nn Die Republik Chile. Diese Zahlen. sind interessant im Vergleich mit den ent- sprechenden argentinischen, die, an sich viel höher, sich außer- ordentlich sprunghaft bewegen, während die chilenischen Zölle eine langsame Zunahme in der Ausfuhr durch die Ver- mehrung der Salpeterausfuhr, in der Einfuhr dagegen 1905 eine Abnahme zeigen, ein Beweis dafür, daß hier die Ein- fuhr in durchaus richtigem Verhältnis zur Ausfuhr steht und nicht unter der gefährlichen Spekulation leidet wie in Argen- tinien. Direkte Steuern sind fast unbekannt, auch hat man andere Einnahmen, die man sonst fast überall findet, wie Steuern auf Tabak, Wein, Alkohol usw., und die große Erträge liefern könnten, -in Reserve behalten. Doch wird dieser große wirtschaftliche. Liberalismus wohl bald geändert werden müssen, denn das ständige Defizit im Staatshaushalt, notwendige öffent- liche Bauten und andere große Aufgaben werden es wohl kaum gestatten, noch lange auf diese wichtigen Steuerquellen zu verzichten. Faßt man nun diese Skizzierung der. chilenischen Ver- hältnisse kurz zusammen, so ergibt sich folgendes für die wirtschaftliche Entwickelung und für die Fabrikindustrie: Das Wirtschaftsleben der Republik muß eine Umgestal- tung erfahren, da durch die Erschöpfung der Salpeterlager die Haupteinnahmequelle des Staates versiegen und durch andere ersetzt werden muß. Diese -Ersatzmittel bestehen in nachhaltigerem Betrieb der Minenindustrie und der Viehzucht; ferner in dem Handel, der Schiffahrt und der Fabrikindustrie. Es besteht also bezüglich der wirtschaftlichen Zukunft Chiles ein Unterschied gegen Argentinien. Während hier der be- liebig zu steigernde Getreideertrag auf unabsehbare Zeit dem Lande durch die Ausfuhr Gold in großen Mengen zuführen wird, das bei geeigneter Verwendung die Herbeiführung der wirtschaftlichen Unabhängigkeit der Republik zur Tatsache machen könnte, vermag Chile sich auf eine solche natürliche Hilfsquelle auf die Dauer nicht zu stützen. Ihm müssen ein nationaler Handel, Schiffahrt und Industrie zu Einnahmequellen werden, deren die östliche Nachbarrepublik für ihr Bestehen nicht bedarf. Trotz des scheinbar vorhandenen klaren Ver- ständnisses für diese Notwendigkeit bei der Regierung fehlen aber die entsprechenden Maßnahmen für die Grundlage, auf der sich alles aufbauen müßte: die Sorge für die Vermehrung der Bevölkerung durch Masseneinwanderung. Der Mensch ist Subjekt und Objekt der gesamten Wirtschaft; je zahlreicher er vorhanden ist, desto größer ist die Aufnahmefähigkeit, die 107 ı1Yy