<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Die Entwickelung der Fabrikindustrie im lateinischen Amerika</title>
        <author>
          <persName>
            <forname>Max</forname>
            <surname>Gemmingen</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>1728770173</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>Finanzwirtschaft. 
hinausgingen.. Denn.da alle lateinisch-amerikanischen Länder 
in größerem oder geringerem Maße auch für wichtige Ge- 
brauchsgegenstände noch auf die Einfuhr angewiesen sind, 
verfehlt eine übertriebene Steigerung der Zölle ihren Zweck, 
indem sie die Kaufkraft der Bevölkerung schwächt und diese 
auch zur Aufnahme von Artikeln der heimischen Industrie 
weniger fähig macht. Am unheilvollsten wirken die hohen 
Einfuhrzölle auf die notwendigsten Gegenstände, die von der 
heimischen Industrie oder Landwirtschaft überhaupt nicht 
erzeugt werden. Hier kommt der Zoll einer Verbrauchs- 
steuer gleich, die dann aber nachher beim Kauf der Ware 
von dem Verbraucher noch einmal bezahlt wird. 
Die Ausfuhrzölle, reine Finanzmaßregeln, die bei der 
überwiegenden Ausfuhr dieser Länder lange Zeit den größten 
Teil der Einnahmen bildeten, wirken sehr lähmend auf die 
Bevölkerung, waren aber kaum zu umgehen, doch macht 
sich in den geordneteren subtropischen Ländern das Be- 
streben geltend, die Lasten dieser Zölle zu ermäßigen oder 
ganz zu beseitigen. 
Bei der Beurteilung dieser sämtlichen Verhältnisse darf 
man allerdings nicht darauf verfallen, unsere einem wirt- 
schaftlich geordneten Staatswesen angepaßten Ansichten über 
Zoll- und Steuerpolitik auf die lateinisch- amerikanischen 
Länder zu übertragen, denn eine Steuer, die bei den Ein- 
wohnern alter Kulturländer Anstoß erregen würde, ist viel- 
leicht vollkommen gerechtfertigt in einem weniger entwickelten 
und bevölkerten Lande, Steuern, die Sehr ertragsreich sind 
in einem alten, reich zivilisierten Lande, können in einem 
jungen, kulturell noch wenig entwickelten Gebiet völlig er- 
traglos sein. Solche. primitive Länder mit schwacher, auf 
weiten Räumen zerstreuter Bevölkerung erfordern ganz an- 
dere Steuern als die bei den hauptsächlichsten europäischen 
Völkern im Gebrauch befindlichen!). Wenn z. B. das durch 
seine geordnete Wirtschafts- und Finanzpolitik an der Spitze 
der lateinisch- amerikanischen Staaten stehende Mexiko heute 
noch 45 % seiner Einnahmen aus den Zöllen zieht, Chile 
sogar 75%, SO erscheint das dem Europäer als ein "ganz 
außergewöhnliches Verhältnis, und doch ist dies bei der Not- 
wendigkeit von Staatseinnahmen für diese Länder wohl das 
einzig Gegebene. Ebenso würde nach europäischen Be- 
griffen die Einziehung einer Verbrauchssteuer ohne den An- 
!) Vgl. Le Mexique au debut du XX. Si&amp;cle. Il. T.S. 134 u. f. 
70)</div>
    </body>
  </text>
</TEI>
