenkt von einer bewaffneten Partei, nach Macht strebt. Die Äußerungen
und die Haltung des Fascismus sind oft eine Karikatur Wilhelms IT. Solches
Streben und solche Haltung können im Innern nur die bittersten Kämpfe und
nach außen nur eine Atmosphäre des Mißtrauens verursachen. Jeder Nationalismus
 muß notwendig neue Kriege bringen; Italien braucht bei seinen
sozialen Verhältnissen aber nur Frieden, Freiheit und Handelsverkehr.
Rußland und Italien haben also in verschiedenen Formen die Freiheit abgeschafft.
 Aber kann man diese beiden Phänomene als Einzelerscheinungen
betrachten? In allen Ländern, wo noch die Kriegsneurose herrscht, gibt es reaktionäre
 und nationalistische Bewegungen und ein maßloses Schutzzoll-System,
 was alles Beschränkung und Bedrohung der Freiheit bedeutet.
FREIHEIT, REAKTION UND SOZIALISMUS ALS HISTORISCHE
PHÄNOMENE
Der Krieg hat das Denken und Fühlen der Menschen in Europa völlig verändert.
 Viele Millionen Menschen haben sich lange Zeit im Morden geübt
und haben gelernt, die Tötung des Feindes für das höchste Ziel zu halten,
Während diese kämpften, wurden von zahlreichen Spekulanten große, bisher
in Europa unerreichte Vermögen angehäuft. Die Friedensverträge ließen nach
dem Krieg ein tiefes Gefühl der Unzufriedenheit zurück. In manchen Staaten
fühlten sich die Sieger ihrer Eroberungen nicht sicher; die Besiegten verzichteten
 nicht auf mancherlei, ihnen gerecht und gesetzlich erscheinende
Hoffnungen. Und diese Hoffnungen sind und werden um so gefährlicher, je
mehr sie auf den Gefühlen des Rechtes beruhen, — denselben Gefühlen, die
die Völker der Entente während des Krieges für sich in Anspruch nahmen.
Dieser Zustand moralischer Unordnung bedeutet die größte Gefahr für die
Freiheit, die zu allen Zeiten viele Feinde gezählt hat, sowohl unter den reaktionären
 Parteien wie selbst unter denen der Demokratie. Die wahren Liberalen
 sind jene, die die Unterdrückung weder dulden noch ausüben möchten.
Liberale, welche nicht unterdrückt sein wollen, sind immer zahlreich gewesen;

X.
5A
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        solche aber, die auch das Ausüben der Unterdrückung ablehnen, waren immer
selten, und ihre Zahl hat sich noch vermindert nach dem Kriege, der die
Keime des Hasses und die Gewalttätigkeit entwickelt hat.
Im Leben der Einzelnen gibt es, wie im Leben der Völker, Zeiten abnormer
Geistesverfassung. Heute leben wir in einer wahrhaft abnormen Zeit, wo das
Gefühl für Moral immer mehr schwindet. Aber soll man glauben, daß dieser
krankhafte Zustand der Nachkriegszeit neue Krankheitskeime entwickeln
wird, daß diese neuen Formen von Gewalt dauern werden? Soll man es für
möglich halten, daß die freien Staatsformen wirklich zertrümmert sind und
sich nicht nur in vorübergehender Krise befinden, daß die Freiheit für
dauernd geknebelt sei und uns auf lange hinaus bewaffnete Minderheiten
beherrschen werden? Wird das Beispiel dieser Phänomene Nachahmung
finden? Wird Europa auf lange Zeit zwischen Reaktion und Revolution hinund
 herschwanken, ohne den festen Grund freier Staatsformen zu finden?
Ich glaube das Gegenteil. Ich meine, daß der heutige Zustand vorübergeht,
nur eine Krise der Nachkriegszeit ist, und daß wir bald zu den liberalen
Grundsätzen zurückkehren werden, die allein Europa Gesundheit und Frieden
wiedergeben können.
Absolute Grundsätze gibt es nur in der Mathematik. Die Politik ist dagegen
ein Ausdruck des Lebens. Wie könnte ’sie absolute Grundsätze haben? Die
sozialen Formen haben nichts dauerndes und endgültiges. Die Geschichte
zeigt uns in ihren verschiedenen Epochen immer einen Kampf zwischen
Konservativ, Reaktionär, Revolution und Liberal. Aber die größten Fortschritte
 haben die modernen Länder in den Zeiten freiheitlicher Entwicklung
gemacht.
Reaktion und Revolution sind entgegengesetzte Formen, in denen sich der
wechselnde Instinkt der menschlichen Gesellschaft wechselnd äußert. Es gibt
auch in der zivilisierten Gesellschaft Zeiten, die die Reaktion verlangen; sie
ist manchmal notwendig, um die auflösenden Kräfte zu hemmen, um die
Arbeitsdisziplin und das Ansehen des Staates zu heben. So kann die Reaktion
der Freiheit förderlich sein.
Das antike Rom stand in den demokratischesten Zeiten unter der Diktatur.
Es konnte und kann in jeder Demokratie Konflikte geben, die sich nicht mit
gewöhnlichen Mitteln schlichten lassen. Aber die Diktatur im antiken Rom,
weit entfernt, einen Ansturm gegen den Staat zu bedeuten, war vielmehr Verteidigung
 des Staates außer in wenigen Fällen von Spaltung und Bürgerkrieg.
In der republikanischen Zeit Roms war die Diktatur vom öffentlichen
Recht vorgesehen und weise geregelt. Der vom Senat ernannte Diktator wurde

55
        <pb n="56" />
        mit seiner Macht vom Senat selbst bekleidet, wir würden sagen, vom Parlament.
 Er übernahm das Amt der Konsulen, d.h. die ausübende Gewalt.
Seine Würde erhielt er zu einem bestimmten Zweck, zur Lösung von Schwierigkeiten,
 vor allem in Kriegszeit oder bei einem die Einheit der Republik
bedrohenden Zwiespalt zwischen Senat und Komitien. Der Auftrag dauerte
stillschweigend eine gewisse Frist, zuweilen wenige Tage oder Wochen, doch
niemals länger als sechs Monate. Dies war ein nützliches und praktisches
Mittel zur Überwindung von Krisen der Demokratie, welches der Würde und
Kraft der freien Verfassung keinen Abbruch tat.
Die modernen Parlamente haben oft im Falle der Not die gesetzgebende
Gewalt der Regierung übertragen, aber stets nur für kurze Zeit und bestimmte
Zwecke. Aber dies hat nichts gemein mit einer staatserobernden Diktatur
eines Einzelnen, einer Partei oder eines Einzelnen im Dienste der Partei, ja
was noch schlimmer ist, einer Partei im Dienste eines Einzelnen.
Der Sozialismus ist die Tendenz zur äußersten Demokratie und bedeutet
das Ideal einer Gesellschaft ohne Vorrecht der Geburt und sozialen Stellung.
Jede fortgeschrittene Gesellschaft hatte und hat ihre Form des Sozialismus.
Das Problem, allen Menschen den gleichen Ausgangspunkt für den Kampf
ums Leben und dieselbe Möglichkeit der Entwicklung aller ihrer Fähigkeiten
zu verschaffen, hat edle Geister immer angezogen. Die Idee, die Arbeit jedes
Menschen könne das Ergebnis seiner Anstrengungen und nicht das der Geburt,
 des Zufalls, der Vorrechte sein, ist so erhaben, daß sie jeden nicht gemeinen
 Geist anzieht und beschäftigt. Das größte Hindernis für das Werk
des Sozialismus bleibt immer die Gefahr, daß die Form der sozialen Zusammenarbeit
 die Produktionskraft schwäche. Aber wenn wir, Liberale und
Demokraten, auch nicht an die Formeln des Sozialismus und vor allem an
den Klassenkampf glauben und mit der Taktik der sozialistischen Parteien
nicht einverstanden sind, müssen wir doch zugeben, daß der Sozialismus in
den verschiedensten Formen das ganze soziale Leben der fortgeschrittenen
Gesellschaften durchdringt. Ohne es zu wollen, akzeptieren wir immer etwas
von ihm. Auch wenn wir ihn ablehnen, eignen wir uns die Grundsätze der
sozialen Solidarität an. Das tiefe Eindringen des Sozialismus als moralisches
 Prinzip und als Grundlage der sozialen Tätigkeit vollzieht sich täglich
unaufhaltsam. Die Theorien von Marx sind eine nach der andern gefallen,
aber die Arbeiterbewegung hat das gesamte moderne Leben durchdrungen.
Es sind nicht die Pläne der anerkannten Theoretiker des Sozialismus, sondern
die Forderungen des sozialen Lebens, denen wir nachgeben müssen. Viele
Ideen und Reformen, die noch vor zwanzig Jahren für utopisch gehalten

56
        <pb n="57" />
        wurden, sind heute verwirklicht wie der Achtstundentag, der von allen Nationalökonomen
 angefeindet und für undurchführbar gehalten wurde.
Der Sozialismus und die Reaktion dürfen nicht als willkürlich wirkende
Kräfte betrachtet werden. In Zeiten der Verwirrung kann die Reaktion ein
wohltätiges Heilmittel sein, und sozialistische Reformen können die Irrtümer
und Entgleisungen des Kapitalismus ausgleichen und verhindern, daß sich
große Vermögen in den Händen Weniger anhäufen.
Aber die liberale Form ist es, welche den dauernden Bedürfnissen der
modernen Zivilisation in ihren fortgeschrittensten Phasen entspricht. Sie ist
die Staatsform, die den größten Fortschritt und die größte soziale Entwicklung
 ermöglicht, gleichermaßen die größte Ausbreitung des Wohlstands und
das höchste Gedeihen des Volkes, die natürliche und wahrhaft erhaltende
Form im sozialen Leben fortgeschrittener Länder. Sie nur ist es, welche
während der besten Zeiten des 19. Jahrhunderts den größten wirtschaftlichen
Fortschritt, den inneren Frieden und gute internationale Beziehungen ermöglicht
 hat. Die großen modernen Völker entwickeln sich allein durch
freien Wettbewerb-, durch Gedanken-, Handels- und Vereinsfreiheit, nicht.
nur durch die der Presse. Die Reaktion kann nur notwendig und dann nützlich
 sein, wenn sie vorübergehend und nur als Heilmittel gebraucht wird.
Aber jede dauernde Fügung in Knechtschaft bedeutet Verfall. Wo sich die
Reaktion lange behauptet, verarmt, erniedrigt und demoralisiert sie das Volk.
Die Länder, in denen Diktatur herrscht, sind immer von Revolutionen und
Krisen bedroht, und bei inneren Schwierigkeiten wird die Diktatur unausweichlich
 zu internationalen Abenteuern getrieben, d.h. zu Kriegen, die zur
nationalen Eintracht und zur Beendigung des inneren Widerstandes führen
sollen. Diese Länder stehen immer unter dem Alp der Revolution und des.
Krieges und sind Knechtsland. Wenn Knechtsnaturen leicht zu finden sind,
so sind sie es auch, die am ehesten Verrat üben. Ihre Fügsamkeit kommt nur
aus Furcht; beim ersten Geräusch lassen sie die Waffen fallen. Deshalb ist.
keine Diktatur in den modernen Ländern von Dauer, auch wenn sie sich noch
so gewaltig zeigt; jede ist die Vorläuferin der Revolution, nachdem sie das.
Volk erniedrigt und die Jugend verdorben hat.
Wie die absoluten Monarchen verkündigen die Diktatoren stets die besten
Absichten; das Volk verlange nicht Freiheit, sondern Wohlstand, die Regierung
 müsse die Nation vor wahren oder eingebildeten Gefahren schützen,
die Politik des despotischen Staates stelle sich nur den auflösenden Kräften
entgegen. Die Beweisführung ist dieselbe geblieben wie vor hundert Jahren.
Wer sie braucht, sieht nicht, daß die Freiheit selbst das Heilmittel ist, daß

57
        <pb n="58" />
        nur die frei geäußerten Regungen trotz ihrer Schäden und Nachteile die gesamte
 Gesellschaft vor dem größten Unheil bewahren.
Der wertvollste Besitz der menschlichen Gesellschaft ist der Mensch selbst.
Die Schätze der Natur sind ohne die Ausnutzung durch den Menschen wertlos,
und diese kann nur dort beträchtlich sein, wo es freie Menschen und freie
Staatsformen gibt. Kein absoluter Staat hat im modernen Leben eine hohe
Kulturstufe erreicht, aber auch keiner hat einen beträchtlichen Grad von
Wohlstand erreicht. In den Anfangsstadien eines absolutistischen Regiments
wird dies Übel noch nicht offenbar, aber der Verfall ist stets unausbleiblich.
Die Tätigkeit und Arbeitsleistung eines knechtischen Volkes können nur gering
 sein. Wenn alles willenlos von der Regierung abhängt und diese das
Werkzeug weniger Männer oder nur eines Einzigen ist, welche Lage muß da
‚entstehen? Knechtsarbeit ist wenig produktiv. Was aber kann ein geknechtetes
Volk auf dem Wege wirtschaftlichen und sozialen Fortschritts leisten ?
Die Neurose der Nachkriegszeit hat sowohl die Diktaturen wie die Revolutionsbewegungen
 erzeugt. Jeder erinnert sich der großen Streiks wirtschaftlichen
 und mehr noch politischen Charakters nach dem Krieg, des aufrührerischen
 und zuchtlosen Geistes und der Arbeitsscheu, die überall herrschten.
Die Reaktion folgte oft den revolutionären Bewegungen, und die Bedrohungen
.der roten Diktatur erzeugten die weiße Diktatur dort, wo eine Tradition des
demokratischen Lebens fehlte. Aber die revolutionären wie die reaktionären
Bewegungen sind nichts als die Folge der Unruhen und Ausnahmezustände.
Wenn Europa sich zurückgefunden und das normale Leben wieder aufgenommen
 haben wird, wird sich die Freiheit befestigen, nicht nur als eine
politische Notwendigkeit, sondern als die unerläßliche Voraussetzung für die
wirtschaftliche Existenz der Gesamtheit wie des Einzelnen.
XL
DIE ÜBERTREIBUNGEN ÜBER DEN BOLSCHEWISMUS. DIE
AUSSCHREITUNGEN DES EUROPÄISCHEN KAPITALISMUS
AUSSERHALB EUROPAS. DER KULTUS DER GEWALT
Es gibt jetzt in Europa viele Ursachen der Verwirrung: die allgemeinen
Folgen der Friedensverträge, die Unsicherheit der Zukunft, die roten und die
weißen Diktaturen, auch den Haß, welchen die Kriegsgewinnler durch ihre
verderbliche Presse zwischen die Nationen säen, die nationalistischen Unruhen
in den Staaten mit verschiedenen Nationalitäten. Es gibt das Diktatur-Fieber
‚der Mittelmeerstaaten, leicht entzündlich, aber auch leicht erlöschend, den

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        <pb n="59" />
        Schutzzollwahn und den Militarismus, Folgen und Ursachen des Nationalismus,
 in deren Trauerzug Verwirrung des‘ Handelsverkehrs, Arbeitslosigkeit
und Geldkrisen folgen.
In der konservativen Presse gibt es nur eine Erklärung für all diese Verwirrung,
 eine tägliche Sorge: den Bolschewismus., Der russische Bolschewismus
 soll alles erklären und rechtfertigen. Dieselben Menschen, welche dem
Fascismus und seinen umstürzenden Unternehmungen gewogen sind, übertreiben
 die Furcht vor dem Bolschewismus. In Frankreich und in England
gibt es ernste Arbeiterunruhen, und der Kommunismus, welcher vor dem
Kriege kaum bestand, findet jetzt dort günstigen Boden. Aber seine Fortschritte,
 geringer, als es scheint, werden künstlich übertrieben und als Werk
des Bolschewismus ausgegeben. Allerorten erblickt man in Unruhen, Aufruhr,
Unzufriedenheit und Erbitterung das Werk Moskaus. Wenn der Bolschewismus
 verantwortlich wäre für Alles, was man ihm zuschreibt, könnte ihn keine
menschliche Kraft aufhalten; er wäre dann eine ungeheuere und unüberwindliche
 Macht.
In Italien hat man eine weiße Diktatur. Sie ist der Schutz gegen den Bolschewismus!
 Auch der General Primo de Rivera hat zur Rechtfertigung der
spanischen Diktatur oft von der Notwendigkeit gesprochen, den revolutionären
 Drohungen Einhalt zu gebieten, und dies in einem Land, wo die Revolution
 nie eine ernste Gefahr war und alle Revolutionen von Militärs gemacht
worden sind. Auch die Anhänger des Generals Primo de Rivera, des harmlosesten,
 mildesten und unkonsequentesten Diktators der modernen Geschichte,
schreiben ihm nicht die militärische Entschlossenheit Hannibals oder das
kriegerische Genie Caesars zu.
Abd el Krim kämpfte im Rif gegen Spanien und Frankreich. Es handelte
sich um einen Kolonialkrieg, der von der spanischen Regierung immer mit
wenig Geschick geführt wurde. Durch ihn hat Spanien große Verluste erlitten,
 und es lief Gefahr, seinen Wohlstand vernichtet zu sehen. Die Regierung
 von Moskau hat nichts oder wenig zu tun mit den marokkanischen
Ereignissen und den Irrtümern der spanischen Regierung, wie man auch den
Kampf Abd el Krims beurteilen mag, und welcher Art auch seine Beziehungen
zu Finanzleuten verschiedener Nationalitäten gewesen sein mögen, die Bergwerks-Konzessionen
 erstrebten. Aber viele Zeitungen beharren dabei, auch
im Rif das Werk und den Einfluß des Bolschewismus zu sehen.
In China gibt.es eine starke, den Fremden und der kapitalistischen Gesellschaft
 des Abendlandes feindliche Strömung; auch sie soll das Werk des Bolschewismus
 sein. Die Türkei hat ihre Unabhängigkeit wieder erkämpft und

59
        <pb n="60" />
        sich von viel schädlichem Unrecht befreit wie dem System der Kapitulationen
 oder den Ausplünderungen und Beraubungen durch den abendländischen
 Kapitalismus, die sie jetzt nicht mehr dulden will. Natürlich handelt
die Türkei und der ganze Islam nach dem Befehl von Moskau! In ganz Asien
zeigen sich Keime des Aufruhrs gegen unsere teuflisch raubende Zivilisation;
sie sollen wiederum das Werk des Bolschewismus sein.
Diese Art von Blindheit ist nicht neu. Keine Lektüre ist so interessant wie
die der englischen Zeitungen und politischen Schriften zur Zeit der französischen
 Revolution und Napoleons. Jede Schuld, jede Gewaltsamkeit, jeder
Aufstand wurde in fast ganz Europa den Franzosen und Napoleon zugeschrieben,
 und man sprach von den Revolutionären als von gott- und vaterlandslosen
 Räubern. Nach 1815 wurde lange Zeit hindurch alles dem schädlichen
 Einfluß der Freimaurerei, der Liberalen und der Carbonari zugeschrieben.
 Der aufsteigende Sozialismus beschuldigte die bösen Fürsten aller
Verbrechen: der Zerstörung von Familie, Gesellschaft oder Vaterland.
Während des Zarismus wurden alle Verbrechen in Rußland allgemein den
Juden und Revolutionären zugeschoben.
Wenn der Bolschewismus für alle ihm zugeschriebenen Irrtümer verantwortlich
 wäre, wenn er auch in den fortgeschrittensten Ländern nach Belieben
 Massen bewegen und seine Wirkung auf alle Kontinente ausbreiten
könnte, wenn er allein alle Völker Europas und Asiens und die afrikanischen
Muselmänner aufrühren könnte, wenn seine Ideen und seine Propaganda
Einfluß auf die Menschen verschiedener Religion und Empfindung gewinnen
könnten, müßte man ihm eine so ungeheuere äußere materielle und moralische
 Kraft zuerkennen, daß jeder Widerstreit gegen eine solche ungeheuere
lebendige Macht vergeblich wäre. Die Wirklichkeit ist viel bescheidener. Der
Bolschewismus bedeutet keine so ungeheuere Macht. Es sind im Gegenteil
unsere ungeheueren Irrtümer, welche vielen Klagen die Kraft verleihen, dieder
Bolschewismus wie jede revolutionäre Bewegung natürlicherweise seinen
Zwecken dienstbar macht. Unsere Irrtümer sind die Ursache, und der Bolschewismus
 ist nur eine Begleiterscheinung.
Viele Jahre sind seit dem Kriege verstrichen, und noch beharren wir bei
unserer Politik der Geheimverträge, der Bündnisse, der Gruppierung einiger
Staaten gegen andere mit dem Erfolg, daß keine Abrüstungspolitik möglich
ist, weil Mißtrauen und Unruhe eher zu- als abnehmen. Noch sind für den
Konflikt verantwortliche Männer auf der Szene und selbst Männer und Diktatoren,
 die nach neuen Konflikten Ausschau halten. Der Sozialismus hat.
sich dadurch gemäßigt, daß er in fast allen Ländern Regierungspartei ge-60
        <pb n="61" />
        worden ist. Dem Kommunismus wenden sich die Idealisten, die Unzufriedenen,
 die Unklaren zu, wie auch die wirklichen Kriegsgegner. Statt ihre
Fehler zu verbessern, errichten die reichen Klassen und die Regierungskreise
in vielen Ländern Diktaturen, oder sie streben nach Wiederherstellung der
Monarchie, oder sie verherrlichen Diktaturen und unterstützen sie in anderen
Ländern. Folgt daraus nicht notwendig, daß die Völker mißtrauisch werden?
Aber ich kenne kein einziges europäisches Land, in welches der Bolschewismus
 wirklich eingedrungen ist und wo der Kommunismus eine wahrhaft
ernste Gefahr bedeutet. Sobald der Kommunismus sich deutlich zeigt, ruft er
eine Reaktion hervor, die ihn lahmlegt. Die Wirkung des Kommunismus
scheint sich jetzt in Europa zu vermindern; das Volk fühlt sich nach dem
Beispiel Rußlands nicht sehr angezogen von den Grundsätzen und vor allem
von den Handlungen Moskaus.
Was die internationale Wirkung des Bolschewismus inner- und außerhalb
Europas betrifft, muß man bemerken, daß die großen Pläne, die man vor
einigen Jahren Sowjet-Rußland zuschrieb, viel mehr der Phantasie mancher
reaktionärer vor allem englischer Zeitungen entstammen. Es ist möglich, daß
bolschewistische Agenten die Aufstände in China angestiftet haben. Aber
verdient nicht auch das unmoralische Werk der Europäer in China die tiefste
Abscheu seitens der Chinesen und mußte dies nicht früher oder später zu
blutigen Aufständen und Konflikten führen? Die chinesischen Erhebungen
sind zugleich nationalistisch und kommunistisch. Der Nationalismus erwuchs
aus den ruchlosen Räubereien und Grausamkeiten der Europäer, die bei zahlreichen
 Gelegenheiten und vor allem zur Zeit des Boxer-Aufstandes in Verbrechen
 und Plünderungen wetteiferten. Diese Schuld einiger europäischer
Nationen kann durch nichts ausgelöscht werden. Die chinesische Revolution
ist nichts als die Erhebung -gegen die barbarischeste Form der kapitalistischen
Ausnützung, die es je gegeben hat.
Das chinesische Volk ist das duldsamste der Welt; kein anderes neigt so
wenig zu Gewaltsamkeiten wie dieses. Die Lehre des Konfucius, die das
Seelenleben der Chinesen bestimmt, rät von allen Lehren am eindringlichsten
zum Frieden. Wenn die europäischen Besatzungstruppen in China nicht so
zahllose Verbrechen und Plünderungen begangen hätten, und wenn man nicht
durch die betrübendsten Intrigen versucht hätte, Konzessionen zu erlangen
und die wirtschaftliche Lage auszunutzen, hätte China wahrscheinlich dem
Handel und den für Europa günstigen wirtschaftlichen Beziehungen keinen
Widerstand geboten. Aber das Verfahren des europäischen Kapitalismus in
China war und ist schmählich. Die europäischen Kapitalisten haben in den

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        <pb n="62" />
        chinesischen Provinzen, wo die Revolution gegen die Fremden am wildesten
tobte, mehr Menschen getötet und mehr Existenzen zerstört, als ein großer
Krieg es getan haben würde. Nicht nur erwachsene Arbeiter, sondern auch
Kinder werden in der schändlichsten Weise ausgenutzt durch fünfzehn- oder
sechzehnstündige Arbeitszeit ohne jede Feiertagsruhe; man nutzte auch den
Zustrom großer Massen armer Arbeiter durch Hungerlöhne aus. Die durch
die gründlichsten Untersuchungen festgestellten Grausamkeiten der Industriellen
 während des großen Aufstiegs der englischen Industrie verblassen
gegenüber dem entsetzlichen Vorgehen der europäischen Kapitalisten in
China. Die Europäer, welche ihr Kapital sehr nutzbringend in China anlegten,
jetzt ruhig ihre Kupons abschneiden und jährlich große Gewinne einstecken,
beklagen sich über die dortige bolschewistische Propaganda, ohne zu bedenken,
 daß eine etwaige bolschewistische Propaganda haßerfüllte Seelen fand.
Sie erkennen nicht, daß ihre ungeheueren Gewinne von Blut triefen und daß
die Entwicklung der textilen Industrie in China seitens der Europäer eines
der schwärzesten Kapitel der Weltindustrie ist. Hat der marokkanische Aufstand
 nicht tiefe soziale und moralische Ursachen? Haben zu den irrsinnigsten
Handlungen nicht Banken und Großkapitalisten getrieben? Hat die Eisenindustrie,
 die schon für so viel Blut verantwortlich ist, nicht auch für viele
Irrtümer in Marokko die Verantwortung? War die klerikale Politik Spaniens
nicht lange Zeit hindurch töricht und verbitternd? Wenn ein Land wie das
Rif, kaum so reich bevölkert wie eine spanische Provinz, solch erbitterten
Widerstand leistet, hat dieser Widerstand dann nicht tiefe Ursachen? Der
Tag, an dem der König von Spanien den Irrtum beging, den heiligen Krieg
gegen die Ungläubigen zu erklären, bedeutete nicht nur die Rückkehr zur alten
klerikalen Gesinnung; er gab auch dem Widerstand der Rifleute einen erhabenen
 moralischen und religiösen Charakter. Daß die Franzosen mit ihrem
politischen Scharfsinn versucht haben, diesen Irrtum zu verbessern, kann
seine bösen und langwierigen Folgen nicht auslöschen.
Wir beklagen den Widerstand, den Europa jetzt außerhalb seiner Grenzen
findet; es erntet aber nur die Früchte seines wahnwitzigen Kapitalismus und
seines räuberischen Geistes, der selbst die Grundlagen der internationalen
Moral zerstört hat. Europa ist in wenigen Jahren nicht nur ein schuldbeladener
 Kontinent geworden; es hat zum großen Teil seinen moralischen
Kredit verloren.
Die Türkei und Rußland, die beiden europäischen oder besser halbeuropäischen
 Länder, die Europa am meisten beunruhigen, sind zu ihren Exzessen
nur durch die unseren getrieben worden. Ich selbst wohnte den internatio-62
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        nalen Konferenzen bei, als man in den Jahren 1919 und 1920 über das
Schicksal der Türkei entschied, und versuchte, die größten Irrtümer zu verhüten.
 Aber wie sollte man ankämpfen gegen die allgemeine Ansicht, daß
man nach Belieben mit dem Geschick der Besiegten schalten könne? Viele
ruchlose Handlungen wurden gegen die Türkei begangen. Man wollte sie aus
Europa hinausdrängen, den Sultan nach Brussa versetzen und ihnen die Gebiete
 Kleinasiens zu Gunsten Griechenlands und Armeniens wegnehmen.
Armenien wollte nicht nur einen Staat in angemessenen Grenzen, sondern
eine große armenische Republik mit Erzerum und Trapezunt besitzen.
Griechenland forderte die Rechte des Hellenismus, Smyrna und den besten
Teil Kleinasiens. Die Türken zogen sich nach Kleinasien zurück und fanden
dort in der Verzweiflung die Kraft zur Verteidigung wieder. Sie vernichteten
die Armenier und schlugen die Griechen. Nun aber boten die europäischen
Mächte, die Griechenland und Armenien gegen die Türkei gehetzt hatten,
die sie angestiftet und bewaffnet hatten, das elendste Schauspiel. Sie erkannten
 den Sieg der Türken an. Nachdem die Türken Konstantinopel, den
Sitz aller Intrigen von Finanzleuten und Diplomaten im Dienste der ersteren,
verlassen hatten, erlangten sie in ihrer armen Hauptstadt Angora ihre Unabhängigkeit;
 sie haben Europa moralisch. geschlagen. Die Türkei hat ihre
Freiheit und die Abschaffung des ruchlosen Systems der Kapitulationen erreicht.
 Weshalb sollten die Türken nicht auf diesem Wege fortschreiten?
Bedürfen sie wirklich des Rates von Moskau? Ist es nicht vielmehr lächerlich,
den wundervollen Widerstand und die politische Wiedergeburt der Türkei
dem Wirken der Sowjets zuzuschreiben? Und spricht man nicht auch heute,
wo die Türkei kein europäischer Staat mehr ist, in allem Ernst in verschiedenen
 Staaten von dem Verlangen nach türkischen Gebieten Kleinasiens?
- Die gegen das bolschewistische Rußland befolgte Politik wies ebenfalls eine
solche Reihe von Irrtümern auf, daß Manches unglaubhaft scheinen wird,
wenn man die genaue Geschichte des Vorgehens der abendländischen Staaten
gegen Rußland in und nach dem Kriege schreiben wird. Im Gegensatz zur
Türkei war Rußland - nicht einmal ein Feind, sondern nur ein gefallener
Freund. Seine übergroße Anstrengung ließ es zusammenbrechen. Als Rußland
 dem Bolschewismus verfiel, benutzten die früheren Verbündeten seine
schwierige Lage, um ihm die größten Leiden und Demütigungen zuzufügen.
War es der Haß gegen das kommunistische und revolutionäre Regime? Oder
war es einfach Gier nach neuen Gebieten? Oder war es beides zugleich?
Niemand hatte je gegen die Verbrechen des Zarismus Einspruch erhoben;
der mystische Schwächling hatte unter allgemeiner Duldung gegen die

63
        <pb n="64" />
        geistigen Schichten, gegen die Juden, gegen alle freien Geister die größten
Verbrechen der Geschichte begangen. Nur einige hervorragende Männer, einige
englische und amerikanische Schriftsteller hatten die Greuel der sibirischen
Zuchthäuser und der Deportationen aufgedeckt. Dagegen waren alle einig
in der Schilderung der bolschewistischen Vergehen, zuweilen sie übertreibend
oder erfindend. Russische Gebiete wurden anderen Staaten überlassen unter
Ausnutzung der schwierigen Lage Sowjet-Rußlands. Man versuchte gegen
Rußland Krieg zu führen, nur weil es eine kommunistische Regierung hatte.
Als ich im Juni 1919 zum Haupt der italienischen Regierung ernannt
wurde, war ein Feldzug zur Besetzung Georgiens vorbereitet worden. Die
Staaten der Entente — die früheren Verbündeten Rußlands — hatten nicht
nur der italienischen Besetzung Georgiens, das reich an Petroleum, Mineralien
und an fruchtbaren Gebieten war, zugestimmt, sondern hatten sie gefördert.
Man sagte, daß Georgien das Feld der künftigen italienischen Betätigung sein
würde. Bei der Regierungsübergabe sprach mein Vorgänger mir mit Begeisterung
 vom Plan dieser Expedition, die von fast allen Parteien mit größter Zustimmung
 aufgenommen wurde. Das Programm der Ausbeutung war schon
bestimmt, und Banken wurden für diesen Zweck errichtet. Ich erkannte sofort,
 daß jene Expedition eine Vergewaltigung der Grundsätze des Völkerrechts
 bedeute, auch daß sie in militärischer Beziehung gefährlich sein und
einen unvermeidlichen Krieg gegen die moskowitische Regierung nach sich
ziehen würde. Die Besetzung russischen Gebietes wäre eine finanzielle Katastrophe
 und ein militärisches Abenteuer von mindestens sehr unsicherem Ausgang
 gewesen, also alles eher als ein günstiges Unternehmen. Ich löste deshalb
ohne weiteres die Expedition auf und war sehr zufrieden mit dieser Maßnahme,
 als wenige Zeit nachher die bolschewistischen Truppen in Tiflis
eindrangen. Dies bezeugte, daß der Feldzug nach Georgien für Italien den
Krieg gegen Rußland bedeutet hätte. Da aber brachen alle reaktionären Elemente
 in heftige Fehde gegen mich aus. Da man meine Haltung während
des Krieges nicht angreifen konnte, wo einzig meine Bemühungen und mein
unerschütterlicher Wille nach dem Mißgeschick von Caporetto die Mittel
zum Widerstand und zur Rettung Italiens gefunden hatten, sagte man, daß
ich im Frieden Verzichtpolitik getrieben hätte und ein Pazifist sei. Dieselben
reaktionären Elemente, die für die Unternehmung in Georgien gewesen waren,
hatten schon für die Einnahme Dalmatiens und für den Versuch militärischer
Abenteuer in Kleinasien die schlimmsten Tollheiten begangen.
Die früheren Verbündeten versuchten nur wegen seines kommunistischen
Regimes Krieg gegen Rußland zu führen, und da die Absendung von Truppen

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        <pb n="65" />
        hauptsächlich infolge des Widerstandes der proletarischen Klassen unmöglich
war, bewaffneten sie revolutionäre Truppen. Als das alte Regime schon lange
nicht mehr bestand, beharrte man dabei, es anzuerkennen. Die auf Kosten der
Entente gegen Rußland bewaffneten revolutionären Heere fielen eins nach
dem andern. Koltchak, Denikine, Judehic, Wrangel stießen nicht nur auf den
bewaffneten Widerstand des Sowjet-Heeres, sondern auch auf die Abneigung
des russischen Volkes. Dies waren nicht Männer, die für ihr Land eine freie
Staatsform gegenüber der bolschewistischen Gewalt erkämpfen wollten, sondern
 Männer der Vergangenheit, der alten Gesinnung, welche für die Wiederkehr
 des Zarismus kämpften, d.h. für eine erniedrigende Regierungsform,
schlimmer und unmoralischer als jede andere, jene verabscheuungswürdige
Regierung, die alle Gewalttätigkeiten des Bolschewismus vorbereitet hatte.
Nach den militärischen Mißerfolgen kam der Wirtschaftskrieg. Man hat,
wie damals gesagt wurde, die eiserne Kette, le fil barbele&amp;amp;, um die Russen
schlingen wollen, Diese Isolierung sollte durch Hungersnot ihren Zusammenbruch
 beschleunigen. Dieser Gedanke war unmöglich und unmoralisch zugleich.
 Die Europäer haben sich überall, wo es Verdienstmöglichkeit gibt,
dem Handel gewidmet, Sie treiben auch Handel mit unmoralischen Dingen —
mit Opium in China, indischen Götzen, Nervenreizmitteln usw. Vor nicht
langer Zeit bedrohte man China, weil es den Opiumhandel verhindern wollte.
Die puritanischesten Völker stehen auch mit wilden Völkern, selbst Kannibalen
 in Handelsbeziehungen und verschmähen es nicht, ungeheuere Summen
durch den Handel mit Alkohol zu verdienen und ganze Völker zu zerstören,
die dieses Gift der europäischen Gesellschaft nicht gewöhnt sind. Es war nur
ein Akt politischer Feindseligkeit, mit Rußland keinen Handel zu treiben.
Die Bolschewisten haben nicht nachgegeben; sie haben jede Finanzaufsicht
abgelehnt und die nationale Sache wahrhaft verteidigt. Danach aber beeilten
sich alle europäischen Staaten, einer nach dem andern, Rußland anzuerkennen,
 in der Hoffnung kapitalistischer Konzessionen und materieller Vorteile,
 die Rußland aber versagte und immer versagen muß, wenn es seine
Freiheit nicht verlieren will.
Ein sehr angesehenes Haupt eines orientalischen Staates besuchte mich‘ vor
einigen Jahren, um sich Rat zu holen. Nachdem ich alle seine Fragen beantwortet
 hatte, gab ich ihm den zusammenfassenden Rat: Mißtraut dem europäischen
 Kapitalismus, der von räuberischem Geist beseelt ist. Erleichtert den
Handel aller Staaten; aber macht niemals unter irgend einem Titel besondere
Konzessionen, welche in irgend einer Weise euere Unabhängigkeit und Selbständigkeit
 beschränken könnten.
Bolschewismus

65
        <pb n="66" />
        Europa verliert jeden Tag mehr seine ökonomische Vorherrschaft und,
was schlimmer ist, sein Ansehen. Mir kam ein Gebet in die Hände, das im
manchen amerikanischen Kirchen gesprochen wird. Die Gläubigen danken
Gott zuerst. für alle seine Wohltaten, dann aber auch für den Ozean zwischen
Europa und Amerika.
Die Mitglieder des Völkerbundes verherrlichen ihr Werk in jeder ihrer
Sitzungen. Dann und wann erhebt sich aber aus der Ferne eine störende
Stimme, ein rauher Ruf zurück in die Wirklichkeit. Der Vertreter Australiens
machte vor zwei Jahren die ironische Bemerkung, es gebe seit dem Bestehen
des Völkerbundes in Europa eine Million Menschen mehr unter den Waffen.
Im März 1926 entstand gelegentlich des Eintritts Deutschlands in den Völkerbund
 ein Streit um ständige Ratssitze, der nicht ganz nach den Grundsätzen
von Treu und Glauben verlief. Waren in jener Zeit vielleicht dunkle Kräfte
wirksam, die den Völkerbund tödlich zu treffen drohten? Als Alles zu gutem
Einverständnis zu kommen schien, verursachte Brasilien mitseinem unzeitigen
Verlangen nach einem ständigen Ratssitz eine ungelegene Krise, schädlich
für den Frieden wie für die Tätigkeit des Völkerbundes selbst. Bei dem gerechten
 Tadel von seiten des Ministers Vandervelde, fehlte es dem Haupt der
brasilianischen Delegation, trotz der groben Unbedachtsamkeit seines Betragens,
 nicht an einer leichten Antwort: Es ist nicht Europa, welches das
Recht hat, von Frieden zu reden. Wir in Südamerika leben im Frieden; von
dem Beispiel Europas können wir nichts lernen. Die Worte des brasilianischen
Vertreters, ungefähr in dieser Fassung von den Zeitungen wiedergegeben (auf
den Buchstaben kommt es nicht an), werfen ein schlechtes Licht auf seine
diplomatische Klugheit und vermindern durchaus nicht das Unpassende seines
Gesuches. Aber sie zeigen, wie das Ansehen Europas seit dem Kriege in den
Augen der übrigen Welt gesunken ist.
In allen Ländern europäischer Herrschaft, in allen Kolonien finden wir
heute Keime des Aufstandes.Die Kolonialheere in großen Teilen Asiens und
Afrikas geben für die Zukunft keine genügende Bürgschaft ihrer Treue. Die
Verwendung kolonialer Truppen im europäischen Kriege war ein Schaden,
aber sie war auch eine Notwendigkeit. Es war aber keine Notwendigkeit, sondern
 nur ein Schaden, sich nach dem Kriege kolonialer Truppen zu bedienen,
um politische Ziele zu erreichen.
Auch die Handlungsweise gegen Deutschland nach dem Jahre 1919 war
nicht geeignet, den Frieden und das europäische Zusammenleben wieder herzustellen.
 Das willkürliche Verfügen über deutsche Gebiete war gewiß kein
geringes Hemmnis für den Frieden. Nicht nur wurde Deutschland viel beweg-66
        <pb n="67" />
        liches Gut und seine gesamten Kolonien unter dem Vorwand weggenommen,
daß es Grausamkeiten begangen habe (die Völker Asiens und Afrikas wissen
von den Grausamkeiten anderer europäischer Staaten viel zu sagen) und daß
man ihm die Stützpunkte seiner imperialistischen Politik nehmen müsse. Die
Entschädigungen waren Anlaß zu den ungeheuerlichsten Irrtümern und
Täuschungen. Selbst verantwortliche Minister siegreicher Länder haben gegen
alle Vernunft von Entschädigungen von zweihundertfünfzig, dreihundert, ja
bis zu fünfhundert Milliarden Goldmark gesprochen. So entstand für lange
Zeit eine sinnlose Politik gegen Deutschland, aber auch viel unheilvolle
Täuschung bei den Siegern, welche jetzt darunter bitter zu leiden haben.
Man hat lange ernsthaft erwogen, Deutschland das linke Rheinufer mit
elf Millionen Deutschen zu nehmen. Die Ruhrbesetzung, gegen den Vertrag
und ohne Volksbeschluß vollzogen, hat eine unhaltbare Lage geschaffen, die
den durch nichts zu verteidigenden Fehler des Korridors von Danzig vergrößerte.
 Lange Zeit hat man immer wieder gegen besseres Wissen gesagt, die
Deutschen seien allein verantwortlich für den Krieg, sie seien die Hunnen
und Barbaren Europas, die Boches, sie seien die Feinde der Kultur. Angesehene
 und verantwortliche Männer gingen so weit, immer wieder zu sagen,
der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund sei nicht eilig. Un jour viendra,
wo sein Eintritt erfolgen werde, aber erst nach dem der Türkei und nach dem
aller anderen Völker.
Welche Irrtümer, welche gefährlichen Irrtümer! Wirtschaftliche Nachteile
kann man vergessen, aber moralische Beleidigungen nicht! Deutschland hat
widerstanden. Es hat sich die bittersten Entbehrungen auferlegt. Sein Geldumlauf
 ist wieder gesund. Überall verjagt, setzt es sich überall wieder durch
dank seinen Arbeitsanstrengungen und seiner Zucht. Es ist Deutschland gelungen,
 einen starken, einheitlichen Geist zu bilden, den es vielleicht vor dem
Krieg nicht hatte; es hat sich eine Demokratie erschaffen. Durch eine Reihe
von Irrtümern hindurch hat es einen unüberwindlichen Willen zum Leben
gezeigt. Dann aber veränderte sich Alles. Die törichten wirtschaftlichen Forderungen
 hörten auf. Es tauchte der Dawes-Plan auf, d.h. mein Vorschlag
von 1919 und 1920, der damals einen unverdienten Streit gegen mich hervorgerufen
 hatte.
Als Präsident der Konferenz von San Remo schlug ich im Jahre 1920 im
Einverständnis mit Lloyd George vor, den nutzlosen Besatzungen und Gewaltsamkeiten
 sowie den unerhörten Forderungen der lächerlichen Reparationskommission
 ein Ende zu machen und im Einverständnis mit den Deutschen
einen ernsthaften und sicheren Plan für die Entschädigungen festzusetzen.

67
        <pb n="68" />
        Meine Demission machte meinen Vorschlag zunichte. Aber nach einigen
Jahren nutzloser und willkürlicher Besetzungen mußte man notgedrungen
auf den Dawes-Plan zurückgreifen ; d.h. man tat unter dem Einfluß Amerikas
das, was die siegreichen Staaten aus eigener Initiative hätten tun sollen. Wenn
der Dawes-Plan auch nicht ganz durchführbar ist, wie Cassel und Keynes
meinen, 80 ist er wenigstens logisch, und man muß jede Anstrengung machen,
um ihn bona fide durchzuführen.
Man unterschrieb die Verträge von Locarno und forderte Deutschland auf,
in den Völkerbund einzutreten. Auch die Blindesten sahen ein, daß es ohne
Deutschland, Rußland und die Vereinigten Staaten Amerikas praktisch
keinen Völkerbund geben kann.
Waren soviel Irrtümer nötig, um endlich die Wahrheit einzusehen? Bedarf
es noch so vieler Irrtümer, um sich endlich zu überzeugen, daß ohne aufrichtige
 und ehrliche Verständigung zwischen Frankreich und Deutschland
Europa nie zum Frieden gelangen wird? Und wie wird eine solche Verständigung
 je möglich sein, ohne die schwersten Irrtümer der Verträge zu verbessern?
 Aber das Geschehene beweist, daß auch in den Staaten Europas,
die die Herrschaft des Rechtes proklamieren, nur die Moral der Gewalt besteht.
Man hat Rußland aus der zivilisierten Welt verbannt. Es sollte keinen Handel
 mit Europa treiben, und alle sollten bei seinem Sturze mithelfen. Es hat
militärisch widerstanden und gesiegt. Da beeilten sich alle, es anzuerkennen.
Auch die Türkei ist in der grausamsten Weise verfolgt worden, und die europäischen
 Staaten wollten nach ihrer Verdrängung nach Kleinasien ihre besten
Gebiete Griechenland überlassen. Die Türkei hat die Griechen besiegt, hat sie
aus ihren Gebieten vertrieben, und niemand hat daran gedacht, Griechenland
zu verteidigen. Alle haben es seinem Schicksal und seinen inneren Unruhen
überlassen. Die Türkei aber hat das ruchlose System der Kapitulationen beseitigt
 und ihre Freiheit wieder gewonnen. Man hat versucht, die deutsche
Einheit zu brechen und Deutschland aus der Gesellschaft der zivilisierten
Staaten hinauszudrängen. Deutschland hat nicht nachgegeben und nimmt
unwiderstehlich seinen Platz in der Welt wieder ein.
Was wäre geschehen, wenn Deutschland, Rußland und Türkei nachgegeben
hätten und ihr Zusammenbruch erfolgt wäre? Beherrscht nur die Gewaltpolitik
 Europa nach so vielen Worten von Freiheit und Frieden? Muß erst
die Erkenntnis der schlimmsten Irrtümer zur Bekehrung führen? Werden
nicht die Völker von einem berechtigten Mißtrauen in das Werk ihrer Regierungen
 zu extremen Gesinnungen getrieben? Fällt nicht die schwerste Verantwortung
 für das, was geschehen ist und geschieht, auf die Regierungen ?

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        <pb n="69" />
        Es ist leicht, alle Begebenheiten mit dem Bolschewismus und der Angst
vor der Revolution zu erklären. Aber was ist der Bolschewismus anderes als
die Folge zweier unheilvoller Kriege, des imperialistischen Programms des
zaristischen Rußlands und einer endlosen Reihe von zaristischen Gewalttätigkeiten
 und Verbrechen? Sind die Männer des Bolschewismus, wenn auch
für schwere Schuld verantwortlich, nicht die Verfolgten von gestern, die
Rebellen gegen die Autokratie von Nikolaus II, und gegen die Tyrannei 'der
russischen Kirche? Jeder wundert sich, daß unter den Bolschewisten viele
Juden sind, und dieses ist für die reaktionäre Presse ein neuer Anlaß zur Abneigung
 und zum Anti-Semitismus, Aber hat man schon die Greuel des Anti-Semitismus
 und die Judenpogrome ın Rußland unter der Herrschaft des
Zaren vergessen? Hat nicht die Regierung selber jene Pogrome veranlaßt?
Europa ist geneigt, immer dieselben Irrtümer zu begehen, die zum Krieg
geführt haben; es hat daher keinen Frieden und kann keinen haben. Aber der
europäische Kapitalismus, der für das Geschehene zum großen Teil verantwortlich
 zu machen und nur zynischer und unehrlicher geworden ist, seit das
Heer der Kriegsgewinnler ihn vermehrt, macht in seiner Presse und mit
seinen Organen in der Regierung den Bolschewismus zum Gegenstand seiner
Spekulation.
Der Bolschewismus hätte keine Anziehung und keinen Reiz für die proletarischen
 Massen, wenn es nicht so viele Ursachen zur Unzufriedenheit gäbe,
wenn Elend und Unwissenheit nicht den Keim zur Aktivität legten und vor
allem, wenn die Gewalt nicht immer noch die Grundlage der inneren und
äußeren Beziehungen der meisten europäischen Staaten wäre,
AM.
BOLSCHEWISMUS UND FASCISMUS ALS GLEICHARTIGE
PHÄNOMENE. DIE KRITIK AM WIRKEN DER PARLAMENTE.
UNMÖGLICHKEIT EINER DAUERNDEN ABSOLUTEN VER-FASSUNG
 IN DER HEUTIGEN GESELLSCHAFT
Bolschewismus und Fascismus bedeuten in dieser Epoche des europäischen
Lebens die zwei vollkommenen Verleugnungen des liberalen Systems und der
Demokratie, Der Fascismus ist die weiße Reaktion; der Bolschewismus ist ein
kommunistischer Versuch. Weit entfernt, einander zu bekämpfen, sympathisieren
 die beiden Systeme trotz ihrer Gegensätze. Die Bewunderung der italienischen
 Fascisten für den Bolschewismus ist bezeichnend und ebenso ihre
Neigung, seine Handlungen nachzuahmen. Ebenso charakteristisch ist es, daß

A
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        <pb n="70" />
        die Regierung von Moskau oft Sympathie für den Fascismus zeigte, mit
welchem sie stets in freundschaftlichen Beziehungen stand. Man ist heute in
Italien duldsamer gegen Kommunisten, die Moskau anhängen, als gegen Liberale
 und Demokraten und gemäßigte Sozialisten. Während man im allgemeinen
 jede Art von Opposition unterdrückt und verfolgt, hält man es aus
innerpolitischen Gründen für nützlich, die kommunistische Opposition, und
nur diese, in der Öffentlichkeit zu dulden. Man flößt dadurch den besitzenden
Klassen den Glauben ein, daß das Ende der Diktatur den Triumph des Kommunismus
 bedeute. In beiden Systemen — Bolschewismus und Fascismus —
verfügt eine bewaffnete Minderheit über den Staat. Es ist die Gewalt, welche
die Rechtsverhältnisse regelt und jede freie Meinungsäußerung unterdrückt.
In ganz Europa gibt es Männer, die zu dem einen oder dem anderen System
neigen. Es ist das Charakteristische dieser Systeme, welche die Ordnung verleugnen,
 daß sie ihre Wirkung auf das Ausland übertragen müssen. Einige
Jahre hindurch hatte der Bolschewismus den Wahn, überall die Revolution
verbreiten zu können. Mit ähnlichen Mitteln will der Fascismus, indem er
sich auf reaktionäre Gruppen stützt, überall reaktionäre Bewegungen hervorrufen.
 Der erste Versuch brachte Europa großen Schaden, obwohl er mißlang;
 der zweite wird noch größeren oder doch nicht geringeren Schaden
bringen, obwohl auch er mißlingen wird. Wie es nicht zur_Weltrevolution,
kam, wird es auch nicht zur Weltreaktion kommen.
Ungebildete (und leider sind diese, auch ın den Klassen, die sich selbst als
die führenden bezeichnen, die Mehrzahl) sind oft nicht einsichtig genug, um
die Wohltaten der Freiheit zu erkennen.
Nur die ernste Beschäftigung mit national-ökonomischen Problemen ‚befähigt,
 die Wohltaten der freien Wirtschaft und des ungehinderten Güteraustausches
 zu verstehen und werten zu können. Aber das Schutzzoll-System,
welches den Kampf um Gewinn zu erleichtern und den Wettbewerb wie auch
die Nachteile des Konkurrenzkampfes zu mindern scheint, übt auf die Industriellen
 und oft genug auch auf die Arbeiterführer starke Anziehung aus.
Bevor ich als erster Minister an der Spitze der italienischen Regierung,
stand, war ich lange Handelsminister und dann Finanzminister gewesen. Ich
fand oft Spekulanten, Kapitalisten und Arbeiterführer einig in der Forderung
von Schutzzöllen und Maßnahmen zur wirtschaftlichen Grenzverteidigung.
Sie zeigten sich geneigt, mich mit allem Respekt für einen bloßen Theoretiker
zu halten, als ich ihnen zeigte, wie gefährlich das, was sie erstrebten, sei. Die
Großindustriellen, wie die großen Bankiers, verwechseln gern die Interessen
ihrer eigenen Betriebe mit denen des Vaterlandes.

70
        <pb n="71" />
        Wenn in wirtschaftlicher Hinsicht die Freiheit allein eine große Entwicklung
 der Produktion ermöglicht, so ermöglicht auch in politischer Hinsicht
nur sie dauernden Fortschritt und sichert nur sie die Lebenskräfte jeder
Nation. Aber die konservativen Parteien und oft auch die Reformparteien wie
der Sozialismus haben keine deutliche Vorstellung von dieser Wahrheit. Die
Freiheit muß sich in der Tat gegen die Gegenkräfte verteidigen; diese sind
nicht nur die Kräfte der Reaktion, wie in der Vergangenheit, sondern oft auch
die der äußersten Demokratie, also des Sozialismus. Reaktion und Sozialismus
bedeuten sehr oft dieselbe Gefahr für die Freiheit. Der Sozialismus verlangt
Freiheit für seine Entwicklung, aber er neigt, wenn er die Kraft dazu hat,
zur proletarischen Diktatur. Sozialismus und Reaktion sind also dieselbe Gefahr
 für die Freiheit, auch weil die Übertreibungen des Sozialismus zur
Reaktion treiben oder mindestens die Seelen dazu vorbereiten, indem sie den
Staat schwächen und oft die wesentlichsten ökonomischen Organisationen
bedrohen. Man erklärt es aus den Fehlern des Sozialismus, daß beim Auftreten
 eines Diktators die Haltlosen, die Zaghaften und solche, die das, Schädliche
 einer Reaktion nicht. sehen, widerstandslos Folge leisten.
In der jetzigen Geschichtsepoche erklärt sich auch leicht genug die liberale
 Krise vieler Länder, wie das Ende der überlieferten Parteiformen: der
Liberalen (in allen Graden, bis zu den Demokraten und Radikalen) und der
Konservativen. Es ist auch leicht erklärlich, daß große konservative Parteien
sich manchmal auf reaktionärer und große demokratische Parteien auf sozialistischer
 Grundlage bilden.
In den letzten Jahren ist eine Veränderung eingetreten, deren Wirkung
zweifellos groß sein wird. Einerseits bedeutet der Sozialismus, der in fast
‚allen Ländern, trotz vieler Schwierigkeiten, Regierungspartei geworden ist,
nicht mehr ein völliges Verleugnen der heutigen Wirtschaftspolitik, sondern
nur eine Anschauung, eine Tendenz, die Grundsätze der Kooperation und der
‚sozialen Solidarität für die engen Grundsätze des liberalen Individualismus
‚einzusetzen. Andererseits erhalten die großen Arbeiter-Oganisationen fast
überall immer mehr einen gewerkschaftlichen Charakter und streben faktisch
nach einer Trennung vom Sozialismus, obwohl sie immer in Beziehungen
mit ihm bleiben und oft an seiner Entwicklung teilnehmen. Viele liberale
Schriftsteller, unter ihnen auch der größte, J. Stuart Mill, hatten geahnt, daß
die liberalen Lehren mit der Entwicklung der sozialen Kooperation zu+
sammentreffen würden, und daß der Staat seine Aufgabe nicht nur auf Verteidigung
 und Sicherheitsmaßnahmen beschränken dürfe.
Nachdem der Kommunismus den Platz des alten Sozialismus eingenommen

7A
        <pb n="72" />
        hat, d.h. angesichts der heutigen Gesellschaft eine völlig negative Tätigkeit,
streben die bisherigen sozialistischen Parteien danach, sich in demokratische
zu verwandeln, in Arbeiterparteien, und kommen in vielen ihrer Anschauungen
 der liberalen Partei näher. Das Beispiel Rußlands hat für die Arbeitermassen
 keinen unwiderstehlichen Reiz mehr, aber es hat dazu beigetragen,
fast überall eine kommunistische, entschieden antinationale Partei entstehen
zu lassen. Wo eine antinationale kommunistische Partei besteht, rücken die
Sozialisten von ihr ab und bekämpfen sie, als wenn sie konservativ wäre, Ja
zuweilen noch stärker. Die Kommunisten betrachten ihrerseits den Sozialismus
 mit Abneigung als eine bürgerliche und reformatorische Bewegung und
die Sozialisten als die äußerste Linke der Liberalen.
Diese entschiedene und stets wachsende Trennung zwischen den Arbeiterparteien
 und dem Kommunismus, d.h. zwischen den Gewerkschaften und
Sozialisten einerseits und den Kommunisten andererseits, wird notwendig
die Arbeiterparteien zur Demokratie und damit zum liberalen Regime treiben,
welches allein das Leben einer gesunden Demokratie verbürgt.
Die Art und Vielspältigkeit der politischen Parteien in den heutigen Parlamenten
 des kontinentalen Europa verhindern oft, daß eine einzige Partei
eine feste und sichere Mehrheit besitzt. Die Spaltungen der Parteien beruhen
nicht nur auf wirtschaftlichen Grundlagen und auf einer verschiedenen Auffassung
 der Freiheit. Sie entsprechen nationalen Notwendigkeiten, politischen
Überlieferungen von Schichten und Klassen, wie z. B. Bauern nicht gern einer
Partei angehören, welche die Religion ablehnt oder interkonfessionell ist.
Die Verteidigung der Freiheit, wie auch die Verteidigung der Nationalität
kann Parteien verschiedener Richtung zusammenführen. Entgegengesetzte
Parteien können sich in einem Wirtschaftsprogramm sozialer Reformen zusammenfinden.
 In manchen Ländern kämpfen katholische Minderheiten und
Sozialisten gemeinsam unter einem bestimmten Programm. Viele Regierungen
der kontinentalen Länder finden den Ausgleich zwischen Katholiken und
Sozialisten, Demokraten und Sozialisten, Katholiken und Liberalen.
Die öffentliche Meinung — vor allem die Gegner des parlamentarischen
Systems, fast ebenso zahlreich in der revolutionären wie ın den reaktionären
Kreisen — neigt dazu, diese Zuzammenschlüsse als willkürlich anzusehen und
von ihnen eine Beschränkung der Bewegungsfreiheit der Regierung zu befürchten.
 Solche Zusammenschlüsse sind im Gegenteil oft genug nicht nur
notwendig, sondern auch heilbringend, weil sie Anschauungen und Interessen
vereinigen, die oft verwandter sind, als es den Anschein hat.
Sind aber an Stelle zweier großer traditioneller Parteien — wie lange Zeit

792
        <pb n="73" />
        in England — zahlreiche kleine Parteien vorhanden, so entstehen für die Bildung
 dauernder Regierungen wirkliche Schwierigkeiten. Wir sahen dieselben
Wochen und Monate dauernden Ministerkrisen in Frankreich, Belgien,
Deutschland; in ernsten, schwierigen Lagen sahen wir zahlreiche Ministerien
rasch aufeinanderfolgen, von denen keines eine wirksame Lösung wagte und
den wirklichen Schwierigkeiten mit entschlossenem Mute begegnete. Die Reaktions-Parteien
 folgern daraus Anklagen gegen das parlamentarische System,
das, ihrer Meinung nach, den F orderungen des modernen Lebens nicht mehr
entspricht, Doch was gäbe es statt der Parlamente wenn nicht persönliche
Willkür?
Im allgemeinen beginnt jede Reaktion mit Anklagen gegen die Parlamente.
Die Sprache der Reaktionäre ist seit einigen Jahrhunderten immer dieselbe
wie die Sprache der Tyrannei. Die "Tyrannei einer Gruppe von Individuen
oder eines Einzelnen begeht immer den Fehler, sich zuerst mit dem Staat
und dann mit der Nation zu verwechseln. Die Tyrannen und die Diktatoren
haben zu allen Zeiten die besten Absichten vorgeschützt. Sie haben immer behauptet,
 das Land vor Anarchie und Verwirrung behüten und die besten
Männer um sich versammeln zu wollen. Konnten sie das Gute nicht erreichen,
so fiel die Schuld ihren Gegnern zu, die ihr Wirken behinderten.
Das Charakteristische jeder Diktatur und jeder Reaktion besteht im ununterbrochenen
 und bitteren Schmähen des Parlamentes. Die parlamentarische
 Verfassung wird stets der Schwachheit und Ohnmacht beschuldigt.
Man spekuliert dabei immer auf den Schaden, den die Gegensätze zwischen
Personen oder Parteien anrichten. Aber Niemand denkt daran, daß jede
Tyrannei viel schwächer ist, weil sie zum Zweck ihrer Erhaltung mannigfache
Interessen beleben und alle Formen des Schmarotzertums entwickeln muß.
Unter den freien Verfassungen ist jede Staatshandlung überwacht, und
jede Ausgabe geschieht unter Verantwortlichkeit. Mißstände und Verfehlungen
bleiben auf diese Weise nie verborgen; oft werden sie im Parteikampf sogar
noch übertrieben. Aber was geschieht dort, wo es keine Kontrolle und keine
freie Presse gibt?
Das Parlament enthält oft eine Menge mittelmäßiger, schwacher und verdorbener
 Männer; aber es enthält stets auch ehrliche und zielbewußte, die
bereit sind, die schlimmsten Folgen der Korruption zu verhindern und wirklich
 schwere Skandale aufzudecken. Dem Wirken solcher zielbewußten und
ehrenhaften Männer ist es zu verdanken, wenn viele Irrtümer und Übertretungen
 vermieden werden,
Ohne Parlament und ohne Pressefreiheit gibt es auf die Dauer weder eine

18
        <pb n="74" />
        öffentliche Moral noch eine ehrliche Finanzgebahrung, keinen wirtschaftlichen
 Fortschritt. Es gibt allerdings auch manche lähmenden und erdrückenden
 Widerstände; aber dennoch ist ohne Parlamente und ohne Pressefreiheit
kein Fortschritt in der öffentlichen Moral und keine Hebung der modernen
Gesellschaft denkbar. Kein vernünftiger Mensch wird die Fehler und die Irrtümer
 der Parlamente übersehen. Aber keiner von denen, die sie kritisieren,
weiß Besseres vorzuschlagen. Etwa die absolute Verfassung der früheren
Monarchien? Die frühere Staatsform Deutschlands oder Österreich-Ungarns?
Die weiße Diktatur des Fascismus oder die rote Diktatur des Bolschewismus?
Die absolute Macht von Gottes Gnaden (non est potestas nisı a Deo) war
ehrfurchtgebietend, weil die Menschen oder doch die meisten von ihnen im
guten Glauben waren,daß der Herrscher von Gott selbst mit dem Regierungsamt.
 begnadet worden sei. Aber in den modernen Ländern, wo das Volk der
politischen Macht keine religiöse Grundlage mehr zuerkennt und wo jene
Ehrfurcht nicht mehr vorhanden ist, die die wirkliche Grundlage der Monarchien
 bildete, ist es allein die Gewalt, welche einer autokratischen Herrschaft
Dauer geben kann, die Gewalt, die keine moralische oder religiöse Verankerung
 besitzt und daher keine Dauer hat.
Im Gegenteil sichert nur die parlamentarische Verfassung die liberalen
Einrichtungen und nur die liberalen Einrichtungen sichern die Entwicklung
des normalen Lebens der zivilisierten Völker.
Häufig hört und liest man von unbestimmten Hoffnungen auf die Rückkehr
 der früheren Staatsformen. Aber, wenn auch monarchistische Neubildungen
 mit geeigneten Männern möglich wären, ist eine autokratische
Verfassung denkbar? Was wäre ein Louis XIV., ein Friedrich II., ein Napoleon
 in den heutigen großen Staaten Europas? Abgesehen davon, daß sie
Ursache zu ungeheuerer Verwirrung wären, würden sie früher oder später ihr
Land zum Untergang führen. Denn heute — und dies ist die Wahrheit, die
man nie vergessen sollte und deshalb nicht oft genug wiederholen kann —
erlaubt die riesenhafte Entwicklung der modernen Staaten, was Bevölkerung,
Reichtum, Industrie, Konzerne, Handel und Presse betrifft, keine große und
dauernde individuelle Tätigkeit mehr.
Was war das Frankreich Ludwigs XIV. in seiner Glanzzeit? Es zählte
kaum mehr als ein Drittel‘der heutigen Bevölkerung. Im Jahre 1648 überstieg
 das Budget des Staates nicht hundertvierundachtzig Millionen. Das Heer
war nur ein sehr kleiner Teil der heutigen Heere, Es gab keine großen öffentlichen
 Unternehmungen, keine Handelsgesellschaften, keine mächtigen Gewerkschaften.


7A
        <pb n="75" />
        Die Menschen wiederholen gern stets dieselben Vorurteile und Irrtümer.
Die Vorurteile scheinen schnell wie Wolken zu verschwinden und in neuen
Formen stets wieder zu kommen. Irrtümer haben ein zähes Leben und einen
langsamen Tod. Man gedenkt ihrer noch, wenn ihre Ursachen schon verschwunden
 sind. Die Vernunft kann sie oft vernichten, aber sie leben in der
Tradition fort.
Was bedeutet die Rückkehr zu monarchischen autokratischen Verfassungen?
Bis zum europäischen Krieg oder besser bis zum Friedensschluß bestanden
in Europa drei große autokratische Monarchien; die drei ausgedehnten und
P mächtigen Kaiserreiche des Festlandes, Rußland, Deutschland, Österreichı
 Ungarn. Es waren drei verschiedene Formen des autokratischen Staates; sie
müßten ungefähr dem Ideal vieler Nationalisten und der meisten Reaktionäre
entsprechen. Nun aber wollen diejenigen, welche die Verantwortung für den
&amp;gt; Krieg, d.h. für den Zusammenbruch ganz Europas, Deutschland und seinen
Verbündeten zuschreiben, zu jenen Formen zurückkehren, welche nach ihren
eigenen Behauptungen den Zusammenbruch herbeigeführt haben.
Das Rußland Nikolaus’ II. war, nach der offiziellen Erklärung, eine monarchie
 constitutionelle sous un tzar autocrate. Die ganze Macht war in den
Händen des Zaren vereinigt, d. h. eines Mystikers ohne Klugheit und Willenskraft.
 In Wirklichkeit war die eigentliche Macht in den Händen einer kleinen
Zahl von großfürstlichen Schlemmern, von ehrlosen Politikern, von ebenso
einfältigen wie unfähigen Höflingen. Auch wer den früheren russischen Hof
nicht kennt, braucht nur die Memoiren der Gesandten und die Schriften der
öffentlichen Beamten zu lesen, um einzusehen, zu welchen Verirrungen politischer
 und moralischer Ordnung der Absolutismus führen kann. Der rus-3
 sische Hof war von den schlimmsten Geistesrichtungen beherrscht: Korrupr
 tion, Sinnlichkeit, Bigotterie, Militärherrschaft usw. Entartungserscheinungen
z wie Rasputin sind in keiner Republik und in keiner Demokratie möglich,
selbst in der schlimmsten und verderbtesten nicht. Die zwei ungeheueren
Katastrophen, welche das autokratische Rußland betroffen haben, der leichtsinnig
 unternommene Krieg mit Japan und der europäische Krieg, den man
wünschte, ohne zu wissen, was man tat, und der vielleicht ohne die freie
Zustimmung des Zaren erklärt wurde, sind der Beweis für die verderbliche
Wirkung einer entarteten absoluten Herrschaft. Alle Schändlichkeiten, die
den Bolschewismus herbeigeführt haben, und alle bolschewistischen Greuel
sind nur Folgen des Zarismus.
Nach der Verfassung des 16. April 1871 war Deutschland ein konsti-&amp;amp;utioneller
 Bundesstaat unter der Oberherrschaft des Kaisers, der die aus-75
        <pb n="76" />
        übende Gewalt und das Recht besaß, Verträge abzuschließen und den Krieg
zu erklären, In Wirklichkeit, trotz Bundesrat und Reichstag, d.h. trotz Par-Jament,
 stand die Person des Kaisers an der Spitze der Reichspolitik. Seine
jeweiligen Kanzler standen zum großen Teil außerhalb des Parlamentes. Das
deutsche Volk, das eine hohe Stufe der Zivilisation und des Wohlstands
erreicht hatte, wurde in seiner politischen Tätigkeit von wenigen Vertrauensmännern
 des Kaisers gelenkt, Gibt es wohl noch Jemanden, der die heftigen
Reden Wilhelms II. loben und das Wirken seiner Vertrauensmänner als einen
Vorteil für Deutschland ansehen kann?
Auch in der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn lag die größte Macht
in den Händen des Kaisers. Franz Joseph ist der Herrscher, der am längsten
im kontinentalen Europa regiert hat; er war bigott, vorsichtig und schlau,
Während seiner langen Regierung wurde der Wettstreit und Zwiespalt der
Nationalitäten immer größer, und das Ansehen des Kaiserreiches sank immer
mehr. Ich kannte viele der Vertrauten des Kaisers — die Lenker eines Landes
von elf verschiedenen Nationalitäten, welches erleuchtete und gebildete Männer
 nötig gehabt hätte. Ich fand mit wenig Ausnahmen nur Höflinge, mehr
oder minder elegante Diener, Zyniker ohne Skrupel, Reaktionäre ohne Ideen.
Die größte Verantwortung für den Krieg fällt auf den Ministerpräsidenten
Graf Leopold Berchtold, Baron von Ungarschitz, Frating und Putlitz. Und
was war er anders als ein zynischer und entarteter Schlemmer?
Zu solchen Monarchien möchten die Lästerer der Parlamente zurückkehren?
 Und wenn nicht zur Monarchie, zu was dann? Kann etwa das auf
Volksbeschluß gegründete Kaiserreich Napoleons III. noch ernsthaft von
Jemandem gewünscht werden?
Auch wenn man von allen ungerechten Beschuldigungen Napoleons III,
absieht, muß man zugeben, daß seine kurze Herrschaft, die mit einer Diktatur
 begonnen hatte, nur mit einem nationalen Zusammenbruch enden
konnte, dem Krieg von 1870, Das Kaiserreich Napoleons III. war die Frucht
einer Intrige und eines Staatsstreiches und brauchte zu seiner Erhaltung
Reaktion im Innern und politische Abenteuer im Auslande. Niemand möchte
Frankreich solch ein neues Kapitel seiner Leidensgeschichte wünschen.
Wenn es aber weder gesetzliche noch ungesetzliche Monarchien geben kann,
Jäßt sich dann vielleicht mit bürgerlichen oder militärischen Diktaturen
rechnen? Und können solche Diktaturen die Schwierigkeiten der Nachkriegszeit
 überwinden helfen?
Es gibt, außer in Ländern von geringerer Wichtigkeit, drei Beispiele von
Diktaturen in Europa: Rußland, Spanien und Italien. Kein Anhänger der kon-76
        <pb n="77" />
        servativen Parteien wünscht das Beispiel Rußlands nachzuahmen, und ebensowenig
 wünschen die Feinde der Parlamente, diese durch Sowjets zu ersetzen.
Kann dann aber das Beispiel Spaniens oder Italiens Nachahmung finden ?
Ich habe wiederholt von dem schädlichen Einfluß der Presse auf die
modernen Demokratien gesprochen, nicht allein durch die Verbreitung von
Lügen, sondern auch durch das Aufstacheln gefährlicher Leidenschaften.
Die schlimmen Beziehungen zwischen den Völkern, die Irrtümer der äußeren
Politik, die heftigen inneren Kämpfe sind hauptsächlich das Werk der Presse,
wenigstens eines Teiles von ihr. Die Staatsmänner können selten handeln,
ohne von der Presse unterstützt zu werden, und sind oft gezwungen, nicht
allein nach ihrem Gewissen und ihrem Gefühl, sondern mit Rücksicht auf
die öffentliche Meinung zu handeln — und diese öffentliche Meinung ist
gleichbedeutend mit Presse. Nun aber ist die moderne Presse, mehr noch als
ein Forum für Ideen, eine industrielle Unternehmung mit den Methoden der
Großindustrie, mit Syndikaten, Zusammenschlüssen und Abkommen. Zahlreiche
 und oft verschiedenartige Zeitungen werden von denselben Persönlichkeiten
 und Industrien kontrolliert. In manchen demokratischen Ländern
hat durch dieses Verfahren die Presse jede Unabhängigkeit des Urteils verloren.
 Der Krieg hat in kurzer Zeit ungeheuere Vermögen geschaffen; eine
Klasse von profiteurs de guerre ist auf einmal aufgetaucht, Giftpilze unserer
Zivilisation.
Jede Suprematie, auch die des Reichtums, setzt Bildung und Tradition voraus;
 die neuen Reichen, im allgemeinen Männer ohne Tradition und Erziehung,
 machen aber einen schlimmen Gebrauch von ihrem Reichtum. Sie
verherrlichen die Reaktion, die Abenteuer des Krieges, den Geist der Eroberung.
 Hat dies schon dazu beigetragen, in manchen Ländern den Ton der
Zeitungen zu verschlechtern und ihnen jede moralische Würde zu nehmen,
so hat es auch der Wirkung einer gesunden öffentlichen Meinung geschadet,
welche die Bedingung für jede freie und demokratische Verfassung ist.
Es ist schwer, über dieses Thema zu sprechen, ohne dabei Menschen und
Interessen zu verletzen. Aber ich kenne Länder, wo die wichtigste und verbreitetste
 Presse in Gruppen zerfällt, die nur von wenigen Bankiers und Industriellen
 kontrolliert werden. Zeitungen von anscheinend abweichender politischer
 Richtung erhalten ihr Kapital aus derselben Quelle und unterstützen
gleiche Irrtümer und gleiche Interessen. Es gibt allerdings in allen Ländern,
auch in denen, die am meisten von einer schlechten Presse vergiftet sind, unabhängige
 und durchaus ehrenhafte Zeitungen, aber sie sind nicht sehr zahlreich
 und meist auch nicht die gelesensten.

17
        <pb n="78" />
        Eine der Hauptursachen des Krieges und vor allem eine der Ursachen, die
das gegenseitige Mißtrauen der Völker am stärksten nähren, ist eine schlechte
Presse. Sie erschwert jede internationale Annäherung und entwickelt Gefühle
der Rachsucht und des Mißtrauens. Das ist ein schwer zu lösendes Problem;
aber es ist auch ein Problem, das von den Demokraten in Angriff genommen
werden muß, wenn sie Freiheit und Frieden — und Freiheit hat ohne Frieden
keinen Bestand — sichern wollen.
XII
DIE ENTWICKLUNG DER MITTELSCHICHTEN UND DER
WIDERSTAND GEGEN DIE EXTREMEN TENDENZEN
Jetzt ist für die Demokratien die Zeit gekommen, ihren Weg zu wählen,
ihre Lage zu durchdenken, und die drohenden Gefahren ernst zu betrachten,
Infolge des Kriegs droht die Idee der Macht die der Freiheit zu verdrängen.
Die Macht ist ein Element des Fortschrittes, wenn sie im Dienst einer Idee
steht. Stellt sie aber die Herrschaft von Gruppen, Klassen oder Individuen:
dar, so bedeutet sie nichts als eine Rückkehr zu den Anschauungen des Mittelalters
 und ruft notwendig überall entgegengesetzte Kräfte hervor. Sie schafft
also einen fast ununterbrochenen Revolutions- und Kriegszustand.
Wenn man die Idee einer Rückkehr zur absoluten oder autokratischen
Monarchie, die Niemand ernst nehmen kann, und die einer Monarchie durch
Volksabstimmung, welche eigentlich nur ein unüberlegtes Abenteuer bedeutet,
ausschließt, kann nur das Problem erörtert werden, ob die zivilisierten Staaten
sich reaktionären Diktaturen wie Italien oder Spanien oder roten Diktaturen
wie Rußland zuwenden. Ich habe hierüber meine Meinung schon ausgesprochen.
 Es ist aber vielleicht nützlich, noch einmal diese Beispiele der
Diktatur zu betrachten.
Die spanische Diktatur ist nicht nur historisch, sondern auch an sich uninteressant.
 Sie wird von kurzer Dauer sein und wahrscheinlich bei Erscheinen
dieses Buches schon ihrem Ende zugehen. Der General Primo de Rivera ist
kein neuer Typ; er ist einer der vielen Generale der Republiken Zentral-Amerikas.
 Die kleine spanische Krise war von keinem politischen Grundsatz
und keiner moralischen Idee geleitet. Die konstitutionelle Verfassung ist auf
den Wunsch des Königs selbst beseitigt worden. Der General Primo de Rivera
ist wohl von gefährlichen Menschen umgeben, wie dem General Anido, hat
aber nichts von einem Tyrannen. Er hat nicht Einbrüche in die Häuser politischer
 Führer befohlen, noch Abgeordnete der Oppositions-Partei überfallen,

7RQ
        <pb n="79" />
        verwunden oder morden lassen. Der spanische König hat einen kleinen militärischen
 Staatsstreich gemacht; wahrscheinlich wird bald ein anderer Staatsstreich
 Ordnung und Freiheit wiederherstellen. Es handelt sich hier um eine
Frucht des Landes, die nur dort selbst verzehrt werden kann, um ein Ereignis,
das weiter keine Erörterung verdient. Spanien ist ein Land von großen natürlichen
 Reichtümern und stolzen Männern und wird sich nach einer neuen
Krise wieder aufrichten. Ob die Monarchie sich behaupten oder fallen wird,
ist eine ziemlich unwichtige Frage. Man kann aber behaupten, daß die Diktatur
 der Monarchie nicht heilsam war und zur Ausführung sinnloser militärischer
 Unternehmungen beigetragen hat, welche die Mittel Spaniens erschöpfen.
Die zwei Arten der Diktatur, welche Europa und die zivilisierte Welt interessieren,
 und die dasselbe unter verschiedenen Formen darstellen, sind der
Fascismus und der Bolschewismus. Diese sind von größter Wichtigkeit und
geben Anlaß zu Unruhen auch außerhalb des Landes, in dem sie entstanden.
Ist ihre Nachahmung wahrscheinlich ? Ich glaube nicht.
Der russische Bolschewismus hat einige Zeit eine große Anziehungskraft
auf die Arbeitermassen gehabt; jetzt hat er sie aber fast überall verloren. Die
proletarische Diktatur ist, wie jede Form von Diktatur, grausam gewesen
und hat nicht nur jede Freiheit, sondern auch jede persönliche Sicherheit
unterdrücken müssen. Um den feindlichen Kräften zu widerstehen, muß eine
Diktatur den größten Teil ihrer Kraft auf die Verteidigung konzentrieren,
d.h. praktisch auf die Vernichtung der Gegner.
Der Bolschewismus ist eine ausschließlich russische Erscheinung. Nur ein
Volk, das eine jahrhundertelange Tyrannei wie den Zarismus erduldet hat,
konnte sich einer so heftigen Revolution, einer so völligen Verleugnung der
Vergangenheit hingeben. Ein Volk widersteht umso mehr den Drohungen der
Revolution und ist umso mächtiger in Krieg und F rieden, je größer an Zahl
und Bildung seine Mittelklasse ist. Nun aber gab es und gibt es in Rußland
eine ungeheuere Menge von Analphabeten, von Bauern, die noch gestern
Knechte waren, und es gab zur Zeit des zaristischen Regimes am Hof, in der
Staatsverwaltung und im Heer eine kleine Gruppe privilegierter Männer. Verderbnis
 und Intrige waren die Grundlage der gesellschaftlichen Beziehungen
in der herrschenden Schicht, wie sie es mehr oder weniger in jeder absoluten
Monarchie sind. Aber das kluge und gebildete Bürgertum war gering an Zahl,
und die tätigsten Elemente erfuhren nur Mißtrauen und Verfolgung.
Wenn ich vom Bürgertum spreche, will ich dieses Wort nicht im Sinne der
Sozialisten brauchen, d.h. einer Klasse, die das Kapital unberechtigterweise
besitzt. Ich nenne Bürgertum die ganze große Klasse, die nicht von Hand-79
        <pb n="80" />
        arbeit lebt, die in Industrie, Handel, Landwirtschaft und Gemeindeverwaltung
führend ist, die in den öffentlichen und privaten Betrieben sich betätigt und
die freien Berufe ausübt. Je zahlreicher und gebildeter diese mittlere Schicht
der Gesellschaft ist, um so fester und sicherer ist das soziale Leben gegründet.
Rußland hatte kein Bürgertum, oder vielmehr das Bürgertum war dort gering
an Zahl und erst im Aufstieg seiner Entwicklung. Allein aus diesem Grunde
hat Rußland im Kriege seine Offizier-Korps nicht auffüllen können, da gebildete
 Soldaten als Ersatz für die gefallenen Offiziere fehlten, und nach dem
Kriege konnte es aus Mangel an eigentlichem Bürgertum den revolutionären
Strömungen nicht widerstehen. Rußland hat weder den Krieg gewonnen noch
den Frieden erlangt.
Die großen demokratischen Länder, wie Großbritannien und die Vereinigten
 Staaten Amerikas, konnten bei Ausbruch des Krieges aus den reichlich
 vorhandenen gebildeten Mittelschichten große Heeresmassen zusammenstellen.
 So konnten nach dem Kriege alle Länder des Fortschritts und der
Kultur auch den vorausgesehenen revolutionären Bewegungen widerstehen.
Der Bolschewismus ist also eine ausschließlich russische Erscheinung, und
trotz der weitverbreiteten kommunistischen Unruhen hat er keine Aussicht
auf Nachahmung. Rußland hat niemals Freiheit gekannt, weder jetzt noch
früher, und bei der Begründung seines kommunistischen Regimes hat es
manche Methoden der Vergangenheit angewandt,
Welches auch die Irrtümer und die Greuel des Bolschewismus sind, idie
jetzige Verfassung wird der Zukunft des russischen Volkes mehr Heil bringen
als die Tyrannei eines Schwächlings wie Nikolaus II., dessen Fehler und
Schuld allein durch sein erbarmungswürdiges Ende gesühnt werden konnten.
Gegen sein eigenes Programm gründete der Bolschewismus, durch die Verteilung
 des Landes an Bauern, eine Demokratie der Bodenkultur auf der
Basis der großen Grundbesitze der Vergangenheit. Täglich macht er den produktiven
 Kräften des Kapitalismus neue Konzessionen, und das Problem,
Rußland wieder aufzurichten und seinen ungeheueren Bodenreichtum auszunutzen,
 ist daher eine Angelegenheit aller Völker. Für alle ist es gleich
wichtig, daß die Gewaltherrschaft in Rußland ein Ende findet.
Zwar gibt es auch bolschewistische Agenten, und Moskau hat auch versucht,
 überall die Sucht nach Gewalt anzufachen, doch ist der Erfolg kaum
nennenswert. Gäbe es nicht so viel Unsicherheit und Arbeitslosigkeit in England
 und Deutschland, so viel Geldsorgen in allen Staaten und glaubte man
nicht überall an kommende Kriege, so verlöre der russische Bolschewismus
jede Bedeutung, und die kommunistischen Parteien existierten nicht oder

80
        <pb n="81" />
        wären nicht ernst zu nehmen. Wenn auch der Bolschewismus eine ausschließlich
 russische Erscheinung ist, so müssen wir doch die jetzige Unruhe
Europas für einen Zustand halten, aus dem jedes Unheil entstehen kann.
Wie ich nicht glaube, daß der russische Bolschewismus sich durch den
Aufruhr der revolutionären Klassen ausbreiten wird, so glaube ich gleichfalls
nicht, daß der Fascismus sich durch den Aufruhr der reaktionären Klassen
ausbreiten kann. Der Fascısmus besitzt, als reaktionäre "Erscheinung betrachtet,
 die ganze Sympathie und Zustimmung dieser Klassen; aber er findet
nicht die für seine Entwicklung notwendigen Bedingungen.
Nach dem gewaltsamen Unterdrücken jeder Opposition im Parlament, in
der Presse und im Leben des Landes, befindet sich der Fascismus jetzt in
heftiger Krise. Im Lande unterdrückt, taucht die Opposition innerhalb der
Partei selbst auf und zersetzt ihren Bau, wenn es auch anders zu sein scheint.
Der Fascismus hat den Staat durch Gewalt erobert und muß ihn durch Gewalt
 halten ; daher sind Drohungen für ihn unentbehrlich. Die höchsten Stellen
sind von Männern mittelmäßiger Klugheit und Bildung besetzt, die sie nicht
um ihrer Verdienste willen, sondern infolge ihrer Fähigkeit zur Gewalttätigkeit
 erhielten. Der Fascismus hat, wie ich schon sagte, zwei Seelen. Das Haupt
der Partei, Mussolini, und seine nächsten Mitarbeiter, sind ihr Leben lang
Revolutionäre gewesen. Sie hegen daher nicht allein die frühere Gesinnung,
sondern vielleicht auch immer noch die Hoffnung einer Rückkehr zum Volke.
Die Nationalisten sind mehr oder minder alle Reaktions-Elemente. Sie hegen
die wahre reaktionäre Gesinnung, wenn sie auch früher Sozialisten und Revolutionäre
 waren, und erstreben nur eine dauernde Reaktion. Der Führer
des Fascismus hat nur deshalb einen so großen Einfluß gewinnen können,
weil er über seine persönlichen Fähigkeiten hinaus noch die Kenntnis der
Arbeiterklassen und der revolutionären Kreise besaß. Die Reaktion setzt sich
immer und überall leicht durch, wenn sie von Elementen der Revolution angeregt
 wird, die ihre stets geübten demagogischen Methoden in entgegengesetztem
 Sinne wie früher anwenden. Der italienische Fascismus bleibt also
ein isoliertes Phänomen, das nicht nur keine Nachahmung finden, sondern
auch keine Dauer haben wird. Entweder wird er die jetzige Gewaltpolitik
fortsetzen und unvermeidlich eine nicht absehbare Reaktion hervorrufen,
oder er wird allmählich, was aber minder wahrscheinlich ist, seine heutigen
Formen ablegen und zur konstitutionellen Ordnung zurückkehren. In jedem
Fall ist der Fascismus mehr das Erzeugnis individueller Fähigkeiten als ein
Programm, mehr eine Erinnerung an Methoden der Vergangenheit als ein
Vorwegnehmen der Systeme der Zukunft. Er ist eine Eroberung, nicht eine
Bolschewismus 6

81
        <pb n="82" />
        Regierung, die Ausübung einer Macht, nicht eine gesetzliche Macht. Er ist
ein Erzeugnis ohne dauernde Anziehungskraft und eine Flamme, die von
selbst erlöschen wird. Seine Verherrlichung der Gewalt, seine Verachtung
für höhere geistige Formen, seine Unduldsamkeit jeden Widerspruchs machen
seine Herrschaft vergänglich und jede Nachahmung unsinnig.
Freiheit und Demokratie sind in Italien noch zu jung, um keiner Gefahr
ausgesetzt zu sein. Italien stellt das historische Paradoxon dar, eines der
frühest zivilisierten Völker und doch ein zu junger. und traditionsloser Staat zu
sein. In diesem Widerspruch liegt die Erklärung für die heutigenGeschehnisse.
Der heutige italienische Staat hat eine kurze Geschichte. Erst vor fünfzig
Jahren hat Italien seine Einheit gewonnen. Bis 1860 war es in zahlreiche
Staaten geteilt, die fast jeder ein absolutes Regime hatten. Die Lombardei
stand bis 1860 und Venedig bis 1866 unter österreichischer Herrschaft.
Das ausgedehnteste Reich, das Königreich beider Sizilien, war lange von
Spanien beherrscht gewesen und hatte später in den neapolitanischen Bourbonen
 unedle und entwürdigende Monarchen. In anderen italienischen Staaten
gab es kleine Tyrannen, die meist unter österreichischer Aufsicht standen.
In Rom bestand bis 1870 die theokratische Regierung.
England hat seit Jahrhunderten die freie Staatsform und eine parlamentarische
 Regierung. Frankreich hat 1789 seine absolute Verfassung gestürzt.
Deutschland selbst hat seit Jahrhunderten seinen Schwerpunkt in’ einem
großen Staat, in Preußen, gehabt. Belgien und Holland haben viel für Unabhängigkeit
 und Freiheit erlitten, der sie immer beharrlich anhingen. Die
heute in Italien gültige Staatsform oder besser die unter dem Fascismus nicht
gültige, da sie, mit Dantes Worten, a danno delle carte (dem Buchstaben zum
Trotz) existiert, ist die piemontesische von 1848, die sich nach 1860 und
1870 auch über die anderen Staaten der Halbinsel verbreitete. Erst wenn man
die frühe Einheit und die frühe staatliche Tradition des jüngsten aller Völker,
der Vereinigten Staaten Amerikas, bedenkt, deren Verfassung aus dem Jahre
1787 stammt, begreift man den tiefen Zwiespalt des italienischen Volkes,
nämlich eines intelligenten, arbeitsamen und beweglichen Volkes, das vorübergehend
 auf vergangene politische Formen zurückgreift, Was aber in
Italien geschah, ist in anderen Ländern undenkbar, wo das arbeitende Bürgertum
 stark ist, und wo die Arbeiterklassen eher kämpfen, als ihre Rechte aufgeben
 werden. In fest gegründeten demokratischen Staaten bliebe ein fascistischer
 Versuch nicht nur erfolglos, sondern er würde noch vor seinem Auftreten
 in der allgemeinen Entrüstung ersticken; so z. B. in Skandinavien, in
Holland, in der Schweiz.

89
        <pb n="83" />
        N In Großbritannien, Frankreich und Deutschland — den drei Ländern, die
ne das Leben Europas am meisten bestimmen — gibt es wohl reaktionäre
En Strömungen, aber keine von ihnen könnte je ohne den Widerspruch der
öffentlichen Meinung die Methoden und die Taktik des Fascismus anwenden.
hr Mancher schon gewagte Versuch hat kein Glück gehabt. In Frankreich
ör trennte sich selbst die nationalistische Strömung sogleich von dem Fascismus.
Zn In Belgien erregte ein kleiner fascistischer Versuch solche Abneigung und
en solche Reaktion in den klerikalen wie in den sozialistischen Arbeiterklassen,
ig daß die Urheber der Bewegung jede weitere Absicht aufgeben mußten. Es
he wäre lächerlich, von fascistischen Bewegungen in den Vereinigten Staaten
ei Amerikas zu reden, Die bedeutenden Männer der Vereinigten Staaten ver-A
 urteilen den italienischen Fascismus als Entartungserscheinung so streng,
m daß niemand in Amerika ein so armseliges Erzeugnis, welches die Methoden
I einer niederen Zivilisation darstellt, einführen mag.
en Ich bin überzeugt, daß der russische Bolschewismus nur aus den besonnn
 deren wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen Rußlands erklärlich und
der italienische Fascismus nur aus der bestimmten Tradition und Lage
- Italiens zu verstehen ist, und daß beide isolierte Erscheinungen sind, undenka
 bar bei anderen Völkern, wo die sie bedingenden äußeren Umstände fehlen.
71 Die Menschheit muß irren, um ihre Irrtümer einzusehen. Ein tiefer
- Denker hat gesagt, der Weg der Menschheit sei kein gerader, sondern ein
ie gewundener Bergpfad. Manchmal kommt man durch Zurückgehen vorwärts.
it Der Weg ist steil und mühsam. Nach so vielen Irrtümern werden wir zweifel-N
 los zur Freiheit und zur liberalen Verfassung zurückkehren.
d
n XIV.
; NOTWENDIGKEIT EINER REVISION DER PARLAMENTARISCHEN
N FUNKTION UND ARBEITERPOLITIK
Die Kritik an der Tätigkeit aller Parlamente und das in den parlamentarischen
 Staaten herrschende Unbehagen sind aber gewiß zum Teil berechtigt,
 und das demokratische System muß unbedingt revidiert werden.
Die Unbeständigkeit der Regierungen hat in manchen Ländern einen beunruhigenden
 Grad erreicht. Fortwährend wechseln die Ministerien, und die
Minister haben manchmal keine Zeit zur Bearbeitung der schwierigsten Aufgaben.
 In vielen Ländern zogen sich, wie wir schon sagten, die Ministerkrisen
durch Monate hin. Es gibt labile Mehrheiten, die jede Initiative lähmen,
Wenn man bedenkt, wie leicht ein reiches und starkes Land wie Frankreich

Q3
        <pb n="84" />
        seine finanziellen Probleme hätte lösen können und auch jetzt noch lösen
könnte, und wenn man die Unsicherheit der parlamentarischen Maßnahmen
erkennt, muß man zugeben, daß Kritik vielfach berechtigt ist. Aber Kritik
allein vermag keine Schwierigkeiten zu lösen.
Frankreich hatte 1830 ein Budget von eintausendundfünfundneunzig Millionen
 und 1860 von zweitausendundvierundachtzig Millionen. In Großbritannien
 betrugen die Staatsausgaben noch am Ende des 19. Jahrhunderts
einhundertdreiunddreißig Millionen Pfund Sterling. Was sind diese Zahlen
gegen die heutigen? Sie erreichen bei weitem nicht die Summe der Zinsen
der Staatsschuld nach dem Kriege! Überall hat der Staat seine Funktionen
erweitert; überall übt er große industrielle Unternehmungen aus; überall
wächst seine Tätigkeit von Tag zu Tag.
Zur Zeit der größten Entwicklung der parlamentarischen Verfassung hatte
die Wiege des Parlaments, Großbritannien, eine geringe Bevölkerung: England
 und Wales hatten im Jahre 1688 nur fünf Millionen, im Jahre 1740
sechs Millionen und 1801 fast neun Millionen Einwohner. Jetzt hat in Europa
— selbst nach den Verlusten durch die Verträge von 1919 — Rußland mehr
als einhundertfünfzig Millionen Einwohner, Deutschland mehr als sechzig Mil-Jlionen,
 Großbritannien, Frankreich und Italien mehr als je vierzig Millionen.
Die komplizierten wirtschaftlichen Verhältnisse, die Erweiterung der
Staatskosten und der öffentlichen Einrichtungen haben jetzt aber auch im
den kleineren Staaten eine solche Wichtigkeit erhalten, daß es unmöglich ist,
die jetzige Lage nach den Kriterien der alten Demokratie zu beurteilen. Die
Regierung hat zu viel Verantwortung, zu viel Güterverwaltungen, zu viel technische
 Ausführungen zu leisten, als daß sie fortwährend wechseln dürfte
und als daß die führenden Stellen mit unzulänglichen Ministern besetzt
werden dürften,
Der traurigste Anblick in den heutigen europäischen Parlamenten sind
Männer von geringem Wert, die große Ämter innehaben, deren Bedeutung
und Umfang sie nicht einmal begreifen, und nichts ist unheilvoller, als die
in politischen Ursachen begründete rasche Aufeinanderfolge dieser Männer.
Parteigründe geben zu oft den Ausschlag, und es gibt Minister, die nicht einmal
 administrativ, geschweige denn praktisch erfahren sind. Diese Tatsache
wirkt lähmend auf die öffentlichen Einrichtungen und verursacht eine dauernde
 Verschwendung, von anderen Nachteilen zu schweigen. Oft scheinen
die Maßnahmen der parlamentarischen Regierung zu kostspielig und zu langsam.
 Die größten Aktien-Gesellschaften haben, außer den Mitglieder-Versammlungen
 und den Aufsichtsräten, besondere Komitees, die ein rasches

RA
        <pb n="85" />
        Wirken ermöglichen, ohne viel Zeit und Geld zu verschwenden. Keine noch
2 so wichtige Gesellschaft hat aber die Wichtigkeit und die Größe des Staates.
nn Und dennoch können in den Staatsverwaltungen Unzulänglichkeit, Langsamil
 keit und Unordnung den größten Schaden anrichten.
Der allergrößte Schaden liegt aber in dem fortwährenden Wechsel. Die
% Minister sehen sich meist in einem Zustand dauernder Verteidigung und
7 müssen mehr für den eigenen Schutz als für den Staat sorgen. Zu oft verts
 wandeln sich die Parlaments-Sitzungen in oratorische Wettstreite, wo Gem
 schick, Gewandtheit und selbst minderwertige Eigenschaften über wahren
in Wert und wahre Fähigkeiten siegen.
M Die Vereinigten Staaten Amerikas und nach ihrem Beispiel alle anderen
ul amerikanischen Staaten haben das Präsidenten-System angenommen. Der
Präsident wird auf vier Jahre gewählt und ist Inhaber der ausübenden Gewalt.
te Die Minister sind eigentlich nur seine Sekretäre und können weder dem
&amp;gt; Kongreß, d.h. der Kammer der Abgeordneten, noch dem Senat angehören,
:o Sie werden vom Präsidenten fast immer nach dem alleinigen Kriterium der
9 Fähigkeit oder auf persönliches Vertrauen hin erwählt. Die zwei Kammern
7 vollziehen also ihr legislatives Werk, ohne sich um Ministerkrisen zu sorgen;
x und die Minister stehen an der Spitze von Verwaltungen und wirken, ohne sich
0 um das Parlament zu bekümmern. Die ausgedehnte Macht des Präsidenten
= ist von Verfassung und Herkommen begrenzt, vor allem in Bezug auf äußere
N Politik, wo die Staatskontrolle sehr wirksam ist. Eine wirkliche Geheim-%
 diplomatie ist in den Vereinigten Staaten Amerikas fast unmöglich, da der
16 Senat dort das Recht hat, jede Maßnahme zu erfahren, die irgendwie den
3 Staat verpflichten könnte; selbst die Ernennungen der Gesandten, der Lega-®
 tionsminister und der Generalkonsuln bedürfen der Zustimmung des Senats.
Zweifellos bringt auch das Präsidenten-System mancherlei Schwierigkeiten
mit sich, aber es verbürgt für eine verhältnismäßig lange Zeit — vier Jahre —
1 wenigstens die Beständigkeit der Regierung und ihres Wirkens.
5 Das Vorhandensein großer traditioneller, konservativer und liberaler Parteien
 oder — wie es heute ist — konservativer und Arbeiterparteien verleiht
We der Regierung Großbritanniens eine wirkliche Beständigkeit und seinen Mini-Se
 stern eine verhältnismäßige Unabhängigkeit. Man hat aber in keinem liberalen
h6 Kontinentalstaat Europas eine Verfassung gefunden, die zugleich dem Parlae
 ment eine ernsthafte Kontrolle und der vollziehenden Gewalt größere Wirka
 samkeit, mehr praktische Erfahrung und rascheres Handeln verbürgt.
RE Die Parlamente bedeuten mit all ihren Nachteilen eine dauernde Notwen-Se
 digkeit. Ohne ein System der Volksvertretung ist keine Regierung denkbar,

Q5
        <pb n="86" />
        die der echte Ausdruck des Volkswillens wäre und das Vertrauen des Landes
besäße. Das große Problem der modernen Demokratien ist aber, wie das Parlament
 zu organisieren und der Regierung Wirksamkeit und Beständivkeit
zu verleihen sei. Dieses Problem muß man unbedingt lösen, wenn die parlamentarischen
 Formen nicht entarten und daraus Gefahren für die Fortdauer
 der freien Verfassungen selbst entstehen sollen. Es ist schwierig, Lösungen
 allgemeiner Art vorzuschlagen, da jedes Land sich seine Volksvertretung
 nach seiner Tradition, Volksart und seinen besonderen Verhältnissen
schaffen muß.
Ein anderes Problem, welches die Fortdauer der Freiheit und der Demokratie
 selbst betrifft, ist das der wachsenden Beteiligung der Arbeiter an den
sozialen Kämpfen und am politischen Leben. Mit anderen Worten, es muß
sich zeigen, ob die Freiheit nach jahrhundertelangem Kampfe gegen die absolute
 Macht, nun auch gegen die vereinigte Macht der Arbeitergenossenschaften,
 die zum Sozialismus neigen, ankämpfen wird.
Es ist nicht zu leugnen, daß die liberale Partei in fast allen Ländern lange
mit bedauernswerter Gleichgültigkeit alle Arbeiterprobleme behandelt und
erst unter dem Druck der Volksbewegungen und des aufsteigenden Sozialismus
 ihr Verfahren geändert hat. Die konservativen und liberalen Parteien
treiben aber auch heute noch oft eine negative soziale Politik. Seit der einzelne
Industrielle nicht mehr dem einzelnen Arbeiter gegenübersteht, sondern große
Kapitalisten- Verbände gegen große Arbeiterverbände, seit die Grundsätze der
sozialen Einheit den alten Individualismus durchdrungen haben, ist Gleichgültigkeit
 nicht mehr am Platze.
Der Zusammenschluß der Demokraten und Liberalen mit den Arbeiterparteien
 ist in den Ländern mit starkem Bürgertum und zahlreich vertretenen
gebildeten Mittelschichten stets leichter als bei rückständigen Völkern, In
den Ländern, wo neben ausgedehnter Landwirtschaft industrielle und kommerzielle
 Mittelschichten und freie Berufe in Interessengemeinschaften fest
organisiert sind, müht man sich um die Erhaltung des sozialen Gleichgewichts,
 so daß für die Freiheit nichts zu befürchten ist. Zwischen dem Prinzip
 der Freiheit und dem grundlegenden Prinzip der Arbeiterpolitik, das sich
in großen Gewerkschaften äußert, besteht kein unüberbrückbarer Gegensatz.
Die Arbeit, nicht nur als wirtschaftliches Element, sondern vor allem als
moralisches Prinzip betrachtet, strebt allein nach einer größeren Aktivität.
Können nun die Mittelschichten, das große arbeitende Bürgertum, .die
Arbeiterschaft und die Gewerkschaften ihren Zielen einmütig nachstreben
und mächtige, widerstandsfähige Demokratien bilden ?

86
        <pb n="87" />
        } Dies wäre ohne den Krieg schon eingetreten und wird sicherlich eintreten,
sobald keine Kriegsgefahr mehr besteht. Denn jede Kriegsgefahr verlangt die
Unterwerfung aller Kräfte unter einen Willen und ihre Zusammenfassung
zu einem einzigen Zweck, dem Streben nach Macht, das dem Verlangen nach
Entwicklung entgegengesetzt ist. Die heutige Unbeständigkeit ist das größte
Hindernis für eine starke, freiheitliche und demokratische Regierung.
) Jede politische Freiheit hat zur Voraussetzung, daß alle Bürger gleiche
politische Rechte besitzen, daß die vollziehende Gewalt den Willen der Mehrheit
 ausdrückt und unter der Kontrolle von Vereinigungen und selbständigen
Organen steht. In diesem Sinn bedeuten Bolschewismus und Fascismus die
absolute Verleugnung der Freiheit. Die Demokratie stellt nicht nur eine Regierung
 dar, die jedes Vorrecht der Geburt und Überlieferung ausschließt,
sondern eine solche, unter der alle Bürger frei und ihren Fähigkeiten gemäß
an dem Leben des Staates teilnehmen können. In diesem Sinn sind Bolsche-|
 wismus und Fascismus auch die absolute Verleugnung der Demokratie.
]
DER VERFALL EUROPAS ALS FOLGE DER NEIGUNG ZUR GEWALT-TÄTIGKEIT
 UND DES MANGELS AN FRIEDEN UND FREIHEIT. DIE
UNAUSBLEIBLICHE RÜCKKEHR ZU DEN LIBERALEN VERF ASSUNGEN
Bei seiner jetzigen, durch eine Folge von wirtschaftlichen und politischen
Krisen entstandenen Aufteilung kann Europa nicht zur Sicherheit und zum
Frieden zurückkehren, wenn es nicht zu den Grundsätzen der Demokratie
und Freiheit zurückfindet. In den internationalen Beziehungen herrscht jetzt
ein Regime der Unbeständigkeit, das, wie wir sahen, immer zur rohen Gewalt
führt. Die Freiheit kann nicht in Sicherheit leben, und die Demokratie kann
nicht gesund und wirksam sein, wo Krieg, Revolution und Reaktion drohen.
Ich spreche so oft von der Wirkung einer schlechten Presse — vor allem
von der Presse der Kriegsgewinnler, die in Italien anschaulich Haifische genannt
 werden — weil die Worte im Leben der Völker tieferen Haß erzeugen
als die Taten. Andererseits kann man nie _Worte und Taten genau unterscheiden.
 Das Wort ist der mächtigste Rufer der Tat. Man glaubt schließlich
oft, was man sich einbildet, und man tut, was man glaubt. Wort und Haltung
sind im Leben der Einzelnen wie der Völker ebenso wichtig wie Taten; sie
bestimmen das Handeln und regeln die Taten.
Es gibt Interessen-Konflikte und Verluste, die man vergessen kann. Viel

XV.
Q7
        <pb n="88" />
        schwieriger ıst es aber, die Beleidigungen der Ehre zu vergessen. Wenn mein
Nachbar mit mir in wirtschaftlichem Zwiespalt lebt und dieser zu langem
und schlimmem Streit führt, so kann dies alles durch eine Versöhnung getilgt
werden. Wenn ich aber meinen Nachbarn in der Ehre, in der Würde, im
Gefühl verletze, wird er dies nie vergessen.
Wenn wir nach dem Kriege immer noch sagen, daß alle Verantwortung:
nur auf Deutschland fällt, daß alle Greuel nur von den Deutschen begangen
 wurden, daß nur die Deutschen eine Gefahr für den Frieden bedeuten,
wenn wir sagen, daß die Deutschen die neuen Hunnen, die Boches, die Feinde
der Zivilisation seien und der Rhein die Grenze der Zivilisation ist, erregen
wir die Gemüter, und man wird diese Beschimpfungen nie vergessen, selbst,
wenn sich unser Betragen ändert. Andererseits reagiert die deutsche Presse,
vor allem die nationalistische, oft mit noch größerer und bedauernswerter
Heftigkeit.
Im Frieden kommen die Worte vor den Taten und die Gefühle vor den
Worten. Ich habe nie die Wichtigkeit der Verträge von Locarno überschätzt,
umsomehr als man nachher im Völkerbunde durch eine Folge beklagenswerter
 Irrtümer zur Minderung ihrer Wirkung das Möglichste getan hat.
Aber das Wichtigste an ihnen ist nicht die Tatsache, sondern das Gefühl, aus
dem sie entstanden sind, und noch mehr ihr Einfluß auf die Redeweise.
Die heutigen Schwierigkeiten in den siegreichen europäischen Staaten entspringen
 weniger aus den Verlusten des Krieges als aus denen, die durch die
Störung des Gleichgewichts und durch den Mangel an Einigung zwischen
den Völkern Europas verursacht wurden. Die Produktion allein genügt nicht;
jedes Land ist auf Güteraustausch angewiesen, d.h. auf die Produktion anderer
 Länder. Wie jeder Nationalismus wetteifernde Nationalismen verursacht,
 ruft jedes Schutzzoll-System neue Schutzzoll-Systeme hervor.
Der ganze europäische Kontinent ist zum Schuldner geworden, ja es wird
von vielen Seiten sogar behauptet, daß nur das Eingreifen Amerikas Europa
wiederherstellen könne. Dieses Eingeständnis der Schwäche ist wirklich demütigend.
 Niemals gab es in der Geschichte einen so großen und allgemeinen
Zusammenbruch wie der nach dem europäischen Krieg von 1914/1918.
Hat Amerika ein Interesse an der Wiederherstellung Europas? Ich glaube,
diese Frage ist zu bejahen? Aber Amerika hat ein noch größeres Interesse
daran, nicht in die Angelegenheiten Europas einzugreifen, ehe ein sicherer
Frieden wiederhergestellt ist. Es gibt politische Interessen, die bei weitem die
wirtschaftlichen übersteigen, und diese können nicht gewahrt werden, so
lange der Frieden auf so schwacher Basis ruht. Europa ist und wird auf lange

QQ
        <pb n="89" />
        der größte Verbrauchermarkt sein, und seit die Hoffnungen auf eine wirtschaftliche
 Ausdehnung im Gebiet des Stillen Ozeans zum größten Teil geschwunden
 sind, hat Amerika das allergrößte Interesse am europäischen
Markt. Die Märkte Asiens, die solch übergroße Hoffnungen geweckt hatten,
erweisen sich immer mehr als unsicher und von geringer Aufnahmefähigkeit.
Das kleine Holland verbraucht allein mehr amerikanische Erzeugnisse als
China und Indien zusammengenommen, d. h. mehr als eine Bevölkerung, die
diejenige Gesamteuropas weit übersteigt. Amerika hat also Interesse an der
Sanierung Europas und wird alle Hilfsmittel zur Bildung eines großen europäischen
 Marktes fördern: das Ende der Kriege, der inneren Verwirrungen,
der bolschewistischen und fascistischen Abenteuer, Zollvereine, große Handelsgenossenschaften
 usw. Amerika hat vor allem ein wirtschaftliches Interesse.
 Es hat sich am Kriege beteiligt, um bestimmte Grundsätze zu verteidigen,
doch wird es niemals die Politik irgend einer Nation oder Union gegen
andere Nationen oder Unionen in Europa fördern. In der Tat betrachtet
Amerika mit berechtigtem Mißtrauen alles, was ın Europa die heutige Verwirrung
 nährt: die inneren Revolutionen und Reaktionen und die geistige,
wenn auch noch nicht materielle Vorbereitung neuer Kriege. Kredit kommt
von Glauben (credere). In dieser Phase der europäischen Politik glaubt Amerika
 nicht an Europa.
Es gibt keinen größeren Irrtum, als in Amerika etwas von Europa ganz
Verschiedenes zu sehen. Amerika ist nichts anderes als das neue Europa.
Wenn man von Asien und Afrika spricht, d.h. von den ältesten Fest-Jändern
 mit früher und reicher Kultur, so spricht man von verschiedenen Völkern,
 verschiedenen Rassen und Zivilisationen fernen Ursprungs. Aber
Amerika wurde von europäischen Auswanderen geschaffen. Es gibt keine
amerikanische Zivilisation, aber eine europäische transatlantische Zivilisation,
die abgesehen von einigen betonteren wirtschaftlichen Eigenschaften, sich
in nichts von der unsrigen unterscheidet. Da das neue Europa reicher und
mächtiger ist als wir_und, nicht durch Kriege abgelenkt, seine größte Aktivität
 auf die Produktion zu konzentrieren vermag, verdrängt es täglich mehr
das geplagte und zerrissene alte Europa aus der Weltherrschaft. Und das alte
Europa kann nur durch die Rückkehr zum Frieden Kredit, Wohlstand und
Macht wieder gewinnen. Die Probleme der Freiheit sind auch die Probleme
des Friedens, entweder ein dauernder Zustand von Revolution, Reaktion und
Kriegen und der daraus folgende Zusammenbruch des europäischen Kontinents
 oder die Rückkehr zu Demokratie, Freiheit und Frieden.
Dies kann aber nicht ‚geschehen, wenn nicht die Überzeugung, noch mehr

R9
        <pb n="90" />
        as Gefühl c des novus ordo die Mittelschichten, das arbeitende Bürgertum
nd die Arbeitermassen aller siegreichen und besiegten Länder erfüllt. - $ (
Nur Frieden, Freiheit und Föderalismus können die neuen wirtschaftichen
 ‚und politischen Verbände vorbereiten, Dagegen herrscht jetzt die
eigung zum Krieg, zu weißen und roten Reaktionen und zum Nationalismus;
= x 5 a a SA = SE -_.—_— ri
er die Verneinung jeder föderalen Verbindung ist. Die föderalen Formen
. - ” A —+———— ber lm
aben ihre größte Entwicklung in den Ländern erreicht, wo alle sozialen
. .0 A, wa .
Gruppen, ethnisch, religiös und sprachlich unterschieden, ihren Weg frei
erfolgen können. Die Schweiz hat ungefähr 70°/g deutsche, 200/, fran-Ösische
 und 109/, italienische Bevölkerung, von den tiefen ı religiösen Unterschieden
 zu schweigen. Der Krieg und der Frieden haben die nationale Widerstandskraft
 der Schweiz bewiesen; dieses nationale Bewußtsein ist aber nur
us der Freiheit und dem Föderalismus entstanden.
Können die Polen, die selbst einem langen Versuch der Entnationalisierung
eitens so mächtiger und expansiver Völker wie Russen und Deutsche widerstanden
 haben, sich einbilden, ihrerseits kultivierte deutsche Völkerschaften
ınd kräftigere und größere russische Völkerschaften zu entnationalisieren?
ur der Frieden, die Freiheit und der Föderalismus der gemischten Völker
"N a .  Coydın =
önnen Europa retten, und ich verstehe darunter die politische und wirt-;
 a a a
SEE Ereihen, Sie Anett in. allen Formen du sorialen Lebeni
Der Kommunismus ist in Rußland versucht worden, und danach kann nur
— Denn 3 7 EEE En a U A — = I
in Fanatiker oder ein Phantast von ihm eine Vermehrung des allgemeinen
Wohlstands erwarten. Der Sozialismus selber strebt mehr oder minder da-_—
 . a x a ——_— 2 le . A =
ach, sich überall in eine Gewerkschaft zur Verteidigung der Arbeit zu
wandeln. Er kann auf diesem Gebiete noch große Dienste leisten. Die Neigung
u persönlichen und reaktionären Regierungen ist nur der Ausdruck für Unufriedenheit
 mit den parlamentarischen und internationalen Verhältnissen.
S ige BEA Kinn
je Reaktion — Rückkehr zur Vergangenheit — und der Sozialismus
— äußerste Demokratie — bedeuten nicht große plötzliche Bewegungen,
ME A - . . . .
ondern dauernde Regungen des menschlichen Geistes, die sich in Zeiten von
rankheit und Verwirrung, nach großen Kriegen beleben, und die bei
ückkehr der Gesundheit wieder abklingen. Sozialistische und reaktionäre
a SS ; er ke
ewegungen sind oft historisch notwendig. Aber ihre Funktion ist mehr eine
eitliche Läuterung anderer Tendenzen. Dauernd ist aber nur die liberale
Verfassung und in vielem Betracht endgültig für jede zivilisierte Gesellschaft,
ie nach _Vervollkommnung strebt. Sie ist auch im tiefsten Sinne die einzige
erhaltende Verfassung, da sie alle jungen Kräfte zur Entfaltung und zur Beälleune
 bringt.

90
        <pb n="91" />
        mn Ich bin also überzeugt, daß die verschiedenen weißen und roten Reaktionen
der letzten Jahre nur vorübergehende Erscheinungen und als Folge des Krieges
4 zu betrachten sind. Sie haben keine Aussicht auf Dauer. In allen Ländern, wo
lie ein starkes Bürgertum existiert und die Mittelschichten genügende Reife er-N
 reicht haben, ist für Freiheit und Demokratie nichts zu befürchten. Die
N kränklichen Nachgeburten des Krieges werden langsam aber sicher verschwinden.
 Das Mittelmeer-Fieber, das überall in Südeuropa Diktaturen erei
 zeugt hat, wird nachlassen und dann gleichfalls verschwinden. Die liberale
zum Verfassung und die Demokratie werden sich erneuern und über die Revo-A
 lution — das Laienwunder der Unwissenden — und über die Reaktion — die
m Rückkehr zur Brutalität — siegen. Freiheit und Demokratie gehören nicht der
a7 Vergangenheit sondern der Zukunft, und die augenblickliche Krise wird ihren
Triumph noch sicherer und endgültiger gestalten.
18
ran

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1-ır

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01
        <pb n="92" />
        SCHLUSSBEMERKUNGEN
Die Ziffern verweisen auf die Kapitel, zu denen diese ergänzenden Anmerkungen gehören,
l.
Die Freiheit ist seit zwei Jahrhunderten das Thema so vieler Diskussionen
gewesen, und die damit verbundenen Probleme haben so große Meinungsverschiedenheiten
 verursacht, daß die Bibliographie fast die ganze politische
Literatur umfaßt. Eine vorzügliche bibliographische Zusammenfassung ist
in dem Buch von Guido de Ruggiero: Storia del liberalismo europeo. Bari
1925, enthalten.
Hl.
In meinen vier Büchern: Das friedliche Europa (1922), Der Niedergang
Europas (1923), Die Tragödie Europas (1924), Der Frieden (1925) sprach
ich ausführlich über die Irrtümer der Friedensverträge und über die Verantwortung
 für den Krieg. Jene Bücher, die mehr als siebzig Übersetzungen
in Europa, Amerika und Asien erfuhren, haben das einzige Verdienst gehabt,
die Vorurteile zu zerstören, die am meisten dem Frieden geschadet haben.
Unbeschadet der Verantwortlichkeit der einzelnen Länder für den Krieg
fällt die allergrößte Verantwortung auf die Allianzverträge, auf die Geheimdiplomatie
 und auf die Handlungen einer kleinen Gruppe von Menschen,
Der Krieg war unvermeidlich, erstens infolge des Allianzsystems, zweitens.
weil die drei großen kontinentalen Kaiserreiche in getrennten Lagern standen,
drittens weil Rußland nach dem unglücklichen Krieg gegen Japan Krieg
führen mußte, um die innere Zersetzung aufzuhalten. Aber die übereilte
Herbeiführung des Krieges war das Werk weniger Männer.
Der Gedanke ist unfaßlich, daß die auswärtige Politik in allen euro-.
päischen Staaten immer von wenigen Menschen gemacht worden ist und
nicht nur jedem Urteil der öffentlichen Meinung, sondern fast immer auch
den Parlamenten und selbst den Kabinetten vorenthalten wurde.
In Italien blieben die Allianz- Verträge, einschließlich desjenigen der Triple-Entente,
 den Ministern unbekannt. Die Durchführung des lybischen Krieges.
1911 und die Beteiligung am europäischen Krieg 1915 erfolgten ohne irgend
 einen Beschluß des Ministerrates. Ich selbst habe dies aufs genauestefeststellen
 können. Als in Italien das Parlament im Mai 1915 einberufen
wurde, um über die Bewilligung der Mittel für den europäischen Krieg zu
beschließen, war die Beteiligung Italiens schon einen Monat vorher durch
den Londoner Vertrag entschieden gewesen und die Abkommen waren schon
zwei Monate früher getroffen. Der Londoner Vertrag blieb aber den Mini-992
        <pb n="93" />
        stern. unbekannt bis zu seiner Veröffentlichung durch die Bolschewisten;
auch den Vertrag der Triple-Entente hatten sie nie zu Gesicht bekommen.
Rußland hatte eine autokratische Regierung. Aber weder in Österreich-Ungarn
 noch in Deutschland hatten die Parlamente und nicht einmal die
nn Minister Kenntnis von den Verträgen, die den Krieg vorbereiteten und un-3-
 vermeidlich machten. Wahrscheinlich waren jene Verträge in Deutschland
1e und Österreich-Ungarn nur_den Herrschern, ihren Kanzlern und Ministern
st des Auswärtigen bekannt. In Frankreich blieben die äußere Politik und die
ri Verträge und Pakte dem Parlament und wahrscheinlich auch den Ministern
selbst zum großen Teil unbekannt. In Bezug auf Italien enthält das Buch von
M. Bochitchevich: Les causes de la guerre. Paris 1925, interessante Einzel-Ta
 heiten.
;'h Man darf überzeugt sein, daß der Frieden beständig in Gefahr ist, so lange
7 die Regierungen  (d. h. die Ministerien) und die Parlamente nicht informiert
an sind und infolgedessen die Handlungen der Staatshäupter_und der Minister
E des Auswärtigen nicht kontrollieren können, und ohne daß die Geheimdiplomatie,
 die jetzt leider wieder zu Ehren kommt, abgeschafft wird. Über diesen
ig delikaten Punkt glaube ich, nicht mehr sagen zu dürfen, in Wahrung des
= Amtsgeheimnisses und im Hinblik auf meine persönliche Situation, zumal
ich nichts anführen will, was nicht schon aus Veröffentlichungen bekannt
18. ist. Die Gefahr ist aber so groß und das Geschehene so folgenschwer, daß
ns man das Problem in seiner Gesamtheit’ wird anpacken müssen, sobald in
gr Europa geordnete Zustände und die Möglichkeit ruhiger Diskussionen wiederte:
 gekehrt sind.
II.
— Die zwei großen Gründer der italienischen Einheit, Mazzini und Cavour,
d und der größte Kämpfer für die italienische Unabhängigkeit, Garibaldi,
h betrachteten die Freiheit nicht nur stets als höchste Notwendigkeit, sondern
als die conditio sıne qua non für eine wahre nationale Existenz. Die Italiener
= kennen die Ideen Cavours, welche die Ideen von Mill und der englischen libe-38
 ralen Schule gewesen_waren,
Do Garibaldi sagte, daß die Freiheit das heiligste aller Güter sei und daß
te er ein armes und freies Land einem reichen und geknechteten vorziehe: „Ich
nn möchte es frei sehen — und seine Schlösser zertrümmert — eher als es beben
u sehen — unter der Geißel der Vandalen.“
;:h Mangel an Freiheit und vor allem Gleichgültigkeit gegen die freien Vernn
 fassungen sind für ein zivilisiertes Volk ein Zeichen unausweichlichen Ver-1
 falls. Eine Nation, die auf Freiheit verzichtet, verzichtet auch auf Größe.

903
        <pb n="94" />
        vi.
Es gibt keine nationalistische Lehre, wohl aber gibt es Äußerungen des
Nationalismus und nationalistische Programme. Diese erinnern im allgemeinen
 an das preußische Junkertum. Die Ideen, die heute von den französischen
 und vor allem von den italienischen Nationalisten proklamiert werden,
gleichen sehr, wenn nicht völlig, jenen des deutschen Militarismus vor dem
Kriege. Man findet dieselben Worte, dieselben Gefühle und vor allem dieselben
 Gesten wieder.
Die Schriften der französischen Nationalisten, Barres, Bourget und vor
allem Maurras und Daudet, die von den Nationalisten anderer Länder, zumal
den italienischen übernommen wurden, sind vom literarischen Standpunkt
aus sehr interessant und zeigen bedeutende Schriftsteller. Aber in anderen
Sprachen nachgeahmt und oft schlecht nachgeahmt, verlieren sie jede künst-Jerische
 Schönheit und erhalten, besonders durch die italienischen Nationalisten,
 eine beschämende geistige Dürftigkeit. In den Kritiken der französischen
 Nationalisten gibt es aber beachtenswerte Bemerkungen.
Die angesehensten belgischen Katholiken haben sich gegen die Lehre des
Nationalismus erklärt, welche die Grundlage selbst der religiösen Moral verneint
 und die Religion als politisches Machtmittel brauchen will. Als Gesinnungsäußerungen
 sind interessant die Schriften der bedeutendsten Katholiken,
 gesammelt und veröffentlicht unter dem Titel: „Ch. Maurras maitre
de la jeunesse catholique.‘““ Ich habe weniges über die Irrtümer des Nationalismus
 gelesen, was mir größeren Eindruck gemacht hätte als diese Schriften
 der belgischen Katholiken. Es ist charakteristisch für Belgien, daß viele
der sogenannten Liberalen (lucus a non lucendo) eine gewisse Neigung für
den Nationalismus und sogar für den Fascismus haben, während Katholiken
und Sozialisten gleiches Mißtrauen bezeigen. Nach der Meinung vieler angesehener
 belgischer Schriftsteller zeigt sich der Nationalismus (und also
mehr noch der Fascismus) nur aus politischen Gründen als Verteidiger der
katholischen Kirche. Aber seine Lehre ist nicht das Credo, sondern eine Art
politischen Kompromisses. Nach der Ansicht eines bedeutenden katholischen
Schriftstellers sind die Prinzipien des Nationalismus ähnlich denen des Generals
 Ludendorff, ja noch unchristlicher; sie nähren eine amoralische politische
 Einstellung und haben einen unheilvollen Einfluß auf die Jugend.
„Ein junger Nationalist‘“ — schrieb ein angesehener Universitätsprofessor —
„ist stets »angeleuse, pointu, piquant, tranchant« (eckig, spitz, stechend,
schneidend). Wo die Nationalisten auftreten, zerstören sie das Werk der Katholiken.
 Praktisch kann man die Frage so stellen: Anerkennt die Kirche oder

A
        <pb n="95" />
        nicht ihre Identifizierung mit der Action francaise, die von dieser einerseits
und den Antichristen andererseits gemacht oder angeblich gemacht wird?
Wenn ja, dann ist die Sache des Christentums bei unseren Völkern verloren.“
Ich habe keine wirksamere Verteidigung des Parlamentes und keine bessere
Kritik der autokratischen Verirrungen gelesen als die des belgischen Premierministers,
 P, Poullet, in demselben Bande: „Anstatt eine tiefgreifende Propaganda
 zu veranstalten, um Wähler und öffentliche Meinung zu einer besseren
 Erkenntnis des allgemeinen Interesses und dadurch auch zu einer besseren
Handhabung des parlamentarischen Systems zu bringen, zieht es unsere
Jugend vor, die parlamentarische Verfassung als solche zu verdammen. Will
sie sie durch eine bessere Verfassung ersetzen? Welche? Sie sagt es nicht, sie
weiß es meist selber nicht.
Auch verschweigen unsere jungen Leute, wenn sie uns mit ihrem Ideal bekanntmachen,
 mit welchen Mitteln sie die erträumte Verfassung an der Stelle
der jetzigen durchsetzen wollen. Man müßte dem tollsten Wahn verfallen
sein, um zu diesem Endzweck an Gewalt zu denken. Wenn sie aber nicht an
einen Staatsstreich denken, wie können sie sich dann verhehlen, daß ihre
ablehnende Haltung unfruchtbar bleiben muß und daß ihr Verdammen Gefahr
 läuft, im Wind zu verwehen?
Die französischen Katholiken haben ihre Lage nicht verbessert, als sie sich
außerhalb der Republik stellten. Man wird nie die parlamentarıschen Verfassungen
 dadurch verbessern, daß man mit ihnen schmollt. Diese jungen
Leute scheinen außerdem die deutlichsten Lehren der Geschichte zu verkennen.
 Keine menschliche Staatsform hat je ohne gewisse Schwächen, Entgleisungen
 und Übelstände funktioniert. Wie könnten unvollkommene Menschen
 vollkommene Einrichtungen schaffen?
Ich bitte diese jungen Leute, sich den Verlauf unserer Landesgeschichte
in Gedanken kurz zu rekapitulieren. Finden sie darin, seit dem frühesten
Mittelalter, einen einzigen Zeitabschnitt, wo in unseren Provinzen eine ideale,
tadellose Verfassung bestand?
Hat das Stimmrecht nach dem Zensus, wie es in Belgien von 1830 bis
1849 sich behauptete, irgendwie besser als das allgemeine Stimmrecht den
Frieden, die bürgerliche Eintracht, das friedliche Zusammenleben und das
wirtschaftliche Gedeihen geschützt?
Wäre es denn besser, zum System des Grundgesetzes von Wilhelm I.
‚König der damals noch vereinten Großniederlande) zurückzukehren, dessen
Regierung uns zur Revolution von 1830 geführt hat? (Revolution, welche
die Trennung von Belgien und Holland herbeiführte.) Oder hätte die Zeit

95
        <pb n="96" />
        des Konsulats und des Kaiserreiches, wo die den Herzen unserer Jugend so
teuere Gewaltherrschaft in all ihrem Glanze erstrahlte, das Glück und das
Gedeihen der Völker gesichert? War die alte österreichische oder spanische
Verfassung in Grundeinstellung und Methoden vollkommener als die heutige?
Ließ sich vielleicht unter Philipp II., Karl V. oder auch Philipp dem Guten
Alles zum Besten an ?
Wer traute sich das zu behaupten ? Dann aber muß man zugeben, daß es
nie vollkommene Verfassungen gegeben hat, noch geben wird.
Unsere jungen Leute erträumen eine starke Staatsgewalt, ausgeübt von
einem mehr oder minder absoluten Monarchen oder von einem Diktator. Aber
was verbürgt ihnen, daß ein solcher Monarch oder ein solcher Diktator vollkommen
 ist? Es kann ihnen doch unmöglich unbekannt sein, daß unter absoluten
 Herrschern und Diktatoren das Ränkespiel und der Einfluß von
Klüngeln nicht weniger unheilvoll als in dem parlamentarischen Regime sich
gelten machen, wobei die Öffentlichkeit, die doch mindestens die größten
Mißbräuche zu verhindern pflegt, meist ausgeschaltet wird.“
Für Polen, Tschechoslowakei, Rumänien, Jugoslavien usw. liegt die einzige
Rettung in den föderalen Verfassungen, die aber unmöglich sind, so lange
nationalistische Tendenzen vorherrschen. Der Nationalismus tut in Ländern
gemischter Rassen mehr Schaden als in denen, wo eine ethnische Einheit
oder mindestens große Rassenzusammenfassungen bestehen. Ein französischer
 oder italienischer Nationalismus ist immer minder gefährlich als ein
polnischer, tschechischer oder rumänischer Nationalismus. In den Ländern,
die aus verschiedenen ethnischen oder politischen Gruppen bestehen, entfacht
oder erhitzt der Nationalismus nicht nur äußere, sondern auch innere politische
 Kämpfe.
VIEL
Ich habe von dem Fascismus als von einem politischen Ereignis sprechen
wollen, frei von jeder Anklage und jedem Haß.
Meine persönliche Stellung gegen den Fascismus war immer eine zurückhaltende.
 Ich habe ihn immer als eine Regierung de facto, nie als eine Regierung
 de jure angesehen. Ich habe nach dem Aufkommen des Fascismus
nie mehr die Kammer der Abgeordneten betreten, noch wiedergewählt werden
oder sonst irgendwie am politischen Leben Italiens teilnehmen wollen. Von
dem Augenblick an, wo der Fascismus proklamierte, den Staat mit Gewalt und
ohne die Zustimmung der Nation zu regieren, von dem Augenblick an, wo er
alle Garantien der italienischen Verfassung für die Freiheit vernichtet hat,
so daß es keine Freiheit mehr in Italien gibt und nicht einmal mehr Sicher-06
        <pb n="97" />
        heit für die Gegner des Fascismus, kann man diesen nur ‘als Tatsache ‚hinnehmen.
 Aber kein Demokrat und kein Liberaler kann ‘den Fascismus als
gesetzliche Regierung anerkennen. nn
Der Irrtum besteht im Glauben an die Möglichkeit irgend, einer Verständigung
 mit dem Fascismus. Mit seinem Charakter einer intoleranten Herrschaft
 verlöre er auch den Boden für seine Existenz. Wenn er das freie Bestimmungsrecht
 der Wähler und dadurch das Recht der Mehrheit, ihr Schicksal
 zu entscheiden, anerkennte, würde dies die Verneinung des Lebensrechtes
der bewaffneten Minderheit bedeuten.
Man kann also den Fascismus hinnehmen, wie man eine absolute, auf
Gewalt beruhende Regierung — z. B. den .russischen Bolschewismus — hinnimmt,
 aber man kann dann nicht der italienischen Verfassung noch irgend
einen lebendigen Wert zuerkennen und noch weniger glauben, daß der Fascismus
 die Grundsätze der Freiheit und der Demokratie je anerkennen könne.
Diese Anerkennung wäre Verzicht und der Verzicht das Ende.
Der Fascismus wird im Auslande als eine einfache Reaktionsbewegung bezeichnet.
 Im Gegenteil war der Fascismus, ehe er Italien beherrschte, eine
deutliche revolutionäre Bewegung, welche die mit dem Kriege Unzufriedenen
zusammenführte. Mussolini schrieb, als er das Programm der Fascisten vor
wenigen Jahren vorlegte: „Es eröffnet sich eine Geschichtsepoche, die man
als Epoche der Massenpolitik und der demokratischen Hypertrophie bezeichnen
 könnte. Wir können uns dieser Bewegung nicht entgegenstellen.“
So erstand im März 1919 der Fascismus als „Ausdruck der demokratischen
 Hypertrophie‘“, und Mussolini selbst entwarf das Programm, das
wörtlich hierherzusetzen der Mühe wert ist.
Der italienische Fascismus setzte sich also zum Ziel:
1. Konstituierende Versammlung, aufgefaßt als italienischer Teil der internationalen
 Völkerversammlung zwecks einer radikalen Umwandlung politischer
 und wirtschaftlicher Grundlagen des sozialen Lebens in solche, die
die ungehinderte Entwicklung der Zivilisation verbürgen.
2. Ausrufung der italienischen Republik; Dezentralisation der vollziehenden
 Gewalt; administrative Verselbständigung der Bezirke und Gemeinden
durch eigene Organe für die Gesetzgebung; Volksherrschaft, ausgeübt durch
das allgemeine, für Bürger beiderlei Geschlechts gleiche und unmittelbare
Stimmrecht, mit dem Recht des Volkes auf Referendum und Veto; Ausrottung
 der unverantwortlichen Bürokratie und Neuordnung der staatlichen
Verwaltungs-Organisationen; Begrenzung der Staatsherrschaft auf die bürgerliche
 und politische Leitung des nationalen Lebens.
Bolschewismus

07
        <pb n="98" />
        3. Abschaffung des Senats und jeder künstlichen und willkürlichen Beschränkung
 der Volksherrschaft; Abschaffung der politischen Polizei; Gründung
 einer städtischen, gemeindlichen und nationalen Sicherheitswache; wählbare
 Justiz- und Verwaltungsbeamte, unabhängig von der vollziehenden
Gewalt.
4. Abschaffung aller Klassentitel wie Prinzen, Herzöge, Marquise, aller
Ordenstitel wie Komturen, Ritter usw. Nur Ehren- und Adelstitel des Geistes
und der ehrlichen Arbeit.
5. Abschaffung der Dienstpflicht; allgemeine Abrüstung und Verbot der
Waffenfabrikation für alle Nationen.
6. Gedanken- und Gewissensfreiheit; Religions- und Versammlungsfreiheit;
 Presse- und Propagandafreiheit; individuelle und kollektive Bewegungs-Freiheit.

7. Unterrichtsystem mittels staatlicher, für alle offenen Kulturschulen; unenigeltliche
 Bibliotheken; sorgfältigste Auswahl und Prüfung der Lehrkräfte.
8. Größte Sorgfalt und Vollkommenheit der sozialen Hygiene; Beihilfen
aller Arten usw.
9. Auflösung von Aktiengesellschaften und Finanzinstituten; Unterdrükkung
 jeder Art von Bank-- und Börsenspekulation; Bildung eines nationalen
Finanzorganismus mit Unterabteilungen zur Regelung der Kreditverhältnisse
und des Geldverkehrs.
10. Schätzung und Beschränkung des persönlichen Besitzes; Einziehung
der unproduktiven Einkommen; Abzahlung der alten Staatsschulden durch
die besitzende Klasse.
11. Arbeitsverbot der Knaben unter 16 Jahren; Gesetzlicher Achtstundentag;
 Ausschluß der Schmarotzer, die der Gesellschaft keinen Nutzen bringen.
12. Neuordnung der Produktion auf der Grundlage einer Staatsversicherung
 und unmittelbare Beteiligung der arbeitenden Gesamtheit an der Nutznießung;
 Übergabe des Bodens an die Bauern; Übernahme der Bodenbebauung
 durch die Bauerngemeinschaft; Übergabe der Verwaltung von Industrie,
 Verkehrswesen und allen staatlichen Betrieben an die Gewerkschaften
der Techniker und Arbeiter; Abschaffung jeder Art persönlicher Spekulation
und Festsetzung des sozialen Grundsatzes des allgemeinen und nationalen
Wohlseins.
13. Abschaffung der Geheimdiplomatie.
14. Offene internationale Politik, beruhend auf der Eintracht aller Völker
und auf ihrer Unabhängigkeit innerhalb des großen Staatenbundes usw.
Mussolini glaubte 1919, daß Europa der demokratischen Hypertrophie

Qß8
        <pb n="99" />
        zustrebe. Er warf sich nach links einer zugleich nationalistischen, sozialistischen
 und revolutionären Bewegung zu. Nach dem Jahre 1921 wurde er sich
der bestehenden Neigung zur Reaktion bewußt. Nun warf er sich noch
ungestümer nach rechts. Seine Ideen sind belanglos, denn sie passen sich
seinen jeweiligen Handlungen erst nachträglich an. Das Programm, das Mussolini
 1919 für den Fascismus entworfen hat, ermöglichte den Beitritt einer
großen Zahl fortschrittlicher Elemente. Es ist die vollkommene Verneinung
dessen, was der Fascismus später ausgeführt hat, und wer heute in Italien das
fascistische Gründungsprogramm von 1919 aufrecht erhalten wollte, wäre
den furchtbarsten Strafen ausgesetzt. Ebenso werden die künftigen Handlungen
 des Fascismus auch die Verneinung seiner heutigen sein können. Durch
Mussolini selbst könnte der Fascismus zum revolutionären Sozialismus zurückkehren.

Man hat im Auslande wiederholt behauptet, daß der Fascismus Italien von
der Revolution errettete, daß er die Streiks abgebrochen und das staatliche
Finanzwesen wieder hergestellt habe. Wohl hat der Fascismus seit 1923
Ordnung geschaffen, wenn auch mit Gewalt, aber man muß doch feststellen :
1. Es ist nicht wahr, daß Italien von irgend einer Revolution errettet worden
sei. In allen Ländern, die am Krieg beteiligt waren, vor allem in Deutschland
und in Italien, hat es eine Zeit revolutionärer Bewegungen während der
Jahre 1919/20 gegeben, auch in Frankreich, in Belgien und in England.
Damals verband sich der Fascismus mit den revolutionären Elementen im
Glauben an die demokratische Hypertrophie. Italien ist das einzige europäische
 Land, dessen Geschichte keine wirkliche Revolution aufweist: es ist
nicht das Verdienst des Fascismus, es davor bewahrt zu haben.
2. Es ist nicht wahr, daß die Streiks durch den Fascismus beendet wurden.
Überall in Europa entstanden in den Jahren 1919 bis 1921 Streiks. In Italien
erreichten sie den Höhepunkt unter dem Ministerium Orlando (Mai bis Juni
1919), und sie blieben auch 1920 zahlreich, sogar mit Hilfe des Fascismus.
 Dann nahmen sie rasch ab, und als der Fascismus zur Regierung
gekommen war, waren die Streiks fast überall beendet, auch in den staatlichen
 Betrieben.
3. Es ist nicht wahr, daß der Fascismus aus eigener Kraft ein Werk finanzieller
 Sanierung vollbracht habe. Es waren die Ministerien Nitti und Giolitti
(1919—1921), welche durch Auflage hoher Steuern und durch die größte
Sparsamkeit die Ordnung der Finanzen vorbereiteten. Die finanziellen Maßnahmen
 des Fascismus waren im Gegenteil oft schädlich und begünstigten
die plutokratischen Schichten. Während man die Weinsteuer abschaffte und

99
        <pb n="100" />
        die Zuckersteuer erhöhte, ging man andererseits so weit, die Erbschaftssteuer
abzuschaffen! In der ganzen Welt hat nur Italien dies getan, weil die Regierungspartei
 die plutokratischen Schichten für sich gewinnen wollte. Nichts
ist charakteristischer für den Fascismus als die Belastung des Volkskonsums
und die Abschaffung der Erbschaftssteuer.
Ä.
Sehr richtige Betrachtungen über dieses Thema findet man in der Studie
von B. Croce: Liberalismo, in der Zeitschrift La Critica vom 20. März 1925.
Während — sagt er — der Liberalismus der Zukunft entgegenschreitet, hat
die Autokratie jeder ihrer Handlungen den Charakter des Vorübergehenden
und des Provisorischen aufgeprägt. Für einen wirklich überzeugten Liberalen
 ist die Bekehrung zu dem autokratischen oder reaktionären oder kommunistischen
 Ideal unmöglich, weil diese Ideale, soweit annehmbar, schon
in ıhm sind; und ebenfalls ist er ein Gegner der Abschaffung der Regierung.
Dagegen ist aber die Bekehrung der Sozialisten und der Autokraten zum
Liberalismus natürlich, weil die Erfahrung und die Besinnung ganz allmählich
 in ihre Seelen dringen und sich ihrer wieder bemächtigen. Wie viele
von den Vorkämpfern des neuen autokratischen Ideals und von denen, die der
Freiheit die Grabrede halten, würde man verwirrt und ratlos sehen, wenn
man auf den Grund ihres Gewissens schauen könnte!
XL
Die Gespensterfurcht vor dem Bolschewismus vergrößert seinen Anreiz
auf die Volksmassen trotz seiner wirtschaftlichen Mißerfolge. Es gibt keine
nützlichere Propaganda für ihn als die der reaktionären englischen Zeitungen,
die alle widrigen Ereignisse nur ihm zuschreiben. Es sind dieselben Zeitungen,
die den Fascismus loben. Dieser Inkubus des Bolschewismus ist der Beweis
für die geistige Indolenz der reaktionären Schichten.
Die Geschichte des europäischen Verfahrens in China ist für unsere Zivilisation
 wirklich beschämend. Es ist eine ununterbrochene Geschichte von Verbrechen
 und Raub. Was bedeutet die sogenannte gelbe Gefahr, die Wilhelm II.
in die europäischen Köpfe streute? Noch bedeutet sie nur den Widerstand
gegen den europäischen Raubbau. Dieser Ausdruck erinnert sehr an die
Sprache der italienischen Jäger, welche vom Wild, das sich nicht leicht töten
läßt, sagt, es sei ein „böses Wild“.
Mit viel größerem Recht könnten hunderte Millionen von Chinesen, die
eine frühe, große und ehrwürdige Zivilisation besitzen, von der weißen Ge-100
        <pb n="101" />
        fahr reden. Keine chinesische Expedition ist seıt vielen Jahrhunderten in
Europa eingebrochen, um ihre Religion und Handelsbräuche einzuführen
und unsere Gebiete zu besetzen; kein chinesisches oder japanisches Heer ist
gekommen, Europa zu schrecken, ganze Landstrecken zu plündern und den
Nationen rechtswidrig Provinzen zu rauben. Wir bestehen darauf, Asien als
ein auszubeutendes Land anzusehen, und wenn es dann unserer kapitalistischen
 Ausbeutung und unseren politischen Einbrüchen widersteht, nennen
wir es eine Gefahr.
Europa hat seine schlimmsten Elemente nach Asien gebracht. Selbst große
und achtbare europäische Nationen haben es gewagt, die Häfen von China zu
bombardieren, als die Chinesen kein Opium erwerben wollten. Die Europäer
fanden in China keinen Widerstand, solange sie nicht Willkür und Gewalt
übten. Aber wie sollten tausende und abertausende junger Chinesen, die in
englischen und amerikanischen Universitäten ausgebildet wurden, sich auf
die Dauer dem System der Kapitulationen unterwerfen (das der Versailler
Vertrag nur für Deutschland abschaffte, weil die Deutschen nach dem Vertrage
 Barbaren sind) und die heutigen Formen der Ausbeutung annehmen ?
Ich habe nicht ohne Schaudern die zahlreichen Schriften über die Ausnutzung
der chinesischen Arbeiter und vor allem der Kinder seitens der europäischen
Kapitalisten gelesen, die sich Vertreter der christlichen Zivilisation nennen.
Wo das Leiden groß und die Unzufriedenheit tief ist, findet eine Propaganda
 des Aufruhrs fruchtbaren Boden. Der Vertreter der Sowjets, Sinowiew,
hat sehr richtig gesagt: „Unsere Propaganda in China erfolgte unter außerordentlich
 günstigen Umständen; nie hätten wir so viel zu hoffen gewagt.“
Die außerordentlich günstigen Umstände wurden von dem gierigsten und
ehrlosesten Kapitalismus, den die Geschichte kennt, vorbereitet.
Über die Greuel des klerikalen Spaniens in Marokko und über das Verfahren
 der militaristischen spanischen Regierung wurde schon sehr viel geschrieben.
 In seiner Rede vor dem Papst, der in seiner hohen Klugheit ‚das
Geschehene nicht billigen konnte, sprach Alfons XIII. wirklich von einem
heiligen Krieg und von der Aufgabe, das Kreuz den Anhängern von Mahomet
aufzuzwingen. Es gab kein günstigeres Argument für Abd el Krim und seine
islamitische Propaganda. Alfons Rede, die dem Pater Torres zugeschrieben
wird, verbreitete sich im ganzen Islam. Der Ruf des spanischen Klerikalismus:
„Guerra, guerra al infiel marroqui!““ (Krieg, Krieg den ungläubigen Marokkanern
 !) faßt die ganze mittelalterliche Brutalität der klerikalen Gesinnung
Spaniens zusammen.

101
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        Ye
Die Abnahme des Reichtums und daher der Macht Europas durch die
Wirkung des Krieges und der Friedensverträge ist in einer Folge von offiziellen
 Dokumenten bewiesen. Das Bureau international du Travail des Völkerbundes,
 hat in sieben großen Bänden die Produktion Europas untersucht, die
in der Landwirtschaft wie in der Industrie in starkem Abnehmen begriffen
ist. Nach eingehendem Studium ist meine Überzeugung, daß die von den
Friedensverträgen verursachten Teilungen und Trennungen viel mehr als der
Krieg selbst zur Ermattung Europas beigetragen haben, und daß heute nach
der Zerstörung der Wiederaufbau nottut. Es ist notwendig, die politische und
wirtschaftliche Freiheit wieder zu Ehren zu bringen und durch große Zollund
 Wirtschaftsvereinigungen die Vereinigten Staaten Europas zu gründen,
Der wahre Frieden kann nur aus den Vereinigten Staaten
Europas kommen. Ich habe dies ausführlich in meinem Buch La Päce
(Der Friede) dargelegt.

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        INHALTSVERZEICHNIS
Seite
Vorwort 7
I. Die Krisis der Freiheit nach dem Weltkrieg . 9
II. Die Folgen von Krieg und Frieden . 13
Il. Die Lehren der Freiheit und die freien Verfassungen im 19. Jahrhundert
 . . 17
IV. Die Ursachen der Verwirrung und ihr Wachsen „99:
V. Die Krisis der liberalen Parteien und ihre Ursachen. Die Wirkung
des Sozialismus in den freien Verfassungen . 25
VI. Der Nationalismus als Verleugnung der Freiheit und der Demokratie
 ‚28
VIL Die Reaktion in Europa und das Diktatur-Fieber der Mittelmeerstaaten
 . . 34
VIIL. Die neue Form der Reaktion: Der Fascismus . 37
IX. Der Fascismus als weißer Bolschewismus und eine Gefahr für
| den Frieden . ‚45
N Freiheit, Reaktion und Sozialismus als historische Phänomene . 54
XI. Die Übertreibungen über den Bolschewismus. Die Ausschreitungen
 des europäischen Kapitalismus außerhalb Europas. Der
Kultus der Gewalt . . 58
XII. Bolschewismus und Fascismus als gleichartige Phänomene, Die
Kritik am Wirken der Parlamente. Unmöglichkeit einer dauernden
 absoluten Verfassung in der heutigen Gesellschaft . . 69
XII. Die Entwicklung der Mittelschichten und der Widerstand gegen
die extremen Tendenzen . . „78
‚XIV. Notwendigkeit einer Revision der parlamentarischen Funktion
und Arbeiterpolitik . „8
XV. Der Verfall Europas als Folge der Neigung zur Gewalttätigkeit
und des Mangels an Frieden und Freiheit. Die unausbleibliche
Rückkehr zu den liberalen Verfassungen | 817
Schlußbemerkungen . 9%
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        DAS BUCH
über
den ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten
den großen Vorkämpfer für die Befriedung Europas
DAS WERK FRANCESCO NITTIS
VON VINCENGO NITTI
Übertragen und eingeleitet von B. Fenigstein”/ Einzig berechtigte deutsche Ausgabe
Steif broschiert Mk. 4.— / Mit vielen zeitgeschichtlich hochinteressanten Bildtafeln
Wer ist dieser Mann? Man kennt seine Ideen, man weiß nicht allzuviel von seiner Persönlichkeit,
°- Nun zeigt ihn sein Sohn in einem fesselnden Bilde. In dieser lebendig geschriebenen Studie
erscheint der Prophet der Friedenspolitik als ein Staatsmann der Weltpolitik,
DIE FRÜHEREN WERKE VON FRANCESGCONITTI:
DER FRIEDE DAS FRIEDLOSE EUROPA
(1925) (922)
398 Seiten‘ mit. dem Bildnis des Verfassers 312 Seiten m. d. Bildnis d. Verfassers. Preis Mk. 2.50
Preis Mk Prof. Cassel, Stockholm bezeichnete in „Svenska
Zn 450 Dagbladet“ Nittis Buch «Das friedlose Europa»
Das Buch ist nicht nur für uns Deutsche, sondern als Vorzüglichen Wegweiser‘ für alle, die gegen
tn f | die Balkanisierung Europas sich zur Wehr setzen
für die ganze Welt ein offenkundiger Gewinn, wollen, und erklärte Nitti des Nobel - Friedens-Saarbrücker
 Zeitung preises würdig.
DER NIEDERGANG EUROPAS — DIE TRAGÖDIE EUROPAS
DIE WEGE ZUM WIEDERAUFBAU — UND AMERIKA?
(1923) (1924)
326 Seiten mit einem Bildnis und einer Widmung 210 Seiten mit dem Bildnis des Verfassers
Preis Mk. 3 50 Preis Mk. 3.—
„.,Der Wert dieses Buches ist für alle Deutschen Ein klarblickender, temperamentvoller, warmhervon
 einzigartiger Bedeutung. Jeder Deutsche lese ziger, mutiger und korrekter Mann. Seine Stimme
es immer und immer wieder. verdient die Beachtung der ganzen Welt.
Danziger Neueste Nachrichten Reclams Universum
FRANKFURTER SOCIETÄTS-DRUCKEREI 6.M.B.H.
ABTEILUNG BUCHVERLAG -/ FRANKFURT A. M.
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        zustrebe. z ° °
schen un} Eden Ver KC
der best Re zur  Reabın . Nach dem Jahre 1921 wurde er sich
ungestü bs Seine nn bewußt. Nun warf er sich noch
einen 190 ie er EN denn sie passen sich
olini. 70 N etenue En nr an. Das Programm, das Musgroßen
 Z5 S Ulicher er worfen hat, ermöglichte den Beitritt einer
dessen, wW*! x hs a ist die vollkommene Verneinung
ea j N N rostamm 8 ührt hat, und wer heute in Italien das
en furc} © run von 1919 aufrecht erhalten wollte, wäre
Jungen d ä uch die N ran Ebenzo A die künftigen Hand-Mesa
 x A N Pan seiner heutigen sein können. Durch
rückkehn - ismus zum revolutionären Sozialismus zu-Man
 hj ai
Her 7 E Ce zw daß der Fascismus Italien von
Finanzw rec I treiks abgebrochen und das staatliche
Ordnung SE Br Wohl hat der Fascismus seit 1923
1. Es ist GO Mhalikn a un ewalt, aber man muß doch feststellen :
sei. In all e-am Krie ee irgend einer Revolution errettet worden
und in A eine Zeit eteiligt Waren: Yon allem in Deutschland
Jahre 1g Sch in DR Bewegungen während der
Damals v fer Fasciom 3 in Belgien und in England.
Glauben Catch in mit_den revolutionären Elementen im
päische L feschichte On Italien ist das einzige euronicht
 das  Fareitmn eine wirkliche Revolution aufweist: es ist
2 CI ab N es davor bewahrt zu haben.
Überall id ©  nden in N nn den Fascismus beendet wurden.
erreichten 6  hunkt ober TE - 1919 bis 1921 Streiks. In Italien
1919); @ Fuck em linisterium Orlando (Mai bis Juni
cismus. | Ro ers Den zahlreich, sogar mit Hilfe des Fasgekomme
 S ne’ 81 el ab, und als der Fascismus zur Regierung
ichen Ba © Teiks fast überall beendet, auch in den staat-3:
 Es wo m
 ieHler Sal Ss = in Fascismus aus eigener Kraft ein Werk finan-(z979
 MS KO Aha N A M
Sparsamk + &amp;amp; Wr. der Fin age hoher Steuern und durch die größte
nahmen dd are en n_ a Die finanziellen Maßdie
 plutok = &amp;gt; N Chicn. Wo egenteil oft schädlich und begünstigten
&amp;amp; . Während man die Weinsteuer abschaffte und
KO.

99
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