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        <title>Die Entwickelung der Fabrikindustrie im lateinischen Amerika</title>
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            <forname>Max</forname>
            <surname>Gemmingen</surname>
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        = Bez
A:-G. HL 10.
Dr.Frhr.Max vonGemmingen,
Fabrikindustrie im la-
m teinischen Amerika 9
        <pb n="5" />
        Hefte zur Verbreitung geographischer
Kenntnisse in ihrer Beziehung zum
—  Kultur- und Wirtschaftsleben.
Redaktion: Dr. jur. et phil. Hugo Grothe, München.
III. Serie. 10. Heft:
Dr. Frhr. Max von Gemmingen, Die Entwickelung der
Fabrikindustrie im lateinischen Amerika.
N
Frankfurt a. M.
Verlag von Heinrich Keller.
        <pb n="6" />
        Die Entwickelung der Fabrikindustrie
im lateinischen Amerika
Max Frhr. von, Gemmingen
EB
Frankfurt a. M.
Verlag von Heinrich Keller.

Von
        <pb n="7" />
        Der I. Teil ist als Dissertation zur Erlangung der
Doktorwürde. der ‚philosophischen Fakultät der Univer-
sität Leipzig ausgegeben.:

Pf 4 B
        <pb n="8" />
        Inhaltsverzeichnis.

Seite

Einleitung... . Sa A

I. Geographische Verhältnisse . HN Ca
Allgemeines . . | Ki €

1. Geographische Lage . 5 Ben

2. Einfluß des Klimas . „Sion eh SEE
3. Verkehr 2 A
II. Geschichtliche Verhältnisse u 2
II. Ethnologische Verhältnisse Sean MM
IV. Wirtschaftliche Entwickelung . oO a 39
Allgemeines . . A. ‚ HH

1. Bodenwirtschaft . , . „Re en 4
2, Verkehr. 22, HE A che 4°
3. Gewerbe ..... . ‚5 82
4. Handel . . . el MM
V. Finanzwirtschaft . . - «We e 03
VE Industrie. ee nf . am. 72
Allgemeines... , . . „az 72
1. Natürliche Grundlagen . 73
2. Volkswirtschaftliche Bedeutung der Fabrikindustrie 78
VII. Schlußdarstellung .. Eu va O2
Quellenverzeichnis. . . ‚27 101
Inhalt der Anlage siehe S. 106.
KR
        <pb n="9" />
        PT =G y a =&gt;
' Einleitung. SAN

Die hauptsächlichsten und leistungsfähigsten Industrie-
länder der Erde sind bis jetzt die Länder der nördlichen ge-
mäßigten Zone und unter diesen wieder in Europa die
nördlichen, von der germanischen Rasse bewohnten Gebiete
gewesen. Auch auf dem amerikanischen Kontinent zeigt der
nördliche Teil der Vereinigten Staaten die. höchste industrielle
Leistungsfähigkeit, und im äußersten Osten wiederholt sich
in der industriellen Entwickelung von Japan dieselbe Er-
scheinung. Da man unter Fabrikindustrie die Verarbeitung
(und Veredelung) von Rohstoffen durch Maschinenkraft ver-
Steht, so könnte man annehmen, daß die genannten Länder
reich an Rohstoffen sein müßten, auf die sich ihre industrielle
Entwickelung stützen könnte. Dies ist aber nicht der Fall.
Sie erzeugen die meisten der von ihren Fabriken verarbeiteten
Rohstoffe nicht selbst,‘ sondern müssen sie von auswärts
einführen. Dagegen besitzen sie die beiden, die Gründung
und die Entwickelung der Fabrikindustrie bedingenden Stoffe,
Kohle und Eisen, aus denen das Material für die Herstellung
der die Rohstoffe verarbeitenden Maschine und die diese
treibende Kraft gewonnen wird.

Hatte nun schon vor Einführung der Dampfmaschine
der Zufluß von Rohstoffen und deren Veredelung in den
germanischen Ländern der nördlichen gemäßigten Zone
dank ihrer stark entwickelten Handelsschiffahrt eine große
Ausdehnung angenommen, so ließen die tatkräftigen Be-
wohner der genannten Länder. sich den Vorteil nicht ent-
gehen, der sich ihnen in der Dampfmaschine zur Über-
führung der Rohstoffverarbeitung vom Handwerksbetrieb zum
maschinellen Großbetrieb bot, und indem sie durch die
rasche Entwickelung des Verkehrswesens die Rohstoffe der
entferntesten Gegenden an wenige Stellen zusammenzuziehen

v. Gemmingen, Entwickelung der Fabrikindustrie.
        <pb n="10" />
        Einleitung.
verstanden, schufen sie die gewaltigen Mittelpunkte der Groß-"
industrie, von denen aus die ganze Erde mit Fertigfabrikaten
versorgt wird.

An dieser Entwickelung nahmen naturgemäß auch die
übrigen europäischen Länder, namentlich die Großstaaten,
wenn_auch-im allgemeinen in geringerem‘und unter sich in
verschiedenem Maße teil, so daß man den größten Teil von
Europa mit den Vereinigten Staaten von Nord-Amerika und
Japan als die Gebiete der Fabrikindustrie bezeichnen kann.

Bei dieser, Feststellung muß nun unwillkürlich die Frage
entstehen, weshalb alle übrigen Länder der Erde und nament-
lich die Heimatländer der Rohstoffe der Fabrikindustrie in
dieser Entwickelung derart zurückgeblieben sind; daß sie ent-
weder noch gar keine, oder nur, eine ganz geringe Fabrik-
industrie besitzen, die mit ganz wenigen Ausnahmen noch
nicht für den Export arbeiten kann.

Zur Lösung dieser Frage erscheint eine Untersuchung
der bezüglichen Verhältnisse bei den Ländern des lateinischen
Amerika am zweckmäßigsten, da diese Gebiete politisch
selbständige Staatengebilde mit teilweise europäischer oder
mit europäischem Blute durchsetzter Bevölkerung sind, also
in, dieser Beziehung den alten Industrieländern ähnliche Ver-
hältnisse aufweisen, was bei den übrigen Gebieten der Erde
nicht zutrifft.

Die bei dieser Untersuchung in Frage kommenden
Verhältnisse sind mannigfacher Art: geographische, histori-
sche, ethnographische Gesichtspunkte werden herangezogen
werden müssen, um die Verschiedenheit in der wirtschaft-
lichen Entwickelung dieser Länder und derjenigen der alfen
Industrieländer zu erklären und zu dem Versuch einer Lösung
der Frage zu verhelfen, ob die geringen industriellen Fort-
schritte dieser Gebiete nur als eine Rückständigkeit zu be-
zeichnen ist, die sich im Laufe der Zeit verbessern läßt und
zu der Emporhebung ihrer Industrie auf die Höhe der euro-
päisch-nordamerikanischen führen wird, oder ob ein Zustand
vorliegt, der in den allgemeinen Verhältnissen der Länder
        <pb n="11" />
        Einleitung.
begründet, deren industrielle Rückständigkeit als eine dauernde,
unabänderliche Erscheinung anzusehen zwingt.

Da in den meisten lateinisch-amerikanischen Staaten
die Fabrikindustrie noch wenig entwickelt ist, so wird es
Nicht der Hauptzweck dieser Untersuchung sein, sich auf
alle vorhandenen, oft wenig leistungsfähigen Industriezweige
auszudehnen, die, vielfach von ganz örtlicher Natur, für den
Welthandel nicht fühlbar sind und es kaum jemals werden;
es Wird vielmehr. die Aufgabe sein, zu untersuchen, inwie-
weit die Fabrikindustrie schon durch Deckung eines. wesent-
lichen Teiles des Landesbedaris an Industrieerzeugnissen
und damit durch Beschränkung auswärtiger Einfuhr, oder
aber schon durch Ausfuhr von Fabrikaten volkswirtschaft-
liche Bedeutung gewonnen hat, bez. wie weit sie auf Grund
des Vorhandenseins einheimischer Rohstoffe oder von Kohle
und Eisen zur Gründung eigener, fremde Rohstoffe ver-
arbeitender Anlagen, entwickelungsfähig ist.
        <pb n="12" />
        YA Il. Geographische na
| Verhältnisse.

Die Länder des lateinischen Amerika: Mexiko, die Staaten
von Zentral- und Südamerika, gehören, soweit sie für. die
vorliegende Untersuchung in Betracht kommen, der tropi-
schen, subtropischen und gemäßigten Zone an, während die
alten Industrieländer ausschließlich in der nördlichen .ge-
mäßigten Zone liegen. Verfolgt man nun die aus der ein-
fachen Feststellung dieses Unterschieds sich ergebenden Er-
scheinungen im einzelnen, so findet man schon dadurch
einen Teil der Gründe für die Schwierigkeit industrieller Ent-
wicklung in diesen Ländern. Für eine solche Entwickelung
im großen spricht eigentlich nur der eine, allerdings schwer-
wiegende Umstand, daß diese Länder die Haupterzeugungs-
gebiete für Rohstoffe sind, also der Begründung einer In-
dustrie an Ort und Stelle die günstigsten Bedingungen bieten.
Diesen Vorteilen stehen aber eine solche Menge von. bis
jetzt mit Recht für ausschlaggebend angesehenen Schwierig-
keiten entgegen, daß man den bisherigen Gang der Ent-
wicklung sehr wohl verstehen und erklären kann.

Zieht man in Betracht, daß die Industrie eine höhere
Stufe in der wirtschaftlichen Entwickelung darstellt und aus
einer früheren tieferen Stufe, nämlich der Gewinnung der
Bodenerzeugnisse, hervorgegangen ist, die die Mittel für die
Einrichtung der bis zu ihrem ersten Erzeugnisabsatz ertrag-
losen Industrie schafft, so muß man auch hier eine kurze
Untersuchung darüber anstellen, welche Bodenerzeugnisse
die lateinisch - amerikanischen Länder ihrer geographischen
Lage zur Gewinnung von Mitteln zur Gründung fabrikmäßiger
Industrie verdanken. Zweierlei Bodenerzeugnisse kommen
dabei in Betracht: solche, die als vielbegehrte Nahrungs-
und Genußmittel nur eine Rolle als Handelsartikel des Welt-
marktes spielen oder aus anderen Gründen wertvolle Aus-
fuhrmittel sind, und solche, die als Rohstoffe für industrielle
Verarbeitung sich ihren Platz im Welthandel sichern.

Zu den ersten zählen von den dortigen Erzeugnissen
in der Hauptsache Weizen und Kaffee, sowie Edelmetalle,
Mineralschätze und Erzeugnisse der Viehzucht. Eine Mittel-
stellung nehmen Kakao und Tabak, die zwar auch” nur
        <pb n="13" />
        Geographische Verhältnisse.
Genußmittel, doch, wie auch die auf die Viehzucht sich grün-
denden Erzeugnisse, z. B. Fleischkonserven und Abfallstoffe
der Tiere, einer fabrikmäßigen Verarbeitung bedürfen. In
die Klasse der eigentlichen industriellen Rohstoffe fallen
besonders Kautschuk und Baumwolle.

Diese kurze Aufzählung zeigt schon, daß auf lateinisch-
amerikanischem Boden sehr wichtige, der europäischen-
nordamerikanischen Industrie unendbehrlich gewordene Roh-
stoffe erzeugt werden, die von ihren Erzeugungsländern
bisher in der Hauptsache als Handelsartikel benützt, wegen
der teilweise monopolartigen Stellung ihrer Erzeugungsorte
— z. B. Kaffee und Kautschuk in Brasilien — unendlichen
Gewinn abwerfen müßten, wenn: die wirtschaftliche und tech-
nische Ausbeutung des Bodens in sachgemäßer Weise ge-
leitet. würde.

Hierher gehört jetzt die Untersuchung der Frage, welche
durch die geographische Lage bedingten Verhältnisse, die
Entwickelung der lateinisch-amerikanischen Länder auf in-
dustriellem Gebiete verzögert haben, bzw. vielleicht dauernd
hinter der Leistungsfähigkeit der alten Industriegebiete zurück-
halten werden.

1. Allgemeine geographische Lage.

Wie schon angedeutet, bedarf die Industrie zu ihrer
Gründung reicher Mittel, die aus einem auf die Boden-
erzeugnisse gestützten Handel gewonnen werden müssen.
Hierzu ist das lateinische Amerika in keiner günstigen Lage.
Seine Hauptmasse liegt in der aus natürlichen Gründen dünn-
bevölkerten heißen Zone, ferner ragt es ziemlich vereinsamt
in die landarme, aber wasserreiche Südhalbkugel hinein, liegt
fern vom Verkehr, abgeschlossen von der den Handel und
die Kulturentwickelung begünstigenden nahen Berührung mit
anders gearteten Völkern, die befruchtend auf die für eine
so riesige Landmasse außerordentlich gleichartige Bevölke-
rung hätte wirken können. Der mächtige Landblock hat
einen wenig gegliederten Umriß ). Während aber seine Ost-
seite trotz der geringen Gliederung der Küste durch die
gewaltigen schiffbaren Ströme vom Meere aus bis weit
in das Innere zugänglich ist, fehlt auf der Westseite diese
Öffnung der ungegliederten Küstenlinie gänzlich. Dazu kommt,

1) Vgl. Ratzel, Anthropogeographie, I. S. 236 f.
5
        <pb n="14" />
        Geographische Verhältnisse.
daß manche Länder, z. B. Chile, durch hohe Gebirge von
der Hauptmasse des Erdteils abgeschnitten und fast ganz
auf sich selbst angewiesen sind. So kam es, daß die Be-
wohner des südlichen Amerika ganz ausgeschlossen blieben
von der kulturellen Befruchtung, die sich die Bewohner der
alten Welt gegenseitig angedeihen ließen, um sie bis zum
Ausgang des Mittelalters auf eine Höhe zu führen, die den
iberischen Eroberern Süd- Amerikas eine unwiderstehliche
Überlegenheit über die schwachen einheimischen Urvölker
verlieh. Es war ein Verhängnis für das heutige lateinische
Amerika, daß es von Angehörigen der in Europa selbst als
die weniger leistungsfähig sich. erweisende Rasse erobert
wurde, denn sein wirtschaftlicher Tiefstand ist auf Rechnung
der. kolonisatorischen Unfähigkeit der romanischen Eroberer
zu Setzen, die nichts für das Land, sondern alles für ihre
Tasche taten, d. h. sich nur an den vOrhandenen und er-
reichbaren Bodenschätzen bereicherten, in ‚erster Linie den
Edelmetallen, ohne für die Entwickelung der in den ver-
schwenderischen Fülle von der Natur fast auf den ganzen
Erdteil verstreuten Schätze Sinn und Ausdauer zu besitzen.
In Mittel- und Südamerika sind nur die Gebirge und das
südliche Patagonien von Natur unproduktiv. Die riesigen
Wälder und Grasilächen liefern nach der Urbarmachung, wie
in den Vereinigten Staaten, den besten Getreideboden. Mäch:
tige Ströme gestatten den Verkehr an der Küste bis weit in
das Innere, und es scheint, daß bei richtiger Ausnutzung der
natürlichen Leistungsfähigkeit dieser Erdteil mehr Rohstoffe
und Feldfrüchte zu liefern vermöchte als irgendein anderer *).
Es wären also von Natur alle Verhältnisse gegeben, die. es
einer, zielbewußten Regierung durch Entwickelung eines auf
die reichen Naturerzeugnisse sich stützenden Handels längst
ermöglicht hätten, die für die Gründung einer einheimischen
Industrie nötigen Kapitalien zu bilden. Inwieweit das Ver-
hältnis der kolonisierenden Europäer zu den Eingeborenen
hierbei eine Rolle spielen muß, soll in einem späteren Ab-
schnitt gezeigt werden.
2. Einfluß des Klimas.

Wie zu Anfang dieses Abschnittes erwähnt, gehört mit
Ausnahme von Argentinien, Uruguay, Süd- und Mittel-Chile
und des nördlichen Mexiko das ganze lateinische Amerika

1) Vgl. Kundt: Die Zukunft unseres Überseehandels. S. 16.
        <pb n="15" />
        Geographische Verhältnisse.

der Tropenzone an, während die genannten Länder in den
Teil der gemäßigten Zone fallen, den man als Übergangs-
gebiet zwischen der tropischen und der eigentlichen gemäßig-
ten die subtropische Zone nennt. Allerdings werden die
klimatischen Verhältnisse beeinflußt durch durch die in diesen
Ländern vielfach recht bedeutende vertikale Gliederung, in-
dem mit der Zunahme der Höhe die Temperatur abnimmt,
so daß die hochgelegenen Teile tropischer Länder Oft aus-
gedehnte Gebiete mit gemäßigtem Klima aufweisen. In den
tropischen Ländern des lateinischen Amerika unterscheidet
man deshalb die „tierra caliente“ mit mittlerer Jahrestempe-
ratur von 25—20°, das heiße Tiefland, das in seinem Klima
der. geographischen Breite entspricht, die „tierra templada“,
mit mittlerer Temperatur von 20—15°, Gebiete mit gemäßig-
tem Klima, die dank ihrer höheren Lage, 500 —2000 m,, etwa
das Klima der subtropischen Länder aufweisen, und endlich
die „tierra fria“ mit einer Temperatur unter 15—10°,. die
kühlen Landstriche, die, sehr hoch gelegen, das Klima viel
höherer gemäßigter Breiten haben‘).

Der Einfluß der verschiedenen Klimazonen ‚ist von
großer Bedeutung für die Frage nach der Möglichkeit der
Gründung von Industrien in. heißen Ländern, aber es ist
unmöglich, die Lösung Ohne weiteres in bejahendem Oder
verneinendem Sinne herbeizuführen, da die Vorteile und
Nachteile der einzelnen Klimate sich schroff gegenüberstehen
und es oft scheinen möchte, als ob das, was man als be-
sondern günstig für die eine Seite halten möchte, für. die
andere fäst bis zur Ausschließung der Möglichkeit nachteilig
angesehen werden müßte.

Wie oft ein Extrem die größten Gegensätze in‘ sich
vereinigt, So ist dies auch bei der extremsten der hier in
Frage kommenden Klimazonen, der tropischen der Fall,
die man deshalb. kurz in ihren einzelnen Bestandteilen be-
trachten muß, um sie in ihren Wirkungen verstehen zu können.
Hierbei kommt in erster Linie in Betracht der Einfluß des
Klimas auf die Bodenerzeugnisse und auf den Menschen, So-
wie im weiteren auf die bei der‘ Verarbeitung von Roh-
stoffen entstehenden Prozesse und auf die nötigen Betriebs-
mittel,

Das Hauptmerkmal des tropischen Klimas ist weniger
die besonders große Wärme — in der gemäßigten Zone
werden im Sommer die Wärmegrade der Tropen oft erreicht

1 Hann, Klimatologie, II. S. 285.
        <pb n="16" />
        Geographische Verhältnisse.

und überschritten — als vielmehr das ununterbrochene An-
halten der hohen Temperatur, das Fehlen von Schwankungen
in der Jahres- und Tagestemperatur, wie wir sie in der ge-
mäßigten Zone in den Unterschieden der Jahreszeiten und
zwischen Tag und Nacht zu empfinden gewohnt sind. Dazu
kommt noch als zweite Haupteigenschaft des Tropenklimas
die außerordentliche Feuchtigkeit.

In den Subtropen sind ähnliche klimatische Verhält-
nisse, aber in schwächerem Maße zu finden, namentlich. ist
hier die Feuchtigkeit der Luft‘ nur während der Regenzeit
vorhanden und macht in den übrigen Teilen des Jahres
einer außerordentlichen Trockenheit Platz, ebenso sind
Schwankungen in der Jahres- und Tagestemperatur in wohl-
tuender Weise zu fühlen.

Betrachten wir nun zunächst die Einwirkung dieser Ver-
hältnisse auf die Erzeugnisse des Bodens. Unter keinem
Himmelsstrich des Erdballs entsteht eine so reiche, üppige
und rasche Entwicklung pflanzlichen Wachstums wie in den
Tropen. Ohne Zutun der Menschen bringt unter dem Ein-
fluß der feuchten Wärme der Boden in verschwenderischer
Fülle alle die Stoffe hervor, die, den eingeborenen Völkern
zunächst als‘ Nahrung und zur Befriedigung ihrer sonstigen
Lebensbedürfnisse dienend, durch das Hinzukommen der
Europäer gesuchte Handelsartikel als Genußmittel und als
industrielle Rohstoffe geworden sind. Aber gerade in dieser
Überfülle natürlicher Gaben liegt die große Gefahr, der die
Bewohner dieser Gegenden durchweg erlegen sind. Den
Tropenbewohnern fehlt die Notwendigkeit, um die Fri-
stung ihres Lebens zu kämpfen, der Natur die Bedingungen
ihres Daseins in mühsamer Arbeit abzuringen. Die an-
dauernde Wärme macht keine große Sorge für Wohnung und
Kleidung nötig, die einfachsten Vorkehrungen in dieser Be-
ziehung sind ausreichend; für Nahrung sorgt die Natur selbst,
und damit ist dem Menschen jeder Antrieb zur Ausbeutung
und Vervollkommnung der natürlichen Erzeugungsfähigkeit
des Bodens genommen. ‚Die Lebensgewohnheiten der diese
Gegenden bewohnenden Naturvölker sind die denkbar ein-
fachsten‘ und anspruchlosesten, und der Gedanke, ihre kör-
perliche Tätigkeit in den Dienst einer anderen Beschäftigung,
als einer auf die Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse ge-
richteten zu stellen, liegt diesen Naturmenschen heute noch
fern. Die Berührung mit der europäischen Kultur hat wohl
in die äußere Betätigung, nicht aber in den inneren Antrieb
        <pb n="17" />
        Geographische Verhältnisse.

und das Wesen der Arbeit dieser Leute einige Anderung
gebracht. Seit sie wissen, daß für Geld Dinge zu haben sind,
die ihrem Wohlbefinden zugute kommen, wie einfache Haus-
haltungs- und Ackergeräte, billige Stoffe für Kleidung, vor
allem aber das beliebte Feuerwasser, haben sie begonnen,
Bodenerzeugnisse in mäßigen Grenzen über den eigenen
Bedarf für den Verkauf herzustellen, um damit die Mittel
zur Erwerbung der ihnen zusagenden Gegenstände zu ge-
winnen. Als einen Fortschritt kann man diesen kleinen Um-
schwung nicht bezeichnen, da von einer inneren Entwickelung
hierbei nicht die Rede ist, man möchte sogar fast das Gegen-
teil annehmen, denn die geringe, mühelose Vermehrung der
Bodenerzeugnisse oder die Gewinnung. von anderen natür-
lichen Erzeugnissen z. B. von Gummi, durch einfache Zer-
störung von Bäumen zum Zwecke der Umsetzung des ge-
wonnenen Saftes in Geld, hat zwar zur Ausdehnung einer
ganz mühelosen körperlichen Tätigkeit, aber zur Einschränkung
der kleinen Hausindustrien, wie Weberei, Töpferei usw. ge-
führt, durch die sich die Eingeborenen früher ihre Kleider-
stoffe, Hausgeräte usw. selbst. herstellten, während sie heute
für das fast ohne Anstrengung erworbene Geld erbärmliche
fertige europäische Einfuhrwaren kaufen, die sie der Mühe
der Herstellung von Stoffen und deren Verarbeitung zu
Kleidern überheben. Zu einer über seine persönliche Be-
dürfnisbefriedigung wesentlich hinausgehenden Tätigkeit ist
der amerikanische Eingeborene nicht zu bewegen, und damit
ist die erste große Schwierigkeit für die Gründung einer
Maschinenindustrie in diesen Gebieten gegeben, nämlich die
Frage nach dem Arbeitermaterial.

An dieser Stelle, wo von den durch die geographische
Lage bedingten klimatischen Verhältnissen die Rede sein soll,
ist diese Frage nur‘ insofern von Bedeutung, als sie zu der
Untersuchung überleiten soll, inwieweit es möglich ist, durch
Heranziehen von Arbeitern aus anderen Klimazonen die für
die Industrie notwendigen Arbeitskräfte zu gewinnen, und ob
solche Arbeiter sich akklimatisieren und dauernd eine Lei-
stungsfähigkeit zeigen können, die ausreicht, um die Industrie
der tropischen Länder des lateinischen Amerika auf die Höhe
der Industrien der gemäßigten Klimagebiete zu bringen. Die
Gefahr, daß die eingewanderten Arbeiter in den Fehler der
Eingeborenen verfallen und unter dem Eindruck der mühe-
losen Gewinnung der Mittel für ihren Lebensunterhalt aus
den reichen natürlichen Bodenerzeugnissen sich dem Nichts-
tun hingeben werden, ist nicht groß, da die Arbeiter nicht
        <pb n="18" />
        Geographische Verhältnisse.
Landbesitzer und ganz auf den Geldlohn ihrer Arbeit an-
gewiesen sind; Es droht vielmehr eine andere : Gefahr,
nämlich die des Verlustes der Leistungsfähigkeit durch die
Einwirkung des ungewohnten Klimas, das zweifellos von
jeher ‚einen lähmenden Einfluß auf die Eingeborenen aus-
geübt hat, wovon eine Beobachtung unzweifelhaft Zeugnis
ablegt. Während die spanisch- portugiesischen Eroberer in
der neuen Welt die sämtlichen Eingeborenen fast durchweg
auf einer sehr niedrigen Kulturstufe vorfanden, stießen sie
an zwei Stellen auf eine für damalige Verhältnisse hoch-
entwickelte Kultur, nämlich in Mexiko bei den Azteken und
in Peru bei den Inka. Beide Stämme bewohnten aber nicht
das tropische Tiefland, sondern große Hochländer, deren
Fruchtbarkeit hinter derjenigen des Tieflandes zurückblieb
und eine nachdrückliche Bodenpflege verlangte, aber gleich-
zeitig mit einem günstigeren kühleren Klima ausgestattet, in
den Bewohnern die für ihre mühsamere Arbeit notwendige
Energie und Ausdauer wachrief. Aus diesen. beiden Eigen-
schaften entstand wohl die hohe Kultur dieser Länder, die
ihren Anfang nahm, als die Bewohner begannen, die Ent-
wickelung der Leistungsfähigkeit des Bodens über das Maß
der lediglich zur Fristung‘ des Daseins bestimmten Bedürfnis-
befriedigung auszudehnen, also ihre Bedürfnisse nicht mehr
einfach dem anpaßten, was die Natur ohne weiteres ihnen
bot, sondern in bewußter Weise die Ausbeutung und Steige-
rung der natürlichen Erzeugnisse zum Zweck der Befriedigung
weitergehender Bedürfnisse unternahmen. War diese unterste
Grenze einmal überschritten, so war für die weitere Ent-
wicklung im ‚Rahmen der gegebenen Verhältnisse eine obere
Grenze nicht mehr vorhanden. Wir sehen hier ein Beispiel
dafür, wie sich die vertikale Gliederung dieser Länder schon
in alten Zeiten zugunsten der den gemäßigten Breiten ent-
sprechenden „tierra templada“ geltend machte. Und wenn
heute die Fabrikindustrie Mexikos an der Spitze der Industrie
der lateinisch- amerikanischen Länder steht, so hat sie dies
nicht zum mindesten den aus den geschilderten Verhältnissen
folgenden Erscheinungen zu danken. Selbstredend hängt
die Entwicklung der wirtschaftlichen und anderen Kultur
nicht nur von den. gegebenen natürlichen Verhältnissen ab,
sonst müßte sie ja bei deren Gleichheit überall dieselbe
Stufe erreichen, sondern sie hängt wesentlich ab von
der Fähigkeit der die Gebiete bevölkernden Bewohner, ge-
gebene Schwierigkeiten zu überwinden und günstige Ver-
hältnisse auszunützen, also von den moralischen Eigen-

U
        <pb n="19" />
        Geographische Verhältnisse.
schaften der Menschen; die ihrerseits wieder aus hier nicht
zu erörternden. Ursachen abzuleiten sind.

Wenn ‚aus den bisherigen Betrachtungen hervorgeht,
daß die Eingeborenen Südamerikas in‘ den rein tropischen
Gegenden sich nirgends zur höherer Kultur erheben konnten,
so wäre nun zu untersuchen, wie die klimatischen Verhält-
nisse der in Frage kommenden Länder auf die Einwanderer
wirken. Die 'ewig feuchtwarme, nur geringen Jahres- und
Tagesschwankungen unterworfene Temperatur, die den un-
endlichen Reichtum des tropischen Wachstums hervorbringt,
ist der größte Feind des. Menschen, denn sie wirkt erschlaffend
und lähmend auf Körper und Geist, schwächt den ganzen
Organismus, raubt dem neuen Ankömmling seine mitge-
brachte Energie und macht ihn empfänglicher für ansteckende
Krankheiten. // Eine Arbeitsleistung, wie sie der Bewohner
der gemäßigten Zone gewohnt ist, kann in -den tropischen
Gebieten ohne dauernde Schädigung der Gesundheit nicht
erzielt werden. /Vom Standpunkt des einzelnen aus ist sie
also unökonomisch, was der Eingeborene instinktiv erkannt
hat, wie seine dem Klima. vollkommen angepaßte Lebens-
weise und Beschäftigung beweist.

Wäre es. nun nicht möglich, im Lauf der Zeit eine von
europäischen Einwanderern- abstammende Bevölkerung zu
schaffen, die an das Klima gewöhnt, die heimatlichen Eigen-
schaften ihrer Rasse auf dem neuen Boden zu betätigen
vermöchte? Mit. dieser Frage haben sich die Franzosen?)
vielfach - beschäftigt. Neben dem acclimatement, d. h. dem
allgemeinen Zustand, der eintritt als Ergebnis des Kampfes
des Organismus mit den neuen Lebensbedingungen, unter-
scheiden sie das acclimatement de Ja rasse oder die ethnische
Anpassung von der individuellen petite acclimatation. Für
die ethnische Anpassung ist maßgebeud, ob ein Leben der
weißen Rasse in den Tropen ohne Schaden und ohne ana-
tomisch- physiologische Veränderungen möglich ist. Die
Antwort auf diese Frage gibt ein Blick auf die Nachkommen-
schaft‘ der in Massen nach dem südlichen Amerika ausge-
wanderten Spanier, die in Argentinien und Chile zweifellos
ihren europäischen Typus und ihre Rasse ziemlich rein er-
halten haben. Aber diese Länder liegen nicht in den Tropen,
sie haben noch, wie auch die tropischen Länder bis auf
etwa elf Grad nördlich und südlich des quators, erhebliche

1) Däubler: „Die Akklimatisation der Tropenbewohner.“
11
        <pb n="20" />
        Geographische Verhältnisse.
Jahresschwankungen der Temperatur und weisen deshalb
bei weitem nicht das schädliche Klima auf, das in der Nähe
des Äquators mit seiner andauernden feuchten Wärme ohne
wesentliche Jahres- und Tagesschwankungen herrscht. In
diesen Gebieten sind fast keine akklimatisierten Europäer zu
treffen und. die dorthin ausgewanderten Spanier und Portu-
giesen, und andere Angehörige europäischer Stämme sind
durch Blutmischung!) so verändert, daß sie nicht mehr viel
Ähnlichkeit mit dem Menschentypus ihres Stammlandes haben.
Man muß sich geradezu wundern, daß die einheimische euro-
päische Bevölkerung der tropischen Länder Amerikas über-
haupt noch mit dem‘ Namen Europäer bezeichnet wird,
denn diese Mischrasse hat mit dem wirklichen Europäer
nur noch sehr wenig gemein.

Diese auf eine Jahrhunderte dauernde Entwickelung
sich stützende Beobachtung muß also die Frage nach der
Möglichkeit der Akklimatisierung von Europäern in den
/Tropenländern in verneinendem Sinne beantworten, und da-
mit ist die zweite Schwierigkeit für die Entwickelung einer
Fabrikindustrie in diesen Ländern gegeben, indem weder die
akklimatisierten Eingeborenen als Arbeiter zu verwenden
sind, noch mit eingewanderten Arbeitern eine Arbeitsleistung
erzielt werden kann, die eine entstehende Fabrikindustrie
wettbewerbsfähig mit den europäisch - nordamerikanischen
Industrien machen könnte, ‚wobei allerdings nicht übersehen
werden darf, daß schon die Entstehung einer einigermaßen
leistungsfähigen, den noch ziemlich geringen Bedarf : dieser
meist mit geringwertigen Erzeugnissen befriedigten Bevölke-
rungen leidlich deckenden Landesindustrie die Ausfuhr der
alten Industrieländer nach diesen Gebieten erheblich schädigen
könnte.

Haben die bisherigen Betrachtungen zwei sich wider-
sprechende Wirkungen des tropischen Klimas ergeben, in-
dem sein außerordentlich günstiger Einfluß auf das Wachs-
tum und damit auf die Erzeugung wertvoller industrieller
Rohstoffe aufgehoben wird durch seine unheilvolle Einwir-
kung auf den Menschen, die notwendige lebendige Kraft in
der Maschinenindustrie, so wird die Wage endgültig zu un-
gunsten der Tropen herabsinken, wenn man neben. ihre
Hemmung der menschlichen Leistungstähigkeit und die
daraus entspringende Unfähigkeit, die tropischen Erzeugnisse

1) Däubler: Die Akklimatisation der Tropenbewohner.
12
        <pb n="21" />
        Geographische Verhältnisse. _

voll nutzbar zu machen, noch die schädlichen Wirkungen
stellt, die das feucht-warme Klima auf den Betrieb der
Industrie ausüben muß. So hat sich herausgestellt, daß in
den feuchtwarmen Gegenden es kaum möglich ist, be-
deutende Störungen in den Gärungsprozessen‘) zu ver-
hindern, da man z. B. in den Bierbrauereien wegen der in
großer Zahl in der Luft vorhandenen Sporen wilder Hefe-
arten und Bakterien die Hefe in Gärbottichen nur schwer
rein erhalten kann. Aus ähnlichen Gründen ist die An-
fertigung von Konserven sehr schwierig, da unter der Ein-
wirkung der feuchten Wärme die Fäulnis so schnell eintritt,
daß man kam imstande ist, abgepflückte Früchte zu ver-
arbeiten, ehe sie verderben. Verschiedene chemische Ver-
fahren, sowie die Holz- und Möbelindustrie leiden besonders
unter der Wärme und dem Mangel an Trockenheit der Luft,
ebenso werden hölzerne und eiserne Baumaterialien von der
Tropenatmosphäre angegriffen. Ferner leidet das Fabrik-
material?) sehr unter dem Klima, indem die Maschinen bei
nur kurzem Stillstand stark rosten. Vielfach muß daher
manches statt aus dem billigeren Eisen oder Stahl aus teurem
Messing angefertigt werden, um vor zu rascher Zerstörung
bewahrt zu bleiben. Ein großer Übelstand sind auch die
massenhaft auftretenden Insekten, die alles auffressen, was
nicht aus Stein oder Metall gefertigt ist. Endlich spielen
auch noch die Natur- oder Elementarereignisse eine Rolle,
von denen die gemäßigte Zone im allgemeinen verschont
bleibt, wie Orkane, Überschwemmungen, Mißwachs, Dürre.
Die Schwierigkeit der Urbarmachung des tropischen Wald-
landes und die Anlegung und Erhaltung von Verkehrswegen
sind auch in- ihrer hemmenden Einwirkung auf die Ent-
stehung der Industrie nicht zu unterschätzen.

Da aber der rastlos schaffende Geist und der Erwerbs-
sinn des Menschen nicht gewohnt sind, eine in der Natur
sich bietende Schwierigkeit einfach als eine unabänderliche
Tatsache hinzunehmen und die von der Mutter Erde bereit-
willigst angebotenen Schätze ohne weiteres ungenützt preis-
zu geben, statt sie zum Vorteil der gesamten Menschheit
und des einzelnen Unternehmers nutzbar zu machen, So
wurde natürlich nichts unversucht gelassen, um die durch
klimatische Einflüsse entstehenden Hemmungen auf irgend-
welche Weise unschädlich zu machen. Nicht umsonst nahm

1) Preyer:]Überseeische Aktiengesellschaften und Großbetriebe.
Seite 132.

2) Schilder: Die Tropen in der Weltwirtschaft.
13
        <pb n="22" />
        5 Geographische Verhältnisse.
man seine Zuflucht zu der Technik und zog ihre, in ‚der
Hauptsache gebändigte und nutzbar gemachte Naturkräfte
darstellenden Kraftäußerungen zum Kampfe gegen die
noch ursprünglichen, ungezähmten Naturkräfte heran.
Waren Wärme und Luftfeuchtigkeit die Feinde der indu-
striellen Erzeugung, so galt es, sie zu bekämpfen, und
das geschah in ‚erster Linie durch die künstliche Kälte-
erzeugung und die Elektrizität!). Seitdem es gelungen ist,
in den Tropen Eis und Kühlung: künstlich herzustellen und
damit auch eine gleichmäßige, dem Bedürfnis entsprechende
Temperatur in großen Räumen zu erzeugen und zu erhalten,
seit es möglich wurde, die Trockenheit und Feuchtigkeit in
den Arbeitsräumen zu regeln, seit die Einrichtung des elek-
trischen Lichtes und der mechanischen Luftbewegung durch
Gebläse, Fächer usw. die Milderung der Tropenhitze in ge-
schlossenen Räumen bis zu einem gewissen Grade ermög-
licht hat, sind einerseits die schädlichen Einflüsse des feucht-
warmen Klimas auf gewisse Industrien, wie Brauerei,
Spinnerei, Holzarbeit, bedeutend verringert, andererseits ist
aber auch für die Arbeiter die Möglichkeit gegeben, unter
erträglichen, vom Klima. weniger beeinflußten Verhältnissen
eine bessere Arbeitsleistung ohne Gefährdung der Gesund-
heit zu erzielen. Da aber durch diese segensreichen Ein-
richtungen. die Arbeiter nur während der Arbeitszeit in den
gekühlten Räumen den schädlichen Einflüssen entzogen sind,
während der übrigen Zeit aber dessen Unbilden schutzlos
preisgegeben bleiben, ist man auch mit Erfolg bemüht ge-
wesen, die Vorteile der mödernen sanitären Einrichtungen
und die Transportmittel zur Hebung und Erhaltung des Ge-
sundheitszustandes der Europäer heranzuziehen, indem man
dem Arbeiter sachgemäß ‚eingerichtete Wohnungen in ge-
sunden, hochgelegenen Orten zur Verfügung stellte und diese
durch elektrische und Dampfbahnen mit den Oft in unge-
sunden Niederungen gelegenen Fabriken verband. Auf diese
Weise wurde es möglich, in Gegenden, die man früher
klimatisch als gänzlich ungeeignet für die Gründung von
Fabrikindustrien bezeichnet hätte, so namentlich in den
subtropischen Gebieten, fabrikmäßige Betriebe entstehen zu
lassen, die es zu einer recht, achtbaren Leistungsfähigkeit
gebracht haben. In den tropischen Ländern, in denen der
Kampf mit den schädlichen Einflüssen des Klimas viel um-
” v. Halle: Die klimatische‘ Verteilung der Industrie S. 14 ff.
Kundt: Die Zukunft unseres Überseehandels S. 16 ff.
4
        <pb n="23" />
        Geographische Verhältnisse.
fangreichere und kostspieligere. Anlagen im Sinne der vor-
stehenden Ausführungen erfordert, ist man mit derartigen
Einrichtungen zur Hebung der Fabrikindustrie, wie mit dieser
selbst, noch weit zurück.

Durch vorstehende Ausführungen ist einer der Gründe
dafür gegeben, daß die Industrie in den tropischen und auch
in dern klimatisch nicht so sehr benachteiligten subtropischen
Ländern des lateinischen Amerika so lange rückständig blieb.
Gleichzeitig ist aber damit auch die Möglichkeit dafür dar-
getan, daß diese Entwickelung mit Hilfe der Technik vom
klimatischen Gesichtspunkte aus möglich ist, falls die vielen
anderen, hierbei mit in Rechnung zu ziehenden Umstände
keine unüberwindlichen Hindernisse darstellen.

Ein weiterer schwerwiegender, aus der geographischen
Lage zu erklärender Grund für die industrielle Rück-
des lateinischen Amerika ist der Umstand, daß ‚diese
sämtlichen Länder, wie alle Länder der ‚heißen Zone,
nur sehr dünn‘) bevölkert waren und seither infolge
des sehr langsamen Fortschreitens der Kultur auf ihrem
Boden, noch wenig über: den ursprünglichen Zustand hin-
ausgekommen sind. Es ist ein seltsames, schon be-
sprochenes Naturschauspiel, daß, wo die Natur ihre Gaben
am reichlichsten spendet, der Mensch am wenigsten Trieb
hat, sich zu höherer Kultur emporzuschwingen. Die Frucht-
barkeit des Bodens allein vermag aber nicht, eine dichte
Bevölkerung hervorzurufen, denn sie kann ohne zahlreiche
Arbeitskräfte nicht ausgenutzt werden und vermag nur eine
beschränkte Anzahl von Menschen unmittelbar zu ernähren.
Da ’aber gerade die freigebige Tropennatur den Menschen
zu wenig Antrieb gibt, dem Boden durch Arbeit zu Hilfe
zu kommen, so bleibt die natürliche Bodenerzeugung eben
nur für die ursprüngliche dünne Bevölkerung ausreichend
und von einer Zunahme ‚der Eingeborenen ist nicht die
Rede.

Die lateinisch -amerikanischen Länder sind ein schlagen-
der Beweis für die Einwirkung des Klimas auf die Dichtig-
heit der Bevölkerung?) in zweierlei Hinsicht: zunächst dafür,
daß die tropischen Länder dünner bevölkert sind als die
subtropischen und gemäßigten. Z. B. hat Brasilien die
dünnste Bevölkerung im Amazonasgebiet, die dichteste,

1) Vgl. Ratzel: Anthropogeogr. Band II, S. 204 u. f.

2) Vgl. Ratzel: Anthropogeogr. Band Il, S. 266 u."f.
15
        <pb n="24" />
        "Geographische Verhältnisse.

außer in der durch die reichbevölkerte Hauptstadt be-
günstigten Provinz Rio de Janeiro, in der südlichen Provinz
Sao Paulo. Ferner dafür, daß die vertikale Gliederung ge-
rade in heißen Ländern eine große Rolle spielt. Wie schon
früher erwähnt, heben die hochgelegenen Gebiete weite
Landstriche in ein gemäßigtes Klima hinauf, und wir finden
auf der Hochebene Mexikos, auf der die alte Kultur der
Tolteken und Azteken erblüht war, die Bevölkerungsdichte
Spaniens!), während die tiefliegenden tropischen Gebiete
dünn bevölkert sind. Daß die Schaffung einer einigermaßen
wirksamen Fabrikindustrie eine gewisse Bevölkerungsdichte
zur Voraussetzung hat, zeigt die Entwickelung der alten
Industrieländer, ebenso zeigt aber die Bevölkerungsstatistik
der lateinisch - amerikanischen Staaten, daß viele derselben,
besonders die tropischen, dieses Mindestmaß noch nicht er-
reicht haben und bei nur einigermaßen planmäßiger Boden-
bebauung keine Menschenkraft mehr für die Einrichtung der
Industrie zur Verfügung stellen können.

Wie diese wichtige Frage der Beschaffung eines aus-
reichenden Arbeitermaterials für die Fabrikindustrie zu lösen
ist, vermag noch niemand zu sagen. Die subtropischen
Länder mit ihrer ergiebigen europäischen Einwanderung
sind ja entschieden in dieser Beziehnung besser gestellt.
In Brasilien wendet sich die Einwanderung vorzugsweise
dem gemäßigten Süden zu; die tropischen Teile dieses und
die übrigen tropischen Länder Süd- und Mittelamerikas
werden zunächst von der europäischen Masseneinwanderung
noch gemieden, und, da ihre eingeborene Bevölkerung lang-
sam zurückgeht, so sind ihre Aussichten nicht sehr günstig.
Sind die Bewohner einzelner tropischer Länder doch nicht
einmal imstande, nur ihre eigenen Nahrungsmittel dem
Boden abzugewinnen, obgleich dieser bei richtiger Pflege
alles in Fülle liefert. So schreibt Sievers?), daß in Vene-
zuela, wo der Reis den Hauptbestandteil der Nahrung der
Bevölkerung bildet, der Reisbau nur etwa 1% der ver-
brauchten Menge liefert, während 99°. von den Vereinigten
Staaten und von Europa eingeführt werden. Ahnlich, wenn
auch nicht so schlimm, steht es mit dem Mais. In solchen
Ländern, die nicht einmal imstande sind, die Fruchtbarkeit
des Bodens für die Ernährung der Bevölkerung auszunützen,
und für diese jährlich bedeutende Summen an das Ausland

1) Ratzel: Anthropogeographie Band.Il, S. 211.

2) Sievers: Venezuela S. 117.
16
        <pb n="25" />
        Geographische Verhältnisse.
bezahlen, wird es noch auf unabsehbare Zeit hinaus für die
Industrie an Arbeitskräften und an Kapital fehlen.

Wo man aber, besonders in den subtropischen Ländern,
z. B. in Argentinien, eine starke Erweiterung und Steigerung
der Bodenerzeugung und damit die Möglichkeit für die Er-
nährung einer wachsenden Bevölkerung findet, ist sie nicht
den Eingeborenen, sondern eingewanderten Weißen zu ver-
danken. Zunächst freilich übersteigt hier die Zunahme der
jährlich gewonnenen Bodenerzeugnisse die Vermehrung der
Bevölkerung sehr ‚bedeutend und es kann ein ungeheuerer
Überschuß an Feldifrüchten alljährlich für die Ausfuhr und
Kapitalbildung verfügbar gemacht werden. Aber es ist doch
der Beweis dafür geliefert, daß der Boden bei richtiger Be-
bauung und Ausnutzung einer ins Vielfache vermehrten Be-
völkerung Nahrung zu geben imstande sein wird. Und
eine solche Vermehrung ‚der Bevölkerung muß kommen,
wenn die Fabrikindustrie sich in fühlbarer und wirksamer
Weise entwickelt. Wir haben dafür die besten Beweise in
den eigenen Verhältnissen; erst unter der Einwirkung der
aufblühenden Fabrikindustrie hat sich unsere Bevölkerung im
ganzen so stark vermehrt und im einzelnen sich in den
dichtesten Massen an den Stellen gehäuft, wo der Boden
die Hauptstoffe für die Maschinenindustrie, Kohle und Eisen,
liefert. Eine solche Zusammendrängung von Menschen auf
engen Räumen, die nur einen kleinen Bruchteil ihrer Be-
wohner aus ihren Bodenerträgnissen zu ernähren vermögen,
ist nur durch die Kultur ausführbar geworden, die den
Menschen unabhängig von der Natur macht, indem sie
durch die Verkehrsmittel die Möglichkeit geschaffen hat,
die Nahrungsmittel für jede beliebige Bevölkerungszahl von
auswärts heranzuführen.

3. Verkehr.

Der Verkehr wiederum steht in engem Zusammen-
hang mit der Bedeckung des Bodens und mit dem Be-
dürfnis nach Verbindungen im Innern und mit anderen
Ländern. . Im lateinischen Amerika finden wir verkehrs-
hemmend einmal die sehr ausgesprochene Gebirgsbildung
in. Mexiko, Mittelamerika und im Westen von Südamerika,
und dann die Bedeckung weiter Flächen mit undurchdring-
lichen Urwäldern. Das Hindernis der hohen Andenkette ist
schon den Angriffen der Technik bis zu einem gewissen

vv Gemmingen, Entwickelung der Fabrikindustrie. 7
        <pb n="26" />
        Geographische Verhältnisse.
Grade erlegen, indem mit der größtenteils fertiggestellten,
Buenos-Aires mit Valparaiso verbindenden Eisenbahn eine
Verkehrslinie quer durch den Kontinent vom ‚Atlantischen
zum Stillen Ozean geschaffen werden. soll, während außer
dieser eine Anzahl kürzerer Stichbahnen in den verschiedenen
Ländern der pazifischen Küste zu beträchtlichen Höhen der
Anden emporführen und deren vielfach ertragreiche Gebiete
mit dem Meere verbinden. Solche Anlagen sind, da die
Technik sie auszuführen imstande ist, verhältnismäßig leicht,
sobald das nötige Kapital zusammengebracht ist, das viel-
fach vom Auslande hereinströmt. Anders liegt der Fall bei
der Beseitigung oder Durchquerung der Urwälder und deren
Erschließung für die wirtschaftliche Nutzbarmachung. Bei
dieser Frage tritt recht deutlich ein Umstand in die Erschei-
nufig, von dem später noch eingehender die Rede sein wird,
der aber hier schon nicht außer acht gelassen werden darf,
wenn. man die ganze Entwickelung der lateinisch- amerika-
nischen Länder verstehen will. Wenn auch diese keine
Kolonien mehr sind, sondern unabhängige selbständige
Staaten, in deren Verband die Ureinwohner mit aufgenommen
sind, so kann trotzdem von gemeinsamen wirtschaftlichen
Interessen zwischen den beiden entgegengesetzten Bevölke-
rungselementen, nämlich dem die Kultur vertretenden und
verbreitenden europäischen Element einerseits und der Ur-
bevölkerung andererseits nicht die Rede sein. Die Indianer
hängen an ihrem Grund und Boden, an ihrem Wald; die
Ausdehnung der Kultur durch die Europäer, wie z. B. die
Urbarmachung großer Landflächen für den Ackerbau, ver-
drängt die Indianer von ihrem Besitz, nimmt ihnen ihre
Lebensbedingungen, und führt sie dem Untergang entgegen,
der z. B. in Argentinien deutlich zutage tritt, wo wir die
Pampas heute fast frei von den sie früher bewohnenden
Stämmen finden. Besonders empfindlich sind die Waldvölker,
die in ihren Daseinsbedingungen derart mit dem Walde ver-
wachsen sind, daß sie mit ihm zugrunde gehen müssen.
Ratzel!) sagt darüber: „Es treten Völker in so enge Be-
rührung mit dem Wald, daß dessen Natur sich in ihr ganzes
Dasein verflicht und sogar in ihrem körperlichen Dasein
Spuren hinterläßt. Dadurch entstehen Völker und ganze
Kulturformen, die man sich nur mit einem mächtigen, über-
schattenden Walde als Hintergrund denken kann. Der bra-
silianische Waldindianer gehört zum Wald und verschwindet
') Ratzel: Anthropogeographie Il. 1884 S. 470.
18
        <pb n="27" />
        Geographische Verhältnisse.
mit ihm. Der Wald zersplittert solche Völker in kleine
Völkchen, läßt keine starken politischen Organisationen auf-
kommen, erschwert den Verkehr und hält die Entwickelung
von Ackerbau und Viehzucht auf.“

Für die teilweise mächtig aufstrebenden lateinisch-
amerikanischen Staaten gibt es aber, wie für alle übrigen
Staaten, zur Entwickelung und Erhaltung ihrer Daseins-
bedingungen nur den Fortschritt, die äußerste Ausnutzung
aller natürlichen Hilfsquellen, die nicht Halt machen darf
vor dem rein menschlichen Gefühl, den Besitz und die
Eigenart der Ureinwohner schonen zu müssen, die sich in
ihrer bisherigen Daseinsform in ein modernes, mit dem
Wirtschaftsleben der Kulturländer der Alten Welt in Weitt-
bewerb tretendes Staatswesen, in dem jeder einzelne zur
Schaffung von Kulturwerten beitragen muß, nicht einfügen
lassen. Es bleibt also für die Eingeborenen nichts übrig,
als sich der vordringenden Kultur anzupassen, oder wenn
sie dies nicht vermögen, in aussichtslosem Kampfe gegen
diese zugrunde zu gehen.

Sehen wir nun im tropischen Amerika den Wald, be-
sonders da, wo er noch Urwaldcharakter trägt, ein voll-
ständiges Hindernis für den Verkehr, andererseits aber durch
seinen Reichtum an kostbaren Hölzern und Gummi ein
reiches Feld für die Gewinnung wertvoller industrieller Roh-
stoffe bilden, so wird ohne weiteres klar, daß der Indianer
einer geregelten wirtschaftlichen Ausbeutung der Wälder
wird weichen müssen, wenn auch diese in ihrem Bestande
sicherlich so lange geschont werden, bis die Zunahme der
Bevölkerung eine Vermehrung der bewohnbaren Räume und
eine Erweiterung des in Kultur zu nehmenden Landes er-
fordert. Die Art und Weise, wie solche Bewegungshindernisse
dem Verkehr. zugänglich gemacht werden müssen, zeigt
ein Blick auf die Entwickelung des Verkehrs bei alten Kultur-
völkern!). Diese haben, während der heutige Verkehr in
den Mitteln der Ortsveränderung gipfelt, die Verkehrs-
möglichkeit hauptsächlich durch Anlegung guter Straßen
und Wege geschaffen, wie sie in den Ländern der Tolteken
und Inka gefunden wurden. Die Naturvölker dagegen haben
nur Pfade, keine Straßen, nirgends brauchbare Brücken, kein
zweckmäßiges Wegenetz. Es wird also die Aufgabe der
beteiligten Länder in erster Linie darin bestehen, die Wälder
für die wirtschaftliche Ausnutzung zugänglich zu. machen

1) Ratzel: Anthropogeographie Il. 1882 S. 127 u. f.
) 10
        <pb n="28" />
        Geographische Verhältnisse.
und ihnen den Charakter einer unüberschreitbaren Grenze
gegen die Nebengebiete zu nehmen. Ferner werden aber
auch die weiten anderen, wegen ihrer Abgelegenheit der
wirtschaftlichen Ausnutzung entzogenen Gebiete durch An-
legung von Verkehrswegen erschlossen und umgekehrt der
Warenverteilung zugänglich gemacht werden müssen. Die
Entwickelung der Verkehrsmittel wird sich dann den Fort-
schritten des Verkehrs von selbst anpassen.

Es sind also von den lateinisch-amerikanischen Ländern
noch umfangreiche Kulturaufgaben zu lösen, die der Ent-
stehung der Fabrikindustrie gewissermaßen den Boden zu
bereiten haben, da es dieser durch die Wegbarmachung
des Landes ermöglicht werden muß, die wegen der Un-
wegsamkeit noch vielfach ungenützt verkommenden Roh-
stoffe heranzuziehen, andererseits ihre Erzeugnisse mit ge-
ringeren Transportkosten dem ganzen Staatsgebiet und der
Ausfuhr zugänglich zu machen.

® ©

20
        <pb n="29" />
        ES \ Il. Geschichtliche N
‘ax
© | Verhältnisse.

Hat die bisherige Betrachtung der klimatisch-geogra-
phischen Verhältnisse der lateinisch- amerikanischen Länder
gezeigt, welche Bedingungen die Natur den kolonisierenden
Eroberern und später den selbständig gewordenen Staaten-
gebilden für die wirtschaftliche Entwickelung bot und bietet,
so soll eine kurze Betrachtung der geschichtlichen Verhält-
nisse zeigen, inwieweit der heutige wirtschaftliche Zustand
der in Rede stehenden Länder ein Ergebnis dessen ist, was
der Mensch aus den gegebenen natürlichen Bedingungen
zu machen verstand. Diese Aufgabe kann selbstredend erst
mit dem Zeitpunkt beginnen, an dem Amerika durch die
Berührung mit Angehörigen alter Kulturländer in den Kreis
der Kulturverbreitung hereingezogen wurde, und deshalb ist
unter dem Menschen der kolonisierende europäische Kultur-
mensch zu verstehen, denn. ganz sich selbst überlassen, hätte
der eingeborene Indianer, wie heute noch viele Beispiele
zeigen, aus seinem. geistigen und kulturellen Tiefstande heraus
den Kontinent keinen Schritt auf der Bahn der Entwickelung
vorwärts zu führen vermocht und selbst für die Mitwirkung
an der Kulturarbeit der Europäer erwies er sich mit wenigen
Ausnahmen als durchaus ungeeignet, so daß man im latei-
nischen Amerika die gesamte, wenn auch noch nicht sehr
glänzende wirtschaftliche Entwickelung auf Rechnung der
europäischen geistigen und vielfach auch körperlichen Leistung
setzen muß.

Das ganze Gepräge der wirtschaftlichen Zustände im
lateinischen Amerika trägt heute noch so sehr den Charakter
der ersten Zustände nach dem Erscheinen der Europäer,
daß die Frage nicht ungerechtfertigt erscheint, wie die Dinge
sich damals gestaltet haben und weshalb in dem langen
Zeitraum von 400 Jahren nur ein ‘so geringer Fortschritt
verzeichnet werden kann.

Zunächst ist es auffallend, daß ein so riesiges Gebiet,
wie das heutige lateinische Amerika durch eine geringe
Zahl von Europäern und in kurzer Zeit unterworfen
werden konnte. Der Grund dafür liegt in, der im vorigen
ZA
        <pb n="30" />
        Geschichtliche Verhältnisse.

Abschnitt besprochenen Dünne der Bevölkerung kulturarmer
Gebiete, die in einzelne kleine Völker gegliedert, jeden poli-
tischen Zusammenhanges entbehrten. So kam es, daß die
europäischen Eroberer trotz ihrer an sich geringen Anzahl
dem einzelnen kleinen, Stamme gegenüber in der Überzahl
waren!) und dank der völligen staatlichen und politischen
Zusammenhangslosigkeit der Gesamtbevölkerung nie einen
im großen eingerichteten Widerstand zu befürchten hatten.
Für eine solche Erhebung zu gemeinsamer Abwehr fehlten
den amerikanischen Stämmen alle moralischen Vorbe-
dingungen.

War diese Dünne der Bevölkerung des Landes für
dessen Eroberung ein Vorteil, so wurde sie zum Nachteil
für die Ausbreitung der zunächst materiellen Kultur, denn
sie ist immer, wie schon gezeigt, mit großem geistigem Tief-
stande und einem völligen Mangel an jedem staatlichen Ge-
füge verbunden, so daß alle Versuche zur Einführung von
Neuerungen und Verbesserungen, Ausdehnung der Urbar-
machung, Steigerung der Produktion über das eigene Be-
dürfnis hinaus, also jeder Fortschritt, an dem Menschen-
mangel scheitern mußte. Freilich hätten durch Zufuhr von
Menschenkraft, also durch Einwanderung, die gewonnenen
Gebiete auf eine höhere Stufe wirtschaftlicher Leistung empor-
gehoben werden können, allein eine solche Einrichtung
entsprach 'nicht der Art der Kolonisation, wie sie von den
iberischen Mutterländern ausgeübt wurde, und war, soweit
die tropischen Teile Amerikas in Betracht kommen, damals
noch weniger möglich als heute.

Über das Wesen der Kolonisation oder der Kolonien
sind verschiedene Erklärungen aufgestellt worden, die aber
das Wesen des im lateinischen Amerika angewendeten Ver-
fahrens nicht ganz erschöpfen. Schmoller®) versteht unter
Kolonien im weiteren Sinne vom Mutterland getrennte, von
ihm in irgendwelcher Rechtsform abhängige Gebiete, die
in erheblicher Entfernung, auf niedriger wirtschaftlicher Stufe
stehend, durch ihre Abhängigkeit vom Mutterlande diesem als
wirtschaftliche Glieder dienen. Volkswirtschaiftlich unterscheidet
er, je nach dem wirtschaftlichen Hauptzweck Ackerbau- und
Pflanzungs- (Kultivations-) Kolonien. Ackerbaukolonien der
Europäer müssen in gemäßigtem Klima liegen, um für Siede-

1) Ratzel: Anthropogeographie II. S. 272. .
A On der Allgemeinen Volkswirtschaftslehre I. Teil,

27
        <pb n="31" />
        Geschichtliche Verhältnisse.

lungen geeignet zu sein; Pflanzungskolonien liegen in heißem
Klima, suchen mit eingeborenen Kräften die Produktion des
Südens zu erzeugen, dem Kapital und den führenden Kräften
des Mutterlandes Beschäftigung und Gewinn zu verschaffen.
Weber!) nennt Kolonien auswärtige Ergänzungen des
Mutterlandes durch Absplitterung kompakter Bevölkerungs-
massen, Kultivationen Ergänzungen des Mutterlandes.durch
Übertragung von gewissen Kulturelementen auf andere Län-
der... Andere nennen Kolonisation Angliederung fremden
Besitzes, Kultivation die Erziehung fremder Völker zur
Kultur.

Wenn man auch, wie die heutigen Verhältnisse be-
weisen, die im subtropischen Gebiete gelegenen Teile des
lateinischen Amerika mit vollem Rechte zu den Ackerbau-
kolonien rechnen könnte, so hat doch der Gang der Ereig-
nisse die sämtlichen spanisch- portugiesischen Besitzungen
in Amerika zu Kultivationen gestempelt, deren Erklärung
Schmoller zweifellos am zutreffendsten gibt, indem er den
selbstsüchtigen, habgierigen Grundzug der Kultivation be-
tont;, während die übrigen Erklärungen noch einen idealen,
erziehlichen Zug hervorheben, der in dem Begriff der Kultur-
übertragung liegt. Aber gerade. das Fehlen dieser Seite in
der Kolonisation ist der Grund, weshalb die lateinischen
Kolonien in Amerika heute noch einen so bedeutenden
wirtschaftlichen und kulturellen Tiefstand aufweisen. Wenn
man sich nämlich die im I. Abschnitte geschilderten Ein-
{lüsse des Klimas auf die Eingeborenen vergegenwärtigt, So
erkennt man ohne weiteres, daß es von seiten der Europäer
der Entfaltung ganz besonderer Mühe und Geduld bedurit
hätte, um durch allmähliche, den klimatischen Bedingungen
angepaßte Erziehung und Gewöhnung der Indianer an eine
geregelte Bodenbearbeitung einen festen, dauerhaften Grund
zu legen, auf dem die wirtschaftliche Entwickelung dieser so
unendlich ertragsreichen Gebiete sich aufbauen konnte. Dazu
wäre aber vor allem eine enge Berührung der Weißen mit
den Eingeborenen nötig gewesen, die jedoch, außer in Mexiko,
nirgends eintrat. Die Indianer wurden einfach zu der schweren
Arbeit in den Plantagen und Bergwerken gezwungen und
als sie den ungewohnten Anstrengungen massenhaft erlagen,
durch eingeführte Negersklaven ersetzt, weil aus klimatischen
Gründen die Masseneinwanderung von Weißen in Südamerika

1) Zur wirtschaftlichen Lage in den tropisch - amerikanischen
Staaten. In Schmollers Jahrbüchern 25. Jahrgang.
22
        <pb n="32" />
        Geschichtliche Verhältnisse.

nicht möglich war, die Arbeitskräfte also, da es sich um die
Gewinnung der wertvollsten Erzeugnisse handelte, auf an-
derem Wege gewonnen werden mußten. Auch war die im
Verhältnis zu der riesigen Ausdehnung. der gewonnenen
Länder verschwindend kleine Zahl der Europäer kaum im-
stande, eine Durchdringung der eingeborenen Bevölkerung
mit ihrer Kultur durchzuführen. Immerhin hätte aber viel
mehr in dieser Beziehung geleistet werden können, wenn
nicht nur augenblicklich hoher Gewinn, sondern eine plan-
volle, im Blick auf die Zukunft ausgeführte Ausnutzung und
Hebung des neu. gewonnenen Besitzes das Ziel der Koloni-
sation gewesen wäre.

Allerdings darf nicht außer acht gelassen werden, daß
die Aufgabe, die sich die beiden europäischen Seemächte
mit der Kolonisation ihres amerikanischen Besitzes gestellt
hatten, über ihre Kräfte ging, sofern man den heutigen Maß-
stab der Kolonialwirtschaft an ihre damalige Tätigkeit an-
legen will. Sie waren vor die.Aufgabe gestellt worden, mit
einer kleinen Anzahl von Menschen die ungeheueren neuen
Gebiete mit ihrer kulturell sehr tief stehenden, teilweise
wilden Bevölkerung beherrschen und entsprechenden Ge-
winn aus dem mit großen Opfern errungenen Besitz ziehen
zu müssen. Es ist also ganz erklärlich, wenn man diesen
nur als einen Gegenstand der wirtschaftlichen Ausbeutung
unter Anwendung schonungslosester Gewalt und daneben
als ein Feld gewaltsamer Christianisierung ansah. Den Be-
griff der Ackerbau- oder Siedelungskolonien, den wir heute
in die theoretische Einteilung der Kolonien aufgenommen
haben, kannte man damals noch nicht aus dem einfachen
Grunde, weil die Bevölkerungen der europäischen Kolonial-
mächte noch keinen Überschuß aufwiesen, den man, um die
Arbeitskraft der Landeskinder dem Staate zu erhalten, in die
Kolonien hätte ableiten können. Erst die Besiedelung Nord-
amerikas durch die Engländer stellte die erste Kolonisation
in der Form der Massenauswanderung und namentlich, was
hiefür das bezeichnende ist, der.Familienauswanderung von
Europäern aus dem Mutterlande dar, die jedoch aus einem
ganz anderen als dem eben erwähnten Grunde erfolgte.
Viel später erst begann mit dem starken Wachstum der
europäischen Bevölkerung die Gründung von Ackerbau-
kolonien und die Ausgestaltung der schon gewonnenen
überseeischen Kolonien zu Siedelungskolonien durch Ab-
leitung der Auswanderung in diese Gebiete.

3

'4
        <pb n="33" />
        Geschichtliche Verhältnisse.

Wenn nun auch die amerikanischen Kolonien unge-
heueren Gewinn abwarfen und Spanien unter Karl V. durch
die wertvollen Lasten der Silberflotten das reichste Land
Europas wurde, so steht doch das Ende dieses kolonialen
Aufschwungs in grellem Gegensatz zu “dem glanzvollen An-
fang und zwar infolge der falschen Kolonialpolitik des Mutter-
Jandes. Sie betrachtete es als ihre Hauptaufgabe, neben der
Einrichtung der Kolonien den Handel. aus diesen mit Europa
zu regeln und zwar in der Weise, daß der besitzende Staat
alle Vorrechte oder eigentlich das Handelsmonopol für sich
haben wollte. Die merkantilistischen Auffassungen beherrsch-
ten damals alle wirtschaftlichen Maßnahmen der Staaten,
aber sie wurden in verschiedener Weise gehandhabt. Eng-
land und Holland z. B. ließen sich gleichfalls hinreißen,
durch Gewalt und Ausbeutung der Kolonien Reichtümer zu
sammeln, aber sie versäumten dabei‘ die auf Hebung der
Volkswirtschaft gerichtete und damit wieder die Kolonien
befruchtende innere Arbeit nicht, die man bei den Seemächten
der iberischen Halbinsel vermißt. Während die erstgenannten
Kolonialmächte ihren neuen Besitz als Handels- und Absatz-
gebiet ansahen, ihre Industrien für den Absatz in die Kolo-
nien vermehrten und den Absatz dorthin monopolisierten,
versäumten Spanien und Portugal solche auf Hebung des
Wohlstandes im Mutterlande gerichtete Maßregeln der Kolo-
nialpolitik. Für sie waren die amerikanischen Kolonien
nichts als ein Gebiet, wo der Adel und die Kirche sich be-
reichern, wo man eine Menge von Beamten anstellen konnte.
Auf die ‚inneren Verhältnisse, wie z. B. dieı Hebung und Er-
weiterung der Industrie der beiden Länder, blieb die Kolonial-
politik ohne jeden fördernden Einfluß. Die Ausfuhr spani-
scher Waren in die Kolonien wurde vielfach verboten, damit
sie in Spanien selbst nicht zu teuer würden und So wurde
der Bedarf an europäischen Waren für. das lateinische Amerika
von anderen Ländern meist auf dem Wege des Schmuggels
geliefert. Ebensowenig wurde in den Kolonien eine wirt-
schaftliche Ausbeutung der Naturschätze versucht, sondern
diese, wie z. B. Gummi und die kostbaren Hölzer, lediglich
durch das Gegenteil von Kulturarbeit, nämlich den Raubbau
gewonnen, der der Bevölkerung keine neuen Hilfsquellen
eröffnet, sondern alte zerstört!). Selbstredend konnten die
Kolonien unter einem solchen nur der Gewinnsucht ent-
sprungenen System nicht gedeihen, und. so kam es, daß das

1) Ratzel: Anthropogeographie II. S. 266.
25
        <pb n="34" />
        Geschichtliche Verhältnisse.
lateinisch-amerikanische Reich, als es sich am Anfang des
vorigen Jahrhunderts von seinen durch falsche Anwendung
des Merkantilismus und die Übertreibung der Monopole zu-
grunde gehenden Mutterländern loßriß, wirtschaftlich kaum
höher stand als näch der Zeit der Eroberung durch die
Spanier und Portugiesen, während an seinen Grenzen die
auf der gleichfalls fehlerhaften und engherzigen, aber doch
viel kräftigeren englischen Kolonialpolitik entstandenen Ver-
einigten Staaten von Nordamerika damals schon alle Keime
für einen großen ‚wirtschaftlichen Aufschwung in sich trugen.
Diesen Vorsprung des nördlichen Nachbars konnte der süd-
liche Teil des Kontinents, von allen anderen Verhältnissen
abgesehen, rein aus zeitlichen Gründen nicht mehr einholen.

Auf die Einzelheiten dieses Vorgehens einzugehen, ist
nicht Aufgabe dieser Betrachtung. Es genügt, darauf hinzu-
weisen, daß die. Staatenbildung in verschiedener Weise er-
folgte, indem das ehemals portugiesische Brasilien zunächst
ein Kaiserreich und erst 1889 Republik wurde, während die
spanischen Vizekönigreiche und Generalkapitanate sich so-
fort in eine große Zahl von Republiken auflösten. Nach
der Befreiung von den Mutterländern befanden sich diese
plötzlich selbständig gewordenen Gebiete in einer eigentüm-
lichen Lage. Zunächst nahmen sie schon insofern unter
dem übrigen Kolonialbesitz der Erde eine außerordentliche
Stellung ein, als alle sonstigen Kolonien, wenn sie einmal
in den Besitz einer europäischen Macht gekommen waren,
vielleicht den Besitzer wechselten, niemals aber wieder ihre
Selbständigkeit erlangten. Den lateinischen Ländern Amerikas
gelang dies, und damit traten plötzlich Anforderungen an sie
heran, zu deren Erfüllung den durch die bisherige Mißwirt-
schaft erschöpften und ohne irgendwelche Vorbildung ge-
bliebenen Staaten alle Vorbedingungen fehlten.

Wenn von wiedererlangter Selbständigkeit die Rede ist,
so darf dies nicht in dem Sinne verstanden werden, als ob
diese Staaten ganz in ihrer einfachen, ursprünglichen Form
wiedererstanden wären. Sie hatten unter den drei Jahr-
hunderten europäischer Herrschaft ihre innere Zusammen-
setzung gewaltig verändert. Die Eingeborenen waren durch
gewaltsame Vernichtung, durch harte Arbeit, der sie unter-
lagen, durch mißverstandene gewaltsame Kulturübertragung
oder Christianisierung, durch neue, von den Eroberern ge-
brachte Genüsse und Krankheiten in ihrem Bestande ge-
waltig zusammengeschmolzen und politisch ein nicht vor-
handenes Element. Aber eine neue Schicht hatte sich ge-

26
        <pb n="35" />
        Geschichtliche Verhältnisse.

bildet in der von Europäern abstammenden, in den Kolonien
geborenen Bevölkerung, die zur Trägerin der Unzufriedenheit
mit dem starren Festhalten an der alten Kolonialpolitik und
der schroffen Ablehnung aller berechtigten fortschrittlichen
Wünsche der Kolonien seitens der heimischen Regierungen
wurde. Es läßt sich darüber streiten, ob man es mit Freuden
begrüßen muß, daß die Erfüllung dieser politischen Wünsche
mit der Losreißung der Kolonien von den Mutterländern
sich vollzog, oder ob nicht die Einführung einer fortschritt-
licheren Kolonialpolitik unter Festhaltung der Kolonien an
den Mutterländern eine viel gesündere und kräftigere Ent-
wickelung des lateinischen Amerika gewährleistet hätte. Denn
es darf nicht verkannt werden, daß auf anderen als dem
wirtschaftlichen Gebiete die europäische Herrschaft dort trotz
der schwierigen Verhältnisse recht erhebliche Kulturwerte
geschaffen hat, die nur mit der Machtbefugnis einer festen
staatlichen Gewalt im ‚Hintergrunde entstehen konnten. Und
gerade diese war es, die den plötzlichen selbständig gewor-
denen Republiken fehlte. . Denn wer sollte nun herrschen?
Bisher hatte die diktatorische Gewalt der spanischen General-
kapitäne mit bewaffneter Macht die Anordnungen der Re-
gierung durchgesetzt. Gegen sie erhob sich in großer Ein-
mütigkeit allmählich das ganze lateinische Amerika, fegte in
furchtbarem, blutigem Kampfe die fremde Herrschaft hinweg
und gründete selbständige Staaten, aber mit der gewonnenen
Freiheit zerfiel auch der unter dem Drucke furchtbarer Not
aufgeblühte vaterländische. Gemeinsinn./ Kaum war .die Ge-
fahr beseitigt, so begannen Neid und Mißtrauen gegen die
an der Spitze der Staaten stehenden, in schwerer Zeit be-
währten Männer sich zu. regen, überall fürchtete man durch
Häufung der Macht auf einem einzelnen Haupt die eben
gewonnene Freiheit zu gefährden.‘ Die Führer traten zurück,
neue Männer kamen an ihre Stelle, aber die Einigkeit wurde
dadurch in den Staaten nicht hergestellt, die teilweise bis
auf den heutigen Tag durch Partei-' und Verfassungskämpfe
erschüttert werden. Hat sich hierin auch bei den großen
spanisch-amerikanischen Republiken Argentinien, Chile, Mexiko
in neuerer Zeit ein bedeutender Umschwung zum Besseren
vollzogen und sind in diesen Staaten leidlich sichere poli-
tische Zustände eingetreten, SO ist es mit diesen in den
übrigen mittel- und südamerikanischen Republiken noch recht
schlecht. bestellt. Hat doch eine Statistik festgestellt !), daß

1) Vgl. Weber: Zur wirtschaftlichen Lage in den tropisch-
amerikanischen Staaten.
27
        <pb n="36" />
        Geschichtliche Verhältnisse.

von den Staaten Brasilien, Ecuador, Columbia, Venezuela
und den kleinen zentralamerikanischen Republiken außer Costa-
Rica keiner nur ein Jahrzehnt lang ohne Revolution geblieben
ist, womit nicht gesagt sein soll, daß die übrigen amerika-
nischen Republiken gegen die Gefahr solcher innerer Unruhen
gefeit wären. Aber es wiederholen sich hier die Revolutionen
nicht mit einer so großen, durch die Verhältnisse bedingten
Regelmäßigkeit, da schon die Gefährdung der Stetigkeit in
der wirtschaftlichen Entwickelung eine zu große Rolle spielt.
In den tropischen‘) Ländern dagegen ist in dieser Beziehung
noch nicht viel zu verlieren... Die Kreolen sind wirtschaft-
lich stark zurückgekommen, deshalb versuchen sie es, hohe
militärische oder politische Posten zu erlangen, und da nicht
für alle Bewerber Amter vorhanden sind, so müssen von
Zeit zu Zeit die Inhaber der fetten Staatsstellen auf dem
Wege der Revolution beseitigt werden, um anderen hab-
gierigeren Anwärtern Platz zu machen. So werden die:Ohne-
hin gänzlich darniederliegenden, verschuldeten Staaten von
der herrschenden Klasse durch die ungeheuere Summen
verschlingenden Unruhen in immer neue Schulden gestürzt
und ihre wirtschaftlichen Zustände machen dauernde Rück-
Schritte:

Fragt man nun nach den. Gründen dieser Tatsachen, so
ist zunächst die Feststellung interessant, daß es ausschlieslich
tropische Länder sind, die die Hauptherde der Revolutionen
bilden, während die subtropischen und das zwar größtenteils in
den Tropen liegende, aber durch seine Hochlandslage in das
subtropische Klima emporgehobene Mexiko sehr geordnete
Zustände aufweisen. Und der Grund für diese Erschei-
nungen liegt wiederum in den früher geschilderten klima-
tischen Verhältnissen. Die subtropischen Länder haben eine
Bevölkerung, die ihren europäischen Typus ziemlich rein
erhalten hat und jährlich sehr bedeutenden Zuwachs durch
Einwanderung hauptsächlich aus den romanischen Ländern
Europas bekommt. In den tropischen Ländern ist die so-
genannte europäische Bevölkerung völlig entartet und erhält
wenig frisches Blut durch Zuwanderung. Daher ist das
eigentliche Kulturelement, die reinen Weißen, verschwindend
gering im Verhältnis zu den Mischlingen, Indianern und
Negern, die, diese Länder bevölkern. Kann man von dem
seit Jahrhunderten verfolgten und mißhandelten Indianer

1 Vgl. Weber: Zur wirtschaftlichen Lage in den tropisch-

 S amerikanischen Staaten.
        <pb n="37" />
        Geschichtliche Verhältnisse.

billigerweise ein Gefühl der Zugehörigkeit zu dem Staat, in
dem erlebt, nicht verlangen, so geht auch dem von Anfang an
durch die Europäer und Kreolen verachteten Mischling jedes
Gefühl staatlichen Zusammenhanges mit dem politischen
Gemeinwesen ab, in dem zu. leben er durch die Verhältnisse
gezwungen ist.‘ Der Staat!) ist für ihn eine Einrichtung,
der er sich nur notgedrungen fügt; außer der Befriedigung
seiner persönlichen Bedürfnisse kennt er keinen, etwa dem
Wohle der Gesamtheit dienenden Lebenszweck oder Opfer-
willige Hingabe an ein Vaterland, und darum ist er bei
Parteikämpfen stets ein williger Kämpfer auf der Seite, die
ihm den höchsten Gewinn verspricht. Es liegt auf der Hand,
daß es mit einer derartig zusammengesetzten Bevölkerung
für die Regierungen, auch wenn deren Vertreter nicht selbst
in ihren Leistungen und Auffassungen, auf den allgemeinen
moralischen Tiefstand des Tropenbewohners herabgedrückt
wären, nicht möglich ist, eine Gesundung und Festigung der
inneren Verhältnisse ihrer Staaten herbeizuführen, wie sie
für die wirtschaftliche Entwickelung unbedingt notwendig ist.
Den sämtlichen tropisch- amerikanischen Staaten mit Bra-
silien, dem viertgrößten zusammenhängenden Staate der Erde an
der Spitze, scheint jedes Gefühl für die unwürdige Rolle abzu-
gehen, die sie trotz ihrer scheinbaren politischen Selbständigkeit
durch ihre völlige wirtschaftliche Abhängigkeit”) vom Aus-
lande spielen. Ob und wann in dieser Beziehung Wandel
geschaffen wird oder werden kann, ist eine Frage, an deren
Beantwortung man besser nicht herangeht. Der einzige
Weg, auf dem die Aufgabe gelöst werden kann, ist der einer
gänzlichen Umbildung der Bevölkerung in ihren Auffassungen
und Lebensanschauungen. Ob dies nun durch zwangsweise
Erziehung zur Produktion und Steigerung der eigenen Lebens-
bedürfnisse oder durch Hebung der moralischen Eigen-
schaften mittels Zuführung europäischen Blutes oder endlich
durch Schulung, Belehrung und Beispiel geschehen soll,
mag dahingestellt bleiben. Für alle drei Wege ist das reine
weiße Element, dem allein diese Aufgabe zufallen könnte,
zu Schwach, und auch dieses entartet zu Schnell durch die
Einflüsse des‘ Tropenklimas. So bewegt sich die Möglichkeit
einer Besserung in einem Kreise und wird immer wieder
zum Ausgangspunkt zurückgeführt. Eine gründliche Ande-
rung wäre nur von einer dauernd im Fluß bleibenden

1) Schilder: Die Tropen in der Weltwirtschaft.

2) Vgl. Weber: Zur wirtschaftlichen Lage in den tropisch-
amerikanischen Staaten.

20
        <pb n="38" />
        Geschichtliche Verhältnisse.

europäischen Masseneinwanderung zu erwarten, die allein
der riesigen hier zu leistenden Aufgabe gewachsen wäre.
Allein auf eine solche Erscheinung ist niemals zu rechnen
und so wird man wohl auf Generationen hinaus in einem
wirtschaftlichen Überschlag die tropisch-amerikanischen Länder
in ihrem ‚augenblicklichen Zustand in die Rechnung einstellen
müssen. Bedenkt man, daß als immer gleiches und un-
abänderliches Element das Tropenklima bestehen bleibt,
dessen Wirkung die Fortschritte. der Technik nur bis zu
einem gewissen Grade werden ‚abschwächen können, so
wird man leicht erkennen, wie schwierig es ist, dem indo-
lenten, phantastischen und ungebundenen Tropenbewohner
die für das moderne Wirtschaftsleben und besonders die
Industrie nötige stramme Zucht und Kräfteanspannung ein-
zupflanzen. Aber selbst angenommen, dies wäre möglich,
so stünde man vor ‚einem zweiten noch Sschwierigeren
Hindernis, denn es gehört zum Industriebetrieb doch auch
ein gewisser Grad von staatlichem und gesellschaftlichem
Bewußtsein als Grundlage für eine Verwaltung und Gesetz-
gebung, die alle Schwierigkeiten der Wirtschaftspolitik auch
moralisch zu überwinden vermag. Hiezu aber in den tro-
pischen Ländern für die Verwaltungen, in denen heute Willkür,
Nepotismus, Bestechung und Eigennutz die leitenden Eigen-
schaften sind, dauernd die genügende Zahl von Männern zu
finden, wird wohl immer eine Unmöglichkeit bleiben.

In den subtropischen Ländern Amerikas sind schon,
dank der durch Vorherrschen des europäischen Elementes
günstiger zusammengesetzten Bevölkerung durchweg viel
fortgeschrittenere, gefestigtere Zustände anzutreffen, in Mexiko,
das in jeder Beziehung die führende Stellung einnimmt, sogar
starke Ansätze einer von nationalem Geiste getragenen Ent-
wickelung zu finden und dementsprechend konnten auch
hier Gründungen leistungsfähiger Industrien vorgenommen
werden.

® C)

20
        <pb n="39" />
        II. Ethnologische
Verhältnisse.

Die Betrachtung der geographisch-klimatischen und der
geschichtlichen Verhältnisse hat eigentlich im großen schon
gezeigt, mit welchen gegebenen Faktoren die Bestrebungen
nach wirtschaftlicher Hebung der Länder zu rechnen haben,
und welche Grenzen ihnen hierbei gezogen sind. Trotzdem
ist es der Vollständigkeit halber nicht überflüssig, noch eine
kurze Untersuchung darüber anzustellen, wie die Bevölkerung
der lateinisch-amerikanischen Länder in ihrer heutigen Zu-
sammensetzung entstanden und ob eine Möglichkeit. der
Anderung in dem Mischungs- oder Züchtungsprozeß vor-
handen ist, um Bevölkerungsschichten heranzubilden, aus
denen die für die Gründung einer leistungslähigen Fabrik-
industrie nötigen leitenden und arbeitenden Elemente ge-
wonnen werden können.

Die Urbevölkerung, die im 15. Jahrhundert Amerika
bewohnte, waren die Indianer, die kulturell auf einer sehr
niedrigen Stufe standen und im allgemeinen in. geistig-
moralischen und physischen Eigenschaften nur geringe
Unterschiede aufwiesen. Daß aus diesem großen kulturellen
Tiefstande die hohen Kulturen der Tolteken-Azteken in
Mexiko und der Inka in Peru wie einsame Inseln heraus-
ragten, ist schon mehrfach erwähnt worden. Mit dieser Ur-
bevölkerung galt es nun für die Europäer sich in irgend-
welche Beziehungen zu setzen. Das hiebei im ganzen
lateinischen Amerika außer in Mexiko angewandte Verfahren
bestand kurz gesagt darin, daß dem Europäer jeder Verkehr
oder jede Vermischung mit den Eingeborenen verboten
und diese, soweit sie sich nicht zu Plantagen-, Bergbau- oder
sonstigen Arbeiten hergaben, der gewaltsamen Vernichtung
durch die Eroberer preisgegeben wurden. Diese Anordnung,
mag sie nun der bewußten Erkennung der Gefahren einer
Vermischung so ungleichartiger Rassen, wie sie Europäer
und Indianer sind, oder anderen Gründen entsprungen Sein,
entsprach jedenfalls vollkommen dem bei Besetzung eines
überseeischen Gebietes zu beobachtenden Verfahren, das
auch bei der Besiedelung von Nordamerika durch die Eng-

|
A
        <pb n="40" />
        Ethnologische Verhältnisse.
länder zum leitenden Grundsatz gemacht wurde. Nur ge-
staltete sich .die Durchführung in beiden Gebieten grund-
verschieden.

In Nordamerika wanderten ganze Familien ein, wodurch
schon ein Hauptpunkt, nämlich das Bedürfnis nach Ver-
mischung mit den Eingeborenen, von vornherein wegfiel.
Es liegt aber auch nicht in dem Charakter der Engländer,
sich mit anderen Völkern und unzuverlässigen, unsicheren
Elementen zu vermischen und da sie klare Verhältnisse
lieben, so ‚verdrängten sie in blutigem Kampfe die Indianer
aus ihrem Besitz, nur ihre eigene Kultur durch Erweiterung
der mit eigenen Leuten besiedelten Flächen verbreitend und
ohne jeden Versuch, die Indianer zur europäischen Kultur
zu erziehen. Die großen Reservationen, in denen heute die
ehemaligen Herrscher der Prärien, streng abgeschieden von
den einstigen Eroberern dahinvegetieren, legen ‚ein beredtes
Zeugnis für die Richtigkeit dieser zwar grausamen, aber
unbedingten Erfolg verheißenden Lösung der Eingeborenen-
irage ab, und es unterliegt keinem Zweifel, daß die heutigen
Vereinigten Staaten im Grunde dieser klaren und schonungs-
losen Durchführung des leitenden Grundsatzes ihren großen
wirtschaftlichen Aufschwung verdanken, der zu SO rascher
und riesenhafter Entwickelung der Fabrikindustrie führen
konnte.

Das lateinische Amerika zeigt eine hiervon stark ab-
weiche Entwickelung. Hier bestand das europäische Element
außer den Führern in den Soldaten der Conquistadoren und
abenteuerlustigen jungen Männern, so daß das von der Re-
gierung erlassene Verbot der Vermischung mit den Einge-
borenen nicht lange aufrechtzuerhalten war. Dies hatte
zwei Übelstände im Gefolge: Durch dieses Herabsteigen zu
den gewöhnlichsten Leidenschaften des Menschen wurde der
Glaube der Eingeborenen an das übernatürliche Wesen der
Europäer stark erschüttert und dem Widerstande der Indianer
neue Kraft verliehen; ferner aber entstand allmählich aus
dem Verkehr der Europäer mit den eingeborenen Frauen
ein neues Element in der Bevölkerung, dem. irgendein
Platz oder eine Stellung in der Gesamtheit eingeräumt
werden mußte. Die Entscheidung der Frage war freilich
einfach: bei dem staatlichen Verbot .der Mischung mit. den
Eingeborenen konnten die daraus hervorgegangenen Nach-
kommen nicht anerkannt werden, sie waren also damit in
die tiefstehende Rasse der Mutter zurückgeworfen, ohne je-

doch ihrem Typus nach mehr ganz zu dieser zu gehören.
X

1
ME.
        <pb n="41" />
        Ethnologische Verhältnisse.

Es ist nämlich klar, daß, wenn Menschen verschiedener
Rassen, also von großer Verschiedenheit des Körpers und
Geistes, der Lebensbedingungen und der vererblichen An-
lagen, Nachkommen erzeugen, diese einen gemischten Typus
darstellen müssen, der, falls die Mischung in größerem Um-
fange fortdauert, einen neuen Typus zu schaffen imstande ist.
Wären nun angesichts der Tatsache, daß sich das Verbot
der Mischung mit den‘ Eingeborenen nicht aufrechterhalten
ließ, die Mischlinge anerkannt, in den europäischen Kultur-
kreis hineingezogen und ihrerseits wieder mit Europäern
gekreuzt worden, So hätte auf diese Weise eine erheblich
mehr nach der europäischen als nach der indianischen Seite
hin ausschlagende Mischbevölkerung gezogen werden können,
die gerade durch das Überwiegen des europäischen Elementes
in ihren Eigenschaften ein wertvolles Hilfsmaterial für die
Durchdringung der eroberten Länder mit europäischer Kultur
hätte bilden können. Ganz besonders gilt dies für die sub-
tropischen Gebiete, während in den tropischen die Europäer
zu schnell entarten und wohl nur die selbst. aus Europa
eingewanderten, also nicht in den Kolonien von europä-
ischen Eltern geborenen Männer für diese Frage inbetracht
kommen können. Von einer solchen Auffassung war aber
im. lateinischen Amerika nicht die Rede, was natürlich die
schlimmsten Folgen für die gesellschaftlichen Zustände und
die Mischlinge hatte, die weder von den Europäern noch
von den Eingeborenen als zu ihnen gehörig betrachtet
wurden. Ratzel sagt über dieses südamerikanische Misch-
volk: „Die Mischlinge aus Europäern und Eingeborenen
haben mehr Intellekt und Tatkraft als letztere, sie werden
aber von den Europäern nicht als voll anerkannt, wachsen
bei den Eingeborenen auf, in deren Sitten sie aber nicht
mehr hineinpassen. So werden sie leicht die kühnsten
Jäger, Schützen, Wüstenwanderer, aber auch die größten
Spitzbuben und Verbrecher.“

Nimmt man zu diesen Elementen noch die Mischlinge,
die aus der Vermischung der Europäer und Neger, der Ein-
geborenen und Neger und der verschiedenen Mischlinge
untereinander ‚entstanden, SO kann man sich ungefähr ein
Bild von den Elementen machen, aus denen sich heute die
Bevölkerung des lateinischen Amerika, hauptsächlich in seinen
tropischen Gebieten zusammensetzt, ein trauriger Beweis für
die elenden Zustände, die entstehen, wenn ein kolonisierendes
Kulturvolk seinen Rassenstolz!) in der Weise vergißt, wie

1) Vgl. Kundt: Die Zukunft unseres Überseehandels S. 16 f.

v. Gem mingen, Entwickelung der Fabrikindustrie. 3 3

ZT
        <pb n="42" />
        Ethnologische Verhältnisse.

es durch die Mischung der Europäer mit Indianern, Negern
uzd elenden Mischlingen im lateinischen Amerika der Fall
war, in dem die Rassenvermischung so weit vorgeschritten
ist, daß die Hälfte der Gesamtbevölkerung auf die Misch-
linge gerechnet werden muß, wodurch dem ganzen Erdteil
der Stempel aufgedrückt wird. Daneben gibt es noch eine
nicht unerhebliche Zahl von teilweise noch wilden Indianern
reiner Rasse im mittleren und nördlichen Brasilien und dann
hauptsächlich in den hochgelegenen Teilen der Cordilleren
zwischen Columbia und Nord-Chile, wo sie so stark über-
wiegen, daß man Bolivia, Peru und Ecuador fast als Indianer-
staaten bezeichnen kann. In Bolivia ist der größte Teil der
Bevölkerung indianisch, in Peru und Ecuador 50 °%, in Co-
lumbia 45 %0 9.

Um nun die Schilderung der Bevölkerungselemente
vollzählig zu machen, müssen noch erwähnt werden die
Weißen, die sich zusammensetzen aus den auf amerikanischem
Boden von europäischen Eltern geborenen Individuen, ferner
den aus Europa eingewanderten Weißen, die sich zu Handels-
und Siedelungszwecken‘ dauernd oder wenigstens für längere
Dauer niederlassen, und endlich als neueste Erscheinung die
europäischen Saisonarbeiter?), „interkontinentale  Sachsen-
gänger“, meist aus Italien, die hauptsächlich in den.sub-
tropischen Ländern, besonders Argentien zu finden sind
und diesem Lande allmählich ein ‘gewisses wirtschaftliches
Übergewicht verleihen. Die subtropischen Länder sind über-
haupt in Beziehung auf das weiße Element sehr im Vorteil
gegenüber den Tropenländern. In diesen kann man tatsäch-
lich zu den Weißen, sofern man unter ihnen nicht nur
Menschen mit weißer Hautfarbe, sondern auch solche ver-
steht, die den Europäern an körperlichen, geistigen und
moralischen Eigenschaften einigermaßen gleichstehen, eigent-
lich nur bei frisch eingewanderten Europäer rechnen, da
bekanntlich das Tropenklima den aus ‚höheren Breiten
stammenden Fremden ziemlich schnell auf die Stufe der
unter seinem lachenden Himmel geborenen sorglosen, trägen,
frühreifen, rasch vergehenden und leistungsunfähigen Menschen
herabdrückt. In den Subtropen erhält der Weiße seine
Rasseneigentümlichkeiten sehr gut, und da auch jährlich ein
recht bedeutender Zuzug .des weißen Elements in den sub-
tropischen Republiken stattfindet, das Sinn für Zucht und

1) Vgl. Sievers: Südamerika und die deutschen Interessen, 5. 9.

2) Vgl. v. Halle: Die klimatische Verteilung der Industrie,
34
        <pb n="43" />
        Ethnologische Verhältnisse.

Ordnung, für Arbeit und für staatliche Zusammengehörigkeit
mitbringt, so verfügen diese Länder heute schon über ein
Menschenmaterial, das zur Bewältigung größerer Kultur-
aufgaben und für die Erweiterung einer in kräftigen An-
fängen schon vorhandenen Fabrikindustrie die nötigen
Massenkräfte liefert, den tropischen Ländern aber noch auf
unabsehbare Zeit hinaus abgehen wird. Da nebenbei die
Masseneinwanderung diese Staaten meidet, so ist überhaupt
nicht zu sagen, auf welches Menschenmaterial eine Fabrik-
industrie zur Gewinnung von Arbeitern sich stützen soll.
Aus diesen kurzen Andeutungen dürfte hervorgehen, wie
sehr die Gründung einer nationalen Industrie in überseeischen
Ländern von der Entwickelung der Bevölkerung abhängig ist,
indem eben die Fabrikindustrie als eine dem Wesen über-
seeischer Völker zunächst fremde Einrichtung nur da ge-
deihen kann, wo ihre bestimmt gegebenen Erfordernisse
durch die körperlichen, geistigen und moralischen Eigen-
schaften der betr. Bevölkerung oder wenigstens durch deren
Umbildung und Erziehung zur Anpassung an diese Erforder-
nisse erfüllt werden.

Für eine Untersuchung der Entwickelung der Fabrik-
industrie im lateinischen Amerika möchte es fast überflüssig
erscheinen, Betrachtungen im Sinne vorstehender Andeutungen
anzustellen, allein wenn man die Gründe des heutigen Zu-
Standes erkennen und sich eine Ansicht darüber bilden will,
wie in der Zukunft der weitere Verlauf der Dinge sich ge-
stalten könnte, ist eine Würdigung der Bevölkerungsverhält-
nisse nicht zu umgehen. . Man wird sich darüber wohl am
besten klar, wenn man sich vergegenwärtigt, welch regel-
mäßigen, folgerichtigen Entwickelungsgang die Bevölkerung
Europas durchgemacht hat, bis sie den Anforderungen des
modernen wirtschaftlichen und industriellen Lebens gerecht
werden konnte, das sich seinerseits auf die festgefügten,
von einer zwar in Klassen gegliederten, aber in dieser Ab-
stufung einheitlichen Bevölkerung getragenen Staatswesen
stützt. Auf der anderen Seite nun die lateinisch-amerikani-
schen Republiken mit ihrem vorstehend geschilderten Bevölke-
rungsgemisch, dessen am niedrigsten stehenden Teile kulturell
kaum die Höhe unserer germanischen Vorfahren. erreicht
haben. Dazu noch die außerordentliche Dünne der Be-
völkerung, die ein Haupthindernis für die Ausbreituug der
Kultur ist. Und solche rückständige Staatengebilde wollen
alle notwendigen Stufen der wirtschaftlichen Entwickelung
überspringen, um sofort auf der höchsten, der Fabrik-
2- 35
        <pb n="44" />
        Ethnologische Verhältnisse.
industrie, neben den alten Industrievölkern aufzutreten. Daß
sie dies nicht ungestraft und nicht aus eigener Kraft tun
konnten, soll im nächsten Abschnitt gezeigt werden.

Einen von dem vorstehenden ziemlich abweichenden
Entwickelungsgang hat Mexiko!) genommen. Bei der Er-
oberung des Landes durch die Spanier bildeten ebenfalls
Indianer der Bevölkerung, allein es scheint, ‚daß vielleicht
durch den Einfluß der verschiedenen hohen Kulturen, wie
der Tolteken-Azteken und der Maya, ihr Kulturzustand den
der südamerikanischen Indianer übertraf. Das Verhalten der
Spanier. der eingeborenen Bevölkerung gegenüber unterschied
sich deshalb wesentlich von ihrem in Südamerika beobachteten
Verfahren. Sie erkannten wohl in den Azteken eine kulturell
hochstehende Menschenrasse, die den Adel des Landes
bildete und reichen Grundbesitz hatte. Nachdem nun die
Spanier den Kampf gegen die Azteken siegreich beendigt
hatten, begann ein völliger Vermischungsprozeß mit diesem
edlen Stamme, indem seine Frauen, die sich mit den Er-
oberern vermählten und die solchen Ehen entsprossenen
Kinder als ebenbürtig anerkannt wurden, Sobald sie die
christliche Taufe empfangen hatten. Auf diese Weise er-
Jangten viele Spanier mit der Hand einer schönen Aztekin
reichen Besitz. Die Edelsten der Azteken wurden den
spanischen Edeln gleichgestellt und viele verließen für Jahre
die Heimat, um ihre Erziehung in Spanien zu erhalten. So
war also der aztekische Adel, soweit er nicht im Kampfe
mit den Spaniern untergegangen war, auf deren Seite ge-
treten, was von größter Bedeutung für die fernere Entwicke-
lung des Landes und seiner Bevölkerung war.

Neben dem Adel stand eine, einen Gegensatz zu den
freien Indianerstämmen bildende arme Klasse von Hörigen
der herrschenden Azteken, die mit dem Grundbesitz an die
neuen Herren übergingen. Diesen erkannte das spanische
Gesetz keine Ebenbürtigkeit zu, aber trotzdem trat eine
starke Vermischung zwischen ihnen. und den Spaniern ein,
woraus die Mestizenbevölkerung entstand, die, mit der
größeren Energie und dem lebhafteren Geist des Vaters
ausgestattet, schon von Anfang an eine wichtige Rolle in
Mexiko gespielt hat und, da die Spanier sich trotz ihrer
Unebenbürtigkeit auch in der Folge mit ihr vermischten, zu
einer immer kräftiger sich entwickelnden Schicht auswuchs
die heute den Kern der mexikanischen Bevölkerung bildet

1) Vgl. Lemcke: Mexiko S. 20 u. f.
30
        <pb n="45" />
        Ethnologische Verhältnisse.

und sich zu jeder beliebigen Verwendung brauchbar erweist,
so daß auf sie gestützt Mexiko als einziger lateinisch-ameri-
kanischer Staat anfangen kann, die Entwickelung seiner
Fabrikindustrie durch Gewinnung von Arbeitern im eigenen
Lande auf eine nationale und wirklich volkswirtschaftliche
Grundlage zu stellen. Es müßte auf diesen Umstand bei
einer Darstellung der mexikanischen Wirtschaits- und Indu-
strieverhältnisse besonders eingegangen werden, während
hier nur gezeigt werden soll, daß durch eine Umgestaltung
der Bevölkerung in dieser eine Grundlage für eine volks-
wirtschaftliche Entwickelung der Industrie gewonnen werden
kann.

Anders lagen die Verhältnisse bei den freien Indianern,
die den größten Teil der mexikanischen Bevölkerung bildeten.
Auch sie scheinen ihren südlicheren Stammesgenossen er-
heblich voraus gewesen zu Sein, allein es gilt dasselbe wie
von dem übrigen ungeheuren lateinisch - amerikanischen Be-
sitz, die. Zahl der Weißen reichte nicht aus ‚zur Durch-
dringung der eingeborenen Bevölkerung mit der europäischen
Kultur. Die Indianer wurden anfangs auf den großen Gütern,
die sich die Europäer angeeignet hatten, als Landarbeiter
beschäftigt, da aber die von den Europäern geforderte Arbeit
offenbar die Kräfte der Indianer überstieg, gingen sie massen-
weise zugrunde und erhielten dann auf Betreiben der Geist-
lichkeit, die sich ihrer kräftig annahm, einen Ersatz durch
eingeführte Neger. Seither hat man sie, wo sie nicht der
Ausbreitung des Grundbesitzes und anderer kultureller An-
lagen im Wege waren, mehr oder minder sich selbst über-
lassen und es scheint, daß sie, soweit sie nicht in dicht-
bevölkerten Gegenden mehr mit Kreolen und Mestizen in
Berührung kommen, in abgeschlossenen Gemeinden oder
fernab von jeder Kultur in der Wildnis lebend, kulturell
zurückgegangen sind, woran die Tatsache nichts ändert, daß
sie meist Christen und wirkliche Bürger der Republik sind.
Da eine Vermischung mit Europäern kaum. stattgefunden
hat, leben sie heute noch in dem gleichen engen Ideenkreis
wie zur. Zeit der Eroberung, „nur noch mehr verdummt
durch Branntwein und den Formelkram einer unverstandenen
Religion“ *). Es muß aber anerkannt werden, daß die ziel-
bewußte mexikanische Regierung viel tut, um dieses an sich
wertvolle Menschenmaterial zur Mitwirkung an der wirt-
schaftlichen Entwickelung der Republik heranzuziehen.

1) Lemcke: Mexiko S. 20 u. f.
37
        <pb n="46" />
        Ethnologische Verhältnisse.

Neben den Mestizen und Indianern stehen noch die
Kreolen und aus Europa neu eingewanderte: Weiße, doch
ist der Abstand zwischen diesen und den Mischlingen bei
weitem nicht so groß wie im übrigen lateinischen Amerika.
Haben es doch die intelligenten Mestizen, die in allen Be-
rufszweigen vertreten sind, dahin gebracht, daß ihnen, nach-
dem ein großer Teil sich dem Studium zugewendet hat, die
Laufbahn des Beamten, des Kongreßmitgliedes und Offiziers
offensteht. Der gegenwärtig amtierende verdienstvolle Prä-
sident Porfirio Diaz ist aus ihren Reihen hervorgegangen.
Sehr bezeichnend für die Bedeutung der Mestizen ist, was
Lemcke über. sie sagt: „Der Mestize ist ausgeprägt originell
mit nationalen Gewohnheiten und volkstümlich, der Kreole
kopiert den Spanier, der Indianer hat seine Stammessitten,
der Mestize ist Mexikaner ausschließlich und der Kreole auf
dem. Lande nimmt mehr seine Sitten an als umgekehrt‘!)“.

Eine Vergleichung der hier nur kurz angedeuteten Ent-
wickelung der Bevölkerungen in den lateinisch- amerikani-
schen Staaten muß ohne weiteres die Tatsache erklären, daß
Mexiko heute in jeder Beziehung an führender Stelle im
lateinischen Amerika steht. Wenn es auch noch einer sehr
bedeutenden Einwanderung bedarf, um die Kulturverbreitung
in dem ausgedehnten Lande wirksam durchzuführen, so. ist
doch hier allein der Anfang zu einer Erziehung des Volkes
in nationalem und wirtschaftlichem Sinne zu einer in die
Daseinsbedingungen des Volkes tief hineingreifenden Ent-
wickelung einer Fabrikindustrie gemacht.

Diese Verhältnisse für das ganze lateinische ‚Amerika
eingehender zu Schildern, wird Aufgabe des nächsten Ab-
Schnittes sein.

1 Lemcke: Mexiko. S. 20 u: f.

38
        <pb n="47" />
        | IV. Wirtschaftliche *
Entwickelung. XS _)
In der Untersuchung der wirtschaftlichen Entwickelung
der lateinisch- amerikanischen Länder können verschiedene
Standpunkte eingenommen werden, je nach dem Zweck, den
man im Auge ‘hat. Man kann sich, kurz gesagt, entweder
auf die Seite des europäischen Importeurs stellen, in dessen
Interesse zwar eine wirtschaftliche Festigung, aber auch die
Erhaltung der industriellen Rückständigkeit dieser Länder
liegt, oder man kann die Partei der Länder selbst ergreifen
und deren Entwickelung im Sinne der Gründung einer vom
Auslande sich unabhängig machenden, nationalen Wirtschafts-
politik und Industrie untersuchen, die im Gegensatz zu den
Interessen des importierenden Europa stehen muß. In den
folgenden Ausführungen soll in der Hauptsache der zweite
Standpunkt vertreten werden, da es sich mehr um eine
Untersuchung der Verhältnisse im lateinischen Amerika an
sich als‘ um Fingerzeige für den europäischen Importeur
handelt. Es liegt aber in der Natur der Sache, daß auch
der erste Standpunkt nicht ‚ganz beiseite gelassen. werden
kann, da doch mit dem durch die bisherige wirtschaftliche
Entwickelung dieser Länder eingetretenen Zustand als mit
einer bestehenden Tatsache gerechnet werden muß. | Da man
sich einen modernen, wirtschaftlich für vollgiltig anzusehenden
Staat Ohne eine ebenbürtige Fabrikindustrie nicht denken
kann, die großen amerikanischen Republiken aber gerade
auf diesem Gebiete außerordentlich zurückgeblieben sind, so
wird sich die Untersuchung der wirtschaftlichen und in-
dustriellen Entwickelung der lateinischen Länder in Amerika
am leichtesten vollziehen, indem man als Wegweiser die
Frage aufstellt: Wie haben die ‚alten Industrieländer sich wirt-
schaftlich. entwickelt und worin ist die wirtschaftliche Ent-
wickelung des lateinischen Amerika von diesem Entwickelungs-
gange abgewichen? Anders gefaßt könnte die Frage auch
lauten: Da zur Gründung der Industrie in erster Linie Kapital
gehört, muß festgestellt werden, wie die Industrieländer
solches bekamen und weshalb es den lateinisch -amerika-
nischen Ländern fehlt.
30
        <pb n="48" />
        Wirtschaftliche Entwickelung.

In der Wirtschaftsgeschichte dieser Länder sind zwei
Abschnitte zu unterscheiden: die Zeit der Kultivation unter
der spanisch- portugiesischen Herrschaft und die Zeit der
wirtschaftlichen Entwickelung der selbständig gewordenen
Staaten.

; Der erste Abschnitt zeigt die bezeichnenden Merkmale
der an vielen Stellen der ‘Erde angewandten Kultivation in
den gesamten kultur- und entwickelungsfeindlichen Einflüssen
dieser Kolonisationsart, die in ihrer Anwendung auf das
lateinische Amerika an sich nichts Auffälliges aufweist, denn
sie entsprach vollkommen den Anschauungen der damaligen
Zeit, denen in weitschauender Weise vorauseilen zu sollen,
man von den beiden, das lateinische Amerika Kolonisieren-
den Mächten von der Höhe der heutigen Erfahrungen und
Anschauungen herab durchaus nicht verlangen darf. Aber
für. die Klarlegung des heutigen wirtschaftlichen Zustandes
dieser Länder muß gerade dieser Punkt scharf hervorgehoben
werden. Ganz sich selbst überlassen, ohne jede europäische
Kolonisation wären die Gebiete der heutigen lateinischen Re-
publiken noch nicht annähernd auf den jetzigen Stand ihrer
Entwickelung gekommen, denn ihre kulturell außerordentlich
niedrig veranlagte Bevölkerung trug nicht die Fähigkeit für eine
selbständige Erweiterung ihrer unendlich einfachen Lebensbe-
dürfnisse durch Benutzung der reichlich gebotenen Naturschätze
in sich.‘ ‚Es mußte also der Anstoß dazu von außen kommen
und er kam genau in derselben Weise, wie wir ihn für die
großen kolonialen Erwerbungen anderer Nationen auf den
übrigen Teilen der Erde beobachten können und dann all-
mählich durch eine fortschrittlichere und zeitgemäßere Neu-
gestaltung‘ der Ansichten über Kolonisation zu einer recht
gedeihlichen Entwickelung des Kolonialbesitzes führen sehen.
Für das lateinische Amerika hätte sich dieser durch die
Veränderung der Verhältnisse herbeigeführte Umschwung in
der Auffassung der Kolonialpolitik vielleicht auch zugunsten
der Kolonien geltend gemacht. Aber deren Losreißung
brachte eine gewaltsame Veränderung, stellte die Dinge auf
eine vollkommen neue Grundlage und nun erst zeigte es
sich für die selbständig gewordenen Staaten, wie wenig das
bisherige System’ geeignet war, den Ländern selbst eine ge-
sunde wirtschaftliche Grundlage zu geben, die ihnen ein
Dasein ohne Anlehnung an die Mittel des bisherigen Mutter-
landes gestattete., |

Welche Schäden waren es nun hauptsächlich, die den
neuen Staatengebilden ein würdiges Auftreten im Kreise der

-.

AN
        <pb n="49" />
        Wirtschaftliche Entwickelung.

alten staatlichen Gemeinschaften fast unmöglich: machten?
Ein Teil der Gründe für diese Schwierigkeiten ist in den
drei vorhergehenden Abschnitten schon angedeutet worden;
es kommen aber. noch weitere schwerwiegende Ursachen
hinzu, deren hauptsächlichste wohl die folgende ist: wenn
man allen Fortschritt und die Ursache für die wirtschaftliche
Höhe unserer heutigen Kulturstaaten im letzten Grunde darin
zu Suchen hat, daß. ihre Entwickelung sich in nationaler
Weise, also durch und für die einheimische. Bevölkerung
vollzog, so fehlt für das lateinische Amerika diese Ent-
wickelung vollständig, da hier ein fremdes, den Eingeborenen
feindliches Bevölkerungselement die wirtschaftlichen Erträg-
nisse des Landes für sich in Anspruch nahm, wodurch es
zur Entwickelung einer Volkswirtschaft im eigentlichen
Sinne nie kam. Es waren in diesen Ländern, wie in allen
Kolonien, zwei Dinge nebeneinander hergelaufen, ohne sich
eigentlich zu berühren: die von einer Minderheit getragene
europäische Kultur und die- tiefstehende Kultur der nur zur
Arbeit verwendeten Eingeborenen. Die Schwierigkeit, die
diese Länder nach ihrer Losreißung zu überwinden hatten,
bestand nun darin, daß sie ohne Rückhalt an der finanziellen
und staatlichen Macht der Mutterländer plötzlich selbständig
dastanden und die ungeheueren, unter der Kolonialverwaltung
nicht in die Erscheinung getretenen Gegensätze, die sich
durch den eben genannten Umstand in ihrer Bevölkerung
herausgebildet hatten, nun in sich auszugleichen versuchen
mußten, um aus ‚eigenen Kräften ein einheitliches, lebens-
fähiges Staatswesen zu bilden. /

Zunächst mußte ein vollständiger Umschwung in den
wirtschaftlichen Auffassungen eintreten. Bisher war die Lei-
tung der Kolonien im Mutterlande gelegen, wirtschaftlicher
Zweck war die monopolistische Ausbeutung der Länder und
die Bereicherung der Großgrundbesitzer, der Kirche, der Gou-
verneure und. Beamten, also ein dem Interesse der amerika-
nischen Länder Selbst durchaus feindliches Verfahren. Nun
wurde plötzlich die wirtschaftliche Leitung in die Länder
selbst verlegt und es galt, deren durch die‘ bisherige Wirt-
Schaftsweise mehr zerstörte als geförderte natürliche Hilfs-
mittel als Grundlage für die wirtschaftliche Lebensfähigkeit
der neugebildeten Staaten auszugestalten. Dies war insofern
schwierig oder eigentlich unmöglich, als die leitende europä-
ische Klasse, in den wirtschaftlich-kulturellen Auffassungen
des Mutterlandes groß geworden, nun sofort den bisher als
Rückhalt dienenden, aber nicht auf amerikanischem, sondern
17
        <pb n="50" />
        Wirtschaftliche Entwickelung.

auf europäischem Boden wurzelnden wirtschaftlichen Zustand
der Mutterländer ohne weiteres als Grundlage für den Auf-
bau der jungen Republiken anzunehmen bestrebt war, ohne
zu erkennen, daß mit dem Augenblick, als den ehemaligen
Kolonien der Rückhalt der Mutterländer entzogen wurde,
den neuen Staaten so gut wie ‚alles fehlte und deshalb
nichts übrigblieb als den wirtschaftlichen Entwickelungs-
gang, den Europa bis dahin durchlaufen hatte, um seine
auf nationaler Grundlage aufgebaute wirtschaftliche Höhe
zu erreichen, im großen und ganzen nachzuholen, also die
innere Ausgestaltung der Länder aus sich selbst heraus vor-
zunehmen. Den leitenden Kreisen der lateinisch-amerika-
nischen Länder fehlte aber zu einer solchen durchgreifenden
Umgestaltung der Dinge außer der nötigen Erkenntnis des
zu beschreitenden Weges vor allem auch der gute Wille;
denn sie waren nicht gesonnen, mit sämtlichen für ihr per-
sönliches Dasein. durchaus nicht ungünstigen biserigen Zu-
ständen zugunsten des Gesamt- und Staatswohles zu brechen.
Es blieb also ziemlich alles beim alten; das Land wurde
weiter nach Kräften ausgebeutet, der Gegensatz zwischen
Europäern und Eingeborenen blieb. unverändert, eine eigent-
liche Volkswirtschaft kam nicht zustande, die Staaten
wurden nicht von innen heraus lebensfähig und die Folge
war, daß die sämtlichen Staaten trotz ihrer politischen Selb-
ständigkeit an Stelle der Abhängigkeit von den Mutterländern
eine viel schmählichere heute noch bestehende wirtschaftliche
Abhängigkeit von Europa und der Union eintauschten, wäh-
rend sie ihre politische Unabhängigkeit nicht etwa ihrer
eigenen, auf nationale Kräfte gestützten Widerstandsfähigkeit,
sondern eigentlich nur der nach. der Losreißung der latei-
nischen Kolonien von den Mutterländern durch den Präsi-
denten der Vereinigten Staaten verkündigten Monroe-Doktrin
verdanken‘).

An diese kurzen Andeutungen der heutigen, im folgenden
noch eingehender zu besprechenden wirtschaftlichen Zustände,
die, allerdings mit bedeutenden Abstufungen, im lateinischen
Amerika herrschen, soll sich nun zunächst eine Untersuchung
darüber anschließen, ob eine Anderung noch möglich ist
und auf welchem Wege sie sich vollziehen könnte. Es wird
sich deshalb empfehlen, einen kurzen Blick auf die euro-
päischen Verhältnisse zu werfen, um zu erkennen, wie hier

1 Vgl. Sievers: Südamerika und die deutschen Interessen.
Seite 0.

+2
        <pb n="51" />
        Wirtschaftliche Entwickelung.

die wirtschaftlichen Zustände sich entwickelt haben, und ats
dieser Feststellung ein Urteil darüber zu gewinnen, ob. durch
einen . gleichartigen Vorgang die Wirtschaft der lat.-ameri-
kanischen Länder in eine geordnete Bahn gelenkt werden
könnte. =

Der Übergang zur Großindustrie, der der neuesten
Stufe: unserer wirtschaftlichen Entwickelung den Stempel auf-
gedrückt hat, war lediglich eine Geldfrage, zunächst insofern,
als die Gründung und der Betrieb der Großindustrie vor-
handene große Kapitalien. voraussetzte, dann aber auch, in-
dem durch den ungeheuren Aufschwung der Industrie das
Bedürfnis nach Vermehrung des Goldvorrates stark gesteigert
wurde und die gerade um die Mitte des vorigen Jahrhunderts
SO plötzlich eingetretene Versorgung des Marktes um das
nahezu Vierfache des bisherigen Betrages an Gold dieses
Bedürfnis zu befriedigen imstande war. An diesem Gold-
segen hätten ja die lateinisch-amerikanischen Länder auch
teilnehmen können, wenn sie, wie die europäischen Länder
und die Union, es vermocht hätten, schon vorher Kapital zu
bilden und damit gesunde Staatsfinanzen und Unternehmungen
zu schaffen, die neue Goldvorräte an sich ziehen konnten.
Wodurch war nun das Kapital entstanden, mit dem. die In-
dustrieländer «die gewaltigen Kosten des Überganges zur
Großindustrie bestreiten konnten? Es würde zu weit führen,
den langen Entstehungsgang der Kapitalbildung ‘ in Europa
in allen. seinen verwickelten Einzelheiten zu Schildern; es sei
deshalb nur mit wenigen Worten gesagt, daß — neben der
Bodenkultur und dem Verkehr das Gewerbe, der Handel und
die aus einer Verbindung dieser beiden entstandene Unter-
nehmung — als den Überschuß einer im regelmäßigen
Fortschreiten befindlichen Volkswirtschaft das Kapital ge-
schaffen haben, das gewissermaßen nur darauf wartete, daß
Naturwissenschaften und. Technik ‚seiner aufgespeicherten
Kraft durch die Schöpfung der Maschinenindustrie eine neue
gewinnbringende Ableitung verschafften. Es stellt sich also
die Fabrikindustrie als das Endglied einer unendlich langen
Entwickelungsreihe dar, und es muß deshalb um so mehr auf-
fallen, daß man in den lateinisch-amerikanischen Ländern dieses
Endglied sich schon entwickeln sieht, ohne daß man die
übrigen Glieder nach rückwärts zu verfolgen vermöchte. In der
Tat fehlen diese Glieder auch vollständig, oder sind sie in ihrer
Ausbildung und Wirkung volkswirtschaftlich so verschieden
von den in Europa zu beobachtenden Entwickelungsstufen, daß
ihnen die nationales Kapital bildende Kraft völlig abgeht.

47
        <pb n="52" />
        Wirtschaftliche Entwickelung.

Beobachten wir nun kurz die vorgenannten kapital-
bildenden Faktoren im einzelnen, um zu untersuchen, wie-
weit sie im lateinischen Amerika vorhanden sind und wie sie
gewirkt haben.

1. Bodenwirtschaft.

Zunächst die Bebauung des Bodens: sie wurde auf
weiten Flächen der amerikanischen Kolonien von den Eu-
ropäern. betrieben, aber ihr Wesen entsprach nicht dem uns
in Europa bekannt gewordenen Landbau. Hier können wir
feststellen, daß der Ackerbau von den ältesten Zeiten an in
erster Linie zur Erzeugung der für die einheimische Bevöl-
kerung nötigen Nahrungsmittel diente und daß die Land-
wirtschaft diese Rolle im großen und ganzen heute noch
spielt. Da nun’ natürlich mit den Fortschritten der Arbeits-
teilung der Zustand eintrat, daß nicht mehr der ‘einzelne
seine Früchte selbst baute, sondern daß man bestrebt war,
mit der Summe der in einem Lande erzeugten Bodenfrüchte
einen möglichst großen Teil des Landesbedarfes zu decken,
so mußte natürlich der nicht mit Landwirtschaft sich befas-
sende Teil, der Bevölkerung seinen Bedarf an Früchten
kaufen, es entstand also ein Handel mit Bodenerzeugnissen,
der. die Landwirtschaft gewinnbringend und kapitalkräftig
machte, sie aber gleichzeitig in einenwirtschaftlichen Ge-
gensatz zu den Konsumenten brachte, die, ihren Lebensunter-
halt .durch. andere Tätigkeiten erwerbend, ein Interesse an
möglichst. niedrigen Getreidepreisen hatten. Dieser Gegen-
satz der Interessen besteht heute noch in voller Schärfe.

Im lateinischen Amerika finden wir hiervon stark ab-
weichende Verhältnisse. Bei seiner Eroberung durch die
Europäer standen die Indianer, mit Ausnahme der wenigen
Kulturinseln in Mexiko und Peru, noch auf der dürftigsten
und niedrigsten Stufe der wirtschaftlichen Entwickelung, die
man bis zu einem gewissen Grade heute noch bei den wilden
Indianern jener Gegenden beobachten kann. Für die Be-
friedigung der Lebensbedürfnisse fehlte eine eigentliche Or-
ganisation, jeder suchte sich seine Nahrung einzeln, und da
die wirtschaftlichen Bedürfnisse regelmäßig wiederkehrten,
wurden sie gleichsam ein Bestandteil der regelmäßigen Ver-
richtungen des Körpers zur Erhaltung des Lebens, die über-
haupt den einzigen Zweck der Tätigkeit dieser Menschen bildete.
Der Reichtum der. .Natur gestattete die Befriedigung der
Lebensbedürfnisse fast ganz auf okkupatorischem Wege, und

WA
        <pb n="53" />
        Wirtschaftliche Entwickelung.

die Vorstellung wirtschaftlicher Arbeit war unbekannt, wie auch
die Erkenntnis des wirtschaftlich Nützlichen und der Drang,
es durch Mühe zu erreichen, gänzlich fehlten. Alle die natür-
lichen Schätze, die in der Folge diese Länder den Europäern
so begehrenswert machten, waren von jeher vorhanden,
aber die Indianer, fern von. aller Berührung mit Menschen
anderer Rassen und Erdteile, hatten an ihren so gleichartigen
Bedürfnissen keinen Maßstab für den Wert ihres Besitzes und
keine Gelegenheit, durch Austausch der Erzeugnisse ihrer
Länder deren Wert für die Vertreter höherer Kulturen kennen
zu lernen. Dies alles änderte sich mit. dem Erscheinen der
Europäer. Diese erkannten sofort die ungeheueren natür-
lichen Reichtümer jener Länder und auch die Eingeborenen
lernten sie kennen, aber nur dadurch, daß sie von den
Weißen mit Gewalt zur Steigerung der Bodenerzeugnisse über
ihren natürlichen Ertrag hinaus gezwungen wurden,. ohne
selbst irgendwelchen Nutzen von dieser Arbeit zu haben;
der sie der damit verbundenen großen Anstrengung wegen
in Massen erlagen. Die von den Europäern in diesen
Ländern eingeführte Bodenkultur hat also mit der Volkser-
nährung nichts zu tun; die in den Plantagen gewonnenen
Bodenerzeugnisse wurden Handelsartikel für die Eroberer
und daher konnte auch ein wirtschaftlicher Gegensatz zwischen
Landwirtschaft — sofern man den Plantagenbau, die Weide-
wirtschaft und die Gewinnung von Urwald- und Steppener-
zeugnissen so nennen will — und den rein wirtschaftlichen
Berufen nicht aufkommen. Der Kaufmann steht in viel engerer
Beziehung zu der Bodenproduktion als in Europa; die
meisten Handelshäuser haben ihre eigenen Plantagen und
auch industrielle Anlagen, die dazu dienen, die Bodener-
zeugnisse ausfuhrfähiger zu machen‘).

Die Schäden dieses Systems traten nicht in die Er-
scheinung, solange die lateinisch-amerikanischen Länder eu-
ropäische Kultivationen waren, als sie aber selbständig ge-
worden waren, zeigte sich. im Laufe der Zeit immer mehr,
daß ein Staat nicht lebensfähig ist, wenn nicht eine Klasse
der Bevölkerung die Erzeugung der Nahrungsmittel und die
Versorgung des Landes mit solchen übernimmt, wodurch
dieses sich vom Auslande wirtschaftlich unabhängiger macht
und einen tüchtigen, mit den Interessen des Landes auf das
engste verbundenen Stamm von Bewohnern erhält, dessen

1) Vgl. Preyer: Überseeische Aktiengesellschaften u. Großbe-
triebe. S. 2.

As
        <pb n="54" />
        Wirtschaftliche Entwickelung,

finanzielle Leistungsfähigkeit den heimischen gewerblichen
Erzeugnissen ein Absatzgebiet im Lande sichert. |

Damit ist es aber im lateinischen Amerika noch schlimm
bestellt, wenn auch die subtropischen Länder schon bedeutende
Fortschritte gemacht haben. Im ersten Abschnitt ist gezeigt
worden, daß die tropischen Länder durch ihre ausgesprochene
vertikale Gliederung außer dem tropischen Tieflande, der
„tierra caliente“, in ihren Hochländern noch ‚die dem sub-
tropischen und gemäßigten Klima entsprechende „tierra tem-
plada“ und „tierra fria“, also auch die Möglichkeit haben,
nicht nur die tropischen Agrikulturerzeugnisse, sondern auch
Brotfrüchte der anderen Klimazonen, wie Mais und Weizen,
zu bauen, um sich in der Brotversorgung vom Auslande
unhängig zu machen. Statt dessen zahlt Brasilien!) jährlich
an die Vereinigten Staaten mehr als 20 Millionen Dollars
für Weizen und Maismehl, Venezuela 6 Millionen Dollars.
Brotstoffe bilden 20% der Einfuhr der mittelamerikanischen
Staaten. Alle Länder haben große Rinderherden, aber Butter
und Käse kommt aus dem Auslande. Trotz einer Menge
von Schweinen beziehen sie Schmalz und Pökelfleisch aus
der Union. Es fehlt mithin an der Meierei, Fett- und Fleisch-
zubereitung, sowie an Mühlen, was besonders im verkehrs-
armen Inneren ein großer Übelstand ist. So schildert Sievers?®),
daß .in Venezuela ziemlich viel Weizen gebaut wird, daß aber
in der weizenreichen Gemeinde Bailadores in den Cordilleren
keine Mühle vorhanden ist, weshalb die Bewohner des zwei
Tagereisen entfernten San Cristobal ihr Mehl vom Auslande,
meist von den Vereinigten Staaten kaufen, während der
Weizen in Bailadores verdirbt. Aber es fehlt auch am An-
bau anderer notwendiger Pflanzen: Reis und Bohnen bilden
im spanischen Amerika einen Hauptteil der Volksnahrung,
aber Venezuela baut nur 1% des Reisbedarf und bezieht
99 % aus dem Auslande. Brasilien führt Reis, Bohnen Kar-
toffeln und Mais in großen Mengen ein. Venezuela führt zu
23 %, Rio de Janeiro zu 28 %,, Mittelamerika zu 30 % Solche
Erzeugnisse ein, die ebensogut im Lande selbst hergestellt
werden könnten‘).

Die Gründe für diese Erscheinung die sich besonders
in den tropischen Ländern Amerikas zeigt, liegen hauptsäch-
lich in der Mangelhaftigkeit der kulturellen Umbildung der
einheimischen Bevölkerung, von.der in früheren Abschnitten

. 1 Weber: Zur wirtschaftlichen Lage in den tropisch-ameri-
kanischen Staaten.

2) Sievers: Venezuala. S. 120.
16
        <pb n="55" />
        Wirtschaftliche Entwickelung.

die Rede war. In der Zeit der europäischen Herrschaft
wurde durch die unter dem Schutze der Machtmittel des
Mutterlandes durchgeführte Zwangsarbeit der Plantagenbetrieb
gesichert, ebenso wurden durch die Repartimientos, von
denen später noch die Rede sein wird, den Indianern zwangs-
weise europäische Waren zugeführt und die Bevölkerung
damit wenigstens in geringem Grade mit der Möglichkeit der
Verbesserung ihrer Daseinsbedingungen bekannt gemacht.
Mit der Aufrichtung der selbständigen Republiken!) und einer
demokratischen Verfassung vertrugen sich aber solche Maß-
regeln nicht mehr und es wurde damit die Möglichkeit ge-
nommen, die Eingeborenen wie bisher zur Plantagenarbeit
und zur Aufnahme gewerblicher Erzeugnisse zu zwingen oder
sie zur Erzeugung der vorher von den Mutterländern ge-
lieferten Bedürfnisse zur Ernährung der europäischen ‚Be-
völkerung der neuen Staaten ‚anzuhalten. Ohne unmittel-
baren Zwang ist gegen. den Indianer nichts auszurichten,
doch ist ein solcher, wie eben geschildert, nicht mehr mög-
lich und um ihn mittelbar auszuüben, fehlt die Hauptgrund-
lage, die Landlosigkeit der Eingeborenen. / Das Innere
der amerikanischen Republiken ist noch freies Land und. die
Bedürfnisse einer Indianerfamilie, sind so gering, daß sie
überall ein Stück Land findet, von dem sie leben und aus
dem, sie nach Belieben und ohne Zwang und Mühe Aus-
fuhrartikel, wie Kaffee, Kakao, Kautschuk gewinnen kann,
deren Erlös ihr wieder den Ankauf von Hausgerät, Kleidung
und Feuerwasser ermöglicht. Damit aber werden die Indianer
unabhängig von dem Weißen, dem die Macht genommen iist,
den Eingeborenen zur Erzeugung über seinen Bedarf hinaus
und zur Verbesserung seiner Daseinsbedingungen zu veran-
lassen. Was ;der Indianer baut, ist also an Nahrungs-
mitteln nur so viel, als, er selbst bedarf, zu der Befriedigung
des Gesamtbedaris des Landes trägt er nicht bei; das übrige
sind koloniale Ausfuhrpflanzen, die ihm die kleinen Geld-
summen für seinen sonstigen Lebensunterhalt verschaffen.
Deshalb ist von der Arbeitsteilung der europäischen Länder
in den amerikanischen Republiken nicht die Rede und die
Einfuhr der gewöhnlichsten Nahrungsmittel trotz des Boden-
reichtums noch auf lange Zeit hinaus nicht zu umgehen.

Diese Länder haben es also nicht verstanden, den für
einen selbständigen Staat notwendigen Schritt des Übergangs

') Weber: Zur wirtschaftlichen Lage in den tropisch amerika-
nischen Staaten.
4.”
        <pb n="56" />
        Wirtschaftliche Entwickelung.
zur volksernährenden Landwirtschaft zu tun; sie sind Kulti-
vationen geblieben: auf dem Stande, auf den Spanier und
Portugiesen sie brachten, ohne Fortschritt in der wirtschaft-
lichen Selbständigkeit und in der Versorgung mit den ein-
fachsten und notwendigsten Lebensmitteln abhängig vom
Auslande. Da jährlich viele Millionen an nicht verwerteten
Bodenerzeugnissen zugrunde gehen und ungeheuere Summen
für die Beschaffung der einfachsten Volksnahrung ins Aus-
land wandern, kann es nicht zur Bildung einer kaufkräftigen,
zur Aufnahme von Industriewaren fähigen ländlichen Be-
völkerung kömmen. Es hängt also die Rückständigkeit in
der Entwickelung der Fabrikindustrie in diesen Ländern auf
das engste mit den elenden landwirtschaftlichen Zuständen
zusammen,
2.. Verkehr.

In vorstehenden Ausführungen ist schon kurz von den
wirtschaftlichen Schädigungen die Rede gewesen, die den
lateinisch-amerikanischen Ländern durch den Mangel an Ver-
kehrswegen für die Verwendung und den Absatz ihrer eigenen
Bodenerzeugnisse erwuchsen.‘ Daß solche elende Zustände
sich bis auf den heutigen Tag erhalten konnten, ist Jediglich
die Folge des Fehlens einer nationalen Landwirtschaft auf
volkswirtschaftlicher Grundlage und der Erhaltung der Boden-
kultur auf dem Stande der Kultivationen. Diese bedurfte
früher der Verkehrsmittel nicht und kann sie auch heute
noch. entbehren. Sie beruht ja nicht auf der Ausnutzung
der sämtlichen in einem Lande gebotenen natürlichen Gaben
des Bodens, sondern beschränkt sich auf die Erzeugnisse,
die Ohne zu viele Schwierigkeiten in Massen herzustellen
waren und als wertvolle Handelsartikel' reichen Gewinn ab-
warfen. So kam es, daß das Gedeihen dieser Länder an
eines Oder wenige der Bodenerzeugnisse geknüpft. ist, die
als Welthandelsware der Spekulation und den Schwankungen
des Weltmarktpreises unterliegen, die sich natürlich auf die
finanzielle Lage, also besonders die Kaufkraft der Bevölkerung
übertragen und eine wirtschaftliche Gesundung der Gesamt-
verhältnisse unmöglich machen. Es ist also ein im eigensten
Interesse der lateinisch-amerikanischen Länder gelegenes
dringendes Erfordernis, daß von dem einseitigen, nur auf
wenige Bodenerzeugnisse sich stützenden System der Kulti-
vation abgegangen und mit der Ausnutzung der gesamten
natürlichen Reichtümer begonnen wird. Dazu sind aber in
LA
        <pb n="57" />
        Wirtschaftliche Entwickelung.

erster Linie Verkehrswege erforderlich, die es ermöglichen,
die ungeheuere, im Inneren der Länder vorhandene Menge
von wertvollen Rohstoffen der industriellen Verarbeitung oder
der Ausfuhr zuzuführen und umgekehrt die noch menschen-
armen Erzeugungsgebiete dieser Rohstoffe zum Zwecke plan-
vollerer Ausnutzung zu besiedeln und durch die Zunahme
der Bevölkerung wiederum zu Absatzgebieten für Industrie-
waren zu machen, ebenso aber auch den schon besiedelten
Gebieten den Absatz ihrer Erzeugnisse zu. erleichtern. |

Wie der Mangel an Verkehrswegen schädigend auf. die
wirtschaftlichen Verhältnisse wirkt, geht aus unzähligen Ver-
Öffentlichungen hervor; so wird z. B. berichtet, daß der bra-
silianische Staat Paranä!) eine ungeheuere Menge von Holz
verschiedener Art ausführen und sich an der Einfuhr land-
wirtschaftlicher Erzeugnisse in die Nordprovinzen beteiligen
könnte; er führe aber nur wenig Holz aus und dagegen
Reis, Weizenmehl, Butter und Mais ein.. Das schönste und
teuerste Holz wird verbrannt oder. vermodert, und bei guter
Ernte können die Kolonisten im Innern ihre Cerealien nicht
verkaufen oder nur sehr billig abgeben, obgleich zur Deckung
des Landesbedaris an solchen zur Einfuhr Zuflucht genommen
werden muß. Auch Kundt?) hat in Brasilien die nutzlose
Zerstörung ‚der wertvollsten Hölzer beobachtet, und aus
Mittelamerika wird berichtet, daß trotz des unendlichen Holz-
reichtums noch Bauholz aus den Ver. Staaten eingeführt
werden muß®), da die Holzabfuhr aus den Wäldern wegen
Mangel an Wegen unmöglich ist. Diese Beispiele ließen
Sich durch unzählige andere aus ‚dem ganzen lateinischen
Amerika vermehren.

Ist in dem vorhergehenden Abschnitt gezeigt. worden,
daß die Erzeugung ‚an Feldfrüchten nicht im Einklang mit
dem Bedürfnisse der Bevölkerung an solchen steht, so geht
aus den eben angedeuteten Verhältnissen hervor, daß ein
größerer Teil des Landesbedaris aus heimischen Erzeugnissen
gedeckt werden könnte, ‚wenn hierfür die genügenden Ver-
kehrsmittel vorhanden wären, Die geordnetsten der latei-
nisch-amerikanischen Länder, in erster Linie Argentinien und
Mexiko, sind sich der Bedeutung dieser Frage wohl bewußt, und
es hat auch auf ihrem Gebiet die Entwickelung des Eisen-

1) Bericht des K. und K. Österreich-Ungarischen Konsulats in
Curityba 1904. 7

2) Kundt: Die Zukunft unseres Überseehandels.

3) Weber: Zur wirtschaftlichen Lage in den trop.-amerikanischen
Staaten.

V. Gemmingen, Entwickelung der Fabrikindustrie,

40
        <pb n="58" />
        Wirtschaftliche Entwickelung.

bahnnetzes eine erfreuliche Ausdehnung genommen. Mexiko,
das überhaupt eine zielbewußte Einwirkung des Regierung
auf die Entwickelung des Wirtschaftslebens am meisten er-
kennen läßt, hat schon Anstalten getroffen, die Eisenbahnen
für den Staat anzukaufen oder wenigstens sich ein ausge-
dehntes Aufsichtsrecht über den Betrieb zu sichern, um auch
hierin geordnete, den Güterverkehr fördernde Verhältnisse
zu schaffen.

War bisher nur von der einen Seite des Wertes von
Verkehrsmitteln die Rede, nämlich von der Erschließung
wirtschaftlich wertvoller Gebiete und von dem Absatz von
Bodenerzeugnissen, so muß auch die andere Seite der Frage
kurz betrachtet werden, nämlich die der Warenverteilung
über weite Gebiete, die doch auch nur von der Größe der
Entwickelung abhängt, die der Verkehr erreicht hat. Diese
Warenverteilung, deren Möglichkeit für die kulturelle Hebung
eines Landes ausschlaggebend ist, vollzieht sich natürlich in
Ländern mit schlechten Verkehrseinrichtungen anders, als
bei uns. Während in den Kulturländern das reiche Ver-
kehrsnetz es gestattet, für die einzelnen Artikel der Groß-
industrie nur an einigen Mittelpunkten Verkaufsstellen zu
errichten, die dann durch die Ausdehnung des Abnehmer-
kreises auf die weiteste Umgegend voll auf ihre Rechnung
kommen, ist dies in verkehrsarmen Gegenden nicht mög-
lich. Hier beschränkt sich der Abnehmerkreis auf die
Stadt allein und ist zu klein, um Spezialgeschäfte lebens-
fähig zu erhalten). Es kann sich also nur um die Zu-
sammenfassung aller nötigen Dinge an möglichst vielen
Orten handeln, da der Verkehr eine Verbindung von Orten
mit‘ Spezialgeschäften untereinander nicht zuläßt. Kundt
weist für die exotischen Länder besonders noch auf den
wichtigen Umstand, hin, daß mit jeden 50 km von der
Küste die Zahl der weißen Leute unvermischter Rasse ab-
nimmt und damit die Lebensgewohnheiten einfacher, die
Nachfrage nach europäischen Waren geringer wird. In den
ziemlich abgesonderten Großstädten liegt fast die ganze
Kaufkraft der Länder, ihre Einwohner sind europäischer Ab-
kunft und richten sich in Gewohnheiten und Kleidung nach
europäischem Muster, weshalb in den Läden dieser Städte
fast alles gekauft wird, was der Europäer zu seinen Ge-
brauchsgegenständen rechnet. Dem flachen Lande, dem sich
die Einwanderer. zuwenden, fehlt noch fast alles. Sache des

1) Kundt: Die Zukunft unseres Überseehandels, S. 67.
50
        <pb n="59" />
        Wirtschaftliche Entwickelung.
Verkehrs wird es also sein, diesem tüchtigen Bevölkerungs-
element die Gegenstände, deren es zur besseren Ausgestaltung
seines Daseins bedarf, zu angemessenen Preisen zuzuführen
und damit gleichzeitig das Absatzgebiet für die heimische In-
dustrie zu erweitern.

Die Entwickelung der lateinisch-amerikanischen Länder
bewegt sich also auch auf dem Gebiete des Verkehrs in einem
fehlerhaften Kreislauf der die Rückständigkeit der Industrie
mit verschuldet hat: der Landwirt kann vielfach wegen
Mangel an Verkehrsmitteln seine Bodenerzeugnisse nicht ab-
setzen und wird deshalb nicht kaufkräftig für die Erzeug-
nisse der Industrie, soweit solche bis zu ihm dringen. In
vielen Fällen bleiben weite Gebiete, die eine kaufkräftige
Bevölkerung ernähren könnten, der schlechten Verkehrsver-
hältnisse wegen überhaupt unbesiedelt und der Markt für
die Industrieerzeugnisse erweitert sich nicht, was deshalb von
besonders nachteiligem Einfluß auf die Entwickelung der In-
dustrie ist, als diese noch auf lange Zeit hinaus an die Er-
zeugung für die Ausfuhr nicht denken kann, also lediglich
auf den heimischen Markt angewiesen ist. {

Wenn die lateinisch-amerikanischen Staaten sich die so
nötige Zuwanderung von Europäern erhalten wollen, können
sie sich der dringenden Forderung nach der gründlichen
Umgestaltung bzw. Neuschaffung eines Netzes von leistungs-
fähigen Verkehrswegen nicht mehr länger verschließen.
Kümmern sich auch die Regierungen dieser nach dem Wesen
der Kultivationen bewirtschafteten Staaten nicht um die
wirtschaftliche. Lebensfähigkeit ihrer eigenen armseligen und
anspruchslosen Bevölkerung, so wird das immer mehr zu-
nehmende europäische Element, das sich seines Wertes für
die Hebung der ‚wirtschaftlichen Zustände wohl bewußt ist,
die Staaten zwingen, durch wirklich volkswirtschaftliche Maß-
nahmen, unter deren segensreicher Wirkung die Einwanderer
in ihrer europäischen Heimat zu leben gewohnt waren,
für das Fortkommen und Gedeihen einer Menschenklasse
zu sorgen, die ihr Leben und ihr, wenn auch oft bescheidenes
Vermögen dem Schutze eines fremden Staatswesens anver-
traut haben. Ist das Interesse der Einwanderer auch ein
rein persönliches, auf Gründung eines besseren Daseins ge-
richtetes, so schaffen diese kulturell höher stehenden Ele-
mente doch, Werte, die dem sie beherbergenden Staate zu-
gute kommen.

51
        <pb n="60" />
        Wirtschaftliche Entwickelung.
3, Gewerbe.

War in den einleitenden Betrachtungen zu diesem Ab-
schnitt auch das Gewerbe als einer der kapitalbildenden
Faktoren für die europäische Großindustrie bezeichnet worden,
SO. fehlte im lateinischen Amerika dieser Zweig menschlicher
Erwerbtstätigkeit fast ganz. Wir sehen in Europa den Ge-
werbeileiß aufs engste mit den aufblühenden Städten ver-
knüpft, in deren Mauern von einem zahlreichen tüchtigen
Handwerkerstand die zahllosen Waren verfertigt wurden, die
zur Befriedigung der Bedürfnisse der einheimischen Bevölke-
rung an gewerblichen Erzeugnissen dienten, oder von dem
Kaufmann als Handelsartikel weit über die Grenzen. des
Erzeugungsortes oder -landes verbreitet wurden. Wie sollte
aber im lateinischen Amerika dieser für die wirtschaftliche
Entwickelung eines Landes unentbehrliche Stand sich ent-
wickeln? | Was bei der Eroberung, also zur Zeit einer hohen
Blüte des europäischen Gewerbes, dort vorgefunden wurde,
war die einfachste und ursprünglichste indianische Hausin-
dustrie. Nur bei den Azteken und Inka wurde eine hoch
entwickelte gewerbliche Kunstfertigkeit vorgefunden, aber mit
dem Untergang dieser Stämme ging auch ihr Gewerbe ver-
loren, das sich übrigens weniger auf eine sehr ausgedehnte
Herstellung‘ von Gebrauchsgegenständen, als auf eine Art
von Kunstgewerbe erstreckte, dessen Erzeugnisse bei dem
kulturellen Tiefstande der umwohnenden Stämme auf eine
rein Örtliche Verbreitung beschränkt blieben. Da also in der
einheimischen Bevölkerung kein Sinn für die Herstellung von
Gebrauchsgegenständen zur Verbesserung der eigenen Le-
benshaltung und noch weniger für die Herstellung solcher
Gegenstände über das eigene Bedürfnis hinaus zu Erwerbs-
zwecken vorhanden oder zu wecken war, hätten die Europäer
die Träger der Gewerbeausübung werden müssen und dazu
in den sich allmählich zu Städten auswachsenden Ansiedelungen
auch Gelegenheit gefunden.! Allein hier fehlte gleichfalls der
Sinn für eine solche mühevolle und nicht raschen Gewinn
bringende Tätigkeit. Was nach Amerika kam, waren neben
den Soldaten meist Abenteuerer, ihr Zweck war, teilzunehmen
an dem märchenhaften Reichtum der eroberten Länder und
nicht die‘ Fortsetzung des .kleinbürgerlichen Erwerbslebens
der Heimat. Nebenbei hätte es aber auch der habgierigen
Kolonisierungsweise widersprochen, wenn die neuerworbenen
Gebiete in gewerblicher Beziehung eine gewisse Unabhängig-
keit von den Mutterländern erreicht hätten. Die Kolonien

69

De
3
        <pb n="61" />
        Wirtschaftliche: Entwickelung.

mußten für die spanischen Einfuhrwaren hohe Zölle bezahlen
und die Gouverneure hatten das. Recht der „Repartimientos“,
d. h. der Warenverteilung, indem sie. jedem Dorfe. eine ge-
wisse Menge von Waren zusandten und dafür einen beliebigen
Preis festsetzten, der mit Gewalt von der Gesamtheit der
Ortsbewohner eingetrieben wurde. Diese Warenverteilung
erfolgte ohne jede Rücksicht auf das Bedürfnis. ,

| Wenn also. aus kolonialpolitischen Gründen ein Ge-
werbe nicht entstehen konnte, das von volkwirtschaftlicher
Bedeutung und kapitalbildender Kraft durch die Vermittelung
des Handels hätte werden können, so bedurfte. ja dieser auch
der gewerblichen Erzeugnisse nicht, da er ausschließlich auf
der Ausfuhr von Roherzeugnissen, Genußmitteln wie Kaffee,
Kakao, Tabak und von Edelmetallen bestand, die mühelos
herzustellen oder zu erlangen waren und hohen Gewinn
abwarfen.
SC Die Begründung der selbständigen Staaten brachte einige
Anderung. Die Versorgung der amerikanischen Kolonien
mit gewerblichen Gebrauchsgegenständen war bisher von
den Mutterländern in eifersüchtiger Wahrung ihrer mono-
polistischen Vorrechte besorgt worden, wobei die europä-
ischen Händler die Preise im großen und ganzen beliebig
bestimmen konnten. Die selbständigen Länder brauchten
natürlich derartige Zwangszustände nicht weiter fortzusetzen;
sie bezogen ihren gewerblichen Bedarf nach freier Wahl und
gingen auch teilweise selbst zur Erzeugung der notwendigsten
Gebrauchsgegenstände über, um die Kosten zu sparen. / Be-
sonders lehrreich ist für die Betrachtung dieser Entwickelung
geschlossene Jestfitenstaat Paraguay, der vor Ausbruch des der
ab Krieges mit Argentinien, Brasilien und Uruguay im Jahre 1865
auf industriellem und gewerblichem Gebiet an der Spitze der
lateinisch-amerikanischen Staaten stand. Und auch heute
wieder, nachdem er sich von der vollständigen wirtschaft-
lichen. Vernichtung durch diesen Krieg erholt hat,. scheint er,
abgesehen von Mexiko, wiederum den folgerichtigsten Gang
seiner. wirtschaftlichen Entwickelung einzuschlagen, indem er
durch Förderung von Ackerbau und Gewerbe die für den
Übergang zur Großindustrie nötigen Kapitalien. aus eigener
Kraft bildet und sich damit viel unabhängiger vom Auslande
zu machen sucht als die anderen Staaten des Kontinents.
In den übrigen lateinischen Ländern finden sich viele sog.
industrielle Betriebe, die ihrem ganzen Wesen und Ausdeh-
nung nach sich in nichts von dem unterscheiden, was wir. in
Europa Gewerbe nennen. | Ein eigentliches Gewerbe ‚aber
5
        <pb n="62" />
        Wirtschaftliche Entwickelung.
mit dem durchaus volkswirtschaftlichen nationalen Charakter
des europäischen ist als Vorläufer der Fabrikindustrie im
lateinischen Amerika nicht aufgekommen, da diese Länder,
wie schon mehrfach erwähnt, auch als selbständige Staaten
in der Hauptsache Kultivationen blieben und gewerbliche
Erzeugnisse nur für den eigenen Bedarf, nicht aber für den
Handel nötig hatten. Zeigte nun schon die Ausnutzung des
Bodens in den lateinisch-amerikanischen Ländern nicht einen
kapitalbildenden Zug im Sinne einer volkswirtschaftlichen
Entwickelung und Arbeitsteilung, so wiederholt sich diese
Erscheinung auf dem Gebiete des Gewerbes, das Ausfuhr-
gegenstände nicht hervorbringt../ Ist dies aber doch einmal
der Fall, wie z. B. bei den Strohhüten, die auf haus-
industriellem Wege durch die Indianer in Ecuador und Co-
lumbia angefertigt werden, bleibt der Gewinn nicht im Lande,
sondern wandert in die Tasche der ausländischen Händler,
die die ganze Herstellung und Ausfuhr der Hüte in ihre Ge-
walt gebracht haben.
4. Handel.
Wenn nun also die zwei wichtigen Elemente der Boden-
wirtschaft und des Gewerbes für die Bildung von Kapital
als Überschuß einer fortschreitenden Volkswirtschaft ausfallen,
So bliebe nur noch der Handel als Quelle des Kapitals übrig,
dessen Kraft die in den lateinisch-amerikanischen Ländern
sich immer mehr entwickelnde Fabrikindustrie ihre Entstehung
verdanken könnte. Auch hier ist wieder ein Unterschied zu
machen zwischen der Zeit der europäischen Kolonisation
„und der selbständigen Entwickelung der Staaten.‘ Während
‘der europäischen Herrschaft lag der Handel ganz in den
Händen der Europäer, also nicht der Kreolen, und be-
Sschränkte sich nur auf Bodenerzeugnisse, die aber, wie schon
geschildert, durchaus nicht voll ausgenutzt wurden, da
schon einzelne mühelos herzustellende Erzeugnisse den
erwünschten Gewinn abwarfen und deshalb die Notwendig-
keit, den vollen Reichtum der Länder zum Handel heranzu-
ziehen, nicht vorlag. Umgekehrt aber war auch die Aus-
nutzung der vollen Leistungsfähigkeit des Bodens unmöglich
gemacht, indem z. B. von Spanien verboten wurde, in den
Kolonien Erzeugnisse des Mutterlandes, wie Öl, Zuckerrohr,
Wein zu bauen, Seidenwürmer zu züchten, Eisenminen zu
bearbeiten und ähnliches. Ebenso gefesselt war der Einfuhr-
handel in den Kolonien, in die nur spanische Waren einge-
führt werden durften; aller Zwischenhandel war verboten.
51

6
        <pb n="63" />
        Wirtschaftliche Entwickelung.
Dieser Abschnitt der Entwickelung der lateinisch-amerika-
nischen Länder muß also für den Vorgang der Bildung von
nationalem Kapital als Grundlage für die Fabrikindustrie
ausscheiden. Es bleibt somit nur die Zeit nach der Los-
reißung der Kolonien übrig, in der dank der politischen Un-
abhängigkeit von der monopolistischen Ausbeutung durch
die Mutterländer die selbständig gewordenen Kolonien
unter Ausnutzung ihrer natürlichen Reichtümer für den
Handel sich wirtschaftlich hätten entwickeln können.
Mehrfach ist aber schon darauf hingewiesen worden,
daß eine solche planmäßige Entwickelung, die in erster
Linie' von der Regierung in die Hand genommen und
gefördert werden mußte, nicht stattfand, daß die Wirt-
schaft noch in vielen Zügen das Wesen der Kultivation an
sich trägt, und so blieb auch der Handel auf verhältnismäßig
enge Grenzen beschränkt, wenn er auch an den einzelnen
Gegenständen, die er in Umlauf zu setzen hat, ungeheuere
Mengen umsetzt. Da heute noch der größte Teil des Welt-
bedaris an Kautschuk, Kaffee, Kakao, Tabak usw. von den
ehemaligen Kolonien in Amerika gedeckt wird und der
Handel mit diesen Artikeln vielfach von der fast monopo-
listischen Stellung der Erzeugungsländer genügenden Nutzen
zu ziehen in der Lage ist, liegt ein zwingendes Bedürfnis
zur Ausdehnung der. Bodenwirtschaft auf andere Erzeugnisse
für Handelszwecke noch nicht vor, und darum hat ja auch,
wie die vorstehenden‘ Ausführungen zeigen, der Verkehr
noch eine so geringe Entwickelung erfahren. Die Wirtschaft
in diesen Ländern ist aber keine Volkswirtschaft, sondern
lediglich eine Interessenwirtschaft der großen Handelshäuser,
die häufig selbst Besitzer großer Plantagen und vielfach auch
von industriellen Anlagen ‚sind, in denen Rohstoffe ausfuhr-
fähiger gemacht werden. | Solange sie auf dem Weltmarkt
Absatz für.ihre Erzeugnisse finden, liegt für sie kein Grund
für irgendeine Anderung des aus früheren Zeiten über-
nommenen Systems vor. Steht ein solcher wirtschaftlicher
Zustand — die Vereinigung der Kapitalbildung in wenigen
Händen — schon im Widerspruch mit einer eigentlichen volks-
wirtschaftlichen Entwickelung, mit der Möglichkeit der Bildung
eines leistungsfähigen breiten Mittelstandes, so wird die Lage
dadurch noch schlimmer, daß die meisten der tonangebenden
Handelshäuser im Besitz von Europäern sind, daß also die
von ihnen durch die Landeserzeugnisse gemachten großen
Gewinne nicht einmal der Wirtschaft des betr. Staates voll
zugute kommen, sondern ins Ausland wandern. Dieser Zu-
=
55

Jı
        <pb n="64" />
        Wirtschaftliche Entwickelung.
stand. ist. aber nicht neu. Die europäischen :Handesmächte,
besonders England, die sich durch die Monopolisierung des
Handels mit Südamerika durch Spanien und Portugal. in
ihrem Absatz beengt fühlten, hatten den Unabhängigkeits-
bestrebungen der lateinischen Kolonien in Amerika eine rege
Unterstützung zuteil werden lassen und in den selbständig
gewordenen, kapitalarmen Staaten ziemlich rasch die führende
Stellung im Handel erobert, ohne bis heute aus dieser Vor-
herrschaft durch das nationale Kapital verdrängt werden zu
können.
Der Grund für diese Tatsache liegt hauptsächlich in
der schon früher geschilderten Zusammensetzung der Be-
völkerung, die besonders in den tropischen Ländern durch
das an Zahl nur sehr schwache weiße Element niemals eine
derartige Durchdringung ‚und Umbildung durch die Europäer
erfahren hat, daß eine soziale Berührung der einzelnen
Klassen zu gemeinsamer Arbeit stattfinden konnte: Der
Kreole bildet eine besondere gesellschaftliche Schicht, die zu
hoch über den anderen steht, um sie nach ihrer Art formen
zu können. Daher fehlten dem Kreolen für große Betriebe
die geeigneten Mitarbeiter, wie sie die in den europäischen
Handelshäusern tätigen Angestellten darstellen, nebenbei
fehlten ihm Kapital und Kredit, die im Inlande nicht zu haben
waren, dem ausländischen Kaufmann aber in seinem Mutter-
lande zur Verfügung stehen. Es gelang daher dem Kreolen
nicht, den Großhandel in seine Hände zu bringen, sondern
die Handelshäuser sind entweder selbständige europäische
Oder Zweighäuser europäischer Firmen und daher weniger
Glieder einer nationalen. Volkswirtschaft des betr. amerika-
nischen als ihres europäischen Landes. Der Handel konnte
also niemals zur Bildung eines Überschusses führen, der
das Kapital! für eine nationale Fabrikindustrie hätte liefern
können. „Der handeltreibende Brasilianer oder Kreole ist
wohl Einkaufszwischenhändler für die europäischen Häuser,
aber nie selbständiger Grossist für den Export und nie
kommt er mit seinen Waren an ‚die großen Kaffeemärkte
der Welt. Von diesen trennt ihn der europäische. oder
nordamerikanische Händler, der seine Waren in Südamerika
aufkauft und‘ durch seine Stellung zum Markt die Preis-
bildung beherrscht. Für den Import gehen fremde ansässige
Kaufleute zurück, aber nicht, weil ‚einheimische Firmen
aufkommen, sondern weil die importierenden Firmen durch
Reisende direkt verkaufen !).“ „Das KEigentümliche ist
. ') Vgl. Kundt: „Die Zukunft unseres Überseehandels“.
6
        <pb n="65" />
        Wirtschaftliche Entwickelung.

aber der Export. Die südamerikanischen Staaten sind im
Export zu den abnehmenden Händlern wie der Hausindu-
strielle zum Verleger; sie produzieren auf eigene Kosten
und Gefahr, Absatz und Preisbildung ist ihnen entzogen‘).“

|7”So sehen wir, also die drei Quellen, aus denen in
Europa die Kraft für die neue Erscheinung der Maschinen-
industrie floß, im lateinischen Amerika in ganz andere Rich-
tungen gelenkt und deshalb eine ganz andere Wirkung aus-
üben als in der Alten Welt. Landwirtschaft, Gewerbe und
Handel sind nicht nationales Gemeingut von Staaten ge-
worden, deren Lebensfähigkeit auf arbeitsteiliger Volkswirt-
schaft beruht. Nicht‘ Gewerbe und ‚Handel ‚haben sich
verschmolzen, um die. Unternehmung, die Vorläuferin der
Großindustrie zu bilden, sondern der Handel hat sich an
die Bodenwirtschaft geknüpft, um deren Erzeugnisse auf den
Weltmarkt zu bringen, während das Gewerbe. erst allmählich
zur Abwehr gegen die aus Europa zu teueren Preisen ein-
geführten gewerblichen und industriellen Erzeugnisse ent-
stand, nie aber sich zu der volkswirtschaftlichen Bedeutung
emporschwingen konnte, die wir es in Europa erringen
sahen.

Aus diesen Betrachtungen ‚erklärt es sich leicht, daß
die Gründung der Fabrikindustrie in den lateinisch - amerika-
nischen Ländern erheblich gegen die Alte Welt zurückbleiben
mußte. In dieser war ja das Gewerbe in Verbindung mit
dem Handel in vielen Betrieben schon zu einem Umfange
entwickelt, daß‘ man nach heutigen Begriffen auch von
Fabriken sprechen könnte, wenn eben nicht immer noch die
menschliche Kraft die Betriebskraft bei der Umgestaltung
der Rohstoffe gebildet hätte. Als dann aber die Technik an
die Stelle der menschlichen Kraft die Maschine setzte und
den Menschen nur noch zur Leitung der mechanischen Kraft
heranzog, da war die Fabrikindustrie geschaffen, die also
weiter nichts ist als die Erweiterung des auf menschlicher
Betriebskraft beruhenden Gewerbes zu dem auf die Maschinen-
kraft sich gründenden neuzeitlichen Großbetrieb, dessen erste
Anlagekosten gedeckt wurden durch die aus der bisherigen
wirtschaftlichen Entwickelung vorhandenen Überschüsse an
Kapital. Die Fabrikindustrie ist also von dem‘ unendlich
langen Entwickelungsgang des Gewerbes nicht zu trennen.

', Vgl. Weber: Zur wirtschaftlichen Lage in den tropisch-
amerikanischen Staaten.
57
        <pb n="66" />
        Wirtschaftliche Entwickelung. |

Da dieses nun im lateinischen Amerika sich nicht ent-
wickelt hatte, so fehlte hier naturgemäß auch die Grund-
lage, auf der die Fabrikindustrie sich hätte aufbauen können.
Wenn diese aber doch in mehr oder minder kräftigen
Anfängen vorhanden ist, so muß sie ihre Entstehung einer
anderen treibenden Kraft verdanken als die Industrie der
Alten Welt. Diese Kraft liegt, um es mit kurzen Worten zu
sagen, in der kaufmännischen Energie der Europäer und
Nordamerikaner und dem von diesen in industriellen Unter-
nehmungen im lateinischen Amerika angelegten Kapital.
Das Ausland ist also nicht nur Beherrscher des Handels;
sondern auch der Fabrikindustrie, die sich, jeder nationalen
Grundlage entbehrend, in diesen Ländern. als ein vollstän-
diger Fremdkörper in dem wirtschaftlichen Leben darstellt.
Dieser Zustand bedarf einer näheren Betrachtung.

Es ist schon. erwähnt, daß das Gewerbe, das in den
alten Industrieländern durch Beschäftigung unzähliger Arbeiter
eine bedeutende wirtschaftliche Rolle spielte, indem es einem
großen Teil der Bevölkerung Nahrung gab, auf das engste
mit den Daseinsbedingungen einer breiten Volksschicht ver-
wachsen war, aus der dann die industriellen Arbeiter hervor-
gingen.” Da aber im lateinischen Amerika eine nennenswerte
Entwickelung des Gewerbes nicht stattgefunden hatte, fehlte
naturgemäß auch das für die Industrie nötige Arbeitermaterial
— Worauf in anderem Zusammenhange schon in einem
früheren Abschnitt hingewiesen wurde — und die breite Be-
völkerungsschicht, die in dem wirtschaftlichen und sozialen
Leben der Kulturländer eine so große Rolle spielt. Diese
Erscheinung und der Mangel an Aufnahmefähigkeit an In-
dustriewaren seitens der Bevölkerung sind wohl ebensosehr,
wie das Fehlen von Kapital die Ursachen für die Langsam-
keit in der Entwickelung der Fabrikindustrie gewesen, denn
das Kapital, das ja sowieso in der Hauptsache aus dem
Auslande stammt, hätte schon‘ längst eine leistungsfähige
Fabrikindustrie ins Leben rufen können, wenn die dafür
notwendigen Bedingungen: Arbeitermaterial und Absatz,
sich Ohne weiteres in genügendem Maße hätten erfüllen
lassen.

Das Zurückbleiben in der industriellen. Entwickelung
hat den sämtlichen lateinisch- amerikanischen Ländern einen
eigenartigen Stempel aufgedrückt. Sie sind politisch selb-
ständige Staatswesen, stehen durch gegenseitige diplomatische
Vertretung in geregelten Beziehungen zum Auslande, haben
5Q
        <pb n="67" />
        Wirtschaftliche Entwickelung.

Heer und Flotte, manche ihrer Städte sind moderne Groß-
städte, andere wenigstens durch die Einwohnerzahl im Range
von solchen, und man könnte sie nach ihrem äußeren An-
sehen für vollwertige Glieder im Kulturkreise halten, wenn
nicht eben gerade die Erscheinungen fehlten, zu denen das
Maschinenzeitalter die Zustände des ihm vorhergehenden
Zeitabschnittes umgebildet hat.

Hatten die alten Industrieländer früher nur eine mäßige
Bevölkerung, kleine Städte, an Wasserkraft gebundene und
daher zerstreute Gewerbe und geringen Außenverkehr, so
zeigen. ihre Volkswirtschaften heute unter dem Einfluß der
Technik und der Maschine dichte Bevölkerung, riesige Städte
als Mittelpunkte der Industrie, Großbetrieb und mächtig ent-
wickelten Außenverkehr. Von diesem Bilde finden wir in
den lateinisch - amerikanischen Ländern eigentlich nur eine
Anzahl von Großstädten wieder, die ‚aber ihre Entstehung
anderen Ursachen verdanken. In Europa und der Union
haben sich im Anschluß an die Fundstellen der Hauptstoffe
der Maschinenindustrie, Kohle und Eisen, aus kleinsten An-
fängen Großstädte entwickelt, andere schon vorhandene
Großstädte sind durch den den maschinellen Großbetrieb
augenblicklich noch kennzeichnenden Vorgang der Zusammen-
ziehung auf einzelne Mittelpunkte zu Riesenstädten ange-
wachsen, die auf weite Kreise der auf Lohnarbeit angewiesenen
Bevölkerung eine solche Anziehungskraft ausüben, daß das
platte Land empfindlichen Mangel an Arbeitskräften leidet,
Im lateinischen Amerika finden sich Großstädte meist als
Hafenstädte entweder an der See oder an Flüssen, und nur
selten hat sich eine Binnenstadt zu einer Großstadt ent-
wickelt. . Diese Erscheinung hängt mit der Besiedelungs-
geschichte der Länder zusammen, die vom Meere her be-
siedelt wurden und ihre organischen Verbindungen nach der
See und den Mutterländern hatten, weshalb die an den
Küsten entstehenden Städte hauptsächlich Stapel- und Aus-
fuhrplätze für die Landeserzeugnisse wurden. Naturgemäß
entwickelten sich die Städte zuerst an den Orten, die mit
einem guten Hafen auch die Möglichkeit leichten Eindringens
in das Innere verbanden, also an Flußmündungen. „Darin
wiederholt sich in Argentinien, Uruguay und, Paraguay die
Bedeutung der uralten Flußmündungsstaaten Babylon und
Agypten!).“

1) Ratzel: Politische Geographie. S.: 624 u. f.
59
        <pb n="68" />
        60

Wirtschaftliche Entwickelung.

Die Bedeutung der großen Küstenstädte für das latei-

nische Amerika änderte und verstärkte sich noch nach Los-
reißung der Kolonien von den  Mutterländern. Denn die
Selbständig gewordenen jungen Staaten mußten in anderer
Weise als bisher ihre Interessen‘ mit dem Inneren des
Landes verknüpfen, auf dessen Erzeugnissen ihre Lebens-
fähigkeit beruhte, das aber andererseits auch wieder belebende
Kräfte von der Küste her durch. den Menschenzufluß und
die von auswärts: kommenden Bedarfsgegenstände empfangen
mußte, So erhielten die Küstenstädte noch die Bedeutung
als Ausgangspunkte für die nach dem Inneren gehende Ver-
teilung auswärtiger Waren, die unter europäischer Herrschaft
Nicht als Handelsartikel von beliebigen Stellen des Auslandes
her, sondern nur aus Spanien ohne Rücksicht auf das Be-
dürfnis und zu vorgeschriebenen Preisen den Kolonien zu-
geführt worden waren. |. Dieses Überwiegen der Bedeutung
der Küste ist ein deutliches Zeichen dafür, daß die weiten
Hinterländer nur ungenügend in die wirtschaftliche Entwicke-
lung der Staaten mit hineingezogen wurden, die gewisser-
maßen noch Küstenstaaten sind und es noch Nicht. ver-
standen haben, die ihre Selbständigkeit gewährleistenden
Interessen des Binnenlandes mit denen der Küste, die. noch
zu sehr die Abhängigkeit vom Auslande verraten, ins Gileich-
gewicht. zu. bringen. [Nur in_Chile) „liegen die Verhältnisse
anders. Auf das schmale Gebiet zwischen dem Meere und
der hohen Andenkette beschränkt, besitzt dieser Staat über-
haupt kein zu erschließendes Hinterland, er muß Küstenstaat
bleiben und ist damit in ganz anderer Weise als die übrigen
lateinisch -amerikanischen Länder auf das Meer angewiesen
und damit förmlich dazu bestimmt, für die übrigen Länder
der südamerikanischen Westküste in industrieller und kom-
merzieller Hinsicht einen Stapelplatz für Sammlung und Ver-
teilung der Güter zu bilden.

Das Anwachsen der Städte an der Küste jst also bei den
lateinisch - amerikanischen Ländern ein Zeichen ungenügenden
Hineinwachsen des Wirtschaftslebens in das Innere; den Haupt-
anteil an der Vermehrung der städtischen Bevölkerung hat die
Einwanderung, nicht der Zuzug vom Lande her, die Ursache
ist nicht der Bedarf an Menschen seitens einer blühenden
Fabrikindustrie, sondern die Mangelhaftigkeit der Zustände
im Inneren, die den Zzugewanderten Europäern, sofern sie

1! Vgl. Ratzel: Politische Geographie, S. 625.
        <pb n="69" />
        Wirtschaftliche Entwickelung.

nicht ackerbauende Kolonisten sind, ein Entfernen von der
Küste und den Städten zunächst‘ noch nicht ratsam erscheinen
lassen. / Hierdurch hat sich natürlich die einzige wirtschaft-
lichen leistungsfähige Bevölkerungsschicht: in den großen
Städten vereinigt, und da nur hier Kaufkraft zu finden ist,
hat sich auch die Fabrikindustrie in der Hauptsache an ihr
bestes Absatzgebiet, die großen Städte, herangezogen. Dieser
dem europäischen gleichartige Vorgang, hat auch noch zur
Vermehrung der Bevölkerung beigetragen, spielt aber bei
weitem nicht dieselbe. Rolle, wie die anderen hierfür an-
geführten Umstände.

Die lateinisch-amerikanischen Städte tragen somit alle
den gleichen Charakter und weisen nicht die großen Unter-
schiede in der Eigenart auf, wie wir sie in dem kulturell
hochentwickelten Europa in der arbeitsteiligen Verschiedenheit
der Zwecke der Handels-, Industrie-, See-, Binnen-, Univer-
sitäts-, Residenz- pp.. Städte zu sehen gewohnt sind!. In
Amerika beruht die Entwickelung der Städte nur auf dem
Ausfuhrhandel, und. die Fabrikindustrie, die wegen Fehlens
von Kohle und Eisen an besondere‘ Punkte nicht gebunden
ist, hat sich naturgemäß; besonders der schlechten Verkehrs-
verhältnisse wegen, den ihr Hauptabsatzgebiet bildenden
Städten angegliedert.

Sieht man nun als einzige neuzeitliche Erscheinung im
lateinischen Amerika die Küstenstädte unter dem Zeichen
des Handels mächtig emporwachsen, vergegenwärtigt man
sich aber auch, daß dieser Handel hauptsächlich in fremden
Händen befindlich, keinen Zuwachs für das Nationalvermögen
der dortigen Länder bringt, so muß man sich fragen, aus
welchen Quellen die Regierung die Mittel schöpft, um die
staatlichen Aufgaben in ihren Ländern zu erfüllen. Die fest-
ländischen europäischen Großstaaten erzeugen noch 75-—90 %,
ihrer Nahrungsmittel. selbst, Großbritannien 25—50 %. Die
Einfuhr an Lebensmitteln und damit die Geldabwanderung
für die einfachsten Lebensbedürfnisse in das Ausland ist also,
besonders bei der ersten Gruppe gering; ihre Einfuhr be-
steht hauptsächlich in den Roherzeugnissen für die Fabrik-
industrie, die sie als Fertigfabrikate vielfach gerade den Ur-
sprungsländern der Rohstoffe‘ durch die Ausfuhr wieder
zuführt. Die lateinisch-amerikanischen Länder dagegen führen
fast sämtliche Nahrungsmittel und wegen Fehlens einer

'), Hettner: Die wirtschaftlichen Typen der Ansiedelungen. S. 92.
51
        <pb n="70" />
        Wirtschaftliche Entwickelung,
leistungsfähigen Industrie alle besseren, vielfach auch noch
die gewöhnlichen Industrieartikel ein und haben nur ihre Roh-
stoffe und kolonialen Pflanzungserzeugnisse für die Ausfuhr
verfügbar, die aber, wie schon mehrfach erwähnt, durch aus-
ländische Häuser besorgt wird. Auf welchen Zweig .der
wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Länder können also
die Regierungen für die notwendigen Staatseinnahmen sich
stützen?

(SS

62
        <pb n="71" />
        ® ® ° ° ® ®
X V. Finanzwirtschaft. ®)

Diese Frage leitet auf eine besonders für die Entwicke-
lung der Fabrikindustrie außerordentlich wichtige Unter-
suchung über, nämlich zu der Betrachtung der Finanzwirt-
schaft der lateinisch-amerikanischen Länder, die aber nur
in kurzen Strichen entworfen und so weit besprochen werden
kann, als es zur Erklärung der Schwierigkeiten für das Auf-
blühen der Fabrikindustrie erforderlich ist.

Es ist schon öfter hervorgehoben worden, daß die
Wirtschaft der lateinisch - amerikanischen Staaten nicht eine
Volkswirtschaft sei. Wenn man unter dieser die. Lehre von
der Wissenschaft-versteht, wie ein Volk seine Güter nutzbar
macht, so ist es klar, daß es sich nur um Kulturvölker
handeln kann und dann um die Zusammenfassung‘ aller
Einzelwirtschaften, die das Ergebnis einer langen Kultur-
entwickelung ist. Der Staat ist älter als die Volkswirtschaft;
alte Kulturstaaten, z. B. das Römerreich?!), waren. nicht volks-
wirtschaftlich im modernen Sinne organisiert. Es fehlte
ihnen die enge Verbindung zur wirtschaftlichen Einheit;
die Einzelwirtschaften stehen unverbunden nebeneinander.
Die Volkswirtschaft ist also erst eine Eigentümlichkeit des
modernen Staates. UÜberträgt man diese Ausführungen auf
die lateinisch-amerikanischen Länder, so erkennt man so-
fort eine eigentümliche Abweichung: diese Länder sind ihrer
äußeren Erscheinung nach moderne, politisch selbständige
Staaten, die ihre Einrichtungen, soweit der internationale,
politische Verkehr in Frage kommt, den Anforderungen
der Kulturgemeinschaft angepaßt haben. Ihre innere wirt-
schaftliche Ausgestaltung steht aber damit in einem krassen
Widerspruch; sie ist eben nicht, wie bei den übrigen Staaten
der Kulturgemeinschaft, das Ergebnis einer langen Kultur-
entwickelung, die die äußere Machtstellung des Staates auf
seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit aufgebaut hatte. Die
Jlateinisch-amerikanischen Staaten sind ihrem Wesen nach
nur halbzivilisierte Staaten, .die aber aus den Kolonien euro-

1) Vgl. Schmoller: Grundriß der allgem. Volkswirtschaftslehre.
_.: Teil, S. 282,
63
        <pb n="72" />
        64

Finanzwirtschaft.

päischer Seemächte entstanden, auch als selbständige Länder
hinter der Stellung ihrer Mutterländer im Kulturkreise nicht
zurückbleiben wollten und sich deshalb mit den äußeren
Formen alter politischer Staatengebilde umgaben, zu deren
Annahme sie ihre innere Entwickelung im Augenblicke ihres
Selbständigwerdens in keiner Weise berechtigte und zu deren
Aufrechterhaltung ihnen die finanzielle Leistungsfähigkeit
fehlte. Hatten die europäischen Mutterländer es in ihrer
Ausbeutungssucht nicht für nötig gehalten, den Kolonien zur
Nutzbarmachung ihrer‘ natürlichen Reichtümer eine feste
wirtschaftliche Grundlage zu geben, so trat an die selb-
ständig gewordenen jungen Staaten plötzlich die Pflicht
heran, aus dem Nichts lebensfähige Staatswesen zu schaffen,
die ihre finanzielle Kraft aus dem Lande. selbst schöpfen
konnten. Daß aber hierzu weder die Bevölkerung eine
leistungsfähige Geldquelle bildete, noch bei den leitenden
Persönlichkeiten Verständnis und guter Wille vorhanden war,
ist schon mehrfach gezeigt worden. Trotzdem mußte Geld
für die Aufgaben des Staates geschaffen werden, und so
folgten sich nach und nach die verhängnisvollen Maßregeln,
an deren Folgen die Länder alle noch in verschiedenem
Maße leiden; auswärtige Anleihen und Staatsverschuldung,
drückende Steuern, Geldentwertung und hohe Zölle, die aber
nur das eine Ergebnis hatten, daß die Regierungen mit Mühe
ihre Schuldverpflichtungen nach außen erfüllen und die not-
wendigsten Ausgaben für den eigenen Bedarf bestreiten,
nicht aber für die kulturelle Hebung der Länder irgend etwas
tun konnten./ Auch fehlten hier die den. alten Kulturstaaten
für die Deckung eines Teiles ihres Bedarfs zur Verfügung
stehenden‘ Quellen für die Erwerbseinkünfte, wie Forsten,
Domänen, Bergwerke; ebenso konnten die gewinnbringenden
Transportanstalten nicht von den Regierungen eingerichtet
Oder übernommen werden und nirgends war ein Mittel,
auch nur einen kleinen Teil des Geldbedaris für den Staat
anders als vom Auslande oder von der wenig leistungs-
fähigen Bevölkerung zu bekommen.

Der Aufnahme auswärtiger Anleihen stand und steht
die geringe Kreditfähigkeit, deren sich diese Länder auf dem
internationalen Geldmarkt erfreuen, hindernd im Wege. Der
Kredit") eines Staates ist abhängig von dessen Zahlungs-
fähigkeit und dem guten. Willen, die eingegangenen Ver-
bindlichkeiten einzulösen. Die Zahlu ngsfähigkeit beruht

') Vgl. v. Eheberg: Finanzwirtschaft. S. 429/30.
        <pb n="73" />
        | Finanzwirtschaft:

auf dem Gesamtwohlstand’ des ganzen Volkes, der Ordnuns
der Finanzen und hauptsächlich auf dem Steuersystem,
von dessen Erträgnissen die Verzinsung und Abtragung der
Staatschuld abhängt. Der gute Wille des Staates beruht
auf den sittlichen Faktoren, ‚auf der Gewissenhaftigkeit und
Ehrliebe von Regierung und Volk, auf dem Zustand der den
sittlichen Gehalt eines Volkes widerspiegelnden Verfassung
und Verwaltung.

Mit den beiden die Kreditfähigkeit eines Staates be-
dingenden Faktoren, Zahlungsfähigkeit und guter Wille, war
es in den Ilateinisch- amerikanischen Ländern lange. Zeit
Schlecht bestellt, denn ihre Verwaltungen entbehren der
volkswirtschaftlichen Grundlage und sind keineswegs auf den
sittlichen Grundbegriffen von Wesen und Pflichten des Staates
aufgebaut. Sie erfreuen sich demgemäß auch nur einer ge-
ringen Wertschätzung auf dem Geldmarkte, und dies um so
mehr, als ihre Anleihen fast ausschließlich zur Befriedigung
der Staatsbedürfnisse, nicht aber zur Förderung der Volks-
wirtschaft Verwendung finden und deshalb den Charakter
des Konsumtionskredites tragen, während die Anleihen ge-
ordneter Länder als Produktionskredit zu bezeichnen sind.
Die von solchen schlecht. finanzierten Ländern geforderte
Zinshöhe kennzeichnet die Beurteilung der finanziellen Lage
des Schuldners durch den Gläubiger am deutlichsten.

Vorstehend ist das Steuersystem als Mittel bezeichnet
worden, von dessen Güte die Verzinsung und Abtragung
der Staatsschulden abhängt. Aber gerade hierin versagen
die lateinisch-amerikanischen Länder vollkommen... Es ist
ihnen bekanntlich nicht gelungen, eine kapitalbildende und
daher steuerfähige: breite Mittelklasse zu schaffen; daher ist
auch für sie der Weg der direkten Besteuerung ungangbar
und ihre Einnahmen müssen sich ganz auf die Aus- und
Einfuhrzölle, sowie auf innere Steuern (Verbrauchs-
steuern) stützen, wozu in einzelnen Staaten noch gewisse
Monopole, wie auf Tabak, Branntwein, Zündhölzer, treten.
Damit entbehren aber die Finanzen dieser Staaten jeder
festen Grundlage, und diejenige Klasse der Bevölkerung, die
am meisten zu den Staatseinnahmen beiträgt, der Pflanzer,
wird am schwersten belastet.

Da nämlich in den lateinisch -amerikanischen Ländern
infolge der noch geringen Aufnahmefähigkeit für Industrie-
erzeugnisse die Ausfuhr die Einfuhr bei weitem überwiegt,

v. Gemmingen, Entwickelung der Fabrikindustrie.

RR 65
        <pb n="74" />
        Finanzwirtschaft.

erstere aber nur ‚in Erzeugnissen der Bodenkultur besteht,
so trägt der. Pflaster durch die Ausfuhrzölle, die oft das
Doppelte der Einfuhrzölle betragen, die Hauptlasten der Ab-
gaben *)./ Bei der Ausfuhr zieht der auswärtige Händler den
Betrag des Zolles an dem Kaufpreis ‚der Bodenerzeugnisse
ab, bei der Einfuhr wird, da meist ein Wettbewerb durch
einheimische Industrie noch nicht besteht, der Betrag. des
Zolles auf den Warenpreis, aufgeschlagen und der Pflanzer
muß seine notwendigsten Bedarfsartikel teuer bezahlen. Von
den großen Staaten zeigt besonders Brasilien die furchtbaren
Schäden dieses Systems, die Staatseinnahmen nur auf Zölle
und Verbrauchssteuern zu gründen. | Ausfuhrzölle sind reine
Finanzzölle, die hohen Einfuhrzölle. sollen den doppelten
Zweck verfolgen, eine Einnahmequelle für den Staat zu sein
und die eigene Industrie zu schützen; in Wirklichkeit wird
aber der erste Zweck ausschließlich vorangestellt und der
zweite nur als willkommene Nebenwirkung betrachtet. Die
Anhänger des Prohibitivsystems glauben, daß der Ausfall an
Einnahmen, der bei sehr hohen Einfuhrzöllen wegen Ab-
nahme der Einfuhr entstehe, wieder gedeckt werde durch
innere Steuern, indem die Herstellung und der Verbrauch
nationaler Industrieerzeugnisse dadurch gehoben werde. . Dies
ist jedoch ein Fehlschluß ?. Während z. B. die Einfuhrzölle
1902 sich auf 126540683 Reis- beliefen und 1903 wegen
der Erhöhung der Einfuhrzölle auf 108269222 Reis zurück-
gegangen waren, fielen gleichzeitig die Verbrauchssteuern
von 34537416 Reis auf 24136081 Reis, also ein Gesamt-
ausfall von 28672796 Reis, der an Zöllen dadurch entsteht,
daß die auswärtigen Händler weniger Ware einführen, an
Verbrauchssteuern aber dadurch, daß eine große Anzahl
von Waren mit Zöllen belegt sind, die von der inländischen
Industrie «gar nicht hergestellt werden. Infolge der Ver-
teuerung werden die eingeführten Waren nicht mehr oder
nur in geringeren Mengen gekauft und der hierdurch ent-
stehende Steuerausfall wird durch die Vermehrung des Ver-
brauchs inländischer Industrieerzeugnisse nicht gedeckt, da
durch drückende Zollsätze die Kaufkraft der Bevölkerung
überhaupt abnimmt.

Solche unglückliche Finanzmaßregeln führen also immer
zu einer Verminderung statt zu einer Vermehrung der Staats-

') Weber: Zur wirtschaftlichen ‚Lage in den tropisch-amerika-
nischen Staaten. N

?) Bericht des K. u. K. Österreich - Ungarischen Konsulats in
Rio de Janeiro 1904.

el

Ab
        <pb n="75" />
        Finanzwirtschaft.
einnahmen, die man aber stets von neuem auf dem einmal
eingeschlagenen Wege zu heben versuchte. Daß die latei-
nisch - amerikanischen Staaten durch ihre schlechte Finanz-
verwaltung in. eine Papiergeldwirtschaft schlimmster Art
hineingeraten sind, ist eine aus dem bisher Gesagten un-
schwer abzuleitende und eine zu bekannte Tatsache, als daß
darüber noch viele Worte verloren zu werden brauchten.
Nur von den Folgen der Valutaentwertung auf die Hand-
habung der Zolltarife muß zur Klarstellung der Gesamtver-
hältnisse kurz die Rede sein. Im allgemeinen gilt der Satz,
die Valutaentwertung wirke wie ein Schutzzoll oder wie eine
Ausfuhrprämie, und man hat als Beispiele verschiedene
europäische Länder wie Rußland, Italien, Österreich heran-
gezogen, für die der Satz zweifellos richtig ist, aber nur aus
dem Grunde, weil sie volkswirtschaftlich aufgebaut sind und
eine nationale Industrie.haben. Für die lateinisch-amerika-
nischen Staaten hat dieser Satz auch Gültigkeit, aber mit.der
Beschränkung, daß die schutzzöllnerische Wirkung der Valuta-
entwertung zwar der vorhandenen Industrie zugute kommt,
daß aber, da diese Industrie keine nationale, sondern größten-
teils eine fremde ist, der Nutzen nicht dem betr. Staate,
sondern den auswärtigen Kapitalisten, den Besitzern der
industriellen Betriebe zufällt, deren Gewinne das nationale
Kapital nicht vermehren. Die schutzzöllnerische Wirkung
der Valutaentwertung ist also für die lateinisch-amerikanischen
Länder auch vorhanden, hat aber in volkswirtschaftlicher
Beziehung eine andere Wirkung, was nicht übersehen wer-
den darf. Nebenbei ist auch nicht zu vergessen, daß eine
zu starke Erhöhung der Einfuhrzölle' von nachteiliger Wir-
kung auf die Preise der fast ganz aus eingeführten Roh-
stoffen erzeugten Industriewaren und damit auf. die Kaufkraft
der Bevölkerung ist, deren Maß in diesen Ländern ganz
besonders in einem Wechselverhältnis zu der jeweiligen Zoll-
höhe steht. Da nun, wie schon mehrfach erwähnt, eine
große Anzahl der mit Zoll belegten Einfuhrwaren im Lande
gar nicht hergestellt werden, so paßt der ausländische Händler,
der im Inlande keinen Wettbewerb zu befürchten hat und
weiß, daß man seine Waren haben muß, die Preise 'ent-
sprechend der Valutaentwertung. und der Goldprämie dem
jeweiligen Stande der Valuta- an, von deren Schwankungen
dann auch die Schwankungen der Preise der eingeführten
Waren abhängig sind. Sinkt nun die Valuta, so wird zwar
der Preis der Bodenerzeugnisse erhöht, aber auch. der Preis
der eingeführten Waren steigt, und somit hat der Landwirt
5* 67
        <pb n="76" />
        Finanzwirtschaft.
keinen Vorteil von dem Steigen der Preise seiner Erzeug-
nisse 9).

Für die Finanzverwaltung liegt hierin ein großer Scha-
den. Sie hat die Zinsen der auswärtigen Schuld in Gold zu
bezahlen, macht aber ihre Einnahmen in heimischem Gelde,
so daß beim Fallen der Valuta ihre Ausgaben entsprechend
dem Betrag dieses Rückganges sich een Brasilien!)
z. B. hatte 1889 für die auswärtige Schuld 1,95 Mill. Pfund
Sterling zu zahlen und brauchte bei dem damaligen Kurs
des Milreis von 27 d. für die Zinsen 17,3 Mill. Milreis.
1898 war der Milreis auf 6 d. gefallen und die Zinssumme
betrug deshalb für dieselbe Schuld 78,2 Mill. Milreis. Die
nationale Goldanleihe, die 1889 nur 6,8 Millionen Milreis
Zins kostete, erforderte 1898 an Zinsen 30,6 Millionen. Die
Zinsen einer weiteren Goldschuld im Inlande waren in dem-
selben Zeitraum von 6,5 auf 30 Mill. Milreis ‚gestiegen, so
daß von 1889 bis 1898 die Zinsen derselben Schuldsumme
von 30,6 auf 138,8 Mill. Milreis durch die Valutaentwertung
gestiegen waren.
| Ahnliche Vorgänge vollzogen sich auch in den anderen
Ländern, und man versuchte die verschiedensten Auswege
zur Erhöhung der Einnahmen. Z. B. wurde die Bezahlung
eines großen Teiles der Zölle in Gold vorgeschrieben, was
natürlich einer starken Zollerhöhung vollkommen gleichkam,
denn bei der Ausfuhr wurde einfach der Betrag durch den
Händler auf den Pflanzer abgewälzt und bei der Einfuhr auf
den Warenpreis geschlagen. Ferner wurden hoch verzins-
liche Schatzscheine in der entwerteten Valuta ausgegeben
und die Verzinsung und Rückzahlung in Gold vorgeschrieben,
wodurch die betr. Staaten bis zu 24%, Gewinn machten,
also einfach Wuchergeschäfte!) mit der Bevölkerung trieben,
deren Wohlstand immer mehr zurückging.

Selbstredend. führten derartige, die Hauptsteuerquelle
der Staaten immer: mehr schwächende Maßregeln nirgends
zu einem die Finanzen regelnden Ergebnis, sondern nur auf
der. abschüssigen Bahn weiter bis zum völligen finanziellen
Ruin und gänzlicher, Abhängigkeit vom Auslande, / Brasilien,
das. einen ‚Teil seiner Zölle verpfänden mußte, gilt heute als.
das „Königreich der Rothschild“. Die kleinen Staaten mußten
ihre. gesamten Zölle verpfänden, und in Honduras werden

!) Vgl. Weber: Zur wirtschaftlichen Lage in den tropisch--

/ amerikanischen Staaten.
53

A
        <pb n="77" />
        Finanzwirtschaft.
sogar die  Verwaltungsbeamten von einem Syndikat: an-
gestellt).

Aus diesen Andeutungen geht ohne weiteres hervor,
daß die lateinisch-amerikanischen Staaten und besonders die
tropischen, auf die sich diese Schilderung vorzugsweise be-
zieht, in absehbarer Zeit nicht in der Lage ‚sein werden, für
die volkswirtschaftliche Hebung und ‚Ausgestaltung ihrer
Länder irgendwelche Mittel zur Verfügung zu stellen oder
leistungsfähige Banken und Kreditinstitute zu errichten, bei
denen Geld für Industriegründungen, für die Erschließung
der Länder durch die Mittel der Technik oder für die Zwecke
der Landwirtschaft zu bekommen wären. So wurden diese
Länder der Tummelplatz fremden Kapitals, das ihre national-
wirtschaftliche Entwickelung hemmt. Wohl hat dieses schon
manches für die Länder geleistet, auch die vorhandene In-
dustrie größtenteils ins Leben gerufen, aber doch nur den
ganzen schwierigen und volksbildenden Prozeß der indu-
striellen Entwickelung . alter Kulturländer einfach auf den
neuen Boden verpflanzt, als etwas Fertiges gebracht, ohne
daß deshalb die Einheimischen den großen sittlichen und
sozialen Nutzen dieser Entwickelung an ich selbst hätten
erfahren können. Daher trotz allen scheinbaren Vorwärts-
gehens der sittliche Tiefstand dieser Länder. Gerade weil
die Fremden sie emportrugen, ist die wirtschaftliche Ent-
wickelung — eine für die richtige Beurteilung der Wirtschafts-
statistik dieser Länder wichtige Tatsache — nicht gleich-
bedeutend mit dem wirtschaftlichen Aufblühen des Staates.
Dieses ist in Kulturländern aufgebaut auf Steuern, also auf
Beiträgen des Einzelnen zur Befriedigung von Bedürfnissen
der Gesamtheit. In den lateinisch- amerikanischen Ländern
ist aber aus mehrfach geschilderten Gründen eine direkte
Besteuerung nicht möglich, und es bleiben deshalb neben
den Zöllen nur die Verbrauchssteuern als die einzige Mög-
lichkeit, die Bevölkerung zu einem Beitrag zu den Staats-
einnahmen heranzuziehen.

Die Einfuhrzölle sind in den Staaten mit eigener In-
dustrie Schutzzölle — in den anderen reine Finanzzölle —
und haben auch die Wirkung gehabt, daß sich unter ihrem
Schutze in verschiedenen Ländern die Industrie zu beachtens-
werten Anfängen entwickeln konnte. Dies war aber nur
dort der Fall, wo diese Zölle nicht über eine gewisse Grenze

1) Vgl. Weber: Zur wirtschaftlichen Lage in den tropisch-
amerikanischen Staaten. -
69
        <pb n="78" />
        Finanzwirtschaft.

hinausgingen.. Denn.da alle lateinisch-amerikanischen Länder
in größerem oder geringerem Maße auch für wichtige Ge-
brauchsgegenstände noch auf die Einfuhr angewiesen sind,
verfehlt eine übertriebene Steigerung der Zölle ihren Zweck,
indem sie die Kaufkraft der Bevölkerung schwächt und diese
auch zur Aufnahme von Artikeln der heimischen Industrie
weniger fähig macht. Am unheilvollsten wirken die hohen
Einfuhrzölle auf die notwendigsten Gegenstände, die von der
heimischen Industrie oder Landwirtschaft überhaupt nicht
erzeugt werden. Hier kommt der Zoll einer Verbrauchs-
steuer gleich, die dann aber nachher beim Kauf der Ware
von dem Verbraucher noch einmal bezahlt wird.

Die Ausfuhrzölle, reine Finanzmaßregeln, die bei der
überwiegenden Ausfuhr dieser Länder lange Zeit den größten
Teil der Einnahmen bildeten, wirken sehr lähmend auf die
Bevölkerung, waren aber kaum zu umgehen, doch macht
sich in den geordneteren subtropischen Ländern das Be-
streben geltend, die Lasten dieser Zölle zu ermäßigen oder
ganz zu beseitigen.

Bei der Beurteilung dieser sämtlichen Verhältnisse darf
man allerdings nicht darauf verfallen, unsere einem wirt-
schaftlich geordneten Staatswesen angepaßten Ansichten über
Zoll- und Steuerpolitik auf die lateinisch- amerikanischen
Länder zu übertragen, denn eine Steuer, die bei den Ein-
wohnern alter Kulturländer Anstoß erregen würde, ist viel-
leicht vollkommen gerechtfertigt in einem weniger entwickelten
und bevölkerten Lande, Steuern, die Sehr ertragsreich sind
in einem alten, reich zivilisierten Lande, können in einem
jungen, kulturell noch wenig entwickelten Gebiet völlig er-
traglos sein. Solche. primitive Länder mit schwacher, auf
weiten Räumen zerstreuter Bevölkerung erfordern ganz an-
dere Steuern als die bei den hauptsächlichsten europäischen
Völkern im Gebrauch befindlichen!). Wenn z. B. das durch
seine geordnete Wirtschafts- und Finanzpolitik an der Spitze
der lateinisch- amerikanischen Staaten stehende Mexiko heute
noch 45 % seiner Einnahmen aus den Zöllen zieht, Chile
sogar 75%, SO erscheint das dem Europäer als ein "ganz
außergewöhnliches Verhältnis, und doch ist dies bei der Not-
wendigkeit von Staatseinnahmen für diese Länder wohl das
einzig Gegebene. Ebenso würde nach europäischen Be-
griffen die Einziehung einer Verbrauchssteuer ohne den An-

!) Vgl. Le Mexique au debut du XX. Si&amp;cle. Il. T.S. 134 u. f.
70)
        <pb n="79" />
        Finanzwirtschaft.

schluß an das gesamte Steuersystem mit dem Charakter
einer Ergänzungssteuer kaum zulässig erscheinen, und doch
kann oder konnte lange Zeit nur auf diesem Wege das Ein-
kommen des Einzelnen für den Staat nutzbar gemacht werden.
Selbstredend muß aber die Höhe der Steuer in einem rich-
tigen Verhältnis zu dem Einkommen der Bevölkerung stehen,
sonst verliert sie ihre Ertragsfähigkeit, wie das oben an-
geführte Beispiel Brasiliens beweist, wo, infolge der Waren-
verteuerungen durch die Zollerhöhungen auch das Einkommen
und die Kaufkraft der Bevölkerung und damit der Ertrag der
Verbrauchssteuer stark zurückging.

Von einem Fehler sind die Regierungen der südameri-
kanischen Staaten nicht freizusprechen: sie unterlassen es,
wie Mexiko dies tut, ihr Steuersystem den Veränderungen
der Einnahmequellen anzupassen, um durch Erschließung
neuer Einnahmen den Druck der bisherigen schweren und
durch ihr. Fortbestehen ungerecht werdenden Abgaben zu
beseitigen. Z. B. hat Argentinien, das sich bis vor wenigen
Jahrzehnten von den übrigen südamerikanischen Staaten nur
wenig unterschied, mit einem Schlage den Sprung zu einem
der ersten Getreideausfuhrländer gemacht. Hand in Hand
damit geht ein sehr bedeutender Handel mit Grundstücken,
der sich jährlich auf über 300 Mill. Pesos beläuft. Es müßte
also eine Stempelsteuer, wie sie Mexiko mit großem Erfolge
eingeführt hat, bedeutende Einnahmen bringen. Da die
Ausfuhrzölle abgeschafft sind, so bleibt eine sehr leistungs-
fähige ‚Bevölkerungsklasse, die Latifundienbesitzer, nahezu
steuerfrei, und die Industrie, der Handel und der Arbeiter
haben die ganze Steuerlast ‚aufzubringen, deren gleichmäßige
Verteilung nicht nur im Interesse der überlasteten Klassen,
sondern auch der Regierung liegen müßte, da die Entlastung
der Klassen mit geringer Leistungsfähigkeit deren Kaufkraft
für Industrieerzeugnisse hebt... Die Anderung dieser Zustände
scheint aber auf innerpolitische Hindernisse zu stoßen. |

71
        <pb n="80" />
        ; © EM e

Aus den bisherigen Ausführungen über die wirtschaft-
liche Entwickelung der lateinisch -amerikanischen Länder
geht hervor, daß es bis zu dem Zeitpunkt, mit dem auch
auf ihrem Boden die Entwickelung der Fabrikindustrie ein-
setzte, weder den Einzelnen gelungen war, das zur Gründung
von Industrien nötige Kapital als Überschnß der bisherigen
Wirtschaft zu bilden, noch die Staaten über angesammelte
Mittel verfügten, aus denen sie unternehmungslustigen Männern
Kredite für Anlegung von Industrien gewähren konnten. Die
Frage ist also nicht ungerechtfertigt, woher denn das Kapital
für die tatsächlich bestehende und an einzelnen Stellen schon
recht leistungsfähige Industrie gekommen ist. Die Antwort
lautet, wie auch beim Handel: aus dem Auslande, und zwar
Nicht etwa in der Form, daß Angehörige der lateinisch-
amerikanischen Länder ausländischen Kredit bekommen
hätten, sondern meist, dadurch, daß ausländische, besonders
deutsche, französische, englische und nordamerikanische
Unternehmer eigene Fabriken gründeten oder daß in diesen
Ländern bestehende Häuser oder Fabriken Filialen in
Amerika anlegten. Der Grund für diese Maßregel ist leicht
zu erkennen. Die schlechten Finanzverhältnisse im Ilatei-
nischen Amerika, die Unsicherheit im Stande der Valuta
und Wechselkurse, die Höhe der Einfuhrzölle und deren
ewige Schwankungen, die nie eine rechtzeitige Kalkulation
gestatten, machten es dem europäisch-nordamerikanischen
Produzenten oder Importeur wünschenswert, durch Ver-
legung seiner industriellen Betriebe innerhalb der Zollgrenzen
mit sichereren Verhältnissen rechnen zu können. | Das Ziel
dieser Anlagen war, den inländischen Markt” durch Er-
zeugung an Ort und Stelle statt durch Einfuhr mit den
nötigen Bedarfsartikeln zu versorgen; der Gedanke an eine
Erzeugung von Industriewaren für die Ausfuhr spielt zunächst
noch keine Rolle. Die Fabrikgründungen schlossen sich
einem der hauptsächlichsten Bedürfnisse der Bevölkerung,
nämlich dem nach Kleidung an; es entwickelte sich also in
erster Linie die Textilindustrie, zu der die Rohstoffe

TO
        <pb n="81" />
        Industrie.

teilweise im Lande oder in nächster Nähe, z. B. Baumwolle
in Brasilien, Wolle in Argentinien, zu haben waren. Diese
Industrie bildet noch heute den Kern der Industrie der
lateinisch-amerikanischen Länder. Neben dieser entwickelte
sich gewaltig die Bierbrauerei, und zwar an vielen Stellen so
kräftig, daß die Einfuhr von Bier fast aufgehört hat, wozu
freilich auch sehr hohe Einfuhrzölle, besonders in Brasilien,
beitrugen..

Ein ganz besonderer Zweig von Industrie. ist diejenige,
die sich im Anschluß an den Ackerbau und die Tierzucht
entwickelt hat: einerseits die großen Mühlen und Zucker-
fabriken, dann die Fabriken, die sich mit der Verwertung
der Tierkörper beschäftigen, indem sie das Fleisch zur Aus-
fuhr zubereiten, dann aber auch Häute, Hörner, Klauen,
Haare, Knochen, Borsten, sowie Fett und Talg der Tiere
verarbeiten. | Solche Industrien finden sich hauptsächlich in
Argentinien, Uruguay und Südbrasilien. Dazu, kommen
noch allerlei andere Industrien, wie Zigarren, Glas, Olpressen,
Schuhe, Kerzen, Streichhölzer, gewöhnliche Seifen, Ent-
kernung der Baumwolle, Hüte. Viele der genannten Gegen-
stände werden auch auf dem Wege des gewerblichen Be-
triebes hergestellt, der sich nicht immer ganz von der Fabrik-
industrie unterscheiden läßt, doch ist diese Trennung hier
unwesentlich.

An dieser Stelle soll eigentlich nur von der volkswirt-
schaftlichen und weltwirtschaftlichen Bedeutung dieser In-
dustrien die Rede sein, denn es kommt weniger darauf an,
alle Arten von Industrien und Betrieben aufzuzählen, als
deren Einfluß und Leistungen auf dem Markt kennen zu
lernen, da nur eine solche Betrachtung darüber aufklärt,
welche Rolle die amerikanischen Staaten auf Grund ihrer
eigenen Produktion im großen Wirtschaftsgetriebe zu spielen
befähigt sind.

Bevor jedoch in diese Betrachtuug eingetreten wird,
ist es, nachdem die wirtschaftliche Grundlage der Fabrik-
industrie klargelegt ist, notwendig, zu untersuchen, welche
natürlichen Grundlagen für den Betrieb der industriellen
Anlagen in den _lateinisch-amerikanischen Ländern  vor-
handen sind.

1. Natürliche Grundlagen der Industrie.
In den Kulturländern der alten Welt war von jeher
die menschliche uud tierische Kraft, dann seit vielen Jahr-
73
        <pb n="82" />
        Industrie.

hunderten die des Windes und des Wassers, wenn auch bis
auf die Neuzeit in technisch unvollkommener Weise, benutzt
worden. Als Kraftquellen der Neuzeit kamen dann aber
der auf dem Urelement, dem Feuer, beruhende‘ Dampf hin-
zu, der durch die Maschine die wirksamste Triebkraft wurde,
und zu ihm gesellte sich die Elektrizität, die wohl bestimmt
ist, in der späteren Zukunft der Erde eine bedeutende oder
die ausschlaggebende Rolle zu spielen, da sie unerschöpf-
liche Naturkräfte, hauptsächlich das bewegte Wasser, als
Kraftquelle benutzt, während die das Feuer, die Kraftquelle
des Dampfes, ernährenden Brennstoffe ihrer Erschöpfung
entgegengehen.,

Der Wind wird seiner Unregelmäßigkeit wegen nie
mehr ‚eine Rolle als Betriebskraft spielen. Anders dagegen
das Wasser‘). Bei diesem war man durch die  ober-
schlächtigen Räder zu einer Steigerung der Nutzkraft auf
50—80% gekommen, und 1895 hatte Deutschland 46000
Hauptgewerbebetriebe mit Wasserkraft von 0,6 Mill. Pferde-
kräften, denen aber schon 57000 Dampfbetriebe mit 2,7 Mill.
Pferdekräften gegenüberstanden. DerDam pf schien also auch
die verbesserte Wasserausnutzung zu verdrängen, als plötzlich
der Wasserkraft ein neuer ungeheuerer Weg des Fortschrittes
eröffnet wurde. Die Erfindungen auf dem Gebiete der
Elektrizität machten es möglich, die elektrische Kraft. auf-
zuspeichern und auf weite Entfernungen an beliebige Ver-
wendungsorte zu leiten. Dadurch wurde die Kraft starker
natürlicher Wasserwirkungen, wie die Fälle und Strom-
schnellen, wirtschaftlich nutzbar und der Ort der Kraft-
erzeugung zur Anlage von Fabriken benutzt oder die Kraft
nach anderen Punkten geleitet, die sich aus besonderen
Gründen für die Errichtung industrieller Betriebe besser
eigneten.

; Dem Dampf verdanken wir die auf den Grundstoffen
Kohle und Eisen beruhende moderne Fabrikindustrie, und
in einer wirtschaftlich heute schon in Rechnung zu ziehenden
Zeit wird sich in den Kohle und Eisen erzeugenden Ländern
eine grundlegende Anderung in der Verwendung der Be-
triebsmittel nicht vollziehen, so daß etwa wegen der Er-
schöpfung der Kohlenvorräte heute schon auf Ersatz ge-
sonnen werden müßte. Wenn das trotzdem geschieht, so
hat es vielleicht mehr wirtschaftliche Gründe, indem man

1) Vgl. Schmoller: Grundriß der allgemeinen Volkswirtschafts-

Jehre: I Teil S- 212 u. 1.
74
        <pb n="83" />
        Industrie.

versucht, an Stelle der teueren Anlagen, die für den Dampf-
betrieb nötig sind, billigere weniger umfangreiche Anlagen
zu setzen. Wird durch“ diese Versuche teilweise der Weg
gezeigt, wie man in späteren Zeiten auch‘ ohne Kohle wird
auskommen können, so ist dies nur eine Nebenwirkung dieser
gesamten Bestrebungen. Als solche Ersatzmittel. bewährten
sich auch Petroleum, heiße Luft, Benzin und Gas. Am
zweckmäßigsten erwies sich. die Gasmaschine, die die Wasser-
einheiten ihrer Dämpfe bis 25% ausnützt — der Dampf nützt
die Wärmeeinheiten der Kohle nur bis 12 % aus — und bei
sehr einfachem. Betrieb bis zu 50 P.S. viel, billiger ist als
der Dampf, weshalb sie sich auch in mittleren und größeren
Betrieben schnell verbreitet. Noch bedeutender in ihren
Leistungen scheint die Wärmemaschine zu Sein, die bei
mäßigen Kosten die Wärmeenergie bis zu 40 °%, ausnützt.

T Das wirksamste Ersatzmittel wird aber jedenfalls die
Elektrizität bilden, von deren zukünftiger Bedeutung man
sich heute noch kaum ein Bild zu machen vermag. Sie kann,
wie schon erwähnt, durch eine nie versiegende Kraftquelle,
das Wasser, erzeugt werden, ihre Kraft kann aufgespeichert
und, je nach zeitlichem und Öörtlichem Bedarf frei gemacht,
ebenso. durch Leitungen auf weite Entfernungen übertragen
werden, wodurch der Anhäufung industrieller Betriebe. an
einem Mittelpunkte entgegengearbeitet wird. |

Aus dieser kurzen Betrachtung der Kraftquellen unserer
Fabrikindustrie geht unzweifelhaft «hervor, daß die Dampf-
maschine die Trägerin der modernen Großindustrie geworden
ist und den Ländern, die die zu ihrer Betreibung nötigen
Stoffe, Kohle und Eisen, besitzen, einen. großen wirt-
schaftlichen Vorsprung vor den anderen. diese Stoffe gar
Nicht oder nur in geringem Maße besitzenden Ländern ge-
sichert hat.

/Wie steht es nun im lateinischen Amerika mit diesen
Verhältnissen? Es ist eine bekannte Tatsache, daß diese
sämtlichen Länder arm an Kohle und Eisen sind und des-
halb bisher Beide Stoffe vom Ausland‘ einführen mußten,
um ‚eine Fabrikindustrie ins Leben zu rufen, die also allein
schon dadurch, abgesehen von den früher geschilderten
wirtschaftlichen Schwierigkeiten, der europäisch-nordameri-
kanischen Industrie unterlegen und vollkommen vom Aus-
lande abhängig ist. Nun istı aber, wie die vorstehenden
Ausführungen zeigten, durch die Ersatzmittel der Kohle Ge-
legenheit geboten, andere natürliche Kräfte als Kraftquellen
zum Antrieb von Maschinen zu benutzen und es wäre wich-

„J

7=
        <pb n="84" />
        Industrie.
tig zu untersuchen, ob auf diese Weise wenigstens der eine
Hauptbestanteil der Maschinenindustrie, die Antriebskraft, in
den Ländern selbst gewonnen werden kann, wenn auch die
Maschinen selbst entweder fertig oder die Rohstoffe dazu
dauernd aus dem Auslande bezogen werden müssen.

Die Gasmaschine beruht auf der Kohle, wird also für
diese besondere Untersuchung außer Betracht bleiben, wenn
sie auch. sicher, sofern Kohle sowieso eingeführt wird, in
vielen Betrieben mit Vorteil statt der Dampfmaschine ver-
wendet werden kann.

Petroleum wird an verschiedenen Stellen ‘des latei-
nischen Amerika gefunden, von seiner wirklichen Ausnützung
zu gewerblichen Zwecken wird aber in der Hauptsache nur
aus Mexiko?) berichtet, wo man die Lokomotiven für Pe-
troleumheizung einrichtet und auch im Industriebetrieb teil-
weise dieses Heizmaterial schon eingeführt hat.

| Kohle kommt in verschiedenen Gebieten des lateini-
schen Amerika vor, aber meist in ungenügenden Mengen
und nicht von der Güte der europäisch-nordamerikanischen,
weshalb sie vielfach für gewerbliche Zwecke nicht geeignet
ist. | Es scheint übrigens, daß noch lange nicht alle Kohlen-
schätze des lateinischen ‘ Amerika aufgedeckt sind, denn
man stößt ab und zu auf neue Kohlengebiete, ohne daß
bis jetzt deren Abbauwürdigkeit einer näheren Untersuchung
unterzogen worden wäre. Am sorgfältigsten geht man auch
hierin in Mexiko zu Werke, wo man aus den mit Eisen-
werken verbundenen Kohlenfeldern von Monterey einen
besonderen Teil des Landesbedarfis decken kann!). Auch
Argentinien widmet dem Vorkommen von Kohle beson-
dere Aufmerksamkeit, da es sein heißester Wunsch ist, sich
in dieser Beziehung vom Auslande frei zu. machen. Es
kann also der augenblicklich geringe Stand der Ausbeute an
Kohle im lateinischen Amerika nicht mit Bestimmtheit als
auch für die Zukunft ‚geltend bezeichnet werden. ! Immerhin
wird man in diesen Ländern gut tun, sich nicht mit un-
sicheren Hoffnungen zu trösten, oder weiterhin jährlich un-
geheuere Summen an das Ausland für die Einfuhr der Kohle
zu bezahlen, sondern sich nach geeigneten Ersatzmitteln für
diesen Brennstoff im eigenen Lande umzusehen.

Dazu ist nun die Elektrizität ganz besonders geeignet,
deren verschiedene Vorzüge weiter oben hervorgehoben
wurden. Sie wird fast in allen größeren Städten des latei-

1) Vgl. die Berichte der K. u. K. Österreich-Ungarischen Kon-

76 sulate in Mexiko.
        <pb n="85" />
        Industrie.

nischen Amerika schon in ausgedehnter Weise verwendet, in
der Hauptsache zum Betrieb von Straßenbahnen und für
Beleuchtungszwecke, aber auch die Abgabe von elektrischer
Kraft als Antrieb für die Maschinen nimmt immer mehr zu.
Allerdings ist noch an den wenigsten Stellen die natürliche
Wasserkraft als Kraftquelle ausgenützt und an anderen Stellen,
wo die günstigen Bedingungen der Kraftäußerung des Wassers
durch Fälle und Stromschnellen fehlen, verstand man es noch
nicht, die Kraft des gewöhnlichen Gefälles der Flüsse für in-
dustrielle Zwecke genügend dienstbar zu machen. | Aber auch
in der Anwendung elektrischer Kraft, die in einer mit Dampf
betriebenen Zentrale erzeugt wird, liegt schon ein großer
Vorteil, indem dadurch der Ankauf von Kohle nur für das
Elektrizitätswerk nötig wird, das dann die angeschlossenen
Betriebe mit Kraft versorgt.

Natürlich war es, wie in anderen: wirtschaftlichen
Zweigen, So auch in diesem wieder das ausländische Kapital,
das sich die Einrichtung der elektrischen Anlagen nicht ent-
gehen ließ und es verstanden hat, den reichen Gewinn
solcher Werke dem Nationalvermögen der lateinischen Länder
vorzuenthalten.

Wenn nun die Ausbeutung der elektrischen Kraft, be-
sonders unter Heranziehung der billigen Wasserkräfite als
Kraftquelle eine bedeutende Verminderung des Bedarfs an
Kohlen und damit der Abhängigkeit vom Auslande zur Folge
hat, so würde diese noch viel bedeutender werden, wenn es
gelänge, die bisher vom Auslande bezogenen Maschinen im
Inlande. herzustellen aus dem in dem heimischen Boden ge-
fundenen Material.

‚Die Aussichten auf genügende Ausbeute an Eisen-
erzen sind nicht überall vorhanden. Aus Mexiko!) erfährt
man. von einem sehr kräftigen Aufschwung der Eisenwerke
von Torreon und Monterey, deren Ertrag den schon stark
angewachsenen Ansprüchen der. aufstrebenden Industrie ge-
recht zu werden vermag. Aus anderen Ländern wird das
Vorkommen von Eisenerzen an vielen Stellen berichtet, aber
da bei dem Fehlen von Kohle an die Einrichtung von Hüt-
tenwerken nicht gedacht werden kann, so ist kein großer
Bedarf an Roheisen vorhanden und der Bestand an Erzen
in den einzelnen Ländern noch gar nicht ausreichend be-
kannt. Argentinien ist, wie mit der. Erkundung der
Kohle, so auch mit der Erkundung der Mächtigkeit
seiner Eisenerzlager eifrig beschäftigt, und man nimmt

1) Berichte der K. und K. Österreich-Ungarischen Konsulate. 47
        <pb n="86" />
        Industrie.

an, daß diese, ‘wenn erst einmal die Vorbedingungen für
das Bestehen von Hüttenwerken sich herausgebildet haben,
imstande sein werden,, die fremde Einfuhr zu beseitigen
und den Bedarf an Eisenerzeugnissen selbst herzustellen.
Die anderen. Länder des lateinischen Amerika stehen in der
Erforschung ihrer Eisenerzbestände weit zurück, und es ist
deshalb nicht möglich, ein abschließendes Wort über die
Entwickelung zu sprechen, die auf diesem Gebiete die Dinge
noch nehmen werden. Nur so viel kann man mit Bestimmtheit
sagen, daß in der für die wirtschaftliche Berechnung in Frage
kommenden Zukunft eine wesentliche Anderung des heutigen
Zustandes nicht eintreten wird.

Das Ergebnis dieser Betrachtung ist also in kurzem
folgendes: Eine Begründung der heimischen Industrie auf
inländischer Kohle und Eisen ist bis jetzt‘ noch‘ nicht
möglich; Einfuhr beider Stoffe ist in größerem oder ge-
ringerem Maße notwendig. Die Anwendung anderer Kraft-
quellen als Ersatz ist ohne weiteres möglich, um: so mehr,
als die an sich noch nicht großen industriellen Anlagen sich
häufig mit Motoren bis zu 50 P.S. begnügen können, deren
Leistung innerhalb der verlangten Nutzwirkung liegt. End-
lich ist die Elektrizität dazu bestimmt, die Befreiung des
lateinischen Amerika von der Abhängigkeit vom Auslande in
der Kohleneinfuhr bis zu einem gewissen Grade herbeizu-
führen, und zwar um mehr, als die Wasserkräfte, die in den
vertikal stark gegliederten Ländern vorhanden sind, die Ge-
winnung billiger Betriebskraft in viel ausgedehnterem Maße
zulassen.

Ist nun auf Grund der eben geschilderten Bedingungen
die Fabrikindustrie in den lateinisch-amerikanischen Ländern
entstanden und noch außerordentlich entwickelungsfähig, so
würde weiter zu untersuchen sein, in welcher Weise ihre
bisherige Entwickelung diese Länder volkswirtschaftlich be-
einflußt hat und welche Aussichten für die Zukunft in dieser
Beziehung vorhanden sind.

2. Volkswirtschaftliche Bedeutung der Fabrikindustrie.
‚Am leichtesten läßt sich eine derartige Untersuchung
im allgemeinen anstellen durch, eine Vergleichung mit‘ den
entsprechenden gleichwertigen Verhältnissen an anderen Orten,
und dazu. könnten die europäischen Verhältnisse geeighet
erscheinen. Da aber die Fabrikindustrie in Amerika ‚aus

73
        <pb n="87" />
        Industrie.

ganz anderen Bedingungen heraus entstanden und der euro-
päischen nur in ihrer äußeren Erscheinung ähnlich ‚ist, in
ihrem inneren Wesen aber sehr von ihr abweicht, so fehlen
zu Viele Berührungspunkte für eine Vergleichung, d. h. für
die Betrachtung von Gleichwertigem in Wesen und Wirkung,
und es soll deshalb die Darstelluug mehr durch. die Hervor-
hebung der bestehenden Gegensätze geführt werden, aus
denen die Abweichung von den europäischen Verhältnissen
ohne weiteres hervorgeht. /

Wie aus den früheren Ausführungen. hervorrgeht, fehlt
der Industrie der lateinisch-amerikanischen Länder die Grund-
lage nationalen Kapitals, eines Überschusses der fortschrei-
tenden Volkswirtschaft, auf dem die Industrie der Alten
Welt und der Union sich aufbaute. Es fehlt also der ganze
organische Zusammenhang mit der Wirtschaft der Vergangen-
heit, als deren letztes Glied wir die Fabrikindustrie entstehen
sahen. Steht somit diese amerikanische Industrie gewisser-
maßen wurzellos auf einem unvorbereiteten Boden, so wäre,
dieser Schaden vielleicht nicht so groß, wenn es sich dabei
nur um die Frage nach der Beschaffung der Mittel, also um
die materielle Seite handelte. Daß diese Frage zu lösen
wäre, wenn es nur darauf ankäme, eine Fabrikindustrie
überhaupt zu gründen, beweist die Tatsache, daß eine solche
in Wirklichkeit besteht. Es ist aber, wenn die: Fabrikindustrie
einen nationalen und volkswirtschaftlichen Charakter haben
soll, deren Entstehung auch an einen langjährigen gesell-
schaftlichen und sittlichen Entwickelungs- und Umbildungs-
vorgang gebunden, der die Fabrikindustrie in. den alten In-
dustrieländern vollständig mit allen Fäden ‚des Volkslebens
sich verknüpfen ließ.

Diese Notwendigkeit des Aufbaues. der Fabrikindustrie
auf einer zweifachen, nämlich einer materiellen und einer
sittlichen Grundlage, wird vielfach unterschätzt. ‚Man ist
z.B. ‚bei , ungenügender Kenntnis der japanischen Verhält-
nisse leicht geneigt, die Leistungsfähigkeit. der dortigen In-
dustrie zu überschätzen und nach dem äußeren Anschein
diesem Lande eine. weltwirtschaftliche Bedeutung zuzu-
schreiben, die es in Wirklichlichkeit. noch nicht besitzt. und
vielleicht nie besitzen wird. Wohl ist die dortige Industrie
ihrer Erscheinung nach national, indem die Betriebe aus-
schließlich im Besitze von Japanern sind und nur japanische
Arbeiter beschäftigen. Aber ihre Entstehung ist nicht einem
volkswirtschaftlich ‚folgerichtig auf- der bisherigen. Ent-
wickelung sich aufbauenden Vorgang zu. danken, der auf
78
        <pb n="88" />
        Industrie
vorbereitetem Boden sich vollzog, sondern dem plötzlichen
Übernehmen eines fremden, dem japanischen Volksbewußt-
sein nicht entsprechenden Elementes.. Ein Umstand be-
leuchtet dies deutlich: Als im 7. Jahrzehnt des vorigen Jahr-
hunderts der Übergang zum modernen Staat sich ganz un-
vorbereitet vollziehen mußte, wurde auch die Gründung der
Fabrikindustrie als eine der wesentlichsten Grundbedingungen
für diese Umbildung angesehen. Die hierzu nötigen Kapi-
talien befanden sich aber in den Händen des an vierter
Stelle hinter dem hohen, dem niederen Adel und dem
Bauernstande stehenden ziemlich mißachteten Kaufmanns-
Stande, der damit ohne jede sittliche Vorbereitung plötzlich
den entscheidenden Einfluß auf die Entwickelung des neuge-
Stalteten wirtschaftlichen und staatlichen Lebens bekam, was
zu den heute noch bestehenden Gegensätzen in der Bevölke-
rung führte, die noch in ihren Auffassungen an der alten
feudalen Klasseneinteilung festhält. Aber nicht nur dies.
Mit der Gründung der Fabrikindustrie ist auch mit einer
geradezu erschreckenden Schnelligkeit das ganze soziale
Elend, das im Gefolge der Industrie einherzieht, über das
ursprünglich glückliche Inselreich hereingebrochen. Früher
unterschieden hoch und niedrig sich in Kleidung, Wohnung,
Lebensführung kaum und die Bevölkerung erkannte die bis-
herige Klasseneinteilung als etwas Althergebrachtes wider-
standslos an. Nun hat es der Reichtum, der durch die In-
dustrie und die Inanspruchnahme von seiten. des Staates zur
Deckung der finanziellen Bedürfnisse einer aufstrebenden
Großmacht in den Händen der Kaufleute und Industriellen sich
ansammelte, zustande ‚gebracht, daß ein schroffer Gegensatz
entstand zwischen arm und reich, daß. teils auf künstliche
Weise durch halbgebildete Volksverhetzer, teils auf natür-
lichem Wege durch die einfache Betrachtung der materiellen
Lage der Fabrikanten und des Arbeiters Unzufriedenheit in
die Massen getragen wurde. Die große Auswanderung, die
Japan fortwährend in politische: Schwierigkeiten bringt, ist
ausschließlich eine Folge dieses Systems. Die Landwirt-
schaft hatte, beim Beginn des neuen Zeitalters noch ganz
in den uralten Formen arbeitend, das Nahrungsbedürfnis
der Bevölkerung vollauf befriedigt, denn der größte Teil des
Volkes lebte von den Erträgnissen seines eigenen Landbaues
und der Fischerei, die Arbeitsteilung war also noch nicht
im großen Stile durchgeführt. Dies wurde aber nötig, als
in der immer mehr anwachsenden Arbeiterklasse ein Be-
völkerungselement‘ enstand, das in der Befriedigung seiner
09

AL.
        <pb n="89" />
        Industrie.
Lebensbedürfnisse auf die Arbeit anderer angewiesen war.
Hier zeigte es sich nun, wie wenig auch die. Leiter des
Staates die so plötzlich hereingebrochene Umwälzung ver-
stehen und in ihren Folgen übersehen konnten. Für die
Landwirtschaft, deren Erträgnisse wegen Abnahme der Zahl
der Bauern, wegen der Zunahme der Industriearbeiterklasse
und der Zunahme der Bevölkerung überhaupt, durch intensi-
vere Bewirtschaftung hätten gesteigert werden müssen, geschah
neben der Hebung der den Großmachtsdünkel befriedigenden
Industrie gar nichts, das Land brachte die Volksnahrung
nicht mehr auf und es entstand eine Übervölkerung. Eine
solche ist, auf diese Weise und so plötzlich entstanden, immer
ein Zeichen einer ungesunden Entwickelung, ein Beweis da-
für, daß von außen her Elemente eingedrungen sind, die die
Lebensbedingungen des Volkes in ein Mißverhältnis zu der
natürlichen Leistungsfähigkeit des Landes bringen. Und dieses
Element war eben die Industrie. Nun ließe sich aber dieses
Mißverhältnis durch Steigerung der Intensität in der Land-
wirtschaft und ‚durch die Kultivierung unbebauter Flächen,
wie sie besonders auf der nördlichen Insel Jesso noch in
ausgedehntem Maße vorhanden sind, derart ausgleichen, daß
diese relative Übervölkerung verschwinden müßte. Es fehlt
aber dafür an leitender Stelle die nötige Einwirkung, das
Land verliert durch Auswanderung große Mengen tüchtiger
Kräfte und zahlt dem Auslande beträchtliche Summen für
Nahrungsmittel, die bei richtiger Bewirtschaftung im Lande
selbst erzeugt werden könnten. Das sind die schweren
Opfer, mit denen Japan seinen Eintritt in den Kulturkreis
bezahlt. Seine Industrie konnte anfangs mit billigen Löhnen,
also geringen Kosten arbeiten, die europäisch-amerikanische
auf dem Ostasiatischen Markt erfolgreich bekämpfen. Heute,
nachdem die Löhne infolge der sozialen Kämpfe bedeutend
gestiegen sind, ist diese Unterbietung nur noch durch Un-
zuverlässigkeit, unreelle. Geschäftskniffe, durch Lieferung
minderwertiger Waren möglich, was aber schon zur Folge
hat, daß auf dem ostasiatischen Markt gewonnene Absatz-
gebiete der japanischen Industrie wieder verloren gehen, so
daß dieser in absehbarer Zeit nichts übrigbleiben wird, als
mit gleichwertiger Ware und gleichen Kosten die europäische
Industrie zu bekämpfen, und dann wird es sich fragen, ob
nicht diese durch das größere ihr zur Verfügung stehende
Kapital den japanischen Wettbewerb wieder zu besiegen und
ihm schwere, vielleicht unheilbare Wunden zu Schlagen im-
Stande sein wird.- Die japanische Industrie, ein Fremdling
v. Gemmingen, Entwickelung der Fabrikindustrie 1

A A
        <pb n="90" />
        Industrie.

im Bewußtsein des Volkes und ohne Zusammenhang mit
dessen langjähriger Entwickelung, von Fremden eingerichtet
und wurzellos auf unvorbereiteten Boden aufgesetzt, hat dem
japanischen Volke infolge der Überspannung seiner Leistungs-
fähigkeit nicht den Gewinn gebracht, den man allgemein an-
nimmt, und eine nicht zu ferne Zukunft wird es lehren, daß
Japan nicht ungestraft nur aus -‚politischem Ehrgeiz seine
wirtschaftliche Entwickelung in den Formen der ihm fremden
westländischen Kultur zum Ausdruck bringen durfte, statt
sie auf der materiellen und sittlichen Grundlage seines
eigenen Volkstums aufzubauen.

Diese Abschweifung in den äußersten Osten sollte
zeigen, daß eine so wichtige, tief in das Volksleben ein-
schneidende Außerung der modernen Kultur wie die Fabrik-
industrie auch in. einem einheitlichen Nationalstaat nicht
Ohne weiteres eingeführt werden kann, ohne daß die bis-
herige wirtschaftliche Entwickelung dazu drängte und ohne
daß die Industrie gewissermaßen den Schlußstein dieser Ent-
wickelung bildete. Ein solcher Fremdkörper im Volks- und
Wirtschaftsleben muß schwerwiegende, unabsehbare Folgen
für das Land nach sich ziehen, das die Harmonie seiner
Entwickelung Bestrebungen zum Opfer brachte, die nur eine
Nachahmung fremder, nicht dem eigenen wirtschaftlichen,
sittlichen und geistigen Werdegang entsprechender Kultur-
formen darstellt. .

Die Gefahr einer solchen Entwickelung ist freilich. für
die lateinisch-amerikanischen Länder ausgeschlossen aus dem
einfachen Grunde, weil ihnen die ganze nationale Entwicke-
lung fehlt, weil das Volksleben durch die entstandene In-
dustrie weder zu seinem Vorteil noch ‚zu seinem Nachteil
beeinflußt worden ist. Diese Behauptung bedarf einer Er-
läuterung.

Wir haben gesehen, aus welchen Elementen in diesen
Staaten und ganz besonders in den tropischen, die Bevölkerung
sich zusammensetzte, ehe die europäische Masseneinwande-
rung das Bild in den subtropischen Staaten zu deren Gunsten
verschob. Es war kein Bevölkerungselement vorhanden,
das, wie in den alten Kulturländern, durch gewerbliche, Er-
zeugnisse sein Brot verdiente und dann die ‘Arbeiter für die
entstehende Fabrikindustrie lieferte, also durch die Arbeits-
teilung ein unentbehrlicher Teil, der Bevölkerung geworden
war und seine Daseinsbedingungen auf das engste mit der
ganzen Volkswirtschaft der Staaten verknüpft hätte. Freilich
ha De
        <pb n="91" />
        Industrie.

war für diese Klasse in Europa die Einführung der Maschinen-
arbeit zunächst kein Glück, denn sie raubte ihr einen Teil
ihrer hauswirtschaftlichen Tätigkeiten und eine. Reihe von
Nebenarbeiten, die noch in mäßigen Grenzen zu ihrem Lebens-
unterhalt beitrugen. Wenn nun auch durch die Maschine
eine außerordentliche Verbesserung und Verbilligung vieler
Bedarfisgegenstände, wie Kleider, Wäsche, Hausgeräte usw.
eintrat, So war doch die ihrer Erwerbsquelle teilweise be-
raubte Masse proletarisiert, und der heutige innerpolitische
Zustand, in den wir gekommen sind durch die ganz an-
dere soziale Schichtung und die Umbildung der Erwerbsver-
hältnisse infolge der in ihrer Wirkung teilweise grausamen,
aber nicht zu umgehenden Einführung der Maschine ist wohl
nur aufzufassen als ein Ubergang zu einer vollkommeneren
Durchbildung und Klärung der neuen, in ihren so außer-
ordentlich schroff gewordenen Gegensätzen zersetzend wir-
kenden Faktoren des modernen Wirtschaftslebens und zur
Überbrückung dieser Gegensätze im Sinne des Endzieles jeder
gesunden Volkswirtschaft, nämlich der Hebung der unteren
Klassen in materieller und sittlicher Beziehung. Immerhin
aber ist die arbeitende Klasse durch die Notwendigkeit des
Erwerbs auf die Industrie angewiesen, der sie umgekehrt die
unentbehrlichen Arbeitskräfte liefert, wodurch. die Industrie
eines der wichtigsten volkswirtschaftlichen und sozialen Ele-
mente unseres Lebens geworden ist.

Kann man nun diesen Ehrentitel der Industrie der latei-
nisch-amerikanischen Länder auch zuerkennen? Die Antwort
auf diese Frage gibt man am besten durch eine kurze Fest-
stellung der entsprechenden Wirkung unserer Industrie: Die
Arbeiter, die lebende Kraft unserer Industrie, beziehen aus
dieser in Form von Lohn ihren Lebensunterhalt und werden
bei auskömmlichen Löhnen über das Existenzminimum.  hin-
aus aufnahmefähig für die Industrieerzeugnisse, von denen
ja ein Teil, besonders die Erzeugnisse der Textilindustrie in
Form von Kleidung und Wäsche, zu der Befriedigung der
einfachsten Lebensbedürfnisse gehört. Ein überschüssiger
Teil des Lohnes kann zur Bildung kleiner Kapitalien führen,
deren Erträgnisse die Lebensführung der Arbeiter heben und
auf breitere Grundlage stellen, endlich aber auch den Arbeiter
zur Entrichtung eines Beitrags zur Staatskasse in Form von
Steuern verpflichten.

In den lateinisch-amerikanischen Ländern gestalten sich
diese Verhältnisse ganz anders. Ein einheimischer nationaler
6} R2
        <pb n="92" />
        Industrie.

Arbeiterstand ist kaum vorhanden; die Arbeiter sind, wie
schon früher erwähnt, fast ausnahmslos Einwanderer, die
nur vorübergehend in Amerika bleiben und natürlich nur
durch ihre persönliche Arbeitskraft zur Hebung der Industrie
beitragen. Die Saisonarbeiter der Landwirtschaft kommen
mit dem Nötigen versehen nach Amerika, haben deshalb
keinen Bedarf an Industrieerzeugnissen; sie leben außer-
ordentlich einfach und genügsam, da sie nur den Zweck im
Auge haben, eine gewisse Summe zu ersparen, die sie sofort
wieder mit in ihre Heimat nehmen. Sie entziehen 'also der
Wirtschaft ihrer Arbeitsländer nicht unbeträchtliche Summen
an Löhnen ohne irgendwelche wirtschaftliche Gegenleistung
als die der persönlichen Arbeit. Die Fabrikarbeiter, die sich
meist länger in Amerika aufhalten, verfolgen ähnliche Ziele.
Auch sie arbeiten nur, um Ersparnisse zu machen, schränken
deshalb ihre Ausgaben auf das geringstmögliche* Maß ein
und werden, da sie an eine bessere Ausgestaltung ihres
Daseins erst für die Zeit nach ihrer Heimkehr denken, für die
Industrie ihrer Arbeitsländer keinen Absatzkreis bilden. Es
trägt also diese zahlreiche ausländische Arbeiterklasse nur in
sehr geringem Maße zur Erweiterung des industriellen
Marktes bei.

‚Haben wir nun gesehen, daß der ausländische, raschen
Gewinn suchende Arbeiter nicht annähernd wie der euro-
päische Arbeiter mit der industriellen Entwickelung des Lan-
des wirtschaftlich verknüpft ist, so entgeht natürlich der Industrie
dieser Länder auch die Möglichkeit, sich einen Stamm guter,
geschulter Arbeiter zu erziehen, die in den alten Industrie-
ländern die Betriebe besonders leistungsfähig machen, und
so bleibt die lateinisch -amerikanische Industrie bis jetzt auf
die Erzeugung gewöhnlicher Ware für den billigen Massen-
verbrauch beschränkt, während der gesamte Bedarf an feinen
und Luxuswaren aus dem Auslande bezogen wird.

F Es’ bedarf wohl keiner besonderen Erwähnung, daß
eine solche Industrie nicht für die Ausfuhr arbeiten kann,
sondern sich. ganz auf den heimischen Markt beschränken
muß, der aber nur einen geringen Bedarf aufweist. Wie wir
gesehen haben, ist die Klasse: der Industriearbeiter nur in
schwachem Maße Abnehmerin von Industrieerzeugnissen;
noch geringer sind die Bedürfnisse der besonders in den
tropischen Ländern noch recht zahlreichen einheimischen
Bevölkerung, und daher beschränkt sich der Absatz haupt-
sächlich auf die Städte, in denen das europäische Element
SZ}
        <pb n="93" />
        Industrie,
vorherrscht, aber noch nicht zahlreich genug ist, um eine
ausgedehnte Fabrikindustrie lebensfähig zu erhalten. Es wird
also immer ziemlich. rasch eine Sättigung der abnehmenden
Kreise an Industriewaren stattfinden und’ diese beschränkte
Aufnahmefähigkeit des Marktes auch der weiteren Entwicke-
lung der Industrie enge Grenzen ziehen./

Wenn in den vorstehenden Ausführungen davon die
Rede war, daß die Einführung der Maschine in Europa eine
große Zahl von Hausindustrien zerstört habe, so findet sich
ein diesem ähnlicher Vorgang auch im lateinischen Amerika.
Die Ahnlichkeit besteht aber hier nur in der äußeren Er-
scheinung des Verschwindens der Hausindustrie, weniger in
den volkswirtschaftlichen Wirkungen. Es ist früher gezeigt
worden, daß die Indianer die Gegenstände für den eigenen
Bedarf an Geweben, Hausgeräten usw. selbst anfertigten,
dann aber, als ihnen der Verkauf ‚kolonialer Bodenerzeug-
nisse die Mittel verschaffte, die Gebrauchsgegenstände aus
den europäischen Einfuhrwaren fertig zu kaufen, ihre Haus-
industrie aufgaben... Also auch hier die äußere Erscheinung
des Verschwindens der Hausindustrie durch das Aufkommen
der Fabrikindustrie. In seinem. inneren Wesen: und seiner
Wirkung hat dieser Vorgang mit dem europäischen nichts
gemein. Während in Europa die Hausindustrie einen Zweig
der arbeitsteiligen Gesamterzeugung darstellte, diente sie im
lateinischen Amerika nur zur Befriedigung der Bedürfnisse
des Einzelnen, ohne für diesen eine Einnahmequelle zu
bilden. Die Einführung der Erzeugnisse der Fabrikindustrie
bedeutete also keine materielle Schädigung dieser Menschen,
eher vielleicht eine sittliche, indem das freiwillige Aufgeben
der wenn auch geringen hausindustriellen Tätigkeit ein
weiteres Zurücksinken des Indianers in Trägheit und Stumpf-
sinn bedeutet, während gerade die kulturelle Hebung dieses
Bevölkerungselementes, seine Erziehung zur Erweiterung der
Lebensbedürfnisse, die Aufgabe sein müßte. Sollte nun eine
kräftige Industrie in den lateinisch- amerikanischen Ländern
aufkommen, so würde damit nicht die fast verschwundene
Hausindustrie der Indianer, sondern nur die europäische
Einfuhr geschädigt, die bisher den Eingeborenen ihre billige
und schlechte Ware geliefert hatte.

Wenn es nun auch der inländischen Industrie in ver-
schiedenen Ländern gelungen ist, der ausländischen Einfuhr
einen Teil des einheimischen Marktes zu entreißen und für
ihre eigenen Erzeugnisse zu gewinnen, so muß man ‚beim
Lesen der diese «Tatsache statistisch nachweisenden Über-
85
        <pb n="94" />
        Industrie.
Sichten den zweiten Hauptunterschied zwischen der lateinisch-
amerikanischen und der europäisch- nordamerikanischen In-
dustrie nicht außer acht lassen, nämlich den, daß im latei-
nischen Amerika die Industrie sich zum größten Teil in den
Händen von Ausländern befindet, was wiederum von nach-
teiligstem Einfluß auf die Volkwirtschaft ist.

In der Industrie der lateinisch-amerikanischert Länder
sind zwei Hauptarten zu unterscheiden: solche, die sich auf
die Erzeugnisse des Ackerbaus und der Tierzucht stützen,
und solche, die sich mit der Rohstoffveredelung beschäftigen.
Die erste, Art, hauptsächlich in den La Plata-Staaten und in
Südbrasilien, ist Ausfuhrindustrie, da ihre in Massen ge-
lieferten Artikel: Mehl, Zucker, Häute, Fleisch, Felle, Fett,
Talg usw. auf dem Weltmarkt sehr begehrt sind. ‘ Diese In-
dustrien sind deshalb in einer günstigeren Lage bez. des
Absatzes als die rohstoffveredelnden Betriebe; sie bilden
daher den stärksten Teil der Industrie in den betr. Ländern
und sind wirtschaftlich am nützlichsten, da’ sie nationale
Erzeugnisse industriell verarbeiten und in den Handel bringen.
Sie beziehen nur Maschinen vom Auslande, sind aber sonst
unabhängig von diesem und haben bei der Eigenart ihrer
Erzeugnisse einen Wettbewerb weder durch Einfuhr noch
teilweise auf dem Weltmarkt zu fürchten. "Bei diesen auf
inländische Erzeugnisse sich stützenden Ausfuhrindustrien ist
es weniger nachteilig, wenn sie sich in fremden Händen be-
finden, da auch der ausländische Besitzer die zu verarbeiten-
den Stoffe dem Inlande entnehmen, da er, um leistungsfähig
zu bleiben, seinen Betrieb erweitern und damit der Land:
wirtschaft vermehrten Absatz verschaffen, also seine aus den
Erzeugnissen des Landes gewonnenen Überschüsse wieder
im Lande verwerten muß, dem dadurch sein Kapital durch
die Vermehrung der landwirtschaftlichen Produktion wieder
zugute kommt. Diese Industrien sind also auf das engste
mit den Landesinteressen verknüpft.

Etwas anders liegen die Verhältnisse bei den Industrien
für Rohstoffveredelung, die in allen größeren Staaten, freilich
in sehr verschiedenem Umfange sich finden und nicht für
die Ausfuhr, sondern nur für das Inland arbeiten. Diese
müssen neben dem Betriebsmaterial, Kohle und Maschinen,
auch den größten Teil der Rohstoffe einführen, da bekannt-
lich diese Länder in erster Linie koloniale Handelsartikel für
die Ausfuhr und weniger industrielle Rohstoffe, wie beson-
ders Baumwolle, herstellen, obwohl weite Strecken für die

OA
S[
        <pb n="95" />
        Industrie.

Baumwollkultur. sehr geeignet sind. Es fehlt also hier die
glückliche Wechselwirkung zwischen industrieller Verarbeitung
und Stofferzeugung, wie wir sie bei den landwirtschaftlichen
Industrien sahen. Da nun der Handel mit den einzuführen-
den Rohstoffen in ausländischen Händen liegt, die Absatz-
gewinne der Industrien, sofern diese in fremdem Besitz sind,
ebenfalls den fremden Fabrikanten zufließen, so bleibt von
diesen Industrien, von der jeweiligen Besteuerung abgesehen,
den betreffenden Ländern nur ein sehr geringer Nutzen. Der
schwache Bedarf des Inlandsmarktes und der Wettbewerb
verhindern eine rasche Ausdehnung der Betriebe, den Über-
Schüssen der Besitzer fehlt also häufig eine genügende Ver-
wendung und sie gehen deshalb, falls sie im Inlande eine
nutzbringende Anlage nicht finden, ins Ausland, meist in die
großen europäischen und nordamerikanischen Betriebe, von
denen die südamerikanischen oft nur Abzweigungen sind.

Der einzige wirkliche Nutzen, den die lateinisch-ameri-
kanischen Länder von einer Zunahme -der Industrie, auch
durch fremde Unternehmer haben, ist, da die Inlandswaren
nicht billiger sind als die ausländischen, die Vermehrung
der Zolleinnahmen für die eingeführten Rohstoffe.
Wenn bei der Zollpolitik dieser Länder so häufig der Schutz
der nationalen Industrie betont wird, so liegt darin eine be-
wußte Verschleierung des Wesens dieser Zölle. Die Staaten
brauchen Geld, und darum tragen ihre Zölle in erster Linie
den Charakter von -Staatseinnahmen und. als Nebenwirkung
den des Schutzes der Industrie. Diese ist ja größtenteils
nicht national, sondern nur im Inlande, aber von Aus-
ländern betrieben; die Erschwerung der Einfuhr ausländischer
Fertigfabrikate kommt also der ausländischen, im Inlande
angesessenen Industrie zugute, sofern diese nicht auch durch
die ungerechtfertigten Zollsätze für Rohstoffe und dann, wie
früher gezeigt, durch die Abnahme des Verbrauchs, die sich
im Gefolge der Zollerhöhungen durch Preissteigerungen ein-
stellt, geschädigt wird.

Eine Anderung dieses Zustandes könnte dadurch herbei-
geführt werden, daß für einen Teil der Produktion mit dem
System der Kultivation gebrochen und die für die Erzeugung
nahezu sämtlicher Bodengewächse geeigneten und an natür-
lichen Schätzen so unendlich reichen Länder die Fabriken
selbst mit allen Rohstoffen versorgten, wodurch, auch wenn
die Industrie noch lange in den Händen von Ausländern
bliebe, diese wenigstens dadurch dem betr. Lande einen er-
8"
        <pb n="96" />
        Industrie.
heblichen Gewinn zukommen zu lassen genötigt wären, daß
sie durch den Ankauf der Rohstoffe einen Teil ihrer Gewinne
in das betr. Land zurückfließen lassen müßten.

Es braucht kaum erwähnt zu werden, daß die Kapital-
überschüsse der fremden Fabrikanten, wenn sie außerhalb
ihrer Entstehungsländer nutzbar gemacht werden, deren
Zahlungsbilanz nicht günstiger gestalten können, da sie schon
ihrer Natur nach gar nicht zu den. wirtschaftlichen. Mitteln
der betr. Länder gehören. Diese Tatsache darf nicht über-
sehen werden, wenn man die volkswirtschaftliche Bedeutung
der Industrie in den lateinisch-amerikanischen Ländern ver-
stehen will, in denen die Gründung von Fabriken durch
Ausländer eigentlich nur ein durch die Zollpolitik hervor-
gerufener Notbehelf ist, der an sich nicht im Interesse ‘der
Heimatindustrie des betr. Fabrikanten liegt, denn jede im
Auslande mit europäischem Geld angelegte Fabrik vermin-
dert die Ausfuhr dorthin.

Aus diesen sämtlichen Ausführungen ist ohne weiteres
zu entnehmen, daß wegen des Mangels von nationalem Zu-
sammenhang der Fabrikanten mit den betr. Ländern und
ihren wirtschaftlichen Interessen bei der Fortdauer des bis-
herigen Zustandes eine die Volkswirtschaft hebende Fabrik-
industrie auf lateinisch-amerikanischem Boden, vielleicht mit
Ausnahme von Mexiko, zunächst nicht aufkommen wird.
Wenn wir gesehen haben, daß der Handel kein tüchtiges
Bürgertum geschaffen hatte, das überschießende Kapitalien
in kühnem Unternehmungsgeist mit Hilfe der Technik in den
neuen Formen der Großindustrie verwandte, daß trotz der
durch den Handel gewonnenen Überschüsse kein Kapital-
und Kreditmarkt, keine Kreditorganisation entstand, die die
ersparten Mittel an die richtigen Bedarfsstellen brachte, daß
infolge des geringen Inlandsmarktes die Fabrikbetriebe nur
klein sein können und daher mit höheren Betriebskosten
arbeiten müssen als die Großbetriebe, daß der Stand der
Lohnarbeiter fehlt, so sind das lediglich die Folge der bis-
herigen Entwickelung dieser Länder. Es fehlen aber auch
heute noch die auf die Beseitigung dieser hergebrachten
Übelstände abzielenden staatlichen Maßnahmen.

Die Regierungen haben an der zu ihren Einnahmen
im Verhältnis zu dem Ausfuhrhandel mit Bodenerzeugnissen
verschwindend wenig. beitragenden, rein dem örtlichen Markte
dienenden Industrie nur ein geringes Interesse und haben
ihr auch nicht ihre Mitwirkung in derselben Weise angedeihen
lassen, wie wir dies in den großen Industrieländern zu sehen
Q&amp;
        <pb n="97" />
        Industrie.

gewohnt sind. Daß von Regierungsmaßnahmen, die aus-
wärtige Absatzgebiete, für die heimische Industrie schaffen
könnten, wegen deren geringen Leistungsfähigkeit abgesehen
werden muß, ist klar; es fehlen aber auch die entsprechen-
den Maßnahmen für den inneren Markt, Die großen latei-
nisch-amerikanischen Republiken sind Bundesstaaten, zwischen
deren einzelnen, ‚wirtschaftlich selbständigen Gliedern die
inneren Schranken des Verkehrs und Wettbewerbs noch nicht
beseitigt sind, und deshalb fehlt es innerhalb des Gesamt-
staates an der richtigen Absatzmöglichkeit, der {freien Be-
wegung für den Handel, um Einzelnen die Produktion für
eine steigende Menschenzahl und fern gelegene Orte zu er-
möglichen. Nur durch Erleichterungen in dieser Richtung
könnte der Absatz gesteigert werden, da bekanntlich durch
das Anbieten von Waren auch die Begehrlichkeit danach
und damit der Absatz entsteht, der den Großbetrieb ins
Leben ruft, für den die Vereinheitlichung der Bedürfnisse
und der begehrten Waren in sich immer erweiternden Ge-
bieten Voraussetzung ist, denn nur wo von großen Massen
dasselbe begehrt wird, kann man es in großen Betrieben
billig herstellen. Solange aber diesen ein Absetzen ihrer
Waren. über das Gebiet der einzelnen Provinz hinaus durch
Zölle erschwert wird und auch die Verkehrsmittel fehlen,
können eben große, das Gebiet des Gesamtstaates von einer
Stelle aus mit in Massen hergestellten und, daher billigen
Waren versorgende Betriebe nicht entstehen, weshalb zu-
nächst noch das Dasein der kleinen, teuer arbeitenden Be-
triebe gesichert ist. Es entstünde also auf der Grundlage der
staatlich einzurichtenden Verkehrserleichterungen der Groß-
betrieb und damit dessen durch den Wettbewerb die Preis-
bildung günstig beeinflussende Wirkungen.

Die Industrieländer Europas und die Union haben aller-
dings auch nicht durch staatliche Maßregeln die Entwickelung
der Industrie hervorgerufen, sondern sie wurden erst durch
die neu entstandene Erscheinung dazu gedrängt, dieser, als
einem wirtschaftlichen Element von maßgebendster Bedeutung,
ihre vollste Aufmerksamkeit zuzuwenden. Man könnte also
auch den lateinisch-amerikanischen Ländern diesen Entwicke-
lungsgang zugeben und von den Regierungen nicht Maßregeln
verlangen, zu denen sie noch nicht durch ein unabweisbares
Bedürfnis gedrängt. werden. Ist es aber richtig, den aus
ganz anderen Ursachen herausgewachsenen Entwickelungs-
gang der alten Industrieländer einfach nachzumachen? Könn-
ten die lateinisch-amerikanischen. Länder sich nicht vielmehr
QC
        <pb n="98" />
        Industrie.

die Erfahrungen zunutze machen und anstatt zu warten,
bis die Entwickelung der Industrie sie zu allerlei Maßregeln
zwingt, das umgekehrte Verfahren einzuschlagen, nämlich
durch Nachahmung der in Europa von der Industrie er-
kämpften Maßnahmen dem Bedürfnis danach zuvorzukommen
und die Industrie zu veranlassen, sich dem im voraus ge-
gebenen Rahmen anzupassen? In einer reich entwickelten
Gegend zwingt das wirtschaftliche Bedürfnis zur Anlegung
einer Eisenbahn, um die bestehende Produktion auf weite
Strecken hin nutzbar zu machen, kulturarme Landstriche
dagegen müssen erst durch eine Verkehrslinie produktions-
fähig gemacht werden. Im ersten Falle ist es die Produk-
tion, die der Eisenbahn bedarf; im_ zweiten Falle ruft die
Bahn die Produktion erst, hervor. Ähnlich liegen die Ver-
hältnisse in den lateinisch- amerikanischen Ländern für die wirt-
schaftlichen und sozialen Aufgaben des Staates. Aber freilich
bedarf es für eine solche staatliche Tätigkeit leistungsfähiger
Finanzen, und daß es mit diesen in den lateinisch-amerika-
nischen Ländern schlecht bestellt ist, hat eine frühere Be-
trachtung gezeigt./ Immerhin aber haben sich doch bei den
subtropischen Republiken. die wirtschaftlichen Verhältnisse in
neuester Zeit so. günstig gestaltet, daß die Regierungen
Kredite, .die in einer Hebung der gesamten Volkswirtschaft
und erhöhten Staatseinnahmen wirksam werden müßten,
leicht bekommen könnten. Aber nach allem scheinen der-
artige, mit den bisherigen Auffassungen von der Bewirt-
schaftung der Staaten nicht übereinstimmende Neuerungen
außer in Mexiko‘ noch nicht so schnell ihren Einzug auf den
südamerikanischen Kontinent zu halten, und man wird aus
diesem Grunde wesentliche Anderungen in dem Charakter
der Fabrikindustrie zunächst nicht zu erwarten haben, wenn
auch die Zahl der Betriebe mit dem Wachsen der Bevölke-
rung zunehmen wird.

Dieser Umstand ‘darf bei der Beurteilung der Entwicke-
lung der Fabrikindustrie in den lateinisch - amerikanischen
Ländern nicht. übersehen werden, denn man ist leicht geneigt,
eine Vermehrung der Zahl der einzelnen Betriebe für eine
Zunahme in der Entwickelung zu halten. Dies ist. aber
nicht der Fall. Nachdem einmal Fabriken in diesen Ländern
gegründet sind und angefangen haben, langsam den Inlands-
markt für Waren gewöhnlicher Art zu gewinnen, dürfte eine
Zunahme der bisherigen Betriebe nicht als eine Entwickelung
angesehen werden. Eine solche müßte vielmehr darin be-
stehen, daß z. B. Betriebe aufkommen, die feine Ware er-

An
ur.
        <pb n="99" />
        Industrie.

zeugen, die bis jetzt ausschließlich aus Europa und der
Union bezogen wird, oder daß Fabriken anfangen, für die
Ausfuhr zu arbeiten oder sich in Großbetriebe zu verwandeln,
die allmählich den ganzen Inlandsmarkt an sich reißen und
damit kleinere Betriebe verdrängen. Solche Erscheinungen
würden erst eine weitere Stufe der Entwickelung der Fabrik-
industrie in den lateinisch-amerikanischen Ländern bedeuten.
Der Umstand, daß dies nicht genügend erkannt wird, ver-
anlaßt die große Verschiedenheit in der Berichterstattung
über die Industrie in diesen Ländern, Während eine ober-
flächliche Beobachtung aus der Zahl der Schornsteine auf
die Entwickelung und Leistungsfähigkeit der Industrie schließt
und z. B. Buenos Aires als einen großen Industriemittelpunkt
schildert, bezeichnen andere, die tieferen Zusammenhänge er-
kennende und die volkswirtschaftliche Bedeutung der Industrie
genau einschätzende Beobachter diese noch als in den An-
fängen befindlich. Und als dies muß man sie wohl im
vergleichenden Hinblick auf die Stellung, die sie in dem
Wirtschaftsleben der alten Industrieländer einnimmt, auch
ansehen.

01
        <pb n="100" />
        02

N we) Vom

Schluß. x;
} (,
Die vorstehend ausgeführten Untersuchungen zeigen, daß
das lateinische Amerika bezüglich der Fabrikindustrie in zwei
große Gruppen geteilt werden muß: die Länder des tropi-
schen und die des subtropischen Klimas. Die Betrachtungen
haben ergeben, daß die tropischen Länder den größten Reich-
tum an Rohstoffen und die geringste Entwickelung der In-
dustrie aufweisen. Die Gründe dieser Erscheinung sind aus-
führlich dargelegt, so daß von einer nochmaligen Besprechung
Abstand genommen werden kann... Festzuhalten ist daraus
nur, daß die tropischen Länder aus klimatischen Gründen
sich niemals für die Einführung einer Fabrikindustrie eignen
werden, die mit der Industrie von Ländern gemäßigter
Breiten in aussichtsvollen Wettbewerb treten kann. Die sub-
tropischen Länder dagegen haben Schwierigkeiten in dieser Be-
ziehung nicht aufzuweisen, und wenn sie trotzdem heute mit der
Entwickelung der Fabrikindustrie noch auf niedriger Stufe
stehen, so hat diese Erscheinung, wie das Zurückbleiben des
wirtschaftlichen Lebens überhaupt, in erster Linie historische
Gründe, indem diese ehemaligen Kolonien plötzlich durch
die Losreißung von dem Mutterlande selbständig wurden
und seither nicht imstande waren, den von alten selbständigen
Staaten in langen Zeiträumen durchlaufenen wirtschaftlichen
Entwickelungsgang vollständig nachzuholen. Die Bedingungen
für die Entwickelung einer Fabrikindustrie ‘sind jedoch in
ihren natürlichen Verhältnissen vollständig gegeben und die
Gründung nationaler Industrien nur noch eine Frage der
Zeit. Es wird also die Behauptung, daß durch die Fort-
schritte der Technik der Industriebetrieb überall möglich
gemacht und damit die internationale Arbeitsteilung!) ver-
schwinden werde, dahin einzuschränken sein, daß die Fabrik-
industrie an sich wohl für die meisten Produktionszweige
in allen Klimazonen eingerichtet werden könnte, daß aber
die tropischen ‚Länder infolge der ungünstigen Verhältnisse
nur sehr teuer und“ wegen der Minderwertigkeit, der ein-
heimischen sowie wegen der raschen Entartung der euro-

1 Vgl. v. Halle: Die klimatische Verteilung der Industrie.
        <pb n="101" />
        Schluß.

päischen Arbeiter qualitativ schlechter produzieren werden,
so daß eine der europäisch-nordamerikanischen wettbewerbs-
fähige Industrie in diesen Ländern niemals entstehen kann.
Da es aber doch nicht auf die rein theoretische Frage der
Möglichkeit einer. Entstehung der Fabrikindustrie in solchen
Ländern überhaupt, sondern darauf ankommt, ob diese In-
dustrie leistungs- und wettbewerbsfähig sein würde, und
diese Frage verneint werden muß, ‚so ist damit auch die
Frage der internationalen Arbeitsteilung in dem Sinne ent-
schieden, daß diese Arbeitsteilung wegen der viel teuereren
Produktion der Tropenindustrie dauernd bestehen bleiben
wird. Es liegt darin eine gewisse ausgleichende Grenze, die
von der Natur dem wirtschaftlichen Übergewicht einzelner
Klimazonen gezogen wurde. Wäre die Einrichtung der Fabrik-
industrie in den Tropenländern unter den gleichen Bedingungen
wie in der gemäßigten Zone durchführbar, so müßten jene
Länder und. in erster Linie die amerikanischen, als Produk-
tions- und Verarbeitungsländer der Rohstoffe die wirtschaft-
liche Vorherrschaft in einem Grade. an sich reißen können,
daß die gemäßigte Zone, die jahrtausendealte Trägerin der
menschlichen. Kultur, in vollständige Abhängigkeit von den
neu sich bildenden Kulturgebieten geriete. Der Kulturträger
bleibt aber immer der Mensch, und da ihm gerade das
üppigste Tropenklima am meisten die für die Erfüllung hoher
Kulturaufgaben erforderlichen physischen und moralischen
Eigenschaften dauernd versagen wird, ‚so kann man wohl
annehmen, daß die gemäßigte Zone, die, frei von der schäd-
lichen Einwirkung der Extreme, die stetigste und höchste
Kulturentwickelung aufweist, ihre Vorherrschaft in dieser
Beziehung auch für immer behaupten wird.

Anders wird sich die Auseinandersetzung gestalten, die
die Länder der gemäßigten Zone untereinander abzumachen
haben. Zunächst besteht die Tatsache, daß die nördliche
gemäßigte Zone der südlichen in der Entwickelung weit
voraus ist. Es wäre nun wichtig zu untersuchen, ob dieses
Verhältnis sich dereinst in das Gegenteil verkehren oder
wenigstens dahin ändern könnte, daß die beiden Klimagürtel
sich die Wage halten werden.‘ Die Antwort soll vorgreifend
mit „nein“ gegeben und die Begründung durch folgende
Ausführungen versucht werden.

Zunächst sind die für die Rückständigkeit der südlichen
gemäßigten Zone bestimmenden Gründe geographischer
Natur auch für die Weiterentwickelung maßgebend: Die Süd-
halbkugel hat die weitaus geringere Landmasse, der amerika-
03
        <pb n="102" />
        Schluß.

nische Kontinent spitzt sich nach Süden in die Wasserwüste
zu und, hat seiner isolierten Lage wegen eine ungünstige
Stellung im Weltverkehr. Ein- und Ausfuhr von und nach
ihm’ haben die weiteren teueren Wege, und die Ausfuhr; so-
fern sie nicht in den vom Weltmarkt begehrten Rohprodukten,
sondern in Fabrikaten beruht, für die ein Markt erst gesucht
werden muß, hat in den schwach bevölkerten südamerika-
nischen Ländern einen zu geringen Absatz; sie ist also, wenn
sie einen größeren Maßstab annehmen soll, genötigt, viel
weitere Strecken zu befahren, als es z. B. die europäischen
Länder tun müssen, deren Hauptabnehmer für Industrie-
erzeugnisse die leicht erreichbaren Länder des eigenen Erd-
teils sind. Es besteht demnach eine niemals zu beseitigende
Benachteiligung der südamerikanischen Länder durch ihre
geographische Lage. Mexiko hat als einziges der lateinisch-
amerikanischen Länder unter diesem Nachteil nicht zu
leiden.

Nun wären als weitere für die wirtschaftliche und In-
dustrielle Entwickelung dieser Länder maßgebende Faktoren
zu erwähnen: die Naturprodukte und -kräfite, sowie der
Mensch. Die beiden ersten sind nicht in allen Ländern
gleichmäßig verteilt; während die Produkte an den meisten
Stellen in reicher Fülle vorhanden sind, fehlt es. vielfach er-
heblich an Kräften. Je nachdem nun die genannten Elemente
in einem Lande einzeln oder vereint zu fihden sind, sind
auch die Vorbedingüngen für eine Verwertung durch den
Menschen reichlicher oder spärlicher vorhanden. Während
z. B. in Mexiko die Natur Produkte in reicher Fülle und
die für die Maschinen nötige Triebkraft an Stelle der noch
nicht in genügender Menge gefundenen Kohle durch Wasser-
kräfte und Petroleum liefert, sind in Argentinien wohl Roh-
stoffe in größter Menge vorhanden oder ihre Erzeugungs-
möglichkeit gegeben und das Land wäre vollständig bereit,
einen kräftigen industriellen Aufschwung zu nehmen, wenn
nicht der Lebensnerv einer großen Industrieentwickelung,
Kohle und Eisen, nur in ungenügender Menge gefunden
wären und ein ausreichender Ersatz dafür durch andere,
z. B. Wasserkräfte, fehlte.

Durch solche natürliche Verhältnisse sind auch der in-
dustriellen Entwickelung wieder Grenzen gezogen, die den
alten Industrieländern fehlen, und es wäre nun kurz zu unter-
suchen, ob: diese Nachteile nicht nur durch irgendwelche
Einrichtungen wirtschaftlicher Art wieder ausgeglichen werden
04
        <pb n="103" />
        Schluß.

können, indem die hohen Produktionskosten, die durch die
Einfuhr: von Kohle und Maschinen entstehen, durch die Ver-
ringerung ‘anderer Faktoren, aus denen die Produktions-
kosten sich zusammensetzen, eingeschränkt würden. Wenn
man bedenkt, daß in der Fabrikindustrie die Textilindustrie
die erste Stelle einnimmt, so müßten Länder, deren Klima
den Baumwollbau gestattet, wie Argentinien und Mexiko,
den Anbau dieser Pflanze bedeutend entwickeln, um vor
allem die Einfuhrkosten für diesen Rohstoff zu sparen, ein
Verfahren, das für alle im Lande zu erzeugenden Rohstoffe
anzuwenden wäre. Ferner wäre es wohl möglich, an Löhnen
zu sparen. Diese sind z. B. in Argentinien nur so hoch
geworden durch die ungesunden wirtschaftlichen Verhältnisse,
und trotzdem genügen die Löhne bei den unglaublich hohen
Lebensmittelpreisen knapp zum Lebensunterhalt der Arbeiter.
In Chile dagegen steigen die Löhne durch die große Nach-
frage und das geringe Angebot an Arbeitern, während
Mexiko, das aus seiner eingeborenen Mestizenbevölkerung
ein ausgezeichnetes Arbeitermaterial gewinnt, in dieser Be-
ziehung besser gestellt ist. Jedenfalls lassen sich in Argen-
tinien und Chile durch gründliche Reform des wirtschaft-
lichen Lebens im ganzen und Regelung der Bevölkerungs-
frage Löhne und Lebensunterhalt in ein richtigeres und die
Lohnsätze erniedrigendes Verhältnis bringen. Dies wird um
so mehr möglich sein, als die Hauptmasse der Arbeiter in
den lateinischen Republiken der romanischen Rasse angehört,
die sich auch in Europa durch eine große Bedürfnislosig-
keit auszeichnet und sich mit niedrigen, eine bescheidene
Lebensführung ermöglichenden Löhnen viel eher zufrieden
gibt als die weit anspruchsvolleren Germanen. Es wird
gerade hierüber von Arbeitern germanischer Abkunft viel
geklagt und die Behauptung aufgestellt, die romanischen
Arbeiter, die sich zu jedem Hundelohn anbieten, verderben
die Preise. Durch Vermehrung der Rohstofferzeugung im
Lande und die Regelung der Lohnfrage in Verbindung mit
den gesamten innerpolitischen Verhältnissen könnte also
sicherlich die Produktion der Industrie derart verbilligt wer-
den, daß diese die Kosten der Einfuhr von Kohle und
Maschinen wieder einbringen kann und mit der europäischen
Industrie wettbewerbsfähig würde. .

Die ferner für die erfolgreiche Entwickelung der Fabrik-
industrie notwendige Bildung nationalen Kapitals und deren
Möglichkeit ist schon eingehend besprochen worden, wes-
halb hier nur der Vollständigkeit wegen darauf hingewiesen
05
        <pb n="104" />
        Schluß.

werden soll. Die natürlichen und die daraus zu schaffenden
wirtschaftlichen Bedingungen für eine nationale Entwickelung
der Fabrikindustrie in den nicht tropischen lateinischen Re-
publiken sind also an sich vorhanden, aber trotzdem
wird wohl diese Entwickelung niemals der europäisch-
nordamerikanischen gleichkommen, denn hier spielt der
Träger aller Lebensbetätigung, der Mensch, die ausschlag-
gebende Rolle. Wir wissen, daß die Bevölkerung dieser
Länder romanischen Blutes, die Einwanderung in der Haupt-
sache romanischen Ursprungs ist, und darin liegt eben die
Schwäche der Zukunft dieser Länder. Die Vorzüge der
Romanen liegen nicht auf dem nüchternen Gebiete des Wirt-
schaitslebens und. der Industrie; das zeigt der Gang der Ge-
schichte und nicht zum wenigsten der Gegensatz, der heute
zwischen den germanischen Vereinigten Staaten von Nord-
amerika und dem romanischen Süden besteht.

Die ganze Frage einer zukünftigen wirtschaftlichen
Gleichwertigkeit der lateinisch-amerikanischen Länder scheint
eine Rassenfrage, und nichts kennzeichnet diese Erscheinung
deutlicher als ein Wort des bekannten Präsidenten Bolivar*)
der sagte, wenn es für irgendein Land möglich wäre, in
den Zustand des primitiven Chaos zurückzusinken, so würde
das spanische Amerika dieses letzte Stadium erreichen.
Amerika sei für seine Rasse nicht zu regieren. Wenn Bo-
livar damit auch die Romanen nicht direkt treffen wollte,
sondern mehr das Bevölkerungselement, das aus der Mischung
von Romanen und Eingeborenen hervorgegangen, ist, so
liegt darin eben das kennzeichnende Merkmal: Die Germanen
haben in Nordamerika die Eingeborenen vernichtet oder ver-
drängt, aber sich nicht mit ihnen vermischt, während die
Romanen in ihren Kolonien ganz anders verfuhren. Die
erbärmliche Mischbevölkerung, besonders der tropischen
Länder, die Bolivar so hoch einschätzt, wird für alle Ewig-
keit ein Hindernis für eine gesunde wirtschaftliche Entwicke-
lung dieser Staaten bleiben. In den subtropischen Republiken
sind die Verhältnisse allerdings viel besser, das europäische Ele-
ment herrscht vor, aber es besteht aus Romanen, die eben-
sowenig, wie es ihnen in Europa mit ihren Ländern gelingt,
das lateinische Amerika zu einem dem germanischen wirt-
schaftlich und industriell überlegenen Gebiet werden um-
wandeln können. Es ist ein Unglück für das reiche Süd-

* Weber: Zur wirtschaftlichen Lage in den tropisch - amerika-
nischen Staaten.

04
&gt;;
        <pb n="105" />
        Schluß.

amerika, daß es von Romanen kolonisiert wurde und heute noch
vorwiegend durch romanischen Zuzug bevölkert wird, aber
an dieser Tatsache ist nichts zu ändern und sie ist als grund-
legender Faktor für die Beurteilung der nationalen wirt-
schaftlichen Zukunft des lateinischen Amerika in Rechnung
zu stellen. Natürlich ist hierbei der wirtschaftliche Auf-
schwung außer Betracht zu lassen, den wir heute schon
diesen Ländern fälschlicherweise zuschreiben, der aber
weiter nichts ist als ein die reichen Hilfsmittel des Landes
ausbeutender Kampf fremden Kapitals auf südamerikanischem
Boden.

Was ist also von den lateinisch-amerikanischen Ländern
zu erwarten? Die tropischen Republiken werden in einer
für die wirtschaftliche Kalkulation in Frage kommenden Zeit
eine Anderung ihrer durchaus minderwertigen Verhältnisse
Nicht aufweisen, wenn nicht etwa nach der schlechten Seite
hin. Brasilien dagegen hat in seinen subtropischen Süd-
provinzen fremde, darunter zahlreiche deutsche Kolonien und
damit ein Element gewonnen, das wenigstens einem Teil
dieses ungeheueren Staates einen wirtschaftlichen Aufschwung
sichert. Von den übrigen großen Republiken dagegen, die
sich auf die Dauer dem dringenden Bedürfnis nach gründ-
lichen Reformen nicht verschließen können, haben wir in
absehbarer Zeit eine Anderung des Wirtschaftslebens zu ge-
wärtigen, die nicht ohne starke Rückwirkung auf die euro-
päische Wirtschaft und Industrie bleiben kann.

Es ist schon an verschiedenen Stellen erwähnt worden,
daß die Landesindustrie verschiedener lateinisch - amerika-
nischer Staaten die europäische Einfuhr erheblich beschränkt
und in manchen Artikeln fast ganz verdrängt habe. Das ist
zunächst noch kein bedeutender wirtschaftlicher Schaden, so-
lange die industriellen Betriebe meist in europäischen Hän-
den, oft Zweigniederlassungen großer europäischer Firmen
sind, denen die Fabrikation an Ort und Stelle der vielen
Zollschwierigkeiten wegen angenehmer. ist. Wird aber die
Industrie dieser Länder erst nationalisiert und derart ent-
wickelt sein, daß sie den Inlandsmarkt zu versorgen imstande
ist, So wird die Verschließung oder Beschränkung jener Ab-
satzgebiete für viele Zweige unserer Industrie eine bedeutende
Schädigung bilden. Selbstredend wird von einer völligen
Verschließung jener Märkte nie die Rede sein, da ja auch
die industriell hoch entwickelten europäischen Länder Er-
zeugnisse ihrer Industrie von einander zu beziehen genötigt
sind, aber die Massenzufuhr, die sehr lohnend war, wird

v. Gemmingen, Entwickelung der Fabrikindustrie,

07
        <pb n="106" />
        Schluß,
aufhören, der Weltmarkt wird sich für die Ausfuhr der alten
Industrieländer bedeutend einengen:

Diese Tatsache gibt zu recht ernsten Erwägungen für
unsere eigene wirtschaftliche Zukunft Anlaß. Zunächst ist
die Frage aufzuwerfen, ob es gelingen wird, für den verloren
gehenden lateinisch -amerikanischen Markt Ersatzgebiete für
den Absatz zu gewinnen. Man muß hierauf entschieden in
verneinendem Sinne antworten. Es sind ja wohl noch un-
geheuere Gebiete in Afrika, Asien und der Inselwelt vorhanden,
die, noch stark im Urzustande befindlich, sich mit der Zeit
zu Ausfuhrgebieten entwickeln werden, aber niemals in dem
gleichen Maße, als es der- amerikanische Markt ist. Die
Bedürfnisse der afrikanischen und asiatischen Stämme werden
noch auf unabsehbare Zeit hindüs sich qualitativ sehr niedrig
halten, so daß mehr als ganz billige Massenartikel geringster
Qualität, an denen die Industrie nichts verdienen kann, nicht
abgesetzt werden. Eine Anderung in dieser Beziehung wird
sich, wenn überhaupt, jedenfalls viel. langsamer vollziehen
als das Verlorengehen des lateinisch - amerikanischen Marktes.
Unsere Industrie wird also.zu einer Einschränkung in der
Produktion gezwungen werden, und hierin liegt eine ernste
Gefahr. Die augenblickliche Entwickelung unserer Wirt-
schaftspolitik drängt immer mehr dem Industriestaat entgegen,
und solange der Weltmarkt für uns bleibt, wie er ist, hat
dies auch keine Bedenken. Aber das Ende dieses Zustandes
ist heute immerhin schon abzusehen und läßt das Gefähr-
liche unserer wirtschaftlichen Entwickelung deutlich erkennen.
Der Industriestaat in der Vollendung ist England, das mit
seiner geringen landwirtschaftlichen Produktion fast sämt-
liche Nahrungsmittel einführen muß. In-Deutschland wird
wohl noch ein großer Teil der Nahrungsmittel erzeugt, aber
doch ist die Ausnützung des Bodens nicht so intensiv, wie
sie es sein könnte, und der Zustrom der arbeitenden Be-
völkerung zur Industrie nimmt zum Nachteil der Landwirt-
schaft bedeutend zu. Je mehr wir dem Industriestaat zu-
streben, desto weniger Wert wird dem Betrieb der Landwirt-
schaft zugemessen, die Einfuhr der Brotstoffe muß mit der
Zunahme der Bevölkerung wachsen und in demselben Maße
müssen die Getreidezölle abnehmen, wenn nicht das Brot
teuerer werden soll. Es ist eine schiefe Bahn, auf der wir
uns befinden mit dem Sturmlauf gegen die Argrarzölle, die
man Tfälschlicherweise immer nur unter dem Gesichtspunkt
des Interesses der Regierung für die Landwirte, für die
Junker, ansieht. Gerade mit Rücksicht darauf, daß ein Aus-

08
        <pb n="107" />
        Schluß.
blick auf die Zukunft die Gefahren des Industriestaates deut-
lich zeigt und den Schutz der Landwirtschaft zur Erhaltung
und Erhöhung ihrer Leistungsfähigkeit notwendig macht,
liegt den Vorkehrungen, die die Regierung für die Landwirt-
schaft trifft, nicht eine Begünstigung der Agrarier, sondern
eine ganz Objektive, der Allgemeinheit zugute kommende
wirtschaftliche Überlegung zugrunde, die nicht angestellt und
praktisch durchgeführt zu haben man der Regierung als
schweren Fehler anrechnen müßte. Denn man darf nicht
übersehen, daß die. an. landwirtschaftlichen Erzeugnissen
reichen großen Länder, wie Argentinien und Mexiko, uns
gegenüber den doppelten Vorteil haben, einerseits mit der
Entwickelung ihrer Industrie unsere Ausfuhr einzuschränken
und gleichzeitig durch die fast kostenlose Vermehrung ihrer
Anbauflächen für landwirtschaftliche Produktion den euro-
päischen Markt mit billigem Getreide zu überschwemmen.
Erst spätere Zeiten werden es lehren, wie weise und voraus-
schauend die Regierung war, indem sie an den Agrarzöllen
als an einem Mittel‘ zur Erhaltung der Landwirtschaft fest-
hielt. Die augenblickliche Zeit ist eine vorübergehende In-
dustrieepoche, die in der gleichen Nachhaltigkeit sich nicht
auf die Dauer fortsetzen kann. Die führenden Industrie-
länder werden allmählich von den anderen eingeholt, diese
werden ihren. Bedarf selbst erzeugen lernen und ihre Märkte
für die Einfuhr verschließen, so daß ein gewisser Ausgleich
stattfinden wird, der naturgemäß zum Schaden der jetzt die
Versorgung des Weltmarktes mit Industrieartikeln beherr-
schenden Länder ausfallen muß. Selbstredend wird ein voll-
kommener Ausgleich niemals eintreten können, denn die
Verschiedenheit in Güte und Leistungsfähigkeit der einzelnen
Industrien wird immer bestehen bleiben und daher die Über-
macht der für die Fabrikindustrie sowohl auf dem Gebiete
der Erfindungen, als der technischen Ausführung besonders
befähigten germanischen Rasse kaum zu brechen sein. Aber
die Ausfuhr dieser Länder wird. sich trotzdem erheblich ver-
ringern, und dementsprechend muß die einheimische land-
wirtschaftliche Produktion zunehmen, denn bei geringeren
Verkäufen an das Ausland und geringerer Geldeinfuhr haben
wir auch weniger Mittel, um die aus dem Auslande kommen-
den Nahrungsstoffe zu bezahlen. So lehrt eine Betrachtung
der industriellen Entwickelung der lateinisch- amerikanischen
Länder uns selbst einen Blick in die eigene Zukunft zu tun und
zu erkennen, welche Folgen dieser in der neuen Welt sich

mx 00
        <pb n="108" />
        Schluß.
vollziehende, nicht mehr aufzuhaltende Vorgang für unser
Wirtschaftsleben haben muß.

Es ist eine gewisse Ironie, feststellen zu müssen, daß
gerade die alten Industrieländer es sind, die sich durch ihre
wirtschaftliche Betätigung im lateinischen Amerika selbst den
größten Schaden zufügen. Vergessen wir doch nicht, daß
jede Maschine, jedes Schiff mit Kohle, die für die lateinischen
Republiken, besonders für das am meisten nach wirtschaft-
licher Selbständigkeit strebende Mexiko, bestimmt sind, dazu
dienen, dort industrielle Betriebe ins Leben zu rufen, die
einen unangenehmen Wettbewerb für die europäische In-
dustrie bilden sollen. -Da dieser Prozeß aber, einmal wach-
gerufen, unaufhaltsam seinen Gang geht, so gilt es für das
europäische Kapital und die Industrie, möglichsten Nutzen
aus den Verhältnissen zu ziehen, solange noch ein Gewinn zu
machen ist, und zwar für das Kapital, sich der ausländischen
Industrie für Neugründungen zur Verfügung zu stellen, für
die Industrie, ihre Ausfuhr nach diesen Ländern möglichst
zu steigern, um den Entwickelungsgang der dortigen Industrie
nach Kräften hintanzuhalten, daneben aber auch an den nun
einmal nicht mehr aufzuhaltenden Lieferungen von Maschinen
und anderen für die Gründung von Industrien notwendigen
Materialien sich zu beteiligen. Je kräftiger aber der Wett-
bewerb des‘ europäischen Kapitals und der Industrie auf
diesem Gebiet, desto schneller wird sich die Ilateinisch-
amerikanische Industrie entwickeln und dazu beitragen, ihren
Ländern zur wirtschaftlichen Unabhängigkeit von Europa zu
verhelfen. Und trotzdem darf keines der alten Industrie-
länder in dem Gedanken an den selbstmörderischen Charakter
dieses Wettkampes auf lateinisch - amerikanischem Boden
zurückstehen; um in der Gegenwart noch Gewinn zu ernten,
müssen. sie sich die Zukunft verschließen.

100
        <pb n="109" />
        zn 2

| ee y ı Quellenverzeichnis. A

Ö a 0 Dim

Zeitschriften, Berichte, Jahrbücher.

Deutsches Handelsarchiv, Zeitschrift für Handel und
Gewerbe. Herausgeg. vom Reichsamt des Innern.
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Berichte über Handel und Industrie. Zusammengestellt vom
Reichsamt des Innern.

Nachrichten für Handel und Industrie. Zusammengestellt
vom Reichsamt des Innern.

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und Förderung deutscher Interessen im Ausland. Berlin.

Berichte der K. u. K. Osterreichisch-Ungarischen Konsular-
ämter. Herausgeg. vom K. K. Österreichischen Handels-
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Consular Reports, Commerce, Manufactures etc.
Washington... (Monatl.).

Die Weltwirtschaft. Ein Jahr- und Lesebuch. Heraus-
gegeben ‚von E. v. Halle. Jahrg. I u. Il. 1906/1907.
Leipzig.

Geographische Zeitschrift. Herausgeg. von Dr. Alfred
Hettner. Leipzig.

2. Jahrg. Däubler. „Akklimatisation und Psycho-
logie der Tropenbewohner.“
Oppel. „Übersicht über die Wirtschafts-
geographie“, V. Gewerbe und Industrie.
v. Halle. „Die klimatische Verteilung der
Industrie.“

; Hettner. „Die wirtschaftlichen Typen der

Ansiedelungen.“

Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirt-
schaft im Deutschen Reich. Herausgeg. von G. Schmoller.
Leipzig. 25. Jahrg. Weber. „Zur wirtschaftlichen Lage in
den tropisch-amerikanischen Staaten.“

Zeitschrift für Sozialwissenschaft.. 1907. X. Jahrgang.
Heft 6. Schilder. „Die Tropen in der Weltwirtschaft.“
10)
        <pb n="110" />
        Quellenverzeichnis.
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Kundt. Die Zukunft unseres Überseehandels. ‚Berlin 1904.

Preyer. Überseeische Aktiengesellschaften und Großbetriebe.
Leipzig 1905.

Ratzel. Anthropogeographie. I. Teil 2. Auflage. II. Teil
1. Auflage. Stuttgart 1889 und 1891.

Ratzel. Politische Geographie. 2. Aufl. Stuttgart. . 1903:

Schmoller. Grundriß der allgemeinen Volkswirtschafts-
lehre. 6. Aufl. Leipzig.

Sondorfer. Die Technik .des Welthandels. Wien u. Leipzig
1900 u. 1905.

Stieda. Die Anfänge der Porzellanfabrikation auf dem Thü-
ringer Walde. Jena 1903.

v. Eheberg. Finanzwissenschaft. 9. Aufl. Leipzig 1908.

Literatur über Amerika.
Sievers. Süd- und Mittelamerika. 2. Aufl. Leipzig 1903.
. Südamerika und die deutschen Interessen. Stutt-
gart 1903.

v. Halle. Amerika. Seine Bedeutung für die Weltwirtschaft
und seine wirtschaftlichen Beziehungen zu Deutschland.
Hamburg 1905.

Beltran y Rozpide, Ricardo. Los pueblos hispano-ameri-
canos en el siglo XX. Madrid 1904.

Kaerger. Die Landwirtschaft und die Kolonisation im
spanischen Amerika. Leipzig 1901.

Maller. Mexiko gestern und heute 1876 —1904. Mexiko 1904.

Le Mexique au de&amp;but du XX. siecle. Paris 1904.

Lemcke. Mexiko. Das Land und seine Leute. Berlin 1900.

Sievers. Venezuela und die deutschen Interessen. Halle a. S.
1903.

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Eine Studie über den wirtschaftlichen Fortschritt des
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“ Buenos Aires 1904.

La Argentina, considerada en sus aspectos fisico, Social y

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102
        <pb n="111" />
        Quellenverzeichnis. _

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Amer. Geogr. Soc. XXXVI 1904, 1—21.

Q C)

163
        <pb n="112" />
        Anlage,
Darstellung einzelner Länder.
        <pb n="113" />
        Inhaltsverzeichnis.
Seite
Einzeldarstellung verschiedener Länder . 107
Allgemeines... ba 107
Argentinien 2. S AA H3
Allgemeines... 13
A. Industrien aus Bodenerzeugnissen . 8
a) Mühlenindustrie. . .. 118
b) Zuckerindustrie ... 9
c) Weinindustrie. .. 21
d) Alkohol... A123
B. Industrien der Viehzucht . 124
a) Butter und Käse .. 124
b) Salzereien und Gefrieranstalten . „125
c) Talgfabrikation . . .. 127
a) Gerberei „128
e) Quebrachoindustrie . . „128
C. Künstliche Industrien... „129
D. Volkswirtschaftliche Bedeutung der Industrie. . . 139
a) Das argentinische Volk . 139
b) Ein- und Auswanderung . . „142
c) Staatsfinanzen ... ‚149
dd): Valuta: . en „2. 149
e) Steuern und Zölle. . 154
f) Wert der Produktion in Argentinien . A168
g) Arbeiterfrage‘. . „172
h) Wirtschaftliche Bedeutung der Ein- und Ausfuhr 174
E.- Schluß. . =... 182
Chile. SS
Allgemeines . A SS
Natürliche Hilfsquellen Chiles ‚=. 189
Handel ‚42 192
Fabrikindustrie . . 2. 194
Zölle und Steuern „196
Zusammenfassung . 197

Az

106
        <pb n="114" />
        Die bisherigen allgemeinen Ausführungen haben gezeigt,
wie die Verhältnisse im lateinischen Amerika sich entwickelt
haben und aus welchen Gründen die Industrie in diesen an Roh-
stoffen und Produkten aller Art besonders reichen Ländern
in so auffallender Weise zurückbleiben mußte. Naturgemäß
kann. eine solche Darstellung nur die großen, allen Staaten
gemeinsamen Züge hervorheben, während hiervon etwas
abweichende Entwickelungen, besonders in den . gänzlich
bedeutungslosen kleinen tropischen Staaten, keine Berück-
sichtigung finden konnten. Eine besondere Schwierigkeit für
diese Gesamtschilderung liegt darin, daß seit etwa zwei Jahr-
zehnten die Absonderung der subtropischen Republiken. von
diesem gemeinsamen‘ Entwickelungsgang erfolgte, und zwar
hauptsächlich durch das in diesen Staaten in Massen auf:
tretende europäische Element, das durch seine viel intensivere
Arbeit und durch die Beteiligung großer Kapitalien den von
ihm als Arbeitsfeld gewählten Ländern ein ganz neues, den
übrigen Kulturstaaten ähnliches Gepräge verlieh. Dieser Um-
stand muß immer wieder betont und hervorgehoben werden,
wenn ein den Tatsachen entsprechendes Bild der wirtschaft-
lichen Entwickelung der lateinisch-amerikanischen und beson-
ders der subtropischen Länder gegeben werden soll. Aus den
folgenden Einzeldarstellungen mehrerer dieser Länder wird
man einen recht bedeutenden Aufschwung der wirtschaft-
lichen Verhältnisse, erhebliche Vermehrung der Staatseinkünfte
erkennen, das gewaltige Anwachsen der Ein- und Ausfuhr
wird ein Bild des zunehmenden Wohlstandes geben, um so
mehr, als diese großen subtropischen Republiken eine sehr
günstige aktive Handelsbilanz aufweisen, trotz der jährlich
erheblich steigenden Einfuhr. Es kommt also durch die
überwiegende Ausfuhr viel Geld in das Land, das sich in
erhöhter Kaufkraft der Bevölkerung äußert und die Einfuhr
anwachsen läßt. In dieser Beziehung stehen die modern
verwalteten subtropischen Republiken. den europäischen In-
dustrieländern voran, die immer passive Handelsbilanzen .auf-
weisen; dafür aber zeigen diese aktive Zahlungsbilanzen, was den

wg

Lü
        <pb n="115" />
        Allgemeines.
lateinisch-amerikanischen Ländern noch niemals gelungen ist
und auch in absehbarer Zeit nicht gelingen wird, da das Kapital
zunächst noch durch Ausländer gebildet wird und deshalb
bei einer Beteiligung an auswärtigen Unternehmungen nicht
als nationales Kapital auf Rechnung des betr. amerikanischen
Staates geschrieben werden hann. Gerade dieser Umstand
erklärt die bisherige Bedeutungslosigkeit und das langsame
Anwachsen der lateinisch-amerikanischen Industrie. Die große
Ausfuhr beschränkt sich auf die reichen Landeserzeugnisse,
wird aber meist von wenigen europäischen Ausfuhrhäusern
besorgt, die im ganzen Lande die ausfuhrfähigen Erzeugnisse
zu möglichst billigen Preisen aufkaufen und zu Weltmarkt-
preisen absetzen. Der Gewinn aus diesen Geschäften, der
in nationalen Händen die Mittel für die Gründung nationaler
Industrien liefern könnte, geht in ausländische Taschen, und
deshalb ist auch die aktive Handelsbilanz dieser Länder nicht
von derselben. Bedeutung, wie sie es sein müßte, wenn -die
Ausfuhr von einheimischen Häusern besorgt würde. Das
jährliche starke Wachsen der Ausfuhr hat seinen Grund in
der. bedeutenden Zunahme der bebauten Flächen und der
Tierzucht infolge der Einwanderung, wodurch eben die Menge
der ausfuhrfähigen Stoffe vermehrt wird. Die Zunahme der
Kaufkraft der Bevölkerung besteht also weniger in einem
Steigen des Wohlstandes des Einzelnen, als in der Teilnahme
einer größeren Anzahl von Menschen an der Produktion, die
unter günstigen Verhältnissen die Produzenten kaufkräftig für
Industrieerzeugnisse macht. Daß dies aber nicht immer der
Fall ist, sondern. daß in verkehrsarmen Gegenden der kleine
Farmer seine Erzeugnisse ohne Gewinn an den Großhändler
ablassen muß, nur um überhaupt verkaufen zu können, wird
eine spätere. Darstellung zeigen. Man darf sich also durch
die sehr. zugunsten der amerikanischen Länder sprechenden
Zahlen der Handelsbilanzen nicht täuschen lassen, sondern
muß, sofern man einen Einblick in den volkswirtschaftlichen
Nutzen der ganzen Entwickelung gewinnen will, möglichst
genau zu unterscheiden suchen zwischen dem, was in die
Taschen der Ausländer geht, und dem, was wirklich dem
Lande zugute kommt. Die Staatskassen haben naturgemäß
von dem starken Anwachsen des Handels, an dem sie durch
die Zölle — Ein- und Ausfuhrzölle — teilnehmen, den größ-
ten Vorteil, weniger der einzelne Staatsbürger.

Auf einen Umstand muß hier noch besonders aufmerk-
sam gemacht werden, wenn der Wert der Handelsbewegung
richtig verstanden werden soll. Sehr häufig ist in der Sta-

1908
        <pb n="116" />
        Allgemeines.
tistik nur der Geldwert der Ein- und Ausfuhr angegeben, und
man ist deshalb versucht, bei einer Vermehrung der Summe
auch auf eine Zunahme der Handelsbewegung zu schließen.
Das ist aber durchaus nicht immer der Fall; häufig sind nur
die Preise der Waren gestiegen, deren umgesetzte Mengen
aber zurückgegangen. Man muß also die Mengen der aus-
und eingeführten Waren und ihre Preise vergleichen, um zu
erkennen, ob eine Zunahme der Handelsbewegung quantitativ
oder nur dem Werte nach vorliegt. Einige Beispiele aus
der argentinischen Statistik!) sollen dies erläutern:
Ausfuhr.
Mais:
1896 1570517 t 15594 5356 Pes. Gold
1899 1116276t 13042983
1901 1112290t 18887397 &amp;
Wolle:
1895 201353 t 31029 522 Pes. Gold
1902 197936t 45810749 ,
1903 192989 t 50424168 , 5
Gesalzene Ochsenhäute:
1894 29621 t 3533 198 Pes. Gold
1903 28769 t 5360748 , 5
Trockene Ochsenhäute :
1894 36678 t 7045 877 Pes. Gold
1903 232421 7787819 ,

Am deutlichsten wird die genannte Tatsache durch die
Betrachtung der Wollausfuhr, die von 1895 bis 1903 um
über 8000 t zurückgegangen, in ihrem Wert aber um über
19 Millionen gestiegen ist.

Die europäischen Einfuhrländer verfolgen die günstige
Entwickelung des lateinischen Amerika mit größter Aufmerksam-
keit und benutzen die Zunahme der Kaufkraft in der Bevölkerung
mit fieberhaftem Eifer, um ihre Ausfuhr zu steigern, was ja
auch in dem Anwachsen der Einfuhr in diese Länder zum
Ausdruck kommt. Hierin liegt der Grund dafür, daß die

1) Vgl. Berichte des K. u. K. Österr.-Ungar. Gen.-Konsulats in
Buenos Aires,
109
        <pb n="117" />
        Allgemeines.
Industrie in den lateinisch-amerikanischen Staaten so langsam
zunimmt. Die Europäer vermehren die industriellen Anlagen
dort nur, wo ihnen die Produktion an Ort und Stelle billiger
zu stehen kommt: als die Einfuhr, sonst steigern sie diese
derart, daß ein Bedürfnis nach nationaler Industrie nicht auf-
kommen kann.

Es muß ‚einigermaßen auffallen, daß bei einer Unter-
suchung über die Entwickelung der Fabrikindustrie so viel
von der Rohproduktion die Rede ist; wie aber aus den Aus-
führungen der früheren Abschnitte hervorgehen dürfte, hängt
eben im lateinischen Amerika die Fabrikindustrie in ganz anderer
Weise mit der Verwertung des Bodens zusammen als in den
alten Industrieländern. Nur wenn der Boden Gewinn ab-
wirft, kommt Geld unter die Leute und entsteht Kaufkraft.
Ob diese nun im Ankauf nationaler oder eingeführter Industrie-
artikel sich äußert, ist an sich gleichgültig; Grundbedingung
für sie ist der Bodenertrag, und sie könnte nationale Industrien,
falls solche bestünden, in gewissen Grenzen ebensogut lebens-
fähig erhalten als die fremde Einfuhr. Man erkennt an solchen
Erscheinungen so deutlich das Eigenartige in der Wirtschaft
der lateinisch-amerikanischen Staaten. Diese erzeugen meist
einen oder wenige landwirtschaftliche Ausfuhrartikel, mit denen
sie stehen und fallen, Ausfuhr von Industrieerzeugnissen gibt
es nicht, der Anbau von Nährpflanzen tritt hinter dem der
Ausfuhrstoffe zurück, von deren Erträgnissen die vielfach vom
Auslande bezogene Nahrung gekauft werden muß. Eine
solche Wirtschaftsweise hat ihre sehr bedenklichen Seiten,
indem eine Mißernte große Not unter die Bevölkerung und
den Staatskassen starke Ausfälle bringen kann. Diese Ge-
fahr nimmt aber ab, je mehr‘ die angebauten Flächen sich
vergrößern. So ist z. B. in einem. Lande wie Argentinien,
dessen Anbauflächen von den Tropen bis tief in die ge-
mäßigte Zone hineinreichen, eine völlige Mißernte so gut
wie ausgeschlossen!). Immerhin kann die lediglich auf die
Bodenerzeugnisse gegründete Wirtschaft der Staaten unter
modernen Verhältnissen niemals dieselbe Sicherheit aufweisen,
die wir in der Wirtschaftsweise der europäischen Länder zum
großen Vorteil von deren Entwickelung zu finden gewohnt
sind. Trotzdem aber ist der augenblickliche Zustand des Wirt-
schaftslebens der lateinisch-amerikanischen Länder unter den
gegebenen Bedingungen der bestmögliche. Der Anbau und
die Ausfuhr von Bodenerzeugnissen bringen Geld in das

1) Vgl. Bericht des K. u. K. Österr.-Ungar. Gen.-Konsulats

4 O Buenos Aires 1906.
        <pb n="118" />
        ‚Allgemeines.

Land und ermöglichen der Bevölkerung, ihr Dasein zu ver-
bessern; die billigen Artikel des Massenverbrauchs werden
schon großenteils in den Ländern selbst hergestellt, für die
feineren und Luxuswaren ist der Bedarf noch zu gering, um
die Gründung von eigenen Industrien ertragsreich zu machen.
Eine Anderung in dieser Beziehung kann sich erst vollziehen,
wenn die-Bevölkerungsziffer einen Stand erreicht haben wird,
der wenigstens einigermaßen im Einklang mit der Größe der
Länder steht, und wenn diese dem Verkehr wirklich er-
schlossen sind. Vorher kann von einem wirklichen industriellen
Aufschwung nicht die, Rede sein‘, der vollständig überhaupt
erst dann einsetzen kann, wenn die Industrie wenigstens ganz
den Inlandsmarkt beherrschen, womöglich aber auch für die
Ausfuhr arbeiten wird. Grundbedingung für die Erzeugung
industrieller Ausfuhrwaren aber müßte sein der Übergang der
Industrie in den nationalen Besitz dieser Länder, denn so-
lange die Industrie sich größtenteils in den Händen der Aus-
länder befindet, wird von einer Ausfuhr von Fabrikerzeug-
nissen nicht.die Rede sein, da die europäisch- nordamerika-
nischen Industriellen nicht durch Ausfuhr von Fabrikwaren aus
Südamerika ihre bisherigen Absatzmärkte selbst beschränken
werden. Ein wirklicher Wettkampf der lateinisch-ameri-
kanischen Industrie gegen die europäisch-nordamerikanische
könnte also nur von einer nationalen Industrie erwartet wer-
den, obgleich diesem Kampf ein günstiger Ausgang für die
neuen Industrien nicht vorhergesagt werden kann. Sollte
man aber durch die statistisch angeführten Angaben über die
Zahlen der in den einzelnen Ländern bestehenden industriellen
Betriebe zu der Ansicht geführt werden, daß schon jetzt an
manchen Stellen eine nennenswerte‘ Industrie bestehe, so
möge man die Zahlen der Statistik zu Rate ziehen, die die
Einfuhr in den betr. Ländern nachweisen, und man wird aus
der Menge und Art der eingeführten Gegenstände sofort er-
kennen, wie vieler auswärtiger Artikel die schwachen Bevölke-
rungen neben den Erzeugnissen der inländischen Industrie
noch bedürfen. Eine solche Feststellung ergibt das klarste
Bild ‚von der geringen Leistungsfähigkeit und Bedeutung der
einheimischen Industrien, von denen eine große Anzahl, die
unter Fabriken angeführt werden, einen nur handwerks-
mäßigen Charakter tragen.

- Nach diesen allgemeinen Bemerkungen über den heu-
tigen Stand und die volkswirtschaftliche Bedeutung der In-
dustrie in den lateinisch-amerikanischen Ländern dürfte es
nicht ohne Interesse sein, die Verhältnisse in einzelnen dieser

{11
        <pb n="119" />
        Allgemeines.
Staaten genauer zu untersuchen, weil jeder für die Gesamtdar-
stellung der Entwickelung der Industrie im lateinischen Amerika
bezeichnende Eigentümlichkeiten aufweist. Gemeinsam ist
allen die aktive Handelsbilanz auf Grund der Ausfuhr nationaler
Bodenerzeugnisse, daneben aber hat jedes Land seine be-
sonderen Kennzeichen in der Art und Weise, wie es Seine
Industrie entwickelt. Argentinien z. B. gründet sie.hauptsäch-
lich auf die Erzeugnisse der Bodenkultur und der Viehzucht,
Chile, das bis jetzt noch von der Salpeterausfuhr lebt, be-
treibt mehr die industrielle Verarbeitung eingeführter Roh-
stoffe, Brasilien ist der typische südamerikanische Tropen-
staat mit kultivatorischer Bodenkultur und der Entwickelung
einer Fabrikindustrie, die unter dem Schutze der hohen Zölle
in manchen Zweigen gut zu gehen scheint, in manchen aber
auch nicht leben und nicht sterben kann. Endlich Mexiko,
das beste Beispiel der Entwickelung einer nationalen In-
dustrie unter dem weitestgehenden Schutze und der Fürsorge
der Regierung.
1-7

ı 12
        <pb n="120" />
        # a nn 4
r rs
Argentinien. \
Argentinien war noch. vor etwa drei Jahrzehnten ein
Land, das sich in keiner Weise von den übrigen Ländern des
lateinischen Amerika unterschied. Seine Entwickelung hatte im
ganzen den in früheren Abschnitten gezeigten, allen dortigen
Staaten gemeinsamen Verlauf genommen, bis ein Umstand
plötzlich die Republik aus der Reihe der übrigen heraushob.
Argentinien begann nämlich auf fremde, namentlich englische
Anregung mit der Ausfuhr von Weizen, später auch mit
anderen Erzeugnissen des Bodens und solchen der Viehzucht.
Damit entstand ein völliger Umschwung in seiner Wirtschaft,
dessen Wirkungen Argentinien zu dem gemacht haben, als
was das Land heute dem oberflächlichen Beschauer erscheint.
In kurzen Worten bestand dieser wirtschaftliche Aufschwung
darin, daß durch die immer mehr zunehmende Ausfuhr viel
Geld in das Land kam, wodurch der Wohlstand der Bevölke-
rung und deren Kaufkraft zunahm, daß diese günstigen wirt-
schaftlichen Ergebnisse eine starke Einwanderung‘ zur Folge
hatten, deren das menschenarme Land so dringend bedarf,
und endlich, daß das europäisch-nordamerikanische Kapital
in verstärktem Maße in Argentinien Verwendung suchte, ıso
daß man heute, äußerlich betrachtet, von dieser Republik
den Eindruck eines wirtschaftlich gedeihenden Landes be-
kommt. In dieser Färbung bemühen sich in erster Linie
die Veröffentlichungen der argentinischen Regierung selbst
die Verhältnisse darzustellen, aber auch die Berichte der
europäisch -nordamerikanischen Konsulate haben einen ähn-
lichen Inhalt, und dies nicht mit Unrecht, denn der Zweck
ihrer Berichterstattung liegt nicht darin, Untersuchungen
darüber anzustellen, in welcher Weise die Republik ihre
nationale Volkswirtschaft am günstigsten und wirksamsten
entwickeln könnte, sondern darin, dem Mutterlande wert-
volle Fingerzeige dafür zu geben, wie die bestehenden Ver-
hältnisse in Argentinien am ausgiebigsten durch Einfuhr und
Kapitalanlagen auszunützen sind. Der Zweck der vorliegen-
den Untersuchung dagegen soll der sein, ein Bild von dem
Stande der Volkswirtschaft in Argentinien zu zeichnen und
Vv. Gem mingen, Entwickelung der Fabrikindustrie. 11
&amp; LS
        <pb n="121" />
        Argentinien.

zu zeigen, inwieweit die allgemeine Anschauung, die man
von dem Wohlstand und dem Aufblühen dieses Landes hat,
mit der Wirklichkeit sich deckt. Sollte das Ergebnis dieser
Untersuchung dazu führen, Argentinien als Nationalstaat in
einem ‚wesentlich anderen Lichte erscheinen zu lassen denn
als Einfuhrland und Boden für Kapitalanlagen, so hängt dies
gerade mit dem Zweck der vorliegenden Aufgabe zusammen,
deren Bestreben übrigens auch dahin geht, durch Hervor-
hebung großer, vielfach geflissentlich verschwiegener Schäden
die argentinische Republik in ihrem wahren Werte, besonders
als Ziel der Auswanderung zu kennzeichnen. In der Haupt-
sache sollte allerdings in dieser Untersuchung von der Ent-
wickelung der Fabrikindustrie die Rede sein, doch kann diese
Ohne eine Darstellung der wirtschaftlichen Entwickelung im
ganzen nicht geschildert werden.

Zunächst soll nun an der Hand der Statistik ein Bild
von dem Entstehen des heutigen wirtschaftlichen Zustandes
Argentiniens gegeben und daraus der Eindruck geschildert
werden, den Argentiniens Entwickelung , rein äußerlich be-
trachtet, machen muß. Nach der Feststellung der in der
Handelsbilanz, den Staatseinnahmen, dem Anwachsen der
Bevölkerung und anderen Kennzeichen sich äußernden Fort-
schritten des Wirtschaftslebens soll dann erst darauf einge-
gangen werden, wie diese äußeren Erscheinungen nach innen
auf das Gedeihen des nationalen Wirtschaftslebens wirken.
Mehr oder minder werden diese Schilderungen auf sämtliche
größeren lateinisch-amerikanischen Staaten zutreffen, weshalb
die einmalige Feststellung an dem Beispiel Argentiniens ge-
nügt, um auch die wirtschaftliche Entwickelung der anderen
Länder im großen gleichzeitig zu kennzeichnen.

Wie schon mehrfach erwähnt, hat Argentinien zwei
Arten von Industrien, die natürlichen, auf die Erzeugnisse
der Landwirtschaft und Viehzucht sich stützenden, und die
künstlichen, nur durch Schutzzölle am Leben erhaltenen
Fabrikindustrien, die sich ‚mit der Herstellung von Fertig-
fabrikaten aus eingeführten Rohstoffen beschäftigen. Zunächst
soll nun von den landwirtschaftlichen Industrien die Rede
sein, doch muß, um deren Entstehung erklären zu können,
ein Blick auf die Entwickelung der Landwirtschaft und Vieh-
zucht, die hauptsächlichste und großartigste Einnahmequelle
Argentiniens, geworfen werden‘).

7 Val. Latzina: S. 487 u. 1.

1714

1 1&gt;-
        <pb n="122" />
        | Argentinien.

Beide verdanken ihren Aufschwung europäischen Ko-
lonisten, deren erste Niederlassung in das fünfte Jahrzehnt
des vorigen Jahrhunderts zurückgehen; von einer wirklichen
Bedeutung der Ausfuhr landwirtschaftlicher Erzeugnisse kann
man aber erst vom achten Jahrzehnt ab reden, wie die {fol-
gende Zusammenstellung zeigen wird. Bahnbrechend auf
dem Gebiet der landwirtschaftlichen Entwickelung des Landes
waren, die Engländer!); schon im Jahre 1864 unternahmen
sie den Bau der Zentralbahn und im Auftrag der Baugesell-
schaft begann die „Argentine Land und Investment Company
Limited“ die Kolonisation der anliegenden Gebiete, indem
sie das gesamte Land aufkaufte, um von der durch den
Bahnbau gesteigerten Grundrente Nutzen zu ziehen. Ähn-
lich verfuhren sie in den übrigen, dem Anbau günstigen
Teilen des Landes, dessen Eisenbahnnetz sie mit Ausnahme
einiger unbedeutender staatlicher Linien in ihrem Besitz haben.
Zur Hebung der Viehzucht brachten sie die edelsten Zucht-
tiere nach Argentinien und wurden so als Grundbesitzer,
Ackerbauer und Viehzüchter die Kulturpioniere und Refor-
matoren des Landes. Der übermächtige Einfluß des eng-
lischen Kapitals hat sich bis heute in Argentinien erhalten,
wenngleich die Zahl der dort lebenden Engländer sehr ge-
ring ist... Es würde zu weit führen, die Entwickelung der
Kolonisation durch die Europäer im einzelnen zu verfolgen,
von sachdienlichem Interesse sind hauptsächlich nur deren
Ergebnisse, von denen die folgende Zusammenstellung ein
Bild gibt. Es wurden. ausgeführt (in t)%):

Weizen Mais Leinsaat
1878 2547 1878 17 064 1878 104
1879 25669 1879 29521 1879 246
1880 1.166 1880 15.052 1880 958
1881 157 1881 25.0532 1881 6 395
1882 1 705 1882 107327 1882 23.352
1883 60755 1883 18 634 1883 23.062
1884 108 499 1884 113710 1884 33 992
1885 78493 1885 197860 1885 69 426
1886 37864 1886 231660 * 1886 37 690

1) Vgl. Export 1906 Nr. 6, S. 96.

2) Latzina;.S. 421.
; 115
        <pb n="123" />
        Argentinien.
Weizen Mais Leinsaat
1887 237866 1887 361 844 1887 81.208
1888 178929 1888 162 038 1888 40 223
1889 22806 1889 432 591 1889 28 196
1890 327 894 1890 707 282 1890 30.721
1891 395 555 1891 65 909 1891 12213
1892 ‚470110 1892 445 935 1892 42 987
1893 1 008 137 1893 84 514 1893 72 199
1894 1 608 249 1894 54 876 1894 104 435
1895 1 010 269 1895 712518 1895 276443
1896: 532 001 1896 1570571 1896 229 675
1897 101845 1897 374 942 1897 162477
1898 645 161 189° 717 105 1898 158904
1899 1 713 429 1008, 116 276 1899 217713
1900 1 929 676 1J00 713 248 1900 223257
1901 904 289 1901 1112290 1901 338828
1902 644 908 1902 1192829 1902 1340937
1903 1 681 327 1903 2104384 1903 593 601
1904 2 303 724 1904 2469548 1904 880 641
1905 2 868 281 1905 2222289 1905 654972
Die Anbauflächen waren von 1895—1905- angewachsen:
Weizen von 2049 683 ha auf 5675293 ha
Leinsaat 5 387324 2. 21022782
Mais 1214182 42° ZUT300,
andere Kulturen (2108160 „566086,
1892005 ha „ 13081 461 ha
Da die ganze für landwirtschaftliche Zwecke brauchbare
Bodenfläche Argentiniens auf über 120 Mill. ha geschätzt wird,
so sieht man, daß bis jetzt nur wenig mehr als der 10. Teil
in Bebauung genommen, eine gewaltige Erweiterung des Be-
triebes also möglich und zu erwarten ist.
In der Ausfuhr ergab 1905 der Weizen einen Wert von
85 883 141 Peso Gold (4,05 M.), der Mais von 46 537402
Peso Gold, die Leinsaat 26 233 851 Peso Gold. Die Gesamt-
masse des jährlichen Bodenertrags hatte noch einen erheb-
lich höheren Wert, doch mußte immer ein nicht unbeträcht-
licher Teil für den inländischen Verbrauch und für die sich
116
        <pb n="124" />
        Argentinien.
bedeutend entwickelnde Mühlenindustrie zurückgehalten wer-
den. Die Schwankungen in den Ausfuhrziffern veranschau-
lichen deutlich die ungeheueren Ausfälle, die durch Mißernten
entstehen.

Einen ähnlichen Aufschwung nahm auch die Vieh-
zucht, wie die folgende Zusammenstellung der Stückzahl
beweist!) :

1888 1901

Rindvieh.. ......... 4821961657 130.000 000

Pferde. a 4234052 5 600 000

Esel und Maulesel. .. 417 494 500 000

Hammel und Schafe . 66 706 099 120000 000

Schweine... en, 393 758 800 000

Ziegen... ee 47804 386 3 100 000
Diese großartige Tierzucht liefert die sehr wertvolle Ausfuhr
lebender Tiere und die Stoffe für die landwirtschaftlichen
Industrien, die gleichfalls eine bedeutende Ausfuhr haben.

Wert der Ausfuhr 1905?):
Lebendes Vieh ..., 7187047 P.G.
Schaf- und Ziegenhäute. 10828163
Wolle .. : A 64212 02,
Rinder- und Pferdehäute 1968157C ,
Roßhaar. N 1245788 .
Dörrileisch.. . a 3 738 444
Gefrorenes Fleisch..... 22014492
Tag 5501090
Bullet en 2 157.294
Keen 051.155
Ferner:
Quebracho 6 702 936 000
VA ee 17595200.
Mehl 2 as 373 60088
Nachdem durch die vorstehenden Zusammenstellungen
der Ausfuhrwert der argentinischen Bodenkultur und der
landwirtschaftlichen Industrien veranschaulicht wurde, sollen
diese, die den Kern der argentinischen Industrie bilden, einer
genaueren Betrachtung unterzogen werden.
') Description sommaire de la Republique Argentine comme
pays d’immigration. S.81.
?) Bericht des K. u. K. Österr.-Ungar. Gen.-Konsulats 1906.

1)
        <pb n="125" />
        Argentinien.
A. Industrien aus Bodengewächsen.
a) Mühlenindustrie)).

Die Ausfuhr von Mehl ist von 1896—1905 von 51 732 t
auf 144 760 t im Werte von 1949556 bis 5373699 P. G.
gestiegen.

Die argentinische Mühlenindustrie gedieh von dem Augen-
‘blicke ab, als es ihr gelungen war, die ausländische Einfuhr
zu beseitigen und sich selbst Absatzgebiete im Auslande zu
verschaffen. Schon im Jahre 1597 führte Buenos Aires Mehl
nach Brasilien aus und behielt den dortigen Markt, bis nach
der Unabhängigkeitserklärung Argentiniens die Einwanderung
derart zunahm, daß die Müllerei der Republik den inlän-
dischen Bedarf nicht mehr decken konnte und Mehl aus
Chile, Kalifornien und sogar aus Australien eingeführt werden
mußte. Im Jahre 1873 begann dann nach der Gründung
großer Mühlen ‘die Ausfuhr wieder, und zwar in rasch
steigendem Maße:

1870 7
Sa
85/891 2
90/94 1165
95/99 238 507
1900/0* 31253 ,
1905 144760

Im Jahre 1903 besaß Argentinien nach amtlicher Zäh-
lung 650 Mühlen, darunter 234 mit Dampf-, 303 mit Wasser-
kraft, während eigentümlicherweise sich keine Windmühlen
vorfanden. Das in der Müllerei angelegte Kapital wurde
1895 auf. 26'/2 Mill. Pesos geschätzt, die Zahl der beschäf-
tigten. Personen betrug 4000. Diese Ziffern haben sich seit-
her bedeutend erhöht, doch fehlen amtliche Aufstellungen
darüber. 1894 wurden 600000 t Weizen gemahlen, die
400 000 t Mehl ergaben; 1903 betrug die Produktion
450000 t, von denen 72000 t ausgeführt wurden. Die
Leistungsfähigkeit der argentinischen Mühlen ist so bedeutend,
daß in 24 Stunden 4000 t Weizen oder in 5 Monaten die
ganze Weizenernte gemahlen werden könnte. Die Zahl der
Mühlen hat gegen früher abgenommen, trotzdem ist die
Gesamtleistung bedeutend gestiegen, was der Umwandlung

!) Vgl‘ Latzina. 5.474 u. f-
18
        <pb n="126" />
        Argentinien.
wenig leistungsfähiger Betriebe in solche mit verbesserten
Maschinenanlagen zuzuschreiben ist. Die Einrichtung der
neuen großen Mühlen entspricht den modernsten Anforde-
rungen und kann mit den größten nordamerikanischen Mühlen
auf eine Stufe gestellt werden..

Die Beschaffenheit des argentinischen Mehles ist. sämt-
lichen europäischen und nordamerikanischen Sorten gleich-
wertig; seine Preise sind aber ziemlich hoch wegen der
großen Lasten, die darauf ruhen, besonders die hohen Arbeits-
löhne und die Steuern. Die kleinen Mühlen auf dem Lande
leiden sehr unter dem Mangel an Transportmitteln, Lager-
häusern und Verladeeinrichtungen, so daß sie gegen die
großen, in den Hafenstädten gelegenen Betriebe nicht auf-
kommen können und sich in ziemlich mißlicher Lage be-
finden.

Die argentinische Mehlausfuhr geht hauptsächlich, nach
Brasilien, wo sie im Süden ein vollständiges Monopol hat;
sie hat dort seit 1902 um 139.% zugenommen. Von größter
Bedeutung ist es deshalb, daß Brasilien im Jahre 1905 dem
aus den Vereinigten Staaten eingeführten Mehl eine Zoll-
ermäßigung von 20 % zugestanden hat, worunter die argen-
tinische Ausfuhr nach diesem Lande, die 90 % der ganzen
Mehlausfuhr beträgt, schwer .zu leiden haben wird. Brasilien
begründet die Maßregel damit, daß Argentinien nur 120000
Sack Kaffee aus Brasilien beziehe, während die Vereinigten
Staaten 6 Mill. Sack bezögen, und daß Deutschland, Frank-
reich, Holland, Belgien auch bessere Käufer seien, ohne daß
ihnen eine 20 prozentige Ermäßigung auf andere ihrer Artikel
gewährt, worden sei. Bis jetzt hat Argentinien noch keinen
Nachteil von dieser Wendung der Dinge gehabt, doch wird
es ohne Zweifel, um sich den auch für andere Ausfuhr-
gegenstände wichtigen brasilianischen Markt zu erhalten,
irgendwelche Zugeständnisse im Zolltarif "an Brasilien machen
müssen ').

b) Zuckerindustrie?).

Die Zuckerindustrie reicht mit ihren, Anfängen in die
Mitte des 18. Jahrhunderts zurück. Als bei Gelegenheit der
Vertreibung der Jesuiten im Jahre 1767 deren Güter einge-
zogen wurden, fand man in einer ihrer Estancien eine Zucker-

') Berichte des K. u. K. Österr.-Ungar. Gen.-Konsulats in Buenos
Aires 1905, 1906, 1907.

2) Latzina; 8.471 u. f.
110
        <pb n="127" />
        Argentinien.
rohrpflanzung, die eine Reihe von Jahren hindurch {ort-
betrieben wurde. Da sie aber keinen Nutzen abwarf, ließ
man sie verfallen, so daß zu Anfang des 19. Jahrhunderts
keine Spur mehr davon vorhanden war. 1812 wurde wieder
mit dem Zuckerrohrbau begonnen, doch kann man erst von
1845 ab von Fortschritten in dieser Industrie sprechen. 1840
wurde in der Provinz Tucuman die erste Zückerfabrik "ge:
gründet, 1858 wurden die ersten Siedeapparate beschatft und
1879 begann man in Tucuman, der hauptsächlichsten Zucker-
provinz, vollkommenere Apparate zu einer gründlicheren
Ausnützung des Zuckerrohrs einzuführen.
Interessant ist die Nebeneinanderstellung der Ein- und
Ausfuhr!) :
Zeit Einfuhr t Zeit Ausfuhr t
1870/71 107 324 1896 22 026
75/79 113338 1897 41 734
80/84 128 260 20 820
85/89 114 992 169% 26 701
90/94 87 178 1906, 13270
95/99 9 569 1901 49 413
1900/02 1 000 1902 41 694
1903 30 340
1904 16311
1905 2199
Die Zahlen zeigen die Krisis, die von der argentinischen
Zuckerindustrie durchzumachen ist. ‚Noch vor 16 Jahren
hatte der Zucker einen sehr hohen Preis — 5 Peso für
10 kg; das machte den Zuckerrohrbau sehr gewinnbringend
(50—75 %) und rief eine starke Vermehrung des Anbaus
hervor. Die Fabriken legten sich eigene Pflanzungen an,
um den Gewinn selbst zu machen, neue Fabriken entstanden
und die Produktion stieg von Jahr zu Jahr, während die
Einfuhr stetig abnahm. Solange sie den Verbrauch des
Landes deckte und die Einfuhr des mit hoben Zöllen be-
legten fremden Zuckets verhinderte, war die Industrie lebens-
fähig, bald aber überstieg die Produktion den Verbrauch
und es sammelten sich große Vorräte an, so daß die Regie-
1) Latzina S: 473.
120
        <pb n="128" />
        Argentinien.

rung, um die Ausfuhr zu steigern, eine Ausfuhrprämie schuf.
Diese half aber dem Übelstande nicht ab, denn die Ausfuhr
ließ sich nicht steigern und der Verbrauch im Inlande nahm
nicht zu.‘ Es blieb also nur als einziges Mittel die Ein-
schränkung der Produktion, um das Gleichgewicht zwischen
dieser und dem Verbrauch wiederherzustellen. Damit nahm
aber auch die Ausfuhr stark ab).

Wenn nun auch ein Teil der Zuckerfabriken den Betrieb
einstellen mußte, so ist doch trotz allem die Lage der noch
bestehenden Fabriken glänzend, wie die großartigen Divi-
denden einzelner Fabriken beweisen. Im Jahre 1906 stiegen
nämlich die Inlandspreise infolge der Verminderung der Pro-
duktion und der hohen Zölle gewaltig, und da auch die
Pflanzungen durch Fröste gelitten hatten, konnte der Inlands-
verbrauch nicht mehr gedeckt werden, was die Nachfrage
sehr bedeutend steigerte. Schließlich wurde man genötigt,
Rohzucker aus Brasilien einzuführen, wodurch der Zucker
wegen der Zölle auch nicht billiger wurde. Im ersten Viertel-
jahr 1907 wurden allein 15000 kg‘ eingeführt. Die Folge
davon war, daß die Zuckerzölle für Rohzucker von 0,07 auf
0,06 Cent. pro kg herabgesetzt wurden?). Von der wirt-
schaftlichen Bedeutung dieser Zustände soll später noch die
Rede sein.

Argentinien besitzt einen für Zuckerrohrbau sehr ge-
eigneten Boden und könnte ein sehr bedeutender Zucker-
ausfuhrstaat werden. Bis jetzt bedeutet das Land aber noch
keine Gefahr, da die Zuckerbereitung weder in der Aus-
nutzung des Rohres noch in der Beschaffenheit des Erzeug-
nisses auf der Höhe steht.

Die Zahl der in Argentinien befindlichen, allerdings zur-
zeit nicht voll beschäftigten Fabriken beträgt 70, wovon über
30 in der Provinz‘ Tucuman liegen. Diese letzteren be-
Schäftigen ständig etwa 8000, während der Ernte 15000
Arbeiter.

c) Weinindustrie®).

Die Weinindustrie ist von nicht geringer Bedeutung,
sofern der Ertrag der auf 40 000 ha geschätzten Anbaufläche
wirklich in Wein verwandelt wird. Die Kultur der Weinrebe

!) Vgl. Export 1903 Nr. 4, S. 49.

?) Vgl. Berichte des K. u K. Österr.-Ungar. Gen.-Konsulats in
Buenos Aires 1906, 1907.

&amp; 16% 5 Mel Latzina S. 433/B. 4, 479 u. f.; L’Argentine au XX si@cle.
. U: 1.
121
        <pb n="129" />
        Argentinien.

hat namentlich in den Provinzen Mendoza und San Juan
außerordentlich günstige Bedingungen durch die Wärme: des
Bodens, das trockene Klima und die Menge.des zur Beriese-
lung nötigen Wassers. Ein ha sechsjährigen Weinlandes trägt
jährlich 12-15 000 kg Trauben, und da 180—200 kg 1 hi
Wein geben, so erzielt man auf 1 ha im-Durchschnitt 60 hl.
Im Vergleich mit den europäischen Weinbergen, die 20—40 hl
vom ha ergeben, sind die Erträgnisse von Mendoza und
San Juan sehr bedeutend. Die Weinproduktion betrug:

1895 700 000 Liter

1800022821727. ;

PO25910730

19071 16253365,
Da aber hierdurch der inländische Verbrauch nicht gedeckt
wurde, war immer noch eine Einfuhr von 40—50 Mill. Liter
nötig.

Die Weinberge sind von bester Beschaffenheit und meist
mit guten französischen Reben bepflanzt; trotzdem lassen
die Erzeugnisse der argentinischen Weinindustrie viel zu
wünschen übrig. Die Ursache dieses schlechten Ergebnisses
liegt hauptsächlich in dem Mangel an Kapital, an dem diese
Industrie leidet und der es nicht gestattet, den Wein genügend
gären und lange genug lagern‘ zu lassen. Die argentinischen
Weinbauer sind genötigt, ihre Erzeugnisse so schnell als
möglich zu verarbeiten und auf den Markt zu bringen, um
ihren Verbindlichkeiten nachkommen zu können. Hierzu
kommt aber noch ein weiterer Übelstand, nämlich der, daß
die Weinfälschungen einen geradezu unglaublichen Umfang
angenommen haben. Latzina!) zeigt, daß unter dem Schutze
der hohen Zölle auf Wein eine sehr unreelle-Produktion ent-
standen ist. Es gebe zwei Arten der Herstellung von Wein,
eine erlaubte und eine unerlaubte. Die erlaubte vollziehe
sich in den Kellereien. von Mendoza und die unerlaubte in
den Fabriken der Hauptstadt. 1887 habe es dort vier solcher
Fabriken gegeben, 1894 dagegen 88. Und während 1887
die vier Fabriken 547 224 kg Trauben zur Weinbereitung ver-
brauchten, verarbeiteten 1894 die 88 Fabriken nur noch
97878 kg Trauben. Ein trauriges Beispiel dafür, wie sich
diese Fälschungsindustrie die Schutzzölle auf Kosten der
reellen Industrie zunutze zu machen weiß. Neuerdings haben
sich die Verhältnisse entschieden“gebessert.

1) .Latzina, S. 307.
127
        <pb n="130" />
        Argentinien.

Wie die Zuckerindustrie, so hat auch die Weinindustrie
ihre Krise. durchzumachen. Die Leichtigkeit, mit der man
in Argentinien Wein im Inlande absetzen konnte, und der
Mißbrauch, der mit dem leicht ‚erhältlichen Kredit getrieben
wurde, um Kellereien und sonstige kostspielige Anlagen zu
machen, führten zu einer Überproduktion und zu einer Ver-
schlechterung des Erzeugnisses, wodurch ein beträchtlicher
Preissturz herbeigeführt wurde, der noch andauert. Hier-
durch und durch die geringe Leistungsfähigkeit ‚der die Wein-
provinzen bedienenden Westbahn, die den Weinbauern die
Einhaltung ihrer Lieferungsfristen unmöglich macht, wird es
der ausländischen Konkurrenz, namentlich der billig produ-
zierenden chilenischen, trotz der hohen Einfuhrzölle möglich,
in Argentinien mit Erfolg aufzutreten, und da der Weinver-
brauch im Lande sehr groß ist, hat die Regierung von einer
Erhöhung der Zölle Abstand genommen, um den Wein nicht
noch mehr zu verteuern*‘). Immerhin ist bei der Güte des
Bodens der Provinzen Mendoza und San Juan für den Wein-
bau anzunehmen, daß dieser bei sachgemäßerem Betrieb der
Weinbereitung eine nicht unbedeutende Einnahmequelle für
Argentinien abgeben wird. Die argentinische Weinproduktion
beschränkt sich auf gewöhnliche Weine, während feine Sorten
und Schaumweine ausschließlich vom Auslande bezogen
werden. Die Einfuhr von fremdem Landwein, die mit der
Zeit durch das argentinische Erzeugnis ersetzt werden muß,
9 feinen Weinen hatte 1905 einen Wert von 6596589

a. 9.
d) Alkohol3.

Im Anschluß an die Maisproduktion, sowie die Zucker-
und Weinfabrikation hatte sich eine nicht unbedeutende Brannt-
weinindustrie entwickelt. 1895 wurden 131 Betriebe dieser
Art mit einem Kapital von 15012 366 P. Pap. gezählt. Die
Produktion aus Maismost, Zuckermelasse und Weintrebern
war folgende (Liter):

1891 16 436 568 1897 29 477 812
1892 71910571 PS 11211875
1893 28 590 105 1899 13137367
1894 26 159 23; 1909 12.974 716
1895 33 460 879 1901 14837 123
1896 32 796 741
. 1) Bericht des K. u. K. Österr.-Ungar. Gen.- Konsulats in Buenos
Aires 1907.

2) Dasselbe 1906.

3) Latzina S. 478. Berichte des K. u. K. Österr.-Ungar. Gen.-
Konsulats in Buenos Aires. 123
        <pb n="131" />
        Argentinien.

Der gewaltige Rückgang in der Produktion, der sich
zwischen den Jahren 1897 und 98 geltend macht, ist die
Folge der. Erhöhung der inneren Steuern. Während 1891
für das Liter Alkohol 7 centavos gezahlt wurden, betrug die
Steuer 1898 1 Peso, also den fünffachen Betrag der Her-
stellungskosten. Die Mehrzahl der Maisdestillationen wurde
infolge dieser übermäßigen Belastung geschlossen, dagegen
hat die Rohrzuckerfabrikation die Melassealkoholerzeugung
derart begünstigt, daß diese Fabrikationsart die ausschlag-
gebende geworden ist. Die hohen Steuern hatten zur Folge,
daß nun viel Alkohol im geheimen erzeugt wird, wodurch
die reelle Industrie ‚durch unlauteren Wettbewerb und der
Staat in seinen Einnahmen geschädigt wird.

Die Brennereien erzeugen ungefähr 200 000 hl jährlich,
die Weinspritdestillerien 60.000 hl; da aber der inländische
Verbrauch, einschließlich der Likörfabrikation, 320—340 000 hI
beträgt, so muß die fehlende Menge eingeführt werden.
Wiederum eine eigentümliche Wirkung des rein fiskalischen
Steuersystems, das diese bis 1897 den Landesbedarf deckende
Industrie zugrunde gerichtet hat und das Geld in das Aus-
land treibt. Man studiert jetzt Mittel und Wege, um die
stark gesunkene Alkoholindustrie wieder zu heben und
namentlich die Alkoholbereitung für Kraft-, Licht und Heiz-
zwecke zu begünstigen.

B. Industrien der Viehzucht.
a) Butter- und Käsefabrikation)).

Diese stark in Aufschwung befindliche Industrie hat
sicherlich noch eine große Zukunft. Der letzte Zensus von
1895 zählte 357 Betriebe, die Butter und Käse herstellten.
In diese Zahl sind alle derartigen Anstalten mit eingerechnet
von den kleinsten mit einem Dutzend Milchkühen bis zu den
größten Musterwirtschaften, die für die Ausfuhr arbeiten. Die
kleinen Betriebe bilden weitaus die Mehrzahl, doch beginnen
auch sie mittelbar zur Ausfuhr beizutragen, indem eine große
Genossenschaftsmolkerei gegründet wurde, der die kleinen
Bauern ihre Milch abliefern. _ Diese Molkerei kann 1000 kg
Butter täglich herstellen. Die Butterausfuhr hat in kurzer
Zeit einen sehr bedeutenden Umfang angenommen. Während

') Latzina 414/15; A few figures on the developpement ' of
Argentine international trade 1906.

124
        <pb n="132" />
        Argentinien.

sie 1889 noch 4026 kg betragen und dann in stetigen Schwan-
kungen sich bewegt hatte, gestaltete sie sich ferner folgender-
maßen:

1894 19 500 kg 1900 1055765 kg

1895 494 400 ,, 5 Aa

1896 903087 „ WE

18978 4599 911., SEO;

18981 0926 5008, SE.

1899 1179496 , ES 00R)
Der Wert der Ausfuhr des Jahres 1905 beträgt 2 157294 P. G.
(gegen 9 Mill. Mark).

Die Käsebereitung arbeitet noch nicht für die Aus-
fuhr, da die Güte des Erzeugnisses noch sehr zu wünschen
übrigläßt; die gesamteProduktion wird im Lande verbraucht.
Der Wert der Einfuhr an Käse betrug 1904 noch 738204 P. G.,
eine für ein Land mit so ausgedehnter Viehzucht beschämende
Tatsache.

b) Salzereien und Gefrieranstalten‘).

Eine bedeutende Industrie waren die großen Schlach-
tereien, Saladeros, in denen das Fleisch der geschlachteten
Tiere gesalzen und gedörrt oder zu Fleischextrakt verarbeitet
wurde. Diese Anlagen, die durch die Gründungen von Liebig
in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts aufkamen,
stellten lange Zeit die Hauptausfuhrware der Fleischindustrie
her. Als aber im Jahre 1900 die englischen Häfen, die bis
dahin das Hauptabsatzgebiet der argentinischen Landwirt-
schaft gewesen waren, sich wegen der Seuchengefahr der
Einfuhr von lebendem Rindvieh und von Schafen aus Argen-
tinien verschlossen, begann die Gefrierindustrie, die sich
schon vorher auf Kosten der.Salzereien entwickelt hatte,
bedeutend zuzunehmen, um sich den englischen Markt für
frisches Fleisch zu erhalten. Der Höhepunkt der Schlach-
tungen in den Saladeros wurde erreicht im Jahre 1891 mit
834 600 Rindvieh, von da ab ist ein stetiger Rückgang zu
verzeichnen.

In dem Jahrzehnt von 1896—1906 stellt sich die Aus-
fuhr von gedörrtem und gefrorenem Fleisch folgender-
maßen:

') Latzina 475 u. f. — Description sommaire de la ReEpublique
Argentine S. 88.
125
        <pb n="133" />
        Argentinien.
Gedörrtes Rindfleisch’).
1896 45907 t 1901 24296 t
1897 36 23580 1902 22304 ,
1898 22242 „ 1903 12991”,
1899 19164 1904 11726 ,
1900 16 446 19051125 288°,
1906 4600 .
Gefrorenes Rindfleisch.
1896 2.997 t 1901 44.904 t
18977 14214°° 1902 79018 ,,
1898: 15 867%; 1903 85520.
1899. 9.079 1904 97 744
1900 24590 „ 1905 152857,
1906 über 154 000 ,
Im Jahre 1906 betrug der Wert des ausgeführten  Dörr-
fleisches 597 000 P. G., während das gefrorene Fleisch über
16 Mill. ausmachte, Dazu kommt noch die von 1896—1905
von 45105 auf 78351 t angewachsene Ausfuhr von ge-
frorenem Hammelfleisch.
Die Zahlen der in den Gefrieranstalten geschlachteten
Rinder betragen?) :
vom 1. 7. bis 30.6. 1899/00 5209 Stück
1900 01 95% N
1901/02 153€
1902/0381225 0000
1903/04 256 00C
1904/05 42400C
Rechnet man dazu noch die Schlachtungen in den Salzereien
und die nicht unbedeutende Ausfuhr an lebendem Vieh, so
sieht man den ungeheueren Bedarf Argentiniens an Vieh,
der die höchsten Anforderungen an die Viehzucht stellt, die
sich in unliebsamer Weise geltend machen. Infolge der un-
geheueren Nachfragen nach Schlachtvieh stiegen nämlich die
Viehpreise unaufhaltsam ®), während die Beschaffenheit der
zur Schlachtung gelangten Tiere und auch, wegen des häu-
figen Futtermangels, deren Gewicht viel zu wünschen übrig-
*) A few figures on the developement of Argentine international
trade 1907.
?) Export 1906, Nr. 24, S. 441.
3) Vgl. Berichte des K. u. K. Österr.-Ungar. Gen. - Konsulats
Buenos Aires 1906 und 1907. ;
126
        <pb n="134" />
        Argentinien.
ließen; auch wurden viele Tiere geschlachtet, die noch zu
jung waren und noch nicht die nötige Entwickelung als
Schlachtvieh hatten. Die schlimmen Folgen dieser in Schlach-
tungen von Muttertieren und von jungen, zur Zucht nötigen
Nachwuchses sich geltend machenden Überspannung der An-
forderungen an die Viehzucht macht sich im Inlande in einer
Fleischteuerung geltend, von der die niedrigen und mittleren
Schichten der Bevölkerung hart getroffen werden; die Fleisch-
preise haben sich mehr als verdoppelt. Auch wird die Ge-
irierfleischindustrie kaum auf die Dauer mit derselben Menge
von Vieh versorgt werden können, da bisher schon zur Auf-
zucht nötige Tiere geschlachtet wurden. Die im Lande gegen
die übertriebenen Schlachtungen entstandene Mißstimmung
findet ihren Ausdruck in der letzten Botschaft!) des Präsi-
denten an den Kongreß, in der gesagt ist, es sei nötig, die
endlosen Schlachtungen durch entsprechende Maßregeln etwas
einzudiämmen. Auf solche volkswirtschaftlich nachteilige Fol-
gen der Ausfuhrsteigerung soll später noch hingewiesen wer-
den. Immerhin beweisen die oben angeführten Ziffern, daß
die Industrie der Saladeros und der Gefrieranstalten in recht
bemerkenswerter Weise zu dem hohen Gesamtwert der argen-
tinischen Ausfuhr beiträgt.
c) Talgfabrikation?.

In engem Zusammenhang mit der Schlachtindustrie steht
die Talgfabrikation, die im Jahre 1870 schon 47593 t zur
Ausfuhr brachte. Von 1873 ab fiel die Ausfuhr beständig,
so daß sie sich in den Jahren 1879-—93 nicht mehr über
20000 t erhob, im Jahre 1887 sogar auf 7169 t gefallen
war. Seit 1894 aber ist die Ausfuhr, wenn auch stetigen
Schwankungen unterworfen, doch im Wachsen begriffen und
betrug 1905 wieder 45 785 t im Werte von 5321099 P. G.
Dagegen wurde diese Industrie in den starken Rückgang der
Saladerosindustrie im vorigen Jahre verwickelt, so daß die
Talgausfuhr 1906 nur noch 25000 t im Werte von 3!/2 Mill.
P. G. betrug, also 20000 t oder 2 Mill. P. G. weniger als
im Vorjahre. Dabei kommt in Betracht, daß die Ausbeute
an Talg wegen der geringeren Beschaffenheit des geschläch-
teten Viehs weniger ausgiebig war und daß der Verbrauch

1) Bericht des K. u. K. Österr.-Ungar. Gen.-Konsulats Buenos
Aires 1907.

?) Dasselbe 1905, 1906, 1907. A few on the developement of
Argentine international trade 1906; Latzina S. 484.
127
        <pb n="135" />
        Argentinien.
an Talg für die inländische Kerzen- und Seifenfabrikation
zunimmt. Auch diese Industrie leidet an dem Wettbewerb
der Gefrieranstalten.
d) Gerberei%.

Die Massenschlachtungen in den Saladeros und den
Gefrieranstalten hatten naturgemäß auch zu einer Verwertung
der Häute der geschlachteten Tiere geführt und damit die
Gerberei ins Leben gerufen, die man in Wirklichkeit. als eine
nationale Industrie bezeichnen kann, indem sie alle Roh-
stoffe aus dem Lande bezieht, das mit seinen ungeheueren
Beständen an Quebracho den nötigen Gerbstoff liefert.

In allen Provinzen des Landes bestehen Gerbereien, im
ganzen ungefähr 300 Betriebe, wobei die von der Gerberei
abhängigen Gewerbe, wie Schuhmacher, Gürtler, Lackleder-
fabrikanten, Handschuhmacher, mitgerechnet sind. Besonders
die Schuh- und Sattlereiindustrie hat sich zu einer nicht zu
unterschätzenden, die Einfuhr billiger Ware beschränkenden
Bedeutung entwickelt. An Schuhfabriken bestehen über 30
mit modernen nordamerikanischen Maschinen eingerichtete
Betriebe, die bis jetzt allerdings nur billige Massenware
erzeugen.

; Im Anschluß hieran muß die den Gerbstoff liefernde
e) QuebracHo-Industrie?)
erwähnt werden, die bedeutende Ausfuhrziffern aufzuweisen
hat an Stämmen, Schwellen und Extrakt. Die Ausfuhr stieg
von 1896 —1905
an Extrakt von 684 t auf 29408 t im Wert von
68 400 bzw. 2427772 P.
an Stämmen von 83266 t auf 285897 t im Wert von
832 700 bzw. 4 275 164 P.

Der Quebrachoindustrie einschließlich der Taninfabri-
kation steht ein großer Aufschwung bevor, der sich in zahl-
reichen jährlichen Neugründungen von Quebrachogesell-
schaften äußert. Diese sind deshalb auch von Bedeutung,
weil sie immer einen großen Bedarf an allerlei Werkzeugen,
Kränen, Feldeisenbahnmaterial usw. haben. Erst im Jahre
1906 machte sich ein Rückgang in der Ausfuhr bemerkbar,
da diese an Stämmen nur 230000 t im Wert von 31/2 Mill.

1) Latzina 485; Berichte des K..u. K. Österr. - Ungar. Gen.-
Konsulats Buenos Aires. m

*) Berichte des K.u. K. Österr.-Ungar. Gen.-Konsulats Buenos
Aires 1905, 1906, 1907.

128
        <pb n="136" />
        Argentinien.
P. G. betrug, also 36000 t weniger als im Vorjahre. Der
Hauptgrund für diese Erscheinung liegt in den deutschen
Quebrachozöllen, die auch eine Verminderung der Extrakt-
ausfuhr zur Folge hatten, da 1906 nur 2000 f gegen 9600
im Vorjahre nach Deutschland ausgeführt wurden. Das
Verlangen der Quebrachoproduzenten, daß die argentinischen
Eisenbahnverwaltungen Quebrachoschwellen statt eingeführter
Stahlschwellen für ihre Bauten verwenden sollen, hatte bis
jetzt trotz eines im Jahre 1905 erlassenen entsprechenden
Gesetzes keinen Erfolg, und es, haben sich nun die Produ-
zenten kartelliert, um ihre Ansprüche den Eisenbahnverwal-
tungen und dem deutschen Zolltarif gegenüber besser durch-
Setzen zu können. So haben sie sich schon ‚an. die argen-
tinische Regierung gewandt, um ‚ einigen Artikeln deutscher
Herkunft billigere Eingangszölle in Argentinien zu verschaffen
als Ausgleich für die Aufhebung der deutschen Quebracho-
zölle. Die Eisenbahngesellschaften umgekehrt verlangen, daß
die Bedingung der Verwendung von Quebrachoschwellen bei
der Erteilung von Bahnbaukonzessionen wieder aufgehoben
werde, und drohen mit der Zurückziehung von Konzessions-
gesuchen für Neubauten. Infolge dieser Verhältnisse ist für
die nächste Zeit eine gewisse Stetigkeit in der Quebracho-
industrie zu erwarten.
C. Künstliche Industrien.

Wie aus dem Bestehen der bedeutenden landwirtschaft-
lichen Industrien hervorgeht, ist Argentinien ein Land, dessen
Klima der Entwickelung der Fabrikindustrie keinerlei Schwierig-
keiten entgegensetzt; die früher geschilderten hemmenden Ein-
Nüsse des Tropenklimas machen sich hier nicht mehr geltend.
Trotzdem ist die argentinische Republik noch nicht in den
industriellen Abschnitt ihrer wirtschaftlichen Entwickelung
eingetreten. Alle ihre Kapitalien werden auf die Verwertung
des Bodens verwendet, und da der Erfolg dieser Bestrebungen
die kühnsten Erwartungen übertroffen hat, sieht sich die
Republik mit ihrer‘ schwachen Bevölkerung noch nicht ver-
anlaßt, den unsicheren Boden der Fabrikindustrie im großen
zu betreten. Ein Hauptgrund hierfür liegt auch darin, daß
bis jetzt keine_abbauwürdigen Kohlen- und Eisenlager ge-
funden wurden, und daß es an einer genügenden Zahl von
Arbeitern fehlt, sowie, daß sehr hohe Löhne gezahlt werden
müssen. Ob man überhaupt der argentinischen Republik

V. Gemmingen, Entwickelung der Fabrikindustrie. n 2
&amp; 120
        <pb n="137" />
        130

Argentinien.

eine industrielle Zukunft vorhersagen kann, wie sie die Ver-
einigten Staaten haben, scheint sehr fraglich. Es ist wohl
möglich, daß der argentinische. Boden reiche unterirdische
Schätze birgt, besonders an. Kohle und Eisen*),. die die
Grundlage jeder Fabrikindustrie bilden, aber der geologische
Bau des Landes ist ein Hindernis. Alle Lager, die man bis
jetzt entdeckt hat, liegen in den Cordilleren, 1500 km vom
Meere entfernt ohne Flußverbindungen und deshalb in sehr
schwierigen Verhältnissen für die Gründung großer industrieller
Mittelpunkte. Soweit man es bis jetzt beurteilen kann,
liegen die Kohlen- und Erzfundstellen in einem mehrere
tausend km langen, schmalen Gebiet, scheinbar ohne Zu-
sammenhang der Lager und ohne wirkliche Becken bilden
zu können.

. Mit den Wasserkräften?), die etwa einen Ersatz für die
fehlende Kohle bilden. könnten, ist es gleichfalls nicht glän-
zend bestellt. In der Gegend von Tucuman und Cordoba
befinden sich wohl einige Fälle, die aber nicht mehr Kraft
liefern, als gerade für die Versorgung der naheliegenden
Städte mit Licht und Kraft, sowie für den Betrieb einiger
Fabriken ausreicht. Sehr bedeutend sind die Fälle von Iguazu
am Oberen Parana, die auf einer Ausdehnung von 3700 m
und 65m Fallhöhe die dreifache Kraft der Niagarafälle ent-
wickeln sollen. Sie liegen aber unglücklicherweise an der
äußersten Grenze des Landes in einem schwer zugänglichen
Waldgelände, und es wird deshalb noch lange dauern, bis
man aus diesen ungeheueren natürlichen Kraftquellen den
entsprechenden Nutzen wird ziehen können.

Da auch Petroleum nicht vorhanden und die Bereitung
von Alkohol, der zu Kraftzwecken benutzt werden könnte,
mit sehr hohen Steuern belegt ist, fehlen zunächst noch der
Industrie andere Kraftquellen als die vom Ausland bezogene
Kohle. Immerhin aber ist es dem großen Aufschwung der
elektrischen Industrie zu verdanken, daß schon ein großer
Teil der Fabriken von der Kohle unabhängig geworden ist
und mit Elektromotoren arbeitet, die ihre Kraft zu mäßigen
Preisen aus den großen Elektrizitätswerken beziehen. In der
Stadt Buenos Aires gibt es auf 1560 im Gebrauch befind-
liche Motoren schon 527 elektrische und 103 Gasmotoren.

Der Charakter der argentinischen Fabrikindustrie ist in
erster Linie der einer Verarbeitung eingeführter Halbfabrikate
und zum kleinsten Teil der Verarbeitung inländischer Roh-

1) Vgl. L’Argentine au XX, siecle.. 3: 237 u. f.

?) Vgl. L’Argentine au XX. siecle.
        <pb n="138" />
        Argentinien.
stoffe, wie der Erzeugnisse des Baumwoll- und Tabakbaues,
SsOwie des aus den großen Viehschlachtungen gewonnenen
Leders. Lebensfähig ist die Fabrikindustrie nur durch die
hohen Schutzzölle, über deren Berechtigung für den beson-
deren Fall Argentiniens und der anderen südamerikanischen
Staaten später die Rede sein soll.

Die ersten Anfänge ‚einer industriellen Tätigkeit reichen
in das Jahr 1875 zurück, in dem einige kleine Betriebe der
Gerberei, der Nahrungsmittel-, Konfektions-, Bekleidungs-,
Holz- und Metallindustrie gegründet wurden, aber die wirk-
liche Entwickelung der Fabrikindustrie beginnt erst mit dem
Jahre 1890.

Mit dem Aufschwung des Außenhandels und der Ein-
wanderung haben sich dann die Gründungen allmählich ver-
mehrt, und wenn auch der Betrieb noch vielfach handwerks-
mäßig ist, so sind doch immerhin Anfänge einer Fabrikindustrie
gemacht.

Zunächst soll nun, um ein Bild der Fabrikindustrie
Argentiniens zu liefern, eine Zusammenstellung der industriellen
Betriebe nach ihrer Arbeiterzahl, Kapitalwert und der Na-
tionalität ihrer Besitzer gegeben werden.

Übersicht über die industriellen Betriebe in der
argentinischen Republik?) 1904.
Nationalität
der. Besitzer Ange- | Kapital in
Anzahl, | '
Argen- Aus- stellte IPeso Papier
tiner länder
Nahrungsmittel.... 4377 598 3779 209 209 | 72 434 905
Bekleidung und
Konfektion .. SE 6.317 75785 566 36.304 | 52 014 307
Konstruktions- i
industrie... ME 1'* 32560| 50951 000
Möbel und Zubehör | 2 - 18346| 26 715 000
Verzierungs- und
Kunstindustrie ..| 1016 3 __3 3150 9917046
Metallurgie ......13 404 “”5|% 58 16137 28114000
Chemischelndustrieı 421 37 248 5731 15 217,310
Graph. Industrie A OS 7 6115153271:504
Andere Industrie ..| 1769 402, 1307. 18845 52641 713
| [24 831 |4 245 120.532 | 166 377 [321 276 785
S ') Description sommaire de la Republique Argentine comme pays
d’immigration.-. Ministere de l’agriculture. Buenos Aires 1904. 131
        <pb n="139" />
        Argentinien.

Diese Zusammenstellung gibt bei näherer Betrachtung
ein deutliches Bild von der Bedeutung der argentinischen
Fabrikindustrie. Zunächst muß die geringe Zahl der Arbeiter
auffallen, da im Durchschnitt nur sieben Arbeiter auf die
einzelne Fabrik kommen. Nun sind allerdings in der Auf-
stellung auch die kleinen Betriebe mitenthalten; wenn man
aber bedenkt, daß es Betriebe gibt, die eine sehr große Zahl
von Arbeitern beschäftigen, so bleiben für die kleinen nur
SO wenige Arbeiter übrig, daß man sie nach unseren Begriffen
nicht mehr zur Industrie zählen kann. Die amtliche Ver-
Öffentlichung ‚enthält keine näheren Angaben über diesen
Punkt.

Ferner ist auffallend‘ das in der Fabrikindustrie ange-
legte Kapital, das in m/n (moneda nacional) d. h. in Papier-
peso = 1,80 M. angegeben ist. Der Durchschnittswert für
den einzelnen Betrieb beträgt 12 938 P., und da wiederum in
einem Teil der Betriebe viel größere Summen angelegt sind,
so sind die kleinen Betriebe sehr wenig wertvoll.

Endlich ist vom volkswirtschaftlichen Standpunkt aus
sehr interessant die Nationalität der Besitzer: 4245 Argen-
tiner und 20532 Ausländer. Dieses Verhältnis soll später
noch näher beleuchtet werden. Der Grund dafür liegt haupt-
sächlich darin, daß das argentinische Kapital in den Lati-
fundien und dem ‚darauf befindlichen Vieh ruht, da diese
Anlage einen sichereren und leichteren Ertrag abwirft als die
Fabrikindustrie. „Das Weidegras wächst und die Kühe kalben
auch Ohne die industrielle Unterstützung des Menschen.“
(Latzina.) Kapital, d. h. überschüssiges oder Leihkapital, be-
sitzen die Eigentümer der Latifundien überhaupt nicht; ihr
Wohlstand richtet sich nach dem jeweiligen Ertrag der Ernte
und des Viehverkaufs; sind die Erträgnisse günstig, wird
flott gelebt, oder das Gegenteil. Hieraus erklärt sich .der
enge Zusammenhang der Ernte und der Kaufkraft in Argen-
tinien. Das Sparen und das Anlegen von Geld in anderen,
wie z. B. industriellen Unternehmungen, kennt der Argentiner
in der Hauptsache noch nicht. Diese Eigentümlichkeit ist
deutlich zu sehen aus der. folgenden, dem letzten Zensus
(1895) entnommenen Zusammenstellung, die zeigen will, wie
gerade auch in Industriezweigen, die auf Landeserzeugnissen
beruhen, der Argentiner dem Ausländer das Feld gelassen
hat:

132
        <pb n="140" />
        Argentinien.
el Inl. Kap. Ausl. Kap.
Ölfabriken ....l 50| 1565000 3545000 | (aus Leinsaat,
Rüben, Erd-
' nüssen)
Nee Morr O 21.000 608 000
Besen, Bürsten . | 101 16000 571000 | (Rohstoff v. d.
Schweinezucht)
Nudeln ........]210| 425000| 5314000 | Rohstoff y. d.
Müllerei)
Butter und Käse |357| 741.000 2746000 |
Ziegel, Kacheln | 53| 511000 1218000 | (Rohstoff im In-
a lande)
Konserven ...., 611 822000, 7886000 | (Früchte und
| Fleisch)
Yerbamühlen ..| 45| 601000/ 2041 000 | (Nationalgetränk
| 1. S.-Amerika)
Seile. zn 1 152 1136000 5534000 ı (aus inländ. Talg)
Textilindustrie ..1128 904000 4648000 I inl. Wolle
| u. Baumwolle)
Salzereien..... 1 39.15 297000 21.939 000
Im ganzen führt der Zensus 47 Industrien auf, die
meist eingeführte Rohstoffe verarbeiten. Unter diesen sind
nur die folgenden Fabriken, in denen das inländische Kapital
vorherrscht:
ah] Inl. Kap. | Ausl. Kap...
Bierbrauereien ..' 61 | 6239000| 2600000
Eisfabriken
(meist bei d. ı |
Brauereien) 4 17 | 4023000 284.000
Gasfabriken ....| 13 116430 00014 869 000 | (heute umgek.
Verhältnis)
Zuckerfabriken ‚| 51 |35 818 000116 660.000
Elektrizitäts- (heute alle Elek-
werke ....... 18 ı 2704000| 1069000 ! trizitätswerke
in Händen’
ı europ. Gesellsch,
133
        <pb n="141" />
        Argenüunlien.

Die Zusammenstellung der industriellen Betriebe auf
Seite/3# bedarf noch einiger Erläuterungen!), die zeigen
sollen, was unter den einzelnen Sammelbegriffen zu ver-
stehen ist.

Nahrungsmittel.

Die bezüglichen Fabriken enthalten das größte in den
argentinischen Fabriken angelegte Kapital” Die Mühlen,
Weinkellereien, Zuckerfabriken, Alkoholdestillationen und Bier-
brauereien sind darin nicht enthalten. Die Anfertigung von
Fleischkonserven in Büchsen,. von Käse, Schinken, Wurst
von Schweinfleisch, getrocknete Früchte, Gemüsekonserven,
die unter dieser Industrie zu verstehen ist, hat noch keine
Handelsbedeutung, denn sie befriedigt noch nicht einmal den
inländischen Bedarf. Diese Industriezweige sind daher sehr
entwickelungsfähig wegen der ungeheueren Vorräte an Roh-
stoffen, die das Land bietet. Ebenso hat die Konservierung
von Fischen eine große Zukunft durch die Verschiedenheit
und den Reichtum an Fischen in den hauptsächlichen Flüssen
und an der ausgedehnten Seeküste des Landes.

Getränke.

Die Weinindustrie ist schon eingehend behandelt; es
kommen noch in Betracht die Likörfabriken und die Bier-
brauereien. Die Likörfabrikation, die ihre Rohstoffe von der
Weinindustrie erhält, steht noch auf niedriger Stufe und er-
zeugt minderwertige Nachahmungen auswärtiger Liköre. Da-
gegen hat die Bierbrauerei eine große Bedeutung. Nach
dem Zensus von 1895 gab es in Argentinien 61 Brauereien,
von denen die großen, meist von deutschen Braumeistern
geleiteten, ein dem ausländischen durchaus ebenbürtiges Er-
zeugnis herstellen. Die. Biererzeugung hat von 1891 bis
1901 von 7220 000 1 auf 25 549 375 1 zugenommen. Diese
Zahlen sind längst überholt. Man schätzt heute die Zahl
der Brauereien auf 12 große und etwa 50 kleine, die zu-
sammen gegen 500000 hl jährlich erzeugen. Die größten
Brauereien sind in Buenos Aires, Rosario und Cordoba. Die
früher bedeutende Biereinfuhr hat im Verhältnis der Zunahme
der inländischen Brauereien abgenommen und nun fast ganz
aufgehört; nur England (Pale Ale) und Deutschland führen
noch Bier ein, und zwar 1905 43 000 Dutzend Flaschenbier

!) Vgl. Description sommaire de la Republique Argentine comme
pays d’immigration. S.96 u. f.

134
        <pb n="142" />
        Argentinien.
= 78000 P. G. und 44 000 1 Faßbier = 4000 P. G. Der zur
Bierbereitung nötige Rohstoff wird aus Europa bezogen‘).
Bekleidung.

Diese Industrie umfaßt Strumpfwirkereien, die Anferti-
gung von Hemden, Krawatten, Handschuhen, Korsetts, Wäsche,
Konfektion, fertige Kleider, Schuhe, Hüte, Regenschirme,
Stöcke.

Hierher gehört auch die Textilindustrie. Die Fabrikation
von Geweben ist noch eine neue Industrie in Argentinien.
Außer wollenen Bettdecken und Wollstoffen für die Armee
hat die Anfertigung von Decken, Ponchos, Unterhosen, baum-
wollenen Westen, Strümpfen und Socken erst vor wenigen
Jahren und mit wachsendem Erfolg begonnen. Seidene und
halbseidene Gewebe werden nicht angefertigt, sondern ein-
geführt, obgleich die Seidenraupenzucht gut gedeiht und die
Seidenindustrie eine gute Zukunft hätte.

Entwickelter als die Wollweberei ist die Baumwoll-
weberei, die alle Arten von Bekleidungsgegenständen herstellt
und vielleicht eine große Entwickelung nehmen wird, wenn
erst die Baumwolle, die in sehr guter Beschaffenheit in
Argentinien gedeiht, in größerem Umfange gepflanzt wird.

Trotz der Entwickelung der Textilindustrie findet eine
recht beträchtliche jährliche Einfuhr von Textilwaren statt:

1902 für 29 744 289 P. G
1903 „ 7492648 ,
©
1905 „ 106218931 ,

Diese Ziffern der Einfuhrwerte haben in Argentinien
sehr enttäuscht; hatte schon von 1902/03 die Einfuhr um
7 Mill. zugenommen, so stieg sie 1903/04 um über 17 Mill.,
eine Steigerung, die man nicht vorausgesehen hatte, da man
sich von der nationalen Industrie große Hoffnungen machte.
Wenn auch der argentinische Zolltarif die heimische Textil-
industrie sehr begünstigt, so werden doch noch viele Jahre
vergehen, ehe sie den Einfuhrhandel wesentlich beeinträch-
tigen kann 3.

Die Spinnerei ist erst vor wenigen Jahren eingeführt
worden; die Spinnereien erzeugen bis jetzt nur Garn für
gröbere Gewebe, während sie Garn für feinere Arbeiten aus

”. Vgl. Berichte des K. u. K. Österr. - Unger. Gen. - Konsulats
Buenos Aires 1905—1907.

2) Das. 1907.
135
        <pb n="143" />
        126

Argentinien.
dem Auslande, hauptsächlich Deutschland, Frankreich und
Italien kommen lassen.
Konstruktionsindustrie.

Diese umfaßt die Holzschneidereien , Schiffswerften,
Kalkbrennereien, Tischlereien, Drechslereien, Ziegeleien,
Kacheln- und Mosaikfabrikation, Töpfereien usw.

Diese Betriebe mit Ausnahme der Holzschneidereien,
Kalkbrennereien und Mosaikfabriken sind sehr klein. Die
Holzschneiderei verarbeitet trotz des Holzreichtums des Landes
fast nur eingeführtes Holz für die Tischlereien und das Bau-
gewerbe, und es könnte deshalb eine die reichhaltigen Hölzer
der argentinischen Wälder verarbeitende Holzschneiderei große
Geschäfte machen, da noch z. B. fast die sämtlichen zur Aus-
fuhr von Zuckerhüten und Butter nötigen Kisten fertig vom
Auslande bezogen oder aus eingeführtem ausländischem Holz
im Inlande angefertigt werden. Der Gesamtwert der Holz-
einfuhr belief sich 1903 auf 13 800 000 P. G.

Trotz der sehr bedeutenden Nachfrage wegen der um-
fangreichen Bauten, besonders Hafenanlagen usw. besteht in
Argentinien noch keine Zementfabrik’), obgleich ein vorzüg-
liches Rohmaterial für diese Industrie vorhanden wäre. Die
Einfuhr betrug 1904 842 000 t = 1010403 P. G.

/ Möbel und Zubehör.

Diese Industrie umfaßt Möbel aller Arten und hat das
Bestreben, billige Ware herzustellen. mit Ausnahme von drei
Fabriken, die feinere Möbel anfertigen. Trotzdem ist die
Einfuhr von feinen Möbeln noch sehr bedeutend. Am meisten
Aufschwung nimmt die Anfertigung von Stühlen, obgleich
die Wiener und nordamerikanischen Stühle noch nicht ver-
drängt werden können.

Die Anfertigung von Billards, hölzernen Musikinstru-
menten, Koffern, Körben, eisernen Bettstellen macht bedeu-
tende Fortschritte und könnte den Kampf mit der aus-
ländischen Industrie aufnehmen.

Metallurgie.

Die Betriebe dieser Art beschränken sich auf mäßig
große Hammerwerke, Gießereien, mechanische Werkstätten,
die eingeführtes auswärtiges Rohmaterial_ verarbeiten. Sie
verfertigen gußeiserne Säulen, Ersatzteile für Maschinen,

') Berichte des K. u. K. Österr. Gen.-Konsulats Buenos Aires 1906.
        <pb n="144" />
        Argentinien.
Geldschränke, Wagen, Schrauben, Nägel, Drahtnetze, Druck-
buchstaben, bleierne Röhren und Platten usw. Die Einfuhr
von Eisen- und Stahlwaren — Rohmaterial und Fertigfabri-
kate — betrug 1903 26 844 523, 1904 42 175419 P. G. und
nimmt mit der Einfuhr von Eisenbahnmaterial die erste Stelle
in der argentinischen Einfuhr ein). Die bedeutende Steige-
rung in der Einfuhr rührt von der Zunahme der Bautätigkeit
in Buenos Aires und anderen großen Städten her.
Chemische Industrie.

Außer der Anfertigung von Steichhölzern, Kerzen und
Seife ist die Anfertigung chemischer Erzeugnisse noch sehr
in den ersten Anfängen begriffen und lohnt nicht eine nähere
Erwähnung.

Die Streichholz- oder vielmehr Wachskerzchen-
fabrikation versorgt, dank sehr hoher Einfuhrzölle, das
Land mit einem Erzeugnis von nicht einwandfreier Beschaffen-
heit. Die Fabriken sind kartelliert und in der Preisbildung
unbeschränkt. Mit welchen Mitteln ‘die heimische, zollge-
schützte Industrie arbeitet, möge aus folgendem Beispiel her-
vorgehen?). Infolge einer Ausstandsbewegung in Buenos
Aires mußten die dortigen Wachskerzchenfabriken ihren
Betrieb teilweise einstellen. Als nun durch die Ausdehnung
des Streiks die Gefahr vorlag, daß die Betriebe ganz ge-
schlossen werden mußten, deckten die Fabrikbesitzer den
Ausfall zunächst durch Einfuhr und verlangten von der Regie-
rung, einen großen Teil der Ware in La Plata löschen zu
dürfen, um die indessen ins Maßlose gestiegenen Preise der
schlechten Inlandware zum Schaden der Verbraucher auf der
Höhe halten zu können. Die Regierung setzte jedoch auf
Vorstellung der Kaufmannschaft die Zollsätze auf Zündhölzer
und Kerzchen herunter, was den schwedischen Streichhölzern
Eingang verschaffte. Neuerdings wurde, um die Einfuhr der
Schwedischen Zündhölzer auch in Zukunft beizubehalten und
der einseitigen Begünstigung der kartellierten Industrie zu
steuern, die Erlaubnis erteilt, Zündhölzchen auch in Buenos
Aires, also außerhalb des Hafens für Feuergüter, La Plata,
zu. löschen.

Die Kerzenfabrikation bezieht den Rohstoff aus
dem in den Schlachtereien gewonnenen Talg und beschäftigt

!) A few figures'on the developement of Argentine international
trade 1906. N

?) Ber. des K. u. K. Österr.-Ungar. Gen.-Kons. Buenos Aires 1907.

1-7
3
        <pb n="145" />
        Argentinien.

sich mit der Herstellung von Stearinkerzen, deren Beschaffen-
heit viel zu wünschen übrigläßt. Da diese Industrie durch
hohe Einfuhrzölle geschützt ist, haben die Fabrikanten keiner-
lei Interesse daran, ihr schlechtes Erzeugnis zu verbessern,
und haben es dahin gebracht, die Einfuhr immer mehr zu
verdrängen, deren Wert 1905 nur noch 82328 P. G. an
Stearinkerzen und 28321 P. G. an Paraffin- und Talgkerzen
betrug.

Die Fabrikation von Seife nimmt immer größeren Um-
fang an, wodurch auch die Einfuhr von Talk gesteigert wird,
der zur Fälschung der Seife bestimmt ist; er besteht aus
kieselsauerer Magnesia, fühlt sich fettig an und geht, zu
Pulver zerrieben, zu 75 % in den Bestandteilen der Seife
auf, der er mehr Gewicht gibt. Früher beschränkte sich die
nationale Industrie auf die Herstellung von gewöhnlicher
Seife für Wäschezwecke, aber jetzt, seit diese Industrie durch
hohe Zölle (33 centavos Gold pro kg) geschützt ist, werden
parfümierte Toilettenseifen verfertigt, unter denen einige Sorten
ziemlich gut sind, „aber die meisten Erzeugnisse verwandeln
sich, wenn sie feucht werden, in eine Kugel von Talg und
Talk und wiedersetzen sich der Auflösung ‘derartig, daß es
leichter ist, Schaum aus einem Kieselstein zu gewinnen, als
aus einer Seife der nationalen Industrie“. (Latzina S. 485.)
Auch hier wieder die Wirkung der fiskalischen Schutzzölle;
die ganze Bevölkerung muß sich mit teueren und schlechten
Erzeugnissen abfinden, um ein. paar Dutzend Fabrikanten
reich zu machen.

Graphische Industrie.

Die Fabrikation von Rechnungsbüchern, die Druckerei,
Lithographie, Photographie, Buchbinderei, Gravieranstalten,
die Fabrikation von Pappschachteln lassen im allgemeinen
nichts zu wünschen übrig. Im Betrieb sind zwei Karton- und
vier Papierfabriken, von denen nur eine wirkliche Bedeutung
hat. Die genannten Fabriken verfertigen nur Pack- und Zei-
tungspapier, sowie groben Karton; alle feineren Sorten dieser
Ware müssen aus dem Auslande bezogen werden.

Andere Industrie.

Darnter sind verstanden die Gerberei, Müllerei, Zucker-
fabrikation, Alkoholdestillation, Weinkellerei und Tabakindu-
strie; von allen diesen Industriezweigen ist außer von der
Tabakfabrikation schon die Rede gewesen.

128
        <pb n="146" />
        Argentinien.
Tabakindustrie?).

Der Tabak gedeiht in guter Beschaffenheit in den
Territorien Misiones und Chaco; sowie in den Provinzen
Tucuman, Salta und Jujuy. Es bestehen größere Fabriken
von Zigarren und Zigaretten, von denen namentlich die letz-
teren einen‘ ungeheueren Verbrauch haben: Nach einer im
Jahre 1902 gemachten Aufstellung bestanden 1120 Zigarren-
und Zigarettenfabriken; 198 davon gehörten dem Großbetrieb,
922 dem Kleinbetrieb an. Der verarbeitete Tabak wog
7461 810 kg, wovon 5958573 kg einheimisches Erzeugnis
waren, die zu Tabak, Zigaretten und Zigarren in einem Ge-
samtwert von 34 518 370 P. P. verarbeitet wurden.

Der Tabakbau und die -industrie haben ihre sichere
Zukunft in dem großen inländischen Verbrauch, der mit der
Zunahme der Bevölkerung beständig wächst, aber den Be-
darf bei weitem noch nicht deckt, wie aus den Ziffern der
Einfuhr hervorgeht, die. von 1890 bis 1905 von 2554017
auf 4455 408 P. G. gestiegen ist.

Nach dieser Darstellung der argentinischen Fabrikindu-
strie ist es nun notwendig, deren wirtschaftliche und volks-
wirtschaftliche Bedeutung zu schildern.

D. Die volkswirtschaftliche Bedeutung der argentinischen
Industrie.
a) Das argentinische Volk.

Das erste, was bei der Untersuchung der wirtschaft-
lichen Bedeutung der argentinischen Fabrikindustrie festzu-
stellen wäre, ist der Begriff des argentinischen Volkes.
Nach den jährlichen Veröffentlichungen der Regierung liest
man die Ziffern, um die sich die argentinische Bevölkerung
durch Geburtsüberschüsse und Zuwanderung vermehrt, und
der ganze Zuwachs wird Ohne weiteres der Gesamtsumme
der argentinischen Bevölkerung zugeschrieben. Bei näherer
Betrachtung gewinnen jedoch diese Ziffern eine etwas an-
dere Bedeutung.

Zunächst ist festzustellen, was die nationale Bevölke-
rung Argentiniens ist. Diese setzt sich zusammen aus Kreolen,
die im Laufe der Jahre eingewandert sind; ferner aus den
eingeborenen Rassen, die hauptsächlich die nördlichen Rand-

1) Vgl. auch die Berichte des K. u. K. Österr.-Ungar. Gen.-
Konsulats Buenos Aires:
1230
        <pb n="147" />
        Argentinien.
provinzen und die südlichen Provinzen- bewohnen und aus
Mestizen der Ureinwohner und der aus Afrika eingeführten
Negerrasse, aus anderen indianischen Stämmen des Chaco,
der Pampa und Patagoniens und endlich aus zahmen Indianern
und Negern. Unter dem ausländischen Element herrschen
die Italiener vor, dann folgen Spanier und Franzosen, in
kleinen Teilen die Engländer, Deutschen, Schweizer und
Österreicher.
Die Bevölkerung zeigt nach dem nationalen Zensus von
1869 und 1895, sowie nach dem Boletin Demografico Argen-
tino_ von 1905 folgende Bewegung:
1869 1830214
1895. 39540911
1905 5678197
Oder in den Jahren 1893 bis 1905 eine Zunahme von
172 328 Köpfen jährlich. Wie kommt nun diese Zunahme
zustande und entspricht sie den Anforderungen volkswirt-
schaftlicher Zweckmäßigkeit ?

Die Zukunft eines Landes, das man als politische und
wirtschaftliche Einheit-betrachtet, hängt in erster Linie von
dem gesunden Wachstum seiner Bevölkerung‘ ab. Damit
dieses in wirklich gesunder Weise sich vollziehen könne, ist
es nötig, daß die minderjährigen und in erster Linie nur
konsumierenden Teile der Bevölkerung nicht zu zahlreich
sind im Verhältnis, zu den volljährigen und produzierenden
Teilen, daß die Bevölkerung sich nicht hauptsächlich in den
Städten ansammelt, während das Land entvölkert bleibt, und
daß die zur Produktion geeigneten Elemente sich in zweck-
mäßiger Weise zwischen den einzelnen Industrien verteilen,
d. h. daß in einem Lande, das durch die Natur seines Bodens
und Klimas darauf hingewiesen ist, die Landwirtschaft zu
seiner Haupteinnahmequelle zu machen, wie Argentinien, sich
nicht ein größerer Teil der Bevölkerung in der Industrie,
Gewerbe und Handel betätigt, als in der, Landwirtschaft.
Argentinen befindet sich in dieser Beziehung in ungünstigen
Bedingungen‘). Als das Land sich von der spanischen Herr-
Schaft losriß, hatte man das ganze Gebiet, über das man
eine tatsächliche Herrschaft ausübte, unter den wenigen Be-
wohnern geteilt und “damit ein großes Hindernis für die Ein-
wanderung geschaffen. Als dann später durch Gebiets-
erweiterungen infolge der Bürgerkriege und der Zurück-
drängung der Indianer große Landflächen dem Staate zufielen,

* Vgl. hierzu: Latzina S. 417 u. f.
149

144
        <pb n="148" />
        Argentinien.
versäumte dieser das Land für sich zu behalten, um hier
Einwanderer anzusiedeln, er verschleuderte es vielmehr in
großen Stücken teils gegen lächerlich geringe Summen, teils
als sog. Belohnungen für politisch einflußreiche Persönlich-
keiten. Deshalb ist heute der Staat ohne genügendes Land
für die Einwanderer und es ist sehr schwer, von den Groß-
grundbesitzern kleine Landstücke von 4—5 ha zu kaufen,
wie sie die Einwanderer wünschen, in der Nähe einer Eisen-
bahn oder einer Stadt als konsumierendem Mittelpunkt.
Daraus ‚erklärt es sich auch, daß schon in der nächsten Nähe
großer Städte wie Victoria, Maya u. a. die Pampa mit ihrer
primitiven Weidewirtschaft beginnt.

Infolge dieser Verhältnisse ist die Bevölkerung in den
Städten, besonders in Buenos Aires viel schneller gewachsen
als auf dem Lande. Die Bevölkerung der Hauptstadt hat
von 1869 bis 1895 um 5,2 %, das übrige Land nur um 2,7%
jährlich zugenommen, was ein schlechtes Zeichen ‚ist, be-
sonders wenn man weiß, daß ein starker Zustrom vom Lande
nach. der Hauptstadt stattfindet, die sich auf Kosten des plat-
ten Landes vergrößert. Der Zensus von 1895 zeigt deutlich
diese Entvölkerung des Landes bis in die nächste Nähe der
Hauptstadt. Dies ist alles eine verhängnisvolle Folge des
Latifundiensystems. „Latifundia Romam perdiderunt.“

= Es sind wohl ‘noch bedeutende Flächen von Staats-
ländereien zur Abgabe an Einwanderer vorhanden“), aber sie
liegen in den abgelegensten Gegenden der Republik weit ab
von allen Verbindungen und der Möglichkeit des Absatzes
in größeren Städten. Das gute und günstig gelegene Land
ist alles in Privatbesitz und die Eigentümer ziehen immer die
Verpachtung dem Verkauf kleiner Teile vor®), denn sie haben
damit eine Rente, ohne Kapital zu verlieren, während sie
beim Verkauf für Kolonisationszwecke ihr Kapital durch die
oft unsicheren und unpünktlichen Fristzahlungen zersplittern
und die Rente verlieren. SO wird wohl die eigentliche Koloni-
sation des Landes wenig Fortschritte machen, denn sie ent-
spricht nicht den Interessen der großen Besitzer, die sich in
einer bequemen Lage befinden, „und Argentinien wird nach
Ansicht von Kennern des Landes dem traurigen Schicksal
eines amerikanischen Irland nicht entgehen, der Bewirtschaf-
tung des Landes nur durch Pächter. Latzina sagt: „Die

' Description sommaire de la Republique Argentine comme
pays d’immigration.

?) Vgl. Latzina S. 443 u. f.

19
1
        <pb n="149" />
        Argentinien.

landwirtschaftliche Bevölkerung wird sich dann zusammen-
setzen aus einigen hundert großen Grundbesitzern und einer
Sklavenherde, den Pächtern und deren Tagelöhnern. Die
Grundherren werden dasselbe tun wie in Irland, nämlich ihre
Pächter durch allerlei Forderungen bedrücken, um größere
Summen verschwenden zu können, und werden den Pächtern
und den Tagelöhnern gerade nur so viel lassen, als nötig ist,
um nicht. Hungers zu sterben.“

Diese Verhältnisse sind von einschneidender Bedeutung
für die Entwickelung der Fabrikindustrie, indem durch sie
die Bildung eines kaufkräftigen ländlichen Mittelstandes sehr
erschwert und damit die Absatzmöglichkeit für die Industrie
beschränkt wird.

b) Einwanderung.

Nun wäre noch ein. für die Zukunft der Fabrikindustrie
wichtiger Punkt zu untersuchen, das Wachstum der Bevölke-
rung und das Verhältnis zwischen dem nur konsumierenden
und dem produzierenden Teil. Aus der vorstehend (S. 140)
gebrachten Zusammenstellung geht hervor, daß die Bevölke-
rung in den zehn Jahren von 1895 bis 1905. um durchschnitt-
lich 172 328 Köpfe jährlich zugenommen hat, eine Zahl, die
natürlich nicht dem Überschuß der Geburten über die Sterbe-
fälle, sondern in erster Linie der Einwanderung zu danken
ist. Diese gestaltet sich folgendermaßen 5:

1857—1860 20 000

1861—1870 159 570

1871—1880 260 613

1881—1890 846 568

1891— 1900 648 326

1901—1905 526030

Im ganzen 2461 107.
Dieser Zahl steht allerdings eine nicht unbedeutende Jährliche
Auswanderung gegenüber, die in erster Linie‘ durch die
italienischen Saisonarbeiter bedingt ist, die mit Frühjahrs-
anfang zu den Erntearbeiten nach Argentinien kommen und
dann mit einem nicht unbedeutenden Verdienst nach Ab-
Schluß der Ernte wieder in ihre Heimat zurückkehren. Außer
ihnen wandert aber auch immer ein Teil der Ausländer wieder
aus, die in Argentinien sich in ihren Hoffnungen getäuscht
; ') Die sehr beträchtlichen Zahlen der Rückwanderung (jähr-
lichen) sind hierbei berücksichtigt, sonst würde die Anzahl der Ein-
wanderer viel bedeutender sein.

142
        <pb n="150" />
        Argentinien.

sahen und dem Lande den Rücken kehren. Aber trotzdem
ist der größte Teil des Bevölkerungszuwachses der Einwande-
rung zuzuschreiben. Aus diesem Grunde ergibt sich eine
Eigentümlichkeit in dem Wachstum der Bevölkerung, die wir
in europäischen Ländern nicht wahrnehmen können, nämlich
die, daß der Zuwachs größtenteils aus erwachsenen und zur
Produktion. geeigneten Personen besteht, während der Ge-
burtenüberschuß, der bei uns den größten Teil des Bevölke-
rungszuwachses ausmacht, bedeutend zurückbleibt. Diese
Erscheinung ist‘ nicht ohne Bedeutung für das Verständnis
des Aufschwunges Argentiniens, wie er namentlich in Be-
ziehung auf die stark zunehmende Einfuhr durch die Statistik
nachgewiesen wird. Das Bedürfnis an Verbrauchsgegen-
ständen seitens einer in dieser Weise wachsenden Bevölkerung
steigert sich naturgemäß rascher als das einer Bevölkerung,
in der die Zunahme nur durch Geburtenüberschuß erfolgt.
Ob aber die starke Zunahme der Einfuhr wirklich nur dem
Wachsen der Bevölkerung und der ‚Steigerung des Wohl-
standes zu danken ist, soll später noch untersucht werden,
da diese Frage nicht unwichtig ist für die Beurteilung der
Möglichkeit einer selbständigen Entwickelung der Fabrik-
industrie, für die in erster Linie die Aufnahmefähigkeit der
Bevölkerung an Industrieartikeln, also die Kaufkraft in Frage
kommt.

Welche Bedeutung das ausländische Element für- die
argentinische Bevölkerung hat!), mögen folgende Zahlen be-
weisen: Im Jahre 1869 betrug das mittlere Alter der Be-
völkerung — Einheimische und Ausländer zusammen —— für
die Männer 21,1 Jahre, für die Frauen 20,5 Jahre; 1895 da-
gegen 23,8 und 23,4 Jahre, eine Zunahme, die nur der Ein-
wanderung erwachsener Personen beiderlei Geschlechtes zu
danken ist, denn bei dem Ausländer kommen in Argentinien
auf ein Alter unter 25 Jahren nur 31 %, für das Alter über
25 Jahren 69 %. Trennt man die argentinische und aus-
ländische Bevölkerung, so erhält man nach den Zensus von
1895 als mittleres Alter:

männliche Argentiner 18,7 Jahre
weibliche % 196
männliche Ausländer 33,1
weibliche % 307

Trotz des auch hieraus ersichtlichen Wertes der Ein-
wanderung für Argentinien geschieht von seiten der Regierung

7 Vgl. hierzu: Latzina S. 241 u. 1.
143
        <pb n="151" />
        Argentinien.

lange nicht alles, was nötig wäre, um die Einwanderung sich
dauernd zu sichern, und neuerdings machen sich schlimme
Folgen dieser Gleichgültigkeit gegen das ausländische Element
geltend. Das Jahr 1906 hat die höchste Einwanderungs-
ziffer gebracht!), indem ‚nach Abzug der Rückwanderer
202 000 Menschen im Lande geblieben sind. Damit ist aber
keineswegs gesagt, daß das Schicksal dieser Leute auf argen-
tinischem Boden besonders günstig gewesen sei, und wenn
1907 keine Massenrückwanderung nach Europa erfolgte, so
geschah dies nur, weil den meisten das Reisegeld fehlte.
Dagegen sind in den ersten fünf Monaten 1907 nur 77 000
Personen eingewandert gegenüber 102 420 im Vorjahre und
dazu schon 40 000 Personen ausgewandert, so daß von den
Einwanderern nur etwa 37000 im Lande blieben und die
Summe der Einwanderer des ganzen Jahres nicht die Hälfte
der Summe des Vorjahres ausmachen wird Y.

Der Grund für diese Verminderung der Einwanderung
liegt darin, daß Argentinien unter den bestehenden. Verhält-
nissen eine so starke Vermehrung wie 1906 nicht aufzuneh-
men vermag. Mindestens die Hälfte der Einwanderer sind
Ackerbauer, und da sie dank dem Latifundiensystem keine
Aussicht haben, in einer nur einigermaßen, günstigen Gegend
Land zu erwerben, so können sie nur Zu ungünstigen Be-
dingungen pachten und büßen ihr kleines Kapital ein. Für
Industriearbeiter, Gewerbetreibende usw. sind die Aussichten
bei der noch geringen Entwickelung der Industrie nicht groß,
eine Überfüllung tritt bald ein und ein großer. Teil der Ein-
wanderer lungert stellen- und erwerbslos in den Straßen der
Hauptstadt umher und gibt das wenige mitgebrachte Geld
aus, bis es genötigt ist, jede zıu beliebigem Lohne ange-
botene Arbeit anzunehmen.

Auch die Lage der‘in Stellung befindlichen Personen
ist nicht günstig, denn sie sehen sich in einer Haupterwartung,
die sie zur Auswanderung trieb, getäuscht: sie können bei
den im Verhältnis zu den hohen Lebensmittelpreisen geringen
Löhnen sich wohl durchbringen, aber nichts ersparen. Die
Auswanderungsagenten in Europa versprechen freilich fast
immer fünf Peso Taglohn, in Wirklichkeit vermindert sich
dieser Betrag auf die Hälfte und es ist höchste Zeit, daß
diesem Treiben der Agenten, dem allein dieser sonst unbe-
greifliche Zustrom von Auswanderern nach Argentinien zu
danken ist, ein Ende gemacht wird. .

1 Vgl. Berichte d. K. u. K. Österr.-Ungar. Gen.-Konsulats Buenos

A Aires 1907.
        <pb n="152" />
        Argentinien.

Es hängt mit dem rein fiskalischen und durchaus nicht
volkswirtschaftlichen Charakter der argentinischen Verwaltung
zusammen, daß bei der Regierung ein eigentliches Interesse
für die Bevölkerung nicht vorhanden ist. Solange die Zölle
genügende Erträge für die Staatsausgaben liefern, denkt man
nicht an die Anderung des augenblicklichen Systems, ohne
zu bemerken, daß dieses in der bisherigen Weise nicht mehr
lange durchgeführt werden kann. ‚Wie sehr z.B. durch die
übertriebene Sucht zu exportieren die Viehzucht zurückgeht,
ist schon geschildert, die Einnahmen aus der landwirtschaft-
lichen Ausfuhr werden nicht mehr sehr stark wachsen, wenn
die Landerwerbsverhältnisse sich nicht ändern und neue
Gegenden dem Verkehr erschlossen werden; mit der Abnahme
der Ausfuhr und der Einwanderung werden aber die Geld-
mittel knapper, die Zolleinnahmen geringer und über kurz
Oder lang wird der argentinische Staat sein auf übertriebene
Ausfuhr und durch Spekulation gesteigerte Einfuhr gestütztes
wirtschaftliches Gebäude zusammenfallen und sich vor die
Notwendigkeit gestellt sehen, sicherere Grundmauern auf-
zuführen. Diese können nur bestehen in der Heranziehung
eines leistungsfähigen Mittelstandes durch Einwanderung.

Eine Masseneinwanderung kann nur ein Land aufneh-
men, in dem Landwirtschaft betrieben werden kann, die
immer den Hauptbestandteil der Einwanderer liefert, und
Argentinien böte bei richtiger Ausnützung seiner natürlichen
Verhältnisse alle Bedingungen für die Aufnahme einer sehr
bedeutenden Einwanderung. Aber für eine solche wäre es
nötig, durch eine zweckmäßigere Finanzverwaltung die wirt-
schaftlichen Bedingungen des Landes zu heben und dadurch
unmittelbar zur Valorisation des Papiergeldes und mittelbar
zur Ansammlung von Ersparnissen durch die Einwanderer
beizutragen. Ist einmal dieses Anziehungsmittel gegeben, so
fehlt bei dem guten Klima des Landes nur noch ein günstig
gelegenes Stück Land und die Möglichkeit, kleine Stücke
davon kaufen zu können, um eine starke und dauernde Ein-
wanderung in die Republik zu ziehen. Heute aber befindet
sich, wie schon erwähnt, das Land in den Händen weniger
Grundbesitzer, und es wird deshalb eine Aufgabe der Pro-
Vinzialregierungen, die Einwanderer heranziehen wollen, bilden,
jährlich eine gewisse Summe zum Ankauf von in der Nähe
der Bahnlinien gelegenen Ländereien behufs Weiterverkauf
zu billigen Preisen an Kolonisten.in ihre Etats einzustellen.
Bei der Unmöglichkeit, ein kleines Gut zu kaufen, weiß der
ankommende Einwanderer häufig nicht, wo er Wurzel fassen

Vv. Gemmingen, Entwickelung der Fabrikindustrie. 145

10
        <pb n="153" />
        Argentinien,
soll, und viele wenden deshalb, wenn sie die Mittel dazu
haben, dem Lande wieder den Rücken.

„Nur auf dem Wege einer richtigen Kolonisation kann
der Übergang von dem rein fiskalischen zum volkswirtschaft-
lichen System in der Verwaltung und die Schaffung der
Grundlage für die Fabrikindustrie, nämlich eines aufnahme-
fähigen inneren Marktes sich vollziehen.

Die Folgen dieser noch sehr unsicheren Zustände
Argentiniens machen sich deutlich geltend in der Zusammen-
setzung der Bevölkerung, deren Nationalisierung die Regierung
mit allen Mitteln anstrebt. Die auf Seite 140 gegebenen Zahlen
zeigen nur die auf argentinischem Boden lebende Menschen-
zahl an, lassen aber keinen Einblick tun in die wirkliche
Zusammensetzung der Bevölkerung. Genauere Untersuchungen
ergeben eine sehr starke Abneigung der Ausländer gegen die
Erwerbung der argentinischen Staatsangehörigkeit. Das Jahr
1895 wies unter mehr als einer Million Ausländer nur 1638,
das Jahr 1904 in der Stadt Buenos Aires unter 320 589 Aus-
ländern nur 5183 Nationalisierte auf, ein Beweis dafür, wie
wenig vertrauenerweckend die argentinischen Zustände den
Fremden erscheinen, weshalb sich diese die Möglichkeit einer
Rückwanderung dauernd offenhalten wollen. Ein Mittel hat
die argentinische Regierung, um die Zahl der Bürger künst-
lich zu vermehren: es besteht ein Gesetz, nach dem alle auf
argentinischem Boden geborenen Kinder ausländischer Eltern
ohne weiteres argentinische Staatsangehörige sind, doch
kümmern sich die Ausländer sehr wenig um diese Bestim-
mung.

Die Bedeutung dieser Erscheinungen ist volkswirtschaft-
lich nicht gering; sie liegt in der Klarstellung der unsicheren
wirtschaftlichen Zustände Argentiniens, die eine feste Be-
völkerungsziffer, mit der die Produktion rechnen kann, sich
nicht bilden lassen. Ein bis zwei Krisenjahre würden ge-
nügen, um die Bevölkerung durch Rückwanderung erheblich
zu vermindern. Es geht daraus klar hervor, ‚daß eine
nationale Fabrikindustrie, deren Bestreben es sein muß,
Argentinien vom Auslande frei zu machen, unter solchen
Bedingungen auf zu unsicherem Boden steht und ihre Ent-
wickelung auf eine Zeit verschieben muß, zu der es der
Regierung gelungen sein wird, die Aufnahmefähigkeit und
Stetigkeit des inneren Marktes zu gewährleisten.

146
        <pb n="154" />
        nn Argentinien.
c) Staatsfinanzen.

Sind nun entsprechende Maßregeln für die nächste Zeit
zu erwarten? Nach allem muß man diese Frage verneinend
beantworten, und zwar in erster Linie im Hinblick auf die
Staatsfinanzen und besonders auf die Quellen, aus denen
die Regierung ihre Einnahmen herleitet, um den sehr rasch
steigenden Staatsbedarf zu decken, der von 31 Mill. P. G.
im Jahre 1891 auf 110 Mill. im Jahre 1906 angewachsen ist.

Die Gründe für diese Vermehrung mögen außer in dem
Umstande, daß Argentinien unter seiner schwachen nationalen
Bevölkerung noch wenige gewiegte Finanzmänner besitzt,
etwa in folgendem liegen: die Kosten der Verwaltung haben
mit dem Anwachsen der Bevölkerung zugenommen, die öffent-
liche Schuld ist stark angewachsen, durch die Entwertung
des Geldes ist das Leben sehr verteuert, der Staat hat die
Garantie oder die Ausführung kostspieliger öffentlicher Bauten
übernommen, der Verwaltungsapparat ist zu teuer, die Regie-
rung und der Kongreß verschleudern Gelder, es besteht
keine Kontrolle ‘der .Einkünfte und Ausgaben und endlich
sind die militärischen Ausgaben stark angewachsen).

Die Betrachtung dieser Punkte im einzelnen wirft ein
Licht auf die Unsicherheit der Finanzverhältnisse des Landes.
Sicherlich mußte die Zunahme der Bevölkerung auch eine
Vermehrung der Verwaltungskosten mit sich bringen, und
wenn die Einnahmen mit der Vermehrung der Bevölkerung
wachsen, so ist es klar, daß auch die Ausgaben zunehmen
müssen, aber doch nur in einem geringeren Verhältnis als
die ersteren. In Argentinien ist aber der Wert der Zunahme
der Bevölkerung wirtschaftlich bedeutend überschätzt und
dementsprechend das Budget vergrößert worden. Aus diesem
Mißverhältnis ist dann das fortwährende Anwachsen der aus-
wärtigen Schuld entstanden, die im Jahre 1905 366 Mill. P. G.
und 80 Mill. P. P., also zusammen über 400 Mill. P. G:, d.h.
mehr als 1600 Mill. Mark beträgt für eine Bevölkerung von
etwa 5 Mill. Menschen. Auch die Aufgaben des Staates als
Garanten oder Unternehmer kostspieliger öffentlicher Arbeiten
tragen viel zu den großen Ausgaben bei; es sollen Industrien
ins Leben gerufen, die Einwanderung, der Bau von Eisen-
bahnen, Kanälen, die Kolonisation der Staatsländereien ge-
fördert, die Heranziehung fremden Kapitals und die Aus-
beutung der inneren Hilfsquellen durch Schutzgesetze be-

') Vgl. Albert Martinez und Maurice Lewandowski: L’Argentine
au XX. siecle. S. 301 u. f.
10% 147
        <pb n="155" />
        Argentinien.

günstigt werden. Das sind Maßregeln, die gerade den
embryonalen Charakter des Landes deutlich zeigen und in
den alten europäischen Ländern, in denen bedeutende Kapi-
talien vorhanden, wo Sinn für Handel und Industrie stark
entwickelt sind und der private Unternehmungsgeist alles
umfaßt, meist überflüssig. und veraltet erscheinen müssen.
Aber in Argentinien, wo das Kapital sich erst aus den Uber-
schüssen des Handels bildet, wo man natürlichen Reichtum
und wirtschaftliche Armut findet, muß ‚der Staat alle Auf-
gaben übernehmen: muß Unternehmer sein, durch Prämien
die Entwickelung der Industrie unterstützen, fremdes Kapital
und Einwanderer heranziehen usw. Und alle diese Aufgaben
verschlingen große Summen, wobei allerdings nicht uner-
wähnt bleiben darf, daß schon mehrfach die für Zwecke
Öffentlicher Anlagen aufgenommenen Anleihen für andere
Zwecke verwendet wurden, was bei der namentlich früher
stets großen Finanznot des Staates begreiflich ist.

Hatten die bis jetzt besprochenen Gründe für das An-
wachsen der Staatsausgaben greifbare Unterlagen, so fehlen
solche für die weiteren Ursachen: das ungenügende Arbeiten
der Staatsmaschine, die Verschleuderung der Staatsgelder und
das Fehlen einer Kontrolle der Einnahmen und Ausgaben.
Diese Mängel liegen mehr auf moralischem Gebiet, und da
sie nicht ziffernmäßig, sondern nur durch in diesem Zu-
sammenhange nicht auszuführende Tatsachen zu beweisen
sind, muß man sich mit ihrer einfachen Feststellung be-
gnügen lassen.

Die vorstehend (S. 147) angegebene Höhe der Staats-
ausgaben bildet nur einen Teil der Lasten, die auf der Be-
völkerung. ruhen, denn es kommen noch dazu die Ausgaben
der Provinzial- und Munizipalverwaltungen. Der Gesamt-
betrag der vereinigten Budgets warl);

1904 229 Mill. P. P. = 101 P.G.
(davon 71 Mill. der Bundesregierung),
1906 286 Mill. P. P. = 120 P. G.
(davon 110 Mill. der Bundesregierung).
Es ist also jeder der 5 Mill. Einwohner mit 25 P. G. — 100 Mark
für die Staatsausgaben belastet. Dazu kommt noch, daß die
im Budget enthaltenen Ausgaben nur ein Teil von denen
sind, die wirklich gemacht werden, und daß noch Ausgaben
hinzugefügt werden müssen, zu denen die Verwaltung durch
Spezialgesetze und Beschlüsse des Ministerrates befugt wird,
'ı L’Argentine au XX. siecle. S. 309.
1/3
+7
        <pb n="156" />
        Argentinien.
SO daß das Verhältnis der Belastung pro Kopf in Argentinien
außerordentlich hoch ist.

Diese Betrachtung führt zu der Frage über, in welcher
Weise sich der Staat die Mittel für seine Ausgaben ver-
schafft‘). Nach Artikel 4 der Verfassung sollen die Ein-
nähmequellen des Staates sein: die Aus- und Einfuhrzölle,
Verkauf oder Verpachtung von Staatsländereien, die Erträg-
nisse der Post und die anderen Abgaben, die der Kongreß
im Verhältnis zur Bevölkerung erhebt, ebenso die Anleihen
und Kreditoperationen, die der Kongreß für dringende Be-
dürfnisse der Nation oder für Unternehmungen von nationaler
Nützlichkeit beschließen würde.

Nun ergibt schon die oberflächliche Betrachtung des
Einnahmesystems der Republik, daß von diesen Einnahme-
quellen allein die Zölle dauernde und nutzbringende Erträge
abwerfen. Die anderen sind entweder unsicher und ganz
ungenügend, wie der Verkauf von Staatsländereien, oder aber
gefährlich, wie Anleihen und Kreditoperationen, oder endlich
zu wenig ertragsreich, wie die Post.

Neben diesen Einnahmequellen, die in der Verfassung
für die ordentlichen Bedürfnisse und für normale Zeiten
aufgeführt sind, enthält die Verfassungsurkunde noch andere
für außerordentliche Fälle, die Landesverteidigung, die all-
gemeine Sicherheit und das Staatswohl. Diese Quellen sind
die direkten Steuern für eine begrenzte Zeit und. in gleichem
Verhältnis für das ganze Staatsgebiet.

Man sieht aus dieser Zusammenstellung, daß die in-
direkten Steuern die hauptsächlichste Einnahmequelle der
argentinischen Republik bilden. ‚Damit ist die Gesetzgebung
wohl dem Beispiel der meisten Nationen gefolgt, ob sie aber
unter den eigentümlichen Verhältnissen Argentiniens das
Richtige damit getroffen hat, ist eine Frage, deren Beant-
wortung versucht werden soll, denn sie hängt eng mit der
anderen Frage zusammen, inwieweit Argentinien unter den
augenblicklichen Bedingungen ein günstiges Feld für die
Entwickelung der Fabrikindustrie ist.

d) Valuta.

Um hierauf eine ausreichende Antwort geben zu können,
muß noch ein anderer, für die argentinischen Verhältnisse
besonders wichtiger Punkt berührt werden, nämlich die Va-
luta, bei deren Regulierung die Caja de Conversion (Kon-

1) Vgl. hierzu: L’Argentine au XX. siecle. S. 312 u. f.
149
        <pb n="157" />
        Argentinien.
versionskasse) die ausschlaggebende Rolle spielt !). Diese
Kasse wurde gegründet im Jahre 1890, in einem für den
Kredit des Landes besonders kritischen Augenblick, als die
furchtbare Krisis ausgebrochen war, die den Zusammenbruch
von Banken und Industrien zur Folge hatte und das Papier-
geld in ‚einer unerwarteten Weise entwertete. Die Regierung
fühlte damals die Notwendigkeit, zur Verbesserung der Lage
die entsprechenden Maßregeln zu ergreifen, die darin be-
standen, die allmähliche Valorisierung des Papiergeldes, seine
Verminderung in irgendwelcher Form und seine künftige
Konvertierbarkeit in einem bestimmten und möglichst ‚kurzen
Zeitraum zu sichern. Aus dieser Bestrebung heraus entstand
mit Hilfe einiger Banken die Konversionskasse, die eine
möglichst rasche Amortisation des Papiergeldes bewirken
sollte. Die Einrichtung bewährte sich aber zunächst gar
nicht und die Konversionskasse sah sich von dem Augen-
blick ihrer Entstehung ab außerstande, ihre Aufgabe, nämlich
das Geld zu sanieren, zu erfüllen. Es mußte sogar unter
dem Drucke von allerlei ungünstigen Verhältnissen zu weiteren
Papiergeldausgaben geschritten werden, und die Konversions-
kasse wurde nun eine Einrichtung, die die Entwertung des
Papiergeldes beförderte, statt es zu valorisieren. Erst das
Jahr 1899 brachte durch das Konversionsgesetz eine Ände-
rung, die von wohltätigem Einfluß auf das Wirtschaftsleben
der Republik war, denn es wurde bestimmt, daß eine amt-
liche Kasse Papier gegen Gold und umgekehrt zu dem festen
Kurs von 227,27 P. P. für 100 P. G. einwechseln würde.
Die Mittel dazu sollten aus dem Konversionsfonds fließen,
nach Maßgabe der in diesem vorhandenen Summen. Diese
Maßregel bedeutete also die Festlegung des Wertverhältnisses
zwischen Gold und Papier, nachdem vorher durch die fort-
währenden Schwankungen das wirtschaftliche Leben auf das
schwerste geschädigt worden war. Die Mittel der Kasse
mußten dadurch aufgebracht werden, daß jeder, der durch
den auswärtigen Handel Gold bekommen hatte und dafür
für den inländischen Verkehr Papier zu erhalten wünschte,
dieses an der Konversionskasse gegen sein Gold zum Kurse
von 227,27 erhielt. Aber auch in dieser Form hatte das
Konversionsgesetz zünächst nicht die gewünschte Wirkung.
Das Jahr 1900 brachte wohl einen Eingang von Gold von
über 18 Mill. P., da die ganze Summe aber wieder zurück-
') Vgl. hierzu Latzina S. 600 u.f.; L’Argentine au XX. siecle
Ss. 378 u. 1.
150
        <pb n="158" />
        Argentinien.

gezogen wurde, blieb der Bestand des Papiergeldes unver-
ändert. 1901 ging gar kein Gold ein, 1902 fast nichts. Erst
1903 begann die Bewegung. in der Kasse einen großen Um-
fang anzunehmen, und zwar durch die Beilegung des Grenz-
streites mit Chile und durch die großen Überschüsse der
Handelsbilanz. In diesem Jahre gingen 46041420 P. G. ein,
und da nur 7883116 P. wieder zurückgezogen wurden,
blieben 38241147 P. G. in der Kasse. Das Jahr 1904 schloß
bei einem Eingang von 68245957 P. G. und einer Ausgabe
von 17984848 P. G. mit einem Kassenbestand von 50341 638
P.G. Das erste Halbjahr, 1905 wies einen solchen von
75927966 P.G. auf. In Übereinstimmung mit dem Kon-
versionsgesetz wurde infolge Vorhandenseins von bedeuten-
den Geldmitteln in der Kasse als notwendige Folge die
entsprechende Vermehrung des Papiergeldes, Nickel- und
Scheidemünze angeordnet, die am 30. Juli 1905 in einer
Gesamthöhe von 462 082226 P. umliefen, also um 166932495 P.
mehr als bei Schaffung des Konversionsgesetzes im Jahre 1899,
in dem nur 295149731 P. P. umliefen..

Diese bedeutende Vermehrung des Papiergeldes wird
von den der Regierung nahestehenden Kreisen nicht als
bedenklich angesehen, da der ganze zugewachsene Betrag
von Papiergeld durch das in der Kasse befindliche Gold ge-
deckt sei. Diese Behauptung ist zweifellos richtig, allein
wenn ‚man bedenkt, daß ursprünglich die Aufgabe der Kon-
versionskasse darin bestehen sollte, das im Übermaß um-
laufende Papiergeld einzuziehen, so kann man mit dem
besten Willen nicht zugeben, daß die Ausgabe von 167 Mill.
neuen, wenn auch durch Gold gedeckten Papiergeldes eine
segensreiche Maßregel war, denn die früher ungedeckte und
für gefährlich angesehene Summe von 295 Mill. bleibt in
ihrer vollen Höhe im Umlauf. Die Rolle der Konversions-
kasse hat sich also vollkommen verändert; sie besteht nicht
mehr in der Amortisierung des Papiergeldes und Herstellung
des Gleichgewichtes im Münzwesen, die Kasse ist vielmehr
ein rein mechanischer Teil der Verwaltung geworden. Der
Artikel 8 des Konversionsgesetzes, der lautet: Das Geld, das
die Konversionskasse gegen Papiergeld erhält, darf unter
keinen Umständen zu einem anderen Zwecke verwendet
werden als zur Konvertierung von Papiergeld usw., ist voll-
ständig außer acht gelassen.

Sehen wir uns nun die Wirkung dieser Maßregeln für
das Wirtschaftsleben Argentiniens etwas genauer an. Es ist
Schon erwähnt, daß eine segensreiche Wirkung der Konver-

10

Di)
        <pb n="159" />
        Argentinien.
sionskasse in der Festlegung des Verhältnisses von Gold zu
Papier (100: 227,27) liege. Nun ist aber die Frage, ob es
gut ist, dieses Verhältnis dauernd aufrechtzuerhalten, oder
ob nicht vielmehr das Bestreben dahin gehen muß, die Staats-
finanzen derart zu Ordnen, daß eine vollständige Wieder-
aufnahme der Goldzahlung eintreten kann.

Das Konversionsgesetz ist eine Anordnung, die eine
Solche Valorisierung über den festgesetzten Wert von 227,27
hinaus hintanhält, auf der anderen Seite aber eine Entwer-
tung des Papiergeldes nicht verhindern kann, denn die Fest-
haltung des genannten Wertverhältnisses ist nur möglich, so-
lange im Lande ein Überschuß an Gold vorhanden ist, das
keine Verwendung findet und in die Konversionskasse fließt,
um in Papier umgewechselt zu werden. Die günstigen
Ernten der letzten Jahre hatten eine gewaltige Ausfuhr von
Erzeugnissen der Landwirtschaft und Viehzucht zur Folge
und führten den Goldüberschuß herbei, der die einzige Ur-
sache der augenblicklichen Münzstabilität bildet. Diese ist
zweifellos sehr segensreich für die gesamten Handelsgeschäfte,
aber es erscheint klar, daß diese Stabilität unter den ge-
gebenen Verhältnissen zu einem niedrigeren Verhältnis als
227,27 nicht einzurichten war. Daraus geht hervor, daß,
ohne die‘ Schranke des Konversionsgesetzes das Papier-
geld heute schon vielmehr valorisiert wäre. Man findet
auch in Argentinien vielfach die zweifellos richtige An-
sicht verbreitet, daß, wenn die Konversionkasse nicht be-
stünde und der Wert des Papiergeldes sich ausschließlich
nach dem Spiel von Angebot und Nachfrage bestimmte, das
Papiergeld heute schon 200 : 100 P. G. wert wäre, daß also
durch diese künstliche Hintanhaltung der Papiergeldverbesse-
rung das Nationalvermögen um ungeheuere Summen ge-
schädigt wurde.

) Angesichts solcher Tatsachen muß man sich doch
fragen, wie es‘ möglich ist, ein so unheilvolles Gesetz auf-
rechtzuerhalten, das nicht nur eine schlechte Währung schützt,
sondern zugleich eine der Hauptursachen ist, aus denen das
ausländische Element in Argentinien nicht festen Fuß fassen
will. Die Antwort ist einfach. Der fiskalische Schutz, den
das industrielle Kapital gegenüber der europäischen Industrie
genießt, war nicht genügend, und man mußte es auch noch
durch den Schutz verstärken, der in der Münzverschlechte-
rung den Lohnansprüchen gegenüber eingeschlossen ist. Da-
her genießt das Kapital in Argentinien einen doppelten Schutz,
durch die Zölle und durch die Währung, und an dem Iletz-

152
        <pb n="160" />
        Argentinien.

teren sind nicht nur die Zuckerfabrikanten von Tucuman und
die Weinbauern von Mendoza, sondern alle' Grundbesitzer
der ganzen Republik beteiligt. Um sich ein Bild davon zu
machen, in welcher Weise das Kapital durch das Konver-
sionsgesetz begünstigt wird, braucht man nur festzuhalten,
daß seit dem Jahre 1885, dem Anfang der Entwertung des
Papiergeldes, die Löhne immer gleich‘ blieben. Der Tage-
löhner verdiente vorher 1 Peso, der 5 Fr. wert war, allmäh-
lich aber nahm der Wert ab und sank bis-auf 2,20 Fr., und
dieser Standpunkt der Entwertung wurde von dem Konver-
sionsgesetz festgehalten. Allerdings machte sich in den
Zeiten der zunehmenden Entwertung des Papiergeldes ein
leichtes Steigen der Löhne bemerkbar, aber niemals im rich-
tigen Verhältnis zu der Geldverschlechterung, und damit
erklärt es sich, wie das Kapital das Vorhandensein des
schlechten Geldes zuungunsten der Löhne, also der Arbeiter
ausbeutet. Diese natürlich beantworten einen solchen unhalt-
baren Zustand durch die Auswanderung. Naturgemäß ist
das schlechte Geld nicht die einzige Ursache der Auswande-
rung; die Schwierigkeit für den landwirtschaftlichen Ein-
wanderer, sich anzukaufen und seßhaft zu machen, ist schon
erwähnt worden. Dazu kommt die Unsicherheit auf dem
Lande durch Gesindel aller Art und eine offenbar weitgehende
Belästigung der Ansiedler durch die völlige Willkürherrschaft
der Polizei; ferner für die Industrie- und ‚andere Arbeiter
die Unsicherheit, dauernde oder überhaupt Arbeit zu be-
kommen. Nimmt man noch dazu die geradezu unheimliche
Verteuerung der ganzen Lebenshaltung in Argentinien neben
den immer gleichbleibenden Löhnen, so kommt man zu dem
Urteil, daß vom volkswirtschaftlichen Standpunkte aus die
Festlegung des Wertverhältnisses zwischen Gold und Papier
eine unheilvolle Maßregel_ ist.

Anders liegt die Sache für den Handel, da für diesen,
besonders vom europäischen Standpunkt aus betrachtet, in
erster Linie eine Stabilität des Geldwertverhältnisses und
weniger die Valorisierung des Papiergeldes in Betracht kommt.
Es stehen sich bei der Konversionsirage zwei Interessen
gegenüber, die der Fabrikanten und die der Arbeiter und des
Volkes, Der größte Teil der Industrien ist auf der Grund-
lage des entwerteten Papiergeldes entstanden, tritt nun eine
starke Valorisierung: dieses Zahlungsmittels ein, so müssen
natürlich die Fabrikanten in finanzielle Schwierigkeiten ge-
raten, und ihren Treibereien ist in der Hauptsache der jetzige
Zustand zu danken. Es ist aber doch sehr zu überlegen,

157

Duic
        <pb n="161" />
        154

Argentinien.
ob eine derartige Begünstigung einer in ihren Leistungen
durchäus ungenügenden und nur durch Schutzzölle lebens-
fähig erhaltenen Industrie auf Kosten des ganzen übrigen
Volkes den Grundsätzen einer gesunden Volkswirtschaft ent-
spricht. Dabei darf nicht vergessen werden, daß die Hand-
habung der Konversion in. ihrer jetzigen Form nicht mehr
dazu dient, die schädliche Menge des Papiergeldes allmählich
aus dem Verkehr zu ziehen, sondern nur zur Festlegung des
Kurses. Das ganze System ist aufgebaut auf der Voraus-
setzung großer Überschüsse in der Ausfuhr. Nun geht aber,
wie oben geschildert, die argentinische Viehzucht infolge der
Überanspannung durch die Ausfuhr zurück, einige Mißernten
können starke Ausfälle bringen, und solche ungünstige Um-
stände würden der Konversionskasse ihren gesamten Gold-
vorrat entziehen, so daß für die seit 1899 neu ausgegebenen
166 Mill. (S. 151) keine Deckung in Gold mehr vorhanden
wäre und das Papiergeld mit einem Schlage eine bedeutende
weitere Entwertung erfahren würde. Vom. volkswirtschaft-
lichen: Standpunkte aus ist also dringend zu verlangen, daß
die Konversionkasse ihrer alten Bestimmung der Valorisie-
rung des Papiergeldes zurückgegeben wird. Nur auf diese
Weise kommt Vertrauen zu der Finanzwirtschaft in das Volk
und die Ausländer und der Ansporn zu weiterer Entwicke-
lung der Industrie.
e) Steuern und Zölle.

Nach dieser für das Verständnis der argentinischen Zu-
stände erforderlichen Schilderung der Valutafrage kann die
Untersuchung der argentinischen Staatseinnahmen (Ss. S. 147
u. f.) wieder aufgenommen werden.

Die Staatseinnahmen setzten sich 1904 folgendermaßen
zusammen‘):

direkte Steuern 4.206 179 P. P.
indirekte Steuern 4 765 899 P. P.
und 43 032 828 P.G.
Gebühren, Stempel usw. 7256267 P. P.
und 3666676 P. G.
Staatsländereien und Unternehmungen 12 498 178 P. P.

Im ganzen (nach Umrechnung) 77 Mill. P. G.

Die direkten Steuern liefern nur einen ganz geringen
Betrag; sie bestehen 1. aus der Grundsteuer der Hauptstadt

') L’Argentine au XX. siecle. S.314 u. f.
        <pb n="162" />
        Argentinien.

und der nationalen Territorien, die 1904 2038000 P. P.
betrug. In Wirklichkeit belief sich der Ertrag auf 5 Mill.,
aber da die Regierung 35% der Bundeshauptstadt, 40 %,
dem nationalen Erziehungsrat abzutreten hat, verfügt sie nur
über den Rest; 2. aus den Abgaben für Patente in Handel
und Industrie, die 2 168 179 P. P. einbrachten, aber auch teil-
weise der Hauptstadt und dem nationalen Erziehungsrat
überlassen werden mußten.

Die indirekten Steuern bringen das meiste ein: sie
umfassen die Zolleinnahmen und die inneren Verbrauchs-
steuern.

Die Einfuhrzölle brachten 1904 40296 704 P. G.; die
Ausfuhrzölle*) 2 258 761 P. P.; die Verbrauchssteuern 37 Mill.
P. P. = 16 Mill. P. G. also 20 % der Gesamteinnahmen; den
Hauptertrag dieser Steuer lieferte der Alkohol mit 16 Mill.
und der Tabak mit 14 Mill.

Welchen Einfluß hat nun diese Einrichtung des Steuer-
systems auf die Volkswirtschaft und besonders auf die Fabrik-
industrie in Argentinien gehabt? Wie oben gezeigt, bringen
die Einfuhrzölle den größten Beitrag zu den Staatseinnahmen,
während die Ausfuhrzölle aufgehoben sind, was unter Berück-
sichtigung der besonderen Verhältnisse Argentiniens als eine
Ungerechtigkeit und. als eine verfehlte Maßregel bezeichnet
werden muß. Zu den Ausfuhrzöllen wurden hauptsächlich
die reichen Großgrundbesitzer und Viehzüchter herangezogen,
die jetzt nach Aufhebung dieser Zölle, da Grund- und Ein-
kommensteuern nicht bestehen, zu den Steuern nur noch
durch den ganz ihrem Ermessen überlassenen Verbrauch an
Gegenständen, die den indirekten Steuern unterliegen, bei-
tragen. Diese Aufhebung war ein reines Geschenk an die
reichen Grundbesitzer, die in normalen Zeiten bequem 15
bis 20% des Anlagekapitals erhalten und deren Tätigkeit
hauptsächlich darin besteht, „zuzusehen, wie der Regen die
Weiden wachsen läßt und wie die Sonne die Tiere zur Ver-
mehrung reizt“?). Zweifellos täte aber die Befreiung von
Abgaben der großen Masse, die von der Arbeit lebt, viel
mehr not als den Reichen. Gerade die Frage der Ausfuhr-
zölle ist ein Beweis dafür, daß das Besteuerungswesen in
solchen neuen Ländern mit eigentümlichen und nur teilweise
erschlossenen wirtschaftlichen Grundlagen von einem ganz
anderen Gesichtspunkte aus beurteilt werden muß als das-

1) Die Ausfuhrzölle wurden im Jahre 1904 abgeschafft.

2) Latzina S. 606.
155
        <pb n="163" />
        Argentinien.

jenige alter Kulturländer, in denen schon alle wirtschaftlichen
Kräfte nutzbar gemacht worden sind. Wenn man sieht, zu
welchen Ungerechtigkeiten und Begünstigungen das in Argen-
tinien herrschende Steuersystem die Hand bietet, so muß
man mit Recht darüber staunen, daß Gründe der Gerechtig-
keit und Gleichmäßigkeit der Besteuerung vom Kongreß für
die Abschaffung der Ausfuhrzölle als ausschlaggebend an-
genommen wurden‘).

‚Der Ertrag der staatlichen Einnahmen hängt, wie oben
bewiesen, zu über 50 % von der Höhe der Einfuhr ab, was
unter den besonderen Verhältnissen Argentiniens keine günstige
Grundlage für das gesamte Einnahmesystem ist. Dazu kommt,
daß je entwerteter das Umlaufsmittel, desto größer die
fiskalischen Einnahmen sind. Der Staat bezahlt mit Aus-
nahme der Zinsen der auswärtigen Schuld alles mit Papier.
Von den Geldeingängen bleibt nun nach Abzug des aus-
wärtigen Schuldendienstes und des Betrages von Ankäufen
in Europa immer eine ziemliche Menge übrig, die in Papier
verwandelt und zur Bezahlung von Beamtengehältern und für
die inneren Staatsausgaben verwendet wird. Je schlechter also
das Papiergeld, desto mehr kann die Regierung davon für ihre
Goldüberschüsse kaufen. Es bilden demnach ‘diese Tatsache
und die Steigerung der Einfuhr von Luxusartikeln und Gegen-
ständen des unproduktiven Verbrauchs, die am meisten be-
steuert sind, zwei nationale Mißstände, aber zwei wichtige
neue Faktoren für das fiskalische Gedeihen Argentiniens.

Der Umstand, daß in Argentinien die indirekten Steuern
die direkten im Maßstab von über 75 % überwiegen, beweist,
daß das System der Staatseinkünfte außerordentlich schlecht
ist. Die indirekten Steuern allein sind sehr ungerecht, denn
sie zwingen den armen Verbraucher eines Artikels zu den-
selben Abgaben an den Staat wie den reichen. Es wird
nun von den Anhängern des herrschenden Steuersystems

geltend gemacht, daß die Unbemittelten nur ihren Verbrauch
einzuschränken hätten, um von der Steuerlast frei zu sein.
Dies ist aber einfach unmöglich, da so gut wie alle für das
tägliche Leben nötigen Gegenstände, die teilweise gar nicht
im Lande hergestellt werden, den Einfuhrzöllen und den
Verbrauchssteuern unterliegen, also. sehr teuer sind und trotz-
dem gekauft werden müssen. Es wird deshalb dringend ge-
wünscht, daß die indirekten Steuern in Abstufungen erhoben
% Bericht des K. u. K. Österr.-Ungar. Gen.-Konsulats Buenos
Aires 1905.
156
        <pb n="164" />
        Argentinien.

werden, die der finanziellen Leistungsfähigkeit der armen
Klasse Rechnung tragen. Hauptsächlich wird verlangt, daß
in den Zollsätzen der Wert der eingeführten Artikel berück-
sichtigt wird in der Weise, daß die Waren in steigenden
Stufen von den gewöhnlichsten bis zu: den feinsten mit
Zöllen belegt werden, da. die Armen naturgemäß nur von
den gewöhnlichen Artikeln kaufen. Ein im Januar 1906 in
Kraft getretener Zolltarif bahnte diese Anderung an, war
aber offenbar in Anlage und Durchführung verfehlt, so daß
zahlreiche Reklamationen der Importeure einliefen, und da
sich ferner herausstellte, daß durch die Abänderungen die
Wünsche der beteiligten Kreise in keiner Weise erfüllt waren,
wurde im Februar 1907 eine Kommission für Revision des
Zolltarifs eingesetzt, von der die Regierung laut. Botschaft
des Präsidenten erwartet, daß sie unter Mitwirkung selbst
der einer .Zollermäßigung nur wenig geneigten Industriellen
einige heute nicht mehr in dieser Höhe berechtigte Sätze
ermäßigen werde.

Die Leitgedanken des neuen Tarifs sind die folgenden‘):
Vereinfachung des Tarifs im allgemeinen; Zollermäßigung
auf Nahrungsmittel der niederen Bevölkerungsklassen, um
der immer mehr zunehmenden Teuerung zu steuern; Ab-
schaffung derjenigen prohibitiven Zollsätze, die einigen Indu-
striellen Monopolstellung eingeräumt haben; gleichmäßige
Verteilung der Zollbelastung auf die einzelnen Artikel mit
Rücksicht auf ihre Beschaffenheit, Preise, deren Konsumenten
usw. und schließlich tunlichste Steigerung der fiskalischen
Einnahmen. Der in Buenos Aires zusammengetretene Bund
zur Wahrung kaufmännischer Interessen (Liga de Defensa
Comercial) machte der Kommission den Vorschlag, in erster
Linie die Abänderungen. durchzuführen, durch die der Teuerung
und dem Schmuggel gesteuert werden könnte; ferner die-
jenigen hohen Zollsätze zu beseitigen oder zu ermäßigen,
durch die weder der Staatsschatz noch die Konsumenten
Nutzen ziehen könnten. Diese Maßregeln seien deshalb be-
sonders notwendig, weil viele Zweige der nationalen Industrie
trotz ihrer Monopolstellung nicht lebensfähig seien, weshalb
der Zolltarif in vielen Teilen herabgesetzt werden müsse, um
der Bereicherung einiger Industrieller auf Kosten des Staates
und der Konsumenten Einhalt zu tun.

Damit hat der Bund den schwächsten Teil der argen-
tinischen Zollgesetzgebung angegriffen. Es. ist schon im

1) Bericht des K. u. K. Österr.-Ungar. Gen.-Konsulats über das
Jahr 1906.
157
        <pb n="165" />
        Argentinien.

l. Teil:(S. 66) darauf hingewiesen worden, daß die Regie-
rungen der lateinisch - amerikanischen Länder vielfach, um
den rein fiskalischen . Charakter : der Einfuhrzölle zu ver-
Schleiern, den Schutz der nationalen Industrie vorschieben,
daß aber in den meisten dieser Länder eine nationale Indu-
strie nicht vorhanden ist, ‚sondern in der Hauptsache eine
landangesessene ausländische Industrie und daß die inländische
Industrie in ihren Leistungen noch recht erheblich zurück-
steht, so daß man ohne Einfuhr aller Gegenstände nicht aus-
kommt. Ein Schutzzollsystem zum Schutze einer aufblühen-
den nationalen Industrie ist gewiß gerechtfertigt, aber es muß
dann verlangt werden, daß diese Industrie sich bestrebt, ‚die
zu ihren Gunsten durch Schutzzölle vom Markte vertriebenen
auswärtigen Fabrikate durch vollwertige eigene zu ersetzen.
Wie weit aber die argentinische Industrie hinter dieser Pflicht
zurückbleibt, geht aus einigen Ausführungen der vorstehen-
den Übersicht über die argentinische Fabrikindustrie deutlich
hervor.

Es ist überhaupt vom volkswirtschaftlichen Standpunkte
aus ein Unding, eine aufkommende Industrie von Anfang an
durch Schutzzölle hochbringen zu wollen. Auch bei uns trat
der wirksame Zollschutz erst ein, nachdem die Industrie eine
recht bedeutende Leistungsfähigkeit bewiesen und gezeigt
hatte, daß sie imstande war, den Inlandsmarkt quantitativ
und qualitativ ebensogut zu versorgen wie das Ausland
durch seine Einfuhr. Auf diesen Stand der Entwickelung
muß die Industrie im wesentlichen durch eigene Kraft kommen.
Schützt man sie zu früh durch hohe Zölle, so treten sehr
bald zwei nachteilige Folgeerscheinungen auf: einmal fühlen
die Fabrikanten, befreit von dem Wettbewerb ausländischer
Waren, keinen Antrieb mehr zur Verbesserung ihrer Erzeug-
nisse und die Konsumenten kaufen schlechte Ware, wie das
argentinische Beispiel beweist; ferner muß, da die Industrie
den Inlandsverbrauch nicht deckt, viel ausländische Ware
eingeführt werden, die dann durch den Zoll sehr teuer wird.
Der inländische Fabrikant verkauft nun, selbst wenn er billig
produziert, seine Ware zu dem Preis der mit Zoll belegten
eingeführten Ware; der Konsument kauft also nicht nur
Schlecht, sondern auch teuer, wie wiederum das argentinische
Beispiel zeigt. Der Zollschutz dient mithin neben der Bereiche-
rung des Staates hauptsächlich dem Vorteil der Fabrikanten,
bildet aber eine schwere Schädigung der Konsumenten. Es
ist deshalb — und dies gilt besonders für Argentinien —
durch Anderung des ganzen Wirtschaftssystems der Industrie

158
        <pb n="166" />
        Argentinien.

eine Verbilligung der Produktion zu ermöglichen, mit der die
Höhe der Zölle in Einklang zu bringen ist. Erst dann wird
der Schutzzoll volkswirtschaftlich gerechtfertigt, da erst da-
mit eine wirkliche Leistungsfähigkeit der Industrie und der
Zweck der Schutzzölle, die Unabhängigkeit vom
Auslande, erreicht wird. Die Gesichtspunkte für die Ande-
rung des Wirtschaftssystems sind an vielen Stellen dieser
Ausführung angegeben.

Das Schutzzollsystem ist vielfach nicht aus der Staat-
lichen Fürsorge für die Industrie, sondern aus einer das Land
schädigenden Interessenwirtschaft hervorgegangen, die‘ nur
durch die politische Einteilung des Landes erklärt werden
kann. Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und die Bevölke-
rungszahl der argentinischen Provinzen ist zu verschieden,
als daß ihre Interessen durch Anordnungen einer Zentral-
behörde einheitlich und sachgemäß vertreten werden könnten.
Alle Provinzen haben durch ihre Vertreter dieselben Rechte
im Kongreß, doch nur die reichen Provinzen erzeugen die
Staatseinnahmen, aber die armen verfügen darüber, da sie
auf der Basis des Zensus von 1869 eine große Maiorität in
die Kammern schicken. Dieser verdankt Argentinien außer
anderen wirtschaftlichen und finanziellen Ungeheuerlichkeiten
die schlimmste von allen, nämlich die fiskalischen Schutz-
zölle auf Zucker, die schwer auf dem Konsumenten lasten.
Wenn nun auch durch den Zensus von 1895 manches besser
geworden ist, So bleibt es doch den Industriellen leicht, eine
Majorität für die ihnen günstigen Beschlüsse zu bilden, indem
sie die Vertreter der Provinzen, die nichts zu verlieren und
zu bieten haben, am Gewinn ihrer Fabriken beteiligen und
damit ihre Stimmen erkaufen. Wenn man erfährt, wie die
Schutzzollgesetzgebung in Argentinien zustande gekommen
ist und wie wenig die Industrie dafür leistet, muß man seine
Ansichten über die Berechtigung der an sich gewiß nicht
Ohne weiteres zu verurteilenden Prohibitivzölle für den be-
sonderen Fall Argentiniens etwas ändern. Der Staat findet
mit diesem System ziemlich mühelos seine Rechnung, und
während er den moralischen Beweggrund des Schutzes der
nationalen Industrie durch Zölle laut verkündet, kennt er
genau die geringe Leistungsfähigkeit dieser Industrie, die
noch eine gewaltige Einfuhr aller Gegenstände notwendig
macht, aus der der Staat seine Haupteinnahmen zieht, Das
volkswirtschaftliche Interesse muß also weit hinter dem fis-
kalischen zurückstehen. Man ist versucht, bei der Betrach-
tung dieser Entwickelung nach gleichartigen Vorgängen in

159
        <pb n="167" />
        Argentinien.

Europa zu suchen und könnte wohl in den von dem russischen
Staatsmanne Grafen Kankrin für die Hebung der Industrie
und Staatsfinanzen getroffenen Maßregeln einen Vorläufer der
argentinischen Verhältnisse erblicken. Bei genauer ' Unter-
suchung stellt sich aber doch ein grundsätzlicher Unterschied
in der Wirkung dadurch heraus, daß in den durch fremdes
Kapital errichteten zollgeschützten russischen Industrien ein-
heimische Arbeiter zu tausenden ihr Brot fanden und noch
finden, so daß diese eigentlich ausländischen Industrien von
hoher sozialpolitischer Bedeutung für Rußland geworden sind,
während dieser nationale Charakter der argentinischen Indu-
strie mit ihrer größtenteils ausländischen Arbeiterschaft ab-
geht. Der allgemeine Nutzen der argentinischen Industrie
bleibt also hauptsächlich ein fiskalischer.

Nun ist die Untersuchung der Frage nicht uninteressant,
ob der Staat wirklich bei der Begünstigung der einheimischen
Industrie durch das Zollsystem derart auf seine Kosten ge-
kommen ist, daß die schwere wirtschaftliche Schädigung des
ganzen Volkes vom fiskalischen Standpunkt aus gerechtfertigt
erscheint.

In dem Streit über die Schutzzölle drehen sich alle
Beweisgründe um die Frage der Vor- und Nachteile, die mit
ihnen verknüpft sind. Die Konsumenten hatten rasch er-
kannt, daß die Zölle ihnen das Leben verteuerten, und des-
halb lehnen sie sich dagegen auf, während. die Fabrikanten
fortgesetzt nach höheren Zöllen und nach Maßregeln ver-
langen, die eine Valorisation des Papiergeldes aufhalten oder
dieses noch weiter‘ entwerten. Die Parteien sind also in
zwei Gruppen geteilt, deren eine sich aus den Konsumenten
zusammensetzt, unter denen naturgemäß die große, jeden
politischen Einflusses entbehrende Volksmasse vorwiegt; die
andere wird von den Fabrikanten gebildet, die das Kapital
vertreten und eine ganz überwiegende politische Machtstellung
genießen. Sie erreichen deshalb auch immer ihre Absichten,
wovon das Schutzzollsystem und die Festlegung des Geld-
verhältnisses deutliche Beispiele sind.

Eine statistische Untersuchung ‚der Vor- und Nach-
teile des Schutzzollsystems ist noch nicht versucht worden;
und so ist es schwer zu beurteilen, wieviel durch dieses

System der Fiskus, das Land als Gesamtheit und der Kon-
sument gewinnen oder verlieren. Aber man kann doch an-
nähernd ein Bild von diesen Verhältnissen gewinnen durch
einen von dem schon mehrfach erwähnten Latzina!) ge-
. 1) 8, 609 u. f.
160
        <pb n="168" />
        Argentinien.
machten Versuch. Er stellt die‘ tatsächliche Einfuhr von
sechs Hauptartikeln der heimischen Industrie in 15 Jahren,
nämlich von Alkohol, Zucker, Bier, gewöhnlichen Weinen,
Packpapier und Tabak fest, die gleichzeitig durch die höch-
sten Zölle geschützt sind, und vergleicht die Ergebnisse dieser
Aufstellung mit einer angenommenen Einfuhr derselben
Artikel, wie sie sich gestaltet hätte, wenn die ursprünglichen
Zollsätze des Jahres 1884, in dem Gold und Papier pari
standen, festgehalten, also die Einfuhr nicht beschränkt worden
wäre. Die Industrie war damals noch in den Kinderschuhen,
und die Fabrikanten dachten nicht daran, vom Kongreß
Prohibitivzölle gegen die Einfuhr ihrer Artikel aus dem Aus-
lande zu verlangen. Da es sich bei dieser Aufstellung meist
um Artikel handelt, deren Verbrauch überflüssig oder sogar
schädlich ist, ‚hat Latzina der Zunahme der angenommenen
Einfuhr nicht die Zunahme der Bevölkerung zugrunde ge-
legt, sondern das Anwachsen der Einfuhr des größten Ver-
brauchsartikels, den das Land nicht erzeugt, des Kaffees. Er
nimmt dabei an, daß der Verbrauch des Zuckers annähernd
in demselben Verhältnis zugenommen habe wie der Kaffee,
und auch der Alkohol, Bier, Wein und Tabak werden eine
ähnliche Steigerung des Verbrauchs aufzuweisen haben. Da
der Verbrauch des Kaffees in den 15 Jahren von 1884 bis
1898 jährlich um 9,4 % zugenommen hat, läßt Lätzina auch
die Mengen und den Wert der angenommenen Einfuhr in
diesem Verhältnis zunehmen... Es würde zu weit führen,
die ganze Berechnung hier aufzunehmen, und_ es. wird ge-
nügen, ihre Ergebnisse mitzuteilen.
Einfuhr hr
1 ange-
wirkliche a onen bE S
PS. PO. PGO!

Alkohol .... 951 864 02658 539 5701836 675 544
Zucker .....4..... 43 267473053 839 3350110 572 062
Bier 4... 7 5 482407 20 535 540] 15 053 133
Packpapier ........ 329878618 70116308 4023769
Tabak ........ 7. "E12 459 749821 018. 615888 558 866
GewöÖhnliche Weine... 103585423 198275865 94 690 442

(189 646 939.459 220 755. 269 573 816

v. Gemmingen, Entwickelung der Fabrikindustrie. 7

17 161
        <pb n="169" />
        Argentinien.

Hieraus geht hervor, daß man es der einheimischen
Industrie verdankt, wenn während dieser 15 Jahre das Land
für die sechs genannten Artikel dem Ausland die ungeheuere
Summe von 269 573 816 P. G. weniger bezahlt hat. Dieses
Gold ist also im Lande geblieben, und das ist das alleinige
Verdienst der einheimischen Industrie.

Vergleicht man nun die Zollerträge in der wirklichen
und angenommenen Höhe, so erhält man:

Einnahmen
c=b—a
ange-
wirkliche a 'nommene b C
P.G. P.G. P.G
Alkohol... 7... 12 338 9170829 653 6638817314 746
Zucker ‚.:........ Bl5 742 7110045 137 1870029 394 476
Bier 2980 0538510 791 185 75810230
Packpapier.. :........ 11005758 17993868 699 493
Tabak Ss 996917 10.670 244| 4.679 327
Gewöhnliche Weine..l 65244090 112194 076| 46 949 986
| 103 403 968 | 210 252 226] 106 848 258

Zu diesen 106 848 258 P. G. kommen noch 2 181 213 P.
Ausfuhrprämien an die Züuckerfabrikanten. Von der Gesamt-
summe sind abzuziehen innere Steuern:

Alkohol 14660800 P.G

Zucker En

Zigarren und Tabak.. 710503 2 ,

BI ;

Gewöhnliche Weine . 27

27986555 P.G.,

so daß also der Schutz dieser Industrien in den 15 Jahren
den Staat für die genannten sechs Artikel die Summe von
81 042 916 P. G. kostete.

Was kosten nun die Fabriken den Konsumenten? Das
ist die Hauptfrage. Es sollen hier nur die vier bedeutendsten
Verbrauchsartikel: Zucker, Alkohol, Bier und Wein in Rech-
nung gezogen werden. Die Landesindustrie verkauft. ihre
Artikel zu dem Preis der eingeführten Waren derselben Gat-
tung plus dem Betrag des Zolles. Stellt man nun die Diffe-

14?

07
        <pb n="170" />
        Argentinien.

renz zwischen den tatsächlich eingeführten Mengen und den-
jenigen fest, die eingeführt worden wären, wenn man die
Zollsätze des Jahres 1884 nicht zugunsten der einheimischen
Industrie erhöht hätte, und multipliziert diese Differenz mit
derjenigen der Zölle, so erhält man den Betrag, den die
Konsumenten für ihren Verbrauch mehr bezahlt haben.
Rechnet man dazu noch die inneren Steuern, die die Regie-
rung eingeführt hat, um sich für die Zollausfälle schadlos zu
halten, so erhält man: den Gesamtbetrag dessen, was der
Konsument für den Verbrauch einheimischer Erzeugnisse
mehr bezahlen muß. Stellt man die Rechnung nur für die
vier vorgenannten Verbrauchsartikel Zucker, Alkohol, Bier
und Wein auf, so ergibt sich, daß die Konsumenten für ihren
Bedarf ein Mehr von 115320220 P. G. bezahlt haben, wo-
von 94464207. P. G. in die Taschen der Fabrikanten,
20856 013 P. in die Staatskassen flossen.

Faßt man dies zusammen, So ergibt sich einerseits, daß
die hauptsächlichsten heimischen Industrien dem Lande in
15 Jahren. die Summe von 269573816 P. G. produziert
haben, auf der anderen Seite aber als tatsächlicher Schaden
für die Konsumenten die Summe von 115320220 P.G. in
nur vier Artikeln und als fiskalischer Schaden die Summe
von 81 042 916 P. G.,.zusammen 196 363 136 P. G.

Der Gewinn, den die Fabrikindustrien dem Lande ge-
bracht haben, indem sie die Einfuhr der entsprechenden
Artikel des Auslandes verdrängten, hat in Verbindung mit
der wachsenden Produktion der extraktiven Industrien (Land-
wirtschaft und Viehzucht) zur Verbesserung der argentinischen
Handelsbilanz beigetragen und zur Valorisierung des Papier-
geldes, aber die Judustrie hat der großen Masse der Konsu-
menten das Leben verteuert, indem sie diese für die heimischen
Industrieerzeugnisse mehr zahlen ließ, als sie für die gleichartige
Einfuhrware ohne zu hohe Zölle bezahlt hätte. Das Geld
der Millionen von Konsumenten ist nicht ins Ausland ge-
gangen, es hat nur den Besitzer gewechselt, es kam in die
Taschen einiger hundert einheimischer, meist nicht nationaler
Fabrikanten und hat zu einer unheilvollen Verteilung .des
Gesamtvermögens beigetragen, indem es sich in wenigen
Händen vereinigte.

Latzina /hat den nachteiligen Einfluß der Schutzzölle
zugunsten der heimischen Industrie und zum Nachteil der
Staatskasse sowie der Konsumenten noch durch einige andere
Berechnungen klarzumachen versucht. In erster Linie am

1 3

11? iO.
        <pb n="171" />
        Argentinien.
Zucker‘), dessen Behandlung durch das Zollsystem einer
kurzen Betrachtung wert ist. Das jetzige Gesetz betr. die
inneren Steuern und die Ausfuhrvergütungen trat im Januar
1905 in Kraft. Früher war der gesamte in Argentinien er-
zeugte Zucker mit 6 cent. pro kg belastet, es wurde aber
eine Vergütung von 16 cent. pro kg für den ausgeführten
Zucker gewährt, der nach der Menge 1/4 der gesamten Jahres-
produktion nicht überstieg. Dies kam einer Rückvergütung
von ?/s des Ertrages der Abgabe an die Produzenten gleich:
der Rest von */s blieb dem Staate und der Preis des im
Lande verbrauchten Zuckers wurde um 6 cent. pro kg erhöht.
Ein späteres Gesetz gewährte den Produzenten eine weitere
Vergütung von 2 cent. pro kg im. Falle der Ausfuhr
eines weiteren Viertels oder eines geringeren Teiles der Ge-
samtproduktion, so daß, wenn die Hälfte der Gesamtproduk-
tion ausgeführt wurde, der Staat nur !/s von der den Kon-
sumenten auferlegten Steuer ‚erhielt. Obgleich nun die Aus-
fuhr niemals die Hälfte der Gesamtproduktion erreichte und
der Staat deshalb mehr als !/ des Steuerbetrages erhielt,
wurde die Steigerung des Inlandspreises für Zucker dadurch
erreicht, daß die Produzenten einen großen Teil ihres Zuckers
unter dem Kostenpreis im Auslande absetzen konnten.
Nachdem infolge der Beschlüsse der Brüsseler Kon-
vention das System der Vergütungen aufgehoben werden
mußte, wurde dieses in anderer Form wiederhergestellt. Es
wurde eine Abgabe von 15 cent. pro kg auf !/4 der Ge-
samtproduktion gelegt, doch wurde dieser Betrag demjenigen,
der die genannte Menge oder weniger ausführte, zurück-
bezahlt. Diese Abgabe kommt einer Besteuerung der Ge-
samtproduktion von 3°%4 cent. 'pro kg gleich, und die
einheimischen Verbraucher haben diesen Aufschlag zu zahlen,
während der Staat von dem Steuerertrag nichts erhält. Aus
diesem Beispiel geht am deutlichsten die einseitige und das
Volk ausbeutende Interessenwirtschaft der von dem Zoll
geschützten Industrie hervor. Latzina hat festgestellt, daß
die argentinische Bevölkerung infolge dieser Gesetzgebung
60 % mehr für Zucker bezahlen muß, als nötig wäre, und
das nur für das kindliche Vergnügen, eine nationale Industrie
zu haben, wobei man übersieht, daß, wenn. sie die drei
Dutzend Produzenten bereichert, sie gleichzeitig in demselben
Verhältnis fünf Millionen Verbraucher belastet.
1) Latzina S. 473 u. f.; Berichte des. K. u: K. Österr. - Ungar.
Gen.-Konsulats Buenos Aires; Export 1903 Nr. 4.
164
        <pb n="172" />
        nn Argentinien.

Latzina*) stellt auch hier eine nicht uninteressante Be-
rechnung dafür auf, was der Verbraucher für den nationalen
Zucker zu bezahlen hat und wieviel die Staatskasse davon
einnimmt:

Die Zuckerproduktion 1900 betrug 160000 t, der Ver-
brauch im Lande 90000 t, es bleibt also ein Rest von
70000 t, der neue Absatzgebiete suchen muß. Die 90000 t
des einheimischen Verbrauchs fallen je zur Hälfte auf raffi-
nierten und Rohzucker, deren Preise 4,50 und 3,50 P. für
10 kg betrugen:

45000 t raff. Zucker zu 4,50 P. für 10 kg = 20250000 P.
45000 „. Rohzucker 30 = 5 750000,
Der Verbrauch im Lande kostet also 36 000 000 P.

$ Daraus ergeben sich folgende Einnahmen:
Innere nationale Steuer von 0,6 P. für 10kg 5400000 P.
Provinzialsteuer OS WE 450 000
5850 000 P.

Davon ab die Ausfuhrvergütung für !/a ==

22500 t mit 1,20 P. für 10 kg... ; mw. 2700000 P:
bleiben 3150000 P.

Würde nun der Zucker, statt im Inlande hergestellt zu
werden, mit einem Zollaufschlag von 50 % eingeführt, so
würden die 90000 t des inländischen Bedarfs das Land
nach den Preisen von 1900 das Folgende kosten:

45000 t raff. Zucker zu 0,90 P. für 10 kg 4050000 P.G.
45000*; Rohzucker „0,753 „10 (3375 000°»
7425000 oder
17448 750 P. P:;
Dazu Zoll- und Hafengebühren:
50 %, des Gesamtbetrags 3712 500 P. G.
Hafengebühren ... . 166500 „ ,
3879000 P. G. od. 8815027 P. P.
Transportkosten 135000.»

Die Konsumenten hätten zu zahlen: 26398777 P.P.

In Wirklichkeit kosteten die 90000 t der nationalen
Produktion 36000000 P., und von dieser Summe erhielten

a 1) Latzina S. 472 u. f. Die Berechnung ist einem Artikel der
Zeitung „La Nacion“ entnommen.
165
        <pb n="173" />
        Argentinien.
die Bundes- und Provinzialregierungen für innere Steuern
3150000 P. Würde dagegen der Zucker mit 50 % Zuschlag
eingeführt, so hätte das Land nur 26398 777 P. zu zahlen
und die Regierung hätte eine Einnahme von 8815000 P.

Auf denselben Grundlagen hat Latzina berechnet, was
die Schutzzölle auf Wein das Land kosten, und kam zu {fol-
gendem Ergebnis:

Die 700000 Bordalesas (1 B. — 165 I) der nationalen
Produktion, die. von der Bevölkerung verbraucht werden,
kosten 40600000 P.; der Staat erhält durch innere Steuern
2800.000 P.

Würde nun ausländischer Wein mit einem Zuschlag
von 50 % eingeführt, so würden die Konsumenten 32621 290 pP.
bezahlen und der Staat eine Einnahme von 10956290 P.
statt 2800 000 P. haben.

Diese Berechnungen, mögen sie nun den Tatsachen
vollkommen entsprechen oder nicht, stellen jedenfalls mit
unumstößlicher Deutlichkeit fest, daß die Konsumenten durch
das Schutzzollsystem in einer unverantwortlichen Weise be-
lastet werden, da die Industrie bei mangelhaften qualitativen
Leistungen den Landesbedarf bei weitem nicht deckt und
starke Einfuhr aller Gegenstände notwendig ist; ferner, daß
die Staatseinnahmen geringer geworden sind und die Aus-
fälle durch die als Ersatz’) eingeführten, das Volk schwer
schädigenden inneren Verbrauchssteuern nicht gedeckt wer-
den, sowie endlich, daß die Fabrikanten einen Gewinn
machen, der zu ihren geringen Leistungen (vgl. S. 158 f.) und
der in ihrem Interesse dem Lande auferlegten finanziellen Be-
lastung in gar keinem Verhältnis steht. Möglich ist dieses,
nicht einmal im Interesse der Regierung liegende System,
wie schon erwähnt, nur dadurch geworden, daß es den
Fabrikanten immer gelingt, durch Gewinnung einer Mehrheit
in den Kammern ihre Absichten durchzusetzen.

So segensreich also hohe Einfuhrzölle oder sogar
Prohibitivzölle für ein Land mit einer aufstrebenden, leistungs-
fähigen, den Inlandsverbrauch deckenden Industrie sein mögen,
in Argentinien bedeuten sie eine schwere Schädigung des
Volkswohlstandes, und eine Anderung dieses Zustandes müßte
die Grundlage bilden, von der die Gewinnung der wirtschaft-
lichen Selbständigkeit Argentiniens und seiner Unabhängig-

!) Vgl. Berichte des K.u.K. Österr.-Ungar. Gen.-Konsulats Buenos
Aires 1904.

166
        <pb n="174" />
        Argentinien.
keit vom Auslande ausgehen müßte. Eine leistungsfähige
Mittelschicht von Steuerzahlern kommt bei dem jetzigen
System nie zustande.

Eine wichtige Quelle der Staatseinnahmen müßten all-
mählich die direkten Steuern bilden), die bewegliche und
unbewegliche Güter besteuern, da es nicht mehr als gerecht
ist, wenn diejenigen, die durch Nichtstun ein Vermögen er-
werben und „reich werden, weil das Weideland wächst und
die Kühe kalben“, mehr zu den Öffentlichen Einnahmen bei-
tragen als die Armen, auf denen in Wirklichkeit der größte
Teil der Staatseinnahmen lastet. Bei direkten Steuern könn-
ten die Provinzen, die jetzt von der Bundesregierung mit
Zuschüssen versehen werden müssen, Matrikularbeiträge an
den Bund abführen, die Einfuhrzölle könnten herabgesetzt
werden und die Kosten des täglichen Lebens würden in dem-
selben Verhältnis sinken. Und eine andere Ausnutzung der
Steuerquellen des Staates ist dringend notwendig, wenn man
bedenkt, daß die fünf Millionen Einwohner Argentiniens —
höher kann man die Bevölkerung für die Besteuerung nicht
in Rechnung bringen — mit 42 P. = 92 Fr. pro Kopf be-
lastet sind °).

Das ganze Finanzwesen des Landes bedarf dringend
einer Reform, die zu besprechen über den Rahmen dieser
Betrachtung hinausgeht. Freilich wird, solange die mächtigen
Fabrikanten in der Kammer die Mehrheit haben, an eine
solche Reform nicht zu denken sein, und damit ist auch für
eine wirkliche Entwickelung der Fabrikindustrie noch keine
Aussicht vorhanden, denn diese kann nur auf einer kauf-
kräftigen Bevölkerung beruhen, die unter den jetzt herr-
schenden Zuständen sich nicht bilden kann.

Das hier ausgesprochene’ abfällige Urteil über das argen-
tinische Schutzzollsystem und die unter dessen Schutz
stehende Industrie bedarf in einem Punkte noch einer Er-
läuterung. Aus der Zusammenstellung Seite 161 geht hervor,
daß es der heimischen Industrie zu danken ist, wenn die
Summe von 269 Mill. P. G. im Lande geblieben und nicht
in das Ausland für dessen Industrieerzeugnisse abgeflossen
ist. Das wäre gewiß volkswirtschaftlich eine sehr erfreuliche
Tatsache, wenn nämlich die auf ‚argentinischem Boden
arbeitende Industrie eine wirklich nationale wäre. Daß sie

1) Vgl. Latzina S: 611/12,

2) Vgl. L’Argentine au XX. siecle, S. 296 u. f.
167
        <pb n="175" />
        | Argentinien.
dies aber nicht ist, daß vielmehr ?/4 der sämtlichen industriellen
Betriebe in den Händen von Ausländern sind, geht aus den
Zusammenstellungen auf Seite 131 und 133 deutlich hervor,
und dadurch wird auch der scheinbare volkswirtschaftliche
Nutzen der inländischen «Industrien wieder hinfällig, denn
das Geld des argentinischen Volkes geht «größtenteils in die
Taschen von Ausländern, die ihr Kapital in Betrieben auf
argentinischem Boden angelegt haben, von der argentinischen
Statistik aber einfach zu der nationalen Industrie gerechnet
werden. Inwieweit die in Argentinien gemachten Gewinne
der Ausländer im Lande verbleiben oder in auswärtigen
Unternehmungen angelegt werden, läßt sich nicht feststellen.

Wert der Produktion in Argentinien.

Diese für die Beurteilung der argentinischen‘ wirtschaft-
lichen Verhältnisse wichtige Frage bedarf einer besonderen
Darstellung, die sich am besten durch eine Zusammenstel-
lung der Mobiliarwerte in Argentinien und ihrer Erträgnisse
ausführen läßt. Dabei kann durch eine Untersuchung der
Beteiligung ausländischen Kapitals und seiner Erträgnisse
festgestellt werden, welchen Nutzen die verschiedenen euro-
päischen Nationen aus der Arbeit ihrer Kapitalien auf argen-
tinischem Boden gezogen haben. Diese Untersuchung ist
deshalb besonders nötig, weil die Ergebnisse des Außen-
handels kein richtiges Bild von der wirtschaftlichen Lage
Argentiniens geben können.

Der Nennwert aller Mobiliarwerte ') in Argentinien be-
trug 1904 die Summe von 1646094426 P. G., in der die
Werte der ausländischen Versicherungsgesellschaften nicht
enthalten sind, da deren Kapital — im ganzen 189 Mill.
P. G. — nur zu dem geringen, vom Gesetz vorgeschriebenen
Betrage von 2200000 P.G. in Argentinien festgelegt ist,
während der Rest in den europäischen Häusern blieb. Ebenso
steht es mit den Banken, die meist nur Zweigstellen großer
europäischer Häuser sind, weshalb man nicht genau weiß,
mit welchem Kapital. sie in Argentinien arbeiten.

Die große Gruppe der Mobiliarwerte setzt sich zu-
sammen aus dem Kapital der Eisenbahngesellschaften
im Betrag von 588 Mill. P. G. Da dies Kapital aber fort-

*) Vgl. zu dieser Untersuchung: L’Argenting au XX. siö@cle.
S. 388 u. fi

AS
        <pb n="176" />
        Argentinien.

während wächst, durch die Ausdehnung des Eisenbahnnetzes,
so kann man annehmen, daß es in ziemlich kurzer Zeit die
Höhe von 7—800 Mill. erreicht haben wird. Ferner gehören
hierher die Werte -der auswärtigen Schuld, die sich auf
366 499000 P. G. beläuft. Rechnet man dazu noch die aus-
wärtigen Schulden einzelner Städte und die inneren Schulden
des Bundes und einzelner Provinzen, so erreicht die öffent-
liche Schuld Argentiniens die Höhe von 453 Mill. P. G.
Das Kapital der Hypothekengesellschaften beträgt in
seinem Nennwert 539927294 P. G. und 20586175 P. P.
Doch scheint dies nur ein Teil des in-Hypotheken angelegten
fremden Kapitals zu sein, defin die gute Verzinsung bis zu
10% bei solchen Anlagen. hat eine Menge auswärtigen
Kapitals in das Land gezogen, das in privater Form angelegt
ist. Man schätzt dieses auf 45360000 P. G. Auch in den
Betrieben der Landwirtschaft und Viehzucht sind bedeutende
Summen auswärtigen Kapitals angelegt: Das „Year Book of
the Stock Exchange“ von London schätzt sie für das Jahr
1900 auf 23 565120 P. G. in der Landwirtschaft und 29758 000
P.G. in der Viehzucht, zusammen 53 Mill. P. G.‘ Nach den
offiziellen Veröffentlichungen ist dies Kapital seit 1900 un-
verändert geblieben, in Wirklichkeit hat es sich gewaltig ver-
mehrt, doch mit dem Unterschied, daß es nicht mehr in
Werten von Aktiengesellschaften angelegt wird, sondern für
Rechnung von Privaten gewonnen wird, eine Änderung, die
für Argentinien sehr günstig ist; es wird dadurch der Gefahr
vorgebeugt, daß das Land ganz in die Hände mächtiger
Aktiengesellschaften kommt, die, im Auslande befindlich, das
Land aus der Ferne wie eine Faktorei verwalten, aus der
sie den. größten möglichen Nutzen ziehen, ohne sich irgend-
wie mit den Wechselfällen des nationalen Lebens zu ver-
körpern.

Unter den Industrien stehen an erster Stelle die Ge-
Irieranstalten mit einem Kapital von 22269624 P.G. Nenn-
wert. Die anderen größeren Industrien wie die Zucker-
fabrikation, Bierbrauerei, Quebrachoindustrie, nehmen auch
einen“ ansehnlichen Betrag der Mobiliarwerte für sich in
Anspruch.

Der jährliche Ertrag dieser Mobiliarwerte in der Ge-
samtsumme von 1 646 094 426 P. G. wird auf 93 610081 P. G.
geschätzt. Um nun ein Bild von der wirtschaftlichen Lage
der Republik zu bekommen, muß man feststellen, welcher
Anteil von dieser Summe den Argentinern und den Aus-
ländern zufällt.
1659
        <pb n="177" />
        Argentinien.

Am stärksten beteiligt ist in Argentinien das englische
Kapital, das zuerst in das Land gekommen, diesem den An-
stoß zum Fortschritt gegeben hat. Nach einer Aufzeichnung
des Bankhauses Ernest Tornquist &amp; Co. beträgt das aus
England eingeführte Kapital 187 Mill. Pf. Sterl. oder 942 Mill.
P.G. und ist in der Hauptsache in den Anleihen des Staates
und der Städte, sowie in Eisenbahnen angelegt. Mit kleineren
Beträgen erscheinen Straßenbahnen, Gas-, Land- und Finanz-
gesellschaften. Der Jahresertrag‘ des englischen Kapitals
betrug 44735785 P.G.

Zu diesen Summen sind noch hinzuzurechnen viele an-
dere englische Kapitalien, die in verschiedenen Posten der
Regierung, der Städte, in Schuldscheinen der nationalen Hypo-
thekenbank erscheinen, deren Betrag man aber nicht kennt;
ebenso sind die in verschiedenen industriellen Betrieben und
in den Estanzien untergebrachten Kapitalien heranzuziehen,
deren Betrag auf mindestens 50 Mill. Pf. St. geschätzt wird.
Auch darf der Dienst der englischen Dampfer nicht außer
Betracht bleiben, der ungefähr 10 Mill. Pf. an Wert be-
tragen wird.

Dies alles zusammengenommen ergibt, daß das in Ar-
gentinien angelegte englische Kapital mindestens 250 Mill. Pf.
beträgt, das zu 6 % verzinst einen jährlichen Betrag von
75 Mill. P. G. abwirft.

Dazu kommt noch ein Betrag von 36 Mill. P. G. an
Renten und Aktien, die Privatpersonen oder Gesellschaften
zufließen, die in England ihren Sitz haben.

Seit im Jahre 1882 Argentinien die erste Anleihe von
1 Mill. Pf. in England aufnahm, ist eine ungeheuere Menge
von englischem Kapital in das Land geflossen, und es wurde
keine industrielle oder Handelsunternehmung gegründet, ohne
daß englische Hilfe in Anspruch genommen worden wäre.
Es geht dies so weit, daß Professor Lorini in seinem Buche
„Il Debito Publico Argentino“ sagt, alle industriellen, Han-
dels-, Ackerbau- und Bergwerksgesellschaften tragen die
fremde Bezeichnung „limited“, so daß man glaube, in einer
rein englischen Kolonie zu sein.

Nach England stand Frankreich in erster Linie der
fremden Nationen, die Argentinien ihr Geld anvertraut haben,
und zwar in einem Betrage von 923 Mill. Fr. Bis zum Jahre
1884 hatte auch der Handel Frankreichs mit dem La Plata
eine sehr bedeutende Stelle, während er von da ab sank und
jetzt nur 20,7 % des Außenhandels Argentiniens ausmacht.

170
        <pb n="178" />
        Argentinien.

Hinter Frankreich erscheint Deutschland als diejenige
Nation, die die größten Summen in Argentinien angelegt hat.
Es hat mit Erfolg den Kampf gegen England eröffnet und
mit einem Betrage von 25 % des Gesamthandels Frankreich
mit seinen 20,7 % auf den dritten Platz verwiesen. Das in
Argentinien arbeitende Kapital kennt man nicht genau, doch
werden die in den Banken, Handelshäusern, Estanzien, in-
dustriellen Betrieben, Elektrizitätswerken, elektrischen Straßen-
bahnen usw. angelegten Summen auf 150 Mill. P.G. ge-
schätzt, die sich durch den Wert der Leistung deutscher
Dampfer auf 200 Mill. P. G. erhöhen (= 1 Milliarde Fr.).

Wenn man nun den Gesamtwert der Mobiliarwerte
kennt und ihren Ertrag, der rund 94 Mill. P. G. beträgt, so
braucht man nur den England zufallenden Betrag von 48 Mill.
und den der übrigen Nationen von 30 Mill., zusammen 78 Mill.
abzuziehen, so hat man das Ergebnis, daß von der .ganzen,
in Argentinien hervorgebrachten Summe etwa 16 Mill. P. G.
im Lande bleiben. Diese Feststellung war nötig, um zu be-
weisen, wie es mit dem Begriff der nationalen Industrie
beschaffen ist, der immer mit so starker Betonung als Be-
gründung für die Schutzzölle ins Feld geführt wird. Auch
der so laut verkündete wirtschaftliche Aufschwung Argentiniens
erfährt dadurch eine eigenartige Beleuchtung.

Aus den vorstehenden Ausführungen könnte nun folgerich-
tigerweise der Schluß gezogen werden, daß es eine wichtige Auf-
gabe der argentinischen Regierung sein müsse, den Zustrom
fremden Kapitals nach Argentinien zu verhindern. Das ist
aber nicht der Fall, sondern es muß im Gegenteil dafür ge-
sorgt werden, daß wie die Einwanderung, so auch das aus-
ländische Kapital ins. Land gezogen wird, weil diese beiden
die Lebenselemente der nationalen Entwickelung und des
Fortschrittes sind. Aber trotzdem hat die argentinische
Regierung die ernste Pflicht, auf die Anlage nationalen
Kapitals in industriellen und Handelsunternehmungen hinzu-
arbeiten, um zu verhindern, daß die ganze Produktion ledig-
lich eine Einnahmequelle für die Ausländer werde. Denn
je mehr Geld aus dem Auslande kommt, desto größere
Summen hat das Land für seine Verzinsung aufzubringen,
und es muß deshalb von der Regierung und dem Einzelnen
mit der größten Sparsamkeit gewirtschaftet werden, um mit
der Zeit ein nationales Kapital zu gründen, das nicht nur
gegen das fremde in Wettbewerb treten und seine gesteigerten
Ansprüche eindämmen, sondern es auch ersetzen könnte,
wenn aus irgendeinem Grunde, z.B. einer Krisis auf dem

17/1
        <pb n="179" />
        Argentinien
europäischen Geldmarkt ein größerer Teil des in Argentinien
arbeitenden Kapitals von den Ausländern zurückgezogen
würde. In einem solchen Falle befände ' sich heutzutage
Argentinien in einer völlig hilflosen Lage und es würde sich
mit grausamer Klarheit zeigen, welch geringen Anteil Argen-
tinien selbst an dem von ihm in fast reklamehaften Anprei-
Sungen verkündeten wirtschaftlichen Aufschwung der Republik
hat und daß dieser mit dem fremden Kapital steht und fällt.
Auch dieser Punkt muß {für die Entstehung einer
nationalen Fabrikindustrie schwer ins Gewicht fallen. Wenn
der Wohlstand des Landes nur auf fremdem Gelde beruht,
für dessen Verbleiben im Lande keineswegs Bürgschaft ge-
leistet. werden kann, so ist der Einheimische, der sich irgend-
welche Kapitalien verdient hat, nicht leicht zu bewegen, diese
in der unsicheren Gründung einer Fabrik anzulegen, da ein
Zurückziehen großer Summen ausländischen Kapitals Argen-
tinien vor den finanziellen Zusammenbruch stellt und die
nationale Fabrikindustrie in diesen mit verwickelt würde.
g) Arbeiterfrage.
Nun wäre noch eine letzte Frage zu erörtern, die für
die Entwickelung. der Fabrikindustrie von einschneidender
Bedeutung ist, die Arbeiterfrage. In den europäischen
Ländern mit entwickelter Industrie sind wir gewohnt, auch
eine nationale Arbeiterschaft in den Fabriken tätig zu sehen,
die . nationale Erzeugnisse herstellt, aus der Kasse des
nationalen Fabrikbesitzers ihren Lohn erhält und diesen
wiederum für den Ankauf inländischer Lebensmittel und In-
dustrieartikel ausgibt. Also ein Kreislauf des Geldes in volks-
wirtschaftlichem Sinne. In Argentinien liegen die Verhält-
nisse anders. Nicht nur die Fabrikbesitzer sind größtenteils
Ausländer, sondern auch die Arbeiter. Teilweise mag dies
damit zusammenhängen, daß für manche Industriezweige im
Lande gelernte Arbeiter, wie wir sie aus den großen Gewerbe-
betrieben in die Fabrikindustrie hinübernehmen konnten, nicht
vorhanden waren und die Gründer von Fabriken sich nach
ausländischen gelernten Kräften umsahen. Wir haben ähn-
liche Vorgänge in- Deutschland beobachten können beim
Aufkommen neuer Fabrikationszweige, z. B. in der Porzellan-
industrie!), deren Verbreitung in Thüringen dem Umstande
zu verdanken ist, daß nach dem Aufkommen der Porzellan-
fabrikation an einer Stelle diese bei Neugründungen an anderen
') Vgl. Stieda : „Die Anfänge der Porzellanindustrie in Thüringen“,
172 S. 399 u. f.
        <pb n="180" />
        Argentinien.

Stellen die Arbeiter für die ganze Umgegend lieferte, wodurch
sich die Manufaktur verhältnismäßig rasch auf weitere Strecken
verbreiten konnte. In den meisten Fällen aber waren die ge-
schulten Arbeiter die Lehrmeister der Einheimischen, die
bald selbst die Herstellung des Porzellans erlernten, während
in Argentinien die Ausländer die Masse der Arbeiter nicht
nur in den Zeiten der Neugründungen bildeten, sondern heute
noch bilden und zugleich einen wesentlichen Zuwachs der
Bevölkerung ausmachen, auf den das Land dauernd ange-
wiesen bleibt, da die einheimische Bevölkerung für den
steigenden Bedarf an Arbeitern nicht ausreicht. Diese Arbei-
ter, meist Angehörige der romanischen Völker Europas,
kommen mit dem Wenigen, dessen sie in ihrer Anspruchs-
losigkeit bedürfen, versehen nach Argentinien und machen des-
halb dort außer dem Ankauf von Lebensmitteln wenig Aus-
gaben; ihren Lohn suchen sie möglichst aufzusparen, und
wenn sie. eine gewisse Summe erspart haben, treten sie den
Rückweg nach Europa wieder an, haben also zu dem Ver-
brauch von Industrieartikeln wenig beigetragen, nehmen aber
dafür den größten Teil des auf argentinischem Boden ver-
dienten Geldes mit in ihre Heimat. Ein für Argentinien
wirtschaftlich sehr ungünstiger Vorgang, der ebenfalls wieder
beweist, wie weit man dort noch von dem Besitz einer
nationalen Industrie entfernt ist.

Eine Feststellung der in Argentinien beschäftigten aus-
ländischen Arbeiter ist sehr schwierig, es genügt indessen
die für die Hauptstadt gemachte Aufstellung vollständig, da
weitaus der größte Teil der Fabriken. in Buenos Aires sich
befindet und aus den dortigen, Angaben das Verhältnis
zwischen Einheimischen und Ausländern deutlich genug her-
vorgeht.

Im Jahre 1905 waren die Arbeiter wie folgt verteilt
(nach dem Argentine Year Book 1905/06):

Argentiner Ausländer
Männer 13141 23 884
Frauen 5 443 3558
Kinder 377 560
22 335 28.002 zus. 50 357.

Diese Ziffern zeigen, daß der Lohn von mehr als der
Hälfte der Industriearbeiter dem Lande verloren geht. Es
ist also ein. dringendes Erfordernis, durch eine bessere Ge-
staltung der Lebensbedingungen der Arbeiter deren aus-
Jändischen Teil und besonders das dauernden Aufenthalt in

173
        <pb n="181" />
        Argentinien.
Argentinien suchende germanische Element im Lande zu
halten, um ihn zum Abnehmer von Industrieerzeugnissen zu
machen. Durch eine solche Vermehrung des Absatzes würde
dann ein Anreiz auf das nationale Kapital zur Gründung
neuer Industrien ausgeübt.
Es scheint aber bis jetzt keine Aussicht dafür vorhanden
Zu Sein, daß die Regierung irgendwelche Maßregeln in diesem
Sinne trifft. Sie hat an der Fabrikindustrie als solcher kein
Interesse und schätzt sie nur, weil ihre Bezüge ausländischer
Rohstoffe die Zolleinnahmen vergrößern. ‘Eine intensive
Ausnützung der inländischen Rohstoffe durch eine aufblühende
nationale Industrie würde die Zolleinnahmen bedeutend ver-
mindern, stünde also im offenen Widerspruch mit den fiska-
lischen Interessen. Die Hebung der nationalen Fabrikindustrie
müßte demnach mit einem vollständigen Systemwechsel in
der Finanzverwaltung verbunden sein, der übrigens unter
allen Umständen eintreten Sollte, denn solange die heimische
Industrie noch so wenig leistungsfähig ist und namentlich
das nationale Kapital sich noch SO Schwach an industriellen
Unternehmungen beteiligt, sind ‚bei der Notwendigkeit, einen
großen Teil der Lebensbedürfnisse aus dem Auslande zu be-
ziehen, die hohen Einfuhrzölle nicht berechtigt. Also allein
Schon dieser Gesichtspunkt verlangt das Aufgeben des rein
fiskalischen Systems, auf dessen unsicherer Grundlage die
Republik niemals ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit vom
Auslande wird erreichen können, so groß scheinbar der
wirtschaftliche Aufschwung der Republik unter dem herr-
Schenden System auch: ist.
h) Wirtschaftliche Bedeutung der Aus- und Einfuhr.
Um die wirtschaftliche Lage Argentiniens vollständig zu
kennzeichnen, muß dieser Zuletzt genannte Punkt noch kurz
beleuchtet werden. Der allgemeine Eindruck, den man in
Europa von Argentinien hat, ist der, daß die Republik ein
aufblühendes Land von großer Wohlhabenheit Sei, „das
Land der Zukunft“, und man beweist dies immer durch die
Statistik, die allerdings sehr hohe Ziffern in der Ein- und
Ausfuhr und eine starke aktive Handelsbilanz aufweist. Daß
die hohen Summen der Ausfuhr von den stetig wachsenden
Erträgen der Landwirtschaft und Viehzucht stammen, ‚ist
Schon ausgeführt, nun wird einfach gesagt, da mit der Aus-
fuhr gleichzeitig der Wert der Einfuhr bedeutend wächst, so
ist dies ein Beweis dafür, daß durch die Überschüsse der
174
        <pb n="182" />
        Argentinien.
Ausfuhr die Kaufkraft des Landes, also dessen Wohlstand,
stark zunimmt. Diese Behauptung ist so lange richtig, als
man die Zahlen allein sprechen läßt, sie wird aber hinfällig,
sobald man untersucht, wie diese Zahlen zustande kommen.

Was zunächst die Ausfuhr anbetriffit, so ist erwähnt
worden, daß eine erhebliche Steigerung der Getreideausfuhr
zunächst nicht zu erwarten ist, da das in günstigen Gegenden
gelegene Land fast ganz unter dem Pfluge ist, dagegen liegen
riesige Strecken anbaufähigen Landes in Provinzen, die noch
nicht dem Verkehr erschlossen sind und werden deshalb vor-
erst nicht bebaut werden können. Die Viehzucht hat sich
durch die übertriebene Sucht, Vieh und Fleisch auszuführen,
selbst geschädigt und wird in den nächsten Jahren geringere
Erträgnisse in der Ausfuhr erzielen.

Es sollen nun zunächst, um zu zeigen, wie das Ver-
hältnis von Ein- und Ausfuhr sich stellt, die entsprechenden
Ziffern vom Jahre 1894 abgegeben werden, von dem ab die
Handelsbilanz dauernd aktiv geblieben ist, während sie vor-
her bedeutenden Schwankungen unterworfen und Oft so stark
passiv war, daß trotz der stets wachsenden Überschüsse von
1894 ab noch im Jahre 1902 die Bilanz der sämtlichen
Jahre von 1861 ab zusammen ein Minus von 24 293 760 P. G.
aufwies *):

Einfuhr Ausfuhr
Jahr | D—a
a J
1894 | 92 788625 101 687 986 8 899 361
1895 | 95096438 120067790 240971 352
1896| 112 163 391/ 116802016 4 638 425
1897] 98288948 101169299 ' 28803531
1898 | 107 428 900 133829458 26 400 538
1899 | 116 850 671 184917 531 68 066 860
00 i 113485069 154600412 | 41 115 343
(vl | 113959 74900167. 716 10253 756 353
1902 ? 113039256 179486727 | 66447471
1903 131206600 220 984 324 | 89 777 924
190480187 305 9098264 175 532508 76 869 556
1905 | 205154420 322 843 841 | 117 689 421
1906" 269 970 521 292253 829 | 22 283 308
1) The Argentine Year Book 1905—06. 5. 124/25.

2) nn
175
        <pb n="183" />
        ‚ Argentinien.

Von diesen Ziffern ist die letzte die interessanteste, -da
sie ein plötzliches Fallen des Bilanzaktivums um 95 Mill.
zeigt, ein Tiefstand, den die Bilanz seit den bis. 1897
dauernden schweren Krisenjahren nicht mehr aufzuweisen
hatte"). Dies lehrt zweierlei: die Ausfuhr ist um 30 Mill.
gefallen durch Vernichtung eines großen Teiles der Mais-
ernte. Die Einfuhr dagegen ist um 64 Mill. gestiegen. Das
Bezeichnende an dieser Tatsache ist weniger das Fallen der
Ausfuhr — bei deren Abhängigkeit von dem Ausfall der Ernte
sind solche Schwankungen nie ausgeschlossen —, sondern
das gewaltige Steigen der Einfuhr. Bei Oberflächlicher Be-
trachtung könnte man. diesen Umstand einfach als eine Folge
des gewaltigen ' Rechnungsüberschusses des Vorjahres be-
zeichnen, das sich eben in einer vermehrten Aufnahmefähig-
keit des Landes an Industrieartikeln äußert: In Wirklichkeit
liegen die Dinge anders.

Von dem Jahre 1903/1906 hat die Bevölkerung von
4860 324 auf rund 5300 000 Köpfe zugenommen; die Ein-
fuhr dagegen hat sich, wie vorstehende Zusammenstellung
zeigt, mehr als verdoppelt. Wenn man nun bedenkt, daß
die Überschüsse, aus der Ausfuhr nur einem kleinen Teil der.
Bevölkerung zufallen, der an sich schon in sehr günstigen
materiellen Verhältnissen lebend, ‚unmöglich eine solche
Steigerung der Einfuhr durch Vermehrung seines Bedarfs
veranlaßt haben kann, so muß man auf den Gedanken
kommen, daß andere Gründe diese Steigerung der Einfuhr
hervorgerufen haben müssen. Solche Gründe sind_auch tat-
sächlich vorhanden und liegen in folgendem: die Einfuhr,
die ganz in den Händen der Ausländer liegt, erfolgt nicht
nach Maßgabe des Bedarfs, sondern auf Spekulation%. Die
letzten guten Jahre haben nun die Importeure veranlaßt, die
doppelte Menge von Waren nach. Argentinien zu verlegen,
also viel mehr, als die Bevölkerung verbrauchen kann, und
die Speicher in Buenos Aires sind gefüllt mit Beständen. für
lange Zeit. Mit dieser Feststellung allein ist die Behauptung,
daß die Zunahme der Einfuhr ein Beweis für das Wachsen
des Wohlstandes von Argentinien sei, widerlegt.

Wie steht es nun“mit den wirtschaftlichen Folgen dieser
Erscheinungen? Die Ausfuhrziffern von 1906 zeigen, wie
plötzlich ein starker Ausfall in den Ausfuhrwerten eintreten

') Vgl. Berichte des K. u. K. Österr.-Ungar. Gen.-Konsulats
Buenos Aires 1907. N

?) Dass., 1907; Export 1906 Nr. 49.
1756
        <pb n="184" />
        . Argentinien,

kann. Dabei war nur der Mais von einer Mißernte betroffen;
weit schlimmer würde sich die Lage gestalten, wenn der
Weizen starke Ausfälle aufwiese, ein Fall, der jeden Augen-
blick eintreten kann. Dann ist ein Minus in der Bilanz nicht
ausgeschlossen, und die unnatürliche Intensität, die sich im
argentinischen Außenhandel bemerkbar macht, muß zu einer
Krisis führen, wie sie infolge des ungünstigen Abschlusses
des Jahres 1906 auch eingetreten ist.

Die bedeutenden Überschüsse der Ausfuhr über die
Einfuhr hatten dem Lande viel Bargeld zugeführt!). Dies
bewirkte neben dem Fallen des Zinsfußes eine fortwährende
Preiserhöhung aller Werte und ein gewaltiges Anschwellen
der Einfuhr, die sich in wenigen Jahren verdoppelte. Das
langjährige Mißtrauen in die geschäftliche Entwickelung war
einer größeren Zuversicht gewichen, in den verschiedenen
Geldinstituten waren kolossale Kapitalien angehäuft, was zu
einer. leichteren Kreditbewilligung. und zur Gründung zahl-
reicher industrieller Gesellschaften führte, deren Aktien an
der Börse sofort die höchsten Kurse erreichten. Dieses über-
stürzte Drängen nach Ausbreitung der Geschäfte mußte zu
einem Rückschlag führen. Schon in der zweiten Hälfte des
Jahres 1905 machten sich Anzeichen geltend, daß der Ver-
brauch nicht mehr mit der wachsenden Einfuhr Schritt hielt.
Es begannen verschiedene Zahlungseinstellungen, die dadurch
noch vermehrt wurden, daß die Banken angesichts des Stei-
gens des Zinsfußes von 4—5 % auf 7!/2 % ihre sehr weit-
gehenden Kreditgewährungen an zweifelhafte Firmen einstellten.
Hierdurch entstand eine große Geldknappheit, deren Folgen
sich alsbald in einem Kurssturz an der Börse und weiteren
Zahlungseinstellungen und Bankerotten äußerten. Den Gipfel
erreichte die Krisis aber erst, als durch die Dürre ein großer
Teil der Maisernte vernichtet wurde, in Rosario ein allge-
meiner Arbeiterausstand ausbrach und eine revolutionäre
Bewegung in San Juan die dortige Provinzialregierung stürzte.

Je genauer man sich diese Verhältnisse ansieht, desto
mehr kommt man zu der Überzeugung, daß das geschäftliche
Aufblühen Argentiniens ein Trugbild?) ist, das von der Speku-
lation ausgenützt wird, bis ein Krach kommt, der durch eine
einzige Mißernte in größerem Umfange eintreten kann. Es

1) Vgl. Export 1907 Nr. 13. Rechenschaftsbericht der Deutschen
überseeischen Bank für 1906; Bericht des K. u. K. Österr.-Ungar.
Gen.-Konsulats Buenos Aires 1907.

?) Export 1906 Nr. 49.

v. Gem mMingen, Entwickelung der Fabrikindustrie. UT

12 LU
        <pb n="185" />
        Argentinien. nn
herrschen, wie schon Öfter ausgeführt, ungesunde wirtschaft-
liche Verhältnisse auf unsicherer Grundlage.

Man sollte. nun bei Betrachtung der ungeheueren Aus-
fuhrziffern, die doch lediglich auf der Landwirtschaft und
Viehzucht beruhen, glauben, daß .die hohen Preise für die
Landesprodukte auch in erster Linie der produzierenden
ländlichen Bevölkerung zugute kommen und eine breite wirt-
schaftlich kräftige Mittelschicht erzeugen müßten, die eine
Krisenzeit durchhalten könnte); tatsächlich sind es aber die
in den Städten wohnenden Vermittler, Unternehmer, Grund-
besitzer und Exporteure, die den Gewinn machen. Diese
sind nämlich in der Lage, nicht nur den Nutzen des Ver-
käufers, sondern auch den des Käufers an sich zu ziehen,
und zwar durch Bildung von Genossenschaften, während
die: einer solchen Organisation entbehrenden Produzenten
und auch die Konsumenten vielfach gezwungen sind, die Er-
zeugnisse ihrer mühsamen Arbeit wegen Mangels an Trans-
portmitteln um jeden Preis zu verkaufen und hohe Preise
zu bezahlen. Auf diese Weise wird das Leben der arbeitenden
Klasse in unverantwortlichem Maße verteuert, und es besteht
deshalb in Argentinien ein besonders‘ schroffer Gegensatz
zwischen dem durch das Gedeihen der großen Unterneh-
mungen erzeugten Wohlstand und der Armut, die sich ganz
unvermittelt gegenüberstehen, ohne das Bindeglied eines kräf-
tigen Mittelstandes.

Über diese schweren Schäden können die schönsten
statistischen Aufstellungen nicht. hinwegtäuschen, die ver-
Öffentlicht werden, um Argentiniens Aufblühen zu beweisen.
Das amtliche statistische Bulletin?) hat z. B. eine-Aufstellung
herausgegeben, in der die Verhältniszahl zwischen der Be-
völkerung und dem Gesamtwert der Aus- und Einfuhr der
verschiedenen Länder berechnet wird. Danach hat Argen-
tinien 103 P. G. Außenhandel auf den Kopf gegen 48 in
Deutschland, 35 in den Vereinigten Staaten und 43 in Frank-
reich. „Berücksichtigt man die besonderen Verhältnisse und
erwägt man, daß Argentinien ausschließlich nur eigene Pro-
dukte ausführt und sein ganzer Import im Lande selbst zum
Konsum kommt, so darf man wohl sagen, daß. dieses Land
mit seiner obigen Ziffer in Beziehung auf wirtschaftliche

1) Vgl. hierzu: Bericht des K. u. K. '‘Österr.- Ungar. Gen.-
Konsulats Buenos Aires 1906. — Export 1904 Nr. 11.

?) A few figures on the development of Argentine inter-
national trade 1906.

178
        <pb n="186" />
        Argentinien.
Vitalität an der Spitze aller Länder marschiert, eine Tatsache,
die wohl hervorgehoben zu werden verdient“ 1).

Diese Behauptung ist nur darin zutreffend, daß die
Ausfuhr in eigenen Produkten besteht; sie wird aber hin-
fällig durch den Hinweis auf die aus der ganzen bisherigen
Darstellung hervorgehende Tatsache, daß Argentinien selbst
eigentlich nicht viel mehr ist als eine riesige Landfläche, die
von der Regierung dem ausländischen Kapital zur Ausbeutung
zur Verfügung gestellt wird. Auch der Behauptung muß
widersprochen werden, .daß der ganze Import im Lande
selbst zum Konsum kommt; es ist schon ausgeführt, daß
die Spekulation das Doppelte des Bedarfs einführt, daß
riesige Warenbestände unverkauft in den Speichern liegen
und eine einzige Mißernte das ganze künstliche Gebäude der
Einfuhr zum Zusammenstürzen bringen kann.

Nebenbei muß auch untersucht werden, wer auslän-
dische Waren bezieht und welcher Gattung diese sind. Nach
dem Ausweis der Statistik nehmen Eisen- und Stahlwaren
neben den Rohstoffen und Fertigfabrikaten der Textilindustrie
und dem Eisenbahnmaterial im Einfuhrhandel Argentiniens
die erste Stelle ein:

1906 Einfuhr:
Eisen- und Stahlwaren 38740942 P.G.
Eisenbahnmaterial 35055364
Textilwaren 54130039.
127926 345 P. G.
Gesamteinfuhr: 269970521 „
Also machen diese drei Warengattungen die Hälfte der ge-
samten Einfuhr aus.

Die Steigerung der Eisenwareneinfuhr ist in erster
Linie der regen Bautätigkeit in der Hauptstadt und in den an-
deren großen Städten des Landes zu danken. Hauptsächlich
sind es Maschinen, Werkzeuge, Geräte, Pumpen, Wellblech,
Eisenträger, Stachel- und Zaundraht und Öfen, die in Betracht
kommen?). Da nun diese Gegenstände mit den Stoffen der
Textilindustrie, dem Eisenbahn- und anderem Material für
das Baugewerbe, wie Zement, Holz usw.,. 60 % der ganzen
Einfuhr ausmachen, bleiben nur 40 % für die übrige Ein-

1) Bericht des K. u. K. Österr. - Ungar. General - Konsulats in
Buenos Aires 1905.

2) Dass. 1906.
197* 179
        <pb n="187" />
        Argentinien.

fuhr. Die Besteller des größten Teils der drei genannten
Hauptartikel der Einfuhr sind der Staat für öffentliche Bauten
und Anlagen, sowie die ausländischen Gesellschaften für
Eisenbahnen, Elektrizität, Straßenbahnen usw., ferner die Be-
sitzer der Textilfabriken, die größtenteils Ausländer sind.
Rechnet man hierzu noch die gewaltige Übertreibung der
Einfuhr. durch die Spekulation, so sieht man, daß die Zu-
nahme der Einfuhr in Argentinien unmöglich nur die Folge
der Zunahme des Wohlstandes sein kann. Der größere
Teil der Einfuhr hat mit den eine Besserung der materiellen
Lage des Volkes anzeigenden Verbrauchsartikeln nichts zu
tun, sondern dient einfach dem fremden Kapital dazu, unter
Ausnützung der Verhältnisse des Landes den ausländischen
Gesellschaften und Unternehmern neue Werte zu Schaffen.
Freilich hat auch .eine Vermehrung der Einfuhr von Ver-
brauchs- und Luxusgegenständen stattgefunden, aber lange
nicht in dem Maße wie die das Emporschnellen der Ein-
fuhr ausmachenden Materialien für Bauten und Verkehrs-
anlagen. Während z. B. im Jahre 1904 keine Einfuhr von
Eisenbahnmaterial stattgefunden hatte, betrug diese 1905
23362431 P.G. und 1906 35055364 P. G. Die Hälfte der
ganzen Einfuhrzunahmen von 1905 auf 1906 besteht nur in
Eisenwaren, Eisenbahnmaterial und Textilwaren.

Man darf auch nie vergessen, daß. in Argentinien Aus-
und Einfuhr sich nie in der Weise gegenseitig bedingen wie
in anderen Ländern, denn die Ausfuhr beruht ja nur auf Er-
zeugnissen der Landwirtschaft. Da nun die Landwirt-
schaft und die Viehzucht größtenteils von kleinen Land-
wirten und Pächtern betrieben wird, so trifft eine Schlechte
Ernte oder Krankheit des Viehes in erster Linie diesen Kreis
von Menschen und die Masse des Volkes nur mittelbar da-
durch, daß bei schlechtem Ausfall der Ernte die Getreide-
preise ungeheuer steigen, da man möglichst viel auszuführen
sucht und der geringe im Lande verbleibende Rest sehr hoch
bezahlt wird. Ebenso steht es mit dem Fleisch. Damit
sinkt natürlich die Kaufkraft der großen Masse bedeutend.
Würde nun die Einfuhr nach dem Bedarf und Verbrauch
sich richten, so müßte sie nach einem Jahr mit geringer
Ausfuhr sinken. Das ist aber nicht der Fall, weil die Ab-
nehmer der Einfuhrgegenstände vielfach ganz andere Menschen
sind als die von dem Ausfall der Ausfuhr betroffenen. Ein
Beispiel: Durch Mißernte ist die Ausfuhr stark gefallen und
damit die Kaufkraft des Landes. Gleichzeitig sind auswärtige
Gesellschaften dabei, noch unbebaute Provinzen durch Bahn-

180
        <pb n="188" />
        Argentinien.

bauten zu erschließen. Sie lassen also unbekümmert um
die Not der Landwirtschaft das umfangreiche Material für die
neuen Bahnlinien kommen und vermehren damit. die Einfuhr.
Ihr Unternehmen ist ja ganz unabhängig von der augen-
blicklichen finanziellen Lage des Landes, es wendet sich an
die Zukunft, an die Einwanderer, die in den neu erschlos-
senen Gebieten Land kaufen. Auch die Gesellschaften für
Elektrizitäts- und Wasserwerke, für Straßenbahnen usw. wer-
den in ihren Unternehmungen durch die landwirtschaftliche
Notlage nicht berührt, ihr Kapital entstammt nicht den Er-
trägnissen des argentinischen Bodens, es verfolgt also un-
abhängig von der wirtschaftlichen Lage Argentiniens seine
eigenen Zwecke, und so kann es kommen, daß trotz einer
nationalen Notlage die Einfuhr zunimmt und schließlich eine
passive Handelsbilanz entsteht, die niemals eintreten würde,
wenn die Einfuhr nicht von solchen Maßnahmen und der
Spekulation, sondern lediglich von der Kaufkraft des Landes
vorgeschrieben würde.

Durch solche Betrachtungen gewinnt das Bild, das von
argentinischer Seite geflissentlich von dem zunehmenden
Wohlstand und dem Aufblühen des Landes gezeichnet wird,
ein wesentlich anderes Aussehen, und es wird sich so lange
nicht ändern, als man nicht in Argentinien ausländisches
Kapital nur als Leihkapital zur Gründung nationaler
Unternehmungen heranzieht, die dann die Summen für die
Verzinsung und Amortisation des geliehenen Kapitals auf-
bringen und allmählich unabhängig vom Auslande werden.
Solange man dagegen die Ausländer selbst mit ihrem Kapital auf
argentinischem Boden wirtschaften und den ganzen Gewinn
dem Lande entziehen läßt, kann eine wirtschaftliche Kräfti-
gung und Befreiung von der fremden Abhängigkeit nicht
eintreten.

Es gehen augenblicklich drei wirtschaftliche Erschei-
nungen nebeneinander her: Die rein fiskalische Wirtschaft
des Staates, die Bildung argentinischen Kapitals durch die
hohen Erträge der Ausfuhr und die Ausbeutung des Landes
durch das Kapital der angesessenen Ausländer. Dazwischen
steht die breite Masse des Volkes, für die von dem sehr
hohen jährlichen: Gewinn des arbeitenden Kapitals nichts
abfällt und die in einer kümmerlichen Weise ihr Leben fristen
muß. Nirgends stehen sich Reichtum und Armut so unver-
mittelt gegenüber wie gerade in Argentinien. Von einer
Zunahme des Wohlstandes, wie sie immer zum Zwecke des

* 9

18,
        <pb n="189" />
        | Argentinien.

Anlockens der Einwanderung von argentinischer Seite dar-
gestellt wird, kann also zunächst nicht und in Zukunft erst
dann die Rede sein, wenn wirklich die Lebenshaltung des
Einzelnen durch seinen Verdienst besser wird, also die Kauf-
kraft zunimmt, wovon aber vorläufig bei der Arbeiterschaft
und den kleinen Landwirten, die doch die Masse der Be-
völkerung ausmachen, nichts zu sehen ist.

Ein kräftiger Anfang zur Bildung nationalen argenti-.
nischen Kapitals ist schon gemacht, es stünde also seiner
Anlage in industriellen oder Verkehrsanlagen nichts im Wege.
Ebenso wäre durch die in den Banken angesammelten Be-
stände reichlich Geld für Kredite zu industriellen Gründungen
vorhanden. Es fehlt aber durchweg an Unternehmungsgeist
in der kreolischen Bevölkerung, die den mühelosen Gewinn
in der Landwirtschaft der größere Energie erfordernden
Betätigung in der Industrie vorzieht, und es scheint, daß an
dieser Rasseneigentümlichkeit jede kräftige nationale Ent-
wickelung auf industriellem Gebiet scheitern wird. Dieser
Mangel an Zusammenhang der Industrie mit dem Lande
selbst hat auch eine richtige Arbeiterschutzgesetzgebung‘!)
noch nicht aufkommen lassen. Es sind wohl Anfänge dazu
da, aber ohne Interesse des Staates für die Industrie wird
der Ausbeutung der Arbeiter durch die Fabrikanten nicht so
bald ein Ende gemacht werden.

E. Schluß.

Es erübrigt nun noch, das soeben gezeichnete Bild der
wirtschaftlichen und industriellen Verhältnisse Argentiniens
kurz zusammenzufassen. An der Spitze steht eine das Land
rein nach fiskalischen Gesichtspunkten verwaltende Regierung,
die nur Interesse für ihre Einnahmen, nicht aber für die
wirtschaftliche und industrielle Entwickelung des Landes zeigt.
Die Bevölkerung ist im Verhältnis zu der riesigen Ausdeh-
nung des Staatsgebietes verschwindend klein und in der
Hauptsache_arm.. Durch die große Zahl eingewanderter,
aber nicht naturalisierter Ausländer geht ihr ein einheitlicher
nationaler Charakter ab. Den Grundstock des Reichtums
der Republik bilden die Erträgnisse der Landwirtschaft und
Viehzucht, denen die großen Überschüsse der Ausfuhr und

N Bericht des K. und K. Österr.-Ungar. General-Konsulats in
Buenos Aires 1906.

182
        <pb n="190" />
        Argentinien.

die starken Zuflüsse an Bargeld zu danken sind. Die Grund-
besitzer und Viehzüchter erzielen jährlich hohe Erträge aus
ihrem Besitz, aber sie kommen mit ihren Erzeugnissen nie
selbst an den Markt, sondern sie sind abhängig von dem
aufkaufenden Händler. Die Ausfuhr der landwirtschaftlichen
Erzeugnisse liegt hauptsächlich in den Händen von vier
großen europäischen Häusern, ebenso ist die Einfuhr ein
Monopol der Ausländer; es gehen mithin alle Gewinne, die
durch geschickte Ausnützung von Preisbildungen auf dem
Weltmarkte zu machen sind, in fremde Hände. Das bei den
argentinischen Grundbesitzern sich bildende Kapital entsteht
und vermehrt sich also nur als Überschuß der Verkaufs-
summen der landwirtschaftlichen Erzeugnisse über den per-
sönlichen Verbrauch; der Handel ist ihm zunächst noch ver-
schlossen, und zur Betätigung auf industriellem Gebiete fehlt
die Energie. : Auch in der Fabrikindustrie und anderen großen
Anlagen, wie Elektrizitäts-, Gas-, Wasserwerken, Eisenbahnen,
Straßenbahnen herrscht ausschließlich das ausländische Kapital
vor, das große Gewinne macht. Ist nun an diesen das Land
selbst beteiligt? Zunächst ist es der Staat, der durch Zölle
und Steuern sich entsprechende Einnahmen sichert. Diese
werden wieder, abgesehen von den Ausgaben für Schulden-
zinsen, für das Heer, Besoldungen, Schul- und Unterrichts-
zwecke usw. zur Ausführung Öffentlicher Arbeiten benutzt,
wie Eisenbahnen, Hafenbauten usw. Solche Verbesserungen
kommen aber, besonders in den Häfen, hauptsächlich dem
Handel, also den Ausländern zugute. Die hohen Einfuhr-
zölle, im Interesse einiger weniger nationaler Fabrikanten
eingeführt, schützen die größtenteils ausländische Fabrik-
industrie, die Arbeiter sind in der Hauptsache Ausländer, die
ihre Ersparnisse dem Lande entziehen und in ihre Heimat
mitnehmen. So trägt die Arbeiterbevölkerung wenig zu der
Vermehrung des Bedarfs an Industrieerzeugnissen und des
Nationalvermögens bei, und da außerdem die Gewinne der
Weltmarktpreisbildung für die Bodenerzeugnisse in fremde
Hände gehen, so entsteht keine richtige Kapitalbildung im
Inlande; Anleihen, die der Staat auf.eigenem Gebiet macht,
werden zu auswärtigen Schulden.

; Wir haben also das eigentümliche von europäischen
Verhältnissen so sehr abweichende Bild, daß der Haushalt
des Staates sich immer günstiger entwickelt und zu allerlei
Ausgaben befähigt erscheint, daß aber das ganze Finanz-
system sich auf die wirtschaftlich kräftigeren Schultern der
Ausländer stützt, deren Gewinne an die Stelle des National-
LS
        <pb n="191" />
        Argentinien.

vermögens treten. Der Regierung könnte es an sich gleich-
gültig sein, woher sie die für ihre rein staatlichen Zwecke
erforderlichen Mittel erhält, der ganze Zustand hat aber etwas
durchaus Ungesundes, denn Schließlich ist die Regierung
nicht nur um ihrer selbst willen da. Von der argentinischen
möchte man dies aber fast glauben und das hängt mit der
früher geschilderten Entstehungsweise der sämtlichen lateinisch-
amerikanischen Staaten zusammen. Als frühere spanische Kul-
tivationen waren sie durch die Losreißung vom Mutterlande
plötzlich auf sich. selbst gestellt mit allen Ausgaben selb-
ständiger Staaten, aber ohne jede finanzielle Grundlage und
nationalen Zusammenhang. So lebten die Regierungen küm-
merlich dahin, mit Mühe ihren Ländern das Nötigste für die
Erhaltung des staatlichen Ansehens erpressend, ohne Für-
sorge für die Hebung der Länder und der Bevölkerung, den
einzigen Weg zur Schaffung einer gesunden wirtschaftlichen
Grundlage, nur bedacht, den Schein politischer Selbständig-
keit zu wahren, selbst gegen den Verlust der wirtschaftlichen
Unabhängigkeit.

Heute ist dies insofern anders, als durch die Schöpfungen
der Ausländer die Staatsfinanzen geordnet sind, die Einnah-
men wachsen und alle Bedingungen für das Gedeihen eines
Staates gegeben wären, wenn eben nationale Staaten sich
entwickelt hätten. Aber als solche kann man diese Staaten-
gebilde mit dem besten Willen nicht bezeichnen. Mag die
Masse der Bevölkerung allmählich naturalisiert sein, sie ist
es nicht, auf die sich die Staaten zur Lösung ihrer Ausgaben
stützen können; ohne die in ihren Grenzen lebenden Aus-
länder und deren Kapital stünde es schlimm mit dem viel-
gerühmten Aufschwung der lateinisch-amerikanischen Länder,
und wenn plötzlich der Fall eintreten sollte, daß das aus-
ländische Kapital aus irgendeinem Grunde zurückgezogen
würde und diese Länder sich selbst überließe, so würde die
Welt mit Staunen erkennen, was diese Länder eigentlich
sind: der Tummelplatz fremden Kapitals und der Kampf-
platz ausländischen Wettbewerbs ohne irgendwelche. eigene
nationale und wirtschaftliche Kraft. Aber gerade der Schein
wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit, den das fremde Kapital
geschaffen, ist es, der allmählich durch die Gewohnheit nicht
nur das Ausland, sondern auch diese Länder selbst über ihr
eigentliches Wesen täuscht.

Trotz alledem brauchte man an der Hoffnung nicht zu
verzweifeln, auch diese Staaten einer wirtschaftlichen Selb-

184
        <pb n="192" />
        Argentinien.

ständigkeit entgegenzuführen. Aus früheren Ausführungen
ist zu sehen, welchen Entwickelungsgang die europäischen
Kulturländer durchgemacht haben, um. auf den heutigen
hohen Stand der wirtschaftlichen und industriellen Leistungs-
fähigkeit zu kommen. Genau denselben Weg haben die
lateinisch-amerikanischen Völker zu betreten.

” In erster Linie sind die natürlichen Hilfsquellen des
Landes zielbewußt auszunützen: Mit dem Latifundiensystem
muß gebrochen, das Land in kleinere Güter geteilt und diese
an Einwanderer verkauft werden.‘ Das noch in ungeheueren
Flächen vorhandene, für den Getreidebau sehr geeignete
Land muß durch Eisenbahnen erschlossen werden, um durch
zugezogene Kolonisten bebaut werden zu können. Also in
erster Linie eine planvolle Kolonisation mit Entwickelung
des Verkehrsnetzes. Auf diese Weise entstünde ein kräftiger
bäuerlicher Mittelstand der als Steuerzahler und Abnehmer
von Industrieerzeugnissen gleich wertvoll wäre. Die Über-
spannung der Ausfuhr ist einzustellen; es darf nur die
Menge ausgeführt werden, die den Bedarf des Landes an
Getreide und Fleisch übersteigt, denn nur so kann dem
Widersinn gesteuert werden, daß in einem an landwirtschaft-
lichen Erzeugnissen so reichen Lande wie Argentinien die
Preise für Brot und Fleisch eine unerschwingliche Höhe er-
reichen.

Die wirtschaftliche Lage der Bevölkerung muß erleich-
tert werden durch Anderung der Finanzverwaltung, die vom
fiskalischen zum. volkswirtschaftlichen System überzugehen
hätte. * Das ganze Steuersystem ist anders zu gestalten, und
solange direkte Steuern nicht bestehen, sind die Ausfuhr-
zölle wieder einzuführen, um die«Großgrundbesitzer zur
Leistung von Abgaben heranzuziehen und die ärmeren Klassen
durch Nachlaß der inneren Steuern entlasten zu können.
Dadurch würde die Kaufkraft der arbeitenden Klassen ge-
hoben und ihre Aufnahmefähigkeit für Industrieartikel ver-
mehrt.

Ist auf diese Weise für die Grundlage eines jeden
kräftigen Wirtschaftslebens, nämlich die Schaffung einer breiten
leistungsfähigen Mittelschicht gesorgt, so müssen andere Maß-
regeln ergriffen werden, um die Leistungsfähigkeit dem eigenen
Volke und nicht den Ausländern zugute kommen zu lassen.
Hierzu ist in erster Linie nötig eine Anderung in ‚der Be-
tätigung ausländischen Kapitals. Bisher gestand man diesem
jede beliebige Verwendung, zu und damit geriet es in allen

185
        <pb n="193" />
        Argentinien.

industriellen und wirtschaftlichen Anlagen in eine herrschende
Stellung. Wenn es nun auch auf argentinischem Boden
große Werte erzeugt, so vermehren diese nicht das National-
vermögen, sondern sie sind auswärtiger Reichtum. Die Be-
triebe der Ausländer sind wie Inseln auf argentinischem
Boden. Die Regierung hat die Pflicht, ihnen Schutz zu ge-
währen durch ihre Polizei und ihre sonstigen staatlichen
Einrichtungen, und manchmal hat sie dafür mehr Ausgaben,
als ihr die Abgaben der Betriebe wieder einbringen.

Gewiß ist fremdes Kapital für neue Völker nötig; in
Form von Leihkapital eingeführt oder durch Staatsanleihen
nutzbar gemacht, hat es an das Ausland nur die Zinsen ab-
zuführen und die damit gemachten Gewinne verbleiben dem
Lande. Von dem Kapital dagegen, mit dem fremde Kapita-
listen Industrien errichten, gehen Zinsen und Gewinne ins
Ausland und ‚es bleiben nur die Löhne der Arbeiter und
Angestellten im Lande, sofern diese Einheimische sind.

Es muß also in der Zukunft die Gründung einer natio-
nalen Industrie gefördert werden, in der Weise, daß fremdes
Kapital nur noch als Leihkapital dem Lande zugeführt
wird, um den Einheimischen die Gründung von Fabriken
usw. zu ermöglichen, während eine Ausdehnung. der fremden
Betriebe auf argentinischem Boden für eigene Rechnung
unbedingt zu verhindern ist. Ebenso ist zu versuchen, mög-
lichst viele der fremden Betriebe anzukaufen. Auf diese
Weise könnte die ausländische Herrschaft allmählich ver-
ringert und Argentinien der wirtschaftlichen Unabhängigkeit
vom Auslande langsam entgegengeführt werden. In Japan
ist die Erwerbung von Land oder die Gründung von Indu-
strien durch Ausländer verboten und das fremde Kapital nur
als Leihkapital zugelassen. Aber allerdings wird dieses Land
von einem viel geschäftsgewandteren und energischeren
Volke bewohnt, als es die indolenten Kreolen sind,. und des-
halb läßt dort die Ausschließung des fremden Elementes in
der Produktion die Einheimischen nichts vermissen, wäh-
rend in Argentinien ‚ohne die Ausländer so gut wie nichts
geleistet würde und vorhanden wäre.

Aufgeben des fiskalischen Systems, Besserung der Lage
der breiten Volksmasse und dadurch Heranziehung und
Seßhaftmachung der Einwanderung; Kapitalbildung und Ein-
schränkung des ausländischen Einflusses, das sind die drei
Hauptelemente für einen wirklichen wirtschaftlichen Auf-

185
        <pb n="194" />
        Argentinien.
schwung Argentiniens. Daß seine Verwirklichung bei den
gegebenen... innerpolitischen Verhältnissen und dem Volks-
Charakter in nächster Zeit zu erwarten wäre, scheint aus-
geschlossen, aber rein theoretisch betrachtet liegen die
Bedingungen für die Gewinnung der wirtschaftlichen Un-
abhängigkeit für Argentinien nicht ungünstig.

LITE

es

187
        <pb n="195" />
        ® d ° ° °
I Die Republik Chile. &amp;)
)

Der soeben geschilderte wirtschaftliche Entwickelungs-
gang Argentiniens wiederholt sich in‘ allen Ländern des
lateinischen Amerika. Überall. bewirkten die gleichen Ur-
sachen-das Zurückbleiben des wirtschaftlichen Aufschwunges,
der in Europa und den Vereinigten Staaten von Nordamerika
einen so großen Umfang annahm. Aber in neuester Zeit
haben doch einzelne .der großen Republiken angefangen, An-
zeichen einer besonderen Entwickelung zu zeigen, die teils
aus der richtigen Beurteilung der durch die geographische
Lage bedingten besonderen Verhältnisse, teils aus der klaren
Erkenntnis der Notwendigkeit einer nationalen, volkswirt-
schaftlichen Ausgestaltung des Wirtschaftslebens entstanden
sind.

Ein Land, dessen wirtschaftliche Zukunft durch die
geographische Lage‘ eine. besondere Richtung bekommen
muß, ist Chile. Argentinien haben wir als ein Land kennen
gelernt, das in riesiger Ausdehnung den größten Teil der
Breitenausdehnung des südamerikanischen Kontinents von der
Ostküste bis an die Cordilleren ausfüllt, das große schiff-
bare Flüsse, den ausgezeichneten Eingangshafen der La Plata-
Mündung” und andere brauchbare Häfen besitzt, das mit
seiner ganzen Front der Alten Welt gegenüberliegt und un-
geheuere natürliche Reichtümer sein eigen nennt, die eine
Grundlage für den immer mehr zunehmenden Außenhandel
bilden und ihren Weg nicht nur über See, sondern auch
über die leicht zu überschreitenden Landgrenzen der Nach-
barstaaten finden. Chiles natürliche Bedingungen sind bei
weitem ungünstiger. Das Land wird gebildet von einem
langen schmalen Gebietsstreifen zwischen den Cordillerem und
der Küste, der durch das hohe schwer überschreitbare Ge-
birge von dem wichtigsten Teil des Kontinents abgeschnitten
ist.  Wasseradern für den Binnenverkehr sind nicht vor-

“ handen, die Küste ist, außer im Süden, wenig gegliedert und
ohne gute Häfen, die Mittelprovinzen sind wohl für den
Getreidebau geeignet, aber von zu geringer Grundfläche, um
(ietreidemengen hervorzubringen, die nach Befriedigung des

188
        <pb n="196" />
        Die Republik Chile.
inländischen Bedarfes einen wesentlichen Handelsartikel auf
dem Weltmarkt bilden könnten, wie dies bei den argentinischen
Bodenerzeugnissen der Fall ist. Ein erschließbares Hinter-
land, wie es Argentinien in seinen ungeheueren noch anbau-
fähigen, aber bis jetzt ungenützten Gebieten hat, besitzt Chile
nicht, es kann also seinen Handel nicht auf eine so gewal-
tige Ausfuhr von, zunächst noch beliebig vermehrbaren Boden-
erzeugnissen stützen wie die Östliche Nachbarrepublik. Auch
die Lage des Landes im Welthandel ist nicht so. günstig wie
die Argentiniens. Von Europa her ist es nur um die Süd-
spitze Amerikas herum, auf langer nicht immer ungefährlicher
Reise erreichbar; die Front’des Landes ist nach dem Stillen
Ozean und dem der’Alten Welt für den Handel nicht gleich-
kommenden Osten von Asien gerichtet. Chile wird also aus
rein geographischen Gründen seiner Abgeschlossenheit vom
Lande wegen auf die See gewiesen‘) und auf den durch
diese getragenen Handel. Es wiederholt sich hier die Rolle,
die Phönizien im Altertum spielte, dessen Bewohner eben-
falls durch die Schmalheit und Ertragslosigkeit ihres Gebietes
auf die See getrieben wurden. Beide Beispiele sind geeignet,
die allgemeine Annahme zu widerlegen, daß eine reich ent-
wickelte Küstengliederung die Menschen zur Schiffahrt ge-
drängt habe. Bei den Phöniziern kann man -eher sagen,
daß sie trotz der Schlechten, der Schiffahrt sehr ungünstigen,
ungegliederten Küste bedeutende Seefahrer geworden sind,
da die Not sie hinaustrieb. Ahnlich wird es bei Chile werden.
Die kurze Zeit seit seiner Losreißung von Spanien hat ge-
nügt,. um diese Republik in den Besitz der besten Kriegs-
flotte unter den lateinisch-amerikanischen Staaten zu bringen,
und wenn die zahlreiche nationale Handelsflotte sich zunächst
hauptsächlich auf kleine Schiffe beschränkt, so liegt das an
dem Mangel an Mitteln, die sich nur allmählich bilden können.
Durch einen Umstand aber”unterscheidet sich Chile — ganz
abgesehen von der Ausdehnung — wesentlich von Phöni-
zien. Während dieses Land, durchaus arm .an eigenen Er-
zeugnissen, ausschließlich auf den Zwischenhandel angewiesen
war, hat Chile Bodenschätze, die ihm jährlich große Summen
in das Land bringen und die Grundlage seines wirtschaft-
lichen Aufblühens bilden, wenn auch seine Entwickelung zuü-
nächst noch an das fremde Kapital gebunden ist. Diese
Bodenschätze sind die in den. wüstenartigen Nordprovinzen
gelegenen Mineralschätze. Die Salpeter- und Boraxlager sind
1) Ratzel: Politische Geographie S. 625.
1809
        <pb n="197" />
        Die Republik Chile.

sehr bedeutend, und außerdem sind sehr zahlreiche Silber-
und besonders Kupferminen vorhanden. Der mittlere Teil
des Landes etwa bis zum 40. Grade s. Br. ist die Zone des
Ackerbaus, in der bei sehr gutem Klima Wein, Oliven, Ge-
treide vorzüglich gedeihen. Der Reichtum des südlichen
Teiles endlich besteht in den Erträgnissen der großen Wälder.
Auch sind hier gute Steinkohlen gefunden worden, und die
Viehzucht mit reichen Erträgen an Wolle fängt gleichfalls an
sich zu entwickeln. Alle die genannten Erzeugnisse aber
treten zurück hinter dem Salpeter, der mit seinen Erträg-
nissen noch das Rückgrat der chilenischen Einnahmen bildet
und an die Stelle der in Argentinien dieselbe Rolle spielenden
landwirtschaftlichen Erzeugnisse tritt. Und wie die La Plata-
Republik, so bedarf auch Chile zunächst noch einer in Boden-
schätzen beruhenden Hauptquelle für seinen Staatshaushalt,
da aus dem erst im Werden begriffenen Lande mit seiner
schwachen unbemittelten Bevölkerung sonst nicht viel heraus-
zuholen ist.

Was folgt nun aus dem Gesagten für die Zukunft Chiles?
Augenblicklich ist die Lebensfähigkeit der Republik gestützt
auf die Salpeterausfuhr, aber diese geht nach sachkundiger
Schätzung ihrem Ende entgegen. Allerdings gehen die An-
nahmen bez. des Zeitpunktes, an dem das Versiegen dieser
Einnahmequelle eintreten wird, weit auseinander. Die einen
sehen den Vorrat der Salpeterfelder schon in etwa 25 Jahren
erschöpft, während andere dieses Ereignis erst nach einem
Zeitraum von etwa 100 Jahren annehmen‘!). Jedenfalls steht
fest, daß Chile” seine Haupteinnahmequelle in absehbarer Zeit
verlieren wird und zeitig auf einen Ersatz bedacht sein muß.
Bei aufmerksamer Betrachtung kann man wohl heute schon
feststellen, wie Chile sich dieser Aufgabe zu entledigen ge-
denkt.

Zunächst finden sich Ansätze einer vermehrten Aus-
beutung ‚neuer, oder der Verbesserung schon bestehender
natürlicher Produktionsquellen. Zu den neuen Produkten
gehört die Wolle.

Liefert der Norden des Landes die reichen Mineral-
schätze, so ist der Süden der Boden der aufblühenden Vieh-
zucht, namentlich der Schafzucht, zu der sich die für andere
Kulturen nicht geeigneten Flächen des rauhen und kalten
Territoriums Magellanes (Patagonien und Feuerland) sehr

1) Bericht des K. u. K. Österr.- Ungar. Konsulats in Iquique
über das Jahr 1904.

190
        <pb n="198" />
        Die Republik Chile.

gut verwenden lassen. Die Schafzucht, die seit etwa 20 Jahren
im patagonischen Kamp betrieben wird, hat der Stadt Punta
Arenas die erste Bedeutung verliehen. Die Schafe des
chilenischen Patagonien und Feuerlandes schätzt man auf
2 500 000 *) bis 4175 000 Stück?). Das Durchschnittsprodukt
der Wolle betrug 1905 etwa 2! kg pro Kopf und der
Durchschnittspreis 10—12 d. für das englische Pfund. Seit
einigen Jahren besteht bei Punta Arenas eine von einer
englischen Aktiengesellschaft gegründete Fleischgefrieranstalt,
die jährlich 200—250 000 Hammel in gefrorenem Zustande
ausführt, die in London einen Durchschnittspreis von 3 s.
für 3 engl. Pfund erzielen!). Diese Fabrik’ ist den Farmern
von unschätzbarem Nutzen, doch sollten noch 2—3 weitere
errichtet werden, um die Masse der Tiere aufzunehmen, die
von den Farmern jährlich verkauft werden müssen.

In dem Betrieb der Viehzucht vollzieht sich neuerdings
ein Umschwung. Während bisher die Landstrecken Pata-
goniens nur leihweise an die Farmer überlassen waren, hat
die Regierung vor etwa sechs Jahren angefangen, das Land
in Auktion zu verkaufen und damit von In- und Ausländern
überraschend hohe Preise erzielt. Neuestens nun macht sich
auch hier der Großbetrieb stark geltend, indem kapitalkräf-
tige Gesellschaften und Syndikate. die kleinen Farmer ver-
drängen. Da noch ungeheuere für die Schafzucht geeignete
Flächen zur Verfügung stehen, verspricht man sich von
diesem Zweig der landwirtschaftlichen Industrie reiche Ein-
nahmen. Zu betonen. ist hierbei, daß ein großer Teil dieser
neuen wertvollen Betriebe mit chilenischem Kapital angelegt
wurde, daß also die Erträgnisse großenteils im Lande bleiben
und zu weiteren landwirtschaftlichen und industriellen Unter-
nehmungen Verwendung finden können.

Die Landwirtschaft ist bis jetzt als eine Einnahmequelle
Nicht anzusehen; sie kann aus klimatischen Gründen nur in
den Mittelprovinzen betrieben werden, hat also eine begrenzte
Betriebsfläche und deckt noch nicht den Landesbedarf, so
daß alljährlich die Einfuhr von Getreide nötig wird. Bei einer
Anderung der Besitzverhältnisse — Latifundien — und inten-
siverem Betrieb wäre hier viel mehr zu leisten, wenn auch
Chile niemals in die Reihe der Getreide ausführenden Länder
wird eintreten können. Bezeichnend für die Verhältnisse ist

1) Bericht des K. u. K. Österr.- Ungar. Konsulats in Punta
Arenas über das Jahr 1905.

?) Berichte über Handel und Industrie, Band 8, S. 764.
191
        <pb n="199" />
        Die Republik Chile.

es, daß in dem Lande, das die ganze Erde mit dem besten
landwirtschaftlichen Düngungsmittel, dem Salpeter, versorgt,
die Landwirte über Mangel an Düngungsmitteln klagen. Das
rührt daher, daß die Produzenten den Salpeter in kleinen
Mengen für den Landesbedarf nicht abgeben wollen, und nur
mit Mühe ist es gelungen, etwa 30000 Quintales (1 Qu.
= 46 kg) von den 32 Millionen der Ausfuhr für den Landes-
bedarf zurückzuhalten 7).

Zu den Verbesserungen bestehender Produktionen ge-
hört die beginnende größere Nachhaltigkeit in dem Betrieb von
Bergwerken aller Art, an denen Chile sehr reich ist, beson-
ders Kupfer, Kohle und Eisen. An den letzten beiden Haupt-
stoffen für die Entwickelung der Fabrikindustrie ist in Chile
kein Mangel, und durch ihre Ausbeutung soll die Fabrik-
industrie unabhängig vom’ Auslande gemacht werden.

Neben der Ausnützung der natürlichen Hilfsquellen
kann man sehen, daß. Chile noch andere Hilfsmittel den
auf die Sicherstellung seiner wirtschaftlichen Zukunft ’gerich-
teten Bestrebungen dienstbar macht. In der richtigen Er-
kenntnis, daß für die Einnahmen aus. dem Salpeter ein voll-
wertiger Ersatz in den Erträgen der natürlichen Erzeugnisse
des Landes nicht gewonnen werden kann, griff man, dem
Beispiel anderer Länder folgend, dazu, eigene und besonders
auch ausländische Erzeugnisse umzusetzen, diesen Umsatz
durch eigene Verkehrsmittel zu besorgen und endlich nach
Möglichkeit die Gegenstände des Umsatzes selbst zu erzeugen,
mit anderen Worten Handel, Schiffahrt und Industrie ein-
Zzurichten.

Chile liegt, wie schon beschrieben, für den Handel
nicht besonders günstig, und es wird wenigstens vorerst auf
die Westseite des südamerikanischen Kontinents beschränkt
bleiben, da es trotz der im Bau befindlichen und geplanten
transandinischen Bahnen auf der Ostseite die. europäische
Einfuhr nicht leicht verdrängen kann. Aber wenn es Chile
gelingt, das Land zu einem Stapelplatz des Mandels des
westlichen Südamerika zu machen, wozu die Anfänge schon
vorhanden sind, so läge darin schon die Aussicht für eine
wirtschaftliche Zukunft und die Möglichkeit, dem Lande die
durch das Erlöschen des Salpeterhandels verloreı: gehenden
Summen auf anderem Wege wieder zuzuführen. Neben diesem
Ausfuhr- oder Umschlagshandel blüht in Chile eir sehr leb-

') Bericht des K. u. K. Österr.-Ungar. Kons. in Iquique‘ über
das Jahr 1905.

192
        <pb n="200" />
        Die Republik Chile.
hafter Binnen- oder Küstenhandel, der sich dadurch erklärt,
daß fast alle Erzeugnisse des Ackerbaus und der Viehzucht,
die für die Ernährung der Menschen und Tiere in den nörd-
lichen Provinzen nötig sind, aus den Zentral- und Südpro-
vinzen eingeführt werden, und weil viele Produkte der nörd-
lichen Bergwerkszone zur Verarbeitung oder Verschiffung
über See nach anderen Teilen Chiles verbracht werden. An
der den Auslands- und Küstenhandel besorgenden Dampfer-
und Seglerflotte ist Chile mit einer sehr großen Zahl eigener,
wenn auch noch kleiner Fahrzeuge beteiligt. Genaue An-
gaben über den heutigen Bestand der chilenischen Handels-
flotte liegen nicht vor, doch kann man sich einen Begriff
von deren Bedeutung machen, wenn man die Schiffsbewegung
im Hafen von Valparaiso betrachtet. Diese gestaltete sich
im Jahre 1904 folgendermaßen '):
Vom Ausland mit Ladung: Nach dem Ausland mit
Ladung:
297 ausländ. Dampfer 278 ausländ. Dampfer
57 chilen. Dampfer. 54 chilen. Dampfer.
Vom Inland mit Ladung: Nach dem Inland mit
Ladung:
186 ausländ. Dampfer 127 ausländ. Dampfer
266. chilen. Dampfer. 366 chilen. Dampfer.
Mit Ballast:
3 ausländ. Dampfer 5 ausländ. Dampfer
71 chilen. Dampfer 5 chilen. Dampfer
6 ausländ. Segelschiffe 80 ausländ. Segelschiffe
35 chilen. Segelschiffe. 42 chilen. Segelschiffe.
Aus der Berechnung des Tonnengehaltes der‘ Schiffe ergibt
sich, daß die chilenischen Dampfer und Segler an Größe
noch bedeutend hinter den ausländischen Schiffen zurück-
stehen, doch genügen sie für die sich bis nach Kalifornien
erstreckende Fahrt längs der Küste vollkommen und sind
geeignet, namentlich durch ihre Beteiligung an 'den Auslands-
fahrten, dem Lande große Summen zu erhalten, die andere
Länder, zB. Argentinien, Mexiko, dem Auslande für die Aus-
und Einfuhr bezahlen müssen. Die Beachtung, die von seiten
Chiles diesem Punkte geschenkt wird, läßt erwarten, daß bei
1) Bericht des K. u. K. Österr.-Ungar. Gen.-Kons. in Valparaiso
über das Jahr 1905.
v. Gemmingen, Entwickelung der Fabrikindustrie.

13 193
        <pb n="201" />
        Die Republik Chile.
der Zunahme des nationalen Kapitals auch eine Vermehrung
der Zahl der leistungsfähigen Schiffe und besonders der
Segelschiffe für die Salpeterausfuhr zunimmt.

Als dritter. Faktor für die Hebung des wirtschaftlichen
Aufschwungs muß neben dem Handel und der Schiffahrt die
Fabrikindustrie bezeichnet werden, der in Chile seitens
der Regierung großes Interesse entgegengebracht wird. Sie
ist zunächst, wie in Argentinien, ein künstliches Produkt und
nur lebensfähig durch die hohen Schutzzölle, desgleichen
auch noch größtenteils in der Hand des ausländischen Kapi-
tals, aber sie hat doch. schon in Erzeugnissen geringerer
Qualität die fremde Einfuhr bedeutend eingeschränkt oder
ganz verdrängt. Auch machen sich, besonders auf dem
Gebiete der Viehzucht im Süden und in Neugründungen von
Gesellschaften !) zur Ausbeutung der Mineral- und Metall-
schätze des Bodens starke Anläufe zur Bildung nationalen
Kapitals geltend, das der Industrie als Gründungs- oder Leih-
kapital zugute kommen könnte. Freilich fehlt auf diesem
Gebiete‘ der der romanischen Rasse im allgemeinen nicht
gegebene Unternehmungsgeist, und es wird deshalb eine lange
Zeit vergehen, bis es gelingen wird, eine nationale Industrie
zu schaffen. Aber es muß doch festgestellt werden, daß das
Verständnis und das Interesse für diese wirtschaftliche Not-
wendigkeit bei der chilenischen Regierung in ganz anderem
Maße vorhanden ist als bei der argentinischen.

Mit einer großen Schwierigkeit hat die Entwickelung
der Fabrikindustrie in Chile zu kämpfen, das ist der Mangel
an Arbeitern. An sich ist der chilenische Mestize, das
Produkt der spanisch-amerikanischen Vermischung, ein kräf-
tiger, sehr brauchbarer Arbeiter. Da aber die Bergwerke
sehr bedeutende Arbeitskräfte verbrauchen, so ist die dünne
Bevölkerung nicht,imstande, auch für die Fabrikindustrie das
nötige Arbeitermaterial zu liefern. Die geringe Bevölkerung
steht noch in starkem Widerspruch zu den Aufgaben, die das
Land zu lösen sich vorgenommen hat, und es liegt nahe, das
Mittel, dessen sich Argentinien mit großem Vorteil zur Hebung
seiner Bevölkerung bedient, die Einwanderung, auch in
Chile wirksam zu machen, üm dem in allererster Linie der
Entwickelung der Industrie im Wege stehenden Arbeiter-
mangel abzuhelfen. Eigentümlicherweise tut aber die Regie-
rung so gut wie nichts in dieser Angelegenheit, und da die

1) Bericht des K..u. K. Österr;-Ungar. Gen.-Konsulats in Val-
paraiso über das Jahr 1905.

194
        <pb n="202" />
        Die Republik Chile.
Verhältnisse für fremde Kolonisten noch sehr wenig geregelt
sind, wird durch die Konsulate von der Einwanderung in
Chile abgeraten. Hier liegt ein entschiedener Fehler von
seiten der sonst bezüglich der Hebung der wirtschaftlichen
Verhältnisse des Landes umsichtigen Regierung vor, und alle
Versuche, Landwirtschaft und Industrie zu heben, müssen
einfach an der Arbeiterfrage scheitern. Die Anzahl der Ein-
wanderer betrug von 1901 bis 1905 nur 14000 Personen).

Die lateinisch-amerikanischen. Länder sind nun einmal
darauf angewiesen, ihre Bevölkerung schnell zu' vermehren,
und zwar in rascherem Tempo als die alten Industrieländer,
denn sie haben unendlich viel nachzuholen, um nur einiger-
maßen den Wettbewerb auf wirtschaftlichem Gebiet aushalten
zu können. Dazu gehören aber in erster Linie Menschen,
einmal als Hilfskräfte der Produktion und dann als Kon-
sumenten. Solange die Bevölkerung nur so langsam zu-
nimmt und die Einwanderung in so geringem Maße statt-
findet, wie gegenwärtig, nützen alle Anstrengungen zur Hebung
der Fabrikindustrie nichts, Die Bedürfnisse einer größten-
teils armen, noch nicht 4 Mill. Köpfe zählenden Bevölkerung
sind schnell befriedigt; nimmt die Bevölkerung nicht zu, so
ist die Entwickelung der Fabrikindustrie ausgeschlossen. Aus
verschiedenen Berichten®) geht deutlich hervor, daß es in-
ländischen Fabriken trotz aller Anstrengung nicht gelingt,
den Inlandsmarkt zu befriedigen, einfach, weil sie nicht die
für eine Vergrößerung des Betriebes nötigen Arbeiter auf-
treiben können. Andere Fabriken dagegen finden nicht ge-
nügenden Absatz im Lande. Diese Schwierigkeit kennt die
Regierung wohl, und sie‘ sucht deshalb die Fabrikindustrie
zur Produktion für die Ausfuhr zu ermuntern, was ihr bis
zu einem gewissen Grad gelingt, indem hauptsächlich die
Nahrungsmittelindustrie angefangen hat, die nördlichen Nach-
barländer mit ihren Erzeugnissen zu versorgen.

Die Produkte?) der chilenischen‘ Industrie sind teils Er-
zeugnisse wirklicher chilenischer Landesindustrie, die die
Rohmaterialien des Landes oder auch — wie bei den euro-
päischen Industrien — eingeführte Rohmaterialien bis zum
fertigen Gebrauchsartikel verärbeitet, teils sind die Waren
Erzeugnisse einer durch die Schutzzollgesetzgebung in den

1 Berichte über Handel. und Industrie. Band 9, S. 646.

°) Bericht des K. u. K. Österr.-Ungar. Gen.-Konsulats in Val-
paraiso über das Jahr 1904.

3) Zoepfel:  „DMie Fabrikindustrie Chiles‘“. Berichte über
Handel und ndusirig Band 7, S. 335.
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        Die Republik Chile.
letzten sechs Jahren großgezogenen Veredelungsindustrie,
die Halbfabrikate aus dem Auslande bezieht und in ihren
Betrieben fertigstellt. Die Leistungsfähigkeit ist aber, wie
schon gezeigt, ziemlich gering, und zu dem Ziele, die Fabrik-
industrie zu einer Quelle des Nationalwohlstandes zu machen,
ist noch ein weiter Weg.

Volkswirtschaftlich ist die Fabrikindustrie in Chile
von ähnlicher Wirkung wie in Argentinien. Da sie den In-
landsbedarf nicht deckt, aber unter dem Schutz hoher Ein-
fuhrzölle steht, so verteuert sie durch die Notwendigkeit der
Einfuhr des im Lande nicht erzeugten Restes des Landes-
bedarfes die Lebenshaltung der Bevölkerung, die ohne Landes-
industrie bei ausschließlicher Einfuhr ausländischer Waren
ihren Unterhalt billiger bestreiten könnte. Auch hier ist man
in denselben Fehler verfallen wie in Argentinien, daß man
die inländische, meist von ausländischem Kapital betriebene
Industrie durch hohe Zölle schützte, ehe sie imstande war,
den Inlandsmarkt ebenso billig zu versorgen, wie es die aus-
ländische Industrie durch die Einfuhr ihrer Erzeugnisse zu
tun vermochte. Man darf aber diese fiskalische Maßregel
nicht zu hart verurteilen, denn trotz allem ist das chilenische
Volk bei weitem nicht so stark mit Steuern belastet wie das
argentinische, da in Chile keine inländischen Verbrauchs-
steuern bestehen und auch die Einfuhrzölle nicht die Haupt-
einnahmequelle des Staates bilden müssen. Diese Rolle
spielen vielmehr die Ausfuhrzölle, die, auf den wirtschaftlich
kräftigsten Schultern ruhend, an erster Stelle der Staatsein-
nahmen stehen; nach ihnen kommen die Einfuhrzölle auf
Luxuswaren und Waren, die auch im Lande angefertigt wer-
den können. Die Zölle brachten‘*):

Ausfuhrzölle:
1903 49 549 014 Pes.
1904 50852 710
1905 24467385 „ "im 1. Halbi.
gegen 213161331 „ im I. Halbj. 1904;
Einfuhrzölle:
1903 28 876 404 Pes,
1904 30336436
1905 14859002 0, im I. Halbi.
gegen 15466409 „ im 1. Halbj. 1904.

1) Bericht des K. u. K. Österr.-Ungar. Gen.-Konsulats in Val-

paraiso über das Jahr 1905.
196
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        nn Die Republik Chile.

Diese Zahlen. sind interessant im Vergleich mit den ent-
sprechenden argentinischen, die, an sich viel höher, sich außer-
ordentlich sprunghaft bewegen, während die chilenischen
Zölle eine langsame Zunahme in der Ausfuhr durch die Ver-
mehrung der Salpeterausfuhr, in der Einfuhr dagegen 1905
eine Abnahme zeigen, ein Beweis dafür, daß hier die Ein-
fuhr in durchaus richtigem Verhältnis zur Ausfuhr steht und
nicht unter der gefährlichen Spekulation leidet wie in Argen-
tinien.

Direkte Steuern sind fast unbekannt, auch hat man
andere Einnahmen, die man sonst fast überall findet, wie
Steuern auf Tabak, Wein, Alkohol usw., und die große Erträge
liefern könnten, -in Reserve behalten. Doch wird dieser große
wirtschaftliche. Liberalismus wohl bald geändert werden müssen,
denn das ständige Defizit im Staatshaushalt, notwendige öffent-
liche Bauten und andere große Aufgaben werden es wohl kaum
gestatten, noch lange auf diese wichtigen Steuerquellen zu
verzichten.

Faßt man nun diese Skizzierung der. chilenischen Ver-
hältnisse kurz zusammen, so ergibt sich folgendes für die
wirtschaftliche Entwickelung und für die Fabrikindustrie:

Das Wirtschaftsleben der Republik muß eine Umgestal-
tung erfahren, da durch die Erschöpfung der Salpeterlager
die Haupteinnahmequelle des Staates versiegen und durch
andere ersetzt werden muß. Diese -Ersatzmittel bestehen in
nachhaltigerem Betrieb der Minenindustrie und der Viehzucht;
ferner in dem Handel, der Schiffahrt und der Fabrikindustrie.
Es besteht also bezüglich der wirtschaftlichen Zukunft Chiles
ein Unterschied gegen Argentinien. Während hier der be-
liebig zu steigernde Getreideertrag auf unabsehbare Zeit dem
Lande durch die Ausfuhr Gold in großen Mengen zuführen
wird, das bei geeigneter Verwendung die Herbeiführung der
wirtschaftlichen Unabhängigkeit der Republik zur Tatsache
machen könnte, vermag Chile sich auf eine solche natürliche
Hilfsquelle auf die Dauer nicht zu stützen. Ihm müssen ein
nationaler Handel, Schiffahrt und Industrie zu Einnahmequellen
werden, deren die östliche Nachbarrepublik für ihr Bestehen
nicht bedarf. Trotz des scheinbar vorhandenen klaren Ver-
ständnisses für diese Notwendigkeit bei der Regierung fehlen
aber die entsprechenden Maßnahmen für die Grundlage, auf
der sich alles aufbauen müßte: die Sorge für die Vermehrung
der Bevölkerung durch Masseneinwanderung. Der Mensch ist
Subjekt und Objekt der gesamten Wirtschaft; je zahlreicher
er vorhanden ist, desto größer ist die Aufnahmefähigkeit, die

107
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        Die Republik Chile.
Produktionsfähigkeit und die wirtschaftliche Ausdehnungs-
fähigkeit des betr. Landes. An diesem grundlegenden Mangel
müssen zunächst alle Bestrebungen der chilenischen Regie-
rung, die wirtschaftliche Zukunft. der Republik zu sichern
und sie vom Auslande unabhängig zu machen, scheitern.
Lenkte sich der gewaltige Auswandererstrom, der dem La
Plata zufließt, in ihre Grenzen, so würde es Europa in viel
kürzerer Zeit erleben, daß sich ihm ein großes Absatzgebiet
verschließt und auf der ganzen Westseite des südameri-
kanischen Kontinents in Wettbewerb mit seinen Erzeugnissen
tritt. Das Streben nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit kommt
in Chile deutlich zum Ausdruck, und wenn auch vorerst noch
die geeigneten Maßregeln fehlen, so ist doch die langsam
sich vollziehende Wandlung im wirtschaftlichen Leben der
chilenischen Republik der vollen Beachtung der europäischen
Interessenkreise wert.
CS
Druck von Gebauer-Schwetschke G, m. b. H., Halle a. S.
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        3 2668607585565
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        Argentinien.
ren en tatsächlich eingeführten Mengen und den-
jen, e eingeführt worden wären, wenn man die
Zol hres 1884 nicht zugunsten der einheimischen
Ind hätte, und multipliziert diese Differenz mit
den” ‚Ölle, so erhält man den Betrag, den die
Koll % ir ihren Verbrauch mehr bezahlt haben.
Redn_ n Zu nOch die inneren Steuern, die die Regie-
run ” at, um sich für die Zollausfälle schadlos zu
nr S ilt man. den Gesamtbetrag dessen, was der
Ko © den Verbrauch einheimischer Erzeugnisse
nd SS Nuß. Stellt man die Rechnung nur für die
vie 5 »n Verbrauchsartikel Zucker, Alkohol, Bier
nd N 0 ergibt sich, daß die Konsumenten für ihren
Be m " von 115320220 P. G. bezahlt haben, wo-
von (5 P. G. in die Taschen der Fabrikanten,
201 die Staatskassen flossen.
dies zusammen, so ergibt sich einerseits, daß
die hsten heimischen Industrien dem Lande in
15 Summe von 269573816 P. G. produziert
hal anderen Seite aber als tatsächlicher Schaden
für enten die Summe von 115320 220 P:G. in
nur 1 und als fiskalischer Schaden die Summe
vor P. G.,--zusammen 196 363 136 P.G.
ın, den die Fabrikindustrien dem Lande ge-

br indem sie die Einfuhr der entsprechenden
Ar S andes verdrängten, hat in Verbindung mit
de e Produktion der extraktiven Industrien (Land-
wi © jehzucht) zur Verbesserung der argentinischen
Hal € eigetragen und zur Valorisierung des Papier-
gel eo Iudustrie hat der großen Masse der Konsu-
m SE n verteuert, indem sie diese für die heimischen
In © isse mehr zahlen ließ; als sie für die gleichartige
Ei S je zu hohe Zölle bezahlt hätte. Das Geld
de on Konsumenten ist nicht ins Ausland ge-
ga w nur den Besitzer gewechselt, es kam in die
Ta hundert einheimischer, meist nicht nationaler
Fa “ 1 hat zu einer unheilvollen Verteilung des
Ge o 4S beigetragen, indem es sich in wenigen
Hä , te.

LE it den nachteiligen Einfluß der Schutzzölle
zug” &gt; ‚eimischen Industrie und zum Nachteil der
St S ie der Konsumenten noch durch einige andere
Bel &amp; ‘arzumachen versucht. In erster Linie am

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