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        <title>Über Wahrsager, Weltverbesserer, Nerven- und Geisteskrankheiten im Kriege</title>
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            <forname>Arthur H.</forname>
            <surname>Hübner</surname>
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        </author>
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            <idno>173596543X</idno>
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        7 4/1
EIGENTUAM
us fre.
WELTWIRTSCHAFE
Tru orneK
L z3510
. u
        <pb n="2" />
        Deutsche Kriegsschriften
26. Heft
Über Wahrsager,
Weltverbesserer, Nerven- und
Geisteskrankheiten im Kriege
Vorirag
gehalten in der Anthropologischen Gessellschaft zu Bonn
e t V.; A H: Hübner ..
Nl. Marcus &amp;amp; E. Webers Verlag (Dr. jur. Albert Ahn) in Bonn

MM
        <pb n="3" />
        A. Maxeus &amp;amp; C. Webers Berlag (Vr. jur. Albert Ahn) in Bonn
forensis “z! DPsychiatrie
Von Prof. Dr. A. H. Hübner
Oberarzt der Psychiatrischen und Nervenklinik in Bonn
Preis brosch. M. 26.9, geb. M. 28.9
Mit Teuerungszuschla na. „ „ 28.60, „„ „, 90.80
Nicht bloß die Mediziner im allgemeinen und die Psychiater insbesondere,
sondern auch die Juristen ~ Richter sowohl wie Staatsanwälte nnd Rechtsanwälte
 , ferner auch Verwaltungsbeamte und namentlich auch Leiter von Heilenstalten,
 Vorsteher von Strafanstalten, sowie überhaupt alle, die an der Erkenntnis
 und Feststellung von Geisteskrankheiten ein Interesse haben, werden aus
dem geistvollen, ungemein inhaltsreichen Werke Belehrung und für ihre Praxis
dauernden Nuten schürfen. Wirkl. Geh. Kriegsrat Dr. jur. Romen.
Die Anschaffung des Buches kann dem Gerichtsarzt ebenso wie dem Psychiater
warm empfohlen werden. Geh. Med.-Rat Prof. Pup pe- Königsberg i. Pr.
Zeitschrift für Psychiatrie: . . . Das Hübnersche Buch bringt troy seiner
Stärke nur Notwendiges und Wissenswertes und dies in klarer und versständlicher
 Form. Die illustrierenden Beispiele aus der Praxis sind knapp, kurz und
iressend, die Gesetesparagraphen und ihre Ctkiuterungen recht vollständig.
Berliner klin. Wochenschrift vom 20. April 1914: . . . In der Tat dürste
es kamn eine einzige Rechtsfrage an den Psychiater geben, die das Hübnersche
Butéh nicht beantwortet . . . Ein erschöpfendes Namen- und Sachregister schließen
das Hübnersche Buch, dem Referent den wohlverdienten Erfolg herzlich wünscht.
Das Buch ist ein trefsliches Nachschlagebuch auch ssür den erfahrenen Sachverständigen,
 und kann zugleich für das schwierige Gebiet der forenssischen Psychiatxrie
auf das beste vorbereiten.
. Deutsche medizinische Wochenschrift 1914, Nr. 9 : Den vielen beamteten
Ärzten, wie manchem Praktiker, der häufig mit forensisch-psychiatrischen Fragen
ti! ritt ist das Buch sicher als zur Zeit bestes Lehr- und Nachschlagewerk zu
!:; für Psychiatrie: . . . Das reiche Material, welches dem Verfasser
tt Hrtfügtng gtsfurder 0% t gelöntl uettentel "U? iner Voiübtzklt
its] tei Llthtt uur r! | in ts Bereich ).. forensischen Psychiatrie
sallenden Fragen.
Ärztliche Sachverständigen-Zeitung Nr. 8 vom 15. April 1914: . . . Im
Rahmen einer Besprechung lassen sich die Einzelheiten eines so groß angelegten
Buches nicht würdigen. Mögen vorstehende Angaben und Beispiele genügen, um
zu zeigen, wie umfassend und doch wieder mit welcher selbständigen Vertiefung
in wichtige Einzelheiten Hübner sein Werk ausgestaltet hat, dem ein bedeutender
Erfolg vorausgesagt werden kann.
        <pb n="4" />
        Über Wahrsager,
Weltverbesserer, Nerven- und
Geisteskrankheiten im Kriege
Vortrag
gehalten in der Anthropologischen Gessellschaft zu Bonn
ti Or l H Koe ..
A. Mareus &amp;amp; €. Webers V; UL Oe. jur. Albert Ahn) in Bonn

von
+ N R
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        Nachdruck verboten.
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten.
Copyright by A. Marcus &amp;amp; U. Webers Verlag, Bonn 1918.
«\sCnNg-U.
 1190
S sint zins §
, D
E HLS
iA zz?
Otto Wigand'sche Buchdruckerei G. m. v. H., Veipgtg
        <pb n="6" />
        Die folgenden Ausführungen haben einen dreifachen Zweck :
Bezüglich des Aber g lau bens wollen sie zeigen, daß
ebenso wie die Religiosität, auch der Glaube an geheimnisvolle
Kräfte verschiedenster Art im Kriege zugenommen hat.
Es soll vor allen Dingen aber auf die äußerst bedenkliche
Erscheinung hingewiesen werden, daß diejenigen, welche den
Aberglauben zu Erwerbszwecken ausbeuten, zum mindesten
s o z i a l anrüchige Eristenzen sind, nicht selten sind es sogar
Menschen, die — medizinisch betrachtet + zu den geistig Abnormen
 gehören.
Fast alle täuschen außerdem ihre Klienten bewußt.
Ein anderer Zweck dieses Aufsatzes geht dahin, das Publikum
vor kritikloser Parteinahme für manche Weltverbesserer
und Phanta sten, und vor dem Auttreten bestimmter H o ch -
sta p ler zu warnen, die sich jetzt gleichfalls unangenehmer bemerkbar
 machen, als in Friedenszeiten.
Bezüglich der Geiste s- und Nervenkrankheiten,
welche der Krieg hervorruft, soll dargetan werden, daß das Leben
im Felde zwar vorübergehende Schäden am Nervensystem
nicht selten verursacht, daß aber doch ein sehr großer Teil derselben
rasch ausgleichbar ist, so daß die Zahl der infolge von Kriegsbeschädigungen
 d au ern d er Anstaltspflege bedürftigen Geisteskranken
 voraussichtlich nur gering sein wird. +
        <pb n="7" />
        ][. Aberglauben.
Was den Aberglauben anlangt, so bedarf dieser Begriff
 für die folgenden Ausführungen keiner besonderen Desinition,
 da nicht nur die Ärzte, sondern auch die Theologen das,
wovon ich sprechen will, ohne weiteres als Aberglauben erkennen
und bezeichnen.
Das Material zu diesem Kapitel habe ich zum Teil der
Klinik und Poliklinik für Nerven- und Geisteskranke in Bonn
und meiner Privatpraxis entnommen, zum andern Teil verdanke
ich dasselbe dem freundlichen Entgegenkommen einer Reihe evangelischer
 und katholischer Geistlicher, die sich + ost in sehr ausführlicher
 Weise ~ über ihre Beobachtungen ausgesprochen
haben. +
Wenn wir von einigen wenigen, besonders auffälligen Geschehnissen
 absehen (z. B. dem Prozeß der Bombastuswerke und
dem Prozeß Nuscha-Butze), dann können wir sagen, daß im
Frieden der Aberglauben in Deutschland keine große Rolle gespielt
 hat. Im Kriege hat er zugenommen und damit auch seine
Ausbeutung im Sinne der Kriegsgewinne.
Während früher Mancher zur Wahrsagerin ging, ohne ernstlich
 an das, was er dort hörte, zu glauben, hat die Neigung zum
Mysstizismus seit Beginn des Krieges erheblich zugenommen.
Die bekanntesten Formen, welche Anstoß erregt haben, sind
folgende:
a) Die Gebetzettel. Schon in früheren Jahrhunderten
haben sich in einzelnen Familien handschriftlich aufgezeichnete Gebete
 fortgeerbt, die an die Jungfrau Maria oder Jesus Christus
gerichtet waren und überirdischen Ursprungs sein sollten. Nach
einer Sage z. B. soll vor vielen Jahrhunderten in Mecklenburg
        <pb n="8" />
        ein solches Gebet vom Himmel gefallen sein. Es wurde dann in
einem Kloster mit goldenen Lettern aufgezeichnet. Demjenigen,
der es schriftlich oder gedruckt bei sich trug, sollte es Schutz vor
allerlei Gefahren bieten.
Nach einer anderen Lesart soll das Gebet Karl dem Großen
von einem Engel vom Himmel heruntergebracht worden sein.
Als der Krieg ausbrach, da wurden diese alten Gebete den
ausziehenden Soldaten zum Schutz ins Feld mitgegeben.
Wie wenig sie nützten, zeigt z. B. ein altes vergilbtes Blatt
aus der Sammlung des Verfassers. Es wurde einem Geistlichen
aus dem Schützengraben zugesandt, nachdem sein Besitzer gefallen
 war.
Dieser in einzelnen Familien gläubig gepflegten Sitte bemächtigte
 sich sehr bald nach Kriegsbeginn die Industrie. Einzelne
 Drucker brachten die Gebete massenhaft auf den Markt,
priesen sie in marktschreierischer Weise an und machten damit
glänzende Geschäfte. Selbsstverständlich hat der größte Teil dieser
Drucker an die Wunderwirkung nicht geglaubt.
Der Geschäftsbetrieb nahm einen solchen Umfang an, daß
die geistlichen Behörden einschreiten mußten.
b) Die gleichen Gebete sind auch in Form der sogenannten
K ettenbriefe im Lande verbreitet worden. Der Grundgedanke
 ist dabei folgender :
Jeder, der einen solchen Gebetbrief anonym oder mit
Namensnennung erhält, ist verpflichtet, ihn sieben-, nach einer
anderen Lesart neunmal abzuschreiben und an Bekannte und Verwandte
 weiterzugeben. Wer das unterläßt, macht sich eines
schlimmen Vergehens schuldig, weil er die „Gebetkette unterbricht“.
 Wer der Aufforderung richtig nachkommt, dem wird ver-
        <pb n="9" />
        sprochen, daß er am 7. bzw. 9. Tage eines großen Glückes teilhaftig
 würde.
Auch gegen diese Unsitte ist von Seiten der Geistlichkeit
energisch eingeschritten worden. H
c) Mehr noch, als die eben geschilderte Form des Aberglaubens,
 blühte während des Krieges eine andere, nämlich das
Kartenlegen und Wahrsagen.
Die angewandten Methoden sind verschiedener Art: Es
wurde aus den Karten in der üblichen, z. B. in dem „Handbuch
 für Untersuchungsrichter“ von Groß beschriebenen Form geweissagt,
 ferner wurden die Linien in der Hand benutzt, außerdem
 der Kaffeesatz, den Urin und die Traumdeutung.
Mehr noch) als im Frieden nahm der Betrieb bei gesuchten
Wahrsagern die Form einer richtigen Sprechstunde an. Einzelne
solcher Wahrsager und Kartenleger hatten im Laufe des Tages
eine Klientel von 50 Leuten und mehr, gleichgültig ob das Wahrsagen
 behördlich verboten war oder nicht.
Bemerkenswert ist dabei, daß sich unter diesen viele Soldaten
und Kriegerfrauen befanden, und daß die Zahl der lediglich Neugierigen
 ganz erheblich gegen früher abgenommen hatte. Es gab
bei den Wahrsagern geradezu ständige Kunden, namentlich unter
den Kriegerfrauen, die nach jedem Briefe des Mannes aus dem
Felde oder wenn solche Briefe ausblieben, zur Wahrsagerin
gingen, um über das Befinden des Kriegers Auskunft zu bekommen.

Nicht selten geschah es auch, daß die Kriegerfrauen den
fehlenden Rat des Mannes bei wichtigen Entschlüssen von der
Kartenlegerin einholten oder die Mitteilung wichtiger Familienbegebenheiten
 an den im Felde weilenden Mann von dem
Orakel der Wahrsagerin abhängig machten.

ß
        <pb n="10" />
        Es ist allgemein bekannt, daß durch ungünstige Angaben von
seiten des Wahrsagers in einzelnen Fällen nervöse oder geistige
Störungen hervorgerufen worden sind.
Noch häufiger kam es vor, daß nervös veranlagte Perssonen,
die unter den Klienten der Wahrsager zahlreich vertreten sind, auf
ungünstige Mitteilungen mit wochenlangen Verschlimmerungen
reagierten.
Das M ot i v der Wahrsager whar in den allerseltensten
Fällen + darin stimmen die Erfahrungen des Vortragenden mit
denen sämtlicher Geistlichen überein + der Glaube an die Wunderkraft
 der Karten oder des betreffenden Wahrsagers, sondern
reine Gewinnsucht. Der Vortragende hat einige Wahrsager näher
kennen gelernt und befragt. Sie erklärten übereinstimmend, daß
das Geschäft jetzt im Kriege besonders blühe.
Sie gaben auch fast stets anstandslos zu, daß sie in ihrer
Tätigkeit nur eine besondere, sehr bequeme Form des Erwerbes
erblickten.
Unter den Mitteilungen, die der Vortragende von Geistlichen
 erhalten hat, befindet sich nur eine, nach der sich ein Bauer
schon seit vielen Jahren sowohl durch Wahrsagen, wie durch
Heilversuche betätigt, ohne je einen Pfennig Geld angenommen
zu haben.
Dieser Mann soll an die Kraft seiner Weissagungen und
seines Handauflegens selbst fest glauben.
cd) Wir kommen damit zu der vierten Form des schädlichen
Aberglaubens, nämlich zu den Ges un d b etern und Heilkünstlern,
 die mit Handauflegen, Beten oder besonderen
Medikamenten arbeiten.
Es ist bekannt, daß nicht selten unter der Leitung eines bezahlten
 Menschen ganze Vereinigungen von Gesundbetern zustande
 kommen.
        <pb n="11" />
        Die gewerbsmäßig ausgeübte Heilkunst dieser Art wird entweder
 dadurch betätigt, daß der betreffende Heilkünstler Gebete
murmelt oder es wird gemeinsam mit dem! Patienten eine Gebetsssitzung
 veranstaltet, unter Umständen werden auch geweihte
Kräuter neben den Gebeten verabreicht. Der Betrieb wird
größtenteils in Sprechstundenform, oder in abendlichen Sitzungen,
gelegentlich im Umherziehen ausgeübt.
Die Motive sind, abgesehen von einigen sehr seltenen Ausnahmen,
 lediglich gewinnsüchtiger Natur. Daneben spielen bei
den Gesundbetern gelegentlich auch sexuelle Motive eine Rolle.
Ein Beispiel dieser Art ist der sogenannte Wundermönch Rassputin,
 mit dessen Leben und Wirken wir uns weiter unten noch beschäftigen
 werden. +
Von Heilkünstlern, die in der Rheinprovinz wirken, habe ich
zufällig mehrere kennen gelernt, und zwar nicht allein in der ärztlichen
 Sprechstunde, sondern zum Teil auch außerhalb derselben.
Alle waren, in sozialem Sinne genommen, zweifelhafte Existenzen.
Von dreien konnte der Lebenslauf genauer ermittelt werden.
Er sei hier wiedergegeben :
1. X. Y. Frau von ca. 40 Jahren, wegen Schwachssinns mit
epileptischen Anfällen mehrfach in Irrenansstalten gewesen, treibt
jetzt –+ aus der Anstalt entlassen + einen Hausierhandel vorwiegend
 mit Seifen und Knöpfen unter Überschreitung der Höchstpreise.
 Außerdem betätigt sie sich durch Wahrsagen aus den
Karten. Honorar 50 Pf. bis 1 Mk. Sie schleicht sich zu letzterem
Zwecke unter der Form des Seifen- und Knöpfeverkaufes in
Lazarette ein.
2. 25jähriger. junger Mensch, Hysteriker mit Anfällen zeitweiliger
 Verstimmung und sehr labilem psychischen Gleichgewicht.
War gleichzeitig bekannter Homosexueller in einer rheinischen

~)
        <pb n="12" />
        Stadt. Hatte einen „Geliebten“, der ihn „aushielt“, seit Kriegsbeginn
 aber im Felde steht. Daneben betrieb er im Frieden auch.
ssonst homosexuellen Verkehr gegen Entgelt. Als .der Geliebte
ins Feld zog, begann er aus den Karten wahrzusagen. kiel)
Während des Krieges mehrfach psychogene Zitterzustände,
namentlich, als er zum Militär eingezogen werden sollte. Als
er den Gestelungsbefehl bekam, entfernte er sich von Hause und
wurde polizeilich gesucht. Nachdem man ihn gefunden hatte,
traten neue hysterische Erscheinungen auf. Als er schließlich in
ein Lazarett zur Beobachtung seines Geisteszustandes gebracht
werden sollte, beging er Selbstmord.
3. Sehr bekannter Heilkünstler vom Rhein, der teils mit
Kräutern, teils mit Gebeten arbeitete, dem Arzte gegenüber ganz
offen erklärte, daß er an „den Schwindel“ keineswegs glaube,
derselbe ernähre ihn aber sehr gut und man habe ihm bis jetzt
auch gerichtlich noch nichts anhaben können. Er habe zwar schon
mehrere Male vor Gericht gestanden, sei aber immer wegen
Mangels an Beweisen freigesprochen worden.
Die ärztliche Untersuchung ergab, daß er an periodisch auftretenden
 manischen und melancholischen Zuständen litt, derentwegen
 er früher Invalidenrente bekommen hatte.
Mit Rücksicht darauf, daß er sein Gewerbe in größtem Stil
betrieb, sollte ihm die Rente entzogen werden. Hiergegen wehrte
er sich mit allen Mitteln, da er mit Recht befürchtete, daß ihm
jetzt im Kriege das Handwerk gelegt werden könnte.
Der Letzterwähnte gehörte zu denjenigen Heilkünstlern, die
jährlich Tausende verdienen!
Unter den dem Vortragenden bekannt gewordenen Persönlichkeiten
 befindet sich auch ein Heilmittelschwindler, der gegen
tieures Geld angebliches Lourdeswasser in kleinen Mengen an

Ä
        <pb n="13" />
        Gläubige verkaufte. Wie er selbst dem Vortragenden erzählte.
stammte das Wasser aus dem heimatlichen Ziehbrunnen. Um
seine Gläubigen nicht mißtrauisch zu machen, gab er jedem nur
wenige Kubikzentimeter in einer großen Flasche und erzählte den
Betreffenden dann, mehr besäße er im Augenblick nicht. Das in
der Flasche Fehlende hätte er bereits anderen Kranken verabfolgt.
Die Preise, die er nahm, waren je nach dem Stande des Klienten
verschieden, immer aber sehr hoch. Unter seinen Patienten befanden
 sich auch viele Soldaten und Soldatenfrauen.
Fassen wir das bisher mitgeteilte Tatsachenmaterial zusammen,
 so hören wir 1. aus dem Munde derjenigen, die es
wissen müssen, nämllich von den Heilkünstlern und Wahrsagern
selbst, daß sie im Kriege vom Publikum stärker in Anspruch genommen
 worden sind, als vorher. Der Aberglaube hat also tatsächlich
 zugenommen.
Wir müssen 2. die betrübende Feststelung machen, daß die
Wahrsager ihre Klienten fast immer be wu ß t täuschen.
Wieviel sauer erworbenes oder aus staatlichen Kasssen herrührendes
 Geld (Kriegsunterstützung !) fließt somit notorischen
Betrügern zu! Wieviel Aufregung und Trauer wird durch diesen
Schwindel hervorgerufen! Wieviel wirtschaftlicher Schaden gestiftet!

3. Schließlich können wir aus den oben wiedergegebenen
Notizen über die Persönlichkeiten, welche sich als ausübende Heilkünstler
 und Wahrsager betätigen, entnehmen, daß es nicht nur
suzial, sondern nicht selten auch geistig minderwertige Menschen
sind, die das Vertrauen des Publikums genießen.
Es liegt nahe, die Frage aufzuwerfen, wie man diesen
Übelständen begegnen kann. Daß Gesetze und Polizei hier nichts
erreicht haben, wird jedem einleuchten, der weiß, wie schwer diese

10
        <pb n="14" />
        und die verwandten Gewerbe staatlich zu beaufsichtigen sind.
Besserung ist in erster Linie von der Aufklärung des Publikums
zu erhoffen. Darum habe ich geglaubt, das, was ich selbst erlebt
oder von kompetenten Beurteilern erfahren habe, mitteilen zu
sollen.
Sozial weniger gefährlich und auch erheblich seltener sind
einige, nunmehr zu beschreibende Erscheinungen.
e) Während des Krieges ist das „zweite Gesicht“ wieder öfter
erwähnt worden. Einzelne, im Felde Gefallene sollten sich durch
Klopfen, klägliches Rufen oder als Schatten in der Stunde ihres
Todes bemerkbar gemacht haben.
Soweit ich Menschen, die solche Wahrnehmungen gemacht
 haben wollten, untersuchen konnte, handelte es sich um
Grenzzustände, d. h. entweder leicht Schwachsinnige oder hysterissch
veranlagte Persönlichkeiten, die offenbar irgendein zufälliges Geräusch
 oder einen Schatten im Dunkeln falsch gedeutet hatten.
k] In das Gebiet des Aberglaubens gehören ferner auch die
Prophezeiungen über das Kriegsende. Aus der Rheinprovinz ist
dem Verfasser ein Fall bekannt geworden: Er betrifft eine
alte Frau in einem Dorfe bei Aachen. Sie trat eines Tages mit
der Behauptung hervor, daß in den letzten 3 Kriegen die Glocke
des Dorfes 3 Monate vor Friedensschluß jedesmal aus dem
Turme gefallen sei. Da dies im Sommer 1917 dort auch
passierte, sagte sie den Frieden voraus. Wie wir inzwischen
wissen, sehr zu Unrecht.
L) Weniger ernst zu nehmen ist der „Aberglaube“ der Flieger,
wie er + halb scherzweise in einzelnen Büchern erwähnt wird.
h) Bedeutungsvoller dagegen ist der Glaube, gegen Kugeln
gefeit zu sein, der bei manchen ehemaligen Wildsschützen bestehen
soll. Näheres habe ich bisher darüber nicht ermitteln können.

1 #
        <pb n="15" />
        Einer Zeitungsnotiz entnehme ich aber, daß man den Heldentod
eines bekannten Tiroler Schützen mit diesem Aberglauben in Verbindung
 brachte.
|. Sektierer, Erfinder, Friedensapostel
und politische Phantasten.
Habe ich in dem ersten Teil dieser Arbeit mich gegen die Ausbeutung
 des Aberglaubens gewandt, wobei ich nebenbei zeigen
konnte, daß auch die Psychiatrie Veranlassung hat, sich mit dem
Problem zu beschäftigen, so soll der zweite Abschnitt auf einige
andere soziale Erscheinungen hinweisen, die das gebildete Publikum
 gleichfalls interessieren, die bisweilen sogar dazu führen, daß
in der Öffentlichkeit Streitigkeiten entstehen und daß die Einen
für, die Anderen ebenso leidenschaftlich gegen solche Menschen
Partei nehmen.
Was ich meine, sind gewisse Sektierer, Erfinder, Friedensapostel,
 philosophische Weltverbesserer und Phantasssten auf politischem
 Gebiet, denen der Krieg neuen Anlaß zum Spintisieren
gegeben hat.
Wenn ein Psychiater über solche Menschen spricht und
schreibt, dann läuft er Gefahr, mißverstanden zu werden. Man
glaubt, er will solche Ausnahmemenschen unterschiedslos zu
Geisteskranken stempeln. Das ist selbstredend die Absicht nicht,
obwohl aus einzelnen Beispielen sehr deutlich hervorgehen wird,
daß sie an der Grenze.zur Psychose stehen.
Wenn die Psychiatrie diese Sonderlinge zu analysieren sucht,
so soll damit auch nichts über die strafrechtliche Zurechnungsfähigkeit
 oder Geschäftsfähigkeit des Betreffenden gesagt werden, sondern
 der Arzt will nur zeigen, daß diese Menschen neben vielen,

1 2
        <pb n="16" />
        auch bei Normalen sich findenden Eigenschaften andere Züge darbieten,
 die ihnen eine gewisse Sonderstellung verleihen. Diese
Züge sind es nun aber gerade, die ihr Denken, ihre Schlußfolgerungen
 und Handlungen weitgehendst beeinflussen und sie + oft
zum Schaden der Öffentlichkeit + auf Abwege geraten lassen.
Die Psychiatrie will also nicht etikettieren, sondern Ausnahmeerscheinungen
 pssychologissch und psychopathologissch erklären,
psychische Phänomene, die allerdings an der Peripherie des
Normalen liegen, verständlich machen.
Ich habe oben schon gesagt, daß ich nicht alle die, welche in
dieses Kapitel gehören, für geisteskrank erklären will. Hinzufügen
muß ich, daß selbstredend auch nicht alles, was sie vroduzieren,
falsch oder gar töricht ist. Im Gegenteil hat der Krieg so Manchen
 zum erfolgreichen Erfinder auf Gebieten gemacht, die ihm
früher ganz fern lagen. Aus eigener Anschauung habe ich z. B.
einen Rechtsanwalt kennen gelernt, der sich im Frieden vorwiegend
 als Schriftsteller (Lustspieldichter) betätigt hatte und im
Kriege eine Wurfmaschine erfand, mit der man Telephondraht
durch Sperrfeuer mehrere hundert Meter weit werfen konnte.
Ein Maschineningenieur beschäftigte sich gleichzeitig mit der
Konstruktion eines besonderen Schiffstyps zum Übersetzen von
Truppen nach England und der Herstellung von Stiefelsohlen
aus Pflanzenfasern. Das erstere Projekt war praktisch nicht
brauchbar. Mit der Stiefelsohle wurden erfolgreiche Versuche angestellt.

Ein Schuster hatte sich an den Bau eines Flugzeuges herangewagt,
 daß von ernst zu nehmenden Leuten für brauchbar gehalten
 wurde.
Es ist also nicht jeder Erfinder ohne entsprechende Vorbildung
 erfolglos und krank. Darüber hinaus gibt es nun aber

1.3
        <pb n="17" />
        Naturen, die s i ch er pathologisch veranlagt sind und mit dieser
Beigabe an die großen Fragen der Menschheit herantreten. In
den allermeisten Fällen geschieht das ohne eine angemessene Vorbildung
 oder unter mehr oder minder ausgiebiger Vernachlässigung
dessen, was über die sie interessierenden Probleme schon bekannt
ist; und weil nun ein verschrobener Mensch an eine Sache herantritt,
 die er geistig gar nicht vollständig bewältigt, so kommt er
meist auch zu verschrobenen Schlüssen.
Das Abnorme, mit dem diese Persönlichkeiten behaftet sind,
gibt sich ganz abgesehen von ihren Geistesprodukten. . in
einem krankhaften Idealismus kund, der oft verbunden ist mit
Selbsstüberschätzung und mit völliger Verkennung der Notwendigkeiten
 des realen Lebens.
So kommt es denn auch, daß diese Kranken . es handelt
sich meist um sogenannte „Grenzzustände" + für ihre Ideale
leiden, wirtschaftlich in der Welt nicht vorankommen, ja sozial
Schiffbruch leiden.
Am wenigsten Schaden von ihrer abnormen Veranlagung erleiden
 die milderen Formen, die sich damit begnügen, ihre nächste
Umgebung über ihre Theorien zu unterrichten, im übrigen aber
der breiten Öffentlichkeit nicht lästig fallen.
Leider geschieht es nicht selten, daß mit den bisher geschilderten
 Eigenschaften ein sehr lebhaftes Temperament, ja sogar
eine abnorme Affekterregbarkeit und die Neigung in breitester
Weise für die gefundenen Gedankengänge Propaganda zu machen,
verbunden ist, so daß diese Kranken sich als Märtyrer ihrer Ideen
fühlen, es mitunter auch, wenn die Öffentlichkeit die krankhaften
Komponente ihres Wesens nicht erkennt, werden.
Naturgemäß wirkt der Krieg aus den verschiedensten Gründen
heraus auf diese Persönlichkeiten ungünstig und so kommt es

| d
        <pb n="18" />
        denn, daß die einen in der idealen Absicht, dem Vaterlande einen
großen Dienst zu leisten, die anderen aus mehr egoistischen
Motiven mit Hilfe einer „großen Tat“ oder eines „großen Gedankens“
 sich weit über die Menge zu erheben suchen, Dritte auch
wohl deshalb, weil sie schnell reich werden wollen, mit allerlei
Erfindungen, Theorien, Vorschlägen, philosophischen Systemen
und ähnlichem hervortreten, die auf den Krieg und die Friedensfrage,
 oder „das Glück der ganzen Menschheit“ Bezug haben.
Ein Beispiel, das uns die ganze Gefährlichkeit derartiger
Persönlichkeiten zeigt, ist der Mörder des österreichischen Ministerpräsidenten
 Grafen Stürgh, Dr. Adler, der strafrechtlich zwar als
zurechnungsfähig bezeichnet werden konnte, dessen pathologische
Veranlagung aber von allen Ärzten, die ihn untersucht haben,
übereinstimmend anerkannt wurde.
Ich bin überzeugt, daß unter den Führern der jetzigen russischen
 Revolution solche Typen auch vertreten sein werden. Auch
einzelne unbesonnene politische Handlungen, die wir in Deutschland
 erlebt haben, sind wahrscheinlich so zu erklären.
Es ist im Hinblick auf das bisher Gesagte wichtig, hinzuzufügen,
 daß von den Persönlichkeiten, die der Vortragende selbst
in dieser Beziehung während des Krieges gesehen hat, kaum eine
eine angemessene Vorbildung für das, was sie leisten wollten, hatte.
Der einzige, der sich einigermaßen wissenschaftlich mit den in
Brtracht kommenden Fragen beschäftigt hatte, war ein ehemaliger
Rechtsanwalt.
Seine Geschichte ist folgende :
Bei der Frühjahrskontrollversammlung 1916 in F. fehlte
X. ohne Entschuldigung. Angestellte Ermittelungen ergaben, daß
er nach B. verzogen war.

| 3
        <pb n="19" />
        Am 14. 7. sandte X. dem Bezirkskommando F. auf Verlangen
 seinen Militärpaß und schrieb *) dazu, er benötige denselben
 nicht mehr. „Er habe sich nämlich in B. militärisch nicht angemeldet
 und sei auch nicht zur Kontrollversammlung gegangen.
Der deshalb über ihn zu verhängenden Strafe sehe er gern entgegen.
 Gleichzeitig teile er ergebenst mit, daß er überhaupt jedwede
 Beteiligung am Weltkrieg ebenso höflich wie bestimmt ablehne.
 Er sei sich volllommen darüber klar, daß ihm diese Gehorsamsverweigerung
 teuer zu stehen kommen könne, aber er ssei
von Jugend an gewöhnt und bestrebt, sein äußeres Verhalten mit
seinen inneren Überzeugungen in Einklang zu setzen, und könne
grundsätzlich auch in diesem Falle jetzt nicht mehr anders handeln.
Er bekenne sich nicht erst jetzt, aus Angst eingezogen zu werden,
zu diesen Ideen. Er habe bereits vor 46 Jahren wegen dieser
Dinge Tolstoi persönlich aufgesucht und sich darüber gefreut, daß
auch dieser von ihm verehrte Mann die einfache Lösung für den
vorliegenden Fall gefunden habe, nämlich einfach nicht mittun.
Damit stehe nicht in Widerspruch, daß er zu Anfang des Krieges
sich gestellt und auch eine Zeitlang Dienst getan habe. Er habe
der Sache des Pazifizismus dadurch nützen wollen, daß er den
Heldentod für das Vaterland sstürbe und dann habe er bei der allgemeinen
 Begeisterung unliebsames Aufsehen vermeiden wollen.
Auch habe er damals die Auffassung, daß es sich um einen Verteidigungskrieg
 handle, noch nicht so glatt abgewiesen, wie er es
heute tue. Die Grenze hätte er sogar unter Umständen verteidigen
helfen. Hierzu sei er auch heute noch bereit, unter der unerfüllbaren
 Voraussetzung, daß dies auf der Gegenseite angesagt würde.
Er sei gern bereit, auf seine Anschauungen über die Bedeutung
*) Das folgende ist genau wiedergegeben.

1 (
        <pb n="20" />
        von Vaterland und Grenze, über die wünschenswerte Abschaffung
der Territorialstaaten und ihre Ersetzung durch völkische Kulturgemeinschaften,
 über die Ersetzung der auf Zwang beruhenden
Gemeinschaften durch solche der freiwilligen Unterwerfung bei
passender Gelegenheit näher einzugehen. Er könne hier nicht die
ganze antikratische Lehre erläutern. Vielleicht würde man ihm
durch Beraubung seiner persönlichen Freiheit die hierzu erforderliche
 Muße geben. Er hoffe, nicht gleich erschossen zu werden, da
das neue Deutschland ihn nach dem Kriege noch notwendig
brauchen werde. Er wolle noch bemerken, daß er sich des Ungewöhnlichen
 dieser Art des schriftlichen Verkehrs mit der Militärbehörde
 durchaus bewußt sei und verwahre sich entschieden dagegen,
 daß hieraus etwa eine geistige Anomalie hergeleitet werden
 solle. Er sei gern bereit, jede Prüfung auf seinen Geisteszustand
 siegreich zu bestehen. Wenn heute von Verrückten die
Rede sein könne, dann seien diejenigen die Verrückten, die sich am
Wahnsinn des Weltkrieges beteiligten, einerlei, welchem Volke sie
angehörten.
Zufälligerweise schreibe er diesen Brief am Tage der Erstürmung
 der Bastille. Dieser Tag habe zwar auf der einen Seite
die Pöbelherrschaft und die Demokratie, die levées en masse
und die allgemeine Dienstpflicht ~ kurz, die Vergewaltigung des
Einzelnen durch die Masse im Interesse der Masse gebracht, er
habe aber trotz allem die Morgenröte einer neuen Ära der Freiheit
 gebracht und so nähme er ihn als gutes Omen in seinem
Kampfe um die Erringung der Gewissensfreiheit nicht nur in
religiösen und politischen, sondern auch in nationalen Dingen.“
Der Zweck, den der Verfasser des vorstehenden Briefes verfolgte,
 war der, für seine Ideen Propaganda zu machen, und zwar
einmal bei der Militärbehörde, dann aber auch beim großen
Hübner, Über Wahrsager.

1 7
        <pb n="21" />
        Publikum. Letzteres sollte durch seine Verhaftung auf ihn aufmerksam
 werden. Er wollte der Märtyrer seiner Ideen werden.
Daß diese Gedankengänge der Kritik nicht standhalten, brauche
ich nicht besonders auszuführen.
Ich habe den X. nun gefragt, warum er sich für so besonders
geeignet zur Propagierung seiner Lehre hielte und warum er
glaubte, daß seine Verhaftung die Öffentlichkeit besonders erregen
würde.
Eine brauchbare Antwort auf diese beiden Fragen konnte er
nicht geben. Er war auch nicht imstande zu begründen, warum er
gerade zu jener Zeit den Streit mit dem Militarismus vom
Zaune gebrochen hatte. An seine Eignung zum Märtyrer und an
die Durchführbarkeit seiner politischen Ideen glaubte er aber trotdem
 unerschütterlich weiter.
Wie wenig er zum Volksbeglücker in Wirklichkeit geschaffen
war, ergab die weitere körperliche und geistige Untersuchung.
Er war lungenkrank, schielte, sah unterernährt und vernachlässigt
 aus. Psychiatrisch war er als schwer Entarteter zu bezeichnen.
 ~
Unter den reinen Philosophen und Religionssstiftern, die
namentlich auch für den ewigen Frieden plädierten, fanden sich
Landarbeiter, Handwerker und kleine Kaufleute, die die Anregung
 und wesentlichste Vorbildung zu ihrer Mission meist aus
einigen öffentlichen religiösen oder politischen Versammlungen
geschöpft hatten und nun unter Zuhilfenahme von philosophischen
Büchern, die ihnen zufällig in die Hände geraten waren und
namentlich aus der Bibel ihre Systeme konstruierten. Alle arbeiteten
 mit reichlichen Zitaten. die häufig in ganz kritikloser Weise
aus dem Zusammenhang herausgerissen waren.

s V
        <pb n="22" />
        Der eine von ihnen war in der Bibel besonders belesen. Er
kannte außerdem auch die alten jüdischen Religionsbücher sehr
genau und widerlegte nun mit Zitaten aus beiden jeden Einwiand,
 der ihm gemacht wurde.
Selbsstverständlich war, daß ein Teil dieser Leute den Kriegsdienst
 entweder ganz verweigerte oder nur unter bestimmten Voraussetzungen
 leisten wollte.
Besonders groß war der Sprung im Denken, den ein Apotheker
 machte, der sich seit Jahren mit der Erfindung eines Serums
gegen die Dementia praecox und Epilepsie beschäftigte und auf
dem Umwege über die Theorie der Hormone zu einer kompletten
Weltanschauung kam, die er zunächst in einem offenen Brief an
einen Neutralen propagierte. Eine ausführliche Drucklegung
seines Systems hat er erst in Aussicht gestellt.
Wenn ich alle diese Sonderlinge hier erwähne, so geschieht es,
weil ich gefunden habe, daß das Publikum mitunter für solche
Menschen unberechtigterweise Partei ergreift und behördliche
Maßnahmen gegen sie als ungerecht bezeichnet und abfällig
beurteilt.
Größte Vorsicht ist da am Platze! Es kann sonst leicht geschehen,
 daß sich autoritative Persönlichkeiten für Phantassten einsetzen,
 von denen das Vaterland keinen Gewinn, sondern nur
Schaden hat.
Wir haben in Deutschland einige hierher gehörige Fälle, die,
auf einem Gebiete Gutes leisstend, zu einer gewissen Popularität
gelangt sind. Diese benutzen sie nun aber, um über den engen
Rahmen ihres eigentlichen Schaffensgebietes hinaustretend, sich
in Fragen der Politik und Volkserziehung in einer Art einzumischen,
 die auch dem einsichtigen Laien beweisen sollte, daß sie
von diesen Dingen nichts verstehen. Die Tagesforderungen der

I!
        <pb n="23" />
        Politik und die geistigen und wirtschaftlichen Bedürfnisse eines
großen Volkes kann man nicht in der Studierstube oder in einseitigen
 Parteiversammlungen kennen lernen. Wenn solche Leute
sich trotzdem ein Urteil über Lebensfragen einer Nation anmaßen,
so beweist das nur, daß sie ihre eigenen Fähigkeiten in einer ans
Krankhafte grenzenden Weise überschätzen, oder daß sie von einem
pathologischen Egoismus und Strebertum beseelt sind, das sie
geradezu staatsgefährlich macht.
Der berühmteste, erfolgreichste, aber auch für sein Volk gefährlichste
 „Prophet“, Wunderheiler, Hellseher und Weltverbesserer,
der in den letzten Jahrzehnten in Erscheinung getreten ist, war
der sogenannte Wundermönch Rasputin.
Über sein Leben und Wirken konnte ich folgendes ermitteln:
Grigorij Jefimowitsch Nowych, vom Volke genannt Rasputin,
 ist geboren zu Pokrowskoje (Sibirien) im Jahre 1872 als
Sohn eines trunksüchtigen Fischers. Unter seinen Vorfahren fanden
 sich viel Trinker. Er selbst ergab sich schon früh dem Trunke
und geschlechtlichen Ausschweifungen, war oft in Prügeleien verwickelt
 und soll auch wegen Pferdediebstahls und Meineids bestrasft
 sein.
Nach einer Mitteilung soll seine Trunksucht zeitweise eine
Steigerung erfahren haben. Jedesmal nach einer solchen Periode
pilgerte er dann in einen Wallfahrtsort (Kloster Werchoturje)
und kehrte ruhig und ordentlich zurück.
Er heiratete ein Bauernmädchen und hatte einen Sohn und
zwei Töchter, die er durch den Betrieb einer kleinen Windmühle
ernährte.
Angeblich infolge zweier Begegnungen mit hohen Geistlichen
wandte er sich religiösen Problemen zu, lernte Lesen und Schrei-I()
        <pb n="24" />
        ben, entsagte dem Alkohol und vertiefte sich in die Bibel. Er
machte auch mehrere Wallfahrten.
In die Heimat zurückgekehrt, erklärte er, er sei ein Prophet
und Hellseher. Äußerlich trug er sich wie die Geistlichen.
Bald galt er auch in seinem Dorfe und desssen Umgebung als
eine Art Heiliger.
Bei seinem ersten Erscheinen in Petersburg auf einer Wallfahrt
 erregte er + namentlich bei den Frauen + großes Aufsehen.
 Mehrere hochgestellte Damen besuchten ihn später in seiner
Heimat.
Bis zu diesem Zeitpunkt soll er in Armut gelebt haben. Als
er begann bekannter zu werden, übertrug man ihm die Leitung
von öffentlichen Sammlungen für Kirchenbauten usw.
Damit setzte auch sein finanzieller Aufstieg ein. Durch kirchliche
 Kreise und einige hochgestellte Damen wurde er nach Petersburg
 lanciert und der Zarin vorgestellt.
Da er schon in der Heimat Epileptische, Lahme, Blinde und
Besessene „geheilt“ haben sollte, holte die Kaiserin seinen Rat bezüglich
 des Thronfolgers, der viel kränkelte, ein. Sie sprach auch
über ihre eigene Nervosität mit R. Dieser verschaffte ihr und dem
Sohne, anscheinend durch Hypnose, Linderung und gewann auf
diese Weise weitgehendsten Einfluß auf beide. Der Zar begann
sich infolgedessen auch sehr rasch für ihn zu interessieren. Damit
war seine Stellung befestigt. Bei Besetzungen von Ministerposten,
 bei politischen Intrigen, Konzessionserteilungen, finanziellen
 Transaktionen, kurz, bei allen möglichen wichtigen Fragen
wirkte er mit, und zwar nicht etwa unter bestimmten politischen
Gesichtspunkten, sondern meist nur geleitet von anderen politischen
Strebern und mehr oder minder einwandfreien Geldleuten. Sehr

I4
        <pb n="25" />
        oft soll er für seine Protektion mit hohen Summen bezahlt
worden sein.
Gewann er durch sein Wirken eine große Anhängerschar, so
vermehrte sich ebenso von Tag zu Tag die Zahl seiner Gegner.
Dies geschah namentlich, als er, wahrscheinlich weniger aus
Deutschfreundlichkeit, wie aus pazifizistischen Ideen heraus, den
Zaren von einem Kriege gegen Deutschland abzuhalten suchte.
Die Duma nahm gegen ihn Partei. In den Kreisen der hohen
Aristokratie und Beamtenschaft sann man auf Mittel, ihn unschädlich
 zu machen, bis schließlich eine kleine Schar von unter
englischem Einfluß stehenden Adligen, zu denen der Fürst Jussupow
 gehörte, ihn in der Nacht vom 29. zum 30. Dezember 1916
nach einem Trinkgelage erschon. Er war bei seinem Tode
44 Jahre alt.
î Fragen wir uns nun, warum dieser sibirische Bauer (Mönch
war er nie) so hoch emporsteigen und solchen Einfluß gewinnen
 konnte, so geben uns folgende Tatsachen die Erklärung :
1. Hatte ihn die Natur offenbar mit hoher Suggestivkraft
ausgestattet. Man findet solche bei „geretteten“ Trinkern übrigens
nicht ganz selten.
Diese Suggestivkraft befähigte ihn, hysterisch Blinde und
Lahme, Menschen, die an hysterischen Anfällen litten, und ähnliche
 Kranke zu „heilen“. Sie gestattete ihm aber auch, seine Hörer
mitzureißen und sie zu seinen Jüngern zu machen. Das hat er
getan, solange er in Sibirien „Wunderheilungen“ vollbrachte.
Damals hat er wohl selbst noch an seine „Wundertraft“ geglaubt.
In einzelnen Fällen, z. B. bei der Zarin, hat er anscheinend sogar
 richtig hynotisiert, und da es sich um rein „nervöse“ Störungen
handelte, auch Erfolge erziell. Gleichzeitig aber hat er die
Kaiserin offenbar dadurch psychisch so in seine Gewalt bekommen,

IH
        <pb n="26" />
        daß sie in ihm schließlich den Retter ihres Sohnes und des Vaterlandes
 sah *).
2. Mit einer starken Suggestibilität verband Rasputin —
zum mindesten anfangs — den Hang zum Mysstizismus und
Prophetentum, der erfahrungsgemäß auf die einfacher organisierten
 Schichten des Volkes ebenso wie auf einen Teil der Überkultivierten
 wirkt. Er heilte, weissagte, predigte und bekehrte
nicht allein, sondern trug Kopfhaar, Bart und Kleidung der
Christusjünger, wirkte also auch äußerlich stark auf das Volk. So
mußte er Anhänger finden bei denen, die nur glauben, ohne überhaupt
 je nachzudenken, und weiterhin bei denen, die den Kultus
solcher Wunderheiligen der Sensation wegen betreiben. So sind
seine Erfolge bei dem sibirischen Landvolk einerseits, in den
Petersburger Salons andererseits zu erklären.
Die Überkultivierten sahen in ihm während seiner Petersburger
 Zeit daneben wohl auch mit besonderem Vergnügen den
Naturburschen. Weil er das offenbar rasch merkte, darum trug er
in den Salons und im Verkehr mit den Mitgliedern der Hofgesellschaft
 sein Bauernkostüm.
3. Schließlich hatte er ständig eine Anzahl bedingungsloser
Anhängerinnen durch seine abnorme Sexualität. Ungewöhnlich
finnlich soll er immer gewesen sein.
Vom Beginn seiner Laufbahn an versammelte er eine Anzahl
 geistiger „Schwestern“ und „Brüder“ um sich. Alle mußten
mit ihm beten. In den Gebetspausen umarmten sie sich, bis
*) Die Sammlung des Materials über R. ist außerordentlich schwer. Ich
stütze mich auf : Schiemann, Jahrb. der Hohen Politik. Verschiedene Artikel im
Tag und in der Kreuzztg. vom 17. 1. 1917. Letzterer stammt von Herrn Prof.
Hoetzsch-Berlin, der mich freundlichst auf einige Quellen hinwies. Gelesen habe
ich auch Lensty und Feh-Pahlen: Rasputin, Berlin Rudolk Mossse und den
Roman Rasputin von Heimann.

I 3
        <pb n="27" />
        schließlich das Ganze in eine sexuelle Orgie ausartete, an der er
selbst sich am meisten beteiligte. Die Frauen, welche ihm verfallen
 waren, wurden seine Sklavinnen, die kommen mußten,
wenn er rief, und die er rücksichtslos schlng und fortschickte, wenn
sie ihm nicht mehr gefielen.
4. Selbstverständlich ist, daß Rasputin nur da gedeihen
konnte, wo entweder größte Einfalt herrschte, oder jene Mischung
von Überkultur und Barbarei, die in manchen Kreisen Rußlands
zu finden ist. Rußland hat schon vor Rasputin den Mönch
Heliodor und den aus Bordeaux stammenden Vertreter des Okkultismus,
 Papus, gehabt und beide erfreuten sich längere Zeit weitgehenden
 Einflusses bis in die höchsten Kreise. Der Franzose
speziell hat dem Zaren sehr nahe gestanden.
Es gibt außerdem in Rußland ganze Sekten, eine davon +
gekennzeichnet durch das vagabundierende Bauernpilgertum
(Starez) mit religiös-suggestivem und stark sinnlichem Einschlag
 +- heißt Chlysty. Zu der letzteren wurde Rasputin wenigstens
 zeitweise gerechnet.
Für unsere Zwecke wichtig, ist die Frage, wie weit Rasputin
an seine Mission geglaubt hat.
Wenn er sich selbst immer starke Suggestivkraft zuschrieb, so
hatte er recht. Zweifelhaft scheint mir, ob er bis zuletzt geglaubt
hat, ein Prophet und Vaterlandsretter zu sein. Ziemlich sicher ist
jedenfalls, daß er seine Stellung und seine Fähigkeiten in sehr
realer Weise und offenbar bewußt ausnützte, um Geld zu verdienen
 und seinen sexuellen Neigungen zu frönen.
Eine von jenen Erscheinungen, die| für eine große Idee ihre
ganze Persönlichkeit und Existenz einsetßen, war er nicht. Das
beweist am besten auch sein Niedergang und Ende. Auf der Höhe
stehend und in ein Milieu versetzt, das ihm viele Lockungen bot,

I4
        <pb n="28" />
        verfiel er wieder dem! Trunke, so daß nicht allein seine politischen
Gegner auf seinen Sturz hinarbeiteten, sondern auch mancher
„Gläubige“ an ihm zweifelte. Er wurde unvorsichtig, maßlos
im Haß gegen seine Feinde, unersättlich in seinen Begierden und
entkleidete sich selbst so allmählich des Nimbus, dem er seinen
Aufstieg verdankte. Aus dem Heiligen wurde wieder ein Trinker.
So sehen wir auch bei Rasputin eine geradezu gesetzmäßig
auftretende Erscheinung, nämlich die, daß solchen Ausnahmemenschen
 neben den besonderen Fähigkeiten, denen sie in ihren
Aufstieg verdanken, andere Eigenschaften innewohnen, die sie zu
Fall bringen. -
Zu den bisher besprochenen Persönlichkeiten kommen srchließlich
 auch noch einige Typen von pathologischen Lü g n er n und
Sch win dlern, die entweder aus einem krankhaften Hang zum
Lügen heraus allerlei die Öffentlichkeit beunruhigende Gerüchte
verbreiten, oder sich unter dem Einflusse der abnormen wirtschaftlichen
 Verhältnisse des Krieges zu Hochstaplern, Heiratsschwindlern,
 Ordens- und Titeljägern entwickeln, bis sie bei irgendeiner
Gelegenheit dem Strafrichter verfallen.
Es ist dabei bemerkenswert, daß manche von diesen Menschen
 vor dem Kriege verhältnismäßig harmlose Persönlichkeiten
waren, die hie und da wohl durch Lügen auffielen, auch sonst in
mancher Beziehung einen etwas ungewöhnlichen Werdegang
hatten, im übrigen aber mit dem Gesetz noch nicht in Konflikt
gekommen waren.
Nachdem der Krieg sie dann aus ihren kleinbürgerlichen Verhältnisssen
 herausgerissen hatte, zeigte sich, daß ihre militärische
Verwendbarkeit meist gleich Null war. Sie benutzten ihre Einberufung
 nur dazu, um bequemer hochstapeln zu können. Auffallend
 ist, daß sie sich oft) mit einer geradezu verblüffenden Ge-I

 J
        <pb n="29" />
        schicklichkeit den neuen Verhältnissen, in die sie sich selbst versetzt
hatten, anzupassen wußten.
Nicht verschwiegen werden darf dabei allerdings, daß ein
großer Teil der Gesetzwidrigkeiten, welcho von diesen Leuten. begangen
 wurden, nicht hätte zustande kommen können, wenn nicht
das Publikum den betreffenden Delinquenten gegenüber eine mitunter
 bewundernswerte Kritiklosigkeit an den Tag gelegt hätte.
Dies gilt namentlich von den Heiratsschwindlern.
Ich habe mehrere Fälle gesehen, wo Leute mit einfachster
Schulbildung und oft sehr mangelhafter Erziehung, mit Leichtigkeit
 in die besseren Kreise hineinkamen, sich dort verlobten und
die Angehörigen der Braut um größere Geldsummen prellten.
Es sind mir auch mehrere Hochstaplerinnen begegnet, die +
zum Teil in Schwessterntraht größere Summen ersschwindelt
hatten oder Verlöbnissse eingegangen waren, die ohne ihre erfundenen
 Erzählungen nie zustande gekommen wären.
Fast regelmäßig handelte es sich um Hysterische oder Entartete,
 wie die klinische Untersuchung ergab.
[II. Nerven- und Geisteskrankheiten im
Kriege.
Bezüglich der Nerven- und Geisteskrankheiten betone ich ausdrücklich,
 daß es mir nur darauf ankommt, einige allgemeine Gesichtspunkte,
 die für ein größeres Publikum von Interesse sind,
hervorzuheben.
Voranzustellen ist dabei die erfreuliche Tatsache, daß die
Geistes- und organischen Gehirn- und Rückenmarkskrankheiten
unter der Zivilbevölkerung während des Krieges eine nachweisliche
 Zunahme nicht erfahren haben.

26
        <pb n="30" />
        Wie die Verhältnisse bezüglich der „Nervosität“ liegen, darüber
 besitzen wir einen genaueren Überblick nicht. Wenn man aber
bedenkt, daß der Krieg jetzt 3's. Jahre dauert, daß die Zahl der beruflich
 arbeitenden Frauen erheblich zugenommen hat, daß wir
während dieser langen Zeit viel Aufregungen mitgemacht haben
und außerdem auch noch an eine veränderte Ernährung gewöhnt
werden mußten, dann ist, meinem persönlichen Eindruck nach, die
Zahl der Nervösen, die unsere öffentlichen und privaten Sprechsiunden
 aufsuchen, nicht groß.
Unter denen, die wir in Behandlung bekommen, sind außerdem
 viele, die entweder schon vor dem Kriege nervöse Symptome
oder zum mindesten eine Anlage zur Nervosität hatten.
Als besonders schlimm kann im übrigen eine gewisse Zunahme
 der „Nervosität“ nicht angesehen werden, denn es handelt
fich um Störungen, die leicht beeinflußbar sind und mit der Rückkehr
 ruhigerer Zeiten großenteils von selbst schwinden werden.
Das an sich beim Kriegsbeginn gute Nervensystem des
„Heimatsheeres“ hat also bis jetzt noch nicht wesentlich gelitten.
Wie steht es nun mit unseren Soldaten?
Was die Schu ß verletzung e n des Nervensystems anlangt,
 so hat man bei den Schädigungen der peripheren
Nerven sowohl mit der Anwendung der Elektrizität, wie
namentlich durch operative Methoden auch bei älteren Fällen die
besten Erfolge gehabt.
Prof. O. Foerster (Breslau) berichtete kürzlich auf der
Tagung Deutscher Nervenärzte, daß unter 523 von ihm vorgenommenen
 Nervenoperationen 315mal Heilung, 154mal Besserung
und nur 29mal kein) Erfolg erzielt worden ist.
Für die Geh irnverletzten hat man eine Reihe von
Spezialabteilungen eingerichtet, in denen vorhandene Lähmungs-I7
        <pb n="31" />
        erscheinungen durch Übungen gebessert, Seh-, Lese- und Schreibstörungen
 gleichfalls nach Möglichkeit durch sehr langwierige
Übungen ausgeglichen werden, so daß man häufig schwer geschädigten
 Kranken, wenn auch nicht die volle Erwerbsfähigkeit
wiedergeben kann, so doch noch ein menschenwürdiges Dasein zu
schaffen vermag. Das gelingt in einer überraschend großen Zahl
von Fällen.
Weniger gut sind die Erfolge bei den Rückenmarks -
schüss en.
Von praktisch größter Bedeutung sind nun die Neur o sen,
d. h. jene Formen der „Nervosität“, die sich neben den bekannten
Algemeinerscheinungen (Kopfschmerzen, Schwindel, Herzklopfen,
Schlafstörungen usw.) durch Lähmungs- oder Spannungszustände,
 Sprach- und Gehörsstörungen, Zittererscheinungen,
Krampfanfälle, Blind- und Taubheit psychogenen Charakters zrt
erkennen geben, bei denen es sich nicht um organische Gehirnkrankheiten,
 sondern um psychisch bedingte, wieder herstellbare
Störungen handelt (Kriegsneurotiker).
Bei diesen Symptomenkomplexen, welche sich weniger oft
nach s &amp;lt; w e r e n Verwundungen, als vielmehr nach ps y ch i s ch e n
Einwirkungen, wie Versschüttungen, Granat- und Minenerplosionen
 in der Nähe des Betreffenden, aber auch nach einem einfachen
Fall über einen Stein herausbilden, ist somit nicht die Schwere
des Gesschehnisses, sondern die seelische Verarbeitung, welche der
Kranke diesem Geschehnis zuteil werden läßt, das Ausschlaggebende
 für die Art und Stkhwere der Krankheitserscheinungen.
Da diese Fälle sich naturgemäß häuften, je länger der Krieg
dauerte, waren sie in erster Linie auch Gegenstand der Heilbestrebungen
 der Ärzte und die Heeresverwaltung hat ihnen
gerade in letzter Zeit besonderes Interesse entgegengebracht. Man

IK
        <pb n="32" />
        hat eine Reihe von Übungen (Kehrer, Hirschfeld) und elektrischen
Behandlungsmethoden (Kaufmann) in Anwendung gebracht.
Auch die Hypnose (Nonne) wird viel zu diesen Heilsitzungen verwandt
 mit dem Erfolge, daß ein geschickter Arzt die schwersten
Lähmungs- und Zittererscheinungen usw. in wenigen Minuten
oder Stunden zu beseitigen vermag. Die Zahl der Heilungen beläuft
 sich auf etwa 85 bis 90 Proz.
Man ist neuerdings mit ziemlich gutem Erfolge dazu übergegangen,
 auch die ps ych o g enen Geistesstörungen
(Hemmungszustände, Dämmerzustände, Verstimmungs- und einzelne
 Erregungszustände) den elektrischen Behandlungsmethoden
zu unterziehen. Auch da sind bereits gute Erfolge erreicht worden.
Bezüglich der übrigen Geistesstörungen hat der
Krieg uns eine für das große Publikum wichtige Erfahrung gebracht,
 nämlich die, daß die häufig verbreitete Ansicht, irgendein
leichter Sturz, Schlag oder eine seelische Erregung sei geeignet,
Gehirnerweichung, Jugendirresein, das manisch-depresssive Irresein
 und ähnliche Erkrankungen zu erzeugen, unrichtig ist.
Krankheitszustände dieser Art, die im Kriege zum Ausbruch
kommen, sind nur ganz ausnahmsweise als Folgen des Heeresdienstes
 anzusehen. Die bei solchen Erkrankungen gestellten
Rentenansprüche sind also meist unbegründet.
Man darf nicht vergessen, daß in einem Volksheer, das
mehrere Millionen Menschen umfaßt, alljährlich auch ohne die
Kriegsstrapazen eine gewisse Zahl von Menschen geistig erkranken
würde.
Für diese Fälle hat nicht die Heeresverwaltung und das
Reich zu sorgen, das ist vielmehr Sache der Familie oder der zuständigen
 Landesbehörden.

Q E)
        <pb n="33" />
        Bei der außerordentlichen Sorgfalt, mit der die Rentenansprüche
 in jedem einzelnen Falle in gemeinschaftlicher Arbeit
mehrerer Instanzen (Truppe, Lazarett, Generalkommando, eventuell
 Kriegsministerium) geprüft werden, ist es kaum denkbar,
daß einem Rentenberechtigten Unrecht geschehen kann. So sehr
es aber Aufgabe der erwähnten Instanzen ist, dem wirklich Geschädigten
 innerhalb der gesetlichen Grenzen sein Recht zukommen
zu lassen, ebensosehr müsssen sie darauf bedacht sein, daß Menschen,
die mit unbegründeten Ansprüchen hervortreten, abgewiesen
 werden. Das ist der undankbarere Teil unserer Arbeit,
denn es herrschen über den ursächlichen Zusammenhang von
Nerven- und Geissteskrankheiten mit dem Dienst im Publikum
vielfach noch ganz falsche Ansichten, die leider dazu führen, daß
die Behörde bisweilen der Härte geziehen wird, wo sie nur sachlich
 entschieden hat. +
Bezüglich der psychogenen Erkrankungen, von deren Heilbarkeit
 ich soeben sprach, habe ich für das große Publikum noch hinzuzufügen,
 daß es grundfalsch ist, derartige Kranke zu bemitleiden
und ihren Klagen allzu hohe Bedeutung beizumessen. Im Gegenteil
 muß die Umgebung den Patienten mit zur Bekämpfung
seiner Schmerzen anregen.
Die Arbeitgeber müssen die Tatsache, daß ein solcher Kranker,
wenn er auch geheilt ist, sich erst allmählich wieder in das praklische
 Berufsleben zurückgewöhnen muß, stillschweigend berücksichtigen
 und im Anfang nicht allzuviel von ihm verlangen.
Bezüglich der Gesetzgebung für diese Kranken ist dringend zu
wünschen, daß die Abfindungsmöglichkeiten, welche die im Kriege
geschaffenen Gesetze bis jetzt geben, eine möglichst ausgiebige Erweiterung
 erfahren. Das, was wir vor dem Kriege bezüglich der
Neurosen gelernt haben, beweist uns, daß da, wo kleine Reste

3(00
        <pb n="34" />
        durch ärztliche Behandlung nicht beseitigt worden sind, die
Kapitalabfindung der vorhandenen Rentenansprüche die beste
Medizin ist. Wenn die Rentenfrage geregelt ist, heilen die meisten
von diesen Kranken so weit, daß sie als praktisch genesen angesehen
werden können.
Zum Schluß noch eins !
Gelegentlich begegnen uns auf der Straße, in Lokalen oder
an der Haustür Bettler, Ansichtskartenverkäufer oder Orgeldreher,
die Kriegsneurotiker sind und durch auffällige Lähmungen, Zittererscheinungen
 und ähnliches besonderes Mitleid erregen wollen.
In neunundneunzig von hundert Fällen verdienen sie das nicht.
Ihre Krankheit ist heilbar. Die Heeresverwaltung gewährt ihnen
die Behandlung kostenlos. An gewinnbringender Arbeit fehlt es
jetzt gewiß nicht, sie brauchen also nicht zu betteln. Meist wollen
die Kranken aber gar nicht geheilt sein, denn ihre auffälligen
Symptome stellen eine bequeme und zuverlässige Einahmequelle
 dar.
Das Publikum weiß nicht, daß es durch sein unbegründetes
Wohlwollen und Mitleid diese Art des Bettlertums geradezw
züchtet. Deshalb ist Aufklärung nötig, zum Segen des Kranken,
der wieder arbeiten lernen soll, und zum Segen des Volkes, das
nach Kräften dazu beitragen soll, die ohnehin schon große Zahl
der Almosenempfänger zu verringern.

Z 4
        <pb n="35" />
        A. Marcus &amp;amp; C. Webers Verlag (Dr. jur. Albert Ahn) in Bonn
Von Prof. Dr. E. Küster in Bonn
(Deutsche Kriegsschriften, Heft 5)
Preis 60 Pf., mit Teuerungszuschlag 65 Pf.
Dentsche Hochschule: Herrlich strömt aus diesen Zeilen eine echte Liebe für
das heranwachsende Geschlecht, für die werdenden Männer, die Zukunft Deutschlands,
 dem Leser entgegen. Eine edle Begeisterung für alles, was das deutsche
Volk bewegt und nach dem Kriege bewegen wird und muß, weht durch das ganze
Buch und erinnert den Leser an jene Zeit vor hundert Jahren, wo der große
Deutsche Ernst Moritz Arndt seine Zeitgenossen in anfeuernden Reden für die
Forderungen der damaligen Zeit entflammte. In ausdrücklicher Weise nimmt
der Verfasser Stellung für die freideutsche Jugendbewegung. Aber nicht für die
Jugend allein ist dieses Schriftchen bestimmt, sondern allen wahrhaft deutschfühlenden
Männern und Frauen, die dem Glauben und der Zuversicht leben, daß aus
diesen schweren Kriegsnöten eine schönere neue Zeit erblühen wird, bietet das
Schriftchen eine Stunde edelsten Genusses.
Zeitschrift für französ. und engl. Unterricht: . . . Als besonders wichtige
Punkte, die dabei zu beachten sind, bespricht er die Alkoholfrage, die Erziehung
ur Persönlichkeit, die akademische Freiheit, die Universalität des Wissens, die Beshäfüignng
 mit der Politik, unbeirrbare Objektivität und bewußte Dankbarkeit.
Die Ausführungen sind durchweg anregend und von schöner Begeisterung getragen.
Die Mobilmachung der Seelen
Von Dr. Ernst Schultze in Hamburg-Großborstel
(Deutsche Kriegsschriften, Heft 16)
Preis M. 1.40, mit Teuerungszuschlag M. 1.55
Deutsche Warschauer Zeitung: . . . Kein Zweifel, daß die Zukunft auf den
Grundmauern des stark erwachten, gesunden Idealismus stehen wird und – wenn
e Bestand haben soll ~ stehen muß. So zeigt er Mittel und Wege, wie er
s den Aufbau dieser Zukunft denkt und scheint damit das Rechte zu treffen. Das
chlein kann bestens empfohlen werden
Monatshefte für Kultur und Geistesleben: . . . Daß das nur durch die
„Mobilmachung der Seelen“, d. h. durch Erziehung im weitesten Sinne des Wortes
geschehen kann, das zu zejgen, hat der Verfasser dieses schöne, erhebende und
nützliche Büchlein geschrieben. Es ist vielseitig und gedankenreich in hohem Grade;
ich brauche hier erst gar keine Empfehlung an die Comenius-Gemeinde beizufügen,.
es empsiehlt sich beim Lesen selbst. Wolfstieg.
Die Hilfe: . . . Will man den Inhalt dieser Schrift auf eine kurze Formel
bringen, so kann man es mit den Worten tun: „Was moralisch falsch ist, kann
politisch gar nicht richtig sein.“ Der Wucht der ethischen Kräfte, die wir in die
Wagschale werfen konnten, verdanken wir unsere Erfolge. Darum müssen wir
dafür sorgen, daß jetzt und in Zukunft unsere Politik von einem tiefen, sittlichen
Ernste getragen bleibe. Der Maßstab unseres Handelns ~ auch unseren Feinden.
gegenüber — sei immer Gerechtigkeit . . .
        <pb n="36" />
        hat eine Reihe von Übungen (Kehrer, Hirschfeld) und elektrischen
Behandlungsmethoden (Kaufmann) in Anwendung gebracht.
Auch die Hypnose (Nonne) wird viel zu diesen Heilsitzungen verwandt
 mit dem Erfolge, daß ein geschickter Arzt die schwersten
Lähmungs- und Zittererscheinungen usw. in wenigen Minuten
oder Stunden zu beseitigen vermag. Die Zahl der Heilungen beläuft
 sich auf etwa 85 bis 90 Proz.
Man ist neuerdings mit ziemlich gutem Erfolge dazu übergegangen,
 auch die psyc o g enen Geistesstörungen
(Hemmungszustände, Dämmerzustände, Verstimmungs- und einzelne
 Erregungszustände) den elektrischen Behandlungsmethoden
zu unterziehen. Auch da sind bereits gute Erfolge erreicht worden.
Bezüglich der übrig en Geistesstörungen hat der
Krieg uns eine für das große Publikum wichtige Erfahrung gebracht,
 nämlich die, daß die häufig verbreitete Ansicht, irgendein
leichter Sturz, Schlag oder eine seelische Erregung sei geeignet,
Gehirnerweichung, Jugendirresein, das manisch-depressive Irresein
 und ähnliche Erkrankungen zu erzeugen, unrichtig ist.
Krankheitszustände dieser Art, die im Kriege zum Ausbruch
kommen, sind nur ganz ausnahmsweise als Folgen des Heeresdienstes
 anzusehen. Die bei solchen Erkrankungen gestellten
Rentenansprüche sind also meist unbegründet.
Man darf nicht vergessen, daß in einem Volksheer, das
mehrere Millionen Menschen umfaßt, alljährlich auch ohne die
Kriegsstrapazen eine gewisse Zahl von Menschen geistig erkranken
würde.
Für diese Fälle hat nicht die Heeresverwaltung und das
Reich zu sorgen, das ist vielmehr Sache der Familie oder der zuständigen
 Landesbehörden.

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