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        <title>Die Ukraine und der Krieg</title>
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        l
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        6J 8 A 33 8.24
        <pb n="3" />
        Innaltsverzeiennis
L. NE t zel, Karl: Die Unabhängigkeit
der Vkraine als einzige Rettung vor
ler rmssischen GCefahr, I915.
. HruschewskZy;j , Michael: Die utrainische
 Frage in nistorischer Entwicklunge.
 1.915,
Barminsky;, Alexander: Desterreich-Ungarn
 und das uktrainisehe Problem.
O
4. Die Vkraine und der “rr Sigl]
5. Die Vkrainer in Russland F M§~ 29
politisenen Bestrebungen.
,, Jacobsonn, Hermann: Russlands Entwicklung
 und die utrainische Frage.
7. Ressler, Otto:. Die rr
Pistor, E.: Bericht über s: Reise
als Warenaustauschkomn:i ssir der seinerzeitigen
 K.k. Regierung in die Ukraine.
191.9,
        <pb n="4" />
        Urrain.
und der Krie::
Denkschrift
deo Luz§co tur Hefeeiuns
I. F. Lehmann's Verlag, München

w ] Z
        <pb n="5" />
        H Dittmann ama em E. E
Soeben ist erschienen :
Rußlands Fremdvölker
seine Stärke und Schwäche
Von Ekkehard Ostmann.
Inh alt s üb ersicht:
Rußlands Fremdvölker, feine Stärke. -- Kußlands Ländergier. -
Rußlands Fremdvölker, feine Schwäche. ~ Rußlands Fremdvölker im
einzelnen: Die Finnländer. -- Die Bevölkerung der Ostseeprovinzen. --Die
 Litauer und Weißrussen. -- Die Polen. - Die Ukrainer. - Frühere
Berührungspunkte der Ukraine mit Deutschland. -- Die wirtschaftliche
Bedeutung der Ukraine. —- Die Kumänen in Bessarabien. -- Die
Kaukasier. ~ Die Völkerschaften Zentralafiens. -- Die zerstreut wohnenden
 Fremdvölker (Deutsche; Iuden). + Schlußbetrachtungen.
Eine ethnographische Karte der Ukraine.
Preis: 50 Pfg.
p
Berlin-Bagdad
Neue Ziele mitteleuropäischer Politik
Von Dr. K. v. Winterstetten
10. und 11. Auflage. Preis M. 1..
Was der weitblickende Verfasser vorausgefagt, was er angeftrebt, heute
BB sgtleard-Orsterreih ift Wirklichkeit gowsrden, cber auch das Bündnis
tet SS UUC' U ot" C 1 Cr zue Te:
Interesse weitester Kreise auf sich zog. heute zeigt es
das Ergebnis, das der Weltkrieg bringen muß.
I. F. Lehmann's Verlag, München, Paul Heyse-Str. 26
pctorco SE S c T f Ö _ F
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        "vie Ukraine
und der Rrieg
per f y
der Ukraine

1915.
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        Gedruckt mit Genehmigung
des K. B. Rriegsministeriums
Presse-Referat.
        <pb n="8" />
        Ukraine, deren Gebiet und Geschichte.
Das von der ukrainischen Nation bewohnte Gebiet Rußlands
umfaßt etwa 680 000 qkm (Deutschland nur 545 000 gkm!).
Wie die beigegebene Karte erkennen läßt, handelt es sich um ein
für eine Staatenbildung durchaus günstig gelegenes, geschlossenes
Gebiet. Selbst das Kubangebiet wäre seiner Lage nach noch sehr
wohl mit dem Kernlande zu vereinigen. Die russische Ukraine
umfaßt nachstehende Gouvernements : Cholm (großenteils), Wolhynien,
 Podolien, Kiew, Tsschernigow, Poltava, Charkow, Jekaterinoslaw,
 Cherson, Taurien und Kuban. Dazu gehören noch
die südlichen Bezirke des Gouvernements Kursk und Woronessch.
Auf dem vorbezeichneten Gebiete lebt das ukrainische Volk
in einer einh eitlichen g e schlo ss enen Ma ss e mit einer
Ges amtza hl von etwa 33 Millionen, denen gegenüber
die nationalen Minderheiten, besonders wenn man von den Juden
absieht, wegen ihres niedrigen Prozentsatzes fast gar nicht in
Betracht kommen. Durchschnittlich weist die ukrainische Bevölkerung
 einen Prozentsatz von 72 0so auf. In den wiöichtigsten
ukrainischen Gouvernements Wolhynien, Podolien, Kiew, Tsschernigow,
 Poltawa, Charkow, Jekaterinoslaw, Chersson und Taurien
 saßen nach der Zählung von 1897 (der ersten und einzigen
Nationalitätenzählung Rußlands) neben 17 Millionen Ukrainern
nur 2,9 Millionen Großrussen; außerdem u. a. 1,9 Millionen
Juden, 453 000 Deutsche, 353 000 Polen, 216 000 Tataren.
Der Prozentsatz der Großrussen beträgt in den Gouvernements
östlich des Dnjepr etwa 1309/0, westlich dagegen nur 409%. Hier sind
sie nur vertreten als Beamte, Militärs und Kaufleute in den
größeren Städten, sind also nicht eigentlich bodenständig. Auch
östlich des Dnjepr sitzen die Ukrainer im wesentlichen durchaus
geschlossen, und der größere Prozentsatz der Großrussen wird
hier bedingt durch die gemischten Grenzgebiete und die Industrie-
        <pb n="9" />
        E
gebiete von Charkow. Außerdem saßen 1897 in den angrenzenden
 Teilen von Kursk und Woronesch sowie des Don- und
Kubangebiets noch etwa 3,3 Millionen Ukrainer.
Es handelt sich also um ein in seinen Hauptteilen
ganz geschkosssen sitzendes Volk, für da s d e mnach
 die Grundlage einer selbständigen Staatenbildung
 durchaus gegeben ist.
Seine Gesamtzahl wurde 1897 auf ungefähr 27,7 Millionen
ermittelt. Bei der außerordenilich starken Volksvermehrung der
Ukrainer (etwa 20/0 !) wird sie jetzt mit 33 Millionen nicht
zu hoch veranschlagt sein.
Wirtschaftliche Bedeutung der Ukraine.
Die ukrainischen Länder gehören mit ihrer berühmten
Schwarzerde (Tschernoßjem) zu den fruchtbarsten in ganz
Europa. Fast das ganze bewohnte Gebiet stellt sich als ein
ebenes, fruchtbares Ackerfeld dar und übertrifft bei weitem die
übrigen Gebiete Rußlands. Bereits im Mittelalter sagte man,
daß in der Ukraine Milch und Bonig fließe. Die polnischen Adelsgeschlechter
 zogen nach der Angliederung der Ukraine sscharenweise
 dorthin, um sich reiche ukrainische Landgüter mit Gewalt
anzueignen. Auch jetzt bietet die Ukraine für ganz Rußland die
eigentliche Kornkammer = die Produktion der Ukraine an landwirtschaftlichen
 Erzeugnissen macht nicht weniger als ein Drittel
der Gesamtproduktion des riesigen Reichs aus. In der Ukraine
befinden sich die bedeutendsten Getreidevorräte (die im Falle
der deutschen Offensive in das ukrainische Gebiet für die Zwecke
der Verproviantierung der deutschen Armee und der Ausfuhr
nach Deutschland ausgenützt werden könnten).
Von der gesamten russisschen Ko hl en gewinnung (1912
~= 29 Millionen Tonnen) entfielen nicht weniger als 20,2 Millionen,
 also etwa 700% auf das ukrainische Donezbecken.
Von dem Rest kamen 8 Millionen auf Polen und nur etwa
0,8 Millionen auf das ganze übrige Rußland.
Von der gesamten russischen Roheisenerzeugung (1912 =
4 133 000 t) lieferte die Ukraine mit 2795 000 t gleichfalls
ungefähr 700/70.
        <pb n="10" />
        An der Erzeugung von Eisen und Stahl (1941 insgesamt
3 258 000 t, von denen | 812 000 t auf die Ukraine entfallen)
ist die Ukraine mit annähernd 60 09/0 beteiligt.
Die russische Zuckerproduktion hat ihren Sitz fast ausschließlich
 in der Ukraine, da allein in den beiden ukrainischen Gouvernements
 Charkow und Tschernigow nicht weniger als 8 8 0so
des gesamten russischen Zuck er s erzeugt werden.
ähnlich steht es beim Tabakbau, von dem die beiden ukrainischen
 Bezirke Poltawa und Tschernigow allein über 5 0 09so der
Gesamterzeugung liefern.
Diese Zahlen dürften schon genügen, um die
überragende wirtschaftliche Bedeutung der
Ukraine für Rußland zu zeigen, für das sie nicht nur die
Hauptkornka mmer, sondern vor allem auch die Hauptgeld
 quelle iste. Die eigentlichen großrusssischen Gouvernements
 sind mit wenig Ausnahmen Zuschußgouvernements, deren
Zuschüsse durch die Überschüsse aus den westlichen Fremdvölkerbezirken,
 insbesondere aus der Ukraine sowie aus Polen und
den Ostsseeprovinzen gedeckt werden.
Di e Ukraine ist, was auf das schärfste h er vorgeho
 b en werd en muß, sowohl völkisch wie auch
wirtscha ftlich durchaus. in der Lage, ein staatliches
 Sond er das ein zu führ en. Sie ist d azu sogar
in viel h öh er em Maße befähigt, als mancher andere
 Staat in Eur opa.
Die wichtigsten Ereignisse aus der Geschichte der Ukraine bis zur Gegenwart.
Zweimal hat das ukrainische Volk im Laufe der Geschichte
mächtige Sta ateng e bild e g e scha f f en.
Nachdem es ungefähr gegen das Ende des 5. Jahrhunderts
n. Chr. das jetzzge Gebiet der Ukraine kolonisiert hatte,
lebte es dort bis zum 8. Jahrhundert in Stämme geteilt, ohne
gemeinsame Organisation und ohne gemeinsamen Namen.
Seine kleinen Stammgebiete wurden von Fürsten verwaltet. Die
Fürsten von Kijew gewannen die Oberhand über die anderen,
und im 9. Jahrhundert hatten die ukrainischen Kijewer Für-)
        <pb n="11" />
        ! s
sten beinahe das gesamte heutige Gebiet des ulrainischen
Volkes unter ihrer Oberherrschaft. Die staatliche Organisierung
dieses großen Gebietes geschah unter stark em g er manischen
 Einfluß, was die älteste ukrainische juridische Terminologie
 und die Namen der Kijewer Staatsmänner, die in
den schriftlichen Handelsverträgen der Kijewer Fürsten mit
Bysanzium erhalten worden sind, zur Genüge beweisen. Dieser
germanische, den ukrainischen Staat ordnende Einfluß kam von
Norden her, nämlich von Skandinavien.
Die Kijewer Großfürsten treten in der Geschichte unter
dem Namen ,, Rußj“’ (nicht zu verwechseln mit Rußland) auf.
Der Name ,Ukraina“‘ ist nicht viel jünger als der Name ,Rußj".
Er ist schon in den Chroniken des 12. Jahrhunderts zu finden
und die Volkslieder bezeichnen unser Land und Volk nur mit
dem Namen ,Ukr aina'!, „ukrainissch!'. Der Name ,,Uleinrußland‘’
 wurde später von den moskowitischen Herrschern aus
russifizierenden Rücksichten auf administrativem Wege eingeführt.
Mit der Zeit eroberten die ukrainischen Kijewer Fürsten auch
die Nachbarländer, unter anderen auch diejenigen, welche damals
 von den finnischen und nordosstslawischen Stämmen im
QMellengebiete des Flusses Wolga, an der Moskwa und Kama
bewohnt wurden. Die Staatsbezeichnung ,„Rußj“" erstreckte sich
also auch auf die eroberten Gebiete.
Im 12. Jahrhundert wurden die ukrainischen Steppen von
den mongolischen Nomadenvölkerschaften (Petschenegen, Kumanen
 u. a.) überschwemmt, welche durch ihre Plünderungen
den Kijewer Staat bedeutend schwächten. Allmählich verlor
Kijew die Bedeutung als ukrainisches Staatszentrum, das sich
nun nach Westen verschiebt. Noch in demselben Jahrhundert
entsteht im heutigen Galizien ein mächtiger ukrainischer Staat
mit der Hauptstadt Hal y ts ch am Dniestr, welcher das heutige
Ostgalizien, Wolhynien und die Nachbargebiete bis zum Schwarzen
 Meer umfaßte.
Im 13. Jahrhundert zerstörten die Tatar en Kijew samt
anderen ukrainischen Städten und Ländern im Flußgebiete des
Dniepr. Die staatliche Selbständigkeit behielt noch hundert Jahre
lang der galizisch-wolhynische Staat.
        <pb n="12" />
        . ::::
Im 14. Jahrhundert eigneten sich die litaui sch e n Fürsten
die vernichteten ukrainischen Länder an. Die litauischen Eroberer
wurden aber rasch ukrainisiert. Der galizische Staat fiel dann nach
dem Aussterben seiner Dynastie unter das polnische Joch. Als
in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts Litauen mit Polen
vereinigt wurde, wurden alle ukrainischen Länder zu einem
Bestandteil des polnisch-litauischen Staates, in
welchem die polnische Adelsklasse ihre mißliche Wirtschaft trieb.
Die ukrainische Bevölkerung wurde von den Polen ungefähr
so wie jetzt von den Russen verfolgt. Die Ukrainer wurden zu
den öffentlichen Ämtern, ja sogar zu Handel und Gewerbe
nur zugelassen, nachdem sie ihre Religion, Sprache und Nationalität
 aufgegeben hatten. Die Folge dieser Unterdrückung
waren zahlreiche und blutige Aufstände gegen Polen, welche
in dem allgemeinen Nationalaufstand (Mitte des 17. Jahrhunderts)
 ihren Gipfelpunkt erreichten.
Dieser Aufstand wurde mit Erfolg gekrönt. Er führte
zum zweitenmal zur Gründung zÖ-eines selbständig
 en ukrainischen Staates, wlelcher.. erst vor
[30 Jahren, diesmal von Rußland, gänzlich vernichtet wurde.
Der erwähnte Nationalaufstand gegen Polen wurde nach einer
Reihe kleinerer Aufstände, welche von der ukrainischen „Saporoger
 Sitsch‘“ (einer militärisch-republikanisschen Organisation
am unteren Dnieprflusse) vorbereitet und unterstützt worden
waren, durchgeführt. Der neugegründete utrainische Staat,
an dessen Spitze der größte ukrainische Heerführer und Staatsmann
 neuerer Zeit, Hetman Bohdan Chmelnygtzkyi,
stand, trachtete seine Stellung durch Bündnisse zu befestigen.
Im Jathre 1654 kam zu P er ej a sl a v ein Vertrag zwischen
der Ukraine und Meoskovien zustande, auf Grund dessen das
moskovitissche Zarat den Ukrainern seine Hilfe im weiteren
Kampfe gegen Polen zusicherte, wobei die Ukraine zwar unter
das Protektorat Moskoviens, aber mit Wa hrung vollständig
 er Staats hoh eit (s e lb ständig er ausw är -
tiger Politik, selbständig er Militärorganifsation
u. a.) gekommen ist. Schon nach einem Jahre erkannte der
ukrainische Hetman die schlaue Politik Moskoviens, welche die
        <pb n="13" />
        gänzliche Einverleibung des ukrainischen Staates zum Zwecke
hatte, und schloß bald einen Vertrag mit Schweden und Siebenbürgen,
 welcher gegen Polen und Moskovien gerichtet war. Der
vorzeitige Tod erlaubte dem großen ukrainischen Staatsmann
nicht, sein Lebenswerk zu vollenden.
Sein Nachfolger, Hetnan Iwan W y how sk y j, schloß
wiederum einen Unionsvertrag mit Polen und Litauen (1058),
erklärte den Krieg dem moskowitischen Zarate und vernichtete
bei Konotop eine große russische Armee. Jetzt versuchte es Rußland
 mit andern Mitteln. Es begann die Partei- und sozialen
Gegensätze in der Ukraina zuerst mit Geld und Agitation, dann
mit Waffen und schließlich mit Truppen im größten Umfange zu
unterstüten. Die auf solche Weise hervorgerufenen Bauernaufstände
 zwangen den Hetman Wyhowskyj zum Verzicht auf
seine Würde und sein Nachfolger erneuerte das Bündnis mit
Meoskovien, welches auf Grund seiner Geheimverträge mit Polen
die Macht des ukrainischen Staates immer mehr untergrub.
Noch einmal hat sich der ukrainische Staat anfangs des i8. Jahrhunderts
 gegen Rußland aufgerafft, nachdem er sich durch die
langjährige Regierung des Hetman Iw an Maz epa wirtschaftlich,
 kulturell und politisch gestärkt hatte. Mazepa schloß
einen Vertrag mit dem schwedischen König Karl ANII., welcher
gegen den Zaren Peter I. und den König von Polen August II.
gerichtet war. Die Schlacht bei Poltawa (1709) entschied zugunsten
 Rußlands. Der größte Fehler des schwedischen Königs
bestand darin, daß er, geradesso wie ein Jahrhundert später
Napoleon I., ohne ausreichende Vorbereitung der Zufuhr von
Nahrung und KRriegsmaterial bei herannahendem Winter den
Feldzug begonnen hat; bevor Karl NI]. in die Ukraina vordringen
 konnte, hatte Peter I. die fruchtbarsten Teile des ukrainischen
 Staates völlig verwüstet, Tausende von Ukrainern ans
Kreuz geschlagen, an die Flöße angenagelt und stromabwärts
treiben lassen. Dieses rücksichtslose Vorgehen Peters I. gegen
die Ukrainer hat damals die Machtstellung des russischen Staates
gerettet.
Nach der Schlacht bei Poltawa geriet der ukrainische Staat
in solche Abhängigkeit von Rußland wie ungefähr das heutige

8V
        <pb n="14" />
        U}

Ägypten von England. Das Land wurde durch die russische,
im höchsten Grade habgierige Beamtenschaft furchtbar ausgesaugt.
 Im Jahre 1783 wurde sodann die ukrainische Militärorganisation
 gänzlich aufgelöst.
Die ukrainischen Freiheitsbeftrebungen.
Aber die ukrainischen Freiheitsbestrebungen konnte die rujsische
 Regierung nicht auflösen. Schon im Jahre 1791 schickte
der ukrainische Adel seinen Bevollmächtigten, den Adelsmarschall
 Grafen W. Kapnist an die westeuropäischen Höfe mit
der Anfrage, ob die Ukraine im Falle eines Aufstandes gegen
Rußland auf Hilfe rechnen könnte. Im April 1791 wurde
der Bevollmächtigte in einer geheimen Audienz in Berlin
vom preußischen Kanzler Grafen Hertzberg empfangen. Aber
Preußen war damals noch nicht zum Rriege gegen Rußland
bereit, und Hertzberg konnte den Ukrainern keine bindende Versprechnung
 geben. Die ausweichende Antwort lautete: „Vorläufig
 ist der König im Frieden mit Rußland; aber wenn es zum
Kriege kommt, ist es Sache der Ukrainer, das Notwendige zu
tun, um die preußische Hilfe zu erlangen.“
Während der napoleonischen Kriege hat Rußland auf dem
ukrainischen Gebiete solche Schwierigkeiten gehabt, daß die Regierung
 sowohl der ukrainischen Intelligenz als auch den ukrainischen
 Volksmassen verschiedene Versprechungen zu machen genötigt
 war. Dasselbe wiederholte sich während des polnischen
Aufstandes im Jahre 1831. Über die jetzige Stärke der ukrainischen
 Nationalbewegung in der russsischen Ukraina wollen wir
nur auf die Äußerungen der russ is ch en Staatsmänner verweisen
 (in der Sitzung der „Duma‘'’ vom 24. Februar 1914),
insbesondere auf die Reden von Milufk off, Roditscheff
und I w ano w. Milukoff sagte u. a.: „In alle Lebensformen
dringt das ukrainische Element ein. Das russische Heer, die
russische Schule, die russssischen Behörden erzeugen nur nationale
 Reibungen und feuern das nationale Empfinden der Ukrainer
 an. Dabei ist die ukrainische Bewegung tief demotkratisch,
sie wird ssozufagen vom Volke, selbst. geführt;
eben darum ist es unmöglich, sie nied erzuschlag en.
        <pb n="15" />
        D -
Aber sie in Flammen zu setzen und gegen uns zu
ktehrensy;ÿ. das ist leicht möglich.. ..
Solche Kraft des nationalen Bewußtseins hat das ukrainische
Volk in Rußland bis auf den heutigen Tag bewahrt, obwohl
dort die ukrainische Sprache und Literatur seit Peter I. bis
zum Jahre 1905 verboten war und jetzt wiederum auf das
strengste verboten ist.
Die nationale Verschiedenheit der Ukrainer und der Moskowiter.
Von den russischen Nationalisten wie von der russischen
Regierung werden die sprachlichen und ethnographischen Verhältnisse
 der Ukrainer und Großrussen so darzustellen versucht,
als ob jene nur eine Abart des großen russischen Volkes
wären, so daß sie demnach auf eine nationale Sonderstellung
keinen berechtigten Anspruch hätten.
Dieser von Grund aus falschen Behauptung muß
mit aller Entschiedenheit entgegengetreten werden.
Die Besetzung eines geschlossenen Gebietes durch die einheitliche
 ukrainische Bevölkerung und nicht weniger die Geschichte
 der Ukrainer beweist, daß wir es mit einer nationalen,
stark ausgeprägten Volksindividualität zu tun haben, welche auf
eine mehrere Jahrhunderte dauernde staatliche Selbständigkeit
und eine besondere historische Überlieferung zurückblickt.
Aber auch andere wesentliche Momente der nationalen Sonderheit
 der Ukrainer beweisen, daß zwischen dem ukrainischen
und dem moskowitischen (großrussischen) Volke ein Unterschied
besteht, der vielleicht die unter anderen slawischen Völkern bestehenden
 ethnologischen, anthropologischen und sprachlichen Unterschiede
 übertrifft.
Die Selbständigkeit der ukrainischen Sprache hat niemand
anders als die Kaiserliche russische Akademie der
Wissenschaften in Petersburg in einem von der Regierung
 erforderten Gutachten vom Jahre 1905 anerkannt. Sie
erklärte das Kleinrusssische für ein s el b stän dig es I di o m
und faßte ihr Urteil folgendermaßen zusammen:
„Alles oben Gesagte führt die Akademie der Wissenschaften
zu der Überzeugung, daß die kleinrussische Bevölkerung dasselbe

U
        <pb n="16" />
        il LM
Recht wie die großrussische haben soli ~ öffentlich und im Druck
ihre Mutters pra ch e zu gebrauchen.“
Die Kommission stellte auch fest, daß die philologischen
Unterschiede zwischen der ukrainischen und der russischen Sprache
weit zurück bis zum I1. Jahrhundert sich verfolgen lassen.
In anthropologiss cher Beziehung hat ebenfalls ein
russischer Gelehrter, Iwanowstiij, festgestellt, daß die Mosktowiter,
die aus einer Mischung mit Finnen entstanden sind, sich durch
einen ganz besonderen Typus auszeichnen und sich dadurch von
den Ukrainern wesentlich unterscheiden. Wichtige wissenschaftliche
 Beiträge gibt auch in seinen anthropologischen Studien der
ukrainische Gelehrte, Prof. Fedor Worrk.
Alle Gewohnheiten und die sonstigen geistigen Veranlagungen
 unterscheiden ebenfalls sehr scharf den Ukrainer von
einem Moskowiter. In der russsischen Familie herrscht Desspotie
des Hauptes der Familie, bei den Ukrainern nimmt die Frau
eine gleiche Stellung mit dem Manne ein. In sozialer Hinsicht
ist der Ukrainer ein Individualist, während die Moskowiter
noch im abgelaufenen Jahrhunderte an einer Gemeinschaft des
Grundbesitzes festhielten. Der Ukrainer ist mehr demotratisch
und freiheitlich gesinnt, ein Moskowiter unterwirft sich kritiklos
dem Willen des Oberhauptes sowohl in politischer wie auch
in religisser Bezienung. Der Meoskowiter ist überhaupt in
seinem häuslichen und wirtschaftlichen Leben rückständiger
und wirkt auf den Reinlichkeit und besseres Leben liebenden
Ukrainer abstoßend. Das Letztere tritt insbesondere an der
Sprachgrenze zutage, wo die eheliche Verbindung zwischen Ukrainern
 und Moskowitern seitens der ersteren peinlich vermieden
wird.
Den starken G eg ens a tz und den geradezu unüberbrückbaren
 Unterschied zeigt am besten der Umstand, daß alle
Verfolgungen und Drangssalierungen des ukrainischen Volkes vonseiten
 der russsischen Regierung es nicht vermochten, das ukrainische
 Volk mit dem russischen irg end wie zu ver sschmelzen.
 Der schroffe Gegensatz zwischen beiden Völkern hat sich
bis auf den heutigen Tag unversehrt erhalten, ja er hat sogar
zug eno m m e n.
        <pb n="17" />
        ] 12
Die ukrainische nationale Bewegung in der neueren Zeit.
18. Jahrhundert.
Nach der Niederwerfung ukrainischer Kosakenaufstände trachtete
 Rußland mit. allen Mitteln, die ukrainische Bewegung ein
für allemal unschädlich zu machen und das nationale Leben der
Ukrainer vollständig zu vernichten. Bereits im Jahre 1720 erscheint
 die Kaiserliche Verordnung des Zaren Peter I., durch
welche die ukrainische Schriftsprache ohne weiteres verboten
wurde. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erfolgte dann
die Aufhebung der Hetmanswürde, die Auflössung der Kosakenorganisation
 und die Aufhebung der verbürgten Sonderrechte
der Ukrainer, bis das Gebiet in russische Gouvernements geteilt
und unter die einheitliche russische Staatsverwaltung gestellt
wurde.
Allein alle noch so strengen Maßregeln der russischen Regierung
 vermochte nicht, das ukrainische Volk zu brechen. Die
Entsendung des Grafen Kaprnist (1791) an die westlichen Höfe
wurde schon erwähnt.
An der bekannten Dekrabistenbewegung vom Jahre 1825
waren auch Vertreter der Ukrainer beteiligt. Der Führer des Poltawa-Adels
 LCukasschewycz gründete sogar eine „Vereinigung zur
Befreiung der Ukraine“, die sich die Wiederherstellung der
ukrainischen Unabhängigkeit zum Ziele setzte.
Die kosakischen *) Überlieferungen lebten ununterbrochen in
den breiten Schichten des ukrainischen Volkes fort. Bezeichnend
ist, daß im Jahre 1831 die ukrainische Bauernschaft die Forderung
stellte, man möge neuerlich kosakische Korps bilden, in derselben
Art, die seinerzeit vor der Aufhebung der ukrainischen Kosakenorganisationen
 bestanden hatten. Im ersten Augenblick wurde
dieser Forderung stattgegeben; als aber die russische Regierung
wahrnahm, daß die neugeschaffene Organisation von dem Gedanken
 der politischen Selbständigkeit erfaßt wurde, schickte es
die ukrainischen Kosaken nach dem Kaukasus, wo sie volle
18 Jahre behalten wurden. Dieselbe Kosakenbewegung wieder-*)
 Die jetzigen „Kosakenhorden“ haben mit dem alten „kosakisschen
Volksheer“ der Ukrainer nichts als den UN amen gemeirsam.
        <pb n="18" />
        holte sich dann noch einmal unter der ukrainischen Bauernschaft
der Gouvernements Kijew und Cherson im Jahre 1853, so daß
diese Bewegung nur durch Anwendung militärischer Macht unterdrückt
 werden konnte. Auch diese Bewegung beweist, wie lebhaft
die Überlieferung der einstigen ukrainischen Unabhängigkeit in
den ukrainischen Volksmassen sich bis in die neueste Zeit erhalten
 hat.
In den vierziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts
gründete die ukrainische, patriotisch denkende Intelligenz die
„Cirillo-Methodsche Bruderschaft'‘, welcher die angesehensten
ukrainischen Schriftsteller jener Zeit angehörten. Der politische
Zweck der Vereinigung war, die Bildung eines slawischen Staatenbundes
 anzubahnen, in welchem eine selbständige Ukraine
als ein besonderer Staat ihren Platz finden sollte. An der
Vereinigung beteiltigte sich u. a. der berühmte ukrainische Dichter
 Schewtschenko, der wegen seines ukrainisch-nationalen Wirkens
 im Jahre 1847 verhaftet und nach dem Ural verbannt
wurde.
In den sechziger Jahren bildeten sich in allen größeren
Ortschaften der russsischen Ukraine geheime ukrainische Verbände
(Hromady), unter denen diejenigen von Kijew und Petersburg
sich besonders hervortaten. Die Verbreitung dieser Organisationen
 und ihre rege Wirksamkeit zogen bald die Aufmerksamkeit
 der russsischen Regierung auf sich, und bereits im Jahre
1876 erschien der berüchtigte zarische „Ukas‘), mit welchem die
ukrainische Literatursprache (wie bereits im Jahre 1720) verboten
 wurde. Gleichzeitig wurde die ukrainische wissenschaftliche
Gesellschaft in Kijew, die als eine Nebenstelle der wissenschaftlichen
 geographischen Gesellschaft eingerichtet worden war,
wegen ihrer ukrainisch-nationalen Tätigkeit aufgelöst und die
hervorragendsten Mitarbeiter der Gessellschaft in die Verbannung
 gesschickt.
Als eine eigentliche Masss enb ew e gung tritt die
ukrainische nationale Bewegung erst wieder mit
Anfang des lauf enden Jahrhunderts auf. Die
russsische Revolution und die damit im Zusammenhang stehende
Besstrebung nach der Erlangung politischer Freiheit in Ruß-[Ö
        <pb n="19" />
        . 14
land hat viel dazu beigetragen, daß auch die nationale ukrainische
 Bewegung erstarkte und die breitesten Volksmassen mit
sich riß.
Beute gibt es keine einzig e Schichte des ukrainischen
 Volkes in Rußland, die nicht von der utrainischen
nationalen Idee erfaßt wäre. An der Spitze steht sselbstverständlich
 die ukrainische Bauernschaft und die utkrainische
Intelligenz freier Berufszweige + aber auch die jüngere Generation
 der Lehrerschaft, ja sogar die unter einem besonders
starken Einflusse des alles russifizierenden Synods in Petersburg
stehende ukrainische Geistlichkeit ist der ukrainischen nationalen
Idee nicht ferngeblieben. Die utktrainische Fabrikarbeiterschaft,
die in der allgemeinen russischen sozialdemokratisschen Organisation
 stand, hat sich von dieser losgelöst und eine b e s ond er e
ssozialdemokratissche Gruppe gebildet, welcher nur ukraini s che
Arbeiter angehören. Neuerdings beginnt auch die jüngere Generation
 des entnationalisierten ukrainischen Adels zu ihrem
Volke zurückzukehren und sich um das Banner der nationalen
Selbständigkeit zu scharen und hat schon manche Adelsfamilie
ihrem Volke zurückgegeben.
Wie stark die nationale Bewegung der Ukrainer in Rußland
 in der letzten Zeit angewachsen ist, beweisen nachstehende,
 in Deutschland leid er zu w enig b ek annte,
größtenteils amtlich festg estellte Catsachen:
1. Der amtlich e Bericht der Zentralregierung (veröffentlicht
 in der Petersburger Amtszeitung) über die Bau er nunruhen
 in den ukrainischen Gouvernements Charkow und Poltawa
 vom Jahre 1902 stellt fest, daß die Unruhen ~ die einen
großen Teil der Ukraine erfaßten ~ durch die ukrainische nationalrevolutionäre
 Bewegung vorbereitet worden waren und
der ukrainischen nationalrevolutionären Organisation zugeschrieben
 werden müssen.
2. Bei den ersten Dum aw a hl e n des Jahres 1906 haben
die ukrainischen Gouvernements unter der Führung nationaler
Organisationen nicht weniger als 52 ukrainische nationale
 Abg e ordnete in die erste Duma gewählt. Aus ihrem
Kreise wurde ein besonderer ukrainischer Klub gebildet, der an
        <pb n="20" />
        M &amp;gt;
die Spitze seines Programms die staatliche Selb ständigf
 eit d er Ukrainer stellte. Auch in die zweite Duma zogen
die Ukrainer in einer ansehnlichen, obzwar verminderten Zahl
ein, bis die Wahlordnung vom blutigen Verfolger der Ukrainer,
Stolypin, in der Weise umgebildet wurde, daß die ukrainische
Bauernschaft und Arbeiterschaft ihres entscheidenden Einflusses
auf das Wahlergebnis fast gänzlich beraubt wurde.
Das Ergebnis der Wahlen zur erssten Duma beweist jedenfalls
am besten, welch’ große Ausdehnung die nationale Bewegung auch
in den breitesten Massen des ukrainischen Volkes bereits besitzt.
Z. Auch in der dritten nnd vierten Duma konnte
die ukrainische Frage nicht ganz zum Verschwinden gebracht werden.
 Trotz der Verminderung der Zahl der ukrainischen Vertretung
 wurde in der Duma eine große politische Verhandlung
über die ukrainische Frage durchgeführt, an der sich alle ausschlaggebenden
 Parteien beteiligten. Als dabei der Dumapräsident
 Rodzianko gegen die ukrainische nationale Bewegung auftrat,
 schickten die ukrainischen Nationalen eine Menge von Protesten
 ein, die mit vielen Tausenden von Unterschriften aus
alien Kreisen der ukrainischen Bevölkerung, insbesondere auch
aus den Kreisen der Bauernschaft, bedeckt waren.
4. Im Jahre 1907 wurde in Kijew ein Ri e senpr oz e ß
gegen ungefähr 200 Mitglieder der ukrainischen revolutionären
Organisation (der sog. „„Spilka‘‘-Prozeß) durchgeführt. In
der Anklageschrift stellt die russsische Behörde fest, daß die
ukrainische Organisation in nicht weniger als fünf ukrainischen
Gouvernements – mit Kijew an der Spitze ~ die gesamte
ukrainische Bevölkerung im ,ukrainisch-separatistisschen‘“ Sinne bearbeitete
 und die ersten Dumawahlen organisierte.
5. Aus Anlaß der „Kaiserlichen Botschaft‘’ des Kaisers Franz
Joseph I. an die ukrainische parlamentarische Vertretung Österreichs,
 mit welcher die Gründung einer ukrainischen Universität
in Lemberg angekündigt wurde, schickten die Ukrainer Rußlandz3
aus einer Menge von Ortschaften an die ukrainis
 chen Abgeordneten und die ukrainifschen V ereine
 in Galizien unzählige Glückwunsschd ep es
 ch en und Anerkennungsschreiben, trotzdem ein solcher Schritt

15
        <pb n="21" />
        [’
von der russischen Regierung als Zeichen einer sstaatsfeindlichen
Gesinnung aufgefaßt werden mußte und auch so aufgefaßt wurde.
6. Die Leichenfeier des im Jahre 1913 verstorbenen ukrainischen
 Tondichters Lissenko benutzten die ukrainischen Führer in
Rußland dazu, um in Kijew eine gr o ß e ukr ainis ch e Kun dg
 ebun g zu veranstalten. Nach der Schätzung russischer
Blätter haben sich an dieser Manifestation ungefähr 200 000 Personen
 aus allen Gebieten der Ukraine beteiligt, weshalb der damalige
 Kijewer Gouverneur, der die Rundgebung nicht voraussah
 und nicht unterdrückt hatte, mit d er Vers etz ung b estr
 a f t wurde.
7. Bereits im Jahre 1905 überschütteten die russischen Ukrainer
 den Grafen Witte mit einer Unmasse von Gesuchen um E i nführung
 einer ukrainischen Lehrkanzel an der Kijewer
 Universität. Wie stark im übrigen die Forderung nach
der nationalen ukrainischen Schule ist und wie insbesondere die
Volksschullehrersschaft in der Ukraine von der nationalen Idee
ergriffen wurde, beweist der Umstand, daß auf dem allgemeinen
russischen Volksschullehrertag e zu Petersburg im
Jahre 1914 dank den zahlreich erschienenen ukrainischen Lehrern
einen Beschluß zur Annahme gelangte, mit dem die Einführung
der ukrainischen Sprache in sämtlichen Volksschulen der Ukraine
verlangt wurde. Aus Anlaß dieser Erklärung wurde die Versammlung
 sofort behördlich aufgelsst und Graf Menschikow
schrieb im „Nowoje Wremja‘', daß die gesamte Lehrerschaft
in der Ukraine national-ukrainisch gesinnt sei und deshalb durch
die russische Lehrerschaft ersetzt werden müsse.
8. Besonders stark und masssenhaft organisierte sich die
ukrainische Bauernschaft und die ukrainische Intelligenz
 in den landwirtschaftlichen und sontstigen
 Genos s ens cha ft en (Kooperativen), die die ganze Ukraine
umfassen und wegen ihrer ,,ukrainisch-separatistischen Haltung‘“
 von den Russen öffentlich bekämpft werden. Solcher
Genossenschaften gab es in der Ukraine vor dem Ausbruche des
Rrieges ü b e r 6000.
9. Als weiteres Zeichen der Erstarkung der ukrainischen
Bewegung in Rußland in der letzten Zeit kann die Zuna h m e

C
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        ~ |? |
literarischer und publizistischer Zeitschr iftenzdi en
 en. Vor dem Ausbruche des Rrieges hatten die Ukrainer Rußlands
 20 Zeitschriften mit dem in Kijew erscheinenden Tagblatte
„Rada“ an der Spitze. Die ukrainischen Bic en
weisen ebenfalls einen riesigen Absatz auf. Die ulkrainische
Geschichte von Professor Hruschewskyj und diejenige des früheren
 Admirals Arkas verbreitete sich im Laufe kurzer Zeit in
40 000 Eremplaren. Für das Jahr 1913 wurde behördlich der
Umsatz ukrainischer Bücher auf 160 000 Eremplare festgesetzt.
Wenn man dabei bedenkt, daß der ukrainischen Literatur und
Publizistik und deren Verbreitung von der russischen Behörde
die größten Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden, so liefert
 die trotz alledem hohe Zahl angekaufter ukrainischer Bücher
einen unleugbaren Beweis dafür, wie stark in der ukrainischen
Gesellschaft das Bedürfnis nach der nationalen Literatur und
der ukrainischen Zeitung zugenommen hat.
Alle angeführten Tatsachen zusammengenommen erklären
uns zur Genüge, warum die russische Regierung und die nationalistischen
 Kreise Rußlands so gr o ß e Fur cht vor der ukrainischen
 Bewegung empfinden, sowie andrerseits, wie falsch und
gehässig die von großrussischer und polnischer Seite verbreitete
Darstellung ist, daß die ukrainische Bewegung sich auf ganz
unbedeutende Kreise ukrainischer Hitzköspfe beschränke. Fürwahr,
 die nationale Idee und die nationale Organisation der
Ukrainer in Rußland geht bereits so weit, daß man ohne
Überhebung behaupten kann, daß es keine größeren Ortschaften,
 ja sogar Dörfer gibt, wo die ukrainische Organisation
 nicht ihre Mitglieder hätte. Es braucht nur eines stärkeren
Anstoßes und veränderter Verhältnisse, vor allem einer befriedigenden
 Aussicht auf Erfolg, damit sich unser Volk erhebt und
selbständig organisiert.
Vielleicht ist es hier von besonderem Interesse ~ weil nicht
von unserem Standpunkte aus geurteilt – anzuführen, was
Professor Dr. Hoetzsch in seinem großen Werke über Rußland
(s. Literaturverzeichnis) zum Schluß seiner Ausführungen über
die Ukrainer sagt (S. 468): „~– und ebenso ist unzweifelhaft,
daß auch schon die Autonomiehoffnungen der Ukrainer dem rus-Die
 Ukraine und der Krieg.

?
        <pb n="23" />
        sischen Staat ganz anders ans Mark gehen als die der Polen
oder Litauer. Unter den Problemen, die das neue Rußland
bewegen, mag dieses heute nicht mit in erster Linie stehen, aber
zu seinen sehr ernsten Fragen gehört die Tatsache des Kleinrusssentums
 und ihre politische Bewegung, weil hier der Boden,
wenn einmal eine neue Erschütterung des Staates kommen
sollte, ganz besonders günstig vorbereitet ist." Uun, diese „n eu e
Erschütterung“ ist jetzt in größtem Umfange da! , Heute
merkt der oberflächliche Beobachter wieder so wenig von einer
kleinrussischen Bewegung im Lande wie vor der Revolution.
Tot ist diese aber nicht; im Gegenteil, sie ist durch die Kampfjahre
 noch gestärkt worden.'’ (S. 467.)
Politische Parteien in der rusßsischen Ukraine.
Bezüglich der Gruppierung nach politischen Parteien lassen
sich in der jetzigen russsischen Ukraine nachstehende politische
Gruppen = von ganz kleinen Parteigruppen abgesehen ~ feststellen:

1. Die ukrainische Intelligenz isst zum überwiegenden Teile
in der national-ukrainischen Partei organisiert. Der
Bauptrtsitz dieser Partei befindet sich in Kijew, sonst ist die Partei
in allen größeren ukrainischen Städten in Klubs und in verschiedenen
 Vereinen organisiert. Das BHauptorgan dieser Partei
bildet das Tageblatt „Rada“', welches in Kijew herausgegeben
wird und einen immer zunehmenden Abonnentenkreis aufweist.
Die Partei ist auch in wissenschaftlicher Beziehung tätig und hat
einen wissenschaftlichen Schewtschenko-Verein gegründet, von
welchem eine wissenschaftlich-literarische Monatsschrift ,„Literaturno-Naukowyj
 Wißnyk‘““ herausgegeben wird. Sie gründete
 auch in allen größeren Ortschaften für die Bauernschaft
Aufklärungsvereine (,„Proswita'’), die jedoch von der russischen
Regierung bis auf einige unterdrückt wurden.
2. Die ukrainische nationalgesinnte Bau ernschaft ist in
den bereits erwähnten landwirtsschaftlichen Genossenschaften, den
sogenannten Kooperativen, organisiert. Als Führer dieser Organisationen
 wirken meistens intelligente Leute aus dem Rreise
der ukrainischen politischen Parteien. Die Verbände sind sehr

18
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        .. &amp;gt; 19 Vr
stark, haben ihre Mitglieder in fast allen Ortschaften der Ukraine,
korrespondieren sogar miteinander meist ukrainisch und geben
ihre besonderen Fachorgane in der ukrainischen Sprache heraus.
Seit der Kijewer Ausstellung vom Jahre 1913 befinden sich
diese Organisationen im schroffen Gegensatze zu den großrussischen
 Genossenschaften, von denen sie als utrainisch-separatistische
 bezeichnet werden.
3. Die ukrainische industri elle Arbeiterschaft ist
in der sozialdemokratischen Partei organisiert, welche eigene Vertretung
 und eigene utrainische Preßorgane hat. Sehr stark ist
diese Partei u. a. in Kijew und Jekatarinoslaw (wo sich die
wichtigen Eisenwerke befinden) vertreten.
4. Die ukrainisch gesinnte Geistlichk eit, ukrainischnationale
 In du sstri ell e und der zum Uirainertum jüngst bekehrte
 Teil des A d els haben keine besondere politische Organisation
 – meistens gehören sie der national-ukraini
 s &amp;gt;? n Partei an, in der sie ihre Tätigkeit entwickeln.
Es muß dabei bemerkt werden, daß der utkrainische Kleina
 d el sich ziemlich zahlreich in der linksseitigen Ukraine (östlich
 des Dniepr) befindet -– daß die ukrainischen Industriellen
insbesondere im südlichen industriellen Teile der Ukraine vertreten
 sind (daß sogar eine Bahnlinie am Ruban sich in den
Händen der Ukrainer befindet) – und schließlich, daß die ukrainisch-nationale
 G eisstlichk eit ziemlich stark in der rechtsseitigen
 Ukraine, insbesondere in Podolien, vertreten ist. Zur
Nationalisierung der jüngeren Generation der ukrainischen
Geistlichkeit haben insbesondere die geheimen Vereinigungen
in einzelnen theologischen Bildungsansstalten beigetragen, die
jedoch in der letzten Zeit von den russischen kirchlichen Behörden
 entdeckt wurden und mit allen Mitteln verfolgt werden.
Der Bischof Parfenyi von Kamenetz Podolsky, der insbesondere
im ukrainischen nationalen Sinne im geheimen gearbeitet hat,
wurde sogar von RKamenetz Podolsky wegen seiner nationalen
Haltung versetzt und die Stelle einem Allrussen anvertraut.

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        <pb n="25" />
        Der Bund zur Befreiung der Ukraine.
Mit dem Ausbruche des Krieges hat sich in Lemberg
 aus den im Auslande tätigen Mitgliedern verschiedener
 ukrainischer Parteiverbände der russischen Ukrainer
der Bund zur Befreiung der Ukraine gebildet. Ihm
sind alle hervorragenden Mitglieder der ukrainischen Organisation
 Rußlands, soweit sie sich zur Zeit des Kriegsausbruches
im Auslande befanden und schon früher für die ukrainische
Sache werbetätig waren, beigetreten.
Infolge der Besetzung der galizischen Hauptstadt durch die
Russen hat der Bund vorläufig seinen Sitz nach Wien verlegt,
von wo aus er seine weitere Tätigkeit entwickelt.
Der Bund sette sich zum Ziele, die Organisation
der Ukraine als eines selbständig en nationalen
Staates in der Weise vorzubereiten, daß von ihm
in fast allen neutralen europäischen Staaten sowie insbesondere
in beiden Zentralmächten und in der Türkei die Agitatiok für
die ukrainische Unabhängigkeitsidee betrieben wird. Im weiteren
Verlaufe der Sache beabsichtigt der Bund, falls utkrainische
Gebiete von den verbündeten Armeen besetzt werden, seine
Cätigkeit nach den eroberten Gebieten zu. verl
 eg en, um dort die nationalen Kräfte und eine vorläufige
Verwaltung im Einverständnisse mit den dort wirkenden nationalen
 Verbänden durchzuführen.
Im einzelnen stellt sich die bis h erig e Tätigkeit des
Bundes in kurzen Worten folgendermaßen dar :
Der Bund hat sofort nach dem Ausbruche des Rrieges
einen Au f r u f an die europäischen Staaten veröffentlicht, in
welchem die Bestrebungen der Ukrainer nach Lostrennung der
Ukraine von Rußland und nach Wiederherstellung eines unabhängigen
 ukrainischen Staates zum Ausdrucke gebracht wurde.
Überdies wurden vom Bunde noch besondere, an einzelne Völker
gerichtete Aufrufe herausgegeben, so an die Schweden, Bulgaren,
Rumänen und an die Türkei.
Ferner wurden vom Bunde auch Flugschriften in
mehreren Sprachen herausgegeben, die sich mit der ukrainischen
Frage befassen. Hierher gehören u. a. eine kurzgefaßte Ge-20
        <pb n="26" />
        N |
schichte der Ukrainer in deutscher und bulgarischer Sprache
von Prof. Hruschewsky, eine Flugschrift für die Balkanvölker
in rumänischer und bulgarischer Sprache von Dr. Cehelsky,
eine große Flugschrift in türkischer Sprache, ferner in ungarischer
 und italienischer Sprache die wissenschaftliche Arbeit über
die Ukrainer und deren Bestrebungen von Prof. Dr. Rudnicky
und sschließlich eine ähnliche Flugschrift in schwedischer
Sprache von Dr. Nazaruk. Weitere befinden sich im Druck und
gelangen bald zur Veröffentlichung.
Um die Werbetätigkeit für die ukrainische Sache möglichst
erfolgreich zu betreiben und mit den Regierungen der Zentralmächte
 und einiger neutraler Staaten in ständiger Verbindung zu
bleiben, hat der Bund zeitweilige oder ständige Vertreter
nach einzelnen Staaten gesschickt, insbesondere nach Berlin, Stockholm,
 Sofia und Konsstantinopel. Grade auch in der letztgenannten
 Stadt hat unser Vertreter die freundlichste Aufnahme
gefunden, da die Gründung eines selbständigen Königreichs
Ukraine für die Türkei von ganz besonders großer Bedentung
sein würde.
Eine weitere Tätigkeit entwickelte der Bund unter Zustimmung
 der betreffenden Militärverwaltungen im Lager der
russis chen Gefangen en. Der Zweck dieser Arbeit ist, die
ukrainischen Gefangenen in nationaler Hinsicht aufzuklären und,
wie wir es möchten, für den etwaigen Einmarsch in die russische
Nkraine auf seiten der verbündeten Armeen zu organisieren. Vorläufig
 wird in Österreich-Ungarn und der Türkei gearbeitet, wo
durch unsere Intervention die Ukrainer aus den Gefangenenlagern
ausgeschieden und unter die Aufklärungsarbeit der dazu entssendeten
 Mitglieder des Bundes gestellt wurden. Auf diese
Weise entstand unter anderem ein ukrainisches Gefangenenlager
 in Freistadt in Österreich, wo bereits 6000 aufgeklärte
ukrainische Soldaten untergebracht sind. Wir hoffen, daß auch
in Deutschland die ukrainischen Gefangenen zur Mitwirkung
herangezogen werden. Der Bund gibt in Wien zwei Preßorgane
 heraus = in deutscher Sprache „Ukrainische Nachrichten“
und in utkrainischer Sprache ,„Wißnyk Sojuza wyzwolenia
Ukrainy““ (Mitteilungen des Bundes zur Befreiung der Ukraine).
Die Schriftleitung beider Organe befindet sich in Wien VIII,
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        e s W.
Jossefstädterstraße 79. Über seine praktisch vorb er eitend e
Tätigkeit für weitere Entwicklungsstadien des Krieges kann
hier näheres nicht gesagt werden. Doch wenn diese praktischen
Ziele erreicht werden sollen, so ist dazu eine werktätige und
verständnisvolle Unterstüzung von seiten der maßgebenden
Stellen beider Zentralmächte erforderlich.
Der Apell des Bundes an das deutsche Volk.
Der Bund legt ganz b e s o n d er e s Gewicht darauf, daß die
ukrainische Sache von dem deutschen Volke ihrer
wahren Gestaltung und Bedeutung nach erkannt
und unterstützt wer d e. Er möchte daher durch die obigen
politischen und geschichtlichen Darlegungen das Interesse und
das Verständnis für die so bedeutsame ukrainische Frage in
Deutschland bei führenden Politikern wecken und fördern.
Es ist ja nicht das erste Mal, daß diese Frage in Deutschland
 auftaucht.
Zunächst trat sie, wie schon erwähnt, im Jahre 1791 an
König Friedrich Wilhelm II. und an seinen Kanzler v. Hertzberg
 durch die Mission des ukrainischen Adelsmarschalls Grafen
Kapnist heran. Da damals jedoch die dritte Teilung Polens
im Gange war, die Preußen einen großen Landzuwachs brachte,
hatte es keinen Anlaß zum Kriege mit Rußland, so daß die
Mission ergebnislos blieb und bleiben mußte.
Auch als sie zum zweiten Male an Preußen herantrat,
1854 während des Krieges, hatte dieses zunächst noch dringendere
Aufgaben, die Auseinandersetzung mit Österreich und Frankreich,
für die es die ,traditionelle Freundschaft’ Rußlands zu brauchen
 glaubte. Daher scheiterten alle Bemühungen der Beth -
mann-Hollw eg -Partei (deren Mitglieder ihre Gegner Bis- :
marck als ,zweifellos kluge Köpfe‘ und von Sybel als ,,eine
Gruppe vornehmer Beamten und Diplomaten““ bezeichnete),
Preußen zum Eingreifen gegen Rußland zu bringen. Sie hatten
dafür als Ziel gesteckt, die Großrusssen in ihre ethnographischen
Grenzen zurückzuweisen und von Rußland u. a. auch die ukrainischen
 Provinzen abzutrennen. „Konstantinopel ist so wenig in christlichen
 wie in türkischen Händen sicher, solange Rußland das
Schwarze Meer beherrscht. Daraus folgt unabweisbar, daß man

?;
        <pb n="28" />
        Rußland nicht allein die Krim, sondern auch Bessarabien, Cherson
und Taurien entreißen muß.“
Nun, die Zeit dafür war noch nicht gekommen und Bismarck
 war für sie noch nicht zu haben.
Am Ende seiner ruhmvollen Laufbahn stand er ihr jedoch
ganz anders gegenüber. Schon |I879 schrieb er an den Rönig
von Bayern, daß er sich „der Überzeugung nicht erwehren
könne, daß der Friede durch Rußland, und zwar nur durch
Rußland bedroht sei.“. In der aus Anlaß des russischen
Vorgehens wider Bulgarien gehaltenen Reichstagsrede (vom
6. Februar 1888) sprach er seine Überzeugung sogar dahin aus,
„daß selbst ein vollständiges Indienstsiellen unserer Politik
in die russische uns nicht davor schütztt, gegen unsern Willen
und gegen unser Bestreben mit Rußland in Streit zu geraten“.
Man wird kaum fehlgehen mit der Annahme, daß die kurz
vorher erschienenen Artikel v. Hartmanns (Gegenwart, [887,
XII, 1888, 1) über Rußlands Schwächung von Bismarck veranlaßt
 waren. In diesen hieß es u. a., es „würde die Selbsterhaltungspflicht
 Deutschland und Österreich zu dem Besstreben
 nötigen, ihre etwaigen Siege und die zeitweilige Zerrüttung
des Angreifers zu einer dauernden Verminderung seiner Offensivkraft
 durch b ed eut end e Gebiets a b tr etung en zu benutzen‘’.
 Neben der Abtrennung der andern Fremdvölker wurde
die Errichtung eines „Königreichs Kiew“ vorgesehen, das sehr
wohl die Grundlagen zu politischer Selbständigkeit besitze.
Bismarck wendete sich nun also ganz deutlich gegen die Weltherrschaftsgelüste
 Rußlands, und man kann sicher sein, daß
er, falls ihm die Beseitigung der RKriegsgefahr (durch Ausschließung
 der russischen Papiere an den Börsen usw.) nicht
anderweitig geglückt wäre, die vorerwähnte gründliche Schwächung
 Rußlands sich als RKriegsziel gesteckt hätte.
Doch noch kam es nicht zum Kriege mit Rußland.
I etzt ist aber unsere Zeit get o mm en, und wir
leisten der Aufforderung des preußischen Kanzlers Grafen Hertzberg
Folge: „W enn es zum Kriege kommt, ist es Sache
der Ukrainer, das Notwendige zu tun, um Jie
preußische Hilfe. zu erlangen.
Wir treten an den deutschen Kaiser, die deut-2Z
        <pb n="29" />
        ] 24 -
schen Bundes fürsten und das deutsche Volk mit
d er dringend en und herzlichen Bitte heran, uns
aus unserer langen Knechtschaft und Unterdrückung
 zu b efr eien und zur staatlichen S e l b t -
ständigk eit zu verhelfen. Wir hoffen auf di e Erfüllung
 unserer Bitte um so mehr, als die für
unsere Befreiung etwa noch zu bringenden Opfer
ja fast ebensosehr im Interesse. des deutschen
Volkes liegen. Uur durch die Schaffung eines
selbständig en „KÖSnigr ei chs Ukraine!!! kann die
gro ßruss i che Gefahr auch für D eut schl a nd
dauernd gebannt werden. Zwischen D eut s cla nd
und . der Ukraine bestehen aber keine Gegen-r
sät e. Di ese ist vielmehr zu ihrer vollen Entwicklung
 auf d eutsche Intelligenz und d euts h es Rapital
 angewiesen, die beide in ihr ein reichlich
lohnendes Arbeitsfeld finden werden.
Möge uns Gott nach d em vollen Sieg der deutschen
 Waffen die Erfüllung uns erer Wünsche im
Interesse unserer beiden, auf einand er ang ewies
 enen Völker gewährenl!
Literatur zur ukrainischen Frage.
Prof. Dr. Hoetz ch: Rußland, Eine Einführung auf Grund seiner Geschichte
von 1904–41912. Bln. bei G. Reimer 1913. S. 462 ff.
Michael Hruszews kyj: Russen über Rußland; ein Sammelwerk bei Rütten
&amp;amp; Loening, Frankfurt a M. 1906.
Dr. Stefan Rudnykyi: Ukraine und die Ukrainer, Wien VII, Mechitaristen-Verax:
 g Jfe!th l U îrainseze Problem. Bln. 1915 bei C. Kroll. Mk. ~.50.
Dr. Eugen Lewick y: Die Ukraine, der Lebensnerv Rußlands (In den
Flugschriften: „Der Deutsche Krieg“ von Ernst Jäckh. Mk. —.50.)
Dr. L. Ceheîs k y j: Der Krieg, die Ukraine und die Balkanstaaten. Herausgegeben
 vom Bunde zur Befreiung der Ukraine, Wien VIII, Mk. ~.50.
Michael Hruszew skyj: Ein Ueberblick der Geschichte der Ukraine. Verlag
des Bundes zur Befreiung der Ukraine, Wien VII, Mk. —.50.
D mytro Donzo w: Die ukrainische Staatsidee und der Krieg gegen Rußland,
 Bln. 1915 bei C. Kroll. Mk. 1.9.
Dr. Michael Lozynskyj: Dokumente des polnischen Russophilismus (behandelt
 die ukrainisch-polnische Frage in Galizien), Bln. 1915 bei
Wladi B SR U es Die Ukraine und ihre Bedeutung im gegenwärtigen
Kriege gegen Rußland; Wien bei Gerold &amp;amp; Co.; Mk. 1.0.
Ukrainische Nachrichten (Zeitschrift): Herausgegeben vom Bunde zur
Befreiung der Ukraine, Wien VIII, Josefstädterstr. 79.
        <pb n="30" />
        10 . » »nss
Tambor
S.. L NH W e j S. S. p U z: s e N § sts;
l let, Ä ür z :
dl; sj, s. / v U ) ! . A Wordnesoh
WARSCHAU f Y MJ [d. (
Lodz J Br. . ;; : S&amp;gt; ôeiser_- § 1} ! rgi0str
i. ?neore.r ' ELFE SH &amp;gt; SI: SQ ü mad fte Schernigo Glu - L ts
ß 0 L E N ; ; f S 01 §3) s t) NI; g riß Erz] ) /
; s Lubün (/ f iV w 0 LH Y N l E N : .. ] .44 . dlclgorod ssexgjentt
; %.. A h (70%) guns H
| !-. Ä EST; V, ( ...2 t V . Dußno Schitomir KIJ ; u “. Charkow t.
sos KT§ U K~ Taro | Lembe rod) Üitetieves ? (79%) „Herejsstaen_ (70%) srsgotjels
tre A L I J . ur z
| K, UU Ut Et 6%. river Ms | | Rctettsst t .... j Slamis ct tz 65:1 §
0 § T. . 's: T E ] Uzcengac 0 Z. ümsh. Tschghyry. L. vetattggegion
.. Ä V sz z G
“s WW . Y + . .. Lelisevetgtsd [ Eh em . tuctets
%R ih es * te: Kr wyjfi ; j CO ß,. '
'ehréczen ée | ° M A ; t . Saft rs . ~
. z ' ; Mi, z1
r N &amp;amp; A R IU K ? ots | NikolRjew (53941 ) 8 LE N If: Ñ
; Grossa S,, t f r ah . ~A'fse t Uu / Chers f “uzzgt , § 's S. I
. S: Fereftgg...' R. B &amp;gt; A T I yx. E .f
U K RAI N E: / Pdessa ß. LA. HE . MM; . [Zs 10
. man I U mmruww
[EtnographischekKarte des einheitlicher ane, _ Uu tainsschi1 j
y ; § Gebiets ohne Enklaven) [:29.5 s Sala! W ; jatigarsk
ukrainischen v ebieks c T; "
' tr Stsarsgrenzen Lt D graf Ng pre ; r ek
gt; tesgessiettet ZS Serestcr(§. .;. tts S h Te
len Frazentsätze der ukrainischen 11.44 EST ]2 - § § M E E K Ä iii
t g.. ttt agree fuse c S L. f W A P N. ê ts
Maßstab 1:8 000000 .. E Ü c e |
_ ZBW digital 2020 DZ
        <pb n="31" />
        W &amp;gt; 11 § j
stark, haben ihre Mitglieder in fast allen Ortschaften der Ukraine,
korrespondieren sogar miteinander meist ukrainisch und geben
ihre besonderen Fachorgane in der ukrainischen Sprache heraus.
Seit der Kijewer Ausstellung vom Jahre 1913 befinden sich
diese Organisationen im schroffen Gegensatze zu den großrusssischen
 Genossenschaften, von denen sie als ukrainisch-separatistische
 bezeichnet werden.
Z. Die ukrainische industri elle Arbeiter schaft ist
in der sozialdemokratisschen Partei organisiert, welche eigene Vertretung
 und eigene utrainische Preßorgane hat. Sehr stark ist
diese Partei u. a. in Kijew und Jekatarinoslaw (wo sich die
wichtigen Eisenwerke befinden) vertreten.
4. Die ukrainisch g e sinnt e Geistlichk eit, ukrainischnationale
 Ind u str i ell e und der zum UNirainertum jüngst bekehrte
 Teil des A d el s haben keine besondere politische Organisation
 – meistens gehören sie der national-ukraini
 s e n Nartei an, in der sie ihre Tätigkeit entwickeln.
Es muß dabei bemerkt werden, daß der ukrainische Kleina
 d el sich ziemlich zahlreich in der linksseitigen Ukraine (östlich
 des Dniepr) befindet – daß die ukrainischen Industriellen
insbesondere im südlichen industriellen Teile der Ukraine vertreten
 sind (daß sogar eine Bahnlinie am Kuban sich in den
Händen der Ukrainer befindet) – und schließlich, daß die ukrainisch-nationale
 G eisstlichk eit ziemlich stark in der rechtsseitigen
 Ukraine, insbesondere in Podolien, vertreten iste Zur
Nationalisierung der jüngeren Generation der ulkrainischen
Geistlichkeit Haben insbesondere die geheimen Vereinigungen
in einzelnen theologischen Bildungsanstalten beigetragen, die
jedoch in der letzten Zeit von den russischen kirchlichen Behörden
 entdeckt wurden und mit allen Mitteln verfolgt werden.
Der Bischof Parfenyi von Kamenetz Podolsky, der insbesondere
im ukrainischen nationalen Sinne im geheimen gearbeitet hat,
wurde sogar von Kamenetz Podolsky wegen seiner nationalen
Haltung versetzt und die Stelle einem Allrussen anvertraut.

V
H 7
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        <pb n="33" />
        <pb n="34" />
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
