Geschichtliche Verhältnisse. Wenn nun auch die amerikanischen Kolonien unge- heueren Gewinn abwarfen und Spanien unter Karl V. durch die wertvollen Lasten der Silberflotten das reichste Land Europas wurde, so steht doch das Ende dieses kolonialen Aufschwungs in grellem Gegensatz zu “dem glanzvollen An- fang und zwar infolge der falschen Kolonialpolitik des Mutter- Jandes. Sie betrachtete es als ihre Hauptaufgabe, neben der Einrichtung der Kolonien den Handel. aus diesen mit Europa zu regeln und zwar in der Weise, daß der besitzende Staat alle Vorrechte oder eigentlich das Handelsmonopol für sich haben wollte. Die merkantilistischen Auffassungen beherrsch- ten damals alle wirtschaftlichen Maßnahmen der Staaten, aber sie wurden in verschiedener Weise gehandhabt. Eng- land und Holland z. B. ließen sich gleichfalls hinreißen, durch Gewalt und Ausbeutung der Kolonien Reichtümer zu sammeln, aber sie versäumten dabei‘ die auf Hebung der Volkswirtschaft gerichtete und damit wieder die Kolonien befruchtende innere Arbeit nicht, die man bei den Seemächten der iberischen Halbinsel vermißt. Während die erstgenannten Kolonialmächte ihren neuen Besitz als Handels- und Absatz- gebiet ansahen, ihre Industrien für den Absatz in die Kolo- nien vermehrten und den Absatz dorthin monopolisierten, versäumten Spanien und Portugal solche auf Hebung des Wohlstandes im Mutterlande gerichtete Maßregeln der Kolo- nialpolitik. Für sie waren die amerikanischen Kolonien nichts als ein Gebiet, wo der Adel und die Kirche sich be- reichern, wo man eine Menge von Beamten anstellen konnte. Auf die ‚inneren Verhältnisse, wie z. B. dieı Hebung und Er- weiterung der Industrie der beiden Länder, blieb die Kolonial- politik ohne jeden fördernden Einfluß. Die Ausfuhr spani- scher Waren in die Kolonien wurde vielfach verboten, damit sie in Spanien selbst nicht zu teuer würden und So wurde der Bedarf an europäischen Waren für. das lateinische Amerika von anderen Ländern meist auf dem Wege des Schmuggels geliefert. Ebensowenig wurde in den Kolonien eine wirt- schaftliche Ausbeutung der Naturschätze versucht, sondern diese, wie z. B. Gummi und die kostbaren Hölzer, lediglich durch das Gegenteil von Kulturarbeit, nämlich den Raubbau gewonnen, der der Bevölkerung keine neuen Hilfsquellen eröffnet, sondern alte zerstört!). Selbstredend konnten die Kolonien unter einem solchen nur der Gewinnsucht ent- sprungenen System nicht gedeihen, und. so kam es, daß das 1) Ratzel: Anthropogeographie II. S. 266. 25