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        <title>Ernährung und Schutzzoll</title>
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            <forname>Eberhard von</forname>
            <surname>Kalckreuth</surname>
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            <idno>173528923X</idno>
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        p ; .
Wirtschaftsfragen der Zeit
Unter Mitwirkung vort
Walther Dauch, Hamburg, M.d.R., Graf E.Kalckr eu th, Präsid.
des Reichs-Landbundes, Dr. Georg Wilhelm Schiel e, Naumburg,
Franz Schenk Freiherr von Sta uffenb erg, DM. d. R., 11. a.
herausgegeben von
Dr. R. G. Quaatz, Geh. Regierungsrat, DI. d. R.
Heft 3
Ernährung
und Schutzzoll
Von
Eberhard Graf Kalckreuth,
Präsident des Neichs-Landbundes
Deuticher Volksblatt-Verlag Berlin SW 61
AA A0 %
        <pb n="2" />
        Wirtschaftsfragen der Zeit
Als erste Serie wird h er ausgegeben:
In Heft 1 „„Wie erhält ein Volk seine Währung?‘/ er-
örtert Dr. Georg Schiele die Währungsfrag e. Wir
sind alle von der Sorge erfüllt, daß unsere Währung erhalten
bleibt. Schiele beleuchtet die Gefahren für unsere Währung und

die Wege zu ihrer Erhaltung.
In Heft 2 „„Staat und Wirtschaft“ behandelt Geheimrat
Quaatz das Verhältnis von Sta at und Wirtssch a f t. Er
zeigt die Fehler unserer Staatswirtschaft und die wirtschaftlichen
Nöte, die hieraus entsprungen sind. Auch hier werden die Wege
zur Genesung gezeigt.
In Heft 3 „Ernährung und Schutzzoll‘/ bespricht Graf E.
NKalckreuth, Präsident des Reichslandbundes. die Volks-
ernährung und zeigt, wie eine gesunde Wirtschaftspolitik auch
zur Wiederbelebung der Landwirtschaft und damit in weiterer
Folge der gesamten Volkswirtschaft führen kann und muß.
In Heft 4/5 „„Bauernnot-.‘ gibt Frhr. von Stauffenberg, der
bekannte wür tt emb erg i sch e Bauernführer, dem deutschen
Städter ein eingehendes Bild der Lebens- und Arbeitsbedingun-
gen des deutschen Landvolkes. Er nennt seine Schrift mit Recht
einen., „Mahnruf“.
Es folgt „„Der Deutsche Außenhandel-- von Walter Dauch,
Großkaufmann in Hamburg, M. d. R.
Die Serie wird fortgesetzt. Die weiteren Hefte sollen in
ähnlicher Form bestimmte Einzelfragen nicht nur kritisch
erörtern, sondern stets auch gleichzeitig neue Ziele weisen.
        <pb n="3" />
        Wirtschaftsfragen der Zeit
Unter rage von
Walther Dauch, Hamburg, M.d.R., Graf E.Kalckr eu rh, Prästd.
des Reichs-Landbundes, Dr. Georg Wilhelm Schiele, Naumburg,
Franz Schenk Freiherr von Stauffenberg, PM. d. R., u. a.
herausgegeben von
Dr. R. G. Quaatz, Geh. Regierungsrat, DM. d. R.
Heft 3 |
Ernährung
Von
Eberhard Graf Kalckreuth,
Präsident des Reichs- Landbundes
Deutscher Volksblatt-Verlag Berlin SW 61
        <pb n="4" />
        Einteilung des Inhalts :

Keine Theorien!
Deutschlands Ausfuhrinteresse.
Die Abdrossselung der deutschen Ausfuhr.
Deutschland muß um seine Ausfuhr kämpfen.
Entbehrliche Einfuhr.
Wird verringerte Einfuhr die Volksernährung gefährden?
Kriegserfahrungen und ihr Wert.
Unsere Ernährungslage.
Eigene Erzeugung statt teurer Einfuhr.
Holl und Preis.
HBollschußz, und Produktionssteigerung.
Schutz der nationalen Arbeit ist auch Schutz der Volksernährung.

_~3. 1. 59

..

ri
        <pb n="5" />
        Keine Theorien!

Die Frage Schutzzoll oder Freihandel wird in Deutschland
häufig als Prinzipienfrage behandelt! Jeder Nationalökonom
schwört auf seine Theorie als ein Dogma. Jeder Berufsstand
betrachtet sie aus seinem Gessichtswinkel, je nachhem er am
Export interessiert ist oder die Einfuhr billiger Konkurrenz
fürchtet. – Beide Standpunkte scheinen mir nicht geeignet, die
für die deutsche Wirtschaft richtige Lösung zu finden.
Deutschlands Ausfuhrinteresse.

Die Frage „Schutzzoll oder Freihandel“ ist eine Frage, die
kein Land auf Grund von Theorien für sich allein lösen kann. Das
könnten nur Länder, die in einer autartischen Wirtschaftsform
leben, d. h. also im wesentlichen für sich allein bestehen können,
nicht aber solche, die auf den Handel mit anderen Staaten an-
gewiesen sind. Noch weniger aber ist es eine Frage, die man aus
Interessen einer Berufsgruppe allein heraus beantworten kann.
Nur wenn man die deutsche Wirtschaft als ein Ganzes betrachtet,
wird man zu einer, der Gesamtheit dienlichen Lösung kommen
können. Betrachten wir Deutschland als Wirtschaftseinheit
gegenüber den anderen am Welthandel vornehmlich interessierten
Staaten, so sehen wir in Deutschland ein Land, das infolge
starker Bevölkerung mit hochentwickelter Fertigindustrie und

3
        <pb n="6" />
        verhältnismäßig geringem Lebensraum Interesse daran haben
muß, Industrieprodukte auszuführen, um die durch Kriegslasten
und innere Lasten sehr verteuerte Lebenshaltung des Volkes
bestreiten zu können. Deutschland hat also ein starkes Interesse
am JIndustriewarenexport.

Um dieses Interesse richtig ermessen zu können, muß man von
den Vortriegsverhältnissen ausgehen; denn unser heutiger
Außenhandel ist durch die Gewaltmaßnahmen der Feinde
künstlich erdrosselt. Die Verhältnisse vor dem Kriege geben ein den
natürlichen Verhältnissen bessser entsprechendes Bild. Vergleicht
man die Außenhandelsziffern Deutschlands vor dem Kriege
mit denen anderer Länder, so zeigt sich, daß Deutschlands
Außenhandel beinah doppelt so groß war wie der französische.
(Im Jahre 1912 etwa 21 Milliarden gegen Frankreich 111% Nil-
liarden.) Unser Außenhandel blieb auch nicht so stark hinter dem
Außenhandel Englands zurück, wie der Fernerstehende wohl
annehmen möchte. Englands Außenhandel machte im Jahre 1912
etwa 27 Milliarden aus, d. h. etwa 6 Milliarden mehr als der
deutsche. Allerdings ist in diesen Ziffern der Handel der eng-
lischen Kolonien nicht enthalten. Besonders interessant ist aber,
daß der Außenhandel der Vereinigten Staaten von Amerika
erheblich hinter dem deutschen zurückblieb.

Die Abdrosselung der deutschen Ausfuhr.

Gegenüber einem Lande, das so stark darauf angewiesen ist,
seine Arbeit auf dem Weltmarkt zu verwerten, ist die rücksichtslose
und erbarmungslose Abdrosselung dieses Volkes vom Welt-
markt nicht nur ein besonders schweres internationales Unrecht,
sondern es zwingt uns zum Nachdenken, wie wir für das fehlende
Geschäft auf dem Weltmarkt einen Ersatz schaffen können. Man
könnte einwenden, daß bei größerer Einsicht und Gerechtigkeit
        <pb n="7" />
        die anderen Völker uns etwa wieder unseren Platz an der Sonne
freiwillig einräumen könnten. Ich will hier davon absehen, ob
diese Hoffnung auf fremde Güte und Gerechtigkeit in den Rahmen
einer vorsichtigen Wirtschaftspolitik paßt. Vor allen Dingen
sehen wir, daß in anderen Kulturstaaten die Aufnahmefähigtkeit
für deutsche Waren sehr zurückgegangen ist, einmal weil sie selbst
durch den Krieg verarmt und weniger aufnahmefähig geworden
sind, zweitens weil sie sich während des Krieges durch Ent-
wicklung eigener Industrie stark unabhängig vom einst aufge-
nommenen deutschen Import gemacht haben. Also auch ab-
gesehen von politisch gefärbten Abschließungsbestrebungen ist
der Markt für deutsche Waren in der Welt in dem früheren
Umfange einfach nicht mehr da.

Dieser so grundlegend veränderten Lage haben nun sämtliche
Staaten Rechnung getragen, indem sie sich nach dem Krieg mit
einem starken Zollgürtel gegen den deutschen Import gewappnet
haben.

Ein typisches Beispiel hierfür ist England. Man pflegt England
bei uns mit Vorliebe als das klassische Land des Freihandels zu
bezeichnen. Ich sehe nun von den hohen Finanzzöllen, die Eng-
land seit langem hat, ab .und will hier nur auf die in neuester
Zeit wieder stark hervortretenden Schutzzollbestrebungen hin-
weisen. So hat die englische Regierung erst vor kurzem ein
Ermächtigungsgesetß erhalten, wonach sie in der Lage ist, ihr
lebenswichtig erscheinende Schlüsselindustrien durch Schutzzölle
bis zu einem Drittel des Wertes gegen fremde Einfuhr zu sichern.
Die bisherige Auswahl der mit diesem hohen Schutzzoll zu be-
legenden Waren zeigt, daß sich diese neue Schutpolitik in erster
Linie gegen deutsche Waren richtet. Man bedente, daß zu diesen
Zöllen von 33!/; v. H. noch die Ausfuhrabgabe von 26 v. H. tritt,
die das deutsche Reich an England zu zahlen hat. Ein großer
Teil des deutschen Handels mit England gerät also in Gefahr,
        <pb n="8" />
        dort mit Zöllen bis zu 60 v. H. des Wertes belastet zu werden.
Es ist klar, daß eine solche Zollast nur getragen werden kann,
wenn der deutsche Arbeiter so gut wie umsonst arbeitet. Können
und dürfen wir mit solchem Export rechnen?

Deutschland muß um seine Ausfuhr kämpfen.

Wie ist nun dieser Panzer im Interesse der deutschen Wirtschaft
zu brechen? Wir müssen uns die Auslandsstaaten ansehen, um
zu finden, wo Deutschlands Stärke liegt, nachdem wir in
seiner starken Industrieerzeugung und der Notwendigkeit
ihres teilweisen Exports seine handelspolitische Schwäche ge-
funden haben.

Deutschlands handelspolitische Stärke liegt in dem Umstand,
daß fast alle Staaten infolge verhältnismäßig dünner Bevölte-
rung, großen Ackerflächenraumes und meist günstigeren Klimas
Überschuß an Agrarprodukten haben, für welche sie günstigen
Absatz in dem stark verbrauchenden Deutschland suchen. Will
Deutschland also das Ausland zwingen, deutschen Industriewaren
die Aufnahme nicht untragbar zu erschweren, will Deutschland
die hohen Industriezölle des Auslandes abbauen, so gibt es, wenn
man sich nicht international auf völlig neuen Wegen einigen will
(ich denke hier an die von dem früheren Reichswirtsschaftsminister
Neuhaus kürzlich in der Börsenzeitung veröffentlichten Vorschläge
einer Zollkonvention für Fertigwaren, nach dem Vorbild der
Brüsseler Zuckerkonvention), nur den einen Weg, nämlich durch
sehr hohe Agrarzölle dem Ausland den Absatz seiner Agrarerzeug-
nisse in Deutschland so zu erschweren, daß das Ausland, um
überhaupt den Absatz seines Überschusses an Agrarprodukten
nach Deutschland zu ermöglichen, in den Handelsvertrags-
verhandlungen sich zu starken Zugeständnissen in seinen Industrie-
zöllen verstehen muß.

f,
        <pb n="9" />
        Entbehrliche Einfuhr.

Ist dieser Weg für Deutschland aussichtsreich? Diese Frage
kann mit „ja“ beantwortet werden. Ein großer Teil der deutschen
Einfuhr war und ist nicht nur entbehrlich, sondern schädlich, da
die fremden Einfuhren deutsche Waren verdrängten, deutsche
Arbeiter brotlos machten und uns zu Geldausgaben in fremder
Währung zwangen, während diese Summen besser im Lande
geblieden wären, wo sie sich in Arbeit und Produktion umgesetzt
hätten. Deutschland nahm von auch im Inlande herstellbaren
resp. zur Erhaltung des Volkes überflüssigen Agrarprodukten
im Jahre 1925 folgende Mengen herein:

1926 1911/13

Weizen ... ............... A71 Mill. Mk. #©1 Mill. Mk.
Noghÿetn. . „c. er e o s s s s o sv: v ls;
Gerstê.. „„ „Jh o ~ s sfr ss , L s
Hafer ..... sc s. e sss jp
Mais.... „Jr us ss sp u sv qt g net ;
Mehl.... ..„ «w r o r ej e p1&gt; p. 13%
Hülsenfrüchte. ...... .. «&gt;-. . p .
Sämereien.... ,... „r. o.. . u H
Obst „... ss s r o ~ o s s e s~ -l r: pg
Südfrüchte........... ...- ;. 110 „. sp
Küchengewächse........... : s :; s » y
Fleisch „... i 5 s y 79. „ z
Schmalz, Talg, Margarine. ÿ. ) „ y, 16B „p
Molkereiprodukte... ....... 5659 y nh 158 .). .35

2764 Mill. Mk. 1846 Mill. Mk.

Diese Einfuhren waren dem Werte nach 49,7 v. H. größer als
im Frieden, d. h. das verkleinerte und verarmte Deutjschland
wurde um 918 Millionen Mark mit ausländischen Lebens- und
Genußmittel höher belastet als das alte, größere, reiche Deutsch-
land. An in Deutschland nicht in genügender Menge herstellbaren
3. Z. unentbehrlichen Produkten führten wir 1925 ein:
        <pb n="10" />
        Ölfrüchte ................ ©10 Mill. Mk.

Ölktchen ...... rss LO7â. „ p

Tierische Spinnstoffe ..... 755 , y,

Pflanzliche Spinnstoffe ... 1118 » y

2490 Mill. Mk.

Wenn wir nun sselbst diese rund 214 Milliarden von der Betrach-
tung ganz ausschließen, weil bei ihnen Deutschland auch ein
Interesse an der Hereinnahme hat, so bleibt doch immerhin noch
eine entbehrliche Einfuhr von 2/4, Milliarden Markt,
an deren Absatz das Ausland ein sehr großes Interesse hat.
Wird verringerte Einfuhr die Volksernährung gefährden?

Kann nun Deutschland diese Einfuhr zu 1. wirklich entbehren ?
Oder laufen wir, wenn wir uns gegen sie abschließen, Gefahr,
die Ernährung des deutschen Volkes zu gefährden oder in un-
tragbarem Umfang zu verteuern? Das ist natürlich eine Frage
von entscheidender Bedeutung. Wir dürfen unJsere Lebenshaltung
nicht so verteuern, daß wir andern Ländern gegenüber nicht mehr
wettbewerbsfähig sind.

Kriegserfahrungen und ihr Wert.

Nach den Erfahrungen des Krieges und der Nachkriegszeit
war man im allgemeinen geneigt, die Möglichkeit der Ernährung
aus eigener Scholle zu verneinen. Dabei übersieht man aber,
daß die heimische Nahrungsmittelproduktion durch drei Faktoren
ganz außerordentlich gehindert wurde. Erstens hat die nur auf
Verteilung abgestellte und die Förderung der Produttion völlig
außer acht lassende Zwangsbewirtschaftung der Lebensmittel
die Produttionskraft der deutschen Scholle ungeheuer gehemmt.
Zweitens blieb bei Beginn des Krieges die Einfuhr auch der
hi
        <pb n="11" />
        ausländischen Futtermittel aus, auf die die deutsche Viehhaltung
infolge noch unzureichender Entwicklung der heimischen Futter-
mittelproduktion stark angewiesen war. Infolgedessen mußte die
Fleischerzeugung in Bedrängung geraten.

Drittens besaßen wir, und hier sehe ich den schwerwiegendsten
Grund für die Notlage im Kriege, noch nicht hinreichend deutschen
Stickstoff und entbehrten damit den wichtigsten Motor der
heimischen Getreide- und Hackfrucht- und damit indirekt der
gesamten Lebensmittelproduktion. Heute sind wir in der Lage,
Stickstofföünger in beliebiger Menge herzustellen und in noch
wesentlich gesteigertem Umfang anzuwenden. Unsere Stick-
stofferzeugung ist bei weitem noch nicht ausgenutzt und aus-
geschöpft.

Unsere Ernährungslage.

Ein kurzer Überblick über den heutigen Stand unserer heimischen
Agrarprodukte und ihre Entwicklungsmöglichkeiten genügt,
klarzulegen, daß die Ernährungsmöglichkeit aus eigener Scholle
heute für das deutsche Volk voll gegeben ist.

Brotgetreide brauchen wir 167 kg pro Kopf der Bevölterung.
Im Erntejahre 1925/26 stehen aus der Inlandsernte abzüglich
Aussaat 166 kg zur Verfügung, somit ist also in diesem Jahre
der Bedarf der Bevölkerung an Brotgetreide gedeckt. Wenn
es sich nun in diesem Erntejahre um eine günstige Brotgetreide-
ernte handelt, so kann man doch wohl sagen, daß wir jetzt in
der Lage sind, im Durchschnitt unseren Brotgetreidebedarf zu
90-100 v. H. aus der heimischen Ernte zu decken. Trotzdem
führen wir noch sehr erhebliche Mengen Weizen ein. Im Kalender-
jahre 1925 führten wir für fast 500 Mill. Mark Weizen ein zum
Preise von ungefähr 14 Mark für den Zentner. Dagegen
führten wir Roggen, der einen ebenso hohen Nährwert hat, zum
Q
        <pb n="12" />
        Preise von 7-8 Mark für den Zentner aus. Das ist ein Luxus,
den das Deutsche Reich mit ungefähr 200 Mill. Mark bezahlen
muß. Das fehlende Quantum an Brotgetreide von höchstens
10 v. H. läßt sich in Deutschland mit Leichtigkeit herstellen.
Man braucht dazu nicht einmal an die Kultivierung von Ödland-
flächen zu denken. Allein aus den vorhandenen Flächen kann
man diese 10 v. H durch stärkere Verwendung von Stickstoff,
dessen Verbrauch schätzungsweise noch um 200 000 Tonnen ver-
mehrbar ist, leicht herauszuholen.

Beim Fleisch ist es ähnlich. Vor dem Kriege brauchte man
52 kg pro Kopf der Bevölkerung, jetzt 47 kg. Von diesen 47 kg
hat die deutsche Landwirtschaft 41 kg aus eigener Zucht geleistet.
Ob dabei die Bestände angegriffen werden, wird verschieden
beantwortet, doch ist wohl nicht anzunehmen, daß Raubbau
getrieben wird. Selbst wenn man einen Jahresverbrauch von
52 kg zugrunde legt, könnte die deutsche Landwirtschaft die er-
forderliche Steigerung von 15-20 v. H. erzielen.

Was die Milch anbelangt, so verbrauchen wir an eigenen
Milchprodukten für 3 Milliarden Mark jährlich. Wir führen ein
für 0,6 Milliarden. In Deutschland haben wir 9 Millionen Kühe,
von denen jede durchschnittlich 2000 Liter Milch gibt. Würden sie
2500 Liter geben, was sich durchaus ermöglichen läßt, so wäre
Deutschland auf diesem Gebiete unabhängig vom Weltmarkt.

Auch in Küchengewächsen könnten wir fast ganz vom Aus-
land unabhängig sein. Es ist das eine Preisfrage. Würden wir
durch Hölle den deutschen Gartenbau schüten, dann würde die
Einfuhr zurückgehen. Heute leiden Gemüsebauer und Gärtner
in Deutschland Not, weil sie ihre Erzeugnisse nicht abseten
können.

Auf die Einfuhr von Wolle und Flachs, sowie hochprozentiger
Futtermittel (worunter nicht ausländisches Getreide, sondern

TO
        <pb n="13" />
        die hochprozentigen Ölkuchen zu verstehen sind) wird allerdings
in absehbarer Zeit nicht völlig verzichtet werden können, obwohl
auch hier die heimische Erzeugung stark gesteigert werden könnte.
Mais und Gerste lassen sich in vollem Umfange durch die im
Überfluß vorhandene Kartoffel ersetzen.

Eigene Erzeugung statt teurer Einfuhr.

Es hat sich also ergeben, daß die Einfuhr von Lebensmitteln
keine Notwendigkeit ist, da die deutsche Landwirtschaft, wenn ihr
freie Hand gelassen wird, den Bedarf sselbst decken kann. Not-
wendig ist nur, daß die deutsche Landwirtschaft durch langfristige
Handelsverträge mit genügendem Zollschuß die Möglichkeit
erhält, die Produktion zu entwickeln, was bei der Eigenart der
landwirtschaftlichen Produktion mit ihrem durchschnittlich
jährlich einmaligen Umsat, 20-3 Jahre Zeit in Anspruch
nehmen dürfte.

Ich bin überzeugt, daß angesichts der verhältnismäßig günstigen
Schweinepreise und der billigen zum Teil kaum absetzbaren
Kartoffeln die heimische Schweineerzeugung schon wesentlich
weiter entwickelt wäre, wenn nicht die drohende Gefahr einer
Schleuderkonkurrenz durch Polen mit seinem Valutadumping
als Damotktlesschwert über unserer Schweineproduktion hinge.

Das gleiche gilt von der Rindfleischproduktion, wenn die
Schleuderkonkurrenzgefahr der Gefrierfleischkontingente beseitigt
wäre.

Zoll und Preis.

Natürlich erhebt sich nun die Frage: Würden durch Zollschutz
die Lebensmittelpreise in Deutschland nicht in einem Umfang
über den Weltmarktpreis ansteigen, der infolge der damit
TI
        <pb n="14" />
        gesteigerten Industrielöhne wiederum die deutsche Industrie
auf dem Weltmarkt konkurrenzunfähig machen würde ?

Ich glaube diese Frage verneinen zu dürfen. Zunächst denke
ich nicht daran, außergewöhnliche Schutzzölle für Agrarprodukte
die jeden Wettbewerb des Auslandes ausschalten, für die end-
gültigen Handelsvertragszölle zu verlangen. Daß diese nicht zu
hoch bleiben, dafür sorgt schon unser System der Meistbegünsti-
gung in Verbindung mit dem starken Bedürfnis der fremden
Länder, die für ihre landwirtschaftlichen Erzeugnisse den Absatz
in Deutschland brauchen.

Ich verlange nur hohe Agrarzölle für den Zolltarif, um in
ihnen eine Waffe gegen die Industriezölle des Auslandes zu
haben, also starke Verhandlungszölle.

Aber sselbst wenn in dem einen oder anderen Agrarprodutkt
der endgültige Zoll höher als unbedingt notwendig bleiben sollte,
so wird angesichts der starken Entwicklungsmöglichkeiten in fast
allen Zweigen der heimischen Landwirtschaft die eigene heimische
Konkurrenz den Preis dieses Produktes rasch auf ein für den
Verbraucher erträgliches Maß drücken. Die in der JIndustrie
übliche Syndizierung und Kontingentierung der Produktion
zum Zweck der Hochhaltung der Preise kennt die Landwirtschaft
nicht und würde sie bei der Eigenart der landwirtschaftlichen
Produttionsverhältnisse nie durchführen können.

Zollschutz und Produkttionssteigerung.

Wie rasch eine vorübergehende Steigerung eines Agrarpro-
duktes eine Produktionssteigerung und damit die Preissenkung
durch eigene Konkurrenz herbeiführt, zeigt in neuesster Zeit
die Entwicklung des Milchpreises und des Kartoffelpreisses.
Daran ändern im Durchschnitt der Jahre auch gelegentliche
Mißernten mit vorübergehender Preissteigerung nichts. Wenn

] 2
        <pb n="15" />
        in Jahren guter Ernte wie z. B. 1925 die Gesamtheit der Ver-
braucher in vollem Umfange den Vorteil des heimischen Über-
angebots (Kartoffeln und Roggen) und damit zusammen-
hängenden Preisdrucks für sich in Anspruch nehmen kann, so ist
es nur billig, wenn in Jahren der Mißernte der Landwirt in
einem gesteigerten Preis einen teilweisen Ausgleich für den
Minderertrag findet.

Nimmt man die Dinge im großen ganzen, so bewirkt Zoll-
schutz Produktionssteigerung und damit Preissenkung. Man er-
innert sich, wie zur Bülowzeit, als etwas erhöhte Getreidezölle
eingeführt wurden, über Brotwucher geklagt wurde. Was ist
eingetreten? Die Anbauflächen wuchsen, bei Roggen allein um
200 000 ha (1913 gegen 1906), das sind 800 000 preußische
Morgen. Die erzeugten Roggenmengen wuchsen noch stärker,
weil an Dünger usw. mehr riskiert wurde. Die Hektarerträge
stellten sich vor und nach der Einführung der sog. Bülowzölle in
langjährigen Durchschnitten berechnet wie folgt:

Roggen Weizen
1893-1906 .......... 13,9 dz 17,3 dz
1907-1914 .... ...... 17,9 dz 22,1 dz
Bei Gerste, Hafer usw. trat gleiches ein. Durchschnittlich also
trug jeder Hektar nach der Zollerhöhung 20-25 v. H. mehr
als vorher.
Schutz der nationalen Arbeit ist auch Schutz der Volksernährung.
Ziehen wir das Schlußergebnis, so können wir feststellen:
Die Schwäche der deutschen Wirtschaft gegenüber dem Ausland
liegt darin, daß Deutschland für seine Industriewaren Absatz im
Auslande suchen muß, die meisten fremden Länder aber kein
Interesse daran haben, ihn zu gewähren.
L 3
        <pb n="16" />
        Die Stärke Deutschlands liegt darin, daß das Ausland Inter-
esse daran hat, seine Agrarprodukte in Deutschland abzusetzen,
daß Deutschland aber nicht in der Notwendigkeit sich befindet,
sie aufzunehmen. Deutschland hat vielmehr das größte Interesse
daran, seine heimische landwirtschaftliche Erzeugung zu stärken.
Damit wird Geld gespart, das der heimischen Wirtschaft, nament-
lich der Industrie, zugute kommt.

Zur Gesundung der deutschen Wirtschaft ist es dringend zu
hoffen, daß Regierung und Reichstag, angesichts der klar zu-
tage liegenden Schwächen sich auch der Stärke unserer Lage
bewußt werden und sie in dem kommenden Zolltarif ausnutzen
und nicht wieder wie im Jahre 1925 die für die Handelsvertrags-
verhandlungen so unbedingt notwendigen Waffen sich selber
aus der Hand schlagen, um dann zu Verträgen gezwungen zu
sein, in denen lediglich das Ausland als lachender Oritter den
Vorteil aus der deutschen Kurzsichtigkeit und mangelnden wirt-
schaftlichen Solidarität zieht.

Schutz der heimischen Erzeugung sichert und ver-
billigt die Volksernährung.
        <pb n="17" />
        Einfuhr einiger wichtiger landwirtsschaftlicher Erzeug-
nisse. Durchschnitt 1911/13 und 1925 nach Mengen.
T o n n e n
1911/13 1925
Weizen: 2 A43 900 1 678 000
Roggen: 427 500 360 800
Gerste: 3 281 300 932 500
Hafer: 599 700 A44 100
Mais: 934 800 556 500
Milch (frisch) : 39 300 55 800
Rahm: 39 400 500
Butter: 55 300 96 600
Käse: 22 800 67 400
Eier, einschließlich
Eigelb und Eiweiß: 169 300 250 000
Fleisch: 49 700 229 000
darunter Gefrierfleisch
115 800
Speck und Schinken: 2 300 8 700

XI F
        <pb n="18" />
        S t ü c&lt;&gt;
1911/13 1.25

Pferde: 139 400 A4 100

Rindvieh: 233 300 178 900
Schweine: 128 800 115 500
darunter darunter

1 000 Fertel 10 600 Ferkel
Schafe: 10 300 7 800
Gänse: 8 143 500 1 514 100
T o n n e n
Federvieh: 131 900 53 800
Kartoffeln : 666 200 391 800
Gemüse: 328 700 Z47 800
Obst: 355 100 A58 300
Südfrüchte: 310 600 AT2 600
Ölfrüchte: 1 487 400 1 104 900
darunter:
Raps und Rübsen: 137 900 A7T 200
Leinsaat: 388 900 209 700
Sämereien: 85 400 Z4 600
darunter :
Klee und Luzerne: A7 900 20 100
Rübensamen: 15400 , t
Grassaat: 17 490, ~ ’ 3.„.9,600
M LU

ss
T6
        <pb n="19" />
        I': Wirtschaftsnot bewegt jeden im Volk. Die
Frage, welche Wege uns aus ihr herausführen,
tritt auch an den einfachsten Mann, an jede Hausfrau
und nicht weniger an unsere Jugend heran. Schwer aber
ist es für den einzelnen, sich
ein richtiges Bild über die
schwebenden Fragen
zu schaffen. Die tägliche Not und die Arbeit im
Beruf lassen nicht die Zeit zu eingehenden Studien.
Selbst der, welcher das Geld aufwenden könnte, um sich
die nötigen Bücher zu kaufen. verfügt nicht immer über
die nötige Anleitung dazu. Die Fülle der Literatur ver-
wirrt, statt zu klären. Und doch:
Der Weg zur Wahrheit

steht offen.
Wenn man die Probleme durchdenkt, so bieten sich ver-
hältnismäßig einfache Lösungen dar. Ist doch die Wahr-
        <pb n="20" />
        heit immer einfach. Freilich ist es nicht leicht, sie in
kurzer allgemeinverständlicher Form allen denkenden Volks-
genossen nahezubringen.
Die Männer, die sich zur Herausgabe und Bearbeitung
der „Wirtschaftsfragen der Zeit!! zusammengefunden
haben, haben den richtigen Weg beschritten. Sie be-
handeln die wichtigsten Punkte, von denen aus ein
Verständnis für unsere Wirtschaftsnot
zu gewinnen. ist, in ganz kurzen Abhandlungen. Jede
dieser Abhandlungen behandelt nur eine Frage, und zwar
in so knapper und klar gegliederter Form, daß sie in etwa
einer Stunde durchstudiert werden kann und dem Leser
eine gründliche Kenntnis vermittelt. Die Herausgeber
und der Verlag hoffen, daß diese sachliche und unpartei-
ische Behandlung brennendster Gegenwartsfragen unserem
schwer leidenden, aber so strebsamen und nachdenklichen
Volke einen wertvollen und praktischen Dienst leisten wird.
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        K:
. #
3 uhr einiger wichtiger landwirtschaftlicher Erzeug-
cs . Ourchschnitt 1911/13 und 1925 nach Mengen.
D T o n n e n
&gt; 1911/13 1925
izen: 2 443 900 1 678 000
zgen : A27 500 360 800
iste: 3 281 300 932 500
er: 599 700 A44 100
is: 934 800 556 500
c&lt; (frisch) : 39 300 55 800
S m: 39 400 500
z, ter: 55 300 96 600
v ?: 22 800 67 400
CI ~~~: E
v , einschließlich
- Eigelb und Eiweiß: 169 300 250 000
[ Ä
. s 49 700 229 000
darunter Gefrierfleisch
115 800
ö &gt; und Schinken: 2 300 8 700
t LUV. „EER W ++

1
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