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        <title>Die politische Ökonomie des Rentners</title>
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            <forname>Nikolaj Ivanovič</forname>
            <surname>Bucharin</surname>
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        N A100
EIGENTUM
DES
INSTITUTS
FÜR
WELTWIRTSCHAFT
KIEL
BIBLIOTHEK
X 1100
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        MARXISTISCHE BIBLIOTHEK
Werke des Marxismus — Leninismus
Band 2
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        Einzige vom Verfasser autorisierte Übersetzung von
Dr. Anna Lifschitz
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        NfB DE GHA RAN
DIE

POLITISCHE OKONOMIE

DES RENTNERS

(Die Wert- und Profittheorie

der österreichischen Schule)
VERLAG FÜR LITERATUR UND POLITIK
WIEN VII BERLIN SW 48
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        { be
Alle Rechte,
insbesondere die
des Nachdruckes, vorbehalten.
Copyright 1926 by VERLAG FÜR LITERATUR
UND POLITIK (Dr. Johannes
Wertheim), Wien VIII
Druck: Peuvag
Berlin
ATISO
Dr A
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— S3ibliothek ©
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        INHALTSVERZEICHNIS
Vorwort zur deutschen Ausgabe.» N
Einleitung 2... + % . 9
[. Die methodologischen Grundlagen der Grenznutzentheorie und des
Marxismus ek e IL 2 1.05 el ale SE, 32
1. Der Objektivismus und der Subjektivismus in der politischen Ökonomie 34
2. Der historische und der unhistorische Gesichtspunkt... .... . 47
3. Der Gesichtspunkt derProduktion und derGesichtspunkt derKonsumtion 57
4. Ergebnisse... 201 A 61
Il. Die Werttheorie . „7... 7 CE
1. Die Bedeutung des Wertproblems ... A
2. Der subjektive und der objektive Wert. Definitionen ....... 66
3. Nutzen und Wert (subjektiver) . . ES 4. 269
4. Das Maß des Wertes und der Einheitswert”. =: =. +7 + 100 +. A376
IN. Die Werttheorie (Fortsetzung); + ra ae u 1 384
1. Die Lehre vom Substitutionsnutzen . .. = HA
2, Die Höhe des Grenznutzens und die Gütermenge . . . 7 92
3. Die Größe des Güterwertes bei verschiedenen Gebrauchsarten. Der
subjektive Tauschwert. Das Geld ..,... . a
4. Der Wert der komplementären Güter (Die Zurechnungstheorie) . . . 101
5. Der Wert der Produktivgüter. Die Produktionskosten ...... .106
6. Ergebnisse .. . .. + nA 114
IV. Die Profittheorie ..... N 22
1. Die Bedeutung des Distributionsproblems. Die Fragestellung . . . .122
2. Der Kapitalbegriff. „Kapital“ und „Profit“ im „sozialistischen“ Staat 126
3. Allgemeine Charakteristik des kapitalistischen Produktionsprozesses
die Entstehung des Profits‘. A 38
V. Die Profittheorie (Fortsetzung) . . .. s SAN A ; MR 2148
1. Zwei Gründe für die Überschätzung der gegenwärtigen Güter
a) Das verschiedene Verhältnis zwischen den Bedürfnissen und den
Mitteln zu ihrer Befriedigung zu verschiedener Zeit
b) Die systematische Unterschätzung der zukünftigen Güter. . . . .143
2. Der dritte Grund für die Überschätzung der gegenwärtigen Güter: ihre
technische Überlegenheit: 1 2 u Sa 161
3. Der Subsistenzfonds. Die Nachfrage nach gegenwärtigen Gütern und
ihr Angebot. Die Entstehung des Profits. .. 1. 0 U 164
Schluß. Ar HT AARAU re a L72
Theoretische Versöhnungspolitik ... ne 178
1. Die „Formel“ Tugan-Baranowskys. . zu EN
2. Die „Logik“ des Herrn Tugan-Baranowsky . ...........181
3. Der Grundfehler Tugan-Baranowskys. „1 184
Literaturverzeichnis 1. en &gt; er N
Namen und Sachregister +... LI9
        <pb n="10" />
        <pb n="11" />
        VORWORT ZUR RUSSISCHEN AUSGABE

Die vorliegende Arbeit wurde bereits im Herbst 1914 vollendet,
d. h. zu Beginn des Weltkrieges. Das Vorwort ist im August/Sep-
tember desselben Jahres geschrieben.

Mich beschäftigte seit langem der Gedanke, eine systematische
Kritik der theoretischen Oekonomie der neuesten Bourgeoisie zu
geben. Zu diesem Zweck ging ich nach Wien, nachdem es mir ge-
glückt war, aus der Verbannung zu entkommen; ich hörte dort
Vorlesungen von Böhm-Bawerk, dem nun verstorbenen Professor
an der Wiener Universität. In der Wiener Universitätsbibliothek
studierte ich die Literatur der österreichischen Theoretiker. Es
gelang mir aber nicht, die Arbeit in Wien zu beenden, da die öster-
reichische Regierung mich vor Ausbruch des Krieges auf einer
Festung einsperren ließ, während die Hüter der Ordnung das
Manuskript einer sorgfältigen Prüfung unterwarfen. In der
Schweiz, nach der ich ausgewiesen wurde, konnte ich in der
Lausanner Universitätsbibliothek an Ort und Stelle die „Lau-
sanner Schule“ (Walras) und die älteren Volkswirtschaftler stu-
dieren und somit die Grenznutzentheorie bis auf ihre Wurzel ver-
folgen. Dort habe ich mich auch mit den englisch-amerikanischen
Volkswirtschaftlern eingehend beschäftigt. Politische Tätigkeit
führte mich nach Stockholm, wo die königliche Bibliothek und
die besondere volkswirtschaftliche Bibliothek der Handelshoeh-
Schule mir die Möglichkeit gaben, mein Studium der neueren
bürgerlichen Nationalökonomie fortzusetzen. Meine Verhaftung
und Ausweisung nach Norwegen versetzten mich in die Bibliothek
des Nobel-Instituts in Christiania; nach meiner Vebersiedlung
nach Amerika konnte ich nun an Ort und Stelle in der Neuyorker
öffentlichen Bibliothek die amerikanische volkswirtschaftliche
Literatur noch ausführlicher kennen lernen.

Das Manuskript war in Christiania lange Zeit unauffindbar,
und nur dank den energischen Bemühungen meines Freundes, des
norwegischen Kommunisten Arvid C. Hansen, wurde es gefunden
und im Februar 1919 nach Sowjetrußland gebracht. Ich habe ihm
jetzt nur einige Bemerkungen und Anmerkungen hinzugefügt, die
sich hauptsächlich auf die anglo-amerikanische Schule und die
neueren Erscheinungen überhaupt beziehen.
        <pb n="12" />
        } Vorwort zur russischen Ausgabe

Das dieäu ßere „Geschichte‘ dieser Arbeit. Was das Wesen
der Sache betrifft, so läßt sich darüber folgendes sagen:

Bis jetzt kannte man im marxistischen Lager hauptsächlich
zwei Arten der Kritik der neuesten bürgerlichen Volkswirtschafts-
lehre: entweder war es eine ausschließlich soziologische Kritik
oder eine ausschließlich methodologische. Man stellte z. B. fest,
daß das betreffende theoretische System mit einer bestimmten Klas-
senpsychologie verwandt ist, und damit war die Sache erledigt.
Oder aber man wies darauf hin, daß gewisse methodologische
Grundlagen, das Herantreten an das Problem unrichtig sei, und
hielt es deshalb für überflüssig, eine ausführliche Kritik der
„inneren“ Seite des Systems zu geben.

Gewiß, wenn man davon ausgeht, daß nur die Klassentheorie des
Proletariats objektiv richtig sein kann, so genügt, streng genom-
men, schon die Aufdeckung des bourgeoisen Charakters der be-
treffenden Theorie allein, um diese Theorie abzulehnen. Im
Grunde genommen ist es auch so, denn der Marxismus bean-
sprucht Allgemeingültigkeit eben gerade deshalb, weil er der theo-
retische Ausdruck der fortschrittlichsten Klasse ist, deren „An-
sprüche‘ auf Erkenntnis viel kühner sind, als die konservative
und infolgedessen auch beschränkte Denkweise der herrschenden
Klassen der kapitalistischen Gesellschaft es ist. Trotzdem ist es
klar, daß man diese Richtigkeit gerade im Kampfe der Ideologien
untereinander beweisen muß, und zwar durch die logische Kritik
der uns feindlichen Theorien. Und so entbindet uns die Sozio-
logische Charakteristik einer Theorie keineswegs von der Pflicht,
den Kampf gegen sie auch auf dem Boden der reinen logischen
Kritik zu führen.

Dasselbe gilt auch für die Kritik der Methode. Sicherlich wirft
die Feststellung, daß der Ausgangspunkt der methodologischen
Grundlagen falsch ist, das ganze theoretische Gebäude über den
Haufen. Indes fordert der Kampf der Ideologien, daß man die
Unrichtigkeit der Methode an den falschen Teilschlußfolgerungen
des Systems nachweist, und zwar kann man entweder auf die
inneren Widersprüche des gesamten Systems hinweisen oder auf
seine Unvollständigkeit, auf seine organische Unfähigkeit, eine
Reihe für die betreffende Disziplin wichtiger Erscheinungen zu
erfassen und zu erklären.

Daraus folgt, daß der Marxismus eine ausführ liche
Kritik der neuesten Theorien geben muß, die sowohl die sozio-
logische als auch die methodologische Kritik mit einschließt,
gleichzeitig aber auch eine Kritik des ganzen Systems bis in alle
seine Verästelungen ist. So hat auch Marx das Problem gegenüber
        <pb n="13" />
        Vorwort zur russischen Ausgabe 7
der bürgerlichen politischen . Oekonomie gestellt (siehe seine
„Theorien über den Mehrwert‘).

Während die Marxisten sich gewöhnlich auf eine soziologische
und methodologische Kritik der österreichischen Schule beschränk-
ten, kritisierten die bürgerlichen Gegner dieser Schule sie haupt-
sächlich vom Standpunkt der Unrichtigkeit einzelner Schluß-
folgerungen. Nur der fast alleinstehende R. Stolzmann hat
versucht, eine ausführliche Kritik Böhm-Bawerks zu geben. So-
fern einzelne Grundgedanken dieses Autors eine gewisse theo-
retische Verwandtschaft mit dem Marxismus aufweisen, ist unsere
Kritik der „Oesterreicher‘* der Stolzmanns ähnlich. Ich hielt es für
notwendig, diese Uebereinstimmung beider Kritiken auch in den
Fällen hervorzuheben, in denen ich zu denselben Schlußfolge-
rungen kam, noch ehe ich Stolzmanns Arbeit kennen lernte. In-
dessen stützt sich Stolzmann bei all seinen Vorzügen auf eine ganz
unrichtige Auffassung der Gesellschaft als eines „Zweckgebildes“‘.
Nicht umsonst verteidigt sich R. Liefmann, ein sehr wichtiger An-
hänger der österreichischen Schule, die er vertiefte und deren Be-
sonderheiten er schärfer hervorhob, gegenüber Stolzmann, indem
er dessen Teleologie bekämpft. Dieser teleologische Standpunkt,
zusammen mit den ausgesprochenen apologetischen Tönen, ge-
stattet Stolzmann nicht, seiner Kritik der österreichischen Schule
einen entsprechenden theoretischen Rahmen zu geben. Diese Ar-
beit können nur Marxisten leisten, und einen Versuch in dieser
Richtung stellt vorliegende Arbeit dar.

Die Auswahl des Gegenstandes unserer Kritik braucht wohl
nicht des längeren erörtert zu werden. Es ist allgemein anerkannt,
daß der stärkste Gegner des Marxismus eben die österreichische
Schule ist.

Es kann sonderbar erscheinen, daß ich meine Arbeit in einer
Zeit des tobenden Bürgerkrieges in Europa veröffeniliche; indes
haben sich die Marxisten nie verpflichtet, ihre theoretische Arbeit
einzustellen, auch nicht zur Zeit der schärfsten Klassenkämpfe,
wenn nur die physische Möglichkeit für eine derartige Arbeit vor-
handen ist. Viel ernster wäre die Erwiderung, daß es doch minde-
stens unsinnig sei, die kapitalistische Theorie zu widerlegen, wenn
Objekt und Subjekt dieser Theorie jetzt in den Flammen der
kommunistischen Revolution untergehen. Aber auch eine solche
Erwiderung wäre nicht stichhaltig, weil zum Verständnis der ge-
genwärtigen Ereignisse die Kritik des kapitalistischen Systems
äußerst wichtig ist. Und sofern eine Kritik der bürgerlichen Theo-
rien den Weg dazu ebnet, behält sie auch Erkenntniswert.
        <pb n="14" />
        vr Vorwort zur russischen Ausgabe

Noch einige Worte über die Form der Darstellung. Ich habe
mich bemüht, möglichst kurz zu sein, wodurch wahrscheinlich
die relative Schwierigkeit der Darstellung verursacht worden ist.
Anderseits habe ich viel zitiert, sowohl die Oesterreicher als auch
die Mathematiker, die Anglo-Amerikaner usw. Gegen eine solche
Art der Darstellung besteht in unseren marxistischen Kreisen
große Abneigung, als gegen eine rein äußerliche „Gelehrsamkeit“‘.
Trotzdem hielt ich es für notwendig, einige Belege aus der histo-
rischen. Literatur anzuführen, die die Leser in den Gegenstand ein-
führen und die Orientierung erleichtern könnten. Die Feinde ken-
nen zu lernen ist keineswegs überflüssig, umso weniger, als man
sie bei uns wenig kennt. Dabei gebe ich in den Fußnoten in nuce
zugleich parallel eine systematische Kritik der anderen Abzwei-
gungen des bürgerlichen theoretischen Denkens.

Ich möchte an dieser Stelle meinem Freunde, Juri] Leonido-
witsch Pjatakow, mit dem ich öfter Fragen der theoretischen Na-
tionalökonomie erörtert habe und der mir wertvolle Fingerzeige
gab, meinen Dank aussprechen.

Das Büchlein ist dem Genossen N. L. gewidmet.

N. Bucharin

Moskau, Ende Februar 1919

)
        <pb n="15" />
        “' Pihlinthek
+ \ =)
VORWORT ZUR DEUTSCHEN AU SGÄBE
Die Arbeit, die wir dem Leser vorlegen, ist vor vielen Jahren
geschrieben. Wenn der Verfasser über freie Zeit verfügte, so
würde er zweifellos auf Grund der seither erschienenen Literatur
das Buch umarbeiten. Leider fehlt ihm die hierzu notwendige
freie Zeit. Trotzdem hält er es für nützlich, daß das Buch auf
dem deutschen Büchermarkt erscheint, weil es die einzige marxi-
stische Arbeit ist, die eine systematische Kritik der grundlegenden
Richtung des bürgerlichen theoretisch-ökonomischen Denkens
gibt. Von diesem Standpunkt aus ist das Buch keineswegs ver-
altet und bewahrt unseres Erachtens seinen vollen theoretischen
Wert. Den denkenden marxistischen Lesern gibt es die wichtig-
sten Richtlinien für die Kritik der Ideologen der modernen Bour-
geoisie, und die neueste bürgerliche Literatur kann mit Leichtig-
keit in den kritischen Rahmen gebracht werden, der durch die
vorliegende Arbeit gegeben ist.
Aus diesem Grunde haben wir uns entschlossen, das Buch in
Deutschland zu veröffentlichen.
N. Bucharin
Moskau, den 12. November 1925
        <pb n="16" />
        <pb n="17" />
        EINLEITUNG
DIE BÜRGERLICHE NATIONALÖKONOMIE
NACH MARX

1. Die historische Schule in Deutschland. Die soziologische Charakteristik
der historischen Schule. Die logische Charakteristik.

2. Die österreichische Schule. Die soziologische Charakteristik der öster-
reichischen Schule. Kurze logische Charakteristik.

3. Die anglo-amerikanische Schule.

4. Die Vorläufer der „Oesterreicher“.

Es sind bereits 30 Jahre verflossen, seit die flammenden
Worte des großen Denkers des 19. Jahrhunderts, dessen Ge-
danken zum Hebel der proletarischen Bewegung in der ganzen
Welt wurden, für immer verstummt sind; die ganze wirtschaft-
liche Entwicklung der letzten Jahrzehnte — die tolle Konzen-
tration und Zentralisation des Kapitals, die Verdrängung des
Kleinbetriebes auch in den entlegensten Winkeln, das Auftreten
der mit goldenen Kronen gekrönten mächtigen Industriekönige
einerseits, das Anwachsen der proletarischen Armee, die, wie
Marx sagt, durch den Mechanismus der kapitalistischen Produk-
tion selbst geschult, vereinigt und organisiert ist, andererseits —
das alles bestätigt die Richtigkeit des ökonomischen Systems von
Marx voll und ganz, der sich zum Ziele setzte, das wirtschaft-
liche Gesetz der Bewegung der heutigen kapitalistischen Gesell-
schaft zu entdecken. Die Prognose, die zuerst im „Kommunisti-
schen Manifest‘ und dann in vollständigerer und entwickelterer
Form im „Kapital“ gestellt worden ist, hat sich zu neun Zehnteln
glänzend bestätigt. Einer der wichtigsten Teile dieser Prognose,
die Theorie der Konzentration, ist nun Gemeingut und allgemein
anerkannte Wahrheit der Wissenschaft geworden. Zwar wird sie
gewöhnlich in einer anderen theoretischen Sauce gereicht, so daß
sie ihre Einheitlichkeit, die für die Marxsche Theorie so charakte-
ristisch ist, verliert. Aber die „ökonomische Romantik“, die in
dieser Theorie nur eine Phantasie eines Utopisten sah, hatte jeden
Boden verloren, als in der letzten Zeit die von Marx aufgedeckten
        <pb n="18" />
        Einleitung
und erklärten Tendenzen so schnell und in solch grandiosem
Umfange hervorgetreten sind, daß nur noch Blinden das sieg-
reiche Fortschreiten des Großbetriebes unbemerkt bleiben
konnte. Wenn einzelne gutmütige Leute in den Aktien-
gesellschaften nur die „Demokratisierung des Kapitals“
sahen und in ihrer Sentimentalität diese für eine Garantie des
sozialen Friedens und des allgemeinen Wohlstandes hielten (und
solche Leute gab es leider auch in den Reihen der Arbeiterklasse),
so zerstört die „ökonomische Wirklichkeit‘ der Gegenwart dieses
kleinbürgerliche Idyll in gröbster Weise. Denn das Aktienkapital
ist zu einem mächtigen Mittel in den Händen eines Häufleins
Usurpatoren geworden, um das Vorwärtsstreben des „vierten
Standes‘‘ schonungslos zu unterdrücken. Schon dies allein zeigt,
was für ein wichtiges Erkenntnismittel die theoretische Kon-
struktion von Marx bildet. Aber auch die Erscheinungen der
kapitalistischen Entwicklung, die erst jetzt aufgetreten sind,
können nur mit Hilfe der Marx schen Analyse begriffen wer-
den‘. Die Bildung von mächtigen Unternehmerverbänden, von
Syndikaten und Trusts, die Entstehung von nie dagewesenen
Bankorganisationen, das Eindringen des Bankkapitals in die In-
dustrie und die Hegemonie des Finanzkapitals im gesamten öko-
nomischen und politischen Leben der entwickelten kapitalistischen
Länder — das alles bedeutet nur die weitere Entwicklung der
von Marx schon konstatierten Tendenzen. Die Herrschaft des
Finanzkapitals beschleunigt nur die Konzentrationsbewegung um
das Vielfache und verwandelt die Produktion in eine gesellschaft-
liche Produktion, die reif ist, unter eine gesellschaftliche Kon-
trolle gestellt zu werden. Zwar haben die bürgerlichen Gelehrten
unlängst erklärt, daß die Organisation der Unternehmer der
Produktionsanarchie ein Ende machen und die Krisen beseitigen
würde. Aber ach, der kapitalistische Organismus wird nach wie
vor periodisch von Zuckungen heimgesucht, und nur ganz naive
Leute glauben noch daran, daß der Kapitalismus mit Hilfe von
reformistischer Flickarbeit geheilt werden könnte. Die historische
Mission der Bourgeoisie ist bereits in der ganzen Welt er-
füllt und geht ihrem Ende entgegen. Es tritt eine Periode der
großen Aktionen des Proletariats ein, wobei der Kampf
1 In diesem Zusammenhang ist sehr lehrreich das Werk Hilferdings: „Das
Finanzkapital“.

10
        <pb n="19" />
        Die bürgerliche Nationalökonomie nach Marx
schon jetzt die nationalen Grenzen des Staates überschritten hat,
immer mehr die Formen eines Massendruckes auf die herrschen-
den Klassen annimmt und sich dem Endziel stark nähert. Die
Zeit ist nicht mehr fern, in der die Voraussagung von Marx in
Erfüllung gehen wird, daß die letzte Stunde des kapitalistischen
Eigentums schlagen werde. Wie überzeugend die Tatsachen auch
die Richtigkeit der Marxschen Konzeption bekunden, so ist den-
noch ihr Erfolg unter den offiziellen Gelehrten nicht nur nicht
gestiegen, sondern eher noch gesunken. Wenn früher in den
rückständigen Ländern, beispielsweise in Rußland und zum Teil
in Italien, sogar Universitätsprofessoren zuweilen mit Marx lieb-
äugelten, wobei sie allerdings ihre größeren und kleineren „Kor-
rekturen‘‘ einflochten, so führt nun die ganze soziale Entwick-
lung, die Zuspitzung der Klassengegensätze und die Konsolidie-
rung aller Schattierungen der bürgerlichen Ideologie dazu, daß
alle den Kampf gegen die Ideologie des Proletariats aufnehmen,
indem die „Uebergangstypen‘ ausgeschaltet werden und an ihre
Stelle der „rein europäische‘, ‚„moderne‘*‘ Gelehrte im theo-
retischen Gewand nach der preußischen, österreichischen oder gar
nach der neuesten anglo-amerikanischen Mode tritt’. Zwei
Grundrichtungen in der Volkswirtschaftslehre konnte die
Bourgeoisie dem ehernen Marxschen System entgegenstellen: die
sogenannte „historische Schule‘ (Roscher, Hildebrandt, Knies,
Schmoller, K. Bücher u. a.) und die „österreichische Schule‘
(Karl Menger, Böhm-Bawerk und Wieser), die in der letzten Zeit
eine gewaltige Verbreitung gefunden hat. Beide Richtungen be-
deuten indes den Bankrott der bürgerlichen politischen Oeko-
nomie. Nur kommt dieser Bankrott in zwei völlig entgegen-
gesetzten Formen zum Ausdruck. Während die erste Richtung
der bürgerlichen Theorie Schiffbruch erlitt, indem sie eine

Der Erfolg der „neuen“ Theorien wurzelt somit in den veränderten Ver-
hältnissen ‚der sozialen Psychologie und keineswegs in der logischen Voll-
kommenheit dieser Theorien. Eine der Ursachen der Abneigung gegen die
Arbeitswerttheorie seitens der Bourgeoisie besteht sicherlich in ihrer Ab-
neigung gegen den Sozialismus. Böhm-Bawerk gibt dies selber zum Teil zu,
indem er schreibt: „Zwar hat, wie ich glaube, die Arbeitswerttheorie zunächst
noch durch einige Jahre, im Zusammenhang mit der Ausbreitung der soziali-
stischen Ideen, eher an Ausbreitung gewonnen, in der jüngsten Zeit aber in
den theoretischen Kreisen aller Länder entschieden an Terrain verloren, und
zwar hauptsächlich zugunsten der immer mehr zum Durchbruch gelangenden
Theorie des ‚Grenznutzens‘.“ Böhm-Bawerk: „Kapital und Kapitalzins‘“,
2. Aufl., Bd I, S. 444, Anm.
        <pb n="20" />
        | Einleitung

negative Stellung gegenüber jeder abstrakten Theorie über -«-
haupt einnahm, versuchte die andere Richtung eben bloß eine
abstrakte Theorie zu konstruieren und kam dabei zu einer Reihe
von sehr geschickt erdachten „scheinbaren Erklärungen‘, die
aber gerade dort sich als untauglich erwiesen, wo die Theorie
Marx’ besonders stark ist, nämlich in den Fragen der Dynamik
der heutigen kapitalistischen Gesellschaft. Die klassische Volks-
wirtschaftsschule suchte bekanntlich die allgemeinen, d. h. die
„abstrakten“ Gesetze des Wirtschaftslebens zu formulieren, und
ihr hervorragendster Vertreter, Ricardo, gab staunenswerte Bei-
spiele für diese abstrakt-deduktive Forschung. Umgekehrt ent-
stand die „historische Schule“ als eine Reaktion gegen
diesen „Kosmopolitismus‘“ und „Perpetualismus‘‘ der Klassiker‘.
Dieser Unterschied hat seine tiefen sozial-wirtschaftlichen Wur-
zeln. Die klassische Theorie mit ihrer Lehre vom Freihandel war
trotz ihres „‚Kosmopolitismus‘‘ sogar sehr „national“: sie war das
notwendige theoretische Produkt der englischen Industrie.
England, das infolge einer Reihe von Umständen die ausschließ-
liche Herrschaft auf dem Weltmarkte erhielt, befürchtete keine
Konkurrenz und hatte keine künstlichen, d. h. gesetzgebenden
Maßnahmen nötig, um seinen Sieg über die Konkurrenten zu
sichern. Deshalb hatte es die englische Industrie nicht nötig, sich
auf die speziellen englischen Verhältnisse zu berufen, um irgend-
welche Zollmauern zu rechtfertigen. Die Theoretiker der eng-
lischen Bourgeoise brauchten darum auch nicht ihre Aufmerk-
samkeit auf die spezifischen Besonderheiten des eng-
lischen Kapitalismus zu richten: obschon sie die Interessen des
englischen Kapitals zum Ausdruck brachten, sprachen sie
von den allgemeinen Gesetzen der wirtschaftlichen Ent-
wicklung. Ein ganz anderes Bild stellte die wirtschaftliche Ent-
wicklung des europäischen Kontinents und Amerikas dar*.

3 Unter Kosmopolitismus versteht Knies die Anschauung der Klassiker,
daß die volkswirtschaftlichen Gesetze für jedes Land und Volk die gleichen
sind; unter Perpetualismus — die analoge Anschauung der klassischen Schule
in bezug auf die verschiedenen historischen Epochen — siehe Knies: „Die
politische Oekonomie vom ‚geschichtlichen Standpunkte‘‘, Neuauflage 1883,
S. 24.

4 Als erster Theoretiker der historischen Schule kann Friedrich List be-
trachtet werden, der eine protektionistische Politik forderte. Siehe: „Das
nationale System der politischen Oekonomie“, 1841.

ZZ
        <pb n="21" />
        Die bürgerliche Nationalökonomie nach Marx ?
Deutschland, die Wiege der „historischen Schule‘, war, im
Vergleich zu England, rückständig und in der Hauptsache ein
Agrarland. Die emporkommende deutsche Industrie litt ganz
empfindlich unter der englischen Konkurrenz, insbesondere litt
darunter die Schwerindustrie Deutschlands. Bedurfte auf diese
Weise die englische Bourgeoisie keiner besonderen Betonung der
nationalen Besonderheiten, so war es für die deutsche Bourgeoisie
umgekehrt notwendig, doppelte Aufmerksamkeit eben der Eigen-
art und Selbständigkeit der deutschen Entwicklung zu widmen,
mit ihnen theoretisch die Notwendigkeit der „Erziehungszölle‘“ zu
beweisen. Das theoretische Interesse konzentrierte sich eben auf
die Klarstellung des historisch Konkreten und national Beschränk-
ten; in der Theorie vollzog sich die Auswahl und das Hervor-
heben gerade dieser Seiten des wirtschaftlichen Lebens. Vom so-
ziologischen Standpunkt aus betrachtet, war die historische
Schule der ideologische Ausdruck dieses Wachstumsprozesses
der deutschen Bourgeoisie, die die englische Konkurrenz fürch-
tete, deshalb den Schutz der nationalen Industrie forderte und
daher die nationalen und historischen Besonderheiten Deutsch-
lands, und später — verallgemeinernd — auch die der anderen
Länder, in den Vordergrund schob. Vom sozialgenetischen Stand-
punkt aus ist sowohl die klassische wie die historische Schule
„national“, da die eine wie die andere Richtung Produkt einer
historisch und territorial beschränkten Entwicklung ist; vom logi-
schen Standpunkt aus aber sind die Klassiker „kosmopolitisch“,
die Historiker „national“. So war die deutsche Schutzzoll-
bewegung die Wiege der historischen Schule. In ihrer weite-
ren Entwicklung brachte sie eine ganze Reihe Schattierungen
hervor, deren wichtigste Richtung, mit Gustav Schmoller an der
Spitze (die sogenannte „Jüngere historische‘ oder ‚„historisch-
ethische‘‘ Schule), eine agrar - konservative Färbung annahm.
Die Idealisierung der Uebergangsform in der Produktion, insbe-
sondere der „patriarchalischen‘“ Verhältnisse zwischen den Agra-
riern und Landarbeitern, die Furcht vor der „Proletarier-Seuche‘‘
und der „roten Gefahr‘‘ stellen diese „objektiven‘‘ Professoren
ständig bloß und zeigen die sozialen Wurzeln ihrer „reinen Wis-
senschaft‘“”, Aus dieser soziologischen Charakteristik ergibt sich
5:So zählt: z:B.: A. Michailowsky die „Taten“ Prof. Schmollers auf: „Er
war bestrebt, die Einführung der staatlichen Arbeiterversicherung aufzuschie-
        <pb n="22" />
        Einleitung
nun auch die entsprechende logische Charakteristik der histo-
rischen Schule.

Von der logischen Seite her sind die „Historiker“ vor allem
durch ihre negative Stellung zur abstrakten Theorie charakteri-
siert. Gegenüber derartigen Untersuchungen empfanden sie eine
tiefe Abscheu; jede Möglichkeit, derartige Untersuchungen zu un-
ternehmen, wurde ohne weiteres bezweifelt, mitunter überhaupt
in Abrede gestellt; das Wort „abstrakt‘“ bedeutete im Munde die-
ser Gelehrten „unsinnig‘‘; manche dieser Gelehrten verhielten sich
skeptisch sogar gegenüber dem wichtigsten Begriff jeder Wissen-
schaft — nämlich dem des „Gesetzes‘“ — höchstens, daß sie nur
die sogenannten „empirischen Gesetze‘ anerkannten, die mit Hilfe
historisch-wirtschaftlicher und statistischer Forschungen aufge-
stellt werden‘.

Und so bildete sich ein enger Empirismus aus, der vor jeg-
licher Verallgemeinerung zurückschreckte. Die extremen Ver-
treter dieser Schule machten die Sammlung von konkret-histo-
rischem Material zu ihrer Losung und verschoben die verallge-
meinernde theoretische Arbeit auf unbestimmte Zeit. So charak-
terisiert Schmoller, dieses anerkannte Haupt der historischen
Schule, die „jüngere Generation‘ wie folgt: „Der Unterschied der
Jüngeren historischen Schule von ihm (d. h. Roscher, N. B.) ist
der, daß sie weniger rasch generalisieren will, daß sie ein viel
stärkeres Bedürfnis empfindet, von der polyhistorischen Daten-
sammlung zur Spezialuntersuchung der einzelnen Epochen, Völ-
ker und Wirtschaftszustände überzugehen. Sie verlangt zunächst
wirtschaftliche Monographien. Sie will lieber zunächst den Werde-
ben, er war gegen die Ausdehnung der Arbeiterschutzgesetzgebung auf die
Arbeiter in ländlichen und handwerksmäßigen Betrieben ... Er hielt es für
angebracht, das Strafgesetz bei Verletzung von Arbeitsverträgen auf die land-
wirtschaftlichen Arbeiter anzuwenden, er war gegen die Rechtsfähigkeit der
Gewerkschaften und Arbeitervereine, er war für das Sozialistengesetz . . .“
(Die philosophischen, historischen und theoretischen Grundlagen der poli-
tischen Oekonomie des XIX. Jahrhunderts, Jurjew 1909, S. 578.)

© Einer der gemäßigsten Vertreter der historischen Schule, Neumann,
meint z. B., daß „die Möglichkeit exakter Gesetze auf wirtschaftlichem
Gebiete ausgeschlossen ist‘ (Naturgesetz und Wirtschaftsgesetz, Zeitschrift für
die gesamte Sozialwissenschaft, herausgegeben von Schäffle, 1892, Jahrg. 48,
S. 435). Ueber den Begriff des „Typischen‘“ äußert sich derselbe Autor: „Dort
(d. h. in den Naturwissenschaften N. B.) besteht Typisches, aus dem
wieder Typisches hervorgehen und als Typisches erforscht werden kann. Hier
(in den Gesellschaftswissenschaften. N. B.) soll das Wort Typisches gedacht,
d. h. fingiert werden.‘ (Ib. S. 442.)
        <pb n="23" />
        Die bürgerliche Nationalökonomie nach Marx ad
gang der einzelnen Wirtschaftsinstitutionen als den der ganzen
Volkswirtschaft und der universellen Weltwirtschaft erklären. Sie
knüpft an die strenge Methode rechtsgeschichtlicher Forschung
an, sucht aber durch Reisen und eigenes Befragen das Bücher-
wissen zu ergänzen, die philosophische und psychologische For-
schung heranzuziehen.“ (G. Schmoller, Grundriß der allgemeinen
Volkswirtschaftslehre, Leipzig 1908, S. 119.) Diese prinzipiell
feindselige Stellung gegenüber jeder abstrakten Methode ist auch
jetzt noch in Deutschland tonangebend. Noch im Jahre 1908 er-
klärte derselbe Schmoller: „Wir stecken noch vielfach in der Vor-
bereitung und der Materialsammlung".‘‘

Im Zusammenhang mit der Forderung nach Konkretem steht
auch eine andere Besonderheit der „historischen‘‘ Richtung: das
sozial-wirtschaftliche Leben wird von ihr ganz und gar nicht
von den anderen Seiten des Lebensprozesses getrennt, besonders
nicht von Recht und Sitte, trotzdem eine derartige Trennung
die Ziele der Erkenntnis durchaus notwendig machen“. Dieser
Gesichtspunkt ist eben das Ergebnis der Abneigung gegen jede
Abstraktion; — ist doch in der Tat der Lebensprozeß der Gesell-
schaft ein einheitlicher Strom, existiert doch in Wirklich-
keit nur eine Geschichte und nicht etwa mehrere Geschichten
der Wirtschaft, des Rechts, der Sitte usw. Erst die wissenschaft-
liche Abstraktion zerlegt das an sich einheitliche Leben in Teile,
indem sie künstlich verschiedene Erscheinungsreihen hervorhebt
und nach bestimmten Merkmalen gruppiert. Logischerweise
müßte deshalb derjenige, der gegen die Abstraktion ist, auch
gegen die Trennung der Wirtschaft von Recht und Sittlichkeit
sein. Doch ein derartiger Standpunkt wäre natürlich vollkommen
unhaltbar. Es ist richtig, daß das soziale Leben eine Einheit bildet;
doch darf man nicht vergessen, daß ohne Abstraktion überhaupt
keine Erkenntnis möglich ist: schon der Begriff als solcher
ist eine Abstraktion vom „Konkreten‘‘; ebenso setzt jede Beschrei-
bung eine gewisse Auswahl von Erscheinungen nach Merkmalen,
die man aus irgendeinem Grund für wichtig hält, voraus, und so
ist die Abstraktion nur ein notwendiges Attribut der Erkenntnis-

7.:G.Schmoller 1. c., S. 123:

5 Schmoller hebt drei „Grundgedanken“ der historischen Schule hervor:
„1. Die Anerkennung des Entwickelungsgedankens ... 2. eine psychologisch-
sittliche Betrachtung ... 3. ein kritisches Verhalten gegenüber der individua-
listischen Naturlehre wie gegen den Sozialismus“ (l. c., S. 123).

Ar
        <pb n="24" />
        16 Einleitung

tätigkeit; sie wird erst dann, und nur dann unzulässig, wenn das
Abstrahieren von konkreten Merkmalen die Abstraktion selbst
völlig leer, d. h. für die Erkenntnis nutzlos macht.

Die Erkenntnis erfordert die Zergliederung des einheit-
lichen Lebensprozesses. Dieser ist an sich so kompliziert, daß er
zu seiner Erforschung in mehrere einzelne Erscheinungsreihen
zerlegt werden muß. Wohin würde auch die Erforschung der
Wirtschaft führen, wenn man z. B. versucht hätte, gleichzeitig
Elemente in diese Forschung aufzunehmen, die den Gegenstand
der philologischen Wissenschaft bilden — unter Berufung darauf,
daß die Wirtschaft eben von Menschen gestaltet wird, die doch
durch die Sprache miteinander verbunden sind? Es ist doch klar,
daß jede gegebene Wissenschaft die Ergebnisse einer anderen be-
nutzen darf, insofern diese zur Erforschung des betreffenden Ge-
genstandes der Wissenschaft beitragen können; dabei können die
fremden Elemente selbst nur vom Standpunkte der gegebe-
nen Wissenschaft aus betrachtet werden und spielen nur die
Rolle eines Hilfsmittels der Forschung, — und nichts mehr.

Und so führt das Anhäufen von verschiedenartigem Material
eher zur Erschwerung als zur Erleichterung der Erkenntnis. Hin-
zu kommt noch, daß die „psychologisch-sittliche Betrachtung“
der „jüngeren Historiker‘ die Form der moralischen Wert-
schätzungen und Belehrungen angenommen haben. In die Wis-
senschaft, deren Aufgabe es ist, die kausalen Beziehungen
aufzudecken, wird das nicht zur Sache gehörende Element der
ethischen Normen hineingebracht; daher der Name dieser
Schule: „historisch-ethisch‘‘.,

Als Ergebnis der Tätigkeit der historischen Schule erschien
eine Anzahl von beschreibend-historischen Arbeiten: die Geschichte
der Preise, des Arbeitslohns, des Kredits, des Geldes usw.; doch
dadurch kam die Theorie des Preises und des Wertes, die
Theorie des Arbeitslohnes, der Geldzirkulation auch nicht um

® Sehr treffend bemerkt hierzu H. Dietzel: „Genau ebenso gut wie von
einer „ethischen“ Wirtschaftstheorie oder Wirtschaftsgeschichte,
könnte man von einer „ethischen‘ Anthropologie, Physiologie usw. sprechen“
(Theoretische Sozialökonomie, S. 31). Vgl. auch E. Sax: „Das Wesen und
die Aufgaben der Nationalökonomie“, Wien 1884, S. 53. Ebenso verspottet
auch Leon Walras die „Moral‘“ in der Theorie und vergleicht dieses Ver-
fahren mit dem Versuch „spiritualiser la g&amp;ometrie‘“. (L6on Walras: „Etudes
d’&amp;conomie sociale. Theorie de la repartition de la richesse sociale“, Lau-
sanne-Paris 1896, S. 40.)
        <pb n="25" />
        Die bürgerliche Nationalökonomie nach Marx 17
einen Schritt weiter. Es muß aber doch für jeden klar sein, daß
es sich hier um zwei gänzlich verschiedene Dinge handelt. „Eine
andere Sache ist die Statistik der Preise auf den Märkten von
Hamburg oder London während der letzten dreißig Jahre und
wieder eine andere — eine allgemeine Wert- und Preis-
theorie, wie sie in den Arbeiten von Galiani, Condillac, Ri-
cardo enthalten ist*°.“

Gerade die Negation der „allgemeinen Theorie‘ bedeutet die
Negation der politischen Oekonomie als einer selbständigen theo-
retischen Disziplin, deren Bankrotterklärung.

Die Wissenschaft im allgemeinen kann überhaupt zwei Ziele
verfolgen: Entweder sie beschreibt das, was zu einer gewissen
Zeit und an einem bestimmten Orte wirklich war, oder sie ver-
sucht, die Gesetz e der Erscheinungen abzuleiten, die sich durch
die Formel ausdrücken lassen: Wenn A, B, C da sind, muß auch
D eintreten. Im ersten Fall weist die Wissenschaft einen idio-
graphischen, im zweiten — einen nomographischen
Charakter auf**,

Es ist klar, daß die Theorie der politischen Oekonomie
zum zweiten Typus der Wissenschaften gehört; sie verfolgt vor
allem nomographische Aufgaben der Erkenntnis. Da aber die
historische Schule es verschmäht, allgemeine Gesetze abzuleiten,
vernichtet sie im Grunde genommen die politische Oekonomie
als Wissenschaft schlechthin und ersetzt sie durch „reine Be-
schreibung“ idiographischer Natur, sie läßt sie in der Wirtschafts-
geschichte und Wirtschaftsstatistik, dieser idiographischen Wis-
senschaft par excellence, aufgehen. Es war ihr versagt, ihre ein-
zig richtige Idee, den Entwicklungsgedanken, in den Rahmen der
theoretischen Forschung aufzunehmen, und so erwies sie
sich, gleich dem biblischen Feigenbaum, unfruchtbar. Ihre posi-
tive Bedeutung besteht ausschließlich in der Materialsamm-
lung für die theoretische Betrachtung, und in diesem Sinne bil-
den die Arbeiten der historischen Schule etwas sehr Wertvolles.
Es genügt, hier nur auf die hervorragenden Arbeiten hinzuweisen,

1 Luigi Cossa: „Introduzione allo Studio dell’ Economica Politica‘. Milano
1892,’ S.. 15.

„1 Die Terminologie stammt von A. A. Tschuprow dem Jüngeren, siehe
seine „Grundzüge einer Theorie der Statistik“, St. Petersburg 1909. In etwas
DET Bedeutung werden diese Termini bei Rickert und Windelband ge-
        <pb n="26" />
        1 Einleitung

die der „Verein für Sozialpolitik“ über das Handwerk, den Klein-
handel, sowie über das landwirtschaftliche Proletariat veröffent-
licht hat”.

Eine durchaus richtige Charakteristik der „Historiker“ gibt
der Vater der österreichischen Schule, Karl Menger: „Die äußer-
liche Verbindung gediegenen historischen Wissens mit
einem sorgfältigen, aber führerlosen Eklektizismus auf dem Ge-
biete unserer Wissenschaft (Menger versteht darunter die
Theorie der politischen Oekonomie. N. B.) bildet den Ausgangs-
punkt, zugleich aber den Höhepunkt ihrer (der historischen
Schule. N. B.) Entwicklung”.

Ein ganz anderes Bild bietet die österreichische
Schule. Sie betrat die wissenschaftliche Bühne in scharfer
Opposition gegen den Historismus. Im polemischen Wettkampf,
der am schärfsten zwischen Karl Menger und Schmoller ausge-
fochten wurde, enthüllten die neuen Theoretiker der Bourgeoisie
ziemlich vollständig die Grundfehler ihrer Vorgänger; sie for-
derten wiederum die Notwendigkeit der Erkenntnis der „typi-
schen Erscheinungen‘, der „allgemeinen Gesetze‘ (der „exakten
Gesetze‘, nach der Bezeichnung von K. Menger). Nachdem die
österreichische Schule eine Reihe von Siegen über die Historiker
davongetragen hatte, überfiel sie in Person von Böhm-Bawerk den
Marxismus und verkündete dessen gänzliche theoretische Unzu-
länglichkeit. Die Marxsche Theorie ist „nicht allein unrichtig,
sondern nimmt sogar, wenn man auf ihren theoretischen Wert
sieht, einen der letzten Plätze unter allen Zinstheorien ein... A
— so das Urteil Böhm-Bawerks.

Es ist nicht zu verwundern, daß der neue Versuch der bür-
gerlichen Ideologen*® mit der Ideologie des Proletariats so scharf

© Besonders eingehend ist das Handwerk untersucht worden. Den Grund
dafür finden wir in einer Erläuterung von G. Schmoller: „Nur die Erhaltung
eines . . . Mittelstandes kann ... uns davor bewahren, in letzter Instanz einer
politischen Entwickelung entgegenzugehen, die in einer abwechselnden Herr-
schaft der Geldinteressen und des vierten Standes bestehen wird ... nur sie
(die soziale Reform. N. B.) erhält die Aristokratie der Bildung und des Geistes
an der Spitze des Staates“ (G. Schmoller: „Ueber einige Grundfragen der So-
zialpolitik und der Volkswirtschaftslehre“, Leipzig 1898, S. 5 u. 6).

13 Karl Menger: „Die Irrtümer des Historismus in der deutschen National-
Ökonomie‘, Wien 1884, Vorwort, S. IV.

14 Böhm-Bawerk: „Kapital und Kapitalzins‘“, S. 517.

15 Der in keiner Beziehung zum Sozialismus stehende H. Dietzel bemerkt
dazu: „Wenn Hohoff sagt, daß nicht dem Verstande, sondern dem Willen
        <pb n="27" />
        Die bürgerliche Nationalökonomie nach Marx u}
zusammenprallte. Die Schärfe dieses Konflikts ist notwendiger-
weise dadurch hervorgerufen, daß dieser neue Versuch der ab-
strakten Theorie formell dem Marxismus ähnelt, nämlich, so-
weit dieser die abstrakte Methode benutzt — dem Wesen
nach aber einen völligen Gegensatz zum Marxismus bildet.
Dies erklärt sich wiederum daraus, daß die neue Theorie das
Kind der Bourgeoisie der letzten Formation ist, — einer Bour-
geoisie, deren Lebenserfahrung und somit auch deren Ideologie
weit entfernt von der Lebenserfahrung der Arbeiterklasse ist.

Von einer weiteren logischen Charakteristik der Oester-
reicher wird an dieser Stelle abgesehen, da wir noch später darauf
zurückkommen werden. Hier soll der Versuch gemacht werden,
die grundlegenden Züge einer soziologischen Charakte-
ristik der Österreichischen Schule zu geben.

In seiner letzten Arbeit über den Ursprung des „kapitalisti-
schen Geistes‘ untersucht Werner Sombart die charakteristischen
Züge des Unternehmergeistes‘*, doch zeichnet er nur die eine
aufsteigende Linie in der Entwicklung der Bourgeoisie; er
sieht nicht und untersucht nicht die bürgerliche Psychologie in
ihrem Niedergang. Trotzdem finden sich bei ihm interes-
sante Beispiele für diese Psychologie, wenn auch diese nicht ge-
rade der neuesten Zeit entnommen sind. So charakterisiert er die
„Hautefinance‘‘ in Frankreich und England während des 17. und
18. Jahrhunderts: „Das waren die ganz reichen Leute, meist bür-
gerlicher Herkunft, die sich als Steuerpächter oder Staatsgläubiger
bereichert hatten und nun als Fettaugen auf der Suppe schwam-
men, dem Wirtschaftsleben aber fern standen".

Im Zusammenhang mit dem Niedergang des „kapitalistischen
Geistes‘‘ in Holland im 18. Jahrhundert wird der „Bourgeois“‘‘
zwar nicht, wie in anderen Ländern, „feudalisiert‘‘, aber — wie
man es nennen könnte — er verfettet. Er lebt von seinen Reve-
nuen. Das Interessean kapitalistischen Unter-
nehmungen irgendwelcher Art verringertsich
immer mehr,
die Polemik gegen die Arbeitswerttheorie ihren Ursprung verdanke, so trifft
dies zu . . .“ (Theoretische Sozialökonomik, S. 211):

_ Auf derselben Seite wird auch von den „apologetischen VUebungen‘“ von
Kamorschinski und der Säule der Oesterreicher, Böhm-Bawerk, gesprochen.
N Werner Sombart: „Der Bourgeois“, München und Leipzig 1913.
ik ET Dar „Der Bourgeois‘‘, S. 46. Sperrdruck vom Verfasser.
„S . Sperrdruck vom Verfasser.
        <pb n="28" />
        2 Einleitung

Noch ein Beispiel: Ein englischer Schriftsteller der zweiten
Hälfte des 18. Jahrhunderts, Defoe, schildert den Prozeß der Ent
wickelung der Kaufleute zu Rentnern wie folgt: „Vorher mußte
er (der Kaufmann. N. B.) allerdings, um sein Vermögen zu er-
werben, fleißig und tätig sein; jetzt hat er aber nichts zu tun, als
den Entschluß zu fassen, faul und untätig zu sein (to
determine to be indolent and inactive). Staatsrenten und Lanü-
besitz sind die einzig richtige Anlage für seine Ersparnisse*” “

Man darf keineswegs denken, daß die Gegenwart eine der-
artige Psychologie nicht kennt; vielmehr ist gerade das Umge-
kehrte der Fall. Die kapitalistische Entwickelung der letzten De-
zennien brachte gerade eine rapide Akkumulation von „Kapital-
werten‘ mit sich. Infolge der Entwickelung der verschiedenen
Formen von Kredit fließt der angesammelte Mehrwert Personen
zu, die überhaupt in keiner Beziehung zur Produktion stehen; die
Zahl dieser Personen steigt immer mehr und bildet eine ganze
Gesellschaftsklasse — die Rentnerklasse. Freilich ist diese
Gruppe der Bourgeoisie keine Gesellschaftsklasse im wahren Sinne
des Wortes, vielmehr ist sie nur eine gewisse Gruppe inner-
halb der Reihen der kapitalistischen Bourgeoisie; dennoch weist
sie einige, für sie allein charakteristische Merkmale der „gesell-
schaftlichen Psychologie‘ auf. Mit der Entwickelung der Aktien-
gesellschaften und Banken, mit der Entstehung eines ganz unge-
heuren Handels in Wertpapieren erscheint und befestigt sich
diese gesellschaftliche Gruppe. Das Gebiet ihrer wirtschaftlichen
Tätigkeit ist vorzugsweise die Zirkulation, hauptsächlich die der
Wertpapiere, die Fondsbörse. Bezeichnend ist, daß es auch in-
nerhalb dieser Gruppe, die vom Einkommen aus Wertpapieren
lebt, noch verschiedene Schattierungen gibt; den extremen Typus
bildet die Schicht, die nicht nur außerhalb der Produktion, son-
dern sogar außerhalb des Zirkulationsprozesses steht.
Dies sind vor allem die Eigentümer von festverzinslichen Wert-
papieren: Staatsrenten, Obligationen verschiedener Art usw., fer-
ner Personen, die ihr Vermögen in Grund und Boden angelegt
haben und davon dauernde und sichere Renten beziehen. Diese
Kategorien kennen nicht einmal die Unruhen des Börsenspiels;
wenn die Eigentümer von Aktien, die mit den Unruhen der Spe-
kulation eng verknüpft sind, jeden Tag alles verlieren oder um-

19 Ib. S. 201. Der letzte Sperrdruck vom Verfasser.

20
        <pb n="29" />
        Die bürgerliche Nationalökonomie nach Marx '
gekehrt rasch hochkommen können, wenn sie deshalb das Leben
des Marktes leben, angefangen mit der aktiven Betätigung an der
Börse und endend mit dem Lesen der Kurszettel und Handels-
zeitungen, so hört für die Gruppen mit Einkommen aus festver-
zinslichen Papieren dieses Band mit dem sozial-wirtschaftlichen
Leben auf und sie treten aus der Zirkulationssphäre aus. Und
wiederum: je entwickelter das Kreditsystem, je elastischer es ist,
desto größer ist die Möglichkeit, zu „verfetten‘‘ und „faul und
untätig‘ zu sein. Dies besorgt schon der kapitalistische Mecha-
nismus selbst; da er die organisatorischen Funktionen einer be-
deutenden Unternehmerzahl sozial überflüssig macht, verdrängt
er diese „überflüssigen Elemente‘‘ zugleich aus dem direkten
Wirtschaftsleben; diese werden dann auf der Oberfläche des
Wirtschaftslebens abgelagert, gleich „Fettaugen auf der Suppe“
— wie Sombart sich so drastisch ausdrückt.

Es sei dabei hervorgehoben, daß die Besitzer von festverzins-
lichen Wertpapieren nicht eine abnehmende Schicht der Rent-
nerbourgeoisie darstellen, sondern daß umgekehrt diese Schicht
in ständigem Wachstum begriffen ist. „Die Bourgeoisie wird in
Rentner verwandelt, die zu den großen Finanzinstitutionen in ein
ähnliches Verhältnis treten, wie zu dem Staat, dessen Schuld-
scheine sie erwerben: hier wie dort werden sie ausgezahlt und
kümmern sich um nichts weiter. Infolgedessen muß der Drang
der Bourgeoisie, ihr Vermögen dem Staat zu übertragen, sich
offenbar erst recht steigern... wobei... der Staat den anerkann-
ten Vorzug der größeren Sicherheit aufzuweisen hat. Die Aktie
gewährt allerdings Gewinnchancen, die das Staatspapier nicht
kennt, dafür aber auch gewaltige Verlustmöglichkeiten. Es ist
festzuhalten, daß die Bourgeoisie jährlich einen bedeutenden
Kapitalüberschuß entstehen läßt; aber selbst zur Zeit der
industriellen Hochkonjunktur wird nur ein geringer Teil davon
von den Aktienemissionen absorbiert, der weitaus größte Teil fin-
det in Staatsschulden, Kommunalschulden, Hypotheken und
sonstig fest verzinslichen Werten Anlage*®,‘“

Diese Schicht der Bourgeoisie ist ausgesprochen parasitisch;
sie entwickelt solche psychischen Züge, die sie dem verfallenden
Adel am Ende des „alten Regimes‘ und den Spitzen. der Finanz-
x 2% Parvus: „Der Staat, die Industrie und der Sozialismus“. Verlag von

aden &amp; Co., Dresden, S. 103—104.
        <pb n="30" />
        2 Einleitung
aristokratie derselben Periode durchaus verwandt macht“. Der
cCharakteristischste Zug dieser Schicht, der sie sowohl vom Prole-
tariat als auch von der Bourgeoisie anderen Typs scharf trennt,
ist, wie wir bereits sahen, ihre Entfremdung vom Wirtschafts-
leben: sie nimmt weder an der Produktionstätigkeit noch am
Handel unmittelbaren Anteil: ihre Vertreter schneiden oft sogar
die Kupons nicht selbst ab. Man kann deshalb das Gebiet der
Tätigkeit‘ solcher Rentner am allgemeinsten als die Sphäre
des Verbrauchs bezeichnen. Der Verbrauch bildet die
Grundlage des ganzen Lebens der Rentner und die Psychologie
„des reinen Verbrauchs‘ verleiht diesem Leben ihren besonderen
„Stil“. Der konsumierende Rentner hat ausschließlich Reitpferde,
Teppiche, duftende Zigarren, Tokaier Wein vor Augen. Wenn er
einmal von Arbeit spricht, so meint er damit die „Arbeit“ des
Blumenpflückens oder der Besorgung einer Theaterkarte“. Die
Produktion, die Arbeit, die zur Erreichung von materiellen Gütern
erforderlich ist, liegt außerhalb seines Gesichtsfeldes und ist dem-
nach für ihn etwas Zufälliges. Von echter, aktiver Tätigkeit ist
bei ihm keine Rede: seine ganze Psyche weist passive Farbentöne
auf; die Philosophie, die Aesthetik dieser Rentner ist rein anschau-
licher Art: es fehlen darin die für die Ideologie des Proletariats
so typischen aktiven Elemente. Das Proletariat lebt nämlich in
der Sphäre der Produktion, kommt in direkte Beziehung zur
„Materie“, die sich für ihn in „Material“, in ein Objekt der Ar -
beit verwandelt. Es sieht unmittelbar das riesenhafte Wachs-
tum der Produktionskräfte der kapitalistischen Gesellschaft, die
neue, sich immer mehr entwickelnde Maschinentechnik, die es
gestattet, immer größere Mengen von Waren auf den Markt zu
schleudern, deren Preise desto mehr sinken; je weiter und tiefer

2% Eine Charakteristik dieser Klassen können wir bei Sombart in seinem
„Luxus und Kapitalismus“ (Verlag Duncker &amp; Humblot, 1903) besonders
S. 103, 105 ff. finden. Dies hindert aber Charles Gide nicht, zu behaupten,
daß „der Müßiggang nur eine gut verstandene Arbeitsteilung“ sei, denn „schon
die Alten hielten es für notwendig, daß die Bürger ihre ganze freie Zeit für
die Beschäftigung mit Staatsgeschäften frei hätten“ (Charles Gide: „Grund-
züge der politischen Oekonomie“, zit. nach der russischen Uebersetzung von
Scheinis, Petersburg 1896, S. 288). Aber auch die Sklaverei hielten die
Alten für eine durchaus „notwendige Institution‘“ und eine „gut verstandene
Arbeitsteilung“. In der Verherrlichung der Sklaverei bleiben also die Herren
Oekonomisten der Bourgeoisie durchaus nicht hinter den „Alten“ zurück.

22 Die Beispiele sind durchweg dieselben, mit denen Böhm-Bawerk seine
Werttheorie illustriert.

2
        <pb n="31" />
        Die bürgerliche Nationalökonomie nach Marx yö
der Prozeß der technischen Vervollkommnung vorwärts schreitet.
Für den Proletarier ist somit die Psychologie des Produzen-
ten charakteristisch. Umgekehrt ist für den Rentner
die Psychologie des Konsumenten; charakte-
ristisch.

Ferner. Wir sahen bereits, daß die hier in Betracht kommende
Gesellschaftsklasse ein Produkt des Niederganges der Bourgeoisie
ist; dieser Niedergang steht im Zusammenhang damit, daß die
Bourgeoisie ihre sozial-nützlichen Funktionen bereits eingebüßt
hat. Diese eigenartige Stellung der Klasse innerhalb des Produk-
tionsprozesses, oder, richtiger gesagt, außerhalb des Produk-
tionsprozesses, führte zur Entstehung eines besonderen sozialen
Typus, der sich sozusagen durch seine Asocialität auszeichnet.
Ist die Bourgeoisie an sich schon von ihren Windeln an in-
dividualistisch, denn die Grundlage ihres Daseins bildet die wirt-
schaftliche Zelle, die in hartem Konkurrenzkampf für ihre
selbständige Existenz mit anderen Zellen liegt, — so verschärft
sich dieser Individualismus bei dem Rentner noch mehr. Der
Rentner kennt überhaupt kein soziales Leben, — er steht abseits
von ihm; die sozialen Bande zerfallen, sogar die allgemeinen
Aufgaben der Klasse vermögen nicht die „sozialen Atome“‘‘ zu-
sammenzuschweißen. Es verschwindet nicht nur das Interesse an
den kapitalistischen Unternehmungen, sondern an allem ‚„So-
zialen‘‘ schlechthin. Die Ideologie einer derartigen Schicht ist not-
gedrungen stark individualistisch; besonders scharf äußert sich
dieser Individualismus in der Aesthetik dieser Klasse: jede Be-
handlung der sozialen Themen erscheint eo ipso als „unkünstle-
risch‘, grob‘; „tendenziös‘.

Ganz anders entwickelt sich die Psychologie des Proletariats.
Rasch wirft es die individualistische Schale jener Klassen von
sich ab, denen es entstammt: des städtischen und ländlichen
Kleinbürgertums. Eingesperrt in die steinernen Mauern der Groß-
städte, konzentriert an den Stätten der gemeinsamen Arbeit und
des gemeinsamen Kampfes, entwickelt das Proletariat die Psycho-
logie des Kollektivismus, des maximalen Empfindens der sozialen
Bande; nur auf den allerfrühesten Entwicklungsstufen, solange
das Proletariat sich noch nicht zu einer besonderen Klasse ent-
wickelt hat, zeigen sich noch individualistische Tendenzen, —
dann verschwinden sie aber spurlos. Und so entwickelt sich das
        <pb n="32" />
        5 Einleitung

Proletariat entgegengesetzt der Richtung, in der die Ent-
wicklung der Rentnerbourgeoisie verläuft; während seine Psycho-
logie kollektivistisch wird, ist die Entwicklung der individuali-
stischen Richtungen eines der Grundmerkmale der Bourgeoisie.
Der verschärfte Individualismus — das ist
die zweite charakteristische Eigenschaft des
Rentners.

Der dritte charakteristische Zug des Rentners, wie überhaupt
eines jeden Bourgeois, ist endlich die Furcht vor dem Prole-
tariat, die Furcht vor den bevorstehenden so-
zialen Katastrophen. Der Rentner ist nicht imstande vor-
wärtszusehen; seine „Lebensphilosophie‘“ kann auf die Losung:
„Genieße den Augenblick‘, „carpe diem‘ zurückgeführt werden;
sein Gesichtskreis erstreckt sich lediglich auf die Gegenwart;
„denkt“ er an die Zukunft, so denkt er sie sich nur nach dem
Muster der Gegenwart; er kann sich überhaupt nicht solche Zeiten
vorstellen, in denen Personen seinesgleichen keine Einnahmen aus
Wertpapieren haben werden; entsetzt schließt er die Augen vor
einer derartigen Perspektive, versteckt sich vor dem Kommenden
und bemüht sich, in der Gegenwart die Keime des Zukünftigen
nicht zu sehen; sein Denken ist durchaus unhistorisch. Anders
die Psychologie des Proletariats: sie hat nichts von diesem Kon-
servatismus des Denkens an sich. Der sich entfachende Klassen-
kampf stellt das Proletariat vor die Aufgabe, das bestehende ge-
sellschaftlich-wirtschaftliche System zu überwinden, das
Proletariat ist nicht nur an der Erhaltung des sozialen status
quo nicht interessiert, sondern gerade umgekehrt, es ist an dessen
Zerstörung interessiert; es lebt hauptsächlich in der Zukunft; so-
gar die Aufgaben der Gegenwart wertet es vom Standpunkte der
Zukunft. Deshalb zeigt sein Denken schlechthin, besonders aber
sein wissenschaftliches Denken, einen klar ausgeprägten dyna-
mischen, historischen Charakter.

So die dritte Antithese der Psychologie der
Rentner und der Proletarier.

Diese drei Züge des „sozialen Bewußtseins‘‘ des Rentners, die
unmittelbar aus seinem „gesellschaftlichen Sein‘ entspringen, be-
einflussen auch die höchsten Entwicklungsstufen seines Bewußt-
seins, sein wissenschaftliches Denken. Die Psychologie bildet
stets die Grundlage für die Logik, die Gefühle und Stimmungen

14
        <pb n="33" />
        Die bürgerliche Nationalökonomie nach Marx _
bestimmen die allgemeinen Gedankengänge, die Gesichtspunkte,
von denen aus die Wirklichkeit betrachtet und logisch verarbeitet
wird. Wenn es mitunter sogar bei sehr eingehender Analyse eines
einzelnen isolierten Satzes irgendeiner Theorie nicht gelingt.
seinen sozialen Unterbau aufzudecken, so tritt dieser Unterbau
dagegen stets klar zutage, sobald die unterscheidenden Merkmale
des gegebenen theoretischen Systems, dessen allgemeine Ge-
sichtspunkte hervorgehoben werden; dann erhält jeder einzelne
Satz einen neuen Sinn, er wird zu einem notwendigen Glied einer
ganzen Kette, die die Lebenserfahrung einer gewissen Klasse,
einer gewissen gesellschaftlichen Gruppe umfaßt.

Wenn wir uns nun der österreichischen Schule resp. ihrem
hervorragendsten Vertreter, Böhm-Bawerk, zuwenden, so finden
wir, daß die oben festgestellten psychologischen Eigenschaften
der Rentner hier ihr logisches Aequivalent haben.

Vor allem wird hier zum erstenmal der Standpunkt des
Konsums konsequent durchgeführt. Das Anfangsstadium der
Entwicklung der bürgerlichen politischen Oekonomie, die wäh-
rend der Herrschaft des Handelskapitals (Merkantilismus) ent-
stand, ist dadurch charakterisiert, daß es die wirtschaftlichen
Erscheinungen vom Standpunkte des Tausches betrachtet. LS
entspricht übrigens dem bürgerlichen Horizont, — sagt Marx —
wo das Geschäftchenmachen den ganzen Kopf einnimmt, nicht
im Charakter der Produktionsweise die Grundlage der ihr ent-
sprechenden Verkehrsweise zu sehen, sondern umgekehrt“,

Das folgende Stadium entsprach einer Epoche, in der das
Kapital zum Organisator der Produktion wurde; der ideologische
Ausdruck dieser Verhältnisse war die „klassische Schule‘‘, die die
Wirtschaftsprobleme eben vom Gesichtspunkte der Produktion

* Karl Marx: „Das Kapital‘, Bd. II, S. 88.

An den Merkantilisten sieht man den Zusammenhang zwischen Theorie und
Praxis besonders klar; die hervorragenden Ideologen waren zugleich hervor-
ragende Praktiker: Gresham z. B. war Ratgeber der Königin Elisabeth und
(ührte den direkten Kampf gegen die Hansa; Thomas Mun war Mitglied der
Verwaltung der ostindischen Kompanie; Dudley North war einer der größten
Kaufleute, die einen für die damalige Zeit umfassenden internationalen Handel
trieben usw. Vgl. Oncken: „Geschichte der Nationalökonomie‘. Ueber den
Tausch als Ausgangspunkt der Forschung vgl. K. Pribram: „Die Idee des
Gleichgewichts in der älteren nationalökonomischen Theorie“, Zeitschrift für
Volkswirtschaft, Sozialpolitik und Verwaltung, Bd. XVII, S. 1. Daselbst auch
Literaturangabe.
        <pb n="34" />
        26 Einleitung

(die „Arbeitstheorien‘“ von A. Smith und D. Ricardo) betrach-
tete und auf diese den Schwerpunkt der theoretischen Forschung
verlegte. Diesen Standpunkt erbte die proletarische politische
Oekonomie von den Klassikern. Umgekehrt sieht der Bourgeois-
Rentner seine Aufgabe vor allem in der Lösung des Problems des
Verbrauchs. Dieser Gesichtspunkt ist es auch, der die grund-
legende, charakteristischste und neue theoretische Position der
österreichischen Schule sowie der ihr nahestehenden Richtungen
ausmacht. Wenn sich auch schon früher eine theoretische Rich-
tung zeigte, deren Fortsetzung die österreichische Theorie ist, so
hatten dennoch die Theorien, die den Verbrauch und Verbrauchs-
wert der „Güter“ zur Grundlage ihrer Analyse machten, nie einen
so allgemeinen Erfolg in der offiziellen Wissenschaft aufzuweisen
wie gerade die österreichische Schule. Erst die neueste Entwick -
lung schuf für diese Theorien eine feste Grundlage in der Rent-
nerpsychologie des modernen Bourgeois““.

Der krasseIndividualismus findet ebenfalls seine
pünktliche Parallele in der „subjektivistisch-psychologischen‘‘
Methode der neuen Richtung. Freilich nahmen auch früher schon
die Theoretiker der Bourgeoisie eine individualistische Position
ein; sie hatten immer die „Robinsonaden‘ gerne. Sogar die Ver-
treter der „Arbeitswerttheorien‘‘ begründeten ihre Position indi-
vidualistisch: ihr Arbeitswert war nicht etwa das gesellschaft-
liche „objektive“ Preisgesetz, sondern die subjektive
Schätzung des „Wirtschaftssubjekts‘, welches das Gut ver-
schieden einschätzt, je nachdem, ob der Arbeitsaufwand mit
größeren und geringeren Unannehmlichkeiten verbunden ist
(vgl. z. B. Adam Smith). Erst bei Marx nimmt der Arbeitswert
den Charakter eines „Naturgesetzes‘“ an, das den Warentausch
unabhängig vom Willen der Agenten der modernen Gesellschafts-
ordnung regelt. Trotzdem erhielt erst jetzt, nämlich in der Lehre
der österreichischen Schule, der Psychologismus in der politischen
Oekonomie, d. i. der ökonomische Individualismus, seine Be-

2A Das oben aufgestellte Schema darf eben nur als Schema betrachtet
werden, d. h. als eine Konstruktion, die Typen in großen Umrissen aufstellt
und alles Nebensächliche außer acht läßt. T. R. Kaulla, der in seinem
Buche: „Die geschichtliche Entwickelung der modernen Werttheorien“ (Tü-
bingen 1906) unter anderem eine Analyse der Entstehung der österreichischen
Schule zu geben versucht, hat die Bedeutung der hier hervorgehobenen Er-
scheinungen nicht begriffen.

x
7
        <pb n="35" />
        Die bürgerliche Nationalökonomie nach Marx 27
gründung und seine vollständigste abgeschlossene Formulie-
rung”

Endlich drückt sich die Angst vorder Umwälzung
bei den Vertretern der Grenznutzentheorie in dem stärksten Ab-
scheu gegen alles Geschichtliche aus; ihre ökonomischen Kate-
gorien sollen (nach der Meinung der Verfasser) für alle Zeiten
und Epochen Geltung haben; von der Untersuchung der Ent-
wicklungsgesetze der modernen kapitalistischen Produktion als
einer spezifisch historischen Kategorie (der Marxsche Stand-
punkt) ist hier gar keine Rede. Umgekehrt werden solche Phäno-
mene wie Profit, Kapitalzins usw. als ewiges Attribut der mensch-
lichen Gesellschaft angesehen. Hier tritt bereits die Rechtferti-
gung der gegenwärtigen Verhältnisse ganz klar zutage. Je
schwächer aber die Elemente der theoretischen Erkenntnis
sind, desto lauter schallt die Stimme des Apologeten der kapita-
listischen Gesellschaftsordnung. „Im Wesen des Zinses (d. h.
des Profits. N. B.) liegt nichts, was ihn an sich unbillig oder
ungerecht erscheinen ließe‘*®, — dies ist das Endergebnis (und
unseres Erachtens auch das Ziel) der umfassenden Böhm-
Bawerkschen Untersuchung.

Wir betrachten die „Österreichische‘‘ Theorie als die Ideologie
des Bourgeois, der aus dem Produktionsprozeß bereits hinaus-
gedrängt ist, die Psychologie des degradierenden Bour-
geois, der die Besonderheiten seiner verfallenden Psyche in seiner
— wie wir später sehen werden — wissenschaftlich völlig un-
fruchtbaren Theorie verewigte. Dem widerspricht durchaus nicht
der Umstand, daß die Grenznutzentheorie selbst, so, wie sie von
den Oesterreichern aufgestellt ist, gegenwärtig von der noch mehr
in Mode gekommenen „anglo-amerikanischen‘‘ Schule, deren her-
vorragendster Vertreter Clark ist, verdrängt wird. Die gegen-
wärtige Periode der kapitalistischen Entwicklung bildet eine
Epoche der letzten Anstrengung aller Kräfte der kapitalistischen
Welt. Der ökonomische Prozeß der Verwandlung des Kapitals
in das „Finanzkapital‘*” zieht von neuem einen Teil der Bour-
A Siehe Albert Schatz: „L’individualisme Economique et social‘, 1907, S. 3,
S a hm-Bawerk: „Positive Theorie des Kapitals‘, 3. Aufl., 1. Halbband,

”7 Wir wenden die Terminologie von R. Hilferding an. Siehe sein „Finanz-
kapital‘“, besonders S. 282—284.

2”
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        2 Einleitung

geoisie in die Produktionssphäre hinein, der vorher abseits stand
(sofern das Bankkapital in die Industrie hineingezogen und da-
durch zum Organisator der Produktion wird), — so die Organi-
satoren und Leiter der Trusts, — dieser in hohem Maße aktive
Typus, dessen politische Ideologie der kriegerische Imperialismus
und dessen Philosophie der aktive Pragmatismus ist. Dieser
Typus ist bedeutend wenigerindividualistisch, denn
er ist in Unternehmerorganisationen großgezogen, die immerhin
eine Gesamtheit darstellen, in dem der persönliche Wille bis zu
einem gewissen Grade in den Hintergrund tritt. Dementsprechend
unterscheidet sich auch die Ideologie dieses Typus von der eines
Rentners: sie rechnet mit der Produktion, sie wendet sogar die
„Sozial-organische‘“ Forschungsmethode der gesamten gesell-
schaftlichen Wirtschaft an“. Die amerikanische Schule stellt
das Produkt der progressierenden, keinesfalls aber der degradie-
renden Bourgeoisie dar; von den zwei gegenwärtig bestehenden
Tendenzen — der des fortdauernden Aufstieges und der be-
ginnenden Zersetzung — drückt sie nur die erstere aus; nicht um-
sonst ist diese Schule vom amerikanischen Geiste durchdrungen,
von dem Geiste des Landes, von dem der Sänger des Kapitalis-
mus, Sombart, sagt: „Alles, was der kapitalistische Geist an
Konsequenzen in sich trägt, ist heute am höchsten in den Ver-
einigten Staaten zur Entwicklung gelangt. Hier ist seine Stärke
einstweilen auch noch nicht gebrochen. Hier ist einstweilen noch
alles Sturm und Wirbel**.‘“

Also, gerade der Rentnertypus ist der Grenztypus des Bour-
geois und die Grenznutzentheorie — die Ideologie dieses Grenz-
typus. Vom psychologischen Gesichtspunkte aus ist sie deshalb
bemerkenswert; ebenso vom logischen Gesichtspunkt aus, da es
doch offensichtlich ist, daß die Amerikaner ihr gegenüber
Eklektiker sind. Und gerade darum, weil die österreichische
Schule die Ideologie des Grenztypus der Bourgeoisie ist, stellt sie
die völlige Antithese zur Ideologie des Proletariats dar: der Objek-

?8 Siehe die Analyse der Amerikaner vom Standpunkte der österreichi-
schen Schule bei Schumpeter: „Die neuere Wirtschaftstheorie in den Ver-
einigten Staaten“ im Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirt-
schaft im Deutschen Reiche. Herausgegeben von Schmoller, 34. Jahrg.,
3. Heft, besonders die Seiten 10, 13, 15.

2 W. Sombart: „Der Bourgeois‘, S. 193. Man darf nicht vergessen, daß
sogar viele amerikanische Milliardäre self-made-men sind, die noch keine Zeit
hatten, an Geist alt zu werden.

8
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        Die bürgerliche Nationalökonomie nach Marx |
tivismus — der Subjektivismus, der historische Gesichtspunkt —
der unhistorische Gesichtspunkt, der Gesichtspunkt der Produk-
tion — der Gesichtspunkt der Konsumtion: dies ist der methodo-
logische Unterschied zwischen Marx und Böhm-Bawerk. Die lo-
gische Analyse dieses methodologischen Unterschieds sowohl der
Grundlagen der Theorie als auch der gesamten theoretischen Kon-
struktion Böhms bildet eben den Gegenstand unserer Darstellung.

Es sei noch mit einigen Worten der Vorgänger der Oester-
reicher Erwähnung getan.

Wir finden bereits bei Condillac in seinem Werke “Le Com-
merce et le Gouvernement‘ (1795) die Darstellung der grund-
legenden Ideen der späteren Grenznutzentheorie. Condillac betont
stark den „subjektiven‘“ Charakter des Wertes, der nach ihm
nicht das gesellschaftliche Preisgesetz, sondern das individuelle
Urteil ist, das einerseits auf die Nützlichkeit (utilite), anderer-
seits auf die Seltenheit (rarete) fußt. Derselbe Verfasser kam der
modernen Problemstellung so nahe, daß er sogar zwischen den
„gegenwärtigen“ und „zukünftigen‘‘ Bedürfnissen (besoin present,
besoin €loigne)°° unterscheidet, — was, wie bekannt, auch beim
Hauptvertreter der österreichischen Schule, Böhm-Bawerk, bei
dem Uebergang von der Werttheorie zur Zinstheorie die Haupt-
rolle spielt.

Aehnliche Ideen finden wir etwa zur selben Zeit bei einem ita-
lienischen Oekonomen, dem Grafen Verri**, der den Wert gleich-
falls als die Verbindung von Nützlichkeit und Seltenheit betrachtet.

Im Jahre 1831 erschien das Buch von Auguste Walras, dem
Vater des berühmten Leon Walras: „De la nature de la richesse
et de lorigine de la valeur‘, worin der Verfasser den Wert von
der Seltenheit der nützlichen Güter ableitet und diejenigen Oeko-
nomisten zu widerlegen sucht, die ihr Augenmerk nur auf die
Nützlichkeit der Güter richteten, aus denen der „Reichtum“ be-
steht. Der Klarheit seines Grundgedankens wegen verdiente das
Werk eine größere Beachtung seitens der Vertreter der neuen
Richtung, als es der Fall ist.

50 JL’Abbe de Condillac: „Le Commerce et le Gouvernement, considere
relativement l’un a l’autre‘. Paris, an III (1795), S. 6—8.
$ 31 Siehe die französische Vebersetzung: Comte de Verri: „Economie poli-
tique ou considerations sur la valeur de l’argent et les moyens d’en faire
baisser les interets, sur les Banques, la balance de Commerce, l’Agriculture,
la population, les Impots etc.“ Paris, an III (besonders die S. 14—15).

26
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        3% Einleitung

Im Jahre 1854 gab Hermann Gossen eine genaue und
klare Begründung der Grenznutzentheorie, die er in seinem
Werke „Entwicklung der Gesetze des menschlichen Verkehrs und
daraus fließenden Regeln für menschlisches Handeln‘ mathe-
matisch formulierte. Gossen forschte nicht nur nach „neuen
Wegen‘, sondern gab auch seiner Theorie eine recht durchdachte
und abgeschlossene Form. Manche Thesen, die zumeist den
Oesterreichern (K. Menger) zugeschrieben werden, finden sich
bereits bei Gossen, und zwar völlig herausgearbeitet, so daß
eben in ihm der Vater der Grenznutzentheorie gesehen werden
müßte. Gossens Werk blieb ganz unbemerkt, der Verfasser würde
der völligen Vergessenheit preisgegeben sein, wäre er nicht ın
den 70er Jahren von neuem entdeckt worden; dabei haben die
späteren Vertreter der Ideen, die ähnlich den Gossenschen sind,
ihn sofort als den Gründer der Schule anerkannt. (Gossen selbst
schätzte sein Werk sehr hoch ein und nannte sich den Koperni-
kus der politischen Oekonomie.)

Annähernd zur selben Zeit ist in England, in der Schweiz und
Oesterreich, durch die Arbeiten Stanley Jevons, Leon Walras’ und
K. Mengers ein festes Fundament für die neue Richtung gelegt
worden. Sie waren es auch, die das Werk ihres vergessenen Vor-
gängers wieder in Erinnerung brachten“, Welche Bedeutung
Gossen hatte, ist am besten aus der Wertschätzung, die Jevons
und Walras ihm zollen, zu ersehen. Nach einer Darstellung der
Gossenschen Theorie schreibt Jevons: „Aus dieser Darstellung folgt,
daß Gossen mir sowohl in den allgemeinen Prinzipien als auch in
der Methode der ökonomischen Theorie voranging. Soweit ich es
beurteilen kann, ist seine Art, die Grundlagen der Theorie zu be-
handeln, sogar allgemeiner und tiefer als die meinige.“

Aehnlich ist auch das Urteil Walras’®*: „Es handelt sich —
schreibt er — um einen Mann, der völlig unbeachtet vorüber-

32 Das Buch Jevons erschien im Jahre 1871 (Stanley Jevons: „Theory of
political economy“, London and New-York 1871). Das Buch von Menger er-
schien im selben Jahre (K. Menger: „Grundsätze der Volkswirtschaftslehre“,
Wien 1871); endlich das von Walras: „Principe d’une theorie mathematique
de l’echange‘“ erschien im „Journal des Economistes‘“ im Jahre 1874. Hin-
sichtlich der Prioritätsfrage siehe den Briefwechsel zwischen Walras und
Jevons: „Correspondence entre M. Jevons et M. Walras“, die letzterer in
seiner „Theorie mathematique de la richesse sociale‘, Lausanne 1883, S. 26
bis 30, anführt.

383 Siehe Leon Walras: „Etudes d’economie sociale“, Lausanne und Paris
1896, den Abschnitt „Un economiste inconnu“, S. 360.

r
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        Die bürgerliche Nationalökonomie nach Marx '
ging und der einer der bedeutendsten der je existierenden Oeko-
nomisten war*®*.‘“ Doch gelang es Gossen trotzdem nicht, eine
neue Richtung zu schaffen. Diese entstand erst mit den Arbeiten
der späteren Oekonomisten; erst mit Anfang der 70—80er Jahre
des vorigen Jahrhunderts fand die Grenznutzentheorie eine ge-
nügende Stütze in der „gesellschaftlichen Meinung‘ der herr-
schenden wissenschaftlichen Kreise und wurde rasch communis
doctorum opinio. Die Schule Jevons, besonders aber Walras, die
den mathematischen Charakter und die mathematische Methode
in der politischen Oekonomie unterstreicht, arbeitete einen Ideen-
zyklus aus, der sich in einigem von der österreichischen Theorie
unterscheidet; ebenso die amerikanische Schule mit Clark an der
Spitze. „Die Oesterreicher‘ gaben dagegen eine Theorie des Su b-
jektivismus (Psychologismus) auf der Grundlage der An-
alyse der Konsumtion. Dabei ist Böhm-Bawerk zum krasse-
sten Träger der „Österreichischen‘‘ Theorie geworden. Er gab eine
der bestbegründeten Werttheorien vom Standpunkte dieser Schule
aus, endlich stellte er, ausgehend von der Grenznutzentheorie,
eine fast neue Theorie der Verteilung auf. Er ist das anerkannte
Haupt der Schule, die im Grunde genommen nicht öster-
reichisch ist, noch je es war (wie wir dies bereits aus dem
flüchtigen Hinweis auf die Vorgänger sahen), die im Gegenteil
zur wissenschaftlichen Waffe der internationalen Rentnerbour-
geoisie wurde. Erst die Entwicklung dieser Bourgeoisie gab den
„neuen Richtungen‘ einen Stützpunkt; bis dahin gab es nur
wissenschaftliche „Einzelgänger‘. Die rasche Entwicklung des
Kapitalismus, die Verschiebung der gesellschaftlichen Gruppie-
rungen und die Zunahme der Rentner, dies alles ließ in den
letzten Dezennien des 19. Jahrhunderts alle die sozial-psychologi-
schen Voraussetzungen entstehen, um die schwachen Triebe zur
Blüte zu bringen.

Der Rentner, der internationale Rentner fand in Böhm-Bawerk
seinen wissenschaftlichen Führer, in seiner Theorie die wissen-
schaftliche Waffe nicht so sehr für den Kampf gegen die Ele-
mentargewalten der kapitalistischen Entwicklung als vielmehr
gegen die immer drohendere Arbeiterbewegung. In der Person
Böhm-Bawerks geben wir also eine Kritik dieser neuen Waffe.

3 lb. SS. 354-—355.
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        I. KAPITEL
DIE METHODOLOGISCHEN GRUNDLAGEN
DER GRENZNUTZENTHEORIE UND DES
MARXISMUS
1. Der „Objektivismus und der Subjektivismus in der politischen Oeko-
NnomI1e,

2. Der historische und der unhistorische Gesichtspunkt.

5. Der Gesichtspunkt der Produktion und der Konsumtion.

4. Ergebnisse.

Jede einigermaßen ordentlich aufgebaute Theorie muß ein be-
stimmtes Ganzes darstellen, dessen Teile durch ein festes logisches
Band zusammengehalten werden. Deshalb muß eine folgerichtige
Kritik unvermeidlich auf die Grundlage der Theorie, auf deren
Methode stoßen, denn gerade diese ist es, die die einzelnen Teile
des theoretischen Gesamtsystems zusammenfügt. Infolgedessen be-
ginnen wir mit der Kritik der methodologischen Voraussetzungen
der Grenznutzentheorie, worunter wir keineswegs ihren deduk -
tiven Charakter verstehen, sondern ihre charakteristi-
schen Züge im Rahmen der abstrakt deduktiven Methode. Für
uns ist jede Theorie der Nationalökonomie, sofern sie eben
Theorie ist, etwas abstraktes — darin stimmt der Marxismus
vollständig mit der Österreichischen Schule überein‘. Diese
VUebereinstimmung ist jedoch nur formaler Art; wäre sie nicht da,
so könnte man die Theorie der Oesterreicher der von Marx über-
haupt nicht gegenüberstellen. Uns interessiert hier nämlich der-

1 Im Vorwort zum I. Band des „Kapital‘ bezeichnet Marx seine Methode
als die deduktive Methode der klassischen Schule. Es wäre übrigens wider-
sinnig, anzunehmen, wie dies die Vertreter der historischen Schule tun, daß
jedes abstrakte Gesetz mit der konkreten Wirklichkeit nichts gemein habe.
„Ein exaktes wissenschaftliches Gesetz“, meint einer der Vertreter der Ööster-
reichischen Schule, Emil Sax, „ist ein Induktionsschluß höchster und allge-
meinster Art: als solcher, nicht als apriorisches Axiom, ist es der Ausgangs-
punkt der Deduktion‘“ (Conrads Jahrbücher für Nationalökonomie und Sta-
{istik, 1894, III. Folge, 8. Bd., S. 116). Eine genaue Analyse dieser Frage gibt
Alfr. Ammon: „Objekt und Grundbegriffe der theoretischen Nationalökono-
mie‘, Wien und Leipzig 1911.

‚x 2
        <pb n="41" />
        33
jenige konkrete Inhalt der abstrakten Methode, der der öster-
reichischen Schule eigen ist und sie in einen so scharfen Gegen-
satz zum Marxismus setzt.

Die politische Oekonomie ist nämlich eine Gesellschafts-
wissenschaft und hat zur Voraussetzung — ob sich dessen die
Theoretiker der politischen Oekonomie bewußt werden oder nicht
— irgendwelche Vorstellung über das Wesen der Gesellschaft und
deren Entwicklungsgesetze. Anders gesagt: Jede Wirtschafts-
theorie beruht auf gewissen Voraussetzungen, die einen sozio-
logischen Charakter besitzen und von denen aus die wirt-
schaftliche Seite des sozialen Lebens untersucht wird. Solche
Voraussetzungen können klar ausgesprochen werden oder unklar
bleiben, sie können als wohlgefügtes System aufgestellt werden
oder „unbestimmte Ansichten‘ bleiben — auf alle Fälle müssen
sie aber da sein. Die politische Oekonomie von Marx hat eine
derartige Grundlage in der soziologischen Theorie des
historischen Materialis mus. Dagegen kennt die öster-
reichische Schule keine abgeschlossene oder einigermaßen präzise
soziologische Grundlage; die Spuren einer solchen muß man erst
aus der Wirtschaftstheorie der Oesterreicher konstruieren. Dabei
stößt man mitunter auf Widersprüche zwischen den allgemeinen
Grundgedanken über die Natur der „Volkswirtschaft“ und den
tatsächlichen Grundlagen der österreichischen Wirtschafts-
theorie”, Auf diese richten wir deshalb unser Hauptaugenmerk.
Für den Marxismus sind folgende soziologische Grundlagen der
ökonomischen Wissenschaft charakteristisch: Die Anerkennung
des Primats der Gesellschaft über das Individuum, die Anerken-
nung des historischen, vorübergehenden Charakters einer jeden
Wirtschaftsstruktur und endlich die Anerkennung der dominie-
renden Rolle der Produktion. Dagegen ist für die österreichische
Schule ihr methodologischer Individualismus bezeichnend, der un-
historische Standpunkt und der Ausgangspunkt vom Verbrauch.
In der „Einleitung‘“ versuchten wir für diesen grundsätzlichen
Unterschied zwischen dem Marxismus und der österreichischen
Schule eine sozial-genetische Erklärung zu geben: diesen Unter-
schied oder, richtiger gesagt: diesen Gegensatz, charakterisierten
wir als einen sozial-psychologischen Gegensatz. Hier
soll er von der logischen Seite aus analysiert werden.

? Vgl. z. B. S. 259 der „Untersuchungen“ K. Mengers, wo ziemlich rich-
tige Definitionen von einem wirklichen Ausgangspunkt der Theorie aus ge-
geben werden. Die höchste Stufe ihrer Selbsterkenntnis fand die Grenz-
nutzentheorie bei Liefmann: „Ueber Objekt, Wesen und Aufgabe der Wirt-
schaftswissenschaft“, Conrads Jahrb. 13, 106.
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        34 Die methodologischen Grundlagen d. Grenznutzentheorie u. d. Marxismus
1. DER OBJEKTIVISMUS UND DER SUBJEKTIVISMUS IN DER
POLITISCHEN OEKONOMIE
"Werner Sombart bezeichnet in seinem bekannten. Aufsatz, den

er anläßlich des Erscheinens des III. Bandes des „Kapital‘ von
Marx veröffentlichte, bei seiner Gegenüberstellung der zwei Me-
thoden der Nationalökonomie, der subjektivistischen und der
objektivistischen, das System von Marx als den Ausfluß eines
„extremen Objektivismus‘; dagegen sei die österreichische Schule
seiner Ansicht nach „die konsequenteste Fortbildung der ent-
gegengesetzten Richtung“®. Diese Charakteristik ist unseres Er-
achtens völlig zutreffend. In der Tat kann man an das Studium
der gesellschaftlichen Erscheinungen überhaupt und der wirt-
schaftlichen im besonderen in zweierlei Weise herantreten: ein-
mal kann man annehmen, daß die Wissenschaft von der Analyse
der‘ Gesellschaft als eines Ganzen ausgeht, das in jedem gegebe-
nen Moment die Erscheinung des individuellen Wirtschaftslebens
bestimmt — in diesem Falle ist. die Aufgabe der Wissenschaft,
die Zusammenhänge und die Gesetzmäßigkeit aufzudecken, die
zwischen den verschiedenen Erscheinungen gesellschaft-
licher Art bestehen und die die individuellen Erschei-
nungen bestimmen; zweitens kann man aber annehmen, daß die
Wissenschaft von der Analyse der Gesetzmäßigkeit des individu-
ellen Lebens auszugehen habe, da die gesellschaftlichen Erschei-
nungen ein gewisses Ergebnis von individuellen Erscheinungen
bilden — in diesem Falle würde es die Aufgabe der Wissenschaft
sein; von den Erscheinungen und der Gesetzmäßigkeit des indi-
viduellen Wirtschaftslebens die Erscheinungen und die Gesetz-
mäßigkeit der sozialen Wirtschaft abzuleiten. |

In diesem Sinne ist Marx zweifelsohne ein „extremer Objekti-
vist‘“, und zwar sowohl in der Soziologie als auch in der poli-
tischen. Oekonomie. Deshalb muß auch seine grundlegende Wirt-
“3 W. Sombart: „Zur Kritik des ökonomischen Systems von Karl Marx“,
Brauns „Archiv. für soziale Gesetzgebung und Statistik“, Bd. VII, 'S. 591—592.
Vergl. auch R. Liefmann 1. c. S. 5 „Das künftige methodologische Haupt-
problem scheint mir; der Gegensatz von individualistischer und sozialer Be-
trachtungsweise oder vom privaten und volkswirtschaftlichen Gesichtspunkt
zu-sein‘“.” Wir empfehlen dem Leser die Arbeit von Liefmann als diejenige,
die am konsequentesten und klarsten die individualistische Methode durch-
führt.
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        Der Objektivismus: und der Subjektivismus in der: politischen: Oekonomie 35
schaftslehre — die Lehre vom: .Wert-— von. der der Klassiker,
insbesondere aber von der. A. Smith’ streng geschieden werden.
Die Arbeitswerttheorie von A. Smith basiert auf einer. individu-
ellen Schätzung der Güter, entsprechend der Quantität und Quali-
tät der aufgewendeten Arbeit; das ist eine subjektivi-
stische Arbeitswerttheorie. Umgekehrt ist die .Wert-
theorie von Marx ein objektives, d. i. gesellschaftliches Preis-
gesetz, seine Theorie ist demnach eine objektivistische
Arbeitswertheorie, die sich keinesfalls auf irgend-
welche individuellen Wertschätzungen stützt, sondern lediglich
den Zusammenhang zwischen den gegebenen gesellschaftlichen
Produktivkräften und den Warenpreisen ausdrückt, wie letztere
am Markte bestimmt werden‘. Gerade am Beispiel der Wert-
und Preistheorie zeigt Sombart sehr gut den Unterschied zwi-
schen den beiden Methoden. „Nicht als ob Marx auch nur daran
dächte — sagt Sombart — nach den individuellen Motiven der
Tauschenden zu forschen oder auch nur von der Produktions-
kostenberechnung auszugehen. Nein, sein Gedankengang ist die-
ser: die Preise werden gebildet durch die Konkurrenz, wie, bleibt
dahingestellt. Aber: die Konkurrenz ihrerseits wird geregelt durch
die Profitrate, die Profitrate.durch die Mehrwertsrate, diese aber
durch den Wert, der selbst‘ der. Ausdruck einer gesellschaftlich
bedingten Tatsache, der gesellschaftlichen Produktivkraft, ist.
Das stellt sich nun im System in umgekehrter Folge: dar: Wert
— Mehrwert — Profit — Konkurrenz — Preise usw. Wollen
wir ein Schlagwort haben, so können wir sagen:
es handelt sich nie bei Marx um Motivation, son-
dern immer .um. Limitation der individwellen
Willkür der Wirtschaftssubjekte°®. Umgekehrt die

+ Siehe z. B. A. Smith: „An inquiry into the nature and causes of the
wealth of nations‘“, London 1895. vol. I S. 129: „Equal quantities of labour,
at all times and places; may be’said to.be of equal value to thelabourer.
In his ordinary state -of‘ health, strength, and spirits; in’ the ordinary degree
of his skill and dexterity, he must always laydownthe same por-
tion of his ease, his liberty and his happiness (vom Ver-
fasser gesperrt). Es ließen sich noch eine Reihe ähnlicher Zitate. anführen.
Deshalb ist die Behauptung G. Charasoffs in seiner Polemik gegen Kautsky
vollständig unzutreffend, wenn er sagt: „Für uns kann kein ernstlicher
Zweifel bestehen, daß. die klassische Schule.in: ihrer Lehre von dem Wert-
gesetze keineswegs einen individualistischen, sondern einen konsequenten. ge-
sellschaftlichen Standpunkt, ganz so wie Marx selbst, vertreten hat (vgl. Chara-
soff: „Das System des Marxismus‘, Berlin 1910, S. 253). Andererseits trifft
die Behauptung: des Autors völlig zu, daß es auch marxistische Arbeiten gibt,
die eine subjektivistische Deutung der Marxschen Theorie enthalten. Doch
dies gehört nicht hierher.

° W. Sombart 1. c. S. 591 (vom Verfasser gesperrt).
4”
        <pb n="44" />
        36 Die methodologischen Grundlagen d. Grenznutzentheorie u. d. Marxismus
subjektivistische Schule: Hier ist „überall die ‚Motivation‘ der
(individuellen) wirtschaftlichen Handlung in den Mittelpunkt des
Systems getreten‘‘®.

Dieser Unterschied ist sehr treffend hervorgehoben. In der
Tat, während Marx „die gesellschaftliche Bewegung als einen
naturgeschichtlichen Prozeß (betrachtet), den Gesetze lenken, die
nicht nur von dem Willen, dem Bewußtsein und der Absicht der
Menschen unabhängig sind, sondern vielmehr umgekehrt deren
Wollen, Bewußtsein und Absichten bestimmen‘“, ist für Böhm-
Bawerk der Ausgangspunkt der Analyse das individuelle Bewußt-
sein des wirtschaftlichen Subjekts.

„Die sozialen Gesetze — schreibt Böhm — deren Erforschung
die Aufgabe der National-Oekonomie ist, beruhen auf überein-
stimmenden Handlungen der Individuen. Die Uebereinstimmung
im Handeln ist wieder eine Folge des Wirkens übereinstimmen-
der Motive, die das Handeln leiten. Bei dieser Sachlage kann
nicht leicht ein Zweifel darüber bestehen, daß die Erklärung der
sozialen Gesetze bis auf die treibenden Motive, welche die Hand-
lungen der Individuen leiten, zurückgehen, bzw. von ihnen ihren
Ausgangspunkt nehmen muß®.‘“ Und so ist der Gegensatz zwi-
schen der objektivistischen und der subjektivistischen Methode
nichts anderes als ein Gegensatz zwischen der sozialen und der
individualistischen Methode°. Indessen bedarf die oben ange-
führte Definition der beiden Methoden einer weiteren Vervoll-
ständigung. Vor allem muß noch die Unabhängikeit vom Willen,
Bewußtsein und der Absicht des Menschen betont werden, von
der bei Marx die Rede ist; zweitens muß auch das „Wirtschafts-
subjekt‘‘ näher bestimmt werden, das den Ausgangspunkt der
österreichischen Schule bildet. ‚„‚... Diese bestimmten sozialen
Verhältnisse (sind) ebensogut Produkte der Menschen, wie Tuch,
Leinen usw.!. Doch folgt daraus noch keinesfalls, daß das
soziale Ergebnis, jenes „Produkt“, von dem bei Marx die Rede
ist, im Bewußtsein der Subjekte als Ziel oder treibendes Motiv

S Ib. S. 592:

7 Karl Marx: „Kapital‘“, Bd. I, S. XVI. Das Zitat ist einer Rezension Kauf-
manns entnommen, die Marx selbst anführt und mit der er vollständig ein-
verstanden ist.

8 Böhm-Bawerk: „Grundzüge der Theorie des wirtschaftlichen Güter-
werts“, Hildebrands Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, 13. 13.
N. F., S. 78. Ebenso Menger: „Untersuchungen über die Methoden der So-
zialwissenschaften usw.‘“ Liefmann I. c. S. 40.

9 Vgl. R. Stolzmann: „Der Zweck in der Volkswirtschaftslehre“, Berlin
1909, S. 59.

10 Karl Marx: „Das Elend der Philosophie“. Deutsch von Bernstein und
K. Kautsky, S. 91.
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        Der Objektivismus und der Subjektivismus in der politischen Oekonomie 37
enthalten sei. Die anarchisch aufgebaute moderne Gesellschaft
— die Theorie der politischen Oekonomie macht eben diese
Gesellschaft zum Gegenstand ihrer Forschung — mit ihren ele-
mentar wirkenden Kräften des Marktes (Konkurrenz, Schwan-
kung der Preise, Börse usw.) bietet zahlreiche Illustrationen für
die Annahme, daß das „soziale Produkt‘“ über seine Schöpfer
herrsche, daß ferner das Ergebnis der Motive der indi-
viduellen (doch nicht isolierten) Wirtschafts-Subjekte nicht nur
diesen Motiven selbst nicht entspricht, sondern sogar mitunter
in einen krassen Gegensatz zu denselben gerät‘. Dies wird am
besten am Beispiel der Preisbildung klar. Eine Anzahl von Käu-
fern und Verkäufern treten auf den Markt mit einer gewissen
(annähernden) Wertschätzung ihrer eigenen sowohl wie der
fremden Ware; als Ergebnis: ihres Kampfes bildet sich ein ge-
wisser Marktpreis, der keinesfalls mit den individuellen Schätzun-
gen der überwiegenden Mehrzahl der Vertragschließenden zu-
sammenfällt. Noch. mehr, für eine Reihe von ‚,Wirtschaftssub-
jekten‘ kann der gebildete Preis geradezu vernichtend wirken,
da niedrige Preise sie zwingen können, ihre Unternehmertätigkeit
aufzugeben; sie werden „ruiniert‘. Noch ausgeprägter tritt diese
Erscheinung auf dem Wertpapiermarkte hervor, worauf gerade
das „Hazardspiel‘‘ der Börse beruht. In all diesen Fällen, die für
die. moderne sozial-wirtschaftliche Organisation typisch sind,
kann man von der „Unabhängigkeit‘“ der sozialen Erscheinungen
vom Willen, Bewußtsein und den Absichten des Menschen spre-
chen; doch ist diese Unabhängigkeit keinesfalls so aufzufassen, als
ob es sich um zwei Erscheinungen handle, die völlig unabhängig
voneinander wären; es ist lächerlich, anzunehmen, daß die
menschliche Geschichte nicht durch den Willen der Menschen
hindurch gemacht wird, sondern außerhalb dieses Willens (eine

1" Schon dieser Umstand allein zerstört völlig die teleologische Auffassung
von der Gesellschaft als eines „Zweckgebildes‘“, die wir besonders ausgeprägt
bei Stolzmann finden. „Ebenso wie man im Leben der Natur jede Zweck-
richtung, jede systematische Absicht, Ersparnis, Oekonomie der Kräfte .. .
vermißt, so auch bei den Beziehungen der Menschen untereinander“ (Prof.
Wipper: „Grundzüge einer Theorie der geschichtlichen Erkenntnis“, Moskau
1911, S. 162). Siehe auch die glänzende Darstellung der „Unabhängigkeit“
des Ergebnisses individueller Handlungen bei Engels: „Ludwig Feuer-
bach“. R. Liefmann klammert sich in seiner Kritik der „Sozialen“, d. h.
der objektivistischen Methode, gerade an die Kritik der teleologischen Auf-
fassung, wobei er behauptet, daß dies von jedem Vertreter dieser Methode
konsequenterweise akzeptiert werden müßte. Sogar die Marxisten (z. B.
Hilferding) klagt er der Teleologie an, über die er dann einen leichten Sieg
davonträgt. In der Tat aber handelt es sich beim Marxismus um die Ge-
sellschaft als einem subjektlosen System.
        <pb n="46" />
        38 Die methodologischen Grundlagen d. Grenznutzentheorie u. d. Marxismus
solche „materialistische Geschichtsauffassung‘‘ ist eine bourgeoise
Karikatur des’ Marxismus); gerade das umgekehrte ist der Fall:
beide Erscheinungsreihen — die Individualhandlungen und die
sozialen Erscheinungen — sind auf das engste gen etisch mit-
einander verbunden. Diese Unabhängigkeit ist ausschließlich
in dem Sinne aufzufassen, daß die objektiv gewordenen Ergeb-
nisse der individuellen Handlungen über jeden ihrer Teile im ein-
zelnen herrschen. Das „Produkt‘“ beherrscht seinen „Schöpfer“,
wobei der individuelle Wille in jedem gegebenen Moment durch
die bereits gebildete Resultante der Willensbeziehungen der ein-
zelnen‘ „,Wirtschaftssubjekte‘‘ bestimmt wird: der im Konkurrenz-
kampf besiegte Unternehmer oder der bankrotte Finanzmann sind
gezwungen, das Kampffeld. zu räumen, obwohl sie vorher als
aktive Größen, als „Schöpfer‘“ des gesellschaftlichen Prozesses
auftraten, der sich schließlich gegen sie selbst wandte**. Diese
Erscheinung ist der Ausdruck der Irrationalität, des „elementaren“
Charakters des wirtschaftlichen Prozesses im Rahmen der Waren-
wirtschaft, was sich so deutlich in der Psychologie des Waren-
fetischismus ausdrückt, der zuerst von Marx aufgedeckt und glän-
zend analysiert wurde. Gerade in der Warenwirtschaft findet der
Prozeß der ‚„Verdinglichung‘“ der Beziehungen zwischen den
Menschen statt, wobei diese „Dingausdrücke‘‘ infolge des elemen-
taren Charakters der Entwicklung ein besonderes „selbständiges“
Dasein führen, das einer spezifischen, diesem Dasein allein zu-
kommenden Gesetzmäßigkeit unterworfen ist.

Und so haben wir verschiedene Reihen individueller Erschei:-
nungen und die aus ihnen entstehenden Reihen sozialer Art; zwei-

2 „In wirtschaftlichen Beziehungen, schreibt Struve, wird das Wirt-
schaftssubjekt in seinen Beziehungen zu den anderen, ebensolchen Subjekten,
betrachtet, die .zwischenwirtschaftlichen Kategorien. (d. h. die Kategorien der
Warenwirtschaft N. B.) drücken die objektiven (oder die sich objektivieren-
den) Ergebnisse solcher Beziehungen aus: sie enthalten nichts „Subjektives‘,
obwohl ‚sie vom ;„Subjektiven‘“ . stammen; andererseits. enthalten sie auch
keinen. unmittelbaren Ausdruck für die. Beziehungen. der Wirtschaftssubjekte
zur . Natur, zur Außenwelt; in diesem Sinne enthalten sie nichts. „Objektives‘“
oder „Natürliches‘‘ (P. Struve: „Wirtschaft und Preis‘, Moskau 1913, S. 25,
26). Andererseits’ weist . Struve auf ‚das „naturalistische‘““‘ Element :in der
Werttheorie („geronnene Arbeit“). hin und. konstruiert. so. einen Widerspruch
zwischen demselben und dem. „soziologischen‘“ Element.  Vergl. damit. Marx:
„Theorien ‚über .den Mehrwert“, 1, :S. 277: „Die Materialisation der Arbeit ist
jedoch nicht so schottisch zu: nehmen, wie A. Smith es _faßt. Sprechen wir
von der Ware: als Materiatur der Arbeit — in. dem Sinne ihres’ Tausch-
wertes —, ‚so ist. dies selbst. nur..eine: eingebildete, d. h. bloß soziale Existenz-
weise der Ware, die mit ihrer körperlichen Realität nichts zu schaffen hat“.
„Hier kommt die Täuschung daher, daß sich ein gesellschaftliches Verhältnis
in der Form eines Dinges darstellt‘ (S. 278). -
        <pb n="47" />
        Der Objektivismus und der Subjektivismus in der politischen Oekonomie 39
felsohne existiert eine gewisse Gesetzmäßigkeit sowohl zwischen
diesen beiden Kategorien. (der individuellen und der sozialen) als
auch zwischen den verschiedenen Reihen derselben Kategorie, ins-
besondere zwischen den verschiedenen Reihen der voneinander
abhängigen sozialen Erscheinungen. In der Bestimmung der
Gesetzmäßigkeit der Beziehungen zwischen den verschiedenen
sozialen Erscheinungen besteht eben die Methode von Marx.
Mit anderen Worten: Marx untersucht die Gesetzmäßigkeit der
Ergebnisse der verschiedenen Einzelwillen, ohne diese
selbst als solche zu untersuchen; er untersucht die Gesetz-
mäßigkeit der sozialen Erscheinungen, wobei er von ihrer
Relation zu den Erscheinungen des individu-
ellen Bewußtseins abstrahiert!®.

Wenden wir uns nun den ‚„Wirtschaftssubjekten‘ Böhm-
Bawerks zu.

In seinem Aufsatz über K. Mengers Buch („Untersuchun-
gen usw.‘“) gibt Böhm-Bawerk, in Uebereinstimmung mit den
Gegnern der österreichischen Schule und Menger selbst zu, daß
die „Wirtschaftssubjekte‘ der Vertreter der neuen Richtung nichts
anderes als Atom e der Gesellschaft sind. Die Aufgabe der neuen

13 Eine derartige. „universalistische‘“ Methode bringt Struve mit dem lo-
gischen Realismus (im Gegensatz zur „singularistischen‘“ Methode, die in der
Logik mit dem Nominalismus zusammenhängt) in Verbindung. „In der So-
zialwissenschaft — sagt Struve — äußert sich die realistische Gedanken-
richtung vor allem darin, daß das System der psychischen Beziehungen
zwischen den Menschen, das ist die Gesellschaft, nicht nur als eine reale Ein-
heit, als eine Summe oder (!) ein System betrachtet wird, sondern auch als
eine lebendige Einheit, als ein lebendiges Wesen gedacht wird. Solche Be-
griffe, wie Gesellschaft, Klasse, erscheinen oder werden jedenfalls leicht (!!!)
zu „Universalitäten‘ des soziologischen Denkens. Sie werden leicht hypo-
stasiert‘“ (1. c. S. XI). Dies alles wird von Struve nicht etwa zum Beweis der
Untauglichkeit der Marxschen Untersuchungsmethode angeführt, die er mit
dem „logisch-onthologischen Realismus von Hegel und . . . der Scholastiker“
(S. XXVI) identifiziert. Indessen ist es klar, daß bei Marx auch nur der
leiseste Hinweis darauf fehlt, daß die Gesellschaft und die gesellschaftlichen
Gruppierungen als ein „lebendiges Wesen“ (der Ausdruck „lebendige Einheit“
ist doch etwas anderes und unbestimmteres) betrachtet werden. - Es genügt,
in diesem Zusammenhang die Methode von Marx etwa mit der Methode der
„Sozialorganischen‘“ Richtung zu vergleichen, die zuletzt in der Arbeit Stolz-
manns vertreten wird. Marx selbst war sich vollkommen über die Fehler des
Hegelschen logischen Realismus klar. „Hegel geriet... auf die Illusion, das
Reale als Resultat des sich in sich zusammenfassenden, in sich vertiefenden
und aus sich selbst sich bewegenden Denkens zu fassen, während die Me-
thode, vom Abstrakten. zum Konkreten. aufzusteigen, nur die Art für das
Denken ist, sich das Konkrete anzueignen, es als ein Konkretes geistig zu
reproduzieren. Keineswegs aber ist es der Entstehungsprozeß des Konkreten
selbst‘ (K. Marx: „Einleitung zu einer Kritik der politischen Oekonomie“,
IL. Auflage; „Zur Kritik“, Stuttgart 1907, S. XXXVIJ).
        <pb n="48" />
        40 Die methodologischen Grundlagen d. Grenznutzentheorie u: d. Marxismus
Schule ist „„. ... die Absetzung der historischen und der organischen
Methoden als:herrschender Methoden der theoretischen Forschung
in den Sozialwissenschaften ... und ... die Wiedereinsetzung der
exakten, atomistischen Richtung‘* (Gesperrt vom Ver-
fasser.)

Zum Ausgangspunkte der Analyse wird hier nicht das einzelne
Mitglied einer gegebenen Gesellschaft im sozialen Zusammenhang
mit seinen Mitmenschen gemacht, sondern das isolierte „Atom“,
der wirtschaftliche Robinson. Dementsprechend sind auch die
von Böhm-Bawerk zur Erläuterung seiner Ansichten gewählten
Beispiele. „Ein Mann sitzt an einer reichlich sprudelnden Quelle
guten Trinkwassers‘“ -— so beginnt Böhm-Bawerk seine Analyse
der Werttheorie‘”. Dann führt er vor: einen Reisenden in der
Wüste*®, einen von der ganzen Welt isolierten Landwirt!, einen
Kolonisten, „dessen Blockhütte einsam im Urwalde steht‘““® usw.
Aehnliche Beispiele begegnen uns bei K. Menger: „Der Bewohner
eines Urwaldes‘“*, „die Bewohner einer Oase‘“?, „ein kurzsich-
tiges Individuum auf einer einsamen Insel‘“!?, „ein isoliert wirt-
schaftender Landmann‘“? usw.

Wir finden hier denselben Standpunkt, den ehemals Bastiat,
der „süßlichste‘“ aller Wirtschaftler, so sorgfältig formulierte. In
seinen ‚‚Wirtschaftlichen Harmonien“ schrieb er: „Die wirtschaft-
lichen Gesetze wirken in derselben Weise, ob es sich nun um eine
Gesamtheit von vielen Menschen handelt oder nur um zwei Indi-
viduen, oder sogar um ein einziges Individuum, das durch Um-
stände gezwungen wäre, isoliert zu leben. Wenn das Individuum
eine Zeitlang allein leben könnte, so würde es Kapitalist, Unter-
nehmer, Arbeiter, Produzent und Konsument zugleich sein. Die
gesamte wirtschaftliche Entwicklung würde sich an ihm selbst
vollzogen haben. Indem er jeden Bestandteil derselben beobach-
ten könnte, nämlich: das Bedürfnis, die Anstrengung, die Befrie-
digung, die freie Nutznießung und den Nutzen, der Arbeit kostet,

14 Böhm-Bawerk: „Zeitschrift für Privat- und Öffentliches Recht der

Gegenwart‘, Wien 1884, Bd. XI, S. 220.
„1% Böhm-Bawerk: „Grundzüge der Theorie des wirtschaftlichen Güter-
U Hildebrands Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, Bd. 13,
16 ]b. S. 9.
4-]b.
18 Jh. S. 30.
397°K. Menger: „Grundsätze der Volkswirtschaftslehre‘“, Wien 1871, S. 82.
20 ]b. S. 85.
21 1b. 5.95,
22 Ib. S. 96.
        <pb n="49" />
        Der Objektivismus und der Subjektivismus in der politischen Oekonomie 41
würde er sich einen Begriff über den gesamten Mechanismus,
wenn auch in seiner einfachsten Form, bilden können*?.“

Und vorher: „Ich behaupte, daß die politische Oeko-
nomie ihr Ziel erreichen und ihre Mission erfüllen würde, wenn
sie definitiv folgendes gezeigt hätte: was richtig in bezug auf eine
einzelne Person ist, ist auch richtig in bezug auf die Gesell-
schaft**.“

Genau dasselbe sagt auch Jevons: „Die allgemeine Form der
Gesetze der politischen Oekonomie gilt sowohl für einzelne Indi-
viduen als auch für ganze Völker?*?.“

So alt und ehrwürdig dieser Gesichtspunkt auch sein mag, so ist
er doch absolut falsch. Die Gesellschaft ist (wie man bewußt oder
unbewußt annimmt) keine arithmetische Summe isolierter Indi-
viduen; umgekehrt setzt die wirtschaftliche Tätigkeit eines jeden
Individuums eine bestimmte soziale Umgebung voraus, in der der
soziale Zusammenhang der einzelnen Wirtschaften seinen Aus-
druck findet. Die Motive des isoliert lebenden Menschen sind von
denen des „Gesellschaftswesens‘“ („Zoon politikon‘) durchaus ver-
schieden: Ersterer hat als Umgebung nur die Natur, die Dinge in
ihrer ursprünglichen Unberührtheit, letzterer nicht nur die „Mate-

2 Fr. Bastiat: „Harmonies &amp;conomiques“, Bruxelles 1850, S. 213: „Les
lois €conomiques agissent sur le meme principe, qu’il s’agisse d’une nom-
breuse agglomeration d’hommes, de deux individus, ou meme d’un seul, con-
damne par les circonstances ä vivre dans l'isolement. L’individu s’il pouvait
vivre quelque temps isole serait a la fois capitaliste, entrepreneur, ouvrier,
producteur et consommateur. Toute l’&amp;volution €conomique s’accomplirait en
lui. En observant chacun des €lements, qui la composent: le besoin, l’'effort,
Ja satisfaction, I’utilite gratuite et Vutilit&amp; onereuse, il se ferait une idee du
mecanisme tout entier, quoique reduite a sa plus grande simplicite‘“‘.

2% „... Jaffirme que l’economie politique aura atteint son but
et rempli so mission quand ella aura definitivement demontre ceci; Ce qui est
vrai de l’homme est vrai de la societe“ (ibid. S. 74).

Hervorgehoben sei, daß Bastiat vom isolierten Menschen als einer
methodologisch nützlichen Abstraktion spricht. Historisch ist er aber für ihn
nur „eine trügerische Vision von Rousseau“ (s. auch S. 93, 94).

2) „The general form of the laws of Economy is the same in the case
of individuals and nations‘, W. Stanley Jevons: „The theory of political eco-
nomy“, London and New York 1871, S. 21. Die „Mathematiker‘“ und die
„Amerikaner“ lassen dies zum großen Teil fallen. Vergl. Walras: „Etudes
d’&amp;conomie sociale‘‘ (Theorie de la repartition de la richesse sociale), Lausanne,
Paris 1896: „Il ne faut pas dire que lindividu est la base et le fin de toute
Societe sans ajouter immediatement que l’etat social est aussi la base et le
milieu de toute individualite“ (S. 90). Bei Clark dominiert der Objektivismus.
Wie undurchdacht aber dies alles ist, erhellt z. B. aus folgender Definition
des amerikanischen Wirtschaftlers Thomas Nixon Carver: „The method pur-
sued is that of an analytical study of the motives which govern men
in business and industrial life‘ (The distribution of wealth. New York 1904,
S. XV. Doch andererseits „objektiviert‘ derselbe Carver die Werttheorie.
        <pb n="50" />
        42 Die methodologischen. Grundlagen ‘d: Grenznutzentheorie u. d. Marxismus

rie‘“, sondern auch das besondere soziale Milieu. Der Ueber-
gang vom isolierten. Menschen zur Gesellschaft ist nur durch das
soziale Milieu möglich. Und in der Tat: würde es sich lediglich um
eine Summe von Einzelwirtschaften handeln, ohne irgendwelche
Berührungspunkte zwischen denselben, würde das besondere Mi-
lieu, das Rodbertus zutreffend „Wirtschaftliche Gemeinschaft“
nannte, fehlen, so würde auch jede Gesellschaft fehlen. Freilich
ist es theoretisch durchaus möglich, auch. eine Summe isolierter
und getrennter Wirtschaften in einen einheitlichen Begriff zu-
sammenzufassen, sie in eine „Gesamtheit‘‘ sozusagen hineinzu-
drängen. Doch würde diese ‚„Gesamtheit‘“ ganz etwas anderes
sein als die Gesellschaft, die ein System von miteinander eng ver-
knüpften und in fortwährender Wechselwirkung stehenden Wirt-
schaften ist. Während der Zusammenhang im ersten Falle von
uns selbst gebildet wird, ist er im zweiten Fallein Wirklich-
keit gegeben‘“‘.“ Uod so kann das einzelne Wirtschaftssub-
jekt allein als Mitglied eines sozialen Wirtschaftssystems betrach-
tet werden, nicht aber als isoliert dastehendes „Atom‘‘. In seinen
Handlungen paßt sich das Wirtschaftssubjektan
den gegebenen Zustand der sozialen Erschei-
nungen an; letztere setzen seinen individuellen Motiven
Schranken oder, mit Sombart gesprochen, „limitieren‘“ sie?‘. Dies
gilt nicht nur für die „ökonomische Gesellschaftsstruktur‘“, d. h.
die Produktionsverhältnisse, sondern auch für die sozialwirt-
schaftlichen Erscheinungen, die auf der Grundlage einer
gegebenen Struktur entstehen: So passen sich z. B. die
individuellen Wertschätzungen immer den bereits gebildeten Prei-
sen an; das Bestreben, das Kapital in einer Bank anzulegen, hängt
von der jeweiligen Zinshöhe ab; die Anlage eines Kapitals in dem
einen oder anderen Industriezweig wird von dem Profit, den die-
ser Industriezweig bringt, bestimmt; die Wertschätzung einer

26 Solchen von uns selbst gebildeten Gesamtheiten, die außerhalb unse-
res Bewußtseins ‚gar nicht existieren, können reale, vom Leben selbst ge-
schaffene Gesamtheiten gegenübergestellt werden. Unter den Säuglingen des
gesamten europäischen Rußlands existiert kein anderer Zusammenhang als
derjenige, der von unseren statistischen Tabellen gebildet wird; die Bäume
im Walde befinden sich in gegenseitiger fester Wechselwirkung und bilden
eine gewisse Einheit, unabhängig davon, ob sie von einem Oberbegriff er-
faßt werden oder: nicht.“ (A: Tschuprow: „Grundzüge einer Theorie der
Statistik“, St. Petersburg 1909, S. 76.)

27 Gehen wir also induktiv vom Gegebenen aus, so: stoßen wir bei der
Betrachtung der volkswirtschaftlichen Wirklichkeit . .; auf ganze Berge von
Tatsachen, die uns vor Augen führen, wie das wirtschaftende Individuum bei
all’ seinem Wägen. und Handeln vom gegebenen Bestande eines objektiven
Gefüges der bestehenden Wirtschaftsordnung abhängig. ist.“ (R. Stolzmann,
J..e. 5.735.) i
        <pb n="51" />
        Der Objektivismus und der. Subjektivismus in der politischen Oekonomie 43
Landparzelle hängt von ihrer. Rente und der Zinshöhe ab usw.
Freilich üben individuelle Motive eine „entgegengesetzte Wirkung“
aus; doch muß betont werden, daß sie selbst bereits schon vorher
sozialen Inhalt besitzen, folglich kann man aus den
Motiven des isolierten Subjekts keine „sozialen
Gesetze‘ ableiten“. Gehen wir aber bei unserer Forschung
nicht vom isolierten Individuum aus, sondern setzen in seinen
Motiven das soziale Moment als gegeben voraus, so würden wir in
einen circulus vitiosus geraten: Wir wollen das „Soziale“, d. h.
„Objektive“ vom ‚„Individuellen‘‘, d. h. „Subjektiven‘“‘ ableiten, in
Wirklichkeit aber leiten wir es vom Sozialen ab, das nennt man:
„von Pontius zu Pilatus schicken‘,

Wie wir oben sahen, bilden die Motive des isolierten Indivi-
duums den Ausgangspunkt für die österreichische Schule (Böhm-
Bawerk). Freilich begegnen uns in den Arbeiten ihrer Vertreter
auch ‚ziemlich richtige Betrachtungen über das Wesen des so-
zialen Ganzen. Doch in Wirklichkeit beginnt sie ihre For-
schung gleich mit der Analyse der Motive der wirtschaftenden
Subjekte, unter Abstraktion von jeglichem sozialen Zusammen-
hang. Ein derartiger Gesichtspunkt ist eben für die neuen Theo-
retiker der Bourgeoisie charakteristisch, und gerade diesen Ge-
sichtspunkt führt die österreichische Schule in ihren gesamten
Konstruktionen folgerichtig durch. Daraus erhellt, daß sie in die
individuellen Motive ihrer „Gesellschaftsatome‘‘ das „Soziale“ un-

28 „Der Ausgangspunkt jeder gesellschaftlichen Erscheinung ist stets das
Individuum; aber nicht das vereinzelte Individuum, das die Marx-Kritiker
ebenso wie Forscher des 18. Jahrhunderts... untersuchten; sondern das Indi-
viduum in Verbindung mit anderen Individuen, die Masse der Indi-
viduen... in der der einzelne selbst ein anderes Geistesleben entwickelt
wie in der Vereinsamung.“ L. Boudin: „Das theoretische System von
K. Marx‘, Stuttgart 1909; Vorwort von K. Kautsky, S. XIII. Marx selbst hat
öfter die Notwendigkeit eines sozialen Gesichtspunktes sehr anschaulich ge-
schildert. „In Gesellschaft produzierende Individuen, daher gesellschaftlich
bestimmte Produktion der Individuen, ist natürlich der Ausgangspunkt. Der
einzelne und vereinzelte Jäger und Fischer... gehört zu den phantasielosen
Einbildungen des 18. Jahrhunderts.“ (Einleitung zu einer Kritik usw., S. XIII.}
„Die Produktion ‚der vereinzelten Einzelnen außerhalb ‚der Gesellschaft . .: ist
ein ebensolches Unding als Sprachentwicklung ohne zusam m en lebende und
zusammensprechende Individuen“. (Ib.), Sehr richtig bemerkt dazu R. Hilfer-
ding: „Aus den Motiven der handelnden Wirtschaftssubjekte, die selbst aber
durch die Natur der wirtschaftlichen Beziehungen determiniert. werden, läßt
Sich nie mehr als. die Tendenz zur: Herstellung ‚der Gleichheit der -ökono-
mischen Bedingungen ableiten: gleiche Preise für gleiche Waren; gleicher
Profit für gleiches Kapital, gleicher Lohn und gleiche Ausbeutungsrate für
gleiche: Arbeit. Aber zu dem quantitativen Beziehungen selbst komme ich: auf
diese Weise, ausgehend von den subjektiven Motiven, nie.“ („Das Finanz-
kapital‘“, S. 235, Fußnote.)
        <pb n="52" />
        44 Die methodologischen Grundlagen d. Grenznutzentheorie u. d. Marxismus
vermeidlich einschmuggeln muß ‚ sobald sie nur irgendwelche
sozialen Erscheinungen abzuleiten versucht. In diesem
Fallemuß sieaberunvermeidlichin einen un-
geheurencirculus vitiosus geraten.

Und in der Tat zeigt sich dieser unvermeidliche logische Feh-
ler bereits bei der Analyse der subjektiven Werttheorie der öster-
reichischen Schule, jenes Ecksteins des gesamten theoretischen
Gebäudes, auf das ihre Vertreter so stolz sind. Indessen vernich-
tet schon allein dieser Fehler den Sinn der mit so viel Pfiffig-
keit aufgebauten wissenschaftlich-ökonomischen Ideologie des
modernen Bourgeois, „denn — wie Böhm-Bawerk selbst richtig
bemerkt — es ist eine methodische Todsünde, wenn man in einer
wissenschaftlichen Untersuchung dasjenige ignoriert, was man er-
klären soll **‘.

Und so kommen wir zum Schluß, daß der „Subjektivismus‘“
der österreichischen Schule, die absichtliche Isolierung des „Wirt-
schaftssubjektes‘“, die Abstrahierung von den sozialen Zusammen-
hängen‘ unvermeidlich zum logischen Bankrott des gesamten
Systems führen muß; dieses System ist genau so wenig befrie-
digend wie die alte Theorie der Produktionskosten, die sich hilf-
los in einem verzauberten Kreise drehte.

Es entsteht freilich die Frage, ob es überhaupt möglich ist,
das Wirtschaftsleben theoretisch zu erfassen, dessen Gesetzmäßig-
keiten festzustellen, ohne daß Gesetzmäßigkeiten der individuellen
Motive bestimmt werden; mit anderen Worten, ist der „Objekti-
vismus‘‘, der die Grundlage der Marxschen Theorie bildet, mög-
lich?

Diese Frage wird sogar von Böhm-Bawerk bejaht: „...zwar
nicht gesetzmäßige Handlungen ohne gesetzmäßige Motivation,
wohl aber Kenntnis von gesetzmäßigen Handlungen ohne Kennt-

2 Böhm-Bawerk: „Zum Abschluß des Marxschen Systems.‘ In Festgaben
für Karl Knies. Berlin 1896, S. 172.

— Ins Russische übersetzt von Georgiewski unter dem Titel: „Die Theorie
Karl Marx’ und ihre Kritik“, St. Petersburg 1897.

30 Daß es sich nur um eine Abstraktion handelt, erkennen freilich auch
die Österreicher an: „Der Mensch wirtschaftet nicht als isoliertes Wesen; ‚eine
Einzelwirtschaft im strikten Sinne des Wortes ist eine Abstraktion.“ (Emil
Sax: „Das Wesen und die Aufgabe der Nationalökonomie‘, Wien 1884, S. 12.)
Doch ist nicht jede Abstraktion zulässig: Böhm-Bawerk bemerkt selber dazu:
daß „in der Wissenschaft auch die Gedanken und die ‚Logik’ sich nicht ganz
ungebunden von den Tatsachen entfernen dürfen... daß man jeweils nur
von jenen Besonderheiten abstrahieren darf, welche für die der Erforschung
zu unterziehende Erscheinung irrelevant sind, notabene wirklich, tat-
sächlich irrelevant sind“. Böhm-Bawerk, Zum Abschluß des Marxschen
Systems. S. 194.
        <pb n="53" />
        Der Objektivismus und der Subjektivismus in der politischen Oekonomie 45
nis der zugehörigen Motivation**!‘‘. Doch nimmt Böhm an, daß
„die objektivistische Quelle der Erkenntnis... bestenfalls. nur
einen recht ärmlichen, zumal für sich allein durchaus ungenügen-
den Teil der gesamten erreichbaren Erkenntnis beisteuern kann,
da wir es im Wirtschaftsgebiet vorwiegend mit bewußten, be-
rechneten menschlichen Handlungen zu tun haben**.“

Demgegenüber sahen wir bereits, daß gerade die von der
österreichischen Schule propagierte individualistisch-psycholo-
gische Abstraktion eine sehr kärgliche Ernte abwirft‘. Und es
handelt sich hier nicht nur um die Abstraktion als solche. Oben
betonten wir gerade, daß die Abstraktion ein notwendiges Ele-
ment eines jeden Erkenntnisaktes ist. Der Fehler der Oester-
reicher besteht eben darin, daß sie bei der Erforschung der so-
zialen Erscheinungen gerade von diesen Erscheinungen selbst ab-
strahieren. Sehr gut wird dieser Tatbestand von R. Stolzmann
formuliert: „Mag man die Wirtschaftstypen durch Isolieren und
Abstrahieren so einfach gestalten, wie es nur angeht, aber so -
zial müssen sie sein, eine soziale Wirtschaft müssen sie
zum Gegenstand haben**.‘“ Denn es geht nicht an, daß man
vom rein Individuellen zum Sozialen übergeht; selbst wenn es
in Wirklichkeit so einen historischen Uebergangsprozeß gegeben
hätte, d. h. wenn die Menschen aus einem isolierten Zustand
zum „gesellschaftlichen Sein“ tatsächlich übergegangen wären,
so wäre es auch dann einzig und allein möglich, diesen Prozeß

% Böhm-Bawerk: „Zum Abschluß des Marxschen Systems‘, S. 201, Anm.:
„Struve‘‘, der diese Erkenntnismethode scholastisch nennt (siehe Anm. zur
S. XXV und S. XXXII der russischen Ausgabe), spricht an anderer Stelle
von der empirisch rechtmäßigen Anwendung der universalistischen Me-
thode. Dies hindert aber denselben Autor nicht daran, zu erklären,
daß der in der politischen Oekonomie notwendige soziologische Gesichts-
punkt zu allerletzt doch nur vom Menschen, aus dessen Psyche ausgehen
darf (d. h. vom „Individuum“, N, B., S. 26). Dabei will Struve „den Feinheiten
des psychologischen Subjektivismus keine besondere Bedeutung“ beimessen,
als ob diese „Feinheiten“ nicht notwendig logisch mit den „Grundlagen“ zu-
sammenhingen. Wie der Leser sieht, hat sich Struve eine sehr bequeme
Position gewählt. — Negativ beantwortet die Frage Böhm-Bawerks Lief-
mann, 1L.©.

3 Böhm-Bawerk: „Zum Abschluß usw.“, S. 202.

3 Sogar der Anhänger der Grenznutzentheorie, John Keynes, nimmt an,
daß die „Erscheinungen des industriellen Lebens in ihrem ganzen Umfange
lediglich auf deduktivem Wege aus wenigen Elementargesetzen der Natur
erklärt werden können“: Der Gegenstand und die Methode der politischen
Oekonomie.‘“ Zitat nach der russischen Uebersetzung unter Redaktion von
Manuilow, Moskau 1899, S. 70.

% R. Stolzmann, 1. c. S. 63; auch die „Soziale Kategorie“, S. 291 u. 292.
Vgl. auch D. Lifschitz: „Zur Kritik der Böhm-Bawerkschen Werttheorie‘‘,
Leipzig 1908, Kap. IV, besonders S. 90 u. 91.
        <pb n="54" />
        46 Die methodologischen Grundlagen. d. Grenznutzentheorie u. d. Marxismus
historisch und konkret zu beschreiben, das Problem somit. nur
rein idiographisch. (kinematographisch) zu lösen; auch.in diesem
Falle wäre es also unmöglich, eine Theorie vom nomographischen
Typus aufzustellen. Denken wir uns z. B., daß einzelne isolierte
Produzenten in Verkehr miteinander träten, durch den Waren-
tausch verbunden wären und nach und nach eine modern ent-
wickelte Tauschgesellschaft bildeten. Nehmen wir. jetzt die sub-
jektiven Wertschätzungen des modernen Menschen. Sie gehen
von den früher gebildeten Preisen aus (was weiter unten aus-
führlich bewiesen wird);. diese Preise würden ihrerseits aus den
Motiven der. Wirtschaftssubjekte einer mehr oder weniger ent-
fernt liegenden Zeit gebildet; doch waren diese Preise ihrerseits
yon den Preisen abhängig, die zu einer noch früheren Zeit ge-
bildet waren; diese letzteren waren wiederum das Resultat von
subjektiven Wertschätzungen, die noch auf. früheren Preisen fuß-
ten usw. Wir kommen so zu allerletzt auf. die Wertschätzungen
der isolierten Produzenten, — Wertschätzungen, die in sich. in
Wahrheit gar keine Preiselemente mehr enthalten, da hinter ihnen
jegliches soziale Band, jegliche Gesellschaft fehlt. Doch würde
eine solche Analyse von subjektiven Wertschätzungen,. die mit
dem modernen Menschen beginnt und mit dem hypothetischen
Robinson abschließt, nichts anderes bedeuten als- eine einfache
historische Beschreibung des Verwandlungsprozesses der Motive
des isolierten Menschen in die des modernen Menschen, nur daß.
dieser Prozeß in umgekehrter Folge geschieht. Eine derartige
Analyse gibt lediglich eine einfache Beschreibung; ebensowenig
könnte auf einer derartigen Grundlage eine allgemeine Preistheo-
rie oder eine Tauschwerttheorie aufgebaut werden. Die Versuche
eines solchen Aufbaus einer Theorie müssen im System unver-
meidlich zu fehlerhaften Kreisen führen, denn sofern wir‘ inner-
halb des Rahmens einer allgemeinen Theorie bleiben wollen, müs-
sen wir, statt das soziale Element zu erklären, es gerade als ge-
gebene Größe annehmen; über diese Größe hinauszugehen — dies
würde, wie wir bereits sahen, bedeuten, die Theorie in Historie zu
verwandeln, d. h. ein ganz anderes Gebiet der wissenschaftlichen
Forschung betreten. Es. bleibt uns somit nur eine Forschungs-
methode. übrig, und zwar ist es die Verbindung der deduktiv-
abstrakten mit der objektiven Methode; diese Verbindung ist für
die marxistische politische Oekonomie höchst charakteristisch.
Nur so wird es möglich, eine Theorie aufzustellen, die nicht im-
mer wieder Widersprüche in sich selbst birgt, sondern ein tat-
sächliches Forschungsmittel für die kapitalistische Wirklichkeit
liefert.
        <pb n="55" />
        Der historische und der unhistorische Gesichtspunkt el
2. DER HISTORISCHE UND DER UNHISTORISCHE GESICHTSPUNKT

In den „Theorien über den Mehrwert‘ schrieb Marx über die
Physiokraten: „Es war ihr großes Verdienst, daß sie diese For-
men (d. h. die Formen der kapitalistischen Produktionsweise,
N. B.) als physiologische Formen der Gesellschaft auffaßten: als
aus der Naturnotwendigkeit der Produktion selbst hervorgehende
Formen, die von Willen, Politik usw. unabhängig sind. Es sind
materielle Gesetze. Der Fehler der Physiokraten ist nur der, daß
das materielle Gesetz einer bestimmten historischen Gesellschafts-
stufe als abstraktes, alle Gesellschaftsformen gleichmäßig beherr-
schendes Gesetz aufgefaßt wird®®.“

Hiermit ist der Unterschied zwischen dem schlechthin gesell-
schaftlichen Gesichtspunkt und dem geschichtlich - sozia-
len sehr gut bezeichnet. Man kann die „soziale Wirtschaft im
ganzen‘ betrachten und doch die ganze Bedeutung der spezifi-
schen, historisch gewordenen Gesellschaftsformen nicht erfassen.
Freilich pflegt in der modernen Zeit Hand in. Hand mit dem un:
historischen‘ Gesichtspunkt. auch der Mangel’ an Verständnis für
die sozialen Zusammenhänge zu gehen; dennoch muß man zwi-
schen: diesen beiden. methodologischen Fragen unterscheiden;
denn die Möglichkeit des „Objektivismus“ gibt noch keineswegs
die Garantie dafür, daß die Probleme historisch aufgestellt wer-
den. Ein Beispiel dafür liefern die Physiokraten. In der moder-
nen wirtschaftlichen Literatur wiederholt sich der Fall bei Tugan-
Baranowsky, ‚dessen „soziale Verteilungstheorie‘“.” für jede aus
Klassen aufgebaute Gesellschaft paßt (und deshalb überhaupt
nichts erklärt)®®, -

Marx hebt strikt den historischen Charakter seiner Wirt-
schaftstheorie und die Relativität ihrer Gesetze hervor. „Nach
seiner Meinung besitzt... jede historische Periode ihre eigenen
Gesetze .... Sobald das Leben eine gegebene Entwicklungsperiode
überlebt hat, aus einem gegebenen Stadium in ein anderes über-

5 K. Marx: „Theorien über den Mehrwert“, Bd. I, S. 34.
} 36 Siehe Tugan-Baranowsky: ‘ „Grundlagen der Nationalökonomie‘. Es ist
jedoch dazu zu bemerken, daß, während die Physiokraten tatsächlich den
Kapitalismus richtig, wenn auch ohne sich dessen bewußt zu werden, auf-
faßten, Tugan-Baranowsky zwar bestrebt ist, ihn zu verstehen, doch dabei
nur nichtssagende Formeln: atfstellt. (Siehe N. Bucharin: „Eine Oekonomie
ohne Wert“, Neue Zeit, 1914, S. 22 u. 23.
        <pb n="56" />
        48 Die methodologischen Grundlagen d. Grenznutzentheorie u. d. Marxismus
tritt, beginnt es auch, durch andere Gesetze gelenkt zu werden,“
Daraus folgt freilich noch nicht, daß Marx die Existenz von jeg-
lichen allgemeinen Gesetzen in Abrede stellte, die den Gang des
gesellschaftlichen Lebens auf seinen verschiedenen Entwicklungs-
stufen lenken. Die materialistische Geschichtstheorie stellt z. B.
Gesetze auf, die sich zur Erklärung der gesellschaftlichen Ent-
wicklung schlechthin eignen. Doch schließt dies nicht die be-
sonderen geschichtlichen Gesetze der politischen Oekonomie aus,
die, im Gegensatz zu den soziologischen Gesetzen, das Wesen einer
bestimmten gesellschaftlichen Struktur, nämlich die der kapita-
listischen Gesellschaft, ausdrücken‘®?.

Hier wollen wir einem Einwand vorbeugen, der möglicher-
weise erhoben werden könnte; man könnte nämlich sagen, daß
die Annahme des historischen Prinzips unvermeidlich zum idio-
graphischen, rein beschreibenden Typus der Theorie führe, d. h.
gerade zum nämlichen Gesichtspunkt, den die sogenannte „histo-
rische Schule‘ vertritt. Doch ein derartiger Einwand würde die
Vermengung von verschiedenen Dingen bedeuten. Nehmen wir
z. B. irgendeinen allgemeinen Satz einer solchen par excellence
idiographischen Wissenschaft, wie dies die Statistik ist, so stellt
die Bevölkerungsstatistik folgendes „empirische Gesetz“ auf: auf
je 100 Mädchengeburten entfallen 105 bis 108 Knabengeburten.
Dieses „Gesetz‘ besitzt einen rein beschreibenden Charakter, es
drückt gar keine allgemeine Kausalität aus. Umgekehrt läßt sich
ein theoretisches Gesetz der politischen Oekonomie in die Kausa-
litätsformel bringen: Ist A, B, C vorhanden, so muß auch D ein-
treten; mit anderen Worten: Das Vorhandensein von bestimmten
Bedingungen, „Ursachen‘‘, zieht den Eintritt von bestimmten Fol-
gen nach sich. Es ist klar, daß diese „Bedingungen“ auch histo-
rischen Charakter besitzen können, d. h., daß sie in Wirklichkeit
nur zur bestimmten Zeit eintreten. Vom rein logischen Gesichts-
punkt aus ist es völlig belanglos, wo und wann diese Bedingungen
in Wirklichkeit vorkommen, noch mehr, ob sie überhaupt ein-
treten — in diesem Sinne haben wir es mit „ewigen Gesetzen‘ zu
tun; andererseits sind sie, sofern sie real vorkommen, „historische
Gesetze‘, denn sie hängen mit den „Bedingungen“ zusammen,
die lediglich auf einer bestimmten historischen Entwicklungs-
stufe vorkommen“. Doch sind nun einmal diese Bedingungen

37 Das Zitat ist einer Rezension von Kaufmann entnommen, die Marx im
Vorwort zur 2. Auflage des „Kapital“ (Bd. I, S. XVI) anführt. "

38 Das begreifen sogar die „wohlwollenden‘“ Kritiker nicht. Siehe Chara-
soff 1. c., S. 260 u. 261.

3 In seiner „Geschichte der Nationalökonomie‘ unterscheidet Prof. Oncken
drei Methoden: die exakte oder philosophische, die historische oder besser
        <pb n="57" />
        Der historische und der unhistorische Gesichtspunkt 49
vorhanden, so sind damit auch ihre Folgen gegeben. Eben dieser
Charakter der theoretischen ökonomischen Gesetze macht deren
Anwendung auf Länder und Epochen, in denen die soziale Ent-
wicklung bereits eine entsprechende Höhe erreichte, möglich; des-
halb konnten z. B. die russischen Marxisten richtig das „Schick-
sal des Kapitalismus in Rußland‘ voraussagen, obwohl die Marx-
sche Analyse sich auf ein konkretes empirisches Material stützte,
das sich auf England bezog“.

Also, der „historische‘“ Charakter der Gesetze der politischen
Oekonomie verwandelt diese noch keineswegs in eine Wissen-
schaft vom idiographischen Typus. Andererseits kann aber auf
diesem Gebiete lediglich der historische Gesichtspunkt allein von
Erkenntniswert sein.

Die politische Oekonomie als Wissenschaft kann zu ihrem
Gegenstand nur die Waren- resp. die kapitalistische Warenge-
sellschaft haben. Würden wir es mit einer auf irgendwelche Art
organisierten Wirtschaft zu tun haben, so z. B. die Oikos-Wirt-
schaft von Rodbertus, oder die urkommunistische Gesellschaft,
das feudale Landgut oder die organisierte vergesellschaftete Wirt-
schaft des sozialistischen „Staates“, so würden wir da kein ein-
ziges Problem finden, dessen Lösung in das Aufgabengebiet der
theoretischen politischen Oekonomie fällt; diese Probleme be-
ziehen sich auf die Warenwirtschaft, besonders auf deren kapita-
listische Form: so die Probleme des Wertes, Preises, Kapitals,
Profits, der Krisen usw. Dies ist zweifelsohne kein Zufall: gerade
gegenwärtig, bei der mehr oder weniger ausgesprochenen Herr-
schaft des Systems der „freien Konkurrenz“ kommt der elemen-
tare Charakter des Wirtschaftsprozesses besonders klar zum Aus-
druck, bei dem der Individualwille und -zweck ganz in den Hin-
tergrund tritt gegenüber der sich objektiv abwickelnden Kette der
sozialen Erscheinungen. Nur für die Warenproduktion als solche
und ihre höchste Form, die kapitalistische Produktion, ist
historisch-statistische und endlich die historisch-philosophische, welche einen
synthetischen Charakter besitzt (S. 9). Und ferner: „Auf sozialistischem Ge-
biete hat die historisch-philosophische Methode einesteils durch Saint-
Simon und sodann in extrem materialistischer Richtung durch Karl
Marx und Friedrich Engels Vertretung gefunden... Erfolgreich be-
kämpft werden kann er (der historische Materialismus. N. B.) nur auf dem
gleichen, d. h. historisch-philosophischen Boden.“ (Ibid.)

Hiermit wird gerade die Fruchtbarkeit der Marxschen Methode anerkannt,
die freilich nach Oncken mit dem Idealismus von Kant vereinigt werden
müßte, um die Verderblichkeit der Marxschen materialistischen Theorie
besser bekämpfen zu können.

* Das begreift freilich Bulgakow ganz und gar nicht. Siehe seine Kritik
der Marxschen Prognose in der „Philosophie der Wirtschaft“.
        <pb n="58" />
        50 Die methodologischen Grundlagen d. Grenznutzentheorie u. d. Marxismus
jene Erscheinung charakteristisch, die Marx den „Fetischcha-
rakter der Ware‘ nannte und im „Kapital‘ glänzend analysierte.
Gerade hier wird das persönliche Verhältnis der Menschen selbst
im Produktionsprozeß zu einem unpersönlichen Verhältnis von
Dingen, wobei diese die Form der „gesellschaftlichen Hierogly-
phe*“ des Wertes (Marx) annehmen. Daher der „rätselhafte‘‘
Charakter, der der kapitalistischen Produktionsweise anhaftet und
die Eigentümlichkeit der hier für die theoretische Forschung zum
erstenmal auftauchenden Probleme. „Nicht wegen des ‚charaktere
typique de la liberte&amp; economique‘, sondern wegen der er -
kenntnistheoretischen Eigenart des Konkurrenz-
systems, welches sowohl die größte Zahl der theoretischen Rät-
sel als die größte Schwierigkeit, sie zu lösen, mit sich führt‘““*,
bietet die Analyse der kapitalistischen Gesellschaft ein besonderes
Interesse und verleiht eine besondere logische Form der ökono-
mischen Wissenschaft, die die Gesetzmäßigkeit des elementaren
Lebens der modernen Gesellschaft erforscht, Gesetze aufstellt, die
von menschlichem Bewußtsein unabhängig sind, — „regelnde
Naturgesetze — ähnlich dem Gesetz der Schwere, wenn einem
das Haus über dem Kopfe zusammenpurzelt““**

Dieser elementare Charakter, der eine Folge höchst verwickel-
ter Verhältnisse ist, ist selbst eine geschichtliche Erscheinung, die
nur der Warenproduktion als solcher zukommt“. Nur die unor-
ganisierte gesellschaftliche Wirtschaft zeitigt solche spezifische
Erscheinungen, bei denen die gegenseitige Anpassung der ver-
schiedenen Teile des „Produktionsorganismus‘“ unabhängig von
dem bewußt darauf gerichteten menschlichen Willen erfolgt. Bei
einer planmäßigen Führung der gesellschaftlichen Wirtschaft
stellt die Verteilung und die Wiederverteilung der gesellschaft-
lichen Produktionskräfte einen bewußten, auf statistischen An-
gaben fußenden Prozeß dar; bei der gegenwärtigen Produktions-

4 Karl Marx: „Kapital‘“, Bd. I, S. 40.

42 Heinrich Dietzel: „Theoretische Sozialökonomik“, S. 90.

43 Karl Marx: „Kapital‘, Bd. I, S. 39 (Volksausgabe).

44 Gesetzmäßige Erscheinungen heutiger Art... erst entstanden, als jede
Isolierung, aber auch diejenige Örtliche Abgeschlossenheit überwundene
Dinge waren“ (Neumann: „Naturgesetz und Wirtschaftsgesetz“, Zeitschrift für
die gesamte Staatswissenschaft, herausgegeben von Schäffle, 1892, Jahrg. 48,
Heft 3, S. 446). Herr Struve lobt sehr Marx für seine Analyse des Waren-
fetischismus, doch glaubt er, daß Marx sowohl wie die ganze Schule des
wissenschaftlichen Sozialismus einen Fehler begingen, indem sie dieser Er-
scheinung einen geschichtlichen Charakter beilegten. Doch hinderte dieser
letzte Umstand denselben Autor übrigens nicht, den Fetischismus in Ver-
bindung mit der Warenwirtschaft zu bringen, die nach seiner eigenen Ansicht
eine historische Kategorie darstellt. (Siehe sein „Wirtschaftssystem“ 1. c.)
        <pb n="59" />
        Der historische und der unhistorische Gesichtspunkt 51
anarchie erfolgt dieser Prozeß durch einen ganzen Uebertragungs-
mechanismus der Preise, durch deren Fallen und Steigen, durch
deren Druck auf die Profite, durch eine ganze Reihe von Kri-
sen usw., mit einem Worte, nicht die bewußte Berechnung der
Gesamtheit, sondern die blinde Kraft des sozialen Elementes, die
sich in einer ganzen Reihe von sozial-wirtschaftlichen Erschei-
nungen — darunter vor allem im Marktpreis — kundgibt, dies
alles charakterisiert die moderne Gesellschaft und dies bildet den
Gegenstand der politischen Oekonomie. In einer sozialistischen
Gesellschaft wird die politische Oekonomie ihre Daseinsberech-
tigung verlieren: es wird nur eine „Wirtschaftsgeographie‘* übrig-
bleiben — eine Wissenschaft von idiographischem Typus, und
eine „Ökonomische Politik‘, eine normative Wissenschaft; denn
die Beziehungen zwischen den Menschen werden einfach und
klar sein, die fetischisierte dingliche Formulierung dieser Be-
ziehungen wird wegfallen und an Stelle der Gesetzmäßigkeiten
des Elementarlebens wird die Gesetzmäßigkeit der bewußten
Handlungen der Gesellschaft treten. Schon daraus allein ist er-
sichtlich, daß bei der Erforschung des Kapitalismus seine Grund-
züge beachtet werden müssen, die den kapitalistischen „Produk-
tionsorganismus‘ von jedem anderen unterscheiden: denn die
Erforschung des Kapitalismus ist eben die Erforschung dessen,
was den Kapitalismus von jeder anderen gesellschaftlichen Struk-
tur unterscheidet. Sobald wir von den für den Kapitalismus
typischen Besonderheiten abstrahieren, kommen wir zu allge-
meinen Kategorien, die auf alle möglichen gesellschaftlichen Pro-
duktionsverhältnisse angewandt werden können und demgemäß
den historisch bestimmten, ganz eigentümlichen Entwicklungs-
prozeß des „modernen Kapitalismus‘ nicht zu erklären ver-
mögen. Gerade in dem Vergessen dieses Grundsatzes, — sagt
Marx — „liegt... die ganze Weisheit der modernen Oekonomen,
die die Ewigkeit und Harmonie der bestehenden sozialen Verhält-
nisse beweisen*”).‘““ Dabei ist zu beachten, daß der Kapitalismus
die entwickelte Form der Warenproduktion ist. Sie wird nicht
durch Tausch schlechthin, sondern durch den kapitalistischen
Tausch charakterisiert. Bei diesem erscheint die Arbeitskraft
als Ware auf dem Markte und die Produktionsverhältnisse („die
ökonomische Struktur der Gesellschaft‘) schließen nicht nur die
Beziehungen zwischen den Warenproduzenten untereinander,
sondern auch die zwischen der Klasse der Kapitalisten und der
der Lohnarbeiter in sich. Die Analyse des Kapitalismus erfordert

5 „Einleitung zu einer Kritik usw.‘“, S. XVI. Dies ist im Jahre 1857 ge-
schrieben, doch paßt es vollkommen für das „zwanzigste Jahrhundert“.
        <pb n="60" />
        52 Die methodologischen Grundlagen d. Grenznutzentheorie u. d, Marxismus
deshalb außer der Untersuchung der allgemeinen Bedingungen
der Warenwirtschaft (das Vorhandensein dieses Elementes allein
würde der Theorie der einfachen Warenproduktion entsprechen)
noch die Untersuchung der spezifischen Struktur des Kapitalis-
mus selbst. Nur wenn die Fragen so aufgestellt werden, kann eine
wirklich wissenschaftliche ökonomische Theorie gegeben werden.
Will man nicht auf eine Verherrlichung und Verewigung der
kapitalistischen Verhältnisse ausgehen, sondern diese theoretisch
erforschen, so muß man ihre typischen Eigenschaften heraus-
heben und analysieren. Gerade so verfährt Marx. Sein „Kapital“
leitet er mit folgenden Worten ein: „Der Reichtum der Gesell-
schaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht,
erscheint als eine „ungeheure Warensammlung“‘‘, die einzelne
Ware als seine Elementarform. Unsere Untersuchung beginnt da-
her mit der Analvse der Ware**.‘““

Und so wird von Anfang an die Untersuchung auf das histo-
rische Gleis gebracht. Die darauf folgende Marxsche Analyse
zeigt, daß nun die gesamten grundlegenden ökonomischen Be-
griffe einen historischen Charakter haben“. „Das Arbeitsprodukt
— schreibt Marx über den Wert — ist in allen gesellschaftlichen
Zuständen Gebrauchsgegenstand, aber nur eine historisch be-
stimmte Entwicklungsepoche, welche die in der Produktion eines
Gebrauchsdinges verausgabte Arbeit als seine ‚gegenständliche’
Eigenschaft darstellt, d. h. als seinen Wert, verwandelt das Ar-
beitsprodukt in Ware*®.“ /

Dasselbe sagt Marx über das Kapital: „„...das Kapital ist kein
Ding, sondern ein bestimmtes, gesellschaftliches, einer bestimm-
ten historischen Gesellschaftsformation angehöriges Produktions-
verhältnis, das sich an einem Ding darstellt und diesem Ding
einen spezifischen gesellschaftlichen Charakter gibt. Das Kapital
ist nicht die Summe der materiellen und produzierten Produk-
tionsmittel. Das Kapital, das sind die in Kapital verwandelten
Produktionsmittel, die an sich so wenig Kapital sind, wie Gold
oder Silber an sich Geld ist*®.“

46 Karl Marx: „Kapital“, Bd. I, S. 1.

47 Eine Zusammenfassung der methodologischen Ansichten von Marx gibt
die öfters von uns zitierte „Einleitung“. Hinsichtlich der historischen und un-
historischen „Bedingungen der Produktion“ faßt Marx seine Gedanken wie
folgt zusammen: „zu resumieren: es gibt allen Produktionsstufen gemeinsame
Bestimmungen, die vom Denken als allgemein fixiert werden, aber die So-
genannten allgemeinen Bedingungen aller Produktion sind nichts
als diese abstrakten Momente, mit denen keine wirkliche geschichtliche Pro-
duktionsstufe begriffen ist.“ (S. XX.)

48 Karl Marx: ‚Kapital‘, Bd. I, S. 28.

4 Karl Marx: Bd. II, 2. Teil, S. 349.
        <pb n="61" />
        Der historische und der unhistorische Gesichtspunkt 53

Es ist interessant, damit die Definition zu vergleichen, die
Böhm-Bawerk für das Kapital gibt:

„Kapital überhaupt nennen wir einen Inbe-
griff von Produkten, dieals Mittel des Güter:
erwerbes dienen. Aus diesem allgemeinen Kapitalbegriff
löst sich als engerer Begriff der des Sozialkapitals ab.
Sozialkapital nennen wir einen Inbegriff von Produkten, die als
Mittel sozialwirtschaftlichen Gütererwerbes dienen;
oder... kurz gefaßt, einen Inbegriff von Zwischen-
produkten”.“

Wir haben es somit hier mit einem völligen Gegensatz der
Ausgangspunkte zu tun. Wo Marx den historischen Charakter
einer gewissen Kategorie als Hauptmerkmal hervorhebt, dort
sehen wir bei Böhm-Bawerk eine Abstrahierung vom historischen
Element; wo es sich bei Marx um historisch-bestimmte Verhält-
nisse zwischen den Menschen handelt, dort treten bei Böhm all-
gemeine Formen der Verhältnisse des Menschen zu den Dingen.
In der Tat, man braucht bloß von den geschichtlich sich ver-
ändernden Verhältnissen der Menschen untereinander zu ab-
strahieren, dann bleiben nur die Verhältnisse zwischen Mensch
und Natur übrig; mit anderen Worten: statt der sozial-histo-
rischen die „natürlichen‘‘ Kategorien. Doch ist es klar, daß die
„natürlichen‘“ Kategorien nicht im geringsten die sozial-histo-
rischen Kategorien erklären können, denn, wie Stolzmann durch-
aus richtig bemerkt, „geben die natürlichen Kategorien nur tech-
nische Möglichkeiten für die Ausbildung von ökonomischen
Phänomenen**.““

Und in der Tat verläuft der Arbeitsprozeß, der Prozeß der
Gütererzeugung und -verteilung immer in bestimmten geschicht-
lich, verschiedenen Formen, die allein bestimmte sozial-wirt-
schaftliche Phänomene hervorrufen. Es ist doch ein ganz unhalt-

°% Böhm-Bawerk: „Kapital und Kapitalzins‘, 1909, Bd. II, Teil 1, S. 54
u. 55. Struve, der die Marxsche Schule durchgemacht, vertritt gleichfalls
diesen äußerst oberflächlichen Standpunkt: „Das reine Wirtschaften —
Schreibt er — kennt auch solche Kategorien, wie Produktionskosten, Kapital,
Profit, Rente“ (l. c. S. 17); dabei versteht er unter reinem Wirtschaften „das
ökonomische Verhältnis des Wirtschaftssubjektes zur Außenwelt‘ (ibid.).
Eine feinere Variante von ähnlichen Gedanken nimmt ihren Ausgangspunkt
von Rodbertus, der zwischen dem logischen und dem historischen
Kapitalbegriff unterscheidet. In Wirklichkeit bedeutet eine derartige Termino-
logie eine Verhüllung der apologetischen Töne der bürgerlichen Oekonomisten,
denn ihrem Wesen nach ist sie völlig überflüssig, da man für die „logischen
Kategorien“ einen Terminus hat, wie Produktionsmittel. Ausführliches darüber
weiter unten, bei der Analyse der Profittheorie.

5 R. Stolzmann: „Der Zweck usw.“ S. 131.
        <pb n="62" />
        54 Die methodologischen Grundlagen d. Grenznutzentheorie u. d. Marxismus

barer Standpunkt, wenn man, wie es „Oberst Torrens“ und auch
Böhm-Bawerk tun, im „Steine des Wilden — den Ursprung des
Kapitals‘ und in dem Wilden — den Kapitalisten sieht. Erst
als auf der Grundlage der Warenproduktion”® die Produktions-
mittel von einer einzigen Klasse als Eigentum monopolisiert und
dem Eigentum der Arbeiter, der einzigen in ihrem Besitz ver-
bleibenden Ware — der Arbeitskraft — entgegengestellt werden,
erst dann entsteht das eigentliche Phänomen, das man Kapital
nennt, folglich kann auch erst dann der „Profit des Kapitalisten“
entstehen. Dasselbe gilt für die Rente. Die Tatsache des ver-
schiedenen Bodenertrages bei verschiedenen Bodenparzellen allein
oder, wie die berühmte Formel lautet: „Das Gesetz des abnehmen-
den Bodenertrages‘‘ würde keinesfalls (selbst wenn es in der
Form existierte, in der es die radikalsten Malthusianer vertreten)
die Erscheinung der Grundrente verursachen. Sie entsteht erst
dann, als auf der Grundlage der Warenproduktion der Grund und
Boden von der Klasse der Grundeigentümer als Eigentum mono-
polisiert wird. Was den Unterschied im Ertrag der verschiedenen
Parzellen und das besagte „Gesetz‘ anbetrifft, so spielen sie ledig-
lich die Rolle der technischen Bedingungen, indem sie das soziale
Phänomen, nämlich die Rente, überhaupt erst möglich
mach en**. Deshalb sind auch die Klagen Böhms über manche
seiner Kritiker, denen er vorwirft, daß sie das „Wesen der Sache‘
nicht von der „Erscheinungsform“‘“ unterscheiden, unbegründet.
Das Wesen des Kapitals besteht nicht darin, daß es der „In-
begriff von Zwischenprodukten‘ ist (was doch das „Wesen“
der Produktionsmittel ist), sondern darin, daß es ein eigenartiges
gesellschaftliches Verhältnis darstellt, das eine Reihe von Ööko-
nomischen Erscheinungen zur Folge hat, die anderen Epochen
vollständig fremd blieben. Man kann natürlich sagen, daß das

52 In dem ersten Stein, den der Wilde auf die Bestie wirft, die er ver-
folgt, in dem ersten Stock, den er ergreift, um die Frucht niederzuziehen, die
er nicht mit den Händen fassen kann, sehen wir die Aneignung eines Ar-
tikels, zum Zweck der Erwerbung eines anderen und entdecken so — den
Ursprung des Kapitals.‘ (R. Torrens: „An Essay on the Production of Wealth“
usw., S. 70, 71.) (Siehe Karl Marx: „Kapital“, Bd. 1, S. 147, Anm.) Die Böhm-
Bawerksche Definition des Kapitals als den „Inbegriff von Zwischenpro-
dukten‘“ deckt sich folglich mit der Ansicht von Torrens, die Marx bereits
in seinem ersten Bande des Kapitals verspottete (vgl. Böhm-Bawerk: „Kapital
und Kapitalzins‘“, Bd. 2, Teil 1, S. 587.

53 Dies lassen oft die Kritiker Marx’ außer acht. Siehe z. B.: Fr. Oppen-
heimer: „Die soziale Frage und der Sozialismus‘, besonders der Abschnitt:
Robinson — Kapitalist.

54 Vgl. Stolzmann, 1. c. S. 26, und John Keynes, 1. c. S. 66: „... selbst das
Gesetz des abnehmenden Bodenertrages kann, als natürliche Erscheinung be-
trachtet, streng genommen, nicht als ökonomisches Gesetz angesehen werden.“
        <pb n="63" />
        Der historische und der unhistorische Gesichtspunkt dd
Kapital eine Erscheinungsform der Produktionsmittel in der
gegenwärtigen Gesellschaft ist, doch darf nicht behauptet werden,
daß das moderne Kapital die Erscheinungsform des Kapitals
schlechthin und dieses mit den Produktionsmitteln identisch ist.

Einen historischen Charakter besitzt auch das Wertphänomen.
Wenn man sogar die individualistische Methode der österreichi-
schen Schule als richtig anerkennt, und versucht, aus dem „sub-
jektiven Wert“, d. h. aus individuellen Wertschätzungen der
einzelnen Personen den Wert schlechthin abzuleiten, so ist auch
in diesem Falle der Umstand zu berücksichtigen, daß in der mo-
dernen Wirtschaft die Psyche des „Produzenten‘‘ einen ganz
anderen Inhalt hat als die des Produzenten in der Naturalwirt-
schaft (und insbesondere als die Psyche eines „am Bache sitzen-
den‘ oder in der Wüste hungernden Menschen). Der moderne
Kapitalist, gleichgültig, ob er Vertreter des Industrie- oder des
Handelskapitals ist, interessiert sich ganz und gar nicht für den
Gebrauchswert der Produkte: er „arbeitet‘‘ mit Hilfe gedungener
„Hände‘‘ ausschließlich des Profits wegen, ihn interessiert nur
der Tauschwert.

Daraus ist ersichtlich, daß sogar das Grundphänomen der
politischen Oekonomie, nämlich das des Wertes, nicht mit dem
für alle Zeiten und Völker gemeinsamen Umstand, daß die Güter
irgendein menschliches Bedürfnis befriedigen, erklärt werden
kann. Dies ist aber die „Methode‘‘ der österreichischen Schule®?,

Und so kommen wir zum Schluß, daß die österreichische
Schule sich auf völlig falschem methodologischen Wege befindet,
indem sie von den Besonderheiten des Kapitalismus abstrahiert.
Eine politische Oekonomie, die die sozial-ökonomischen Verhält-
nisse, d. h. die Beziehungen zwischen den Menschen erklären
will, muß eine geschichtliche Wissenschaft sein. „Wer die poli-
tische Oekonomie Feuerlands — bemerkt Engels treffend und
bissig — unter dieselben Gesetze bringen wollte mit der des
heutigen Englands, würde damit augenscheinlich nichts zutage
fördern als den allerbanalsten Gemeinplatz®®.‘“ Diese „Gemein-
plätze‘ können auf einem mehr oder weniger geistreichen Funda-

5 „Den Ausgangspunkt, die Grundlage des ‚Systems‘ bildet die Analyse

der elementaren Erscheinungen des Gesamtgebietes der ökono-
mischen Betätigung des Menschen in abstracto, abgesehen also von Be-
sonderheiten der sozialen Beziehungen.“ (Emil Sax: „Das Wesen und die Auf-
gaben der Nationalökonomie“, S. 68.)
“8 Fr. Engels: „Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft“,
III. Aufl., Stuttgart 1894, S. 150. Der unhistorische Charakter des Objektivis-
mus der „Mathematiker“ und „Anglo-Amerikaner‘‘ bringt sie zu einer rein
mechanischen Auffassung, bei der in Wirklichkeit keine Gesellschaft besteht,
sondern nur sich bewegende Dinge.

= FF
        <pb n="64" />
        56 Die methodologischen Grundlagen d. Grenznutzentheorie u. d. Marxismus
ment aufgebaut werden, doch kann auch dies nicht die zuvor
ausgeschalteten Besonderheiten der kapitalistischen Gesellscharıs-
ordnung erklären. Und so ist die hypothetische „Wirtschaft“, die
Böhm-Bawerk „aufbaut“, und deren „Gesetze“ er untersucht,
so entfernt von unserer sündhaften Wirklichkeit, daß sie nicht
mehr an ihr gemessen werden kann.

Dies kommt auch den Schöpfern der neuen Richtung einiger-
maßen zum Bewußtsein. So schreibt z. B. Böhm-Bawerk in der
letzten Ausgabe seines „Kapital‘: „Insbesondere hätte ich gerne
eine Lücke ausgefüllt ..., es handelt sich um die Untersuchung,
was die Einflüsse der sogenannten ‚sozialen Kategorie‘, was die
aus den sozialen Einrichtungen stammenden Macht- und Gewalt-
verhältnisse ... bedeuten und vermögen... Dieses Kapitel der
Sozialökonomie ist noch nicht befriedigend geschrieben wor-
den... Auch von der Grenzwerttheorie nicht”.“ -

Man kann freilich im voraus sagen, daß dieses „Kapitel“ von
den Vertretern der Grenzwerttheorie „befriedigend‘ nicht ge-
schrieben werden kann, da sie die „soziale Kategorie“ nicht als
einen organischen Bestandteil der „rein ökonomischen Kategorie‘
betrachten, sondern in ihr eine äußere, jenseits der Oekonomik
stehende Größe sehen.

Im Gegensatz zu Böhm bemerkt Stolzmann, einer der Ver-
treter der „sozial-organischen‘“ Methode, auf den wir uns hier
wiederholt berufen haben: „Der ‚Objektivismus‘ tritt damit in
ein neues Stadium, er wird nicht nur sozial, er wird ‚historisch‘;
es bleibt keine Kluft mehr zwischen der systematisch-logischen
und der historisch-realistischen Forschung, das Arbeitsfeld wird
für beide gemeinsam, sie haben beide die Erkenntnis der ge-
schichtlichen Wirklichkeit zum Gegenstand®.“ Doch diese
Aufgabe, die abstrakte klassische Methode mit dem „Objek-
tivismus‘“ und dem „Historismus‘“ zu verbinden, wurde bereits,
und zwar ohne jede ethische Verbrämung, lange vor Stolzmann
von Karl Mar«x gelöst.

Und so schreitet auch hierin die „veraltete“ Theorie des Prole-
tariats allen anderen voran®.

57 Vorwortzur dritten Auflage des „Kapital und Kapitalzins“, Bd. II, S. XVI
bis XVII.

® R. Stolzmann 1. c. Vorwort S. 2. Vgl. damit R. Liefmann
I. c. S. 5: „die sogenannte soziale Betrachtungsweise ... schon vor einem
halben Jahrhundert von Karl Marx ... angewandt worden ist.‘ Gleichzeitig
hebt Liefmann die Besonderheiten der Marxschen Methode durchaus zu-
treffend hervor.

5 Stolzmann hält es für notwendig, die sozialen Phänomene als
Sozial-ethische zu betrachten. Dabei vermengt er die Ethik als Gesamtheit
        <pb n="65" />
        Der Gesichtspunkt der Produktion u. d. Gesichtspunkt der Konsumtion 57

3. DER GESICHTSPUNKT DER PRODUKTION UND DER GESICHTSPUNKT
DER KONSUMTION

„Die erste theoretische Behandlung der modernen Produk-
tionsweise — schreibt Marx — ...ging notwendig aus von den
oberflächlichen Phänomenen des Zirkulationsprozesses... Die
wirkliche Wissenschaft der modernen Oekonomie beginnt erst, wo
die theoretische Betrachtung vom Zirkulationsprozeß zum Pro-
duktionsprozeß übergeht‘.‘““ Umgekehrt macht Böhm-Bawerk und
die gesamte Österreichische Schule die Konsumtion zum Aus-
gangspunkt ihrer Analyse.

Während Marx die Gesellschaft vor allem als „Produktions-
organismus‘® und die Wirtschaft als „Produktionsprozeß‘‘ be-
trachtet, tritt die Produktion bei Böhm-Bawerk völlig in den
Hintergrund; an erster Stelle steht bei ihm die Analyse der Kon-
sumtion, der Bedürfnisse und Wünsche des Wirtschaftssub-
von Normen, von deren Standpunkt aus die ökonomische Wirklichkeit be-
trachtet wird, und die Ethik als eine Tatsache, die in Zusammenhang mit der
Tatsache der ökonomischen Erscheinungen steht. Von der politischen Oeko-
nomie als einer ethischen Wissenschaft im ersten Falle zu sprechen, würde
nichts geringeres bedeuten, als diese Wissenschaft in Rezepte zu verwandeln;
wollte man im zweiten Falle dem Beispiel Stolzmanns folgen, so könnte man
auch mit demselben Recht von der politischen Oekonomie als von einer
philologischen Wissenschaft sprechen, und zwar wäre der „zureichende Grund“
dafür der, daß die Erscheinungen der Sprache ebenfalls in einem Zusammen-
hang mit dem Wirtschaftsleben stehen. Wie groß die Abgeschmacktheit der
„Ethik“ der Herren „Kritiker“ mitunter ist, zeigt z. B. folgende Stelle: „Der
Lohn bedeutet eine moralische Größe“ (S. 198, Sperrdruck vom Ver-
fasser). Er wird nicht nur durch Sitte und Recht bestimmt, „sondern auch
durch die Stimme des Gewissens und den Zwang von innen, d. h. durch den
eigenen Imperativ des Herzens“ (S. 198). Aehnliche sauersüße Betrachtungen
begegnen uns noch mehr (vgl. S. 199, 201 u. a.). Der „praktische Verstand‘
des Herrn Stolzmann veranlaßt ihn, die Menschen vor der Umarmung des
Sozialismus zu schützen (siehe S. 17). Zu diesem Zweck ist er nicht abgeneigt,
auch Demagogie zu treiben: „Freilich‘‘ — führt Stolzmann gegen die Marxisten
aus — „ist es bei weitem einfacher und minder verantwortlich, sich auf die
Diskreditierung des Bestehenden zu beschränken und, indem man den Hun-
gernden Steine statt Brot bietet, sie auf die kommende Umwälzung zu ver-
trösten ... Doch wird der Arbeiter nicht warten wollen‘ usw. — Dieses
Gewäsch ist dem Herrn Geheimrat anscheinend auch vom „Imperativ des
Herzens“ diktiert worden. Insoweit Stolzmann interessant ist, ist er mit der
Marxschen Theorie und Methode verbunden; dagegen kann seine überaus ge-
Schwollene Ethik nur noch die Herren Bulgakow, Frank und Tugan-Bara-
nowsky locken.

% Karl Marx: „Kapital“, Bd. 11,1. Teil; S. 321.
        <pb n="66" />
        58 Die methodologischen Grundlagen d. Grenznutzentheorie u. d. Marxismus
jektes®*. Und so ist es nicht zu verwundern, daß zum Ausgangs-
punkt der Analyse nicht die Wirtschaftsgüter als Produkte ge-
macht werden, sondern ein (a priori) gegebenes Quantum der-
selben, ein „Vorrat“, von dem man nicht weiß, woher er plötz-
lich kommt. Damit wird fernerhin auch die ganze Werttheorie
als der Zentralpunkt des theoretischen Systems vorausbestimmt.
Da der Produktionsfaktor von vornherein ausgeschaltet wird, ist
es klar, daß eine Werttheorie zustandekommen muß, die außer-
halb jeder Produktion liegt. Im Zusammenhang damit steht
auch die eigentümliche Anwendung der Methode der „isolieren-
den Abstraktion“: so läßt Böhm-Bawerk bei der Wertanalyse
seine Robinsons nicht etwa Güter produzieren, sondern dieselben
verlieren, auf sie „verzichten‘‘. Dabei wird die Produktions- oder
Reproduktionsmöglichkeit nicht als ein Phänomen, das vor allem
der Analyse unterliegen muß, sondern als ein erschwerendes
Moment betrachtet“. Es ist deshalb nur folgerichtig, daß der
„Nutzen“ zum Grundbegriff der österreichischen Schule wird, aus
dem dann der Begriff des subjektiven und daraufhin auch des
objektiven Wertes abgeleitet wird. Der Nutzbegriff setzt ja weder
irgendeinen „Arbeitsaufwand“ noch eine Produktion voraus; er
drückt kein aktives, sondern ein rein passives Verhältnis zu den

%1 Aehnlich auch Jevons: „Political Economy must be founded upon a full
and accurate investigation of the conditions of utility: and, to understand this
element, we must necessarily examine the character of the wants and desires
of men. We, first of all, need a theory of the consumption of
wealth‘“ (The theory of politic. economy. London and New York 1871,
S. 46, Sperrdruck vom Verfasser). L. Walras (Etudes d’econ. sociale, p. 51)
zählt zur reinen Oekonomie nur die Betrachtung „de la richesse‘“, während
die Analyse der Produktion nach ihm ins Gebiet der angewandten Oekonomie
(&amp;conomie politique appliquee) fällt. Bei Carver sehen wir eine noch weitere
Annäherung an den Standpunkt der Produktion. Darin ist er mit Marshall
solidarisch: „In other words, economic activities, rather than economic goods
form the subject-matter of the science‘ (XI). An einer anderen Stelle des-
selben Werkes „The distribution of wealth‘‘ ordnet er diese „activities“ fol-
gendermaßen: Produktion, Konsumtion und Wertschätzung. (Production,
consumtion, valuation.) Bei all diesen Autoren finden wir verschiedene Nuan-
cen, die einen Eklektizismus bedeuten, einerseits in bezug auf Marx, anderer-
seits — auf Böhm-Bawerk.

62 Kautsky hat mit seiner Bemerkung recht, daß die österreichische Schule
die Robinsonaden des 18. Jahrhunderts noch dadurch verbesserte, daß sie
Robinson seine Verbrauchsgegenstände nicht durch Arbeit herstellen, sondern
sie ihm vom Himmel fallen läßt. (L. Boudin, 1. c. Vorwort v. Kautsky, S. X.)
Die bekannten Tauschgleichungen von Leon Walras schließen sich vollstän-
dig dem österreichischen Standpunkt an. (Vgl. L. Walras: „Principe d’une
theorie mathematique de l’echange“, S. 9): „Etant donnees les quantite&amp;s des
marchandises, formuler le systeme d’e&amp;quation dont les prix des marchandises
sont les racines,‘“ — so formuliert er seine Aufgabe. Wie der Leser sieht, ist
hier von Produktion ebenfalls nicht die Rede.
        <pb n="67" />
        Der Gesichtspunkt der Produktion u. d. Gesichtspunkt der Konsumtion 59
Dingen aus, keine „gegenständliche Tätigkeit‘, sondern eine ge-
wisse Beziehung zu einem gleichbleibenden Gegebenen. Deshalb
kann auch dieser Nutzbegriff in solchen Beispielen mit Erfolg
angewandt werden, in denen als handelnde Personen „Schiff-
brüchige‘‘, „Kurzsichtige‘‘ auf unbewohnten Inseln, hungernde
„Reisende‘“ und ähnliche Mißgeburten einer Professorenphantasie
erscheinen.

Es ist jedoch klar, daß ein derartiger Gesichtspunkt von vorn-
herein jede Möglichkeit ausschließt, die gesellschaftlichen Phäno-
mene, sowie deren Entwicklung zu begreifen. Die Triebkraft der
letzteren ist das Wachstum der Produktivkräfte, der Produktivi-
tät der gesellschaftlichen Arbeit, die Erweiterung der produktiven
Funktionen der Gesellschaft. Ohne Konsumtion gibt es keine
Produktion — dies steht außer jedem Zweifel: die Bedürfnisse
bilden immer den Beweggrund einer jeden wirtschaftlichen Tätig-
keit. Andererseits wirkt aber auch die Produktion auf das ent-
schiedenste auf die Konsumtion ein. In dreierlei Weise macht
sich nach Marx dieser Einfluß geltend: erstens, indem die Pro-
duktion das Material für die Konsumtion schafft, zweitens,
indem sie ihre Weise, d. h. ihren qualitativen Charakter be-
stimmt, und endlich drittens, indem sie neue Bedürfnisse
schafft®.

So ist der Tatbestand, wenn wir die Wechselbeziehungen
zwischen Produktion und Konsumtion im allgemeinen betrach-
ten, d. h. ohne irgendwelche Beziehung auf eine bestimmte, ge-
schichtlich gegebene Struktur. Bei der Betrachtung des Kapitalis-
mus kommt aber noch ein wichtiges Moment hinzu, und zwar,
mit Marx gesprochen: ‚„,...das ‚gesellschaftliche Bedürfnis‘, d. h.
das, was das Prinzip der Nachfrage regelt, (ist) wesentlich be-
dingt durch das Verhältnis der verschiedenen Klassen zueinander
und durch ihre respektive ökonomische Position, namentlich also
erstens durch das Verhältnis des Gesamtmehrwerts zum Arbeits-
lohn und zweitens durch das Verhältnis der verschiedenen Teile,
worin sich der Mehrwert spaltet (Profit, Zins, Grundrente,
Steuern usw.°. Dieses Verhältnis der Klassen zueinander wird
aber wiederum unter dem Einfluß des Wachstums der Produk-
tivkräfte formiert und verändert.

Und so sehen wir vor allem: die Dynamik der Be-
dürfnissewirddurchdieDynamik der Produk-

%® „Die Produktion produziert die Konsumtion..., 1. indem sie ihr das
Material schafft, 2. indem sie die Weise der Konsumtion bestimmt, 3. indem sie
die erst von ihr als Gegenstand gesetzten Produkte als Bedürfnis im Kon-
sumenten erregt“, Karl Marx: „Einleitung zu einer Kritik usw.“, S. XXV.

Karl Marx: „Kapital“, Bd. III, 1; Teil, 8. 160.
        <pb n="68" />
        60 Die methodologischen Grundlagen d. Grenznutzentheorie u. d. Marxismus
tion bestimmt. Daraus folgt erstens: der Ausgangspunkt bei
der Analyse der Dynamik der Bedürfnisse muß die Dynamik der
Produktion sein. Zweitens: die gegebene Menge von Produkten,
die die Statik in der Produktion voraussetzt, setzt auch die Statik
in der Konsumtion, mit anderen Worten, die Statik im Gesamt-
komplex des ökonomischen, mithin auch des Lebens schlechthin
voraus®,

Gerade die „Entwicklung der Produktivkräfte‘“ stellte Marx
obenan: war doch das Ziel seiner ganzen riesenhaften theoreti-
schen Arbeit, nach seinen eigenen Worten, „das ökonomische
Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen®.“
Doch „das Bewegungsgesetz‘ da zu enthüllen, wo es überhaupt
keine Bewegung gibt, wo ein Quantum von Produkten „vom
Himmel“ fällt, ist ziemlich schwierig®. Deshalb kann von vorn-
herein angenommen werden, daß der Gesichtspunkt der Kon-
sumtion, der dem österreichischen System zugrunde liegt, in
all den Fragen, die die soziale Dynamik betreffen, d. h. die wich-
tigsten Probleme der politischen Oekonomie, sich als völlig un-
fruchtbar erweisen wird. „Wie sich die Technik in einer kapi-
talistischen Gesellschaft entwickelt, — sagt Charasoff, — woher
der kapitalistische Profit stammt — all diese grundlegenden
Fragen sind sie (d. h. die Vertreter der österreichischen Schule.
N. B.) nicht imstande, richtig zu stellen, geschweige denn zu
lösen“®.‘““ In dieser Beziehung sind die Geständnisse eines der
eifrigsten Vertreter der Grenznutzentheorie, Joseph Schumpeter,
interessant. Er hatte den Mut, offen zu erklären, daß in allen

%® Nach Marx ist die Produktion „der wirkliche Ausgangspunkt und darum
auch das übergreifende Moment“ („Einleitung‘“, S. XXVII). Hier ist der Zusam-
menhang der ökonomischen Theorie von Marx mit seiner soziologischen
Theorie klar ausgesprochen (dies zur Kenntnisnahme für diejenigen, die es
für möglich halten, sich mit der einen Seite der Marxschen Lehre „einver-
standen‘ zu erklären, die andere aber zu verwerfen).

% Karl Marx: „Kapital“, Bd. I, S. XIII.

%@ Herr Frank begreift nicht, warum die Arbeit aus den übrigen „Pro-
duktionsbedingungen‘“ hervorgehoben wird: Ist doch der Besitz an Grund und
Boden sowie eine bestimmte Verteilungsform der Produkte usw. eine „ewige
Notwendigkeit für den Menschen“. Warum gerade die Arbeit als konsti-
tuierendes Merkmal der ökonomischen Erscheinungen dienen sollte — dies
bleibt völlig unbewiesen. („Die Werttheorie von Marx und ihre Bedeutung“,
S. 147—148.) Die Verteilungsformen stellen eine Größe dar, die von der „Pro-
duktionsart‘“ abgeleitet wird; was nun aber den Grund und Boden anbetrifft,
so können aus dem rein statischen Moment „des Besitzes an Grund und
Boden“ keine Veränderungen, keine Dynamik erklärt werden. |

% G. Charasoff: „Das System des Marxismus“, Berlin 1910, S. 19. Die
bereits erwähnten „Tauschgleichungen‘ von Walras sind statisch. Aehnlich
auch Vilfrado Pareto, Cours d’Economie politique, tome 1 Lausanne, 1896,
P- 10.
        <pb n="69" />
        Ergebnisse 61
Fällen, in denen es sich um Entwicklung handelt, die öster-
reichische Schule nichts zu sagen vermag. „Sodann sehen wir,
daß unser statisches System — sagt er — bei weitem nicht alle
wirtschaftlichen Erscheinungen erklärt, nicht z. B. Zins und
Unternehmergewinn®®.‘“

„... unsere Theorie, soweit sie fest begründet ist, den wich-
tigsten Erscheinungen des modernen Wirtschaftslebens gegenüber
versagt”°.““

„Weiter versagt sie jeder Erscheinung gegenüber, welche
sich... nur vam Standpunkt der Entwicklung verstehen läßt.
Dahin gehören die Probleme der Kapitalbildung und andere, so
besonders das des ökonomischen Fortschritts und der Krisen“*,“

Und so zeigt sich, daß die neueste Theorie der bürgerlichen
„Gelehrten‘“ gerade bei den allerwichtigsten Grundfragen der
Gegenwart versagt. Die riesenhafte und schnelle Kapitalansamm-
lung, die Konzentration und Zentralisation derselben, der unge-
mein rasche technische Fortschritt, endlich die regelmäßige Wie-
derkehr der Industriekrisen — diese spezifisch kapitalistische Er-
scheinung, die das sozial-wirtschaftliche System bis auf die Grund-
lage erschüttert — dies alles ist, nach dem Geständnis Schum-
peters, „ein Buch mit sieben Siegeln‘‘. Und gerade auf dem Gebiete,
auf dem das Denken des gelehrten Bourgeois halt macht, leistet
die Marxsche Theorie besonders viel, soviel, daß die verstümmel-
ten Teile der Marxschen Lehre selbst bei den grimmigsten Feinden
des Marxismus mitunter als das letzte Wort der Weisheit gelten”?,

4. ERGEBNISSE

Wir untersuchten bisher die drei falschen Ausgangspunkte
der Österreichischen Schule: den Subjektivismus, den unhisto-
rischen Gesichtspunkt und den Gesichtspunkt der Konsumtion.
Diese drei logischen Ausgangspunkte, die mit den drei psychi-
schen Grundeigenschaften des Bourgeois-Rentners zusammen-
hängen, ziehen die drei Grundfehler der Theorie der österreichi-
schen Schule unvermeidlich nach sich, die sich in den verschie-
denen Teilen des allgemeinen theoretischen „Systems“ immerfort
wiederholen: es sind die „fehlerhaften Kreise‘, die mit der sub

%® Josef Schumpeter: „Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen
Nationalökonomie‘, Leipzig 1908, S. 564.

%. 1b. 5.587.

7. Ib. 8. 587.

R Das gilt z. B. auch von Tugan-Baranowsky, der als „Autorität“ auf dem
Gebiete der Krisentheorie angesehen wird.
        <pb n="70" />
        62 Die methodologischen Grundlagen dd. Grenznutzentheorie u. d. Marxismus.
jektivistischen Methode zusammenhängen; ferner das Unver-
mögen, die spezifisch historischen Formen des Kapitalismus zu
erklären, was seinen Ursprung in dem unhistorischen Gesichts-
punkt hat, und endlich der völlige Bankrott in sämtlichen Pro-
blemen der ökonomischen Entwicklung — ein Bankrott, der
notwendigerweise mit dem Gesichtspunkt der Konsumtion zu-
sammenhängt. Es wäre jedoch falsch, anzunehmen, daß alle diese
„Motive“ unabhängig voneinander wirken; sowohl die psychi-
schen als auch die logischen Komplexe stellen komplizierte
Größen dar, in denen verschiedene Elemente sich verschieden-
artig verbinden und verschmelzen, wobei sich die Wirkung der-
selben je nach den anderen begleitenden Elementen bald stärker,
bald schwächer nach außen kundgibt.

Deshalb wird jeder konkrete Fehler, der sich bei der weite-
ren eingehenden Analyse der Theorie Böhm-Bawerks zeigen wird,
sich nicht nur auf ein „Denkmotiv‘“ der neuen Theoretiker der
Rentner stützen, sondern auf mehrere zugleich. Doch hindert
dies uns nicht, aus der Reihe der zusammenhängenden Momente
die drei Grundmomente hervorzuheben, die in ihrer verschiede-
nen Zusammensetzung eine Quelle der unzähligen „Mißgriffe‘‘
Böhm-Bawerks bilden. Diese „Mißgriffe‘ zeugen zugleich von
der völligen Unfähigkeit der Bourgeoisie des fin de siecle zum
theoretischen Denken.
        <pb n="71" />
        IL KAPITEL
DIE WERTTHEORIE

1. Die Bedeutung des Wertproblems.

2, Der subjektive und der objektive Wert.

3. Nutzen und Wert.

4. Das Maß des Wertes und der Einheitswert.

1. DIE BEDEUTUNG DES WERTPROBLEMS

Das Problem des Wertes gehört zu den grundlegenden Fragen
der politischen Oekonomie, seit deren Entstehung bis auf unsere
Zeit. Alle anderen Fragen, wie Arbeitslohn, Kapital, Rente, Akku-
mulation des Kapitals, der Kampf zwischen Groß- und Klein-
betrieb, Krisen usw. gehen direkt oder indirekt auf diese Grund-
frage zurück.

„Die Lehre vom Wert steht sozusagen im Mittelpunkt der
gesamten nationalökonomischen Doktrin‘*, bemerkt mit Recht
Böhm-Bawerk. Das ist ja auch begreiflich. Für die Warenproduk-
tion im allgemeinen und die kapitalistische Warenproduktion,
deren Kind die politische Oekonomie ist, im besonderen bildet der
Preis, mithin also auch die Norm desselben — der Wert — die
grundlegende allumfassende Kategorie. Die Warenpreise regulieren
die Verteilung der Produktivkräfte der kapitalistischen Gesell-
schaft, die Tauschform, die die Preiskategorie voraussetzt, ist die
Verteilungsform des gesellschaftlichen Produktes unter die ver-
schiedenen Klassen.

Die Bewegung der Preise führt zu einer Anpassung des An-
gebots von Waren an die Nachfrage, da durch das Steigen und
Fallen der Profitrate das Kapital aus dem einen Produktions-
zweig in den anderen strömt; niedrige Preise bilden die Waffe,
mit der der Kapitalismus sich seinen Weg bahnt und schließlich
die Welt erobert, mit niedrigen Preisen verdrängt das Kapital
das Handwerk und der Großbetrieb den Kleinbetrieb.

In der Form des Kauf es der Arbeitskraft, d. h. in der Form
eines Preisverhältnisses, vollzieht sich der Vertrag zwischen dem

1 Böhm-Bawerk: „Grundzüge der Theorie des wirtschaftlichen Güter-
werts‘, S. 8.
        <pb n="72" />
        64 Die Werttheorie

Kapitalisten und dem Arbeiter, — die erste Bedingung für die
Bereicherung des Kapitalisten. Der Profit, d. h. der Geldwert-
ausdruck, keinesfalls aber der „natürliche‘‘ Ausdruck des Mehr-
produkts, ist das treibende Motiv der modernen Gesellschaft; eben
darauf beruht der ganze Prozeß der Kapitalakkumulation, der
die alten Wirtschaftsformen zerstört und sich in seiner Entwick-
lung scharf von ihnen abhebt, als eine durchaus spezifische
historische Phase der wirtschaftlichen Evolution usw. usw. Des-
halb hat das Wertprobleme immer wieder die Aufmerksamkeit der
Theoretiker der Oekonomie in viel höherem Maße auf sich ge-
zogen als jedes andere Problem der politischen Oekonomie:
Smith, Ricardo, Marx — sie alle machten die Wertanalyse zur
Grundlage ihrer Forschungen“. Auch die österreichische Schule
machte die Wertlehre zum Eckstein ihrer Theorie: sofern sie
sich gegen die Klassiker und Marx wandte und ihr eigenes theo-
retisches System schuf, hatte sie sich hauptsächlich mit dem
Wertproblem zu beschäftigen.

Und so kommt es, daß die Lehre vom Wert in Wirklichkeit
noch immer im Mittelpunkt der gegenwärtigen theoretischen Dis-
kussionen steht, obwohl bereits Mill sie in der Hauptsache für
abgeschlossen hielt*. Im Gegensatz zu Mill glaubt Böhm-Bawerk,
daß die Lehre vom Wert „eine der unklarsten, verworrensten
und strittigsten Partien unserer Wissenschaft‘“* blieb; dennoch
hofft er, daß die Forschungen der österreichischen Schule diesem
Zustand. der Wissenschaft eine Ende machen werden. „Durch
einige Bearbeitungen der jüngeren und jüngsten Zeit — meint

? „Bei einem Gesellschaftszustande ... wo das System der Erwerbstätigkeit
gänzlich auf Kaufen und Verkaufen beruht ... ist die Frage vom Werte
fundamental. Fast jede Ansicht in bezug auf die kommerziellen Interessen
einer so konstituierten Gesellschaft schließt irgendeine Theorie des Wertes in
sich, der geringste Irrtum in dieser Beziehung verbreitet den entsprechenden
Irrtum über alle unsere anderen Schlußfolgerungen‘ (Stuart Mill „Grundsätze
der politischen Oekonomie“, übers. von Soetbeer, 3. Aufl., 1869, Bd. II, S. 10).

Freilich wurden in letzter Zeit, angeregt durch Herrn Struve, Stimmen laut,
nach denen das Wertproblem in keinem Zusammenhang mit dem Verteilungs-
problem stehe, während Ricardo z. B. das Wertproblem zum Grundpro-
blem der politischen Oekonomie zählt. (Siehe „Grundgesetze der Volkswirt-

haft‘.
X N Dieselbe Ansicht vertritt auch Tugan-Baranowsky, wenn auch seine „Ver-
teilungstheorie‘“ durchaus das gewichtigste Argument gegen diese „Neuerung“
ist. Struve gibt der Frage eine logisch reinere Form, die die Aufstellung einer
Verteilungstheorie unmöglich macht.

Dasselbe gilt für Schaposchnikow. (Siehe seine „Wert- und Verteilungs-
theorie“, Moskau 1912, S. 11.)

3 J. Stuart Mill 1. c. S. 109.

* Böhm-Bawerk: „Grundzüge usw.‘“, S. 8.
        <pb n="73" />
        Die Bedeutung des Wertproblems GY
er — scheint mir in die wogende Gährung endlich der lösende
Gedanke gebracht zu sein, von dessen fruchtbarer Entwicklung
die volle Klärung zu erwarten ist°.“

Im folgenden wollen wir versuchen, diesen „erlösenden Ge-
danken‘‘ einer gebührenden Kritik zu unterziehen; zunächst sei
jedoch folgendes bemerkt: Sehr oft weisen die Kritiker der öster-
reichischen Schule darauf hin, daß diese Wert und Gebrauchs-
wert vermenge, ferner, daß ihre Lehre eher ins Gebiet der
Psychologie als in das der politischen Oekonomie falle usw. An
und für sich ist dies richtig. Trotzdem darf man sich, wie es uns
scheint, nicht auf solche Erklärungen beschränken. Vielmehr
muß man zunächst sich auf den Standpunkt der Vertreter der
österreichischen Theorie stellen, das gesamte System in seinem
inneren Zusammenhang begreifen, und dann erst seine Wider
sprüche und Unzulänglichkeiten aufdecken, die aus den grund -
legenden Fehlern hervorgehen. So gibt es z. B. eine Anzahl
verschiedener Definitionen des Wertes. Die Definition Böhm-
Bawerks muß sich notgedrungen von der Marxschen unter-
scheiden. Es genügt aber nicht, schlechthin zu erklären, daß
Böhm-Bawerk das Wesen der Sache nicht treffe, d. h. er be-
handele überhaupt nicht das, was behandelt werden müsse; viel-
mehr muß gezeigt werden, warum man nicht so verfahren
darf. Ferner muß bewiesen werden, daß die von der betreffen-
den Theorie gemachten Voraussetzungen entweder zu wider-
sprechenden Konstruktionen führen, oder überhaupt eine Reihe
wichtiger ökonomischer Erscheinungen weder erfassen noch er-
klären.

Aber wo ist in diesem Falle der Ausgangspunkt für eine
Kritik überhaupt? Wenn der Wertbegriff selbst bei den verschie-
denen Richtungen völlig verschieden ist, d. h. wenn der Wert-
begriff bei Marx gar keine Berührungspunkte mit dem bei Böhm-
Bawerk hat, wie ist dann eine Kritik überhaupt noch möglich?
Hier kommt uns jedoch folgender Umstand zu Hilfe: Mögen die
Wertdefinitionen noch so verschieden, ja mitunter geradezu ent-
gegengesetzt sein, dennoch haben sie alle auch etwas Gemein-
sames, und zwar besteht es darin, daß der Wert als
Tauschnorm gedacht wird, daß der Wertbegriff zur Er-
klärung des Preises*® dient. Freilich, mit der Erklärung der

$-JbeS. 18.

° Die einzige Ausnahme bildet die Werttheorie von Struve, der den
Wert auf einen statistisch berechneten Preisdurchschnitt zurückführt. Doch
bedeutet dies in Wirklichkeit die Vernichtung jeglicher Theorie.

Bulgakow seinerseits wirft in seiner „Wirtschaftsphilosophie‘‘ Marx
vor, er habe das Problem der Arbeit und deren Rolle „von der prinzipiellen

Wa
        <pb n="74" />
        66 Die Werttheorie

Preise allein ist es nicht getan, oder richtiger gesagt, man darf
sichnicht auf die Erklärung der Preise beschränken, dennoch
bildet die Werttheorie unmittelbar die Grundlage für eine
Theorie des Preises. Wenn die betreffende Wertlehre die
Preisfrage ohne innere Widersprüche löst, so ist sie richtig;
wenn nicht, muß sie abgelehnt werden.

Von diesen Erwägungen ausgehend, wollen wir uns der Kritik
der Böhm-Bawerkschen Theorie zuwenden.

Im vorhergehenden Abschnitt sahen wir, daß der Preis nach
Böhm als Ergebnis individueller Schätzungen aufzufassen ist.
Dementsprechend zerfällt seine „Lehre“ in zwei Teile: der erste
Teil untersucht die Gesetze der Bildung der individuellen
Schätzungen — ‚die Theorie des subjektiven Wertes‘; der zweite
Teil untersucht die Gesetze der Entstehung ihrer Resultante —
„die Theorie des objektiven Wertes“.

2. DER SUBJEKTIVE UND DER OBJEKTIVE WERT. DEFINITIONEN

Wir wissen bereits, daß nach den Ansichten der subjektivisti-
schen Schule die Grundlage der sozialökonomischen Erscheinun-
gen in der individuellen Psychologie der Menschen zu suchen
ist; beim Preis drückt sich dies darin aus, daß die Analyse des
Preises auf die der individuellen Schätzungen zu-
rückzuführen ist. Vergleicht man die Böhmsche Art der Behand-
lung der Wertfrage mit der von Marx, so wird der prinzipielle
Unterschied zwischen beiden sofort klar: bei Marx bildet der
Wertbegriff den Ausdruck für den sozialen Zusammenhang
zweier sozialer Erscheinungen, nämlich zwischen der Pro-
duktivität der Arbeit und dem Preise; dabei ist dieser Zusammen-
hang in der kapitalistischen Gesellschaft (im Gegensatz zur ein-
fachen Warenwirtschaft) komplizierter Natur‘. Bei Böhm ist der
Wertbegriff der Ausdruck für den Zusammenhang zwischen der
sozialen Erscheinung des Preises und der individuell-
Höhe in die merkantile Praxis auf dem Markt‘ übertragen (106); dies sei
nichts anderes als ein pseudo-prinzipieller Standpunkt — die Kehrseite der
Vulgarität. Derselbe „Kritiker‘“ schreibt: „... ist eine allgemeine Theorie der
kapitalistischen Wirtschaft von Nutzen? Ich glaube, ja ... Doch kann man
auch denselben Nutzen von den einzelnen Theorien — des Wertes, des Profits,
des Kapitals annehmen? ... Ich glaube, nein ...‘“ (289). Der tiefsinnige
Herr Professor glaubt also, daß es möglich sei, eine allgemeine Theorie des
Kapitalismus zu geben, ohne eine Theorie „des Wertes, des Profits, des
Kapitals“.

7 Wir verstehen darunter die Tatsache, daß die Preise mit dem Wert
nicht zusammenfallen, ja nicht einmal sich um den Wert herumbewegen,
sondern sich den sogenannten ‚„Produktionspreisen‘“ nähern.
        <pb n="75" />
        Der subjektive und der objektive Wert. Definitionen 47
psychologischen Erscheinung der einzelnen Wertschätz-
ung.

Die einzelne Wertschätzung setzt ein schätzendes Subjekt und
ein abzuschätzendes Objekt voraus; das Ergebnis der Beziehun-
gen zwischen denselben, das ist der subjektive Wert der öster-
reichischen Schule. Der subjektive Wert ist somit keine be-
sondere Eigenschaft, die den Gütern als solcher anhaftet, viel-
mehr ist er ein bestimmter psychischer Zustand des wert-
schätzenden Subjekts selbst. Sprechen wir von einem Ding, so
meinen wir seine Bedeutung für ein gegebenes Subjekt. Also:
„Wertimsubjektiven Sinneist die Bedeutung,
die ein Gut oder ein Güterkomplex für die Wohl-
fahrtszwecke eines Subjekts besitzt!.“ Soweit
die Definition des subjektiven Wertes.

Etwas anderes ist der objektive Wertbegriff Böhm-
Bawerks: „Wert in objektivem Sinne heißt! da:
gegen die Kraft oder Tüchtigkeit eines Gutes
zur HerbeiführungirgendeinesobjektivenEr-
folges. In diesem Sinne gibt es so viele Arten des Wertes,
als es äußere Erfolge gibt, auf die man sich beziehen will. Es
gibt einen Nährwert der Speisen, einen Heizwert von Holz und
Kohle, einen Dungwert der verschiedenen Düngemittel, einen
Sprengwert der Explosionsstoffe usw. In allen diesen
Ausdrucksweisen ist aus dem Begriffe des
‚Wertes‘ jede Beziehung auf das Wohl und
Weheeines Subjekts verbannt’.“ (Letzter Sperrdruck
vom Verfasser.)

Zu dieser Art von objektiven Werten, die in bezug auf das
„Wohl und Wehe des Subjekts‘ neutral sein sollen, zählt Böhm-
Bawerk auch Werte von wirtschaftlichem Charakter, wie
„Tauschwert‘“, „Ertragswert‘, „Produktionswert‘, ‚„Mietwert“
und ähnliche. Die größte Bedeutung kommt darunter dem ob-
jektiven Tauschwert zu. Darunter ist nach Böhm-Bawerk

® Böhm-Bawerk: „Grundzüge usw.“, S. 4.

Aehnlich K. Menger: „Der Wert ist ... nichts den Gütern Anhaftendes,
keine Eigenschaft derselben, sondern vielmehr lediglich jene Bedeutung,
welche wir zunächst der Befriedigung unserer Bedürfnisse, bzw. unserem
Leben und unserer Wohlfahrt beilegen und in weiterer Folge auf die öko-
nomischen Güter, als die ausschließenden Ursachen derselben, übertragen.“
(„Grundsätze der Volkswirtschaftslehre‘“, Wien 1871, S. 81, Fußnote.) „Der
Wert ist ein Urteil“ (ib. S. 86). Vgl. Wieser, der in seinem „Ursprung
des Wertes‘ (S. 79), den Wert als ein menschliches Interesse auffaßt, das als
Zustand eines Dinges gedacht wird.

9 Böhm-Bawerk: „Grundzüge usw.“, S. 4. Vgl. auch sein „Kapital ‚und
Kapitalzins‘“, Bd. II, 2. Aufl., Innsbruck 1909, S. 214.

x

&amp;
x
        <pb n="76" />
        Die Werttheorie

zu verstehen: ‚„„...die objektive Geltung der Güter
im Tausch, oder mit anderen Worten, die Möglich-
keit, fürsieim Austausch eine Quantitätande-
rer wirtschaftlicher Güter zu erlangen, diese
Möglichkeit als eine Kraft oder Eigenschaft
der ersteren Güter gedacht.“ So der Begriff des
objektiven Tauschwertes.

Die letzte Definition ist ihrem Wesen nach weder zutreffend
noch wäre sie richtig, wenn Böhm-Bawerk seinen Standpunkt
konsequent durchgeführt hätte. Der Tauschwert der Güter wird
hier als „ihre objektive Eigenschaft‘ in eine Linie mit den phy-
sischen und chemischen Eigenschaften der Güter gestellt; anders
gesagt: „der Nutzeffekt‘“ im technischen Sinne des Wortes
wird mit dem ökonomischen Begriff des Tauschwerts
identifiziert. Dies ist eben der Standpunkt des groben Waren-
fetischismus, der für die ‚vulgäre politische Oekonomie so
bezeichnend ist; in Wirklichkeit „hat die Warenform und das
Wertverhältnis der Arbeitsprodukte, worin sie sich darstellt, mit
ihrer physischen Natur und den daraus entspringenden ding-
lichen Beziehungen absolut nichts zu schaffen**.“

Vom Standpunkt Böhm-Bawerks selbst kann seine Behaup-
tung im Grunde genommen auch nicht aufrecht erhalten werden.
Wenn der objektive‘ Wert nichts anderes als ein Ergebnis der
subjektiven Wertschätzungen ist, so darf er nicht mit den che-
mischen und physischen Eigenschaften der Güter in eine Linie
gestellt werden; vielmehr ist er grundsätzlich von ihnen verschie-
den: Er enthält auch kein „Atom Materie“, da er von immateriel-
len Elementen abstammt und gebildet wird, wie dies der Fall bei
den individuellen Wertschätzungen der verschiedenen ',,Wirt-
schaftssubjekte‘“ ist. Mages noch so sonderbar klingen, wir
müssen trotzdem konstatieren, .daß der reine „Psychologismus“,
der für die österreichische Schule und Böhm-Bawerk so. bezeich-
nend ist, sich mit dem vulgären, extrem-materialistischen Feti-
schismus, also mit einem, dem Wesen nach sehr naiven und un-
kritischen Standpunkt, vertragen kann. Böhm-Bawerk protestiert
zwar gegen eine Auffassung des subjektiven Werts, nach
der dieser den Gütern als solchen, ohne Beziehung derselben zum
wertschätzenden Subjekt, anhaften soll, stellt aber selbst bei der
Definition des objektiven Wertbegriffs diesen auf eine Stufe mit

10 Böhm-Bawerk: „Grundzüge usw.“, S. 5.

Eine andere Terminologie gebraucht K. Menger. (Siehe seine „Grundsätze“,
S. 214-—15.)

11 Karl Marx: „Kapital“, Bd. TI, S. 39.

68
        <pb n="77" />
        Nutzen und Wert (subjektiver) 9
den in bezug auf das „Wohl und Wehe des Subjekts‘* neutralen
technischen Eigenschaften der Dinge und vergißt dabei, daß da-
mit der genetische Zusammenhang zwischen dem subjektiven und
objektiven Wert verloren geht, den doch seine eigene Theorie
voraussetzt**, nn .

Wir haben also zwei Wertkategorien: die eine stellt eine
grundlegende, die andere eine abgeleitete Größe dar. Daher ist
es notwendig, zuerst die Theorie des subjektiven Wertes zu
prüfen. Dazu kommt, daß gerade in diesem Teil der Theorie die
meisten originellen Versuche unternommen wurden, die Wert-
lehre auf einer neuen Basis aufzubauen.

3. NUTZEN UND WERT (SUBJEKTIVER)

„Der leitende Begriff (der österreichischen Schule) ... ist der

Nutzen**.‘“ Während bei Marx der Nutzen nur die Bedingung
der Entstehung des Wertes ist, seine Höhe aber nicht beeinflußt,
wird bei Böhm-Bawerk der Wert vom Nutzen abgeleitet und
ist der unmittelbare Ausdruck desselben!*.
U Hierzu bemerkt Neumann: „Ob in Analogie zum Kauf- und zum
Ertragswerte in unserer Wissenschaft auch von Heiz-, Nähr-, Dün g-
wert usw. gesprochen werden darf, ist strittig.‘“ („Wirtschaftliche Grund-
begriffe“, Handbuch der Politischen Oekonomie, herausgeg. von Schönberg,
IV. Aufl., Bd. I., S. 169.)

Bestimmter drückt sich J. Lehr aus. Er erhebt Widerspruch gegen eine
derartige Vermengung und meint, daß man die politische Oekonomie „nicht
aus dem Auge verlieren (darf), daß der Wert immer für und durch den
Menschen existiert‘‘ (Conrads Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik,
N, F., 19. Bd., 1889, S. 22). Vgl. auch N. Dietzel: „Theoretische Sozialöko-
nomik“, S. 213—14.

Unter den bürgerlichen Gelehrten und ihrem Anhang zählt es zum guten
Ton, darauf hinzuweisen, daß Marx in seiner Werttheorie etwas grob mecha-
nisch-materialistisches zusammengebraut habe. Doch gibt es Materialismus
und Materialismus. Sofern der Marxsche Materialismus sich in seinem öko-
nomischen System äußert, führt er nicht nur zu keinem Warenfetischismus,
sondern im Gegenteil, er ermöglicht zum erstenmal seine Ueberwindung. Im
besonderen gehört der Wert bei Marx zu den gesellschaftlich gültige(n), also
objektive(n) Gedankenformen für die Produktionsverhältnisse dieser historisch
bestimmten gesellschaftlichen „Produktionsweise“ („Kapital‘; Bad. 1, 18:442).
Doch bedeutet hier „objektiv“ nicht „physisch‘“. Mit demselben Recht könnte
man auch die Sprache als etwas Physisches ansehen. Vgl. S. 39 des Bad. I
vom „Kapital‘, Ebenso Stolzmann: „Der Zweck“ ... S. 58.

» W.Sombart: „Zur Kritik des ökonomischen Systems von Karl Marx“,
Brauns Archiv, Bd. VII, S. 592.

*4 Darin war für manche Eklektiker ein Grund für die Annahme, daß die
Theorie der Klassiker und die Marxsche nicht etwa im „Widerspruch“ zu der
Österreichischen Schule stehe, sondern sie nur „vervollständige‘“., Siehe zum
Beispiel Dietzel: „Theoretische Sozialökonomik“‘, Leipzig 1895, S. 23. Diese
Herrschaften begreifen nicht einmal, daß bei Marx überhaupt kein einziger

af
Di
        <pb n="78" />
        z Die Werttheorie

Böhm-Bawerk unterscheidet jedoch (im Gegensatz, wie er
meint, zur alten Terminologie, nach der Nutzen und Gebrauchs-
wert immer Synonyme sind) zwischen Nützlichkeit im allge-
meinen und Wert, der sozusagen qualifizierte Nützlichkeit
ist. „Die Beziehung zur menschlichen Wohlfahrt‘ — sagt Böhm-
Bawerk — „äußert sich in zwei wesentlich verschiedenen For-
men: ‚Die niedrigere liegt dann vor, wenn ein Gut überhaupt die
Fähigkeit hat, der menschlichen Wohlfahrt zu dienen. Da-
gegen erheischt die höhere Stufe, daß ein Gut nicht bloß taug-
liche Ursache, sondern zugleich auch unentbehrliche Bedin-
gung eines Wohlfahrtserfolges sei... Die niedrigere Stufe
nennt sie (die Sprache) Nützlichkeit, die höhere Wer t*.“

Zwei Beispiele veranschaulichen diesen Unterschied: im ersten
haben wir einen „Mann“, der „an einer reichlich sprudelnden
Quelle guten Trinkwassers‘‘ sitzt; im zweiten — „einen anderen
Mann, der in der Wüste reist‘. Es ist klar, daß ein Becher Was-
ser eine ganz verschiedene Bedeutung für die „Wohlfahrt“ der
beiden haben muß. Im ersten Fall ist der Becher Wasser keines-
falls als „unentbehrliche Bedingung‘ anzusehen; anders im zwei-
ten Fall: hier tritt der Nutzen in seiner „höchsten‘‘ Form hervor,
da der Verlust eines jeden Bechers Wasser für unseren Reisenden
sehr empfindlich werden kann.

Daraus ergibt sich folgende Formulierung der „Entstehung
des Wertes“: „Güter erlangendann Wert, wennder
verfügbare Gesamtvorrat an Gütern solcher
Art so gering ist, daß er zur Deckung der von
ihnen Befriedigung heischenden Bedürfnisse
entweder nicht oder doch nur so knapp aus-
reicht, daß er ohne die Güterexemplare, um
Begriff vorhanden ist, welcher dem subjektiven Wertbegriff der österreichi-
schen Schule analog wäre. Darüber siehe die ausgezeichnete Broschüre von
R. Hilferding: „Böhm-Bawerks Marx Kritik“, Wien 1904, S. 52 u. 53ff. Be-
sonders amüsant ist in dieser Beziehung Tugan-Baranowsky, der in seinen
„Grundzügen‘‘ ein Gesetz der Proportionalität zwischen dem Arbeitswert, der
doch nur Sinn hätte in Relation zu der ganzen Gesellschaft und den man ganz
unmöglich auf eine vereinzelte Wirtschaft anwenden kann — und dem Grenz-
nutzen aufstellt, der im Gegenteil sich nur für die Schätzungen des Indi-
viduums „eignet“ und jeden Sinn sogar vom Standpunkte Böhm-Bawerks
selbst in Relation zur „Volkswirtschaft‘“ entbehrt.

15 Böhm-Bawerk: „Grundzüge usw.‘“, S. 9. Dies ist für die Oesterreicher
besonders wichtig. „Ihr (d. h. der Grenznutzentheorie) Eckstein, ist die
Unterscheidung zwischen Nützlichkeit im allgemeinen und demjenigen ganz
bestimmten konkreten Nutzen, der in einer gegebenen wirtschaftlichen Sach-
Jage von der Verfügung über das zu schätzende bestimmte Gut abhängt“
(Böhm-Bawerk: „Der letzte Maßstab des Güterwertes‘“, Zeitschrift für Volks-
wirtschaft, Sozialpolitik und Verwaltung, Bd. III, S. 187).

70
        <pb n="79" />
        Nutzen und Wert (subjektiver) 3
deren Schätzung es sich gerade handelt, schon
nicht mehr ausreichen würde*.“

Also der „qualifizierte Nutzen‘‘ der Güter wird zum Aus-
gangspunkt für die Analyse der Warenpreise gemacht — dient
doch jede Werttheorie vor allem zur Erklärung der Preise —
d. h. also zum Ausgangspunkt wird gemacht gerade das, was

16 Böhm-Bawerk: „Grundzüge usw.‘“, S. 13. „Alle Güter haben Nützlich-
keit, aber nicht alle Güter haben Wert. Damit Wert entstehe, muß sich zur
Nützlichkeit auch Seltenheit gesellen, nicht absolute, sondern relative
Seltenheit im Vergleich zum Bedarf nach Gütern der betreffenden Art.‘ Böhm-
Bawerk: „Kapital und Kapitalzins‘, II. Positive Theorie des Kapitals, 3. Aufl.,
Innsbruck 1912, S. 224. Aehnlich auch Menger: „Ist nämlich der Bedarf an
einem Gute größer als die verfügbare Qualität desselben, so steht zugleich
fest, daß, nachdem ein Teil der bezüglichen Bedürfnisse ohnehin wird un-
befriedigt bleiben müssen, die verfügbare Quantität des in Rede stehenden
Gutes um keine irgendwie praktisch beachtenswerte Teilquantität verringert
werden kann, ohne daß hierdurch irgendein Bedürfnis, für welches bis dahin
vorgesorgt war, nicht, oder doch nur minder vollständig befriedigt werden
könnte, als dies ohne den Eintritt der obigen Eventualität der Fall sein
würde.‘ K. Menger: „Grundsätze“, S. 77.

Die Urheber der Grenznutzentheorie sind keinesfalls berechtigt, zu be-
haupten, daß diese These von ihnen stammt.. Wir finden sie bereits beim
Grafen Verri (Vgl. Comte de Verri: „Economie politique etc. Paris‘, An. VIII)
freilich in einer objektivierten Form: „Quels sont donc les €lements qui
constituent le prix? Il n’est certainement point base sur la seule utilite. Pour
nous en convaincre, il suffit de reflechir que Vleau, V’air, et la lumiere du
soleil n’ont aucun prix, et cependent y a-t-il rien de plus utile et de plus
n6ecessaire? ... donc 1’utilite simple et pure d’une choose ne
suffit/pas pour duiben donner.“ Neanmoins/ la seule
rarete luien donne“ (14).

„Deux principes reunis constituent le prix des choses: le besoin et
Jararete (15).

Aehnlich auch bei Condillac: „Le Commerce et le gouvernement etc.‘“,
Paris, An. III, 1795, B. I. Doch formuliert Condillac die Frage subjektiv
(„nous estimons“, „nous jugeons‘; cette estime est ce que „nous appelons
valeur‘“ ete.).

„La valeur des choses croit donc dans la rarete et diminue dans l’abon-
dance. Elle peut, meme dans l’abondance diminuer au point de devenir
nulle* (pp. 6, 7).

Bei Walras dem Aelteren (M. Auguste Walras: „De la nature de la richesse
et de Vorigine de la valeur‘, Paris 1831) hängt das Element der Seltenheit
mit dem des Eigentums zusammen, was wiederum in Abhängigkeit gebracht
ist von der Tauschfähigkeit und dem Werte (objektiven) des Gebrauchsgegen-
standes, (Sie „sont naturalement bornes dans leur quantite“.) Leon Walras
gibt in seinem „Principe d’une theorie mathematique de l’echange‘ eine scharfe
Formulierung: „Ce n’est donc pas Vutilite d’une chose qui en fait la valeur,
C’est la rarete.“ (Siehe S. 44, 199 u. ff.) Vilfredo Pareto. .(Gours
d’Econ. politique, tome 1, Laus. 1896) wendet statt utilite „den Terminus”
ophelimite (vom griechischen Wort %Am&amp;lıuwoc = nützlich, helfend) an, denn
der „Nutzen“ steht im Gegensatz zum ‚„Schaden‘‘, die politische Oekonomie
kennt aber auch „schädlichen Nutzen“ (Tabak, Alkohol usw.).
        <pb n="80" />
        ) Die Werttheorie
Marx als eine nicht dazugehörende Größe aus seiner Analyse
ausschließt.

Betrachten wir nun diese Frage eingehender. Wir dürfen
nicht außer acht lassen, daß den Ausgangspunkt der österreichi-
schen Schule die Motive der Wirtschaftssubjekte in ihrer „reinen“
d. h. einfachsten Form bilden. „Unsere Aufgabe soll nun sein,
der kasuistischen Entscheidungspraxis des Lebens gleichsam den
Spiegel vorzuhalten und die Regeln, die der gemeine Mann in-
stinktiv so sicher handhabt, zu ebenso sicherer, dabei aber auch
bewußter Anschauung zu bringen*‘.‘“ Sehen wir nun zu, wie
der theoretische „Spiegel“ des Hauptes der neuen Schule diese
„Praxis des Lebens“ widergibt.

Für die moderne Produktionsweise ist es vor allem charakte-
ristisch, daß sie nicht für den eigenen Bedarf der Produzieren-
den, sondern für den Markt produziert. Der Markt ist das letzte
Glied einer Kette von mannigfaltigen Produktionsformen, in der
die Entwicklung der Produktivkräfte und die ihnen ent-
sprechende Entwicklung der Tauschverhältnisse das alte natural-
wirtschaftliche System zerstörten und neue wirtschaftliche Er-
scheinungen ins Leben riefen. Es sind drei Entwicklungsstufen
dieses Verwandlungsprozesses der Naturalwirtschaft in die kapi-
talistische Warenwirtschaft zu unterscheiden.

Auf der ersten Stufe liegt der Schwerpunkt in der Produk-
tion für den eigenen Bedarf; auf den Markt kommt nur der
„Ueberschuß an Produkten“; dieses Stadium ist für die Anfangs-
formen des Tausches charakteristisch. Allmählich führt die Ent-
wicklung der Produktivkräfte und die Verschärfung der Konkur-
renz zu einer Verschiebung des Schwerpunktes nach der Rich-
tung der Produktion für den Markt hin. Innerhalb der eigenen
Wirtschaft wird nur ein geringer Teil der hergestellten Produkte
konsumiert (derartige Verhältnisse kann man gegenwärtig oft in
der Landwirtschaft, nämlich in der Bauernwirtschaft, beobach-
ten). Doch kommt damit der Entwicklungsprozeß noch nicht zum
Stillstand; die gesellschaftliche Arbeitsteilung schreitet weiter vor-
wärts und erreicht endlich eine Höhe, bei der die Massen-
produktion für den Markt zur typischen Er-
scheinung wird, wobei die hergestellten Pro-
dukte innerhalb der betreffenden Wirtschaft
überhaupt nicht konsumiert werden.

Welches sind nun die Veränderungen in den Motiven und in
der „Lebenspraxis‘“ der Wirtschaftssubjekte, Veränderungen, die

127 Böhm-Bawerk: „Grundzüge usw.“, S. 21.

792
        <pb n="81" />
        Nutzen und Wert (subjektiver) 73
parallel dem geschilderten Entwicklungsprozeß verlaufen muß-
ten?

Man kann diese Frage kurz beantworten: die Bedeutung der
subjektiven Schätzungen, dıe auf dem Nutzen fußen, vermindert
sich: „Man stellt (um in heutiger Terminologie zu sprechen) noch
keine Tauschwerte her (die rein quantitativ bestimmt sind), son-
dern ausschließlich Gebrauchsgüter, also qualitativ unterschied-
liche Dinge‘“*®*, Für die höheren Entwicklungsstufen kann dage-
gen die Regel gelten: „Der gute Hausvater soll mehr bedacht sein
auf den Profit und die lange Dauer der Sachen, als auf eine
momentane Befriedigung und gegenwärtigen Nutzen*?.‘““

Und in der Tat setzt die Naturalwirtschaft voraus, daß die
von ihr produzierten Güter Gebrauchswert für diese Wirt-
schaft haben; auf der folgenden Entwicklungsstufe verliert der
Ueberschuß die Bedeutung als Gebrauchswert; ferner wird
schon der größere Teil der hergestellten Produkte von dem
Wirtschaftssubjekt nicht dem Nutzen nach gewertet, da dieser
für ihn nicht vorhanden ist; endlich stellt auf der letzten Ent-
wicklungsstufe das gesamte innerhalb der Einzelwirt-
schaft hergestellte Produkt für sie selbst gar keinen „Nutzen“
dar. Und so ist es gerade das vollständige Fehlen
von auf Nutzen ‘beruhenden Wertungen der
Güter; das für dieissierherstellenden  Wirt-
schaften charakteristisch ist*.- Doch darf man nicht
annehmen, daß sich der Tatbestand nur für den Verkäufer so
stellt. Es steht auch nicht anders um-den Käufer. Das tritt
besonders klar zutage bei der Analyse der Wertungen seitens der
Händler. Kein einziger Händler, vom Grossisten bis zum Hausie-
rer, denkt auch nur im geringsten an den „Nutzen“ oder „Ge-
brauchswert“ seiner Ware. In seiner Psyche ist der Inhalt,

1» W. Sombart: „Der Bourgeois", S. 19.

19 Ib. S. 150. Sperrdruck vom Verfasser

9 Dies mußte notgedrungen auch Böhm-Bawerk einsehen: in den „Grund-
zügen‘“ formuliert er die betreffende Frage ziemlich eigenartig, indem er be-
hauptet, daß bei der Arbeitsteilung die Wertschätzung der Verkäufer „ge-
wöhnlich außerordentlich niedrig steht.“ (S.. 521, Sperr-
druck vom Verfasser.) Vgl. auch „Positive Theorie“: „Heutzutage finden ...
die meisten Verkäufe durch berufsmäßige Produzenten und Händler statt, die
von ihrer Ware einen für ihre persönlichen Bedürfnisse ganz unverwendbaren
Ueberfluß besitzen. Infolgedessen steht für sie der subjektive Gebrauchswert
ihrer eigenen Ware meistens ganz nahe an Null: dadurch sinkt weiter ihre
‚Schätzungsziffer‘ ... gleichfalls nahezu auf Null.“ („Kapital und Kapitalzins“,
Bd. II, 1. Teil, S. 405 u. 406). Doch ist auch diese Formulierung falsch, denn die
Schätzung der Verkäufer beruht durchaus nicht auf Nützlichkeit (sie ist
nicht „nahezu‘, sondern gleich Null).
        <pb n="82" />
        7 Die Werttheorie

nach dem Böhm-Bawerk vergebens sucht, einfach nicht vor-
handen. Etwas komplizierter stellt sich die Sache für die
Käufer, die die Produkte für den eigenen Bedarf kaufen. (Von
den Produktionsmitteln ist noch weiter unten die Rede.) Aber
auch hier ist der Böhm-Bawerksche Weg ungangbar. Denn jede
„Hausfrau“ geht in ihrer „Praxis“ einerseits von den bestehenden
Preisen, andererseits von der zu ihrer Verfügung stehenden Geld-
summe aus. Nur innerhalb dieser Grenzen kann eine gewisse
Wertung nach dem Nutzen erfolgen. Wenn man für eine gewisse
Geldsumme x Ware A oder y Ware B oder z Ware C kau-
fen kann, so wird jedermann diejenige Ware vorziehen, die für
ihn größeren Nutzen hat. Doch setzt eine derartige Wertung das
Vorhandensein von Marktpreisen voraus. Und ferner: Die
Wertung jeder einzelnen Ware wird keineswegs vom Nutzen der-
selben bedingt. Ein klares Beispiel stellen die Gegenstände des
täglichen Gebrauchs dar: Keine einzige Hausfrau, die auf den
Markt einkaufen geht, schätzt das Brot nach seinem unendlich
hohen subjektiven Wert ein, im Gegenteil schwankt die Wer-
tung um die bereits bestehenden Marktpreise; dasselbe gilt
auch für jede andere Ware.

Und so kann der isolierte Mann Böhm-Bawerks (ganz gleich,
ob er an einer Wasserquelle sitzt oder in der „glühenden Wüste‘
reist) vom Standpunkte der „Wirtschaftsmotive‘“ aus nicht mehr
verglichen werden — weder mit dem Kapitalisten, der seine Ware
auf den Markt bringt, noch mit dem Händler, der die Ware zum
Wiederverkauf erwirbt — nicht einmal mit dem einfachen Käu-
fer, der unter die Bedingungen der Geld-Warenwirtschaft gestellt
ist, ganz gleich, ob er Kapitalist oder Händler ist. Daraus folgt,
daß man weder den Begriff des „Gebrauchs werts“
(von Marx) noch den des „subjektiven Gebrauchs-
werts‘“ (von Böhm-Bawerk) zur Grundlage einer
Preisanalysemachen kann. Der Gesichtspunkt Böhm-
Bawerks steht in krassem Widerspruch zur Wirklichkeit, die
doch Böhm-Bawerk zu erklären sich zur Aufgabe stellte.

Das gewonnene Ergebnis, daß nämlich der Gebrauchswert
keine geeignete Grundlage für die Analyse des Preises bietet,
ist auch für diejenige Stufe der Warenproduktion richtig, auf der
nicht das ganze Produkt auf den Markt kommt, sondern nur der
„Ueberschuß des Produktes‘, da es sich dabei nicht um den
Wert des in eigener Wirtschaft konsumierten Produktes handelt,
sondern gerade um den Wert dieses „überschüssigen“ Teils. Die
Preise kommen nicht auf Grund der Wertungen der Produkte
schlechthin, sondern der Ware zustande; die subjektiven Wer-

1
        <pb n="83" />
        Nutzen und Wert (subjektiver) 75
tungen der in der Wirtschaft selbst konsumierten Produkte sind
ohne Einfluß auf das Zustandekommen der Warenpreise. Inso-
fern aber das Produkt zur Ware wird, hört der Gebrauchswert
auf, seine frühere Rolle zu spielen“. „Daß diese Ware für an-
dere nützlich, ist Voraussetzung für ihre Austauschbarkeit; aber
als für mich nutzlos, ist der Gebrauchswert meiner Ware kein
Maßstab auch nur meiner individuellen Wertschätzung, ge-
schweige für eine objektive Wertgröße**.““

Andererseits erstreckt sich bei genügend entwickelten Tausch-
verhältnissen die Wertschätzung der Produkte nach ihrem
Tausch wert sogar auf denjenigen Teil derselben, der zum
eigenen Bedarf des Produzenten gehört. Wie W. Lezxis sehr rich-
tig hervorhebt, werden überhaupt „in dem geldwirtschaftlichen
Tauschsystem alle Güter als Waren angesehen und verrechnet,
auch wenn sie für den eigenen Bedarf bestimmt sind**.‘““

Doch nur bei der Massenproduktion für den Markt, bei der
die gesamten Produkte in den Zirkulationsprozeß hineinge-
zogen werden, wird es besonders klar, wie sehr der Gebrauchs-
wert von seiner früheren Bedeutung eingebüßt hat, da hier die
subjektive Wertschätzung nach dem Nutzen ganz augenschein-
lich verschwindet in bezug auf das gesamte in der jeweiligen
Wirtschaft hergestellte Produkt.

Daraus erklärt sich das Bestreben Böhm-Bawerks, die mo-
derne Ssozialwirtschaftliche Organisation als eine unent-
Wwickelte Warenproduktion darzustellen; ‚... unter der Herr-
schaft der arbeitsteiligen Produktion (erfolgen) die geschäftlichen
Verkäufe zumeist aus einem VUeberflusse**“; bei der modernen
Organisation der Arbeit produziert „jeder Produzent nur einige
Artikel, diese aber weit über seinen persönlichen Bedarf?®.“

So stellt Böhm-Bawerk die kapitalistische „Volkswirtschaft“
dar. Eine derartige Darstellung kann freilich keiner Kritik stand-
halten; doch taucht sie immer wieder bei den Autoren auf, die
die Werttheorie auf der Grundlage des Nutzens aufstellen. Von
Böhm-Bawerk gilt deshalb wörtlich genau das, was Marx über
Condillac sagte: „Man sieht, wie Condillac nicht nur Gebrauchs-
wert und Tauschwert durcheinanderwirft, sondern wahrhaft
kindlich einer Gesellschaft mit entwickelter Warenproduktion

2%... andererseits aber ist es gerade die Abstraktion von ihren Gebrauchs-
werten, was das Austauschverhältnis der Waren augenscheinlich charakteri-
siert.“ Karl. Marx: „Kapital‘, Bqd..1, S. 3.

” R. Hilferding: „Böhm-Bawerks Marx-Kritik“, S. 5.

23 W, Lexis: „Allgemeine Volkswirtschaftslehre‘“, 1910, S. 8.

?4 Böhm-Bawerk: „Grundzüge usw.“, S. 35.

2. Ib. 8. 491:
        <pb n="84" />
        7 Die Werttheorie

einen Zustand unterschiebt, worin der Produzent seine Subsi-
stenzmittel selbst produziert und nur den Ueberschuß über den
eigenen Bedarf, den Ueberfluß, in die Zirkulation wirft.“

Marx hat es also durchaus mit Recht abgelehnt, den Ge-
brauchswert zur Grundlage einer Preisanalyse zu machen. Um-
gekehrt ist es ein Grundfehler der Österreichischen Schule, daß
„das leitende Prinzip“ ihrer Theorie nichts Gemeinsames mit der
modernen kapitalistischen Wirklichkeit hat”. Dies muß, wie
aus dem weiteren ersichtlich ist, unvermeidlich den ganzen Auf-
bau der Theorie beeinflussen.

4. DAS MASS DES WERTES UND DER EINHEITSWERT

Wodurch läßt sich die Größe des subjektiven Wertes bestim-
men? Mit anderen Worten: wovon hängt die Höhe der indivi-
duellen Schätzung des „Gutes“ ab? In der Beantwortung dieser
Frage besteht hauptsächlich das „Neue“, das von den Vertretern
der österreichischen Schule und deren ausländischen Anhängern
gesagt worden ist.
= _ 2 Karl Marx: „Kapital“, Bd. I, S. 122.

Auch Lassalle verspottete geistreich diese Theorie: „Herr Borsig — sagt er —
produziert zunächst Maschinen für seinen Familienbedarf. Die über-
schüssigen Maschinen verkauft er dann.

Die Trauermodenmagazine arbeiten zunächst vorsorglich für die Todesfälle
in der eigenen Familie. Was dann, indem diese zu spärlich ausfallen, an
Trauerstoffen noch übrig bleibt, tauschen sie aus.

Herr Wolff, der Eigentümer des hiesigen Telegraphenbureaus, läßt zunächst
die Depeschen zu seiner eigenen Belehrung und Vergnügen kommen. Was
dann, nachdem er sich hinreichend an ihnen gesättigt, noch übrig bleibt,
tauscht er mit den Börsenwölfen und Zeitungsredaktionen aus, die ihm da-
gegen mit ihren überschüssigen‘  Zeitungskorrespondenzen und Aktien auf-
warten.“

F. Lassalle: „Reden und Schriften‘, Verl. des „Vorwärts‘, 1893, Bd. III,
S. 73. Bei den Vorläufern der „Mathematiker“ (L. Walras) ist der Austausch
der Ueberschüsse ebenfalls der Ausgangspunkt (Principe d’une Theorie mathe-
matique etc.).

27 In seinem „Kapital und Kapitalzins‘“ sagt Böhm-Bawerk, die ganze
Marxsche Argumentation sei in dieser Beziehung „falsch‘“. Hier liege nach
seiner Meinung eine Verwechslung „der Abstraktion von einem Umstand
überhaupt mit Abstraktion von den speziellen Modalitäten,
unter denen dieser Umstand auftritt, vor”. (1. Aufl., 1884, S. 435.)

Darauf erwidert Hilferding mit Recht: „Wenn ich von der speziellen
Modalität, unter der Gebrauchswert erscheinen mag, also vom Gebrauchswert
in seiner Konkretheit, abstrahiere, habe ich für mich vom Gebrauchswert
überhaupt abstrahiert ... Es hilft nichts, zu sagen, der Gebrauchswert be-
stände nun in der Fähigkeit dieser Ware, gegen andere Waren ‚ausgetauscht
werden zu können. Denn das heißt, daß die Größe des „Gebrauchswertes“
jetzt gegeben ist durch die Größe des Tauschwertes, nicht die Größe des
Tauschwertes durch die Größe des Gebrauchswertes.‘“ (l. c. S. 5.) Ausführ-
licher darüber weiter unten, bei der Analyse des „Substitutionswertes‘“.

76
        <pb n="85" />
        Das Maß des Wertes und der Einheitswert 77

Da der Nutzen eines Gutes in dessen Fähigkeit, irgendein
Bedürfnis zu befriedigen, besteht, so ist es selbstverständlich not-
wendig, diese Bedürfnisse zu analysieren. Nach der Lehre der
österreichischen Schule muß beachtet werden: erstens die Ver-
schiedenheit der Bedürfnisse; zweitens die Dringlich-
keit der Bedürfnisse nach irgendeinem Gegenstand einer be-
stimmten Art. Die verschiedenen Bedürfnisse lassen sich je nach
dem Grad ihrer zu- oder abnehmenden Wichtigkeit für das
„Wohlsein des Subjektes‘‘ einteilen. Andererseits ist die Dring-
lichkeit der Bedürfnisse einer bestimmten Art von dem Maße ab-
hängig, in dem die Sättigung erfolgt. Je mehr ein Bedürfnis be-
friedigt wird, um so weniger „dringlich“‘“ ist das Bedürfnis*®.

Auf Grund dieser Erwägungen stellte Menger die berühmte
„Bedürfnis-Skala‘‘ auf, die in der einen oder anderen Form in
allen Werken der österreichischen Schule über den Wert figu-
riert. Wir geben diese Skala in der Form wieder, wie sie bei
Böhm-Bawerk angeführt ist.

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Die Vertikalreihen, die mit römischen Ziffern bezeichnet sind,
drücken die verschiedenen Arten von Bedürfnissen aus, begin-

28° Darin besteht das eigentliche sogenannte „Gesetz Gossen‘“, der es wie
folgt formuliert: I. „Die Größe eines und desselben Genusses nimmt, wenn
wir mit Bereitung des Genusses ununterbrochen fortfahren, fortwährend ab,
bis zuletzt Sättigung eintritt. — II. Eine ähnliche Abnahme der Größe des
Genusses tritt ein, wenn wir den früher bereiteten Genuß wiederholen, und
nicht bloß, daß bei wiederholter Bereitung die ähnliche Abnahme eintritt, auch
die Größe des Genusses bei seinem Beginnen ist eine geringere, und die Dauer,
während welcher etwas als Genuß empfunden wird, verkürzt sich bei der
Wiederholung, es tritt früher Sättigung ein, und beides, anfängliche Größe so-
wohl wie Dauer, vermindern sich um so mehr, je rascher die Wiederholung er-
folgt.“ (Hermann Gossen: „Entwicklung der Gesetze des menschlichen Verkehrs
und der daraus fließenden Regeln für menschliches Handeln“, Braunschweig
1854, S. 5.) Ueber dieses Gesetz sagt Wieser: „Das gilt von allen Regungen, vom
Hunger bis zur Liebe“, Wieser: „Der natürliche Wert“, Wien 1889, S. 9,
        <pb n="86" />
        785 Die Werttheorie

nend mit den wichtigsten. Die Zahlen innerhalb jeder Vertikal-
reihe bedeuten die Abnahme der Dringlichkeit eines Bedürfnisses
je nach dessen Befriedigung.

Aus der Tabelle geht unter anderem hervor, daß das kon-
krete Bedürfnis einer wichtigen Kategorie seiner Größe nach
geringer sein kann als das konkrete Bedürfnis einer weniger
wichtigen Kategorie, je nach dem Grad der Befriedigung. Die
„Sättigung‘“ in der vertikalen Reihe? kann die Größe des Be-
dürfnisses der ersten Reihe bis zu 3, 2 und 1 herabsetzen, wäh-
rend bei geringer Sättigung in der VI. Reihe die Größe dieses
abstrakt weniger wichtigen Bedürfnisses konkret durch
die Zahlen 4 und 5 ausgedrückt werden kann“.

Um nun zu entscheiden, welchem konkreten Bedürfnis ein
gewisses Gut entspricht (denn eben dies bestimmt seinen subjek-
tiven Nutzwert), muß man zusehen, „welches Bedürfnis um seine
Befriedigung käme, wenn man das zu schätzende Gut nicht hätte:
dieses Bedürfnis ist offenbar das abhängige“,
 % Die Unterbrechungen in den vertikalen Reihen beziehen sich auf Be-
dürfnisse, bei denen nacheinander folgende Befriedigung in Teilen nicht ganz
oder überhaupt unmöglich ist (Böhm-Bawerk). Es ist an und für sich zu-
lässig, die Ununterbrochenheit der Funktionen der Nützlichkeit vorauszu-
setzen, da „das, was nur in bezug auf die ununterbrochenen Funktionen
richtig ist, auch als Annäherung bezüglich der Funktionen unterbrochenen
Charakters richtig ist.“ (N. Schaposchnikow, I. c. S. 9.)

‚Bei Walras finden wir einen mathematischen Ausdruck des gleichen
Gedankens, aber in einer objektivierten Form („Ungerade Preise“, abhängig
von dem Verhältnis zwischen Nachfrage und Angebot). Eine noch ausge-
arbeitetere objektivierte Formulierung der „Abnahme der Dringlichkeit“ eines
gegebenen Bedürfnisses in dem Maße seiner Befriedigung finden wir bei den
Amerikanern. Carver bezeichnet die Nützlichkeit als die Fähigkeit, Bedürfnisse
zu befriedigen, und den Wert als die Fähigkeit, ausgetauscht zu werden.
(„Utility is the power to satisfy a want or gratify a desire; but value is always
and only the power to command other desirable thing in peaceful and
voluntary exchanges” — S. 3); der Preis ist nach Carver der Ausdruck des
Wertes in Geld. Der Wert variiert je nach der Nützlichkeit (utility) und
relativer Seltenheit („scarcity‘“). Dabei spricht Carver von Bedürfnissen nicht
des wertschätzenden Individuums, sondern der Gesellschaft („wants of the
community“‘‘, S. 13). Das Gesetz der Sättigung heißt bei Carver principle of
„diminishing utility“, S. 15. Dabei rückt Carver den sozialen Ge-
sichtspunkt (stand-point) in den Vordergrund (S. 17). Die sinkende Nützlich-
keit wird als soziale Kategorie (S. 18) betrachtet. Die Volkswirtschaftslehre
des Rentners wird hier sichtbar in eine Volkswirtschaftslehre des Trust-Orga-
nisators verwandelt.

5 „Die Größe des Bedürfniswertes... hängt von der Art des Bedürfnisses,
sie hängt aber innerhalb der einzelnen Art wieder von dem jeweils erreichten
Grade der Sättigung ab“, Wieser 1. c. 6).

31 Böhm-Bawerk: „Grundzüge usw.“, S. 27.
        <pb n="87" />
        Das Maß des Wertes und der Einheıitswert )

Auf Grund dieser Methode kommt Böhm-Bawerk zu folgen-
dem Resultat: Da jeder es vorzieht, das geringste Bedürfnis un-
befriedigt zu lassen, so wird das Gut nach dem geringsten Be-
dürfnis geschätzt, das es befriedigen kann. „Die Größe des
WerteseinesGutesbemißtsichnachder Wich-
tigkeit desjenigen konkreten Bedürfnisses
oder Teilbedürfnisses;; welches ‚unter. den
durch den verfügbaren Gesamtvorrat an Gü-
tern solcher Art gedeckten Bedürfnissen das
mindiest wichtige 4st. Oder einfacher: „Der Wert
eines Gutes: bestimmt sich.nach; der Größe
seines Grenznutzens*.‘“ Das ist die berühmte Lehre
der ganzen Schule, nach der auch diese Theorie den Namen
„Grenznutzentheorie‘‘“®* erhalten hat; das ist das allgemeine
Prinzip, von dem alle anderen ‚Gesetze‘‘ abgeleitet werden.

Die angeführte Methode der Wertbestimmung setzt ein be-
stimmtes Maß des Wertes voraus. In der Tat, die Größe des
Wertes ist ein Resultat des Messens; das setzt aber eine bestimmte
Maßeinheit voraus. Worin besteht nach Böhm-Bawerk die Maß-
einheit?

Hier stößt die Österreichische Schule auf eine sehr große
Schwierigkeit, die sie bis jetzt noch nicht überwunden hat und
auch nicht überwinden wird. Man muß zunächst auf die kolos-
sale Rolle hinweisen, die die Auswahl der Werteinheit vom
Standpunkt Böhm-Bawerks hat. „Die Tatsache ist, daß unser
Werturteil gegenüber einer und derselben Gütergattung zur
selben Zeit und unter denselben Verhältnissen verschieden aus-
fallen kann, bloß je nachdem wir nur einzelne Exemplare oder
größere Mengen derselben als geschlossene Einheit der Wert-
schätzung unterziehen“*.‘“‘ Dabei hängt von der Wahl der Maß-
einheit nicht nur die Größe des Wertes ab, sondern es kann
die Frage nach dem Bestehen eines Wertes überhaupt gestellt
werden. Wenn (nach dem Beispiel Böhm-Bawerks) ein Land-
wirt 10 Hektoliter Wasser pro Tag braucht und er hat 20 Hekto-
liter, so hat das Wasser für ihn keinen Wert. Wenn wir aber

3 Jb..S. 28. u. 29.

3 Die Bezeichnung „Grenznutzen‘“ hat zuerst Wieser in dem Werk „Ueber
den Ursprung ... des Wertes eingeführt. Diesem Begriff entspricht bei
Gossen der „Wert des letzten Atoms‘“, bei Jevons „Final degree of utility“‘,
„terminal utility‘“, bei Walras „intensite du dernier besoin satisfait“ (raret@);
vgl. Wieser: „Der natürliche Wert‘“. Wieser schlägt vor, nicht die Methode
der Einbuße, sondern die Methode des Zuwachses zu benutzen. Ein wesent-
licher Unterschied liegt dabei nicht vor.

%# Böhm-Bawerk: „Grundzüge usw.“, S. 15.
        <pb n="88" />
        8 Die Werttheorie

als Einheit ein größeres Maß als das 10-Hektoliter-Maß nehmen,
so wird das Wasser einen Wert erhalten. Auf diese Weise hängt
der Wert schon an und für sich von der Wahl der Einheit ab.
Im Zusammenhang damit steht auch eine andere Erscheinung.
Angenommen, wir sind im Besitz einer Reihe von Gütern, deren
Grenznutzen mit der Vergrößerung ihrer Zahl sinkt. Nehmen
wir an, daß der sinkende Wert durch folgende Zahlenreihe aus-
gedrückt wird: 6, 5, 4, 3, 2, 1. Wenn wir 6 Einheiten eines ge-
gebenen Gutes besitzen, so wird der Wert jedes einzelnen von
ihnen durch den Grenznutzen eben dieser Einheit bestimmt, d. h.
er wird eben gleich 1 sein. Nehmen wir als Einheit die Verbin-
dung zweier früheren Einheiten, so wird der Grundnutzen dieser
2 Einheiten nicht 1X2, sondern 1+-2, d. h. nicht 2, sondern 3
sein; und der Wert von 3 Einheiten nicht mehr 13, sondern
1+2+-3, d. h. nicht 3, sondern 6 usw. Mit anderen Worten,
der Wert einer größeren Anzahl von Gütern befindet sich nicht
im Verhältnis zum Werte eines einzelnen Exemplars dieser
materiellen Güter®®. So spielt die Maßeinheit ‚eine wesentliche
Rolle. Welches ist aber die Maßeinheit? Auf diese Frage kann
Böhm-Bawerk (auch die anderen Oesterreicher) keine bestimmte
Antwort geben‘. Böhm-Bawerk beantwortet diese Frage fol-

35 Ib. S. 52. Wieser ist in diesem. Punkte mit Böhm-Bawerk nicht einver-
standen. „Ein. Vorrat überhaupt hat einen Wert, der gleichkommt dem Pro-
dukte der Stückanzahl (oder der Anzahl von Teilmengen) mit dem jeweiligen
Grenznutzen.‘“ („Der natürliche Wert‘, S. 24.) Das Schema Wieser ist: An-
genommen, der höchste Grenznutzen eines Gutes ist gleich 10; durch Erhöhung
der Zahl der Güter bis 11 erhalten wir den Wert des. Vorrates, und zwar bei
einem Besitz von

1 2 3 4 5 Gütern
gleich 1X10 29, 11828 147 5X6
oder 10 18 24 28 30 Weıteinheiten
und bei 6 7 8 9 10 11 Gütern
gleich 6X5 7X4 83 9X2 10X1 11X0
oder 30 28 24 18 10 0  Werteinheiten
(Ibidem 27)

Von diesem Standpunkt aus hat der Vorrat keinen Wert, wenn er eine
bestimmte Menge von Gütern erreicht hat. Indes das widerspricht der Theorie
und der Definition des subjektiven Wertes. In der Tat, wenn wir die ganze
Summe der Güter als eine Einheit betrachten, so sind wir. nicht mehr im-
stande, die mit diesem Gute zusammenhängenden Bedürfnisse zu befriedigen.
Vgl. Böhm-Bawerk: „Grundzüge“, S. 16 ff., sowie „Kapital und Kapitalzins“,
Bd. II, S. 257 u. 258, Fußnote.

36 Siehe über die Unbestimmtheit der Maßeinheit bei G. Cassel: „Die
Produktionskosten-Theorie Ricardos und die ersten Aufgaben der theore-
tischen Volkswirtschaftslehre‘ (Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft,
        <pb n="89" />
        Das Maß des Wertes und der Einheitswert 1
gendermaßen: „Dieses Bedenken ist nicht begründet. Denn die
Menschen können die Schätzungseinheit nicht nach Willkür
wählen, sondern dieselben äußeren Umstände .. . enthalten
zugleich ein völlig zwingendes Gebot darüber, über welches
Quantum sie eine einheitliche Wertschätzung zu fällen haben.“
Indes ist es klar, daß diese Maßeinheit hauptsächlich in
den Fällen vorhanden sein kann, wenn der Warenaustausch
eine zufällige, nicht typische Erscheinung des Wirtschaftslebens
ist. Umgekehrt fühlen die Vermittler des Warenaustausches bei
einer entwickelten Warenproduktion sich nicht an zwingende
Normen bei der Wahl der „Werteinheit‘ gebunden. Der Fabri-
kant, der sein Leinen verkauft, der Grossist, der es kauft und
verkauft, eine ganze Reihe von Kleinhändlern — sie alle können
ihre Waren nach Meter und Zentimeter oder nach Stück (d.h.
nach einer großen Anzahl von Metern, die als Einheit genommen
wird) messen, wobei in allen diesen Fällen kein Unterschied in
der Bewertung gemacht wird. Sie entäußern sich ihrer Waren
(die moderne Form des Verkaufs ist ein regulärer Prozeß der
Entäußerung der Waren durch den Produzenten oder durch
seine sonstigen Inhaber); ihnen ist es völlig gleichgültig, nach
welchem physischen Maßstabe die verkauften Güter gemessen
werden. Die gleiche Erscheinung beobachten wir bei der Analyse
der Motive der Käufer, die für den eigenen Gebrauch kaufen.
Die Sache ist eben sehr einfach. Die heutigen ‚„Wirtschafts-
subjekte‘“ bewerten die Güter nach deren Marktpreisen, die
Marktpreise aber hängen keineswegs von der Wahl der
Maßeinheit ab.

Dabei noch eins. Wir haben schon oben gesehen, daß der
Gesamtwert der Einheiten nach Böhm-Bawerk kein eswegs
dem Werte der Einheit, multipliziert mit deren Zahl, gleich ist.
Wenn wir eine Reihe haben: 6, 5,4, 3,2) «1, .so7ist' der Wert
dieser 6 Einheiten (des gesamten „Vorrates‘‘) gleich der Summe
1+2+3+4+5-+6. Das ist die völlig logische Schlußfolgerung
aus den Grundvoraussetzungen der Grenznutzentheorie. Trotz-
dem ist es absolut unrichtig. Und daran sind eben die
Ausgangspunkte der Böhm-Bawerkschen Theorie schuld, seine
Mißachtung des sozial-historischen Charakters der ökonomischen
Erscheinungen. In der Tat berechnet kein Agent der heutigen
Band 57, S. 95 und 96). Hierher gehört auch die Kritik Karl Wicksells, der
versucht hat, diese Frage zu beantworten. Siehe Karl Wicksell, „Zur Ver-
teidigung der Grenznutzentheorie”. Ebenda Bd. 56, S. 577 —78.

a BöhET Ba wert „Grundzüge der Theorie des wirtschaftlichen Güterwerts
        <pb n="90" />
        7 Die Werttheorie

Produktion und des Austausches, weder der Verkäufer noch der
Käufer, den Wert des „Vorrates‘“, d. h. die Gesamtheit der
Güter nach der Böhm-Bawerkschen Methode. Der theoretische
Spiegel des Hauptes der neuen Schule verzerrt hier nicht nur
die „Praxis des. Lebens‘: sein Spiegelbild zeigt überhaupt keine
entsprechenden Tatsachen. Für jeden Verkäufer von
n Einheiten erscheint die Summe dieser Einheiten n-mal mehr
als eine Einheit. Das gleiche läßt sich auch in bezug auf den
Käufer sagen. „Für einen Fabrikanten hat die 50. Spinn-
maschine in seiner Fabrik ganz dieselbe Bedeutung und den-
selben Wert als die erste, und der gesamte Wert aller 50 ist
nicht 50+49-+48-+ ... 2+1==1275; sondern ganz einfach
50X50 = 2500°°.‘“ Indes dieser Widerspruch zwischen der
„Theorie‘‘ Böhm-Bawerks und der „Praxis‘‘ ist so auffallend,
daß Böhm-Bawerk selbst diese Frage nicht umgehen konnte.
Er schreibt darüber: „In unserem gewöhnlichen praktischen
Wirtschaftsleben haben wir nicht häufig Gelegenheit, die ge-
schilderte kasuistische Besonderheit (d. h. das Fehlen der Pro-
portionalität zwischen dem Werte der Summe und dem der
Einheit [N. B.]) wahrzunehmen. Das kommt davon, daß unter
der Herrschaft der arbeitsteiligen Produktion die geschäftlichen
Verkäufe zumeist (!) aus einem Ueberflusse (!!) erfolgen, der zur
Befriedigung der persönlichen Bedürfnisse des Eigentümers gar
nicht bestimmt ist...“ Schön, aber die Frage besteht eben
in folgendem: wenn diese „kasuistische Besonderheit‘ im heu-
tigen Wirtschaftsleben nicht festgestellt werden kann, so ist es
klar, daß die „Grenznutzentheorie‘‘ alles andere, nur kein
Gesetz der kapitalistischen Wirklichkeit ist, weil eben diese
„Besonderheit‘ eine logische Folge der Grenz-Nutzen-Theorie
ist, der sie logisch entspringt, mit der sie fällt.

So sehen wir, daß das Fehlen einer Proportionalität zwischen
dem Wert der Summe und der Anzahl der addierten Einheiten
für die heutigen wirtschaftlichen Verhältnisse eine Fiktion
ist; dabei widerspricht sie so der Wirklichkeit, daß Böhm-Bawerk
selbst außerstande ist, seinen eigenen Standpunkt folgerichtig
weiter zu führen. Beim Hinweis auf die Fülle der indirekten
Wertungen führt er‘ aus; „Wenn wir aber befähigt sind zu
urteilen, daß uns ein Apfel gerade so lieb ist als a ch t Pflaumen,

38 Siehe Wilh. Scharling: „Grenznutzentheorie und Grenznutzenlehre‘‘, Con-
rads Jahrbücher, 3. Folge, 27. Band (1904), S. 27. Wir sprechen hier nicht
von den „Rabatten‘“, die auf große Einkäufe gegeben werden; diese beruhen
auf ganz anderen psychologischen Voraussetzungen und gehören nicht hierher.

53 Böhm-Bawerk: „Grundzüge usw.“, S. 35.

y
        <pb n="91" />
        Das Maß des Wertes und der Einheitswert “3
und eine Birne gerade so lieb als sechs Pflaumen, so sind wir
auch befähigt, auf dem Umwege eines Schlusses aus den beiden
ersten Urteilen das dritte Urteil zu bilden, daß uns ein Apfel
gerade um ein Drittel lieber ist als eine Birne*°.‘“ (Es handelt
sich um die subjektiven Wertschätzungen.) Diese Betrach-
tung ist dem Wesen nach richtig, aber sie ist unrichtig vom
Standpunkte Böhm-Bawerks aus. Und zwar: „Warum kommen
wir in diesem Falle zum „dritten Urteil‘, daß ein Apfel um ein
Drittel „teurer‘ als eine Birne ist? Ja eben darum, weil der
Wert von acht Pflaumen den Wert von sechs Pflaumen
um ein Drittel übersteigt. Dies setzt seinerseits eine Proportionali-
tät zwischen dem Werte der Summe und der Menge der Einheiten
voraus: nur in dem Falle ist der Wert von acht Pflaumen um
ein Drittel höher als der Wert von sechs Pflaumen, wenn der
Wert von acht Pflaumen achtmal und der Wert von sechs
Pflaumen sechsmal so hoch als der Wert von einer Pflaume ist.

An diesem Beispiele sehen wir noch einmal, wie wenig die
Böhmsche Theorie mit den wirtschaftlichen Erscheinungen in
der Wirklichkeit übereinstimmt. Diese Erörterung eignet sich
vielleicht zur Erklärung der Psychologie des „Reisenden in der
Wüste‘, des „Ansiedlers‘‘, des Mannes an der Quelle‘, und dies
auch nur insofern, als diese „Individuen‘‘ die Möglichkeit zu
produzieren entbehren. In einer modernen Wirtschaft wären der-
artige Motive, wie sie Böhm postuliert, psychologisch unmöglich
und unsinnig.

4% Ib. 5. 50!
        <pb n="92" />
        84

III. KAPITEL
DIE WERTTHEORIE (FORTSETZUNG)

1. Die Lehre vom Substitutionsnutzen.

2. Die Höhe des Grenznutzens und die Gütermenge.

3. Die Größe des Güterwertes bei verschiedenen Gebrauchsarten. ‚Der sub-

jektive Tauschwert. Das Geld.

4. Der Wert der komplementären Güter.

5. Der Wert der Produktivgüter. Die Produktionskosten.

6. Ergebnisse.

1. DIE LEHRE VOM SUBSTITUTIONSNUTZEN

Wir kommen nun zu der Stelle, an der die neue Theorie, an
eine der gefährlichsten Klippen stoßend, ihrem unvermeidlichen
Schiffbruch entgegengeht, aus dem sie nicht einmal ein so er-
fahrener Steuermann, wie Böhm-Bawerk, mehr retten kann.

Bis jetzt betrachteten wir nur die einfachsten Fälle der Güter-
schätzung. Wir setzten mit Böhm-Bawerk voraus, daß die Güter-
schätzung vom Grenznutzen des betreffenden Gutes abhängig ist.
Tatsächlich ist die Sache aber nicht so einfach. Lassen wir hier
den Autor selbst sprechen:

„... Die Existenz eines ausgebildeten Tauschverkehrs kann
jedoch hier erhebliche Komplikationen schaffen. Indem sie es
nämlich ermöglicht, Güter einer Gattung in jedem Augenblick in
Güter anderer Gattung umzusetzen, macht sie es auch möglich,
den Ausfall, der in einer Gütergattung eintritt, auf eine andere
zu wälzen... so trifft der Verlust den Grenznutzen der vertreten-
den fremden Güter. Es bemißt sich also hier der Grenznutzen und
Wert eines Gutes einer Art nach dem Grenznutzen der zur Ver-
tretung herangezogenen Güterquantität einer fremden Art*.““

Dies wird durch folgendes Beispiel veranschaulicht:

„Ich habe einen einzigen Winterrock. Er wird mir gestohlen.
Ein unmittelbarer Ersatz durch ein anderes Exemplar derselben
Art kommt nicht in Frage, weil ich überhaupt ja nur den einzigen
Winterrock besessen habe. Ebenso wenig werde ich Lust haben,
den durch den Diebstahl verursachten Ausfall an der Stelle zu
tragen, an der er zunächst eingetreten ist... Ich werde daher den
Ausfall auf andere Gütergattungen zu übertragen suchen, was

1 Böhm-Bawerk: „Grundzüge usw.“, S. 37 u. 38.
        <pb n="93" />
        Die Lehre vom Substitutionsnutzen x3
sich in der Form verwirklicht, daß ich für Güter, die sonst eine
andere Verwendung gefunden hätten, einen neuen Winterrock
kaufe?.‘“ Zum Verkauf werden solche Güter bestimmt, die die
geringste „Bedeutung‘‘ haben. Uebrigens können hier außer dem
Verkauf noch andere Fälle vorkommen, die von der materiellen
Lage des „Wirtschaftssubjekts‘““ abhängig sind. Ist er wohlhabend,
so können „die 40fl., diederneue Winterrocketwa
kosten mag“ (Sperrdruck vom Verfasser) seinem Kassen-
vorrat entnommen werden, was zu einer entsprechenden Ein-
schränkung der Luxusausgaben führen würde; ist er weder wohl-
habend noch bedürftig, so wird er für den Kassenausfall eine
Zeitlang durch allerhand Einschränkungen Sorge tragen müssen;
falls auch dies unmöglich sein sollte, so werden verschiedene
Gegenstände seines Hausrats verkauft oder verpfändet werden
müssen; und nur im Falle der äußersten Armut ist es unmöglich,
den Ausfall auf andere Bedürfnisgattungen abzuwälzen, so daß
man ohne Winterrock auskommen muß. — In all diesen Fällen,
mit Ausnahme des letzteren, geschieht die Wertschätzung der
Güter somit nicht etwa isoliert, sondern im Zusammenhange mit
der Wertschätzung anderer Güter. „Ich möchte glauben — sagt
Böhm-Bawerk — daß die Mehrheit der subjektiven Wert-
schätzungen, die überhaupt vollzogen werden, auf ihren An-
teil fällt. Namentlich schätzen wir... uns unentbehrliche
Güter fast nie nach dem direkten, sondern fast immer nach dem
‚Substitutionsnutzen‘ fremder Gütergattungen?.‘“

Diese Erörterungen nähern sich mehr der Wirklichkeit als
die vorhergehenden, sie haben aber einen großen negativen
„Wert‘“ für die „Wohlfahrt‘“ der gesamten Theorie Böhm-Ba-
werks und seiner Anhänger. Woher entnimmt z. B. Böhm-Bawerk
die „40 Florin‘? Und warum gerade 40 und nicht 50 oder 1000?
Es ist klar, daß in diesem Falle Böhm-Bawerk die Markt-
preise einfach als gegeben voraussetzt. Sofern Kauf und Ver-
kauf oder auch nur Kauf als eine notwendige Bedingung voraus-
gesetzt wird, wird damit auch zugleich der objektiv gegebene
Preis vorausgesetzt‘, Das verkennt auch Böhm-Bawerk nicht,
der diesen Standpunkt ziemlich klar formuliert. „Indessen möchte
ich doch ausdrücklich hervorheben — bemerkt er —- daß wir
auch mitten im ausgebildeten Verkehrsleben nicht immer ... An-
laß haben, die letztere Schätzungsmethode (d. h. nach dem „Sub-
stitutionsnutzen‘“, N. B.) anzuwenden. Wir tun das nämlich nur

2 ‘Yb.:S. 38;

N Böhm-Bawerk: „Grundzüge usw.“, S. 39. Sperrdruck vom Verfasser.

Vgl. R. Stolzmann: „Der Zweck in der Volkswirtschaft‘, S. 723.
        <pb n="94" />
        85 Die Werttheorie (Fortsetzung)

dann ..., wenn die Güterpreise und zugleich die Versorgungsver-
hältnisse der verschiedenen Bedürfnisgattungen so geartet sind,
daß, wenn ein in einer Gattung eintretender Ausfall innerhalb
der Gattung selber getragen würde, hier relativ wichtigere Be-
dürfnisse um ihre Deckung kämen, als wenn man den Kauf-
preis des Ersatzexemplares anderen Bedürfnisgattungen ent-
zieht”.“

Böhm-Bawerk gesteht also zu, daß bei unserer subjek-
tiven Wertschätzung (wie Böhm-Bawerk bescheiden zugibt, ist
es die Mehrzahl der Fälle) eine objektive Wert-
größe vorausgesetzt wird. Da aber seine Aufgabe eben darin be-
steht, diese Wertgröße von subjektiven Wertschätzungen ab -
zuleiten, so ist es klar, daß die gesamte, von unse-
rem Autor entwickelte Lehre vom Substitu-
tionsnutzen nichts anderes als ein circulus
vitiosus ist: der objektive Wert wird auf die subjektiven
Wertschätzungen zurückgeführt, die ihrerseits durch den objek-
tiven Wert erklärt werden. Diesen theoretischen Skandal stellte
Böhm-Bawerk gerade dann an, als er ganz dicht vor dem Pro-
blem stand, nämlich: nicht irgendeine hypothetische Wirischaft
zu erklären, die mit der Wirklichkeit nichts gemein hat, sondern
eine wirkliche, reale Wirtschaft, für die der „entwickelte Tausch“
charakteristisch ist‘. Es ist bezeichnend, daß Böhm auch selbst
die „ernste theoretische Schwierigkeit erkennt, die für die Grenz-
nutzentheorie in diesem Punkte besteht. Dennoch versucht er, aus
der Verstrickung der Widersprüche herauszukommen. Sein Ver-
such, die Theorie zu retten, besteht in folgendem: die Abschätzung
En Böhm-Bawerk: „Grundzüge usw.“, S. 39.

„Die Käufer — meint Scharling — bestimmen den Preis, den sie für die
Ware geben wollen, nicht nach ihrer eigenen Schätzung ihres Nutzens, son-
dern nach dem mutmaßlichen Preise, den zu geben man vom Konsu-
menten erwartet‘ (l. c. 20).

6 Ueber einen anderen Theoretiker der Grenznutzentheorie, Wieser, der
die Bedingungen der Tauschwirtschaft nicht analysiert, bemerkt Böhm: „Der
Satz Wiesers (Wieser: „Ursprung und Hauptgesetze des wirtschaftlichen Wer-
tes‘, S. 128), daß der Grenznutzen immer ‚der. Nutzsphäre derselben
Gütergattung angehören muß“, gilt daher nur unter der daselbst aufgestellten
einschränkenden Klausel, daß man von der Existenz jedes Tauschverkehrs
abstrahiert‘“ („Grundzüge usw.‘“, S. 39, Fußnote). Also finden wir bei Wieser
keine Erklärung für den Tauschprozeß; Böhm versucht eine solche zu geben,
doch stolpert er dabei sofort. Wahrlich, es geht, wie das russische Sprichwort
sagt: „Die Schnauze gereitet, der Schwanz yersunken — den Schwanz gerettet,
die Schnauze versunken‘. Vgl. auch L. Walras: „Principe d’une Theorie
mathematique“ etc. ch. III. 8 Courbes de demande effective pp. 12, 13, 14.
Die Formeln von Walras sind ihrem Wesen nach nichts anderes als einfache
Tautologien. Vgl. S. 16 d. obenerwähnten Arbeit.
        <pb n="95" />
        Die Lehre vom Substitutionsnutzen .
des Wintermantels mit 40 Florin beruht auf der „Antizipation
eines Tatbestandes, der auf dem Markte erst geschaffen werden
soll’.‘“. Deshalb nehmen „derartige subjektive Wertschätzungen
auf ihr (der Menschen. N. B.) praktisches Verhalten auf dem
Markte keinen anderen Einfluß, als irgendeine allgemeine Hoif-
nung, die benötigte Ware um einen bestimmten Preis, z. B. um
40 Florin, einkaufen zu können. Bekommt man sie um diesen
Preis — gut; bekommt man sie nicht, so geht man trotzdem
nicht ohne weiteres unverrichteter Dinge nach Hause, sondern
legt die durch die Wirklichkeit getäuschte Hoffnung beiseite und
überlegt, ob man nach seinen sonstigen Verhält-
nissen bis zu einem höheren Preise mitbieten soll oder nicht®.“
Die Entscheidung darüber macht Böhm-Bawerk davon abhängig,
ob sich dem Käufer nur ein einziger oder mehrere Märkte
bieten. Im ersten Fall: „ist es der einzige Markt, so wird man
ganz gewiß weiterbieten, und zwar nötigenfalls bis zur vollen
Höhe des unmittelbaren Grenznutzens, den man vom Eeinzu-
kaufenden Gut für ‘sich erwartet‘.‘“ ‚,...Man wird also —
schließt Böhm-Bawerk (und dies ist das Ergebnis, auf das es für
unsere Preistheorie ankommt) — zur Bildung der Preisresultante
nicht nach Maßgabe des niedrigeren, auf die Voraussetzung
eines bestimmten Marktpreises aufgebauten mittelbaren,
sondern nach Maßgabe des höheren unmittel-
baren Grenznutzens/beitragen“ Im zweiten Fall
kann „die hypothetische Wertschätzung ... also allenfalls (!) be-
wirken, daß er seine Kundschaft von einem Teilmarkt auf einen
anderen Teilmarkt überträgt; allein sie kann nicht hindern, daß
der volle Nachdruck der Schätzung bis zum unmittelbaren Grenz-
nutzen irgendeinem Teile des Gesamtmarktes zugute kommt*°.“
Daraus der Schluß: „Subjektive Wertschätzungen, die auf der
Vermutung basieren, das geschätzte Gut zu einem bestimmten
Preise einkaufen zu können, bilden für unser Verhalten auf dem-
jenigen Markte, auf welchem diese Vermutung realisiert werden
will, zwar eine bemerkenswerte psychische Etappe, aber nicht
dieendgültigeRichtschnur. Diese wird vielmehr auch
hier durch die Rücksicht auf die Höhe des unmittelbaren
Grenznutzen s gebildet*.“

. ?7 Böhm-Bawerk: „Grundzüge usw.‘, S. 516. Vgl. auch „Kapital und Kapital-
Zins“ ..Bd. II, 1. Teil, S. 492.ff,
S 1b. 5. 517.
9. 1b. 5.518.
0°]b:; 8.518.
3 1b. S. 518 u. 519.

hE
        <pb n="96" />
        8 Die Werttheorie (Fortsetzung)

So versucht Böhm-Bawerk die obenerwähnte „theoretische
Schwierigkeit‘ zu beseitigen. Doch ist seine Erklärung nur
imaginärer Natur und hängt in Wirklichkeit in der Luft. Neh-
men wir das krasseste Beispiel: die Lebensmittel. Der auf Nutzen
beruhende subjektive Wert derselben (wir nehmen eine Einheit,
die der geringsten Sättigungs- und der höchsten Gebrauchsgrenze
entspricht) ist unbegrenzt hoch; angenommen ferner, daß die
auf der Antizipation der Marktbedingungen beruhende Wert-
schätzung gleich 2 Rubel ist. Wann wird die von Böhm voraus-
gesetzte Entscheidung gefällt? Mit anderen Worten, wann wird
sich unser „Individuum“ entschließen, jeden Preis zu zahlen,
„alles für ein Stück Brot‘“ abzugeben? Es ist klar, daß dies nur
bei ganz anormalen Bedingungen des Marktes der Fall sein kann.
Und nicht einmal bei anormalen, d. h. von der Norm ab-
weichenden Bedingungen, sondern in ganz besonderen
Ausnahmefällen, d. h. wenn von gesellschaftlicher Pro-
duktion, von gesellschaftlicher Wirtschaft usw. im gewöhnlichen
Sinne des Wortes gar keine Rede sein kann. Möglich ist es, daß
in einer „belagerten Stadt‘ (eins der beliebtesten Beispiele Böhm-
Bawerks) oder auf einem gestrandeten Schiffe, oder auch bei den
in der Wüste Herumirrenden ein solcher Fall vorkommen kann.
Doch im modernen Leben kann, vorausgesetzt, daß die gesell-
schaftliche Produktion und Reproduktion ihren normalen Gang
behält, nichts derartiges vorkommen. Was sich
da abspielt, ist etwas ganz anderes. Zwischen der subjektiven
Wertschätzung nach dem Nutzen und der vorausgesetzten Höhe
des Marktpreises (in dem vorliegenden Beispiel zwischen © und
2 Rubeln) gibt es eine ganze Skala von verschiedenen möglichen
Preisen (abgesehen selbst von der möglichen Abweichung unter
2 Rubel). Für gewöhnlich wird jedes einzelne konkrete Geschäft
auf einer dem „antizipierten‘‘ Preise sehr nahen Basis abge-
schlossen, und in einer Anzahl von Fällen stimmen beide völlig
überein, So z. B. bei festen Preisen. Doch wie dem auch sei, eins
ist klar: bei einem normalen Gang der gesellschaftlichen Produk-
tion ist das Verhältnis zwischen der gesellschaftlichen
Nachfrage und dem gesellschaftlichen Angebot so, daß
den individuellen Wertschätzungen nach dem Nutzen keinesfalls
irgendeine leitende Rolle zukommt, ja sie tauchen überhaupt
nicht an der Oberfläche des gesellschaftlichen Lebens auf.
Unser Beispiel eignet sich für beide von Böhm-Bawerk angeführte,
obenerwähnte Fälle. Wir haben noch einen Fall zu analysieren,

1? Scharling 1. c. S. 29; auch Lewin: „Arbeitslohn und soziale Entwick-
lung‘, Anhang.

v5
        <pb n="97" />
        Die Lehre vom Substitutionsnutzen 9
den der Autor behandelt. Das ist nämlich der Einkauf zum
Zwecke des Wiederverkaufs, bei dem „ein Käufer die Ware gar
nicht nach ihrem Gebrauchswert, sondern nach ihrem (subjek-
tiven (T a usch wert schätzt*®.

In solchen Fällen wickelt sich die Sache nach Böhm-Bawerk
folgendermaßen ab: „Der Marktpreis wird zunächst beeinflußt
durch die (Tausch) Wertschätzung des Händlers;
diese basiert auf dem vermuteten Marktpreis eines
zweiten Marktes und dieser wieder unter anderem (!!) auf
den Wertschätzungen der Kauflustigen dieses
zweiten Marktgebietes*!‘“ Hier ist der Tatbestand noch
verwickelter. Böhm behauptet, daß der Käufer den Gebrauchs-
gegenstand nach Maßgabe derjenigen Geldsumme abschätzt, die
man „beim Wiederverkauf auf einem anderen Markt (nach Ab-
zug der allfälligen Transport- und Handelsspesen) dafür zu lösen
hofft‘; diese Geldsumme zerlegt er in die Wertschätzungen der
Käufer (Wertschätzungen nach Nutzen) des zweiten Marktes.
Doch ist die Sache bei weitem nicht so einfach. Der Händler
bemüht sich, den höchstmöglichen Handelsgewinn herauszu-
schlagen, dessen Höhe von einer Reihe Bedingungen abhängt.
Auf einige derselben weist Böhm-Bawerk selbst hin: Transport-
kosten und Handelsspesen. Was bedeutet dies? Doch nichts
anderes als die Einführung neuer Reihen (die dazu noch ver-
schieden zusammengesetzt sind) von Handelspreisen, als
einer Größe, die keiner Erklärung bedarf. In Wirklichkeit müßte
aber jeder Bestandteil dieser Kosten erklärt werden. Ferner glaubt
Böhm-Bawerk den Endpunkt der Erklärung mit den Wertschät-
zungen der Käufer des zweiten Marktes erreicht zu haben. Das
ist aber nichts anderes als eine Selbsttäuschung. Denn diese
Wertschätzungen lassen sich ihrerseits noch weiter zerlegen. Sie
werden ja doch nicht nach reinem „Nutzen“ getroffen, denn
einerseits gibt es hier eigene Händler, die die Ware für andere
Märkte wiederverkaufen; andererseits schätzen ja auch die ein-
fachen Käufer die Ware nicht unmittelbar ab, sondern nach
ihrem „Substitutionsnutzen‘“. Die Anwesenheit der Händler ver-
anlaßt uns, mit ihnen nach dem dritten Markt zu wandern, da
aber auch da möglicherweise Händler anwesend sein können, so
müssen wir nach dem vierten, fünften Markt usw. ad infinitum
wandern. Es kommt hinzu, daß hier, wie wir sehen, noch eine

* Böhm-Bawerk: „Grundzüge usw.‘“, S. 519. Der Begriff des subjektiven
Tauschwerts wird uns noch in der weiteren Darstellung begegnen, in der eine
eingehende Kritik dieses Begriffs gegeben wird.

4% 1b. 8. 519.

e
78
        <pb n="98" />
        99 Die Werttheorie (Fortsetzung)

Reihe von Handels preisen und Wertschätzungen nach Sub-
situtionsnutzen als gegeben hineingeflochten sind. Als Ergebnis
all dessen zerfällt das gesamte Phänomen in eine Fülle von Ele-
menten, von denen kein einziges auch nur einigermaßen befriedi-
gend erklärt werden kann.

Wir wollen noch bei einer Erwiderung Böhm-Bawerks ver-
weilen, die allgemeine Bedeutung hat; er versucht nämlich, den
Vorwurf zurückzuweisen, daß seine Theorie ein circulus vitiosus
sel.

„Das Wesentliche für die Zirkelfrage ist stets, daß jene sub-
jektiven Wertschätzungen, welche sich auf die vermutete Bildung
eines konkreten Marktpreises aufstützen, andere sind, als die-
jenigen, auf welche sich die Bildung. eben dieses Marktpreises
selbst aufstützt, und umgekehrt. Der Anschein eines Zirkels hängt
nur an dem dialektischen Gleichklang der beiderseits gebrauchten
Worte „subjektive Wertschätzung‘, wenn dabei nicht ins klare
gestellt und nicht beachtet wird, daß derselbe Name beiderseits
nicht ein und dasselbe Phänomen, sondern verschiedene Phäno-
mene deckt, die nur unter denselben Gattungsnamen fallen*°,“
Dies versucht Böhm durch folgendes Beispiel zu veranschau-
lichen: „Ein parlamentarischer Klub hat ‚Klubzwang‘; seine Mit-
glieder müssen im Parlament so abstimmen, wie es die Majorität
der Klubversammlung beschlossen hat. Offenbar ist hier der
Klubbeschluß ganz zutreffend aus der Abstimmung der einzelnen
Mitglieder der Klubs und die spätere Abstimmung der Mitglieder
im Parlament ebenso zutreffend aus dem Klubbeschluß zu er-
klären, ohne daß im mindesten ein Zirkel in der Erklärung vor-
Jäge*®,“

Also Böhm sucht sich dadurch zu rechtfertigen, daß bei ihm
die einen subjektiven Wertschätzungen durch die anderen
subjektiven Wertschätzungen erklärt werden. Wir müssen noch
hinzufügen, daß den „anderen‘‘ noch die „dritten‘‘, „vierten“ usw.
folgen. Der Tatbestand, daß alle diese Wertschätzungen ver -
schieden sind, rettet die Sache nicht. Hat doch auch die
Theorie der Produktionskosten, die die Vertreter der Grenz-
nutzentheorie so eifrig bekämpfen, von den einen Kosten auf die
anderen, von den einen Preisen auf die anderen ver-
wiesen. Doch das bewahrte sie nicht davor, einen theoretischen
Zirkel zu bilden. Der Grund dafür ist klar: es handelt sich ja
nicht um Zurückführung von gleichartigen Erscheinungen auf-
einander, sondern um die Erklärung der einen Kategorie von

zn Böhm-Bawerk: „Kapital und Kapitalzins“, Bd. II, 1. Teil, S. 403, Fußnote.

Ib.
        <pb n="99" />
        Die Lehre vom Substitutionsnutzen 1
Erscheinungen durch die andere Kategorie von Erschei-
nungen. Im ersten Falle kann man sich nur in der Unendlichkeit
von Zeit und Raum verlieren, so daß jede etwaige Wertschätzung
uns weit über die Grenzen der Jetztzeit hinausführen würde; wir
würden in diesem Falle einen ununterbrochenen Film in umge-
kehrter Reihenfolge aufrollen, doch würde das keine Lösung eines
theoretischen Problems, sondern ein endloses Verweisen
von Pontius auf Pilatus sein. Eine derartige Sachlage ist selbst-
redend kein Zufall. Wie bereits oben erwähnt, mu ß te Böhm-
Bawerk sich in diesen Zirkel verirren, da ihn dazu die individua-
listische Position der Österreichischen Schule unvermeidlich
führte. Die „Oesterreicher‘‘ begreifen es nicht, daß die individu-
elle Psyche eines Menschen vom sozialen Milieu bestimmt wird,
daß das „Individuelle‘‘ des Gesellschaftsmenschen zum größten
Teil nur „Soziales‘‘ ist, daß das „soziale Atom“‘‘ ein ähnliches
Hirngespinst der Oesterreicher ist, wie der ‚„kränkliche Prole-
tarier der Urwälder‘‘ von Wilhelm Roscher!‘. Deshalb verläuft
die Sache relativ glatt, solange es sich um die Analyse der „Mo-
tive‘ und „Wertschätzungen‘‘ der ausgedachten Robinsons han-
delt; sobald wir aber zur Gegenwart gelangen, erscheinen un-
überwindliche Schwierigkeiten: man kann ja nicht eine theo-
retische Brücke von der Psyche des „isolierten Subjekts‘ zu der
des Menschen der Warenproduktionswirtschaft schlagen; gehen
wir aber von der Psyche des letzteren aus, so sind damit die
„Objektiven‘‘ Elemente der wirtschaftlichen Phänomene der
Warenwirtschaft bereits gegeben, folglich können sie auch nicht
ganz und gar von individuell-psychischen Erscheinungen abge-
leitet werden, ohne daß man dabei idem per idem bestimmt.

In der Lehre vom Substitutionsnutzen tritt somit die Un-
richtigkeit der methodologischen Grundlagen der österreichischen
Schule und deren theoretische Unzulänglichkeit klar zutage.
Die Bestimmung dessubjektiven Wertesdurch
den objektiven, der selbst vom subjektiven
Wert abgeleitet wird, — dasiist der Grund:
fehler Böhm-Bawerks, der sich in veränderter Form
immer wieder bei der Lösung von vielen anderen Teilproblemen
wiederholt*®.

‘7 Der Unterschied ist nur der, daß Roscher im Vorgesellschaftsmenschen
den Proletarier sah, während Böhm-Bawerk im Proletarier den Vorgesell-
schaftsmenschen sieht.

Ü 5 „Die Versuche der Kritik dieser Theorie (d. h. der Grenznutzentheorie.
N. B.) — schreibt Tugan-Baranowsky — sind in den meisten Fällen so
schwach, daß sie keiner ernsten Widerlegung bedürfen. .Der Haupteinwand
gegen diese Theorie, nämlich, daß die Größe der Befriedigung, die wir von
        <pb n="100" />
        Die Werttheorie (Fortsetzung)

2. DIE HOEHE DES GRENZNUTZENS UND DIE GUETERMENGE

Bei der Untersuchung der Frage über die Größe des Wertes
fanden wir, daß sie nach Böhm-Bawerk von der Höhe des Grenz-
nutzens bestimmt wird. Jetzt können wir auch die weitere Frage
bezüglich der Faktoren, die diese Höhe bestimmen, stellen.

„Hier — sagt Böhm-Bawerk — haben wir zu nennen das
Verhältnis von Bedarf und Deckung.“ Bei der Analyse
dieses Verhältnisses findet Böhm-Bawerk folgendes einfache „Ge-
setz‘, das die Beziehung zwischen „Verbrauch“ und „Gütern“
ausdrücken soll: „Je mehr und je wichtigere Bedürfnisse ihre
Befriedigung erheischen, und eine je geringere Menge von Gütern
andererseits dazu verfügbar ist,... desto höher (muß) also der
Grenznutzen bleiben*.‘“ Also: Die Höhe des Grenznutzens wird
von zwei Faktoren bestimmt: von einem subjektiven (Bedürf-
nisse) und einem objektiven (‚„Güter‘“menge). Wodurch aber
wird diese Menge selbst bestimmt? Auf diese Frage gibt die
Theorie der österreichischen Schule keine Antwort”. Sie setzt
eine gewisse Menge Produkte schlechthin als vorhanden, d. h.
setzt eine für alle Zeiten gegebene Größe von „Seltenheit‘“ voraus.
Ein derartiger Standpunkt ist jedoch theoretisch sehr schwach,
denn die „Wirtschaft‘, deren Phänomene die politische Oeko-
nomie analysiert, schließt die Wirtschaftstätigkeit und
vor allem die Produktion der Wirtschaftsgüter in sich. Der
Begriff des „Vorrats‘ an Gütern setzt, wie A. Schor durchaus zu-
treffend bemerkt, schon einen vorangehenden Produktionsprozeß
den Wirtschaftsgütern haben, keinen quantitativen Vergleich zulasse, ist be-
reits von Kant widerlegt worden...“ (M. J. Tugan-Baranowsky: „Grundzüge
der politischen Oekonomie“, 2. Aufl., S. Petersb. [russ.] 1911, S. 56). Wir
halten diesen Einwand aber keinesfalls für einen „Haupteinwand“, im Gegen-
teil, er kann gerade zu den am wenigsten zutreffenden gezählt werden. Be-
merkenswert ist es jedoch, daß Tugan-Baranowsky die andern Einwände
mit völligem Stillschweigen übergeht, z. B. die Stolzmann macht, dessen beide
Werke ihm bekannt sein dürften.

19 Böhm-Bawerk: „Grundzüge usw.“, S. 40.
0°) „Um die Untersuchung des Wertproblems bis zu Ende zu führen, ist es

notwendig, sich klar zu machen... wie es kommt, daß die einen Gebrauchs-
gegenstände wenig, die andern viel produziert werden...‘ Doch würde der
Leser vergeblich bei den Theoretikern des Grenznutzens eine klare Antwort
auf diese Frage suchen (Tugan-Baranowsky, I. c., S. 46).

92
        <pb n="101" />
        Die Höhe des Grenznutzens und die Gütermenge 0
voraus”, — ein Phänomen, das so oder anders, jedenfalls aber
einen ungeheuren Einfluß auf die Wertschätzung der Güter aus-
üben muß. Eine noch größere Bedeutung kommt der Produktion
zu, wenn wir von der Statik zur Dynamik übergehen. Es
ist klar, daß die Österreichische Theorie, die von dem gegebe-
nen Gütervorrat ausgeht, die elementarsten Erscheinungen der
Wirtschaftsdynamik nicht zu erklären vermag, so z. B. nicht ein-
mal die Bewegung der Preise, geschweige denn die komplizierten
Erscheinungen. Damit hängt es natürlich zusammen, daß die Er-
klärung, die Böhm in der Frage der Größe des Wertes gibt, so-
fort weitere Fragen hervorruft. „Perlen und Diamanten sind eben
in so geringer Menge vorhanden (!), daß das Bedürfnis nach
ihnen nur zum geringen Teil gesättigt ist und der Grenznutzen,
bis zu welchem die Befriedigung reicht, relativ hoch steht, wäh-
rend glücklicherweise Brot und Eisen, Wasser und Luft in der
Regel in so großen Mengen verfügbar sind, daß die Befriedigung
aller wichtigeren auf sie angewiesenen Bedürfnisse sichergestellt
ist?“

„Sind vorhanden!‘ „In der Regel verfügbar sind!‘ Was sagt
aber Böhm-Bawerk zu den sogenannten „Preisrevolutionen“‘,
da das Wachstum der Arbeitsproduktivität ein geradezu kata-
strophales Sinken der Preise hervorruft? Hier geht es nicht mehr
an; sich mit der Phrase „in der Regel verfügbar sind‘ zu be-
gnügen. Der Leser merkt schon sicherlich, wie tendenziös Böhm
seine Beispiele wählt. Statt eine Erklärung für den Wert der
tvpischen Produkte, die Ware sind, zu geben, d. h. derjenigen
Produkte, die den Stempel der Fabriksproduktion tragen, spricht
er von Wasser und Luft. Schon beim „Brot‘“ zeigt es sich, wie
unzureichend die Position des Herrn Professors ist: man braucht
nur an das scharfe Sinken der Getreidepreise beim Eintritt der
landwirtschaftlichen Krise zu denken, die in den 80er Jahren
durch den überseeischen Wettbewerb hervorgerufen wurde. Der

2% „Wir können schon feststellen, daß in den von Böhm-Bawerk gewählten
Beispielen dasjenige Merkmal der Wirtschaft fehlt, welches für jede Wirt-
schaft notwendig ist, nämlich die Tätigkeit des wirtschaftenden
Subjekts... Ein Vorrat von Gütern ist nicht nur für den Menschen, son-
dern auch für jedes lebende Wesen nur als Resultat einer gewissen Tätigkeit
möglich“ (Alexander Schor: „Kritik der Grenznutzentheorie‘“, Conrads Jahr-
bücher, Bd. 23, S. 248). Vgl. auch R. Stolzmann: „Der Zweck in der Volks-
wirtschaft‘, S. 701: „Erst durch die Größe oder durch die Kleinheit der ge-
gebenen Vorräte, d. h. schließlich der Produktivität der originären Urfaktoren,
Boden und Arbeit... ergibt sich der Umfang des möglichen Angebots, ergibt
Sich die Zahl der von jedem Gute hervorzubringenden Exemplare, damit
aber erst die effektive Ausdehnung des möglichen Konsums.“

2? Böhm-Bawerk: „Grundzüge usw.“, S. 32.
        <pb n="102" />
        9: Die Werttheorie (Fortsetzung)

„Gütervorrat‘“ veränderte sich sofort. Warum? Ja, einfach des-
halb, weil neue Produktionsbedingungen, die Böhm-
Bawerk auch mit keiner Silbe andeutet, eintraten?®. Der Pro-
duktionsprozeß ist aber durchaus kein „verwickelter Umstand“,
keine „Modifikation‘ des Hauptfalles usw., wie sich dies Böhm-
Bawerk denkt. Im Gegenteil ist die Produktion die Grundlage des
sozialen Lebens schlechthin und dessen wirtschaftlicher Seite im
besonderen. Die „Seltenheit“ der Güter ist (mit Ausnahme
weniger Fälle, von denen wir mit vollem Recht abstrahieren
dürfen) nur der Ausdruck für bestimmte Produktionsbedingun-
gen, sie ist die Funktion des gesellschaftlichen Arbeitsaufwands?*.
Deshalb kann das, was früher „selten‘“ war, bei veränderten Be-
dingungen eine weite Verbreitung finden. „Warum .. . sind Baum-
wolle, Kartoffeln und Branntwein die Angelpunkte der bürger-
lichen Gesellschaft? Weil zu ihrer Herstellung am wenigsten
Arbeit erforderlich ist und sie infolgedessen am niedrigsten im
Preise stehen“.“ Aber eine derartige Rolle spielten diese Pro-
dukte keinesfalls immer. Sowohl Baumwolle als Kartoffeln be-
gannen diese Rolle erst mit der Veränderung des Systems der
gesellschaftlichen Arbeit zu spielen, erst dann, als die Produk-
tions- und Reproduktionskosten dieser Produkte (ebenso wie ihre
Transportkosten) eine bestimmte Höhe erreichten?‘.

Also, ohne eine Antwort auf die Frage zu geben, wodurch das

Quantum der Güter bestimmt wird, kann Böhm-Bawerk auch
nicht die zweite Frage, nämlich: wodurch die jeweilige Höhe des
Grenznutzens bestimmt wird, erschöpfend beantworten.
28 Wie Shelesnow richtig bemerkt, vergessen die Oesterreicher, „daß die
Menschen in ihrer Wirtschaftstätigkeit den Mangel an Gaben der Natur durch
besondere Anstrengungen zu überwinden bestrebt sind, dank denen die Ab-
hängigkeitsgrenzen des Menschen von der materiellen Welt elastischer und
immer mehr erweitert werden“ (Shelesnow: „Grundriß der politischen Oeko-
nomie“, Moskau 1912, S. 380, russ.).

24 ,...die relative Seltenheit macht sie (die Ware. N. B.) subjektiv zum
Gegenstand der Schätzung, während objektiv — vom Standpunkte der Gesell-
schaft — ihre Seltenheit eine Funktion des Arbeitsaufwandes ist, und in dessen
Größe ihr objektives Maß findet“. R. Hilferding: „Böhm-Bawerks Marx-Kritik“,
S: 13.

75 Karl Marx: „Das Elend der Philosophie“, S. 37.

“® In einem anderen Teil seiner Arbeit erkennt Böhm die Bedeutung dieses
Moments an, doch zeigt dies nur seine Inkonsequenz, da die Produktions-
kosten nach ihm nur vom Grenznutzen abhängig sind. So erhält man den
circulus vitiosus. Davon aber weiter unten, in anderem Zusammenhang.
Carver beschränkt sich durchaus nicht auf die Betrachtung vom Himmel ge-
fallener Meteore. Er analysiert vor allem die produzierten Güter. Vgl. Carver,
lc. DD. 27-31.

4
        <pb n="103" />
        Die Höhe des Grenznutzens. und die Gütermenge 95

Bis jetzt haben wir zusammen mit Böhm-Bawerk die Frage
in abstrakto gestellt. Wenden wir uns nun dem „modifizierenden
Einfluß‘ der Tausch wirtschaft zu. Wie man im voraus er-
warten kann, werden die Erklärungen Böhm-Bawerks hierin be-
sonders verworren sein.

Also: „Die Existenz des Tauschverkehrs führt auch hier
wieder Komplikationen herbei. Sie ermöglicht nämlich in jedem
Augenblick die Deckung in einer Bedürfnisgattung anzustückeln,
allerdings auf Kosten der Deckung anderer Bedürfnisgattungen,
die entsprechend verkürzt wird... Hierdurch kompliziert sich
der Kreis der Faktoren, die auf die Höhe des Grenznutzens Ein-
fluß nehmen, folgendermaßen: Es besitzen Einfluß: Erstens
das Verhältnis von Bedarf und Deckung, das bei den Gü-
Fern von der zu schätzenden Art in der ganzen
durch den Tauschverkehr verbundenen‘ Ge-
sellschaft besteht. Denn dieses Verhältnis (von Nachfrage
und Angebot) beeinflußt... die Höhe des Preises, der für das
gewünschte Ersatzexemplar gezahlt werden muß, und damit den
Umfang des Abbruchs, der jenen anderen Gütergattungen er-
wächst, aus denen der Ersatz bestritten werden muß. Zwei-
tens das Verhältnis von Bedarf und Deckung, das bei dem
schätzenden Individuum selbst in den durch
den Ersatz zu verkürzenden Bedürfnisgattun-
gen besteht. Denn davon hängt es ab, ob der Güterabbruch
ein tiefes oder ein hohes Niveau von Bedürfnisbefriedigung trifft,
ob also ein kleiner oder ein großer „Grenznutzen‘“ entbehrt wer-
den muß?*’,“*

"Wir sehen also, daß das Verhältnis zwischen der gesellschaft-
lichen Nachfrage und dem gesellschaftlichen Angebot an Waren
einen Faktor darstellt, der die Höhe der individuellen subjektiven
Wertschätzung (resp. die Höhe des „Grenznutzens‘‘) bestimmt,
denn dieses Verhältnis bestimmt den Preis: Je höher der Preis
irgendeines neuen Gegenstandes ist, desto höher ist die subjektive
Wertschätzung des alten Gegenstandes.

Es ist nicht schwer, zu merken, daß diese Ausnahme wieder-
um eine Reihe Widersprüche in sich birgt. Erstens gilt all das
auch hier, was wir bereits bei der Analyse der Lehre vom Sub-
stitutionsnutzen festgestellt haben: die subjektive Wertschätzung,
von der der Preis abgeleitet werden soll, setzt eben selbst diesen
Preis voraus. Ferner: Als letzte Instanz, die den Preis bestimmt,
wird das Gesetz von Nachfrage und Angebot angesehen, das sei-

?” Böhm-Bawerk: „Grundzüge usw.“, S. 40 u. 41.
        <pb n="104" />
        ar Die Werttheorie (Fortsetzung)
nerseits vom Standpunkte der Oesterreicher auf Gesetze zurück-
geführt werden muß, die die subjektiven Wertschätzungen be-
stimmen, d. h. letzten Endes auf das Gesetz des Grenznutzens.
Kann man aber in Wirklichkeit ohne weitereErklärun-
gen den Preis nur durch das Gesetz von Angebot und Nach-
frage befriedigend erklären, wozu dann überhaupt die subjektive
Werttheorie? Endlich, da das Gesetz von Nachfrage und Ange-
bot selbst nach der Grenznutzentheorie erst durch die Gesetze er-
klärt werden kann, die die subjektiven Wertschätzungen bestim-
men, so müssen die „Preise“, die zur Erklärung der subjektiven
Wertschätzungen dienen sollen, auf die subjektiven Wert-
schätzungen selbst zurückgeführt werden. In der Tauschwirt-
schaft unterliegen jedoch auch diese subjektiven Wertschätzungen
dem allgemeinen Gesetz und sind von den Preisen abhängig*®.
Wir hören hier somit wieder die alte Leier. Sie m u ß bei Böhm-
Bawerk überall erklingen, weil sie in der falschen Auffassung
dieser Schule vom Verhältnis zwischen ‚„Individuum‘‘ und „soö-
zialem Ganzen‘ ihren Ursprung hat.
3. DIE GROESSE DES GUETERWERTES BEI VERSCHIEDENEN
GEBRAUCHSARTEN. DER SUBJEKTIVE TAUSCHWERT. DAS GELD
Wir haben bis jetzt Fälle untersucht, in denen das der Wert-
schätzung unterliegende Gut nur irgend ein Bedürfnis befriedigt.
Wir wenden uns nun mit Böhm-Bawerk dem Falle zu, in dem
ein und dasselbe Gut der Befriedigung verschiedener Be-
dürfnisse dient. „Die Antwort auf diese Frage — sagt Böhm-
Bawerk — ist leicht zu finden: Es ist hier immer der höchste
Grenznutzen der maßgebende... der wahre Grenznutzen eines
Gutes ist identisch mit dem kleinsten Nutzen, zu dessen Erzielung
es in wirtschaftlicher Weise noch verwendet
werden dürfte. Findet nun um ein verfügbares Gut ein
Wettstreit zwischen mehreren sich ausschließenden Verwendun-
gen statt, so ist es klar, daß bei rationeller Wirtschaftsführung
die wichtigste derselben den Vorzug erhalten muß: sie allein ist
ökonomisch zulässig, alle minder wichtigen sind ausgeschlossen
und können daher auch auf die Bewertung des Gutes, das ihnen
28 Hier sei noch folgender Umstand hervorgehoben. Früher behauptete
Böhm (beim Bestreben, aus den Widersprüchen der Substitutionsnutzens-
theorie herauszukommen), daß der Preis kein leitendes Prinzip bilden könne,
weil der Preis, den die betreffende Person bezahlt, bereits unter aktiver Teil-
nahme dieser Person auf dem Markt gebildet wird. Jetzt scheint dies nun
Böhm völlig vergessen zu haben.

‚6
        <pb n="105" />
        Größe d. Güterwertes bei versch. Gebrauchsarten. Subj. Tauschwert. Geld 97
in keinem Falle dienen darf, keinen Einfluß üben??.‘“ Daraus
ergibt sich für Böhm-Bawerk folgende allgemeine Formel: „Bei
Gütern, die alternativ verschiedene Verwen-
dungsweisen gestatten undin denselben einen
verschieden hohen Grenznutzen zustiften im-
stande/ sind; ist die höchste der alternativen
Grenznutzanwendungen für die Größe ihres
wirtschaftlichen Wertesmaßgeben d‘“.

Hier überrascht vor allem die sonderbare Terminologie. „Der
höchste Nutzen‘ des Gutes erweist sich als der ‚kleinste Nutzen‘,
zu dessen Erzielung es wirtschaftlicher Weise noch verwendet
werden dürfte‘. Warum es gerade der „kleinste‘“ ist, bleibt voll-
kommen unverständlich. Aber das ist noch nicht das Wesen der
Sache. Wenn wir die Böhmsche Formel auf das reale Wirt-
schaftsleben anwenden, so stoßen wir wiederum auf denselben
Fehler, der uns wiederholt begegnete, nämlich den Zirkel, in dem
sich seine Erörterungen bewegen. In der Tat, nehmen wir den
einfachen Fall: Wir haben das Gut A, durch dessen Verkauf wir
für das erhaltene Geld eine Reihe von Sachen erwerben können,
und zwar: entweder x Ware B oder y Ware C oder z Ware
D usw. Es ist klar, daß die zu kaufende Ware, folglich auch die
Verwendung des Gutes, von den jeweiligen Marktpreisen abhängig
sein wird: wir werden die eine oder die andere Ware kaufen, je
nachdem sie zur Zeit teuer oder billig ist. Ebenso treffen wir,
wenn es sich um die Wahl der „Verwendungsweise‘“ der Pro-
duktionsmittel handelt, diese Wahl im Einklang mit den
Preisen der Produkte der verschiedenen Produktionszweige, d. h.
mit anderen Worten, die Frage der „Verwendungsweisen‘“ setzt
bereits den Preis voraus, wie Gustav Eckstein‘! richtig bemerkt.

Seinen Höhepunkt erreicht dieser Fehler in der Lehre vom
subjektiven Tauschwert.

Böhm-Bawerk unterscheidet zwei Arten der „Vielseitigkeit“
der Güter, die durch die zwei Arten der „Verwendung‘‘ derselben
begründet sind, und zwar: die verschiedenen Verwendungsweisen
sind entweder das Ergebnis einer „technischen Vielseitig-
keit“ des Gutes oder das Ergebnis der Fähigkeit desselben, gegen
ein anderes Gut eingetauscht zu werden. Letzteres ist um
so häufiger der Fall, je entwickelter die Tauschverhältnisse sind.
Auf dieser doppelten Bedeutung des Gutes — einerseits als direk-

%® Böhm-Bawerk: „Grundzüge usw.‘“, S. 52.

) US Dr 53,

XXVII T Sen UF Methode der politischen Oekonomie ‚ Neue Zeit
        <pb n="106" />
        D Die Werttheorie (Fortsetzung)

tes oder indirektes Mittel der Bedürfnisbefriedigung (wobei unter
letzterem die Verwendung als Produktionsmittel verstanden
wird), andererseits als Tauschmittel, — beruht die Einteilung des
subjektiven Wertes in subjektiven Gebrauchswert
undsubjektiven Tauschwert®.

„Die Größe des Gebrauchswertes — sagt Böhm-Bawerk —
bemißt sich .. . nach der Größe des Grenznutzens, den das zu
schätzende Gut im Eigengebrauche bringt. — Die Größe des sub-
jektiven Tauschwerts ist daher zu bemessen am Grenznutzen
der für dasselbe einzutauschenden Güter“.
Daraus folgt, daß die Größe des subjektiven Tauschwerts „von
zwei Umständen abhängen muß: erstlich von der objek-
tiven Tauschkraft (dem objektiven Tauschwert) des
Gutes; denn diese entscheidet, ob man viele oder wenige Güter
in Austausch dafür erwerben kann; und zweitens von dem
Bedürfnis- und Vermögensstande des Eigen-
tümers®*.“

Wir führten die Formulierung Böhm-Bawerks fast vollständig

an, weil sie selbst den Widersinn und Widerspruch des Begriffes
des subjektiven Tauschwerts am besten zum Ausdruck bringt. Ist
es doch kein geringerer als unser Meister selbst, der uns sagt, daß
das „Maß des subjektiven Tauschwerts vom... objek-
tiven Tauschwert abhängen muß...‘ (Sperrdruck von mir.
N. B.)
. Hier wird die „objektive“ Welt des Marktes nicht durch die
Hintertüre eingeschmuggelt; im Gegenteil, in der Definition
des Maßes des subjektiven Tauschwertes selbst tritt der Zusam-
menbruch der Theorie zu Tage, die auf individuell-psychologi-
schem Sande aufgebaut ist®.

32 Bezüglich der „direkten“ und „indirekten“ Befriedigung der Bedürf-
nisse ist hervorzuheben, daß Böhm-Bawerk hierin von der Terminologie
K. Mengers abweicht: „Der Wert in dem ersten (d. h. in der Naturalwirtschaft.
N. B.) und der Wert in dem zweiten Falle (subjektive Tauschwertschätzung.
N. B.) sind ... lediglich zwei verschiedene Formen derselben Erscheinung
des wirtschaftlichen Lebens. Was aber der Erscheinung des Wertes an jedem
der beiden Fälle einen besonderen Charakter verleiht, das ist der Umstand,
daß die Güter für die wirtschaftenden Subjekte, welche über dieselben ver-
fügen, in dem ersten Falle mit Rücksicht auf ihre direkte, im zweiten
Falle mit Rücksicht auf ihre indirekte Verwendung jene Bedeutung
erlangen, welche wir den Güterwert nennen. So nennen wir den Wert in
dem ersten Falle — Gebrauchswert, im letzteren aber Tauschwert‘“ (K. Menger:
„Grundsätze der Volkswirtschaftslehre‘“, Wien 1871, S. 214, 215).

33 Böhm-Bawerk: „Grundzüge usw.“, S. 53 u, 54.

3 Ib. S. 54.

35 Recht besehen — sagt W. Scharling — scheint dann (bei den indirek-
ten Schätzungen. N. B.) auch durch diesen ‚subjektiven Tauschwert‘ gerade die

78
        <pb n="107" />
        Größe d. Güterwertes bei versch. Gebrauchsarten. Subj. Tauschwert. Geld 99

So ist es begreiflich, daß die völlige Unfruchtbarkeit der öster-

reichischen Theorie sich am krassesten in der Frage des Geldes
äußert.

„Das vielseitigste Gut — sagt Wieser — ist indes das
Geld... An keinem anderen Gute kann man eine so deutliche
Vorstellung von der Idee des Grenznutzens gewinnen...“ (Fr. v.
Wieser: „Der natürliche Wert‘, Wien 1889, S. 13). Diese
Behauptung eines der hervorragendsten Theoretiker des Grenz-
nutzens klingt ziemlich ironisch, wenn man sie mit den Ergeb-
nissen vergleicht, die von der neuen Schule auf diesem Gebiete
erreicht worden sind. Wie bekannt, unterscheidet sich das Geld
von allen anderen Waren dadurch, daß es ein allgemeines Aequi-
valent der Waren bildet. Gerade diese seine Eigenschaft, der zu-
folge es den abstrakten Tauschwert allgemein auszudrücken ver-
mag, erschwert seine Analyse vom Standpunkte des Grenznutzens
in ganz besonderem Maße*®. In Wirklichkeit betrachtet der
Agent der modernen kapitalistischen Wirtschaftsordnung das Geld
bei allerhand Tauschgeschäften ausschließlich nur vom Gesichts-
punkte seiner „Kaufkraft‘“, d. h. seines ob jektiven Tausch-
wertes. Keinem einzigen „Wirtschaftssubjekt‘“ wird es einfallen,
seine Barmittel an Gold vom Gesichtspunkte der Fähigkeit des
Goldes, „das Bedürfnis an Schmuck“ zu befriedigen, zu schätzen.
Bei dem doppelten Gebrauchswert des Geldes’, nämlich als
Ware und als Geld, fußt seine Schätzung gerade auf dieser
letzten Funktion. Wenn man bei der Analyse des Wertes der ge-
wöhnlichen Ware das Vorhandensein von gesellschaftlichen Zu-
sammenhängen konstatieren kann, die jede individualistische
Deutung der Wirtschaftserscheinungen ausschließen (siehe oben
die Analyse der Lehre vom Substitutionsnutzen), so erreichen
diese gesellschaftlichen Zusammenhänge beim Gelde ihren voll-
ständigsten Ausdruck. Das Geld erscheint nämlich als dasjenige
„Gut‘“, dessen subjektive Wertschätzung nach der Terminologie
der österreichischen Schule der subjektive Tauschwert ist.
subjektive Schätzung der Beschaffenheit des Gutes das mehr Untergeordnete
zu sein‘ (Prof. W. Scharling, 1. c. S. 29).

% Es ist interessant, daß K. Menger in seinem umfangreichen Artikel,
der speziell sich mit dem Gelde befaßt (siehe „Geld‘ im Handwörterbuch der
Staatswissenschaften, Bd. 4), so gut wie gar keine theoretische Analyse
des Geldes gibt.

” „Der Gebrauchswert der Geldware verdoppelt sich. Neben ihrem beson-
deren Gebrauchswert als Ware, wie Gold zum Beispiel zum Ausstopfen hohler
Zähne, Rohmaterial von Luxusartikeln usw. dient, erhält sie einen formalen
Gebrauchswert, der aus ihren spezifischen gesellschaftlichen Funktionen ent-
springt“ (Karl Marx: „Kapital“, Bd. I, S. 56).
        <pb n="108" />
        | Die Werttheorie (Fortsetzung)

Mit der Aufdeckung des Widerspruchs und der logischen Unhalt-
barkeit dieses Begriffs wird auch der Grundfehler der ganzen
Geldtheorie offensichtlich. Sehr gut hat diesen Fehler Gustav
Eckstein formuliert: „Der objektive Tauschwert des Geldes resul-
tiert also aus seinem subjektiven Gebrauchswert, dieser besteht
in seinem subjektiven Tauschwert, welcher wieder abhängig ist
von seinem objektiven Tauschwert. Das Schlußergebnis hat also
eine ähnliche Stringenz und einen ähnlichen Wert, wie der be-
kannte Lehrsatz, daß die Armut von der pauvrete komme . . .38.“
Mit anderen Worten: Der objektive Tauschwert des Geldes wird
bestimmt durch den objektiven Wert des Geldes.

Die Theorie des Geldes und der Geldzirkulation kann in ge-
wissem Sinne als Prüfstein für jede Werttheorie dienen, da ge-
rade im Gelde die Objektivierung der komplizierten menschlichen
Beziehungen am klarsten sichtbar wird. Eben deshalb ist ‚das
Rätsel des Goldfetisches‘“, der „durch seinen Metallglanz blen-
det“, eines. der schwierigsten Rätsel für die politische Oekonomie.
Ein klassisches Beispiel für die Analyse des Goldes gab Marx (im
„Kapital“ und in „Zur Kritik“) und die der Analyse des Geldes
gewidmeten Seiten seiner Arbeit stellen das glänzendste dar, was
je auf diesem Gebiete geleistet wurde. Im Gegensatz dazu ersieht
man an der „Theorie‘‘ des Geldes der österreichischen Schule klar
die völlige theoretische Unfruchtbarkeit der ganzen Konstruktion
und ihren ganzen theoretischen Bankrott®®.

38 Gust. Eckstein: „Die vierfache Wurzel des Satzes vom unzureichenden
Grunde der Grenznutzentheorie. Eine Robinsonade.“ Neue Zeit, 22, Bd. II,
S. 812. In der russischen Literatur wurde ebenfalls darauf hingewiesen.
(Vgl. z. B. A. Manuilow: „Der Wertbegriff nach der Lehre der Oekonomisten
der klassischen Schule‘, S. 26.)

% Einer der neuesten Vertreter der österreichischen Schule, ein Spezialist
auf dem Gebiete der Geldtheorie, Ludwig v. Mises, gibt in seinem Buche:
„Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel‘“ zu, daß die österreichische Geld-
theorie unbefriedigend sei. Er sagt darüber: „Eine Betrachtung des subjektiven
Geldwertes ist ohne Eingehen auf seinen objektiven Tauschwert unmöglich; im
Gegensatz zu den Waren ist beim Gelde das Vorhandensein eines objektiven
Tauschwertes, einer Kaufkraft, unerläßliche Voraussetzung des Gebrauchs.
Der subjektive Geldwert führt immer auf den subjektiven Wert der für das
Geld im Austausch erhältlichen anderen wirtschaftlichen Güter zurück; er ist
ein abgeleiteter Begriff. Wer die Bedeutung, die eine bestimmte Summe Gel-
des mit Rücksicht darauf, daß er eine Bedürfnisbefriedigung von ihr abhängig
weiß, abschätzen will, kann dies schlechterdings nicht anders tun als unter
Zuhilfenahme eines objektiven Tauschwertes des Geldes. Jeder Schätzung des
Geldes liegt so eine bestimmte Ansicht von seiner Kaufkraft zugrunde (zitiert
nach einer Besnrechung von Hilferding in der „Neuen Zeit“, 30. Jahrg., Bd. II,
S. 1025 ff.). Mises versucht diesen circulus vitiosus historisch zu über-
winden, analog dem, wie es Böhm-Bawerk im Abschnitt über den Substitutions-

100
        <pb n="109" />
        Der Wert der komplementären Güter (Zurechnungstheorie)
4. DER WERT DER KOMPLEMENTAEREN GUETER
(DIE ZURECHNUNGSTHEORIE)

Eine der verworrendsten Fragen, die von der österreichischen
Schule bearbeitet wird, .ist die vom Werte der sogenannten ‚„„kom-
plementären‘‘ Güter (Menger) oder die „Zurechnungstheorie‘® —
ein Terminus, den Wieser einführt.

Böhm-Bawerk versteht unter komplementären Gütern die-
jenigen Güter, die sich gegenseitig vervollständigen: In diesem
Falle wird „zur Erreichung eines wirtschaftlichen Nutzens das
Zusammenwirken mehrerer Güter in der Art gefordert..., daß,
wenn eines aus ihrer Reihe fehlt, der Nutzen gar nicht oder doch
nur unvollkommen erreicht werden kann“*.‘“ Als Beispiel für
solche Güter führt Böhm-Bawerk Papier, Feder und Tinte, Nadel
und Faden, zwei zu einem Paare gehörende Handschuhe usw. an.
Es ist klar, daß solche Gruppen von Komplementärgütern beson-
ders oft bei den Produktionsgütern zu finden sind, bei denen die
Produktionsbedingungen das Zusammenwirken einer ganzen
Reihe von Faktoren erfordern, wobei der Ausfall auch nur eines
dieser Faktoren sehr oft das gesamte Zusammenwirken zerstört
und die Wirksamkeit der anderen zunichte macht. Indem Böhm
den Wert der Komplementärgüter analysiert, gelangt er zu einer
Reihe von besonderen ‚‚Gesetzen‘‘, die sich „sämtlich innerhalb
des Rahmens des allgemeinen Gesetzes vom Grenznutzen be-
wegen“. Als Ausgangspunkt für die Analyse wählt Böhm den
Gesamtwert der ganzen Gruppe und stellt dabei folgenden
Satz auf: „Der Gesamtwert der vollständigen Gruppe richtet sich
in der Regel nach der Größe des Grenznutzens, den sie in ihrer
Vereinigung zu stiften imstande ist*.‘“ Wenn drei Güter, A, B, C
bei dem gemeinsamen Gebrauch den in wirtschaftlicher Hinsicht
geringsten Nutzen von 100 Werteinheiten bringen können, so
wird der gesamte Wert der Gruppe gleich 100 sein. So einfach
ist die Sache nach Böhm nur „im allgemeinen Normalfall‘. Von
diesem „Normalfall“ sind die Spezialfälle zu unterscheiden; da
tritt das Substitutionsgesetz in Kraft, von dem bereits oben die
Rede war (siehe die Analyse der Lehre vom Substitutionsnutzen).
wert tut, und natürlich mit demselben Erfolg. Darüber siehe Hilferding 1. c.
S:: 1025! u. 1026:

4 Böhm-Bawerk: „Grundzüge usw.“, S. 56.

“ Böhm-Bawerk: „Grundzüge usw.“, S. 56.

101
        <pb n="110" />
        10: Die Werttheorie (Fortsetzung)

Und zwar: beträgt z. B. der Grenznutzen bei einer kombinierten
Verwendung 100, „dagegen der Substitutionswert der drei Glie-
der der Gruppe einzeln nur 20, 30, 40, zusammen also nur 90,
so hängt von allen dreien zusammengenommen eben nicht die
Erreichung des kombinierten Nutzens von 100..., sondern die
des kleinen Nutzens von 90 ab*.‘“ Etwas derartig „Nebensäch-
liches (das aber für die kapitalistische Wirtschaft geradezu „nor-
mal‘ ist, wollen wir in Klammern hinzufügen) hat augenschein-
lich für Böhm-Bawerk kein Interesse; er analysiert nur den
„Hauptfall‘“, „in dem der in gemeinsamer Verwendung
zu erzielende Grenznutzen zugleich der wahre wertgebende Grenz-
nutzen ist** ““

Also der Wert der ganzen Gruppe wird als gegeben voraus-
gesetzt. Es handelt sich nur darum, das Verhältnis zu bestim-
men, in dem der allgemeine Wert auf die einzelnen Güter, die
in der Gruppe enthalten sind, zu verteilen ist. Darin besteht das
Problem der „ökonomischen Zurechnung“. Diese
ökonomische Zurechnung ist nach der österreichischen
Schule von jeder anderen zu unterscheiden: nämlich von der
rechtlichen, moralischen und physischen Zurechnung. Die frühe-
ren Theoretiker machten nach Wieser folgenden Fehler: „Sie
wollen erfahren, welchen Anteil des gemeinsamen Produktes,
physikalisch betrachtet, jeder Faktor hervorgebracht
hat, oder von welchem Teile der Wirkung jeder dieph ysische
Ursache sei. Das aber sei nicht zu erfahren*‘.“ Eine ähn-
liche Stellung nimmt auch Böhm-Bawerk ein, der in dieser Frage
mit Wieser völlig übereinstimmt“. Bei der Verteilung der
Werte auf die verschiedenen Anteile der Gruppe entstehen ver-
schiedene Kombinationen, die nach der Terminologie von Böhm
von „der kasuistischen Besonderheit des Falles‘ abhängig sind.
Wir wollen mit Böhm-Bawerk die drei Grundfälle untersuchen.

Il. Die gegebenen Güter können nur beige-
meinsamer Verwendung Nutzen bringen und

2 1b. 8. 57.

4 Ib: S:57.

4 Wieser: „Der natürliche Wert“, S. 72, ferner auch Struve I. c., Bd. II,
Moskau 1916 (russ.).

45 Vgl. „Grundzüge“, S. 62, „Kapital und Kapitalzins‘“, Bd. II, 1. Teil, S. 28,
Fußnote: „Der physikalische Anteil wäre meistens schlechterdings nicht zu
berechnen ... ist aber auch ganz gleichgültig. Dagegen läßt sich meistens
ganz gut feststellen, welchen Betrag von Nutzen oder von Wert man hätte
entbehren müssen, wenn man einen bestimmten einzelnen Faktor nicht be-
sessen hätte — und diese durch den Besitz oder das Dasein eines Faktors
bedingte Quote nenne ich den wirtschaftlichen Anteil desselben am Gesamt-
produkt.“

52
        <pb n="111" />
        Der Wert der komplementären Güter (ZurechnungstheorIie) 103
können nicht ersetzt werden. In diesem Falle ist
jedes einzelne Stück der Träger des Gesamtwertes der gesamten
Komplementärgruppe.

N. Dieeinzelnen Glieder der Gruppe können
auch‘ anderswo, außerhalb der ‘gegebenen
Komplementärgruppe;, ihre Verwendung fin-
den. „In diesem Fall schwankt der Wert des einzelnen Stücks
nicht mehr zwischen ‚nichts‘ und ‚alles‘, sondern nur noch
zwischen der Größe des Grenznutzens, den es
isoliert zustiften imstande ist; als!Minimum,
und der Größe des gemeinsamen Grenznutzens
der übrigen Glieder, als Maxim um*.“ Angenom-
men, drei Güter, A, B, C, bringen durch ihr Zusammenwirken
einen Grenznutzen 100; angenommen ferner, daß außerhalb
der Komplementärgruppe (d. h. bei einer anderen „Art des Ge-
brauchs‘) ihr‘ „isolierter Wert‘ für A== 10; für B ==: 20) für
C=30 ist; dann ist der „isolierte Wert‘ A gleich 10. Umgekehrt
wird der Wert von A als Teil der Komplementärgruppe (voraus-
gesetzt wird der „Ausfall‘‘ von A und der dadurch verursachte
Zerfall der Gruppe) gleich 100 — (20430), d. h. gleich 50 sein.

I. Einige Gruppenglieder können ersetzt
werden. In diesem Fall tritt das Substitutionsgesetz in Kraft.
Die allgemeine Formel für diesen Fall lautet: „Der Wert der
ersetzlichen Glieder wird unabhängig von ihrer konkreten kom-
plementären Verwendung auf eine bestimmte Höhe fixiert, mit
der sie dann auch bei der Aufteilung des Gesamtwerts der Gruppe
an die einzelnen Glieder partizipieren. Die Aufteilung geht nun-
mehr in‘ der Art vor sich, daß aus dem durch den
Grenznutzen der. gemeinsamen Verwendung
bestimmten Gesamtwert. der. ganzen Gruppe
zunächst den ersetzlichen Gliedern.ihr .fixer
Wertzugeteiltund der — jenach der Größe des
Grenznutzens variable. — Rest den nicht ver:
tretharen Gliedern. als ihr Einzelwert. zuge;
rechnet wird“*.“ So die Theorie der „ökonomischen Zu-
rechnung‘ in allgemeinen Zügen. Zweifelsohne ist die „Zurech-
nung‘ des Wertes eines Produkts zu den verschiedenen Produk-
tionsfaktoren gewissermaßen ein real verlaufender psychologi-
scher Prozeß*®, Insoweit wir es mit individuell - psychologi-

1 Jb.:8.: 58.

7. 1b: 8:59;
ı * „Wenn man nach der wirtschaftlichen Praxis urteilen darf, so gibt es
eine Regel der Aufteilung. Niemand bleibt praktisch dabei stehen, daß der
        <pb n="112" />
        IH Die Werttheorie (Fortsetzung)

schen Erscheinungen, wie Schätzungen usw., zu tun haben, fin-
det auch eine Zurechnung des Wertes des Produktes zu den ver-
schiedenen „Faktoren‘“‘ statt*°. Eine andere Frage ist es freilich,
ob die Untersuchung dieser Erscheinungen zu einer befriedigen-
den Problemlösung führen kann. Es genügt hier, den typisch-
sten Fall zu betrachten, nämlich den, bei welchem das Hinzu-
treten von Substitutionsschätzungen bestimmend wirkt. Vor
allem entsteht die Frage: Welcher „Wert des Produkts“ ist
der Komplementärgruppe zuzurechnen? Was stellt er in den
Augen des Kapitalisten dar?

Oben sahen wir, daß selbst Böhm-Bawerk die Schätzungen
der Waren durch ihre kapitalistischen Warenproduzenten fast
gleich Null setzt. Für den Kapitalisten gibt es keinen Grenz-
nutzen der Ware als Norm für seine Schätzung. Andererseits
ist es widersinnig, von einem ‚sozialen‘ Grenznutzen zu spre-
chen”. Worüber in diesem Falle der Kapitalist sprechen kann
(und in Wirklichkeit auch spricht), was er bald dem einen, bald
dem anderen Teil seines Produktionskapitals zurechnet, das ist
nichts anderes als der Preis des Produktes. Daraus folgt, daß
die Einführung des einen oder des anderen Produktionsfaktors
dieses oder jenes Teils der Komplementärgruppe vor allem vom
Preis des Produktes abhängt und keineswegs
von seinem Grenznutzen, wie dies Böhm-Bawerk be-
hauptet. Ferner können in unserem typischen Fall die Teile der
Komplementärgruppe ersetzt werden, d. h. sie sind jederzeit auf
Ertrag allen erzeugenden Faktoren zusammen zu danken sei. Jedermann ver-
steht und handhabt, wenn auch mehr oder minder vollkommen, die Kunst der
Ertragsaufteilung. Ein guter Geschäftsmann muß wissen und weiß, was ihm
ein guter Arbeiter erbringe, wie sich eine Maschine rentiere, wieviel er sich
auf den Rohstoff zu rechnen habe, welchen Ertrag das, und welchen jenes
Grundstück liefere. Wüßte er das nicht, vermöchte er nur im ganzen, in
Bausch und Bogen, Einsatz und Erfolg der Produktion zu vergleichen, so
hätte er ganz und gar keine Auskunft, falls der Erfolg hinter dem Einsatz
zurückbleibe‘“ (Wieser: „Der natürliche Wert“, S. 70 u. 71.)

*9 Mit der Einschränkung, daß dies nur insoweit gilt, als wir die indi-
viduelle Psychologie des Warenproduzenten ins Auge fassen. Ganz anders
wird die Frage, sobald wir den gesellschaftlichen Standpunkt ein-
nehmen. Dann kann die ganze „ökonomische Zurechnung‘“ sich nur auf die
gesellschaftliche Arbeit beziehen. Diese beiden Gesichtspunkte hält Marx
scharf auseinander (vgl. z. B. die Profitberechnung auf das Gesamtkapital und
nicht nur auf seinen variablen Teil). Uns scheint, daß J. H. (Parvus) diesen Um-
stand in seiner scharfsinnigen Kritik der Zinstheorie Böhm-Bawerks außer acht
gelassen hat. Siehe seine „Oekonomische Taschenspielerei“, Neue Zeit, Jahrg. X.

5 ,...allein in der Verkehrswirtschaft gibt es nichts, was einem solchen
sozialen Grenznutzen entspräche‘“ (J. Schumpeter: „Bemerkungen über das
Zurechnungsproblem“, Ztschr. für Volkswirtschaft, Sozialpolitik und Verwal-
tung, Bd. 18 (1909), S. 102.

4
        <pb n="113" />
        Der Wert der komplementären Güter (Zurechnungstheorie) 105
dem Markte zu haben. Es ist für unseren Kapitalisten wieder-
um keinesfalls gleichgültig, wieviel er für diese oder jene
Maschine zu zahlen oder wie er den Arbeiter zu entlohnen
hat usw. Mit anderen Worten: Ihn interessiert der Markt-
preis/der Produktionsmittel; davon hängt es ab,
ob er neue Maschinen anschafft oder neue Arbeitskräfte ein-
stellt, ob er die Produktion erweitert oder einschränkt. Dazu
kommt endlich noch eine andere Kategorie von objektiv gege-
benen wirtschaftlichen Größen, nämlich die Zinshöhe. Wie
schätzt z. B. der Bauer sein Grundstück ein? Nach Böhm-Bawerk
vollzieht sich diese Schätzung so: „Vom Gesamtertrag zieht man
nämlich in der Praxis zunächst die ‚Kosten‘ ab. Das sind ...
eben die Aufwände für die ersetzlichen Produktions-
mittel‘ von gegebenem Substitutionswerft“.*
Den Rest „schreibt‘‘ der Bauer von seinem Grundstück zu°. Das
ist es, was man Grundrente nennt, deren Kapitalisation den Preis
des Grund und Bodens ergibt. Daß gerade auf diesem Wege,
d. h. durch Kapitalisierung der Grundrente, jede Parzelle abge-
schätzt wird, erübrigt sich zu beweisen: Jeder beliebige praktische
Fall bestätigt diesen Gedanken. Eine derartige Schätzung setzt
jedoch die Zinshöhe als gegeben voraus, von der nun das
Ergebnis der Kapitalisierung völlig abhängt.

Wir sehen somit, daß Böhm-Bawerk sogar die fetischistische
Psychologie des „Produzenten“ falsch beschreibt, da er die „ob-
jektiven‘‘ Momente ausschließt, die sich in ihr stets finden, so-
bald wir Warenproduktion und noch mehr — kapitalistische
Warenproduktion voraussetzen.

Die Theorie der „ökonomischen Zurechnung‘‘ bildet bei den
Vertretern der österreichischen Schule den unmittelbaren Ueber-
gang zu der Verteilungstheorie. Deshalb verlassen wir hier eine
Reihe von Fragen, die von Böhm-Bawerk berührt werden, um
darauf erst bei der Analyse seiner Zinstheorie zurückzukom-
men®,

51 Böhm-Bawerk: „Grundzüge usw.“, S. 60.

52 ]b. 3:60;

° Die Meinungsverschiedenheiten zwischen Wieser und Böhm-Ba-
werk in der Zurechnungsfrage beruhen in der Hauptsache auf der ver-
schiedenen Stellungnahme in der Frage des Gesamtwertes der Güter,
wovon oben bereits die Rede war. Siehe darüber Böhm-Bawerk: „Kapital und
Kapitalzins‘“, Bd. II, Teil II, Exkurs VII. Eine analoge Kritik Wiesers im Zu-
sammenhange mit einer Kritik des Begriffes „Gesamtwert‘“ gibt auch
J. Schumpeter in den bereits zitierten „Bemerkungen über das Zurech-
Da em (Zeitschrift für Volkswirtschaft, Sozialpolitik und Verwaltung,
        <pb n="114" />
        Die Werttheorie (Fortsetzung)
5. DER WERT DER PRODUKTIVGÜTER. DIE PRODUKTIONSKOSTEN

Die klassische Schule der politischen Oekonomie führte,
ebenso wie Marx, bei der Analyse der Bestandteile des Wertes
der Verbrauchsgüter diesen Wert in der Hauptsache auf den
Wert der aufgewendeten Produktionsmittel zurück; welche kon-
kreten Formen diese Analyse auch annahm, der ihr zugrunde
liegende allgemeine Gedanke blieb derselbe, daß nämlich der
Wert der Produktionsmittel den bestimmenden Wertfaktor für
die frei reproduzierbaren Güter bildet. Umgekehrt
nach der Lehre der österreichischen Theoretiker: ‚„...ihr Wert
ist gleich dem ‚erwarteten Werte des erwarteten Ertrages‘ an
Grenzgütern. Und darin nun liegt der wahre Grundgedanke des
neueren Systems der Oekonomie im Gegensatz zu dem der Klas-
siker. Er liegt darin, daß wir, vom Werte der
Genußgüter ausgehend, die Theorie der Preis-
bildung darauf basieren und uns den Wertder
Produktivgüter, den wir bei diesem Vorgehen
ja auch brauchen, dadurch verschaffen, daß
wirihn aus dem der Genußgüter ableiten.“
Wir wollen diesen „Grundgedanken“ näher darstellen. Nach dem
Beispiel Mengers, oder richtiger, Gossens, teilt Böhm-Bawerk alle
Güter in Kategorien ein, je nachdem, ob sie näher oder ent-
fernter vom Konsumtionsprozeß stehen. Und so haben wir:
1. Genußgüter, 2. Produktivgüter, die mit gegebenen Ge-
nußgütern unmittelbar in Berührung kommen, oder „Pro-
duktivgüter erster Ordnung“; darauf folgen Produktions-
mittel der Güter erster Ordnung oder „Produktivgüter zweiter
Ordnung“ usw. Die letzten Güter heißen Güter der „höch-
sten‘ oder der „entferntesten Ordnung‘. Wodurch wird nun der
Wert dieser Güter der „höchsten Ordnung‘‘ bestimmt? Böhm-
Bawerk stellt folgende Erwägung an: Jedes Gut, folglich auch ein
beliebiges Gut der „höchsten Ordnung“, d. h. ein beliebiges Pro-
duktionsmittel, kann einen Wert nur dann besitzen, wenn es
direkt oder indirekt irgendein Bedürfnis befriedigt. Angenom-
men, wir haben ein Genußgut A, das ein Ergebnis der Anwen-
dung der Produktivgüter G,, G;, G1 darstellt (die Zahlen ,, 3, 4 be-
deuten die Güterordnung, d. h. den Grad ihrer Entfernung vom

54 J. Schumpeter: „Bemerkungen usw.“, S. 83. (Sperrdruck vom Verfasser.)

106
        <pb n="115" />
        Der Wert der Produktivgüter. Die Produktionskosten\ \“ 18707
Genußgut A, dann ist es klar, daß vom Gute G, sich ‚der Grenz-
nutzen des Gutes A ergibt. „Von der Gruppe G, hängt also, gemau
wie vom Schlußprodukt A selbst, der KIEL dUn dieses letz-
teren ab”°.“ So kommt Böhm-Bawerk zu folgen m-/ Satz: AR
„Von allen sukzessive ineinander Wh@*rge-
henden Produktivmittelgruppen entfernmterer
Ordnung hängtiein und derselbe Wohlfahrts-
gewinn/ ab; nämlich! der Grenznutzeniihres
Schlußproduk tes"*.# Daraus: folgt: Zuerst‘ und: un-
mittelbar prägt sich die Größe des Grenznutzens im Wert des
Schlußproduktes aus. Dieser bildet dann die Richtschnur für den
Wert der Gütergruppe, aus der es hervorgeht; dieser wieder für
den Wert der Gütergruppe dritter, dieser endlich für den Wert
der letzten Gruppe vierter Ordnung. Von Station zu Station ändert
sich der Name des maßgebenden Elementes, aber in den ver-
schiedenen Namen wirkt immer dieselbe Sache: Der Grenz-
nutzen des Schlußproduktes®.‘“ Ein solcher Tatbestand ergibt
sich, wenn wir den Umstand außer acht lassen, daß ein und das-
selbe Produktionsmittel zur Produktion von verschiede-
nen Genußgütern dienen kann und in der Tat auch meist
dient. Nehmen wir an, daß das Produktivgut G, in drei verschie-
denen Produktionszweigen gebraucht werden kann, wobei die
Produkte A, B, C entstehen, mit den ihnen entsprechenden Grenz-
nutzen von 100, 120 und 200 Werteinheiten. Böhm-Bawerk
stellt dieselben Erwägungen wie bei der Wertanalyse der Genuß-
güter an und folgert, daß der Verlust einer Gruppe der Produktiv-
güter der Kategorie G, zur Verringerung desjenigen Produktions-
zweiges führt, der das Produkt mit dem kleinsten Grenznutzen
ergibt. Daraus folgt der Satz: „Der Wert der Produktiv-
mitteleinheit richtet sich nach dem Grenz-
nutzen und Werte desjenigen Produktes, wel-
chesunter allen, zu deren Erzeugung die Pro-
duktivmitteleinheit wirtschaftlicherweise
hätte verwendet werden dürfen, den gering.
sten Grenznutzen besitzt.“ Dieses Gesetz soll, nach
Böhm-Bawerk, auch das „klassische“ Gesetz der Produktions-
kosten erklären, und zwar soll der Wert derjenigen Güter, deren
Grenznutzen nicht der geringste Grenznutzen ist (in unserem
Beispiel die Gruppen B und C), nicht durch ihren CGrenz-

° Böhm-Bawerk: „Grundzüge usw.“, S. 64.

°° Böhm-Bawerk: „Grundzüge usw.“, S. 64.

57; Ib. 18.65;
58. ]b. 8:69;
        <pb n="116" />
        Die Werttheorie (Fortsetzung)

nutzen bestimmt werden, sondern durch den Wertder Pro-
duktionsmittel („die Produktionskosten‘), der seinerseits
vom Wert und Grenznutzen des „Grenzprodukts‘“ bestimmt wird,
d. h. desjenigen Produkts, dessen Grenznutzen am geringsten ist.
Hier tritt also das oben bereits erwähnte Substitutionsgesetz in
Kraft. Also mit Ausnahme des „Grenzproduktes‘“ bilden für alle
Arten der „produktionsverwandten Güter°®‘ die Produktions-
kosten den hbestimmenden Faktor, doch wird diese Größe selbst,
d. h. der Wert der Produktionsmittel, vom Wert des Grenzpro-
dukts, von seinem Grenznutzen bestimmt: ‚In letzter Linie‘ er-
scheint der Grenznutzen als bestimmende Größe, das Gesetz der
Produktionskosten aber als ein ‚partikuläres Gesetz‘, da die
Kosten nicht die endgültige, sondern immer
nur eine Zwischenursache des Güterwerts
sind®.‘“ Soweit die von der neuen Schule aufgestellte Wert-
theorie der Produktivgüter in allgemeinen Zügen. Wenden wir
uns der Kritik dieser Theorie zu und fangen wir mit seinem Grund-
gedanken an, nämlich der Abhängigkeit des Wertes der Pro-
duktionsmittel von dem Werte des Produkts‘. Das Sinken der
Warenpreise im Zusammenhang mit dem technischen Fortschritt
war die wichtigste empirische Tatsache, die der „alten“ Theorie
zugrunde lag, welche besagte, daß die Produktionskosten einen
Faktor darstellen, der den Wert (respektive den Preis) des Pro-
duktes bestimmt. Der Zusammenhang zwischen der Verringe-
rung der Produktionskosten und dem Sinken der Warenpreise
schien völlig klar. Auf dieses Phänomen muß Böhm-Bawerk vor
allem als auf einen Prüfstein für seine eigene Theorie verwie-
sen werden.

Hier stellt Böhm-Bawerk folgende Betrachtungen an:

Nehmen wir an — sagt er — es werden neue Kupferlager
entdeckt. Dieser Umstand wird (falls nicht eine entsprechend
große Steigerung der Nachfrage vorausgesetzt wird) eine Senkung
des Wertes der Kupferprodukte hervorrufen. Der Anstoß dazu

59 Unter „produktionsverwandten Güter‘ versteht Böhm-Bawerk diejenigen
N RE gleiche Produktionsmittel produziert werden. (Ib. S. 70.)

% Wir haben hier die reproduzierbaren „Güter“ im Auge. Die Theorie
der nicht reproduzierbaren Güter (und ihres Preises, nicht ihres Wertes, wenn
man die Marxsche Terminologie anwendet) würde eine besondere Unter-
suchung erfordern. Unseres Erachtens ist gerade die Werttheorie der‘ frei
reproduzierbaren Güter wichtig, da hier die Richtung der gesamten gesell-
schaftlichen Entwicklung verläuft, die Gesetze der letzteren aufzufinden, ist
eben die Hauptaufgabe der politischen Oekonomie. Ein Beispiel einer Preis-
theorie für nicht reproduzierbare Güter ist die Marxsche Theorie der Rente
im Zusammenhang mit der Frage des Bodenpreises.

108
        <pb n="117" />
        Der Wert der Produktivgüter. Die Produktionskosten 109
ist somit von der Seite der Produktivgüter ausgegangen. Doch
bedeutet es nicht, meint Böhm weiter, daß die ursprüngliche
Ursache die Senkung des Wertes des Kupfers ist. Nach Böhm
wickelt sich der Vorgang so ab: Die Kupfermenge steigt,
dies bewirkt die Vermehrung der Kupferprodukte; dieser Um-
stand wird vom Niedergang des Wertes dieser Produkte beglei-
tet, was wiederum den Niedergang des Wertes des Produk-
tivgutes (des Kupfers) zur Folge hat®?.

Untersuchen wir diese These näher. Vor allem ist es völlig
klar, daß jedes Produktivgut so lange einen Wert haben kann
(in welchem Sinne dieser Begriff auch gebraucht werden mag:
in dem des Marxschen objektiven Wertes oder in dem des Böhm-
schen subjektiven Wertes), als es in Wirklichkeit Produktivgut
ist, d. h. ein Mittel zur Produktion irgendeines nützlichen
Gegenstandes. Lediglich in diesem Sinne kann vom Wert
eines Produktes die Rede sein, als von einer „Ursache‘“ des Wer-
tes des Produktivguts®. Ganz etwas anderes ist es, wenn wir
unter „Ursache‘‘ gerade den ‚„kausalen Anstoß‘ verstehen.
7er! Der volle Wortlaut dieser interessanten Stelle ist folgender: „Ich habe
indes oben absichtlich von ‚Ursachen‘ gesprochen, ‚die auf Seite der Pro-
duktivgüter einsetzen‘ und nicht von ‚Ursachen‘, die auf Seite des Wertes
der Produktivgüter einsetzen. Denn mir scheint, daß, wenn auch der kausale
Anstoß von Umständen ausgegangen ist, die sich auf Seite der Produktiv-
güter zutragen, die weitere kausale Verkettung eine solche ist, daß der Wert
der Produktivgüter in derselben nicht vor, sondern hinter dem Werte
der Produkte steht. Die größere Häufigkeit eines Produktivmittels ist (in-
direkt) Ursache des geringeren Wertes des Produktes; aber der ebenfalls
indirekt hieraus entspringende geringere Wert des Produktivmittels ist trotzdem
nicht Ursache, sondern Folge des geringeren Wertes der Produkte. Die Ver-
kettung ist nämlich die folgende: Die vergrößerte Menge von (Kupfererzen
und) Kupfer führt zu einer größeren Menge von Kupferprodukten; diese
bewirkt eine stärkere Sättigung der nach Produkten dieser Art bestehenden
Bedürfnisse; dadurch rückt ein minder wichtiges Bedürfnis in die Stelle der
‚abhängigen Bedürfnisse‘, dadurch wird der Grenznutzen und Wert der
Kupferprodukte, und weiterhin endlich der durch ihn vermittelte Grenznutzen
und Wert des Produktivgutes Kupfer herabgedrückt.‘“ (Böhm-Bawerk: „Kapi-
tal und Kapitalzins‘, II. Teil, II. Exkurs VII. 8.257.)

% Genau gesprochen, ist es keine Ursache, sondern eine Bedingung.
Das Verkennen dessen hat eine ähnliche Verwirrung zufolge, wie in der Sozio-
logie die „Theorie der Wechselwirkung. Vgl. z. B. Dietzel: „Diese Alter-
native (nämlich, was als Ursache anzusehen sei: Der Wert der Produktions-
kosten oder der Wert des Produktes. N. B.) aber besteht nicht. Sondern
Wert der Produktivgüter und Wert der Grenzgüter be-
dingen Sich wechselseitig. Kein Produktivgut hat wirt-
schaftlichen Wert, dessen Produk te (Genußgüter) wertlose — nutzlose und
in Ueberfülle vorhandene Objekte ... wären. So erscheint der Wert des Pro -
duktes als Ursache des Wertes des Produktivgutes.“ (Heinrich
Dietzel: „Zur klassischen Wert- und Preistheorie‘, Conrads Jahrbücher,
3. Folge, Bd. I, S. 694.)
        <pb n="118" />
        119 Die Werttheorie (Fortsetzung)

Dieser „kausale Anstoß‘ geht; wie wir sahen, von der Seite
der Produktivgüter aus. Nun entsteht die Frage, ob es sich hier
nur um die Men g e der Produktionsmittel handelt — wie Böhm
annimmt — oder ob zugleich mit deren Vermehrung und durch
diese auch schon die Verminderung des Werts derselben gegeben
ist (in diesem Falle wäre der Wert des Produkts -die Zu bestim-
mende Größe). Es liegt zweifelsohne gar kein Grund vor, die
Menge der Produktionsmittel dem Wert derselben gegen-
überzustellen“®. Vor allem fällt es in die Augen, daß das
Sinken des Wertes, d. h. im Grunde genommen, des Preises
(darüber unten) der Produktivgüter der Zeit nach früher er-
folgt als das Sinken des Wertes der Verbrauchsgüter. Jede auf
dem Markte erscheinende Ware tritt nicht nur in einer gewissen
Menge auf, sondern stellt auch eine gewisse Wertgröße dar. Das
im Ueberfluß auf den Markt geworfene Kupfer sinkt im Preise
lange vorher, ehe die Kupferprodukte im Preise sinken. Freilich
auch dagegen findet sich bei Böhm-Bawerk ein Einwand, und
zwar weist er auf den Umstand hin, daß der Wert der Güter
„höherer Ordnung‘. nicht durch den Wert der Güter „niederer
Ordnung“‘‘ bestimmt wird, den sie im gegebenen Augenblick be-
sitzen, sondern vom Werte, den sie bei einer gesteigerten Menge
der in der Produktionssphäre eingetretenen Produktionsmittel
haben werden‘. Doch wenn der Abstand zwischen den
Produktionsmitteln und den Konsumtionsgütern überhaupt so
groß ist, daß sogar die Vertreter der Grenznutzentheorie selber
daran zweifeln, ob der Wert der Produktionsmittel von dem
Werte des Produkts abhängt®°, so ist es ganz offensichtlich, daß
bei der Veränderung der Menge der auf den Markt geworfenen

6% Böhm-Bawerk... meint, nicht der Wert, sondern die Häufigkeit des
Produktionsmittels setze in solchen Fällen (‚indirekt‘) den Wert des Produktes
herab. Das ist sehr fein gedacht. Aber es ist jedenfalls nicht wahrer als der
Satz: Nicht der Wert des Produktes, sondern das Bedürfnis nach dem Produkt
wirkt auf den Wert. der Produktivmittel zurück. Gewiß ist der Gegensatz:
nicht der Wert, sondern die Häufigkeit, nicht zwingend. Die Häufig-
keit der ’Produktivgüter wirkt nur dann auf den voraussichtlichen Wert
des Produktes, und zwar auf dessen voraussichtliche Menge, wenn sie
zuvor auf den Wert des Produktivmittels gewirkt hat oder doch diese Wir-
kung vorauszusehen ist. Sie wirkt nicht, wenn diese Wirkung auf den Wert
des Produktivmittels durch ein Kartell oder durch eine gesteigerte Nachfrage
in einem anderen Zweige der Verwendung des Produktivmittels ausgeschaltet
ist.‘“. (Dr. Karl Adler: „Kapitalzins und Preisbewegung‘“, Verl. von Dunker
&amp; Humblot, München und Leipzig 1913, S. 13. u. 14, Fußnote.)

% Vgl. Exkurs XIII (Wert und Kosten), S. 258, Fußnote.

— %® Scharling: ‚„Grenznutzentheorie und Grenzwertlehre‘, ‚„Conrads
Jahrbücher‘‘, III F., Bd. 27, S. 25: „Die ganze Kette wird zu lang, als daß man
diese Berechnung durchführen könnte.“

in
        <pb n="119" />
        Der Wert der Produktivgüter. Die Produktionskosten 111
Produktionsmittel eine derartige Abhängigkeit, wie sie Böhm-
Bawerk behauptet, durchaus nicht festgestellt werden kann. Es
genügt in diesem Falle, um die Frage zu klären, den Böhmschen
Behauptungen seine eigenen Thesen gegenüberzustellen, die
lauten: „Wenn wir uns überlegen, was... ein Produkt von
höherem, unmittelbarem Grenznutzen für uns wert ist, so müssen
wir uns sagen: gerade soviel, als die Produktionsmittel für uns
wert sind, aus denen wir das Produkt in jedem Augenblick wie-
der herstellen könnten. Forschen wir dann weiter, wieviel die
Produktionsmittel selbst wert sind, so kommen wir auf den Grenz-
nutzen. / Aber un zähligerMalerkönnen wir uns
diese weitere Forschung ersparen. Unzählige
Male wissen wir den Wert der Kostengüter
schon,ohneihnvon Fallzu Fallerstaus seinen
Grundlagen entwickeln zu müssen...“ Dazu fügt
er in einer Fußnote hinzu: „Namentlich das Ein greifen
der Arbeitsteilung und des Tauschverkehrs
trägt viel dazu bei, daß auch der Wert von Zwischen-
produkten häufig (!) selbständig fixiert wird”.“
Leider entwickelt Böhm-Bawerk seinen Gedanken nicht
weiter, er zeigt uns nicht, warum die Arbeitsteilung und der
Tausch einen derartig entscheidenden Einfluß auf das Zustande-
kommen der „Selbständigkeit“ des Wertes der Produktivgüter
ausüben. In Wirklichkeit kommt die Sache folgendermaßen zu-
stande: Die moderne Gesellschaft stellt keineswegs ein har-
monisch entwickeltes Ganzes dar, in dem die Produktion an den
Konsum planmäßig angepaßt wird; gegenwärtig sind Produktion
und Konsumtion voneinander losgerissen, sie stellen zwei ent-
gegengesetzte Pole des Wirtschaftslebens dar. Diese Lostrennung
der Produktion von der Konsumtion äußert sich unter anderem
auch in wirtschaftlichen Erschütterungen, wie den Krisen. Die
Schätzungen, die die Agenten der Produktion selbst für die Pro-
dukte machen, geschehen keineswegs abhängig vom ‚Grenz-
nutzen‘, — dies gilt, wie wir oben sahen, sogar für die Kon-
sumtionsgüter; noch prägnanter äußert sich dies bei der Her-
stellung von Produktionsmitteln. Die anarchisch aufgebaute Ge-
sellschaft, in welcher der Zusammenhang der einzelnen Pro-
duktionsteile keineswegs ein Planmäßiger ist, ein Zusammenhang,
der in letzter Instanz von gesellschaftlicher Konsumtion geregelt
wird, führt unvermeidlich zu einer Lage der Dinge, die man im
gewissen Sinne als „Produktion für die Produktion‘ bezeichnen
: ° Böhm-Bawerk: „Grundzüge usw.“, S. 70 u. 71, Fußnote. (Sperrdruck vom
Verfasser.)
        <pb n="120" />
        1 Die Werttheorie (Fortsetzung)
kann. Dieser Umstand wirkt seinerseits auf die Psyche der
Agenten der kapitalistischen Produktionsweise (die Analyse
dieser Psyche gehört ja zur Aufgabe Böhm-Bawerks) in ganz
anderer Weise, als Böhm es voraussetzt. Fangen wir nun mit der
Wertschätzung der Verkäufer der Produktionsmittel an. Sie sind
Kapitalisten, deren Kapital in Produktionszweigen angelegt ist,
die Produktionsmittel herstellen. Wodurch wird die Schätzung
der erzeugten Produktionsmittel seitens des Besitzers der be-
treffenden Unternehmung bestimmt? Er schätzt seine Ware
(„Produktivgüter‘“) keinesfalls nach dem Grenznutzen des Pro-
dukts, das mit Hilfe dieser Ware hergestellt wird; es ist vielmehr
so, daß er seine Ware in Abhängigkeit vom Preise schätzt,
den er für sie auf dem Markte erhalten kann; d. h. in der Böhm-
Terminologie gesprochen, er schätzt sie nach dem subjektiven
Tauschwerte®. Nehmen wir nun an, daß der besagte „Pro-
duzent‘“ eine neue Technik einführt und die Produktion er-
weitert; jetzt ist er in der Lage, eine größere Menge Ware —
Produktionsmittel — auf den Markt zu werfen. Nach welcher
Richtung hin wird sich hierbei die Schätzung der einzelnen
Wareneinheit verändern? Sie wird natürlich sinken. Doch ge-
schieht dieses Sinken in seinen Augen nicht etwa deshalb, weil
die Preise der aus seiner Ware hergestellten Produkte sinken,
sondern vielmehr deshalb, weil er selbst bestrebt ist, die Preise
sinken zu lassen, um durch niedrigere Preise die Käufer seinen
Konkurrenten abzugewinnen und dadurch höheren Profit zu er-
zielen.

Wenden wir uns nun der anderen Partei, den Käufern, zu.
In unserem Falle sind die Käufer die Kapitalisten desjenigen Pro-
duktionszweiges, der Konsumtionsmittel mit Hilfe von Produk-
tionsmitteln herstellt, die bei den Kapitalisten der ersten Kate-
gorie (Produktion von Produktionsmitteln) gekauft werden. Ihre
Wertschätzung wird natürlich mit dem angebotenen Preise des
Produkts rechnen ; doch dieser vorausgesetzte Preis des Pro-
dukts kann höchstens nur als obere Grenze dienen; in der Wirk-
lichkeit aber ist die Schätzung der Produktionsmittel immer
niedriger; und diejenige Größe, um die sich die Schätzung der
Produktionsmittel von seiten der Käufer verringert, ist in dem
gegebenen Beispiel nichts anderes als ein gewisses Korrektiv des
früheren Preises, das durch die größere Menge der auf den Markt
geworfenen Produktionsmittel hervorgerufen ist.

68 Siehe Böhm-Bawerk: „Grundzüge usw.“, S. 538: „Die Höhe des Markt-
preises, den jeder Produzent für sein Produkt erlangen kann, ist maßgebend für
die Höhe des subjektiven (Tausch-) Wertes, den er auf dasselbe legt. . R

192
        <pb n="121" />
        Der Wert der Produktivgüter. Die Produktionskosten 13

So ist die nicht konstruierte, sondern die wirkliche Psycho-
logie der Agenten der Warenproduktion. Der Wert der Produk-
tionsmittel wird also in Wirklichkeit mehr oder weniger selb-
ständig bestimmt, und die Veränderung des Wertes der Produk-
tionsmittel erfolgt der Zeit nach früher als die Veränderung des
Wertes der Konsumtionsgüter. Folglich muß die Analyse so
durchgeführt werden, daß eben die Wertveränderungen in der
Sphäre der Produktion der Produktionsmittel den Ausgangspunkt
bilden.

Hier muß noch auf einen sehr wichtigen logischen Fehler
hingewiesen werden. Oben sahen wir, daß der Wert der Pro-
duktionsmittel nach Böhm-Bawerk durch den Wert des Produkts
bestimmt wird; „in letzter Instanz‘ bildet der Grenznutzen des
Grenzprodukts das ausschlaggebende Moment. Wodurch wird
aber die Höhe dieses Grenznutzens bestimmt? Wir wissen be-
reits, daß die Höhe des Grenznutzens in umgekehrtem Verhält-
nis zur Menge des zu schätzenden Produkts steht; je mehr Ein-
heiten einer gewissen Gütergattung es gibt, desto mehr sinkt die
Schätzung für jede Einheit des „Vorrats‘“ und umgekehrt. Es
entsteht naturgemäß die Frage, wodurch diese Menge ihrerseits
bestimmt wird. Darauf erwidert nun unser Professor: „...die
Masse der in einem Marktgebiet verfügbaren Waren selbst (wird)
wieder bestimmt... in besonders weitem Umfange durch die
Höhe der Produktionskosten. Je höher nämlich die
Produktionskosten einer Ware sich belaufen, desto niedriger
bleibt verhältnismäßig die Zahl der dem Bedarf von der Produk-
tion entgegengestellten Exemplare‘®.“ Und so haben wir folgende
Erklärung“ 1 Der Wert der Produktivgüter (Produktionskosten)
wird durch den Wert des Produkts bestimmt; der Wert des Pro-
dukts hängt von dessen Menge ab; die Menge des Produkts wird
durch die Produktionskosten bestimmt oder, mit anderen Worten,
die Produktionskosten werden durch die Produktionskosten be-
stimmt; und so kommen wir wiederum auf eine der Schein-
erklärungen, an denen die Theorie der Österreichischen Schule
So reich ist. Böhm-Bawerk geriet selbst in diesen eirculus vitiosus,
in dem, wie er durchaus richtig bemerkt, sich die alte Theorie
der Produktionskosten bis heute noch bewegt”,

Zum Schluß noch einige Worte über die allgemeine Formel
Böhms über den Wert der Produktionsmittel. Wie wir gesehen
haben, richtet sich „der Wert der Produktivmitteleinheit ...

© Böhm-Bawerk: „Grundzüge usw.‘, S. 521.

“ Vgl. Schaposchnikow: „Die Wert- und Verteilungstheorie‘, S. 37 u. 38.

dort auch den Hinweis auf Stolzmann und Manuilow.
        <pb n="122" />
        114 Die Werttheorie (Fortsetzung)

nach dem Grenznutzen und Werte desjenigen Produktes, welches
unter allen, zu deren Erzeugung die Produktivmitteleinheit
wirtschaftlicher weise hätte verwendet werden dürfen,
den geringsten Grenznutzen besitzt‘. Wenn wir jetzt die kapi-
talistische Produktion betrachten, so sehen wir sofort, daß das
„wWirtschaftlicherweise‘“, von dem Böhm-Bawerk spricht, die
Kategorie des Preises bereits als gegeben voraussetzt”. Das
ist wiederum ein Irrtum, der der ganzen österreichischen Schule
„immanent“‘‘ ist; er entsteht, wie oben ausgeführt, aus dem Ver-
kennen der Rolle der gesellschaftlichen Zusammenhänge in der
Bildung der individuellen Psychologie des modernen ‚Wirt-
schaftssubjekts‘“.

6. ERGEBNISSE

Wir können die Untersuchung der subjektiven Werttheorie
abschließen, indem wir noch die Preistheorie der Ööster-
reichischen Schule einer kurzen Prüfung unterziehen. Wird doch
der Preis von Böhm-Bawerk gewissermaßen als eine Resultante
von subjektiven Schätzungen betrachtet, die im Tauschprozeß
auf dem Markte zusammenstoßen. Bei der Ableitung dieser Re-
sultante muß Böhm-Bawerk eine Reihe von Faktoren aufzählen,
die an ihrem Zustandekommen teilnehmen und in der Haupt-
sache den Inhalt, d. h. die quantitative Bestimmtheit der sub-
jektiven Schätzungen der auf dem Markte im Kampfe mitein-
ander liegenden Käufer und Verkäufer betreffen. Wir wollen
beim Nachweis der Widersprüche und Untauglichkeit der Böhm-
schen Behauptungen über diese „Faktoren“ gleichzeitig auch die
früheren ausführlichen kritischen Bemerkungen nochmals kurz
zusammenfassen.

Zuvor aber müssen wir noch etwas bei der von Böhm-Bawerk
gegebenen Darstellung des Mechanismus des Tauschpro-
zesses verweilen. Böhm-Bawerk betrachtet den Tauschprozeß
entsprechend der immer mehr zunehmenden Kompliziertheit

71 Böhm-Bawerk: „Grundzüge usw.“‘, S. 69.

72 Vgl. G. Eckstein: „Neue Zeit“ XXVIII, Bd. I, S. 371. Böhm selbst
schreibt: „Ein Holzhändler, der Holz für die Erzeugung von Faßdauben kaufen
will, wird mit seiner Ueberlegung über den Wert, den das Holz für ihn hat,
sehr rasch zu Ende sein: er überschlägt, wie viel Dauben er daraus erzeugen
kann, und er weiß, was die Dauben nach den derzeitigen Marktverhält-
nissen wert sind; um ein weiteres braucht er sich nicht zu kümmern. „Grund-
züge‘, S. 65. Der Holzhändler wird freilich „mit seiner Ueberlegung sehr
rasch zu Ende sein“ und „braucht sich um ein weiteres nicht zu kümmern“;
das kann man aber keinesfalls von Böhm selbst behaupten.
        <pb n="123" />
        Ergebnisse )
seiner Bedingungen. Dabei entstehen für ihn 4 Fälle: 1. der iso-
lierte Tausch, 2. der einseitige Wettbewerb der Käufer unter-
einander, 3. der einseitige Wettbewerb der Verkäufer unter-
einander und endlich 4. der „beiderseitige Wettbewerb“‘, d. h. der
Fall, bei dem sowohl die Käufer als auch die Verkäufer in Kon-
kurrenz miteinander treten.

Für den ersten Fall (isolierter Tausch) ergibt sich eine sehr
einfache Formel, und zwar: „Beim isolierten Tausch
zweier Tauschlustiger.setzt. sich der. Preis
innerhalb ‚eines‘ Spielraumes fest, dessen
Obergrenzediesubjektive Wertschätzung der
Ware durch. den Käufer, dessen Untergrenze
ihre Wertschätzung durch den Verkäufer bil-
die

Für den zweiten Fall (Wettbewerb der Käufer unterein-
ander) stellt Böhm-Bawerk folgenden Satz auf: „Bei ein-
seitıgem Wettbewerb der Kauflustigen bleibt
der tauschfähigste Bewerber, d. i. derjenige,
der die Ware im Vergleich zum Preisgut am
höchsten schätzt, Ersteher;, und der Preis be-
wegtsich zwischen der Wertschätzung des Er-
stehers als Ober- und der des tauschfähigsten
unter den ausgeschlossenen Bewerbern als
Untergrenze, die jederzeit die eigene Wert-
schätzung des Verkäufers bildet.“ Ein ähnlicher
Tatbestand ergibt sich auch im dritten Fall, nämlich bei dem
einseitigen Wettbewerb der Verkäufer untereinander; hier wer-
den die Grenzen, innerhalb deren der Preis schwankt, von der
allergeringsten Schätzung des stärksten (oder, in der
Böhmschen Terminologie „des tauschfähigsten‘“) Verkäufers und
der Schätzung des stärksten der unterliegenden Konkurrenten be-
stimmt.

Das größte Interesse bietet naturgemäß der vierte Fall, d. h.
der Wettbewerb der Verkäufer und auch der Käufer unterein-
ander. Hier haben wir das typische Beispiel für Tauschgeschäfte
innerhalb einer einigermaßen entwickelten Tauschwirtschaft.

Für diesen Fall stellt Böhm-Bawerk ein Schema auf ‚ in dem
zehn Käufer je ein Pferd kaufen und acht Verkäufer je ein Pferd

7 Böhm-Bawerk: „Grundzüge usw.“, S. 493.
73 Ib. S. 494

115
        <pb n="124" />
        116 Die Werttheorie (Fortsetzung)
verkaufen wollen. Die Zahlen bedeuten die Höhe der ent-
sprechenden Schätzung.
Käufer: Verkäufer :
» 1 schätzt ein Pferd auf 300 Flor. B 1 schätzt sein Pferd auf 100 Flor.
6 2 = Zn Bm EN A
n N 260.6 A ie „1150
S A 210 Se SE „1708
3 N N A220) 558 2 „A 200
7 n „2 210 ee DS A150
7 „200 EN: 7 m „2501
s 806 BI. N A 32608
8 70.
A 1. A150
Angenommen, die Käufer beginnen mit dem Preise von
130 Florin. Es ist klar, daß zu diesem Preis die sämtlichen
10 Käufer Pferde kaufen könnten, während von den Verkäufern
nur 2 (B1 und B 2) auf dieses Geschäft eingehen könnten. Unter
solchen Bedingungen kann der Tausch offenbar nicht zustande-
kommen, denn die Verkäufer würden zweifelsohne den Wett-
bewerb der Käufer untereinander ausnutzen, so daß der Preis
steigen müßte; ebenso würde der Wettbewerb der Käufer unter-
einander es verhindern, daß die zwei Käufer das Geschäft zu
130 Florin pro Pferd abschließen. Bei der weiteren Steigerung
des Preises wird sich die Zahl der Wettbewerber unter den Käu-
fern verringern, und zwar: bei einem Preise von 150 Florin bleibt
der Käufer A110 zurück, bei einem Preise von 170 Florin der
Käufer A 9 usw. Andererseits, je mehr sich die Zahl der Käufer
verringert, desto mehr nimmt die Zahl der Verkäufer zu, für die
es, vom Standpunkte der Wirtschaftlichkeit aus, möglich wird,
sich an dem Tauschgeschäft zu beteiligen. Bei einem Preise von
150 Florin kann auch B 3 sein Pferd verkaufen, bei einem Preise
von 170 Florin — auch B 4 usw. Bei einem Preise von 200 Florin
besteht noch der Wettbewerb unter den Käufern. Ein anderer
Tatbestand ergibt sich aber bei einer weiteren Steigerung des
Preises. Angenommen, der Preis steigt über 200 Florin. In diesem
Falle halten sich Angebot und Nachfrage die Wage. Ueber
220 Florin kann der Preis nicht steigen, denn in diesem Falle
würde der Käufer A 5 ausscheiden, so daß der Wettbewerb unter
den Verkäufern den Preis zum Sinken bringen würde; in
dem gegebenen Fall könnte der Preis eigentlich auch nicht auf
215 Florin steigen, denn in diesem Falle würden auf 6 Verkäufer
nur 5 Käufer entfallen. Und so wird sich ein Preis er-
geben, der innerhalb der Grenzen von 210 bis
215 Florin liegt.
        <pb n="125" />
        Ergebnisse 127

Daraus folgt erstens: Zum Tausch gelangen „von beiden
Seitendietauschfähigsten Bewerber +; nämlich die
Käufer, die die Ware am höchsten (A1 bis A5) und die Ver-
käufer, die sie am niedrigsten schätzen (B 1 bis B 5)".“

Zweitens: „Es kommen von jeder Seite so viele
Bewerberzum Tausch, alses, wenn man die Be-
werber nach der absteigenden Rangordnung
ihrer Tauschfähigkeit‘paart, Paare’ gibt, in-
nerhalb deren der Kauflustige die Ware einer
größeren Summe des Preisgutes gleichschätzt
alsder Verkäufer®.“

Drittens. „Bei beiderseitigem Wettbewerbstellt
sich der Marktpreis innerhalb eines Spiel-
raumesfest, dernachobenbegrenztwirddurch
die Wertschätzungen des Jetzten noch zum
Tausch kommenden Käufers und des tausch:
fähigsten ausgeschlossenen Verkaufsbewer-
bers, nach unten durch die Wertschätzungen
des mindesttauschfähigen noch zum Tausch
gelangenden Verkäufersund destauschfähig-
sten vom Tausch ausgeschlossenen Kaufbe-
werbers”.“ Faßt man die oben erwähnten Paare als „Grenz-
paare‘ auf, so ergibt sich folgende Formulierung für das Preis-
gesetz: „Die“ Höher’des Marktpreises wird be
grenzt und bestimmt durch dieHöhe: der sub”
jektivyven Wertschätzungen der beiden Grenz-
paare®,*

Soweit der Mechanismus des Wettbewerbs, d. h. der
Prozeß der Preisbildung von seiner formalen Seite aus. Dem
Wesen der Sache nach ist es nichts anderes als eine ausführ-
liche Formulierung des längst bekannten Gesetzes von Angebot
und Nachfrage. Deshalb ist eben diese formale Seite der Sache
von geringerem Interesse als ihr Inhalt, d. h. die quantitative
Bestimmtheit des Tauschprozesses. Doch zunächst noch eine

% Ib. S. 499.

‘© Ib. S. 500. Unter Tauschfähigkeit versteht Böhm-Bawerk das Ver-
hältnis zwischen dem zu erwerbenden und dem eigenen Gut. „Esistalso,
allgemeingesagt, derjenige Tauschbewerberdertausch-
fähigste, der sein eigenes Gut im Vergleich zum ein-
zutauschenden fremden am niedrigsten, oder was das-
selbe ist, der das fremde Gutim Vergleich zu dem dafür
hinzugebenden eigenen Gut am höchsten schätzt. Ib., S. 491.

Ib. S. 501.

78 Ib. .S; 501.
        <pb n="126" />
        1. Die Werttheorie (Fortsetzung)

kurze Bemerkung. Bei der Bestimmung der „allgemeinen Re-
geln‘, von denen die am Tausch Beteiligten sich leiten lassen,
formuliert Böhm-Bawerk folgende drei „Regeln‘‘: „Er (d. h. der
Tauschlustige. N. B.) wird erstens überhaupt nur dann
tauschen, wennder Tauschihm Vorteilbringt;
er wird zweitens lieber mit einem größeren als mit
einem kleineren Vorteile tauschen; und er wird
endlich drittens lieber mit einem kleineren Vorteil
alsgarnichttauschen”.“

Die erste dieser drei Regeln ist falsch. Es gibt nämlich Fälle,
in denen die Verkäufer mit Verlust den Tausch eingehen, indem
sie nach der Regel handeln: Ein kleiner Verlust ist besser als ein
großer. Das kommt dann vor, wenn die Kapitalisten sich durch
die Marktkonjunktur gezwungen sehen, ihre Ware unter dem
Herstellungspreise zu verkaufen. Böhm-Bawerk selbst sagt an
anderer Stelle darüber, daß unter derartigen Bedingungen nur
„ein sentimentaler Tor“ auf den Verkauf seiner Ware verzich-
tet. In diesem Falle tritt die ursprüngliche Wertschätzung des
Verkäufers, mit der er auf den Markt gekommen ist, gegenüber
der elementaren Kraft der Marktkonjunktur zurück, die ihn nun
zwingt, den Tausch mit Verlust für seine Unternehmung einzu-
gehen.

Wenden wir uns nun den Faktoren zu, die im Rahmen des
oben dargestellten formalen „Preisgesetzes‘‘ die Höhe dieser
Preise bestimmen. Böhm-Bawerk zählt sechs solche Faktoren:
1. Die Zahl der auf die Ware gerichteten Begehrungen; 2. die
absolute Größe des subjektiven Wertes der Ware für die Kauf-
lustigen; 3. die absolute Größe des subjektiven Wertes des
Preisgutes für die Kauflustigen; 4. die Zahl, in der die
Ware feil ist; 5. die absolute Größe des subjektiven Werts der
Ware für die Verkäufer; 6. die absolute Größe des subjektiven
Werts des Preisgutes für die Verkäufer. Betrachten wir, wodurch
bei Böhm-Bawerk jeder einzelne dieser Faktoren bestimmt wird.

1. Die Zahlder auf die Ware gerichteten Be-
gehrungen. Darüber äußert sich Böhm-Bawerk wie folgt:
„Ueber dieses Moment läßt sich wenig sagen, was nicht selbst-
verständlich wäre. Es wird offenbar beeinflußt einerseits durch
die Ausdehnung des Marktes, andererseits durch den Charakter
des Bedürfnisses ... Uebrigens ist — und das ist die einzige Be-
merkung von theoretischem Interesse, die hier zu machen ist —
nicht jeder, der die Ware vermöge seines Bedürfnisstandes zu

7% Ib. \S. 489.

18
        <pb n="127" />
        Ergebnisse 119
besitzen: wünscht, auch schon ein Kauflustiger...
Unzählige Leute, die ein Gut brauchen und zu besitzen wünschen,
bleiben trotzdem vom Markte freiwillig @) aus, weil bei ihnen
die Wertschätzung des Preisgutes beidem mutmaßlichen
Preisstande (Sperrdruck vom Verfasser) die Wertschätzung
der Ware so weit überwiegt, daß für sie eine ökonomische Mög-
lichkeit, zum Kaufe zu gelangen, von vornherein ausgeschlossen
ist°°,“ Also „die Zahl der Begehrungen“ wird als die Zahl der
Begehrungen schlechthin bestimmt, minus der Zahl der sich
selbst vom Kaufe Ausschließenden; diese letztere hängt von den
Marktpreisen ab, die ihrerseits anscheinend wiederum von
der „Zahl der Begehrungen‘‘ bestimmt werden.

2.Die‘ Wertschätzung, der Ware durch die
Käufer. Darüber schreibt Böhm-Bawerk: „Die Höhe des
Wertes bestimmt sich ... im allgemeinen nach der Größe des
Grenznutzens®.“ Oben untersuchten wir eingehend die-
sen Satz, wobei wir fanden, daß die Käufer die Ware keinesfalls
nach ihrem Grenznutzen schätzen. Das Korrektiv, das Böhm-
Bawerk mit seiner Substitutions theorie zu machen sucht,
ist jedoch nichts anderes als ein theoretischer Zirkel.

3. Der subjektive Wert des Wertgutes für
die Kauflustigen. Die gesamten Böhmschen Erläuterungen
darüber konzentrieren sich in folgendem Satz: „Im allgemeinen
wird also für den Reicheren der subjektive Wert der Geldeinheit
kleiner, für den Aermeren größer sein®.“ Ihrem Wesen nach
besteht die Geldtheorie darin, daß der subjektive Wert des Gel-
des — für die Verkäufer sowohl wie für die Käufer — ihr eige-
ner subjektiver Tauschwert ist, der wiederum von den sich
auf dem Markte befindlichen Preisen der Ware bestimmt
wird. Und so wird auch dieser „Bestimmungsgrund der Preise“
durch die Preise selbst erklärt.

4. Die Zahl, in welcher die Ware feil ist. Die
Bestimmungsgründe dafür sind: a) rein natürliche Verhältnisse
(z. B. beschränkte Menge von Grund und Boden); b) soziale und
rechtliche Verhältnisse (Monopole); c) „in besonders weitem Um-
fange“ aber die Höhe der Produktionskosten. Für
diese finden wir jedoch, wie oben bereits auseinandergesetzt, in
der Böhmschen Theorie keine Erklärung, da sie einerseits durch
den Grenznutzen des Produkts bestimmt wird, andererseits die-—
sen selbst bestimmt.

5) Ib. S. 514 u... 515.
81 Jh. 8, 515.
3 Ib. S. 520.
        <pb n="128" />
        Die Werttheorie (Fortsetzung)

5. Dersubjektive Wertder Warefürden Ver-
käufer. Hierfür gibt Böhm eine doppelte Formulierung: Die
erste besteht darin, daß .. . „der unmittelbare Grenznutzen und
weiter der subjektive Gebrauchswert, den ein Stück für sie hat,
gewöhnlich außerordentlich niedrig steht®.“
Diese Formulierung entspricht, wie oben eingehend bewiesen
wurde, nicht der Wirklichkeit, da es eine Wertschätzung der zum
Verkauf angesetzten Ware nach Nutzen gar nicht gibt, d. h., sie
ist mathematisch gleich Null. Andererseits ist es offensichtlich,
daß die Verkäufer ihre Ware schätzen und dabei durchaus nicht
etwa „außerordentlich niedrig‘. Und da tritt die zweite Formel
Böhm-Bawerks auf die Szene. „Die Höhe des Marktpreises““, —
sagt er an anderer Stelle — „den jeder Produzent für sein Pro-
dukt erlangen kann, ist maßgebend für die Höhe des subjektiven
(Tausch -) Wertes, den er auf dasselbe legt**.‘““ Doch ist diese
Formulierung theoretisch noch weniger stichhaltig, da schon der
Begriff des subjektiven Werts einen Widerspruch in sich selbst
birgt: Bald ist er Grundlage für die Ableitung der Preise, bald
aber setzt er die Preise als gegeben voraus.

6. Der subjektive Wert des Preisgutes für
die Verkäufer. ‚Hierüber‘“ — meint Böhm-Bawerk — „gilt
wieder im allgemeinen dasselbe, was wir oben über den Wert
der Preisgüter für die Käufer gesagt haben. Nun mag es bei den
Verkäufern noch häufiger als bei den Käufern vorkommen, daß
für den Wert, den das Preisgut „Geld“ für sie hat, nicht so sehr
ihre allgemeine Vermögenslage, als vielmehr ein spezieller Be-
darf nach Bargeld maßgebend ist®.‘“ Demnach sind hier zwei
Momente auseinanderzuhalten: 1. Die Wertschätzung des Geldes
entsprechend der „allgemeinen Vermögenslage‘; diese Wert-
schätzung kommt ihrerseits unter der Wirkung von zwei Fakto-
ren zustande: der Menge des Geldes, die dem Besitzer zur Ver-
fügung steht, und den Warenpreisen; 2. von der Wert-
schätzung des Geldes entsprechend dem „speziellen Bedarf“, d. h.
der Marktkonjunktur, die wiederum nichts anderes ist als ein be-
stimmter Stand der Marktpreise. Und so sehen wir, daß
die besondere Natur des Geldes, als Tauschwert, es nicht erlaubt,
dieses Phänomen vom Gesichtspunkte des Nutzens zu erklären,
so daß die Böhmsche Theorie sich unvermeidlich im Zirkel be-
wegen muß.

56. 1b. S. 521.

54 1b. SS: 538.

85 Ib. S. 521.

120
        <pb n="129" />
        Ergebnisse 121
„So findet sich in der Tat — schreibt Böhm-Bawerk — im
ganzen Verlauf des Preisbildungsprozesses ... nicht eine einzige
Phase, nicht ein einziger Zug, der nicht ganz voll auf den Stand
subjektiver Wertschätzungen als auf seine Ursache sich zurück-
führen ließe, und wir können demnach mit vollem Rechte den
Preis als die Resultantederauf dem Marktesich
begegnenden subjektiven! i Wertschätzungen
von Ware und Preisgut bezeichnen.“ Doch ‘ist
ein derartiger Gesichtspunkt, wie bereits im ersten Abschnitt aus-
einandergesetzt, unzulässig: Er berücksichtigt nicht die Grund-
tatsache des gesellschaftlichen Verhältnisses zwischen den Men-
schen — eines Verhältnisses, das im vornherein gegeben ist und
das die individuelle Psyche jedes einzelnen bildet, indem es sie
mit gesellschaftlichem Inhalt erfüllt. Jedesmal daher, sobald die
Theorie Böhm-Bawerks individuelle Motive hervorholt, um aus
ihnen ein soziales Phänomen abzuleiten, wird dieses soziale Ele-
ment in mehr oder weniger versteckter Form bereits im voraus
eingeführt, so daß die ganze Konstruktion zum falschen Zirkel,
zu einem ununterbrochenen logischen Fehler wird; ein Fehler,
der nur dem Scheine nach als Erklärung dienen kann, in Wirk-
lichkeit aber nur die völlige Fruchtlosigkeit der modernen bour-
geoisen| Theorie demonstriert. So hat es sich bei der Analyse
der Preistheorie gezeigt, daß von den sechs „Bestimmungsgrün-
den‘ der Preisbildung in Wirklichkeit kein einziger befrie-
digend von Böhm-Bawerk erklärt wurde. Die Böhm-Bawerksche
Werttheorie vermochte nicht das Preisphänomen zu erklären.
Der eigenartige Fetischismus der Österreichischen Schule, der
ihren Anhängern individualistische Scheuklappen aufsetzt und
den dialektischen Zusammenhang zwischen den Erscheinungen
für sie unsichtbar macht — jene gesellschaftlichen Fäden, die
sich vom Individuum zum Individuum ziehen und allein nur
aus dem Menschen das „gesellschaftliche Tier‘‘ machen — die-
ser Fetischismus zerstört schon an der Wurzel jede Möglichkeit,
die Struktur der modernen Gesellschaft zu begreifen. Dieses
Problem zu lösen, bleibt nach wie vorder Marxschen
Schule vorbehalten.
86 Ib. S. 503.
        <pb n="130" />
        122

IV. KAPITEL
DIE PROFITTHEORIE

1. Die Bedeutung des Distributionsproblems. Die Fragestellung.

2. Der Kapitalbegriff. „Kapital‘‘ und „Profit‘“ im „sozialistischen Staat“.

3. Allgemeine Charakteristik des kapitalistischen Produktionsprozesses; die

Entstehung des Profits.
1. DIE BEDEUTUNG DES DISTRIBUTIONSPROBLEMS
DIE FRAGESTELLUNG

Wenn es jedem Einzelgebiet der politischen Oekonomie über-
haupt eigentümlich ist, sich in einer bestimmten Richtung zu ent-
wickeln, je nachdem, wer dieses Einzelgebiet bearbeitet, so trifft
dies ganz besonders zu für die Lehre von der Verteilung, im be-
sonderen aber für die Profittheorie. Dieses Problem berührt sich
ja sehr nahe mit der „Praxis‘ der kämpfenden Klassen; es be-
rührt am stärksten ihre Interessen, und so ist es leicht begreif-
lich, daß sich gerade hier eine bald ziemlich grobe, bald sehr
feine, aber dennoch leicht zu enthüllende Apologie der modernen
Gesellschaftsordnung fest eingenistet hat. Von der logischen Seite
her kommt der Verteilungsfrage, die nach Ricardo zu den wich-
tigsten Problemen der politischen Oekonomie gehört‘, zweifels-
ohne eine eminente Bedeutung zu. Es ist unmöglich, die Gesetze
der gesellschaftlichen Entwicklung zu verstehen, ohne — wenn
es sich um die moderne Gesellschaft handelt — den Reproduk-
tionsprozeß des gesellschaftlichen Kapitals analysiert zu haben.
Einer der ersten Versuche schon, die Bewegung des Kapitals zu
begreifen — wir meinen die berühmte „Oekonomische Tabelle‘
von Quesnay — mußte dem Verteilungsplan einen bedeutenden
Platz einräumen. Doch wenn man auch von der Aufgabe ab-
sieht, den Mechanismus der gesamten kapitalistischen Produk-
tion in ihrem ganzen Umfange und ihrem „vollen gesellschaft-
lichen Maßstab‘‘ zu erfassen, so bietet auch noch die Frage von
der Verteilung an und für sich ein ungeheures theoretisches In-
teresse. Welches sind die Gesetze, nach denen die Verteilung

* Siehe David Ricardo: „Principles of political economy and taxation“,
Vorwort.
        <pb n="131" />
        Die Bedeutung des Distributionsproblems. Die Fragestellung 123
der Güter unter die verschiedenen Gesellschaftsklassen erfolgt;
welches sind die Gesetze des Profits, der Rente, des Arbeitslohns;
in was für einem Verhältnis stehen diese Kategorien zueinander,
wovon hängt in jedem gegebenen Augenblick ihre Größe ab; wel-
ches sind die Tendenzen der gesellschaftlichen Entwicklung, die
diese Größe bestimmen? Dies sind die Grundfragen, die die
Distributionstheorie sich stellt. Wenn die Werttheorie das
umfassende Grundphänomen der Warenproduktion analysiert,
so hat die Verteilungstheorie die antagonistischen so-
zialen Phänomene des Kapitalismus, des Klassenkampfes, zu ana-
lysieren, der neue spezifische, der Warenwirtschaft als solcher
zukommende Formen annimmt. Wie dieser Klassenkampf seine
kapitalistische Formulierung gewinnt, mit anderen Worten, wie
sich dieser Kampf in der Form von ökonomischen Gesetzen kund
tut — dies zu zeigen ist eben die Aufgabe einer Theorie der kapi-
talistischen Verteilung*. Freilich, bei weitem nicht alle Theore-
tiker fassen so die Aufgaben einer Verteilungstheorie auf. Schon
in der Aufstellung des Problems lassen sich zwei Grundrichtun-
gen erkennen. „Es gibt hier — schreibt einer der neuesten For-
scher auf diesem Gebiete, N. Schaposchnikow — zwei diametral
verschiedene Standpunkte, von denen nur einer richtig sein
kann*.‘“ Der Unterschied ist der, daß die eine Gruppe der Oeko-
nomisten die Entstehung des sogenannten „arbeitslosen Ein-
kommens‘‘ durch die ewigen und ‚natürlichen‘ Bedingungen des
menschlichen Wirtschaftens zu erklären sucht, die andere sieht
in ihnen dagegen die Folge der besonderen historischen Verhält-
nisse oder, konkret gesprochen, das Ergebnis des Privatbesitzes
an Produktionsmitteln. Doch kann dem Problem eine weitere
umfassendere Formulierung gegeben werden, denn erstens han-
delt es sich nicht nur um „arbeitsloses Einkommen“, sondern
auch um „Arbeitseinkommen“‘‘ (der Begriff des Arbeitslohns ist
z. B. ein Korrelatbegriff zu dem des Profits, er steht und fällt
mit diesem letzteren); zweitens kann man die Frage über die
Verteilungsformen überhaupt stellen, d. h., nicht nur die Formen
Me Struve macht aus der Schwierigkeit der Aufgabe ihre Unerfüllbarkeit.
Siehe seine Artikel: „Zur Kritik der Grundbegriffe... der politischen Oeko-
nomie‘“ in der Ztschr. „Schisn“ (russ.), siehe auch N. Schaposchnikow, I. c.
Vorwort. Eine ähnliche wissenschaftliche Skepsis hinsichtlich der Vertei-
lungstheorie begegnet man bereits bei Bernstein. (Die Verteilung des gesell-
schaftlichen Reichtums war zu allen Zeiten eine Frage der Macht und Orga-
nisation.“ Wirklich nur? Oder: „Das Lohnproblem ist ein soziologisches Pro-
biem, das sich niemals rein ökonomisch wird erklären lassen.“ E. Bernstein:
EST und Geschichte des Sozialismus“, 4. Aufl., S. 75, 76, zit. bei Lewin

3 Schaposchnikow I. c. 80.
        <pb n="132" />
        12 Die Profittheorie

der kapitalistischen Verteilung, sondern auch die allgemeine Ab-
hängigkeit der Verteilungsformen von den Formen der Produk-
tion. Die Analyse dieser Frage ergibt folgendes: Seiner funk-
tionellen Bedeutung nach ist der Verteilungsprozeß nichts an-
deres als ein Reproduktionsprozeß der Produktionsverhältnisse;
jede historisch bestimmte Form der Produktionsverhältnisse
weist eine adäquate Form der Verteilung auf, die das gegebene
Produktionsverhältnis reproduziert. So ist es auch mit dem Ka-
pitalismus. /„, .. .der kapitalistische Produktionsprozeß (ist) eine
geschichtlich bestimmte Form des gesellschaftlichen Produktions-
prozesses überhaupt. Dieser letztere ist sowohl Produktionspro-
zeß der materiellen Existenzbedingungen des menschlichen Le-
bens wie ein in spezifischen, historisch-ökonomischen Produk-
tionsverhältnissen vor sich gehender, diese Produktionsverhält-
nisse selbst und damit die Träger dieses Prozesses, ihre mate-
riellen Existenzbedingungen und ihre gegenseitigen Verhältnisse,
d. h., ihre bestimmte ökonomische Gesellschaftsftorm produzie-
render und reproduzierender Prozeß*.‘“ Der Prozeß der kapi-
talistischen Verteilung, der sich ebenso in ganz bestimmten
historischen Formen vollzieht (Kauf und Verkauf der Arbeits-
kraft, Bezahlung ihres Wertes durch die Kapitalisten, Entstehung
von Mehrwert), ist eben nur ein Bestandteil, eine bestimmte Seite
dieses Prozesses der kapitalistischen Produktionsweise, als Gan-
zes genommen. Wenn das Verhältnis zwischen Kapitalist und
Arbeiter das grundlegende Produktionsverhältnis der kapitalisti-
schen Gesellschaft bildet, so reproduzieren die Formen der kapi-
talistischen Verteilung — die Kategorien des Arbeitslohns und
des Profits — dieses grundlegende Verhältnis. Wenn man des-
halb Produktions- und Verteilungsprozeß „als solche“ nicht mit
den jeweiligen ökonomisch-historischen Formen vermengt, die
die „Ökonomische Gesellschaftsstruktur‘, d. h., den jeweiligen
Typus der menschlichen Beziehungen bilden, so gewinnt man ein
klares Ergebnis, und zwar: Wollen wir irgendeine konkreie CGe-
sellschaftsstruktur erklären, so müssen wir sie nur als einen spe-
ziıfischen, historisch gewordenen Typus von Ver-
hältnissen auffassen,/d. h., als einen Typus, der
historische Schranken und ihm allein zukom-
mende Besonderheiten hat. Die bürgerliche politische
Oekonomie tritt infolge ihrer Beschränktheit nicht aus den Gren-
zen der allgemeinen Definitionen heraus.! „. .. die National-
Ökonomen (haben) den natürlichen Vorgang der Produk-
tion mit dem durch das Grund- und Kapitaleigentums r ec ht

* Karl Marx: „Kapital“, Bd. III, 2. Teil, S. 350.

1
        <pb n="133" />
        Die Bedeutung des Distributionsproblems. Die Fragestellung 125
bedingten sozialen Vorgänge der Produktion verwechselt oder
vermischt und sind infolgedessen zu einem Kapitalbegriff gelangt,
der in der wirklichen nationalökonomischen Welt gar nicht
seinesgleichen hat*.‘“/ Doch auch Rodbertus selbst ließ sich, im
Gegensatz zum einheitlichen und konsequenten Marxschen Ge-
sichtspunkt, ein bequemes Schlupfloch, indem er den „logischen“
Kapitalbegriff heraussonderte, als eine Kategorie, die allen Wirt-
schaftsformen eigen sein soll; indessen ist das vom Standpunkte
der Terminologie aus gänzlich überflüssig (für den betref-
fenden Begriff gibt es den Ausdruck: „Produktionsmittel‘‘) und
dem Wesen nach schädlich, denn es führt nicht selten da-
zu, daß unter dem Deckmantel der unschuldigen Erörterungen
über die Produktionsmittel („Kapital‘) die Lösung von :so-
zialen Problemen ganz anderer Art durchgeschmuggelt wird.

Also, haben wir uns einmal die Aufgabe gestellt, das Wesen
der Verteilung in der modernen Gesellschaft zu untersuchen,
so werden! wir nur dann zum Ziele kommen, wenn wir dabei
die Besonderheiten des Kapitalismus nicht aus dem Auge ver-
lieren. Das hat Marx in geradezu glänzender Weise in folgendem
Satze kurz zusammengefaßt: ‚,,Wie das Kapital, so sind Lohn-
arbeit und Grundeigentum geschichtlich bestimmte gesellschaft-
liche Formen; die eine der Arbeit, das andere des monopolisier-
ten Erdballs, und zwar sind sie beide, dem Kapital entsprechende
und derselben ökonomischen Gesellschaftsformation angehörende
Formen‘.“

In seiner Profittheorie folgt Böhm-Bawerk, wie dies schon
aus der Untersuchung seiner Werttheorie zu erwarten war, ganz
und gar jenen Oekonomen, die es für angebracht halten, den
Profit nicht etwa von den historischen, sondern von den allge-
meinen Bedingungen der gesellschaftlichen Produktion „ab-
zuleiten‘“. Damit allein schon wäre im Grunde genommen das
Urteil über seine „neuen Bahnen“‘ gefällt’; denn von allen Oeko-
nomen, die den Profit, die Grundrente und den Arbeitslohn nicht
als historische, sondern als „logische‘‘ Kategorien betrachten,
gilt das Wort, daß sie vom „richtigen Wege abkamen‘‘“. Wohin

5 C. Rodbertus: „Das Kapital‘, S. 230.

$ Karl Marx: Kapital‘, Bd. 11,2. Teil, S. 350.

Ad Ueber seine Theorie sagt Böhm-Bawerk: „Während ich in den übrigen
Teilen dieses Werkes (d. h. des „Kapitals“. N. B.) wenigstens im großen und
ganzen den Spuren der bisherigen Theorie zu folgen in der Lage war, habe
ich für die Erscheinung des Kapitalzinses eine Erklärung vorzutragen, die sich
in vollständig neuen Bahnen bewegt.“ „Positive Theorie‘, 1. Halbband, S. XVIII.

3 Schaposchnikow 1. c, S. 81. Schaposchnikow stellt die Frage richtig,
doch gerät er sofort auf eklektische Abwege. „Obgleich wir — schreibt er —
        <pb n="134" />
        ie Die Profittheorie

der unhistorische Gesichtspunkt der Böhmschen Werttheorie ihn
gebracht hat, haben wir bereits aus dem Vorhergehenden gesehen.
Zu noch größeren Widersprüchen und Konflikten mit der Wirk-
lichkeit führt dieser Gesichtspunkt in der Verteilungstheorie, im
besonderen in der Profittheorie.

2. DER KAPITALBEGRIFF. „KAPITAL“ UND „PROFIT‘“ IM
„SOZIALISTISCHEN“ STAAT

Seine Analyse des Kapitalbegriffs beginnt Böhm-Bawerk da-
mit, daß er den einmal liebgewonnenen „isolierten Menschen“
bald „mit der nackten Faust‘ arbeiten läßt, bald ihn mit Produk-
tionsmitteln versieht, die von diesem Menschen selbst hergestellt
werden. Daraus folgert er, daß es überhaupt zwei Produktions-
methoden gibt: „Entweder... werten wir unsere Arbeit ganz
knapp vor dem Ziele ein... oder wir schlagen absichtlich einen
Umweg ein®“, d. h., wir gehen entweder direkt auf das Ziel aus
oder unternehmen einige vorläufige Operationen (die Produktion
der Produktionsmittel). Da im letzteren Falle der Mensch die
Naturkräfte zur Hilfe nimmt, die „stärker als die nackte Faust‘
sind, so ist die Benutzung des „Umwegs‘‘ von größerem Erfolg
begleitet, als wenn nur mit „der nackten Faust‘ gearbeitet wird.

Diese allgemeinen Sätze genügen Böhm-Bawerk, um zu einer
Definition des Kapitals und der kapitalistischen
Produktionsweise zu kommen.

„Die Produktion, die kluge Umwege einschlägt, ist nichts an-
deres, als was die Nationalökonomie die kapitalistische
Produktion nennt, so wie die Produktion, die geradeaus mit der
nackten Faust auf das Ziel zugeht, die kapitallose Produktion
darstellt. Das Kapitalaber ist nichts anderes als
der Inbegriff der Zwischenprodukte, die auf
den einzelnen Etappen des ausholenden Um-
weges zur Entstehung kommen".“ Und an ande-
rer Stelle: „Kapital überhaupt nennen wir einen
Inbegriff von Produkten, die als Mittel des
Gütererwerbes dienen. Aus diesem allgemeinen Kapi-
talbegriff löst sich als engerer Begriff der des Sozial-
ihren (d. h. der besagten Oekonomen. N. B.) grundlegenden Standpunkt nicht
teilen, erkennen wir dennoch (!) an, daß sie in ihren Prinzipien der Enthal-
tung, Zurechnung und Grenzproduktivität solche Argumente brachten, mit
denen ernst zu rechnen ist.“ Schaposchnikow entgeht es, daß diese „Prin-
zipien“ mit dem unhistorischen Standpunkt untrennbar verbunden sind. Darin
aber liegt das Wesen der Sache.

9 Böhm-Bawerk: „Positive Theorie“, S. 15.
12.7 SUR1:

26
        <pb n="135" />
        Der Kapitalbegriff. „Kapital“ und „Profit“ im „sozialistischen“ Staat 127
kapitals ab. Sozialkapital nennen wir einen Inbegriff von
Produkten, die als Mittel sozialwirtschaftlichen Güter-
erwerbs dienen; oder ... da sozialwirtschaftlicher Güterverbrauch
nicht anders als durch Produktion stattfindet... oder, kurz ge-
sagt, einen Inbegriff von Zwischenprodukten‘“.“

Die angeführten Definitionen genügen, um die „Grundlagen“
der Böhm-Bawerkschen Profittheorie kennenzulernen; sie ver-
hüllt den geschichtlichen Charakter der modernen Produktions-
weise und — was in diesem Falle noch wichtiger ist — sie ver-
schleiert ihr Wesen als einer kapitalistischen Produktion im
wahren Sinne des Wortes, d. h., einer Produktion, die auf
Lohnarbeit beruht, auf Monopolisierung der Produktions-
mittel durch eine bestimmte gesellschaftliche Klasse; es ver-
schwindet dabei völlig der charakteristische Zug der modernen
Gesellschaft — die Klassenstruktur derselben, die von inneren
Widersprüchen, von einem erbitterten Klassenkampf zerrissen
wird. Welches sind die logischen Grundlagen für eine derartige
Konstruktion? Böhm-Bawerk stellt folgende Erwägungen an:
Auf allen Stufen der sozialen Entwicklung gibt es „Produktions-
wege‘; im Zusammenhang damit befinden sich manche Erschei-
nungen auf dem Gebiete der endgültigen Ergebnisse der
Produktion. Diese Erscheinungen können in Abhängigkeit von
den konkreten geschichtlichen Bedingungen (z. B. Privateigen-
tum) verschiedene Formen annehmen.

Doch muß hier „das Wesen‘ von der „Erscheinungsform“‘
unterschieden werden. Eben deshalb ist es für eine gründliche
wissenschaftliche Forschung erforderlich, die Analyse des „Kapi-
tals‘‘, des „Profits‘, der „kapitalistischen Produktionsweise‘“ usw.
nicht in ihrer jetzigen Formulierung, sondern in abstrakto zu
vollziehen. Soweit im allgemeinen der Böhmsche Standpunkt*?.
Dies ist übrigens alles, was zugunsten des Böhm-Bawerkschen
Standpunktes und ähnlichen Versuchen, das Kapital und den
Profit als „ewige“ Wirtschaftskategorien zu betrachten, zu sagen

** Ib. S. 54. Das Kapital heißt bei Böhm-Bawerk auch „Erwerbskapital“ oder
„Privatkapital‘‘; das Sozialkapital dagegen kann man auch gut und bündig
„Produktivkapital‘“ nennen (Ib. S. 55). Und so ergibt sich, daß der Begriff des
Sozialkapitals enger als der des Individualkapitals ist. (Erwerbskapital — Privat-
kapital); dazu kommt hinzu, daß der Begriff „Gütererwerb“ in den beiden
Fällen etwas verschiedenes bedeutet. Darüber siehe Stolzmann: „Der Zweck
usw.‘, S. 335. Wir heben diese Konfusion hervor, wenn dies auch ohne wesent-
liche Bedeutung für den Text ist.

1? Siehe z. B. „Positive Theorie“, S. 587, Anmerkung, wo Böhm-Bawerk
Stolzmann vorhält, daß er das Wesen von der Erscheinungsform und den
„Profit als solchen“ vom jetzigen Profit nicht unterscheidet.
        <pb n="136" />
        125 Die Profittheorie

wäre. Wenn auch die Auseinanderhaltung zwischen „Wesen“ und
„Erscheinungsform‘“ an und für sich richtig ist, in diesem Falle
ist sie nicht am Platze. In der Tat, hängt doch mit dem Begriff
„Kapital“, „kapitalistisch‘“ usw. nicht die Vorstellung von der
sozialen Harmonie, sondern vom Klassenkampf zusammen. Dies
weiß Böhm-Bawerk selbst sehr gut. In seiner Kritik der Oeko-
nomen, die in den Begriff des Kapitals den Begriff der Arbeits-
kraft aufnehmen, sagt er: „Wissenschaft und Volk haben sich
längst gewöhnt, gewisse große soziale Probleme unter dem
Schlagworte des Kapitals abzuhandeln, und haben dabei nicht
einen die Arbeit mitumfassenden Begriff, sondern einen Gegen -
satz zu ihr im Auge gehabt. Kapital und Arbeit, Kapitalismus
und Sozialismus, Kapitalzins und Arbeitslohn wollen wahrhaftig
keine harmlosen Synonyma sein, sondern sie sind Schlagworte
für die denkbar stärksten sozialen und ökonomischen Kon-
traste!®.“ Sehr schön. Doch wenn dem so ist, so müßte man
konsequenterweise weitergehen und nicht bei der „Gewohnheit
des Volkes“ und der „Wissenschaft‘“ stehen bleiben, sondern bee -
wußt die Klassengegensätze in der kapitalistischen
Warenwirtschaft an die Spitze der Betrachtung stellen. Dies
bedeutet, daß das Merkmal der Klassenmono-
polisierung der Produktionsmittel, wie sie
unter den Bedingungen der Warenwirtschaft
stattfindet, in den Begriff des Kapitals als
dessen wesentlichster, konstituierender Be-
stimmungsgrund aufgenommen werden mu ß.
Für den Böhmschen Kapitalbegriff bleibt die alte Auffassung der
Produktionsmittel (vgl. seine „Zwischenprodukte‘‘), deren Er-
scheinungsform in der gegenwärtigen Gesellschaft das
„Kapital“ ist. Und so sind nach ihm die von den Kapitalisten
monopolisierten Produktionsmittel nicht etwa die der modernen
Gesellschaft eigenen „Erscheinungsformen“ des Ka-
pitals, sondern das Kapital schlechthin; aber sie sind eine
„Erscheinungsform“ der Produktionsmittel Sc hlechthin,
außerhalb jeder Beziehung zu einer konkreten historischen
Struktur.

Man kann an die Frage auch von einer anderen Seite heran-
treten. Wenn alle „Zwischenprodukte‘“ Kapital sind, wie sind
da die „Zwischenprodukte‘“ in der modernen Wirtschafts-

18 Positive Theorie“, S. 82. Eine ähnliche Fragestellung begegnet uns
auch bei den Amerikanern. Vgl. I. B. Clark: „The Distribution of Wealth“
Neuyork 1908. Carver I. c. Sie sind eben zu einer anderen Lösung der Profit-
frage gekommen.

1
        <pb n="137" />
        Der Kapitalbegriff, „Kapital“ und „Profit“ im „Sozialistischen“ Staat 129
ordnung auszuscheiden? Nehmen wir an, — wenn auch eine der-
artige Annahme im Grunde widersinnig ist —, daß es auch im
„Sozialistischen Staat‘ Profit gibt; in diesem Falle würde jedoch
der „Profit‘ in die Hände der gesamten Gesellschaft fallen,
während er in der modernen Wirtschaftsordnung einer einzigen
Klasse zufällt. Dieser Unterschied ist mehr als wesentlich. Trotz
dem fehlt bei. Böhm-Bawerk ein Terminus für den „Jetzigen‘‘
Profit. Doch sehen wir, wie streng Böhm-Bawerk seine Gegner
beurteilt und wie er sie gerade darin kritisiert, worin er selber
fehlt. In seiner Kritik gegen die Anwendung des Kapitalbegriffs
auf Grund und Boden, bei der er sich auf das Prinzip der „ter-
minologischen Oekonomie“ beruft, sagt er: „Wenden wir näm-
lich den Namen Kapital allen sachlichen Erwerbsmitteln zu,
so bleibt der engere der konkurierenden Begriffe und auch der
mit ihm korrespondierende Einkommenszweig trotz ihrer Wich-
tigkeit ganz namenslos*!*.“ Und doch ist es klar, daß der Unter-
schied zwischen „Profit“ im sozialistischen Staate, der das Fehlen
von Klassen voraussetzt, und dem jetzigen „Profit‘ viel größer
und wichtiger ist als der Unterschied zwischen Profit und Rente:
im ersten Falle handelt es sich um den Unterschied zwischen
einer Klassengesellschaft und einer klassenlosen Gesellschaft, im
zweiten nur um den Unterschied zwischen zwei Klassen ein und
derselben Gesellschaft, die im Grunde genommen nur einer
Klassenkategorie angehören, nämlich der der Besitzer und Eigen-
tümer.

Die Widersinnigkeit der Böhmschen Terminologie vergrößert
sich noch durch den Umstand, daß seinem Begriff der „Un -
kapitalistischen“ Produktion in der Wirklichkeit keine
einzige reale wirtschaftliche Tatsache entspricht: Die Produktion
mit „der nackten Faust“ ist eine der zahlreichen Fiktionen
Böhm-Bawerks. Umgekehrt ist der Wilde, der mit dem Stock im
Boden herumstochert, in einen „Kapitalisten verwandelt, der eine
„Kkapitalistische“ Wirtschaft führt und sogar“ Profit‘ ein:-
heimst! ... Doch wenn je de Produktion (da es Produktion ohne
Produktionsmittel nicht gibt) „kapitalistisch‘ sein soll, so
müssen doch im Rahmen dieser „kapitalistischen‘‘ Produktion
Unterschiede gemacht werden, denn es ist doch — gleich viel
wie — notwendig, die „kapitalistische“ kapitalistische
Produktionsweise, die „kapitalistische‘“ sozialistische ‚ die
„kapitalistische“ urkommunisti Sche Produktionsweise
usw. voneinander zu unterscheiden. Bei Böhm-Bawerk finden wir

4.1b.18. 87.
        <pb n="138" />
        130 Die Profittheorie
aber nur einen Terminus für all diese drei verschiedenen Arten
der „kapitalistischen Produktion“.

Eine glänzende Illustration für die von Böhm-Bawerk hinein-
getragene Konfusion bietet der Abschnitt: „Der Zins im Sozia-
listenstaat‘. Auch in diesem ‚„Staate‘ soll das Profitprinzip in
seiner vollen Kraft aufrechterhalten bleiben, das man jetzt doch
als Ergebnis der Ausbeutung ansieht. Diese „sozialistische Aus-
beutung‘‘ erläutert Böhm wie folgt: „Angenommen — sagt er —
es gibt zwei Produktionszweige: das Bäckergewerbe und die
Waldkultur” Das Ergebnis eines Arbeitstages des Bäckers ist das
Produkt Brot, dessen Wert sich nach Böhm auf 2 Florin stellt
(nach Böhm bleiben im „Sozialistenstaate‘“ sogar die Florins).
Die Tagesarbeit des Waldarbeiters besteht darin, daß er 100 junge
Eichen anpflanzt, die ohne weiteres Zutun sich in hundert Jahren
in große Bäume umwandeln, so daß der Gesamtwert der Arbeit
des Waldarbeiters sich auf 1000 Florin stellen wird. Dieser Um-
stand, nämlich der Zeitunterschied in der Produktion (die all-
gemeine Wertschätzung der dazu gehörenden Erwägungen folgt
in der weiteren Darstellung) wird eben zur Grundlage für die
Profitentstehung gemacht. „Zahlt man aber — sagt Böhm-Ba-
werk — auch den Aufforstungsarbeitern gerade so wie den
Bäckern nur 2 Florin täglich, dann begeht man ihnen gegen-
über dieselbe „Ausbeutung‘‘, die heute die kapitalistischen Unter-
nehmer ausüben*.“

Während des Zeitabschnittes von hundert Jahren erfolgt ein
Wertzuwachs, und diesen „Mehrwert‘“ „steckt die Gesellschaft
ein und nimmt ihn somit den ihn erzeugenden Arbeitern weg,
die Arbeitsfrüchte genießen also die anderen‘. „In der Verteilung
bekommen ihn (d. h. den Zins. N. B.) ganz andere Leute als
jene, an deren Arbeit und Produkt er verdient wurde... an dere
Leute, und zwar ganz wie heute (!), nicht aus dem Titel der
Arbeit, sondern aus dem Titel des Eigentums bzw. des
Miteigentum s*®.“

Diese Ueberlegung ist von Anfang bis Ende falsch. Sogar in
der sozialistischen Gesellschaft gibt es keinen Wertzuwachs aus
dem Boden”. Für sie ist es ganz gleich, ob die Arbeit für die un-

# Ib. S. 583.

16 1b. S. 584.

17 Um‘ Mißverständnisse zu vermeiden, sei erklärt: Wenn hier die Rede
vom „Wert“ in der sozialistischen Gesellschaft ist, so ist doch darunter eine
besondere Kategorie zu verstehen, die sich von dem Wertbegriff in der Waren-
wirtschaft unterscheidet. Hier wie da bildet die Arbeit den bestimmenden
Faktor. Doch während in der sozialistischen Gesellschaft die Arbeitsbewertung
einen bewußten gesellschaftlichen Prozeß bildet, stellt sie in

A
        <pb n="139" />
        Der Kapitalbegriff. „Kapital“ und „Profit“ im „Sozialistischen“ Staat 131
mittelbare Produktion von Gebrauchsgütern angewandt wird
oder irgendeinem „entfernteren Zweck“ dient, da in dieser Ge-
sellschaft nach einem im voraus aufgestellten Wirtschaftsplan
gearbeitet wird, und die einzelnen Arbeitskategorien als Teile
einer gemeinsamen gesellschaftlichen Arbeit betrachtet werden,
die für den ununterbrochenen Gang der Produktion, Reproduk-
tion und des Konsums notwendig ist. Aehnlich wie die Produkte
der verschieden entfernten Einheiten ununterbrochen und
gleichzeitig konsumiert werden, ebenso ununterbrochen
und gleichzeitig laufen auch die ihrem Ziel nach verschieden ent-
fernten Arbeitsprozesse ab. Alle Teile der gemeinsamen gesell-
schaftlichen Arbeit sind in ein einheitliches unzertrennbares
Ganzes verschmolzen, in dem für die Bestimmung des Anteils
eines jeden Mitglieds nur eins wichtig ist (nach Abzug für den
Produktionsmittelfonds) die Menge der aufgewendeten 'Arbeit.
Dies sieht man auch *am Böhmschen Beispiel: Wenn er von den
Bäckern spricht, deren Arbeitsprodukt Brot ist, so vergißt er
ganz und gar, daß das Brot keinesfalls nur das Arbeitsprodukt
der Bäcker ist, sondern aller Arbeiter, angefangen mit denjenigen,
die in der Landwirtschaft beschäftigt waren; die Arbeit der
Bäcker ist nur das Schlußglied in dem gesamten Prozeß. Wenn
also die Aufforstungsarbeiter Produkte gemäß ihrer Arbeit be-
kommen, so erhalten sie damit gesellschaftliche Arbeitseinheiten
von verschiedenen Graden der Entfernung, d. h. sie befinden sich
im Verhältnis zu den anderen Mitgliedern der Gesellschaft in
derselben Lage, wie jede andere Arbeiterkategorie, denn, wie ge-
sagt, bei dem gegebenen Wirtschaftsplan hängt die Wichtigkeit
der Arbeit nicht von der Entfernung des Zieles derselben ab!®.“

Diese Frage hat jedoch noch eine andere, wichtigere Seite.
Angenommen, die sozialistische Gesellschaft erhält in einem ge-
gebenen Produktionszyklus einen gewissen Ueberschuß an „Wert“
(für uns ist es in diesem Falle ohne Belang, zu wissen, warum
sie ihn hat und auf Grund welcher „Werttheorie‘“ sich die
Abschätzung des Produkts vollzieht). Böhm-Bawerk stimmt da-
mit überein, daß dieser „Mehrwert“ „zu einer allgemeinen Auf-
besserung der Lohnquote (!) der Volksarbeiter dient“. Damit ist
doch sichtbar jeder Grund für die Deutung des erhaltenen Ueber-
schusses als Profit genommen. Doch macht hier Böhm-Bawerk
folgenden Einwand geltend. „Der Profit — sagt er — hört noch
der jetzigen Gesellschaft ein elementares Grundgesetz der Preise dar, in der
das eigentliche Element der (Arbeits) Bewertung fehlt.

4 8 Ganz davon zu schweigen, daß die sozialistische Gesellschaft die Be-
seıtigung der engen Spezialisierung voraussetzt.
        <pb n="140" />
        15.. Die Profittheorie

nicht auf, Profit zu sein, weil man ihn in Relation zum. Ver-
wendungszweck setzt — wird doch niemand die Behauptung auf-
zustellen wagen, daß der Kapitalist und sein Profit aufhören,
Kapitalist und Profit zu sein, wenn irgendein Unternehmer...
ein Vermögen von Millionen anhäuft und über dieses dann zu
gemeinnützigen Zwecken verfügt*.‘““

Dieser „Einwand“ enthüllt sofort die innere Unrichtigkeit der
Böhm-Bawerkschen Position. Denn warum wird niemand „zu be-
haupten wagen‘, daß der Profit im Zusammenhang mit den
wohltätigen Bestrebungen der Kapitalisten zu existieren aufhört?
Ja, doch nur eben deshalb, weil dies ein Einzelfall ist, der ohne
jeglichen Einfluß auf die allgemeine Struktur des sozial-wirt-
schaftlichen Lebens ist: Die Klassennatur des Profits wird keines-
falls vernichtet; es wird nicht die Kategorie des Einkommens
vernichtet, das die Klasse, dank der ,Monopolisierung der
Produktionsmittel an sich nimmt. Anders wäre es, wenn die
Kapitalisten als Klasse auf den Profit verzichten und ihn für
gemeinnützige Zwecke anwenden würden. In diesem — praktisch
ganz unmöglichen — Falle würde die Profitkategorie verschwin-
den, und die wirtschaftliche Struktur der Gesellschaft ein anderes
Gesicht annehmen, als es die kapitalistische Gesellschaft zeigt.
Die Monopolisierung der Produktionsmittel würde sogar vom
privaten Unternehmerstandpunkt aus jeden Sinn verlieren, und
die Kapitalisten als solche aufhören zu existieren. Und so werden
wir wiederum auf den Klassencharakter des Kapitalis-
mus und dessen Kategorie — des Profits — gestoßen“. Und nur

19 Tb. 'S. 583.

20 Es ist interessant, daß sogar Oekonomen, die zwischen „rein Öko-
nomischen‘“ und „historisch-rechtlichen‘“ Kapitalbegriff unterscheiden, nur das
Privatkapital sehen und die Tatsache der Klassen monopolisierung
außer acht lassen. Bis zu einem gewissen Grade gilt es auch für Rodbertus.
Adolf Wagner gibt folgende Definition des Kapitals: „Kapital, als rein öko-
nomische Kategorie, unabhängig betrachtet von den geltenden Rechtsverhält-
nissen für den Kapitalbesitz, ist ein Vorrat solcher wirtschaftlicher Güter,
welche als technische Mittel für Herstellung neuer Güter in einer Wirtschaft
dienen können: es ist Produktionsmittel-Vorrat oder „National-Kapital‘, bzw.
Partikel davon. Kapital im historisch-rechtlichen Sinne oder Kapitalbesitz
ist derjenige Teil des Vermögensbesitzes einer Person (Sperrdruck vom
Verfasser), welcher derselben als Erwerbsmittel zur Erlangung eines Einkom-
mens aus ihm (Rente, Zins) dienen kann, also zu diesem Zwecke von ihr
besessen wird, ein „Rentenfonds“, „Privatkapital‘“ (Ad. Wagner: „Grund-
legung‘“ II. Aufl., S. 39, zitiert nach Böhm, 5. 124, 125). Ueberhaupt fällt
bei Böhm-Bawerk sein Leichtsinn gegenüber der historischen Seite der Frage
auf: Seite 125 macht er z. B. die Bemerkung, daß freilich alles historischen
Charakter habe: Die Maschinen entstanden nicht vor dem 18. Jahrhundert,
die Bücher erschienen erst nach der Erfindung der Buchdruckerkunst usw.

2
        <pb n="141" />
        Allgem. Charakteristik des kapital. Produktionsproz. Die Profitbildung 133
dank eines geradezu unglaublichen Daltonismus, der es ver-
hindert, diese Klassenmnatur zu sehen, sind folgende Behaup-
tungen möglich: „Sogar in der einsamen Wirtschaft eines Robin-
son könnte der Grundzug des Zinsphänomens ... nicht fehlen?!.“
Wie erklärt sich nun dieser Daltonismus? Eine sehr richtige Er-
klärung dafür gibt uns Böhm-Bawerk selbst. „Auch unter uns
(d. h. unter den bourgeoisen Oekonomen. N. B.) — sagt er
liebt man es so sehr, unbequeme Gegensätze zu verkleistern,
dornige Probleme zu vertuschen.‘“ Dieses offene Geständnis ent-
hüllt am besten die Psychologische Unterlage, die dazu führt, daß
man die Erkenntnis der widerspruchsvollen sozialen Wirklichkeit
meidet und zu den künstlich ausgedachten, an den Haaren her-
beigezogenen Konstruktionen, zur Rechtf ertigung ‘der
Wirklichkeit, seine Zuflucht nimmt. „Auch Böhm-Bawerks Kapi-
talzinstheorie — schreibt Dietzel —, welche aus der Grenznutzen-
theorie geflossen ist, soll nicht bloß das Zinsphänomen erklären,
sondern daneben auch Material zur Widerlegung derer beitragen,
welche die Zinsinstitution angreifen?. Diese apologetische Seite
veranlaßt Böhm-Bawerk, das Phänomen des Zinses sogar dort zu
sehen, wo es selbst weder Klassen noch Warentausch gibt (Robin-
son, Sozialistenstaat); sie veranlaßt ihn, das soziale Phänomen
des Zinses von den „allgemeinen Eigenschaften der menschlichen
Psyche“ abzuleiten. Wir gehen nun zur Analyse dieser wunder-
lichen Theorie über, deren Erfolg sich nur durch den völligen
Niedergang der bourgeoisen politischen Oekonomie erklären 1äßt.
3. ALLGEMEINE CHARAKTERISTIK DES KAPITALISTISCHEN
PRODUKTIONSPROZESSES. DIE PROFITBILDUNG
Wie wir bereits wissen, versteht Böhm-Bawerk unter kapi-
talistischer Produktion eben eine solche, die mit Hilfe von Pro-
duktionsmitteln oder, in der Böhmschen Sprache, auf „Produk-
tionsumwegen“‘ erfolgt. Diese „kapitalistische‘‘ Produktions-
methode weist eine vorteilhafte und eine nachteilige Seite auf:
Erstere besteht darin, daß eine größere Menge von Produkten
erzielt wird; die zweite besteht darin, daß diese Steigerung mit
größerem Zeitverlust verbunden ist. Infolge der vorangehenden
Es kommt ihm gar nicht in den Sinn, daß es sich um ganz verschiedene
Typen der ökonomischen Struktur handelt. In dem Marxschen
Standpunkt sieht Böhm nur dies, daß bei Marx das Kapital „Ausbeutungs-
mittel“ ist, weiter nichts. (Siehe S. 90.)
?2 Böhm-Bawerk „Positive Theorie“, S. 507.
?? H, Dietzel: „Theoretische Sozialökonomik“‘, S. 211.
        <pb n="142" />
        N Die Profittheorie

Operationen (der Produktion von Produktionsmitteln und .über-
haupt aller Zwischenprodukte) erhält man die Verbrauchspro-
dukte nicht sofort, sondern nach relativ längerer Zeit: „Der Nach-
teil, der mit der kapitalistischen Produktionsmethode verbunden
ist, liegt in einem Opfer an Zeit. Die kapitalistischen Um-
wege sind ergiebig, aber zeitraubend, sie liefern mehr oder
bessere Genußgüter, aber sie liefern sie erst in einem späteren
Zeitpunkt.‘ Dieser Satz gehört „...zu den Grundpfeilern
der gesamten Lehre vom Kapital“. Aus dieser fa -
talen Zeitdifferenz“ ergibt sich die Notwendigkeit des
Wartens: „In der überwältigenden Mehrzahl der
Fälle müssen wir die Produktionsumwege unter solchen tech-
nischen Bedingungen beschreiten, daß wir eine Zeitlang und oft
sehr lange Zeit auf die Erlangung der genußreifen Schlußpro-
dukte warten müssen?*,‘“ Diese Besonderheit der „kapitalisti-
schen Produktionsweise‘‘ — meint Böhm-Bawerk — bildet die
Grundlage für die wirtschaftliche Abhängigkeit der Arbeiter von
den Unternehmern: Die Arbeiter können nicht bei den langen
„Umwegen‘“ warten, bis die Verbrauchsprodukte geliefert wer-
den*®; umgekehrt können die Kapitalisten nicht nur warten, son-
dern unter gewissen Verhältnissen — direkt oder indirekt —
sogar den Arbeitern die Gebrauchsprodukte gegen die sich in
ihrem Besitz befindliche Ware — Arbeit — vorschießen. Der
gesamte Prozeß vollzieht sich wie folgt: Die Unternehmer er-
werben die Güter der „entfernteren Ordnung‘ (Rohstoffe, Ma-
schinen, Nutznießung von Grund und Boden und vor allem die
Arbeit) und verwandeln sie durch den Produktionsprozeß in
die Güter der ersten Ordnung, d. h. in die zum Konsum fertigen
Güter (genußreife Güter). Dabei bleibt den Kapitalisten, nach
Abzug der Entlohnung ihrer eigenen Arbeit usw. noch ein ge-
wisser Ueberschuß an Wert übrig, dessen Größe für gewöhnlich
der Summe des in das Unternehmen hineingesteckten Kapitals
entspricht. Dies ist eben der „ursprüngliche Kapitalzins‘® oder der
Profit‘“?, Wie erklärt sich nun die Entstehung des Profits? Auf
diese Frage antwortet Böhm-Bawerk: „Ich muß die Erklärung
mit der Feststellung einer wichtigen Tatsache einleiten. Die Güter

23 Böhm-Bawerk: „Positive Theorie‘, S. 149. (Sperrdruck vom Verfasser.)

2 1b. S: 149.

25 Nur weil die Arbeiter nicht warten können, bis der von ihnen mit
Rohstoffgewinnung und Werkzeugbau begonnene Umweg seine reife Genuß-
frucht liefert, kommen sie in wirtschaftliche Abhängigkeit von denjenigen, die
die genannten Zwischenprodukte schon im fertigen Zustand besitzen, von den
„Kapitalisten“ (Ib. S. 150).

26 Vgl. „Positive Theorie‘, S. 502.

34
        <pb n="143" />
        Allgem. Charakteristik des kapital. Produktionsproz. Die Profitbildung 135
entfernterer Ordnung sind nämlich, obschon sie körperlich gegen-
wärtig sind, ihrer wirtschaftlichen Natur nach Zukunfts-
ware“,‘“ Hier möchten wir beim Begriff des „gegenwärtigen‘‘
und der „zukünftigen‘‘ Güter, der von Böhm-Bawerk eingeführt
wird und eine überaus wichtige Rolle in seinem „System“ spielt,
etwas näher verweilen. Die Bedürfnisse, die den Wert der Güter
bestimmen, können auf verschiedene Zeitabschnitte verteilt wer-
den; entweder beziehen sie sich auf die Gegenwart und werden
dann unmittelbar und besonders scharf empfunden „(aktuell
empfundene Gefühle‘) oder sie beziehen sich auf die Zukunft
(die Vergangenheit wird hier aus selbstverständlichen Erwägun-
gen nicht erörtert). Diejenigen Güter, die gegenwärtige Bedürf-
nisse befriedigen, nennt Böhm-Bawerk „Gegenwartsgüter‘‘, die
anderen Güter, die Bedürfnisse in der Zukunft befriedigen —
„Zukunftsgüter‘“. Wenn ich z. B. gegenwärtig über eine gewisse
Geldsumme verfüge, mit deren Hilfe ich folglich meine laufenden
Bedürfnisse befriedigen kann, so ist diese Summe nach Böhm-
Bawerk zu den „Gegenwartsgütern‘“ zu zählen; kann ich dagegen
eine ebensolche Geldsumme erst nach einer gewissen Zeit er-
halten, so kann ich sie nicht zur Befriedigung meiner gegen-
wärtigen Bedürfnisse benutzen, vielmehr wird sie erst zur Be-
friedigung der zukünftigen Bedürfnisse dienen; demnach ist diese
Geldsumme ein „Zukunftsgut‘“. Die gegenwärtigen und die zu-
künftigen Bedürfnisse sind, mögen sie auf noch so verschiedene
Zeitabschnitte verteilt sein, miteinander zu vergleichen; deshalb
kann auch der Wert der gegenwärtigen und zukünftigen Güter
verglichen werden. Wir kommen dabei zu folgendem Gesetz:
„Gegenwärtige Güter sind in aller Regel mehr
wertalskünftigeGütergleicherArtund Zahl®.“
— „Dieser Satz — sagt ferner Böhm-Bawerk — ist der Kern und
Mittelpunkt der Zinstheorie, die ich vorzutragen habe?.“ Wenn
wir nun dies auf die Beziehungen zwischen den Kapitalisten und
den Arbeitern übertragen, so ergibt sich folgender Tatbestand.
Unter anderen Produktionsmitteln kaufen die Kapitalisten auch
die Arbeit. Die Arbeit aber ist, gleich jedem anderen Produk-
tionsmittel, „ihrer wirtschaftlichen Natur nach“ ein Ziu.-
kunftsgut; demnach hat sie einen geringeren Wert als die
Güter, die durch sie — die Arbeit — hergestellt werden. Ange-
nommen, daß durch X Arbeitseinheiten Y Einheiten Ware a her-
gestellt werden, deren Wert gegenwärtig gleich A ‘ist; dann

27-1b..S.. 503,

28 Ib. 8.426,

2 Jb. S. 426.
        <pb n="144" />
        1 Die Profittheorie

wird der Wert von Ya in der Zukunft, die von der Gegen-
wart um die ganze Zeitdauer des Produktionsprozesses getrennt
ist, geringer als A sein; diesem „Zukunftswerte‘“ des
Produkts ist eben der gegenwärtige Wert der Arbeit gleich.

Kauft man deshalb die Arbeit jetzt, wobei ihr Wert in
„Jetzigen Gulden‘ ausgedrückt wird, so bezahlt man dafür
eine geringere Summe von Gulden, als der Unternehmer selbst
beim Verkauf des Produkts, d. h. nach dem Abschluß des Pro-
duktionsprozesses, erhalten wird. „Dies und nichts anderes ist
der Grund des ‚billigen‘ Einkaufs von Produktionsmitteln und
insbesondere von Arbeit, den die Sozialisten mit Recht für
die Quelle des Kapitalgewinnes, aber mit Unrecht für die Frucht
einer Ausbeutung der Arbeiter durch die Besitzenden erklären”.
Also: Der Umtausch der gegenwärtigen Güter gegen zu-
künftige Güter ist es, der zur Entstehung des Profits führt‘*.“
VUebrigens ergibt sich aus dem Tauschakt selbst noch kein Pro-
fit, denn der Unternehmer kaufte die Arbeit nach ihrem vollen
gegenwärtigen Wert, d. h., dem Werte des Zukunftsproduktes.
„Seine Zukunftsware reift nämlich während des Fortschreitens
der Produktion allmählich zur Gegenwartsware aus und wächst
damit in den Vollwert der Gegenwartsware hinein®.‘“ Eben die-
ser Wertzuwachs, der sich beim Prozeß der Verwandlung der
zukünftigen Güter in gegenwärtige, der Produktionsmittel in Ge-
brauchsgüter ergibt, ist nun der Profit des Kapitals. Der Haupt-
grund für den Profit wurzelt demnach in der verschiedenen
Wertschätzung der gegenwärtigen und zukünftigen Güter, was
wiederum die Folge der „elementaren Tatsachen der mensch-
lichen Natur und der Produktionstechnik““ ist und nicht etwa der
sozialen Beziehungen, die der modernen gesellschaftlichen Struk-
tur eigen sind.

So weit die Böhm-Bawerksche Profittheorie in ihren Grund-
zügen. Ihr wesentlichster Teil ist die Begründung der Theorie
der zukünftigen Werte im Vergleich zu den gegenwärtigen, dieser
Teil ist von Böhm-Bawerk eingehend bearbeitet worden und
seine Darstellung und Analyse beschäftigt uns weiter unten. Hier
vor allem einige einleitende Bemerkungen allgemeiner Art.

Wir sahen bereits, daß zu den Sätzen, die zu den ‚„Grund-
pfeilern der gesamten Lehre vom Kapitale‘“ gehören, auch der

30 Jb. S. 504.

31 Das veranlaßte Macfarland, die Böhmsche Profittheorie als Tausch-
theorie zu bezeichnen („Exchange Theory“). Böhm-Bawerk selbst hält es für
richtiger, sie als „Agio-Theorie“ zu bezeichnen. Siehe Böhm-Bawerk: „Kapital
und Kapitalzins‘“.

32 Böhm-Bawerk: „Positive Theorie“, S. 505.

„36
        <pb n="145" />
        Allgem. Charakteristik des kapital. Produktionsproz. Die Profitbildung 137

von der Notwendigkeit des Wartens ;‚ des Verbrauchsauf-
schubs gehört, weil die „kapitalistische Produktionsweise‘‘ die
Lieferung des fertigen Produkts auf relativ lange Zeit verschiebt.
Das bedingt nach Böhm-Bawerk die wirtschaftliche Abhängigkeit
der Arbeiter von den Kapitalisten. In Wirklichkei taber
braucht man weder zu „warten“ noch die Kon-
sumtion zu verschieben, und zwar aus dem einfachen
Grunde, weil das gesellschaftliche Produkt, welchen Produktions-
abschnitt wir auch nehmen, falls wir es nur mit einem gesell-
schaftlichen Produktionsprozeß zu tun haben; sich gleich.
zeitigin allen Stadien seiner Herstellung befindet. Noch
Marx setzte auseinander, daß die Arbeitsteilung die „Aufeinander-
folge in der Zeit“ durch die „Aufeinanderfolge im Raum“ ersetzt.
Dieser Prozeß wird von Rodbertus folgendermaßen geschildert:
„In allen ‚Unternehmungen‘ aller Fächer aller Produktionsstu-
fen wird gleichzeitig und unausgesetzt gearbeitet. Während
in den Produktionswirtschaften der Fächer der Rohproduktion
neues Rohprodukt der Erde abgerungen wird, wird zu derselben
Zeit in den Produktionswirtschaften der Fächer der Halbfabri-
kation das Rohprodukt des vorausgegangenen Zeitraums zu
Halbfabrikat umgearbeitet, wird in den Produktionswirtschaften
der Werkzeuge der Ersatz der vernutzten Werkzeuge hergestellt
und so fort, werden endlich auf der letzten Produktionsstufe aufs
neue Produkte zur unmittelbaren Konsumtion vollendet®®.“
Ebenso wie der Produktionsprozeß ununterbrochen verläuft,
ebenso ununterbrochen verläuft auch der Prozeß des Verbrau-
ches. In der modernen Gesellschaft braucht man nicht wegen
der „Umwege“ mit dem „Genuß“ der Güter zu warten, da der
Produktionsprozeß weder mit der Gewinnung von Rohstoffen
und allerhand „Zwischenprodukten“ beginnt noch mit der
Herstellung von Gebrauchsgütern abschließt: vielmehr ist
er die Einheit all dieser Prozesse, die nebeneinander ver-
laufen. Wenn wir die moderne Volkswirtschaft untersuchen, so
haben wir es selbstredend mit einem bereits ausgebildeten System
gesellschaftlicher Produktion zu tun; dies setzt geteilte gesell-
schaftliche Arbeit und gleichzeitiges Vorhandensein verschiede-
ner Phasen des Produktionsprozesses voraus.

Der gesamte von Marx erläuterte Prozeß verläuft folgender-
maßen: Angenommen, das konstante Kapital (bei einfacher Re-
produktion) ist 3c gleich, von denen ein Drittel, d. h. c, sich
jährlich in Konsumtionsmittel verwandelt. Bezeichnen wir das
innerhalb des Jahres zirkulierende variable Kapital mit v, den

3 Carl Rodbertus: „Das Kapital“, S. 257. Berlin 1884.
        <pb n="146" />
        1. Die Profittheorie

jährlich anwachsenden Mehrwert mit m. Das Jahresprodukt
wird dann in seinem Wert gleich c}+v-+m sein, dagegen wird
der jährlich produzierte neue Wert nur gleich v-+m sein; c wird
überhaupt nicht reproduziert, sondern einfach dem Produkt zu-
gerechnet und ist selbst nur das Ergebnis einer früheren
Produktion des vergangenen Jahres oder auch vergangener Jahre.
Ein Teil des c „reift‘‘ somit jährlich zum „Gebrauchsgut‘ aus,
doch werden von der Zahl (v4+-m) der Arbeitsstunden c Stunden
jährlich für die Herstellung der Produktionsmittel verbraucht.
Und so sehen wir, daß jeder gegebene Produktionszyklus
gleichzeitig sowohl die Produktion von Produktionsmitteln
als auch von Konsumtionsgegenständen umfaßt, daß man ferner
die Konsumtion nicht auf einen späteren Zeitpunkt zu „verschie-
ben‘“ braucht, daß die Produktion von Produktionsmitteln nicht
den Charakter von einleitenden Operationen besitzt, sondern daß
die Prozesse der Produktion, Konsumtion und Reproduktion un-
unterbrochen verlaufen. Die Böhm-Bawerksche Idee von der
Notwendigkeit des ‚„Wartens‘, die den Enthaltsamkeitsideen“*
verwandt sind, hält somit der Kritik nicht stand.

Es bleibt uns noch übrig, die Bedeutung dieser Idee im Zu-
sammenhang mit der Böhmschen Bewertung der sozialen Natur
des Profits zu erläutern. Oben sahen wir, daß Böhm-Bawerk die
Ursache der wirtschaftlichen Abhängigkeit der Arbeiter von den
Unternehmern in der Notwendigkeit des Wartens
sieht. „Nur weil die Arbeiter — meint er — nicht warten kön-
nen, bis der von ihnen mit Rohstoffgewinnung und Werkzeug-
bau begonnene Umweg seine reife Genußfrucht liefert, kommen
sie in wirtschaftliche Abhängigkeit von denjenigen, die die ge-
nannten Zwischenprodukte schon im fertigen Zustand besitzen,
von den ‚Kapitalisten‘.‘“ Doch wie wir bereits wissen, brauchen
die Arbeiter keineswegs zu „warten“, sie können vielmehr, ohne
auf die „reife Genußfrucht‘“ zu warten, ihre „Zwischenprodukte‘
gleich verkaufen und somit die wirtschaftliche Abhängigkeit ver-
meiden. Der Kern der Sache besteht gar nicht darin, daß die
Arbeiter mit dem Genuß der Güter „warten‘“ müssen, sondern
eben darin, daß sie gegenwärtig überhaupt keine Möglich-
keit haben, selbständig zu produzieren. [Und
dies aus doppeltem Grund: Erstens ist eine „ganz kapitallose
Produktion‘ in der kapitalistischen Wirtschaft ein tech-

34 Ein amerikanischer Vertreter dieser Theorie, Macvane, meinte sogar,
man könne das Wort „Enthaltsamkeit‘“ durch „Warten‘“ (waiting) ersetzen.
Siehe Böhm-Bawerk: „Kapital und Kapitalzins“, Anhang. Er selbst sucht seine
Theorie von der Abstinenztheorie sorgfältig abzugrenzen.

38
        <pb n="147" />
        Allgem. Charakteristik des kapital. Produktionsproz. Die Profitbildung 139
nischer Unsinn. Um mit bloßen Händen auch nur einen ein-
fachen Pflug herzustellen, wäre eine Zeitdauer erforderlich, die
bei weitem ein Menschenalter überschreiten würde (aus diesem
Umstand könnte ein Böhm-Bawerk Nr. 2 etwa schließen, daß
der Grund der wirtschaftlichen Abhängigkeit der Arbeiter und
der Entstehung des Profits die kurze Dauer des menschlichen
Lebens sei). Zweitens ist sogar „ganz kapitallose Augenblicks-
produktion‘, wie.z. B. das Sammeln von Wurzeln zur Nahrung
oder ähnliches, ebenfalls unmöglich, da der Grund und Boden
in der kapitalistischen Gesellschaft nicht etwa res nullius ist,
sondern sehr fest durch Bande des Privateigentums gebunden ist.
Und so ist nicht etwa das „Warten‘‘, sondern vielmehr die
Monopolisierungder Produktionsmittel (darun-
ter auch des Grund und Bodens) durch die Klasse der
kapitalistischen Eigentümer die Grundlage der
„Wirtschaftlichen Abhängigkeit“ und des Profitphänomens. Die
Theorie des „Wartens‘“ verhüllt aber den geschichtlichen Cha-
rakter der modernen Beziehungen, die Klassenstruktur der
modernen Gesellschaft und den sozialen Klassencharakter des
Profits.

Wenden wir uns nun einem anderen Punkt der Theorie zu.
„Der Kern und Mittelpunkt der Zinstheorie“ ist, wie Böhm an-
gibt, die geringere Wertschätzung der zukünftigen Güter im Ver-
gleich mit den gegenwärtigen. Der berühmte Wilde Roschers
gibt für die ihm geborgten 90 Fische nach einem Monat 180 'zu-
rück, wobei er noch einen beträchtlichen VUeberschuß von 720
Fischen übrig hat. Und er schätzt die „gegenwärtigen‘‘ 90
Fische höher als die „Zukünftigen‘‘ 180. Dasselbe geschieht an-
nähernd auch in der modernen Gesellschaft. Nur ist die Wert-
differenz — meint Böhm-Bawerk — nicht so groß. Doch wo-
durch wird diese überhaupt bestimmt? Hierauf finden wir bei

ihm folgende Antwort: „Sie (die Wertdifferenzen. N. B.) sind am
größten für Leute, die von der Hand in den Mund leben ... Ge-
ringfügiger ... ist die Differenz... bei Leuten, die schon einen
gewissen Gütervorrat besitzen?®.“ Da es aber „eine außerordent-
lich lange Reihe von Lohnarbeitern gibt, da infolge ihres ‚„zah-
lenmäßigen Uebergewichts‘‘ der Preis so gebildet wird, daß ein
gewisses Agio als Ergebnis der subjektiven Wertschätzungen

% Bei dem Vorrat von 90 Fischen kann er Netze machen und somit die
Produktivität seines Fischfanges steigern. Uebrigens nennt Böhm-Bawerk, ganz
wie es sich für einen Rentier ziemt, die Profitkategorie „Zins“.

5 Böhm-Bawerk: „Positive Theorie“, S. 471 u. 472.
        <pb n="148" />
        140 Die Profittheorie

bleibt, der den Profit ausmacht*”, wird folgender Umstand. klar:
Wenn wir auch annehmen, daß die höhere Wertschätzung der
gegenwärtigen Güter im Vergleich zu den zukünftigen eine der
indirekten Ursachen für die Entstehung des Profits ist, so bleibt
doch immerhin die Verschiedenheit der wirtschaftlichen Lage der
verschiedenen Klassen der Kernpunkt dieser „Tatsache“. „Der
Unterschied in der Wertschätzung setzt auch hier unvermeidlich
den „sozialen‘ Unterschied voraus*®®.‘“ Dennoch bemüht sich
Böhm-Bawerk, die Idee der sozialen Grundlagen des Profits auf
jede mögliche Weise fernzuhalten. „Natürlich — sagt er — kann
es vorkommen, daß außer den im Texte entwickelten Gründen
eines scheinbar billigen Einkaufs (der Arbeit. N. B.) im einzel-
nen Falle auch noch andere Gründe eines wirklich anormalen
billigen Einkaufs wirksam werden: z. B.: geschickte Ausnützung
einer günstigen Konjunktur, wucherische Bedrückung des Ver-
käufers, insbesondere des Arbeiters°®.‘“ Doch seien diese Fälle,
meint er, als anormal zu betrachten; der sich dadurch ergebende
Profit sei ein „Extragewinn“, den man nicht mit der zu unter-
suchenden Kategorie verwechseln dürfe: er fuße auf einer ande-
ren Basis und habe eine andere sozialpolitische Bedeutung. In-
dessen sieht man bei genauer Betrachtung, daß es sich hier um
keine prinzipiellen Unterschiede handelt: Sowohl in dem einen
als auch im anderen Falle entsteht der „Profit“ oder der „Zins“
infolge des Tausches der gegenwärtigen Güter gegen die zukünf-
tigen, aus dem Kauf der Arbeit; hier und da spielt die
Ueberschätzung der gegenwärtigen Güter im Vergleich zu
den zukünftigen eine Rolle; hier und da ist diese Ueberschätzung
durch die soziale Lage der Käufer und Verkäufer bedingt,
„die geschickte Ausnutzung einer günstigen Konjunktur“ kann
in diesem Falle ebensowenig wie die „wucherische Bedrückung
des Verkäufers‘ ein neues Moment bilden. Denn die Kapitalisten
sind ja im m er bestrebt, die Konjunktur auszunutzen, und diese
gestaltet sich für sie immer „günstig‘, für die Arbeiter aber „un-
günstig“. Andererseits bleibt es ja ganz unbestimmt, was als

37 Siehe S. 539ff. der „Positiven Theorie“. Darüber ausführlich weiter
unten.

38 R. Stolzmann: „Der Zweck“, S. 288. „...Denn was ist die ‚Detaxation‘,
das ‚Agio‘ des Kapitalgewinnes anderes als die Ausnutzung eines Vorteils, der
dem Kapitalisten vermöge des ‚glücklichen Besitzes‘, d. i. vermöge des durch
die Eigentumsordnung gewährleisteten Besitz- und Verteilungsstatus zufällt,
und worauf dann nach Böhms eigenen Worten die Bezeichnung ‚Mehrwert‘ so-
gar ‚in vollerem Maße zutrifft, als die Sozialisten bei ihrer Namengebung es
wohl ahnten‘.“

3 Böhm-Bawerk: „Positive Theorie‘, S. 505, Anm.
        <pb n="149" />
        Allgem. Charakteristik des kapital. Produktionsproz. Die Profitbildung 141
„Wucherische‘ und was als „nichtwucherische‘“‘ Bedrückung gilt:
Irgendwelche Gründe wirtschaftlicher Art vermissen wir
dafür ganz und gar; warum man in dem einen Falle den Ar-
beitskauf als „scheinbar‘, im anderen als „wirklich‘ billig an-
nehmen soll, bleibt völlig unklar. Im Falle der „wucherischen
Bedrückung“ vollzieht sich der Tatbestand nach der Böhmschen
Theorie genau so, wie in dem „normalen‘‘ Prozeß der Profitbil-
dung; der Unterschied ist nur der, daß im ersten Falle der Ar-
beiter die gegenwärtigen Güter im Vergleich zu den künftigen
beispielsweise um 15 Prozent überschätzt, im zweiten Falle aber
nur um 10 oder 5 Prozent; ein anderer, prinzipieller Unterschied
ist bei Böhm nicht zu finden. Wenn er behauptet, daß die „so-
ziale Kategorie‘“ in seinen „Normalfällen‘“ keine Rolle spiele, so
zeigt er nur seine eigene Inkonsequenz, wenn er bei der Erklä-
rung der „anormalen Abweichungen“ die Annahme fallen läßt.
Dabei läßt er sich aber von einem sicheren Instinkt leiten: Denn
das Negieren der sozialen Bedrückung, sogar in „anormalen Fäl-
len‘, würde offenbar die ganze Theorie ad absurdum führen.

Wir haben die allgemeinen Thesen der Böhmschen Profit-
theorie analysiert, in dem Maße, als Böhm jede Berührung mit
der sozialen Seite der zu deutenden Wirklichkeit zu vermeiden
sucht. Damit wollten wir nur den theoretischen Hinter-
grund beleuchten, auf dem Böhm-Bawerk seine Zeichnungen
entwirft. Dabei ergibt sich, daß die grundlegenden Voraus-
setzungen seiner Theorie entweder im direkten Widerspruch zur
Wirklichkeit stehen (das „Warten‘‘) oder daß das soziale Moment
mühsam verhüllt und eingeschmuggelt wird (die Wertschätzung
der zukünftigen Güter in Abhängigkeit von der Wirtschaftslage
des Schätzenden). Dadurch besitzt — wie Charasoff sagt, „,... die
Arbeit stets weniger Wert... als der gegenwärtige Lohn. Hiermit
wird die Tatsache der Mehrarbeit keineswegs geleugnet, es wird
ihr nur eine logisch unhaltbare Erklärung, oder vielmehr der
Schein einer Rechtfertigung gegeben“°.“ Auch Parvus*! spottet

geistreich hierüber: „Gegenwartswert und Zukunftswert, was
ließe sich damit nicht beweisen?! Wenn jemand unter Drohung
von Gewalttätigkeiten einem anderen sein Geld wegnimmt, was
ist das? Raub? Nein, sollte Böhm-Bawerk sagen, es ist nur recht-
mäßiger Tausch: Der Räuber zieht den Gegenwartswert des Gel-
des dem Zukunftswert der Seligkeit vor, der Beraubte zieht den

* G. Charasoff: „Das System des Marxismus‘, S. XXII.

u. JB: (Parvus): „Oekonomische Taschenspielerei: Eine Böhm-Bawerki-
ade‘, Neue Zeit, 10. Jahrg., Bd. I, S. 556.
        <pb n="150" />
        142 Die Profittheorie
Zukunftsnutzen des erhaltenen Lebens der Gegenwartsbedeutung
seines Geldes vor!“

Doch ach! Auch mit Hilfe der schlau gekünstelten Erwägun-
gen über den gegenwärtigen und zukünftigen Wert ist es Böhm-
Bawerk nicht gelungen, das Problem zu klären. Wenn schon in
den grundlegenden Gedanken seines Aufbaues sich Elemente zei-
gen, die in einer wissenschaftlichen Theorie des Profits und der
Verteilung ganz unzulässig sind, so müssen sich dieselben Mängel
notgedrungen bei den von ihm aufgenommenen und hier analy-
sierten Fragen wiederholen; in der einen oder anderen Form
müssen sie auftauchen.

Wir wenden uns daher der Kritik der (sozusagen) inneren
Seite der Böhmschen Theorie, vor allem der Kritik seiner Be-
weise des Uebergewichts des Wertes der gegenwärtigen Güter zu.

Sie”
z
        <pb n="151" />
        143
V.. KAPITEL
DIE PROFITTHEORIE (FORTSETZUNG)
1. Zwei Gründe für die VUeberschätzung der gegenwärtigen Güter:
a) das verschiedene Verhältnis zwischen den Bedürfnissen und den
Mitteln ihrer Befriedigung zu verschiedener Zeit;
b) die systematische Unterschätzung der zukünftigen Güter.
2. Der dritte Grund der Ueberschätzung der gegenwärtigen Güter: ihre
technische Ueberlegenheit.
3. Der Subsistenzfonds. Die Nachfrage nach gegenwärtigen Gütern und ihr
Angebot. Die Entstehung des Profits.
1. ZWEI GRÜNDE FÜR DIE ÜBERSCHÄTZUNG DER GEGENWÄRTIGEN
GÜTER: DAS VERSCHIEDENE VERHÄLTNIS ZWISCHEN DEN BEDÜRF-
NISSEN UND DEN MITTELN IHRER BEFRIEDIGUNG ZU VERSCHIEDE-
NER ZEIT; DIE SYSTEMATISCHE UNTERSCHÄTZUNG DER ZUKÜNFTIGEN
GÜTER
Im vorhergehenden Abschnitt sahen wir, daß die Reali-
sierung des Profits beim Verkauf der Ware durch den Kapi-
talisten erfolgt; potenziell aber entsteht der Profit beim
Kauf der Arbeit. In der Regel überwiegen die subjektiven Wert-
schätzungen der gegenwärtigen Güter diejenigen der zukünftigen
Güter. Da aber die subjektiven Wertschätzungen den objektiven
Tauschwert und den Preis bestimmen, so überwiegen gewöhnlich
die gegenwärtigen Güter die zukünftigen derselben Art nicht nur
in ihrem subjektiven Wert, sondern auch im Preise.
Der Unterschied zwischen den Preisen, die vom Kapitalisten beim
Kauf der TO TE Güter, vor allem aber der Arbeit? gezahlt
werden, und denj&amp;igen, die beim Verkauf der als Ergebnis des
Produktionsprozesses entstandenen Ware (die „Heranreifung der
zukünftigen Güter zu gegenwärtigen) gelöst werden, bildet den
Profit des Kapitals. Wir müssen demnach das Zustandekommen
dieses Profits verfolgen und fangen mit der Analyse der subjek-
? „In aller‘ Regel haben gegenwärtige Güter einen höheren subjektiven
Wert als künftige Güter gleicher Art und Zahl. Und da die Resultante der
subjektiven Wertschätzungen den objektiven Tauschwert bestimmt, so haben
in aller Regel gegenwärtige Güter auch einen höheren Tauschwert und Preis
als künftige Güter derselben Art und Zahl“ („Positive Theorie“, S. 439).
” In letzter Instanz führt Böhm-Bawerk die Ausgaben für den Kauf der
Produktionsmittel auf die Ausgaben für den Erwerb der Bodennutzungen und
der Arbeit zurück; von ersteren sieht er „der Einfachheit halber“ ab.
        <pb n="152" />
        144 Die Profittheorie (Fortsetzung)
tiven Wertschätzungen an, aus denen der objektive Wert und in
jedem konkreten Fall — der Preis entsteht.

Böhm-Bawerk weist auf drei Gründe hin, weshalb die ge-
genwärtigen Güter höher als die zukünftigen geschätzt werden:
1. das verschiedene Verhältnis zwischen den Bedürfnissen und den
Mitteln zu deren Befriedigung zu verschiedenen Zeiten; 2. die
systematische Unterschätzung der zukünftigen Güter; 3. die tech-
nische Ueberlegenheit der gegenwärtigen Güter. Wenden wir uns
nun der Untersuchung der Böhmschen Argumente zu. Wir be-
ginnen mit dem ersten „Grund“: „Ein erster Hauptgrund, der
geeignet ist, eine Verschiedenheit im Werte gegenwärtiger und
künftiger Güter herbeizuführen, liegt in der Verschiedenheit des
Verhältnisses von Bedarf und Deckung in den verschiedenen
Zeiträumen®.‘‘ Dieser „Grund“ für die höhere Wertschätzung
der gegenwärtigen Güter soll gewöhnlich in zwei typischen Fäl-
len vorkommen: Erstens in allen den Fällen, in denen die Men-
schen sich in schwieriger Lage befinden; zweitens in den Wert-
schätzungen all derer, die in der Zukunft mit einer gesicherten
Existenz rechnen (anfangende Aerzte, Rechtsanwälte usw.). Für
diese beiden Kategorien sind die „gegenwärtigen‘‘ 100 Gulden
viel wichtiger als die „zukünftigen“, da in dem zukünftigen
„Verhältnis von Bedarf und Deckung“ sich die Chancen für die
beiden Kategorien viel günstiger gestalten können. Es gibt jedoch
eine Reihe von Personen, für die gerade das umgekehrte Ver-
hältnis zwischen Bedarf und Deckung gilt, nämlich eine relativ
gute Lage in der Gegenwart und eine schlechtere in der Zukunft.
In diesem Falle — sagt Böhm — muß Folgendes beachtet wer-
den: Das gegenwärtige Gut, z. B. ein Gulden, kann entweder in
der Gegenwart oder in der Zukunft verbraucht werden. Dies gilt
besonders vom Gelde, da letzteres leicht aufbewahrt werden kann.
Dabei stellt sich das Verhältnis zwischen den gegenwärtigen und
den zukünftigen Gütern so: Die zukünftigen Güter können nur
die zukünftigen Bedürfnisse befriedigen; anders die gegenwär-
tigen Güter: sie können diese zukünftigen und da-
rüber hinaus die gegenwärtigen Bedürfnisse, die in einem nähe-
ren Zeitabschnitt liegen, befriedigen. Dabei sind wiederum zwei
Fälle möglich: 1. Die gegenwärtigen und die näher
liegenden zukünftigen Bedürfnisse sind we-
niger wichtig als die zukünftigen, — in diesem Falle wird
das gegenwärtige Gut aufgehoben, um die zukünftigen Bedürf-
nisse zu decken; der Wert dieses Gutes wird durch die Wichtig-
keit der letzteren bestimmt; das gegenwärtige Gut wird im Werte

3 Böhm-Bawerk: „Positive Theorie‘, S. 440.
        <pb n="153" />
        Zwei Gründe für die VUeberschätzung der gegenwärtigen Güter 145
dem zukünftigen gleichkommen‘; 2. die gegenwärtigen
Bedürfnisse/ sind wichtiger; :— in diesem Falle
überwiegt der Wert des gegenwärtigen Gutes den des zukünftigen,
da dieses seinen Wert erst von den zukünftigen Bedürfnissen ab-
leitet, keinesfalls aber von den gegenwärtigen. Daraus folgt, da ß
die gegenwärtigen Güter den zukünftigen im
Werte gleich, keinesfalls aber niedriger als
sie sein können. Aber auch ihre Gleichstellung ist nach
Böhm-Bawerk dadurch vermindert, daß die Möglichkeit der rela-
tiven Verschlechterung der materiellen Lage in der nächsten
Zukunft immer besteht: Diese Möglichkeit gewährt den gegen-
wärtigen Gütern einige Chancen mehr für vorteilhaftere Verwen-
dung, was in bezug auf die zukünftigen Güter nicht der Fall sein
kann: „Die gegenwärtigen Güter sind also den künftigen im
schlimmsten Falle an Wert gleich, in der Regel um die Ver-
wendbarkeit als Reservevorrat im Vorteil®.“ Eine Ausnahme
bilden nach Böhm-Bawerk nur diejenigen Fälle, in denen die
Aufbewahrung der gegenwärtigen Güter mit Schwierigkeiten ver-
bunden oder überhaupt unmöglich ist. Und so ergeben sich drei
Kategorien von Personen: 1. Eine sehr große Anzahl derselben
ist in der Gegenwart in schlechteren Verhältnissen als in der Zu-
kunft, — sie schätzen demnach die gegenwärtigen Güter höher
als die zukünftigen; 2. eine zweite, ebenfalls sehr zahlreiche
Gruppe, die die gegenwärtigen Güter als Reservevorrat aufhebt,

um sie in der Zukunft verwenden zu können, — sie schätzen die
gegenwärtigen Güter entweder gleich den zukünftigen oder etwas
höher als diese; und endlich 3. eine geringe Schicht von Per-
sonen, bei denen „die Kommunikation von Gegenwart und Zu-
kunft durch besondere Umstände gehindert oder bedroht ist,“ —
sie schätzen die gegenwärtigen Güter niedriger ein als die zu-
künftigen. Im großen ganzen haben aber die subjektiven Wert-
schätzungen die Tendenz, höher zu sein, wenn es sich um gegen-
wärtige Güter, und niedriger, wenn es sich um zukünftige Güter
handelt.

So der „erste Grund“ der VUeberschätzung der gegenwärtigen
Güter.

Wenden wir uns nun der Analyse dieses „Grundes‘“ zu. Vor
allem ist hervorzuheben, daß eine derartige Fragestellung über-

* ...dann wird das gegenwärtige Gut auch den letzteren (den zukünf-
tigen. N. B.) vorbehalten werden und von ihnen den Wert ableiten: dann
steht es also im Wert einem künftigen Gute, das derselben Verfügung dienst-
bar werden könnte, eben gleich“ („Positive Theorie“, S. 442).

5 Ib. 8. 443.
0
        <pb n="154" />
        145 Die Profittheorie (Fortsetzung)

haupt geschichtlich beschränkt ist, nämlich sie gilt nur
bei einer Tauschwirtschaft und ist bei allen Arten der Natural-
wirtschaft ganz und gar unmöglich. Und dabei gilt letztere Be-
hauptung nicht nur für schwer aufzubewahrende Güter, sondern,
worauf bereits Pierson und Bortkievitz hinwiesen, auch für an-
dere: „Jemand, dem solche Mengen Kohlen, Wein usw. zur Ver-
fügung gestellt würden, als er voraussichtlich in seinem ganzen
Leben nötig haben wird, würde sich dafür schön bedanken, —
bemerkt bei der Besprechung der Böhm-Bawerkschen Theorie
Pierson, der übrigens dieser Theorie im wesentlichen bei-
pflichtet, — mit dem Geld sei es allerdings eine andere Sache®.‘“

Wir sahen ferner, daß die Ueberschätzung der gegenwärtigen
Güter im Vergleich zu den künftigen nach Böhm-Bawerk in
hohem Maße darauf beruht, daß die gegenwärtigen Güter auch
die wichtigeren zukünftigen Bedürfnisse befriedigen können, von
denen sie auch ihren Wert ableiten. Angenommen, wir haben
mit einer Person zu tun, die in der Gegenwart relativ gut ge-
sichert, für. die Zukunft aber weniger sicher gestellt ist. Die 10
Gulden, die sich jetzt in ihrem Besitz finden, befriedigen jetzt
ein Bedürfnis von 100 Einheiten; da diese Person in der Zukunft
nur über eine geringere Summe verfügen würde, so würde sich
auch der Wert der 10 Gulden, sagen wir, auf 150 Gulden erhöhen.
Daraus müßte geschlossen werden, daß die zukünftigen 10 Gul-
den von der besagten Person höher geschätzt werden müssen
als die gegenwärtigen 10 Gulden. Indessen zieht Böhm-Bawerk
einen anderen Schluß, und zwar meint er: Da die gegenwärtigen
10 Gulden aufgehoben und somit auch in der Zukunft ver-
wendet werden können, so besitzen sie bereits in der Gegen-
wart den Wert der zukünftigen Gulden. Auf solche Weise wird
der zukünftige Wert in die Gegenwart projiziert. Doch wider-
spricht diese Voraussetzung — die Möglichkeit der Uebertragung
des Wertes des künftigen Gutes auf das Gegenwartsgut, dem
Böhmschen Grundgedanken der Entstehung des Profits. Was
würde sich z. B. ergeben, wenn wir die Böhmsche Annahme auf
die Produktionsmittel anwenden?

Jedes Produktionsmittel — Maschinen oder Arbeit — kann
in zweierlei Weise betrachtet werden: Als ein gegenwärtiges und
als ein zukünftiges Gut (ersteres nur insoweit, als die Möglich-
keit besteht, den Wert schon in der Gegenwart zu realisieren, und
auch eine stoffliche Form vorhanden ist, wie Maschinen usw.).
Wir können den Wert eines gegebenen Produktionsmittels in der

6 L. von Bortkievitz: „Der Kardinalfehler der Böhm-Bawerkschen Zins-
theorie‘, Schmollers Jahrbücher, Bd. 30, S. 947.

1
        <pb n="155" />
        Zwei Gründe für die VUeberschätzung der gegenwärtigen Güter 147
Gegenwart realisieren — es verkaufen und beispielsweise 100
Werteinheiten erlösen; wir können es im Produktionsprozeß an-
wenden und nach Verlauf einer bestimmten Zeit 150 Wertein-
heiten erhalten. Also ist der zukünftige Wert des Produktions-
mittels gleich 150, der gegenwärtige dagegen gleich 100 Wert-
einheiten. Wenn wir jetzt mit Böhm- Bawerk die Möglichkeit
der Wertschätzung der gegenwärtigen Güter nach ihrem zukünf-
tigen Werte annehmen, ergibt sich, daß dies gerade in bezug auf
die Produktionsmittel ganz unzulässig ist, denn sonst würde jeder
Unterschied zwischen dem, was der Kapitalist selbst bezahlt, und
dem, was er später erhält, verschwinden; es würde das Agio ver-
schwinden, das nach Böhm-Bawerk die Basis für den Profit bil-
det. Der Irrtum Böhm-Bawerks besteht darin, daß er für die
zukünftigen Werte die Möglichkeit der gegenwärtigen
Anwendung ausschließt“. Freilich, die imaginären künftigen
Güter können ihren Wert in der Gegenwart nicht realisieren.
Doch gerade die Produktionsmittel, die materiell bereits in der
Gegenwart vorhanden sind, passen in die Kategorie der „imagi-
nären Gulden“ gar nicht hinein. Eins von beiden: entweder kön-
nen die gegenwärtigen Güter ihren Wert nicht vom Zukunfts-
nutzen entlehnen (natürlich in den Grenzen des von uns unter-
suchten ersten Grundes), dann ist für die Veberschätzung der
gegenwärtigen Güter kein Platz, denn die Gleichheit der Bewer-
tung der gegenwärtigen und künftigen Güter fällt weg; oder die
gegenwärtigen Güter können ihren Wert vom zukünftigen
Nutzen ableiten, dann bleibt es unerklärt, woraus Böhm-Bawerk
den Profit entstehen läßt. (Wiederum vorläufig nur in den Gren-
zen des ersten Grundes). Sowohl in dem einen wie im anderen
Fall ist das Resultat für Böhm-Bawerk nicht gerade tröstlich.
Betrachten wir uns den Gegenstand vom Standpunkte der
gegenwärtigen kapitalistischen Wirklichkeit, d. h. von dem
Standpunkte der Kapitalisten und der Arbeiter. Wir beginnen
mit den letzteren. Die Arbeiter verkaufen ihre Ware — Arbeit,
die von den Kapitalisten als ein Produktionsmittel, d. h. als ein
zukünftiges Gut, zum Austausch gegen „gegenwärtige‘ Gulden
gekauft wird. Der Arbeiter verkauft „freiwillig‘“ seine Arbeit (Zu-
kunftsgut) gegen einen Wert, der geringer ist als derjenige, den
das Arbeitsprodukt haben wird. Dies geschieht aber
keineswegs deshalb, weillder Arbeiter mit
einem besseren Verhältnis von Bedarf und
7 „Das künftige Gut, das den seinigen (Wert. N. B.) nur von einer...
künftigen (Sperrdruck des Verfassers) Verwendung ‘herleiten kann...“
(Böhm-Bawerk: „Positive Theorie“, S. 442).
10”
        <pb n="156" />
        Die Profittheorie (Fortsetzung)

Deckung rechnen kann, sondern vielmehr infolge der
relativ schwachen sozialen Position des Arbeiters®. Er hat
auch keine Hoffnung, sich „heraufzuarbeiten‘“, und eben dadurch
erklärt sich auch die Lage des Proletariats aller Länder. Also:
Der „erste Grund‘ der Ueberschätzung der gegenwärtigen Güter
im Vergleich zu den zukünftigen trifft für die Wertmotive des
Arbeiters schon ganz und gar nicht zu. Ebensowenig taugt
diese Erklärung aber auch für die Erklärung der Wertschätzun-
gen der kapitalistischen Unternehmer. Darüber
sagt kein anderer als Böhm-Bawerk selbst folgendes: „Würden
die Kapitalisten ihren ganzen Vermögensstamm als gegenwärtige
Güter verwerten, das ist, in gegenwärtigem Genusse verzehren,
so würde augenscheinlich der Bedarf der Gegenwart überfließend
versorgt, während der Bedarf der Zukunft ganz ungedeckt
bliebe... Soweit es auf nichts anderes ankommt
als auf die Verhältnisse von Bedarf und
Deckung in Gegenwart und Zukunft,sind für
Besitzereinesden Bedarf der Gegenwart über-
steigenden Vermögensstammes gegenwärtige
Güter als solche sogar weniger wert als künf-
tig e®.“

Für den Kapitalisten sind gegenwärtige Güter, sofern sie sei-
nen eigenen Bedarf übersteigen, in dem Maße nützlich, als er
sie produktiv konsumiert, d. h., sofern er sie in Zu-
kunftsgüter verwandelt. Dieser Umstand bringt es mit sich,
daß nicht die gegenwärtigen, sondern vielmehr die zu -
künftigen, das ist in unserem Falle die Arbeit, höher ge-
schätzt werden. Wir sehen also, daß sowohl vom Standpunkte
der Nachfrage als auch dem des Angebots der „erste Grund“ ab-
solut unzutreffend ist.

Wenden wir uns nun dem „zweiten Grund“ zu. Böhm-Bawerk
sieht ihn im folgenden: „Wir unterschätzen systematisch unsere
künftigen Bedürfnisse und die Mittel, die zu ihrer Befriedigung
dienen!‘.“ An der Tatsache selbst hegt Böhm-Bawerk keine
Zweifel, nur äußert sie sich nach ihm in verschiedenem Grade,
und zwar, je nach Nation, nach Alter und Person; ganz kraß
tritt sie uns bei Kindern und Wilden entgegen. Drei Gründe sind
es, die diese Erscheinung hervorrufen: 1. Die Lückenhaftigkeit
der Vorstellungen von den zukünftigen Bedürfnissen; 2.'die
mangelhafte Beschaffenheit des Willens, der zufolge wir die Ge-

8 Stolzmann 1. c. S. 306 u. 307.

9 Böhm-Bawerk: „Positive Theorie‘, S. 510.

10 1b. S. 445.

148
        <pb n="157" />
        Zwei Gründe für die Ueberschätzung der gegenwärtigen Güter 149
genwart vorziehen, selbst wenn wir uns der Schädlichkeit eines
solchen Handelns bewußt sind; 3. „Die Rücksicht auf die Kürze
und Unsicherheit unseres Lebens.“

Unseres Erachtens ist dieser „zweite Grund‘ ebenso unzutref-
fend wie der erste. Sofern es sich um eine Wirtschaft handelt,
besteht auch ein bestimmter Wirtschafts plan, der nicht
nur die Bedürfnisse der Gegenwart, sondern auch der Zukunft
berücksichtigen muß. Der Böhmsche Hinweis auf Wilde und
Kinder kann keinesfalls als Beweis gelten. Welchen Einfluß
kann die mangelhafte Beschaffenheit unseres Willens, die Lücken-
haftigkeit „der Vorstellung von der Zukunft“ oder auch „die
Rücksicht auf die Kürze und Unsicherheit unseres Lebens“ auf
die rechnerischen Erwägungen des modernen Großindustriellen
ausüben? Die Wirtschaft hat ihre eigene Logik, und die Motive
der wirtschaftlichen Tätigkeit, die wirtschaftlichen Erwägungen
sind ebenso weit von den Motiven der Kinder und Wilden ent-
fernt, wie der Himmel von der Erde. Geldersparnis, falls sie von
Vorteil ist, das Abwarten einer Konjunktur, verwickelte Pläne für
die Zukunft usw. — das sind die charakteristischen Merkmale
der kapitalistischen Wirtschaft; wenn der Kapitalist auch manch-
mal mitunter ein „Kind“ ist, so dies doch nur in bezug auf sein
„Taschengeld“, — bei seinen Hauptwerten aber, in den rein wirt-
schaftlichen Operationen, geschieht alles nach genauester Berech-
nung. Darüber äußert sich Wieser ganz mit Recht: „Es scheint
mir..., daß im Stande der Zivilisation jeder gute Wirtschafter
und der Hauptsache nach auch alle mittelmäßigen gelernt haben,
in einer gewissen Beziehung dieser Schwäche der menschlichen
Natur (der Unterschätzung der künftigen Güter. N. B.) Herr zu
werden... Die Aufforderung zur Vorsorge ist in dieser Be-
ziehung eine besonders starke, und es dürfte nicht wunder neh-
men, wenn sie hier vor allem wirksam geworden wäre!l.“

Abgesehen davon geht es sogar vom Böhm-Bawerkschen
Standpunkte nicht an, zur Erklärung der Entstehung des Kapi-
talprofits das mit der „Zukunft“ zusammenhängende Risiko
heranzuziehen, denn, wie Bortkievitz sagt, — „bei der Böhm-
Bawerkschen Theorie handelt es sich um die Erklärung des Kapi-
talzinses im eigentlichen Sinne, d. h. des Nettozinses, nicht aber

u Wieser: „Natürlicher Wert“, S. 17. Siehe auch Bortkievitz: „Kardinal-
fehler der Böhm-Bawerkschen Zinstheorie‘‘, S. 949: „. . . spricht gegen die
Böhm-Bawerksche Behauptung, daß eine Neigung zur Unterschätzung des
Wertes künftiger Güter allgemein verbreitet sei, der Umstand, daß Fälle ent-
gegengesetzter Art durchaus nicht zu den Seltenheiten gehören“. Aehnlich
auch Stolzmann 1. c. S. 308 u. 309.
        <pb n="158" />
        I Die Profittheorie (Fortsetzung)

des Bruttozinses, der unter anderen Bestandteilen die Risikoprä-
mie enthält, welch letztere dem Moment der Unsicherheit Rech-
nung trägt und für die Frage des Nettozinses aus der Betrach-
tung ausscheidet**.“

Wenden wir uns nun den Arbeitern und Kapitalisten zu.
Böhm-Bawerk scheint es, als ob der Arbeiter selbst in der Rolle
eines Kapitalisten auftreten und in der Zukunft das Produkt sei-
ner Arbeit erhalten könnte; doch zieht er es vor, wenigstens einen
Teil desselben in der Gegenwart zu erhalten, da er die zukünf-
tigen Güter „systematisch unterschätzt‘. In Wirklichkeit aber
vollzieht sich die Sache ganz anders, als es Böhm-Bawerk dünkt.
Der Arbeiter verkauft seine Arbeitskraft nicht etwa, weil er die
zukünftigen Güter „unterschätzt‘, sondern weil es ihm völlig an
Mitteln fehlt, irgendwelche Güter anders als durch Verkauf sei-
ner Arbeitskraft zu bekommen, — eine Wahl zwischen eigener
Produktion und der in der Fabrik des Unternehmers gibt es für
ihn überhaupt nicht; es fehlt ihm jede Möglichkeit, das zukünf-
tige Gut — „Arbeit‘“ — in ein gegenwärtiges zu verwandeln; des-
halb schätzt er seine Arbeit ganz und gar nicht als ein zukünf-
tiges Gut ein, — ein derartiger Gesichtspunkt ist ihm überhaupt
ganz fremd. Diese Sachlage ist so klar, daß sogar bürgerliche
Oekonomen sie begreifen, wenn sie nur aus der Apologie des
Kapitalismus kein System machen oder daran wenigstens nicht
mit derartigem Eifer arbeiten, wie Böhm-Bawerk. „Der indu-
strielle Arbeiter, — schreibt Professor Lexis, — konnte jetzt aus
eigenen Mitteln seine Arbeitskraft nicht verwerten, er bedurfte
dazu der neuen mächtigen Produktionsmittel, die sich im Besitz
des Kapitals befanden und ihm nur unter den vom Kapital ge-
stellten Bedingungen zugänglich waren. Der Arbeiter
führt keine eigene Produktionswirtschaft,
das Produkt seiner Arbeit gehört ihm nicht
und ist ihm gleichgültig, das Wirtschaften
besteht fürihn indem Erwerben und Veraus-
gabenseines Lohnes. (Sperrdruck des Verfassers.) *

So verhält sich die Sache auf Seiten des Arbeiters. Nun wol-
len wir sehen, wie sich der Prozeß auf Seiten des Kapitalisten ab-
spielt. Diesbezüglich gibt Böhm-Bawerk selbst zu, daß, sofern
die Kapitalisten eben als solche und nicht etwa als „Ver-

12 Bortkievitz 1. c. S. 950.

13 H. Lexis: „Allgemeine Volkswirtschaftslehre‘“, S. 72. Vgl. auch Parvus
l. c. S. 550: „Der Gegenwartswert der Arbeit für den Arbeiter ist eine Fiktion,
man kann höchstens von ihm nur mathematisch sprechen als von einer
Größe, die gleich Null ist“.

h()
        <pb n="159" />
        Der dritte Grund für die Ueberschätzung der gegenwärtigen Güter 151
schwender‘* handeln, die Ueberschätzung der gegenwärtigen Gü-
ter gar keine Rolle spielt‘*., Und so sehen wir, daß, wie der erste,
so auch der „zweite Grund‘ weder auf Seiten der Nachfrage
noch auf der des Angebots irgendeine Geltung hat.

„Von den drei Momenten... treten also für die Masse der
Kapitalisten (wir sahen, daß es auch für die Arbeiter zutrifft.
N. B.) die beiden ersten nicht in Wirksamkeit. Dagegen kann
hier das uns wohlbekannte dritte Moment wirksam werden; die
technische Ueberlegenheit der gegenwärtigen
Güter (Sperrdruck des Verfassers)oder das, was man sonst die
„Produktivität des Kapitals‘ nennt**.“

Somit bleibt uns nur noch übrig, den dritten „Grund“ — die
technische Ueberlegenheit der gegenwärtigen Güter — zu unter-
suchen.

2. DER DRITTE GRUND FÜR DIE ÜBERSCHÄTZUNG DER GEGEN-

WÄRTIGEN GÜTER: IHRE TECHNISCHE ÜBERLEGENHEIT

Dieser dritte Grund, dem nach Böhm-Bawerk eine ausschlag-
gebende Bedeutung zukommt, besteht darin, daß „in aller
Regel gegenwärtige Güter aus technischen
Gründen vorzüglichere Mittel für unsere Be.
dürfnisbefriedigung sind und uns daher auch
einen höheren Grenznutzen verbürgen als
künftige'.‘“ Es sei hier zunächst eine Vorbemerkung ge-
macht. Bisher wurde bei Böhm-Bawerk überall vorausgesetzt,
daß unter den gegenwärtigen Gütern „Genuß güter‘“, Güter
erster Ordnung, verstanden werden oder im schlimmsten Falle
die „gegenwärtigen‘“ Gulden, die sich leicht in Verbrauchsgüter

verwandeln lassen, welche wiederum ganz unmittelbar die mensch-
lichen Bedürfnisse befriedigen können. Es waren eben Gulden,
die der Kapitalist, gleich einer echten Ware, gegen das „Zu-
kunftsgut‘“ — die Arbeit — eintauschte. Um ganz etwas anderes
handelt es sich dagegen hier. Hier stellt Böhm-Bawerk nicht
mehr Produktionsmittel den Konsumtionsmitteln gegenüber, son-
dern vergleicht die Produktionsmittel, die verschiedenen Katego-
rien der Produktionsmittel untereinander. Daraus ergeben
sich mannigfache Folgen, die weiter unten behandelt werden.

Kehren wir zu unserem Thema zurück. Aus dem vorher-
gehenden Abschnitt wissen wir bereits. daß der Produktionspro-

1 Positive Theorie“, S. 520 u. 521.

%.-Jb.18. 521;

16 Ib. S. 454. (Sperrdruck vom Verfasser.)
        <pb n="160" />
        ! Die Profittheorie (Fortsetzung)
zeß nach Böhm-Bawerk desto erfolgreicher ist, je länger er dauert.
Wenn wir irgendeine Produktionsmitteleinheit nehmen, z. B. einen
Monat Arbeit, die für technisch ungleiche Produktionsprozesse
angewandt wird, so wird das Ergebnis verschieden ausfallen, je
nach der Dauer des Produktionsprozesses. Zur Erläuterung
dieses Satzes führt Böhm-Bawerk folgende Tabelle an:
Tabelle I

Ein Monat Arbeitim Jahre

a 1909 1910 1911 1912

SEE 1900 1005

PER 1010 200 1004

SEE 191 20 200 10011

es 1912 850 280 200 100

E59 1913 400 350 280 200 -.

a5 1914 440 400 350 280 ı

a8. 1915 470 440 400 350 &amp;

ASS 1916 500 470 440 400

Für die Befriedigung der Bedürfnisse im Jahre 1909, sagt
Böhm-Bawerk, bringt ein Arbeitsmonat im Jahre 1910 oder 1911
noch ganz und gar nichts; der Arbeitsmonat im Jahre 1909 bringt
100 Produktionseinheiten; für die Befriedigung der Bedürfnisse
im Jahre 1914 bringt ein Arbeitsmonat im Jahre 1911 = 350, im
Jahre 1910 = 400, im Jahre 1909 = 440 Produkteinheiten.

„Mag also der Vergleich vom Standpunkte was immer für
eines Zeitraumes aus gezogen werden, so zeigt sich überall die
ältere (gegenwärtige) Produktivmittelmenge der gleich großen
jüngeren (künftigen) technisch überlegen.‘ Diese Ueberlegenheit,
meint ferner Böhm-Bawerk, ist nicht nur technischer, sondern
auch wirtschaftlicher Art: Das in einem „mehr kapita-
listischen‘“ Zweige, d. h. auf einem längeren Produktionsweg er-
zeugte Produkt ist dem des „weniger kapitalistischen‘ Zweiges
nicht nur an Zahl, sondern auch an allgemeinem W ert der er-
zeugten Einheiten überlegen.

„Ist sie (die ältere Produktivmittelmenge. N. B.) aber auch in
der Höhe ihres Grenznutzens und ihres Wertes überlegen?
Ganz gewiß ist sie es. Denn wenn sie uns für jeden denkbaren
Bedürfniskreis, zu dessen Gunsten wir sie verwenden können oder
wollen, mehr Befriedigungsmittel zur Verfügung stellt, so muß
sie doch auch eine größere Bedeutung für unsere Wohlfahrt
haben*®.“

Für ein und dieselbe Person in einem und demselben Zeitab-
schnitt, sagt Böhm-Bawerk, wird eine größere Produktmenge

3 Ib. 5. 457.

152
        <pb n="161" />
        Der dritte Grund für die Veberschätzung der gegenwärtigen Güter 153
auch einen größeren Wert haben. So steht es mit dem Wert des
Produkts. Wie stellt sich nun der Wert der Produktionsmit-
tel? Wie wir aus dem entsprechenden Abschnitt über den Wert
bereits wissen, wird der Wert der Produktionsmittel bei verschie-
denen Gebrauchsarten vom Maximum des Produktenwertes be-
stimmt, d. h. vom Wert des Produktes, das unter den vorteilhaf-
testen Bedingungen hergestellt ist.

„Bei Gütern, die alternativ eine verschiedene Verwendung mit
verschieden großem Grenznutzen zulassen, ist der höchste
Grenznutzen der maßgebende. Also in unserem konkreten Falle
dasjenige Produkt; das die höchste Wertsumme dar-
stellt?".“

Daraus hätte doch offenbar der Schluß gezogen werden müs-
sen, daß der Wert der Produktionsmittel von der maximalen
Produktenmenge, d. h. der maximalen Verlängerung des
Produktionsprozesses abhängt. Doch in Wirklichkeit — und das
sei dem Gedächtnis des Lesers noch besonders eingeprägt — er-
teilt die Böhmsche Theorie eine ander e Antwort. Die
höchste Wertsumme, sagt unser Autor, „muß nicht mit dem-
jenigen Produkt zusammenfallen, welches die größte Stückanzahl
enthält: Im Gegenteil, es fällt selten oder nie damit zusammen.
Denn die größte Stückanzahl würden wir durch einen unmäßig
langen, vielleicht 100 oder 200 Jahre dauernden Produktions-
Prozeß erlangen. Güter aber, die erst zu Lebzeiten unserer Ur-
enkel und Ururenkel zur Verfügung gelangen, haben in unserer
heutigen Schätzung so gut wie gar keinen Wert*®.“ Deshalb wird
die größte Wertsumme demjenigen Produkt entsprechen, dessen
Stückanzahl, multipliziert mit dem Stückwert, eine maximale
Größe ergibt, wobei berücksichtigt werden muß „das Verhältnis
von Bedarf und Deckung in der betreffenden Wirtschaftsperiode
und ... Rücksicht auf die bei künftigen Gütern eintretende per-
spektivische Reduktion“ (d. h. die Wertverminderung. N. B.).

Angenommen, es ist „der erste Grund“, d. h. „zunehmend —
verbessernde Versorgungsverhältnisse““ gegeben; angenommen
ferner, daß der entsprechende (abnehmende) Wert einer Produkt-
einheit, den Böhm-Bawerk den „echten“ Wert nennt, für das

V7.-Ib. 8,458.

18 ]b, S.. 460.

*® Vgl. auch S. 461 derselben Arbeit. Hier bestimmt Böhm-Bawerk unter
anderem den Wert der Summe als einen Stückwert, multipliziert mit der Zahl
der Stücke, was im Widerspruch zu seiner eigenen Theorie steht. Aus diesem
Widerspruch versucht er sich auf S. 461, 462 vergeblich zu befreien. VUebri-
gens gehört diese Frage in ein anderes Gebiet und wurde von uns an ent-
Sprechender Stelle des I. Abschnitts erörtert.
        <pb n="162" />
        154 Die Profittheorie (Fortsetzung)
Jahrprodukt 1909==5; 1910 ==4; 1911 ==3,3; 1912 = 2,5; 1913
—2,2; 1914 —= 2,1; 1915 ==2; 1916 = 1,5. Dann werden die ent-
sprechenden Zahlen bei der Wirksamkeit des zweiten Grun-
des, d. i. die perspektivische Reduktion sein gleich:
5; 3,8; 3; 2,2; 1,8; 1,5; 1. Wir setzen so mit Böhm-Bawerk die
Wertverminderung der „zukünftigen Güter‘ im Vergleich zu den
„gegenwärtigen“‘‘, kraft der beiden vorher untersuchten Gründe,
voraus.
Auf Grund dessen stellt Böhm-Bawerk folgende Tabelle auf:
Tabelle II
Ein Arbeitsmonatim Jahre 1909 ergibt:
Wo Die Zahl d DerechteGrenz- Perspektivische Die W
CHANCE EEE Produkte UI OH Cesr  HCRORTon/ des des N HCsh g
stücke Stückes Stückwertes produkts
1909 100 5 5 500
1910 200 4 78 760
1911 280 3,3 840
1912 350 2,5 2 770
1913 400 2,2 800
1914 440 2,1 1,8 792
1915 4.70 2 1,5 705
1916 500 1,5 ; 500
Tabelle III
Ein Arbeitsmonatim Jahre 1912 ergibt:
As ; Die Zahl der Der echteGrenz- Perspektivische Die Wertsumme
Für die Wirt- ; )
SE a MS 0 a
1909 ö 9 -
1910 — 4 8 =
1911 3,8
1912 100 2,5 2,2 220
1913 200 2,2 400
1914 280 2,1 VS 504
1915 350 % 1,5 525
1916 400 1,5 } 400
Diese Tabellen zeigen, daß das Maximum des Wertes für die
im Jahre 1909 verwendete Arbeit (840 Werteinheiten) höher ist,
als das des Wertes, der das Ergebnis der späteren Arbeit des
Jahres 1912 (525) war. Stellen wir die erforderlichen Berech-
nungen auch für die Jahre 1910 und 1911 an und fassen alles in
einer Tabelle analog der Tabelle I zusammen, so ergeben sich
folgende Zahlen*°:
20 Der Unterschied zwischen Tabelle IV und I ist nur der, daß die I. Ta-
belle die Angaben in Produkten, die IV. in Werten gibt,
        <pb n="163" />
        Der dritte Grund für die Ueberschätzung der gegenwärtigen Güter 155
Tabelle IV
EinArbeitsmonatim Jahre

1909. 1910 1911. 1912
E a 1900 5008 — —
Fe1910 / 760 7 880011
SER 1911111840600 18005: 5-—
Da 19121770 6161 440 290
1913 800. 700 560 400
ae 1914’ 7.792 720: "6830 504
E 1915: 705. 660 60017525
* 1916 500). .470.; 440.400
„Es ist also in der Tat der gegenwärtige Arbeitsmonat allen
künftigen nicht bloß an technischer Produktivität, sondern auch
an Grenznutzen und Wert überlegen?*.“

% „Positive Theorie“, S. 465. Um die Stellung Böhm-Bawerks klar zu
machen, sei hervorgehoben, daß sein Begriff der „Produktionsperiode‘“ von
dem üblichen wesentlich abweicht. Sie ist nach ihm nicht etwa die gesamte
Zeitdauer, die alle Operationen, die vorbereitenden mit inbegriffen, erfordern,
denn „in unserer Zeit, in der die kapitallose Produktion fast ganz verschwun-
den ist... würde nach jener strengen Berechnung die Produktionsperiode
fast jedes Genußgutes ihren Anfang in lang vergangene Jahrhunderte zurück-
verlegen dürfen“ (S. 156). „Wichtiger und richtiger ist es vielmehr, auf den
Zeitraum zu sehen, der durchschnittlich zwischen dem Aufwand der
sukzessive in ein Werk verwendeten originären Produktivkräfte, Arbeit und
Bodennutzungen und der Fertigstellung der schließlichen Genußgüter vergeht.
Diejenige Produktionsmethode ist stärker kapitalistisch, welche den in ihr
vollzogenen Aufwand an originären Produktionskräften durchschnittlich
später lohnt“ (S. 157). Wenn die Produktion einer Gütereinheit durchschnitt-
lich einen Aufwand von 100 Arbeitstagen erfordert und wenn ferner bis zum
Abschluß des Prozesses in 10 Jahren ein Arbeitstag verwendet wurde, und
jeder folgende in 9, 8, 7, 6, 5, 4, 3, 2 und 1 Jahr, und alle anderen (90) Tage
unmittelbar vor dem Abschluß des ganzen Prozesses, so wird der 1. Arbeits-
tag in 10 Jahren, der 2. in 9 usw. entlohnt. Die sämtlichen 10 Tage werden
durchschnittlich entlohnt

10+9+8+7+6+5+4+3+2+1 =55

100 100
d. h. annähernd nach % Jahr. Das ist die Produktionsperiode, d. h. eine
Einheit der Produktionsmittel von 100 Tagen wurde im Produktionsprozeß
aufgewendet, dessen Produktionsperiode % Jahr beträgt. Je länger die Pro-
duktionsperiode, desto ergiebiger die Produktion, desto höher die „Produk-
tivität des Kapitals“, Die völlige Verworrenheit und Sinnlosigkeit dieses Be-
griffs beleuchtet Lewin sehr gut: „Es ist vor allem unverständlich, wie und
warum Böhm-Bawerk bei der Berechnung der Produktionsperiode zu jenem
Durchschnitt gelangt. Das Werkzeug, das in obigem Beispiel vor 10 Jahren
erzeugt wurde und zur Herstellung des nunmehr fertigen Genußgutes notwen-
dig war, gehört im ganzen und nicht etwa in seinem zehnten Teile zur Pro-
duktion dieses Gutes, die weiteren Zwischenprodukte dürfen ebensowenig als
        <pb n="164" />
        Tr Die Profittheorie (Fortsetzung)

Somit gilt es hier nach Böhm-Bawerk als erwiesen, daß die
gegenwärtigen Produktivgüter nicht nur technisch,
sondern auch wirtschaftlich diezukünftigen Pro-
duktivgüter überragen. Zu den eigentlich gegenwärtigen
Gütern, d. h. den gegenwärtigen Verbrauchsgütern geht
Böhm-Bawerk durch folgende Erwägung über: der Besitz eines
gewissen Vorrats von gegenwärtigen Verbrauchsgütern gestattet
Produktionsmittel in den am meisten produktiven Prozessen zu
verbrauchen; besitzt man nur wenig Existenzmittel, so kann man
nicht lange auf die Herstellung des Produkts warten. Mit einer
gewissen Menge Existenzmittel ist auch eine gewisse Produk-
tionsdauer verknüpft. Dabei verhält es sich so, daß je eher wir
die Produktionsmittel haben, desto besser wir sie ausnutzen kön-
nen. Wenn wir einen Vorrat von gegenwärtigen Konsumtions-
gütern für 10 Jahre haben, so kann das gegenwärtige Produktiv-
gut während all dieser 10 Jahre verbraucht werden; dagegen
wird jedes‘ künftige Gut im Produktionsprozeß eine geringere
Zeit verweilen: Erhalten wir das Produktionsmittel erst nach
3 Jahren, so wird das Maximum des Produktionsprozesses 10
weniger 3, d. h. 7 Jahre. alt sein usw.”. „Der Zusammenhang
— sagt Böhm-Bawerk — ist der folgende: Die Verfügung über
eine Summe gegenwärtiger Genußmittel deckt unsere Subsistenz
in der laufenden Wirtschaftsperiode, macht dadurch unsere in
eben dieser Periode verfügbaren Produktionsmittel (Arbeit, Bo-
denbenutzung, Kapitalgehälter) für den technisch ergiebigeren
Dienst der Zukunft frei”.‘“ Mit anderen Worten: Da die gegen-
wärtigen Produktivgüter einen höheren Wert als die zukünftigen
haben, und da ferner das Vorhandensein der gegenwärtigen Kon-
sumtionsgüter dieses Moment begünstigen, so erhalten die letzte-
ren ein gewisses Agio. Der erhöhte Wert der gegenwärtigen Pro-
Bruchteile in Anrechnung gebracht werden. Für Kostenberechnung kommt
nur ein entsprechender Teil der Produktionsmittel in Betracht, für die Be-
stimmung der Produktionsdauer muß dagegen jedes Produktionsmittel als
Ganzes in Anrechnung kommen“ (l. c. S. 201). Und so fehlt dem Begriff
der Produktionsperiode, auf der die Böhmschen Berechnungen fußen, über-
haupt jeder Sinn. VUebrigens hält Böhm-Bawerk selbst diese Definition nicht
überall aufrecht.

2 Eine ähnliche Deutung dieses Punktes gibt auch Schaposchnikow, 1. c.
S. 120. Eigentlich ist der Zusammenhang zwischen der Dauer des Produk-
tionsprozesses und der Vorratsmenge bei Böhm-Bawerk komplizierter (vgl.
„Positive Theorie‘, S. 532—536); doch ist es für uns in diesem Falle belang-
los.

2 Böhm-Bawerk: „Positive Theorie‘, S. 469.

6
        <pb n="165" />
        Der dritte Grund für die Ueberschätzung der gegenwärtigen Güter 157
duktivgüter zieht die Erhöhung des Wertes für die gegenwärtigen
Konsumtionsgüter nach sich.

Soweit der „dritte Grund‘. Ehe wir zur Kritik dieses wichtig-
sten und, wie wir glauben, am meisten scholastischen Arguments
Böhm-Bawerks übergehen, wollen wir nochmals seinen Ge-
dankengang kurz formulieren:

1. Die gegenwärtigen Produktivgüter ergeben eine größere
Produktmenge als die zukünftigen.

2. Der Wert dieses Produkts in jedem gegebenen Moment,
ebenso wie das Maximum des Wertes, ist bei den gegen-
wärtigen Produktivgütern größer.

3. Deshalb ist der Wert der gegenwärtigen Produktions-
mittel größer als der der zukünftigen.

4. Da die gegenwärtigen Konsumtionsgüter es ermöglichen,
die Produktionsmittel für die produktivsten Operationen zu ver-
wenden, d. h. sie für eine lange Zeitdauer sofort zu verwenden,
so haben die gegenwärtigen Konsumtionsgüter einen höheren
Wert als die zukünftigen.

Und nun zur kritischen Untersuchung dieser Argumentation.
Zu 1: Die gegenwärtigen Produktivgüter, heißt es bei Böhm-Ba-
werk, ergeben eine größere Produktmenge. Als Beweis figuriert
Tabelle I. Wenn die Böhmsche Argumentation überhaupt irgend-
einen Sinn gewinnen soll, muß alles ausgeschaltet werden, was
mit den oben erörterten ersten zwei ‚„Gründen‘ der Ueber-
schätzung der gegenwärtigen Güter in Zusammenhang steht. Die
gewonnene Produktmenge muß unabhängig davon genommen
werden, wann sie gewonnen wird. Indessen brechen die Pro-
duktionsreihen in der Böhmschen Tabelle mit ein und demselben
Jahre ab. Nehmen wir aber an, daß der Zeitpunkt der Gewin-
nung des Produktes für uns ohne Belang ist, so kommen wir,
wie dies Bortkievitz gezeigt hat, zu wesentlich anderen Ergeb-
nissen:

Tabelle 1
Ein Arbeitsmonatim Jahre
| 1909... 1910... 1411. ; 1912
Sn 1909 100° —
3 1910 200 100 - :
&amp;E 1911 280 200 ,“ ;
ue6‘1 19124 8350: 280 0% al
ES 1913 400 350 280 um
3% 1914 440 400 350 250
- 1915 470 440 400 3850 &amp;
x 1916 500 470 - 440 . 400
        <pb n="166" />
        . Die Profittheorie (Fortsetzung)
Tabelle Ia
Ein Arbeitsmonatim Jahre
1909 1910 1911 1912
+ 111909 4100 a
7 “MR
SE 10. — :
Se 19120 3 200 1000
FE 19153 4 350 280 200
25 1914 420 350 280:
er 1915 410 400 350 %£
- 1916 ‘440 400 ©
ä 1917 470 440
ei 918 500 470
1919 — 500

Wenn wir nun annehmen, daß die Produktionsreihen der
Jahre 1909, 1910, 1911 und 1912 von gleicher Dauer sind, so
wird auch die Produktenmenge dieselbe wie im Jahre
1909 sein; ein Unterschied in der Menge des Produkts ist nicht
vorhanden. Der einzige Unterschied wird dann nur noch der sein,
daß diese gleich große Produktmenge nicht zu derselben Zeit
erhalten wird, und zwar: je entfernter ein Produktivmittel vom
„gegenwärtigen“ ist, desto später würde sich ein nach seiner
absoluten Größe gleiches Resultat ergeben. Während ein Arbeits-
monat im Jahre 1909 schon im Jahre 1916 500 Produkteinheiten
ergibt, würde ein Arbeitsmonat im Jahre 1910 die gleichen
500 Produkteinheiten nicht im Jahre 1916, sondern erst im Jahre
1917, ein Arbeitsmonat im Jahre 1911 würde dieselbe Menge im
Jahre 1918 ergeben usw. Daraus folgt: Wenn wir von der ver-
schiedenen Wertschätzung der früheren und späteren Produkte
absehen, so bleibt die Menge des Produkts dieselbe.

Zu 2: Wir kommen nun auf die Frage des Produktenwertes
und des Wertmaximums zu sprechen. Oben sahen wir, daß bei
konsequenter Durchführung des Böhmschen Gesichtspunktes das
Maximum des Wertes sich bei einer materiellen Verlängerung des
Produktionsprozesses und folglich auch bei einer maximalen
Steigerung der Produktmenge ergeben müßte. Indessen verneint
dies Böhm-Bawerk, indem er sich auf die Tatsache be-
ruft, daß die zur Zeit unserer Urenkel herge-
stellten Produkte für uns fast keinen Wert
mehr haben. Diese Voraussetzung, die seinen Berechnungen
zugrunde liegt, ist methodologisch unzulässig: Wenn wir schon
im voraus auf die Wirkung der Unterschätzung der zukünftigen

158
        <pb n="167" />
        Der dritte Grund für die Ueberschätzung der gegenwärtigen Güter 159
Güter uns berufen (die entweder vom ersten oder zweiten
„Grund‘“ bedingt wird), so machen wir damit die Analyse des
„dritten Grundes‘“‘, d. h. eben jener Frage, die uns jetzt inter-
essiert, unmöglich. In Wirklichkeit führt Böhm-Bawerk auf
Schleichwegen die Wirkung des ersten oder zweiten Faktors ein
und nur allein durch diesen Umstand gelangt er zu
Resultaten, die er der Wirkung eines dritten Faktors zuschreibt.
In der Tat, wie erhielt er ein verschiedenes Wertmaximum für
das Produkt der Produktivmittel verschiedener Produktions-
dauer? Doch nur einfach deshalb, weil er den Wert des Produkts
in seiner Abhängigkeit von der Zeit zweimal vermindert hat:
1909—5 1913—92,2 1909—5 1913—2
1910—4 1914—2,1 1910—3,8 1914—1,8
1911—3,3 1915—2,0 1911—3,2 1915—1,5
1912—2,5 1916—1,5 1912—2,2 1916—1,0
Die ersten beiden Kolonnen zeigen die Verminderung des
Güterwertes unter dem Einfluß der „zunehmend verbessernden
Versorgungsverhältnisse‘, die anderen zwei — zeigen die Ver-
minderung des Wertes unter dem Einfluß der Reflexionen über
die Unzulänglichkeit des menschlichen Lebens usw., d. h. des
zweiten Grundes. Wäre dem nicht so, so würden wir für alle
Jahre die gleiche Zahl 5 haben. Wenn wir jetzt eine der Ta-
belle IV analoge Tabelle zusammenstellen und für alle senk-
rechten Reihen mit der Steigerung der Produktenmenge eine Ver-
minderung des Wertes annehmen, so ergibt sich folgendes**:
Tabelle IV
EinMonatArbeitim Jahre
_ 1909 1910 1911 1912
EU 100045008 le er
Pe 1910 (760% 380 1 —
ZE 1911 840 600 300 —
u 1912; 770616 ; 440.‘ 220
ZE 1918800700 560400
35 1914 792 720 630 504
9 1915 705. 660. ;; 600... 525
5 1916: 500. 470 _ 400. 400
% Der Einfachheit halber nehmen wir denselben Grad der Verringerung,
den Böhm-Bawerk als Wirkung der beiden ersten Gründe annimmt, das ist
die Zahlenreihe: 5, 3.8, 3.3, 2.2 usw.
        <pb n="168" />
        Die Profittheorie (Fortsetzung)
Tabelle IVa
Ein Arbeitsmonatim Jahre
1909 1910 1911 1912
a9 OT En
58 24910 7 FE
75 1911 840 35001 I
SE 1912 770 x) 760 500 =
„ei 1915 180004770 1840 7600
El 1914 7924800 770 840
38 1915 705 722 800 770
Sn 1916° 59025, 792] 800
Ss 1917 - SR 705° 792
500 705
- — 500
Beim Vergleich der Tabellen IV und IVa sieht man, daß das
Maximum des „Wertes‘‘ in Tabelle IV verschieden (840, 720,
630, 525), dagegen gleich groß in Tabelle IVa (840) ist. Diese
Differenz ergibt sich lediglich dadurch, daß die Verringe-
rung in Tabelle IV in Abhängigkeit von der Zeit genommen
wurde, so daß die zweite senkrechte Kolonne mit einer anderen
Zahl anfängt (380 statt 500). Die Wertverringerung in Tabelle IVa
dagegen ist in Abhängigkeit nur von der Menge der Produkte ge-
nommen; die Anfangszahlen aller vier Reihen sind gleich, da
auch die Menge der Produkte gleich ist”. Und so wird es klar,
daß die höheren Resultate für die wirtschaftliche Produktivität
der gegenwärtigen Produktionsmittel sich lediglich deshalb er-
geben, weil in die Berechnungen die beiden erwähnten Momente
einbezogen wurden. Selbstverständlich erhalten wir dasselbe (nur
quantitativ etwas schwächere) Resultat, wenn wir eins der bei-
den Momente, gleich, ob das erste oder zweite, wirken lassen.
Jedenfalls ist es klar, daß der berüchtigte „dritte Grund“ als
selbständiger Faktor einfach nicht existiert. Damit ist auch die
Frage über den Wert der gegenwärtigen und zukünftigen Pro-
duktionsmittel (Punkt 3) entschieden.

Zu IV: Doch angenommen, die ersten drei „Gründe‘‘ des
„dritten Grundes‘“ bestünden zu Recht, so ist damit für Böhm-
Bawerk der Uebergang von den Produktiv- zu den Konsum-
tionsgütern noch keineswegs gewonnen. Hier stellt er, wie wir
wissen, folgende Erwägung an: Da die gegenwärtigen Produktiv-
güter wertvoller als die zukünftigen sind, so sind somit auch die
gegenwärtigen Genußgüter wertvoller als die zukünftigen. Die

®5 Unter anderem berücksichtigt nicht Böhm-Bawerk in seinen Tabellen
die Verringerung des Wertes des Produktes mit der Zunahme seiner Menge,
d. h. er abstrahiert vom wichtigsten Satz der Grenznutzentheorie.

160
        <pb n="169" />
        Der dritte Grund für die VUeberschätzung der gegenwärtigen Güter 161
Genußgüter werden hier also, wenn man so sagen darf, als Pro-
duktionsmittel der Produktionsmittel betrachtet, wobei noch die
Produktivgüter den bestimmenden, die Genußgüter den zu be-
stimmenden Faktor bilden. Indessen widerspricht dieser Satz
dem grundlegenden Gesichtspunkt der ganzen Schule, für die
die Genußgüter primärer Natur sind und die Produktivgüter, als
Güter entfernterer Ordnung, ihrem Werte nach abgeleitete
Größen sind. Wir sehen also, daß auch in diesem Punkte die
Böhmsche Erklärung sich im Kreise bewegt*®, Der Wert des
Produktes bestimmt den Wert der Produktionsmittel, der Wert
der Produktionsmittel bestimmt den Wert des Produkts. Dies
ist schon an und für sich ein Widerspruch. Doch auch abge-
sehen davon bleibt das Verhältnis zwischen der Bestimmung
des Wertes der gegenwärtigen Güter unter dem Einfluß ihres
Grenznutzens und der Bestimmung, die unter der Wirkung der
größeren technischen und wirtschaftlichen Produktivität der ge-
genwärtigen Produktionsmittel zustande kommt, unerklärlich.
Angenommen, der Grenznutzen eines gewissen Vorrats an ge-
genwärtigen Gütern ist 500; wenn die ersten zwei Gründe über-
haupt nicht wirksam sind, ebenso die Wirksamkeit des dritten
einstweilen nicht in Erscheinung tritt, so wird auch der zukünf-
tige Vorrat an den nämlichen Gütern 500 sein. Angenommen
nun, daß als Ergebnis der vorteilhaftesten Produktionsperiode,
die ihrerseits ihr Entstehung dem Vorhandensein unseres Vor-
rats verdankt 800 Werteinheiten, dagegen bei einer Ver-
schiebung um ein Jahr (d.h. bei einem kürzeren Produktions-
prozeß) nur 700 Werteinheiten erhalten. Nach Böhm-Bawerk
müßte in diesem Falle eine Veberlegenheit des Wertes der ge-
genwärtigen Güter über die zukünftigen entstehen. Dies wäre
der Fall (wir nehmen die zwei hauptsächlichsten
Fälle) entweder dann, wenn der Wert der gegenwärtigen Güter
über 500 steigen oder der Wert der zukünftigen unter 500
sinken würde. Der erste Fall kann nicht stattfinden, denn dies
würde eine offensichtliche Verletzung des Gesetzes des Grenz-

% Vgl. Bortkievitz, Il. c. S. 957 u. 958: „Ja, die technische Ueberlegenheit
der gegenwärtigen Produktivgüter soll indirekt ein Wertagio zugunsten der
gegenwärtigen Genußgüter herbeiführen, indem nämlich die Verfügung über
die letzteren gewisse Produktivmittel ‚für den technisch ergiebigeren Dienst
der Zukunft‘ frei mache. Hier dreht sich die Argumentation im Kreise. Denn
in Wirklichkeit kann ein Wertüberschuß gegenwärtiger Produktivgüter über
künftige Produktivgüter nicht anders als nach Maßgabe einer. verschiedenen
Bewertung zeitlich auseinanderliegender Genußgüter bestehen, und nun soll
diese Verschiedenheit der Bewertung ihrerseits durch das Wertverhältnis
zwischen gegenwärtigen und zukünftigen Produktivgütern erklärt werden.‘

1
        <pb n="170" />
        es Die Profittheorie (Fortsetzung)
nutzens bedeuten. Kann sich nun der zweite Fall ergeben?
Auch dies nicht. Wie in aller Welt sollten die Güter lediglich
deshalb an Wert verlieren, weil man mit ihrer Hilfe etwas
nicht machen kann, was absolut in der „Bedürfnisskala‘‘ nicht
enthalten ist? Dies ist selbstverständlich Unsinn. Die Sache
erklärt sich sehr einfach. Die künstliche Konstruktion von
Böhm-Bawerk setzt hier voraus, daß die Konsumtionsgüter in
ihrem Werte von den Produktivgütern abhängig seien; die Kon-
sumtionsgüter werden bis zu einem gewissen Grade als Produk-
tionsmittel zur Herstellung von Produktionsmitteln betrachtet.
So geht die Festigkeit seiner grundlegenden Konstruk-
tion ganz und gar verloren. Die Grundlagen der Theorie be-
ruhten auf dem Grenznutzen der Konsumtionsgüter, die den
primären Grund eines jeden Wertes bildeten. Sofern aber die
Konsumtionsgüter selbst nun als Produktionsmittel betrachtet wer-
den, muß die Grenznutzentheorie überhaupt jeden Sinn verlieren.
Abgesehen davon, fußt die ganze Argumentation Böhm-Ba-
werks bezüglich des „dritten Grundes‘“ auf der Voraussetzung,
daß es Produktionsprozesse von verschiedener Zeitdauer gebe:
Ist es doch gerade in diesem Falle der Vorzug der längeren Pro-
duktionsprozesse, von dem der Profit abgeleitet wird. Da aber
Böhm-Bawerk, wie wir oben bereits sahen, die Unzulänglichkeit
der beiden ersten Gründe zugibt, so erscheint die „technische
Ueberlegenheit der gegenwärtigen Güter‘ im Grunde genommen
als einziger Grund für die Erklärung des rar Indessen
unterliegt es gar keinem Zweifel, daß, wenn man auch ihrer
Zeitdauer nach gleiche Produktionsprozesse annimmt, der Profit
doch noch nicht aufhört zu existieren. Wenn (in der Marxschen
Terminologie) die organische Zusammensetzung des Kapitals in
allen Produktionszweigen gleich ist, oder, anders gesagt, wenn
die organische Zusammensetzung des Kapitals in jedem ein-
zelnen Produktionszweig der durchschnittlichen gesellschaftlichen
Zusammensetzung des Kapitals gleich ist, so wird dadurch der
Profit noch keinesfalls aus der Welt geschafft. Die Abwei-
chung von der konkreten „Wirklichkeit“ besteht nur darin, daß
die Durchschnittsnorm des Profits unmittelbar realisiert wird,
ohne daß der Abfluß der Kapitale von einem Industriezweig in
den andern stattfindet. Andererseits kann aber auch der „Dif-
ferentialprofit‘‘ oder Surplusprofit, der in einer Einzelunter-
nehmung mit verbesserter Technik entsteht, die aber noch nicht
zum Gemeingut aller geworden ist, nicht als Beispiel für den
Profitschlechthin gelten; denn dieser entsteht auch bei
ganz gleichartiger Technik, nämlich als spezifisches Einkom-

%»z
3/7
        <pb n="171" />
        Der dritte Grund für die Ueberschätzung der gegenwärtigen Güter 163
men nicht eines einzelnen Unternehmers, sondern der gesamten
Kapitalistenk lasse. „Wenn alle Kapitalisten — sagt Stolz-
mann — imstande sind, gleichen Vorteil aus der erhöhten Pro-
duktivität zu ziehen, so bleibt kein Mittel des Mehrgewinnes,
der ‚Mehrwert‘ kann nicht mehr aus der Divergenz der Pro-
duktenmenge, die ohne den kapitalistischen Umweg, und der
Produktenmengen, die mit seiner Einschlagung hergestellt
wird, abgeleitet werden?.“

Wenn wir nun die Motive der Kapitalisten und der Arbeiter
ins Auge fassen, so ergibt sich folgender Tatbestand. Für den
Arbeiter kommt überhaupt gar keine Wahl zwischen dem einen
oder anderen Produktionsweg in Betracht, und dies aus dem
sehr einfachen Grunde, weil er als Arbeiter gar keine Möglich-
keit hat, selbständig zu produzieren. Schon eine derartige Pro-
blemstellung ist in bezug auf den Arbeiter einfach wider-
sinnig. Was nun aber die Kapitalisten anbetrifft, so kann man
hier gegen Böhm-Bawerk seine eigene Waffe wenden, und zwar:
Die Arbeit als Produktionsmittel erlaubt dem Kapitalisten, jeg-
lichen „Umweg“ einzuschlagen; die gegenwärtigen Gulden wür-
den totes Kapital bleiben, würden sie nicht von der Arbeit be-
fruchtet. Mit anderen Worten: Die „gegenwärtigen Güter‘ haben
für den Kapitalisten nur insofern Sinn, als er sie in Arbeit ver-
wandeln kann (wir abstrahieren hier von den anderen Produk-
tionsmitteln) _ Sofern es sich hier also um die Gegenüberstellung
von Geld und Arbeit handelt (von den Verbrauchsgütern
ganz und gar abgesehen, die als solche für den Kapitalisten ab-
solut überflüssig sind), besitzt die Arbeit vom Ge-
sichtspunkte des Kapitalisten einen höheren
subjektiven Wert. Das folgt schon aus dem Tauschakt:
Wäre es für den Kapitalisten nicht vorteilhaft, die Arbeit zu kau-
fen, d. h., hätte er sie subjektiv nicht höher als seine Gulden ge-
schätzt, so würde er sie überhaupt nicht kaufen. Denn der Kapi-
talist zieht im voraus denjenigen Profit in Betracht, den er haben
a — ein Umstand, der ihn bei jeder Wertschätzung beein-

ußt.

Formulieren wir nun die Frage allgemeiner. Angenommen,
es handelt sich um gegenwärtige und zukünftige 1000 Gulden.
Wird nun der Kapitalist die gegenwärtigen 1000 Gulden höher
schätzen als die zukünftigen? Zweifelsohne. Warum? Ja, aus dem
einfachen Grunde, weil „Geld Geld heckt“. Die höhere Wertschät-
zung des Bargeldes beruht auf Kreditoperationen, folglich also
in letzter Instanz auf der Profitbasis. Ein derartiger, für die

°7 Stolzmann, 1. c. S. 320. Vgl. auch Bortkievitz, 1. c. S. 943 ff.
11:
        <pb n="172" />
        164 Die Profittheorie (Fortsetzung)

kapitalistische Gesellschaft typischer Fall kann nicht für die
Erklärung des „arbeitslosen Einkommens‘ herangezogen werden,
da dieser Fall letzteres selbst voraussetzt. Andererseits kann auch
in anderer Weise bewiesen werden, daß die Ueberlegenheit des
Wertes der gegenwärtigen Güter die Profitentstehung nicht erklä-
ren kann. Wir sahen, daß bei der Untersuchung des „dritten
Grundes‘ Böhm-Bawerk als Hauptargument für die VUeber-
schätzung der gegenwärtigen Güter und der Erklärung des
Profitphänomens die Tatsache anführte, daß die gegen-
wärtigen Güter die Anwendung von produktiven Methoden er-
möglichen. Angenommen für einen Augenblick, dieser Vorzug
der gegenwärtigen Güter besteht zu Recht. Gesetzt ferner den Fall,
daß der Kapitalist über kein Bargeld verfügt, sondern vielmehr,
um die längeren Produktionsprozesse zu erzielen, sich Geld gegen
Zinsen verschaffen muß. Es ist klar, daß sein Profit nicht
durch die Ueberlegenheit der gegenwärtigen Summe über die zu-
künftige erklärt werden kann. Und so zeigt sich auch der „dritte
Grund“ als unzutreffend.

Wir prüften von verschiedenen Seiten aus das Hauptargument
Böhm-Bawerks, und alle Wege führten zum selben Ergebnis: Die-
ses Argument fußt auf gänzlich scholastischen, an den Haaren
herbeigezogenen Voraussetzungen, die entweder im Widerspruch
zur Wirklichkeit stehen (die Wertschätzung des Arbeiters und des
Kapitalisten) oder an innerem Widerspruch leiden (so der „dritte
Grund‘, der quasi von den ersten zwei abhängig ist, die Wert-
definition der Genußgüter durch den Wert der Produktivgüter
und umgekehrt usw.). In seinem Bestreben, den Profit auf die
Verschiedenartigkeit der Technik in verschiedenen Betrieben zu-
rückzuführen (längere, kürzere Produktionswege) ist offensicht-
lich der Wunsch verborgen, die allgemeinen Gründe des
Profits zu verschleiern, die sich aus der Klassenlage der
Bourgeoisie ergeben, — des Profits, dessen Entstehung durch die
Anwendung einer eigenartigen Terminologie und einer schola-
stisch spitzfindigen Art der Argumentation nicht erklärt, sondern
vielmehr verhüllt wird.

3. „DER SUBSISTENZFONDS
Die Nachfrage nach gegenwärtigen Gütern und ihr Angebot
Die Entstehung des Profits

Wir haben nun die Frage zu untersuchen, was denn nun die
„gegenwärtigen Güter‘ eigentlich sind, deren Umtausch gegen zu-
künftige Güter — die Arbeit — die Ursache für die Bildung des
        <pb n="173" />
        Der Subsistenzfonds 165
Profits sein soll? Diese Frage wird von Böhm-Bawerk in seiner
Lehre vom ““Subsistenzfonds‘* beantwortet.

„-...das Angebot an Subsistenzvorschüssen in einer Volks-
wirtschaft wird mit einer geringfügigen Ausnahme repräsentiert
durch die Gesamtsumme des — abgesehen von Grund und Boden
— in derselben existierenden Vermögensstockes. Die Funktion
dieses Vermögensstockes besteht darin, das Volk während der
Zwischenzeit, die zwischen dem Einsatz seiner originären Pro-
duktivkräfte und der Gewinnung ihrer genußreifen Früchte ver-
geht, also während der durchschnittlichen gesellschaftlichen Pro-
duktionsperiode zu erhalten; und die gesellschaftliche Produk-
tionsperiode kann desto länger gegriffen werden, je größer der
angesammelte Vermögensstock ist?®.“

„Es wird also in der Tat der ganze aufgesammelte Vermögens-
stock der Gesellschaft mit der höchst geringfügigen Ausnahme
jener Vermögensstämme, die Eigentümer selbst verzehren, als An-
gebot von Subsistenzvorschüssen auf den Markt gebracht?*.“

„Der ganze Vermögensstock der Volkswirtschaft dient als Sub-
sistenzfonds oder Vorschußfonds, aus dem die Gesellschaft ihre
Subsistenz während der gesellschaftlich üblichen Produktions-
periode bezieht*® ‘“*

Ungeachtet dessen, daß der gesamte „Vermögensstock‘‘ der
Gesellschaft auch Produktionsmittel in sich einschließt, d. h.,
materielle Elemente des konstanten Kapitals, die für den unmit-
telbaren Genuß nicht geeignet sind, zählt Böhm-Bawerk dennoch
diesen „Vermögensstock‘‘ zum Subsistenzfonds, da in der
Gesellschaft ein beständiges „Ausreifen‘ der zukünftigen Güter
zu gegenwärtigen stattfindet.

Es muß noch die Lage der Parteien, d. h., der Käufer und
Verkäufer, klargestellt werden, die Handel mit den verschiede-
nen gegenwärtigen und zukünftigen Gütern treiben. Auf Seiten
desAngebotsdergegenwärtigen Güter hebt Böhm-
Bawerk folgendes hervor.

Der Umfang des Angebots an Subsistenzmitteln wird re-
präsentiert durch den gesamten aufgehäuften Vermögensstamm,
abgesehen von Grund und Boden und nach Abzug derjenigen
Vermögensbeträge, welche „einerseits die verarmenden, anderer-
seits die selbständig produzierenden Vermögensbesitzer selbst de-
finitiv oder vorschußweise verzehren?!.“

28 Positive Theorie“, S. 525.
2° Ib. 8.527,
3 Ib. 8.528,
31 Ib. S. 538.
        <pb n="174" />
        166 Die Profittheorie (Fortsetzung)

„Die ‚Intensität‘ des Angebots‘“** ist derart, daß „für die
Kapitalisten der subjektive Gebrauchswert der gegenwärtigen Gü-
ter nicht größer ist als der der künftigen Güter. Sie würden
daher äußersten Falles bereit sein, für zehn in zwei Jahren ver-
fügbare Gulden, oder, was dasselbe ist, für eine Arbeitswoche, die
ihnen zehn Gulden in zwei Jahren einbringt, nahezu volle zehn
gegenwärtige Gulden zu geben“.‘““

Die Nachfrage nach gegenwärtigen Gütern
kommt seitens:

1. zahlreicher Lohnarbeiter. Ein Teil von ihnen schätzt seine

Arbeit auf 5, ein anderer Teil sogar auf 2% Florin (!!).

2. einer geringen Anzahl von Personen, die Konsumtionskre-
dit suchen und bereit sind, ein gewisses Agio für gegenwär-
tige Güter zu bezahlen.

3. einer Reihe selbständiger Kleinproduzenten, die Produktiv-
kredit suchen, den sie zur Verlängerung der Produktions-
periode benötigen.

Da alle Verkäufer, meint ferner Böhm-Bawerk, die gegenwär-
tigen und die zukünftigen Güter annähernd gleichschätzen, die
Käufer aber die gegenwärtigen Güter überschätzen, so hängt die
Resultante davon ab, auf wessen Seite das numerische Ueberge-
wicht vorhanden ist.

Demnach muß bewiesen werden, „daß das Angebot an Ge-
genwartsgütern durch die Nachfrage numerisch überboten wer-
den m u ß**“

Dies sucht Böhm-Bawerk in folgender Weise zu beweisen.

„Das Angebot, — sagt er — ist auch in der reichsten Nation
begrenzt durch den augenblicklichen Stand des Volksvermögens.
Die Nachfrage dagegen ist eine praktisch grenzenlose Größe: sie
geht mindestens so weit, als durch Verlängerung des Produktions-
prozesses sich das Produktionserträgnis noch steigern läßt, und
diese Grenze liegt auch bei den reichsten Nationen noch weit jen-

32 Wie uns bereits aus dem Abschnitt über den Wert bekannt, ist es vom
Standpunkte der österreichischen Schule wichtig, nicht nur die Menge der
angebotenen und nachgefragten Güter zu kennen („Umfang‘‘ der Nachfrage
und des Angebots), sondern auch die subjektiven Wertschätzun-
gen einer Einheit seitens der einen und der anderen Partei („Intensität“).
Nur als Resultat des Verhältnisses dieser beiden Größen ergeben Sich be-
stimmte Preise.

33 Ib. S. 538. So gibt hier Böhm-Bawerk zu, daß die Kapitalisten
die gegenwärtigen Güter nicht höher als die zukünftigen schätzen.

3 Tb. S. 541.
        <pb n="175" />
        Der Subsistenzfonds 1C7
seits des augenblicklichen Besitzstandes*®.‘“ Das UVebergewicht
besteht demnach auf Seiten der Nachfrage. Und da der Markt-
preis höher sein muß als der Preis, der von dem vom Konkur-
renzkampf ausgeschlossenen Kaufbewerber geboten wurde, und
ferner dieser Preis bereits ein gewisses Agio für gegenwärtige Gü-
ter enthält (die Ueberschätzung der gegenwärtigen Güter durch
die Käufer), so muß auch der Marktpreis in sich ein gewisses
Agio für Gegenwartsgüter enthalten‘®. „Zins und Agio, — sagt
Böhm-Bawerk — müssen sich einstellen?”.“

So weit das endgültige Ergebnis der Böhm-Bawerkschen Pro-
fittheorie. Nun zur Kritik derselben.

Vor allem springt das Gekünstelte und der Widerspruch des
Begriffs des „Subsistenzfonds‘ in die Augen. In den „Subsistenz-
fonds‘, der nur gegenwärtige Güter umfassen soll, geht nach Ab-
zug von Grund und Boden und der Konsumtionsartikel der Kapi-
talisten alles ein, d. h., er schließt alle Produktionsmittel ein.
Böhm-Bawerk glaubt, diese Annahme aus dem Grunde machen
zu dürfen, weil die zukünftigen Güter zu gegenwärtigen „heran-
reifen‘, weil die Produktionsmittel sich in Konsumtionsartikel
verwandeln. Doch dies ist nur zum Teil richtig, da die Pro-
duktionsmittel sich nicht nur in Konsumtionsmittel, sondern in
gleicher Weise in Produktionsmittel verwandeln. Im Prozeß der
gesellschaftlichen Reproduktion müssen nicht nur Konsum-
tionsgüter, sondern auch Produktionsmittel hergestellt werden.
Noch mehr, bei einer erweiterten Reproduktion steigt beständig
der auf die Produktionsmittel entfallende Anteil — berechnet
auf die Arbeitsausgaben. Und so ist es absolut unzulässig,
das konstante Kapital aus der Analyse zu eliminieren. Im
Grunde genommen wiederholt hier Böhm-Bawerk den alten,
von Marx: im I... Band des „Kapital‘‘ festgestellten Fehler
Adam Smiths, der den Warenwert in v (variables Kapital) und
m (Mehrwert) auflöste und das c (konstantes Kapital) völlig
außer acht ließ. „Um so mehr aber — sagt‘ Marx, — hätte
A. Smith (Böhm-Bawerk. N. B.) sehen müssen, daß der Wertteil
der jährlich erzeugten Produktionsmittel, welcher gleich ist dem
Wert der innerhalb dieser Produktionssphäre fungierenden Pro-
duktionsmittel — der Produktionsmittel, womit Produktionsmit-
tel gemacht werden — also ein Wertteil gleich dem Wert des

5 Ib. S. 541. Hier wird also die Konkurrenz unter den Kapitalisten in-
folge des Produktionskredits als Hauptursache für die Bildung des Profits an-
gesehen.

% Vgl. S. 540.

3 1b. 8.7541:
        <pb n="176" />
        1 Die Profittheorie (Fortsetzung)

hier angewandten konstanten Kapitals, absolut ausgeschlossen ist,
nicht nur durch die Naturalform, worin er existiert, sondern
durch seine Kapitalfunktion, von jedem Revenue bildenden Wert-
bestandteil*® ““

Ein derartiger Begriff des „Subsistenzfonds‘“ ist noch viel
unsinniger, wenn es sich um eine Gegenüberstellun g von
gegenwärtigen und zukünftigen Gütern handelt. Besteht doch die
Aufgabe Böhm-Bawerks darin, das Tauschverhältnis zwischen
den gegenwärtigen Gütern einerseits und den zukünftigen (Ar-
beit) andererseits klarzustellen. Die gegenwärtigen und die zu-
künftigen Güter mußten hier in ihrem polaren Gegensatz figu-
rieren; unter diesem Gesichtspunkt kann der Subsistenzfonds nur
die Gesamtheit der auf dem Markte angebote-
nen gegenwärtigen Güter sein. (Böhm-Bawerk nannte
selbst den entsprechenden Abschnitt: „Der allgemeine Subsistenz-
mittelmarkt‘. Unter diesem Gesichtspunkte zieht Böhm-Bawerk
völlig folgerichtig diejenigen Konsumtionsgüter ab — die „gegen-
wärtigen Güter‘ —, die in die individuelle Konsumtion der Kapi-
talisten eingehen, denn diese Güter treten nicht als Objekte der
Nachfrage seitens der Arbeiter auf den Markt. Doch andererseits
schließt er Produktionsmittel in diesen Fonds ein, d. h. offen-
sichtlich zukünftige Güter, und stellt sie dann dem ebenfalls zu-
künftigen Gute — der Arbeit — gegenüber, obwohl doch diese
beiden Güterkategorien in gar keinem Verhältnis zueinander
stehen. Außerdem bringt Böhm-Bawerk auf seiten der Nachfrage
Personen, die Produktivkredit suchen, d. h. die nicht nach Ge-
nußgütern, sondern nach Produktionsmitteln fragen (der Ar-
beiter will essen, der Kapitalist ‚die Produktionsprozesse ver-
längern‘“). Die ganze Konstruktion bekommt so den Charakter
eines unglaublichen Mischmaschs heterogener Elemente. Anderer-
seits können die Personen, die Produktivkredit suchen, nur in-
sofern auf die gleiche Stufe mit Arbeitern gestellt werden, als
die beiden Kategorien das Warenäquivalent in Form des
Geldes erhalten. Nur von diesem Gesichtspunkte aus kann
gesagt werden: „Darlehnsmarkt und Arbeitsmarkt sind zwei
Märkte, auf denen ... dieselbe Ware feilgeboten und nachgefragt
wird: Nämlich gegenwärtige Güter... Lohnarbeiter und Kredit-
suchende bilden so zwei Aeste derselben Nachfrage, die ihre
Wirkung gegenseitig unterstützen und gemeinsam die Preisresul-
tante bilden*.“ Nur insoweit wir das Geld ins Auge fassen, kön-

3 Karl Marx: „Kapital“, Bd. II, S. 339, Siche auch den Abschnitt über
Smiths Auflösung des Tauschwertes in v4+m ebenda S. 343.

39 Positive Theorie“, S. 524.

158
        <pb n="177" />
        Der Subsistenzfonds 169
nen wir diese zwei Kategorien zusammen betrachten. Doch sobald
wir die Nachfrage nach „Genußgütern“ oder mit anderen
Worten den „Existenzmittelmarkt‘“ ins Auge fassen, verschwindet
jede Aehnlichkeit zwischen dem Arbeiter und der Person, die
Produktivkredite sucht.

Wir wenden uns nun der Analyse des Verhältnisses zwischen
der Nachfrage nach Gegenwartsgütern und deren Angebot zu
Hierin sind bei Böhm-Bawerk zweierlei Töne zu unterscheiden:
Einmal beruht anscheinend das ganze theoretische Gebäude auf
der Tatsache des Ankaufes von Arbeit, und der Profit wird aus
der Unterschätzung der zukünftigen Güter durch die Arbeiter
abgeleitet; andererseits aber ist es die Nachfrage nach gegen-
wärtigen Gütern seitens der Produktivkredit suchenden Personen,
die als letzte Instanz für die Erklärung des Profits in Anspruch
genommen wird.

Im ersten Falle spielt die Konkurrenz zwischen den Ar-
beitern, im zweiten — die zwischen den Kapitalisten
eine entscheidende Rolle. Der letzte Gesichtspunkt“ hält schon
deshalb keiner Kritik stand, weil er nicht zu erklären vermag,
woher denn der Profit der Klasse der Kapitalisten entsteht;
der Darlehnsmarkt, die Zinszahlung auf Darlehn — dies alles ist
nur die Neuverteilung der Werte zwischen zwei Gruppen der-
selben Kapitalistenklasse; aber auch diese Neuverteilun g
vermag die Entstehung des Wertüberschusses nicht zu er-
klären. Es läßt sich theoretisch eine Gesellschaft denken, in der
es überhaupt keinen Darlehnsmarkt gibt, aber dennoch wird in
ihr der Profit bestehen bleiben. So bleibt uns nur übrig, die Kon-
kurrenz unter den Arbeitern als Basis für die Bildung des
Profits zu betrachten. Hier stellt sich für Böhm-Bawerk der Tat-
bestand, wie bereits erwähnt, in folgender Weise dar. Die Kapi-
talisten schießen den Arbeitern die Subsistenzmittel vor (Arbeits-
kauf), wobei die Arbeiter ihre Arbeit niedriger als den zukünfti-
gen Produktenwert einschätzen; daraus ergibt sich das Agio auf
die gegenwärtigen Güter. Das zahlenmäßige Uebergewicht der
Arbeiter gestaltet auch die Preise derart, daß das Agio auf
die gegenwärtigen Güter auf dem Markte gebildet wird. Dar-
aus könnte man schließen, daß eben die sozial schwache Position
der Arbeiterklasse die Ursache der Profitbildung ist. Da aber die
leiseste Andeutung dieses Gedankens unseren Herrn Professor aus

* Siehe z. B. die S. 541, 542, 543, 544 der „Positiven Theorie“. Wir lassen
die Argumente bezüglich der Personen außer acht, die Konsumtionskredit
suchen, denn diesen Argumenten schreibt Böhm-Bawerk selbst so gut wie gar
keine Bedeutung zu. Siehe Anmerkung auf S. 296.
        <pb n="178" />
        1 Die Profittheorie (Fortsetzung)

dem Häuschen bringt, so wird er, ohne Rücksicht auf die sich
daraus ergebenden Widersprüche mit den wichtigsten Sätzen
seiner eigenen Theorie — nicht müde, immer wieder zu ver-
sichern, daß alle Arbeiter beständig Arbeit finden, daß die Ar-
beitsnachfrage durchaus nicht geringer als das Arbeitsangebot ist
und so der Profit nicht von der Konkurrenz unter den Arbeitern ab-
geleitet werden darf. Hier ein Beispiel für derartige Erörterungen:
„Nur können allerdings die den Käufern ungünstigen Umstände
durch einen regen Wettbewerb der Verkäufer
wieder wettgemacht werden. Sind die Verkäufer auch wenige,
so haben sie dafür desto größere Gegenwartsgüter zu fruktifi-
zieren... Glücklicherweise bilden diese Fälle im Leben die
Regel**.“

Doch lassen wir diese theoretisch sehr wichtigen Mißgriffe
beiseite. Nehmen wir an, daß der Profit dennoch aus dem Kaufe
des zukünftigen Gutes — der Arbeit — entstehe, und betrachten
wir das Geschäft zwischen den Kapitalisten und Arbeitern, wie
es in Wirklichkeit abläuft und wie es sich Böhm-Bawerk vor-
stellt. Und eben hier stoßen wir auf eine Ueberlegung, die alle
Böhmschen Erörterungen überhaupt über den Haufen wirft:
seine Theorie beruht nämlich auf der Voraussetzung, daß der
Kapitalist dem Arbeiter einen Vorschuß gewährt; basieren
doch alle seine Hauptideen darauf, daß die Arbeit allmählich
ausreift und erst nachdem sie den ausgereiften Zustand erhalten
hat, den Profit liefert; die Wertdifferenz zwischen den Kosten
und dem Ertrage resultiert eben daraus, daß die Entlohnung der
Arbeit vor dem Beginn des Arbeitsprozesses statt-
findet, d. h. in Uebereinstimmung mit dem Wert, den die Arbeit
als „Zukunftsgut‘ besitzt. Doch gerade diese Voraus-
setzung ist durch nichts begründet und steht
im Widerspruch zur Wirklichkeit. Vielmehr
ist gerade das Gegenteil der Fall: nicht der
Kapitalist schießt dem Arbeiter den Arbeits-
lohn vor, sondern dieser schießt dem Kapita-
listen seine Arbeitskraft vor. Die Entlohnung findet
nicht vor dem Arbeitsprozeß, sondern nach ihm statt. Diese
Tatsache tritt besonders klar beim Stücklohn zutage, bei dem
der Lohn in Abhängigkeit von der Zahl der fertiggestell-
ten Produktstücke ausbezahlt wird. „Aber das Geld, was der
Arbeiter vom Kapitalisten erhält, erhält er erst, nachdem er
ihm den Gebrauch seiner Arbeitskraft gegeben hat, nachdem
selbe bereits im Wert des Arbeitsproduktes realisiert ist. Der Ka-

4 Ib. S. 575. (Sperrdruck vom Verfasser.)

70
        <pb n="179" />
        Der Subsistenzfonds 171
pitalist hat diesen Wert in seiner Hand, bevor er ihn zahlt...
Sie (die Arbeitskraft. N. B.) hat bereits in Warenform das dem
Arbeiter zu zahlende Aequivalent geliefert, bevor der Kapitalist
es dem Arbeiter in Geldform zahlt. Der Arbeiter schafft also
selbst den Zahlungsfonds, aus dem ihn der Kapitalist zahlt*.‘
Freilich gibt es auch Fälle, in denen im voraus gezahlt wird;
doch erstens ist diese Erscheinung für das moderne Wirtschafts-
leben ganz und gar nicht typisch, und zweitens spricht sie
nicht gegen unsere Behauptung. Denn wenn sich Profit auch in
den Fällen ergibt, in denen der Arbeitslohn nach dem Arbeits-
prozeß ausgezahlt wird, so ist es klar, daß es irgendeine andere
Erscheinung sein muß, die ihn entstehen läßt, nicht aber die
Differenz zwischen den gegenwärtigen und den zukünftigen
Gütern.

Als eine solche Erscheinung ist die soziale Macht des Kapitals
anzusehen, die darauf beruht, daß die Kapitalisten als Klasse
die Produktionsmittel monopolisiert haben, wodurch der Arbeiter
gezwungen ist, einen Teil seines Produktes abzugeben. Die soziale
Ungleichheit, das Vorhandensein von antagonistischen sozialen
Gebilden — dies ist die Grundtatsache des modernen Wirtschafts-
lebens; gerade diese Beziehungen zwischen den Klassen auf dem
Gebiete der Wirtschaft, d. h. die Produktionsverhältnisse, bilden
die für die kapitalistische Gesellschaft charakteristische „ökono-
mische Struktur“; jede Theorie, die die Analyse derselben außer
acht läßt, ist von vornherein zur Impotenz verurteilt. Doch das
Bestreben, den Antagonismus der Klassen zu verschleiern, ist so
groß, daß die moderne bürgerliche Wissenschaft es vorzieht, tau-
send nichtssagende „Erklärungen“ auszubrüten, ein leeres Argu-
ment auf das andere zu häufen, ganze „Systeme‘‘ zu schaffen,
längst vergessene „Theorien“ auferstehen zu lassen und ganze
Berge von Bänden zu schreiben, — alles zum alleinigen Zwecke,
uns zu beweisen, daß „im Wesen des Zinses liegt... nichts, was
ihn an sich unbillig oder ungerecht erscheinen ließe.“

42 Karl Marx: Kapital‘; :Bd.: J1, S.: 355.
        <pb n="180" />
        1 nn ©
SCHLUSS

Betrachten wir das gesamte Böhm-Bawerksche „System“ und
versuchen wir dann, das spezifische Gewicht seiner einzelnen
Teile festzustellen, so zeigt sich, daß seine Werttheorie die
Basis für die Profittheorie bildet. Die Werttheorie dient
hier also zum bloßen Behelf. Dies gilt nicht nur für Böhm-Ba-
werk. Die Theorie der „Zurechnung‘“‘ bei Wieser dient ihm zur
Ableitung des Anteils des Kapitals, der Arbeit und des Grund und
Bodens, woraus dann durch Unterstellung der Begriffe die An-
teile der Kapitalisten, Arbeiter und Grundeigentümer abgeleitet
werden, als ob diese „natürliche‘‘ Größen wären, die mit der
sozialen Ausbeutung des Proletariats nichts zu tun hätten.
Dasselbe begegnet uns ferner auch bei Clark, der der hervor-
ragendste Vertreter der amerikanischen Schule ist. Ueberall ein
und dasselbe Motiv: die Werttheorie als theoretisches Beginnen,
die moderne Gesellschaftsordnung zu rechtfertigen; darin liegt
der „gesellschaftliche Wert‘ der Grenznutzentheorie für die-
jenigen Klassen, die ein Interesse haben, diese Gesellschaftsord-
nung aufrechtzuerhalten. Und je weniger begründet diese Theorie
von der logischen Seite ist, desto stärker bindet man sich an
sie psychologisch, da man nicht den bornierten Gesichtskreis ver-
lassen will, dessen Grenzen durch die Statik des Kapitalismus
gesteckt sind. Für den Marxismus ist dagegen vor allem der
weite Gesichtskreis charakteristisch, der die Basis für seinen
ganzen Aufbau bildet, der dynamische Gesichtspunkt, von
dem aus der Kapitalismus nur als eine Phase der gesellschaft-
lichen Entwicklung betrachtet wird. Die marxistische politische
Oekonomie bedient sich sogar des Wertgesetzes als eines Er-
kenntnismittels zur Enthüllung der Bewegungsgesetze des ge-
samten kapitalistischen Mechanismus. Der Umstand, daß die
Preiskategorie, zu deren Erklärung vor allem es der Werttheorie
bedarf, eine allgemeine Kategorie der Warenwelt bildet, macht
noch keinesfalls aus der politischen Oekonomie als solcher eine
„Chrematistik“, — gerade umgekehrt: die Analyse der Tausch-
verhältnisse führt bei einer richtigen Stellung des Problems über
die Grenzen des Tausches hinaus. Vom Standpunkt des _Marxis-
mus _ aus ist der Tausch selbst nur eine der geschichtlich vorüber-
gehenden Formen der Güterverteilung. Da aber jede Verteilungs-
form einen bestimmten Platz im Reproduktionsprozeß der ihr

72 Schluß
        <pb n="181" />
        Schi 17/5
entsprechenden Produktionsverhältnisse einnimmt, so ist es klar,
daß nur bei dem beschränkten Gesichtskreis, der allen Rich-
tungen des bourgeoisen theoretischen Denkens eigen ist, man bei
den Marktbeziehungen stehen bleiben oder den vorhandenen
„‚Gütervorrat‘“ zur Basis der Betrachtungen machen kann. Weder
diejenigen, die sich auf die Analyse der sich auf dem Markte be-
wegenden ‚„richesses venales‘“‘ beschränken, noch die, welche ihr
Augenmerk auf das Verhältnis zwischen dem im voraus gegebe-
nen Konsumtionsding, dem „Gute‘“, und dem wirtschaftenden
Individuum richten, können die funktionelle Rolle des Tausches
begreifen, als einer notwendigen gesetzmäßigen Erscheinung, die
einer Gesellschaft von Warenerzeugern immanent zukommt. Und
doch ist es klar, wie die richtige Problemstellung sein muß:

„In dem Vollzug aller in dieser (d. h. der Waren produzieren-
den. N. B.) Gesellschaft möglichen Tauschakte muß sich das
durchsetzen, was in einer kommunistischen, bewußt geregelten
Gesellschaft mit Bewußtsein durch das gesellschaftliche Zentral-
organ bestimmt wird: Was und wieviel produziert wird, wo und
von wem produziert wird. Kurz, der Austausch muß den Waren-
produzenten dasselbe mitteilen, was den Mitgliedern der sozia-
listischen Gesellschaft ihre Behörden, die mit Bewußtsein die
Produktion regeln, die Arbeitsordnung bestimmen usw. Die
Aufgabe der theoretischen Oekonomie ist es, das Gesetz des so
bestimmten Austausches zu finden. Aus diesem Gesetz muß eben-
so die Regelung der Produktion in den warenproduzierenden Ge-
sellschaften hervorgehen, wie aus den Gesetzen, Verordnungen
und Vorschriften sozialistischer Behörden der ungestörte Ablauf
sozialistischer Wirtschaft. Nur daß dieses Gesetz nicht direkt mit
Bewußtsein menschliches Verhalten in der Produktion vor-
schreibt, sondern nach Art eines Naturgesetzes wirkt mit ‚so-
zialer Naturnotwendigkeit“‘*.“

Mit anderen Worten: Als Untersuchungsobjekt ist uns eine
anarchisch aufgebaute Gesellschaft von Warenproduzenten ge-
geben, die sich entwickelt und wächst, d. h. es ist ein bestimmtes
subjektives System gegeben, das unter den Bedingungen des
dynamischen Gleichgewichts steht. Es fragt sich, wie dieses
Gleichgewichtunter diesen Bedingungen mög-
lich ist. Eine Antwort darauf gibt die Arbeitswerttheorie.

Die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft ist nur beim
Wachstum ihrer Produktivkräfte möglich, d. h. der Produktivität

1 R. Hilferding: „Das Finanzkapital“, S. 2 u. 3.

ohhIfß
        <pb n="182" />
        174 Schluß

der gesellschaftlichen Arbeit’. In der Warenwirtschaft muß
diese Grundtatsache ihren Ausdruck auf der Oberfläche der Er-
scheinungen finden, d. h. auf dem Warenmarkt. Es ist eine
empirische Tatsache, die die Basis der Arbeitswerttheorie bildet,
daß mit dem Wachstum der Arbeitsproduktivität auch die Preise
sinken. Andererseits rufen gerade die Preisschwankungen in der
gesellschaftlichen Warenwirtschaft die Neuverteilung der
Produktivkräfte hervor. Und so hängen die Erscheinun-
gen des Marktes mit denen der Reproduktion zusammen, d. h.-
der Dynamik des ganzen kapitalistischen Mechanismus in seinem
gesellschaftlichen Maßstab.

Ist ein Zusammenhang zwischen der Grunderscheinung, näm--
lich der Entwicklung der Produktivkräfte, und den sich objektiv
bildenden Preisen gegeben, so entsteht die Frage über das Cha -
rakteristikum dieses Zusammenhanges. Bei näherer An- ‘
alyse erweist es sich, daß dieser Zusammenhang sehr verwickelter-
Natur ist. Der dritte Band des Marxschen Kapitals beschäftigt
sich eben mit der Frage über die Art dieses Zusammenhangs. _/

Und so tritt das Wertgesetz hier als ein objektives Gesetz auf,
das den Zusammenhang zwischen verschiedenen Reihen der ge-
sellschaftlichen Erscheinungen ausdrückt. Es gibt deshalb nichts
Widersinnigeres, als wenn man die Marxsche Theorie zu einer
„ethischen“ stempelt. Die Marxsche Theorie kennt keine andere
Gesetzmäßigkeit als die kausale und kann auch keine andere
kennen. Die Werttheorie enthüllt diese kausalen Beziehungen,
die nicht nur die Gesetzmäßigkeiten des Marktes ausdrücken,
sondern des ganzen sich bewegenden Systems in seiner Totalität.

Ebenso steht es auch mit der Frage der Verteilung. Der Ver-
teilungsprozeß verläuft in Wertformulierungen. Das „soziale“
Verhältnis zwischen dem Kapitalisten und dem Arbeiter äußert
sich in einer „ökonomischen“ Formel, denn die Arbeitskraft wird
zur Ware; nachdem sie aber einmal zur Ware geworden und in
den Kreislauf der Warenzirkulation geraten ist, fällt sie schon

? Ein alter und fast ganz unbekannter Oekonomist, N. F. Canard, formu-
lierte diesen marxistischen Gedanken treffend, nicht schlechter jedenfalls als
der viel gepriesene Rodbertus; siehe sein: „Principes d’&amp;conomie politique“‘,
Paris, de X (1801). In diesem von der Akademie preisgekrönten Werk schreibt
Canard:

„Ainsi ce n’est qu’a son activite et a son travail qu’il doit cette grande
difference qui separe l’homme civilise de l’homme naturel ou du sauvage‘“
(S. 3). „Il faut donc distinguer dans l’homme le travail n6cessaire A sa con-
servation, et le travail superflu“ (S. 4). „Ce n’est qu’en amassant une quan-
tite de travail superflu, que l’homme a pu sortir de l’etat sauvage, et se creer
successivement tous les arts, toutes les machines et tous les moyens de mul-
tiplier le produit du travail en le simplifiant“ (S. 5).

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un
        <pb n="183" />
        Schluß „J
dadurch allein unter das elementare Gesetz des Preises und
Werts. Ebenso wenig wie auf dem Gebiete der Warenzirkulation
überhaupt das kapitalistische System ohne die regulierende Wir-
kung des Wertgesetzes bestehen könnte, ebenso wenig könnte das
Kapital seine eigene Herrschaft reproduzieren, bestünden nicht
Gesetze, die der Reproduktion der Arbeitskraft als solche imma-
nent sind. Doch insofern die aufgewendete Arbeitskraft mehr ge-
sellschaftliche Arbeitsenergie entwickelt, als es zu deren gesell-
schaftlicher Reproduktion notwendig ist, insofern besteht auch
die Möglichkeit des Mehrwertes, der durch die Gesetze der Waren-
zirkulation fortwährend an die Käufer der Arbeitskraft ge-
schoben wird, d. h. an die Besitzer der Produktionsmittel. Die
Entwicklung der Produktivkräfte, die sich in der kapitalistischen
Gesellschaft durch den Mechanismus des Wettbewerbes vollzieht,
nimmt hierin die Form der Anhäufung von Kapitalien an, wovon
dann auch die Bewegung der Arbeitskraft abhängt; dabei wird
die Entwicklung der Produktivkräfte beständig von der Verdrän-
gung und dem Absterben von ganzen Produktionsgruppen be-
gleitet, in denen der individuelle Arbeitswert der Waren ihren ge-
sellschaftlichen Arbeitswert übersteigt.

So ist das Wertgesetz das Grundgesetz des sich bewegenden
kapitalistischen Systems. Es ist selbstverständlich, daß es unter
fortwährenden „Störungen“ in Erscheinung tritt, bildet es doch
den Ausfluß der widerspruchsvollen Natur der kapitalistischen
Gesellschaft. Es ist selbstverständlich, daß die widerspruchsvolle
Struktur der kapitalistischen Gesellschaft, die zu ihrem unver-
meidlichen Krach führt, letzten Endes auch das „normale‘‘ kapi-
talistische Gesetz, das Wertgesetz, zum Scheitern bringen wird”,
In der neuen Gesellschaft wird aber der Wert seinen Fetisch-
charakter verlieren, er wird nicht mehr das blinde Gesetz der
subjektlosen Gesellschaft sein, d. h. er wird aufhören, Wert zu
sein.

Soweit die allgemeinen Umrisse der Marxschen Theorie, der
politischen Oekonomie des Proletariats. Sie leitet die „Be-
wegungsgesetze‘‘ der spezifischen gesellschaftlichen Struktur ab,
aber das ist eine wirkliche Ableitung.

Aber gerade deshalb, weil der Marxismus über die beschränk-
ten Rahmen des bourgeoisen Gesichtskreises hinaus geht, wird

3 Der Krach des Kapitalismus, der in Rußland bereits eingetreten ist und
in ganz Europa beginnt, drängt jetzt die materiell stoffliche Form des Pro-
duktes in den Vordergrund und schiebt das Produkt als Wert in den Hinter-
grund. Dies ist aber eben vom Standpunkte des Kapitalismus aus der Aus-
druck der „Abnormität‘“ der Lage.

17:
        <pb n="184" />
        176 Schluß

er immer mehr der Bourgeoisie verhaßt. Die gesellschaftliche Zu-
sammenarbeit auf dem Gebiete der Sozialwissenschaften — und
ganz besonders in der Theorie der Oekonomie — ist keineswegs
gestiegen; im Gegenteil, es macht sich eine immer schärfere Diffe-
renzierung bemerkbar. Die bürgerliche Oekonomie kann gegen-
wärtig nur insoweit fortschreiten, als sie den Rahmen einer rein
beschreibenden Wissenschaft nicht verläßt. Hierin vermag sie zu
verrichten und verrichtet auch eine gesellschaftlich nützliche Ar-
beit. Natürlich darf man nicht alles, was auf diesem Gebiete ge-
leistet wurde, auf guten Glauben annehmen. Denn jede, sogar die
„reinste‘“‘ Beschreibung, geschieht von einem gewissen Stand-
punkt aus: Die Wahl des Materials, das Hervorheben des einen
und. das ungenügende Beachten des anderen Momentes usw., all
dies wird von den sogenannten „allgemeinen Ansichten“ der be-
treffenden Autoren bestimmt. Dennoch ist es bei einer kritischen
Stellung möglich, aus diesen Arbeiten reiches Material zu ge-
winnen, um Folgerungen zu machen. Was dagegen die eigent-
liche Theorie anbelangt, so sahen wir am Beispiele Böhm-Ba-
werks, daß sie eine Wüste ist. Folgt nun aber daraus, daß die
Marxisten dieses Gebiet durchaus unbeachtet lassen sollen?
Keineswegs. Denn der Entwicklungsprozeß der proletarischen
Ideologie ist ein Kampf prozeß. Ebenso wie auf dem ökono-
mischen und politischen Gebiete das Proletariat in ununter-
brochenem Kampfe gegen die ihm feindlichen Elemente vorwärts
schreitet, ebenso verhält es sich auch auf den höheren Stufen der
Ideologie. Diese letztere fällt nicht vom Himmel als ein in allen
seinen Teilen fertiges System, sondern wird in schwerem, qual-
vollem Entwicklungsprozeß gewonnen. Durch Kritik der feind-
lichen Ansichten wehren wir nicht nur direkt die feindlichen
Ueberfälle ab, sondern schärfen auch unsere eigenen Waffen:
Das gegnerische System kritisieren, heißt vor allem sein eigenes
durchdenken. Auch aus einem anderen Grunde ist es not-
wendig, die bürgerliche Oekonomie aufmerksam zu studieren.
Für den ideologischen Kampf gilt dieselbe Regel wie für jeden
direkten praktischen Kampf: Man muß alle Gegensätze der
Feinde, alle Unstimmigkeiten zwischen ihnen ausnutzen. Die
Sache liegt nämlich so, daß trotz der Einheit des Zieles — der
Apologie des Kapitalismus — unter den bourgeoisen Gelehrten
bis auf den heutigen Tag eine große Verschiedenheit in den An-
sichten besteht. Während auf dem Gebiete der Werttheorie eine
gewisse Einheit auf den von der österreichischen Schule ge-
schaffenen Grundlagen erreicht wurde, stellt hinsichtlich der
Distriiution fast jeder Theoretiker seine eigene Theorie auf und
        <pb n="185" />
        Schluß
{2

&amp;. 177
beruft sich dabei auf die „allgemein gültige“ Werttheorie. Dies
beweist aber wiederum nur, wie schwer — rein logisch genom-
men — die gestellte Aufgabe ist und welche ‚„Gedankenarbeit‘
sie von den modernen Scholastikern verlangt. Doch erleichtert
dieser Umstand zugleich beträchtlich die Aufgabe der Kritik und
gestattet die allgemeinen logischen Fehlgriffe und die sonstigen
schwachen Stellen des Gegners aufzudecken. Und so fördert die
Kritik der bourgeoisen Oekonomie die Entwicklung der eigenen
ökonomischen Wissenschaft des Proletariats. Die bourgeoise Wis-
senschaft hat nunmehr aufgehört, die Erkenntnis der sozialen Ver-
hältnisse zu ihrem Ziele zu machen. Sie beschäftigt sich nur mit
deren Apologie. Das wissenschaftliche Kampffeld behauptet allein
der Marxismus, der sich nicht scheut, die gesellschaftlichen Ent-
wicklungsgesetze zu analysieren, auch wenn sie die gegenwärtige
Gesellschaft dem unvermeidlichen Untergang zuführen. In
diesem Sinne war und bleibt der Marxismus die theoretische rote
Fahne, des Banner, um das sich alle sammeln, die den Mut haben,
dem herannahenden Gewitter kühn entgegen zu schauen.
        <pb n="186" />
        Anhang
THEORETISCHE VERSÖHNUNGSPOLITIK
(Die Werttheorie von Tugan-Baranowsky)
„Männer, die noch wissenschaftliche Bedeutung bean-
spruchten, und mehr sein wollten als bloße Sophisten und
Sykophanten der herrschenden Klassen, suchten die poli-
tische Oekonomie des Kapitals in Einklang zu setzen mit
den jetzt nicht länger zu ignorierenden Ansprüchen des
Proletariats. Daher ein geistloser Synkretismus.“ ...
(Karl Marx: „Das Kapital“, Bd. 1, S. XII.)
Die schnelle Evolution, die die früheren „legalen Marxisten“
der 90er Jahre durchgemacht hatten, schließt in sich eine ganz be-
stimmte Tendenz, nämlich: die Entstehung einer liberal-bour-
geoisen Ideologie als Gegensatz nicht nur zur Ideologie der dem
Kapitalismus feindlichen Narodniki, sondern auch zu der des
revolutionären Proletariats, d. h. zum Marxismus. Diese an
sich einheitliche Tendenz war demnach, wie jede soziale Erschei-
nung, komplizierter Natur. Nicht alle Träger der neuen bour-
geoisen Ideologie entfalteten sich „vom Marxismus zum Idealis-
mus‘‘ mit derselben Fixigkeit.

In dem rasenden Wettrennen haben die einen das Ziel bereits
erreicht, von dem aus sie stolz auf die Zurückgebliebenen sehen;
die anderen sind nahezu am Ziele angelangt; noch andere hinken
weit hinten nach. Es verlohnt sich somit, die einzelnen Teil-
nehmer dieses Wettbewerbes näher zu betrachten.

Da ist z. B. G. Bulgakow, der „frühere Marxist‘““ und Professor
der politischen Oekonomie. Ihm fehlt bloß noch der Priesterrock
— und der typische „gelahrte Priester“ wäre da! Daneben ein
anderer „früherer Marxist‘, Herr Berdjajew, der ebenfalls christ-
lich Gläubige, der mit großer Vorliebe (wer hat nicht sein Stecken-
pferd!) über die „irdische und über die himmlische Aphrodita‘“

Y Dieser Artikel war s. Z. für die marxistische Zeitschrift „Prosweschtjenie‘“
(Aufklärung) bestimmt. Er enthält die Analyse der eklektischen Theorie des
Koalitionsprinzips in der Werttheorie. Als solche bildet sie den Anhang zu
unserer Arbeit. Selbstverständlich sind einige Stellen des Aufsatzes, die freilich
in keinem direkten Verhältnis zur logischen Seite der Theorie Tugan-Bara-
nowskys stehen, veraltet. Die Ereignisse haben sie überholt. Dennoch belassen
wir alles in der ursprünglichen Form, um so mehr als manche Voraussagungen
sich wörtlich erfüllt haben; so ist z. B. Bulgakow ins Kloster gegangen, Tugan
gelang es, Minister der konterrevolutionären Regierung zu sein. Interessant ist
es auch, daß sogar P. P. Maslow sich nun ä la Tugan übt.

178
        <pb n="187" />
        Theoret. Versöhnungspolitik (Die Werttheorie von Tugan-Baranowsky) 179
räsoniert. Etwas abseits steht der unvergleichliche Peter Struve,
diese schwere Artillerie der kadettisch-oktobristischen Gelehrsam-
keit. All diese ehrwürdigen Männer haben ein für allemal mit
ihrer Vergangenheit gebrochen, die sie nun zu den „Jugendsün-
den‘‘ zählen; sie schreiten ohne Kompromisse vorwärts, — diese
Ritter des russischen Kapitalismus. Und nun weit dahinter, doch
mit der offensichtlichen Absicht, seine Kollegen einzuholen, trabt
Herr Professor Tugan-Baranowsky, der frühere Marxist und
jetzige Ratgeber der Industriellen, nach. Später als die anderen
fing er an über das Christentum zu murmeln. Noch kokettiert er
mit dem Marxismus, wofür manche naive Leute ihn zu den fast
„Roten‘‘ zählen. Mit einem Worte, er ist ein „Versöhnungsapostel‘‘.
Er kann sich nicht entschließen, ganz und gar in das Lager der
Feinde des Proletariats und seiner Theorie überzutreten; er zieht
es nur vor, wie er sagt, „den Marxismus von den unwissenschaft-
lichen Elementen‘ zu befreien. Und gerade dadurch täuscht er
am meisten, darin ist die schädlichste Seite seiner theoretischen
Tätigkeit. Er will nicht einfach die Arbeitswerttheorie „verneinen‘“‘,
er sucht sie mit der Theorie Böhm-Bawerks, dieses klassischen
Vertreters der bourgeoisen Gelüste, zu vereinigen. Der Leser wird
nun sehen, welches die Ergebnisse dieser Bemühungen von Tugan-
Baranowsky auf dem Gebiete des Hauptproblems der politischen
Oekonomie — dem der Werttheorie — sind.

1. DIE „FORMEL“ TUGAN-BARANOWSKYS

Herr Tugan-Baranowsky beginnt mit einem Lobgesang auf
Böhm-Bawerk.

„Das große Verdienst der neuen Theorie — meint er — besteht
darin, daß sie uns verspricht, den Streit über den Wert für immer
zum Abschluß zu bringen, denn ausgehend von einem einzigen
einheitlichen Grundprinzip, gibt sie eine vollständige (!) und er-
schöpfende (!!) Erklärung für die sämtlich en Erscheinungen
des Wertungsprozesses*.“

Und an anderer Stelle: „Die Grenznutzentheorie wird für
immer die grundlegende Lehre vom Werte bleiben; in ihren Teilen
kann sie in der Zukunft verändert und vervollständigt werden,
doch in ihren Grundideen bildet sie eine ewige Errungenschaft der
ökonomischen Wissenschaft? “*

„Ewige Errungenschaft der ökonomischen Wissenschaft‘. Das
klingt stolz. Freilich, in Wirklichkeit sieht diese „Errungenschaft“

1 Tugan-Baranowsky: „Grundzüge der politischen Oekonomie“, S. 40,
2. AUf WON, russisch.

il
        <pb n="188" />
        I Anhang

ziemlich kläglich aus; doch wir wollen zunächst uns der Einwände
gegen Tugan enthalten und zu seiner „einigenden Plattform“ über-
gehen.

Nach der Lehre der Anhänger der österreichischen Schule wird
der Wert eines Gutes durch dessen Grenznutzen bestimmt. Dieser
ist wiederum von der Gütermenge derselben Gattung ab-
hängig. Je größer die Menge, desto „gesättigter‘“ ist die Nach-
frage, desto geringere Dringlichkeit besitzt das Bedürfnis und
desto mehr sinkt der Grenznutzen des betreffenden Gutes. Also,
die österreichische Schule schließt ihre Analyse ab, indem sie eine
bestimmte Masse, eine bestimmte Menge der zu wertschätzenden
Güter als gegeben voraussetzt. Tugan-Baranowsky stellt durchaus
folgerichtig die weitere Frage: wodurch wird nun diese Güter-
menge selbst bestimmt? Nach der Ansicht von Tugan-Bara-
nowsky hängt die Gütermenge vom ‚‚Wirtschaftplan“‘‘ ab, d. i. von
der Verteilung der menschlichen Arbeitskraft auf die verschie-
denen Produktionszweige. In der Aufstellung des ‚„Wirtschafts-
planes‘“ spielt aber der Arbeitswert die entscheidende Rolle.

„Der Grenznutzen ist der Nutzen der letzten Einheiten einer
jeden Gütergattung — sagt Tugan —, er verändert sich im Zu-
sammenhang mit dem Umfang der Produktion. Durch Erweite-
rung oder Verminderung der Produktion können wir entsprechend
den Grenznutzen erweitern oder vermindern. Umgekehrt ist der
Arbeitswert einer Gütereinheit etwas objektiv gegebenes, von un-
serem Willen unabhängiges. Daraus folgt, daß bei der Aufstellung
des Wirtschaftsplanes der Arbeitswert das bestimmende, der
Grenznutzen dagegen das zu bestimmende Moment ist. Mathema-
tisch gesprochen wird es bedeuten, daß der Grenznutzen die Funk-
tion des Arbeitswertes sein muß®.‘“

Welches ist nun das Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem
Grenznutzen der Güter und deren Arbeitswert? Tugan-Bara-
nowsky stellt folgende Ueberlegung an. Angenommen, wir haben
zwei Produktionszweige A und B. Ein rationeller Wirtschaftsplan
würde erfordern, daß die Arbeitsteilung auf diese beiden Produk-
tionszweige so entfällt, daß der sich im Arbeitsprozeß während
der letzten Zeiteinheit ergebende Nutzen in beiden Fällen gleich
ist‘. Ohne ein derartiges Gleichgewicht ist ein rationeller Plan,
d. i. die Erreichung des höchsten Nutzens, undenkbar, denn ange-
nommen, daß die letzte Stunde in der Produktion A einen Nutzen
von 10 Einheiten abwirft, in der Produktion B aber von nur 5 Ein-
heiten, so ist es klar, daß es vorteilhafter ist, von der Produktion

Hein 47.
* Genauer gesprochen, er muß an der Grenze gleich sein.

30 .
        <pb n="189" />
        Theoret. Versöhnungspolitik (Die Werttheorie von Tugan-Baranowsky) 181
des Gutes B völlig abzusehen und die dazu erforderliche Zeit auf
die Produktion des Gutes A zu verwenden. Ist jedoch der Arbeits-
wert der Güter verschieden, der in der letzten Zeiteinheit erzielte
Nutzen aber gleich, so folgt daraus, daß der „Nutzen der
letzten Einheitenjeder Gattung von freirepro-
duzierbaren Gütern — deren Grenznutzen —in
umgekehrter Proportion zu deren relativer,
während einer” Zeiteinheit produzierbarer
MengedieserGütersteht;mitanderen Worten:
ermußin direkter Proportion zu dem Arbeits-
wertderselbenGüterstehen‘“

Soweit Tugan-Baranowsky über das Verhältnis zwischen
Grenznutzen und absoluten Arbeitswert der Ware. Hier gibt es
keinen Widerspruch, hier herrscht lauter Harmonie:

„Trotz der herrschenden Meinung — sagt Tugan-Baranowsky
—, nach der die beiden Theorien sich gegenseitig ausschließen
sollen, herrscht zwischen ihnen volle Harmonie. Nur daß die
beiden verschiedene Seiten desselben Prozesses der wirtschaft-
lichen Wertung untersuchen. Die Grenznutzentheorie erklärt die
subjektiven, die Arbeitswerttheorie die objektiven Faktoren der
wirtschaftlichen Schätzung®.“

Und so könne gar keine Rede davon sein, daß die beiden
Theorien sich wesensfremd sind, und die Anhänger der Grenz-
nutzentheorie könnten den Anhängern der Arbeitswerttheorie die
Hand reichen. Dennoch glauben wir zeigen zu können, daß die
Annahme von derartigen gutnachbarlichen Beziehungen auf einer
sehr naiven Auffassung der beiden Theorien beruht. Doch ehe
wir zur Aufdeckung des Grundfehlers des Herrn Tugan-Bara-
nowsky schreiten, wollen wir- einige Kritische Bemerkungen
darüber anstellen, wie sich die Arbeitswerttheorie im Lichte der
Auffassung unseres Friedensapostels stellt. Dabei kommen einige
interessante Besonderheiten seines Denkens zu Tage, die ein Licht
auf seine versöhnende Position werfen.

2. DIE „LOGIK“ DES HERRN TUGAN-BARANOWSKY

Aus obiger Darstellung würde sich für jeden vernünftigen
Menschen folgender Schluß ergeben’: Da der Wert (der vom

5 Lo 8,47.

9 Ib. S. 49.

; 7? Um Mißverständnisse zu vermeiden, sei ausdrücklich hervorgehoben, daß
wir zunächst die Terminologie Tugans ohne Kritik lassen, und die Begriffe
„Wert“ und „Arbeitskosten“ im Sinne Tugans anwenden.
        <pb n="190" />
        182 Anhang

Grenznutzen eines Gutes bestimmte subjektive Wert) dem Arbeits-
wert proportional ist, da dieser Wert ferner die Grundlage für den
Preis bildet, so resultiert daraus, daß gerade der Arbeitswert die
Grundlage für den Preis bildet. Und in der Tat, sind Arbeitswert
und Grenznutzen mit dem festen und bestimmten Band der
direkten Proportionalität verknüpft, so ist es klar, daß sich diese
Größen bei der Analyse gegenseitig ersetzen müssen. Wollen wir,
gleich Tugan-Baranowsky, annehmen, daß „das bestimmende
Moment der Arbeitswert, das zu bestimmende der Grenznutzen
ist‘®, so ist obiger Standpunkt für uns geradezu zwingend. Es
würde sich dabei folgende Reihe ergeben: Preis, Grenznuitzen,
Arbeitswert. Die Arbeitskosten werden hier mit dem subjektiven
W ert und folglich auch mit dem Preis verbunden. Dieser Um-
stand veranlaßt Tugan-Baranowsky sogar zu erklären, daß „von
einem bestimmten Standpunkt aus (ist) ... die Arbeitswerttheorie
eine wirtschaftliche Theorie des Wertes par excellence, während
die Grenznutzentheorie eine mehr allgemein psychologische und
keine speziell wirtschaftliche Werttheorie ist“.

Also, der Arbeitswert bestimmt den Grenznutzen, der seiner-
seits den Preis bestimmt; mit anderen Worten, der Arbeitswert ist
dieletzteGrundlage für den Preis. Schön. Sechs Seiten
weiter, und wir stoßen auf folgende „Kritik“ an Marx:

„Statt einer Kritik der Arbeits k os ten gibt Marx eine Theorie
des absoluten Arbeits wertes...“

„In seiner bekannten Kritik des 3. Bandes des „Kapital“ ver-
sucht Sombart!°, die Arbeitswerttheorie von Marx zu verteidigen,
indem er sie ‚als eine Theorie der Arbeitskosten zu deuten ver-
sucht. Unter Arbeitswert versteht er ‚den Grad der gesellschaft-
lichen Produktionskraft der Arbeit‘. Wenn dem aber so
ist, wozuistes nötig, den Arbeitsaufwand als
‚Wert‘zubezeichnenund damit die Vorstellung
zu erwecken, als ob der Arbeitsaufwand die
GrundlagedesPreises,derTauschbeziehungen
unter den Gütern sei (was doch offensichtlich
nichtderFallist), wogegenesdochrichtigwäre,
dasselbständigeExistenzrechtderbeidenver-
schiedenen Kategorien — des Wertes und der
Kosten — anzuerkennen".“

5 Th. 5. 47.

9 Ib. S. 50. (Sperrdruck vom Verfasser.)

10 Tugan-Baranowsky meint hier den Artikel von Sombart: „Zur Kritik des
ökonomischen Systems von Karl Marx‘, siehe Brauns Archiv, Bd. VII.
11 Grundzüge usw.“, S. 58.

€ ;
Va
        <pb n="191" />
        Theoret. Versöhnungspolitik (Die Werttheorie von Tugan-Baranowsky) 183

Herr T.-Baranowsky fragt, ob es richtig sei, den Arbeitswert
im Sinne der gesellschaftlichen Arbeits kosten zu deuten‘. Es
ist sehr richtig. Doch unrichtig ist alles, was bei Tugan weiter
folgt. Er ist so sehr von seiner eigenen Kritik hingerissen, daß er
gar nicht merkt, daß er nicht nur Marx, sondern sich selbst kriti-
siert. Oben sahen wir, daß aus den Sätzen von Tugan folgt, der
Arbeitswert sei die Grundlage des Preises. Jezt zeigt sich auf ein-
mal, daß dies „offensichtlich nicht der Fall‘ sein kann. Was soll
nun gelten? Das vorher oder das nachher Gesagte? Jedenfalls ist
es eine ungewöhnliche Klarheit des Denkens, was Tugan-Bara-
nowsky hier zutage fördert, eine geradezu „eiserne Logik‘. Viel-
leicht zweifelt aber der Leser an der Beständigkeit des letzten „Ge-
dankens‘“ von Tugan? Da soll ihn darin noch eine Stelle aus
Tugan bekräftigen:

„Der Arbeitswert bei Marx ist dem Wesen nach nichts anderes
als die Arbeitskosten. Jedoch ist es nicht etwa ein terminologischer
Fehler von Marx. Marx nannte nicht nur die gesellschaftlich not-
wendige Produktionsarbeit Waren wert schlechthin, sondern er
war auch dauernd bestrebt, die Tauschverhältnisse der Ware zu-
einander auf Arbeit zurückzuführen... Nur wenn man die
BegriffedesWertesundderKostenganzvonein-
ander trennt, kann man eine logisch richtige und den Tat-
sachen angemessene Wert- und Kostentheorie aufbauen**.“ Und
nun noch eine Stelle:

„Der Fehler von Marx war... der, daß er die selbständige Be-
deutung dieser Kategorie nicht verstanden hat (d. h. der Kosten-
kategorie. N. B.) und sie mit der Preistheorie zu verknüpfen suchte;
deshalb nannte er auch die Arbeitskosten nicht Kosten, sondern
Wert!*.“

Kein Zweifel. Tugan-Baranowsky weiß nicht mehr, daß er
selber die Arbeitskosten mit dem Wert und Preis verknüpft
hatte, und nun bemüht er sich jetzt, dieses verbrecherische Ver-
hältnis wieder zu lösen. Wahrlich, eine erstaunliche Logik!

Und nun eine Frage. Ist die Kostenkategorie so selbstständig,
daß es nach Tugan eine Todsünde bedeutet, sie in das erwähnte

12 Wir sprechen hier von den „gesellschaftlichen‘‘ Kosten. Wie wir weiter
unten sehen werden, ist die Bezeichnung sehr wichtig.

13 Ib. S. 69. (Sperrdruck vom Verfasser.)

1 Ib. S. 70. Erwähnen wir noch einen Punkt, wenn er auch in keinem un-
mittelbaren Zusammenhang mit der Frage steht. Herr T.-B. begreift (S. 68 u.
69) die Bedeutung des Tauschwertes bei Marx nicht. Gern erklären wir es ihm.
Im Verfolg der Analyse muß Marx mitunter annehmen, daß die
Ware nach den Gestehungskosten (Wert) verkauft wird.
In diesem Falle entsprechen die Kosten dem Tauschwert. Dies bedeutet, daß
er nicht vom absoluten, sondern von einer relativen Größe spricht.
        <pb n="192" />
        * Anhang

Verhältnis zu bringen, wo bleibt denn dann die wirtschaft-
liche Bedeutung dieser Kategorien? Freilich versichert Herr
Tugan, daß sie von „sehr großer‘ Bedeutung sei (siehe S. 55); doch
findet sich hier nichts, außer „ethischem Geschwätz‘“, das nicht
ernst zu nehmen ist.

Nun können wir zum „Grundfehler‘“ Tugan-Baranowskys über-
gehen. Bei seiner ausgesprochenen Fähigkeit, die widerspruchs-
vollsten Sätze durcheinander zu bringen, wird es sich zeigen, daß
auch seine „Formel‘ nur noch ein stärkeres Durcheinander dar-
stellt.

3. DER GRUNDFEHLER TUGAN-BARANOWSKYS

Wir haben bis dahin die Formel Tugan-Baranowskys über die
Proportionalität des Arbeitswertes und des Grenznutzens ohne
Kritik hingenommen. Nun soll die theoretische Nutzlosigkeit dieser
berühmten Formel enthüllt werden. Dazu muß zunächst die An-
sicht Tugan-Baranowskys über die politische Oekonomie, mithin
auch über jegliche „Formel‘‘, dargelegt werden, — eine Ansicht,
die auch wir völlig teilen. Bei unserer Hochachtung für den Herrn
Professor wollen wir aber ihn selber diese, wie gesagt, durchaus
richtige Ansicht äußern lassen.

„Das, was die ökonomische Wissenschaft von den anderen so-
zialen Wissenschaften unterscheidet, nämlich die Aufstellung eines
Systems von kausalen Gesetzen für die wirtschaftlichen Erschei-
nungen — wird eben durch die charakteristischen Besonderheiten
ihres gegenwärtigen Gegenstandes der Untersuchung — der freien
Tauschwirtschaft hervorgerufen... Wir haben vollen Grund, die
politische Oekonomie als eine originelle Wissenschaft über die kau-
salen Wechselbeziehungen der wirtschaftlichen Erscheinungen, die
eng mit der modernen Volkswirtschaft verknüpft sind, anzuer-
kennen. Mit ihr ist diese Wissenschaft entstanden und gewachsen,
mit ihr wird sie von der Szene verschwinden*.“

Hier ist es klar gesagt, daß die politische Oekonomie zum
Gegenstand ihrer Untersuchung die Tausch wirtschaft und im
besonderen die kapitalistisch e Tauschwirtschaft hat. Von
diesem Standpunkt aus wollen wir auch an die Analyse der Formel
von Tugan-Baranowsky herantreten. Wie bereits bekannt, nimmt
er eine Proportionalität zwischen dem Grenznutzen und dem Ar-
beitswert an. Fangen wir die Analyse bei dem letzten Teil der
Formel, nämlich bei dem Arbeitswert an. Tugan-Baranowsky

1 „Grundzüge usw.“, S. 17.

‚84
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        Theoret. Versöhnungspolitik (Die Werttheorie von Tugan-Baranowsky) 185
nimmt an, daß der Arbeitswert den Wirtschaftsplan bestimmt.
Doch der „Wirtschaftsplan“‘, den er ins Auge faßt, stellt eine Kate-
gorie der individualistischen Wirtschaft und dazu noch
einer Naturalwirtschaft dar, die für sich selbst die ver-
schiedensten „Güter“ produziert. Betrachten wir dagegen die
modern e individualistische Wirtschaft, d. i. den kapitalistischen
Betrieb, so weist sie überhaupt gar keinen „Wirtschaftsplan‘“ im
Sinne von Tugan-Baranowsky auf, und zwar aus dem einfachen
Grund, weil die fabrikmäßige Produktion spezialisiert ist;
hier gibt es keinen Platz für Verteilung der Zeit auf mehrere
„Zweige“, denn jede Wirtschaft stellt nur ein Produkt her. Abge-
sehen davon, interessiert die Kategorie des Arbeitswertes das Sub-
jekt der kapitalistischen Unternehmung nicht, denn es „arbeitet“
mit Hilfe von gedungenen Kräften und auf dem Markte gekauften
Produktionsmitteln. Wenn demnach hier die Rede vom Arbeits-
wert überhaupt angebracht ist, so kann der letztere für die moderne
Produktionsart (die eben den Gegenstand der politischen Oekono-
mie bildet) lediglich als eine soziale Kategorie gedacht sein.
d. i. ein Begriff, der nicht auf einzelne Wirtschaften, sondern auf
deren Gesamtheit, als deren soziale Einheit, angewandt wird. So
der Marx’sche Begriff des Arbeitswertes. Ob seine Theorie richtig
oder falsch ist, ist eine Frage, die in diesem Zusammenhang ohne
Belang ist. Wir glauben, daß sie richtig ist, Tugan-Baranowsky
nimmt das Gegenteil an. Jedenfalls hat aber Marx klar gesehen,
daß die Kategorie des Arbeitswertes, als Kategorie einer indivi-
duellen Wirtschaft, ein Nonsens ist, und daß sie erst dann Sinn
erhält, wenn man darunter ihren gesellschaftlichen Cha-
rakter versteht.

Der zweite Teil der Formel betrifft den Grenznutzen. Nach der
Auffassung sämtlicher Anhänger der Grenznutzentheorie hat der
Grenznutzen die Bedeutung eines Gutes, das dem Wohle des „wirt-
schaftenden Subjektes‘“ dient; dies ist eine gewisse Wertung, die
eine bewußte Berechnung voraussetzt. Es ist klar, daß die Grenz-
nutzenkategorie nur einen Sinn hat, wenn man eine indivi-
duelle Wirtschaft ins Auge faßt; dagegen kommt sie gar
nicht in Betracht (auch vom Standpunkte ihrer Vertreter), so-
bald es sich um die gesamte Gesellschaftswirtschaft handelt. Letz-
tere „schätzt“ keinesfalls ab, wie es ein einzelner Unternehmer tun
kann, denn diese Wirtschaft bedeutet ein sich elementar ent-
faltendes System mit einer besonderen charakteristischen Gesetz-
mäßigkeit. Wenn also der Grenznutzen irgendeinen Sinn haben
sollte, so doch nur den einer Kategorie der individuellen
Wirtschaft.
        <pb n="194" />
        - Anuang

Wir wissen bereits, daß Tugan-Baranowsky eine Proportionali-
tät zwischen dem Grenznutzen und Arbeitswert eines Gutes statu-
iert. Der Arbeitswert läßt sich aber in doppelter Weise auffassen:
als eine gesellschaftliche Kategorie (eine derartige Auffassung ist
die einzig richtige, wenn man eine kapitalistische
Wirtschaft betrachtet) und als eine individualistische Kategorie.
Es ist klar, daß der Arbeitswert im ersten Sinne sich nicht in ein
direktes Verhältnis zum Grenznutzen bringen läßt: es sind zwei
Größen, die prinzipiell nichts Gemeinsames haben können,
da sie in ganz verschiedener Ebene liegen. Zu behaupten, daß eine
Größe, die überhaupt nur auf dem Gebiete der individua-
listischen Wirtschaft Platz findet, einer anderen, die nur auf
dem Gebiete der Gesellschafts wirtschaft vorkommt, propor-
tional ist, dies ist, als wenn man „Telegraphenstangen auf Pocken
impfen wollte“.

Und so sehen wir, daß eine rich tige Auffassung der Arbeits-
werlttheorie gerade zu dem Schluß führt, daß zwischen ihr und der
Grenznutzentheorie ein voller Gegensatz besteht. Es bleibt noch
die Verbindung dessinnwidrigen Begriffs des Arbeitswertes,
als der Kategorie einer individualistischen Wirtschaft,
mit dem Grenznutzenbegriff. Dies tut auch Tugan-Baranowsky.
Dadurch wird freilich seine Theorie nicht besser: sie fällt in sich
sofort zusammen, sobald wir versuchen, sie mit der kapitalistischen
Wirklichkeit zu vergleichen. Es ergibt sich dabei ungefähr dieselbe
Geschichte, wie bei den Vertretern der österreichischen Schule.
Die Sache geht so ziemlich glatt, so lange man sich im Interessen-
bereich des wirtschaftenden Robinson bewegt und — bewußt oder
unbewußt — abseits der kapitalistischen Beziehungen bleibt. So-
bald wir aber an Beziehungen herantreten, die die politische Oeko-
nomie zu erklären berufen ist (was auch die Ansicht von Tugan
ist), so wird die Theorie zu Schall und Rauch.

Ehe wir schließen, noch eine Bemerkung. Die ganze Theorie
Tugan-Baranowskys bezieht sich auf Wirtschaften, die Ware
produzieren. Dies unterscheidet ihn vorteilhaft von den reinen
Grenznützlern, die zu vergessen scheinen, daß die Ware nicht vom
Himmel fällt, sondern produziert werden muß. Sind es doch ge-
rade produzierende Wirtschaften, für die Tugan-Bara-
nowsky seine „Proportionalität‘“ wissen will. Darüber noch eine
Stelle aus dem zweiten Teil seines Buches:

„Wir müssen — sagt er — uns an die realen wirtschaftlichen
Beziehungen halten, unter denen der Preis in der modernen kapi-
talistischen Wirtschaft zustande kommt. Wir dürfen nicht an-
nehmen, wie dies beispielsweise Böhm-Bawerk tut, daß der Ver-

186 AS
        <pb n="195" />
        Theoret. Versöhnungspolitik (Die Werttheorie von Tugan-Baranowsky) 187
käufer einer Ware, sie für sich selbst benötige und sogar bereit sei,
bei einem zu niedrigen Preise, sie für sich selbst zu behalten*®.“

Dies stimmt. Darin sehen wir einen weiteren Schritt gegenüber
den Theoretikern des Grenznutzens reinen Wassers. Nur... wie
wird sich dann die eigene Theorie von Herrn Tugan-Bara-
nowsky bewähren, wenn seine produzierenden Wirtschaften die
Ware nicht nach deren Nutzen (d.h. nach dem Grenznutzen)
schätzen würden? Damit ja die besagte Proportionalität Platz
greifen könnte, ist es doch notwendig, daß die entsprechenden
Größen vorhanden sind. Oben sahen wir, daß die Sache mit dem
Arbeitswert nicht klappt. Nun erklärt uns Tugan-Baranowsky
selbst, daß eine Wertung nach dem Grenznutzen unter den Be-
dingungen des Kapitalismus (oder selbst einer einfachen Waren-
wirtschaft) für die Verkäufer vollständig sinnlos ist.

Wir untersuchten die Theorie von Tugan-Baranowsky, ohne
auf einen ihrer Bestandteile — die Grenznutzentheorie — einzu-
gehen. Indessen ist auch dieser Teil von unserem Theoretiker
keinesfalls gerechtfertigt worden. Dies ist eine sehr bemerkens-
werte Tatsache. Auf der Suche nach neuen Mitteln sind die russi-
schen Bourgeois sehr „kritisch“ nur gegenüber Marx gestimmt;
dagegen sind sie in bezug auf die kapitalistische wissenschaftliche
Ideologie des Westens fast von einer religiösen Andacht. Dieser
Umstand zeigt von neuem die wahre Natur der „neuen Ideen in
der politischen Oekonomie“, die die Herren Tugan-Baranowsky,
Bulgakow, Struve e tutti quanti so eifrig predigen.

1 Böhm-Bawerk: „Grundzüge usw.“, S. 212 u. 213.
        <pb n="196" />
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Yu
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        Namen- und Sachregister
NAMEN- UND SACHREGISTER
NAMENREGISTER Kautsky, K.58
A Keynes, John 45, 54
dler, Karl 110 Knies 11 f
Ammon, Alfr. 32
| J,assalle, F. 76
Bastiat 40 f Lehr, J. 69
Berdjajew 178 Lewin 88
Bernstein, E. 123 Lexis, W. 79, 150
78 ff, 85 AM}! 1011, 4410412107 f,
110.91, 4170, 1259, 1880, 143.09, .
163 ff 9 Manuilow, A. 100
63) A172 176, 179, 182 164.156 Marx, K. 9f,-25f, 29, 320, 381,
Bortkievitz, L. 146, 149 f, 157, 161
Bucharin 47 47 ff, 52f, 57, 59f, 64 ff, 68f, 72,
Bücher Kubl1 75f, 94, 99f, 104, 106, 124f, 133,
Bulgakow 49, 57, 65, 178, 187 ve: f, 171, 174, 178, 182f,
Boudin 4.148. 58 Maslow, P. P. 178
C Menger, K. 11, 18, 30, 33, 36, 39f.
‚anard, N. F. 174 671, 715 77,279,498 €, 101
Carver 78, 94, 128 Michailowsky 13
Cassel, G. 80 Mill, Stuart 64
Glark 31; 41 dd; 172 Mises, Lud. 100
Charasoff 48, 60, 141
Condillac 17, 29, 71, 75
Cossa, Luigi 17 Neumann 14, 69
Defoe 20 Oncken 25, 48 f
Dietzel, Heinrich 16, 18, 50, 69, 109, Oppenheimer, Franz 54
133
P areto, Vilfredo 71
Eckstein, G. 97, 100, 114 Parvus 21, 104, 141, 150
Engels, Friedrich 37, 49, 55 Pierson 146
Pribram, K. 25
Frank 60
n Ricardo 12, 17, 26, 64, 80, 122
Galiani 17 Rodbertus 53, 125
Gide, Charles 22 Roscher 11, 14, 91, 139
Gossen 30, 31 .
Sax, E. 16, 32, 55
Hildebrand 11 Smith, A. 26, 35, 64, 167 f
Hilferding, R. 37, 43, 70, 75f, 94, Sombart, Werner 19, 21f, 28, 34f,
100, 173 42, 69, 73, 182
Schaposchnikow 64, 78 ff, 123, 125
Jevons 30 f,: 41, 58 Scharling, W. 82, 86, 88, 98 f, 110

191
        <pb n="200" />
        S Namen- und Sachregister
Shelesnow 94 D . GE
ynamik der kapitalistischen Ge-
N SH AN EEE sellschaft 12, 59, 60, 93, 174
Schumpeter 28, 60f, 104 ff N “
Stolzmann, R. 36 ff, 45, 53 f, 56 f, 85, Entwicklung des Kapitalismus 9
93, 127, 140, 148, 163
Struve 38f, 45, 53, 64f, 102, 123, Geld 99f, 120, 163, 168, 170
179, 187 Gesellschaft 37, 40 f, 48 ff, 55, 57, 60,
64, 66, 124 f, 129
"Torrens 54 Sozialistische — 130 f
Tschuprow, A. A. 17, 42 Kapitalistische — 41, 132, 164, 173,
Tugan-Baranowsky 47, 57, 61, 64, 175
70, 91 ff, 178 ff Gesetze, Ssozial-wirtschaftliche 9,
12, 16, 32, 36, 47
Verri, Graf 29, 71 deren Relativität 47 f, 66
Das Gossensche Gesetz 77, 96
Das Substitutionsgesetz 101
N a 86 Das Klassische Gesetz der Pro-
Walras, L. 16, 28 ff, 41, 58, 78 ON ONSKOSIEN 107
Wicksel, K. 81 Preisgesetz 118
Wieser 67, 77 ff, 86, 99, 101f, 105, A lan
149, 172 N der Warenzirkulation
Wipper 37 Grenznutzen (siehe „Nutzen‘‘)
Güter
Gebrauchs — 73, 79f, 96f, 106,
SACHREGISTER 110, 113, 162
. . Produktions — 106, 108, 110 f
Abs on 151 (siehe auch lunter „Gegenwärtige‘“ u. „zukünftige“ —
Apio 267 169 ) 134, 136, 140 ff, 151, 154, 156{,
Akkumulation 20, 64 16011621, 16H
Aktiengesellschaft 10, 20 | | N
Angebot 63, 95, 116f, 150, 166 Ideologie, Kampf zwischen der bür-
Arbeit 22, 52 ff, 128, 130f, 134, gerlichen und proletarischen 11
140, 143, 148, 151, 163f, 168 ff, — des Proletariats 18, 22, 28
172 — der Bourgeoisie 23, 28, 30, 44,
—skosten 182 f „176, 178, 187
—skraft 51, 54, 59, 63, 128, 150, Individualismus als Eigenschaft des
170, 174f, 180 Rentners 24, 26 (siehe auch un-
—elohn 124 f, 128, 171 ter „Psychologie“)
—steilung 111, 137, 180
Arbeiter 124, 134f, 137f, 140, 147 f, Kapital
150f, 163, 168 ff, 174 Bank — 10, 42, 52
—klasse 10, 19 (siehe auch unter Der Begriff des Kapitals 53 ff,
„Klasse“‘) 122, 1251
Sozial — 126 ff, 134, 137, 162
Banken 20, 42 Konstantes — 167f, 172, 175
Börse 21 Kapitalismus 9 f, 12, 51, 62, 128, 150,
Bourgeoisie 43 172, 176, 178 f
Die historische Mission der — 10 f Kapitalist 104, 112, 118, 124, 132, 135,
Englische — 12 137, 140, 147 f, 150 f, 163, 168 ff,
Deutsche — 13, 19, 21 ff 174
Psychologie der — 24, 28, 31 Käufer 73f, 82, 86, 89, 112, 114f,
Ideologie der — 44, 61f, 164, 176 117 ff, 140, 166, 175

192
        <pb n="201" />
        Namen- und Sachregister 193
Klasse 23, 59 — nach Marx 60, 63, 72, 75,92,
—ngegensätze 128 f 105, 107,111, 122 I
—ngesellschaft 129, 132, 139 nach Böhm-Bawerk 126, 129 ff,
Kapitalisten — 163, 169 133, 138, 172, 180, 185
Arbeiter — 169, 171, 178 — smittel 52, 54 f, 98, 105 ff, 110 ff,
—nkampf 123, 127, 128 (siehe 123, 125, 128, 132f, 135, 138,
auch unter „Arbeiter“‘) 146 f, „150 f, ‚153 f,..156 ff, 161 ff,
Konkurrenz 13, 49, 72, 169 1671, 171, 175
Konsumtion (siehe „Verbrauch“‘) Produktivkredit (siehe unter
Kredit 168 f „Kredit‘‘)
Krisen 10, 111 — kräfte. 35, .50, 59, 60, 63, 72,
173 ff
Markt 22, 37, 51, 72, 75, 89, 98, 105, Produzent 46, 51, 55, 75, 81, 105, 120
1102312, 14, 1181, 167.0,174, Profit 42, 51, 54 f, 60, 64, 66, 73, 112,
185 1230, 127, 1308, 134, 136,
Marxismus) 18 f;+ 32 f; 38172, 4175, 138 ff, 143, 147, 149, 162 ff, 169 ff
177 ff (siehe auch unter „Theo- (siehe auch unter „Zins“)
rie“ und „Methode*“‘) Proletariat 10, 13, 18, 22, 148,
Materialismus, historischer, 33 175 ff (siehe auch unter „Arbeiter‘‘)
Mehrwert 20, 59, 124, 138, 163, 167, Psychologie — der Rentner im
175 Gegensatz zu der des Proletariats
Merkantilismus 25 23f, 26, 112 ff
Methode 14, 19, 26, 31 f, 34, 36, 39 f,
44, 46 f, 56, 58, 61 Rente 42, 54, 125
Motive 43f, 46 Grund — 59, 125, 128
Rentner 20 ff, 26, 28, 31, 61, 78
Nachfrage 95f, 116f, 150, 166 ff (siehe auch unter „Psychologie“)
Nutzen 69, 71, 73, 77, 80, 87, 89, 92, Reproduktion 88, 167, 172, 175
94, 96f, 101 m, 107f,. 112 fl,
119f, 151 ff, 161 £, 180 ff, 184 f Subjektivismus (siehe unter
Substitutions — 85 f, 91 (siehe auch „Methode‘*‘)
unter „Theorie‘‘) Subsistenzfonds 165, 167 f
Schätzungen,
ÖObjektivismus (siehe unter ‚„Me- subjektive — 26, 73, 96, 104, 114,
thode*‘) 117,181
Oekonomie Wert— der Käufer und Ver-
Politische — 17f, 25f, 33f, 36, käufer 112
41, 175, 177 ff, 184, 187 Schule,
Marxistische — 46, 48f, 51, 55, amerikanische — 28, 36
60, 63, 72, 106, 124, 172, 175 historische — 11ff, 16f, 19, 48,
106
is klassische — 25
Preis 22. 06 850 M31167. 160; österreichische — 11, 18, 25f,
Analyse desselben, 74 32f, 39, 44f, 55, 57f, 61, 64f,
— bildung 37, 42, 51, 63, 65f, 71, 67f, 72, 76, 79, 91, 102, 105,
121 113, 121, 166, 176, 186
Markt— Schutzzölle 13
&gt; 14 N ut 91 DO 108 Statik 93, 172
Produktion 9f, 13, 22, 25, 34, 47,
49f, 57 f Tausch 25, 51, 63, 68, 72, 95, 111,
— sbedingungen 94 114f, 117 AA, 143, 163, 172 f, 182 ff
— sSkosten 108, 113, 119, 183 Technik 112, 136, 162, 164
- sverhältnisse 51, 52, 54, 59, 124, Theorie,
125 — der historischen Schule, 16
13
        <pb n="202" />
        FE Namen- und Sachregister
Theorie. Arbeits — 26, 175, 180 ff :
— der Österreichischen Schule Gebrauchs — 73f, 78, 80
30 ff, 44, 46, 56, 58, 61, 71, 82, Produktionsmittel — 113, 153,
100f, 103, 113 f, 119, 121 f, 125, 157, 160
133f, 136, 141, 172, 176, 179 ff, Substitutions — 102, 105
186 f Tausch — 97 ff
Arbeitswert — 18f, 33f, 37, 47, Waren — 158f, 167, 170f, 175,
174 f, 179, 182 183
Trusts 10, 28 Mehr — 20, 35, 47, 124, 167, 175
Wertpapiere 20f, 37
Wertschätzung 37, 42, 46, 52, 55,
Vera I en 1 AeEO 78, 75, 860, 1120, 117, 136,
Verkäufer 73, 82 ff, 114 f, 117 ff, 140, TAN
166 eh En unter „Wert-
. schätzung
Mn a ML 160 170176, Wettbewerb 115, 117, 170
° ° Wirtschaft,
Ware 22, 51f, 74, 84, 97, 112, 115, SOZINCHE N
117 ff, 134, 174, 180, 186 f kapitalistische — 185 f
Wert 29, 35, 63ff, 70, 106, 108 ff,
114, 124, 134 ff, 139, 141, 143, Zins 61, 130, 133, 140, 150, 167, 171
145 ff, 149, 152, 154, 157 f, 160 f, (siehe auch unter „Profit“‘)
163 Zirkulationsprozeß 20, 57, 76, 174 f

‘94
        <pb n="203" />
        =— —-
BAND I
N. LENIN
DER IMPERIALISMUS
Neue durchgesehene und berichtigte, vom
Lenin-Institut autorisierte Ausgabe mit einem
Anhang und Anmerkungen, sowie einem
Verzeichnis der schwierigeren Fremdwörter
In dieser grundlegenden Schrift über den Imperialis-
mus weist der große Führer der russischen Revolution
und der Schöpfer des Sowjetstaates an Hand eines
reichhaltigen Zahlen- und Tatsachenmaterials über-
zeugend nach, wie der Imperialismus, selbst aus den
Widersprüchen des Kapitalismus geboren, diese
Widersprüche auf die Spitze treibt und die Voraus-
setzungen für die soziale Revolution, für den Ueber-
gang zu einer höheren gesellschaftlich-ökonomischen
Ordnung, zum Sozialismus, schafft. Er deckt
zugleich die Zusammenhänge auf, die zwischen dem
Imperialismus und dem internationalen Opportunis-
mus bestehen. Für jeden, der in die komplizierten
Vorgänge der heutigen Weltwirtschaft und Weltpoli-
tik tiefer eindringen will, ist das Studium dieser all-
gemeinverständlich gehaltenen Schrift unentbehrlich.
Preis ca. 2 M Ganzleinen
SE ———-
VERLAG FÜR LITERATUR UND POLITIK
WIEN VII BERLIN SW 48
        <pb n="204" />
        N. BUCHARIN
THEORIE
DES HISTORISCHEN
MATERIALISMUS
Gemeinverständliches Lesebuch
der marxistischen Ideologie
372 Seiten
Preis: broschiert 3.— M, gebunden 5.— M

VERLAG CARL HOYM NACHF. LOUIS CAHNBLEY
HAMBURG BERLIN
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        <pb n="206" />
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        <pb n="208" />
        <pb n="209" />
        Literaturverzeichnis 189
_ Ca
Frank, S.: Die Marxsche Werttheorie und ihre Bedeutung. (Russisch.)
Gide, Ch.: Precis du cours d’e&amp;conomie politique. 1878. 5
Gossen, Hermann: Entwickelung der Gesetze des menschlichen Verkehrs und
daraus fließender Regeln für menschliches Handeln. 1854.
V/ Hilferding, R.: Das Finanzkapital. Eine Studie über die jüngste Entwicklung
des Kapitalismus, II. Aufl. Wien 1920.
— Böhm-Bawerks Marx-Kritik.
Jevons, Stanley: The Theory of political economy. London 1871.
Kaufmann: Marion.
Kaulla: Die geschichtliche Entwicklung der modernen Werttheorien. Tü-
bingen 1906.
Kautsky, K.: Vorwort zu Boudin: Das theoretische System von Karl Marx.
Keynes, John: The scope and method of political economy. Uebersetzt u. d.
Redaktion von Manuilow. Moskau 1899. (Russ.)
Knies, Karl: Die politische Oekonomie vom geschichtlichen Standpunkte. 1883.
Lassalle, Ferd.: Herr Bastiat-Schulze von Delitzsch, der ökonomische Julian,
oder Kapital und Arbeit in Ferd. Lassalles Reden und Schriften. Neue
Gesamt-Ausgabe. Herausgegeben von Ed. Bernstein. III. Bd. Berlin
1893.
Lewin: Arbeitslohn und soziale Entwickelung.
Lexis, W.: Allgemeine Volkswirtschaftslehre. 1910.
Liefmann, Robert: Ueber Objekt, Wesen und Aufgabe der Wirtschaftswissen-
schaft (Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik 106, Bd. III F.,
51. Bd., Jena 1916, S. 193—249.
Lifschitz: Zur Kritik der Böhm-Bawerkschen Werttheorie. Leipzig 1908.
List, Fr.: Das nationale System der politischen Oekonomie. 1841.
Manuilow: Der Wertbegriff nach der Lehre der Oekonomisten der klassischen
Schule. (Russisch.)
Marz, Karl: Theorien über den Mehrwert.
- Das Kapital. 3 Bände. 7. Aufl. (Otto Meißners Verlag.) Hamburg 1914,
1919.
Das Elend der Philosophie. Stuttgart 1892.
— Zur Kritik der politischen Oekonomie. II Aufl. Stuttgart 1907.
Menger, Karl: Die Irrtümer des Historismus in der deutschen Nationalökono-
mie. Wien 1884.
— Grundsätze der Volkswirtschaftslehre. Wien 1871.
— Untersuchungen über die Methoden der Sozialwissenschaften und der po-
litischen Oekonomie insbesondere. 1883.
Miklaschewsky, A.: Die Geschichte der politischen Oekonomie. Dorpat 1909.
(Russisch.)
Müll, J. S.: Grundsätze der politischen Oekonomie. Uebersetzt von Soetbeer,
IH. Aufl, ‘1869; 11. Bd.
Mises, Ludw. v.: Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel.
Neumann: Naturgesetz und Wirtschaftsgesetz (Zeitschrift für gesamte Sozial-
wissenschaft. Herausgegeben von Schäffle).
— Wirtschaftliche Grundbegriffe (Handbuch der politischen Oekonomie,
herausgegeben von Schönberg).
Oncken: Geschichte der Nationalökonomie.
Oppenheimer, Fr.: Die soziale Frage und der Sozialismus.
Pareto, Vilfredo: Cours d’Economie politique. Lausanne 1896.
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
