70 Kap. III. Das wirtschaftliche Prinzip in der Tauschwirtschaft. dann eine diese Geldsumme übersteigende Einbuße an Nutzen ver- anlassen müßte. Die ganze Grenznutzentheorie kann auch als eine theoretische Deduktion der Wirtschaftsführung von dem Postulate, daß das Wirtschaftssubjekt dem Maximum des Gesamtnutzens nachstrebt, aufgefaßt werden. Diese rein formelle Theorie, die in keiner Weise unsere Kenntnis der realen Vorgänge erweitert, ist für die Theorie der Preisbildung jedenfalls überflüssig. Sodann ist zu bemerken, daß diese deduktive Herleitung der Ge- staltung der Nachfrage aus einem einzigen Prinzip, an der man sich so kindlich erfreut hat, nur durch gekünstelte Konstruktionen und unter einer ziemlich starken Vergewaltigung der Wirklichkeit möglich war. Erstens: Eine abstrakte, in irgendeiner Rechnungsskala ausgedrückte Schätzung des Nutzens der verschiedenen Stufen der Bedürfnisbefrie- digung in allen ihren Zweigen ist dem wirtschaftenden Menschen nicht möglich. Er braucht für solche Schätzungen zum mindesten die Stütze der gegebenen Preislage und kann höchstens diejenige Veränderung seiner Nachfrage, die durch Veränderung eines Preises hervorgerufen werden würde, mit einiger Wahrscheinlichkeit beurteilen. Seine ganze Schätzungsskala ist nämlich notwendig an die bestehende Preislage gebunden. Wenn wir uns schlicht an die einfachen Tatsachen halten, können wir nur sagen, daß die wirtschaftenden Menschen, sobald sämt- liche Preise gegeben ‚sind, sich entschließen, was sie kaufen wollen, also die Grenzlinie ziehen zwischen denjenigen Bedürfnissen, die sie befriedigen wollen, und denjenigen, die sie unberücksichtigt lassen müssen. Ferner ist aber der Satz, daß der Grenznutzen gleich dem Preise ist, durchaus nicht allgemein gültig. Auch wenn ein Bedürfnis in ver- schiedenen Dosen befriedigt werden kann, ist es gar nicht sicher, daß die letzte befriedigte Dose gleich dem Preise geschätzt wird. Für die Bedürfnisse, die bis zur Sättigung befriedigt werden; ist es im Gegen- teil Regel, daß auch der Nutzen der letzten Dose höher geschätzt wird als zu ihrem Preis, was sich darin zeigt, daß diese Bedürfnisse auch bei einem etwas höheren Preis in demselben Umfang befriedigt werden, mit anderen Worten, daß die Elastizität derselben gleich Null ist. Dazu kommt, daß die verschiedenen Stufen der Bedürfnisbefriedigung nicht immer die kontinuierliche Reihe bilden, welche die Theorie voraus- setzt. Ein Mieter, der eine Wohnung zu 2000 Mark hat, wird, wie die Erfahrung oft zeigt, diese Wohnung behalten, auch wenn der Preis bis 2100 Mark erhöht wird. Der „„Grenznutzen‘“ ist also hier höher als der Preis. Trotzdem wird der Mieter keine größere oder bessere Wohnung nehmen, weil eine solche, die ihm passen würde, vielleicht erst zu 2300 Mark zu haben wäre.‘ Die Lösung des Problems der gleichmäßigen Bedürfnisbefriedigung der einzelnen Wirtschaft, die auf Grund des