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        INTERNATIONALES ARBEITSAMT
über die Produktion
Sonderabdruck aus:
„Internationale Rundschau der Arbeit“
(Januar und Februar 1926)
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VS antellung: \ 5
5 "goolek Un
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SA
Herausgegeben vom
Internationalen Arbeitsamt, Amt Berlin
Berlin NW 40, Scharnhorststr. 35
Kommissionsverlag für Deutschland:
Dr. Hans Preiss, Berlin C, Dorotheenstr, 4
Preis’ M, 1.—
1958 K 4716

199286
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        ZBW
Deutsche"Zentralbibli6thek
für Wirtsehaftswissenschäftäri
A a. ®
Veröffentlichungen
des
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Internationalen Arbeitsamts Genf
Grundfragen Die Kranken-
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der Sozial- versicherung
versicherung EA
XXX. m 160 8. / 2.40 M. Umfang der Krankenversicherung, ihre
In rechtsvergleichender Darstellung Träger und ihre Leistungen, sowie die
werden das Anwendungsgebiet, die Lei- Aufbringung der Mittel in den ver-
CL die Aufbringung der Mittel, schiedenen Ländern werden in dieser
das Na und die Organi- Schrift in rechtsvergleichender Me-
sation der Versicherungsträger dar- thode dargestellt. Versicherungsträger
Besonders eingehend ist das und Versicherte haben in gleicher
oblem der:  Vereinheitlichung der Weise an dieser Veröffentlichung
Sozialversicherung behandelt. größtes Interesse,
Die
Arbeitslosenversicherung
Eine rechtsvergleichende Darstellung
154 S. / 2.— M.
Inhalt dieser Schrift: Umfang der Versicherung, Bestimmung des Ver-
sicherungsfalles und der Unterstützungsbedingungen, Art und Dauer der Ver-
sicherungsleistungen, Finanzielle Organisation und Verwaltung der Arbeitslosen-
versicherung.
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Entschädigung Entschädigung
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Betriebsunfällen Berufskrankheiten
AI u. 776 8. / 12.— M. 68 8. L 1 M.:
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Streitigkeiten in der Arbeiterentschä- N
digungs esetzgebung von 40 verschie- werden die besonderen P robleme
ve Stanten werden a A dieser Frage behandelt, und zwar:
untersucht. MINn®6 Sabellarısche Uober- Art der Gefahr, Bestimmung der
Länder vervollatändigt das überaus Berafskrankbeiten, Haftpflicht des
gehaltvolle Werk, Arbeitgebers, usw,
Zu beziehen vom
Internationalen "Arbeitsamt, /Amt Berlin
Berlin NW 40, Scharnhorststr. 35
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        INTERNATIONALES ARBEITSAMT
über die Produktion
Sonderabdruck aus:
„Internationale Rundschau der Arbeit“
(Januar und Februar 1926)
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Kommissionsverlag für Deutschland:
Dr. Hans Preiss, Berlin C, Dorotheenstr. 4

1926
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Inhaltsverzeichnis
Seite
Allgemeine Schlußfolgerungen „02. 0. N AI
1. Die Tatsachen . ... a
Industrielle Produktionszweige; Landwirtschaftliche Produktionszweige . |
II. Die Erklärung der Tatsachen ... ; FT 3
1. Krise der Rohstoffe: a) Kriegführende Länder Mittel- und Osteuropas,
b) Kriegführende Länder Westeuropas, c) Die neutralen europäischen
Länder, dd) Außereuropäische Länder .... 2
2. Die Krise der technischen Ausrüstung . ....... 0... . 14
3. TranspOrftEtise. a SA
4 Kaplktalkrtise N en a
5; Krise der Absatzmärkte EN
6. Krise der Währung. . . 9
a) Die unmittelbar bevölkerungspolitischen Nachwirkungen des Krieges:
aa) Die zum Militärdienste Einzogenen, bb) Tote und Vermißte
cc) Kriegsbeschädigte . . . . Te 9
b) Die Krise der beruflichen Ausbildung‘. 2... .. 22
1. Das Aussetzen der Arbeit während des Krieges .. ... . 22
2. Der Berufswechsel . . . ER
3. Die Krise des Lehrlingswesens und der Berufsschulung . . . 22
c) Die Krise der Arbeitskraft. . . .. . I a
d) In den Lebensverhältnissen der Arbeiter eingetretene Veränderungen 24
1. Die Krnährungsverhältnisse,. .. 21
2. Unterkunftsverhältnisse . . . So
3. Die Löhne in ihrer Beziehung zu den Lebenskosten. . . .'. 7
e) Der Gesundheitszustand der Arbeiterschaft ... ..... . 28
f) Die seelische und sittliche Krise. . . . 29
g) Die Gegnerschaft der Arbeiterschaft gegen Leistungslohnsysteme . 30
1. Die Aufteilung der verschiedenen Lohnsysteme. .. . . . . 31
2. Die Haltung der Arbeiterschaft . . öl
3. Die seit dem Kriege in den Lohnsystemen eingetretenen Ver-
änderungen. . . U Se Et
4. Die Auswirkung auf die Leistungsfähigkeit. ..... . . 31
h) Die gemeinsamen Arbeitseinstellungen . .. .... . ... . 32
Die Arbeitslosigkeit. 0 a 2
k) Die Verkürzung der Arbeitszeit „2... U A BE
II. Die Aktion gegen die Krise. 4... 19
SC
Internationales Arbeitsamt Genf (Schweiz)
Zweigämter:
Deutschland: W. Donau, Berlin NW 40, Scharnhorststr. 35.
Frankreich: Mario Roques, 13. rue de Laborde, Paris.
Großbritannien: Burge, 26, Buckingham Gate, London SW I.
Italien: A. Cabrini, 12, Via Calabria, Rom.
Japan: Azari, Kyocho Kai Building, Shiba Park 6, Tokio.
Ver. Staaten von Nordamerika: L. Magnusson (Lenox Building), Washington, D.C,
        <pb n="5" />
        Erhebung über die Produktion
Allgemeine Schlußfolgerungen

Die Erhebung über die Produktion wurde auf Grund eines
Beschlusses des VR des IAA unternommen, den dieser auf seiner
Tagung vom 9. Juli 1920 in Genua gefaßt hatte. Die Ergebnisse
dieser Untersuchung sind in einem allgemeinen Berichte wieder-
gegeben, der in französischer Sprache in acht Bänden erschienen
ist. Dieser Bericht zählt nicht weniger als 6552 Seiten und enthält
1227 statistische Tabellen und 758 Diagramme. Angesichts des
großen Umfanges dieses Werkes erschien es angebracht, wenigstens
die allgemeinen Schlußfolgerungen des Berichtes an dieser Stelle
einem größeren Leserkreise zugänglich zu machen. Zum genaueren
Studium jedoch dürfte es angebracht sein, auf die Gesamtheit
der Unterlagen zu diesen Schlußfolgerungen zu verweisen, die
der Bericht selbst enthält. Einige der graphischen Darstellungen
des letzteren sind zur Erläuterung auch in diese Übersicht über-
nommen worden.

Die große Arbeit der Erhebung über die Produktion ist jetzt
abgeschlossen, sodaß uns noch die Aufgabe obliegt, kurz ihre
wichtigsten KErgebnisse zusammenzufassen. Dazu allerdings
erscheint ein Rückblick auf die Umstände erforderlich, die zu
der Erhebung führten.

Es war zwei Jahre nach Beendigung des Krieges. Eifrig waren
die Länder, in denen er ganze Gebiete verwüstet hatte, um den
Wiederaufbau bemüht. Die Länder, in denen er Auflösungs-
erscheinungen hervorgerufen hatte, trachteten danach, durch
eigene Arbeit und mit Hilfe des Auslandes den allerdringendsten
Bedürfnissen ihrer Bevölkerung und ihrer Gewerbe wieder zu
genügen. Jene Länder hingegen, die er verschont hatte, deren
Hütten, Bergwerke und Felder er zu fieberhafter Tätigkeit an-
gestachelt, deren wirtschaftliche Ausrüstung er gefördert und
verstärkt hatte, setzten jetzt im Frieden und für die Bedürfnisse
der Friedenszeit ihre während des Krieges betätigte Produktiv-
kraft und ihre gewerblichen Ausdehnungsbestrebungen fort.
Vergeblich aber bemühte man sich auf allen Seiten, die Erzeugung
mit den Bedürfnissen, das Angebot mit der Nachfrage in Einklang
zu bringen. Das Angebot blieb unzureichend, die Erzeugung ver-

1*
        <pb n="6" />
        Internationale Rundschau der Arbeit
sagte, war ungenügend, sodaß die Verkäufer zu Beherrschern
der Märkte wurden und die Preise in eine ziellose Aufwärtsbewegung
gerieten.

So kam es, daß von allen Seiten der Ruf nach einer größeren
Produktion, nach Produktion überhaupt erschallte, und man
fragte sich, warum es denn der Welt nicht gelinge, die Erzeugung
zu steigern. Welche Mittel wären notwendig, um eine größere
Produktion zu erzielen, oder was sei erforderlich, um die Erzeugung
den Bedürfnissen anzupassen, die angesichts des Wiederaufbaues
so vieler zerstörter Länder einen solch ungeheueren Umfang
angenommen hatten ?

Fast unmittelbar nach dem Abschlusse des Friedens hatten
manche Völker, unter dem Einflusse einer starken Gärung der
Geister, die manchmal sogar zu einer revolutionären Gärung
wurde, ganz plötzlich große soziale Reformen durchgeführt,
darunter besonders eine, die in erster Linie die organisierten
Arbeiter der ganzen Welt seit einem halben Jahrhundert gefordert
hatte, den Achtstundentag, die 48-Stundenwoche, und die Be-
wegung mit diesem Ziele erwies sich als so mächtig und weit-
reichend, daß sie durch die Charta der Arbeit besiegelt worden
ist, die in alle Friedensverträge eingefügt wurde.

War vielleicht dies die Ursache des Übels oder wenigstens
einer der für die Krise maßgebendsten Faktoren? Hatte man
nicht jene Forderung, die zweifellos berechtigt erscheinen mußte,
aber vielleicht mit den drängendsten und brennendsten Erforder-
nissen des europäischen Wiederaufbaues unvereinbar war, gar zu
rasch verwirklicht ?

In den verschiedensten Kreisen wurde diese Frage aufge-
worfen; sie bewog auch die Arbeitgebergruppe im VR des IAA,
diesem anläßlich seiner Tagung im Juni 1920 in Genua die Durch-
führung der vorliegenden Erhebung vorzuschlagen. Dabei darf
daran erinnert werden, daß bei der Aussprache über diesen Vor-
schlag ausdrücklich erklärt wurde, die Erhebung müsse bei der
Erforschung der Ursachen die Gesamtheit derjenigen Faktoren
— sogar der allgemein wirtschaftlichen Faktoren — in Betracht
ziehen, die zu der Defizitkrise der Produktion und dadurch zur
Teuerung selbst beigetragen haben könnten.

Schon in der Einleitung zum Berichte wurde darauf hin-
gewiesen, wie kurz nach. dem Beschlusse, der zu der Erhebung
führte, die wirtschaftliche Lage in allen Ländern sich plötzlich
änderte, indem die damals schon zunächst in Japan und dann in
den Vereinigten Staaten auftretende Absatzkrise allgemeine
Ausdehnung erfuhr. Es war um die Mitte des gleichen Jahres,
im Juni 1920, als diese Krise auch auf die meisten anderen außer-
europäischen Länder sowie die europäischen Länder selbst über-
griff, sodaß über Nacht zahlreiche Völker sich einem neuen
Probleme gegenüber befanden, das noch ernster und beunruhigender
erschien. Die Märkte nahmen die angebotenen Produkte nicht
mehr auf, die Preise sanken erheblich. die Produktion stockte
        <pb n="7" />
        Erhebung über die Produktion 5
und dadurch stieg die Arbeitslosigkeit in bisher nie gekanntem
Ausmaße.

Unter diesen Umständen mußte die Erhebung auch auf die
neu entstandene Lage Rücksicht nehmen, die gerade das Gegenteil
von den Voraussetzungen darstellte, unter denen sie beschlossen
worden war. Gewiß gab es noch Länder, deren Produktion unzu-
reichend blieb; aber neben ihnen befanden sich andere in den
größten Schwierigkeiten, die durch die Flaute auf den Märkten
und durch die sogenannte Überproduktion hervorgerufen waren.
Man befand sich nicht mehr einem bestimmten Zustande gegen-
über, sondern gleitenden Verhältnissen und, wenn man so sagen
darf, zwei Lagen, die voneinander verschieden waren und sich
geradezu diametral gegenüberstanden.

Es blieb nichts übrig, als die Erhebung aufzugeben oder sich
mit den neuen Tatsachen abzufinden, und diese bei den drei
Teilen des vorgezeichneten Programmes zu verwerten: Feststellung
der Tatsachen, Erforschung ihrer Ursachen und Untersuchung
der zur Behebung des Übels vorgeschlagenen oder durchgeführten
Maßnahmen.

Man befand sich übrigens im zweiten genau wie im ersten
Falle einer Produktionskrise gegenüber und sogar einer oft viel
schwereren Krise, denn sie wurde durch einen noch stärkeren Rück-
gang der Erzeugungsmenge gekennzeichnet. Die Erhebung ist
also unter diesen neuen Verhältnissen und demnach in erweitertem
Rahmen vorgenommen worden. Kinige ihrer wesentlichsten
Ergebnisse seien hier kurz geschildert.

I. Die Tatsachen

Es handelte sich zunächst darum, die Tatsachen festzuhalten,
nämlich die allgemeinen Bewegungen der Produktion wie auch
der durchschnittlichen Leistung des einzelnen Arbeiters, welche
die Krise bedeuteten. Um die erforderlichen vergleichbaren
Unterlagen zu erlangen, mußten in beiden Fällen die neuesten
Tatsachen, die der Nachkriegszeit mit denen der Kriegszeit selbst
und sogar mit den in der Vorkriegszeit festgestellten Tatsachen
in Beziehung gebracht werden.

Die Untersuchung der allgemeinen Bewegungen der Pro-
duktion selbst wurde auf 47 Erzeugungsgebiete ausgedehnt,
deren Aufzählung nicht ohne besondere Bedeutung ist. In der
Gruppe der mineralischen Heizstoffe handelt es sich dabei um
Kohle (Stein- und Braunkohle) und Petroleum, in der Gruppe
der Erze und Metalle um Eisen (Erze, Gußeisen und Stahl), Kupfer,
Blei, Zink, Aluminium, Quecksilber, Silber und Gold, in der Gruppe
der chemischen Erzeugnisse um Düngemittel (natürliches phosphor-
saures Salz, Superphosfat, Kalzium, Ammoniaksulfat, salpeter-
saures Natron, salpetersaurer Kalk, Pottasche) und Schwefel,
in der Gruppe der zur gewerblichen Weiterverwertung bestimmten
landwirtschaftlichen Erzeugnisse um Kautschuk, Baumwolle,

il
        <pb n="8" />
        Internationale Rundschau der Arbeit

Wolle, Seide (Seidenkokons und Rohseide), Flachs, Hanf und Jute,
in der Gruppe der für die Ernährung bestimmten landwirtschaft-
lichen Produkte um Zuckerrüben, Rübenzucker, Zuckerrohr,
Rohrzucker, Weizen und Roggen, Mais und Reis, in der Gruppe
Vieh um Rinder, Schafe, Schweine und Pferde, in der Textilgruppe
um Baumwolle, Wolle und sonstige Textilien; dazu kommen
noch der Schiffbau und das Baugewerbe.

Für alle diese Produktionszweige — mit Ausnahme des Bau-
gewerbes — sind in den Angaben, welche den angestellten inter-
nationalen Vergleichen zugrunde liegen, Mengen erfaßt, die meist
erheblich mehr als neun Zehntel der Gesamtproduktion der Welt
ausmachen.

Nachdem die nötigen Angaben zusammengestellt waren —
für alle diejenigen Produkte, auch für alle Länder, über die Unter-
lagen beschafft werden konnten, und für alle Jahre von 1913
(bzw. bei den landwirtschaftlichen Produkten für den fünfjährigen
Zeitraum von 1909 bis 1913) bis 1921 oder 1922 — handelte es
sich darum, der Überfülle an Einzelheiten zu entgehen und die
Unmenge von Ziffern durch Elemente zu ersetzen, die eine Ge-
samtübersicht gestatten. Die Erforschung der aufeinander folgen-
den Bewegungen der Produktion in den verschiedenen Ländern
hätte nicht zu diesem Ziele führen können. Das war nur zu er-
reichen durch eine Aufteilung der Länder, die grundsätzlich
nichts anderes bedeutete als die Konsequenz einer erweiterten
Untersuchung der Tatsachen. Diese Aufteilung ist durch die
Wirkungen des Krieges selbst bedingt, denn er erscheint als der
die Wirtschaftsverhältnisse der Nachkriegszeit beherrschende
Faktor, der, wenn man so sagen darf, die wirtschaftlichen Breiten-
und Längengrade auf der Weltkarte einzeichnete.

Diese Betrachtung führt daher in erster Linie zu einer Unter-
scheidung zwischen Europa, dem Erdteile des Krieges, und der
außereuropäischen Ländergruppe, die von den Kampfhandlungen
selbst nicht heimgesucht war. Aber auch die Erhebung selbst
führt zu dem Gedanken, daß der Krieg in gewissem Sinne, wenn
man nämlich vom wirtschaftlichen Gesichtspunkte ausgeht, die
Welt in zwei große Teile, den europäischen und den nichteuro-
päischen Teil, eingeteilt hat, während gleichzeitig in Europa selbst
zwei durchaus verschiedene Gruppen sich gegenüberstehen: die
Gruppe der kriegführenden und die der neutralen Länder. Unter
den ersteren wieder unterscheidet man die Länder Mittel- und
Osteuropas einerseits und die Westeuropas auf der anderen
Seite.

Die auf die verschiedenen Länder bezüglichen Angaben
konnten mittels einer solchen Unterscheidung eingeteilt werden,
sodaß sich die für verallgemeinernde Schlußfolgerungen erforder-
lichen Elemente feststellen ließen. Von den auf die verschiedenen
Länder bezüglichen Tatsachen ging man über zu denen, welche
sich auf die einzelnen eng umschriebenen Gruppen beziehen,
und für diese wiederum auf allgemeinere Gruppen, um schließlich
zu den Tatsachen zu gelangen, die auf die Gesamtheit der Gruppen
Bezug haben. Der Ausgangspunkt der ganzen Arbeit, wie erneut

ß
        <pb n="9" />
        Erhebung über die Produktion /
betont sei, war also die Zusammenstellung von statistischen Unter-
lagen für jedes einzelne Land, für jedes einzelne Jahr des von der
Untersuchung erfaßten Zeitraumes, weil nur so schlüssige Unter-
lagen für die weiteren allgemeinen Feststellungen beschafft
werden konnten.

Wenn man nun bei der Untersuchung und Verwertung der
Unterlagen von den Einzeltatsachen zu allgemeineren Begriffen
übergegangen ist, so wurde doch bei der Darstellung der umgekehrte
Weg beschritten, indem für jedes einzelne Produkt zunächst
die Bewegungen der allgemeinen Produktion in der ganzen Welt
herausgestellt wurden, dann die Verteilung dieser Produktion unter
die Gruppen dieser Länder und schließlich die Verteilung der
Produktion der ganzen Welt wie auch die der einzelnen Gruppen
auf die verschiedenen Länder.

Auf Grund dieser Untersuchungen über die verschiedenen
Produktionszweige ist dann versucht worden, mit Hilfe von
Diagrammen, welche die grundlegenden Tatsachen zusammenfassen,
die allgemeineren Bewegungen darzustellen. Ihre Prüfung er-
möglicht die nachfolgenden Feststellungen:

Industrielle Produktionszweige. — Die Kurven der ver-
schiedenen Produktionszweige weisen eine große Unterschied-
lichkeit auf. Immerhin kann man für die erste Zeit des Krieges
eine rückgängige Bewegung als vorherrschend bezeichnen, die
1916/1917 einer sehr deutlichen Erholung Platz machte. 1918
zeigt sich erneut die allgemeine Tendenz des Rückganges, die
sich auch 1919 fortsetzt, um 1920 von einer Bewegung der Er-
holung abgelöst zu werden; aber 1921 trat wieder ein sehr schwerer
Rückschlag ein. Die auf Grund der europäischen Produktions-
ziffern einerseits und der nichteuropäischen Produktionsziffern
andererseits angefertigten Diagramme erwecken, zusammen be-
trachtet, den Anschein von Bildern, die sich genau ergänzen.
Dem Nachlassen der europäischen Produktion während der
Kriegszeit entspricht der Aufschwung der nichteuropäischen
Produktion. Besonders überzeugend wirkt das Nachlassen der
letzteren zunächst gleich nach Beendigung des Krieges wie auch
unter der Einwirkung der Wirtschaftskrise nach dem Aufschwunge
von 1920. Die Wiederbelebung der Produktion, die sich dann
1920 anbahnte, ist weniger stark in der Gruppe der europäischen
Länder als in der nichteuropäischen Gruppe. Auch der wirt-
a ieh Niedergang von 1921 zeigte sich dort in geringerem

aße.

In Europa erlitt die Produktion der neutralen Länder, als
Ganzes gesehen, einen Rückschlag wie in den kriegführenden
Ländern. Doch ist er weniger stark, und einige Produktionszweige
weisen sogar eine auffallende Aufwärtsentwickelung auf.

Der Vergleich der Bewegungen der Produktion der Gruppe
der kriegführenden Länder Westeuropas auf der einen und der
Gruppe der kriegführenden Länder von Mittel- und Osteuropa
auf der anderen Seite ist von besonderem Interesse. Es zeigt sich
dabei, daß die Produktion der ersteren Gruppe weit mehr betroffen
ist als die der zweiten, und zwar sowohl zu Beginn des Krieges
        <pb n="10" />
        Internationale Rundschau der Arbeit

als auch während des Krieges; aber sie wird dann auch von der
rückläufigen Bewegung, die sich gleich nach dem Waffenstill-
stande zeigte, weniger hart betroffen und erfährt 1920 sogar
eine merkliche Wiederbelebung, während der Einfluß jener
rückläufigen Bewegung von der zweiten Gruppe nicht weichen
will. Das Jahr 1921 zeigte wieder eine umgekehrte Entwickelung :
die Produktion der Gruppe der kriegführenden Länder West-
europas wird fast ausnahmslos von einem starken Rückschlage
heimgesucht, die aus der Wirtschaftskrise entspringt, während
sie in den Jahren 1920 und 1921 in der Gruppe der kriegführenden
Länder von Mittel- und Osteuropa eine Neigung zur Wieder-
belebung aufweist,

Landwirtschaftliche Produktionszweige. — Bei einem Ver-
gleiche der Gesamtbewegung der verschiedenen landwirtschaft-
lichen Produktionszweige mit denen der Industrie stellt sich
heraus, daß ihre Veränderungen sich in einem engeren Raume
halten; besonders trifft dies zu für die zur Ernährung bestimmten
landwirtschaftlichen Erzeugnisse. Die zur industriellen Ver-
wertung bestimmten landwirtschaftlichen Erzeugnisse (Kautschuk,
Baumwolle, Seidenkokons, Hanf) werden, wenigstens zu gewissen
Zeiten, von dem Rhythmus der industriellen Produktion mitgerissen.

Aus einem Vergleiche der landwirtschaftlichen Erzeugung
Europas und der der nichteuropäischen Länder geht jedoch derselbe
Gegensatz hervor, der sich vorhin schon für die Industrie zeigte.
In diesem Falle gestatten die Vergleichszahlen vielleicht noch
eher das Gleichnis von den sich ergänzenden Gruppen. Fast alle
für Europa festgestellten Kurven bewegen sich fast unausgesetzt
unterhalb der Linie der Vorkriegszeit, während die Kurven der
nichteuropäischen, Länder sich ziemlich ohne Unterbrechung
oberhalb dieses Niveaus halten. Besonders sei auch verwiesen,
soweit die nichteuropäische Gruppe in Frage kommt, auf die
1921 unter der Wirkung der Krise einsetzende allgemeine rück-
läufige Bewegung auf dem Gebiete der Produktion von Baum-
wolle, Flachs, Hanf und Kautschuk. Die Produktion der Seiden-
kokons, die 1920 nachgelassen hatte, hält sich auf der alten Höhe.
Ahnliche Bewegungen zeigen sich in der Gruppe der europäischen
Länder in Bezug auf die drei für gewerbliche Zwecke allein‘ in.
Frage kommenden landwirtschaftlichen Produktionszweige (Flachs,
Hanf und Seide).

Wenn man die kriegführenden mit den neutralen Ländern
vergleicht, so ergibt sich die günstigere Lage der Letzteren. Die
beiden Gruppen der kriegführenden Länder dagegen weisen das.
gleiche Bild nur für die gewerbliche Produktion auf: viel stärkeren
Niedergang in der westlichen Gruppe zu Anfang und während
des Krieges, stärkere Wiederbelebung nach dem Kriege, wenn man
vom Jahre 1921 absieht, wenn auch der Gegensatz hier weniger
klar in die Erscheinung tritt als in dem vorher erwähnten Falle.
Baugewerbe. Auf eine andere Art und Weise ist auch versucht
worden, einen internationalen Vergleich für das Baugewerbe
aufzustellen. Durch graphische Übersichten haben wir dabei
Unterlagen für die nachfolgenden kriegführenden Länder Mittel-

R
        <pb n="11" />
        Erhebung über die Produktion J
und Osteuropas dargestellt: Deutschland, Österreich, Ungarn,
Finnland, Bulgarien; für die kriegführenden Länder Westeuropas:
Belgien, Frankreich, Italien, Vereinigtes Königreich; für die neu-
tralen europäischen Länder: Schweden, Dänemark, Holland,
Schweiz und für die nichteuropäischen Länder: Vereinigte Staaten.

Zunächst geht aus der Gesamtheit der erwähnten Unter-
lagen hervor, daß der Krieg in allen Ländern, für die Angaben zur
Verfügung standen, die Tätigkeit im Baugewerbe herabgemindert
hat. Diese Wirkung war gewiß sehr verschieden in ihrer Stärke,
aber sie war überall recht bedeutend. In zweiter Linie ist fest-
zustellen, daß die Krise ihren höchsten Punkt in den Jahren
1916, 1917 und 1918 erreichte. Seit 1919 machte sich in bestimmten
Ländern eine Besserung bemerkbar, seit 1920 und 1921 auch in
der Mehrzahl der übrigen Länder; allerdings ist in einigen Fällen
für 1921 eine Verschlechterung gegenüber dem Vorjahre fest-
zustellen. Es sei übrigens auch darauf verwiesen, daß im All-
gemeinen besonders die kriegführenden Länder am schwersten
von der Wirtschaftskrise betroffen wurden.

Arbeitsleistung. Bei der Frage der auf den Kopf des einzelnen
Arbeiters entfallenden Leistung hat man zunächst die dabei
auftauchenden Probleme über die anzuwendenden Feststellungs-
methoden behandelt. Erörterungen über die Leistung des Arbeiters
haben die verschiedenen Fachleute zu einer kritischen Unter-
suchung der Methoden gebracht, die zur Feststellung dieser Leistung
angewandt werden. Man hat sich bemüht, die Ergebnisse solcher
Untersuchungen herauszustellen, sie zu gliedern und die für die
Erklärung der gewonnenen Tatsachen erforderlichen Schluß-
folgerungen zu ziehen.

Hier sei nur daran erinnert, wie der die Untersuchung dieser
Frage beherrschende Gedanke, auch wenn er nicht immer klar
zum Ausdrucke kommt, die Unterscheidung zwischen der Arbeits-
leistung ist, die ausschließlich vom Arbeiter selbst abhängt, und
der Arbeitsleistung, die gleichzeitig von anderen Elementen be-
einflußt ist, insbesondere von den äußeren Umständen technischer
und vielleicht auch natürlicher Art in der Produktion. Wir haben
dabei die Ansicht geäußert, daß es zur Feststellung der Ideen
selbst vielleicht angebracht wäre, die im ersten Falle gemeinte
Leistung die ‚subjektive‘ Leistung und die an zweiter Stelle
gemeinte die „objektive‘‘ Leistung zu nennen.

Es sind dann die Probleme bezeichnet, welche die Grundlage
der Berechnung der Leistung berühren. Dabei wird unterschieden
zwischen der Leistung nach Kategorien und der Leistung der
Arbeiter im Allgemeinen, zwischen der Leistung der einzelnen
Industrie und der Leistung eines jeden einzelnen Betriebes, zwischen
den Leistungstypen, wie sie sich durch eine angenommene Zeit-
einheit feststellen lassen, zwischen der Jahresleistung, der Wochen-
leistung, der Leistung je Tag und je Schicht und der Stunden-
leistung. Den Wert und wahren Sinn der auf diesen verschiedenen
Grundlagen ermittelten Unterlagen festzustellen hat man sich
bemüht. Es handelt sich hier um recht schwierige Fragen, die an
dieser Stelle nur gestreift seien. Festgehalten sei nur die allgemeine

Q
        <pb n="12" />
        Internationale Rundschau der Arbeit
Schlußfolgerung, die sich aus diesem Teile der Untersuchung
ergibt, und die durch das Gesamtmaterial nur bestätigt wird,
daß nämlich beim jetzigen Stande unserer Kenntnisse über diese
Dinge, die wissenschaftliche Methode es erfordert, bei der Aus-
wertung der Unterlagen die allergrößte Vorsicht zu beobachten.

Unter Voranstellung dieses grundsätzlichen Vorbehaltes ist
dann versucht worden, aus der Gesamtheit der verfügbaren Unter-
lagen bestimmte Schlüsse oder, besser gesagt, weil dieses Wort
vielleicht gar zu anmaßend. wäre, wenigstens bestimmte Merkmale
herauszuschälen.

Es soll hier nicht versucht werden, sie in einem Gesamt-
überblicke zu erfassen, weil dabei allzu viele durchaus wesentliche
Betrachtungen zu kurz kommen könnten. Immerhin dürfte es
angebracht sein, darauf hinzuweisen, wie während des letzten
Teiles des Krieges, und auch gleich nach dem Kriege, die Durch-
schnittsleistung auf den Kopf des Arbeiters fast allgemein die
Neigung zu einer rückläufigen Entwickelung zeigte. Es muß
jedoch hinzugefügt werden, daß anscheinend dieser Rückgang
weder in den verschiedenen Arbeiterkategorien noch in den ver-
schiedenen Ländern oder Ländergruppen den gleichen Umfang
angenommen hat, und es dürfte aus der Gesamtheit der erfaßten
Unterlagen deutlich hervorgehen, daß einerseits die Leistung
der nichtgelernten Arbeiter stärker als die der gelernten von jener
Krise betroffen wurde, und daß auf der anderen Seite Europa
wieder mehr darunter litt als die nichteuropäischen Länder,
und daß in Europa selbst dieses Nachlassen der Leistung, sowohl
in Bezug auf den Umfang als auch auf die Dauer dieses Rück-
ganges, in den Ländern Mittel- und Osteuropas den allerhöchsten
Grad erreichte.

Bei dieser Gelegenheit. darf auch die Frage nicht übersehen
werden, daß in allen Ländern, für die Unterlagen zur Verfügung
stehen, nach einer gegen Ende des Krieges und gleich nach dem
Kriege mehr oder minder stark auftretenden Krise eine Besserung
der Lage im Jahre 1920 eintrat, noch stärker aber 1921, und daß
diese Besserung in manchen Fällen zur Beseitigung der Krise
führte oder wenigstens deutlich den Weg in dieser Richtung
bahnte.

Es erschien notwendig, den auf die Veränderungen der
Leistungsfähigkeit in der Industrie bezüglichen Tatsachen die
Veränderungen der Leistungsfähigkeit in jenen Zweigen der
menschlichen Tätigkeit gegenüberzustellen, die in unmittelbarer
Verbindung mit der Natur stehen. Aus den Ergebnissen dieser
letzteren Untersuchung lassen sich der Umfang und, wie man
wohl sagen darf, die Universalität der Krise der Produktion und
der Leistungsfähigkeit in der Kriegs- und Nachkriegszeit nach-
weisen. Sie zeigen deren Bedeutung und Einfluß auf den ver-
schiedensten Gebieten.

Man hat nämlich sowohl während des Krieges als auch un-
mittelbar danach ein Nachlassen der Ergiebigkeit des Ackerbodens
in Bezug auf die Gewinnung von Getreide oder Zuckerrüben

10
        <pb n="13" />
        Erhebung über die Produktion 11
beobachtet, und zugleich hat man auch ein entsprechendes Nach-
lassen der Ergiebigkeit des Milchviehes und sogar — wenn es sich
hier auch um ein recht enges Beobachtungsfeld handelt — ein
Nachlassen der Arbeitsleistung des Pferdemateriales bemerkt.
Andererseits konnte man auf allen drei Gebieten auch in dem
Maße, wie sich die allgemeinen Verhältnisse veränderten, wie auch
in dem Maße, in dem man sich von der Kriegszeit entfernte,
eine Wiederbelebung der Ergiebigkeit der Erde, der Produktivität
des Milchviehes und der Arbeitsleistung der Zugtiere nachweisen.

Außerdem hat man in Bezug auf die von der Untersuchung
erfaßten pflanzlichen Erzeugnisse festgestellt, daß die nicht-
europäischen Länder weit weniger von der Krise betroffen waren
als die europäischen Länder; soweit die Ergiebigkeit an Milch
in Frage kommt, ist für die europäischen Länder eine starke Ein-
wirkung festzustellen, während sich für die nichteuropäischen
Länder, soweit für sie Angaben vorliegen, ergibt, daß bei ihnen
solche Wirkungen nicht eintraten, vielmehr sogar höhere Er-
gebnisse erzielt wurden als in der Vorkriegszeit. Beide Tatsachen-
reihen zeigen übrigens auch, daß am meisten die kriegführenden
Länder, und unter diesen wiederum am stärksten die Länder
Mittel- und Osteuropas, betroffen waren.

Es muß natürlich besonders darauf hingewiesen werden,
daß für die ganze Untersuchung Unterlagen doch nur in be-
schränktem Maße beschafft und verwendet werden konnten, sodaß
gewisse Vorbehalte angebracht erschienen, wenn man zur Deutung
der gemachten Feststellungen schreiten will. Ihnen ist, wie schon
bemerkt, nur der Wert von Merkmalen beizumessen. In dieser
Beschränkung jedoch sind sie tatsächlich bemerkenswert, weil sie
über bestimmte Gegenwirkungen oder Kriegsumwälzungen Licht
verbreiten und dadurch auch über die Bedeutung anderer Tat-
sachenreihen, die der Wirkung nach zahlreicheren, durcheinander
laufenden und verwickelten Faktoren unterliegen.

IT. Die Erklärung der Tatsachen

Sowohl in Bezug auf die Leistung des einzelnen Arbeiters
als auch in Bezug auf die allgemeine Produktion ermöglichte die
Untersuchung der Tatsachen für die verschiedenen Gruppen,
den Bewegungen der allgemeinen Entwickelung oder der besonderen
Entwickelungen zu folgen. Für diese Bewegungen eine Erklärung
zu finden, war der zweite Teil der gestellten Aufgabe.

Dazu sind nach und nach die verschiedenen tatsächlichen
oder angenommenen Faktoren der einzelnen Krisen erforscht
worden, die allgemein wirtschaftlichen Faktoren, wie auch die auf
die Arbeit selbst bezüglichen Faktoren.

Als allgemein wirtschaftliche Faktoren kamen in Frage die
Rohstoffkrise, die Krise der Ausrüstung, die Transportkrise,
die Kapitalkrise, die Krise der Absatzmärkte und die Krise der
hr aa Das Ergebnis kann wie folgt zusammengefaßt
werden:
        <pb n="14" />
        Internationale Rundschau der Arbeit
I. Krise der Rohstoffe.

1. Für die Frage der Rohstoffe muß unbedingt ganz klar
zwischen zwei Zeitabschnitten unterschieden werden, deren eine
die Kriegs- und Nachkriegszeit bis zur Mitte des Jahres 1920
erfaßt, während die andere mit dem letztgenannten Zeitpunkte
einsetzt.

2. Während des erstgenannten Zeitraumes hat die Mehrzahl
der Länder, meist sogar in recht schwerer Weise, unter einem
Rohstoffmangel gelitten.

3. Die Feststellung des Vorhandenseins einer Rohstoffkrise
in der erwähnten Zeit ist von größter Bedeutung für die Frage,
die die Erhebung gerade aufklären sollte, und die das Nachlassen
der Produktion während jenes Zeitraumes betrifft, besonders in
den Jahren 1919 und 1920, in dem das Vorhandensein dieser Krise
festgestellt wird. Sicherlich hat diese Krise in der allgemeinen
Produktionskrise eine Rolle allererster Ordnung gespielt.

4. In Bezug auf den zweitgenannten Zeitraum ist die Unter-
scheidung unter den Ländern selbst von erheblicher Bedeutung:

a) Kriegführende Länder Mittel- und Osteuropas. — In den
Ländern dieser Gruppe bestand die Rohstoffkrise zur Zeit der
Erhebung noch fort, wenn auch mit mehr oder minder großer
Heftigkeit. Sie ist auf nachfolgende Faktoren zurückzuführen:
In einigen Ländern Veränderung der Grenzen infolge der Friedens-
verträge. Dadurch gingen Gebiete verloren, die den Veredelungs-
industrien jener Länder früher die Rohstoffe lieferten. In anderen
Fällen entstanden Schwierigkeiten bei der Verwendung der an
sich vorhandenen Rohstoffe, weil die technische Ausrüstung
ungenügend oder, in schlechtem Zustande war, oder weil die
Transportgewerbe den Bedürfnissen nicht genügten; in anderen,
manchmal sogar in denselben Ländern, hatte der Krieg Zer-
störungen aller Art herbeigeführt; die technischen Einrichtungen
waren unzureichend, es traten Kapitalmangel, Betriebseinstellungen
Ungewißheit und andere Schwierigkeiten in den Handelsbeziehungen
zu den Nachbarstaaten ein und in allen Fällen die Gold- und
Währungskrise. Die Krise der Rohstoffe war unter den ver-
schiedensten Formen in ganz Mittel- und Osteuropa von der
Währungskrise beherrscht.

b) Kriegführende Länder Westeuropas. — In den Ländern
dieser Gruppe besteht die Rohstoffkrise während des zweit-
genannten. Zeitraumes nicht mehr, oder aber sie zeigt sich nur in
einigen ganz außergewöhnlichen Fällen. Allerdings sind einige
Klagen über hohe Preise etlicher Rohstoffe zu verzeichnen, aber
im Allgemeinen werden sie nicht als Hindernisse für die Pro-
duktion angeführt. Um diese neue Situation zu beleuchten,
sei auf drei besondere Tatsachen hingewiesen: Es handelt sich
hier nicht mehr um eine Transportkrise; die Handelsbeziehungen
der Länder dieser Gruppe mit den Nachbarstaaten sind völlig
wiederhergestellt, und im Gegensatze zu den Ländern Mittel-
und Osteuropas mit ihrer niedrigen Währung gehören sie zu den
Ländern mit einer mittleren oder höheren Währung. Innerhalb

12
        <pb n="15" />
        Erhebung über die Produktion „3
dieser Gruppe machten sich jedoch, wenn auch von Land zu Land
in verschiedener Stärke, Schwierigkeiten des Absatzes bemerkbar.

c) Die neutralen europäischen Länder. — In diesen Ländern
ist die Rohstoffkrise noch mehr als in der letzgenannten Gruppe
zur Zeit der Erhebung überwunden. Sie gehörten in der Regel zu
dem Gebiete der hohen: Währung. Die einzigen Klagen, die in
ihnen mit Bezug auf die Rohstoffe auftauchen, betreffen die Preise.
Besonders beschwert man sich in einigen Ländern über das System
der Vorzugszölle und der dadurch entstehenden Ungleichheit der
Herstellungskosten. Diese Klagen beziehen sich also schon auf
die aus allen Teilen dieser Gruppe auftauchenden neuen Probleme:
Sperren der Märkte gegen die angebotenen Waren, und Arbeits-
losigkeit.

d) Außereuropäische Länder. — Diese für die kriegführenden
Länder Westeuropas und für die europäischen neutralen Länder
festzustellende neue Situation zeigt sich besonders deutlich in
den Ländern der letzteren Gruppe. Die Krise des Rohstoffmangels
ist hier völlig verschwunden; nirgends und auch in keinem Falle
spricht man hier auch nur von einer Teuerung der Rohstoffe.
Man darf hier nicht übersehen, daß es sich bei den Ländern dieser
Gruppe, wenigstens soweit sie hierzu Auskünfte geben, um die
großen Rohstofferzeuger und die Länder mit hoher Währung
handelt.

In Bezug auf die Auswirkungen der Rohstoffkrise auf die
Produktion sei noch auf eine besondere Untersuchung der Rück-
schläge der Versorgung oder des Mangels ausreichender Versorgung
in chemischen Düngemitteln für die landwirtschaftliche Produktion
hingewiesen. Diese Nachprüfung führt zu der Schlußfolgerung,
daß in der Gruppe der außereuropäischen Länder, deren Ver-
sorgung mit Düngemitteln von den KEreignissen wenig berührt
worden ist, die Erzeugung an Zuckerrüben, Roggen und Weizen
im Allgemeinen in den Vergleichsjahren nicht sehr stark nach-
gelassen hat. Ganz anders jedoch ist die Wirkung in den drei
Gruppen der europäischen Länder; der Rückgang erreicht im All-
gemeinen seinen Höchstgrad in der Gruppe der kriegführenden
Länder Mittel- und Osteuropas, deren Einfuhr an künstlichen
Düngemitteln in der hier erfaßten Zeit am stärksten betroffen
wurde.

Solche Feststellungen lassen gewisse Rückwirkungen der
Rohstoffkrise auf die Weltwirtschaft erkennen. Diejenigen Länder,
deren Erzeugung infolge ihrer ungenügenden Versorgung mit
Rohstoffen zurückgeht, werden dadurch auch in ihrer Kaufkraft
geschwächt und hören mehr oder weniger auf, Absatzmärkte
für diejenigen fremden Länder zu bleiben, deren Erzeugnisse sie
an sich brauchen. Die Krise der landwirtschaftlichen Ergiebigkeit
gewisser Länder, die wenigstens teilweise eine Folge der Krise
auf dem Gebiete der Versorgung mit künstlichen Düngemitteln
te wird so zu einem Faktor der Industriekrise anderer

änder.

1:
        <pb n="16" />
        Internationale Rundschau der Arbeit
2. Die Krise der technischen Ausrüstung

Bei dieser Frage ergeben sich zunächst die folgenden Schluß-
folgerungen:

1. Eine erhebliche Anzahl von Ländern fand sich bei Be-
endigung des Krieges in einer außerordentlich schweren Krise
der technischen Ausrüstung.

2. Diese Krise erreichte damals und während des Jahres 1919
ihren höchsten Punkt. Darauf ist dann ein andauernder Rückgang
dieser Krise zu bemerken, doch behinderte sie in der Mehrzahl
dieser Länder die Wiederbelebung der Produktion noch zu der
Zeit, als die Antworten auf den Fragebogen für diese Erhebung
bearbeitet und in einer Reihe von Ländern an Ort und Stelle auch
unmittelbare Auskünfte eingeholt wurden.

3. Die Krise der technischen Ausrüstung zeigt sich besonders
in Europa und hauptsächlich, wenn nicht ausschließlich, bei den
kriegführenden Ländern. Außerhalb Europas macht sie sich
höchstens durch minder folgenschwere Rückwirkungen der euro-
päischen Krise bemerkbar, z. B. dadurch, daß die Beschaffung
bestimmter in KEuropa hergestellter Maschinenarten erschwert
wird.

Die wichtigsten Faktoren dieser Krise sind: a) Zerstörung
oder Beschlagnahme während des Krieges, b) übermäßige Ab-
nutzung aller Art der technischen Ausrüstung während der Kriegs-
zeit, c) in manchen Ländern die Währungskrise.

Aber die Tatsachen dieser Art zeigen doch nur eine Seite
des Zustandes. Soweit Unterlagen beschafft werden konnten,
besonders in Beantwortung der Frage: „Hat die Verwendung
von Maschinen als Ersatz der Handarbeit seit Kriegsbeginn
Fortschritte gemacht ?‘““: lassen sie eine zweite sich außerordentlich
deutlich zeigende Bewegung in einer ganzen Reihe von Ländern
in die Erscheinung treten, die Bewegung zur Vervollkommnung
der technischen Ausrüstung. Als Ursache des auf diesem Gebiete
erzielten Fortschrittes sind im Wesentlichen in der Kriegszeit
erweiterte und dringende Anforderungen anzusehen, dann auch
der Arbeitermangel, der sich als Hindernis zur Befriedigung jener
Bedürfnisse erwies, und schließlich die erhöhten Löhne, die sowohl
die Folge jener Bedürfnisse wie auch dieses Mangels waren und
die geradezu auf den Ersatz der Handarbeit durch Maschinen
hindrängten, soweit das irgend möglich war. Die hierzu zusammen-
getragenen Einzelheiten bestätigten also erneut die schon oft
festgestellte Tatsache, daß zwischen dem Steigen der Löhne und
der Vervollkommnung der technischen Ausrüstung eine innere
Verwandtschaft besteht.

Um diese Fortschritte in den Vereinigten Staaten darzutun,
sei an eine Erklärung des Handelsministers Herbert Hoover
vom 8. Mai 1923 erinnert, nach der man dank der Vervollkomm-
nung der Technik in der Lage sei, „einem Jeden die gleiche Waren-
menge zu liefern, die er vor 10 Jahren verbrauchte, und trotzdem
2 Millionen Arbeiter zu entlassen‘. Im Ganzen sind es, wenn man

14
        <pb n="17" />
        Erhebung über die Produktion 15
das Vereinigte Königreich ausnimmt, hauptsächlich die neutralen
Länder Europas und die außereuropäischen Länder, die für die Zeit
des Krieges in zahlreichen Wirtschaftsgebieten das Bild einer
erheblichen Vervollkommnung ihrer technischen Ausrüstung dar-
bieten; groß ist der Gegensatz zwischen den Ländern dieser beiden
Gruppen einerseits und gewissen kriegführenden Ländern Europas,
besonders Mittel- und Osteuropas andererseits, wo man in Bezug
auf die technische Ausrüstung eine stark rückläufige Bewegung
feststellen muß ohne jedes Gegengewicht. Die Antwort der rumä-
nischen Regierung (vom 1. Juli 1921) hierzu ist deutlich: „Seit
dem Beginne des Krieges sind keine Maschinen mehr eingeführt
worden. Die Mehrzahl der früher vorhandenen wurde durch den
Feind zerstört oder weggenommen. Infolgedessen ist die Hand-
arbeit nicht durch Maschinen ersetzt worden, denn unsere In-
dustrie konnte sie nicht liefern; der Maschinenmangel mußte im
Gegenteil durch Handarbeit wettgemacht werden.“

So bemerkt man deutlich zwei Bewegungen, beide größten
Stiles; die eine voller Verwüstungen, übermäßiger Ausnutzung
und des Verbrauches der technischen Ausrüstung, andererseits
die Bewegung, die zur Ausdehnung, zur Vervollkommnung führt.
Die Erstere ist kennzeichnend für die Mehrzahl der kriegführenden
Länder Europas, während die Zweite in den neutralen europäischen
Ländern und in den außereuropäischen Ländern vorherrscht.
Diese beiden entgegengesetzten und ineinander übergehenden
Bewegungen beleuchten in gewissem Sinne sehr gut manche durch-
aus deutlichen Tendenzen der Entwickelung der allgemeinen
Produktion und der durchschnittlichen Arbeitsleistung der Be-
schäftigten in den verschiedenen Ländergruppen.

3. Transportkrise

Die Untersuchung über diese Frage ergibt folgende Schluß-
folgerungen:

1. Während des Krieges wie auch in der ersten Zeit nach
dem Kriege, d. h. vom Zeitpunkte des Waffenstillstandes bis zur
Mitte des Jahres 1920, als sich auf dem Weltmarkte ein allgemeiner
Zusammenbruch bemerkbar machte, haben alle Länder die größten
Schwierigkeiten auf dem Gebiete des Transportwesens durch-
gemacht. Zu der Krise des Landtransportes und der Binnen-
schiffahrt kamen die nicht minder großen Hemmnisse des See-
verkehres. In allen Fällen trat auch eine Preiskrise auf als Folge
erheblicher Erhöhungen aller Frachten.

Diese Krise mußte zur Erklärung der Tatsachen heran-
gezogen werden, über welche die Erhebung damals, als sie be-
schlossen wurde, Licht verbreiten sollte, hat sie doch zu jener Zeit
den Ausgleich von Angebot und Nachfrage behindert.

‚2. Die wesentlichsten Faktoren der Transportkrise sind:
die Zerstörung der Verbindungswege und der Kunstbauten in
den vom Kriege heimgesuchten Landstrecken, die außergewöhn-
liche Abnutzung des Matrials während des ganzen Krieges,
besonders in den europäischen Ländern, die längere Vertagung

1%
        <pb n="18" />
        S Internationale Rundschau der Arbeit

der Lösung der Reparationsfrage, die aus dem Ersatze der bisher
gebräuchlichen Kohle durch minderwertige Heizmittel entstandene
stärkere Abnutzung der Lokomotiven, für den Schiffsraum der
Unterseekrieg; dazu kamen nach dem Waffenstillstande für
gewisse Länder die Materialablieferungen, die langsame Verteilung
des Materiales an die neuen Staaten, und hier und da auch die
große Verschiedenheit des Transportmateriales verschiedenen
Ursprunges.

3. Die Weltabsatzkrise verändert für eine große Anzahl
von Ländern die Lage vollständig. Mit der zweiten Hälfte des
Jahres 1920 ruft der Rückgang der Transporte rasch an Stelle
des Tonnagemangels einen Überfluß an Tonnage hervor, der
dann bald in einer merklichen Senkung der Frachten seinen Aus-
druck findet. Die Transportmengen werden kleiner, die Wieder-
herstellungsarbeiten seit dem Waffenstillstande wirken sich lang-
sam aus. Damit verstärkt sich die Transportkrise schrittweise
sowohl in den kriegführenden Ländern Westeuropas als auch in
den neutralen und in den außereuropäischen Ländern. In allen
diesen Ländergruppen. hat sie um die Zeit, als die Erhebung durch-
geführt wurde, schon wieder aufgehört, von wesentlichem Ein-
flusse auf die Produktionskrise zu sein, d. h. also gegen Ende 1920
und im Jahre 1921.

4. Ganz anders aber stellt sich die Lage dar für die meisten
Länder Mittel- und Osteuropas. Dort bleibt die allgemeine Wirt-
schaftslage immer noch erheblich von den Transportschwierig-
keiten beeinflußt. Die Krise scheint hier ihren Höhepunkt in
Polen, im Königreiche SKS und in Rumänien zu erreichen.

Aus den zur Verfügung stehenden Unterlagen über die Fracht-
tarife für den Transport zu Lande ergibt sich ein allgemeines und
ununterbrochenes Ansteigen, wenn man die Sätze mit denen des
Jahres 1914 vergleicht. Am größten ist die absolute Steigerung
in den Ländern mit entwertetem Gelde. Aus den vorliegenden
Angaben geht jedoch auch hervor, daß die Erhöhung der Eisen-
bahntarife längst nicht mit der Geldentwertung der betreffenden
Länder Schritt hält, besonders nicht mit der Entwertung des
Geldes auf dem Weltmarkte. Die in diesen Zweigen eingetretenen
Veränderungen gehören zu den wesentlichsten Ursachen der tief-
gehenden Veränderungen der Herstellungspreise, die später eine
solche Rolle in der Absatzkrise spielen sollten.

4. Kaptitalkrise

Nach den vorhandenen Unterlagen gehört zu den Faktoren,
die in vielen -Ländern die Wiederbelebung der Produktion be-
hinderten oder gar verhinderten, in erster Linie der Kapitalmangel.
Diese Feststellung kann für alle Länder Mittel- und Osteuropas
gemacht werden, bis zu einem gewissen Grade aber auch für
wenigstens einige der kriegführenden Länder Westeuropas, ins-
besondere für Frankreich und Italien.

Diese Krise findet ihren Ausdruck vornehmlich in dem Miß-
verhältnisse zwischen den Betriebs- und Rücklagemitteln der

16
        <pb n="19" />
        Erhebung über die Produktion 17
Betriebe einerseits und ihren Bedürfnissen andererseits, die durch
die verschiedenen Kostenelemente der Produktion bedingt sind:
technische Ausrüstung, Rohstoffe, Arbeitskräfte usw. Während
nun die Preise dieser Elemente manchmal ganz gewaltig gestiegen
sind, insbesondere infolge der Entwertung der Währung des betr.
Landes auf dem inneren Markte und ihrer noch stärkeren Ent-
wertung auf dem Weltmarkte, vermehrten sich die dem gleichen
Betriebe zur Verfügung stehenden Geldmittel nur in viel ge-
ringerem Maße.

Die Geldkrise wie auch die Währungskrise erzeugen jedoch
in der Industrie nicht nur Schwierigkeiten durch die oft sehr
plötzliche Verteuerung ihrer Produktionsmittel und das dadurch
verstärkte Mißverhältnis zwischen vorhandenem und benötigtem
Kapital; sie erhalten und verstärken vielmehr diese Krise, indem
sie das Anlage suchende Kapital abstoßen und in andere Bahnen
drängen. Die fortwährende Entwertung des Geldes hält die
verfügbaren Kapitalien von Anlagen mit festem Ertrage ab,
d. h. also von Anleiheoperationen, die infolge der Zinsen und Rück-
zahlungen in entwertetem Gelde die Gefahr eines Verlustes für
den Darlehnsgeber in sich schließen. Die anderen Arten der
Kapitalanlage in der Industrie, z. B. durch Aktienerwerb, sind
behindert durch den ungesunden Wettbewerb der Handels- und
Finanzspekulation, die durch die regellosen Bewegungen der
Warenpreise, Devisen und Wertpapiere begünstigt werden.

Man muß jedoch zwischen der hier angedeuteten Kapital-
krise, die mit den unmittelbaren Rückschlägen des Krieges zu-
sammenhängt, und zwischen der Kapitalkrise unterscheiden, die
sich in anderen Ländern als ein Teil der gegen Mitte 1920 auf-
tretenden Krise der Absatzmärkte bemerkbar machte. Diese
letztere Art der Kapitalkrise wirkt ebenso auf die Produktion
wie die Erstere im Sinne einer Verminderung der Produktion.
Zwischen der Auswirkung der einen und der anderen Form dieser
Krise ist aber ein wesentlicher Unterschied zu machen: während
die zweite, die aus der Krise der Absatzmärkte entsteht, durch
ihre Beschränkung der Produktion dazu führt, diese einer ge-
ringeren Nachfrage anzupassen, verhindert die erstere, daß die
ungenügende Produktion sich nach den Bedürfnissen des Marktes
entwickelt.

5. Krise der Absatzmärkte

Um für die verschiedenen Länder die Tatsachen festzustellen,
die sich auf das etwaige Bestehen, die Ausdehnung und die Ent-
wickelung der Krise beziehen, sind untersucht worden: a) die auf
die Krise selbst bezüglichen Unterlagen (Mitteilungen der ge-
werblichen Organisationen, Berichte von Erhebungen, Antworten
auf Fragebogen usw.), b) die Ausfuhrstatistiken, c) Statistiken
der Produktion und der Arbeitslosigkeit. Auf Grund dieses ge-
samten Materiales darf man für das Problem des Mangels an Ab-
satzmärkten während der Zeit, über die sich die Erhebung erstreckt,
die folgenden Feststellungen machen.

A
        <pb n="20" />
        Internationale Rundschau der Arbeit

1. Wenn man von der ersten Zeit des Krieges absieht, da dieser
Zeit der plötzlichen und völligen Desorganisation der früheren
Absatzgebiete nur nach und nach die Entstehung neuer Märkte
folgte, so kann man allgemein sagen, daß dieser Zeitraum eine
Krise der Absatzmärkte nicht gekannt hat. Der Warenmangel
war das vorherrschende Kennzeichen.

2. Gleich nach dem Waffenstillstande hatte die plötzliche
Beendigung des Krieges, soweit die Absatzmärkte in Frage kommen,
im Allgemeinen die gleichen Folgeerscheinungen wie der Übergang
zum Kriegszustande. Auch die Rückkehr zur Friedenswirtschaft
zeitigte eine Umwälzung in Bezug auf die Absatzmärkte, sodaß
der Beginn des Friedens genau wie der Beginn des Krieges im
Zeichen einer Krise der Absatzmärkte stand, der „Krise des
Friedens“.

3. Die auf den Waffenstillstand folgende Krise der Absatz-
märkte war jedoch, genau wie die gleiche Krise zu Anfang des
Krieges, von nur kurzer Dauer. Schon gegen die Mitte des Jahres
1919 war sie überwunden, und die Welt befand sich in einer
Phase außerordentlich starken industriellen Aufschwunges. Im
Jahre darauf folgte ihr jedoch eine Krise der Absatzmärkte, wie
sie in gleicher Ausdehnung und Dauer bisher nicht gekannt war.

Diese Krise zeigte sich in den ersten Monaten des Jahres 1920
zunächst im fernen Osten, in Japan, um bald auf die Vereinigten
Staaten überzugreifen und gegen Ende des Jahres auch in Europa
einzusetzen.

4. Zu verschiedenen Zeitpunkten des genannten Jahres wie
auch im Verlaufe des folgenden Jahres tritt die Krise in allen
Gruppen auf; am schwersten macht sie sich in der Gruppe der
außereuropäischen Länder und in der Gruppe der neutralen
europäischen Länder bemerkbar, desgleichen in einem der Länder
der Kriegführenden Westeuropas, nämlich in Großbritannien.
Weniger heftig zeigt sie sich in der Gruppe der kriegführenden
Länder Mittel- und Osteuropas als in den kriegführenden Ländern
Westeuropas. In der letzteren Gruppe ist das Vereinigte Königreich
am meisten betroffen, und Frankreich und Belgien sind von ihr
mehr und rascher betroffen als Italien.

5. Im Ganzen gesehen, dürfte die Krise im Jahre 1921 ihren
Höhepunkt erreicht haben. Von Ende dieses Jahres an läßt sich
in den verschiedenen Ländern eine gewisse Besserung feststellen,
die sich auch 1922 fortsetzt, wenngleich die allgemeine Wirtschafts-
lage in diesem letzteren Jahre noch von der Krise beherrscht
bleibt, die in einigen Fällen sogar noch 1923 neu aufflackert,
während sie in anderen Ländern nachläßt oder gar völlig ver-
schwindet.

6. Um die Zeit, als die Fragebogen versandt wurden, führte
ein durchaus vorübergehender Umstand, die kurze Krholung
der Währung in mehreren Ländern Mittel- und Osteuropas, in
diesen zu einer Krise der Absatzmärkte, die in den Antworten
dann ihren Niederschlag fand. Dieselbe war jedoch nur vorüber-
gehender Art. KEines der Länder dieser Gruppe, Rumänien, hat
zu keiner Zeit eine Krise der Absatzmärkte gekannt, während in

18
        <pb n="21" />
        Erhebung über die Produktion z
einem anderen Lande, Polen, diese Krise nur von verschwindender
Bedeutung war.

7. Besondere Erwähnung verdient hier ein offensichtlich in
der ganzen Welt betroffener Gewerbezweig, sogar in jenen Ländern,
die in Bezug auf die Krise in jeder anderen Hinsicht eine be-
vorzugte Stellung einnahmen, nämlich das Baugewerbe.

Die wichtigsten Faktoren der Krise der Absatzmärkte, deren
Bedeutung hier dargelegt wurde, sind a) die Bewegung der höchsten
Preissteigerung in der Zeit vor der Krise und der Widerstand
der Verbraucher, b) der Aufschwung der Produktion nach dem
Kriege, c) die Ansammlung von Vorräten, d) die Krise der Kauf-
kraft Europas, besonders in Mittel- und Osteuropa, e) die Ent-
wickelung der Produktion gewisser Länder während des Krieges,
f) der Wettbewerb der Länder mit niedrigeren Gestehungskosten,
g) die Rückwirkung der Wirtschaftskrise selbst (Ausbreitung
der Krise von einem Zweige auf den anderen, von einem Lande
zum anderen, Verminderung der Kaufkraft der verschiedenen
Gesellschaftsschichten unter der Einwirkung der Krise, die gegen
sie eingeleiteten Zollerschwerungen sowie Ein- und Ausfuhr-
verbote usw.

Mit Hilfe einer Reihe von Tatsachen, die den verschiedensten
Gebieten entnommen wurden, ließ sich die Auswirkung der Ver-
engerung des Marktes auf die Produktion dartun, ganz gleich,
ob es sich dabei um eine selbsttätige Anpassung des Angebotes
an eine immer geringere Nachfrage handelt, die sich in einem Preis-
rückgange ausdrückt, oder um kollektive Maßnahmen, die von
großen Organisationen ergriffen wurden, um durch planmäßige
Einschränkung der Produktion gegen die schwache Aufnahme-
fähigkeit des Marktes zu wirken.

6. Krise der Währung

Es scheint, daß die Krise der Währungen innerhalb der beiden
Formen der Produktionskrise die wichtigste Rolle spielt. Es ist
versucht worden, ihre Bedeutung genauer festzuhalten. Anhand
einer allgemeinen Übersicht kann man die Bewegung des Preises
des Dollars in 33 Ländern verfolgen und zwar vom ersten Halb-
jahre 1914 bis zum Ende des ersten Viertels 1924. Neben den in
den Geldsorten der verschiedenen Länder bezeichneten Preisen
gibt diese Tabelle, zur Erleichterung eines internationalen Ver-
gleiches, auch Meßziffern wieder. Diese Meßziffern werden durch
ein allgemeines Diagramm veranschaulicht, das wegen der uner-
hörten Ausdehnung gewisser Bewegungen nur mit Hilfe von
Logarithmentafeln bearbeitet werden konnte. In diesem Dia-
gramme mußte dieser Bewegung in solchen Ländern, in denen
die Steigerungen die höchsten Grade erreichten, ein besonderer
Platz eingeräumt werden.

Um ein Bild von den Beziehungen zwischen der Logarithmen-
tafel und der arithmetischen Reihe zu geben und dadurch wenigstens
versuchsweise die fast unaussprechliche Gewalt der Wertumwäl-
zungen darzutun, die in solchen Zahlen und durch die graphische

90*

10
        <pb n="22" />
        _ Internationale Rundschau der Arbeit

Darstellung ihren Ausdruck finden, sei mit Hilfe einiger be-
merkenswerter Vergleichsdaten festgestellt, wie hoch diese
graphische Darstellung hätte sein müssen, wenn man dafür eine
arithmetische Reihe gewählt hätte. Wenn man von der Entfernung
zwischen dem Grade 100 und dem Grade 200 der Hauptzahlen
der vorliegenden graphischen Darstellung, deren Entfernung
28,125 mm ist, ausgeht, so würde die entsprechende Zahl für
Polen für den August 1921, in einer arithmetischen Reihe aus-
gedrückt, eine Höhe von 18 Metern haben. Wollte man in gleicher
Weise, die dem Werte des Dollars in Berlin im August 1923 ent-
sprechenden Meßziffern darstellen, so würden diese die Höhe des
Mont-Blanc erreichen. Anfang September desselben Jahres
aber hätte man in solcher Weise den Wert des Dollars in Rubeln
nur durch eine Zahlenreihe ausdrücken können, die die Länge
des Durchmessers der Erde hat, das ist 12730 km. Ende des-
selben Monates war der Preis des Dollars in deutscher Mark so
gestiegen, daß diese Zahlenreihe die Länge des Erdumfanges gehabt
hätte, und wieder einen Monat später hätte man die Entfernung
von der Erde zum Monde (384000 km) nehmen müssen, um in
einer solchen Zahlenreihe den Preis des Dollars in Berlin festzu-
halten, und Ende November 1923, als die Mark stabilisiert War,
und der Wert des Dollars, an der bisherigen Mark gemessen, dem
Betrage von 4 Billionen 200 Milliarden entsprach, hätte das
Diagramm zur Aufstellung der Meßziffer einer solchen Zahl
(100045 640000000) eine Höhe von 28 Millionen Kilometern
gehabt oder etwa drei Viertel der Entfernung von der Erde zur
Venus, die 40 Millionen km beträgt, oder fast ein Fünftel der Ent-
fernung der Erde von der Sonne (149 Millionen km).

Die Rückwirkungen der Währungskrise auf die Herstellungs-
preise, auf die Bewegungen der internationalen Wechselkurse und
auf die Produktion selbst sind ebenfalls untersucht worden: von
ihnen ist später noch die Rede.

Nach den allgemeinen wirtschaftlichen Faktoren der Pro-
duktionskrise in ihren beiden Formen sind die tatsächlichen
oder angenommenen Faktoren erforscht worden, die besonders
die Arbeit und die Arbeiter betreffen. MNacheinander wurden
dabei erfaßt: 1. die unmittelbaren bevölkerungspolitischen Nach-
wirkungen des Krieges, 2. die Krise der Berufsausbildung, 3. die
Krise der Arbeitskräfte, 4. die in den Lebensverhältnissen der
Arbeiter eingetretenen Veränderungen, 5. der Rückgang des
Gesundheitsstandes der Arbeiterschaft, 6. die psychologischen und
sittlichen Faktoren, 7. der Widerstand der Ärbeiterschaft gegen
das Leistungslohnsystem, 8. Ausstände und Aussperrungen,
9. Arbeitslosigkeit, 10. die Verkürzung der Arbeitszeit.

a) Die unmittelbaren bevölkerungspolitischen Nachwirkungen des
Krieges

aa) Die zum Militärdienste Eingezogenen. — Mit Hilfe aller
verfügbaren statistischen Unterlagen wurde für insgesamt 24 Länder
oder Ländergruppen die Zahl der Eingezogenen und deren zahlen-

20
        <pb n="23" />
        Dollarkurse in den hauptsächlichen Ländern (logarıthmischer Maßstab) ,
Indexziffern: 1914: 100
be ‚230000000 * = 1000009
w00008
4000090
130000Q
200000
100000
. 000000
300000
7090000
00000
a 500000
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1914 191519161917 A918—— 919 ——I920 ——I921—— — 922 ——923 —— 924 ——0925-
* Reichsmark. ** Tcherwonetz.  *** Zloty. **** Schilling.
        <pb n="24" />
        Einfuhr nach Rußland. Goldrubel nach den Preisen von 1913. Index-
ziffern der gesamten Jahreseinfuhr und Prozentsätze nach Ländern
1913 (100)
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KRIEGSFÜHRENDE LÄNDER [_——] AVSSEREUROPÄISCHE
TER2007 0200 WESTEUROPAS LÄNDER
        <pb n="25" />
        Erhebung über die Produktion „1
mäßiges Verhältnis zur Gesamtbevölkerung, zur männlichen
Bevölkerung usw. festgestellt, wie auch zur werktätigen Bevölke-
rung und zur männlichen werktätigen Bevölkerung. Für alle
diese Länder wurde eine Gesamtzahl von annähernd 70 Millionen
zum Heeresdienste Eingezogenen (69882463) ermittelt. Auf die
Gesamtbevölkerung der hier erfaßten Länder ergibt das einen
Durchschnitt von 7,2 Eingezogenen auf je 100 Einwohner. Für
die kriegführenden Länder in Europa dagegen ergibt sich eine
Ziffer von 13,4 vH, während sie in den nichteuropäischen krieg-
führenden Ländern nur 1,6 vH beträgt. Von der männlichen
Bevölkerung waren im allgemeinen Durchschnitte 14,3 vH ein-
gezogen, und zwar in den europäischen kriegführenden Ländern
27,1 vH, in den nichteuropäischen Ländern 3,1 vH. Soweit ver-
wertbare Angaben von allen diesen Ländern vorliegen, waren
von der gesamten erwerbstätigen Bevölkerung 27,5 vH eingezogen,
oder 33,9 vH in den europäischen Ländern und 10,4 vH in den
nichteuropäischen Ländern. Für die nichteuropäischen krieg-
führenden Länder allerdings liegen diese letzteren Angaben nur
für solche Länder vor, die tatsächlich den verhältnismäßig größten
Hundertsatz aufweisen, wie auch aus den übrigen Angaben der
diesbezüglichen Tabelle des Berichtes hervorgeht. Das trifft
übrigens auch für die Berechnung der durchschnittlichen Zahlen
der von der männlichen erwerbstätigen Bevölkerung Eingezogenen
zu. Für alle erfaßten europäischen kriegführenden Länder erreicht
sie 51,3 vH; für die Gruppe der kriegführenden Länder in Mittel-
und Osteuropa ist sie 58,7 vH, für die Gruppe der kriegführenden
Länder Westeuropas 44,5 vH, für die 4 erfaßten nichteuropäischen
Länder. 13,5 vH.

bb) Tote und Vermißte. — In einer anderen Übersicht des Be-
richtes wurden die über die Zahl der Toten und Vermißten ver-
fügbaren Angaben zusammengestellt, wie auch über ihr zahlen-
mäßiges Verhältnis zur erwerbstätigen männlichen Bevölkerung
und zu den Eingezogenen. Für insgesamt 20 Länder ist die Zahl
der Toten und Vermißten auf 9061832 berechnet. Diese Zahl
erfaßt in den kriegführenden Ländern Mittel- und Osteuropas
14,8 vH der Eingezogenen, in den kriegführenden Ländern West-
europas 14,9 vH und in der Gruppe der nichteuropäischen Länder
3,1 vH der Eingezogenen. Nach der erwerbstätigen männlichen
Bevölkerung berechnet, wurden Tote und Vermißte gezählt in
den kriegführenden Ländern Mittel- und Osteuropas 9,5 vH,
bei der Gruppe der kriegführenden Länder Westeuropas 6,6 vH
und in der Gruppe der nichteuropäischen Länder 0,4 vH.

cc) Kriegsbeschädigte. — Bei den internationalen Vergleichen
der Kriegsbeschädigtenziffern sind besondere Vorbehalte ange-
bracht. Nur unter Voranstellung dieser Vorbehalte kann man
neben die auf die einzelnen Länder bezüglichen Zahlen auch die
Ziffern stellen, die den durchschnittlichen Hundertsatz der
Kriegsbeschädigten im Vergleiche zu den Eingezogenen der ver-
schiedenen Ländergruppen dartun. Es ergibt sich dann für die
kriegführenden Länder Mittel- und Osteuropas ein Hundertsatz
von 8.5. für die kriegführenden Länder Westeuropas 17,1 vH;

VA
        <pb n="26" />
        Sn Internationale Rundschau der Arbeit
insgesamt für die europäischen Länder 11,9 vH und für die nicht-
europäischen Länder 5,5 vH.

Wenn man in gleicher Weise das Verhältnis der Kriegs-
beschädigten zur gesamten erwerbstätigen männlichen Bevölkerung
ermittelt, so ergibt sich folgendes Bild: Mittel- und Osteuropa
(diese Angaben erfassen nur zwei Länder) 7,2 vH, Westeuropa
(4 Länder) 7,9 vH, nichteuropäische Länder (3 Länder) 0,7 vH.

Ein besonderer Abschnitt ist der Arbeitsleistung der Kriegs-
beschädigten gewidmet. Aus den vorliegenden Unterlagen geht
hervor, daß es sich bei der Arbeit der Kriegsbeschädigten um
eine sehr heikle und schwierige Frage handelt; daß gewiß durch
ernste Bemühungen zur Anpassung der Arbeit selbst an die Kigen-
art dieser Arbeitergruppe recht bemerkenswerte Ergebnisse er-
zielt werden konnten, daß jedoch trotz allem das Vorhandensein
einer großen Anzahl von Kriegsbeschädigten in den am Kriege
beteiligten Ländern einen Faktor darstellt, der natürlich auf das
Gesamtbild einen merklichen Einfluß ausüben mußte, und zwar
im Sinne eines Rückganges der Produktion und der Durchschnitts-
leistungen. Auch die Angaben, welche die neuen zur Ausfüllung
der entstandenen Lücken herangezogenen Arbeitergruppen be-
treffen (Frauen, Kinder, Greise, in gewissen Fällen auch farbige
Arbeiter), wie auch ihren beruflichen Wert, dürften eine gleiche
Schlußfolgerung rechtfertigen. -

b) Die Krise der beruflichen Ausbildung

Die auf diesem Gebiete behandelten Fragen betreffen: 1. das
Aussetzen der Arbeit während des Krieges, 2. den Berufswechsel,
3. die Krise des Lehrlingswesens und des beruflichen Unterrichtes,

I. Das Aussetzen der Arbeit während des Krieges. — Die
positiven wie auch die negativen Feststellungen auf Grund des
gesamten vorliegenden Materiales lassen den Schluß zu, daß die
Arbeitsunterbrechung während der Kriegszeit zur Verminderung
der beruflichen Eignung der eingezogenen Arbeiter beigetragen
hat, wenngleich diese Verminderung nur vorübergehender Art und
anscheinend etliche Monate nach der Demobilmachung wieder
verschwunden war.

2. Der Berufswechsel. — Die Auswirkungen dieses Faktors
zeigen sich in allen Gruppen. Aus den eingegangenen Antworten
geht hervor, daß er sich am stärksten in den kriegführenden
Ländern bemerkbar macht, und hier wieder ganz besonders in
der Ländergruppe Mittel- und Osteuropas.

3. Die Krise des Lehrlingswesens und der Berufsschulung. —
Ein reiches Material weist auf die Bedeutung dieses Faktors hin.
Die Krise der beruflichen Fortbildung und des Lehrlingswesens
kam am schwersten in den kriegführenden Ländern Mittel- und
Osteuropas zum Ausdrucke. Sie hat aber auch die kriegführenden.
Länder Westeuropas stark betroffen, aber nur in schwachem Maße
die neutralen Länder, während anscheinend die nichteuropäischen
Länder von ihr unberührt blieben.

29
        <pb n="27" />
        Erhebung über die Produktion
c) Die Krise der Arbeitskraft (Arbeitermangel)

Die hierauf bezüglichen Tatsachen stehen in enger Ver-
bindung mit den soeben genannten. Unter den schon erwähnten
Umständen, die in der Zeit dieser Erhebung obwalteten, konnte
die. Krise der Arbeitskraft leider nicht völlig ausreichend erklärt
werden. Als nämlich die Antworten auf den Fragebogen bearbeitet
wurden, etwa um die Mitte des Jahres 1921, war diese Krise
durch die Ausstrahlungen einer anderen Krise verdunkelt, die sich
inzwischen in der Mehrzahl der Länder entwickelt hatte. Es
handelt sich um die Krise der Absatzmärkte und ihre Rück-
wirkung, die Arbeitslosigkeit. Die Arbeiterverbände empfinden
natürlich weit mehr eine Krise der Arbeitslosigkeit als eine solche
der Arbeitskraft, und daher erschien die Frage nach der möglichen
Bedeutung einer Krise der Arbeitskraft, also der Arbeitermangel,
als ein Anachronismus in einer Zeit, in der zahlreiche Arbeiter
vergeblich nach Arbeit suchten. Immerhin ergeben sich aus den
gesammelten Unterlagen für die Mehrzahl der erfaßten Länder
mehr oder minder tiefe Spuren einer Krise der Arbeitskraft,
wenigstens in der Gestalt einer Krise der Qualität, der qualifi-
zierten und hochqualifizierten Arbeit; bisweilen erscheint sie
als überschritten oder auch als auf ihrem höchsten Punkte angelangt,
aber vielfach wird noch berichtet, daß sie in mehr oder minder
fühlbarer Form noch andauert.

Es scheint, daß dieser Faktor die größte Rolle spielt oder
spielte in den kriegführenden Ländern Europas, und daß er sich
am wenigsten bemerkbar machte in der Gruppe der außereuro-
päischen Länder, während die neutralen Länder Europas hier wie
in vielen anderen Dingen eine mittlere Stellung einnehmen. Im
Gegensatze zu den für andere Gebiete gemachten Feststellungen
ergibt sich aber diesmal, daß die Gruppe der mittel- und osteuro-
päischen Länder nicht am stärksten betroffen wurde; in diesem
Falle dürfte sich vielmehr eine andere Unterscheidung ergeben.
Nach den vorliegenden Antworten nämlich dürften Frankreich
und Belgien zu den Ländern gehören, die am meisten unter Ar-
beitermangel zu leiden haben, während Italien und Polen zu der
Gruppe der am wenigsten davon betroffenen Länder gehören.
Stark muß diese Krise der Arbeitskraft auch in dem Vereinigten
Königreiche und in Österreich aufgetreten sein, während sie in
Deutschland und in Ungarn von geringerer Bedeutung gewesen
sein dürfte. Die große Lücke, die der Krieg zurückließ, die be-
grenzte Zahl der in den verschiedenen Ländern noch zur Verfügung
stehenden Arbeitskräfte, die Rückwirkungen des Krieges uf die
Berufsausbildung wie auch die wirtschaftliche Lage gleich nach
dem Kriege, dürften die wichtigsten Faktoren gewesen sein,
die zu der mehr oder minder starken Intensität beitrugen, mit der
dieser Mangel an Arbeitskräften sich in den verschiedenen krieg-
führenden Ländern bemerkbar machte.

23
        <pb n="28" />
        Internationale Rundschau der Arbeit
d) In den Lebensverhältnissen der Arbeiter eingetretene Veränderungen

Hierzu sind nacheinander untersucht worden: 1. die KEr-
nährungsverhältnisse, 2. die Unterkunftsverhältnisse, 3. die Löhne
in ihren Beziehungen zu den Lebenskosten.

1. Die Ernährungsverhältnisse. — Die Krise wird gekennzeichnet
a) durch den Mangel der notwendigsten Lebensmittel, b) durch
die Verminderung ihres Nährwertes, c) durch die Verteuerung
derselben.

Diese Krise der Nahrungsmittelversorgung trat so ziemlich
in der ganzen Welt auf, in der Kriegszeit als eine Krise der ver-
fügbaren Mengen und in gewissem Sinne auch als eine solche
ihrer Güte, aber auch als eine solche der Preise; aber um die Zeit
der Erhebung bestand sie nur für eine gewisse Anzahl von Ländern,
die zu der Gruppe der kriegführenden Länder Mittel- und Ost-
europas gehören.

Als die wichtigsten Faktoren der Krise gekennzeichnete
Umstände sind also in erster Linie das Nachlassen der landwirt-
schaftlichen Produktion in Europa, die zu ungenügender Ver-
sorgung der Märkte und damit zur Verteuerung dieser Produkte
beitrug, in einigen Ländern auch die Blockade, der Verlust des
russischen Versorgungsmarktes, Transportschwierigkeiten und die
Spekulation. Um die Zeit, als die Erhebung durchgeführt wurde,
befand sich die landwirtschaftliche Produktion wieder in der
Aufwärtsbewegung; die Blockade wurde beendet, die Transport-
schwierigkeiten wurden geringer oder verschwanden auch ganz.
Die in etlichen Ländern dennoch fortbestehende Krise zeigte
sich seitdem nicht mehr als die Folgeerscheinung eines unbedingten
Mangels an Waren, sondern als die Rückwirkung der Verarmung
dieser Länder oder bestimmter Bevölkerungsschichten in diesen
Ländern, als eine Folge der Währungskrise, bisweilen auch der
Grenzveränderungen, die diesem: oder jenem Lande einige ihrer
landwirtschaftlichen Gebiete entzogen, oder auch als Folge des
wirtschaftlichen Niederganges und der Arbeitslosigkeit.

Aus dem gesammelten Stoffe darf man die Schlußfolgerung
ziehen, daß als Auswirkung der Krise in den besonders davon
betroffenen Ländern ein Rückgang der Kräfte und der Volks-
gesundheit entstand, der wiederum zu einer Verminderung der
Leistungsfähigkeit der Arbeiterschaft führen mußte. Auf Grund
gewisser Feststellungen muß man in der Nahrungsmittelkrise
einen Faktor der politischen Agitation und der Nervosität sehen.
Die zu dieser Frage gemachten Feststellungen führen uns also
den weiter noch untersuchten Problemen näher, die sich auf
den Gesundheitszustand der Arbeiterschaft und auf psychologische
und sittliche Faktoren beziehen.

Die Absicht bestand, diejenigen Unterlagen in einer Gesamt-
übersicht über den Verbrauch an bestimmten lebensnotwendigen
Nahrungsmitteln in den „verschiedenen Ländern zusammenzu-
fassen, die sich auf die Lebensverhältnisse beziehen, und. die durch
Beantwortung der Fragebogen oder aus den darin erwähnten
Veröffentlichungen zusammengetragen werden konnten. Die

24
        <pb n="29" />
        Erhebung über die Produktion 25
Durchführung einer solchen Arbeit scheiterte daran, daß sie zu
umfangreich geworden wäre. Immerhin ist sie für einen besonders
wichtigen Artikel, für das Getreide, verwirklicht worden.

Es war beabsichtigt, die für den Verbrauch in den ver-
schiedenen Ländern verfügbaren Getreidemengen festzustellen.
Zu diesem Zwecke wurde die folgende Formel aufgestellt: Er-
zeugungsmenge + Einfuhr — Ausfuhr = verfügbare Menge für
den Verbrauch. Die hierauf bezüglichen vier Reihen von Daten
sind in einer allgemeinen Tabelle zusammengestellt, die 46 Länder
erfaßt, und zwar alle Länder von einiger Bedeutung. Darunter
befinden sich 38, von denen neun Zehntel der in der ganzen Welt
verfügbaren Mengen erfaßt werden und für die vergleichbare An-
gaben, sowohl für das letzte Jahrfünft vor dem Kriege, als auch
für die Kriegszeit bis 1917 und für die beiden Jahre 1920 und 1921,
beschafft werden konnten. Dabei kommt man zu folgenden Meß-
ziffern: Durchschnitt 1909—1913: 100, 1914: 95,5, 1915: 108,4,
1916: 84,8, 1917: 83,4, 1920: 77,6, 1921: 83,7. Das Jahr 1915
ist also die einzige hier erfaßte Zeit, in der die für den Verbrauch
verfügbaren Mengen größer waren als in der Vorkriegszeit. 1920
dagegen blieb die entsprechende Menge noch unter vier Fünfteln
der Vorkriegsziffer zurück, und 1921 geht sie über die letztere
nur um ein Geringes hinaus.

Bemerkenswert ist auch die nach Gruppen erfolgte Auf-
teilung der Gesamtziffern. Sie läßt die folgenden Feststellungen zu:

a) Die Gesamtmenge, die alljährlich für Europa zur Ver-
fügung stand, ist für alle Jahre,” über die Angaben vorliegen,
geringer als vor dem Kriege.

b) Mit Ausnahme von zwei Jahren, und zwar soweit hier
die Gruppe der nichteuropäischen Länder in Betracht kommt,
ergeben sich jedoch für alle genannten Jahre höhere Ziffern der
verfügbaren Menge als in,der Vorkriegszeit. Für 1915 ergibt sich
ein gewaltiger Überschuß (39,3 vH); die Fehlmenge von 1916
ist viel geringer (15,1 vH), während die für 1921 errechnete Ziffer
dem Vorkriegsdurchschnitte (Meßziffer: 99,7) fast gleichkommt.

c) In Europa sind die Gruppen der westlichen kriegführenden
Länder und der neutralen Länder im Allgemeinen weniger be-
troffen als die Gruppe der mittel- und osteuropäischen Länder.
Bei allen drei Gruppen erreicht der Rückgang den Höhepunkt —
wenn man die Länder zugrundelegt, über die Unterlagen vorliegen
— im Jahre 1917, als die verfügbaren Mengen der beiden krieg-
führenden Gruppen annähernd drei Viertel der Vorkriegszeit
(Meßziffer der kriegführenden Länder in Mittel- und Osteuropa:
74,6, der westlichen kriegführenden Länder: 75 erreichen. Für die
Gruppe der neutralen Länder betrug sie 83,5). Im Jahre 1920
macht sich eine merkliche Besserung geltend für die beiden ersten
Gruppen (Meßziffer der westlichen kriegführenden Länder: 93,8,
der neutralen Länder: 99,4). Für die Gruppe der mittel- und ost-
europäischen dagegen ergibt sich ein starker Rückgang (54,9).
Es sei noch hingewiesen auf den starken Rückgang des russischen
Anteiles an der Gesamtsumme der verfügbaren Mengen in den
Jahren 1920/21. Von 28,2 vH der Gesamtmenge während der

©
Vo)
        <pb n="30" />
        “ Internationale Rundschau der Arbeit

zu Grunde gelegten Zeit geht sie im Jahre 1920 zurück auf 16,7 vH
und auf 13,7 vH im Jahre 1921. Für Deutschland betrug der Anteil
1909—1913: 12,1 vH, 1917 nur noch 7,9 vH und 1920: 7,5 vH,
um dann 1921 auf 10,6 vH zu steigen.

2. Unterkunftsverhältnisse. — Aus den gesammelten Unter-
lagen geht hervor, daß diese Krise in der ganzen Welt um die Zeit,
als die Erhebung stattfand, eine allgemeine war. Sie war außer-
ordentlich stark im Orient und in bestimmten mitteleuropäischen
Ländern; auch in Westeuropa machte sie sich sehr stark be-
merkbar.

Aus den Antworten geht als grundlegendes Merkmal hervor,
daß überall eine Wohnungskrise, ein Wohnungsmangel besteht.
Dieser drückt sich aus in einer Steigerung der Mieten, in Über-
füllung und in der Zuhilfenahme minderwertiger Wohnungsarten,
wie auch solcher, die geradezu menschenunwürdig sind. In einigen
der beschafften Unterlagen werden als überaltert und mangelhaft
die jetzt vorhandenen Wohngelegenheiten, Baracken und Schul-
gebäude genannt, wie in Deutschland, Frankreich, Dänemark,
dunkle Küchen, eingebaute Höfe, Trockenböden, Ställe, Keller,
Wagenremisen, Lehmhäuser (Deutschland, Tschechoslowakei), in
die Erde eingegrabene Hütten oder Waggons in den Rangierbahn-
höfen (Polen).

Aus etlichen Berichten auch geht hervor, daß die Wohnungsnot
den Arbeitern die Annahme von Beschäftigung in anderen Orten,
wo Kräfte gebraucht werden, ungeheuer erschwert oder gar un-
möglich macht. Hier und da sieht man in dieser Schwierigkeit
ein besonderes Hindernis für die Entwickelung mancher Industrie.
Die „Housing Corporation“ in den Vereinigten Staaten bezeichnet
die Wohnungsnot als besondere Ursache der hohen Kosten und
Zeitverluste bei langen Wegen zur Arbeit, die wiederum schädlich
auf die Produktion einwirken. In der gleichen Linie liegt die
Behinderung der Sitzverlegung von Industrieanlagen aus Woh-
nungsmangel (Österreich, Tschechoslowakei, Vereinigte Staaten).
Manche Behörden und Verbände weisen auch darauf hin, daß die
Übervölkerung und die gesamten anormalen Wohnungsverhält-
nisse zum Rückgange des öffentlichen Gesundheitsstandes bei-
tragen. Daraus ergibt sich die enge Verbindung zwischen der
Wohnungskrise und der Produktionskrise, soweit nämlich diese
durch den Rückgang der lebendigen Kräfte der Arbeiterklasse
beeinflußt ist (Deutschland, Österreich, Italien, Vereinigte Staaten).
Zu den Feststellungen dieser Art gehört auch die von einer Organi-
sation gemachte Bemerkung, daß der Wohnungsmangel die Arbeiter
zwingt, lange und ermüdende Wege zur Arbeitsstelle zurückzu-
legen (Polen). Es handelt sich hier also um Überanstrengung,
übermäßigen Kräfteverbrauch und um einen Rückgang der
Leistungsfähigkeit.

Es wurde schon betont, daß diese Wohnungskrise in allen
Ländern in die Erscheinung tritt oder trat, in den meisten Ländern
sogar in sehr drückender Weise. Immerhin darf man auf Grund
des vorliegenden Materiales sagen, daß sie besonders schwer in
den kriegführenden Ländern auftrat. Dieser Eindruck wird durch

26
        <pb n="31" />
        Erhebung über die Produktion 27
die im ersten Teile des Berichtes erwähnten Daten über die Ent-
wickelung des Baumarktes bestätigt; ihre schärfste Auswirkung
zeigte sie in den kriegführenden Ländern Mittel- und Osteuropas.

3. Die Löhne in ihrer Beziehung zu den Lebenskosten. — Zur
Feststellung der in Bezug auf die Lebensverhältnisse der Arbeiter-
klasse eingetretenen Veränderungen wurde eine Untersuchung
der Löhne in ihrer Beziehung zu den Lebenskosten unternommen.
Für eine Reihe von Ländern boten die auf den Fragebogen ein-
gehenden Antworten in dieser Beziehung recht wertvolle und neu-
artige Unterlagen. In anderen Fällen ist nach Möglichkeit versucht
worden, die so gesammelten Unterlagen mit Hilfe von amtlich
veröffentlichten Angaben zu ergänzen, ohne daß es jedoch möglich
gewesen wäre, das gesamte Schrifttum über dieses Gebiet aus allen
Ländern gründlich zu erschöpfen. Die Untersuchung erstreckte
sich auf die nachfolgenden Länder: kriegführende Länder Mittel-
und Osteuropas: Deutschland, Österreich, Ungarn, Tschecho-
slowakei, Polen, Litauen, Estland, Lettland, Finnland, König-
reich SKS, Rumänien, Bulgarien; kriegführende Länder West-
europas: Belgien, Frankreich, Italien, Vereinigtes Königreich;
neutrale europäische Länder: Schweden, Norwegen, Dänemark,
Niederlande, Schweiz, Spanien; nichteuropäische Länder: Ver-
einigte Staaten, Kanada, Südafrika, Indien, Australien. Die auf
jedes einzelne Land bezügliche Studie gliedert sich in drei Teile:
Lebenskosten, Löhne und Beziehungen beider Angabenreihen
zueinander.

Es ist kaum möglich, diese mehr oder minder betonten Er-
gebnisse einer so verwickelten und umfangreichen Untersuchung
in wenigen Worten zusammenzufassen, doch seien ganz allgemein
die folgenden Feststellungen herausgezogen:

a) Gleich zu Beginn des Krieges, als mit dem Abbruche der
wirtschaftlichen Beziehungen von Land zu Land, mit der Mobili-
sierung und der Umwandlung der Friedenswirtschaft in die Kriegs-
wirtschaft, in zahlreichen Ländern eine starke Arbeitslosigkeit
einsetzte, begannen auch die Löhne zu sinken.

b) Nach dieser ersten aber kurzen Phase zeigt sich dann eine
Aufwärtsbewegung, die in den ersten beiden Jahren des Krieges
weniger bemerkbar ist, aber im Verlaufe der beiden letzten Kriegs-
jahre stärker wird. Die Aufwärtsbewegung der Löhne jedoch bleibt
ständig hinter dem Ansteigen der Lebenskosten zurück.

c) Die Bewegung der Steigerung der Löhne setzte sich nach
dem Kriege fort, sowohl 1919 als auch während des ersten Teiles
des Jahres 1920, manchmal in einer dem Ansteigen der Lebens-
kosten entsprechenden Weise, meist jedoch weniger rasch.

d) Unter der Einwirkung des wirtschaftlichen Niederganges
beginnen die Lebenskosten in vielen Ländern im zweiten Teile
des Jahres 1920 zurückzugehen, mehr noch 1921. Die Anpassung
der Löhne an die Entwickelung der Lebenskosten geht immer
nur langsam vor sich, wenn nicht Einrichtungen wie die gleitende
Lohnskala vorhanden sind; diese langsame Entwickelung be-
günstigt um jene Zeit die Arbeiter, da in den Ländern mit sinkenden
Lebenskosten ihre Reallöhne in die Höhe gehen.
        <pb n="32" />
        Internationale Rundschau der Arbeit

e) Im Laufe des Jahres 1921 entwickelt sich dann die An-
passung der Löhne an die neuen Lebenskosten; dieses Jahr zeichnet
sich durch eine starke Niedergangsbewegung aus. Das aus den
Antworten auf den Fragebogen geschöpfte Material ermöglicht
eine Feststellung des Beginnes dieses neuen Abschnittes nicht.

f) Die tiefgehenden Unterschiede in der wirtschaftlichen
Entwickelung der verschiedenen Länder, besonders im Verlaufe
der Nachkriegszeit, drücken sich sowohl in Bewegungen der Löhne,
wie auch in solchen der Lebenskosten und in deren gegenseitigen
Beziehungen zueinander ‚aus. In der Mehrzahl der Länder Mittel-
und Osteuropas läßt die fortschreitende Entwertung des Geldes
während dieser Zeit die Steigerung der Geldlöhne wie auch der
Lebenskosten eine phantastische Höhe erreichen, doch bleibt
in dieser Ländergruppe die Bewegung der Löhne, von Ausnahmen
abgesehen, ständig hinter der Entwickelung der Lebenskosten
zurück.

g) Man muß hierbei zwischen den einzelnen Arbeiterkategorien
unterscheiden, wie auch zwischen den Ländergruppen unter den
Ländern selbst. Es ist ganz natürlich, daß die Löhne der untersten
Gruppen, der Nichtgelernten, der Frauen usw., d. h. solcher,
die schon vor dem Kriege sich dem nicht mehr zu verringernden
Minimum am meisten näherten, diejenigen sind, die sich während
der Zeit der ansteigenden Lebenskosten am besten an diese Ent-
wickelung anpassen konnten. Man beobachtet daher um diese
Zeit eine sehr deutliche Abwärtsbewegung der Reallöhne besonders
der gelernten Arbeitergruppen. In noch stärkerem Maße kann
man diese Bemerkung auf die Angestellten und Beamten der
öffentlichen Verwaltung ausdehnen.

5. Der Gesundheitsstand der Arbeiterschaft

Von dem Probleme der Veränderungen in den Lebensver-
hältnissen der Arbeiter während der von der Untersuchung er-
faßten Zeit ist man zu der Frage des Gesundheitsstandes der Ar-
beiterschaft übergegangen. Auch auf diesem Gebiete konnten
die Rückwirkungen des Krieges festgestellt werden, die in den
einzelnen Ländergruppen sehr verschieden waren: europäische und
nichteuropäische Länder; in Europa Länder, die am Kriege
teilnahmen oder neutrale Gebiete waren, und unter den ehe-
maligen kriegführenden Ländern die der mittel- und osteuro-
päischen Länder auf der einen und die der westeuropäischen
Länder auf der anderen Seite.‘ Nur wenige der von den ehemaligen
kriegführenden Ländern Europas eingegangenen Antworten weisen
für die Zeit nach dem Kriege keine Verschlechterung in dem
Gesundheitszustande der arbeitenden Bevölkerung auf. In der
Mehrzahl wird ausdrücklich gesagt, daß die Gesundheit der Ar-
beiterschaft durch den Krieg und seine Rückwirkungen beeinflußt
worden ist. Diese Klagen gehen von der Tatsache aus, daß der
Gesundheitsstand. schlechter als vor dem Kriege ist bis zur Be-
tonung einer vollständigen Erschöpfung. Oft wird eine Zunahme
der Erkrankungen und der Sterblichkeit erwähnt. Organisationen,

8
        <pb n="33" />
        Erhebung über die Produktion 3
die erklären, Angaben über die tieferen Veränderungen nicht
machen zu können, weisen auf die vermehrten Fälle von Neur-
asthenie und auf die geringere Widerstandskraft gegen KErkran-
kungen hin. Die Angaben der Organisationen werden für einige
Länder durch amtliche Statistiken belegt.

Aus allen Unterlagen ergibt sich jedoch eine besondere
Evolution der Krise der öffentlichen Gesundheit; je weiter man
sich vom Kriege entfernt, um so mehr geht sie zurück oder ver-
schwindet in einzelnen Fällen wieder ganz. Eine Betrachtung
der einzelnen Gruppen ergibt, daß die kriegführenden Länder
Mittel- und Osteuropas einerseits und die nichteuropäischen
Länder andererseits in gewissem Sinne entgegengesetzte Pole
darstellen. Bei den Ersteren war der Gesundheitszustand außer-
ordentlich gefährdet, und er ist es auch noch um die Zeit, als die
Erhebung erfolgte, während er bei der letztgenannten Gruppe
durchaus normal ist, „genau so zufriedenstellend wie zu irgend
einer früheren Zeit“‘‘, wie z. B. aus den Vereinigten Staaten berichtet
wird. Zwischen diesen beiden Gruppen stehen die kriegführenden
Länder Westeuropas und die neutralen europäischen Länder,
in denen sich die Verhältnisse auf diesem Gebiete nach den vor-
liegenden Mitteilungen kaum geändert haben.

6. Die seelische und sittliche Krise

Die Untersuchung ging von den Bevölkerungsfragen über
zu den Problemen der Berufsausbildung, von diesen zu den Fragen
der Ernährung, der Unterbringung, der Löhne, des Gesundheits-
standes, um dann auf ein anderes Gebiet überzugreifen, das
überraschend erscheinen mag, aber doch von Bedeutung ist.
Es bei der Erklärung der Tatsachen zu übersehen, würde jeden-
falls eine große Lücke gelassen haben, nämlich das Gebiet der
seelischen und -sittlichen Folgen des Krieges, und zwar besonders
innerhalb der Arbeiterschaft. Zu diesem Punkte wurden in den
verschiedenen Ländern nicht nur die Angaben der Wissenschafter,
der Psychologen und der Soziologen gesammelt, sondern auch
der Staatsmänner, der Vertreter der Arbeitgeber, der Arbeiter
und der Genossenschaftsverbände. Das so zusammengetragene
Material ergibt die Elemente einer allgemeinen Übersicht der
Arbeiterpsychologie, in gewissem Maße auch der Arbeitgeber-
psychologie, nach dem Kriege.

Das Ergebnis dieser umfangreichen Forschungen läßt sich
an dieser Stelle nicht kurz zusammenfassen, weil dabei die zur
Beurteilung wesentlichen Einzelheiten, Vorbehalte und Feinheiten
der Darstellung verloren gehen würden. Es sei jedoch betont,
daß man in allen Ländern fast einstimmig eine sittliche Erschütte-
rung als Nachwirkung des Krieges festgestellt hat, von der die
verschiedensten Schichten der Gesellschaft betroffen wurden,
und deren Ausstrahlungen auch auf das wirtschaftliche Leben,
ganz besonders in Bezug auf die Produktion, fühlbar geworden
sind.

Diese Art der Krise hat jedoch keineswegs in den einzelnen

2C
        <pb n="34" />
        3 Internationale Rundschau der Arbeit

Ländergruppen oder auch nur in den einzelnen Ländern einer und
derselben Gruppe die gleiche Bedeutung erlangt. Am häufigsten
ist sie aufgetreten in der Gruppe der kriegführenden Länder
Mittel- und Osteuropas, am wenigsten in den europäischen neu-
tralen und in den nichteuropäischen Ländern, während die west-
europäischen kriegführenden Länder auch hier eine mittlere
Stellung einnehmen. Allem Anscheine nach hat sie die längste
Dauer aufzuweisen in solchen Ländern, in denen sie am heftigsten
auftrat; für die Mehrzahl der Länder dürfte gegen Ende des Jahres
1920 ihr Höhepunkt erreicht oder ihr Nachlassen festzustellen sein.

Gewisse Anzeichen deuten darauf hin, daß diese psycholo-
gische Krise im Allgemeinen die landwirtschaftlichen Arbeiter
weniger als die Industriearbeiter berührt hat, und wenn man unter
den Industrien noch eine besondere Aufteilung vornimmt, so läßt
sich feststellen, daß sie vornehmlich in solchen Gewerben auftritt,
deren Arbeiterschaft nicht seßhaft ist. Unter den industriellen
Arbeitern ist ihre Wirkung anscheinend besonders stark einerseits
auf die Jugendlichen und andererseits auf die ungelernten und. die
Hilfsarbeiter.

In Bezug auf das Gesamtergebnis wie auch auf die Wieder-
gabe der Unterlagen erschien es angebracht, und zwar aus Gründen
der Methode, diejenigen Feststellungen, die sich auf die Wirkung
der seelischen und sittlichen Faktoren in der Arbeiterschaft be-
ziehen, auseinanderzuhalten von den gleichen Erscheinungen
beim Arbeitgebertume. Allerdings muß gesagt werden, daß die
eingelaufenen Antworten in Bezug auf Begriffe wie „Krise des
Unternehmungsgeistes‘‘ und besonders über den Begriff der
„Trägheitswelle‘‘ durchaus keine Einstimmigkeit ergeben. Der
Ausdruck „Krise der Unternehmungslust‘“, der nicht unbedingt
einen Vorwurf enthält, wird leichter übernommen oder auch
bestritten; aber nicht nur die Arbeitgeberverbände, sondern auch
einige Arbeiterverbände warnen vor der Ungerechtigkeit, die
darin läge, wenn man ihn mißbrauchen wollte. In Bezug auf den
deutlich einen Vorwurf enthaltenden Ausdruck ‚„Trägheitswelle“‘‘
stellt der Bericht eine fast einhellige Ablehnung aus den Arbeiter-
kreisen fest. In allen Ländern wenden sich die Arbeiterverbände
gegen diese als ungerecht abgelehnte Bezeichnung, und auch
etliche Arbeitgeberverbände sind dieser Auffassung beigetreten,
sogar in den besonders betroffenen Ländern, wie Deutschland,
Belgien, Italien und Rumänien.

7. Die Gegnerschaft der Arbeiterschaft gegen Leistungslohnsysteme

Gleich neben der Rolle der seelischen und sittlichen Faktoren
erhebt sich eine Frage, die besonders Herrn Pirelli beschäftigte,
der dem VR in Genua den Vorschlag dieser Erhebung unter-
breitete. Er erwähnte damals ausdrücklich als einen der Faktoren,
die eine schädliche Wirkung auf die Produktion haben könnten,
„die Gegnerschaft der Arbeiter gegen Leistungslohnsysteme“‘.
Ein umfangreicher Abschnitt des Berichtes beschäftigt sich mit
der Untersuchung dieser Frage. Sie zerfällt in vier Teile. und zwar

20
        <pb n="35" />
        Erhebung über die Produktion 1
in Bezug auf 1. die Aufteilung der verschiedenen Lohnsysteme,
2. die Haltung der Arbeiterschaft zu den „„Leistungslohnsystemen‘‘,
3. seit dem Kriege in den Lohnzahlungsarten eingetretene Ver-
änderungen, 4. die Wirkung der verschiedenen Lohnsysteme
auf die Leistung, besonders des Zeitlohnes, des Stück- und Akkord-
lohnes, der Prämien und dergl.

1. Die Aufteilung der verschiedenen Lohnsysteme. — Aus den
Berichten der Regierungen konnten umfangreiche und genaue
Unterlagen über die Aufteilung der verschiedenen Lohnsysteme
in einer Reihe von Ländern gesammelt. werden. Aus den von
amtlichen Stellen wie auch von den Berufsverbänden mitgeteilten
Angaben ließ sich ein Gesamtbild, und zwar von internationaler
Bedeutung, der Verteilung der verschiedenen Lohnsysteme in
den wichtigsten Industrien gewinnen, das wahrscheinlich als
Grundlage einer systematischen Untersuchung dieser Frage dienen
könnte.

2. Die Haltung der Arbeiterschaft. — Die vorliegenden Unter-
lagen bestehen in der Hauptsache aus Antworten auf Fragebogen,
die von den Regierungen, Arbeitgeber-, Arbeitnehmer- und Ge-
nossenschaftsverbänden übersandt wurden. Bei der Analyse
dieser Unterlagen war man bestrebt, die Beweggründe aufzuhellen,
die in dem einen oder anderen Sinne und in den verschiedenen
Ländern und Berufszweigen die Haltung der Arbeiterschaft zu
dem Leistungslohne bestimmen. Aus diesen Unterlagen kann
man wohl die Schlußfolgerung ziehen, daß der Widerstand der
Arbeiterschaft, wenn man von den Fällen absieht, bei denen be-
sondere technische oder berufliche Gründe eine Rolle spielen,
gegen ‚Leistungslohnsysteme‘‘ in gleichem Maße nachläßt oder
gar völlig verschwindet, wie die Organisation der Arbeiterschaft
und die Ausdehnung der Kollektivverträge zunehmen.

3. Die seit dem Kriege in den Lohnsystemen eingetretenen
Veränderungen. — Gleich nach der Einstellung der Feindselig-
keiten ergibt sich bei einigen Ländern, besonders in Mittel- und
Osteuropa, ein Rückgang des Systemes der Lohnzahlung nach
Stück, Akkord oder mit Prämien; hier und da verschwindet es
ganz, aber nach einer Anzahl von Monaten breitet es sich ganz
allgemein wieder im früheren Umfange aus, um dann etwas später
unter dem Einflusse der Verkürzung der Arbeitszeit, die in manchen
Fällen mit dem wirtschaftlichen Niedergange zusammenfiel,
weitere Ausdehnung zu nehmen, sodaß die Leistungslöhne eine
immer größere Bedeutung erlangen.

4. Die Auswirkung auf die Leistungsfähigkeit. — Aus den
gesammelten Unterlagen geht hervor, wie vielgestaltig diese Frage
ist, aber auch die Notwendigkeit, die den einzelnen Industrien
eigenen technischen Begleitumstände zu berücksichtigen; aber
auch wenn man die entsprechenden Vorbehalte macht, so darf
doch der Schluß gezogen werden, daß die Leistungslöhne einen
fördernden Einfluß ausüben.

37
A
        <pb n="36" />
        Internationale Rundschau der Arbeit
S&amp;. Die gemeinsamen Arbeitseinstellungen

In dem auf diese Frage bezüglichen Teile der Untersuchung
sind nach Möglichkeit die Statistiken der Ausstände und Aus-
sperrungen besonders behandelt, doch mußte man, um den Ver-
gleich auch auf solche Länder ausdehnen zu können, die getrennte
Zahlen für beide Arten von Arbeitsstreitigkeiten nicht veröffent-
lichen, die auf die Arbeitseinstellungen im Allgemeinen bezüglichen
Statistiken heranziehen. In jedem einzelnen Falle sind nach-
einander untersucht worden: a) die Zahl der Arbeitsstreitigkeiten
(Ausstände, Aussperrungen oder auch Ausstände und Aussper-
rungen zugleich), b) die Zahl der an den Arbeitsstreitigkeiten
beteiligten Arbeiter, c) die Zahl der durch diese verloren gegangenen
Arbeitstage. Soweit das irgend möglich war, erstreckt sich der
Vergleich auch auf den Durchschnitt des letzten Jahrfünfts der
Vorkriegszeit (1909—1913) und auf jedes einzelne Jahr des Zeit-
raumes 1914—1922,

An dieser Stelle kann auf alle Einzelheiten der Ergebnisse
dieser Untersuchung nicht eingegangen werden. Kurz seien nur
vier große Bewegungen angedeutet: der starke Rückgang der
Arbeitseinstellungen in den ersten Kriegsjahren, eine Wieder-
belebung der Ausstands- und Aussperrungsbewegung in den
Jahren 1917 und 1918, der gewaltige Ausbruch von Arbeits-
streitigkeiten, besonders von Ausständen, unmittelbar nach dem
Kriege in den Jahren 1919 und 1920, und schließlich, wenn man
von einigen Ausnahmen absieht, wiederum ein erhebliches Nach-
lassen der Arbeitseinstellungen, vornehmlich der Ausstände, im
Verlaufe des folgenden Zeitraumes, der durch den wirtschaftlichen
Niedergang beherrscht wurde.

Wenn man sich von der Produktionskrise unmittelbar nach
dem Kriege Rechenschaft geben will, so muß man auf gewisse
Zahlen zurückgreifen, wie z. B. die Zahl der Streikenden, die in
Deutschland 1919 achteinhalbmal so groß war als während des
letzten Jahrfünfts vor dem Kriege, in Belgien viermal, in Frank-
reich fünfmal, in Italien fünfmal, in den Niederlanden viermal,
in der Schweiz zweimal, in Spanien viermal und in Chile zwei-
einhalbmal so groß als damals; die Zahl der an Ausständen und
Aussperrungen beteiligten Arbeiter war im gleichen Jahre im
Vereinigten Königreiche und in Dänemark fast dreimal, in den
Niederlanden fast viermal und in Kanada fast fünfmal so groß
als in dem schon erwähnten Zeitraume der Vorkriegszeit.

9. Die Arbeitslosigkeit

Neben den freiwilligen Arbeitsunterbrechungen (Ausstände,
Aussperrungen) muß natürlich eine Untersuchung der für die
Produktionskrise etwa in Frage kommenden Faktoren auch die
unfreiwillige Arbeitsunterbrechung, also die Arbeitslosigkeit, er-
fassen. Allerdings kann die zwischen diesen beiden Tatsachen-
reihen bestehende Analogie über die zwischen ihnen bestehenden
wesentlichen Unterschiede nicht hinwegtäuschen. Zunächst

392
        <pb n="37" />
        Erhebung über die Produktion 3
haben nämlich die durch Ausstände oder Aussperrungen hervor-
gerufenen Arbeitsunterbrechungen einen kollektiven Charakter.
Die Aussperrung wird über die Beschäftigten eines Betriebes
verhängt. Der Streik wird durch die Gesamtheit der Belegschaft
des Betriebes oder wenigstens durch einen erheblichen Teil der-
selben erklärt, der gemeinsam und nach einheitlichem Willen
handelt. Die Arbeitslosigkeit dagegen stellt das persönliche
Verhältnis des einzelnen Arbeiters dar, der seine bisherige Be-
schäftigung verlor und außerstande ist, eine neue Beschäftigung
zu finden. Die Arbeitslosigkeit betrifft also eigentlich ihrer De-
finition nach nicht eine Gesamtheit von Arbeitern; sie erfaßt
vielmehr jeden einzeln. Ein Gegensatz zeigt sich aber auch aus
einem anderen Gesichtswinkel, der für diese Untersuchung be-
deutungsvoller ist. Wenn der Betrieb eines Unternehmens oder
eines Industriezweiges eingestellt wird, sei dies auf Grund eines
Beschlusses des Arbeitgebers oder der Arbeiter, so werden Aus-
sperrung oder Streik zur Ursache eines entsprechenden Rück-
ganges der Produktion. Anders jedoch verhält es sich in Bezug
auf diejenigen Verluste der Produktion, die man nach den Tagen
der Arbeitslosigkeit errechnen kann.

Auch die Arbeitslosigkeit hat eine eigene Ursache, und zwar
entweder besteht diese in dem Mangel an Rohstoffen oder der
Ausrüstung, der eine Beschäftigung aller verfügbaren Arbeiter
unmöglich macht, oder in dem Fehlen von Arbeitsmärkten, sodaß
der Unternehmer die gegebenen materiellen und persönlichen
Möglichkeiten seiner Produktion nicht ausnutzen kann, oder
auch in irgend welchen anderen Faktoren, die auf die vorgenannten
einwirken konnten, wie ungenügende Transportmittel, Kapital-
mangel, starke Schwankungen in der Währung usw. Der Rück-
gang der Beschäftigung in den Betrieben und die Arbeitslosigkeit,
die sich daraus für die Arbeitskraft ergibt, stellen die Wirkung
dieser Faktoren dar. Wenn wir also nach einer Untersuchung
der Rolle, welche in den verschiedenen Phasen der nach dem
Kriege eingetretenen Krise der Produktion, der Rohstoffe, der
Ausrüstung, des Transportwesens, der Absatzmärkte zukommt,
als neues Element der Erklärung die auf die Arbeitslosigkeit
bezüglichen Tatsachen herangezogen hätten, in denen sich die
Wirkung der schon genannten Faktoren unter nur einem besonderen
Gesichtswinkel ausdrückt, so würden wir nur zu Wiederholungen
gelangt sein.

Das alles bedeutet jedoch nicht, daß die Untersuchung des
Auf und Ab der Arbeitslosigkeit, die in den einzelnen Ländern
mit den verschiedenen Formen der Krise einhergingen, bei der
vorliegenden Arbeit ohne Bedeutung gewesen wäre. Zunächst
stellten diese Bewegungen einen gemeinsamen Ausfluß der Wirkung
jener so verschiedenartigen Faktoren auf die Arbeit oder, vielleicht
besser gesagt, auf die Beschäftigung der Arbeitskraft dar. Dazu
kommt, daß sie ein genaues Maß dieser Wirkung bilden, das oft
genug bei der Untersuchung anderer für sich betrachteter Faktoren
versagt und schließlich, was das Wichtigste ist, wenn die Arbeits-
losigkeit der Ausdruck anderer Tatsachen ist, und wenn sie eine

9*

35
        <pb n="38" />
        © Internationale Rundschau der Arbeit

Folge der Wirkung weiterer Faktoren darstellt, so ist sie selbst
ebenfalls ein Faktor, eine Ursache. Die Arbeitslosigkeit an sich
übt ebenfalls eine Wirkung auf die Produktion aus, und zwar
sowohl auf den Markt als auch auf die Arbeitsleistung.

Es ist deshalb angestrebt worden, für alle Länder, die hier
in Frage kommen, und die davon erfaßt werden konnten, die
Bedeutung der folgenden vier großen Krisen oder Krisengruppen
der Arbeitslosigkeit festzustellen: 1. die Krise des Kriegsbeginnes,
2. die Krise des Wiederbeginnes der Friedenszeit, 3. die Welt-
arbeitslosigkeitskrise, 4. die Krise der Arbeitslosigkeit in der Zeit
der Währungsstabilisierung. Hier sei nur auf wenige Ziffern ver-
wiesen, unter allen Vorbehalten natürlich, die bei internationalen
Vergleichen dieser Art angebracht erscheinen. Während der
großen Krise des Arbeitsmarktes, die um die Mitte des Jahres 1920
auftrat, erreichte der Hundertsatz der Arbeitslosen unter den
Gewerkschaftsmitgliedern in einzelnen Ländern die folgenden
Höchstziffern: in Belgien im Februar 1921: 22,7, im Vereinigten
Königreiche im Juni 1921: 23,1, in Schweden im Januar 1922:
34,3, in Norwegen im Februar 1922: 24,4, in Dänemark im Februar
1922: 34,2, in den Niederlanden im Februar 1922: 31,8, in Kanada
im März 1921: 16,5, in Australien im zweiten Vierteljahre 1921:
12,5,

Nach .diesen Feststellungen wurde eine systematische Unter-
suchung der Auswirkungen der Arbeitsleistung vorgenommen.
Es handelt sich hier um eine hoch bedeutsame, aber auch viel-
seitige Frage. Dabei stehen zwei Gruppen von Angaben und
Feststellungen einander scharf gegenüber, einerseits die Be-
tonung der durch Tatsachen belegten Behauptung, daß die Furcht
vor der Arbeitslosigkeit auf die Leistungen der Arbeiter einen
einschränkenden Einfluß ausübt, der sich bisweilen durch eine
planmäßige und offen zugegebene Verkürzung der Leistung aus-
drückt, aber andererseits beobachtet man auch, daß die durch-
schnittliche Leistung je Arbeiter in Zeiten wirtschaftlichen Nieder-
ganges, in denen die Arbeitslosigkeit auftritt, eine Neigung nach
oben aufweist, während in Zeiten starker industrieller Beschäf-
tigung, wenn die Arbeitslosigkeit auf ein Mindestmaß zurück-
geht, sie mehr oder minder nachläßt. Wie soll zwischen diesen
beiden Reihen von Tatsachen und Bekundungen eine Uberein-
stimmung hergestellt werden? Hier kann es sich natürlich nicht
darum handeln, das Resume einer Analyse wiederzugeben, deren
Wert nur in scharfen Unterscheidungen und Abtönungen besteht.
Auf Grund der gesammelten Unterlagen und der ersten Schluß-
folgerungen daraus ist anzunehmen, daß in Bezug auf diesen
Punkt weitere Untersuchungen durchaus nützlich sein dürften.

10. Die Verkürzung der Arbeitszeit

Nachdem versucht wurde, festzustellen, welcher Anteil bei
der Erklärung der Produktionskrise auf jeden einzelnen der er-
wähnten Faktoren entfällt, wurde dazu übergegangen, die Frage

34.
        <pb n="39" />
        Erhebung über die Produktion er)
der Bedeutung zu untersuchen, welche die Verkürzung der Arbeits-
zeit auf diesem Gebiete haben könnte.

Man hätte sich vielleicht mit Recht darauf beschränken
können, die von der Mehrzahl der Regierungen einheitlich ge-
äußerten Ansichten wiederzugeben. Aus ihnen wurden zunächst
die wesentlichsten Teile übernommen, die man kurz wie folgt
zusammenfassen kann. Um die Zeit, als die Antworten fertig-
gestellt wurden (im Verlaufe des Jahres 1921), erschien es un-
möglich, ein endgültiges Urteil über die Wirkungen der KEin-
führung des Achtstundentages abzugeben, nicht nur, weil es an
der nötigen Erfahrung mangelte, sondern auch, weil diese Neuerung
unter den durch die Kriegsfolgen geschaffenen anormalen Ver-
hältnissen eingeführt wurde, wie Rohstoffkrise, Krise der Aus-
rüstung, des Transportwesens, der Währung, der Absatzmärkte,
des Arbeitsmarktes, die anormalen Lebensverhältnisse der Arbeiter
usw. Dazu kam, daß der wirtschaftliche Niedergang, der gerade
dann einsetzte, als diese verschiedenen Schwierigkeiten langsam
überwunden wurden, die Betriebe in eine finanzielle Notlage
brachte, sodaß sie meist außerstande waren, die der Arbeitszeit-
verkürzung entsprechenden technischen Umwandlungen vorzu-
nehmen. Bis also ausreichende Erfahrung gesammelt werden
konnte und die Neuerung auch unter normalen Verhältnissen
sich ausgewirkt hat, wird man mit seinem Urteile zurückhalten
müssen.

Es würde jedoch den Anschein erweckt haben, daß das Amt
den ihm übertragenen Auftrag nicht erfüllt hätte — auch wenn
man eine solche Ansicht sehr hoch zu schätzen hätte — wenn
nicht versucht worden wäre, wenigstens gewisse Seiten des Pro-
blemes zu klären, und zwar umsomehr, als die durch die Durch-
führung der Erhebung und durch die Fertigstellung des Berichtes
bedingten Verzögerungen die Möglichkeit zur Beschaffung neuer
Elemente der Beurteilung boten.

Zunächst sei die dabei befolgte Methode dargelegt. Wenn
man sich bei diesem Teile der Erhebung auch auf alle verfügbaren
zahlenmäßigen Unterlagen gestützt hat, so wurden doch die
statistischen Methoden nicht als die Hauptsache und in erster
Linie angewendet. Sie hätte hierbei auch keine befriedigenden
Ergebnisse zeitigen können, denn während des dabei behandelten
Zeitraumes waren allzuviele Veränderungen eingetreten, sowohl
in den materiellen und technischen Produktionsverhältnissen als
auch in dem körperlichen Zustande und in der seelischen und
sittlichen Einstellung der Arbeiterschaft. Eine Anhäufung von
Zahlenreihen würde darüber kein Licht verbreitet haben, während
dazu vor allen Dingen Licht, d. h. Erklärungen, und nicht nur
nackte Feststellungen, besonders erforderlich sind. Um unter so
zahlreichen tatsächlichen oder angenommenen Faktoren der Pro-
duktionskrise die Verkürzung der Arbeitszeit ins rechte Licht
zu setzen, mußte versucht werden, die Auswirkung dieser Ver-
kürzung selbst zu erforschen oder, anders ausgedrückt, bei dieser
Untersuchung die Methode der experimentellen Wissenschaft
anzuwenden, die sich weniger um die Anhäufung als um die auf-

245
        <pb n="40" />
        Internationale Rundschau der Arbeit
merksame Beobachtung von Tatsachen bemüht, indem sie gewisse
Voraussetzungen varliert oder aber sorgfältig alle bei der plötz-
lichen Abwickelung von Erscheinungen zu beobachtenden Ver-
änderungen festhält.

Von diesem Gesichtspunkte aus, und auf der Grundlage
des gesamten tatsächlich verfügbaren Materiales, wurden nach-
einander die großen Erfahrungen erforscht, die sich auf die Ein-
führungen des Achtstundentages beziehen und die schon vor
dem Kriege gesammelt worden waren, die Veränderungen der
Arbeitszeit in der Kriegszeit und die gleichzeitig bei der Pro-
duktion festgestellten Veränderungen, und schließlich auch die
allgemeine Reform des Achtstundentages unmittelbar nach dem
Kriege.

Der große Wert der zum Teile schon recht alten Erfahrungen,
die man vor dem Kriege über die Einrichtung des Achtstunden-
tages gesammelt hatte, besteht in der Sorgfalt der dabei befolgten
Methode. Die Betriebsleiter, die vielfach zu Versuchszwecken
den Achtstundentag durchführten, wachten sorgfältig darüber,
daß alle anderen Betriebsverhältnisse unverändert blieben; be-
sonders verwendeten sie genau die gleiche Ausrüstung, die gleiche
Arbeitsorganisation, die gleiche Entlohnungsform. Sie machten
also tatsächliche Laboratoriumsversuche. Sorgfältig auch stellten
sie alle Einzelheiten der Leistung der einzelnen beteiligten Arbeiter-
gruppen fest und gelangten somit zu unbedingt genauen Er-
gebnissen. Eine eingehende Analyse der Ergebnisse dieser Unter-
suchung konnte daher nur äußerst lehrreich sein.

Allerdings stehen den Vorzügen dieser Methode andere Ein-
flüsse entgegen, indem man nämlich planmäßig jede Veränderung
in den technischen Produktionsverhältnissen oder in den Ent-
lohnungsarten vermied, während doch gerade die Einführung
des Achtstundentages zur Verbesserung der Betriebsausrüstung
oder der Arbeitsorganisation oder zur Einführung neuer, die
Leistung fördernder Lohnformen hätte führen können. Dieser
Mangel wurde jedoch später beseitigt, besonders wenn man hierbei
die Nachkriegszeit heranzieht. Jetzt nämlich trat die Reform
als von den Behörden verordnet, oder wenigstens von den Er-
eignissen aufgedrängt, in die Erscheinung. Die Industrieleiter
hatten jetzt die Aufgabe, durch alle in ihrer Macht stehenden
Mittel die unmittelbare Wirkung der Verkürzung der Arbeitszeit
wieder auszugleichen; man mußte also feststellen können, ob diese
Verkürzung der Arbeitszeit, vom technischen Gesichtspunkte aus,
wie ein Antrieb wirken, wie auch ob sie zu einer fortschreitenden
Einführung von Leistungslohnsystemen beitragen würde.

Es ist gewiß ein Nachteil der Erfahrungen der Nachkriegszeit,
daß diese unter anormalen Verhältnissen zustandekommen
mußten. In gewissem Maße aber konnte man gerade hierbei
wenigstens als ergänzende Unterlagen die früher, in normalen
Zeitläuften, gemachten Beobachtungen heranziehen. Beide Me-
thoden wie auch beide Reihen von Unterlagen ergänzten sich also
gegenseitig; ihre gleichzeitige und zusammenfassende Verwendung

56
        <pb n="41" />
        Erhebung über die Produktion vi
mußte also ermöglichen, wenigstens zu bestimmten Ergebnissen
zu gelangen.

Übrigens sind für die Nachkriegszeit mehrere Phasen zu unter-
scheiden. Wenn zunächst, also unmittelbar nach dem Waffen-
stillstande, im Jahre 1919, in gewissem Maße noch 1920 oder in
den ersten Monaten des Jahres 1921, die Umwälzungen des Krieges
und die Erschütterungen der Nachkriegszeit die technischen,
physischen und psychologischen Begleitumstände der Produktion
auch gründlich veränderten, so beginnt jedoch von dieser Zeit an
in gewisser Beziehung eine völlig neue Lage. Die damals aus-
brechende Wirtschaftskrise hat auch ihrerseits sicherlich neue
Störungselemente hervorgerufen. In gewisser Beziehung jedoch
veränderte sie andererseits auch die Auswirkung der früher wirk-
samen Faktoren, wie die sehr raschen Lohnsteigerungen. Dabei
ist übrigens auch darauf hinzuweisen, daß die Krise gegen Ende
1921 in einigen Ländern, 1922 und 1923 auch in anderen, nachläßt,
sodaß nach und nach wieder normale oder fast normale Wirtschafts-
verhältnisse eintreten, wodurch die zu dieser Zeit gemachten
Beobachtungen wirklich wertvoll werden.

Die für die Kriegszeit ermittelten Tatsachen beanspruchen,
vom wissenschaftlichen Gesichtspunkte aus, in zweifacher Hinsicht
ein besonderes Interesse, zunächst deshalb, weil die Behörden
während dieses Zeitraumes ihr besonderes Augenmerk auf die
Erforschung der Arbeitsprobleme richten, die zu Problemen des
öffentlichen Interesses wurden. Das ergibt sich klar aus der nach-
folgenden Erklärung, die einem amtlichen amerikanischen Berichte
entnommen sel:

Seit dem Eintritte der Vereinigten Staaten in den Krieg haben die
alten Probleme der Industrie und der Arbeit plötzlich ein anderes Gesicht
bekommen. Die Arbeitsleistung der Industrie hörte mit auffallender Plötz-
lichkeit auf, eine rein private Angelegenheit zu sein; die Frage der Pro-
duktion wurde zu einer Frage der öffentlichen Bemühungen erster Ordnung.
Als man sich in einen Kampf stürzte, dessen Ende nicht abzusehen war,
erkannte man, daß es nicht mehr statthaft sei, den Arbeitern und Arbeit-
gebern allein die Regelung der auf die Arbeitszeit und -verhältnisse bezüg-
lichen Fragen zu überlassen, denn es handelte sich hier um Probleme na-
tionaler Bedeutung, die auch als solche behandelt werden mußten. Die
höchste Leistungsfähigkeit zu erreichen, ohne die physischen Kräfte der
Nation zu gefährden, das wurde jetzt das neue und ständig anwachsende
Bedürfnis des Augenblickes?}.

Andererseits läßt sich während der Kriegszeit sehr deutlich
eine zwiefache und äußerst lehrreiche Bewegung ermitteln. Zu-
nächst verzichtet man auf die meisten Schutzmaßnahmen für die
Arbeitszeit, um dringenden Bedürfnissen zu genügen und in der
Überzeugung, so den nationalen Belangen am meisten zu dienen,
aber auch, das muß gesagt werden, in dem Glauben an eine kurze
Dauer des Krieges. Man verlängert den normalen Arbeitstag,
man hängt ihm noch Überstunden und Wachen an und gibt
schließlich auch den sonntäglichen Ruhetag auf. Nach einiger
Zeit aber stellt man fest, daß die Leistung nachläßt, und es entsteht
eine regelrechte Krise der Leistung, die zum Nachdenken zwingt.
Nicht nur die Behörden raten jetzt zum normalen Arbeitstage,
zur Einschränkung der Überstunden auf das niedrigste Maß,

27
        <pb n="42" />
        Internationale Rundschau der Arbeit

zur Widerherstellung des sonntäglichen Ruhetages, sondern auch
zahlreiche Arbeitgeber finden sich, die plötzlich die Irrungen
der ersten Kriegszeit wieder aufgeben. Auf allen Seiten stellt
man jetzt fest, daß der kürzere Arbeitstag wenigstens die gleiche
Leistung ergibt wie der längere Arbeitstag, und daß die normale
Arbeitswoche, d. h. die Einhaltung des wöchentlichen Ruhetages
oder gar des freien Sonnabendnachmittages, eine höhere Leistung
ergibt als die siebentägige Arbeitswoche.

Der auf die Verkürzung der Arbeitszeit bezügliche Abschnitt
des Berichtes zerfällt in zwei große Teile. In dem ersten werden
die gesammelten Unterlagen wiedergegeben und im Einzelnen
zergliedert; sie entstammen meist amtlichen Veröffentlichungen,
oft auch, soweit das möglich war, den Erhebungen der Arbeitgeber,
sodaß der Leser in jedem einzelnen Falle auf die Quellen zurück-
greifen und ihre Benutzung mit den Unterlagen selbst vergleichen
kann. Im zweiten Teile ist die Frage in synthetischer Weise
behandelt; das gesamte Material wird beleuchtet und dabei an-
gestrebt, die Ergebnisse des Achtstundentages herauszuschälen,
sowohl in Bezug auf die technischen Produktionsverhältnisse
als auf die Veränderungen, die das menschliche Element dabei
berühren.

Bei der ersteren Reihe von Tatsachen konnte aufgezeigt
werden, wie der Achtstundentag als Anreiz für den technischen
Fortschritt wirkt, und zwar sowohl im Sinne einer Verbesserung
der Ausrüstung, als auch im Sinne der Verbesserung der Arbeits-
organisation. Was nun die Rolle der Verbesserung der Ausrüstung
anbelangt, so wurde jedoch auf die dieser gesetzten Grenzen
hingedeutet, die sich sowohl auf dem Gebiete des eigentlichen
Umfanges der Verbesserung der zurzeit benutzten Ausrüstung
ergeben, als auch in Bezug auf die zur Aufstellung neuer Ma-
schinen erforderliche Zeit, ferner auch, besonders unmittelbar
nach dem Kriege, in Bezug auf die der Beschaffung neuer Ma-
schinen entgegenstehenden Schwierigkeiten, und schließlich in
Bezug auf die Art gewisser Arbeiten selbst, bei denen die Tatsache
der Anwesenheit eines Arbeiters während einer bestimmten Zeit
mit der von ihm kommenden Dienstleistung zusammenfällt. Die
Verbesserungen auf dem Gebiete der Arbeitsorganisation be-
stehen in fortschreitender Arbeitsteilung, in der Spezialisierung
der Fabrikation durch eine Verminderung der Anzahl der Serien,
in einer strengeren Auswahl der Arbeiter, in einer besseren An-
passung des Beschäftigten an seine Obliegenheiten, in der Förde-
rung seiner beruflichen Ausbildung, in einer besseren Arbeits-
zeiteinteilung, die zur Verringerung oder Ausschaltung sonst
verlorener Arbeitszeiträume führt, sowie in der Stärkung der
Disziplin und der Überwachung.

In dem auf die Wirkung des Achtstundentages, auf den
menschlichen Faktor und auf dessen Eigenleistung bezüglichen
zweiten Teile dieser Untersuchung wird dann zunächst gezeigt,
wie die Verkürzung der Arbeitszeit die Körperkräfte des Arbeiters
vermehrt, wie sie sein Familien- und soziales Leben umwandelt
und erneuert, wie dadurch sein Bildungsstand erhöht und ein

38
        <pb n="43" />
        Erhebung über die Produktion 8)
Rückgang des Alkoholismus herbeigeführt wird. Auch wurde
untersucht, wie und in welchem Maße die körperliche und sitt-
liche Erholung des Arbeiters sich in einer Besserung seiner Stunden-
leistung oder selbst seiner Tages- und Wochenleistung auswirkt.
Dabei mußte eine Reihe von Zusammenhängen aufgedeckt werden;
das ist durch die Analyse des gesamten verfügbaren Materiales
angestrebt worden. Eine längere Arbeit wurde dann der Frage
gewidmet, in welcher Weise die Einwirkung der Arbeitszeit-
verkürzung auf die eigentliche Leistung der Arbeiter erfolgt.
Dabei wurde zuerst die Wirkung der Ermüdung auf diese Leistung
erforscht, und zwar nacheinander die Auswirkung der Über-
stunden, der Sonntagsarbeit und des langen Arbeitstages. Dabie
wurde dargelegt, wie der psychophysische Organismus des Arbeiters
sich der verlängerten Arbeitszeit anpaßt durch eine instinktive
Verlangsamung des Arbeitsrhythmus, der hier als automatischer
Prozeß des Selbstschutzes auftritt. Dieselbe Erscheinung wurde
dann auch von ihrer negativen Seite aus behandelt: Beseitigung
der Ermüdung durch Verkürzung der Arbeitsdauer, wobei nach-
einander aufgezeigt werden konnten: 1. die Zunahme der Pro-
duktionskraft des Arbeiters, 2. sein relativ selteneres Fehlen,
3. die Individualisierung seiner Arbeit (infolge der Beseitigung
oder der Verringerung der sonst verlorenen Arbeitszeiträume
und Zunahme der auf die Zeiteinheit effektiver Arbeit entfallenden
Leistungen des Arbeiters), 4. die Neigung, seine Produktion in
regelmäßige und feste Kanäle zu leiten und 5. die Verbesserung
der Güte seiner Arbeit.

Auf eine andere wichtige Feststellung sei hierbei verwiesen :
die Erhebung hat die Rolle der sittlichen Faktoren auf dem Ge-
biete der Leistung hervorgekehrt, und in dieser Beziehung mit
Hilfe amtlicher Bekundungen und der Mitteilungen aus Arbeit-
geber- und Arbeitnehmerkreisen die günstige Wirkung des Acht-
stundentages festgestellt.

Aber auch auf zwei andere Feststellungen muß hingewiesen
werden. Die eine bezieht sich auf die Rolle der Art der gewerb-
lichen Verrichtungen bei den erzielten Ergebnissen. Man hat
ermittelt, daß die Zunahme der Leistung, die auf die Zeiteinheit
entfällt, unter der Wirkung der verkürzten Arbeitszeit ihren
Höhepunkt dann erreicht, wenn die Rolle des Faktors Mensch
dabei überwiegt, und die Maschine eine untergeordnete Bedeutung
hat, wie auch umgekehrt diese Zunahme am geringsten dann ist,
wenn die Arbeit eine rein mechanische wird; jedenfalls geht diese
Zunahme nur in ganz außergewöhnlichen Fällen auf den Null-
punkt zurück,

Der andere Punkt betrifft die Rolle der Entlohnungsart
bei der Feststellung der Ergebnisse des Achtstundentages. Nach
den gemachten Beobachtungen darf man wohl den Schluß ziehen,
daß die nach der Leistung geregelten Lohnsätze den Ersatz der
Arbeitszeitverkürzung durch eine Vermehrung der auf die einzelne
Zeiteinheit entfallenden Arbeiterleistungen fördern. Hier ist aber
auch eine weitere Feststellung einzuschalten, daß nämlich die
Verallgemeinerung des Achtstundentages oft eine Ausdehnung

3
        <pb n="44" />
        S Internationale Rundschau der Arbeit
der Entlohnungsmethoden unter dem Gesichtswinkel der Leistung
bewirkte.

Im Lichte der Ergebnisse aller Untersuchungen, über die
hier nur einige Andeutungen möglich sind, wurde schließlich
auch die etwaige Rolle der Arbeitszeitverkürzung bei der Pro-
duktionskrise der Nachkriegszeit geprüft. In dieser Beziehung
wird man sich nur sehr vorsichtig ausdrücken können, angesichts
der außergewöhnlichen Umstände, die mit der Verwirklichung
dieser Reform zusammenhängen. Nicht nur daß die Arbeiter
oft durch Übermüdung oder durch die Unterernährung der Kriegs-
zeit erschöpft waren, nicht nur daß die Defizitkrise, unter der
man damals litt, jede Verbesserung der inneren Ausrüstung meist
unmöglich machte, sondern in einigen Ländern hatte man. die
Akkordlöhnung wieder beseitigt und allgemein den Zeitlohn
wieder eingeführt. Danach können die Kompensationselemente
keine Rolle mehr spielen oder höchstens eine völlig unbedeutende
Rolle. Jedenfalls ist man nicht zu der Schlußfolgerung gelangt,
daß die Reform des Achtstundentages als Faktor der Defizitkrise
aufzufassen wäre, vielmehr wurden von vielen Seiten Beweise
dafür erbracht, daß sie zu ihrer Zeit eine „Notwendigkeit der
Stunde“‘‘ darstellte, und zwar aus Gründen der körperlichen
Erholung wie auch aus sittlichen Gründen. Für die dann folgende
Zeit ist festzustellen, daß nach Maßgabe des UÜberganges der
anormalen zu normalen Verhältnissen nicht nur eine schrittweise
und ununterbrochene Besserung der Leistung, sondern auch eine
Anpassung der allgemeinen Wirtschaft an das neue System der
Arbeit zu verzeichnen ist.

III. Die Aktion gegen die Krise

Es würde unmöglich sein, hier auch nur in einem kurzen
Auszuge die Bemühungen der einzelnen Länder in ihrem Kampfe
gegen die verschiedenen Arten der Ursachen der Produktionskrise
der Nachkriegszeit zu schildern. Nur einige allgemeine Erwägungen
seien darüber angestellt.

1. Zu verschiedenen Zeitpunkten, oder auch zur gleichen Zeit
in den verschiedenen Ländern, erhoben sich zwei große Probleme
in Bezug auf die Produktion: wie ist ihre Menge zu vermehren,
wie ist der Absatz der Erzeugnisse zu sichern? Um diese beiden
Fragen dreht es sich bei allen Erwägungen und Vorschlägen, wie
auch bei den verschiedenen Maßnahmen auf diesem Gebiete.

2. Zunächst, d. h. während des Krieges und in der ersten
Zeit nach dem Kriege, besonders um den Zeitpunkt herum, als
die Erhebung beschlossen wurde, tritt das Problem der ungenügen-
den Produktion in fast allen Ländern in erster Linie in die Er-
scheinung. Die Krise der Rohstoffe, die zeitweilig schlimm und
beängstigend war, ist nur eine Seite jener Krise. Durch sie er-
hielt das Problem der Verkürzung der Arbeitszeit ihre ernste
Bedeutung. Solchen Zeitverhältnissen und der lebenswichtigen
Bedeutung dieses Problemes ist die große KEntwickelung der
wissenschaftlichen Erforschung und der Verbesserung der Pro-

40
        <pb n="45" />
        Erhebung über die Produktion 4]
duktionsmethoden zuzuschreiben, deren verschiedenartige Aus-
wirkungen im letzten Teile des Berichtes geschildert werden.

3. Gleichzeitig hat diese Krise der ungenügenden Produktion,
welche die Völker zu einer Zeit betraf, als ihre Lebensinteressen
auf dem Spiele standen, den Fragen der Arbeit den Stempel des
öffentlichen Interesses aufgedrückt, wie dies der schon erwähnte
amtliche Bericht der Vereinigten Staaten so stark hervorhebt.
Die unbedingten Notwendigkeiten des Krieges gaben der Arbeit
im Leben der Gemeinschaft eine gewaltige Bedeutung; ihre soziale
Bedeutung ist dann im öffentlichen internationalen Rechte durch
den Teil XIII des Friedensvertrages verankert worden.

4. Diesem sozialen Aufstiege des Elementes Arbeit während
solch kritischer Zeit entspricht der wachsende Einfluß, der den
Arbeiterverbänden im nationalen und internationalen gewerb-
lichen und öffentlichen Leben zugefallen ist. Sie sind jetzt rechtlich
mit dem Wirken der Einrichtungen der Internationalen Organi-
sation der Arbeit verknüpft. Innerhalb der Gemeinschaft ihrer
eigenen Länder nehmen sie vielfach eine ähnliche Stellung ein.
Die Form der paritätischen Körperschaften erfuhr eine gewaltige
Ausdehnung. Der Kollektivvertrag ist immer mehr die normale
Art der Festsetzung der Arbeitsbedingungen geworden, und inner-
halb dieses neuen Rahmens, innerhalb dieser neuen Atmosphäre,
konnte die steigende Bedeutung festgestellt werden, welche das
Vorgehen der Arbeiterschaft bei der Einrichtung und Wirksamkeit
der Versicherung gegen die Arbeitslosigkeit einnimmt, bei der
Schaffung von Einigungs- und Schlichtungsstellen, die der Ver-
hütung oder der Regelung von Arbeitsstreitigkeiten dienen sollen,
bei der Schaffung und Durchführung von Einrichtungen, wie
sie die gleitende Lohnskala, die Kontrolle der Leistungslohnsysteme
und dergl. darstellen. Insbesondere konnte man, in Bezug auf
diese letztere Frage, die so eng mit der Frage der Intensivierung
der Arbeitsleistung verbunden ist, auch feststellen, in welchem
Maße die Fortschritte der Organisierung der Arbeiterschaft und
die Verbreitung der Methode des Kollektivvertrages vielfach
dazu beigetragen haben, ehemals sehr starke Widerstände und
Gegnerschaft durch die nunmehr gebotenen Sicherheiten ver-
schwinden zu lassen.

5. Die in zahlreichen Ländern so schwere Absatzkrise folgte
um die Mitte des Jahres 1920 ganz plötzlich der Krise der un-
genügenden Erzeugung; sie hat die ausschlaggebende Bedeutung
der Absatzverhältnisse für die Produktionsbewegung deutlich ins
Licht gerückt; dabei zeigte sich, daß die Grenzen, welche der
Entwickelung der Produktion infolge der Schwierigkeiten aller
Art gesetzt sind, weit enger und weit weniger ausschlaggebend
sind als diejenigen, die für das Versagen der Absatzmärkte in Frage
kommen.

Bemerkenswert ist in dieser Hinsicht, daß die Weltproduktion
von Gußeisen 1921 unter der Einwirkung der Krise auf einen
erheblich niedrigeren Stand zurückging, als er jemals während
der Kriegszeit oder auch in dem ersten Nachkriegsjahre 1919,
das einen so schweren Niedergang zeigte, erreicht wurde. Wenn

a
        <pb n="46" />
        Internationale Rundschau der Arbeit
man als Meßziffer für die Vorkriegsproduktion die Zahl 100 nimmt,
Wer diese für 1914 auf 76,3 zurück, 1919 auf 67,6 und 1921
auf 45.

Ein anderes überzeugendes und wohl auch außergewöhn-
liches Beispiel für die Einflüsse beider Art, die der Stand des
Marktes auf die Produktion ausübte, liefert der Schiffbau der
Vereinigten Staaten. Wenn man als Meßziffer der 1913 fertig-
gestellten Tonnage die Ziffer 100 nimmt, so ist sie infolge der
starken Nachfrage 1916 auf 169 gestiegen, 1917 auf 360, 1918 auf
1140, 1919 auf 1568; dann läßt die Nachfrage nach, 1920 geht
die Ziffer auf 1029 zurück, 1921 auf 436 und 1922 auf 43.

In Bezug auf die Beschäftigungsmöglichkeiten der Arbeiter-
schaft wird die infolge mangelnder Absatzmärkte entstehende
Produktionskrise zur Arbeitslosigkeitskrise. Über die Ausdehnung
der Arbeitslosigkeit im Verlaufe der Weltwirtschaftskrise sind
schon einige Angaben gemacht worden. Aus den eingegangenen
Feststellungen, wie auch aus den im Amte selbst gemachten Be-
rechnungen, geht deutlich der schwere Schaden hervor, den die
Arbeitslosigkeit für die Wirtschaft des Landes bedeutet. AZrnest
S. Bradford, ein Mitglied des Beirates für Wirtschaftsfragen der
Landeskonferenz über Arbeitslosigkeit, erklärt in einer Unter-
suchung, die das arbeitsstatistische Amt der Vereinigten Staaten
veröffentlichte, daß der jährliche Lohnverlust infolge von Arbeits-
losigkeit und Kurzarbeit in Zeiten weniger schwerer Krisen als
der letzteren (1920—1922) nicht geringer sein dürfte als 3—5 Mil-
liarden Dollar, und er fügt hinzu, daß „dieser Beitrag weit höher
ist als in normaler Zeit‘. Seine allerniedrigste Schätzung würde
also verdoppelt 6—10 und verdreifacht für schlimmere Krisen-
jahre 9—15 Milliarden Dollar im Jahre ergeben. Das sind wahrlich
phantastische Zahlen.

Wenn man die Zahl der durch Beschäftigungslosigkeit ver-
loren gegangenen Arbeitstage und die durch amtliche Statistiken
oder aus den von den Verbänden eingegangenen Unterlagen sich
ergebenden Durchschnittslöhne verwendet, so ergeben sich für
1921 als Folge der Arbeitslosigkeit entstandene Lohnverluste
diese Ziffern: für Belgien: 158 Millionen Goldfranken, für Schweden
127,2 Millionen Goldfranken, für Norwegen 214,1 Millionen Gold-
franken und für Dänemark 221,5 Millionen Goldfranken.

Dergestalt also erhebt sich vor den öffentlichen Gewalten,
wie auch vor der öffentlichen Meinung, das große Problem des
Kampfes gegen die Arbeitslosigkeit und dadurch gegen die Krise
oder, mit anderen Worten, die Frage der Organisation der Absatz-
märkte und der regelmäßigen Entwickelung der Produktion.

6. Bei der Betrachtung des Kampfes gegen die Produktions-
krise in ihren beiden Formen muß auf die Mitwirkung der öffent-
lichen Gewalten ein besonderes oder gar ausschlaggebendes Ge-
wicht gelegt werden. Zunächst wurde deren Einmischung durch
die kritischen wirtschaftlichen Zustände der Kriegszeit hervor-
gerufen. Bei der Untersuchung, die dieser Seite der Frage in dem
Abschnitte über den Kampf gegen die Rohstoffkrise gewidmet ist,
ergab sich auch die Möglichkeit, die Ziele und Methoden ihres

A.92
        <pb n="47" />
        Erhebung über die Produktion 3
Eingreifens festzuhalten. Dabei zeigte sich, wie sie entstanden
ist und wie sie durchgeführt wurde unter dem “Gesichtswinkel
des Schutzes der allgemeinen Belange, und zwar in diesen Aus-
nahmezeiten als eine kollektive Zwangswirtschaft. Nach dem
Kriege wurden diese Einrichtungen der Kollektivwirtschaft mehr
oder minder rasch wieder aufgegeben, doch hat man angesichts
der neuen Bedürfnisse erneut seine Zuflucht zu ihnen genommen.
So erhielt sie eine erhebliche Bedeutung bei dem Kampfe gegen
die Arbeitslosigkeit. An dieser Stelle sei nur an die Schaffung
öffentlicher Arbeiten erinnert, die z. B. für Norwegen allein inner-
halb eines Jahrfünfts eine Ausgabe von 150 Millionen Kronen
bedingten.

7. Ein anderer Wesenszug der hier behandelten Bemühungen
besteht oft in ihrem internationalen Charakter. Die große 1920
einsetzende Weltabsatzkrise war ein deutliches Zeichen der tat-
sächlichen Solidarität, der engen gegenseitigen Abhängigkeit
der Lebensinteressen der Nationen. Wie auch immer bei einer
solchen Krise die Rolle anderer Faktoren sein mag, wie z. B. der
gewissermaßen selbständige Verlauf der zyklischen Strömungen
der modernen Industriewirtschaft, so ergab sich doch deutlich
für einen Jeden, daß zum mindesten der Umfang der Krise von
den Umwälzungen abhängig war, die sich in den Handelsbe-
ziehungen von Land zu Land ergeben hatten. Gerade weil der
Krieg die Verarmung einiger Völker herbeigeführt hatte, und weil
die Geld- und Währungskrise deren Kaufkraft im Auslande noch
mehr geschwächt hatte, war auch die Ausfuhrmöglichkeit anderer
Völker und damit deren Produktionsmöglichkeit betroffen. Die
Wirkung aller dieser zahllosen Einflüsse, der Verlust von Absatz-
gebieten als Folge des Krieges, teilte sich so nach und nach von
Land zu Land mit und gab der Krise einen universellen Charakter.

Ein deutliches Beispiel dieser Zusammenhänge bietet die
Krise der Baumwollproduktion in den Vereinigten Staaten. Der
Bericht enthält hierüber die nötigen Zahlenangaben, auch in graphi-
schen Übersichten. Sie zeigen, daß die Vereinigten Staaten in der
Vorkriegszeit zwei Drittel ihrer Baumwollproduktion ausführten,
und daß Europa hiervon mehr als neun Zehntel übernahm. Da
kam der Krieg, die Blockade wurde verhängt, und die Baumwolle
zum Kriegsgute erklärt; dadurch ließ die amerikanische Ausfuhr
erheblich nach, und die Vorräte sammelten sich von Jahr zu Jahr
immer stärker an. Nach dem Friedensschlusse nahm die Ausfuhr
wieder zu, wenn auch in ungenügender Weise. 1918—1919 nahm
Europa weniger als die Hälfte der Vorkriegsmenge auf ; im folgenden
Jahre wurde die Einfuhr durch die Beseitigung der Blockade
und durch den ungeheuerlichen Umfang der zu befriedigenden
Bedürfnisse gefördert, sodaß sie fast zwei Drittel der Vorkriegs-
menge erreichte, aber 1920—1921 traten neue wirtschaftliche
Schwierigkeiten auf, die Einfuhr in Europa ging auf etwa die
Hälfte der vor dem Kriege bezogenen Menge zurück. Zu gleicher
Zeit jedoch waren die Vorräte auf etwa das Sechsfache der durch-
schnittlichen Vorratsmengen der Zeit von 1910—1914 ange-
wachsen. Dadurch wurden die Baumwollpflanzer der Vereinigten

438
        <pb n="48" />
        x. Internationale Rundschau der Arbeit

Staaten veranlaßt, 1921—1922 ihre Produktion auf etwa die
Hälfte der Vorkriegszeit herabzusetzen. Die Notlage eines großen
Teiles Europas verstärkte somit die Krise eines der großen Zweige
der Produktion der Vereinigten Staaten infolge des Rückganges
der Kaufkraft aller Gruppen der hierbei in Frage kommenden
Bevölkerungskreise. Dann dehnte sich die Krise von Gewerbe
zu Gewerbe aus, um schließlich die gesamte Wirtschaft des Landes
in Mitleidenschaft zu ziehen.

Bei der Darstellung dieser Dinge sind viele Beispiele gegen-
seitiger Einflüsse ähnlicher Art wiedergegeben worden. So hat
man sich z. B. bemüht, die genauen Auswirkungen der Gold-
und Währungskrise auf die Gestehungs- oder Selbstkosten in den
verschiedenen Ländern festzustellen. Man hat, durch die Um-
wandlung der Preise in den verschiedenen Ländern in eine einheit-
liche Geldsorte (in Dollars), die Vergleichspreise des Transport-
wesens, der Rohstoffe, der Lebensmittel, der Bekleidung, der
Wohnung und der Arbeitskraft in einer ganzen Reihe von Berufen
berechnet.

Hierbei sei an einige Zahlen erinnert. Im Juni 1921 wurden
die Preisunterschiede für den Gütertransport in einigen Ländern
nach Gold und im Vergleiche zu den Preisen der Vorkriegszeit
durch die folgenden Meßziffern ausgedrückt: Ungarn 34 (Staats-
eisenbahnen) und 67 (Südeisenbahnen), Bulgarien 41, Österreich 42,
Königreich SKS 44, Tschechoslowakei 59, Deutschland 76,
Italien 79, Spanien 88, Belgien 115, Frankreich 120, Japan 150,
Dänemark 192, Niederlande 193, Schweiz 212, Schweden 275.

Für den Personentransport ergeben sich noch stärkere Gegen-

sätze. Hier sind die Meßziffern wie folgt: Österreich 8, Tschecho-
slowakei 14, Ungarn 27 (Südeisenbahn) und 46 (Staatsbahn),
Deutschland 35,. Königreich SKS 36, Bulgarien 41, Italien 53,
Frankreich 65, Indien 77, Belgien 84, Spanien 88, Dänemark 128,
Schweiz 128, Norwegen 145, Japan 167, Niederlande 17 1,
Schweden 248.
„Für Lebensmittel sind die Meßziffern jener Zeit: Polen 71,
Österreich 73 und 82, je nach den benutzten Quellen, Deutsch-
land 77 und 78, Ungarn 79, Kanada 129, Paris 134, Italien 137,
Dänemark 140, Vereinigte Staaten 145, für insgesamt 320 fran-
zösische Städte im Durchschnitt 153, Norwegen 155, Spanien 158,
Belgien 160, Schweden 172, Vereinigtes Königreich 176, Schweiz
187.

Bei den Lebenskosten, ebenfalls nach Goldwert berechnet,
ergeben sich die folgenden Meßziffern: Polen 41, Finnland 95,
Frankreich 128, Italien 132, Kanada 133, Dänemark 141, Nor-
wegen 157, Niederlande 169, Schweden 176, Vereinigtes König-
reich 177, Schweiz 179, Vereinigte Staaten 180. |

Man kann sich vorstellen, welche Umwälzungen auf den
internationalen Märkten der Wettbewerb zwischen Erzeugnissen
hervorrufen mußte, die unter so außerordentlich verschiedenen
Preisverhältnissen hergestellt wurden. Auch läßt sich daran die
Bedeutung der Schwierigkeiten erkennen, die durch solche
Unterschiede in den Gestehungspreisen entstanden, wenn es sich

A4
        <pb n="49" />
        Erhebung über die Produktion ;
darum handelte, die Erzeugnisse hochvalutarischer Länder in
Ländern mit schlechter Währung abzusetzen. Dabei sei aber auch
darauf hingewiesen, wie sehr in einer solchen Zeit die Unterschiede
in den Herstellungskosten in den verschiedenen Ländern durch
die Unterschiede in der täglichen Arbeitszeit beschränkt wurden;
in der Regel dürften sie 20 vH nicht überschreiten, während sie
unter dem Einflusse jener ungeheuerlichen Entnivellierung der
Goldpreise Unterschiede von mehreren 100 vH zeigen mußten.

In der verschiedensten Form trat hierbei die enge Verbin-
dung der Interessen aller Länder zutage, wie auch die Notwendig-
keit eines allgemeinen Strebens für den Wiederaufbau der am
meisten betroffenen. Daraus mußte sich die große Bewegung
der öffentlichen Meinung für den wirtschaftlichen Wiederaufbau
Europas ergeben; der nächste Schritt führte zu kollektiven Be-
mühungen auf diesem Gebiete und dann, um nur einige der wich-
tigsten Ergebnisse dieser Art zu erwähnen, zur Brüsseler inter-
nationalen Finanzkonferenz 1920, zur internationalen Verkehrs-
konferenz in Barcelona 1921, zur internationalen Wirtschafts-
konferenz in Genua 1922; im gleichen Jahre wurde der Wieder-
aufbau der österreichischen Finanzen in Angriff genommen,
1924 dieselbe Aufgabe in Ungarn, und in diesen letzteren Jahren
wurden der Dawes-Plan und die Kreditgewährung in Deutschland
durchgeführt.

Die Auswirkung aller dieser Bemühungen zeigte sich nach
und nach in der Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse
Europas und der Welt überhaupt. Schritt für Schritt ließen sich
seitdem die Fortschritte der Währungsfragen in den verschiedensten
Ländern verfolgen ; 1924 und in den ersten Monaten des Jahres 1925
konnten dann alle die Maßnahmen festgehalten werden, durch
die eine große Anzahl von Ländern wieder zur Goldwährung
zurückkehrte und dadurch die wirtschaftlichen Beziehungen
untereinander wiederherstellte.

Den Beginn dieser ganzen Bewegung bezeichnen der finan-
zielle Wiederaufbau Österreichs und die dadurch in Gang gebrachte
Währungsreform. Dies war der erste Schritt des Wiederaufbaues,
für den einzutreten der VB in seiner Tagung im September 1922
beschlossen hatte. Die österreichische Krone, die bis dahin durch
nichts von ihrem Laufe in den Abgrund abgehalten werden konnte,
wurde als einzige Währung jener Zeit in der ganzen Welt ein
ebenso stabiles Zahlungsmittel wie der Dollar. Dieser Erfolg
bedeutet gewiß eine große Lehre für alle Länder Mittel- und Ost-
europas, die damals die schwersten Schwierigkeiten auf dem
Gebiete der Währung durchmachten. Aus der österreichischen
Erfahrung ging jedenfalls hervor, daß es möglich ist, gegen die
schlimmste Geldentwertung mit Erfolg anzukämpfen, wenn man
einen festen Plan dagegen bestimmt durchführt. Durch die
Stabilisierung der österreichischen Krone hat der VB den Weg
zur Stabilisierung der Währung aller Länder geebnet. Die in
unserem Berichte wiedergegebenen Kartogramme zeigen deutlich,
daß drei Viertel dieser Arbeit um die Mitte des Jahres 1925 schon
durchgeführt war.

45
        <pb n="50" />
        Internationale Rundschau der Arbeit
Die Währungen in Europa am 23. Dezember 19231):
Die Valuten in Europa, nach dem Stand vom Dezember 1923
DEU 0 EN ERTE DAL
ENTWERTET BIS 50%
. © 5%
ES. „&gt;
. ÜBER
fü IE |
=
A -
') Nach Wirtschaft und Statistik (29. Januar 1924).
Die Stabilisierung in Europa am 1. Juni 1925
GOLDSTANDARD , STABILISIERUNG
TECH RSS ATIOT REGELUNG
ANDERE LÄNDER
I N . Se Ay n
—_. Rs A 5
a

4.6
        <pb n="51" />
        Erhebung über die Produktion ‘

Die Währungen in den verschiedenen Ländern am 23. De-

zember 19231):
Die Valuten der Welt, nach dem Stand vom Dezember 1923
Ay
%l

GOLDSTANDARD ENTWERTET BIS 50% ES enNtweERTET BIS 09%

ENTWERTET BIS 10% 75% 7 ÜBER 99%

1) Nach Wirtschaft und Statistik (29. Januar 1924).

Die Stabilisierung der Währung in den verschiedenen Ländern
am 1. Juni 1925:

Die” Stabilisierung in den verschiedenen Ländern am 1. Jum 1925
Ex GOLDSTANDARD , STABIL ISIE RUNG TATSÄCHLICHE STABIL! SIE RUNG.- REGELUNG ANDERE

ODER ANDERE VORKRIEGSREGELUNG AM m WEGE over ORGANISATION LÄNDER

4”
        <pb n="52" />
        Internationale Rundschau der Arbeit

Einige Zahlen mögen genügen, um darzutun, unter welchen
Mühen das gelungen ist. Um die Zeit, als der VB die österreichische
Krone stabilisierte, ‘stieg der Dollar in Österreich mit einer Ge-
schwindigkeit von 21 Kronen täglich. Als in Polen die Stabilisierung
der polnischen Mark erfolgte, betrug die Steigerung des Preises
des Dollars in Warschau 68 polnische Mark in der Minute. Als
Rußland den Tscherwonetz einführte, der einen Wert von 10 Gold-
rubeln besitzt, ging der Dollar in Petrograd in jeder Sekunde um
18000 Rubel in die Höhe, und als Deutschland durch die Renten-
mark zur Stabilisierung der Mark gelangte, stieg der Dollar in
Berlin mit einer Geschwindigkeit von 3 Millionen Papiermark
in jeder Sekunde,

Die aus dieser Entwickelung sich ergebende Wiederherstellung
der Handelsbeziehungen, des Wirtschaftslebens und der Pro-
duktion, wie alle Maßnahmen des finanziellen und währungs-
technischen Wiederaufbaues, unter Rückkehr zur Goldwährung
in den meisten Ländern, sind in den Berichten nicht nur fest-
gestellt, sondern auch erläutert. Besondere Berechnungen über die
einzelnen Elemente der Gestehungskosten in den verschiedenen
Ländern, und zwar berechnet in Gold, zeigen für das Jahr 1924,
wie sehr die 1921 oder 1922 in die Erscheinung getretenen Unter-
schiede geringer geworden waren.

‚Dieses Ergebnis ist natürlich auf zwei große Faktoren zurück-
zuführen. In den hochvalutarischen Ländern, in denen das Geld
ganz oder ziemlich von der Entwertung verschont blieb, also in
den nichteuropäischen Ländern, in den neutralen Ländern Europas
und in Großbritannien, hatte die, zum Teile durch dieses plötz-
liche Schwinden des Gleichgewichtes erzeugte Wirtschaftskrise,
ihre Wirkung getan; sie hatte zu einer allgemeinen Preissenkung —
wir nennen es hier Senkung der Goldpreise — geführt. Anderer-
seits hatte die Festigung des Zahlungsmittels in der zweiten
Ländergruppe, indem sie die Neigung zeigte, zwischen der inneren
und der äußeren Kaufkraft des Geldes die Parität wiederherzu-
stellen, die Goldpreise der Waren insgesamt erhöht. Diese doppelte
Bewegung hatte in einem gewissen Ausmaße zu einer Wieder-
annäherung, zu einer Art Wiederangleichung der wirtschaftlichen
Verhältnisse der verschiedenen Länder geführt und gerade dadurch
die Wiederanknüpfung der Handelsbeziehungen ermöglicht. Im
Juni 1921, also in einer Zeit, in der die Weltwirtschaftskrise sich
am allerschwersten zeigte, konnten die Unterschiede in den nach
Gold berechneten Lebenskosten, wenn man sie mit der Vorkriegs-
zeit als Grundlage in Vergleich stellt, durch _die folgenden Meß-
ziffern ausgedrückt werden: Deutschland 65, Österreich 73, Frank-
reich 128, Vereinigtes Königreich 177, Vereinigte Staaten 180.
Ende Februar 1923 waren die entsprechenden Zahlen: Deutsch-
land 49, Österreich 69, Frankreich 111, Vereinigtes Königreich 171,
Vereinigte Staaten 169. Ende September 1924 jedoch war die
Meßziffer der Lebenskosten in Österreich auf 92 geklettert und in
Deutschland auf 116, während sie in Frankreich auf 100 zurück-
gegangen war, für das Vereinigte Königreich auf 161 und in den

48
        <pb n="53" />
        Erhebung über die Produktion )
Vereinigten Staaten mit 171 die Meßziffer für Februar 1923 nur
um zwei Punkte überragte.

In Bezug auf den Preis der Arbeitskraft ermöglicht ein inter-
nationaler Vergleich die Feststellung folgender Wochenlöhne,
berechnet in Goldfranken, die in einer Reihe von Städten am
1. März 1923 gezahlt wurden: Einrichter: Berlin 15, Wien 23,45,
Warschau 14,73, Paris 48,21, London 75,82. Damals waren die
Unterschiede also sehr erheblich. Sie ergeben sich auch z. B.
für die Hilfsarbeiter im Maschinenbaugewerbe: Berlin 13,32,
Warschau 10,65, Paris 30,47, London 53,87. Am 1. Oktober 1924
jedoch sind die Unterschiede erheblich geringer geworden. Die
Löhne der Einrichter waren an diesem Tage, in Gold. berechnet,
in Berlin von 15 auf 52,15 gestiegen, in Warschau von 14,73 auf
über 29,69—42,50, während in Paris ein Rückgang von 48,20
auf 45,87 und in London ein solcher von 75,82 auf 71,66 zu ver-
zeichnen ist. Die Löhne der Hilfsarbeiter gingen in Berlin von
13,34 auf 28,43 hinauf, in Warschau von 10,65 auf über 19,20
bis 26,28, in Paris von 30,47 auf 32,77; für London ist dagegen ein
Rückgang von 53,87 auf 51,07 zu verzeichnen.

Wenn man sich alle diese Tatsachen vor Augen hält und
gleichzeitig die Kreditmaßnahmen erwägt, welche die Kaufkraft
schaffen halfen und die dazu führten, von den kreditgebenden
Ländern gewährte Darlehen in der Form von Aufträgen ihnen

Lebenskosten in Dollars in den verschiedenen Ländern,
Indexziffern: 1914: 100

190
180 + Se een SCHWEDEN
701 SrDFRLANDE oe
169 | NORWEGEN Sana
iso + KANADA
8 KO EEE
= DEE arın
ICO + a, FRANKREICH
so | ne ÖSTERREICH
so te | =

Xi —_—

60 ' —

so - 5

A041 POLEN — ——_=x«, m

Sr ES

20 +— —— = L

10 4 ————— -

19a 1921 19ia 1924
(VORKRIEGSZEIT) (Junı) (VORKRIEGSZEIT) (SEPTEMBER)

4€
        <pb n="54" />
        Internationale Rundschau der Arbeit
Löhne in Goldfranken in verschiedenen Städten am 1. August 1914,
1. März 1923, 1. Juli und 1. Oktober 1924, 1. Januar und I. April 1925
Metallindustrie Metallindustrie Baugewerbe
Monteure Handlanger Maurer
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1914 1923 1924 1925 1914 1923 1924. 26
Baugewerbe Graphische Gewerbe Buchgewerbe
Handlanger Maschinensetzer Buchbinder
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1914 1923 "1924 "1026 © 1914 10923 1924 "25 1914 1925 1924 Wwes
wieder zuzuführen und dadurch in jedem Sinne einen großen
Geschäftsverkehr anzubahnen, so findet man die Erklärung für
die Aufwärtsbewegungen der Kurven der letzten Zeit, die in den
Diagrammen über den Außenhandel verzeichnet sind, und man
findet umgekehrt auch die Erklärung der Bewegunge auf dem
Arbeitsmarkte, unter denen dieser im Allgemeinen im Jahre
1924 litt.

50
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        Erhebung über die Produktion 1

8. Was aber auch immer die Rolle derartiger Einflüsse und
Maßnahmen gewesen ist, so muß auch auf die weniger in die
Erscheinung getretene, aber auch unbestreitbare Rolle hinge-
wiesen werden, die vielen anderen Bemühungen auf diesem Ge-
biete, die hier nicht behandelt werden können, zukommt; das
ist jedoch in den allgemeinen Berichten selbst ausführlich ge-
schehen. In allen Ländern waren neben dem Staate selbst auch
die Kommunen, die Verwaltungskörperschaften jeder Art, die
wirtschaftlichen Verbände und wissenschaftlichen Institute usw.,
tätig im Kampfe gegen die verschiedensten Auswirkungen der
einzelnen Krisen. So konnte sich auch auf allen Seiten ein lang-
samer Prozeß des Wiederaufbaues und der Wiederbelebung ent-
wickeln. Alles was auf diesem Gebiete geschehen ist, wurde in
den einzelnen Abschnitten des letzten Bandes des Berichtes
behandelt.

9. Ganz besonders ist auf die Genossenschaften hinzuweisen.
An ihre zentralen Körperschaften in vielen Ländern wurden die
Fragebogen ebenfalls versandt. Sie haben die gestellten Fragen
gern beantwortet, ihre Leistungen beschrieben und auch ihr
Arbeitsprogramm. An dieser Stelle muß unterstrichen werden,
wie sehr die Konsumgenossenschaften in zahlreichen Ländern in
jenen kritischen Zeiten auf den Lebensmittelmarkt einen regu-
lierenden Einfluß ausübten, als die Teuerung anscheinend von
keinerlei Widerstand aufgehalten war. Der Bericht schildert die
Beziehungen, die in einzelnen Ländern zwischen landwirtschaft-
lichen Genossenschaften und den städtischen Konsumgenossen-
schaften entstanden sind. Die Zentralisierung der Einkäufe und
auch der Verkäufe, die Beziehungen zwischen den zentralen
Körperschaften der verschiedenen Länder, die Entwickelung
eines wahren Geistes der internationalen Solidarität. Auch ihre
Bemühungen, den Geist des Genossenschaftswesens in den all-
gemeinen Beziehungen der Staaten zueinander zur Geltung zu
bringen, sei hier erwähnt.

10. Im Allgemeinen entspricht dieses Ideal bestimmten
Bestrebungen und Wünschen, die in den verschiedensten Kreisen
festzustellen waren. Es ist das zweifellos einer der bemerkens-
wertesten Züge der heutigen Zeit, die so verschiedene und dabei
so schwere Krisen durchmacht, daß sie die Verbreitung groß-
zügiger konstruktiver Ideen gefördert hat. Dabei darf auf vier
verschiedene Strömungen hingewiesen werden.

Zunächst sei erwähnt das Bestreben, die Wiederholung der
Arbeitslosigkeit zu verhindern oder wenigstens nach Möglichkeit
ihre Gefahr einzudämmen. Die verschiedensten Bemühungen,
die auf diesem Gebiete zutage traten, wurden festgehalten, analy-
siert und eingeteilt: rationelle Politik der öffentlichen Arbeiten,
Kontrolle über das Bankkreditwesen, Zusammenwirken der Zentral-
banken der verschiedenen Länder, wie das die Genueser Konferenz
anregte, Ausnutzung der nationalen und internationalen indu-
striellen Vereinbarungen, der Landeswirtschaftsräte, wie auch
internationaler Wirtschaftskörperschaften.

An zweiter Stelle kamen die Handelsbeziehungen von Staat

51
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        Internationale Rundschau der Arbeit

zu Staat in Betracht. Die allgemeine Wirtschaftskrise und die
Umwälzungen des Währungsmarktes haben in der ganzen Welt
eine starke schutzzöllnerische Welle hervorgerufen. In Europa
kam zur Erhöhung der Zollsätze die Vermehrung der Landesgrenzen
durch die Friedensverträge. Immer mehr schließen die Länder
sich gegeneinander ab. Die noch im kleinen Maßstabe arbeitende
Produktion wird immer mehr durch die Fabrikation für große
Märkte abgelöst. So wächst besonders in Europa die Gefahr eines
Stillstandes dieser Entwickelung, die um so größer ist als sie einer
mit dem Kriegsanfange beginnenden Zeit folgt, während der,
wie wir gesehen haben, die europäische Wirtschaft, als Ganzes
genommen, durch die Wirtschaft der außereuropäischen Länder,
besonders der Vereinigten Staaten, so ungemein stark überholt
worden ist. Aus allen diesen Gründen wird deshalb gefordert,
daß man durch internationale Bemühungen großen Stiles Maß-
nahmen der Gegenseitigkeit ergreife und tiefwurzelnde Bezie-
hungen des Zusammenwirkens schaffe, die Methoden der Isolierung,
des wirtschaftlichen Kampfes aufgebe, um gemeinsam die Wirt-
schaftskräfte der verschiedenen Länder auszubauen.

Eine dritte Strömung ist auf dem Gebiete der Sozialpolitik
zu beachten. Die scharfe Betonung von Interessengegensätzen
schafft sicherlich eine Atmosphäre und wirtschaftliche Verhält-
nisse, die Maßnahmen internationaler Solidarität auf dem Gebiete
der Arbeiterfragen wenig zuträglich sind. Die Schärfe des Wett-
bewerbes und die unaufhörlichen Bemühungen zur Drosselung
der Herstellungskosten halten in manchen Ländern den Fort-
schritt der sozialen Gesetzgebung auf. Auch auf.diesem Gebiete
erhalten die genossenschaftlichen Methoden des internationalen
wirtschaftlichen. Zusammenarbeitens ihre Bedeutung zur Lösung
der vorhandenen Schwierigkeiten.

In gleichem Sinne aber wirkt auch noch eine andere Kraft,
die öffentliche Bewegung für den Frieden. Von den verschieden-
sten Seiten sind die Gefahren des Krieges beleuchtet worden,
die aus den wirtschaftlichen Gegensätzen zwischen den einzelnen
Staaten entstehen. Dabei konnte gezeigt werden, wie die verschie-
denen Arten der Entwaffnung zusammengehören, und wie die
militärische und geistige Abrüstung unerreichbare Ziele dar-
stellen, solange in der Wirtschaft die internationalen Konflikte
andauern.

Alle diese Strömungen sind auf eine gemeinsame Quelle
zurückzuführen. Im Verlaufe vieler Jahre, ja im Verlaufe eines
Jahrhunderts, sind immer engere wirtschaftliche Beziehungen
zwischen den Völkern geknüpft worden. Das Wirtschaftsleben
der einzelnen Länder wird immer mehr von dem der anderen
Länder mit abhängig. Daneben, darüber oder, besser gesagt,
zwischen ihnen hat sich eine Weltwirtschaft herausgebildet.
Daher kann das gemeinsame Problem, auf das alle diese ver-
schiedenen Probleme zurückzuführen sind, in die Formel gefaßt
werden: schafft die nötige Verfassung oder Satzung der Weltwirt-
schaft.

1) Treasury Department. United States Public Health Service. Public Health Bulletin
Nr: 106. ‚‚Comparison of an Eight-Hour Plant and a Ten-Hour Plant.‘ Februar 1920,
Washington 1920, S. 0.

7G. Pätz’sche Buchdruckerei Lippert &amp; Co. G. m. b. H., Naumburg a. d. S.

592
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        Der Sozialz und Wiert£hHaftspolitiker braucht zu=
verläffige Unterlagen über die fozialen Bewegungen
des Inlandes und des Auslandes.

Diefe findet er in der inhaltlich und technißh
vorzüglich ausgefatteten deutkhen Monatsfheift

nf Honal
99 SP El ermnmatiChNnaie
Rundschau
/ Sn66
der Arbeit
Herausgegeben
vom Internationalen Arbeitsamt
Zweigamt Berlin

Monatlich 100 Seiten ßark, beinat diefe Zeitz
RKHeift Abhandlungen über wichtige Fragen dee inter-=
nationalen Sozialz und Wirt@haftspolitik, amtliche
Nachrichten aus der Internationalen Aerbeitsorganiz
fation und dem Internationalen Arbeitsamt, rveich=
Haltige Rundfhauen über wirtfhaftliche und foziale
Bewegungen, Oerganifationen der Arbeitgeber und
der Arbeitnehmer, Arbeitsrecht, Bevölkerungspolitik
ufw., desagleichen fortlaufende Statiftiken über Löhne
und Lebenskoflen, Aebeitslofigkeit, Wanderungs-=
wefen ufw. in allen Ländern der Welt.

Preis je Heft M. 1.—, Jahreesabonnement M. 10.—.
Zu beziehen durch das
Internationale Arbeitsamt, Amt Berlin
Berlin NW 40, Scharnhorsistir. 35
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uber die Sroduklion
Soeben sind die letzten Bände zu der großen Erhebung
über die Weltproduktion erschienen, mit welcher das IAA
im Jahre 1920 auf Grund eines Verwaltungsratsbeschlusses
beauftragt worden war.
Nie bisher wurde eine so weitgehende und
umfassende Untersuchung unternommen.
In 16 Sprachen gingen die Fragebogen des IAA an
die Regierungen, Arbeitgeber-, Arbeitnehmer- und Genossen-
schaftsorganisationen aller Länder der Welt. Es ist dies
der erste und einzige Versuch, die wirtschaftliche Verfassung
der Welt nach der Katastrophe des Weltkrieges darzustellen
und zu durchleuchten. Das Werk enthält die vollständigsten
Statistiken über die Produktions- und Preisbewegung der
verschiedenen Länder und die Darstellung der mit Heftigkeit
in bisher nie gekanntem Ausmaße wechselnden Krisen. Auf
Grund dieser Unterlagen wird die Behandlung der damit
zusammenhängenden sozialen. Fragen besondere Sorgfalt
gewidmet.
Das Werk umfaßt 8 Bände mit mehr
als 6500 Druckseiten, 850 Kurvenbilder
und 1400 statistischen Darstellungen
in folgender Gliederung:
I. Einleitende Denkschrift und Bibliographie. /
II. Die Tatsachen: Die allgemeine Produktion und
durchschnittliche Produktionsleistung des einzelnen
Arbeiters. /
II. Die Erklärung der Tatsachen: Allgemeine wirtschaftlich@
Faktoren. ;
IV. Die Erklärung der Tatsachen: Auf die Arbeit bezügliche
Faktoren.
V. Lösungsvorschläge und Erfahrungen.
Preis M. 80.—.

Das Werk ist in französischer Sprache erschienen
‚und ist zu beziehen vom
Internationalen Arbeitsamt, Amt Berlin
Berlin NW 40, Scharnhorststr. 35
G. Pätz’sche Buchdmckmeni Tönnert #&amp; Ca, Gum. b.H.. Naumhury -. d. S

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        Erhebung über die Produktion } S
darum handelte, die Erzeugnisse hochvalutarischer Länder in /
Ländern mit schlechter Währung abzusetzen. Dabei sei aber auch S
darauf hingewiesen, wie sehr in einer solchen Zeit die Unterschiede ,
in den Herstellungskosten in den verschiedenen Ländern durch '
die Unterschiede in der täglichen Arbeitszeit beschränkt wurden;
in der Regel dürften sie 20 vH nicht überschreiten, während sie
unter dem Einflusse jener ungeheuerlichen Entnivellierung der ;
Goldpreise Unterschiede von mehreren 100 vH zeigen mußten.

In der verschiedensten Form trat hierbei die enge Verbin-
dung der Interessen aller Länder zutage, wie auch die Notwendig-
keit eines allgemeinen Strebens für den Wiederaufbau der am
meisten betroffenen. Daraus mußte sich die große Bewegung
der öffentlichen Meinung für den wirtschaftlichen Wiederaufbau
Europas ergeben; der nächste Schritt führte zu kollektiven Be-
mühungen auf diesem Gebiete und dann, um nur einige der wich-
tigsten Ergebnisse dieser Art zu erwähnen, zur Brüsseler inter-
nationalen Finanzkonferenz 1920, zur internationalen Verkehrs-
konferenz in Barcelona 1921, zur internationalen Wirtschafts-
konferenz in Genua 1922; im gleichen Jahre wurde der Wieder-
aufbau der österreichischen Finanzen in Angriff genommen,
1924 dieselbe Aufgabe in Ungarn, und in diesen letzteren Jahren
wurden der Dawes-Plan und die Kreditgewährung in Deutschland
durchgeführt.

Die Auswirkung aller dieser Bemühungen zeigte sich nach
und nach in der Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse
Europas und der Welt überhaupt. Schritt für Schritt ließen sich
seitdem die Fortschritte der Währungsfragen in den verschiedensten }
Ländern verfolgen ; 1924 und in den ersten Monaten des Jahres 1925
konnten dann alle die Maßnahmen festgehalten werden, durch
die eine große Anzahl von Ländern wieder zur Goldwährung
zurückkehrte und dadurch die wirtschaftlichen Beziehungen
untereinander wiederherstellte.

Den Beginn dieser ganzen Bewegung bezeichnen der finan-
zielle Wiederaufbau Österreichs und die dadurch in Gang gebrachte
Währungsreform. Dies war der erste Schritt des Wiederaufbaues,
für den einzutreten der VB in seiner Tagung im September 1922 |
beschlossen hatte. Die österreichische Krone, die bis dahin durch
nichts von ihrem Laufe in den Abgrund abgehalten werden konnte,
wurde als einzige Währung jener Zeit in der ganzen Welt ein |
ebenso stabiles Zahlungsmittel wie der Dollar. Dieser Erfolg
bedeutet gewiß eine große Lehre für alle Länder Mittel- und Ost-
europas, die damals die schwersten Schwierigkeiten auf dem
Gebiete der Währung durchmachten. Aus der österreichischen
Erfahrung ging jedenfalls hervor, daß es möglich ist, gegen die
schlimmste Geldentwertung mit Erfolg anzukämpfen, wenn man
einen festen Plan dagegen bestimmt durchführt. Durch die
Stabilisierung der österreichischen Krone hat der VB den Weg
zur Stabilisierung der Währung aller Länder geebnet. Die in
unserem Berichte wiedergegebenen Kartogramme zeigen deutlich,
daß drei Viertel dieser Arbeit um die Mitte des Jahres 1925 schon
durchgeführt war.

45
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