Wirtschaftliche Entwickelung. Dieser Abschnitt der Entwickelung der lateinisch-amerika- nischen Länder muß also für den Vorgang der Bildung von nationalem Kapital als Grundlage für die Fabrikindustrie ausscheiden. Es bleibt somit nur die Zeit nach der Los- reißung der Kolonien übrig, in der dank der politischen Un- abhängigkeit von der monopolistischen Ausbeutung durch die Mutterländer die selbständig gewordenen Kolonien unter Ausnutzung ihrer natürlichen Reichtümer für den Handel sich wirtschaftlich hätten entwickeln können. Mehrfach ist aber schon darauf hingewiesen worden, daß eine solche planmäßige Entwickelung, die in erster Linie' von der Regierung in die Hand genommen und gefördert werden mußte, nicht stattfand, daß die Wirt- schaft noch in vielen Zügen das Wesen der Kultivation an sich trägt, und so blieb auch der Handel auf verhältnismäßig enge Grenzen beschränkt, wenn er auch an den einzelnen Gegenständen, die er in Umlauf zu setzen hat, ungeheuere Mengen umsetzt. Da heute noch der größte Teil des Welt- bedaris an Kautschuk, Kaffee, Kakao, Tabak usw. von den ehemaligen Kolonien in Amerika gedeckt wird und der Handel mit diesen Artikeln vielfach von der fast monopo- listischen Stellung der Erzeugungsländer genügenden Nutzen zu ziehen in der Lage ist, liegt ein zwingendes Bedürfnis zur Ausdehnung der. Bodenwirtschaft auf andere Erzeugnisse für Handelszwecke noch nicht vor, und darum hat ja auch, wie die vorstehenden‘ Ausführungen zeigen, der Verkehr noch eine so geringe Entwickelung erfahren. Die Wirtschaft in diesen Ländern ist aber keine Volkswirtschaft, sondern lediglich eine Interessenwirtschaft der großen Handelshäuser, die häufig selbst Besitzer großer Plantagen und vielfach auch von industriellen Anlagen ‚sind, in denen Rohstoffe ausfuhr- fähiger gemacht werden. | Solange sie auf dem Weltmarkt Absatz für.ihre Erzeugnisse finden, liegt für sie kein Grund für irgendeine Anderung des aus früheren Zeiten über- nommenen Systems vor. Steht ein solcher wirtschaftlicher Zustand — die Vereinigung der Kapitalbildung in wenigen Händen — schon im Widerspruch mit einer eigentlichen volks- wirtschaftlichen Entwickelung, mit der Möglichkeit der Bildung eines leistungsfähigen breiten Mittelstandes, so wird die Lage dadurch noch schlimmer, daß die meisten der tonangebenden Handelshäuser im Besitz von Europäern sind, daß also die von ihnen durch die Landeserzeugnisse gemachten großen Gewinne nicht einmal der Wirtschaft des betr. Staates voll zugute kommen, sondern ins Ausland wandern. Dieser Zu- = 55 Jı