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        <title>Wie erhält ein Volk seine Währung?</title>
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            <forname>Georg Wilhelm</forname>
            <surname>Schiele</surname>
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        irtschaftsfragen der Zeit
ESS ; EB GE EKR s trte;;:
Franz Schenk Freiherr von Stauffenberg, DM. d. R., n. a.
Herausgegeben von
Dr. R. G. Quaatz, Geh. Regierungsrat, D. d. R.
Heft 1
Wie
erhält ein Volk
w LAJ 6
seine Währung?
Von
Dr. Georg Wilhelm Schiele
Naumburg (Saale)
Deutjqcher Volksblatt-Verlag Berlin SW 61
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        Wirtschaftsfragen der Zeit
Als erste Serie wird herausgegeben:
In Heft 1 „„Wie erhält ein Volk seine Währung?‘ er-
örtert Dr. Georg Schiele die Währungsfrage. Vir
sind alle von der Sorge erfüllt, daß unsere Währung erhalten
bleibt. Schiele beleuchtet die Gefahren für unsere Währung und

die Wege zu ihrer Erhaltung.
In Heft 2 „„Staat und Wirtschaft“ behandelt Geheimrat
Quaatz das Verhältnis von Sta at und Wirt sch a f t. Er
zeigt die Fehler unserer Staatswirtschaft und die wirtschaftlichen
Nöte, die hieraus entsprungen sind. Auch hier werden die Wege
zur Genesung gezeigt..
In Heft 3 „Ernährung und Schugtzzoll‘“ bespricht Graf E.
Kalckreuth, Präsident des Reichslandbundes, die Volks-
ernährung und zeigt, wie eine gesunde Wirtsschaftspolitik auch
zur Wiederbelebung der Landwirtschaft und damit in weiterer
Folge der gesamten Volkswirtschaft führen kann und muß.
In Heft 4/5 „„Bauernnot-.. gibt Frhr. von Stauffenberg, der
bekannte wür tt emb erg i s &lt; e Bauernführer, dem deutschen
Städter ein eingehendes Bild der Lebens- und Arbeitsbedingun-
gen des deutschen Landvolkes. Er nennt seine Schrift mit Recht
einen „Mahnruf“..
Es folgt „„Der Deutsche Außenhandel. von Walter Dauch,
Großkaufmann in Hamburg, M. d. R.
Die Serie wird fortgesetzt. Die weiteren Hefte sollen in
ähnlicher Form bestimmte Einzelfragen nicht nur kritisch
erörtern, sondern stets auch gleichzeitig neue Ziele weisen.
        <pb n="3" />
        Wirtschaftsfragen der Zeit
UU 65%
Franz Schenk Freiherr von Stauffenberg, M. d. R., u. a.

herausgegeben von
Dr. R. G. Quaatz, Geh. Regierungsrat, M. d. R.
Heft 1
Wie
erhält ein Volk
seine Währung?
Von
Dr. Georg Wilhelm Schiele
Naumburg (Saale)
Deutscher Volksblatt-Verlag Berlin SW 61
        <pb n="4" />
        F
Vorrede.
Währung als Zeùugnis.

Auch die Völker haben einen Lehrmeister der ihnen Zensuren
gibt : Eine dieser Zensuren heißt Währung. Es ist vielleicht mehr
als ein Wortspiel, wenn man sagt: „Währung bedeutet Be-
währung von Staat und Volk.“ Diejenigen Stäatsmänner oder
Finanzmänner, welche meinen, Währung hinge nur mit einem
bestimmten Vorrat von Gold oder Devisen zusammen, könnten
noch einmal ein peinliches Aufwachen erleben. Währung hängt
vielmehr mit Arbeit,. mit Sittlichkeit, mit Leistung eines Volkes
zusammen. Es sind die Taten eines Volkes, woraus die Währung
kommt. Gute Währung ist eine gute Zensur.

Aber es sind auch die Taten anderer Völker gegen ein Volk, was
die Währung eines Volkes bestimmt. Man könnte also auch die
Währung mit einem Gesundheitszeugnis vergleichen. Man ist
für seine Gesundheit verantwortlich ~ aber man kann auch krank
aus Unglück sein. Wichtig an diesem Zeugnis ist, daß es mit Wahr-
heit und Wirklichkeit übereinstimmt.

].
Verbraucherschaft und Währung.

Man stelle sich den ganzen lebendigen Körper der Lohn- und
Gehaltsempfänger mit ihren Angehörigen vor. Es werden unge-
fähr 75 v. H. des gesamten Volkes sein. Wovon leben sie ? Von
einer Lohn- und Gehaltssumme. Lohn und Gehalt machen in
dem Ausgabenetat jeder Unternehmung und schließlich im Ver-
brauch des ganzen Volkes die bei weitem größte Summe aus.
Wie empfangen sie diesen Lohn? In üblichen Umlaufsmitteln.
Es ist ersschütternd, zu sehen, wie im heutigen Deutschland dieser
größte Stand — der Lohn- und Gehaltsempfänger , wir alle
gehören dazu, auch höhere Beamte und Gerneraldirektoren,

..
        <pb n="5" />
        Lehrer und Universitätsprofessoren –~ immer proletarischer
wird. Jedes Vermögen, jedes Spargut wurde verloren. Ein
jeder steht dem Nichts gegenüber, wenn ihm sein Gehalt, Pension,
Anstellung, Arbeitsplatz genommen wird. Wir sind allesamt
besitlose Proletarier geworden, die von der Hand in den Mund
leben und aus einer einzigen großen Krippe fressen.

Man dente sich einen riesengroßgen Feldkesssel. 20 Mil-
lionen Lohn- und Gehaltsempfänger treten heran, um für
40 Millionen Menschen täglich Essen und anderes (Kleidung)
zu empfangen. Das Schöpfgefäß, mit dem ein jeder herantritt
und welches angibt, wieviel er erhalten darf, heißt Lohn oder
Gehalt, und der allgemeine Nenner heißt Geld oder Währung.
Was isst also der Sinn und Inhalt des Geldes?

Ein Quantum von Dingen, wovon man leben kann = ein
Maßgefäß für Lebensunterhalt. Das Verhältnis von Maß und
Inhalt heißt Währung.

Stellen wir uns die anderen Berufsstände vor, die selb-
ständigen, z. B. die gesamte Bauernschaft: der Erlös durch den
Verkauf ihrer Produkte an jene 40 Millionen Lohn- und
Gehaltsempfänger ist eine ganz bestimmte Summe Geldes, die
auf das engste mit der Kaufkraft jener 40 Millionen zu-
sammenhängt. Auch diese Geldsumme, die man als den „Arbeits-
lohn des Bauernstandes“ bezeichnen kann, ist nichts anderes als
eine Summe von Schöpfgefäßen, mit denen die Bauern heran-
treten, um ihren Anteil an dem zu erheischen, was in dem Feld-
kessel ist.

Auf dessen Inhalt kommt es an. Der Inhalt im Feldkessel ist
das gemeinsame Produkt der gesamten Arbeit. Ein Volk ist also
zuerst eine Produktionsgemeinschaft, die ein gemeinsames Sozial-
produkt schafft. Danach ist es auch eine große Verbraucher-
gemeinschaft, Lohngemeinschaft, Geldgemeinschaft, Währungs-
gemeinschaft, Schicksalsgemeinschaft.

Währung ist das Verhältnis von Geldlohn zum Inhalt des
Geldes an Lebensunterhalt. Man kann einen Nominallohn
und einen Reallohn unterscheiden; der erstere ist eine Geldziffer,
der zweite ist eine Summe von Waren und Leistungen (W + L).

In den Jahren 1919-1923 hat das Volk der Lohn- und
Gehaltsempfänger ein großes Experiment darüber gemacht, ob

J
        <pb n="6" />
        man durch Geset oder Gebot den Lohnstandard, die Lebenshöhe
einer lohn- und gehaltsempfangenden Klasse erhöhen kann.
Der Ausgang war: man erhöhte nur den Nominallohn, die
Geldziffer; dagegen der Reallohn, der Inhalt wurde immer
dürftiger. Die Summe aller Reallöhne ist gleich dem vorhande-
nen Sozialprodukt; dieses hängt ab von der Leistung eines Volkes,
von dem, was jeder einzelne vorher durch Arbeit in den Feld-
kessel hineingetan hat. Tut das Volk immer weniger hinein,
oder wird durch Korruption oder durch Tribut ein Teil des Hinein-
getanen entwendet, so sinkt die Währung, so sinkt der Inhalt des
Reallohnes. Jeder erhält weniger für sein Gehalt.

Es gibt nichts Fürchterlicheres für diesen Stand als eine sinkende
Währung. Sintt sie langsam ~ so heißt es Teuerung; sinkt sie
schneller ~ so heißt es Geldentwertung. Wir haben die Zeiten
durchgemacht, wo man des Mittags mit seinem Lohn rennen
mußte, weil des Abends die Preise schon wieder gestiegen
waren. „Es gibt kein besseres Mittel, um den Acker des reichen
Mannes zu düngen mit dem Schweiß des armen, als die Verände-
rung im Wert des Geldes“, sagt ein Forscher. Die Arbeit gibt schließ-
lichihre Leistung fastumsonst her. Außerdemgibt es keinen Zustand,
der so allgemein alle Ehrlichkeit, Treue, Sittlichkeit in kurzer Zeit
aufzulösen imstande ist, wie der der progressiven Währungs-
schwindsucht.

Das Geld oder die Währung hat aber noch eine andere Auf-
gabe. Wir brauchen etwas Wertbesständiges, um die Leistung,
die wir heute noch schaffen können, weil wir noch jung und gesund
sind, aufzubewahren für die Zeit des Alters, für die Ausstattung
der Kinder. Daher Währung = Bewahrung. Ein ssinkendes
Geld betrügt uns um die Frucht unserer Arbeit und um die
Sicherheit unseres Alters. Auch das haben wir erprobt; es graut
uns davor, es noch einmal durchzumachen. Das große Experiment
der Zerstörung wirkt nach. Das Volk selbst wird nicht noch einmal
in die Versuchung fallen, die Währung durch künstliche Erhöhung
der Nominallöhne zu gefährden. Das Volk will die Bewährung
der Währung. Der Sinn des Geldes ist, daß man darin sparen
und versichern kann. Dazu muß das Geld uns die Treue halten;
sonst geht alle Treue unter Menschen verloren. Das Volk emp-
findet Veränderung der Währung als Untreue. Darum die
Frage: „Wie erhalten wir unsere Währung stabil?“
        <pb n="7" />
        Der größte Verbraucher ~ der Staat.

Unsere Volkswirtschaft besteht aus etwa 14 Millionen Haus-
halten. Der größte Haushalt aber darin ist der des Staates. Er
erhält auch ein Gehalt, wovon er lebt: das ist der Steueretat. Er
ist also auch abhängig von der Währung und lebt mit aus dem
großen Feldkessel, worin das Sozialprodukt ist. In einem ge-
sunden Zustand nimmt er 10 Prozent desselben für ssich.
Wenn aber die Gefräßigkeit bei ihm steigt, oder wenn die Masse
des Sozialproduktes im Feldkessel abnimmt, so können es über
30 Prozent werden, wie jetzt bei uns, und das ist für die
Währung und Bewährung ein sehr gefährlicher Hustand; denn
wenn die Reproduktion leidet, weil die eigentliche Arbeitskraft
des Volkes, die das Sozialprodukt schaffen muß, nachläßt, dann
tritt Schwund des Sozialproduktes ein. Was wird dann?

Der Staat besteht aus Staatsbeamten. Diese fühlen, daß sich
die Bewährung ihres Gehaltes ändert. Es soll ein Treuever-
hältnis zwischen Staat und Beamten bestehen. Die Beamten
sollen treue Dienste leisten ~ und der Staat schuldet ihnen die
Treue, daß er sie ausreichend versorgt. Dies Treueverhältnis
wird gestört, wenn die Währung sich ändert. Die Treue ver-
schwindet und bleibt oft lange verschwunden.

Heutige Staaten kann man geradezu Währungsstaaten nennen.
Was Völker voneinander abgrenzt ~ mehr noch als Grenzpfähle
oder Sprache, oder Verfassung , ist die Währung. Währung
zieht politische Grenzen. Staaten sind Währungsgemeinschaft.
Durch die Währung wird die Persönlichkeit, die Individualität,
die Schicksalsgemeinsschaft einer Nation sichtbar, und noch mehr
durch die Bewährung. Sie ist wie ein unsichtbarer Schicksalsring,
wodurch das Volk zusammengehalten wird. Wir verstehen sie,
wenn wir das Volk als eine einzige große Gewertkschaft und als
einen lebenden Organismus ansehen.

Kann der Staat durch Gebot und Gesetz die Währung erhalten,
wenn aus irgendwelchen Gründen (Krieg oder Revolution) der
Spiegel im Feldkessel sinkt, so daß jeder weniger in sein Empfangs-
gefäß erhält? Kann der Staat, darf der Staat befehlen, daß er und
seine Beamten ebensoviel erhalten wie bisher? Darf der Staat
durch Papiergelddruckerei für sich allein die Umlaufsmittel ver-
mehren? Dann wird in Kürze sich die Volkswirtschaft in mehr

[]
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        Staatswirtschaft verwandeln. Statt 10 Prozent wird der
Staat 33 Prozent vom Sozialprodukt für sich und seine
Nutnießer nehmen. Es bedeutet die größte Gefahr für die
Währung, wenn gerade der Staatshaushalt mehr verbraucht,
als er nach dem allgemeinen Zustand verbrauchen sollte. Die
Sachverständigen des Dawesplanes haben als erste Grund-
bedingung der Stabilisierung verlangt, daß der Staatshaushalt
im Gleichgewicht gehalten werde. Es genügt aber nicht nur, daß
er sich im Gleichgewicht befinde, sondern er muß auch zum gesam-
ten Volkshaushalt in einem vernünftigen Gleichgewicht stehen.

Dentt ja nicht etwa, ihr anderen Verbraucher, daß die Steuern
so verteilt werden könnten, daß nur der Reiche es fühlt — denkt
nicht, daß es den einen Berufsstand nichts anginge, wenn der
andere Berufsstand eine Steuererhöhung aufgebrummt be-
kommt. Alle Steuerlasten haben die Eigenschaft zu diffundieren,
d. h. sich zu verteilen wie Tinte im Wasser; sie werden alle weiter-
gewälzt, treffen schließlich die Gesamtheit und werden eine allen
gemeinsame Last.

Die drei Haushalte.

Es gibt drei große Haushalte, von denen die Währung eines
Volkes abhängt. Diese drei muß man sich ineinandergeschachtelt
denken.

Der eine von ihnen ist der Staatshaushalt. Er beträgt bei uns
einschließlich der Tributaufwendung an das Ausland etwa 14
Milliarden und macht 30 Prozent des Ganzen aus.

Der andere Haushalt ist der Austausch, den die Nation mit dem
Ausland unterhält. Er spielt um 10 Milliarden und macht etwa
25 Prozent des Ganzen aus. Er ist ebenfalls von großer Be-
deutung für die Erhaltung der Währung, wovon später.

Der wichtigste Haushalt ist der des großen Ganzen, der alle
umfaßt: der Volkshaushalt (44 Milliarden). In ihm muß Gleich-
gewicht herrschen von Verbrauch und Wiederhersstellung. Wenn
ein Volk auf die Dauer mehr verzehrt als wiederherstellt, so kann
keine Macht der Erde die Währung halten.

Es ist demnach auch ein dreifacher Fehlbetrag denkbar:

1. ein Defizit im Staatshaushalt: es kann leicht gedeckt

werden, wenn die Nation reich ist, Überschüsse hat und dem
Staate borgt (Anleihen).

4
        <pb n="9" />
        2. ein Defizit im Außenhandel: es liegt vor, wenn ein
Staat mehr vom Ausland kauft als ihm restzüst: Diese.
Defizit kann eine Weile gedeckt werden, wenn das Volk noch
Personalkredit oder Pfandkredit hat und bereit, ist, sich dem
Ausland zu versschulden. A

3. ein Defizit im Volkshaus halt: Vor dem Kriege hatte
Deutschland einen Volkshaushalt von 40 Milliarden, aber
in diesem Volkshaushalt war kein Defizit, sondern ein jähr-
licher Überschuß von 59 Milliarden. Jetzt hat Deutsch-
land einen Volkshaushalt, der in anderem Gelde etwa 44
Milliarden beträgt, in welchem aber seit 7 Jahren nicht ein
Überschuß, sondern ein großes Defizit von 5 Milliarden
regelmäßig wiederkehrt. Hierin liegt eine ernste Bedrohung
für die Erhaltung unserer Währung.

III.
Währung und Produktion.

Auf das dauernde Gleichgewicht zwischen Volks-
verzehr und Volksleistung kommt es an. Die Währung
ist dazu da, uns den Spiegel vorzuhalten und die unerbittliche
Wahrheit zu sagen. Zwischen den Gehältern und Löhnen und
Tantiemen von Arbeitern, Angestellten, Direktoren und General-
direktoren einerseits und dem Realwert von Ware und Leistung,
die sie gemeinsam herstellen, aber andererseits muß ein vernünf-
tiges Gleichgewicht herrschen. Daß ja nicht ein einzelner Konzern,
Berufsstand, Gewerkschaft sich einbilde, er könnte oder dürfte
weniger produzieren und Preise höher stellen, um Löhne oder
Tantiemen sich zu erhalten. Das ist Sabotage von Währung.
Hier treffen sich Unternehmermarxismus und Gewerkschafts-
marxismus in gleicher Schuld. Hoher Berufslohn für wenig
Leistung: man verallgemeinere nur einmal auf den ganzen Volks-
haushalt, so wird man das Unsinnige des ganzen Vorganges
erkennen. Auf Leistungsschwund folgt Währungs-
schwund.

Wir sagten oben, daß es nicht nur die Taten sind, die ein Volk
tut (Marxismus, Verbraucherpolitik statt Produttionspolitik),
sondern auch die Taten, welche von anderen Völkern gegen ein
Volk getan werden (Versailler Frieden, Ruhreinfall), woraus
die Beständigkeit der Währung sich ergibt. Es gibt also ver-
schuldeten und unverschuldeten Währungsschwund.
        <pb n="10" />
        Durch den Friedensschluß und durch den Krieg nach dem Krieg
ist dieses große Industrievolk in eine Lage gebracht, die einem
großen Teil der Industriearbeiterschaft die Existenz-
grundlage genommen hat. Diese Menschenmassse lebte
vom Austausch ihrer Leistungen mit dem Ausland!). Vor dem
Kriege kaufte uns das Ausland einen Produktionswert von
10 Milliarden ab, jetzt nur noch von 6,6 Milliarden in altem Gelde
(1925). Es gibt kindliche Zllusionisten, welche glauben, daß die
Sachlieferungen (Dawestribut) eine Vermehrung der deutschen
Ausfuhr bringen würden. Das Gegenteil ist der Fall. Feder
Tribut bedeutet nicht Vermehrung, sondern Be-
schlagnahme eines Teiles der vorhandenen Ausfuhr
und dadurch Verminderung derjenigen Ausfuhr, auf die es an-
kommt, nämlich mit der man Einfuhr bezahlen kann. Nun aber
ist der lebendige Menschenkörper in der deutschen Industrie, der
von Ausfuhr und Einfuhr leben will, nicht kleiner, sondern nach
dem Krieg und durch Verarmung nur größer geworden. Wir
haben also seit T Jahren eine verborgene Existenzlosigkeit von
etwa 10 Millionen Menschen in Deutschland. Diesen HZustand
haben wir bisher mit schwindelhaften Mitteln zugedeckt. Mit
großer Inflation und mit Auslandskrediten. Nunmehr aber tritt
er zutage. Industriebevölkerung ohne Märkte — das ist
ein Zustand, der für die Stabilität der Währung recht
gefährlich ist.

Die Ursache der großen deutschen Inflation.

Im Ausland ist die Meinung verbreitet, daß die deutsche In-
flation, durch welche Auslands- und JInlandsgläubiger ihr Geld
(an 100 Milliarden Mark) verloren haben, eine gewollte
Bosheit und Niedertracht deutscher Industrieführer, wie Stinnes,
gewesen sei, um sich zu bereichern. Im Innern Deutschlands
ist die Meinung, daß eine Reihe unfähiger Regierungen, hervor-
gegangen aus Massenherrschaft, zusammen mit einer Rotte
gewissenloser Schieber von eingewanderter Nationalität diesen
Raub begangen haben. Massenherrschaft und Korruption sind
unzertrennlich, und beide sind gewiß jedesmal der Währung sehr
gefährlich. Aber doch bleiben diese beiden Ansichten nur an der
Oberfläche und sehen nicht die elementaren, zwingenden Ur-
        <pb n="11" />
        sachen, die aus der Lage dieses großen Industrievolkes sich ergaben
und die jede Regierung auf den abschüssigen Weg bringen mußten.

Die große deutsche Inflation war nur die erste Phase des
Verarmungsprogzessses, welcher auch jett sein Ende noch nicht
erreicht hat. Wir müssen einsehen, daß ein bestimmter Grad von
Geldentwertung nach dem Kriege unvermeidlich und ein Gebot
der Wahrheit und Ehrlichkeit war. Wo diese richtige untere Grenze
gelegen hätte, wenn spätere Torheit nicht dazwischengekommen
wäre, ob bei 10 oder bei 20 Prozent - das weiß heute keiner
zu sagen. Geldentwertung ist in solcher Lage der Ausdruck einer
unvermeidlichen Schuldenzerstörung.

Einer der bedeutendsten Männer, die ich kennengelernt habe,
und Autorität auf dem Gebiete des Geldwesens war Dr. Friedrich
Bendixen in Hamburg (gest. 1923). Er sagte und schrieb im
Jahre 1919: „Wenn die deutschen Sparer und Kriegsanleihe-
zeichner etwas erhalten sollen, so zahle man sie heute in neu-
gedrucktem Papiergeld aus.“ Aber das ist ja Inflation? ,„„Selbst-
verständlich; aber wenn ihr das nicht macht, so werden sie gar
nichts erhalten.“ ‘„Die große Geldentwertung ist längst unter-
wegs. Jetzt erhalten sie wenigstens noch 1:10.“

Schulden, ob Hypotheken, ob öffentliche Anleihen, sind Lasten,
welche die Vergangenheit auf die Schultern der Zukunft gewälzt
hat. Wenn aber ein großes Unglück dazwischenkommt und die
Kraft der kommenden Generation schwer schädigt, so bleibt nichts
übrig, als einen recht großen Teil der Schuldenlast abzuwälzen,
um die Kraft der jungen Zukunft zu schonen. Das ist schon
hundertmal dagewesen in der Weltgeschichte. Es gibt Zeiten des
Reicherwerdens und Zeiten des Ärmerwerdens. Wir leben nun
einmal in Verarmungszeiten.

Den armen Rentnern möge es zum Trost gesagt sein: „Euer
Unglück ist nicht nur die Folge von Bosheit und Gemeinheit,
sondern ein sehr großer Teil davonmindestens neun Zehntel ~
ist euer Anteil an dem großen Nationalunglück, ähnlich den
2 Millionen Toten, die auch niemand wieder ins Leben erwecken
kann. Es ist die Folge des großen Krieges und noch mehr die des
räuberischen Friedens und Nachkrieges. Die anderen Vermögens-
arten, z. B. ländliches Grundeigentum, werden auch noch er-
faßt werden von der allgemeinen Verarmung; doch ist das gar
kein Vorteil für euch.“

Q
        <pb n="12" />
        Die Verwirrung aller Rechtsbegriffe, welche notwendigerweise
jede Zeit der Währungsveränderung begleitet, wurde bei uns
dadurch erheblich verschärft und verlängert, daß das hohe Reichs-
gericht und die gesamte Rechtssprechung erst von 1919-23 auf
dem Grundsatz Mark gleich Mark viel Recht und Unrecht ge-
sprochen hat und Strafen verhängt hat, bis sie dann mit einem
Male in dem Jahre 1923 erwachte und das Gegenteil erklärte:
hundertprozentige Aufwertung; ~ ein Beweis, daß sie von dem
Sinn und der Notwendigkeit des ganzen Vorganges in diesen
Jahren keine Vorstellung gehabt hat.

Geschichte der Inflation.

Obwohl das Buch der Weltgeschichte viel nützliche Lehren ent-
hält, so wird doch nie zur rechten Zeit darin nachgeschlagen. Ist
etwa stabile, d. h. unveränderliche Währung der Normalzustand
der Geschichte? Das Gegenteil ist der Fall: die Mangelhaftigkeit
der Bewährung ist die Regel; schlechte Zensuren sind häufiger
als gute. Die Weltgeschichte ist eine ganze Kette von Inflations-
prozessen, von Geldwertveränderungen und zwar in der Regel
nach unten, ganz selten nach oben. Insbesondere sind große
Kriege immer mit Geldentwertung verbunden. Jeder Krieg ist
ein Verarmungsprozeß. Nur wenn er kurz ist, und wenn ein
guter und ein dauerhafter Frieden geschlossen wird, können
wenige Jahre schon die Verarmung überwinden. Törichte Poli-
tiker in England haben vor dem Kriege das Wort gesprochen:
„Wenn Deutschland besiegt wird, so wird jeder Engländer reicher
sein.“ Sie haben sich schwer geirrt.

Wenn ein großes Volk jahrelang einen Krieg um seine Existenz
zu führen hat, so ist Geldentwertung unvermeidlich. So haben
die Römer während des ersten und zweiten (punischen) Krieges
gegen die Karthager eine Geldentwertung auf ein 1/1, gehabt.
Auch die ersten Jahre des Dreißigjährigen Krieges bringen
schon Geldentwertung ?), desgleichen der Siebenjährige Krieg,
die Napoleonischen Kriege auf der englischen Seite, der
Freiheitskriege der Vereinigten Staaten von Amerika, der
Sezessionskrieg der U. S. A. (186064), der Krieg 1866 auf der
österreichischen Seite. Kolonialländer und ganze Erdteile, wie
Südamerika, kommen eigentlich nie aus dem Schwanken der

T ©
        <pb n="13" />
        Währung heraus. Es gehört zum mindesten starke Zuversicht
dazu, zu meinen, daß diejenigen europäischen Völker (England
und Deutschland), welche seit ein bis zwei Jahren eine stabile
Währung erreicht haben, inmitten eines Chaos schwebender
Währungen es leicht haben würden, mit einigen Bankgesseten
den stabilen Zustand ihrer Währungen zu erhalten. Dazu gehört
noch mehr als Kreditrestriktion und Diskontpolitik. Die eigentliche
Entscheidung hierüber liegt weder bei der Bank von England
noch bei der Reichsbank, ~ sondern bei der Energie, bei der
sittlichen Kraft des Volkes, ob es nämlich versteht, auf der ver-
schmälerten Grundlage ein neues Gleichgewicht zwischen Ver-
zehr und Leistung zu finden.

Die Stabilisierung durch die Nentenmark?).

Jeder Inflationsprozeß stellt sich schließlich von selber still. Die
Notenpresse läuft sich tot. Unsere Stabilisierung geschah nicht
durch die Rentenmark, sondern durch die Stillegung der Noten-
presse. Die Rentenbankhypothek war nötig, um dem Staatshaus-
halt einen Brückenkredit zu geben, bis zum Fließen von Steuern
in neuer Währung. Die Rentenbank schuf ein neues an Stelle
des zerstörten Geldes ~ aus eigener Kraft. Das Geniale und
Staatsmännische an Helfferichs Idee war, daß er uns sagte: „Jhr
braucht das Ausland nicht. Fhr könnt und müßt euch selber
helfen. Ihr sollt die fremde Finanzkontrolle vermeiden.“

Aber Torheit und Feigheit und die Sucht mit dem Ausland
Geschäfte zu machen, hat das ganze Werk zerschlagen. Nachdem
wir stabil waren und 2 Milliarden Überschüsse aus Steuer-
leistung schon hatten, ~ viel zu viel ~, verkauften wir doch unsere
wertvollsten Hoheitsrechte, unsere Eisenbahnen, unsere Hölle,
unsere Ehre und Freiheit, wofür? Für ein Nichts, für einen
Stabilisierungskredit von 800 Millionen gegen zehn Prozent
Zinsen. Die Gewerkschaften haben die Ehre Deutschlands im
Jahre 1919 gegen Speck und Mehl verkauft. Später geschah
der Vorgang von anderen Leuten noch einmal gegen Ausland-
kredite, – beides, weil man vor der strengen aber gesunden
Selbsthilfe ausweicht. Teuerung und Arbeitslosigkeit sind die
Folgen. Die rechte Selbsthilfe heißt: Weniger Einfuhr ~ mehr
Landwirtschaft.

TT
        <pb n="14" />
        iV.
Verschuldung und Geldentwertung.

Die größte und wichtigste Ursache aller Inflationsprozesse in
der Geschichte ist immer Verschuldung gewesen und zwar:
&amp;) Staatsverschuldung, b) Volksverschuldung (kommerzielle).
Übrigens ist dasselbe auch die Ursache vieler Revolutionen.
Beides tritt zusammen auf, wie uns die französische Revolution
schon gelehrt hat '). Der Versuch, die Staatsverschuldung durch
Enteignung der Krongüter und Kirchengüter zu heilen, führte
direkt in die Papierdruckerei und Zwangswirtschaft und Geld-
zerstörung hinein. Jede solche Geldentwertung ist ein Ausdruck
der Verarmung. Jede neue Staatsverschuldung, welche größer
ist, als der Tragfähigkeit der Volkswirtschaft entspricht, führt von
neuem in Geldentwertung hinein.

Am Ende des Krieges trug Deutschland eine innere Schulden-
last an Kriegsschulden von 120 Milliarden (zurückgeführt auf
Vorkriegswert 80 Milliarden), bei einem angeblichen Volksver-
mögen von 300 Milliarden. Es mußte sofort Werte von etwa
40 Milliarden abgeben und sollte eine Außenschuld von 120
Milliarden Goldmark aufgepackt erhalten. Das alles zusammen
ist Unsinn. Jede unmögliche Schuld zwischen Völkern endet in
einer Schuldenstreichung oder in neuem Krieg.

Dies nun aber gilt nicht nur von Staatsschulden, sondern auch
von Volksschulden. Damit kommen wir noch einmal zur Be-
trachtung jenes zweiten Haushaltes, den ein Volk in seinem
Außenhandel hat"). Wenn ein Volk jahrelang mehr Wert an
Ware hereinnimmt, als es ausführt, so geschieht das, sofern es
nicht Guthaben im Ausland hat, dadurch, daß es sich mit jedem
Monat mehr verschuldet. Es häuft eine kommerzielle Schuld
an das Ausland an. Wie lange kann das gehen? Nicht lange,
es sei denn, daß das Volk in einer solchen Lage ist, daß es immer
neue Produktionsquellen erschließen kann, wodurch es in dem-
selben Maße, wie es sich verschuldet, reicher wird. So in jungen
Kolonialländern. Aber bei uns ?

Ganz schlimm ist diese Verschuldung, wenn sie in Form einer
Mehreinfuhr vor sich geht, die nur dem Verzehr dient. Das
Volk gewöhnt sich, vom Ausland zu leben; ~ es wird furcht-
bar erwachen; ~ denn dieser Zustand kann nicht anhalten).

1.2
        <pb n="15" />
        Die neue Verschuldung Deutschlands.

Deutschland war im Jahre 1923 so gut wie entschuldet: Der
Staat sowohl wie die Landwirtschaft, wie die Industrie, wie
auch die ganze wohnende Bevölkerung hatte die ganze kommer-
zielle innere Verschuldung von über 100 Milliarden abge-
schüttelt. Das war zu °/1G ein notwendiger Befreiungsvorgang, ~
wenn auch mit ungeheuren Opfern und Tränen der armen
Rentner erkauft; –~ es war eine gewaltige Umstellung der
Nation auf die verschlechterte Existenzgrundlage.

Der Neid des Auslandes sah hierin einen böswilligen Bankrott,
nicht einen Ausdruck wirklicher Verarmung. Es beschloß daher,
wir müßten einen Ausgleich von 21/, Milliarden jährlich als
Tribut zahlen. Da die reine Rente in unserer Volkswirtschaft vor
dem Kriege nicht mehr als vier Milliarden betragen hat, so be-
deutete das schon die Wiederherstellung von mehr als der
Hälfte der verschwundenen Last. Das war der erste Akt der
neuen Verschuldung Deutschlands.

Dann kam der zweite Akt in Form der sogenannten Auf-
wertung. Noch ist nicht bekannt, wie hoch sich diese wiederher-
gestellte innere kommerzielle Schuld belaufen wird. Vielleicht
kommen wir schließlich auf eine Milliarde jährliche Hinslaft.
Dies bedeutet eine Bürde auf jede industrielle Arbeitsstunde und
jeden bäuerlichen Arbeitstag. Der innere Zusammenhang aller
Lasten sorgt dafür, daß jeder Stand sie zu fühlen bekommt.

Aber dieses nicht genug, so hat sich die deutsche Nation beeilt,
innerhalb zweier Jahre sich noch eine neue kommerzielle Aus-
landschuld im Wege einer verrückten Mehreinfuhr aufzubürden,
welche schon jetzt eine Zinslast von vierhundert Millionen jährlich
ausmacht.

Es soll Staatsmänner und Finanzmänner gegeben haben,
welche so wenig von Währung und Verschuldung und von dem
gefährlichen Zusammenhang zwischen beiden verstanden haben,
daß sie tatsächlich der Meinung waren, mit Auslandtrediten zu
zehn Prozent Hinsen könne man den Kapitalschwund in Deutsch-
land ersetzen und könne die Stabilisierung befestigen!’ Fm Gegen-
teil: je mehr Gold und Devisen wir im Wege von Verschuldung
hereinnehmen, umso größer wird die Gefahr neuer Währungs-
zerrüttung.
LJ
        <pb n="16" />
        Auslandtkredit ist zur Währungsstütze sehr gut; ~ aber dazu
muß der Wert draußen bleiben in New York oder London; ~
nicht aber darf er in Form von Bananen, Äpfeln, seidenen
Strümpfen, Autos, Mehl, Butter und dergleichen hereinfließen,
um den deutschen Arbeitern, Bauern und Weingärtnern die
Existenz wegzunehmen und dem deutschen Verbrauchervolke
ein Schlaraffenleben vorzutäuschen. Solche Art Stabilisierung
ist der Anfang einer neuen Geldentwertung.

Schluß.
Inflation und Deflation.

Veränderungen des Geldwertes nach unten, sind in der Welt-
geschichte sehr häufig - nach oben sehr selten. Geringe Erhöhung
des Geldwertes (Deflation) ist sogar ein Vorgang, der der Wirt-
schaft noch schlechter bekommt als Inflation und die Währung
schließlich ebenfalls bedroht ?). Wenn der Pendel der Währungs-
schwankung nach der Seite des Sinkens ausgeschlagen ist, so ist es
natürlich, daß, ehe er zur Ruhe kommt, er auch etwas nach der
Seite des Steigens ausschlagen muß. Wenn er aber zu weit da-
hin ausschlägt, so daß die Wirtschaft schwer leidet ~ Bantrott,
Kapitalzerstörung, Erwerbslosigkeit die Folge ist, so kann man
10 : 1 wetten, daß der Pendel abermals nach der Seite des
Sinkens ausschlagen wird. Die Phase der Deflation ist also von
den verantwortlichen Staatsmännern und Ärzten der Wirtschaft
noch sorgfältiger zu überwachen als die der Inflation.

Wann und wo kommt der Pendel zur Ruhe?

Erst dann, wenn kein Defizit im Haushalt des Volkes mehr da
ist, wenn keine neue Verschuldung an das Ausland mehr vor sich
geht, wenn die große Umstellung auf mehr Binnenmarkt, auf die
eigene Ernährungsbasis erfolgt ist, wenn das Gleichgewicht von
Erzeugung und Verbrauch durch eine vernünftige Einschränkung
der 14 Millionen Verbraucherhaushalte auf einfachere Lebens-
haltung und nicht zuletzt die Einstellung des größten Verbrauchers,
des Staates, auf die vorhandene Steuerkraft der Nation er-
folgt ist ~ erst dann kommen die Schwankungen der Währung
zur Ruhe.

.
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        Wo? = das hängt von der Stufe der Verschuldung und Ver-
armung ab, die erreicht ist. Wir haben jetzt einen Preisindex von
einhundertundfünfzig, oder eine Geldentwertung von 30
Prozent. Ob es hierbei bleiben wird, ist sehr unsicher. Es könnte
sein, daß wir auf 50 Prozent früheren Geldwertes herunter
steigen müssen, oder auf einem allgemeinen Warenindex von
200 Prozent angelangt sein müssen, bis derjenige Puntt
erreicht ist, wo der Pendel zur Ruhe kommt. Wie sich das für den
Auslandwert der deutschen Währung auswirken wird, ist unserem
Einfluß entzogen; aber es kommt auch weniger darauf an. Eine
abermalige Verminderung des Geldwertes um 30 Prozent
bedeutet noch lange keine progressive Schwindsucht der Währung,
wenn nur Regierung und Volk den Vorgang als notwendig er-
kennen und keine nervöse Strampelei dagegen aufführen. Sollte
die deutsche Währung noch einmal in Bewegung kommen, so
müssen wir auf das peinlichste überlegen, ob wir sie mit äußeren
Geboten, Devisenzwang und dergleichen, festzuhalten versuchen
dürfen oder ob wir uns bemühen müssen, denjenigen Punkt zu
suchen, auf dem sie stabil werden kann. Denn ein armes Volk
kann nicht beides zugleich haben wollen: Vorkriegswährung und
Vorkriegslöhne oder -gehälter.

Währung und Wahrhaftigkeit.

Die Währung muß ein wahrer Spiegel der Wirklichkeit sein.
Nur dann kann sie sich bewähren. Die Sicherheit einer Währung
liegt nicht in irgendwelchen Geboten von außen oder bant-
technischen Kniffen. Sie ist ein Gesundheits- oder Krant-
heitsattest für die gesamte Volkswirtschaft, nicht bloß
für die sogenannte Währungsbank. Wer die deutsche Währung
stabilisieren will, der packe mit wirklicher fester Arbeit zu; wir
alle müssen sie bewähren durch Leistung und durch sittliche Kraft.

Die deutsche Industrie muß begreifen, daß es eine
Illusion ist, wenn sie einen Industrieexport zu erreichen
sucht, wie er vor dem Kriege war, da eben der Weltmartkt
nicht da ist, der diese Ausfuhr aufnehmen könnte und wollte.
Ob er in absehbarer Zeit wiederkommt ? Sie muß begreifen,
daß sie sich auf mehr Binnenmarkt und mehr Landwirtschaft
einstellen muß.

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        <pb n="18" />
        Die Gewerkschaften müssen begreifen, daß der Real-
inhalt der Löhne kleiner sein muß als vor dem Kriege infolge
der allgemeinen Verarmung.

Die Rentner müssen begreifen, daß eine wirkliche Auf-
wertung unmöglich ist.

Die Landwirte müssen einsehen, daß die Verarmung
sich für sie in sinkenden Bodenwerten und in Roggen- und
Viehpreisen auswirken wird, die unter Vorkriegsparität
liegen müssen.

Dann kann auch die große Masse der Lohn- und Gehalts-
empfänger, deren Leben ganz und gar von der Verhütung einer
neuen progressiven Währungsschwindsucht abhängt, mit ruhigen
Vertrauen in die Zukunft sehen. Sie sollten sich aber zusammen-
tun und mit vereinter Kraft rufen:

„Mehr Landwirtschaft,
Weniger Abhängigkeit vom Weltmartt,
Sparsameren Verzehr,
Größere Leistung.“
So kann unser Volk seine Währung stabil machen.
Hinweise im Text.

!) Naumburger Briefe 6 und 7/1925: Amerikanische Landwirtschaft
ry die europaZu Ind jrlerz er. Free s7~ Vrpiergeldwirtschast
wzzehek. M rc s Brief Nr. 6/1923: Finanzkontrolle oder
Re§§aumburger Brief oz s. o. . Ö

) Naumburger Brief 1/1926: Wirken Auslandkredite inflatorisch ?
rt? Wann i und wie endet die große Wirtschaftskrise?“ Preis 1.0 M.
1,20 ZYamnbucgee Brief 3/1926: Jndustrietrise und Deflation. Preis

Anmerkun g: Sämtliche in dieser Schrift angeführten Drucksachen

töuuen fü emen Sesaßtereis yon s. q°t. tesei Nachnahme bezogei
        <pb n="19" />
        U': Wirtschaftsnot bewegt jeden im Volk. Die
&amp; Frage, welche Wege uns aus ihr herausführen,
tritt auch an den einfachsten Mann, an jede Hausfrau
und nicht weniger an unsere Jugend heran. Schwer aber
ist es für den einzelnen, sich
ein richtiges Bild über die
schwebenden Fragen
zu schaffen. Die tägliche Not und die Arbeit im
Beruf lassen nicht die Zeit zu eingehenden Studien.
Selbst der, welcher das Geld aufwenden könnte, um sich
die nötigen Bücher zu kaufen, verfügt nicht immer über
die nötige Anleitung dazu. Die Fülle der Literatur ver-
wirrt, statt zu klären. Und doch:
Der Weg zur Wahrheit

steht offen.
Wenn man die Probleme durchdenkt, so bieten sich ver-
hältnismäßig einfache Lösungen dar. Ist doch die Wahr-
        <pb n="20" />
        heit immer einfach. Freilich ist es nicht leicht, sie in
kurzer allgemeinverständlicher Form allen denkenden Volks-
genossen nahezubringen.
Die Männer, die sich zur Herausgabe und Bearbeitung
der „Wirtschaftsfragen der Zeit““ zusammengefunden
haben, haben den richtigen Weg beschritten. Sie be-
handeln die wichtigsten Punkte, von denen aus ein
Verständnis für unsere Wirtschaftsnot
zu gewinnen ist, in ganz kurzen Abhandlungen. Jede
dieser Abhandlungen behandelt nur eine Frage, und zwar
in so knapper und klar gegliederter Form, daß sie in etwa
einer Stunde durchstudiert werden kann und dem Leser
eine gründliche Kenntnis vermittelt. Die Herausgeber
und der Verlag hoffen, daß diese sachliche und unpartei-
ische Behandlung brennendster Gegenwartsfragen unserem
schwer leidenden, aber so strebsamen und nachdenklichen
Volke einen wertvollen und praktischen Dienst leisten wird.
        <pb n="21" />
        § -

!

-

B

» +* Vo? — das hängt von der Stufe der Verschuldung und Ver-
tung ab, die erreicht ist. Wir haben jetzt einen Preisindex von
hundertundfünfzig, oder eine Geldentwertung von 30

dzent. Ob es hierbei bleiben wird, ist sehr unsicher. Es könnte

. l, daß wir auf 50 Prozent früheren Geldwertes herunter
gen müssen, oder auf einem allgemeinen Warenindex von

. ) Prozent angelangt sein müssen, bis derjenige Puntt
richt ist, wo der Pendel zur Ruhe kommt. Wie sich das für den

slandwert der deutschen Währung auswirken wird, ist unserem
fluß entzogen; aber es kommt auch weniger darauf an. Eine
rmalige Verminderung des Geldwertes um 30 Prozent
'eutet noch lange keine progressive Schwindsucht der Währung,
nn nur Regierung und Volk den Vorgang als notwendig er-
nen und keine nervöse Strampelei dagegen aufführen. Sollte

deutsche Währung noch einmal in Bewegung kommen, so
ssen wir auf das peinlichste überlegen, ob wir sie mit äußeren
boten, Devisenzwang und dergleichen, festzuhalten versuchen
"fen oder ob wir uns bemühen müssen, denjenigen Punkt zu
)en, auf dem sie stabil werden kann. Denn ein armes Volt
in nicht beides zugleich haben wollen: Vorkriegswährung und
rkriegslöhne oder -gehälter.
ihrung und Wahrhaftigkeit.

" Die Währung muß ein wahrer Spiegel der Wirklichkeit sein.
Ir dann kann sie sich bewähren. Die Sicherheit einer Währung
zt nicht in irgendwelchen Geboten von außen oder bant-
hnischen Kniffen. Sie ist ein Gesundheits- oder Krank-
itsattest für die gesamte Volkswirtschaft, nicht bloß
die sogenannte Währungsbank. Wer die deutsche Währung
bilisieren will, der packe mit wirklicher fester Arbeit zu; wir
' müssen sie bewähren durch Leistung und durch sittliche Kraft.

Die deutsche Industrie muß begreifen, daß es eine
Illusion ist, wenn sie einen Industrieexport zu erreichen
sucht, wie er vor dem Kriege war, da eben der Weltmarkt
nicht da ist, der diese Ausfuhr aufnehmen könnte und wollte.
Ob er in absehbarer Zeit wiederkommt? Sie muß begreifen,
daß sie sich auf mehr Binnenmarkt und mehr Landwirtschaft
einstellen muß.

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