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        <title>Das wahre Wesen und die wahren Aufgaben der Arbeitslosenversicherung und produktiven Arbeitslosenfürsorge</title>
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            <surname>Lukas</surname>
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        Das wahre Wesen
und die wahren Aufgaben
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Ein Beispiel
kritischer Anwendung von Wirtschaftstheorie
auf Wirtschafts- und Sozialpolitik.
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DR: EDUARD LUKAS
ord. Professor für politische Ökonomie
an der Universität Graz.
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Ein Beispiel
kritischer Anwendung von Wirtschaftstheorie
auf Wirtschafts- und Sozialpolitik.
DR: EDUARD LUKAS
ord. Professor für politische Ökonomie
an der Universität Graz.
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        Vorrede.

Die vorliegende Schrift führt die Gedanken näher aus,
die der Verfasser in seinem volkswirtschaftlichen Seminare
an der Universität Graz im Juni dieses Jahres als wirtschafts-
theoretische Ergänzung zu den das Thema der Schrift berüh-
renden Ausführungen des dem Seminarbetriebe als Praktiker
zugezogenen Herrn Dr. Eson Uranitsch von der industriellen
Bezirkskommission in Graz vortrug. Sie hat sich zum Ziel
gesetzt, das heute brennend gewordene Problem der Arbeits-
losigkeit, vor allem aber die heute so bedeutsame wirtschafts-
und sozialpolitische Frage nach den besten Mitteln, den Folgen
der Arbeitslosigkeit zu begegnen, vom wirtschaftstheoretischen
Standpunkte aus zu beleuchten. Sie soll unter anderem als
ein kleiner Beweis des guten Willens des Wirtschaftstheo-
retikers gelten, jeweils auch an den aktuellen Fragen der
Gegenwart von seinem Standpunkte aus mitzuarbeiten, und als
ein Mahnwort an den Praktiker, nicht Wirtschafts- oder Sozial-
politik zu machen ohne Kenntnis oder unter Mißachtung des
ökonomischen Kräftespieles und der tiefer zurückliegenden
objektiven Zusammenhänge des Wirtschaftslebens.

Die Untersuchung ist ihrer in der Hauptsache wirt-
schaftstheoretischen Natur nach auf. das Grundsätzliche ein-
        <pb n="9" />
        gestellt und daher nicht auf spezielle Verhältnisse eines ein-
zelnen Landes abgestimmt. Wo es ohneweiters tunlich schien,
wurde allerdings der eine oder andere für Deutschland oder
Österreich bedeutsame Zusammenhang stärker unterstrichen.
Hinsichtlich der spezifisch österreichischen Verhältnisse wäre
besonders zu betonen, daß die Schlußfolgerungen dieser
Schrift bei der starken Abhängigkeit des österreichischen
Wirtschaftslebens von den ausländischen Märkten nur inso-
ferne zu praktischen Erfolgen hinzuleiten vermöchten, als
eine erzielte Verbesserung der innerwirtschaftlichen Produk-
tionslage nicht durch neue handelspolitische Erschwerungen
seitens des Auslandes beantwortet würde.

Der Methode nach stellt die Abhandlung zu einem
Teile und in einigen Zügen eine Anwendung von Prinzipien
einer vom Verfasser den Grundlagen nach bereits ausge-
arbeiteten „Dynamik der objektiven Wert- bezw. Einkom-
mensbildung“ auf die im Texte erörterten aktuellen Fragen
des gegenwärtigen Wirtschaftslebens dar, deren Dringlichkeit
den Verfasser bewog, die vorliegende Spezialuntersuchung
vor dieser allgemeineren und grundsätzlicheren wirtschafts-
theoretischen Abhandlung zu veröffenflichen.

Während der bereits im Zuge befindlichen Drucklegung
der Schrift bekomme ich einen interessanten, in einigen
Punkten mit meinen im oben erwähnten Seminare und in
dieser Schrift vertretenen Anschauungen übereinstimmenden
Artikel Otto Conrads in „Der österreichische Volkswirt“,
17. Jahfs., Nr. 43, 44 und 45 (25. Juli bis 8. August) in die
        <pb n="10" />
        Hand, in dem der Genannte unter dem Titel „Ein Beitrag
zur Frage der Arbeitslosigkeit“ ebenfalls die Lohnhöhe mit
dem Zustande andauernder Arbeitslosigkeit in Verbindung
bringst, wie das ausführlich im I. Abschnitte dieser Schrift
geschieht, und das Cassel an der. von mir im Texte auf
Seite 23 zitierten Stelle seines Hauptwerkes tut. Auf Grund
der Anregung, die mir der genannte Artikel Conrads
bietet, füge ich nachträglich die Anmerkung 9 auf Seite 17
meiner Abhandlung hinzu.
Graz (Steiermark), August-September 1925.
Der Verfasser.
        <pb n="11" />
        Inhaltsübersicht. &gt;
Vorbemerkung .... A TE 8
I. Arbeitslosigkeit als chronischer Zustand .......... 9—27
Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkte (9). — Ihre
Bestimmungsgründe (10). — Die Verhältnisse auf dem Markte der
Arbeitsprodukte (11). — Ihre Rückwirkung auf die Nachfrage des
Arbeitsmarktes (15). -— Der „natürliche“ Preis der Arbeit (20). —
Arbeitslosigkeit als Folge der Spannung zwischen natürlichem
Preise der Arbeit und tatsächlich geltendem Lohnsatze (22). —
Behebung der Arbeitslosigkeit durch Steigerung der Kaufkraft
der Warenkonsumenten (23). — Behebung der Arbeitslosigkeit
durch Verbesserung der Produktions- und Absatzbedingungen
schlechthin (24).
Il. Wesen und Wirkungen der Arbeitslosenversicherung . . .28—47
Die Arbeitslosenunterstützung (28). — Aufbringung ihrer
Kosten durch die Arbeitslosenversicherung (28). Quotenmäßige
Aufteilung der Beitragspflicht auf Arbeiter, Unternehmer und öffent-
liche Körperschaften (29). A. Die Arbeitnehmerquote (29). B. Die
Unternehmerquote und ihre Wirkungen (50). — 1. Wirkung im Falle
der Marktlage I (32). — Wirkung der Überwälzung auf den Kon-
sum (35). — 2. Wirkung im Falle der Marktlage 11 (37). — 3. Wir-
kung im Falle der Marktlage III (41). — Gesamtergebnis des
Punktes B (44). — C. Die Beitragsquote der öffentlichen Körper-
schaften (45). — Gesamtergebnis des Abschnittes II. (46).

G
        <pb n="12" />
        IH. Aufgaben einer produktiven Arbeitslosenfürsorge . ) R 148-635 ek:
Rückblick auf die bestehenden Verhältnisse . (48) 7% Wie Ss

sollen die Nachteile dieser vermieden werden (49). — Der Wes. ‚a
zur Lösung dieser Frage (50). — Keine unbedingte Senkuns”d4es.
geltenden Lohnsatzes (51). — Schäden seiner Beibehaltung (52). —
Richtlinien für ihre Beseitigung (53). — Ihre Durchführung Auf-
gabe einer produktiven Arbeitslosenfürsorge (54). — Praktische
Schwierigkeiten einer solchen Durchführung (55). — Grundsätzliche
Möglichkeiten der Lösung (56). — Der Arbeitslosenversicherung
verbleibende Aufgaben (60). — Zusammenfassung und Schluß-
wort (62).
        <pb n="13" />
        Vorbemerkung.

Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Ursachen von
Arbeitslosigkeit in einer Volkswirtschaft mannigfache zu sein
vermögen. Ebenso leicht einzusehen ist, daß unter solchen
Umständen der Grad der Arbeitslosigkeit nach Umfang und
Dauer bei wechselnden Ursachen — sei es zu verschiedenen
Zeiten, sei es in verschiedenen Volkswirtschaften — ebenfalls
ein wechselnder sein wird. Insbesondere ist es anhaltende Dauer
in Verbindung mit allgemeiner Verbreitung der Arbeitslosig-
keit, die uns als Wirkung bei vorsichtiger Berücksichtigung
aller Begleitumstände einen unmittelbaren Rückschluß auf eine
Hauptursache gestattet. Eine derartige Erkenntnis muß
aber von der größten Bedeutung sein, nicht nur dort, wo es
gilt, dem Eintritte der Arbeitslosigkeit vorzubeugen oder die
einmal eingetretene Arbeitslosigkeit an der Wurzel zu be-
kämpfen, sondern auch dort — und der Beweis für diese
Behauptung soll eines der Hauptziele dieser Abhandlung
sein — wo in der Frage entschieden wird, auf welche Weise
den von der Arbeitslosigkeit Betroffenen zu helfen, mit welchen
wirtschafflichen Mitteln ihre Lage erträglich zu gestalten sei.
Daß die staafliche Gemeinschaft, wenn sie diesen Namen
zu Recht führen soll, an ihrem Elend nicht teilnahmslos
vorüber sehen kann, wie es etwa ein längst überlebter, besten-
falls historisch zu begreifender Individualismus zu predigen
liebte, stehe außerhalb jeder Erörterung!
        <pb n="14" />
        Arbeitslosigkeit als chronischer Zustand.

Betrachten wir die Arbeitslosigkeit als dauerhaften
Zustand! Eine solche ist gleichbedeutend mit dem chronischen
Zustande mangelnder Aufnahmsfähigkeit eines Arbeitsmarktes
gegenüber dem Angebote an Arbeitskräften. Allerdings er-
scheint uns diese Erklärung noch ungenau. Das Verhältnis
des Angebotes zu der Nachfrage jedes Marktes, daher auch
eines Arbeitsmarktes, muß — wie bekannt, und wie in der
Folge noch besonders einleuchten wird — jeweils bezogen
sein auf einen Preis, in unserem Falle auf einen Lohnsatz,
zu dem angeboten und zu dem nachgefragt wird oder werden
würde. Genauer gesprochen liegt chronische Arbeitslosigkeit
somif dann vor, wenn auf einem Arbeitsmarkte das Angebot
die Nachfrage bei einem gegebenen Loöhnsatze dauernd
übersteigt. Ein derartiger Zustand vermag nur für einen ein-
zelnen Arbeitsmarkt oder so gut wie für die Gesamtheit
solcherart — untereinander ja teilweise kommunizierender —
Märkte einer Volkswirtschaft festzustellen sein. Die unten
stehenden Ausführungen beanspruchen — mutatis mutandis —
für beide Möglichkeiten gleichermaßen Geltung. In der späteren
Folge allerdings sollen die zuerst gewonnenen Erkenntnisse
lediglich Anwendung finden auf den zweiten Fall einer die
ganze Volkswirtschaft durchsetzenden chronischen Arbeitslosig$-
keit, also auf einen Zustand, der leider heute in einer ganzen
Reihe von Ländern, wie in Österreich, Deutschland, England
u. s. f., mehr oder minder vorherrschend ist.

Machen wir uns den Zustand solcher Arbeitslosigkeit
einmal recht augenscheinlich!

Fragen wir uns zuerst, wo die nächsten, ins Auge fallenden
Ursachen des oben gekennzeichneten Verhaltens des Angebotes
und der Nachfrage auf einem, oder besser gleich auf der
großen ganzen Gesamtheit der Arbeitsmärkte zu suchen sind.’)

') Wir legen der weiteren Darstellung die vereinfachende Annahme
einer einzigen Arbeitsart für die ganze Volkswirtschaft, sowie damit gegse-

‚
        <pb n="15" />
        Da in der Volkswirtschaft die Größe des Angebotes an
Arbeitschlechthin (d.h. vom Arbeitsmarkte aufgenommener
und nicht aufgenommener Arbeit) für einen gegebenen Zeit-
raum im sroßen und ganzen als gleichbleibend anzusehen
ist, wird im gegebenen Zeitpunkte die Entscheidung über die
Frage, ob Arbeitslosigkeit vorherrschen muß oder nicht, bei
dem Verhalten der Nachfrage nach Arbeit zu suchen sein.”)
Diese Entscheidung seitens der Nachfrage fällt aber nicht
auf dem Arbeitsmarkte, dessen Nachfrage nur als Exponent
weiter zurückliegender Verhältnisse und Bindungen zu ver-
stehen ist, sondern sie fällt zunächst auf dem Produkt-
markte, d.h. dort, wo der Konsument der Waren, für deren
Herstellung u. a. diese Arbeit benötigt wird, je nach den
Preisen (in diesem Zusammenhange ist es zunächst Sanz
sleichgiltig, ob es sich um sogenannte Konkurrenzpreise oder
um Monopolpreise handelt) die Höhe des Umsatzes an solchen
Gütern und daher bei gegebenen Preisen die Menge der
tatsächlich zur Verwendung gelangenden Arbeit bestimmt.”)
bener einheitlicher Lohnsätze, auf die sich Gesamtangebot und Gesamtf-
nachfrage beziehen, zugrunde. Das Ergebnis der unter dieser Annahme
erfolgenden Ausführungen wird sich — wie später von selbst verständlich
erscheinen wird — ebensogut auf eine Volkswirtschaft mit der den Tatsachen
allein entsprechenden Vielheit von Arbeitsarten und demgemäß abgestuften
Lohnsätzen beziehen lassen. Ihre Existenz der Darstellung von vorneherein
zugrundezulegen, würde die Durchsichtigkeit des Beweisganges unnöfig
hindern, da dadurch keine Änderung in den maßgebenden Grundlagen
oder in der Durchführung des Beweises selbst herbeigeführt, bezw. nof-
wendig würde.

2) Die Menge derjenigen, die Arbeit leisten oder Arbeitsmöglichkeiten
suchen — und damit bei gesetzlich festgelegtem Stundentage die Menge der
in der Wirtschaft überhaupt angebotenen Arbeit schlechthin — vermag zu
einer bestimmten Zeit nur geringen Schwankungen zu unterliegen. Der
Grund hiefür ist vor allem darin zu sehen, daß der Lohnarbeiter in der großen
Regel auf den Arbeitsverdienst als Lebensunterhalt so oder so angewiesen
ist. Daher vermögen selbst ausgiebige Lohnänderungen im Augenblicke
keine wesentlichen Änderungen in der Zahl der Lohnarbeiter herbeizu-
führen. Soweit solche Änderungen im Einzelnen in Frage kommen, zeigen
sie die Tendenz, sich in ihrer Wirkung auf die Gesamtzahl der Arbeiter-
schaft auszugleichen.

3) Naturgemäß ist das Verhalten des Konsumes u. a. selbst wieder
abhängig von der Art der Einkommensbildung (Zahl und Größe der Ein-
kommen), also auch der Lohnhöhe, so daß sich auf diese Weise der Ring
der Zusammenhänge schließt, und dieser Prozeß — dynamisch gesehen —
in eine Balance der Wechselseitigkeit ausklingt. Auf diese Tatsache ist
in diesem Zusammenhange nicht näher einzugehen, sie wird in der in
der Vorrede ansekündieten späteren Abhandlung des Verfassers aus-

10
        <pb n="16" />
        Ein Beispiel erläutere unsere Darstellung!

Auf einem Produktmarkte werden zu einer bestimmten
Zeit Produkte zu einem Preise angeboten und abgesetzt, der
etwa zur einen Hälfte auf den Anteil der Kapitalsverzinsung
u. s. f. an der Preisbildung, zur anderen Hälfte auf die reinen
Kosten des Aufwandes an Lohnarbeit bezw. Arbeits-
löhnen zurückgeht. Dieser Preis sei gleich y.

Für den gegebenen Zeitpunkt, bei den gegebenen wirt-
schaftlichen Verhältnissen wird sich bei diesem Preise eine
bestimmte Nachfrage feststellen lassen, u. zw. bezeichne O die
Menge der zu diesem Preise in der der Rechnung zugrunde
liegenden Zeitspanne verlangten Güter.

Ich veranschauliche diese Marktlage unter Zuhilfenahme
eines Koordinatensystemes, wie ich das in ähnlicher Weise
schon in früheren Abhandlungen fat.

3

zZ.

m

F&gt;

Zu

A. — Pa

ZZ 7 (PREISSKALA)
Fig. 1. Produktmarkt.

Die Abszisse dieses Koordinatensystemes versinnbildlicht
die Preisskala, wir denken uns auf ihr die Vielfachen der
führlicher erörtert werden. Im übrigen verweist der Verfasser hinsichtlich
der im Texte betonten Zusammenhänge auf Ausführungen und Methode
seiner Darstellung der Bildung der Einkommensarten im Aufsatze „Ricardo
und Cassel“, Jahrb. f. Nat.-Ökon. u. Stat., Bd. 119, 1922, Heft 5, wo er
die Untersuchung der Wert- und Einkommensbildung auf dem Prinzipe
der unmittelbaren Bezogenheit der Produktionsfaktoren aufeinander ba-
sieren ließ und so mit Notwendigkeit die auf dem Produktmarkte
fallenden Entscheidungen in den Vordergrund stellen mußte. Im großen
und ganzen gelangte er dabei zu der Einkommenslehre Cassels konformen
Ergebnissen. Auf diese sei auch in diesem Zusammenhange verwiesen.
Versl. insbes. Cassel, „Theoretische Sozialökonomie“, II. Auflage, Leipzig
1921, S. 288.

11
        <pb n="17" />
        Geldeinheit in gleichen Abständen aufsgetragen.“) Die Ordinate
sei der Maßstab für die Menge der Güter, die zu den ver-
schiedenen Preisen von der Nachfrage aufgenommen würden
oder werden. Wir denken uns daher auf der Ordinate die
Vielfachen der auf dem betreffenden Markte gehandelten
Wareneinheit ebenfalls in gleichen Abständen aufgetragen.

In unserem Beispiele handelt es sich zunächst um den
Preis y. Er sei auf der Abszisse gekennzeichnet. Zum Preise
y hatten wir nach der obigen Annahme mit einer Nachfrage
von O zu rechnen. Wir kennzeichnen diesen Zusammenhang,
indem wir auf einer im Punkte y errichtet gedachten Parallelen
zur Ordinate jene Strecke abgrenzen, die entsprechend dem
durch die Ordinate gebildeten Maßstabe der Zahl O der nach-
sefragten bezw. sehandelten Güter entspricht. Denken wir
uns weiterhin das mögliche Verhalten der Nachfrage im ge-
gebenen Zeitpunkte für sämtliche Punkte der Preisskala fest-
sestellt — inwieweit das in einem konkreten Falle praktisch
durchführbar ist, ist eine Frage, der für unser Beweisziel
keinerlei Bedeutung zukommt — und die Höhe der Nachfrage
für jeden Punkt der Preisskala in der eben geschilderten
Weise auf gedachten Parallelen zur Ordinate abgegrenzt, und
machen wir endlich die auf solche Weise erhaltenen Grenz-
punkte im Diagramm kenntlich, so erhalten wir eine Kurve,
gewissermaßen die Nachfragekurve dieses Marktes, die wir
mit N bezeichnen. Diese Nachfragekurve N wird notwendiger-
weise in der Richtung zum Nullpunkt steigen bezw. in der
Richtung der ansteigenden Preisskala fallen bis zu jenem
Preise, zu dem schließlich überhaupt keine Nachfrage mehr
vorliegen würde.

Der Grad, in welchem die Nachfrage auf den verschie-
denen Märkten auf das Steigen resp. Fallen der Preise reagiert
bezw. reagieren würde, wird natürlich von Fall zu Fall ver-
schieden sein. Er wird für inländische Artikel, deren Absatz
der Konkurrenz seitens der ausländischen Produktion, sei
es im Inlande, sei es im Auslande, stark ausgesetzt ist, ein be-
sonders ausgesprochener sein, da hier die Nachfrage

4) Selbstverständlich bewegt sich die Preisskala vom Mittelpunkte
des Koordinatensystemes, der sowohl für die Preisskala wie auch für die
auf der Ordinate ersichtlich gemachte Skala der nachgefragten — bezw.
ebensogut auch angebotenen — Güter den Nullpunkt darstellt, in der
Richtuns nach y und darüber hinaus in aufsteigender Linie,

12
        <pb n="18" />
        nach inländischen Produkten im Falle von Preissteigerungen
sehr rasch auf den Markt der ausländischen Produkte derselben
Art abwandern wird. Dieser Grad nun wird sich in unserer
Darstellung jeweils veranschaulicht zeigen durch den steileren
oder flacheren Verlauf von N, der Nachfragekurve. (Für lebens-
notwendige Artikel wird z. B. ein flacherer Verlauf anzunehmen
sein, für gewisse Luxusartikel ein steilerer u. dgl. m.). Für
unsere Erörterung könnte ein beliebiger Fall herausgegriffen
werden. Entscheidend ist nur immer die Tatsache, daß die
Nachfrage grundsätzlich auf so gut wie allen Märkten der
Natur der Sache nach mit steigenden Preisen ab- und mit
fallenden Preisen zunimmt.

Nun ist es aber angängig und am einfachsten, der Dar-
stellung eine Art Normalfall des Verhaltens der Nachfrage
zugrunde zu legen. In einem bestimmten Zeitpunkte ist ja
die gesamte in der Wirtschaft tätige Kaufkraft als gegebene
Größe anzusehen, daher wird dem durchschnittlichen
Verhalten der Einzelnachfragen auf den Märkten dieser Wirt-
schaft am ehesten ein Nachfragetypus der Art entsprechen,
daß die Nachfrage für sämtliche Punkte der Preisskala die-
selbe Portion an allgemeiner Kaufkraft, also stets denselben
Wert repräsentiert. N müßte demzufolge in eindeutiger
Funktion zu den Zahlen der Preisskala stehen und in genau
demselben Grade ab- und zunehmen als diese zu- und
abnimmt. In unserem Beispiele müßte, da unserer Annahme
zufolge dem Preise y die Nachfrage-Menge O entspricht,
beim Preise */»y die Nachfrage 20 betragen oder aber beim
Preise 2y soviel wie '/»O u.s.f. Wir nehmen in unserem
Beispiele ein derartiges Verhalten der Nachfrage an.°)

In der gleichen Weise wie die Nachfrage läßt sich in
unserem Diagramme natürlich auch das für jeden Punkt der
Preisskala mögliche oder denkbare Angebot veranschaulichen.

Auf manchen Märkten wird das Angebot bei sinkenden
Preisen allmählich abnehmen, bei steigenden Preisen allmählich
zunehmen. Unter diesen Umständen würde sich eine Ange-
botskurve ergeben, die etwa mit A zu bezeichnen wäre und
einen ähnlichen Verlauf nehmen würde wie N, nur mit dem

5) Im Gegensatze dazu werden wir in den Fällen des II. Abschnittes,
wo es sich um spezielle Typen von Marktsituationen handeln wird,
einen ganz beliebigen Verlauf der Nachfrage als gegeben ansehen.

13
        <pb n="19" />
        Unterschiede, daß sich A eben mit ansteigender Preisskala
von der Abszisse entfernt und mit sinkender Preisskala ihr
nähert. Ein solches Verhalten des Angebotes wird auf Märkten
zu erwarten sein, auf denen nicht mehr neu herstellbare Güter
(Bilder alter Meister, Antiquitäten u. s. f.) angeboten werden
oder aber auf Märkten, deren Waren zu verschiedenen Her-
stellungskosten produziert werden. Ein typisches Beispiel für
den letzteren Fall bietet die landwirtschafftliche Produktion,
u. a. infolge der Wirksamkeit des Gesetzes vom abnehmenden
Bodenertrag, desgleichen die Goldproduktion u. dgl. m.°)

Für Güter hingegen, deren Produktion ohneweiters bei
sgleichbleibendem Kostenaufwand gesteigert und deren
Angebot daher zu demselben Preise erheblich erweitert zu
werden vermag, wird sich das Angebot überhaupt nur auf
einen bestimmten Preis beziehen.‘) In diesem Falle wird sich
A daher als eine Normale auf die Preisskala darstellen, die
diese in jenem Punkte schneidet, der dem festgesetzten tat-
sächlich verlangten Preise entspricht. N schneidet nunmehr
an dieser Normalen jenes Stück ab, das entsprechend den
Maßen der Ordinate den tatsächlichen Umsatz zu diesem
Preise auf Grund des Verhaltens der Nachfrage, d. i. des
Konsumes wiedergibt. .

Den eben geschilderten Fall haben wir für unser Beispiel
als im großen und ganzen typisch ins Auge zu fassen. Die
Industrien der Länder, die heute von der Arbeitslosigkeif
besonders betroffen sind, setzen fast durchwegs ihre Produkte
zu den niedrigsten, bestenfalls gerade noch Rentabilität der
Unternehmungen gewährleistenden Preisen oder sog$ar zu
Preisen ab, die beim gegebenen Umsatze unterhalb der Grenze
völliger Rentabilität liegen, dem vollen Anschaffungswerte des
Anlagekapitales selbst bei Annahme eines mäßigen Zinsfußes
gar nicht mehr entsprechen und daher unter sonst gleich-
bleibenden Verhältnissen keinesfalls mehr gesenkt werden
können. Speziell in Österreich wurde diese Tatsache durch
den ungeheuren Aktiensturz ins grellste Licht gerückt, als man

6) Vergl. im übrigen unten S. 57ff.

7) In der Regel auf den Konkurrenzpreis, der lediglich den Ersatz
der Kosten einschließlich des durchschnittlichen Kapitalzinses etc. einbringt,
oder aber im Monopolfaile auf den von der Leitung des Monopoles direkt
oder indirekt fixierten „Monopolpreis“.
14
        <pb n="20" />
        auf der Börse in der Bewertung der Aktien von der soge-
nannten Substanztheorie abrückte und — teils freiwillig, teils
unfreiwillig (Frankenhausse) — zum Ertfragsprinzip als Grund-
lage dieser Bewertung zurückkehrte.

In unserem Beispiele wäre also der Preis y jener Preis,
zu dem fatsächlich angeboten und bei dem die Menge O an
Gütern abgesetzt wird. Dieser Preis y ist entprechend der
früheren Annahme durch die sogenannten Produktionskosten,
u. zw. zur einen Hälfte durch die Kosten des bei der Her-
stellung geleisteten Arbeitsaufwandes bedingt und bestimmt.
'/2 y stellt somit die Höhe des Arbeitslohnes dar, der zu dieser
Zeit für die zur Herstellung von einem Produkt dieses Marktes
nötige Lohnarbeitsleistung gezahlt wurde, von der wir übrigens
annehmen wollen, daß sie etwa dem Arbeitstage eines Arbeiters
(bei gesetzlich geregeltem Stundentage) gleichkomme.

Die Aufnahmsfähigkeit dieses Produktionszweises für
Lohnarbeit beträgt somit beim Produktpreise y und einem
Lohnsatze von '/»y pro Arbeitstag O Arbeitstage, bezogen
auf die unserer Berechnung zugrundeliesende im übrigen
beliebig festzusetzende Zeitperiode. Eine Mehrverwendung
von Arbeit kommt unter diesen Verhältnissen nicht in Frage,
da die Absatzmenge beim Preise y durch das Verhalten des
Konsumes auf O festgelegt ist, und eine Erhöhung der Nach-
frage, die eine Vermehrung der Produktion und damit auch
eine Mehrverwendung von Arbeit — der für eine solche Mehr-
produktion nötige Produktionsapparat ist in Zeiten allgemeiner
und chronischer Arbeitslosigkeit in der großen Regel da,
Anlagekapital liegt ja brach — ermöglichen würde, infolge des
zur Zeit gegebenen natürlichen Verhaltens der Nachfrage
nur zu einem niedrigeren Preise als y erfolgen kann.

Die eben geschilderte Sachlage wird sich selbstverständ-
lich weiterhin dahingehend auswirken, daß die Nachfrage
nach Arbeit auf dem Arbeitsmarkte, soweit diese von dem
eben veranschaulichten Produktionszweige ausgeht, bei einem
Lohnsatze von '/2y pro Arbeitstag über O Arbeitstage nicht
hinauszugehen vermas.

Steht nun, bezogen auf den Lohnsatz von &gt; y, dieser
Nachfrage O ein ebenso großes Angebot segenüber, so ver-
mag das letztere voll und ganz aufsenommen zu werden und
von Arbeitslosigkeit ist hier keine Rede.

15
        <pb n="21" />
        Naturgemäß ist dabei zu beachten, daß diese Nachfrage
und dieses Angebot einander auf dem Arbeitsmarkte nicht
isoliert gegenüberstehen, sondern daß sich diese Nachfrage
mit den von den anderen Produktionszweigen herrührenden
Nachfrasgegrößen zu einer Gesamtnachfrage summiert, der
ebenso das Gesamtangebot an Arbeit gegenüber steht.

Jedoch, was hier vom einzelnen Teil gilt, gilt ohne wesent-
liche Änderungen auch von der Gesamtheit der sich gleich-
artig verhaltenden Teile. Die dadurch gewonnene Kürze der
Darstellung läßt es uns zweckmäßig erscheinen, das Beispiel
dieses einen Produktionszweiges als Typus herauszugreifen,
und der von diesem Produktionszweige ausgehenden Nach-
frage das auf diese Nachfrage auf dem Arbeitsmarkte pro-
portionell entfallende Angebot an Arbeit is oliert gegenüber-
zustellen oder, mit anderen Worten, diese beiden Größen und
ihre Veränderlichkeit als Repräsentanten der Gesamtnach-
frage und des Gesamtangebotes und ihrer Veränderlichkeit
zu behandeln. Dieses Vorgehen kommt der vereinfachenden
Annahme eines einzigen großen Produktionsgebietes und —
wie schon oben angenommen — einer einzigen, gleich ent-
lohnten Arbeitsart für die ganze Volkswirtschaft gleich.”)

Nehmen wir aber nunmehr an, das erwähnte der Nach-
frage O gegenüberstehende Angebot befrage m ehr, beispiels-
weise um !/3 mehr, als O. Das käme einem Angebot von */3 O
gleich. Unter diesen Umständen muß es bei Aufrechterhal-
tung des Lohnsatzes '2y zu Arbeitslosigkeit kommen. Der
Arbeitsmarkt ist nur in der Lage, O, d.i. also 3 OO, aufzu-
nehmen, !/3 O der angebotenen Arbeit bleibt unverwendet,
das Maß der Arbeitslosigkeit ist durch */; O gegeben.

Nach den frei wirksamen und — in diesem Sinne nur —
„natürlichen“ Gesetzen der ‘Skonomischen Wert- und Preis-
bildung in der Verkehrswirtschaft müßte diese beim Lohnsatze
1, y vorherrschende Diskrepanz zwischen dem Angebote und
der Nachfrage zu einer Senkung des Arbeitslohnes führen.

8) Diese Annahme ist bei unserem Darstellungsziel unter allen Um-
ständen tunlich. Sie wird aber auch in anderen Fällen gute Dienste zu
tun vermögen, da ja sowohl die einzelnen Produktionsgebiete (nach Maß-
sabe der Möglichkeit der Kapitalszu- und Abwanderung), also auch die
einzelnen Arbeitsarten (nach Maßgabe der Möglichkeit von Berufsum-
stellungen etz.) untereinander in einer Art von kommunizierendem Röhren-
systeme stehen.
16.
        <pb n="22" />
        Vorausgesetzt, daß jene eben von Dauer und nicht nur auf
vorübergehende einmalige Konjunkturschwankungen oder
auf die bekannten aus der Dynamik des Wirtschaftslebens
verständlichen periodischen Schwankungen zurückzuführen
ist, d. h. nämlich, soweit nicht auch hier niedrigere Arbeits-
löhne notwendig werden. Diese Bewegung würde — wenigstens
grundsätzlich — erst zum Stillstande zu kommen vermögen,
wenn infolge des gesunkenen Lohnsatzes die Nachfrage nach
Arbeit auf */3 O gestiegen wäre und sich Angebot und Nach-
frage somit wieder im Gleichgewicht befänden.

Wieso könnte es dazu kommen und wann wäre das in
unserem Beispiele der Fall?

Wie wir gesehen haben, ist das Verhalten der Nach-
frage auf dem Arbeitsmarkte abhängig von den Verhältnissen
auf dem Produktmarkte, auf dem die Nachfrage der Kon-
sumenten bei einem gegebenen Preise die Größe des Güter-
umsatzes und damit das Ausmaß der Produktion bezw. der
Verwendungsmöglichkeit von Arbeit bestimmt. Unser Arbeits-
markt wird somit für */3 O an Arbeit erst aufnahmsfähig sein,
wenn infolge einer Preissenkung der Produkte die Nach-
frage nach diesen in gleichem Maße zugenommen hat.

Da wir nun die geschilderte Situation zunächst nur
soweit zu untersuchen haben, als sie eine dauernde ist,
und hier nur über Arbeitslosigkeit als chronisches Übel
gehandelt werden soll, wird in Ansehung der damit anzu-
nehmenden Stabilität der allgemeinen wirtschaftlichen Ver-
hältnisse eine solche Preissenkung der Produkte nur ein-
treten, insoweit die früher erwähnte Bewegung der Senkung
des Lohnsatzes die Kosten der Herstellung eines Produktes
mindert.*)

9) In diesem Zusammenhange könnte die Frage diskutabel erscheinen,
ob nicht die Höhe der Nachfrage selbst durch Lohnsenkungen bezw. Stei-
gerungen in der Weise variiert würde, daß Lohnsteigerungen eine der-
artige Vermehrung der nachfragenden Kaufkraft und Lohnsenkungen eine
derartige Verminderung an solcher bewirkten, daß in beiden Fällen der
veränderten Preislage eine dementsprechend veränderte Kaufkraft der
Nachfrage mit dem Erfolge gegenüberstünde, daß sich im einen wie im
anderen Falle der alte Umsatz und damit die Verwendungsmöglichkeit
von Arbeit in dem alten Ausmaße ergebe. Conrad nimmt in dem in der
Vorrede zitierten Artıkel („Der österr. Volkswirt“, Nr. 44, S. 1218 £) mit
Recht gegen eine derartige Argumentation Philippvichs Stellung. Zu
dieser Frage möchte ich folgendes bemerken:

17 0
        <pb n="23" />
        Bei welchem Lohnsatze wird in unserem Beispiel die
Aufnahmsfähigkeit des Produktmarktes auf */3 O gestiegen
sein?

Da wir mit einer Normalnachfrage von an sich stets
gleichem Werte rechneten, wird die Nachfrage */3 O einem
Preise von °/,y: entsprechen, was übrigens auch aus Fis. 1
hervorgeht.) Dieser Preis von ?,y müßte also durch Ver-
billigung der Kosten des Arbeitslohnes erreicht werden bezw.
es müßte daher der Lohnsatz von '/2 y auf */4 y herabgedrückt
werden. Da die übrigen Kosten pro Produkt '/»y betrugen
und dieselben bleiben, würden bei dem neuen Lohnsatze
lediglich ',y Arbeitskosten pro Arbeitstag bezw. pro Her-

Der Beweis, daß die obige Frage auf die Dauer nicht diskutabel
sein kann, läßt sich sehr kurz auch auf andere Weise führen, als Conrad
dies tut, u. zw. auf der Basis einer von der Dazwischenkunft des Tausch-
mittels Geld abstrahierenden (gewissermaßen geldfreien) Betrachtungs-
weise der Wert- und Einkommensbildung (Methode der unmittelbaren
Bezogenheit der Produktionsfaktoren aufeinander), die der Verfasser in
seinem bereits erwähnten Aufsatze „Ricardo und Cassel“ in Anwendung
brachte.

Eine solche 1äßt ohneweiters erkennen, daß eine Erhöhung des Er-
trages einfacher Arbeit, also z. B. eine Lohnerhöhung bei gleichbleibendem
inneren Geldwerte und gleichbleibenden sonstigen Grundlagen des Wirt-
schaftslebens unter allen Umständen gleichbedeutend ist mit einer Ver-
schiebung des verhältnismäßigen realen Erfrages einfacher Arbeit
gegenübei den anderen Ertragsarten in der Wirtschaft, auf deren Kosten
sie notgedrungen gehen muß. (Tut sie das nicht, so setzt das eine gleich-
geartete Erhöhung der nominellen Höhe auch der übrigen Einkommens-
arten voraus, die bei gleichgebliebenem Produktionsergebnis der Wirtschaft
lediglich auf eine Bewegung des inneren Geldwertes hinausläuft, ohne daß
sich in den realen Beziehungen der Wirtschaft und an der verhältnis-
mäßigen Höhe des realen Arbeitslohnes etwas geändert hat. Eine solche
Geldwertbewegung würde dann eingeleitet werden, wenn die Kosten einer
solchen Lohnerhöhung im Wege der Schaffung zusätzlicher Kaufkraft auf-
gebracht würden. Vergl. übrigens hierzu des Verfassers Bemerkungen in
„Ricardo und Cassel“, S. 395). Da sich die Nachfrage nur ihrer Herkunft
nach verschieben kann, verändert sich der Nachfragewert keineswegs, ver-
mag aber infolge der durch die Lohnerhöhung notwendig gewordenen Preis-
erhöhung eben nur mehr einen Teil der früheren Menge des Angebotes
aufzunehmen bezw. zu kaufen.

Wir dürfen also unter den Voraussetzungen unseres Beispieles still-
schweisend mit einem gleichbleibenden Nachfragewert rechnen.

10) Im Falle eines bestimmten einzelnen Produktmarktes vermag natur-
gemäß die spezielle Bedeutung, die der Konsum dem betreffenden Pro-
dukte zuerkennt, schon zu einem höheren oder erst zu einem niedrigeren
Preise als dem von 3/4 y den Umsatz von */3 O herbeizuführen. Doch tut
das Mehr oder Weniger in diesem Zusammenhange nichts zur Sache. Versl.
im übrigen die Ausführungen oben S. 13.
18
        <pb n="24" />
        stellung eines Produktes hinzutreten und das ergäbe die
Möglichkeit eines Produktpreises von */y.

Berücksichtigen wir den eben ausgeführten Zusammen-
hang in der Veranschaulichung der Nachfrage auf unserem
Arbeitsmarkte, die in Fis. 2 nach denselben Prinzipien
wie denen der Darstellung des Produktmarktes in Fig. 1 er-
folgen soll.

am —A2

D —— — Ay
3z
m a
RUE
Sr
Bl zz
A 5 YO LOHNSKALA)
n Fig. 2. Arbeitsmarkt.

Die Nachfragekurve unseres Arbeitsmarktes muß,
sowohl soweit wir sie errechnet haben und in zwei wesent-
lichen Punkten zur Darstellung bringen, wie überhaupt, flacher
als die des Produktmarktes verlaufen. Und zwar deshalb,
weil die Nachfrage auf dem Arbeitsmarkte auf Preisverän-
derungen (in diesem Falle gleichbedeutend mit Änderungen
des Lohnsatzes) wesentlich schwächer reagiert, als das hin-
sichtlich der Nachfrage auf dem Produktmarkte bei Preis-
änderungen gleichen Ausmaßes der Fall ist. Der Grund
hiefür ist aus dem Vorstehenden bereits zu ersehen. Er ist
darin gelegen, daß eine Senkung des Lohnsatzes die Senkung
der Preise der Produkte und die damit verbundene Er-
höhung der Nachfrage nach diesen Produkten bezw. die
damit verbundene gesteigerte Aufnahmsfähigkeit des Arbeits-
marktes nur in dem Ausmaße herbeizuführen vermag, als
dies das Verhältnis des Anteiles des Aufwandes für Arbeits-
lohn an den Gesamtkosten des Produktes gestattet. Die
ziffernmäßige Höhe dieses Verhältnisses, das wir z. B. mit
'/» angenommen haben, ist für unsere Feststellung an sich
unwesentlich. Sie mag in jedem einzelnen Produktionszweise,
ja selbst in einzelnen Betrieben desselben Produktionszweiges
verschieden sein. Je darnach wird sich die aus den einzelnen

19 0)
        <pb n="25" />
        Produktionszweigen stammende Nachfrage auf den Arbeits-
markt verschieden projizieren. Ihre oben erwähnte Sum-
mierung muß jedoch einen eindeutigen Verlauf der Ge-
samtnachfrage auf dem Arbeitsmarkte ergeben, die zwar
nicht gerade den einzelnen eben beispielsweise gebrachten
positiven Zahlen — wir hätten übrigens auch algebraische
Zahlen einsetzen können, was jedoch die Darstellung unnötig
hätte verlängern müssen — jedenfalls aber den ausgeführten
Grundsätzen unserer bisherigen Untersuchung entsprechen
muß. 1!)

Das Arbeitsangebot haben wir als starr angenommen.‘”)
Es war im einen Falle durch die Zahl O bestimmt (A), im
zweiten Falle betrug es */3 O (As). Da es sich um ein starres
Angebot handelt, das mit anderen Worten — wenigstens
hinsichtlich der praktisch in Frage kommenden Lohnsätze —
für alle Punkte der Preis- bezw. Lohnskala von gleicher
Größe anzunehmen ist, wird es in unserem Diagramm durch
eine Gerade zu veranschaulichen sein, die in stets gleichem
Abstande von der Abszisse verläuft, u. zw. im einen Falle
im Abstande O, im anderen Falle im Abstande %/O.

Der Preis bezw. der Lohnsatz, der dem gegebenen
Angebote und der gegebenen Nachfrage entspricht, ist hier
wie in allen anderen Fällen der Darstellung durch ein der-
artiges Diagramm identisch mit jenem Punkte der Preisskala,
der dem Schnittpunkte der Nachfragekurve und der die
Angebotslage veranschaulichenden Linie entspricht. Wir finden
ihn, indem wir aus diesem Schnittpunkte eine Normale auf
die Preisskala fällen. In unserem Diagramm ergibt das analog
unseren früheren Ausführungen für A, (Angebot =.O) den
Lohnsatz !/y, für A, (Angebot = */3s O) den Lohnsatz *ıy.
Nur zu diesem Preise der Arbeit stellen jeweils Angebot
und Nachfrage dieselben Größen dar, befinden sich also
im Gleichgewicht. Bei jedem anderen Preise müßten Angebot
oder Nachfrage überwiegen, und es müßte daher auf die
Dauer im Falle freier Preisbildung die Konkurrenz den
Preis solange hinauf- bezw. herabdrücken, bis eben der er-
wähnte Punkt der Preisskala erreicht ist.

1) Vergl. oben S. 16, Anm. 8 und den dazugehörigen Haupftexf.

2) Versl. oben S. 10, Anm. 2.

20
        <pb n="26" />
        Diesen Preis bezeichnen wir als den natürlichen
Preis der Arbeit, weil er den Gesetzen des freien und
unbeeinflußten ökonomischen Kräftespieles entspricht
und so im Gegensatze steht zu Preisen, die von organi-
sierten Marktinteressenten künstlich und bewußt
herbeigeführt werden (beispielsweise Monopolpreise auf dem
Warenmarkt, Lohnsätze auf Grund Kollektivvertrages u. s. £.).
Es sei aber ausdrücklich hervorgehoben, daß mit dieser
Bezeichnung keinerlei Werturteil verbunden sein soll, wie
etwa die Meinung, daß dieser Preis irgend ein Gerechtig-
keitsprinzip verwirklichen helfe, oder daß er naturgesetzlich
sei im Sinne einer Anpassung an eine höhere Naturordnuns.
Von einem ordre naturel soll hier nicht die Rede sein, der
Fehler der Physiokraten liegt uns ferne. Dieser von uns der
Einfachheit halber so bezeichnete natürliche Preis kann viel-
mehr, wenn es sich etwa wie hier um den Preis der Arbeit,
also den Arbeitslohn handelt, aus sehr gewichtigen sozial-
politischen, bevölkerungspolitischen, kulturpolitischen, auch
wirtschaftspolitischen etz. Gründen gegebenen Falles als recht
ungesund und verderblich zu bezeichnen sein. Häufig genug
ist es gerade Aufgabe der in der Kulturentwicklung stehenden
Menschheit, den Ablauf von sogenannten Naturgesetzlich-
keiten zu beeinflußen und zu variieren, um deren Folgen
der menschlichen ratio gemäß günstig oder günstiger zu
gestalten. Das gilt für den Bereich der Geisteswissenschaften
in ähnlicher Weise wie für das Gebiet der Naturwissen-
schaften. Aber Eines ist sicher! Wie wir sehen konnten,
spiegelt dieser Preis das tatsächliche, gegebenenfalls vielleicht
grausame Kräfteverhältnis der ökonomischen Größen in der
Wirtschaft wieder. In unserer Annahme z. B. ist bei den
oben als gegeben angenommenen sonstigen wirtschaftlichen
Verhältnissen bei einem Arbeitsangebot von O der Lohnsatz
'/2 y, bei einem Arbeitsangebot von */3 © der Lohnsatz !/,y
allein jener, zu dem der letzte Rest der angebotenen
Arbeitsmenge von der Wirtschaft völlig aufgenommen und
Arbeitslosigkeit vermieden werden kann.

Nun haben wir es aber in der modernen Wirtschaft so
gut wie überhaupt nicht mehr mit freier Preisbildung auf
dem Arbeitsmarkte zu tun. Arbeitnehmer und Arbeitgeber
sind heute organisiert und die Höhe des "Arbeitslohnes ist

DI
        <pb n="27" />
        in der Regel Gegenstand von Vertragsverhandlungen zwischen
den sich auf dem Arbeitsmarkte gegenüberstehenden Parteien.
Die natürlichen zur Zeit gegebenen ökonomischen Kräfte-
verhältnisse beeinflußen natürlich die beiden Parteien bezw.
den Staat, soweit sein Einfluß dabei in Frage kommt, bei
der Festlegung des Lohnsatzes, so daß sich der auf solche
Weise vereinbarte Arbeitslohn vom erwähnten natürlichen
Preis der Arbeit nicht übermäßig weit zu entfernen vermag.
Aber der unmittelbare Ausgleich zwischen dem Angebot
und der Nachfrage des Arbeitsmarktes ist jedenfalls gestört
und ein Abweichen vom natürlichen Preise leicht möglich,
ja dort sogar wahrscheinlich, wo dieser dem Arbeiter nicht
mehr das soziale Existenzminimum gewährleistet und somit
nach der je nach Eigenart und Entwicklungsstadium einer
Volkswirtschaft und der von dieser getragenen Kultur ver-
änderlichen Anschauung der Öffentlichkeit insbesondere der
Arbeiter und Arbeiterführer zu niedrig erscheintf.

Im Falle einer solchen Spannung zwischen dem natür-
lichen Preise der Arbeit und dem tatsächlich vorherrschenden
durchschnittlichen Vertragslohnsatze wird sich in Berücksich-
tigung der oben gewonnenen Grundsätze, wiederum in der
herkömmlichen Weise (natürlich ohne Rücksicht auf die früher
verwendeten Maßzahlen) veranschaulicht, folgendes Bild
ergeben:

A
da &gt; Ap
\ * ABSTAND = F-D
a BC
=
ma
nn
35: I d
Sa Y
m &gt; ( LOHNSKALA |
nn Fis. 3. Arbeitslosigkeit auf dem Arbeitsmarkte.

Die Nachfrage nach Arbeit zeigt einen Verlauf, dem-
zufolge der Arbeitsmarkt bei einem Lonsatze von y für eine
Arbeitsmense voh O, bei einem niedrigeren Lohnsatze von x

99
        <pb n="28" />
        für eine größere Arbeitsmenge von P (das Verhältnis von y
zu x und von O zu P kann beliebig angenommen werden)
voll aufnahmsfähig ist. Dauernde Arbeitslosigkeit ist hier
nur denkbar, wenn der verfragsmäßig festgelegte Lohnsatz
über dem von uns so genannten nafürlichen Lohnsatze ge-
legen ist. Also dann etwa, wenn bei einem Gesamtangebote
an Arbeit von P, dem bei der gegebenen Nachfrage der
Lohnsatz x entsprechen würde, der höhere Lohnsatz y fest-
gesetzt oder an ihm festgehalten wird, der eine Aufnahms-
fähigkeit des Arbeitsmarktes für O Arbeit begründet. Bezw.
umgekehrt wird eine chronisch vorherrschende Arbeits-
losigkeit, die durch ihre Dauer die Stabilität der die Auf-
nahmsfähigkeit des Arbeitsmarktes bestimmenden sonstigen
wirtschaftlichen Voraussetzungen nachweist, darauf schließen
lassen, daß der herrschende Lohnsatz höher ist als der
bei den gegebenen wirtschaftlichen Verhältnissen als natür-
lich zu bezeichnende Preis der Arbeit.'*) Die Arbeitslosig-
keit stellt sich dann eben als Folge der Spannung zwischen
den Lohnsätzen x und y dar, ihr Ausmaß ist gegeben durch
die Differenz P—O und kommt in unserem Diagramm durch
den Abstand zwischen der Linie Ap (die das Arbeitsangebot
von P kennzeichnet) und der Linie Ao (die der Arbeits-
menge von O entspricht) zum Ausdruck. Die Arbeitsmenge ©
hingegen kann vom Markte voll aufgenommen und ver-
wendet werden.

Die vorstehenden Ausführungen bilden die Basis der
weiteren Abschnitte unserer Spezialuntersuchung und sind
für diese allein relevant. Um dem Bilde aber seine Umrah-
mung zu geben, sei an dieser Stelle noch folgendes bemerkt.

Aus dem Vorangegangenen war zu entnehmen, daß die
Aufnahmsfähigkeit des Arbeitsmarktes zu steigern ist durch
Erhöhung der Nachfrage nach den Produkten, zu deren
Herstellung Arbeit erforderlich ist. Bei normaler Entwick-
lung und Enffaltung einer Verkehrswirtschaft ergibt sich eine
solche bekanntlich auch bei bleibenden, ja eventuell sogar
bei steigenden Preisen und Lohnsätzen. Die Ursache hier-
für liegt — wenn wir wieder von den Wirkungen der vor-

B) Vergl. übrigens hiezu Cassel, a. a. 0., S. 287, der gewissermaßen
kurzerhand von dem Prinzipe der Knappheit auf den von uns dar-
gestellten Zusammenhang schließt.
73
        <pb n="29" />
        übergehenden Konjunkturerscheinungen im Allgemeinen
und der periodischen Konjunkturen im Besonderen absehen,
weil wir nur dauernde Verhältnisse auf dem Arbeits-
markte zu untersuchen hatten — vor allem in der ständigen
Kapitalakkumulation, der Bevölkerungsvermehrung bei gleich-
zeitiger Bevölkerungskonzentration u. s. f., mit einem Worte
in der Zunahme an Zahl und Wohlhabenheit aller Gruppen
in einer solchen Wirtschaft, wofür uns die Vereinigten
Staaten mit ihrer Kapitals- und Bevölkerungs-Vermehrung,
ihrem Einkommensdurchschnitt und ihren Rekordlöhnen ein
anschauliches Beispiel liefern. In den Ländern mit chronischer
Arbeitslosigkeit jedoch wird der Hinweis auf die wohltätige
Wirkung kommender Reichtumsmehrung offenbar wenig
Trost bringen können. Sinngemäß und der Regel entspre-
chend liegt die Sache so, daß erst die Arbeitslosigkeit, die
wirtschaftliche Stagnation etz. behoben werden muß und dann
erst Kapitalakkumulation u. s. w. wieder einzusefzen ver-
mögen. Wenn wir von den Fragen des Exporfes, des Ab-
satzes im Ausland, vorerst noch absehen, bleibt uns nur die
eine Möglichkeit, in Ländern mit chronischer Arbeitslosigkeit
den Umsatz an Produkten und damit die Aufnahmsfähigkeit
des Arbeitsmarktes in absehbarer Zeit zu steigern, die wir
oben nach einer Richtung hin schon besprochen haben, und
das ist eben die einer Senkung der Produktpreise.

Dieses Ziel kann aber an sich selbstverständlich auch
auf andere Weise erreicht werden als durch die Senkung
der Arbeitslöhne. Jedes Mittel, das geeignef ist, die Kosten
der Produktion einschließlich des Absatzes bei gleichbleiben-
den Reallöhnen herabzudrücken, ist gleichzeitig ein Mittel,
der Arbeitslosigkeit zu steuern.'*) Wenngleich sich die vor-
liegende Abhandlung das besondere Ziel gesetzt hat, die
sozial- und wirtschaftspolitischen Einrichtungen der Arbeits-
losenversicherung und der produktiven Arbeitslosenfürsorge
auf ihre Brauchbarkeit hin, als Mittel zur Milderung der
Folgen der Arbeitslosigkeit zu dienen, zu untersuchen, sei
hier doch, um Irrtümer über die Anschauungen des Ver-

4) Eine hier nicht eingehender zu berücksichtigende Einschränkung
erfährt dieses Prinzip naturgemäß in jenen Fällen, in denen die Kosten-
minderung den Anteil der Lohnarbeit am Produktionsaufwande absolut
verringert.

94
        <pb n="30" />
        fassers ausdrücklich auszuschließen, in aller Kürze auf die
hauptsächlichsten Mittel eingegangen, die in der eben ange-
führten Weise, teilweise aber auch durch Steigerung der
Nachfrage schlechthin, und zwar auch seitens des Auslandes,
die Arbeitslosigkeit zu beheben vermögen.

Diese der Hauptsache nach bekannten Mittel und Wege
lassen sich vielleicht folgendermaßen gruppieren.

1. Senkung der öffentlichen Abgaben und Lasten
(einschließlich der sozialen Lasten), soweit sie die Produktion
verteuern.

2. Senkung der Kosten der eigentlichen Produktions-
elemente, also — abgesehen von den Arbeitslöhnen —
der Rohstoffe bezw. Halbfabrikate, der technischen Pro-
duktionsmittel, des Aufwandes an kurzfristigem Leihkapital
(Zinsfuß) einschließlich der Konditionen, u. s. f. Hier vermag
gegebenenfalls Zollpolitik und Kreditpolitik manches zu tun.

3. Erzielung desselben Produktionserfolges mit gerin-
gerem Aufwande bei gleichbleibenden Kosten der
Produktionselemente. Hieher gehören vor allem a) Verbes-
serung der Betriebsorganisation und der Arbeitsteilung im
Betriebe (eventuell bei weitgehender Arbeitsteilung der Be-
triebe untereinander und dementsprechender Normalisierung
und Typisierung), 6) Verbesserung der technischen Methoden,
c) Steigerung der Arbeitsleistung des Arbeiters (wenn nicht
durch Verlängerung des Stundentages, so eben durch Steige-
rung des Arbeitserfolges in der Zeiteinheit). Da wir schon
früher einmal Österreich als Beispiel anführten, so sei auch
hier darauf verwiesen, daß gerade in diesem Lande nicht
unerhebliche „stille Reserven“ dieser Art schlummern, die
erst allmählich zur Verwendung gelangen.

4. Senkung der außerhalb des eigentlichen Produk-
tionsvorganges liegenden, die Preise der Produkte verteuern-
den Kosten. Hieher gehören z. B. Vereinfachungen und Ver-
billigungen der Absatzorganisation, vor allem Erniedrigung
der Transportkosten (Tarifpolitik) u. s. f.

5. Steigerung der Exportmöglichkeiten, (abgesehen
von den eben unter 1—4 aufgezählten Mitteln) vor allem
a) durch Senkung der Einfuhrzölle der Abnehmerstaaten,
Aufhebung ihrer Einfuhrverbote, Verbillisung oder Erleich-
terung des Devisenverkehres u. s. f. (Handelspolitik), 6) (ohne
25
        <pb n="31" />
        die Notwendigkeit von Preissenkungen) durch Konsolidie-
rung etwa zerrütteter wirtschaftlicher Verhältnisse in den
Abnehmerstaaten, Herstellung normaler Beziehungen zu
früheren Absatzgebieten, Organisierung großer einheitlicher
Wirtschaftsgebiete, eventuell über die Zollschranken hinaus
u. s. f., und endlich

6. Herstellung einer der Kapazität der Volkswirtschaft
im internationalen Handelsverkehre angemessenen natür-
lichen Relation zwischen Geldwert und Wecselkurs.
Die Erörterung dieses Punktes ist Thema einer gleichzeitig
mit dieser erscheinenden anderen Abhandlung des Ver-
fassers und soll daher dieser überlassen bleiben.!°)

Fast allen diesen angeführten Mitteln und Wegen ist
es, selbst wenn sie in der Tat angebahnt werden, ihrer Natur
nach nicht beschieden, rasch in umfassende Wirksamkeit zu
treten. Vor allem auch genügt zur Anbahnung selbst der
gute Wille der Leiter des Staates und der Führer der Wirt-
schaft allein in der Regel noch nicht. Am ehesten wird dies
immer noch der Fall sein können in einem politisch mäch-
tigen Staatswesen, dessen Volkswirtschaft gleichzeitig über
starke wirtschaftliche Reserven verfügt, wie etwa in England,
das daher andere Methoden ins Auge fassen kann und auch
faßt, um dem Eintritte von Arbeitslosigkeit vorzubeugen oder
diese zu beheben, als dies in einem politisch und wirtschaftlich
bedeutend schwächeren und kleineren Staatswesen, wie etwa
in Österreich, möglich ist. Doch sei dem, wie ihm wolle,
jedenfalls wird ein soziales Gemeinwesen, dessen Wirtschaft
an chronischer Arbeitslosigkeit leidet, unbeschadet aller An-
strengungen der eben erwähnten Art zunächst gezwungen
sein, die Folgen, der Arbeitslosigkeit zu bekämpfen und
zu mildern. Und in diesem Belange zumindestens darf dieses
am Ende an der Tatsache nicht achtlos vorübergehen, daß
bei den gegebenen und durch die Dauer der Arbeitfslosig-
keit als an sich stabil erwiesenen, nun einmal mehr oder
minder ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnissen objektiv
eine Hauptursache der Arbeitslosigkeit in der Spannung

15) Versl. des Verfassers „Wirtschaftspolitik und natürliche Relation
zwischen Innenwert und Außenwert]des Geldes“ in dem demnächst erschei-
nenden letzten Hefte des Jahrg. 1925 der „Zeitschrift für Volkswirtschaft
und Sozialpolitik“ in Wien.

296
        <pb n="32" />
        zwischen dem tatsächlich geltenden und dem den gegebenen
ökonomischen Kräfteverhältnissen entsprechenden und in
diesem Sinne natürlichen Lohnsatze gelegen ist. Auf welche
Weise diese Tatsache zum Vorteile der Gesamtwirtschaft
wie dem des Arbeiters und des Unternehmers zu berück-
sichtigen wäre, wird Gegenstand der Ausführungen des Ill.
Abschnittes dieser Abhandlung sein, nachdem vorher die
gegenwärtige Methode der Bekämpfung der Folgen der
Arbeitslosigkeit untersucht worden war.

27
        <pb n="33" />
        Il.

Wesen und Wirkungen der Arbeitslosen-

versicherung.

Ein heute fast allgemein eingebürgertes Mittel, die Folgen
der Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, stellt die sozialpolitische
Einrichtung der Arbeitslosenunterstützung dar.'°) Bekanntlich
wird hier aus einem dem Zwecke der Arbeitslosenunter-
stützung gewidmeten Fond dem ohne sein Verschulden und
Zutun in Arbeitslosigkeit geratenen Arbeiter (Angestellten)
zumindest durch eine bestimmte Zeit hindurch eine Unter-
stützung in gewisser Höhe gewährt, die ihm den notwen-
digsten Lebensunterhalt sichern soll und praktisch in der
Regel nicht viel mehr — in manchen Ländern sogar weniger —
als ein Drittel seines Normallohnes ausmacht. Die Befristung
der Zeit, während welcher dem Einzelnen Unterstützung
gewährt werden soll, die bekanntlich unter anderem auf den
Arbeiter einen Druck dahingehend ausüben soll, daß er selbst
alles daran setzt, wieder eine Arbeitsstelle zu finden, läßt
sich erfahrungsgemäß in Zeiten wirklich chronischer Arbeits-
losigkeit kaum aufrechterhalten. In irgend einer Form, als
Notstandsaushilfe oder dergleichen mehr, wird der Arbeits-
lose gegebenenfalls auch über die ursprünglich festgesetzte
Frist hinaus unterstützt werden.

Die Aufbringung der Mittel dieser Arbeitslosenunter-
stützung erfolgt heute fast allgemein im Wege der Arbeits-
losenversicherung bezw. durch Schaffung eines Arbeits-
losenversicherungsfondes, dem nach Bedarf die zur Gewährung
der Arbeitslosenunterstützung nötigen Summen entnommen
werden. Die Beiträge zu diesem Fond werden in der Regel
in der Hauptsache vom Arbeitnehmer und Arbeitgeber —
etwa zu gleichen Teilen, wie bekanntlich in Deutschland,
England oder Österreich — getragen und zu einem kleinen

16) Die Aufrechterhaltung der vordem erwähnten mit Arbeitslosigkeit
zusammenfallenden Spannung setzt geradezu eine Einrichtung ähnlicher
Art, die den arbeitslosen Teil der Arbeiterschaft nicht völlig dem Elende
anheim fallen läßt, voraus. Man kann sogar davon sprechen, daß das
Bestehen einer Arbeitslosenversicherung an sich schon von selbst eine
Verringerung der Zahl der sich zu einem bestimmten Lohnsatze anbie-
tenden Arbeitskräfte und damit die Herstellung einer solchen Spannung
zu bewirken vermas. Vergl. beispw. über die Wirkung der urprünglich rein
gewerkschaftlichen Versicherung gegen Arbeitslosigkeit Adolf Weber
„Der Kampf zwischen Kapital und Arbeit“, Tübingen 1910, S. 450f.

8
        <pb n="34" />
        Teile vom Staat (dem Land oder der Gemeinde). So enffallen
in Deutschland auf den Arbeitnehmer und Arbeitgeber je */
des Beitrages pro Kopf des eingestellten Arbeiters und auf
die Gemeinde '/s. In Österreich tragen Arbeitnehmer und
Arbeitgeber je 42°, die öffentlichen Körperschaften 16°,
davon die Gemeinde 4°, und der Staat 12°% u. s. f.

Dem Laien mag mit der Feststellung eines solchen
Schlüssels die Frage nach der Aufbringung dieser Mittel end-
gültig beantwortet erscheinen. Dem ist bei weitem nicht so.
Wir werden in der Folge zu zeigen haben, daß gerade auch
in Fällen allgemeiner und chronischer Arbeitslosigkeit die
Lasten der Arbeitslosenversicherung im Großen und Ganzen
der Arbeiter zu tragen hat — was hier eben systematisch
nachgewiesen werden soll — wozu in den eben bezeichneten
Fällen außerdem eine erhebliche Hemmung des Wirtschafts-
lebens als gleichzeitige Folgeerscheinung dieser Einrichtung
hinzufritt. Bei einiger Überlegung wird schon die Berück-
sichtigung der Ausführungen unseres I. Abschnittes einen
allgemeinen Hinweis in dieser Richtung geben. Im Folgen-
den soll nun eine eingehendere Auseinandersetzung der hier
in Frage kommenden Zusammenhänge erfolgen. Es wird sich
vor allem darum handeln, zu untersuchen, wie sich im Ein-
zelnen die erwähnte Verpflichtung zur Beitragsleistung seitens
des Arbeitnehmers, des Arbeitgebers und der öffentlichen
Körperschaften im Wirtschaftsleben auswirkt.

A. Die Arbeitnehmerquote.

Die Beitragsleistung der Arbeitnehmer ist offensichtlich
zunächst zu ihren eigenen Lasten zu buchen. Sie erfolst im
Wege des Abzuges vom Arbeitslohne und verringert so den
effektiven Nominallohn und daher in gleichem Ausmaße den
Reallohn. Bei völlig freier und unbeeinflußter Preisbildung
auf dem Arbeitsmarkte wäre auch an eine Überwälzung auf
die Unternehmer durch eine um die Beitragsquote erhöhte
Lohnforderung nicht zu denken. Wie in Fis. 2 dargestellt
und dort erörtert, ist der Lohnsatz bei gegebener Nachfrage
und bei gegebenem Angebot an Arbeit eindeutig bestimmt,
Zahlungen, die der Arbeiter aus seinem Lohne zu leisten
hat, lösen daher am Mechanismus des Arbeitsmarktes keinerlei
Wirkungen aus.

29
        <pb n="35" />
        Anders im Falle vertragsmäßigen Festsetzens der Lohn-
höhe durch Arbeitgeber- und Arbeitnehmer-Organisationen.
Hier wirkt die tatsächliche Marktlage nicht unmittelbar
durch. die Vertrag schließenden Parteien auf das Ergebnis
des Vertragsabschlusses ein, wie das beim Einzelvertrage —
in jeder Beziehung ungestörtes Walten der freien Konkurrenz
auf Seiten beider Parteien vorausgesetzt — der Fall ist.)
Unter Umständen dieser Art ist es sehr wohl denkbar, daß eine
Erhöhung des Nominallohnes um die Beitragsquote zu der
Arbeitslosenversicherung erzwungen wird. Eine solche Er-
höhung würde zunächst einmal wirken wie jede andere
Erhöhung des Arbeitslohnes auch. Mit anderen Worten, so-
weit sie zu einer Abweichung des neuen Lohnsatzes vom
oben so bezeichneten natürlichen Preise der Arbeit führt,
oder soweit sie eine derartige bereits vorhandene Abweichung
vergrößert, müßte sie zu einer Verringerung der bisherigen
Aufnahmsfähigkeit des Arbeitsmarktes mit allen jenen wei-
teren Folgeerscheinungen führen, die wir im Falle B noch
ausführlicher erörtern werden. Unter solchen Umständen
müßte nämlich die zunächst auf den Unternehmer über-
wälzte Beitragsquote auf die Produktion und den Absatz
genau dieselbe Wirkung tun, die wir in der Folge
unter B hinsichtlich der Unternehmerquofte festzustellen
haben werden. Es erübrigt sich daher von selbst, an dieser
Stelle den letzteren Fall noch besonders zu erörtern.

B. Die Unternehmerquote.

Die vom Unternehmer zu entrichtende Beitragsleistung
wirkt. naturgemäß produktionsverteuernd.‘®) Es tut ja nichts
zur Sache, ob die auf das einzelne Produkt enffallenden
Kosten wachsen, weil ein Rohstoff im Preise gesfiegen ist,
oder deshalb, weil die Auslagen für die Beschaffung der
zur Herstellung des Produktes nötigen Arbeitskraft infolge
der Verpflichtung zu obiger Beitragsleistung zugenommen
haben. Im Falle Wirkens völlig freier Konkurrenz müßte nun

17) Vergl. im übrigen oben S. 21f.

1) Für die Verfolgung unseres Untersuchungszweckes ist es bedeu-
tungslos, daß der Grad der Verteuerung in den einzelnen Produktions-
zweigen ein verschiedener sein wird, u. Zw. größer oder kleiner je nach
dem durch die Produktionstechnik etz. gegebenen Verhältnisse zwischen
dem Ärbeitsaufwande und dem Aufwande an anderen Produktionselementen.
Es tritt hier eben eine relative Verschiebung der einzelnen Produktpreise
untereinander ein, da die erwähnte Verpflichtung zur Beitragsleistung
einer Begünstigung der kapitalintensiven Betriebe auf Kosten der
kapitalextensiven gleichkommt.
z0
        <pb n="36" />
        diese Verteuerung zu einer Verringerung des Warenumsatzes
und — gemäß unseren früheren Ausführungen — infolgedessen
zu einer Verringerung der Aufnahmsfähigkeit des Arbeits-
marktes führen, die die Arbeitnehmer zwänge, ihre Lohnan-
sprüche in demselben Ausmaße zurückzuschrauben, als die Pro-
duktionskosten durch die Beitragsleistung zur Arbeitslosenver-
sicherung gestiegen sind. Nur auf solche Weise käme es zur
früheren vollen Aufnahmsfähigkeit des Arbeitsmarktes gegen-
über dem Angebote an Arbeit, die herzustellen — wie wir ge-
sehenhaben — ja im Wesen freier Konkurrenz gelegen ist. Die
Beitragsleistung zur Arbeitslosenversicherung würde hier in
der Folge unmittelbar auf dem Arbeitsmarkte auf die Arbeit-
nehmer überwälzt und von diesen restlos getragen werden.

Dasselbe silt naturgemäß in dem Falle, als die organi-
sierte Arbeitgeberchaft die Macht besitzt, etwa unter Berufung
auf Produktionskosten und tatsächliche Absatzmöglichkeiten,
auch den kollektivvertragsmäßigen Lohnsatz um das Ausmaß
dieser Beitragsleistung irgendwie herabzudrücken. Ist einmal
für eine Reihe von Unternehmungen die Rentabilitätsgrenze
unterschritten, so werden wir mit diesem Falle mehr oder
minder häufig zu rechnen haben.

Etwas anders und vor allem viel komplizierter liegt die
Sache dann, wenn die organisierte Arbeiterschaft von der
einmal bestehenden Lohnhöhe nicht abgeht und die Unter-
nehmungen gezwungen sind, dauernd mit einer um die Bei-
tragsleistung verteuerten Produktion zu rechnen. Es tritt dann
an uns die Frage heran, wer wohl für diese Verteuerung
aufzukommen und schließlich und endlich die Kosten der
Beitragsleistung zu tragen hat. Bei der Beantwortung dieser
Frage werden wir in erster Linie zu unterscheiden haben
zwischen 3 verschiedenen Typen von Marktlagen, die im
Wirtschaftsleben bei weitem überwiegen und denen daher
in diesem Zusammenhange allein Bedeutung zukommt. Je
nachdem nun ein Produkt einem Markte zugehört, dessen
Mechanismus sich unter die eine oder die andere der erwähnten
typischen :Marktlagen subsumieren läßt, wird auch die Wir-
kung einer Produktverteuerung verschieden sein können.!*)

—  ®) Es handelt sich im folgenden um einige Prinzipien, die der Ver-
fasser auch in den Fragen der Steuerüberwälzung neben anderen in An-
wendung zu bringen für das Richtige hält.

31
        <pb n="37" />
        1. Wirkung im Falle der Marktlage I.

Diese Marktlage ist dann gegeben, wenn sich das An-
gebot trotz freier Konkurrenz auf der Verkäuferseite —
wenigstens grundsächlich — lediglich und nur auf einen
bestimmten Produktpreis bezieht, und daher etwaige
Änderungen auf der Nachfrageseite — zumindestens auf
die Dauer — keine unmittelbare Wirkung auf den Preis, son-
dern nur auf die Höhe des Umsatzes des Produktes haben.

Ein solcher Fall 'wird dann vorliegen, wenn die Pro-
duktionskosten eines Produktes für alle Produktionseinheiten,
d. i. für alle Betriebe dieselben sind und im Falle einer
durch Nachfragesteigerung ermöglichten Zuwanderung von
Kapital (Arbeit etc.) und nunmehr einsetzender Mehrpro-
duktion in diesem Produktionszweige dieselben blieben.“°)
Unter solchen Voraussetzungen muß bekanntlich auf die
Dauer die freie Konkurrenz — von vorübergehenden Kon-
junkturschwankungen also abgesehen — den Preis der Pro-
dukte auf jenen Konkurrenzpreis herabdrücken, der neben
dem Ersatz der auf das Produkt entfallenden sonstigen
Kosten (wie Rohstoffkosten, Arbeitslohn, Risikoprämie u. s. f.)
gerade auch noch die Kosten der Kapitalsbindung, d. i. also
den durchschnittlichen Kapitalzins einbringf.

Veranschaulichen wir diesen Fall wieder mittels eines
Diagrammes:

N “
A —.
LE
Ze
»* (PREISSKALA) X&amp;% (X+N)
Fi.g 4. Typische Marktlage I.

20) Nach der herrschenden Terminologie handelt es sich hier um so-
genannte „beliebig vermehrbare“ Güter. Es wäre sehr wünschenswert, wenn
sie alle beliebig vermehrbar wären; das sind sie aber natürlich nicht, sondern
sind nur vermehrbar zu gleichbleibenden Gestehungskosten.

A.
z0)
        <pb n="38" />
        Wir haben auch hier zu einem gegebenen Zeitpunkte
mit einem gegebenen Verlauf der Nachfrage N zu rechnen,
O und P seien wieder Maßzahlen der Menge der nachzu-
fragenden bezw. anzubietenden Produkte, x und n (x+n)
Zahlen der Preisskala.

Wir nehmen an, der Preis x sei der eben erwähnte
Konkurrenzpreis dieses Marktes. Unter diesem Preise könne
grundsätzlich auch von keinem einzelnen Betriebe, also auch
nicht eine kleinere Menge von Produkten angeboten werden,
da sonst der Betrieb zu einem Preise, der die Kosten nicht
mehr deckt, d. h. unrentabel arbeiten würde. Auch eine
Steigerung des Preises — etwa infolge einer geänderten
Lage auf der Nachfrageseite — sei auf die Dauer unmöglich,
da gesteigerte Produktionstätigkeit unter Zufluß von neuem
Kapital etz. bei gleichbleibenden Kosten einen vorübergehend
höheren Preis alsbald wieder auf den Konkurrenzpreis herab-
drücken würde. A, bezieht sich daher nur auf den Preis x.
Der Umsatz zu diesem Preise beträgt PD.

Nunmehr komme es zur Verpflichtung der Produzenten
dieses Marktes, pro Arbeiter und Arbeitstag einen bestimmten
Betrag für die Arbeitslosenversicherung abzuführen. Je nach
der Höhe des Beitrages und, wie erwähnt, dem Anteile des
Arbeitsaufwandes an den Gesamtkosten in diesem Produk-
fionszweige erfolgt dadurch eine Erhöhung der auf das ein-
zelne Produkt entfallenden Produktionskosten. Diese Er-
höhung sei gleich n.

Damit hat sich die Marktsituation geändert. Die bisherige
Angebotslage A, hat ihre Geltung verloren. Wie früher nicht
unter x angeboten werden konnte, sollte die Produktion
nicht unrentabel werden, so kann jetzt nicht unter dem Preise
(x-+n) abgegeben werden, denn naturgemäß ist dieser nun-
mehr der gegebene Konkurrenzpreis. A. frägt dieser neuen
Lage des Angebotes Rechnung, es bezieht sich — wiederum
ausschließlich — auf den neuen Preis (x+-n). Was ist nun
die weitere Folge dieser Entwicklung?

Beim neuen Preise (x+n) hat sich der Umsatz dem
Verhalten der Nachfrage entsprechend verringert und
kommt jetzt nur mehr der Größe O gleich, die an sich beliebig
angenommen werden kann, jedoch jedenfalls kleiner als PD
isf. Der auf P eingestellte Produktionsumfans muß also ein-

33
        <pb n="39" />
        geschränkt werden. Rein theoretisch gedacht, wird‘ das ge-
schehen können unter gleichzeitiger Kapitalsabwanderung
(bezw. Umstellung auf eine andere Produktionsrichtung, ein
Beispiel für eine solche ist unter anderem Krupp nach dem
Kriege), so daß das verbleibende Kapital auch weiterhin
den durchschnittlichen Kapitalszins zu erzielen vermag.””)
Praktisch wird eine solche, soweit es sich um stehendes
Kapital (Fabriksanlagen, Maschinen etz.) handelt, sehr oft
nicht durchführbar sein. Unter derartigen Verhältnissen einer
bleibenden Überernährung des Produktionsapparates, die
häufig auch durch andere Ursachen und dann meisf in aus-
siebigerem Umfange herbeigeführt werden können, erfolgen
erfahrungsgemäß in der Regel bei Beibehaltung des an
sich gegebenen neuen Kostenpreises Betriebseinschrän-
kungen, seltener Stillegungen, um den noch möglichen Absatz
werden seitens der konkurrierenden Unternehmungen die
heftigsten Kämpfe geführt, ein Teil des Produktionskapitales
liegt auf jeden Fall brach und wird bei gesunkener Absatz-
möglichkeit bis auf weiteres eben auf geringere Erträge be-
wirtschaffet, als es dem Substanzwerte des Unternehmens
bei gegebenem durchschnittlichen Zinsfuße entsprechen
würde.) (Daher Senkung der Aktienkurse auf Grund ihrer
Bewertung nach dem Ertragsprinzip).

Doch sei dem, wie ihm wolle. Der neue Kostenpreis
(x+n) drückt im einen wie im anderen Falle die Tatsache
aus, daß durch diese Erhöhung um n im vorliegenden Falle

21) Es sei hier nur andeutungsweise festgehalten, daß solche und
ähnliche Bewegungen des Kapitales unter Umständen nicht ohne bedeut-
samen Einfluß zu bleiben vermögen auf die Höhe dieses „durchschnittlichen“
Kapitalzinses selbst. Eine umfassende Darstellung der Dynamik der Wert-
und Einkommensbildung wird dieser Tatsache, die an dieser Stelle nicht
ins Gewicht fällt, Rechnung tragen müssen.

22) Solche Verhältnisse der relativen Hypertrophie des Produktions-
apparates eines Wirtschaftszweiges führen bei anhaltender Dauer und ent-
sprechendem Ausmaße zwangsläufig zu horizontalen Konzentrationsbil-
dungen, insbesondere zu Kartellen. — In Zeiten normalen Aufstieges der
Wirtschaft und Anwachsens des Wirtschaftskörpers müßte sich übrigens der
Zustand der alten Rentabilität bald wieder von selbst herstellen. Das ständige
Anwachsen der Wirtschaft ist ja mit einer ständigen Zunahme von Angebot
und Nachfrage auf allen Märkten sleichbedeutend. Die Auffüllung dieses
Produktionszweiges mit neuem Kapital würde aber erst dann erfolgen,
wenn sich vorher hier infolge des Ansteigens der Nachfrage für alle
Punkte der Wertskala, das eben auf allen Märkten erfolgt, der alte Umsatz
und damit die alte Rentabilität wieder herausgestellt hat.
z4
        <pb n="40" />
        der Marktlage I die Kosten der Arbeitslosenversicherung,
soweit sie aus der Beitragsleistung der Unternehmer aufzu-
bringen sind, und soweit sie nicht von vorneherein auf dem
Arbeitsmarkte auf die Arbeitnehmer unmittelbar rückgewälzt
wurden, auf die Konsumenten überwälzt werden.
Wobei in praxi außerdem noch mit einer mehr oder minder
großen Störung des Wirtschaftsmechanismus und einer Ver-
ringerung der Umsätze gerechnet werden muß.

Das Ausmaß dieser Umsatzverringerung begründet aber
eine weitere Zunahme der Arbeitslosigkeit im entsprechenden
Verhältnisse (so daß hier im Falle einer dadurch hervor-
gerufenen Erhöhung der Beitragsquote ein verderblicher
Kreislauf zu entstehen vermag).

Kommt es jedoch seitens der Produzenten unter dem
Drucke der Absatzschwierigkeiten zur Kartellbildung, so
vermag die oben erörterte Überwälzung erst recht durch-
geführt zu werden, und zwar in der Regel unter noch
härteren Bedingungen für den Konsum. Denn nun würde
das Kartell trachten, in seinen Kartellpreisen dem Publikum auch
noch die Lasten des verringerten Umsatzes aufzuerlegen.
Doch wird dieser Fall unter Punkt 3 zu erörtern sein.*?)

Die aus der Beitragsleistung der Unternehmer aufzu-
bringenden Kosten der Arbeitslosenversicherung werden also,
so stellen wir jedenfalls fest, unter den erwähnten Voraus-
setzungen im Wege von Preissteigerungen auf die Konsu-
menten überwälzt.

Es erscheint zweckmäßig, schon hier die Folgerungen
aus dieser Tatsache zu ziehen und in künftigen Fällen, in
denen unsere Untersuchung Überwälzbarkeit des Aufwandes
für die Arbeitslosenversicherung auf den Konsum feststellen
sollte, kurzerhand auf die folgenden Erwägungen zu verweisen.

Die Kosten werden auf den Konsumenten überwälzt,
das bedeutet soviel, als daß diese Kosten in erster Linie
der Arbeiter (Angestellte) zu tragen hat, der an sich schon
die sroße Masse des Konsumes bestreitet. Er wird aber
durch diese Überwälzung umso mehr getroffen, als er im
Gegensatze zu anderen Wirtschaftsgruppen normaler Weise
nicht in der Lage ist, die Belastung weiter zu über-
wälzen. Die Gründe dafür, daß ihm auch eine auf Grund

3) Versl. unten S. 41.

35 z*
        <pb n="41" />
        der Preissteigerung zu erzwingende Lohnerhöhung nicht
zu nützen vermag, haben wir im Vorigen zur Genüge kennen
gelernt.*“)

‘Anders steht es schon mit der großen Gruppe der
Staatsangestellten, deren Besoldung auch ihrem Realwerte
nach vom Staate innerhalb bestimmter Grenzen mehr oder
minder unabhängig von Angebot und Nachfrage nach eigenem
Ermessen — u. zw., wie es zumindestens sein sollte, auf Grund
einer Qualitätsauslese — aber nicht unbeeinflußt von dem
Bestreben festgelegt wird, einen bestimmten Lebensstandard
der Angestellten aufrecht zu erhalten.

Auch die Landwirtschaft wird in der Lage sein, zu einem
Großteile wenigstens die ihr aus einer Preissteigerung er-
wachsenden Mehrkosten der Produktion wiederum auf
den Konsum, also in der Hauptsache neuerdings auf die
Arbeiterschaft (Angestelltenschaft) weiter zu wälzen. Wir
verweisen übrigens diesbezüglich auf die folgenden Aus-
führungen zur „Marktlage II“.

Ähnliches silt vom Handel. Dieser wird zwar ebenso
wie die Industrie vom Umsatzrückgang an sich in Mit-
leidenschaft gezogen, aber die Preiserhöhung selbst
belastet ihn nicht unmittelbar. Soweit sie die im Handels-
verkehre stehenden Waren betrifft, trägt diese eben der
Konsument. Und soweit der Händler selbst Konsument
ist, bringt er die durch die Preissteigerung verminderte
Kaufkraft seines Einkommens dadurch herein, daß sich mit
sesteigerten Preisen bei gleichbleibendem prozentuellen Han-
delsgewinn wiederum sein Gewinn pro umgesetztem Produkte
steigert.

Wir müssen übrigens hier und in allen anderen Fällen
von Überwälzung genau unterscheiden, ob unmittelbare Über-
wälzung vorliegt, oder ob — von der Überwälzung abgesehen,
vielleicht sogar mit dieser gleichzeitig auftretend — einer der
an dem Überwälzungsvorgange beteiligten Parteien einen
wirtschaftlichen Schaden erleidet, der mit dem Überwälzungs-
vorgange wohl im Zusammenhange steht, mit einem solchen
aber durchaus nicht gleichbedeutend ist.“”)

24) Vergl. hierzu ferner auch die Ausführungen unten S. 47.

2) Die oben dargestellte ursprüngliche Überwälzung des Versiche-
runssbeitrages seitens der Produzenten auf die Konsumenten z. B. gelang
zZ
        <pb n="42" />
        Da auch die Gruppe des Kapitalsbesitzes mehr geschä-
dist, als von der Preissteigerung direkt getroffen wird —
die Verhältnisse liegen hier ähnlich wie beim Handel, wozu
noch kommt, daß hier die Möglichkeit der Kapitalsabwan-
derung in kapitalintensivste Produktionszweige oder in das
Ausland gegebenen Falles eine noch bedeutsamere Rolle spielt
als dort — bleibt letzten Endes in der Tat die unmittel-
bare Last der Preissteigerung hauptsächlich an dem Real-
einkommen des Arbeiters hängen. Von allen übrigen Begleit-
erscheinungen abgesehen, hat im großen und ganzen er für
die direkten Kosten der Arbeitlosenversicherung aufzu-
kommen, soweit diese von den Produzenten auf den Konsum
überwälzt werden.

Darüber hinaus wird auch er noch durch die Folgen
des Umsatzrückganges geschädigt, doch sei die Erörterung
dieses Umstandes in Anbetracht seiner Besonderheit und
Wichtigkeit den Endausführungen dieses Abschnittes vor-
behalten.*®) ;

2. Wirkung im Falle der Marktlage II.

Der zweite Typus einer Marktlage ist dann gegeben,
wenm sich das mögliche Angebot bei an sich ebenfalls
vorherrschender freier Konkurrenz auf der Produzentenseite
für die einzelnen Punkte der Preisskala verschieden
groß darstellt. Ein solcher Fall kommt auf die Tatsache
hinaus, daß ein Teil der anzubietenden Produkte schon zu
niedrigeren Gestehungskosten produziert und daher gege-
benen Falles zu niedrigeren Preisen angeboten zu werden
vermag als die anderen Produkte, bezw. daß hier eine Ver-
mehrung der Produktion nur unter forflaufender Steigerung
der Produktionskosten erfolgt. Es handelt sich hier somit
um ein produktionskostendifferenziertes Angebot.
Die Produzenten stehen auch hier untereinander in freier
Konkurrenz, aber der — durch welche Ursachen immer
bewirkte — Vorzug günstigerer Produktions- bezw. Absatz-
dort vollständig. Dennoch erwuchs dem Produzenten gleichzeitig aus
dem Umsatzrückgang erheblicher Schaden. Solcher Schaden vermag unter
Umständen ziffernmäßig höher zu bewerten sein als die Summe, die zu
überwälzen war.

%) Vergl. unten S. 46£.

37
        <pb n="43" />
        bedingungen, die einen Teil der Konkurrenten unzugäng-
lich bleiben müssen (andernfalls es ja zur Herstellung der
Marktlage I kommen müßte), räumt dieser Art Produzenten
dem Markte gegenüber eine besondere Stellung ein, die mit
dem nicht sehr glücklich gewählten, aber nun einmal einge-
bürgerten Namen eines „natürlichen Monopoles“ bezeichnet
zu werden pflegt.”) Solche Angebotslagen sind, wie oben
schon erwähnt, bekanntflich in erster Linie in_der Landwirt-
schaft gegeben (Differenziertheit der Kosten infolge verschie-
dener Fruchtbarkeit des Bodens, verschiedener Lage zum
Markte, vor allem infolge der Geltung des _Gesetzes_vom
abnehmenden Ertrage bei intensiverer Bewirtschaftung u.s.f.),
sie sind ferner von Bedeutung in der Goldproduktion wie
vielfach überhaupt im Bergbau, u. a. aber stellenweise auch
in der industriellen Produktion schlechthin. Es gehört nicht
zu den Seltenheiten, daß in der Industrie verschiedene Be-
triebe zu verschiedenen Gestehungsskosten arbeiten, und_daß
ein Teil der Unternehmungen infolge seiner günstigeren
Produktionsbedingungen und _Herstellungsmethoden (die
dann unter die „Geschäftsgeheimnisse“ zählen werden) gegen-
über der Konkurrenz bei den gegebenen Konkurrenzpreisen
einen Mehrgewinn über den durchschnittlichen Kapitalsertrag
(Kapitalzins) hinaus macht.

In den Fällen der bezeichneten Art wird sich in unserem
Diagramm die Angebotslage veranschaulichen lassen_als_ eine
Kurve, die im Gegensatze zur Nachfragekurve mit steigenden
Preisen zu- und mit fallenden Preisen abnimmt. Der
Grad der Empfindlichkeit, mit der das Angebot auf die

27) Zum Kriterium des tatsächlichen Monopoles gehört es doch, daß
tatsächliche Marktbeherrschung gegeben ist. Die Monopolstellung muß
von vorneherein die Möglichkeit einräumen, den Preis, zu dem abge-
setzt wird, zu diktieren. Im Falle des sogenannten natürlichen Monopoles
fehlt aber dieser einseitige subjektive Einfluß auf die Preisbildung, die
Produzenten stehen untereinander in freier Konkurrenz, aber die objek-
tiven Bedingungen sind eben solche, daß ein Teil der Produzenten gegen-
über den anderen besser gestellt erscheint. Unter „natürlichen“ wirtschaft-
lichen Monopolen wären eher jene seltenen Fälle zu verstehen, in denen
von Natur aus dem Produzenten die Möglichkeit einseitiger Beein-
flußung der Preisbildung eingeräumt ist, im Gegensatz zu jenen Fällen,
in denen die Macht, den Preis zu diktieren, erst im Wege eines organisa-
torischen Zusammenschlusses der Beteiligten (Kartelle etz.) künstlich
geschaffen werden muß.
zZ8
        <pb n="44" />
        Preishöhe reagiert, ist im Einzelfall verschieden und tut
hier nichts zur Sache.
A1 Az
x
ABSTANDSm. (AV (EM)
Fig. 5. Marktlage II.

Der Verlauf der Nachfrage N ist auch hier wieder als
gegeben anzusehen.

A, kennzeichnet die durch die Tatsache bestimmte Lage
des Angebotes, daß dessen Vermehrung jeweils nur zu
höheren Gestehungskosten und infolgedessen nur zu höheren
Preisen möglich wäre oder ist.

Bei diesem Verhalten von Angebot und Nachfrage wird
der sich auf die Dauer ergebende tatsächliche Preis wiederum
durch jenen Punkt der Preisskala gekennzeichnet sein, bei
dem Angebot und Nachfrage dieselben Größen darstellen.
Eine durch den Schnittpunkt von A; und N auf die Preis-
skala gefällte Normale bezeichnet ihn. Er sei gleich x, die zu
diesem Preise nachgefragte, daher absetzbare Warenmenge
sei gleich O.

Tritt nun auf einem solchen Markte die Verpflichtung
der Produzenten zur Beitragsleistung aus dem Titel der
Arbeitslosenversicherung ein, so werden sich die Gestehungs-
kosten des einzelnen Produktes wieder je nach der Höhe
des Beitrages und dem Anteile des Arbeitsaufwandes an
den Gesamtkosten erhöhen. Diese Erhöhung sei beispiels-
weise wiederum gleich n.

Die Folge ist notwendig die, daß sich der mögliche
Preis für jedes einzelne Produkt um n erhöht, so daß zwar
die Differenzen zwischen den Gestehungskosten bezw.
den möglichen Preisen der einzelnen Produkte dieselben
bleiben, aber das mögliche Angebot sich im Diagramm als
Ganzes um den Betrag n in der Richtung der ansteigenden

30
        <pb n="45" />
        Preisskala verschiebt. Wir bezeichnen diese neue Ange-
botslage mit A». A, verläuft naturgemäß parallel zu A,.

Der der neuen AÄngebotslage entsprechende tatsäch-
liche Preis sei gleich y. Der eine völlige Überwälzung von
n bewirkende Preis wäre (x+n). Er wird nicht erreicht,
sondern y muß notwendiger Weise kleiner sein als (x + n).
Damit letzterer erreicht würde, müßte ja die Nachfrage zum
Preise y ebenso groß sein wie zum Preise x, d. i. gleich O.°®)
Sie müßte also parallel zur Preisskala verlaufen, dann
ergäbe das einen Schnittpunkt, der dem Preise (x+-n) ent-
sprechen würde (vergl. Fig. 5). Da die Nachfrage N bei stei-
genden Preisen aber sinkt, muß es früher zum Schnitte mit
As kommen, d. h. zu einem Preise, der den Konsumenten
nur einen Teil von n tragen läßt. Die Entfernung von x
zu y kennzeichnet den überwälzten Teil der Größe n, die
Entfernung von y zu (x-+n) jenen Teil, den die Produ-
zenten zu tragen haben.)

Die Ursache für diese Erscheinung liegt lediglich darin,
daß bei verringerter Absatzmöglichkeit zunächst jene Pro-
duktmengen nicht mehr produziert und angeboten werden,
deren Herstellung nunmehr zu einem niedrigeren Preise
als (x--n) nicht mehr rentabel ist. Ein Teil der vordem an-
gebotenen Produkte kann ja zu einem solchen niedrigeren
Preise rentabel hergestellt werden. Das ist hier das Enf-
scheidende.

Eine weitere Frage ist nun die, nach welchen Gesichts-
punkten der Grad der Überwälzbarkeit, der sich durch das
Verhältnis von (y—x) zu [(x+n) — y] kennzeichnet, zu be-
urteilen ist. Es ist hier nicht der Ort dazu, eingehender auf
die Funktionen dieses Marktmechanismus einzugehen. Es
dürfte’aber ohne weiteres auf Grund unserer bisherigen Dar-
stellung einleuchten, daß die Überwälzbarkeit einerseits be-
günstigt wird durch einen möglichst allmählichen Verlauf
der Nachfrageläge N (bei völligem Parallelverlauf von N zur
Wertskala wäre auch völlige Überwälzbarkeit gegeben), ander-

28) Daß das so gut wie niemals der Fall sein kann, haben wir schon
früher angeführt. Vergl. oben S. 12f.

29) Dieser nicht überwälzte Teil kommt einer Minderung der Rente
oder des Sondergewinnes der bisher (und teilweise auch noch weiter)
bevorzugten Produzenten gleich.

40
        <pb n="46" />
        seits durch einen möglichst steilen Verlauf der Angebotslage
A, (bei völliger Normalstellung zur Wertskala hätten wir
ja auch die Marktlage I mit völliger Überwälzbarkeit vor
uns), und umgekehrt.

Da wir für unsere Zwecke mit Märkten von Industrie-
artikeln zu rechnen haben, wird, soweit überhaupt diese
Marktlage in Frage kommt, als Regel lediglich ein steiler
Verlauf anzunehmen bezw. auch hier fast völlige Überwälz-
barkeit gegeben sein.

Somit gelten das Ergebnis und die Folgerungen unter
Punkt 1 in überwiegendem Ausmaße auch für den hier
untersuchten Fall.

3. Wirkung im Falle der Marktlage III.

Die dritte zu erörternde‘ Marktlage ist die des Mono-
poles auf der Produzenten- bezw. Anbieterseite.””) Sie liegt
daher dann vor, wenn der Wille des Anbieters den Preis,
zu dem abgesetzt werden soll, einseitig zu fixieren vermag.
In der Regel wird dies eine Organisation aller in Frage
kommenden Produzenten in irgend einer horizontalen Kon-
zentrationsform voraussetzen. Unter solchen Umständen sind
die Produzenten in der Lage, einen höheren Preis, als es
der Konkurrenzpreis wäre, sei es direkt oder sei es zum
Beispiele im Wege der Kontigentierung der Absatzmenge
indirekt, festzusetzen. Der Vollständigkeit halber sei auch
dieser Fall in der bisherigen Weise erörtert und zur Dar-
stellung gebracht.

vi -
a. Fig. 6. Marktlage III.

%) Es sei hier nunmehr in aller Kürze auf die Bedeutung verwiesen,

die für die Fragen der Überwälzbarkeit der jeweils typischen Lage der An-

41
        <pb n="47" />
        Mit der Nachfrage N rechnen wir wieder als gegeben.
Der Preis x sei jener Preis, zu dem auf diesem Produkt-
markte im Falle Waltens freier Konkurrenz angeboten würde
(Konkurrenzpreis). Diesem Preise x würde ein Umsatz von
Q entsprechen. Tatsächlich habe das Monopol einen höheren
Preis angesetzt, etwa den Preis y (Monopolpreis).

Wird nun y von x beliebig weit entfernt sein können?
Die Antwort ist natürlich nein. Es ist eine bekannte Tat-
sache, daß das Monopol bei der Erstellung des Monopol-
preises den Umsatzrückgang zu berücksichtigen hat, der
sich als Folge des Verhaltens der Nachfrage bei steigenden
Preisen ergibt. Ein zu hoch angesetzter Preis wird unter
Umständen ein so empfindliches Nachlassen der Nachfrage
zur Folge haben, daß der Monopolsewinn beim hohen Preise
niedriger ist, als zu einem niedrigeren Preise. Um diese
Tatsache deutlicher erkennbar zu gestalten, gehen wir von
einem ganz einfachen Falle aus, in welchem die Kosten der
Produktion dieselben bleiben, ob nun mehr oder weniger
Produkte (Nutzmengen) abgesetzt werden. Dieser Fall wäre
praktisch nur dort denkbar, wo die Kosten der Produktion
allein auf stehendes Kapital, stehenden Personalaufwand
etz. zurückgehen würden.?') Wo das nicht der Fall ist, werden
sich die Gesamtkosten mit Verringerung der Produktion
bezw. des Umsatzes ebenfalls verringern, wenn auch in der
Regel nicht in gleichem Ausmaße. Die Erörterung des Wesens
des Monopolpreises würde aber auch unter solchen Voraus-
setzungen in der von uns in der Folge eingeschlagenen Weise
erfolgen können, nur gewinnt die Darstellung bei der An-
gebotsseite auf einem Markte zukommt. Von dieser Seite aus fällt,
wie unsere bisherigen und folgenden Ausführungen erkennen lassen, die
grundsätzliche Entscheidung, ob überhaupt völlige Überwälzbarkeit
denkbar ist oder nicht. Der Nachfrage hingegen, deren Bedeutung in
solchen Zusammenhängen gerne in den Vordergrund gestellt wird, kommt
nur ein rein quantitativer Einfluß auf das mehr oder weniger, auf den
Grad der Überwälzbarkeit auf Grund einer gegebenen Angebotslage
und außerdem auch nur dort zu, wo die letztere eben nicht von vorne-
herein völlige Überwälzbarkeit begründet. — Der seltene Fall des Ab-
nehmerkartells übrigens wird in unserem Zusammenhange, da er für
diesen bedeutungslos ist, nicht berücksichtigt.

31) Am ehesten käme hier ein Beispiel aus der Tarifpolitik in Frage,
da der Eisenbahnbetrieb vielfach in der Tat mit ausschlaggebenden General-
kosten zu rechnen hat.

497
        <pb n="48" />
        nahme gleichbleibender Kosten an Einfachheit und Über-
sichtlichkeit.

Bei sleichbleibenden Kosten ist die Frage des höchsten
Monopolsewinnes gleichzeitig die Frage nach dem höchsten
Bruttoertrag. Das Monopol kann hier über jenen Preis
nicht hinausgehen, der multipliziert mit der Ziffer des ihm
zugehörigen Umsatzes die höchste Zahl ergibt. Beispiels-
weise darf yX P nicht kleiner sein als x X Q, andernfalls würde
sich mit diesem Rohertrag bei gleichgebliebenen Kosten auch
der Reinertrag vermindern statt erhöhen.

Im Diagramm kommt die Größe des Rohertrages bildlich
zum Ausdruck durch die Flächen der Rechtecke, deren Seiten-
längen, wie die Schraffierung zeigt, jeweils bestimmt sind
durch die einerseits die Preishöhe, anderseits die Menge
des zugehörigen Umsatzes repräsentierenden Strecken. Je
flacher daher die Nachfragekurve verläuft, desto weiter kann
sich der Monopolpreis vom Konkurrenzpreise entfernen. Mit
anderen Worten, je weniger die Nachfrage bei steigenden
Preisen zurückgeht, desto höhere Preise kann das Monopol
festsetzen, desto höhere Monopolgewinne vermag es zu er-
zielen. Jenen Preis, der im Zusammenhange mit dem ihm
zugehörigen Umsatze das Optimum des Ertrages begründet,
bezeichnen wir kurz als den optimalen Preis.

Es könnte nun scheinen, wie wenn in der Praxis vermut-
lich jeder Monopolpreis mit dem optimalen Preise identisch
sein würde. Dem ist durchaus nicht so. Abgesehen von
den Gefahren staatlichen Eingriffes wird vor allem die Gefahr
des Entstehens von Außenseitern, durch die der Bestand
der Monopole erfahrungsgemäß bei hoher Spannung zwischen
Monopolpreis und Konkurrenzpreis immer wieder auf das
nachhaltigsste gefährdet wird, mit allen ihren Folgeerschei-
nungen das Monopol in der Regel zwingen, sich bei Preis-
festsetzungen zurückzuhalten und sich vom Konkurrenzpreise
nicht allzuweit zu enffernen.

Kommt es nun zu einer Erhöhung der Produktions-
kosten, etwa eben durch Beitragsleistungen an den Arbeits-
losenversicherungsfond, so ist die Möglichkeit der Über-
wälzung dieser Erhöhung naturgemäß davon abhängig, inwie-
weit das Monopol noch einen Spielraum für eine Preiser-
höhung hat, inwieweit also die Spannung zwischen bisherigem
43
        <pb n="49" />
        Monopolpreise und optimalem Preise einer die Überwälzung
bewirkenden Preiserhöhung noch Platz läßt. Da eine solche
Spannung die Regel bildet, muß auch in den Fällen der
Marktlage III mit fast völliger Überwälzbarkeit und
allen unter Punkt 1 ausgeführten Folgeerscheinungen
der letzteren gerechnet werden. Die Frage der Außenseiter
scheidet hier insoferne aus, als diese von der Kostensteigerung
ebenso betroffen werden oder würden wie die im Monopole
organisierten Betriebe. Wie schon oben angedeutet, vermag
hier der erwähnte Spielraum für Preishinaufsetzungen sogar
noch weiter dahingehend ausgenützt zu werden, daß das
Monopol den Preis noch um ein Erhebliches höher ansetzt, um
den durch die Umsatzeinschränkung verursachten Verlust am
Gesamtgewinn durch Steigerung des Gewinnes am einzelnen
Stück hereinzubringen.“) Unter solchen Umständen steigert
sich auch die Belastung des Konsumes noch über die Folgen
der direkten Überwälzung der Beiträge für die Arbeitslosen-
versicherung hinaus.

Als Gesamtergebnis des Punktes B dieses Abschnittes
muß zusammenfassend also _die Tatsache gebucht werden,
daß auch die Beitragsquote des Unternehmers zur Arbeits-
losenversicherung — und daher auch die etwa ursprünglich
seitens des Arbeiters durch Erhöhung des Nominallohnes
auf den Unternehmer überwälzte Quote des Arbeitnehmer-
beitrages*) — letzten Endes dem Arbeiter zur Last fällt
und seinen Reallohn drückt.**) Gleichzeitig mußten wir fest-
stellen, daß der Prozeß dieser Überwälzung, soweit sie auf
dem Produktmarkte und nicht etwa schon unmittelbar auf
dem Arbeitsmarkte erfolgt, außerdem die Unternehmungen
schädigt und indirekt belastet durch Verringerung des
Umsatzes _bezw._der Absatzmöglichkeit.?)_ Welche Dimensi-
onen diese beiden in normalen Zeiten vielleicht harmlosen
Auswirkungen auf den Arbeiter und auf den Unternehmer
bezw. auf das ganze Wirtschaftsleben anzunehmen vermögen,

32) Ein typisches Beispiel für eine so weitgehende Überwälzung bot
u. a. die Wirkung der deutschen Zündwarensteuer vom 15. Juli 1909.

33) Vergl. oben S. 30.

3) Vergl. oben S. 35 ff.

35) Vergl. oben S. 34.

A4A
        <pb n="50" />
        wenn es sich um allgemeine und chronische Arbeits-
losigkeit und daher um eine dauernde und hohe Belastung
einer an sich schon stagnierenden Wirtschaft handelt, die
vielleicht noch in erheblichem Ausmaße auf den Export
angewiesen und daher gegen Verringerungen der AÄbsatz-
fähigkeit besonders empfindlich ist, dürften unsere bis-
herigen Ausführungen deutlich genug erkennen lassen.

C. Die Beitragsquote der öffentlichen Körperschaften.

Diese Beitragsleistung steht praktisch in einem so ge-
ringen Verhältnisse zu den Leistungen der Arbeitnehmer
und Arbeitgeber, daß wir uns hier recht kurz fassen können.

Die Zahlungen seitens des Staates (des Landes, der
Gemeinde) belasten das Budget und zwingen daher zu er-
höhter Einnahmewirtschaft. Diese Einnahmen werden zum
überwiegenden Teile in der Form von Steuern erzielt, die
bekanntlich entweder Einkommen und Erträge direkt treffen
und nach diesen bemessen werden, oder die das Einkommen
der Wirtschaftssubjekte indirekt treffen, indem sie auf
irgend welche Weise mehr oder minder unmittelbar den
Konsum belasten. Zu den Eingängen aus den letzteren
wären in diesem Zusammenhange neben den Einnahmen
aus den eigenflichen Verbrauchssteuern die Eingänge aus
den Finanzmonopolen, Finanzzöllen, aus der heute vielfach
eingebürgerten Warenumsatzsteuer u. s. f. zu rechnen.

Heute sind in den meisten Staaten, besonders in den
Ländern mit derzeit vorherrschender starker Arbeitslosigkeit,
auf die es uns hier ankommt, die direkten Steuern derart
ausgebaut und angesetzt, daß hier ein weiteres Anziehen
der Steuerschraube aus wirtschaftspolitischen, finanzpolitischen
(es gibt auch in der Steuerwirtschaft ein Ertragsoptimum,
das auf die Dauer durchaus nicht beim denkbar höchsten
Steuersatze erzielt wird) und dergleichen Gründen untunlich
erscheint.

Eine Vermehrung der Einnahmen vermag daher heute
vielfach nur durch Steigerung der indirekten Besteuerung
zu erfolgen. Da letztere, wie eben erwähnt, den Konsum
treffen — übrigens auf Grund der Wirksamkeit derselben
ökonomischen Gesetze, deren Wesen wir unter Punkt B

45
        <pb n="51" />
        kennen gelernt haben — liegt hier der Fall im Allgemeinen
nicht anders wie hinsichtlich der Überwälzung der Arbeit-
nehmer und Arbeitgeberquote und ihren Folseerschei-
nungen.

Die in der Tat vorliegende teilweise Überwälzbarkeit
auch der Ertragssteuern scheidet in Ansehung der erwähnten
Bedeutung, die heute in Fragen der Vermehrung von Steuer-
einnahmen der indirekten Besteuerung zukommt, als Gegen-
stand unserer Untersuchung am besten aus.

Wenn wir die Ergebnisse dieses Abschnittes zusammen-
fassen, so müssen wir feststellen, daß die gesamten Leistungen
aus dem Titel der Arbeitslosenversicherung, ob sie
nun unmittelbar vom Arbeitnehmer oder vom Arbeitgeber
oder von öffentlichen Körperschaften ausgehen, unter teil-
weisen Begleiterscheinungen, die das gesamte Wirtschafts-
leben außerordentlich zu schädigen vermögen, der Haupt-
sache nach notwendiger Weise in _ irgend einer Form den
Arbeitnehmer belasten oder auf ihn zurückfallen.

Das ist aber ein Zustand, der nur dort als annehmbar
zu bezeichnen wäre, wo die Arbeitslosenversicherung dem
echten Versicherungsprinzipe entsprechend lediglich einen
Riskenaussleich (der Arbeitnehmer untereinander und in
der Zeit) herbeizuführen hat, und wo die Arbeitslosigkeit
selbst nach Ursache, Dauer und Ausmaß als reine und vor-
übergehende Konjunkturerscheinung zu werten ist. In solchem
Falle wäre einerseits die Belastung des Arbeitnehmers eine
erträgliche und käme in der Hauptsache lediglich einer zweck-
mäßigeren Verteilung des Arbeitslohnes gleich, die Störung
des Wirtschaftslebens anderseits wäre eine kaum merkliche.

Ist jedoch die Arbeitslosigkeit eine allgemeine und
chronische und die Belastung der Wirtschaft durch die Bei-
träge für die Arbeitslosenversicherung demzufolge dauernd
eine sehr hohe, so daß der oben geschilderte Vorgang der
Minderung des Umsatzes und der Absatzfähigkeit (insbe-
sonders auch gegenüber dem Auslande) zu weiterer Pro-
duktionseinschränkung und zu weiterer Arbeitslosigkeit
führt, so seht die endgültige Belastung des Arbeitnehmers

46
        <pb n="52" />
        über das bisher aufgezeigte Ausmaß noch hinaus. Diese
Tatsache wird uns durch die folgende Erwägung klar.

Jede durch Erhöhung der Beiträge für die Arbeits-
losenversicherung wie aus einem anderen Grunde bewirkte
Steigerung der Arbeitslosigkeit führt auch noch auf Grund
einer anderen Ursache dazu, daß der Arbeiter in seinem
Einkommen getroffen wird. Es sind ja bekanntlich nicht
immer dieselben Arbeiter, die unter die chronische Arbeits-
losigkeit fallen. Vielmehr ist es heute der, morgen vielleicht
der. Das Jahreseinkommen des einzelnen Arbeiters setzt
sich nun einerseits aus den Lohnsummen zusammen, die er
in vollbeschäftigstem Zustande erhält, und anderseits aus den
Bezügen aus der Arbeitslosenversicherung für die Zeit seiner
Arbeitslosigkeit. Sein durchschnittliches Einkommen
wird daher durch jede Vermehrung der Zeit, in der er in
Form der Arbeitslosenunterstützung vielleicht nur ein Drittel
des sonstigen Vollohnes bezieht, d. i. also im Allgemeinen
durch jede Vermehrung der Arbeitslosigkeit schlechthin,
herabgedrückt. Diese Tatsache leuchtet am besten ein,
wenn man bei der vorstehenden Erwägung den Reallohn
bezw. das Einkommen der gesamten Arbeiterschaft (Ange-
stelltenschaft) als Ganzes oder Einheit ins Auge faßt.

Auf diesen Umstand müßte in allen ähnlichen Fragen,
wie es die von uns behandelten sind, besondere Rücksicht
genommen werden.

Insbesondere zeigt sich auf solche Weise auch, daß die
Herbeiführung einer Spannung zwischen tatsächlich festge-
legtem Lohnsatze und natürlichem Preise der Arbeit durchaus
noch nicht eine Vermehrung des Einkommens der gesamten
Arbeiterschaft bewirken muß. Eher das Gegenteil! Diese
Erkenntnis ist nicht bedeutungsios für die Beurteilung der
folgenden Ausführungen.

17
        <pb n="53" />
        IN. Aufgaben einer produktiven Arbeitslosen-
fürsorge.

Wir haben im I. Abschnitte dieser Abhandlung fest-
stellen müssen, daß chronische, d.i. also auf eine mehr
oder minder bleibende ökonomische Struktur gegründete
Arbeitslosigkeit mit Notwendigkeit auf eine Spannung
zwischen den in der Wirtschaft tatsächlich geltenden Lohn-
sätzen und dem durch diese Struktur bestimmten natürlichen
Preise der Arbeit schließen 1läßt.?°)

Wir haben ferner soeben im II. Abschnitte ausgeführt,
daß die Mittel, die zum Zwecke der Linderung der Folsen
dieser Arbeitslosigkeit für die Betroffenen im Wege der
Arbeitslosenversicherung aufgebracht werden, im wesentlichen
aus dem Realeinkommen der Arbeiterschaft selbst fließen.
Der jeweils vollbeschäftigte Arbeiter trägt durch entsprechende
unmittelbare oder mittelbare Kürzung seines Reallohnes die
Kosten des Unterhaltes der „industriellen Reservearmee“.
Eine solche weitere Kürzung erfolgt außerdem noch in dem
Ausmaße, als der einzelne Arbeiter zeitweise selbst dieser
Reservearmee angehört.

Die Begleiterscheinungen dieser Verhältnisse für Unter-
nehmertum und Wirtschaftsleben, insbesondere auch für die
Exporffähigkeit der Wirtschaft, mußten ebenfalls als ungünstig
Pd 36) Dabei tut es nichts zur Sache, daß dynamisch gesehen, eine solche
ungünstige Struktur der Wirtschaft vielleicht erst durch äußere Einflüsse
herbeigeführt wurde und in diesen das letzte Motiv dafür zu suchen ist,
daß die besagte Spannung etwa durch Senkung des natürlichen Preises
der Arbeit bei gleichbleibenden tatsächlichen Lohnsätzen eintrat. (Bspsw.
für Österreich u. a. in der Zerreißung eines organisch gewachsenen, einheit-
lichen Wirtschaftsgebietes und der seitens der Nachfolgestaaten befolsten
Methode der handelspolitischen Absperrung.) Ebensowenig berührt die
kommenden Schlußfolgerungen dieses Abschnittes die Tatsache, daß es,
wie schon oben erwähnt, Aufgabe der Wirtschaftspolitik ist, neben den
Maßnahmen zur möglichsten Behebung der Folgen der Arbeitslosigkeit —
und vielleicht auch, wenn nicht anders möglich, neben den Maßnahmen
zur Herbeiführung einer den tatsächlichen ökonomischen Verhältnissen
angepaßteren Lohnpolitik — alles zu tun, um die erwähnten ungünstigen
ökonomischen Verhältnisse zu verbessern und auf diese Weise die Höhe
des nafürlichen Preises der Arbeit hinaufzusetzen.

48
        <pb n="54" />
        bezeichnet werden. Absatzstörungen und Umsatzverringe-
rungen, Preissteigerungen, Betriebseinschränkungen und
eventuelle weitere Zunahme der Arbeitslosigkeit wurden als
Folgen der oben erwähnten Spannung und der Unterhalts-
verpflichtung der solcherart geschaffenen oder vergrößerten
industriellen Reservearmee nachgewiesen, Erscheinungen, die
eine Gefahr sowohl für die weitere Entwicklung oder Ge-
sundung einer solchen Volkswirtschaft als auch durch Ver-
ringerung der Steuereingänge für den Bestand ihrer staat-
lichen Finanzwirtschaft zu bilden vermögen.

Unter diesen Umständen liegt die Frage nahe, ob es
keine Wege der Wirtschafts-, Lohn- oder Sozialpolitik $ibt,
die geschilderten Mißstände zu vermeiden.

Die Antwort auf diese Frage setzt eine neuerliche Er-
örterung der Verhältnisse und Beziehungen des Arbeits-
marktes voraus. Wir beziehen uns daher in der Folge
wiederum auf unser Diagramm in Fig. 3, das einen durch
chronische Arbeitslosigkeit gekennzeichneten Arbeitsmarkt
veranschaulichte und hier der Einfachheit halber in Fig. 7
zur neuerlichen Darstellung gselange.

Die Situation ist, wie bekannt, folgende:

Die Aufnahmsfähigkeit des Arbeitsmarktes ist durch
den gegebenen Verlauf der Nachfrage für jede Höhe des
Lohnsatzes eindeutig bestimmt. Diese Nachfrage stellt sich
uns wiederum dar als eine Funktion, d. i. in Abhängigkeit
stehend von den Verhältnissen auf dem Produktmarkte.
Dort bestimmte die durch die Produktionsbedingungen und

nn 4m

ABSTAND = P-DO

ES EL
2
HS
x ZB
5 Sı
m &gt; | LOHNSKALA )

Fig. 7. (Wiederholung von Fis. 3).

40
        <pb n="55" />
        Kosten der Produktionselemente gegebene Ansebotslagse
jeweils den möglichen Preis und die aus dem Verhalten
des Konsumes gegebene Nachfragelage die Höhe des jewei-
ligen Umsatzes an Produkten zu diesen Preisen.) Die
Projektion des wechselseitigen Verhaltens der einander je-
weils zugehörigen Größen beider Art auf den Arbeitsmarkt
unfer Berücksichtigung des Einflusses der Lohnhöhe auf
den Produktpreis ergab hier den eindeutig bestimmten
Verlauf der Nachfrage und damit die mit der Lohnhöhe
wechselnde Aufnahmsfähigkeit dieses Marktes.

Es war daher ohneweiters einzusehen, daß, wie eben
noch erwähnt, chronische Arbeitslosigkeit gleichbedeutend
sei mit der Tatsache, daß unter den gegebenen, bis auf
weiteres offenbar andauernden wirtschaftlichen Verhältnissen
nur ein niedrigerer Durchschnittslohnsatz als der geltende
die mehr oder minder volle Aufnahmsfähigskeit des Arbeits-
marktes gegenüber dem tatsächlichen Angebote an Arbeit
begründen könnte, wie das auch in unserem Diagramm zu
erkennen war und ist.

Der tatsächlich festgeleste Lohnsatz y führt bei den
gegebenen die Lage auf den Produktmärkten bestimmenden
wirtschaftlichen Verhältnissen nur zu einer teilweisen Auf-
nahmsfähigkeit des Arbeitsmarktes segenüber dem vorlie-
genden Arbeitsangebote von P. Bei dieser Lohnhöhe ist nur
die der Größe O entsprechende Zahl der Arbeiter beschäftigt.
Die der Größe P—O entsprechende Zahl, die wir in Zukunft
mit R bezeichnen wollen, ist arbeitslos. Beim Lohnsatze x
hingegen wären sämtliche Arbeiter — immer von jenen kaum
vermeidbaren Erscheinungen der Arbeitslosigkeit abgesehen,
die auf vorübergehende Konjunkturen und die zeitlichen
und sachlichen Hindernisse im forflaufenden Arbeitsaus-
gleiche zurückgehen) — beschäftigt.

Nun scheint es vielleicht naheliegend zu erklären, daß es
unter solchen Voraussetzungen eben nur ein Mittel gäbe,
um die Arbeitslosigkeit zu beheben und die gesamten oben
geschilderten Mißstände zu vermeiden, von dem auch Ge-

37) Vergsl. im übrigen nochmals Anm. 1 auf S. 9.

38) Hieher gehört beispielsweise der in Österreich augenblicklich mit
der allgemeinen chronischen Arbeitslosigkeit Hand in Hand gehende stellen-
weise Mangel an qualifizierten Arbeitskräften.

50
        <pb n="56" />
        brauch zu machen wäre, und das sei in der Senkung des
Lohnsatzes auf x, d. i. in der Anerkennung der einmal
gegebenen ökonomischen Voraussetzungen und der Her-
stellung einer dem natürlichen Preise der Arbeit angemes-
senen Lohnhöhe gelegen.

Eine solche Forderung wäre aber in den meisten Fällen,
wenn nicht gerade eine leichtsinnig erzwungene Steige-
rung des Reallohnsatzes den Eintritt der Arbeitslosig-
keit ausgelöst hat — höchst unbillig — und unter den
meisten Umständen auch kaum durchführbar.

Gewiß ist die Lohnarbeit vom wirtschaftstechni-
schen Gesichtspunkte aus eine Ware und ein Kostenelement
der Produktion wie jedes andere, aber sie darf nicht wie
eine Ware schlechthin behandelt werden. Die Träger der
Arbeitskraft sind Menschen und Mitglieder des sozialen
Wesens. Die staafliche und soziale Gemeinschaft wird jede
das wirkliche Gemeininteresse nicht verletzende Möglichkeit
zu wahren haben, ihren Mitgliedern dem Stande der gesell-
schaftlichen Entwicklung möglichst angepaßte Grundlagen der
Lebenshaltung zu sichern.

Wir haben aber unter Umständen damit zu rechnen
daß der Lohnsatz y gerade nur noch das soziale Existenz-
minimum begründet und der Lohnsatz x dasselbe erheblich
unterschreiten läßt. Vom physiologischen Existenzmi-
nimum sei hier nicht die Rede. Dieses ist nach unseren
eigenen Erfahrungen in und nach dem Kriege, nach den
Erfahrungen, die uns die Wirtschaftsgeschichte vermittelt
(z. B. Lage der englischen Lohnarbeit um die Mitte des vorigen
Jahrhunderts u. s. f.), und nach den Erfahrungen, die wir aus
dem Vergleich wirtschaftlich entwickelter Wirtschaftsgebiete
mit kulturell und ökonomisch noch völlig rückständigen zu
ziehen vermögen, so niedrig, daß es unmöglich erscheint,
dieses als Maßstab für eine noch annehmbare Höhe des
Arbeitslohnes anzusehen.

Die Frage ist aber die: Wird durch einfache Auf-
rechterhaltung der Spannung zwischen y und x, durch ein-
faches Ignorieren der tatsächlichen ökonomischen Verhältnisse
die Lage der Arbeiterschaft in der Tat verbessert oder im
früheren Zustande erhalten? Und entspricht ein solcher
Vorgang einer überlegten, alle Entwicklungsbedingsungen der

51 4*
        <pb n="57" />
        Wirtschaft und damit auch der Lohnarbeiterklasse tatsächlich
berücksichtigenden Wirtschaftspolitik?

Wir müssen beide Fragen in Folgerung der bisherigen
Ergebnisse unserer Untersuchung mit einem aufrichtigen
Nein beantworten.

Der festgelegte oder festgehaltene nominelle Lohnsatz y
bedeutet für den der Zahl © entsprechenden beschäftisten
Teil der Arbeiterschaft nur fürs Erste einen Vorteil sgegen-
über einer Lohnsenkung auf x. Der beschäftigte Arbeiter wird
allerdings die Wirksamkeit der gewerkschaftlichen Orsani-
sation, die unter den angenommenen Verhältnissen allein
eine Senkung des Nominallohnes von y auf x als Folge des
Druckes der industriellen Reservearmee R auf den Arbeits-
markt hintanhält, sehr wohltätig empfinden. Jedoch das dicke
Ende kommt eben nach.

Die industrielle Reservearmee R muß auch leben können
und will erhalten sein. Die Einrichtung der Arbeitslosen-
versicherung soll nun die Möglichkeit des Unterhaltes dieser
nicht beschäftisten Arbeitermasse R schaffen. Die aus ihr
in Form der Arbeitslosenunterstützung oder unter anderem
Namen fließenden Mittel müssen jedoch, wie wir gesehen
haben, letzten Endes im großen und ganzen von der be-
schäftisten Arbeiterschaft aufgebracht werden, insbesonders
in Zeiten chronischer Arbeitslosigkeit, in denen die Reserven
aus vergangenen Zeiten bereits aufgebraucht sind.

Dadurch ist der mit dem Festhalten am Lohnsatze y
erhoffte Erfolg bereits in Frage gestellt.

Er vermag völlig illusorisch gemacht zu werden und in
sein Gegenteil umzuschlagen, d. h. zu einer größeren Einbuße
des durchschnittlichen Realeinkommens der gesamten
Arbeiterschaft zu führen, als diese im Falle der Annahme
oder Beibehaltung des Lohnsatzes y betrüge, infolge der
Tatsache, daß unter den bezeichneten Umständen dauernd
ein bestimmter Prozentsatz der Arbeiterschaft unter teilweise
ständigem Wechsel der Betroffenen auf eine dem Ausmaße
der Arbeitslosenunterstützung (Notstandsaushilfe etz.) von
etwa einem Drittel des Vollohnes entsprechende Lebenshaltung
herabsedrückt wird.

Anderseits bedeutet die Spannung zwischen y und x
eine außerordentliche Schädisung und Hemmung der Pro-

59
        <pb n="58" />
        duktion durch die mit diesem Prozesse Hand in Hand gehende
Verringerung der Absatzmöglichkeiten und der Kon-
kurrenz- und Exportfähigkeit, Wirkungen, die nur
seringe Hoffnungen auf eine Erstarkung der Wirtschaft und
Besserung der auch die Lage der Arbeiterschaft mitbestim-
menden wirtschaftlichen Verhältnisse zulassen.

Wo liegt demnach der Ausweg aus diesem Dilemma?

"Die Richtlinien für einen solchen bietet schon die Er-
kenntnis, der oben dargestellten ökonomischen Zusammen-
hänge.

Wenn zu dem etwa an sich gerechten und billigen Lohn-
satze y nur ein Teil der Arbeiterschaft vom Arbeitsmarkte
aufgenommen zu werden vermag, und der übrige Teil nicht,
so muß sich bei längerer Dauer dieses Zustandes der über-
schüssige Teil R bis auf weiteres eben mit dem den harten
Gesetzen der ökonomischen Wertbildung — deren grund-
sätzliche Wirksamkeit übrigens auch die gebundene Wirtschaft,
z. B. der sozialistische Staat nicht zu beseitigen vermag”) —
entsprechenden Lohnsatze x, d.h. mit derselben Wertsumme
als Arbeitsverdienst begnügen, die er selbst als Gegen-
wert der Wirtschaft zusetzt bezw. im Augenblicke eben allein
zuzusetzen vermag. Tut dieser Teil das für sich allein,
so erspart er dem übrigen Teil eine unmittelbare oder
mittelbare Senkung der Lohnhöhe unter y herab, wie ohne
weiteres einzusehen ist und in unserem Diagramm anschaulich
zum Ausdruck kommt. Die Menge O wird oder bleibt zum
Lohnsatze y enflohnt, der eben einem Angebote A, von nur O
Arbeit entsprechen würde, die darüber hinausgehende über-
schüssige Arbeit P—O (gleich R) muß sich unter den gegebenen
Verhältnissen mit dem Lohnsatze x, der der Erweiterung der
Aufnahmsfähigkeit des Arbeitsmarktes bezw. der Wirtschaft
für die Arbeitsmenge P entspricht, zufrieden geben.

Naturgemäß wäre das innerhalb der ‘Bezie-
hungen der freien Verkehrswirtschaft schlechthin
nicht zu erreichen.

Die Durchführung der entsprechenden Notmaß-
nahmen müßte vielmehr die Aufgabe einer wahr-
haft produktiven Arbeitslosenfürsorge bilden. Sie

39) Andeutungsweise sei hier auf die Höhe des Reallohnes und die
Länge des Arbeitstages in Sowjetrußland verwiesen.

53
        <pb n="59" />
        müßte den chronischen Bestand an Arbeitslosen einer
produktiven Verwendung zuführen, die dem Arbeiter immer-
hin den unter den gegebenen Voraussetzungen doch wohl
mehr oder weniger über dem Niveau der Arbeitslosenunter-
stützung (Notstandsaushilfe etz.) liegenden Lohnsatz x ge-
währleistet.*°)

Eine solche produktive Arbeitslosenfürsorge würde somit
in Berücksichtigung der oben dargestellten Zusammenhänge
derart beschaffen sein, daß eine Unterstützung der in ihr
zur Verwendung sgelangenden Arbeiter aus dem Arbeitslosen-
versicherungsfond wegfällt, um die mit einer übermäßigen
Belastung der Wirtschaft an Beitragsleistungen und deren
Überwälzung auf Konsum und Arbeiterschaft verbundenen
schädlichen Folsen zu vermeiden.

Es wären daher wenigstens im allgemeinen auch jene
bekannten Formen der produktiven Arbeitslosenfürsorge —
sie sind ohnedies über das Stadium des Experimentes bisher
noch kaum hinaussgediehen — trotz manches gesunden Ge-
dankens, der ihnen zugrunde liest, abzulehnen, deren
Methode darin liest, öffentlichen Körperschaften oder Privat-
industrien Subventionen für die Einstellung von Arbeitslosen,
deren Beschäftigung sonst nicht erfolgen könnte, aus den
Mitteln der Arbeitslosenversicherung etwa in der Höhe der
durch die Einstellung ersparten Unterstützungsbeträge zu
gewähren. Diese Subventionierung auf der einen Seite ginge
eben doch wieder auf Kosten des Reallohnes der jeweils voll-

40) Die Voraussetzung hier und in der Folge ist natürlich die, daß
der Lohnsatz x zumindestens nicht unterhalb des Ausmaßes der Arbeits-
losenunterstützung bezw. etwa !/3 des Vollohnes gelegen ist. Eine derartige
Gefahr käme aber im großen und ganzen wohl nur dann in Frage, wenn
eine plötzliche Vermehrung der Zahl der Lohnarbeiter eintreten würde,
für deren Verwendung der Produktionsapparat der Volkswirtschaft gar nicht
eingestellt und genügend ausgebaut ist. Ein solcher plötzlicher Zuwachs
wäre nur durch Masseneinwanderung zu befürchten. Gegen eine solche
schützen sich aber erfahrungsgemäß die Staaten durch Einwanderungs-
oder Einstellungsverbote. Ansonsten zeigt die Erfahrung, daß Produktions-
steigerung und damit Vermehrung der Arbeitereinstellungen schon bei
relativ geringen Senkungen der Produktionskosten möglich ist, bezw.
umgekehrt, daß Steigerungen der Kosten einzelner Produktionselemente
(z. B. des Zinsfußes für kurzfristiges Leihkapital etz.) von einigem Aus-
maße die Absatzfähiskeit im Inlande und insbesondere im Auslande er-
heblich reduzieren. Daher wird der Lohnsatz x in der Regel als nicht
allzuweit vom Lohnsatze y entfernt anzunehmen sein.
54
        <pb n="60" />
        beschäftisten Arbeiterschaft und auf Kosten der wirf-
schaftlichen Prosperität schlechthin auf der anderen
Seite. Sie hätte allerdings den Vorteil, daß immerhin die
Minderung der Absatzfähigkeit der Industrie zu einem Teile
ausgeglichen werden könnte.

Natürlich muß es uns gänzlich ferne liegen, die prak-
tischen Schwierigkeiten, die der Durchführung einer
solchen produktiven Arbeitslosenfürsorge in der gewünschten
Form und in dem gewünschten Ausmaße im Wege stehen,
in irgend einer Weise zu unterschätzen. Aber Sache der
Wirtschaftstheorie ist es in erster Linie, mit dem vor-
handenen oder, wo solches nicht zur Hand, mit dem für
bestimmte Zwecke zu schaffenden Rüstzeuge dieser Disziplin
aus der Erkenntnis der nur ihr zugänglichen weiter zurück-
liegenden Zusammenhänge heraus Richtung und Bedin-
sungen der Lösung praktischer Probleme auszuarbeiten.
Eine den tatsächlichen wirtschaftlichen Verhältnissen ange-
paßte Forderung wird darum nicht unrichtig und die
Richtigkeit der ihr zugrundeliegenden Argumentation deshalb
nicht aus der Welt seschafft, weil ihrer Durchführung
Schwierigkeiten entgegenstehen, die nicht ohne weiters und
mit einem Schlage zu beseitigen sind. Es ist das Sache der
wirtschafts- oder sozialpolitischen Praxis, zu entscheiden,
wie ein richtig erkanntes Prinzip am besten den realen Einzel-
heiten und Details des Wirtschaftslebens angepaßt werde. Ins-
besondere dann, wenn, wie in unserem Falle, Wege beschritten
werden sollen, die ohnedies in der Richtung des Flusses einer
Gesamtbewegung gelegen sind, der sich heute in der Zeit der
industriellen Konzentrationen und marktbeherrschenden Or-
ganisationsbildungen, der Gewerkschaftsentwicklung und der
Organisierung aller Berufsgruppen im Staate, und in der Zeit
der gesteigerten Einflußnahme des Staates auf die Wirtschaft
und den Ablauf des Wirtschaftsprozesses unser gesamtes Wirt-
schaftsleben immer deutlicher und energischer zuwendet, d. i.
der Bewegung bewußter Regelung und planmäßiger Verbesse-
rung des ursprünglich autonomen Kräftespieles der Wirtschaft.
Wirtschaftstheorie und volkswirtschaftliche Praxis stellen eben
nicht, wie der Laie so gerne anzunehmen geneigt ist, zweierlei
Methoden dar, die auf verschiedenen Wegen getrennt
jeweils demselben Spezialziele zuzustreben haben, sondern
535
        <pb n="61" />
        sollen zwei verschiedene Methoden sein, die ergänzend
vom Allgemeinen zum Besonderen herabsteigend aufein-
ander folgen, so zwar, daß die Wirtschaftstheorie das nötige
erkenntnismäßige Rüstzeug schafft und in Bereitschaftsstellungs
bringt, das in der Folge die wirtschaftspolitische Praxis über-
nimmt und der zweckmäßissten Anwendung zuführt.

Soweit die oben erwähnten Schwierigkeiten nur allge-
meinerer Natur sind, seien sie und gewisse Möglichkeiten ihrer
Überwindung im Folgenden immerhin skizziert. Sie sind —
von der Frage der Kapitalbeschaffung, auf die später noch
eingegangen werden soll, abgesehen — durch die folgenden
Fragen angedeutet, deren Beantwortung auch hinsichtlich
sonstiger Formen der produktiven Arbeitslosenfürsorge ein
Problem darstellt.

Erstens! Welche Arbeiter sollen verpflichtet werden, als
Minderentlohnte zu dem geringeren Lohnsatze x zu arbeiten?

Zweitens! Wer soll befugt werden, diese minderentlohnten
Arbeiter einzustellen, bezw. unter auf solche Art verbesserten
Produktionsbedingunsen zu produzieren?

Drittens! Wie sollen die Gefahren ungesunder oder
sogar unlauterer Konkurrenz vermieden werden, die dann
vorliegen müssen, wenn etwa auf ein- und demselben Pro-
duktmarkte gleichzeitig Waren angeboten würden, die zu
einem Teile von vollentlohnten zum anderen Teile von minder-
entlohnten Arbeitern hergestellt wurden?

Schon die Beantwortung der ersten Frage erscheint auf
den ersten Blick hin schwierig, wenngleich immer noch ein-
facher als die der anderen. Sie ist es aber nicht so sehr.
Naturgemäß wäre es unmöglich, etwa ohne die Einrichtung
einer von der staatlichen Gemeinschaft kontrollierten Arbeits-
losenfürsorge, schlechterdings zu verlangen, daß sich ein Teil
der Arbeiter trotz derselben Arbeitsleistung mit einem nied-
rigeren Lohne zufrieden sibt, als ihn der andere Teil erzielt.
Aber die bereits vorhandene Kontrolle würde im wesentlichen
wohl genügen können. Der Fall liegt ja nicht anders als heute
bei der Entscheidung der Frage, wer als arbeitslos zu gelten
und Anspruch auf Unterstützung hat. Eher im Gegenteil!
Ein Anreiz, sich ohne Notwendiskeit als arbeitslos zu melden
oder als arbeitslos weiter zu gelten, läge nicht vor, wenn
damit lediglich der Anspruch verbunden wäre, sich die Arbeits-

56
        <pb n="62" />
        losenunterstützung durch minderenflohnte Arbeitkleistängkh "6 )
in der produktiven Arbeitslosenfürsorge zu verdienen. Die
Einrichtung der Arbeitsvermittlung behielte ihre auße ofyde f-
liche Bedeutung bei. Im großen und ganzen kämen sebei
diejenigen, die — keinerlei zeitliche Beschränkungen voraus-
gesetzt — unter anderen Umständen im Stande der unter-
stützungsberechtigten Arbeitslosen geführt werden, für die
produktive Arbeitslosenfürsorge in Frage. Die ferner in diesem
Zusammenhange auftauchende Frage eines Mißbrauches dieser
Einrichtung seitens der Arbeitgeber durch unnötige Arbeiter-
enflassungen etz. mit der Folge, daß eine größere Zahl von
Arbeitern als notwendig als arbeitslos erschiene und daher
unter die in der produktiven Arbeitslosenfürsorge eingestellten
minderenflohnten Arbeiter eingereiht würde, beantwortet sich
zusammen mit der von uns aufgeworfenen zweiten bezw.
dritten Frage. Eine Gefahr, daß umgekehrt seitens der
Arbeitnehmer der Lohnsatz -y nunmehr möglichst hoch ange-
setzt wird, liegt kaum vor, da eine übermäßige Spannung
zwischen y und x bei der dadurch bewirkten erheblichen
Vermehrung der Zahl der Arbeitslosen, die unter den un-
günstigen Lohnbedingungen von x produktive Arbeit leisten
müssen, nicht im Interesse der Gesamtheit der Arbeitnehmer
gelegen wäre.

Wer soll nun, zweitens, befugt sein, mit minderentlohnten
Arbeitslosen zu produzieren? Es liegt auf der Hand, daß
diese Frage eine Lösung erfahren muß, die u. a. berücksichtigt,
daß Gewinne solcherart bevorzugter Produktionsunterneh-
mungen nach Möglichkeit, soweit sie nicht überhaupt der
Heraufsetzung der Lohnhöhe der eingestellten Arbeiter zu
dienen haben, der Allgemeinheit zugute kommen. bezw. von
dieser kontrolliert werden müssen. Welcher Art Einrichtungen
hier in Frage kommen könnten, sei im Zusammenhange mit
der grundsätzlichen Stellungnahme zur folgenden dritten Frage
erörtert.

Wie soll ungesunde und störende Konkurrenz auf den
Warenmärkten vermieden werden?

Jedenfalls wird sie dadurch zu vermeiden sein, daß von
dieser Einrichtung teils keine Produktionsgebiete berührt
werden, in denen eine solche Konfliktsmöglichkeit mit anderen
Unternehmungen zu befürchten ist, teils aber dadurch, daß
57
        <pb n="63" />
        ganze Gruppen von untereinander konkurrierenden Unter-
nehmungen speziell für den Zweck der Durchführung der
produktiven Arbeitslosenfürsorge organisatorisch zusammen-
gefaßt werden.

Es werden hier daher einerseits neben anderem in
Frage kommen: In erster Linie Verbesserungen des volks-
wirtschafflichen Produktionsapparates, die eine mehr
oder minder unmittelbare Steigerung des Produktivitätsgrades
der Wirtschaft zur Folge haben, ihre Kosten daher in nicht
allzulanger Zeit reproduzieren und gleichzeitig auch auf anderem
Wege das Übel der wirtschaftlichen Stagnation und Arbeits-
losigkeit, das in der geringen Absatzmöglichkeit bei den
gegebenen Kostenpreisen gelegen ist, durch Senkung der
Produktionskosten (Steigerung der Exportfähigkeit etz.)
schlechthin an der Wurzel anpacken. Hieher gehört
nicht nur der sich alsbald sowohl nach der rentablen wie
produktiven Seite hin auswirkende Ausbau des Verkehrs-
systems (Erschließung rohstoffreicher oder insbesonders
auch landwirtschaftlich extensiv bewirtschafteter Gebiete u. s. f.),
sondern auch die Ausführung großzügiger land wirtschaft-
licher Meliorationen, der Ausbau von Wasserkräften
u. dsl. m.“'). Die Durchführung solcher Aktionen mit in der
Hauptsache minderentlohnten Arbeitslosen, deren Natur als
einmalige Unternehmungen, die sonst unterblieben, die
Schädigung von Konkurrenten so gut wie ausschließt, könnte,
soweit dies wirklich zweckmäßig erschiene, öffentlichen Körper-
schaften übertragen werden, deren Sache es dann wäre, fall-
weise ‚private Unternehmungen beizuziehen, oder, soweit dies
nicht der Fall wäre, privaten Industrien und Industrieorgani-
sationen direkt, aber unter genauer Kontrolle der Kosten-
voranschläge und der Geschäftsführung durch den Staat und
seine Experten.

Das nötige Betriebskapital für solche Unternehmungen
müßte bei möglichster Ausnützung der eben brachliegenden
Reserven der Wirtschaft an stehendem Kapital dann, wenn
inländisches oder ausländisches Kapital unter den entsprechen-
HM 4) Die Ausführung von sogenannten Notstandsarbeiten, die irgend
welchen Luxuszwecken dienen oder doch ihren produktiven Zweck nicht
in absehbarer Zeit verwirklichen, können als Mittel, Bestehen und Folsen
chronischer Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, naturgemäß nicht anerkannt
werden.

58
        <pb n="64" />
        den Bedingungen nicht zu haben ist, und soweit nicht die
in der eben erwähnten Weise herangezogenen Privatindustrien
dafür aufzukommen vermögen, aus einem ein für alle Male
geschaffenen produktiven Arbeitslosenfürsorgefond vor-
geschossen werden. Zum Unterschiede vom heutigen Arbeits-
losenversicherungsfond würde er nicht ständiger Neuauffüllung
bedürfen, sondern nach einiger Zeit seinen Stamm erhalten,
da ja die aus ihm finanzierten Anlagen sich sehr bald selbst
amortisieren müßten, oder doch entsprechenden Kapitalswert
erhalten, so daß sie abgestoßen werden können. Schließlich
bieten vielleicht auch die Finanzmonopole (Produktions-
monopole) Gelegenheit, durch Einstellung billigerer Arbeits-
kräfte und Preissenkungen den Absatz zu erweitern und die
Kosten der Indienststellung minder entflohnter Arbeit wieder
hereinzubringen, ohne daß die Gefahren störender Konkurrenz
zu befürchten wäre.

Anderseits aber müßte sich der Staat auch entschließen
können, mit der Gesamtheit der unter einander konkurrie-
renden Vertreter einzelner Industrien, besonders bestimmter
Schlüsselindustrien der Volkswirtschaft in Verbindung
zu treten und im Wege entsprechender Einrichtungen und
Vorkehrungen, zum Teile der oben erwähnten Art (Organi-
sationsbildungen, Kontrolle des Geschäftsganges und der
Bilanzen etz.), die Einstellung von minderentlohnten Arbeits-
losen schlechthin nach den Prinzipien der Zweckmäßigkeit und
Gerechtigkeit zu ermöglichen.*”) Da es im Wesen der Schlüssel-
industrie liegt, bestimmte Produktionselemente für eine Reihe
von nachfolgenden Industriegruppen beizustellen und so
deren Produktionskosten mitzubestimmen, wäre eine mit der
Mehreinstellung der minderentlohnten Arbeitslosen gleich-
zeitig zu erreichende Senkung der Produktionspreise dieser
Schlüsselindustrie für die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit
selbst wiederum von größter Bedeutung.*®) Gerade die Pflege

4) Dort, wo seinerzeit mit der Erwerbsteuer als Repartitions-
steuer der Anfang gemacht wurde, war es schließlich — bei allen Ver-
schiedenheiten mit den Organisationsbildungen der hier vorgeschlagenen
Art — auch erst nötig, die Erwerbsunternehmungen in Organisationen
zusammenzufassen, in denen ebenfalls sowohl die spezielle Sachkenntnis
und das individuelle Interesse der Unternehmer als auch gleichzeitig der
das Allgemeininteresse wahrende übergeordnete Wille und Einfluß des
Staates zu Worte kam.

59
        <pb n="65" />
        dieses Zweiges der produktiven Arbeitslosenfürsorge würde
es am ehesten ermöglichen, die volkswirtschaftlichen Nachteile
der Spannung zwischen dem tatsächlich geltenden Lohnsatze
und dem natürlichen Preise der Arbeit überwinden zu helfen,
ohne den vollbeschäftigten Arbeiter zu schädigen.

Naturgemäß setzen alle diese erwähnten Einrichtungen
und Unternehmungen eine wirklich großzügige und plan-
mäßige Organisation der produktiven Arbeitslosenfürsorge,
die Schaffung eines zeitlich und sachlich umfassenden Wirt-
schaftsplanes (als eine Art Gegenstück zum sogenannten
Finanzplane) etz. seitens der öffentlichen Körperschaften,
insbesonders des Staates voraus, und verlangen von den in
Frage kommenden Organen des Staates und seinen Experten
erstklassige Sachkenntnis und tatsächlichen Einblick in das
Wirtschaftsleben. Aber das sind Forderungen, die im modernen
Staate ohnedies dringendst der Erfüllung bedürfen. Da
der Staat einmal — und, wie wir meinen, mit Recht und
durch die wirtschaftliche Entwicklung sogar gezwungen —
den Grundsatz des laisser-faire, laisser-passer nicht mehr
unbedingt anerkennt, muß er die Gefahren einer rein büro-
kratischen Beeinflußung des Wirtschaftslebens auf jeden Fall
bannen, will er nicht mehr Schaden anrichten als Nutzen stiften.

Sollte nun die Einrichtung der Arbeitslosenver-
sicherung bei Durchführung einer solchen produktiven
Arbeitslosenfürsorge gänzlich in Wegfall kommen?

43) Ensland, das Land, das den Begriff der Schlüsselindustrie prägte,
hat sich mit der staatlichen Subventionierung des Kohlenbergbaues
zu einem für uns in diesem Zusammenhange recht interessanten Schritte
entschlossen. Allerdings ist diese Form der Verbilligung der Produktions-
kosten auf die Dauer nicht gsangbar, am wenigsten für ein armes Land.
Dieses Beispiel des englischen Kohlenbergbaues ist übrigens für unsere
früheren Ausführungen recht bezeichnend. Die Ursache der auf diesem
Gebiete in England vorherrschenden oder zu befürchtenden Arbeitslosig-
keit ist nach übereinstimmender Meinung aller Beteiligten in der bei den
gegebenen Gestehungskosten und Preisen der Kohle geringen
Absatzmöglichkeit gelegen. Die Unternehmer wollen darıtm die
Löhne senken, die Arbeiter halten eine Senkung der Gestehungskosten
durch Verbesserung der rückständigen Produktionsmethoden und
Produktionsmittel für möglich und für das Gegebene. Vergl. dazu unsere
Ausführungen oben S. 25, P. 3. Auch für die oben allgemein gebrachte For-
derung nach Gewinnaufteilung und Kontrolle der Geschäftsführung bilden
die Bedingungen, unter denen die erwähnte Subventionierung erfolgt, eine
wertvolle Illustration.

60
        <pb n="66" />
        Nein, durchaus nicht! Der Arbeitslosenversicherung
bliebe es immer noch vorbehalten, die dem Versicherungs-
prinzipe tatsächlich angemessenen Funktionen auszuüben.
Mit anderen Worten, es würde auch fernerhin Aufgabe der
Arbeitslosenversicherung bleiben, einen tatsächlichen Risken-
ausgleich zu ermöglichen. Nur die Beseitigung oder Milderung
der Folgen chronischer, von uns durch die Spannung
zwischen den Lohnsätzen x und y gekennzeichneter Arbeits-
losigkeit hätte durch die produktive Arbeitslosenfürsorge zu
erfolgen.

Auch in Zeiten, in denen von chronischer Arbeitslosig-
keit der ganzen Sachlage nach nicht gesprochen werden
kann, wird die Möglichkeit eines Ausgleiches der Gefahr, in
Arbeitslosigkeit zu verfallen, für den Lohnarbeiter von Be-
deutung sein. Der Ablauf der periodischen Konjunkturen
in der Wirtschaft überhaupt, sowie der Eintritt wechselnder
Konjunkturen in den einzelnen Produktionszweigen be-
gründet für jeden einzelnen Arbeiter die Möglichkeit
vorübergehender Arbeitslosigkeit. Die Einrichtung der
Arbeitslosenversicherung zwingt ihn nun, in Zeiten der Voll-
beschäftigung für die Zeiten der Arbeitslosigkeit zu sparen
einerseits, und anderseits ermöglicht sie ihm oder den
Kameraden eines speziellen Betriebes oder Produktions-
zweiges, die Gefahren einer nur partiellen Arbeitslosigkeit
auf die Gesamtheit der versicherten Arbeiter aufzuteilen.**)
Unter diesen Voraussetzungen, und nur unter diesen‘ ist es
dann auch recht und billig, daß die Mittel dieser Arbeits-
losenversicherung in der Hauptsache, wie das schon heute der
Fall ist, tatsächlich vom Arbeiter selbst aufgebracht werden.

Es würde auch technisch gar nicht möglich sein, jeden
Arbeifslosen sofort in der produktiven Arbeitslosen-
fürsorge einzustellen. Daher würde sich auch in Zeiten
chronischer Arbeitslosigkeit die Arbeitslosenversicherung
neben der produktiven Arbeitslosenfürsorge bewähren und
vor Allem einen Ausgleich der Härten speziell begründeter
Arbeitslosigkeit herbeizuführen haben.

4) Auf solche Weise bleibt der Arbeitslosenversicherung auch weiter
die Spezialaufgabe zugewiesen, einzelnen Produktionszweigen den
nöfigen Stamm an gelernten Arbeitern auch über Zeiten der solche Pro-
duktionszweise treffenden Krisen hinaus zu erhalten.

61
        <pb n="67" />
        Eine derartige . Organisation und Kombinierung der
Arbeitslosenversicherung und der von uns ihrem Wesen
nach gezeichneten produktiven Arbeitslosenfürsorge ver-
möchte, wie unsere Abhandlung beweisen sollte, in Zeiten
wirklich chronischer Arbeitslosigkeit allein allen Anforde-
rungen einer gesunden Wirtschaftspolitik und allen Voraus-
setzungen wirtschaftlicher Entwicklung zu genügen. Die mit
einer solchen Organisation und Einrichtung gegebenen Vor-
teile lassen sich in Zusammenfassung der letzten Ergebnisse
unserer Untersuchung folgendermaßen skizzieren:

Dem vollbeschäftigten Arbeiter wird der
angestrebte günstigere Lohnsatz gewährleistet,
die Konkurrenz der industriellen Reservearmee
vermag den Arbeitslohn nicht auf ein unbilliges
Ausmaß herabzudrücken.“°)

Der arbeitslose Arbeiter reproduziert den
Wert seiner Unterstützung und erhält normaler
Weise wahrscheinlich immer noch mehr Lohn als
das Ausmaß der reinen Arbeitslosenunterstützung
oder Notstandsaushilfe, die in Zeiten dauernder
Arbeitslosigkeit eher herabgesetzt werden muß, als
hinaufgesetzt werden kann, beträgt. Die Belastung
des vollbeschäftisten Arbeiters mit der Erhaltung
seiner arbeitslosen Kameraden im Wege der Über-
wälzung der Arbeitslosenversicherungsbeiträge wird
vermieden.

Die Zahl der Arbeitslosen wird durch die
Folgen der Fürsorgemaßnahmen nicht vergrößert
und die Gefahr eines circulus vitiosus nach dieser
Richtung hin ausgeschaltet. Bei jeder Besserung
der wirtschaftlichen Lage wird ein Teil der Arbeits-
losen Minderentlohnten automatisch in die günsfi-
geren Lohnbedingungen der vollbeschäftigten Ar-
beiter ‚übergeleitet.

Der Rücksang der Produktion und des
Exportes als Folgen der oben dargestellten Lohn-

45) Diesen Vorteil erzielt natürlich auch die gewerkschaftliche Orga-
nisation der Arbeiterschaft schlechthin, aber die mit der Aufrechterhaltung
des günstigeren Lohnsatzes verbundenen Nachteile vermag sie eben
nicht zu vermeiden.
62
        <pb n="68" />
        politik und der über das echte Versicherungs-
prinzip hinaus betriebenen Arbeitslosenversicherung
werden vermieden. Es liegt bedeutend weniger
Anlagekapital brach, die angemessene Kapitalbil-
dung wird nicht verhängnisvoll gestört, die Export-
fähigkeit vermag erhalten oder sogar gesteigert
zu werden, alles Dinge, die nicht nur eine Ver-
steifung der herrschenden ungünstigen wirtschaft-
lichen Lage verhindern helfen, sondern sogar das
Übel der Arbeitslosigkeit an der Wurzel anpacken
und den Wirkungsgrad sonstiger — etwa handels-
politischer — Maßnahmen zu ihrer Behebung
erhöhen.

Die außerordentlichen Vorteile einer echten
Arbeitslosenversicherung werden erhalten.
Mit dieser Zusammenfassung schließen wir unsere Ab-
handlung, deren Schwergewicht in den exakten Zusammen-
hängen gelegen ist, die der erste und der zweite Abschnitt
dieser Schrift veranschaulichen sollten. Sie war in ihrem Fort-
gange gefragen von dem Geiste der völligen Unparteilichkeit
und des persönlichen Unbeteilistseins an dem Interessen-
kampfe spezieller Gruppen des Wirtschaftslebens. Der Wunsch
und das Gefühl der Pflicht, wahre und richtige Erkenntnisse
zu vermitteln, waren allein bestimmend. Die Berücksichtigung
dieser und ihre möglichste Durchführung ist Sache der Praxis.

Sie hat das Wort!

653
        <pb n="69" />
        Buchdruckerei Josef Khil,
Graz, Neutorsasse Nr. 26.
        <pb n="70" />
        <pb n="71" />
        <pb n="72" />
        z

den Bedingungen nicht zu haben ist, und soweif nicht die
in der eben erwähnten Weise herangezogenen Privatindustrien |
dafür aufzukommen vermögen, aus einem ein für alle Male '
geschaffenen produktiven Arbeitslosenfürsorgefond vor-
seschossen werden. Zum Unterschiede vom heutigen Arbeits-
losenversicherungsfond würde er nicht ständiger Neuauffüllung
bedürfen, sondern nach einiger Zeit seinen Stamm erhalten,
da ja die aus ihm finanzierten Anlagen sich sehr bald selbst
amortisieren müßten, oder doch entsprechenden Kapitalswert |
erhalten, so daß sie abgestoßen werden können. Schließlich
bieten vielleicht auch die Finanzmonopole (Produktions- ;
monopole) Gelegenheit, durch Einstellung billigerer Arbeits- Y
kräfte und Preissenkungen den Absatz zu erweitern und die
Kosten der Indienststellung minder entlohnter Arbeit wieder
hereinzubringen, ohne daß die Gefahren störender Konkurrenz
zu befürchten wäre.

Anderseits aber müßte sich der Staat auch entschließen
können, mit der Gesamtheit der unter einander konkurrie-
renden Vertreter einzelner Industrien, besonders bestimmter
Schlüsselindustrien der Volkswirtschaft in Verbindung
zu treten und im Wege entsprechender Einrichtungen und /
Vorkehrungen, zum Teile der oben erwähnten Art (Orgsani- |
sationsbildungen, Kontrolle des Geschäftsganges und der ?
Bilanzen etz.), die Einstellung von minderentlohnten Arbeits-
losen schlechthin nach den Prinzipien der Zweckmäßigkeit und .
Gerechtigkeit zu ermöglichen.*”) Da es im Wesen der Schlüssel-
industrie liegt, bestimmte Produktionselemente für eine Reihe
von nachfolgenden Industriegsruppen beizustellen und so
deren Produktionskosten mitzubestimmen, wäre eine mit der
Mehreinstellung der minderentlohnten Arbeitslosen gleich-
zeitig zu erreichende Senkung der Produktionspreise dieser
Schlüsselindustrie für die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit
selbst wiederum von größter Bedeutung.*®) Gerade die Pflege

4°) Dort, wo seinerzeit mit der Erwerbsteuer als Repartitions-
steuer der Anfang gemacht wurde, war es schließlich — bei allen Ver-
schiedenheiten mit den Organisationsbildungen der hier vorgeschlagenen
Art — auch erst nötig, die Erwerbsunternehmungen in Organisationen
zusammenzufassen, in denen ebenfalls sowohl die spezielle Sachkenntnis
und das individuelle Interesse der Unternehmer als auch gleichzeitig der
das Allgemeininteresse wahrende übergeordnete Wille und Einfluß des
Staates zu Worte kam.

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