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        <title>Theoretische Sozialökonomie</title>
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            <forname>Gustav</forname>
            <surname>Cassel</surname>
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        </author>
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            <idno>1741838835</idno>
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        u 9264
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        Theoretische
Gustav ‚Cassel
Professor an der Universität Stockholm
Vierte, verbesserte und wesentlich erweiterte Auflage
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Ines
A. Deichertsche Verlagsbuchhäandlung Dr. Werner Scholl
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Von
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        Alle Rechte vorbehalten.
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17. X Se
* Kiel*
G. Pätz’sche Buchdr. Lippert &amp;amp; Co. G. m. b. H., Naumburg a, d. 5.
        <pb n="4" />
        Vorwort zur vierten Auflage,
Seit dem Ausbruch des Weltkrieges haben das Studium der Umwälzungen
 auf dem Gebiete des Geldwesens und später die positive
Arbeit auf den Aufbau eines neuen stabilen Geldsystms meine meiste
Arbeitskraft in Anspruch genommen. Das Resultat dieser Arbeit ist
in der deutschen Sprache in folgenden Werken zusammengefaßt:
Deutschlands wirtschaftliche Widerstandskraft, 1916: Das Geldproblem
der Welt, 1921 und 1922: Do. Zweite Denkschrift, 1922; Das Geldwesen
nach 1914, 1925; Das Stabilisierungsproblem, 1926. Da nun eine vierte
Auflage der Theoretischen Sozialökonomie notwendig wurde, glaubte
ich, daß die Zeit gekommen wäre, um die für die allgemeine Theorie wichtigsten
 Ergebnisse dieser Untersuchungen in das vorliegende Werk
hineinzuarbeiten. Dabei konnte die frühere Darstellung des dritten
Buches im wesentlichen beibehalten werden. Das neu hinzugekommene
erscheint als eine organische Entwicklung der schon vorhandenen Grundlegung.

Eine zweite Erweiterung hat das Werk in dieser Auflage erfahren,
indem ein fünftes Buch über den internationalen Handel hinzugefügt
worden ist. Diese Erweiterung war notwendig geworden, teils aus Rücksichten
 auf die Bedürfnisse des Unterrichtes, teils aber auch aus inneren
Gründen. Die Probleme des internationalen Handels sind in der letzten
Zeit mehr und mehr in Verknüpfung mit den Valutaproblemen hervorgetreten
 und es zeigt sich fruchtbar, die Theorie des internationalen
Handels in Zusammenhang mit der Geldtheorie und besonders mit der
Theorie der Wechselkurse vorzuführen.
Mit diesen Erweiterungen glaube ich dem Werke eine den Bedürfnissen
 der studierenden Jugend besser angepaßte Gestaltung gegeben
zu haben. Um dem allgemeinen ökonomischen Prinzip zu entsprechen,
habe ich andererseits von dem Inhalt der früheren Auflagen vieles ausgemustert,
 was nicht unbedingt notwendig erschien.
Mein guter Freund und treue Stütze in der langjährigen Arbeit an
diesem Werk, Ludwig Pohle, ist nicht mehr. Es ist mir ein unabweisbares
 Bedürfnis auf diesem Platz seinem Gedächtnis einige Worte zu
bringen. Die ursprünglich geplante Mitarbeit im vorliegenden Werke,
        <pb n="5" />
        . Vorwort.
wo er die kritisch-analytische Darstellung der Entwicklung des Wirtschaftslebens
 übernehmen sollte, mußte immer wieder beiseite geschoben
werden, da er von seiner ganz überwältigenden Tätigkeit als akademische
Lehrer viel zu viel in Anspruch genommen wurde. Trotzdem fand er Zeit,
seine geplante Arbeit so weit auszuführen, daß seine Schrift „Kapitalismus
 und Sozialismus‘“ zu einem umfassenden Lehrbuch umgestaltet
wurde, welches wohl einen wesentlichen Teil des Materials enthält, das
er ursprünglich bearbeiten wollte, andererseits vielleicht aber auch über
diesen Rahmen hinausgeht. Der Tod hat ihn verhindert, das weit vorgeschrittene
 Manuskript zu diesem sicher sehr bedeutungsvollen Werk
zu vollenden. Wir müssen alle hoffen, daß es bald gelingt, dieses Werk
in eine so abgeschlossene Form zu bringen, daß es gedruckt werden kann.
Was Pohle vor allem als Wissenschaftsmann charakterisierte,
war sein Blick für das Wesentliche und seine Sachlichkeit. Er wollte
die Wirtschaftslehre zu einer wahren Wissenschaft gestalten, die unbeirrt
von Gefühlen und politischer Stellungnahme, und befreit von allen
unnötigen und ausschweifenden Phrasen, die Wahrheit durch direkte
Beobachtung und mit Hilfe einer streng theoretischen Schulung festzustellen
 hatte. Für die deutsche Wissenschaft war er durch seine starke
Hervorhebung der Notwendigkeit einer klaren Theorie und durch seinen
offenen Sinn für die Realitäten des Wirtschaftslebens ein Wegweiser.
Die richtige Ehre können wir ihm dadurch beweisen, daß wir unsere
Wissenschaft weiter in seinem Geist ausbilden und die Jugend in klarer
theoretischer Erfassung der ökonomischen Wesentlichkeiten und in der
Gewohnheit einer schlichten Beobachtung der Wirklichkeit erziehen.
Diursholm im September 1926. Gustav Cassel.
Vorwort zur ersten Auflage.
Die unaufhörlichen Fortschritte der modernen Wissenschaft, die
stetige Ausdehnung ihres Gebietes und die Anhäufung neuen Materials
machen es zu einer gebieterischen Notwendigkeit, daß veraltete Teile
ausgesondert und Auseinandersetzungen, die nun keine wirkliche Bedeutung
 mehr haben, beiseite gelassen werden. Müßten wir für immer
den ganzen alten und stets wachsenden Ballast mitschleppen, so wurden
die Schwierigkeiten uns bald über den Kopf wachsen, wir würden den
Überblick verlieren und die neuschaffende wissenschaftliche Arbeit
würde darunter zu leiden haben. Dies gilt nicht am wenigsten für die
ökonomische Wissenschaft. Bei meinen volkswirtschaftlichen Studien
bin ich schon früh zu der Überzeugung gekommen, daß die ganze alte
sogenannte Wertlehre mit ihren unendlichen Wortstreitereien und ihrer

IV 5
        <pb n="6" />
        Vorwort.
nfruchtbaren Scholastik zu dem auszumusternden Ballast der theoretischen
 Ökonomie gehört. / } }
Die ganze Theorie der Sozialwirtschaft muß nach dieser Aufassung
 direkt auf eine grundlegende Theorie der Preisbildung aufgebaut
 werden können. Einen ersten Versuch in dieser Richtung machte
ch in meiner Abhandlung ‚Grundriß einer elementaren Preislehre‘,
 welche von Schäffle mit einem Verständnis und einer Anerkennung,
 deren ich mich noch mit größter Dankbarkeit erinnere,
entgegengenommen und in seiner Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft
 1899 veröffentlicht wurde. /
Das Programm, das in dieser Arbeit enthalten war, habe ich seitdem
 unausgesetzt verfolgt. Erst eine abgeschlossene und in der Hauptsache
 vollständige Theorie der Sozialwirtschaft konnte den Beweis für
die Richtigkeit dieses grundlegenden Programms liefern. Wenn ich‘jetzt
mit dem vorliegenden Werke nach zwei Dezennien eine solche Theorie
orlege, bin ich mir wohl bewußt, wie sehr mangelhaft sie noch in Einzeleiten
 ist, wage aber zu glauben, daß sie in ihren großen Linien eine
efriedigende Lösung der Aufgabe, die ich mir gestellt habe, gibt und
aß sie damit nicht nur den Studierenden der ökonomischen Wissenchaft
 einen ganz erheblich vereinfachten Zutritt zu den zentralen
ragen dieser Wissenschaft gewähren, sondern auch zur größeren!
estigkeit und Klarheit in der Wissenschaft selber beitragen wird.
Die konsequente Auffassung aller ökonomischen Fragen als Proleme
 der Preisbildung führte u. a. dazu, daß auch der Kapitalzins als
in Preis aufgefaßt, und daß auf dieser Grundlage eine Theorie des
apitalzinses ausgearbeitet werden mußte. Das Ergebnis meiner Beühungen
 in dieser Beziehung lag 1903 in meinem in London veröffentichten
 Buch „The Nature and Necessity of Interest‘ vor. -
Das Studium des Zinsfußes und der Ursachen seiner Schwankungen
ührte mich dann zu einer Untersuchung der Konjunkturbewegungen,
obei ich meine Bemühungen direkt auf eine Erforschung der realen
orgänge besonders auf dem Gebiete der Kapitalbildung richtete.
je ersten Früchte dieser Arbeit sind in der Abhandlung: ‚„„Goda. och
äliga tider‘, Ekonomisk Tidskrift, Uppsala 1904, niedergelegt.
Die Abschaffung der Wertlehre und der direkte Aufbau der theoetischen
 Ökonomie auf einer Preisbildungslehre setzte mit Notwendigeit
 eine neue Darstellung der Theorie des Geldes voraus. Die Rechung
 in Geld muß in der Preislehre vorausgesetzt werden. Dabei werden
ie Preise nur relativ zueinander, also bis auf einen multiplikativen
aktor bestimmt, während die absolute Höhe der Preise oder des allemeinen
 Preisniveaus noch unbestimmt bleibt. Diese_Unbestimmteit
 des des Problems wird erst durch Festlegung einer Geldeinheit aufehoben.
 Wie dies durch Herstellung einer gewissen Knappheit der in
er gegebenen Geldskala geltenden Zahlungsmittel gelingt, hat jetzt
        <pb n="7" />
        Vorwort.
die Theorie des Geldes zu zeigen, und hierin liegt in der Tat die ganze
Aufgabe dieser Theorie. Schon früh wurde ich von meiner Preisbildungstheorie
 zu einer solchen Auffassung des Geldproblems geführt.
In „The Nature and Necessity of Interest‘“ (Ch. V.) ist diese Auffassung
schon in ihren ersten Grundzügen vorgeführt. Auf dieser theoretischen
Grundlage habe ich später eine empirische Untersuchung der Ursachen
der Veränderungen des allgemeinen Preisniveaus unternommen und
die Bedeutung der Geldversorgung der modernen Weltwirtschaft für
die Geldpreise festgestellt („Orsakerna till förändringar i den allmänna
prisnivän‘‘, Ekonomisk Tidskrift, Uppsala 1905).
Damit waren nun die Grundsteine zu einer theoretischen Ökonomie
nach dem erwähnten Programm vorhanden. Natürlich erübrigte noch
viel zur Vervollständigung und Ausarbeitung der Theorie. Erst 1911
war ich so weit gekommen, daß ich an eine systematische Darstellung
denken konnte. Selbstverständlich wollte ich dieselbe gern in einer
der Weltsprachen veröffentlichen. Da traf ich im Sommer 1911 mit
Herrn Professor Pohle zusammen, und auf seinen Vorschlag teilten
wir die Darstellung der allgemeinen Volkswirtschaftslehre, die er damals
 plante, so, daß er den entwicklungsgeschichtlich-soziologischen
Teil übernehmen sollte, während die Behandlung der theoretischen
Ökonomie im engeren Sinne auf mich fiel. Die Hilfe, die er mit damals
versprach, und ohne welche ich wohl kaum an die Abfassung eines
größeren Werkes in einer fremden Sprache hätte denken können, hat er
später in unerschütterlicher Treue geliefert. In den besonderen Schwierigkeiten,
 die der Kriegsausbruch mit sich führte, hat er keine Mühe
gescheut, um die Fertigstellung meiner Arbeit zu fördern. Er hat sämtliche
 Korrekturen mit gelesen und selbstverständlich viel Arbeit auf
Sprachverbesserungen verwenden müssen. Immer war er außerdem
auch ein guter Ratgeber. Keine gewöhnliche Danksagung würde meine
Verpflichtung und meine Dankbarkeit ihm gegenüber richtig ausdrücken.
Beim Kriegsausbruch lag das Manuskript fertig vor. Das erste
Buch war schon im Juli 1914 nach Leipzig abgegangen, und in den
übrigen fehlten nur noch kleine Überarbeitungen. Ich hoffte damals,
das Werk schon in demselben Jahre veröffentlichen zu können. Der
Satz des Werkes hat sich aber zufolge des Krieges sehr verschleppt und
jetzt erst, vier Jahre später, kann endlich die Veröffentlichung erfolgen.
Ich habe dabei keine nennenswerten Änderungen im ursprünglichen
Text vorgenommen. Die Erfahrungen des Weltkrieges haben, soweit ich
sehe, meine Darstellung in keinem Punkte veraltet gemacht. Das
Wesentliche von dem vielen Neuen, das der Krieg auch auf dem wirtschaftlichen
 Gebiete gebracht hat, berühre ich in zwei Nachträgen zum
ersten und zum dritten Buch. Die Untersuchungen des vierten Buches,
das die Konjunkturbewegungen behandelt, finden m. E. mit dem Jahre
1913 ihren natürlichen, auch für die Zukunft gültigen Abschluß. Die

VI
        <pb n="8" />
        Vorwort. x
frühere innerlich zusammenhängende Folge der Konjunkturbewegungen
ist mit dem Weltkrieg abgebrochen und bildet einen ein für allemal abgeschlossenen
 Teil der Wirtschaftsgeschichte. Eine Weiterführung des
statistischen Materials dieses Buches konnte deshalb nicht in Frage
kommen.
Djursholm bei Stockholm, im September 1918.
Gustav Cassel.
Vorwort zur dritten Auflage.
Die Tatsache, daß unter den gegenwärtigen Verhältnissen in
Deutschland eine dritte Auflage meiner Theoretischen Sozialökonomie
erforderlich geworden ist, und daß es wirklich auch möglich gewesen
ist, eine solche Auflage zustande zu bringen, ist ein Zeugnis von dem
Vorhandensein eines lebhaften wissenschaftlichen Interesses, das auch
die allergrößten Schwierigkeiten zu überwinden vermag. Die deutsche
Wissenschaft lebt jetzt in einer Zeit der schwersten Not, und noch
sind die Aussichten auf eine Besserung ihrer Lage sehr gering. Dennoch
 kämpft sie den täglichen Kampf um das Leben mit unnachgiebiger
Energie und bleibt den besten Idealen der Forschung treu. Möge es ihr
möglich werden in diesem Kampfe trotz aller unvermeidlichen Verluste
etwas von dem Wesentlichen der deutschen Kultur an kommende
Generationen hinüberzuretten! Und mögen speziell die gegenwärtigen
ökonomischen Prüfungen die deutsche ökonomische Wissenschaft zu
verdoppelten Anstrengungen anspornen, um Klarheit zu gewinnen
über die elementaren Bedingungen und Notwendigkeiten des sozialen
und ökonomischen Lebens! Solche Anstrengungen zu stützen und damit
den Weg zu ebnen für eine kommende Neugestaltung der deutschen
ökonomischen Wissenschaft, das scheint mir jetzt die wichtigste Aufgabe
der ökonomischen Lehrtätigkeit zu sein.
Diursholm, den 28. August 1923. Gustav Cassel.

VII
        <pb n="9" />
        Inhaltsverzeichnis.
Erstes Buch,
Allgemeiner Überblick über die Volkswirtschaft.
Erstes Kapitel.
Die Wirtschaft im allgemeinen. Seite
Wesen der Wirtschaft. CE U 1
A Die‘ Mittel der :Bedürfnisbefriedigung ii - + + a nr A Ce Orle Tadeie S
Sa Die Produktion: . U a a
4.0Der fortdauernde Produktionsprozeß . © A te ]
5. Die stationäre Wirtschaft ... Narr nd AS U De
+ 6. Die gleichmäßig fortschreitende Wirtschaft . . . .. PL DE 27
ZweitesiKapitel.
Die Tauschwirtschaft.
34.7. „Tauschwirtschaft und - Geldwirtschaft” 2. ee A 135
„' 8. Kapital und Einkommen in der Geldwirtschaft . . . . KA 43
Drittes Kapitel.
Das wirtschaftliche Prinzip in der Tauschwirtschaft.
9. Aalnhalt des Problems’... . 2 | Po... 54
10. Die Beschränkung der Bedürfnisse. Fall der Kollektivbedürfnisse . 56
11. Die Beschränkung der Bedürfnisse. Allgemeiner Fall....... €
„12. Die Regulierung der Produktion. Prinzip der Knappheit ..... 74
3 13... Supplementäre Prinzipien der Preisbildung ..°.'... 7... Ba
„14. Die Organisation der modernen Tauschwirtschaft ......... 9
$ 15. Die sozialistische Gesellschaft . =. 112
Viertes Kapitel.
Der Mechanismus der Preisbildung.
5 16. Arithmetische Behandlung des Gleichgewichtsproblems. ... ... 116
3 17. Die Stellung der supplementären Prinzipien im Preisbildungsprozeß . 131
$ 18. Die aktiven Bestimmungsgründe der Preise. ........... 135
Nachtrag zum ersten Buch ... 144
        <pb n="10" />
        Inhaltsverzeichnis
Zweites Buch.
Die Preisbildung der Produktionsfaktoren.
Fünftes Kapitel.
Einleitung.
$ 19. Die Produktionsfaktoren und die Unternehmertätigkeit .. . . . . 149
$ 20. Das Zurechnungsproblem und das soziale Verteilungsproblem . .-. 159
Sechstes Kapitel
Der Kapitalzins.
5.21. "Zur. Entwicklungsgeschichte der. Zinstheorie. 4. E66
922.7 4Die Kapitaldisposition als Produktionsfaktor, EL 178
S$- 25: Der Zins als Preis... RC 188
#24. Die Nachfrage nach Kapitaldisposition . 7.4... 7A LO 198
325. Das Angebot von Kapitaldisposition. ... 212
5 26. Die Bestimmung des Zinstußes . .. 2 HT - 223
S-27.aDer Zins in der sozialistischen Gesellschaft... CE 233
Siebentes Kapitel.
Die Bodenrente und die Preise der Naturmaterialien.
8 28. Die Entwicklung der. Rententheorie LET 236
829. ‚Die Natur der Rente. O2
5 30. ADie Preisbildung der Bodennutzung 250
8 31. Die Preisbildung der Naturmaterialien . . . ... . 266
Achtes Kapitel
Der Arbeitslohn.
$ 32. Die Preisbildungstheorie Ricardos und die sozialistische Wertlehre 273
5233. Die pessimistischen Lohnitheorien .. EEE HA
$134. Moderne: optimistische! Lohntheorien. |. 234
$ 35. Die Stellung der Arbeit im Preisbildungsprozeß ... ...... 293
S6.MDie Nachfrage nach Arbeit... ET N
+ 37. Das Angebot von Arbeit als bestimmt durch die Zahl der Arbeiter . 312
8 38. Das Angebot von Arbeit als bestimmt durch das Arbeitsangebot pro
Arbeiter... .® . . AU 23
8 39. Der Arbeitslohn in der sozialistischen Gesellschaft De 329
Drittes Buch.
Das Geld.
Neuntes Kapitel.
Analyse des Geldwesens an der Hand seiner Entwicklungsgeschichte,
8 40. Die Anfänge des Geldwesens ... 2. 333
8 41. Die Münzprägung und ihre Bedeutung ..... a 3 342
        <pb n="11" />
        Inhaltsverzeichnis. X1
5.42. Die Probleme deriMünzzirkulation 2. 5.1. DA 347
$ 43. Die freien Währungen . . . 359
Zehntes Kapitel
Die Bankzahlungsmittel.
5 44. Die Zentralisierung der Kassenhaltung in den Banken .....- 365
5 45. Die Begrenzung der Depositen .... EN IT
5:46. Die Banknoten... .: SSL AAN TO
A447. Die Rückströmung der Bankzahlungsmittel. .;.. 5. LA I83
‚48. Die Deckung der Bankzahlungsmittel . ... „387
\ 49. Die Begrenzung der Zahlungsmittelversorgung durch den Bankzins . 393
Elftes Kapitel.
Der Geldwert.
50: Einleitung: 4 + Ir ee lee an aa nn IS
51. Die Quantitätstheorie ‘.':. :. N 400
52. Die Bedeutung der Veränderungen der Geldmenge ........ 409
53. Messung des Preisniveaus durch Indexziffern . ... . . + +. + + 412
54. Preisniveau und relative Goldmenge .. 4. HN ee m 7
55. Preisniveau und Produktionskosten des Goldes . ......... 427
56. Preisniveau: und Bankzahlungsmittel .:.:. N 437
3 57. Preisniveau und Nachfrage nach Gold. .... ME 37
$ 58. Die Regulierung des Preisniveaus durch den Bankzins ...... 442
5 59. Die Stabilität des Geldwertes . .. .. . SF 451
Zwölftes Kapitel.
Die internationalen Zahlungen.
8 60. Der Ausgleich der Zahlungsbilanz. Erster Fall: Freie unabhängige
Währungen. Da EN N AN
S 61. Zweiter Fall: Metallische Währungen .. .. .. A, 463
8 62. Die Bedeutung der Bankpolitik für die internationalen Zahlungen . 467
Viertes Buch,
Theorie der Konjunkturbewegungen.
Dreizehntes Kapitel.
Einleitung.
3 63. Charakteristik des vorliegenden Problems. ... .
Vierzehntes Kapitel.
Einfluß der Konjunkturen auf die Produktion.
8 64. Die Hauptzweige der Produktion in den Konjunkturen . . . -

472
479
        <pb n="12" />
        Inhaltsverzeichnis.
Fünfzehntes Kapitel.
Einfluß der Konjunkturen auf die Arbeit.
$ 65. Veränderung der Arbeiterzahl in den beiden Hauptzweigen der Produktion.....
 Da I . 493
$ 66. Die landwirtschaftliche Bevölkerung als Quelle der Zuschüsse von
Arbeitern an die Industrie . .. 2 500
$ 67. Die Arbeitslosigkeit .... TEN AU ET a 4 A 509
8 68. Die Veränderungen der Arbeitszeit .. 2. N Es
Sechzehntes Kapitel.
Einfluß der Konjunkturen auf die dauerhaften materiellen
Produktionsmittel.
$ 69. Veränderungen in Menge und Effektivität der Produktionsmittel . . 516
$ 70. Wechselnde Ausnutzung der Produktionsmittel . ..... ns 521
Siebzehntes Kapitel.
Einfluß der Konjunkturen auf die Preis-, Einkommen- und
Kapitalbildung.
SALE DIE Warcnpreise ea A BE I TA 39
5 72.0 Die Arbeitslöhnek. u SE BE TE 56
8,75: 2D3as Einkommen eu RE Ye a a
TE N a N
$ 75. Die Sparkapitalbildung A. 5a
Achtzehntes Kapitel.
Einfluß der Konjunkturen auf den Kapitalmarkt.
3. 76:5 Angebot und; Nachtrage ie. ee A 550
7 Der Zi DE 534
$1/8. Die Effektenkurse .. .% SERIE la U AS
879. Die: Kapitalknappheit der: Hochkonjunktur... . 1. N 62
Neunzehntes Kapitel.
Die bestimmenden Faktoren der Konjunkturbewegungen.
$ 80. Das Prinzip der Wirkung und Gegenwirkung 65
8 81. Zur weiteren Erklärung der Konjunkturbewegungen. ....... 568
$ 82.. ‚Die Krisen. — a Em a an SE 57
Fünftes Buch.
Der internationale Handel.
Zwanzigstes Kapitel.
Die handelspolitischen Systeme.
$ 83. Die Entstehung eines internationalen Handels. Das Merkantilsystem 578
8 84. Das Freihandelssystem ............ er 8A

XII
        <pb n="13" />
        Inhaltsverzeichnis, zZ
385. Das Zollschutzsystem: +... N, 2588
$86. Die Last des Zollschutzes: ‘.... 7, N 06
$ 87. Der Zollschutz als. Sozialpolitik... 0 ? a 601
Einundzwanzigstes Kapitel.
Theorie des internationalen Handels.
5 88. Der internationale Handel als ein Valutaproblem ......... 608
5 89. Die Preisbildung bei internationalem Handel . . . .“.. =... 616
$ 90. Die Bedeutung der internationalen Kapitalbewegungen ...... 624
$ 91. Praktische Schlußfolgerungen . . N a Ka 620
Tabellenanhang. . . A N 637

XIII
        <pb n="14" />
        Erstes Buch.
Allgemeiner Überblick über die Volkswirtschaft.
Erstes Kapitel.
Die Wirtschaft im allgemeinen.
$ 1. Wesen der Wirtschaft.
Zweck jeder Wirtschaft ist Befriedigung menschlicher Bedürfnisse.
Die Wirtschaft ist also eine Tätigkeit, die auf Ermöglichung einer solchen
Bedürfnisbefriedigung hinausgeht. Jedoch ist der Akt der Bedürfnisbefriedigung
 selbst nicht als eine wirtschaftliche Tätigkeit zu rechnen.
Die Bedürfnisbefriedigung bedeutet als solche meistens eine gewisse
mehr oder weniger aktive Tätigkeit der Person, die ihre Bedürfnisse
befriedigt. Wer seinen Hunger stillen will, muß essen, wer sich mit
einem Spaziergang erfrischen will, muß gehen, wer selbst Musik zu
machen liebt, muß spielen oder singen usw. Solche Tätigkeiten gehören
nicht in das Gebiet der Wirtschaft.
In gewissen Fällen kann das Bedürfnis einfach durch eine solche
Tätigkeit befriedigt werden. So z. B. wenn jemand aus einem Bache
trinkt, auf einem Spaziergang wilde Beeren ißt, wenn wir uns sonnen
oder unseren Luftbedarf einfach durch Atmen stillen. Meistens setzt
aber die Bedürfnisbefriedigung eine vorausgehende, vorbereitende Tätigkeit,
 durch welche Mittel zur Bedürfnisbefriedigung geschaffen werden,
oder, wenn dies nicht der Fall ist, jedenfalis eine auf die unmittelbare
Bedürfnisbefriedigung eines Subjekts gerichtete Tätigkeit anderer Personen
 voraus, Eine vorbereitende Tätigkeit zur Beschaffung von Mitteln
der Bedürfnisbefriedigung ist z. B. die Herstellung einer Wasserleitung
zur bequemeren Wasserversorgung oder das Einmachen von Beeren
für den Winterbedarf. Eine unmittelbare Bedürfnisbefriedigung durch
die Tätigkeit anderer findet z. B. statt, wenn das Musikbedürfnis durch
das Anhören eines Konzerts befriedigt wird. Die Gesamtheit der die
Bedürfnisbefriedigung ermöglichenden, aber nicht mit ihr zusammenfallenden
 Tätigkeit bildet die Wirtschaft.
Die Wirtschaft ist in der Hauptsache eine vorbereitende, auf die
Ermöglichung einer künftigen Bedürfnisbefriedigung gerichtete Tätig-Cassel,
 Theoret, Sozialökonomie. 4. Aufl.
        <pb n="15" />
        Kap. I. Die Wirtschaft im allgemeinen.
keit, setzt also das Verfolgen eines künftigen Ziels voraus. Im Wesen
der 'Wirtschaft liegt also ein gewisses Rücksichtnehmen auf die Zukunft,
 ein gewisses Maß zielbewußten Handelns. Eine Wirtschaft einer
isolierten Person ist dabei denkbar, muß aber recht kümmerlich ausfallen,
 und kommt in Wirklichkeit nur in Ausnahmefällen vor. In der
Regel bedeutet die Wirtschaft ein Zusammenwirken mehrerer Menschen
zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse. Das Zusammenwirken zur Bedürfnisbefriedigung
 setzt natürlich eine mehr oder, weniger umfassende
und fein gegliederte Organisation voraus. Sobald die Wirtschaft mehrere
Menschen umfaßt, ist sie also eine organisierte wirtschaftliche Tätigkeit.
 Je höher die Stufe der Wirtschaft, desto stärker treten diese
beiden Faktoren der Rücksichtnahme auf die Zukunft und der Organisation
 hervor. Die ganze Zivilisation kann vom wirtschaftlichen Gesichtspunkte
 aus als eine fortschreitende Entwicklung dieser Faktoren
und Stärkung ihrer Bedeutung im wirtschaftlichen. Handeln betrachtet
werden.
In der Entwicklung einer gesteigerten Rücksichtnahme des wirtschaftlichen
 Handelns auf die Zukunft ist ohne Zweifel der Ackerbau
ein grundlegender Faktor gewesen. Daß man säen muß, um ernten
zu können, ist für die ganze wirtschaftliche Tätigkeit symbolisch geworden.
 Aber der Ackerbau setzt auch eine fortdauernde Pflege des
Bodens voraus und zwingt deshalb zu einer Tätigkeit, die auf weit in
der Zukunft liegende Zwecke Bedacht nimmt. Eine ähnliche Bedeutung
hat das Wohnhaus gehabt: das Bedürfnis nach einer guten Wohnung
konnte überhaupt nur bei einer Wirtschaft, die auch eine weite Zukunft
mit in Betracht zog, befriedigt werden. In noch höherem Grade müssen
weit in der Zukunft liegende Zwecke das wirtschaftliche Handeln mit
bestimmen, wenn die sehr dauerhaften und sehr kostbaren Anlagen,
deren sich die moderne Technik, besonders die Transporttechnik, bedient,
 möglich sein sollen. Solche Umstände haben also ein steigendes
Rücksichtnehmen auf die Zukunft notwendig gemacht. Die Lust, auch
Ziele, die in einer immer ferneren Zukunft liegen, mit in Betracht zu
ziehen, ist in der strengen Schule der Wirtschaft allmählich erzogen
worden und hat eine kräftige Förderung durch die Ausbildung des
Privateigentums gefunden. Das Erbrecht hat auch Zwecke, die außerhalb
 der Lebenszeit des wirtschaftenden Menschen liegen, mit in das
Bereich der wirtschaftlichen Motive hineingezogen. Die weiteste Rücksichtnahme
 auf die Zukunft ist den dauernden, wirtschaftlich sehr starken
Organisationen, die besonders die moderne Zeit auszeichnen, z. B. den
großen Aktiengesellschaften, vor allem aber dem Staat; möglich.
Obschon der Kreis der menschlichen Tätigkeiten, die der Wirtschaft
 hinzugerechnet werden müssen, so weit wie es hier geschehen
ist, gezogen werden muß, sind diese Tätigkeiten jedoch nur von einer
gewissen Seite aus als wirtschaftlich zu betrachten. Alle haben sie da-Z
        <pb n="16" />
        $ 1. Wesen der Wirtschaft.
neben auch andere Seiten, z. B. technische, moralische, ästhetische. Die
Wasserwerke, das Kochen, die Musik, sie alle besitzen ihre besondere
für die Mitwirkenden wichtige und interessante Technik, sie können
vom Gesichtspunkt ihrer hygienischen und ästhetischen Wirkungen
beurteilt werden usW.
‚ Das Wirtschaften aber ist ein gemeinsames Streben, in dem sich
alle diese Tätigkeiten von einem gewissen Gesichtspunkt aus einordnen
Jassen. Dieses Gemeinsame, das die wirtschaftliche Tätigkeit als spezifisch
 wirtschaftlich bestimmt, ist.die Bedingung, unter welcher jede
wirtschaftliche Tätigkeit betrieben wird, nämlich daß eine gewisse
Begrenzung der Möglichkeit der gesamten Bedürfnisbefriedigung besteht.
 Zwar können gewisse Bedürfnisse “ohne jede Beschränkung befriedigt
 werden, wie dies z. B. mit dem Bedürfnis des Atmens normal
der Fall ist. Die Befriedigung solcher Bedürfnisse scheidet aber auch
aus dem Kreis der wirtschaftlichen Tätigkeiten aus. ‚Wirtschaftlich“‘‘
nennen wir nur diejenigen Tätigkeiten, die unter der Voraussetzung
einer begrenzten Möglichkeit der Bedürfnisbefriedigung betrieben werden.
 Da die Mittel der Bedürfnisbefriedigung in der Regel nur in begrenzter
 Menge zur Verfügung stehen und da die Bedürfnisse der zivi-|
lisierten Menschen in ihrer Gesamtheit unersättlich‘ sind, sind die
Mittel der Bedürfnisbefriedigung im Verhältnis zu den Bedürfnissen in
der Regel knapp. Nur solche Mittel kommen für die Wirtschaft in
Betracht, nur knappe Mittel sind wirtschaftliche Mittel. Die ganze
Wirtschaft wird also unter der Bedingung der Knappheit der Mittel
geführt, sie wird in diesem Sinne vom „Prinzip der Knappheit“
beherrscht. Die spezifische Aufgabe der Wirtschaft ist daher die nötige
Übereinstimmung zwischen Bedürfnissen und Mitteln der. Bedürfnisbefriedigung
 in möglichst vorteilhafter Weise herbeizuführen. In dem
Maße, wie dies gelingt, nennt man die Wirtschaftsführung eine „wirtschaftliche“,
 ist also die Forderung auf „Wirtschaftlichkeit‘ erfüllt.
A. Die Lösung dieser Aufgabe kann von den Menschen auf drei ver-|
schiedenen Wegen gefördert werden, nämlich erstens durch angemessene|
Begrenzung der Bedürfnisse unter Ausmusterung weniger wichtiger
Bedürfnisse, zweitens durch die bestmögliche Anwendung der zur
Verfügung stehenden Mittel für die bestimmten Zwecke, drittens
eventuell auch durch gesteigerte persönliche Leistungen. „4
+ Die Begrenzung der Bedürfnisse bekommt einen verschiedenen
Charakter, je nach den verschiedenen Bedingungen, die diese Begrenzung
 notwendig machen. Ist ein Vorrat von Mitteln der Bedürfnisbefriedigung
 vorhanden, der für eine bestimmte Zeit ausreichen muß, dann
wird es zur Aufgabe der Wirtschaft, die Mittel in der Zeit so zu verteilen,
daß eine gewisse zeitliche Gleichförmigkeit der Bedürfnisbefriedigung
gesichert wird. Die Versuchung mag vielleicht nahe liegen, die Mittel
gleich in weitem Umfang in Anspruch zu nehmen, um eine relativ hohe

N
        <pb n="17" />
        Kap. I. Die Wirtschaft im allgemeinen.
Bedürfnisbefriedigung für den Augenblick zu gewinnen. Dafür muß
dann die Bedürfnisbefriedigung im späteren Teil der Periode um so
kärglicher werden. Das wirtschaftliche Streben geht hier darauf hinaus,
die Bedürfnisse gleich vom Anfang an so zu beschränken, daß die zur
Verfügung ‘stehenden Mittel für die ganze Periode ausreichen. Dieses
Streben wird auch als ein „Wirtschaften‘‘ mit den Mitteln bezeichnet.
So muß die Ernte der geschlossenen Bauernwirtschaft, nachdem eine
gewisse Menge für die Aussaat abgezogen ist, für den Verbrauch eines
ganzen Jahres hinreichen und also, wenn sie knapp ist, einigermaßen
gleichförmig auf das Jahr verteilt werden. Dies ist ein Akt des Wirtschaftens,
 der unter Umständen den Charakter des Wirtschaftenden auf
sehr harte Proben stellen könn. Ähnliches gilt unter modernen Verhältnissen
 für den Arbeiter oder Beamten, dessen Lohn für bestimmte
Perioden ausgezahlt wird: der Lohn muß für die Lohnperiode hinreichen,
 die Ausgaben müssen demnach auf die Periode verteilt und
die Bedürfnisse entsprechend beschränkt werden.
Betrachtet man eine Wirtschaft in ihrem Ganzen, so wird sie immer
Mittel zur Bedürfnisbefriedigung besitzen, die für sehr verschiedene
Zwecke verwendet werden können. Mit den zur Verfügung stehenden
Mitteln können also verschiedene Bedürfnisse je nach Wunsch in verschiedenem
 Grade befriedigt werden, und es wird eine gewisse Auswahl
der Zwecke, für welche die zur Verfügung stehenden Mittel verwendet
werden sollen, getroffen werden müssen, mit anderen Worten, es muß
diejenige Anwendung der Mittel, die wir als die „wirtschaftlich beste‘‘
oder „wirtschaftlichste‘‘ bezeichnen können, angestrebt werden. Das
wirtschaftliche Streben wird dann auf Herstellung einer gewissen Gleichmäßigkeit
 der Versorgung der verschiedenen Bedürfnisse hinausgehen,
wobei auch die verschiedenen Bedürfnisse gewissermaßen gleichmäßig
beschränkt werden müssen.
Es soll also weder ein weniger wichtiges Bedürfnis vor einem wichtigeren
 befriedigt, noch ein an sich wichtiges Bedürfnis so ausschließlich
 berücksichtigt werden, daß andere Bedürfnisse dafür ganz Vernachlässigt
 werden. Eine gewisse, wenn auch sehr allgemeine und
vielleicht unbewußte Klassifizierung der Bedürfnisse nach ihrer Wichtigkeit
 gehört also mit zu einer wirklichen Wirtschaft. Bei dieser
Klassifizierung werden verschiedene Befriedigungsgrade einer und derselben
 Bedürfnisart als verschiedene Bedürfnisse aufgefaßt und an verschiedenen
 Plätzen in die Rangordnung der Bedürfnisse eingestellt. In
einer geschlossenen Bauernwirtschaft kann z. B. die Beschaffung von
mehr Lebensmitteln für den Augenblick das wichtigste Ziel der Wirtschaft
 sein. Nachdem aber dies bis zu einem gewissen Grade gelungen
ist, können andere Wünsche, z. B. Aufbesserung des Wohnhauses, Beschaffung
 von neuen Kleidern usw. als die augenblicklich wichtigsten
hervortreten. Sind auch diese Wünsche verwirklicht, kann sich das
        <pb n="18" />
        $ 1. Wesen der Wirtschaft. )
wirtschaftliche Streben vielleicht wieder auf eine verbesserte Lebensmittelversorgung
 richten, wobei jedoch mit Rücksicht auf andere Bedürfnisse
 wiederum nur ein gewisser Sättigungsgrad dieses Bedürfnisses
 angestrebt werden darf. Auch diese relativ gleichmäßige Beschränkung
 ist eine Form des Wirtschaftens mit den zur Verfügung
stehenden Mitteln der Bedürfnisbefriedigung.//Die Forderung auf gleichmäßige
 Beschränkung der Bedürfnisbefriedigung mit Hinsicht sowohl
auf die Zeit wie auf -die verschiedenen Bedürfnisarten können wir als
das Prinzip der Gleichmäßigkeit der Bedürfnisbefriedigung
bezeichnen.
Der zweite Weg, auf welchem die Aufgabe der Wirtschaft gefördert
werden kann, ist das Streben, einen bestimmten Zweck mit möglichst
geringem Aufwand von Mitteln zu erreichen. Diese Forderung, die wir
als das Prinzip des kleinsten Mittels bezeichnen können, führt
zu einer ganz besonderen Auswahl unter den technisch möglichen
Methoden und wird zum Leitstern für die gute Organisation der Wirtschaft.
 Die ganze moderne Technik und die ganze Organisation des
modernen Geschäftsbetriebs sind unter dem Druck der Forderung, daß
sie in diesem Sinne wirtschaftlich sein sollen, ausgebildet. Wenn ein
Bedürfnis auf mehrere verschiedene Weisen ungefähr ebensogut befriedigt
 werden kann, geht das wirtschaftliche Streben darauf hinaus,
diejenige Weise herauszufinden, die mit dem kleinsten Aufwand von
Mitteln zum wesentlichen Ziel führt, wenn auch mit untergeordneten
Modifikationen in der Art der Bedürfnisbefriedigung. So wird z. B. das
Nahrungsbedürfnis ungefähr ebensogut durch ziemlich verschiedene
Speiseordnungen befriedigt, und wer von diesen die billigste wählt,
handelt in der Hauptsache nach dem Prinzip des kleinsten Mittels, wenn
er auch daneben für diesen Zweck vielleicht einige wenig bedeutende
Bedürfnisse des Geschmacksinnes unterdrücken muß. Eine scharfe
Grenze zwischen dem Prinzip der Gleichmäßigkeit der Bedürfnisbefriedigung
 und dem Prinzip des kleinsten Mittels läßt sich in solchen
Fällen natürlich nicht ziehen.
Die beiden genannten Prinzipien bilden den wesentlichen Inhalt
der allgemeinen Forderung auf „Wirtschaftlichkeit‘“ im menschlichen
 Handeln.
Denken wir uns, daß diese beiden Forderungen erfüllt sind, so ist
eine weitere Steigerung der Bedürfnisbefriedigung jedenfalls nur unter
vergrößerten Anstrengungen oder Aufopferungen, mit anderen Worten
unter größeren persönlichen Leistungen möglich. Wenn und in dem
Maße wie diese größeren Leistungen als Nachteile empfunden werden,
müssen diese Nachteile gegen die durch dieselben zu gewinnenden Vorteile
 aufgewogen, sozusagen von den Vorteilen abgezogen werden, es
muß eine Wirtschaftsführung angestrebt werden, die insgesamt den
größtmöglichen Vorteil gewährt. Mit dieser Forderung wird dann die

5
        <pb n="19" />
        Kap. I. Die Wirtschaft im allgemeinen.
Forderung auf Wirtschaftlichkeit erweitert. In einem ersten Überblick
über die menschliche Wirtschaft können wir annehmen, daß die persönlichen
 Leistungen in bestimmten Mengen zur Verfügung stehen.
Diese Voraussetzung werden wir in diesem ersten Buche aufrechterhalten.
 Danach müssen wir aber auch die Bedingungen untersuchen,
unter welchen eventuell eine Vermehrung dieser Leistungen durch den
freien Willen der wirtschaftenden Menschen gewonnen werden kann.
Durch die jetzt angegebenen Forderungen ist die Forderung nach
Wirtschaftlichkeit so weit charakterisiert, wie es in diesem vorbereitenden
 Stadium möglich ist. Mit dem Inhalt und den Konsequenzen
dieser Forderungen werden wir uns im folgenden beschäftigen. Die Forderung
 selbst, also die Forderung, daß die unter gegebenen Verhältnissen
 höchstmögliche Bedürfnisbefriedigung erreicht werden soll, werden
/wir als das allgemeine wirtschaftliche Prinzip bezeichnen.
Im wirklichen Leben wird natürlich die Forderung auf Wirtschaftlichkeit
 nicht genau beobachtet. Oft wird sogar sehr unwirtschaftlich
gehandelt. Eine gleichmäßige Verteilung der Mittel der Bedürfnisbefriedigung
 auf die Zeit oder auf die verschiedenen Arten der Bedürfnisse
 ist ein Idealbild, das vielleicht nie vollständig verwirklicht wird,
von dem das wirkliche Leben sogar zuweilen ziemlich schroff abweicht.
 Der junge Student oder Künstler verausgabt nicht selten in
einigen wenigen Tagen, was eigentlich für einen Monat oder länger
ausreichen mußte, um dann recht kümmerlichen Tagen entgegenzugehen.
In ganzen Klassen von Frauen herrscht die Sitte, für Kleider so viel
auszugeben, daß für eine hinreichende Nahrung zu wenig übrigbleibt.
Auch lehrt uns die Erfahrung, daß das Prinzip des kleinsten Mittels im
täglichen Leben nur sehr unvollständig zum Ausdruck kommt und
eigentlich nur in gewissen musterhaften Geschäftsbetrieben mit einiger
Strenge durchgeführt wird. Ebensowenig wird mit den eigenen Arbeitskräften
 vernünftig gewirtschaftet. Einerseits sehen wir den Mann, der
sich bis zum Tode überarbeitet, um Geld zu verdienen, von dem wenigstens
 er persönlich sehr wenig Freude hat, andererseits den Faulenzer,
der schlimm daran ist, aber sich nicht zu ernsten und anhaltenden Anstrengungen,
 die seine Lebensstellung verbessern könnten, zu erheben
vermag. In solchen Fällen fehlt eben eine richtige Abwägung zwischen
Mühe und Bedürfnisbefriedigung.
Was .die Wirtschaft von anderen menschlichen Tätigkeiten unterscheidet,
 oder vielmehr als eine besondere Seite menschlicher Tätigkeiten
 kennzeichnet, ist demgemäß nicht, daß nach dem allgemeinen
wirtschaftlichen Prinzip auf wirtschaftlichem Gebiete gehandelt wird,
sondern daß das Handeln von diesem Gesichtspunkt aus beurteilt
werden kann und daß, wie auch gehandelt werden mag, die ganze Wirtschaft
 vom Prinzip der Knappheit beherrscht wird, d. h. der unumgänglichen
 Notwendigkeit unterworfen ist, eine Übereinstimmung zwischen

0
        <pb n="20" />
        Sl: Wesen der Wirtschaft.
Bedürfnissen und Mitteln der Bedürfnisbefriedigung herbeizuführen.
Das wirtschaftliche _Handeln soll nur helfen, diese Übereinstimmung in
orteilhaftester Weise durchzuführen. Aber vorteilhaft oder nicht sie
muß immer irgendwie zustande kommen.
Eine Wissenschaft, die das wirkliche Wirtschaftsleben=zu ihrem
. . ä 7m =
egenstand macht, muß dieses Leben in seinem Ganzen umfassen, es so
je es tatsächlich hervortritt, zu beschreiben und zu erklären suchen.
ollte man nur das „vernünftige wirtschaftliche Handeln‘ in Betracht
ziehen, würde es schwer fallen, die Grenze zu bestimmen. Die strenge
Durchführung eines solchen Standpunkts würde lediglich eine Abstrakion
 ohne viel Ähnlichkeit mit der Wirklichkeit übrig lassen. Bei der
Begrenzung ihres Gegenstandes hat also die Wirtschaftswissenschaft
nicht auf die Wirtschaftlichkeit oder Unwirtschaftlichkeit der menschichen
 Handlungen zu sehen. Wohl aber fällt die Beurteilung der Wirtschaftlichkeit
 einer Tätigkeit innerhalb des Gebiets der Wirtschaftsissenschaft.
 Von diesem Gesichtspunkt, aber auch nur von diesem,
hat die Wirtschaftswissenschaft das menschliche Handeln zu prüfen.
Im übrigen soll die Wirtschaftswissenschaft vermeiden, eine Beurteilung
des menschlichen Handelns vom sittlichen oder irgendeinem anderen
tandpunkt auf sich zu nehmen. Ganz besonders_hat sie die Bedürfisse
 mit ihren verschiedenen Intensitäten, so wie sie im wirklichen Leben
hervortreten, einfach als gegeben zu betrachten. =
Wie schon hervorgehoben, erfordert das Zusammenwirken der Menchen
 zur gemeinsamen Bedürfnisbefriedigung eine gewisse Organiation.
 Die Art dieser Organisation hat einen sehr großen Einfluß auf
ine Menge wirtschaftlicher Erscheinungen. Gewisse wirtschaftliche
orgänge sind von der Organisationsform des wirtschaftlichen Lebens
ollständig bedingt, andere wieder sind in ihrem Kern von der jeeiligen
 Organisation der Wirtschaft unabhängig, wenn sie auch in
ihrer äußeren Form von dieser beeinflußt werden. Es ist für die Wirtchaftswissenschaft
 von Bedeutung, solche Vorgänge, die für jede Wirtschaft
 wesentlich sind, als solche zu charakterisieren und auch sonst
die etwa vorhandene relative Unabhängigkeit der wirtschaftlichen Ercheinungen
 von den wirtschaftlichen Organisationsformen hervorzuheben.
 Wo dies versäumt wird, stellt sich leicht die Auffassung ein,
die wirtschaftlichen Tatsachen wären lediglich von der zufälligen Orgaisation
 der Wirtschaft bedingt, besäßen an sich keine innere Notendigkeit.
 Daß für eine solche Auffassung eben die wichtigsten
esentlichkeiten des Wirtschaftslebens verloren gehen müssen, ist
Selbstverständlich und auch wahrlich zur Genüge von der Erfahrung
bestätigt. Gegenüber der großen Leichtfertigkeit, die die populäre
Auffassung und leider auch die politische Diskussion in wirtschaftlichen
Fragen charakterisiert, ist es die „zentrale Aufgab der Wissenschaft,
die wirtschaftlichen Notwendigkeiten zu ram und die Ab-
        <pb n="21" />
        Kap. I. Die Wirtschaft im allgemeinen.
hängigkeit der wirtschaftenden Menschen von diesen Notwendigkeiten
festzustellen.
In diesem ersten Kapitel wollen wir unsere Untersuchungen auf
die Vorgänge beschränken, die für jede Wirtschaft in Betracht kommen
und somit für die Wirtschaft im allgemeinen eine wesentliche Bedeutung
 haben. Aus diesem Grunde machen wir hier keine Voraussetzung
über die Organisation der Wirtschaft. Was hier ausgeführt wird, soll
für jede Wirtschaftsform Geltung haben.
Nur müssen wir hier, wie in jeder allgemeinen wirtschaftlichen
Untersuchung, voraussetzen, daß die betrachtete Wirtschaft eine vollständige
 ist, daß also alle Vorgänge sich bis zum Ende innerhalb derselben
 abspielen, mit anderen Worten, daß die Wirtschaft eine geschlossene,
 nach außen isolierte Wirtschaft ist. Nur unter dieser Voraussetzung
 kann die wissenschaftliche Untersuchung die wirtschaftlichen
Vorgänge in ihrem ganzen Zusammenhang erfassen. Die populäre Auffassung
 wirtschaftlicher Fragen kennzeichnet sich immer dadurch, daß
sie ein kleines Gebiet der Wirtschaft willkürlich herausgreift und die
wirtschaftlichen Vorgänge, nur insofern sie sich innerhalb dieses Gebiets
abspielen, beobachtet. Dabei wird ein notwendiger und vielleicht sehr
wichtiger Zusammenhang willkürlich abgeschnitten. Die gewöhnlichsten
und gröbsten Irrtümer der populären Diskussion wirtschaftlicher Fragen
beruhen auf diesem Fehler. Demgegenüber muß die Wissenschaft
grundsätzlich danach streben, den ganzen Zusammenhang klarzulegen.
Dies ist nur bei der Betrachtung einer „geschlossenen Wirtschaft‘
möglich.
$ 2. Die Mittel der Bedürfnisbefriedigung,
Die Mittel der Bedürfnisbefriedigung sind teils materielle Güter,
teils Dienste.
- Die materiellen Güter sind, teilsı Verbrauchsgüter, teils
dauerhafte Güter. Verbrauchsgüter sind diejenigen materiellen
Güter, die durch den einzelnen Akt der Verwendung verbraucht werden,
d. h. aufhören als Güter derselben Art zu existieren, dauerhafte Güter
dagegen solche, die mehrere Male nacheinander oder eine fortdauernde
Zeit gebraucht werden können, d. h. durch den Gebrauch zwar vielleicht
mehr oder weniger abgenutzt werden, aber jedenfalls, als Güter wesentlich
 derselben Art, wenigstens eine Zeitlang fortbestehen. Diese Teilung
der materiellen Güter in Verbrauchsgüter und dauerhafte Güter ist,
wie sich aus dem Folgenden ergeben wird, eine der allerwichtigsten
Klassifizierungen der ganzen Wirtschaftslehre. Sie ist auch eine der
schärfsten. Zwar kann eine wirtschaftliche Klassifizierung niemals die
Schärfe einer mathematischen erreichen. Auch wenn die Teilkategorien
vollständig natürlich gewählt worden sind und die Grenzlinie zwischen

x
        <pb n="22" />
        S 2. Die Mittel der Bedürfnisbefriedigung. 7
denselben mit möglichster logischer Schärfe gezogen ist, wird man
immer Fälle entdecken, die sich auf der Grenze befinden. Zwischen
den hier aufgestellten Kategorien ist aber die Grenzlinie schärfer als
meistens auf wirtschaftlichem Gebiete erwartet werden kann. Die
peise, die ich esse, wird durch das Essen verbraucht. Der endgültige
erbrauch liegt in der Natur der Verwendung der Speise. Die Speise
kann eben nur durch den Verbrauch ihren Nutzen abgeben. Das Ge-Sschirr,
 auf dem ich esse, verhält sich in dieser Beziehung ganz anders.
ohl kann es bekanntlich von unachtsamen Händen leicht zerschlagen
erden. Aber diese Zerstörung liegt doch nicht in der Natur der
erwendung. des Porzellanservices; es soll normal jahrelang einem
äglich wiederholten Gebrauch dienen. Die Unterscheidung zwischen
erbrauchsgütern und dauerhaften Gütern ist in diesem Falle ebenso
atürlich wie klar und scharf. Gewisse dauerhafte Güter sind von
ehr kurzer Dauerhaftigkeit. Das hindert nicht, daß sie sich gleichohl
 ganz bestimmt von den Verbrauchsgütern unterscheiden. Handchuhe
 z. B. werden ziemlich schnell abgenutzt. Ihr Nutzen besteht
aber gar nicht darin, daß sie abgenutzt werden. Sie leisten denselben
utzen, auch wenn sie sich zufälligerweise eine kurze Zeit unverändert
erhalten würden. Kohlen dagegen, die man verbrennt, leisten Nutzen
genau in demselben Maße wie sie verbraucht werden. Es kann vielleicht
einige Stunden dauern, ehe die Kohlen, die ich in meinen Ofen gelegt
habe, vollständig verbrannt sind. Aber jede Kalorie Wärme, die entickelt
 wird, setzt den Verbrauch einer genau entsprechenden Menge
Kohlen voraus, Es gibt aber auch Güter, die verschiedene Verwendungen
 haben, und bei einer derselben den Charakter eines Verbrauchsgutes,
 bei einer anderen wieder den eines dauerhaften Gutes besitzen.
Das beste Beispiel sind vielleicht unsere Kühe: als Schlachtvieh sind
sie Verbrauchsgüter, als milchproduzierende Tiere dauerhafte Güter.!
Einen Verbrauch im materiellen Sinne gibt es bekanntlich nicht.
er Verbrauch ist ein wirtschaftlicher Begriff. Als Verbrauch im wirtchaftlichen
 Sinne dürfen wir aber nicht nur das Verzehren oder Verrennen
 rechnen, sondern überhaupt jede Verwendung, durch welche
as Gut aufhört, als Gut wesentlich derselben Art zu existieren. So
ird jedes Material, das zur Verfertigung dauerhafter Güter dient, durch
eine Anwendung verbraucht, hört auf, wenigstens solange als das dauerafte
 Gut besteht, als Material verwendet werden zu können. Das
isen, das man zum Lokomotivenbau verwendet, wird als Material verraucht,
 obwohl es in der Lokomotive noch materiell vorhanden ist,
nd wenn die Lokomotive einmal_verbraucht ist, als Schrot wieder
erwendung finden kann, Alle solche Materialien müssen wir_offenar
 zu den Verbrauchsgütern rechnen. _Dasselbe gilt natürlich von den
aterialien, die in die Verbrauchsgüter übergehen, z. B. vom Mehl, das
um Brot verbacken wird: es ist als Mehl verbraucht. Wenn man will

Q
        <pb n="23" />
        Kap. I. Die Wirtschaft im allgemeinen.
kann man die Materialien, die bei ihrer Verwendung in ein anderes
Gut aufgehen, als eine besondere Gruppe der Verbrauchsgüter von den
übrigen scheiden. Die übrigen Verbrauchsgüter würde man dann in
speziellerem Sinne als Verbrauchsgüter bezeichnen können. Ihre Materie
 geht durch.ihre Verwendung natürlich nicht in physischem Sinne,
wohl aber für wirtschaftliche Zwecke ganz oder wenigstens zum Teil
verloren. Als Beispiel solcher Verbrauchsgüter können unsere Speisen
und Getränke sowie auch Dampfkohle, Maschinenöl usw. dienen.
Der Unterschied zwischen Verbrauchsgütern und dauerhaften
Gütern liegt nach dem Gesagten wesentlich in der Art der Verwendung,
meistens auch, obwohl nicht notwendig, in der physischen Natur der
Güter selbst.
Dienste werden teils von Personen, teils von dauerhaften Gütern
geliefert, sind also teils persönliche Leistungen, teils Nutzungen
dauerhafter Güter.
Unter den persönlichen Leistungen steht die Arbeit in erster Linie.
Es gibt aber daneben, wie wir im zweiten Buche sehen werden, noch
andere Arten persönlicher Leistungen, welche für die Wirtschaft Bedeutung
 haben, nämlich die Spartätigkeit, in gewissem Sinne auch die
Unternehmertätigkeit. Die Arbeit‘ wird herkömmlich in geistige und
körperliche Arbeit geteilt. Diese Klassifizierung hat aber keine größere
wirtschaftliche Bedeutung, und es ist unmöglich, die Grenze zwischen
den beiden Kategorien auch nur einigermaßen scharf zu ziehen. Gewiß
ist der Unterschied zwischen der Arbeit des wissenschaftlichen Denkers
und der des Makadamklopfers sehr groß. Aber jede „körperliche‘‘
Tätigkeit erfordert ein gewisses Maß von geistiger Arbeit. Bei gewissen
„körperlichen‘ Arbeiten ist die geistige Leistung ziemlich hoher Qualität,
 z. B. beim Überwachen komplizierter Maschinen, bei dem Setzen
wissenschaftlicher Arbeiten, besonders in fremder Schrift, usw. Gewisse
 Arten von Bureauarbeit stellen wieder sehr kleine Ansprüche auf
geistige Tätigkeit.
Da, wie oben ($ 1) ausgeführt, der Akt der Bedürfnisbefriedigung
selbst nicht als eine wirtschaftliche Tätigkeit zu betrachten ist, müssen
wir von den hier in Frage stehenden „persönlichen Leistungen“‘‘ alle
solche Tätigkeiten ausscheiden, die unmittelbar und notwendig zur
eigenen Bedürfnisbefriedigung gehören. Wenn wir diese Grenzlinie
möglichst scharf ziehen wollen, können wir alle der Bedürfnisbefriedigung
 dienenden Leistungen, welche unter den herrschenden Sitten
von anderen Personen ausgeführt werden können, als Dienste im wirtschaftlichen
 Sinne bezeichnen, wobei es gleichgültig bleibt, ob sie tatsächlich
 vom Subjekte selbst oder von anderen Personen ausgeführt
werden. Das Haarschneiden ist nach dieser Definition als eine wirtschaftliche
 Tätigkeit zu betrachten, auch wenn jemand sein Haar selbst
schneidet. Das Essen dagegen ist, soweit eine gesunde erwachsene

10
        <pb n="24" />
        $ 2. Die Mittel der Bedürfnisbefriedigung. 11
Person in Betracht kommt, nicht als eine wirtschaftliche Tätigkeit zu
betrachten, obwohl eine kranke Person oder ein kleines Kind von
anderen gefüttert werden kann, was dann natürlich eine wirtschaftliche
ätigkeit ist.
Die Nutzungen dauerhafter mäterieller Güter bilden eine sehr
ichtige Gruppe von Mitteln zur Bedürfnisbefriedigung. Unter dieser
ruppe kommen vor allen die Nutzungen des Grund und Bodens in
Betracht, dann aber auch die Nutzungen der Wohnhäuser, der Fabrikgebäude,
 der Maschinen und aller sonstigen produzierten dauerhaften
üter, deren sich besonders die moderne Technik in so ausgedehnter
eise bedient. Die Nutzungen der dauerhaften Güter sind als solche
ittel zur Bedürfnisbefriedigung. Die dauerhaften Güter selbst sind
ur insofern Mittel zur Bedürfnisbefriedigung, als sie die Nutzungen,
deren sie fähig sind, nacheinander allmählich abgeben. =
Gewisse dauerhafte Güter besitzen, wie schon bemerkt, eine sehr
kleine Dauerhaftigkeit, können also nur eine kleine Menge von Nutzungen
 abgeben. Andere wieder haben eine sehr lange, sogar ewige
Dauer, stellen im Laufe der Zeit eine große, ja unendliche Menge von
Nutzungen zur Verfügung. Die wesentliche Verschiedenheit der dauerhaften
 Güter einerseits und der Nutzungen derselben anderseits tritt
in diesen Fällen sehr langer Dauerhaftigkeit besonders deutlich zutage,
ist aber immer auch bei den wenig dauerhaften Gütern vorhanden.
ir werden später sehen, welche große Bedeutung für die Wirtschaftslehre
 dem Unterschied zwischen der Nutzung des Gutes und dem Gute
selbst zukommt. Hier sei nur darauf aufmerksam gemacht, daß dieser
Unterschied den dauerhaften Gütern eigentümlich ist, daß sie eben in
dieser Hinsicht von den Verbrauchsgütern scharf getrennt sind. Denn
ein Verbrauchsgut und die Nutzung desselben haben für die Bedürfnisbefriedigung
 identische Bedeutung.
Die materiellen Güter und die Dienste können mit dem gemeinsamen
 Namen Güter bezeichnet werden. Die Güter kommen gr die
irtschaft in Betracht, sind wirtschaftliche Güter, nur wenn sie knapp
sind. Denn es ist, wie im $ 1 hervorgehoben, für den Begriff der Wirtchaft
 wesentlich, daß die Mittel der Bedürfnisbefriedigung in einer geissen
 Begrenzung vorhanden sind, daß also mit denselben „gewirtschaftet‘“
 werden muß. Diejenigen Güter, die wohl einer Bedürfnisbefriedigung
 dienen, nicht aber knapp sind, scheiden demgemäß aus
dem Kreis der Objekte wirtschaftlicher Tätigkeit und damit aus den
Betrachtungen der Wirtschaftslehre aus. Solche Güter gibt es aber nur
sehr wenige. Die. Luft, die wir atmen, ist das allgemeinste Beispiel.
Das Wasser, das ein Dampfschiff für seinen Dampfkessel benutzt, ist
uch im Überfluß vorhanden, es braucht damit nicht gewirtschaftet zu
werden. In gewissen, schon relativ seltenen Fällen gilt dasselbe vom
Trinkwasser .
        <pb n="25" />
        Kap. I. Die Wirtschaft im allgemeinen.
In der Regel besteht eine gewisse Knappheit an Gütern. Diese
Knappheit ist, wie schon hervorgehoben, die Grundbedingung jeder
Wirtschaft. Die Knappheit eines Gutes ist von zwei Umständen bedingt:
 einerseits muß das Gut in einer irgendwie begrenzten Menge
zur Verfügung stehen, anderseits muß für die Bedürfnisbefriedigung
der Menschen eine diese Menge überschreitende Quantität des Gutes
mit Vorteil verwendbar sein. Die wirtschaftliche Knappheit ist demnach
 ein durchaus relativer Begriff, und zwar existiert sie nur im Verhältnis
 zu den Bedürfnissen der Menschen.
Die Mittel der Bedürfnisbefriedigung können auch in direkte und
indirekte eingeteilt werden. Direkt nennt man diejenigen Mittel, die
der Bedürfnisbefriedigung unmittelbar dienen. Sie können sowohl
materielle Güter wie Dienste sein. Im ersten Falle sind sie Verbrauchsgüter,
 wie Brot, im zweiten Falle persönliche Leistungen, wie die eines
Masseurs, oder Dienste dauerhafter Güter, wie z. B. die Nutzungen
von Kleidern oder die Transportleistungen der Straßenbahnen. Alle diese
/direkten Mittel der Bedürfnisbefriedigung können wir auch als fertige
Güter bezeichnen. Indirekte Mittel der Bedürfnisbefriedigung sind
diejenigen, deren Mitwirkung für Gewinnung der direkten Mittel in Anspruch
 genommen wird. Sie können Materialien, wie Baumwolle, oder
eigentliche Verbrauchsgüter, wie Dampfkohle, Dienste dauerhafter
Güter, wie die des landwirtschaftlichen Bodens, die Leistungen der
Maschinen und die Gütertransporte der Eisenbahnen, oder persönliche
Leistungen, Arbeit usw. sein. Auch die dauerhaften Güter selbst sind
deswegen als indirekte Mittel der Bedürfnisbefriedigung zu bezeichnen,
weil sie selbst nicht, sondern nur durch die von ihnen abgegebenen
Nutzungen der Bedürfnisbefriedigung dienen. Der Unterschied zwischen
direkten und indirekten Mitteln der Bedürfnisbefriedigung bezieht sich
wiederum wesentlich auf die Anwendung, die von denselben gemacht
wird, nicht notwendig auf ihre eigene Natur. Manche Güter lassen sich
nämligh sowohl unmittelbar wie mittelbar für die Bedürfnisbefriedigung
verwenden, wie dies z. B. mit Bezug auf die Kohle der Fall ist und
in größter Allgemeinheit von der menschlichen Arbeit gilt.
Die Natur der Knappheit eines Gutes wird wesentlich bestimmt
von der Art der Begrenzung seiner Menge. In gewissen Fällen ist zwar
die Menge vorläufig gegeben, kann aber durch geeignete Leitung der
wirtschaftlichen Tätigkeit vermehrt werden. In diesen Fällen ist die
Knappheit des Gutes nicht selbständig bestimmt, sondern liegt in der
Begrenzung dieser Vermehrungsmöglichkeit. Diese Begrenzung ist
wiederum, wie wir im folgenden Paragraph näher sehen werden, durch
die Knappheit solcher indirekten Mittel der Bedürfnisbefriedigung, für
welche eine Vermehrungsmöglichkeit dieser Art nicht besteht, gegeben.

Sehen wir von den so angegebenen Fällen ab, so sind die Güter ent-12
        <pb n="26" />
        8 3. Die Produktion. 13
weder in absolut begrenzten Mengen vorhanden oder sie können durch
Steigerung der Leistungen der wirtschaftenden Menschen vermehrt
werden. Im letzten Falle ist die Knappheit des Gutes durch die Bedingungen
 einer solchen Steigerung gegeben. Diesen Fall lassen wir
aber, wie schon bemerkt, in diesem ersten Buche außer Betracht.
83. Die Produktion,
Die Knappheit eines materiellen Gutes ist zuweilen eine absolute,
indem der vorhandene Vorrat des Gutes nicht vermehrt oder, wenn
verbraucht, nicht ersetzt werden kann. Meistens ist es aber möglich,
neue Güter derselben Art herzustellen und damit den Vorrat zu vermehren
 oder den Verbrauch zu ersetzen. Da ein Gut, das mit einem
anderen vorhandenen oder verbrauchten identisch ist, offenbar nicht
hergestellt werden kann, kann die Knappheit nur dann überwunden
werden, wenn die einzelnen Güterexemplare derselben Güterart sich
gegenseitig vertreten können, d. h. wenn das Bedürfnis sich lediglich
auf eine gewisse Güterart, nicht auf ein individuell bestimmtes Gut
richtet. Ein altes Gemälde kann wohl kopiert werden, ist aber das Verlangen
 wesentlich auf den Besitz des Originals gerichtet, so ist das Gemälde
 unersetzlich. Zuweilen hat ein Ding, das an sich nach dem allgemeinen
 Urteil ganz gut ersetzt werden kann, für den einzelnen Besitzer
 einen reinen Affektionswert, d. h. er kümmert sich nur um das
ganz individuelle Exemplar und wird ein anderes, auch noch so ähnliches,
keineswegs als einen Ersatz anerkennen.
Sehen wir von solchen Verhältnissen ab, so hängt die Ersetzbarkeit
 eines materiellen Gutes nur von der technischen Möglichkeit, ein
ähnliches Gut herzustellen, ab. Diese Möglichkeit ist in bezug auf den
Boden und die in der Natur gegebenen Materialien nicht oder jedenfalls
nur in bedingter Weise vorhanden. Im übrigen sind die meisten materiellen
 Güter, wie man sagt, reproduzierbar. Die Tätigkeit, durch
welche neue Güter zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse hergestellt
 werden, nennen wir Produktion.
Die Produktion neuer materieller Güter ist selbstverständlich keine
Erschaffung aus Nichts, sondern lediglich eine Umgestaltung der in;
der Natur vorhandenen Materialien. Die Materialien, die von uns nicht
produziert werden können oder jedenfalls nicht produziert werden, weil
sie leichter direkt aus der Natur zu haben sind, nennen wir Rohmaterialien
 im eigentlichen Sinne. Die Beschaffung der Rohmaterialien
 aus der Natur setzt meistens eine mehr oder weniger ausgedehnte
wirtschaftliche Tätigkeit voraus, die natürlich auch zur Produktion
zu rechnen ist. Die Rohmaterialien. die ohne eine solche Tätigkeit in
unbegrenzten Mengen gewonnen werden können, stehen der Wirtschaft
im Überfluß zur Verfügung und gehören somit nicht zu den wirtschaft-
        <pb n="27" />
        Kap. I. Die Wirtschaft im allgemeinen.
lichen Gütern. Betrachten wir die übrigen Materialien, die nur mit Mühe
gewonnen werden können, So finden wir, daß einige von ihnen schon
in der Natur in sehr knappen Mengen vorhanden sind, und daß die
Menschen gezwungen sind, mit denselben streng zu wirtschaften. Andere
wieder, in der Tat die große Hauptmasse, sind wohl in der Natur im
Überfluß vorhanden, die lokalen oder technischen Schwierigkeiten ihrer
Gewinnung sind aber so groß, daß sie für die weitere Produktion nur in
knappen Mengen zugänglich sind. So sind wohl Steinkohlen, wenn
wir den ganzen Weltvorrat in Betracht ziehen, noch in Mengen Vorhanden,
 die im Verhältnis zum heutigen Verbrauch als sehr reichlich
angesehen werden müssen. Die Verteilung der Kohlenfelder ist aber
sehr ungleichmäßig und manche Kohlenfelder liegen so weit weg, daß
sie für die Befriedigung unseres Bedarfs vorläufig gar nicht in Betracht
kommen, oder bieten durch ihre Beschaffenheit der Kohlengewinnung
zu große Schwierigkeiten. Aber auch aus den Kohlenfeldern, die tatsächlich
 abgebaut werden, können die Kohlen nur unter gewissen Aufopferungen
 und jedenfalls nur allmählich gewonnen werden. Aus solchen
Gründen ist unsere Versorgung mit Rohmaterialien immer begrenzt.
In dieser Begrenzung liegt dann auch eine bestimmte Begrenzung der
Möglichkeit der Produktion materieller Güter.
Außer den Rohmaterialien brauchen wir für die Produktion auch
die Benutzung der dauerhaften Güter, die die Natur uns zur Verfügung
stellt. Diese dauerhaften Güter pflegt man mit dem gemeinsamen
Namen ‚Grund und Boden‘ zu bezeichnen, obwohl sie auch z. B.
Wasserfälle und als Transportmittel dienende Ströme USW. mit einschließen.
 Die wichtigste aller Bodenarten, nämlich diejenige, die für
die Landwirtschaft nutzbar ist oder nutzbar gemacht werden kann, ist,
wenn wir die ganze Erde überblicken, in so großer Ausdehnung vorhanden,
 daß sie für den augenblicklichen Bedarf der Menschen wahrscheinlich
 ziemlich reichlich ist. Wenn trotzdem eine Knappheit solchen
Bodens besteht, bedeutet dies im wesentlichen, daß die Menschen lokale
und technische Schwierigkeiten haben, den vorhandenen Boden sich
zunutze zu machen. Da aber diese Schwierigkeiten durch eine produktive
 Tätigkeit in gewissem Umfange überwunden werden können,
ist die Knappheit des landwirtschaftlichen Bodens keine absolute. Was
vom landwirtschaftlichen Boden gilt, gilt in noch höherem Grade vom
städtischen Baugrund, der wesentlich ein Ergebnis der produktiven
Tätigkeit der Menschen ist. Die Knappheit der Bodenversorgung ist
also wesentlich durch die Schwierigkeiten, denen die Nutzbarmachung
des in der Natur gegebenen Bodens begegnet, bedingt. In dieser Knappheit
 liegt eine weitere selbständige Begrenzung der materiellen Güterproduktion.

Die Produktion materieller Güter erfordert ferner in der Regel
auch Anwendung von Maschinen, Fabrikgebäuden, Transportanlagen

14
        <pb n="28" />
        $ 3. Die Produktion.
ısw. und außerdem noch von verarbeiteten Materialien, Halbfabrikaten
sw., also mit einem Worte von materiellen Gütern, die schon selbst das
rgebnis einer Produktion sind. Die Knappheit des in jedem Augenlick
 vorhandenen Vorrats solcher Güter bildet eine neue Beschränkung
er Möglichkeit der Güterproduktion. Man kann einwenden, daß, da
jese Produktionsmittel selbst produziert werden können, eine bestimmte
der selbständige Knappheit an ihnen nicht besteht. Die Produktion
euer materieller Produktionsmittel nimmt aber Zeit. Der jeweilige
orrat derselben bildet also ohne Zweifel in jedem Augenblick_eine
estimmte Begrenzung des Umfangs der Produktion.
Außerdem ist zu beachten, daß die Neigung, Produktionsmittel zur
roduktion materieller Güter zu verwenden, die wieder nur der weiteren
roduktion, nicht der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung dienen sollen,
elbstverständlich begrenzt sein muß, und daß in dieser Begrenzung
uch auf die Dauer eine Begrenzung der Produktion von materiellen
roduktionsmitteln und damit eine Begrenzung der Produktionsfähigseit
 im allgemeinen liegt. Diese Begrenzung ist, wie wir im folgenden
inden werden, in der Knappheit derjenigen persönlichen Leistung, die
vir als Spartätigkeit bezeichnen, begründet.
Schließlich bildet natürlich die Begrenzung der zur Verfügung
tehenden menschlichen Arbeitskräfte eine selbständige, und zwar sehr
Ilgemeine Begrenzung der Produktionsmöglichkeiten.
Wir finden also, daß in der Knappheit der verschiedenen Produkjonsmittel
 eine bestimmte Begrenzung der Möglichkeit, neue materielle
üter herzustellen, liegt. (Durch die Produktion wird also die Knappeit
 der menschlichen Bedürfnisbefriedigung gar nicht aufgehoben,
ondern nur auf die Knappheit der Produktionsmittel zurückgeführt.
Die Produktionsmittel, besonders die menschlichen Arbeitskräfte,
Önnen nun aber meistens in sehr verschiedenen Zweigen der Prouktion
 verwendet werden. Diese vielseitige Verwendbarkeit der Prouktionsmittel
 ist eine für die ganze menschliche Wirtschaft sehr beeutungsvolle
 Tatsache. Die Knappheit einer besonderen Güterart ist
ank derselben meistens nicht von einer absoluten Knappheit der zur
erstellung des Gutes dienlichen Produktionsmittel bedingt, sondern
estimmt sich nach der Menge der Produktionsmittel, die diesem_beonderen
 Produktionszweig gewidmet werden, und ist somit in hohem
rade relativ. Die relative Knappheit der verschiedenen Güterarten
ängt dabei von der Verteilung der zur Verfügung stehenden Produkjonsmittel
 auf die verschiedenen Produktionszweige ab. Diese Vereilung
 muß mit_ Rücksicht auf_die Knappheit der verschiedenen Prouktionsmittel
 einerseits und auf die Bedeutung der verschiedenen Beürfnisse
 andrerseits geregelt werden. Jede Wirtschaft wird, unter
solchen Umständen wesentlich ein Wirtschaften mit_den_Produktionsmitteln,
 und eine vernünftige Leitung der Wirtschaft muß zu einem

a
&amp;gt;
5%
        <pb n="29" />
        Kap. I. Die Wirtschaft im allgemeinen.
wesentlichen Teile in einer angemessenen Verteilung der Produktionsmittel
 auf die verschiedenen Verwendungen derselben bestehen, Eben
deshalb, weil die Produktionsmittel so manchen verschiedenen Verwendungen
 zugewendet werden können, sind die Möglichkeiten der
Bedürfnisbefriedigung nach ihrer relativen Zusammensetzung so überaus
 reich. Immer bildet jedoch die Knappheit der Produktionsmittel
eine wesentliche Beschränkung der Gesamtheit der Bedürfnisbefriedigung.

Wir haben hier bei unserer Charakteristik derjenigen wirtschaftlichen
 Tätigkeit, die wir Produktion nennen, der Einfachheit halber
zunächst nur die Herstellung materieller Güter, also- einen Prozeß der
Umwandlung und Veredlung von Materialien, ins Auge gefaßt. Man
kann auch die Produktion in engerem Sinne lediglich als eine solche
Bearbeitung von Materialien auffassen. Vom wirtschaftlichen Gesichtspunkt
 gibt es aber keinen Grund, den Begriff der Produktion so eng
zu begrenzen. Der Transport der Materialien und der bearbeiteten
Güter läßt sich zunächst für eine wirtschaftliche Auffassung nicht von
der Bearbeitung derselben scheiden. Dies erhellt vielleicht am besten,
wenn man bedenkt, daß auch im Veredlungsprozeß selbst eine Menge
von Transportleistungen vorkommt, so z. B. im Hochofenbetrieb und
in der Land- und Fortstwirtschaft. Faßt man die gesamte Herstellung
materieller Güter für die Bedürfnisbefriedigung als einen einheitlichen
Prozeß auf, dann können die unzähligen einzelnen Transportleistungen
innerhalb dieses Prozesses nicht aus demselben ausgeschieden werden.
Es gibt dann aber auch keine Veranlassung, die letzten Transportleistungen,
 die die fertigen Güter an die Konsumenten bringen, vom
Produktionsprozeß auszuschließen. Diejenigen wirtschaftlichen Tätigkeiten,
 die unter verschiedenen Wirtschaftsorganisationen die Aufgabe
haben, die Bewegung der Güter zwischen den einzelnen Teilen der
Gesamtwirtschaft zu regeln und die unter modernen Verhältnissen als
Handel bezeichnet werden, kann man wohl begrifflich vom Produktionsprozeß
 im engeren technischen Sinne unterscheiden, sie werden aber,
da eine wesentliche Grenze schwer zu bestimmen ist, am besten als ein
Teil des großen Produktionsprozesses, der die Aufgabe hat, den Menschen
 die Mittel zu ihrer ‚Bedürfnisbefriedigung zur Verfügung zu
stellen, aufgefaßt. Demgemäß ist die Produktion in ihrem Ganzen als
eine besondere Seite der menschlichen Wirtschaft, nämlich als Gütererzeugung,
 zu betrachten. Die Wirtschaft ist jedoch immer noch der
allgemeinere Begriff, denn sie umfaßt neben der Produktion auch die
Regelung einerseits der Konsumtion, andererseits der persönlichen
Leistungen, sie repräsentiert die Gesamtleistung, die die Bedürfnisbefriedigung
 und die Mittel dazu in Übereinstimmung bringt.
Die Produktion in diesem weiteren Sinne ist auch nicht auf die
Beschaffung materieller Güter beschränkt. Auch alle der unmittelbaren

16
        <pb n="30" />
        S 3. Die Produktion. I
Bedürfnisbefriedigung dienenden Dienste, welche nach unserer obigen
Begriffsbestimmung ($ 1) überhaupt als wirtschaftlich zu betrachten
ind, müssen als produktive Tätigkeiten aufgefaßt und somit als integrierende
 Teile des gesamten Produktionsprozesses bezeichnet werden.
Als produktive Tätigkeit ist demgemäß zu rechnen nicht nur die Tätigeit
 der Landwirte und Fabrikanten und deren Arbeiter, sondern auch
die Arbeit des häuslichen Dienstpersonals, der Schullehrer, der Ärzte
sw. Alle nehmen sie mit ihren Leistungen am großen wirtschaftlichen
Prozeß der Bedürfnisbefriedigung teil. Dieser Prozeß ist in Wirklichkeit
 so einheitlich, die einzelnen Glieder desselben greifen so vielfach
ineinander ein, daß eine Ausscheidung der Dienste, die der unmittelbaren
 Bedürfnisbefriedigung dienen, in den tatsächlichen Verhältnissen
nicht begründet erscheint.
Die hier getroffene Bestimmung des Begriffs der Produktivität
ist. viel umstritten worden. Nach der klassischen Nationalökonomie
ar nur diejenige Arbeit, die sich in der Herstellung materieller Güter
erkörpert, als produktiv zu betrachten. Alle Dienste, die sich direkt
uf die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse richten und den Konumenten
 ohne Vermittlung materieller Güter zugute kommen, wurden
Is unproduktiv bezeichnet. Diese Klassifizierung ist entschieden
u verwerfen, weil sie leicht unklare Vorstellungen von einer höheren
irtschaftlichen Bedeutung der als „produktiv‘ bezeichneten Tätigeiten
 erweckt. In der Tat ist die Terminologie in derjenigen Aufassung
 begründet, nach welcher die Produktion materieller Güter der
Ilgemeine Zweck der wirtschaftlichen Tätigkeit ist, und also Dienste,
je in materiellen Gütern nicht verkörpert werden, höchstens als „inirekt
 produktiv“, d. h. nur in dem Maße produktiv, in welchem sie
je materielle Güterproduktion in zweiter Linie befördern können, zu
ezeichnen sind. In dieser Auffassung liegt eine offenbare Verkennung
er menschlichen Bedürfnisbefriedigung als Selbstzweck und eine wohl
icht offen proklamierte, aber doch immer latente und die ganze Wirtchaftslehre
 verwirrende Unterordnung der Menschen unter die matejellen
 Güter. Ob ein Dienst die materielle Güterproduktion fördert,
ist nach unserer Auffassung für die Beurteilung der Frage;,.ob.er. als
irtschaftlich und produktiv zu betrachten sei, vollständig gleichgültig;
as wesentliche ist, daß der Dienst ein menschliches Bedürfnis direkt
der indirekt zu befriedigen hilft. Sobald dies der Fall ist, muß er, mit
er im $ 1 angegebenen Beschränkung, als wirtschaftlich und produktiv
ezeichnet werden. -
Erst in dieser Weise gelangen wir zu einer haltbaren Begrenzung
owohl des Begriffs der Wirtschaft wie_auch desjenigen der Wirtschaftsehre.
 Die Einwendung, daß mit einer solchen Begriffsbestimmung
er Wirtschaft alle möglichen Disziplinen, wie z. B. Medizin, Pädagogik,
unst usw., mit in den Bereich der Wirtschaftslehre eingezogen werden
Cassel, Theoret. Sozialökonomie. 4. Aufl.

ia
        <pb n="31" />
        Kap. I. Die Wirtschaft im allgemeinen.
würden, ist nicht stichhaltig. Eine auf die materielle Güterproduktion
beschränkte Wirtschaftslehre würde auch nicht das enorme Wissensgebiet
 der modernen Technik der materiellen Güterproduktion in sich
aufnehmen. Die Wirtschaftslehre kann die gesamte auf Ermöglichung
der Bedürfnisbefriedigung zielende menschliche Tätigkeit in Betracht
ziehen, ohne jemals auf das, was man generell als die Technik der Bedürfnisbefriedigung
 bezeichnen könnte, weiter als für die rein wirtschaftliche
 Untersuchung nötig ist, einzugehen. Jede menschliche Tätigkeit,
 die auf die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse zielt, hat ihre
wirtschaftliche Seite und liegt insofern innerhalb der Domäne der Wirtschaftswissenschaft.
 Diese Wissenschaft braucht nie zu befürchten,
ihre natürlichen Grenzen zu überschreiten, solange sie sich nur streng
an die wirtschaftliche Seite der menschlichen Tätigkeiten hält.
‚Eine Aufteilung der wirtschaftlichen Dienste in produktive und
unproduktive, je nach ihrer Beziehung zu den materiellen Gütern, würde
auch zu den sonderbarsten Unterscheidungen führen. Alle persönlichen
Leistungen, die sich auf Veredelung, Transport und Distribution der
materiellen Güter beziehen, müßten natürlich unter allen Umständen
als produktive gerechnet werden. Es ist schwer zu verstehen, wie man
dann die häuslichen Dienste ausschließen könnte, da z. B. der wichtigste
unter ihnen, das Kochen, doch als eine fortgesetzte Güterveredelung
angesehen werden muß. Man muß nur versuchen, sich im einzelnen
vorzustellen, wie eine Aufteilung der Arbeit unserer Dienstboten in
„produktive“ und „unproduktive‘“, je nach‘ ihrem Verhältnis zu den
materiellen Gütern, aussehen würde! Die Forderung, daß die Beziehung
zwischen den Diensten und den Gütern eine direkte sein soll, könnte
kaum aufrechterhalten werden. In einem großen Fabrikbetriebe werden
z. B. zahlreiche Arbeiten verrichtet und Veranstaltungen getroffen,
die mit der eigentlichen Produktion nur in sehr indirektem Zusammenhang
 stehen, aber für die Arbeiter wichtig sind, z. B. Reinigung der
Fabrikräume, Aufsaugen von Staub, Anordnung von Bädern usw. Es
würde schwer fallen, die hierfür nötigen Leistungen nicht unter die
produktiven Dienste einzuschließen. Auch die Leistung des Fabrikinspektors
 und des Fabrikarztes müßten wohl dann als „produktiv“
gerechnet werden. Wo ist dann die Grenze? Die großen Transportunternehmungen
 schließen bekanntlich meistens sowohl Personen- wie
Gütertransport ein. Soll nun der Personentransport als unproduktiv
angesehen werden, der Gütertransport dagegen als produktiv? Wie
soll man dann die Arbeit der Lokomotivführer oder der Schiffsbesatzung
 klassifizieren? Die Arbeiter der städtischen Wasserleitung
müßten wohl als „produktiv‘“ gelten, da sie die Einwohner mit dem
materiellen Gute Wasser versorgen. Dasselbe gilt für die Gasanstalt.
Wie steht es dann mit dem Elektrizitätswerk? Es liefert doch kein materielles
 Gut, sondern lediglich den immateriellen Dienst der Beleuchtung

18
        <pb n="32" />
        $ 4. Der fortdauernde Produktionsprozeß.
oder Heizung und müßte also als „unproduktiv‘‘ klassifiziert werden.
Daß eine Scheidung der Dienste in produktive und unproduktive, je
nach ihrem Verhältnis zu den materiellen Gütern, so großen Schwierigkeiten
 begegnet, deutet wohl an, daß dieser Unterschied keiner von
wirtschaftlichem Gesichtspunkte aus wesentlichen Artverschiedenheit
der Dienste entspricht, sondern ein künstlicher und unfruchtbarer ist.
Wer die Konsequenz desselben so weit treibt, daß er die „unproduktiven“
Dienste vollständig aus dem Bereich der wirtschaftlichen Tätigkeiten
und der Wirtschaftswissenschaft ausschließt, kommt zu offenbaren Absurditäten.

$ 4. Der fortdauernde Produktionsprozeß.
Es ist in der Wirtschaftslehre üblich gewesen, die Produktion gewissermaßen
 von einem technologischen Gesichtspunkt aus zu betrachten,
 als ob es die Aufgabe der Wirtschaftslehre wäre, den Ursprung der
materiellen Güter zu erforschen und die verschiedenen Stadien ihrer
Umwandlung im Produktionsprozeß zu verfolgen, um schließlich ihren
Verbrauch zu betrachten. Diese Betrachtungsweise ist ohne Zweifel
dafür mit verantwortlich, daß man die nicht in materiellen Dingen verkörperten
 Dienste nicht als produktiv oder wirtschaftlich hat gelten
lassen wollen und sich dadurch in unnötige Schwierigkeiten verwickelt
hat. Sie hat oft die ganze Systematik der Handbücher der Wirtschaftswissenschaft
 bestimmt, indem man sich verpflichtet fühlte, die technisch
aufeinanderfolgenden Stufen des Produktionsprozesses auch in der
Wirtschaftslehre in derselben Ordnung in Betracht zu ziehen und demgemäß
 mit der Urproduktion zu beginnen und mit der Konsumtion zu
schließen. Sie ist endlich und vor allem auch für das vollständig schiefe
Bild des wirtschaftlichen Produktionsprozesses, seiner Bedingungen und
Mittel, das in der Wirtschaftslehre noch zum großen Teil vorherrscht,
verantwortlich.
Da also die ökonomische Wissenschaft den Produktionsprozeß als
die technische Geschichte des Entstehens der einzelnen Güter zu schildern
 suchte, mußte auch der technische Ursprung jedes beim Produktionsprozeß
 mitwirkenden materiellen Gutes erforscht werden und jedes
Produkt sich also in letzter Linie in Arbeit und von Natur frei dargebotene
 Materialien auflösen lassen. Dieses Ergebnis wurde einer
Theorie zugrunde gelegt, nach welcher die Arbeit das einzige Produktionsmittel
 ist und aller Reichtum von der Arbeit geschaffen wird.
Wir werden uns später mit. dieser Theorie, die in der ökonomischen
Wissenschaft eine ebensogroße Rolle wie in den sozialpolitischen Programmen
 gespielt hat, näher zu beschäftigen haben. Hier sei nur hervorgehoben,
 wie stark diese Theorie von der hier in Frage stehenden
technischen Betrachtungsweise der Produktion gestützt werden mußte.

19
di
        <pb n="33" />
        Kap. I. Die Wirtschaft im allgemeinen.
Die Tatsache, daß jede Produktion Zeit nimmt, ist natürlich für
jede Wirtschaft und damit auch für die Wirtschaftswissenschaft von
sehr großer Bedeutung. Dies hat die Wissenschaft zur Konstruktion
es Begriffs der „Produktionsperiode‘‘ veranlaßt, und besonders die
instheoretiker haben sich um die Ausbildung dieses Begriffes viel Mühe
gegeben. Solange man aber an der hier beschriebenen Auffassung de
roduktion festhält, muß die Rolle der Zeit in der Produktion sehr
dunkel und unbestimmbar bleiben, denn es läßt sich überhaupt kein
eitpunkt angeben, wo die in dieser Weise aufgefaßte Produktion eines
ateriellen Gutes beginnt. Auf jeder Stufe der Produktion wird die
itwirkung schon vorhandener materieller Güter, sei es dauerhafter
üter oder Verbrauchsgüter, vorausgesetzt, und wenn nun auch die
ntstehung dieser Güter mit in den Produktionsprozeß des Endprodukts
ingerechnet werden soll, gelangt man niemals zum Anfangspunkt des
ganzen Produktionsprozesses. In diesen Schwierigkeiten tritt das volltändig
 Hoffnungslose in dem Streben, den Produktionsprozeß bis an
seinen technischen Anfang zurück zu verfolgen, sehr deutlich zutage.
Eine wirtschaftliche Betrachtung der Produktion muß von der
rundlegenden Tatsache ausgehen, daß die Bedürfnisbefriedigung der
enschheit oder einer geschlossenen Gruppe von Menschen eine imme
ortdauernde sein muß, und daß deshalb auch die Produktion eine
immer fortdauernden Prozeß darstellen muß. Dieser Prozeß muß in
seinem Ganzen der Gegenstand der wirtschaftswissenschaftlichen Untersuchung
 der Produktion sein, er muß nach seinem Inhalt in einem geebenen
 Augenblick dargestellt werden, die Bedingungen dafür, daß
er so, wie er in diesem Augenblick aussieht, auch unverändert fortesetzt
 werden könne, müssen festgestellt werden, Diese Bedingungen
ilden eben die notwendige Voraussetzung für eine nach Umfang und
nhalt unverändert fortgesetzte Bedürfnisbefriedigung und stellen somit
grundlegende Faktoren der Wirtschaft dar. Gegebenenfalls müssen
auch die Bedingungen eines gewissen Wachstums der Wirtschaft untersucht
 werden, diese sind als grundlegende Faktoren einer in einer gewissen
 Entwicklung begriffenen Wirtschaft zu betrachten.
Bei dieser Betrachtungsweise wird kein Raum gelassen für eine
Erforschung der Umstände, unter welchen die heute vorhandenen
ateriellen Güter entstanden sind, oder der Kräfte, die dabei mitgewirkt
 haben. Diese Fragen gehören alle der Geschichte/an und können
ohl wirtschaftsgeschichtlich von Interesse sein, wirtschaftlich sind sie
ber völlig belanglos oder haben jedenfalls keine direkte Bedeutun
ür die Wirtschaftsführung. Dies schließt natürlich nicht aus, daß die
eschichte eines alten Gebäudes oder der Ursprung eines Gemäldes au
je Schätzungen dieser Güter seitens der jetzt lebenden Menschen und
amit auch auf ihr wirtschaftliches Handeln einen wichtigen Einfluß
usüben mögen. Solche Momente der Vergangenheit wirken indesse

20
        <pb n="34" />
        $ 4. Der fortdauernde Produktionsprozeß. A
lediglich durch das Zwischenglied der Gefühle der jetzt lebenden
Menschen und kommen natürlich bei einer Untersuchung der Möglichkeit,
 die Bedürfnisse durch Produktion zu befriedigen, überhaupt nicht
in Betracht.
Wir stoßen hier auf das allgemeine und für jede wirtschaftliche
Betrachtung grundlegende Prinzip, welches schon in unserer Begriffsbestimmung
 der Wirtschaft liegt, und dessen Bedeutung in unseren
folgenden Untersuchungen immer wieder hervortreten wird, daß die
Wirtschaft wesentlich eine auf die Zukunft gerichtete Tätigkeit ist, für
welche die Vergangenheit rationellerweise keine Rolle spielt. Wie ein
materielles Gut, das jetzt existiert, entstanden ist, ist also, schon dieser
unserer allgemeinen Auffassung des Wesens der Wirtschaft zufolge,
prinzipiell gleichgültig. Diese Beobachtung zeigt noch einmal, wie vollständig
 unfruchtbar die bisher vorherrschende Betrachtung der Produktion
 mit ihrer Analyse der technischen Entstehungsgeschichte der
Güter für die Wirtschaftswissenschaft sein muß.
Im wirklichen Leben ist die Produktion ein immer fortdauernder
Prozeß, der in seinen einzelnen Teilprozessen immer abgeschlossen und
immer wieder von neuem begonnen wird, der also nach einer gewissen
Zeit wesentlich dasselbe Bild wie jetzt zeigt, sofern nicht der Umfang
des Prozesses zugenommen, oder der Prozeß durch Veränderung der
Produktionsmethoden Wandlungen erfahren hat. Der gesamte Produktionsprozeß
 teilt mit anderen Worten nicht die Bewegung des Materials,
 welches bei der Produktion auf immer höhere Stufen der Veredlung
 hinaufsteigt, bis es schließlich als fertiges Gut aus dem Produktionsprozeß
 scheidet. Der Produktionsprozeß hat nicht in dem Sinne
wie die Veredlungsgeschichte des konkreten Stücks Materie einen
Anfang und ein Ende, sondern kann bei einer immer fortlaufenden
Güterproduktion selbst unverändert bleiben. In einem solchen Produktionsprozeß
 findet man in einem gegebenen Augenblick ein=Gut- auf
allen seinen verschiedenen Veredlungsstufen vertreten. Der Rohstoff,
das Halbfabrikat, das fertige Produkt sind auf einmal nebeneinander
vorhanden, und zwar in solchen Mengen, daß die Produktion fortgesetzt
werden kann, wenn auch vielleicht in etwas wechselndem Umfang. Die
Zusammensetzung dieser Gütermenge erfährt durch die Produktion eine
Veränderung nur insofern, wie der Produktionsprozeß selbst verändert
wird.
Freilich gibt es in der Wirklichkeit auch Ungleichmäßigkeiten des
fortlaufenden Produktionsprozesses. Für die eigentliche Industrie, z. B.
die Eisenindustrie, trifft wohl das hier gegebene Bild des Produktionsprozesses
 zu. Neues Eisenerz und neue Kohle werden täglich und
stündlich aus den Fundstätten der Natur gefördert, Roheisen wird
gleichzeitig in einem stetigen Strom hergestellt und in Stahl umgewandelt,
 und zu derselben Zeit befinden sich die verschiedenen Eisen-2]
        <pb n="35" />
        &amp;amp; Kap. I. Die Wirtschaft im allgemeinen.
und Stahlprodükte auf allen möglichen Stadien ihrer Vollendung. Der
Produktionsprozeß kann hier unter stabilen Verhältnissen so vollständig
gleichmäßig verlaufen, daß Veränderungen seines Inhalts, wenigstens
wenn ein größeres Industriegebiet überblickt wird, praktisch nicht ins
Gewicht fallen. Nicht so in der Landwirtschaft. Da ist die ganze Produktion
 von den Jahreszeiten so abhängig, daß sie meistens nur einmal
im Jahre wieder begonnen wird. Die Gütermenge, die sich im Produktionsprozesse
 befindet, ändert also im Laufe des Jahres ihre Zusammensetzung.
 Überblickt man aber eine längere Periode, kann man
von den wechselnden Phasen des Produktionsprozesses und damit von
den Schwankungen der ‘Zusammensetzung der Produktmenge absehen
und die Aufmerksamkeit auf die Produktion als einen fortlaufenden,
vielleicht unveränderlichen, vielleicht Veränderungen in bezug auf Umfang
 und Methoden unterworfenen Prozeß konzentrieren. In noch
höherem Grade verschwinden die verschiedenen Phasen der landwirtschaftlichen
 Produktion, wenn man die gesamte Weltproduktion, z. B.
von Weizen, in Betracht zieht. Weizen wird nunmehr in so verschiedenen
Zonen der nördlichen und südlichen Halbkugel gebaut, daß die ungleichmäßige
 Verteilung der Ernten über das Jahr, obwohl natürlich nicht
ganz überwunden, jedoch ziemlich weit ausgeglichen worden ist. Diese
Ausgleichung wird in den folgenden Veredlungsstufen des Weizens fortgesetzt.
 Der europäische Weizenbedarf wird durch einen praktisch
kontinuierlichen Strom von Weizenladungen von überseeischen Ländern
das ganze Jahr hindurch mit ziemlicher Gleichförmigkeit befriedigt. In
der Versorgung der Konsumenten mit Weizenbrot ist die Kontinuität
vollständig. Die durch den Wechsel der Jahreszeiten bedingten wechselnden
 Phasen des wirtschaftlichen Produktionsprozesses sind selbstverständlich
 von der Wirtschaftswissenschaft, wenn sie zu den Einzelheiten
gelangt, mit zu berücksichtigen und auf ihre Wirkungen zu prüfen,
Wenn man aber um einen ersten Überblick über die Wesentlichkeiten
der Wirtschaft zu gewinnen, eine durch Abstraktion.hinreichend vereinfachte
 und gleichzeitig das innerste Wesen der wirtschaftlichen Vorgänge
 möglichst treu widerspiegelnde Wirtschaft der Untersuchung zugrundelegen
 will, dann läßt sich kaum bezweifeln, daß der kontinuierliche
Produktionsprozeß, wie er hier charakterisiert ist, die richtige Abstraktion
 ist.
Dieser Produktionsprozeß ist aber noch in,seiner der Wirklichkeit
entsprechenden Allgemeinheit ziemlich kompliziert. Für die Wissenschaft
 ist es angemessen, zunächst zwei vereinfachte Fälle, die für eine
wahre Auffassung wesentlicher wirtschaftlicher Tatsachen und Vorgänge
 besonders wichtig sind, zum Gegenstand einer eingehenderen
Untersuchung zu machen. Diese Fälle sind erstens der Fall des stationären
 Produktionsprozesses, zweitens der Fall des gleichmäßig wachsenden
 Produktionsprozesses. Das Studium des ersten Falles wird

22
        <pb n="36" />
        $ 5. Die stationäre Wirtschaft. ;
uns die Bedingungen des wirtschaftlichen Gleichgewichts, sofern dieses
von der Produktion abhängt, zeigen und uns instand setzen, einige für
jede Wirtschaft grundlegende Erscheinungen mit größtmöglicher Klarheit
 begriffsmäßig festzustellen.«ggas Studium des zweiten Falles wird
die Bedingung des quantitativen wirtschaftlichen Fortschritts unter den
einfachsten Voraussetzungen klarmachen und.damit die genaue Charakterisierung
 einiger Erscheinungen, die speziell mit dem wirtschaftlichen
 Fortschritt verbunden sind, ermöglichen.
$5:" Dieistationäre Wirtschaft.
Wir wollen also zunächst die stark vereinfachende Voraussetzung
machen, daß der gesellschaftliche Produktionsprozeß im Laufe der
Zeit vollständig unverändert bleibt. Wir wollen uns dabei auch vorstellen,
 daß die Zahl der Menschen in der betreffenden Wirtschaft
und deren individuelle Bedürfnisse, somit also auch die gesamten Bedürfnisse
 der Wirtschaft konstant bleiben. Wir haben dann eine stationäre
 Wirtschaft. Die Bedürfnisbefriedigung vollzieht sich hier vollständig
 unverändert nach Form und Umfang, alle wirtschaftlichen
Phänomene verbleiben somit konstant. Es liegt auf der Hand, daß
diese Wirtschaft die beste Gelegenheit gibt, die allgemeinsten und
grundlegenden wirtschaftlichen Erscheinungen zu studieren.
Im statischen Produktionsprozeß befindet sich zu einer gegebenen
Zeit eine bestimmte Menge von dauerhaften materiellen Gütern, die
bei der Produktion mitwirken, und von Materialien und Verbrauchsgütern
 auf verschiedenen Stadien ihrer Verarbeitung, und diese Menge
ist unveränderlich, behält zu allen Zeiten eine und dieselbe Zusammensetzung.
 Das Vorhandensein dieser Gütermenge ist eine notwendige
Bedingung dafür, daß die Produktion in derselben unveränderlichen
Weise fortgesetzt werden kann. Es ist also für die stationäre Wirtschaft
 eine notwendige Aufgabe, diese Gütermenge stets unverändert
zu erhalten. Die Produktion in der stationären Wirtschaft ist folglich
ein Prozeß, der erstens die Gesamtmasse der in demselben befindlichen
materiellen Güter erhält, zweitens auch unaufhörlich fertige materielle
Güter und Dienste der Bedürfnisbefriedigung der Menschen zur Verfügung
 stellt. f
Wir haben jetzt zu untersuchen, wie diese Aufgaben des Produktionsprozesses
 gelöst werden. Mit Bezug auf die erste Aufgabe ist es
natürlich von Bedeutung, unsere Unterscheidung der materiellen Güter
in dauerhafte Güter und Verbrauchsgüter zu beobachten. Zunächst gilt
es also zu untersuchen, wie die Menge der dauerhaften Güter, die sich
im Produktionsprozeß befinden, unverändert erhalten wird. Dabei
können wir von vornherein den Grund und Boden ausschließen, da wir
von ihm annehmen dürfen, daß er in seinen wirtschaftlich wichtigen

Hr
2
.
        <pb n="37" />
        2 Kap. I. Die Wirtschaft im allgemeinen.
Eigenschaften bei der Anwendung unverändert bleibt, und folglich die
genannte Aufgabe mit Bezug auf den Boden nicht vorliegt.
Der Produktionsprozeß reicht nach unserer Begriffsbestimmung
(8 1) bis dahin, wo die unmittelbä® Bedürfnisbefriedigung beginnt.
Demgemäß hat man also zu bestimmen, welche dauerhaften Güter
als im Produktionsprozeß befindlich angesehen werden sollen. Zu
dieser Kategorie gehören in erster Linie alle Werkzeuge, Maschinen
und Gebäude, die in der Produktion Verwendung finden; ferner Schiffe
und Transportanlagen, Beleuchtungs- und Fernsprechanlagen usw., also
dauerhafte Güter, die in der Produktion mitwirken, ohne Rücksicht
darauf, ob sie der Herstellung materieller Güter dienen oder Dienste
für die unmittelbare Bedürfnisbefriedigung liefern, schließlich auch
Wohnhäuser und ähnliche, der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung
dienende dauerhafte Güter; nicht aber persönliches Eigentum, wie
Kleider u. dgl. (vgl. 8 7):
Damit dürfte die Begrenzung des Begriffs der „dauerhaften Güter,
die sich im Produktionsprozeß befinden‘‘, mit genügender Schärfe bestimmt
 sein. Wenn wir von diesen den Grund und Boden ausscheiden,
wird der Rest von den produzierten dauerhaften Gütern im Produktionsprozeß
 dargestellt. Diese Güter wollen wir als festes Realkapital
bezeichnen.
Die zunächst vorliegende Frage lautet also jetzt so: wie wird das
feste Realkapital in der stationären Wirtschaft durch den Produktionsprozeß
 unverändert erhalten? Die dauerhaften Güter, aus denen das
feste Realkapital besteht, sind zum weitaus größten Teile einer mehr
oder weniger schnellen Abnutzung unterworfen. Diese Abnutzung wird
wohl durch angemessene Unterhaltung der Güter etwas verlangsamt,
man kann aber meistens nicht verhindern, daß die Güter allmählich
vollständig abgenutzt werden und also ihre wirtschaftlichen Aufgaben
nicht länger erfüllen können. Sie scheiden dann aus dem Vorrat der
dauerhaften Güter aus, werden wie alte Häuser abgebrochen oder wie
untaugliche Maschinen auf den Schrotthaufen geworfen. Soll nun der
Vorrat solcher Güter unverändert erhalten bleiben, so müssen offenbar
neue Güter derselben Art immer wieder produziert werden, und zwar
in der stationären Wirtschaft in demselben Tempo wie die abgenutzten
ausgemustert werden. Denken wir uns z. B., daß in einer geschlossenen
Wirtschaft die Wohnhäuser alle von demselben Typus sind, daß sie je
hundert Jahre dauern, und daß der Vorrat von Wohnhäusern durch
Neubauten immer auf gleicher Höhe erhalten wird! Wir können dann
in dieser stationären Wirtschaft in einem gegebenen Augenblick eine
Gruppe von hundert Häusern ins Auge fassen, von denen das älteste
hundert Jahre alt und also eben zum Abbrechen reif ist, das jüngste im
letzten Jahre gebaut ist, die übrigen alle Altersklassen dazwischen vertreten.
 Diese Gruppe von Häusern wird durch den Produktionsprozeß

4
        <pb n="38" />
        8 5. Die stationäre Wirtschaft. J
dadurch unverändert erhalten, daß jedes Jahr ein neues Haus gebaut
und ein altes abgebrochen wird. Die übrigen Häuser des Vorrats rücken
im Laufe des Jahres ein Jahr vorwärts in ihrer Lebenszeit, durch den
Neubau wird aber erreicht, daß der ganze Vorrat am Ende des Jahres
genau dieselbe und in derselben Weise abgestufte Abnutzung wie am
Anfang des Jahres zeigt. Wenn wir eine stationäre Wirtschaft von hinreichend
 großem Umfang betrachten, kann offenbar der ganze Vorrat an
dauerhaften Gütern in dieser Weise durch Unterhaltung und Neuproduktion,
 mit einem Wort durch den fortlaufenden Produktionsprozeß, in
einer praktisch genommen unveränderten Zusammensetzung erhalten
werden. Man nennt diesen Prozeß, durch welchen das feste Realkapital
 der stationären Wirtschaft unverändert erhalten wird, den Reproduktions-
 oder Umsatzprozeß des festen Realkapitals,
Kehren wir nun unsere Aufmerksamkeit auf die Verbrauchsgüter,
so haben wir zunächst festzustellen, welche von diesen sich im Produktionsprozeß
 befinden. Das sind erstens alle Materialien, die als aus der
Natur geholte Rohstoffe in den Produktionsprozeß eintreten, um dann
nach einer Reihe von Umwandlungen schließlich als Bestandteile der
dauerhaften Güter oder der eigentlichen Verbrauchsgüter aus dem Produktionsprozeß
 auszuscheiden. Die eigentlichen Verbrauchsgüter verlassen
 den Produktionsprozeß, da sie verbraucht werden, also da sie entweder
 wie Dampfkohle und Maschinenöl im Produktionsprozeß selbst
oder wie Brot in der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung Verwendung
finden. Wenn nun die Produktion immer in denselben Bahnen fortgesetzt
 wird und sich selbst in denselben Formen beständig wiederholt,
wird dieser ganze Vorrat von materiellen Gütern in der stationären Wirtschaft
 unverändert erhalten. Eisenmaterial wird z. B. für verschiedene
Zwecke täglich in einer gewissen Menge verbraucht, dafür wird aber
auch täglich eine entsprechende Menge Eisenerz zutage gefördert und
das Material, das sich auf dem zwischenliegenden Stadium befindet,
einen Schritt vorwärts im Veredlungsprozeß geführt, wodurch das gesamte
 Material in diesem Produktionszweig nach Menge und Zusammensetzung
 unverändert erhalten wird. Jeden Tag gehen auch reife Verbrauchsgüter
 aus dem Produktionsprozeß in die Konsumtion über oder
werden im Produktionsprozeß selbst definitiv verbraucht, gleichzeitig
rückt aber die ganze Menge von Zwischenprodukten einen Schritt vorwärts,
 und es wird mit neuen Produktionsreihen begonnen, alles mit
dem Ergebnis, daß die im Produktionsprozeß vorhandene Menge von
Zwischenprodukten sich unverändert bewahrt und täglich wieder dieselben
 Mengen von Verbrauchsgütern der Produktion oder Konsumtion
zur Verfügung stehen.
Das Endergebnis ist also, daß die Gesamtmasse der im Produktionsprozeß
 befindlichen Materialien, Halbfabrikate und Produkte in allen
Stadien sowie auch die Gesamtmasse der der Produktion selbst dienen-2
        <pb n="39" />
        . Kap. I. Die Wirtschaft im allgemeinen.
den Verbrauchsgüter in der stationären Wirtschaft konstant bleibt.
/Diese Gütermasse nennen wir das bewegliche Realkapital der
Wirtschaft. Den Prozeß, durch welchen dies unverändert erhalten
bleibt, bezeichnen wir als den Reproduktions- oder Umsatzprozeß
des beweglichen Realkapitals,.
Die Gesamtmasse des festen und beweglichen Realkapitals, also
die Gesamtmasse der materiellen Güter des Produktionsprozesses mit
Ausnahme des Grund und Bodens, bildet das Realkapital der Wirtschaft,
 und der Prozeß, durch welchen dieses Realkapital unverändert
erhalten wird, ist der Reproduktions- oder Umsatzprozeß des
Realkapitals.
Die gesamte Masse der materiellen Güter einer Wirtschaft nennt
/man das Realvermögen. Das Realvermögen umfaßt somit außer dem
Realkapital sowohl den Grund und Boden, wie auch die an. die Konsumtion
 übergegangenen dauerhaften Güter.
Die Produktion der stationären Wirtschaft ist nach dem jetzt Gesagten
 ein Prozeß, der beständig dafür sorgt, daß die materiellen Mittel
für seine unveränderte Fortsetzung in unveränderter Menge erhalten
bleiben, der sich also dadurch selbst unterhält und der gleichzeitig einen
stetigen und unveränderlichen Strom von Diensten und materiellen
Gütern der menschlichen. Bedürfnisbefriedigung zur Verfügung stellt.
Diesen Strom von Diensten und materiellen Gütern, die die wirtschaftenden
 Menschen aus der Produktion für ihre Bedürfnisbefriedigung
empfangen, nennt man das Realeinkommen der Wirtschaft.
Das Realeinkommen besteht also teils aus direkt der Bedürfnisbefriedigung
 dienenden Leistungen anderer Personen, wie z. B. den
Leistungen der Ärzte oder des häuslichen Dienstpersonals, teils aus
Verbrauchsgütern, wie Lebensmitteln, teils aus Nutzungen dauerhafter
Güter, die noch als dem Produktionsprozeß angehörig anzusehen sind,
also z. B. aus den Diensten der Wohnung, der Personentransporte usW.,
teils schließlich aus den dauerhaften Gütern, die, wenn sie fertiggestellt
sind, in die Konsumtion übergehen und nicht länger dem Produktionsprozeß
 zugerechnet werden, z. B. unsere Kleider.
Für die Wirtschaftswissenschaft ist es von einer gewissen Bedeutung,
 alle ihre Begriffe in ihrer Relation zur Zeit mit völliger Klarheit
 festzustellen. Sehr viel Verwirrung und zahlreiche unnötige Kontroversen
 sind lediglich auf den Mangel auch der allernotwendigsten
zeitlichen Fixierungen der wirtschaftlichen Begriffe zurückzuführen. Vor
allem ist es nötig, zu unterscheiden, ob ein wirtschaftlicher Begriff sich
auf einen Zeitpunkt oder auf eine Zeitperiode bezieht. Das erste trifft
zu für die Begriffe des Realkapitals und des Realvermögens. Will man
die in einer Wirtschaft befindliche Menge von materiellen Gütern feststellen,
 muß man notwendig einen bestimmten Augenblick für die Inventaraufnahme
 auswählen. Ein solches Inventar der Wirtschaft wird

26
        <pb n="40" />
        $ 6. Die gleichmäßig fortschreitende Wirtschaft. ‘
nur eine gewisse Menge materieller Güter in der Wirtschaft vorfinden,
aber keine Dienste. Das materielle Gut existiert nämlich als solches
in einem gegebenen Augenblick, der Dienst dagegen wird in einer gewissen
 Zeitperiode vollzogen, in dem gegebenen Augenblick sind nur
die Personen und die Güter vorhanden, welche die Dienste leisten.
Dies ist die Ursache, warum die Dienste nicht im Realvermögen mitzählen,
 wohl aber einen Teil des Realeinkommens bilden. Die Dienste,
die der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung dienen, schaffen also nichts,
das je in der Inventaraufnahme wiedergefunden werden könnte. Man
irrt sich kaum, wenn man die oben kritisierte Lehre von der Unproduktivität
 solcher Dienste in Verbindung mit diesem Umstand setzt.
Das Realeinkommen dagegen bezieht sich begrifflich auf eine gewisse
 Zeitperiode. Die Menge der Dienste und materiellen Güter, die
aus der Produktion an die Konsumtion übergehen, kann nur in Relation
zu einer kürzeren oder längeren Zeit angegeben werden. Beispielsweise
kann man dieses Einkommen auf das Jahr beziehen und also von einem
Jahreseinkommen sprechen.
Das Realeinkommen der stationären Wirtschaft, sagen wir pro
Jahr gerechnet, kann nur unter der Voraussetzung immerfort erhalten
werden, daß der Produktionsprozeß unverändert fortgesetzt wird. Die
unveränderte Fortsetzung des Produktionsprozesses unter Aufrechterhaltung
 des einmal vorhandenen Realkapitals ist aber keineswegs
eine mechanische Notwendigkeit, sie erfordert vielmehr eine darauf
gerichtete Leitung der Produktion. Die ganze stationäre Wirtschaft ist
von diesem Gesichtspunkt das Ergebnis einer bestimmten Willensrichtung
 der wirtschaftenden Menschen. Die notwendigen Bedingungen
des fortgesetzten Beziehens eines bestimmten konstanten Realeinkommens
 sind also folgende:
1. Das Vorhandensein von Grund und Boden und Naturmaterialien in
einer gewissen Ausdehnung.
2. Das Vorhandensein eines gewissen Realkapitals.
3. Eine solche Leitung des Produktionsprozesses, die das Realkapital
unverändert erhält.
4. Eine gewisse Jahresmenge von Arbeitsleistungen.
$ 6. Die gleichmäßig fortschreitende Wirtschaft.
Die stationäre Wirtschaft ist eine erste Abstraktion, deren Studium
eine wichtige Bedeutung hat für die Klarlegung einiger für jede Wirtschaft
 fundamentalen Vorgänge. Indessen gibt es auch einige für die
Wirtschaft im allgemeinen sehr wichtige Erscheinungen, die in der stationären
 Wirtschaft nicht hervortreten, die vielmehr mit dem Fortschritt
wesentlich verknüpft sind und deshalb nur in der fortschreitenden Wirtschaft
 beobachtet werden können. Indem wir jetzt dazu übergehen,

27
        <pb n="41" />
        . Kap. I. Die Wirtschaft im allgemeinen.
die fortschreitende Wirtschaft zu untersuchen, ist es aber noch immer
notwendig, unseren Untersuchungen möglichst vereinfachte Voraussetzungen
 zugrunde zu legen.
Zunächst haben wir festzustellen, was unter ‚Fortschritt‘ zu verstehen
 ist. Dieser Ausdruck soll wie unsere ganze wirtschaftswissenschaftliche
 Terminologie eine vollständig ungefärbte, möglichst rein
quantitative Bedeutung haben. Ob eine quantitative Vergrößerung der
Wirtschaft und speziell der Produktion auch von einem tieferen ethischen
oder ästhetischen Gesichtspunkt als wirklicher Fortschritt anerkannt
werden kann, ist wohl an sich eine interessante und praktisch wichtige
Frage, die aber nicht zu der Domäne der reinen theoretischen Ökonomie
gehört und deshalb hier außer Betracht gelassen werden muß. Es ist
gut, daß dieses Prinzip für die Begrenzung der uns vorliegenden Aufgaben
 vom Anfang an mit völliger Klarheit anerkannt wird. Der Fortschritt
 ist also hier lediglich in quantitativem Sinne als eine in einer
gesteigerten Produktion zutage tretende Bewegung aufzufassen.
Eine allgemeine Ursache zu einem Fortschritt in diesem Sinne ist
die Volksvermehrung. Soll eine Bedürfnisbefriedigung für eine vermehrte
 Bevölkerung in unverändertem Umfang möglich sein, muß offenbar
 eine entsprechende Steigerung der Produktion stattfinden. Es ist
denkbar, daß dabei die Produktion in unveränderten Bahnen, mit denselben
 Methoden fortgesetzt wird, und daß der Fortschritt also lediglich
 in einem stets im Verhältnis zum Bevölkerungszuwachs erweiterten
Umfang der Produktion besteht. Bei konstanter Bevölkerung muß der
wirtschaftliche Fortschritt in einer Steigerung der Produktion pro Kopf,
also in einer verbesserten Bedürfnisbefriedigung hervortreten. Eine
solche Steigerung kann wohl bis zu einem gewissen Grade durch Erhöhung
 der quantitativen Arbeitsleistung pro Person ermöglicht werden.
Offenbar sind aber für eine solche Entwicklung sehr enge Grenzen gezogen.
 Ein stetiger Fortschritt ist bei konstanter Bevölkerung nur dann
möglich, wenn die Produktionsmethoden unaufhörlich verbessert werden.
 Dabei wird aber der ganze Produktionsprozeß, in den meisten
Fällen auch die Zusammensetzung der Bedürfnisbefriedigung, immer
wieder verändert. Der Fortschritt ist dann eine ziemlich komplizierte
Erscheinung, und die vereinfachende Voraussetzung der Gleichmäßigkeit
 des Fortschritts stößt, jedenfalls in dem gegenwärtigen Stadium
unserer Untersuchung, auf gewisse Schwierigkeiten. Wollen wir eine
möglichst einfache Form des wirtschaftlichen Fortschritts betrachten,
so haben wir den Fall ins Auge zu fassen, wo die Produktion in unveränderten
 Bahnen und mit der gleichen Arbeitsleistung des einzelnen
fortgeführt und somit lediglich in demselben Verhältnis wie die Bevölkerung
 vergrößert wird. Setzen wir dabei außerdem noch einen
gleichmäßigen Bevölkerungszuwachs voraus, so haben wir den einfachsten
 Fall einer gleichmäßig fortschreitenden Wirtschaft. Ist das jährliche

28
        <pb n="42" />
        8 6. Die gleichmäßig fortschreitende Wirtschaft. „3
Zuwachsprozent der Bevölkerung gegeben, so muß dieses auch für den
ganzen Fortschritt der Wirtschaft maßgebend sein, und man kann von
einem bestimmten für die betreffende Wirtschaft charakteristischen Fortschrittsprozent
 sprechen.
Damit die Produktion mit dem so gegebenen jährlichen Fortschrittsprozent
 steigt, muß offenbar das Realkapital der Wirtschaft mit demselben
 Fortschrittsprozent wachsen. Da das Realkapital nach seiner
relativen Zusammensetzung unverändert bleibt, ist dieser Zuwachs einfach
 als ein gleichmäßiger Zuwachs der Menge jedes einzelnen der konkreten
 Bestandteile des Realkapitals aufzufassen. Nur durch einen
solchen Zuwachs kann das Realkapital mit der Vermehrung der persönlichen
 Arbeitskräfte und mit den in gleichem Verhältnis wie die
Bevölkerung steigenden Ansprüchen der Bedürfnisbefriedigung gleichen
Schritt halten. Dieser Zuwachs des Realkapitals ist natürlich nur durch
eine darauf gerichtete Produktion möglich. Der Produktionsprozeß in
der hier betrachteten gleichmäßig fortschreitenden Wirtschaft hat also
drei verschiedene Aufgaben, nämlich:
1. die Unterhaltung und Aufrechterhaltung des Realkapitals in seinem
jeweilig gegebenen Umfang; |
2. die Vermehrung des Realkapitals um einen bestimmten Prozentsatz
im Jahre; /
3. die Versorgung der Konsumtion in einem mit der Zahl der Konsumenten
 steigenden Umfang.
Da der absolute jährliche Zuwachs des Realkapitals als eine unveränderliche
 Quote des jeweilig vorhandenen Realkapitals offenbar in
demselben Verhältnis wächst wie das Realkapital selbst, stellen alle
diese drei Aufgaben gleichmäßig gesteigerte Ansprüche an die Produktion,
 und die Produktion verteilt sich in feststehenden Quoten auf
diese drei Aufgaben. Da die verschiedenen Produktionsmittel quantitativ
 nicht direkt vergleichbar sind, kann dieser Satz exakt nur so
ausgedrückt werden, daß die Menge von Produktivkräften, die jeder
der drei Hauptaufgaben der Produktion gewidmet wird und die nach
unseren Voraussetzungen ihrer relativen Zusammensetzung nach unverändert
 bleibt, mit dem gemeinsamen Fortschrittsprozent wächst.
In unserer fortschreitenden Wirtschaft sind demnach die Produktionsmittel
 in jedem Augenblick in reichlicherer Menge vorhanden, als
sie für die Bedürfnisbefriedigung in dem jeweiligen Umfang derselben
zu sein brauchten. Man darf also annehmen, daß in jedem Augenblick
mit den tatsächlich aufgewandten Produktionsmitteln eine reichlichere
gegenwärtige Bedürfnisbefriedigung oder jedenfalls bei unveränderter
gegenwärtiger Bedürfnisbefriedigung eine verkürzte Arbeitszeit, eine
Herabsetzung der Anforderungen auf persönliche Arbeitsleistungen möglich
 wäre. Die Verwendung eines bestimmten Teiles der Produktionsmittel
 zu einer stetigen Vermehrung des Realkapitals bedeutet somit ein

2G
        <pb n="43" />
        Kap. I. Die Wirtschaft im allgemeinen,|
Opfer, das in einer Beschränkung der sonst möglichen Bedürfnisbefriedigung
 oder in einer Steigerung der persönlichen Leistungen über
das für die gegenwärtige Bedürfnisbefriedigung nötige Maß hinaus
hervortritt. Eine solche Beschränkung der Bedürfnisbefriedigung, durch
welche eine Produktion von Realkapital zur Vermehrung des schon
vorhandenen Vorrats von Realkapital ermöglicht wird, nennt man
Sparen. Die Vermehrung des Realkapitals, für welche durch das
Sparen Produktivkräfte freigestellt werden, nennt man Kapitalbildung
 in konkretem Sinne.
Die Notwendigkeit eines Sparens und einer Kapitalbildung ist, wie
überhaupt alle in diesem Kapitel behandelten Tatsachen und Vorgänge,
von der Organisationsform der Wirtschaft vollständig unabhängig, besteht
 also für jede fortschreitende Wirtschaft. In der geschlossenen
Bauernwirtschaft z. B. ist der Fortschritt nur dann möglich, wenn persönliche
 Arbeitskräfte und andere Produktionsmittel, wie z. B. Pferde,
der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung entzogen und zur Vermehrung
des Realkapitals, z. B. zum Bau von neuen Gebäuden oder zum Roden
neuen Landes verwendet werden. Die Bedingung des Fortschritts ist
also eine Beschränkung der sonst möglichen Bedürfnisbefriedigung bzw.
eine Anstrengung über das für die tatsächliche Bedürfnisbefriedigung
nötige Maß hinaus, also ein Sparen und eine Verwendung der so freigestellten
 Produktivkräfte zur Produktion von Realkapital, also eine
Kapitalbildung im konkreten Sinne. Die Vorgänge sind hier wesentlich
dieselben wie die entsprechenden Vorgänge in einer modernen, ein
ganzes Land oder die ganze Welt umfassenden Wirtschaft.
Nun kann man sagen, daß auch in der stationären Wirtschaft ein
gewisses Opfer gebracht werden muß, um ein genügendes Maß von
Produktivkräften der fortdauernden Erhaltung des Realkapitals in
unveränderter Menge und Zusammensetzung zu widmen. Könnte man
sich von dieser Aufgabe befreien, würde man ohne Zweifel für den
Augenblick Produktivkräfte für eine augenblickliche Erhöhung der
Bedürfnisbefriedigung freistellen können. So handelt z. B. der Bauer,
der wegen der laufenden Lebensmittelversorgung seiner Wirtschaft keine
Zeit findet, seine Gebäude zu unterhalten. So haben auch im Weltkriege
 die kriegführenden Staaten gehandelt: durch Versäumnis des
laufenden Unterhalts des festen Realkapitals (Gebäude, Eisenbahnen,
Eisenbahnmaterial, Schiffe u. dgl.), sowie auch des Ersatzes des verzehrten
 beweglichen Realkapitals (Materialvorräte, Vieh) sind Produktivkräfte
 für die Kriegführung freigestellt worden. Auf die Länge muß
aber eine solche Wirtschaft ärmer, ihre Bedürfnisbefriedigung knapper
werden. Diejenige Verwendung der Produktivkräfte, durch welche
das Realkapital unverändert erhalten wird, und somit eine Verarmung
der Wirtschaft eben nur verhindert wird, kann nach dem gewöhnlichen
Sprachgebrauch nicht als Sparsamkeit bezeichnet werden, ist aber offen-30
        <pb n="44" />
        $ 6. Die gleichmäßig fortschreitende Wirtschaft, Sl
bar eine Leistung derselben qualitativen Art wie die Sparsamkeit, die
zu wirklicher Kapitalvermehrung führt. Eine solche Wirtschaftsführung
ann unter Umständen sehr große Ansprüche auf Selbstbeherrschung
und Rücksicht auf die Zukunft stellen. Für die Fixierung des Begriffs
des Sparens im wirtschaftlichen Sinne müssen wir immerhin an der
eben gezogenen Grenzlinie festhalten: das Sparen im eigentlichen Sinne
beginnt mit der Vermehrung des Realkapitals:
Das Sparen, wie es hier aufgefaßt wird, besteht in einer bestimmten
Disposition der Produktionsmittel. Diese Auffassung des Sparens ist‘
mit der fortdauernden Wirtschaft, die allen unseren Betrachtungen zugrunde
 liegt, notwendig verknüpft. Man findet aber auch häufig eine
andere Auffassung, Nach dieser ist das Sparen ein gewisses Sichenthalten
 vom Verbrauch eines Vorrats von fertigen Gütern, welche übrigens
meistens als Verbrauchsgegenstände gedacht werden, also eine gewisse
 Disposition über eine gegebene Menge von Konsumtionsartikeln,
nach welcher vielleicht gewisse Teile derselben verbraucht, andere dagegen
 „gespart“, d. h. für eine künftige Konsumtion reserviert werden.
Ein Sparen dieser Art ist natürlich immer notwendig, sobald ein Vorrat
von Verbrauchsgütern vorhanden ist und für eine bestimmte Zeit voralten
 muß: der Verbrauch des Vorrats muß mit einer gewissen Gleichmäßigkeit
 auf die ganze Zeit verteilt werden. Dies ist z. B. besonders
der Fall mit Bezug auf die Ernte. Für die Auffassung der Produktion,
die wir im Anfang des 8 4 charakterisiert haben, und die den technischen
 Prozeß, durch welchen das einzelne Gut hergestellt wird, vom
Anfang bis zu Ende verfolgt, mag es natürlich sein, beim Studium der
Konsumtion die Aufmerksamkeit vorzugsweise auf den durch diesen
Produktionsprozeß geschaffenen Vorrat des Gutes und auf die allmähliche
 Konsumtion desselben zu richten und somit die Disposition über
die vorhandenen Vorräte der fertigen Güter in den Vordergrund z
stellen. Hat man aber wie wir die Wirtschaft als einen stets in wesentlich
 denselben Formen und mit wesentlich demselben Inhalt fortdauernden
 Prozeß aufgefaßt, so verliert diese Betrachtung der vorhandene
orräte von fertigen Gütern ihre vorwiegende Bedeutung, denn in der
fortdauernden Wirtschaft wird das Ergebnis der Produktion von einem
stetigen Strom von fertigen Gütern, die gleich in die Konsumtion übergehen,
 nicht von einem auf einmal geschaffenen Gütervorrat, der nachher
 in einer längeren Zeit allmählich aufgezehrt wird, dargestellt. „Die
Bedeutung der etwa zufällig vorhandenen kleinen Vorräte von fertigen
ütern tritt in der fortdauernden Wirtschaft vollständig in den Hintergrund
 im Vergleich mit dem stetigen Strom von fertigen Gütern, dessen
Fortdauer durch die Produktion gesichert wird. Dies ist_besonder
nter modernen Produktions- und Transportverhältnissen in hohem
jrade der Fall. Unter diesen Voraussetzungen kann aber eine bestimmte
 Leitung der Konsumtion wesentlich nur als eine Disposition
        <pb n="45" />
        Kap. I. Die Wirtschaft im allgemeinen.
der zur Verfügung stehenden Produktionsmittel aufgefaßt werden. Für
diese Auffassung gibt es nichts, was in konkretem Sinn aufgespart wäre,
wie dies der Fall ist, wenn man das Sparen als ein Nichtkonsumieren
eines angesammelten Vorrats von fertigen Gütern auffaßt. Die fertigen
Güter, die in der fortdauernden, im Gleichgewicht befindlichen Wirtschaft
 der absichtlichen Beschränkung der Bedürfnisbefriedigung zufolge
 nicht konsumiert werden, werden auch überhaupt nicht produziert.
 Einen konkreten Gegenstand des Sparens als eines Nichtverbrauchs
 gibt es also nicht.
Bei der Auffassung des Sparens als einer Nichtkonsumtion eines
Vorrats von fertigen Gütern bedarf die Kapitalbildung in konkretem
Sinne noch einer besonderen Erklärung. Denn eine Vermehrung des
vorhandenen Realkapitals ist offenbar nicht durch das Unterlassen einer
Konsumtion möglich. Die konkrete Kapitalbildung wird bei dieser Auffassung
 des Sparens als ein vorheriges Ansammeln eines Vorrats von
materiellen Gütern betrachtet, die später in der Produktion zur Unterhaltung
 der Mitwirkenden, speziell der gewöhnlichen Lohnarbeiter, vielleicht
 auch als Material und Werkzeuge zur Anwendung kommen‘).
Diese Betrachtungsweise steht indessen den wesentlichen Grundzügen
der fortdauernden Wirtschaft vollständig fremd gegenüber. In der fortdauernden
 im Gleichgewicht befindlichen Wirtschaft gibt es im großen
ganzen kein Ansammeln eines Vorrats von fertigen Gütern, aber auch
kein Ansammeln im angegebenen Sinne von Materialien und Werkzeugen
 für spätere Anwendung, überhaupt in einem gegebenen Augenblick
 keine unwirksamen Gütervorräte, die zur Vorbereitung eines künftigen
 Produktionsprozesses aufgespeichert sind. Die fortdauernde Wirtschaft
 besitzt, wie oben entwickelt worden ist, ein Realkapital, das
normal stets beschäftigt ist. Dieses Realkapital wird in der fortschreitenden
 Wirtschaft durch die Produktion stets vermehrt, aber die verschiedenen
 Güter, die in dieser Weise dem Realkapital nach und nach
zugeführt werden, werden normal nicht für einen künftig anzufangenden
 Produktionsprozeß aufgespeichert, sondern treten unmittelbar in
ihre verschiedenen Funktionen als Realkapital ein, werden verbraucht
oder verarbeitet oder, wenn sie dauerhaft sind, benutzt. Die Darstellung
 der Kapitalbildung in konkretem Sinne als einer Aufspeicherung
eines für künftige Zwecke reservierten Gütervorrats gibt demnach ein
1) „A stock of goods of different kinds must be stored up somewhere sufficient
to maintain him (the labourer), and to supply him with the materials and tools
of his work.“ Ad. Smith: Wealth of nations. Book II Introduction. — Jevons
betrachtet die Unterhaltsmittel des Arbeiters als die einzige Form des Kapitals:
„Capital consists merely in the aggregate of those commodities which are required
for sustaining labourers of any kind or class engaged in work.“ Theory of Political
Economy. p. 242.

32
        <pb n="46" />
        8 6. Die gleichmäßig fortschreitende Wirtschaft.
alsches Bild von den wesentlichen Vorgängen der fortdauernden Wirtschaft.‘

| In der gleichförmig fortschreitenden Wirtschaft ist die Leitung der
roduktion im allgemeinen und speziell die Verteilung der Produktivräfte
 auf die drei verschiedenen Hauptaufgaben der Produktion unveränderlich.
 Es wird demnach immer dieselbe relative Menge vo
Produktionsmitteln, also eine stets mit dem allgemeinen Fortschrittsrozent
 der Wirtschaft wachsende absolute Menge, für die Vermehrung
des Realkapitals bestimmt. Das Sparen ist somit eine beständige Tätigkeit,
 die mit dem Fortschritt der Wirtschaft proportional ausgedehn
wird und die also für die Wirtschaft immer dieselbe Bedeutung behält.
Nach der früheren Auffassung des Sparens war dieses Verhältnis sehr
zu verstehen. Wenn einmal ein Gütervorrat aufgespart war,
mußte er später auch einmal verbraucht werden. Ein immer fortgesetztes
 Sparen, das im Umfang unaufhörlich und in unverändertem
Tempo ohne jede zeitliche Begrenzung wuchs, das waren Dinge, die
dieser Auffassung als reine Unmöglichkeiten erscheinen mußten. Sowohl
 in der Wissenschaft wie in populären Darstellungen findet man
auch immer wieder die Behauptung, ein unbegrenzt fortgesetztes Sparen
(lies „Aufspeicherung von Gütern‘) der gesamten wirtschaftenden
Menschheit sei unmöglich. Daß solche Vorstellungen auf die Würdigung
des Sparens und damit auf die allgemeine ökonomische Auffassung eine
sehr starke Einwirkung ausgeübt haben, ist unverkennbar. Es ist deshalb
 von großer Bedeutung, daß die wirkliche Natur und die Funktion
des Sparens in der fortschreitenden Wirtschaft vollständig klargelegt
werden. Ein nicht nur stets fortgesetztes, sondern auch mit der Steigerung
 der Produktion gleichen Schritt haltendes Sparen ist nicht nur
vollständig möglich, sondern stellt sogar eine absolut notwendige Bedingung
 des gleichmäßigen Fortschritts einer jeden Wirtschaft dar,
Erst durch ein solches Sparen sind eine mit dem konstanten Fortschrittsprozent
 wachsende Kapitalbildung und damit eine gleichmäßig
Vergrößerung des gesamten Realkapitals und eine in demselben Tempo
erweiterte Produktion und Bedürfnisbefriedigung möglich.
Der Begriff des Realeinkommens muß für die fortschreitende Wirtchaft
 erweitert werden. Das Realeinkommen muß hier in Übereintimmung
 mit dem allgemeinen Sprachgebrauch als die Summe de
em Verbrauch dienenden Realeinkommens und der VermehangdesRealkapitalsinderhetreifendenEinkommensperiode

definiert werden. Der erste Teil dieser Summe muß in der fortschreitenen
 Wirtschaft als die Menge der Dienste und der materiellen Güter,
ie die fortschreitende Produktion den wirtschaftenden Menschen innerhalb
 der Einkommensperiode für ihre unmittelbare Bedürfnisbefriediung
 zur Verfügung stellt, aufgefaßt werden. Der zweite Teil der
umme entspricht der konkreten Kapitalbildung der Wirstchaft. In der
Cassel, Theoret. Sozialökonomie. 4. Aufl.

3
9
        <pb n="47" />
        Kap. I. Die Wirtschaft im allgemeinen.
gleichmäßig fortschreitenden Wirtschaft wächst das Realeinkommen
ebenso wie seine beiden Teile, die Konsumtion und die Kapitalbildung
mit der allgemeinen Zuwachsgeschwindigkeit, welche die Wirtschaft
im ganzen charakterisiert.
Eine notwendige Bedingung für ein fortgesetztes Beziehen eines in
dieser Weise wachsenden Einkommens ist nach dem Gesagten eine in
derselben Weise wachsende Kapitalbildung, also eine solche Verteilung
der Produktivkräfte auf die verschiedenen Aufgaben der Produktion,
die diese Kapitalbildung sichert. Diese Verteilung der Produktivkräfte
repräsentiert neben den persönlichen Arbeitsleistungen der bei der
Produktion mitwirkenden Menschen die immer fortdauernde Tätigkeit,
die für die Aufrechterhaltung der fortschreitenden Wirtschaft notwendig
ist. Außerdem ist im Ausgangspunkt — und ein jeder gegebene Augenblick
 kann als Ausgangspunkt betrachtet werden — das Vorhandensein
eines gewissen Realkapitals als eine notwendige Bedingung dieser
Wirtschaft zu betrachten.
Das Sparen bedeutet, wie schon hervorgehoben, immer ein Opfer,
das dem Fortschritt gebracht wird. In dem speziellen Falle einer fortschreitenden
 Wirtschaft, den wir hier besonders betrachtet haben, wo
der Fortschritt lediglich in einer Vergrößerung der Wirtschaft in gleichem
Tempo mit der Volksvermehrung besteht, wird das Opfer des Sparens
ausschließlich für die Volksvermehrung gebracht. Diese Beobachtung
ist von Interesse, insofern, als sie zeigt, daß die Volksvermehrung
etwas mehr kostet, als das Gebären und Aufziehen der Kinder, die den
Bevölkerungszuwachs bilden. Wenn die Bedürfnisbefriedigung des
einzelnen auf konstanter Höhe erhalten werden soll, muß das Realkapital
 in demselben Tempo wie die Bevölkerung vermehrt werden
und für diesen Zweck ein bestimmter Teil der vorhandenen Produktivkräfte
 beständig in Anspruch genommen werden. In erster Linie und
allgemein kommt in Betracht das Bauen von neuen Wohnhäusern für
den Bevölkerungszuwachs, ferner aber auch unter modernen Verhältnissen
 die Ausrüstung der Wirtschaft mit Transportmitteln, Fabrikgebäuden,
 Maschinen usw. im Verhältnis zum Bevölkerungszuwachs.
Die Produktivkräfte, welche für diese Vermehrung des Realkapitals
gebraucht werden, sind der laufenden Bedürfnisbefriedigung entzogen,
und diese Bedürfnisbefriedigung wird demnach in jedem Augenblick
knapper sein, als sie ohne den Bevölkerungszuwachs zu sein brauchte.

34
        <pb n="48" />
        &amp;amp; 7. Tauschwirtschaft und Geldwirtschaft.
Zweites Kapitel.
Die Tauschwirtschaft,
87. Tauschwirtschaft und Geldwirtschaft.
In unseren Untersuchungen ist, wie schon bemerkt, immer vorausgesetzt,
 daß die Wirtschaft eine vollständige ist, d. h. daß sämtliche
wirtschaftliche Vorgänge sich ganz innerhalb der Wirtschaft abspielen,
daß mit anderen Worten die Wirtschaft nach außen abgeschlossen und
also selbstgenügsam ist. Dies gilt im wesentlichen von der uralten
Familienwirtschaft oder ‚„„‚Eigenwirtschaft“‘, die sich auf den Landgütern,
zum großen Teil auch in europäischen Ländern bis ins neunzehnte Jahrhundert
 hinein erhalten hat. In dem Maße aber, wie die einzelnen Eigenwirtschaften
 miteinander in Verbindung traten, um überschüssige Produkte
 auszutauschen und damit eine vollständigere und allseitigere Bedürfnisbefriedigung
 zu erreichen, und noch mehr in dem Maße, wie sich
einzelne Personen besonderen Berufen widmeten und ihre Dienste oder
Produkte den Familienwirtschaften gegen die Produkte derselben zur
Verfügung stellten, hörte die Selbstversorgung. der Familienwirtschaft
auf. Die frühere Eigenwirtschaft selbst wurde mehr und mehr auf eine
berufsmäßige rein landwirtschaftliche Produktion spezialisiert, also in
eine Wirtschaft, die ihre Bedürfnisse nicht länger durch eigene Produktion
 vollständig decken konnte, und damit in einen Teil einer größeren
wirtschaftlichen Einheit umgewandelt. Diese größere wirtschaftliche
Einheit besteht, wo die beschriebene Entwicklung zum Abschluß gekommen
 ist, aus einem gewissen Kreis von Einzelwirtschaften, die miteinander
 in wirtschaftlicher Verbindung stehen und ihre Bedürfnisbefriedigung
 nur durch Zusammenwirken und durch gegenseitigen Austausch
von Diensten und Produkten gewinnen. Man nennt diese Gesellschaft
eine Tauschwirtschaft. Die Tauschwirtschaft bildet selbst eine in sich
geschlossene und also vollständige Wirtschaft, wenn keine Verbindungen
mit Wirtschaften außerhalb derselben unterhalten werden. Wollen wir
die Vorgänge in der Tauschwirtschaft zum Gegenstand einer theoretischen
 Untersuchung machen, müssen wir offenbar eine solche vollständige
 Tauschwirtschaft ins Auge fassen. Für diese Gesamtwirtschaft
gilt dann alles, was im vorigen Kapitel über die geschlossene oder vollständige
 Wirtschaft im allgemeinen gesagt worden ist.
Die gegenseitige Abhängigkeit der verschiedenen Einzelwirtschaften
 kann eine mehr oder weniger ausgeprägte sein. Die geschichtliche
 Entwicklung hat nur sehr allmählich die früher isolierten Eigenwirtschaften
 zu einer Gesamtwirtschaft zusammengeführt. Eine Reihe
verschiedener Produktionszweige, die der alten Eigenwirtschaft ange-35


2%
        <pb n="49" />
        /Kap. II. Die Tauschwirtschaft.
hörten, sind erst Schritt für Schritt dieser Eigenwirtschaft abgenommen
und einer spezialisierten berufsmäßigen Produktion vorbehalten worden.
Parallel mit dieser Entwicklung hat auch eine Verkleinerung der Einzelwirtschaften
 stattgefunden, darin bestehend, daß die durch die berufsmäßige
 Arbeit überflüssig gemachten Arbeitskräfte der‘ Einzelwirtschaft
 entzogen und eben zur berufsmäßig organisierten Produktion
übergeführt wurden. Das bisherige Ergebnis dieser Entwicklung ist eine
Einzelwirtschaft, die sich nur auf den Kreis der Familie im modernen
sehr beschränkten Sinne des Wortes erstreckt und ihre produktive Aufgabe
 in den allerletzten Vorbereitungen für die Bedürfnisbefriedigung
sieht, im übrigen aber die Mittel der Bedürfnisbefriedigung durch Teilnahme
 an der berufsmäßigen Produktion erwirbt. Unter diesem Gesichtspunkt
 kann man die moderne Familienwirtschaft eine „Konsumtionswirtschaft‘“
 nennen. Die alte Eigenwirtschaft selbst ist dabei, wie
schon bemerkt, in der Hauptsache in eine Landwirtschaft umgewandelt,
die mehr und mehr speziell landwirtschaftlich, d. h. berufsmäßig geworden
 ist, sich mehr und mehr die Aufgabe stellt, durch eine Überschußproduktion
 an landwirtschaftlichen Produkten Mittel zu einer vollständigen
 Bedürfnisbefriedigung zu gewinnen. In der Landwirtschaft bleibt
die Produktionswirtschaft immer noch ziemlich eng mit der Konsumtionswirtschaft
 verschmolzen, obwohl wenigstens in größeren Betrieben
eine Trennung zwischen Konsumtionswirtschaft und der berufsmäßigen
Landwirtschaft deutlich zu erkennen ist.
Die Produktion wird bei einer in dieser Weise durchgeführten
Tauschwirtschaft hauptsächlich in selbständigen, von den privaten Konsumtionswirtschaften
 getrennten Betrieben organisiert. Die Arbeit
widmet sich zum größten Teil diesen Betrieben. Persönliche Leistungen
werden aber außerdem auch von den häuslichen Dienstboten und den
Vertretern der sogenannten freien Berufe direkt für die Konsumtion
ausgeführt. Zwischen den verschiedenen produktiven Betrieben, von
denen jeder für sich nur eine Teilproduktion leistet, findet ein Zusammenwirken
 der Art statt, daß die Produktion bis an die schließliche
Bedürfnisbefriedigung fortgeführt wird. Aus der so organisierten Produktion
 fließt also ein stetiger Strom von Produkten und Diensten der
Konsumtion zu. Die Konsumenten erwerben diese Güter im Austausch
gegen ihre Mitarbeit im Produktionsprozeß oder gegen Dienste, die sie
kraft ihres Besitzes leisten. Die so organisierte Produktion nennt man
eine gesellschaftliche, weil sie nur durch das organisierte Zusammenwirken
 einer Gesellschaft ein in sich abgeschlossener und vollständiger
Produktionsprozeß wird. Keine Einzelwirtschaft kann bei solcher
Organisation sich selbst versorgen. Jedermann ist für seine Bedürfnisbefriedigung
 wesentlich oder vollständig auf die gesellschaftliche Produktion
 hingewiesen. Er gelangt aber in den Besitz ihrer Ergebnisse
nur gegen bestimmtes Entgelt.

36
        <pb n="50" />
        8 7. Tauschwirtschaft und Geldwirtschaft. u
Die Entwicklung ist also in der Richtung gegangen, die Einzelwirtschaft
 immer stärker von der Gesamtwirtschaft abhängig zu machen
und damit die Bedeutung der Gesamtwirtschaft immer kräftiger hervortreten
 zu lassen. Bei dieser Entwicklung, welche die Aufgaben und
Ziele der Einzelwirtschaft so gründlich verändert hat, ist jedoch das
wirtschaftliche Interesse der Einzelwirtschaft im wesentlichen unberührt
geblieben: ihre wirtschaftliche Tätigkeit besteht, wie dies bei jeder Wirtschaft
 der Fall ist, teils in einer solchen Regulierung der Konsumtion, die
mit den zur Verfügung stehenden Mitteln eine möglichst gleichmäßige
und vollständige Bedürfnisbefriedigung zu gewinnen sucht, teils im
Streben, möglichst reiche Mittel für diese Bedürfnisbefriedigung zu gewinnen.
 In dieser Beziehung verfolgen die Einzelwirtschaften in erster
Linie ihre eigenen Ziele und bilden eben dadurch selbständige Einheiten
in der großen Gesamtwirtschaft.
Durch den stetigen und organisierten Austausch von Diensten und
Produkten wird im allgemeinen eine gewisse, wenn auch mehr oder
weniger knappe Bedürfnisbefriedigung sämtlichen Mitgliedern der Gesellschaft
 ermöglicht. Die Gesamtwirtschaft kann von diesem Gesichtspunkt
 aus als eine gesellschaftliche Wirtschaft bezeichnet werden, oder
auch, wenn man die grundlegende Bedeutung des Tausches hervorheben
will, als eine Tauschwirtschaft. Die Wirtschaft der modernen Völker
ist wesentlich eine solche auf dem Prinzip des Tausches fußende gesellschaftliche
 Wirtschaft, also eine Tauschwirtschaft. Wenn man eine
solche Wirtschaft eines Volkes besonders als eine Einheit hervorheben
will, nennt man sie auch eine „Volkswirtschaft“.
Diese tauschwirtschaftliche Organisation der Gesellschaft setzt mit
Notwendigkeit ein mehr oder weniger ausgedehntes Privateigentum
voraus. Dieses Privateigentum muß zum mindesten die eigene Arbeit
und was dafür eingetauscht wird, umfassen. Es liegt im Wesen des
Tausches, daß er eine freie Handlung ist. Da der Tausch vor allem
ein Tausch zwischen Arbeitsleistungen und Konsumtionsgütern ist, gehört
 offenbar die freie Wahl der Beschäftigung oder allgemein des
Umfanges und der Art der eigenen Arbeitsleistungen einerseits und
der speziellen Gestaltung der Konsumtion andererseits zu den
Wesentlichkeiten der Tauschwirtschaft. Das nähere Studium der Bedeutung
 und der Konsequenzen dieser beiden Freiheiten und der Bedingungen,
 unter welchen sie verwirklicht werden können, bildet, so
kann man wohl sagen, den Kern der Theorie der Tauschwirtschaft.
Die Freiheit der Konsumtionswahl ist von diesem Gesichtspunkt
die grundlegende Voraussetzung der folgenden Kapitel dieses Buches,
während die Bedeutung der Freiheit der persönlichen Leistungen in
unserem zweiten Buche, besonders im letzten Kapitel desselben, näher
in Betracht gezogen wird,

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3;
        <pb n="51" />
        Kap. II. Die Tauschwirtschaft.
In der Tauschwirtschaft ist die Produktion, wie wir finden, beinahe
vollständig vom tauschwirtschaftlichen Produktionsprozeß übernommen.
Der Rest produktiver Tätigkeit, den der einzelne also für sich selbst
übernimmt, ist relativ so unbedeutend, daß wir bei einem Studium der
Tauschwirtschaft von demselben absehen dürfen und folglich die produktive
 Tätigkeit nur insofern in Betracht ziehen, als sie innerhalb der
auschwirtschaftlichen Vorgänge fällt. Dies bedeutet, daß wir die Produktion
 in demselben Moment, wo die Produkte an die Konsumtionswirtschaften
 übergehen, als abgeschlossen betrachten. Daraus folgt
un auch eine entsprechende Begrenzung des Begriffs des Realkapitals:
Realkapital werden wir im folgenden nur diejenigen produzierten materiellen
 Güter nennen, die sich noch in dem so begrifflich beschränkten
Produktionsprozeß befinden.
Mit Bezug auf diejenigen dauerhaften Güter, die direkt für die Bedürfnisbefriedigung
 Nutzungen abgeben, kann es zuweilen zweifelhaft
sein, ob sie zu den im Produktionsprozeß stehenden Gütern gerechnet
erden sollen oder nicht. Bei Beantwortung dieser Frage hat man zu
oeachten, ob das dauerhafte Gut seine Nutzungen unter Mitwirkung
remder Faktoren abgibt oder nicht. Unsere Kleider sind zwar dauerhafte
 Güter, sie dienen aber der Bedürfnisbefriedigung direkt, ohne
daß irgendwelche Mitwirkung anderer Produktivkräfte in Anspruch geommen
 wird. Anders z. B. mit den Straßenbahnen, die ebenfalls
Dienste zur Befriedigung persönlicher Bedürfnisse leisten, dafür aber
die Mitwirkung des Elektrizitätswerkes, des Zugpersonals usw. in Anspruch
 nehmen. Die Straßenbahnen betrachten wir deshalb als dem
Produktionsprozeß angehörige Güter, unsere eigenen Kleider dagegen
nicht. Bezüglich der Wohnhäuser ist die Entscheidung nicht ganz so
einfach. Offenbar dürfte jedoch sein, daß die großen Mietshäuser, wo
der einzelne Benutzer nur eine Wohnung mietet, noch als der Produktion
 angehörig betrachtet werden müssen. Der Hauswirt ist Produzent
on gewissen Diensten, er stellt die Benutzung einer Wohnung für eine
gewisse Zeit den Mietern zur Verfügung. Nur die Benutzung der Wohnung
 gehört zur unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung. Zwischen dem
Bau des Hauses und dieser Benutzung liegt eine nicht unbedeutende
Geschäftstätigkeit, auf deren wesentliche Seite wir erst später eingehe
können (8 22), die aber, wie schon hier hervorgehoben werden kann,
auch Überwachung und Unterhaltung, vielleicht noch Treppenbeleuchung
 und Heizung mit einschließt. Wenn der Besitzer eines Privathauses
 diese Funktionen auf sich selbst nimmt, werden sie jedenfalls
och am besten als außerhalb der Konsumtionswirtschaft liegende produktive
 Tätigkeiten aufgefaßt. Wir müssen uns also entschließen, die
Ki ganz allgemein zu den im Produktionsprozeß befindliche
auerhaften Gütern zu rechnen.

38
        <pb n="52" />
        8 7. Tauschwirtschaft und Geldwirtschaft. a
Sobald man tauscht, entsteht das Bedürfnis, zu beurteilen, wieviel
von den beiden zu tauschenden Gütern im Tausche gegeben werden
darf. Es muß mit anderen Worten eine Schätzung der beiden Güter
vorgenommen werden. Diese Schätzung wird offenbar sehr vereinfacht,
wenn man sich gewöhnt, alle Güter in einem und demselben Gute zu
schätzen. Man findet auch, daß diese Gewohnheit sich im großen ganzen
gleichzeitig mit der Gewohnheit des Tausches selbst ausbildet. Sobald
 der Tausch so große allgemeine Bedeutung gewonnen hat, daß
man überhaupt von einer Tauschwirtschaft sprechen kann, ist auch die
Sitte vorherrschend, alle Güter in einem gemeinsamen Gute zu schätzen.
Ein Gut, das diese Rolle eines gemeinsamen Nenners für die
Schätzungen anderer Güter spielt, nennen wir Geld. Die erste und
grundlegende Funktion des Geldes ist in der Tat, als Grund einer
Rechnungsskala, nach welcher die Schätzungen der auszutauschenden
 Güter bewerkstelligt werden können, zu dienen. Wenn einmal der
Gebrauch des Geldes sich eingebürgert hat, werden alle wirtschaftlichen
Güter nach einer solchen Rechnungsskala, also in Geld, geschätzt. Der
Güteraustausch kann dabei noch ein direkter sein, wobei jedoch die
Schätzung der Gütermengen, die gegeneinander ausgetauscht werden
sollen, sich des Zwischengliedes der Schätzung in Geld bedient. Eine
wirkliche Tauschwirtschaft setzt jedoch mit praktischer Notwendigkeit
voraus, daß sich ein indirekter Tausch unter Anwendung eines allgemein
anerkannten Tauschmittels entwickelt. Die Funktion des Tauschmittels
 und die des Substrats der Rechnungsskala sind offenbar wesensverschiedene
 Funktionen, die tatsächlich auch von verschiedenen Gütern
erfüllt werden können. Beide Funktionen werden aber herkömmlich als
Geldfunktionen bezeichnet.
In den folgenden theoretischen Untersuchungen, die sich auf die
Tauschwirtschaft im allgemeinen beziehen, wollen wir das Geld lediglich
in seiner Funktion als gemeinsame Rechnungsskala für alle wirtschaftlichen
 Schätzungen betrachten. Damit soll nicht gesagt werden, daß
die eventuelle tatsächliche Benutzung des Geldstoffs als materielles
Tauschmittel keine besondere wirtschaftliche Bedeutung hat. Eine solche
Bedeutung existiert, das Studium derselben gehört aber zur speziellen
Geldtheorie und muß bis zu unserem dritten Buche aufgeschoben
werden. Daselbst soll die hier nur kurz angedeutete Entwicklung des
Geldes näher beleuchtet, sowie auch die Funktionen und das Wesen des
Geldes in eingehender Weise studiert werden.
Sobald Geld als Rechnungsskala benutzt wird, werden die Tauschakte
 durch Kaufs- und Verkaufsakte ersetzt. Der Verkäufer gibt das
Gut hin, der Käufer verpflichtet sich, dafür eine gewisse Geldsumme zu
zahlen. Mit welchen Mitteln solche Verpflichtungen erfüllt werden, wird
in der Geldtheorie gezeigt. Diejenige Geldmenge, die für ein Gut bezahlt
 wird, nennt man den Preis desselben. Je höher entwickelt die

öl
        <pb n="53" />
        A Kap. II. Die Tauschwirtschaft.
Tauschwirtschaft ist, desto häufiger kommen Käufe und Verkäufe vor,
desto weiter erstreckt sich der Kreis der wirtschaftlichen Güter, die in
diesen Handel einbegriffen werden. Da Preise infolgedessen für die
meisten wirtschaftlichen Güter sehr oft gesetzt werden, wissen die Beteiligten
 meistens ungefähr, welcher Preis zu einer gegebenen Zeit für
ein bestimmtes Gut bezahlt werden wird, und es entsteht mit der
Entwicklung der Tauschwirtschaft allmählich eine’sehr allgemeine Gewohnheit,
 die wirtschaftlichen Güter in Geld zu schätzen. Diese Gewohnheit
 erleichtert und befördert natürlich ihrerseits den Güteraustausch.
 Die Schätzung der Güter in Geld ist also eine Seite der Tauschwirtschaft,
 die mit der Entwicklung derselben immer stärker hervortritt.
 Wollen wir diese Seite der Tauschwirtschaft besonders betonen,
so bezeichnen wir die Tauschwirtschaft als eine Geldwirtschaft.
Oft wird die wirtschaftliche Entwicklung so dargestellt, als ob
eine Tauschwirtschaft mit direktem Tausch und ohne Geld der eigentlichen
 Geldwirtschaft vorangegangen wäre, wobei auch die Geldwirtschaft
 als eine von der Tauschwirtschaft verschiedene, selbständige,
höhere Entwicklungsstufe der menschlichen Wirtschaft dargestellt wird.
Diese Ansicht findet, wie wir im..dritten Buch sehen werden, keine
Stütze in den geschichtlichen Tatsachen. Im Gegenteil zeigt eine nähere
Untersuchung, daß die Entwicklung des Geldes immer Hand in Hand
mit der Entwicklung der Tauschwirtschaft gegangen ist, daß der
Güteraustausch und der Geldgebrauch auf jeder Stufe einander gegenseitig
 gefördert haben, und daß die Ausbildung eines einheitlichen Geldwesens
 in modernem Sinne ungefähr gleichzeitig ist mit dem definitiven
Durchdringen der allgemeinen Tauschwirtschaft. Eine auch nur einigermaßen
 entwickelte Tauschwirtschaft, also eine Gesamtwirtschaft mit
geordnetem Austausch von Produkten zwischen selbständigen, wirtschaftlichen
 Einheiten, aber ohne Geld hat es niemals gegeben. Der
Ausdruck ‚,Geldwirtschaft‘“ sollte deshalb nicht um etwas anderes als die
Tauschwirtschaft zu bezeichnen, sondern lediglich in demselben Sinne
wie ‚, Tauschwirtschaft‘‘, jedoch mit besonderer Betonung der Bedeutung
des Geldes innerhalb derselben, gebraucht werden.
Für die ökonomische Wissenschaft ist die Vorstellung, es sei der
Geldwirtschaft eine „reine Tauschwirtschaft‘‘ als frühere und einfachere
Wirtschaftsform vorausgegangen, verhängnisvoll gewesen. Es läßt sich
nämlich kaum bezweifeln, daß diese Vorstellung mit daran Schuld
trägt, daß die ökonomische Theorie sich verpflichtet gefühlt hat, die
Vorgänge einer gedachten Tauschwirtschaft ohne Geld zu behandeln
und diese Untersuchung sogar zur Grundlage des ganzen theoretischen
Lehrgebäudes zu machen. Dieses Streben hat die theoretische Ökonomie
in unermeßliche Schwierigkeiten verwickelt und zahllose im ganzen
recht unfruchtbare Auseinandersetzungen veranlaßt. Da man es für
notwendig hielt, die Faktoren, die den Güteraustausch regeln, unter

+0
        <pb n="54" />
        8 7. Tauschwirischaft und Geldwirtschaft. 41
Absehen vom Gelde zu untersuchen, konnte man nicht Preise oder
in Geld ausgedrückte Schätzungen der Güter seitens der verschiedenen
wirtschaftenden Personen zum Gegenstand der Untersuchungen machen,
mußte also jeden arithmetisch präzisierten Ausdruck der Schätzung
der Güter entbehren. Anstatt solcher Ausdrücke setzte man dann den
sehr unbestimmten und wechselnden Begriff des ‚Wertes‘. Der Wert
sollte etwa die relative wirtschaftliche Bedeutung der Güter bezeichnen,
aber eben weil es an jedem arithmetischen Maß dieser Bedeutung fehlte,
mußte der Begriff des Wertes unklar bleiben, konnte niemals die Schärfe
des arithmetisch ausgedrückten Größenbegriffs erreichen. Freilich hat
man diesem Mangel in neuerer Zeit dadurch abzuhelfen versucht, daß
man die wirtschaftliche Bedeutung der Güter mit der Intensität menschlicher
 Bedürfnisgefühle zu messen suchte. Auf solchen Fiktionen wollte
man die ganze ökonomische Theorie aufbauen, und diese sogenannte
subjektive Wertlehre wurde als ein großer Fortschritt der ökonomischen
Wissenschaft gepriesen. Der vollständige Mangel jeder arithmetischen
Grundlegung dieser vielfach in arithmetischen Formen und sogar in
mathematischen Formeln auftretenden Theorie machte jedoch, daß
dieselbe die innere Festigkeit, die man von einer wissenschaftlichen
Theorie fordert, entbehren mußte, und zeigte zugleich, worin der
wesentliche Fehler der Theorie lag. Dieser Fehler war nämlich eben
die Abweisung des tatsächlich von den wirtschaftenden Menschen benutzten
 Maßstabs ihrer Schätzungen, die Ausschließung des Geldes
von der ganzen Untersuchung der Tauschwirtschaft. Die menschlichen
Werturteile sind ihrer Natur nach relativ, und die Menschen haben es
immer praktisch notwendig gefunden, dieselben auf einen gemeinsamen
Nenner zurückzuführen, d. h. in Geld auszudrücken. Die Wissenschaft
kann in dieser Beziehung keinen anderen Weg als die Praxis gehen.
Die ökonomische Theorie, die die Vorgänge des wirklichen Wirtschaftslebens
 darstellen will, muß von Anfang an einen solchen gemeinsamen
Nenner aller Werturteile, also das Geld, einführen. Für das praktische
wirtschaftliche Handeln kommt die Intensität der Bedürfnisgefühle,
wie wir später näher sehen werden, nur soweit in Betracht, als sie in
Schätzungen in Geld hervortritt. Dieses Verhältnis sollte die Grenzen
für die Wirtschaftswissenschaft ziehen: auch sie kann die subjektiven
wirtschaftlichen Momente nur so, wie sie in den Geldschätzungen hervortreten,
 erfassen.
Es folgt aus dem jetzt Gesagten, daß eine besondere Wertlehre für
die ökonomische Wissenschaft zum mindesten vollständig unnötig ist.
Jeder Versuch, eine Wertlehre ohne einen gemeinsamen Nenner für die
Werturteile zu begründen, muß auf große Schwierigkeiten stoßen. Sobald
 wieder ein solcher gemeinsamer Nenner eingeführt wird, hat man
im wesentlichen das Geld postuliert. Die Werte werden dann durch
Preise, die Wertschätzungen durch Schätzungen im Geld ersetzt, und
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        GC Kap. II. Die Tauschwirtschaft.
man hat eine Preislehre anstatt einer Wertlehre. Man muß aus dieser
Sachlage die Konsequenz ziehen, das heißt, die ganze sogenannte Wertlehre
 vollständig aus der ökonomischen Wissenschaft ausmustern. Die
theoretische Darstellung der Tauschwirtschaft muß von Anfang an das
Geld in Betracht ziehen und somit im wesentlichen eine Lehre der Preisbildung
 werden.
Es wird sich zeigen, daß dieser Weg eine ganz erhebliche Vereinfachung
 bedeutet. Wir werden einer großen Masse von Streitfragen, auf
welche jetzt viel unnütze Mühe verschwendet wird, ganz und gar entgehen.
 Wir werden damit in die Lage kommen, die Wissenschaft von
Aufgaben zu befreien, welche gegenwärtig dieselbe nur zu oft zu Scholastik
 schlimmster Art herabziehen. Eine solche gründliche Reinigung
ist absolut notwendig, wenn wir die wissenschaftliche Arbeit möglichst
direkt auf die wirklichen und ohne Zweifel sehr wichtigen Aufgaben
der ökonomischen Theorie lenken wollen.
Für den Versuch, die Grundlage der ökonomischen Theorie ohne
Einführung des Geldbegriffs darzustellen, war natürlich der pädagogische
 Gedanke mitbestimmend, daß ein so schwieriges Thema wie das
Geldwesen wenn möglich etwas aufgeschoben werden mußte, nicht
gleich im Zusammenhang mit der allgemeinen Grundlegung aufgenommen
 werden dürfte, Diese Forderung soll auch hier möglichst berücksichtigt
 werden. Das Geld soll, wie schon bemerkt, hier zunächst nur
als Rechnungsskala eingeführt werden. Daß die ökonomische Theorie
diesen Weg hat vermeiden wollen, hängt auch damit zusammen, daß
man die Relativität und Veränderlichkeit jeder Geldskala einsah und
deshalb versuchen wollte, die wirtschaftlichen Schätzungen in einer über
diese Relativität erhabenen und von dieser Veränderlichkeit befreiten
Form der theoretischen Darstellung des Wirtschaftslebens zugrunde zu
legen. Das Streben, dem Geldbegriff in dieser Weise zu entkommen,
war aber vollständig aussichtslos. Das Höchste, was erreicht werden
konnte, war ein Zurückführen der wirtschaftlichen Schätzungen auf
eine gedachte ideale Geldskala. Dies geht aber offenbar darauf hinaus,
daß man die Frage, wie die Geldskala im wirklichen Leben stabilisiert
wird, bis auf weiteres offen läßt, auf eine spätere Behandlung verschiebt.
 Das ist es eben, was wir hier tun wollen. Wir postulieren
einfach eine Rechnungsskala, nach welcher alle Schätzungen gemacht
werden. Um uns dabei schon in diesem Stadium eine einigermaßen
konkrete Vorstellung von der Geldwirtschaft zu machen, können wir
uns die Geldrechnung lediglich als eine Buchführung; die Zahlungen
in Geld also als Umschreibungen in Büchern denken. Von der Existenz
eines materiellen Geldes wollen wir vorläufig absehen. Die Frage,
wie die Rechnungsskala selbst bestimmt wird, also wie die Preise ihrer
absoluten Höhe nach festgestellt werden, muß offen gelassen werden,
der speziellen Theorie des Geldes vorbehalten bleiben.

42
        <pb n="56" />
        8 8. Kapital und Einkommen.in der Geldwirtschaft. 43
Ein solcher Vorgang ist nicht etwa ein künstlich erdachter Notbehelf,
 sondern liegt in der Tat in der Natur der Wirtschaftslehre. Im
wirklichen Wirtschaftsleben sind alle die verschiedenen Erscheinungen
so miteinander verkittet, daß eine Isolierung einer derselben nicht möglich
 ist. Die Wirtschaftswissenschaft muß sich nach diesem Sachverhältnis
 richten. Für sie ist es zwar notwendig, die verschiedenen Seiten
der Wirtschaft nacheinander in getrennten Kapiteln zu untersuchen.
Sie darf aber nicht den Anspruch an sich selbst stellen, daß jede solche
Untersuchung in sich abgeschlossen sein sollte. Eine Aufteilung der
Wirtschaftswissenschaft in diesem Sinne ist unmöglich. Vielmehr liegt
es in der Natur der Dinge, daß jede einzelne Untersuchung gewisse
Verhältnisse unerklärt läßt, daß die Erklärung dieser in einem anderen
Kapitel gesucht werden muß. Eine vollständige Auffassung eines speziellen
 wirtschaftlichen Phänomens gewinnt man erst, wenn man die
Wirtschaft in ihrem Ganzen kennt. Daraus folgt eine nicht unwichtige
Anweisung für das Studium einer wissenschaftlichen Darstellung des
Wirtschaftslebens: Der Schüler muß ein solches Werk immer zweimal
lesen, erst wenn er durch eine erste Lektüre einen Überblick über das
Ganze gewonnen hat, ist er in der Lage, die einzelnen Teile vollständig
zu verstehen.
Andererseits ist es offenbar die Pflicht der Wirtschaftswissenschaft,
ihre verschiedenen Kapitel so aufzubauen, daß sie als Teile eines gemeinsamen
 Ganzen erscheinen. Besonders muß betont werden, daß eine
allgemeine ökonomische Theorie ohne eine damit organisch zusammenhängende
 Geldtheorie eine Unmöglichkeit ist, und daß umgekehrt eine
Geldtheorie, die nicht als organischer Teil einer allgemeinen ökonomischen
 Theorie hervortritt, wenig Wert haben kann.
Wenn wir also jetzt zum Studium der Tauschwirtschaft übergehen,
wollen wir dieselbe vom Anfang an als Geldwirtschaft betrachten. Dabei
 gilt es zunächst, die Tatsachen und Vorgänge, die wir schon im
ersten Kapitel für die Wirtschaft im allgemeinen als charakteristisch
gefunden haben, in der Form, die sie in der Geldwirtschaft annehmen,
darzustellen. Dies soll die Aufgabe des folgenden Paragraphen werden.
Erst danach werden wir zum Studium der rein geldwirtschaftlichen Erscheinungen
 übergehen.
8 8. Kapital und Einkommen in der Geldwirtschaft.
Sobald die Gewohnheit, die wirtschaftlichen Güter in Geld zu
schätzen, sich entwickelt hat, werden die Güter, die wir als Realkapital
bezeichnet haben, wesentlich vom Gesichtspunkt der Geldsumme, gegen
welche sie gekauft oder verkauft werden können, betrachtet, sie werden
als die zufälligen konkreten Vertreter dieser Geldsumme aufgefaßt,
während die abstrakte Geldsumme selbst im allgemeinen Bewußtsein der

N
        <pb n="57" />
        © Kap. II. Die Tauschwirtschaft.
Geschäftswelt als das Wesentliche erscheint. Der allgemeine Sprachgebrauch
 bezeichnet dann diese Geldsumme einfach als „Kapital“.
In diesem abstrakten Sinne ist also das Kapital eine Geldsumme, die für
den Augenblick in einem gewissen konkreten Realkapital verkörpert ist,
die aber zu jeder beliebigen Zeit durch Verkauf desselben und Ankauf
eines anderen eine neue und beliebige konkrete Form annehmen kann.
Dieser Kapitalbegriff wird aber aus natürlichen Gründen erweitert
und zwar hauptsächlich nach zwei Richtungen hin. Einmal kann offenbar
 ein Stück Land ebensowohl wie ein Stück konkretes Kapital für die
Geldsumme gekauft werden. Es macht dann vom geldwirtschaftlichen
Gesichtspunkte, aus welchem das Kapital jetzt aufgefaßt wird, keinen
Unterschied, ob das „Kapital“ zufälligerweise von Realkapital oder von
Grund und Boden vertreten ist, das „Kapital“ bleibt nach dieser Auffassung
 in beiden Fällen wesentlich dasselbe. Zweitens braucht die
Geldsumme nicht notwendig unmittelbar zum Ankauf eines materiellen
Gutes verwendet zu werden, sie kann auch ausgeliehen bzw. anderen
Personen in anderer Weise unter bestimmten Bedingungen zur Verfügung
 gestellt werden, z. B. in der Form des Kommanditkapitals, des
Aktienkapitals oder dergleichen. Das ‚Kapital‘ ist dann wieder in der
allgemeinen Auffassung im wesentlichen unverändert, der Eigentümer
besitzt noch dasselbe Kapital, nur ist es nunmehr bis auf weiteres in
einer Forderung, einer „Beteiligung‘‘ oder einem ähnlichen Recht verkörpert.
 Eine Konsequenz dieser letzten Ausdehnung des Kapitalbegriffs
ist, daß die Verpflichtungen, die diesen Rechten in gleichem Betrag
gegenüberstehen, als negatives Kapital angesehen werden müssen und
somit bei Berechnung des Gesamtkapitals einer Einzelwirtschaft in Abzug
 zu bringen sind, woraus auch folgt, daß dieses Gesamtkapital negativ
sein kann, nämlich wenn die Verpflichtungen, in Geld geschätzt, das
positive Kapital überschreiten. Daraus folgt nun weiter, daß, wenn das
Gesamtkapital einer geschlossenen Tauschwirtschaft berechnet
 wird, alle diese Rechte und Verpflichtungen einander ausgleichen
und somit aus der Summe ausscheiden. Das Gesamtkapital ist also
lediglich vom Realkapital und vom Grund und Boden, mit anderen
Worten von materiellen Gütern im Produktionsprozeß vertreten.
Außerdem kann das Kapital noch zum Ankauf gewisser Rechte,
wie z. B. Firmarechte, Pätentrechte usw. benutzt werden, ohne daß
darin eine wesentliche Veränderung des Kapitals erblickt wird. Diese
Rechte unterscheiden sich von_den vorhin genannten insofern, als sie
ein positives Ergebnis menschlicher Anstrengungen darstellen, nicht wie
Forderungs- und ähnliche Rechte lediglich dadurch entstehen, daß
andere entsprechende Verpflichtungen übernehmen. Bei Berechnung
des Gesamtkapitals der geschlossenen Tauschwirtschaft werden sie
deshalb nicht verschwinden, sondern stellen einen gewissen Teil dieses
Gesamtkapitals dar. Um die folgende Diskussion nicht zu sehr zu

1
        <pb n="58" />
        $ 8. Kapital und Einkommen in der Geldwirtschaft. J
komplizieren, wollen wir von der Existenz solcher Rechte absehen,
Wir können dann den Satz aufrechterhalten, daß das Gesamtkapital
der geschlossenen Wirtschaft ausschließlich durch das Realkapital
und den Grund und Boden dargestellt wird.
Der Besitz von Gütern und Rechten verschafft in der Geldwirtschaft
 dem Besitzer regelmäßig einen gewissen Ertrag. Dies ist gerade
der einheitliche Gesichtspunkt, aus welchem das Kapital in der Geldwirtschaft
 betrachtet wird. Von diesem Gesichtspunkt pflegt man dieses
Kapital auch zuweilen als „„Erwerbskapital‘“ zu bezeichnen. Dem Wort
„Vermögen‘‘ wird im geldwirtschaftlich bestimmten Sprachgebrauch
meistens ein etwas weiterer Sinn gegeben, es bezeichnet wie das ‚„Kapital‘“
 auch eine Geldsumme, aber wenigstens teilweise mit Einschluß
des in Geld ausgedrückten Wertes derjenigen materiellen Güter, die
wie Möbel und Kunstgegenstände schon an die Konsumenten übergegangen
 sind und die dann auch nach unserer Begriffsbestimmung dem
Realvermögen, nicht aber dem Realkapital zugerechnet werden. Von
diesem Gesichtspunkt könnte also das Kapital als Erwerbsvermögen
bezeichnet werden.
Das Kapital in dem hier angegebenen geldwirtschaftlichen Sinne,
d. h. im Sinne einer Geldsumme, die bis auf weiteres in irgendeinem
materiellen Gute oder Rechte verkörpert ist, wollen wir im folgenden,
uns dem allgemeinen Sprachgebrauch anschließend, einfach als „Kapital‘
 bezeichnen. Man könnte das Kapital in diesem Sinne im Gegensatz
zum Realkapital als „,Formalkapital‘‘ oder auch als „abstraktes Kapital“ ı
bezeichnen. Eine solche Terminologie wäre aber, wenn man sie konsequent
 durchführen wollte, ziemlich beschwerlich und hat außerdem
den Nachteil, vom allgemeinen Sprachgebrauch unnötigerweise abzuweichen.
 Daß unser allgemeiner, der Geldwirtschaft angepaßter Sprachgebrauch
 wirklich das Wort Kapital in dem hier angegebenen Sinne
einer abstrakten, in Geld ausgedrückten Wertsumme, einerlei durch
welche Gegenstände zufällig vertreten, auffaßt, ist unzweifelhaft. In
diesem Sinne wird das Wort z. B. gebraucht, wenn man sagt, „diese
Eisenbahn erfordert ein Kapital von zehn Millionen Mark‘, „er hat sein
ganzes Kapital in ausländischen Staatspapieren angelegt‘, „in diesem
unglücklichen Unternehmen ist ein Kapital von hunderttausend Mark
vergeudet‘‘, Denselben Sinn hat das Wort Kapital in der Buchführung,
z. B. in der Bilanz einer Aktiengesellschaft, wo das Kapital der Gesellschaft
 unter den Passiven aufgeführt, also von den Aktiven gedeckt
wird, aber als eine von den konkreten und vielleicht wechselnden Posten
der Aktiven unabhängige Größe aufgefaßt wird. Der allgemeine Sprachgebrauch
 ist in dieser Beziehung ziemlich bestimmt, und wir können
deshalb das einfache Wort Kapital in dem hier angegebenen Sinne verwenden,
 ohne daß dadurch eine Gefahr des Mißverstehens entsteht. Die
Bedingung hierfür ist natürlich, daß der wissenschaftlich bestimmte und

45
        <pb n="59" />
        Kap. II. Die Tauschwirtschaft.
für die Wissenschaft wichtige Begriff des Realkapitals immer mit diesem
Wort bezeichnet wird.
Das Realkapital ist eine absolute Kategorie jeder Wirtschaftsordnung
 und ist demnach ebensowohl in’ älteren Wirtschaftsformen wie
in der modernen vorhanden gewesen. Vom Kapital in dem hier bestimmten
 Sinne kann man aber mit Recht behaupten, daß es eine spezielle
 Erscheinung der Geldwirtschaft ist. Wenn also in den geschichtlichen
 Darstellungen der wirtschaftlichen Entwicklung z. B. behauptet
wird, daß am Ende des Mittelalters das Kapital als ein neuer Faktor
des Wirtschaftslebens hervorzutreten begann, sich in den großen Handelsstädten
 ansammelte und der folgenden ökonomischen und politischen
Entwicklung ihren besonderen Charakter gab, so soll dies alles nur
heißen, daß die Geldwirtschaft zur angegebenen Zeit auf gewissen
Plätzen eine höhere Entwicklung erreicht hatte, daß sich auf diesen
Plätzen ein regelmäßiger Markt mit ziemlich starkem Umsatz von
Gütern, die wichtige Bestandteile des Realkapitals waren, ausgebildet
hatte, daß also solche Güter in einem stetigen Strom durch dieselben
Plätze flossen und da gegen Geld gehandelt wurden, und daß diesen
Verhältnissen zur Folge die Kaufleute auf diesen Plätzen immer in
der Lage waren, ihr Realvermögen verhältnismäßig schnell in der
Form von Geld für beliebige Zwecke disponieren zu können und damit
 eine wirtschaftliche und politische Macht gewannen, die für die
folgende Entwicklung von ausschlaggebender Bedeutung wurde. „Die
Entstehung des Kapitals‘ ist demnach durchaus nicht als eine Schaffung
einer neuen Kategorie konkreter Güter aufzufassen. Es handelt sich
hier wesentlich nur um eine starke Intensivierung des wirtschaftlichen
Verkehrs, wodurch Güter, die ihrer technischen Art nach schon längst
vorhanden waren, in großem Umfang in die Geldwirtschaft eingetreten
sind, wobei freilich die gleichzeitige starke Entwicklung der Produktion
natürlich nicht übersehen werden darf.
Für einen Geschäftsmann, der unter solchen Verhältnissen sein
Kapital immer wieder in Geldform disponieren und dazwischen demselben
 jede beliebige Form geben kann, ist die Auffassung natürlich,
nach welcher die in Geld ausgedrückte Wertsumme das Bleibende, das
Wesentliche im Kapitalbegriff ist, die wechselnden konkreten Erscheinungsformen
 des Kapitals dagegen als etwas Zufälliges, Nebensächliches
erscheinen. Für diese Auffassung behält das Kapital seine Identität,
auch wenn die konkreten Güter, die es darstellen, verkauft und gegen
andere ausgetauscht werden. Daher solche allgemein gebräuchliche
Ausdrücke, wie z. B. daß das Kapital in Geld „realisiert‘‘ oder „verwandelt‘
 wird. Je leichter und häufiger dieser Verwandlungsprozeß
wiederholt werden kann, je „beweglicher‘‘, „flüssiger“ erscheint das
Kapital. Als „bewegliches Kapital“ ist von diesem Gesichtspunkt das
Kapital in dem Maße zu bezeichnen, wie es eine solche Verwandlung

46
        <pb n="60" />
        8 8. Kapital und Einkommen in der Geldwirtschaft. 6}
häufig durchmacht, als „festes Kapital‘ dagegen, wenn es so angelegt
ist, daß es auf längere Zeit einer Realisation in Geld entzogen ist. Dieser
Unterschied ist aber sehr relativ und fällt gar nicht mit dem von uns
oben gemachten Unterschied zwischen beweglichem und festem Realkapital
 zusammen. Wohl nimmt das bewegliche Realkapital in der
ausgebildeten Tauschwirtschaft insofern eine Sonderstellung ein, als
es im normalen Verlauf der Produktion von einem Unternehmen zum
anderen übergeht, bis es in der Produktion verbraucht oder in festes
Realkapital verwandelt wird, oder schließlich als fertiges Produkt an
die Konsumtion gelangt. Bei der tauschwirtschaftlichen Organisation
der Produktion liegt ein häufiger Umsatz des beweglichen Realkapitals
in der Natur der Dinge. Nicht so mit dem festen Realkapital. Es bleibt
im normalen Verlauf der Dinge in dem Unternehmen, wo es gebraucht
wird, und kann oft gar nicht oder wenigstens nur unter großen Schwierigkeiten
 und Verlusten in einen anderen Produktionszweig übergeführt
werden. Das feste Realkapital stellt also vom geldwirtschaftlichen
Gesichtspunkt ein mehr oder weniger festgelegtes Kapital dar. Der
geldwirtschaftliche Verkehr hat aber auch diese Festlegung des Kapitals
des einzelnen in großem Umfang überwunden, insofern nämlich als
Aktien und Pfandbriefe, die dieses Kapital vertreten, auf der Börse
regelmäßig gehandelt werden und also jederzeit leicht verkauft werden
können. Darin liegt sozusagen eine künstliche Mobilisierung des Kapitals,
 die das in festem Realkapital, in Grund und Boden oder in langfristigen
 oder sogar ewigen Darlehen festgelegte Kapital wieder beweglich
 macht. Die starke Relativität der geldwirtschaftlichen Unterscheidung
 zwischen beweglichem und festem Kapital tritt in diesen
Verhältnissen klar zutage.
Das wirtschaftliche Streben, Mittel zur Deckung der Bedürfnisbefriedigung
 zu schaffen, tritt in der ausgebildeten Geldwirtschaft
wesentlich in der Form eines Strebens nach Gelderwerb hervor. Die
Geldsumme, die die einzelne Wirtschaft in einer gewissen Periode erwirbt,
 erscheint dann als das eigentliche „Einkommen‘‘ der Wirtschaft.
Die verschiedenen materiellen Güter und Dienste, die das Realeinkommen
 der Wirtschaft ausmachen, treten in den Hintergrund als
spezielle Anwendungen der Geldsumme, während diese als die einheitliche
 und wesentliche Zusammenfassung des Einkommens aufgefaßt
wird, Dies geht so weit, daß auch dasjenige Realeinkommen, das direkt
in der eigenen Wirtschaft produziert und konsumiert wird, in Geld
geschätzt und mit den etwaigen Geldeinnahmen zusammengerechnet
und erst in dieser Form von der allgemeinen Vorstellung als Einkommen
aufgefaßt wird.
Über das Geldeinkommen kann nach Belieben verfügt werden, die
ganze Summe muß aber in der Einkommensperiode verausgabt werden,
entweder zur Zahlung der Konsumtion der Wirtschaft oder zum Erwerb

A
4 *
        <pb n="61" />
        Kap. II. Die Tauschwirtschaft.
von Realkapital, von Forderungen, oder ähnlichen Rechten. Sonst
würde ja die Wirtschaft einen Vorrat von materiellem Geld ansammeln
und von dieser Möglichkeit, die in Wirklichkeit keine wesentliche Ausnahme
 vom hier aufgestellten Satz bedeutet ($ 48 am Ende), sehen wir,
wie gesagt, in diesem Buche ab.
Bei der Definition des geldwirtschaftlich aufgefaßten Einkommens
der Einzelwirtschaft ist folgendes zu beachten. Die verschiedenen Geldeinkünfte,
 die der Wirtschaft zufließen, können nicht in ihrem Ganzen
als Einkommen betrachtet werden, denn Abzüge müssen gemacht werden
für solche Teile dieser Einkünfte, die in der Wirklichkeit der Wirtschaft
nicht zur Verfügung stehen, sondern als Geschäftsunkosten, Zinsen usw.
an andere bezahlt werden müssen, sowie auch für solche Einkünfte, die
nur ein Kapital darstellen, das schon vorher der Wirtschaft zur Verfügung
 stand, aber während der Einkommensperiode, z. B. durch Verkauf
 von Realkapital oder Einkassierung einer Forderung in Geldform
„realisiert‘‘ worden ist. Dem Einkommen der Wirtschaft sind die Geldeinkünfte
 derselben offenbar nur in dem Maße zuzurechnen, als sie,
solange sie nicht für die Konsumtion der Wirtschaft verwendet worden
sind, das Kapital der Wirtschaft vermehren. Ferner ist jedes Realeinkommen,
 das in der Wirtschaft produziert oder der Wirtschaft ohne
eine entsprechende Geldzahlung von außen zugeführt wird, auch mit
seinem in Geld ausgedrückten Wert in derselben Weise und unter denselben
 Bedingungen wie die Geldeinkünfte dem Einkommen Zzuzurechnen.

In geldwirtschaftlichem Sinne läßt sich demnach das Einkommen
einer Wirtschaft nur definieren als der in Geld ausgedrückte Gesamt-;
wert derjenigen Güter, die für die Konsumtion der Wirtschaft innerhalb‘
einer gewissen Periode in Anspruch genommen worden sind, mit Zu-'
schlag der Kapitalvermehrung der Wirtschaft innerhalb derselben!
Periode bzw. mit Abzug der Kapitalverminderung. Da die Kapital-ı
vermehrung bzw. Kapitalverminderung innerhalb der Periode gleich
der Differenz zwischen den Beträgen des Kapitals am Ende und am An- ı
fang der Periode ist, kann diese Definition auch so formuliert werden:
das Einkommen einer Wirtschaft innerhalb einer bestimmten Periode
ist gleich dem in Geld ausgedrückten Wert des Realverbrauches mit
Zuschlag des Schlußkapitals und mit Abzug des Anfangskapitals. Diese
Definition ist so weit, daß sie auch den Fall mit umfaßt, daß die Kapitalverminderung
 größer ist als der Wert des Verbrauches und also das
„Einkommen‘‘ negativ ist. Auch umfaßt sie die Fälle, wo das Kapital
der Wirtschaft negativ ist, z. B. Fälle, wo das Einkommen zum Teil zur
Schuldentilgung verwendet wird,
-Bilden wir jetzt die Summe aller der so definierten Einkommen
in der gesamten Tauschwirtschaft, die wir uns immer als in sich geschlossen
 denken, und nennen wir diese Summe das Gesamteinkom-48
        <pb n="62" />
        $ 8. Kapital und Einkommen in der Geldwirtschaft. A)
men dieser Gesamtwirtschaift, so ist dieses Einkommen offenbar gleich
dem in Geld ausgedrückten Wert des innerhalb der Periode verbrauchten
Realeinkommens der Gesamtwirtschaft mit Zuschlag des Schlußkapitals
und mit Abzug des Anfangskapitals derselben, also auch gleich dem
Wert des Realverbrauches mit Zuschlag der Kapitalvermehrung innerhalb
 der Periode (bzw. mit Abzug der Kapitalverminderung). Da nun
bei dieser Summierung die Forderungen und Schulden einander ausgleichen,
 und das Kapital der Gesamtwirtschaft gleich dem Gesamtwert
des Realkapitals und des Grund und Bodens derselben ist, so folgt, daß
das Einkommen der Gesamtwirtschaft gleich ist dem Wert des Realverbrauches
 mit Zuschlag des Betrages, mit welchem der Gesamtwert
 des Realkapitals und des Grund und Bodens am Ende der Periode
den entsprechenden. Wert am Anfang der Periode überschreitet. Daraus
folgt nun der wichtige Satz, daß das Einkommen der Gesamtwirtschaft
 genau hinreicht, um den ganzen Realverbrauch
und außerdem noch den Überschußwert des Realkapitals
und des Grund und Bodens zu bezahlen.
Fassen wir speziell den einfachen Fall ins Auge, daß alle Einheitspreise
 in der Periode unverändert geblieben sind, so ist der letztgenannte
Überschußwert offenbar gleich dem Werte der Vermehrung des Realkapitals
 innerhalb der Periode. Die Summe des Realverbrauchs und
der Vermehrung des Realkapitals ist aber nach unserer Definition (S. 33)
das Realeinkommen. Unter der genannten Voraussetzung können wir
also unseren Satz so formulieren, daß das in Geld ausgedrückte
Einkommen der Gesamtwirtschaft in jeder gegebenen
Periode genau hinreicht, um das ganze Realeinkommen
zukaufen. Nunstellt das Realeinkommen das Ergebnis der Produktion
während der Einkommensperiode dar. Das Geldeinkommen kauft
also dieses Ergebnis der Produktion!). Dieser Satz ist auch
richtig für den Fall, daß sich der angenommene Überschuß in ein Defizit
verwandelt hat, daß mit anderen Worten das Schlußkapital kleiner als
das Anfangskapital ist und die Gesamtwirtschaft also teilweise von
ihrem Kapital gelebt hat. In diesem Falle ist nämlich das Realeinkommen
offenbar gleich dem Realverbrauch mit Abzug der Verminderung des
Realkapitals. Nur der Rest ist als Ergebnis der Produktion während
der Einkommensperiode aufzufassen. Der Satz hat also allgemeine
Gültigkeit unter der Voraussetzung konstanter Einheitspreise.
Bei Behandlung von Fragen, die das Einkommen der Gesam*wirtschaft
 berühren, ist diese Voraussetzung, daß die Preise in der betreffenden
 Einkommensperiode konstant bleiben, eigentlich notwendig, denn
ohne sie wird die konkrete Bedeutung des Gesamteinkommens schwer-1)
 Über die Bedeutung einer Vermehrung des materiellen Geldes siehe 8 48
am Ende.
Cassel, Theoret, Sozialökonomie. 4. Aufl.

+C
        <pb n="63" />
        ' Kap. II. Die Tauschwirtschaft.
lich erfaßbar. Höchstens kann man die Erweiterung der Voraussetzung
erlauben, daß die Preise „durchschnittlich‘‘ konstant bleiben. Dabei
muß man dann aber von der Voraussetzung ausgehen, daß der Gesamtwert
 des Realkapitals und des Grund und Bodens nicht durch die Preisveränderung
 beeinflußt wird, daß also eine Steigerung dieses Werts in
der Einkommensperiode lediglich eine Frucht der Produktion ist. Unter
dieser Voraussetzung behält aber unser Satz von der notwendigen
Übereinstimmung zwischen Geldeinkommen und dem in Geld ausgedrückten
 Wert der Produktion immer noch seine Geltung”
Über diesen Satz ist sehr viel gestritten worden, und es war deshalb
 wichtig, den Satz genau zu formulieren und streng zu beweisen.
Es soll aber nicht verhehlt werden, daß das Ergebnis gewissermaßen
formeller Natur ist. Man darf jedenfalls nicht die Meinung hineinlegen,
 daß jedes Produkt auch verkäuflich sein sollte. Denn ein Produkt,
 das in der Einkommensperiode produziert ist, am Ende der
Periode aber vom Produzenten auf seinem Lager behalten werden muß,
muß nach unseren Definitionen mit einem gewissen, gleichgültig welchem
Wert zum Kapital des Produzenten und somit auch zu seinem Einkommen
 in der Periode gerechnet werden, andererseits aber auch mit
demselben Geldbetrag dem Wert des Realproduktes der Periode zugeführt
 werden. Es ist ja eigentlich auch selbstverständlich, daß unverkäufliche
 Produkte produziert werden können, daß ein vollständiger
Absatz für die Produkte nur dann erwartet werden kann, wenn die
Produktion in vollständiger Übereinstimmung mit den Wünschen der
Kaufkraft geleitet wird. Es kann dann nur bewiesen werden, daß das
Sparen als solches keine Beschränkung des Gesamtmarktes für die
Produktion bedeutet.
Das Einkommen der Einzelwirtschaft zerfällt, wie man findet, in
zwei verschiedene Teile, von welchen der eine zum Ankauf von Güterm
für den Konsum, der andere zum Ankauf von Realkapital, oder Grund
und Boden, oder zum Erwerb von Forderungen, oder anderen Kapital
darstellenden Rechten, also mit anderen Worten zur Bildung von Kapital
 dient. Von dem ersten Teil des Einkommens sagt man, daß er
„verbraucht‘ wird. Das übrige Einkommen wird „erspart“. Über die
Bedeutung dieses Vorgangs findet man zuweilen sehr unklare Vorstellungen.
 Es wird unter anderem behauptet, es liege im Sparen eine
gewisse Gefahr: wenn nämlich das Sparen allgemein wird und Leute
in großer Ausdehnung sich weigern, ihr Einkommen zu verbrauchen,
wird es für die Produzenten unmöglich, Käufer für ihre Produkte zu
finden, und es muß eine Absatzstockung eintreten, dies würde jedenfalls
sicher der Fall werden, wenn ein solches allgemeines Sparen eine
längere Zeit fortgesetzt würde. Solchen Vorstellungen gegenüber soll
hier nur darauf hingewiesen werden, daß in der Gesamtwirtschaft,
wenn wir eine Einkommensperiode mit konstanten Preisen betrachten,

50
        <pb n="64" />
        $ 8. Kapital und Einkommen in der Geldwirtschaft. i
das gesparte Einkommen ebensowohl wie das verbrauchte vollständig
zum Ankauf der Ergebnisse der Produktion dient. Der Unterschied ist
nur, daß das ersparte Einkommen solche Güter kauft, die Realkapital
darstellen, während das verbrauchte Einkommen Güter für die Kon-'
sumtion kauft. Dieser Unterschied veranlaßt aber nur, daß die Gesamtproduktion
 sich in einem bestimmten Verhältnis auf die Herstellung
der beiden verschiedenen Güterkategorien richtet. Das Sparen kann
also an sich nicht den Absatz der Produktion vermindern. Ebensowenig
 kann man behaupten, daß die Produktion in einer solchen sparsamen
 Gesellschaft sich in zu großem Maße der Herstellung von Kapitalgütern
 zuwendet. Denn die Produktion hat schlechthin den Wünschen
der Kaufkraft zu folgen. Die Vorstellung, das allgemeine Sparen könnte
nicht ewig fortgesetzt werden, ist auch unrichtig. Sparen in dem Sinne,
in welchem wir das Wort hier verstehen, also eine Entziehung des Geldeinkommens
 vom Verbrauch, ist vom konkreten Gesichtspunkt eine
Beschränkung der Bedürfnisbefriedigung zur Ermöglichung einer Kapitalbildung
 im konkreten Sinne. Daß aber eine stetig fortgehende konkrete
 Kapitalbildung nicht nur möglich ist, sondern gerade eine unerläßliche
 Bedingung der stetig fortschreitenden Wirtschaft darstellt,
haben wir im vorigen Kapitel (8 6) bewiesen. Wenn in der Einkommensperiode
 etwa eine allgemeine Preissteigerung eintreten würde, beständen
gleichwohl diese Ergebnisse. Denn diese Preissteigerung würde einerseits
 eine Steigerung des Gesamtwerts des Realkapitals und des Grund
und Bodens hervorrufen, anderseits aber auch einen diesem ‚„Wertzuwachs‘“
 entsprechenden Zuschuß zum Gesamteinkommen bedeuten.
Am klarsten tritt die Bedeutung der stetigen Kapitalbildung in
der gleichmäßig fortschreitenden Wirtschaft zutage. Diese kann hier
etwas allgemeiner als im vorigen Kapitel definiert werden. In der
Geldwirtschaft kann nämlich der wirtschaftliche Fortschritt unter Voraussetzung
 konstanter Preise durch den Zuwachs des abstrakten Gesamtkapitals
 gemessen und als gleichmäßig betrachtet werden, wenn
dieses Kapital jährlich um einen bestimmten und unveränderlichen
Prozentsatz wächst. Bezeichnen wir dieses Kapital mit K, und nehmen
wir an, daß K jährlich mit p% wächst, wo also p eine Konstante ist.
Dieser Zuwachs des Kapitals ist, wie wir wissen, nur möglich unter
Voraussetzung einer gewissen Sparsamkeit. Bezeichnen wir das jährliche
 Gesamteinkommen mit E, und nehmen wir an, es sei vom Gesamteinkommen
 jährlich der Teil 1/s, also in absolutem Betrag E/s
gespart. Wir werden diese Quote 1/s, die die Sparsamkeit arithmetisch
 bestimmt, als den „Spargrad‘“ bezeichnen. Offenbar ist nun
E = K. Die jährliche Kapitalbildung wächst also mit demselben
Prozentsatz wie das Gesamtkapital. Eine in dieser Weise unaufhörlich

5]
        <pb n="65" />
        " Kap. II. Die Tauschwirtschaft.
wachsende Kapitalbildung ist also eine notwendige Voraussetzung eines
gleichmäßigen Fortschritts. Weiter ist E =05K-Wir
 können nun auch den Spargrad 1/s, also die relative Sparsamkeit
 der Bevölkerung, als konstant annehmen. Da die Sparsamkeit
eben das für den Fortschritt entscheidende Moment ist, so ist diese
Voraussetzung für die gleichmäßig fortschreitende Wirtschaft natürlich.
Das Gesamteinkommen E steht dann in unveränderlichem Verhältnis
zum Gesamtkapital K. Die praktische Notwendigkeit unserer Voraussetzung
 leuchtet ein, wenn man bedenkt, daß im entgegengesetzten Fall
ein abnorm langsamer Zuwachs des Einkommens durch einen abnorm
starken Spargrad ausgeglichen werden müßte, damit die absolute
Kapitalbildung die eben bezeichnete normale Entwicklung zeigen
könnte. Eine solche Voraussetzung würde aber jeder Erfahrung widersprechen
 und ist praktisch ausgeschlossen.
Wir kommen also zu dem Ergebnis, daß in der gleichmäßig fortschreitenden
 Tauschwirtschaft sowohl das Einkommen wie seine
beiden Teile, der Verbrauch und die Kapitalbildung, mit
demselben Prozentsatz wie das Kapital wachsen.
Annähernd ist wohl dieser Satz für jede Wirtschaft unter normalen
Verhältnissen richtig. Nur für Übergangsperioden dürfte ein beträchtlicher
 Unterschied im Wachstumstempo für das Kapital und das Einkommen
 vorhanden sein. Dieses Ergebnis ist insofern wichtig, als es
einen Anhaltepunkt für die kritische Beurteilung statistischer Daten
über das Wachstum von Einkommen und Kapital bietet. Wir finden
auch, daß man das Einkommen der gleichmäßig fortschreitenden Tauschwirtschaft
 dadurch berechnen kann, daß man das Kapital mit dem
Produkt des Fortschrittsprozents und des reziproken Werts des Spargrads
 multipliziert. Dieser Zusammenhang sollte bei statistischen
Berechnungen und Schätzungen nicht außer acht gelassen werden,
Für jede sozialpolitische Betrachtung des Fortschrittsproblems ist es
natürlich von grundlegender Bedeutung zu erkennen, daß der Verbrauch
im großen nicht schneller wachsen kann als das Kapital. Mit dieser
Erkenntnis sollten viele schiefe Urteile und unnötige Streitigkeiten vermieden
 werden können.
Nehmen wir z. B. an, das Fortschrittsprozent sei gleich 3, daß also
das Kapital K jährlich mit dem Betrag 0,03 K wächst, und setzen wir
ferner voraus, daß 1/, des Jahreseinkommens immer gespart wird, so
ist nach dem Gesagten das Einkommen gleich 15% des Kapitals. Diese
Ziffern dürften für Schweden ungefähr das Richtige treffen, wo Volksvermögen
 und Volkseinkommen 1908 auf rund 14000 und 2100 Millionen
Kronen geschätzt werden können. Eine offizielle Kommission für die
Landesverteidigung hat in der Tat das jährliche Zuwachsprozent des
Volksvermögens in der Periode 1885—1908 auf 3,18% berechnet.

52
        <pb n="66" />
        $ 8. Kapital und Einkommen in der Geldwirtschaft. 0
Natürlich kann eine solche Ziffer niemals genau angegeben werden, die
angegebene Zahl dürfte aber eine ungefähr richtige Schätzung sein.
Sie stellt sicher auch den gleichzeitigen Zuwachs des Volkseinkommens
mit ungefährer Richtigkeit dar. Entgegengesetzte Schätzungen dieses
Zuwachses müssen auf statistischen Fehlern beruhen.
Für die westeuropäische Welt darf man wohl für die Vorkriegszeit
ein Fortschrittsprozent von etwa 3% als normal annehmen. Obwohl
eine solche Ziffer offenbar nur eine annähernde Gültigkeit haben kann,
ist es doch gut, einen Anhaltepunkt für Vergleiche zu haben und an die
Notwendigkeit erinnert zu werden, daß im großen der Zuwachs sowohl
des Kapitals wie des Einkommens und der jährlichen Kapitalbildung
durch dieselbe Zahl bezeichnet werden muß. Die durch die „Denkschrift
 zur Reichsfinanzreform‘“ (Berlin 1908) zugänglich gemachten
Ziffern lassen ein solches Zuwachsprozent als für damalige deutsche
Verhältnisse wahrscheinlich annehmbar erscheinen?),
1) In der Periode 1850—1907 ist die Roheisenproduktion der Welt um jährlich
4,2 % gestiegen (Sundbärg, Apercus Statistiques XI). Die Entwicklung der Eisenproduktion
 kann, wie wir im vierten Buche sehen werden, als für die ganze industrielle
Entwicklung charakteristisch angesehen werden. Nehmen wir an, die Lebensmittelproduktion
 wäre gleichzeitig mit 1,2 % jährlich gestiegen, was bei der tatsächlichen
Volksvermehrung und Nahrungsverbesserung nicht unwahrscheinlich ist, und setzen
wir ferner voraus, daß die Lebensmittel 1/s des Volkseinkommens repräsentieren,
und daß die übrigen ®*/, dieses Einkommens mit dem industriellen Fortschrittsprozent
 gewachsen sind, so gelangen wir zu einem durchschnittlichen Fortschrittsprozent
 von 3,2 %. Diese Schätzungen sind natürlich ziemlich unsicher. Es scheint
aber, als wäre es immer noch besser, von den betreffenden sehr wichtigen quantitativen
 Verhältnissen wenigstens eine ungefähre Vorstellung zu haben als gar keine.

«+
Dev
        <pb n="67" />
        54 Kap. III. Das wirtschaftliche Prinzip in der Tauschwirtschaft.
Drittes Kapitel.
Das wirtschaftliche Prinzip in der Tauschwirtschaft.
$ 9. Inhalt des Problems.
Was die Tauschwirtschaft wesentlich charakterisiert, ist die Existenz
einer Masse von Einzelwirtschaften innerhalb der Gesamtwirtschaft, die
kraft ihrer produktiven Arbeit oder kraft ihres Besitzes in einer gewissen
 Periode über bestimmte Geldsummen verfügen, welche sie nach
Belieben zum Kauf verschiedener in der Gesamtwirtschaft produzierten
Güter für ihre unmittelbare Bedürfnisbefriedigung verwenden. Da nun
aber diese Güter immer nur in beschränkten Mengen zu haben sind,
müssen offenbar die Bedürfnisse der Einzelwirtschaften in geeigneter
Weise beschränkt werden, wobei natürlich die wichtigeren Bedürfnisse
nach dem allgemeinen wirtschaftlichen Prinzip den weniger wichtigen
vorgezogen werden müssen. Da aber die zur Verfügung stehenden Produktiensmittel,
 ganz besonders die Arbeit, innerhalb sehr weiter Grenzen
in verschiedenen Produktionszweigen verwendet werden können, und
also die Güterversorgung von der Richtung, die der gesellschaftlichen
Produktion gegeben wird, abhängt, erfordert das allgemeine wirtschaftliche
 Prinzip ferner noch, daß den Produktionsmitteln die best-)
mögliche Verwendung gegeben wird. Dies kann aber nur bedeuten, daß
sie in. denjenigen Produktionszweigen verwendet werden sollen, wo sie
die wichtigeren Bedürfnisse befriedigen. Die Anwendung des wirtschaftlichen
 Prinzips in der Tauschwirtschaft hängt also immer von der
Frage ab, welche die „wichtigeren‘ Bedürfnisse sind. Es muß offenbar
für die ganze Tauschwirtschaft eine gleichmäßige Beschränkung der
Bedürfnisse in dem Sinne stattfinden, daß kein weniger wichtiges Bedürfnis
 vor einem wichtigeren befriedigt wird. Das zentrale Problem
der Tauschwirtschaft ist also die Klassifizierung der Bedürfnisse.
In der geschlossenen Eigenwirtschaft wird das entsprechende Problem
 einfach durch den Willen des Leiters der Wirtschaft gelöst. Indem
 er den verschiedenen Bedürfnissen eine verschiedene Bedeutung
beimißt, ist er in der Lage, eine bestimmte Grenzlinie für die Bedürfnisbefriedigung
 zu ziehen und gleichzeitig der Produktion eine bestimmte
Richtung zu geben. In der Tauschwirtschaft fehlt dieser einheitliche
Wille, es ist eben für die Tauschwirtschaft charakteristisch, daß jede
Einzelwirtschaft selbst, innerhalb der ihr zur Verfügung stehenden Geldmittel,
 die spezielle Art der Bedürfnisbefriedigung zu wählen hat.
Gleichwohl müssen die Bedürfnisse sämtlicher Einzelwirtschaften nach
ihrer relativen Bedeutung geordnet werden, jedenfalls insofern, als eine
Grenze zwischen den Bedürfnissen, die befriedigt werden sollen, und den
        <pb n="68" />
        $ 9. Der Inhalt des Problems. J
übrigen gezogen werden muß. In Übereinstimmung hiermit muß auch
die ganze Produktion geleitet werden. Wie dies tatsächlich geschieht
und welche Organisation der Tauschwirtschaft für diesen Zweck erforderlich
 ist, das sind Fragen, die wir im vorliegenden Kapitel zu
beantworten haben.
Die Wirtschaftswissenschaft hat natürlich in erster Linie die wirtschaftlichen
 Tatsachen, so wie sie im wirklichen Leben hervortreten,
zu schildern und in ihrem inneren Zusammenhang zu erklären. Das
wirkliche Wirtschaftsleben bietet aber eine solche Fülle von Details,
daß ein Überblick erst gewonnen werden kann, wenn man das Typische,
das Normale unter Abstraktion von Einzelheiten und Abweichungen
von untergeordneter Bedeutung darzustellen sucht. Es gilt also_hier
zu zeigen, wie .im Wesentlichen, in den großen Grundzügen das wirtschaftliche
 Prinzip in der Tauschwirtschaft verwirklicht wird. Die
Wirtschaftswissenschaft hat aber noch eine andere Aufgabe, nämlich die
Prüfung der Einrichtungen des wirklichen Wirtschaftslebens auf den
Grad ihrer Notwendigkeit. /Es soll also hier zunächst eine Tauschwirtschaft
 untersucht werden, von welcher nur vorausgesetzt wird, daß sie
die Forderungen des wirtschaftlichen Prinzips, also die gleichmäßige
Beschränkung der Bedürfnisse und die wirtschaftliche Leitung der Produktion,
 erfüllt. /Es ist natürlich immer ein Vorteil, die Tauschwirtschaft
zunächst in diesen ihren allgemein gültigen Zügen zu studieren. Dadurch
 wird das Wesentliche in den tatsächlichen wirtschaftlichen Vorgängen
 in den Vordergrund und in möglichst klare Beleuchtung gerückt.
 Vor allem muß man vermeiden, von vornherein solche spezielle
Voraussetzungen über die Organisation der Tauschwirtschaft einzuführen,
 die für das wirkliche Wirtschaftsleben auch nicht annähernd
allgemeine Geltung haben und für die Erfüllung des wirtschaftlichen
Prinzips ohne wesentliche Bedeutung sind.
Das vorliegende Problem kann mit Vorteil in zwei verschiedenen
Stufen behandelt werden. Erstens können wir nämlich unsere Aufmerksamkeit
 auf die Frage, wie in der Tauschwirtschaft eine gleichmäßige
 Beschränkung der Bedürfnisse erreicht wird, und auf den begrifflichen
 Inhalt dieser Gleichmäßigkeit richten. Danach müssen wir
aber auch untersuchen, wie die zur Verfügung stehenden Produktivkräfte
 auf die verschiedenen Produktionszweige verteilt werden und
wie dadurch eine in Übereinstimmung mit den Bedürfnissen geleitete
Produktion der Tauschwirtschaft gesichert wird. Diese beiden Fragen
bilden natürlich nicht zwei getrennte Probleme, sondern nur verschiedene
 Seiten eines und desselben Problems, nämlich die mit Hinsicht auf
die gegebenen Bedürfnisse wirtschaftlichste Anwendung der Produktivkräfte-
 Wenn wir die Untersuchung dieses Problems zunächst auf die
Frage, wie die Bedürfnisse geregelt werden, beschränken, ist dies damit
gleichbedeutend, daß wir die Regulierung der Bedürfnisse zunächst

55
        <pb n="69" />
        56 Kap. III. Das wirtschaftliche Prinzip in der Tauschwirtschaft.
unter der vereinfachenden Voraussetzung einer gegebenen unveränderlichen
 Produktion, also unter der Voraussetzung, daß die Mengen
der der Bedürfnisbefriedigung in jedem Zeitabschnitt zur Verfügung
stehenden fertigen Genußgüter im voraus fixiert sind, studieren. Wenn
wir diese Voraussetzung später fallen lassen, haben wir das ganze
Problem der Verwirklichung des wirtschaftlichen Prinzips in der Tauschwirtschaft
 vor uns.
In dieser Ordnung soll das Problem im folgenden in Angriff genommen
 werden.
$ 10. Die Beschränkung der Bedürfnisse. Fallder Kollektivbedürfnisse.

Mit dem Gelde, das die Einzelwirtschaften für ihre Bedürfnisbefriedigung
 auszugeben bereit sind, stellen sie gewisse Ansprüche an die
Güterversorgung der gesamten Tauschwirtschaft. Da diese Güterversorgung
 immer im Zeichen der Knappheit steht, müssen die Ansprüche
irgendwie begrenzt werden, d. h. es müssen gewisse Ansprüche von der
Befriedigung ausgeschlossen werden. Dies geschieht durch die Preisbildung.
 Bei der Begrenzung der Geldmittel, die für Verbrauchszwecke
ausgegeben werden dürfen, bedeutet die Notwendigkeit, bestimmte
Preise für die verschiedenen Güter ‚zu bezahlen, eine Begrenzung der
Ansprüche, die auf die Versorgung der Einzelwirtschaften mit verschiedenen
 Gütern gestellt werden. Die Preisbildung hat also
die sozialökonomische Aufgabe, die Ansprüche auf Güter
so weit zu beschränken, daß sie mit den zur Verfügung
stehenden Mitteln befriedigt werden können.
- Indessen findet man bei näherer Betrachtung der hier vorliegenden
Aufgabe, daß die Güter in bezug auf die Möglichkeit, die Ansprüche
auf sie durch Feststellung von Preisen zu begrenzen, sich sehr verschieden
 verhalten. Oft können die Ansprüche auf die Güterversorgung
durch Ausschließung gewisser individueller Ansprüche vermindert
werden. Dies ist z. B. der Fall für alle Verbrauchsgüter, die der unmittelbaren
 Bedürfnisbefriedigung dienen, überhaupt, wie man leicht
sieht, für alle Güter, die von dem einzelnen Konsumenten in exklusiver
Weise in Anspruch genommen werden. Wenn z. B. der Verbrauch der
Kartoffel in den Einzelwirtschaften vermindert wird, ist auch der Anspruch,
 den die‘ Gesamtwirtschaft auf ihre Versorgung mit Kartoffeln
stellt, entsprechend beschränkt. Es gibt aber auch große wichtige
Klassen von Gütern, für welche dies nicht zutrifft.
Dahin gehören vor allem die dauerhaften Güter, die gleichzeitig
von mehreren Personen gebraucht werden können. Wenn man die einzelne
 Person, z. B. vom Gebrauch einer Brücke ausschließt, so werden
        <pb n="70" />
        $ 10. Die Beschränkung der Bedürfnisse. I. ;
dadurch die Ansprüche auf die Güterversorgung der Gesamtwirtschaft
nicht im mindesten beschränkt, wenigstens nicht, wenn man annimmt,
daß die Abnutzung der Brücke durch ihren Gebrauch so klein ist, daß
sie vernachlässigt werden kann. Soll überhaupt der Bedarf an einer
Brücke befriedigt werden, so muß die Brücke gebaut werden. Ist sie
einmal da, kann sie innerhalb gewisser Grenzen in einem gegebenen
Zeitraum beliebig oft benutzt werden. Eine Beschränkung der Zahl
dieser Benutzungen hat keine Bedeutung für die übrige Güterversorgung,
setzt keine Güter oder Produktionskräfte frei für anderweitige Verwendung.
 Eine wirkliche Beschränkung der Ansprüche auf die Güterversorgung
 kann hier nur in dem Moment stattfinden, wo die Frage
entsteht, ob und wie eine neue Brücke gebaut werden soll. Durch den
Preis, der für den Neubau bezahlt werden muß, sowie auch durch den
davon abhängigen, aber auch von anderen Faktoren mit bestimmten
Preis der jährlichen Benutzung der neuen Brücke wird dann eine bestimmte
 Grenze für die Ansprüche gestellt. Das Geld muß irgendwie
von den Interessenten aufgebracht werden, Dies kann geschehen durch
Erhebung einer Abgabe für jede Benutzung der Brücke oder auch durch
Beiträge, die dann im allgemeinen von den Interessenten zwangsweise
erhoben werden müssen. Die erste Methode hat den praktischen Nachteil,
 daß sie leicht die Benutzung unter die mögliche beschränkt und insofern
 eine Beschränkung der Bedürfnisbefriedigung ohne entsprechende
Beschränkung der Ansprüche auf die Güterversorgung bedeutet, und
ferner, daß sie oft unverhältnismäßig große Kosten für die Abgabeerhebung
 veranlaßt. Aus diesen Gründen hat man bekanntlich in
neuerer Zeit immer allgemeiner die alten Brücken- und Wegegelder
fallen lassen und ist dazu übergegangen, die Kosten durch Erheben von
Zwangsbeiträgen in der einen oder anderen Form zu decken.
Was in diesem speziellen Beispiele ausgeführt worden ist, gilt allgemein
 für diejenigen dauerhaften Güter, die eine, natürlich innerhalb
gewisser Grenzen, beliebige Zahl von Benutzungen gestatten, in gewissem
 Grade auch von einigen persönlichen Leistungen, wie z. B.
Orchestermusik im Freien, welche, wenn sie einmal dargeboten werden,
ebensowohl von einer größeren Zahl von Personen genossen werden
können.
In den bisher betrachteten Fällen ist die Erhebung einer Abgabe als
Bedingung für die Inanspruchnahme des Gutes, wenn auch vielleicht
unzweckmäßig, doch immerhin möglich. Es gibt aber auch eine sehr
wichtige Gruppe von Fällen, wo eine solche Möglichkeit ausgeschlossen
ist. Es handelt sich hier um solche Leistungen, die allen Personen innerhalb
 einer gewissen Kategorie ohne irgendwelches Zutun ihrerseits zugute
 kommen. Wir haben nämlich )in bezug auf die Bedürfnisbefriedigung
 zwischen einer aktiven und einer passiven zu unterscheiden.
Im ersten Falle setzt die Bedürfnisbefriedigung eine aktive Tätigkeit

57
        <pb n="71" />
        58 Kap. III. Das wirtschaftliche Prinzip in der Tauschwirtschaft.
der betreffenden Person voraus. Dies ist z. B. der Fall, wenn jemand
ißt, das Theater besucht oder über eine Brücke geht. In solchen Fällen
kann die Zahlung eines gewissen Preises als Bedingung für den Genuß
des Gutes aufgestellt werden, es ist möglich, diejenigen Personen, die
den Preis nicht zahlen wollen, vom Genuß des Gutes auszuschließen.
Im zweiten Falle dagegen setzt die Bedürfnisbefriedigung des einzelnen
keine aktive Tätigkeit, ja nicht einmal eine Willensäußerung seinerseits
voraus, die Bedürfnisbefriedigung ist eine rein passive. Dies ist, um
ein ganz einfaches und deutliches Beispiel zu wählen, der Fall, wenn
ein Land durch geeignete Maßnahmen gegen eine drohende Choleraepidemie
 geschützt wird. Sobald ein effektiver Schutz einmal geschaffen
 ist, kommt derselbe ohne weiteres allen Einwohnern des Landes
zugute, mögen. sie es wünschen oder nicht, ja auch wenn sie von der
ganzen Sache keine Ahnung haben. Es ist unter solchen Umständen
nicht möglich, die Zahlung eines gewissen Preises zur Bedingung für
die Inanspruchnahme des betreffenden Dienstes zu machen. Der einzelne
kann einfach nicht vom Genuß des Gutes ausgeschlossen werden.
Solche Bedürfnisse, die seitens des einzelnen in dieser rein passiven
Weise befriedigt werden, müssen offenbar von einer Gesamtheit versorgt
werden, sie sind ihrem Wesen nach sozial. Wir werden sie als reine
oder absolute Kollektivbedürfnisse, die Güter, die unmittelbar zu
ihrer Befriedigung dienen, als reine und absolute Kollektivgüter
bezeichnen. Die Befriedigung solcher Bedürfnisse ist im allgemeinen
nur möglich durch Erhebung von Zwangsbeiträgen von den Interessenten.
 Die Beschränkung der Kollektivbedürfnisse liegt im Preise,
der von der Gesamtheit für die Befriedigung des gesamten Kollektivbedürfnisses
 bezahlt werden muß. Die Stelle, die in dieser Beziehung
für die Gesamtheit zu beschließen hat, muß erwägen, welche Bedeutung
dem Kollektivbedürfnis zugemessen werden soll und diese Bedeutung
in Relation zur Bedeutung der individuellen Bedürfnisse der Einzelwirtschaften
 setzen.
In den oben berührten Fällen, wo die Zahlung eines Preises seitens
der einzelnen Person wohl als die Bedingung ihrer Bedürfnisbefriedigung
gestellt werden kann, wo aber die Ansprüche auf die Güterversorgung
dadurch nicht geregelt werden und wo deshalb eine Gesamtheit zweckmäßig
 die Zahlung des Gesamtpreises übernimmt, können wir in relativem
 Sinne von Kollektivbedürfnissen und Kollektivgütern sprechen.
Den Gegensatz zu den Kollektivbedürfnissen bilden die individuellen
Bedürfnisse, deren Befriedigung für die einzelne Person eine bestimmte
individuelle Inanspruchnahme von Gütern voraussetzt, und die demnach
durch Feststellung von Preisen, die der einzelne für diese Güter zu
zahlen hat, begrenzt werden.
Die Kollektivbedürfnisse bilden in der modernen zivilisierten Gesellschaft
 eine sehr umfassende Gruppe. Das oben als Beispiel gewählte
        <pb n="72" />
        $ 10. Die Beschränkung der Bedürfnisse. I.
edürfnis, sich gegen Infektionskrankheiten zu schützen, kann als Typus
einer ganzen Reihe von Kollektivbedürfnissen dienen. Wir haben hier
u. a. das Bedürfnis eines Volkes nach persönlicher und Rechtssicherheit
im Innern, nach Schutz gegen äußere Feinde usw. zu nennen. Zur
Befriedigung solcher umfassender Kollektivbedürfnisse ist eine große
wirtschaftliche Zwangsorganisation, der Staat, erforderlich. _Selbstverständlich
 ist mit dieser Bestimmung des Wesens des Staates dasselbe
nicht erschöpfend charakterisiert. Vom Gesichtspunkt der Wirtschaftswissenschaft
 aber ist der Staat eben als eine solche große Zwangsorganisation
 zur Befriedigung von allgemeinen Kollektivbedürfnissen
ines Volkes aufzufassen und die wesentliche Funktion des Staates in
derjenigen wirtschaftlichen Tätigkeit, die für diese Bedürfnisbefriedigung
erforderlich ist, zu erblicken. Erst von diesem Gesichtspunkt aus tritt
die Notwendigkeit des Staates, auf welche so viele dunkle Phrasen verschwendet
 werden, auf Grund rein wirtschaftlicher Erwägungen klar
zutage. Diese in der Natur der reinen Kollektivbedürfnisse begründete
Notwendigkeit sollte zum Ausgangspunkt der ganzen Finanzwissenschaft
 gemacht werden. Erst dadurch bekommt diese Spezialwissenschaft
 einen festen Kern, der wesentliche und notwendige Umfang
derselben wird von Anfang an mit logischer Notwendigkeit bestimmt
und sie wird, was sehr wichtig ist, in ihren organischen Zusammenhang
mit der gesamten Wirtschaftswissenschaft gestellt.
| Es gibt aber auch Kollektivbedürfnisse mehr lokaler Art, die ZWECK
mäßig von kleineren lokalen Zwangsorganisationen versorgt werden.
Is typisches Beispiel kann die Eindämmung des Bodens gegen die See
dienen. Sobald solche Dammanlagen von hinreichender Stärke und
mfang geschaffen sind, dienen sie zum Schutz eines gewissen Areals,
Ile Grundbesitzer innerhalb dieses Areals ziehen Vorteil von der Anage,
 und zwar in rein passiver Weise, so daß es nicht möglich ist, die
Zahlung eines Beitrags als Bedingung für die Teilnahme am Nutzen
zu stellen. Wir haben also hier wiederum das reine Kollektivbedürfnis
vor uns. Die Befriedigung desselben erfordert offenbar eine Zwangsrganisation
 der beteiligten Grundbesitzer, also eine Organisation lokaler
rt. Das erwähnte Bedürfnis ist in der Tat eines derjenigen Kollektivbedürfnisse,
 welche die Bildung der frühesten kommunalen Organisajonen
 veranlaßt haben. Ein anderes Beispiel solcher lokalen Kollektivbedürfnisse
 ist das Bedürfnis der Straßenbeleuchtung. Wenn die Straßen
beleuchtet werden, wird dieser Vorteil von allen Benutzern der Straßen
genossen, ohne daß dafür irgendwelche besondere aktive Tätigkeit nötig
wäre, und es ist unmöglich, die Leute, die überhaupt das Recht der
Straßenbenutzung haben, vom Genuß der Beleuchtung auszuschließen,
oder ihnen gegenüber die Zahlung einer besonderen Abgabe zur Beingung
 dieses Genusses zu machen. Die Straßenbeleuchtung ist unter
solchen Umständen ein reines Kollektivbedürfnis, für welches SE

5C
        <pb n="73" />
        60 Kap. III. Das wirtschaftliche Prinzip in der Tauschwirtschaft.
zwangsweise erhoben werden müssen. Die angeführten Beispiele dürften
genügen, um die wirtschaftliche Natur und Notwendigkeit der Gemeinde
als lokaler Zwangsorganisation zur Befriedigung lokaler Kollektivbedürfnisse
 klarzustellen.
Die Zwangsbeiträge, die von den jetzt genannten Zwangsorganisationen
 eingehoben werden, nennt man Steuern im allgemeinsten Sinne
des Wortes. Die Finanzpolitik hat aber oft Gewicht darauf gelegt, daß
zur Deckung solcher Kollektivbedürfnisse, die nur einen engeren Kreis
von Interessenten berühren, soweit möglich eben nur dieser Kreis herangezogen
 werden soll. Die auf einen solchen speziellen Interessenkreis beschränkten
 Zwangsbeiträge hat man dann von den allgemeinen Steuern
als spezielle „Beiträge‘“ unterschieden. Wie schon bemerkt, muß die
Stelle, die die Ausgaben der betreffenden Zwangsorganisation bestimmt,
es verstehen, die Bedeutung der Kollektivbedürfnisse im Verhältnis
zur Bedeutung der individuellen Bedürfnisse der Einzelwirtschaften abzuschätzen
 und demgemäß die Steuerlast zu begrenzen.
Es ist eine sehr allgemeine Erscheinung, daß die Organe der kollektiven
 Bedürfnisbefriedigung ihre Wirksamkeit immer weiter auf die Befriedigung
 von Bedürfnissen erstrecken, die nur im relativen Sinne als
kollektiv bezeichnet werden können oder die an sich rein individuell
sind, deren Befriedigung aber auch ein gewisses kollektives Interesse
hat. Als Beispiele einer kollektiven Bedürfnisbefriedigung der ersten
Art haben wir schon den Bau von Brücken und Straßen, der heutzutage
von Gemeinden verschiedener Ordnung oder vom Staate als kollektive
durch Steuern zu deckende Aufgabe übernommen wird, angeführt. Als
Beispiel einer kollektiven Bedürfnisbefriedigung der zweiten Art kann
das ganze öffentliche Unterrichtswesen, sofern der Unterricht, wie
meistens der Fall ist, umsonst oder unter den Kosten dargeboten wird
gelten. Wohl hat der einzelne in erster Linie Interesse an seiner Ausbildung
 für seine künftige Wirksamkeit, das Bedürfnis des Unterrichts
und der Erziehung ist demgemäß in erster Linie ein Individualbedürfnis,
dessen Befriedigung von der Zahlungswilligkeit der betreffenden Person
oder ihrer Familie abhängig gemacht werden kann. Indessen hat auch.
die Gesamtheit ein sehr wesentliches Interesse daran, daß die allgemeine
Volkserziehung auf die höchstmögliche Stufe gebracht wird, insofern
nämlich — um die Sache nur rein wirtschaftlich zu betrachten — die
Ergiebigkeit der gesellschaftlichen Produktion, von welcher in der ausgebildeten
 Tauschwirtschaft jedermann wirtschaftlich absolut abhängig
ist, durch eine gute Volkserziehung befördert wird. Von diesem Gesichtspunkt
 aus kann also die Volkserziehung auch als kollektives
Interesse betrachtet werden. Die moderne Sozialpolitik hat in dieser Art
einer Menge von Bedürfnissen einen gewissen kollektiven Charakter
gegeben. Man braucht nur an die vielen Maßnahmen der sozialen Hygiene,
 z. B. an freie oder sehr billige Volksbäder usw. zu denken. Jede
        <pb n="74" />
        11. Die Beschränkung der Bedürfnisse. II. \
solche Ausdehnung der kollektiven Bedürfnisbefriedigung bedeutet
offenbar ein Eingreifen der öffentlichen Gewalt auf dem Gebiete der
Einzelwirtschaft, indem gewisse Individualbedürfnisse als besonders
wichtig gekennzeichnet werden und die Gesamtheit der Einzelwirtschaften
 gezwungen wird, die ihr zur Verfügung stehenden Mittel in
größerem Umfang zur Befriedigung dieser Bedürfnisse zu verwenden,
als sie bei freier Wahl der Einzelwirtschaften getan haben würde. In
dieser Weise wird offenbar das Gebiet der den Verbrauch frei regelnden
Tätigkeit der Einzelwirtschaft beschränkt.
Staat und Gemeinde sind nicht die einzigen Zwangsorganisationen
zur Befriedigung kollektiver Bedürfnisse, deren sich die moderne Gesellschaft
 bedient. Es bestehen daneben auch tatsächliche, wenn auch nicht
öffentlich autorisierte Zwangsorganisationen für gewisse spezielle wirtschaftliche
 Zwecke. Als solche können die Fachverbände der Arbeiter,
sowie auch die der Arbeitgeber betrachtet werden. Das Interesse der
Arbeiter an einer Lohnerhöhung ist unter modernen industriellen Verhältnissen
 wesentlich ein kollektives: wenn eine Lohnerhöhung einmal
durchgesetzt ist, kommt sie meistens allen Arbeitern im Fache zugute,
ohne Rücksicht auf deren Angehörigkeit zum Fachverband der Arbeiter,
also auch denjenigen Arbeitern, die zu den Streikkosten nicht beigetragen
 haben. Das einzige Mittel, alle Interessenten zur Zahlung der
Kosten heranzuziehen, ist hier, wie bei jedem Kollektivbedürfnis, die
Zwangsorganisation. Ähnlich liegen die Verhältnisse für die Arbeitgeber.
 Diese Beobachtung kann zur vollständigeren Beleuchtung der
Natur der Kollektivbedürfnisse durch Zwangsorganisationen dienen.
Die Vertreter der Zwangsorganisationen zur Befriedigung von Kollektivbedürfnissen
 treten in der Gesamtwirtschaft an die Seite der Einzelwirtschaften
 als Konsumenten, welche Ansprüche auf die Güterversorgung
 stellen. Wenn man also die Kollektivwirtschaften als besondere
Einzelwirtschaften betrachtet, gewinnt man eine Vereinfachung des
Problems der Bedürfnisbegrenzung in der Tauschwirtschaft. Die
Ansprüche auf die Güterversorgung treten dann als eine einheitliche
Masse auf und es_gilt_ zu untersuchen, wie es möglich ist, diese Ansprüche
 durch die Preisbildung so zu reduzieren, daß sie mit der zur
Verfügung stehenden Gütermenge befriedigt werden können. Zu dieser
Frage gehen wir jetzt über.
$ 11. Die Beschränkung der Bedürfnisse.
Allgemeiner Fall.
Es läßt sich eine Gesellschaft denken, in der die Gesamtheit die
ganze Bedürfnisbefriedigung für alle Mitglieder der Gesellschaft autoritativ
 reguliert, wo nicht nur die kollektive, sondern auch die indivi-6]
        <pb n="75" />
        62 Kap. III. Das wirtschaftliche Prinzip in der Tauschwirtschaft.
duelle Bedürfnisbefriedigung von einer Zwangsorganisation übernommen
 wird, und wo also kein Platz für die Ordnung des individuellen
Verbrauchs durch Einzelwirtschaften gelassen ist. Man nennt eine
solche Gesellschaft eine kommunistische. Die Familie stellt in der
heutigen Wirtschaftsordnung in gewissem Sinne eine kommunistische
Wirtschaft dar, Den Namen kommunistische Gesellschaft oder Wirtschaftsordnung
 müssen wir jedoch einer etwas größeren Geseilschaft
vorbehalten, die wenigstens in der Hauptsache eine geschlossene Wirtschaft
 mit einheitlicher Regulierung der ganzen Konsumtion bildet. Beispiele
 solcher kommunistischen Gesellschaften hat man in kommunistischen
 Kolonien, vorwiegend religiöser Art, die von Zeit zu Zeit gegründet
 worden sind und in einigen Fällen ziemlich lange bestanden
haben, meistens aber schnell der Auflösung verfallen sind.
Den Gegensatz zu einer solchen kommunistischen Wirtschaftsordnung
 bildet die Tauschwirtschaft, die, wie schon in $ 7 ausgeführt, eben
durch die Existenz selbständiger privater Konsumtionswirtschaften mit
freier Wahl der Bedürfnisbefriedigung innerhalb der ihnen zur Verfügung
 stehenden Geldmittel wesentlich charakterisiert wird. Es kann
keinem Zweifel unterliegen, daß die zivilisierte Menschheit diese freie
Wahl der Bedürfnisbefriedigung für die einzelne Person oder für die
Familie sehr hoch schätzt. Wohl kommt ein Eingreifen der kollektiven
Wirtschaft auf dem Gebiete der individuellen Bedürfnisbefriedigung,
wie schon hervorgehoben, in der Form vor, daß gewisse Nützlichkeiten,
wie z. B. Bäder und Bücher, umsonst oder zu herabgesetztem Preis gewissen
 Klassen zur Verfügung gestellt werden. Es handelt sich hier
aber nur um Ausnahmefälle, die nicht als wesentliche Beschränkung der
freien individuellen Konsumtion aufgefaßt werden. Die freie Konsumtionswahl
 der Einzelwirtschaft muß sicher als eins der allerwesentlichsten
 Elemente unserer Wirtschaftsordnung betrachtet werden.
Unsere Wirtschaftsordnung ist in ihrem innersten Wesen der Gegensatz
zum Kommunismus, /
Unsere Aufgabe ist nun zu untersuchen, wie_das Problem der notwendigen
 Beschränkung der Bedürfnisbefriedigung in der Tauschwirtschaft
 gelöst wird. Wir behandeln in diesem Paragraphen zunächst den
sehr vereinfachten theoretischen Fall, daß die der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung
 dienenden Güter in bestimmten Mengen vorhanden sind
oder vielmehr, da die Versorgung der Gesellschaft mit Gütern nur durch
einen fließenden Strom, nicht durch einen gegebenen Vorrat möglich ist,
innerhalb eines gewissen Zeitraums in bestimmten Mengen zur Verfügung
 stehen. Jede dieser Mengen werden wir als das Angebot des
betreffenden Gutes bezeichnen. Die Voraussetzung dieses Paragraphen
ist die, daß das Angebot bei jedem der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung
 dienenden Güter eine gegebene Größe des Problems ist. Wir
schließen damit für den Augenblick alle jene schwierigen Fragen aus, die
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        $ 11. Die Beschränkung der Bedürfnisse. II. 3
mit der Regulierung der Güterversorgung verknüpft sind, und mit
welchen wir uns in den folgenden Paragraphen zu beschäftigen haben
werden. Wir machen ferner die vereinfachende Voraussetzung, daß
die Geldsumme, die jede Einzelwirtschaft für ihre Bedürfnisbefriedigung
im betreffenden Zeitraum ausgibt, gegeben ist.
In unserer bestehenden Wirtschaftsordnung werden nun die Ansprüche
 der Einzelwirtschaft auf die Güterversorgung dadurch geregelt,
daß auf alle Güter Preise gesetzt werden, die bezahlt werden müssen,
wefin die Einzelwirtschaft in den Besitz der Güter gelangen will. Da
die Geldmittel, die die Einzelwirtschaft für ihren Verbrauch ausgeben
kann und will, beschränkt sind, hat diese Preisbildung die Wirkung,
daß die Einzelwirtschaft ihren Verbrauch nach verschiedenen Richtungen
 hin so beschränkt, daß diese Mittel zu einer möglichst gleichförmigen
 Bedürfnisbefriedigung hinreichen. Durch genügend hohe
Preise kann also erreicht werden, daß die Ansprüche der Konsumtion
nach allen Richtungen hin so weit beschränkt werden, daß sie eben mit
den zur Verfügung stehenden Mengen der verschiedenen für die Konsumtion
 bestimmten Güter befriedigt werden können. Diese Beschränkung
 der Ansprüche der Konsumtion ist für den in diesem Paragraphen
betrachteten Fall die Aufgabe der Preisbildung. Die Notwendigkeit
dieser Aufgabe liegt darin, daß der” Streit der Konsumenten um die
Güter in der Tauschwirtschaft nur bei einer angemessenen Höhe der
Preise geschlichtet werden kann. Die angegebene Methode zur Beschränkung
 der Ansprüche der Konsumenten ist offenbar diejenige, die unter
allen denkbaren der Freiheit der Konsumtionswahl der Einzelwirtschaft
den größtmöglichen Spielraum gewährt.
Da natürlich die Beschränkung der Konsumtion strenger sein muß,
je größer die Knappheit der Güter im Verhältnis zu den Ansprüchen
der Konsumtion ist, und also die Preisbildung wesentlich von dieser
Knappheit der Güter bestimmt wird, finden wir, daß die angegebene
Aufgabe der Preisbildung eben ein Ausdruck für das schon im ersten
Paragraph allgemein gekennzeichnete Prinzip der Knappheit ist.
Das Prinzip der Knappheit besteht also für die Tauschwirtschaft
 in der Notwendigkeit, die Konsumtion durch
den Druck der Preisbildung in Übereinstimmung mit einer
knappen Güterversorgung zu bringen. In diesem Prinzip, in
welchem die sozialökonomische Notwendigkeit der Preisbildung hervortritt,
 liegt zugleich, wie wir jetzt sehen werden, der allgemeine und
wesentliche Bestimmungsgrund der Preisbildung. Das Prinzip der
Knappheit hat in der Tat fundamentale Bedeutung für die Theorie der
Preisbildung und damit auch für die ganze ökonomische Theorie.
Wenn ein Gut nur in einem einzelnen Exemplar vorhanden ist, muß
der Preis offenbar so hoch gesetzt werden, daß alle Käufer, bis auf einen
einzigen, ausgeschlossen werden. Wenn wohl mehrere Güter derselben

0;
.
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        64 Kap. III. Das wirtschaftliche Prinzip in der Tauschwirtschaft.
Kategorie vorhanden sind, aber alle von etwas verschiedener Beschaffenheit,
 wie z. B. Villen in einer Villenstadt, müssen die Preise ebenfalls so
gestellt werden, daß jedes Haus nur einen Käufer findet.
Mit Bezug auf diejenigen Güter, die in Massen so gleichförmig hergestellt
 werden, daß ein Exemplar ein anderes vertreten kann, stellt sich
das Problem der Preisbildung etwas verschieden. In der Regel wird
für jede solche Ware ein einheitlicher Preis bestimmt, dies vornehmlich
aus dem Grunde, weil es schwierig, wenn nicht unmöglich ist, einen
Unterschied zwischen den verschiedenen Käufern zu machen und die
Ware dem einen billiger, dem anderen teuerer zu verkaufen. Jedoch
finden wir auch Ausnahmen von dieser Regel, indem die Verkäufer sich
bemühen, den reicheren Käufern, wenn möglich, einen höheren Preis abzufordern.
 In der Ärztepraxis z. B. ist die Gewohnheit vorherrschend,
die reicheren Patienten mehr bezahlen zu lassen, und nicht selten kommen
 nach der wirtschaftlichen Lage der Patienten mehrfach abgestufte
Taxen vor. Aber auch für vollständig gleichmäßige Massenartikel findet
man Versuche zu solchen Preisabstufungen. So z. B. ist der aufgedruckte
Preis eines Stücks einer gewissen englischen Seife 6 Pence und die Seife
wird auch zu diesem Preis in den.Läden des Westens Londons an das
reiche Publikum verkauft, während man in anderen Teilen derselben
Stadt dieselbe Seife zu einem niedrigeren, verschiedengradig herabgesetzten
 Preise kaufen kann. Daß ähnliche Preisabstufungen für
Kleider und Modewaren überall gewöhnlich sind, ist wohlbekannt, aber
auf diesem Gebiet läßt sich immer einwenden, daß Qualität, Schnitt usw.
doch etwas verschieden sind, und daß diese Verschiedenheiten den
Preisunterschied bedingen. Umgekehrt findet man auch zuweilen, daß
die ärmste Bevölkerung höhere Preise zu bezahlen hat. Solche Erscheinungen
 sind wohl aber wenigstens in der Hauptsache aus den höheren
Kosten bei den sehr kleinen Verkäufen, aus den häufigen Verlusten usw.
zu erklären.
Meistens stößt aber die Differenzierung des Preises für ein und dasselbe
 Gut auf zu große Schwierigkeiten, weil natürlich alle Käufer in
der Regel zum billigsten Preise zu kaufen beanspruchen. Die gleichförmige
 Preisbildung, die für jedes Gut einer bestimmten einheitlichen
Beschaffenheit auf einem und demselben Platze und unter denselben Verkehrsbedingungen
 nur einen Preis hat, ist deshalb die Regel. Sobald
aber der Gegenstand des Verkaufs Verschiedenheiten irgendwelcher
Art aufweist, können natürlich auch verschiedene Preise berechnet
werden. Inwieweit diese Verschiedenheiten in objektiven Verhältnissen
gegründet sind, oder wirklich auch eine Differenzierung des Preises
eines einheitlichen Gutes mit enthalten, können wir erst im Zusammenhang
 mit einer Untersuchung der Produktion beurteilen. Wir lassen
hier solche Frage beiseite und fassen einen Zustand ins Auge, wo nur
        <pb n="78" />
        $ 11. Die Beschränkung der Bedürfnisse. II. “5
absolut gleichförmige Waren oder Dienste zu einheitlichen Preisen verkauft
 werden.
Wenn die Preise aller Güter gegeben sind, können wir voraussetzen,
daß alle Faktoren bestimmt sind, von welchen die Einzelwirtschaft ausgeht,
 wenn sie über ihren Verbrauch beschließt; die Menge, die die
Einzelwirtschaft für ihre Bedürfnisbefriedigung von jedem einzelnen
Gute in der betrachteten Periode kaufen will, ist dann bestimmt.
Man nennt diese Menge die „Nachfrage‘ der Einzelwirtschaft nach
dem betreffenden Gut. Bildet man für ein bestimmtes fertiges Gut die
Summe der von sämtlichen Einzelwirtschaften nachgefragten Mengen
desselben, erhält man die Gesamtnachfrage des Gutes in der betreffenden
 Tauschwirtschaft, Diese Gesamtnachfrage muß nun bei
Gleichgewicht innerhalb jeder gegebenen Periode das Gesamtangebot
decken, weil es eben nach dem Prinzip der Knappheit die Aufgabe der
Preisbildung ist, die Nachfrage nach jedem einzelnen Gut genau so viel
zu beschränken, daß das Angebot für die Versorgung der Nachfrage hinreicht.
 Dasselbe muß für jedes der übrigen fertigen Güter zutreffen.
Die Reihe von Bedingungen, die man in dieser Weise-erhält, genügt im
allgemeinen, um das Preisbildungsproblem zu bestimmen. Denn wenn
einmal diese Bedingungen erfüllt sind, muß jede Veränderung eines
Preises die Nachfrage nach den verschiedenen Gütern verändern und
folglich die Übereinstimmung zwischen Angebot und Nachfrage vereiteln.
 Hiermit ist die Aufgabe, die wir uns in diesem Paragraphen
stellen, prinzipiell erledigt, und wir haben im folgenden nur die Natur
derjenigen Beschränkung der Bedürfnisbefriedigung, die durch die Preisbildung
 durchgeführt wird, näher zu betrachten.
Vorher sei nur bemerkt, daß, wenn man die gesamte Nachfrage
nach fertigen Gütern, die von einer besonderen Einzelwirtschaft ausgeht,
 ins Auge faßt, der nach den herrschenden Preisen berechnete Gesamtwert
 dieser Nachfrage der Geldsumme entsprechen muß, die die
Einzelwirtschaft für ihren Verbrauch auszugeben bereit ist. Auch muß
mit Bezug auf fertige Güter die Gesamtnachfrage der ganzen Tauschwirtschaft
 das Gesamtangebot derselben decken und gleich diesem einen
in Geld ausgedrückten Wert repräsentieren, der der gesamten für den
Verbrauch bestimmten Geldsumme gleichkommt.
Die individuelle Nachfrage nach einem Gute ist im allgemeinen von
den Preisen sämtlicher Güter, oder jedenfalls sämtlicher Güter, die für die
betreffende Einzelwirtschaft eine Bedeutung haben, abhängig. So z. B.
ist die Nachfrage eines Lohnarbeiters nach Zeitungen oder anderen relativen
 Luxusgegenständen, in gewissen Fällen auch nach Kleidern, von
den Lebensmittelpreisen abhängig. Denn ein gewisser Lebensmittelbedarf
 muß auch bei hohen Lebensmittelpreisen befriedigt werden, und
es bleibt dann nur eine kleinere Summe für andere weniger dringliche
Cassel, Theoret, Sozialökonomie. 4. Aufl.

567
        <pb n="79" />
        66 Kap. I. Das wirtschaftliche Prinzip in der Tauschwirtschaft.
Zwecke übrig. Das%dies so generell sein muß, versteht man, wenn man
bedenkt, daß die Nachfrage nach einem konkreten Gute doch nur ein
spezielles Ergebnis derjenigen Regulierung ihres gesamten Verbrauchs
darstellt, die die Einzelwirtschaft auf Grund der gegebenen Preislage
vornimmt. Immerhin ist natürlich der Preis des Gutes selbst der wichtigste
 Bestimmungsfaktor der Nachfrage nach demselben, und es ist sowohl
 theoretisch wie praktisch von Interesse, zu untersuchen, welchen
Einfluß eine kleine Veränderung dieses Preises, unter der Voraussetzung,
daß alle übrigen Preise unverändert bleiben, auf die Nachfrage ausübt.
Bei der gegebenen Preislage ist natürlich die Einzelwirtschaft im
allgemeinen gezwungen, ihre Bedürfnisbefriedigung nach verschiedenen
Richtungen hin zu beschränken. Diese Beschränkung braucht jedoch
nicht alle Zweige der Bedürfnisbefriedigung zu treffen. Meistens kann
eine Reihe von Bedürfnissen bis zur Sättigung befriedigt werden. Dies
ist natürlich vornehmlich für die reicheren Klassen der Fall, trifft aber
auch bis zu einem gewissen Grade für die mittleren und unteren Einkommensklassen
 zu. Jedermann mit nicht allzu ärmlicher Ökonomie
wird so viel Tinte kaufen, wie er braucht. Auch wenn die Tinte ein
wenig im Preise stiege, würde er sich dadurch nicht veranlaßt sehen,
seinen Tintenverbrauch zu beschränken. Er wird bei jeder gewöhnlichen
Preislage seinen Tintenbedarf bis zur Sättigung decken. Ähnliches gilt
für sehr weite Kreise mit Rücksicht auf die gewöhnlichen Gewürze,
besonders natürlich Kochsalz, für die Wohlhabenderen auch mit Rücksicht
 auf eine Menge Speisewaren und Getränke, wie Ochsenfleisch,
Bier usw. In solchen Fällen ist:die Nachfrage nach dem Gut seitens der
Einzelwirtschaft unabhängig vom Preise desselben, natürlich aber nur
innerhalb gewisser Grenzen, nur für Preisschwankungen, welche in der
Wirklichkeit gewöhnlich vorkommen. Wenn die normale Zufuhr einer
Ware infolge außerordentlicher Ereignisse abgeschnitten ist und der
Preis derselben infolgedessen außerordentlich steigt, findet man, daß
auch Haushaltungen, die früher nicht an Beschränkung ihres Bedarfs
an der betrachteten Ware gedacht haben, jetzt ihren Verbrauch einschränken
 müssen.
Anderseits ist es für die große Masse der Konsumenten Regel, daß
sie auch bei gewöhnlicher Preislage die meisten Bedürfnisse, darunter
gerade sehr wichtige, beschränken müssen, und lange nicht bis zur Sättigung
 befriedigen können. In solchen Fällen wird die Nachfrage der
Einzelwirtschaft nach dem betreffenden Gute durch den Preis desselben
 sozusagen zusammengepreßt. Wenn dann der Druck des Preises
wieder etwas nachläßt, d. h. wenn der Preis etwas sinkt, dehnt sich die
zusammengepreßte Nachfrage mit einer größeren oder kleineren Kraft
aus. Man nennt auch diese Kraft nach der physischen Analogie die
Elastizität der Nachfrage. Die Elastizität der Nachfrage kann durch
diejenige Veränderung der Nachfrage, welche von einer bestimmten
        <pb n="80" />
        $ 11. Die Beschränkung der Bedürfnisse. Il. P
kleinen Veränderung des Preises hervorgerufen wird, gemessen werden.
Die Elastizität der Nachfrage ist sehr verschieden für verschiedene
Güter und Personen. Wenn ein Bedürfnis bis zur Sättigung befriedigt
ist, wird die Elastizität der Nachfrage gleich Null. Eine kleine Senkung
 des Preises wird dann keine Steigerung des Verbrauchs veranlassen.
 Die Elastizität ist natürlich auch gleich Null, wenn der Preis so
hoch steht, daß er für die betreffende Wirtschaft sowieso unerschwinglich
 ist; eine kleine Preissenkung ist dann nicht imstande, eine Nachfrage
 zu erwecken. Wenn ein Bedürfnis zum Teil befriedigt ist, wird
eine kleine Herabsetzung des Preises vielleicht eine ebenso große prozentische
 Steigerung der Nachfrage hervorrufen oder die Steigerung der
Nachfrage wird verhältnismäßig stärker oder schwächer als die Preissenkung
 sein. Im ersten Falle ist die Elastizität gleich eins, in den
anderen Fällen ist sie größer oder kleiner als eins. Wenn die Elastizität
gleich eins ist, ist offenbar die Gesamtausgabe zur Befriedigung des betreffenden
 Bedürfnisses unabhängig von kleinen Schwankungen des
Preises. Ist dagegen die Elastizität kleiner als eins, wird die Gesamtausgabe
 mit einer Preissteigerung erhöht, mit einer Herabsetzung des
Preises vermindert. Wenn die Bedürfnisbefriedigung nahe an dem Sättigungspunkt
 steht, ist die Elastizität meistens kleiner als eins. Der
Brotkonsum einer durchschnittlichen Arbeiterfamilie wird nicht mit
demselben Prozentsatz abnehmen, mit welchem der Brotpreis in einem
Teuerungsjahr eventuell gestiegen ist, und auch nicht bei fallendem
Preis ebenso schnell steigen; der Brotbedarf ist eben als eine primäre
Notwendigkeit bei gewöhnlichen Preisen nahezu gesättigt und muß bei
kleineren Schwankungen des Brotpreises so bleiben. Die Gesamtausgabe
 der Familie für Brot wird demnach nahezu ebenso große Schwankungen
 wie der Preis zeigen. Das Wohnungsbedürfnis ist schon für
große Klassen der modernen Gesellschaft bedeutend elastischer. Die
Elastizität dürfte hier zuweilen sogar der Ziffer eins nahe kommen, was
darin zutage treten würde, daß eine Familie bei höheren oder niedrigeren
 Mietpreisen ebensoviel für Wohnung ausgeben würde. Eine
Elastizität größer als eins kommt nur relativ selten und nur für verhältnismäßig
 entbehrliche Bedürfnisse vor. In solchen Fällen wird die
Gesamtausgabe eines Konsumenten für das betreffende Bedürfnis bei
einer Preissenkung gesteigert. Eine Person kann z. B. durch Herabsetzung
 des Fahrgeldes der Eisenbahnen veranlaßt werden, insgesamt
mehr für Eisenbahnreisen auszugeben, als bei den früheren höheren
Fahrpreisen.
Die Elastizität der Nachfrage der einzelnen Haushaltungen nach
einem Gute bestimmt die Elastizität der Gesamtnachfrage der ganzen
Tauschwirtschaft nach demselben Gute. Hier ist nur besonders zu beachten,
 daß eine Herabsetzung des Preises nicht nur eine Steigerung
der Nachfrage, wo eine solche schon vorhanden war, veranlassen kann,

67
s*
        <pb n="81" />
        68 Kap. III. Das wirtschaftliche Prinzip in der Tauschwirtschaft.
sondern auch eine neue Nachfrage seitens solcher Haushaltungen, die
früher durch den hohen Preis eben von einer Bedürfnisbefriedigung ausgeschlossen
 waren, erwecken kann. Die Kenntnis der Elastizität der
achfrage ist, von großer praktischer Bedeutung in allen den Fällen,
wo man den Preis der Ware oder eines Dienstes willkürlich zu_bestimmen
 hat oder in einer gewissen Richtung beeinflußt, also z. B. bei
Feststellung von Eisenbahntarifen oder bei Einführung oder Veränderung
 von Zöllen oder Akzisen. Theoretisch hat diese Kenntnis immer
Interesse für die Beurteilung der Wirkung einer einmal eingetretenen
Preisverschiebung auf die Konsumtion. Leider besitzen wir aber nur
sehr unvollkommene Mittel, um durch Beobachtung des wirklichen Wirtschaftslebens
 ziffernmäßige Angaben über die Elastizität der Nachfrage
zu gewinnen. Die Schwierigkeit. liegt nicht nur in der Unvollkommenheit
 unserer Verbrauchsstatistik, sondern auch in der Natur des Problems.
 Was wir zu wissen wünschen, ist nämlich, wie die Nachfrage
eines Gutes sich verändert, wenn der Preis dieses Gutes eine gewisse
kleine Veränderung durchmacht, alle übrigen Preise aber konstant
bleiben. Diese Bedingung wird nun niemals streng erfüllt, kann schlechthin,
 wie wir später sehen werden, nicht erfüllt werden. Dazu kommt,
daß die Gewohnheiten und die Geschmacksrichtungen, zuweilen auch
die realen Bedürfnisse der Konsumenten sich in einem gewissen Zeitraum
 bedeutend verändern können. Unsere Beobachtung der Wirkungen
 einer innerhalb eines gewissen Zeitraumes vollzogenen Preisvariation
 ist demnach immer von verschiedenen störenden Momenten
verschleiert. Um eine Vorstellung von der Elastizität der Nachfrage
zu gewinnen, kann man wohl auch von einer vergleichenden Zusammenstellung
 mehrerer auf dieselbe Zeit sich beziehenden typischen Ausgabebudgets
 von Wirtschaften verschiedener Klassen der Gesellschaft ausehen
 und aus diesem Material abzulesen suchen, wie die verschiedenen
Bedürfnisse verschieden zusammengepreßt werden, wenn das Einkommen
 kleiner und kleiner wird und also die Preise im Verhältnis
um Einkommen steigen. Ein solches Studium hat natürlich an sich ein
großes Interesse für unsere Kenntnis der.Einwirkung der Preisbildung
auf die Gesamtnachfrage der Tauschwirtschaft und der Art der Beschränkung
 der Bedürfnisbefriedigung, die durch die Preisbildung erreicht
 wird. Man kann aber aus einem solchen Material offenbar nur
ganz allgemeine Schlüsse auf die Elastizität der Nachfrage nach verschiedenen
 Gütern ziehen. |
Die Kenntnis der Elastizität der Nachfrage nach den verschiedenen
Gütern gibt uns eine Vorstellung von den Tendenzen zu einer Veränderung
 der Nachfrage bei einer Veränderung der Güterpreise. Diese
endenzen haben im ganzen immer den Charakter einer Reaktion gegen
die Veränderung der Preise: eine Steigerung der Preise veranlaßt
einen Rückgang der Nachfrage und umgekehrt. Eine solche Reaktion
        <pb n="82" />
        8 11. Die Beschränkung der Bedürfnisse. II. )
gegen Veränderungen der Preise ist offenbar eine notwendige Voraussetzung
 der Stabilität der einmal erreichten Gleichgewichtslage der
Preise.
Es geht aus dem Gesagten hervor, daß es für die Lösung des Preisbildungsproblems
 — in dem Umfange, in welchem es hier vorliegt —
genügt, wenn wir voraussetzen, daß die Nachfrage nach jedem der in
Betracht kommenden Güter bestimmt ist, sobald sämtliche Preise dieser
Güter gegeben.sind.. Weiter brauchen wir nicht für die Preisbildungstheorie
 die Nachfrage zu analysieren. Der Umfang der Nachfrage
bei einer gegebenen Preislage ist eine greifbare Tatsache, die in quantitativer,
 rein arithmetischer Form vorliegt und in dieser Form unmittelbar
 von der Wirtschaftslehre als Baustein benutzt werden kann. Die
psychologischen Vorgänge, die hinter dieser Tatsache liegen, haben
selbstverständlich für die theoretische Ökonomie ein Interesse, insofern
 eine Kenntnis derselben zu einer richtigen Beurteilung der Einwirkung
 der Preise auf die Nachfrage beiträgt; in dem Maße, wie sie
überhaupt klargelegt werden können, werden sie wohl am besten
eben von diesem Gesichtspunkt studiert; ein solches Studium fällt
aber offenbar außerhalb der Domäne der eigentlichen ökonomischen
Theorie,
# Dies ist speziell der sogenannten „Grenznutzentheorie‘ gegenüber
 zu betonen. Die erste Einwendung gegen diese vielumstrittene
Theorie ist, daß sie für die Wirtschaftslehre unnötig ist. Die Grenznutzentheorie
 ist ein Versuch, die Psychologie der Nachfrage in eine
abstrakte mathematische Form hineinzuzwingen. Der „Nutzen“ einer
Bedürfnisbefriedigung wird als arithmetisch schätzbar betrachtet. Wenn
ein Bedürfnis in sukzessiven gleichen Dosen befriedigt wird, steigt
der entsprechende Gesamtnutzen, aber immer langsamer, der letzte Zuschuß
 zum Gesamtnutzen, der „Grenznutzen‘, wird kleiner und
kleiner. Dieser Grenznutzen muß nun bei Gleichgewicht dem für die
letzte Dose der Bedürfnisbefriedigung zu zahlenden Preis entsprechen.
Dies ist die allgemeine Formel, die nach der Auffassung der Grenznutzentheorie
 jede Wirtschaftsführung beherrscht.
Schätzen wir der Einfachheit halber den Nutzen in Geld, muß der
Nutzen der letzten zur Befriedigung eines Bedürfnisses verwendeten
Einheit eines Gutes, also der Grenznutzen, dem Preise dieser Einheit
gleich sein. Diese Übereinstimmung zwischen Grenznutzen und Preis in
jedem Zweige der Bedürfnisbefriedigung ist nun ein Zeichen dafür,
daß der Gesamtnutzen der für die betreffende Wirtschaft erreichbaren
Bedürfnisbefriedigung sein Maximum erreicht hat. Denn jede Ausdehnung
 der Bedürfnisbefriedigung in einem Zweige würde jetzt einen
Zuwachs an Nutzen herbeiführen, der hinter dem dafür zu zahlenden
Preis zurückbleiben müßte, während das für diesen Zweck verwendete
Geld anderen Zweigen der Bedürfnisbefriedigung entzogen werden und

6C
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        70 Kap. III. Das wirtschaftliche Prinzip in der Tauschwirtschaft.
dann eine diese Geldsumme übersteigende Einbuße an Nutzen veranlassen
 müßte. Die ganze Grenznutzentheorie kann auch als eine
theoretische Deduktion der Wirtschaftsführung von dem Postulate, daß
das Wirtschaftssubjekt dem Maximum des Gesamtnutzens nachstrebt,
aufgefaßt werden.
Diese rein formelle Theorie, die in keiner Weise unsere Kenntnis
der realen Vorgänge erweitert, ist für die Theorie der Preisbildung
jedenfalls überflüssig.
Sodann ist zu bemerken, daß diese deduktive Herleitung der Gestaltung
 der Nachfrage aus einem einzigen Prinzip, an der man sich so
kindlich erfreut hat, nur durch gekünstelte Konstruktionen und unter
einer ziemlich starken Vergewaltigung der Wirklichkeit möglich war.
Erstens: Eine abstrakte, in irgendeiner Rechnungsskala ausgedrückte
Schätzung des Nutzens der verschiedenen Stufen der Bedürfnisbefriedigung
 in allen ihren Zweigen ist dem wirtschaftenden Menschen nicht
möglich. Er braucht für solche Schätzungen zum mindesten die Stütze
der gegebenen Preislage und kann höchstens diejenige Veränderung
seiner Nachfrage, die durch Veränderung eines Preises hervorgerufen
werden würde, mit einiger Wahrscheinlichkeit beurteilen. Seine ganze
Schätzungsskala ist nämlich notwendig an die bestehende Preislage
gebunden. Wenn wir uns schlicht an die einfachen Tatsachen halten,
können wir nur sagen, daß die wirtschaftenden Menschen, sobald sämtliche
 Preise gegeben ‚sind, sich entschließen, was sie kaufen wollen,
also die Grenzlinie ziehen zwischen denjenigen Bedürfnissen, die sie
befriedigen wollen, und denjenigen, die sie unberücksichtigt lassen
müssen.
Ferner ist aber der Satz, daß der Grenznutzen gleich dem Preise
ist, durchaus nicht allgemein gültig. Auch wenn ein Bedürfnis in verschiedenen
 Dosen befriedigt werden kann, ist es gar nicht sicher, daß
die letzte befriedigte Dose gleich dem Preise geschätzt wird. Für die
Bedürfnisse, die bis zur Sättigung befriedigt werden; ist es im Gegenteil
 Regel, daß auch der Nutzen der letzten Dose höher geschätzt wird
als zu ihrem Preis, was sich darin zeigt, daß diese Bedürfnisse auch
bei einem etwas höheren Preis in demselben Umfang befriedigt werden,
mit anderen Worten, daß die Elastizität derselben gleich Null ist. Dazu
kommt, daß die verschiedenen Stufen der Bedürfnisbefriedigung nicht
immer die kontinuierliche Reihe bilden, welche die Theorie voraussetzt.
 Ein Mieter, der eine Wohnung zu 2000 Mark hat, wird, wie die
Erfahrung oft zeigt, diese Wohnung behalten, auch wenn der Preis bis
2100 Mark erhöht wird. Der „„Grenznutzen‘“ ist also hier höher als der
Preis. Trotzdem wird der Mieter keine größere oder bessere Wohnung
nehmen, weil eine solche, die ihm passen würde, vielleicht erst zu 2300
Mark zu haben wäre.‘ Die Lösung des Problems der gleichmäßigen
Bedürfnisbefriedigung der einzelnen Wirtschaft, die auf Grund des
        <pb n="84" />
        &amp;amp; 11. Die Beschränkung der Bedürfnisse. II. /1
Begriffs des Grenznutzens formuliert zu werden pflegt, ist also nicht
richtig. Wenn man überhaupt von einer Schätzung der Bedürfnisse
sprechen will, müßte man sich etwa mit folgendem Satz begnügen:
Bei der gegebenen Preislage wird jedes Bedürfnis, das niedriger geschätzt
 wird als der Preis der Bedürfnisbefriedigung von der Bedürfnisbefriedigung
 ausgeschlossen, während die übrigen Bedürfnisse, die
wenigstens gleich dem Preis geschätzt werden, befriedigt werden.
Wenn man die Gesamtheit aller verschiedenen Einzelwirtschaften
in einer großen Tauschwirtschaft betrachtet, kann man wohl mit genügender
 Genauigkeit behaupten, daß ein Gut, das in verschiedenen
kleinen Portionen verkauft werden kann und Gegenstand einer allgemeinen
 Nachfrage ist, einen Grenznutzen stiftet, der dem Preis des
Gutes gleichkommt. Denn bei der großen Zahl der Käufer wird sich
wahrscheinlich jemand finden, der eine Einheitsdosis des Gutes eben
nur zum Preise desselben schätzt. Man pflegt auch einen solchen Käufer
einen Grenzkäufer zu nennen. Es ist also für den Preis dieser Art von
Gütern annähernd richtig, daß das Verhältnis zwischen Grenznutzen
und Preis in allen Zweigen der Bedürfnisbefriedigung dasselbe ist, und
man kann diesen Satz als eine Lösung des Problems der gleichmäßigen
Bedürfnisbefriedigung der gesamten Tauschwirtschaft unter gewissen
Beschränkungen akzeptieren. Diese Formulierung hat aber weder
dieselbe unmittelbare Klarheit wie diejenige, zu welcher eine Betrachtung
 der notwendig beschränkenden Wirkung der Preisbildung auf die
Bedürfnisbefriedigung führen muß, nämlich, daß diejenigen Bedürfnisse,
für welche die betrachtete Wirtschaft den Preis der Bedürfnisbefriedigung
 zu zahlen bereit ist, befriedigt werden, andere nicht.
Die Einführung des Begriffs des Grenznutzens gewährt also keinen
wesentlichen Vorteil, wenn auch zuweilen durch die Anwendung des
Wortes eine gewisse Bequemlichkeit gewonnen werden kann. Als man
diesen Begriff einer ganzen ökonomischen Theorie zugrunde legen wollte,
indem man den Grenznutzen als den Bestimmungsgrund des Preises
oder des „Wertes‘“ erklärte, ist man in eine vollständig unhaltbare
Stellung hineingeraten. Die Preisbildung hat nämlich hach dem Prinzip
der Knappheit die Aufgabe, die Nachfrage so zu beschränken, daß sie
mit dem zur Verfügung stehenden Gütervorrat befriedigt werden kann.
Die Nachfrage nach einem Gute muß also irgendwo durch den Preis
desselben abgeschnitten werden. Wenn dann die Bedeutung des zuletzt
befriedigten Bedürfnis gleich dem Preis ist, kann dies unmöglich so
ausgelegt werden, daß diese Bedeutung den Preis bestimmt. Vielmehr
bestimmt der Preis, wieweit die Bedürfnisse befriedigt werden sollen,
und also welches das ‚,letzte‘‘ Bedürfnis oder das ‚Grenzbedürfnis‘“
ist. Der Preis aber wird selbst von der Bedingung hestimmt, daß die
Nachfrage so weit reduziert werden muß, daß sie von der zur Verfügung
stehenden Gütermenge eben gedeckt wird. Jeder Versuch, die soge-
        <pb n="85" />
        72 Kap. III. Das wirtschaftliche Prinzip in der Tauschwirtschaft.
nannte Grenznutzentheorie als eine Lösung des Problems der Preisbildung
 oder auch nur des „Wertproblems‘‘ auszugeben, muß deshalb
unbedingt zurückgewiesen _werden.
Die Vorstellung, daß der wirtschaftende Mensch die Bedeutung seiner Bedürfnisse
 in abstracto, also unabhängig von einer gegebenen Preislage, in Geld schätzen
kann, hat dazu geführt, daß man die so gemessene Bedeutung eines Bedürfnisses
mit dem tatsächlich für die Befriedigung desselben gezahlten Preis verglichen hat,
und wenn die Bedeutung den Preis übersteigt, den Unterschied als einen besonderen
Gewinn des Konsumenten betrachtet hat. Dieser Gewinn oder ‚„‚Überschuß‘ des
Konsumenten sollte gleich sein dem Unterschied zwischen dem höchsten Preis, den
der Konsument für das Gut zahlen würde, wenn er es nicht billiger haben könnte,
und dem tatsächlichen Preis!). Dieser Betrachtung gegenüber muß wieder hervorgehoben
 werden, daß die Schätzung der Güter sich wesentlich auf die gegebene
Preislage bezieht, im Grunde nichts anderes ist, als der Beschluß, durch welchen
bestimmt wird, was bei einer gegebenen Preislage konsumiert werden soll. Die
Geldskala, in welcher man das Gut schätzt, hat eine bestimmte Bedeutung nur bei
einer bestimmten Preislage. Betrachtet man jetzt zwei wesentlich verschiedene
Preislagen, dann sind also die Schätzungen eines Gutes in beiden Fällen in verschiedenen
 Geldskalen ausgedrückt und folglich nicht direkt vergleichbar. Wohl ist
die Veränderung in der Bedeutung der Geldskala so klein, daß man sie vernachlässigen
 kann, wenn man eine kleine Verschiebung des Preises eines Gutes, das im
Budget der betreffenden Wirtschaft eine untergeordnete Rolle spielt, betrachtet.
Es muß jedoch daran festgehalten werden, daß eine exakte Definition des genannten
‚„Konsumentenüberschusses‘‘ nicht möglich ist.
Für Güter, die sich in einer Reihe von verschiedenen Dosen konsumieren lassen,
hat man den sogenannten Konsumentenüberschuß für jede einzelne Portion berechnet
und dann die Summe dieser Überschüsse als den Gesamtüberschuß bezeichnet. Oder
man summiert den Nutzen, den der Konsument von jeder einzelnen Portion hat, und
bekommt, was man als seinen Gesamtnutzen des betreffenden Verbrauches bezeichnet,
Wenn man von diesem Gesamtnutzen den Gesamtpreis subtrahiert, hat man wieder
den gesamten ‚„„Konsumentenüberschuß“‘‘. Nehmen wir z. B. an, jemand würde für ein
Glas Bier höchstens 2 Mark zahlen, für das nächste 50 Pfennig, für das dritte
20 Pfennig, für das vierte 10 Pfennig, für weitere Gläser noch weniger, würden wir
den Gesamtnutzen einer Konsumtion von vier Glas Bier auf 2,80 Mark berechnen.
Wenn der tatsächliche Preis des Glases 10 Pfennig beträgt, würde der Mann eben
vier Gläser konsumieren und für diese 40 Pfennig zahlen. Dabei würde er einen
„Konsumentenüberschuß‘* von 2,40 Mark zugute haben. Es ist wirklich schwierig
zu verstehen, was man mit solchen Berechnungen gewinnen will. Sie spiegeln keinen
psychologischen Vorgang ab, der für die Preisbildung von Bedeutung wäre. Sie
entbehren der Möglichkeit einer exakten Formulierung, die einer allgemeinen Anwendung
 derselben Betrachtungsweise zugrunde gelegt werden könnte. Dies zeigt
sich vollkommen, wenn man versucht, nach derseiben Methode den Gesamtnutzen,
den ein Konsument von seiner ganzen Konsumtion hat, zu berechnen und dabei
zu dem Ergebnis gelangt, daß der Wert einer Konsumtion, sagen wir im Betrage
von tausend Mark, in der Tat etwa 1500 Mark sei!
Zum Begriff des Wirtschaftens gehört immer eine gewisse Beschränkung
 der Bedürfnisse, also eine Auswahl, durch welche unter
; 1) „Consumer’s Surplus‘. Marshall, Principles of Economics. Book II,
Ch. VI.
        <pb n="86" />
        $ 11. Die Beschränkung der Bedürfnisse. II. 53
den unendlich vielen Bedürfnissen eine gewisse Menge zur Befriedigung
bestimmt wird. Das wirtschaftliche Prinzip erfordert, daß jedes Bedürfnis,
 das befriedigt wird, wichtiger ist als jedes, das unbefriedigt
gelassen wird. Für jede Wirtschaftsordnung ist es von wesentlicher
Bedeutung, wie diese Forderung erfüllt wird. In der geschlossenen
Eigenwirtschaft wird die nötige Klassifizierung der Bedürfnisse von
einem einheitlichen Willen durchgeführt. Innerhalb der Tauschwirtschaft
 unternimmt jede Einzelwirtschaft eine entsprechende Klassifizierung
 ihrer Bedürfnisse. Für die Klassifizierung der gesamten Bedürfnisse
 der ganzen Tauschwirtschaft ist aber keine solche autoritative
 Stelle vorhanden. Wie ist ein Vergleich zwischen der Bedeutung
eines Bedürfnisses und der Bedeutung eines anderen möglich, wenn die
beiden Bedürfnisse verschiedenen Einzelwirtschaften angehören? Die
Tauschwirtschaft braucht für diesen Zweck einen gemeinsamen Maßstab
 für die Bedeutung aller verschiedenen Bedürfnisse. Sie findet
diesen Maßstab, indem sie für jedes Gut gleichförmiger Qualität einen
einheitlichen Preis setzt und die Zahlung dieser Preise als Bedingung
der Bedürfnisbefriedigung stellt. Dies kommt darauf hinaus, daß ein
Bedürfnis, für welches der bestehende Preis bezahlt wird, immer als
wichtiger erachtet wird, als ein Bedürfnis, für welches derselbe Preis
nicht bezahlt wird. Die Tauschwirtschaft mißt also die Wichtigkeit der
verschiedenen Bedürfnisse nach den Geldsummen, die für die Befriedigung
 derselben geboten werden.
Man kann fragen, ob diese Methode zur Verwirklichung des wirtschaftlichen
 Prinzips auch die richtige ist. Die Einwendung liegt doch
nahe, daß der Brotbedarf des hungernden Mannes viel wichtiger ist als
der Bedarf des reichen nach Brot zur Fütterung seiner Hunde und daß
eine Gesellschaft, die dieses Bedürfnis vor jenem befriedigt, nicht rationell-
 mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln wirtschaftet. Allein,
diese Einwendung richtet sich entweder gegen die unvernünftige Anwendung,
 die die Reichen von ihrem Geld machen, und ist insofern nicht
prinzipiell gegen die gleichförmige Preisbildung gerichtet, oder sie ist im
wesentlichen als eine Kritik der bestehenden Einkommensverteilung
aufzufassen. Diese trägt die Schuld, wenn der Brotbedarf des Armen
nicht befriedigt wird, nicht die einheitliche Preissetzung für das Brot.
Man könnte den angedeuteten Mißständen dadurch abzuhelfen suchen,
daß man den Ärmeren Güter zu billigeren Preisen verkaufte. Wollte
man diesen Plan vollständig gleichmäßig für alle Güter durchführen,
würde dies lediglich mit einer Erhöhung der Einkommen der ärmeren
Klassen gleichbedeutend sein. Unter welchen Bedingungen eine Erhöhung
 dieser niedrigeren Einkommen möglich und mit den Grundlagen
und der wirtschaftlichen Leitung der Tauschwirtschaft vereinbar ist,
ist eine Frage, die wir im letzten Kapitel des folgenden Buches näher
zu beleuchten Gelegenheit haben werden. Würde aber die Verbilligung

1.
        <pb n="87" />
        74 Kap. IIl. Das wirtschaftliche Prinzip in der Tauschwirtschaft,
der Güter für die ärmeren Klassen nur teilweise und für ausgewählte
Güter durchgeführt, so würde dies auf ein Eingreifen in die freie Konsumtionswahl
 der ärmeren Klassen hinauskommen. Dies'streitet gegen
das allgemeine Prinzip der Tauschwirtschaft, nach welchem die Verteilung
 der dem Verbrauch zur Verfügung stehenden Mittel auf verschiedene
 Zweige der Bedürfnisbefriedigung der Einzelwirtschaft überlassen
 wird. Es fehlt allerdings nicht an Versuchen, besonders seitens
der öffentlichen Körperschaften, gewisse Güter den ärmeren Volksklassen
 zu herabgesetztem Preis oder gar umsonst darzubieten. Solche
Versuche gehen aber, wie oben schon bemerkt, von einer der Tauschwirtschaft
 fremden Anschauung aus, sind ihrem. Wesen nach kommunistischer
 Natur. Gleichzeitig finden wir die Bestrebungen, gewisse
andere Güter, wie z. B. Branntwein, durch Besteuerung zu verteuern in
der Absicht, die Konsumtion derselben zu vermindern. Wir haben es hier
durchweg mit einer Art Vormundschaft über die Konsumtionswahl der
Einzelwirtschaft zu tun, einer Vormundschaft, über deren praktischen
Wert wir uns hier nicht zu äußern haben, von welcher wir aber behaupten
 können, daß sie nicht im Wesen der Tauschwirtschaft liegt,
und von welcher wir folglich bei einer ersten Untersuchung, die die
wesentlichen Züge der Tauschwirtschaft klarzulegen hat, abstrahieren
dürfen.
Die gleichförmige Preisbildung ist die spezielle..Art, in welcher
die typische Tauschwirtschaft den Begriff der „wirtschaftlichsten‘‘ Anwendung
 der zur Verfügung stehenden Güter bestimmt. Dieses tatsächliche
 Verhältnis wollen wir unseren folgenden Untersuchungen zugrunde
 legen.
$ 12. Die Regulierung der Produktion. Prinzip der
Knappheit.
Wir haben uns im vorigen Paragraphen die zur Verfügung stehenden
 Mengen der verschiedenen Güter als von vornherein gegeben und
fixiert gedacht. Diese Voraussetzung wollen wir jetzt fallen lassen.
Sie entspricht nicht der Wirklichkeit, denn, da die meisten Güter produziert
 werden können, werden die Mengen der verschiedenen fertigen
Güter, die den Konsumenten angeboten werden, im allgemeinen von
der Leitung der Produktion abhängen. Die vorhandenen Produktionsmittel
 können nämlich meistens für sehr verschiedene Zwecke benutzt
werden, und damit kann auch die Versorgung der Konsumtion sehr verschieden
 ausfallen. Dafür wollen wir jetzt die Voraussetzung machen,
daß die verschiedenen elementaren Produktionsmittel, d. h. diejenigen
 Produktionsmittel, die nicht selbst durch Produktion vermehrt
werden können — wir werden dieselben im folgenden kurz nur als „Pro-
        <pb n="88" />
        $ 12. Die Regulierung der Produktion, Prinzip der Knappheit, 75
duktionsmittel‘‘ bezeichnen —, in bestimmten Mengen vorhanden sind
oder vielmehr innerhalb eines gegebenen Zeitraums in bestimmten
Mengen zur Verfügung stehen. Wenn wir diese Mengen als das Angebot
 der Produktionsmittel bezeichnen, ist dieses Angebot als
eine Gruppe der gegebenen Faktoren des vorliegenden Problems zu
betrachten.
Es entsteht dann die Frage: welche Güter sollen produziert werden?
Das allgemeine wirtschaftliche Prinzip erfordert, daß die zur Verfügung
 stehenden Produktionsmittel in der wirtschaftlichsten Weise verwendet
 werden, d. h. daß die Produktion in solche Bahnen gelenkt wird,
wo sie die wichtigsten Bedürfnisse befriedigt. Die Verwirklichung des
wirtschaftlichen Prinzips in bezug auf die Produktionsleitung der
Tauschwirtschaft hängt also ebenfalls von der Rangordnung, die den
Bedürfnissen gegeben wird, ab. Wenn nun einmal mit Bezug auf die
wirtschaftlichste Regulierung der Konsumtion das Geld, das für die
Befriedigung der verschiedenen Bedürfnisse geboten wird, als Maßstab
 der Bedeutung der Bedürfnisse anerkannt wird, so muß selbstverständlich
 dieser Maßstab auch für die Regulierung der Produktion
gelten. Wir gelangen also zu dem Ergebnis, daß die Produktionsmittel
in den Richtungen verwendet werden sollen, wo sie die zahlungskräftig-„sten
 Bedürfnisse befriedigen. Die Lösung des Problems besteht folglich
darin, daß auf die Produktionsmittel gleichförmige Preise gesetzt werden,
daß auf Grund dieser Preise die der fertigen Güter berechnet werden,
und daß die Produktion so geleitet wird, daß diejenigen Bedürfnisse
befriedigt werden, die den so bestimmten Preis der Bedürfnisbefriedigung
 zu decken bereit sind, die übrigen nicht. Bei richtiger Wahl
der Preise der Produktionsmittel werden die Ansprüche der Konsumenten
 so weit beschränkt, daß sie mit den in einer gewissen Knappheit
 zur Verfügung stehenden Produktionsmitteln befriedigt werden
können, gleichzeitig wie die Produktionsmittel vollständig in Anspruch
genommen werden. Diese Bedingung genügt, um die Preise der Produktionsmittel
 und damit auch die der fertigen Produkte zu bestimmen.
Damit ist aber sowohl die Nachfrage wie auch die ganze Leitung der
Produktion bestimmt. Wie man sieht, stellt diese Lösung des Problems
 nur das Prinzip der Knappheit für den jetzt behandelten allgemeinen
 Fall dar.
Die Nachfrage nach fertigen Produkten ist indirekt eine Nachfrage
nach Produktionsmitteln. Diese Nachfrage sucht die Produktionsmittel
zur einen oder anderen Verwendung heranzuziehen, sie ist ein Streit der
Konsumenten um die Produktionsmittel, ein Streit, der in der Tauschwirtschaft
 nur dadurch geschlichtet werden kann, daß auf die Produktionsmittel
 hinreichend hohe Preise gesetzt werden, um die Nachfrage in
Übereinstimmung mit den zur Verfügung stehenden Mengen der Produktionsmittel
 zu bringen. Wenn die Bedeutung jedes Bedürfnisses nach
        <pb n="89" />
        76 Kap. III. Das wirtschaftliche Prinzip in der Tauschwirtschaft.
‚der 'Geldsumme, die für seine Befriedigung geboten wird, bemessen
wird, müssen die Preise der Produktionsmittel einheitlich sein, d. h. es
muß für ein gleichförmiges Produktionsmittel in allen seinen Verwendungen
 ein und derselbe Preis bezahlt werden. Eine solche Preisbildung
 bewirkt, daß jedes Bedürfnis, das den Preis zahlt, befriedigt
wird, jedes andere Bedürfnis dagegen unbefriedigt gelassen wird, und
daß also jedes Produktionsmittel nach.dem festgestellten Maßstab die
„wirtschaftlichste‘“‘ Verwendung findet.
Wenn z. B. Kupfer sowohl für Kochgeschirr wie für die elektrische
Industrie gebraucht wird, erfordert die wirtschaftlichste Verwendung
der zur Verfügung stehenden Kupfervorräte, daß der Kupferschmied
denselben Preis für Kupfer bezahlt wie die Elektrizitätsindustrie. Würde
Kupfer dem einen Produktionszweig billiger verkauft werden als dem
anderen, wäre dies offenbar damit gleichbedeutend, daß ein Teil des
Kupfers für weniger wichtige Zwecke verwendet werden würde als
möglich gewesen wäre. Dasselbe gilt ganz allgemein von der menschlichen
 Arbeitskraft. Das wirtschaftliche Prinzip erfordert, daß jede
Arbeitskraft da verwendet wird, wo sie den höchsten Lohn bezieht.
Diese Forderung ist erfüllt, wenn für jede Arbeitskraft bestimmter
Art und Qualität nur ein Preis besteht, wenn also solche Arbeitskräfte in
allen verschiedenen Produktionszweigen, wo sie beschäftigt werden,
denselben Lohn erhalten.
Auf Produktionsmittel, die im Überfluß vorhanden sind, braucht
kein Preis gesetzt zu werden, denn mit Bezug auf diese ist überhaupt
keine Beschränkung der Nachfrage nötig. Für die übrigen Produktionsmittel
 müssen dagegen Preise je nach ihrer relativen Knappheit
berechnet werden, damit die effektive Nachfrage eines jeden derselben,
d. h. diejenige Nachfrage, die den Preis zu zahlen bereit ist, hinreichend
klein wird, eben durch die zur Verfügung stehende Menge des betreffenden
 Produktionsmittels gedeckt werden kann. Die Wirtschaftlichkeit
 erfordert also auch für die Produktionsmittel eine Preisbildung
nach dem Prinzip der Knappheit.
Der Prozeß der Preisbildung in der Tauschwirtschaft umfaßt also
gleichzeitig sowohl die elementaren Produktionsmittel wie auch die für
die Konsumtion fertigen Produkte, dazu natürlich auch alle Güter auf
den zwischenliegenden Stadien des Produktionsprozesses. Der so bezeichnete
 allgemeine Preisbildungsprozeß wird durch die für ihn geltenden
 Bedingungen bestimmt, wodurch dann auch alle die genannten
Preise, und zwar auf einmal, bestimmt werden. Die sozialökonomische
Aufgabe dieses allgemeinen Preisbildungsprozesses ist, kurz ausgedrückt,
 die Verwirklichung des allgemeinen wirtschaftlichen Prinzips
in der Tauschwirtschaft. Diese Aufgabe löst der Preisbildungsprozeß,
indem er gleichzeitig die nötige Regulierung der Nachfrage unter Ausschließung
 der weniger wichtigen Bedürfnisse und die richtige Leitung
        <pb n="90" />
        8 12. Die Regulierung der Produktion. Prinzip der Knappheit. 77
der Produktion unter vollständiger und wirtschaftlichster Anwendung
aller vorhandenen Produktionsmittel durchführt. Dieser vollständige
Preisbildungsprozeß umfaßt somit auch die im vorigen Paragraphen
behandelte Preisbildung für fertige Güter, die die Aufgabe hatte, die
Nachfrage in Übereinstimmung mit den zur Verfügung stehenden
Mengen dieser Güter zu regulieren.
Sobald eine Preisbildung für die Produktionsmittel durchgeführt
ist, wird man für jedes fertige Produkt einen Preis berechnen, der dem
Gesamtpreis aller für seine Herstellung in Anspruch genommenen
Produktionsmittel entspricht. Wir setzen in diesem Paragraphen voraus,
daß diese Menge von Produktionsmitteln bestimmt ist, so daß der genannte
 Gesamtpreis eindeutig berechnet werden kann. Wir nennen
diesen Preis die Kosten des fertigen Produkts. Die Kosten in diesem
Sinne stellen wesentlich einen tauschwirtschaftlichen Begriff dar und
werden erst durch die Preisbildung der Tauschwirtschaft bestimmt. Das
Wort ‚Kosten‘ wird auch benutzt, um die Realproduktionskosten,
also die Gesamtheit der erforderlichen Produktionsmittelquantitäten
zu bezeichnen. Dieser Begriff läßt sich aber nicht arithmetisch definieren
 und schließt also einen arithmetischen Vergleich zwischen verschiedenen
 ‚„Kosten‘‘ aus.
Es ist notwendig, auf den Unterschied hinzuweisen, der zwischen
dem hier definierten Kostenbegriff und dem Kostenbegriff, wie er wohl
in der ökonomischen Theorie vorherrscht und besonders klar in der
Darstellung Marshalls hervortritt, besteht!). In Marshalls Auffassung
 repräsentieren „Kosten‘‘ wesentlich eine persönliche Leistung,
eine Anstrengung, eine Aufopferung, welche kompensiert werden muß,
damit sie dargeboten werden soll. Hier dagegen wird der Begriff der
Kosten rein objektiv als ein Ergebnis des Preisbildungsprozesses aufgefaßt.
 Für diesen Kostenbegriff ist nur die Knappheit der betreffenden
Produktionsmittel eine wesentliche Voraussetzung. Der Preis braucht
nur auf dieser Knappheit zu beruhen, ist keineswegs notwendig als eine
Bedingung des Angebots des betreffenden Produktionsmittels aufzufassen.
 Wir werden finden, daß dieser Unterschied von durchgreifender
Bedeutung ist für die Behandlung der Preisbildung der verschiedenen
Hauptgruppen von Produktionsmitteln und somit für die ganze theoretische
 Ökonomie (vgl. 8 19).
Vom Gesichtspunkt einer Einzelwirtschaft oder eines speziellen
Produktionszweiges müssen die Produktionskosten eines Gutes ganz
natürlich als gegeben erscheinen. Denn die Ansprüche, die von dieser
speziellen Stelle auf die Produktionsmittel gestellt werden, sind meistens
verschwindend klein im Verhältnis zur Gesamtnachfrage der Tauschl)
 Marshall, Principles, V, IH, 2.
        <pb n="91" />
        wirtschaft nach denselben Produktionsmitteln, und die Preise der Prouktionsmittel
 müssen deshalb im wesentlichen von äußeren Faktoren
estimmt sein. Dies hat dazu geführt, daß man zuweilen die Produktionskosten
 als den Bestimmungsgrund des Produktpreises aufgestellt
at. Diese Auffassung ist natürlich sozialökonomisch unhaltbar, da die
roduktionskosten keine selbständige Existenz haben, sondern von den
reisen der Produktionsmittel bestimmt werden und diese Preise, ebensowohl
 wie die Preise der fertigen Produkte, als Mittel zur Regulierung
er Produktion und der Nachfrage durch den großen einheitlichen Preisildungsprozeß
 festgestellt werden. Auch die entgegengesetzte Auffassung,
 daß die Preise der Produktionsmittel durch die Preise der
ertigen Produkte, in letzter Linie durch die Schätzung dieser seitens
er Nachfrage bestimmt werden, hat Anhänger gefunden. Die ganze
neuere sogenannte subjektive Wertlehre ist ja im wesentlichen ein
usdruck dieser Auffassung. Gegenüber allen solchen Anschauungen
muß geltend gemacht werden, daß im allgemeinen Preisbildungsprozeß
überhaupt keine Rangordnung zwischen den verschiedenen Preisen
in dem Sinne besteht, daß einige die Bestimmungsgründe der anderen
sind.
Der hier geschilderte Preisbildungsprozeß hat die Bedeutung, daß
jedes fertige Gut einen Preis bekommt, der seinen Produktionskosten
ntspricht oder allgemeiner, daß jede Nachfrage die vollen Kosten ihrer
efriedigung tragen soll. Wir können diesen Satz als das „Kostenrinzip‘‘
 bezeichnen. Der angegebenen Natur der Kosten gemäß
ist das Kostenprinzip lediglich als eine Folge des allgemeinen wirtschaftichen
 Prinzips zu betrachten, stellt den Ausdruck des wirtschaftlichen
rinzips für die Regulierung der produzierenden Tauschwirtschaft durch
ie Preisbildung dar. Das Kostenprinzip hat also dieselbe Notwendigeit
 wie diese Preisbildung, liegt in demselben Sinne, wie dies von
jeser Preisbildung gesagt werden kann, im Wesen der Tauschwirtschaft.
 )
Der absolute Gegensatz zum Kostenprinzip ist das „Gratisprinzip“‘,
wonach wirtschaftliche Güter den Konsumenten ohne spezielles Entelt
 dargeboten werden. Das Gratisprinzip erfordert offenbar eine
utoritative Regulierung sowohl der Konsumtion wie auch der Produktion
 und führt demnach in seinen strengen Konsequenzen zu derjenigen
 Wirtschaftsform, die wir als Kommunismus bezeichnet haben.
Indessen gibt es natürlich auch, ehe man zum CGratisprinzip gelangt,
leine Abweichungen vom Kostenprinzip, darin bestehend, daß gewisse
üter unter ihrem Kostenpreis abgegeben werden oder eine Nachfrage
efriedigt wird, ohne daß sie die vollen Kosten ihrer Befriedigung trägt.
olche Abweichungen kommen in _der bestehenden Tauschwirtschaft
jemlich häufig vor, werden aber allgemein eben als Abweichungen
om Normalen betrachtet, meistens auch als Ausschläge einer fehler-
        <pb n="92" />
        $&amp;amp; 12. Die Regulierung der Produktion. Prinzip der Knappheit. 79
haften Politik oder einer mangelhaften Organisation unserer Volkswirtschaft
 verurteilt oder als höchstens bis auf weiteres zu duldende
Nothilfsmaßnahmen aufgefaßt.
Diese Darstellung genügt wohl, um einen ersten Überblick über
die Natur des Preisbildungsprozesses zu geben. In Wirklichkeit ist
aber der Zusammenhang nicht ganz so einfach. Die Produktionsmittel,
die heute vorhanden sind und nachgefragt werden, dienen nämlich
meistens nicht der heutigen Bedürfnisbefriedigung, sondern einer künftigen.
 Der Zusammenhang zwischen den Preisen der heute fertigen
Güter und den Preisen der heutigen Produktionsmittel ist also kein
direkter, beruht überhaupt nur auf der Bedingung, die wir an unsere
Tauschwirtschaft stellen, daß sie sich im Gleichgewicht befinden soll,
daß also sämtliche Preise, solange dieses Gleichgewicht aufrechterhalten
wird, unverändert bestehen bleiben, und daß folglich besonders für
die fertigen Güter die künftigen Preise mit den heutigen übereinstimmen.

Die Analyse des vorliegenden Problems muß aber immer eine solche
Gleichgewichtslage zu ihrem Gegenstand machen. Denn die allgemeine
Theorie der Preisbildung kann doch nichts anderes sein als eine Feststellung
 der Bedingungen, welche notwendig sind, damit die in einem
gegebenen Augenblick bestehenden Preise unverändert bleiben. Eine
solche Gleichgewichtslage ist aber denkbar sowohl in der stationären
wie in der gleichmäßig fortschreitenden Wirtschaft. Der erste Fall
ist natürlich bei weitem der einfachere; aber auch der zweite muß mit
in Betracht gezogen werden, wenn wir über die Preisbildung in einer
Wirtschaft ‚mit Kapitalbildung Klarheit gewinnen wollen.
In der stationären Wirtschaft bleibt die Nachfrage unverändert und
wird auch immer in demselben Grade durch die konstanten Preise der
fertigen Güter begrenzt. Es mag dann bei einem ersten Überblick
über das Preisbildungsproblem berechtigt sein, von der Nachfrage nach
fertigen Gütern als einer indirekten Nachfrage nach Produktionsmitteln
zu sprechen, ohne dabei die zeitliche Bestimmung dieser Nachfrage
näher zu charakterisieren. Will man aber genau sein, muß man die
stationäre Tauschwirtschaft als einen fortdauernden Prozeß betrachten
und die Bedingungen für die Unveränderlichkeit dieses Prozesses feststellen.
 Da finden wir, daß ein stetiger Strom von elementaren Produktionsmitteln
 der Produktion zugeführt wird, und daß anderseits mit
Hilfe derselben die Produktion einen stetigen Strom von fertigen
Gütern an die Konsumenten abliefert, und daß dieser ganze Prozeß im
Umfang konstant bleibt. Auf die elementaren Produktionsmittel werden
gleichförmige Preise gesetzt. Diese Preise bleiben unverändert. Auf
Grund derselben werden die Preise der fertigen Güter berechnet. Diese
Preise, welche auch konstant bleiben, bestimmen die Nachfrage nach
        <pb n="93" />
        80 Kap. III. Das wirtschaftliche Prinzip in der Tauschwirtschaft.
fertigen Gütern, und diese Nachfrage bleibt dann ebenfalls unverändert.
Die fortdauernde Produktion dieser Güter erfordert eine stetige Zufuhr
von elementaren Produktionsmitteln in bestimmten Mengen, welche
mit den tatsächlich zur Verfügung stehenden übereinstimmen müssen.
Diese Bedingungen genügen, um die Preise sowohl der Produktionsmittel
 wie der fertigen Güter zu bestimmen.
Da die Vergangenheit für die Wirtschaft prinzipiell ohıne-Bedeutung
ist, muß diese Analyse eigentlich mit der Jetztzeit beginnen. Wir haben
dann im gegenwärtigen Augenblick einen Querschnitt durch die Tauschwirtschaft
 zu legen. Dieser Querschnitt zeigt das Vorhandensein einer
gewissen Menge von Realkapital, welches, da seine Entstehung nicht
weiter zu analysieren ist, den elementaren Produktionsmitteln gleichgestellt
 werden muß. Wenn aber dieses Realkapital unterhalten wird,
oder wenn neues Realkapital zum Ersatz desselben’ produziert wird,
müssen bei Gleichgewicht die Preise des jetzt vorhandenen Realkapitals
mit den Preisen des im folgenden Produktionsprozeß entstehenden übereinstimmen.
 Insofern wird also die Preisbildung auf die Preise der
immer neu zuströmenden elementaren Produktionsmittel zurückgeführt.
Nur die heute vorhandenen Realkapitalien, die ewig dauern, sind deshalb
vom Gesichtspunkte der Preisbildung als selbständige elementare Produktionsmittel
 zu betrachten. Sie sind aber dem Grund und Boden
gleichzustellen.
In der gleichmäßig fortschreitenden Wirtschaft befinden sich sowohl
die Zufuhr von elementaren Produktionsmitteln wie auch die Ablieferung
 von fertigen Gütern in einem stetigen Anwachsen. Die künftige
Nachfrage ist da eine andere als die gegenwärtige, und diese Tatsache
kann bei der Darstellung des Zusammenhangs der Preisbildung nicht
übersehen werden. Für die Lösung des Problems hat man die Bedingungen
 des Gleichgewichts der gleichmäßig fortschreitenden Wirtschaft
 bei konstanten Preisen aufzustellen. Formell sind diese Bedingungen
 dieselben wie die eben für die stationäre Wirtschaft angegebenen.
 Die Preise werden also auch in diesem Falle dadurch bestimmt,
 daß die Nachfrage nach fertigen Gütern soviel beschränkt
werden muß, daß sie mit Hilfe der zur Verfügung stehenden Produktionsmitteln
 befriedigt werden kann. Aber die Versorgung der Nachfrage
 mit fertigen Gütern geschieht hier in einem gleichmäßig wachsenden
 Umfang, und die Zufuhr von Produktionsmitteln steigt in demselben
 Tempo. Die in der gegenwärtigen Einheitsperiode zur Verfügung
 stehenden Produktionsmittel müssen ausreichen für die Ansprüche,
 welche eine stetig wachsende Nachfrage von fertigen Gütern
an die Produktionsmittel dieser Periode stellt. Die Nachfrage, welche
da in Betracht kommt, gehört einer ganzen Reihe von Einheitsperioden
von der Gegenwart bis weit in die Zukunft. Die Preise der Produktionsmittel
 müssen so hoch gesetzt werden, daß die auf Grund derselben
        <pb n="94" />
        $ 12. Die Regulierung der Produktion. -Prinzip der Knappheit. 81
berechneten Preise der fertigen Güter diese stetig wachsende Nachfrage
 hinreichend beschränken.
Da sich der Preisbildungsprozeß auch auf die Produktionsmittel
erstreckt und also für jedes Produktionsmittel, das in Knappheit vorhanden
 ist, ein Preis bezahlt wird, wird dieser Preis dem Besitzer des
Produktionsmittels zufließen und für ihn ein Element in der Bildung
seines Einkommens darstellen. Welche diese Besitzer sind, hängt von
der Organisation der Gesellschaft, besonders von der relativen Ausdehnung
 des Privateigentums und des Kollektiveigentums ab, ist aber
für unsere Auffassung des Wesens der Einkommensbildung ohne prinzipielle
 Bedeutung. Ein Produktionsmittel gehört jedoch, wie schon
hervorgehoben ($ 7), in der Tauschwirtschaft notwendig der einzelnen
wirtschaftenden Person, nämlich die persönliche Arbeitskraft. Erst
durch die Verfügung des einzelnen über seine Arbeitskraft wird die
Einzelwirtschaft die selbständige wirtschaftliche Einheit, deren Existenz
innerhalb der Gesamtwirtschaft eben die Tauschwirtschaft charakterisiert.
 Innerhalb der Tauschwirtschaft beziehen also die Einzelwirtschaften
 immer selbständige Einkommen, mögen diese nun lediglich aus
Arbeit oder daneben auch aus dem Besitz anderer Produktionsmittel
fließen, und diese Einkommen sind bestimmt, sobald die Preise der
Produktionsmittel bestimmt sind. Wenn einige Produktionsmittel Kollektiveigentum
 sind, ziehen die betreffenden Kollektivorganisationen
ebenfalls ein Einkommen daraus; sie sind aber, wie oben (8 10) bemerkt,
 bei der Betrachtung der Gesamtwirtschaft den privaten Einzelwirtschaften
 gleichzustellen.
Der Begriff des Einkommens wird durch diese Betrachtungen
gewissermaßen verändert. Ursprünglich haben wir das Einkommen
als die Menge von fertigen Gütern, die in der Einheitsperiode den
einzelnen zufließt, eventuell mit Zuschlag der Vermehrung des Realkapitals,
 aufgefaßt; dann haben wir das Einkommen in geldwirtschaftlichem
 Sinne als den Geldwert ‘dieses Realeinkommens definiert. Jetzt
wird dieses Einkommen auf seine Quellen zurückgeführt und als die
Geldsumme aufgefaßt,/ welche die Einzelwirtschaft für die von ihr
während der Einheitsperiode gelieferten Produktionsmittel bekommt.
Dieses Geldeinkommen wird teils „verbraucht“, teils „ erspart‘, dich:
es wird benutzt direkt oder indirekt, durch Überführung an andere
Wirtschaften, teils zum Kauf von fertigen Gütern, die in die Konsumtion
übergehen, teils zum Kauf von Gütern, die eine Vermehrung des Realkapitals
 der Tauschwirtschaft repräsentieren. Die Summe der so aufgefaßten
 Einkommen der Einzelwirtschaften kann als Gesamteinkommen
 der Tauschwirtschaft betrachtet werden. Dieses Einkommen
kauft die Gesamtheit der fertigen Güter, die in der Periode aus dem
Produktionsprozeß hervorgehen, sowie auch die ganze Vermehrung,
Cassel, Theoret, Sozialökonomie, 4. Aufl.

9
        <pb n="95" />
        82 Kap. III. Das wirtschaftliche Prinzip in der Tauschwirtschaft.
des Realkapitals während der Periode und dient dadurch schließlich
zur vollständigen Bezahlung der Mitwirkung der Produktionsmittel in
der betrachteten Periode. Es geht hieraus hervor, daß unser Begriff
des Einkommens tatsächlich ein einheitlicher ist, wenn er auch von verschiedenen
 Gesichtspunkten ein verschiedenes Aussehen zeigt. Dieser
ganze Prozeß der Einkommensbildung fällt vollständig innerhalb des
allgemeinen Preisbildungsprozesses und wird von diesem bestimmt. Die
Preisbildung umfaßt damit auch den Prozeß, den man als die „Verteilung‘
 zu bezeichnen pflegt, und der einfach als die reale Einkommensbildung
 beschrieben werden kann. Daß aber diese Einkommensbildung
auch andere Momente enthält, die außerhalb des Preisbildungsprozesses
fallen, wird in $ 20 gezeigt.
Das Einkommen jeder Einzelwirtschaft wird, wie gesagt, im allgemeinen
 zum Teil gespart, zum Teil verbraucht. Zuweilen verbraucht
der einzelne etwas mehr als sein Einkommen, was dadurch ermöglicht
wird, daß das ersparte Einkommen anderer Wirtschaften ihm z. B.
leihweise zur Verfügung gestellt wird. Das in jedem einzelnen Falle
für den Verbrauch bestimmte Einkommen repräsentiert ‚die Geldsumme,
 die jede Einzelwirtschaft für ihre Bedürfnisbeiriedigung in der
betrachteten Periode ausgibt‘ (S. 62), und die wir bisher als gegeben
angenommen haben. Wir finden jetzt, daß diese Geldsumme in Wirklichkeit
 vom Einkommen und damit von den Preisen der Produktionsmittel
 abhängt. Vielleicht wird der einzelne auch in seinem Spargrad
sowohl von der Höhe seines Einkommens wie von den Preisen der
fertigen Güter beeinflußt. Die betreffende Geldsumme ist dann jedenfalls
 bestimmt, sobald die Preise der Produktionsmittel gegeben sind?).
Unsere bisherige Voraussetzung, nach welcher diese Geldsumme
als ein gegebener Faktor des Problems betrachtet wurde, müssen wir
also jetzt fallen lassen. Die hier angegebenen Bedingungen, durch
welche das Preisbildungsproblem bestimmt wird, bleiben aber dabei
unverändert. Denn sie setzen nur voraus, daß die Nachfrage nach
fertigen Gütern bestimmt ist, sobald die Preise der Produktionsmittel
und damit die Preise der fertigen Güter gegeben sind.
In der stationären Tauschwirtschaft, in der im ganzen kein Sparen
vorkommt, wird das von den Preisen der Produktionsmittel bestimmte
Einkommen ausschließlich zum Kauf der in der Einkommensperiode
der Konsumtion überlieferten fertigen Güter verwendet. Der Gesamtwert
 der Produktionsmittel, die ifı der Periode dem Produktionsprozeß
zugeführt worden sind, ist auch gleich dem Gesamtwert der in derselben
 Periode fertiggestellten Güter. Die für den Kauf von fertigen
Gütern in jeder Einheitsperiode bestimmte Geldsumme bleibt in der
stationären Wirtschaft konstant.
1) Über die Bedeutung des Zinsfußes in diesem Zusammenhang siehe 8 26;
        <pb n="96" />
        $ 12. Die Regulierung der Produktion, Prinzip der Knappheit. 83
In der gleichmäßig fortschreitenden Tauschwirtschaft dagegen wird
nur ein Teil, und zwar ein konstanter Bruchteil, des durch die Preise
der Produktionsmittel bestimmten Einkommens zum Kauf der fertigen
Güter verwendet. Dieser Teil ist aber gleich dem Wert der in der
Einkommensperiode produzierten fertigen Güter. Daß der Gesamtwert
 der Produktionsmittel hier größer sein muß als der Gesamtwert
der fertigen Güter, ist ganz natürlich. Denn die Zufuhr von Produktionsmitteln
 in der Periode ist für eine Produktion von fertigen Gütern
berechnet, welche sich von der Gegenwart weit in die Zukunft hinein
erstreckt und welche deshalb in der fortschreitenden Wirtschaft die
gegenwärtige notwendig übersteigt./ Diese Zufuhr von Produktionsmitteln
 wird deshalb bei konstanten Preisen einen höheren Wert repräsentieren
 als die Menge der in derselben Periode fertiggestellten Güter.
Der Rest des durch die Preise der Produktionsmittel bestimmten Einkommens
 dient, wie gesagt, zur Bezahlung der Vermehrung des Realkapitals.
 Die Geldsumme, welche in der Einheitsperiode zum Kauf von
fertigen Gütern dient, wächst gleichmäßig, und zwar mit demselben
Prozentsatz, der den Fortschritt der Tauschwirtschaft überhaupt charakterisiert.
 Dasselbe gilt natürlich auch von der Geldsumme, welche die
Vermehrung des Realkapitals kauft. Wenn die Voraussetzungen, welche
das Sparen bestimmen, gegeben sind, ist auch der Prozentsatz des
Fortschritts und damit die ganze Gleichgewichtslage der gleichmäßig
fortschreitenden Wirtschaft bestimmt. Die nähere Diskussion dieser
Seite des Problems kann aber erst in 8 26 aufgenommen werden.
In vorstehendem haben wir die ganze Preisbildung und also speziell
auch die Einkommensbildung unter der vorläufigen Voraussetzung
hergeleitet, daß der in Geld ausgedrückte Gesamtumfang jeder individuellen
 Nachfrage gegeben ist. In diesem Verfahren liegt nicht, wie
man vielleicht zu glauben geneigt wäre, ein logischer Fehler. Im wirklichen
 Wirtschaftsleben hängen eben alle die unbekannten Faktoren
des Preisbildungsprozesses voneinander gegenseitig ab und werden
erst durch die Lösung des Preisbildungsproblems, und zwar dann
gleichzeitig bestimmt. Die Nachfrage und das Einkommen der Einzelwirtschaften
 sind notwendig von den Preisen der Produktionsmittel
abhängig und können also erst im Zusammenhang mit diesen durch
den großen einheitlichen Preisbildungsprozeß bestimmt werden. Dies
hindert natürlich nicht, daß man sich vorläufig die Preise der Produktionsmittel
 und somit auch das Einkommen und die in Geld ausgedrückte
 Gesamtnachfrage des einzelnen als gegeben vorstellen und
untersuchen kann, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit
bei dieser Preislage die Nachfrage nach fertigen Gütern durch die
Produktion gedeckt wird.
Ein solcher Weg ist durch die Natur der Dinge allen unseren Untersuchungen
 über den allgemeinen Preisbildungsprozeß vorgeschrieben.

6i*
        <pb n="97" />
        84 Kap. III. Das wirtschaftliche Prinzip in der Tauschwirtschaft.
Der Ursachenzusammenhang zwischen den verschiedenen Variablen des
Preisbildungsprozesses ist nicht der einseitige, nach einer bestimmten
Richtung wirkende, in welchem ein Glied immer das nachfolgende
im Verhältnis zu einem vorausgehenden ist und von diesem vorausgehenden
 bestimmt wird, sondern ist vielmehr die geschlossene Ursachenkette,
 in welcher jedes Glied von allen anderen abhängt, und die
ebensowohl in der einen wie in der anderen Richtung verfolgt werden
kann. Die ökonomische Wissenschaft hat sehr viel nutzlose Mühe in
Streitigkeiten darüber verloren, ob die eine oder andere Gruppe von
Unbekannten im Preisbildungsproblem als Ursache oder Wirkung zu
betrachten wäre. Es ist an der Zeit, alle solche Auseinandersetzungen
aus unserer Wissenschaft auszuscheiden.
Einen vollständigeren und tieferen Einblick in die Natur des Ursachenzusammenhangs,
 den wir jetzt charakterisiert haben, werden wir
durch das Studium des allgemeinen Mechanismus des Preisbildungsprozesses
 im folgenden Kapitel gewinnen.
$ 13. Supplementäre Prinzipien der Preisbildung,
Der Preisbildungsprozeß zeigt in der Wirklichkeit eine Reihe von
Komplikationen, die wir bis jetzt außer acht gelassen haben. Wir sind
nämlich von der Voraussetzung ausgegangen, daß die Produktionskosten
eines Gutes immer bestimmt sind, sobald die Preise der Produktionsmittel
 gegeben sind. Von dieser Voraussetzung weicht die Wirklichkeit
aus verschiedenen Gründen ab. Es gibt in der Tat sehr allgemeine Fälle,
wo die Produktionskosten in der einen oder anderen Hinsicht unbestimmt
sind. In solchen Fällen ist offenbar auch das Problem der Preisbildung
in einem gewissen Grade unbestimmt, kann erst völlig bestimmt werden,
wenn gewisse neue Bedingungen für die Preisbildung aufgestellt werden.
Dies bedeutet, daß das Prinzip der Knappheit nicht allein ausreicht,
um die Preisbildung zu bestimmen, sondern durch gewisse supplementäre
 Prinzipien, welche neue Bedingungen der Preisbildung darstellen
und die Unbestimmtheit des Problems aufheben, ergänzt werden muß.
Wir werden finden, daß diese supplementären Prinzipien wieder‘ nur
Folgeerscheinungen des allgemeinen wirtschaftlichen Prinzips sind, die
im wirklichen Wirtschaftsleben wenigstens als normale Regeln der
Preisbildung gelten.
Erstens kann ein und dasselbe Produkt in verschiedenen Betrieben
unter mehr oder weniger günstigen Produktionsverhältnissen hergestellt
werden. Für die Bedürfnisbefriedigung sind dann natürlich die Betriebe
 mit den günstigsten Produktionsverhältnissen auszuwählen. Es
ist aber möglich, daß die Nachfrage erst dann befriedigt werden kann,
        <pb n="98" />
        8 13. Supplementäre Prinzipien der Preisbildung. 7
wenn die Produktion eine Reihe von Betrieben mit verschiedenen Produktionsverhältnissen
 umfaßt. In diesem Falle wird ein und dasselbe
Produkt tatsächlich in verschiedenen voneinander unabhängigen Betrieben
 zu verschiedenen Produktionskosten produziert, während es
als einheitliches Produkt einen einheitlichen Preis haben muß. Zu
welchem Preis soll dann das Produkt verkauft werden? Das allgemeine
wirtschaftliche Prinzip erfordert offenbar, daß das Produkt einen Preis
erhält, der dem höchsten der genannten Produktionskosten entspricht.
Denn sonst würden im Betrieb mit den höchsten Produktionskosten
Produktionsmittel zur Befriedigung einer Nachfrage verwendet werden,
die ihren vollen Preis nicht bezahlte, was offenbar nach der für die
Tauschwirtschaft eigentümlichen Art der Klassifizierung der Bedürfnisse
damit gleichbedeutend wäre, daß ein weniger wichtiges Bedürfnis vor
einem wichtigeren befriedigt würde. Würde der Preis des Produkts
die Produktionskosten des genannten Betriebs nicht bezahlen, so wäre
dieser Betrieb besser auszuschließen und niederzulegen, was, da es sich
hier um selbständige Betriebe handelt, unabhängig von den übrigen
Betrieben geschehen könnte. Folglich muß nach dem allgemeinen wirtschaftlichen
 Prinzip für jedes Produkt ein Preis berechnet werden,
welcher die Produktionskosten desjenigen Betriebes deckt, der unter
den zur Deckung der Nachfrage noch in Anspruch zu nehmenden Betrieben
 die höchsten Produktionskosten hat. Dieses Prinzip ist das
erste supplementäre Prinzip der Preisbildung. Wir wollen es als das
„Differentialprinzip“‘ bezeichnen.
Der Name erklärt sich folgendermaßen. Die übrigen Betriebe,
welche niedrigere Produktionskosten haben, erhalten für ihr Produkt
einen Preis, der ihre Produktionskosten mehr oder weniger übersteigt.
Es entsteht also in jedem solchen Betrieb ein Überschuß über die Produktionskosten,
 der einen Differentialgewinn dieses Betriebs darstellt.
 Wem dieser Gewinn zufällt, ist eine Frage für sich, die von der
Organisation der Gesellschaft abhängt, und auf welche wir in den
beiden folgenden Paragraphen zurückkommen. Daß aber solche Differentialgewinne
 eine allgemeine Notwendigkeit der Tauschwirtschaft
darstellen, steht außer Zweifel. Wir können diese Notwendigkeit als
eine besondere Seite des eben formulierten Prinzips der Preisbildung
auffassen. Der Name „Differentialprinzip‘“ stellt dieses Prinzip sozusagen
 vom Gesichtspunkt der Preisbildung für die Produktionsmittel dar.
Die große praktische Bedeutung dieses Prinzips wird im folgenden
mehrfach zutage treten. Eine Verschiedenheit der Produktionskosten
verschiedener Betriebe wird vor allem von der Natur durch die verschiedenen
 Bedingungen, die sie der Produktion auf verschiedenen
Plätzen darbietet, veranlaßt. In erster Linie kommt dabei die wechselnde
 Fruchtbarkeit des Bodens in Betracht. Da der große Bedarf an
Bodenprodukten eine sehr ausgedehnte Kultivierung von Boden ver-SE
        <pb n="99" />
        86 Kap. III. Das wirtschaftliche Prinzip in der Tauschwirtschaft.
schiedener Qualität erfordert, kommt das Differentialprinzip hier sehr
allgemein zur Geltung. Welche Bedeutung dieses Prinzip für die Bestimmung
 der Bodenrente hat, werden wir später (Kap. VII) kennen
lernen. Zweitens verursachen die verschiedenen Verkehrs- und besonders
 Transportbedingungen große Verschiedenheiten der Produktionskosten,
 wenn wir dieses Wort, wie wir es hier immer tun, so weit fassen,
daß es die Kosten der. Überführung der Produkte an die Konsumenten
mit umfaßt. Für die Milchversorgung einer Großstadt wird z. B. eine
Menge landwirtschaftlicher Betriebe mit verschiedenen Transportkosten
in Anspruch genommen. Die Stadt muß nach dem Differentialprinzip
einen Milchpreis zahlen, der den höchsten noch für die Versorgung der
Nachfrage nötigen Kosten entspricht, wobei die günstiger gelegenen Betriebe
 einen Differentialgewinn machen. Auch solche Verhältnisse werden
wir in Untersuchungen über die Bodenrente zu berücksichtigen haben,
Drittens werden Unterschiede der Produktionskosten in großem Umfang
 durch persönliche Verschiedenheiten in der Leitung und Organisation
 eines Betriebes verursacht. Eine vierte und sehr wichtige Ursache
 für Verschiedenheiten der Produktionskosten ist der verschiedene
Umfang des Betriebs. Sehr oft hat der Großbetrieb aus verschiedenen
Gründen eine Überlegenheit über-den Kleinbetrieb, indem er im Verhältnis
 zum Umfang der Produktion mit kleineren Kosten arbeitet.
Welche Bedeutung solche Verschiedenheiten, wie die in den beiden
letzten Fällen berührten, für die Bestimmung des Unternehmergewinns
haben, werden wir ($ 19) näher ‚sehen.
Nachdem wir so die besondere Unbestimmtheit der Produktionskosten,
 die durch das Nebeneinanderbestehen von Betrieben mit verschiedenen
 Produktionskosten veranlaßt wird, behandelt haben, wollen
wir im folgenden voraussetzen, daß die Produktionskosten in sämtlichen
Betrieben dieselben sind, und also nur einen einzigen Betrieb betrachten.
Die Produktionskosten dieses Betriebes können dann zunächst aus
dem Grunde unbestimmt sein, weil sie mit dem Umfang des Betriebes
variieren. Steigen die Produktionskosten mit dem Umfang der Produktion,
 so muß offenbar der Produktpreis, in Analogie mit dem oben
behandelten Fall, die Kosten der letzten Ausdehnung der Produktion
decken. Wir lassen hier diesen Fall beiseite und gehen zu dem entgegengesetzten
 Fall über, wo also die Produktionskosten mit der Erweiterung
 der Produktion abnehmen.
Dies ist im wirklichen Wirtschaftsleben ein sehr gewöhnlicher Fall.
Die sehr allgemeine Überlegenheit des Großbetriebes über den Kleinbetrieb
 ist hauptsächlich ein Ausdruck für die Tatsache, daß die Produktion
 in größerer Skala die Produktionskosten per Einheit des Produkts
 zu vermindern tendiert. Welcher Preis soll nun auf die Produkte
einer Produktion, die unter solchen Bedingungen arbeitet, gesetzt
werden? In gewissem Sinne kann man auch hier sagen, daß zu ver-
        <pb n="100" />
        8 13. Supplementäre Prinzipien der Preisbildung. r
schiedenen Produktionskosten produziert wird: die ersten Produkte
werden zu hohen Kosten, die folgenden zu immer niedrigeren hergestellt.
Das Differentialprinzip kommt aber nicht zur Geltung, weil die Produktion
 mit den höchsten Kosten nicht ausgeschlossen werden kann,
sie liegt sozusagen auf dem Boden, nicht an der Spitze der Produktion.
Man könnte meinen, daß der Preis durch diejenigen Extrakosten, die
durch die letzte Ausdehnung der Produktion um eine Einheit verursacht
wird, bestimmt werden müßte. Dies ist aber nicht möglich, weil die
Gesamtkosten der Produktion durch den nach diesem Einheitspreis berechneten
 Gesamtpreis nicht gedeckt werden würden. Das allgemeine
wirtschaftliche Prinzip erfordert, daß dies geschieht. Dieser Forderung
wird genügt, wenn der Preis des Produkts gleich der Quote zwischen
den Gesamtkosten und dem Gesamtprodukt, also gleich den Durchschnittskosten
 ist, die sich auf die zur Deckung des Bedarfs nötige Produktion
 beziehen. Die Übereinstimmung des Preises mit den Durchschnittskosten
 stellt eine neue Bedingung der Preisbildung dar, eine
Bedingung, die zur Hebung der Unbestimmtheit des Preisbildungsproblems
 für den hier betrachteten Fall erforderlich ist.
Es bleibt aber noch die Frage zu beantworten, wie weit die Produktion
 ausgedehnt werden soll. Erst im Zusammenhang mit der Beantwortung
 dieser Frage kann die Höhe des Preises nach dem angegebenen
 Grunde bestimmt werden. Nimmt man den Preis des Produktes
 als bekannt an, so kann man die Nachfrage bei diesem Preis und
damit den Umfang der Produktion und folglich auch, wenn die Preise
sämtlicher mitwirkenden Produktionsmittel als gegeben angenommen
werden, die Gesamtkosten der Produktion berechnen. Diese Gesamtkosten
 müssen durch den Gesamtpreis, den man durch Multiplikation
des Einheitspreises des Produkts mit der Nachfrage erhält, gedeckt sein.
Durch diese Bedingung wird der Einheitspreis im allgemeinen bestimmt,
d. h. in den Preisen der mitwirkenden Produktionsmittel ausgedrückt,
und somit die Unbestimmtheit der Produktionskosten gehoben. Gleichzeitig
 wird dann der Umfang der Nachfrage und folglich auch der der
Produktion bestimmt.
Wir können also das Prinzip aufstellen, daß für den hier betrachteten
 Fall unbestimmter Produktionskosten der Preis gleich der Quote
zwischen Gesamtkosten und Nachfrage bei diesem Preis sein muß, also
durch eine gleichförmige Verteilung der Gesamtkosten auf die Nachfrage
 bestimmt sein und folglich mit den so berechneten Durchschnittskosten
 übereinstimmen muß. Es geschieht aber nicht selten, daß diese
Bedingung von zwei oder mehreren Preisen erfüllt ist. Dies ist ganz
natürlich, da sinkende Bewegungen des Preises oder der Durchschnittskosten
 Steigerungen der Nachfrage bzw. des Umfangs der Produktion
entsprechen, und also Preis und Durchschnittskosten einander mehrfach
begegnen können. Denkt man sich, daß der Preis einmal gleich den

Si
        <pb n="101" />
        88
Durchschnittskosten ist, und daß beide innerhalb gewisser Grenzen der
achfrage (bzw. dem Umfang der Produktion) umgekehrt proportional
sind, so muß offenbar die Übereinstimmung zwischen Preis und Durch-«
schnittskosten innerhalb der genannten Grenzen fortbestehen und
olglich unsere Forderung, daß der Preis gleich den Durchschnittskosten
sein soll, innerhalb gewisser Grenzen von allen Preisen erfüllt sein. In
allen Fällen, wo also unsere Forderung den Preis nicht eindeutig betimmt,
 muß sie durch eine andere Forderung ergänzt werden. Diese
kann offenbar nur die sein, daß unter allen Preisen, die die erste Forderung
 erfüllen, der kleinste gelten soll. Denn dabei werden die Beürfnisse
 im größtmöglichen Umfang befriedigt.
Wir gelangen in dieser Weise zu unserem zweiten supplemenären
 Prinzip der Preisbildung: wenn bei größerem Absatz billiger Produziert
 werden kann, d. h. wenn die auf die Gesamtproduktion beogenen
 Durchschnittskosten des Produkts bei steigendem Umfang der
roduktion sinken, muß bei Gleichgewicht der Preis des Produkts den
urchschnittlichen Produktionskosten entsprechen; wenn mehrere Preise
diese Bedingung erfüllen, ist der niedrigste dieser Preise zu wählen.
ir wollen dieses Prinzip als „das Prinzip der Preisbildung bei
sinkenden Durchschnittskosten‘‘ bezeichnen.
Die Voraussetzung dieses Prinzips ist, daß die Gesamtkosten der
Produktion langsamer als die Produktion selbst wachsen. Ein Spezialall
 ist, daß die Gesamtkosten innerhalb gewisser Grenzen fest sind,
und somit mit steigendem Umfang der Produktion überhaupt nicht
wachsen. Wenn ein dauerhaftes Gut verschiedener Grade von Ausnutzung
 fähig ist, ohne daß dabei eine erhöhte Abnutzung in Betracht
ezogen zu werden braucht, und somit die Menge der Dienste, die es
wirklich abgibt, von der Inanspruchnahme desselben abhängt, oder wenn
ine persönliche Leistung gleichzeitig von einer unbestimmten Zahl von
ersonen in Anspruch genommen werden kann, und folglich eine von
er Konsumtion abhängige Zahl von Diensten darstellt, sind die Kosten
es einzelnen wirklich in Anspruch genommenen Dienstes unbestimmt,
. h. nicht von den Preisen der bei der Produktion in Anspruch genommenen
 Produktionsmittel bestimmt. Wenn man, wie wir es hier
immer tun, den Produktionsprozeß in dem weiten Sinne auffaßt, daß
r auch die tatsächliche Abgabe von Diensten mit umfaßt, kann man
Iso sagen, daß die Produktionskosten der jetzt betrachteten Dienste
unbestimmt sind. Die Preisbildung für diese Dienste läßt sich dann
icht nach dem Prinzip der Knappheit durchführen, da doch eine Berenzung
 der Nachfrage, jedenfalls in dem Umfange, wie sie tatsächlich
durch die Preisbildung durchgeführt wird, nicht unmittelbar durch die
Knappheit der zur Verfügung stehenden Dienste erfordert wird.
Man kann, wie wir ($ 10) gesehen haben, in gewissen Fällen von
einer speziellen Preisbildung für die betreffenden Dienste Abstand
        <pb n="102" />
        $ 13. Supplementäre Prinzipien der Preisbildung. '
nehmen und die Kosten derselben nach den Regeln der kollektiven Bedürfnisbefriedigung
 decken. Dieser Weg ist jedoch durchaus nicht
immer möglich, besonders dann nicht, wenn die betreffenden Dienste
mitten im Produktionsprozeß stehen, einer weiteren Produktion dienen,
und folglich eine Preisbildung für dieselben ein Glied des gesamten
Preisbildungsprozesses darstellt. Tatsächlich hat auch das Problem
der Preisbildung für Dienste der hier betrachteten Art im wirklichen
Wirtschaftsleben eine sehr ausgedehnte Bedeutung.
Von der Art der Schwierigkeiten, die hier obwalten, gewinnt man
am leichtesten eine richtige Vorstellung, wenn man ein konkretes Beispiel
 betrachtet. Nehmen wir also an, eine Straßenbahngesellschaft hat
auf einem bestimmten Netz von Linien den Verkehr nach einem amtlich
festgestellten Fahrplan aufrechtzuerhalten. Die Kosten hierfür nehmen
wir als gegeben an. Damit sind aber nicht die Kosten der tatsächlichen
Beförderung des einzelnen Reisenden oder die Kosten des tatsächlich
geleisteten Personenkilometers bestimmt. Denn diese Kosten hängen
von der Verkehrsdichtigkeit ab, berechnen sich im Durchschnitt durch
Division der Gesamtkosten mit der Zahl der geleisteten Personenkilometer.
 Eine objektive, d. h. ausschließlich auf den Preisen der mitwirkenden
 Produktionsmittel fußende Berechnung der Produktionskosten
 des Personenkilometers ist also unmöglich. Wollte man nun,
wie es nicht selten versucht wird, die „wirklichen Kosten‘ und somit
den „richtigen Preis‘‘ des Personenkilometers nach den bei einem gewissen
 bestehenden Tarif erzielten Durchschnittskosten berechnen,
könnte man leicht zu sehr bedenklichen Schlußfolgerungen gelangen.
Es könnte sich nämlich vielleicht ergeben, daß die Kosten des Personenkilometers
 den tatsächlich bestehenden Preis überstiegen, und man
könnte dann geneigt sein, daraus den Schluß zu ziehen, daß der Preis
erhöht werden müßte. Eine solche Erhöhung würde aber wahrscheinlich
 den Verkehr beträchtlich vermindern und somit die Kosten des
Personenkilometers steigern, wonach man vielleicht zu einer abermaligen
 Preissteigerung mit demselben Ergebnis schreiten würde.
Die richtige Lösung des Problems liegt, wie aus unserer Behandlung
 des allgemeinen Falls hervorgeht, zwar in der Aufstellung einer
Gleichung zwischen Preis und durchschnittlichen Produktionskosten.
Nur darf man dabei die Durchschnittskosten nicht als einen gegebenen
Faktor des Problems auffassen. Sie sind immer von der Nachfrage abhängig,
 und diese Nachfrage wird im allgemeinen selbst vom Preis beeinflußt.
 Wenn die Gleichung überhaupt erfüllt werden kann — dies
ist im praktischen Leben durchaus nicht immer sicher — bestimmt sie
den richtigen Preis als Funktion der Preise der mitwirkenden Produktionsmittel,
 d. h. sie erlaubt uns den Preis, den wir für den hier betrachteten
 Fall als Produktionskosten anzunehmen haben, aus den
Preisen der Produktionsmittel zu berechnen, wodurch normale Bedin-8$
        <pb n="103" />
        90 Kap. III. Das wirtschaftliche Prinzip in der Tauschwirtschaft,
gungen des Preisbildungsproblems hergestellt sind. Zu dieser Forderung,
 daß der Preis mit den durchschnittlichen Produktionskosten übereinstimmen
 soll, muß man, wie gezeigt, die zweite Forderung hinzufügen,
 daß der niedrigste Preis, der diese Forderung erfüllt, gewählt
werden soll. Für den hier betrachteten Spezialfall erhält also unser
zweites supplementäres Prinzip der Preisbildung folgende Form: wenn
die Kosten einer Veranstaltung fest sind, und also die Veranstaltung
innerhalb gewisser Grenzen beliebig ausgenutzt werden kann, ohne daß
dadurch die Kosten vermehrt werden, ist der Preis des einzelnen
Dienstes nach dem niedrigsten Betrag zu berechnen, der einen den
festen Gesamtkosten entsprechenden Gesamtertrag ergibt. Wir wollen
dieses Prinzip, das wohl kein selbständiges Prinzip, sondern nur einen
Spezialfall unseres zweiten supplementären Prinzips darstellt als das
Prinzip der Preisbildung bei festen Gesamtkosten bezeichnen.
Wie man findet, enthält dieses Prinzip zwei Forderungen, eine
allgemeinere und eine speziellere. Nach der allgemeinen Forderung sollen
die festen Gesamtkosten auf die wirklich in Anspruch genommenen
Dienste gleichmäßig verteilt werden, d. h., der Preis des einzelnen
Dienstes soll als die Quote zwischen den Gesamtkosten und dem Umfang
 der in Anspruch genommenen Dienste berechnet werden. In den
Fällen, wo dieser Umfang der Dienste als gegeben betrachtet werden
kann, ist also der Preis des einzelnen Dienstes durch die allgemeine
Forderung bestimmt. Dies kommt in der Tat innerhalb der produktiven
Betriebe nicht selten vor. Die täglichen Kosten einer Rotationspresse
einer großen Zeitung müssen z. B. auf die Zahl der täglich gedruckten
Zeitungen verteilt werden. Diese Zahl kann von unserem gegenwärtigen
Gesichtspunkt als gegeben betrachtet werden, d. h. sie beruht nicht
auf den Druckkosten pro Exemplar, da eine Veränderung derselben
kaum eine Veränderung des Preises der Zeitung veranlassen wird. Ist
die Auflage der Zeitung groß, wird also der Anteil der täglichen Kosten
der Presse, der auf das einzelne Exemplar fällt, entsprechend klein.
In diesem Ergebnis tritt eine Seite der wirtschaftlichen Überlegenheit
 des Großbetriebs zutage: der Großbetrieb besitzt eine größere
Fähigkeit, diejenigen Produktionsmittel, die feste Kosten repräsentieren,
auszunutzen, kann also für jeden speziellen Dienst dieser Produktionsmittel
 einen kleineren Preis berechnen. Die Berechnung des Preises des
einzelnen Dienstes hat auch die Bedeutung, daß sie zeigt, ob die Beschaffung
 eines besonderen, mehrerer Dienste fähigen Produktionsmittels,
 z. B. einer Rotationspresse von einem gewissen Typus, lohnend
ist. Ist die Zahl der zu druckenden Zeitungen ziemlich klein, so werden
die Druckkosten des einzelnen Exemplars einer großen Rotationspresse
 zu groß, es wird billiger, eine kleinere zu verwenden. Wenn
dagegen eine große Zahl von Zeitungen gedruckt werden soll, werden
die Druckkosten pro Exemplar bei Anwendung der großen Maschine
        <pb n="104" />
        $ 13. Supplementäre Prinzipien der Preisbildung. l
sehr klein, und kleiner als die Druckkosten der kleineren Druckerei.
Die Überlegenheit des Großbetriebs tritt hier in seiner Fähigkeit,
größere und bei guter Ausnutzung billigere Maschinen, Anlagen usw.
zu verwenden, zutage.
In der Regel und prinzipiell kann aber der Umfang der wirklich in Anspruch
genommenen Dienste nicht als eine gegebene Größe des Problems der Preisbildung
für die Dienste betrachtet werden, denn dieser Umfang hängt selbst vom Preise der
Dienste ab. Wir haben dies an dem Beispiel der Straßenbahnen gesehen. Sobald der
Preis desjenigen Produkts, das verkauft werden soll, wesentlich vom Preise des betrachteten
 Dienstes abhängt, wird die Menge der in Anspruch genommenen Dienste,
also die Nachfrage nach den Diensten, vom Preise derselben abhängen und mit
steigenden Preisen sinken. Die Zahl der Dienste, auf welche die Gesamtkosten zur
Berechnung des Preises verteilt werden sollen, ist also vom Preis selbst abhängig.
Die Bestimmung dieses Preises durch gleichförmige Verteilung der Gesamtkosten
auf die in Anspruch genommenen Dienste ist demnach aufrechtzuerhalten. Nur führt
diese Bestimmung jetzt zu einer Gleichung, welche mit Bezug auf den Preis erst
gelöst werden muß. Möglicherweise läßt diese Gleichung mehrere Lösungen zu. Für
diesen Fall brauchen wir die zweite speziellere Forderung, die unser Prinzip enthält: es
soll der niedrigste Preis gewählt werden, der die erste Forderung, also unsere Gleichung,
 erfüllt.
Im allgemeinen gibt es zwei Lösungen unserer Gleichung. Denken wir uns
nämlich, daß ein gewisser Preis die Bedingung erfüllt, daß der Gesamtertrag den
Gesamtkosten gleichkommt. Die Elastizität der Nachfrage ist dann im allgemeinen
größer oder kleiner als eins. Nehmen wir zunächst an, daß sie kleiner ist. Wenn
dann der Preis gesteigert wird, wird sich die Nachfrage in langsamerem Tempo
senken, folglich der Gesamtertrag steigen und die festen Gesamtkosten übertreffen,
Dies kann aber nicht ins unendliche fortgesetzt werden. Es wird ein Punkt kommen,
wo die Nachfrage stärker gegen die Preissteigerung reagiert und so viel heruntergeht,
daß der Gesamtertrag sinkt und schließlich auf den Betrag der Gesamtkosten zurückkommt.
 Daß dies immer der Fall sein muß, versteht man, wenn man bedenkt,
daß ein Preis immer gedacht werden kann, der hinreichend hoch ist, um die Nachfrage
und damit auch den Ertrag vollständig zu vernichten. Ist dagegen die Elastizität
im Anfangspunkt größer als eins, wird eine Preissenkung eine Steigerung der Nachfrage
 in stärkerem Tempo und also eine absolute Steigerung des Gesamtertrags
über die Gesamtkosten hinaus veranlassen. Aber auch diese Bewegung muß umkehren
 und es muß ein kleinerer Preis gefunden werden können, der den Gesamtertrag
wieder in Übereinstimmung mit den Gesamtkosten bringt, was dadurch ersichtlich
ist, daß der Preis Null offenbar den Gesamtertrag auf Null herabsetzen muß. Es
gibt folglich im allgemeinen mindestens zwei Lösungen unserer Gleichung. Es läßt
sich aber auch denken, daß jeder Preis innerhalb gewisser Grenzen diese Gleichung
erfüllt. Wenn nämlich die Nachfrage eines Dienstes innerhalb gewisser Grenzen
seinem Preise umgekehrt proportional ist, also die Elastizität gleich eins ist, wird eine
Steigerung des Preises eine proportionelle Senkung der Nachfrage und somit eine
proportionelle Steigerung der Kostenquote, die auf jeden Dienst kommt, veranlassen,
wodurch die Übereinstimmung zwischen Preis und Kostenquote gewahrt wird.
In solchen Fällen ist offenbar unsere zweite Forderung notwendig, um die Preisbildung
 zu bestimmen.
Die Produktionskosten eines Gutes können nun ferner aus dem
Grunde unbestimmt sein, weil verschiedene Produktionsmethoden tech-9;
        <pb n="105" />
        92 Kap. III. Das wirtschaftliche Prinzip in der Tauschwirtschaft.
nisch möglich sind, aber verschiedene Produktionskosten verursachen.
Wenn bei allen in Frage kommenden Preisen der Produktionsmittel eine
Methode ohne jeden Zweifel die billigste ist, muß diese natürlich vorgezogen
 werden. Denn jeder andere Weg würde für das betreffende
Bedürfnis Produktionsmittel in Anspruch nehmen, die für Befriedigung
anderer Bedürfnisse höher geschätzt werden, was gegen das wirtschaftliche
 Prinzip verstoßen würde. Die Produktionskosten sind dann nicht
länger unbestimmt. Ist aber die Lage in einem Produktionszweig die,
daß die Frage, welches die billigste Produktionsmethode ist, nicht von
vornherein beantwortet werden kann, sondern eben von den Preisen der
Produktionsmittel abhängt, d. h. von den aktuellen Variationen dieser
Preise beeinflußt wird, dann ist die Wahl der Produktionsmethode nicht
unabhängig von den Preisen der Produktionsmittel, und es ist somit
eine gewisse Unbestimmtheit im Preisbildungsproblem vorhanden. Die
Forderung, daß die billigste Produktionsmethode gewählt werden soll,
bekommt dann aktuelle Bedeutung für die Preisbildung, stellt eine neue
Bedingung der Preisbildung dar, die eben die Unbestimmtheit des Problems
 ausgleicht. Diese Bedingung werden wir als das „Substitutionsprinzip‘“
 bezeichnen und als drittes supplementäres Prinzip
der Preisbildung aufstellen. Das Substitutionsprinzip sagt also, daß
wenn eine Produktionsmethode für eine andere ohne Veränderung im
Produktionsergebnis substituiert werden kann, diejenige Methode gewählt
 werden soll, die bei der gegebenen Preislage der Produktionsmittel
die billigste ist.
Das Ersetzen einer Produktionsmethode durch eine andere braucht
nicht notwendig eine vollständige Umlegung der Produktion zu bedeuten,
 sondern besteht oft nur im Austausch einer gewissen Menge
eines Produktionsmittels gegen eine gewisse Menge eines anderen.
Wenn eine Menge eines Produktionsmittels oder einer Gruppe von
Produktionsmitteln in dieser Weise ohne Veränderung des Produktionsergebnisses
 gegen eine andere ausgetauscht werden kann, bezeichnen
wir diese Mengen als gegenseitig im betreffenden Produktionsirozeß
substituierbar. Das Substitutionsprinzip erfordert, daß von Ssubstituierbaren
 Mengen verschiedener Produktionsmittel oder Gruppen
von Produktionsmitteln diejenigen gewählt werden, die bei der gegebenen
 Preislage die billigsten sind.
Als Beispiel einer solchen Substitution einer Gruppe von Produktionsmitteln
 gegen eine andere kann man das Ersetzen des Dampfmaschinenbetriebs
 einer Fabrik durch vollständigen elektrischen Betrieb,
 als Beispiel einer beschränkteren Substitution die Einführung
einer Setzmaschine in einer Druckerei, wo früher nur. das Handsetzen
vorkam, nennen.
Wenn nur eine bestimmte Anzahl individuell distinkter Produktionsmethoden
 in Frage kommen, kann man, sobald die Preise der Produk-
        <pb n="106" />
        8 13. Supplementäre Prinzipien der Preisbildung. ;
tionsmittel gegeben sind, die Kosten für jede verschiedene Methode berechnen
 und darauf feststellen, welche die billigste ist und somit nach
dem Substitutionsprinzip vorgezogen werden soll. Es läßt sich aber
auch denken, daß eine Produktionsmethode kontinuierlich variıert
werden kann, indem gewisse Produktionsmittel andere in sehr kleinen
Dosen verdrängen, ohne daß dadurch das Produktionsergebnis verändert
 wird. Wenn dies der Fall ist, muß man einen anderen Weg für
die Anwendung des Substitutionsprinzips wählen. Denken wir uns der
Einfachheit halber, daß nur zwei Produktionsmittel oder Gruppen von
Produktionsmitteln miteinander konkurrieren, daß die Produktionsmethode
 also nur dadurch verändert wird, daß ein Produktionsmittel
ein anderes in sehr kleinen Portionen Schritt für Schritt verdrängt. Um
einfache Beispiele einer solchen Substitution zu gewinnen, können wir
etwa an die weite Möglichkeit der Variation der Fütterung unserer
Haustiere, oder der Düngung des Ackerbodens, oder an das gradweise
Ersetzen der Pferde der Postverwaltung durch Automobile denken.
Wenn wir einen solchen Substitutionsprozeß in einer bestimmten Richtung
 verfolgen, werden wir im allgemeinen finden, daß auf jedem Punkt
eine kleine letzte Menge des einen Produktionsmittels gegen eine bestimmte
 letzte Menge des anderen substituierbar ist, daß sich aber das
Verhältnis zwischen diesen substituierbaren Mengen stetig verändert.
Die Frage ist nun: wo liegt der Punkt der kleinsten Produktionskosten?
Wie weit soll das eine Produktionsmittel das andere verdrängen, welches
ist das vorteilhafteste Mengenverhältnis zwischen den beiden Produktionsmitteln?
 Solange eine der substituierbaren Mengen teurer ist als
die andere, ist offenbar dieser Punkt nicht erreicht, denn dann kann eine
billigere Produktionsmethode dadurch gewonnen werden, daß noch eine
kleine Menge des einen Produktionsmittels gegen eine substituierbare
Menge des anderen ersetzt wird. Das Kriterium der billigsten Produktionsmethode
 ist folglich, daß die letzten in der Produktion verwendeten,
gegeneinander substituierbaren Mengen der beiden Produktionsmittel
denselben Preis haben. Diese Gleichung stellt also das Substitutionsprinzip
 für den hier betrachteten Fall dar. Sie bestimmt offenbar,
wieviel von den beiden Produktionsmitteln bei gegebenen Preisen derselben
 verwendet werden soll, und stellt somit fest, welche Produktionsmethode
 bei jeder besonderen Preislage der Produktionsmittel zu verwenden
 ist. Damit ist die vorhandene Unbestimmtheit des Preisbildungsproblems
 aufgehoben.
Wieviel von den beiden Produktionsmitteln verwendet werden
soll, hängt offenbar nur vom Verhältnis der Preise der beiden Produktionsmittel
 ab. Verändert sich dieses Verhältnis zugunsten des einen
Produktionsmittels, so daß dieses im Verhältnis zum anderen billiger
wird, dann wird dieses Produktionsmittel das andere noch weiter verdrängen,
 bis ein neuer „Substitutionspunkt‘“ erreicht ist, an dem

93
        <pb n="107" />
        94 Kap. III. Das wirtschaftliche Prinzip in der Tauschwirtschaft.
jetzt die letzten substituierbaren Mengen denselben Preis haben und also
die Substitution indifferent ist. Die Lage des Substitutionspunktes ist
also vom Verhältnis der Preise der Produktionsmittel untereinander abhängig.
 Wenn das Preisverhältnis in dieser Weise für jeden einzelnen
Betrieb den Substitutionspunkt bestimmt, sind offenbar durch dasselbe
für die gesamte Gesellschaft die zu verwendenden Mengen der beiden
Produktionsmittel im Verhältnis zueinander bestimmt.
Stellen wir uns jetzt vor, daß in einem Betriebe mit nur zwei Produktionsmitteln
 (oder Gruppen von Produktionsmitteln), die einander
kontinuierlich verdrängen können, das eine in unveränderter Menge beibehalten
 wird, während man die Menge des anderen Schritt für Schritt
vermehrt. Wir denken uns, daß diese Vermehrung in gleichen Dosen
stattfindet und ferner, daß alle Preise konstant bleiben. Dann hat jede
solche Dose denselben Preis. Wir können dann auch die Dose so wählen,
daß dieser Preis gleich eins wird. Denjenigen Zuschuß zum Produktionsresultat,
 der der letzten so hinzugefügten Dose entspricht, nennen
wir die „Grenzproduktivität‘ des beweglichen Produktionsmittels.
Wenn die günstigste Zusammenstellung der beiden Produktionsmittel
erreicht ist, wird offenbar eine Vermehrung des beweglichen Produktionsmittels
 um eine Dose dem Produktionsresultat einen Zuschuß
geben, der denselben Preis wie diese Dose des Produktionsmittels hat.
Mit anderen Worten, jede Mark, die auf das betreffende Produktionsmittel
 geopfert wird, wird in. einer Erhöhung des Produktwertes um
eine Mark wiedergefunden. Man drückt diesen Satz so aus, daß der
Preis des Produktionsfaktors gleich seiner Grenzproduktivität ist.
Wie gewisse Theoretiker die Preisbildungs- oder „Werttheorie‘““ auf
den Begriff des Grenznutzens haben aufbauen wollen ($ 11), so hat
man auch die Grenzproduktivität als Bestimmungsgrund des Preises
ausgegeben. Der prinzipielle Fehler ist in beiden Fällen derselbe. Die
Grenzproduktivität ist kein gegebener Faktor des Preisbildungsproblems,
 denn die relativen Mengen der verschiedenen Produktionsmittel,
 die nach dem Substitutionsprinzip verwendet werden sollen,
können erst im Zusammenhang mit den Preisen derselben bestimmt
werden. Grenzproduktivität und Preis sind in der Tat zwei vollständig
gleichgestellte Unbekannte des Preisbildungsproblems, und es ist demgemäß
 unmöglich, die eine als Bestimmungsgrund der anderen auszugeben.
 Außerdem ist zu beachten, daß die Grenzproduktivität nur in
den Fällen einer kontinuierlichen Substitution im hier angegebenen
Sinne streng definiert werden kann.
Wenn der Betrieb von dem beweglichen Produktionsmittel weniger
verwendet, als das Substitutionsprinzip bei der gegebenen Preislage erfordern
 würde, wird jede weitere Mark, die auf dieses Produktionsmittel
verwendet wird, auch eine Verbesserung der Ökonomie des Betriebes
bewirken und somit eine Steigerung des Produktwertes um mehr als eine
        <pb n="108" />
        $ 13. Supplementäre Prinzipien der Preisbildung. )
Mark hervorrufen. Umgekehrt, wenn der Betrieb vom beweglichen Produktionsmittel
 schon mehr verwendet, als nach dem Substitutionsprinzip
richtig ist. Eine Vermehrung dieses Produktionsmittels wird dann die
Ökonomie des Betriebs noch verschlechtern und also zwar vielleicht noch
eine Steigerung des Produktwertes ergeben, aber jedenfalls eine Steigerung,
 die der Vermehrung der Kosten nicht gleichkommt. Sobald also
das Substitutionsprinzip nicht erfüllt ist, befindet sich der Betrieb entweder
 im Zeichen des „zunehmenden‘‘ oder des „abnehmenden
Ertrags‘“. Wenn z. B. auf einem gegebenen Stück Boden geeignete
Produktionsmittel in steigendem Umfang verwendet werden, wird der
Produktwert zunächst mit größeren Beträgen, als die auf diese Produktionsmittel
 verwendeten Kosten steigen, dann wird ein Punkt
erreicht, wo die Steigerung des Produktwerts gleich der Steigerung der
Kosten ist, wonach jede weitere Steigerung der Verwendung der betreffenden
 Produktionsmittel eine hinter den Kosten dieser Steigerung
zurückbleibende Steigerung des Produktwerts bewirkt. Die wirtschaftliche
 Bedeutung dieser Verhältnisse werden wir später in unserem
Kapitel über die Bodenrente zu untersuchen haben.
Daß eine Erweiterung eines Betriebs in vielen Fällen eine relative
Steigerung des Ertrags bewirkt, hängt, wie wir schon wissen, häufig von
der Möglichkeit einer besseren Ausnutzung gewisser Veranstaltungen
mit festen Kosten ab. Der zunehmende Ertrag bedeutet dann offenbar,
daß mit den gegebenen Veranstaltungen eine größere Menge anderer
Produktionsmittel mit Vorteil verbunden werden kann, zeigt also nur,
daß die vorteilhafteste Zusammenstellung der beiden Gruppen von Produktionsmitteln
 noch nicht erreicht ist.
Bisher haben wir uns immer vorgestellt, daß im betrachteten Produktionsprozeß
 nur ein Produkt, obwohl vielleicht in einer Menge
gleicher Exemplare, produziert wird. Eine Unbestimmtheit der Produktionskosten
 kann aber auch dadurch veranlaßt werden, daß mehrere
verschiedenartige Produkte aus einem und demselben Produktionsprozeß
 hervorgehen. Wir wollen solche Produkte „verbundene Produkte‘
 nennen. Oft können die Verhältnisse zwischen den Mengen
dieser Produkte durch eine geeignete Modifikation der Produktionsmethode
 etwas verändert werden. Wir wollen aber zunächst den einfachen
 Fall betrachten, daß der gegebene Produktionsprozeß zwei oder
mehrere verschiedene Produkte in festem Mengenverhältnis hervorbringt.
 Beispiele von Produktionsprozessen, wo diese Voraussetzung
annähernd verwirklicht ist, bietet die Wirklichkeit viele. Beim Thomasprozeß
 werden z. B. Roheisen und Thomasphosphat gleichzeitig in
einem durch die Qualität der Materialien bestimmten Verhältnis produziert.
 Unsere städtischen Gaswerke produzieren in ähnlicher Weise
gleichzeitig Gas und Koks. Die argentinische Viehzucht produziert
Fleisch, Häute und Knochen, jeder Getreidebauer Getreide und Stroh.

9”
        <pb n="109" />
        96 Kap. III. Das wirtschaftliche Prinzip in der Tauschwirtschaft.
In’ allen solchen Fällen sind wohl die Gesamtkosten der verbundenen
Produkte bestimmt, es bleibt aber unbestimmt, wieviel von diesen
Kosten auf das eine oder andere Produkt gelegt werden soll. Wir stoßen
also hier wieder auf einen Punkt, wo die Preisbildung unbestimmt ist,
wo also ein supplementäres Preisbildungsprinzip erforderlich ist, um
diese Unbestimmtheit aufzuheben.
Wieviel das eine oder andere mehrerer in dem hier angegebenen
Sinne verbundenen Produkte ‚wirklich kostet‘‘, läßt sich einfach nicht
sagen. Jeder Versuch, diese Frage zu beantworten, ist nur vergebliche
Mühe. Das einzige, was wir tun können, ist ein Prinzip für die Preisbildung
 solcher verbundenen Produkte zu finden. Die Lösung dieser
Frage ist nicht schwierig, liegt eigentlich schon im Prinzip der Knappheit.
 Wir brauchen uns nur zunächst zu denken, daß der Produktionsprozeß
 mit den verbundenen Produkten beginnt, daß diese als
primäre Produktionsmittel zu betrachten sind, die in bestimmten
Mengen zur Verfügung stehen. Dann müssen nach dem Prinzip der
Knappheit auf diese Produkte Preise gesetzt werden, die genau so hoch
sind, wie es nötig ist, um die Nachfrage nach denselben in Übereinstimmung
 mit den zur Verfügung stehenden Mengen zu bringen. Es
müssen mit anderen Worten die Preise der verbundenen Produkte so
geregelt werden, daß ein vollständiger Absatz jedes dieser Produkte
gewonnen wird. Die Mengen der verbundenen Produkte stehen nach
unserer Voraussetzung in festen Verhältnissen zueinander. Es läßt sich
folglich ihre Gesamtmenge als eine einheitliche arithmetische Größe
definieren. Diese Gesamtmenge bestimmt andrerseits eindeutig die
Mengen sämtlicher verbundener Produkte. Sobald diese Gesamtmenge
bekannt ist, kann man also mit Hilfe der angegebenen Bedingung die
sämtlichen Preise der verbundenen Produkte und folglich den Verkaufspreis
 des Gesamtprodukts berechnen. Es besteht also eine bestimmte
Relation zwischen dem Preis des Gesamtprodukts und der Menge dieses
Produkts, die zu diesem Preis verkauft werden kann. Wir können dann
nunmehr die Gesamtheit der verbundenen Produkte als das Schlußergebnis
 eines Produktionsprozesses, der mit den wirklich primären
Produktionsmitteln beginnt, betrachten. Die Nachfrage dieses Schlußprodukts
 ist gegeben, sobald sein Preis bestimmt ist. Dieses Produkt
nimmt also im Preisbildungsprozeß dieselbe Stellung wie jedes andere
Produkt ein und die Preisbildung ist nunmehr in gewöhnlicher Weise
durch das Prinzip der Knappheit bestimmt.
Wir können die jetzt angegebene Methode für die Preisbestimmung
verbundener Produkte als das Prinzip der Preisbildung verbundener
 Produkte bezeichnen. Wie man findet, ist dieses vierte
supplementäre Prinzip der Preisbildung nur eine direkte Anwendung
des Prinzips der Knappheit und hat somit dieselbe allgemeine Gültigkeit
 wie dieses. Es kann am einfachsten so formuliert werden, daß
        <pb n="110" />
        $ 13. Supplementäre Prinzipien der Preisbildung.
zunächst den Preisen der verbundenen Produkte die Bedingung auferlegt
 wird, daß sämtliche Produkte eben vollständigen Absatz finden,
d. h. daß die Nachfrage nach diesen Produkten ihren relativen Mengen
proportionell wird, wonach die Höhe der Preise der verbundenen Produkte
 und damit auch der absolute Umfang der Produktion im Zusammenhang
 mit dem allgemeinen Preisbildungsprozeß nach den allgemeinen
 Regeln festgestellt werden.
Dieses Prinzip hat unter der Herrschaft der modernen Technik für
eine Menge Produktionszweige eine sehr große Bedeutung gewonnen,
Besonders gilt dies mit Bezug auf die wirtschaftliche Verwendung des
Abfalls für Herstellung verschiedener Nebenprodukte, in welcher Hinsicht
 eben die letzte Zeit so außerordentliche Fortschritte aufzuweisen
 hat.
Gehen wir nunmehr zum Fall über, wo die Mengen der verbundenen Produkte
durch die Modifikationen der Produktionsmethode verändert werden können. Für
jede bestimmte Produktionsmethode ist dann die Preisbildung nach dem eben aufgestellten
 Prinzip bestimmt. Es fragt sich also nur, welche Produktionsmethode
verwendet werden soll, mit anderen Worten, welche relative Zusammenstellung der
verbundenen Produkte gewählt werden soll. Diese Frage muß offenbar nach dem
Substitutionsprinzip beantwortet werden: es soll die billigste Produktionsmethode
vorgezogen werden. Solange nur ein Produkt hergestellt wird, läßt sich unmittelbar
entscheiden, welche die billigste Produktionsmethode ist: es ist diejenige Methode, bei
welcher die Einheit von Produktionskosten die größte Produktmenge liefert. Dieses
Kriterium kann aber hier nicht ohne weiteres verwendet werden, weil es sich nicht
sagen läßt, welche von zwei Produktmengen, die aus mehreren Produkten bestehen,
die größte ist. Man kann doch nicht entscheiden, ob 50 Kilogramm Fleisch + 8 Kilogramm
 Wolle mehr oder weniger ist als 55 Kilogramm Fleisch + 7 Kilogramm Wolle!
Welche, Produktionsmethode die ertragreichste ist, kann offenbar nur, wenn die
relativen Preise der Produkte gegeben sind, entschieden werden.
Man kann zur Lösung des vorliegenden Preisbildungsproblems die Bedingung
aufstellen, daß die gewählte Methode bei einer Preislage, bei welcher die Produkte
nach unserem vierten Prinzip vollständigen Absatz finden, ein größeres oder wenigstens
 nicht kleineres Produkt liefern soll als jede andere Methode. Wenn zwei Produkte
 produziert werden und die Methode der Art kontinuierlich variiert werden kann,
daß eine kleine Verminderung des einen Produkts durch eine gewisse Vermehrung
des anderen ersetzt wird und umgekehrt, ohne daß dabei die Produktionskosten
verändert werden, so ist die richtige Lösung des Problems dadurch charakterisiert,
daß diese letzten gegeneinander substituierbaren Mengen bei der nach unserem
vierten supplementären Prinzip bestimmten Preislage denselben Preis haben. Denn
wenn die eine Menge einen höheren Preis als die andere hätte, würde bei der bestehenden
 Preislage ein höherer Produktwert durch eine kleine Verschiebung der Produktionsmethode
 erreicht werden können und die gewählte Methode könnte nicht
die wirtschaftlich vorteilhafteste sein.
Das Prinzip, das in diesen Bedingungen zum Ausdruck kommt, ist, wie man
sieht, eigentlich nur als eine Erweiterung des Substitutionsprinzips aufzufassen.
Denkt man sich die Preise sowohl der Produktionsmittel wie der Produkte als
gegeben, enthält das allgemeine Substitutionsprinzip die Forderung, daß die verwendete
 Produktionsmethode durch keine andere ersetzt werden kann, wo der
Gesamtpreis des Produkts per Einheit der Produktionskosten größer ist.
Cassel, Theoret. Sozialökonomie. . 4. Aufl. 7

97
        <pb n="111" />
        98 Kap. III. Das wirtschaftliche Prinzip in der Tauschwirtschaft.
"In Verbindung mit dem Prinzip der Preisbildung verbundener Produkte bestimmt
 das so erweiterte Substitutionsprinzip das hier vorliegende Problem der
Preisbildung für verbundene Produkte mit veränderlichem Mengenverhältnis.
$ 14. Die Organisation der modernen
Tauschwirtschaft.
In den vorhergehenden Paragraphen dieses Kapitels haben wir die
Forderungen untersucht, die das allgemeine wirtschaftliche Prinzip an
die Tauschwirtschaft stellt. Wir haben gefunden, daß diese Forderungen
in einer Preisbildung, die vom Prinzip der Knappheit und den supplementären
 Prinzipien der Preisbildung reguliert wird, zum! Ausdruck
kommen. Da die supplementären Prinzipien in der Tat nur einer näheren
Bestimmung des Begriffs der Kosten dienen, können wir die so bezeichnete
 Preisbildung der Kürze halber als eine Preisbildung auf Grund
des Kostenprinzips ($ 12) bezeichnen. Der Begriff der Tauschwirtschaft
ist dabei in weitestem Sinne aufgefaßt, da wir nur die für die Tauschwirtschaft
 wesentlichen Voraussetzungen gemacht haben, daß innerhalb
derselben selbständige Einzelwirtschaften bestehen, welche für ihre Einsätze
 im Produktionsprozeß Geldeinkommen beziehen, und welche ihre
Konsumtion innerhalb der Grenzen der ihnen zur Verfügung stehenden
Geldmittel selbständig regulieren und somit die Richtung der Produktion
 bestimmen. Unsere Ergebnisse gelten also für jede Tauschwirtschaft
 unabhängig von ihrer speziellen Organisationsform und Rechtsordnung.
 Es muß nun offenbar die Verwirklichung des allgemeinen wirtschaftlichen
 Prinzips für jede Tauschwirtschaft wesentliche Bedeutung
haben, da doch der Grad der Vollendung, mit welcher diese Aufgabe
gelöst wird, die Leistungsfähigkeit der betreffenden Wiritschaftsordnung
mißt. Das Studium einer auf den genannten Prinzipien fußenden Preisbildung
 muß deshalb, indem es die wesentlichen Vorgänge innerhalb
einer Tauschwirtschaft, die den idealen Forderungen der Wirtschaftlichkeit
 genügt, klarlegt, immer einen sehr wichtigen Platz in der
theoretischen Ökonomie einnehmen.
Wenn wir einen tieferen Einblick in das tatsächliche Wirtschaftsleben
 und in die bestehende wirtschaftliche Organisation gewinnen
wollen, können wir indessen einer Untersuchung, inwieweit die Forderung
der Wirtschaftlichkeit von dieser Tauschwirtschaft erfüllt ist, nicht entgehen.
 Zeigt eine solche Untersuchung, daß dies im wesentlichen der
Fall ist, daß mit anderen Worten, unsere Tauschwirtschaft im wesentlichen
 durch eine Preisbildung auf Grund des Kostenprinzips reguliert
wird, dann bildet das Kostenprinzip den notwendig gegebenen Ausgangspunkt
 für das Studium dieser Tauschwirtschaft. Dies bedeutet,
daß wir bei der ersten grundlegenden theoretischen Untersuchung
        <pb n="112" />
        $ 14. Die Organisation der modernen Tauschwirtschaft, U
unserer bestehenden Tauschwirtschaft von den etwa vorhandenen Abweichungen
 vom Kostenprinzip abstrahieren. Damit ist natürlich nicht
die Möglichkeit solcher Abweichungen übersehen, nur ist die Feststellung
 derselben und deren störende Einwirkung Spezialuntersuchungen
vorbehalten. Wir verfahren dabei, kurz gesagt, wie die Astronomen,
die die Bewegung eines Planeten zunächst so beschreiben, als ob sie von
den anderen Planeten nicht beeinflußt wäre, und so zum Keplerschen
System gelangen, dann aber die Störungen, die die übrigen Planeten
ausüben, besonders in Betracht ziehen. Um einen solchen Weg einschlagen
 zu können, muß man sich nur überzeugt haben, daß die erste
Bewegung auch die wesentliche darstellt.
Die Organisation der heutigen Tauschwirtschaft soll also darauf
geprüft werden, in welchem Maße sie die Forderungen des Kostenprinzips
 erfüllt. Wir werden dabei die Mittel, deren sich unsere
Tauschwirtschaft zur Verwirklichung dieses Prinzips bedient, kennen
lernen. Wir werden finden, daß sie sehr verschiedener Natur sind und
in der Praxis, sowie in den politischen Anschauungen stark wechseln.
Sie können deshalb wohl den gegenwärtigen Zustand der Tauschwirtschaft
 charakterisieren, entbehren aber der Wesentlichkeit, die von den
Grundlagen einer allgemeinen Theorie der Tauschwirtschaft gefordert
werden muß.
Als die Tauschwirtschaft noch jung war, im Zeitalter des Merkantilismus,
 galt es als eine selbstverständliche Sache, daß sie einer einheitlichen
 Leitung bedürfte, die dann natürlich nur vom Staate bzw. von
den Städten ausgeübt werden konnte. Die Verteilung der menschlichen
 Arbeitskräfte auf verschiedene Berufe und verschiedene Plätze
wurde durch das Zunitwesen und auch sonst durch die Gesetzgebung
reguliert. Auch für die übrigen Produktivkräfte wurde die Verteilung
von oben geplant und überwacht. So z. B. wurde die in dieser Zeit
sehr bedeutende Eisenindustrie Schwedens derart in den verschiedenen
Landesteilen lokalisiert, daß für jeden Betrieb genügendes Brennmaterial
in den umgebenden Wäldern und genügende Mengen von Eisenerz
oder, mit Bezug auf Veredlungswerke, von Roheisen immer vorhanden
sein würden, also eine Verteilung der zur Verfügung stehenden Produktionsmittel
 in dem Maße durchgeführt, in welchem sie besonders
mit Rücksicht auf den damaligen Stand des Transportwesens notwendig
erscheinen mußte. Durch tausende verschiedene Maßregeln sorgte der
merkantilistische Staat für den Absatz der produzierten Waren, aber
auch der wohlregulierten Versorgung der Konsumenten nahm er sich
an, vollends, wenn es die wichtigste aller Waren, das Getreide, galt.
Nur durch ein sehr ausgebildetes System solcher regulierenden Maßnahmen
 glaubten die Merkantilisten eine arbeitsteilige, berufsmäßige
von Privatunternehmungen betriebene Produktion in richtige Bahnen
lenken, die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit zusammenhalten und zu
"x

GC
7
        <pb n="113" />
        100 Kap. III. Das wirtschaftliche Prinzip in der Tauschwirtschaft.
einer vollständigen Volkswirtschaft gestalten zu können. Wohl wurde
in der merkantilistischen Zeit sehr viel von Freiheit geredet, aber diese
Freiheit wurde nach unseren Begriffen sehr relativ aufgefaßt, und die
Notwendigkeit einer einheitlichen, obrigkeitlichen Leitung des Wirtschaftslebens
 wurde von keiner Seite prinzipiell bestritten.
Der Gedanke, daß eine Tauschwirtschaft, in der die ganze Produktion
 von privaten, für eigenen Gewinn arbeitenden Unternehmern übernommen
 und in kleine isolierte Teilprozesse zerlegt ist, sich selbst automatisch
 regulieren und zu einer zusammenhängenden und vollständigen
Wirtschaft gestalten kann und somit einer einheitlichen, bewußten Regulierung
 überhaupt gar nicht bedarf, dieser der älteren Anschauung
stark entgegengesetzte Gedanke, der die praktische Wirtschaftspolitik
so vollständig umwälzen sollte, war dem Liberalismus vorbehalten. In
voller Klarheit ist diese Anschauung besonders von Adam Smith
entwickelt. Das Ziel seiner ökonomischen Politik ist die Gesellschaftsordnung,
 „wo die Dinge ihrem natürlichen Kurs folgen dürfen, wo vollständige
 Freiheit herrscht und wo jedermann vollständig unbehindert
ist, sowohl die Beschäftigung, die er passend findet, zu wählen, wie auch
dieselbe, so oft er es für angemessen hält, zu verändern‘. Das Interesse
 des einzelnen würde ihn dann veranlassen, die vorteilhafteste Beschäftigung
 zu suchen. Die Produktivkräfte werden dadurch auf die
verschiedenen Produktionszweige richtig verteilt und es bedarf für
diesen Zweck keiner einheitlichen Regulierung. Im Gegenteil, jeder
Versuch des Staates, in das Wirtschaftsleben regulierend einzugreifen,
hat wahrscheinlich eine verschlechternde Wirkung auf die Wirtschaftlichkeit
 der Tauschwirtschaft. Adam Smith gibt seine Anschauung
über die Selbstregulierung der freien Tauschwirtschaft in den klassischen
 Worten: „Jedes Individuum sucht beständig die vorteilhafteste
Anwendung für das Kapital, über welches es verfügen kann. Es zielt
dabei auf seinen eigenen Vorteil, nicht auf denjenigen der Gesamtheit.
Das Studium seines eigenen Vorteils veranlaßt ihn natürlich, oder richtiger
 notwendig, die für die Gesamtheit vorteilhafteste Beschäftigung
vorzuziehen.‘ ‚, Jedes Individuum arbeitet darauf, das jährliche Einkommen
 der Gesamtheit so groß wie möglich zu machen. Im allgemeinen
 hat er wohl keine Absicht, das allgemeine Interesse zu befördern,
 weiß auch nicht, wieviel er es tatsächlich befördert. Er zielt
nur auf seinen eigenen Gewinn, und er ist in diesem wie in vielen
anderen Fällen von einer unsichtbaren Hand geleitet zur Beförderung
eines Ziels, das keinen Teil seiner Absicht ausmachte.‘“
Das Mittel der Selbstregulierung der Tauschwirtschaft ist also die
freie Konkurrenz. Eine freie Konkurrenz kann aber nur bestehen, wenn
die wirtschaftenden Individuen durch keine Organisation miteinander
verbunden sind. Sogar das gesellschaftliche Zusammenkommen von
Personen desselben Berufs ist der freien Konkurrenz schädlich, indem
        <pb n="114" />
        A
es leicht eine „„Konspiration gegen das Publikum“‘, einen Versuch zur
Preissteigerung veranlaßt. Das Ideal ist eine Gesellschaft, die wir als
„atomistisch‘‘ bezeichnen können und die aus isolierten Individuen, die
nur tauschwirtschaftlich miteinander in Verbindung treten, besteht und
über dieselben nur einen Staat, der lediglich die Rechtsordnung dieser
auschwirtschaft zu überwachen hat, setzt.
Die Theorie für die Regulierung der Tauschwirtschaft durch die
freie Konkurrenz ist sehr einfach. Man stellt sich die ganze TäuschWitt“
schaft als einen Markt vor. Die Preisbildung wird hier durch Angebot
re .
nd Nachfrage bestimmt. Da alle Käufer zum billigsten Preis kaufen
wollen, wird in der Gleichgewichtslage kein Verkäufer einen ha
Preis fordern können, als die übrigen. Es wird deshalb für jede Ware
nur ein einheitlicher Preis bestehen können. Sobald etwa die Nachfrage
nach einer Ware überwiegt, werden die Verkäufer die Gelegenheit benutzen,
 um den Preis zu erhöhen. Dadurch wird die Nachfrage beschränkt,
 bis sie durch das Angebot versorgt werden kann, Stiege der
Preis noch mehr, würde die Nachfrage so stark beschränkt werden, daß
das Angebot überwiegen würde und die Verkäufer, um die Ware loszuwerden,
 einen niedrigeren Preis annehmen würden. Der Markt kann
also nur bei einer Preisbildung, die die Nachfrage in Übereinstimmung
mit dem Angebot bringt, im Gleichgewicht sein. Dieser Markt reguliert
auch die Produktion. Wenn zu wenig Produktivkräfte einem gewissen
Produktionszweig gewidmet sind und also die Nachfrage des betreffenden
 Produkts bei der bestehenden Preislage nicht befriedigt werden
kann, wird die dadurch unmittelbar veranlaßte Preissteigerung nicht
ur die Nachfrage beschränken, sondern auch neue Produktivkräfte
zu diesem besonders lohnenden Produktionszweig heranziehen und
somit eine Steigerung der Produktion bewirken, welche fortgesetzt
werden muß, bis Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage eintritt.
 Diese gesteigerte Produktion wird vielleicht die Preissteigerung
etwas zurückschrauben, im allgemeinen setzt aber das Gleichgewicht
einen etwas erhöhten Preis voraus. Herrscht dagegen bei einer gewissen
 Preislage Überproduktion in einem Produktionszweig, so sind die
Produzenten gezwungen, ihre Produkte zu herabgesetztem Preis zu veraufen.
 Dadurch wird die Produktion weniger lohnend und Produktivräfte
 werden ihr wieder entzogen, wodurch das Angebot vermindert
wird. Gleichzeitig wird die Nachfrage dem niedrigeren Preis zufolge
verstärkt und das Gleichgewicht tritt bei einem bestimmten Preis ein
Es würde also nach dieser Theorie unter der Herrschaft der freie
Konkurrenz das Spiel des Angebots und der Nachfrage eine Preisbildung
 in Übereinstimmung mit unserem Prinzip der Knappheit herbeiühren.
 Diese Preisbildung würde nicht nur die Waren, sondern auch
Dienste und Produktionsmittel aller Art mit einschließen und somit ein
allgemeiner Regulator einerseits für die Berufswahl und überhaupt für

10“
        <pb n="115" />
        102 Kap. III. Das wirtschaftliche Prinzip in der Tauschwirtschaft.
die Verteilung der Produktivkräfte der Gesellschaft auf die verschiedenen
Produktionszweige und anderseits für die gesamte Bedürfnisbefriedigung
 sein.
Es ist nur ganz verständlich, wenn man unter solchen Umständen
die freie Konkurrenz zum Ausgangspunkt der ganzen theoretischen
Ökonomie gemacht und die Aufgabe dieser Wissenschaft im Studium
einer von der freien Konkurrenz beherrschten Tauschwirtschaft erblickt
 hat. Dieser Standpunkt ist aber nur dann gerechtfertigt, wenn
die freie Konkurrenz auch wirklich diejenigen Wirkungen hat, die die
Theorie voraussetzt, also wenigstens im großen eine Preisbildung nach
dem Kostenprinzip verwirklicht, und außerdem noch unsere Tauschwirtschaft
 tatsächlich ganz überwiegend beherrscht, auch dann, streng
genommen, nur wenn die freie Konkurrenz für die Preisbildung und die
dadurch regulierten Vorgänge der Tauschwirtschaft ein wesentliches
Element darstellt. In welchem Maße diese Bedingungen erfüllt sind,
haben wir hier zu prüfen.
Jene Regulierung der Produktion durch die freie Konkurrenz, die
die klassische Theorie aus den genannten Gründen als allgemeines Gesetz
 annehmen zu können glaubte, hängt von zwei wichtigen Voraussetzungen
 ab, die beide vor hundert oder hundertfünfzig Jahren besser
erfüllt waren, als es in unseren Tagen der Fall ist.
Zunächst setzt die Theorie der freien Konkurrenz eine vollständige
Beweglichkeit aller Produktionsmittel voraus. Denn die Theorie
muß annehmen, daß Produktivkräfte ohne Reibung von einem Produktionszweig
 zu einem anderen je nach der jeweiligen Preislage übergeführt
 werden können. Die Produktion verwendet jetzt aber in der
Wirklichkeit in großem Umfang festes Realkapital, welches, wenn es
nicht länger für seinen ursprünglichen Zweck gebraucht werden kann,
entweder gar nicht oder nur unter mehr oder weniger bedeutenden Verlusten
 für andere Zwecke dienlich gemacht oder nach anderen Orten
übergeführt werden kann. Das Kapital, das vom Schuhfabrikanten zur
Beschaffung von Steppmaschinen gebraucht wurde, kann nicht, wenn
der Schuhwarenhandel infolge einer Überproduktion ins Stocken geraten
 ist, wieder aus diesem Produktionszweig herausgezogen und in
einem anderen verwendet werden. Es ist ein für allemal in der Schuhfabrikation
 gebunden. Dasselbe ist der Fall mit den meisten Spezialmaschinen,
 in geringerem Grade mit den allgemeinen Werkzeugmaschinen,
 den Fabrikgebäuden usw., im höchsten Grade dagegen mit den
Eisenbahnen und ähnlichen festen Anlagen, wie Kanälen, Gaswerken
usw. Wenn eine Eisenbahn unrentabel ist, ist das wohl ein Nachteil,
jedenfalls für die Aktionäre. Der Fehler läßt sich aber nicht wieder
gutmachen. Das Kapital ist, wie man sagt, in dem betreffenden Unternehmen
 „gebunden‘‘. In gewissem Maße besteht eine solche Gebundenheit
 auch für die spezialisierte gelernte Arbeit.
        <pb n="116" />
        $ 14. Die Organisation der modernen Tauschwirtschaft,
Die Regulierung der Produktion durch die Preisbildung kann unter
solchen Umständen keine so vollständige sein, wie es die Theorie voraussetzt.
 Wenn der Preis eines Produkts, weil das Angebot die Nachfrage
 übertrifft, zurückgeht und nicht langer die Produktionskosten
eines gewissen Betriebs deckt, würde nach der Theorie dieser Betrieb
aufhören und somit das Angebot vermindert werden, wodurch das
Gleichgewicht eventuell wieder hergestellt werden würde. Die Theorie
hat daraus geschlossen, daß der Preis immer die Produktionskosten
decken muß, oder wenigstens daß eine solche Übereinstimmung; wenn
sie auch zufälligerweise vorübergehend gestört werden mag, jedenfalls
auf die Dauer bestehen muß. Die Erfahrung zeigt, daß dieser Schluß
aum ganz berechtigt ist. Ist das Kapital einmal in der oben angegebenen
 Weise in einem Unternehmen gebunden, braucht das Unternehmen
 noch nicht aufgegeben zu werden, weil der Preis des Produkts
ie vollen Produktionskosten nicht deckt. Solange der Preis es möglich
macht, die laufenden Betriebskosten zu decken und darüber hinaus noch
einen, wenn auch kleinen Ertrag des gebundenen Kapitals zu erzielen,
ist es besser, die Produktion fortzusetzen als das Unternehmen niederzulegen.
 Im letzten Falle würde das Kapital vielleicht vollständig
verloren sein, im ersten wirft es doch immer noch einen Ertrag ab,
nter solchen Umständen kann ein Unternehmen, das seine vollen
roduktionskosten nicht deckt, lange Zeiten aufrechterhalten werden.
In wirtschaftlichen Depressionsperioden ist sogar eine solche Produktion
nter den wirklichen Produktionskosten eine sehr allgemeine Ercheinung.

In der Regel muß jedoch anderseits jedes Realkapital mit der Zeit
verbraucht werden. Das meiste Realkapital wird sogar ziemlich schnell
durch den regulären Produktionsprozeß abgenutzt. Die Wirkungen
einer wirtschaftlich unrichtigen Kapitalverwendung sind deshalb zeitich
 begrenzt. Die Tauschwirtschaft steht immer wieder vor der Aufabe,
 neues Realkapital zu produzieren und ist insofern stets in der
age, ihre neue Kapitalproduktion nach den Forderungen des Kostenprinzips
 zu richten. Das Kostenprinzip stellt unter solchen Verhältnissen
 die normale Preisbildung der Tauschwirtschaft dar, um welche
ie wirkliche stets oszilliert. Die freie Konkurrenz ist aber, infolge der
mangelnden Beweglichkeit des festen Kapitals (übrigens auch der
Arbeit) nicht imstande, diese normale Preisbildung vollständig zu
realisieren.
‚Die Theorie, welche die freie Konkurrenz als Mittel zur Realisierung
iner normalen Preisbildung betrachtet, setzt ferner die Existenz eines
Marktes voraus, Die wesentliche Forderung, die an diesen Markt
estellt wird, ist, daß viele kleine Verkäufer vielen kleinen Käufern
egenüberstehen. Das Wort „klein‘‘ bedeutet hier, daß die Nachfrage
der das Angebot des einzelnen im Verhältnis zur Gesamtnachfrage

103
        <pb n="117" />
        104 Kap. III. Das wirtschaftliche Prinzip in der Tauschwirtschaft.
oder zum Gesamtangebot des Marktes unbedeutend oder, wie man
sagt, eine Größe zweiter Ordnung ist und also auf den Markt nur einen
untergeordneten Einfluß hat. Nur in diesem Falle ist, wie theoretisch
einleuchtet und wie die neuere Erfahrung gezeigt hat, eine stabile
Gleichgewichtslage möglich.
Solche Märkte besitzt die moderne Tauschwirtschaft auf mehreren
verschiedenen Gebieten. Es wäre aber ein Irrtum zu glauben, daß sie
sozusagen spontan entstehen oder in der „Natur‘“ gegeben sind. Die
freie Konkurrenz wurde von der klassischen Ökonomie in der Hauptsache
 nur als ein Nichteingreifen der öffentlichen Gewalt, eine Abwesenheit
 der bewußten Organisation und des geregelten Zusammenwirkens
 aufgefaßt. Diese rein negativen Voraussetzungen schaffen aber
keinen Markt. Die moderne Stadtgemeinde organisiert ebensowohl
wie die mittelalterliche einen Lebensmittelmarkt, baut Hallen und
Schlachthäuser, stellt Makler an und schafft eine Stelle für Notierungen
und erreicht damit eine geordnete Versorgung ihrer Lebensmittelbedürfnisse
 zu Preisen, die der wirklichen Knappheit der Produktionsmöglichkeiten
 annähernd entsprechen. Eine geordnete Notierung und
eine Organisation, die einen Absatz zu den notierten Preisen ermöglicht,
sind notwendige Bedingungen jedes entwickelten Markts. Diese Bedingungen
 sind im höchsten Grade erfüllt von den großen Produktenund
 Effektenbörsen, die ebenfalls ihre eigentliche Aufgabe in einer der
wirklichen Lage von Angebot und Nachfrage entsprechenden Preisbildung
 haben, die aber auch bekanntlich Ergebnisse einer sehr strengen
und hoch entwickelten Organisation darstellen. In allen diesen Fällen,
wo ein Markt geschaffen ist, herrscht ein Zustand, der wohl am nächsten
dem etwas unbestimmten Ausdruck ‚freie Konkurrenz“‘“ entspricht.
Eine freie Konkurrenz existiert also in gewissem Umfang in unserer
modernen Tauschwirtschaft, aber diese freie Konkurrenz ist nicht der
sozusagen von selbst gegebene Zustand einer vollständig unorganisierten
und unregulierten Tauschwirtschaft, sondern erst eine Frucht bewußter
Bestrebungen, Bedingungen für eine rationelle Preisbildung nach dem
Prinzip der Knappheit zu schaffen.
Erst wo ein so organisierter Markt vorhanden ist, wird der Absatz
 so gesichert, daß es überhaupt möglich wird, „für. den Markt‘ zu
produzieren, erst dann ist auch die Zufuhr so gesichert, daß die Konsumenten
 vom Markt versorgt zu werden erwarten können. Wenn
aber diese Bedingung nicht erfüllt ist, kann man meistens gar nicht
oder nur mit großen Schwierigkeiten für einen unbestimmten „Markt“,
d. h. nur in der Hoffnung, einen Käufer zu finden, produzieren, zumal
da mit dem Fehlen eines geordneten Marktes auch allgemeine Preisnotierungen
 fehlen. Es zeigt sich dann auch oft, daß die Käufer sich
nicht darauf verlassen können, immer einen Verkäufer zu finden. In
allen solchen Fällen können wir starke Tendenzen zur Aufhebung der
        <pb n="118" />
        8 14. Die Organisation der modernen Tauschwirtschaft. 5
freien Konkurrenz und zur Schaffung von festeren Verbindungen
zwischen Produzent und Konsument wahrnehmen.
Unter modernen Verhältnissen machen die technische Natur der
Unternehmungen und die Überlegenheit des Großbetriebs auf immer
weiteren Gebieten große Betriebseinheiten notwendig. Der Eisenbahnbetrieb
 ist vielleicht das am stärksten hervortretende Beispiel. An der
Seite desselben stehen andere Verkehrsunternehmungen, wie Telegraphen-
 und Telephonbetriebe. Aber auch auf dem Gebiete der Produktion
 im engeren Sinne sind oft sehr große Betriebseinheiten erforderlich,
 z. B. in der Eisenindustrie, in der elektrischen Industrie, in den
großen elektrochemischen Industrien, in der Zuckerindustrie usw.
Wenn diese Betriebseinheiten auch im Verhältnis zum Gesamtbedarf
 groß sind, kann kein Markt existieren, die freie Konkurrenz
vermag keine Gleichgewichtslage herzustellen. Wir haben hier drei
verschiedene Fälle zu unterscheiden.
Erstens haben wir den Fall zu betrachten, daß einige wenige
Großproduzenten einer Menge von kleinen Konsumenten gegenüberstehen.
 Ist dann ein Produktionszweig besonders lohnend, würden nach
der Theorie der freien Konkurrenz neue Unternehmungen hinzukommen
oder schon bestehende erweitert werden, und dadurch das Angebot
gerade um so viel vermehrt werden, daß der Gewinn auf das normale
Niveau, aber auch nicht weiter herabgedrückt werden würde. Eine
Gleichgewichtslage kann aber auf diesem Weg nicht eintreten, wenn
das Hinzukommen auch nur eines einzigen neuen Unternehmens eine
relativ starke Vermehrung der Produktion bedeutet, oder wenn auch
eine mäßige Vergrößerung eines Unternehmens die Absatzmöglichkeiten
der anderen wesentlich beeinträchtigt. Dies ist unter modernen Verhältnissen
 sehr oft der Fall. In einigen Industrien, wie z. B. in der
Produktion von Eisenbahnschienen, in der Gardinenweberei, in geringerem
 Grade auch in der Zuckerindustrie usw. ist die kleinste technisch
 und ökonomisch anwendbare Betriebseinheit schon so groß, daß
ein einziger oder einige wenige Betriebe genügen, um den Bedarf eines
ganzen Landes kleinerer oder mittlerer Größe zu decken. Auf solchen
Gebieten wird jede neue Konkurrenz den Absatz der gesamten Industrie
ernstlich gefährden. Tritt ein neues Unternehmen in Wettbewerb mit
den schon bestehenden, oder sucht eines dieser Unternehmen sich beträchtlich
 zu erweitern, so wird das Ergebnis aller Wahrscheinlichkeit
nach das sein, daß sämtliche Unternehmen unrentabel werden. Da aber
viel Kapital in jedem dieser Unternehmen gebunden ist, wird auch keins
derselben deswegen niedergelegt werden, weil die vollen Produktionskosten
 nicht gedeckt werden, sondern die Konkurrenz kann noch lange
fortgesetzt und verschärft werden. Unter solchen Umständen sind die
Beteiligten einfach gezwungen, sich gegen eine freie Konkurrenz zu
wehren, die mit einer gesunden geschäftlichen Tätigkeit unvereinbar

105
        <pb n="119" />
        106 Kap. III. Das wirtschaftliche Prinzip in der Tauschwirtschaft,
ist, und wir finden dann auch im modernen Geschäftsleben starke Tendenzen,
 die Bedürfnisbefriedigung unter Ausschließung der freien Konkurrenz
 in anderer Weise zu organisieren. Diese Tendenzen treten in
der Kartell- und Syndikatsbildung zutage, wodurch die Masse der
Konsumenten entweder zwischen den verschiedenen Produzenten aufgeteilt
 oder von einer einheitlichen Verkaufsorganisation der Produzenten
 versorgt wird. In beiden Fällen wird ein Käufer nur einen
Verkäufer finden und einen Markt oder eine freie Konkurrenz der
Verkäufer gibt es nicht länger.
Sehr scharf treten die Schwierigkeiten der freien Konkurrenz zıutage
 im Eisenbahnbetrieb und in anderen großen Verkehrsunternehmungen,
 sowie auch in Unternehmungen für Distribution von Wasser,
Gas und Energie. Die Tatsache, daß eine Eisenbahn sich sehr gut
rentiert, beweist nicht, daß noch eine andere auf derselben Strecke
sich lohnen wird. Kommt eine konkurrierende Bahn zustande, so werden
Vielleicht beide unrentabel, und das Kapital, das in beiden Bahnen gebunden
 ist, ist zu einem größeren oder kleineren Teil verloren. Eine
im eigentlichen Sinne freie Konkurrenz auf diesem Gebiet ist wohl schon
deshalb ausgeschlossen, weil öffentliche Konzessionen zur nötigen Bodenexpropriation
 erforderlich sind. Meistens gibt aber die öffentliche
Gewalt einer solchen Konzession absichtlich mehr oder weniger den
Charakter eines Monopols, verbindet sie dafür aber auch mit eingehenden
 Vorschriften hinsichtlich der zu erhebenden Abgaben, des Verkehrs
mit anderen Bahnen usw. In diesen Maßnahmen wird ein Streben
das Kostenprinzip auch dann aufrechterhalten, wenn es nicht durch
die freie Konkurrenz verwirklicht werden kann, ersichtlich.
Zweitens ist der Fall zu behandeln, in dem eine Menge kleiner
Produzenten einigen wenigen Großkonsumenten gegenüberstehen. Als
Beispiel mag das Verhältnis zwischen den Zuckerrübenbauern und der
Zuckerindustrie dienen. Der Landwirt kann nicht Rüben für einen
unbestimmten Markt produzieren. Die Transportkosten sind zu groß,
als daß die Rüben auf weitere Strecken versandt werden können, und
der einzelne Rübenbauer hat in der Regel nur einen Käufer, für den
er produzieren kann. Weil er von diesem absolut abhängig ist, muß
er mit ihm in feste Verbindung treten und im voraus Lieferungskontrakte
 abschließen. Die Zuckerfabrik muß ihrerseits Garantie haben,
daß sie mit Rüben versorgt wird. Es liegt dann sehr nahe, daß die
Zuckerfabrik mit den in Betracht kommenden Rübenproduzenten
kollektiv verhandelt und daß der Rübenpreis und die Lieferungsbedingungen
 einheitlich festgestellt werden. Der Preis wird dabei in
der Regel die Produktionskosten der Rübenbauern decken.
Drittens können einige wenige Großproduzenten einigen wenigen
Großkonsumenten gegenüberstehen. Eine freie Konkurrenz und ein
Markt in eigentlichem Sinne sind dann unmöglich. Die Produzenten
        <pb n="120" />
        8 14. Die Organisation der modernen Tauschwirtschaft; ..; 107
Bibliothek
können nicht produzieren in der bloßen Hoffnung, verkaufen Zırkönnen.
Die Konsumenten können ebensowenig sich darauf verlas ihren
Bedarf immer decken zu können. Es zeigt sich AU nz
wendig, festere Verbindungen zwischen Produzent und Konsumen
schaffen.
Zur Sicherung der Produzenten sowohl als der Konsumenten wird
es notwendig, Lieferungskontrakte, oft für lange Zeiten, abzuschließen.
Deutsche Eisenwerke decken ihren Bedarf an schwedischem Eisenerz
durch Lieferungskontrakte, die oft für zehn Jahre und mehr laufen.
Anderseits werden auch die Roheisenproduzenten gern ihre Produktion
für längere Zeit im voraus verkaufen. Wir finden auch, daß die moderne
Großindustrie in bedeutendem Umfang in ähnlicher Weise wie das alte
Handwerk direkt auf Bestellung arbeitet. Nur sehr fungible Waren
der „schweren‘“ Industrien werden zum Teil für den Markt produziert.
Der Roheisenverbrauch z. B. ist so enorm, daß auch das größte Hochofenwerk
 als ein kleiner Produzent im Verhältnis zum Weltmarkt betrachtet
 werden kann. Es gibt deshalb auch für diese Ware gewisse
Märkte mit regelmäßigen Notierungen (Glasgow, Cleveland, Pittsburg).
Auf Bestellungen werden dagegen regelmäßig Lokomotiven, Eisenbahnwagen,
 Dampfschiffe, Brücken und andere große Eisenkonstruktionen
für das Bauwesen, die großen Kraftmaschinen, Kriegsmaterialien, auch
Massen von Halbfabrikaten in den betreffenden Industrien produziert.
Gewiß macht sich eine Tendenz zur Standardisierung geltend: die Walzwerke
 streben danach, nur gewisse „standard sections‘ herzustellen,
nach welchen die Ingenieure ihre Konstruktionen zu richten haben. In
der Maschinenindustrie werden kleinere Werkzeugmaschinen, Dynamos,
Dampfmaschinen usw. normalisiert. Man strebt also, womöglich Bedingungen
 für eine Produktion für den Markt zu schaffen. Um sich
indessen die Möglichkeit zu sichern, zu kaufen und zu verkaufen, wird
eine moderne Großindustrie sich sehr oft gezwungen sehen, ihre Verbindungen
 sowohl rückwärts wie vorwärts zu festigen. Es wird für
diesen Zweck häufig die Form der „Beteiligung‘‘ benutzt, weshalb wir
auch ein großes industrielles Unternehmen oft an einer Menge Unternehmen
 ganz anderer Art ‚,interessiert‘‘ finden, z. B. Stahlwerke an
Hochöfen und Werften, die Elektrizitätsindustrie an der Metallindustrie
und an Straßenbahnen und Beleuchtungsanlagen usw. Diese Beteiligung
wird gerade in der neuesten Zeit durch ein vollständiges Eigentum ersetzt,
 indem Tochtergesellschaften gegründet werden mit der Aufgabe,
der Hauptindustrie Materialien oder Halbfabrikate zu liefern oder ihren
Produkten einen Markt zu bereiten. Zu demselben Zweck werden auch
schon bestehende Unternehmen auf verschiedenen nacheinanderfolgenden
 Stufen der Produktion in einer Hand vereinigt. Man nennt diesen
Prozeß die Integration der Industrie. Die Integration ist besonders
stark fortgeschritten in der Eisenindustrie, wo der nordamerikanische

Pu
4}
        <pb n="121" />
        108 Kap. III. Das wirtschaftliche Prinzip in der Tauschwirtschaft.
Stahltrust das typische Beispiel liefert, in der elektrotechnischen Industrie,
 wo die großen Unternehmen den ganzen Produktionsprozeß
beherrschen, von den Rohmaterialien bis in die mancherlei verschiedenen
 Verwendungen ihrer Produkte, in der Anlage von Kraftzentralwerken,
 elektrischen Bahnen, Beleuchtungswerken usw. und sogar bis
in den Betrieb solcher Unternehmen. In solchen Fällen finden wir die
gesamte Produktion von den Rohmaterialien bis zur schließlichen Bedürfnisbefriedigung
 von einem einzigen Unternehmen beherrscht. In
dem Maße, wie die Integration der Industrie fortschreitet, verschwindet
auf den Zwischenstufen die Produktion für den Absatz, für einen Markt.
Auf der Endstufe wird sehr oft auf Bestellung, z. B. von Kriegsmaterialien,
 kommunalen Beleuchtungsanlagen, Eisenbahnmaterialien
usw. oder auch unmittelbar für die Bedürfnisbefriedigung, in allen
vorangehenden Stufen aber auf Order für die nächstfolgende Stufe
gearbeitet. Die Konkurrenz hat unter solchen Umständen Bedeutung
für die Regulierung der Produktion nur insofern, wie sie sich auf der
letzten Stufe geltend macht. Hier spielt sie immerhin eine bedeutende
Rolle. Bei Bestellung seitens öffentlicher Behörden oder großer Gesellschaften
 entwickelt sich oft eine sehr scharfe Konkurrenz zwischen
Großunternehmen, welche den Auftrag zu übernehmen imstande sind.
Nicht selten wird aber dabei der Preis sogar unter den wirklichen
Kostenpreis herabgedrückt. Um dies zu verhindern, natürlich auch
um womöglich einen Extragewinn zu machen, treffen die beteiligten
Unternehmer mehr oder weniger geheime Übereinkommen, die eine
Teilung der Kundschaft und der Gewinne bezwecken. In manchen
Fällen hat auch ein Großunternehmer Mittel verschiedener Art in
seiner Hand, um eine Kundschaft der Konkurrenz zu entziehen und
für sich zu behalten.
Auch wenn die Konkurrenz zwischen den einzelnen Unternehmen
innerhalb einer Industrie vollständig unterdrückt wird, ist gleichwohl
die Preisbildung nicht vollständig willkürlich. Es gilt doch vielleicht
immer noch, gegen andere Mittel zur Befriedigung desselben Bedürfnisses
 zu konkurrieren. So z. B. steht die Industrie, die für die elektrische
 Beleuchtung arbeitet, in ständigem Wettbewerb mit den Unternehmen,
 die das Beleuchtungsbedürfnis in anderer Weise befriedigen,
z. B. mit der Petroleum- oder Gasbeleuchtung. Diese Konkurrenz zwingt
die beteiligten Industrien, die Preise möglichst niedrig zu halten und
bewirkt dadurch, daß das Kostenprinzip im großen aufrechterhalten
wird. Auch wenn konkurrierende Methoden zur Befriedigung desselben
Bedürfnisses nicht vorhanden sein sollten, hat der Produzent doch immer
darauf zu achten, daß er mit allen Produzenten, die andere Bedürfnisse
befriedigen wollen, im Wettbewerb steht. Denn die Verteilung der
Mittel der Konsumenten auf die verschiedenen Zweige der Bedürfnisbefriedigung
 hängt von den Preisen der Güter ab, und es herrscht des-
        <pb n="122" />
        $ 14. Die Organisation der modernen Tauschwirtschaft. 9
halb immer ein Kampf zwischen allen Produzenten um die Kaufkraft
der Konsumenten,
Nach der klassischen Theorie würde auch der Arbeitslohn durch
die freie Konkurrenz der Arbeiter auf dem Arbeitsmarkt bestimmt
werden. Auch diese Konkurrenz dachte man sich durch eine Abwesenheit
 aller Hindernisse gegen die Bewegungsfreiheit des einzelnen Arbeiters
 verwirklicht. Die moderne Gesellschaft bedient sich aber zur
Regulierung des Arbeitslohns hochentwickelter Organisationen sowohl
auf seiten der Arbeitgeber wie auf der der Arbeitnehmer. Die sogenannte
freie Konkurrenz ist dabei so ziemlich ausgeschlossen. Der vollendete
Fachverband besitzt Monopol auf die Arbeit innerhalb des betreffenden
Berufes, steht aber in normalen Fällen für alle ausgelernte Arbeit dieses
Berufes offen. Das Monopol kann dann nicht zu einem willkürlichen
Hinauftreiben der Lohnsätze benutzt werden, denn obwohl der Fachverband
 keine Konkurrenten im eigenen Berufe hat, muß er doch vielleicht
 einer Konkurrenz von anderen Berufen, die dasselbe Bedürfnis
befriedigen, begegnen und hat immer am großen allgemeinen Kampf um
die Kaufkraft der Konsumtion teilzunehmen. Der Lohn kann also
nicht höher gesetzt werden, als daß eine Nachfrage behalten wird, die
dem Andrang an Arbeitskräften entspricht. In dem Maße wie die
typische Fachverbandspolitik die Lohnsätze wie die übrigen Arbeitsbedingungen
 für Arbeit derselben Art und Qualität im wesentlichen
einheitlich gestaltet, erfolgt also die Lohnregulierung unter modernen
Organisationsformen wesentlich nach dem Prinzip der Knappheit. Wohl
kommen von dieser Regel auch Ausnahmen vor, es wird z. B. versucht,
den Andrang an Arbeitskräften künstlich zu sperren und somit den
Lohn über den durch das Knappheitsprinzip bestimmten Satz zu erhöhen.
 Solche Versuche erwecken aber immer Widerstand und werden
eben als Ausschreitungen der Arbeiterbewegung betrachtet.
Dieser kurze Überblick über die tatsächlichen Formen des modernen
Wirtschaftslebens genügt, um folgendes Ergebnis feststellen zu können.
Die sogenannte freie Konkurrenz verbürgt nicht, wie die Theorie erfordert,
 eine Preisbildung nach dem Kostenprinzip. Es läßt sich auch
nicht behaupten, daß die freie Konkurrenz unsere moderne Tauschwirtschaft
 wesentlich beherrscht. Auf großen und wichtigen Gebieten des
Wirtschaftslebens hat die neuere Entwicklung die freie Konkurrenz
vollständig ausgeschlossen. Die Konkurrenz spielt zwar im heutigen
Wirtschaftsleben eine sehr große Rolle, die Formen, in denen sie sich
bewegt, weichen aber wesentlich vom Ideal der freien Konkurrenz ab.
Selbst der Begriff der freien Konkurrenz ist durchaus unklar. Die
negative Definition der freien Konkurrenz als der Abwesenheit jeder
Regulierung und jeder Organisation schließt eben die wesentliche Bedingung
 aus, unter welcher es der modernen Gesellschaft auf gewissen

10°
        <pb n="123" />
        110 Kap. III. Das wirtschaftliche Prinzip in der Tauschwirtschaft.
Gebieten gelingt, eine der Verwirklichung des Kostenprinzips dienende
Konkurrenz zu schaffen. Eine befriedigende positive Definition der
freien Konkurrenz dürfte sich schwerlich aufstellen lassen. Die Idee
der freien Konkurrenz ist in der Tat wesentlich unvereinbar mit einer
für moderne wirtschaftliche Verhältnisse sehr bedeutungsvollen Erscheinung,
 nämlich der wirtschaftlichen Überlegenheit des Großbetriebs.
 In den Fällen, wo diese Überlegenheit sich geltend macht, muß
die freie Konkurrenz mit logischer Notwendigkeit ihren eigenen Gegensatz,
 das Monopol, hervorrufen, denn auf welcher früheren Zwischenstufe
 würde bei freier Konkurrenz die angenommene Überlegenheit
des Großbetriebs eine Gleichgewichtslage erlauben? Ein solches Ergebnis
 kann nicht ohne Organisationsformen, die im Wirtschaftsleben
streng regulierend eingreifen und also für die‘ betrachteten Fälle eine
Aufhebung der freien Konkurrenz bedeuten, vermieden werden. |
Unter solchen Verhältnissen dürfte es klar sein, daß die .Voraussetzung
 einer freien Konkurrenz als Ausgangspunkt für eine allgemeine
Theorie der Preisbildung sehr wenig geeignet ist. Stellen wir auf der
grundlegenden Voraussetzung unserer Theorie die strengere wissenschaftliche
 Forderung, daß sie den Geltungsbereich der Theorie nicht
unnötigerweise beschränken, sondern wirklich eine notwendige Voraussetzung
 sein soll, so ist es noch deutlicher, daß wir den Ausgangspunkt
unserer Theorie nicht von der freien Konkurrenz nehmen können. Denn
es unterliegt keinem Zweifel, daß eine Preisbildung von der Natur, wie
sie die Theorie durch die freie Konkurrenz verbürgt glaubte, auch ohne
freie Konkurrenz möglich ist. Wir werden im nächsten Paragraphen
sehen, daß eine solche Preisbildung in einer Gesellschaft, die grundsätzlich
 das Privatunternehmertum und folglich jede freie Konkurrenz
ausschließt, aufrechterhalten werden müßte. Aber auch unsere tatsächlich
 bestehende Gesellschaft erreicht, wie wir hier gesehen haben, in
manchen Fällen, wo eine freie Konkurrenz nicht möglich ist, auf anderen
Wegen eine annähernd normale Preisbildung.
Die Frage, in welchem Maße die Preisbildung in unserer bestehenden
 Tauschwirtschaft vom Kostenprinzip beherrscht wird, können wir
nunmehr dahin beantworten, dzß das Kostenprinzip gewissermaßen
einen Normalzustand darstellt, um welchen die wirkliche Preisbildung
oszilliert. Jede beträchtliche Abweichung der Preisbildung vom Kostenprinzip
 ruft im allgemeinen entgegenwirkende Kräfte hervor. Eine
Konkurrenz zwischen einigen wenigen relativ großen Unternehmen, die
die Preise leicht unter die Kosten herabdrücken könnte, wird durch
industrielle Zusammenschließungen verschiedener Art vermieden. Die
erste treibende Kraft in der ganzen, gerade für unsere Zeit kennzeichnenden
 Konzentrationsbewegung ist ohne Zweifel das Streben, sich gegen
verlustbringende und am Ende ruinierende Konkurrenz zu schützen,
sich eine die Kosten deckende Preisbildung zu sichern. Zwar versuchen
        <pb n="124" />
        $ 14. Die Organisation der modernen Tauschwirtschaft. 111
Verbände und einzelne Unternehmer, die zu einer monopolistischen
Stellung gelangt sind, dieselbe zu einer Preisbildung auszunutzen, die
ihnen einen abnorm hohen Gewinn gibt. Solche Bestrebungen pflegen
jedoch meistens starke Gegenwirkungen zu erwecken, sei es in Form
einer Konkurrenz innerhalb desselben Berufes oder eines Berufes, der
dasselbe Bedürfnis in anderer Weise befriedigt, sei es in Form besonderer
 Schutzmaßregeln der Gesellschaft auf dem Gebiete der Gesetzgebung,
 der Verkehrspolitik, besonders der Eisenbahntarife, der Zollpolitik
 usw. Diese Gegenwirkungen zeigen aber, daß eine Preisbildung
nach dem Kostenprinzip eben als das normale zu betrachten ist und auch
allgemein betrachtet wird. In ähnlicher Weise sind die Organisationsbestrebungen
 der Arbeiter wesentlich auf das zwingende Bedürfnis des
schutzes gegen einen mit richtigen Preisbildungsprinzipien unvereinbaren
 Druck auf die Löhne zurückzuführen und stoßen Versuche dieser
Organisationen zu einem Hinaufschrauben der Löhne über das durch eine
normale Preisbildung bestimmte Niveau hinaus auf kräftigen Widerstand.
 Durch Feststellung von Maximaltarifen bei Erteilung von Konzessionen
 auf Eisenbahnen, Elektrizitätswerke, Gaswerke usw., durch
Herbeiziehen von Konkurrenz durch dazu geeignete Maßregeln, z. B.
auf dem Gebiete des Verkehrswesens, durch Organisation von Märkten
usw. streben die öffentlichen Körperschaften die Preisbildung möglichst
in Übereinstimmung mit dem Kostenprinzip zu halten. Auch die Kooperation
 der Konsumenten, die auf ihrem Gebiet möglichst direkte
Verbindungen zwischen Konsumenten und Produzenten zu schaffen
estrebt ist, arbeitet für die Verwirklichung des Kostenprinzips. Die
eschäftswelt erkennt ebenfalls das Kostenprinzip als normierend an,
/as u. a. in der allgemeinen Forderung zutage tritt, daß Unternehmen,
die’ dauernd unvermögend sind, ihre wirklichen Produktionskosten zu
ecken, durch geeignfte Abschreibungen auf ihr Kapital dazu instand
esetzt werden sollen, eine Forderung, die übrigens nur eine Konseuenz
 der in Übereinstimmung mit dem Prinzip der Knappheit stehenen
 allgemeinen Regel darstellt, nach welcher die einmal vorhandenen
auerhaften Güter lediglich nach ihrem Ertrag bewertet werden (vgl.
823). A
_ Obwohl also bei der großen Beweglichkeit des modernen ( eschäftslebens
 eine Preisbildung in genauer Übereinstimmung mit dem Kostenrinzip
 niemals vollständig durchgeführt werden kann, bezeichnet jedoch
jese Preisbildung im großen die Gleichgewichtslage, um welche die tatsächlichen
 Preise schwanken, und wird auch allgemein als der Normalzustand
 der Tauschwirtschaft aufgefaßt und prinzipiell als wünschenswert
 anerkannt. Wenn wir ein erstes zusammenfassendes Bild unserer
estehenden Tauschwirtschaft, das uns die wesentlichen Züge derselben
AM = A a“ a vn "rw a nm
eigt, gewinnen wollen, sind wir unter solchen Umständen offenbar
arauf angewiesen, eine Preisbildung auf Grund des Kostenprinzips,
        <pb n="125" />
        112 Kap. III. Das wirtschaftliche Prinzip in der Tauschwirtschaft.
also in Übereinstimmung mit dem Prinzip der Knappheit und den
supplementären Prinzipien der Preisbildung zu studieren. Da diese
Prinzipien nur Konsequenzen des allgemeinen wirtschaftlichen Prinzips
für die Tauschwirtschaft darstellen, muß ein Studium einer solchen
Preisbildung für jede Tauschwirtschaft Bedeutung haben, die wesentlichen
 Vorgängeinnerhalbderallgemeinen Tauschwirtschaft
darstellen:
Es unterliegt auch keinem Zweifel, daß alle ökonomische Theorie
auf die Untersuchung einer solchen Preisbildung gerichtet gewesen ist.
Will man aber diese normale Preisbildung zum Gegenstand seiner Untersuchungen
 machen, dann ist man nach dem hier Gesagten offenbar nicht
berechtigt, die Voraussetzung der freien Konkurrenz zum Ausgangspunkt
 zu nehmen. Es ist richtiger und selbstverständlich auch weit
natürlicher, die Untersuchung direkt auf diese normale Preisbildung
einzustellen.
8 15. Die sozialistische Gesellschaft,
Die Prinzipien der Preisbildung sind, wie oben (88 11—13) nachgewiesen
 wurde, lediglich Konsequenzen des allgemeinen wirtschaftlichen
 Prinzips für die Tauschwirtschaft. Diese Tauschwirtschaft haben
wir dabei im allgemeinsten Sinne aufgefaßt, an dieselbe nur die Forderung
 gestellt, daß sie dem einzelnen Freiheit der Erwerbsarbeit und
Freiheit der Konsumtion innerhalb der Grenzen seiner Geldmittel gewährt.
 Daraus folgt, daß die Prinzipien der Preisbildung für jede
Tauschwirtschaft Geltung haben und besonders von der speziellen
Organisation der Produktion innerhalb der Tauschwirtschaft unabhängig
 sind. In dieser letzten Hinsicht ist unsere bestehende Tauschwirtschaft
 vom Vorherrschen des Privatunternehmertums und des
Privateigentums an den materiellen Produktionsmitteln charakterisiert.
Diese Eigentümlichkeiten haben zwar einen großen Einfluß auf die Einkommensverteilung
 und damit auf die Nachfrage nach verschiedenen
Gütern und auf die Richtung der Konsumtion der Gesellschaft und sind
demzufolge in letzter Linie von einer gewissen Bedeutung für die tatsächliche
 Gestaltung der Preise, für die Gültigkeit der Prinzipien der
Preisbildung haben sie aber keine Bedeutung. Diese Prinzipien würden
in einer Tauschwirtschaft, wo die Gesellschaft die Leitung der Produktion
 übernommen und sich das Eigentum an den materiellen Produktionsmitteln
 vorbehalten hätte, unverändert aufrechtzuerhalten sein.
Wir nennen eine solche Gesellschaft eine sozialistische. Wir bezeichnen
 also mit diesem Namen eine geschlossene Tauschwirtschaft,
wo die ganze Produktion einheitlich von und für die Gesellschaft selbst
durch eine dazu befähigte oberste Behörde betrieben wird und wo
        <pb n="126" />
        8 15. Die sozialistische Gesellschaft. v3
sämtliche materielle Produktionsmittel Eigentum der Gesellschaft sind,
wo aber noch Freiheit der Arbeit und der Konsumtion in dem für die
Tauschwirtschaft wesentlichen Umfang besteht. Zwar deckt diese
Begriffsbestimmung natürlich nicht alle Wirtschaftsordnungen, die als
„Sozialistisch‘‘ ausgegeben werden. Aber die so definierte sozialistische
Wirtschaft ist die theoretisch einfachste und stellt einen reinen Typus
dar, während die übrigen als wechselnde, zum Teil auch ziemlich unbestimmte
 Zwischenformen zwischen diesem und einer Wirtschaftsordnung,
 die wie unsere tatsächlich bestehende die Produktion einer
Menge verschiedener ihre eigenen Interessen verfolgenden wirtschaftlichen
 Einheiten überläßt, aufzufassen sind.
Das Studium der Preisbildung in einer typisch sozialistischen Wirtschaftsordnung
 ist aus mehreren Gesichtspunkten für die theoretische
Ökonomie nützlich und fruchtbar. Erstens zeigt sich dabei mit vollendeter
 Schärfe, wie wenig die sogenannte freie Konkurrenz eine theoretisch
 notwendige Bedingung der Verwirklichung des Kostenprinzips ist,
und welche allgemeine Bedeutung für die Tauschwirtschaft das Kostenprinzip
 besitzt. Zweitens ist das Studium der Preisbildung in der
sozialistischen Wirtschaftsordnung aus dem Grunde vorteilhaft, weil die
sozialistische Wirtschaftsordnung gewissermaßen als die theoretisch einfachste
 betrachtet werden kann, und weildeshalb manche Erscheinungen
der Tauschwirtschaft, die in der tatsächlich bestehenden Form dieser
Wirtschaftsordnung ziemlich kompliziert sind, in der sozialistischen
Wirtschaftsordnung leichter überblickt und in ihrem richtigen Zusammenhang
 aufgefaßt werden können. Drittens ermöglicht ein Vergleich
 der bestehenden Wirtschaftsordnung mit der sozialistischen Wirtschaftsordnung
 die tatsächlichen wirtschaftlichen Vorgänge und Einrichtungen
 auf ihre Notwendigkeit zu prüfen. Viertens ist das Studium
der Preisbildung in der typischen sozialistischen Wirtschaftsordnung
insofern von Bedeutung, als es uns erlaubt, die unrichtigen Vorstellungen
über den möglichen Inhalt einer sozialistischen Wirtschaftsordnung,
welche in einer ungezügelten Phantasie und in der politischen Redekunst
 eine so überaus reichliche Nahrung gefunden haben, zu berichtigen.

Es soll hier nicht auf die praktische Möglichkeit, eine sozialistische
Wirtschaftsordnung zu verwirklichen, noch weniger natürlich auf das
Wünschenswerte einer solchen eingegangen werden. Wir haben es
lediglich mit der Preisbildung und der davon abhängigen Verteilung
der Produktivkräfte auf die verschiedenen Produktionszweige in einer
theoretisch gedachten typisch sozialistischen Wirtschaftsordnung zu tun,
Wie haben wir uns nun eine solche Wirtschaftsord nung vorzustellen ?
Die kollektiven Bedürfnisse müssen natürlich, in ähnlicher Weise wie
dies in der bestehenden Wirtschaftsordnung geschieht, von der sozialistischen
 Gesellschaft selbst durch bestimmte Organe kollektiv be-Cassel,
 Theoret. Sozialökonomie, 4. Aufl,

al;
8
        <pb n="127" />
        114 Kap. III. Das wirtschaftliche Prinzip in der Tauschwirtschaft.
friedigt werden. Im übrigen ist kein Grund vorhanden, warum die sozia
listische Gesellschaft dem Gratisprinzip einen weiteren Spielraum geben
sollte, denn dieses Wirtschaftsprinzip gehört dem Kommunismus, nicht
dem Sozialismus an. Wollen wir eine typische sozialistische Wirtschaftsordnung
 studieren, so haben wir dieselbe möglichst scharf vom kKommunistischen
 Ideal abzugrenzen, was freilich in der politischen Diskussion
 nur selten getan wird. Unsere sozialistische Wirtschaftsordnung
müßte also im wesentlichen auf dem freien Tausch zwischen persönlichen
 Leistungen und Mitteln zu persönlicher Bedürfnisbefriedigung
fußen. Dann ist aber die sozialistische Wirtschaftsordnung wesentlich
eine Tauschwirtschaft, und wenn die allgemeine Forderung auf Wirtschaftlichkeit
 erfüllt werden soll, auch eine vom Kostenprinzip beherrschte
 Tauschwirtschaft.
Diese sozialistische Wirtschaft ist auch, wie überhaupt jede entwickelte
 Tauschwirtschaft, eine Geldwirtschaft. Zwar ist viel darüber
geredet worden, daß die sozialistische Wirtschaftsordnung das Geld abschaffen
 würde. Viele ältere Sozialisten, wie z. B. Rob. Owen, haben
sogar in der Abschaffung des Geldes einen Hauptpunkt des sozialistischen
 Programms erblickt. Solche Vorstellungen beruhen jedoch nur
auf einem Mißverständnis in betreff der Natur des Geldes, auf einem
Verkennen dessen, was im Begriff des Geldes das Wesentliche ist. Nach
der oben (8 7) entwickelten Auffassung ist das Geld wesentlich eine
Rechnungsskala, in welcher die Tauschwirtschaft alle Preise ausdrückt.
Einer solchen Rechnungsskala muß auch die sozialistische Gesellschaft
sich bedienen, wenn sie überhaupt das grundlegende Prinzip der Tauschwirtschaft
 anerkennt. Viele gerade der klarsten Sozialisten haben sich
gedacht, daß die Geldrechnung durch eine Rechnung in „Arbeitsstunden‘‘
 ersetzt werden sollte. Der Name ändert aber nicht das Wesen
der Sache. Auch die Rechnung in Arbeitsstunden ist eine Geldrechnung.
Nach den gewöhnlichen Vorschlägen würde die sozialistische Gesellschaft
auch Bescheinigungen über geleistete Arbeitsstunden ausgeben, welche
zum Kauf der Waren nach den in Arbeitsstunden angegebenen Preisen
dienen würden. Solche Scheine, die offenbar in irgendeiner Form
praktisch notwendig sind, stellen aber unzweifelhaft ein Zahlungsmittel
dar, erfüllen in dieser Hinsicht die Funktion des materiellen Geldes.
Die sozialistische Wirtschaftsordnung ist demnach eine vollständig ausgebildete
 Geldwirtschaft.
Es ist selbstverständlich nicht nötig, daß die abstrakte Rechnungseinheit
 der Geldskala der sozialistischen Wirtschaft auch eine wirkliche
Arbeitsstunde darstellt. Sie muß vielmehr, da nicht alle Arbeitsstunden
gleich gerechnet werden können, eine ideale oder „normale‘‘ Arbeitsstunde
 sein. Die Arbeit muß in so und so vielen ‚„„Normalarbeitsstunden‘“‘
 pro wirklich geleistete Arbeitsstunde, oder nach erzielter
Produktmenge, oder in einer nach anderer Weise berechneten Arbeits-
        <pb n="128" />
        8 15. Die sozialistische Gesellschaft. 5
einheit gemessen werden. In diesen Normalarbeitsstunden müssen
anderseits alle Preise der Waren und Dienste, die von der sozialistischen
Gesellschaft ihren Mitgliedern zur Verfügung gestellt werden, berechnet
werden. Da die Mitglieder der Gesellschaft kein Einkommen aus Eigentum
 an materiellen Produktionsmitteln haben, stellt der Arbeitsverdienst
das ganze Einkommen der Einzelwirtschaft dar. Innerhalb dieses Einkommens
 hat die Einzelwirtschaft volle Freiheit, ihre Bedürfnisse nach
den bestehenden Preisen zu befriedigen.
Unter solchen Umständen folgt aus genau denselben Gründen wie
oben mit Bezug auf die Preisbildung in der allgemeinen Tauschwirtschaft,
 daß die sozialistische Gesellschaft gezwungen ist, die Preise der
an die Konsumenten abzugebenden Güter in erster Linie nach dem
Prinzip der Knappheit zu berechnen. Die Gesellschaft hat keine andere
Methode, die Nachfrage nach irgendeinem Gute in Übereinstimmung mit
den zur Verfügung stehenden Quantitäten desselben zu halten, als auf
das Gut einen für diesen Zweck hinreichend hohen Preis zu setzen.
Diese Preisbildung muß sich offenbar auf die ganze Buchführung der
Gesellschaft erstrecken und somit die gesamte Produktion umfassen.
Auch die Preise der Produktionsmittel werden also in erster Linie durch
das Prinzip der Knappheit bestimmt. Die Nachfrage der Konsumenten
ist indirekt eine Nachfrage nach Produktionsmitteln, und diese Nachfrage
 kann nur durch eine geeignete Preisbildung für die Produktionsmittel
 hinreichend beschränkt werden. Das Prinzip der Knappheit hat
somit für die sozialistische Wirtschaftsordnung genau dieselbe Bedeutung,
 wie. für die bestehende Wirtschaftsordnung, nur daß es in der
einheitlich und rationell geleiteten sozialistischen Wirtschaftsordnung
eigentlich sehr viel vollkommener eingehalten werden müßte, als dies
in der bestehenden Wirtschaftsordnung möglich ist. Daß auch die
supplementären Prinzipien der Preisbildung für die sozialistische Wirtschaftsordnung
 dieselbe Bedeutung haben, wie für unsere tatsächlich
bestehende Tauschwirtschaft, ist nach dem Gesagten selbstverständlich.
Was hier über die Preisbildung in der sozialistischen Wirtschaftsordnung
 im allgemeinen gesagt ist, gilt natürlich auch besonders für die
Arbeit. Der Preis für jede Art von Arbeit muß gerade so hoch sein, daß
er die Nachfrage nach dieser Arbeit hinreichend beschränkt. Solange
die Gesellschaft das Recht des einzelnen Arbeiters auf den tauschwirtschaftlich
 geschätzten Ertrag seiner Arbeit anerkennt, muß der Arbeitslohn
 gleich diesem Preis sein. Von sozialistischer Seite wird meistens
stark unterstrichen, daß die sozialistische Wirtschaftsordnung dem Lohnsystem
 ein Ende machen würde, was die Bedeutung habe, daß der Lohn
des Arbeiters nach irgendwelchen objektiven Gründen, nicht aber nach
der jeweiligen Marktlage bestimmt werde. Wir finden, daß diese Vorstellung
 falsch ist. Der Arbeitslohn der rationell geleiteten sozialistischen
Wirtschaft muß stets in Übereinstimmung mit der Lage des Arbeits-Il


8“
        <pb n="129" />
        | Kap. IV. Der Mechanismus der Preisbildung.
markts sein, was damit gleichbedeutend ist, daß der Lohn durch eine
Preisbildung nach dem Prinzip der Knappheit und der supplementären
Prinzipien bestimmt ist. Wie weit die sozialistische Gesellschaft diese
Marktlage selbst durch andere Maßnahmen zu beherrschen vermöchte,
ist eine andere Frage. Daß dies besonders durch geeignete Ordnung
des Erziehungswesens der sozialistischen ebensowohl wie unserer bestehenden
 Gesellschaft in gewissem Maße möglich ist, werden wir später
finden (8 39). Wollte die sozialistische Gesellschaft darüber hinaus den
Arbeitsmarkt etwa durch Beschränkung der freien Berufswahl, der Freizügigkeit,
 der Fortpflanzung usw. zu regulieren suchen, um damit eine
Marktlage zu schaffen, die eine gewisse aus „objektiven‘, außerhalb
der Rücksichten auf die Marktlage liegenden Gründen als passend angesehene
 Lohnskala erlaubte, so würde dies natürlich immer bis zu
einem gewissen Grade, aber auch nur bis zu einem gewissen Grade —,
denn die natürliche Knappheit gewisser Begabungen könnte auch die
sozialistische Gesellschaft kaum überwinden — möglich sein, aber einer
Beeinträchtigung des Verfügungsrechtes des einzelnen über seine Arbeitskraft
 und überhaupt seiner persönlichen Freiheit gleichkommen, welche
die sozialistische Wirtschaft bedenklich nahe einer Sklavenwirtschaft
bringen und ihr jedenfalls den wesentlichen Charakter der Tauschwirtschaft
 rauben würde.
Wir werden im folgenden wiederholt Gelegenheit haben, die Notwendigkeit
 wirtschaftlicher Vorgänge durch Untersuchung der Verhältnisse
 der hier analysierten sozialistischen Wirtschaftsordnung zu
prüfen, und in vielen Fällen dabei zu Ergebnissen kommen, die im
Gegensatz zu allgemein verbreiteten Vorstellungen stehen.
Viertes: Kapitel.
Der Mechanismus der Preisbildung.
816. Arithmetische Behandlung des Gleichgewichtsproblems.
Die für die Preisbildung einer jeden Tauschwirtschaft maßgebenden
Prinzipien haben wir im vorigen Kapitel als notwendige Konsequenzen
des allgemeinen wirtschaftlichen Prinzips hergeleitet, Wer sich in diese
Prinzipien genau hineingedacht hat, ist damit schon in der Lage, sich
eine richtige Auffassung von der allgemeinen Natur der Preisbildung
zu bilden und hat schon einen sicheren Grund für die Behandlung der
meisten Aufgaben der theoretischen Ökonomie. Indessen bietet diese

16
        <pb n="130" />
        $ 16. Prinzip der Knappheit. 7
Wissenschaft auch Probleme, die einen tieferen Einblick in den Mechanismus
 der Preisbildung erfordern. Es handelt sich dabei vornehmlich
einerseits um die viel umstrittene Natur des Ursachenzusammenhanges
der Preisbildung, andererseits um eine für die später zu behandelnde
Geldtheorie wesentliche Frage, nämlich den Grad der Bestimmtheit des
Preisbildungsproblems. Um den Mechanismus der Preisbildung klarzumachen,
 muß man den inneren Zusammenhang des Preisbildungsprozesses
 in mathematischer Form darstellen. Dies ist nicht so zu verstehen,
als ob es nötig wäre, die Schilderung des Preisbildungsprozesses in
schwierigen, außerhalb der Gemeinbildung fallenden mathematischen
Berechnungen einzukleiden. Die Wesentlichkeiten des Mechanismus der
Preisbildung sind schon für eine allgemeine Kenntnis der Gleichungssysteme
 mit mehreren Unbekannten erreichbar. Was in den beiden
ersten Paragraphen dieses Kapitels von mathematischen Darstellungen
vorkommt, braucht deshalb niemand vom Lesen abzuhalten. Indessen
ist das ganze Werk so aufgestellt, daß die genannten Paragraphen
auch übergangen werden können, ohne daß dadurch der Zusammenhang
 verloren geht. Nur muß sich der Leser dann einen tieferen inf
blick in die eben bezeichneten Fragen versagen,
In Übereinstimmung mit den Ergebnissen des vorigen Kapitels
haben wir hier eine geschlossene Tauschwirtschaft zu betrachten, in
welcher die Preisbildung vom Prinzip der Knappheit und den dazu gefügten
 supplementären Prinzipien vollständig beherrscht wird. Wie ein
solcher Zustand erreicht wird, ist für unsere vorliegende Untersuchung
gleichgültig. Wir wissen, daß eine solche Preisbildung in sehr verschieden
 organisierten Tauschwirtschaften durchgeführt werden kann,
und besonders daß unsere bestehende Tauschwirtschaft dieselbe unter
Anwendung sehr ungleichartiger Mittel annähernd verwirklicht. In
diesem Paragraphen wollen wir zunächst annehmen, daß mit Bezug auf
die Produktionskosten keine Unbestimmtheit der in 8 13 berührten Art
vorliegt, daß also das Prinzip der Knappheit genügt, um die Preisbildung
 vollständig zu bestimmen‘).
Anfänglich wollen wir den einfachen, dem 8 11 entsprechenden
Fall betrachten, daß der Einfluß der Produktion nicht in Frage kommt,
daß also die Mengen der in einer bestimmten Periode den Konsumenten
zur Verfügung stehenden Güter gegeben sind, eine Voraussetzung, die
damit gleichbedeutend ist, daß die Produktion unveränderlich und
ein- für allemal festgelegt ist. Diese Mengen werden wir das Angebot
der betreffenden Güter nennen und mit A,, A,... A, bezeichnen, wo
n die Zahl der betreffenden Güterarten ist.
Die Konsumenten stellen wir uns als andere Personen als die Produzenten
 vor. Wenn ein Produzent einen Teil seiner Produktion selbst
') Vgl. zum folgenden: Cassel: Grundriß einer elementaren Preislehre. Zeitschrift
 für die gesamte Staatswissenschaft 1899,

IE
        <pb n="131" />
        1.5 Kap. IV. Der Mechanismus der Preisbildung.
konsumiert, betrachten wir ihn gleichwohl in seiner Eigenschaft als
Konsument als eine selbständige Person. Die etwaige Konsumtion der
Produzenten ist also nicht im voraus vom Angebot abzuziehen, sondern
in gleicher Linie mit der übrigen Konsumtion dem Gesamtangebot
gegenüberzustellen.
Wir denken uns nun zunächst, daß die Geldsumme, die jeder Konsument
 in der betrachteten Periode für seine Bedürfnisbefriedigung ausgibt,
 im voraus fixiert ist. Unter solchen Umständen ist offenbar die
Nachfrage eines jeden Konsumenten nach den verschiedenen Gütern in
der Periode bestimmt, sobald die Preise derselben gegeben sind.
Der Zusammenhang zwischen Nachfrage und Preis eines Gutes
wird am zweckmäßigsten so dargestellt, daß der Preis des Gutes als
unabhängige Veränderliche gewählt wird. Läßt man dann den Preis
varlieren, so kann man feststellen, wieviel vom betrachteten Gute die
betreffende Person zu jedem besonderen Preise kaufen will, also wie
die individuelle Nachfrage mit dem Preise variiert. Das Ergebnis einer
solchen Untersuchung kann man in einer Tabelle zusammenfassen;
oder man kann die individuelle Nachfrage, also die Menge des Gutes,
die die betreffende Person bei einem gegebenen Preis kauft, als Funktion
des. Preises auffassen, wobei die Form dieser Funktion die subjektive
Schätzung kennzeichnet.
Der Vorteil einer solchen Darstellung der individuellen Nachfrage
macht sich besonders geltend, wenn man die Nachfrage mehrerer Personen
 zusammenfassen will. Man hat dann eine gemeinsame unabhängige
Variable, den Preis, und für jeden Wert dieser Variablen kennt man
die Nachfrage jedes einzelnen Konsumenten. Jede solche Nachfrage
wird durch eine Zahl dargestellt, welche ausdrückt, wie viele Einheiten
des Gutes der betreffende Konsument zu kaufen wünscht. Folglich
— lassen sich diese Zahlen summieren. So gelangt man zum Begriff der
Gesamtnachfrage nach dem betreifenden Gute. Auch diese läßt sich
in Form einer Tabelle bringen, welche die Gesamtmenge des Gutes angibt,
 die zu jedem besonderen Preis begehrt wird. Oder man kann
diese Gesamtnachfrage als eine Funktion des Preises darstellen.
— Untersuchen wir aber die Nachfragefunktion etwas näher, so werden
wir finden, daß sie auch die Preise aller übrigen Güter als Variable
enthält. Die Nachfrage eines individuellen Konsumenten nach einem
bestimmten Gut ist nämlich, wie wir schon ($ 11) gesehen haben, nicht
bestimmt, bevor die Preise aller Güter, die überhaupt Gegenstand seiner
Nachfrage sein können, gegeben sind. Erst wenn dies der Fall ist,
sind alle Daten vorhanden, die ihn in der Regulierung seiner Konsumtion
 innerhalb der Grenzen seiner Geldmittel bestimmen, erst dann
ist er imstande, seine Nachfrage nach jedem einzelnen Gute zu fixieren,
Mit den Preisen der n Güter ist also die Nachfrage jedes einzelnen
Konsumenten und somit auch die Gesamtnachfrage sämtlicher Konsu-1£
        <pb n="132" />
        8 16. Prinzip der Knappheit. 9
menten nach jedem einzelnen Gute bestimmt. Bezeichnen wir die Gesamtnachfrage
 nach den n Gütern in der betrachteten Periode mit
N,, N... N,, können wir folglich diese Größen als Funktionen von
den n Preisen darstellen, also
(I) N, =F,(pı.-.P))
N, = F,(pı--.. Pi)
N, = Fa (Di . ‚'pPr)
setzen, ‘wo p;i...Dp. die Preise der n Güter sind.
Nun muß bei Gleichgewicht der Tauschwirtschaft die Nachfrage
jedes einzelnen Gutes mit dem Angebot desselben übereinstimmen, da
die Preisbildung nach dem Prinzip der Knappheit eben die Aufgabe
hat, die Nachfrage so weit zu beschränken, daß sie mit den zur Verfügung
 stehenden Gütermengen befriedigt werden kann. Folglich ist:
N = AyuN2 zZ Ars Nu. A,
und somit nach (1)
(2) Fi(pı-..Pa)= A;
FPı-..Pa)= A,
F„(Pı na Pa) #7? Ag-Um
 das Preisbildungsproblem für den hier betrachteten einfachen
Fall zu lösen, brauchen wir also nur die n Preise als die Unbekannten
des Problems zu betrachten und dieselben nach der gewöhnlichen mathematischen
 Methode vorläufig als gegeben anzunehmen. Dann sind wir
in der Lage, die Nachfrage nach den n Gütern in diesen Preisen dem
Gleichungssystem (1) gemäß auszudrücken, wonach das Gleichungssystem
 (2) als Konsequenz des Prinzips der Knappheit folgt. Dieses
System enthält zur Bestimmung der n unbekannten Preise n Gileichungen,
 was ja im allgemeinen genügt, um die n Unbekannten zu
bestimmen. Im jetzt behandelten Falle, wo die Geldausgaben der
Konsumenten als gegeben vorausgesetzt werden, sind die Preise offenbar
 auch in ihrer absoluten Höhe bestimmt. Sobald aber die Preise
bekannt sind, kann man die Nachfrage jedes einzelnen Konsumenten,
sowie auch die Gesamtnachfrage nach jedem einzelnen Gute berechnen. _
Da die Nachfrage bei den so berechneten Preisen auch befriedigt wird,
ist also das ganze Problem der Verteilung der den Konsumenten zur
Verfügung stehenden Güter gelöst.
Daß das Problem der Preisbildung nicht isoliert für jedes Gut für
sich behandelt werden kann, beruht, wie man sieht, darauf, daß die
Nachfrage nach einem Gute nicht nur vom Preise dieses Gutes, sondern
im allgemeinen von den Preisen sämtlicher Güter abhängt. Dieser Umstand
 ist es, der die Darstellung des Preisbildungsprozesses durch ein
System simultaner Gleichungen, wie unser System (2), notwendig macht.

11“
        <pb n="133" />
        120
Der innere Zusammenhang der Preisbildung kann in keiner anderen
eise adäquat wiedergegeben werden, -
Wir haben hier angenommen, daß das Angebot gegeben ist, daß
also die Güter während der betreffenden Periode in unveränderlichen,
im voraus ‘bestimmten Mengen zur Verfügung stehen oder durch die
Produktion fertiggestellt werden. Lassen wir jetzt diese Voraussetzung
fallen und ziehen wir die ganze Produktion auch mit in das Preisbildungsproblem
 hinein! Da wir in diesem Paragraphen eine lediglich
durch das Prinzip der Knappheit bestimmte Preisbildung betrachten
wollen, setzen wir voraus, daß die Produktionskosten jedes einzelnen
Gutes mit den Preisen der Produktionsmittel eindeutig bestimmt sind.
Bei der Behandlung der jetzt vorliegenden Probleme müssen wir
inen fortdauernden Produktionsprozeß betrachten und die im $ 12
(S. 75) aufgestellten Bedingungen des Gleichgewichts einer solchen
Wirtschaft bei konstanten Preisen in arithmetische Form kleiden.
unächst wollen wir dabei nur den einfachsten Fall der stationären
irtschaft im Auge halten.
‚Die Begrenzung der Herstellung von neuen Gütern liegt, wie schon
in 8 3 hervorgehoben wurde, in der Knappheit der Produktionsmittel.
Durch die Produktion wird die Knappheit der Bedürfnisbefriedigung
nur auf die Knappheit der Produktionsmittel zurückgeführt. Die allgemeine
 Natur der Produktionsmittel ist auch im dritten Paragraphen
ngegeben worden. Hier, wo wir unsere Aufmerksamkeit speziell auf
den Mechanismus der Preisbildung zu richten haben, müssen wir die
roduktionsmittel ihren Mengen nach als gegeben voraussetzen. Als
ypen derselben können wir, um unserer Vorstellung eine konkrete
nterlage zu geben, die Arbeitsleistungen, die von der Natur darebotenen
 Rohstoffe und die Dienstleistungen schon vorhandener dauerafter
 Güter betrachten. Die Beantwortung der Frage, inwieweit diese
Produktionsmittelauch als elementar angesehen werden können oder vielleicht
 selbst reproduzierbar sind, muß, wie überhaupt die vollständige
und schließliche Analyse der Produktionem3tel unserem nächsten Buche
vorbehalten bleiben. Erst da können wir auch die Frage aufnehmen,
inwieweit die elementaren Produktionsmittel, obwohl nicht reproduzier-N
 Aa A NDS en
ar, dennoch eventuell in anderer Weise ihren dargebotenen Mengen
nach dem Einfluß der Preisbildung unterliegen. Hier müssen wir uns
E begnügen, einfach eine Reihe von Produktionsmitteln als elementar
 und in gegebenen Mengen zur Verfügung stehend, anzunehmen.
Es sei also r die Zahl dieser Produktionsmittel und R,, R2...R, die
Mengen derselben, die in einer gegebenen Periode zur Verfügung
stehen. Diese Periode, die wir auch als „Einkommenperiode‘“ oder,
wenn wir eine Zeiteinheit dafür wählen, als „„Einheitsperiode‘““ bezeichnen
können, kann, wenn der Produktionsprozeß nur genügend gleichförmig ist
(S. 2122), beliebig kurz gewählt werden, kann also, je nach der Natur

0 7
        <pb n="134" />
        $ 16. Prinzip der Knappheit. .J
des zu behandelnden Problems, z. B. einen Tag, eine Woche oder ein
Jahr repräsentieren.
Mit Hilfe dieser Produktionsmittel werden nun fertige Güter von
n verschiedenen Arten hergestellt. Um die Einheitsmenge des Gutes 1
herzustellen, mögen die Mengen d,1...d der Produktionsmittel erforderlich
 sein, für die Einheitsmenge des Gutes 2 seien die Mengen
Ası... Ag derselben Produktionsmittel erforderlich usw.; endlich für
die Einheitsmenge des Gutes n die Menge A,ı...Apr- Diese Größen
können wir als „technische Koeffizienten‘‘ bezeichnen. Sie stellen
die technischen Bedingungen der Produktion dar. Da wir hier diese
Bedingungen als fest angenommen haben, sind die technischen Koeffizienten
 als gegebene Größen des Problems zu betrachten. Selbstverständlich
 können mehrere a gleich Null sein, da nicht alle Produktionsmittel
 zur Produktion eines jeden Gutes nötig sind.
Über die Bedeutung dieser technischen Koeffizienten sei noch
folgendes bemerkt: Die Herstellung einer Einheitsmenge eines fertigen
Gutes erfordert im allgemeinen die Verwendung von Produktionsmitteln
 von einer ganzen Reihe verschiedener Einheitsperioden. Erst
in der letzten von diesen wird die Produktion abgeschlossen und also
das fertige Gut zur Verfügung der Konsumtion gestellt. Unsere a bezeichnen
 zunächst die Gesamtmengen der Produktionsmittel jeder besonderen
 Art, welche in dieser Weise zur Fertigstellung der Einheitsmenge
 eines fertigen Gutes in Anspruch genommen werden. Sie sind
als solche Summen von Produktionsmittelmengen von verschiedenen
Einheitsperioden. In der stationären Wirtschaft wird aber die Produktion
 in unverändertem Umfang fortgesetzt. Die Fertigstellung eines
Gutes bestimmter Art wird also in jeder Einheitsperiode wiederholt,
Damit aus diesem fortdauernden Produktionsprozeß in jeder Einheitsperiode
 die Einheitsmenge des Gutes hervorgehen soll, muß in jeder
solchen Periode eine bestimmte: Menge von Produktionsmitteln zur
Verfügung stehen. Die Ansprüche, welche die stetig wiederholte Produktion
 des fertigen Gutes atf*die Produktionsmittel einer bestimmten
Einheitsperiode stellt, summieren sich und bestimmen diese Menge. Sie
ist deshalb offenbar dieselbe, wie die Menge der Produktionsmittel von
verschiedenen Einheitsperioden, welche zur Herstellung einer bestimmten
 Einheitsmenge des Gutes erforderlich ist. Unsere a bezeichnen
 also gleichzeitig sowohl die in der ersten wie die in der zweiten
Weise definierten Produktionsmittelmengen.
Nach dem Prinzip der Knappheit soll nun die nötige Begrenzung
der Nachfrage durch eine einheitliche Preisbildung erfolgen, d. h. es
soll für jedes einzelne Produktionsmittel sowohl wie für jedes fertige
Gut nur ein Preis bestehen. Die Preise der verschiedenen Produktionsmittel
 wählen wir jetzt als die Unbekannten des Preisbildungsproblems.
Denken wir uns diese Unbekannten für den Augenblick als gegeben und

19;
        <pb n="135" />
        Kap. IV. Der Mechanismus der Preisbildung.,
bezeichnen wir sie mit q,...4,. Es läßt sich dann der Preis jedes
der n fertigen Güter berechnen; und zwar hat man, wenn diese Preise
mit p;, .:. pn bezeichnet‘ werden:
(3) 0,191 Fd1202 4... 0,0, = pr
A
Apnıdı 7 da29a TE AprQr = Pre
Sobald aber die Preise der fertigen Güter bekannt sind, ist nach
dem vorher Gesagten die Gesamtnachfrage nach jedem einzelnen Gute
in jeder Einheitsperiode bekannt und läßt sich mit Hilfe des Gleichungssystems

(4) N, Fr... Do)
Ni = Far. PD)
N, TS Fi Pı A Pa)
berechnen. Nach dem Prinzip der Knappheit muß bei Gleichgewichtspreisen
 jede Nachfrage durch das Angebot befriedigt werden können,
und man hat also:
5) N; = Ay Nı = 25 N. =
Wo A,, A,, A, die Mengen bedeuten, die von jedem der einzelnen Güter
innerhalb einer Einheitsperiode produziert werden.
Man kennt also nunmehr die Mengen der einzelnen Güter, die in
jeder Einheitsperiode fertiggestellt werden sollen. Daraus lassen sich
die Ansprüche, die an die Produktionsmittel einer bestimmten Einheitsperiode,
 sagen wir der gegenwärtigen, gestellt werden, folgendermaßen
berechnen. Um dauernd in jeder Einheitsperiode eine Einheit des
Gutes 1 herzustellen, braucht man von diesen Produktionsmitteln die
Mengen d,1...d,.. Für die Menge A, braucht man also von den verschiedenen
 Produktionsmitteln die Mengen a.,A,...d.„A,. Ähnlich
verhält es sich in bezug auf die übrigen Produkte. In Summa braucht
man demnach zur fortdauernden Produktion der Mengen A,... A,
vom Produktionsmittel 1 die Menge a,,A, + Ad, Az +... A114, (6)
vom Produktionsmittel 2 die Menge a,,A, + A,Ar +... + Ap2An
vom Produktionsmittel r die Menge aA, + AA +... + AprAn
Diese Mengen stellen also in der fortdauernden stationären Wirtschaft
 die indirekte Nachfrage der Konsumtion nach den in jeder Einheitsperiode
 gebrauchten Produktionsmittel dar. Nach dem Prinzip
der Knappheit muß diese Nachfrage für jedes Produktionsmittel gleich
der von diesem Produktionsmittel innerhalb der betrachteten Einheitsperiode
 zur Verfügung stehenden Menge sein, da es doch die Aufgabe
der Preisbildung ist, die Nachfrage genau so weit zu beschränken, wie
es für diesen Zweck nötig ist. Folglich ist:

127
        <pb n="136" />
        8 16. Prinzip der Knappheit.
(7) Rı= 41, +QA2Az +... + QuAx
Ra = A,2A, + A22Az +... + ApoAx
R, = AA, + AA +... + AurApe
Die A sind hier den Gleichungssystemen (5) und (4) gemäß Funktionen
 der p und somit nach dem Gleichungssystem (3) Funktionen
der q. Das Gleichungssystem (7) enthält also als Unbekannte die
r Preise der Produktionsmittel. Es hat auch r Gleichungen und genügt
 somit im allgemeinen zur Bestimmung der Unbekannten. Sobald
die Preise der Produktionsmittelbekanntsind, lassen sich dem Gleichungssystem
 (3) gemäß die Preise der fertigen Güter berechnen. Damit ist
dann auch die Nachfrage in jeder Einheitsperiode nach jedem der
fertigen Güter durch das Gleichungssystem (4) bestimmt. Folglich kann
man die Ansprüche, die an die Produktion gestellt werden, berechnen.
Die Gleichungen (5) zeigen, wieviel von jedem einzelnen Gute in jeder
Einheitsperiode fertiggestellt werden soll, womit die Verteilung der
Produktionsmittel auf die verschiedenen Produktionszweige bestimmt
ist. Die Ansprüche, welche die fortdauernde, durch diese Preisbildung
geregelte Nachfrage an die verschiedenen in einer bestimmten Einheitsperiode
 vorhandenen Produktionsmittel stellt, sind nach den Formeln (6)
zu berechnen. Die Übereinstimmung dieser Ansprüche mit den zur Verfügungstehenden
 Mengen der Produktionsmittel ist durch das Gleichungssystem
 (7) gewährleistet. Das Preisbildungsproblem ist also für den hier |
betrachteten Fall vollständig gelöst. /
Unsere Gleichungen zeigen die wahre Natur der Preisbildung, und
der Preisbildungsprozeß kann in keiner einfacheren Weise exakt wiedergegeben
 werden. Die Nachfrage nach einem fertigen Gute stellt ein
Streben dar, gewisse Produktionsmittel zu einer bestimmten Verwendung
 zu ziehen. Diesem Streben stehen jedoch ähnliche Bestrebungen
gegenüber seitens der Nachfrage nach den übrigen fertigen Gütern.
Es entsteht in dieser Weise ein Kampf um die knappen Produktionsmittel,
 welcher in der Tauschwirtschaft dadurch entschieden wird, daß
auf die Produktionsmittel gleichförmige Preise gesetzt werden, die ihrerseits
 die Preise der Produkte bestimmen und somit ein Mittel zur
nötigen Beschränkung der Nachfrage bilden. Die von der fortlaufenden
Nachfrage nach jedem einzelnen Produkt herrührende Nachfrage nach
einem bestimmten Produktionsmittel sammelt sich für jede Einheitsperiode
 zu einer Gesamtnachfrage nach diesem Produktionsmittel, die
von den rechten Seiten unseres Gleichungssystems (7) dargestellt wird,
und die bei Gleichgewicht gleich der gegebenen Menge des Produktionsmittels
 sein muß. Eine solche Gleichung muß für jedes Produktionsmittel
 gelten.
Es ist sehr viel darüber gestritten worden, welche die Bestimmungsgründe
 der Preise sind. Diese Frage läßt sich jetzt beantworten. Die

123
        <pb n="137" />
        1274 Kap. IV. Der Mechanismus der Preisbildung.
Bestimmungsgründe der Preise sind die verschiedenen gegebenen Koeffizienten
 unserer Gleichungen. Diese Koeffizienten können in zwei
Hauptgruppen eingeteilt werden, die wir als die objektiven und die subjektiven
 Bestimmungsgründe der Preise bezeichnen können. Die objektiven
 Bestimmungsgründe sind teils die Mengen der Produktionsmittel
(R), teils die sogenannten technischen Koeffizienten (a). Die subjektiven
Bestimmungsgründe sind die Koeffizienten der Gleichungen (4), die die
Abhängigkeit der Nachfrage von den Preisen darstellen. Alle diese
Faktoren sind für die Bestimmung der Preise wesentlich. Eine „objektive‘
 oder „subjektive‘‘ Wertlehre, im Sinne einer Theorie, die die
Preise auf objektive oder subjektive Bestimmungsgründe allein zurückführen
 will, ist deshalb Unsinn, und der ganze Streit zwischen diesen
 Wertlehren, der in der Literatur einen so unverhältnismäßig großen
|Platz eingenommen hat, ist nur verlorene Mühe.
Das Gleichungssystem (7) drückt aus, daß die indirekte Nachfrage
der fortlaufenden Konsumtion nach den verschiedenen Produktionsmitteln
 in jeder Periode durch die in derselben zur Verfügung stehenden
Mengen dieser Produktionsmittel gedeckt sein muß, und daß die Preise
so hoch stehen müssen, daß die Nachfrage in Übereinstimmung mit
dieser Bedingung geregelt wird. Man kann also sagen, daß die Preise
bestimmt werden durch die Knappheit der Produktionsmittel im Verhältnis
 zur indirekten Nachfrage der Konsumenten nach denselben.
Dabei ist die Knappheit der Produktionsmittel nach unseren Voraussetzungen
 ein gegebener Faktor des Problems. Die Nachfrage dagegen
ist selbst eingFunktion der Preise der fertigen Güter und somit auch nach
dem Gleichungssystem (3) eine Funktion der Preise der Produktionsmittel
 und kann also_nicht als Bestimmungsgrund_defSelben gelten:
was auf dieser Seite als gegebener Faktor des Problems die Preise
bestimmt, ist die Art, in welcher die Nachfragefunktionen von den
Preisen der Produktionsmittel abhängen, also die Form dieser Funktionen
 oder die Gesamtheit ihrer Koeffizienten, welche die Beschaffenheit
 der Nachfrage nach den Produktionsmitteln kennzeichnen. Wenn
man in dieser Weise die Knappheit der Produktionsmittel und die
Beschaffenheit der Nachfrage nach denselben als die beiden preisbestimmenden
 Faktoren aufstellt, wird es gleich klar, daß von einem
Vorrang des einen oder des anderen Faktors gar nicht die Rede sein
kann. Es sind beide im absoluten Sinne des Wortes wesentliche Bestimmungsgründe
 der Preise.
Diese Lösung des Preisbildungsproblems ist insofern allgemein, als
sie auch den vorher behandelten Fall, daß die Güter, die unmittelbar
Gegenstand der Nachfrage sind, nicht beliebig reproduzierbar, sondern
in gegebenen Mengen vorhanden sind, mit umfaßt. Solche Güter sind
nur in unserer allgemeinen Lösung des Problems den. Produktionsmitteln
 gleichzustellen. Daß ein Gut reproduzierbar ist, bedeutet ja

DZ 4
        <pb n="138" />
        125
nur, daß seine Knappheit auf die vom Gesichtspunkt der Produktion
absolute Knappheit anderer Güter zurückgeführt werden kann. Diese
absolut knappen Güter nennen wir eben elementare Produktionsmittel,
Die Lösung des Preisbildungsproblems ist demnach für alle Arten von
Gütern einheitlich. Die zuweilen gemachten Versuche, verschiedene
Preisbildungstheorien für reproduzierbare und nicht reproduzierbare
üter aufzustellen, sind also ebenso unnötig wie irreführend,
Wir haben hier das Preisbildungsproblem auf Faktoren zurückgeführt,
 die wir wenigstens bis auf weiteres als gegebene Faktoren des
Problems betrachten können. Oft findet man aber als Bestimmungsgründe
 der Preise solche Faktoren bezeichnet, die in der Tat ebens
wie die Preise selbst Variable des Problems sind, die erst durch die
hier gekennzeichneten gegebenen Faktoren bestimmt werden. Daß die
Nachfrage eine solche Variable darstellt, ist schon hervorgehoben. Wie
weit jede einzelne Nachfrage sowohl nach den Produktionsmitteln wie
nach den fertigen Produkten befriedigt werden kann und welcher also
der Grenzkäufer oder welches das zuletzt befriedigte Bedürfnis ist, somi
auch welche Höhe der ‚„‚Grenznutzen‘‘ hat, das sind alles Fragen, die
erst im Zusammenhang mit_der Bestimmung der Preise durch unsere
Gleichungssysteme beantwortet werden können. Der sogenannte Grenzutzen
 — wenn man nun überhaupt diesen Begriff einführen will —
immt also ganz dieselbe Stellung als_Unbekannte des Problen.s wie
der Preis ein, weshalb es offenbar sinnlos ist, den „Grenznutzen‘‘ als
Erklärungsgrund des Preises anzuführen.
Von den „„Produktionskosten‘“ der fertigen Güter, die ebenfalls al
elbständiger Preisbestimmungsgrund bezeichnet zu werden pflegen, gilt
etwas Ähnliches, wie hinsichtlich der Nachfrage gesagt worden ist. Die
Produktionskosten unserer Güter sind durch das Gleichungssystem (3
bestimmt und sind also nicht bekannt, bevor die Preise der Produktionsittel,
 welche eben die Unbekannten des Problems darstellen, bekannt
sind. Wenn man die „technischen Produktionskosten‘‘ als mitbestim
enden Faktor der Preisbildung anführen will, so hat man darunter
ediglich die „technischen Koeffizienten‘‘ a zu_verstehen. Kosten sind
wie schon einmal (8 12) bemerkt, wesentlich ein tauschwirtschaftlicher
Begriff, entstehen überhaupt nur dadurch, daß Nachfrage infolge de
nappheit der Mittel der Bedürfnisbefriedigung durch Preise beschränkt
erden muß. -
Die Produktionskosten eines Gutes sind auch nicht, wie man sich
zuweilen vorstellt, eine isolierte Erscheinung. Die Produktionsmittel,
die zur Herstellung des Gutes dienen, können nämlich in der Regel auch
ur Herstellung anderer Güter verwendet werden und sind seitens der
onsumtion dieser Güter Gegenstand einer Nachfrage, die ihre relative
&amp;lt;nappheit verschärft. Die Preise dieser Produktionsmittel und _somi
ie Produktionskosten des ersten Gutes hängen auch von dieser Nach-7

 m
        <pb n="139" />
        . Kap. IV. Der Mechanismus der Preisbildung.
frage ab. Solange z. B. die Wasserfälle Skandinaviens nur zur Erzeugung
 mechanischer Kraft, hauptsächlich für Holz- und Eisenindustrie,
verwendet wurden, war die natürliche Wasserpferdekraft in manchen
Gegenden sehr billig, ja sogar wertlos, und die Industrien, die diese
Kraft benutzten, brauchten dieselbe in ihrem Naturzustand meistens
kaum in die Produktionskosten einzuberechnen. Jetzt aber, wo eine
Nachfrage nach Wasserkraft für Erzeugung von elektrischer Energie
entstanden ist, hat diese Nachfrage in manchen Fällen den Preis der
natürlichen Wasserkraft erhöht, was bei richtiger Berechnung der Produktionskosten
 der Holz- und Eisenindustrie beachtet werden muß.
Die so charakterisierte Abhängigkeit der Produktionskosten eines
Gutes von der Nachfrage nach den übrigen Gütern ist das Gegenstück
zu der früher betonten Abhängigkeit der Nachfrage nach einem Gute
von den Preisen der übrigen Güter. Diese allgemeine gegenseitige Abhängigkeit
 der Unbekannten des Preisbildungsproblems ist es, wie schon
oben für den einfacheren Fall, wo keine Produktion in Frage kommt,
hervorgehoben wurde, was eine isolierte Behandlung der Preisbildung
für ein einzelnes Gut unmöglich macht, das Preisbildungsproblem wesentlich
 als ein einheitliches, die ganze Tauschwirtschaft umfassendes
Problem kennzeichnet und der Preisbildung einen inneren‘ Zusammenhang
 verleiht, welcher nur von einem System simultaner Gleichungen
wiedergegeben werden kann.
Wir haben bisher vorausgesetzt, daß die Geldsumme, die jeder Konsument
 in der Einheitsperiode für seine Bedürfnisbefriedigung ausgibt,
 im voraus fixiert ist. Unter dieser Voraussetzung genügt offenbar
die Kenntnis der Preise der fertigen Güter um die Nachfrage eines jeden
Konsumenten nach diesen Gütern zu bestimmen. Die Gesamtnachfrage
nach den verschiedenen Gütern kann dann mit Hilfe unseres Gleichungssystems
 (4) berechnet werden. Wenn die Preise endlich durch das
Gleichungssystem (7) berechnet werden, sind sie im Verhältnis zu den
als gegeben angenommenen gesamten Geldausgaben der Konsumenten
bestimmt. Man kann daraus schließen, daß. die Preise durch das Gileichungssystem
 (7) absolut und nicht nur im Verhältnis zueinander bestimmt
 werden.
Die Voraussetzung, daß die Geldausgaben der Konsumenten zum
Kauf fertiger Güter für ihre Bedürfnisbefriedigung im voraus bestimmt
sind, müssen wir aber jetzt fallen lassen. Die Geldausgaben eines Konsumenten
 sind wesentlich von seinem Einkommen bestimmt. Wenigstens
 ist dies im großen der Fall, wenn wir Ausgaben und Einkommen
auf etwas längere Perioden beziehen. Die Ausgaben brauchen deswegen
 nicht in jeder Periode gleich dem Einkommen zu sein. Der Konsument
 kann bekanntlich einen Teil seines Einkommens sparen. In
gewissen Fällen kann er auch mehr :als sein Einkommen verbrauchen,

126
        <pb n="140" />
        8 16. Prinzip der Knappheit. 127
nämlich wenn er Geld für Konsumzwecke leiht oder bis auf weiteres
seine Rechnungen unbezahlt läßt. Sowohl Sparsamkeit wie Konsumtion
über das Einkommen hinaus können von den augenblicklich geltenden
Preisen beeinflußt werden. Sind aber einmal alle Preise gegeben, so
dürfen wir voraussetzen, daß der Betrag der Gesamtausgaben jedes
einzelnen Konsumenten ebensowohl wie deren Verteilung auf die verschiedenen
 Güterarten durch das Einkommen der Konsumenten bestimmt
 ist. Für die ganze stationäre Wirtschaft sind diese Ausgaben
konstant und, da in dieser Wirtschaft im ganzen kein Sparen vorkommt,
auch gleich dem Einkommen. Der Einfachheit halber können wir dann
dasselbe mit Bezug auf jede Einzelwirtschaft annehmen. Das Einkommen
 des einzelnen ist aber von den Preisen der Produktionsmittel,
die er im Laufe des Produktionsprozesses verkauft, bestimmt. Die verschiedenen
 Einkommen der Mitglieder der Tauschwirtschaft werden
also erst durch den Preisbildungsprozeß bestimmt, und weder diese
Einkommen noch die dadurch bedingten Ausgaben dürfen deshalb als
im Voraus gegebene Größen des Preisbildungsproblems betrachtet
werden. Erst, wenn wir auch das Einkommen als eine der Unbekannten
des Preisbildungsproblems auffassen, gelangen wir zu einer Behandlung
des Preisbildungsproblems, welche die Tauschwirtschaft genau widerspiegelt,
 die Konsumenten gleichzeitig als Produzenten erscheinen läßt
und zeigt, wieviel von den produzierten Gütern der einzelne Produzent
für seine produktiven Leistungen einzutauschen imstande ist. Das so
verallgemeinerte Preisbildungsproblem schließt in sich das Problem
der wirtschaftlichen Verteilung ein. Das Verteilungsproblem ist also
nicht etwa ein freistehendes Problem der ökonomischen Wissenschaft,
sondern ist wesentlich als eine besondere Seite des allgemeinen Preisbildungsproblems
 zu betrachten. Die Lösung des Verteilungsproblems
ist von diesem Gesichtspunkt ebenfalls in unserem System simultaner
Gleichungen mit einbegriffen, was natürlich nicht hindert, daß das
praktische Verteilungsproblem auch von anderen Gesichtspunkten betrachtet
 werden kann und muß (vgl. 8 20). Das Wesen der wirtschaftlichen
 Verteilung liegt immer in der durch unser Gleichungssystem bestimmten
 Preisbildung für die im gesellschaftlichen Produktionsprozeß
mitwirkenden Produktionsmittel, und die Anteile der verschiedenen
Wirtschaftssubjekte am gesellschaftlichen Produktionsergebnis sind
demgemäß wesentlich von der relativen Knappheit derjenigen Produktionsmittel,
 über welche sie verfügen, bestimmt. Erst die Untersuchung
 einer in dieser Allgemeinheit aufgefaßten Preisbildung kann
uns ein vollständiges und zusammenhängendes Bild der Vorgänge innerhalb
 der Tauschwirtschaft geben.
Unsere neuen Voraussetzungen ändern nichts in der äußeren Form
der Gleichungssysteme, die zur Bestimmung der Preise dienen. Nur ist
der Inhalt der Gleichungen (4) nunmehr ein anderer. Diese Gleichungen
        <pb n="141" />
        WZ Kap. IV. Der Mechanismus der Preisbildung.
drückten früher die Abhängigkeit der Nachfrage von den Güterpreisen
unter der Voraussetzung aus, daß die Gesamtausgaben der Konsumenten
 gegeben waren. Jetzt haben wir von den vorläufig als bekannt angenommenen
 Preisen der Produktionsmittel auszugehen und mit Hilfe
derselben die Einkommen der verschiedenen Einzelwirtschaften zu berechnen.
 Diese Einkommen bestimmen nach unserer Voraussetzung in
Verbindung mit den ebenfalls aus den Preisen der Produktionsmittel zu
berechnenden Güterpreisen die gesamten Konsumtionsausgaben der
Einzelwirtschaft, weshalb wir die Gleichungen (4) in derselben Weise
wie oben aufstellen können. In diesen Gleichungen treten jetzt aber
nicht länger wie früher die als gegeben angenommenen Gesamtausgaben
 als Konstanten auf. Dafür sind aber die Koeffizienten der Funktionen
 F,...F, nunmehr Funktionen der Preise der Produktionsmittel.
Die Variablen p,...p„ Sind aber selbst, dem Gleichungssystem (3) gemäß,
 Funktionen von den unbekannten q,...dq,.. Die Funktionen
F,...F, enthalten also nunmehr außer den Variablen q,...Gq,. nur
Konstanten, die in unserem Problem als gegeben angesehen werden
müssen, und die die Abhängigkeit der Nachfrage von der gesamten
Preislage und der dadurch bestimmten Einkommensverteilung darstellen.

Bisher haben wir unsere Analyse unter der Voraussetzung einer
stationären Wirtschaft durchgeführt. Jetzt haben wir auch die gleichmäßig
 fortschreitende Wirtschaft in Betracht zu ziehen. Da befinden
sich die Produktionsmittelmengen, die in jeder Einheitsperiode zur
Verfügung stehen, also unsere Rı...R;, in gleichmäßigem Zuwachs.
Den festen Prozentsatz, welcher diesen Zuwachs und überhaupt den
gleichmäßigen Fortschritt der Wirtschaft kennzeichnet, wollen wir
mit c bezeichnen. Denken wir uns die Preise der Produktionsmittel
vorläufig als gegeben, so sind die.Geldeinkommen, welche durch den
Verkauf dieser Produktionsmittel erhalten werden, und welche also
auch mit dem Prozentsatz c wachsen, bestimmt. Von diesem Einkommen
 wird ein Teil gespart, der Rest zum Kauf von fertigen Gütern
verwendet. In der gleichmäßig fortschreitenden Wirtschaft ist aber
der Spargrad konstant und die Geldsummen, welche in jeder Periode
der Konsumtion zur Verfügung stehen, wachsen dann ebenfalls mit
dem Prozentsatz c. Mit Hilfe der technischen Koeffizienten a werden
die Preise der fertigen Güter nach den Gleichungen (3) in derselben
Weise wie im vorigen Falle bestimmt. Da diese Preise konstant bleiben,
kann die Nachfrage mit ihrer stetig wachsenden Kaufkraft in steigendem
Umfang befriedigt werden. In der gleichmäßig fortschreitenden Wirtschaft
 dürfen wir deshalb voraussetzen, daß unsere N,... N, sämtlich
ebenfalls mit dem festen Prozentsatz c wachsen. Dasselbe muß dann
von unseren A,...A, gelten.

128
        <pb n="142" />
        8 16. Prinzip der Knappheit. 129
Die fortdauernde Produktion solcher stetig wachsender Gütermengen
 stellt aber besondere Ansprüche auf die Produktionsmittel
Rı...Rı, die in einer gegebenen Einheitsperiode zur Verfügung
stehen. Zwar bleiben unsere Gleichungen (7) im äußeren unverändert;
die Koeffizienten a müssen aber durch andere ersetzt werden. Wie
schon oben bemerkt sind die a Summen von anderen Konstanten,
welche angeben, wieviel von ihnen auf jede Einheitsperiode kommt,
d. h. wieviel von jedem Produktionsmittel in jeder Einheitsperiode
für die Produktion einer bestimmten Einheitsmenge jedes unserer
fertigen Güter in Anspruch genommen wird. Da die Produktion jetzt
gleichmäßig wachsen soll, müssen diese Einheitsmengen durch stetig
mit dem Prozentsatz c wachsende Mengen ersetzt werden, also auch
die entsprechenden Konstanten in demselben Tempo wachsen, d. h.
sie müssen, wenn man eine Reihe nacheinander folgender Einheitsperioden
 in Betracht zieht, mit steigenden Potenzen eines konstanten
Faktors, welcher offenbar von c bestimmt ist, multipliziert werden.
Die so bestimmten Konstanten müssen wieder zu Summen addiert
werden, welche unsere @ in den Gleichungen (7) zu ersetzen haben.
Das Wesentliche ist aber, daß diese neuen Koeffizienten, außer
den Elementen unserer alten „„‚technischen Koeffizienten‘ nur noch den
Fortschrittsprozentsatz c enthalten und also im vorliegenden Preisbildungsproblem,
 sobald die Preise der Produktionsmittel als bekannt
angenommen werden, als gegebene Größen zu betrachten sind. Das
Gleichungssystem (7) behält also im wesentlichen seinen Charakter
und genügt wie im vorigen Falle, um die Preise der Produktionsmittel
zu bestimmen, wonach das ganze Preisbildungsproblem gelöst ist.
Die Ansprüche, die eine stetig wachsende Produktion auf die Produktionsmittel
 einer gegenwärtigen Einheitsperiode stellt, sind natürlich
größer als die Ansprüche, die eine stationäre der gegenwärtigen Versorgung
 mit fertigen Gütern entsprechende Produktion stellen würde.
Das von den Preisen der Produktionsmittel bestimmte Einkommen
der gegenwärtigen Einheitsperiode übertrifft auch in demselben Verhältnis
 den Gesamtwert der in dieser Periode zur Verfügung stehenden
fertigen Güter. Dieses Einkommen zerfällt demgemäß in zwei Teile,
von denen der eine zum Kauf der fertigen Güter, der andere zum Kauf
der Vermehrung des Realkapitals in der betrachteten Periode dient.
Der erste Teil dient zur Bezahlung derjenigen Produktionsmittel, welche
für die Produktion von fertigen Gütern einschließlich für die Erhaltung
des schon vorhandenen Realkapitals in Anspruch genommen werden,
der zweite Teil zur Bezahlung der übrigen Produktionsmittel, welche
der Vermehrung des Realkapitals gewidmet werden. Das Verhältnis
zwischen diesen Teilen bestimmt den Spargrad und den Fortschrittsprozentsatz
 c. Auf die spezifische Bedeutung, die der Zinsfuß in diesem
Zusammenhang hat, können wir erst später ($ 26) Rücksicht nehmen.
Cassel, Theoret. Sozialökonomie 4. Aufl.

Q
        <pb n="143" />
        Kap. IV. Der Mechanismus der Preisbildung.
— Wir finden leicht, daß die Funktionen F,...F, von derjenigen
Form sein müssen, daß sie bei einer Multiplikation sämtlicher in der
Geldeinhe ausgedrückten q mit einem beliebigen Multiplikator unerändert
 bleiben. Denn die Nachfrage kann doch in einer Tauschwirtschaft,
 die sich in beständigem Gleichgewicht befindet, nur von
den relativen Preisen bestimmt werden. Dasselbe Gleichgewicht könnte
ebensogut, sagen wir bei doppelten Preisen, aufrechterhalten werden,
da dann auch die Einkommen doppelt so hoch sein würden und die
erteilung des Einkommens auf die verschiedenen Zweige der Bedürfnisbefriedigung
 bei stetigem Gleichgewicht nur vom Verhältnis zwischen
Güterpreisen und Einkommen, nicht aber von den absoluten Größen
derselben abhängen kann. Daß das Ergebnis bei Störung des Gleichewichts
 ein anderes wird, da Rücksicht auf eine andere _Preislage als
diejenige des Augenblicks mit hineinspielt, werden wir in der Geldheorie
 zu beachten haben (88 50—952).
Auch auf anderen Wegen können wir sehen, daß die Funktionen
1... F, die angegebene Eigenschaft haben müssen. In der modernen
Physik spielt bekanntlich die Berechnung der Dimensionen der verschiedenen
 in der Wissenschaft auftretenden Größen eine wichtige Rolle.
Die theoretische Ökonomie kann ebenfalls von dieser Methode Nutzen
ziehen. Der in Geld berechnete Preis bildet eine der grundlegenden wirtschaftlichen
 Dimensionen, wir können sie die Wertdimension nennen.
Die Nachfrage nach einem bestimmten Gute wird nun durch die Zahl
der begehrten Gütereinheiten ausgedrückt. Diese Nachfrage kann also
eine Länge (z. B. so und so viele Meter Tuch), ein Gewicht (so und
so viele Kilogramm Zucker) usw. sein. Sie enthält aber offenbar nicht
die Wertdimension, ist mit Bezug auf Wert von der Dimension Null.
Dies ist damit gleichbedeutend, daß eine Multiplikation sämtlicher
in der Geldeinheit ausgedrückten Preise q, die nunmehr in den Nachfragefunktionen
 F allein die Wertdimension vertreten, mit einem und
demselben Faktor keinen Einfluß auf diese Funktionen hat.
Eine Multiplikation sämtlicher Preise q mit einem beliebigen Faktor
hat also auch keinen Einfluß auf die Gleichungen (5) und (7). Da das
letzte System, das die Preise q bestimmt, diese Eigenschaft hat, muß
es ebensowohl von einem System von Preisen q erfüllt sein, wo sämtliche
 in der Geldeinheit ausgedrückten q mit einem beliebigen Faktor
multipliziert sind. Unser Gleichungssystem ist folglich insofern unbestimmt,
 als es die genannten Preise nur bis auf einen multiplikativen
Faktor bestimmt oder, wie man es populär ausdrückt, uns nur die
relativen Preise, nicht aber die absoluten kennen lehrt. Damit die
absoluten Preise bestimmt werden, muß noch eine neue Bedingung
inzukommen, z. B. der Preis einer Ware oder einer Gruppe von Waren
gegeben sein. Eine solche Bedingung war vorhanden, solange wir die
in Geld gerechneten Gesamtausgaben der Konsumenten als gegeben

T3C
        <pb n="144" />
        8 17. Die supplementären Prinzipien. 51
voraussetzten. Im allgemeinen Problem der Preisbildung bleibt ein
multiplikativer Faktor aller Preise unbestimmt. Die Bestimmung
dieses Faktors und damit die endgültige Lösung des Preisbildungsproblems
 gehört der Geldtheorie an.
$ 17. Die Stellung der supplementären Prinzipien im Preisbildungsprozeß.

Im vorigen Paragraphen haben wir die allgemeine Theorie der
Preisbildung unter der Voraussetzung entwickelt, daß die Produktionskosten
 immer bestimmt sind, sobald die Preise der Produktionsmittel
gegeben sind. Unter dieser Voraussetzung genügt das Prinzip der
Knappheit, um das Preisbildungsproblem vollständig zu bestimmen.
In Wirklichkeit ist aber diese Voraussetzung nicht allgemein erfüllt,
und wir brauchen deshalb zur Bestimmung des Problems noch die vier
supplementären Prinzipien der Preisbildung, welche wir im 8 13 aufgestellt
 haben. Wir haben damals gezeigt, wie die Unbestimmtheit
des Preisbildungsproblems in jedem einzelnen Falle durch diese Prinzipien
 aufgehoben wird. Es bleibt jetzt übrig, diese supplementären
Prinzipien in unsere Lösung des allgemeinen Preisbildungsproblems einzuordnen.
 Erst wenn dies gelingt, gibt unsere Lösung ein vollständiges
und zusammenhängendes Bild des gesamten Preisbildungsprozesses,
Die hier berührte Unbestimmtheit des Preisbildungsproblems tritt
darin zutage, daß die technischen Koeffizienten, die wir vorhin als Konstanten
 unseres Problems auffassen konnten, jetzt selber als Unbekannte
auftreten, die durch gewisse Gleichungen mit den übrigen Unbekannten
verbunden sind. Die Formen dieser Gleichungen, die speziell die technischen
 Bedingungen der Produktion widerspiegeln, sind nunmehr als
gegebene Daten des Preisbildungsproblems zu betrachten. Wir finden
also, daß die Verbindung der Wirtschaftswissenschaft mit der Technik
ganz analoger Natur ist, wie ihre Verbindung mit den menschlichen
Bedürfnissen. Diese Beobachtung ist wichtig, weil sie die natürliche
Symmetrie des Preisbildungsproblems hervorhebt und damit die Unmöglichkeit
 einer einseitigen Preisbildungstheorie beleuchtet.
Unser erster Fall unbestimmter Produktionskosten besteht darin, daß ein und
dasselbe Produkt in verschiedenen Betrieben zu verschiedenen Produktionskosten
hergestellt wird. Wir können diese Betriebe in einer Reihe nach steigenden Produktionskosten
 ordnen. Es besteht dann ein bestimmter Zusammenhang zwischen
der Ausdehnung der Produktion und den Produktionskosten des letzten in Anspruch
genommenen Betriebs, Je höhere Ansprüche an die Produktmenge gestellt werden,
desto weiter muß die Produktion ausgedehnt werden und desto höher werden die
letzten Produktionskosten. Nehmen wir an, jeder neu in Anspruch genommene
Betrieb vermehrt die gesamte Produktmenge verhältnismäßig sehr wenig und hat
Q*

15
        <pb n="145" />
        =. Kap. IV. Der Mechanismus der Preisbildung.
Produktionskosten, die diejenigen des vorhergehenden sehr wenig übersteigen, so
können wir die Produktionskosten des zuletzt in Anspruch genommenen Betriebs
als eine stetige Funktion der Ausdehnung der Produktion, also der gesamten Produktmenge,
 und also auch umgekehrt die gesamte Produktmenge oder das gesamte
Angebot des betreffenden Produkts als eine stetige Funktion der letzten Produktionskosten
 darstellen. Bezeichnen wir das Angebot mit A, die Produktionskosten
des letzten in Anspruch genommenen Betriebs mit x, haben wir also die Gleichung
A = 146).
Die Unbestimmtheit der Produktionskosten wird für den hier betrachteten Fall
durch das Differentialprinzip, welches die Forderung enthält, daß die letzten Produktionskostendurch
 den Preis des Produktsgedeckt sein sollen, aufgehoben. Bei der
Aufstellung unseres Gleichungssystems tritt nun aber die Schwierigkeit auf, daß wir
die Ausdehnung der Produktion und folglich auch die t}etzten Produktionskosten nicht
im voraus kennen. Um diese Schwierigkeit zu überwinden, wollen wir den Preis des
Produkts als eine neue Unbekannte einführen. Diese Unbekannte ist also einer von
den Preisen p, . .. Pn, wir können ihn hier mit p bezeichnen. Sobald nun der Produktpreis
 p in der gewöhnlichen Weise als gegeben vorausgesetzt wird, ist die Nachfrage
nach dem Produkt, wir können sie N nennen, in Übereinstimmung mit den Gleichungen
 (4) bestimmt. Diese Nachfrage muß aber vom Angebot gedeckt sein und
das Angebot A ist somit durch die Gleichung N = A, die dem Gleichungssystem (5)
angehört, bestimmt. Anderseits muß nach dem Differentialprinzip der Preis des
Produkts die Produktionskosten des letzten Betriebes decken. Höher kann der
Produktpreis auch nicht sein, denn nach unserer Voraussetzung kann bei einem
auch wenig höheren Produktpreis noch ein Betrieb in Anspruch genommen werden.
Der Produktpreis ist also wenigstens sehr nahe gleich den letzten Produktionskosten.
Man hat also p = x und folglich A = 1f(p). Wenn die Zahl der Unbekannten,
wie es hier geschehen ist, mit eins vermehrt wird, muß auch eine neue Gleichung
hinzukommen, damit das Problem fortwährend bestimmt sein soll. Diese neue
Gleichung ist eben die Gleichung A = f(p), wo beide Seiten die Unbekannten
enthalten. Mit dieser Vervollständigung stellt also unser Gleichungssystem für den
hier betrachteten Fall die Lösung des allgemeinen Preisbildungssystems dar, )
Eine Ungleichheit der Produktionskosten in verschiedenen Betrieben kann
daraus entstehen, daß ein Produktionsmittel in verschiedenen Qualitäten vorhanden
ist, die besseren Qualitäten aber so knapp sind, daß auch weniger gute in Anspruch
genommen werden. Entsprechend unserer Voraussetzung, daß die letzten Produktionskosten
 mit der Ausdehnung der Produktion kontinuierlich wachsen, können
wir hier annehmen, daß die nacheinanderfolgenden. Qualitäten des Produktionsmittels
 sehr wenig voneinander abweichen, so daß die Qualität des Produktionsmittels
mit der Ausdehnung der Produktion kontinuierlich abnimmt. Bei der Berechnung
der Produktionskosten eines Gutes ist dieses Produktionsmittel zunächst außer
acht zu lassen. Das Differentialprinzip führt dann, wie eben gezeigt worden ist, zu
dem Ergebnis, daß der Preis des Produkts gleich den Produktionskosten des zuletzt
in Anspruch genommenen Betriebs sein muß. Dies zeigt, daß diejenige Qualität
des betrachteten Produktionsmittels, die im letzten Betrieb benutzt wird, den Preis
Null hat. Die höheren Qualitäten haben dabei einen dem Differentialgewinn, der
bei ihrer Anwendung erzielt wird, entsprechenden Preis,
Für das Studium des wirklichen Wirtschaftslebens ist es notwendig, auch den
Fall in Betracht zu ziehen, daß die letzten Produktionskosten sich bei Ausdehnung
der Produktion sprungweise ändern. Dies geschieht immer, wenn nur eine geringere
Zahl von Betrieben oder Gruppen von Betrieben mit verschiedenen Produktionskosten
 vorhanden sind. Muß man dann, um die Nachfrage zu befriedigen, einen neuen
Betrieb in Anspruch nehmen, so kann es leicht vorkommen, daß die letzten Produktionskosten
 dadurch beträchtlich vermehrt werden. Die Lösung des Preis-132
        <pb n="146" />
        $ 17. Die supplementären Prinzipien. 133
bildungsproblems ist in diesem Falle prinzipiell dieselbe wie im früher behandelten,
Nur können wir den Preis des Produktes p jetzt nicht ohne weiteres gleich den letzten
Produktionskosten x setzen. Wird p vorläufig als bekannt angenommen, so müssen
alle Betriebe, deren Produktionskosten kleiner als p sind, für die Produktion in
Anspruch genommen werden. Wir bezeichnen die Produktionskosten des letzten
Betriebes mit x,. Das Differentialprinzip erfordert, daß p nicht kleiner ist als x,.
Dagegen kann p jetzt größer als x, sein, jedoch nicht höher als x,, wenn x, die
Produktionskosten des nächsten eventuell in Anspruch zu nehmenden Betriebs
bezeichnet. Sobald p als gegeben gedacht wird, kann man die nächst niedrigen
Produktionskosten x, finden. Anderseits ist mit p auch die Nachfrage gegeben.
Die gesamte Produktmenge A muß gleich dieser Nachfrage sein und ist folglich
als bekannt zu betrachten, sobald p gegeben ist. Die Produktmenge A ist aber,
entsprechend der Gleichung A = f (x), mit x, gegeben. Wohl besteht im vorliegenden
 Falle eigentlich keine Gleichung A = f (x), sie ist aber ersetzt durch einen ganz
bestimmten Zusammenhang zwischen der gesamten Produktmenge und den Produktionskosten
 des letzten Betriebes x,.
Wenn der Preis des Produkts höher als die letzten Produktionskosten ist, so
hängt dies davon ab, daß die gesamte Produktmenge, die mit Inanspruchnahme
einer gewissen Zahl von Betrieben produziert wird, doch immer noch zu knapp ist,
um die Nachfrage, die bei einem den Produktionskosten des letzten Betriebs entsprechenden
 Produktpreis besteht, zu befriedigen. Das Prinzip der Knappheit
tritt dann in Wirksamkeit und drückt die Nachfrage durch einen erhöhten Preis so
weit hinab, daß sie mit der von den in Anspruch genommenen Betrieben hergestellten
gesamten Produktmenge befriedigt werden kann. Eine Grenze für diese Erhöhung
des Preises ist durch die Produktionskosten des ersten noch nicht in Anspruch
genommenen Betriebs gesetzt. Zwingt die Nachfrage den Preis bis auf diese Produktionskosten
 zu erhöhen, so wird der betreffende Betrieb zugleich für die Produktion
 in Anspruch genommen.
Auch diese Ergebnisse gelten für den soeben betrachteten Fall, daß die Verschiedenheit
 der Produktionskosten in verschiedenen Betrieben auf die wechselnde
Qualität eines Produktionsmittels zurückzuführen ist. Wenn wir wie vorher dieses
Produktionsmittel bei Berechnung der Produktionskosten außer acht lassen, so
finden wir, daß der Produktpreis vielleicht höher als die Produktionskosten des
letzten Betriebs ist. Der Unterschied ist dann der Preis des Produktionsmittels,
das im letzten Betrieb verwendet wird. Dieser Unterschied hängt nämlich ausschließlich
 von einer Knappheit dieser Qualität des Produktionsmittels ab. Wäre
diese Qualität im Überfluß vorhanden, müßte ihr Preis auch gleich Null sein, und
der Produktpreis könnte überhaupt nicht über den übrigen Produktionskosten des
letzten Betriebes stehen.
Das Prinzip der Preisbildung bei sinkenden Durchschnittskosten läßt sich ohne
weiteres in unserer Lösung des allgemeinen Preisbildungsproblems einfügen. Wir
denken uns, wie im 8 13, der Einfachheit halber, daß die ganze Produktion in einem
einzigen Betrieb betrieben wird und daß die Produktionskosten per Einheit des
Produkts mit steigendem Umfang der Produktion in einem bestimmten Verhältnis
abnehmen, so daß zwischen Umfang der Produktion und durchschnittlichen Produktionskosten
 eine gegebene Gleichung besteht. Da der Umfang der Produktion
und folglich die Produktionskosten nicht von vornherein gegeben sind, haben wir
hier wieder eine neue Unbekannte in unser Gleichungssystem einzuführen und wählen
dafür auch jetzt den Preis p des fertigen Produkts. Wenn p vorläufig als gegeben
betrachtet wird, so kennen wir die Nachfrage nach dem Produkt, folglich auch die
Ausdehnung der Produktion. Nach unserem zweiten supplementären Prinzip muß
anderseits p gleich den durchschnittlichen Produktionskosten sein. Sowohl der
Umfang der Produktion wie die durchschnittlichen Produktionskosten sind demnach
        <pb n="147" />
        124 Kap. IV. Der Mechanismus der Preisbildung.
in p ausgedrückt und da zwischen diesen Größen eine gegebene Gleichung besteht,
läßt sich die hier besonders eingeführte Unbekannte p berechnen, d. h. in den übrigen
Unbekannten ausdrücken, und das Gleichungssystem bewahrt dieselbe Bestimmtheit
wie im allgemeinen Fall.
Die Lösung ist dieselbe für den Grenzfall, daß die Gesamtkosten innerhalb
gewisser Grenzen fest, d. h. von der in Anspruch genommenen Produktmenge unabhängig
 sind.
Wenn mehrere verschiedene Produktpreise die Bedingung, daß die Gesamtkosten
 durch den Preis der gesamten Produktmenge gedeckt sein sollen, erfüllen,
muß der niedrigste dieser Preise gewählt werden.
Unser drittes supplementäres Prinzip, das Substitutionsprinzip, bezieht sich auf
die Wahl der Produktionsmethode und kann unmittelbar verwendet werden, sobald
die Preise der Produktionsmittel gegeben sind. Da unsere Behandlung des allgemeinen
 Preisbildungsproblems eben davon ausgeht, daß die Preise der Produktionsmittel
 vorläufig als gegeben betrachtet werden können, kann das Substitutionsprinzip
 ohne weiteres geltend gemacht werden. Dies gilt besonders auch für den
Fall, daß eine kontinuierliche Substitution eines Produktionsmittels für ein anderes
möglich ist und also das Kriterium, daß die letzten in der Produktion verwendeten,
gegeneinander substituierbaren Mengen der beiden Produktionsmittel denselben
Preis haben, entscheidend ist.
Im Falle, daß mehrere verbundene Produkte in festen Mengenverhältnissen aus
ein und demselben unveränderlichen Produktionsprozeß hervorgehen, haben wir die
Preise dieser sämtlichen Produkte und außerdem noch ihre (arithmetisch feststellbare)
Gesamtmenge als neue Unbekannte in unser Problem einzuführen. Die Lösung des
Problems erfolgt dann nach unserem vierten supplementären Prinzip. Zur Bestimmung
 der Produktpreise haben wir die Gleichungen, welche ausdrücken, daß die
Nachfrage nach jedem dieser verbundenen Produkte bei den angenommenen Preisen
der produzierten Menge desselben entspricht. Außerdem gibt die Notwendigkeit
einer Übereinstimmung zwischen den Produktionskosten des Gesamtprodukts und
dem aus den Preisen der verschiedenen Teilprodukte berechneten Erlös des Gesamtprodukts
 eine neue Gleichung. Mit diesen Gleichungen sind die neuen Unbekannten
sämtlich in den Preisen der Produktionsmittel ausgedrückt und das Preisbildungsproblem
 kann wie gewöhnlich behandelt werden.
Wenn die relativen Mengen der verbundenen Produkte durch Veränderung der
Produktionsmethode varriiert werden können und also eine gewisse Unbestimmtheit
der Produktionsmethode vorhanden ist, kommt die Bedingung hinzu, daß bei der
herrschenden Preislage keine andere Methode ein größeres Produkt liefern darf. In
dem Falle, wo zwei Teilprodukte einander kontinuierlich verdrängen können, erhält
diese Bedingung die Form, daß die letzten gegeneinander substituierbaren Produktmengen
 denselben Preis haben sollen. Wir müssen dann zwei neue Unbekannte
einführen, nämlich die Mengen der beiden Produkte, die pro Einheit der Produktionskosten
 produziert werden können. Wir bezeichnen diese Mengen mit x und y. Wir
müssen auch annehmen, daß zwischen diesen Mengen eine gegebene Gleichung
@ (xy) = 0 besteht, die eben ausdrückt, daß eine gewisse Vermehrung der einen
Menge nur durch eine bestimmte Verminderung der anderen gewonnen werden kann.
Wenn x und y vorläufig als gegeben betrachtet werden, läßt sich die Preisbildung
verbundener Produkte in derselben Weise wie oben durchführen: das Verhältnis
der beiden Produktmengen ist dann als gegeben zu betrachten, der Preis des Gesamtergebnisses
 der Produktion ist gleich eins, da wir eben eine Produktion untersuchen,
 die eine Einheit der Produktionskosten erfordert. Wir brauchen also nur
eine neue Gleichung zur Bestimmung von x und y. Diese neue Gleichung entspricht
 der Bedingung, daß die letzten gegeneinander substituierbaren Produkt-7.
        <pb n="148" />
        $ 18. Die aktiven Bestimmungsgründe der Preise, 3
mengen denselben Preis haben sollen, ist also die Differentialgleichung p,dx + p,dy
= 0, WO pı und p; die Preise der beiden Produkte bezeichnen.
Die Untersuchungen dieses Paragraphen können vielleicht etwas zu abstrakt
vorkommen, um für eine Wissenschaft, die das praktische Wirtschaftsleben zum
Gegenstand hat, wirkliche Bedeutung zu haben. Indessen sind diese Untersuchungen
nicht zu vermeiden, wenn man ein richtiges Bild der Preisbildung als eines einheitlichen
 Prozesses, durch welchen alle Preise gleichzeitig bestimmt werden, gewinnen
will. Und erst diese einheitliche Auffassung der Preisbildung gibt uns den notwendigen
 Überblick über den ganzen Ursachenzusammenhang, der die verschiedenen
Vorgänge der Tauschwirtschaft verbindet. Da unser ursprünglich auf dem Prinzip
der Knappheit aufgebautes Gleichungssystem, in den Punkten, wo die supplementären
Prinzipien es erfordern, vervollständigt, diesen einheitlichen Zusammenhang widerspiegelt,
 geht daraus deutlich hervor, daß die gesamte Tauschwirtschaft wesentlich
 vom Prinzip der Knappheit beherrscht wird. Dies gilt nicht nur von den Preisen
der fertigen Güter, sondern überhaupt von der ganzen Preisbildung und der ganzen
Leitung der Produktion. Insbesondere wird die gesamte wirtschaftliche Verteilung
in einer den Forderungen der Wirtschaftlichkeit genügenden Tauschwirtschaft
wesentlich vom Prinzip der Knappheit reguliert. Die Konsequenzen dieser Erkenntnis
 werden wir im folgenden Buche ziehen.
$ 18. Die aktiven. Bestimmungsgründe der Preise,
Die Frage, welche die Bestimmungsgründe der Preise sind, ist
durch die vorhergehende Untersuchung im Prinzip beantwortet. Sie
sind teils subjektiver, teils objektiver Art. Die subjektiven Bestimmungsgründe
 der Preise liegen in der Art der Abhängigkeit der Nachfrage
 nach den fertigen Produkten von den Preisen dieser Frodukte.
Die objektiven Bestimmungsgründe der Preise werden, wenn nur auf
das Prinzip der Knappheit Rücksicht genommen zu werden braucht,
einerseits durch die technischen Bedingungen der Produktion, anderseits
 durch die Mengen der zur Verfügung stehenden Produktionsmittel
dargestellt. In den Fällen, wo auch die supplementären Prinzipien
der Preisbildung zur Geltung kommen, werden diese Bestimmungsgründe
 zum Teil modifiziert und durch andere ersetzt. Das Differentialprinzip
 führt z. B. die Art der Abhängigkeit der technischen Produktionsbedingungen
 von der Ausdehnung der Produktion, das Substitutionsprinzip
 die Art des Zusammenhangs zwischen den Mengen der
Produktionsmittel, die einander teilweise ersetzen können, als objektive
Bestimmungsgründe der Preisbildung ein.
Die jetzt genannten drei Gruppen von Bestimmungsgründen der
Preise nennen wir die unmittelbaren Bestimmungsgründe derselben.
Wir haben in unserer bisherigen Behandlung des Preisbildungsproblems
diese Bestimmungsgründe als gegebene Faktoren betrachtet. Indessen
sind auch diese Faktoren ihrerseits von einer Menge verschiedener Faktoren
 des wirtschaftlichen und allgemein menschlichen Lebens abhängig.
Will man den Einfluß solcher Faktoren auf die Preisbildung studieren,
so hat man aber zunächst ihren Einfluß auf die unmittelbaren Bestim-137
        <pb n="149" />
        Kap. IV. Der Mechanismus der Preisbildung,
mungsgründe zu untersuchen. Nur durch diese können noch weiter
hinausliegende Faktoren eine Wirkung auf die Preise ausüben. Jede
solche Untersuchung führt also zurück auf unsere Lösung des Preisbildungsproblems:
 der Ursachenzusammenhang, der die Preise mit den
unmittelbaren Bestimmungsgründen derselben verbindet und dessen
Natur wir im vorhergehenden kennengelernt haben, bleibt immer die
innerste und zentrale Erklärung des Preisbildungsprozesses.
Faktoren, die in dieser Weise von außen auf die Preisbildung einwirken,
 sind z. B. Veränderungen der Bevölkerungszahl oder der Zusammensetzung
 der Bevölkerung mit Hinsicht auf Alter, Geschlecht,
Zivilstand, Klassenangehörigkeit und Beruf, Umzüge innerhalb des betreffenden
 Wirtschaftsgebiets, Veränderungen in der wirtschaftlichen
Organisation, in den wirtschaftlichen Gewohnheiten des Volkes, z. B.
in bezug auf Sparsamkeit, in der allgemeinen Auffassung der Forderung
 eines standesgemäßen Lebens oder einer „menschenwürdigen
Existenz‘, Zerstörung von Gütern durch Krieg, Erschöpfung von Naturreichtümern
 oder Entdeckungen neuer Fundstätten und Aufschließung
neuer Gebiete, schließlich auch neue technische Erfahrungen, mit einem
Worte alle jene Faktoren, die dem Wirtschaftsleben seine Beweglichkeit
 und Lebendigkeit geben. Insofern solche Bewegungen eine Wirkung
 auf die Preisbildung haben, eventuell auch von dieser beeinflußt
werden, haben wir es mit dynamischen Problemen der Preisbildung
zu tun. Diese dynamischen Probleme haben natürlich einen wesentlich
 weiteren Inhalt als das statische Problem der Preisbildung, bei
dem die unmittelbaren Bestimmungsgründe der Preise als gegeben
angenommen werden, und bei dem es nur gilt, die Art, in welcher
diese die Preise und die Leitung der Produktion bei Gleichgewicht bestimmen,
 zu erklären. Man würde aber irren, wenn man sich vorstellte,
daß die Lösung des statischen Problems ohne Bedeutung für die dynamischen
 Probleme wäre. Im Gegenteil, alle Fragen der dynamischen
Preisbildung verwandeln sich in erster Linie in Fragen nach der Einwirkung
 gewisser Bewegungen und Veränderungen auf die unmittelbaren
 Bestimmungsgründe der Preise und damit nach der Bestimmung
der Preise durch diese Bestimmungsgründe im Einklang mit der im
vorhergehenden beschriebenen Kausalverkettung. Freilich sind die
Bedingungen unserer Lösung des Preisbildungsproblems oft nicht
erfüllt, wenn wirtschaftliche Umwälzungen sich sehr heftig vollziehen.
Denn dann kann eine Zeit vergehen, wo z. B. Güter, die zu den alten
Kosten produziert sind, zu den neuen niedrigen Preisen verkauft werden
müssen und wo also das Kostenprinzip unerfüllt bleibt. Sobald aber
ein solches Übergangsstadium überwunden ist, wird sich die Preisbildung
 wieder in jeder Wirtschaft, die den Forderungen auf Wirtschaftlichkeit
 einigermaßen genügt, annäherungsweise nach dem Kostenprinzip
 richten und folglich durch unsere Lösung des Preisbildungs-136
        <pb n="150" />
        8 18/' Die aktiven Bestimmungsgründe der Preise, 37
problems im wesentlichen erklären lassen. Diese Lösung hat somit
wesentliche Bedeutung auch für die Gesamtheit der dynamischen Probleme
 der theoretischen Ökonomie. Dabei muß nur immer beachtet
werden, daß die Verhältnisse einer Übergangsperiode die Bedingungen
der folgenden normalen Preisbildung wesentlich beeinflussen, indem
sie z. B. die Zusammensetzung der Bevölkerung oder die Qualität
der Arbeit gewisser Gruppen der Bevölkerung dauernd verändern.
Wie fernerliegende Ursachen die unmittelbaren Bestimmungsgründe
der Preise beeinflussen, ist eine Frage, die natürlich für jeden Fall beantwortet
 werden muß, die aber außerhalb der Aufgaben einer allgemeinen
 ökonomischen Theorie fällt. Hier haben wir nur zu zeigen, wie
Veränderungen der unmittelbaren Bestimmungsgründe der Preise auf
die Preisbildung und die damit zusammenhängende Leitung der Produktion
 wirken. Die formelle Seite dieses Problems ist im vorhergehenden
 klargelegt. Es erübrigt aber noch zu untersuchen, inwiefern
der Einfluß der genannten Veränderungen auch wirklich aktuell wird
oder ob nicht etwa die tatsächlichen Veränderungen gewisser der gegebenen
 Faktoren keine größere Bedeutung für die Preisbildung haben,
so daß sie vernachlässigt werden kann. In diesem Fall würde vielleicht
eine, von verschiedenen Schulen versuchte, mehr oder weniger wesentliche
 Vereinfachung der ganzen Theorie der Preisbildung doch praktisch
 möglich sein. Diese Fragen haben wir gesondert für die drei verschiedenen
 Hauptgruppen_der unmittelbaren _Bestimmungsgründe zu
beantworten.
Bezüglich der subjektiven Bestimmungsgründe, welche die
Abhängigkeit der Nachfrage nach den fertigen Gütern von den Preisen
derselben darstellen, bemerken wir zunächst, daß eine Veränderung
dieser Nachfrage nur dann einen Einfluß auf die Preise gewinnt, wenn
sie auf die Nachfrage nach den Produktionsmitteln oder auf die Produktionsmethoden
 eine Wirkung ausübt. Denn wenn diese beiden
Gruppen von Faktoren gegeben sind, sind auch nach unseren Voraussetzungen
 die Preise der fertigen Güter bestimmt.
Zunächst gilt es also zu untersuchen, welche Wirkung eine Veränderung
 der Nachfrage nach fertigen Gütern auf die Nachfrage nach
Produktionsmitteln ausübt. Eine veränderte Richtung der Nachfrage
bedeutet oft in der Hauptsache nur, daß die Produktionsmittel nach
anderen Verwendungen gezogen werden, ohne daß dadurch die Gesamtnachfrage
 nach irgendeinem Produktionsmittel verändert wird. Daß
dies theoretisch möglich ist, sieht man ohne weiteres ein, da doch eine
gegebene Menge von Produktionsmitteln zu sehr verschiedenen Verwendungen
 fähig ist. Wenn z. B. der Geschmack der Brotkonsumenten
sich in der Weise ändert, daß das Weizenbrot das Roggenbrot teilweise
verdrängt, bedeutet dies in der Hauptsache nur, daß etwas mehr Ackerboden
 und landwirtschaftliche Arbeit dem Weizenbau, etwas weniger

a
+
«
        <pb n="151" />
        . Kap. IV. Der Mechanismus der Preisbildung.
dem Roggenbau gewidmet wird. Eine Veränderung in der gesamten
Nachfrage nach Ackerboden oder nach landwirtschaftlicher Arbeitskraft
 braucht deshalb nicht einzutreten. Wenn der Boden ebensowohl
für Weizen- wie für Roggenbau verwendet werden kann, braucht also
in den Preisen dieser Produktionsmittel keine Veränderung einzutreten.
Die Veränderung der Nachfrage hat dann nur die Folge, daß die Produktionsmittel
 eine teilweise veränderte Verwendung erhalten. In bezug
 auf die eigentlichen Industrieprodukte ist ein‘ derartiges Verhältnis
ziemlich allgemein. Ob die Nachfrage nach Messern oder Schlittschuhen
relativ stärker hervortritt, ist für die Preise dieser Artikel auf die Dauer
gleichgültig, denn die Arbeit und das Material, überhaupt die Produktionsmittel,
 die zur Herstellung von Messern verwendet werden, können
im ganzen ebensogut zur Herstellung von Schlittschuhen benutzt werden.
In allen solchen Fällen kommt es nur auf die Mengen der betreffenden
Produktionsmittel an, die zur Herstellung des einen oder anderen
fertigen Gutes erforderlich sind. Da die Veränderungen der Nachfrage
nicht die Nachfrage nach den Produktionsmitteln berühren, können
die Preise dieser Produktionsmittel als fest angenommen werden, und
man kann dann behaupten, daß die Preise des betreffenden fertigen
Gutes in direktem Verhältnis zu den Produktionskosten desselben
stehen. Man würde also zu einer „Produktionskostentheorie‘‘ für ein
begrenztes Gebiet von Güterpreisen kommen.
Daraus darf man aber keineswegs schließen, daß in solchen Fällen
die subjektiven Bestimmungsgründe ihre Bedeutung für die Preisbildung
vollständig verloren hätten, die Preise ausschließlich auf objektive Bestimmungsgründe
 zurückgeführt werden könnten. Wohl kann es für
die Preisbildung ziemlich gleichgültig sein, ob die Nachfrage sich dem
einen oder anderen Gute innerhalb einer gewissen Gruppe von Gütern
zuwendet, solange nämlich die Gesamtnachfrage nach den verschiedenen
in Betracht kommenden Produktionsmitteln dabei unverändert bleibt.
Diese von der ganzen Gütergruppe ausgehende Gesamtnachfrage nach
einem Produktionsmittel ist aber nicht ohne Bedeutung für den Preis
dieses Produktionsmittels. Die Existenz dieser Gesamtnachfrage ist
offenbar eine wesentliche Bedingung für die Aufrechterhaltung des
Preises des Produktionsmittels und damit für den ganzen Preisbildungsprozeß.
 Solange sich die genannte Gesamtnachfrage konstant hält, hat
sie natürlich keine Tendenz, den Preis des Produktionsmittels zu verändern.
 Aber auch sie kann sich verändern und solche Veränderungen
können nicht umhin, die Preisbildung zu beeinflussen.
- Damit kommen wir zu den Fällen, wo eine veränderte Nachfrage
nach fertigen Gütern auch eine nicht zu vernachlässigende Veränderung
in der Nachfrage nach Produktionsmitteln bedeutet und somit einen
aktiven Einfluß auf die Preisbildung gewinnt. Als Beispiel können wir
die außerordentlich starke Entwicklung der Automobilindustrie an-138
        <pb n="152" />
        8 18. Die aktiven Bestimmungsgründe der Preise, 9
führen, welche ohne Zweifel zeitweise zur Steigerung der Kautschukpreise
 mit beigetragen und dadurch die Preise anderer Produktionsmittel,
 zu deren Herstellung Kautschuk benutzt wird, beeinflußt hat.
Es läßt sich wohl nicht leugnen, daß die Zufuhr vieler der wichtigsten
Materialien im Menschenalter bis zum großen Kriege mit der immer
steigenden Nachfrage nach speziellen fertigen Produkten ungefähr
gleichen Schritt gehalten hat, daß also wesentliche Veränderungen der
relativen Knappheit dieser Materialien unterblieben sind und daß, insofern
 dies zutrifft, die großen Veränderungen der Nachfrage ohne
Einfluß auf die Preisbildung gewesen sind, die Beherrschung der Preise
durch die technischen Produktionskosten in den Vordergrund getreten
ist. Diese gleichförmige Versorgung mit Materialien ist aber keineswegs
eine ausnahmslose Erscheinung. Es ist z. B. unzweifelhaft, daß die
immer steigende Nachfrage nach neuen Wohnungen und die dadurch
bedingte Bautätigkeit in diesem Jahrhundert die Preise vom Bauholz
nicht unwesentlich gesteigert haben. Die großen Fortschritte der
allgemeinen Lesefertigkeit haben in den letzten Jahrzehnten eine sehr
starke Nachfrage nach Zeitungen geschaffen, die ihrerseits einen ganz
bestimmten steigernden Einfluß auf die Preise der Holzmasse und
damit auch auf die Preise der Wälder gehabt hat. In solchen Fällen
tritt ein aktiver Einfluß der Nachfrage auf die Knappheitspreise der
Materialien und damit auf die ganze Preisbildung deutlich zutage.
Die auf gewissen Gebieten einigermaßen gleichförmige und mit den
steigenden Ansprüchen gleichen Schritt haltende Rohmaterialienversorgung
 war außerdem nur möglich in einer Zeit, in der die fortlaufende
wirtschaftliche Eröffnung der Welt immer wieder neue Möglichkeiten
zur Deckung des steigenden Bedarfs an den verschiedensten Materialien
ergab. Man kann selbstverständlich nicht annehmen, daß die Zufuhr
von Materialien auch in der Zukunft immer gleichen Schritt mit jedem
wachsenden Bedarf halten wird. Ohne sich irgendwie pessimistischen
Betrachtungen über die Möglichkeiten einer Versorgung einer wachsenden
 Bevölkerung der Erde hinzugeben, kann und muß man sich die
Wahrheit vor Augen halten, daß an gewissen Materialien eine verschärfte
 Knappheit zu erwarten steht. Die Zeichen dazu waren in den
letzten Jahren vor dem Kriege deutlich genug!). Nunmehr ist wohl
diese Wahrheit allgemein anerkannt. Die ganze Weltpolitik ist nach
dem Kriege bekanntlich von einer Furcht vor einer kommenden Knappheit
 gewisser Materialien, wie Düngemittel, vor allem aber Petroleum,
stark beeinflußt. Sobald aber die Begrenzung unserer Versorgung mit
Materialien schärfer hervortritt, wird sich ohne Zweifel deutlich zeigen,
daß die Entwicklung der Nachfrage einen wirklichen, aktiven Einfluß
auf die Preisbildung ausübt.
ı) Beispiele bei Glier: Die Preiskurve und das Teuerungsproblem. Zeitschrift
für Sozialwissenschaft 1913—10914.

137
        <pb n="153" />
        a! Kap. IV. Der Mechanismus der Preisbildung.
) Ein spezieller Fall, wo eine veränderte Nachfrage nach einem
fertigen Gut einen unmittelbaren aktiven Einfluß auf die Preisbildung gewinnt,
 ist der Fall verbundener Produkte. Unser viertes supplementäres
Prinzip lehrt, daß die Preise verbundener Produkte so gesetzt werden
müssen, daß ein vollständiger Absatz sämtlicher verbundener Produkte
erzielt wird. Steigt nun die Nachfrage nach einem der Produkte, so
muß in der Regel auch der Preis desselben steigen, weil eine hinreichende
 Vermehrung der Gesamtproduktion die Preise der übrigen
verbundenen Produkte, für welche die Absatzmöglichkeit nicht erweitert
 worden ist, zu sehr herabdrücken würde. Seitdem z. B. Zentralheizung
 in allgemeineren Gebrauch gekommen ist, haben die städtischen
Gaswerke oft bedeutend höhere Preise für Koks erzielt. Im letzten
Menschenalter hat sich in breiten Volksschichten eine tiefgreifende
Veränderung in der Nachfrage nach Nahrungsmitteln in der Richtung
eines relativ gesteigerten Verbrauchs von Fleisch und überhaupt von
animalischen Nahrungsmitteln vollzogen. Die Landwirtschaft kann
sich nicht unbegrenzt nach dieser Geschmacksveränderung richten.
Für sie sind vegetabilische und animalische Nahrungsmittel verbundene
Produkte, deren gegenseitiges Mengenverhältnis zwar variiert werden
kann, aber doch nur innerhalb gewisser Grenzen. Die Folge der Veränderung
 der Nachfrage mußte also eine relative Preisverschiebung
der beiden Klassen von Nahrungsmitteln sein.
Eine Veränderung in den subjektiven Bestimmungsgründen der
Preise kann ferner auch eine Wirkung auf die Produktionskosten und
dadurch auf die Preisbildung ausüben. Die Natur dieser Wirkungen
ist schon mit der Aufstellung der beiden ersten supplementären Prinzipien
 theoretisch klargelegt. Eine gesteigerte Nachfrage kann in gewissen
 Fällen eine Verteuerung, in anderen eine Verbilligung der Produkte
 bedeuten. Eine Verteuerung tritt ein, wenn zur Befriedigung der
gesteigerten Nachfrage neue Betriebe mit höheren Produktionskosten
in Anspruch genommen werden müssen und also das Differentialprinzip
in Kraft tritt. Als Beispiel mag die Verteuerung der Milch oder des Brennholzes
 in einer wachsenden Großstadt, die ihren Bedarf aus immer entfernteren
 Bezugsstätten befriedigen muß, dienen. Eine Verbilligung tritt
dagegen ein, wenn die Produktion im Zeichen sinkender Herstellungskostenarbeitet.
 Dieaußerordentliche Steigerung derNachfragenachFahrrädern
 hat z. B. eine sehr billige Massenproduktion derselben ermöglicht,
was den Käufern in wesentlich gesunkenen Preisen zugute gekommen ist,
Das Gesagte dürfte genügen, um zu zeigen, daß die Faktoren, die
wir als subjektive Bestimmungsgründe der Preise bezeichneten, wirklich
auch einen wesentlichen und keineswegs nur passiven Einfluß auf die
Preisbildung haben.
Die meisten und wichtigsten Veränderungen der Preise gehen indessen
 wohl immerhin von Veränderungen der technischen Be-140
        <pb n="154" />
        8 18. Die aktiven Bestimmungsgründe der Preise. 141
dingungen der Produktion aus. Wenigstens ist dies im letztverflossenen
 Jahrhundert überwiegend der Fall gewesen, wo so durchgreifende
 Umwälzungen aller Produktionsmethoden stattgefunden haben.
Zur Produktion rechnen wir hier wie immer auch den Transport. Die
Umwandlung der technischen Methoden ist auf diesem Gebiete besonders
hervortretend und hat auch die weitgehendste Bedeutung für die ganze
Preisbildung gehabt. Wir haben es hier mit so allgemein bekannten
Tatsachen zu tun, daß eine Exemplifizierung unnötig erscheint. Die
Rückwirkung der Preisbildung ‚auf die Wahl der Produktionsmethode
ist schon bei der Aufstellung der supplementären Prinzipien der Preisbildung
 beleuchtet. Sie spielt natürlich ihre wichtigste Rolle in den
Fällen, wo das Substitutionsprinzip zur Anwendung kommt.
Kommen wir schließlich zu den Produktionsmitteln, so kann
es keinem Zweifel unterliegen, daß die mehr oder weniger reichliche
Versorgung der Tauschwirtschaft mit ihnen einen wesentlichen Einfluß
auf die Preisbildung ausübt. Dieser Einfluß macht sich direkt fühlbar,
sobald beträchtliche Veränderungen im Angebot der Produktionsmittel
stattfinden.
Daß solche Veränderungen auch tatsächlich in Betracht kommen,
ist beim Studium des wirklichen Wirtschaftslebens besonders in bezug
 auf die von der Natur dargebotenen Rohmaterialien ohne weiteres
klar. Veränderungen der Mengen der zur Verfügung stehenden Produktionsmittel
 wirken auf die Preisbildung teils direkt durch ihren Einfluß
 auf die relative Knappheit der Produktionsmittel, teils aber auch
indirekt durch ihren Einfluß auf die Wahl der Produktionsmethode.
Wenn zwei Produktionsmittel miteinander konkurrieren und also das
Substitutionsprinzip zur Geltung kommt, so kann eine verschärfte
Knappheit des einen Produktionsmittels mehr oder weniger vollständig
durch eine stärkere Inanspruchnahme des zweiten ausgeglichen werden,
Die Wirkung auf die Preisbildung erstreckt sich dann auch auf das zweite
Produktionsmittel, wird aber vielleicht in bezug auf das Produkt sehr
abgeschwächt, zuweilen sogar ganz ausgeglichen. Das letzte kann natürlich
 besonders leicht der Fall werden, wenn die Menge des zweiten Produktionsmittels
 gleichzeitig vermehrt wird. Es können also in der
Versorgung der Tauschwirtschaft mit Produktionsmitteln sehr wohl
Veränderungen eintreten, die nur eine verhältnismäßig kleine oder gar
keine Wirkung auf die Preisbildung für fertige Güter haben. Die Möglichkeit,
 ein und dasselbe Bedürfnis auf mehreren verschiedenen Wegen zu
befriedigen, übt überhaupt eine stabilisierende Wirkung auf die Preise
aus. Als Beispiel kann die Befriedigung des Beleuchtungsbedürfnisses
dienen: eine steigende Knappheit, sagen wir des Petroleums, wird den
Preis der Beleuchtung nicht wesentlich beeinflussen, da so viele andere
Beleuchtungsmethoden zur Verfügung stehen, um die Lücke auszufüllen.
Nicht einmal der Preis des Petroleums wird dabei allzusehr gesteigert
        <pb n="155" />
        ; Kap. IV. Der Mechanismus der Preisbildung.
werden können. Solche Fälle, wo Veränderungen im Angebot der Produktionsmittel
 ohne beträchtlichen Einfluß auf die Preisbildung bleiben,
dürfen aber nicht die Tatsache verdecken, daß unsere mehr oder weniger
reichliche. Versorgung mit Produktionsmitteln doch einen wesentlichen
und meistens auch sehr aktiven Bestimmungsgrund der Preise bildet.
Es zeigt sich also, daß die drei angegebenen Gruppen von Bestimmungsgründen
 der Preisbildung, also die Nachfrage der Konsumenten,
 die Technik der Produktion und das Angebot von Produktionsmitteln,
 sämtlich wesentliche Bedeutung für den Preisbildungsprozeß
des wirklichen Wirtschaftslebens haben, daß also keine von ihnen bei
der Aufstellung einer auch noch so elementaren und vereinfachten
Theorie der Preisbildung ausgelassen werden kann. Wenn aber alle drei
Gruppen von Bestimmungsgründen mit berücksichtigt werden müssen,
ist die Theorie der Preisbildung wesentlich in unserer Lösung des
Problems enthalten, und es kann neben dieser Lösung keine andere,
die wirklichen Vorgänge einer Tauschwirtschaft schildernde und erklärende
 Preisbildungstheorie geben.
In unserer bisherigen Analyse des Preisbildungsprozesses haben
wir die Mengen der zur Verfügung stehenden elementaren Produktionsmittel
 durchweg als gegeben, d. h. durch äußere Umstände bestimmt
und folglich als von der Preisbildung unabhängige, objektive Faktoren
angenommen. Diese Voraussetzung ist nur bei einem ersten Überblick
über das vorliegende Problem zulässig. In Wirklichkeit ist sie jedenfalls
nur approximativ und immer nur innerhalb gewisser Grenzen der Preisvariationen
 erfüllt. Die Preise der Produktionsmittel haben in der Tat
einen Einfluß auf die Versorgung der Tauschwirtschaft mit denselben,
der vielleicht unter normalen Verhältnissen latent sein kann, unter
gewissen Voraussetzungen aber sehr aktiv wird. An diesem Punkt
muß also die Analyse weitergeführt werden.
Im Begriff der elementaren Produktionsmittel liegt, daß sie nicht
produziert werden können, daß also eine Vermehrung derselben durch
Produktion ausgeschlossen ist. Es gilt dann einerseits zu untersuchen,
inwiefern die gewöhnlich als elementar angenommenen Produktionsmittel
 auch diese strenge Forderung wirklich erfüllen oder vielleicht
z. T. durch eine Tätigkeit, die als Produktion aufgefaßt werden muß,
vermehrt werden können. Anderseits ist natürlich eine Abhängigkeit
des Angebots eines Produktionsmittels vom Preise desselben denkbar,
auch wenn die Möglichkeit einer Produktion ausgeschlossen ist. Unsere
Aufgabe wird dann sein, die Art dieser Abhängigkeit näher zu untersuchen.

Wenn wir die Voraussetzung, daß die Produktionsmittel in fest gegebenen
 Mengen zur Verfügung stehen, fallen lassen, tritt eine gewisse
Veränderung in unserem Begriff der Knappheit ein. Die Knappheit eines

142
        <pb n="156" />
        8 18. Die aktiven Bestimmungsgründe der Preise. ‘BB
Produktionsmittels wird dann nicht länger von einer unveränderlichen
Menge desselben bestimmt, sondern liegt vielmehr in der Art der Abhängigkeit
 der dargebotenen Menge des Produktionsmittels vom Preise
desselben und tritt in der Trägheit, mit der die Vermehrung des Produktionsmittels
 auf eine Preiserhöhung folgt, zutage. Dieses Verhältnis
 macht wohl das Preisbildungsproblem etwas komplizierter, ist
aber für die prinzipielle Behandlung desselben ohne wesentliche Bedeutung.
 Die Preisbildung unter der angegebenen allgemeineren Voraussetzung
 läßt sich vollständig innerhalb des Rahmens unserer bisherigen
 Analyse des Mechanismus der Preisbildung behandeln. Die
Abhängigkeit des Angebots der Produktionsmittel von den Preisen
derselben stellt in der Tat nur das Gegenstück zu der vorher schon
in Betracht gezogenen Abhängigkeit der Nachfrage nach den fertigen
Produkten von den Preisen derselben dar und bereitet also unserer
Auffassung des allgemeinen Mechanismus der Preisbildung keine neue
Schwierigkeit.
Natürlich muß aber die Art der Abhängigkeit des Angebots verschiedener
 Hauptkategorien der Produktionsmittel von den Preisen derselben
 zum Gegenstand spezieller Untersuchungen gemacht werden.
Da dasselbe selbstverständlich von der Nachfrage gilt, kann die uns
jetzt vorliegende Aufgabe auch so formuliert werden: es muß die
Wirkung der Preise der Produktionsmittel auf Angebot und Nachfrage
von und nach denselben untersucht werden.
Dieser für die ganze theoretische Ökonomie zentralen Aufgabe soll
das folgende Buch gewidmet werden.

12.
        <pb n="157" />
        Nachtrag zum ersten Buch.
Es ist eine weit verbreitete populäre Auffassung, daß die Erfahrungen
 des Weltkriegs alle bisherige nationalökonomische Theorie
auf den Kopf gestellt haben, und daß überhaupt alles sich in dem Maße
anders gestaltet hat, als jemand erwartet hatte, daß die ganze alte
Volkswirtschaftslehre versagte, und daß, wenn von einer solchen Wissenschaft
 länger die Rede sein soll, dieselbe vom Grunde aus neu geschaffen
werden muß.
So liegt die Sache nicht. Die ökonomische Theorie, die in dem
Vorliegenden Werke vorgetragen wird, bleibt auch nach den Erfahrungen
des Krieges richtig und eignet sich wohl als Grundlage für eine wissenschaftliche
 Behandlung des neuen Tatsachenmaterials, das der Krieg
mit sich geführt hat. Auch die wirtschaftspolitischen Maßnahmen
der kriegführenden sowohl wie der neutralen Länder erhalten im Lichte
dieser Theorie ihre richtige kritische Beleuchtung, und verhängnisvolle
 Fehler auf diesem Gebiete hätten bei besserer Einsicht in die allgemeinen
 Prinzipien der Preisbildung sowie auch in die Theorie des
Geldes vermieden werden können.
Hier will ich zunächst die Erscheinungen der Kriegswirtschaft vom
Gesichtspunkte der allgemeinen Preisbildungslehre unseres ersten
Buches prüfen. Diese ist auf einer Auffassung der Tauschwirtschaft
aufgebaut, die breit genug ist, um nicht nur die hergebrachte Gesellschaftsordnung,
 sondern auch eine sozialistische Volkswirtschaft mit
zu umfassen. Genügt dieser weite Begriff der Tauschwirtschaft zur
Erklärung sämtlicher Erscheinungen der Kriegswirtschaft ? Nein. Die
Kriegswirtschaft hat wirklich ein wesentliches neues Element aufgenommen,
 ein Element, das ganz außerhalb jeder Tauschwirtschaft
fällt und deshalb von unserer Theorie der Preisbildung nicht berücksichtigt
 werden konnte. Dieses Neue der Kriegswirtschaft ist die
Rafzionierung.
Nach unserer Begriffsbestimmung ist die Tauschwirtschaft dadurch
charakterisiert, daß jede Einzelwirtschaft im Rahmen ihres Einkommens
volle Freiheit der Konsumtionswahl besitzt. Diese Freiheit, die auch in
einer sozialistischen Gesellschaftsordnung bestehen würde, wird durch
        <pb n="158" />
        Nachtrag zum ersten Buch.
je Ranzionierung beschränkt. Die Ranzionierung ist deshalb als ein
wesentlich neues Element und wohl als das einzig wirklich Neue, wa
die Kriegswirtschaft geschaffen hat, aufzufassen. Die Ranzionierung
ist in ihrem Wesen ein kommunistisches Prinzip. Sie hat aber die
auschwirtschaft_nicht verdrängt, sondern ist derselben als eine Ergänzung
 hinzugefügt.
In der Tauschwirtschaft werden die Ansprüche der Konsumenten
urch die Preise in so engen Grenzen gehalten, daß sie mit den zur
erfügung stehenden Mengen- der Nützlichkeiten befriedigt werden
önnen. Diese notwendige Beschränkung der Konsumtion, die die
reisbildung mit sanften, die individuellen Wünsche möglichst berücksichtigenden
 Mitteln erreicht, wird durch die Ranzionierung in ungleich
strengerer Weise durchgesetzt. Dabei wird aber die begrenzende Wirung
 der Preisbildung nicht aufgehoben. Denn für die ranzionierte
are muß immer noch ein Preis bezahlt werden, und es ist also denkbar,
 daß einige Konsumenten durch den Druck dieses Preises veranlaß
erden, ihre Ansprüche noch weiter zu beschränken, als die Ranzionierung
 erfordern würde. Jedenfalls nimmt die Bezahlung der ranzionierte
Ware eine gewisse Kaufkraft in Anspruch, vermindert dementsprechend
je Kaufkraft für andere Nützlichkeiten, Die Preisbildung behält also
bei der Ranzionierung ihre konsumtionsbeschränkende Funktion.
Der Preis einer ranzionierten Ware kann offenbar niedriger sein
als er ohne Ranzionierung sein müßte. Denn in entgegengesetztem
alle würde der Preis allein ausreichen, um die nötige Begrenzung de
onsumtion zu erzwingen, und die Ranzionierung wäre überflüssig.
Soll die Ranzionierung mit allen ihren Beschwerden überhaupt gerechtertigt
 werden können, so muß sie sogar einen wesentlich niedrigere
reis erlauben als sonst notwendig wäre. Eine Ranzionierung empfiehlt
sich also besonders in den Fällen, wo ohne dieselbe die Preise sehr viel
mehr gesteigert werden müßten, um die nötige Begrenzung der Konumtion
 herbeizuführen. Dies gilt vor allem für Waren primärer Notendigkeit.
 Denn die Nachfrage nach solchen Waren ist, sehr_unlastisch
 und kann bei verschärfter Knappheit nur durch eine unverältnismäßig
 große Preissteigerung hinreichend beschränkt werden
ine solche Preissteigerung würde aber die Konsumenten sehr ungleichäßig
 treffen: gewisse Schichten der Bevölkerung würden sich überaupt
 keine Einschränkung aufzuerlegen brauchen, während andere ihre
Konsumtion um so viel mehr einschränken müßten. Dazu kommt, daß
sehr hohe Preise in vielen Fällen eine zu starke Belastung der Kaufkraft
nd damit eine unverhältnismäßige Verminderung der. Konsumtionsähigkeit
 für andere Nützlichkeiten herbeiführen würden.
Brotgetreide ist _das_wichtigste Beispiel einer Ware, für welche
aus diesen Gründen eine Ranzionierung bei stark gesteigerter Knappeit
 wünschenswert werden kann, Allerdings nicht in der Weise wie
Cassel, Theoret._Sozialökonomie. 4. Aufl
        <pb n="159" />
        # Nachtrag zum ersten Buch.
man sich öfters vorstellt, um die Konsumtion der höheren Gesellschaftsklassen
 zu beschränken. Denn, was durch diese Beschränkung
gewonnen wird, ermöglicht nur einen sehr kleinen Zuschuß zum Verbrauch
 der übrigen Bevölkerung. Die Bedeutung der Getreideranzionierung
 dürfte vielmehr in der Beschränkung des Verbrauchs der bessergestellten
 Arbeiterklassen liegen. Große Mengen von Arbeitern sowohl
in den kriegführenden wie in den neutralen Ländern verdienten im
Kriege viel Geld, und sehr hohe Getreidepreise würden erforderlich
gewesen sein, wenn die Ansprüche dieser Arbeiter auf Getreide durch
die Preisbildung allein eine hinreichende Beschränkung erfahren sollten.
Die Ranzionierung des Brotgetreides bedeutete also in der Hauptsache
eine gleichmäßigere Verteilung der vorhandenen Mengen zwischen den
verschiedenen, wirtschaftlich sehr ungleich‘ gestellten Gruppen und
Individuen der Arbeiterklasse.
Nun kann man fragen, wird die Ranzionierung auch für die Zukunft,
etwa dauernd, als eine konsumtionsbeschränkende Einrichtung an der
Seite der Preisbildung zur Anwendung kommen? Bei Beantwortung
dieser Frage muß man beachten, daß der niedrigere Preis, den die
Ranzionierung ermöglicht, im allgemeinen auch eine kleinere Produktion,
eine schlechtere Versorgung der Gesellschaft mit der ranzionierten Ware
bedeutet. Die Produktivkräfte werden in zu großem Umfang auf nichtranzionierte
 Nützlichkeiten gerichtet. Eine solche Leitung der Produktion
 steht nicht in Übereinstimmung mit den Wünschen der Konsumenten,
 welche ohne die Ranzionierung im ganzen eine bessere Bedürfnisbefriedigung
 erreichen würden. Da die Ranzionierung außerdem
sehr bedeutende Kosten, sowohl in Geld wie in besonderen Beschwerlichkeiten
 für die Einzelwirtschaften, verursacht, muß man annehmen,
daß sie nur in solchen Fällen in Frage kommen wird, wo für eine Ware
von primärer Notwendigkeit eine vorläufig unüberwindbare Knappheit
entsteht. Für solche Fälle muß sie aber als eine wertvolle Ergänzung
der Wirtschaftsmethoden der Tauschwirtschaft betrachtet werden.
Die theoretische Behandlung der Preisbildung in der einer gewissen
Ranzionierung unterworfenen Tauschwirtschaft bietet keine besonderen
Schwierigkeiten, sondern erfordert nur kleine Modifikationen der Theorie
der Preisbildung der normalen Tauschwirtschaft. Die Voraussetzungen,
die wir über diese Wirtschaftsform gemacht haben, stellen immer die
Wesentlichkeiten dar, von denen eine allgemeine ökonomische Theorie
auszugehen hat, und die Durchführung einer Theorie der Preisbildung
auf diesen Grundlagen bleibt die erste Aufgabe der ökonomischen
Wissenschaft.
Die direkten staatlichen Eingriffe in die Preisbildung, die während
der Kriegszeit in allen Ländern immer häufiger vorkamen, sind nicht
als Modifikationen der Tauschwirtschaft aufzufassen, die etwa eine
Umarbeitung der Theorie der Preisbildung erfordern würden, sondern

46
        <pb n="160" />
        Nachtrag zum ersten Buch. 4
müssen einfach als willkürliche Versuche zur Veränderung des Preisildungsprozesses
 behandelt werden. Diese Versuche rühren immer von
mangelnder Einsicht in die innere Notwendigkeit dieses Prozesses he
und müssen deshalb Ergebnisse herbeiführen, welche gar nicht vorgeehen
 waren. Solche Störungen lassen sich sehr gut im Rahmen der
gegebenen Theorie behandeln, und der Wert einer festen Theorie der
reisbildung ist eben während der Kriegszeit mit besonderer Deut
lichkeit darin hervorgetreten, daß die bedenklichen Folgen willkür
licher. Eingriffe vorausgesehen werden konnten. Praktisch ist dieser
Wert leider sehr geschmälert worden, da sich die Leiter der ökonomischen
 Politik nirgends um eine gesunde ökonomische Theorie vie
ekümmert haben.
Die Einsicht, welche vor allem fehlte, war die, daß die Preisbildun
eine sozialökonomische Aufgabe hat. Die preisregulierenden Maßnahmen
des Staates gingen meistens von einer sehr primitiven Auffassung de
Preise aus. Dies zeigte sich schon in den Fällen, wo die Preispoliti
es Staates mit Beschlagnahme einer Ware oder mit Monopolisierun
er Einfuhr und des Verkaufs derselben verbunden war. Dann mußte
der Staat natürlich selbst einen Preis setzen, berechnete aber diese
meistens auf Grund einer vollständig naiven Kostentheorie, welche
äufig sogar unter Vernachlässigung des Differentialprinzips nur allgemeine
 Durchschnittskosten berücksichtigte. Dabei wurden selbstverständlich
 die mit größeren Kosten arbeitenden Produzenten geschädig
und auch die Gesamtmenge der Produktion unnötigerweise beschränkt.
er prinzipiell wichtigste Fehler war aber der, daß diejenige sozialkonomische
 Aufgabe der Preisbildung, welche in der Beschränkun
der Nachfrage liegt, vollständig außer acht gelassen wurde. Da der
Staat, ohne Rücksicht auf diese Aufgabe, seine Preise zu niedrig wählte
onnte die Nachfrage "natürlich nur dann befriedigt werden, wen
leichzeitig eine hinreichend strenge Ranzionierung stattfand. Es kam
auch häufig vor, daß der Staat, um sich ein einigermaßen genügende
Angebot zu sichern, einen verhältnismäßig hohen Einkaufspreis feststellte,
 gleichzeitig aber dieselbe Ware den Konsumenten zu einem
niedrigeren Preis zur Verfügung stellte und selbst den Preisunterschied
deckte. Darin liegt offenbar ein Verstoß gegen das Kostenprinzip. Da
die Mittel für eine solche Preisermäßigung irgendwoher genommen
erden mußten, ist es sehr zweifelhaft, ob auf diesem Wege mehr als
scheinbare Vorteile erzielt worden sind. Tatsächlich sind wohl die Mitte
um größten Teil durch eine Konsumtion von Ersparungen zusammenebracht
 worden. Die Schädigung der Kapitalbildung, die dadurch veranlaßt
 wurde, hat nach dem Kriege sehr unangenehme Folgen bewirkt
von_welchen breite Schichten der Bevölkerung, nicht am wenigste
* Ra RT hart betroffen werden.
Ganz besonders unvernünftig ist aber die staatliche _Preispolitik

&amp;amp;
        <pb n="161" />
        Nachtrag zum ersten Buch.
gewesen, wenn sie einfach durch gesetzliche Regulierung die Preise
beherrschen wollte. Die schlechten Erfahrungen über die Wirkungen
von Maximalpreisen haben sich doch seit der ersten Dämmerung der
Geschichte derart massenhaft gesammelt, daß eine Wiederholung dieser
Art Preispolitik nicht hätte in Frage kommen dürfen.
Die Maximalpreispolitik sündigt häufig gegen das Kostenprinzip
und wohl beinahe immer gegen das Prinzip, daß die Preise hinreichend
hoch gesetzt werden müssen, um eine genügende Beschränkung der
Nachfrage herbeizuführen. Dadurch veranlassen die Höchstpreise
erstens eine unwirtschaftliche Einrichtung der gesellschaftlichen
Produktivkräfte, die von einer besonders wünschenswerten Produktion
abgehalten werden; zweitens eine Erschlaffung des Interesses der
Produzenten und damit eine Herabsetzung der gesellschaftlichen Produktivität;
 drittens eine unwirtschaftliche Konsumtion für Zwecke,
welche bei einer richtigen Preisbildung nicht befriedigt werden sollten,
bzw. eine die gegenwärtigen Bedürfnisse nicht genügend beschränkende
Konsumtion und damit eine schlechtere Versorgung der Zukunft;
viertens eine unwirtschaftliche Verwendung von Materialien und Verbrauchsgegenständen
 innerhalb des produktiven Betriebes, weil sie nach
außen nur zu Höchstpreisen verkauft werden dürfen; und fünftens
eine künstliche Verstärkung der Kaufkraft für nicht-maximierte, vielleicht
 weniger nützliche Waren, deren Preise dadurch unnatürlich stark
in die Höhe getrieben werden.
Alle diese von der Theorie vorausgesehenen Ergebnisse sind in
Wirklichkeit eingetreten, und zwar in solcher Mannigfaltigkeit, daß
sie eine reiche Sammlung von guten Beispielen zur Theorie der Preisbildung
 bilden. Die vielen, öfters sehr verhängnisvollen Fehler der
staatlichen Preisregulierung hätten sicher zum größten Teil vermieden
werden können, wenn eine tiefere Einsicht in die sozialökonomische
Aufgabe der Preisbildung als Regulator der gesamten Tauschwirtschaft
allgemein vorhanden gewesen wäre.
Die Erfahrungen mit Bezug auf staatliche Preisregulierung, welche
während des Krieges gesammelt worden sind, können also nur den
Wert einer festen und klaren Theorie der Preisbildung unterstreichen.
Wesentliche Änderungen in der in diesem Werke gegebenen Darstellung
veranlassen sie nicht.

148
        <pb n="162" />
        Zweites Buch.
Die Preisbildung der Produktionsfaktoren.
Fünftes Kapitel.
Einleitung.
8 19. Die Produktionsfaktoren und die
Unternehmertätigkeit.
Wenn wir die Preisbildung der Produktionsmittel näher studieren
wollen, ist es zunächst notwendig, sie in einige große Gruppen einzuteilen,
 wobei offenbar die verschiedene Stellung der Produktionsmittel
 im Preisbildungsprozeß für die Einteilung ausschlaggebend
sein muß. Seit alters her pflegt man nun drei Hauptkategorien der
Produktionsmittel zu unterscheiden, nämlich Arbeit, Boden und
Kapital. Es ist in der letzten Zeit wiederholt hervorgehoben worden,
daß diese Einteilung wesentlich von den speziellen sozialen Verhältnissen
 Englands in der Blütezeit der klassischen Ökonomie bestimmt
sei und also keine allgemeine Bedeutung beanspruchen könne. Demgegenüber
 muß jedoch betont werden, daß diese herkömmliche Einteilung,
 wie aus dem folgenden hervorgehen wird, unzweifelhaft den
Ansprüchen der Preisbildungstheorie am besten entspricht und deshalb
mit vollem Recht ihren Platz in der theoretischen Ökonomie behauptet.
Nur muß, wie schon in $ 3 angedeutet wurde und wie im siebenten
Kapitel näher gezeigt wird, die Kategorie „Naturmaterialien‘
neben der Kategorie „Boden‘‘ selbständig aufgeführt werden. Jede
dieser vier Hauptkategorien hat ihre besonderen Eigentümlichkeiten
als Faktor des Preisbildungsproblems, und die Analyse der Produktionsmittel,
 welche für die Untersuchungen dieses Buches erforderlich ist,
muß gesondert für jede der genannten Kategorien durchgeführt werden.
Die Produktionsfaktoren sollen die Haupttypen der elementaren
Produktionsmittel darstellen. Es wird deshalb in den folgenden Kapiteln
 unsere Aufgabe sein zu untersuchen, inwiefern unsere Produk-
        <pb n="163" />
        Kap. V. Einleitung.
tionsfaktoren auch wirklich elementare Produktionsmittel darstellen
oder ob und unter welchen Bedingungen das Angebot derselben durch
eine Tätigkeit, die als Produktion bezeichnet werden darf, vermehrt
werden kann. Aber auch wo eine Produktion ausgeschlossen ist, braucht
das Angebot eines Produktionsfaktors nicht — wie wir im ersten Buche
orausgesetzt haben — eine vom Preise desselben unabhängige gegebene
röße des Preisbildungsproblems zu sein. Vielmehr kann das Angebot,
wenn es eine Leistung der wirtschaftenden Menschen selbst gilt, mit
dem für diese Leistung dargebotenen Preis variieren. Die Natur einer
solchen Abhängigkeit müssen wir ebenfalls näher untersuchen. In den
beiden jetzt genannten Beziehungen treten eben die charakteristischen
Eigentümlichkeiten der verschiedenen Produktionsfaktoren zutage. Es
wird sich deshalb auch zeigen, daß die herkömmliche Einteilung der
Produktionsmittel für die hier bezeichneten. Aufgaben unserer Untersuchung
 sehr geeignet ist.
Solange wir die zur Verfügung stehenden Mengen der Produktionsfaktoren
 als gegeben voraussetzen, nehmen, wie die Untersuchungen
es ersten Buches gezeigt haben, alle Produktionsfaktoren dieselbe
Stellung im Preisbildungsprozeß ein. Diese Voraussetzung ist eben
deshalb für die grundlegende Behandlung des Preisbildungsproblems
esonders geeignet, weil sie die wesentliche Einheitlichkeit dieses Problems
 zutage treten läßt. Eine Unterscheidung zwischen den verschiedenen
 Produktionsfaktoren ist erst dann für die Preisbildungsheorie
 erforderlich, wenn es gilt, die speziellen Umstände, die Angebot
und Nachfrage derselben regeln, und besonders die Abhängigkeit des
Angebots von den Preisen der Produktionsfaktoren selbst näher kennenzulernen.

Preise werden für die Produktionsfaktoren, nach dem allgemeinen
Prinzip der Knappheit, deshalb bezahlt, weil es notwendig ist, die Nachrage
 nach den Produktionsfaktoren so weit zu beschränken, daß sie
mit den zur Verfügung stehenden Mengen derselben befriedigt werden
kann. Die Produktionskosten eines Gutes sind von diesem Gesichtspunkte
 aus nur ein Ausdruck für die Knappheit derjenigen Produktionsfaktoren,
 die zur Herstellung des Gutes in Anspruch genommen werden,
Wenn wir, wie wir es in diesem Buche tun werden, die allgemeine Voraussetzung,
 daß die Produktionsfaktoren in bestimmten Mengen geeben
 sind, fallen lassen und somit auch die Möglichkeit einer gewissen
bhängigkeit des Angebots der elementaren Produktionsmittel von den
Preisen derselben in Betracht ziehen, verändert sich, wie schon früher
bemerkt (8 18), der Charakter der Knappheit, die Knappheit äußert sich
nunmehr als eine gewisse Trägheit in der Empfindlichkeit des Angebots
für eine Preissteigerung. Zur grundlegenden Aufgabe der Preisbildung,
er Begrenzung der Nachfrage, kommt in den Fällen, wo sich eine
solche Abhängigkeit des Angebots vom Preise wirklich geltend macht

150
        <pb n="164" />
        $ 19. Die Produktionsfaktoren und die Unternehmertätigkeit, 151
noch die Aufgabe, das Angebot anzuspornen. Diese Veränderung bedeutet
 aber, wie schon gezeigt, keine prinzipielle Veränderung im
Mechanismus der Preisbildung. Unsere allgemeine Behandlung des
Preisbildungsproblems bleibt im wesentlichen dieselbe, die Preisbildung
der Produktionsfaktoren kann für alle verschiedenen Fälle in einem
gemeinsamen Rahmen nach einem und demselben Schema erklärt
werden. Das Prinzip der Knappheit behält bei dieser Behandlung
der Preisbildung der Produktionsfaktoren die grundlegende und allgemeine
 Bedeutung, die ihm gebührt.
Wir weichen mit diesem Programm nicht unwesentlich von der
herrschenden Methode ab. Die klassische Ökonomie hat wohl in der
Darstellung Marshalls unter Aufnahme der wichtigsten modernen
Gedanken ihre höchste Vollendung erreicht, und es scheint deshalb
angemessen, die prinzipiellen Unterschiede der Marshallschen Behandlungsweise
 von der hier angewandten kurz anzugeben. Marshall
betrachtet?!), wie schon oben ($ 12) angedeutet, als Kosten im realen
Sinne nur die Anstrengungen und die Opfer („„efforts and sacrifices‘‘),
die für die Produktion erforderlich sind, demnach als Geldproduktionskosten
 nur die Preise, welche bezahlt werden müssen, um das erforderliche
 Angebot dieser Anstrengungen und Opfer hervorzurufen. Von
den Produktionsfaktoren stellen nur Arbeit und Kapital das Ergebnis
von Anstrengungen und Opfern dar. Nur diese Produktionsfaktoren
können also bei einer Berechnung der Produktionskosten berücksichtigt
werden. Der Preis der Bodenbenutzung ist schon durch die Definition
der Kosten von denselben ausgeschlossen. Mit diesem Ausgangspunkt
muß die Theorie der Preisbildung der Produktionsfaktoren notwendig
voraussetzen, einerseits, daß wirklich das Angebot von Arbeit und
Kapital von den Preisen, die für die entsprechenden Anstrengungen
und Opfer geboten werden, abhängt, mit diesen Preisen steigt, andererseits,
 daß „an der Grenze der Produktion‘ ein Preis für die Bodenbenutzung
 nicht bezahlt zu werden braucht und daß demgemäß der
Preis des Produktes an dieser Grenze wirklich mit den „Kosten“ im
angegebenen Sinne, also den Arbeits- und Kapitalkosten, übereinstimmt?).
 Hierdurch ist, wie man sieht, vom Anfang an ein ausgeprägter
 Dualismus in der Behandlung der Theorie der Preisbildung
eingeführt.
Die Preisbildungstheorie, die auf diesen Grundgedanken aufgebaut
ist, soll nicht deswegen angegriffen werden, weil ihre Voraussetzungen
nicht mit genügender Treue die Wirklichkeit widerspiegeln. Eine
Theorie muß immer von gewissen vereinfachenden Voraussetzungen
mit nur approximativer Gültigkeit ausgehen. An eine Erklärung des
allgemeinen Mechanismus der Preisbildung müssen wir aber die For-1)
 Principles V, 111, 2.
?) Hierüber näheres Kap. VII.
        <pb n="165" />
        Kap. V. Einleitung.
derung stellen, daß ihre Gültigkeit nicht von unwesentlichen Voraussetzungen
 über die Preisbildung abhängt, daß sie Platz hat für alle
Gestaltungen der Preisbildung, die im wirklichen Leben vorkommen
oder vorkommen können. Diese Forderung wird vom Lehrgebäude
Marshalls ‘nicht erfüllt. Auch wenn die Marshallschen Voraussetzungen
 annähernd richtig wären, sind sie jedenfalls nicht notwendig.
Es läßt sich sehr wohl ein Zustand denken, wo sie nicht erfüllt sind,
wo das Angebot von Arbeit und Kapital innerhalb gewisser Grenzen
von den Preisen der entsprechenden Anstrengungen und Opfer unbhängig
 ist und wo_die Bodenbenutzung einen wirklichen, auf die
Produktenpreise unzweifelhaft einwirkenden Knappheitspreis hat. Eine
Erklärung des Mechanismus der Preisbildung, die dann versagt, kann
Ansprüche auf ein tieferes Verständnis für_die wesentlichen Vorgänge
der Preisbildung nicht befriedigen. Wenn man sieht, daß an sich unesentliche
 Voraussetzungen für eine Theorie wesentliche Bedeutung
haben, dann bekommt man unwillkürlich die Empfindung, daß etwas
esentliches einem vorenthalten bleibt, daß die Theorie nicht bis zum
Kern der. Sache vorgedrungen‘ ist. “Die Wesentlichkeit, die’ in’ der
Marshallschen Darstellung der Preisbildung verloren geht, ist das
rinzip der Knappheit, also die Bedeutung der festen Begrenzung
der zur Verfügung stehenden Produktionsmittel. Das ganze Marshallsche
 System ist ein Versuch, das Prinzip der Knappheit zu umgehen,
je Knappheit als ein bestimmendes Moment der Preisbildung auszuschalten.
 Es soll nicht geleugnet werden, daß dieser Versuch im großartigen
 Gedankengebäude Marshalls gewissermaßen formell gelungen
ist. Dies ist aber nur dadurch möglich geworden, daß sich die Preisbildung
 unter den speziellen Marshallschen Voraussetzungen So gestaltet,
 daß das Prinzip der Knappheit durch keine unmittelbare Äußerungen
 zutage tritt, obwohl es natürlich immer sämtlichen Vorgängen
der Preisbildung als Regulator zugrunde liegt. Sachlich kann_ eine
solche Behandlung des Preisbildungsproblems_ aber nicht befriedigen.
Die Theorie muß dem Prinzip der Knappheit die grundlegende Stellung
geben, die ihm in Wirklichkeit zukommt ').
| Unsere vier Produktionsfaktoren stellen natürlich an sich nur
Typen von Produktionsmitteln dar, die zwar die wichtigsten sind, denen
aber eine nach mehreren Seiten hin erweiterte Bedeutung beigelegt
werden muß, wenn sie die gesamten Produktionsmittel vertreten sollen.
So z. B. beziehen sich die Begriffe Arbeit und Arbeitslohn zunächst
eigentlich auf die körperliche Arbeit verrichtenden Lohnarbeiter, müssen
aber auf technische und kaufmännische Angestellte usw. ausgedehnt
werden. Die Begriffe der Produktionsfaktoren bedürfen also einer
näheren Erläuterung und Begrenzung. Ga nz besonders ist dies der Fall
in bezug auf das ‚Kapital‘, dessen Bedeutung als Produktionsfaktor
ı) Vgl. 8 30.

152
        <pb n="166" />
        8 19. Die Produktionsfaktoren und die Unternehmertätigkeit, 153
erst durch eine eingehende Analyse klar gemacht werden muß. Demgemäß
 werden wir auch unsere Untersuchungen mit dem Kapital beginnen,
 um uns danach der Behandlung der übrigen Produktionsfaktoren
zuzuwenden. Die Ordnung wird dabei von der Notwendigkeit, die
theoretischen Schwierigkeiten in einer bestimmten Folge zu behandeln,
gegeben.
Die Aufgabe, die Produktion in Übereinstimmung mit den Ansprüchen
 der Konsumenten zu leiten, fällt in unserer bestehenden Wirtschaftsordnung
 hauptsächlich den Unternehmern zu. Diese Aufgabe
ist durchaus nicht so einfach, wie sie sich Anhänger einer sozialistischen
Wirtschaftsordnung vorstellen. Diese wähnen oft, die Bedürfnisse
brauchten nur im voraus statistisch ermittelt und dann könne die
ganze Produktion nach diesen statistischen Daten autoritativ geregelt
werden. Eine solche Behandlung der Konsumenten würde jedoch in
einem nicht unwesentlichen Teile einer Aufhebung der für die Tauschwirtschaft
 charakteristischen Freiheit der Konsumtion gleichkommen.
Denn die Konsumenten haben Anspruch darauf, sich diese Freiheit
noch bis zum letzten Augenblick zu wahren.
Die Schwierigkeit des Problems besteht eben darin, daß die stets
wechselnden, im voraus nicht mit Sicherheit zu bestimmenden Ansprüche
 der Konsumenten bei ebenfalls stets wechselnden Produktionsmethoden
 und Produktionsbedingungen befriedigt werden müssen.
Diese Aufgabe wird tatsächlich — natürlich in einer mehr oder wenigerunvollkommenen
 Weise — von einer Menge unabhängiger Unternehmer, von
denen jeder im wesentlichen nur seine eigenen Interessen verfolgt,gelöst.
Die allgemeine Erklärung der Möglichkeit einer solchen Lösung des
Problems liegt darin, daß jede Gelegenheit, wo ein zahlungskräftiges
Bedürfnis unbefriedigt gelassen ist, oder unvollständig, oder nur zu
abnorm hohen Preisen befriedigt wird, also jede Gelegenheit, wo das
Problem der wirtschaftlichen Leitung der tauschwirtschaftlichen Produktion
 nicht in befriedigender Weise gelöst ist, auch im allgemeinen
durch die Möglichkeit eines besonderen Gewinnes Unternehmer zu
besserer Befriedigung des betreffenden Bedürfnisses anlockt, wodurch
die Leitung der Produktion immer vollendeter wird. Der Unternehmer
greift nicht nur da ein, wo etwas für die unmittelbare Bedürfnisbefriedigung
 der Konsumenten zu tun ist, sondern überall, wo der in
tausend Verschiedene Teilprozesse zerlegte Produktionsprozeß eine
Lücke zeigt, die noch Platz für eine Unternehmertätigkeit bietet.
Dadurch werden auch alle diese Teilprozesse zu einem einheitlichen,
die gesamte tauschwirtschaftliche Bedürfnisbefriedigung umfassenden
Produktionsprozeß verbunden.
Der Maßstab, nach dem beurteilt werden kann, welche Verwendung
den verschiedenen Produktionsmitteln gegeben werden soll, ist, wie
        <pb n="167" />
        id Kap. V. Einleitung.
früher entwickelt, die Preisbildung. Die Produktionsmittel strömen aber
nicht von selbst in die von der Preisbildung bestimmte Richtung. Sie
bedürfen eben der Leitung durch eine menschliche Tätigkeit. Der
Unternehmer ist es, der die Mitwirkung der Produktionsmittel kauft und
die Produkte seines Unternehmens verkauft. Die ganze Preisbildung der
Produktionsmittel läuft also im allgemeinen durch die Hände der
Unternehmer, kommt ‚erst durch die Unternehmertätigkeit zustande.
Wir haben nun die Rolle der Unternehmertätigkeit im Produktionsprozeß
 zu charakterisieren und gegen diejenige der Produktionsfaktoren
abzugrenzen. Die Rolle des Unternehmers kann am besten so bestimmt
werden, daß der Unternehmer andere Produktionsmittel als seine eigene
Arbeitskraft für produktive Tätigkeit organisiert und in Wirksamkeit
setzt. Auch der Unternehmer ist uns in erster Linie ein Typus. Dieser
typische Unternehmer ist der Leiter des Großbetriebs, in dem alle
Produktionsfaktoren, und zwar in großer Stufenleiter, Verwendung
finden. Dieser Unternehmer kann im wesentlichen als „der Unternehmer‘
 betrachtet werden. Zwar besitzt er in Wirklichkeit meistens
ein Kapital, das dem Unternehmen gewidmet ist. In dieser Eigenschaft
ist er aber Kapitalist, nicht Unternehmer. Auch leistet er im Dienste
seines Unternehmens eine gewisse Arbeit der einen oder anderen Art.
Insofern ist er aber Arbeiter im weiteren Sinne dieses Wortes. Wir
müssen ihn also als Persönlichkeit gewissermaßen aufteilen, um uns den
reinen Unternehmer isoliert vorstellen zu können.
Eine unternehmerartige Tätigkeit wird im wirklichen Wirtschaftsleben
 sehr häufig von Personen ausgeübt, die man kaum als Unternehmer
 im eigentlichen Sinne bezeichnen kann. Der Handwerker, der
Bauer, nimmt in seinem Produktionsprozeß auch andere Produktionsfaktoren
 als seine eigene Arbeitskraft: fremde Arbeitskraft, Kapital
und Boden, zu Hilfe. Vielleicht ist er hauptsächlich selbst ein Arbeiter.
Wir müssen aber auch seine Person zerlegen, damit wir ihn in seiner
Unternehmertätigkeit auch als Unternehmer theoretisch erfassen können.
Durch dieses Verfahren gewinnen wir, daß, wenn wir von Unternehmern
sprechen, wie darunter alle Personen, die irgendwie eine Unternehmertätigkeit
 ausüben, eben in dieser Eigenschaft mit einbegreifen können.
Das wirtschaftliche Motiv jeder Unternehmertätigkeit ist das
Streben nach einem Gewinn. Der Unternehmergewinn besteht im
Überschuß des Rohertrags über die Kosten, d. h. über das, was für die
Mitwirkung der Produktionsfaktoren gezahlt werden muß. Wenn der
Unternehmer selbst zum Teil die Arbeit eines Arbeiters oder eines Angestellten
 verrichtet, oder Kapital oder Boden in das Unternehmen einsetzt,
 muß er für die Mitwirkung dieser Produktionsfaktoren Zahlung
nach den allgemein geltenden Preisen berechnen. Nur der Rest, der
danach etwa übrig bleibt, stellt den wirklichen Unternehmergewinn dar.
Dieser Unternehmergewinn hat auf den ersten Blick den Charakter

154
        <pb n="168" />
        $ 19. Die Produktionsfaktoren und die Unternehmertätigkeit. 155
eines reinen Differentialgewinns, der nur als Folge der Verschiedenheit
der Kosten in den verschiedenen Betrieben entsteht. Indessen enthält
der so definierte Unternehmergewinn auch noch Elemente, die einen
annähernd bestimmten Preis haben und die deshalb auch in den Berechnungen,
 auf die ein Unternehmen gegründet wird, regelmäßig mit in
Betracht gezogen werden, deren Preise folglichden Kosten gleichzustellen
sind und von den Produktenpreisen normal gedeckt werden müssen.
Dahin gehört vor allem die persönliche Arbeit des Unternehmers
in seiner Eigenschaft als Unternehmer, also seine Tätigkeit für Organisation
 und Leitung des Unternehmens. Diese Arbeit kann zum Teil
von der bezahlten Arbeit Angestellter ersetzt werden. Der Leiter eines
Betriebes mittlerer Größe verrichtet eine Menge von Funktionen, die
er erst später, wenn das Geschäft zu einem Großbetrieb herangewachsen
ist, angestellten Abteilungschefs und dergleichen Personen überläßt.
Solche Arbeit ist offenbar zu den Kosten des Unternehmens zu rechnen.
Aber auch die oberste Leitung eines Unternehmens, und sei es noch
so groß, kann durch eine dafür bezahlte Person ausgeübt werden, wie
dies die gewöhnliche Organisation der Aktienunternehmung zeigt. Es
gibt in einem wirtschaftlich hochentwickelten Lande einen Preis für
jede solche Unternehmertätigkeit. Dieser Preis folgt den gewöhnlichen
Regeln der Preisbildung: die relative Knappheit der für die betreffenden
Leistungen befähigten Personen im Verhältnis zur Nachfrage nach ihnen
ist der wesentliche Bestimmungsgrund des Preises der Unternehmerarbeit.
 Die Bestimmungsgründe dieses Preises sind also prinzipiell
dieselben wie‘ diejenigen des Arbeitslohns, obwohl natürlich die Preisbildung
 für die Unternehmertätigkeit ihre besonderen Eigentümlichkeiten
 aufzuweisen hat. Dieser Preis der Unternehmerarbeit muß in
die Kostenrechnung des Unternehmens eingestellt werden. So verfährt
jede Aktiengesellschaft, aber so muß auch jeder Privatunternehmer
vernünftigerweise verfahren: er muß einen gewissen Preis auf seine
eigene Unternehmertätigkeit setzen und diesen Preis in seine Kosten
einrechnen. Kann ein Unternehmer, der in seinem eigenen Geschäft
einen jährlichen Unternehmergewinn von 30000 Mark macht, als
Direktor einer Aktiengesellschaft 20000. Mark erhalten, so wird er den
eigentlichen Gewinn seines Unternehmens nur auf 10000 veranschlagen
können. Und ist der Nettobetrag des Unternehmens nur 15000 Mark,
so muß er sich klarmachen, daß er eigentlich mit Verlust arbeitet, da
doch seine Arbeitsleistung 20000 Mark wert ist!).
Ein zweites Element des Unternehmergewinns im oben angegebenen
 weiteren Sinne des Wortes, das wesentlich den Kosten gleichı)
 Die Unternehmertätigkeit kann natürlich, wenn man will, als ein besonderer
Produktionsfaktor neben der Arbeit im gewöhnlichen Sinne aufgefaßt werden. Für
eine solche Unterscheidung würde speziell die Eigenartigkeit der Bestimmungsgründe
des Lohns der Unternehmerarbeit sprechen.
        <pb n="169" />
        Kap. V. Einleitung.
zustellen ist, ist das Risiko, insofern nämlich, als es sich mit einiger
Wahrscheinlichkeit schätzen läßt und folglich in eine Kostenrechnung
aufgenommen werden kann. Dies ist natürlich besonders der Fall in
bezug auf jedes Risiko, gegen welches eine Versicherung möglich ist,
also z. B. die Gefahr eines Brandes, eines Schiffbruches usw. Meistens
werden für solche Gefahren Versicherungsprämien bezahlt und in die
Kosten aufgenommen. Solche Prämien sind als Kosten den notwendigen
 Abschreibungen auf Gebäude, Maschinen usw. gleichzustellen.
Wenn man die gesamte Produktion als ein Ganzes betrachtet, kommen
Unfälle der bezeichneten Art mit einer gewissen Regelmäßigkeit vor,
gehören also zur normalen Abnutzung der in der Produktion verwendeten
 Güter. Die Zahlung von Versicherungsprämien ist wesentlich
nur eine Methode zur gleichmäßigen Verteilung der für diese Art Abnutzung
 nötigen Abschreibungen. Diese Auffassung wird dadurch anerkannt,
 daß z. B. große Schiffahrtsgesellschaften in Anbetracht der
großen Zahl ihrer Schiffe eine Versicherung unterlassen, jedoch einen
eigenen Versicherungsfonds anlegen und die ihm zugeführten Mittel
als laufende Kosten abschreiben.
Gegen das eigentliche geschäftliche Risiko eines Unternehmens ist
im allgemeinen keine Versicherung möglich. Daß ein solches Risiko
gleichwohl innerhalb gewisser normalen Grenzen in der Geschäftskalkulation
 mit in Betracht gezogen wird, ist unzweifelhaft, tritt z. B.
darin zutage, daß bei Planlegung eines Unternehmens eine Verzinsung
des Kapitals, sagen wir mit 10%, berechnet wird, obwohl der geltende
Zinsfuß für beste Sicherheiten vielleicht nur 4% beträgt. Ein gesunder
Geschäftsvoranschlag einer Aktiengesellschaft berechnet auch als Kosten
die nötigen Rücklagen zur Bildung angemessener Reserven, die eben zur
Ausgleichung der auch bei einer im ganzen normalen Entwicklung
unvermeidlichen zufälligen Verluste dienen sollen. Insofern das Risiko
eines Unternehmens in Fehlberechnung der Kosten besteht, ist es
eigentlich selbstverständlich, daß es als ein besonderer Posten in die
Kostenrechnung aufgenommen werden muß. Dasselbe gilt aber offenbar
 auch vom Risiko, das.aus unvermeidlichen Rückgängen des Absatzes
 oder der Verkaufspreise herrührt: unter normalen Verhältnissen
muß ein Preis erzielt werden, der zufällige Verluste dieser Art deckt,
so daß im Durchschnitt für längere Perioden der wirklich erzielte Verkaufspreis
 der Produkte zur Deckung aller wirklichen Kosten ausreicht).

1) Auch das Übernehmen von Risiko kann als ein besonderer Produktionsfaktor
 aufgefaßt werden. Unter hochentwickelten wirtschaftlichen Verhältnissen
hat dieser Produktionsfaktor einen eigenen Markt. und einen ziemlich bestimmten
Preis. Er kann auch gegen andere Produktionsfaktoren substituiert werden, was
immer geschieht, wenn man sich, um Kosten zu sparen, mit einem niedrigeren
Sicherheitsgrad begnügt.

156
        <pb n="170" />
        8 19. Die Produktionsfaktoren und die Unternehmertätigkeit. 157
Wenn wir die bisher genannten beiden Elemente des Unternehmergewinns,
 die einigermaßen im voraus berechnet werden können und
als wirkliche Produktionskosten anzusehen sind, vom Unternehmergewinn
 abziehen, können wir den etwa noch vorhandenen Überschuß
des Unternehmens als Unternehmergewinn im engeren Sinne, als reinen
Unternehmergewinn bezeichnen. Dieser Unternehmergewinn erfüllt im
strengeren Sinne unsere Definition des Unternehmergewinns als Überschuß
 des Rohertrags über die Kosten, denn hier sind alle Posten,
die irgendwie als Kosten aufgefaßt werden können, abgezogen. Daß
ein solcher Unternehmergewinn in Wirklichkeit vorkommt, unterliegt
keinem Zweifel und tritt besonders deutlich hervor, wenn Aktiengesellschaften,
 die ihre Direktoren und Aufsichtsräte sehr angemessen ablohnen
 und dazu sehr große Reserven für alle denkbaren Zwecke zurücklegen,
 nicht nur ihr Aktienkapital verzinsen, sondern darüber hinaus
noch bedeutende Extradividenden verteilen. Allerdings ist der reine
Unternehmergewinn nur in relativ seltenen Fällen sehr groß. Für die
Mehrzahl der Unternehmer dürfte ein reiner Unternehmergewinn nur
unter besonders guten Konjunkturen entstehen; im Durchschnitt reicht
für sie der Ertrag Vielleicht kaum zur Deckung aller Kosten in dem
weiteren Sinne, in dem wir hier das Wort genommen haben. Eine auch
relativ sehr große Zahl von Unternehmen vermögen diese Kosten
meistens nie zu decken, sondern arbeiten mit einem größeren oder
kleineren Verlust. Der reine Unternehmergewinn ist in solchen Fällen
stets negativ. Die Erfahrung lehrt, daß einige solche Unternehmen
nach genügenden Abschreibungen und „„Rekonstruktionen‘‘ fortbestehen.
Aber die Zahl der vollständig verunglückten Unternehmen, die von der
Bildfläche verschwinden, ist sehr groß. Das große Publikum, das davon
wenig sieht, aber desto mehr von den riesigen Gewinnen einiger wenigen
glücklichen Unternehmen gefesselt wird, ist immer geneigt, die Größe
des gesamten reinen Unternehmergewinns in der Volkswirtschaft zu
überschätzen.
Für die Höhe des reinen Unternehmergewinns lassen sich natürlich
 keine Normen aufstellen. Der reine Unternehmergewinn ist überhaupt
 nicht etwas einer allgemeinen Regel Unterliegendes, sondern
btwas Spezifisches des einzelnen Unternehmens. Er ist oft das Ergebnis
reiner Zufälligkeiten, z. B. einer für dieses spezielle Unternehmen besonders
 günstigen Entwicklung des Absatzes, auf welche der Unternehmer
 keinen Einfluß gehabt hat. Er wechselt auch meistens stark
mit den Konjunkturen des betreffenden Produktionszweiges. Im übrigen
beruht er auf einer Vorzugsstellung, die das Unternehmen sich in der
einen oder anderen Hinsicht erworben hat. Das Unternehmen hat
vielleicht seit alters her einen gesicherten Kundenkreis, eine bevorzugte
Marke, gute langfristige Kontrakte mit Lieferanten von Materialien,
im allgemeinen gute Verbindungen in der Geschäftswelt usw... es besitzt
        <pb n="171" />
        a Kap. V.. Einleitung.
in einem entwickelten und wohlorganisierten Großbetrieb eine Überlegenheit
 über kleine Konkurrenten, es verfügt über so gewaltige
Kapitalien, daß es jede Konkurrenz totschlagen kann, es genießt ein
rechtliches Monopol oder hat durch eine Trustbildung eine Monopolstellung
 erworben usw. Die Vorzugsstellung kann auch auf persönlichen
Faktoren beruhen, das Unternehmen kann nämlich Leiter, Angestellte
und Arbeiter in seinem Dienst haben, die mehr und besseres leisten
als ebenso hoch bezahlte Leiter, Angestellte und Arbeiter anderer
konkurrierenden Unternehmen. Die ganze Organisation des Betriebes,
die Gewohnheit und Übung des Personals in gemeinsamer Arbeit,
das Interesse aller für das Gedeihen des Ganzen, das sind ebenfalls
Faktoren, die dem Unternehmen eine entschiedene Vorzugsstellung
verschaffen können. In manchen dieser Fälle ist die Vorzugsstellung
die Frucht langjähriger Anstrengungen und der reine Unternehmergewinn,
 der jetzt erzielt wird, zum Teil das Ergebnis dieser einmal
erworbenen Stellung. Diese Stellung kann aber im modernen, stark
beweglichen Wirtschaftsleben, wo immer Kräfte darauf gerichtet sind,
alte Vorzugsstellungen zu beseitigen und neue zu schaffen, sehr leicht
verlorengehen, und ihre Aufrechterhaltung fordert deshalb meistens
eine unaufhörliche Anstrengung, eine nie versagende Aufmerksamkeit,
also Leistungen, die bezahlt werden müssen und deren Preise in die
Kosten mit einzurechnen sind.
In den Fällen, wo eine Vorzugsstellung — sei sie erworben oder
durch äußere Umstände entstanden, also „unverdient‘“‘ — einen dauernden
 reinen Unternehmergewinn gewährt, ist dieser als eine Art Rente
der Vorzugsstellung aufzufassen, und die Vorzugsstellung selbst erhält
einen Kapitalwert, der bei Verkauf des Unternehmens zutage tritt.
Diese Verhältnisse können aber erst im: Zusammenhang mit den Untersuchungen
 des folgenden Kapitels vollständig. verstanden werden.
Die Frage, inwieweit der Unternehmergewinn in den Preis des
Produktes eingeht oder nicht, ist jetzt leicht zu beantworten. Die
Teile des Unternehmergewinns im weiteren Sinne, die wir als wirkliche
Kosten erkannt haben, sind natürlich als normale Bestandteile des
Preises des Produktes zu betrachten. Ob der reine Unternehmergewinn
im Produktionspreis wiederzufinden ist, hängt von den Konkurrenzverhältnissen
 ab. Ist das Unternehmen, welches einen reinen Unternehmergewinn
 macht, nicht imstande, den ganzen Markt zu versorgen, sondern
müssen noch andere Unternehmer dafür in Anspruch genommen werden,
so ist es möglich, daß das letzte noch erforderliche Unternehmen keinen
reinen Unternehmergewinn macht, daß also der Preis nur die Kosten
dieses Grenzunternehmens deckt. In diesem Falle ist der Preis in
Übereinstimmung mit dem Differentialprinzip von den Grenzkosten
bestimmt und der reine Unternehmergewinn, der den besser gestellten
Unternehmen zukommt, hat vollständig den Charakter eines für den

158
        <pb n="172" />
        $ 20. Das Zurechnungsproblem und das soziale Verteilungsproblem. 159
Produktenpreis irrelevanten Differentialgewinns. Hat dagegen das betreffende
 Unternehmen eine Monopolstellung und gelingt es ihm, diese
zur Schaffung eines reinen Unternehmergewinns auszunutzen, so ist
dies natürlich nur dadurch möglich, daß der Produktenpreis über die
Kosten gehalten wird, und der reine Unternehmergewinn muß dann
offenbar als ein Teil des Produktenpreises betrachtet werden. Die
Frage, ob das Produkt durch das Monopol verteuert wird, ist hiermit
nicht entschieden. Denn in manchen Fällen wird der Gewinn des
Monopols nur mit Hilfe einer großen und guten Organisation erreicht,
die die Kosten vermindern.
Falls das Kostenprinzip in idealer Weise verwirklicht ist, wie wir
es in unseren allgemeinen Untersuchungen über die Preisbildung vorausgesetzt
 haben, kommt kein Unternehmergewinn der letztgenannten
Art vor. Die Preise werden dann in Übereinstimmung mit dem Kostenprinzip
 nach unseren im ersten Buche aufgestellten Gleichgewichtsbedingungen
 bestimmt.
$ 20. Das Zurechnungsproblem und das soziale
Verteilungsproblem.
Wenn zwei Personen bei der Herstellung irgendeines Produkts
mitgewirkt haben, entsteht leicht die Frage, wieviel jede von ihnen
dazu beigetragen hat, wie groß der Anteil der einen und der anderen
an der Produktion gewesen ist. Das allgemeine Rechtsgefühl fordert
hier unverkennbar einen objektiven Maßstab für die Teilung des Ertrags
 und ist geneigt, diesen in einem Kausalitätszusammenhang zwischen
Leistung und Produkt zu erblicken. So entsteht das Zurechnungsproblem.
 Es ist also nicht etwa aus einer Neigung zu theoretischen
Spekulationen hervorgegangen, sondern hat seine Quelle in tiefen Eigentümlichkeiten
 des menschlichen Geistes. Es gewinnt an Bedeutung in
dem Maße, wie es sich von dem einfachen Falle einer Teilung unter
einzelnen Individuen auf die große Verteilung der gesellschaftlichen
Produktion erstreckt. Es erhält eine geradezu zentrale Stellung in einer
Zeit ausgedehnter Arbeitsteilung und starker Klassendifferenzierung der
Gesellschaft.
Die Vorstellung, daß der Ertrag nach dem Prinzip der Kausalität,
nach der Mitverursachung der einzelnen Faktoren verteilt werden
könnte, ist sehr populär. Sie wird auch unterstützt durch Betrachtung
der Fälle, wo die Leistungen, die zur Herstellung des Produktes mitgewirkt
 haben, wesentlich gleichartig sind und sich also auf ein gemeinsames
 Maß zurückführen lassen. Denn dann ist eine rein arithmetische
Verteilung nach Mitwirkung möglich. Sind aber die Leistungen, die die
Herstellung eines Produkts erfordert, wesentlich verschiedener Art,
        <pb n="173" />
        Kap. V. Einleitung.
dann ist auch eine Reduktion dieser Leistungen auf ein gemeinsames
Maß unmöglich, dann gibt es auch keine „richtige‘ Verteilung in objektivem
 Sinne.
Zunächst gilt das von den Leistungen mannigfachster Natur, die
wir unter dem Namen menschlicher „Arbeit‘‘ zusammenzufassen gewohnt
 sind. Für die Arbeit des Denkers, des Künstlers, des Geschäftsleiters,
 des Handwerkers gibt es kein gemeinsames Maß, ihr gemeinsames
 Produkt läßt sich nie und nimmer nach der Mitwirkung eines
jeden aufteilen.
Noch schärfer tritt die Unmöglichkeit des Zurechnungsproblems
dann zutage, wenn zur „Arbeit“ noch andere Produktionsfaktoren verschiedener
 Art, Kapital, Naturmaterialien oder Grund und Boden hinzutreten.
 Aber eben für diesen Fall gewinnt das Zurechnungsproblem
erst das große allgemeine Interesse, dessen es sich im modernen Wirtschaftsleben
 erfreut. Wenn die mitwirkenden Leistungen ganz Vverschiedener
 Natur sind, kann man erst recht darüber streiten, wem der
Ertrag der Produktion gebührt. Jede Partei ist natürlich geneigt, die
Bedeutung ihrer Mitwirkung besonders zu betonen, sich einen möglichst
großen Teil des Ertrags zuzurechnen und demgemäß die bestehende
Verteilung als ungerecht zu erklären. Die Beweismethode, die dabei
meistens zur Anwendung kommt, besteht darin, daß man sich die
eigene Mitwirkung entzogen denkt und fragt, was dann die übrigen
Produktionsfaktoren auszurichten vermögen würden! Diese Beweismethode
 leidet aber an der Schwäche, daß sie mit demselben schlagenden
 Erfolg vom Vertreter eines jeden Produktionsmittels, dessen Mitwirkung
 für die Produktion unbedingt notwendig ist, verwendet werden
kann: das Entziehen eines solchen Produktionsmittels reduziert immer
das Ergebnis der Wirkung der übrigen auf Null.
Gestützt auf eine solche Beweisführung hat man auch wirklich für
die Arbeit das ganze Ergebnis des Produktionsprozesses in Anspruch
genommen und so „das Recht des Arbeiters auf den vollen Arbeitsertrag‘“
 verteidigt. Bei dieser Verteidigung des genannten Programms
brauchen wir uns nicht aufzuhalten. Das Programm selbst ist aber
von Interesse insofern, als es dem sozialistischen Denken zugrunde liegt
und den positiven Ausdruck für die prinzipielle Verleugnung der Berechtigung
 eines auf Privateigentum fußenden Einkommens darstellt,
Es liegt der theoretischen. Ökonomie ob, vollständig klarzumachen,
daß und weshalb eine Zurechnung in Übereinstimmung mit diesem
Programm wirtschaftlich unmöglich ist, daß und weshalb es für jede
Tauschwirtschaft eine wirtschaftliche, von der Rechtsordnung und der
speziellen Organisation derselben unabhängige Notwendigkeit ist, auch
den anderen Hauptproduktionsfaktoren bestimmte Anteile am Gesamtertrag
 der Produktion „zuzurechnen“.
Da man den Anteil am Gesamtprodukt, der einem mitwirkenden

160
        <pb n="174" />
        $ 20. Das Zurechnungsproblem und das soziale Verteilungsproblem. 161
Produktionsmittel zuzuschreiben ist, nicht dadurch berechnen kann, daß
man ihn gleich der Einbuße setzt, die das Gesamtprodukt durch das
Wegfallen des ganzen betreffenden Produktionsmittels leidet, hat man
versucht, die Einbuße, die durch Entziehung eines kleinen Teils des
Produktionsmittels entstehen würde, der Berechnung des wirklichen
Anteils des Produktionsmittels zugrunde zu legen. Diese Methode versagt
 aber offenbar, wenn das Produktionsmittel unteilbar ist oder wenn
ein Teil desselben nicht entzogen werden kann, ohne daß dadurch auch
andere Produktionsmittel in Unwirksamkeit versetzt werden. Das letzte
ist sehr allgemein der Fall. Man kann dann auch nicht die Wirkung
des betreffenden Produktionsmittels in der Weise beurteilen, daß man
diejenige Vermehrung des Produktes, die durch eine kleine Vermehrung
des Produktionsmittels entsteht, mit der Vermehrung des Produktionsmittels
 vergleicht, also die sogenannte „‚Grenzproduktivität‘“ (8 13) berechnet.
 Denn diese ist gleich Null, sobald der Zuschuß zum Produktionsmittel
 ohne entsprechenden Zuschuß zu anderen Produktionsmitteln
 ohne Wirkung bleibt. Gilt es einen Graben zu graben, wird
man durch Einstellung eines neuen Mannes keine merkliche Vermehrung
der Tagesproduktion erzielen, wenn man dem neuen Manne nicht zugleich
 einen Spaten gibt.
Der Begriff der Grenzproduktivität kann deshalb eigentlich nur
dann verwendet werden, wenn die Produktionsmittel innerhalb gewisser
 Grenzen in jedem beliebigen gegenseitigen Mengenverhältnis
effektiv zusammenarbeiten können, alsodasbetreffende Produktionsmittel
die übrigen Produktionsmittel ohne Änderung des Produktionsergebnisses
kontinuierlich verdrängen kann. Für diesen Fall1äßt sich, wie wirwissen,
eine Grenzproduktivität des betrachteten Produktionsmittels definieren.
Der Preis desselben muß offenbar in der Gleichgewichtslage gleich
dieser Grenzproduktivität sein, denn sonst würde es wirtschaftlicher
sein, mehr oder weniger von dem betreffenden Produktionsmittel zu
verwenden. Die Grenzproduktivität ist dann atıch ein Maß für den Anteil
 des betreffenden Produktionsmittels am Ertrag der Produktion.
Der Begriff der Grenzproduktivität bezieht sich eigentlich nur auf
einen ein einzelnes Produkt herstellenden Produktionsprozeß. Die angedeutete
 Betrachtung läßt sich also nicht ohne weiteres für die Verteilung
 des Ertrags der gesamten gesellschaftlichen Produktion auf die
Produktionsfaktoren durchführen. Wenn wir die gesamte Produktion
der Tauschwirtschaft ins Auge fassen, ist es wohl immer möglich, auch
bei kleinen Veränderungen der Mengenverhältnisse der Produktionsfaktoren
 sämtliche Produktionsfaktoren effektiv zu beschäftigen. Dies
hängt nur zum Teil von einer wirklichen Substitution des einen Produktionsfaktors
 für den anderen in den verschiedenen technischen Teilprozessen,
 in welche die Gesamtproduktion zerfällt. ab. Im übrigen wird
die vollständige Verwendung der verschiedenen Produktionsmittel in
Cassel, Theoret, Sozialökonomie. 4. Aufl.

11
        <pb n="175" />
        . Kap. V. Einleitung.
Übereinstimmung mit. dem Prinzip der Knappheit dadurch gesichert,
daß auf jedes einheitliche Produktionsmittel ein einheitlicher Preis gesetzt
wird und die vorhandenen Mengen der Produktionsmittel nach der durch
diese Preisbildung regulierten Nachfrage auf die verschiedenen Produktionszweige
 verteilt werden. Für eine vermehrte Menge eines Produktionsmittels
 wird also in erster Linie dadurch Platz gemacht, daß der
relative Preis desselben herabgesetzt und somit die Nachfrage nach denjenigen
 Produkten, für die das betreffende Produktionsmittel vorwiegend
in Anspruch genommen wird, angespornt wird. Eine Grenzproduktivität
eines Produktionsmittels im gesamten gesellschaftlichen Produktionsprozeß
 läßt sich indessen nicht definieren, solange die Preise der Produkte
 unbestimmt sind und also ein bestimmtes Maß des Gesamtproduktes
 fehlt. Jedenfalls kann dem Satze, daß der Preis eines Produktionsmittels
 gleich seiner Grenzproduktivität im gesamten Produktionsprozeß
 ist, kein anderer Sinn beigelegt werden, als derjenige, daß
sein Preis in allen seinen Anwendungen in den verschiedenen Produktionszweigen
 derselbe ist, und daß die Produktpreise auf Grund einer
solchen Preisbildung der Produktionsmittel nach dem Kostenprinzip
bestimmt werden. Diese Bedingung führt aber nur die Preisbildung
der Produktionsmittel auf den allgemeinen Preisbildungsprozeß, wie
wir ihn im ersten Buche kennengelernt haben, zurück.
Der Versuch, das Zurechnungsproblem mit Hinweis auf die Grenzproduktivität
 zu lösen, zeigt also nur, daß das Zurechnungsproblem
als eine Frage nach der technischen Wirksamkeit der einzelnen zusammenwirkenden
 Produktionsmittel nicht beantwortet werden kann,
sondern daß es seinem Wesen nach ein wirtschaftliches Problem ist, ein
Problem, das in der Tat nur eine Seite des allgemeinen Preisbildungsproblems
 darstellt. Im Preisbildungsprozeß ist aber, wie wir wissen, das
Prinzip der Knappheit das alles beherrschende Prinzip. Die Verteilung
des gemeinsamen Produktionsergebnisses wird also wesentlich vom
Prinzip der Knappheit beherrscht, und die Anteile der verschiedenen
Produktionsfaktoren sind folglich wesentlich durch Angebot und Nachfrage,
 also keineswegs ausschließlich durch objektive Eigentümlichkeiten
 der Produktion bestimmt. Daß das Prinzip der Knappheit für
gewisse Fälle vom Substitutionsprinzip modifiziert wird und daß dabei
 eine Übereinstimmung zwischen Preis und Grenzproduktivität der
Produktionsmittel festgestellt werden kann, bedeutet keineswegs, daß
die relative Knappheit der Produktionsmittel ihre für die Preisbildung
und damit auch für die „Zurechnung‘“ grundlegende und wesentliche
Bedeutung verloren hat. Das Problem der Verteilung des Gesamtertrags
der gesellschaftlichen Produktion zwischen den Produktionsfaktoren ist
demnach auch in erster Linie von der relativen Knappheit dieser Produktionsfaktoren
 im Verhältnis zur indirekten Nachfrage der Konsumenten
 nach denselben bestimmt.”

162
        <pb n="176" />
        $ 20. Das Zurechnungsproblem und das soziale Verteilungsproblem. 163
Das Zurechnungsproblem wurzelt, wie schon bemerkt, im Streben,
einen objektiven Maßstab für eine gerechte Verteilung zu finden. Diesen
Maßstab suchte man in einer Art technischen Kausalzusammenhangs
zwischen Leistung und Produkt. Da es nun keinen solchen Schlüssel
zum Zurechnungsproblem gibt, kann es auch überhaupt keine in diesem
objektiven Sinne gerechte Verteilung geben. Das Zurechnungsproblem
ist wesentlich ein wirtschaftliches Problem. Alles was über Gerechtigkeit
 in Fragen betreffend die Verteilung zwischen ungleichartigen Produktionsmitteln
 geschrieben und geredet wird, ist deshalb lediglich als
Ausdruck unklarer hyperbolischer Vorstellungen zu betrachten, welche
in einer wissenschaftlichen Darstellung keinen Platz haben sollten,
Anstatt des ethischen Problems, wieviel am Gesamtprodukt jedem Mitwirkenden
 kraft seiner Mitwirkung gerechterweise angerechnet werden
soll, müssen wir das rein wissenschaftliche Problem stellen, wieviel bei
der jeweiligen wirtschaftlichen Lage nach tauschwirtschaftlichen Grundsätzen
 jedem der verschiedenen Produktionsfaktoren zukommt.
Die Lösung dieses Problems liegt, wie wir gesehen haben, in der
Preisbildung. Diese Preisbildung ist bestimmt vom Prinzip der Knappheit
 in Verbindung mit den supplementären Prinzipien der Preisbildung,
und alle diese Prinzipien sind ihrerseits lediglich Konsequenzen des
allgemeinen wirtschaftlichen Prinzips. Daraus folgt, daß für jede Tauschwirtschaft,
 die die Forderungen auf Wirtschaftlichkeit erfüllt, die Prinzipien
 der Preisbildung und somit die der wirtschaftlichen Verteilung
festgestellt sind. Nun läßt sich wohl kaum eine Organisation der Tauschwirtschaft
 denken, wo nicht eine unvollkommene Wirtschaftlichkeit
als ein Mangel empfunden werden würde und Bestrebungen zur Erzielung
 eines höheren Grades von Wirtschaftlichkeit hervorrufen müßte.
Keine Wirtschaftsorganisation würde also ins Gleichgewicht kommen
können, bevor das allgemeine wirtschaftliche Prinzip und damit unsere
Prinzipien der Preisbildung verwirklicht wären. In diesem Sinne kann
eine Verteilung nach unseren Prinzipien der Preisbildung eine vom
wirtschaftlichen Gesichtspunkt objektive Richtigkeit beanspruchen und
die Anteile, die den verschiedenen Produktionsfaktoren bei einer solchen
Preisbildung zufallen, können als ihre wirtschaftlich richtigen Anteile
bezeichnet werden.
Mit diesen Erwägungen ist aber das praktische Verteilungsproblem
noch lange nicht endgültig entschieden. Eine Preisbildung und folglich
eine Verteilung in ausgesprochenem Gegensatz zu den Forderungen der
Wirtschaftlichkeit kann wohl keine Tauschwirtschaft aufrechterhalten.
Aber das praktische Ergebnis einer Preisbildung in Übereinstimmung
mit den Prinzipien der Tauschwirtschaft hängt doch wesentlich von
der relativen Knappheit der verschiedenen im gesellschaftlichen Produktionsprozeß
 mitwirkenden Produktionsmittel sowie auch vom Ge-11
        <pb n="177" />
        = Kap. V. Einleitung.
samtertrag des Produktionsprozesses ab. Das Zurechnungsproblem ist
im Anfang als ein Problem der abstrakten Gerechtigkeit aufgestellt,
wird aber im Lichte der ökonomischen Wissenschaft zu einer Frage
der tatsächlichen Gestaltung der tauschwirtschaftlichen Preisbildung
reduziert. Das soziale Verteilungsproblem ist etwas mehr: es umfaßt
auch die praktische Frage, wie man die gegebenen Faktoren der Preisbildung
 dahin beeinflussen kann, daß die aus der Preisbildung sich ergebende
 sozialwirtschaftliche Verteilung auch eine sozialpolitisch günstige,
 also die Lebenstauglichkeit des Volkes und die Effektivität seiner
Arbeit befördernde wird. Da öffnet sich jedoch, wie im folgenden näher
entwickelt wird, ein großes Feld für eine Einwirkung der praktischen
Wirtschafts- und Sozialpolitik auf die Preisbildung und somit auf
die gesellschaftliche Verteilung. Es wird leider nur zu oft von unwissenden
 Politikern und Philantropen versucht, Sozialpolitik im Gegensatz
 zu den Prinzipien der Preisbildung zu treiben. Je klarer die Aussichtslosigkeit
 aller solcher Bestrebungen den Sozialpolitikern gemacht
werden kann, desto sicherer werden sie ihre Kräfte auf Aufgaben richten,
wo ihrer noch sehr viel fruchtbare Arbeit zu einer sozialpolitisch günstigeren
 Verteilung oder richtiger Einkommensbildung, wartet. Aber
nicht nur die spezielle Sozialpolitik, sondern auch die allgemeine Wirtschaftspolitik
 sollte sich stets dessen bewußt sein, daß sie dauernd
günstige Ergebnisse für die Volkswirtschaft nur dann erzielen kann,
wenn sie im Einklang mit den allgemeinen tauschwirtschaftlichen Prinzipien
 arbeitet.
In unserer bestehenden Tauschwirtschaft, wo sich das Privateigentum
 auch auf die materiellen Produktionsmittel erstreckt, fallen die Anteile,
 die den beiden Produktionsfaktoren Boden und Kapital im Preısbildungsprozeß
 angerechnet werden, den Besitzern dieser Produktionsfaktoren
 zu. Die Einkommensbildung einer solchen Tauschwirtschaft
wird natürlich von der bestehenden Verteilung des Besitzes stark beeinflußt.
 Die Entwicklung des Besitzes wiederum wird bis zu einem
gewissen Grade von der Einkommensverteilung und von der Sparsamkeit
 im weitesten Sinne des Wortes bestimmt. Im übrigen werden die
Besitzverhältnisse von der Familienbildung, der Kinderzahl und den
Erbschaftsverhältnissen, d. h. von den Gewohnheiten und den Gesetzen,
die den Besitzübergang beim Todesfall regulieren, beherrscht. Diese
Verhältnisse üben also ebenfalls einen wichtigen Einfluß auf die Einkommensverteilung
 der Tauschwirtschaft aus.
Was den Produktionsfaktor Arbeit betrifft, so ist zu beachten, daß
der Wert der Arbeit in hohem Grade von der allgemeinen Erziehung
und der speziellen Berufsausbildung des Arbeiters abhängt. In einer
Tauschwirtschaft, wo die Kosten der Erziehung und Ausbildung der
Jugend wesentlich von den Familien getragen werden, gewinnen die
Besitz- und Einkommensverhältnisse aus diesem Grunde einen sehr be-164
        <pb n="178" />
        $ 21. Zur Entwicklungsgeschichte der Zinstheorie. 55
deutenden Einfluß auch noch auf die Einkommensverteilung in der
folgenden Generation. Bis zu einem gewissen Grade kann offenbar
die Gesellschaft durch ihre allgemeine Erziehungsarbeit und speziell
durch Übernahme von Kosten der genannten Art diesen Einfluß ausgleichen.

Das praktische Problem der Verteilung des Gesamtergebnisses der
tauschwirtschaftlichen Produktion ist also durch die Preisbildung durchaus
 nicht vollständig bestimmt, sondern enthält verschiedene, außerhalb
der Preisbildung stehende Momente, welche Möglichkeiten für eine bewußte
 Regulierung dieser Verteilung eröffnen. Jeder Schluß von der
Notwendigkeit der Preisbildung auf eine angebliche Notwendigkeit der
bestehenden Verteilung wäre also unberechtigt, folglich auch jeder
Versuch, auf Grund unserer Theorie der Preisbildung eine „natürliche
Harmonie‘ des Wirtschaftslebens zu konstruieren, verfehlt. Die allt
gemeine Sozial- oder Wirtschaftspolitik hat ein viel weiteres Gebieals
 die eigentliche theoretische Ökonomie. Diese hat ihre Aufgabe in
der Erklärung der Preisbildung. Eine allgemeine Theorie der Sozialpolitik
 ist erst auf Grund einer streng durchgeführten ökonomischen
Theorie möglich. Sie hat aber darüber hinaus noch Aufgaben, die die
theoretische Ökonomie nicht entscheiden kann, die eben die Erweiterung
des Problems der Preisbildung oder der „Zurechnung‘“ zum allgemeinen
sozialen Verteilungsproblem bezeichnen. Eine allgemeine Theorie der
Sozialpolitik müßte natürlich auch teilweise mit anderen Methoden
und Begriffsbestimmungen arbeiten. Für sie wäre es vielleicht z. B. angemessen,
 die Einkommensarten zunächst als die beiden Hauptkategorien
 „Besitzeinkommen“‘‘ und „Arbeitseinkommen“‘ zu unterscheiden
und ihre Aufmerksamkeit auf die verschiedenen Möglichkeiten einer
günstigen Beeinflussung dieser Einkommen und deren Verteilung zu
richten. Die theoretische Ökonomie kann nicht solche Wege einschlagen.
Ihre spezielle Aufgabe fordert, daß sie die Erklärung der Natur der
verschiedenen Einkommensarten zur Hauptsache macht. Sie muß deshalb
 die Einkommensarten nach ihrer vom Gesichtspunkt der Preisbildung
 verschiedenen Natur einteilen und daher muß sie wie schon
bemerkt immer wieder auf die alte Haupteinteilung in Arbeitslohn,
Grundrente (einschließlich Preise der Naturmaterialien) und Kapitalzins
 zurückkommen. Sie muß ihre Aufmerksamkeit besonders auf die
richtige Charakterisierung dieser Einkommensarten und der entsprechenden
 Produktionsfaktoren sowie auf das Studium der Bestimmungsgründe
 der Preise dieser Produktionsfaktoren richten. Dies
ist die Aufgabe der folgenden Kapitel dieses Buchesy

1E&amp;amp;'
        <pb n="179" />
        Kap. VI. Der Kapitalzins.
Sechstes Kapitel.
Der Kapitalzins.
8 21. Zur Entwicklungsgeschichte der
Zinstheorie‘).
Obschon das meiste, was in den Diskussionen früherer Jahrhunderte
über das Zinsproblem ausgeführt worden ist, wohl am besten der Vergessenheit
 überlassen bleibt, ist es immer noch lehrreich, die großen
Grundlinien der Entwicklung des menschlichen Denkens über dieses
Problem zu verfolgen, da wir dadurch einen klaren Einblick in die mit
dem Zinsproblem verbundenen Schwierigkeiten gewinnen und uns auch
wichtige Errungenschaften für die schließliche Lösung des Problems
zugute kommen können. Es gilt dabei nur die verschiedenen Richtungen,
die uns begegnen; in ihrem Zusammenhang mit der allgemeinen Entwicklung
 der Theorie zu verstehen und somit das Wertvolle, das sie
enthalten, richtig zu würdigen.
Der Verdammung des Zinses seitens der mittelalterlichen Kirche
ist es wohl einem modernen Menschen besonders schwierig, ein solches
Verständnis entgegenzubringen. Aber auch hier findet die unbefangene
Forschung Umstände, die diesen Standpunkt erklären, ja bis zu einem
gewissen Grade auch rechtfertigen... Da die Darlehen jener Zeiten vielleicht
 hauptsächlich Leuten in schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen
 gewährt wurden, erhielt das Streben, solche Darlehen zu einer
Quelle des Gewinns zu machen, leicht den Schein einer Ausbeutung der
Not, wozu es ohne jeden Zweifel auch sehr allgemein gebraucht wurde.
Aus solchen Gesichtspunkten haben, wie Roscher hervorhebt, Völker
auf primitiven Wirtschaftsstufen allgemein eine Abneigung wider das
Zinsnehmen gezeigt und die meisten Religionen, die eben in primitiven
Wirtschaftsverhältnissen fußen, das Zinsnehmen verboten?).
Wenn wir nun auch der praktischen Zinspolitik der Kirche diese
Anerkennung schenken, müssen wir doch gleichzeitig feststellen, daß
die Kanonisten durch ihre Haltung zur Zinsfrage eine richtige theoretische
 Auffassung des Wesens des Zinses in hohem Grade erschwert
haben. Da die Kanonisten das Zinsnehmen für gewisse Fälle freigeben
mußten, bemühten sie sich mit Aufwendung aller Waffen der Sophistik,
diese Fälle von den übrigen zu unterscheiden, und sie haben dadurch
nach ihren Kräften die wesentliche Einheit der Erscheinung des Zinses
verdunkelt. Das Recht zur Entschädigung für jeden Verlust, den der
ı) Für eine ausführlichere Darstellung dieses Gegenstandes sowie auch für
Literaturnachweise vgl. Cassel: The Nature and Necessity of Interest. London 1903,
2) Grundlagen der Nationalökonomie. 22. Aufl. 1897, $ 190.

166
        <pb n="180" />
        21. Zur Entwicklungsgeschichte der Zinstheorie.
arlehnsgeber durch Gewährung des Darlehens erlitten hatte, wurde anerkannt
 und als „Interesse‘ bezeichnet, ein Wort, das noch in modernen
 Sprachen mit „Zins“ gleichbedeutend ist. (Engl. Interest, m
Interet.) Da dies ‚Interesse‘ schließlich auch für den Fall anerkann
wurde, daß der Darlehnsgeber durch andere Anlagen seines Geldes
inen Gewinn hätte machen können, mußte doch schließlich die Einsicht
 in die Wesensgleichheit des Darlehenszinses mit dem Zins, den
as Kapital in gewinnbringenden Geschäften abwirft, durchdringen.
jese Einsicht mußte auch durch die Gewohnheit, feste Bodenrenten zu
erkaufen, befördert werden, denn in dieser Form konnte der Landwirt
immer Kapitalien für bessere Bewirtschaftung seines Bodens gegen
ahlung einer Rente, die in Wirklichkeit nichts anderes als ein Zins
war, aufnehmen. In Deutschland, wo die Rentenkäufe sehr allgemein
aren, hat der Sprachgebrauch auch mit dem Wort „Zins“ (census
 = Rente) jede als berechtigt anerkannte Zahlung für ein Darlehen
bezeichnet. Der Streit zwischen den unabweislichen Bedürfnissen des
raktischen Lebens und den spitzfindigen Unterscheidungen der kanonistischen
 Scholastik sollte jedoch noch Jahrhunderte dauern, ehe die
esentliche Einheitlichkeit der verschiedenen Formen des Zinsnehmens
allgemein anerkannt wurde und damit ein Grund, auf welchem eine
issenschaftliche Zinstheorie allmählich erwachsen konnte, gewonnen
ar. Diese Periode war aber auch zugleich die Durchbruchszeit de
reiheit des Denkens. Die Berufung auf die Autoritäten des Mittelalters
 mußte jetzt weichen, zunächst in der merkantilistischen Periode
vor den Diskussionen über die praktischen Vorteile und Nachteile einer
Herabsetzung des Zinsfußes, dann unter dem Einfluß des _Liberalismu ;
vor wirklichen Untersuchungen über die Bestimmungsgründe des Zinsfußes
 in einem freien Verkehr.
Die Staatsgewalt, die mit dem Anfang der neuen Zeit der Herrschaft
er Kirche folgte, suchte der Ausbeutung in der Form des Zinsnehmens
urch Feststellung einer gewissen Maximalhöhe des Zinsfußes eine
renze zu setzen. Diese Politik mußte natürlich ständige Diskussionen
über die angemessene Höhe des Zinsmaximums veranlassen und somit
ntersuchungen über die Wirkungen eines hohen oder niedrigen Zinsußes
 befördern, wodurch immerhin eine gewisse Einsicht in_die Bedeutung
 des Zinsfußes für das Wirtschaftsleben gewonnen wurde. Das
Nachdenken über die Einwirkung des Zinsfußes auf andere Faktoren
es Wirtschaftslebens mußte aber auch allmählich die Tatsache klar
werden lassen, daß diese anderen Faktoren auch ihrerseits den Zinsfuß
estimmen, daß der Zinsfuß eine rein wirtschaftliche Erscheinung ist
über welche die Politik nicht nach Belieben verfügen kann. In Englan
war diese Auffassung des Zinses schon am Ende des 17. Jahrhunderts
mit großer Klarheit entwickelt worden. Mit dem Durchbruch der liberaljet
 großer Kl Theorie im 18. Jahrhundert wurde die Behandlung d

167
        <pb n="181" />
        Kap. VI. Der Kapitalzins.
Zinses als eines von Angebot und Nachfrage bestimmten Marktpreises
eine selbstverständliche Sache.
Es blieb indessen noch übrig, die Art des Dienstes, welcher Gegenstand
 des Angebots und der Nachfrage ist und für welchen also Zins
bezahlt wird, näher zu bestimmen. In dieser Hinsicht hat die Durchbruchszeit
 des Liberalismus einige wichtige Fortschritte aufzuweisen.
Erstens galt es die Zinstheorie von der alten Vermischung von Geld
und Kapital zu befreien. Da Darlehen meistens in Geld gewährt werden,
war es nur zu erklärlich, wenn man das Geld als das wesentliche Objekt
des Darlehens betrachtet und Veränderungen des Zinsfußes auf den
Überschuß oder die Knappheit des Geldes zurückgeführt hatte. Die
moderne Geschäftswelt ist noch kaum vollständig über diese Betrachtungsweise
 hinausgekommen, was man in jedem Leitartikel der Finanzblätter,
 besonders an solchen gemeinläufigen Phrasen wie „billiges oder
teures Geld“ beobachten kann. Demgegenüber bezeichnete die Einsicht,
 daß das Geld beim Darlehen nur eine Vermittlerrolle. spielt und
daß das Darlehen wesentlich in einer zeitweisen Überlassung des Verfügungsrechts
 über Kapital besteht, einen bedeutungsvollen Fortschritt.
Seitdem hat die Zinstheorie allgemein auf der Voraussetzung
gebaut, daß das Geld nur eine zufällige und ganz unwesentliche Form
für die Überlassung eines Kapitals sei und daß sie von dieser Form abstrahieren
 dürfte, wenn sie die Abhängigkeit des Zinsfußes vom Kapitalmarkt
 erklären wollte. Ohne Zweifel ist diese Voraussetzung fruchtbar
 gewesen, da durch sie das Zinsproblem von der Theorie des Geldes
losgelöst und somit eine isolierte Behandlung des Zinsproblems ermöglicht
 wurde. Ebenso sicher ist aber, daß die genannte Voraussetzung
 nur als eine vorläufige Vereinfachung des Problems erlaubt ist.
Eine Zinstheorie, die vom Einfluß der Geldversorgung auf den Zinsfuß
gänzlich absieht, setzt bewußt oder unbewußt einen statischen Zustand
des Geldwesens voraus und verschließt sich dadurch jedem Einblick
in den Zusammenhang zwischen Zinsfuß und Geldwert und damit jedem
tieferen Verständnis des Geldwesens. Wenn wir also der Einfachheit
halber bei unserer Behandlung der Zinstheorie von der Geldform der
Darlehen absehen, bedeutet dies nur, daß wir die gegenseitigen Beziehungen
 zwischen Geld und Zins einer späteren Untersuchung vorbehalten.
 Diese Untersuchung hat ihren natürlichen Platz in der Geldtheorie,
 sie bildet in der Tat die abschließende Zusammenfassung derselben.
 (Vgl. Kap. 11.)
Die Auffassung des Darlehens als einer zeitweisen Überlassung des
Verfügungsrechts über eine Wertsumme, also über ein abstraktes Kapital,
 und des Zinses als des Preises dieses Verfügungsrechts, wurde von
den französischen Ökonomen Turgot und J. B. Say mit besonderer
Klarheit vertreten. Diese Auffassung des Zinses als Preis einer Kapitaldisposition
 hat das große Verdienst, daß sie den Dienst, für welchen

168
        <pb n="182" />
        8 21. Zur Entwicklungsgeschichte der Zinstheorie. 3
Zins bezahlt wird, klar angibt und außerdem ausdrücklich hervorhebt,
daß der Zins ein Preis ist, wodurch die natürliche Gleichstellung des
Zinses mit anderen Preisen und die organische Einordnung des Zinsproblems
 als eines integrierenden Teiles des gesamten Preisbildungsproblems
 gleich von Anfang an klargemacht werden.
Noch von einem anderen Gesichtspunkt aus bedurfte der Begriff
des Zinses einer schärferen Begrenzung. Es war besonders in England
gebräuchlich geworden, das aus einem Geschäft bezogene Gesamteinkommen
 als ‚,Profit‘ zu bezeichnen, wobei dieser Ausdruck also auch
den Zins des eigenen Kapitals des Geschäftsmannes mit einschloß. Für
die Entwicklung der Zinstheorie war es von wesentlicher Bedeutung,
daß eine analytische Zerlegung des Profits in Zins des im Geschäft verwendeten_
 eigenen Kapitals und in Unternehmergewinn durchgeführt
wurde: erst unter dieser Voraussetzung war es möglich, die Faktoren,
die auf der Seite des Angebots oder der Nachfrage bei der Bestimmung
des Zinsfußes mitwirken, sicher zu erfassen, erst so konnte das gesamte
Angebot von, sowie auch die gesamte Nachfrage nach Kapitaldisposition
bei Untersuchungen über das Zinsproblem mit in Betracht gezogen
werden. Eine solche scharfe Unterscheidung zwischen Zins und Unternehmergewinn,
 zwischen der Funktion des Kapitalisten und der des
Unternehmers wurde von J. B. Say durchgeführt. Say betrachtete
die Kapitaldisposition als einen der „produktiven Dienste‘, die er unterscheidet.
 Die Bestimmung des Zinsfußes wurde also für ihn nur ein
Teil des allgemeinen Preisbildungsprozesses, durch welchen auch die
Preise der produktiven Dienste fixiert werden. Die wirkliche Nachfrage
nach Kapitaldisposition geht in diesem Preisbildungsprozeß von den
Konsumenten derjenigen fertigen Güter aus, zu deren Herstellung eine
Kapitaldisposition nötig ist.
Mit diesen Ergebnissen war der Rahmen gegeben, innerhalb dessen
eine vollständige Zinstheorie sich hätte entwickeln können. Was noch
nötig war, war teils eine festere allgemeine Preisbildungstheorie, innerhalb
 welcher der Zins seinen natürlichen Platz als ein Preis gefunden
hätte, teils ein eingehendes Studium über die Umstände, die das Angebot
 von bzw. die Nachfrage nach Kapitaldisposition bestimmen,
besonders über den Einfluß des Zinsfußes selbst auf diese Faktoren.
Unglücklicherweise wurde die Entwicklung der Zinstheorie aber jetzt
abgebrochen, indem ernsthafte Untersuchungen von zwei in hohem Grade
spekulativen und dem wirklichen Wirtschaftsleben sehr fremden Theorien
zur Seite gedrängt wurden. Die eine dieser Theorien war die sozialistische
Wertlehre, die andere die sogenannte Lohnfondstheorie. Näher können
wir auf diese Theorien erst im Zusammenhang mit der Theorie des
Arbeitslohns (Kap. 8) eingehen. Über ihre Bedeutung für die Zınstheorie
 sei hier nur folgendes bemerkt.
Der zentrale Satz der sozialistischen Wertlehre war, daß der Wert

16°
        <pb n="183" />
        % Kap. VI. Der Kapitalzins.
einer‘ Ware gleich der Arbeitsmenge ist, die ihre Herstellung unter normalen
 Verhältnissen kostet. Dieser ganz willkürliche und der Wirklichkeit
 schroff widerstreitende Satz schließt natürlich von vornherein nicht
nur den Zins selbst, sondern auch jede vernünftige Zinstheorie aus.
Denn indem er für eine objektive Betrachtung des Preisbildungsproblems
keinen Platz übrig läßt, macht er jede Untersuchung des Zinses als
eines aus diesem Prozeß hervorgehenden Preises unmöglich. Eine
Zinstheorie, auf einen solchen Satz gegründet, ist demnach auch von
vornherein als Unsinn zu erklären, hat überhaupt keinen Anspruch, als
wissenschaftliche Leistung betrachtet zu werden. Eine Wissenschaft,
die auf diesem Gebiete der Scholastik eines Marx” Einräumungen
macht, weiß nicht, was sie sich selbst schuldig ist. Dagegen hat das
Studium des Zinses in einer sozialistischen Gesellschaft ein gewisses
Interesse, indem es zur Beleuchtung des wirtschaftlichen Wesens des
Zinses beitragen kann. Wir kommen in $ 27 darauf zurück.
Die Lohnfondstheorie betrachtete das Kapital als einen bestimmten
Fonds zur Unterhaltung der Arbeiter während des Produktionsprozesses.
 Der Durchschnittslohn des einzelnen Arbeiters war bestimmt
durch die‘ Quote dieses Fonds und die Zahl der Arbeiter. Bei einer
solchen Auffassung der Funktion des Kapitals ist offenbär jede Erklärung
 der Bedeutung der wechselnden Nachfrage nach fertigen
Gütern oder der Wahl der Produktionsmethoden für den Zinsfuß ausgeschlossen.
 In bezug auf das Angebot von Kapitaldisposition lehrte
die Lohnfondstheorie, ähnlich wie Smith und Ricardo, daß ein
Sinken des Zinsfußes zuletzt das Sparen beschränken müßte, was das
Angebot von Kapitaldisposition vermindern würde, drückte aber auch
diesem Gedanken ihren sterilen Dogmatismus auf und gelangte so zu
Ergebnissen, die mit wesentlichen Tatsachen des Wirtschaftslebens unvereinbar
 waren.
Die beiden zuletzt genannten Schulen waren auch dadurch für die
weitere Entwicklung einer wissenschaftlichen Zinstheorie hinderlich,
daß sie den Streit vielfach auf das ethisch-politische Gebiet hinüberführten.
 Gegen die sozialistische Verleugnung der .Berechtigung des
Zinses strengte sich die entgegengesetzte Seite an, den Zins moralisch
zu rechtfertigen, und auch zwischen der Lohnfondstheorie und ihren
Gegnern fand der Streit zum großen Teil auf moralischem und praktischpolitischem
 Gebiete statt. Darüber wurden die wahren Aufgaben der
Wissenschaft versäumt.
Immerhin hat auch das 19. Jahrhundert positive Beiträge zur Zinstheorie
 geliefert. Diese Beiträge liegen hauptsächlich in der näheren
Untersuchung der Umstände, die das Angebot von bzw. die Nachfrage
nach Kapitaldisposition bestimmen. Auf der Seite des Angebots waren
die Untersuchungen von Bestrebungen mit veranlaßt, die den Zins durch
das Opfer, das die Kapitalbildung den Sparern auferlegte, rechtfertigen

70
        <pb n="184" />
        8 21. Zur Entwicklungsgeschichte der Zinstheorie. 171
wollten. Der englische Ökonom Senior!) zeigte, daß ein solches Opfer
als ein notwendiges ‚„„Produktionsinstrument‘“ zu betrachten ist und als
solches an die Seite der Arbeit und der Natur gestellt werden muß.
Er bezeichnete diesen Produktionsfaktor mit dem Namen „abstinence‘‘,
ein etwas moralisch gefärbtes Wort, das einen Lassalle geradezu zur
Verhöhnung einlud: die Idee der „Enthaltsamkeit‘“ wurde lächerlich
gemacht durch Darstellung der großen Millionäre Europas als Asketen
für das Wohl der Gesellschaft?). Spätere Autoren haben hervorgehoben,
 daß die Kapitalbildung in der modernen Gesellschaft nur zu
einem kleineren Teil von Gesellschaftsschichten getragen wird, für
welche sie eine als Opfer zu bezeichnende ‚„„‚Enthaltsamkeit‘“ bedeutet,
zum größeren Teil aber das Ergebnis der Rücklagen der Großunternehmungen,
 der Großspekulanten und der Großkapitalisten ist®). Für
eine Tätigkeit, die unter so verschiedenen Bedingungen ausgeübt wird,
mußte eine ethisch vollständig farblose Bezeichnung gefunden werden,
die nur die wesentliche und einheitliche Bedeutung derselben für die
Tauschwirtschaft hervorhob. Als solche sind im französischen „Ajournenent‘“,
 im englischen ‚„„Postponement‘ und ‚Waiting‘ vorgeschlagen.
Das letzte Wort, also deutsch „Warten“‘‘, scheint dem Zweck am besten
zu entsprechen, Der Zins ist demnach mit Rücksicht auf das Angebot als
der Preis, welcher für das Warten bezahlt werden muß, zu betrachten.
Wie jeder Preis muß auch dieser so hoch sein, daß er einerseits ein genügendes
 Angebot hervorlockt, andererseits die Nachfrage hinreichend
beschränkt. Der Umstand, daß auch bei einem niedrigeren Zins als dem
bestehenden eine gewisse Menge von ‚Warten‘, also eine gewisse
Kapitaldisposition zu haben wäre, ja daß sogar, wenn der Zinsfuß
gleich Null wäre, gleichwohl eine gewisse Kapitaldisposition dargeboten
werden würde, hat dabei keine Bedeutung.
Das ‚Warten‘ besteht darin, daß man sich selbst die Verfügung
über eine gewisse Wertsumme während einer bestimmten Zeit entzieht.
Durch dieses Verhalten wird eben eine Kapitaldisposition für die entsprechende
 Zeit ermöglicht. Das „Warten“ ist also, arithmetisch betrachtet,
 dieselbe Größe wie die Kapitaldisposition, wird wie diese
durch das Produkt des Kapitals und der Zeit gemessen. Es ist deshalb
für die Theorie im allgemeinen nicht nötig, beide Ausdrücke zu benutzen.
 Wir werden im folgenden das Wort Kapitaldisposition auch
zur Bezeichnung des Dienstes, den die Sparer auf dem Kapitalmarkt
anbieten, verwenden.
Mit der Feststellung des Begriffs des „„Wartens‘ ist also der Dienst,
!) Senior: Outlines of the Science of Political Economy, 5. ed., p. 58—60.
2?) Lassalle: Herr Bastiat-Schulze von Delitzsch, der ökonomische Julian,
oder: Kapital und Arbeit. Berlin 1864.
3) Vgl. z. B. Schmoller: Grundriß der allgemeinen Volkswirtschaftslehre,
11]. 1904, 5. 176-177.

5
        <pb n="185" />
        ; Kap. VI. Der Kapitalzins.
ür welchen Zins bezahlt wird, als eine arithmetische Größe definiert.
Demgegenüber erscheint es als ein entschiedener Rückschritt, wenn
Menger und Böhm-Bawerk die Zinstheorie auf eine behauptete
allgemein niedrigere Schätzung der Zukunftgenüsse im Verhältnis zu
den gegenwärtigen aufzubauen gesucht haben. Denn diese Formel kan
doch nur bedeuten, daß unter gewissen Verhältnissen das ‚„„Warten‘‘
ein Opfer enthält, welches durch Zahlung eines Zinses kompensiert
werden muß, wenn es zustandekommen soll. Solche Verhältnisse sind
aber in Wirklichkeit nicht ausschließlich vorherrschend, denn auch
bei dem Zinsfuß Null würde sicher noch eine gewisse Sparsamkeit vorhanden
 sein; die Unterschätzung der Zukunftsgüter hat auch im übrigen
eine sehr verschiedene Stärke, sie läßt sich keineswegs als eine einheitliche
 oder durchschnittliche auffassen. Die Idee einer Unterschätzung
der Zukunftsgüter ist nichts Neues und genügt jedenfalls nicht als Grundage
 für eine wirkliche Zinstheorie. Eine solche muß wissen, in welchem
Umfang und von welcher Stärke die Unterschätzung im wirklichen
Leben vorkommt, in welchem Umfang also ein Zins als Entgelt für das
„Warten“ gezahlt werden muß. Da kann man sich nicht mit einer Feststellung
 der Tatsache, daß ‚„Warten‘“ durch Zins entschädigt werden
muß, begnügen, vielmehr muß man die Frage aufstellen: wieviel ‚„„Warten‘
 wird bei jedem verschiedenen Zinsfuß dargeboten, mit anderen
Worten, wie hängt das Angebot von Kapitaldisposition vom Zinsfuß
ab? Wenn man in dieser Weise. das Angebot von Kapitaldisposition
als Funktion des Zinsfußes betrachten will, ist es offenbar notwendig,
für dieses Angebot einen arithmetischen "Ausdruck zu besitzen.
Gehen wir nunmehr zu den Umständen über, die die Nachfrage
nach Kapitaldisposition bestimmen! Einem tieferen Verständnis für
diese Seite des Zinsproblems verschloß man sich, solange man die Bedeutung
 des konkreten Kapitals in den Vordergrund stellte und auf den
Nutzen, den dieses sowohl für die unmittelbare Bedürfnisbefriedigung
wie für die Produktion stiftete, also auf die unmittelbare Anwendbarkeit
und die Produktivität des Realkapitals als Erklärungsgrund der Zahlung
eines Zinses hinwies. Denn durch eine solche Betrachtungsweise, die
doch eigentlich nur für dauerhafte Güter, also für das feste Realkapital,
paßte, konnte nur klargemacht werden, daß die Dienste eines dauerhaften
 Gutes ebensowohl wie dieses Gut selbst einen Preis haben mußten.
jese Wahrheit ist gewiß nicht ohne Bedeutung für die Zinstheorie,
sagt uns aber noch nichts über den Kern des Problems, denn sie gibt
einen Aufschluß über die Frage, wie das Verhältnis zwischen dem
reise der Dienste des dauerhaften Gutes und dem Preise des dauerhaften
 Gutes selbst reguliert wird. Diese Frage kann, wie wir im folgenden
 (8 23) näher sehen werden, in der Tat nur dann vollständig
erklärt werden, wenn man die Kapitaldisposition als einen selbständigen

172
        <pb n="186" />
        8 21. Zur Entwicklungsgeschichte der Zinstheorie. 473
Produktionsfaktor und die Preisbildung sowohl der dauerhaften Güter
wie der Dienste derselben als eine Seite des einheitlichen tauschwirtschaftlichen
 Preisbildungsprozesses auffaßt.
Die älteren Nationalökonomen hatten sich meistens das Kapital
als einen Existenzmittelfonds, mit welchem Arbeiter während des Laufes
des Produktionsprozesses unterhalten werden können, vorgestellt. Das
Kapital bestand also wesentlich aus den Lebensmitteln, Kleidern usw.,
die für die Arbeiter bestimmt waren. Je mehr man von solchem Kapital
besaß, je länger konnte man auf das Resultat der Produktion warten,
je effektiver konnte man also durch Anwendung von Werkzeugen und
Maschinen, durch bessere Kultivierung des Bodens usw. den Produktionsprozeß
 gestalten. Die eigentliche Bedeutung des Kapitals in diesem
Sinne mußte also in der Möglichkeit liegen, eine Zeit zwischen Anfang
und Ende einer Produktion verlaufen zu lassen. Diese, wie es scheint,
früher ziemlich allgemeine Auffassung hat ihre schärfste Formulierung
 bei Jevons erhalten. Er behauptet, daß der einzige Nutzen
des Kapitals darin liegt, daß es uns erlaubt, das durchschnittliche Intervall
 zwischen dem Augenblick, da Arbeit geleistet wird, und dem, da
ihr Resultat vorliegt, zu verlängern!). Diese Verlängerung der Produktionsperiode
 erhöht die Produktivität der Arbeit. Ist der Zinsfuß gegeben,
 kann und muß die Verlängerung der Produktionsperiode so lange
fortgesetzt werden, als die Vermehrung des Produkts, die mit Hilfe der
letzten Verlängerung gewonnen wird, die speziellen Zinsenkosten, die
diese Verlängerung veranlaßt, deckt. Der Zins, der für die Einheit der
Kapitaldisposition bezahlt wird, ist also gleich der Grenzproduktivität
der durch diese Kapitaldisposition ermöglichten Verlängerung der Produktionsperiode.
 Dies ist Jevons’ Zinstheorie.
Diese Theorie bezeichnet ohne Zweifel einen wichtigen Fortschritt
in unserer Kenntnis der Umstände, welche die Nachfrage nach Kapitaldisposition
 regulieren, leidet aber an gewissen Einseitigkeiten, von
denen wir uns befreien müssen. Zunächst ist der Jevonssche Kapitalbegriff
 offenbar sehr künstlich und unnötigerweise beschränkt: was
der entwickelten Tauschwirtschaft ermöglicht, eine Zeit zwischen
produktiver Arbeit und Produktionsresultat vergehen zu lassen, ist, wie
wir wissen (8 4), kein angesammelter Vorrat von Existenzmitteln,
sondern der ganze bestehende und stets fortlaufende Produktionsprozeß
einschließlich des gesamten Realkapitals, das darin beschäftigt ist,
Diesem auf einer unvollkommenen Analyse der Bedingungen eines
stetig fortlaufenden gesellschaftlichen Produktionsprozesses beruhenden
Mangel der Jevonsschen Theorie kann aber leicht abgeholfen werden,
da wir in den obigen Sätzen seinen Kapitalbegriff einfach durch unseren
Begriff der Kapitaldisposition ersetzen können.
1) Jevons: Theory of Political Economy. London 1879, p. 248. Vgl. auch
p. 242—243, wo der Kapitalbegriff festgestellt wird.
        <pb n="187" />
        Kap. VI. Der Kapitalzins.
Es ist aber ferner eine übrigens mit ihrer Auffassung des Kapitals
 Kullab acht Einseitigkeit dieser Theorie, die Bedeutung des
Kapitals ausschließlich darin zu sehen, daß es uns eine Produktion, die
eit erfordert, ermöglicht. Die allmähliche Abnutzung eines dauerhaften
utes beansprucht auch Zeit, und die weitaus größere Menge der Kapitaldisposition
 wird, wie wir sehen werden ($ 24), für das Warten auf die
sukzessiven Dienste der dauerhaften Güter gebraucht. Diese ihrer Natur
nach wesentlich verschiedenen Quellen des Bedarfs an Kapitaldisposi-Se
 soll man nicht durch künstliche Konstruktionen in eine einzige
orm hineinzuzwingen versuchen. _Schließlich ist es ein Mangel der
evonsschen Zinstheorie, daß sie die Bedeutung eines letzten verfügaren
 Stücks Kapitaldisposition ausschließlich in einer Verlängerung der
’roduktionsperiode sehen kann. Im Begriff der Kapitaldisposition liegt
doch, daß Kapital und Zeit eine symmetrische Stellung einnehmen: Sn
gewisse Menge Kapitaldisposition, die einem Produktionsprozeß zueführt
 wird, kann also nicht nur zur Verlängerung des Produktionsrozesses,
 sondern auch ohne Veränderung der Produktionsperiode zur
rweiterung des Produktionsprozesses verwendet werden. Die Verlängeung
 des Produktionsprozesses im Jevonsschen Sinne bedeutet in der
at eine Substitution. von Kapitaldisposition für Arbeit oder allgemein
ür andere Produktionsfaktoren. Da Jevons den Zins durch die Grenzproduktivität
 der Verlängerung der Produktionsperiode bestimmen will,
bedeutet dies also, daß er die Preisbildung der Kapitaldisposition ausschließlich
 auf das Substitutionsprinzip zurückführt, das Prinzip der
Knappheit aber vollständig aus dem Gesichte verliert. Dieses letzte
rinzip ist aber, wie wir wissen, immer das grundlegende Prinzip der
Preisbildung, gegenüber welchem die supplementären Prinzipien nur
als Modifikationen zu betrachten sind. Diese Auffassung der Preisbildung
muß auch in bezug auf die Kapitaldisposition durchgeführt werden:
der Zins muß als der Preis der Kapitaldisposition in erster Linie durch
die Knappheit dieses Produktionsfaktors bestimmt sein. Diese grundlegende
 Erklärung darf nicht von dem Umstand, daß die Knappheit
er Kapitaldisposition durch die Möglichkeit einer Substitution anderer
Produktionsfaktoren für dieselbe modifiziert werden kann, verdunkelt
werden. Der Zins muß doch als der Preis der Kapitaldisposition auf
Grund der Knappheit derselben bestimmt sein, auch wenn jede solche
Substitution ausgeschlossen ist. In einer konservativen Landwirtschaft,
ie sich in unveränderten Bahnen bewegte, würde z. B. eine Vermehrung
des Kapitals keine Veränderung der Produktionsperiode hervorrufen,
wohl aber, wenn sich Gelegenheit dazu darböte, eine Ausdehnung der
Bebauungsfläche. Der Zins würde unter solchen Voraussetzungen
om Ertrag der Verwendung von Kapitaldisposition auf dem neuen
Boden abhängen, würde also nicht von der Produktivität einer. Verlängerung
 der Produktionsperiode bestimmt sein können, sondern

174
        <pb n="188" />
        8 21. Zur Entwicklungsgeschichte der Zinstheorie. 75
müßte direkt auf die Knappheit der Kapitaldisposition zurückgeführt
werden.
Aber auch wo die Mengen der anderen Produktionsfaktoren gegeben
 sind, muß der Zins bei unveränderlichen Produktionsmethoden
auf Grund des Knappheitsprinzips bestimmt werden können. Ein Zuschuß
 von Kapitaldisposition findet dann immer noch eine nützliche
Verwendung, nämlich durch eine relative Steigerung der Nachfrage nach
solchen fertigen Gütern, welche für ihre Herstellung besonders viel
Kapitaldisposition erfordern. Dieser Fall läßt sich offenbar nicht in
das Schema einer „Verlängerung der Produktionsperiode‘‘ einzwingen,
ohne daß man einer solchen Verlängerung eine andere Bedeutung gibt
als die einer Veränderung der technischen Produktionsmethode. Überhaupt
 ist es absolut unbefriedigend die Zinstheorie so zu konstruieren,
daß das Wesentlichste der ganzen Sache, die Abhängigkeit der Nachfrage
 nach fertigen Gütern vom Zinsfuß, verloren geht.
Es muß in diesem Zusammenhang auch darauf hingewiesen werden,
daß die Voraussetzung einer „durchschnittlichen Produktionsperiode‘‘
streng genommen damit gleichbedeutend ist, daß nur ein Produktionsprozeß
 mit einer einheitlichen Produktionsperiode vorkommt,
Durch diese Voraussetzung ist schon eine Nachfrage nach Gütern,
deren Produktion verschiedene Ansprüche an Kapitaldisposition stellt,
von vornherein ausgeschlossen. Ein unwissenschaftlicher Gebrauch der
Phrase „durchschnittlich‘‘ ist leider nur zu geeignet solche sehr bedeutungsvolle
 Voraussetzungen unmerklich in die Erörterung einzuführen,

In den Diskussionen der letzten Jahrzehnte hat das große Werk
Böhm-Bawerks „Kapital und Kapitalzins‘‘ eine leitende Stellung
eingenommen. Trotz der enormen und außerordentlich sorgfältigen
Arbeit, die in diesem Werk niedergelegt ist, scheint es jedoch sowohl
in seinem Kritisch-dogmengeschichtlichen wie in seinem positiven Teil
in der Hauptsache verfehlt. Der Verfasser hat sich nicht die neuere
wissenschaftliche Auffassung der Preisbildung als eines einheitlichen,
sämtliche Preise, sowohl die der fertigen Güter wie die der Produktionsfaktoren,
 gleichzeitig bestimmenden Prozesses vollständig aneignen
können. Er ist noch wenigstens zum Teil in der Art des Denkens befangen,
 die durch die Fragestellung charakterisiert wird: ‚„„Hängt der
Wert der Produkte von dem ihrer Produktivmittel oder hängt umgekehrt
der Wert der Produktivmittel von dem ihrer Produkte ab1)?‘‘. Der
zentralen Idee der Theorie der Preisbildung, daß diese Faktoren im Preisbildungsprozeß
 eine symmetrische Stellung haben und einander gegenseitig
 bestimmen, aber beide in letzter Linie von Faktoren abhängen, die
teils in der Natur der Dinge, teils in Eigenschaften der wirtschaftenden
Menschen begründet sind, steht Böhm-Bawerk von Anfang an
— = 1) Kapitalzinstheorien. 1884, p. 255. 2. Aufl. 1900, p. 259.

17:
        <pb n="189" />
        1 Kap. VI. Der Kapitalzins.
fremd gegenüber. Wenn er sich auch gelegentlich dieser Auffassung
Vielleicht etwas nähert?), hat dies den grundlegenden Charakter seines
Werkes nicht verändern können. Es ist nur selbstverständlich, daß er
unter solchen Voraussetzungen nicht imstande gewesen ist, weder in
seinen kritischen Ausführungen: ein auch nur einigermaßen richtiges
Bild derjenigen Zinstheorien, die, bei allen ihren Mängeln und ihrer
Unvollständigkeit, doch von der hier bezeichneten weiteren Auffassung
des Problems mehr oder weniger bewußt bestimmt waren, noch in
seiner positiven Darstellung eine im ganzen befriedigende und in die
Theorie der gesamten Preisbildung organisch eingefügte Lehre des
Zinses zu geben, Aber auch Böhm-Bawerks Behandlung der einzelnen
 Seiten des Zinsproblems ist nicht sehr fruchtbar. Seine allgemeine
 Formel, „die niedrigere Schätzung der Zukunftsgüter“ eignet
sich, wie wir schon oben sahen, schlecht zur Unterlage einer wirklichen
Untersuchung der gegenseitigen Abhängigkeit von Zinsfuß und Angebot
 an Kapitaldisposition. Wenn die Formel zur Bezeichnung des
tatsächlichen Zustands des Kapitalmarkts benutzt wird, ist sie eine unnötige
 und keineswegs aufklärende Umschreibung der Tatsache, daß
Zins bezahlt wird. Mit Bezug auf die Umstände, die die Nachfrage
nach Kapitaldisposition bestimmen, hat Böhm-Bawerk in der Hauptsache
 die Jevonssche Theorie mit ihren oben hervorgehobenen Mängeln
übernommen?).
Von den Verfassern, die nach dem Erscheinen meines „Nature and
Necessity of Interest“ das Zinsproblem behandelt haben, sei hier nur
Irving Fisher erwähnt. Die von Fisher neuerdings in zwei Werken?)
entwickelte Kapital- und Zinstheorie ist wieder ein Versuch, das Zins-1)
 Positive Theorie des Kapitals. Dritte Auflage. Exkurs p. 246 u. folg.
2) Die 1909 und 1912 erschienene dritte Auflage der „„‚Positiven Theorie des
Kapitales‘‘ hat meine allgemeine Auffassung des Böhm-Bawerkschen Werkes
nicht zu verändern vermocht. Böhm-Bawerks Kritik meiner in „The Nature
and Necessity of Interest‘ entwickelten Zinstheorie scheint sich in der Bemerkung
zu sammeln, daß ich die Existenz einer ‚‚,Kapitaldisposition‘‘, welche als selbständiges
 Objekt einer Kaufhandlung betrachtet werden kann, nicht nachgewiesen
habe, daß also die Auffassung des Zinses als Preis, auf welche meine ganze Darstellung
 gebaut ist, nicht berechtigt sei. Meinerseits finde ich es eigentümlich, daß
man die Existenz einer Kapitaldisposition bezweifeln kann, die doch in Wirklichkeit
jeden Tag Gegenstand von hunderttausenden Verträgen mit Kaufsummen in
Millionen ist. Dieser Wirklichkeit habe ich meine Begriffsbestimmung der Kapitaldisposition
 treu angeschlossen. Ich hoffe auch, diese Begriffsbestimmung mit genügender
 Schärfe ausgeführt zu haben. Ich überlasse es dem Leser des vorliegenden
Werkes, zu beurteilen, ob nicht die Zinstheorie, als eine spezielle Preistheorie aufgefaßt
 und in der allgemeinen Preisbildungstheorie organisch eingefügt, leichter zu
überblicken und in ihrer Gesamtheit vollständiger zu verstehen ist als eine Zinstheorie,
 die auf die sehr künstlichen Vorstellungen eines Tausches zwischen Zukunftsund
 Gegenwartsgütern zurückgreift.
3) The Nature of Capital and Income, Newyork 1906, und The rate of interest,
Newyork 1907,

76
        <pb n="190" />
        17
phänomen auf eine einzige Ursache zurückzuführen, und zwar auf
eine subjektive Eigenschaft der wirtschaftenden Menschen, nämlich
ihre Abgeneigtheit gegen das Warten, ihre „Ungeduld‘“, Fisher hat
selbst in einer späteren Abhandlung für seine Theorie den Namen:
„Theorie de l’impatience‘ vorgeschlagen!). Der Grad der Ungeduld
ist natürlich bei verschiedenen wirtschaftenden Personen verschieden,
ie individuellen „rates of preference‘‘ werden aber auf dem Markt zu
einem einheitlichen Zinsfuß zusammengeschmolzen. Diese Form der
arstellung ist offenbar der Behandlung der Spartätigkeit, also des
Angebots von Kapitaldisposition, eventuell auch, wie wir später ($ 25)
sehen werden, der Nachfrage nach Kapitaldisposition für Konsumzwecke
 angepaßt. Der Versuch, die ganze Behandlung der Nachfrage
nach Kapitaldisposition für Produktivzwecke in diese Form hineinzuzwingen,
 muß aber notwendig zu einer sehr gekünstelten Darstellung
führen. Solche Sätze wie der, daß „business loans are not so differen
rom consumption loans‘, weil beide verwendet werden, „to tide ove
ean times in anticipation of prosperity‘‘?) zeigen, mit wieviel Gewalt
 die Wirklichkeit behandelt werden muß, wenn man sie um jede
reis in den Rahmen einer unnatürlichen Theorie einpressen will.
Selbstverständlich muß es auch große Schwierigkeiten bieten, ein
so angelegte Zinstheorie in einer vollständigen und einheitliche
heorie der Preisbildung, welche doch niemals eine einseitige sein kann
sondern die Kräfte, die auf den Seiten des Angebots und der Nachrage
 wirksam sind, als gleichgesteMte, symmetrische Faktoren der Preisildung
 anzuerkennen hat, organisch einzufügen. _Fishers Dar
stellung ist in dieser Hinsicht ganz besonders schwach, wie es jede
Theorie unvermeidlich sein muß, die sich nicht die grundlegende Auf
assung der Preisbildung als eines einheitlichen, alle Preise — somit
auch den Zinsfuß — gleichzeitig bestimmenden Prozesses anzuignen
 vermocht hat®). Ein Zeichen dieser Mängel der allgemeinen
preistheoretischen Grundlegung ist die im ganzen mißlungene Darstellung,
 die Fisher vom Zusammenhang zwischen den Preisen der
dauerhaften Güter und denjenigen ihrer Nutzungen gibt. Auf diese
Frage werden wir im folgenden zurückkommen. Die Kritik Fish ers
egen die Auffassung des Zinses als des Preises einer gewissen Leistung
und als eines Elementes der Produktionskosten ist vollständig oberflächich
 und stützt sich eigentlich nur auf die spezielle Bedeutung, welche er
dem Begriff „Kosten“ beilegt. Faßt man, wie wir es getan haben,
Kosten nur als Preise nötiger Produktionsmittel auf, so steht nichts im
Vege für die Subsumierung des Zinses unter dem allgemeinen Begriff
der Produktionskosten oder für die Aufrechterhaltung des einfache
°) Rate of Interest, p. 241.
°) Vgl. Amoroso: Giorn. d. Econom. Roma 1909
assel, Theore ozialökonomie. 4. Aufl

19
        <pb n="191" />
        } Kap. VI. Der Kapitalzins.
Satzes; daß die Produktenpreise in der Gleichgewichtslage normal mit
den Produktionskosten übereinstimmen, ein Satz, den Fisher ausdrücklich
 verwerfen muß.
‚Es ist sehr charakteristisch, daß es weder Böhm-Bawerk noch
Fisher gelungen ist, den einseitigen Subjektivismus ihrer Preis- und
besonders Zinslehre konsequent durchzuführen. Von den Anhängern
einer rein „psychologischen Zinstheorie‘‘ werden sie beide als ‚,Eklektiker‘“
 verurteilt, weil sie es nicht haben vermeiden können, Elemente
der „Produktivitätstheorie‘“ mit in ihrer Zinstheorie aufzunehmen‘).
Da eine Zinstheorie wie jede Preistheorie. in dem Sinne zweiseitig
sein muß, daß sie die Faktoren auf der Seite des Angebots und der
Nachfrage als ebenbürtige Bestimmungsgründe der Preisbildung behandelt,
 muß offenbar jede Theorie, die nicht von vornherein diese Wahrheit
 offen anerkennt, die versäumten Faktoren der Preisbildung später
in einer zufälligen, unorganischen und deshalb ‚„eklektischen‘ Weise
einführen oder bei einer vollständig willkürlichen, die Wirklichkeit
Schlecht wiedergebenden formellen Erklärung stehen bleiben.
$ 22. Die Kapitaldisposition als Produktionsfaktor.
Wenn wir sämtliche Produktionsmittel in gewisse Hauptkategorien
einteilen wollen, ist es unmittelbar klar, daß Arbeit und Boden als
solche gerechnet werden müssen, wenn auch die nähere Begriffsbestimmung
 dieser allgemeinen Typen einer besonderen Analyse bedarf.
Unter den übrigen Produktionsmitteln ziehen die produzierten materiellen
 ‚Güter, die sich noch im Produktionsprozeß befinden ($ 5), in
erster Linie die Aufmerksamkeit auf sich, Wir nennen diese Güter
Realkapital. Kann nun dieses Realkapital den beiden genannten Hauptkategorien
 ebenbürtig an die Seite gestellt werden? Diese Frage steht
in einem nahen Zusammenhang mit der alten Streitfrage, ob das
„Kapital‘ als selbständiger Produktionsfaktor angesehen werden kann,
eine Frage, die, wie das so oft der Fall ist, hauptsächlich deshalb umstritten
 werden konnte, weil der Gegenstand des Streites nicht klar
war. Selbstverständlich. ist das Realkapital für die Produktion notwendig,
 und von diesem Gesichtspunkt als ein Produktionsmittel zu betrachten.
 Dieses Produktionsmittel läßt sich aber in andere, die bei
seiner Produktion mitgewirkt haben, auflösen. Wenn wir also nach den
elementaren Produktionsmitteln, die nicht selbst ein Resultat des
Produktionsprozesses sind, fragen, könnte es scheinen, als ob neben
der Natur kein anderer Produktionsfaktor als die Arbeit, darunter
1) Vgl. z. B. Fetter: Interest Theories, Old and New. Amer. Ec. RevieW,
Vol. IV, Nr. 1, März 1914.

78
        <pb n="192" />
        $ 22. Die Kapitaldisposition als Produktionsfaktor 1:79
eventuell auch die Leistungen der Unternehmer mit einbegriffen, für
die Produktion erforderlich wäre. Dies ist tatsächlich auch eine oft
verteidigte Ansicht gewesen, die besonders im Sozialismus eine wichtige
Rolle spielt.
Um über diesen Punkt Klarheit zu gewinnen, haben wir nun die
tatsächlichen Bedingungen der Produktion näher ins Auge zu fassen
und dabei unsere Unterscheidung der Güter in dauerhafte Güter und
Verbrauchsgüter ($ 2) in Erinnerung zu bringen.
Wenn man ein dauerhaftes Gut produziert, tut man es um der
Dienste willen, die das Gut bei seiner Benutzung abgibt. Diese Dienste
bilden den unmittelbaren Gegenstand der Nachfrage. Das Gut selbst ist
nur ein Zwischenglied, welches zur Befriedigung dieser Nachfrage notendig
 ist, und kann insofern nicht als der Endpunkt des Produktionsprozesses
 betrachtet werden. Vom wirtschaftlichen Gesichtspunkt aus
muß der Produktionsprozeß als_ein zusammenhängender angesehen
verden, der von den verschiedenen produktiven Leistungen bis zur
schließlichen Bedürfnisbefriedigung führt. Die Herstellung eines Wohnhauses
 bezeichnet also nur eine erste Stufe in demjenigen Produktionsprozeß,
 der die Befriedigung des Wohnbedürfnisses zur Aufgabe hat.
Abgeschlossen ist der Produktionsprozeß nicht, bevor er dieses Bedürfnis
 befriedigt hat, was erst durch die allmähliche Ausnutzung des
auses geschieht. Die zweite Stufe des Produktionsprozesses erfordert
Überwachung, Unterhaltung usw., also immer noch Einsätze von produktiver
 Tätigkeit, wenn auch in verhältnismäßig kleinem Umfang.
as Wesentliche ist aber, daß sie Zeit erfordert, im betreffenden Fall
ogar ungleich mehr Zeit als die erste Stufe. Nachdem das Haus fertig
&amp;gt; muß man notwendig eine längere Zeit warten, ehe man sämtliche
Früchte der Aufopferungen genießen kann. / /
A Dies ist ein vollständig allgemeines Verhältnis, das in der Natur
der Dinge liegt und in keiner Weise von der Form der Wirtschaft bedingt
 ist. Der Bauer, der noch in der Eigenwirtschaft steht, muß auch
nachdem er sich den Aufopferungen, die das Hausbauen erfordert,
unterworfen hat, lange Jahre auf die vollständige Vergütung derselben
durch Nutzungen des Hauses warten. In der Tauschwirtschaft kann
jeses unvermeidliche Warten auf die Früchte der Aufopferungen der
ersten Produktionsstufe von einem anderen übernommen werden. Das
arten wird dadurch als selbständige wirtschaftliche Funktion deutlich
erkennbar. Es ist natürlich denkbar, daß eine Gruppe von Arbeitern,
welche zusammen ein Haus gebaut haben, selbst auf den Lohn, der
in den künftig allmählich einfließenden Mieten besteht, warten. _ In
er Regel können sie es aber nicht, weil sie Mittel zur Deckung unbweislicher
 Lebensbedürfnisse brauchen, oder wollen es nicht, weil sie
lieber jetzt als in einer fernen und unsicheren Zukunft die Frucht
ihrer Arbeit genießen wollen. Dann tritt ein anderer ein, der.das Hau

479
DS
        <pb n="193" />
        Kap. VI. Der Kapitalzins.
kauft, um sich die allmählich einfließenden Mieten zunutze zu machen.
Die Arbeiter erhalten nun unmittelbar nach Fertigstellung des Hauses
das Entgelt ihres Einsatzes in der Produktion, der andere nimmt das
Warten als eine spezielle Aufgabe auf sich.
Was hier mit Hinsicht auf ein Wohnhaus gesagt ist, gilt natürlich
ebenso für jedes andere dauerhafte Gut. Ob seine Dienste für unmittelbare
 Bedürfnisbefriedigung oder für die Produktion in Anspruch genommen
 werden, ist dabei gleichgültig. Der Fabrikant, der eine
Maschine kauft, muß auch auf Vergeltung seiner Aufopferung warten,
bis die Maschine ihre sämtlichen Nutzungen als produktive Leistungen
in seiner Fabrik abgegeben hat. In manchen Fällen überläßt auch der
Produzent die Funktion des Wartens einem anderen und begnügt sich,
ähnlich wie ein Wohnungsmieter, das betreffende dauerhafte Gut zu
mieten: Fabrikanten mieten Werkstätten, Kaufleute Geschäftsräume,
sogar große Eisenbahnen mieten zuweilen Wagen.
Die Funktion des Wartens auf die Dienste, die ein dauerhaftes
Produkt in seiner Lebenszeit abzugeben imstande ist, ist also eine
notwendige Voraussetzung dafür, daß das Gut produziert werden soll.
Wenn weder die Produzenten selbst noch irgendein anderer Mensch
dieses Warten übernehmen will, dann wird auch die Produktion als
wirtschaftlich unmöglich unterbleiben. Wer diese Funktion auf sich
nimmt, ist von untergeordneter Bedeutung, die Hauptsache ist, daß sie
von jemand übernommen werden muß. Um diese Funktion übernehmen
zu können, muß man aber über ein gewisses Kapital im abstrakten
Sinne verfügen, nämlich eben ein Kapital, das den Produktionskosten
des Gutes entspricht. Wer ein Wohnhaus nach der Fertigstellung desselben
 kauft, muß die Kaufsumme bereithaben. Er bezahlt diese Summe
an die Erbauer des Hauses, die dann nach Belieben darüber verfügen.
Selbst hat er einstweilen sein Kapital im Hause „gebunden“. Der
Preis des Hauses repräsentiert also das darin gebundene Kapital. Das
Warten auf die Dienste eines dauerhaften Gutes erfordert also eine
gewisse Kapitaldisposition. Diese Kapitaldisposition ist folglich eine
notwendige Bedingung der Produktion. Wo nicht die nötige Kapitaldisposition
 zum Warten auf die Dienste eines dauerhaften Produktes
gefunden werden kann, da kann das Produkt wirtschaftlicherweise auch
nicht hergestellt werden. Wenn man sich im voraus die Frage stellt,
ob ein gewisses dauerhaftes Gut produziert werden soll oder nicht,
dann muß man damit rechnen, daß das wirtschaftliche Ziel einer solchen
Produktion in der Gewinnung der Dienste des Gutes liegt, und dieses
Ziel läßt sich nur erreichen, wenn man über die zum Abwarten dieser
nach der Natur der Sache notwendig sukzessiven Dienste nötige Kapitaldisposition
 verfügt bzw. eine begründete Hoffnung hat, daß jemand,
wenn der technische Produktionsprozeß abgeschlossen ist, diese Kapitaldisposition
 zur Verfügung stellen wird. Die genannte Kapital-180
        <pb n="194" />
        8 22. Die Kapitaldisposition als Produktionsfaktor. „81
disposition ist also für das Ziel der Produktion ebenso notwendig wie
irgendwelches Produktionsmittel, das für die technische Herstellung
des dauerhaften Gutes erforderlich ist, und muß deshalb auch selbst
als ein Produktionsmittel in gleicher Linie mit den übrigen Produktionsmitteln
 aufgeführt werden.
„Warten“ und ‚„Kapitaldisposition‘‘ sind zur Bezeichnung dieses
Produktionsmittels synonyme Begriffe. Das „Warten“ hebt die negative
 Seite hervor, bedeutet einen Verzicht für eine gewisse Zeit auf die
Konsumtion eines vorhandenen Kapitals. Die Kapitaldisposition ist die
dadurch ermöglichte positive Verfügung über das Kapital für dieselbe
Zeit:
Wir haben den Begriff des Realkapitals so begrenzt, daß er nur
solche materielle Güter umfaßt, die sich noch im Produktionsprozeß
befinden. Offenbar müssen wir den Begriff der Kapitaldisposition in
ähnlicher Weise begrenzen, ihn also nicht auf das Abwarten der Dienste
derjenigen dauerhaften Güter, die schon definitiv an die Konsumenten
übergegangen sind, ausdehnen.
Das Warten auf die Dienste der dauerhaften Güter ist natürlich
nur insofern ein notwendiger Produktionsfaktor, als wirklich eine Produktion
 in Frage kommt. Sobald die Produktion eines dauerhaften
Gutes geplant wird, muß man auf die zum Warten auf die Dienste
desselben nötige Kapitaldisposition in derselben Weise wie auf jede
andere für die Produktion nötige Leistung rechnen können. Eben deshalb
ist die Kapitaldisposition ein notwendiger Produktionsfaktor. Ist dagegen
 das dauerhafte Gut einmal fertig, dann muß man warten, die nötige
Kapitaldisposition mag gefunden werden oder nicht. Will niemand
für das Gut mehr als die Hälfte der Kosten zahlen, liegt ein Verlust
vor, den der Produzent zu tragen hat. Der Käufer hat dann natürlich
nur die halbe Kapitaldisposition zur Verfügung zu stellen. Dann sind
aber die Bedingungen einer fortgesetzten Produktion gestört. Aus
solchen Verhältnissen kann man nicht schließen, daß die Kapitaldisposttion
 etwa überflüssig wäre, oder daß jede beliebige Menge von Kapitaldisposition
 genügen würde. Das wäre ungefähr dasselbe wie zu sagen,
daß es unnötig ist, eine fertige Arbeit zu bezahlen, wenn man nur im
voraus eine Zahlung verspricht. Soll die Produktion des dauerhaften
Gutes stets in unveränderten Formen fortgesetzt werden können, ist
es offenbar notwendig, daß die nötige Kapitaldisposition auch stets zur
Übernahme der fertigen Güter bereitsteht.
Da also die Kapitaldisposition nur als eine Bedingung der Produktion
 anzusehen ist, erfordert die Anwendung der nichtreproduzierbaren
dauerhaften Güter, besonders des Grund und Bodens, wohl ein Warten
auf die Dienste, aber, da der Preis solcher Güter durch keine Produktionskosten
 bestimmt ist, keine bestimmte Kapitaldisposition.

17
        <pb n="195" />
        Kap. VI. Der Kapitalzins,
Die jetzt bewiesene Notwendigkeit der Kapitaldisposition im wirt
schaftlichen Produktionsprozeß rührt daher, daß die Ausnutzung
dauerhafter Produkte Zeit erfordert. Diese Quelle des Bedarfs
an Kapitaldisposition ist wohl die weitaus wichtigste, nicht aber die
einzige. Kapitaldisposition ist nämlich auch für die Produktion im
engeren technischen Sinne aus dem Grunde notwendig, weil die Produktion
 Zeit beansprucht.
Gewisse Arten von Arbeit, z. B. das Kochen, das Massieren, dienen
der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung. Die Frucht solcher Arbeit
wird in demselben Augenblick genossen, in welchem die Arbeit geleistet
 wird, oder wenigstens unmittelbar nachher. Die meiste Arbeit
muß aber auf früheren Stadien des Produktionsprozesses geleistet
werden, gewährt also erst dann Nutzen, wenn das Produkt fertig ist.
Wir können der Einfachheit halber voraussetzen, daß Material und
Werkzeuge keine wahrnehmbare Rolle spielen, daß das Produkt von
einer Gruppe von Arbeitern ohne fremde Beihilfe hergestellt werden kann.
Es ist dann denkbar, daß die Arbeiter auch auf den Lohn ihrer Arbeit
bis zur Fertigstellung des Produktes warten können und so das Produkt
 selbst oder den Preis desselben als Lohn empfangen. Sie können
aber auch dieses Warten einem anderen überlassen, um den Lohn ihrer
Arbeit unmittelbar zu beziehen. Der andere, der also das Warten übernimmt,
 hat dann die Arbeit, je nachdem die Produktion fortschreitet,
zu bezahlen und findet sein Entgelt dafür im fertigen Produkte bzw. in
dessen Verkaufspreis. Um warten zu können, muß er über ein Kapital
verfügen, das dem jeweiligen Preis des Produktes entspricht und das
am Ende dem Preis des fertigen Produktes gleich ist. Wenn die Arbeiter
selbst dieses Warten auf sich nehmen, müssen sie über genau dieselbe
Kapitaldisposition verfügen. Zwar brauchen sie ebensowenig wie irgendein
 anderer die gesamte Summe vorher zu besitzen. Wenn sie nur so
viel Kapital haben, daß sie während der Produktionszeit leben können,
können sie das zur Übernahme ihres Produktes nötige Kapital Schritt
für Schritt durch ihre produktive aber ungelohnte Arbeit ansammeln.
Dieses steigende Kapital ist während der Dauer des Produktionsprozesses
des betreffenden materiellen Gutes an dasselbe gebunden. Nur wenn
jemand bereit ist, die hierfür erforderliche Kapitaldisposition zu liefern,
kann überhaupt die Produktion unternommen werden. Die entsprechende
 Kapitaldisposition ist also eine unter allen Umständen
notwendige Bedingung der Produktion und folglich als Produktionsmittel
 den übrigen Produktionsmitteln gleichzustellen.
Was hier über die Arbeit gesagt ist, gilt natürlich überhaupt von
allen Produktionsmitteln, die im Produktionsprozeß mitwirken: diese
Mitwirkung muß auf früheren Stadien des Produktionsprozesses geleistet
 werden und liefert erst Nutzen, wenn das Produkt fertig ist.
Es ist also notwendig, auf das Entgelt dieser Mitwirkung zu warten.

182
        <pb n="196" />
        8 22. Die Kapitaldisposition als Produktionsfaktor. 183
Der Umstand, daß die Produktion Zeit beansprucht, macht also die
Disposition eines gewissen, meistens während der ganzen Produktionsperiode
 steigenden Kapitals notwendig. Das erforderliche Kapital ist
in jedem Augenblick gleich dem Wert des Produkts.
In gewissen Fällen kann das Produkt schon auf früheren Stadien
zur Bedürfnisbefriedigung dienen, man erhält aber ein besseres oder
größeres Produkt, wenn man noch etwas wartet. Dies gilt besonders
für unsere Wälder. Man kann einen Baum jetzt verwenden, man kann
ihn aber auch noch zehn Jahre wachsen lassen. Dies erfordert aber
die Disposition eines gewissen Kapitals, das dem jeweiligen Verkaufspreis
 des Baumes entspricht. Dieses Reifenlassen, das auch unter
anderen Verhältnissen, z. B. für den Wein in den Weinkellern, eine Rolle
spielt, ist also als eine Quelle des Bedarfs an Kapitaldisposition zu
betrachten.
Die Weizenernte könnte gleich im Herbst, wenigstens in wesentlich
 größerem Umfang als es geschieht, konsumiert werden, würde aber
dann nicht für den Bedarf des späteren Teiles des Erntejahres ausreichen.
 Man wirtschaftet aber mit der Ernte und verteilt die Konsumtion
 derselben einigermaßen gleichmäßig über das ganze Jahr. Dies
erfordert aber die Disposition eines gewissen Kapitals gleich dem jeweiligen
 Gesamtpreis des noch übrigen Weizenvorrats. Dieses nötige
Wirtschaften mit einem Vorrat, der für eine gewisse Zeit ausreichen
muß, bildet also auch eine Quelle des Bedarfs an Kapitaldisposition.
Diese beiden letztgenannten Quellen des Bedarfs an Kapitaldisposition
 brauchen aber nicht als selbständig aufgefaßt zu werden, sondern
sind unter dem allgemeinen Bedarf aufzuführen, der durch den Umstand,
 daß die Produktion Zeit beansprucht, bedingt ist. Denn wir
rechnen doch den Produktionsprozeß bis zu dem Moment, wo die Produkte
 an die Konsumenten übergehen.
Unsere Aufteilung der Kapitaldisposition in diejenige, die erforderlich
 ist, weil die Ausnutzung der dauerhaften Güter Zeit erfordert, und
diejenige, die erforderlich ist, weil die Produktion im technischen Sinne
Zeit beansprucht, entspricht, wie man findet, der Aufteilung des Realkapitals
 in festes und bewegliches Realkapital ($ 5).
Beim Studium der statischen Wirtschaft ($ 5) haben wir gefunden,
daß zur Aufrechterhaltung derselben eine stetige Reproduktion des
Realkapitals notwendig ist. Diese Reproduktion setzt natürlich in der
Tauschwirtschaft voraus, daß die verschiedenen konkreten Güter, die
das Realkapital ausmachen, Preise behaupten, die ihren Produktionskosten
 entsprechen, daß also die zur Übernahme desselben nötige Kapitaldisposition
 immer zur Verfügung gestellt wird. Da die beiden Teile
des Realkapitals, das bewegliche und das feste, selbst unverändert
erhalten werden, fordern sie entsprechend den beiden oben bezeichneten
Hauptauellen des Bedarfs an Kapitaldisposition bei konstanten Preisen

+
te
fi
        <pb n="197" />
        Kap. VI. Der Kapitalzins.
je eine’ konstante Kapitaldisposition. Für die stationäre Wirtschaft
muß also insgesamt beständig ein konstantes Kapital zur Verfügung
stehen, das dem ebenfalls konstanten Gesamtpreis des Realkapitals
gleich ist. Dies bedeutet eine bestimmte Forderung an die Bereitwilligkeit
 der Gesamtwirtschaft das Opfer des Wartens zu bringen, also an
ihre ‚Sparsamkeit‘, wenn wir dieses Wort im allgemeinsten Sinne
nehmen. In unserer tatsächlich bestehenden Tauschwirtschaft hat der
einzelne Kapitalbesitzer meistens eine Möglichkeit, einen Teil seines
Kapitals zu verzehren. Er kann z. B. eine Forderung kündigen und das
Geld für seine laufende Konsumtion ausgeben. So handeln auch immer
einige Kapitalbesitzer, und eine gewisse Menge von Kapitaldisposition
wird in dieser Weise in jeder Periode der Gesamtwirtschaft entzogen.
Dafür müssen dann neue Ersparungen im entsprechenden Umfang zur
Verfügung gestellt werden. Nur wenn diese Bedingung in jeder Periode
erfüllt wird, kann die Wirtschaft im stationären Zustand aufrecht erhalten
 werden. Die Ansprüche, die für diesen Zweck an die Mitglieder
der Gesellschaft gestellt werden, haben also stets eine aktuelle Bedeutung:
 das Warten ist ein Produktionsfaktor, der auch in der stationären
 Wirtschaft immer wieder zur Verfügung gestellt werden muß.
Diejenige bestimmte Willensrichtung der wirtschaftenden Menschen,
die wir im 8 5 als notwendige Bedingung der Aufrechterhaltung der
stationären Wirtschaft bezeichnet haben, ist hiermit näher charakterisiert.
 In dieser Beziehung stellt natürlich die fortschreitende Wirtschaft
 noch höhere Forderungen, da in einer solchen das Realkapital
nicht nur erhalten, sondern auch stets vermehrt werden muß, und also
eine immer wachsende Menge von Kapitaldisposition zur Verfügung
gestellt werden muß, d. h. ein nie aufhörendes positives Sparen der
Gesamtwirtschaft erforderlich ist.
Die Kapitaldisposition, also die zeitweise Verfügung über ein gewisses
 Kapital, ist nicht nur ein aus den beiden angegebenen Gründen
notwendiges Produktionsmittel, sondern auch ein elementares.
Von der Seite des Angebots ist sie, wie wir gesehen haben, ein Warten,
also ein vorläufiger Verzicht auf eine Bedürfnisbefriedigung, für welche
Mittel vorhanden sind. Dies ist offenbar eine persönliche Leistung ganz
besonderer Art, die nicht wieder in andere aufgelöst werden kann,
sondern wahrlich als „elementar‘ bezeichnet werden muß. Es ist zu beachten,
 daß wir in dieser Untersuchung noch nichts darüber geäußert
haben, inwiefern diese Leistung auch bezahlt werden soll. Was hier
festgestellt wird, ist zunächst nur, daß die Kapitaldisposition ein notwendiges
 Produktionsmittel ist, welches folglich als ‚‚Produktionsfaktor‘“
 den anderen Produktionsfaktoren, Arbeit und Boden, an die
Seite gestellt werden muß.
Dieser Schluß wird noch stärker gerechtfertigt, wenn man in Be-184
        <pb n="198" />
        8 22. Die Kapitaldisposition als Produktionsfaktor. 35
tracht zieht, daß die Kapitaldisposition als ein Produktionsfaktor andere
Produktionsfaktoren ersetzen kann. Die gegenseitige Substitution von
Kapitaldisposition und Arbeit ist eine Erscheinung, die sowohl für die
Zinstheorie wie für die Theorie des Arbeitslohns großes Interesse besitzt
und auf die wir bei der Behandlung dieser Theorien zurückkommen
müssen. Hier sei nur die allgemeine Natur dieser Substitution dargelegt,
 um zu zeigen, daß wirklich die Kapitaldisposition der Arbeit
als Produktionsfaktor ebenbürtig an die Stelle gestellt werden kann.
Die Verdrängung der Handarbeit durch Maschinenarbeit ist eine allgemein
 bekannte Tatsache. Die Dienste der Maschinen, die in einer
gewissen Ausdehnung die Arbeit ersetzen, stellen aber keinen elementaren
 Produktionsfaktor dar, sondern können, wenn wir uns nur bei den
allerwesentlichsten Seiten der Sache aufhalten, in die für die Produktion
 der Maschine erforderliche Arbeit und die Kapitaldisposition, die
für das Abwarten der sukzessiven Dienste der Maschine notwendig ist,
aufgelöst werden. Nehmen wir an, die Maschine hält zehn Jahre, so
wird jedes Jahr ein Zehntel dieser Arbeit konsumiert. Die Handarbeit
wird also zum Teil durch diese Arbeitsmenge ersetzt, der Rest der
Handarbeit dagegen wird tatsächlich durch die Kapitaldisposition
ersetzt.
Die Quelle des Angebots an Kapitaldisposition ist die Spartätigkeit.
 Die Mittel, die die Sparer bei Übernahme der Funktion des
Wartens in erster Hand zur Verfügung stellen, werden wohl zum
größten Teil, obwohl gewiß nicht ausschließlich, zur Zahlung von
Arbeitslöhnen verwendet und dann von den Arbeitern hauptsächlich
zum Kauf von Lebensmitteln, Mieten von Wohnungen usw. verbraucht,
also konsumiert. Dies ist der Grund, warum die klassische Schule
die Rolle des Kapitals in der Ermöglichung des Lebensunterhalts der
Arbeiter während der Dauer der Produktion sah und sich das Kapital
als angesammelten Vorrat von Existenzmitteln der Arbeiter dachte. Wir
wissen, daß diese Auffassung im wesentlichen unrichtig ist (8 6). Ein
Vorrat von Existenzmitteln wird in der modernen fortdauernden
Wirtschaft nicht angesammelt. Der fortdauernde Produktionsprozeß ergibt
 einen stetigen Strom von Produkten, teils von Gütern für die unmittelbare
 Bedürfnisbefriedigung, teils von Realkapital. Die Sparer
haben auf Grund ihres ersparten Einkommens Anspruch auf einen bestimmten
 Teil dieser Produkte und machen denselben geltend, indem
sie direkt oder durch Vermittlung anderer das neuproduzierte Realkapital
 kaufen. Die Arbeiter haben ebenfalls auf Grund ihrer Löhne
Ansprüche auf einen bestimmten Teil des gesellschaftlichen Produktes,
machen aber ihre Ansprüche hauptsächlich in der Form einer Nachfrage
 nach fertigen Gütern für ihre Konsumtion geltend. In dieser Weise
wird überhaupt das ganze nichtersparte Einkommen der Gesellschaft
verwendet. Die Produktion richtet sich bei Gleichgewicht nach diesen

1»
        <pb n="199" />
        Kap. VI. Der Kapitalzins.
Ansprüchen, verteilt sich also in Übereinstimmung mit ihnen auf Vermehrung
 des Realkapitals und auf unmittelbare Bedürfnisbefriedigung.
Die Mittel, welche die Sparer zur Verfügung stellen, sind also in Wirklichkeit
 nur ihre Forderungen auf das gesellschaftliche Produktionsergebnis,
 keine konkreten Verbrauchsgüter.
Diese Mittel werden auch nicht im voraus angesammelt. Die Sparer
investieren ihre Ersparnisse in demselben Augenblick, wie diese gemacht
 werden (vgl. 8 48, am Ende), indem sie dieselben den Unternehmern
 zu Verfügung stellen. Der neue Bedarf an Kapitaldisposition
wird also für jeden Tag durch die neuen Ersparnisse gespeist, welche
gleich direkt oder indirekt zum Kauf von Realkapital gebraucht werden,
Das nichtersparte Einkommen der Tauschwirtschaft wird zur Zahlung
 der laufenden Konsumtion verwendet. Diese Konsumtion richtet
sich zum Teil auf die Verbrauchsgüter, die in einem ‚stetigen Strom
aus dem Produktionsprozeß hervorgehen und also nicht im voraus angesammelt
 zu sein brauchen, zu einem bedeutenden Teil aber auch auf
Anwendung von dauerhaften Gütern, also von Wohnungen, Straßen
und Eisenbahnen, Theatern usw. Um diese Ansprüche sämtlich befriedigen
 zu können, muß die Tauschwirtschaft, wie in 8 5 und 6 gezeigt
 worden ist, ein bestimmtes in der fortschreitenden Wirtschaft stets
wachsendes Realkapital, teils fester, teils beweglicher Art, besitzen. Ein
Vorrat von fertigen Gütern ist dagegen im großen ganzen überflüssig.
Natürlich kann auch unter den Arbeitern ein Sparen vorkommen,
und insofern übernehmen auch die Arbeiter einen Teil des neuproduzierten
 Realkapitals, Wenn’ die Sparkasseneinlagen der Bauhandwerker
von der Sparkasse gegen Hypothek dem Bauherrn zur Verfügung gestellt
 werden, übernehmen die Arbeiter sogar wirklich einen Teil der
Kapitaldisposition, welche für das Haus, an dem sie selbst arbeiten,
nötig ist. Ein Kleinbauer, der sich selbst mit eigener Hand ein Haus
baut, tut dasselbe in noch stärkerem Grade, er liefert selbst zum großen
Teil die nötige Kapitaldisposition. Dies ist ihm möglich, teils dadurch,
daß er aus seiner Landwirtschaft ein Einkommen bezieht, mit welchem
er sich zur Not in der Bauzeit unterhalten kann, teils durch eine Beschränkung
 seiner Bedürfnisbefriedigung, die viel weiter geht, als bei
so strenger Arbeit für Lohn nötig wäre. Es liegt also auch hier ein
Sparen vor, durch welches Produktivkräfte zur Produktion von Realkapital
 freigestellt werden. Das Kapital, das zur Übernahme des Hauses
nötig ist, schafft der Mann selbst durch eine Arbeit, für welche er keine
unmittelbare Bedürfnisbefriedigung als Entgelt fordert.
Das Kapital, das die Sparer zur Verfügung stellen, ist in der
Tauschwirtschaft durch eine gewisse Geldsumme ausgedrückt. Eine
Geldsumme, also eine in der Preiseinheit ausgedrückte abstrakte Summe
ist eine elementare arithmetische Größe, die ihre eigene Dimension hat,
ganz wie in der Physik die Länge, das Gewicht und die Zeit. Wir

186
        <pb n="200" />
        8 22. Die Kapitaldisposition als Produktionsfaktor. 187
werden diese rein wirtschaftliche Dimension mit M bezeichnen, die
Dimension der Zeit, die ebenfalls in der Wirtschaftslehre eine wichtige
Rolle spielt, mit T. Der produktive Dienst, den wir als Kapitaldisposition
 bezeichnen, hat dann die Dimensionen MT. Dies bedeutet, daß dieser
Dienst durch das Produkt einer Geldsumme und einer Zeit gemessen
wird. Die Einheit dieser zusammengesetzten Größe ist die Disposition
der Geldeinheit während der Zeiteinheit, also z. B., wenn wir 100 Mark
als Geldeinheit und ein Jahr als Zeiteinheit wählen, die Disposition
von 100 Mark während eines Jahres. Da der Dienst der Kapitaldisposition
 nur durch das Produkt einer Geldsumme und einer Zeit gemessen
 wird, ist er im Prinzip unabhängig von solchen Veränderungen
der Geldsumme und der Zeit, die uns das Produkt unverändert lassen.
So ist z. B. die Kapitaldisposition von 1000 Mark in 1 Monat gleichwertig
 mit einer Kapitaldisposition von 500 Mark’ in 2 Monaten, wovon
man sich leicht überzeugt, wenn man bedenkt, daß eine Person, die
eine Kapitaldisposition von 1000 Mark in 2 Monaten besitzt, nach Belieben
 die eine oder die andere der genannten Kapitaldispositionen zweimal
 liefern kann. Daß jedoch in der Praxis ein gewisser Unterschied
gemacht wird zwischen kurzer und langer Kapitaldisposition, werden
wir im nächsten Paragraphen sehen.
Nachdem nunmehr die Natur und die Bedeutung der Kapitaldisposition
 als eines notwendigen und elementaren Produktionsmittels klargelegt
 worden ist, kommen wir zu der Frage zurück, von welcher wir in
diesem Paragraph ausgegangen sind, nämlich inwiefern das Realkapital
als selbständiger Produktionsfaktor zu betrachten ist. Zur Beantwortung
dieser Frage haben wir an unsere Ausführungen in 8 5 und 6 anzuknüpfen.
 Die Anwendung des festen Realkapitals löst sich auf einerseits
 in einen Verbrauch, der durch Unterhalt und Erneuerung, also
durch Produktion, ersetzt werden muß, und der folglich eine Inanspruchnahme
 weiter zurückliegender Produktionsmittel bedeutet, und
andererseits in einer Kapitaldisposition für die Zeit der Anwendung,
welche Kapitaldisposition als ein elementares Produktionsmittel zu
betrachten ist. Die Anwendung des beweglichen Realkapitals ist
ihrem Wesen nach ein Verbrauch, welcher durch Inanspruchnahme
weiter zurückliegender Produktionsmittel ersetzt werden muß. Diese
Anwendung erfordert als Komplement eine Kapitaldisposition für das
Abwarten des Ersatzes für die gemachte Aufopferung. Es scheint also,
als ob das Realkapital selbst überhaupt kein selbständiger Produktionsfaktor
 sei.
Wenn wir aber unsere Analyse der Tauschwirtschaft auf eine in der
Gegenwart beginnende Periode beschränken, muß das am Anfang
dieser Periode vorhandene Realkapital als ein gegebener, nicht weiter
zu. analysierender Faktor unseres Problems aufgefaßt und also, da es
für die Produktion erforderlich ist, den elementaren Produktionsmitteln

a
14
        <pb n="201" />
        Kap. VI. Der Kapitalzins.
gleichgestellt werden. Die Auflösung des Realkapitals in elementare
Produktionsfaktoren führt also sowohl auf das am Anfang der Periode
vorhandene Realkapital wie auch auf die in der Periode dargebotene
Kapitaldisposition, und außerdem natürlich auf die übrigen in derselben
Periode zur Verfügung gestellten elementaren Produktionsfaktoren
zurück. Die Stellung des am Anfang der Periode gegebenen Realkapitals
oder der Dienste desselben im Preisbildungsprozeß, welche schon im
$ 12 prinzipiell angegeben worden ist, wird durch unsere Untersuchungen
 über die Natur der Rente ($ 23 und Kap. VII) näher klargelegt
 werden.
$ 23. Der Zins als Preis.
Unsere bisherigen Untersuchungen haben gezeigt, daß die Kapitaldisposition
 ein notwendiger Produktionsfaktor ist. Ob nun auch für
diesen Produktionsfaktor etwas gezahlt werden soll, ist eine Frage, die
nicht aus irgendwelchen ethischen oder gefühlsbestimmten Betrachtungen
 über das Verdienstliche der Leistung der Kapitalisten beurteilt
werden kann, sondern die ausschließlich davon abhängt, ob das Angebot
von Kapitaldisposition auch im Verhältnis zur Nachfrage knapp ist,
m. a. W. ob es notwendig ist, auf die Kapitaldisposition einen Preis
zu setzen, um die Nachfrage hinreichend zu beschränken, eventuell
auch das Angebot hinreichend anzuspornen.
Tatsächlich wird, wie jedermann weiß, für die Kapitaldisposition
regelmäßig ein Preis bezahlt. Dies ist Beweis genug dafür, daß in unserem
wirklichen Wirtschaftsleben tatsächlich eine Knappheit an Kapitaldisposition
 besteht. Wäre eine solche Knappheit nicht vorhanden, würde
ganz sicher auch für Kapitaldisposition. nichts gezahlt werden. Die
ziemlich verbreitete Vorstellung, daß in der modernen Gesellschaft
durch übertriebene Sparsamkeit ein Überfluß von Kapital geschaffen
wird, ist also jedenfalls unrichtig.
Den Preis, der für die Kapitaldisposition bezahlt wird, nennen wir
Kapitalzins oder kurz nur Zins. In Wirklichkeit pflegt der Zins oft auch
eine Vergütung für ein stärkeres mit dem Darlehen verbundenes Risiko
mit zu enthalten. Eine solche Risikoprämie wird nach ihren eigenen
Gesetzen reguliert und hat theoretisch nichts mit dem Zins gemeinsam.
Die Zinstheorie muß deshalb vom Risiko absehen, d. h. nur solche Darlehen
 betrachten, die vollständige Sicherheit gewähren. Nun gibt es
wohl im menschlichen Leben nichts Derartiges wie absolute Sicherheit
Es genügt aber, wenn wir Kapitalanlagen betrachten, wo die Sicherheit
 so groß ist oder wenigstens so groß erachtet wird, daß das Risiko
nicht in Betracht kommt, für dasselbe nichts bezahlt wird. In solchen

188
        <pb n="202" />
        &amp;amp; 23. Der Zins als Preis. 9
Fällen stellt der vereinbarte Zins wirklich einen reinen Zins im Sinne
der Theorie dar.
Ferner ist in Wirklichkeit der Zinsfuß verschieden, je nachdem
das Kapital für längere oder kürzere Zeit ausgeliehen wird. Die Zinssätze
 für kurze Darlehen variieren meistens viel stärker als diejenigen
für lange Darlehen. Ganz besonders trifft dies zu in bezug auf Sogenanntes
 tägliches Geld. So betrug der durchschnittliche Zinssatz für
tägliches Geld an der Neuyorker Börse im Oktober 1907 22,0%, in demselben
 Monat 1908 nur 1,42%. Aber auch der Diskont zeigt starke
Schwankungen. Der durchschnittliche Privatdiskont an der Berliner
Börse im Dezember 1907 war 7,07%, im gleichen Monat des folgenden
Jahres 2,92 %. Der Londoner Marktdiskont, der 1895 ein Minimum
mit dem Durchschnittssatz von 0,8% erreichte, stieg 1907 auf einen
Durchschnittssatz von 4,53%. Im Verhältnis zu solchen Variationen
sind auch die ungewöhnlich starken Veränderungen, die im Anfang des
20. Jahrhunderts in den Zinssätzen für feste Darlehen stattgefunden
haben, sehr mäßig. Der auffallende Kursfall der deutschen 3% % Reichsanleihe
 von ungefähr Pari 1906 bis 855% im Juni 1913 bedeutet doch
nur ein Steigen des Realzinsfußes von 3% % bis etwas über 4%. In
der Periode 1896—1912 ist der effektive Zinsfuß von 10 englischen
Kommunalanleihen von ungefähr 2,7% bis auf 3,6% gestiegen‘?).
Wir werden also vor die Frage gestellt: welcher Zinsfuß soll der
Gegenstand der Untersuchung unserer allgemeinen Zinstheorie sein?
Darauf könnte man antworten, daß eine vollständige Zinstheorie selbstverständlich
 alle Arten von Zins in Betracht zu ziehen und die Bestimmungsgründe
 ihrer Höhe zu erforschen hat. Hier, wo wir uns auf eine
grundlegende Untersuchung des Zinsphänomens beschränken müssen,
scheint es angemessen, eine typische Form für den Verkauf von Kapitaldisposition
 auszuwählen. Dann müssen wir offenbar das langfristige
Darlehen ins Auge fassen. Die Hauptmasse der Kapitaldisposition ist
nämlich, wie wir wissen, für die Ausnutzung dauerhafter Güter, wie
Gebäude, Eisenbahnen, Wasserwerke und ähnlicher Anlagen erforderlich,
 Für solche Zwecke ist aber eine sehr langfristige, oft sogar unkündbare
 Kapitaldisposition notwendig. Aus diesem Grunde ist der Zinsfuß
für feste Anleihen, Hypotheken, Pfandbriefe und ähnliche Papiere als
der typische Zinsfuß zu betrachten. Dabei ist nur zu beachten, daß der
betreffende Zinssatz von keinem beträchtlichen Risiko erhöht sein,
anderseits aber auch nicht von besonderen Maßnahmen zum Herab-1)
 Economic Journal, Juni 1913, p. 284. Die Ursache, weshalb die effektiven
Zinssätze der ausländischen und kolonialen Anleihen in derselben Zeit viel langsamer
gestiegen sind, ist wohl wesentlich darin zu suchen, daß das Risiko dieser Papiere in
den Augen des englischen Publikums in bedeutendem Grade vermindert worden ist,
was auch wesentlich zur Erhöhung der Zinssätze für englische Anleihen beigetragen
haben dürfte, indem diese dadurch ihre frühere Monopolstellung teilweise verloren.

18:
        <pb n="203" />
        Kap. VI. Der Kapitalzins.
setzen des Zinsfußes, wie sie z. B. seitens gewisser Staaten durch
Schaffung einer Vorzugsstellung für ihre eigenen Anleihen durchgeführt
 sind, beeinflußt werden darf. Der Typus des Kapitalzinses, der
am besten die wirkliche Lage des Marktes für feste Kapitaldisposition
widerspiegelt, ist vielleicht der Zins, der für erste Hypotheken auf
Grundstücke gezahlt wird. Dieser Zinsfuß bewegte sich in Westeuropa
a Pan za
vor dem Kriege ganz überwiegend in den Grenzen von 3% —41%4%1).
Wenn wir die Geschichte des Zinsfußes überblicken und einen
Vergleich zwischen älteren und neuzeitlichen Zinssätzen aufstellen wollen,
müssen wir beachten, daß der Zinsfuß ein Marktpreis ist und daß
also überhaupt nur solche Zinssätze miteinander verglichen werden
önnen, die auf entwickelten Märkten bezahlt worden sind, und dies
auch nur dann, wenn auf ein Risiko keine Rücksicht genommen zu
erden brauchte. Wären diese einfachen und selbstverständlichen Vorsichtsmaßregeln
 immer eingehalten worden, so hätte sich die sehr übertriebene
 Vorstellung vom Sinken des Zinsfußes in geschichtlicher Zeit
nie ausbilden können, und die Lehre von der naturnotwendigen Tendenz
des Zinses zu fallen, hätte ihre angebliche Stütze in der geschichtlichen
Erfahrung größtenteils entbehren müssen. In den Zeiten, wo noch das
kanonische Recht vorherrschte, war das Zinsnehmen oft mit bedeutendem
 Risiko, jedenfalls mit großen Unannehmlichkeiten verbunden. Daß
dadurch der Kreis der Geldgeber beschränkt wurde und daß in den
bezahlten Zinssätzen eine sehr bedeutende Vergütung für Risiko und
Nachteile des Zinsnehmers steckte, ist offenbar. Diese Zinssätze können
also überhaupt nicht mit den unserigen verglichen werden. Sobald
aber ein wirklicher Kapitalmarkt in den wichtigsten Handelsplätzen
uropas sich auszubilden beginnt, finden wir Zinssätze, die ebenso
niedrig sind, wie die niedrigsten in unserer Zeit allgemeinen. In Holland
bewegte sich beispielsweise der Zinsfuß Mitte des 17. Jahrhunderts um
3%, während der effektive Zinsfuß für beste Sicherheit in der Zeit
or der französischen Revolution 2'/,—334% betrug.
„Die folgenden Untersuchungen beziehen sich durchweg auf einen
Zins, wie er auf hochentwickelten Märkten für lange, nicht besonders
begünstigte, aber vollständig sichere Darlehen bezahlt wird.
Als Preis eines elementaren Produktionsmittels wird der Zins in
derselben Weise wie alle solche Preise im großen einheitlichen Preisbildungsprozeß
 bestimmt. Die Kapitaldisposition steht in jeder Periode
in einer begrenzten Menge zur Verfügung, und in derselben Periode tritt
eine Nachfrage nach dieser Kapitaldisposition hervor — letzten Endes
ausgehend von der Nachfrage nach fertigen Gütern —, welche nur da-7)
 Die besten statistischen Daten über die Variationen des Zinsfußes bieten vielleicht
 die Angaben der Versicherungsgesellschaften über die von ihnen erreichte
durchschnittliche Realverzinsung ihrer Fonds.

190
        <pb n="204" />
        $ 23. Der Zins als’ Preis, 1
durch hinreichend beschränkt werden kann, daß auf die Kapitaldisposition
 ein bestimmter Preis gesetzt wird. In den Gleichungssystemen
(8 16), die den Zusammenhang der Preisbildungsprozesse arithmetisch
repräsentieren, ist eins unserer R die Menge der in der betrachteten
Periode zur Verfügung stehenden Kapitaldisposition und eins unserer
q der Preis dieser Kapitaldisposition. Dieser Preis wird also in derselben
 Weise wie sämtliche .q bestimmt. (Der Umstand, daß der Preis
der Kapitaldisposition eine abstrakte Zahl ist, und also die Gelddimension
 HA enthält, macht hierbei keine Schwierigkeit. Denn dieser
Preis wird mit einer Kapitaldisposition multipliziert und das Produkt
ist eine in Geld ausgedrückte Summe, die zu anderen Geldkosten addiert
werden kann).
Die spezielle Zinstheorie kann dann nichts anderes sein als eine
nähere Untersuchung des Preisbildungsprozesses mit Rücksicht auf den
Preis der Kapitaldisposition. Wir haben dabei Nachfrage und Angebot
gesondert für sich zu betrachten. Hinsichtlich der Nachfrage haben wir
zu untersuchen, teils welche äußeren Faktoren auf sie, und damit
indirekt auf den Zins, einen Einfluß ausüben, teils auch wie der Preis
der Kapitaldisposition, also der Zins selbst, auf die Nachfrage zurückwirkt.
 In ähnlicher Weise haben wir beim Studium des Angebots
zu verfahren. Die zur Verfügung stehenden Mengen der verschiedenen
Produktionsfaktoren wurden bei unserer allgemeinen Behandlung des
Preisbildungsproblems als gegeben angenommen. In diesem Buche
werden wir aber, wie schon bemerkt, diese Voraussetzung fallen lassen
und auch untersuchen, ob und wie weit das Angebot der Produktionsfaktoren
 von ihren Preisen beeinflußt wird. Dies soll zunächst in diesem
Kapitel mit Bezug auf das Angebot von Kapitaldisposition geschehen,
also das Angebot von Kapitaldisposition soll als Funktion des Zinsfußes
studiert werden.
Ein solches Studium der Nachfrage und des Angebots von Kapitaldisposition
 wird uns zeigen, weshalb eine Knappheit an Kapitaldisposition
 besteht und wie weit eine solche Knappheit als notwendig betrachtet
 werden kann, also die Frage beantworten, ob der Zins etwa
nur eine zufällige Erscheinung unserer Zeit und unserer Wirtschaftsordnung
 ist oder vielmehr eine in objektiven Verhältnissen begründete
Erscheinung, die für jede Zukunft und jede Organisation der Tauschwirtschaft
 ihre unbedingte Notwendigkeit behält. Erst mit der Beantwortung
 dieser bisher viel umstrittenen Fragen wird die Zinstheorie
ihre Aufgabe vollständig erledigt haben. Zu diesem Zweck werden wir
zu untersuchen haben, welche entgegenwirkenden Kräfte auf der Seite
der Nachfrage und der des Angebots ein starkes Sinken des Zinsfußes
hervorrufen würde, Wir werden finden, daß diese Kräfte schon ziemlich
 bald dem Sinken des Zinsfußes eine Grenze setzen würden. Ferner
werden wir zu prüfen haben, inwieweit in einer sozialistischen Gesell-19‘
        <pb n="205" />
        Kap. VI. Der Kapitalzins.
schaft ein Zins berechnet werden müßte, und uns dadurch von der Unabhängigkeit
 der Existenz des Zinses von der speziellen Organisation
der Tauschwirtschaft überzeugen.
Da der Zins ein Preis ist, der wie alle anderen Preise in Geld bezahlt
 wird, ist‘ die Dimension des Zinses gleich M, also die Dimension
des Geldes. Die Dimension der Kapitaldisposition haben wir im vorigen
Paragraphen gleich dem Produkt MT gefunden, ,wo T die Dimension
der Zeit bezeichnet. Der Zinsfuß bezeichnet, wieviel bezahlt wird für
die Einheit der Kapitaldisposition, sagen wir für die Kapitaldisposition
von 100 Mark während eines Jahres, m. a. W. die Quote zwischen dem
für eine Kapitaldisposition bezahlten Zins und der Kapitaldisposition
selbst. Die Dimension des Zinsfußes ist demnach gleich SE = N
Der Zinsfuß ist also der reziproke Wert einer Zeit. Dieser
Satz darf nicht als ein bedeutungsloses Ergebnis einer mathematischen
Spekulation betrachtet werden. Er hat in der Tat eine wichtige Bedeutung
 für die Zinstheorie, indem er ihr eine Anweisung über den
tieferen Charakter des Zinsphänomens gibt: es müssen Zeitmomente
wesentlich für den Zinsfuß bestimmend sein. Der Satz ist auch der
populären Auffassung nicht ganz fremd. Schon der gewöhnliche Ausdruck
 des Zinsfußes „so und so viele Prozente pro Jahr“ drückt das
Verhältnis zwischen einer abstrakten Zahl und einer Zeit, also den
reziproken Wert einer Zeit aus. Noch deutlicher tritt dieser Charakter
des Zinsfußes zutage, wenn wir den Preis einer ewigen, fixierten
Rente in Betracht ziehen. Dieser Preis ist ein gewisses Vielfaches der
Rente, also die Rente für eine gewisse Zahl von Jahren, die Rente für
eine gewisse Zeit. Nennen wir diese Zeit t, die fixierte Rente r, so ist
der Preis k der Rente gleich tr. Welchen Zins hat nun der Rentekäufer
auf diese Kapitalanlage? Das Kapital ist k, der jährliche Ertrag
ist r. Der Zinsfuß also = = en Wir finden also, daß der Zinsfuß der
reziproke Wert einer Zeit ist, nämlich der reziproke Wert der Zahl von
Jahren, mit welcher die Jahresrente bei Berechnung des Kaufpreises
der Rente multipliziert wird. Der Zins kann somit ebensogut durch
diese Zahl von Jahren bestimmt werden. In älteren Zeiten, wo der
Rentenkauf oft die vorherrschende Form der Kapitalanlage war,
wurde diese Form für die Bestimmung des Zinses auch tatsächlich benutzt.
 Die Engländer sprechen noch bei Landkäufen von so und so
vielen ;,years purchase‘‘, sogar im Aktienmarkt von „years purchase of
dividend‘“. Die Summe, die für ein absolut dauerhaftes Gut bezahlt
wird, ist nicht gleich dem Preis der Jahresnutzung multipliziert mit
einer ewigen Zeit, sondern entspricht der Nutzung für eine bestimmte
begrenzte Zeit. Diese Zeit, die der reziproke Wert des Zinsfußes ist,

192
        <pb n="206" />
        8:23. Der Zins als Preis. 3
kann ebensogut wie der Zinsfuß zur Charakterisierung der Zinshöhe
benutzt werden. Der Satz, daß der Zinsfuß der reziproke Wert einer
Zeit ist, erscheint durch diese Überlegung in seiner richtigen Beleuchtung.

In bezug auf die Stellung des Zinses in der Preisbildung haben
wir wiederum zwischen den beiden Hauptgründen des Bedarfs an Kapitaldisposition,
 nämlich daß einerseits die Ausnutzung dauerhafter Güter,
andererseits die Produktion im engeren Sinne Zeit beansprucht, zu unter«
scheiden. Wir haben also zunächst die Stellung des Zinses in der Preis:
bildung für dauerhafte Güter und deren Nutzungen ins Auge zu fassen.
Rente im weitesten Sinne des Wortes ist der Preis der Nutzung
eines dauerhaften Gutes, Auf die Bestimmungsgründe dieses Preises
werden wir im nächsten Kapitel näher eingehen. -'Es ’ist‘ aber "not:
wendig, schon hier den Begriff einzuführen, weil sonst eine vollständige
Klarlegung der Rolle des Zinses in der Preisbildung nicht möglich ist.
Wenn wir den Preis des dauerhaften Gutes selbst im Verhältnis zum
Preis seiner Nutzung, also im Verhältnis zur Rente betrachten, nennen
wir den Preis des Gutes den „Kapitalwert‘ desselben. Wir stoßen hier
auf diejenige Eigentümlichkeiten der dauerhaften Güter, die die Notwendigkeit
 ihrer Aussonderung als eine besondere Kategorie der wirtschaftlichen
 Güter am klarsten hervortreten läßt, nämlich daß in bezug
auf sie zwei Preise in Betracht gezogen werden müssen: der Preis
des Gutes selbst und der Preis seiner Nutzung. Sobald dies der Fall
ist, muß es offenbar ein besonderes Geschäft werden, das Gut zu
kaufen und die Nutzung desselben zu verkaufen. Das Verhältnis der
beiden Preise muß dann nach den allgemeinen Regeln der Preisbildung
bestimmt werden. Nehmen wir der Einfachheit halber an, daß die Lieferung
 der Nutzung keine andere Tätigkeit als das Warten voraussetzt, und
ferner daß das dauerhafte Gut von ewiger Dauer ist, so hat derjenige,
der das Gut übernimmt, nur die nötige Kapitaldisposition zur Verfügung
 zu stellen und braucht also auch nur für diesen Dienst entschädigt
 zu werden. Es muß dann offenbar der Preis der Nutzung
gleich dem Zins des Kaufpreises des Gutes selbst sein. Zwischen Kapitalwert
 und Rente besteht also in diesem Falle eine bestimmte Gleichung,
nämlich, wenn k den Kapitalwert, r die Rente und p den Zinsfuß bezeichnen,
 r = pk.
Ist das dauerhafte Gut nicht von unbegrenzter Dauer, muß die
Rente auch eine Tilgungsquote des Kapitals enthalten. Oft enthält
die Rente daneben auch Ersatz für besondere Leistungen des Rentenbeziehers,
 wie z. B. Treppenbeleuchtung eines Wohnhauses, ist aber
insofern keine reine Rente im wissenschaftlichen Sinne. Streng genommen
 gehören die Tilgungsquoten als Zahlungen für Teile des Gutes
selbst auch nicht zur Rente, wenn wir nämlich dieselbe als Nettorente
Cassel, Theoret. Sozialökonomie. 4. Aufl, .

19;
13
        <pb n="207" />
        Kap. VI. Der Kapitalzins.
auffassen, also als den Preis, der für die reine Nutzung bezahlt wird,
nachdem aus der Bruttorente die Kosten der nötigen Abschreibungen
bestritten worden sind. Diese Nettorente, die als der Preis der Nutzung
eines Gutes von ewiger Dauer aufgefaßt werden kann, soll im folgenden
die Bedeutung des Wortes „Rente“ sein. Kapitalwert und Rente
sind also durch die angegebene Gleichung miteinander und mit dem
Zinsfuß verbunden.
Man kann dann die Frage aufstellen: welche von diesen drei Größen
ist die unabhängige, welche wird von den anderen bestimmt. Diese
Frage ist verschieden zu beantworten, je nachdem das dauerhafte Gut
reproduzierbar ist oder nicht.
Ist das Gut nicht reproduzierbar, so fallen die Produktionskosten als
Preisbestimmungsgrund weg. Da außerdem die Nachfrage der Konsumenten
 in bezug auf ein dauerhaftes Gut sich in erster Linie auf die
Nutzung desselben, nicht auf das Gut selbst richtet, findet für dasselbe
überhaupt keine direkte Preisbildung statt. Der Preis der Nutzung des
Gutes dagegen wird einerseits durch die Knappheit, andererseits durch
die Nachfrage bestimmt: der Preis muß so hoch sein, daß er die Nachfrage
 in Übereinstimmung mit der einmal zur Verfügung stehenden
Menge der Nutzungen bringt. Ist der Preis der Nutzung einmal in
dieser Weise bestimmt, so wird der Preis des Gutes selbst durch Kapitalisierung
 der Rente nach dem herrschenden Zinsfuß bestimmt. Da
dieser Kapitalwert absolut keinen selbständigen Bestimmungsgrund
hat, kann er auch nicht den Zinsfuß beeinflussen. Das Abwarten der
Nutzungen des dauerhaften Gutes erfordert freilich eine gewisse Kapitaldisposition.
 Wir haben es aber hier nicht mit einer selbständigen
Quelle der Nachfrage nach Kapitaldisposition zu tun. Denn die erforderliche
 Menge von Kapitaldisposition wird durch den Kapitalwert
und dieser wieder eben durch den Zinsfuß bestimmt. Wer das Gut
einmal besitzt, der besitzt eo ipso auch das Kapital, welches zur Abwartung
 der Dienste des Gutes nötig ist. Wenn ein anderer das Gut
kauft, könnte es scheinen, als ob er dem Markte Kapitaldisposition
entzöge, indem er ein bestimmtes Kapital im Kauf des Gutes bindet.
Man findet auch häufig, daß eine solche Ansicht sich in Geschäftskreisen
 geltend macht: z. B. große Käufe von Grund und Boden stellen
besonders große Ansprüche an den Kapitalmarkt. Dies ist natürlich
unrichtig. Denn dem Verkäufer wird eben dieselbe Kapitalsumme
freigestellt, die der Käufer bindet. Die Kapitaldisposition, die durch
das Gut gebunden ist, ist also immer im jeweiligen Kapitalwert des
Gutes gegeben. Der Besitz des Gutes stellt also keine besonderen Ansprüche
 auf den Markt für Kapitaldisposition und kann folglich‘ auch
keinen Einfluß auf den Zinsfuß ausüben. Dies ist wahr, auch wenn das
Gut Gegenstand einer Preissteigerung, eines „unverdienten Wertzuwachses‘“
 ist. Der Kapitalwert eines nicht reproduzierbaren dauer-194
        <pb n="208" />
        8 23. Der Zins als Preis, ö
haften Gutes ist eine vollständig sekundäre Erscheinung des Preisbildungsprozesses.

Anders stellt sich die Sache im Falle, daß das Gut reproduzierbar
ist. Der Preis des Gutes selbst hat dann einen eigenen Bestimmungsgrund,
 nämlich die Produktionskosten des Gutes. Der Preis der Nutzung
hat ebenfalls einen, aber in diesem Falle, wo die vorhandene Menge
des Gutes nicht von vornherein gegeben ist, auch nur einen Bestimmungsgrund,
 nämlich die Nachfrage nach dem Nutzen. Keiner von
diesen Bestimmungsgründen ist an und für sich hinreichend, um den
Preis zu bestimmen. Eine bestimmte Preisbildung kann unter solchen
Umständen nur dadurch zustande kommen, daß eine Verbindung
zwischen Preis des Gutes und Preis der Nutzung hergestellt wird. Dies
geschieht durch das Eingreifen des Kapitalisten, der das dauerhafte
Gut kauft, um die Nutzungen desselben zu verkaufen, bzw. dem Unternehmer
 für diesen Zweck die nötige Kapitaldisposition zur Verfügung
stellt. Dieses Eingreifen erfordert eine ganz bestimmte Kapitaldisposition.
 Der Käufer des Gutes muß unter normalen Verhältnissen die Produktionskosten
 des Gutes zahlen. Auf sein Geld muß er Zins nach
dem herrschenden Zinsfuß berechnen, wodurch der Preis der Nutzung
in den gesamten Kosten der Lieferung der Nutzung einen zweiten
Bestimmungsgrund bekommt. Die Gleichung zwischen Kapitalwert,
Zins und Rente liefert also die nötige Verbindung zwischen Preis des
Gutes und Preis der Nutzung, und das Preisbildungsproblem ist in der
gewöhnlichen Art bestimmt. In diesem Falle ist also keine von den drei
Größen Kapitalwert, Zins und Rente eine unabhängige, keine auch
lediglich von den anderen bestimmt. Vielmehr sind sie alle drei gleichgestellte
 Unbekannte im Preisbildungsprozeß und werden erst durch
ihn, und zwar gleichzeitig bestimmt.
Die Ansprüche, die in diesem Falle an den Markt für Kapitaldisposition
 gestellt werden, sind bestimmt durch die Produktionskosten
des Gutes, die doch unter normalen Verhältnissen, d. h. wenn die Produktion
 in unveränderten Formen soll fortgesetzt werden können, gedeckt
 werden müssen. Diese Ansprüche sind neu. Die Produktion eines
neuen dauerhaften Gutes bedeutet nämlich eine neue Belastung des
Kapitalmarkts, eine Belastung, die durch neue Kapitalbildung, also
neue Ersparnisse aufgewogen werden muß. Die Nachfrage nach Kapitaldisposition
 für Abwartung der Dienste der reproduzierbaren dauerhaften
 Güter stellt also einen selbständigen Faktor des Kapitalmarktes
dar, einen Faktor, der einen selbständigen Einfluß auf den Zinsfuß
ausüben muß. Der Kapitalwert der reproduzierbaren dauerhaften Güter
ist folglich nicht lediglich der kapitalisierte Wert der Rente, sondern
hat seinen eigenen Bestimmungsgrund in den Produktionskosten des
Gutes und übt selbst einen Einfluß sowohl auf den Zinsfuß wie auch
auf den Preis der Nutzung, also auf die Rente aus.

195
12*
        <pb n="209" />
        Kap. VI. Der Kapitalzins.
: Dieser ganze Zusammenhang tritt am klarsten hervor, wenn man,
wie wir im vorhergehenden getan haben, die Nutzungen als die schließlichen
 Produkte auffaßt, also das Abwarten der Nutzungen mit in den
Produktionsprozeß im weiteren Sinne einschließt. Die nötige Kapitaldisposition
 erscheint dann als ein Produktionsfaktor, und wir haben
nur einen einzigen einheitlichen Preisbildungsprozeß zu betrachten, der
den Preis der Kapitaldisposition in derselben Weise wie alle anderen
Produktionsmittelpreise bestimmt und der auch die Preise der reproduzierbaren
 dauerhaften Güter und die Preise der. Nutzungen derselben
mit umfaßt. Bei dieser Betrachtungsweise erscheinen die Kosten der
Kapitaldisposition als mit den übrigen Produktionskosten gleichgestellt,
 die Nutzungen bekommen bestimmte Produktionskosten und es
wird der übliche Zusammenhang des Preisbildungsprozesses, welcher
die Nachfrage nach den fertigen Gütern mit den zur Verfügung stehenden
 Mengen der einzelnen elementaren Produktionsfaktoren verbindet,
wieder hergestellt.
- Im engeren Sinne nennen wir Rente den Preis der Nutzung
eines nicht reproduzierbaren dauerhaften Gutes, Dieser Preis, der,
wie schon gezeigt, direkt von der relativen Knappheit der Nutzungen
dieser Art bestimmt wird und also eine vom Zins völlig unabhängige
Stellung im Preisbildungsprozeß hat, muß der Gegenstand einer Speziellen
 Untersuchung werden, welcher wir ein besonderes Kapitel
widmen wollen.
Mit den „nicht reproduzierbaren“ sind. in den Ausführungen dieses
Paragraphen diejenigen Güter gleichzustellen, die wohl technisch prodüziert
 werden können, deren Produktion aber wegen mangelnder Nachfrage
 und zu hohen Produktionskosten unterbleiben muß.
In bezug auf die Stellung des Zinses in der Preisbildung der Verbrauchsgüter
ist folgendes zu bemerken.
; Die Bedingung dafür, daß ein Produktionsprozeß fortgesetzt werden kann, ist,
daß das Produkt auf jeder Stufe einen Preis hat, der dic bis dahin aufgelaufenen Produktionskosten
 deckt. Unter diese Produktionskosten ist auch der Zins zu rechnen,
der für die zur Fortsetzung der Produktion nötige Kapitaldisposition bezahlt werden
muß, also die Verzinsung des Kapitals, das vom Produkte selbst auf seinen verschiedenen
 Vollendungsstufen dargestellt wird. Wenn also der normale Produktionsprozeß
 eine Periode des Wartens enthält und enthalten muß, während welcher wohl
andere Produktionsfaktoren in geringerem Umfange in Anspruch genommen werden,
die Disposition des dem Produkte entsprechenden Kapitals jedoch die Hauptkosten
bildet, ist die Bedingung einer solchen Produktion, daß der Preis des Produkt&amp;gt;s am
Ende dieser Periode außer den Nebenkosten den Preis am Anfang der Periode einschließlich
 der aufgelaufenen Zinsen deckt. Dies gilt z. B. in bezug auf die Holzproduktion
 in einer geordneten Forstwirtschaft. Soll ein Wald, der jetzt abgetrieben
werden kann, noch zehn ‚Jahre stehen bleiben, muß die Preissteigerung nach zehn
Jahren so groß sein, daß sie, außer den laufenden Kosten der Forstwirtschaft und
der Rente des Bodens, die inzwischen aufgelaufenen Zinsen des vom Walde repräsentierten
 Anfangskapitals deckt. Wenn wir der Einfachheit halber von den übrigen

196
        <pb n="210" />
        8 24. Die Nachfrage nach Kapitaldisposition. “97
Kosten absehen, besteht also ein bestimmter Zusammenhang zwischen den Preisen
des Waldes am Anfang und am Ende der Periode und dem Zinsfuß. Der erste Preis
hat seinen Bestimmungsgrund in den Produktionskosten, der zweite in der Nachfrage,
 und diese beiden Bestimmungsgründe werden miteinander durch den Zins verbunden.
 Die Produktion erfordert eine ganz bestimmte Kapitaldisposition, stellt
einen bestimmten Anspruch auf dem Kapitalmarkt und übt also einen bestimmten
Einfluß auf den Zinsfuß aus. Anders stellt sich die Sache in bezug auf die Naturwälder,
 wo überhaupt keine Produktionskosten in Betracht kommen. Da fällt dieser
Bestimmungsgrund des Preises am Anfang der Periode weg. Es ist dann möglich,
daß dieser Preis überhaupt keinen selbständigen Bestimmungsgrund hat, sondern
lediglich den mit Rücksicht auf den geltenden Zinsfuß diskontierten Wert des Preises
am Ende der Periode darstellt. In diesem Falle übt also die erforderliche Kapitaldisposition
 keinen Einfluß auf den Zinsfuß aus, sondern wird von demselben bestimmt.
 Es ist aber andererseits auch möglich, daß der Wald schon am Anfang der
Periode einen gewissen Preis für unmittelbare Abtreibung hat. Ist dieser Preis
niedriger als der diskontierte Wert des zukünftigen Verkaufspreises, hat er keine
Bedeutung für die Preisbildung und der Fall unterscheidet sich nicht vom eben gedachten.
 Ist der Preis höher, muß der Wald abgetrieben werden. Dadurch verschärft
sich die Knappheit der älteren Bestände und der Preis derselben steigt möglicherweise
 so weit, daß Wald in gewissem Umfange zum Auswachsen in größeren Dimensionen
 geschont werden kann. Wenn dies geschieht, besteht wieder der normale Zusammenhang
 zwischen den Anfangs- und Endpreisen und dem Zinsfuß. Der Anfangspreis
 hat in diesem Falle einen selbständigen Bestimmungsgrund zwar nicht in den
Produktionskosten, wohl aber statt dessen in der Nachfrage nach den Dimensionen,
die zu diesem Zeitpunkt geliefert werden können. Der Endpreis hat ebenfalls seinen
selbständigen Bestimmungsgrund, nämlich in der Nachfrage nach den gröberen
Dimensionen. Das Auswachsen des Waldes erfordert also eine bestimmte Kapitaldisposition,
 und die hierin gegründete Nachfrage nach Kapitaldisposition hat einen
bestimmten Einfluß auf den Zinsfuß. Der Anfangspreis ist folglich nicht lediglich
der nach einem gegebenen Zinsfuß diskontierte Wert des Endpreises. Wie man aus
diesem Beispiel erkennt, hängt die Stellung des Zinses in der Preisbildung in allen
ähnlichen Fällen davon ab, ob der Anfangspreis einen selbständigen Bestimmungsgrund
 hat oder nicht.
Wenn die Aufgabe des Wartens in der gleichmäßigen Verteilung eines einmal
vorhandenen Vorrats auf eine gegebene Konsumtionsperiode liegt, wie dies z. B. in
bezug auf die Weizenernte der Fall ist, sind Anfangs- und Endpreise durch die Bedingung
 miteinander verbunden, daß die Verzinsung des Anfangspreises (einschließlich
 der Aufbewahrungskosten) durch den Endpreis gedeckt werden soll. Im übrigen
haben aber die genannten Preise auch ihre selbständigen Bestimmungsgründe in der
Nachfrage und der gegebenen Gesamtmenge der Ernte. Der Preis, der im August
für denjenigen Weizen, der im Januar verbraucht wird, bezahlt wird, ist nicht lediglich
 der diskontierte Wert des Januarpreises, sondern muß mit dem Preise des für
unmittelbaren Verbrauch verkauften Weizens übereinstimmen. Der Zusammenhang
zwischen den verschiedenen Faktoren dieser Preisbildung ist folgender: Denkt man
sich vorläufig den Preis zur Zeit der Ernte Po als gegeben, ist auch der Preis pP zu
jeder Zeit des folgenden Jahres bestimmt, sobald der Zinsfuß bestimmt ist. Dann
ist aber auch die Konsumtion zu jeder Zeit bestimmt und folglich auch die Gesamtkonsumtion
 des Jahres. Da diese mit der Ernte übereinstimmen muß, hat man eine
Gleichung zwischen Anfangspreis und Zinsfuß. Sobald der Zinsfuß gegeben ist, sind
also sowohl der Anfangspreis wie der Preis zu einer beliebigen Zeit im folgenden
Jahre bestimmt.
Die kontinuierliche Versorgung der. Konsumtion mit Weizen während .des

es
1'
        <pb n="211" />
        ; Kap. VI. Der Kapitalzins.
ganzen Erntejahres wird am besten als ein Teil des Produktionsprozesses aufgefaßt,
wobei die für das Warten zu zahlenden Zinsen als Produktionskosten erscheinen.
Von diesem Gesichtspunkt wird die hier betrachtete Preisbildung lediglich ein Teil
des allgemeinen Preisbildungsprozesses, wodurch auch der Weizenpreis zu Verschiedenen
 Jahreszeiten bestimmt wird.
8 24. Die Nachfrage nach Kapitaldisposition.
Nachdem wir festgestellt haben, daß die Kapitaldisposition eine
notwendige Bedingung der Produktion im allgemeinen ist, müssen wir
jetzt auch über die relative Bedeutung dieses Produktionsfaktors in
den verschiedenen Produktionszweigen eine Vorstellung zu gewinnen
suchen. Könnten wir voraussetzen, daß diese Bedeutung eine für alle
Produkte gleichmäßige wäre, daß also der Preis, der für Kapitaldispositjion
 zu zahlen wäre, stets den übrigen Produktionskosten proportional
wäre, dann würde offenbar der Zins für die relativen Preise der Produkte
 keine Rolle spielen, wir würden eine Preisbildung in Übereinstimmung
 mit der Ricardoschen haben (8 32). Wenn aber im Gegenteil
 die Kapitaldisposition in verschiedenen Produktionszweigen oder
für verschiedene Produkte eine sehr verschiedene Bedeutung hat, muß
offenbar ein Zins, wenn er überhaupt bezahlt werden muß, eine bestimmte
 positive Wirkung auf die relativen Preise der verschiedenen
Güter ausüben. Jede Steigerung, jedes Sinken des Zinsfußes muß dann
eine Verschiebung der relativen Güterpreise bedeuten, jede Veränderung
 der relativen Nachfrage nach den verschiedenen Gütern muß einen
bestimmten Einfluß auf die Nachfrage nach Kapitaldisposition, also
auch auf den Zinsfuß haben. Die Kapitaldisposition nimmt dann dieselbe
Stellung wie jeder andere Produktionsfaktor ein.
Um uns über die erste Frage zu orientieren, haben wir die Kapitalanwendung
 in einigen verschiedenen Produktionszweigen zu ermitteln
und sie mit der Anwendung von anderen Produktionsfaktoren zu Vergleichen.
 Als Maß der Bedeutung dieser anderen Produktionsfaktoren
können wir die Höhe der sämtlichen Ausgaben mit Ausnahme der Vergütung
 der Kapitaldisposition verwenden. Wir haben dann für verschiedene
 Unternehmen den Betrag des beschäftigten Kapitals mit diesen
Ausgaben zu vergleichen. Einige Ziffern zu einem solchen Vergleich
finden sich in einem englischen Blaubuch von 1891 über das Verhältnis
zwischen Arbeitslohn und Produktionskosten*). Mit Hilfe dieses Materials
 können wir folgende Tabelle aufstellen:
ı) Report of the Board of Trade on the relation of wages in certain industries
to the cost of production (C. 6535), 1891.

198
        <pb n="212" />
        $ 24. Die Nachfrage nach Kapitaldisposition. „99
&amp;lt; - usga ital apital pr
Produktionszweig N Dan ME laen £ ln
Tuchfabrik 25.6 0.017 2/3
5 Kohlengesellschaften 650 1.4 2
Gasproduktion, gesamte 11.262 60 )
Straßenbahnen 2.267 13.7 ö
London &amp;amp; India Docks 1.188 16.1 14
Southampton Dock‘ Cömp. 70 1.49 21
16 Eisenbahngesellschaften 36.218 718 20
8 Wassergesellschaften, London 661 14.6 22
Kanalunternehmungen, nicht Eisenbahngesellschaften
 gehörig 949 24.3 26
Eine von diesen 25.7 1.57 61
Wir ersehen hieraus, daß die Bedeutung der Kapitaldisposition in
verschiedenen Produktionszweigen außerordentlich verschieden ist: die
höchste der relativen Ziffern ist beinahe hundertmal so groß wie- die
niedrigste. Da sicher viele Produktionszweige mit relativ geringerer
Kapitaldisposition als die Tuchfabrikation existieren, ist die Spannweite
 zwischen höchster und niedrigster relativer Kapitaldisposition in
Wirklichkeit wahrscheinlich noch viel größer. Die Zinsbelastung der
verschiedenen Produktionszweige ist daher eine sehr ungleichmäßige,
und die Zinshöhe muß auf die Dauer, d. h. wenn sie Zeit hat, ihre
Wirkungen auf die Versorgung der verschiedenen Bedürfnisse geltend
zu machen, den Preis der verschiedenen materiellen Güter und Dienste
wesentlich beeinflussen. Wir sehen ferner, daß die Kapitaldisposition
ihre ungleich größte Bedeutung in denjenigen Produktionszweigen hat,
in denen viel festes Realkapital verwendet wird, während sie in denjenigen
 Produktionszweigen, wo das Realkapital hauptsächlich ein bewegliches
 ist, eine verhältnismäßig untergeordnete Rolle spielt, was
die oben ausgesprochene Ansicht bestätigt, daß die Ausnutzung der
dauerhaften Produkte die ungleich wichtigere Quelle des Kapitalbedarfs
 darstellt. Die angeführten Ziffern der Kapitaldisposition umfassen
 natürlich auch das für den Besitz von Grund und Boden erforderliche
 Kapital. Diese Fehlerquelle dürfte aber unser Ergebnis
nicht verrücken.
In diesem Paragraphen, wo wir die Nachfrage nach Kapitaldisposition
 zu untersuchen haben, wollen wir uns ihr Angebot als
eine gegebene Größe vorstellen. Wenn also eine bestimmte Menge
Kapitaldisposition zur Verfügung steht, hat der Preis dieser Kapitaldisposition,
 der Zins, die Aufgabe, die Nachfrage nach Kapitaldisposition
 auf diese gegebene Menge zu beschränken. Dies ist das Prinzip
der Knappheit. Die Nachfrage nach Kapitaldisposition geht nun,
wie schon nachgewiesen, von zwei Hauptquellen aus, nämlich vom
Besitz des festen Kapitals sowie vom Besitz des beweglichen Kapitals,

1°
        <pb n="213" />
        S Kap. VI. Der Kapitalzins,
und ist in der Tatsache begründet, daß die Ausnutzung der dauerhaften
 Güter bzw. die Produktion im engeren Sinne Zeit erfordert. Insofern
 rührt die Nachfrage nach Kapitaldisposition vom Produktionsprozeß
 her, sie stellt eine Nachfrage nach einem Produktionsfaktor
dar. Es gibt in Wirklichkeit auch eine Nachfrage nach Kapitaldisposition
 für Konsumtionszwecke. Diese Nachfrage, die von Personen ausgeht,
 die ihre Konsumtion über ihr laufendes Einkommen hinaus
ausdehnen wollen, kann aber am besten als ein negatives Angebot behandelt
 werden und braucht also nicht in diesem Zusammenhang berücksichtigt
 zu werden (vgl. 8 25). Wir können uns also hier auf die
von der Produktion ausgehende Nachfrage nach Kapitaldisposition
beschränken und zunächst den Bedarf an Kapitaldisposition für die
Ausnutzung der dauerhaften Güter ins Auge fassen. Dieser Bedarf
stammt natürlich in letzter Linie von den unmittelbaren Bedürfnissen
der Menschen, also teils von der Nachfrage nach den unmittelbaren
Diensten der dauerhaften Güter, teils von der Nachfrage nach den
materiellen Produkten, die mit Hilfe von Diensten dauerhafter Güter
hergestellt werden. Die Aufgabe des Zinses auf diesem Gebiet ist also,
die Nachfrage nach den Diensten der dauerhaften Güter zu beschränken,
sei es, daß diese Dienste für die unmittelbare Bedürfnisbefriedigung oder
für den vorausgehenden Produktionsprozeß in Anspruch genommen
werden.
Eine Steigerung des Zinsfußes muß also hervorgerufen werden
durch eine solche Entwicklung der Nachfrage, die besonders große
Ansprüche an dauerhafte Güter stellt. Dies hat sich im neunzehnten
Jahrhundert vollauf bestätigt, da jede Periode eines besonders lebhaften
Eisenbahnbaues den Zinsfuß stark in die Höhe getrieben hat. Die
Steigerungen der Zinssätze, die einmal am Ende des neunzehnten
und zweimal in diesem Jahrhundert vor dem Kriege stattgefunden
haben, sind wahrscheinlich zu einem bedeutenden Teil auf die starke Entwicklung
 der elektrischen Industrie, in letzter Linie auf die Nachfrage
nach elektrischen Straßenbahnen, elektrischer Beleuchtung, Fernsprechanlagen
 usw., also nach sehr kostspieligen dauerhaften Gütern zurückzuführen.
 Bei allen solchen Gelegenheiten ist die wirkliche Knappheit
der Kapitaldisposition sehr scharf hervorgetreten. Die hierauf bezüglichen
 Bewegungen des Wirtschaftslebens werden wir im letzten
Buche dieses Werkes näher kennenlernen.
Die Steigerung des Zinsfußes, über welche die Geschäftsleute sich
so laut beklagen und welche die Politiker allen möglichen Mißverhältnissen
 zuschreiben, hat eine ganz bestimmte und sehr wichtige wirtschaftliche
 Aufgabe zu erfüllen: unter allen den Wünschen, die Ansprüche
 auf Kapitaldisposition stellen, wird mit ihrer Hilfe eine Auslese
vorgenommen. Nur die wichtigsten können befriedigt werden, es ist notwendig,
 alle die anderen wenigstens vorläufig auszuschließen. Welches

200
        <pb n="214" />
        $ 24. Die Nachfrage nach Kapitaldisposition. 201
die wichtigsten sind, wird’ dabei nach den allgemeinen Regeln der
Tauschwirtschaft "entschieden: die wichtigsten sind die zahlungskräftigsten,
 d. h. in diesem Falle diejenigen, die den höchsten Zinssatz
tragen können. Ohne eine solche Regulierung der Nachfrage würde
die ganze Volkswirtschaft in eine völlig unhaltbare Lage kommen. Nach
einer solchen Errungenschaft der Technik wie der elektrischen Straßenbahn
 wollen natürlich alle Städte der Welt möglichst schnell in den Besitz
 dieser neuen Bequemlichkeit gelangen. Ein Versuch, solche Forderungen
 auch nur einigermaßen gleichzeitig und vollständig zu befriedigen,
 würde die Produktivkräfte in ganz unverhältnismäßigem Grade
für diese Nachfrage in Anspruch nehmen und die Gesamtwirtschaft
in vollständige Unordnung bringen. Dies läßt sich in der Tauschwirtschaft
 nur durch ein Hinaufschrauben des Zinsfußes, wodurch die
Nutzungen des betrachteten dauerhaften Gutes erheblich verteuert
werden, verhindern.
Wenn wir die Nachfrage nach Kapitaldisposition näher studieren
wollen, haben wir die verschiedenen äußeren Faktoren, die auf diese
Nachfrage einen Einfluß ausüben, zu untersuchen. Andererseits müssen
wir aber auch beachten, daß die Nachfrage eine Funktion des Preises,
also des Zinsfußes ist. Wir können uns nicht mit einer Untersuchung
der Nachfrage bei einer bestimmten Höhe des Zinsfußes begnügen,
wir müssen vielmehr die Nachfrage in ihrer Abhängigkeit von dem
Wechsel des Zinsfußes zum Gegenstand unserer Untersuchung machen,
Die Nachfrage selbst ist, wie wir gefunden haben (8 11 u. 16), kein
gegebener Bestimmungsgrund der Preisbildung. Die wirklichen Bestimmungsgründe
 müssen in der Art, in der die Nachfrage vom Preis
abhängt, gesucht werden.
- Unter den äußeren Faktoren, die die Nachfrage nach Kapitaldisposition
 beeinflussen, ist zuerst der Bevölkerungszuwachs zu nennen.
Soll sich überhaupt der Zuwachs der Bevölkerung ohne Verschlechterung
 ihrer wirtschaftlichen Lage vollziehen, so muß offenbar die Masse
der dauerhaften Güter in demselben Tempo wie die Bevölkerung
vermehrt werden. Jede neu hinzukommende Familie braucht eine neue
Wohnung mit Straßen, Zufuhr und Abfuhr von Wasser, Beleuchtungsanlagen
 usw. Die Volksvermehrung erfordert aber auch eine entsprechende
 Vermehrung der landwirtschaftlichen Gebäude und Anlagen,
der Fabriken, Transportanstalten usw. In der gleichmäßig fortschreitenden
 Wirtschaft muß (8 6) eine stetige Kapitalbildung stattfinden.
 Die Wirtschaft kann nicht ihr ganzes Einkommen verbrauchen,
sie muß einen bestimmten Teil desselben zur Vermehrung des Realkapitals
 verwenden. Die Bevölkerungsvermehrung stellt also an sich
Ansprüche auf Kapitaldisposition. Eine Wirtschaft mit steigender Bevölkerung
 hat schon durch diesen Bewegungszustand einen stärkeren
Bedarf an Kapitaldisposition als eine im übrigen gleiche Wirtschaft mit

=
I
        <pb n="215" />
        2 7 Kap. VI. Der Kapitalzins.
N UNS Bevölkerung. Der Zinsfuß muß also, soweit sich die Wirkung
 dieses Umstandes erstreckt, höher in jener als in’ dieser Wirtschaft
stehen. Aus diesem Gesichtspunkt ist ein Vergleich der Zustände i
Deutschland und Frankreich vor dem Kriege besonders lehrreich.
„Der Fortschritt besteht aber nicht nur in einer Volksvermehrung
sondern auch in einer verbesserten Bedürfnisbefriedigung, Wozu VO
allem eine Vermehrung der dauerhaften materiellen Güter, also de
festen Realkapitals, erforderlich ist. Es ist auffallend, in welchem Grade
die technischen Fortschritte von einem immer ausgedehnteren Gebrauch
von festem Realkapital bedingt sind. Die größten Errungenschafte
der modernen Technik haben meistens ganz gewaltige Ansprüche an
die Bindung von Kapital in festen Anlagen, Gebäuden usw. gestellt. Die
Entwicklung geht noch heute in derselben Richtung und wird. aller
ahrscheinlichkeit nach so fortfahren. Die genannten Errungenschafte
sind ferner noch lange nicht allen Menschen in einem irgendwie gleichäßigen
 Umfange zugute gekommen. In dieser Hinsicht bestehe
noch große Ungleichheiten zwischen den verschiedenen sozialen Klassen
sowie den verschiedenen Ländern. Die Herstellung von einigermaßen befriedigenden
 Wohnungen für die großen Massen der Bevölkerung in
den Ländern mit kälterem Klima wird noch ganz gewaltige Ansprüche
auf Kapitaldisposition stellen. Unsere alten europäischen Länder sind
wohl ziemlich reichlich mit den großen festen Transportanstalten und
anderen, viel festes Realkapital erfordernden Anlagen der modernen
Technik versorgt. Ehe aber alle anderen Länder, z. B. Südamerika,
Afrika, China, in demselben Maßstab in den Besitz gleicher Vorteile
gekommen sind, muß Kapital in einem Umfang beschafft werden, von
dem man sich schwerlich eine richtige Vorstellung macht.
Es gibt also noch einen sehr weiten Spielraum für einen Fortschritt,
 der eine stärkere Verwendung von dauerhaften materiellen
ütern erfordert1). Die beständig wachsende Nachfrage nach Kapital
disposition zwecks Ausnutzung dauerhafter Güter ist in diesem Fortschritt
 begründet und ist also mit tiefliegenden Eigentümlichkeiten
unseres ganzen modernen Lebens auf das innigste verknüpft.
Wie wird nun die so charakterisierte Nachfrage innerhalb der
nötigen Grenzen beschränkt? Dies geschieht dadurch, daß für die
apitaldisposition ein Preis bezahlt werden muß nämlich der Zins.
Durch die Notwendigkeit, Zins nach einem bestimmten Zinsfuß zu beahlen,
 wird immer eine Menge von Möglichkeiten, menschliche Bedürfnisse
 durch Verwendung dauerhafter Güter zu befriedigen, abgeschnitten.
 Die betreffende Nachfrage nach Kapitaldisposition ist also
stark zusammengepreßt, besitzt eine bedeutende, Elastizität....Es ist
+2) Über die Kräfte, die in dieser Richtung wirken, sowie auch über einige
entgegenwirkende, aber entschieden schwächere Tendenzen siehe Näheres ‚Nature
and Necessity_ of Interest‘, p. 96— 106, A

&amp;gt;02
        <pb n="216" />
        $ 24. Die Nachfrage nach Kapitaldisposition. x
immer sozusagen ein Fonds von latenten Möglichkeiten nützlicher Verwendungen
 von Kapitaklisposition zwecks Ausnutzung dauerhafter
Güter vorhanden, Sobald der Zinsfuß ein wenig herabgesetzt wird, wird
ein gewisser Teil dieses Fonds freigestellt, die betreffenden Möglichkeiten
 werden verwirklicht. Jede weitere Senkung des Zinsfußes in
demselben Betrag macht eine immer größere Menge von lohnenden
Kapitalverwendungen frei. Schon ein kleines Sinken des Zinsfußes genügt
 meistens, um Möglichkeiten zu lohnender Verwendung dauerhafter
Güter in solchem Umfang freizustellen, daß die daraus erwachsenden
Ansprüche auf Kapitaldisposition das Angebot vollständig erschöpfen
und folglich keine weitere Senkung des Zinsfußes erlauben. Ein weiteres
Sinken des Zinsfußes müßte auf noch kräftigere Gegenwirkung stoßen,
Dem genannten Fonds von möglichen Kapitalanwendungen werden
immer wieder durch Erfindungen, Aufschließung neuer Länder, Volksvermehrung
 usw. neue Möglichkeiten zugeführt. Der Fonds ist also
dank dem Fortschritt im allgemeinsten Sinne des Wortes praktisch
unerschöpflich.
Der Zinsfuß stellt sich bekanntlich keineswegs gleichmäßig in den
verschiedenen Teilen der Welt. In den alten, politisch und wirtschaftlich
wohlgeordneten Ländern Europas ist der Zinsfuß relativ niedrig, in
Ländern mit zweifelhafter politischer Festigkeit, von denen der nahe
und der ferne Osten gute Beispiele liefern, oder in Kolonialländern, wo die
wirtschaftliche Unsicherheit noch abschreckend wirkt, ist das Kapital
oft überhaupt nicht und jedenfalls nur unter sehr erschwerten Bedingungen,
 also zu einem hohen Zinsfuß zu erhalten. Wo das letztere
zutrifft, ist natürlich eine ungleich größere Menge von Möglichkeiten
zu lohnender Verwendung dauerhafter Güter ausgeschlossen, die Nachfrage
 nach Kapitaldisposition ist außerordentlich zusammengepreßt.
Jede Senkung des Zinsfußes in solchen Ländern wird deshalb eine sehr
bedeutende neue Nachfrage nach Kapitaldisposition hervorrufen. Nun
findet aber mit dem Fortschritt der Zivilisation eine allmähliche Ausgleichung
 der scharfen Verschiedenheiten des Kapitalmarktes in den
verschiedenen Ländern statt. Auffallend stark ist diese Bewegung eben
in unserem Jahrhundert gewesen. Jede Senkung des Zinsfußes auf den
auswärtigen Märkten bedeutet aber eine so stark gesteigerte Nachfrage
 nach Kapitaldisposition, daß der europäische Kapitalmarkt die
Wirkung davon spüren muß. Die Folge hat sich gezeigt in einer deutlichen
 Verschärfung der europäischen Zinssätze, worunter besonders
die früher bestgestellten Geldnehmer, die alten Staaten Europas, zu
leiden hatten. Dem Druck solcher Verhältnisse ist der große Rückgang
der Kurse der europäischen Staatsanleihen in unserem Jahrhundert
sicher zu einem wesentlichen Teile zuzuschreiben. Dies ist wohl der beste
Beleg für den enormen Umfang der unbefriedigten und noch zu befriedigenden
 Nachfrage nach Kapitaldisposition seitens der weiten

200
        <pb n="217" />
        2 Kap. VI. Der Kapitalzins.
außerhalb der großen Finanzzentren liegenden Welt und gleichzeitig
für die wirkliche Knappheit der Kapitaldisposition. Da hier die beschriebene
 ausgleichende Bewegung offenbar immer noch erst in ihrem
Anfang steht, müssen wir auf ihre Fortsetzung rechnen. Wenn aber
die Kapitalnachfrage der übrigen Welt nicht länger durch wesentlich
höhere: Zinssätze als die in Europa vorherrschenden beschränkt wird,
dann können wir auch keinen fortschreitenden Rückgang dieser letzteren
erwarten.
Denken wir uns eine geschlossene Volkswirtschaft etwa vom
Charakter des gegenwärtigen Europas, und denken wir uns ferner,
daß innerhalb derselben ein gleichförmiger Zinsfuß etwa von der durchschnittlichen
 gegenwärtigen europäischen Höhe herrscht, so können
wir uns fragen, wie die Nachfrage nach Kapitaldisposition. für die
Ausnutzung dauerhafter Güter von Veränderungen dieses Zinsfußes
abhängt und speziell wie sie von einem fortschreitenden Fall des Zinsfußes
 voraussichtlich beeinflußt werden würde.
Die Antwort ist leicht, wenn wir nur an einige Hauptquellen des
Kapitalbedarfs denken. Der unter der gewöhnlichen Höhe des Zinsfußes
 stark zusammengepreßte Wohnungsbedarf besitzt sicher eine
enorme Elastizität, die bei einem bedeutenden Niedergang des Zinsfußes
in einer stark gesteigerten effektiven Nachfrage nach Kapitaldisposition
für Wohnungsproduktion hervortreten müßte.
Europa hat seinen Bedarf an Eisenbahnen einigermaßen gedeckt.
Es ist aber zu beachten, daß dies meistens (obwohl gewiß nicht auSsnahmslos)
 unter der Bedingung geschehen ist, daß die Bahnen sich bei
einem. Zinsfuß von sagen wir 31!/, oder 4% rentieren sollten. Würde
Kapital für Eisenbahnbau zu einem Zinsfuß von 2% zur Verfügung gestellt
 werden, dann würde es sich gleich zeigen, welche Mengen von
wichtigen Eisenbahnlinien noch unberücksichtjgt geblieben sind! Dasselbe
 gilt natürlich auch von Kleinbahnen und Straßenbahnen. Was
für gewaltige Kapitalsummen könnten für solche Zwecke bei einem
Zinsfuß von 2% in Anspruch genommen werden! Aber auch andere
Anlagen, die jetzt schon viel Kapital verschlingen, wie z. B. Kanäle,
Hafenanlagen, Wasserkraftanlagen, Wasser- und Gas- und Elektrizitätsdistributionsanlagen,
 Entwässerungs- und Bewässerungsarbeiten USW.
würden neue unmöglich zu befriedigende Ansprüche an Kapitaldisposition
 stellen. Dazu kommt, daß ein Zinsfuß etwa gleich der Hälfte des
jetzt normalen einen umgestaltenden Einfluß auf die Technik ausüben
würde. Es darf nie vergessen werden, daß die ganze heutige Technik
unter der Voraussetzung herausgearbeitet worden ist, daß. ein Zins von
wenigstens etwa 4% zu zahlen sein würde. Könnte man statt dessen
mit 2% rechnen, würde die Technik ohne Zweifel Entwicklungslinien
finden, die ihr bis jetzt verschlossen geblieben sind, die aber sehr große
Ansprüche auf Kapitaldisposition stellen würden.

"04
        <pb n="218" />
        $ 24. Die Nachfrage nach Kapitaldisposition. 205
Man braucht sich nur in diese Verhältnisse etwas näher hineinzudenken,
 um zu erkennen, welche große Kraft die Nachfrage nach
Kapitaldisposition zur Ausnutzung dauerhafter Güter in Wirklichkeit
hat, welche enorme Reserven von bisher unberücksichtigten, aber latenten
 Ansprüchen hinter den jetzt befriedigten liegen. Wer sich aber dies
einmal vergegenwärtigt hat, der hat schon einen gewissen Einblick in
die wirtschaftliche Notwendigkeit des Zinses gewonnen: es geht einfach
 nicht an, allen diesen Ansprüchen Tür und Tor zu öffnen. Hätte
man sich in diesen Zusammenhang nur ein wenig hineingedacht, wäre
man nie darauf verfallen, die Möglichkeit eines Verschwindens des
Zinses ernsthaft zu erwägen. Wäre der Zinsfuß gleich Null, so würde
die reine Nutzung dauerhafter Güter den Menschen ganz umsonst-zur
Verfügung stehen; d. h. es müßten wohl Unterhaft und Erneuerung
bezahlt werden, die Nutzung als solche würde aber ein freies Gut sein.
Dies ist aber nach dem für jede Wirtschaft grundlegenden Prinzip der
Knappheit nur für solche Güter möglich, die in Überfluß vorhanden sind.
Wenn die Kapitaldisposition. frei zu haben wäre und man sich
also nicht um ein Wirtschaften mit ihr zu kümmern brauchte, dann
würde es überhaupt nicht länger eine Grenze für die Ansprüche auf
Kapitaldisposition geben. Die Ansprüche auf dauerhafte Güter würden
sich dann ins unermeßliche steigern. Die ursprünglichen Anlagekosten
 würden nichts zu bedeuten haben, da sie doch nicht verzinst
zu werden brauchten. Unter solchen Verhältnissen würden natürlich die
phantastischsten Unternehmungen als lohnend erscheinen und die Festlegung
 enormer Summen fordern. Es liegt aber auf der Hand, daß damit‘
 die ganze Wirtschaft in falsche Bahnen hineingelenkt werden
würde: wenn unbegrenzte Mengen von Produktivkräften der Herstellung
 von sehr dauerhaften Anlagen gewidmet werden sollten,
müßten diese der laufenden Bedürfnisbefriedigung in großem Umfang
entzogen werden, und die Gesellschaft würde sich in einen Zustand
zurückgesetzt finden, wo die Menschen unter größten Anstrengungen
und gleichzeitig größter Not ägyptische Pyramiden zur Erbauung
kommender Jahrtausende ausführten.
Ein Leser mit Blick für die Realitäten des wirtschaftlichen Lebens
wird vielleicht finden, daß es überflüssig ist, sich mit Betrachtungen
über solche rein hypothetische Zustände aufzuhalten. Dies würde auch
der Fall sein, wenn nicht die Leugnung der Notwendigkeit des Zinses
eine so große Rolle in gewissen ökonomischen und sozialen Programmen
gespielt und auch nicht selten Unterstützung seitens der Wissenschaft
gefunden hätte.
Wenn der Zins als Preis der Kapitaldisposition bezahlt werden muß,
so muß dieser Zins natürlich auch in den Preisen der fertigen Produkte,
hier also der Dienste der dauerhaften Güter, hervortreten, Die Aufgabe
der Zinsberechnung ist aber einen Druck auf die Nachfrage nach solchen

Pa
A
8:
        <pb n="219" />
        = Kap. VI. Der Kapitalzins.
Diensten auszuüben. Eine Preisbildung für die Dienste der Eisenbahnen
und ähnlicher Anlagen, die nur die laufenden Kosten berücksichtigen
und grundsätzlich von einer Deckung der festen Kosten, also speziell
der Zinsen, absehen wollte, ist zuweilen als ein wirtschaftliches Ideal
dargestellt worden. Einen solchen Standpunkt kann aber nur der Verfechten,
 dem es nie klar geworden ist, daß die Preisbildung eine sozialökonomische
 Aufgabe in der Begrenzung der Ansprüche der Konsumtion
hat und von dieser Aufgabe wesentlich bestimmt wird.
So weit ruht unsere Erklärung der Notwendigkeit des Zinses
ausschließıich auf dem Prinzip der Knappheit. Es muß aber jetzt auch
beachtet werden, daß ein gegebenes Ziel der Produktion oft unter Vverschiedener
 Ausdehnung des Gebrauchs von dauerhaften Gütern erfreicht
 werden kann, daß mit anderen Worten der Bedarf an Kapitaldisposition
 durch die Nachfrage der Konsumenten nicht vollständig
bestimmt ist, sondern auch in gewissem Umfang von der Wahl der Produktionswege
 abhängt. Die Kapitaldisposition kann in der Tat, wie
schon in 8 22 angedeutet, für gewisse Zwecke und in gewisser Ausdehnung
andere Produktionsmittel ersetzen. Wir haben also die Substitution von
Kapitaldisposition für andere Produktionsfaktoren zu untersuchen und
dabei speziell die Bedeutung des Zinsfußes selbst festzustellen. Erst in
dieser Weise werden wir einen vollständigen Einblick in die Art der
Abhängigkeit der Nachfrage nach Kapitaldisposition vom Zinsfuß
gewinnen.
Kapitaldisposition kann nicht nur für Arbeit, sondern auch für die
Benutzung von Grund und Boden und für die Rohmaterialien der Natur
substituiert werden. Wenn z. B. der Boden so hoch in Preis steht, daß
es billiger wird, eine Untergrundbahn zu bauen als das teuere Bauterrain
 zu kaufen, findet tatsächlich eine Substitution von Kapitaldisposition
 für Bodenbenutzung statt. Nehmen wir an, die jährlichen
Unterhalts- und Erneuerungskosten seien für die beiden alternativen
Linien dieselben, dann wird offenbar die für die obere Linie zu zahlende
jährliche Bodenrente durch die Zinsen des für die Untergrundlinie erforderlichen
 Extraanlagekapitals, die Bodennutzung selbst durch eine
gewisse Menge Kapitaldisposition ersetzt. Wenn dagegen die Untergrundlinie
 in einer Gegend, wo die Bodenpreise keine Rolle spielen,
deshalb vorgezogen wird, weil die Verkehrskosten auf dieser Linie
etwa durch Ersparen von Kohlen und Zeit billiger werden, dann bedeutet
 unter im übrigen gleichen Voraussetzungen die Wahl der Untergrundlinie
 eine Substitution von Kapitaldisposition für sämtliche Produktionsfaktoren,
 die an den Extraverkehrskosten der anderen Linie
Anteil haben, also für Materialien, wie Kohle, für Arbeit des Zugpersonals
 usw.
‚ Wie weit Kapitaldisposition in dieser Weise für andere Produktions-206
        <pb n="220" />
        8 24. Die Nachfrage nach Kapitaldisposition. 207
faktoren substituiert werden soll, hängt natürlich in erster-Linie vom
Preise der Kapitaldisposition ab. Je niedriger der Zi sfüß ist, “um
so weiter vermag die Kapitaldisposition konkurrierende roduktionsfaktoren
 zu verdrängen. In den eben betrachteten Fällen w d’ein hoher
Zinsfuß wahrscheinlich die Untergrundlinie unmöglich machen; ırend
ein niedriger Zinsfuß ihre Vorteile vielleicht außer Zweifel setzt. Da
die Verzinsung des Anlagekapitals den größten Teil der jährlichen
Kosten der Untergrundlinie darstellt, wird natürlich ein Sinken des
Zinsfußes auf die Hälfte diese Kosten wesentlich herabsetzen und somit
 auch die Konkurrenzfähigkeit der Untergrundlinie wesentlich
stärken. In manchen Fällen kann auch eine dauerhafte Anlage mit
verschiedener Solidität ausgeführt werden. Welche Dauerhaftigkeit man
der Anlage wirtschaftlicherweise geben soll, wird dann ebenfalls vom
Zinsfuß abhängen.
Das moderne Wirtschaftsleben zeigt gewisse allgemeine Tendenzen,
die eine fortschreitende Substitution von Kapitaldisposition für andere
Produktionsfaktoren befördern. Unter diesen können wir in erster
Linie die Fortschritte der Technik nennen, die unzweifelhaft überwiegend
 in der Richtung einer ausgedehnten Anwendung von festem
Realkapital gehen. Die größten Errungenschaften der Technik im
letzten Jahrhundert zeigen ganz auffallend diesen Charakter. Man
braucht nur an die Eisenbahnen, die modernen Ozeandampfer, die großen
Kanäle des Weltverkehrs, die neueste Entwicklung auf dem Gebiete
der Krafterzeugung unter Ausnutzung der Wasserkraft, die Anwendung
von Gas und Elektrizität für Beleuchtung und Heizung, die übrigen
Verwendungen der Elektrizitätstechnik usw., sowie an die die gesamte
fabrikindustrielle Entwicklung beherrschende, immer weiter fortschreitende
 Verdrängung der Handarbeit durch mehr oder weniger
automatische Arbeitsmaschinen zu denken, um über die ganz überwiegende
 Bedeutung dieser Tendenz vollständig klar zu werden. Die
Fortschritte in der entgegengesetzten Richtung, zu welchen wir vielleicht
 die drahtlose Telegraphie rechnen können, sind ohne Zweifel Ausnahmen
 von der Regel.
In zweiter Linie ist die allgemeine wirtschaftliche Konzentrationsbewegung
 zu berücksichtigen. Die wirtschaftliche Möglichkeit, dauerhafte
 Produktionsmittel in der Produktion zu verwenden, hängt offenbar
 von der Fähigkeit des Produzenten ab, die Dienste des dauerhaften
Produktionsmittels vollständig auszunutzen. Diese Fähigkeit ist im
Großbetrieb regelmäßig größer als im Kleinbetrieb, die Kleinbetriebe
vermögen aber durch genossenschaftliches Zusammenwirken die Ausnutzungsquote
 zu verbessern. Die Fortschritte des Großbetriebs und
des Genossenschaftswesens bedeuten also eine verstärkte Anwendung
von dauerhaften Produktionsmitteln und somit auch eine Verstärkte
Nachfrage nach Kapitaldisposition.
        <pb n="221" />
        Kap. VI. Der Kapitalzins.
In den wirtschaftlichen Konzentrationsbestrebungen liegt also ohne
Zweifel eine Tendenz zu ausgedehnter Anwendung von dauerhaften
Produktionsmitteln. Gewiß kann aber andererseits die fortschreitende
Konzentration in gewissen mittleren Betrieben die Ausnutzung der
schon vorhandenen dauerhaften Produktionsmittel, z. B. der Maschinen,
verbessern und somit den relativen Bedarf an diesen Produktionsmitteln
verringern. Dafür rücken aber andere Betriebe in den Kreis der maschinenverwendenden
 Betriebe ein, und es ist zweifelhaft, ob überhaupt
die Gruppe der Betriebe, die Maschinen verwenden, aber unvollständig
ausnutzen, durch diese Bewegung vermindert wird. Für die Produktion
 in ihrer Gesamtheit dürfte also die Konzentrationsbewegung
eine verstärkte Nachfrage nach dauerhaften Produktionsmitteln bedeuten.

In derselben Richtung wirken drittens die Bestrebungen zu einer
Organisation des Kredits, durch die Handwerkern und Kleinbauern
Kapital zum Einkauf von Maschinen, Tieren usw. zur Verfügung gestellt
 wird. Unzweifelhaft ist in den betreffenden Betrieben sehr viel
Platz für eine lohnende Verwendung von festem Realkapital vorhanden.
Eine Bewegung, welche die Ausnutzung dieser Möglichkeit befördert,
muß selbstverständlich auch zur Stärkung der Nachfrage nach Kapitaldisposition
 führen.
Es ist viertens eine sehr allgemeine Erscheinung, daß Maschinen
und Anlagen, die sich ohne jeden Zweifel gut rentieren würden, dennoch
nicht zur Anwendung kommen, nur weil die Kapitalbeschaffung auf
gewisse Schwierigkeiten stößt, oder einfach weil die Leiter der Produktion
 nicht mit genügender Aufmerksamkeit der Entwicklung der
Technik folgen oder mangels richtiger Kalkulation die technischwirtschaftlichen
 Bedingungen ihres eigenen Betriebs nicht genau kennen,
Es ist leicht, sich zu überzeugen, daß diese „Friktionen‘“ des Wirtschaftslebens
 noch eine sehr große Rolle spielen. Andererseits muß man
doch annehmen, daß sie sich mindern und daß die allgemeine Entwick-Jungstendenz
 dahin geht, daß dauerhafte Produktionsmittel überall, wo
sie wirklich lohnend sind, auch immer mehr zur Anwendung kommen.
Insofern stellt diese Tendenz auch eine Tendenz zur Stärkung der
Nachfrage nach Kapitaldisposition dar.
Inwieweit die jetzt genannten Tendenzen auch wirklich in größeren
Ansprüchen auf Kapitaldisposition für die Anwendung dauerhafter Produktionsmittel
 zum Ausdruck kommen, hängt immer in einem gewissen
Grade vom Zinsfuß ab. Eine Stärkung der Nachfrage findet im allgemeinen
 ihre Gegenwirkung in einer Erhöhung des Zinsfußes. Jedenfalls
 werden die genannten Tendenzen zusammen mit den früher festgestellten
 Tendenzen der Konsumtion ein fortgesetztes stärkeres Sinken
des Zinsfußes verhindern.
Die Frage, ob eine arbeitersparende Maschine in einem bestimmten

208
        <pb n="222" />
        $ 24. Die Nachfrage nach Kapitaldisposition. 209
Fabrikbetrieb eingeführt werden soll oder nicht, hängt natürlich unter
gewissen Verhältnissen auch von der Höhe des Arbeitslohns ab. Eine
Steigerung der Lohnsätze in dem betreffenden Betriebe. kann die Frage
zugunsten der Maschine entscheiden. Offenbar haben aber für den einzelnen
 Betrieb Lohnsteigerungen innerhalb der gewöhnlich vorkommenden
 Grenzen meistens einen weit geringeren Einfluß auf die Konkurrenzfähigkeit
 der Maschinentechnik, als die hier erwähnten Faktoren: eine
Vergrößerung des Betriebes, wie sie täglich vorkommt, hat z. .B in
dieser Beziehung eine viel kräftigere Wirkung. Was in dieser Hinsicht
für die Lohnbewegungen gilt, dürfte auch meistens von den gewöhnlichen
 Bewegungen des Zinsfußes gelten. Die Konkurrenz zwischen
Maschinen- und Handarbeit kann also nicht einfach als ein nach dem
Substitutionsprinzip zu lösendes Preisbildungsproblem behandelt werden.
Das Gesagte gilt natürlich in noch höherem Grade für das allgemeine
Problem der Substitution von Kapitaldisposition für andere Produktionsfaktoren.
 Die Bedingungen der Konkurrenzfähigkeit der
großen Transportanstalten und anderer großen Anlagen der modernen
Technik sind keineswegs ausschließlich als eine Frage relativer Kosten
verschiedener Produktionsmethoden zu beurteilen.
Wenn man wähnt, die ganze Zinstheorie vom speziellen Gesichtspunkt
 des Substitutionsprinzips behandeln zu können, etwa in der
billigen Formel, daß der Zins gleich der Grenzproduktivität der Kapitaldisposition
 in der Konkurrenz mit anderen Produktionsfaktoren ist,
die erschöpfende Lösung des Zinsproblems sehen will, dann übersieht
man Vollständig die grundlegende Bedeutung, die das Prinzip der
Knappheit für das Zinsproblem wie für jedes andere Problem der Preisbildung
 hat. Die allgemeine Erklärung des Zinses muß doch immer in
der relativen Knappheit der zur Verfügung stehenden Kapitaldisposition
 im Verhältnis zur Nachfrage nach ihr gesucht werden. Das Substitutionsprinzip
 hat daneben eine untergeordnete Stellung, bedeutet
nur, daß diese Nachfrage nicht mit den Ansprüchen der Konsumenten
vollständig bestimmt ist, sondern in gewissem Umfang auch von den
Bedingungen der Produktion beeinflußt wird.
In bezug auf die Voraussetzungen für eine Substitution von Kapitaldisposition
 für andere Produktionsfaktoren sei noch bemerkt, daß eine
allgemeine und gleichförmige Erhöhung der Preise dieser anderen Produktionsfaktoren
 die Preise der dauerhaften Produktionsmittel und
folglich auch die zur Ausnutzung derselben erforderlichen Quantitäten
von Kapitaldisposition im entsprechenden Verhältnis steigern müßte,
somit bei unverändertem Zinsfuß die genannte Substitution nicht befördern
 könnte. Wenn nur die Arbeitslöhne in der Landwirtschaft
steigen, kann dies eine ausgedehnte Verwendung von landwirtschaftlichen
 Maschinen veranlassen, wenn aber gleichzeitig auch alle anderen
Löhne ebensoviel steigen, werden sowohl die landwirtschaftlichen
Cassel, Theoret. Sozialökonomie. 4. Aufl.

14
        <pb n="223" />
        Kap. VI. Der Kapitalzins.
Maschinen selbst wie auch ihre jährliche Nutzung wahrscheinlich in
annähernd gleichem Verhältnis verteuert. Die allgemeine Erhöhung
der Arbeitslöhne wird also an und für sich bei unverändertem Zinsfuß
keine Verdrängung der Handarbeit in der Landwirtschaft veranlassen.
Bei der Diskussion solcher Fragen muß man sich aber immer erinnern,
daß sie unter der Voraussetzung eines unveränderten Geldwertes behandelt
 werden müssen, wodurch der gedachten allgemeinen Preissteigerung
 eine wichtige Beschränkung gesetzt wird (vgl. $ 36).
Bisher haben wir nur den Bedarf an Kapitaldisposition zur Ausnutzung
 dauerhafter Güter in Betracht gezogen. Kapitaldisposition
ist aber, wie wir wissen, auch aus dem Grunde erforderlich, weil die
Produktion im engeren Sinne des Wortes Zeit beansprucht. Das hierfür
in Anspruch genommene Kapital entspricht dem beweglichen Realkapital
 der Wirtschaft. In bezug auf die dauerhaften Güter rechnen wir
in diesem Zusammenhang die Produktion nur bis an die Fertigstellung
des dauerhaften Gutes, schließen also seine Ausnutzung nicht mit in
die Produktion ein. Die Menge der für die Produktion erforderlichen
Kapitaldisposition ist dann wesentlich von der zeitlichen Ausdehnung
des Produktionsprozesses abhängig.
Die so bestimmte Nachfrage nach Kapitaldisposition tritt natürlich
zu der vorhin behandelten Nachfrage nach Kapitaldisposition zur Ausnutzung
 dauerhafter Güter noch hinzu, ist aber wesentlich kleiner
als diese. Die Gesamtnachfrage nach Kapitaldisposition ist damit bestimmt.

Durch welche Faktoren wird nun die Nachfrage nach Kapitaldisposition
 für die Produktion im engeren Sinne bestimmt? Welche
sind die Tendenzen, die sich in bezug auf diese Nachfrage geltend
machen? In dieser Hinsicht soll zunächst bemerkt werden, daß der Zinsfuß
 selbst wahrscheinlich in den meisten Fällen eine sehr untergeordnete
Bedeutung für die Bestimmung der Dauer eines Produktionsprozesses
hat. Daß ein Niedergang des Zinsfußes eine Verlängerung des Produktionsprozesses
 veranlassen würde, ist jedenfalls nur in reinen Ausnahmefällen
 anzunehmen.
Ganz unabhängig von der jeweiligen Höhe des Zinsfußes zeigt aber
die moderne Wirtschaft eine ganz bestimmte Tendenz den Produktionsprozeß,
 soweit möglich, zu verkürzen, In diesem Streben spielt natürlich
 der Wunsch, Zinsen des beweglichen Realkapitals zu ersparen, eine
Rolle, ist aber nicht das einzige, wahrscheinlich auch nicht das wichtigste
Motiv. Von wirklicher Bedeutung ist dieser Gesichtspunkt in der
Bautätigkeit, wo besonders viel Kapital bis zur Fertigstellung des
Baues gebunden ist. Die private Bautätigkeit sucht aus diesem Grunde
die Bauzeit nach Möglichkeit zu begrenzen. In der öffentlichen Bautätigkeit
 hat man sich leider nicht immer mit der Tatsache vertraut ge-210
        <pb n="224" />
        $ 24. Die Nachfrage nach Kapitaldisposition. 211
macht, daß die wirklichen Baukosten auch die in der Bauzeit aufgelaufenen
 Zinsen mit umfassen, sondern rechnet nur mit der einfachen
Summe der zu verschiedenen Zeiten gegebenen Anschläge, was natürlich
leicht eine unwirtschaftliche Verlängerung der Bauzeit veranlaßt.
Die wesentliche Triebkraft in der modernen Bewegung, der Produktion
 ein immer schnelleres Tempo zu geben, ist aber das Streben,
die im Produktionsprozeß mitwirkenden Produktiorsmittel so vollständig
 wie irgend möglich auszunutzen. Die Eisenbahndirektoren lassen
ihre Güterzüge schneller verkehren, nur um die Bahn für noch mehr
Züge freizuhalten. Ladung und Löschung werden in den Häfen mit
Hilfe der modernsten Maschinen möglichst beschleunigt, wesentlich um
mit der teueren Zeit der Schiffe zu wirtschaften. Überall im Fabriksbetrieb
 wie im Transportwesen sucht man durch Schnelligkeit der
Produktion die menschliche Arbeit möglichst effektiv zu machen. In
manchen Fällen treiben auch andere spezielle Motive zur Verkürzung
des Produktionsprozesses?).
Eine Verkürzung des Produktionsprozesses bedeutet offenbar an
und für sich eine Verminderung des Bedarfs an Kapitaldisposition für
die eigentliche Produktion. Die Tendenz zur fortgesetzten relativen
Verminderung der Nachfrage nach Kapitaldisposition für die Produktion
 ist aber der Natur der Sache nach sehr begrenzt. Die Möglichkeiten
 für eine solche Entwicklung sind auf manchen Gebieten der
Produktion schon fast bis an die äußersten Grenzen ausgenutzt. Für
die Steigerung der Nachfrage nach Kapitaldisposition zur Ausnutzung
dauerhafter Güter können wir aber überhaupt keine anderen Grenzen
sehen als diejenigen, die in der Notwendigkeit, Zins zu bezahlen, gegeben
 sind. Da außerdem die Nachfrage nach Kapitaldisposition für
die Produktion ein relativ kleiner Teil der Gesamtnachfrage ist, muß
notwendig die Tendenz zur Steigerung der Nachfrage nach Kapitaldisposition
 im ganzen entschieden überwiegen.
Damit ist die Nachfrage für unseren Zweck genügend charakterisiert.
 Sie hat eine so große Kraft, daß sie nur dadurch innerhalb der
nötigen Grenzen gehalten werden kann, daß ein Preis auf die Kapitaldisposition
 gesetzt wird. Jede Herabsetzung dieses Preises hat eine
Tendenz, Reserven der Nachfrage freizustellen, wodurch ein weiterer
Preisfall verhindert wird. Dies ist die allgemeine Tatsache, die auf der
Seite der Nachfrage den Preis der Kapitaldisposition, also den Zins bestimmt.

ı) Über die Tendenz zur Verkürzung des Produktionsprozesses siehe Näheres
„Nature and Necessity of Interest“, p. 125—127.

14 +*
        <pb n="225" />
        212

Kap. VI. Der Kapitalzins.
8 25. Das Angebot von Kapitaldisposition.
Das der Tauschwirtschaft zur Verfügung stehende Kapital kann
nur durch Sparen vermehrt werden. Die Natur dieses Sparens haben
wir schon kennengelernt ($ 6 und 22). Das gesamte Einkommen der
Tauschwirtschaft wird in zwei Teile geteilt. Der eine wird konsumiert,
d. h. es wird dafür Realeinkommen gekauft, welches an die Konsumtion
übergeht. Der andere Teil wird „erspart‘. Dieser Teil wird aber unınittelbar
 zum Kauf von Realkapital verwendet, er bildet das neue
Angebot von Kapitaldisposition.
Die Summe der Ersparnisse der Einzelwirtschaften ist in der Regel
größer als dieser im objektiven Sinne ersparte Teil des gesellschaftlichen
 Gesamteinkommens. Gewisse Personen verbrauchen nämlich
in einer gegebenen Periode einen Betrag, der ihr gleichzeitiges Einkommen
 übersteigt. Dieses Verfahren, das wir als eine „Überkonsumtion‘
 bezeichnen können, ist das Gegenteil des Sparens. Die Möglichkeit
 einer Überkonsumtion erklärt sich privatwirtschaftlich teils aus
dem Verbrauch eines eigenen Kapitals, teils aus Anleihen, die aus
späteren Einkommen bezahlt werden. Im ersten Falle wird ein Teil des
Kapitals ausgetauscht gegen das ersparte Einkommen anderer Personen,
 und dieses Einkommen ist es, das in Wirklichkeit verbraucht
wird. Im zweiten Falle wird ein solches Einkommen gegen eine
künftige Zahlungsverpflichtung erworben. Jeder solcher Verbrauch über
das Einkommen hinaus muß deshalb von den Ersparnissen in derselben
 Periode abgezogen werden, erst der Rest stellt die Nettosumme
der Ersparnisse der Tauschwirtschaft in der Periode, also die wirkliche
Vermehrung des zur‘ Übernahme des Realkapitals disponiblen Kapitals
dar. Diese Nettoersparnisse bilden im objektiven Sinne die Ersparnisse
der Gesamtwirtschaft, entsprechen also der gleichzeitigen Vermehrung
ihres Realkapitals. Im vorigen Paragraphen, wo wir die Nachfrage
nach Kapitaldisposition betrachteten, haben wir nur diejenige Nachfrage
 berücksichtigt, die vom Produktionsprozeß in weiterem Sinne
ausgeht. Wenn wir jetzt das Angebot von Kapitaldisposition untersuchen
 wollen, dürfen. wir folglich auch dieses nur insofern berücksichtigen,
 als es dem Produktionsprozeß in demselben weiteren Sinn
zugute kommt, d. h. insofern es den Besitzern des Realkapitals zur
Verfügung ‚gestellt wird. Unter „Angebot von Kapitaldisposition““
ist also der Betrag der Nettoersparnisse zu verstehen. Beim Studium
der Faktoren, die das Angebot von Kapitaldisposition bestimmen, muß
dieses Verhältnis berücksichtigt und müssen also auch die Bestimmungsgründe
 der Überkonsumtion mit in Betracht gezogen werden.
Im ersten Buche hatten wir die Mengen der zur Verfügung stehenden
 elementaren Produktionsmittel vorläufig als gegebene Faktoren
        <pb n="226" />
        $ 25. Das Angebot von Kapitaldisposition. 213
des Preisbildungsproblems angenommen. Da wir in diesem Buche bei
der Untersuchung der Preisbildung der Produktionsfaktoren diese Voraussetzung
 fallen lassen, und auch die Einwirkung der Preise dieser
Produktionsfaktoren auf das Angebot derselben mit ins Bereich unserer
Untersuchungen ziehen wollen, werden wir hier zunächst vor die Frage
gestellt, welche Bedeutung der Zinsfuß für das Angebot von Kapitaldisposition
 hat. Wir werden also im folgenden nicht nur die selbständigen,
 vom Gesichtspunkt der Preisbildung äußeren Faktoren, die für
die Spartätigkeit maßgebend sind, sondern speziell auch den Einfluß
des Preises der Kapitaldisposition, also des Zinsfußes, auf diese Faktoren
und damit auf die Spartätigkeit eingehend zu untersuchen haben.
Die äußeren Faktoren lernen wir am besten kennen, wenn wir die
Triebkräfte, welche die’ Spartätigkeit bzw. ihren Gegensatz, die Überkonsumtion,
 bestimmen, näher analysieren. Dabei ist zunächst zu bemerken,
 daß Überkonsumtion und Sparen oft nur zwei Seiten oder
richtiger zwei Stufen eines und desselben Wirtschaftsplans darstellen.
Dies ist der Fall, wenn jemand von ungewöhnlich hohem Einkommen
etwas zurücklegt, um solche Ersparnisse in kommenden schlechten
Jahren zur Ergänzung seines Einkommens dienen zu lassen oder umgekehrt,
 wenn jemand, der keinen solchen Sicherheits- oder Ausgleichungsfonds
 angesammelt hat, in einem Unglücksjahr Geld leihen
muß, welches er später in besseren Jahren allmählich zurückzahlt. Dasselbe
 ist der Fall, wenn ein junger Familienvater von seinem Gehalt
gewisse Beträge zurücklegt, um künftig die Erziehungskosten seiner
Kinder bestreiten zu können, oder umgekehrt, wenn ein Jüngling für
seine Studien ein Darlehen erhält, welches er später, nachdem er eine
gute Stellung erlangt hat, bezahlt. Das Verhältnis zwischen Bedarf und
Deckungsmitteln stellt sich eben für den einzelnen sehr verschieden
in verschiedenen Perioden seines Lebens. Diese Ungleichmäßigkeit der
Versorgung läßt sich aber durch eine geeignete Zusammenstellung von
Sparen und Überkonsumtion überwinden. Welche von diesen Tätigkeiten
 zeitlich vorausgehen soll, muß von den Umständen bestimmt
werden. Wenn das Sparen vorausgeht, wird eine Kapitaldisposition für
kürzere oder längere Zeit dem Markt angeboten. Geht die Überkonsumtion
 voraus, wird im Gegenteil eine Kapitaldisposition für kürzere oder
längere Zeit in Anspruch genommen.
Eine Zusammenstellung von Sparen und darauffolgender Verzehrung
 des Ersparten, die im praktischen Leben eine besonders große
Bedeutung hat, bilden die Rücklagen, die seitens weiter Schichten der
modernen Gesellschaft zur Sicherung einer Pension gemacht werden,
sei es, daß die Pension dem Sparer selbst bei einem gewissen Alter oder
bei Invalidität, oder seinen Hinterlassenen zugute kommt. Von der
großen Masse der Angestellten werden freiwillige oder obligatorische
Beiträge zu Pensionskassen geleistet. Ein großer Teil der Lebens-
        <pb n="227" />
        Zu Kap. VI. Der Kapitalzins.
versicherung hat denselben Charakter. Die ganze moderne Sozialversicherung
 ist eine erzzwungene Ersparnis von relativ guten Einkommen
zur Deckung der notwendigen Bedürfnisse in Zeiten des Mangels. Die
umgekehrte Wirtschaftsrichtung, wobei also eine Konsumtion über das
Einkommen hinaus später bezahlt werden soll, hat aber auch bedeutende
Vertreter. Wir brauchen hier nicht nur an eine leichtsinnige Verschwendung
 geliehenen Geldes seitens junger Leute mit guten Aussichten zu
denken. Die Ausbildung der Jugend stellt eine sehr allgemeine, aber
sehr berechtigte Überkonsumtion dar, welche durch Ersparnisse später
zurückgezahlt werden kann. Die Staaten, die für laufende Ausgaben
Anleihen aufnehmen, sind die Repräsentanten einer Überkonsumtion
großen Stils. Man könnte meinen, daß die Staaten durch Erhöhung
der Steuern dieselben Ausgaben hätten machen können. Dies ist aber
oft sehr zweifelhaft. Wenn Anleihen nicht zu haben gewesen wären,
wären wahrscheinlich die Ausgaben des Staates wesentlich beschränkt
worden oder jedenfalls die Ausgaben seiner durch höhere Steuern
gedrückten Bevölkerung kleiner gewesen. Die Deckung von laufenden
 Ausgaben durch Aufnahme von Staatsanleihen erhöht also ohne
Zweifel die Konsumtion, vermindert folglich die Ersparnisse der Gesamtwirtschaft,
 wirkt also wesentlich in derselben Weise wie die
Überkonsumtion irgendeiner Privatwirtschaft. Die Rückzahlung
solcher Staatsanleihen beschränkt natürlich die Konsumtionskraft der
Steuerzahler, stellt aber gleichzeitig Mittel zu neuer realer Kapitalbildung
 frei.
Der allgemeinste Beweggrund zum Sparen ist ohne Zweifel das
Gefühl der Notwendigkeit für die Zukunft zu sorgen. Für die reine
Konsumtionswirtschaft muß es als wünschenswert erscheinen, für
Zeiten, da die Einkommensquellen versiegen, Mittel zur Deckung der
gewöhnlichen oder wenigstens der notwendigsten Ausgaben zurückzulegen.
 Dabei muß nicht nur im allgemeinen die Unsicherheit des
wirtschaftlichen Lebens berücksichtigt werden, sondern speziell auch
für das Alter und in gewissem Umfang auch für die Hinterlassenen gesorgt
 werden. Diese Lust zum Sparen, um für die Zukunft zu sorgen,
ist aber notwendig begrenzt. Eine durch verstärkte Fürsorge für die
Zukunft erliöhte Sparsamkeit der modernen Gesellschaft ist wesentlich
nur insofern zu erwarten, als die Spargewohnheiten der oberen Klassen
auch in den unteren Verbreitung finden. Dies ist aber sicher ein
sehr langsamer Prozeß. Lange noch wird wahrscheinlich jede Erhöhung
 der Einkommen der unteren Klassen zum weitaus größten
Teil einer sehr dringlichen Verbesserung der Lebenshaltung gewidmet
werden.
Außer dieser rein persönlichen Fürsorge für die Zukunft, die die
Konsumtionswirtschaften zu Ersparnissen veranlaßt, gibt es aber auch
eine Fürsorge für den Bestand des produktiven Betriebs, des Unter-714
        <pb n="228" />
        8 25. Das Angebot von Kapitaldisposition. 215
nehmens, eine Fürsorge, die ein Zurücklegen sehr bedeutender Teile
des Ertrags zugunsten des Betriebs veranlaßt. Solche Rücklagen haben
in erster Linie den Zweck, Reserven für unvorhergesehene Fälle zu
bilden, dienen aber auch in großem Umfang der Förderung und wirtschaftlichen
 Stärkung des Betriebs. In beiden Fällen werden sie meistens
unmittelbar als Kapital für das betreffende Unternehmen in Anspruch
genommen, obwohl auch zuweilen der Sicherheit wegen Reserven in
Effekten oder Bankguthaben gehalten werden. Eine Kapitalbildung
solcher Art ist unter modernen Verhältnissen einfach eine wirtschaftliche
 Notwendigkeit. Im Konkurrenzkampf der Unternehmer muß
der unterliegen, der nicht an der immer größeres Kapital fordernden
Fortschrittsbewegung teilnehmen kann. Zur Erweiterung des Kapitals
muß aber oft in erster Linie der Ertrag des Betriebs verwendet werden,
erst in dem Maße, wie dies gelingt, wird sich ein weiteres Heranziehen
fremden Kapitals möglich zeigen. Daß zufällige Gewinne oder die
Extraerträge besonders günstiger Jahre nicht konsumiert werden,
sondern dem Unternehmen vorbehalten bleiben, ist bei gesunder Geschäftsführung
 selbstverständlich. Am besten können wir diese Gewohnheiten
 in gut geleiteten Aktiengesellschaften beobachten. Da ist
es auch gebräuchlich, Dividendenausgleichungsfonds zu bilden, die
natürlich, solange sie der Gesellschaft gehören, das Unternehmen
stärken.
Diese Kapitalbildung der produktiven Betriebe spielt für die Kapitalversorgung
 der modernen Gesellschaft eine sehr große Rolle. Sie ist
natürlich nicht in derselben Weise begrenzt wie die vorhin berührte
private Kapitalbildung. Da sie aber eben von den Bedürfnissen der
Produktion veranlaßt und auch unmittelbar von der Produktion in Anspruch
 genommen wird, ist nicht zu befürchten, daß sie in dem Sinne zu
weit getrieben werden könnte, daß die durch sie geschaffene Kapitaldisposition
 keine Anwendung finden würde,
Es gibt nun schließlich auch eine Kapitalbildung, für welche man
irgendein Streben für die Zukunft zu sorgen kaum als Motiv anführen
kann. Von den großen Kapitalisten, die schon alle nur einigermaßen
wichtigen Bedürfnisse befriedigen und ein Kapital besitzen, dessen Ertrag
 ihnen und ihrer Familie eine gleiche Bedürfnisbefriedigung für alle
Zeiten sichert, und die dennoch fortdauernd große Rücklagen zur Vermehrung
 ihres Vermögens machen, kann man doch nicht sagen, daß sie
aus Fürsorge für die Zukunft sparen. Die Kapitalbildung muß in diesen
Fällen andere Beweggründe haben. Das wirtschaftliche Interesse
des Kapitalisten ist einmal auf Vergrößerung seines Vermögens eingestellt,
 und dieser Zweck wird allmählich zum Selbstzweck. Die Motive,
die dabei mitwirken, sind sehr wechselnd: der sinnlose Geiz, der allmählich
 seine einzige Freude in der Betrachtung des immerfort wachsenden
 Vermögens findet und der wohl am nächsten als eine abnorme

%i
        <pb n="229" />
        _ Kap. VI. Der Kapitalzins.
Trägheit des Geistes und eine pathologische Abmagerung des Gemütslebens
 beschrieben werden kann, ist gewiß nicht die einzige Erklärung;
das Streben nach dem Glanz und der größeren Stellung in der Gesellschaft,
 die der bloße Besitz eines großen Reichtums verleiht, der Reiz
des Neids anderer Menschen, aber auch die gesunde Freude des tatkräftigen
 Mannes an der erfolgreichen Arbeit, am Gelingen als solchem,
an der Beherrschung großer Massen, überhaupt am Einfluß, das sind
alles Faktoren, mit denen wir in diesem Zusammenhang zu rechnen
haben.
Die hier betrachtete Begier nach Vergrößerung des Vermögens ist
natürlich unersättlich, da kein Vermögen für solche Motive groß genug
ist. Von anderen Seiten ist jedoch diese Kapitalbildung begrenzt, nämlich
 erstens vom Einkommen der betreffenden Klasse und zweitens von
ihrem Verbrauch. Der steigende Luxus der Reichen macht ihr Leben
immer teuerer und vermindert entsprechend ihre Möglichkeiten zu
sparen. Jedoch wird der Spargrad also die Quote zwischen Ersparnissen
 und Gesamteinkommen, in der reichen Klasse wesentlich höher
sein als in den übrigen, und der absolute Betrag der Ersparnisse der
Reichen einen sehr bedeutenden Teil der gesamten Kapitalbildung der
Gesellschaft bilden. Die gesamte Kapitalbildung ist deshalb in gewissem
 Maße von der Einkommensverteilung der Tauschwirtschaft abhängig.
 Aller Wahrscheinlichkeit nach würde eine mehr demokratische
Einkommensverteilung den Spargrad der Gesellschaft nicht unwesentlich
 herabsetzen. Besonders würde dies der Fall werden, wenn die Einkommenssteigerung
 wesentlich der eigentlichen Lohnarbeiterklasse zugute
 kommen würde. Die neueste Entwicklung der Einkommens- und
Vermögensbesteuerung in der Richtung einer immer schärferen Progressivität
 bedeutet ohne Zweifel eine sehr beträchtliche Schwächung
der Kapitalbildung der Gesellschaft.
Unsere Betrachtungen zeigen, daß jedenfalls kein Grund zur
Annahme einer stets fortschreitenden starken Steigerung der Ersparnisse
 im Verhältnis zum Einkommen der Gesellschaft vorhanden
ist. Die ziemlich verbreitete, auch in der wissenschaftlichen Literatur
vertretene Ansicht, nach welcher die Kapitalbildung der modernen
Gesellschaft eine so gewaltige Kraft besäße, daß sie früher oder später
den wirklichen Bedarf weit übersteigen müßte, findet keine Unterstützung
 in einer nüchternen Analyse der tatsächlichen Verhältnisse,
Absolut steigt natürlich die jährliche Kapitalbildung, aber aller Wahrscheinlichkeit
 nach nicht schneller als das Einkommen, also auch nicht
schneller als die Produktion und die Ansprüche, die diese auf Kapitaldisposition
 stellt.
Fragen wir uns nunmehr, welchen Einfluß der Zinsfuß auf die
Kapitalbildung ausübt, so finden wir, daß meistens a priori angenommen
 wird, daß die Spartätigkeit ein Opfer ist, das mit einem gewissen

216
        <pb n="230" />
        $ 25. Das Angebot von Ka; italdisposition. ;
reis bezahlt werden muß, damit es in bestimmter Menge dargeboten
wird und daß das Angebot dieses Opfers, also die Kapitalbildung, regelmäßig
 mit dem dafür bezahlten Preis, d. h. mit dem Zinsfuß steigt,
daß also umgekehrt jedes Sinken des Zinsfußes die Kapitalbildung
ermindern würde, Diese Annahme dürfte vielleicht im ganzen der
irklichkeit annähernd entsprechen. Eine nähere Betrachtung der.
Frage zeigt aber, daß die Wirkungen der Bewegungen des Zinsfuße
keineswegs einheitlich sind, daß vielmehr ein Sinken des Zinsfußes,
elches sich innerhalb der gewöhnlichen Grenzen dieser Bewegun
hält, die Kapitalbildung je nach den Umständen in entgegengesetzten
Richtungen beeinflussen kann,
Der gewöhnliche Sparer der mittleren Einkommensklasse, der _danach
 strebt, ein Kapital zu bilden, um vom Ertrag desselben zu leben,
muß bei niedrigem Zinsfuß ein größeres Kapital zusammensparen, um
sich eine bestimmte Jahresrente zu sichern. Es ist also möglich, daß ein
Sinken des Zinsfußes ihn zu größeren Anstrengungen in dieser Richtung
anspornt und folglich eine stärkere Kapitalbildung hervorruft. Es ist
aber auch möglich, daß der Betrag, den der Sparer zurückzulegen imstande
 ist, ziemlich beschränkt ist, und daß er sich deshalb bei niedrigem
Zinsfuß mit einer niedrigeren künftigen Rente begnügen muß. Auch
muß beachtet werden, daß ein Sparer, der bei höherem Zinsfuß ei
Kapital zusammenzubringen vermochte, dessen Ertrag zur Deckun
seiner Jahresbedürfnisse genügte, bei niedrigem Zinsfuß dies nicht
länger fortsetzen kann, sondern die leichtere Methode der Fürsorge für
ie Zukunft, die im Erwerb einer Pension besteht, wählen muß. Eine
solche Veränderung ist natürlich ein für den Kapitalmarkt ungünstiges
oment, muß, wenn sie sich in beträchtlichem Umfang durchsetzt, auf
die Länge der Zeit das Angebot von Kapitaldisposition erheblich vermindern.
 Daß zufällige große Gewinne nicht gleich konsumiert, sondern
dem Vermögen zugeführt werden, ist eine Erscheinung, auf welche
er Zinsfuß keinen sehr bedeutenden Einfluß ausüben dürfte. Dasselbe
gilt wohl auch für einen zufälligen notgedrungenen Verbrauch eines
Teils des Gesamtvermögens. Auf die Rücklagen für unvorhergesechene
Fälle und die Kapitalkonsumtion bei solchen Fällen dürfte der Zinsuß
 ebenfalls keinen besonderen Einfluß ausüben. Dagegen ist vielleicht
anzunehmen, daß ein hoher Zinsfuß dem antizipierten Verbrauch eine
künftig erwarteten Einkommens etwas entgegenwirkt, ein niedriger
insfuß dagegen einen solchen Verbrauch weniger bedenklich erscheinen
äßt. Auch die Staatsfinanzverwaltungen dürften sich einem solche
influß kaum vollständig entziehen.
Für die Kapitalbildung der produktiven Betriebe dürfte ein Sinken
es Zinsfußes_keine ganz einheitliche Wirkung haben. Da aber solche
etriebe_meistens_Schuldner größten Stils sind, bedeutet ein niedriger
insfuß für sie einen größeren Gewinn, also jedenfalls eine Möglichkei

%
        <pb n="231" />
        Kap. VI. Der Kapitalzins.
zu stärkerer innerer Kapitalbildung, eine Möglichkeit, welche für die tatsächliche
 Kapitalbildung unserer Gesellschaft eine nicht zu unterschätzende
 Bedeutung hat. Dagegen muß man annehmen, daß ein
Sinken des Zinsfußes die Kapitalbildung der großen Kapitalisten insofern
erschwert, als es ihr Einkommen schmälert. Ein niedriger Zinsfuß übt
wohl nicht gleich seine volle Wirkung auf das Einkommen der Kapitalisten
 aus. Denn schon das vorhandene Einkommen derselben besteht
zu einem großen Teil aus festen Renten (z. B. Staatsrenten, Bodenrenten)
 und aus Dividenden, die zum Teil den Charakter von Renten
haben. Zum Teil besteht das Einkommen der Kapitalisten jedoch aus
Zinsen eines Kapitals, das wieder und wieder neu investiert wird, und
muß also mit dem Zinsfuß proportionell sinken. Dies gilt natürlich
auch meistens für das Einkommen aus dem neu gebildeten Kapital.
Allmählich muß also ein länger fortdauerndes Sinken des Zinsfußes
einen effektiven Einfluß auf die Kapitalbildung dieser Klasse von Kapitalisten
 gewinnen. Die kleinen Kapitalisten, die ihr ganzes Einkommen
verzehren, werden dagegen durch einen niedrigen Zinsfuß nur zur Beschränkung
 ihrer Konsumtion gezwungen.
Suchen wir uns über die Resultate dieser verschiedenen Wirkungen
eines Sinkens des Zinsfußes eine Vorstellung zu bilden, so gelangen wir
zu dem Ergebnis, daß, solange der Zinsfuß sich innerhalb der gewöhnlichen
 Grenzen bewegt, die Wirkung seiner Variationen auf die Kapitalbildung
 in ihrer. Gesamtheit nicht besonders ausgeprägt sein dürfte,
wenn auch wohl angenommen werden kann, daß ein andauernd niedriger
Zinsfuß im ganzen die Kapitalbildung etwas beschränkt.
Man ersieht hieraus, wie berechtigt es ist, bei einem ersten, Überblick
 über das allgemeine Preisbildungsproblem das Angebot von Kapitaldisposition
 als eine gegebene Größe zu betrachten und somit den Zins
in erster Linie auf die Notwendigkeit, die Nachfrage zu beschränken,
zurückzuführen. In einem modernen Lande mit vollständiger Rechtssicherheit
 und hochentwickelten Geschäftsgewohnheiten werden die tatsächlichen
 Schwankungen des Zinsfußes doch so ganz überwiegend von
der Nachfrage nach Kapitaldisposition bestimmt, daß der Einfluß eines
etwaigen Wechsels des Angebots nur sekundäre Bedeutung hat und
demgemäß erst in zweiter Linie, d. h, bei der speziellen, in Einzelheiten
gehenden Analyse berücksichtigt zu werden braucht. Auch wenn die
Abhängigkeit des Angebots an Kapitaldisposition von den gewöhnlich
vorkommenden Schwankungen des Zinsfußes als eine unzweifelhaft
festgestellte Tatsache angesehen werden könnte, hat diese Tatsache keine
irgendwie prinzipielle Bedeutung für die Erklärung des Mechanismus
der Preisbildung. Die ganze Preisbildung würde sich ebensowohl und
wesentlich in demselben Rahmen, sogar mit wesentlich demselben quantitativen
 Ergebnis erklären lassen, wenn keine solche Abhängigkeit
vorhanden wäre, sondern das Angebot von Kapitaldisposition eine von

218
        <pb n="232" />
        $ 25. Das Angebot von Kapitaldisposition. J
den gewöhnlichen Schwankungen des Zinsfußes unabhängige gegebene
Größe des Problems wäre‘).
Die hier betonte relative Unabhängigkeit der Kapitalbildung vom
Zinsfuß gilt, wie gesagt, solange der Zinsfuß sich innerhalb der im tatsächlichen
 Wirtschaftsleben gewöhnlichen Grenzen bewegt. Ganz
anders stellt sich aber die Sache für den Fall, daß der Zinsfuß wesentlich
 unter das bisher übliche Minimum, sagen wir wesentlich unter drei
Prozent fallen würde. Die nähere Analyse dieses hypothetischen Falles
ist von sehr großer Bedeutung für die Zinstheorie. Denn wenn es die
Aufgabe dieser Theorie ist, nicht nur die tatsächlichen Bewegungen des
Zinsfußes zu erklären, sondern auch zu untersuchen, weshalb und inwiefern
 der Zins eine notwendige Erscheinung des Wirtschaftslebens
ist, dann muß sie auch die Frage beantworten, was die Folgen sein
würden, wenn der Zinsfuß unter seine gewöhnliche Höhe sänke und sich
der Ziffer Null näherte. Erst eine solche Untersuchung kann uns zeigen,
warum der Zinsfuß sich gerade in der tatsächlich gegebenen, ziffermäßig
bestimmten Höhe, sagen wir zwischen 3 und 5%, bewegt, und erst die
Beantwortung dieser Frage, nicht aber lose qualitative Betrachtungen
über das Wesen des Zinses, gibt uns eine vollständige Theorie des
Zinses.
Ein Fallen des Zinsfußes wesentlich unter die bisher übliche untere
Grenze würde ein allgemeines Verzehren der Ersparnisse veranlassen.
Außerdem würde auch die Fürsorge für die Zukunft in größerem Umfang
 als bisher die Form des Erwerbs von Leibrenten anstatt eines Ansammelns
 eines Kapitals mit entsprechendem Jahresertrag nehmen. Da
aber auch diese Folge vom Gesichtspunkt eines Verzehrens der Ersparnisse
 gesehen werden kann, können wir uns mit einer Analyse des
Einflusses des Zinsfußes auf das Verzehren des Kapitals begnügen. Wir
werden finden, daß die Wirkungen eines Falles des Zinsfußes von der
angedeuteten Stärke für den Kapitalmarkt verhängnisvoll werden
müßten.
Denken wir uns einen Kapitalisten, der ausschließlich von den
Zinsen seines Kapitals lebt. Besitzt er eine Million Goldmark, und hat
er bisher davon einen Zinsertrag von 4%, also 40000 Mark, und hat er
ferner seinen Lebensstandard diesem Einkommen angepaßt, so wird er
wahrscheinlich bei einem Sinken des Zinsfußes bis auf 31/,% gewisse
Einschränkungen in seinen gewöhnlichen Ausgaben machen und sein
Budget auf die immer noch recht hübsche Ziffer von 35000 Mark beschränken.
 Eine fortlaufende Beschränkung würde ihm vielleicht noch
als möglich erscheinen, wenn der Zinsfuß auf 3% zurückginge. Nehmen
wir aber an, der Zinsfuß fiele auf 4,%, dann würde unser Millionär
sicher die Reduktion seines Jahreseinkommens Vollständig unerträglich
finden und es vorziehen, statt von lumpigen 5000 Mark zu leben, sein
= 2) Vgl. Marshall: Principles, Book V, Ch. Ill, 8 2 und Book Vi, Chi Hy 84

21€
        <pb n="233" />
        Zu Kap. VI. Der Kapitalzins.
Käpital allmählich zu verzehren. Rechnet er, daß er noch 25 Jahre
zu leben hat, kann er doch in dieser Weise wenigstens sein früheres
Einkommen von 40000 Mark genießen. Will er auch für seine Kinder
sorgen, wird er vielleicht eine Periode von 50 Jahren genügend finden
und sein Kapital in dieser Periode, also mit !/,, für jedes Jahr, verzehren.
 Das wird ihm immer noch einen Jahresunterhalt von 20000 Mark
— die Zinsen ungerechnet — liefern.
Aus diesem einfachen Beispiel erkennen wir, wie die Frage beantwortet
 wird, ob ein Rentner, der schon seine Zinsen vollständig verbraucht,
 bei sinkendem Zinsfuß auch sein Kapital verzehren soll. Das
Entscheidende ist offenbar die relative Vermehrung des Einkommens,
die er durch diese letzte Methode erzielen kann. Diese Vermehrungsquote
 wächst offenbar stark, sobald der Zinsfuß unter die gewöhnlichen
Sätze fällt. Im übrigen hängt sie aber auch wesentlich von der Länge
der Periode, für welche das Kapital reichen muß, ab. Je kürzer diese
Periode ist, desto mehr gewinnt der Rentner durch das Verzehren seines
Kapitals. Dies ist die Ursache, warum auch bei den tatsächlich herrschenden
 Zinssätzen viel Kapital von älteren Personen mit kleinen Vermögen
 durch Ankauf von Leibrenten verzehrt wird: sie gewinnen
durch das Verzehren ihres Kapitals eine bedeutende Erhöhung ihres
Jahreseinkommens.
Die relative Vermehrung des Jahreseinkommens durch Verbrauch
des Kapitals variiert also mit dem Zinsfuß, sowie auch mit der Länge
der Verbrauchsperiodel). Ob ein Verbrauch des Kapitals zustande
kommt, hängt natürlich in gewissem Umfang auch von der absoluten
Höhe des‘ Jahreseinkommens ab, das bei einfacher Verzinsung des
Kapitals erhalten werden kann. Die sehr reichen Leute würden wahrscheinlich
 ein Sinken des Zinsfußes länger vertragen können, ohne zum
Kapitalverbrauch zu greifen. Wir sehen auch heute, daß die Leibrente
vorzugsweise von Leuten mit relativ kleinem Kapital gewählt wird,
Wenn aber der Zinsfuß nur hinreichend tief sinkt, muß der Zinsertrag
auch der größten Kapitalien fürchterlich zusammenschrumpfen und
der Kapitalverbrauch als die einzig mögliche Rettung erscheinen.
Eine allgemeine Verbreitung der Gewohnheit, das Kapital in dieser
Weise zu verbrauchen, würde offenbar das Angebot von Kapitaldisposition
 so stark vermindern, daß jeder weitere Fall des Zinsfußes durch
die verschärfte Knappheit des Kapitals verhindert werden müßte. Besonders
 stark müßte sich diese Reaktion geltend machen, wenn der
Zinsfuß auf diejenigen Sätze herunterfiele wo der Kapitalverbrauch für
die Hauptmasse der Kapitalisten eine Vergrößerung des Jahreseinkommens
 auf mehr als das doppelte gestatten würde.
Jede Verlängerung der Verbrauchsperiode ist natürlich ein Moment,
1) Für einige Berechnungen hierüber siehe „Nature and Necessity of Interest‘,
p. 148 u. folg.

ZU
        <pb n="234" />
        8 25. Das Angebot von Kapitaldisposition. J21
das dem Kapitalverbrauch entgegenwirkt. Wenn die durchschnittliche
Lebensdauer der Menschen stark gesteigert würde, würde deshalb der
Zinsfuß erheblich weiter fallen können, als bei der tatsächlich vorherrschenden
 Lebensdauer möglich ist. Denken wir uns, daß die Menschen
mehrere hundert Jahre lebten, würde ein Kapitalverbrauch erst bei
Zinssätzen von einem Bruchteil eines Prozents in nennenswertem Umfang
 in Frage kommen. Von diesem Gesichtspunkt würde dann nichts
hindern, daß der Zinsfuß in ebensoviel pro Mille gerechnet werden
könnte wie jetzt in Prozenten. Die Abhängigkeit des Zinsfußes von der
Dauer des menschlichen Lebens tritt hier klar zutage.
Um den Einfluß der tatsächlich gegebenen Lebensdauer auf den
Zinsfuß näher kennenzulernen, müssen wir beachten, daß eine Erhöhung
 des Einkommens durch Kapitalverbrauch rationellerweise durch
Ankauf einer Leibrente erreicht wird. Der Vorteil des Kapitalverbrauchs
 zeigt sich dann noch größer, als wenn wir, wie oben, die Verbrauchsperiode
 als fest und von vornherein gegeben annehmen. Die
folgende Tabelle zeigt das Verhältnis zwischen derjenigen Leibrente,
die bei verschiedenem Alter mit einem gegebenen Kapital gekauft
werden kann, und der perpetuellen Rente, die man durch einfache Verzinsung
 des Kapitals erhält.
Man erkennt aus dieser Tabelle, daß der Vorteil des Kapitalverbrauchs,
 der bei hohem Zinsfuß für Leute mittleren Alters ziemlich
unbedeutend ist, mit sinkendem Zinsfuß immer stärker und auch für
jüngere Personen ins Gewicht fällt. Denken wir uns, daß die Möglichkeit,
 das Einkommen durch Ankauf einer Leibrente zu verdoppeln,
einen Kapitalverbrauch in gewissem Umfang veranlaßt, so wird ein
“Alter beim
Kauf der Zinsfuß
Leibrente
1A 1%| 2% 2%! 3% 3%) 4% | 5% | 6% | 7% | 8%
10; M 2.74 | 2.06 10 [ 1.43 | 1.28 Bun 16° re] a
20 ‚3.09 | 2.29 | 1.90 | 1 58 | 1.53.|.1.4311.1.35. 1.1.26 | 20.617 14413
30 | 3.59 / 2.62.12.15 | 1.69 | 1.561 1.47 1.34 1.26. 121.1.1.18
40 14.39 | 3.15 ı 2.55 | 11.95 | ı 78 ' 1.65 | 1.48 | 1.38 | 1.31 | 1.26
50 5.76! 4.07 3.24 . 2.41 2.18 2.00 |1./7 |. 1|1.50 | 1.42
. 60 18.27 | 5,77 ı 4.52 13.77 13.27 | 2.92 2.66 | 2.29 | 2.04 | 1.88 1.75
solcher Kapitalverbrauch bei einem Zinsfuß von 6% bei einem Alter
von 60 Jahren eintreten, bei einem Zinsfuß von 4% schon bei 50 Jahren,
bei 27/,% schon bei 40 Jahren, bei 2% schon bei 30 Jahren, bei 1, %
schon bei 10 Jahren, d. h. praktisch für alle. Eine Verdreifachung
des Einkommens wird bei einem Zinsfuß von 3% schon in einem Alter
von etwas unter 60 Jahren, bei einem Zinsfuß von 21% schon in
einem Alter von. 55 Jahren, bei 2% schon früher als 50 Jahre, bei 117,%,

Tin
&amp;amp;
        <pb n="235" />
        A. Kap. VI. Der Kapitalzins.
schon früher als 40 Jahre möglich. Eine Verdreifachung des Einkommens
müßte aber unzweifelhaft für die Mehrzahl der Kapitalisten ein sehr
starkes Motiv zum Kapitalverbrauch sein, zumal wenn ihr gewöhnliches
 Einkommen durch das Sinken des Zinsfußes auf einen Bruchteil
seiner früheren Höhe zusammengeschrumpft wäre.
Welche Altersklassen besitzen nun unter modernen Verhältnissen
die Hauptmasse des Volksvermögens? Über diese sehr interessante
Frage gibt eine statistische Untersuchung des schwedischen Finanzministeriums
 über nachgelassene Vermögen einigen Aufschluß?!).  Obwohl
 diese Statistik in bezug auf die absoluten Ziffern wenig zuverlässig
ist, dürften jedoch die Berechnungen über die relative Verteilung des
Vermögens unter den verschiedenen Altersklassen der Wirklichkeit mit
einer für unseren Zweck genügenden Genauigkeit entsprechen. Es ergibt
 sich aus diesem Materiale, daß in den Städten die Altersklassen
über 60 Jahre, auf dem platten Lande die Altersklassen über 50 Jahre
etwas mehr als die Hälfte des Gesamtvermögens besitzen. Approximativ
kann man berechnen, daß insgesamt die Altersklassen über 55 Jahre
etwas mehr als die Hälfte des Gesamtvermögens besitzen. Die Altersklassen
 über 40 Jahre besitzen in den Städten nicht weniger als 89,5%,
auf dem platten Lande 72,5% des Gesamtvermögens.
Hieraus können wir schließen, daß ein Zinsfuß, der für die Altersklassen
 von über 50 Jahren ein starkes Motiv zum Kapitalverbrauch
darstellt, das gesamte Kapitalangebot stark vermindern würde, und
daß ein Zinsfuß, der schon Altersklassen von 40 Jahren an zum Kapitalverbrauch
 veranlassen würde, überhaupt für den Bestand des gesellschaftlichen
 Kapitals verhängnisvoll werden müßte. Bei einem Zinsfuß
 von 212% kann aber das Einkommen schon für 50jährige im bedeutenden
 Verhältnis von 2,7, für 60jährige sogar im Verhältnis von
3,8 vergrößert werden. Ein solcher Zinsfuß müßte demnach unzweifelhaft
 eine starke Kapitalverzehrung veranlassen. Bei einem Zinsfuß von
1!/,% kann das Einkommen für 40jährige mehr als verdreifacht, für
50 jährige vervierfacht, für 60 jährige beinahe versechsfacht werden, und
würden also die Besitzer des weitaus größten Teiles des Gesamtvermögens
 eine sehr starke, zum Teil unwiderstehliche Veranlassung zum
Kapitalverbrauch haben. Wie ein solcher Zustand dauernd bestehen
könnte, ist eine Frage, deren Beantwortung denjenigen Propheten obliegt,
 die ein Sinken des Zinsfußes auf solche Sätze in Aussicht gestellt
haben.
Das Ergebnis unserer bisherigen Untersuchung ist, daß das Angebot
von Kapitaldisposition vom Zinsfuß abhängt, und zwar im allgemeinen
mit ihm sinkt. Innerhalb der Grenzen der gewöhnlichen Bewegungen
des Zinsfußes tritt diese Abhängigkeit weniger deutlich hervor. Würde
1 ı) Bouppteckningar efter avlidna, Stockholm 1910.

2922
        <pb n="236" />
        8 26. Die Bestimmung des Zinsfußes. 223
dagegen der Zinsfuß auf 2% oder gar darunter fallen, so würde sich
das Angebot von Kapitaldisposition sehr stark vermindern.
Dieses Angebot ist, wie wir gesehen haben, gleich dem Unterschied
zwischen Sparen und Überkonsumtion. Bei jedem denkbaren Zinsfuß
würden sich diese beiden entgegengesetzten Wirtschaftsrichtungen
geltend machen: kein Zinsfuß ist so hoch, daß er eine Überkonsumtion,
also einen Verbrauch von Kapital oder von künftigem Einkommen
vollständig verhindern würde. Es gibt immer Fälle, wo mehrere hundert
Prozent gern bezahlt werden, wenn eine gegenwärtige Bedürfnisbefriedigung
 nicht unter günstigeren Bedingungen durch Aufopferung
einer künftigen gekauft werden kann. Anderseits ist kein Zinsfuß niedrig
genug, um jedes weitere Sparen zu verhindern. Auch wenn auf keine
Verzinsung zu rechnen wäre, würden Massen von Leuten Einkommensteile
 für künftige Bedürfnisse zurücklegen und Kapitalisten nicht ihr
gesamtes Kapital augenblicklich konsumieren.
Gegenwart und Zukunft haben also für verschiedene Wirtschaften
sehr verschiedene Bedeutung. Es ist nicht möglich, die in dieser Beziehung
 unendlich wechselnden Verhältnisse durch eine einfache Formel,
etwa als eine allgemeine Unterschätzung künftiger Bedürfnisse oder
künftiger Güter im Verhältnis zu gegenwärtigen zu beschreiben. Das
jeweilige Angebot von Kapitaldisposition ist durch die Handlungsweise
der verschiedenen Wirtschaften beim gegebenen Zinsfuß bestimmt, geht
als Resultante aus der großen Mannigfaltigkeit von einander teilweise
entgegenwirkenden Kräften hervor. Diese Resultante kann aber nicht
im allgemeinen angegeben werden, sondern bezieht sich wesentlich auf
einen bestimmten Zinsfuß und verändert sich mit dem Zinsfuß. Wenn
also das Angebot von Kapitaldisposition eine Funktion des Zinsfußes
ist, kann die Bedeutung dieses Angebots für den Zinsfuß offenbar nur
in der Art, in welcher das Angebot gegen Veränderungen des Zinsfußes
reagiert, liegen, also auch nur durch die Form derjenigen Funktion, die
die Abhängigkeit des Angebots vom Zinsfuß darstellt, angegeben werden.
Die Zinstheorie erfordert eine Kenntnis der allgemeinen Form dieser
Funktion und kann sich gar nicht mit einer unbestimmten Versicherung,
 daß die Resultante der vielen verschiedenen Schätzungen der
Zukunftsgüter in Gegenwartsgütern eine Unterschätzung der Zukunftsgüter
 ist, begnügen.
8 26. Die Bestimmung des Zinsfußes.
Sobald wir den Zins als den Preis der Kapitaldisposition auffassen
ist die Stellung des Zinses im allgemeinen Preisbildungsprozeß unmittelbar
 klar: der Zins hat wie jeder andere Preis die sozialökonomische
Funktion, die Nachfrage so weit zu beschränken, eventuell auch das

&amp;gt; n
        <pb n="237" />
        200 Kap. VI. Der Kapitalzins.
Angebot so weit zu stimulieren, daß die Nachfrage durch das Angebot
gedeckt werden kann. Die Aufgabe der Zinstheorie wird damit auf eine
Untersuchung der Art, in welcher Nachfrage bzw. Angebot von Kapitaldisposition
 mit dem Zinsfuß variiert, zurückgeführt. Diese Untersuchung
 ist in den beiden letzten Paragraphen durchgeführt worden.
Es hat sich gezeigt, daß das Angebot von Kapitaldisposition innerhalb
der gewöhnlichen Grenzen der Variationen des Zinstußes nur wenig
vom Zinsfuß beeinflußt wird, relativ fest ist. Die Hauptaufgabe des
Zinsfußes liegt unter solchen Verhältnissen in der notwendigen Begrenzung
 der Nachfrage nach Kapitaldisposition, also in erster Linie in der
Begrenzung der Nachfrage nach den Diensten der dauerhaften Güter,
zweitens aber auch in der Begrenzung der Tendenz, Dienste dauerhafter
Güter oder, allgemeiner, Kapitaldisposition für andere Produktionsmittel
zu substituieren. Die erste Art der Begrenzung richtet sich direkt gegen
die Konsumtion, während sich die zweite auf die Wahl der Produktionsmethode
 bezieht. Die Nachfrage nach Kapitaldisposition ist nun, wie
aus ‘unseren Untersuchungen hervorgegangen ist, so stark, daß Sie
nur durch einen Zinsfuß in der gewöhnlichen Höhe hinreichend beschränkt
 werden kann. Jedes Nachlassen dieses Druckes wird eine große
neue Nachfrage frei machen, die mit der zur Verfügung stehenden
Menge von Kapitaldisposition nicht befriedigt werden kann, auch nicht
wenn die Herabsetzung des Zinsfußes keine Verminderung dieser Menge
veranlassen würde. Hierin liegt unter gewöhnlichen Verhältnissen die
wesentliche Ursache, warum der Zinsfuß nicht niedriger sein kann, als
er tatsächlich ist.
Da man das Zinsproblem oft, vielleicht meistens, als ein ethisches
statt als ein wirtschaftliches Problem behandelt hat, ist die Frage,
warum die Kapitalisten bezahlt werden sollen, in den Vordergrund gestellt
 worden. Es ist gegen die Kapitalisten die Anklage erhoben worden,
daß sie durch ihre Ansprüche auf Verzinsung ihres Kapitals die Gesellschaft
 plündern, oder man hat wenigstens an die Kapitalisten die
Forderung gestellt, sie sollten sich mit einem niedrigeren Zinsfuß begnügen.
 Diese ganze Betrachtungsweise verliert ihre Grundlage, sobald
man das Zinsproblem als ein rein wirtschaftliches Problem behandelt,
Es zeigt sich dann, daß die eigentlichen Kapitalisten sehr wenig Einfluß
 auf die tatsächliche Gestaltung des Zinsfußes ausüben. Innerhalb
der Grenzen der gewöhnlichen Variationen des Zinsfußes stellen wohl
die Kapitalisten im ganzen wesentlich ebensoviel Kapital zur Verfügung
bei einem niedrigeren wie bei einem höheren Zinsfuß, Das Angebot von
Kapitaldisposition von dieser Seite verhält sich also ziemlich passiv
gegenüber den Veränderungen des Zinsfußes. Die Kapitalisten bilden
wohl die einzige wirtschaftliche Gruppe der modernen Gesellschaft,
die keine Organisation zur Verteidigung ihres gemeinsamen Interesses
hat. Sie beziehen einen Zins in der tatsächlichen Höhe, nicht weil sie

CE
za+
        <pb n="238" />
        8 26. Die Bestimmung des Zinsfußes. 225
sich durch irgendwelche Machtmittel diesen Zins erzwingen, ja nicht
einmal, weil sie es wollen, sondern einfach deshalb, weil es eine wirtschaftliche
 Notwendigkeit ist, die Nachfrage nach Kapitaldisposition zu
beschränken und weil diese Beschränkung nach den allgemeinen Prinzipien
 der Preisbildung der Tauschwirtschaft nur dadurch durchgeführt
werden kann, daß auf die Kapitaldisposition ein hinreichend hoher
Preis gesetzt wird. Denkt man sich, daß die Sparer ganz dieselbe Menge
Kapitaldisposition zur Verfügung stellen würden, auch wenn sie gar
keinen Zins erhielten, so würde dennoch der Zinsfuß nicht verschwinden.
Die Knappheit der zur Verfügung stehenden Menge von Kapitaldisposition
 würde immer eine Beschränkung der Nachfrage durch einen angemessenen
 Zinsfuß notwendig machen. Die Existenz des Zinses ist
also von der Forderung der Kapitalisten, einen Zins zu bekommen,
wesentlich unabhängig. Eine andere Sache ist, daß bei stärkerer Sparsamkeit
 der Zinsfuß niedriger sein könnte. Die Fürsprecher eines
niedrigen Zinses müßten demnach logischerweise ihren Eifer nicht
gegen die Sparer, sondern gegen die Nichtsparer, also gegen den überflüssigen
 Verbrauch in der privaten wie in der öffentlichen Wirtschaft,
wenden.
In Zeiten, wo eine starke Volksvermehrung, die Erschließung neuer
Gebiete, gesteigerte Ansprüche auf Bequemlichkeit der Wohnung, auf
Straßen- oder Eisenbahnen, auf verschiedene elektrische Anlagen usw.,
oder neue Erfindungen, die Handarbeit durch Maschinenarbeit ersetzen,
 verstärkte Ansprüche auf Anwendungen dauerhafter Güter, also
auf Kapitaldisposition stellen, in solchen Zeiten steigt der Zinsfuß.
Oft wird dann in der Geschäftswelt stark darüber geklagt, daß die
Banken durch ihre hohen Zinssätze die Unternehmungslust erdrücken
und die wirtschaftliche Entwicklung hemmen. Die Sozialpolitiker
klagen darüber, daß die hohen Zinsforderungen der Kapitalisten ihre
Bestrebungen für die Volkswohlfahrt, z. B. das Bauen von Arbeiterwohnungen
 oder die Beförderung der Ansiedlung erschweren, die Gemeinden
 finden sich in ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit ungebührlich
beschränkt, das Publikum verwirft eine Zinspolitik, die der Verwirklichung
 ihrer Forderungen auf neue Bequemlichkeit, wie Eisenbahnen
und ähnliche Einrichtungen, im Wege steht. Alle diese Klagen stammen
aus derselben falschen Auffassung, nach welcher das Angebot von
Kapitaldisposition einen bestimmenden Einfluß auf den Zinsfuß ausübt,
 zeugen von einer mangelnden Einsicht in die wirtschaftliche Auf
gabe des Zinses, die doch eben darin liegt, daß er die gesamte wirtschaftliche
 Tätigkeit, welche Ansprüche auf Kapitaldisposition stellt,
in gewissen Schranken hält. Der Zinsfuß soll eben in solchen Zeiten
die_ Unternehmungslust...dämpfen,...den...wirtschaftlichen Fortschritt
bremsen. Die unumgängliche Notwendigkeit einer solchen Preisbildung
liegt in der Knappheit der zur Verfügung stehenden Kapitaldisposition,
Cassel, Theoret. Sozialökonomie. x. Aufl.

15
        <pb n="239" />
        Z Kap. VI. Der Kapitalzins.
Eben dadurch, daß der Zinsfuß die wechselnde Nachfrage nach Kapitaldisposition
 stets in Übereinstimmung mit der knappen Menge derselben
hält, wird der Zinsfuß der allgemeine Regulator der Auf- und Niedergangsbewegungen
 des Wirtschaftslebens, dessen durchgreifende Bedeutung
 wir erst im letzten Buche dieser Arbeit näher kennen lernen
können.
_ Diese Ergebnisse unserer Untersuchung über die Bestimmungsgründe
 des Zinses zeigen, wie wenig die gewöhnliche Auffassung des
Zinses als „Kosten‘“ im Sinne Marshalls, also als ein Preis, der bezahlt
 werden muß, um die Sparer für das Opfer des „Wartens“ zu
entschädigen, den Kern der Sache trifft. Marshall muß, um seine
Auffassung des Begriffs der Kosten aufrechtzuerhalten, ein gewisses
Gewicht auf die Annahme legen, daß eine Steigerung des Zinsfußes eine
Tendenz zur Vermehrung des Umfangs des Sparens hat!). Es ist möglich,
 vielleicht auch wahrscheinlich, daß eine solche Tendenz sich in
Wirklichkeit geltend macht. Aber es ist keineswegs notwendig, daß
es sich so verhält. Die ganze Theorie der Preisbildung und natürlich
auch die der Verteilung, die doch nur eine Seite der Theorie der Preisbildung
 ist, muß in ihren wesentlichen Formen dieselbe bleiben, auch
wenn der Umfang des Sparens unabhängig vom Zinsfuß wäre. Eine
kleine und jedenfalls nur quantitative Veränderung eines Faktors der
Preisbildung darf nicht unsere Auffassung der Natur dieses 'Faktors
oder gar unsere Darstellung des ganzen Mechanismus der Preisbildung
beeinflussen.
Im ersten Buche haben wir die Mengen der verschiedenen elementaren
 Produktionsmittel, die in jeder Einheitsperiode zur Verfügung
stehen, als gegeben angenommen. Diese Voraussetzung wird jetzt mit
Bezug auf die Kapitaldisposition aufgegeben. Anstatt dessen nehmen
wir nunmehr an, daß die Menge der in jeder Einheitsperiode zur Verfügung
 gestellten Kapitaldisposition bestimmt ist, sobald der Preis der
Kapitaldisposition, also der Zins, gegeben ist. Für die Lösung des allgemeinen
 Preisbildungsproblems ist diese Voraussetzung gleichwertig.
Denn bei unserer Behandlung dieses Problems werden ja die Preise
der Produktionsmittel zunächst als gegeben angenommen und dann die
Bedingungen hergeleitet, welche diese Preise bei Gleichgewicht erfüllen
müssen. Einer dieser Preise ist jetzt der Zins.
Nun haben wir im dritten und vierten Kapitel annehmen müssen,
daß die Geldsummen, die für den Verbrauch resp. für das Sparen in
jeder Einheitsperiode zur Verfügung stehen, mit den Preisen der Produktionsmittel
 gegeben sind. Auf die besondere Stellung des Zinses
konnten wir dabei keine Rücksicht nehmen. Als Preis eines Prodüuktionsmittels
 ist der Zins ein Element in der Einkommensbildung, sowie auch
77 a) Book VISCh: A176 4;

226
        <pb n="240" />
        $ 26. Die Bestimmung des Zinsfußes. 027
in der Preisbildung für fertige Güter, und er hat ‘in dieser Eigenschaft
denselben Einfluß, wie die Preise der übrigen Produktionsmittel auf
den Umfang des Verbrauchs, resp. des Sparens. Der Zins hat aber
daneben einen spezifischen Einfluß auf den Spargrad, und, wenn auch
dieser Einfluß bei den gewöhnlich herrschenden Zinssätzen nicht besonders
 aktuell ist, muß er doch in unserer allgemeinen Erklärung
des Preisbildungsmechanismus seinen bestimmten Platz haben. Dies
bereitet aber jetzt keine neue Schwierigkeit, da diese Erklärung jedenfalls
 mit der Annahme gegebener Preise der elementaren Produktionsmittel,
 also auch eines gegebenen Zinsfußes, beginnt.
Wenn wir von dieser Annahme ausgehen, ist also die fortlaufende
Kapitalbildung, sowie auch der Prozentsatz des Fortschritts als bekannt
 aufzufassen. Dieser Prozentsatz bestimmt wieder die stetige
Steigerung der künftigen Nachfrage und damit die Ansprüche auf die
in der gegenwärtigen Einheitsperiode vorhandenen Produktionsmittel,
welche von dieser Nachfrage ausgehen. Da diese Ansprüche gleich
den zur Verfügung stehenden Mengen sein müssen, ist das ganze Preisbildungsproblem
 bestimmt. Damit ist aber auch der Fortschritt bestimmt.
 Die ganze Richtung der Wirtschaft, das heißt die relative Verteilung
 der wirtschaftlichen Bemühungen auf Gegenwart und Zukunft,
oder richtiger auf eine nähere und eine fernere Zukunft, erscheint also
als eine Seite des großen Preisbildungsprozesses, wodurch die Tauschwirtschaft
 in Gleichgewicht gehalten wird.
Den ausschlaggebenden Einfluß auf diese Richtung der Wirtschaft
hat natürlich die Sparsamkeit der Bevölkerung. Das Tempo des Fortschritts
 wird in einer auf dem Boden des Privateigentums stehenden
Gesellschaft von der Rücksicht bestimmt, die ihre Mitglieder in ihrer
privaten Wirtschaftsführung auf die Zukunft nehmen. Ist nun die
Sparsamkeit einer Gesellschaft sehr groß, so wird Kapitaldisposition für
eine bedeutende Vermehrung des Realkapitals zur Verfügung gestellt,
und die Nachfrage nach Kapitaldisposition braucht nicht durch hohe
Zinssätze eingeschränkt zu werden. Eine solche Gesellschaft befindet
sich in einem starken Fortschritt. Umgekehrt natürlich bei niedriger
Sparsamkeit. Tiefgehende Veränderungen in der Sparsamkeit würden
also sowohl auf den Zinsfuß wie auf den Fortschritt einen sehr starken
Einfluß ausüben,
Wäre die Sparsamkeit so unbedeutend, daß die Bevölkerung auch
bei einem hohen Zinsfuß im ganzen keine neue Kapitaldisposition zur
Verfügung stellte, so würde die Gesellschaft in einer stationären Wirtschaft
 stehenbleiben. Dabei müßten offenbar die Ansprüche an Kapitaldisposition
 sehr stark beschränkt werden und für diesen Zweck wäre
eben ein sehr hoher Zinsfuß erforderlich. Bei den tatsächlich vorhandenen
 Möglichkeiten zu lohnender Verwendung von Kapitaldisposition
für eine bessere Bedürfnisbefriedigung ist eine stationäre Wirtschaft

27
15*
        <pb n="241" />
        22 Kap. VI. Der Kapitalzins.
sicher nur bei einem Zinsfuß möglich, den die heutige Menschheit als
außerordentlich hoch betrachten würde.
Nachdem wir in dieser Weise die Stellung des Zinses im Preisbildungsprozeß
 festgestellt haben, ist es verhältnismäßig leicht, die
Wirkungen, welche verschiedene äußere Faktoren auf den Zinsfuß
ausüben, zu überblicken.
Mit der Entwicklung zu höherer Kultur machen sich gewisse Tendenzen
 geltend, die in der Richtung einer Verstärkung des Angebots
von Kapitaldisposition gehen. Dahin gehört vor allem die wachsende
Sicherheit des Lebens und des Eigentums, die besonders unter der
neueren staatlichen Entwicklung stark hervortritt und die natürlich
die Fürsorge für die Zukunft sehr befördert. Für diese Fürsorge ist
aber auch die ganze ökonomische Entwicklung von Bedeutung gewesen.
 Das dauerhafte Wohnhaus und der Ackerbau haben wohl das
größte Verdienst an der ersten Erziehung des Menschen zu wirtschaftlicher
 Voraussicht und Planmäßigkeit. Das Hereinziehen der Zukunft
in die wirtschaftlichen Berechnungen der Gegenwart ist später durch
die stets wachsende Bedeutung der dauerhaften Güter in der menschlichen
 Wirtschaft befördert worden. In derselben Richtung wirkt die
Verlängerung der Lebensdauer, die besonders dem neueren Fortschritt
der Hygiene zu verdanken ist. Wer damit rechnet, daß er noch 30 Jahre
leben kann, muß in ganz anderer Weise als derjenige, der wahrscheinlich
etwa nur auf 10 bis 15 Jahre rechnen kann, willig sein, für seine künftige
Versorgung etwas von den jetzigen Bedürfnissen zu opfern.
Gleichzeitig mit dieser das Angebot von Kapitaldisposition verstärkenden
 Entwicklung findet aber auch eine stetige Steigerung der
Ansprüche auf Kapitaldisposition für Ausnutzung dauerhafter Güter
statt. Die Quellen dieser Ansprüche sind im vorhergehenden ausführlich
 dargestellt. Diese Ansprüche auf Kapitaldisposition sind immer
mit solcher Stärke gewachsen, daß sie zu keiner Zeit haben völlig befriedigt
 werden können. Eine Knappheit der Kapitaldisposition hat
immer bestanden und einen Zins notwendig gemacht.
Ein Vergleich der Entwicklung des Angebots und der Nachfrage
von Kapitaldisposition stellt außer Zweifel, daß die erste weit stetiger
gewesen ist als die zweite. Die Umbildung der wirtschaftlichen Gewohnheiten
 der Menschen, ihre Erziehung zu größerer Rücksicht auf
die Zukunft, ist notwendig ein langsamer Prozeß, der, obwohl er auch
zu gewissen Zeiten — ganz besonders, wie wir nunmehr wissen, in
einer Inflationsperiode! — Rückschlägen ausgesetzt gewesen ist, doch im
ganzen ziemlich stetig verläuft. Die Nachfrage nach Kapitaldisposition
steigert sich dagegen meistens sprunghaft, um dann für eine Zeit wieder
etwas nachzulassen. Die Steigerungen werden eben wesentlich von
solchen zufälligen Umständen wie Erfindungen, Fortschritten auf dem

128
        <pb n="242" />
        8 26. Die Bestimmung des Zinsfußes. „29
Gebiet des Verkehrswesens, Eröffnungen neuer Länder infolge von Entdeckungen
 oder politischer Ereignisse veranlaßt. Es folgt aus diesen
Verhältnissen, daß für kürzere Perioden der Einfluß der Nachfrage auf
den Zinsfuß in den Vordergrund treten muß: die Schwankungen des
Zinsfußes in solchen Perioden sind in der Regel den Veränderungen der
Nachfrage nach Kapitaldisposition zuzuschreiben. Überblicken wir dagegen
 längere Perioden, so wird ein wirklicher Einfluß des Angebots
von Kapitaldisposition auf den Zinsfuß ohne Zweifel hervortreten: die
wachsende Fürsorge für die Zukunft, welche der Fortschritt der Kultur
zur Folge gehabt hat, hat wohl im Laufe der Jahrhunderte einen gewissen
 Niedergang des Zinsfußes möglich gemacht, ein Vorgang, der noch
heute beobachtet werden kann, wenn halbzivilisierte Länder in den Kreis
der Zivilisation einbezogen werden. Freilich stellt dieses Sinken des
Zinsfußes bei weitem nicht eine so einseitige und ausgeprägte Bewegung
dar, wie man zuweilen hat geltend machen wollen. Das Sinken des
Zinsfußes infolge zunehmender Sparsamkeit ist vor allem aber keine
unbeschränkte Tendenz, von welcher wir eine Fortsetzung erwarten
können, es wird vielmehr, wie im vorigen Paragraphen nachgewiesen,
schon jetzt von starken Kräften gehemmt und hat sicher nur noch einen
ziemlich engen Spielraum.
Auf Grund dieser allgemeinen Tatsachen ist nun eine Erklärung derjenigen
 Veränderungen des Zinsfußes, die wir historisch statistisch feststellen
 können, möglich, vorausgesetzt, natürlich daß wir alle diejenigen
Faktoren kennen, die nach der vorhergehenden Analyse einen Einfluß
auf den Zinsfuß ausüben. Für kürzere Perioden werden, wie gesagt, die
Tendenzen, die sich auf der Seite der Nachfrage nach Kapitaldisposition
geltend machen, die Bewegungen des Zinsfußes wesentlich bestimmen.
In der wechselnden Nachfrage nach dauerhaften Gütern, also in der
wechselnden Produktion von festem Realkapital, haben wir folglich die
Ursachen der gewöhnlichen Schwankungen des Zinsfußes zu suchen.
Da der Zinsfuß umgekehrt diese Nachfrage reguliert, wird die ganze
Bewegung des Wirtschaftslebens als eine fortgesetzte Wechselwirkung
zwischen Zinsfuß und Produktion von festem Kapital erscheinen. Das
nähere Studium dieser Wechselwirkungen, die wir als Konjunkturbewegungen
 bezeichnen, gehört der Dynamik des Wirtschaftslebens an
und wird der Gegenstand unseres vierten Buches sein.
Die Erklärung vom Schwanken des Zinsfußes ist die eine Hauptaufgabe
 der Zinstheorie. Die andere ist die Beantwortung der Frage,
inwiefern der Zins eine notwendige Erscheinung ist oder etwa nur ein
zufälliges Ergebnis der Verhältnisse unserer Zeit oder der Einrichtungen
unserer bestehenden Wirtschaftsordnung.
Zu dieser Frage haben wir folgendes zu bemerken. Ein Sinken
des Zinsfußes wesentlich unter die jetzt gewöhnliche Höhe würde,
wie im vorhergehenden nachgewiesen, einerseits die Nachfrage nach

‘
        <pb n="243" />
        ZU) Kap. VI. Der Kapitalzins.
Kapitaldisposition gewaltig steigern, andererseits das Angebot derselben
wesentlich. vermindern. Diese entgegenwirkenden Tendenzen, die beide
bei einem niedrigen Zinsfuß sehr stark sind, müssen das Sinken des
Zinsfußes sehr bald hemmen. Denken wir uns nur für einen Augenblick,
 daß‘ ein Zinsfuß von 21% in der ganzen Welt für eine längere
Zeit bestände. Unsere Untersuchungen lassen keinen Zweifel übrig,
daß ein solcher Zinsfuß ganz enorme Ansprüche auf Kapitaldisposition
für sehr kostbare Anlagen und Bauten aller Art erwecken würde, gleichfalls
 aber, daß er einen Kapitalverbrauch der kleineren und mittleren
Kapitalisten in großem Umfang hervorrufen würde. Man braucht
nicht lange über diese Verhältnisse nachzudenken, um klar einzusehen,
daß die entgegenwirkenden Tendenzen, die durch eine Zinshöhe wie
die genannte hervorgerufen werden würden, eine solche Kraft besitzen,
daß die fortdauernde Aufrechterhaltung des angenommenen Zinsfußes
yollständig unmöglich erscheint.
Am Ende des letzten Jahrhunderts haben verschiedene Umstände
darauf hingewirkt, den Zinsfuß ziemlich stark herabzudrücken. Der Tiefpunkt
 wurde Mitte der neunziger Jahre erreicht. Daß diese temporäre
Bewegung in der allgemeinen Volksmeinung die Vorstellung erweckte,
der Zinsfuß hätte eine natürliche Tendenz zum Sinken, ist kaum zu
verwundern. Daß aber diese Vorstellung auch von der nationalökonomischen
 Wissenschaft aufgenommen und von den namhaftesten Vertretern
 der Wissenschaft als Ergebnis der Forschung hingestellt wurde,
das gereicht wahrlich der ökonomischen Wissenschaft nicht zu besonderer
 Ehre. Relativ vorsichtig drückt sich Schmoller aus, wenn er
als „nicht undenkbar“ hinstellt, „daß der Zinsfuß, wie er im 18. Jahrhundert
 auf 3, im 19. auf 234 und 2%, fiel, so im 20. Jahrhundert unter 2,
ja bis auf 1!/,% sinkt‘1). Dieser Schluß, daß, weil eine Bewegung stattgefunden
 hat, sie wahrscheinlich auch in derselben Richtung fortgehen
wird, ist wissenschaftlich wahrlich nicht begründet. Es ist auch kein
Grund dafür angegeben, warum der Bewegung eben bei einem Zinsfuß von
11/,% eine Grenze gesetzt wird. Unsere Analyse hat im Gegensatz zu
solchen Vermutungen gezeigt, daß alle Wahrscheinlichkeit entschieden
gegen die Annahme spricht, daß ein Zinsfuß von 1!/,% erreicht werden
könnte. Ehe man eine solche Entwicklung als wahrscheinlich bezeichnet,
sollte man sich doch klar machen, wie ein Zustand aufrechterhalten
werden könnte, bei dem die Besitzer des weitaus größten Teils des gesamten
 Vermögens durch Kapitalverbrauch ihr Einkommen mehr als
verdreifachen, meistens sogar in noch stärkerem Grade vermehren
könnten, und wo gleichzeitig die Begrenzung, die die heutigen Zinssätze
der Nachfrage nach dauerhaften Gütern und den Ansprüchen der Technik
setzen, n hohem Grade abgeschwächt wäre. Natürlich kann man nicht
behaupten, daß ein Zinsfuß von 1!,% absolut unmöglich ist. Was be-1)
 Grundriß II. Teil, p. 208.

&amp;gt;30
        <pb n="244" />
        $ 26. Die Bestimmung des Zinsfußes. 1
deutet aber eine gesellschaftliche Entwicklung, die einen solchen Zinsfuß
 ermöglichen sollte? Soweit wir sehen können, ein beinahe vollständiges
 Aufhören, sowohl des Bevölkerungszuwachses wie auch jedes
solchen wirtschaftlichen Fortschritts, der größere Ansprüche auf dauerhafte
 Güter stellt, und außerdem noch eine Verlängerung der menschlichen
 Lebensdauer, groß genug, um den Kapitalverbrauch auch bei
einem so niedrigen Zinsfuß innerhalb der nötigen Grenzen zu halten.
Bei der jetzigen Lebensdauer der Menschen und beim jetzigen
Tempo des Bevölkerungszuwachses und des technischen Fortschritts
kann aber der Zinsfuß überhaupt nicht wesentlich niedriger sein als er
tatsächlich ist. Diese Faktoren sind nämlich für den Zinsfuß die wesentlich
 bestimmenden. Ein durch äußere Umstände erzwungener Vvollständiger
 Stillstand des Wirtschaftslebens auf der ganzen Erde würde
natürlich den Zinsfuß wesentlich herabdrücken. Schon bei einem Satz
von 2% würde sich jedoch die Tendenz der Kapitalverzehrung so stark
geltend machen, daß es fraglich erscheint, ob das Angebot von Kapitaldisposition
 auch für den Beharrungszustand genügen würde. Die
Voraussetzung des Stillstandes ist aber an sich unmöglich. Denn die
Nachfrage nach Kapitaldisposition für Vermehrung des Realkapitals
ist beim tatsächlich herrschenden Zinsfuß wie bekannt sehr bedeutend.
Außerdem haben sich die ganze Nachfrage nach Gütern und die ganze
Technik einer gewissen Höhe des Zinsfußes angepaßt und müssen bei
niedrigerem Zinsfuß gründlich revolutioniert werden, nämlich in der
Richtung einer verstärkten Nachfrage nach dauerhaften Gütern und somit
 nach Kapitaldisposition.
Diese Erwägungen der tatsächlichen Bedingungen eines Sinkens
des Zinsfußes machen eine fortgesetzt niedersteigende Bewegung des
Zinsfußes, wie sie z. B. von Schmoller und noch mehr von anderen
Autoren vorausgesetzt wird, im höchsten Grade unwahrscheinlich. Bei
jedem kleinen Schritt herunter müßte eine weitere Herabsetzung des
Zinsfußes noch einer vielfach verstärkten Gegenwirkung begegnen.
Unter allen Umständen ist deshalb ein Zustand, wo der Zinsfuß gleich
Null wäre und also kein Zins mehr existierte, vollständig undenkbar.
Es ist im vorhergehenden wiederholt betont worden, daß eine Zinstheorie
 notwendig quantitativ sein muß, sie muß uns nicht nur erklären,
warum ein Zins existiert, sondern auch, warum er sich ungefähr in der
Höhe bewegt, die durch die tatsächlich verherrschenden Zinssätze angegeben
 wird. Die eine Erklärung kann nicht von der anderen verschieden
 sein: die Existenz des Zinses ist eben durch diejenigen Kräfte
bedingt, die den tatsächlichen Zinsfuß bestimmen. Eine Zinstheorie
muß uns also — um das Problem näher zu kennzeichnen — erklären,
warum der Zins in soundso viel Prozenten, nicht etwa ebenso gern
in ebensoviel pro Mille gerechnet wird. Warum bewegt sich der Zins
zwischen 3 und 4%, warum kann er sich nicht ebensogut zwischen

Gr
I
        <pb n="245" />
        &amp;lt; Kap. VI. Der Kapitalzins.
3 und 4 pro Mille bewegen? Eine Zinstheorie, die ebensogut für die
eine wie für die andere Zinshöhe paßt, ist im Grunde genommen keine
Zinstheorie, Die Frage ist im vorhergehenden beantwortet. Dabei ist
die Bedeutung der menschlichen Lebensdauer besonders hervorgehoben.
Auf den ersten Blick liegt nichts Selbstverständliches oder a priori
Wahrscheinliches in der Tatsache, daß der Zinsfuß zwischen 3 und 4%
variiert. Rechnen wir aber, anstatt mit dem Zinsfuß, mit der Zahl der
Jahresrenten, die für eine beständige Rente bezahlt wird, so können wir
die tatsächliche Zinshöhe so charakterisieren, daß wir sagen, eine
ewige Rente wird mit dem 25fachen bis 33fachen Betrag dieser Rente
bezahlt. Wenn die Sache in dieser Form ausgedrückt wird, liegt die
Annahme schon sehr nahe, daß ein gewisser Zusammenhang zwischen
Zinsfuß und Lebensdauer der Menschen besteht. Die Menschen, die in
‘dem Alter stehen, daß sie selbst über ihr Kapital verfügen, können
meistens nicht auf eine längere Lebensdauer als 25 bis 33 Jahre rechnen
und wollen deshalb meistens nicht wesentlich mehr als 25 bis 33 Jahresrenten
 opfern, um sich eine ewige Rente zu sichern. Wer einen Zinsfuß
von 1% als möglich annimmt, der nimmt in der Tat an, daß z. B. ein
Landgut, das eine Nettorente von 10000 Mark abwirft, mit einer Million
Mark bezahlt werden würde! Der Millionär kann aber, wenn er seine
Million verzehren will, für sein noch übriges Leben viel besser sorgen
als durch Kauf einer Jahresrente von 10000 Mark. Es ist in der Tat
vollständig unmöglich, anzunehmen, daß bei der jetzigen Lebensdauer
absolut dauerhafte Güter mit dem Hundertfachen oder auch mit dem
Fünfzigfachen ihres jährlichen Nettoertrags bezahlt werden würden. Ein
Zinsfuß von 1 pro Mille könnte nur bestehen, wenn Leute geneigt wären,
100000 Mark zusammenzusparen und dann wegzuwerfen, um sich eine
lumpige, wenn auch ewige, Jahresrente von 100 Mark zu sichern. Eine
solche Wirtschaftsführung kann sich aber höchstens ein Methusalem
gestatten.
Es soll zum Schluß noch hervorgehoben werden, daß, was hier
über die Möglichkeit eines Sinkens des Zinsfußes gesagt ist, natürlich
nur für den typischen Zinsfuß, den wir hier betrachten und der am
besten vom Zins für erste Hypotheken auf Grundstücken repräsentiert
wird, gilt, Daß der Zinsfuß für kurze Kapitaldisposition niedriger
sinken kann, ist unstreitig. Ist es doch schon vorgekommen, daß der
Privatdiskont auf den großen Börsenplätzen zufällig sogar unter 1%
hinabgesunken ist! Ein so niedriger Zinsfuß für kurze Kapitaldisposition
erklärt sich meistens daraus, daß die Geldgeber aus irgendwelchen
Gründen für den Augenblick ihr Kapital nicht gern binden, sondern es
lieber vorläufig bereithalten wollen, um eine günstigere Gelegenheit,
sei es für dauernde Kapitalinvestierung oder für Spekulationsgewinne
abzuwarten.

2392
        <pb n="246" />
        $ 27. Der Zins in der sozialistischen Gesellschaft. ;
8 27. Der Zins in der sozialistischen. Gesellschaft,
Durch die vorgehende Untersuchung ist wohl erwiesen, daß der
Zins eine notwendige Erscheinung unserer gegenwärtigen Tauschwirtschaft
 ist. Man könnte indessen meinen, daß die Existenz des Zinses
von den speziellen Formen unserer bestehenden Wirtschaftsordnung
bedingt sei, daß also in einer von diesen Formen befreiten Tauschwirtschaft
 der Zins möglicherweise wegfallen könnte. Es ist doch unverkennbar,
 daß das Streben der Unternehmer, dauerhafte Güter in immer
größerem Umfang für die Produktion in Anspruch zu nehmen, und die
Neigung der Kapitalisten, bei niedrigem Zinsfuß ihr Kapital zu verzehren,
 auf die Gestaltung des Zinses einen wesentlichen Einfluß ausüben,
 ja, wenn man so will, daß der Zins seine eigentliche wirtschaftliche
 Aufgabe in der Begrenzung dieser Tendenzen hat. Es scheint
dann nicht ganz undenkbar, daß eine Tauschwirtschaft, die weder das
private Unternehmertum noch das Privateigentum an Kapital länger
kennt, sich in bezug auf die Notwendigkeit des Zinses in einer ganz
anderen Lage als unsere gegenwärtige Tauschwirtschaft befinden würde.
Eine solche Vorstellung würde aber eine ganz schiefe Auffassung
vom Wesen des Zinses bezeugen. Wir haben in unseren bisherigen
Untersuchungen das Zinsphänomen in Zusammenhang mit den tatsächlich
 gegebenen wirtschaftlichen Verhältnissen betrachtet. Dieses
Verfahren ist für eine Darstellung, die vor allem die konkrete Wirklichkeit
 erfassen will, nur natürlich. Dabei mußte der Zins in Beziehung zu
den Tendenzen, die sich in der Handlungsweise der Unternehmer und der
Kapitalisten geltend machen, gesetzt, also auf Momente zurückgeführt
werden, die von der speziellen Form unserer bestehenden Wirtschaftsordnung
 abhängig erscheinen. Hinter diesen Tendenzen liegen aber
Wesentlichkeiten des menschlichen Lebens, die, obwohl in modifizierten
Formen, in jeder Tauschwirtschaft vorhanden sein würden. In der
Hauptsache würde deshalb der Zins auch unter anderer Organisation
der Tauschwirtschaft von denselben Kräften wie in der heutigen Wirtschaft
 bedingt sein. Für eine richtige Auffassung der tieferen Natur
dieser Kräfte und somit vom Wesen des Zinsproblems ist daher das
Studium des Zinses in einer sozialistischen Gesellschaftsordnung sehr
nützlich. Ein solches Studium gibt außerdem die beste Gelegenheit,
alte Wahnvorstellungen über die Natur des Zinses zu widerlegen.
Die Voraussetzungen, die hinsichtlich der Organisation der sozialistischen
 Tauschwirtschaft zu machen sind, sind früher näher angegeben
($ 15). Auch in einer solchen Wirtschaft bleibt die wesentliche Eigentümlichkeit
 der Tauschwirtschaft bestehen, nämlich die Freiheit der
Einzelwirtschaft in der Wahl ihrer Konsumtion innerhalb des Rahmens
ihres Einkommens. Diese Freiheit der Konsumtion ist es in erster Linie,
die einen Zins in jeder Tauschwirtschaft, somit auch in der sozialistischen

233
        <pb n="247" />
        Kap. VI. Der Kapitalzins.
Wirtschaft notwendig macht. Denn wenn für die Nutzungen der reproduzierbaren
 dauerhaften Güter Preise berechnet werden würden, die
lediglich die Vergütung für die Abnutzung, aber keinen Zins enthielten,
so würden die Ansprüche der Konsumenten auf solche Güter so. stark
wachsen, daß sie überhaupt nicht befriedigt werden könnten. Man
braucht nur an den Wohnungsbedarf bei einer Preisbildung ohne Zins
zu denken. Wollte die sozialistische Tauschwirtschaft eine solche Preisbildung
 durchführen, so würde sie sich vollständig unersättlichen Ansprüchen
 auf Wohnungen gegenübergestellt sehen. So auch auf anderen
Gebieten. In den Ansprüchen der Konsumenten liegt direkt oder indirekt
 eine Nachfrage nach Verwendung dauerhafter Güter, also eine
Nachfrage nach Kapitaldisposition, welche notwendig begrenzt werden
muß. Dies kann in der Tauschwirtschaft nur durch die Preisbildung,
also nur durch Berechnung eines Zinses geschehen. Aus diesem Grunde
müßte auch eine sozialistische Gesellschaft einen Zins berechnen. Dies
bedeutet, daß für jede Bedürfnisbefriedigung, die eine Kapitaldisposition
in Anspruch nimmt, ein Preis berechnet wird, der über die Arbeitsund
 sonstigen Kosten hinaus einen der Kapitaldisposition proportionalen
Zuschlag enthält. Dadurch werden die Preise der verschiedenen Güter
in sehr verschiedenem Grade verteuert, die Wohnungen wesentlich
mehr als die Kleider usw. Nur bei einer solchen Preisbildung ist es
möglich die zur Verfügung stehende Menge von Kapitaldisposition in
richtigen Verhältnissen auf die verschiedenen Zweige der Bedürfnisbefriedigung
 zu verteilen. Auch die sozialistische Gesellschaft kann
sich der Notwendigkeit einer solchen Preisbildung nicht entziehen.
Die Leitung der sozialistischen Tauschwirtschaft, die nach unseren
Voraussetzungen die ganze Leitung der Produktion in ihren Händen
hätte, müßte ferner beständig erwägen, welche Produktionsmethoden
die billigsten seien, besonders wie weit Kapitaldisposition für andere
Produktionsfaktoren substituiert werden sollte. Es wäre offenbar unmöglich
 diese Berechnung auf die Voraussetzung zu bauen, daß für die
Kapitaldisposition kein Preis in Betracht gezogen zu werden brauchte.
Denn ein solches Verfahren würde, wie aus unserer Diskussion dieses
Problems hervorgeht, die Leitung der Produktion auf vollständig unhaltbare
 Wege führen. Die sozialistische Gesellschaft würde deshalb
genötigt sein, ihren gesamten Produktionsberechnungen und damit
ihrer ganzen Leitung der Produktion einen bestimmten Zinsfuß zugrunde
 zu legen.
Wenn nun einmal ein Zinsfuß bestimmt wäre, so würde damit die
Wahl der Produktionsmethoden, folglich auch die Preise der fertigen
Güter und die Nachfrage der Konsumenten nach diesen Gütern und
somit endlich die gesamte Nachfrage nach Kapitaldisposition bestimmt
sein. Setzen wir voraus, daß diese Nachfrage in einem Jahre eine gewisse
 Vermehrung des Kapitals notwendig macht, so muß also die sozia-234
        <pb n="248" />
        $ 27. Der Zins in der sozialistischen Gesellschaft. 235
listische Gesellschaft das entsprechende Kapital sparen. Nun kann wohl
die sozialistische Gesellschaft innerhalb gewisser Grenzen ihre Sparsamkeit
 selbständig bestimmen. Sobald aber der Spargrad der Gesellschaft
feststeht, ist damit auch der Zinsfuß bestimmt, der notwendig ist, um
die Ansprüche auf Kapitaldisposition in Übereinstimmung mit dem so
festgestellten. Angebot zu bringen. Es folgt hieraus, daß der Zinsfuß
der sozialistischen Tauschwirtschaft gewissermaßen von dem Willen der
Leitung dieser Wirtschaft abhängt, insofern er nämlich vom Spargrad
abhängt. Daß die sozialistische Gesellschaft in diesem Sinne einen
gewissen Einfluß auszuüben vermag, ist eigentlich nur selbstverständlich,
 da sie den Umfang der Spartätigkeit zu bestimmen hat. Auch
für die sozialistische Gesellschaft gilt es, daß je sparsamer ein Volk ist
je niedriger kann der Zinsfuß sein. Unter keiner denkbaren Sparsamkeit
ist es aber der sozialistischen Gesellschaft möglich, der Notwendigkeit
eines Zinses auszuweichen. Die beim Zinsfuß Null hervortretenden
Ansprüche auf Kapitaldisposition sind einfach absolut unersättlich.
Wie hat nun die Leitung der sozialistischen Tauschwirtschaft zu
verfahren, wenn sie ein bestimmtes Sparen durchsetzen will? Offenbar
muß dies dadurch geschehen, daß die Preise der Güter, die an die Konsumenten
 übergehen, höher als die Arbeitskosten festgesetzt werden. Die
gesamten Ansprüche, welche die Konsumenten auf Grund ihrer geleisteten
 Arbeit stellen können, vermögen dann durch einen Teil des Gesamtergebnisses
 dieser Arbeit befriedigt zu werden. Die Leitung der Wirtschaft
 behält den anderen Teil, d. h. sie ist in der Lage, Produktivkräfte
 der Gesellschaft in gewissem Umfang auf die Produktion von
neuem Realkapital zu lenken. Die Kapitalbildung der sozialistischen
Gesellschaft besteht also in einer von der Leitung derselben durch
Preisaufschläge auf die fertigen Güter erzwungenen Unterkonsumtion
der Mitglieder der Gesellschaft und in einer dadurch ermöglichten
Freistellung von Produktivkräften für die Vermehrung des Realkapitals.

Die Spartätigkeit der sozialistischen Gesellschaft bedeutet somit ein
Opfer, welches den Konsumenten auferlegt wird, und es entsteht die
Frage, wieweit die Leitung der Gesellschaft in diesem ihren Anspruch
auf die Opferwilligkeit der Konsumenten gehen darf, m. a. W. wie hoch
der Spargrad gewählt werden soll. Dies ist, wie man sieht, eine für
die sozialistisch organisierte Tauschwirtschaft eigentümliche Frage.
Der Spargrad und somit das Tempo des Fortschritts wird in unserer
bestehenden Gesellschaft von der Wirtschaftsführung der ganzen Masse
von individuellen Haushaltungen bestimmt. In der sozialistischen
Gesellschaft ist die entsprechende Aufgabe in der Hand der Leitung
der Gesellschaft konzentriert. Dies ist der Unterschied. Es ist aber kaum
wahrscheinlich, daß diese Konzentration den gesellschaftlichen Sparwillen
 verstärkenund somit einen niedrigeren Zinsfuß ermöglichen würde.

CC
P
        <pb n="249" />
        236 Kap. VII. Die Bodenrente und die Preise der Naturmaterialien.
Siebentes Kapitel.
Die Bodenrente und die Preise der Naturmaterialien.
$ 28. Die Entwicklung der Rententheorie.
Sobald die Tauschwirtschaft so weit entwickelt ist, daß sie in
größerem Umfang und regelmäßig landwirtschaftliche Produkte mit
umfaßt, tritt die Erscheinung zutage, daß diese Produkte einen Preis
erreichen, der nicht nur die Arbeits- und Kapitalkosten deckt, sondern
darüber hinaus einen Gewinn liefert, der dem Besitzer des landwirtschaftlichen
 Bodens zufällt. Der Landwirt, der seinen eigenen Boden
bewirtschaftet, faßt wohl diesen Gewinn kaum als selbständiges Einkommen
 auf, stellt sich vielmehr sein ganzes Einkommen als Ergebnis
 einer besonders ergiebigen Produktion vor. Wo aber Land verpachtet
 wird, wirkt die Konkurrenz der Pächter dahin, daß sie für
sich nicht mehr als ein normales Entgelt ihrer produktiven Tätigkeit
in Anspruch nehmen können, den darüber hinaus erzielten Gewinn
aber dem Bodenbesitzer als Rente abtreten müssen. Damit erscheint
die Bodenrente als selbständige Einkommensart. Der Boden selbst erhält
 einen Preis, der den nach dem herrschenden Zinsfuß kapitalisierten
Betrag dieser Bodenrente darstellt. Wer danach Boden kauft, um ihn
selbst zu bewirtschaften, muß damit rechnen, daß er die Kaufsumme
verzinst, also einen Ertrag erzielt, der nicht nur normale Vergütung
seiner produktiven Tätigkeit, sondern auch die Bodenrente mit enthält.
Die steigende Verschuldung des Bodens macht eine solche Berechnung
immer zwingender. Die Bodenrente erscheint unter solchen Umständen
vom privatwirtschaftlichen Gesichtspunkt als ein Teil der Produktionskosten,
 der durch die Preise der Produkte gedeckt werden muß, und
es entsteht die Vorstellung, daß die Produkte durch die Bodenrente
verteuert werden. Es wird dann auch als ungerecht empfunden, daß eine
Gruppe von Bodenbesitzern nur kraft ihres Besitzes eines Gutes, das
die Natur frei zur Verfügung gestellt hat und das also nicht als Frucht
irgendwelcher produktiven Tätigkeit gelten kann, einen großen Teil
des gesellschaftlichen Einkommens an sich zu ziehen vermag, und es
werden demgemäß Forderungen auf Konfiskation oder wenigstens sehr
starke Besteuerung der Bodenrente gestellt. Andererseits wird auch
seitens der Landwirtschaft die Forderung gestellt, der Staat müsse durch
Zollschutzpolitik und andere Maßnahmen die Preise der landwirtschaftlichen
 Produktion so hoch halten, daß eine Deckung der Produktionskosten,
 zu welchen speziell auch die Bodenrente gerechnet wird, ermöglicht
 werden kann. Die landwirtschaftliche Bodenrente hat also eine
sehr bemerkenswerte Stellung-in-der-Preisbildung bekommen, und die
        <pb n="250" />
        8 28. Die Entwicklung der Rententheorie. 237
theoretische Ökonomie hat demgemäß auch dieser Einkommensart
stets besondere Aufmerksamkeit gewidmet.
Den Physiokraten, die die Fruchtbarkeit der Natur als einzig möglichen
 Grund des Überschusses der Produktion über die für dieselbe notwendigen
 Kosten betrachteten, schloß sich Ad. Smith am nächsten
an, indem er erklärte, daß in der Landwirtschaft die Natur zusammen mit
den Menschen arbeitet und den landwirtschaftlichen Arbeitern es ermöglicht,
 nicht nur gleich den Manufakturarbeitern einen ihrer eigenen
Konsumtion und dem Kapital mit seinem Profit entsprechenden Wert,
sondern darüber hinaus eine Rente für den Grundherrn zu produzieren.
Diese Rente kann nach Smith als das Produkt derjenigen Naturkräfte,
deren Benutzung der Grundherr dem Pächter zur Verfügung stellt, angesehen
 werden und wächst mit dem Umfang dieser Kräfte, d. h. mit
der natürlich oder künstlich gewonnenen Fruchtbarkeit des Bodens.
In der Manufaktur tut die Natur nichts, der Mensch alles, und das Produkt
 ist demgemäß beschränkt. In der Landwirtschaft dagegen schafft
die Mitwirkung der Natur einen Überschuß, nachdem alles, was als
das Werk des Menschen betrachtet werden kann, vergütet worden ist.
Deshalb ist auch die Anwendung des Kapitals in der Landwirtschaft für
die Gesellschaft bei weitem die vorteilhafteste?).
Diese Auffassung wurde von den späteren Vertretern der klassischen
 Nationalökonomie bekämpft. In England begann die beschränkte
Möglichkeit der heimischen Landwirtschaft, den Bedarf der Bevölkerung
an landwirtschaftlichen Produkten zu befriedigen, mehr und mehr zutage
 zu treten. Es war daher nur natürlich, daß die Aufmerksamkeit
auf die Beschränktheit des Bodens als Grund der Bodenrente gelenkt
wurde, und auf diese Auffassung ist dann auch die klassische Rententheorie
 aufgebaut. Ihre schärfste logische Vollendung hat dieselbe durch
Ricardo erhalten, und um die Ricardosche Grundrententheorie
als Zentrum dreht sich die ganze spätere Diskussion über das Rentenproblem.

Ricardo definierte die Rente als den Teil des Produkts des
Bodens, welcher an den Grundeigentümer für die Benutzung der ursprünglichen
 und unzerstörbaren Kräfte des Bodens bezahlt wird?®).
Damit will er den Teil einer Pachtsumme, der für die Benutzung eines
Realkapitals gezahlt wird, von der eigentlichen Bodenrente abscheiden.
Wenn Boden in Überfluß vorhanden ist, wird für die Benutzung desselben
 nichts bezahlt. Nur wenn bei steigender Bevölkerung der beste
Boden nicht länger hinreicht und also Boden von niedrigerer Fruchtbarkeit
 oder weniger vorteilhafter Lage, mit einem Worte Boden niedrigerer
Qualität, in Anspruch genommen werden muß, wird für die Benutzung
des Bodens erster Qualität eine Rente bezahlt, die vom Unterschied der
ı) Wealth of Nations, Book II, Ch. V.
?) Ricardo: Works, Ed. Mc Culloch p. 34.

Mn
x
        <pb n="251" />
        238 Kap. VII. Die Bodenrente und die Preise der Naturmaterialien.
Produkte, die mit einem gewissen Aufwand von Kapital und Arbeit auf
Boden erster und letzter Qualität gewonnen werden können, bestimmt
wird. Anstatt neuen Boden niedrigerer‘ Qualität unter Bewirtschaftung
zu nehmen, kann man unter Umständen sein Kapital auf eine intensivere
Bewirtschaftung des schon kultivierten Bodens anwenden. Eine Verdoppelung
 des auf diesem Boden verwendeten Kapitals wird aber keine
doppelte Ernte geben, sondern die Ernte nur in kleinerem Umfang
vermehren. Wenn es sich überhaupt lohnt, das zweite Kapital auf den
Boden zu verwenden, muß das erste Kapital einen Extragewinn abwerfen,
 der ebenfalls als Unterschied zwischen zwei mit einem bestimmten
 Aufwand gewonnenen Produktionsmengen eine Rente darstellt
und dem Bodenbesitzer zufällt. Bei steigender Bevölkerung müssen
also die landwirtschaftlichen Produkte in der einen oder anderen Weise
mit immer größerem Aufwand von Kapital und Arbeit produziert
werden. Die Rente ist der Überschuß des Produkts, das unter den vorteilhafteren
 Bedingungen produziert wird, über das unter den schlechtesten
 Bedingungen hergestellte-Produkt.
Der Preis des Produkts wird immer von den höchsten Produktionskosten
 bestimmt, die zur Deckung des Bedarfs noch aufgewendet werden
müssen. Wir können diese Kosten der Kürze halber als „„Grenzproduktionskosten‘‘
 bezeichnen. Eine Ausdehnung der landwirtschaftlichen
Produktion, die einen im Verhältnis zum Produkt größeren Aufwand
von Kapital und Arbeit notwendig macht, erhöht also den Preis des
Produkts. Das Produkt, das mit dem ersten Aufwand gewonnen wird,
steigt dann ebenfalls im Preis, und dieser höhere Preis ermöglicht die
Zahlung einer Rente. Die Ursache der Preissteigerung liegt darin,
daß die letzte Produktenmenge einen gesteigerten Aufwand erfordert,
nicht darin, daß der Grundeigentümer eine Rente beansprucht. Der
Preis wird von den Produktionskosten in dem Teile der Produktion,
in dem keine Rente bezahlt wird, bestimmt. Die Rente kann deshalb
nicht im geringsten Maße einen Teil des Preises ausmachen. Dieser
allgemeine Satz, daß die Bodenrente kein Element der Produktionskosten
 der landwirtschaftlichen Produktion bildet, ist nach Ricardo
ein Prinzip von der größten Bedeutung für die ökonomische Wissenschaft.
Wenn die Rente nach der Anschauung von Ad. Smith auf die Mitwirkung
 der Natur zurückzuführen wäre, müßte wohl die Rente mit
steigender Fruchtbarkeit steigen. Gerade das Gegenteil ist‘ nach
Ricardo der Fall. Wenn Verbesserungen in der Landwirtschaft erfunden
 werden, durch die auf demselben Stück Boden mit demselben
Aufwand von Kapital und Arbeit ein größeres Produkt gewonnen werden
kann, ist es nicht länger notwendig, so schlechten Boden wie vorher
für die Landwirtschaft zu benutzen oder so viel Kapital auf den besseren
Boden zu verwenden. Die Bebauungsgrenze erhöht sich wieder, und
die überschießende Produktenmenge, die unter günstigeren Verhält-
        <pb n="252" />
        8 28. Die Entwicklung der Rententheorie. 339
nissen gewonnen werden kann, wird vermindert, d. h. die Rente, in
Produktenmenge gerechnet, sinkt!). Da hierbei das Grenzprodukt
mit geringeren Kosten als früher hergestellt wird und also der Preis
fällt, sinkt die in Geld ausgedrückte Rente noch stärker.
Ricardo zieht aus seinen Untersuchungen den Schluß, daß eine
Steuer auf die reine Bodenrente ganz auf den Grundherrn fallen muß
und nicht von diesem auf andere übergewälzt werden kann. Er hätte
nämlich keine Möglichkeit, seine Renten zu erhöhen, da der Unterschied
im Produkt zwischen dem Boden niedrigster Qualität und dem Boden
irgendeiner höheren Qualität unverändert sein würde. Die Rentensteuer
 würde auch keine Preissteigerung des Produkts herbeiführen, da
dasjenige Produkt, das unter den schlechtesten Bedingungen produziert
wird und den Preis bestimmt, keine Rente zahlt und folglich auch nicht
von der Steuer getroffen wird.
Ricardo nimmt an, die Bebauung eines Landes beginne immer
mit dem besten Boden: erst mit steigender Bevölkerung muß auch
Boden niedrigerer Qualität in Anspruch genommen werden. ‚Diese Voraussetzung
 braucht nur zu bedeuten, daß Boden, der unter ‚den jeweilig
 herrschenden Bewirtschaftungsverhältnissen als der beste betrachtet
 wird, zuerst in Anspruch genommen werden muß. Das hindert
aber nicht, daß später andere Bodenqualitäten als die ergiebigsten befunden
 werden. Für die Analyse der Bodenrente spielt dieses Verhältnis
keine Rolle, wohl aber macht es die Ricardosche Annahme, daß mit
steigender Bevölkerung beständig Boden schlechterer Qualität bebaut
werden muß, etwas zweifelhaft.
Hauptsächlich im Anschluß an diese Grundrententheorie Ricardos
und unter dem Einfluß der ganz enormen Wertsteigerung des landwirtschaftlichen
 Bodens in England entwickelte sich eine der Grundrente
des Privatbesitzes feindlich gegenüberstehende Richtung, unter deren
englischen Vertretern Stuart Mill in erster Linie zu nennen ist. In
den Vereinigten Staaten, wo mit_der rasch steigenden Bevölkerung
eine überaus starke Grundrentenbildung stattfand und auch eine
Bodenspekulation in_ größtem Maßstab_sich entwickelte, fand diese
*) Dieser Schluß hängt natürlich davon ab, was man in die Voraussetzung steigender
 Fruchtbarkeit hineinlegt. Denkt man sich alle Produktenmengen mit demselben
 absoluten Betrag vermehrt, muß die in Produkteneinheiten gerechnete Rente
absolut sinken. So rechnet Ricardo in seinen Beispielen (vgl. p. 42—43). Denkt
man sich dagegen, daß alle Produktenmengen in derselben Proportion steigen, so
muß auch die Differenz zwischen zwei bestimmten Produktenmengen in derselben
Proportion steigen, was natürlich dem absoluten Sinken der Rente entgegenwirkt.
Das Verhältnis dieser Differenz zur größeren Produktenmenge muß dann unverändert
sein. Die Rente, betrachtet als relativer Anteil des Bodenbesitzers am Ertrag des
besseren Bodens, muß also jedenfalls bei einer in diesem Sinne steigenden Fruchtbarkeit
 sinken. 7So scheint Ricardo an anderen Stellen zu verstehen zu sein (vgl.
p. 44. 246, 252)

m
4
A
        <pb n="253" />
        240 Kap. VII. Die Bodenrente und die Preise der Naturmaterialien.
Richtung in Henry George einen kräftigen Fürsprecher. Die Erhöhung
der Bodenpreise erschien als ein „unverdienter Wertzuwachs‘‘, der den
Grundeigentümern im Schlafe nur kraft eines unvernünftigen Eigentumsrechts
 zufiel, das ganze Grundeigentum als ein der Ausbeutung
der produktiven Arbeit dienendes Monopol, und es wurde die Forderung
aufgestellt, die Gesellschaft solle die Grundrente oder wenigstens ihren
Zuwachs durch geeignete Steuern an sich ziehen. Die radikalsten, die
so weit gingen, daß sie auch die schon bestehende Grundrente konfiszieren
 wollten, glaubten damit den gesamten Steuerbedarf der Gesellschaft
 decken zu können und stellten demgemäß ein Steuerprogramm
auf, das die Grundsteuer als einzige Steuer (Single tax) forderte.
Gegen diese Richtung ist später eine Kritik hervorgetreten, die sich
teilweise auch gegen die Ricardosche Grundrentenlehre wendet. Es
sind in der Hauptsache zwei Punkte, die man dabei anzuführen hat.
Erstens ist die tatsächlich bezahlte Grundrente oft nur zum kleineren
Teile eine „Monopolrente‘‘, also eine lediglich dem Besitz eines im Verhältnis
 zum Bedarf begrenzten Bodens zu verdankende Rente, zum
größeren Teil aber ein gewöhnlicher Kapitalzins, also ein Preis, der
gezahlt werden muß, wenn man überhaupt auf eine für die landwirtschaftliche
 Produktion notwendige produktive Leistung fortdauernd
rechnen können soll. Diese Erinnerung ist ohne Zweifel sehr berechtigt,
wenn sie sich gegen gewisse Vorstellungen der Bodenverstaatlicher
wendet, liegt aber vollständig außerhalb der Ricardoschen Analyse
der Natur der Bodenrente. Denn diese Analyse geht von der oben
angeführten Ricardoschen Definition der Rente aus, die eben jede
Kapitalrente von vornherein aus der Betrachtung ausschließt, und hat
deshalb nur die reine, „für die Benutzung der ursprünglichen und unzerstörbaren
 Kräfte des Bodens‘‘ bezahlte Bodenrente zum Gegenstand.
Zweitens hat man geltend gemacht, daß die Steigerung der landwirtschaftlichen
 Grundrente keine so allgemeine und notwendige Erscheinung
 darstellt, wie die klassische Nationalökonomie und die Bodenreformer
 angenommen haben. Nicht immer ist der später in Anspruch
genommene Boden niedrigerer Qualität: es kann Boden sein, der zwar
große Bewirtschaftungskosten erfordert, dafür aber auch einen großen
Reinertrag gibt. Die Anwendung entfernteren Bodens erhöht unter
modernen Transportverhältnissen die Produktionskosten in weit geringerem
 Grade, als früher angenommen werden mußte. Die Dichtigkeit
der Ansiedlung ist an sich ein Moment, das die Leistungsfähigkeit der
Landwirtschaft in hohem Grade befördert. Die Ausdehnung der Anbaufläche
 braucht aus diesen Gründen die Grenzproduktionskosten nicht
stark zu vermehren. Besonders deutlich tritt dieses Verhältnis bei Betrachtung
 der gesamten Weltwirtschaft zutage: die außerordentlichen
Fortschritte auf dem Gebiete des Transportwesens haben eine reichliche
Versorgung des westeuropäischen Getreidebedarfs durch eine Aus-
        <pb n="254" />
        $ 28. Die Entwicklung der Rententheorie, 241
dehnung der Anbaufläche in fremden Weltteilen, sogar unter wesentlicher
 Verbilligung der Grenzproduktionskosten und darauffolgende
starker Herabdrückung der europäischen Bodenrenten ermöglicht.
Ähnliches gilt von der von Ricardo angenommenen Steigerung,
der Grenzproduktionskosten bei steigendem Aufwand von Kapital und
Arbeit auf einer gegebenen Fläche. Eine solche Steigerung muß woh
stattfinden, wenn keine Verbesserung in der Bewirtschaftung gleichzeitig
 gemacht wird. Dieses ‚, Gesetz des abnehmenden Ertrags“ braucht
indessen in Wirklichkeit nicht zu einer Verteuerung der Agrarprodukte
zu führen, denn die entgegenwirkenden Kräfte des technischen Fortschritts
 können überwiegen. Daß dies auch in großem Maßstab im
letzten Jahrhundert der Fall gewesen ist, daß m. a. W. heute auf einem
gegebenen Stück Boden ein weit größerer Aufwand von Kapital und
Arbeit möglich ist ohne Steigerung der Grenzproduktionskosten, ist
unzweifelhaft. Dies hindert aber nicht, daß das Gesetz des abnehmenden
rtrags seine Bedeutung behält und, wenn man sich die Produktionstechnik
 als fest denkt, auch in Wirksamkeit kommt.
Überhaupt finden wir, daß_die bisher angeführten Einwendungen
in bezug auf Ricardos Analyse der Natur der Bodenrente belanglos
sind, wenn sie auch die von Ricardo wie allgemein von der klassischen
Ökonomie angenommene Einwirkung einer steigenden Bevölkerung
auf die tatsächliche Entwicklung der Bodenrente ziemlich stark enträften.
 Die starke Vermehrung der europäischen Bevölkerung im
letzten Menschenalter hat sogar unter einem gleichzeitigen Sinken
der landwirtschaftlichen Bodenrente in Europa stattgefunden. Die
Möglichkeiten der weiteren Ausdehnung der Bebauungsfläche der,
Welt und der technischen Fortschritte der Landwirtschaft, vor allem
ielleicht der allgemeineren Verbreitung der schon gewonnenen Technik
werden vielleicht für die nächste Zukunft eine nochmalige Steigerung
der landwirtschaftlichen Bodenrente verhindern. Wollten wir aber‘
daraus allgemeine Schlüsse prinzipieller Bedeutung oder mit Gültigkeit
ür längere Perioden ziehen, so würden wir uns nur des so oft begangenen
Fehlers schuldig machen, zufällige Tendenzen unserer eigenen Zeit ihr
epräge auf unsere ökonomische Theorie setzen zu lassen. ,
Vom theoretischen Gesichtspunkt aus viel wichtiger sind die Einvendungen,
 die gegen Ricardos Lehre, daß die Grundrente keinen
eil der Produktionskosten ausmacht, gerichtet worden sind. Man hat
besonders hervorgehoben, daß, wenn es auch wahr sein mag, daß de
chlechteste überhaupt in Anbau genommene Boden keine Rente zahlt
jedenfalls der schlechteste für eine höhere Kultur, sagen wir Weizenbau,
benutzte Boden eine Rente zahlen muß, und daß diese Rente notwendig
als ein Teil der Produktionskosten des Weizens aufgefaßt werden muß,
Die Richtigkeit dieser_Einwendung konnte nicht zugegeben werden,
ohne daß die Ricardosche Preislehre als er werde
Cassel, Theoret, Sozialökonomie. 4. Aı

16
        <pb n="255" />
        242 Kap. VIL Die Bodenrente und die Preise der Naturmaterialien,
mußte. Denn diese Lehre gründet sich eben, wie wir im nächsten Kapitel
genauer sehen werden, wesentlich darauf, daß die Bodenrente vollständig
aus der Preisbildung ausscheidet und daß die Preise ausschließlich
durch die Produktionskosten im Sinne dieser Lehre, also durch die
Summen,‘ die für die Mitwirkung der Arbeit und des Kapitals bezahlt
werden müssen, bestimmt werden. Es war also für die Freunde der
klassischen Theorie notwendig, den Ricardoschen Satz, daß die
Rente keinen Teil der Produktionskosten ausmacht, unbedingt aufrechtzuerhalten.
 Dies ist durch die Erklärung gelungen, der Aufwand von
Kapital und Arbeit müsse in jedem Produktionszweig der Landwirtschaft
 so weit getrieben werden, daß der‘ Gewinn des letzten Aufwands
gleich Null ist. Derjenige Weizen, der mit dem letzten Aufwand im
Weizenbau produziert wird, hat folglich nur einen Preis, der den Produktionskosten,
 also den Kapital- und Arbeitskosten entspricht. Der
Preis des Weizens schließt also keine Grundrente ein. Auch Marshall
kann nur durch eine solche Konstruktion sein System aufrechterhalten,
eine Tatsache, die für unsere Beurteilung dieses Systems ($ 19) Bedeutung
 hat!). Auf die Kritik und die daraus zu ziehenden Folgerungen
 für die Preislehre werden wir in den folgenden Paragraphen
zurückkommen:
Die städtische Grundrente hat sich im letzten Jahrhundert unter
dem Einfluß der’steigenden-Bevölkerung und des Zugs nach den Städten
allgemein und sehr stark vermehrt. Die Gewinne, die dabei durch Verkauf
 von Grundstücken gemacht wurden, waren teilweise ganz enorm,
die Lust, an einer solchen leichten Bereicherung teilzunehmen, schuf
eine lebhafte Bodenspekulation, in welcher große Vermögen verdient,
freilich auch bei Überspekulation und Rückschlägen schwere Verluste
erlitten wurden. Gleichzeitig mit der Grundrente stiegen auch die
Mieten, ganz besonders in den Zentren der Großstädte, auf eine Höhe,
die drückend empfunden.wurde. In der populären Auffassung stellten
sich nun die hohen Mieten und die immerfort dauernde Wohnungsnot
als Folgen der Bodenspekulation und der durch sie veranlaßten Steigerung
 der Bodenpreise dar. Diese Auffassung wurde auch von Vertretern
der Wissenschaft unterstützt. Die Sozialpolitik lehrte, daß die Wohnungsverhältnisse
 großer Teile der Bevölkerung und besonders die der
lohnarbeitenden Klassen sich immer ungünstiger gestalteten, daß die
Mietsteigerung vor allem daran die Schuld trage, selbst aber in erster
Linie Folge der Machenschaften der Bodenspekulanten sei, die durch
künstliches Zurückhalten des Bodens, durch immer wiederholte Verkäufe
 und durch starke hypothekarische Schuldenbelastung des Bodens
die Preise in die Höhe trieben?). Eine Besserung könne erst durch
ı) Principles, Book V, Ch. VIII, 8 3.
2) Pohle: Zeitschrift für Sozialwissenschaft 1905, p. 679.
        <pb n="256" />
        8 29. Die Natur der Rente. „3
Einschränkung oder Beseitigung der Bodenspekulation, also durch
kräftige Besteuerung des Bodens oder seiner Wertsteigerung oder durch
Kommunalisierung des Bodenbesitzes, daneben auch durch eine geeignete
 gemeindliche Verkehrspolitik und Regulierung der Bebauung
erfolgen. In Deutschland schloß sich hieran ein Kampf gegen die großen
Mietkasernen, deren Zulassung angeblich die Bodenpreise erhöhe. Im
ganzen wurde die städtische Grundrente in weitem Umfang als Ergebnis
 von Verhältnissen, die einer politischen Beherrschung unterworfen
 wären, dargestellt und als eine wesentlich politische, nicht als
eine objektiv-wirtschaftliche Erscheinung betrachtet.
Daß eine solche Auffassung für die wissenschaftliche Erkenntnis
des Wesens und der Bestimmungsgründe der städtischen Grundrente
wenig förderlich sein konnte, liegt auf der Hand. Die städtische Bodenrente
 muß wie jeder andere Preis durch die allgemeinen Prinzipien der
Preisbildung objektiv bestimmt sein. Die Anerkennung dieser Wahrheit
 bedeutet keine Leugnung der Möglichkeit eines bewußten Eingreifens
 in die Rentenbildung, etwa durch die Verkehrspolitik der Gemeinden.
 Nur muß jede solche Beeinflussung der Rente durch das
Zwischenglied des Angebots oder der Nachfrage, m. a. W. des regulären
 Preisbildungsmechanismus wirken und ist folglich als eine in
diesen Mechanismus eingeordnete und neben vielen anderen sich
geltend machende Kraft in Betracht zu ziehen, nicht aber als eine
über wirtschaftliche Notwendigkeiten erhabene, außerhalb des Bereichs
der ökonomischen Theorie fallende Willensäußerung der Sozialreform
aufzufassen. Die speziellen Schwierigkeiten der theoretischen Behandlung
 der städtischen Bodenrente liegen wesentlich in der genauen Feststellung
 der hierfür geltenden Voraussetzungen, denn sowohl das Angebot
 wie ganz besonders die Nachfrage sind, wenn wir den städtischen
Boden betrachten, ziemlich komplizierte Erscheinungen. Offenbar ist
aber das Problem der städtischen Grundrente vom Gesichtspunkt der
ökonomischen Theorie wesentlich derselben Natur wie dasjenige der
landwirtschaftlichen, und wir können in der Vorliegenden allgemeinen
Darstellung der theoretischen Ökonomie von einer speziellen Untersuchung
 der städtischen Grundrente absehen. Der allgemeine Rahmen
zur Erklärung der städtischen Grundrente ist gegeben, sobald wir nur
über die allgemeine Natur der Rentenbildung in der Tauschwirtschaft
vollständige Klarheit gewonnen haben. Dieser Aufgabe wenden wir
uns in den beiden folgenden Paragraphen zu.
$ 29. Die Natur der Rente.
Wir haben Rente im allgemeinsten Sinne des Wortes als den Preis
der Nutzung eines dauerhaften Gutes definiert. Es folgt daraus, daß
ein Preis, der für Verbrauchsgüter bezahlt wird, keine Rente ist, auch

Zen
16*
        <pb n="257" />
        244 Kap. VII. Die Bodenrente und die Preise der Naturmaterialien.
nicht dann, wenn die Verbrauchsgüter sogenannte freie Naturgüter sind.
Das Einkommen, das durch Verkauf von Erz aus«einer Grube oder
von Holz aus einem Urwald gewonnen wird, ist also keine Rente im
eigentlichen Sinne, obwohl es praktisch einer Rente sehr nahe kommen
kann, wenn es eine sehr große Dauer hat. Über diese Frage ist die Wissenschaft
 schon seit Ricardo im klaren gewesen. Wenn aber das Einommen
 aus dem Verkauf von Naturmaterialien keine Rente ist, also
eine wesentlich andere Einkommensart als die Bodenrente darstellt,
muß man folgerichtig die Naturmaterialien als einen selbständigen
Produktionsfaktor neben dem Boden aufstellen. Die hergebrachte Zusammenfassung
 jeder Mitwirkung der Natur unter einem gemeinsamen
amen, als Bezeichnung eines einheitlichen Produktionsfaktors, kann
nicht gut aufrechterhalten werden, wenn das entsprechende Einkom®
men in zwei verschiedene Einkommensarten geteilt wird. Da wir de
Unterscheidung, der materiellen Güter in dauerhafte Güter und Ver.
rauchsgüter eine grundlegende Bedeutung zuerkannt haben, liegt darin
eine weitere starke Veranlassung für eine Aufteilung des Produktionsfaktors:,,Natur‘*
 in die zwei Haupttypen Boden! und Naturmaterial.
 / «N
Diese Unterscheidung klärt die Begrenzung des Rentenbegriffs
nach einer Seite hin: Rente ist nur, was für die Nutzung dauerhafter
Güter bezahlt wird. Zunächst bezieht sich aber der in der Wissenschaft
 vorherrschende Begriff der Rente auf die Zahlung für die Nutzung
solcher dauerhaften Güter, welche nicht produziert sind, also, allgemein
ausgedrückt, für die Nutzung von Grund und Boden mit den Eigenschaften
 desselben, die nicht produziert sind, also mit den „ursprünglichen‘
 Eigenschaften des Bodens. Diese Begrenzung des Rentenbegriffs
 beruht natürlich darauf, daß die Wissenschaft die „Rente‘ eines
roduzierten dauerhaften Gutes prinzipiell als Kapitalzins auffassen
mußte. Die Rente im eigentlichen Sinne sollte keine Entschädigung
für eine menschliche Aufopferung irgendwelcher Art enthalten, sollte
der Preis für die Nutzung eines vorhandenen dauerhaften Gutes sein,
das selbst nicht als Ergebnis einer produktiven Tätigkeit aufgefaßt
werden-konnte. Nun wird aber auch Boden in gewissem Sinne produziert,
 und es war deshalb notwendig, die Rente lediglich auf die Nutzung
des Bodens „mit den ursprünglichen Eigenschaften‘, also des ‚‚Naturbodens‘‘
 zu beziehen.
Ferner ist aber offenbar, daß diejenigen Eigenschaften des Bodens
die bei gewöhnlicher Benutzung desselben nur durch eine darauf gerichtete
 Tätigkeit erhalten werden können, nicht zum Boden zu rechnen
sind. Diejenige Fruchtbarkeit des natürlichen Bodens, die beim Ackerbau
 nur durch regelmäßige Düngung erhalten bleibt, aber bei Unterlassung
 dieser Tätigkeit dem Boden geraubt wird, ist wirtschaftlich wie
auch physisch den Mineralien, die im Boden gefunden werden, gleich-
        <pb n="258" />
        8 29. Die Natur der Rente. +5
zustellen, folglich als ein Verbrauchsgut nicht als ein dauerhaftes Gut
zu rechnen. Aber auch relativ dauerhafte Eigenschaften des Bodens, die
tatsächlich nur durch eine ständige produktive Tätigkeit erhalten
werden, sind nicht als „Boden“, sondern vielmehr als festes Realkapital
aufzufassen. Der Boden als primärer Produktionsfaktor umfaßt also
nur diejenigen ursprünglichen Eigenschaften des Bodens, die durch
ordinäre Benutzung nicht verbraucht werden, ist also in diesem Sinne,
obwohl natürlich nicht im absoluten, physischen Sinne „unzerstörbar‘‘.
Als Rente im eigentlichen Sinne ist demgemäß, in Übereinstimmung
mit der Ricardoschen Formel, nur der Preis für die Benutzung der
ursprünglichen und unzerstörbaren Kräfte des Bodens zu betrachten.
Diese Rente kann also nicht als Belohnung irgendwelcher produktiven
Tätigkeit, sei es schaffender oder unterhaltender Natur, aufgefaßt
werden. Die Existenz der Rente ist einfach durch die Notwendigkeit,
die Nachfrage nach der knappen Bodenbenutzung zu beschränken,
bedingt.
Daß man geneigt ist, sich den Boden als nicht produzierbar vorzustellen,
 beruht wesentlich darauf, daß man die Sache mehr aus einem
physischen als einem wirtschaftlichen Gesichtspunkt betrachtet. Vom
wirtschaftlichen Gesichtspunkt ist der Boden nicht lediglich ein Stück
Erde, er umfaßt vielmehr auch verschiedene physische und wirtschaftliche
 Eigenschaften des Bodens, wie z. B. seine Fruchtbarkeit, seine
Verbindung mit den Absatzmärkten oder, falls es sich um städtischen
Boden handelt, seine Grundverhältnisse und seine Nähe am Zentrum
oder seine Lage in bevorzugten Wohnvierteln. Solche Eigenschaften
des Bodens können aber durch geeignete produktive Tätigkeit in großem
Umfang hergestellt werden und werden es auch, sobald die Marktlage
es lohnend macht. Eine Produktion von Fruchtbarkeit, in größtem Stile
hat unsere Zeit in den bekannten Bewässerungsanlagen die das trockene
Gebiet des nordamerikanischen Westens für die Landwirtschaft eröffnet
haben, und in der Regulierung des Nilflusses beobachten können.
Vom Gesichtspunkt der Deckung des europäischen Getreidebedarfs
sind der Ausbau des nordamerikanischen und kanadischen Eisenbahnnetzes
 und die Entwicklung der großen Ozeandampfer als Mittel zur
Produktion von Boden, der mit dem europäischen Boden auf europäischen
 Absatzmärkten konkurrieren kann, zu betrachten. Bekanntlich
hat auch diese Konkurrenz einen ziemlich starken Druck auf die Rente
des landwirtschaftlichen Bodens Europas ausgeübt. Daß Holland in
ziemlich großem Umfang dem Meere Boden abgewonnen und somit
buchstäblich produziert hat, ist ebenfalls eine bekannte Tatsache,
Was den städtischen Boden betrifft, so ist es besonders kennzeichnend,
daß nunmehr vollständige Villenstädte von Unternehmern geschäftsmäßig
 produziert werden, und dadurch den Grundbesitzern der Stadt
eine Konkurrenz bereitet wird. Diese Produktion überwindet Abstände

24
        <pb n="259" />
        246 Kap. VII. Die Bodenrente und die Preise der Naturmaterialien.
duürch'Bau von elektrischen Bahnen und schafft ein bevorzugtes Wohngebiet
 durch schöne Anlagen, gute Straßen, Beleuchtung, erstklassige
hygienische Meranstaltungen, durch Errichtung und Unterhaltung von
chulen usw. Wenden wir uns vom Boden im buchstäblichen Sinne
zu den anderen dauerhaften Gütern der Natur, so finden wir, daß auch
diese im ähnlichen Sinne produziert werden können. Den Wasserfällen
gibt man z. B. durch Regulierung der Ströme eine wesentlich erhöhte
Wirksamkeit, ja man kann sogar von einer wirklichen Schaffung von
Wasserfällen für industrielle Ausnutzung sprechen. Die günstige Lage
eines Falles spielt natürlich eine große Rolle, aber auch in dieser Hinsicht
 bietet die letzte Entwicklung der elektrischen Kraftüberführung
mit Hochspannung eine ziemlich leichte Möglichkeit zur Schaffung von
Konkurrenz. /
In den weitaus meisten Fällen, wo nach „Boden‘‘ einer bestimmten
Art gefragt wird, besteht in dieser Weise eine gewisse Möglichkeit,
durch produktive Tätigkeit das Angebot zu vermehren. Sobald der
Preis der betreffenden Bodennutzung hinreichend hoch wird, macht sich
diese Möglichkeit geltend, der Preis zeigt also einen unverkennbaren
influß auf das Angebot. Dieses Verhältnis übt natürlich einen reguijerenden
 Einfluß auf den Preis, also auf die Rente aus. Die Rente des
aturbodens wird gewissermaßen von den Produktionskosten des in
Konkurrenz mit demselben produzierten Bodens geregelt. Eine Verilligung
 dieser Produktionskosten zeigt ihre Wirkung in einer Herabrückung
 der Rente des Naturbodens. Was durch die hier betrachtete
produktive Tätigkeit geschaffen wird, ist wohl nicht Boden im_ Sinne
eines primären Produktionsfaktors, sondern ein Produkt, in welchem
oden nur als ein Produktionsmittel neben anderen eingeht. Diese
Produkt tritt aber in Konkurrenz mit Boden, der nichts anderes als
oden ist, und dieser Boden ist also nicht in dem Sinne unvermehrbar,
daß er keiner Konkurrenz ausgesetzt werden kann.
Da der Naturboden als primärer Produktionsfaktor sowohl unvermehrbar
 wie unzerstörbar ist, kann eine Steuer, die auf die reine Rente
dieses Bodens gelegt werden würde, den Markt in keiner Weise beein
flussen, deshalb auch nicht abgewälzt werden, sondern muß die Rente
selbst treffen. Im allgemeinen ist es für die Versorgung der Tauschwirtschaft
 mit Naturboden im Sinne eines primären Produktionsfaktors
von keiner Bedeutung, daß der Besitzer solchen Bodens für das Zurerfügungstellen
 desselben bezahlt wird und also aus seinem Besitz
ein Einkommen bezieht._Die Lieferung von Nutzungen des Naturbodens
ist keine Leistung, die irgendwie belohnt zu werden braucht. Daraus
darf man aber nicht schließen, daß die Grundrente ohne Bedeutung für
das Angebot von Bodennutzungen einer bestimmten Qualität ist. Denn,
wie eben gezeigt, kann die Grundrente zur Produktion von Boden in
Konkurrenz mit dem Naturboden locken. Diesen Produzenten kann
        <pb n="260" />
        $ 29. Die Natur der Rente. Z47
man natürlich nicht den Teil ihrer Rente, der den Zins der nötigen
Kapitalinvestierung darstellt, nehmen, ohne daß dadurch die betreffende
produktive Tätigkeit leidet. Da es natürlich in der Praxis außerordentlich
 schwierig ist, den Boden mit seinen „Ursprünglichen‘ Eigenschaften
 vom „produzierten Boden‘ zu unterscheiden, wird jeder Versuch,
 den Besitz des „Naturbodens‘“ etwa durch eine spezielle Steuer
zu treffen, nur mit großen Schwierigkeiten die Früchte produktiver
Tätigkeit ausschließen können.
Die Rente des Naturbodens wird, wie sämtliche Preise primärer
Produktionsmittel, direkt durch den allgemeinen Preisbildungsprozeß
bestimmt. Der Preis des eigentlichen Naturbodens selbst ist als der
nach dem herrschenden Zinsfuß kapitalisierte Wert der Rente ein sekundäres
 Ergebnis der Preisbildung. Insofern aber Boden in Konkurrenz
mit dem Naturboden produziert wird, ist auch der Preis des Naturbodens
 von den Produktionskosten des konkurrierenden produzierten
Bodens mit bestimmt, also in unmittelbarem Zusammenhang mit dem
allgemeinen Preisbildungsprozeß fixiert.
Es folgt aus dem Gesagten, daß auch nicht die Bodennutzung als
ein absolut knapper Produktionsfaktor anzusehen ist. Das Angebot
auch dieses Produktionsfaktors wird vom Preis desselben beeinflußt, und
wir müssen auch die Abhängigkeit dieses Angebots vom Preise mit in
unserer Behandlung des allgemeinen Preisbildungsproblems berücksichtigen
 und die Art dieser Abhängigkeit als einen der objektiven Bestimmungsgründe
 der Preisbildung anstatt des Angebots selbst auffassen.

In der Wissenschaft hat die Idee einer von allen „Kosten‘‘, im Sinne
eines notwendigen Ersatzes für menschliche Aufopferungen und Anstrengungen,
 unabhängigen Rente eine große Rolle gespielt. Die Bodenrente
 sollte das typische Beispiel einer in diesem Sinne echten Rente
darstellen. Wir finden aber, daß die Bodenrente in Wirklichkeit diesem
Ideal im allgemeinen nicht entspricht — in der Tat nur in den Fällen,
wo Boden gleicher oder konkurrierender Qualität bei der herrschenden
Marktlage nicht produziert werden kann.
Vom Gesichtspunkt der Preisbildung könnte man betonen wollen,
daß, was die Rente vor allem als Preis charakterisiert, nicht der Umstand
 ist, daß das Gut, für dessen Nutzung die Rente bezahlt wird,
nicht produziert worden ist, sondern daß gegenwärtig ähnliche Güter
in Konkurrenz mit demselben nicht produziert werden, daß also der
Preis des Gutes selbst keine selbständigen Bestimmungsgründe hat.
Diese Forderung auf eine Rente ist unter Umständen vom Nettoertrag
aus der Nutzung eines einmal vorhandenen festen Realkapitals, also vom
Bruttoertrag mit Abzug aller Unterhaltungs- und Erneuerungskosten,
erfüllt. Denn sobald das feste Realkapital einmal produziert ist und
das dauerhafte Gut also schon da ist, spielen seine individuellen Pro-«&amp;gt;


Ze
        <pb n="261" />
        248 Kap. VII. Die Bodenrente und die Preise der Naturmaterialien.
duktionskosten als der Vergangenheit angehörig für die Preisbildung
prinzipiell keine Rolle mehr. Es wurde natürlich bei der Produktion
des betreffenden Realkapitals berechnet, daß der Nettoertrag das durch
die Produktionskosten dargestellte Kapital verzinsen sollte. Nachher
kann sich aber herausstellen, daß der Nettoertrag größer oder kleiner
wird. Die individuellen Produktionskosten des betreffenden Gutes haben
dann hierauf keinen Einfluß mehr. Nur in dem Maße, wie sie typische
Produktionskosten darstellen und wie die Nachfrage eine weitere Produktion
 ähnlicher Güter nötig macht, gewinnen die Produktionskosten
einen Einfluß auf den Nettoertrag des Gutes und geben ihm den vorwiegenden
 Charakter einer Verzinsung der Produktionskosten. In
den Fällen aber, wo das betreffende Realkapital selbst individuell ist,
wo also ähnliche Güter nicht produziert werden, oder wo die Produktionskosten
 sich stark verändern, löst sich der Nettoertrag von seinem
Zusammenhang mit den Produktionskosten und nähert sich in seinem
wirtschaftlichen Charakter einer reinen Rente im hier gedachten Sinne.
Als Beispiel kann eine Eisenbahn dienen. Ist sie einmal gebaut, spielen
die Anlagekosten keine Rolle mehr: der Ertrag bestimmt sich nunmehr
lediglich aus anderen Gründen. Werden die Anlagekosten schlecht verzinst,
 ist dabei nichts zu helfen, weil das Kapital schon in der Anlage
gebunden ist und nicht daraus freigemacht werden kann. Übersteigt der
Ertrag den gewöhnlichen Zins auf die Anlagekosten, wird dies wahrscheinlich,
 wenigstens innerhalb ziemlich weiter Grenzen, keine neue
Eisenbahnanlage veranlassen. Der Nettoertrag der Bahn hat unter
solchen Verhältnissen in gewissem Grade den angegebenen Rentencharakter.

Es ist aber hier zu beachten, nicht nur daß das Realkapital unterhalten
 und erneuert werden muß und daß die Kosten hierfür aus dem
Bruttoertrag gedeckt werden müssen, sondern auch, daß das Kapital,
das in dieser Weise erhalten zu werden braucht, verzinst werden muß
und daß diese Zinsen ebenfalls vom Bruttoertrag abgezogen werden
müssen, ehe wir zu einem Nettoertrag mit dem Charakter einer Rente
gelangen. Gelingt es nämlich nicht, das genannte Kapital zu verzinsen,
 wird natürlich auf die Dauer auch kein Kapital auf Unterhaltung
und Erneuerung verwendet und das Realkapital wird, in dem Maße wie
es nicht „unzerstörbar‘‘ ist, vernichtet. Daraus folgt, daß ein rentenartiger
 Teil des Ertrags für einen großen Teil der Realkapitalien überhaupt
 kaum existiert oder jedenfalls eine relativ untergeordnete Bedeutung
 hat.
Der Nettoertrag eines dauerhaften Gutes hat nach dem Gesagten
desto weniger den Charakter einer Rente, je weniger individuell das
Gut ist, je größer also die Zahl ähnlicher Güter ist und je häufiger deshalb
 die Reproduktion erfolgen muß, ferner je öfter infolge steigender
Nachfrage neue ähnliche Güter produziert werden müssen, und schließ-
        <pb n="262" />
        8 29. Die Natur der Rente. :9
lich je größer die relative Bedeutung der Unterhaltungs- und Erneuerungskosten
 ist, außerdem natürlich auch je stabiler die Technik und
deshalb die Produktionskosten sind. Betrachten wir z. B. die Gebäude,
die der landwirtschaftlichen Produktion dienen, so werden wir alle diese
Momente ziemlich stark hervortretend finden. Die neue Kapitalinvestierung
 in solchen Gebäuden findet, wenn wir eine größere Tauschwirtschaft
 betrachten, kontinuierlich statt, und der Nettoertrag, der aus
diesem Realkapital gewonnen wird, hat deshalb wesentlich den Charakter
eines Zinses. Wird der Zins des nötigen Kapitals nicht gedeckt, muß
der Vorrat sehr bald vermindert werden oder wenigstens hinter einem
steigenden Bedarf zurückbleiben. Die Zeit, die die Produktion selbst
erfordert, spielt hier eine sehr untergeordnete Rolle, da Gebäude der
betreffenden Art meistens in einigen wenigen Monaten, ja sogar
Wochen hergestellt werden können. Das Angebot kann also einer
steigenden Nachfrage so rasch folgen, daß eine Rente, von welcher man
doch eine gewisse Dauerhaftigkeit fordert, sich kaum ausbilden kann.
Etwas mehr vom Charakter einer reinen Rente hat der Ertrag aus
Bodenverbesserungen, wie z. B. Drainierung, wo die Dauer groß ist und
also Erneuerungs- und Unterhaltungsarbeiten weniger oft vorkommen.
Gewisse Verbesserungen erfordern wohl auch zuweilen für ihre Durchführung
 eine so lange Zeit, daß das Angebot vorübergehend hinter der
Nachfrage zurückbleiben und also ein gewissermaßen rentenartiges Einkommen
 entstehen kann.
Man findet aber, daß der Umstand, daß die Produktion Zeit beansprucht,
 im allgemeinen für die Rentenbildung von untergeordneter
Bedeutung ist. Auch wo er zufälligerweise zur Schaffung eines rentenartigen
 Einkommens beiträgt, ist dieses meistens von zu kurzer Dauer,
um als Rente gelten zu können. Die Produktion von festem Realkapital
erfordert eben unter modernen Verhältnissen meistens nur eine kurze
Zeit. Die wichtigsten Ausnahmen bilden Eisenbahnen, Wasserwerke
und ähnliche Anlagen, aber auch für diese ist die Produktionszeit meistens
nicht so lang, daß sie eine mehr als ganz vorübergehende Rentenbildung
 für schon bestehende Anlagen gleicher Art erlaubt. Die anderen
oben angegebenen Momente sind meistens für den Rentencharakter
des Ertrags des festen Realkapitals ausschlaggebend DM Pant Ha
1) Die ganz überwiegende Bedeutung, die Marshall der Unterscheidung zwischen
 kurzen und langen Perioden für die Bildung von rentenartigen Einkommen
zuschreibt, scheint unter solchen Verhältnissen kaum gerechtfertigt. Daß eine Aufteilung
 des Realkapitals, je nachdem das Angebot desselben sich in einer Periode
„mittlerer Länge‘“ der Nachfrage anzupassen vermag oder nicht, der tiefsten und
wichtigsten Scheidelinie der ökonomischen Theorie entsprechen soll, ja daß der
Umstand, daß das englische System von Landpacht angeblich nach dieser Linie
die Verpflichtungen des Grundherrn und des Pächters verteilt, die Erklärung zur
Überlegenheit der britischen ökonomischen Theorie ist, muß wohl doch als eine
leichte Übertreibung aufgefaßt werden. (Vgl. Principles, Book VI, Ch. IX, 8 5.)

24*
        <pb n="263" />
        250 Kap. VII. Die Bodenrente und die Preise der Naturmaterialien.
8:30. Die Preisbildung der Bodennutzuneg.
Die Bodennutzung nimmt im Preisbildungsprozeß prinzipiell dieselbe
 Stellung ein wie die anderen Produktionsfaktoren. Die allgemeine
Aufgabe der Preisbildung, die Nachfrage nach den fertigen Produkten
durch Berechnung von einheitlichen Preisen für die Produktionsfaktoren
gleichförmig zu beschränken, die indirekte Nachfrage nach den Produktionsfaktoren
 in Übereinstimmung mit den von ihnen zur Verfügung
stehenden Mengen zu bringen und somit eine wirtschaftliche Leitung
des ganzen Produktionsprozesses herbeizuführen, hat für die Bodennutzung
 dieselbe Bedeutung wie für die Kapitaldisposition und, wie wir
sehen werden, auch für die Arbeit. In bezug auf die Wirkung der Preisbildung
 auf das Angebot besteht wohl für die Bodennutzung- die Eigentümlichkeit,
 daß der in der Natur gegebene Boden in gewissem Sinne
ein für allemal fixiert und also von der Preisbildung unabhängig ist.
Für den Preisbildungsprozeß fällt aber mehr ins Gewicht, daß eine Erhöhung
 des Preises der Bodennutzung eine weitere Inanspruchnahme
des in der Natur gegebenen Bodens, zum Teil mit Hilfe einer Tätigkeit,
die als Produktion von „Boden‘‘ in Konkurrenz mit dem von der Natur
dargebotenen beschrieben werden kann, ermöglicht und dadurch eine
Gegenwirkung erweckt, die für den Preisbildungsprozeß dieselbe Bedeutung
 hat wie eine durch Steigerung des Preises irgendwelchen
Produktionsfaktors herbeigeführte Steigerung des Angebots desselben.
Die prinzipielle Lösung des Problems der Preisbildung der Bodennutzung
 ist folglich auch schon in unserer allgemeinen Lösung des
Preisbildungsproblems mit enthalten. Was uns hier noch übrig bleibt,
ist also nur das nähere Studium der speziellen Vorgänge bei der Preisbildung
 der Bodennutzung, also bei der Bildung der Bodenrente.
Wir betrachten dabei nur den landwirtschaftlich benutzten Boden
und machen zunächst die sehr vereinfachende Voraussetzung, daß nur
ein einziges Produkt, sagen wir Weizen, erzeugt wird. Untersuchen
wir dann erstens den Fall, wo der Boden in begrenzter Menge von
gleicher Fruchtbarkeit und gleich vorteilhafter Lage, also ‚gleicher
Qualität‘, vorhanden ist und wo die Produktionsmethode in dem
Sinne fest und unveränderlich ist, daß auf einer gegebenen Fläche
eine feste Menge Kapital und Arbeit verwendet wird. Diese Abstraktionen
 sind nützlich, weil sie geeignet sind, die Bedeutung der Knappheit
 des Bodens klar hervorzuheben. Wenn nun die Nachfrage so
gering ist, daß sie bei einem Weizenpreis, der nur den Kapital- und
Arbeitskosten des Weizenbaus entspricht, befriedigt werden kann, dann
ist auch kein Preis für die Bodennutzung nötig. In der Tauschwirtschaft
 wird unter solchen Umständen keine Bodenrente existieren. Steigt
nun die Nachfrage, so wird, nachdem der gesamte Boden in Anspruch
        <pb n="264" />
        8 30. Die Preisbildung der Bodennutzung. 251
genommen ist, eine stärkere Begrenzung der Nachfrage notwendig, weil
der Boden knapp ist. Diese Begrenzung kann in der Tauschwirtschaft
nur dadurch durchgeführt werden, daß auf die Bodennutzung ein einheitlicher
 Preis gesetzt wird, hinreichend hoch, um den Produktenpreis
genügend zu erhöhen und somit die Nachfrage nach Weizen in Übereinstimmung
 mit der auf dem gegebenen Boden und mit der gegebenen
Produktionsmethode erzeugbaren Produktenmenge zu bringen. Es entsteht
 also eine Bodenrente, die einerseits durch die Beschaffenheit der
Nachfrage, anderseits durch die gegebene Bodenmenge bestimmt ist
und die eine reine Knappheitsrente darstellt. Diese Bodenrente zeigt
uns die zentrale Natur jeder Bodenrente.
In Wirklichkeit ist die Knappheit des Bodens niemals so absolut,
wie hier vorausgesetzt wird. Sie kann gemildert werden einerseits durch
Anwendung von mehr Kapital und Arbeit auf dem gegebenen Boden,
was einer Substitution von Kapital und Arbeit für Bodennutzung
gleichkommt und somit eine relative Verminderung der Nachfrage nach
Bodennutzung herbeiführt, anderseits durch Urbarmachung neuen
Bodens, also durch eine Vermehrung der bewirtschafteten Bodenmenge.
Die Bedingungen einer solchen Milderung der Knappheit des Bodens,
also die Bedingungen einer Steigerung der Ernte durch Anwendung
von mehr Kapital und Arbeit auf dem gegebenen Boden oder durch
Ausdehnung der kultivierten Bodenfläche stellen nebst der Knappheit
selbst als Hauptbestimmungsgrund des Preises der Bodennutzung Supplementäre
 Bestimmungsgründe dieses Preises dar.
Denkt man sich, daß eine wachsende Bevölkerung eine steigende
Nachfrage nach Weizen verursacht, so muß im allgemeinen der Preis der
Bodennutzung gesteigert werden. Die entscheidende Frage ist dann:
welche Wirkungen hat eine solche Preissteigerung? Jede gedachte
Steigerung des Preises der Bodennutzung erweckt eine Reaktion in
einer der folgenden drei Formen:
1. Eine Verminderung der Nachfrage nach dem Produkt;
2. eine Substitution von mehr Kapital und Arbeit für Bodennutzung;
3. eine Ausdehnung der kultivierten Bodenfläche., /
Die beiden ersten dieser Wirkungen stellen eine Verminderung der
Nachfrage nach Bodennutzung dar, während die dritte eine Vermehrung
des Angebots derselben bedeutet. Alle drei sind also Gegenwirkungen
gegen die Preissteigerung und wirken zusammen darauf hin das Gleichgewicht
 aufrechtzuerhalten. Die nähere Analyse dieser Gegenwirkungen
bildet die spezielle Theorie der Preisbildung der Bodennutzung. Wie
man findet, ist das allgemeine Schema dieser Theorie demjenigen der
Zinstheorie vollständig ähnlich.
In bezug auf die erste Gegenwirkung ist zu bemerken, daß sie
desto kräftiger ist, je elastischer die Nachfrage nach dem Produkt ist,

A
        <pb n="265" />
        252 Kap. VIL Die Bodenrente und die Preise der Naturmaterialien,
d.h. je größer die Beschränkung der Nachfrage ist, die mit einer bestimmten
 Preissteigerung erreicht werden kann. Nun gehört die Nachfrage
 nach Brotgetreide bekanntlich zu den am wenigsten elastischen
Zweigen der Nachfrage. Um eine notwendige Beschränkung der Nachfrage
 nach dem Produkt herbeizuführen, ist deshalb eine starke Preissteigerung
 der Bodennutzung erforderlich. Die allgemeinste Ursache zur
Steigerung der Nachfrage nach Brotgetreide ist das Wachsen der Bevölkerung.
 Aber auch der Konsum pro Kopf der Bevölkerung befindet
sich seit einem Jahrhundert in einer kräftigen Entwicklung. Diese
Tendenzen würden offenbar eine enorme, dieselben stark begrenzende
Preissteigerung des Brotgetreides und der Bodennutzung bewirkt haben,
wenn nicht die zweite und dritte Gegenwirkung der Preissteigerung
eine so große Bedeutung gewonnen hätten.
Die zweite Gegenwirkung gegen eine Steigerung des Preises
der Bodennutzung liegt in einem größeren Aufwand von Kapital und
Arbeit auf dem gegebenen Boden. Dadurch wird nämlich eine Vermehrung
 der Produktion ohne Steigerung des Bedarfs an Bodennutzung
ermöglicht, und folglich die Preissteigerung der Bodennutzung gehemmt.
Für den einzelnen Landwirt, der eben vor der Frage steht, ob er ein
größeres Produkt durch Erweiterung seines Bodens (sei es durch Pacht
oder Kauf) oder durch Anwendung von mehr Kapital und Arbeit auf
seinem alten Boden gewinnen soll, wird eine Steigerung der Bodenrente
den Ausschlag zugunsten der letzten Methode geben.
Die Bedingungen, unter denen eine Steigerung der Produktenmenge
 durch größeren Aufwand von Kapital und Arbeit auf der gleichen
Fläche möglich ist, bilden offenbar für die Preisbildung der Bodennutzung
 einen wichtigen mitbestimmenden Faktor. Für die Theorie
der Bodenrente ist also das nähere Studium dieser Bedingungen von
wesentlicher Bedeutung.
Wenn man mehr Kapital und Arbeit auf ein und dasselbe Stück
Boden verwendet, wird man in der Regel finden, daß die Mehrprodukte,
die durch gleiche Zuschüsse von Kapital und Arbeit nacheinander gewonnen
 werden können, immer kleiner werden. Obwohl diese Regel,
die gewöhnlich als das „Gesetz des abnehmenden Bodenertrags“
bezeichnet wird, als „wichtigstes Gesetz der ökonomischen Wissenschaft‘“!)
 ausgegeben worden ist, scheint man es meistens nicht für
nötig erachtet zu haben, ihr eine genügend scharfe wissenschaftliche
Formulierung zu geben.
Zunächst müssen wir feststellen, was wir unter einem bestimmten
Aufwand von Kapital und Arbeit zu verstehen haben. Wir können damit
 eine bestimmte Menge Kapitaldisposition zusammen mit einer beı)
 Stuart Mill: Princ., Book I, Ch. XIL $ 2.
        <pb n="266" />
        $ 30. Die Preisbildung der Bodennutzung. Z93
stimmten Menge Arbeit bezeichnen. Wir können auch allgemeiner, unter
der Voraussetzung, daß die Preise der Kapitalnutzung und der Arbeit,
also Zins und Arbeitslohn, konstant bleiben, als Einheit des Aufwands
von Kapital und Arbeit eine bestimmte zum Kauf der Mitwirkung dieser
Produktionsfaktoren verwendete Summe, sagen wir 100 Mark, bezeichnen.

Denken wir uns nun, daß auf einem gegebenen Stück Boden solche
Einheiten von Kapital und Arbeit nacheinander zur Anwendung kommen.
Wahrscheinlich werden wohl dann in den entsprechenden Mehrerträgen
 in der Praxis gewisse Unregelmäßigkeiten hervortreten, im
großen werden aber diese Mehrerträge eine zunächst aufsteigende, dann
aber allmählich sinkende Kurve zeigen. Im Anfang, wo die Bearbeitung
des Bodens noch vollständig ungenügend ist, wird nämlich eine neue
Einheit meistens einen größeren Mehrertrag als die vorhergehenden
liefern. Früher oder später kommen wir aber offenbar zu einem Punkt,
wo der der letzten Einheit von Kapital und Arbeit entsprechende Mehrertrag
 sein Maximum erreicht, um danach asymptotisch gegen Null
zu sinken. Dabei steigt aber noch der Gesamtertrag pro Einheit des
Aufwandes von Kapital und Arbeit gerechnet. Erst später gelangen wir
zu einem Punkt, wo dieser Ertrag pro Einheit des Aufwandes sein
Maximum erreicht und von wo an auch er asymptotisch gegen Null]
sinkt. Die Notwendigkeit dieses Verhältnisses, die den wahren Inhalt
des Gesetzes des abnehmenden Bodenertrags bildet, leuchtet ein, wenn
wir bedenken, daß eine entgegengesetzte Voraussetzung die Möglichkeit
 einer beliebig großen Ernte auf einer gegebenen Fläche bedeutet.
 Der zuletzt angegebene Punkt bezeichnet die Grenze, bis zu
der Kapital und Arbeit auf einer gegebenen Bodenfläche wirtschaftlicherweise
 verwendet werden kann, wenn keine Bodenrente zu zahlen
ist. Denn bevor die Grenze erreicht ist, können die Produktionskosten
pro Einheit des Produkts durch Anwendung von mehr Kapital und
Arbeit auf dem gegebenen Boden vermindert werden. Nach Überschreitung
 der Grenze würde der Aufwand von Kapital und Arbeit auf
neuem Boden gleicher Qualität mehr lohnend sein, da doch die Nutzung
dieses Bodens nichts kostet und also die schon erreichten Produktionskosten
 pro Einheit des Produkts nicht überschritten zu werden brauchen.
Insofern haben wir den Ertrag nur in seinem Zusammenhang mit
dem Aufwand von Kapital und Arbeit betrachtet. Wir können aber auch
den Ertrag auf die Gesamtkosten, also auf die Summe des Aufwandes
von Kapital und Arbeit und der Bodenrente beziehen. Auch dieser Ertrag
 pro Einheit der Gesamtkosten hat natürlich ein Maximum, wird
bei immer steigendem Aufwand von Kapital und Arbeit von einem gewissen
 Punkte an abnehmen. Dieser Punkt liegt aber entfernter als der
Punkt, an dem der auf die Kapital- und Arbeitskosten allein bezogene
Ertrag sein Maximum erreicht. Denn wenn auch von diesem Punkt

DO
A
        <pb n="267" />
        254 Kap. VII. Die Bodenrente und die Preise der Naturmaterialien.
an der Gesamtertrag verhältnismäßig langsamer wächst als die Kapitalund
 Arbeitskosten, so wächst er doch noch eine Strecke lang schneller
als die Gesamtkosten, die doch den festen Betrag der Bodenrente enthalten.
 Der Maximalpunkt für den Ertrag pro Einheit der Gesamtkosten
 ist‘ auch nicht fest, sondern entfernt sich immer weiter, wenn die
Bodenrente steigt.
Wenn eine Bodenrente bezahlt werden muß, ist ein größerer Aufwand
 von Kapital und Arbeit auf dem gegebenen Boden wirtschaftlich
gerechtfertigt, als wenn Boden umsonst zu haben ist. Denn obwohl
eine neue Einheit von Kapital und Arbeit auf dem alten Boden einen
kleineren Ertrag bringt, als sie auf neuem Boden passenden Areals tun
würde, ist doch die Anwendung der betreffenden Einheit auf dem alten
Boden insofern vorteilhafter, als die Zahlung einer neuen Bodenrente
vermieden wird.
Die Tatsache, daß ein bestimmter Mehrertrag durch Anwendung
von mehr Kapital und Arbeit auf einer gegebenen Bodenfläche gewonnen
 werden kann, muß mit dem ähnlichen Verhältnis, daß ein bestimmter
 Mehrertrag auch durch Bestellung einer größeren Bodenfläche
mit einem gegebenen Aufwand von Kapital und Arbeit gewonnen werden
kann, zusammengestellt werden. Wir haben es in der Tat hier mit zwei
konkurrierenden Produktionsmitteln zu tun, nämlich Bodennutzung
einerseits, Anwendung von Kapital und Arbeit anderseits. Die Konkurrenz
 derselben regelt sich nach dem Substitutionsprinzip. Im allgemeinen
 läßt sich eine gewisse kleine Bodenmenge durch eine gewisse
kleine Menge von Kapital und Arbeit und umgekehrt ohne Änderung
des Produktionsergebnisses ersetzen. Das Verhältnis zwischen den ersetzbaren
 Zuschüssen hängt von den relativen Gesamtmengen ab, die
schon in der Produktion zur Verwendung gekommen sind.
Wieviel vom einen oder anderen Produktionsmittel wirtschaftlicherweise
 verwendet werden soll, läßt sich erst dann bestimmen, wenn die
Preise der beiden Produktionsmittel gegeben sind. Das Substitutionsprinzip
 erfordert, daß die letzten in der Produktion verwendeten gegeneinander
 substituierbaren Mengen der beiden Produktionsmittel denselben
 Preis haben (8 13). Durch diese Bedingung werden, wie wir
wissen, sowohl die wirtschaftliche Leitung der Produktion wie auch
das Preisbildungsproblem selbst bestimmt. Bei derjenigen Zusammenstellung
 der beiden Produktionsmittel, welche das Substitutionsprinzip
erfordert, erreicht der Ertrag pro Einheit der Gesamtkosten ein Maximum.
 Ist der Aufwand von Kapital und Arbeit auf einem gegebenen
Stück Boden kleiner als er nach dem Substitutionsprinzip sein sollte,
so kann also der Ertrag pro Einheit der Gesamtkosten durch Erhöhung
dieses Aufwands vermehrt werden. Ist aber die Forderung des Substitutionsprinzips
 schon erfüllt, so muß offenbar ein weiterer Aufwand
von Kapital und Arbeit den Ertrag pro Kosteneinheit vermindern. Im
        <pb n="268" />
        $ 30. Die Preisbildung der Bodennutzung. 555
ersten Falle steht der Betrieb im Zeichen des zunehmenden, im zweiten
im Zeichen des abnehmenden Ertrags. Dies gilt aber ebensowohl, wenn
wir uns den Aufwand von Kapital und Arbeit als fest und die in Anspruch
 genommene Bodenfläche als variabel denken. Bei einer gewissen
 Bodenfläche wird die billigste Produktion erreicht. Jede weitere
Ausdehnung der Bodenfläche, aber auch jede Verminderung derselben,
wird dann der Ertrag pro Kosteneinheit vermindern. Die vollständige
Relativität des Begriffs des „abnehmenden, bzw. zunehmenden Ertrags“
wird hierdurch ins richtige Licht gestellt. Das beschriebene Verhältnis
ist auch nichts für die Landwirtschaft Eigentümliches, Allgemein muß
in jeder Produktion der Ertrag pro Kosteneinheit sinken, sobald die
Zusammenstellung der Mengen der substituierbaren Produktionsmittel
von derjenigen Zusammenstellung abweicht, die vom Substitutionsprinzip
erfordert wird und die den Maximalertrag pro Kosteneinheit liefert.
In welchem Verhältnis Boden und übrige Produktionsfaktoren miteinander
 vereinigt werden sollen, hängt nach dem Substitutionsprinzip
immer von den relativen Preisen der Bodennutzung und der übrigen Produktionsfaktoren
 ab, und zwar muß jeder Produktionsfaktor, dessen
Preis steigt, von den anderen zurückgedrängt werden. Wenn in einem
Lande der Arbeitslohn steigt, während die Bodenrente unverändert
bleibt, findet man auch, daß die Landwirte die Arbeiterzahl im Verhältnis
zur Kultivierten Bodenfläche vermindern. Eine Erhöhung der Bodenrente
 bei unveränderten Preisen der übrigen Produktionsfaktoren muß
wiederum den vom Substitutionsprinzip erforderten Aufwand von
Kapital und Arbeit pro Einheit der Bodenfläche steigern, es muß auf
dem teureren Boden eine „intensivere“ Landwirtschaft getrieben werden.
Dieser Satz hat bekanntlich für die ganze Gestaltung der Landwirtschaft
in den verschiedenen Ländern der Erde eine durchgreifende Bedeutung.
 Eine weiter getriebene Substitution von Kapital und Arbeit
für Bodennutzung bedeutet aber eine relative Verminderung der Nachfrage
 nach Boden. In dieser Abschwächung der Bodennachfrage liegt
eben unsere zweite Gegenwirkung gegen eine Steigerung der Bodenrente,
 Diese Gegenwirkung ist schwach, wenn Kapital und Arbeit schon
so weit verwendet sind, daß eine weitere Anwendung dieser Gruppe
von Produktionsfaktoren auf demselben Boden nur eine relativ kleine
Vermehrung des Produkts gestattet. Ist die Substitution sehr weit getrieben,
 m. a. W. ist die Intensität der Landwirtschaft schon eine sehr
starke, dann ist auch die Reaktion gegen eine Steigerung der Bodenrente
 sehr abgeschwächt, und wir nähern uns wieder dem Zustand der
absoluten Bodenknappheit, von dem wir bei diesen Betrachtungen ausgegangen
 sind.
An _diese Analyse der Bedeutung des Substitutionsprinzips in der
Rentenbildung knüpfen sich gewisse Konsequenzen für unsere Auf-5


Pi
        <pb n="269" />
        256 Kap. VII. Die Bodenrente und die Preise der Naturmaterialien.
fassung des allgemeinen Preisbildungsprozesses und der Stellung der
Bodenrente innerhalb desselben.
Der Einheitspreis des Produkts muß natürlich bei Gleichgewicht
gleich den Gesamtkosten pro Einheit des Produkts sein, enthält also
sowohl die Kapital- und Arbeitskosten wie auch die Bodenrente. Dieser
Satz darf aber lediglich als eine notwendige Übereinstimmung aufgefaßt
 werden, darf‘ nicht etwa dahin ausgelegt werden, daß die Produktionskosten,
 inklusive der Bodenrente, die Ursache des Produktpreises
 sind. Produktpreise und Preise der Produktionsfaktoren sind,
wie wir wissen, überhaupt niemals als Ursache und Wirkung miteinander
 einseitig verbunden, sondern beide Gruppen von Preisen werden
gleichzeitig von den selbständigen Faktoren des Preisbildungsprozesses
bestimmt. Denken wir uns im vorliegenden Falle die Preise der Produktionsmittel,
 also die Bodenrente und den Preis der Anwendung von
Kapital und Arbeit, vorläufig als gegeben, dann sagt das Substitutionsprinzip,
 in welchem Verhältnis diese beiden Gruppen von Produktionsmitteln
 zusammengestellt werden sollen, also wieviel von ihnen zur
Produktion einer Einheit des Produktes verwendet werden soll. Damit
sind die Produktionskosten des Weizens bestimmt, folglich auch sein
Preis. Bei diesem Preis wird die Nachfrage nach Weizen auf eine bestimmte
 Menge beschränkt und diese Menge muß mit der Menge des
Produktes übereinstimmen. Diese Produktmenge ist nun anderseits
durch die Bedingung bestimmt, daß das ganze zur Verfügung stehende
Bodenareal, und zusammen mit diesem Boden eine nach dem Substitutionsprinzip
 bestimmte Menge von Kapital und Arbeit, in Anspruch genommen
 werden soll. Wir gelangen in dieser Weise zu einer Gleichung,
die die Bodenrente im Verhältnis zum Preis für die Einheit des Aufwands
von Kapital und Arbeit bestimmt. (Weiter können wir nicht kommen,
denn die Preise der Kapital- und Arbeitsanwendung lassen sich erst im
Zusammenhang mit dem ganzen Preisbildungsprozeß, der auch auf die
übrige Nachfrage nach diesen Produktionsfaktoren Rücksicht nimmt,
bestimmen.) Bei dieser Behandlung des Problems behält die Bodenrente
ihre natürliche mit den übrigen Produktionskosten koordinierte Stellung
im Preisbildungsprozeß, und die direkte Abhängigkeit der Bodenrente
von den Faktoren, die überhaupt die Preisbildung regulieren, tritt
deutlich zutage. Daß sich diese Auffassung der Bodenrente als integrierender
 Teil der Produktionskosten dem Vorstellungskreis des praktischen
 Geschäftslebens am nächsten anschließt, braucht kaum besonders
 hervorgehoben zu werden.
Der Landwirt muß nach dem Gesagten auf einem Boden, für welchen
eine bestimmte Rente zu zahlen ist, Kapital und Arbeit bis an den
Punkt verwenden, wo es indifferent ist, ob eine gewisse Geldsumme für
ein Mehr von Bodennutzung oder ein Mehr von Kapital und Arbeit verwendet
 wird. Bei diesem vom Substitutionsprinzip geforderten Mengen-
        <pb n="270" />
        8 30. Die Preisbildung der Bodennutzung. Zl
verhältnis der beiden Produktionsmittelgruppen ist der Preis des Produkts
 nicht nur gleich den gesamten Produktionskosten pro Einheit der
Produktmenge, sondern auch gleich den Kosten des Extrazuschusses von
Kapital und Arbeit oder den gleich großen Kosten des Extrazuschusses
vom Boden, der zur Herstellung einer weiteren Einheit des Produkts
erforderlich ist.
Diese Wahrheit, die natürlich für die beiden konkurrierenden Produktionsmittel
 von gleicher Bedeutung ist, hat man einseitig für den
Aufwand von Kapital und Arbeit geltend gemacht, indem man die
ganze Theorie der Preisbildung auf den Satz bauen wollte, daß der
Preis der Bodenprodukte von den Kosten desjenigen Aufwands von
Kapital und Arbeit bestimmt wird, der zur Gewinnung der letzten Produkteinheit
 auf einer gegebenen Bodenfläche nötig ist. Aus diesem
Satz hat man geschlossen, daß der Produktenpreis ausschließlich von
den Kapital- und Arbeitskosten — nämlich auf der Grenze des Kapitalund
 Arbeitsaufwandes auf einer gegebenen Fläche — abhängt, daß
also die Knappheit des Bodens keine Einschränkung der allgemeinen
Regel, daß Produktenpreise von den Kapital- und Arbeitskosten bestimmt
 werden, bedeutet. Diese Lehre kulminiert in dem berühmten
Ricardoschen Satz, daß die Bodenrente kein Element in den Produktionskosten
 oder im Preise des Produktes bildet. Damit war der
Boden als Produktionsfaktor in eine Sonderstellung versetzt, und es war
der Grund gelegt zu einer Differenzierung zwischen der Rente einerseits
und den Preisen der übrigen Produktionsfaktoren anderseits, die in
ihren Konsequenzen die ganze Aufstellung der theoretischen Ökonomie
bestimmen mußte und die vielleicht am schärfsten in dem großen Werke
Marshalls zutage tritt.
Der wahre Inhalt dieser ganzen Lehre wird am besten beleuchtet,
wenn man sich klarmacht, daß in derselben Weise und mit derselben
Berechtigung der Satz aufgestellt werden kann, daß ‚,der Preis der
Bodenprodukte von den Kosten derjenigen Extrabodennutzungen, die
zur Gewinnung der letzten Produkteneinheit bei einem gegebenen Aufwand
 von Kapital und Arbeit nötig sind, bestimmt wird‘. Aus diesem
Satze könnte man auch schließen, daß der Produktenpreis ausschließlich
von den Kosten der marginellen Bodennutzung abhängt und daß also
Kapital und Arbeitskosten kein Element in den Produktionskosten
bilden. Daß ein solcher Gedankengang viel zu künstlich ist, um überhaupt
 ernstlich in Betracht zu kommen, daran zweifelt doch niemand.
Die hier betonte Gleichstellung von Kapital und Arbeit einerseits
und Bodennutzung anderseits ist für den praktischen Landwirt offenbar.
Oft dürfte sich für ihn sogar der Kapital- und Arbeitsaufwand als der
relativ fixierte Faktor, der Umfang der Bodennutzung als der vorwiegend
bewegliche darstellen. Für eine ganze Volkswirtschaft ist jedoch — wird
man _ vielleicht einwenden_ — die Bodenmenge gegeben, während der
Cassel, Theoret, Sozialökonomie, 4. Aufl.

bt
17
        <pb n="271" />
        258 Kap. VII. Die Bodenrente und die Preise der Naturmaterialien.
Kapital- und Arbeitsaufwand auf diesem Boden veränderlich ist. Dabei
übersieht man aber, daß die Bodenrente doch nur im Zusammenang
 mit dem gesamten Preisbildungsprozeß der Tauschwirtschaft bestimmt
 werden kann. Wenn wir aber die Tauschwirtschaft in ihrem
Ganzen überblicken, sind die zur Verfügung stehenden Quantitäten der
Kapitalnutzung und der Arbeit ebensowohl wie die der Bodennutzung
in jedem Augenblick als gegeben zu betrachten. Die Preisbildung is
überhaupt an die Bedingung gebunden, daß diese gegebenen Quantitäten
 der Produktionsmittel vollständig in Anspruch genommen werde
ollen. In dieser Hinsicht besteht kein Unterschied zwischen Kapital un
Arbeit einerseits und Boden anderseits. Eine andere Sache ist, daß
die Voraussetzungen der Preisbildung in einem geschlossenen Lande
mit steigender Bevölkerung und wachsendem Kapitalreichtum sich mit
der Zeit ändern und daß dabei die Bodenmenge als relativ fix, die
engen der übrigen Produktionsfaktoren als das vorwiegend bewegliche
lement aufzufassen sind. Dieses Verhältnis hat freilich für die historisch-dynamische
 Betrachtung der Entwicklung der Preisbildung eine
wichtige Bedeutung.
Jeder Produktionsprozeß ist in Wirklichkeit insofern als eine unteilbare
 Einheit aufzufassen, als die Produktionskosten sich auf das
— Gesamtprodukt des einheitlichen Produktionsprozesses beziehen und
amtliche Kosten umfassen, die zur Herstellung dieses Gesamtprodukts
nötig sind. Dies ist der natürliche Ausgangspunkt der Preisbildungsehre.
 Wenn zwei Produktionsfaktoren, die einander kontinuierlich verreten
 können, in einem Produktionsprozeß mitwirken, kann man
wohl in Gedanken den einen als fix annehmen, den anderen in kleine
gleiche Dosen aufteilen und so das Produkt in Teile zerlegen, die mi
diesen sukzessiven Dosen produziert werden. Die früheren Teile des
Produkts müssen dann natürlich größer sein als die folgenden. Der
Preis des letzten Teils entspricht nur dem Preis der letzten Dose de
zweiten Produktionsfaktors, welcher Preis also für den Preis des Produkts
 bestimmend wird. Wenn man will, kann man daraus schließen
daß nur der Preis des zweiten Produktionsfaktors ein Element der
Produktionskosten und des Produktenpreises bildet. Die Preise de
übrigen größeren Produktenteile übersteigen den Preis des entsprechenden
 Aufwands vom zweiten Produktionsfaktor. Der Gesamtaufwand
dieses Produktionsfaktors liefert folglich einen Gewinn über die Kosten
desselben, einen Gewinn, den man dem ersten, als fix angenommenen
Produktionsfaktor zuschreiben kann und, wenn dieser dauerhaft ist
als „Rente‘“ desselben bezeichnen kann, wodurch diese Rente aus dem
Preisbildungsprozeß ausgeschaltet wird. Daß in dieser Weise eine
ormell unantastbare _Preisbildungslehre geschaffen. werden kann, soll
icht geleugnet werden. Nur werden die Vorzüge einer so gekünstelten
Behandlung des Preisbildungsproblems En
        <pb n="272" />
        $ 30. Die Preisbildung der Bodennutzung. |
Wenn behauptet wird, der Weizenpreis sei durch die Kosten desjenigen
 Aufwandes von Kapital und Arbeit, der zur Gewinnung des
letzten Hektoliters Weizen auf einem gegebenen Boden nötig ist, bestimmt,
 so muß davor gewarnt werden, in diesen Grenzkosten einen
objektiven Bestimmungsgrund des Weizenpreises zu erblicken. Denn die
bezeichneten Grenzkosten sind doch nicht bestimmt, bevor man die
Lage der Grenze kennt, d. h. bevor man weiß, wieviel Kapital und Arbeit
auf der gegebenen Bodenfläche wirtschaftlicherweise verwendet werden
kann. Die Lage der Grenze kann man aber, wie oben gezeigt, nach dem
Substitutionsprinzip bestimmen, sobald man die Preise der konkurrierenden
 Produktionsmittelgruppen, hier Boden einerseits und Kapital und
Arbeit anderseits, kennt. Geht man diesen Weg, so wird also der
Produktenpreis wieder in den Preisen der beiden Produktionsmittel ausgedrückt.
 Natürlich kann man aber auch zwei andere Preise als die Unbekannten
 des Problems wählen. Nimmt man den Preis des Produkts
und den Preis der Einheit von Kapital- und Arbeitsanwendung als
gegeben an, so läßt sich die Grenze des Aufwands von Kapital und Arbeit
auf einem gegebenen Boden dadurch bestimmen, daß man beachtet, daß
die letzte Dose von Kapital und Arbeit einen Preis haben muß, der dem
Preis des mit dieser Dose gewonnenen Produkts gleich ist. Dadurch ist
die Anwendung von Kapital und Arbeit auf dem gesamten Boden und
Folglich auch die gesamte Produktenmenge bestimmt. Da diese gleich
der bei dem gegebenen Produktenpreis bestehenden Nachfrage nach dem
Produkt sein muß, bekommt man eine Gleichung, die den Produktenpreis
 im Preise der Anwendung von Kapital und Arbeit ausdrückt, und
das Problem ist gelöst. Bei diesem Verfahren, das dem Gedankengang
der klassischen Ökonomie am nächsten entspricht, kann die Bodenrente
erst nach Lösung der Hauptaufgabe berechnet werden. Dieser Umstand
hat die klassische Ökonomie veranlaßt, die Bodenrente lediglich als ein
sekundäres Ergebnis des Preisbildungsprozesses zu betrachten und die
ganze Erscheinung der Rentenbildung außerhalb des eigentlichen Preisbildungsprozesses
 zu stellen!). Man dürfte finden, daß hier doch aus
einer rein formellen Behandlungsweise des Preisbildungsproblems, die
dazu keineswegs notwendig ist, sondern, wie wir gezeigt haben, ebensogut
 durch eine andere, die realen Vorgänge treuer widerspiegelnde Behandlungsweise
 ersetzt werden kann, etwas zu weit gehende Folge-TungSen
 gezogen worden sind. In Wirklichkeit hat doch die Bodenrente
1) Vgl. Marshall: Principles, Book V, Ch. VIII, 8 2: „Restatement of the
classical doctrines‘‘. Es ist selbstverständlich, wie Marshall hervorhebt, unrichtig,
die Bodenrente für einen den Produktenpreis Tegulierenden Faktor auszugeben.
Dasselbe gilt aber auch vom Preise jedes anderen Produktionsfaktors. Die Preise
sämtlicher Produktionsmittel und Produkte haben im Preisbildungsproblem dieselbe
Stellung als Unbekannte, die erst durch die selbständigen Bestimmungsgründe des
Preisbildungsprozesses und dann alle gleichzeitig bestimmt werden. Die Einseitigkeit
 der Marshallschen Idee der „gegenseitigen Abhängigkeit“ tritt hier hervor.

259
17*
        <pb n="273" />
        260 Kap. VII. Die Bodenrente und die Preise der Naturmaterialien.
wesentlich dieselbe Stellung unter den Produktionskosten wie die Preise
der übrigen Produktionsfaktoren.
Wir kommen nun zur dritten Gegenwirkung gegen eine gedachte
Steigerung der Bodenrente. Diese Gegenwirkung besteht in einer Ausdehnung
 des kultivierten Bodens. Die Bedingungen, unter denen
eine solche Ausdehnung der Bodenfläche möglich ist, haben offenbar
ebenfalls für die Bodenrente eine sehr wichtige Bedeutung. In einem
alten Lande ist eine solche Ausdehnung der Kultur meistens nur in der
Weise möglich, daß Boden schlechterer Art oder Lage, also m. a. W.
Boden niedrigerer Qualität in Anspruch genommen wird. Es ist vielleicht
 in dieser Weise schon eine ganze Reihe verschiedener Bodenqualitäten
 unter Kultur genommen worden. Hier, wo wir die Bedingungen
 einer Kultivierung neuen Bodens betrachten wollen, brauchen
wir auf dieses Verhältnis keine Rücksicht zu nehmen, sondern können
uns damit begnügen, den neuen Boden mit einem schon bebauten bestimmter
 Qualität zu vergleichen. Wir können dann zunächst feststellen,
daß .die Produktionskosten auf dem bis jetzt unbenutzten Boden, obwohl
 er keine Rente trägt, gleichwohl höher sein würden als die Produktionskosten
 auf dem schon bebauten Boden, die Rente desselben
einbegriffen. Wäre nämlich dies nicht der Fall, so würde man lieber den
unbenutzten Boden kultivieren, als Rente für den alten Boden zahlen.
Die Stärke der Gegenwirkung gegen die Steigerung der alten
Bodenrente ist nun offenbar um So größer, je weniger die Produktionskosten
 auf dem neuen Boden die alten Produktionskosten auf dem
rententragenden Boden überschreiten und je größer das Areal des
Bodens ist, dessen Kultivierung bei einer bestimmten kleinen Steigerung
 der alten Bodenrente ermöglicht wird. Ist diese Gegenwirkung
sehr stark, so werden die alten Bodenrenten überhaupt nicht merklich
steigen können. Ist sie dagegen sehr schwach, m. a. W. ist eine beträchtliche
 Ausdehnung der Kultur nur durch Inanspruchnahme von
Boden mit wesentlich höheren Produktionskosten möglich, dann ist
auch die Steigerung der alten Bodenrenten von dieser Seite wenig gehemmt,
 die Bodenrente wird nahezu so reguliert, als wenn eine absolute
Knappheit an Boden bestände.
Nach dem Gesagten ist eine Steigerung der alten Bodenrenten die
normale Bedingung einer Ausdehnung der Kultur. Immerhin ist die
Kultivierung neuen Bodens auch unter Umständen bei unverändertem
Stand der alten Bodenrenten möglich. Die Urbarmachung neuen Bodens
erfordert meistens eine Kapitalanlage für Drainierung, Roden, Tiefpflügung,
 Wege UusW. und hat insofern den Charakter einer Bodenproduktion.
 Diese Kosten können so groß sein, daß sie früher bei großer
Kapitalknappheit und hohem Zinsfuß unerschwinglich gewesen sind
und der betreffende Boden deswegen unbenutzt geblieben ist, während
        <pb n="274" />
        $ 30. Die Preisbildung der Bodennutzung. 4
die Kultur sich vorzugsweise solchem Boden zugewandt hat, der mit
kleineren Anfangskosten urbar gemacht werden konnte. Ein solches
Verhältnis dürfte besonders in der ersten Periode der Kolonisierung
neuer Länder gewöhnlich sein. Sinkt nun später der Zinsfuß von,
sagen wir 12% bis auf 6%, wird vielleicht eine beträchtliche Ausdehnung
 der Kultur möglich. Die Produktionskosten auf dem neuen
Boden brauchen dabei diejenigen auf dem alten nicht zu überschreiten,
es ist sogar denkbar, daß die Ausdehnung der Kultur unter einem
Sinken der alten Bodenrenten stattfindet. Jedenfalls liegt in dieser
Möglichkeit einer Urbarmachung neuen fruchtbaren Bodens ein starkes
Hindernis gegen eine Steigerung der alten Bodenrenten.
Auch Fortschritte der landwirtschaftlichen Technik können die
Kultivierung neuen Bodens ohne Steigerung der alten Bodenrenten ermöglichen,
 es können Umwälzungen vorkommen, durch welche die
Produktionskosten auf gewissen bis jetzt unbenutzten Bodenqualitäten
wesentlich herabgedrückt werden, so daß sie mit dem älteren Boden die
Konkurrenz aufnehmen können. Es ist demnach auch nicht zu erwarten,
daß die verschiedenen Bodenflächen eben in derjenigen Reihenfolge
kultiviert worden sind, die durch ihre nach dem jetzigen Stand der
Technik und der Volkswirtschaft beurteilte Qualität ausgewiesen wird.
Wenn Bodenstücke verschiedener Qualität gleichzeitig kultiviert
werden, erscheint die Bodenrente als eine Differentialrente, die
im Unterschied zwischen den Produktenmengen, die mit demselben
Aufwand von Kapital und Arbeit auf verschiedenen Bodenstücken gewonnen
 werden, begründet ist. Bei der großen Menge von Verhältnissen,
 die die Bodenqualität bestimmen, und bei der großen Ausdehnung
 des Bodens und seiner sehr wechselnden Beschaffenheit kann
man im allgemeinen annehmen, daß Boden in allen verschiedenen
Qualitäten vorhanden ist. Der schlechteste noch für die Kultur in Anspruch
 genommene Boden trägt dann keine Rente, und die Rente eines
besseren Bodens wird in Übereinstimmung mit Ricardos Formulierung
 als der Unterschied zwischen den Produktenmengen aufgefaßt,
die mit demselben Aufwand von Kapital und Arbeit auf diesem Boden
sowie auf dem rentenfreien Boden gewonnen werden können. Diese allgemein
 vorgetragene Theorie der Bodenrente läßt indessen an Klarheit
viel zu wünschen übrig. Es bleibt nämlich unbestimmt, wieviel Boden
in den beiden Fällen mit dem gegebenen Aufwand von Kapital und
Arbeit kultiviert werden soll. Man könnte annehmen, der Vergleich
bezöge sich auf zwei Bodenstücke desselben Areals. Eine solche Voraussetzung
 ist jedoch nicht möglich. Denn im allgemeinen wird das
Bodenareal, das im einen Falle für den gegebenen Aufwand von Kapital
und Arbeit passen würde, im anderen Falle sehr unangemessen sein,
Offenbar muß man bei einem Vergleich der Ergiebigkeit zweier Boden-26
        <pb n="275" />
        262 Kap. VII. Die Bodenrente und die Preise der Naturmaterialien.
qualitäten voraussetzen, daß in beiden Fällen die vorteilhafteste Zusammenstellung
 von Bodenareal und Aufwand von Kapital und Arbeit
gewählt wird. Welches die vorteilhafteste Zusammenstellung ist, 1äßt
sich aber in bezug auf den besseren, rententragenden Boden nicht bestimmen,
 ehe die Bodenrente (oder, was auf dasselbe hinauskommt, der
Preis des Produkts) gegeben ist. Die scheinbar so "einfache Auffassung
der Bodenrente als einer Differentialrente wird also durch das gleichzeitige
 Wirken des Substitutionsprinzips ziemlich kompliziert. Es zeigt
sich, daß wir mit dem Unterschied in den Produktenmengen des besseren
und schlechteren Bodens als Bestimmungsgrund der Bodenrente jedenalls
 nicht weit kommen.
Aber auch wenn diese Komplikation nicht vorhanden wäre, wenn
wir das Problem bis aufs äußerste dadurch vereinfachen wollten, daß
ir die Menge von Kapital und Arbeit, die auf einer gegebenen Bodenläche
 verwendet werden kann, als für jede Bodenqualität absolut fixier
oraussetzen, würden wir dennoch nicht den Überschuß des Produktes
des rententragenden Bodens über dasjenige des nicht-rententragenden
als selbständigen Bestimmungsgrund der Bodenrente gelten lassen
können. Denn die Ausdehnung der Kultur, und damit die Lage der
Kulturgrenze und die Qualität des nicht-rententragenden Bodens, ist
ebensoviel von der Bodenrente bestimmt wie diese von jener. Überaupt
 ist die Erklärung der Bodenrente als eines Überschusses über die
Produktmenge eines schlechteren Bodens sehr wenig befriedigend. Die
Bodenrente eines Bodens bestimmter Qualität ist doch in ihrem innersten
esen ein Knappheitspreis, der sich in erster Linie auf diesen Boden
selbst bezieht und von Angebot und Nachfrage nach ihm bestimmt wird
Die gleichzeitige Existenz eines schlechteren Bodens, der in Konkurrenz
it dem besseren treten kann, kann wohl den genannten Knappheitsoreis
 etwas herabsetzen, aber jedenfalls der Bodenrente keine wesentlich
andere Natur geben. Das einseitige Hervorheben des Differentialmoments
 erweckt leicht die Vorstellung, als ob die_Existenz des
schlechteren Bodens irgendeine wesentliche Bedeutung für die Bodenente
 des besseren Bodens hätte. In Wirklichkeit ist aber diese Bodenrente
 für ihre Existenz gar nicht vom Vorhandensein des schlechtere
Bodens abhängig, im Gegenteil, sie wird ja dadurch nur vermindert!
enn in einem Lande die letzte benutzte Bodenqualität im Verhältnis
zur Nachfrage knapp wäre, und wenn der noch unbenutzte Boden
esentlich niedrigerer Qualität wäre, dann müßte die letzte benutzte
Bodenqualität auch eine Rente tragen, welche dann als reine Knappheitsrente
 klar zutage treten würde. Wir müssen unbedingt an unsere Preisbildungstheorie
 die Forderung stellen, daß sie einen solchen immerhin
denkbaren Fall mit umfaßt. Für die wirkliche Natur der Bodenrente
hat es keine wesentliche Bedeutung, daß an der Grenze des Anbaues
ein rentenfreier Boden existiert. _ Wenn für eine Preistheorie diese
        <pb n="276" />
        $ 30. Die Preisbildung der Bodennutzung, 263
Voraussetzung wesentliche Bedeutung bekommt, dann ist dies ein
Beweis dafür, daß die Preistheorie künstlich ist, und man kann sicher
sein, daß sie bei aller formellen Richtigkeit das innerste Wesen der
Sache doch nicht erfaßt.
Die klassische Preisbildungstheorie hat sich ihre Aufgabe dadurch wesentlich
vereinfacht, daß sie ihre ganze Untersuchung sozusagen auf die Grenze des Anbaus,
wo keine Rente bezahlt wird, verlegte. Ein solcher Kunstgriff, der uns erlaubt, die
Bodenrente vollständig aus dem Problem auszuschalten, bietet natürlich gewisse
Vorteile, wenn man ein spezielles Studium der Relationen zwischen Kapitalzins und
Arbeitslohn vornehmen will, und Ricardo hat auch, wie wir im nächsten Kapitel
sehen werden, seine für die spätere Entwicklung des ökonomischen Denkens so bedeutungsvollen
 Ergebnisse auf diesem Wege gewonnen. Will man nun diese klassische
Preisbildungstheorie vervollkommnen und in organische Verbindung mit unserer Auffassung
 des Preisbildungsprozesses bringen, so hat man nur die Preisbildung auf die
gegebenen Faktoren des Problems, also auf die Beschaffenheit der Nachfrage, die
technischen Koeffizienten der Produktion und die Versorgung der Tauschwirtschaft
mit Boden, Kapital und Arbeit zurückzuführen. Man kann, wenn wir immer noch
an der Voraussetzung, daß nur ein Produkt auf dem Boden erzeugt wird, festhalten,
den Preis dieses Produkts und die Preise der Kapital- und Arbeitsnutzungen als die
Unbekannten des Problems wählen. Für jedes Stück Boden ist dann bestimmt, wieviel
 Kapital und Arbeit auf demselben wirtschaftlicherweise verwendet werden und
damit auch eine wie große Produktmenge auf demselben erzeugt werden kann. Also
ist auch die gesamte Produktmenge bestimmt. Diese muß mit der Nachfrage beim
gegebenen Preis übereinstimmen. Damit ist eine Gleichung gegeben, die den Produktenpreis
 in Kapital- und Arbeitskosten ausdrückt, wonach nicht nur der Aufwand
von Kapital und Arbeit, die in Anspruch genommene Bodenmenge, somit auch die
„Anbaugrenze‘“‘, und die Produktmenge sowohl auf jedem Bodenstück wie insgesamt,
sondern auch die Rente jedes Bodens bestimmt sind. Man findet also, daß alle Unbekannten
 des Problems gleichzeitig durch die gegebenen Faktoren bestimmt werden
und daß in dieser Hinsicht keine Rangordnung besteht. Denn welche von den Unbekannten
 man zuerst berech net, ist wohl doch eine rein formelle, von der willkürlichen
 Aufstellung der Lösung des Problems abhängige Frage, der man offenbar
keine reale Bedeutung zuschreiben darf.
Vielleicht kommt man dem Gedankengang der klassischen Theorie noch näher,
wenn man nebst den Kapital- und Arbeitspreisen die Lage der Anbaugrenze als Unbekannte
 des Problems wählt. Dann kann man bei der Lösung des Problems davon
ausgehen, daß man weiß, welcher Boden auf der Grenze des Anbaus steht und wo
also das Produkt keine Bodenrente zahlt. Der Produktenpreis ist dann gleich den
Kapital- und Arbeitskosten, die auf diesem Boden pro Einheit des Produkts geopfert
werden müssen, und die im arithmetischen Sinne als die Unbekannte. des Problems
gelten können. Ist der Produktenpreis bekannt, so kann man die Ausdehnung der
Produktion auf jedem Bodenstück berechnen. Damit ist wieder die Gesamtmenge
der Produktion bekannt und man erhält eine Gleichung zwischen dieser Menge und
der Nachfrage bei dem berechneten Produktenpreis, welche die Unbekannte — die
Kapital- und Arbeitskosten auf dem nicht-rententragenden Boden — bestimmt;
wonach die übrigen Unbekannten des ‚Problems berechnet werden können. Man
findet, daß der berühmte Satz, daß der Preis des Produkts gleich den Produktionskosten
 auf der Anbaugrenze ist, wohl eine notwendige Übereinstimmung, keineswegs
aber eine Erklärung der Preisbildung enthält. Im Preisbildungsproblem sind eben
diese beiden Faktoren Vollständig gleichgestellte Unbekannte, die erst gleichzeitig

A
        <pb n="277" />
        264 Kap. VII. Die Bodenrente und die Preise der Naturmaterialien.
und zusammen mit allen den übrigen Unbekannten des Problems von den gegebenen
Faktoren desselben bestimmt werden können.
Ricardos Satz, daß der Getreidepreis nicht hoch steht, weil eine Bodenrente
bezahlt wird, sondern eine Bodenrente bezahlt wird, weil der Getreidepreis hoch steht,
ist nach dem Gesagten ebenso falsch wie jeder Versuch; die verschiedenen Preise des
Preisbildungsprozesses in eine Folge von Ursachen und Wirkungen zu ordnen. Der
eben zitierte Satz, daß der Produktenpreis gleich den Grenzproduktionskosten ist,
also gleich den Kapital- und Arbeitskosten auf dem Boden, wo keine Rente gezahlt
wird, hat auch keinen logischen Vorzug vor dem Satz, daß der Produktenpreis gleich
den Produktionskosten, inklusive Rente, auf irgendeinem bestimmten rententragenden
 Boden ist. In dem einen Falle ist es unbekannt, welches der Boden ist, der keine ı
Rente liefert, in dem anderen Falle, wie hoch die Rente des ausgewählten Bodens ist.
Von einem gewissen Gesichtspunkt ist es sogar natürlicher, die Rente eines bestimmten
 Bodens als Unbekannte des Problems zu wählen. Dann ist der Aufwand
von Kapital und Arbeit auf diesem Boden nach dem Substitutionsprinzip bestimmt,
folglich auch die gesamten Produktionskosten und der Produktenpreis, wonach die
Lösung des Problems in der gewöhnlichen Weise erfolgt und die Bodenrente des betreffenden
 Bodens und dadurch alle die Unbekannten des Problems bestimmt werden.
In diesem Falle baut also die Lösung direkt auf den Satz, daß der Produkte npreis
gleich den Produktionskosten (inklusive Rente) auf dem rententragenden Boden ist,
ganz wie sie in jenem auf die Übereinstimmung des Produktpreises mit den Produktionskosten
 auf dem nicht rententragenden Boden baut. Es geht hieraus mit
völliger Klarheit hervor, daß die klassische, besonders von Marshall betonte Auffassung
 der Rentenbildung als eines sekundären Vorganges abseits des eigentlichen
Preisbildungsprozesses, der Rente als ganz und gar Wirkung, nur in einer willkürlichen
 formellen Aufstellung des Preisbildungsproblems, nicht in der Natur der Sache
begründet ist?).
Nähern wir uns nunmehr der Wirklichkeit noch einen Schritt,
indem wir die Tatsache in Betracht ziehen, daß die Landwirtschaft auf
demselben Boden mehrere verschiedene Produkte erzeugen kann! Der
schlechteste Boden, auf welchem Weizen gebaut wird, trägt noch eine
Rente, denn dieser Boden kann immer noch für andere Kulturen, z. B.
zum Kartoffelbau, verwendet werden. Die klassische Theorie hat dieses
Verhältnis niemals in befriedigender Weise erklären können. Ganz
gewiß kann der Satz, daß die Bodenrente keinen Teil des Produktpreises
bildet, auch für diesen Fall formell aufrechterhalten werden. Wir
brauchen dafür nur vorauszusetzen, daß der Aufwand von Kapital und
Arbeit im Weizenbau in Übereinstimmung mit dem Substitutionsprinzip
bis an die Grenze des lohnenden getrieben wird. Daß aber eine Theorie,
die sich in dieser Weise auf der Grenze des Anbaus bewegt, einen
wesentlichen Teil des realen Inhalts des Preisbildungsproblems verlieren
 muß, zeigt sich hier besonders deutlich. Die wirtschaftliche Bedeutung
 einer Preisbildung der Produktionsfaktoren tritt nämlich am
klarsten in der dadurch gewonnenen gleichförmigen Regulierung der
Nachfrage nach den verschiedenen Produkten, die mit Hilfe dieser
Produktionsfaktoren hergestellt werden können, und in der dadurch beı)
 Vgl. Note p. 259.
        <pb n="278" />
        $ 30. Die Preisbildung der Bodennutzung. 3
stimmten wirtschaftlichsten Anwendung der Produktionsfaktoren hervor.
 Die Bodenrente hat demgemäß im Preisbildungsprözeß die sehr
wichtige Aufgabe, die Nachfrage nach den verschiedenen Bodenprodukten
 gleichförmig, d. h. im Verhältnis zu den Ansprüchen, die sie auf
die Bodennutzung stellen, zu beschränken und dadurch die Anwendung
des Bodens für verschiedene Zwecke zu regulieren. Diese Aufgabe erfüllt
 die Bodenrente, indem sie einen integrierenden Teil der Produktionskosten
 jedes Produkts, das auf demselben Boden erzeugt wird,
bildet. Eine Reihe verschiedener landwirtschaftlicher Produkte konkurriert
 um die Anwendung eines und desselben Bodens. Die Tatsache,
daß dieser Boden im Kartoffelbau eine bestimmte Rente liefert, ist nicht
ohne Bedeutung für den Weizenpreis. Im Gegenteil hat die Bodenrente,
da sie in allen Produktionszweigen dieselbe sein muß, eine gleichförmige
 Bedeutung für die Preise sämtlicher Produkte, die auf demselben
 Boden erzeugt werden. Es scheint unmöglich, eine greifbare Vorstellung
 dieser materiell sehr bedeutungsvollen Vorgänge und Zusammenhänge
 zu gewinnen, ohne daß man, wie wir es hier getan haben,
die Bodenrente als einen mit den übrigen Preisen ebenbürtigen Faktor
des Preisbildungsprozesses auffaßt.
Die vorhergehende Untersuchung über die Bodenrente bezieht sich
unmittelbar auf eine Tauschwirtschaft mit Privateigentum an Grund
und Boden. Unsere Beweisführung fußt aber im wesentlichen nur auf
der Notwendigkeit, die Nachfrage nach den Bodenprodukten durch
eine gleichförmige Preisbildung der Produktionsfaktoren, speziell der
Bodennutzung, nach den allgemeinen Prinzipien der Preisbildung zu
beschränken. Da diese Notwendigkeit, wie wir wissen, für jede Tauschwirtschaft
 besteht, haben unsere Ergebnisse im wesentlichen auch für
die Tauschwirtschaft im allgemeinen ihre volle Gültigkeit. Eine sozialistische
 Gesellschaft, die selbst den gesamten Boden besäße und die
landwirtschaftliche Produktion auf eigene Rechnung triebe, müßte also
in derselben Weise wie eine auf Privateigentum an Grund und Boden
basierte Tauschwirtschaft in ihrer Preisbildung mit Bodenrenten rechnen,
also auch ein Einkommen in der Form von Bodenrente beziehen.
Das „arbeitslose Einkommen“ 1äßt sich also hier ebensowenig wie im
Falle der Kapitalnutzung durch eine sozialistische Produktions- und
Eigentumsordnung abschaffen. Daß die sozialistische Gesellschaft diesem
 Einkommen eine andere Anwendung zu geben vermag, verändert
nicht die Natur desselben. Die Bedeutung der Bodenrente als Regulator
des wirtschaftlich richtigen Aufwands von Kapital und Arbeit auf dem
Boden, der Ausdehnung der kultivierten Bodenfläche und der relativen
Preise der verschiedenen Bodenprodukte würde auch in einer sozialistischen
 Gesellschaft prinzipiell dieselbe sein wie in der tatsächlich bestehenden.


267
        <pb n="279" />
        266 Kap. VII Die Bodenrente und die Preise der Naturmaterialien.
8 31. Die Preisbildung der Naturmaterialien.
Da die Naturmaterialien keine dauerhaften Güter sind, haben wir
in bezug auf sie keinen besonderen Preis der Nutzung vom Preise
der Güter selbst zu unterscheiden. Die Preise der Naturmaterialien
sind einfach Preise von Verbrauchsgegenständen, die in der Natur
vorgefunden werden. Wenn solche Materialien, z. B. Kohle oder Erze,
durch Bergbau gewonnen und an die Konsumenten gebracht sind, besitzen
 sie Preise, die meistens zum weitaus größten Teil in den für sie
geopferten Kapital- und Arbeitskosten bestehen und nur zu einem
kleinen Teil Preise für die Materialien, wie sie im Schoße der Natur
gefunden wurden, darstellen. Diese letzten Preise werden wir hier zum
Gegenstand unserer Untersuchungen machen.
Die Gesamtmenge von Erz, die in einer bestimmten Grube vorhanden
 ist, kann nicht auf einmal, sondern meistens erst in einer längeren
Zeit zutage gefördert werden. Der Wert dieser Gesamtmenge ist deshalb
 nicht einfach gleich dem Produkt der Gesamtmenge und des
Einheitspreises. Vielmehr muß der Wert der erst künftig gewinnbaren
Erzquantität auf die Gegenwart nach dem herrschenden Zinsfuß zurückgeführt
 werden, m. a. W. der Wert des gesamten Vorrats ist der nach
dem herrschenden Zinsfuß berechnete Gegenwartswert sämtlicher Erzmengen,
 die in der Abbauzeit der Grube nach und nach gewonnen werden.
Dieser Kapitalwert der Grube wird durch die jährliche Förderung
verzinst und getilgt. Wie bei jeder Amortisation macht der Zins des
Kapitalwerts in den ersten Jahren den größeren Teil der Annuität,
durch die dieser Kapitalwert getilgt wird, also den größeren Teil des
Verkaufspreises des Materials aus, wogegen in den späteren Jahren
die Tilgung überwiegt. Für eine Grube mit sehr langer Abbauzeit bekommt
 also der Preis der jährlich geförderten Materialmenge in langen
Perioden wesentlich den Charakter einer Verzinsung des Kapitalwerts der
Grube, also gewissermaßen auch den Charakter eines für die Anwendung
 eines dauerhaften Gutes bezahlten Preises, d. h. einer Rente.
Dies erklärt, warum das Einkommen, das ein Bergwerkbesitzer aus
seinem Besitz an Naturgaben bezieht, als eine Rente aufgefaßt und mit
der Rente des Bodenbesitzers gleichgestellt wird!). Eine wissenschaftliche
 Behandlung des hier vorliegenden Preisbildungsproblems kann
sich aber nicht mit einer derartigen Analogiebetrachtung begnügen. Sie
1) Der Preis, der für die jährlich gewonnene Materialmenge als solche erzielt
wird, stellt den ganzen Ertrag des Grubenbesitzes dar. Diese Summe wird, wenn
der Bergbauunternehmer nicht selbst die Grube besitzt, an den Besitzer als „royalty““
bezahlt. Diese Abgabe schließt also sowohl Tilgung wie Verzinsung des jeweiligen
Kapitalwertes der Grube ein. Die Unterscheidung, die Marshall zwischen „rent“
und „royalty‘‘ macht, scheint deshalb nicht aufrechterhalten werden zu können.
(Principles, Book V, Ch. VIII, 8 4, Note 1.)
        <pb n="280" />
        $ 31. Die Preisbildung der Naturmaterialien. 2867
muß sich direkt auf die Materialpreise beziehen und kann den Preis der
Grube selbst nur als eine sekundäre Erscheinung auffassen.
Der Materialpreis muß als Preis eines primären Produktionsfaktors
durch den allgemeinen Preisbildungsprozeß bestimmt sein. Der Materialpreis
 ist demgemäß in erster Linie als ein nach dem allgemeinen
Prinzip der Knappheit bestimmter Knappheitspreis aufzufassen, und
das spezielle Studium der Preisbildung der Naturmaterialien kann sich
auf eine Untersuchung derjenigen Umstände, die die Versorgung der
Tauschwirtschaft mit diesen Materialien regeln, beschränken.
Die Behauptung, daß die Preise der Naturmaterialien auf der
Knappheit der uns zu Gebote stehenden Mengen derselben beruhen,
scheint vielleicht im ersten Augenblick mit der Wirklichkeit wenig übereinzustimmen.
 Denn im allgemeinen sind doch von den Naturmaterialien
weit größere Mengen vorhanden, als wir uns augenblicklich, sagen wir
im laufenden Jahre, zunutze machen. Wie kann man dann behaupten,
daß die Naturmaterialien als solche in so knappen Mengen vorhanden
sind, daß auf dieselben ein Knappheitspreis zur Beschränkung der
Nachfrage gesetzt werden muß?
Zur Beantwortung dieser Frage haben wir zunächst zu beachten,
daß die Naturschätze, z. B. die gesamte Erzmenge einer Grube, nicht auf
einmal gewonnen werden können. Der Abbau einer Grube nimmt immer
Zeit in Anspruch, in der Regel eine lange Folge von Jahren. Der
Jahresgewinn an Erz ist also jedenfalls viel stärker begrenzt als die Erzmenge
 selbst. Nun ist aber die Abbauzeit nicht von vornherein durch
technische Faktoren absolut bestimmt, sondern kann verkürzt werden,
wenn man nur die Kosten der dafür nötigen Erweiterungen der Anlagen,
 Transportmittel, Kraftquellen usw. bestreiten will. Auch in bezug
 auf diejenigen primären Produktionsfaktoren, die wir als Naturmaterialien
 bezeichnet haben, ist also die Begrenzung der uns innerhalb
 einer bestimmten Zeit zur Verfügung stehenden Mengen keine absolute,
 sondern, wie wir jetzt sehen werden, gewissermaßen eine durch
die Preisbildung bedingte. Wenn die genannten Produktionsmittel schon
in solcher Menge vorhanden sind, daß sie für die Förderung und Versendung
 des ganzen Erzvorrats hinreichen, wird jede Vermehrung derselben
 zwecks eines schnelleren Abbaus zusätzliche Kosten verursachen,
die auf dieselbe Erzmenge zu verteilen sind. Anderseits wird, wenn wir
annehmen, daß der Erzpreis am Konsumtionsort unverändert bleibt und
die gesamte Verkaufssumme also feststeht, durch die Verkürzung der
Abbauzeit derjenige Vorteil gewonnen, daß man die Verkaufssumme
früher bekommt. Der Grubenbesitzer, der den Bergbau für eigene Rechnung
 treibt, muß diese Vorteile und Nachteile gegeneinander abwägen.
Er kann dies in richtiger Weise nur so tun, daß er alle Einnahmen
und Ausgaben in der ganzen Abbauzeit für den gesamten Betrieb auf
ihren Gegenwartswert reduziert. Jede Vermehrung des Gegenwarts-ZU
        <pb n="281" />
        268 Kap. VII. Die Bodenrente und die Preise der Naturmaterialien.
werts der Kapital- und Arbeitskosten, durch welche eine noch größere
Vermehrung des Gegenwartswerts des Erlöses der Erzverkäufe gewonnen
 wird, ist Vorteilhaft. Der Grubenbesitzer muß also in seinem
Unternehmen im Laufe der Abbauzeit soviel Kapital investieren,
daß die letzte Vermehrung des Gegenwartswerts der Kapital- und
Arbeitskosten eben durch die dadurch gewonnene letzte Vermehrung
des Gegenwartswerts der Verkaufssumme aufgewogen wird. il
Eine Vermehrung der Kapital- und Arbeitskosten kann selbstverständlich
 nicht den Inhalt der Grube vermehren, wohl aber eine
frühere Verfügung über ihre Schätze ermöglichen, was einem Zinsengewinn
 gleichkommt. Wenn der Verkaufspreis feststeht, ist der Gegenwartswert
 der Verkaufssumme gleich der gesamten Verkaufssumme
multipliziert mit einem Faktor, der, wenn wir der Einfachheit halber
eine gleichmäßige Verteilung des Abbaus in der Abbauzeit voraussetzen,
 außer vom Zinsfuß nur von der Dauer der Abbauzeit abhängt
und der mit jeder Verkürzung der Abbauzeit wächst. Eine Verkürzung
der Abbauzeit bedeutet somit immer eine Erhöhung des Gegenwartswerts
 der Verkaufssumme. Da diese Erhöhung offenbar dem Verkaufspreis
 proportionell ist, muß jede Steigerung dieses Preises den Vorteil
der Verkürzung der Abbauzeit entsprechend vergrößern und folglich
bei gleichbleibenden Preisen von Kapital- und Arbeitsverwendung eine
eitere Verkürzung ökonomisch machen. Jede Steigerung des Preises,
der für das Erz am Konsumtionsorte jetzt bezahlt wird, bedeutet also
in dieser Weise eine Möglichkeit zu reichlicherer Versorgung des Bedarfs.
Die Frage, wie schnell wir uns die Schätze der Natur zunutze machen
sollen, hat aber auch eine andere Seite. Wir müssen bei der Regulieung
 des heutigen Verbrauchs auch die Versorgung der Zukunft im
Auge behalten. Wenn die Vorräte der Natur bei der gegenwärtigen Konsumtion
 voraussichtlich innerhalb einer kürzeren Zeit vollständig erschöpft
 sein würden, müssen wir offenbar diese gegenwärtige Konsumtion
 möglichst beschränken. In einer auf privater Unternehmertätigeit
 beruhenden Tauschwirtschaft wird eine solche Beschränkung der
egenwärtigen Konsumtion tatsächlich dadurch herbeigeführt, daß die
Preissteigerung der Naturmaterialien, die infolge der zunehmenden
Knappheit künftig eintreten muß, eine gewisse Sparsamkeit mit diesen
Materialien vorteilhaft erscheinen läßt. Wenn die erwartete Preissteigerung
 hinreichend groß ist und hinreichend naheliegt, werden die
Grubenbesitzer die Förderung beschränken und damit auch den gegenwärtigen
 Preis erhöhen. Die Preise werden demnach nicht zunächst
eine Zeitlang konstant bleiben, um danach plötzlich ins Unendliche Zr
steigen, sondern sie werden eine viel gleichmäßigere, obwohl immer noch
merkbare Steigerung aufweisen. Die künftige Knappheit übt also ihre
Wirkung auf die Preise nicht erst in der Zukunft aus, sondern hat schon
auf die heutige‘ Preisbildung einen wichtigen Eintuc
        <pb n="282" />
        $ 31. Die Preisbildung der Naturmaterialien. :J
Wieviel Rücksicht der private Unternehmer auf die künftigen Bedürfnisse
 nehmen soll, hängt außer von den genannten Umständen auch
vom Zinsfuß ab, Je höher der Zins, desto höher muß die künftige Preissteigerung
 sein, um die mit dem Schonen der Naturschätze verbundenen
Zinsverluste zu überwiegen, desto reichlicher wird also die Versorgung
der Gegenwart im Verhältnis zur Versorgung der Zukunft sein. Es ist
ferner zu berücksichtigen, daß man über die Versorgung der Zukunft
nichts mit Sicherheit wissen kann. Denn einerseits können neue Lagerstätten
 aufgefunden werden, anderseits kann auch die Nachfrage infolge
der Entdeckung neuer Hilfsquellen oder Methoden zurückgehen, wie
z. B. die Nachfrage nach Brennholz für die Eisenproduktion nach den
Erfindungen, die die Anwendung fossiler Brennmaterialien ermöglicht
haben, wenigstens was die Massenproduktion betrifft, weggefallen ist.
Diese Unsicherheit der künftigen Marktlage bewirkt, daß ein Aufsparen
der Naturschätze für die Zukunft erst dann lohnend wird, wenn die
voraussichtliche Preissteigerung außer der Zinsvergütung auch eine
meistens sehr beträchtliche Risikoprämie enthält, und daß folglich die
Versorgung der Gegenwart entsprechend reichlicher wird.‘ Wenn die Versorgung
 der Tauschwirtschaft mit einem Naturmaterial in der.Hand
eines einzigen Unternehmers monopolisiert ist, kann es sich für ihn
lohnen, die Förderung stärker zu beschränken, als nach den hier angegebenen
 Gründen der Fall sein würde. Denn er erreicht durch die
Beschränkung seiner Förderung eine entsprechend verschärfte Knappheit
 der gesamten Versorgung der Tauschwirtschaft mit dem betreffenden
 Material, also auch eine Steigerung der Gegenwartspreise, die
durch keine Konkurrenz anderer Unternehmer zurückgehalten wird,
sondern der Beschränkung seiner Förderung vollauf entspricht. In der
monopolistischen Beherrschung der Quellen der Naturmaterialien liegt
also ein Umstand, der größere Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse der
Zukunft bewirkt. Jede Verteuerung von Naturmaterialien durch Trustbildung
 wirkt als ein Zwang zu vermehrter Sparsamkeit mit den vorhandenen
 Vorräten.
Wenn die organisierte Gesellschaft selbst die Quellen der Naturmaterialien
 in ihrer Hand hat, sei es nun, daß die Gesellschaft im
übrigen sozialistisch organisiert ist oder nicht, steht sie vor dem
Problem, die relative Versorgung der Zukunft und der Gegenwart mit
Naturmaterialien autonom zu regulieren. Ist die betreffende Volkswirtschaft
 nur ein Teil der Weltwirtschaft, ein Teil also, der mit anderen
Volkswirtschaften in wirtschaftlicher Verbindung steht, so wird sie wohl
den Verbrauch ihrer Naturmaterialien im wesentlichen nach denselben
Gründen und speziell mit derselben Rücksicht auf den Zinsfuß regulieren
 wie im oben betrachteten Fall, obschon vielleicht der Versorgung
der Zukunft etwas größeres Interesse gewidmet wird, In einer geschlossenen
 sozialistischen Volkswirtschaft besteht aber kaum eine Not-26%
        <pb n="283" />
        270 Kap. VII. Die Bodenrente und die Preise der Naturmaterialien.
wendigkeit, die relative Versorgung von Zukunft und Gegenwart mit
aturmaterialien im Anschluß an den herrschenden Zinsfuß zu regulieren.
 Ähnlich wie eine sozialistische Gesellschaft das Tempo des
wirtschaftlichen Fortschritts gewissermaßen zu wählen hat und dami
erst die Bedingung, unter welcher der Zinsfuß bestimmt wird, fixiert
so ist auch die zeitliche Verteilung der zur Verfügung stehenden Naturmaterialien
 für die isolierte Gesellschaft, die diese Materialien in ihrer
Hand hat, von vornherein ein unbestimmter Faktor, den die Gesellschaf
nach eigenem Ermessen zu fixieren hat, die Preisbildung also nicht
eher ein bestimmtes Problem, bevor diese Wahl getroffen ist.
Als die allgemeine sozialökonomische Aufgabe der Preisbildung
haben wir die Regulierung der Nachfrage in Übereinstimmung mit de
ur Verfügung stehenden Mitteln zu ihrer Befriedigung bezeichnet. Mit
Bezug auf die Naturmaterialien bekommt die Preisbildung, wie wir
jetzt gesehen haben, gewissermaßen noch eine weitere spezielle Aufgabe,
 nämlich die, eine angemessene zeitliche Verteilung ‚des Verbrauchs
 herbeizuführen, die Nachfrage so zu beschränken, daß ein gewisser
 Grad von Gleichmäßigkeit in ihrer Versorgung wenigstens für
eine gewisse Zeit gewonnen wird. In den Fällen, wo die Vorräte de
atur streng begrenzt sind, läßt sich diese Aufgabe allerdings nu
in sehr relativem Sinne lösen. Sie hat, wie wir finden, überhaupt nicht
dieselbe Bestimmtheit wie die allgemeine Aufgabe der Preisbildung.
Unter unseren tatsächlich gegebenen Wirtschaftsverhältnissen wird
die Knappheit der Naturmaterialien wesentlich durch die oben angegebenen
 objektiv-ökonomischen Faktoren bestimmt. Jedoch ist ein
ingreifen des Staates zum Schutz des Interesses der Zukunft ode
wenigstens zu einer Steigerung der gegenwärtigen Preise und als
jedenfalls zur Regelung der zeitlichen Verteilung des Verbrauches nicht
ngewöhnlich. Schon gewisse Steuermaßnahmen, wie z. B. die Besteuerung
 des Salpeterexports durch den Chilenischen Staat, haben
eine solche Wirkung. Aber auch mehr direkt kann die Politik auf ein
solches Ziel eingerichtet sein, wie z. B. die Regulierung des Eisenerzexports
 von Schweden zeigt. Die gegenwärtige Knappheit der Naturmaterialien
 ist unter solchen Verhältnissen gewissermaßen eine durch
reiwillige Maßnahmen herbeigeführte.
Die Knappheit der Naturmaterialien hängt nicht nur vom Grad der
Ausnutzung der Fundstätte ab, sondern ist auch von der Ausdehnung
des Abbaus auf Fundstätten verschiedener Ergiebigkeit bedingt. Wenn
wei Eisengruben mit derselben Erzqualität ein Hochofenwerk verorgen,
 müssen die Preise der in den Gruben vorkommenden Erze so
geregelt werden, daß die Erze am Hochofen denselben Preis bekommen,
der Preisunterschied also den Unterschied in Gewinn- und Transport
kosten deckt. Sind nur diese zwei Gruben vorhanden, so muß das Er
im Naturzustande auch in der vom angegebenen Gesichtspunkt schlech
        <pb n="284" />
        8 31. Die Preisbildung der Naturmaterialien. 2]
teren Grube einen Preis tragen, wenn nur bei einem entsprechend hohen
Preis der Erze am Werke eine hinreichende Beschränkung der Nachfrage
 erreicht werden kann. Die Intensität des Abbaues ist dabei für
beide Gruben nach den oben angegebenen Gründen durch den Preis am
Werke bestimmt. Obwohl also hier das Differentialprinzip in der Preisbildung
 der Erze der verschiedenen Gruben sich geltend macht, tragen
diese beiden Erzpreise wesentlich den Charakter eines Knappheitspreises.
Ist wieder eine Menge verschiedener Gruben vorhanden und nehmen
wir an, daß der Preis am ‚Werke eben die Kapital- und Arbeitskosten
der Erze der unvorteilhaftesten, also der „letzten‘‘ der tatsächlich benutzten
 Gruben deckt, dann ist der Preis des Erzes in dieser Grube
gleich Null und in den übrigen Gruben gleich der Differenz, mit welcher
die Kapital- und Arbeitskosten in denselben die Kapital- und Arbeitskosten
 in der „letzten‘ unterschreiten. Dies hindert natürlich nicht,
daß die Preise der Erze in diesen Gruben in erster Linie Knappheitspreise
 darstellen, die von der Knappheit der Versorgung der Nachfrage
bedingt sind. Wollte man hier nach der Analogie mit der gewöhnlichen
Bodenrententheorie schließen, so müßte man behaupten, daß der Preis,
der für die Erze im Naturzustand bezahlt wird, nicht in den Werkpreis,
folglich auch nicht in den Preis der verschiedenen Eisenprodukte eingehe.
 Denn der Erzpreis am Werke ist doch lediglich von den Kapitalund
 Arbeitskosten der ‚letzten‘ Grube, wo man für das Erz nichts zahlt,
bestimmt. Gegen die formelle Richtigkeit einer solchen Behauptung
wäre ebensowenig, gegen die ganze Darstellung des Preisbildungsprozesses,
 die in derselben zum Ausdruck käme, aber ebensoviel wie im
Falle der Bodenrente einzuwenden. Jedenfalls muß der Versuch Marshalls,
 einen Unterschied zwischen den beiden Fällen aufrechtzuerhalten
 und die Preise, die für die Materialien in der Natur bezahlt
werden, als Teil der Produktenpreise, die Preise, die für die Benutzung
des Naturbodens bezahlt werden, dagegen nicht als solchen anzuerkennen,
 als verfehlt betrachtet werden!). Daß aber auch Marshall
die Preise der Naturmaterialien im Naturzustand als integrierende Teile
der Produktpreise sich anzuerkennen veranlaßt findet, ist sehr lehrreich.
 Denn damit ist doch seiner ganzen dualistischen Darstellung
des Preisbildungsproblems der Grund entzogen. Der Preis der Naturmaterialien
 ist ein reiner Knappheitspreis, der durch keine Anstrengung
oder Aufopferung motiviert ist. Wenn ein solcher Preis als Teil der
Produktionskosten anerkannt werden muß, kann der Marshallsche
Begriff der Produktionskosten nicht länger aufrechterhalten werden.
Die Notwendigkeit des allgemeinen und objektiven Produktionskostenbegriffs,
 der der vorliegenden Darstellung der theoretischen Ökonomie
zugrunde gelegt ist, tritt dann klar zutage.
ı) Principles, Book V, Ch. VHS 4:

27
        <pb n="285" />
        272 Kap. VII Die Bodenrente und die Preise der Naturmaterialien.
Wenn eine verstärkte Nachfrage nach Eisen den Erzpreis am Konsumtionsorte
 erhöht, wird auch der Preis des Erzes in jeder Grube gesteigert.
 Sind nun mehrere Gruben mit etwas höheren Gewinn- oder
Transportkosten vorhanden, so muß diese Preissteigerung eine Ausdehnung
 des Bergbaus auf solche Gruben veranlassen. Die dadurch eintretende
 Milderung der Knappheit wird der Preissteigerung Einhalt tun.
Die Preissteigerung hat also außer der schon vorhin genannten Gegenwirkung
 einer intensiveren Bearbeitung der schon vorhandenen Gruben
unter Verkürzung ihrer Abbauzeit noch die zweite Gegenwirkung, die
in einer Ausdehnung der Erzgewinnung aus früher wertlosen und unbearbeiteten
 Gruben mit höheren Kapital- und Arbeitskosten besteht.
Man kann diese Gegenwirkung in jeder Hochkonjunktur beobachten,
wo früher unbearbeitete Gruben in Angriff genommen werden oder
Bergbaubetriebe, die wegen der niedrigen Preise niedergelegt waren,
wieder in Gang gesetzt werden.
Die Bedeutung der von den Konsumenten bezahlten Preise der
Naturmaterialien für ihre Versorgung mit denselben tritt am klarsten
hervor, wenn man die Menge von Materialien, die bei jedem Preis
produziert werden können, angibt, also die Gesamtproduktion als eine
Funktion des Preises auffaßt. Für die Beurteilung der Preisentwicklung
müssen wir die Form dieser Funktion, wenigstens in der Nähe des
bestehenden Preises, kennen. Besonders ist die Elastizität der Gesamtproduktion,
 also die Vermehrung derselben, die infolge einer gegebenen
kleinen Preiserhöhung eintritt, von großer Bedeutung. Je stärker diese
ist, desto stärker auch die Gegenwirkung gegen eine Preiserhöhung,
desto stärker also auch die Stabilität der Preise.
Nachdem in dieser Weise die Einwirkung der Preise auf unsere
Versorgung mit Naturmaterialien festgestellt ist, haben wir auch die
Bedeutung der äußeren Faktoren für diese Versorgung kurz anzugeben.
Es ist hier der Entwicklung der Technik zu gedenken. Die technischen
Fortschritte auf dem Gebiete des Bergbaues, z. B. die Einführung der
pneumatischen Bohrmaschinen und die Ausnutzung von Wasserkräften
mittels elektrischen Betriebs, haben die Gestehungskosten reduziert,
während Fortschritte auf dem Gebiete des Transportwesens die Transport-
 und Verladungskosten in dem Maße herabgesetzt haben, daß auch
ein so billiges Material wie Eisenerz nunmehr in großem Umfang
zwischen verschiedenen Weltteilen versandt wird. Gleichzeitig hat die
sehr interessante neuere Entwicklung der Metallurgie die Ausnutzung
von Erzen niedriger Qualität, also ärmerer Erze oder Erze mit Unarten,
 möglich gemacht. Die Einführung des basischen Verfahrens in
der Eisenindustrie hat die außerordentlich großen Mengen von phosphorhaltigen
 Eisenerzen für die Eisenproduktion brauchbar gemacht.
Durch die neueren magnetischen Aufbereitungs- und Brikettierungsmethoden
 ist die Bearbeitung großer Lagerstätten von niedrigprozentigen
        <pb n="286" />
        $ 32. Die Preisbildungstheorie Ricardos und die sozialistische Wertlehre. 273
Eisenerzen ökonomisch ermöglicht. Es liegt auf der Hand, welche wesentliche
 Bedeutung alle solche Fortschritte für die Versorgung der zivilisierten
 Menschheit mit den Materialien der Natur haben. Denn an
ärmeren Erzen oder allgemeiner an Materialien niedriger Qualität
hat die Natur meistens einen ziemlich großen Überfluß.
Achtes Kapitel.
Der Arbeitslohn.
$ 32. Die Preisbildungstheorie Ricardos und die
Sozialistische Wertlehre.
Wenn man die verwirrende Menge entgegengesetzter aber schwankender
 und unklarer Anschauungen über das Problem des Arbeitslohns,
die in der Gegenwart nicht nur in der politischen und sozialen Diskussion,
 sondern auch in den wissenschaftlichen Untersuchungen hervortreten,
 kritisch überblicken will, zeigt es sich in ganz besonderem
Grade notwendig, auf die Preisbildungstheorie Ricardos zurückzugreifen,
 in der so viele der Entwicklungslinien des modernen wirtschaftlichen
 Denkens ihren Ausgangspunkt haben.‘ Wir haben früher
schon mehrmals auf diese Theorie Bezug genommen. Erst jetzt sind
wir aber in der Lage, von ihr ein vollständigeres Bild gewinnen zu
können‘).
Um die Ricardosche Preisbildungstheorie richtig verstehen zu
können, muß man sich zuerst daran erinnern, daß sie eine Produktionskostentheorie
 sein will, und daß eine solche logisch nur dann möglich
ist, wenn nur ein einziger Produktionsfaktor zu berücksichtigen ist,
oder wenn wenigstens die verschiedenen mitwirkenden Produktionsfaktoren
 Preise haben, die im Verhältnis zueinander von vornherein gegeben
 und fest sind. Denn sonst muß jede Produktionskostentheorie
die Frage offen lassen, wie die Verhältnisse der Preise der Produktions-Faktoren
 untereinander bestimmt werden, -und kann also niemals eine
in sich abgeschlossene vollständige Preisbildungstheorie bilden. Ricardo
hat sich also die Aufgabe gestellt, die verschiedenen in der wirklichen
Produktion mitwirkenden Faktoren auf einen einzigen zurückzuführen,
um so die ganze Preisbildung der Waren durch ihre Produktionskosten
erklären zu können.
1) Vgl. Cassel: Die Produktionskostentheorie Ricardos, Zeitschrift für die
gesamte Staatswissenschaft, 1901, p- 68 u. ff.
Cassel. Theoret, Sozialökonomie. 4. Aufl

18
        <pb n="287" />
        A Kap. VIII. Der Arbeitslohn.
Die englische Volkswirtschaftslehre unterschied, wie oben ($ 19)
entwickelt, seit Adam Smith drei Produktionsfaktoren, den Grund und
Boden, das Kapital und die Arbeit. Wie es Ricardo gelungen ist, den
ersten dieser Faktoren aus dem Problem der Preisbildung einfach
auszuschalten, haben wir im vorigen Kapitel gesehen. Auf der Grenze
des Anbaus wird überhaupt keine Bodenrente bezahlt. Der ganze Preisbildungsprozeß
 spielt sich nach Ricardo auf dieser Grenze des Anbaus
ab. Die Bodenbenutzung ist demnach überhaupt kein Faktor des Preisbildungsprozesses,
 und die Zahl der Hauptkategorien von Produktionsmitteln
 ist schon auf zwei reduziert.
Die Kapitalbenutzung läßt sich offenbar nicht auf demselben Wege
aus dem Preisbildungsproblem entfernen. Hier hat Ricardo, um
durchaus die Reduktion der Produktionsfaktoren auf einen einzigen zu
erzwingen, zu einer noch kühneren Voraussetzung gegriffen, indem er
nämlich annimmt, daß die Kapitalbenutzung, die bei irgendeiner Produktion
 erforderlich ist, immer der bei ihr verwendeten Arbeit proportional
 ist. Unter dieser Voraussetzung würden offenbar die Produkte
 im Verhältnis zu der auf sie verwendeten Arbeitsmenge ausgetauscht
 werden. Die Produktenpreise würden diesen Arbeitsmengen
proportional sein und könnten in derselben Einheit ausgedrückt werden,
die als Maß der Arbeit diente. Damit wäre also erreicht, daß die Preisbildungstheorie
 keine weitere Rücksicht auf das Kapital als selbständigen
 Produktionsfaktor zu nehmen brauchte.
Damit nun die ganze Preisbildung auf einen einzigen Produktionsfaktor
 zurückgeführt werde, ist aber noch eine weitere Konstruktion erforderlich,
 nämlich die Reduktion aller verschiedenen Arten von Arbeit
auf ein gemeinsames Maß. Daß die Arbeit sehr verschiedener Qualität
ist, kann natürlich nicht übersehen werden. Eine Theorie, die alle
Arbeit gleichstellen wollte, die also voraussetzen wollte, daß jede
Arbeitsmenge einfach nach der Zahl der geleisteten Arbeitsstunden gemessen
 werden könnte, würde sich offenbar viel zu weit von der Wirklichkeit
 entfernen. Eine solche Voraussetzung ist auch nicht für den
Zweck Ricardos notwendig. Er begnügt sich mit der Voraussetzung,
daß die Reduktion der Arbeit auf ein gemeinsames Maß unter Anwendung
 einer von vornherein gegebenen und unveränderlichen Reduktionsskala
 möglich ist. Die qualifizierte Arbeit ist dann lediglich als
ein bestimmtes Vielfaches der „Normalarbeit“ zu rechnen, und alle Produktionskosten
 lassen sich in einer Menge Normalarbeit ausdrücken.
Die Voraussetzung einer festen Reduktionsskala bedeutet also die Ausschaltung
 der relativen Preisbildung der verschiedenen Arten von Arbeit
aus dem Preisbildungsproblem.
Durch drei große Vereinfachungen, die Elimination der Bodenrente,
die Postulierung einer Proportionalität der Kapitalanwendung mit der
Arbeitsmenge sowie auch einer festen Reduktionsskala der verschie-ZT
        <pb n="288" />
        8 32. Die Preisbildungstheorie Ricardos und die sozialistische Wertlehre. 275
denen Arten von Arbeit, gelingt es also Ricardo zu einer Preisbildungstheorie
 zu gelangen, die in dem einfachen Satze ausgedrückt
werden kann, daß die Preise aller Produkte den Mengen der zu ihrer
Herstellung nötigen „Arbeit‘“ proportional sind, und in welcher also die
Arbeitsmenge als allgemeines Preismaß erscheint. Nach Ricardo
enthält der Produktenpreis sowohl Arbeitslohn als „‚Profit‘‘, also Ersatz
für die Mitwirkung des Kapitals, dagegen keine Bodenrente. Die
Regeln, nach welchen der Produktenpreis zwischen Arbeit und Kapital
geteilt wird, bilden den‘ Gegenstand besonderer Untersuchungen Ricardos,
 auf die wir im folgenden Paragraphen noch zurückkommen.
Diese zwar sehr abstrakte, aber doch mit vollendeter logischer
Schärfe durchgeführte Preisbildungstheorie Ricardos scheint aber
sehr allgemein mißverstanden worden zu sein. Ricardo war sich klar
bewußt, daß seine Voraussetzungen jedenfalls nur als Approximationen
gelten konnten, die er indessen als erlaubt betrachtete, wenn es galt,
einen ersten großen Überblick über den Entwicklungsgang der gesellschaftlichen
 Preisbildung zu gewinnen.
Diese Relativität seiner Voraussetzungen und überhaupt der Zweck
seiner ganzen Konstruktion entgingen Lesern, welche nur die allergröbsten
 äußeren Linien des Ricardoschen Systems zu erfassen vermochten.
 Da, wo Ricardo eine Proportionalität der Warenpreise
mit den erforderlichen Arbeitsmengen als allgemeines Ergebnis der
Wirkung des Angebots und der Nachfrage erblickt hatte, sahen seine
Nachfolger eine notwendige Gleichheit zwischen Wert und Arbeitsmenge.
 Die Theorie Ricardos wurde als Stütze für die Lehre, daß
die Arbeit die Quelle allen Wertes sei, ausgenutzt, und man versank allmählich
 in die Auffassung des Wertes als einer in den Produkten
gleichsam wie ein mystisches Fluidum verkörperten Arbeitsmenge.
Die in solchen groben Mißverständnissen der Ricardoschen Preisbildungstheorie
 begründete „Arbeitswerttheorie‘“ erstarrte allmählich
zu einer toten Dogmatik, wurde in dieser Form von den älteren Sozialisten
 übernommen und einer mit wissenschaftlichen Ansprüchen hervortretenden
 sogenannten sozialistischen Wertlehre zugrunde gelegt, Angesichts
 der lächerlich übertriebenen Bedeutung, die dieser sozialistischen
 Wertlehre nicht nur von den Aposteln des Sozialismus, sondern
auch von den Gegnern und den wissenschaftlichen Kritikern zugemessen
worden ist, scheint es nicht unwichtig, den wahren Ursprung der
Lehre klarzulegen.
In der Preisbildungstheorie Ricardos dient die „Arbeitsstunde‘‘
als Preiseinheit etwa in derselben Weise wie im wirklichen Leben die
Mark oder die Krone. Jede Ware kostet so viele solche Arbeitsstunden,
wie zu ihrer Herstellung nötig gewesen sind. Von dieser Quantität
Arbeitsstunden bekommt der Arbeiter als Lohn einen Teil, während der
Rest den Profit des Kapitalisten bildet. Der Arbeiter, der eine Stunde

18*
        <pb n="289" />
        5 ' Kap. VIH. Der Arbeitslohn.
gearbeitet hat, bekommt also als Lohn sagen wir 3% Arbeitsstunde,
während 1% Arbeitsstunde für die Kapitalbenutzung bezahlt wird. Die
Sozialisten haben diese Ricardosche Theorie als eine Stütze für
ihren Satz, daß der Arbeiter ein „Recht auf den vollen Arbeitsertrag‘‘
habe, ausgenutzt, aber vollständig mit Unrecht. Es läßt sich in keiner
Weise als. eine Konsequenz der Ricardoschen Theorie hinstellen,
daß der Lohn für die Arbeitsstunde eine ganze Arbeitsstunde sein soll.
Der Satz, daß der Wert begrifflich gleich der Arbeit ist, und die
darin begründete Forderung, daß die Arbeit auch den ganzen Wert
des Produktes als Lohn bekommen soll, stehen, man mag sie für richtig
halten oder nicht, jedoch auf einem wesentlich anderen Boden als
die Ricardosche‘ Voraussetzung einer approximativen Proportionalität
 zwischen Kapitalbenutzung und Arbeitsmenge und damit zwischen
 Produktenpreis und Arbeitsmenge. Dieses Sachverhältnis wurde
lange dadurch verdunkelt, daß die deutsche Wissenschaft trotz aller
scharfen Kritik gegen die Sozialisten doch daran festhielt,-daß diese
nur die Konsequenzen der Ricardoschen Wertlehre zogen. Auch ein
Kenner wie A. Menger und ein Kritiker wie Böhm-Bawerk haben
dieser falschen Auffassung eine gewisse Stütze gegeben‘).
Mit weit größerer Berechtigung konnten die Sozialisten Ricardos
Autorität für die Reduktion der verschiedenen Arten von Arbeit auf
einen gemeinsamen Nenner in Anspruch nehmen. Ricardo schließt
tatsächlich mit seiner Voraussetzung einer von vornherein gegebenen
und unveränderlichen Reduktionsskala die ganze Konkurrenz der
Arbeiter verschiedener Berufe und Orte oder von gelernter und ungelernter
 Arbeit untereinander als ein für die Preisbildung in Betracht
kommendes Moment aus. Ricardo studiert aber nur, wie sich die
Preise mit der allgemeinen Entwicklung der Gesellschaft verändern,
und setzt dabei voraus, daß das Verhaltnis zwischen den Preisen Verschiedener
 Arten von Arbeit in dieser Entwicklung als approximativ
unveränderlich angenommen werden kann. Für die Sozialisten wird
die theoretische Voraussetzung hier wieder ein praktisches Postulat:
die Arbeit verschiedener Qualität soll nach irgendwelchen objektiven
Gründen, nicht nach einem mit der Lage des Arbeitsmarktes wechselnden
 Lohnsatz bewertet werden. Dies ist in der Tat der tiefere Inhalt
der Forderung der sozialistischen Programme auf Abschaffung des
Lohnsystems.
Der Sozialismus verurteilt das ganze gegenwärtige Lohnsystem
als unmoralisch, weil es den Arbeiter als eine Marktware behandelt,
da es den Lohn des einzelnen Arbeiters nicht lediglich nach seiner Tüchtigkeit
 oder nach der von ihm geleisteten Arbeitsquantität, sondern
auch wesentlich mit nach der Menge von anderen Arbeitern, die auf dem
ı) A. Menger : Das Recht auf den vollen Arbeitsertrag. 2. Aufl. Stuttgart 1891.
p. 54. Böhm-Bawerk: Kapitalzinstheorie. Innsbruck 1885. pP. 362.

276
        <pb n="290" />
        32. Die Preisbildungstheorie Ricardos und die sozialistische Wertlehre. 277
Arbeitsmarkte Beschäftigung suchen, bestimmt. Im Gegensatz zu dieser
Regulierung des Arbeitslohns nach der Marktlage fordert der Sozialismus
 für den Arbeiter ein aus objektiv-ethischen Gründen bestimmtes
Einkommen. Die Prinzipien für die Bestimmung dieses Arbeitseinkommens
 sind meistens recht unklar und schwankend. Es wird eine Reduktion
 der gelernten Arbeit auf „Normalarbeit‘“ unter engerer oder weiterer
 Berücksichtigung der Ansprüche der qualifizierten Arbeit als
Norm für die Bezahlung der Arbeiter aufgestellt, oder auch wird gefordert,
 daß der Arbeiter für seine Arbeit einen Ersatz bekommen soll,
der ihm seinen notwendigen Lebensunterhalt gewährt, und also das Bedürfnis
 als richtiger Maßstab des Arbeitslohns aufgestellt. In solchen
Systemen kann wohl eine Abstufung des Arbeitslohns, z. B. nach verschiedenen
 Graden von Geschicklichkeit und Berufsbildung, als berechtigt
 anerkannt werden, aber jedenfalls nur aus objektiven und
ethischen Gründen, unter keinen Umständen nach der Marktlage. Es
streitet prinzipiell gegen die Grundanschauungen der Sozialisten, daß
irgendwelcher Rücksicht auf Angebot von und Nachfrage nach Arbeit
einer bestimmten Art ein Einfluß auf die Bestimmung des Arbeitslohns
gestattet werden sollte.
Nachdem wir so den wahren Inhalt der Ricardoschen Preisbildungstheorie
 und der auf sie, obwohl mit Unrecht, sich berufenden
sozialistischen Werttheorien festgestellt haben, gehen wir nunmehr zur
Kritik dieser Lehren über. Die Ricardosche Preisbildungstheorie
beansprucht, wie gezeigt, nicht eine unmittelbare Schilderung der Wirklichkeit,
 sondern nur eine durch eine Reihe von Abstraktionen gewonnene,
 sehr vereinfachte Darstellung derselben zu sein. Eine solche
Theorie kann nicht deshalb verurteilt werden, weil sie nicht genau mit
den Beobachtungen der Wirklichkeit stimmt. Jede theoretische Untersuchung
 muß mit gewissen Abstraktionen beginnen. Der Wert der
Theorie hängt wesentlich von der Frage ab, ob auf der gegebenen
Grundlage weitergebaut werden kann, ob die Modifikationen der Theorie,
die ihre Anpassung an die Wirklichkeit erfordert, durchgeführt werden
können, ohne daß man dadurch in Widerspruch mit den Grundgedanken
der Theorie versetzt wird.
Dies ist nun aber in bezug auf die Produktionskostentheorie
Ricardos nicht möglich. Diese Theorie basiert nämlich, wie wir gesehen
 haben, wesentlich darauf, daß es gelingt, die verschiedenen bei
der Produktion mitwirkenden Faktoren auf einen einzigen zurückzuführen.
 Die hierfür notwendigen Voraussetzungen haben wir oben angegeben.
 Bezüglich der Bedeutung und der Zulässigkeit der ersten von
diesen, der Elimination der Bodenrente aus der Preisbildung, ist hier
nur auf das vorige Kapitel hinzuweisen. Betreffend die Proportionalität
der Kapitalnutzung mit dem Arbeitsaufwand ist an die im Paragraphen
 24 angeführten Tatsachen zu erinnern. Sie zeigen unzweideutig,
        <pb n="291" />
        Kap. VIIL Der Arbeitslohn.
daß die relative Kapitalbenutzung in der modernen Produktion sehr stark
von einer solchen Proportionalität abweicht. Die Voraussetzung einer
festen Reduktionsskala für verschiedene Arten von Arbeit schließt das
ganze wichtige Kapitel der relativen Preisbildung dieser verschiedenen
Arbeitsarten von der Theorie der Preisbildung aus. Es ist offenbar
nicht möglich, an solchen Voraussetzungen festzuhalten. In dem Augenblick
 aber, wo man dieselben fallen läßt, ist der wesentliche Grund
des ganzen Gedankengebäudes Ricardos vernichtet. Denn die Reduktion
 der Produktionsfaktoren auf einen einzigen, die den innersten
Kern der Theorie bildet, ist dann nicht länger möglich. Sobald man
z. B. anerkennt, daß verschiedene Produktionszweige mit verschiedenen
 relativen Mengen von Arbeit und Kapitalnutzung arbeiten, hat
man doch mit mindestens zwei Produktionsfaktoren zu rechnen, der
Arbeit und dem Kapital. Jede weitere Annäherung an die Wirklichkeit
mehrt die Zahl der in der Preisbildung mitspielenden Produktionsfaktoren.
 So die Anerkennung einer Artverschiedenheit in der menschlichen
 Arbeit, so auch die Berücksichtigung jener Fälle, in denen der
Boden eine wahre Knappheitsrente trägt, und wo also die Bodenrente
als ein integrierender Teil der Preise auftritt. Eine Theorie der Preisbildung
 muß notwendig mit der Existenz mehrerer Produktionsmittel,
von denen jedes eine gewissermaßen selbständige Stellung im Preisbildungsprozeß
 einnimmt, rechnen. Für eine solche Theorie läßt sich die
Ricardosche Produktionskostentheorie überhaupt in keiner Weise
verwerten. Der Weg, den Ricardo eingeschlagen hat, führt nicht
weiter. Wir müssen umkehren, den Gedanken an eine Produktionskostentheorie
 aufgeben und, wie wir es im vorliegenden Werke getan
haben, eine ganz andere, die Existenz einer Mehrzahl selbständiger
Preisbildungsfaktoren von vornherein berücksichtigende Methode
wählen.
Daß mit dieser Anerkennung der vollständigen und prinzipiellen
Unzulänglichkeit der Ricardoschen Kostentheorie auch das Zerrbild
derselben, die sozialistische Wertlehre, zusammenbricht, liegt auf der
Hand, und wir wollen kein Wort an die Spitzfindigkeiten dieser Lehre
verlieren.
Die sozialistische Forderung auf Abschaffung des Lohnsystems
fußt, wie oben gezeigt, auf der theoretischen Anschauung, daß’ eine
Tauschwirtschaft möglich wäre, wo die Preise der verschiedenen Arten
von Arbeit ohne Rücksicht auf die Marktlage, also ohne Rücksicht auf
die relative Knappheit der dargebotenen Arbeitsmengen verschiedener
Art im Verhältnis zur Nachfrage nach denselben festgestellt werden
würden. Diese Vorstellung steht im Widerspruch zum Prinzip der
Knappheit und damit auch zu den grundlegenden Bedingungen jeder
nach dem allgemeinen Prinzip der Wirtschaftlichkeit eingerichteten
Tauschwirtschaft. Die Notwendigkeit und die wahre Bedeutung des

278
        <pb n="292" />
        $ 33. Die pessimistischen Lohntheorien, )
Lohnsystems werden am besten im einzelnen klargelegt durch das Studium
 derjenigen Faktoren, die den Arbeitslohn in der heutigen Gesellschaft
 regulieren. Wir werden finden, daß eine sozialistische Gesellschaft
 andere Löhne nur unter der Voraussetzung bezahlen könnte, daß
sie eine die Zahlung solcher Löhne gestattende Marktlage herbeizuführen
 vermöchte. Wir werden auch finden, daß auf dem rein theoretischen
 Gebiete die Lehre von der ‚Arbeit‘ als einem einheitlichen Produktionsfaktor
 viel Unheil gestiftet hat. Einige der allerwesentlichsten
Seiten der Lohntheorie lassen sich überhaupt nur verstehen, wenn man
die Verschiedenheit der Arbeit schon von vornherein berücksichtigt.
Eine moderne Preisbildungslehre muß überhaupt der relativen Preisbildung
 für verschiedene Arten von Arbeit eine ganz besondere Aufmerksamkeit
 widmen. Auf diesem Gebiete liegt ja doch ein sehr wesentlicher
 Teil des modernen sozialen Interessenkampfes, vor allem natürlich
 der Gegensatz zwischen Lohnarbeit und Unternehmer- oder Betriebsleitungsarbeit,
 aber auch derjenige zwischen geistiger und körperlicher
 Arbeit, ferner in Wirklichkeit auch, obwohl meistens nicht so
offen anerkannt, derjenige zwischen verschiedenen Arten von körperlicher
 Arbeit.
$ 33. Die pessimistischen Lohntheorien.
Die Entwicklung der Arbeitslohntheorien in der ersten Hälfte des
neunzehnten Jahrhunderts ist in hohem Grade von einer Vorliebe für
allgemeine bis aufs äußerste vereinfachte, gern arithmetisch ausgedrückte
 Formeln, für die man die Autorität Ricardos in Anspruch
nahm, beherrscht.
Nach Ricardo wird das auf der Grenze des Anbaus hergestellte
Produkt zwischen Kapital und Arbeit geteilt. Diese Teilung wird in
jedem Augenblicke von der Marktlage bestimmt. Der Anteil des Arbeiters,
 der Arbeitslohn, ist also zunächst von der Marktlage beherrscht.
Es gibt aber auch einen Normalpreis der Arbeit, der von ihren Produktionskosten
 bestimmt wird. Dieser Normalpreis oder „natürliche
Arbeitslohn“ ist gleich den Kosten des Unterhalts des Arbeiters und
seiner Familie, Für diese Kosten ist wieder, nach Ricardo, der gewohnheitsmäßige
 Lebensstandard des Arbeiters maßgebend. Wenn der
Marktlohn über dem Normallohn steht, ist der Arbeiter in der Lage, eine
größere Familie zu ernähren, was zu einer Vermehrung des Angebots
von Arbeitskraft führt. Dieses verstärkte Angebot drückt den Marktlohn
 herunter, wenn nicht gleichzeitig die Nachfrage nach Arbeitskraft
infolge einer Vermehrung des Kapitals noch stärker gestiegen ist.’ Dies
ist aber in einer fortschreitenden Gesellschaft auch während einer
längeren Zeit möglich. Unter solchen Voraussetzungen kann also der

219
        <pb n="293" />
        Kap. VIII. Der Arbeitslohn.
Marktlohn andauernd über dem Normallohn stehen. Unter ungünstigeren
 Umständen wird aber der Marktlohn bis auf den Normallohn,
sogar zeitweise darunter, herabgedrückt. Dies hat aber die Folge, da
die weitere Vermehrung der Arbeiterklasse. gehemmt wird, und da
also, wenn die Nachfrage mit dem Kapitalzuwachs ihre Steigerung fort
setzt, die Marktlage sich wieder verbessert. Andauernd kann dann der
Merl Huhn nicht unter dem Normallohn stehenbleiben.
Mit steigender Bevölkerung muß sich aber auch, nach Ricardo
die Grenze des Anbaus im allgemeinen verschieben, so daß immer
schlechterer Boden in Anspruch genommen wird. Nehmen wir an, das
Produkt von 10 Arbeitsstunden auf der Grenze des Anbaus wäre frühe!
so geteilt gewesen, daß der Arbeiter als Arbeitslohn das Produkt. voı
7 Arbeitsstunden bekommen hätte, während der Kapitalist das Produk
er übrigen 3 Stunden als Profit für sich behalten hätte. Mit der Notwendigkeit
 schlechteren Boden zu bebauen, vermindert sich das Produkt
er Arbeitsstunde, und das Produkt der 7 Arbeitsstunden genügt vielleicht
 nicht länger für den Unterhalt des Arbeiters. Die Folge ist, daß
er Normallohn von 7, sägen wir auf 8 Stunden steigt, und daß also
er Profit bis auf 2 Stunden herabgedrückt wird. Diese Herabdrückun
es Profits kann aber nicht unbegrenzt fortgesetzt werden, weil dann
jedes Motiv für weitere Kapitalbildung verschwinden müßte. Die
Knappheit der Kapitalbildung drückt unter solchen Verhältnissen jeden
falls den Marktlohn allmählich auf den Normallohn herab. Eine Volksermehrung,
 die zum Bebauen von schlechterem Boden zwingt, ist aus
diesem Grunde schädlich für die Arbeiterklasse. Solange Nahrungsittel
 von auswärts bezogen werden können, kann aber diese Wirkung
einer Volksvermehrung vermieden werden. Das Festhalten der Arbeiterlasse
 an einer angewöhnten hohen Lebenshaltung kann auch bis zu
einem gewissen Grade die Ausnutzung eines hohen Marktlohns zu einer
schädlichen Volksvermehrung verhindern. SEN
Diese Ricardosche Lehre wurde später, besonders unter Mitirkung
 des deutschen Sozialisten Lassalle, in einen sterilen Lehrsatz
 umgewandelt, nach der der Arbeitslohn unter der heutigen Gesellschaftsordnung
 eine notwendige Tendenz hatte, auf das Existenzinimum
 des Arbeiters herabzusinken. Dieses sogenannte ehern
ohngesetz hat sich bekanntlich nicht in der modernen Sozialdemoratie
 zu halten vermocht, natürlich genug, da nach ihm nur eine Berenzung
 der Fortpflanzung den Arbeitern wirklich nützen könnte, all
übrigen Bestrebungen zur Hebung der Arbeiterklasse dagegen als unnütz
 erscheinen müßten. |
Die tatsächliche Entwicklung des Lebensstandards der Arbeiterklasse
 im neunzehnten Jahrhundert und in den Ländern europäische
Kultur gibt der Lehre vom ehernen Lohngesetz wenig Stütze. Die Löhne
sind gestiegen, und die Lohnsteigerung ist keineswegs ausschließlich z

780
        <pb n="294" />
        $ 33. Die pessimistischen Lohntheorien. u]
einer schnelleren Volksvermehrung verwendet worden. Vielmehr zeigt
sich gerade in den höheren Schichten der Arbeiterklasse eine unverkennbare
 Tendenz. zur Beschränkung der Fortpflanzung und zur Ausnutzung
des Arbeitslohns zu einer Steigerung des Lebensstandards. Wir dürfen
aber nicht vergessen, daß solche günstige Wirkungen in der Hauptsache
auf die Länder höchster Zivilisation, auf die Völker unserer Rasse, zum
Teil auch auf die oberen Schichten der Lohnarbeiter dieser Völker beschränkt
 sind. In der ganzen übrigen Welt ist, wie Marshall sehr
r chtig bemerkt hat, das eherne Lohngesetz immer noch vorherrschend,
und die Löhne decken meistens nur die Kosten des Aufziehens und des
Unterhalts einer Klasse von wenig leistungsfähigen Arbeitern!). Die
Möglichkeit einer Erhöhung des Lebensstandards der Lohnarbeiter über
das nackte Existenzminimum wird von einer solchen Menge von individuellen
 und sozialen Faktoren bedingt, daß jeder Versuch, diesen Gegenstand
 in einer einfachen Formel erschöpfend behandeln zu wollen, als
unwissenschaftlich und gänzlich unfruchtbar aufgegeben werden sollte.
Hat man sich einmal klargemacht, daß die „Arbeiterklasse“ nicht
die homogene Masse ist, mit welcher die primitive Theorie und die politische
 Redekunst gern operieren, sondern sich in der Wirklichkeit aus
einer sehr großen Zahl von Bevölkerungsschichten mit sehr verschiedener
 Lebenshaltung zusammensetzt, so tritt auch mit einemmal das
logisch Unhaltbare in der älteren Auffassung des Existenzminimums
oder überhaupt der „Produktionskosten der Arbeit“ als untere Grenze ı
des Arbeitslohns zutage. Unter heutigen wirtschaftlichen Verhältnissen
ist es sehr wohl möglich, daß eine gewisse Klasse von Arbeit auch
dauernd zu einem Lohn verrichtet wird, der es den Arbeitern nicht ermöglicht,
 Familie zu bilden, Kinder aufzuziehen und für dieselbe Arbeitsleistung
 auszubilden, ja der vielleicht nicht einmal die laufenden
Unterhaltungskosten der Arbeiter selbst deckt. Selbstverständlich
müssen die „Produktionskosten‘“ solcher Arbeit irgendwie gedeckt
werden, Sie können aber ganz oder zum Teil von höheren Schichten der
Lohnarbeiterklasse, von der Bauernklasse oder von bürgerlichen Familien
Schließlich auch vom Staat und der Gemeinde getragen werden. Es
gibt in der heutigen Gesellschaft sicher verschiedene Berufe, besonders
weibliche, die kaum die Arbeiter mit ihrem notwendigen laufenden Unterhalt
 versorgen und jedenfalls nicht imstande sind, die Herstellungskosten
 der Arbeiter selbst zu bezahlen, sondern die immerfort durch eine
Zufuhr von Arbeitskraft aus anderen Schichten gespeist werden müssen.
In diesen Berufen ist also die Zahlung eines „natürlichen Lohns‘“ im
Ricardoschen Sinne nicht notwendig. Solche für die Erkenntnis der
wahren Natur sehr wichtiger Probleme der Theorie des Arbeitslohns
wesentliche Umstände müssen uns vollständig verschlossen bleiben, so-')
 Vgl. Marshall: Principles, VA), 3;

25
        <pb n="295" />
        Kap. VIII. Der Arbeitslohn.
lange wir an der Fiktion der „Arbeit‘“ als eines homogenen Faktors
U
In bezug auf den Marktpreis der Arbeit hatte Ricardo, wie
schon bemerkt, gelehrt, daß er vom jeweiligen Stande des Angebots und
der Nachfrage abhängt. Dabei faßte er die Nachfrage als eine von de
Kapitalmenge des Landes bestimmte Größe auf. Die Nachfrage nac
rbeit wächst nach Ricardo in derselben Proportion wie das Kapital.
In Zeiten, wo das Kapital schneller wächst als die Bevölkerung, steht
deshalb auch der Marktpreis der Arbeit über dem Kostenpreis. Wenn
dagegen das Kapital langsamer wächst als die Bevölkerung, kann de
Marktpreis der Arbeit zeitweise unter den Kostenpreis heruntergehen,
was aber dann den Bevölkerungszuwachs verlangsamen muß. -
Diese Auffassung Ricardos von der Bedeutung des Kapitals
als Regulator des Marktpreises der Arbeit wurde ebenfalls von seinen
Nachfolgern dogmatisiert und in stark vereinfachten arithmetischen
ormeln als alles beherrschende Naturgesetze des Wirtschaftslebens
erkündet. So entstand die viel umschriebene Lohnfondstheorie:
as Kapital wurde als ein zu jeder Zeit gegebener Fonds betrachtet, aus
elchem die Arbeitslöhne vorgeschossen werden; der durchschnittlich
Arbeitslohn mußte also durch eine einfache Division des Lohnfonds mi
der Zahl der Arbeiter bestimmt sein. Der Divisor, die Zahl der Arbeiter,
wird auf die Länge der Zeit in Übereinstimmung mit der Ricardo
schen Auffassung durch die Produktionskosten der Arbeit bestimmt
ie Lohnfondstheorie hebt also nicht die ältere Theorie des ‚„natürlichen
 Arbeitslohns‘“ oder des Kostenpreises der Arbeit auf. Sie be
zieht sich nur auf den jeweiligen Marktpreis der Arbeit, lehrt aber,
daß dieser vom Lohnfonds absolut bestimmt ist. Aus dieser Lehre
wurden sehr weitgehende praktische Konsequenzen gezogen. Di
rbeiter haben überhaupt nur durch Regulierung ihrer eigenen Zahl
einen Einfluß auf den Arbeitslohn. Andere Bestrebungen der Arbeite
zur Steigerung ihrer Löhne, besonders die Bildung von Fachverbänden,
können höchstens kleineren Gruppen von Arbeitern nützen, aber dies
nur auf Kosten der übrigen Arbeiter, für welche dann ihr Anteil am
Lohnfonds entsprechend vermindert wird. Daß sich die organisierte
Arbeiterwelt von der Notwendigkeit dieser pessimistischen Auffassun
niemals überzeugen ließ, war nur natürlich.
Die Kritik der Lohnfondstheorie hat von der wesentlichen Tatsache
auszugehen, daß die ganze Theorie in vollständig unklaren Vorstelungen
 vom Wesen des Produktionsprozesses fußt. Das Studium der
eschichte der Lohnfondstheorie ist insofern nützlich, als es die grundegende
 Bedeutung einer Darstellung des Produktionsprozesses als eines
ontinuierlichen Prozesses, wie wir sie im $ 4 versucht haben, zutage
treten läßt. Die Lohnfondstheorie ist noch von der älteren Vorstellung
ines Adam Smith beherrscht, nach der ein aufgespeicherter Güter-282
        <pb n="296" />
        $ 33. Die pessimistischen Lohntheorien. 283
orrat die notwendige Voraussetzung einer Produktion ist. Alle
ersuche, den Begriff des Lohnfonds schärfer zu fixieren, haben nicht
den Mangel an einer klaren Analyse des Produktionsprozesses selbst,
an dem die Lohnfondstheorie leidet, zu decken vermocht.
Auch ist die Vorstellung der Lohnfondstheorie, daß die Quantität
Arbeit, die zu einem bestimmten Lohnsatz beschäftigt werden kann,
durch die Quantität des Kapitals direkt arithmetisch bestimmt ist,
alsch. Gegen diese Vorstellung ist hervorzuheben, erstens, daß Arbei
in Produktionszweigen verwendet werden kann, die eine größere oder
kleinere relative Kapitalnutzung erfordern. Die Verteilung der Arbeiter
auf diese verschiedenen Produktionszweige ist selbst ein Problem des
Preisbildungsprozesses und kann also nicht als von vornherein gegeben
betrachtet werden. Von ihr hängt aber offenbar die Zahl der Arbeiter,
die zu einem bestimmten Lohnsatz nach der Auffassung der Lohnfondsheorie
 beschäftigt werden kann, ab. Zweitens ist hervorzuheben, daß
nach dem Substitutionsprinzip Arbeit und Kapital für die Herstellung
desselben Produktes in verschiedenen Proportionen miteinander verbunden
 werden können. Aus dieser Unbestimmtheit der Produktionsıethoden
 folgt, daß die Zeit, für die der ‚„„Lohnfonds‘ ausreichen
soll, mag man nun den Begriff des Lohnfonds bestimmen wie man will,
nicht bestimmt ist, und daß also auch aus diesem Grunde die Division,
auf welcher die Lohnfondstheorie baut, in Wirklichkeit unbestimmt ist,
Gegen die Lohnfondstheorie wird oft geltend gemacht, daß die
Arbeit nicht vom Kapital, sondern vom Ergebnis der Produktion bezahlt
 wird. Diese Einwendung trifft jedoch nicht den Kern der Sache.
Richtig ist natürlich, daß die Arbeiter wie alle anderen Mitglieder de
esellschaft nur von den aus der laufenden Produktion hervorgehenden
ertigen Produkten leben können und, sofern sie Ansprüche auf solche
haben, mit diesen für ihre Einsätze im gesellschaftlichen Produktionsprozeß
 entlohnt werden. Die fortdauernde Zahlung eines solchen Arbeitslohnes
 hängt aber überhaupt von der Aufrechterhaltung des fortdauernden
 Produktionsprozesses ab. Dieser Prozeß ist aber nur möglich,
enn die in jeder Einheitsperiode nötige Kapitaldisposition zur Verügung
 gestellt wird. In dieser Weise ist freilich die fortdauernde_Bechäftigung
 der Arbeiter von der fortdauernden Zufuhr von Kapitaldisposition
 abhängig.
Die Lohnfondstheorie ist ein zu primitives und zu schwaches Gedankengebäude,
 um überhaupt eine ernste Kritik aushalten zu können!
Sie Jäßt nichts übrig, was für eine positive Theorie verwertet werden
könnte, Jedoch müssen wir niemals vergessen, daß die Lohnfondsheorie
 insofern von einer richtigen Grundanschauung ausgegangen ist,
als sie verstanden oder vielleicht eher gefühlt hat, daß der Arbeitslohn
R gegebener Bevölkerung in einem gewissen Verhältnis zum Kapitaleichtum
 der_Tauschwirtschaft steht und zwar im allgemeinen mit

st
Ay
        <pb n="297" />
        S Kap. VIIL Der Arbeitslohn.
diesem Kapitalreichtum steigt und fällt. Der Zusammenhang ist aber
wesentlich anderer Natur als sich die Lohnfondstheorie vorstellte:
Kapital und Arbeit sind nach unserer Auffassung konkurrierende, aber
zusammenwirkende und einander ergänzende Produktionsfaktoren, deren
Preise durch den allgemeinen Preisbildungsprozeß bestimmt werden,
wobei natürlich die relative Knappheit dieser beiden Produktionsfaktoren
 für ihre Preise in erster Linie Bedeutung gewinnt. Nur von
diesem Gesichtspunkt aus läßt sich der Einfluß “der Kapitalmenge auf
den Arbeitslohn analysieren.
8 34. Moderne optimistische Lohntheorien.
Adam Smith leitet sein Kapitel über den Arbeitslohn mit der
Bemerkung ein, daß das Produkt der Arbeit den natürlichen Ersatz oder
Lohn der Arbeit bildet. Unter modernen Verhältnissen hat der Arbeiter
einen Teil seines Produkts in Form von Bodenrente und Profit dem
Grundbesitzer und dem Kapitalisten abzutreten. Der Rest des Arbeitsprodukts
 bildet den Arbeitslohn. In dieser Auffassung lag schon der
Kern einer Theorie, die in der Produktivität der Arbeit den wesentlichen
 Bestimmungsgrund des Arbeitslohns sieht, und die also die
Abhängigkeit des Arbeitslohns vom Produkt der Arbeit in den Vordergrund
 stellt. Die neuere Entwicklung der Arbeitslohntheorie ist in
der Tat in wesentlichem Grad von dieser Betrachtungsweise bestimmt ?).
Damit wird offenbar der Arbeiterklasse selbst ein Einfluß auf die
Höhe des Arbeitslohns zuerkannt: durch eigene Anstrengungen und
eigene Tüchtigkeit können die Arbeiter ihre Lage verbessern. Die
optimistische Färbung, welche die moderne Lohntheorie hierdurch
erhält, steht im Gegensatz zum Pessimismus der älteren Lohntheorien,
nach denen die Höhe des Arbeitslohns wesentlich durch äußere Umstände
 bestimmt war und die Arbeiter auf sie eigentlich nur durch
Beschränkung ihrer Fortpflanzung einen Einfluß gewinnen konnten.
Daß der Arbeitslohn in irgendeiner Weise vom Produkt der Arbeit
abhängen muß, ist ein sehr natürlicher und, wie wir sehen werden, auch
ein fruchtbarer Gedanke. Nun muß man sich hüten, diesen Zusammenhang
 so einfach aufzufassen, daß man den Arbeitslohn als das Ergebnis
der Arbeit mit Abzug dessen, was für die Mitwirkung der übrigen Produktionsfaktoren
 bezahlt werden muß, darstellt. Ein solches Räsonnement
 führt zu einer einseitigen „Residualtheorie“, nach welcher der
ı) Unter den frühen Vertretern dieser Auffassung sind zu nennen:
Leroy-Beaulieu seit den 60er Jahren (Traite d’&amp;amp;conomie politique. Paris
1896. TI).
Walker seit den 70er Jahren (Wages Question, London 1891, Ch. VII, IX
und p. 411).

284
        <pb n="298" />
        $ 34. Moderne optimistische Lohntheorien. I
Arbeitslohn als das „Residuum“‘ aufgefaßt wird, das vom Produktionsergebnis
 übrigbleibt, nachdem die Unternehmer und die Besitzer
des Bodens und des Kapitals den ihnen gebührenden Anteil bekommen
haben?!). Wenn eine solche Residualtheorie überhaupt einen Sinn
haben soll, muß sie voraussetzen, daß die Anteile der übrigen Produktionsfaktoren
 selbständig bestimmt werden können, bevor das Residuum
selbst bestimmt wird. Nach unseren Untersuchungen über das Wesen
des allgemeinen Preisbildungsprozesses ist eine solche Voraussetzung
ausgeschlossen. In der Wirklichkeit sind alle Produktionsfaktoren im
Preisbildungsprozesse gleichgestellt, ihre Anteile am Gesamtprodukt
werden gleichzeitig unter Zusammenwirken aller gegebenen Faktoren
der Preisbildung bestimmt. Nur der reine Unternehmergewinn, der
überhaupt nicht als ein normaler Preis für die Mitwirkung eines Produktionsfaktors
 aufzufassen ist, könnte möglicherweise als ein Residualeinkommen
 bezeichnet werden ?).
Bei der weiteren Ausbildung der Theorie der Produktivität der
Arbeit als Bestimmungsgrund des Arbeitslohns stößt man auch auf die
Schwierigkeit, daß in der Wirklichkeit eine Steigerung des Produkts,
die durch eine Vermehrung der Arbeitsleistungen erreicht wird, nicht
notwendig in ihrem Grundbetrage der Arbeit als Lohn zufällt, sondern
im allgemeinen auch den übrigen Produktionsfaktoren zugute kommt.
Im allgemeinen entsteht durch eine Steigerung der Arbeitsleistung
eine neue Marktlage mit relativ stärkerer Nachfrage nach den übrigen
Produktionsfaktoren und also mit einer relativ schlechteren Stellung
für die Arbeit. Die Arbeit vermag dann nicht den vollen Mehrertrag
der Produktion für sich zu behalten. Der Arbeitslohn hängt also nicht
bloß von der Arbeit selbst ab, sondern auch von den übrigen Produktionsfaktoren,
 überhaupt von der relativen Versorgung der Tauschwirtschaft
 mit den verschiedenen Produktionsfaktoren, mit einem Worte
von der Marktlage. Die Produktivität der Arbeit ist also kein objektiver,
allein durch die Natur der Arbeit bestimmter Faktor und ist demnach
jedenfalls nicht in solchem Sinne als Bestimmungsgrund des Arbeitslohns
 aufzufassen, Mit der Feststellung dieser Tatsache verliert die
Produktivitätstheorie ihre unmittelbare theoretische Einfachheit und
praktische Verwendbarkeit.
Einer weiteren Ausbildung der Produktivitätstheorie hat die neuere
Ökonomie dadurch nachgestrebt, daß sie den Anteil jedes einzelnen einheitlichen
 Produktionsmittels am Produktionsergebnis durch Bestimmung
 seiner ‚‚Grenzproduktivität‘ zu ermitteln gesucht hat. Dieses
») Vgl. Jevons: Theory of political economy. London 1879, p. 292—296.
„Every labourer ultimately receives the due value of his produce after paying a
proper fraction to the capitalist for the renumeration of abstinence and risk.“
Walker: Political Economy. 3° Ed. London 1889. Ch. V.
?) Vgl. Clark: Distribution of Wealth, Newyork 1908, p. 204.

287}
        <pb n="299" />
        286

Kap. VIII. Der Arbeitslohn.
Streben hat dazu geführt, daß das Substitutionsprinzip bei der Behandung
 des Preisbildungsproblems in den Vordergrund gestellt wurde, un
daß der Voraussetzung, daß der eine Produktionsfaktor den anderen
kontinuierlich verdrängen kann, ein ungebührliches Gewicht beigelegt
wurde. Von den Darstellungen der Lehrbücher, die diesem Gedanken
gang folgen, bekommt man oft die Vorstellung, als ob die genannte
oraussetzung eine notwendige Bedingung für die Bestimmtheit de
reisbildungsproblems wäre. Wir müssen aber, wie schon früher bemerkt,
 an eine Preisbildungstheorie die Forderung stellen, daß sie
in erster Linie einen ausschließlich vom Prinzip der Knappheit bestimmten
 Preisbildungsprozeß, wo also insbesondere von der Möglichkeit
 einer Substitution abgesehen wird, zu erklären imstande ist.
Gegen eine Theorie des Arbeitslohns, die auf dem Begriff der Grenzproduktivität
 aufbaut, muß ferner, wie überhaupt gegen jede Grenzproduktivitätstheorie,
 der Einwand geltend gemacht werden, daß die Grenzroduktivität
 selbst keinen objektiv gegebenen Faktor-des Preisbildungsroblems
 darstellt, sondern in Wirklichkeit eine der Unbekannten
des Problems ist und mit den übrigen Unbekannten dieselbe Stellung
innimmt. Solange wir unsere Betrachtungen auf einen bestimmten
roduktionszweig, wo nur ein einziges Produkt hergestellt wird, bechränken,
 ist es immerhin möglich, die Grenzproduktivität wenigstens
als einen selbständig bestimmten Begriff aufzufassen. Das „Grenzprodukt‘‘
 ist ein gewisser konkreter Teil des Gesamtprodukts. Wenn
aber dieselbe Arbeit in mehreren verschiedenen Produktionszweiget
erwendet wird, ist offenbar nicht einmal eine solche konkrete Auffassung
 des Grenzprodukts länger möglich. Die Grenzproduktivität muß
in allen Produktionszweigen dieselbe sein und kann deshalb nur als
in Anteil an den Preisen der verschiedenen Produkte aufgefaßt werden.
Diese Preise werden aber u. a. durch die Bedingung bestimmt, daß die
etrachtete Arbeit in allen verschiedenen Produktionszweigen denselben
 Preis’ haben muß. Ihre Grenzproduktivität kann dann überhaupt
 nicht als etwas anderes definiert werden als eben dieser Preis.
enn dieser Preis stellt eben den Beitrag der betreffenden Arbeit
um Preise des Produkts dar. Der Satz, daß der Lohn von der Grenzroduktivität
 der Arbeit bestimmt ist, verliert dann jeden selbständigen
inn. AA
Es ist schließlich auch zu beachten, daß das Zurückführen des
rbeitslohns auf die Grenzproduktivität der Arbeit uns überhaupt
einen Aufschluß gibt über die Abhängigkeit des Arbeitslohns von den
Anstrengungen und der Tüchtigkeit der Arbeiter. Denn welche Wirkung
eine Steigerung der Effektivität der Arbeit auf ihre Grenzproduktivität
at, ist gewiß nicht von vornherein klar, sondern ist vielmehr eine
Frage, die zum eigentlichen Kern des Lohnproblems gehört. Die Effektivität
 der Arbeit ist eben ein Begriff, dersich auf die technische Ver.
        <pb n="300" />
        $ 34. Moderne optimistische Lohntheorien. 1
wendbarkeit der Arbeit bezieht. Die „Produktivität‘“ wird wohl auch
häufig in diesem Sinne verstanden. Die Grenzproduktivität aber bezieht
 sich begrifflich auf die Marktlage und wird erst durch die Preisbildung
 bestimmt. Es besteht immer die Gefahr, daß dieser wesentliche
Unterschied vergessen wird, und daß man von einer Steigerung der
Effektivität der Arbeit unmittelbar und ohne weiteres auf eine Steigerung
 der Grenzproduktivität der Arbeit schließt).
Daß eine Steigerung der Effektivität der Arbeit eine Steigerung
des Einkommens des Arbeiters herbeiführt, ist nur eine Seite der
modernen optimistischen Lohntheorie. Diese Theorie nimmt nämlich
häufig auch den zweiten Satz in sich auf, daß die Leistungsfähigkeit
des Arbeiters mit seinem Einkommen steigt. Es besteht nach dieser Auffassung
 eine Wechselwirkung zwischen Effektivität und Einkommen
des Arbeiters, Diese Wechselwirkung eröffnet die Möglichkeit für eine
immer fortschreitende Steigerung der Lebenshaltung der Arbeiterklasse,
und die Voraussetzung einer solchen Wechselwirkung gibt deshalb der
Lohntheorie einen noch stärkeren Zug zum Optimismus.
Die sezialpolitische Richtung, die das Einkommen des Arbeiters
zum wesentlichen Bestimmungsgrund seiner Leistungsfähigkeit erhebt,
ist besonders durch die Schriften von Brassey und Schoenhof
verbreitet worden?). Eine wissenschaftliche Kritik dieser Richtung muß
vor allem hervorheben, daß die Wirkung des Arbeitslohns auf den
Lebensstandard des Arbeiters und damit auf seine Leistung von einer
ganzen Menge Faktoren, wie z. B. Klima, Rasse, Geistesrichtung der Gesellschaft,
 individueller Charakter des Arbeiters usw. abhängt, und daß
demnach eine gesteigerte Wirksamkeit der Arbeit als Folge eines gesteigerten
 Einkommens nur bei einem Zusammentreffen von günstigen
Bedingungen erwartet werden kann, sowie auch, daß ein Aufsteigen
des einzelnen Arbeiters und noch mehr ganzer Schichten der Arbeiterklasse
 als Produzenten ebenfalls im allgemeinen eine ziemlich umfangreiche
 Zeit in Anspruch. nehmen muß. Anderseits muß man wahrscheinlich
 — wenigstens im westländischen Kulturgebiet — ein ziemlich
starkes Gewicht auf diejenige Bedeutung eines hohen Arbeitslohns
legen, die in einer verschärften Auslese der besten Arbeiter und in der
damit folgenden Anspornung zu gesteigerter Leistung zutage tritt.
Dabei muß aber wieder vor einem naiven Glauben an eine spontane
Entwicklung einer höheren Leistungsfähigkeit der Arbeiter gewarnt
werden. Auch dieses Ergebnis wird heute am sichersten als Frucht
1) Vgl. z. B. Seligman: Principles of Economics. (IV ed. London 1909) $ 177.
„Anything which tends to enhance the productivity of labor in itself will increase
the product of the marginal unit and thus raise the rate of wages.“
°) Brassey: Work and Wages, London 1872.
Schoenhof: The economy of high wages, London, Newyork 1892.

287
        <pb n="301" />
        - Kap. VIII. Der Arbeitslohn.
zielbewußter und wissenschaftlich durchgedachter Anstrengungen seitens
der Leitung der Industrie gewonnen.
Es darf nicht übersehen werden, daß die hier gekennzeichnete optimistische
 Lohntheorie auch von ihrer umgekehrten Seite betrachtet
werden kann: wenn die Löhne sinken, muß auch auf die Dauer die
Effektivität sinken und damit eine Tendenz zu weiterer Senkung des
Lohns hervortreten. Die kumulative Wechselwirkung kann sich somit
auch in negativer Richtung geltend machen.
Nach dem Sturz der Lohnfondstheorie in den 70er Jahren war die
allgemeine Meinung überhaupt wenig geneigt, an objektive Bestimmungsgründe
 des Arbeitslohns zu glauben. Da eine befriedigende ökonomische
 Theorie des Arbeitslohns fehlte, fand in einer Zeit, wo die Gewerkschaftsbewegung
 immer stärker hervortrat, leicht die Auffassung
Eingang, daß der Arbeitslohn wesentlich ein Ergebnis des Interessenkampfes
 zwischen Arbeitern und Arbeitgebern sei und in der Hauptsache
durch die relative Stärke der beiden Parteien bestimmt werde. Diese
Auffassung war natürlich. sehr ungünstig für die Entwicklung einer
Wissenschaft, deren Aufgabe es gewesen wäre, den Arbeitslohn als Ergebnis
 ökonomischer Notwendigkeiten und objektiv gegebener Faktoren
darzustellen. Sie stellte die Lohnfrage wesentlich als eine Machtfrage
dar und wurde dadurch insoweit auch praktisch. verhängnisvoll, als
sie dazu beitrug, die Bestrebungen zur Hebung der arbeitenden Klassen
vom Gebiete der wirtschaftlichen Betätigung auf das der Machtentfaltung
 zu verlegen. Die Neigung, jede feste ökonomische Theorie zu
diskreditieren, und die Bestrebungen, die Vorstellung, daß im wirtschaftlichen
 Leben „alles fließt‘, wach zu halten, sind mit daran schuld,
wenn die Arbeiterwelt ihre schlechte Lage Jediglich als ein Ergebnis
der Unvollkommenheit der heutigen Gesellschaftsordnung oder der Ausbeutung
 des Arbeiters seitens des heutigen Unternehmertums auffaßt
und, da doch alles ebensowohl anders sein könnte, an die Möglichkeit
einer vollständigen Umwälzung der Lage der Lohnarbeiterklasse glaubt,
sowie auch die Mittel zu einer solchen Umwälzung in einer gewerkschaftlichen
 oder. politischen Machtstellung oder gar in Gewalttaten,
aber nur nicht auf dem rein wirtschaftlichen Gebiete, sucht.
Es soll dabei nicht übersehen werden, daß die Schule, die das
Studium der Lohnfrage zu einem Studium der „Sozialen Frage‘ erweitern
 wollte, trotz des auffallenden Mangels einer festen ökonomischen
 Theorie, ja, der offen hervortretenden Unterschätzung der Bedeutung
 einer solchen, doch dadurch Wichtiges geleistet hat, daß sie die
sozialen Zustände, die Gliederung der Bevölkerung, die wirtschaftliche
Organisation und Rechtsordnung der Gesellschaft usw. als für die Lohnfrage
 bedeutungsvolle Faktoren erkannt und das Studium derselben
und deren Einwirkung auf die Lage der arbeitenden Klassen mit in das

288
        <pb n="302" />
        $ 34. Moderne optimistische Lohntheorien. y
Lohnproblem einbezogen hat. Das ganze Problem wurde ohne Zweifel
on der älteren Nationalökonomie viel zu sehr vereinfacht und schematisiert.
 Ganz besonders war es notwendig, das Angebot von Arbeit, das
man früher als eine lediglich arithmetische Größe zu charakterisieren
sich begnügte, in seiner Bedingtheit von der Zusammensetzung und
der Rekrutierung der Lohnarbeiterklasse, von der Erziehung, Berufsbildung
 und von der durch die Organisation der Produktion und des
Arbeitsmarkts wesentlich. mit beeinflußten Entwicklung des Arbeiters
und seiner produktiven Leistungsfähigkeit, also mit einem Worte in
seiner Abhängigkeit von sozialen Faktoren zu untersuchen.” sw”
Es genügt aber nicht, daß solche Gesichtspunkte in die Behandlung
 des Problems hineingebracht werden. Sie müssen einer einheitlichen
 ökonomischen Theorie des Arbeitslohns untergeordnet werden.
Der Satz, daß der Arbeitslohn durch ökonomische Notwendigkeiten bestimmt
 ist, muß in den Vordergrund gestellt werden. Die Art des ökonoischen
 Zusammenhangs, der den Arbeitslohn mit den gegebenen
Faktoren des Lohnproblems verbindet, muß erforscht und somit der
Rahmen klargelegt werden, innerhalb dessen eine richtige Erkenntnis
der Wirkung’ dieser Faktoren und der Bedeutung jedes einzelnen für
das Ganze erst möglich ist. Die sozialpolitische Theorie des Arbeitslohns
— Wenn diese Bezeichnung für eine ziemlich unbestimmte Richtung
gestattet ist — kann insofern als eine optimistische Theorie bezeichnet
erden, als sie die Möglichkeit einer Erhöhung des Arbeitslohns oder
allgemeiner, einer Hebung der Lage der Lohnarbeiter durch sozialpolitische,
 innerhalb der Willensphäre der ‘Menschen liegende Maßnahmen
 besonders stark betont. Es darf aber nie vergessen werden, daß
olche Maßnahmen nur durch den Mechanismus der Preisbildung auf
die Arbeitslöhne wirken, daß ihr Zweck nur dann, wenigstens im allgemeinen
 und dauernd, erreicht werden kann, wenn sie eine reale
eränderung der Marktlage herbeizuführen vermögen. Die sozialpoliische
 Theorie kann deshalb überhaupt nicht als eigentliche Theorie des
Arbeitslohns anerkannt werden, solange sie das Studium der Marktlage
beiseite schiebt, und die soziale Seite des Problems losgelöst von der
ökonomischen behandeln zu können wähnt. Es liegt auch auf der Hand,
elche große praktische Bedeutung eine richtige Einsicht in die wahre
Stellung der sozialen Faktoren im Preisbildungsprozeß der Arbeit für
eine vernünftige Leitung der Gewerkschaftspolitik und überhaupt der
Bestrebungen der Arbeiter, sowie auch der allgemeinen staatlichen und
Kommunalen Sozialpolitik hat. Die Erfahrung jeden Tages lehrt, wie
dringend notwendig es ist, daß unsere Sozialpolitik im weistesten Sinne
des Wortes von dem Bewußtsein durchdrungen und bestimmt wird, daß
ie ökonomische Notwendigkeiten nicht beiseite setzen kann, sondern
innerhalb_des von ihnen bestimmten Rahmens arbeiten muß. um
Die _Gewerkschaftsbewegung selbst hat natürlich immer insofern
&amp;lt;Cassel, Theoret, Sozialökonomie, 4. Aufl.
        <pb n="303" />
        Kap. VIII. Der Arbeitslohn.
einer optimistischen Auffassung des Lohnproblems gehuldigt, als sie
an die Möglichkeit einer Erhöhung der Löhne oder allgemeiner eine
erbesserung der Arbeitsbedingungen durch die Gewerkschaftspoliti
eglaubt hat. Wohl zum Teil unter dem Einfluß der früheren pessimistischen
 Lohntheorien, aber auch von der mittelalterlichen Tradition
bestimmt, hat die ältere Gewerkschaftsbewegung ihr Ziel auf die För
derung des Interesses der eigenen Gewerkschaft beschränkt und dasselbe
 nur in einer monopolistischen Abgrenzung von der übrigen Areiterwelt
 zu erreichen für möglich erachtet. In dieser Beziehung tritt
in der neueren Gewerkschaftsbewegung ein wesentlich optimistischere
Zug zutage, obwohl er der früheren Auffassung gegenüber keinesweg
allgemeine Anerkennung gewonnen hat. Die Gewerkschaften haben in
neuerer Zeit vielfach gefunden, daß eine künstliche Abschließun
nach außen nicht notwendig ist, sondern daß man sich damit be:
nügen kann, einen gemeinsamen, möglichst hohen Standard aufrecht:
uerhalten: dieser Standard wirkt selbst gewissermaßen als eine Begrenzung
 des Zutritts von Arbeitskraft in das betreffende Gewerbe.
Denn nur der Arbeiter, der einen, dem Lohnstandard entsprechenden
Standard von Tauglichkeit darbieten kann, hat eine Möglichkeit au
emjenigen Gebiete der Produktion, wo der Gewerkschaftsstandard
zur Anerkennung gelangt ist, eine Stellung zu gewinnen. In einer Zei
starken wirtschaftlichen Fortschritts, wo besonders jede tüchtige, gelernte
 Arbeit im großen ganzen immer eine reichliche Nachfrage fand,
at sich eine solche „offene Gewerkvereinspolitik‘“ mit der Aufgabe, die
Interessen der Mitglieder des Gewerkvereins wahrzunehmen, vereinba
‚ezeigt. Es sah dann aus, als ob die Gewerkschaftsbewegung nicht
änger auf die Förderung der eigenen Interessen der Gewerkschaften beschränkt
 wäre, sondern, da sie der gesamten Arbeiterklasse wenigstens
formell offen stand, ein gemeinsames Mittel zur Hebung der ganzen
Klasse sei. In Wirklichkeit sind aber in den meisten Ländern sehr
zahlreiche Elemente!der Arbeiterklasse außerhalb der Gewerkschaftsbewegung
 stehengeblieben. Ein Teil dieser Elemente hat sicher keinen
orteil aus der Gewerkschaftsbewegung ziehen können, ist sogar, z. B
urch Verteuerung der Wohnungen, durch sie direkt geschädigt worden?
er Glaube an eine allgemeine Erhöhung der Lebenslage der arbeitenden
 Klassen durch die Gewerkschaftsbewegung dürfte den etwas zu
optimistischen Lohntheorien zugerechnet werden müssen.
Die ältere abgeschlossene Gewerkvereinspolitik hatte sich, wie überhaupt
 die ganze ältere Wirtschaftspolitik, unter der Voraussetzung eine
egebenen aber streng begrenzten Marktes und im ganzen unveränder
licher Produktionsverhältnisse entwickelt. Unter dieser Voraussetzung
war eine Teilung des Marktes mit strenger Begrenzung ; des Zutritts zu
einem Gewerbe eine natürliche Politik. Die Voraussetzungen der moderen
 Gewerkvereinspolitik sind meistens wesentlich verschieden. Es

290
        <pb n="304" />
        $ 34. Moderne optimistische Lohntheorien. 291
ganze Wirtschaftsleben ist durch eine viel größere Beweglichkeit charakterisiert.
 Der Absatz kann niemals als eine gegebene Quantität betrachtet
 werden. Jeder Beruf muß im allgemeinen mit allen anderen um
die Kaufkraft der Konsumenten kämpfen und besonders mit anderen
Berufen, die dieselben oder ähnliche Bedürfnisse auf anderen Wegen befriedigen,
 konkurrieren. Außerdem besteht innerhalb jedes Berufes im
allgemeinen eine Konkurrenz zwischen den Produzenten in verschiedenen
 Orten und besonders in verschiedenen Ländern. Der Umfang des
Absatzes oder der Beschäftigung ist unter solchen Verhältnissen nicht
von vornherein gegeben. Er kann vermehrt werden, wenn die Effektivität
 der Arbeit erhöht wird und dadurch das Produkt verbessert oder
verbilligt wird. Er kann aber auch vermindert werden, wenn die Effektivität
 hinter derjenigen der Konkurrenz zurückbleibt. Der moderne
Produzent kann sich nie darauf Verlassen, daß die Quantität Beschäftigung,
 die er einmal hat, ihm erhalten bleibt. Die in älteren Zeiten gewissermaßen
 berechtigte oder jedenfalls verständliche Teilungspolitik
entbehrt unter solchen Umständen eines festen Ausgangspunktes und
muß durch eine Politik ersetzt werden, die auf die höchst mögliche
Effektivität, also auf das Streben, den Ansprüchen der Nachfrage in
möglichst vollendeter Weise entgegenzukommen, eingerichtet ist. Was
so für die produktive Tätigkeit im allgemeinen gilt, hat auch speziell
für die Lohnarbeiterklasse volle Geltung und ihre Gewerkvereinspolitik
hat dieser Tatsache in gewissem Umfang Rechnung tragen müssen.
Das Ehepaar Webb hat, was man eine ideale Theorie der modernen
 Gewerkschaftspolitik nennen könnte, aufgestellt!), Der Kern der
Gewerkvereinspolitik liegt nach dieser Theorie in der Normalisierung
der Arbeitsbedingungen jedes Berufes, Diese Normalisierung schließt die
Konkurrenz der Arbeiter untereinander nicht aus. Vielmehr ersetzt sie
die frühere „freie‘‘, oft in schädlicher Richtung wirkende Konkurrenz
durch eine regulierte. Während die frühere unregulierte Konkurrenz
oft leicht zu einem Unterbieten im Annehmen niedriger Löhne und
schlechter Arbeitsbedingungen führte, ist die durch die Normalbedingungen
 regulierte Konkurrenz eine Konkurrenz um eine Beschäftigung,
 die nur unter diesen Bedingungen zu haben ist, also ein Wetteifer
in Tauglichkeit, der in der Richtung einer Erhebung der ganzen Arbeiterklasse
 sowohl in bezug auf Lebenshaltung wie auch auf Produktivität
wirken muß, Die Politik der Normalbedingungen übt auch auf die
Unternehmer insofern eine günstige Wirkung aus, als sie diejenigen
Unternehmen unterdrückt, welche die Normallöhne zu zahlen und im
übrigen die Normalbedingungen aufrechtzuerhalten nicht vermögen,
und früher nur mit Hilfe unterbezahlter Arbeit, billigerer aber schlechterer
 Arbeitsräume usw. sich aufrechtzuerhalten vermochten. Die
Notwendigkeit, die Normalbedingungen zu erfüllen, zwingt in dieser
5 1) Industrial Democrac; .

V.
10*
        <pb n="305" />
        Kap. VIII. Der Arbeitslohn.
Weise zur bestmöglichen Organisation und höchster technischer Vollendung
 der produktiven Betriebe.
Diese ideale Theorie ist, wie man findet, stark optimistisch gestimmt,
 und ihre Ergebnisse dürften kaum jemals im wirklichen Leben
vollständig realisiert sein. Die Webbsche Lehre!) hat aber das große
Verdienst, daß sie die Aufmerksamkeit auf die Einwirkung der Formen,
welche wir der Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkte geben, auf die
Arbeiterklasse selbst, auf die Richtung der moralischen, intellektuellen
und physischen Kräfte, welche in letzter Linie das Angebot von Arbeitskraft
 bestimmen, richtet. Damit ist eine sehr wertvolle Anregung gegeben
 zu einer Umlegung des Studiums des Angebots von Arbeit von
einer bloßen Rechnung mit arithmetischen Größen zu einer Aufdeckung
der tieferen wirtschaftlichen und sozialen Vorgänge, welche das Angebot
von Arbeitskraft bestimmen.
Auch vom Gesichtspunkte der formellen Preisbildungstheorie ist
die Webbsche Lehre von Interesse. Solange ein gewisses Produkt
mit Hilfe von Arbeitskräften sehr verschiedener Qualität und entsprechend
 verschiedener Lohnansprüche zu ungefähr denselben Produktionskosten
 hergestellt werden kann, bleibt offenbar das Problem
auch theoretisch sehr unbestimmt. Setzt man aber eine Normalisierung
des Lohns und damit im großen ganzen auch der Arbeitsleistung voraus,
so kann die Preisbildungstheorie von der Voraussetzung eines einheitlichen
 Preises für jede verschiedene Art von Arbeit ausgehen. Diese Voraussetzung
 bedeutet offenbar eine wesentliche Vereinfachung der Theorie
des Arbeitslohns. Sehen wir zu, wie das Webbsche System in den vollständigen
 Preisbildungsprozeß eingefügt werden kann: Ist der Lohn für
jede Art von Arbeit bestimmt, und nehmen wir an, daß auch die Preise
der übrigen Produktionsfaktoren gegeben sind, so sind auch die Preise
der fertigen Produkte bestimmt, also die Nachfrage nach diesen und
damit auch die Nachfrage nach Arbeit jeder verschiedenen Art. Diese
Nachfrage muß nun mit dem Angebot von Arbeitskraft übereinstimmen.
Darin liegt das Kriterium, welches zeigt, ob die von den Gewerkvereinen
gesetzte Lohnhöhe die richtige ist: ein Überfluß von Arbeitsangebot
gibt an, daß der Lohn zu hoch ist und herabgesetzt werden muß. Wenn
Gleichgewicht besteht, muß die Lohnhöhe in den verschiedenen Arbeitszweigen
 so abgewogen sein, daß überall ein passendes Zuströmen von
Arbeitskraft bewirkt wird und gleichzeitig die Nachfrage durch die
Preise der Arbeit und die dadurch bestimmten Preise der Produkte
in genügendem Grade und in richtigen Proportionen geregelt wird.
ı) Siehe auch: The public organization of the labour market. (Part II Minority
Report, Poor Law Commission.) London 1909.

292
        <pb n="306" />
        8 35. Die Stellung der Arbeit im Preisbildungsprozeß.
$ 35. Die Stellung der Arbeit im Preisbildungsprozeß.
Eine allgemeine Lohntheorie muß davon ausgehen, daß die Arbeit
ein Produktionsfaktor und der Arbeitslohn der Preis dieses Produktionsfaktors
 im allgemeinen Preisbildungsprozeß ist. Erst auf diesem
Wege wird es möglich, die Lohntheorie als einen organischen Teil in
eine einheitliche Preisbildungstheorie einzufügen.
Die Nachfrage nach ‘den fertigen Produkten ist nach dieser Auffassung
 zum Teil, direkt oder indirekt, eine Nachfrage nach Arbeit. Der
Arbeitslohn ist also ein Ausdruck für die Schätzung der betreffenden
Arbeit seitens der Konsumenten oder, allgemeiner, seitens der Nachfrage.
 Dieser Gesichtspunkt muß den Kern der Lohntheorie bilden.
Nun ist in jeder Einheitsperiode die Gesamtnachfrage nach den elementaren
 Produktionsmitteln gleich dem Gesamteinkommen, d. h. gleich
dem Gesamtergebnis der Produktion. In demselben Verhältnis, wie sich
die Nachfrage nach den verschiedenen Produktionsmitteln verteilt,
verteilt sich also auch dieses Gesamteinkommen oder dieses Gesamtprodukt.
 Man ist somit berechtigt, den Satz aufzustellen, daß das gesamte
 Arbeitseinkommen gleich dem der Mitwirkung der Arbeit entsprechenden
 Anteil am Gesamtergebnis der Produktion ist. Diese
Formulierung hat den Vorteil, daß sie die Abhängigkeit des Arbeitseinkommens
 vom Ergebnis der Produktion hervorhebt. Nur muß
das Wort „Anteil“ richtig verstanden werden, d. h. der Anteil muß
als eine erst durch den Preisbildungsprozeß zu bestimmende Größe
aufgefaßt werden. So formuliert und gedeutet, steht die Produktivitätstheorie
 in keinem Gegensatz zu einer Theorie, die den Arbeitslohn als
ein Ergebnis des allgemeinen Preisbildungsprozesses betrachtet.
Der Preis der Arbeit wird, wie überhaupt der Preis jedes Produktionsfaktors,
 durch ihre relative Knappheit bestimmt, also durch das
Angebot von Arbeit im Verhältnis zur Nachfrage nach ihr. Diese
Knappheit kann also nicht lediglich vom Gesichtspunkte des Arbeitsangebots
 beurteilt, sondern muß immer im Verhältnis zur Nachfrage
betrachtet werden. . Und die Gesamtnachfrage hängt von der Gesamtproduktion,
 diese wiederum von der gesamten Menge der Arbeitsleistungen
 ab. Es ist beim Studium des Arbeitslohns besonders notwendig,
 diese allgemeine Abhängigkeit des Einkommens des einzelnen
Produktionsfaktors vom Gesamtergebnis der Produktion hervorzuheben,
weil eben die gesamte gesellschaftliche Arbeitsleistung nicht mit der
Zahl der Arbeiter gegeben ist, sondern von dem Willen der Arbeiter
abhängt, und weil mangelnde Klarheit über die Abhängigkeit des
Arbeitslohns vom Gesamtergebnis der Produktion die Bestrebungen der
Arbeiterwelt noch mehrfach in falschen Richtungen beeinflußt,
Im allgemeinsten Sinne ist der Produktionsfaktor „Arbeit“ als die

293
        <pb n="307" />
        24 Kap. VIII. Der Arbeitslohn.
eine der beiden Hauptkategorien persönlicher Leistungen aufzufassen —
die andere umfaßt die Spartätigkeit oder das „‚Warten‘. Die Arbeit in
diesem allgemeinen Sinne ist aber eine sehr wenig einheitliche Kategorie.
 Sie umfaßt außer der gewerblichen Lohnarbeit auch die Unternehmerarbeit,
 die wohl begrifflich vom reinen Unternehmergewinn
unterschieden werden kann, in der Praxis aber diesem oft sehr nahesteht,
 ferner auch die Arbeit des selbständigen Handwerkers, des
Bauern, die Leistungen der sogenannten liberalen Berufe und der
Dienstboten. Auch die ‚gewerbliche Lohnarbeit‘“ stellt keineswegs
einen einheitlichen Produktionsfaktor dar. Sie umfaßt sowohl die
Arbeit der in technischen und kaufmännischen Beschäftigungen Angestellten,
 wie auch die der großen Masse der im gewöhnlichen Sprachgebrauch
 als Lohnarbeiter Bezeichneten. Aber auch diese letzte Kategorie
 ist keineswegs so einheitlich, wie sie in theoretischen und politischen
Betrachtungen häufig aufgefaßt wird. Die Verschiedenheit der Arbeitslöhne
 sowie auch der Arbeitsleistungen sind auch innerhalb dieser
Klasse sehr groß. Lebenshaltung, moralische, intellektuelle und soziale
Standards zeigen eine sehr ausgeprägte Differenzierung. Diesen Verhältnissen
 muß die Lohntheorie Rechnung tragen, wenn sie die verhängnisvollen
 Fehler vermeiden will, in welche die Lohntheorie deshalb gefallen
 ist, weil sie im Streben nach möglichster Vereinfachung die Arbeit
als einen einheitlichen Produktionsfaktor und die Arbeiterklasse als
eine homogene Masse betrachtete. . Man gewinnt unzweifelhaft ein
viel richtigeres Bild der Wirklichkeit, wenn man das Angebot von
Arbeit, in ähnlicher Weise wie das vom Boden, als eine Masse auffaßt,
 die in eine Solche unendliche Reihe von Arten und Qualitäten
zerfällt, daß annäherungsweise ein kontinuierlicher Übergang von der
niedrigsten zur obersten Stufe möglich ist.
Die Arbeit wird teils direkt für die Konsumenten, teils in erster
Hand für die Unternehmer geleistet. Dieser Unterschied ist für die
Theorie der Preisbildung kein wesentlicher. Denn auch im zweiten
Falle ist die Nachfrage nach Arbeit in letzter Linie, in der Hauptsache
durch die Ansprüche der Konsumtion bestimmt. Im ersten Falle ist die
Wahrheit des Satzes, daß der Preis der Arbeit ein Ausdruck für ihre
Schätzung seitens der Konsumenten ist, unmittelbar klar. Der Satz
behält aber auch für den zweiten Fall wesentlich seine Geltung, Die
Unternehmer treten wohl dann unmittelbar als Käufer der Arbeit auf.
Sie können aber, auch wenn sie, wie wir im folgenden Paragraphen
sehen werden, einen gewissen Einfluß auf die Art der Nachfrage haben,
gewissermaßen lediglich als Vermittler zwischen den Arbeitern und den
schließlichen Käufern betrachtet werden. Bei einer idealen Preisbildung
erhalten die Unternehmer nur den notwendigen Ersatz für ihre notwendigen
 Leistungen, und die Arbeit erhält, wie die übrigen Produktionsfaktoren,
 den Preis, der nach dem Prinzip der Knappheit notwendig

79 A
7Qd.
        <pb n="308" />
        $ 35. Die Stellung der Arbeit im Preisbildungsprozeß. 295
bezahlt werden muß. In diesem Sinne ist der von den Unternehmern
bezahlte Arbeitslohn, ebensowohl wie der direkt von den Konsumenten
bezahlte, durch die Knappheit der betreffenden Arbeit im Verhältnis
zur Nachfrage nach ihr bestimmt. Allerdings kommen bei den unaufhörlichen
 Bewegungen des wirklichen Wirtschaftslebens auch Abweichungen
 von dieser idealen Preisbildung vor, und der Arbeitslohn
kann dann in gewissen Produktionszweigen, an gewissen Orten, in gewissen
 Unternehmungen zeitweise höher oder niedriger stehen, als er
nach solcher idealer Preisbildung stehen sollte. Ohne Zweifel besitzt
die Arbeit als Element des Preisbildungsprozesses besondere Eigentümlichkeiten,
 die eine solche Unregelmäßigkeit der Preisbildung befördern.
 Wie aber die Lage des gedachten idealen Marktes für die wirklichen
 Arbeitslöhne wesentliche praktische Bedeutung hat, so haben wir
auch in der Theorie in erster Linie die Preisbildung des Idealmarktes ins
Auge zu fassen und die Frage aufzustellen: welchen Lohn würde die und
die Art von Arbeit bekommen, wenn sie vollauf das, was die Marktlage
gestattet, aber auch nicht mehr, bekäme?
Es ist nicht möglich, eine in allen Einzelheiten vollständig ausgeführte
 Arbeitslohntheorie hier vorzuführen. Wir müssen uns darauf
beschränken, den allgemeinen Rahmen einer solchen Theorie klarzulegen.
Diesen mit einer auf ein umfassendes, leider noch zum großen Teil
fehlendes Tatsachenmaterial aufzubauenden, eingehenden Schilderung
der Wirklichkeit auszufüllen, muß der Einzelforschung überlassen
bleiben. Für uns muß es eine Hauptaufgabe sein, die Lohntheorie in
ihrem organischen Zusammenhang mit der allgemeinen Preisbildungstheorie
 darzustellen, den Arbeitslohn in seiner Abhängigkeit vom gesamten
 Preisbildungsprozeß und besonders von den übrigen Produktionsfaktoren
 zu betrachten. In diesem Paragraphen haben wir zunächst die
allgemeine Stellung der Arbeit als Produktionsfaktor und als Element
des Preisbildungsprozesses näher festzustellen.
Für diesen Zweck ist es zunächst notwendig, den Unterschied
zwischen Arbeit und Arbeiter zu betonen. Die Arbeit ist der Dienst des
Arbeiters. Es besteht also hier ein analoger Unterschied, wie zwischen
den dauerhaften Gütern und den Nutzungen derselben. Welche große
Bedeutung dieser letzten Unterscheidung zukommt, haben wir früher
gesehen. Der Unterschied zwischen Arbeit und Arbeiter ist kaum
weniger wichtig, und das Übersehen desselben veranlaßt häufig Unklarheiten
 in Untersuchungen über den Arbeitslohn. Das Verhältnis
zwischen Arbeit und Arbeiter zeigt aber besondere Eigentümlichkeiten.
Während die Menge der Nutzungen einer Gruppe von dauerhaften
Gütern von ihrer Seite durch die Menge der Güter selbst bestimmt ist,
ist dies nicht so in bezug auf die Arbeit. Denn die Ausnutzung des
Arbeiters liegt zum Teil in seinem eigenen Willen. Die Menge der dargebotenen
 Arbeit bildet deshalb gewissermaßen eine selbständige Größe,
        <pb n="309" />
        Kap. VIII. Der Arbeitslohn.
welche, außer von der Menge der Arbeiter, auch von anderen auf ihres
Seite wirksamen Faktoren bestimmt wird.
_Die Nutzungen der dauerhaften Güter können wir bei der Behand-Jung
 des allgemeinen Preisbildungsprozesses deshalb. nicht als primäre
roduktionsfaktoren auffassen, weil sie sich auf die dauerhaften Güter
selbst und auf die zu ihrer Ausnutzung nötige Kapitaldisposition,
die dauerhaften Güter selbst sich wiederum auf die zu ihrer Herstellung
nötigen Produktionsmittel zurückführen lassen. ‘Dieser Zusammenhang
ist wesentlich wirtschaftlicher Art und bildet einen notwendigen Teil
des Preisbildungsprozesses. In bezug auf das Verhältnis zwischen Arbeit
nd Arbeiter liegt die Sache anders. Der Zusammenhang zwischen
Menge der Arbeitsleistungen und Menge der Arbeiter ist nicht rein wirt
chaftlicher Natur, und der Arbeiter selbst kann nicht lediglich als das
rgebnis eines wirtschaftlichen Produktionsprozesses betrachtet werden
ie Arbeit kann und muß deshalb in einer ersten Behandlung des Preisildungsproblems
 als primärer Produktionsfaktor aufgefaßt werden,
wobei dann die Quantitäten der dargebotenen Arbeit verschiedener Ar
als objektiv gegebene Elemente des Preisbildungsprozesses gedacht
erden müssen. Es bleibt dann allerdings übrig, eine solche Theorie
durch ein Studium der allgemeinen Faktoren zu vervollständigen,
welche die Quantität der Arbeit mit der Zahl der Arbeiter verbinden
der die Menge der Arbeiter selbst bestimmen. Dabei wird sich auch
Gelegenheit bieten, die eventuelle Einwirkung der Lohnhöhe selbst auf
as Angebot von Arbeit und Arbeitern zu untersuchen. Wir haben also
jer unseren gewöhnlichen Weg zu gehen: im ersten Stadium unsere
ehandlung des Preisbildungsprozesses für einen gewissen Produktions-,
aktor die Quantität desselben als gegeben vorauszusetzen, dann aber
die Faktoren, die diese Quantität beeinflussen, darunter eventuell auch
den Preis des Produktionsfaktors selbst, zu untersuchen und ihre Bedeutung
 für die Preisbildung festzustellen. }
Wenn die Arbeit als Produktionsfaktor am Preisbildungsprozeß teilimmt,
 muß sie quantitativ gemessen werden, und es muß für die
essung der Leistung des Arbeiters eine gewisse Einheit gewählt werden
In der Güterproduktion im engeren Sinne des Wortes ist diese Einheit
 meistens eine bestimmte Produktionsleistung, z. B. das Graben
eines 1 Meter langen Grabens, das Weben 1 Meter Stoffes, das Setzen
einer Zeile in einer Druckerei, das Einmauern eines Ziegels usw. Die
eistungseinheit kann aber auch oft nur als eine bestimmte Dienstzeit
ngegeben werden. Dies gilt z. B. im allgemeinen bei der Wachehaltung,
ei Überwachung anderer Arbeiter, meistens bei Arbeit im Dienste des
ransportwesens usw. In diesem zweiten Falle wird der Lohn natürlich
ach Dienstzeit, also nach Stunden, Tagen, Monaten oder Jahren bemessen
 und ist demnach ein Zeitlohn. Im ersten Falle, wo die Eeisting
einheit eine bestimmte Produktionsleistung ist, kann der Lohn als

296
        <pb n="310" />
        8 35. Die Stellung der Arbeit im Preisbildungsprozeß. Ü
Stücklohn bemessen werden. Dann ist aber auch ein Zeitlohn immer
noch möglich und kommt auch in manchen Fällen vor, z. B. wenn
die Messung der Leistung besondere Schwierigkeiten darbietet, oder
wenn die Qualität der Arbeit durch die vom Stücklohn angespornte Geschwindigkeit
 gefährdet werden könnte, oder schließlich, wenn der
Arbeiter durch Ursachen, äßer die er keinen Einfluß hat, an der vollen
Ausnutzung seiner Leistungsfähigkeit verhindert wird.
Die eine oder andere dieser Formen für die Messung der Leistung
des Arbeiters hat jedenfalls nur Bedeutung für die praktische Berechnung
 des Arbeitslohns. Der Produktionsfaktor Arbeit kann unter keinen
Umständen lediglich als eine Summe von produktiven Leistungen aufgefaßt
 werden.
Nicht einmal vom Gesichtspunkte des Unternehmers ist die Arbeit
durch ihre produktiven Leistungen vollständig charakterisiert. Die Einheit
 der Produktionsleistung hat z. B. nicht, wie man etwa meinen
könnte, denselben Wert für den Unternehmer, wenn sie in kurzer oder
langer Zeit hergestellt wird. Denn der Unternehmer hat meistens ein
starkes Interesse daran, daß sein festes Kapital möglichst vollständig
ausgenutzt wird; die Kosten der Nutzung der Fabriksräume, der
Maschinen usw., ferner auch die Kosten der Überwachung, der Erwärmung,
 der Beleuchtung usw. sind alle pro Stunde gegeben, und es
ist also wünschenswert, daß die Arbeiter die teure Zeit in der Fabrik
möglichst vollständig ausnutzen; bei einem Bauunternehmen spielt
es auch eine Rolle, daß der Bau möglichst schnell fertiggestellt wird, und
da nur für eine begrenzte Zahl von Arbeitern Platz vorhanden ist, muß
der Unternehmer auch bei Zahlung von Stücklohn auf größtmöglichste
Leistung pro Stunde Wert legen.
Daß auch im übrigen der Wert der Leistungseinheit, auch wenn
das hergestellte Produkt genau dasselbe ist, durch die Qualität der
Leistung in mannigfaltiger Weise beeinflußt werden kann, liegt auf der
Hand. So ist es für den Unternehmer von Bedeutung, daß die Maschinen
 vorsichtig und ökonomisch, z. B. mit möglichst geringer Aufwendung
 von Triebkraft, gebraucht werden und daß das Material umsichtig
 und klug, also mit möglichst geringer Verschwendung, gehandhabt
 wird. In vielen Stellungen ist die Zuverlässigkeit des Arbeiters
von ausschlaggebender Bedeutung für den Unternehmer, so z. B., wenn
der Arbeiter sehr teure Maschinen oder sehr gefährliche Einrichtungen
oder Arbeiten zu überwachen hat. Der unbedingt Zuverlässige ist hier
unendlich mehr wert als derjenige, der wohl im allgemeinen dasselbe
leistet, aber zu dem man doch nicht dasselbe Vertrauen haben kann.
In den Fällen, wo in der Beschäftigung des Arbeiters zugleich eine
Schulung für höhere Leistungen liegt, hat der Arbeitgeber oft auch
ein Interesse daran, daß der Arbeiter in seinem Berufe zu bleiben bestimmt
 wird und sich wirklich um seine Ausbildung bemüht. In dieser

297
        <pb n="311" />
        5 Kap. VIIL Der Arbeitslohn.
Beziehung findet man oft einen bestimmten Unterschied zwischen männlicher
 und weiblicher Arbeit: die Tatsache, daß weibliche Angestellte
beim Heiraten ihren Beruf meistens verlassen, dürfte schon an sich ein
Umstand sein, der den Wert ihrer Arbeit auch bei gleichen Leistungen
herabsetzt.
Wenn also die Unternehmer den für die Arbeit zu zahlenden Preis
nicht lediglich nach den produktiven Leistungen der Arbeiter bemessen
können, so können die Arbeiter noch weniger ‚sich mit einem lediglich
nach den produktiven Leistungen bestimmten Preis ihrer Arbeit zurieden
 geben. Denn die Summe der produktiven Leistungen hängt nicht
ausschließlich von ihnen ab, sondern wesentlich auch von den Unternehmern,
 von der Leitung und Organisation des Unternehmens, von der
Ausrüstung des Betriebs mit Maschinen und Werkzeugen usw. Die
Arbeiter stellen ihre Arbeitskraft zur Verfügung. Was die Unternehmer,
oder wenn die Arbeit direkt für Konsumenten geleistet wird, die Konsumenten
 mit dieser Arbeitskraft zu tun vermögen, ist ihre Sache. Das
allgemeine Maß der Arbeit als Produktionsfaktor kann also nicht im
Resultat der Arbeit gefunden werden.
Der Produktionsfaktor „Arbeit‘“ muß, nach dem Gesagten,
wesentlich. als, ‚die. Verfügung! über ‚eine ‚Arbeitskraft_be;-stimmter
 Qualität während einer bestimmten Zeit aufgefaßt
erden. Was für diese Verfügung bezahlt wird, ist der Arbeitslohn.
 Diese Begriffsbestimmung behält auch dann ihre Gültigkeit,
wenn für die Berechnung des Lohns verschiedene Formen gewählt
werden, die, wie der Stücklohn oder die Prämienlöhne der einen oder
anderen Art, eine möglichst starke Aufmunterung zur Intensität —
also Erhöhung ihrer Qualität — bezwecken.
Der Arbeiter, der seine Arbeitskraft verkauft, bezieht daraus ein
inkommen. Dieses Einkommen ist genau vom Arbeitslohn zu
nterscheiden. Der Arbeitslohn ist zwar ein sehr wichtiger Faktor in
der Einkommensbildung der Arbeiter, in dieser wirken aber auch andere
Faktoren mit, vor allem die Stetigkeit der Beschäftigung des Arbeiters.
Diese hängt wiederum offenbar sowohl vom Arbeiter selbst, seiner
moralischen und physischen Kraft und seiner Gesundheit, wie auch
on der Nachfrage, also in letzter Linie von der Konsumtion, unittelbar
 aber auch von der Leitung des Unternehmens, wo der Arbeiter
eschäftigt wird, ab, wird aber außerdem noch — was oft übersehen
wird — von der ganzen Organisation des Arbeitsmarktes und den
Methoden zur Deckung des Bedarfs an Arbeitskräften wesentlich beeinflußt.
 Das Einkommen des Arbeiters kann auf den Tag, die Woche,
- = = le z
as Jahr oder die ganze Lebenszeit bezogen roh
des Arbeiters pro Lebenszeit tritt offenbar die Dauer seiner vollen
Arbeitstauglichkeit als ein wichtiger Bestimmungsgrund hervor. |
Für einen einheitlichen Produktionsfaktor besteht auf einem idealen

208
        <pb n="312" />
        8 35. Die Stellung der Arbeit im Preisbildungsprozeß. )
Markte ein einheitlicher Preis. Eine allgemeine Tendenz zu einer solchen
Preisausgleichung besteht auf dem tatsächlichen Arbeitsmarkt in
bezug auf „die Verfügung während einer bestimmten Zeit über eine
Arbeitskraft bestimmter Qualität‘‘; obwohl natürlich eine Menge entgegengesetzter
 Bestrebungen und andere Hindernisse der vollständigen
Ausgleichung immer entgegenstehen. Eine solche Ausgleichung braucht
dagegen überhaupt nicht stattzufinden, weder in bezug auf die Preise
der produktiven Leistungen der Arbeit, noch auf das Einkommen der
Arbeiter, die denselben Arbeitslohn verdienen, Es zeigt sich hierin nochmals,
 daß wir den Produktionsfaktor Arbeit nur in dem Sinne, wie wir
es hier getan haben, auffassen können,
Arbeitslohn und Einkommen des Ärbeiters sind nach dem esagten
zwei verschiedene Größen, deren Veränderungen nicht notwendig parallel
gehen, und die im Preisbildungsprozeß eine verschiedene Stellung
haben. Der Arbeitslohn hat seine eigentliche Bedeutung als Teil de
Produktionskosten, also für die Begrenzung der Nachfrage, selbsterständlich
 auch als Element des Einkommens des Arbeiters. Während
der Unternehmer naturgemäß seine Aufmerksamkeit auf die Begrenzung
seiner Produktionskosten richtet und nur insofern es hierfür erforderlich
 ist, den Arbeitslohn reduziert, so ist das Interesse des Arbeiters
notwendig in erster Linie auf das Einkommen, das er sich durch seine
Arbeit erwerben kann, gerichtet. Will man die Arbeitskraft oder gar
den Arbeiter selbst als Resultat eines Produktionsprozesses betrachten,
und also das Angebot von Arbeitskraft in Verbindung mit den Produktionskosten
 derselben bringen, so tritt offenbar das Einkommen des
Arbeiters als entscheidendes Moment hervor, es fragt sich, inwiefern
jeses Einkommen die Produktionskosten der Arbeitskraft deckt.
Wir haben früher bei unserem allgemeinen Studium der Preisbildung
 gefunden, daß in bezug auf ein Verbrauchsgut der Preis des
utes und der Preis seiner Anwendung dieselbe Sache sind. Der Preis
des Gutes dient gleichzeitig einerseits zur Begrenzung der Nachfrage
nd anderseits zur Stimulierung der Produktion. In bezug auf die
dauerhaften Güter besteht dagegen ein Preis für das Gut selbst, und ein
anderer für seine Anwendung. Dieser dient zur Begrenzung der Nach-Trage,
 jener zur Stimulierung der Produktion. Wenn man überhaupt den
Arbeiter als ein Produkt betrachten will, ist er in der genannten Beziehung
 mit den dauerhaften Gütern gleichzustellen: der Preis der Anvendung
 der Arbeit ist der Arbeitslohn; für den Arbeiter selbst besteht
ohl kein Verkaufspreis, das Gesamteinkommen des Ärbeiters in seiner
Lebenszeit ist aber hier derjenige Preis, der den Produktionskosten der
Arbeit gegenübersteht und_dieselben decken muß, wenn der Produkijonsprozeß,
 rein wirtschaftlich betrachtet, sich lohnen soll.
= Bezüglich des Ärbeitslohns unterscheidet man zwischen Naturalohn
 und Geldlohn. _ Der früher vorherrschende Naturallohn 13t

290
        <pb n="313" />
        —— Kap. VIII. Der Arbeitslohn.
mit dem Vordringen der Geldwirtschaft allmählich durch den Geldlohn
 ersetzt worden. Diese Entwicklung wurde auch von der sozialpolitischen
 Gesetzgebung unterstützt, da die Zahlung in natura die
richtige Auffassung des wahren Inhalts des Arbeitsvertrags vielfach
erschwerte und auch die wirtschaftliche Freiheit des Arbeiters beschränkte.
 Es muß aber beachtet werden, daß, auch wo der Lohn nach
der allgemeinen Vorstellung ganz in Geld bezahlt wird, die Arbeit dennoch
 daneben auch Vergütungen erhält, die wirtschaftlich unzweifelhaft
 zum Arbeitslohn zu rechnen sind, über deren Form aber der
Arbeiter kein freies Bestimmungsrecht hat. Dahin gehören z. B. freie
Wohnung oder Wohnung zu herabgesetzter Miete, freie Heizung, Bäder,
Krankenpflege usw., aber auch Versicherungsbeiträge, Pension und
ähnliche Leistungen des Arbeitgebers. Die Kosten aller solcher Wohlfahrtseinrichtungen
 sind natürlich vom Gesichtspunkt des Unternehmers
als Lohnkosten zu betrachten. Daß diese Teile des Arbeitslohns nur in
bestimmter Form dargeboten und nicht einfach in Geld ausgezahlt
werden, zeugt davon, daß man erwartet, in dieser Weise die wirkliche
Wohlfahrt der Arbeiter effektiver befördern und also auf die Länge der
Zeit für das verausgabte Geld eine bessere Arbeitskraft erhalten zu
können.
Die Angestellten der größeren Unternehmungen und besonders die
der öffentlichen Organe beziehen außer dem eigentlichen Lohn verschiedene
 Vorteile, wie regelmäßigen Urlaub, nach Alter bestimmte Gehaltszulagen,
 Beibehaltung des Lohns oder eines bestimmten Teils desselben
bei Krankheit, Pension, Waisenversorgung usw., wozu noch besondere
Sicherheit der Anstellung kommt. Die Gesamtheit dieser Vorteile muß
für jede Stellung so abgewogen werden, daß dauernd auf ein genügendes
 Angebot von Arbeitskraft hinreichend hoher Qualität gerechnet
werden kann. Die eigentümliche Verteilung der Vorteile bewirkt, daß
Personen in derselben Stellung im Verhältnis zur geleisteten Arbeit oft
recht verschiedene Gesamtvorteile beziehen. Auch wird die Gesamtheit
der Vorteile zuweilen nur dadurch ermöglicht, daß die jüngere gesunde
Arbeitskraft vorläufig unterbezahlt wird. Daß aber ein solches Lohnsystem
 für Angestellte sich als zweckmäßig erwiesen hat, kann man
sowohl aus seiner allgemeinen Verbreitung wie besonders auch aus dem
Umstand schließen, daß immer weitere Schichten anderer Arbeiter der
Stellung von Angestellten nachstreben und sie tatsächlich auch mehr
oder weniger vollständig erlangen. Die ganze Sozialversicherung kann
auch als ein Streben, sämtlichen Lohnarbeitern die wichtigsten Vorteile
 des Angestelltensystems zugute kommen zu lassen, angesehen
werden.
Man unterscheidet auch zwischen Geldlohn und Reallohn.
Der Grund zu dieser Unterscheidung liegt darin, daß die Güter, die der
Arbeiter kauft, Preisschwankungen ausgesetzt sind, und daß also ein

300
        <pb n="314" />
        $ 36. Die Nachfrage nach Arbeit. 1
und derselbe Geldlohn verschiedene Bedeutung für den Haushalt des
Arbeiters haben kann. Sobald man die Wirkung der Lohnhöhe auf die
Lage der arbeitenden Klassen beurteilen will, ist es notwendig, den
Reallohn oder vielmehr das Realeinkommen des Arbeiters ins Auge
zu fassen, also das ermittelte Geldeinkommen auf ein gewisses durchschnittliches
 Preisniveau der von den Arbeitern konsumierten Güter
zurückzuführen. In unserer theoretischen Behandlung des Preisbildungsprozesses
 gehen wir aber von der Voraussetzung aus, daß das durchschnittliche
 Preisniveau sämtlicher Konsumtionsgüter unveränderlich
erhalten bleibt. Die Bedeutung dieser Voraussetzung liegt auf dem
Gebiete des Geldwesens und kann erst im Zusammenhang mit der Behandlung
 desselben näher angegeben werden. Unter dieser Voraussetzung
 kann man aber wenigstens approximativ von der Unterscheidung
zwischen Geldlohn und Reallohn absehen. Wir werden uns demnach
 in den folgenden Untersuchungen immer nur auf den Geldlohn
beziehen.
—$ 36. Die Nachfrage nach Arbeit.
Es soll nun zunächst die Preisbildung für die Arbeit unter der
Voraussetzung studiert werden, daß die Menge der Arbeit jeder verschiedenen
 Art und Qualität, die auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung
gestellt wird, eine gegebene, d. h. von der Preisbildung unabhängige
Größe des Problems ist, und es soll das so bestimmte Preisbildungsproblem
 unter besonderer Berücksichtigung der auf der Seite der Nachfrage
 wirksamen Faktoren näher beleuchtet werden.
Die Preisbildung der. Arbeit ist, wie die Preisbildung überhaupt,
in erster Linie vom Prinzip der Knappheit beherrscht. Es bekommt also
die Arbeit jeder verschiedenen Art und Qualität einen Preis, der genau
so hoch sein muß, daß die Nachfrage nach ihr auf die zur Verfügung
stehende Menge der betreffenden Arbeit beschränkt wird, Nehmen wir
diese Preise als bekannt an, so können mit ihrer Hilfe — und der Preise
der übrigen Produktionsmittel — die Preise der Produkte berechnet
werden. Damit ist die Nachfrage nach den verschiedenen Produkten
und also auch die Nachfrage nach den verschiedenen Produktionsmitteln,
 besonders auch nach der Arbeit jeder Art und Qualität, bestimmt.
 Diese Nachfrage muß mit dem Angebot übereinstimmen. Ist
die Nachfrage nach irgendeiner Kategorie von Arbeit ungenügend, so
ist das ein Zeichen dafür, daß der Preis der betreffenden Arbeit zu hoch
gesetzt ist und — wenn keine Beschränkung des Angebots möglich
ist —, um eine gesteigerte Nachfrage herbeizuführen, herabgesetzt
werden muß. Umgekehrt muß, wenn die Nachfrage das Angebot übertrifft,
 der Arbeitslohn gesteigert werden.

30°
        <pb n="315" />
        Kap. VIII. Der Arbeitslohn.
Der Arbeitslohn wird also wesentlich durch die Konkurrenz der
gesellschaftlichen Kaufkraft um die Arbeit bestimmt und muß insofern
als der Ausdruck für die Schätzung der betreffenden Arbeit seitens der
Konsumenten aufgefaßt werden. Dieser Satz bildet in der Tat den
zentralen Inhalt der ganzen Theorie des Arbeitslohns, und jede Diskussion
 praktischer Lohnprobleme muß in erster Hand an ihn anknüpfen.
In der Praxis erfolgt die Lohnbildung meistens in der Weise, daß
für eine bestimmte Art von Arbeit ein Lohn in derjenigen Höhe festgestellt
 wird, welche erforderlich scheint, um ein hinreichendes Angebot
von genügend qualifizierter Arbeitskraft heranzuziehen. Die Beantwortung
 der Frage, ob dabei das richtige Maß getroffen ist, muß der
späteren Erfahrung überlassen bleiben: ein knappes Angebot wird eine
Erhöhung des Lohns notwendig machen, während ein überreiches Angebot
 früher oder später den Lohn herabdrücken muß. In dieser Weise
verfährt jeder größere Betrieb, der selbstverständlich nicht mit jedem
einzelnen Arbeiter, den er anstellt, individuell über den Lohn verhandeln
 kann. Prinzipiell dieselbe Methode muß die Lohnpolitik der
öffentlichen Organe befolgen. In größtem Maßstab werden Arbeitslöhne
in der angegebenen Weise nach gemeinsamen Verhandlungen von Verbänden
 der Arbeiter und der Arbeitgeber festgestellt und von Zeit zu
Zeit berichtigt.
Betrachten wir die Gesamtmengen der Arbeit jeder verschiedenen
Art und Qualität als gegeben, so bedeutet dieser Preisbildungsprozeß
offenbar nur eine Verteilung der gegebenen Arbeitsmengen auf die verschiedenen
 Produktionszweige nach deren Zahlungskraft, also in letzter
Linie in Übereinstimmung mit der Nachfrage der Konsumtion. Die
Praxis geht in der Tat denselben Weg, den wir in unserer theoretischen
Analyse gegangen sind: sie setzt sozusagen versuchsweise, natürlich
unter Rücksicht auf die letzte Erfahrung, die Preise der verschiedenen
Arbeitsarten fest und berechnet auf Grund dieser Preise die Preise der
fertigen Produkte, ist aber immer bereit, diese Preisbildung nach den
Anweisungen, die von der tatsächlichen Nachfrage gegeben werden, zu
berichtigen. Die Preise, die die verschiedenen Arbeitskategorien bei
dieser Preisbildung erhalten, sind offenbar von der relativen Knappheit
 der gegebenen Arbeitsmengen im Verhältnis zur Nachfrage in
vollständiger Übereinstimmung mit dem Prinzip der Knappheit bestimmt.

Wenn man den Arbeitslohn als „Anteil der Arbeit am Produktionsresultat‘“
 bezeichnet, muß immer daran erinnert werden, daß dieser vielumschriebene
 Begriff in der Tat nur als ein in der angegebenen Weise
bestimmtes Ergebnis des Preisbildungsprozesses definiert werden kann.
Eine Auffassung des Anteils der Arbeit als ein technisch objektiv bestimmter
 Teil des Produkts ist vollständig ausgeschlossen. Die oft gemachten
 Versuche, den „Anteil“ mit Hilfe der „„Grenzproduktivität‘“ der

302
        <pb n="316" />
        $ 36. Die Nachfrage nach Arbeit, 3
Arbeit objektiv, technisch zu berechnen, sind schon oben ($ 34) kritisch
behandelt worden.
Das Prinzip der Knappheit macht es klar, daß der wesentliche
Grund zu einem besonders niedrigen Arbeitslohn in erster Linie in einem
relativen Überfluß von Arbeitskraft der betreffenden Art und Qualität
zu suchen ist, daß mit anderen Worten eine Beschränkung des Angebots
im allgemeinen die erste Voraussetzung für eine Besserung der Lage
ist. Wenn der Bedarf der Konsumtion nach einer gewissen Arbeit bis zu
einem bestimmten Grade befriedigt ist, kann meistens für mehr Arbeit
derselben Art nur dadurch Platz in der Konsumtion bereitet werden,
daß der Preis der Arbeit beträchtlich herabgesetzt wird. Dies ist nur ein
Zeichen dafür, daß die Nachfrage eine begrenzte Elastizität besitzt.
Die Akzeptierung eines abnorm niedrigen Lohns ist ein verzweifelter
Ausweg, um durchaus Beschäftigung für eine Menge von Arbeit der
betreifenden Art hervorzubringen, für welche bei normaler Lohnhöhe
kein genügender Platz vorhanden sein würde. Jeder Versuch, die Lage
solcher Arbeit zu heben, der nicht von einer klaren Erkenntnis dieser
Natur des Problems ausgeht, muß von vornherein als verfehlt bezeichnet
 werden. Jede Hilfe, die den Charakter einer Aufbesserung
des Arbeitslohns hat, kann offenbar nur die Überfüllung des Berufs
mit Arbeitskraft vergrößern und chronisch machen.
Anderseits können natürlich auch besonders hohe Lohnansprüche
die Nachfrage nach einer spezifischen Arbeit und damit auch den Umfang
 der Beschäftigung für dieselbe abnorm beschränken. Für die
Arbeit wird im ganzen die vorteilhafteste Lage erreicht, wenn das Angebot
 von Arbeitskraft sich möglichst treu der Nachfrage anpaßt, wenn
also die Preise der verschiedenen Arten von Arbeit nur Ausdrücke für
die unvermeidliche, natürliche Knappheit derselben sind.
Setzt man eine solche Anpassung voraus, so ist der „Wert‘“ der
Arbeit außer von dieser natürlichen Knappheit wesentlich von der Beschaffenheit
 der Nachfrage bestimmt. Besonders bilden natürlich die
Veränderungen in den Gewohnheiten, dem Geschmack und der Kaufkraft
 der Konsumenten selbständige Elemente in der Gestaltung der
Nachfrage, die einen bedeutenden und zuweilen — wenn sich das Angebot
 diesen Veränderungen nicht oder nicht schnell genug anpassen
kann — einen verhängnisvollen Einfluß auf die Marktlage für spezielle
Arten von Arbeit ausüben können.
Auch für den Produktionsfaktor Arbeit im allgemeinen kann sich
die Nachfrage mehr oder weniger günstig gestalten. Erstens kann die
Nachfrage der Tauschwirtschaft mehr direkt auf Arbeit oder mehr auf
Produkte, bei deren Herstellung andere Produktionsfaktoren in beträchtlichem
 Grade mitwirken, gerichtet sein. Die Nachfrage der
reicheren Klassen ist vielfach in besonderem Grade direkt auf persön-3C
        <pb n="317" />
        7 Kap. VIII. Der Arbeitslohn,
liche Arbeit, z. B. auf häusliche Dienste, auf die Erzeugnisse der Kunstgewerbe
 usw. gerichtet, während die großen Massen vorzugsweise
eben Massenartikel, die mit Hilfe einer ausgeprägten Maschinentechnik
erzeugt werden, konsumieren. Eine demokratische Einkommensverteilung
 dürfte von diesem Gesichtspunkt in der Richtung einer relativen
Stärkung der Nachfrage nach Kapitaldisposition, also einer relativen
Schwächung der Nachfrage nach Arbeit wirken.
Sehen wir von Schwankungen in dieser allgemeinen Verteilung
der Nachfrage auf verschiedene Produktionsfaktoren ab, so hängt die
Entwicklung der Gesamtnachfrage nach Arbeit lediglich von der Größe
der gesellschaftlichen Kaufkraft, also des Gesamteinkommens der
Tauschwirtschaft ab. Jeder Umstand, der die Effektivität der gesellschaftlichen
 Produktion steigert, verstärkt dann auch die allgemeine
Nachfrage nach Arbeit und wirkt damit in der Richtung einer Erhöhung
des allgemeinen Lohnniveaus. Insofern hat also ‚die Arbeit“ ein gemeinsames,
 im wirklichen Leben immer sehr aktuelles, obwohl nur zu
oft vergessenes Interesse an der höchstmöglichen Effektivität des gesamten
 Produktionsprozesses. Die Auffassung des Arbeitslohns als
eines bestimmten Anteils am Gesamtergebnis der gesellschaftlichen
Produktion hebt eben diese Abhängigkeit des Arbeitslohns von der Ergiebigkeit
 des ganzen gesellschaftlichen Produktionsprozesses hervor.
Wenn die Stärke der gesamten Nachfrage vom Gesamtergebnis
der gesellschaftlichen Produktion bestimmt ist, muß offenbar jede Beschränkung
 der Gesamtmenge der Arbeitsleistungen auch auf die gesellschaftliche
 Nachfrage eine abschwächende Wirkung haben, die wir
nicht außer acht lassen dürfen. Betrachten wir aber eine spezielle Art
von Arbeit, welche im ganzen Produktionsprozeß eine untergeordnete
Rolle spielt, so wird eine Beschränkung des Angebots dieser Arbeit
meistens keinen nennenswerten Einfluß auf das Gesamteinkommen der
Tauschwirtschaft ausüben. Anders, wenn eine Beschränkung etwa der
Gesamtmenge der körperlichen Arbeit der Tauschwirtschaft in Frage
steht: eine solche. Beschränkung wird zwar der körperlichen Arbeit im
Verhältnis zu den anderen Produktionsfaktoren einen relativen Vorteil
bringen, sie bedeutet aber gleichzeitig. eine beträchtliche Beschränkung
des. Volkseinkommens, also der Kaufkraft der Gesamtnachfrage, und
damit eine wesentliche Verschlechterung des Arbeitsmarkts. Es ist
immer zu befürchten, daß diese nachteilige Wirkung jene vorteilhafte
überwiegt.
Aber auch, wenn durch eine bestimmte Beschränkung des Arbeitsangebots
 eine gewisse Steigerung der Lohnhöhe für eine gewisse
Kategorie von Arbeit herbeigeführt werden kann, bleibt die Wirkung
auf das Einkommen und die Lebenshaltung.der Arbeiter noch unbestimmt...
 Eine Beschränkung des Arbeitsangebots kann auf zwei Wegen
erfolgen: entweder durch Beschränkung der Zahl der Arbeiter, oder

304
        <pb n="318" />
        $ 36. Die Nachfrage nach Arbeit. “5
auch durch eine Beschränkung der durchschnittlichen Arbeitsmenge
pro Arbeiter. Ist die größere Knappheit der Arbeit auf diesem letzten
Wege gewonnen, so ist der etwaigen Lohnsteigerung die Verminderung
der Menge der geleisteten Arbeit gegenüberzustellen. Das Endergebnis
dürfte dann nur in Ausnahmefällen eine Steigerung des Einkommens
sein (vgl. 8 38). Viel günstiger stellen sich offenbar die Aussichten,
durch Beschränkung der Zahl der Arbeiter eine Einkommenssteigerung
für diese Arbeiter, besonders in einem speziellen Berufe, zu gewinnen.
Am allergünstigsten liegen diese Aussichten, wenn die Beschränkung
die Zahl der Arbeiter in einem überfüllten Berufe nicht durch absolute
Verminderung der Gesamtzahl der Arbeiter in der Gesellschaft durchgeführt,
 sondern durch eine Überführung von Arbeitern zu Produktionszweigen,
 die ihren Bedarf an Arbeitskraft bisher nur unvollständig
haben decken können, und also unter positiver Steigerung der Gesamtproduktion
 der Gesellschaft erreicht wird.
So weit sind wir von der Voraussetzung ausgegangen, daß die
Nachfrage nach den fertigen Gütern auch die Nachfrage nach den verschiedenen
 Arten und Qualitäten von Arbeiten eindeutig bestimmt. Von
dieser Regel zeigt aber die Wirklichkeit verschiedene Ausnahmen, die
das. Prinzip der Knappheit als Bestimmungsgrund des Arbeitslohns
modifizieren. Dasselbe Produktionsresultat Kann oft auf verschiedenen
Wegen gewonnen werden. Eine bestimmte Art von Arbeit kann dabei
von einer anderen ersetzt werden, oder der Produktionsfaktor Arbeit
kann zum Teil von den anderen Produktionsfaktoren, Boden und
Kapital verdrängt werden. Die Bedingungen und Wirkungen solcher
Substitutionen haben wir hier näher zu untersuchen und beginnen
mit dem Falle einer
Substitution verschiedener Arten und Qualitäten von
Arbeit gegeneinander.
Es findet zunächst eine gewisse Konkurrenz statt zwischen verschiedenen
 Berufen, welche in letzter Linie dasselbe Bedürfnis der Konsumenten
 befriedigen. So konkurrieren z. B. die Arbeiter, die in der
Produktion und im Aufmauern von Kachelöfen beschäftigt sind, mit
denjenigen Arbeitern, die bei den Zentralheizungsanlagen und in den
für diese arbeitenden Zweigen der Eisenindustrie Beschäftigung finden.
Die in dieser oder jener Gruppe von Arbeitern vorherrschende Lohnhöhe
 ist immer ein Faktor in der Konkurrenz zwischen den beiden
Systemen, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß die hohen Lohnforderungen
 der Kachelarbeiter auf einigen Punkten das Vordringen des
Zentralheizungssystems befördert haben. Wo eine derartige Konkurrenz
zwischen verschiedenen Berufen stattfindet, gibt es gewöhnlich Fälle,
wo die beiden in Frage kommenden Methoden gleichwertig sind, und wo
also eine Veränderung der Lohnhöhe auf der einen oder anderen Seite
Cassel, Theoret, Sozialökonomie. 4+ Aufl. &amp;gt;

ät
ZU
        <pb n="319" />
        ; Kap. VIII. Der Arbeitslohn.
ausschlaggebend wird. In dieser Weise besteht dann eine gewisse Verbindung
 zwischen den Arbeitslöhnen in den verschiedenen Berufen.
Ferner haben wir die Konkurrenz zwischen Arbeit verschiedener
Qualität in demselben Berufe ins Auge zu fassen. Es ist oft möglich,
dasselbe Produkt mit Arbeit verschiedener Qualität herzustellen. Man
kann teure und leistungsfähige Arbeit oder billigere aber wenig effektive
 Arbeit verwenden. Dabei kann das ökonomische Resultat wenigstens
 so nahe dasselbe sein, daß Betriebe beider Art nebeneinander bestehen
 können. Das Lohnproblem ist dann gewissermaßen unbestimmt.
Tüchtige Unternehmer können Betriebe mit leistungsfähigen und gutbezahlten
 Arbeitern ergiebiger machen und andere Unternehmer verdrängen,
 wodurch eine unveränderte Nachfrage nach den fertigen
Gütern an eine höhere Klasse von Arbeit gerichtet wird. Eine ähnliche
Wirkung vermögen die Arbeiter selbst auszuüben, wenn sie imstande
sind, durch Zusammenhalten die Zahlung von Löhnen unter einer gewissen
 Grenze zu verhindern. In dieser Weise wirkt die Politik der
Normalbedingungen der Gewerkvereine: sie hindert, daß Arbeit niedriger
Qualität die Kaufkraft der Konsumenten für sich in Anspruch nimmt.
Ohne Zweifel hat auch in dieser Beziehung die Tradition eines Gewerbes
 viel zu bedeuten. Ein herkömmlicher hoher Lebensstandard
eines Berufs wird bis zu einem gewissen Grade einen Schutz gegen eine
an sich mögliche Konkurrenz niedriger stehender Arbeiter gewähren.
Anderseits zeigt auch Arbeit niedrigern Grades eine Tendenz, einen
Beruf zäh für sich zu behalten und sich gegen eine etwaige Konkurrenz
höherer Arbeit sogar durch weitere Herabsetzungen ihres Lebensstandards
 zu verteidigen. In den Fällen, wo das Lohnproblem in solcher
Weise unbestimmt ist, liegt offenbar immer eine Möglichkeit vor, daß
eine auf die Hebung der Arbeiter zielende Politik durch geeignete Maßnahmen
 ihr Ziel erreichen kann. Das Lohnproblem ist dann nicht lediglich
 ein theoretisches Preisbildungsproblem, sondern auch ein praktisches,
 sozialpolitisches Problem.
In diesem Zusammenhange ist schließlich auch der Konkurrenz
zwischen männlicher und weiblicher Arbeit zu gedenken. Über die Ungleichheit
 der Löhne, die Männer und Frauen für angeblich dieselbe:
Arbeit erhalten, ist sehr viel geschrieben worden. Man sucht die Erklärung
 in verschiedenen sozialen Verhältnissen, besonders in den herkömmlich
 niedrigeren Forderungen und Bedürfnissen der Frau, sowie
auch im Überangebot von weiblicher Arbeitskraft, oder man führt die:
ganze Erscheinung auf den so oft benutzten, aber so wenig sagenden‘
Erklärungsgrund einer allgemeinen Ungerechtigkeit der Gesellschaft
zurück. Die wesentliche Frage bleibt aber dabei unbeantwortet: Wiekann
 weibliche Arbeit im allgemeinen und auf die Dauer einen niedrigeren
 Lohn erhalten, als sie wert ist, also einen Preis bekommen, der
unter demjenigen steht, der im Preisbildungsprozeß Gleichgewicht:

306
        <pb n="320" />
        8 36. Die Nachfrage nach Arbeit, 307
zwischen Angebot und Nachfrage herstellen würde, und der also der
Schätzung dieser Arbeit seitens der Nachfrage entsprechen würde? Daß
zufälligerweise weibliche Arbeit wegen Mangel an Widerstandsfähigkeit,
 an Kenntnissen und Beweglichkeit ihren wirklichen Marktpreis
nicht erreicht, ist ohne Zweifel möglich, aber jedenfalls nur, wo eine
völlig effektive Konkurrenz der Unternehmer um die vorhandene weibliche
 Arbeitskraft fehlt. Wenn man aber behauptet, daß weibliche
Arbeitskraft ungerechterweise niedriger bezahlt wird als männliche,
bleibt es immer unklar, warum dann der Unternehmer, der beide Arten
von Arbeit nebeneinander beschäftigt, nicht noch weiter die besonders
billige weibliche Arbeitskraft für die teuere männliche substituiert. Darin
liegt der Kern der Frage. Wenn der Unternehmer, von welchem man
doch voraussetzen darf, daß er nur nach rein geschäftlichen Gesichtspunkten
 handelt, dies nicht tut, so muß man wohl daraus schließen,
daß er die männliche Arbeit, trotz aller angeblichen Gleichheit der
Leistungen, gleichwohl aus irgendwelchen Gründen höher schätzt. Die
Praxis erkennt offenbar die von den Theoretikern proklamierte Leistungsgleichheit
 nicht an. In der tatsächlichen Nachfrage liegt eine ganz
bestimmte Unterscheidung zwischen männlicher und weiblicher Arbeit,
und das ist das entscheidende Moment. Wo männliche und weibliche
Arbeitskraft in einem Berufe nebeneinander beschäftigt wird, findet
man ganz überwiegend eine Differenzierung in ihrer Beschäftigung. Die
Regel ist, daß Männer und Frauen innerhalb desselben Berufs verschiedene
 Arten von Arbeit verrichten und dafür dann auch verschiedene
Löhne beziehen. Aber auch, wo die Beschäftigung dem äußeren Anschein
 nach annähernd dieselbe ist, richtet sich die Nachfrage aus verschiedenen
 Gründen, in einem gewissen Umfang, bestimmt auf männliche
 Arbeitskraft. Gründe für diese Differenzierung gibt es sicher viele
und stichhaltige. Wir haben schon oben einige solche Gründe von einer
gewissen materiellen Bedeutung angegeben. Die Gründe brauchen aber
nicht einmal, objektiv betrachtet, vernünftig zu sein. Es kann in einem
gewissen Gewerbe, z. B. im Bankbetrieb, die Sitte seit Alters her vorherrschen,
 in gewissen Stellungen nur männliche Arbeit zu verwenden.
Es würde vielleicht nicht als „comme il faut“ aufgefaßt werden, daselbst
 weibliche Arbeit anzustellen. Männliche Arbeit kann durch
solche Vorstellungen, die man vielleicht als Vorurteile zu bezeichnen
geneigt ist, gegen welche aber der Geschäftsmann nicht gern verstößt,
auch bei noch so gleichen objektiven Leistungen einen höheren Marktpreis
 gewinnen. Zu einem solchen Ergebnis kann aber auch eine Menge
von Rücksichten, denen man nicht eine objektive Berechtigung absprechen
 kann, z. B. Rücksicht auf Sicherheit gegen Raub, auf die
Notwendigkeit einer Aufrechterhaltung der Disziplin usw. mitwirken.
Ehe man alle solche Verhältnisse genau untersucht und geprüft hat,
sollte man nicht zu der gewagten Hypothese greifen, daß weibliche
0%

a
        <pb n="321" />
        Kap. VIII. Der Arbeitslohn.
Arbeit. generell im Verhältnis zur wirklichen Marktlage „unterbezahlt““
wird.
Die Forderungaber, daß weibliche Arbeitohne Rücksicht auf die Marktlagenachirgendwelchentheoretischen
 oder gefühlsbestimmten,, Gerechtigkeitsgründen‘
 gleich der männlichen bezahlt werden soll, steht prinzipiell
auf derselben Stufe wie die gewöhnlichen sozialistischen Lohnprogramme.
Substitution von Arbeit und Boden gegeneinander.
Diese Substitution haben wir im vorigen Kapitel behandelt. Auf einem
Hektar Boden kann mehr oder weniger Arbeit verwendet werden. Wenn
der Preis der Bodenbenutzung, also die Bodenrente, und der Arbeitslohn
gegeben sind, ist damit auch die wirtschaftlich vorteilhafteste Zusammenstellung
 von Arbeit und Boden bestimmt. Die Nachfrage nach
Arbeit ist also nicht durch die Bedürfnisse der Konsumenten und die
Höhe der Arbeitslöhne eindeutig bestimmt. Sie wird auch, wie wir
hier sehen, bis zu einem gewissen © rade vom Preise eines konkurrierenden
 Produktionsfaktors, der Bodennutzung, mit beeinflußt. Dieser
Einfluß bedeutet eine gewisse Modifikation in der Knappheit der Arbeit,
hebt aber keineswegs diese Knappheit als wesentlichen Bestimmungsgrund
 der Preisbildung der Arbeit auf.
Die Frage, wie ein größerer Reichtum an Boden den Arbeitslohn beeinflußt,
 ist praktisch sehr wichtig. Wenn die Menge eines Produktionsfaktors,
 hier des Bodens, vermehrt wird, sinkt der nach dem Prinzip der
Knappheit berechnete relative Anteil der Einheit dieses Produktionsfaktors
 im Produktionsresultat. Schon aus diesem Grunde hat ein vergrößerter
 Reichtum an Boden eine Tendenz, den Arbeitslohn zu steigern.
Das erweiterte Angebot von Bodennutzungen veranlaßt aber eine
Substitution dieses Produktionsfaktors für die Arbeit. Dadurch wird
dem Fall der Bodenrente gewissermaßen entgegengewirkt, er wird aber
nicht aufgehoben. Durch die größere Verwendung von Boden pro
Einheit der Arbeit wird ferner das Produktionsresultat vermehrt, also
das Volkseinkommen gesteigert, und die Kaufkraft der Konsumtion
gestärkt, was auf eine Steigerung der Arbeitslöhne hinwirkt.
Obwohl also im ganzen eine Steigerung des Arbeitslohns als Folge
eines vergrößerten Bodenreichtums eintreten muß, vermögen jedoch
die landwirtschaftlichen Arbeiter nicht den ganzen Vorteil der sinkenden
 Bodenrente in der Form von Lohnsteigerung für sich in Anspruch
zu nehmen. Es muß nämlich im allgemeinen ein relativer Preisfall
für die Produkte des Bodens eintreten. Dementsprechend müssen,
wenn das allgemeine Preisniveau unverändert bleiben soll, die Preise der
Industrieprodukte ‚steigen, wodurch auch die Industriearbeiter aus der
Vergrößerung des Bodenreichtums Vorteil ziehen. Der Arbeitslohn der
landwirtschaftlichen Arbeiter muß jedenfalls demjenigen Lebensstandard
 entsprechen, den ein solcher Arbeiter durch Erwerb und Bewirtschaftung
 eigenen Bodens erlangen kann.

308
        <pb n="322" />
        8 36. Die Nachfrage nach Arbeit. \9
Substitution von Arbeit und Kapitaldisposition gegeneinander.
 Daß Kapitaldisposition auf manchen Punkten des Produktionsprozesses
 mit der Arbeit konkurriert und für diese substituiert
werden kann, haben wir schon ($ 24) gesehen. In solchen Punkten
müssen offenbar die Preise der gegeneinander substituierbaren Mengen
der beiden Produktionsfaktoren gleich sein. Diese Forderung stellt
eine Bedingung dar, die zur Bestimmung des Preisbildungsprozesses
mitwirkt. Auch hier finden wir, daß die Nachfrage nach Arbeit nicht
ausschließlich durch die Nachfage der Konsumtion und die Arbeitslöhne
 bestimmt ist, sondern vom Angebot eines fremden Produktionsfaktors,
 der Kapitaldisposition, mit abhängt. Aber auch die Möglichkeit
einer Modifizierung der Nachfrage nach Arbeit infolge einer Substitution
von Kapitaldisposition darf uns nicht die grundlegende Bedeutung der
Knappheit der Arbeit für ihre Preisbildung verbergen.
Die Bedeutung des Kapitalreichtums eines Landes für die allgemeine
 Lohnhöhe tritt auch am klarsten hervor, wenn man dieselbe in
erster Linie nach dem Prinzip der Knappheit beurteilt und das Substitutionsprinzip
 lediglich als eine Modifikation dieses Prinzips auffaßt.
Eine Steigerung des Kapitalreichtums steigert die Effektivität der gesellschaftlichen
 Produktion und somit das Gesamteinkommen und verstärkt
 dadurch die Nachfrage im allgemeinen. Ein vergrößertes Angebot
von Kapitaldisposition bei unverändertem Arbeitsangebot verbessert
auch gleichzeitig die relative Marktlage der Arbeit, Diese beiden Umstände
 vereinen sich, um den nach dem Prinzip der Knappheit bestimmten
 Arbeitslohn zu erhöhen.
Der Lohnfondstheorie gegenüber ist also hervorzuheben, daß nicht
das Kapital, sondern das Einkommen die Quelle der gesellschaftlichen
Nachfrage nach Arbeit oder der gesellschaftlichen Kaufkraft für Arbeit
bildet. Ein gesteigerter Kapitalreichtum beeinflußt diese Nachfrage
wesentlich durch eine Steigerung der Produktion und damit des Einkommens
 der Tauschwirtschaft, daneben aber auch durch die relative
Verbesserung der Marktlage für die Arbeit, die er durch Vermehrung
eines konkurrierenden Produktionsmittels bewirkt. Die Arbeiterklasse
hat aus diesem Gesichtspunkt unzweifelhaft immer ein starkes Interesse
an der Aufrechterhaltung und Steigerung des Kapitalreichtums der
Gesellschaft.
Die Substitution von Kapitaldisposition für Arbeit wird, wie im
$ 24 nachgewiesen, von einer Reihe von verschiedenen Umständen bestimmt,
 unter denen die Preisbildung der betreffenden Produktionsfaktoren
 in der Praxis meistens kaum die entscheidende Rolle spielt.
Unter im übrigen gleichen Verhältnissen muß aber ein niedriger Zinsfuß
immer die genannte Substitution befördern. Eine Erhöhung des Arbeitslohns
 innerhalb eines speziellen Produktionszweigs oder in einem begrenzten
 Produktionsgebiet hat dieselbe Wirkung, sofern sie sich nicht

36.
        <pb n="323" />
        | Kap. VIII. Der Arbeitslohn,
auch auf diejenige Produktion mit erstreckt, die die Maschinen, Anlagen
 usw. herstellt, durch welche. die Handarbeit im betreffenden
Produktionszweig verdrängt werden soll. Ist dies dagegen der Fall,
so muß die Lohnsteigerung den Bedarf an Kapitaldisposition und damit
die Kosten derselben entsprechend steigern. Eine allgemeine und gleichmäßige
 Erhöhung des Arbeitslohns in der ganzen Tauschwirtschaft hat
deshalb jedenfalls nur eine untergeordnete Wirkung in bezug auf die
Möglichkeit einer Substitution von Kapitaldisposition für Arbeit.
(Wäre neben der Kapitaldisposition kein anderer Produktionsfaktor
vorhanden als „Arbeit‘, so würde eine solche Erhöhung offenbar überhaupt
 keinen Einfluß auf diese Substitutionsmöglichkeit haben. Die
gedachte Erhöhung würde übrigens dann nur eine Senkung der Kaufkraft
der Geldeinheit bedeuten, da der Preis der Kapitaldisposition, wie wir
wissen, die Gelddimension nicht enthält.)
In Zeiten, wo eine besondere Knappheit am Produktionsfaktor
Arbeit herrscht, wird eine ausgedehnte Substitution von Kapitaldisposition
 für Arbeit auch nicht augenblicklich die betreffende Knappheit vermindern,
 sondern vielmehr durch die unmittelbaren Ansprüche, die die
Produktion von Maschinen und Herstellung von dauerhaften Anlagen
usw. auf Arbeit stellen, noch erschweren. Die für die Substitution von
Kapitaldisposition für Arbeit günstigste Lage ist offenbar die, wo augenblicklich
 ein gewisser Überfluß an Arbeitskraft vorherrscht und also der
Arbeitslohn relativ niedrig ist, wo aber eine steigende Knappheit an
Arbeitskraft und damit eine aufsteigende Bewegung des Arbeitslohns
zu erwarten stehen.
Zum Problem der Konkurrenz zwischen Maschine und Arbeit bemerken
 wir noch folgendes, Erfindungen, die die Kapitalanwendung in
Form von Maschinen usw. ergiebiger und deshalb gegen die Handarbeit
konkurrenzfähiger macht, wirken offenbar zunächst in den berührten
Produktionszweigen als eine relative Vermehrung der Nachfrage nach
Kapitaldisposition und relative Verminderung der Nachfrage ‘nach
Arbeit, deshalb auch als eine Tendenz zur Herabsetzung des Arbeitslohns
 innerhalb der betreffenden Berufe. Gleichzeitig werden aber die
Preise der Produkte meistens stark herabgesetzt, wodurch die Nachfrage
 nach ihnen gesteigert wird. Diese Steigerung kann so weit gehen,
daß auch die Nachfrage nach der betreffenden Arbeit absolut gesteigert
wird, was natürlich eine Tendenz zu Steigerung des Arbeitslohns bedeutet.

Anderseits bewirkt auch der angenommene technische Fortschritt
eine Steigerung der Gesamtproduktion der Gesellschaft und damit eine
Steigerung ihres Gesamteinkommens. Daraus ergibt sich eine allgemeine
 Steigerung der Nachfrage nach Arbeit. Wenn diese Nachirage
 auf alle Arten von Arbeit verteilt wird, zieht die Arbeiterklasse
im ganzen einen Vorteil aus dem technischen Fortschritt. Zweifelhaft

310
        <pb n="324" />
        8 36. Die Nachfrage nach Arbeit. 311
bleibt aber immer, ob die spezielle Arbeit, welche in demjenigen Produktionszweige
 beschäftigt ist, wo der Fortschritt stattgefunden hat,
von demselben Vorteil oder Nachteil hat. Dies wird davon abhängen,
ob die vorteilhafte Tendenz der Steigerung der Nachfrage nach dem
betreffenden Produkt oder die nachteilige Wirkung des relativen Verdrängens
 der Arbeit durch die Maschinen überwiegt.
Werden arbeitsersparende Maschinen in einem verhältnismäßig
kleinen Produktionszweig eingeführt, und ist die Expansionsfähigkeit
dieser Industrie nicht besonders groß, so wird wenigstens für die nächste
Zukunft die Nachfrage nach der betreffenden Arbeit vermindert.
Werden dabei die Widerstände, welche der Überführung dieser Arbeit
in andere Beschäftigungen entgegenstehen nicht überwunden, d. h.
bleibt das Angebot eine Zeitlang im großen unverändert, so ist es
unvermeidlich, daß die Arbeiter des betreffenden Produktionszweiges
durch die Einführung der arbeitsersparenden Maschinen geschädigt
werden. Diese Schädigung kann je nach den Umständen in einer Herabsetzung
 des Arbeitslohns oder in einer ungenügenden Beschäftigung
der Arbeiter hervortreten. Der herabgesetzte Beschäftigungsgrad kann
wiederum entweder in einer Steigerung der Zahl der Arbeitslosen des
betreffenden Berufs oder auch in einer allgemeinen Unterbeschäftigung
seinen Ausdruck finden. In allen Fällen wird das Einkommen der
Arbeiter sinken und ihre Lebenshaltung herabgedrückt werden. Die daraus
 folgende Degradierung der Arbeit selbst wird natürlich durch unregelmäßige
 Beschäftigung und Unterbeschäftigung noch erschwert. Die
technischen Fortschritte werden unter solchen Umständen leicht direkt
auf Kosten einer Zerstörung menschlicher Arbeitskraft gekauft. Diese
Folgen können nur vermieden werden, wenn man im Bewußtsein der
Gefahr geeignete Maßnahmen trifft, um die überflüssig gemachten
Arbeiter in andere Stellungen überzuführen, oder wenn die Durchführung
der neuen Technik z. B. durch den Widerstand der Fachverbände etwas
verlangsamt wird. Beide Methoden enthalten aber die Gefahr, daß sie
unnötigerweise oder in falschen Formen oder während zu langer Zeit
zur Anwendung gelangen, und daß die Anstrengungen der Arbeiter
selbst nicht für eine Mitwirkung zur möglichst glatten Durchführung
des technischen Fortschritts in Anspruch genommen werden.
Die Wirkungen der Maschinensubstitution hängen auch wesentlich
davon ab, welche Art von Arbeit die Maschinen erfordern. Die
ältere Maschinentechnik hat im allgemeinen nur eine Arbeit sehr geringer
 Qualität in Anspruch genommen und ist eben dadurch für die
Entwicklung der Lebenshaltung der Arbeiter und die Qualität der
Arbeit sehr verhängnisvoll geworden. Die neuere Maschinentechnik
dagegen stellt oft, obwohl lange nicht immer, hohe Ansprüche an die
Qualität der Arbeit, z. B. an Zuverlässigkeit, Aufmerksamkeit, Intelligenz
und Nervenstärke. Sie bedeutet deshalb im großen eine wachsende
        <pb n="325" />
        Kap. VIII. Der Arbeitslohn.
Nachfrage nach Arbeit solcher Qualität. Wenn die Produktion und
Ausbildung von Arbeitern, die solche Ansprüche erfüllen, mit der Nachfrage
 nicht gleichen Schritt hält, muß offenbar das allgemeine Lohnniveau
 für die in Rede stehende Arbeit gesteigert werden.
Bei der Beurteilung der tatsächlichen industriellen Entwicklung
der westländischen Welt im letzten Menschenalter muß immer beachtet
werden, daß sie gewissermaßen unter besonders günstigen Umständen
stattgefunden hat: die Nachfrage nach den Produkten der mit Maschinentechnik
 ausgerüsteten Industrie ist auf die ganze Welt ausgedehnt
worden, während es in der Hauptsache der westländischen Kultur vorbehalten
 blieb, diejenige Arbeit zur Verfügung zu stellen, die allein den
Ansprüchen dieser Industrie genügen konnte, Ohne diese ganz außerordentliche
 und ihrer Natur nach gewissermaßen einmalige Ausdehnung
der Nachfrage wäre unzweifelhaft die Marktlage für die westländische
Industriearbeit eine wesentlich schlechtere gewesen, und die Einführung
der Maschinentechnik wäre unvermeidlich mit viel ernsteren Schädigungen
 der westländischen Arbeiterklasse verbunden gewesen, als die
tatsächliche Entwicklung sie gezeigt hat.
$ 37. Das Angebot von Arbeit als bestimmt durch die
Zahl der Arbeiter.
Für diejenige Preisbildungstheorie, welche die Produktionskosten
begrifflich lediglich als Preise auffaßt, die bezahlt werden müssen, damit
gewisse Opfer geleistet werden sollen, mußte es als etwas Wesentliches
 erscheinen, die Arbeit als ein solches Opfer und den Arbeitslohn
als den Preis, der erst das notwendige Angebot von Arbeit hervorrufen
könnte, darzustellen. Es ist unverkennbar, daß man, nur um dieser
Theorie eine Unterlage zu geben, die Abhängigkeit des Arbeitsangebots
vom Preise der Arbeit häufig in einer Weise in den Vordergrund der
Untersuchungen gestellt hat, die durch die vorliegenden Tatsachen nicht
gerechtfertigt erscheint. Anderseits hat man auch die Stellung der Arbeit
als primären Produktionsfaktor aufheben wollen und das Angebot
von Arbeit als eine von einer speziellen Produktionstätigkeit abhängige
und also erst durch den Produktionsprozeß bestimmte Größe dargestellt
und in Übereinstimmung hiermit den normalen Bestimmungsgrund
des Arbeitslohns in den sogenannten Produktionskosten der Arbeit gesehen.
 Diesen vorwiegend zugunsten einer gewissen Theorie gemachten
Konstruktionen gegenüber müssen wir versuchen, das Angebot von
Arbeit so darzustellen, wie es in seinen wesentlichen Zügen und mit
seinen wichtigsten Bestimmungsgründen in Wirklichkeit zutage tritt.
Es läßt sich dann kaum bezweifeln, daß das Angebot von Arbeit in

312
        <pb n="326" />
        37. Das Angebot von Arbeit als bestimmt durch die Zahl der Arbeiter. 313
erster Linie als eine gegebene, von den gewöhnlichen Variationen des
Preises der Arbeit unabhängige Größe des Preisbildungsproblems aufgefaßt
 werden muß. Diese Voraussetzung muß also der ersten Behandlung
 der Theorie des Arbeitslohns zugrunde gelegt werden. Die
Voraussetzung entspricht jedenfalls der Wirklichkeit so nahe, daß die
schließliche vollständige Theorie auch für diesen immerhin denkbaren
Fall ihre Geltung behalten muß. Die Arbeitslohntheorie muß sich
also in ihrem ersten Stadium auf die Voraussetzung stützen, daß der
Produktionsfaktor Arbeit in seinen verschiedenen Arten und Qualitäten
seiner Menge nach gegeben ist.
Für das Studium des Angebots von Arbeit bedeutet dies, daß wir
uns zunächst eine allgemeine Vorstellung von der Zusammensetzung
dieses Arbeitsangebots bilden müssen, um dann zur Untersuchung der
äußeren, d. h, allgemein sozialen Faktoren, die das Arbeitsangebot bestimmen,
 überzugehen und schließlich auch die Analyse des eventuellen
Einflusses des Arbeitslohns selbst auf die Menge der dargebotenen
Arbeit aufzunehmen. Im folgenden kann dieser Untersuchungsgang
nur in den allgemeinsten Zügen angedeutet werden.
Die Knappheit der Arbeit ist offenbar von zwei Faktoren bedingt,
nämlich erstens der Knappheit der Arbeiter selbst, zweitens der Begrenzung
 der Arbeitsleistung pro Arbeiter. Betrachten wir in diesem
Paragraphen zunächst die Knappheit der Arbeiter. Wenn man
die ganze Arbeiterklasse als eine einzige homogene Masse auffaßt, muß
es bei der großen Ausdehnung der Arbeitslosigkeit etwas wunderlich
vorkommen, daß hier der Arbeitslohn auf die Knappheit der Arbeiter
zurückgeführt wird. Es ist aber auch nicht möglich, sich eine einigermaßen
 richtige Vorstellung vom Arbeitsmarkt zu bilden, ehe man über
die wirkliche Zusammensetzung der sogenannten Arbeiterklasse Klarheit
 gewonnen hat. Die Arbeiter bilden, wie schon früher betont, in
Wirklichkeit eine sehr heterogene Masse, in der alle denkbaren verschiedenen
 Arten und Qualitäten vertreten sind und in der die Übergänge
von der einen zur anderen Gruppe meistens praktisch kontinuierlich sind.
Schon die Altersverteilung bedeutet eine sehr wichtige Gradierung der
Arbeiter. Nur einige wenige Dezennien des allerbesten Lebensalters
repräsentieren die volle Arbeitskraft, die jugendlichen Arbeiter bilden
eine Klasse für sich, und schon ziemlich früh werden die alternden
Arbeiter, besonders von der modernen Industrie deklassifiziert. In bezug
 auf die Gesundheit und überhaupt auf die allgemeine physische
Leistungsfähigkeit sind auch die Verschiedenheiten sehr groß, und die
Wirklichkeit zeigt einen kontinuierlichen Übergang von den vollständig
Arbeitsfähigen und Tüchtigen zu den nur halbwegs Brauchbaren und zu
den gänzlich Unbrauchbaren, den Invaliden im eigentlichen Sinne.
Ferner haben wir die sehr mannigfaltige Abstufung der natürlichen An-
        <pb n="327" />
        © Kap. VIIL Der Arbeitslohn.
lagen und Begabungen in moralischer, intellektueller und physischer
Hinsicht zu berücksichtigen. Auch hier ist die ganze Skala von den
außerordentlich Zuverlässigen, Energischen und Hinaufstrebenden,
Intelligenten und Tüchtigen zu den äußersten Gegensätzen vertreten.
Diese natürlichen Verschiedenheiten sind schon in einem und demselben
 Volk stark ausgeprägt, treten aber beim Vergleich zwischen
verschiedenen Rassen noch schärfer hervor.
Die Verschiedenheiten der natürlichen Anlagen werden wohl zum
Teil ausgeglichen, vielleicht aber in weit größerem Grade noch verstärkt
 durch Erziehung und Ausbildung, vor allem aber durch die Einwirkung
 der verschiedenen sozialen Umgebung und der Bedingungen
der Beschäftigung. Daß mangelnde Erziehung und Ausbildung, schlechte
Ernährung und ähnliche Übelstände, ferner aber auch Leichtsinn und
Ausschweifungen und solche als sozialer Zwang wirkende Gewohnheiten
 wie das Spielen und besonders die Trinkgewohnheit die Menschen
als Arbeiter herabsetzen und auch vollständig zerstören können, braucht
kaum näher erörtert zu werden. Den im großen entscheidenden
Einfluß auf das Schicksal des Arbeiters haben aber wahrscheinlich
die Verhältnisse, unter welchen er seinen Lebensunterhalt gewinnt, in
erster Linie die Regelmäßigkeit und die Fortdauer seiner Beschäftigung.
 Die schweren sozialen Schäden, welche auf diesem Gebiete
vorhanden sind, dürften nicht selten alle anderen in den Schatten
stellen.
In dem sehr interessanten Minoritätsbericht der letzten britischen
Armenkommission hat das Ehepaar Webb!) die Zusammensetzung
und die Rekrutierung der großen Armee der Unterstützungsbedürftigen
näher analysiert. Sie kommen zu dem Ergebnis, daß diese an sich
natürlich schnell absterbende Armee immer wieder mit neuen Massen
gespeist wird, daß die moderne industrielle Gesellschaft lediglich durch
ihre Organisation des Arbeitsmarkts unaufhörlich neue Arme produziert.
Die wichtigsten Quellen dieser Rekrutierung bilden erstens die unstetig
beschäftigten, also diejenigen Arbeiter, z. B. der Bauindustrie, die
zwischen jeder Beschäftigung eine kürzere oder längere Zeit nach der
neuen suchen müssen, zweitens und vor allem die stets unterbeschäftigten,
 darunter speziell die „,Gelegenheitsarbeiter‘“ (casual labourers) der
Häfen, der Werften, der Eisenwerke usw. Die demoralisierende Wirkung
 solcher Systeme für die Beschäftigung von Arbeitern zeigt sich
im großen unwiderstehlich. Durch sie werden die Arbeiter Schritt
für Schritt herabgedrückt, bis sie für immer in die Masse der „unemployable‘“,
 also der Unverwendbaren, herabsinken. Eine weitere Quelle
zur Speisung dieser Masse ist die Beschäftigung von Knaben in Berufen,
1) Der zweite Teil des Minoritätsberichts ist auch unter dem Titel: „Public
organisation of the labour market“ veröffentlicht. London 1909. Vgl. auch Beveridge:
 Unemployment: A Problem of Industry. London 1909 und 1912.

314
        <pb n="328" />
        8 37. Das Angebot von Arbeit als bestimmt durch die Zahl der Arbeiter. 315
wo sie keine Ausbildung für einen künftigen Beruf bekommen, sondern
wo ihre Leistungsfähigkeit als Arbeiter nur ausgenutzt und verschwendet
wird.
Wenn nun die „Arbeiterklasse‘‘ aus so weit verschiedenen Elementen
zusammengesetzt ist, und wenn die unteren Schichten immer wieder
durch die Wirkung verschiedener Faktoren neu rekrutiert werden, wird
es nicht länger rätselhaft erscheinen, daß eine Knappheit der Arbeit
bestimmter höherer Qualität an der Seite einer stets vorhandenen
Arbeitslosigkeit besteht. Erst wenn wir uns ein wahres Bild von der
wirklichen Zusammensetzung der sogenannten Arbeiterklasse machen,
können wir allmählich einen Einblick gewinnen in die wahre Natur
der vielumschriebenen Erscheinung, die man als ‚,die industrielle
Reservearmee‘‘ zu bezeichnen pflegt. Unter normalen Verhältnissen
werden in jeder besonderen Beschäftigung Arbeiter verschiedener Qualität
 bis zu einer gewissen Stufe herunter beschäftigt. Werden Betriebseinschränkungen
 notwendig, kann es wohl als allgemeine, obwohl natürlich
 bei weitem nicht ausnahmslose Regel angenommen werden, daß
schlechtere Arbeiter zuerst entlassen, bessere soweit möglich behalten
werden. Steigt wieder die Nachfrage nach Arbeit, muß das Bedürfnis
in der Regel zu einem beträchtlichen Teil durch. Inanspruchnahme von
Arbeitern niedrigerer Qualität gedeckt werden!). Eine Folge hiervon
ist u. a., daß die Arbeitskosten in der Hochkonjunktur steigen, was ja
auch eine allgemein wahrgenommene Erscheinung ist. Der geschilderte
Vorgang hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der Ausdehnung des bebauten
 Bodens bei steigendem Bedarf an Lebensmitteln: es muß dann
Boden immer niedrigerer Qualität für die Kultur in Anspruch genommen
 werden. Wie aber das Vorhandensein schlechteren unbenutzten
Bodens nicht hindert, daß eine wirkliche Bodenknappheit besteht, und
daß die Bodenrente vornehmlich hierin ihren Grund hat, so kann auch
das Vorhandensein von unbenutzten Arbeitern viel niedrigerer Qualität
nicht verhindern, daß sich eine wirkliche Knappheit an geeigneten
Arbeitern im gewerblichen Leben fühlbar macht, und ein Hauptbestimmungsgrund
 des Arbeitslohns ist.
Diese Analogie der Preisbildung der Arbeit mit derjenigen der
Bodennutzung ist keine vollständige. Die gewöhnliche Voraussetzung,
daß der zuletzt in Anspruch genommene Boden keine Rente zahlt, ist
wohl kaum in der Praxis ganz haltbar, immerhin aber theoretisch möglich,
 während eine entsprechende Voraussetzung in bezug auf die zuletzt
in Anspruch genommene Arbeit auch theoretisch vollständig aus-1)
 Die Deckung des Bedarfs an Arbeitern in der Hochkonjunktur kann in der
hier angegebenen Weise durchaus nicht vollständig erklärt werden. Die wichtigste
Reserve, aus welcher die Industrie im letzten Jahrhundert in Perioden starker Entwicklung
 geschöpft hat, ist eine ganz andere. Auf diese Frage werden wir in unserem
vierten Buche (Kap. 15) zurückkommen.
        <pb n="329" />
        S Kap. VIII. Der Arbeitslohn.
geschlossen ist. Auch der sc} lechteste noch erforderliche Arbeiter muß
immer einen Lohn erhalten. Wie dieses Verhältnis in Übereinstimmung
mit der Tatsache gebracht werden kann, daß gleichzeitig eine gewisse
Menge von Arbeit gleicher oder niedrigerer Qualität ohne Beschäftigung
ist, stellt in der Tat ein zentrales Problem der Arbeitslohntheorie dar.
Die Erklärung der Erscheinung, daß eine Knappheit an Arbeitskraft
mit einem gewissen Überfluß an Arbeitern verbunden sein kann, liegt
in der Zurückhaltung des Arbeitsangebots des einzelnen Arbeiters und
gehört demgemäß zum folgenden Paragraphen.
In den einzelnen Beschäftigungen werden die Lohnsätze, wie schon
bemerkt, meistens einheitlich reguliert. Es liegt dann natürlich im Interesse
 des Unternehmers, für den zu zahlenden Lohn möglichst gute
Arbeiter zu beschäftigen. In Zeiten des Arbeitermangels aber, wo er auch
Arbeiter niedrigerer Qualität anstellen muß, muß er dieselben meisten
nach denselben Lohnsätzen bezahlen wie die tüchtigeren, die er schon
rüher beschäftigte. Durch Stücklöhne und noch feiner differenzierte,
Lohnsysteme sucht er wohl immerhin die Zahlung möglichst dem Werte
der Leistung anzupassen. Da dies jedoch niemals vollständig gelingt,
wird der Unterschied in der Bezahlung der Arbeit meistens nicht dem
Unterschied ihrer Produktivität vollständig entsprechen, wie dies in
bezug auf die Renten verschiedener Bodenstücke vorausgesetzt Zu
werden pflegt.
In Depressionsperioden werden natürlich oft auch Arbeiter normaler
 Tüchtigkeit arbeitslos, und es besteht alsdann unzweifelhaft in
gewissem Sinne ein Überfluß an Arbeitern. Dasselbe gilt in großer
Ausdehnung für die Arbeiter der Saisonberufe in der toten Saison, sowie
auch noch häufiger für die Arbeiter solcher Berufe, deren Arbeiterbedarf
 großen täglichen Schwankungen unterworfen ist. Dem wechselnden
 Bedarf an Arbeitskraft gegenüber wird eben von der Seite des
Angebots eine verhältnismäßig unveränderliche Menge von Arbeitern
gestellt, die hinreichend groß ist, um wenigstens bei Extraanstrengung
Überstunden usw.) den Maximalbedarf befriedigen zu können, die aber
deshalb auch zu groß ist, um in Zeiten nachlassenden Bedarfs vollständige
 Beschäftigung zu finden. Diese Erscheinung ist nichts für den
Arbeitsmarkt Eigentümliches: die Industrie muß auch ihre Fabriksanlagen
 und Maschinen, die Schiffahrt ihre Tonnage, die Eisenbahnen
ihren Wagenpark, wenn nicht gerade nach den Maximalansprüchen, So
doch einigermaßen nach den Bedürfnissen der lebhafteren Perioden
richten, und dieses feste Kapital kann deshalb in weniger lebhaften
Zeiten nur teilweise ausgenutzt werden. Das nähere Studium solcher
Verhältnisse gehört zur Dynamik des Wirtschaftslebens, hat also in
nserem vierten Buche seinen Platz. Hier soll nur bemerkt werden, daß.
in den gedachten Fällen die Versorgung mit Produktionsmitteln im
großen kaum als überflüssig reichlich bezeichnet werden kann, was

316
        <pb n="330" />
        $ 37. Das Angebot von Arbeit als bestimmt durch die Zahl der Arbeiter. 317
icht hindert, daß die Unmöglichkeit, in gedrückten Zeiten volle Beschäftigung
 für die der Produktion einmal gewidmeten Produktionsmittel
 zu finden, ihren Eigentümern sehr unangenehm wird. Besonders
 muß dies natürlich für die Arbeiter der Fall sein, welche in
Zeiten nachlassenden Bedarfs keine Verwendung für ihre Arbeitskraft
inden. Für sie besteht dann eine wirkliche, wenn auch vorübergehende
Überfüllung des Marktes. Daß gleichzeitig mit dieser Überfüllung des.
larktes mit Arbeitern eine Knappheit der Arbeitskraft aufrechterhalten
wird, ist offenbar eine‘ notwendige Bedingung dafür, daß überhaupt
ein Arbeitslohn bezahlt werden soll. Die interessante Frage, wie es
möglich ist, diese Bedingung zu erfüllen, gehört, wie schon gesagt,
zum nächsten Paragraphen. | I
Wir bemerken hier nur noch, daß eine kleine, von der Statistik nachewiesene
 Arbeitslosigkeit keinen Überfluß von Arbeitern zu beweisen
raucht: auf dem Arbeitsmarkt sind sowohl Angebot wie Nachfrage
ualitativ, zeitlich und örtlich so stark differenziert, daß ein gewisser
angel an Übereinstimmung immer hervortreten muß. Der bei der
egenwärtigen Organisation vieler Gewerbe, z. B. der Bauindustrie, unvermeidliche
 häufige Stellenwechsel muß in der Statistik in einer gewissen
 schon ziemlich beträchtlichen, prozentuellen Arbeitslosigkeit zuage
 treten, was nicht hindert, daß Unternehmer gleichzeitig Schwierigeit
 haben, ihren Bedarf an Arbeitskraft zu decken. Auch für andere
ewerbe gilt natürlich etwas Ähnliches, obwohl in abgeschwächtem
rade. Ein gut organisierter Arbeitsnachweis wird diese Art von
Arbeitslosigkeit auf ein Mindestmaß reduzieren, niemals aber volltändig
 beseitigen!).
Die Menge der Arbeiter wird natürlich in erster Linie durch die
olksvermehrung bestimmt. Diese ist aber meistens nicht gleichmäßig,
sondern zeigt in den verschiedenen Schichten der Bevölkerung eine verchiedene
 Stärke. Während in den etwas besser gestellten Schichten
meistens eine gewisse Zurückhaltung sich geltend macht, ist die Vernehrung
 der untersten Klassen zuweilen übermäßig groß. Die große
inderzahl gewisser Schichten der Arbeiterklasse erschwert die gute
rnährung und Erziehung der Kinder und damit auch das Steigen derselben
 auf höhere Stufen. Die unvermeidliche Folge ist eine gewisse
berfüllung des Marktes für ungelernte Arbeiter und für Arbeiter niedrierer
 Qualität. Wenn zugleich die höheren Klassen und die höheren
chichten der Arbeiterklasse relativ zu wenig Kinder aufziehen, kann
vielleicht eine relativ zu große Knappheit an qualifizierten Arbeitern,
ı) Eine vollständige Ausnutzung ist bekanntlich auf keinem Gebiete des wirtchaftlichen
 Lebens möglich: auch bei intensivstem Verkehr wird nur ein Bruchteil
ne Platzkilometer der Eisenbahnen wirklich ausgenutzt; sogar in einer Zn
it ausgeprägtem Wohnungsmangel steht immer noch eine gewisse Prozentzahl der
ohnungen leer.
        <pb n="331" />
        =. Kap. VIII. Der Arbeitslohn,
besonders in den leitenden Stellungen, wo eine höhere Bildung erforderlich
 ist, eintreten. Die Marktlage stellt sich dann sehr ungünstig für
die unteren Volksschichten, und es ist unvermeidlich, daß der Arbeitslohn
 in diesen Schichten stark herabgedrückt wird. Daß die ungleichmäßige
 Verteilung der Volksvermehrung außerdem eine Extrabelastung
der unteren Klassen und ein Herabdrücken ihrer Lebenslage bedeutet,
ist ebenso offenbar, wie daß sie dem Interesse der produzierenden
Gesellschaft an einer guten Erziehung der Kinder schädlich ist.
Sehen wir von diesen Ungleichmäßigkeiten der Volksvermehrung
ab und betrachten wir die Volksvermehrung in ihrem Ganzen als Ausdruck
 für das Angebot von Arbeitern, so haben wir in erster Linie
unsere Aufmerksamkeit auf das Verhältnis zwischen dieser Volksvermehrung
 und der gleichzeitigen Vermehrung der übrigen Produktionsfaktoren,
 also des Bodens und des Kapitals, zu richten. Betrachten wir
zunächst die Knappheit der Arbeiter im Verhältnis zur Knappheit des
Bodens, so ist unmittelbar klar, daß die Marktlage für die Arbeiter
bei steigender Bevölkerung sich ungünstig gestalten muß, wenn der
Boden in bestimmter Begrenzung gegeben ist, und wenn die Methoden
der Kultur praktisch fixiert sind. Kann dagegen der Boden durch Besiedelung
 neuer Gebiete oder Länder vermehrt oder durch technische
Verbesserungen ergiebiger gemacht werden, so ist offenbar eine Volksvermehrung
 ohne Verschlechterung des Arbeitsmarkts, sogar unter
Verbesserung desselben, möglich. Im ersten Falle wird sich gern eine
pessimistische, im letzten eine optimistische Auffassung der Bevölkerungsfrage
 geltend machen.
Die Knappheit der Arbeiter muß aber auch im Verhältnis zur
Knappheit des Kapitals betrachtet werden. Eine Volksvermehrung, in
schnellerem Tempo als die Kapitalvermehrung, muß unvermeidlich die
Marktlage für den Produktionsfaktor Arbeit verschlechtern. Jeder wirtschaftliche
 Fortschritt ist davon abhängig, daß das Angebot von Arbeitern
 im Verhältnis zum Angebot vom Kapital immer stärker begrenzt
wird. Eine gleichmäßigere Einkommenverteilung genügt also an und
für sich nicht zur Hebung der arbeitenden Klassen: Nur, wenn dabei
noch eine genügend starke Kapitalbildung und zugleich eine genügend
starke Zurückhaltung in bezug auf die Volksvermehrung vorausgesetzt
werden können, ist dauernd etwas für die Arbeiterklasse gewonnen.
Die Verhältnisse gewisser Kolonialländer mit demokratischer Einkommenverteilung
 dürfen uns nicht in dieser Beziehung irre führen. Bei
großem Bodenreichtum und reichlicher Kapitalzufuhr von alten kapitalreichen
 Ländern ist natürlich immer eine vorteilhafte Knappheit am
Arbeitern mit einer starken Volksvermehrung vereinbar. |
Unzweifelhaft ist die Volksvermehrung wesentlich von Faktoren
bestimmt, die außerhalb des Preisbildungsprozesses liegen. Immerhin
ist auch in bezug auf den jetzt betrachteten Produktionsfaktor die Preis-318
        <pb n="332" />
        $ 37. Das Angebot von Arbeit als bestimmt durch die Zahl der Arbeiter. 31%
bildung sicher nicht ganz ohne Einfluß auf das Angebot, zunächst also
auf das Angebot von Arbeitern. Der Versuch, den Arbeiter als ein Produkt
 zu betrachten, dessen Angebot lediglich davon abhängt, daß die:
Produktionskosten durch das Arbeitseinkommen gedeckt werden, ist
jedoch vollständig verfehlt. Menschen werden nicht aus wirtschaftichen
 Gründen produziert. Das Resultat der Aufopferungen für das
Aufziehen der neuen Generation fällt größtenteils anderen zu als denjenigen,
 die die Kosten getragen. haben. Die Produktions- und Unterhaltungskosten
 von Menschen einer gewissen Effektivität müssen natürlich
 bezahlt werden, werden aber in Wirklichkeit aus dem laufender
olkseinkommen bezahlt, also nicht ausschließlich aus dem Einkommen,
das diese Menschen selbst erwerben, noch weniger mit Notwendigkeit
aus ihrem Arbeitseinkommen. In der fortschreitenden Gesellschaft wird
auch immer mehr für die Aufziehung von Kindern verwendet, als der;
Rückzahlung der Aufziehungskosten der arbeitenden Generationen entsprechen
 würde. In einer Gesellschaft mit abnehmender Volkszahl
ürde das Umgekehrte eintreten können. Irgendwelcher unmittelbarer,
Zusammenhang zwischen den Produktionskosten der Arbeiter und
ihrem Arbeitsverdienst ist also nicht vorhanden.
Es kann auch nicht behauptet werden, daß immer so viel Arbeiter
produziert werden, als das Arbeitseinkommen der lebenden Generation
möglicherweise gestatten würde, ja nicht einmal, daß ein steigendes
Arbeitseinkommen immer und notwendig eine Steigerung der Produktion
 von neuen Arbeitern herbeiführt. Die Produktion von neuen:
Arbeitern folgt in Wirklichkeit nicht dem Einkommen der Arbeiter: die
öheren Bevölkerungsschichten, auch die höheren Schichten der eigent--lichen
 Arbeiterklasse, haben oft verhältnismäßig wenig Kinder, die
reicheren Völker ebenso. Der Wohlstand einer Gruppe der Bevölkerung
hat überhaupt unter modernen Verhältnissen keinen ausgeprägten Einluß
 auf die Nativität derselben. Die Wirkung einer Steigerung des
Arbeitseinkommens ist aber insofern kompliziert, als sie, auch wenn sie
eine gewisse Beschränkung der Geburten herbeiführt, doch das Aufziehen
der Kinder erleichtert und insofern eine Tendenz zur Vermehrung des
Angebots von Arbeitern hat. Auch zeigen zufällige und vorübergehende
Steigerungen des Arbeitseinkommens oft eine Einwirkung in der Richung
 einer Steigerung der Eheschließungen, also auch der Volksver--mehrung.
 Solche Wirkungen können leicht bei Konjunkturschwankungen
 beobachtet werden. Wir können hier nicht näher auf diese Verältnisse
 eingehen. Es soll nur darauf aufmerksam gemacht werden,
daß die Höhe des Arbeitslohns keineswegs diejenige grundlegende Bedeutung
 für den Umfang hat, in welchem die Gesellschaft mit neuen
rbeitern versorgt wird, wie man aus theoretischen Gründen zuweilen
at annehmen wollen. Die früheren Ehen der guten Konjunkturen be--uhen
 z. B. wahrscheinlich weniger auf den Lohnsteigerungen als auf
        <pb n="333" />
        _- Kap. VIII. Der Arbeitslohn.
der ‚leichteren Gelegenheit, eine regelmäßige Beschäftigung zu finden.
Auf die Säuglingssterblichkeit dürfte die Lohnhöhe ebenfalls weniger
direkten Einfluß haben als hygienische Einsicht und öffentliche hygienische
 Maßnahmen. Je reichlicher seitens der Öffentlichkeit für vernachlässigte
 Kinder gesorgt wird, desto weniger wird übrigens die Lohnhöhe
direkt für die Volksvermehrung eines vorgeschrittenen Landes moderner
Kultur bedeuten.‘ Die Lohnhöhe hat ohne Zweifel eine grundlegende
Bedeutung für die Lebenshaltung der arbeitenden Klassen, ihre Wirkung
auf die Versorgung der Gesellschaft mit Arbeitern ist aber von so vielen
verschiedenen Faktoren bedingt, daß wir nicht einmal imstande sind,
die Richtung derselben allgemein festzustellen.
Betrachten wir die besonderen Schichten der Bevölkerung, so finden
wir das Angebot von Arbeitern noch weniger von der Deckung der
Produktionskosten durch das Arbeitseinkommen bedingt. Arbeiter einer
gewissen Qualität können, wie wir schon ($ 33) gefunden haben, auch
auf die Dauer zu einem Lohn erhalten werden, der ihre Produktionskosten
 nicht deckt. Die verschiedenen Schichten der Bevölkerung sind
gegeneinander nicht streng abgegrenzt und also auch nicht für ihre
Rekrutierung auf sich selbst angewiesen. Das Arbeitseinkommen einer
gewissen Klasse von Arbeitern braucht dann nicht notwendig die Produktionskosten
 derselben zu decken.
Ein solcher Zustand auf dem Gebiet der eigentlichen Produktion
würde natürlich in Widerspruch zum Kostenprinzip und damit zum
allgemeinen wirtschaftlichen Prinzip stehen. Menschen werden aber,
wie schon bemerkt, nicht aus wirtschaftlichen Gründen produziert, und
es kann wenigstens in unserer herrschenden Gesellschaftsordnung nicht
vermieden werden, daß Menschen geboren und aufgezogen werden, die
sich später aus verschiedenen in ihnen selbst oder in der Marktlage
liegenden Gründen wirtschaftlich minderwertig zeigen und die mit
ihrer Arbeit niemals ihre Produktionskosten zu decken vermögen. Solche
Arbeiter tragen aber gleichwohl zum gesellschaftlichen Arbeitsangebot
bei. Es zeigt sich hier besonders deutlich, daß die Theorie des tauschwirtschaftlichen
 Preisbildungsprozesses, wie mehrfach hervorgehoben,
das Angebot von Arbeitern in erster Linie als einen nach selbständigen
Gründen bestimmten und also gegebenen Faktor des Problems auffassen
muß und jedenfalls niemals dieses Angebot mit dem Angebot von Produkten
 verschiedener Art als eine der Unbekannten des Preisbildungsproblems
 selbst gleichstellen kann.
Bisher haben wir nur die Zahl der Arbeiter im allgemeinen oder
die der Arbeiter einer bestimmten Qualität betrachtet. Gehen wir jetzt
zur Untersuchung des Angebots von Arbeitern in besonderen Berufen
und Orten über! Die richtige Verteilung der Arbeiter auf verschiedene
Berufe und Orte setzt offenbar eine gewisse Beweglichkeit der Arbeiter

320
        <pb n="334" />
        $ 37. Das Angebot von Arbeit als bestimmt durch die Zahl der Arbeiter. 321
voraus, und diese Beweglichkeit muß desto größer sein, je beweglicher
sich das Erwerbsleben gestaltet und je ungleichmäßiger die Volksvermehrung
 verschiedener Länder und Landesgebiete ist. In Wirklichkeit
ist aber diese Beweglichkeit von verschiedenen Umständen gehemmt.
Wer sich für einen bestimmten Beruf ausgebildet, an einem bestimmten
Ort niedergelassen, vielleicht auch eine Familie begründet, sogar sein
eigenes Haus erworben hat, wird sich schwer bestimmen lassen, Beruf
oder Wohnort zu wechseln. Im allgemeinen ist wohl die Beweglichkeit
in den höheren Altersklassen wesentlich vermindert. Daß dem Wechseln
des Berufs immer Schwierigkeiten entgegenstehen, ist nur natürlich.
Diese Schwierigkeiten sind wohl unter der modernen Entwicklung auf
ziemlich großen Gebieten dadurch vermindert worden, daß die alten
berufsmäßig ausgebildeten und spezialisierten Handwerker durch
Maschinenwärter, die verhältnismäßig leicht von einem zum anderen
Produktionszweig übergehen können, ersetzt worden sind. Immerhin
stößt der Berufswechsel noch meistens auf Hindernisse, die tatsächlich
nicht überwunden werden können.
Bei der ursprünglichen Wahl des Berufs ist wohl die Freiheit etwas
größer, aber meistens wird diese Wahl von der Umgebung und den zunächst
 liegenden Möglichkeiten stark beeinflußt, In Orten mit spezialisierten
 Industrien ist die Wahlfreiheit oft sehr beschränkt. Die großen
industriellen Unternehmungen, die, wie es in Schweden oft der Fall ist,
vereinzelt auf dem Lande liegen, bieten der aufwachsenden Arbeiterjugend
 nur wenige Möglichkeiten zu einer Wahl. Die weiblichen Arbeiter
sind überall im großen Umfange an ihre Familien gebunden und deshalb
 auf denjenigen Arbeitsmarkt angewiesen, welcher in der nächsten
Nachbarschaft des Arbeitsplatzes des Familienvaters gefunden «werden
kann. Diese Hindernisse gegen die Beweglichkeit der. Arbeiter können
natürlich leicht eine ‚gewisse Überfüllung eines speziellen. Arbeitsmarkts
 veranlassen und dadurch einen Druck auf den Arbeitslohn
ausüben. Die relativ größere Unbeweglichkeit der weiblichen Arbeiter
dürfte oft in nicht geringem: Grade für die relativ niedrige -Lohnhöhe
dieser Arbeiter verantwortlich sein.
Die freie Berufswahl wird ferner wesentlich von den Kosten der
Berufsausbildung beschränkt. Oft findet man, daß die Verschiedenheit
dieser Kosten in keinem Verhältnis zum Unterschied des Arbeitsverdienstes
 in den verschiedenen Berufen oder in den verschiedenen Stellungen
 innerhalb desselben Berufes steht. Rein geschäftlich würde sich
eine Ausbildung für den besseren Beruf, die höhere Stellung, sehr gut
bezahlen. Die Erklärung liegt meistens darin, daß die Kosten, wenn
auch klein im Verhältnis zum Gewinn, für die Arbeiterfamilie oder für
den jungen Arbeiter selbst ein unübersteigbares Hindernis bilden. Alles,
was für Erleichterung und Verbesserung der gewerblichen Ausbildung
getan wird, ist geeignet, eine gleichmäßigere‘ Verteilung der Arbeiter
Cassel, Theoret, Sozialökonomie. 4. Aufl, ma

AN
        <pb n="335" />
        ; Kap. VIII. Der Arbeitslohn.
auf ‘die verschiedenen Berufe oder Stufen der Beschäftigung zu befördern
 und damit ein unverhältnismäßiges Herabdrücken gewisser
Arbeitslöhne zu verhindern. Erschwert wird diese Verteilung dagegen
durch mangelndes Interesse der Eltern, mangelndes Gefühl der Selbstverantwortlichkeit
 der Jugend und also auch durch alle Maßnahmen
einer falschen Sozialpolitik oder der Wohltätigkeit, welche diese Tendenzen
 irgendwie befördern können.
Die Übersiedlung von Ort zu Ort innerhalb desselben Landes ist
in unseren Tagen wesentlich erleichtert und auch durch die rationellen
Atbeitsnachweise direkt befördert. Ist also in dieser Beziehung im Verhältnis
 zu früheren Zuständen sehr viel für eine wirtschaftliche Verteilung
 der vorhandenen Arbeiter auf verschiedene Orte eines Landes
getan, so sind jedoch die Hindernisse, die sich gegen eine entsprechende
Verteilung der Arbeitskraft auf verschiedene Länder oder gar auf verschiedene
 Weltteile stellen, immer noch ziemlich groß und üben einen
nachteiligen Einfluß, nicht nur auf die Lage einzelner Gruppen von
Arbeitern, sondern auch und vor allem auf die Ergiebigkeit der Weltwirtschaft
 aus. In dieser Beziehung sind die Verhältnisse nach dem
Kriege, Dank sei. der kurzsichtigen restriktiven Einwanderungspolitik,
besonders der Vereinigten Staaten und anderer Kolonialländer, leider
stark verschlechtert worden.
Die Abgrenzung der verschiedenen Berufe gegeneinander wird zum
Teil noch verschärft durch die protektionistischen Bestrebungen , welche
sich innerhalb der Arbeiterwelt selbst geltend machen. Jede geschlossene
 Gewerkvereinspolitik sieht das Hauptmittel zur Hebung der
Mitglieder des Vereins in einer Beschränkung des Zutritts zum betreffenden
 Berufe. Aber auch die offene Gewerkvereinspolitik erschwert
gewissermaßen den Zutritt zum Berufe durch Aufrechterhaltung ihrer
Forderung auf gewisse normale Arbeitsbedingungen. Auch ohne eine
eigentliche gewerkschaftliche Organisation kann eine traditionelle Lohnhöhe
 in Verbindung mit einem herkömmlichen Standard der Lebenshaltung
 und der Effektivität das Eindringen von Arbeitern niedrigerer
Qualität in einen Beruf verhindern.
Die volkswirtschaftliche Bedeutung solcher Beschränkungen wird
immer davon abhängen, ob sie lediglich zufällig abgegrenzten Gruppen
von Arbeitern zum Vorteil gereichen oder allgemein, wie im vorigen
Paragraphen ausgeführt, die Nachfrage vorzugsweise auf Arbeiter
höherer Qualität richten, also solchen Arbeitern den Vorzug bei der Beschäftigung
 geben, die fortgesetzte Existenz der untersten Schichten
von minderwertiger Arbeit erschweren und somit zur Erziehung und
Hebung der Arbeiterklasse beitragen.
Da die gleichmäßige Verteilung der Arbeiter auf verschiedene
Stellungen durch so manche Umstände gehemmt wird, muß man erwarten,
 im wirklichen Leben Ungleichmäßigkeiten der Lohnsätze und

322
        <pb n="336" />
        $ 38. Das Angebot v. Arbeit als bestimmt d. d. Arbeitsangebot pro Arbeiter. 323
übrigen Arbeitsbedingungen zu begegnen, die sich nicht lediglich aus
den Ansprüchen, die an die Arbeit gestellt werden, und der natürlichen
Knappheit von Arbeitern, die diese Ansprüche erfüllen können, erklären
lassen. In besonders entwicklungsfähigen Produktionszweigen, wo der
Bedarf an Arbeitskräften wesentlich schneller gestiegen ist als die
Arbeiterbevölkerung im ganzen, findet man häufig einen höheren
Arbeitslohn, als durch die Art der Arbeit selbst gerechtfertigt scheinen
würde. Anderseits findet man, daß stillstehende Industrien, die vielleicht
 in Jahrzehnten ihren Markt nicht erweitern konnten, ihren
Arbeitern Bedingungen unter den normalen bieten. Das Schicksal des
Arbeiters ist also bis zu einem gewissen Grade mit dem des Produktionszweiges
 oder des Unternehmens, in dem er beschäftigt ist, verbunden.
Die Vorstellung, nach welcher die Unternehmer nur auf Kosten der
Arbeiter prosperieren und die Arbeiter umgekehrt nur auf Kosten der
Unternehmer vorwärtskommen können, wird durch solche Tatsachen in
auffallender Weise entkräftet.
Die Zufuhr von Arbeitern zu den verschiedenen Berufen ist im
wesentlichen durch die oben genannten äußeren Faktoren bestimmt.
Der Arbeitslohn selbst hat natürlich für die Heranziehung von Arbeitern
an einen bestimmten Beruf insofern Bedeutung, als dieser Beruf mit
anderen um Arbeitskraft derselben Qualität konkurriert. Für das Gesamtangebot
 von Arbeitern jeder besonderen Qualität hat aber, wie
schon gezeigt, der für die verschiedenen Qualitäten bezahlte Arbeitslohn
jedenfalls nicht die Bedeutung eines unmittelbar wirksamen Regulators.
Die in erster Linie entscheidenden Faktoren liegen hier außerhalb der
Preisbildung.
$ 38. Das Angebot von Arbeit als bestimmt durch das
Arbeitsangebot pro Arbeiter.
Die Knappheit des Produktionsfaktors Arbeit hängt nicht lediglich
von der Zahl der Arbeiter ab, sondern auch von der Menge Arbeit,
welche durchschnittlich von dem einzelnen Arbeiter geleistet wird. Wir
haben hier diejenigen Faktoren, die dieses individuelle Arbeitsangebot
regulieren, ins Auge zu fassen.
Die tatsächliche Arbeitsleistung des einzelnen ist in einem gegebenen
 Augenblick meistens viel geringer als sie, wenigstens für eine
kürzere Zeit, sein könnte. Die Menschen haben gelernt, daß sie auch
mit ihrer Arbeitskraft wirtschaften müssen. Der höchste individuelle
und volkswirtschaftliche Effekt wird in der Regel nicht durch größtmögliche
 augenblickliche Anstrengung, sondern vielmehr durch eine
kluge Verteilung der Arbeit auf den Tag, die Woche, das Leben, erreicht.
 Diese wirtschaftliche Regulierung der individuellen Arbeits-AR


zZ
        <pb n="337" />
        Kap. VIII... Der Arbeitslohn.
leistung hat für das gesellschaftliche Arbeitsangebot pro Arbeiter grundlegende
 Bedeutung. Die moderne industrielle Entwicklung hat allgemein
 zu einer beträchtlichen Verkürzung der täglichen Arbeitszeit
unter gleichzeitiger Intensifizierung der Arbeit geführt. Dazu haben
natürlich in’erster Linie das Bestreben der Arbeiter, Zeit für Erholung
und Schutz gegen unwirtschaftliche Abnutzung ihrer Arbeitskraft zu
gewinnen, sowie auch die Einsicht der Organe der Öffentlichkeit in die
Notwendigkeit einer Regulierung der Arbeitszeit im Interesse der Volksgesundheit
 und Volkskraft mitgewirkt, aber diese Tendenzen fielen
wenigstens zum Teil und besonders gerade in den technisch bestausgerüsteten
 Großbetrieben mit dem Interesse der Unternehmer, durch
möglichst intensiven Betrieb in einem kurzen Arbeitstag an Generalkosten
 zu sparen, zusammen. In den modernen Ländern wird unter
dem Einfluß dieser Tendenzen die tägliche Arbeitszeit in verschiedenen
Berufen meistens entweder gewohnheitsmäßig oder durch Vertrag
zwischen den Organisationen der Interessenten oder schließlich durch
Gesetzgebung. festgestellt. Der Einzelne hat unter solchen Verhältnissen
meistens keinen Einfluß auf seine tägliche Arbeitszeit.
Die Menge der vom einzelnen Arbeiter tatsächlich dargebotenen
Arbeit hängt aber ferner auch von der Stetigkeit und Regelmäßigkeit
seiner Arbeit ab. Wer infolge natürlicher Anlagen, mangelnder Erziehung
 oder der‘ Einwirkung schlechter‘ Organisation der Arbeitsanstellung
 nur unregelmäßig. arbeitet und dazwischen kürzere oder
längere Zeiten im Suchen einer neuen Arbeitsgelegenheit umherwandert
oder faulenzt, setzt sein persönliches Arbeitsangebot wesentlich unter das
normale herab. In gewissen Berufen mit häufigem Stellenwechsel, z. B.
im Baugewerbe, geht regelmäßig ein bedeutender Teil der möglichen
rbeitstage verloren. Solche Verhältnisse haben offenbar einen sehr
wesentlichen Einfluß auf das tatsächliche „Arbeitsangebot pro Arbeiter“‘.
Die allgemeinen äußeren Faktoren, die dieses Angebot regulieren, liegen
also ziemlich klar.
Es ist nun ferner aber auch die von den Arbeitern selbst ausgehende
bsichtliche Regulierung des Arbeitsangebots zwecks Verteidigung oder
Besserung der Marktlage zu berücksichtigen. Wenn infolge zurückgehender
 Nachfrage eine gewisse Arbeitslosigkeit eintritt, sollte man
nach allgemeinen preistheoretischen Gründen erwarten, daß das überwiegende
 Angebot.von Arbeit den Lohn herabdrücken müßte, und daß
dieser Lohndruck nicht eher aufhören würde, als bis die Arbeitslosigkeit
durch die Stimulierung der Nachfrage etwa verschwunden wäre, oder,
wenn ein solches Ergebnis. nicht erreicht werden könnte, der Arbeits-John
 bis auf Null gesunken wäre. Die Wirklichkeit zeigt ein, anderes
Bild. Die Arbeitslosen widersetzen sich mit möglichster Zähigkeit jeder
Reduktion der herrschenden Lohnsätze und zögern bis zum äußersten,
ihre Arbeit zum Unterpreis anzubieten. Die Arbeiter verfahren in dieser

24
        <pb n="338" />
        $38. Das Angebot v. Arbeit als bestimmt d. d. Arbeitsangebot pro Arbeiter. 325
Beziehung in keiner anderen Weise, als jeder Kaufmann tut, der doch
nicht in schlechten Zeiten den Preis seiner Waren unbegrenzt herabsetzt,
 um unbedingt einen Absatz zu erzwingen. Auf jedem Markt muß
bei vorübergehend trägem Absatz eine gewisse Zurückhaltung des Angebots
 beobachtet werden, wenn nicht der Markt schwer geschädigt,
oder, wie man sagt, „demoralisiert‘‘ werden soll. Dies verstehen auch
die Arbeiter ganz instinktiv. In ihrer Zurückhaltung des Angebots
werden sie noch bestärkt durch die wenigstens bei hochstehenden Völkern
verbreitete Auffassung, die in einem niedrigen Lohne ein persönlich
herabsetzendes Moment sieht. Die Arbeitslosen werden ferner in ihrem
Festhalten am vollen Lohn von ihren Genossen moralisch und materiell
unterstützt. Nicht selten werden sie auch von denselben Genossen
durch geeignete Zwangsmittel von einem Unterbieten auf dem Arbeitsmarkt
 abgehalten. Oft findet man, daß in Saisonberufen ein höherer
Arbeitslohn vorherrscht, als in ähnlich kontinuierlich arbeitenden
Berufen. Dieser höhere Lohn ist gewissermaßen Bezahlung für die
Wartezeit, woraus es sich erklärt, wie es den Arbeitern in toten Zeiten
möglich ist, ihre Arbeitskraft in genügendem Grade zurückzuhalten.
Es findet also in großem Umfang eine künstliche Beschränkung des
Arbeitsangebots statt, und es gelingt den Arbeitern dadurch eine bestimmte
 Knappheit des Produktionsfaktors Arbeit auch in Zeiten, wo
ein Überfluß an Arbeitern und also eine gewisse Arbeitslosigkeit vorhanden
 ist, aufrechtzuerhalten. Dies geschieht immer; das Bestreben
gelingt aber natürlich vollständiger für organisierte Arbeiter, besonders,
wenn sie mit Unterstützungskassen ausgerüstet sind. Nur durch eine
so hergestellte Knappheit der Arbeit läßt sich überhaupt eine Gleichgewichtslage
 bei Zahlung eines gewissen Arbeitslohns unter gleichzeitig
 herrschender Arbeitslosigkeit theoretisch erklären.
Man findet auch Bestrebungen innerhalb der Arbeiterwelt, durch
Beschränkung der dargebotenen Arbeitsmenge die Knappheit der
Arbeitskraft dauernd zu steigern, um somit einen höheren Lohn zu erreichen.
 Die Forderungen auf Verkürzung der täglichen Arbeitszeit,
welche, wie wir eben gesehen haben, im wesentlichen einen anderen
Zweck haben, werden mitunter auch durch solche Rücksichten begründet,
Um die Aussichten solcher Bestrebungen theoretisch beurteilen zu
können, wollen wir voraussetzen, daß die Gruppe von Arbeitern, welche
in dieser Weise ihren Lohn zu steigern sucht, Vollständig beschäftigt ist.
Eine Beschränkung -der individuellen Arbeitsmenge muß dann die
Produktmenge vermindern. Die Voraussetzung, daß die Effektivität der
Arbeit der kürzeren täglichen Arbeitszeit entsprechend gesteigert wird,
ist nämlich hier ausgeschlossen, da sie mit der Voraussetzung einer gesteigerten
 Knappheit der Arbeitskraft unvereinbar ist. Wünscht man
unter den genannten Voraussetzungen zum angegebenen Zwecke eine
verschärfte Knappheit der Arbeitskraft herbeizuführen, dann muß man
        <pb n="339" />
        Kap. VIII. Der Arbeitslohn.
auch mit einer Reduktion der Produktmenge rechnen. Welche sind nun
die wahrscheinlichen Wirkungen einer solchen Taktik? Wenn die betreffende
 Gruppe von Arbeitern innerhalb desselben Berufes oder in
Berufen, die für ähnliche Bedürfnisse arbeiten, Konkurrenz findet, ist
natürlich ihr Streben ziemlich aussichtslos. Ist dagegen die Gruppe
so umfassend, daß sie durch Beschränkung ihrer Arbeit eine wirkliche
Beschränkung der Versorgung der Konsumtion herbeizuführen vermag,
so sind wohl die Aussichten etwas günstiger. Ist die Elastizität der
so beschränkten Nachfrage nicht besonders groß, wird die betreffende
Arbeit bald einen gesteigerten Preis pro Arbeitseinheit erhalten. Aber
auch in den Fällen, wo durch künstliche Beschränkung der Arbeitszeit
 oder der Arbeitsleistung pro Stunde eine Steigerung des Stundenlohns
 bzw. des Stücklohns erreicht werden kann, bleibt immer noch
zweifelhaft, ob die Steigerung die Verminderung der täglichen Arbeitsleistung
 zu überwiegen vermag. Wenn dies nicht der Fall ist, muß
jedenfalls das Einkommen des Arbeiters durch die gedachte Politik
herabgesetzt werden.
Die durch Beschränkung der Arbeitsleistung herbeigeführte Verminderung
 der Produktenmenge muß offenbar die gesamte Kaufkraft
der Gesellschaft immer in gewissem Grade herabsetzen. Der etwaige
Vorteil einer geschlossenen Gruppe von Arbeitern wird also mit einer
gewissen Verschlechterung der Marktlage für die Arbeit im allgemeinen
 erkauft. Wenn die betrachtete Gruppe sehr groß ist, etwa
die gesamte körperliche Arbeit umfaßt, wird diese letzte Wirkung,
wie schon 8 36 bemerkt, im allgemeinen eine überwiegende Bedeutung
erhalten. Daß ein herabgesetztes Einkommen für die Arbeiter das Ergebnis
 einer allgemeinen Beschränkung der Arbeitszeit ohne gleichzeitige
 Steigerung der Effektivität der Arbeit sein würde, ist unzweifelhaft.

Zuweilen wird als Ziel einer Beschränkung. .der täglichen Arbeitsleistung
 angegeben, daß die vorhandene Beschäftigung für alle Arbeiter
innerhalb des Berufs ausreichen soll. Dieser Zweck ist offenbar ein
wesentlich anderer als der vorhin behandelte, und eben deshalb mußte
die Voraussetzung, von welcher wir jetzt ausgehen, nämlich, daß eine
gewisse Arbeitslosigkeit besteht, im vorhergehenden Falle ausgeschlossen
werden. Wird unserer jetzigen Voraussetzung gemäß durch die Beschränkung
 der individuellen Arbeitsleistung die gesamte dargebotene
Arbeitsmenge nicht vermindert, sondern nur auf eine größere Zahl von
Individuen verteilt, so können offenbar die Knappheit der Arbeit und
der Preis derselben nicht von der Veränderung beeinflußt werden. Das
gesamte Arbeitseinkommen bleibt unverändert und wird nur auf eine
größere Zahl von Arbeitern verteilt. Das Arbeitseinkommen des Einzelnen
 muß aber dadurch in demselben Verhältnis wie die Arbeitszeit
 herabgesetzt werden. In vorübergehenden Krisen, sowie. auch

326
        <pb n="340" />
        838. Das Angebot v. Arbeit als bestimmt d. d. Arbeitsangebot pro Arbeiter. 327
in den stillen Perioden der Saisonberufe, wird eine solche Teilung der
erminderten Beschäftigung häufig mit Vorteil durchgeführt. Als nornales
 Mittel gegen Arbeitslosigkeit ist die Methode sehr gefährlich, da
je eine unnötig große Menge Arbeiter innerhalb eines Berufs behält,
nd dieselben sämtlich in einen Zustand von chronischer Unterbeschäfigung
 und entsprechend herabgedrückter Lebensführung versetzt.
Untersuchen wir jetzt, welche Wirkung der Arbeitslohn selbst auf
das individuelle Arbeitsangebot haben mag. Für diejenige Theorie, die
im Arbeitslohn prinzipiell einen Preis sehen will, der bezahlt werden
muß, damit eine bestimmte Menge von Arbeit geleistet werden kann,
und die also den Arbeitslohn begrifflich als ein dem Opfer der Arbeitsleistung
 entsprechendes Kostenelement auffaßt, erhält die Abhängigkeit
der individuellen Arbeitsleistung vom Arbeitslohn eine Stellung im ersten
Plane, die ihr die Wirklichkeit gar nicht zuweist. Was zunächst die tägiche
 Arbeitszeit betrifft, so geht schon aus dem oben Gesagten hervor,
daß sie wesentlich durch andere Faktoren als den Lohn bestimmt ist.
edenfalls kann keine Rede davon sein, daß ein steigender Lohn zu einer
Verlängerung der täglichen Arbeitszeit aufmuntert. Im Gegenteil können
ir als normalen Zug der Entwicklung feststellen, daß mit steigendem
Arbeitslohn die Ansprüche auf Verkürzung der Arbeitszeit immer stärker
ervortreten und sich auch durchzusetzen vermögen. Die sogenannte
„Unannehmlichkeitstheorie‘“ (‚„disutility theory‘), nach welcher der
Arbeitslohn eben die Unannehmlichkeit der letzten Verlängerung des
Arbeitstages decken soll und durch diese Bedingung bestimmt wird,
erscheint als eine ziemlich inhaltslose theoretische Konstruktion, besonders
 angesichts der Tatsache, daß der einzelne, der doch allein eine
irkliche Empfindung dieser Unannehmlichkeit haben kann, wie oben
gesagt, praktisch keinen Einfluß auf seine tägliche Arbeitszeit hat.
- Die Qualität der dargebotenen Arbeit steht dagegen unzweifelhaft
in einer gewissen Abhängigkeit vom Arbeitslohn. Die Intensität der
modernen Arbeit setzt notwendig eine entsprechend hohe Lebenshaltung
der Arbeiter voraus, und der Arbeitslohn kann gewissermaßen den notendigen
 Unterhalts- und Betriebskosten der Maschinen gleichgestellt
erden. Dabei muß jedoch wieder beachtet werden, daß eine Erhöhung
des Arbeitslohns keineswegs sicher, noch weniger unmittelbar, eine
Stärkung der Effektivität der Arbeit herbeiführt. Eine solche Wirkung
des höheren Arbeitslohns ist vielmehr wesentlich von anderen Voraussetzungen
 mit bedingt, die sich auf den Volkscharakter, das Erziehungsesen,
 die allgemeine Konsumtionsrichtung usw. beziehen. Eine Steigerung
 der Lebensführung des Arbeiters und damit der Effektivität der
TR ist meistens auch nur das Ergebnis einer langsamen Entwickeung,
 läßt sich nicht einfach mit einer Erhöhung des Arbeitslohns
kaufen. Der sozialpolitische Wert einer Lohnsteigerung scheint in hohen
        <pb n="341" />
        © Kap. VIH. Der Arbeitslohn.
Grade davon abzuhängen, ob sie langsam oder plötzlich eintritt. Eine
zu schnelle Lohnsteigerung kann leicht Fleiß und Regelmäßigkeit des
Arbeiters herabsetzen oder ihn zu einer unwirtschaftlichen, zuweilen sogar
 seine Arbeitskraft direkt schädigenden Konsumtion verleiten und
somit Gewohnheiten erzeugen, die für seine ganze künftige Wirtschaftsführung
 verderblich werden und den Vorteil der Lohnsteigerung
vielleicht ganz überwiegen. Die Schnelligkeit, mit welcher der junge
Arbeiter unter modernen Verhältnissen sein höchstes Einkommen erreicht,
 zeigt aus diesen Gründen oft unvorteilhafte Wirkungen. Ein
hoher Arbeitslohn ist nach dem Gesagten wohl eine notwendige, keineswegs
 aber eine hinreichende Bedingung einer Arbeit von hoher Effektivität.

Es kann auch nicht allgemein behauptet werden, daß der Arbeitslohn
 notwendig die laufenden Unterhaltskosten der Arbeitskraft decken
muß. In Wirklichkeit kommen schwache und wirtschaftlich minderwertige
 Arbeiter in so großen Massen vor, daß ihr Lohn nach dem
Prinzip der Knappheit manchmal auf einen Betrag herabgedrückt wird,
der auch zur Deckung der bloßen Unterhaltskosten der Arbeitskraft
nicht hinreicht. Dies ist wiederum eine spezielle Bekräftigung unserer
Auffassung des Angebots von Arbeitskraft als eines wesentlich durch
selbständige Bestimmungsgründe gegebenen Faktors des Preisbildungsproblems.

Es kann notwendig werden, so niedrige Arbeitslöhne durch Beihilfe
 der Familie, in besonderen Fällen auch durch Wohltätigkeit oder
durch öffentliche Armenpflege zu ergänzen. Es ist folglich nicht möglich,
 das Kostenprinzip für die menschliche Arbeitskraft streng aufrecht
 zu erhalten. Es ist aber anderseits offenbar, daß Unterstützungen
dieser Art immer schädliche Wirkungen haben müssen. Jede gesunde
Sozialpolitik muß darauf zielen, Menschen im größtmöglichen Umfang
zur Selbstverantwortlichkeit zu erziehen, und wird somit das Kostenprinzip
 auch für die menschliche Arbeit im größten Umfang aufrechtzuerhalten
 suchen. Eine Theorie des Arbeitslohns, die davon ausgehen
wollte, ‚daß solche Bestrebungen ihr Ziel schon vollständig erreicht
hätten, würde sich aber viel zu weit von der Wirklichkeit entfernen.
Es geht aus dem Gesagten unzweifelhaft hervor, daß ähnlich wie
das Angebot von Arbeitern, auch das Arbeitsangebot pro Arbeiter in
erster Linie als gegebener Faktor des Preisbildungsprozesses zu betrachten
 ist. Sowohl die tägliche Arbeitszeit wie die Regelmäßigkeit und die
Intensität der Arbeit werden wesentlich von allgemeinen, außerhalb des
Preisbildungsprozesses stehenden Faktoren bestimmt. Der Einfluß des
Arbeitslohns selbst tritt vollständig in den Hintergrund oder vermag sich
jedenfalls nur nach längeren Zeiten und unter Mitwirkung anderer Faktoren
 geltend zu machen. Daß unter solchen Verhältnissen die richtige
erste Approximation der Preisbildungstheorie in der Voraussetzung

328
        <pb n="342" />
        8 39. Der Arbeitslohn in der sozialistischen Gesellschaft. 329
einer Unabhängigkeit der Arbeitsleistung vom Arbeitslohn liegt, ist
offenbar. Mit dieser Voraussetzung tritt aber die Knappheit der Arbeit
als der erste Bestimmungsgrund des Arbeitslohns hervor, während die
Auffassung des Arbeitslohns als notwendige Entschädigung für eine
Leistung vollständig in den Hintergrund gedrängt wird.
Es soll hier zuletzt die Bemerkung hinzugefügt werden, daß, obwohl
 der Arbeitslohn selbst auf die Arbeitsleistung nur eine sehr beschränkte
 Wirkung ausübt, die Form, unter welcher der Lohn bezahlt
wird, doch einen unmittelbaren und starken Einfluß auf die Arbeitsleistung
 auszuüben vermag. Diejenigen Lohnformen, die nicht nur die
Arbeitszeit oder die Arbeitsleistung, sondern auch die Arbeitsleistung
pro Zeiteinheit einen Einfluß auf den Lohn gewinnen lassen, haben unzweifelhaft
 eine starke Wirkung auf die Arbeitsintensität (zuweilen vielleicht
 eine zu starke, ein gesundes Wirtschaften mit der Arbeitskraft bedrohende
 Wirkung). Die Lohnformen haben deshalb einen nicht unwichtigen
 Platz unter den Faktoren, die das Angebot von Arbeit bestimmen,
 und die die Preisbildungstheorie also als gegebene Momente
aufzufassen hat.
$ 39. Der Arbeitslohn in der sozialistischen
Gesellschaft.
Die sozialistischen Anschauungen über das Problem des Arbeitslohns
 sind zwar nicht zu einem völlig einheitlichen und allgemein anerkannten
 logischen System ausgebildet. Doch ist es nicht schwierig,
eine Vorstellung von dem, was in diesen Anschauungen den innersten
Kern bildet, zu gewinnen. Der wesentliche Fehler der bestehenden Gesellschaftsordnung
 in spezieller Hinsicht auf die Arbeiterfrage liegt nach
sozialistischer Auffassung, wie schon oben ($ 32) näher ausgeführt,
darin, daß sowohl Lohn wie Beschäftigung des Arbeiters von der Marktlage
 abhängen, nach geschäftlichen Gründen bestimmt werden. Durch
dieses System wird die Arbeit zu einer gewöhnlichen Handelsware
herabgesetzt, was weder mit der Würde des Arbeiters als Mensch noch
mit seinem Recht als Mitglied der produzierenden Gesellschaft vereinbar
 sei. Der Sozialismus verwirft eine solche Gesellschaftsordnung und
fordert neben einer vollständigen Beschäftigung der Arbeiter, also Beseitigung
 der Arbeitslosigkeit, speziell auch eine Bestimmung des
Arbeitslohns nach objektiven Gründen. Bei Fixierung des Lohns kann
wohl Rücksicht genommen werden auf die Tauglichkeit des Arbeiters,
auf die Länge der für seine Ausbildung erforderlichen Zeit, auf die
Schwierigkeit oder Unannehmlichkeit der Arbeit usw., aber jedenfalls
nur auf objektive, in der Natur der Arbeit begründete Momente, grundsätzlich
 nicht auf die Marktlage, auf die Zahl der konkurrierenden
        <pb n="343" />
        x Kap. VIII. Der Arbeitslohn.
Arbeiter und ähnliche Momente. In diesen Forderungen liegt, wie $ 32
bemerkt, der zentrale Inhalt des sozialistischen Programms einer „Abschaffung
 des Lohnsystems‘‘.
Durch die genannten Forderungen wird indessen offenbar ein ganz
neues Ziel für die Preisbildung aufgestellt. Während die Preisbildung
der Tauschwirtschaft nach unseren grundlegenden Untersuchungen prinzipiell
 nur den Zweck hat, die Konsumtion so zu beschränken und die
Anwendung der Produktivkräfte der Tauschwirtschaft so zu leiten,
eventuell auch das Angebot dieser so zu stimulieren, daß Übereinstimmung
 zwischen Angebot und Nachfrage hergestellt wird, stellen die sozialistischen
 Forderungen auch noch den Anspruch an die Preisbildung,
 daß sie die gesellschaftliche Einkommensverteilung regulieren
soll und zwar nach selbständigen, objektiv-ethischen Gründen unter Ausschluß
 aller Rücksichten auf die Marktlage. Dieser Anspruch ist aber,
wie leicht zu sehen ist, unvereinbar mit dem allgemeinen tauschwirtschaftlichen
 Zweck der Preisbildung. Die Preisbildung ist, wie unsere
Untersuchungen ergeben haben, durch diesen Zweck im großen. bestimmt
 und kann folglich keiner zweiten Bedingung unterworfen werden.
Bei einer Preisbildung, die eine bestimmte Einkommensverteilung
durchsetzen will, ist es offenbar nicht möglich, gleichzeitig sowohl die
Freiheit der Konsumtion wie die Freiheit der Berufswahl, der Ortswahl
und der Fortpflanzung, mit einem Worte -die Freiheit des Angebots an
Arbeitskraft aufrechtzuerhalten, und die Verwirklichung der sozialistischen
 Wünsche müßte also wesentliche Werte der Tauschwirtschaft
preisgeben.
Es liegt in der Natur der Tauschwirtschaft, daß sowohl Lohn wie
Beschäftigung Ausdrücke für die Nachfrage nach Arbeitsleistungen
bei einem bestehenden Angebot sind. Der viel umschriebene „Wert“ der
Arbeit kann in der Tat nur als der Preis. der Arbeit im oben untersuchten,
 vom Prinzip der Knappheit beherrschten, idealen Preisbildungsprozeß
 definiert werden.‘ Mit dieser Definition ist auch der einzig mögliche
Inhalt solcher etwas unbestimmten, aber sehr beliebten und viel ausgenutzten
 Ausdrücke, wie „der volle Arbeitsertrag‘, „der wahre Anteil
des Arbeiters im Produktionsergebnis‘‘ usw., scharf und klar angegeben.
Eine Preisbildung, die den Arbeitslohn nach dem Prinzip der Knappheit
bestimmt, steht der Einkommensverteilung der Gesellschaft indifferent
gegenüber. Will man diese Preisbildung unter Bewahrung der Grund-Jagen
 der Tauschwirtschaft zugunsten der einen oder anderen Gruppe
von Arbeitern beeinflussen, so liegt kein anderer Weg offen, als der
einer Regulierung des „Werts‘ der Arbeit, also einer Beeinflussung der
Marktlage in solcher Richtung, daß der Preis der Arbeit gesteigert wird.
Zu einer derartigen Regulierung des Arbeitsmarkts bieten sich nach
unseren früheren Ausführungen schon in der bestehenden Tauschwirtschaft
 verschiedene Mittel. Dahin gehören sozialpolitische Maßnahmen,

330
        <pb n="344" />
        $ 39. Der Arbeitslohn in der sozialistischen Gesellschaft. Öl
die darauf ausgehen, die Überfüllung von schlecht bezahlten Berufen
zu verhindern, die offenbare Unterbezahlung der Arbeit in gewissen
Berufen durch Feststellen von Minimallöhnen zu bekämpfen, allgemein
eine Lebensführung ohne Deckung der wahren Lebenskosten möglichst
zu erschweren. Einer positiven Stärkung der Stellung der Arbeit auf
dem Arbeitsmarkt dient die Volkserziehung, ganz besonders die gewerbliche
 Ausbildung, ferner auch ein gutorganisierter und rationell
geleiteter Arbeitsnachweis, eine angemessene örtliche Verteilung der
Bevölkerung, eine Begrenzung der. Volksvermehrung in den Bevölkerungsschichten,
 wo sie übermäßig groß ist, schließlich unter Umständen
auch eine gewisse allgemeine Begrenzung der Volksvermehrung im
Verhältnis zu den Zuwachsmöglichkeiten der anderen Produktionsfaktoren,
 Boden und Kapital. Allgemein wird endlich die Marktlage
für die Arbeit durch Stärkung der gesellschaftlichen Kaufkraft, also
durch Erhöhung der Produktivität der Arbeit und damit der gesellschaftlichen
 Gesamtproduktion, verbessert.
Die sozialistische Gesellschaft müßte in der Tat denselben Weg
gehen, also durch ähnliche Mittel wie die hier angegebenen oder durch
andere, die sich als zweckmäßig erweisen könnten, die Marktlage der
Arbeiter dahin zu beeinflussen suchen, daß die Arbeit einen angemessenen
Wert bekäme. Wenn dies der sozialistischen Gesellschaft gelänge,
wäre es überflüssig, den Arbeitslohn in anderer, dem Prinzip der Knappheit
 widerstreitender Weise zu regulieren zu suchen. Durch jeden
solchen Versuch müßte auch die sozialistische Gesellschaft gegen ihr
altes Programm einer Verwirklichung des Rechts auf den vollen Arbeitsertrag
 verstoßen. Denn, wenn dieses Recht den Arbeitern durch die
ideale Preisbildung auf Grund des Prinzips der Knappheit gewährleistet
ist, muß ein beliebiges Eingreifen zur Regulierung des Arbeitslohns nach
anderen Gesichtspunkten einigen Arbeitern etwas von ihrem vollen
Arbeitsertrag rauben, um anderen einen Zuschuß über ihren vollen
Arbeitsertrag hinaus zu geben.
Nun könnte man einwenden, daß die sozialistische Gesellschaft
kraft der Aufhebung des Privateigentums an den materiellen Produktionsmitteln
 das „arbeitslose Einkommen‘‘ für sich in Anspruch genommen
 hat und dadurch imstande sein müßte, die Lage der ärmeren
Klassen zu verbessern, ohne von den höheren Arbeitseinkommen etwas
zu nehmen. Die sozialistische Gesellschaft hat aber selbst für die notwendige
 Kapitalbildung zu sorgen, für welchen Zweck ihr Zinseneinkommen
 wohl in erster Linie in Anspruch genommen werden müßte.
Es bleibt also nur das Einkommen aus den Bodenrenten der sozialistischen
 Gesellschaft. Man könnte dazu den durch Einführung der sozialistischen
 Wirtschaft ersparten Unternehmergewinn legen wollen. Eine
solche Ersparnis würde aber in der sozialistischen Wirtschaft nur als
eine höhere Effektivität der gesellschaftlichen Produktion hervortreten.

A
        <pb n="345" />
        s_-. Kap. VIII. Der Arbeitslohn.
Ob. aber die sozialistische Gesellschaft diese höhere Effektivität wirklich
 zu realisieren vermöchte, ist eine sehr zweifelhafte Frage, von
deren Beantwortung eben die Aussichten des sozialistischen Programms
wesentlich abhängen.
Nun muß aber die sozialistische Gesellschaft anderseits, ähnlich
wie unsere bestehende Tauschwirtschaft, eine Reihe rein kollektiver
Bedürfnisse befriedigen. Außerdem muß sie Ausgaben für Erziehung,
Kunst usw. bestreiten, welche jetzt aus den größeren Privateinkommen
bestritten werden. Wenn die sozialistische Gesellschaft, nach Deckung
der Kosten hierfür, Geld übrig hat, bedeutet dies nur, daß die Preise
der fertigen Güter im allgemeinen etwas reduziert werden können.
Das muß dann auch geschehen, da doch die Aufgabe der ganzen Preisbildung
 nur in der nötigen Begrenzung der Konsumtion liegt. Eine
solche Reduktion ist offenbar gleichbedeutend mit einer Distribution
eines Renteneinkommens der sozialistischen Gesellschaft nach .den
Prinzipien einer Konsumtionsgenossenschaft. Die Erhebung höherer
Preise als notwendig ist gleichbedeutend mit einer Besteuerung, aber
eine Besteuerung der höheren Arbeitseinkommen zugunsten einer
Verbesserung der niedrigeren ist immer noch ein Verstoß gegen das
Programm des Rechts auf den vollen Arbeitsertrag.
Übrigens muß auch in der sozialistischen Gesellschaft jeder Versuch,
 die niedrigen Arbeitseinkommen mit irgendwelchen Zuschüssen
zu ergänzen, notwendig dazu führen, daß es den niedriggestellten
Arbeitern in einer minderwertigen Beschäftigung zu bleiben erleichtert
wird, wodurch die Marktlage unumgänglich noch weiter verschlechtert
und also. auch der Arbeitslohn noch weiter herabgedrückt werden muß.
Das Ergebnis muß hier dasselbe werden, wie es aller Erfahrung nach
immer wird, wenn man einen niedrigen Arbeitslohn mit öffentlichen
Beiträgen zu ergänzen sucht. Die sozialistische Gesellschaft würde also
erfahren, daß wirkliche soziale Fortschritte nicht durch Überführung
von Arbeitseinkommen von der einen zur anderen Gruppe. der Gesellschaft,
 sondern lediglich durch solche Maßnahmen, welche den Wert
einer minderwertigen Arbeit erhöhen, erzielt werden können.
Dieses Ergebnis könnte auch mit Vorteil als Leitstern für alle
rationelle Sozialpolitik unserer bestehenden Gesellschaft dienen.

332
        <pb n="346" />
        Drittes Buch.
Das Geld.
Neuntes Kapitel.
Analyse des Geldwesens an der Hand seiner
Entwicklungsgeschichte.
$ 40. Die Anfänge des Geldwesens.
Die Entstehung des Geldes ist auf das innigste mit der Entwicklung
 des Tausches verknüpft. Der Tausch selbst ist aber ein verhältnismäßig
 spätes Ergebnis der wirtschaftlichen Entwicklung. Lange
bevor ein Austausch von Gütern sich als normale Gewohnheit ausgebildet
 hatte, war ein Erwerb von Gütern aus fremden Wirtschaften
in verschiedenen Formen möglich. Wir können an den Raub oder an
die durch Machtstellung irgendwelcher Art erzwungene mehr oder
weniger regelmäßige Abgabe denken. Von direkter Bedeutung für die
Entwicklung des Tausches ist die Gewohnheit Geschenke und Gegengeschenke
 zu geben gewesen!). Es ist nur eine natürliche Forderung,
daß das Gegengeschenk in einem gewissen Verhältnis zum Geschenk
ı) Einen guten Einblick in die Anschauung, die dieser Sitte zugrunde liegt, bietet
das altnordische Gedicht Havamal (in der älteren Edda). Da heißt es u. a.:
Nie fand ich so freigebig
Oder so gastfrei einen Mann,
Daß nicht er nähme, was angeboten,
Oder mit Schätzen seinen
So verschwenderisch,
Daß leidig wäre der Lohn, den er empfinge.
Mit Waffen und Kleidern
Deinen Freund du erfreue,
An dir selbst wird solches ersichtlich.
Mit Gaben und Gegengaben
Wird sie alt, die Freundschaft.
        <pb n="347" />
        u Kap. IX. Analyse des Geldwesens usw.
stehen sollte, und wir können sicher annehmen, daß schon auf sehr
frühen Stufen solche Verhältnisse gewohnheitsmäßig festgestellt und
anerkannt waren. Es war dann möglich, sich im voraus eine bestimmte
Gegengabe auszubitten und das Bedürfnis des Tausches konnte lange
in der alten Form von Geschenk und Gegengeschenk befriedigt werden.
Überall wo sich der Tausch zu einer normalen wirtschaftlichen Gewohnheit
 entwickelte, hat er sich aller Wahrscheinlichkeit nach anfänglich
 und noch lange Zeiten nach herkömmlichen, vielleicht priesterlich
 oder obrigkeitlich festgestellten Taxen vollzogen. Die Leistung
von Abgaben verschiedener Art hat wahrscheinlich auch sehr früh eine
bestimmte Tarifierung verschiedener Güter, welche als Zahlung angenommen
 wurden, notwendig gemacht. Denn selbstverständlich mußte
es in der Regel den verschiedenen Völkern, Stämmen und Einzelwirtschaften
 gestattet werden, die Abgaben in den Produkten, die sie
am leichtesten beschaffen konnten, zu entrichten.
Taxen, welche die relativen Wertverhältnisse verschiedener Güter
feststellen, sind aus den beiden angegebenen Gründen ein wirtschaftliches
 Bedürfnis, das sich allgemein auf den frühesten Stadien der Entwicklung
 der Tauschgewohnheiten hat geltend machen müssen. Auch
sind solche Taxen sowohl aus alten Inschriften wie auch aus primitiven
Wirtschaftsverhältnissen der Gegenwart bekannt. Wahrscheinlich ist
die Sitte bald vorherrschend geworden, die Werte verschiedener Güter
auf ein gemeinsames Gut, ein ‚„Standardgut‘‘, zu beziehen und zwar
entweder so, daß eine Einheit des Standardgutes gleich so und so vielen
Einheiten jedes der übrigen Güter, oder so, daß eine Einheit jedes der
übrigen Güter gleich so und so vielen Einheiten des Standardgutes
gesetzt wurden. Jedoch ist diese Wertschätzung der Güter in einem
gemeinsamen Standardgut unter primitiven Verhältnissen immer nur
für getrennte Gruppen von Gütern durchgeführt, und jede solche Gruppe
hat ihr eigenes Standardgut. Auf frühen Kulturstufen ist nämlich
die sehr natürliche Vorstellung vorherrschend, daß sehr wertvolle Güter
nicht gegen wesentlich niedriger geschätzte. ausgetauscht werden
können. So z. B. soll Elfenbein in Afrika nur gegen gewisse hochgeschätzte
 Waren, nicht aber gegen geringwertige austauschbar gewesen
 sein. Übrigens hat die genannte Vorstellung noch lange, auch
nach der Entwicklung einer Geldwirtschaft, Einfluß ausgeübt, was besonders
 durch verschiedene Maßregeln und Begründungen der merkantilistischen
 Politik ersichtlich wird.
Wenn also die frühen Tarife für die Schätzung der Güter in verschiedene
 getrennte Teile zerfielen, so hat sich das Bedürfnis, diese
Teiltarife zu einem zusammenhängenden zu vereinen, doch allmählich
geltend gemacht. Dieses Ziel war erreicht, sobald bestimmte Wertbeziehungen
 zwischen den verschiedenen Standardgütern zur Geltung
gelangten. Man hatte dann eine einheitliche Rechnungsskala, nach

134
        <pb n="348" />
        8 40. Die Anfänge des Geldwesens, 9
der alle Güter geschätzt werden konnten. Oft bestand diese Rechnungsskala
 aus einer ganzen Reihe von Einheiten, die miteinander
durch einfache Zahlenverhältnisse in Verbindung standen. Ridgeway
 gibt von Annam eine solche Skala mit fünf verschiedenen Einheiten):

1 Sklave (männlich) = 6 oder 7 Büffel;
IABRüffel1 =) A iKruken;
Kruke | = 4; Muk;
| Muk = u)10:Mats,
Die Bedeutung des „Muks‘‘ scheint verloren gegangen zu sein, und
der Muk ist folglich lediglich eine Rechnungseinheit. Die kleinste
Einheit, der „Mat“, ist eine Eisenhacke für den Ackerbau. An diesen
fünf Einheiten werden alle übrigen Güter geschätzt, und zwar werden,
um einen Wert genau auszudrücken, zuweilen mehrere Einheiten nebeneinander
 benutzt, z. B. ein feines Schwert = 1 Kruke, 1 Muk, 3 Mats.
Natürlich beweist die Existenz einer solchen Rechnungsskala nicht, daß
die wertvollsten Güter gegen die billigsten ausgetauscht werden. Die
Skala stellt aber jedenfalls eine formell einheitliche Rechnungsskala
für die Schätzung aller verschiedenen Güter dar.
Die Benutzung verschiedener Einheiten für die Schätzung von
teuren und billigen Gütern hat sich in allen Entwicklungsstadien der
Tauschwirtschaft zäh erhalten. Die Einteilung unserer modernen
Währungen in Mark und Pfennig, Franc und Centime stammt von dieser
Gewohnheit; die drei Einheiten der englischen Währung bilden ein
besonders gutes Beispiel der Zähigkeit, mit welcher sich die seit der
Antike auf diesem Gebiete herrschende Auffassung beibehalten hat.
Jede Einheit einer solchen Rechnungsskala muß notwendig eine
abstrakte Rechnungseinheit werden. Rechnet man z. B. in getrockneten
Fischen, muß sich die Rechnung offenbar auf Fische „durchschnittlicher
Größe und Qualität‘ oder irgendeines anderen Standards beziehen. Ein
Vorrat von 100 Fischen stellt dann nicht notwendig auch 100 ‚,Fische“
im Sinne der Rechnungseinheit dar. Noch deutlicher tritt dies hervor,
wenn wir die ungleich wichtigste aller solchen Rechnungseinheiten, das
Rindvieh, betrachten. Der „Ochse‘“ als Rechnungseinheit für Wertschätzungen
 bekommt notwendig eine besondere, rein abstrakte Bedeutung.
 Der wirkliche Ochse wird in dieser Einheit wie andere Güter
geschätzt und zwar, da auch primitive Völker den Wert des Ochsen,
nach Alter usw. sehr genau unterscheiden, zu sehr wechselnden Beträgen.
 Die abstrakte Natur der Rechnungseinheit zeigt sich in den
Fällen besonders klar, wo die Einheit ihre ursprüngliche Bedeutung
völlig verloren hat. In den Hudson-Bay-Ländern wurde lange nach
') Ridgeway-: Origin of metallic currency and weight standards. Cambridge
1892, :p. 23 u,.: 24;

3S
        <pb n="349" />
        5 Kap. IX. Analyse des Geldwesens usw.
„Skins“ gerechnet. Die ursprüngliche Bedeutung der Skins war ein
Biberfell, die Rechnungseinheit hatte aber allmählich den festen Wert
von 2 shillings bekommen, während die wirklichen Biberfelle natürlich
viel höher bewertet wurden?). Nicht selten dürfte auch die ursprüngliche
 Bedeutung der Rechnungsenheit ganz in Vergessenheit geraten
sein, wovon wir oben schon ein Beispiel sahen.
Die Summe, zu: welcher: ein‘ Gut!Eni@iner solchen abstrakten
 Rechnungseinheit geschätzt wird, ist offenbar ein
Preis; die Einheitistieine Preiseinheit und die ganze Rechnungsskala
 eine Preisskala. Die Preisrechnung ist also von
Anfang an eine Rechnung in einer abstrakten Einheit, die
immer eine vom Standardgute gewissermaßen losgelöste,
selbständige Existenz hat.
Wo eine Rechnungsskala der hier beschriebenen Art zustande gekommen
 ist, wird die zahlenmäßige Schätzung von Gütern offenbar sehr
erleichtert, was die Verbreitung des Tausches befördern muß. Die Entwicklung
 des Tauschverkehrs muß ihrerseits der Rechnungsskala
weitere Anwendung geben und ihre Stellung im allgemeinen Bewußtsein
 befestigen. Tauschverkehr und Rechnungsskala entwickeln sich
also Hand in Hand und ein auch einigermaßen vorgeschrittener Tauschverkehr
 ohne Rechnungsskala dürfte niemals vorhanden gewesen sein.
Wenn Güter in einer gemeinsamen Rechnungseinheit geschätzt
werden, kann ein Austausch derselben in der Weise stattfinden, daß
zunächst die Preise, sagen wir, für zwei auszutauschende Güter, festgestellt
 werden und dann solche Mengen der betreffenden Güter ’ausgetauscht
 werden, die denselben Preis haben, d.-h. dieselbe Summe
von Rechnungseinheiten vertreten. Damit zerfällt der Tausch in zwei
getrennte Handlungen, die. gewissermaßen den Charakter von Kauf
und Verkauf haben: A kauft von B die Ware b für eine Summe p;
gleichzeitig kauft B von A die Ware a für dieselbe Summe p; A zahlt
die Summe p durch die Lieferung der Ware a, die B sich verpflichtet
hat zu der Summe p entgegenzunehmen. Die Kaufs- und Verkaufshandlungen
 sind aber dabei noch aneinander gebunden, entbehren der
vollständigen Freiheit, die sie erst erreichen, wenn sie unabhängig von
einander stattfinden können.
Bei einseitigen Leistungen, z. B. Abgaben, Strafgeldern usw., dient
die Rechnungsskala zur Feststellung der Größe der Verpflichtung. Es
ist aber keineswegs notwendig, daß die Zahlungen auch in den Standardgütern
 der Skala geleistet werden; vielmehr kann es dem Verpflichteten
 gestattet werden, auch in bestimmten anderen Gütern nach
herkömmlichen oder besonders festgestellten Preisen oder gar in quo
potuerit zu zahlen?).
1) Jevons, Money. London 1899, p. 21.
®) Vgl. Bücher: Die Entstehung der Volkswirtschaft. 1904. p. 131.

336
        <pb n="350" />
        $ 40. Die Anfänge des Geldwesens. 87
Die Rechnungsskala kann also sowohl für den Tausch wie für die
einseitigen Leistungen eine wichtige Rolle spielen, ohne daß deswegen
die Standardgüter selbst zu materieller Anwendung zu kommen
brauchen.
Wenn ein Volk seine Produkte in einem Lande verkauft, wo es
keine Ware, die es braucht, als Zahlung bekommen kann, so hat das
betreffende Land vielleicht doch ein Produkt als Gegenwert zu liefern,
onach in einem dritten Lande Nachfrage besteht. Dann wird dieses
Produkt als Zahlung genommen und im dritten Lande ausgetauscht,
ijelleicht jetzt gegen eine Ware, die das erstgenannte Volk hoch
schätzt. Dieses Volk ist dann durch einen indirekten Tausch,
also durch Erwerb einer Ware, die ihm nur als Tauschmittel dient,
in den Besitz der von ihm wirklich begehrten Ware gelangt. Der beschriebene
 Umweg ist offenbar der einzig mögliche Weg zum Ziel,
wenn im dritten Lande die Produkte des erstgenannten Volkes überhaupt
 nicht verlangt werden, oder die Nachfrage nach ihnen so schwach
ist, daß der Verkäufer keinen Vorteil durch einen direkten Tausch
gewinnen würde, Der indirekte Tausch muß also die Tauschmöglichkeiten
 stark vermehren und somit den Tauschverkehr in hohem Grade
befördern.
Obwohl der indirekte Tausch von diesem Gesichtspunkt eine
außerordentlich große Bedeutung hat, wäre es jedoch unrichtig, den
indirekten Tausch und den Gebrauch von Tauschmitteln an und für sich
als Anfänge eines Geldwesens aufzufassen. Ein wirkliches Element des
eldwesens bildet erst das allgemeine Tauschmittel, d. h. das Gut,
das von allen Tauschenden als Tauschmittel benutzt wird und desegen
 regelmäßig als Gegenwert gegen andere Güter genommen wird.
Allgemeine Tauschmittel scheinen im Zusammenhang mit der Enticklung
 der Preisrechnung allmählich in Gebrauch gekommen zu
sein, Sicher ist, daß die Einführung allgemeiner Tauschmittel nie
der Preisrechnung vorangegangen sein kann, weil eben der Gebrauch
eines allgemeinen Tauschmittels eine Preisrechnung in diesem Tauschittel
 voraussetzt, sofern nicht eine andere Preisrechnung schon beteht.
 Die allgemeinen Tauschmittel brauchen keineswegs notwendig
mit den Standardgütern, die der Preisrechnung zugrunde liegen, identisch
 zu sein. Das Bedürfnis nach einem als Einheit der Preisschätzungen
dienenden Standardgut und das Bedürfnis nach einem allgemeinen
auschmittel sind zwei verschiedene Bedürfnisse des Wirtschaftslebens,
die auch mit verschiedenen Mitteln befriedigt werden können. Die Ansprüche,
 die an ein allgemeines Tauschmittel gestellt werden, sind auch
teilweise andere als die Ansprüche an ein Standardgut. Wenn sich
ein Gut spontan zu einem allgemeinen Tauschmittel entwickeln soll,
uß es natürlich an sich Gegenstand einer allgemeinen Nachfrage
ein. Nachdem das Gut schon allgemeines Tauschmittel geworden und

SS
        <pb n="351" />
        « Kap. IX. Analyse des Geldwesens usw.
als ‚solches allgemein anerkannt ist, kommt die Beliebtheit sozusagen
ganz von selbst, ist eine Frucht der neuen Eigenschaft des Gutes.
Die wesentlichen Ansprüche an ein allgemeines Tauschmittel als solches
sind drei, nämlich, daß es leicht aufbewahrbar, leicht transportabel
 und. bequem: teilbar. ist.
Soll ein Gut im Tausch genommen werden, nur um später zum Eintausch
 eines anderen Gutes zu dienen, muß es selbstverständlich leicht
aufbewahrbar sein. Es muß also von jedermann angenommen und ohne
besondere Schwierigkeiten oder Veranstaltungen aufbewahrt werden
können. Diese Forderung bekommt natürlich unter verschiedenen
Wirtschaftsformen eine verschiedene Bedeutung: Vieh kann in einem
Hirtenvolk im allgemeinen von jedem Haushalt angenommen werden,
bei höheren, arbeitsteiligen Kulturformen ist dies aber keineswegs der
Fall. Die allgemeine Aufbewahrbarkeit bedeutet auch ‚eine Dauerhaftigkeit,
 die auf ihrer höchsten Stufe Unzerstörbarkeit ist.
Daß ein allgemeines Tauschmittel auch leicht transportabel sein
muß, liegt auf der Hand. Die Forderung auf Transportabilität enthält
auf ihren höheren Stufen die Forderung, daß auch große Wertsummen
durch möglichst kleine Gewichte dargestellt werden, was nur bei
einer hohen Seltenheit des als Tauschmittel dienenden Gutes erreicht
wird.
Die Teilbarkeit ist schließlich eine wesentliche Eigenschaft eines
allgemeinen Tauschmittels, da dieses, um seinen Zweck zu erfüllen, in
beliebigen Quantitäten geliefert werden können! muß. Die volle Teilbarkeit
 schließt die Gleichmäßigkeit ein, welch&amp;amp;-verbürgt, daß verschiedene
 gleich große Stücke als identisch behandelt werden können.
Wenn man sich die Notwendigkeit dieser Forderungen an ein allgemeines
 Tauschmittel vergegenwärtigt, versteht man, daß die Güter,
die wegen ihrer hervorragenden wirtschaftlichen Bedeutung als Standardgüter
 für die Preisberechnung ausgewählt waren, nicht immer auch
als allgemeine Tauschmittel dienlich befunden wurden, sondern daß zum
Teil andere Güter zur Erfüllung dieser Funktion in Anspruch genommen
werden mußten. Das allgemeinste und wichtigste Standardgut der primitiven
 Kulturen, das Vieh, eignet sich, wie schon bemerkt, auf etwas
höheren Entwicklungsstadien wegen mangelnder ‚„Aufbewahrbarkeit‘‘
schlecht zu einem allgemeinen Tauschmittel. Die Forderung auf Teilbarkeit
 erfüllt es überhaupt nicht, und die Transportabilität, besonders
im Seeverkehr, muß lange sehr beschränkt gewesen sein.
; Es ist unter solchen Verhältnissen nur natürlich, daß, sobald das
Bedürfnis nach allgemeinen Tauschmitteln stärker hervortrat, nicht die
alten Haupteinheiten der Preisrechnung, sondern andere Güter, Vornehmlich
 Metalle und ganz besonders edle Metalle, zur Befriedigung
dieses Bedürfnisses herangezogen worden sind. Die besonderen Vorzüge‘der
 edlen Metalle als allgemeine Tauschmittel sind nach dem Ge-338
        <pb n="352" />
        $ 40. Die Anfänge des -Geldwesens. ‘9
sagten offenbar, Da sie sich außerdem immer als Schmucksachen
derjenigen allgemeinen Beliebtheit erfreut haben, die auf primitiven
Kulturstufen allein ein Gut zum allgemeinen Tauschgut erheben kann,
so erklärt sich leicht, warum die Edelmetalle das allgemeine Tauschmittel
 vor allen anderen geworden sind. Zur Darstellung kleinerer
Summen kamen dann gleichzeitig auch andere Metalle, besonders Kupfer
(Bronze) und Eisen, zur Anwendung.
Wenn als allgemeine Tauschmittel andere Güter als die Standardgüter
 der Preisrechnung Verwendung finden sollen, müssen sie offenbar
in den geltenden Preiseinheiten tarifiert werden, das heißt, sie müssen
allgemein anerkannte Preise haben. Diese Forderung ist bei der großen
Stabilität der Preisbildung unter primitiven Wirtschaftsverhältnissen
wohl meistens leicht erfüllbar. Die obrigkeitlichen Verfügungen darüber,
mit welchen Gütern bestehende einseitige Verpflichtungen erfüllt werden
dürfen, haben wahrscheinlich auch als besondere Tarifierung passender
Tauschmittel eine wichtige Bedeutung gehabt.
Sobald ein allgemeines Tauschmittel in der bestehenden Preisrechnung
 tarifiert worden ist, bekommt es den Charakter eines allgemeinen
Zahlungsmittels. Das allgemeine Zahlungsmittel macht es möglich,
 den Verkauf einer Ware als ein isoliertes Geschäft durchzuführen:
die Verpflichtung, die der Käufer auf sich nimmt, die Ware gegen
eine in der Preiseinheit bestimmte Summe zu übernehmen, kann jetzt
unmittelbar erfüllt werden, ohne daß dafür eine Vervollständigung
der Verkaufshandlung mit einer Kaufhandlung im-.entsprechenden Betrage
 erforderlich ist. Die normale Form der Güterübertragung wird
jetzt die einseitige, bei welcher die Gegenleistung in einer Zahlung
besteht. Auch alle einseitigen Verpflichtungen können nunmehr durch
Zahlungen im allgemeinen Zahlungsmittel erfüllt werden.
Wenn der Gebrauch von allgemeinen Zahlungsmitteln sich einbürgert,
 ist es natürlich, daß die alten Preiseinheiten ihren Zusammenhang
 mit den Standardgütern verlieren und mehr und mehr rein ab-Strakte
 Rechnungsbegriffe werden. Die wirtschaftliche Bedeutung
dieser Preiseinheiten bestimmt sich offenbar durch die allgemeine
Höhe der Preise und ist also fixiert in demselben Maße wie die Preisbildung
 überhaupt unbeweglich ist. Einen besonderen Einfluß auf den
Wert der Rechnungseinheit hat aber die Tarifierung der allgemeinen
Zahlungsmittel insofern nämlich als bei dieser Tarifierung die Willkür
irgendeines Machthabers sich geltend macht. Wenn einem gewissen
Zahlungsmittel eine bestimmte „gesetzliche Zahlungskraft“ beigelegt
 wird, d. h. wenn verfügt wird, daß Zahlungsverpflichtungen
in der bestehenden Preiseinheit mit einem gewissen Zahlungsmittel
nach einem bestimmten Verhältnis erfüllt werden können, muß dies
offenbar auf die Dauer sämtliche Preise beeinflussen und ‚somit ‚auch
der ‚Preiseinheit eine neue materielle Bedeutung geben. Sobald eine
DT

33:
al
        <pb n="353" />
        Kap. IX. Analyse des Geldwesens usw.
Staatsmacht sich die Regulierung des Zahlungswesens vorbehalten
hat, ist also die wirtschaftliche Bedeutung der Preiseinheiten auf die
Dauer von der Zahlungskraft, die dem einen oder anderen Zahlungsmittel
 gegeben wird, vollständig abhängig.
| Die Preisrechnung und das allgemeine Zahlungsmittel zusammen
bilden das Geldwesen. Das Geldwesen ist also aus zwei natürlichen
Bedürfnissen des Verkehrs durch einen wahrscheinlich sehr langsamen
ntwicklungsprozeß entstanden. Diese Entwicklung hat sicher auf
allen Stufen mit der Entwicklung des Tauschverkehrs selber gleichen
Schritt gehalten. Schon in den ältesten Quellen, in denen überhaupt
von einem Verkehr die Rede ist, finden wir eine Preisrechnung, und
allgemeine Zahlungsmittel sind unzweifelhaft überall da im Gebrauch gewesen,
 wo der Verkehr eine auch nur einigermaßen höhere Ausgestalung
 gewonnen hat. Auch später ist die Entwicklung.des Tauschverkehrs
 derjenigen des Geldwesens nie vorausgeeilt. Als schließlich im
neunzehnten Jahrhundert der Tauschverkehr unter Verdrängung der
alten Eigenwirtschaft eine wirkliche Tauschwirtschaft schuf, da erreichte
auch das Geldwesen seine jetzige Vollendung.
„Dieser Versuch, die Grundzüge der Entstehungsgeschichte des Geldesens
 analytisch zu rekonstruieren, wird sehr gut durch die Darstellung
bestätigt, die Ridgeway von der entsprechenden Entwicklung in
der antiken Welt gibt. Nach diesem ausgezeichneten Kenner ist im
ganzen mittelländischen Kulturgebiet — vom Atlantischen Ozean bis
nach Zentralasien — der Ochse Jahrtausende hindurch als Haupteinheit
ür die Preisrechnung benutzt worden. Daneben kamen auch Untereinheiten,
 wie z. B. das Schaf, vor. Vielleicht wurde auch der Sklave als
eine höhere Einheit (im Werte von drei Ochsen) benutzt. Schon sehr
früh sind aber andere Güter, die Metalle, als allgemeine Tausch- oder
Zahlungsmittel in Gebrauch gekommen. Auf den frühesten Stufen
wurden die Metalle nach Maß geschätzt, etwa in Stangen hergestellt
und mit einer dem menschlichen Körper entnommenen Längeneinheit
emessen. Gold wurde in der Form von Armringen (oft spiralförmig)
als Schmuck, aber auch bei Bedarf als Zahlungsmittel benutzt, wobei
die Form die Schätzung der Menge erleichterte. Zur Erleichterung
ihres Gebrauchs als Zahlungsmittel wurden die Metalle auch in Stücken
bestimmter Größe in Form von Ringen, Nägeln, Nadeln usw. hergestellt.
as Wiegen ist erst durch das Bedürfnis, das teuerste der Metalle, das
Gold, in genauen Quantitäten abzuschätzen, entstanden. Als erste Gewichte
 sind verschiedene Getreidekörner und andere Samen En
worden, wovon noch die englische Gewichtseinheit „grain‘“ und das
um Wiegen von Gold bis in unsere Zeit benutzte „karat‘“ (gleich Keration,
 der Kern der Johannisbrotfrucht) zeugen. Nun ist es eine sehr
bemerkenswerte Tatsache, daß Gold immer in einer Einheit gemessen
wurde, die dem Wert eines Ochsen entsprach. Diese Einheit hatte das

340
        <pb n="354" />
        8 40. Die Anfänge des Geldwesens. 341
Gewicht von ungefähr 130 grains troy (= 8,4 g). Auch vor der Erfindung
 des Wiegens wurde Gold wahrscheinlich in Stücken hergestellt,
die den Wert des Ochsen darstellten. Das Gewichtssystem hat sich
dann einfach dieser Tradition angeschlossen und die erste Gewichtseinheit
 wurde das Stück Gold, das seit alters her als die Goldeinheit betrachtet
 wurde und den Wert eines Ochsen vertrat.
Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß diese Goldmenge als Zahlungsmittel
 in der noch viel älteren Preisrechnung nach der Ochseneinheit
 gebraucht worden’ ist. Dabei ist die Rechnung in „Ochsen“ noch
lange beibehalten worden, und die Ochsenskala ist in eine rein abstrakte
Rechnungsskala umgewandelt worden, deren Zusammenhang mit ihrem
Ursprung wahrscheinlich für das allgemeine Bewußtsein verloren gegangen
 ist und nach der die wirklichen Ochsen zu verschiedenen
Preisen gehandelt und in Gold bezahlt wurden. Es ist unter solchen
Verhältnissen nur natürlich, wenn die Goldmenge, die einen Ochsen vertrat,
 mit dem Namen „Ochse“ bezeichnet wurde, und wenn dieser Name
auch beibehalten wurde, nachdem die betreffende Goldmenge die Form
einer Münze erhalten hatte. Das wesentliche der Entwicklung liegt also
darin, daß eine bestimmte Goldmenge, die im Wert dem Ochsen gleich
geschätzt wurde, allgemein als Zahlungsmittel mit bestimmter Zahlungskraft
 anerkannt wurde. Mit dem Hervortreten der Staatsmacht ist diese
Zahlungskraft auch eine gesetzliche geworden. Unter diesen Veränderungen
 ist der Zusammenhang der Rechnungseinheit mit dem wirklichen
Ochsen aufgelöst worden.
Auch andere Metalle sind als Zahlungsmittel in Quantitäten, die
den früheren Rechnungseinheiten angepaßt waren, benutzt worden. So
in Rom das Kupfer, von dem 100 as dem Wert des Ochsen, 10 as dem
Wert des Schafes gleichgesetzt wurden,
Der Begriff des Geldwesens ist notwendig an das Vorhandensein
einer Rechnungsskala und eines in dieser anerkannten Zahlungsmittels
gebunden. Man könnte darüber streiten, welches von diesen Elementen
des Geldwesens das wichtigste ist. In diesem Sinne könnte wohl die
Rechnungsskala den Vorrang beanspruchen, daß eine Wertschätzung
in einer bestimmten Rechnungseinheit möglich ist und sogar einem
Güteraustausch zugrunde liegen kann, ohne daß ein allgemeines Tauschoder
 Zahlungsmittel zur Anwendung kommt, während die Ausbildung
eines solchen mit Notwendigkeit die allgemeine Benutzung einer Rechnungseinheit
 voraussetzt. Für unser tatsächlich bestehendes Geldwesen
 sind aber beide Elemente ohne Zweifel unentbehrlich, wobei
natürlich ein Vergleich ihrer Wichtigkeit ausgeschlossen ist.
Die Geldtheorie hat meistens ihre Aufmerksamkeit in erster Linie
auf die Analyse des Wesens des Geldes gerichtet. Da aber das Geld
dabei wesentlich als ein materielles Gut aufgefaßt wurde, mußte das
        <pb n="355" />
        Sa Kap. IX. Analyse des Geldwesens usw.
materielle Zahlungsmittel in unrichtiger Weise in den Vordergrund
gestellt werden. Man hat sich gefragt, welche charakteristischen Eigenschaften
 erforderlich sind, wenn ein Ding als Geld in diesem materiellen
Sinn bezeichnet werden soll. Es ist jedoch allmählich klar geworden,
daß der Begriff des Geldes nicht durch Eigenschaften irgendeines
Dinges, sondern durch die wesentlichen Funktionen des Geldes bestimmt
werden: muß. Die Konsequenz dieser, Auffassung ist aber, daß die
Analyse direkt auf die wesentlichen Geldfunktionen gerichtet werden
muß. Die Zusammenfassung der Einrichtungen, durch welche diese
Funktionen erfüllt werden, muß dann als das Geldwesen bezeichnet
werden. Die Frage, was als materielles Geld gelten soll, bekommt dann
erst in zweiter Linie Interesse. Sie kann im allgemeinsten Sinne dahin
beantwortet werden, daß jedes allgemeine Zahlungsmittel, das an sich
als solches anerkannt wird, ‚,Geld‘“ ist. Offenbar ist aber, daß der Geldcharakter
 eines solchen Geldes desto stärker hervortritt, je ausschließlicher
 es als Geld verwendet wird, oder verwendet werden kann, also
je mehr sich das ‚Geld‘ von der „Ware‘‘ loslöst.
Für die theoretische Ökonomie hat unsere Analyse des Geldwesens
eine besondere Bedeutung: Wie die Preisrechnung eine primäre praktische
 Notwendigkeit für jede Tauschwirtschaft ist, so muß auch die
grundlegende Behandlung der Theorie der Tauschwirtschaft auf die
Voraussetzung einer Preisrechnung bauen. Es ist in den beiden ersten
Büchern des vorliegenden Werkes gezeigt worden, daß eine solche Theorie
als eine Theorie der Preisbildung durchgeführt werden kann, ohne
daß dabei besondere Rücksicht auf die Rolle der etwa vorhandenen
Zahlungsmittel genommen zu werden braucht. Die Analyse der Entstehung
 des Geldwesens zeigt, daß diese Rolle eine von der Rolle der
Preisskala begrifflich getrennte ist. Es ist dann für die theoretische Behandlung
 natürlich, die Rolle der Zahlungsmittel und besonders ihre
Bedeutung für die Preisskala zum Gegenstand einer Spezialuntersuchung
 zu machen. Damit ist die Aufgabe unseres dritten Buches’angegeben.

$ 41. Die Münzprägung und ihre Bedeutung.
Wenn sich einmal der Gebrauch von Metallen als Zahlungsmittel
eingebürgert hat, muß die Entwicklung notwendig zur Schaffung von
Münzen führen. Diese Entwicklung wird von zwei wichtigen Fortschritten
 bestimmt. Einmal hat man schon sehr früh, sogar vor der
Erfindung des Wiegens, um die Zahlung zu erleichtern, die Metalle in
gleich großen, den Rechnungseinheiten oder Teilen oder Multipeln derselben‘
 entsprechenden, Stücken hergestellt. Anderseits hat man’ das

“2
        <pb n="356" />
        8 41. Die Münzprägung und ihre Bedeutung. 3
Bedürfnis gefühlt, durch Stemplung von Metallstücken deren Gewicht
und Feingehalt anzugeben und zu beglaubigen, um damit einen immer
beschwerlichen und für die meisten Menschen geradezu unmöglichen
Prozeß von Wiegen und Gehaltprüfung zu vermeiden.
Diese Fortschritte sind jeder für sich wichtig genug. Erst die
Vereinigung beider hat aber eine entscheidende, man darf wohl sagen,
weltgeschichtliche Bedeutung gehabt: dadurch ist die Münze entstanden.

Durch die Entwicklung der Technik wurde es allmählich möglich
eine immer größere Gleichförmigkeit in der Herstellung der Münzen
zu erreichen, so daß der Unterschied zwischen verschiedenen Münzstücken
 nunmehr auf einen sehr kleinen Bruchteil beschränkt werden
kann. Die Stemplung ist zu einer vollständigen Prägung der ganzen
Oberfläche der Münze entwickelt worden, wodurch jeder Empfänger
der Münze sich überzeugen kann, ob auch die Münze ihren ursprünglichen
 Gehalt beibehalten hat.
Für die Anwendbarkeit der Münze ist es von entscheidender Bedeutung,
 daß die verschiedenen Münzstücke desselben Nennwerts ohne
Unterschied in Zahlung genommen werden können. Diesem Ideal der
gegenseitigen Vertretbarkeit oder „Fungibilität‘“ der umlaufenden
Münzen hat man sich auf den genannten Wegen allmählich genähert.
Die absolute Gleichstellung der individuellen Münzstücke als Zahlungsmittel
 konnte aber besonders auf früheren Stufen nur durch die
staatliche Gesetzgebung erreicht werden. Schon früh hat sich der
Staat die Münzprägung vorbehalten und den Münzen eine gewisse gesetzliche
 Zahlungskraft in einer bestimmten Preisskala gegeben. Diese
gesetzliche Zahlungskraft kommtallen Münzen, die noch von der Gesetzgebung
 als gültig anerkannt werden, unterschiedslos nach ihrem Nennwert
 zu. Im Zahlungsverkehr kann man also von jeder Verschiedenheit
 unter den individuellen Münzstücken desselben Nennwerts absehen,
 In den Fällen, wo die Münzen als Metall verwertet werden,
mag wohl noch ein Unterschied zwischen verschiedenen Münzen nach
ihrem Metallgehalt gemacht werden, so lange sie aber Münzen bleiben,
sind sie als untereinander identisch zu betrachten.
Diese rechtliche Identität der Münzen ist von durchgreifender Bedeutung.
 Die Preisskala rechnet, wie wir gesehen haben, immer mit
Einheiten von fingierter Identität. Durch die Münzprägung wird ein
materielles Tauschmittel: von derselben Vertretbarkeit wie diejenige der
Rechnungseinheit der Preisskala geschaffen.
Die Einheitsmünze erhält einen Namen, entweder nach der alten
Rechnungseinheit: oder nach dem Gewicht des Metalls (Mark, Pfund,
Lire) oder‘ nach. irgendeinem zufälligen Grund. Sehr bezeichnend ist
der Name „‚Krone‘‘, durch welchen nur die Münzhoheit des Staates
hervorgehoben wird. Wird nun die Einheitsmünze z. B. als Krone be-34:
        <pb n="357" />
        344 Kap. IX. Analyse des Geldwesens usw.
zeichnet und wird diese Einheit auch der Preisskala zugrunde gelegt,
so werden in dem betreffenden Lande sämtliche Preise in Kronen gerechnet.
 Wie es immer der Einheit einer Preisskala geht, wird nun auch
die „„Krone‘‘ eine rein abstrakte und selbständige Rechnungseinheit ohne
unmittelbaren oder notwendigen Zusammenhang mit ihrer ursprünglichen
 konkreten Unterlage. Die Verbindung zwischen der Preisskala,
also der Kronenrechnung, und dem Zahlungsmittel, wird jetzt durch die
gesetzliche Bestimmung hergestellt, daß Zahlüungsverpflichtungen in
Kronen durch die Münze Krone erfüllt werden. Über die Beschaffenheit
dieser Münze aber bestimmt der Staat. Durch dieses Verfügungsrecht
über das, was als gesetzliches Zahlungsmittel gelten soll, hat der Staat
die Preisskala in seiner Hand und kann unter Beibehaltung der formellen
Identität ihre materielle Bedeutung wesentlich abändern.
Solche Veränderungen haben im Laufe der Zeit unaufhörlich stattgefunden.
 Da die schlechte Münze als gleichwertig mit der guten gilt,
liegt die Versuchung nahe, die Münzen unterwertig auszuprägen, um
dadurch einen Gewinn zu erzielen. Bei solchen Münzverschlechterungen,
 die Jahrtausende lang von den Inhabern der Staatsgewalt getrieben
 worden sind, konnte die Identität der Preisskala gewöhnlich
aufrechterhalten werden. Aber noch mehr: der Staat hat auch das
Metall, das der Preisskala zugrunde liegen sollte, durch ein anderes
Metall ersetzt, ohne auch dann die Identität der Preisskala aufzugeben.
Als Beispiel kann der moderne Übergang von der Silberwährung zur
Goldwährung gelten. Ja, der Staat kann sogar der Preisskala jede
metallische Grundlage entziehen und Papierscheine als gesetzliche
Zahlungsmittel erklären und dabei dennoch die rechtliche Identität
der Preisskala aufrechterhalten.
In dieser Entwicklung erscheint die Preisskala wie immer als eine
abstrakte Rechnungsskala, die erst durch das Feststellen eines Zahlungsmittels,
 das in ihr eine bestimmte Zahlungskraft haben soll, näher
fixiert wird. Als wir im ersten Buche das allgemeine Problem der
Preisbildung behandelten, haben wir alle Preise in einer gemeinsamen
abstrakten Einheit gerechnet. Es zeigte sich dann, daß die Preise im
großen ganzen bis auf einen multiplikativen Faktor bestimmt waren.
Dies bedeutet, daß nur die Verhältniszahlen zwischen verschiedenen
Preisen durch die Preisbildung in einer abstrakten Rechnungsskala sich
bestimmen lassen. Die Feststellung der Preise in absoluten Beträgen
hat zur Voraussetzung, daß die Preise außer den inneren Gleichgewichtsbedingungen
 des Preisbildungsprozesses noch einer Bedingung, die
die Preise in ein Verhältnis zum Gelde setzt, unterworfen werden.
Eine solche Bedingung ist gegeben, wenn einem gewissen Zahlungsmittel
 eine bestimmte Zahlungskraft in der Preisskala beigelegt wird.
Nur muß an das Zahlungsmittel die Forderung gestellt werden, daß
für die Versorgung der Tauschwirtschaft mit ihm eine gewisse Beal
        <pb n="358" />
        schränkung besteht, daß also eine gewisse Knappheit an dem Zahlungsmittel
 herrscht. Wenn diese Forderung erfüllt ist, genügt offenbar,
die Festlegung der Zahlungskraft des Zahlungsmittels, um die Willkürlichkeit
 der Preisbildung hinsichtlich der absoluten Höhe der Preise
aufzuheben und in diesem Sinne die Preisskala zu fixieren. Die wirtschaftliche
 Bedeutung der Rechnungseinheit hängt demnach wesentlich
von der Knappheit der Zahlungsmittel ab, denen in der Preisskala
eine bestimmte Zahlungskraft beigelegt wird. 77"
Wenn Münzen als Zahlungsmittel gelten, wird also die Bedeutung
der Rechnungseinheit wesentlich von der Begrenzung der Versorgung
der betreffenden Tauschwirtschaft mit diesen Münzen bestimmt. Da die
ünze nicht lediglich als Zahlungsmittel, sondern daneben immer auch
als Metall verwendet werden kann, unterscheidet man bei ihr zwischen
einem Metallwert und einem Münzwert. Das Verhältnis zwischen
ünzwert und Metallwert ist für ein solches Geldwesen immer von
grundlegender Bedeutung und die Bestimmungsgründe dieses Verhältnisses
 verdienen deshalb unsere besondere Aufmerksamkeit. Das
genannte Verhältnis bestimmt offenbar, in welcher Form die Münze
erwendung finden soll, Der Metallwert kann nicht den Münzwert
übersteigen, weil die Münze dann eingeschmolzen und als Metall verertet
 werden könnte, Allerdings, wenn eine solche Verwertung effektiv
verboten wird, ist ein Fallen des Münzwertes unter den Metallwert
öglich. Anderseits kann der Münzwert unter Umständen den Metallwert
 übersteigen, weil der Staat als Münzherr der Prägung gewisse
renzen setzen kann. X Se
Da der Münzpreis durch die gesetzlich festgesetzte Zahlungskraft
der Münze in der Preisskala formell fixiert ist, kann der Münzwert
offenbar nicht in dieser Preisskala als ein Preis ausgedrückt werden.
Für uns kommt es aber hier nur darauf an, daß das Verhältnis zwischen
Münzwert und Metallwert eine bestimmte: Bedeutung hat: offenbar ist
dieses Verhältnis vom Verhältnis zwischen der Quantität des Metalls,
die auf dem Markte für die Münze gegeben wird, und der in der Münze
enthaltenen ‚Quantität desselben Metalls bestimmt. Umgekehrt kann
das Verhältnis zwischen Metallwert und Münzwert als der Metallpreis
in der geltenden Preiseinheit definiert werden. | nn
| Wollen wir nun die allgemeinen Bestimmungsgründe des
ünzwerts angeben, so müssen wir selbstverständlich voraussetzen,
daß die Münze nicht in einer anderen Münze einlösbar ist und somit ihren
ert von dieser erhält. Der formellen Einfachheit wegen setzen wir
auch voraus, daß die Münze die Preiseinheit darstellt. a
| Wir haben dann drei verschiedene Fälle zu unterscheiden: 5
„1. Denken wir uns erstens, daß die Zirkulation nur aus einem ein-.
 igen Zahlungsmittel von völlig homogener Qualität besteht. Wenn eine
ewisse Knappheit an diesem Zahlungsmittel herrscht, kann der Wert

34
        <pb n="359" />
        Kap:. IX. Analyse des Geldwesens usw.
desselben möglicherweise über seinem Materialwert stehen. Wenn aber
das Zahlungsmittel in hinreichender Menge vorhanden ist, muß sein
‚Wert auf seinen Materialwert herabsinken. Ein Überfluß an Münzen,
der im Zahlungsverkehr keine Verwendung findet, kann offenbar nur
als Metall ‚verwertet ‘werden. Unter dieser Voraussetzung muß aber
der Münzwert gleich dem Metallwert sein. Die Bedingung dafür, daß
der Münzwert sich über den Metallwert erhöhen kann, ist eine hinreichende
 Knappheit an Zahlungsmitteln, eine Knappheit, die die Nachfrage
 nötigt, mehr als den bloßen Metallwert der Münze zu bieten, wenn
sie überhaupt in den Besitz der betreffenden Zahlungsmittel gelangen
will. Daß eine solche Knappheit an Zahlungsmitteln bestehen kann, und
daß infolgedessen Zahlungsmittel über ihren Materialwert geschätzt
werden können, ist von der Erfahrung mehrfach bestätigt.
2, Denken wir uns zweitens, daß zwei Zahlungsmittel A und B
vorhanden sind, von denen jedes für sich von durchaus homogener
Qualität ist und denen dieselbe gesetzliche Zahlungskraft beigelegt ist!
Nehmen wir an, daß von diesen beiden A den größeren Materialwert
hat. Wir haben dann zwei Hauptfälle zu unterscheiden. Entweder ist
vom Zahlungsmittel B hinreichend viel vorhanden oder nicht. Im ersten
Falle wird der Münzwert vom Materialwert des B bestimmt. A hat
dann einen höheren Metallwert als Münzwert und muß deshalb als
Metall verwertet werden. Die höherwertige Münze wird unter den gegebenen
 Voraussetzungen von der minderwertigen verdrängt und verschwindet
 aus der Zirkulation. Dieses Ergebnis entspricht dem Ssogenannten
 Greshamschen Gesetze, das populär aber wenig‘ exakt
in der Phrase „das schlechte Geld verdrängt das gute‘ ausgedrückt zu
werden pflegt.
Im anderen Hauptfalle, daß an B eine hinreichende Knappheit
herrscht, kann der Münzwert über dem Metallwert von B liegen. Dabei
kann der Wert der Preiseinheit noch hinter dem Metallwert von A
zurückbleiben oder gleich dem Metallwert von A sein oder schließlich
über diesen Wert hinausgehen. Dieser letzte Fall wird offenbar eintreten,
 wenn A und B zusammen einen Zahlungsmittelvorrat von hinreichender
 Knappheit darstellen.
3. Denken wir uns drittens, daß eine ganze Reihe von verschiedenen
Zahlungsmitteln zur Verfügung steht, unter welchen jede Qualität,
von der schlechtesten bis zur besten vertreten ist, und setzen wir ferner
voraus, daß damit der Bedarf an Zahlungsmitteln reichlich versorgt
ist. Unter diesen Voraussetzungen wird der Wert der Preiseinheit
offenbar durch den Metallwert des besten Zahlungsmittels, das noch
als Zahlungsmittel gebraucht werden muß, um die Bedürfnisse des
Verkehrs zu befriedigen, bestimmt. Die Münzen mit höherem Metallgehalt
 werden eingeschmolzen und dem Zahlungsverkehr entzogen.
Wir finden also, daß der Münzwert nach dem Prinzip der Knapp-346
        <pb n="360" />
        8 42. Die Probleme der Münzzirkulation. 547
heit und dem Differentialprinzip geregelt wird. Im letzten Falle wird
der Münzwert von den teuersten, noch in Anspruch zu nehmenden
Münzen bestimmt. Unsere drei hier aufgestellten Sätze geben eine gute
Anleitung für die Beurteilung verschiedener praktischer Fragen des
Münzwesens.,
Die Schaffung von Zahlungsmitteln mit bestimmter gesetzlicher
Zahlungskraft und mit in der einen oder anderen Weise regulierten
Knappheit gibt nach dem Gesagten der Preisskala eines Landes ihre
fixierte Bedeutung. Wenn wir diese Preisskala in Verbindung mit der
gesamten staatlichen Regulierung der in ihr gültigen Zahlungsmittel
bezeichnen wollen, sprechen wir von der Währung des Landes.
Durch die Münzprägung wird ein Geld geschaffen, das als solches
wesentlich nur Geld ist und von welchem das Metall sich als Gut oder
Ware bestimmt unterscheidet. Allerdings kann die Münze eingeschmolzen
 und als Metall verwertet werden, sie hört aber damit auf,
Münze zu sein; sie kann auch zufälligerweise in der Form von Münze
als Gut benutzt werden, was der tatsächliche in gewissen Ländern
(Indien) nicht unbedeutende Gebrauch von Münzen als Schmucksachen
 beweist. Das Metall kann seinerseits jedenfalls nur durch Prägung,
 für welche der Staat beliebige Bedingungen setzen kann, in
Münzen umgewandelt werden. Wenn aber der Staat die Prägung möglichst
 erleichtert, ist auch in dieser Richtung die Grenze leicht zu überschreiten.
 Ein reines Geld, losgelöst von jedem Zusammenhang mit
irgendeinem materiellen Gute, ist erst der als gesetzliches Zahlungsmittel
anerkannte Papierschein.
$ 42. Die Probleme der Münzzirkulation.
Durch die Erfindung der Münzprägung wurde das Zahlungsverfahren
 offenbar ganz außerordentlich erleichtert. Dieser Fortschritt hat
ohne Zweifel eine große Bedeutung für die Entwicklung des Tauschverkehrs
 gehabt. Zunächst zeigt aber der Gebrauch von geprägten
Münzen gegenüber dem des ungeprägten Metalls auch schwere Nachteile,
 die erst nach Jahrtausenden von schlechten Erfahrungen und vergeblichen
 Bemühungen vollständig überwunden werden konnten.
Die Möglichkeit, die Münzen unterwertig, d. h. mit einem geringeren
 Metallgehalt als dem ursprünglichen, aber mit unverändertem
Nennwert zu prägen, hat in Verbindung mit der immer fortgehenden
Abnutzung der Münzen in allen Ländern zu einer mehr oder weniger
weitgehenden und unaufhörlichen Münzverschlechterung geführt. Versuche,
 die man ab und zu gemacht hat, um dieser Münzverschlechterung

3
        <pb n="361" />
        S25 Kap. IX. Analyse des Geldwesens usw.
einen Damm zu setzen, sind mißlungen, weil man das hier Vorliegende
Problem nicht richtig erkannte und auch sonst die Voraussetzungen
für eine richtige Behandlung des Problems noch nicht vorhanden waren.
Erst der neueren Zeit ist es gelungen, dieses Problem, das in der Aufrechterhaltung
 eines unveränderten Metallgehalts des Geldes besteht,
und das wir als das ‚Problem der Unveränderlichkeit des Geldes“
bezeichnen können, zu einer befriedigenden Lösung zu führen.
Zweitens hat man es in älterer Zeit nicht vermocht, die aus demselben
 Metalle in verschiedenen Wertgrößen ausgeprägten Münzen in
ein einheitliches System zusammenzufassen. Es liegt in der Natur der
Münzen,.daß sie, um die Bedürfnisse des Verkehrs zu befriedigen, in verschiedenen
 Nennwerten, die in gewissen einfachen Verhältnissen zueinander
 stehen, ausgeprägt werden müssen. Diese ungleichen Münzen
desselben Geldes wurden aber im Laufe der Zeit in verschiedenem Grade
verschlechtert, so daß die ursprünglichen: Wertverhältnisse unter ihnen
verändert wurden und sich fortan als variable herausstellten. Dadurch
 zerfiel das ursprünglich einheitliche Geld in selbständige ‚„,Sorten‘‘.
Auch dieser Nachteil war offenbar mit dem Übergang zur Münzprägung
 verbunden, denn beim Gebrauch des ungeprägten Metalls
bleibt doch immer ein Hundertteil eines gewissen Gewichts des Metalls
eben ein Hundertteil. Dem Zerfallen des Geldes entsprach natürlich
auch ein Zerfallen der Preisskala in verschiedene selbständige Preisskalen,
 unter denen keine feste Relation aufrechterhalten werden
konnte. Auch auf diesem Gebiete hat man sich lange vergebens bemüht
Besserung zu schaffen.
Eine ähnliche Schwierigkeit hat der Gebrauch von geprägten
Münzen gemeinsam mit dem Gebrauch von ungeprägtem Metall. Diese
Schwierigkeit besteht darin, daß verschiedene Metalle nebeneinander
als Zahlungsmittel Verwendung finden und auch bei der Notwendigkeit
die verschiedensten Geldsummen darstellen zu können Verwendung
finden müssen. Die Münzen, die aus verschiedenen Metallen geprägt
werden, sollten offenbar, um in ein einheitliches Geldsystem eingefügt
werden zu können, in einem festen Wertverhältnis untereinander stehen.
Wenn aber die Metalle selbst das nicht tun, kann man, wie die Erfahrung
 gezeigt hat, die feste Wertrelation zwischen den Münzen nicht
ohne besondere Maßregeln aufrechterhalten: es gelingt nicht, Münzen
von verschiedenen Metallen in einem einheitlichen Geldsystem zu vereinigen.

Die beiden letztgenannten Schwierigkeiten sind erst in der neueren
Zeit durch die Lösung des großen Problems, das wir als das „Problem
 der einheitlichen Währung‘ bezeichnen können, beseitigt,
Dieses Problem hat nach dem Gesagten zwei Seiten, je nachdem man
nur ein Münzmetall oder mehrere in Betracht zieht.
Die Fortschritte auf dem Gebiete des Münzwesens waren in älteren

248
        <pb n="362" />
        8 42. Die Probleme der Münzzirkulation. 19
Zeiten durch die politischen Verhältnisse außerordentlich erschwert.
Bei der Zerrissenheit der staatlichen Organisation gab es eine Unzahl
von Münzherren, von denen jeder seine eigenen Münzen prägte, und in
getrennte Sorten zerfallen ließ, ja sogar Münzen von verschiedenen
Typen in Umlauf setzte. Die Autorität des Münzherrn reichte gewöhnlich
 nicht aus, um fremde Münzen von der Zirkulation in seinem eigenen
Gebiete auszuschließen. Die Folge war, daß die Zirkulation aus einer
bunten Mischung aller möglichen Geldsorten ohne irgendwelchen Zusammenhang
 untereinander bestand. Unter solchen Umständen kann
natürlich keine einheitliche Preisskala mit in derselben ausschließlich
anerkannten Zahlungsmitteln aufrechterhalten werden. Es kann dann
meistens auch kein besonderer Münzwert bestehen, die Münzen müssen
in der Hauptsache, wenigstens im größeren Verkehr, nach ihrem Metallgehalt
 bewertet werden. Dieser Zustand des Geldwesens, wo also von
einer Währung überhaupt nicht die Rede sein kann, wurde von
Helfferich mit Recht unter dem Namen „Sortengeld‘“ als eine
begrifflich selbständige Erscheinung charakterisiert!). Erst die Entwicklung
 des modernen Nationalstaates, der innerhalb seines Gebietes
ein Prägemonopol unter Ausschließung fremder Münzen aus der Zirkulation
 aufrechterhalten kann, hat die Unterlage für eine Münzpolitik
 nach rationellen Prinzipien geschaffen.
Eine solche Münzpolitik erfordert außerdem noch, daß der Staat
seine wichtige Aufgabe auf dem Gebiet des Geldwesens anerkennt und
gewillt ist für sie auch nach Bedarf Opfer zu bringen. Eine solche
Auffassung war dem älteren Staate,’der im Münzwesen meistens hauptsächlich
 eine Gewinnquelle sah, ziemlich fremd. Die Fortschritte auf
dem Gebiete des Geldwesens sind also vielleicht in erster Linie der
allgemeinen Entwicklung des Staatslebens zu verdanken.
Daneben kommt besonders die Entwicklung der Prägetechnik in
Betracht, die eine immer größere Gleichmäßigkeit in der Herstellung
von Münzen bei immer sinkenden Prägekosten ermöglicht hat. Schließlich
 ist natürlich auch die steigende, wissenschaftliche Einsicht in die
Natur der Geldprobleme von wesentlicher Bedeutung gewesen.
Gehen wir nun zur Lösung der verschiedenen Probleme der Münzzirkulation
 über, so haben wir erstens mit Bezug auf das Problem
der Unveränderlichkeit des Geldes zu beachten, daß die ständigen
Münzverschlechterungen der älteren Zeiten nicht lediglich von
Gewinnsucht der Münzherren, sondern auch von objektiven Verhältnissen,
 die die Münzherren nicht zu beherrschen vermochten, mit
veranlaßt wurden. Die Schwierigkeiten, die hier in Frage kommen,
sind von drei verschiedenen Arten, sie rühren teils von den hohen Präge-1)
 Das Geld. 2. Aufl. 1919,

36
ir
        <pb n="363" />
        Kap. IX. Analyse des Geldwesens usw.
kosten, teils von der Ungleichmäßigkeit der Prägung, teils von der
Abnutzung der Münzen her.
Die hohen Prägekosten veranlassen, daß der Metallgehalt der
Münzen gern mit einem den Prägekosten entsprechenden Betrag herabgesetzt
 wird. Da es nicht gelingt, den Münzwert über den Metallwert
zu erhalten, muß der Münzwert allmählich entsprechend sinken. Die
nächste größere Neuprägung führt in ähnlicher Weise zu einer abermaligen
 Senkung des Münzwertes usw. Die hier berührte Schwierigkeit
ist nunmehr dadurch erheblich vermindert worden, daß die Prägekosten
durch die moderne Maschinentechnik auf ein Minimum redüziert
worden sind.
Die Ungleichmäßigkeit der Prägung, die ebenfalls eine Folge der
unvollkommenen Prägetechnik der älteren Zeiten war, hat in der Weise
zur Münzverschlechterung beigetragen, daß die besten Münzen ausgesucht
 und als Metall verwertet wurden. Dies konnte nach unserem
dritten, im vorigen Paragraphen aufgestellten Prinzip geschehen, sobald
 der Münzvorrat den inneren Bedarf an Zahlungsmitteln übertraf.
Eine solche Auswahl, die natürlich besonders bei Zahlungen nach auswärts
 wirksam wurde, mußte offenbar eine Senkung des Durchschnittsgehalts
 herbeiführen. Auch dieser Übelstand hat durch die Fortschritte
der Prägetechnik, die eine im hohen Grade homogene Münzproduktion
ermöglicht haben, wesentlich an Bedeutung verloren.
Die dritte Ursache zur ständigen Münzverschlechterung ist die
Abnutzung der Münzen. Diese Abnutzung ist bei unvollkommener
Prägetechnik bedeutend größer als jetzt, ganz besonders natürlich, wenn
man die leichtere Möglichkeit den Münzen unrechtmäßig durch Feilen
oder Bohren Metall zu entziehen in Betracht zieht. Hatte nun der
Münzstock im Laufe der Zeit durch Abnutzung sehr viel gelitten, und
war dabei der Münzwert etwa auf den Metallwert der besten noch
zirkulierenden Münzen herabgesunken, so konnten neue vollwichtige
Münzen mit dieser herabgesetzten Zahlungskraft nicht ausgegeben
werden, ohne gleich dem Verkehr entzogen und als Metall verwertet zu
werden. Es blieb demnach nichts anderes übrig, als bei jeder Neumünzung
 die durch die Abnutzung herbeigeführte Wertverminderung
der Preiseinheit als eine Tatsache anzuerkennen und den Metallgehalt
der neuen Münzen danach einzurichten. In dieser Weise mußte offenbar
 die immer fortgehende Abnutzung eine unbegrenzte Münzverschlechterung
 veranlassen.
Das Mittel, durch das der moderne Staat die stetige Münzverschlechterung
 definitiv zu verhindern gewußt hat, ist die Aufhebung
der gesetzlichen Zahlungskraft derjenigen Münzen, die das Passiergewicht
 unterschritten haben.
Gewöhnlich werden die Münzen dann immer noch von staatlichen
Kassen zu ihrem Nennwerte angenommen. Hierdurch wird die Be-350
        <pb n="364" />
        8.42. Die Probleme der Münzzirkulation. 551
stimmung betreffend das Passiergewicht effektiv: wenn jedermann eine
unter das Passiergewicht abgenutzte Münze ohne Verlust loswerden
kann, werden solche Münzen nicht lange in Zirkulation bleiben.
Eine genaue Ausprägung der Münzen nach dem gesetzlich bestimmten
 Metallgehalt, die Festsetzung einer engen Abnutzungsgrenze,
bei deren Überschreitung die Münze ihre Eigenschaft als gesetzliches
Zahlungsmittel verliert, und die effektive Einziehung der Münzen, die
das Passiergewicht unterschritten haben, sind also die Mittel, die es
ermöglichen die Münzen auf ihrem bestimmten Metallgehalt zu erhalten
und damit dem: Gelde ein möglichst unveränderliches Wertverhältnis
zum Metall zu sichern.
Wenn in dieser Weise eine vollwertige Münzzirkulation gesichert
ist, kann der Münzwert nur dann unter den Metallwert fallen, wenn
die Verwertung der Münze als Metall verhindert wird, also besonders
das Einschmelzen verboten wird. Das „freie Schmelzungsrecht“
ist deshalb eine notwendige Garantie für die Aufrechterhaltung des
Münzwerts in seiner Parität mit dem Metall.
Die theoretische Möglichkeit einer Steigerung des Münzwerts
über den Metallwert hinaus, zufolge zu knapper Prägung, war bei der
früheren meistens auf eine möglichst große Prägung gerichteten Prägepolitik
 nicht von praktischer Bedeutung. Das Recht privater Personen
die Hauptmünze durch die staatliche Münzstätte in beliebigen Mengen
gegen Einlieferung von Metall, eventuell unter Zahlung einer gewissen
Prägegebühr für eigene Rechnung prägen zu lassen, das in neuerer Zeit
allgemein anerkannt wurde und welches man als „freies Prägerecht“
bezeichnet, verhindert effektiv jede Steigerung des Münzwerts der
Hauptmünzen über ihren Metallwert, jedenfalls um einen die Prägekosten
 überschreitenden Betrag. Wenn, wie es in England der Fall
war die Prägegebühr wegfällt, und die freie Prägung auch eine unentgeltliche
 wird, kostet die Umwandlung von Metallen in Münzen
höchstens einen kleinen Zinsenverlust. Die Bewegungsgrenze des Münzwerts
 ist dann nach oben sehr beschränkt.
Das freie Schmelzungsrecht und das freie Prägerecht, vervollständigt
 durch das Recht der freien Ausfuhr und der freien Einfuhr
des Münzmetalls von und zu dem betreffenden Münzgebiet, stellen
bei vollwertiger Zirkulation die Hauptgarantien für die Aufrechterhaltung
 einer festen Metallparität der Rechnungseinheit dar.
Gehen wir nunmehr zum Problem der einheitlichen Währung
über und betrachten wir zunächst den Fall, wo nur ein Münzmetall in
Betracht kommt.
Die drei Momente, die zur fortschreitenden Münzverschlechterung
beitragen können, sind bei den kleineren Münzsorten ganz besonders
wirksam. Da die Prägungskosten für verschiedene Münzen ungefähr

In
        <pb n="365" />
        DL Kap. IX. Analyse des Geldwesens usw.
dieselben sind, müssen sie sich für die kleineren Münzen relativ wesentlich
 höher stellen als für die größeren. Deshalb sind die kleinen Münzen
regelmäßig bedeutend mehr unterwertig geprägt worden als die größeren.
Auch die Ungleichheit der Prägung ist bei den kleineren Münzen
relativ stärker als bei den größeren. Dasselbe gilt bezüglich der Abnutzung,
 da die kleineren Münzen meistens eine stärkere Zirkulation
haben.
Die durch die genannten Momente verursachte fortgesetzte Herabsetzung
 des Metallgehaltes der Münzen mußte also in bezug auf die
kleineren Münzen ebenfalls in höherem Grade hervortreten. Da somit
die Münzen, die in verschiedenen Nennwerten von demselben Metalle
geprägt wurden, im Laufe der Zeit in verschiedenem Maße an Metallgehalt
 verloren, konnte offenbar kein festes Wertverhältnis unter ihnen
aufrechterhalten werden. Der ursprüngliche Zusammenhang der verschiedenen
 Münzen eines von Anfang an einheitlichen Geldsystems
mußte unter solchen Verhältnissen aufgelöst und das Geldsystem als
solches zerstört werden.
Diesen Wirkungen entgegenzutreten und ein Mittel zur Aufrechterhaltung
 eines einheitlichen Geldsystems herauszufinden, war Seit
alters her eins der großen Probleme der Geldpolitik. Es galt ein Mittel
zu finden, wodurch die kleineren Münzen, die man nicht vollwertig zu
prägen oder zu erhalten imstande war, in ihrem vollen Nennwert gehalten
 werden konnten. Dies war möglich, wenn nur die Prägung von
kleineren Münzen hinreichend beschränkt blieb. Dieser Gedanke hat
dazu geführt, daß die Prägung von kleineren Münzen dem Staate vorbehalten
 und auf ein das Bedürfnis des Verkehrs nicht überschreitendes
Maß beschränkt worden ist.
Bei dieser Methode stößt man aber auf die Schwierigkeit, den Bedarf
 des Verkehrs an kleineren Zahlungsmitteln mit einiger Sicherheit
vorauszusehen. Daß auch die neuere Geldpolitik dies nicht vermocht
hat, ist sicher. Das deutsche Münzgesetz von 1873 beschränkte die
Ausgabe von Reichssilbermünzen auf zehn Mark pro Kopf der Bevölkerung.
 1900 wurde dieser Höchstbetrag auf fünfzehn Mark und
1908 auf zwanzig Mark erhöht. Daß mit diesen Ziffern jemals eine
wirkliche Anpassung an die Bedürfnisse erreicht wäre, ist nicht wahrscheinlich.
 Wenn eine solche Regelung streng genug ist, wird leicht
ein Augenblick kommen, wo die zugelassene Zirkulation zu klein
wird, und die Knappheit an kleineren Zahlungsmitteln von dem Verkehr
 lästig empfunden wird. Eine genaue Anpassung an die wechselnden
Bedürfnisse des Verkehrs läßt sich offenbar nur erreichen, wenn dem
Verkehr Gelegenheit gegeben wird, überflüssige Mengen von Kleinmünzen
 an Zentralkassen abzustoßen, dafür aber die Nachfrage nach
solchen Zahlungsmitteln immer reichlich versorgt wird. In Deutschland
waren gewisse Reichsbankkassen angewiesen, Silber-, Nickel- und

352
        <pb n="366" />
        $ 42. Die Probleme der Münzzirkulation. 3
Kupfermünzen in Goldmünzen einzulösen. So lange eine solche Einlösung
 effektiv durchgeführt wird, kann der Verkehr kaum mit einer
zu großen Menge von Kleinmünzen belastet werden. Wenn unter dieser
Voraussetzung Kleinmünzen in hinreichender Menge geprägt und dem
Verkehr zur Verfügung gestellt werden, wird die Menge der tatsächlich
zirkulierenden Kleinmünzen immer dem Bedürfnisse des Verkehrs angepaßt
 sein.
Die Einlösung der unterwertigen Kleinmünzen ist also die unmittelbare
 Bedingung für die Aufrechterhaltung der Gleichwertigkeit dieser
Münzen mit den Hauptmünzen. Ein Geld, das nur dadurch im Werte
erhalten wird, daß der Staat sich verpflichtet, es in ein Vollwertiges
Geld einzulösen, hat offenbar den Charakter eines Kreditgeldes, Der
Wert eines solchen Geldes wird schließlich immer von der Fähigkeit
und vom Willen des Staates seine Einlösungsverpflichtung zu erfüllen
abhängen.
Die Münzgesetzgebung hat daraus den Schluß gezogen, daß einem
solchen unterwertigen Kleingeld nur in beschränktem Maße gesetzliche
Zahlungskraft gegeben werden darf. So bestimmte das deutsche Münzgesetz,
 daß niemand verpflichtet ist, Reichssilbermünzen im Betrage von
mehr als zwanzig Mark und Nickel- und Kupfermünzen im Betrage
von mehr als einer Mark in Zahlung zu nehmen. Unterwertige, in einer
Hauptmünze einlösbare Münzen mit beschränkter Zahlungskraft bezeichnet
 man als Scheidemünzen. Im Gegensatz dazu werden
die Hauptmünzen mit unbeschränkter gesetzlicher Zahlungskraft
Kurantmünzen genannt. Solange der Staat die etwa überschüssigen
Scheidemünzen effektiv einlöst, hat die Beschränkung der gesetzlichen
Zahlungskraft der Scheidemünzen wohl nur die Bedeutung, es dem
Zahlungsempfänger zu ermöglichen, allzu unbequeme Zahlungsmittel
abzuweisen.
Betrachten wir schließlich das Problem der einheitlichen Währung
für den Fall, daß Münzen von zwei verschiedenen Münzmetallen nebeneinander
 zirkulieren.
Das Wertverhältnis zwischen Gold und Silber ist im Laufe der
detzten Jahrhunderte bedeutenden Schwankungen unterworfen gewesen.
Im großen zeigt die Entwicklung seit dem Beginn des sechzehnten Jahrhunderts
 ein erhebliches Steigen dieses Wertverhältnisses, nämlich von
etwa elf im Anfang des sechzehnten Jahrhunderts auf etwa fünfzehneinhalb
 in den drei ersten Vierteln des neunzehnten Jahrhunderts und
etwa vierunddreißig am Ende des Jahrhunderts, Diese Steigerung ist
aber keine ganz ununterbrochene gewesen. In gewissen Perioden, so in
der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts sowie in den fünfziger Jahren
des neunzehnten, ist das Wertverhältnis zwischen ‘Gold und Silber
etwas gesunken.
Cassel, Theoret, Sozialökonomie. 4. Aufl,

35:
23
        <pb n="367" />
        SV Kap. IX. Analyse des Geldwesens usw.
; Diese Schwankungen des Wertverhältnisses zwischen den beiden
edlen Metallen mußten ähnliche Schwankungen in den Wertverhältnissen
 zwischen Gold- und Silbermünzen veranlassen. Der Wert der
goldenen sowie auch der der silbernen Hauptmünzen konnte, solange
die Prägung keinen besonderen Beschränkungen unterlag, wie wir
gesehen haben, im großen ganzen nur durch den Metallwert der bezüglichen
 Münzen bestimmt werden. Bei schwankendem Wertverhältnis
zwischen den Metallen konnte also ein unverändertes Wertverhältnis
zwischen den Gold- und Silbermünzen nicht aufrechterhalten werden.
Das Goldgeld und das Silbergeld erschienen also als zwei verschiedene
Geldsysteme, die entsprechenden Preisskalen als zwei verschiedene
Währungen. Wenn in dieser Weise in einem Lande Goldgeld und
Silbergeld mit freiem Prägerecht für beide Metalle nebeneinander ohne
festes Wertverhältnis bestehen, unter Anerkennung beider als gesetzliche
 Zahlungsmittel in ihren respektiven Preisskalen, sagt man, daß
das Land eine Parallelwährung habe. Der Ausdruck ist nicht gut,
weil das Land tatsächlich zwei Währungen hat.
Die praktischen Nachteile eines solchen Doppelsystems, das zır
ständigem Wechseln von einem Gelde ins andere bei stets schwankenden
 Kursen zwingt, liegen auf der Hand, Kein Wunder denn, daß man
große Anstrengungen gemacht hat, um aus einer solchen Lage der Dinge
herauszukommen. Zunächst hat man ein gesetzliches Festlegen des
Wertverhältnisses zwischen dem Goldgeld und dem Silbergeld versucht.
Damit ist man wenigstens vorläufig zu einem einheitlichen Geldsystem
gelangt. In diesem System haben Goldgeld und Silbergeld volle gesetzliche
 Zahlungskraft und gelten als Zahlungsmittel in dem vom Gesetze
 bestimmten Wertverhältnis. Wenn bei einem solchen System
freie Prägung beider Metalle besteht, sagt man, daß das Land eine
Doppelwährung hat.
Nach dem zweiten unserer oben ($ 41) aufgestellten Sätze über die
Münzzirkulation besitzt aber ein solches Geldsystem keine Stabilität.
Denn sobald sich das Wertverhältnis zwischen Gold und Silber auf
dem offenen Markte verändert, muß entweder das Goldgeld oder das
Silbergeld als Metall verwertet werden und also aus der Geldzirkulation
verschwinden. Das freie Prägerecht wird natürlich so ausgeübt, daß
das im Werte gesunkene Metall zur Ausprägung eingeliefert wird. Infolge
der unbegrenzten Prägung dieses Metalls wird der Wert der Rechnungseinheit
 der Preisskala durch den Wert der dieser Einheit entsprechenden
 Menge des genannten Metalls bestimmt. Das im Werte relativ
gestiegene Metall wird deshalb einen höheren Wert als Metall wie als
Geld haben. Es verschwindet also aus der Zirkulation, wird vom
anderen Metalle verdrängt und ersetzt.
Es ist denkbar, daß die gesetzliche Festlegung des Wertverhältnisses
 zwischen Goldgeld und Silbergeld einen gewissen Einfluß auf das

5354
        <pb n="368" />
        $ 42. Die Probleme der Münzzirkulation. 5
Wertverhältnis zwischen Gold und Silber im offenen Markte ausübt,
Denn die Doppelwährung eröffnet dem im Werte sinkenden Metall eine
große monetäre Verwendung, steigert also die Nachfrage nach diesem
Metall. und wirkt seiner Wertverminderung entgegen. Die Stärke
dieser Gegenwirkung hängt offenbar von der Bedeutung des Landes, in
welchem die Doppelwährung besteht, ab, sowie auch allgemeiner vom
Verhältnis zwischen der monetären und der industriellen Nachfrage nach
dem betreffenden Metall. Mit diesen Fragen haben wir hier nichts zu
tun. In diesem Zusammenhange genügt es, festzustellen, daß, wenn
das Wertverhältnis zwischen Gold und Silber auf dem offenen Markte
verändert wird, die Doppelwährung eine von ihren beiden Geldsorten
verliert.
Daß mit dem Verlust des Goldgeldes oder des Silbergeldes Nachteile
 verbunden sind, die in schweren Fällen geradezu unerträglich
werden können, ist leicht zu verstehen. Für den größeren Verkehr ist
es unbequem das Goldgeld entbehren zu müssen, wenn sich einmal
ein solches Geld im Verkehr eingebürgert hat. Noch empfindlicher
ist der Verlust des Silbergeldes, das für kleine Zahlungen schwerlich
ersetzt werden kann. Es ist deshalb nur natürlich, wenn große Anstrengungen
 gemacht worden sind, um das Stadium der Doppelwährung
zu überwinden.
Die Lösung des Problems, zu welcher die geschichtliche Entwicklung
 geführt hat, besteht darin, daß nur Goldmünzen als Hauptmünzen
mit unbeschränkter Zahlungskraft und mit freier Prägung ausgeprägt
werden, während die Silbermünzen zu Scheidemünzen mit dem Staate
vorbehaltener Prägung degradiert werden. Diese Scheidemünzen
müssen so unterwertig geprägt werden, daß ihr Verschwinden aus
der Zirkulation bei steigendem Silberpreis nicht zu befürchten ist. Die
Gesetzgebung hat sich mit einer Unterwertigkeit von einigen wenigen
Prozenten begnügt. Dieser vielleicht etwas knappe Spielraum ist indessen
 später durch den gewaltigen Preisfall, den das Silber seit den
siebziger Jahren erfahren hat, erheblich erweitert worden. Der Metallwert
 der Silbermünzen betrug vor dem Kriege meistens nicht die Hälfte
des Münzwerts.,
Eine einheitliche Währung, bei welcher nur Goldmünzen unbeschränkte
 gesetzliche Zahlungskraft haben, und bei welcher freies
Prägerecht für Gold und freies Schmelzungsrecht für Goldmünzen
besteht, nennt man Goldwährung. Der Name darf nicht so aufgefaßt
werden, als ob Gold die Preiseinheit der Währung bildete. Die frühere
deutsche Goldwährung war eine Markwährung. Die Rechnungseinheit
war die Mark, die Preise wurden in Mark angegeben, die Zahlungen
in Mark geleistet. Die Markwährung, die an sich nur eine abstrakte
Rechnungsskala war, wurde aber dadurch näher fixiert, daß aus einem
Kilogramm Gold 279 Zehnmarkstücke ausgeprägt wurden, und daß
x.

355
ZA
        <pb n="369" />
        Sn Kap. IX. Analyse des Geldwesens usw,
diese Goldmünzen unbegrenzte gesetzliche Zahlungskraft hatten. Die
Tatsache, daß die Markwährung durch diese Verbindung mit dem
Metall Gold näher bestimmt wird, ist es, was man durch die Bezeichnung
 der Markwährung als einer Goldwährung ausdrücken will. Ähnlich
 nennt man die englische Pfund-Sterling-Währung, die schwedische
Kronenwährung usw. Goldwährungen.
Die Beziehung zwischen der früheren Markwährung und dem Golde
kann am besten so charakterisiert werden, daß ‘der Preis eines Kilogramm
 Goldes in der Markskala fixiert ist. Es soll der Preis des Goldes
normal 2790 Mark pro Kilogramm betragen. Diese Fixierung ist indessen
 keine absolute, der Preis des Kilogramms Gold wird nur innerhalb
gewisser, ziemlich enger Grenzen festgelegt. Die angegebene Bestimmung
 über die Ausprägung von Goldmünzen kann nämlich nicht mit
absoluter Genauigkeit erfüllt werden. Es wird deshalb bei der Ausprägung
 eine Fehlergrenze, ‚Toleranz‘ oder ‚„„Remedium“‘ für die einzelne
 Münze von 2°/ in bezug auf Feinheit und 2%, °/,, in bezug auf
Gewicht zugelassen. Diese Fehlergrenze gilt nur für die einzelne Münze,
für die gesamte Prägemasse wird eine „vollständige Genauigkeit‘ erfordert.
 Das Passiergewicht liegt 5°/,, unter dem Normalgewicht. Will
man also Gold aus den zirkulierenden Goldmünzen erhalten, muß man
mit einer gewissen durchschnittlichen Unterwertigkeit derselben rechnen.
Diese Unterwertigkeit kann vielleicht etwa 2 bis 3% 9 betragen. Die
obere Grenze des Goldpreises liegt also etwa 2 bis 3 °/,, über dem Normalpreis
 von 2790 Mark.
” Die untere Grenze des Goldpreises wird von den Prägekosten bestimmt.
 In Deutschland wurde eine Prägegebühr von 6 Mark pro
Kilogramm erhoben, wozu ein gewisser Zinsverlust kam. Da aber die
Reichsbank verpflichtet war, alles ihr angebotene Gold zu 2784 Mark
für das Kilogramm zu kaufen, also zu dem Normalpreis mit Abzug
der Prägegebühr, so bezeichnete dieser Preis immer die untere Grenze
des Goldpreises. Der Goldpreis konnte also um den Normalpreis von
2790 Mark schwanken und zwar etwas mehr als 2°/,, nach unten und
etwa. 2 bis 3% % 09: nach-oben.
Ähnlich liegen die Verhältnisse bei anderen Goldwährungen. In
England war der Normalpreis des Goldes 77 sh. 10%, d. pro Unze Standardgold
 (1/,2 Feinheit). Die untere Grenze des Goldpreises war 77 sh.
9 d., zu welchem Preise die Bank von England verpflichtet war, jederzeit
Gold zu kaufen. Die obere Grenze des Goldpreises durfte unter gewöhnlichen
 Verhältnissen vielleicht auf 78 sh. gesetzt werden können, obwohl
vereinzelt auch‘ höhere. Preise bezahlt wurden. Diese Grenzen entsprechen
 Abweichungen vom Normalpreise um etwa anderthalb pro
Mille nach oben und nach unten.
Man könnte sagen, daß eine ideale Goldwährung einen absolut
festen Goldpreis erfordert. Eine solche Stabilität ist aber praktisch

356
        <pb n="370" />
        $ 42. Die Probleme der Münzzirkulation. 57
undurchführbar. Jede größere Abweichung vom Normalpreise ist
immerhin als eine Unvollkommenheit der Goldwährung zu betrachten.
Eine Abweichung nach oben ist gleichbedeutend mit einer Unvollkommenheit
 der umlaufenden Münzen, eine Abweichung nach unten
it der Erhebung einer Prägegebühr. Jede Verminderung solcher Abeichungen
 bedeutet einen Fortschritt in der Richtung einer konsequent
durchgeführten Goldwährung.
Die Möglichkeit einer Variation des Goldpreises ist insofern theoretisch
 bedeutungsvoll, als sie zeigt, daß die Preisskala auch bei einer
Goldwährung eine selbständige Existenz hat, daß die Rechnungseinheit
auch hier eine rein abstrakte Einheit, nicht etwa eine gewisse Gewichtsmenge
 Gold ist. Das Primäre in der früheren deutschen Währung war
die Markrechnung. Die ganze Preisbildung vollzog sich in dieser und
sämtliche Zahlungsverpflichtungen wurden in derselben eingegangen.
Die Einheit dieser Rechnung, die Mark, war eine selbständige Größe.
Nur ist die Preisbildung in einer solchen Einheit dadurch begrenzt, daß
sie nicht veranlassen darf, daß der Goldpreis über oder unter gewissen
Grenzen sich bewegt. Die Variationen des Goldpreises in der Goldwährung
 haben auch praktische Bedeutung, wie sich beim Studium der
internationalen Zahlungen zeigt ($ 61). ".
Nachdem die Goldwährung schon im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts
 von England eingeführt war, gewann sie seit den siebziger
ahren allgemeine Verbreitung, zunächst in den westeuropäischen
Ländern, dann in der ganzen Welt. In gewissen Ländern hat man jedoch
die volle Zahlungskraft des früheren Silbergeldes nicht vollständig aufgeben
 wollen. So z. B. in Frankreich, wo die silbernen Fünffrankstücke
 als gesetzliches Zahlungsmittel mit voller Zahlungskraft behalten
 wurden. Obwohl dieses Silbergeld nicht einlösbar war, behauptete
 es in der Hauptsache seine Parität mit dem Goldgeld, wenn auch
bei Zahlungen nach dem Auslande meistens kleine Prämien für Goldgeld
 bezahlt wurden. Die Möglichkeit dieser Parität erklärt sich durch
die Knappheit des Silbergeldes, das bei weitem nicht genügte, um den
Zahlungsmittelbedarf zu decken. Wenn aber das Goldgeld immer in
Anspruch genommen werden muß, richtet sich der Münzwert nach dem
Metallwert der teueren Münze (vgl. unseren zweiten Satz über die
Münzzirkulation). Eine Goldwährung, bei der in dieser Weise ein uneinlösbares
 Silbergeld mit voller Zahlungskraft beibehalten worden ist,
nennt man eine hinkende Goldwährung.
Derstarke Rückgang des Silberpreises, der seit den siebziger Jahren
Is Folge stark gesteigerter Silberproduktion und der durch den Überang
 zur Goldwährung veranlaßten relativen Beschränkung der moneären
 Anwendung für das Silber eingetreten ist, veranlaßte gewisse
estrebungen seitens der Interessenten, die durch den genannten Preisfall
 geschädigt wurden, das Silber zu „rehabilitieren‘. In diesen Be-35
        <pb n="371" />
        ;
strebungen vereinigten sich Kreise, die in der zunehmenden Goldknappheit
 und in dem dadurch ohne Zweifel zum Teil mit veranlaßten allgemeinen
 Preisfall einen Beweis der Unzulänglichkeit des Goldes als
leinigen Währungsmetalls sahen. Diese Bestrebungen gipfelten in der
Forderung auf eine Wiederherstellung der Doppelwährung auf internationaler
 Grundlage. Diese breitere Basis der Doppelwährung würde,
meinte man, dem augenblicklich auf dem offenen Markt weniger nachefragten
 der beiden Metalle eine so weite monetäre Verwendung
sichern, daß beträchtliche Schwankungen im Wertverhältnis zwischen
old und Silber vermieden werden würden.‘
Man hat dieses Programm der internationalen Doppelwährung als
Bimetallismus bezeichnet. Der Bimetallismus ist ein Versuch, das
roblem der einheitlichen Währung auf Grund zweier Währungsmetalle
u lösen. Die Möglichkeit einer solchen Lösung ist zum großen Teil
eine politische Frage, die hier nicht diskutiert werden kann. Es unterliegt
 wohl keinem Zweifel, daß eine sehr bedeutende Stabilisierung des
Wertverhältnisses zwischen Gold und Silber erreicht werden würde,
wenn wirklich die ganze Welt sich auf ein bimetallisches System einigen
önnte. Ob diese Stabilisierung auch hinreichend sein würde, um die
eiden Metalle stets nebeneinander im ‘Umlauf zu erhalten, bleibt immerhin
 eine offene Frage. Es muß also dahingestellt bleiben, inwieweit der
imetallismus als eine praktisch befriedigende Lösung des Problems
der einheitlichen Währung angesehen werden kann.
Sicher ist, daß der Bimetallismus unter dem Druck zufälliger Verhältnisse
 in der Währungsfrage ein Moment eingeführt hat, das dem
ährungsproblem im Grunde genommen fremd ist. Unsere allgemeine
Behandlung des Preisbildungsproblems hat gezeigt, daß die Preise im
roßen und ganzen bis auf einen multiplikativen Faktor bestimmt sind.
Daraus folgt, daß ein Preis beliebig festgelegt werden kann. Eine
neue Bedingung muß hinzukommen, damit das Problem der Preisildung
 vollständig bestimmt wird. Diese Bedingung, die die Fixierung
der Preisskala bedeutet, kann verschiedene Formen annehmen, von
welchen die Festlegung des Preises einer gewissen Ware eine ist. Dieser
Methode bedient sich die Goldwährung; ebenso die Silberwährung.
je Doppelwährung aber bedeutet den Versuch zwei Preise festzulegen,
d. h. erstens, den absoluten Preis einer Ware, zweitens, das Preisverältnis
 zwischen zwei verschiedenen Waren. Die letzte Aufgabe, die
estlegung des Wertverhältnisses zwischen zwei Waren, fällt aber
ffenbar ganz außerhalb des Gebietes des Geldwesens und muß, wenn
sie mit der Währungsfrage verbunden wird, diese Frage in hohem Grade
komplizieren, ihre Wesentlichkeiten verdunkeln.
Mit der Goldwährung ist die Entwicklung des Münzwesens insofern
abgeschlossen, als wir zu einer Lösung des Münzproblems gekommen
sind, durch welche die beiden Nachteile, die die Verwendung von ge-358
        <pb n="372" />
        $ 43. Die freien Währungen. 3
prägtem Metall gegenüber der Verwendung von rohem Metall ursprünglich
 zeigte, sowie auch die Nachteile des schwankenden Wertverhältnisses
 zwischen den beiden Edelmetallen, vollständig überwunden sind.
Es ist gelungen, sowohl eine „Unveränderlichkeit des Geldes‘ wie auch
eine „Einheitlichkeit der Währung‘‘ zu erreichen. Es bleibt indessen
noch übrig zu untersuchen, ob das Binden der Preisskala an das Metall
Gold eine genügende Stetigkeit der Preisbildung zu verbürgen vermag.
Es ist ja denkbar, daß das Gold, wenn man von der formellen Festlegung
 seines Preises in der Goldwährung absieht, bedeutenden Wertschwankungen
 im Verhältnis zu den übrigen Waren unterworfen ist,
was natürlich dann in der Goldwährung in entsprechenden Schwankungen
 der Warenpreise zutage treten würde. Diese Frage, die wir
hier nicht einmal scharf formulieren können, werden wir im elften Kapitel
 zum Gegenstand einer eingehenden Untersuchung machen. Wie
aber schon angedeutet worden ist, hat die Goldknappheit am Ende des
neunzehnten Jahrhunderts einen allgemeinen Preisfall in der Goldwährung
 hervorgerufen. Diesem Preisfall wollte der Bimetallismus durch
Beseitigung der Goldwährung und Schaffung einer mit Zahlungsmitteln
reichlicher versorgten Währung entgegenarbeiten. Im Anfang des
zwanzigsten Jahrhundert hat die sehr gesteigerte Goldproduktion die
Goldwährungspreise wieder steigen lassen. Damit war das Bedürfnis,
dem der Bimetallismus nachgeben wollte, wenigstens für den Augenblick
 beseitigt. Die Goldversorgung war reichlich genug, um der Welt
die Goldwährung und den Goldumlauf ohne Druck auf die Preise, ja
sogar bei steigenden Preisen zu ermöglichen. Wenn in der Zukunft dies
nicht länger der Fall sein sollte oder wenn umgekehrt zu viel Gold auf
den Markt kommen sollte, dann würden wir aber vor einer währungspolitischen
 Frage stehen, die von viel allgemeinerer und tiefgehenderer
Bedeutung ist, als daß sie durch ein Zurückgreifen auf bimetallistische
Ideen ihre Lösung finden könnte.
8 43. Die freien Währungen.
Die metallische Währung, die die Preisskala durch Festlegung des
Preises eines Metalls fixieren will, ist nicht die einzige Lösung des
Problems der Stabilisierung der Preisskala. Die Erfahrung hat schon
durch eine Reihe von Beispielen gezeigt, daß eine gewisse Stabilisierung
der Preisskala auch ohne ihr Binden an ein Metall oder überhaupt an
irgendeine Ware erreicht werden kann.
Die Fixierung der Preisskala erfolgt, wie wir wissen, immer durch
Bestimmung eines Zahlungsmittels, das in der Preisskala unbeschränkte
gesetzliche Zahlungskraft haben soll. Eine notwendige Bedingung für
die Stabilität der Preisbildung ist offenbar eine gewisse quantitative

35%
        <pb n="373" />
        3) Kap. IX. Analyse des Geldwesens usw.
Begrenzung dieses Zahlungsmittels. Wäre das Zahlungsmittel in beliebigen
 Mengen ohne jede Schwierigkeit zu beschaffen, könnte auch
jeder beliebige Preis geboten werden, und jede Stabilität der Preisbildung
 müßte aufhören.
Wenn das Zahlungsmittel eine freie ausprägbare Münze ist, wird die
Knappheit des Zahlungsmittels gewährleistet durch die Knappheit des
Münzmetalls. Da dieses auch andere Verwendung hat, ist die Knappheit
 des Zahlungsmittels wohl eine sekundäre, aber‘jedenfalls eine durch
objektiv gegebene Verhältnisse bestimmte.
Wenn aber der Staat sich die Herstellung des Zahlungsmittels
ausschließlich vorbehält, kann der Staat durch eigenen Willen dem
Zahlungsmittel eine beliebige Knappheit geben und dadurch die Preisbildung
 regulieren. Die nötige Stabilisierung der Preisskala wird in
diesem Falle durch eine direkte quantitative Begrenzung des Zahlungsmittels
 gewonnen. Eine Währung, die auf solcher Grundlage beruht,
und also nicht an ein Metall gebunden ist, nennt man eine „freie Wäh-Kung“.

Die Niederlande, die bis 1873 eine Silberwährung (die Guldenwährung)
 gehabt hatten, haben in diesem Jahre, veranlaßt durch die
drohende Entwertung des Silbers, die freie Silberprägung eingestellt.
Die frühere metallische Gebundenheit der Währung wurde dadurch insofern
 aufgehoben, als der Münzwert jetzt über den Metallwert steigen
konnte. Die Knappheit des Zahlungsmittels, welche bisher durch die
Knappheit des Silbers reguliert war, wurde jetzt mit der fortschreitenden
 Entwicklung der niederländischen Volkswirtschaft verschärft,
und der Kurs des Guldens erhöhte sich nicht nur über seinen im Werte
sinkenden Silbergehalt, sondern auch über seine frühere Goldparität.
Während bis zum Anfang des Jahres 1875 der Silberpreis in London
von durchschnittlich ca. 601, d. in den ersten siebziger Jahren bis auf
etwa 57%, d. hinabging, sank der Londoner Wechselkurs von 12 Gulden
bis auf 11,6 Gulden für das Pfund Sterling. Der Wert des holländischen
Guldens war demnach bedeutend über seinen Silbergehalt gestiegen‘).
Hätte umgekehrt der Bedarf an Zahlungsmitteln in den Niederlanden
 abgenommen, so hätte der Wert des Guldens doch nicht unter
seinen Silbergehalt sinken können, denn der Gulden konnte immer als
Metall verwertet werden. Die alte Verbindung des Guldens mit dem
Metall Silber setzte also noch nach unten eine Grenze für die Wertbewegung
 des Guldens. Praktisch kam diese Grenze nicht in Wirksamkeit.
 Der holländische Münzwert wurde in der betreffenden Periode
ausschließlich durch die Knappheit des Guldens als Zahlungsmittel in
der niederländischen Volkswirtschaft bestimmt, und die holländische
Währung war demnach tatsächlich eine freie Währung. Diese Währung
1) Helfferich a. a. O. p. 80.

AOL
        <pb n="374" />
        8 43. Die freien Währungen. 5}
hat ihre Preisskala durch eine autoritativ geregelte Knappheit der in
ihr gültigen Zahlungsmittel fixiert. Wenn man sie als eine freie Währung
 bezeichnet, soll das also nicht heißen, daß der Wert der Währungseinheit
 etwa weniger bestimmt gewesen wäre, als es bei einer an ein
Metall gebundenen Währung der Fall ist.
Schon im Jahre 1875 wurde aber eine frei ausprägbare Goldmünze,
das Zehnguldenstück, mit voller gesetzlicher Zahlungskraft zu seinem
Nennwerte eingeführt. Da indes die Regierung sich nicht verpflichtete,
Silbergulden in Goldgulden einzulösen, war die Möglichkeit vorhanden,
daß die niederländische Währungseinheit im Werte hinter dem Goldgulden
 stehengeblieben wäre. In Wirklichkeit trat dies nicht ein.
Die silbernen Zahlungsmittel hatten die nötige Knappheit, um die
Währungseinheit in Parität mit dem Goldgulden zu erhalten, wodurch
die niederländische Währung in einen Zustand eintrat, der der Goldwährung
 sehr nahe kommt.
Auch Indien hat nach Einstellung der freien Silberprägung im
Jahre 1893 eine Zeitlang eine freie Währung. Der Wert der Rupie
erhöhte sich über ihren Silberwert und wurde ausschließlich von der
Knappheit der indischen Zahlungsmittel bestimmt. Gleichzeitig wurden
allerdings die indischen Münzstätten angewiesen, auf Verlangen den
englischen Sovereign mit fünfzehn Rupien einzulösen, also die Rupie
zum Preise von 16 d. zu verkaufen. Damit war dem indischen Münzwert
 eine obere Grenze gesetzt. Diese Bestimmung hatte aber zunächst
keine praktische Bedeutung, da der Rupiekurs in den nächsten Jahren
weit hinter dem genannten Betrag von 16 d. zurückblieb. Die Rupiewährung
 war also eine freie Währung mit Begrenzung der Bewegungen
des Münzwerts nach zwei Seiten hin: nach unten bildete der Silberwert
 der Rupie die Grenze des Rupienwerts, nach oben der Goldwert
von 16 d.
Es gibt aber auch Währungen ohne irgendwelchen Zusammenhang
mit einem Metall. Solche Währungen sind die Papierwährungen.
Eine Papierwährung entsteht meistens dadurch, daß Banknoten, die
nicht länger in Metallgeld eingelöst werden, als gesetzliches Zahlungsmittel
 erklärt werden, und also „Zwangskurs‘ erhalten. Wenn das
Papiergeld in hinreichender Menge ausgegeben wird, wird es notwendig,
da es keinen Stoffwert besitzt, jedes Metallgeld verdrängen. Die Preisbewegung
 wird dann nur vom Papiergelde bestimmt, der Wert der
Rechnungseinheit hängt ausschließlich von der Knappheit der papiernen
Zahlungsmittel ab.
Die Papierwährung ohne jede Verbindung mit metallischen Zahlungsmitteln
 dürfte als die theoretisch einfachste Währung angesehen
werden können. Die verschiedenen Währungen unterscheiden sich
durch die Art, in welcher die Knappheit der Zahlungsmittel bestimmt
wird, Bei der reinen Papierwährung nun ist die Knappheit der Zah-36
        <pb n="375" />
        Sa Kap. .IX. Analyse des Geldwesens usw.
lungsmittel durch zwei Faktoren bestimmt, nämlich einerseits durch
die Menge des Papiergeldes, anderseits durch den Bedarf an Zahlungsmitteln
 innerhalb der betreffenden Volkswirtschaft. Bei einer Metallwährung
 ist die Sache viel komplizierter. Die Menge der vorhandenen
Zahlungsmittel ist hier keine gegebene Größe des Problems, sondern
hängt mittels des freien Prägerechts mit dem Weltvorrat des Metalls
zusammen, der wiederum mit den Produktionskosten des Metalls
in einem gewissen Zusammenhang steht. Als Nächfrage hat man nicht
nur die monetäre Nachfrage der betreffenden Volkswirtschaft in Betracht
 zu ziehen, sondern auch diejenige der übrigen Volkswirtschaften
und außerdem noch die ganze industrielle Weltnachfrage des Metalls.
Für die Klarlegung des Zusammenhangs zwischen Wert der Währungseinheit
 und Knappheit an Zahlungsmitteln ist demnach die reine
Papierwährung eine Erscheinung vom allergrößten Interesse.
Wenn unbegrenzt viel Papiergeld ausgegeben wird, muß die Rechnungseinheit
 unbegrenzt entwertet werden, die Preise müssen also
unbegrenzt steigen. Die Papierwirtschaft muß dann in einer Katastrophe
 enden. Ältere Beispiele hierzu bieten die Notenausgabe der
bekannten Lawschen Bank in Frankreich, die Noten in dem gewaltigen
Betrag von beinahe drei Milliarden Livres ausgab, in der großen Katastrophe
 von 1720 aber zugrunde ging, sowie auch die noch viel größere,
aber ebenso verhängnisvolle Ausgabe von Assignaten während der
französischen Revolution.
Eine Papierwährung mit bestimmter Begrenzung des Papiergeldes
ist in der neueren Zeit oft vorgekommen. Das Papiergeld hat sich
dann auf einem gewissen, wenn auch im Verhältnis zu den metallischen
Währungen schwankenden, Wert erhalten. Der Zweck, der mit der
Regulierung des Papiergeldes verfolgt wurde, war meistens die Wiederaufnahme
 der Barzahlungen nach einem gewissen Kurse, also die schließliche
 Rückkehr zu einer Metallwährung auf Grund des ursprünglichen
Metalles oder der Übergang zu einer neuen Metallwährung (Gold-, anstatt
 Silberwährung). Inzwischen war aber der Wert der Papierwährung
wesentlich von der Knappheit der papiernen Umlaufsmittel im Verhältnis
 zur Nachfrage nach ihnen bestimmt, wenn auch die Hoffnung auf
einen baldigen Übergang zu einer metallischen Währung den Wert des
Papiergeldes in gewissem Grade mit beeinflußt haben mag.
"In der Napoleonischen Kriegsperiode konnte die Bank von England
 seit 1797 ihre Noten nicht in Gold einlösen. Da aber die Noten
mit Zwangskurs ausgestattet wurden und folglich gesetzliche Zahlungsmittel
 waren, haben sie das Goldgeld verdrängt. England hatte also
eine Papierwährung, deren Rechnungseinheit, das Pfund Sterling, einen
selbständigen, nur von der Menge der Umlaufsmittel, also der Banknoten,
 bestimmten Wert hatte. Das Gold wurde eine Ware, deren Preis
gleich anderen Warenpreisen in Pfund Sterling bestimmt wurde. Die

262
        <pb n="376" />
        8 43. Die freien Währungen. ;3
selbständige Existenz der Preisskala trat hier deutlich zutage. Nach
Ende des Krieges gelang es durch strenge Begrenzung der Notenausgabe,
 das Pfund Sterling allmählich wieder in Parität mit dem Sovereign
zu bringen und damit schließlich zur Goldwährung zu gelangen.
Die Beispiele von planmäßig regulierten Papierwährungen sind in
der neueren Zeit zahlreich. Die Geschichte der österreichischen Papierwährung
 seit 1848 bietet vielleicht für die theoretische Beleuchtung
des Währungsproblems das größte Interesse. Vergebens hatte Österreich
 in den fünfziger und sechziger Jahren Anstrengungen gemacht,
um zur ursprünglichen Silberwährung zurückzukehren. Während es
aber der Regierung nicht gelang, das österreichische Papiergeld zur
Parität mit dem Silbergeld zu erheben, ist diese Parität durch den Preisfall
 des Silbers schließlich automatisch hergestellt worden. Im Anfang
des Jahres 1879 war das Silberagio verschwunden. Da aber die Entwertung
 des Silbers noch weiter fortzugehen drohte, und das Silber
dann, dank der freien Silberprägung, in die österreichische Zirkulation
eingedrungen wäre und die österreichische Rechnungseinheit mit sich
heruntergezogen hätte, entschloß sich die österreichische Regierung, die
nunmehr zur Goldwährung überzugehen wünschte, 1879 die freie Silberprägung
 aufzuheben. Vor diesem Jahre bestand für die Wertbewegungen
der österreichischen Währungseinheit in dem Silberwerte des Silberguldens
 eine obere Grenze. Nach Einstellung der freien Silberprägung
war diese Grenze aufgehoben: Österreich hatte eine reine Papierwährung
 ohne irgendwelche Verbindung mit den Edelmetallen. Tatsächlich
 hat sich der österreichische Gulden in der folgenden Zeit der
starken Silberentwertung immer mehr über den Silberwert des Silberguldens
 gehoben).
Alle früheren Erfahrungen von der Papierwährung sind aber vollständig
 in den Schatten gestellt von den Ereignissen, die nach 1914
sämtliche Valuten der Welt in Papiervaluten mit teilweise phantastisch
weitgehender Verschlechterung verwandelten. Die kriegführenden
Länder haben Banknoten und Staatspapiergeld gedruckt, um Mittel für
ihre Ausgaben zu bekommen, und die neutralen haben zu demselben
Mittel gegriffen, teils für eigene Staatsausgaben in Zusammenhang mit
dem Kriege, teils für mehr oder weniger hervorgezwungene Kredite
an die Kriegführenden. Zwar hat man überall versucht, dieses Verfahren
möglichst lange zu verschleiern und geltend zu machen, daß die neuen
Zahlungsmittel lediglich zur Deckung der wachsenden Bedürfnisse des
Verkehrs erforderlich waren. Die Regierungen haben aber, wie wir
später näher sehen werden, immerfort neue Kaufkraft für sich geschaffen,
 sei es in der Form von Bankkrediten oder durch direkten
Druck von papiernen Zahlungsmitteln. Damit haben sie die Preise
l) Helfferich’a. a. 0. p. 82.

36°
        <pb n="377" />
        304 Kap. IX. Analyse des Geldwesens usw.
in die Höhe getrieben und den Wert der Währungseinheit entsprechend
herabgedrückt.
Die außerordentliche Vermehrung der Zahlungsmittelversorgung
der Welt hat sogar einen Druck auf den Wert des Goldes selbst ausgeübt,
 der in 1920 sogar unter 40% des Vorkriegswertes herunterkam.
Nachher hat sich der Wert des Goldes in der Höhe von etwa 67% des
Vorkriegswertes stabilisiert. Für die Wiederherstellung der alten
Goldwährung war es deshalb nicht nötig, den Wert einer Papierwährung
auf den alten Goldwert zu erhöhen, es genügte, wenn man etwa auf
67% des früheren Wertes kommen könnte. Dies hat natürlich die Wiederherstellung
 der Goldwährung in der alten Parität in hohem Grade
erleichtert, und einer Reihe von Ländern; zuerst die Vereinigten
Staaten; in Europa; Schweden, dann England, Holland und die Schweiz, -
ist es in dieser Weise gelungen, zu ihrer alten Goldwährung zurückzukehren.
 In gewissen anderen Ländern, besonders in Staaten, wo die
Valutaverschlechterung am weitesten gegangen war, hat man durch
Verlassen einer auf Schaffung von neuen Zahlungsmitteln begründeten
Finanzwirtschaft und strenge Regulierung der Zahlungsmittelversorgung
 eine Stabilisierung des Geldwesens erreicht, wodurch es möglich
wurde, der Valuta eine neue Parität mit Gold zu geben. In Deutschland,
 wo die alte Mark durch die Papierwirtschaft auf einen Billionenteil
 ihres früheren Wertes herabgedrückt worden war, ist die Valuta
in dieser Höhe stabilisiert, wobei eine neue Währungseinheit, die Reichsmark,
 gleich der alten Goldmark, eingeführt worden ist. In vielen
Ländern ist aber die Stabilisierungsfrage immer noch am Ende 1926
unentschieden. ‚Man hat von einer Wiederherstellung der alten Goldparität
 geträumt, aber man hat sich{mit Rechf]gescheut vor der dafür
notwendigen, oft sehr gewaltigen Beschränkung der Zahlungsmittelversorgung
 und der entsprechenden Senkung des allgemeinen Preisniveaus.
 en arten, daß diese Frage in den nächsten
Jahren in allen Ländern zu einer endgültigen Regelung kommt und
daß also die gesamte Welt zur Goldwährung zurückkehrt. Man wird
dann gelernt haben, welche absolut entscheidende Bedeutung die
quantitative Umfassung-der Zahlungsmittelversorgung für den Wert der
Geldeinheit hat!).
1) Die Erfahrungen der hier berührten Inflationsperiode können im folgenden
nur in kurzer Zusammenfassung behandelt werden. Für eine eingehende Diskussion
derselben muß ich auf meine Spezialarbeiten hinweisen, nämlich:
The World’s Monetary Problems. Two Memoranda. London 1921.
Deutsch, Das Geldproblem der Welt. Erste Denkschrift, II. Aufl., München
1922. Zweite Denkschrift, ebenda 1922.
Money and Foreign Exchanges after 1914, London and Newyork 1922.
Deutsch, Das Geldwesen nach 1914, Leipzig 1925.
Französisch, La Monnaie et le Change apres 1914, Paris 1923. Das Stabilisierungsproblem,
 Leipzig 1926.

m
:O-4
        <pb n="378" />
        $ 44. Die Zentralisierung der Kassenhaltung in den Banken.
Zehntes Kapitel.
Die Bankzahlungsmittel.
$ 44. Die Zentralisierung der Kassenhaltung in
den Banken.
Das Geld wird als allgemeines Tauschmittel zum Zweck eines
weiteren Tausches angenommen. Dieser zweite Tausch kann binnen
kürzerer oder längerer Zeit stattfinden. Wann das Geld wieder als
Zahlungsmittel gebraucht werden soll, läßt sich gewöhnlich nicht im
voraus bestimmt sagen. In der Zwischenzeit bildet der Geldvorrat der
Wirtschaft ihre Kasse. Im allgemeinen hat jede nicht allzu ärmliche
Wirtschaft zu jeder Zeit eine größere oder kleinere Kasse. Der Gesamtbetrag
 aller Kassen innerhalb der Volkswirtschaft in einem gegegebenen
 Augenblicke stellt den Geldbedarf der betreffenden Volkswirtschaft
 in diesem Augenblicke dar. Die Größe dieses Geldbedarfs
hängt von den Gewohnheiten des Volkes und von der Organisation
der Geldwirtschaft ab.
Auf primitiven Wirtschaftsstufen wird das Geld, solange über
seine Anwendung noch keine endgültige Bestimmung getroffen ist, entweder
 als solches oder als Metall in Form von Schmucksachen aufbewahrt.
 Wenn das Geld überhaupt nicht für den laufenden Konsum
nötig ist, bekommt diese Aufbewahrung den Charakter einer Schatzsammlung
 oder „„Thesaurierung‘. Solche thesaurierten Mittel können
in Fällen der Not, z. B. bei einer mißratenen Ernte, wie dies in Indien
regelmäßig geschieht, zum Konsum verwendet werden, sonst aber auch
irgendeinem Unternehmen dienen, wie in der Erzählung Lord Cromers
vom Ägypter, der ein Grundstück für 25000 Pfund Sterling gekauft
hatte und eine halbe Stunde später mit einem Zug von Eseln erschien,
die das in seinem Garten ausgegrabene Geld trugen‘).
Unter modernen Verhältnissen eröffnen sich auch für Personen, die
selbst nicht Unternehmer sind, reiche Gelegenheiten zu sicherer und gewinnbringender
 Kapitalanlage, wobei die Möglichkeit, das Kapital, sobald
 unvorhergesehene Umstände dazu nötigen, wieder in Geld umzuwandeln,
 offen gelassen wird. Dies hat dazu geführt, daß jedermann das
Geld, für welches er in der nächsten Zukunft keine besondere Anwendung
 hat, in irgendeiner Kapitalanlage verwertet. Damit wird offenbar
 der volkswirtschaftliche Geldbedarf, relativ betrachtet, wesentlich
vermindert, Kasse bilden nunmehr hauptsächlich nur solche Mittel, die
in einer nahen Zukunft zu Zahlungen verwendet werden sollen, sei es
1) Annual Report of the Director of the Mint, 1911. Washington 1912, p. 55;

365
        <pb n="379" />
        : Kap. X. Die Bankzahlungsmittel.
zur Kapitalanlage oder Konsum des einzelnen, oder in der laufenden
Geschäftsführung eines Unternehmens.
Die Entwicklung zeigt aber eine fortschreitende Verminderung
auch dieses Geldbedarfs im Verhältnis zur Gesamtmenge der Zahlungen.
Es macht sich mehr und mehr das Bestreben geltend, die Kassenvorräte,
 die doch ebenfalls Kapital repräsentieren, wenn irgend möglich
nutzbar zu machen. Dieses Bestreben kommt zum Vorschein in einer
Einschränkung des Geldgebrauchs der einzelnen, in einer fortschreitenden
 Verminderung des volkswirtschaftlichen Geldbedarfs. In dieser
Entwicklung lassen sich vier Stufen unterscheiden.
Die erste Stufe ist die Zentralisierung der Kassen mehrerer
Wirtschaften in einer Bank. Der einzelne vertraut der Bank seine Kasse
an, um je nach Bedarf Geld aus der Bank zu nehmen. Diese Kassenzentralisierung
 bedeutet schon an sich eine erhebliche Ersparung an
barem Geld. Denn, obwohl die Mittel der Natur des Geschäftes nach
auf Sicht rückzahlbar sind, braucht die Bank nicht eine so große Kasse
wie der Summe aller ihr anvertrauten privaten Kassen entsprechen
würde. Die einzelnen Deponenten werden nämlich nicht alle auf einmal
ihr Geld zurückfordern. Der eine hat eine Zahlung heute, der andere
morgen. Es wird also eine längere Zeit dauern, bevor eine Summe,
die der Gesamtsumme der Guthaben gleich kommt, zurückgezahlt wird.
In der Zwischenzeit wird unter normalen Verhältnissen der Bank auch
wieder neues Geld zugeführt. Wenn eine große Zahl von Deponenten
vorhanden ist, werden sich die Einzahlungen und Auszahlungen für
jeden Tag zum großen Teil ausgleichen. Die Bank benötigt dann ihre
Kasse nur für einen etwaigen Überschuß der Auszahlungen. Je gleichmäßiger
 sich die Auszahlungen und Einzahlungen verteilen, je kleiner
kann die durchschnittliche Höhe der Kasse der Bank sein im Verhältnis
 zu den Guthaben des Publikums. Immerhin muß die Bank jederzeit
auf größere Rückforderungen als die gewöhnlichen bereit sein, und darf
also unter normalen Verhältnissen ihre Kasse nie unter eine gewisse
Grenze sinken lassen. Wenn aber die Bankkasse kleiner sein kann
als die Summe der bei ihr angelegten Einzelkassen, so erwächst daraus
für die Bank die Möglichkeit, über einen Teil der ihr anvertrauten Mittel
zu verfügen und sie in zinstragenden Geschäften anzulegen. Die Bank
wird in dieser Weise aus dem Geschäft einen Gewinn machen können
und wird sich also bemühen, möglichst viel Kassenmittel heranzuziehen,
Zu diesem Zwecke wird sie eventuell die Mittel verzinsen, natürlich zu
einem relativ niedrigen Zinsfuße. Die Bequemlichkeit und Sicherheit,
die die Kassenhaltung bei einer Bank bietet, ist aber oft ein genügendes
Mittel zur Heranziehung von Deponenten. Die Zusammenführung
der Einzelkassen in den Banken liegt also im gemeinschaftlichen Interesse
 der Banken und des Publikums.
e Der Geldvorrat der Volkswirtschaft verteilt sich infolge dieser Ent-366
        <pb n="380" />
        $ 44. Die Zentralisierung der Kassenhaltung in den Banken. 367
wicklung in zwei Teile, von denen der eine in den Banken als Reserve
 liegt, der andere in den Händen des Publikums sich befindet
und als die zirkulierende Geldmenge bezeichnet wird. Wenn die
Gewohnheit, -Kassenmittel bei einer Bank anzulegen, allgemeine Verbreitung
 gefunden hat, wird sich die Volkswirtschaft mit einer verhältnismäßig
 kleinen zirkulierenden Geldmenge begnügen können,
braucht aber außerdem eine Bankreserve in gewisser Höhe. Diese
Reserve kommt zur Anwendung, sobald der Gesamtbedarf anzirkulierendem
 Gelde zufällig über sein normales Maß hinaus steigt. Bei jeder
solchen Gelegenheit fließt Geld aus der Reserve in die Zirkulation, um
bei Nachlassen des Bedarfs wieder in die Reserve zurückzufließen.. Die
Höhe der Geldsumme, die normal als Reserve gehalten werden muß,
bestimmt sich folglich nach der Größe der Schwankungen des volkswirtschaftlichen
 Bedarfs an zirkulierendem Gelde.
Immer muß jedoch im ganzen durch die beschriebene Konzentrierung
 der Kassenhaltung eine erhebliche Verminderung des Geldbedarfs
 der Volkswirtschaft erreicht werden. Oder, von einem anderen
Gesichtspunkte: es muß bei gegebener Geldmenge eine gesteigerte Zahlungsleistung
 bewältigt werden können. Mit anderen Worten: die
Konzentrierung der Kassenhaltung verringert die Knappheit des.
Geldes,
Wir haben hier die Bankdepositen nur insofern in Betracht gezogen,
als sie reine Kassenbestände darstellen und also auf Sicht rückzahlbar
sind. Solche Depositen erhalten die Banken, wie gesagt, teils von
Unternehmungen, die für ihren Geschäftsbetrieb stets eine Kasse
brauchen, aber es vorziehen, diese Kasse zum Teil bei einer Bank zu
halten, teils von Privatpersonen, die ihre Mittel, sei es für Verbrauch,
sei es für Kapitalanlage eine kürzere Zeit disponibel halten.
Die Banken nehmen aber auch Depositen ganz anderer Art entgegen.
 Zuweilen überläßt nämlich ein Sparer seiner Bank die spezielle
Kapitalanlage. Er leiht der Bank seine Ersparnisse gegen Zins auf
längere Zeit. Die Bank hat dann ihrerseits für dieses Kapital eine Anlage
 zu finden. Diese Vermittlung der Kapitalanlage des Publikums ist
ein besonderes Geschäft, das zwar zum Teil von den Banken getrieben
 wird, aber für welches auch besondere Anstalten geschaffen
werden. Für die kleineren Sparmittel kommen hier besonders die Sparkassen
 in Betracht. Natürlich kommen neben diesen Hauptformen von
Depositen auch Zwischenformen vor, wo die Mittel auf kurze Zeit
rückzahlbar sind und zu einem niedrigen Zinsfuß verzinst werden, und
wo es unbestimmt bleibt, ob sie als temporäre Kapitalanlage oder als
Kassenbestände zu betrachten sind. In einer Untersuchung über das
Geldwesen müssen wir offenbar von allen Depositen, die Kapitalanlagen
 darstellen, absehen und uns auf die reinen Kassenmittel, die
den Banken in laufender Rechnung anvertraut werden, beschränken,
        <pb n="381" />
        Kap. X. Die Bankzahlungsmittel.
Die zweite und dritte Stufe in der rationellen Ausnutzung der
Kassenbestände wird durch die Einführung von Schecks erreicht. Die
Bank kann einen Depositeninhaber ermächtigen, über sein Guthaben
mittels Scheck/d. h. eine auf Sicht zahlbare Anweisung auf die Bank)
zu verfügen. Im folgenden werden wir solche mittels Schecks verfügbare
 Guthaben der Kürze halber lediglich als „Depositen‘‘ bezeichnen.
Bei Zahlung mit Scheck wird eine ä vista Geldforderung an eine Bank
dem Zahlungsempfänger übertragen. Obwohl dieser den Scheck als
Zahlung an andere als eine Bank weitergeben kann, fällt jedoch ein
solcher Gebrauch des Schecks außerhalb seiner regelmäßigen Verwendung.
 Wir setzen hier voraus, daß der Scheck, wie es im allgemeinen
der Fall ist, nur für eine einzige Zahlung zwischen dem Publikum benutzt
 wird,
Diese Zahlung kann sich aber in verschiedener Art vollziehen.
Wenn der Scheck vom Empfänger zur Einlösung präsentiert wird, ist
wohl mit Bezug auf die Zahlung selbst kein wesentlicher Fortschritt
über die erste Stufe hinaus gemacht. Die Zahlung mit Scheck bildet
in diesem Falle keinen Ersatz einer Geldzahlung. Aber auch dann
bedeutet die Möglichkeit in jedem Augenblick mit. Scheck zu zahlen
eine wesentliche Verminderung des gewöhnlichen Kassabedarfs des
Scheckkontoinhabers. Wenn der Empfänger selbst ein Depositenkonto
hält, kann er sich den Scheck einfach gutschreiben lassen. Dabei sind
zwei Fälle zu unterscheiden. Entweder hält der Empfänger sein Konto
bei derselben Bank wie der Aussteller des Schecks oder bei einer anderen.
Im ersten Falle veranlaßt der Scheck offenbar nur eine Umschreibung
in den Büchern der Bank. Die Zahlung wird ohne jede Benutzung von
barem Gelde vollzogen. Dieses Umschreibungsverfahren, das, wenn die
Bank ein ganzes Netz von Zweiganstalten besitzt, auch für Zahlungen
zwischen verschiedenen Plätzen benutzt werden kann und damit den
Zahlungsverkehr außerordentlich erleichtert, bildet die zweite Stufe
in der Entwicklung der Kassenhaltung.
Im zweiten Falle aber würde die Bank des Empfängers genötigt
sein, den Scheck bei der Bank des Ausstellers einzukassieren, und die
Zahlung würde schließlich doch eine Verwendung von barem Gelde erfordern.
 Dies wird vermieden durch das Ausgleichverfahren zwischen
den Banken, das unter dem Namen „Clearing‘“ bekannt ist, und das als
die dritte Stufe der Entwicklung der Kassenhaltung zu betrachten ist.
Die Einführung von Schecks in Verbindung mit der Ausbildung
des Clearingverfahrens bewirkt, daß die Banken den Ansprüchen ihrer
Depositenkunden zum größten Teil ohne Auszahlung von barem Gelde
zu genügen imstande sind. Jede Bank braucht natürlich dennoch, um
den Bedarf ihrer Kunden an Bargeld und einen etwaigen ungünstigen
Saldo des Clearings ausgleichen zu können, eine Kasse, die in einem
gewissen Verhältnis zum Gesamtbetrag ihrer Depositen stehen muß.

368
        <pb n="382" />
        $ 44. Die Zentralisierung der Kassenhaltung in den Banken. 369
Die vierte Stufe bildet die Zentralisierung der Kassenhaltung
der Banken in einer Zentralbank. Die Banken behalten natürlich dabei
 eine passende Kasse für den täglichen Bedarf. Was sie darüber
hinaus der Sicherheit halber als Reservekasse brauchen, wird bei der
Zentralbank als Giroguthaben angelegt.
Für den Clearingverkehr bedeutet dies zunächst, daß Differenzen
durch Umschreibungen auf die Giroguthaben gezahlt werden können.
Damit ist man also soweit gekommen, daß die Scheckzahlungen
zwischen den Inhabern von Depositenkonten vollständig ohne Benutzung
von Bargeld abgewickelt werden und daß für diesen Zweck keine Barkassen
 gehalten zu werden brauchen.
Immerhin haben die Banken, um ihre Depositen jederzeit in Bar
einlösen zu können, gewisse Kassenreserven nötig. Das teilweise Zusammenführen
 dieser Kassenreserven in einer Zentralbank bewirkt in
derselben Weise wie das entsprechende Zusammenführen der Kassen
der einzelnen Wirtschaften in den Banken eine Ersparnis im gesamten
Kassenbedarf, Diese Ersparnis dürfte jedoch relativ kleiner sein. Denn
der Kassenbedarf der verschiedenen Banken unterliegt meistens denselben
 Einflüssen der Jahreszeiten und der Konjunkturen. Die Geldansprüche
 der Banken treten also in großem Umfange zu gleicher Zeit
hervor, und die Zentralbank wird insofern die Summe dieser Ansprüche
unverkürzt befriedigen müssen. Die zeitliche Ausgleichung der Geldbedürfnisse
 einer Anzahl von Banken wird sich wahrscheinlich selten
so weit erstrecken wie die entsprechende Ausgleichung der Geldbedürfnisse
 einer weit größeren Anzahl von Bankkunden, die die verschiedensten
 Berufe vertreten und in sehr verschiedenen wirtschaftlichen Verhältnissen
 stehen. Die Zentralbank ist deshalb gezwungen, gegen ihre
Giroverpflichtungen eine relativ große Kasse zu halten, und kann nur
einen verhältnismäßig kleinen Teil ihrer Depositenmittel in zinstragenden
 Geschäften anlegen. Selbstverständlich werden die Giroguthaben
bei der Zentralbank nicht verzinst.
Die hier geschilderte Entwicklung hat für die Versorgung der
Volkswirtschaft mit Zahlungsmitteln die allergrößte Bedeutung erlangt.
Dadurch, daß über die Guthaben mittels Schecks verfügt werden kann,
und also Zahlungen ohne Benutzung von Bargeld bewerkstelligt werden
können, bekommen die Depositen den Charakter von selbständigen, das
Geld ersetzenden Zahlungsmitteln. Diesen Charakter haben die Depositen
 allerdings nur in dem Maße, wie sie die gegen sie gehaltene Bardeckung
 überschreiten, denn der Rest der Depositen vertritt nur das in
der Reserve angesammelte Geld. Die Hauptsache ist aber, daß durch
den Gebrauch von Schecks gewisse auf Sicht zahlbare Geldforderungen
als Zahlungsmittel an die Seite des Geldes gestellt werden und mit dem
Geld in Wettbewerb treten, dadurch die Knappheit des Geldes verringernd.
 &amp;gt;
Cassel, Theoret. Sozialökonomie. 4. Aufl.

24
        <pb n="383" />
        370

Kap. X. Die Bankzahlungsmittel.
Wir haben bisher die Sache so dargestellt, als ob die Depositen
immer dadurch entständen, daß das Publikum seine überflüssigen baren
Kassenvorräte den Banken übergibt. Dies ist nur zum Teil der Fall.
In Wirklichkeit werden die Depositen zum großen Teil dadurch gebildet
und fortwährend gespeist, daß die betreffende Bank ihren Kunden Vorschüsse,
 sei es im Diskontgeschäft oder im Lombard, bewilligt, und
die entsprechenden Beträge den Kunden auf ihren Scheckrechnungen
gutschreibt. Dasselbe gilt in hohem Grade hinsichtlich der Giroguthaben
der Banken bei der Zentralbank. Oft räumt auch die Bank ihren Kunden
 das Recht ein, bis zu einem gewissen Betrage Schecks zu ziehen,
ohne daß irgendeine Deckung im voraus vorhanden ist. Solche von
der Bank bewilligte Kredite können als fingierte oder Buchkredit-Depositen
 aufgefaßt werden. So geschaffene „„Depositen‘‘ sind als Zahlungsmittel
 den früher gedachten vollständig gleichgestellt.
Das Geschäft der Banken besteht unter solchen Verhältnissen nicht
ausschließlich, vielleicht nicht einmal in der Hauptsache darin, daß sie
einen Teil der ihnen als Depositen vertrauten Mittel zinstragend an-Jegen,
 sondern vielmehr darin, daß sie Vorschüsse bewilligen, die nicht
bar ausgezahlt werden, sondern als Depositen bei ihnen stehen bleiben.
Zwar werden diese Depositen durch Schecks von der einen Bank zur
anderen übergeführt, die Gesamtsumme der Depositen in der betreffenden
 Volkswirtschaft wird aber dadurch nicht vermindert, sondern
sie bildet einen stehenden Teil des volkswirtschaftlichen Zahlungsmittelvorrats,
 einen Teil, der sogar bei jeder Erweiterung der betreffenden
Vorschüsse noch vergrößert wird. Gewiß werden aus den Depositen
auch Summen in Bar ausgezahlt, im ganzen wird aber unter normalen
Verhältnissen ebensoviel auf den Depositenbanken in Bar eingezahlt, so
daß der gesamte Kassenbestand der Banken unberührt bleibt. Dieses
Gleichgewicht läßt sich allerdings nur solange erhalten, als nicht zu
viel Depositen geschaffen werden. Hierin liegt in der Tat, wie wir
gleich sehen werden, die Begrenzung der scheinbar beliebigen Vermehrbarkeit
 der Depositen.
Die Depositen können als Zahlungsmittel niemals das bare Geld
vollständig ersetzen. Auch bei hochentwickeltem Depositenverkehr wird
bares Geld in großem Umfange in gewissen Kreisen und für gewisse
Arten von Zahlungen verwendet. Die ganze Arbeiterklasse, wohl auch
die meisten eigentlichen Handwerker, zum Teil die kleinen Händler und
die große Mehrzahl der Landwirte stehen in der Regel ganz außerhalb
des Scheckverkehrs. Auch die Inhaber von Scheckrechnungen brauchen
für ihre täglichen persönlichen Ausgaben in weitem Umfange bares
Geld. Der ganz überwiegende Teil der eigentlichen Konsumtion dürfte
alsö auch in einer hochentwickelten Volkswirtschaft durch bares Geld
(bzw. Banknoten) gezahlt werden.
Was die relative Bedeutung der Depositen einerseits und die des
        <pb n="384" />
        $ 44. Die Zentralisierung der Kassenhaltung in den Banken, 371
eldes (darunter einbegriffen Banknoten usw.) andererseits angeht, ist
Fisher für die Vereinigten Staaten und das Jahr 1909 zu folgenden
Ergebnissen gekommen?!): das Geld, das sich wirklich in Zirkulation
befindet, also nicht als Reserven der Banken oder der Treasury ruht,
beträgt 1,6 Milliarden Dollars. Die Depositen belaufen sich auf mehr
als das vierfache, nämlich 6.7 Milliarden Dollars. Die Zahlungen in Geld
betragen 34 Milliarden. Dollars pro Jahr, die Zahlungen in Schecks dagegen
 353 Milliarden Dollars, also den ungleich größeren Teil der Geamtsumme
 aller Zahlungen, die auf die gewaltige Summe von 387 Milliarden
 Dollars steigt.
Das quantitative Verhältnis zwischen Depositen und Geld in der
Zahlungsmittelversorgung der Volkswirtschaft wechselt bedeutend von
Land zu Land und ist auch innerhalb eines Landes auf die Länge der
Zeit Veränderungen unterworfen, gewöhnlich in der Richtung, daß der
Gebrauch von Depositen als Zahlungsmittel sich mehr und mehr verbreitet.
 In einem gegebenen Zeitpunkte ist aber dieses Verhältnis
durch die Gewohnheiten des Volkes bestimmt und demnach als eine gegebene
 Größe zu betrachten. Das Publikum wird auf seinen Scheckechnungen
 eine Depositensumme halten, die in diesem bestimmten Verältnisse
 zu der tatsächlich zirkulierenden Geldmenge steht, weder mehr
noch weniger. Wenn also die Banken durch ihre Vorschüsse einen
Überschuß von Depositen schaffen, werden sie gleich Forderungen an
Barzahlung zu begegnen haben. Natürlich ist das gedachte Verhältnis
zwischen Depositen und Geld kein absolut festes. Bei gewissen Gelegenheiten
 richtet sich die Nachfrage nach Zahlungsmitteln besonders
nach Depositen, bei anderen Gelegenheiten nach Geld. Aber auch diese
Abweichungen beruhen auf selbständigen Ursachen, die in der Hauptsache
 dem Einflusse der Banken entzogen sind.
Die moderne Entwicklung des Bankwesens hat die ganze Zahlungsmittelversorgung
 der Volkswirtschaft in die Hände der Banken gelegt.
enn man eine geschlossene Volkswirtschaft mit Goldwährung betrachet,
 und wenn man von der Möglichkeit einer Goldproduktion absicht,
kann die Gesamtmenge der effektiv wirksamen Zahlungsmittel, also die
Summe des zirkulierenden Geldes und der Depositen nur unter Mitwirkung
 der Banken vermehrt werden. Daß die Depositen ohne Verminderung
 der zirkulierenden Geldmenge nur durch‘ Ausdehnung der
orschüsse der Banken vermehrt werden können, liegt auf der Hand,
aber auch eine Vermehrung der zirkulierenden Geldmenge ist nur daurch
 möglich, daß die Banken Geld aus ihren Reserven hergeben. Die
KU Nachfrage nach Zahlungsmitteln wendet sich also an die Banken,
und jede Erweiterung der Zahlungsmittelversorgung der Gesellschaft
hängt von einer entsprechenden Erweiterung der Vorschüsse der
Banken ab. }
5 Fi$her: The purchasing power of money. Newyork 1912, p. 305.

24%
        <pb n="385" />
        372

a. Kap. X. Die Bankzahlungsmittel.
Unter modernen Verhältnissen darf es wohl als Regel gelten, daß die
Unternehmen ihren Bedarf an Zahlungsmitteln nicht aus eigenen Mitteln
decken. Das eigene oder durch feste Anleihen beschaffte Kapital des
Unternehmens reicht gewöhnlich kaum zur Deckung des in dem Unternehmen
 gebrauchten Realkapitals, sei es der Gebäude, Fabrikseinrichtungen
 oder sonstigen Anlagen oder des in Form von Rohmaterial oder
Halbfabrikat vorhandenen beweglichen Kapitals. Der Kassenbedarf des
Unternehmens wird regelmäßig durch Bankvorschüsse gedeckt. Nur zu
einem kleineren Teil werden die von der Bank zur Verfügung gestellten
Zahlungsmittel als Kasse in barem Gelde gehalten. Der Rest bildet ein
Guthaben bei der Bank, worauf Schecks gezogen werden können. Diese
Guthaben werden zu einem geringeren Teil gedeckt durch bares Geld,
das die Banken als Depositen vom Publikum bekommen haben und in
ihren Reserven halten. Der weitaus größte Teil der Kassenmittel besteht
aus Depositen, die durch Vorschüsse der Banken geschaffen sind.
Wir finden also, daß die Banken nicht nur die Kassenhaltung der
Unternehmen übernommen haben, sondern auch die Kassenmittel selbst
beschaffen, größtenteils in Form von neugeschaffenen Depositen, und
sie den Unternehmern leihweise zur Verfügung stellen. Mit dieser Entwicklung
 ist die Konzentration der Kassenhaltung in den Banken zu
ihrem Abschluß gekommen.
8 45. ‚Die Begrenzung der Depositen.
Die Guthaben auf Scheckrechnungen bilden, wie wir gesehen haben,
ein besonderes, mit dem Gelde konkurrierendes Zahlungsmittel. Scheinbar
 liegt es in der Hand der Banken, dieses Zahlungsmittel nach Belieben
 zu vermehren. Die Bankkunden, die ihre Geschäfte ausdehnen
wollen und dafür mehr Zahlungsmittel brauchen, erhalten diese Zah-Jungsmittel
 in Form von Depositen einfach durch Diskontierung ihrer
Forderungen oder Lombardierung ihrer Wertpapiere oder, noch einfacher,
 lediglich auf die Sicherheit ihrer Namen. Solange die Banken
solche Vorschüsse bewilligen, können neue Depositen geschaffen werden.
Eine solche beliebige Vermehrbarkeit eines Zahlungsmittels, das doch
tatsächlich in der heutigen Volkswirtschaft in weitestem Umfange
für Zahlungen benutzt wird und als Zahlungsmittel dem Gelde gleichgestellt
 ist, muß aber von vornherein als ausgeschlossen betrachtet
werden. Wenn die Preisskala überhaupt eine Stabilität besitzen soll, muß
für die gesamte Zahlungsmittelversorgung und somit für jedes einzelne
Zahlungsmittel eine bestimmte Knappheit bestehen. In der Tat erhält
ein Zahlungsmittel, wie früher schon hervorgehoben, seine richtige
Charakteristik erst durch die Art, in welcher seine Knappheit bestimmt
wird. Dies gilt auch von den Depositen,
        <pb n="386" />
        8 45. Die Begrenzung der Depositen. 73
Die Knappheit dieses Zahlungsmittels ist durch die Notwendigkeit,
die Depositen bei Anforderung bar auszuzahlen, gegeben. Dieser Satz
ist nicht selbstverständlich. Man könnte nämlich einwenden, daß, wenn
die Depositen selbst als Zahlungsmittel benutzt werden können, der Verkehr
 ihre Auszahlung in Bar nicht zu fordern brauchte, und daß also
die genannte Begrenzung der Depositen unwirksam bliebe. Diese Einwendung
 führt zu der allgemeineren Frage, welche Aufgaben in einer
Volkswirtschaft mit ausgebildetem Scheckverkehr den Geldreserven der
Banken zufallen. Bei der Behandlung dieser Frage ist es zweckmäßig,
die Geldansprüche, die für Zahlung nach dem Auslande gestellt werden,
zunächst außer Betracht zu lassen, da die internationalen Zahlungen am
besten als ein Gegenstand für sich behandelt werden (Kapitel 12). Wir
sehen deshalb hier vom ganzen Zahlungsverkehr mit dem Auslande ab
und beschränken unsere Betrachtungen auf ‚die geschlossene Volkswirtschaft“‘.

Auf jeder Stufe der wirtschaftlichen Entwicklung verteilt sich, wie
schon bemerkt, der Gesamtbedarf des Verkehrs an Zahlungsmitteln in
einem bestimmten Verhältnis zwischen Geld und Depositen. Bei reichlicher
 Zahlungsmittelversorgung steigt also auch der Bedarf des Verkehrs
 an zirkulierendem Geld, und dieser steigende Bedarf wendet sich
an die Kassen der Banken. Die Banken können also nicht dem Verkehr
 Zahlungsmittel in unbegrenzter Menge zur Verfügung stellen, ohne
daß Forderungen an barem Gelde an sie herantreten,
Solange diese Forderungen innerhalb enger Grenzen beschränkt
bleiben, können sie wohl mit Hilfe der Kassenreserven befriedigt werden.
Bei immer steigendem Geldbedarf wird dies offenbar nicht länger
möglich. Die Banken sind deshalb gezwungen, sich in der Tätigkeit,
durch welche sie den Verkehr mit Zahlungsmitteln versehen, bestimmte
Beschränkungen aufzuerlegen. Im großen müssen diese Beschränkungen
so weit gehen, daß die Reserve nur zufälligerweise angegriffen wird,
auf die Länge der Zeit aber im großen und ganzen unverkürzt erhalten
bleibt. Damit ist aber eine gewisse Knappheit der Depositen gegeben
und eine bestimmte Begrenzung der Zahlungsmittelversorgung gesichert.
Durch diese Knappheit der Zahlungsmittelversorgung sind Ansprüche
 des Verkehrs an Geld vielleicht nicht ganz ausgeschlossen, aber
doch insoweit beschränkt, daß sie mit Hilfe der Kassenreserven der
Banken befriedigt werden können. Die Aufgabe der gesamten von den
Banken gehaltenen Geldreserve ist also, diejenigen Geldansprüche, die
noch bei richtiger Begrenzung der Zahlungsmittelversorgung durch die
Vorschußbedingungen der Banken hervortreten, zu befriedigen. Mit
Hinsicht auf diese Aufgabe muß die Höhe der Reserve bestimmt werden.
Dabei ist zu beachten, daß der Zahlungsmittelbedarf der Volkswirtschaft
 an sich keineswegs konstant ist, sondern aus Ursachen, die
außerhalB des Einflusses der Banken liegen, erhebliche Variationen auf-7


5
        <pb n="387" />
        . Kap. X. Die Bankzahlungsmittel.
weist... Erstens wächst nämlich der Zahlungsmittelbedarf zu gewissen
Jahreszeiten über seinen normalen Betrag. So sind bei jedem Quartalswechsel
 große Summen fällig. Mieten, Gehälter, Zinsen aller Art werden
 dann in großem Umfange bezahlt. Mittel für diese Zahlungen
müssen einige Tage vorher bereit gehalten werden, und es dauert auch
einige Tage über den Quartalswechsel hinaus, bevor der Zahlungsmittelbedarf
 wieder auf sein normales Maß zurückgeführt ist. In kleinerem
Umfange macht sich eine derartige zufällige Steigerung des Zahlungsmittelbedarfs
 am ultimo jedes Monats fühlbar, wobei in einigen Ländern
besonders die Zahlungen an der Fondsbörse in Betracht kommen. Der
Herbst erfordert zur Zahlung der Ernte große Geldsummen, ebenso die
Weihnachtseinkäufe und. der zu gewissen Jahreszeiten besonders lebhafte
 Reiseverkehr. Zweitens wird der Bedarf an Zahlungsmitteln
durch die Konjunkturen beeinflußt: bei einem allgemeinen Aufschwung
tritt eine Steigerung des ganzen volkswirtschaftlichen Umsatzes ein,
infolgedessen wird der Zahlungsmittelbedarf oft ganz bedeutend gesteigert.
 Eine solche Steigerung findet schließlich auch in Krisenzeiten
statt: infolge der Absatzstockung fließen erwartete Geldeinkünfte nicht
oder nicht zur rechten Zeit ein, wobei jedoch für unerwartete Ausgaben,
z. B. für Einlösung protestierter Wechsel, Mittel bereit gehalten werden
müssen. Jedermann wird unter solchen Umständen seine Kasse nach
Kräften zu stärken suchen. Es entsteht in dieser Weise in Krisenzeiten ein
extraordinärer Bedarf an Zahlungsmitteln, ein Bedarf, der sich ins
Enorme steigern kann, wenn befürchtet wird, daß die Banken bald
weitere: Vorschüsse verweigern werden.
Bei allen solchen Schwankungen des Zahlungsmittelbedarfs ist es
ein großer Vorteil, daß die Depositen durch neue Vorschüsse leicht
vermehrt werden können und somit ein sehr elastisches Zahlungsmittel
darstellen. Es ist weder möglich noch‘ wünschenswert, durch die Vorschußbedingungen
 der Banken die Zahlungsmittelversorgung so streng
zu regulieren, daß den selbständigen Veränderungen des Zahlungsmittelbedarfs
 kein Raum gelassen wird. Wenn aber bei gegebenen Vorschußbedingungen
 eine Vermehrung ‘der Depositen stattfindet, folgt
damit auch im allgemeinen eine entsprechende, obwohl vielleicht nicht
ganz proportionelle Steigerung des Bedarfs an zirkulierendem Geld,
Für diesen Bedarf müssen dann die Bankreserven das nötige Material
abliefern.
Es muß also in der Volkswirtschaft ein Reservoir von Bargeld vorhanden
 sein, aus dem der Verkehr seinen zufälligen Extra-Bedarf
an’ zirkulierendem Geld decken kann, und in das dieses‘ Geld bei
sinkendem Bedarf wieder zurückfließt. Diese Aufgabe wird von der
Gesamtreserve der Banken erfüllt. Zu diesem Zweck ist unter normalen
Verhältnissen für die Reserve eine Mindesthöhe erforderlich, die sich
nachdem Betrag bestimmt, mit welchem der maximale Bedarf des Ver-374
        <pb n="388" />
        $ 45. Die Begrenzung der Depositen. #)
ehrs an Bargeld den normalen übertrifft, Diese Differenz ist natürlich
von der Regulierung der gesamten Zahlungsmittelversorgung seitens
der Banken abhängig, und kann durch eine angemessene Strenge dieser
Regulierung auf ein gewisses Minimum beschränkt werden. ” A
Der Spielraum, innerhalb dessen die zirkulierende Geldmenge
schwankt, wächst natürlich proportionell mit dieser Geldmenge selbst,
und es ist also die Normalreserve als eine gewisse Quote der normal
im Verkehr zirkulierenden Geldmenge anzugeben. Da nun auch diese
Geldmenge zu einer gegebenen Zeit in einem bestimmten Verhältnis
zum Gesamtbetrag der Depositen steht, kann die normale Reserve, die
zur Barzahlung der Depositen gehalten werden muß, auch als eine Quote
des Gesamtbetrags der Depositen ausgedrückt werden. Dabei ist zu
bemerken, daß diese Quote immer kleiner wird, je mehr die Depositen
als Zahlungsmittel an Bedeutung im Verhältnis zum Geld gewinnen, so
daß eine Volkswirtschaft mit stark entwickeltem Depositenverkehr und
elativ geringer Geldzirkulation mit einer relativ kleinen Bardeckung
der Depositen auskommen kann, wie dies auch das Beispiel Englands
zeigt.
Das Mittel, durch welches es den Banken gelingt, ihre Reserve zu
chützen und damit eine bestimmte Knappheit der Zahlungsmittelversorgung
 herbeizuführen, liegt nach dem Gesagten in einer Beschränkung
der Vorschüsse, durch welche neue Depositen geschaffen werden. Heutzutage
 wird aber keine große Bank, am wenigsten eine Zentralbank,
ihre Mittel bis zu einer gewissen Grenze zur Verfügung stellen, um
dann plötzlich ihren Kunden jede weitere Unterstützung zu verweigern.
Die nötige Begrenzung sucht man vielmehr in angemessenen Verschärfungen
 der Bedingungen der Diskontierungen, Darlehen usw.
Die wirkliche Regulierung der Schaffung neuer Zahlungsmittel in
er Form von Depositen erfolgt also nicht durch eine starre Begrenzung
 des Gesamtbetrags der Vorschüsse, sondern durch die Bedingungen,
nter welchen die Banken Vorschüsse bewilligen. Wie diese Bedingungen
 wirken, werden wir an anderer Stelle untersuchen (88 47
bis 49). Hier gilt es, die Tatsache festzustellen, daß die Vorschußbedingungen
 der Banken das Mittel sind, durch das die nötige Knappheit
 der Depositen und damit der gesamten Zahlungsmittelversorgung
herbeigeführt wird,
Der Mechanismus, durch den die volkswirtschaftliche Zahlungsnittelversorgung
 reguliert wird, ist also der folgende: Durch ihre Vorchußbedingungen
 regulieren die Banken im großen den gesamten
ahlungsmittelbedarf, wobei noch ein Spielraum für die selbständigen
eränderungen desselben übrigbleibt. Der Zahlungsmittelbedarf vereilt
 sich in einem bestimmten, wenn auch kleinen Schwankungen unterorfenen,
 Verhältnis auf Geld und Depositen. Die Menge des zirkujerenderr
 Geldes, sowie die der Depositen, wird also durch die Vor-37
        <pb n="389" />
        i Kap. X. Die Bankzahlungsmittel.
schußbedingungen bis auf gewisse Schwankungen bestimmt. Die innerhalb
 der so gegebenen Grenzen noch mögliche Geldnachfrage wird
durch den Geldvorrat der Banken gespeist. Die Vorschußbedingungen
müssen so. gewählt werden, daß die Reserve diese Funktion stets zu
erfüllen imstande ist. Zu diesem Zweck muß aber die Regulierung der
Versorgung des Verkehrs mit Depositen im großen darauf gerichtet
sein, daß der Verkehr im ganzen keine Barzahlung der Depositen fordert.
 Erst dann wird die Aufrechterhaltung einer Barzahlung auf die
Länge der Zeit überhaupt möglich.
Durch ihre Vorschußbedingungen vermögen also die Banken den
Depositen, diesem scheinbar beliebig vermehrbaren Zahlungsmittel, eine
gewisse Knappheit und damit auch eine gewisse grobe Wertparität mit
dem Gelde zu geben. Wenn diese Regulierung hinreichend streng ist,
und außerdem noch ein genügender Barvorrat gehalten wird, ist es
stets möglich, die Ansprüche des Verkehrs auf Bargeld zu befriedigen
und somit die absolute Parität der Depositen mit dem Gelde herzustellen.

In der heutigen Volkswirtschaft ist nach dem jetzt Gesagten die
richtige Begrenzung der Depositen und damit der ganzen Vvolkswirtschaftlichen
 Zahlungsmittelversorgung in die Hände der Bankverwaltungen
 gelegt. Die Garantie dafür, daß die Banken diese Aufgabe auch
erfüllen, liegt darin, daß sie nur dadurch ihrer Verpflichtung zur sofortigen
 Barzahlung der Depositen nachkommen können.
Man könnte vielleicht erwarten, daß eine für die Gesellschaft so
außerordentlich wichtige Aufgabe der staatlichen Regulierung unterworfen
 wäre. Gegen eine gesetzliche Regulierung der Reserve, die etwa
ein Mindestverhältnis zwischen Reserven und Depositen festlegen wollte,
spricht aber der Umstand, daß die so bestimmten Reserven auch im Falle
eines außerordentlichen Bedarfs festgelegt und folglich ihrem wesentlichen
 Zweck entzogen wären. In den meisten Ländern hat man sich
einer solchen Regelung enthalten.
8 46. Die Banknoten.
Die Banknote ist eine auf eine runde Summe lautende, auf den
Inhaber gestellte, jederzeit zahlbare Anweisung einer Bank auf sich
selbst. Die Banknoten sind, in ihrer Eigenschaft als ä vista Geldforderungen,
 den Depositen gleichgestellt. In den Fällen, wo die Banknote
ursprünglich aus der Bescheinigung der Bank über ein bei ihr niedergelegtes
 Gelddepositum entstanden ist, tritt diese Gleichstellung besonders
 deutlich hervor. Noten und Depositen dienen beide als Zahlungsmittel,
 erfüllen aber diese Funktion in etwas verschiedener Art.
Bei einer Zahlung durch eine Banknote wird eine Geldforderung an

376
        <pb n="390" />
        8 46. Die Banknoten. 8:7
eine Bank dem Zahlungsempfänger unmittelbar übertragen, während
die entsprechende ‘Übertragung eines Depositenguthabens die Ausstellung
 eines Schecks voraussetzt, Sachlich ist der Vorgang in beiden
Fällen derselbe. Die Banknote aber, die in sich selbst die Bescheinigung
einer Geldforderung darstellt, kommt offenbar schon hierdurch als
Zahlungsmittel dem Gelde wesentlich näher als die Depositen. Die
Banknote kann, wie die Münze, beliebig viele Zahlungen nacheinander
verrichten, während Zahlungen durch. Übertragung von Depositenguthaben
 regelmäßig jedesmal die Ausstellung eines neuen Schecks erfordern.

Dazu kommt, daß die Banknote, ganz besonders wenn sie von einer
großen Zentralbank ausgegeben ist, eine größere und allgemeiner anerkannte
 Sicherheit besitzt als ein Scheck. Denn die Sicherheit des
Schecks hängt nicht nur von der Bank, auf welche er gezogen ist, ab,
sondern auch wesentlich vom Aussteller, Nur derjenige, dem er bekannt
ist, kann den Scheck in Zahlung nehmen, während jedermann, der zur
Bank Vertrauen hat, eine Banknote annehmen kann. Die Banknote
kann deshalb im rein physischen Sinne zirkulieren ganz in derselben
Weise wie die Münze. In dieser Beziehung ist der Scheck der Banknote
wesentlich unterlegen. Auch darin kommen die Banknoten den Münzen
nahe, daß sie einen abgerundeten Nennwert haben und somit, sobald
Noten in passenden Abschnitten vorhanden sind, mit Vorteil zum
Auflegen einer beliebigen Geldsumme verwendet werden können. Diese
beiden Eigenschaften des allgemein erkannten Wertes und des abgerundeten
 Nennwertes sind es, wie wir wissen, welche die geprägten
Münzen als Zahlungsmittel vom rohen Metalle unterscheiden und zu
Geld machen. Dieselben Eigenschaften ermöglichen der Banknote, die
besonderen Zahlungsmittelfunktionen des baren Geldes zu übernehmen.
Wenn die Banknote von einer soliden Bank ausgegeben ist, wird
sie von jedermann gern in Zahlung genommen, dient also ganz wie
das Geld als allgemeines Tausch- oder Zahlungsmittel. Es ist eine
überall anerkannte Rechtsregel, daß eine Zahlungsverpflichtung, wenn
einmal eine Zahlung in Banknoten stattgefunden hat, als erfüllt gilt.
Die Noten der Zentralbanken werden sogar als gesetzliche Zahlungsmittel
 erklärt, so in England, Frankreich und Schweden und seit 1910
auch in Deutschland. Damit kommt die Banknote dem Begriffe des
Geldes so nahe, daß sie vom großen Publikum als Geld aufgefaßt wird.
Nur der Umstand, daß die Banknote kein Sachgut ist, sondern lediglich
 Bescheinigung einer Forderung, hindert uns die Banknote als Geld
anzuerkennen.
In dem Augenblick, wo die Pflicht der Bank, ihre Noten in Geld
einzulösen, aufgehoben wird, gehen die Banknoten auch in wirkliches
Geld über, Das Land hat dann ein Papiergeldsystem, die uneinlösbaren
Noten, die in diesem System als gesetzliche Zahlungsmittel gelten,

37
        <pb n="391" />
        Kap. X.. Die Bankzahlungsmittel,
haben einen „Zwangskurs‘‘, Solche Banknoten stellen nicht länger
Geldforderungen dar, sondern sind selbst Geld, wobei jedoch beachtet
werden muß, daß, ‚solange eine Wiederaufnahme der Barzahlungen in
Aussicht steht, die Noten gewissermaßen einen latenten Charakter als
Geldforderungen bewahren.
Der Umstand, daß einlösbare Banknoten lediglich Geldforderungen
und kein Geld sind, vermindert erfahrungsgemäß nicht die praktische
Verwendbarkeit als zirkulierendes Zahlungsmittel der mit gesetzlicher
Zahlungskraft ausgerüsteten Noten der Zentralbanken. Die Erfahrung
zeigt, daß die Noten wegen ihrer Bequemlichkeit sogar vom Publikum
vorgezogen werden und deshalb auch als Zahlungsmittel das bare Geld
verdrängen. Wenn man eine solche Verdrängung als unerwünscht betrachtet
 hat, hat man den Nennwert der Noten nach unten beschränken
müssen. So durfte die Bank von England vor dem Kriege Noten unter
fünf Pfund Sterling nicht ausgeben, und Goldmünzen waren deshalb
allgemein in Zirkulation. Der deutschen Reichsbank, die früher keine
Noten unter dem Nennwert von hundert Mark ausgeben durfte, hat man
1906 das Recht verliehen, auch Noten zu fünfzig und zwanzig Mark
auszugeben, um es damit der Bank zu ermöglichen, eine dieser Notenausgabe
 entsprechende Goldmenge an sich zu ziehen, oder wenigstens
einen steigenden Bedarf an zirkulierendem Geld zum Teil mit diesen
Noten zu befriedigen. In Schweden, wo Reichsbanknoten bis zu fünf
Kronen (etwa Goldmark 5,62) herab ausgegeben werden, zirkuliert
überhaupt kein Gold, sondern der ganze Goldvorrat sammelt sich in
der Reichsbank.
Die Banknoten erfüllen also den Bedarf an Kassenvorräten ebensogut
 wie das bare Geld. In dieser Beziehung ist die Wirkung der
Banknoten etwas verschieden von der Wirkung der Depositen. Die
Depositen ersetzen zu einem gewissen Teile die private‘ Kassenhaltung.
Die Banknoten ersetzen in der privaten Kasse, die noch nötig ist, das
bare Geld. Die Banknote ist demnach geeignet, den Geldbedarf, der
nach Ausbildung des Scheckverkehrs noch übrigbleibt, wenigstens SOweit
 es Zahlungen von etwas größeren Beträgen gilt, zu befriedigen.
Wieweit die Banknoten das Bargeld verdrängen, hängt, wie gesagt,
wesentlich davon ab, in welchen Abschnitten sie ausgegeben werden
dürfen. Wenn Noten bis zum Betrage der kleinsten Goldmünzen in
hinreichender Menge ausgegeben werden, kann die ganze Kurantgeldzirkulation
 durch Noten ersetzt werden, so daß schließlich 'neben den
Noten nur Scheidemünzen zirkulieren.
Besonders bedeutungsvoll ist diese Ersetzbarkeit des Geldes durch
Banknoten, wenn es gilt, den Schwankungen der Ansprüche der Zirkulation
 entgegenzukommen. Nach dem vorigen Paragraphen wendet sich
einsteigender Bedarf an zirkulierendem Geld an die Reserven der Banken,
in letzter Linie an die Zentralbank. Dieser Bedarf kann, wenigstens

378
        <pb n="392" />
        8 46. Die Banknoten. 9
in demselben Verhältnis, in welchem Noten an der regulären Zirkulation
 teilnehmen, durch vermehrte Notenausgabe befriedigt werden.
Meistens steigt auch bei starkem Geldbedarf der relative Anteil der
Noten an der Zirkulation, wodurch der außerordentliche Geldbedarf
in noch höherem Grade durch Noten befriedigt werden kann. Das
Recht der Notenausgabeersetzt also für dieZentralbank in größeremoder
kleinerem Umfange die Reserve, die sie gegen ihre Depositen halten muß.
Solange die Banknoten das Geld in der Zirkulation verdrängen, sei
es infolge der Ausgabe von Noten kleinerer Abschnitte, sei es infolge
von Veränderungen in den Gewohnheiten des Publikums, kann der
Notenumlauf vergrößert werden, ohne daß dadurch die gesamte Zahlungsmittelversorgung
 reichlicher wird. Wenn aber diese Verdrängung
des Geldes durch Noten zu einem Stillstand gekommen ist, und das
Geld also fortan einen im großen und ganzen bestimmten relativen
Anteil in der Zirkulation behauptet, so muß jede Vermehrung der
Noten eine entsprechende relative‘ Steigerung der Ansprüche des inländischen
 Verkehrs auf Bargeld hervorrufen. Die Wirkung einer gesteigerten
 Notenausgabe ist dann dieselbe wie die einer Neuschaffung
von Depositen.
In der Tat bilden Noten und Depositen zusammen eine Gruppe von
Zahlungsmitteln, die wir passend als „Bankzahlungsmittel‘“ bezeichnen
 können, und deren gemeinsames Merkmal darin besteht, daß
sie von den Banken geschaffen und dem Publikum zur Verfügung gestellt
 werden und daß ihre nötige quantitative Begrenzung durch dieselben
 Faktoren bestimmt wird. Diese Begrenzung wird, wie wir im
Falle der Depositen gesehen haben, für die Banken dadurch notwendig,
daß jedes übermäßige Schaffen von Bankzahlungsmitteln Ansprüche auf
Bargeld erweckt, die sich gegen die Reserven der Banken wenden, und
die im großen und auf die Dauer nur durch ein angemessenes Zurückhalten
 in bezug auf das Schaffen neuer Bankzahlungsmittel abgewiesen
werden können.
Diesg Ansprüche sind aber in einem Lande, wo‘ die Noten einen
verhältnismäßig großen Platz in der Zirkulation einnehmen, ziemlich
klein, und verschwinden praktisch vollständig, wenn Noten das. Vollgeld
 aus der Zirkulation ganz verdrängt haben. In der geschlossenen
Volkswirtschaft, auf die wir unsere Betrachtungen hier beschränken,
würde dann eine beliebige Vermehrung der Bankzahlungsmittel wohl
eine gesteigerte Nachfrage nach Scheidemünzen herbeiführen, aber durch
keine, durch sie erweckte: Nachfrage von Vollgeld verhindert werden.
Es bleibt aber bei Goldwährung stets eine Nachfrage von Gold für nichtmonetäre
 Zwecke, und diese Nachfrage wird im allgemeinen mit jeder
Vermehrung des Zahlungsmittelvorrats im großen proportionell steigen
und sich an: die Bankreserve wenden, wodurch die Vermehrung der
Bankzahlungsmittel verhindert wird (vgl. 8 51).

3it
        <pb n="393" />
        . Kap. X. Die Bankzahlungsmittel.
In der Pflicht die Noten in Gold einzulösen liegt also für die Banken
‚unter allen Umständen ein Zwang zu bestimmter Zurückhaltung in
der Schaffung von Bankzahlungsmitteln und besonders in der Notenausgabe.
 Dieser Zwang bildet für die Gesellschaft eine Garantie für eine
angemessene‘ Begrenzung der gesamten Zahlungsmittelversorgung.
Würden die Banken Ansprüchen auf Zahlungsmittel unbegrenzt entgegenkommen,
 so würde die ganze Reserve bald verbraucht sein und
die Einlösung könnte nicht länger aufrecht erhalten werden.
Bei genügender Begrenzung der Notenausgabe ist die Aufgabe der
Reserve, wie schon bei der Frage der Begrenzung der Depositen ausgeführt
 wurde, die, ein Fonds zu sein zur Befriedigung der in jeder
Volkswirtschaft vorkommenden, periodisch wiederkehrenden Steigerungen
 des Geldbedarfs des Verkehrs. Der Barvorrat der Zentralbank
dient also — was den inländischen Verkehr anbetrifft — in der Haupt
sache nicht, wie man oft annimmt, zur Einlösung der Noten oder der
sonstigen täglich fälligen Verbindlichkeiten, sondern vielmehr zur Ermöglichung
 der Vermehrung dieser Verbindlichkeiten und dadurch zur
Befriedigung aller legitimen Zahlungsmittelbedürfnisse eines in Umfang
wechselnden Verkehrs,
Das Mittel, durch das die Notenzirkulation sowohl wie die Depositen
 innerhalb angemessener Grenzen gehalten werden, sind die Bedingungen,
 unter welchen die Bankzahlungsmittel dem Publikum zur
Verfügung gestellt werden. Da die Bank überhaupt nur Zahlungsmittel
im allgemeinen zur Verfügung ihrer Kunden stellen kann, aber keinen
Einfluß auf die Art der Zahlungsmittel, die die Kunden fordern, hat, so
sind die Bedingungen selbstverständlich für beide Arten von Zahlungsmitteln
 dieselben und sollen demgemäß im folgenden gemeinschaftlich
behandelt werden,
Bei der großen Bedeutung, die die Notenzirkulation für alle Schichten
 der Bevölkerung hat, und angesichts der den Durchschnittspolitiker
bestechenden Geldähnlichkeit der Banknoten ist es sehr verständlich,
daß die Gesetzgebung sich eingehend mit der Regelung der Notenausgabe
 beschäftigt und oft sehr spezielle Regeln für ihre Begrenzung gegeben
 hat, während eine entsprechende Regelung der Depositen, wie
oben bemerkt, meistens unterblieben ist. Es ist dabei zu beachten, daß
die Gesetzgebung selbstverständlich nur das Notenausgaberecht regulieren
 kann, nicht aber die wirkliche Notenzirkulation, die also immer
noch von der Bank selbst nach der jeweiligen wirtschaftlichen Lage zu
regulieren sein wird. Daß es der Gesetzgebung in den genannten Bestrebungen
 wie so häufig auf dem wirtschaftlichen Gebiete nicht gelungen
 ist, bis zu den unmittelbaren Realitäten des Lebens zu reichen,
werden wir jetzt sehen.
Zur Regulierung der Notenausgabe hat man entweder wie in Frankreich
 den Maximalbetrag der Notenzirkulation festgestellt oder, wie in

380
        <pb n="394" />
        8 46. Die Banknoten. 381
den meisten Ländern, diesen Betrag in eine gewisse Verbindung mit
der Reserve gesetzt. Im letzten Falle kommen hauptsächlich zwei
Methoden zur Verwendung.
Die erste Methode, die zuerst für die Regulierung der Notenausgabe
 der Bank von England zur Anwendung gekommen ist, besteht in
der Kontingentierung der nicht durch die Reserve gedeckten Notenausgabe,
 also in der Feststellung eines gewissen Höchstbetrages, mit dem
die Notenzirkulation den Barvorrat überschreiten darf. Man geht dabei
davon aus, daß ein gewisses Minimum von Noten sich immer in der Zirkulation
 befinden muß, weil eben der Verkehr die Noten nicht entbehren
kann, und daß zur Einlösung der übrigen Noten eine ihrem Betrage
genau entsprechende Reserve vorhanden sein muß. Bei einer Regelung
der Notenausgabe nach dieser Methode wächst das Recht der Notenausgabe
 nur mit demselben Betrage, mit dem der Barvorrat wächst. Die
Elastizität, die die Notenausgabe dem gesamten Zahlungsmittelvorrat
verleihen sollte, ist damit sehr begrenzt und überhaupt nur in dem
Maße vorhanden, in dem das Notenausgaberecht nicht voll ausgenützt
wird. Dem großen Nachteil der Methode, daß sie eine besonders in
Krisenzeiten unerläßliche Elastizität der Notenausgabe ausschließt, hat
man in England einfach damit abgeholfen, daß man bei Bedarf die bezügliche
 Bestimmung der Bankakte suspendiert hat. Die deutsche
Bankgesetzgebung der Vorkriegszeit, die das Kontingentierungsprinzip
aus der englischen übernahm, hat eine regelmäßigere Elastizität der
Notenzirkulation dadurch erreicht, daß sie — abgesehen von der 1909
eingeführten Erhöhung des Kontingents bei den Quartalswechseln —
Überschreitungen des Kontingents gegen Zahlung einer diesen Überschreitungen
 entsprechenden Steuer zugelassen hat. Diese Besteuerung,
die wohl für Privatbanken eine gewisse Bedeutung haben mag, dürfte
aber die Reichsbank kaum in ihrer Notenausgabepolitik beeinflußt
haben. Die Kontingentierung bedeutete also für die Reichsbank kaum
eine wirkliche Beschränkung ihrer Notenausgabe‘).
Die zweite Methode zur gesetzlichen Regelung der Notenausgabe
im Verhältnis zur Reserve besteht in der Feststellung einer bestimmten
Quotendeckung. Auch diese Methode ist von der deutschen Bankgesetzgebung
 aufgenommen: die Notenzirkulation mußte mindestens zu einem
Drittel durch den Barvorrat gedeckt sein. Eine solche Deckung galt
lange bei den englischen Notenbanken als ein von der praktischen Erfahrung
 bestätigter passender Durchschnitt. Die so berechnete Reserve
ist offenbar dazu da, um in schlechten Zeiten ausgenutzt zu werden, sei
es zur Einlösung der Noten, sei es zur Vermehrung der Notenausgabe
1) Vgl. die Ausführungen hierüber in der Festschrift der Reichsbank („Die
Reichsbank 1870—1900*, p. 219), wo es heißt, daß ‚die Reichsbank in ihrer Diskontopolitik
 sich niemals von den Intentionen dieses Systems hat mechanisch
beeinflussen lassen‘,
        <pb n="395" />
        ” Kap. X. Die Bankzahlungsmittel.
über das normale Deckungsverhältnis hinaus. Wenn aber die Gesetzgebung
 das Deckungsverhältnis festlegt, so hört das Deckungsverhältnis
 hiermit auf, eine anwendbare Regel für die Begrenzung der
Notenausgabe zu sein. Sucht nämlich der Staat das normale Verhältnis
zwischen Notenausgabe und Reserve festzulegen, so wird die Bank von
der Verfügung über diese Reserve abgeschnitten eben in dem Augenblicke,
 wo die Reserve einmal zur praktischen Verwendung kommen
sollte. Wählt aber die Gesetzgebung eine niedrigere Quotendeckung
als diejenige, die als normal erachtet werden kann, so schafft sie offenbar
keine Garantie für genügende Deckungen in normalen Zeiten, errichtet
aber doch vielleicht ein gewisses Hindernis gegen eine zweckmäßige
Ausnutzung der Reserve in Zeiten der Not. Die Regel der Dritteldeckung
ist jedenfalls unter normalen Verhältnissen für die Reichsbank keine
Richtschnur für ihre Notenausgabe gewesen, da die Notendeckung der
Bank sich vor dem Kriege gewöhnlich in der Höhe von etwa zwei
Dritteln bewegte.
Wir finden also, daß die unmittelbare Begrenzung der Notenausgabe
in keinem Falle in den gesetzlichen Vorschriften über die Größe der
Bardeckung liegt. Die Bank wird immer einem anderen und besseren
Deckungsverhältnis nachstreben und wird dabei wohl auf die Notwendigkeit,
 die gesetzlichen Bestimmungen unter allen Umständen zu erfüllen
 imstande zu sein, Rücksicht nehmen, ohne sich jedoch ausschließlich
 von diesem Gesichtspunkte leiten zu lassen. Aber auch in diesen
Bestrebungen der Bank liegt kein direkt wirksames Mittel zur'Regulierung
des Notenumlaufs, . Keine Bank wird Noten bis zu einem gewissen Betrage
 ausgeben, um dann jede weitere Nachfrage abzuweisen. Die wirkliche
 Begrenzung der Notenzirkulation liegt also immer in den konkreten
 Bedingungen, unter denen die Noten dem Verkehr zur Verfügung
gestellt werden.
In dieser Beziehung sind also die Noten den Depositen gleichgestellt.
Das einseitige Interesse der Gesetzgebung für die Aufrechterhaltung
 der Reserve hat allmählich dazu geführt, daß die Reserve als
Hauptsache betrachtet wurde, während die Einlösbarkeit der Noten,
die die Reserve verbürgen sollte, und die Begrenzung der Notenausgabe,
die die Einlösungspflicht notwendig machen sollte, in zweiter Linie
gestellt werden. Die Auffassung machte sich geltend, daß eine Mindestreserve
 gehalten werden müßte, die also überhaupt niemals zur Anwendung
 kommen könnte... Um die Reserven der Zentralbanken zu
schützen hat man sogar nach dem Kriegsausbruch ganz allgemein die
Einlösungspflicht aufgehoben oder andere Maßnahmen mit derselben
Wirkung getroffen. Damit hat man aber die Tür geöffnet für eine
unbegrenzte Vermehrung der Notenausgabe.. Trotzdem ‚die Haltung
einer Reserve also ihre wesentliche Aufgabe verfehlt hatte, suchte man
dennoch die Reserve zu behalten und auch nach Möglichkeit zu ver-382
        <pb n="396" />
        8 47. Die Rückströmung der Bankzahlungsmittel. 3
stärken. Man suchte dem Publikum die Vorstellung beizubringen;
daß die Reserve immer noch eine gewisse „Deckung‘‘ der Noten bildete
und denselben eine Zuverlässigkeit verliehe, die sie nicht länger in
einer bestimmten Begrenzung der Menge besaßen. Daß diese Unehrlichkeit
 der offiziellen Verkündung, durch welche das Publikum mit
Hilfe eines leeren Scheines um die Wesentlichkeiten betrogen wurde,
für das ganze europäische Geldwesen verhängnisvoll wurde, werden wir
im folgenden sehen.
8 47. Die Rückströmung der Bankzahlungsmittel.
Unsere bisherigen Untersuchungen haben gezeigt, daß die Versorgung
 des Verkehrs mit Bankzahlungsmitteln in der Hauptsache lediglich
 durch die Bedingungen, unter welchen sie dem Verkehr zur Verfügung
 gestellt werden, reguliert wird. Die Einlösung der Bankzahlungsmittel
 mit Geld hat höchstens Bedeutung für die Ausgleichung der
kleinsten bei einer richtigen Bankpolitik noch möglichen Kursschwankungen
 der Bankzahlungsmittel im Verhältnis zum Geld. Die Erfahrung
zeigt, daß es den Banken gelingt, den Bankzahlungsmitteln einen bestimmten
 Wert zu geben, ohne daß dafür andere Mittel als die genannten
Bedingungen zur Anwendung kommen. Man kann daraus schließen,
daß es möglich sein muß, wesentlich dieselbe Stabilität der Preisskala
aufrechtzuerhalten, wenn die Einlösungspflicht wegfällt. Tatsächlich
wird auch die Zahlungsmittelversorgung in einem Lande, wo Banknoten
mit Zwangskurs die Basis des Zahlungssystems bilden, durch keine
andere Methode reguliert,
Bei Goldwährung ist übrigens zu beachten, daß bei gegebener
monetärer Goldmenge die ganze Zahlungsmittelversorgung durch die
Bedingungen, unter welchefi die Banken Zahlungsmittel zur Verfügung
stellen, einheitlich reguliert wird. Um seinen Bedarf an Goldmünzen
zu decken, wendet sich der Verkehr an die Kassen der Banken. Die
Bedingungen, die die Banken für die Hergabe von Zahlungsmitteln
stellen, bestimmen, bei gegebener mönetärer Goldmenge, die Versorgung
 des Verkehrs nicht nur mit Bankzahlungsmitteln, sondern
auch mit Goldmünzen und also die gesamte Zahlungsmittelversorgung,
oder wenn man so will, den Grad der Ausnutzung der vorhandenen
monetären Goldmenge für Zahlungszwecke.
Unter diesen Verhältnissen muß offenbar das Studium der Regulierung
 der Zahlungsmittelversorgung durch die hier genannten Bedingungen
 eine zentrale Stellung in der Geldlehre einnehmen. Bei diesem
Studium dürfen wir voraussetzen, daß eine Einlösung der Bankzahlungsmittel
 nicht vorkommt, und können folglich der Einfachheit
halber ‚eine Volkswirtschaft betrachten, wo überhaupt kein Bargeld

38:
        <pb n="397" />
        . Kap. X. Die Bankzahlungsmittel.
zirkuliert, wo also die Zirkulation ausschließlich aus Bankzahlungsmitteln
 besteht.
Es ist hinsichtlich der Bedingungen der Zahlungsmittelversorgung
seitens der Banken in erster Linie von Bedeutung, daß die Banknoten
ebenso wie die Depositen, wenn sie nicht lediglich gegen bares Geld
oder verfallene Geldforderungen ausgetauscht werden, regelmäßig nur
in der Form von Vorschüssen der Banken in den Besitz des Publikums
 gelangen. Diese Tatsache hat für die Begrenzung der Zahlungsmittelversorgung
 Bedeutung wesentlich aus drei verschiedenen Gesichtspunkten,
 nämlich erstens, weil dadurch eine regelmäßige Rückströmung
 der Bankzahlungsmittel geschaffen wird, zweitens, weil
die Deckung der Bankzahlungsmittel durch die Auswahl der
Sicherheiten der Vorschüsse bestimmt wird, drittens, weil der Zins,
der für die Vorschüsse berechnet wird, die Nachfrage nach denselben
und somit indirekt die Zahlungsmittelversorgung begrenzt. Wir wollen
diese Gesichtspunkte nacheinander in drei verschiedenen Paragraphen
behandeln und beginnen also hier mit der Frage der Rückströmung
er Bankzahlungsmittel.
Die Summe der ausstehenden Bankzahlungsmittel kann vermindert
werden, wenn das Publikum seine Avistaforderungen an die Banken in
langfristige umwandelt und in dieser Weise das fremde, den Banken
auf längere Zeit anvertraute Kapital wächst, oder wenn das eigene
apital der Banken vermehrt wird. Wir wollen aber hier der’Einfachheit
halber annehmen, daß das Kapital, das den Banken auf längere Zeit
oder dauernd überlassen ist, unverändert bleibt. Auch das Einkommen
er Banken in der Form von Zinsen usw. repräsentiert eine Rückströmung
 der Bankzahlungsmittel, die aber von den Ausgaben und Dividendenverteilungen
 der Banken meistens aufgewogen wird. Von denjenigen
Ein- und Auszahlungen, die sich dieser Voraussetzung zufolge im Gleichewicht
 halten, wollen wir absehen. Wir nehmen noch an; daß das Aktivgeschäft
 der Banken ausschließlich in der Gewährung von kurzfristigen
orschüssen besteht. Die regelmäßige Rückströmung der Bankzah-Jungsmittel
 an die Banken wird dann dadurch bewirkt, daß die Bankahlungsmittel
 nur als Vorschüsse an das Publikum gelangen, die zur
Verfallzeit zurückbezahlt werden müssen. Offenbar ist unter den gemachten
 Voraussetzungen die Summe der täglich zurückfließenden
ankzahlungsmittel gleich der Summe der täglich zur Zahlung gelangenden
 Vorschüsse. Te
Um die Regulierung der Rückströmung der Bankzahlungsmittel
durch die Bedingungen der Vorschüsse näher zu beleuchten, wollen wir
hier einen Zustand betrachten, in dem die Summe der ausstehenden
orschüsse und ebenso die der Bankzahlungsmittel konstant bleiben.
A _Man kann dann zunächst die Rückströmungsgeschwindigkeit
 der Bankzahlungsmittel definieren als die Quote zwischen der täg-384
        <pb n="398" />
        8 47. Die Rückströmung der Bankzahlungsmittel. 6)
lichen Rückströmung und der Gesamtsumme der ausstehenden Bankzahlungsmittel,
 Wenn z. B. !/,9 der gesamten ausstehenden Bankzahlungsmittel
 täglich an die Banken zurückkehrt, ist die Rückströmungsgeschwindigkeit
 = */,. Die durchschnittliche Umlaufszeit der Bankzahlungsmittel
 ist offenbar der reziproke Wert dieser Rückströmungsgeschwindigkeit,
 also im angenommenen Beispiel gleich dreißig Tage.
Ähnlich kann man die Liquidität der Aktiva als die Quote
zwischen der Summe der täglich zur Zahlung verfallenden Vorschüsse
und der Gesamtsumme der Vorschüsse definieren. Wenn täglich 140 der
Vorschüsse zur Zahlung verfällt, ist also die Liquidität gleich 1/0. ‚Die
durchschnittliche Laufzeit der Vorschüsse ist der reziproke Wert der
Liquidität, also im angenommenen Falle gleich sechzig Tage.
Da die absolute tägliche Rückströmung der Bankzahlungsmittel
gleich der Summe der täglich verfallenden Vorschüsse sein muß, so ist
offenbar bei den angegebenen Ziffern die Gesamtsumme der Vorschüsse
doppelt so groß, wie die Summe der ausstehenden Bankzahlungsmittel.
Allgemein muß die Rückströmungsgeschwindigkeit der Bankzahlungsmittel
 gleich sein der Liquidität der Vorschüsse, multipliziert mit dem
Verhältnis zwischen der Summe der Vorschüsse und der Summe der
Bankzahlungsmittel. Da ferner die Summe der Vorschüsse die Aktiva
der Banken repräsentiert und also gleich ist der Summe der Passiva
(darunter das eigene Kapital der Banken mit einbegriffen), so ist das
letztgenannte Verhältnis gleich der Quote zwischen der Gesamtsumme
der Passiva und der Summe der Bankzahlungsmittel, also gleich dem
Verhältnis zwischen den gesamten Passiva und den stets fälligen Verbindlichkeiten.
 Die Rückströmungsgeschwindigkeit der Bankzahlungsmittel
 ist also gleich der Liquidität der Vorschüsse, multipliziert mit der
Quote zwischen den gesamten Passiva und den stets fälligen Verbindlichkeiten.
 Je größer die Liquidität der Vorschüsse und je kleiner der
Teil, den die stets fälligen Verbindlichkeiten von den gesamten Passiva
ausmachen, desto größer ist also die Rückströmungsgeschwindigkeit
der Bankzahlungsmittel.
Nehmen wir, um dieses Verhältnis durch ein einfaches Beispiel
näher zu beleuchten, an, daß die stets fälligen Verbindlichkeiten !/, der
gesamten Passiva entsprechen, und daß die Liquidität der Vorschüsse
*/,o ist, oder mit anderen Worten, daß die durchschnittliche Laufzeit der
Vorschüsse neunzig Tage beträgt! Wenn jeden Tag Vorschüsse mit
neunzigtägiger Verfallzeit in einem Betrage von einer Million bewilligt
und in Bankzahlungsmitteln ausgezahlt werden, beträgt offenbar die
Gesamtsumme der gleichzeitig ausstehenden Vorschüsse neunzig Millionen
 Mark und die Summe der Bankzahlungsmittel 1/, dieses Betrages,
also achtzehn Millionen Mark. Da nun unter den angegebenen Voraussetzungen
 jeden Tag Vorschüsse zu einem Betrage von einer Million
Mark verfallen und in Bankzahlungsmitteln eingezahlt werden, so muß
Cassel, Theoret, Sozialökonomie, 4, Aufl, 5

38:
zb
        <pb n="399" />
        Kap. X. Die Bankzahlungsmittel.
die tägliche Rückströmung der Bankzahlungsmittel eine Million Mark;
also 1/3 der Gesamtsumme der ausstehenden Bankzahlungsmittel betragen.
 Die Rückströmungsgeschwindigkeit ist also gleich */,g und die
durchschnittliche Umlaufszeit der Bankzahlungsmittel gleich achtzehn
Tage. Die Bankzahlungsmittel kommen also jeden achtzehnten Tag als
Zahlung für verfallende Vorschüsse zur Bank zurück und werden gleich
zu neuen Vorschüssen gebraucht. Dies wiederholt sich fünfmal in der
Periode von neunzig Tagen, die der Laufzeit der Vorschüsse entspricht.
Eine hohe Liquidität ist an sich insofern von Bedeutung, als sie
den Banken ermöglicht, ihre Vorschüsse schnell den Veränderungen
in der Zahlungsfähigkeit ihrer Kunden, in der Lage der verschiedenen
Geschäftszewige und in der Qualität der dargebotenen Realsicherheiten
anzupassen, schlechte Engagements schleunigst abzustoßen und somit
ihr Portefeuille in möglichster Vollwertigkeit zu erhalten.
Im übrigen dient eine hohe Liquidität der Aktiva in Verbindung
mit einer relativen Beschränkung der täglich fälligen Verbindlichkeiten
im Verhältnis zu den gesamten Passiva, wie hier gezeigt, zur Erhaltung
einer größtmöglichen Rückströmungsgeschwindigkeit der Bankzahlungsmittel.
 Die Rückströmungsgeschwindigkeit hat wesentliche Bedeutung
für eine wohlgeordnete Zahlungsmittelversorgung der Volkswirtschaft
und damit für die Aufrechterhaltung eines stabilen Geldsystems. Es
kommen hier besonders zwei Gesichtspunkte in Betracht.
Erstens erfordert eine gesunde Zahlungsmittelversorgung, daß die
Masse der Zahlungsmittel bei sinkendem Bedarf an Zahlungsmitteln
automatisch und möglichst schnell reduziert wird. Wir wissen, daß der
Zahlungsmittelbedarf der modernen Volkswirtschaft bedeutenden
Schwankungen, z. B. mit den Jahreszeiten, unterliegt. Der zufällig
steigende Zahlungsmittelbedarf soll von den Banken im ‚weitesten Umfange
 befriedigt werden. Die so geschaffenen Bankzahlungsmittel
müssen aber, sobald der Bedarf nachläßt, schleunigst eingezogen
werden. Wo dies nicht geschieht, muß ein Zustand eintreten, in dem
die Menge der ausstehenden Bankzahlungsmittel über den wirklichen
Bedarf hinausgeht. Eine solche unberechtigte Ausdehnung der Zahlungsmittelversorgung
 der Gesellschaft hat aber immer eine Tendenz, den
Wert der Währungseinheit herabzudrücken, und ist aus diesem Grunde
möglichst zu vermeiden.
Zweitens wird offenbar die Regulierung der Zahlungsmittel
versorgung durch die Vorschußbedingungen der Banken effektiv in
demselben Maße, wie Veränderungen in diesen Bedingungen schnell
zur allgemeinen Geltung gelangen. Wenn Vorschüsse immer nur auf
dreißig Tage bewilligt werden, dauert es offenbar dreißig Tage, bevor
eine Veränderung der Bedingungen für die Gesamtmasse der Vorschüsse
 durchgesetzt wird. Wären die Vorschüsse statt dessen durchschnittlich
 auf drei Monate bewilligt, so würde die entsprechende Zeit

386
        <pb n="400" />
        $ 48. Die Deckung der Bankzahlungsmittel. if
dreimal so lang sein, was offenbar-den Einfluß der Banken auf dem
Markt sehr abschwächen würde. Die Banken müssen ihre Versorgung
des Verkehrs mit Zahlungsmitteln jeden Augenblick in ihrer Hand
haben und müssen deshalb hinreichende Gelegenheit haben, durch
Beschränkung ihrer Vorschüsse auf die Zahlungsmittelversorgung der
Gesellschaft möglichst kräftig einzuwirken. Dies kann nur durch eine
Verschärfung der Bedingungen, unter welchen neue Vorschüsse gewährt
 werden, geschehen. Solche Verschärfungen haben aber auf die
Zahlungsmittelversorgung eine hinreichend kräftige Wirkung nur, wenn
ein verhältnismäßig großer Teil der ausstehenden Vorschüsse täglich zur
Zahlung verfällt und außerdem die Summe der Vorschüsse groß ist im
Verhältnis zur Summe der Bankzahlungsmittel, also mit einem Worte,
wenn die Rückströmungsgeschwindigkeit der Bankzahlungsmittel
groß ist,
8 46, Die Deckung der Bankzahlungsmittel.
Die Vorschüsse, durch welche 'Bankzahlungsmittel in Umlauf gesetzt
 werden, werden natürlich im allgemeinen nur gegen Sicherheiten
ausgegeben, Diese Sicherheiten bilden die Deckung der Bankzahlungsmittel.
 Da die Aufrechterhaltung der nötigen Liquidität der Bankforderungen
 es nötig macht, Vorschüsse nur auf kurze Zeit zu bewilligen,
so können offenbar nur vorübergehende Kapitalbedürfnisse durch die
Vorschüsse der Banken befriedigt werden, wogegen der ganze Bedarf
an dauernder Kapitaldisposition ausgeschlossen werden muß. Im eigentlichen
 Bankgeschäft wünscht man auch gewöhnlich nicht die Mittel der
Banken auf längere Zeit als drei Monate festzulegen. Diese Begrenzung
der Art des Kapitalbedarfs, der durch Ausgabe von Bankzahlungsmitteln
 befriedigt werden darf, bedeutet natürlich auch schon eine gewisse
 Beschränkung der Zahlungsmittelversorgung der Gesellschaft.
Die Sicherheiten, die unter solchen Verhältnissen zur Deckung der
Bankzahlungsmittel in Frage kommen, sind hauptsächlich Wechsel und
Lombardforderungen,
Der Handelswechsel ist in seinen verschiedenen Formen,
wirtschaftlich betrachtet, ein Versprechen des Käufers einer Ware nach
einer gewissen Zeit eine gewisse Geldsumme, den Preis der Ware, zu
bezahlen.
Durch den Wechsel wird die Ware ohne Zweifel vorläufig bezahlt.
Momentan dient also der Wechsel als Zahlungsmittel, die Möglichkeit
mit Wechseln zu zahlen steigert für den Augenblick die Kaufkraft des
Warenkäufers, Ein Zahlungsversprechen ist aber an sich kein wirklicher
 Ersatz eines Zahlungsmittels, Behält der Verkäufer den Wechsel
bis zur Verfallzeit, und wird der Wechsel dann eingelöst, so wird die
25*

387
        <pb n="401" />
        Kap. X. Die Bankzahlungsmittel.
endgültige Zahlung schließlich döch in den gewöhnlicnen Zahlungsmitteln
 stattfinden. Durch den Wechsel wird diese Zahlung also nur
aufgeschoben, nicht überflüssig gemacht. ‚Der Gebrauch von Wechseln
vermindert in diesem Falle nicht den Bedarf an Zahlungsmitteln. Dasselbe
 gilt übrigens auch, wenn der Warenverkäufer den Wechsel nicht
selbst behält, sondern vor der Verfallzeit an seine Bank verkauft oder
zur Einkassierung gibt.
Als wirkliches Zahlungsmittel kann indessen der Wechsel dienen
wenn er mittels Indossierung als Zahlung an andere Personen weiter
egeben wird. Diese Verwendung der Wechsel war in früheren Zeiten
allgemein, und es waren vielfach Wechsel im Umlauf, mit ganzen Reihen
von Übertragungen. Nunmehr dienen inländische Wechsel wohl in der
Regel nur einmal als Zahlung. Wenn sie dann nicht vom Zahlungsempfänger
 behalten werden, werden sie als Geldforderungen verkauft
nicht als Zahlungsmittel verwendet. Im internationalen Zahlungsverkehr
 dagegen dient der Wechsel noch in weitem Umfange als
ahlungsmittel. Mit der Zahlung in ausländischen Wechseln werden
wir uns speziell in einem folgenden Kapitel beschäftigen. Hier, wo es
gilt, die innere Zahlungsmittelversorgung der Volkswirtschaft theoretisch
 klarzulegen, sehen wir von der Verwendung des Wechsels als
ahlungsmittel ab und nehmen an, daß der Wechsel nur bei seiner
Entstehung als Zahlung dient, dann aber lediglich als eine Forderun
ekauft und verkauft wird.
| Was den Wechsel als Zahlungsmittel weniger geeignet macht, ist
or allem, daß er nicht auf Sicht, sondern erst nach einer gewissen
eit zahlbar ist. Darin unterscheidet sich der Wechsel wesentlich von
en Bankdepositen und Banknoten, die ebenfalls Geldforderungen, aber
jederzeit fällige Geldforderungen sind. Dieser Nachteil des Wechsels
hat dazu geführt, daß der Wechsel gegen die genannten Zahlungsmittel
oder Geld ausgetauscht wird. Das geschieht durch Diskontierung
des Wechsels, d. h. durch Verkauf desselben an einen Diskonteur, der
dabei das Diskonto abzieht als Vergütung für den Zinsverlust, den er
vom Tage des Ankaufs bis zur Verfallzeit erleidet. Der Diskont entspricht
 dem Wertunterschied zwischen einer Sichtforderung und einer
Forderung in demselben Betrage,dieerst nach einer gewissen Zeitfälligist.
Die Wechseldiskontierung ist, wirtschaftlich betrachtet, als ein Darlehen
 an den Wechselverpflichteten anzusehen. Der Wechseldiskonteur
tellt in der Tat normalerweise dem Käufer einer Ware diejenige Kapitaldisposition
 zur Verfügung, die er nötig hat für die Zeit, während welcher
er die Ware in seinem Geschäft behalten muß. Die Ware kann also
gewissermaßen als eine Realsicherheit für den Wechsel betrachtet
erden. Normalerweise ist also die Gesamtmasse der im Umlauf beindlichen
 Wechsel gedeckt durch eine Masse von Waren, die sich im
roduktionsprozeß auf verschiedenen Stufen der Vollendung befinden

388
        <pb n="402" />
        $ 48. Die Deckung der Bankzahlungsmittel. 9
on einer genauen Übereinstimmung zwischen der Zeit, während
elcher eine Ware in dem Produktionsprozeß des Käufers bleibt,
nd der Verfallzeit des von ihm akzeptierten Wechsels kann aber keine
Rede sein. Wenn die Laufzeit des Wechsels z. B. drei Monate beträgt,
kann vielleicht der Veredelungsprozeß (beziehungsweise Verkaufsprozeß
im Handel) vier Monate in Anspruch nehmen. Dann ist offenbar der
esamtwert der im Geschäft unter Verarbeitung befindlichen Materalien
 größer als die Summe der gleichzeitig ausstehenden Wechsel.
Dies bedeutet, daß das Geschäft die für das bewegliche Realkapital
nötige Kapitaldisposition zu einem Teil selbst besitzt und also nur zu
einem Teil auf dem Wege des Wechseldiskontierens anschaffen muß.
Es kann aber auch vorkommen, daß die durchschnittliche Laufzeit
der Wechsel eines Geschäfts größer ist, als die durchschnittliche Produktionsperiode
 des Geschäfts. Wenn z. B. die Verfallzeit der Wechsel
drei Monate beträgt, aber die Materialien, die gegen Wechsel gekauft
erden, durchschnittlich nach anderthalb Monaten verarbeitet und
verkauft sind, ist offenbar die Gesamtsumme der gleichzeitig ausstehenden
 Wechsel doppelt so groß, wie der gesamte Einkaufswert
der gleichzeitig im Geschäft befindlichen gegen Wechsel angekauften
aterialien. In diesem Falle hat also das Geschäft Kapitaldisposition
urch Wechseldiskontierung nicht nur für das bewegliche Realkapital,
ondern auch für einen Teil seines festen Kapitals in Anspruch genommen.
 Es ist also nicht ganz exakt, zu behaupten, daß die Gesamtmasse
 der im Umlauf befindlichen Wechsel lediglich durch bewegliches
Realkapital, das sich im Produktionsprozeß befindet, gedeckt wird.
Im großen dürfte dies jedoch unter gesunden Verhältnissen zutreffen.
nzweifelhaft ist auch, daß die Gesamtmasse des beweglichen Realkapitals
 der Volkswirtschaft viel größer ist, als die Gesamtsumme
der gleichzeitig in Umlauf befindlichen Wechsel.
Wenn nun Bankzahlungsmittel durch Wechsel, diese wieder durch
bewegliches Realkapital, gedeckt sind, so folgt, daß die Realdeckung
der Bankzahlungsmittel aus beweglichem Realkapital besteht. Die
Bankzahlungsmittel sind von diesem Gesichtspunkte aus als Aneisungen
 auf das bewegliche Kapital der Volkswirtschaft zu betrachten.
Dies macht die Bankzahlungsmittel als Zahlungsmittel besonders geeignet.
 Denn die weitaus größte Anwendung für Zahlungsmittel besteht
 eben in Zahlungen für bewegliches Realkapital, das sich im Produktionsprozeß
 bis zum Konsumenten vorwärts bewegt. Wenn dieses
bewegliche Realkapital mit Bankzahlungsmitteln gekauft wird, bedeutet
 dies nur, daß eine allgemeine Anweisung auf das bewegliche
Realkapital der Volkswirtschaft in konkreter Form geltend gemacht
ird. Der Verkäufer, der Bankzahlungsmittel in Zahlung nimmt, verendet
 diese auch nach Bedarf zur Einlösung von Wechseln, wodurch
also die Bankzahlungsmittel wieder an die Banken zurückkehren.

38
        <pb n="403" />
        Kap. X. Die Bankzahlungsmittel.
Die Deckung der Bankzahlungsmittel durch bewegliches Realkapital
 ist auch insofern von Bedeutung, als dadurch die Zahlungsmittelversorgung
 der Volkswirtschaft der wechselnden Ausdehnung der
Produktion angepaßt wird. Wenn die Bankzahlungsmittel nur durch
kurzfristige Wechsel gedeckt werden, wird diese Anpassung der Zahlungsmittelversorgung
 an den augenblicklichen Umfang der Produktion und
somit an den augenblicklichen Zahlungsmittelbedarf ziemlich wirksam.
Wirkliche Handelswechsel, die das im fortlaufenden Veredelungsprozeß
 befindliche bewegliche Realkapital repräsentieren, sind also für
die Banken eine besonders passende Deckung ihrer ausstehenden Bankzahlungsmittel.
 Dies nicht deshalb, weil Handelswechsel immer im
Vergleich mit guten Staatsanleihen und ähnlichen erstklassigen Wertpapieren
 eine größere Sicherheit darbieten, sondern deshalb, weil die
Einlösung des Handelswechsels sozusagen zum normalen Gang des
Produktionsprozesses gehört. Der Produktionsprozeß bereitet in seinem
normalen Fortgang selbst die Mittel zur Einlösung derjenigen Wechsel,
die durch das im Produktionsprozeß verarbeitete Material gedeckt sind.
Die Banken brauchen also, um ihre Wechselforderungen einzutreiben,
nicht irgendwie störend in den normalen Gang der Volkswirtschaft einzugreifen.

Neben den Handelswechseln kommen Lombardforderungen
als Deckung der Bankzahlungsmittel in Betracht. Das Lombardpfand
 kann teils aus Waren, teils aus Wertpapieren bestehen. Im
ersten Falle besteht die Realdeckung der Bankzahlungsmittel wieder
aus beweglichem Realkapital. Im zweiten Falle hängt die Natur der
Realdeckung der Bankzahlungsmittel von der Art der Wertpapiere ab.
Diese können Pfandbriefe oder Aktien usw. sein und also ein festes
Realkapital vertreten. Dann ist dieses feste Realkapital als die Realdeckung
 der Bankzahlungsmittel zu betrachten. Besteht aber die
Lombardsicherheit aus Staatsobligationen und ähnlichen Werten ohne
Realdeckung, so ist auch für die Bankzahlungsmittel keine materielle
Deckung vorhanden.
In der Regel werden natürlich nur solche Waren und Wertpapiere,
die auf der Börse gehandelt werden, als Deckung von Bankzahlungsmitteln
 benutzt. Der Börsenhandel bedeutet die’ Mobilisierung eines
Kapitals, das an sich nicht mobil ist, d. h. im normalen Gang des Produktionsprozesses
 nicht umgesetzt werden muß. Die Mobilisierung erhöht
 natürlich in wesentlichem Grade die Anwendbarkeit des betreffenden
 Kapitals als Deckung für Bankzahlungsmittel. Sie bewirkt, daß
wenigstens unter normalen Verhältnissen das Pfand jeden Augenblick
verkauft werden kann. Da nun bei Lombarddarlehen die Sicherheiten
nur zu einem Kurs wesentlich unter dem Tageskurs der Börse beliehen
werden, könnte man annehmen, daß Lombardforderungen sich vorzüglich
 als Unterlage für Bankzahlungsmittel eigneten. Dabei ist aber

390
        <pb n="404" />
        8 48. Die Deckung der Bankzahlungsmittel. 1
eben zu beachten, daß eine Rückzahlung der Lombarddarlehen nicht
durch den normalen Fortgang des Produktionsprozesses gewährleistet
ist. Wenn also die Banken unter Umständen gezwungen sind, ihre
Lombardforderungen durch Zwangsverkauf der Pfänder einzutreiben,
kann dies oft nicht ohne ein störendes Eingreifen geschehen, das besonders
 in Krisenzeiten für das Geschäftsleben gefährlich werden kann
und deshalb von den Banken möglichst vermieden werden muß. In
dieser Beziehung sind Lombardforderungen guten Handelswechseln
als Deckung für Bankzahlungsmittel wesentlich unterlegen.
In einem gewissen Umfange kann es vom Gesichtspunkt der
Zahlungsmittelversorgung der Volkswirtschaft berechtigt sein, Bankzahlungsmittel
 durch lombardierte Wertpapiere und also in letzter
Linie durch festes Kapital zu decken. Denn Bankzahlungsmittel
werden natürlich auch in gewissem Umfange zum Kauf von Wertpapieren
 und festem Kapital benutzt. Da aber diese Verwendung
der Bankzahlungsmittel wesentlich geringere Bedeutung hat, als ihre
Verwendung zum Kauf von beweglichem Kapital, dürfte es im Interesse
einer richtigen Regulierung der Zahlungsmittelversorgung liegen, wenn
die Lombardsicherheiten als Deckung der Bankzahlungsmittel micht
ebenbürtig an die Seite der Wechsel gestellt werden, wenn also eine
Notendeckung durch Lombardsicherheiten ausgeschlossen wird, und
wenn der Lombardzinsfuß regelmäßig ein Prozent über dem Diskontsatz
 gehalten wird. Diese Seite der Deckungsfrage übersieht man,
wenn man sich wundert, warum die Banken, wenn es gilt, Deckung für
Noten und Depositen zu finden, Wechseln eines kleinen Händlers oder
Fabrikanten den Vorzug vor der viel besseren Sicherheit von Pfandbriefen
 oder Aktien großer Gesellschaften oder gar Schuldverschreibungen
 mächtiger Staaten geben. Es soll eben durch die Deckung der
von den Banken geschaffenen Zahlungsmittel nicht nur Sicherheit geschaffen
 werden, sondern daneben soll durch die Art der geforderten
Deckung eine gewisse allgemeine natürliche Begrenzung der Zahlungsmittelversorgung
 gewonnen werden. Als solche allgemeine Begrenzung
eignet sich wohl die Produktion, nicht aber das Vermögen der Volkswirtschaft,
 also das Angebot von Warenwechseln, nicht aber von Wertpapieren,
 die festes Kapital vertreten oder gar nur ungedeckte Schuldverschreibungen
 darstellen. Die genannte Konsequenz ist jedoch keineswegs
 allgemein gezogen, denn in England, wo der Gebrauch des Wechsels
zurückgeht, finden wir, daß Lombardforderungen eine große Rolle als
Deckung für Bankzahlungsmittel, besonders bei der Bank von England,
spielen.
Eine hinreichend strenge Begrenzung der Zahlungsmittelversorgung
kann natürlich unter keinen Umständen durch die an die Deckungsmittel
 gestellten Forderungen erreicht werden. Gewöhnlich dürfte
schon der Wechselumlauf beträchtlich größer sein als der Zahlungs-30
        <pb n="405" />
        S Kap. X. Die Bankzahlungsmittel.
mittelbedarf. Die Gesamtmasse des beweglichen Realkapitals ist noch
größer, könnte also einem noch größeren Wechselumlauf zur Unterlage
dienen. Der Gesamtwert der lombardfähigen Wertpapiere ist natürlich
noch um ein Vielfaches größer als der Wechselumlauf. Der jeweilige
Umlauf von Bankzahlungsmitteln entspricht also nur einem kleinen Teil
der Sicherheiten, die zur Ausgabe von Bankzahlungsmitteln verwendet
werden können. Die große Hauptmasse dieser Sicherheiten ist immer
vom Sparkapital der Volkswirtschaft übernommen; mit anderen Worten,
die Hauptmasse der Kapitaldisposition, die zum Übernehmen des Realkapitals
 nötig ist, wird vom Sparkapital geliefert. Nur ein kleiner Teil
dieses Bedarfs an Kapitaldisposition kann von den Banken durch Ausgabe
 von Bankzahlungsmitteln befriedigt werden. Die Größe dieses
Teiles wird aber immer vom Zinsfuß, den die Banken für ihre Vorschüsse
 fordern, und vom Verhältnis dieses Zinsfußes zum Zinsfuß des
volkswirtschaftlichen Kapitalmarkts abhängen. Für eine hinreichende
Beschränkung der Bankzahlungsmittel bedarf es also außer den bereits
behandelten Bedingungen noch einer richtigen Regulierung des Zinsfußes,
 gegen den Bankzahlungsmittel durch Diskontierungen oder
Darlehen dem Verkehr zur Verfügung gestellt werden.
Wir haben früher ($ 8) gesehen, daß das Geldeinkommen der
Tauschwirtschaft notwendig zum Kauf des Realeinkommens derselben
gebraucht wird. Dieser Schluß beruht auf der Voraussetzung, daß
der einzelne sein ganzes Einkommen in der Einkommensperiode verausgaben
 muß (S. 47). Die Einsicht, die wir nunmehr in die Natur
der Bankzahlungsmittel besitzen, gestattet uns, vollständige Klarheit
über dieses Verhältnis zu gewinnen. Das Geldeinkommen des einzelnen
wird entweder in Form von Geld oder von Bankzahlungsmitteln bezogen.
 Ein unbenutztes Geldeinkommen würde also entweder in der
Form einer Vermehrung des Geldvorrats des einzelnen oder in der
Form einer Vergrößerung seines Besitzes von Bankzahlungsmitteln
zutage treten. Betrachten wir zunächst den ersten Fall. Gewiß kann
der einzelne seinen Geldvorrat in der betrachteten Periode vermehrt
haben. Bei unveränderter Geldversorgung der Gesellschaft müssen
aber dann andere Haushaltungen ihre Geldvorräte entsprechend vermindert
 haben. Was der eine weniger als sein Einkommen verausgabt
hat, müssen dann die anderen mehr als ihr Einkommen verausgabt
haben. Bei der Summierung aller Einkommen müssen sich diese Abweichungen
 gegenseitig aufheben, und das gesamte Geldeinkommen
der Gesellschaft muß also vollständig zum Kauf des Realeinkommens
verwendet werden. In einer gleichmäßig fortschreitenden Wirtschaft,
wo sowohl die Preise wie der relative Geldbedarf unverändert bleiben,
muß der gesamte Geldvorrat mit dem allgemeinen Fortschrittsprozent
wachsen. Die jährliche Vermehrung des Geldvorrats wird dann von

392
        <pb n="406" />
        $ 49. Die Begrenzung der Zahlungsmittelversorgung durch den Bankzins. 393
den Einzelhaushaltungen übernommen, und sie verausgaben dann in
Geld weniger als ihr Einkommen. Dafür bekommt die Stelle, die das
neue Geld schafft, eine Kaufkraft, die sie instand setzt entsprechend
mehr zu verausgaben. Auch in diesem Falle wird also das gesamte
Realeinkommen der Gesellschaft vom gesamten Geldeinkommen gekauft.
Der zweite Fall, daß der einzelne seinen Besitz von Bankzahlungsmitteln
 vermehrt, bereitet keine Schwierigkeit. Denn ein solches Verfahren
 bedeutet nur, daß er sein Einkommen den Banken leihweise
zur Verfügung stellt, und ist somit schon in unserer allgemeinen Voraussetzung
 über die Verwendungsmöglichkeiten für das Geldeinkommen
eingeschlossen. Durch Ansammeln von Banknoten oder Bankguthaben
kann der einzelne nicht, wie man sich populär vorstellt, sein Einkommen
bis auf weiteres unbenutzt liegen lassen. Wenn er das nach seiner Vorstellung
 tut, stellt er in Wirklichkeit nur sein Geld den Banken und damit
 dem Unternehmertum oder allgemeiner dem Kapitalbedarf zur
Verfügung. Die Ausnutzung des nicht verbrauchten Einkommens für
die reale Kapitalbildung ist also keineswegs davon abhängig, daß der
Einkommensbezieher sich für eine bestimmte Anlage dieses Einkommens
entschließt. Die nicht nur in den Finanzzeitungen, sondern leider auch in
der Wissenschaft ziemlich verbreitete Vorstellung, daß Kapital im abstrakten
 Sinne aufgespeichert werden kann, um erst an einem späteren
Zeitpunkt der realen Kapitalbildung zu dienen, ist nach dem Gesagten
falsch und beruht lediglich auf einer mangelnden Analyse der Realvorgänge
 der Tauschwirtschaft. Die Kapitalbildung der Tauschwirtschaft
 geschieht immer in der Weise, daß das zur Kapitalisierung
dauernd oder vorübergehend bestimmte Einkommen den durch die
Produktion geschaffenen Zuschuß zum Realkapital übernimmt, und
zwar in demselben Moment wie das Einkommen entsteht. Eine Kapitalbildung
 ohne diese reale Unterlage, etwa in der Form einer abstrakten
„Geldansammlung‘‘ der Gesellschaft, ist auch für eine noch so kurze
Zeit undenkbar.
Bei einer Goldwährung, wo neben den Goldmünzen nur Bankzahlungsmittel
 als Vertreter von Kaufkraft in Frage kommen, kann eine
Vermehrung des Geldvorrats des einzelnen einem Kauf von Gold, also
eines Realkapitals, gleichgestellt werden. Eine Vermehrung des gesellschaftlichen
 Geldvorrats ist in diesem Falle offenbar nur durch Ankauf
von Gold möglich und kann also keine Schwächung der gesellschaftlichen
Kaufkraft der gesamten Güterproduktion gegenüber bedeuten.
$ 49. Die Begrenzung der Zahlungsmittelversorgung
durch den Bankzins.
Die Tatsache, daß der Verkehr Bankzahlungsmittel nur in der Form
von zinstragenden Vorschüssen von den Banken bekommt, hat für die
        <pb n="407" />
        X Kap. X. Die Bankzahlungsmittel.
Begrenzung der Zahlungsmittelversorgung Bedeutung insofern, als unter
solchen Verhältnissen natürlich nicht mehr Bankzahlungsmittel in
Umlauf gesetzt werden können, als dem Bedarf des Verkehrs an Vorschüssen
 entspricht. Eine Bank kann also dem Verkehr ihre Noten
und Depositen nicht aufzwingen, steht zum Publikum in einer ganz
anderen Stellung als etwa der Staat, der Zahlungen für Waren oder
Dienste in einem zu diesem Zweck geschaffenen uneinlösbaren Papiergeld
 leistet. Das Publikum kann sich immer von einem Überfluß an
Bankzahlungsmitteln dadurch befreien, daß es seine Guthaben zinstragend
 bei den Banken anlegt oder seine fälligen Schulden an die
Banken zahlt, ohne neue Vorschüsse in entsprechendem Umfang aufzunehmen.
 In der angegebenen Art der Entstehung der Noten und
Depositen liegt also schon eine gewisse Begrenzung dieser Zahlungsmittel.
 Daraus den Schluß zu ziehen, die Banken könnten überhaupt
nicht zu viel Bankzahlungsmittel ausgeben, wäre aber übereilt.
Die Nachfrage des Verkehrs nach den Vorschüssen der Banken
hängt eben wesentlich vom Zinsfuß ab, der für diese Vorschüsse gefordert
 wird. Auf dem Kapitalmarkt wird, wie wir wissen, das Recht
der Kapitaldisposition verkauft und gekauft. Diese Kapitaldisposition
wird indessen zunächst in der Form des Geldes angeboten und nachgefragt,
 der unmittelbare Gegenstand des Kapitalmarkts ist also die
Gelddisposition. Nun stellen aber die Bankzahlungsmittel ebenso wie
das bare Geld ein Formalkapital dar, das dem Inhaber ermöglicht, jederzeit
 in den Besitz von Realkapital in jeder beliebigen Form zu gelangen.
Das Angebot von Bankzahlungsmitteln ist also ebenso wie das Geldangebot
 gleichbedeutend mit einem Angebot von Kapitaldisposition.
Auf dem Kapitalmarkte spielen also stets fällige Geldforderungen an
die Banken ganz dieselbe Rolle wie das Geld. Da nun aber die Banken
solche stets fällige Geldforderungen an sich selbst innerhalb gewisser
Grenzen nach Belieben schaffen können, wird dadurch die objektiv bestimmte
 Knappheit der Kapitaldisposition auf dem Markte aufgehoben.
Im allgemeinen wird ja der Kapitalmarkt durch den Zinsfuß reguliert.
 Wenn der Zinsfuß zu niedrig gehalten wird, wächst die Kapitalnachfrage
 über das Kapitalangebot hinaus und ein Mangel an Kapitaldisposition
 entsteht, der den Zinsfuß wieder zum Steigen bringt. Diese
normale Selbstregulierung des Kapitalmarkts wird durch das Eingreifen
der Banken mit ihrem Angebote von Bankzahlungsmitteln gestört. Wenn
die Banken den Zinsfuß für ihre Vorschüsse zu niedrig halten, und
wenn dadurch das Gleichgewicht des Kapitalmarkts gestört wird, kann
dieses Gleichgewicht einfach dadurch wiederhergestellt werden, daß
mehr Bankzahlungsmittel ausgegeben werden. Solange in dieser Weise
der Mangel an Kapitaldisposition gedeckt wird, kann der zu niedrige
und mit der wirklichen Lage des Kapitalmarkts nicht übereinstimmende
Zinsfuß beibehalten werden.

304
        <pb n="408" />
        $ 49. Die Begrenzung der Zahlungsmittelversorgung durch den Bankzins. 395
‚Ein solches Verhalten der Bank muß, wenn es fortgesetzt wird,
seine Wirkung auf den ganzen Kapitalmarkt erstrecken. Zwar beschränkt
 sich das unmittelbare Eingreifen der Banken auf den Markt
für kurze Darlehen. Die reichliche Versorgung des Bedarfs an kurzfristigen
 Vorschüssen bewirkt aber, daß das Kapitalangebot des Publikums
 sich in größerem Umfange dem Markte für langfristige oder beständige
 Kapitaldispositionen zuwendet, was sich in einem lebhaften
Interesse für Emissionen von Pfandbriefen und Aktien äußern wird.
Ein solches Angebot muß aber auch den Zinsfuß für die betreffende
Kapitaldisposition drücken. Der niedrige Zinsfuß der Banken wird in
dieser Weise den ganzen Kapitalmarkt beeinflussen und zwar dieselbe
Wirkung ausüben, als ob eine wirkliche Vermehrung des Kapitalangebots
 eingetreten wäre.
Durch das gedachte Verhalten der Banken wird offenbar eine
künstliche Kaufkraft geschaffen, der keine Vermehrung der Güter,
welche gekauft werden können, gegenübersteht. Dadurch muß eine
Preissteigerung bewirkt werden, welche eine Verminderung der Kaufkraft
 der Rechnungseinheit bedeutet. Die Gleichgewichtslage erfordert
eben eine bestimmte Knappheit der Zahlungsmittelversorgung, und diese
Knappheit kann nur durch eine Zinspolitik, die ein wahrer Ausdruck
der wirklichen Kapitalknappheit ist, herbeigeführt werden.
Eine Fälschung des Kapitalmarkts durch einen zu niedrigen Zinsfuß
 wird aber nicht ganz ohne Gegenwirkung bleiben. Das Hervortreten
 entgegenwirkender Kräfte ist ja überhaupt die Bedingung jeder
Stabilität des wirtschaftlichen Lebens. Die Gegenwirkung liegt in diesem
Falle wesentlich auf dem Gebiete des Produktionsprozesses. Die Aufgabe
 des Zinses ist, die Nachfrage nach neuer Kapitaldisposition in
Übereinstimmung mit dem Angebote, also mit dem neugebildeten
Sparkapital zu regulieren. Da aber der Zins im allgemeinen wenig
Einfluß au$ das Sparen hat, so besteht seine Rolle als Regulator des
Kapitalmarktes wesentlich in der nötigen Beschränkung der Nachfrage
nach Kapitaldisposition, also in einer bestimmten Leitung des Produktionsprozesses.
 Wird der Zinsfuß auf dem Markt zu niedrig gehalten,
 so muß dieser Fehler in einer solchen Richtung der Produktion,
die mehr festes Kapital in Anspruch nimmt, also in einer relativ gesteigerten
 Kapitalproduktion zutage treten. Eine solche außerordentlich
gesteigerte Kapitalproduktion muß aber allmählich die Möglichkeit zu
lohnender Kapitalverwendung beschränken, also neue Kapitalinvestierungen
 weniger lohnend machen. Dies würde unter normalen Verhältnissen
 ein Sinken des Zinsfußes herbeiführen, Jetzt aber, wo der Zinsfuß
 schon zu niedrig steht, ist die Wirkung der gesteigerten Kapitalproduktion
 die, daß die Verhältnisse des Kapitalmarkts allmählich in
Übereinstimmung mit dem geltenden niedrigen Zinsfuß gebracht
werden. Damit ist aber der Kapitalmarkt wieder ins Gleichgewicht
        <pb n="409" />
        Kap. X. Die Bankzahlungsmittel.
gekommen. Die störende Wirkung des Bankzinsfußes hört auf, nachdem
 dieser Zinsfuß wieder der normale geworden ist. Damit hört
aber auch die besondere Konkurrenzfähigkeit auf dem Kapitalmarkte,
die sich die Banken durch ihren niedrigen Zinsfuß erworben hatten, auf,
und die Ursache der außerordentlichen Vermehrung der Bankzahlungsmittel
 ist aufgehoben. Nur wenn die Banken ihren Zinsfuß nochmals
unter den des Kapitalmarkts herabsetzen, können sie diese Vermehrung
ihrer Bankzahlungsmittel wieder fortsetzen. Dann aber kommen die
entgegenwirkenden Kräfte noch einmal in Wirksamkeit mit dem eben
beschriebenen Ergebnis. Nehmen wir aber an, daß die Banken den
Zinsfuß, bei welchem der Kapitalmarkt ins Gleichgewicht gekommen
ist, beibehalten, so ist die Wirkung des ersten Herabsetzens des Zinsfußes,
 daß der Kapitalmarkt von einer Gleichgewichtslage in eine
andere übergeführt ist, wo größerer Kapitalreichtum und niedrigerer
Zinsfuß herrschen, und daß gleichzeitig eine Vermehrung der Bankzahlungsmittel
 stattgefunden hat. Die künstliche Herabsetzung des
Zinsfußes hat zu einer künstlich verstärkten Kapitalproduktion geführt,
was mit einer erzwungenen Erhöhung der volkswirtschaftlichen Sparsamkeit
 gleichbedeutend ist.
Wir finden also, daß eine ungebührliche Herabsetzung des Zinsfußes
 seitens der Banken eine Vermehrung der Bankzahlungsmittel mit
sich bringt. Umgekehrt muß offenbar eine nicht durch die Lage des
Kapitalmarkts begründete Erhöhung des Zinsfußes zu einer Beschränkung
 der umlaufenden Bankzahlungsmittel führen. Ersparte
Einkommensteile, welche in Bankzahlungsmitteln vorhanden sind,
strömen, vom hohen Zinsfuß angezogen, an die Banken und werden
von diesen lediglich zur Verminderung der Gesamtmenge der Bankzahlungsmittel
 verwendet. Daraus können wir jetzt schließen, daß es
möglich sein muß, die Zahlungsmittelversorgung durch den Zinsfuß zu
regulieren. Bei angemessener Zinspolitik seitens der Banken kann jede
beliebige Begrenzung der Bankzahlungsmittel durchgesetzt werden.
Bei Goldwährung wird die Ausgabe von Bankzahlungsmitteln, wie
wir oben gefunden haben, durch die Einlösungspflicht nach oben begrenzt.
 Die Einlösung ist aber nur als ein letztes Mittel zur Beschränkung
einer übermäßig großen Menge von Bankzahlungsmitteln zu betrachten.
Normal wird die Versorgung des Verkehrs mit Bankzahlungsmitteln
wesentlich nur durch den Zinsfuß der Banken reguliert.
In einem Lande, wo eine Zentralbank Noten mit Zwangskurs ausgibt,
 kann die Menge der Noten unbegrenzt vermehrt und, wenn jede
Metallwährung aufgehoben ist, auch unbegrenzt beschränkt werden. Die
Zentralbank kann in diesem Falle die Versorgung des Verkehrs mit
ihren Noten und dadurch mittelbar die ganze Zahlungsmittelversorgung
durch ihre Zinspolitik ganz nach Belieben regulieren. Natürlich nimmt
jede bedeutendere Veränderung der Zahlungsmittelversorgung eine ge-306
        <pb n="410" />
        3 49. Die Begrenzung der Zahlungsmittelversorgung durch den Bankzins. 397
wisse Zeit in Anspruch. Die Wirkung der Zinspolitik auf die Menge der
Zahlungsmittel kann nur allmählich hervortreten, auf die Länge der Zeit
kann aber jede beabsichtigte Wirkung erreicht werden. Dabei ist natürlich
 vorausgesetzt, daß die Bank ihre Vorschußbewilligung und ihre
Zinspolitik vollständig in ihrer eigenen Hand hat. Wenn der Staat an
die Bank Ansprüche dereinen oderanderen Art stellt, welche nichtzurückgewiesen
 werden können, oder wenn Rücksicht auf die sozialen Gefahren
einer scharfen Restriktionspolitik die Handlungsfreiheit der Bank unterbindet,
 hört das Problem auf, ein rein geldpolitisches Problem zu sein.
Es entsteht nun die Frage: wie soll der Bankzins bestimmt werden,
wenn man einen Gleichgewichtszustand aufrecht erhalten will? Man
könnte darauf antworten, daß der Bankzins gleich dem Realzins des
Kapitals sein soll. Dabei ist aber zu beachten, daß ein „Realzins“
in einem anderen Sinne als in dem eines Marktzinses nicht existiert.
Der Marktzins gibt aber den Banken eine recht unsichere Leitung für
ihre Zinspolitik, denn der Marktzins wird, wie schon gezeigt, vom Bankzins
 unmittelbar und kräftig beeinflußt.
Die richtige Antwort auf unsere Frage kann nur die sein, daß die
Banken in jeder Periode ihre Vorschüsse gerade so viel vermehren
dürfen, wie der Summe der gleichzeitig zu ihrer Verfügung gestellten
Ersparnisse entspricht. Werden die Vorschüsse noch weiter ausgedehnt,
so können sie nur durch Vermehrung der Bankzahlungsmittel gegeben
werden. Eine solche Vermehrung ist zwar zulässig in dem Maße wie
der allgemeine wirtschaftliche Fortschritt einen vermehrten Bedarf an
Zahlungsmitteln schafft, bedeutet aber sonst eine unzulässige Schaffung
einer künstlichen, den Wert der Rechnungseinheit herabdrückenden
Kaufkraft.
In der Praxis wird der Bankzins bei Goldwährung wesentlich nur
mit Hinsicht auf den nötigen Schutz der Reserven reguliert. Die Zinspolitik
 der Banken ist also dann vollständig in den Dienst der Aufrechterhaltung
 der Goldwährung gestellt. Wo die Goldwährung aufgegeben
ist und die Noten der Zentralbank mit Zwangskurs zirkulieren, sucht
man gewöhnlich die Richtschnur für die Zinspolitik in der Aufrechterhaltung
 eines gewissen Verhältnisses zwischen der inländischen
Valuta und der Goldvaluta des Auslandes. In beiden Fällen setzt sich
die Zinspolitik die Aufgabe, einen innerhalb gewisser Grenzen festen
Goldpreis aufrechtzuerhalten. Dies ist natürlich nur möglich, wenn
die Warenpreise im allgemeinen auf einem gewissen Niveau beibehalten
werden können. Es ist also offenbar, daß die Zinspolitik der Banken
in letzter Linie eine Regulierung des allgemeinen Preisniveaus bedeutet.
Dieser Zusammenhang kann aber erst auf Grund einer Theorie des
Geldwerts, zu welcher wir im nächsten Kapitel übergehen, vollständig
erklärt werden.
        <pb n="411" />
        398

Kap. XI. Der Geldwert.
Elftes Kapitel.
Der Geldwert.
850. Einleitung.
Unsere bisherigen Untersuchungen über das Geld haben gezeigt,
daß die Skala, in der alle Preise gerechnet werden und die an und
für sich nur eine abstrakte Rechnungsskala ist, überhaupt nur dann
eine Stabilität besitzen kann, wenn für die in dieser Preisskala geltenden
Zahlungsmittel eine bestimmte Knappheit besteht. Wäre ein Zahlungsmittel
 in unbegrenzter Menge zu haben, könnte offenbar jeder Preis
für Waren und Dienste geboten werden. Eine gewisse quantitative
Begrenzung der Zahlungsmittelversorgung ist demnach eine unerläßliche
 Bedingung einer stetigen Preisbildung, also eines bestimmten
Gleichgewichts zwischen Geld und Waren. Es ist dann auch ohne
weiteres klar, daß die Quantität der Zahlungsmittel eine bestimmte
Wirkung auf die Preisbildung ausüben muß, und zwar in der Richtung,
daß eine reichlichere Zahlungsmittelversorgung an sich eine Tendenz
hat, die Preise auf einem höheren Niveau zu halten. Bei reichlicherer
Zahlungsmittelversorgung bekommt man also weniger für die Einheit
des Geldes: Der „Geldwert‘‘ ist niedriger.
Die Knappheit der Zahlungsmittelversorgung, die demnach zur
Aufrechterhaltung eines stabilen Geldwertes erforderlich ist, gilt natürlich
 von der gesamten Zahlungsmittelversorgung. Die Stabilität des
Geldwertes erfordert also eine bestimmte Knappheit nicht nur des
Geldes im eigentlichen Sinne, sondern auch anderer Zahlungsmittel, die
nicht Geld sind, aber gleichwohl zur Erfüllung von auf Geld lautenden
Zahlungsverpflichtungen benutzt werden können, und der Geldwert
muß in einer gewissen Abhängigkeit von der quantitativen Begrenzung
aller dieser Zahlungsmittel stehen. Jedes Zahlungsmittel wird in der
Tat, wie wir gefunden haben, in erster Linie charakterisiert durch die
für dasselbe eigentümliche Art der Begrenzung seiner Menge. In den
beiden vorigen Kapiteln haben wir die spezielle Art dieser Begrenzung
für das Metallgeld, das Papiergeld und. die Bankzahlungsmittel kennen
gelernt. Beim Studium der einzelnen Geldformen sowie auch der
Zahlungsmittel, die nicht Geld sind, trat immer dieses Moment: der
Begrenzung der Zahlungsmittelversorgung in den Vordergrund. Dabei
konnten wir diese Begrenzung nur als eine notwendige Bedingung eines
stabilen Geldwertes in Betracht ziehen, mußten aber ihre Wirkung auf
den Geldwert, also die quantitative Abhängigkeit des Geldwertes von
der Geldmenge, vorläufig beiseite lassen. Was uns jetzt übrig bleibt,
um unserer bisherigen Darstellung des Geldwesens einen logischen
        <pb n="412" />
        $ 50. Einleitung. G
Abschluß zu geben und somit zu einer festen Theorie des Geldes zu
gelangen, ist eben eine eingehende Untersuchung über diesen quantitativen
 Zusammenhang zwischen Geldwert und Geldmenge.
Da ein stabiler Geldwert eine bestimmte Begrenzung der gesamten
Zahlungsmittelversorgung erfordert, muß jede Vermehrung eines
Zahlungsmittels, die nicht unter entsprechender Verdrängung eines
anderen Zahlungsmittels stattfindet, einen Einfluß auf den Geldwert
ausüben können. Eine Untersuchung des Geldwertes muß deshalb die
gesamte Zahlungsmittelversorgung in Betracht ziehen. Es ist alse
nicht möglich, wie es so oft versucht wird, die Zahlungsmittel, die nicht
Geld sind, getrennt von der Geldlehre zu behandeln. Die zentrale
Frage der Geldlehre, die Frage des Geldwertes, kann nur unter Berücksichtigung
 sämtlicher Zahlungsmittel, die zur Zahlung in der betreffenden
 Geldskala tatsächlich benutzt werden, vollständig untersucht
 und beantwortet werden.
Daß eine Vermehrung der Zahlungsmittel eine allgemeine Steigerung
 der Preise, also einen sinkenden Geldwert hervorbringt, mußte
schon früh beobachtet werden. Nach der Entdeckung Amerikas ist der
Edelmetallvorrat Europas so gewaltig gestiegen, daß die daraus folgende
 Preissteigerung Aufmerksamkeit erregen und in Zusammenhang
mit den richtigen Ursachen gebracht werden mußte. Die Geschichte
der früheren Papierwährungen war besonders geeignet, die Wahrheit
klarzumachen, daß eine unbegrenzte Vermehrung eines Zahlungsmittels.
zu einer unbegrenzten Preissteigerung und somit zu einer unbegrenzten
Entwertung des Zahlungsmittels bis zu völliger Wertlosigkeit führen
muß. In der englischen s. g. Bankrestriktionsperiode, also in der Zeit
der Napoleonischen Kriege, wo die Noten der Bank von England
Zwangskurs hatten, wurde endlich durch eine viel umstrittene Erfahrung
 gezeigt, welche Wirkung eine beliebige Vermehrung der Banknoten
 auf das Geldwesen und speziell auf den Geldwert ausübt. Von
dieser Zeit an beginnt eine wirkliche Theorie des Geldes sich zu entwickeln.
 Im Zentrum dieser Theorie stehen immer die Untersuchungen:
über den Zusammenhang zwischen Geldmenge und Geldwert, und in
dieser Beziehung war die Wissenschaft schon zu ziemlich bestimmten
Ergebnissen gekommen. Wie wenig aber die wissenschaftliche Auffassung
 von diesem Zusammenhang an das große Publikum und besonders
an die maßgebenden politischen Kreise — um nicht von den Leitern:
der Zentralbanken zu sprechen — durchzudringen vermocht hatte,
zeigte sich deutlich nach dem Ausbruch des Weltkriegs. Auf das längste
hat die offizielle Verkündung damals die Fiktion aufrechtzuerhalten
versucht, daß die Geldeinheit, trotz aller Vermehrung der Zahlungsmittel,
 unverändert und mit sich selber identisch wäre. Erst die trübe
Erfahrung derjenigen Länder, wo die Zahlungsmittelversorgung milli--onen-
 und billionenweise verfielfacht wurde, und wo der Geldwert

39:
        <pb n="413" />
        Kap. XI. Der Geldwert.
entsprechend fiel, hat die Augen des Publikums geöffnet und endlich
die Auffassung, für welche die Wissenschaft gekämpft hatte, zum Sieg
verholfen. Noch ist der Sieg aber nicht vollständig, denn in Ländern
mit mäßigerer Geldverschlechterung sucht man immer noch die alten
Wahnvorstellungen aufrechtzuerhalten.
Es ist klar, daß die wissenschaftliche Analyse sich nicht mit der
Tatsache eines Zusammenhangs zwischen Geldmenge und Geldwert
und mit der Wahrheit, daß ein bestimmter Geldwert eine gewisse
Begrenzung der Zahlungsmittelversorgung voraussetzt, begnügen kann.
Wir müssen danach streben, den Einfluß der Geldmenge auf den Geldwert
 ziffernmäßig auszudrücken, den Geldwert als Funktion der Geldmenge
 arithmetisch darzustellen. Zu diesem Zwecke ist vor allem eine
klare Begriffsbestimmung des Geldwerts nötig.
Der Begriff des Geldwerts ist, wie im allgemeinen der Begriff des
Werts, schwebend. Der Wertbegriff konnte aber, sofern Waren und
Dienste in Frage stehen, durch den genau bestimmten Begriff des
Preises ersetzt werden. Dieser Weg zur Fixierung des Wertbegriffs ist
bezüglich des Geldwerts verschlossen, denn da die Preise in der Geldeinheit
 gemessen werden, ist der Preis der Geldeinheit immer gleich
eins, und also der Geldwert formell immer konstant. Eine Vorstellung
vom Geldwert eines Landes kann man aber gewinnen, wenn man
denselben in einer anderen Währung mißt. Der Wert des Geldes des
ersten Landes bestimmt sich offenbar nach der Menge von Waren oder
Diensten, die für dieses Geld beschafft werden kann. Die Geldeinheit
repräsentiert eine größere oder kleinere Menge von Nützlichkeiten, je
nachdem die Preise niedrig oder hoch stehen.
Diese Überlegung zeigt den Weg, den man einschlagen muß, um in
der geschlossenen Volkswirtschaft zur Feststellung eines klaren Begriffs
 des Geldwerts zu gelangen. Ein sinkender Geldwert äußert sich
als eine allgemeine Steigerung der Warenpreise. Wir müssen also den
Geldwert als den reziproken Wert des allgemeinen Preisniveaus definieren.
 Damit ist natürlich das Problem der Begriffsbestimmung des
Geldwerts noch nicht vollständig gelöst, denn es bleibt noch immer
die schwierige Frage, wie das allgemeine Preisniveau definiert werden
soll, um möglichst treu die gemeinsamen Bewegungen der Preise
wiederzuspiegeln. Auf diese Frage werden wir noch. genauer ($ 53)
zurückkommen, setzen aber vorläufig den Begriff des allgemeinen
Preisniveaus als bekannt voraus. Die ganze Theorie des Geldwerts
reduziert sich dann auf eine Theorie der Veränderungen des allgemeinen
'Preisniveaus.
$ 51. Die Quantitätstheorie.
Der Gedanke hat offenbar nahegelegen, daß das Geld als solches
‘keine andere Aufgabe hat, als Waren zu kaufen oder allgemeiner

400
        <pb n="414" />
        $ 51. Die Quantitätstheorie. M
Zahlungen zu leisten, und daß für diese Aufgabe jede beliebige Geldmenge
 hinreichen muß, wenn nur die Preise in einer angemessenen Höhe
stehen. Dieser Gedanke ist in der Quantitätstheorie zum Ausdruck
 gekommen. In ihrer primitiven Form hat diese Theorie folgenden
Inhalt: Geld kauft Waren. Die Gesamtmenge des Geldes kauft die
Gesamtmenge der Waren. Der Gesamtwert des Geldes ist also gleich
dem Gesamtwert der Waren und also unabhängig von der Geldmenge.
Daraus folgt, daß der Wert der Einheit des Geldes umgekehrt proportional
 der Geldmenge ist. Dies ist der Inhalt der Quantitätstheorie,
wie sie in der älteren nationalökonomischen Literatur wiederholt zum
Ausdruck kommt.
Es ist aber leicht zu verstehen, daß ein Tausch zwischen allen
Waren einerseits und allem ‚Gelde anderseits nicht Vorausgesetzt
werden kann. Man hat deshalb die Quantitätstheorie etwas genauer so
formuliert, daß das allgemeine Preisniveau durch das Verhältnis zwischen
dem Geld, das zirkuliert, und den Waren, welche auf den Markt kommen,
bestimmt wird. Geld und Waren beeinflussen also einander nur, wenn
sie einander begegnen. Bezeichnen wir mit T die Gesamtmenge der
Waren- auf dem Markt, mit P das allgemeine Preisniveau und mit M
die zirkulierende Geldmenge, so läßt sich also die Quantitätstheorie in
dieser Formulierung durch die Gleichung
TPM
darstellen.
Es ist hier besonders darauf aufmerksam zu machen, daß dieser
Satz sich auf einen Zeitpunkt bezieht. Warenmenge und Geldmenge
sind nämlich beide Begriffe, die kein Element der Zeit enthalten, und
die also nur in einem bestimmten Augenblicke gedacht werden können.
Wenn man aber in dieser Weise die Begriffe streng auf einen gewissen
Augenblick bezieht, läßt sich nicht erklären, warum das Geld die
Gesamtmenge der Waren kaufen sollte. Der Prozeß, in welchem dieser
Kauf vollzogen wird, nimmt Zeit. Will man das Ergebnis dieses Prozesses
 in Betracht ziehen, so ist es offenbar notwendig, der Untersuchung
 eine gewisse Zeitperiode zugrunde zu legen. Die Waren,
die innerhalb dieser Periode verkauft werden, müssen mit dem in der
Zirkulation vorhandenen Gelde bezahlt werden. Diese Veränderung des
Satzes bringt aber eine neue Schwierigkeit in das Problem hinein:
sobald man eine Zeitperiode betrachtet, ist immer die Möglichkeit
vorhanden, daß in dieser Periode mehrere Zahlungen durch ein und
dasselbe Geldstück vollzogen werden. Der Umfang der Zahlungen
wird dann nicht länger durch die Menge des Geldes allein gemessen, es
muß auch auf die Anzahl der Zahlungen, die mit jedem Geldstück
innerhalb der Periode geleistet werden, Rücksicht genommen werden,
Damit gelangt man zum Begriff der Umlaufsgeschwindigkeit des
Geldes. Dieser Begriff, der in der Literatur meistens ziemlich unklar
Cassel, Theoret, Sozialökonomie. 4. Aufl, 26

ACC
        <pb n="415" />
        &amp;gt; Kap. XI. Der Geldwert.
hervortritt, läßt sich am einfachsten definieren, wenn man annimmt,
daß alle Geldstücke in der Periode ebenso oft für Zahlungen benutzt
werden. Bezeichnet man mit V die Zahl der Zahlungen, die innerhalb
der Periode von jedem Geldstück geleistet werden, und läßt man nunmehr
 T die-Menge der Waren, die in der Periode verkauft werden, bedeuten,
 so wäre also die Quantitätstheorie in der Formel
TP = MV
auszudrücken sein. Diese Gleichung, die eigentlich auf die Gesamtmenge
 aller Zahlungen, nicht nur der Warenzahlungen, bezogen werden
muß, wobei T als ein Maß des Realumsatzes aufzufassen ist, besagt,
daß der Umfang der Zahlungen, die innerhalb einer gewissen Periode
zu leisten sind, gleich der mit der gegebenen Geldmenge innerhalb der
Periode möglichen Zahlungsleistung ist.
Im allgemeinen kann natürlich keine solche absolut gleichförmige
Ausnutzung aller Geldstücke vorausgesetzt werden. Die Zahlungsleistung
 der Geldmenge ist in der Wirklichkeit gleich der Summe der
Zahlungsleistungen der einzelnen Geldstücke, wobei die Zahlungsleistung
 des einzelnen Geldstücks durch seinen Nennwert multipliziert
 mit der Zahl der von ihm innerhalb der Periode bewirkten
Zahlungen bestimmt wird. Setzt man den Nennwert des: einzelnen
Geldstücks gleich m und die Zahl der von ihm geleisteten Zahlungen
gleich v, wird also die gesamte Zahlungsleistung durch die Summe Zmv
ausgedrückt. Man kann dann eine durchschnittliche Umlaufsgeschwindigkeit
 des Geldes durch die Gleichung V = MS definieren, also dadurch,
 daß man die Gesamtleistung des Geldes mit der Geldmenge
dividiert. Eine Voraussetzung ist hierbei jedoch, daß die Geldmenge
innerhalb der betreffenden Periode unverändert bleibt. Man muß
nämlich beachten, daß die Gesamtleistung der Geldmenge sich auf eine
gewisse Periode bezieht, während die Geldmenge selbst auf einen bestimmten
 Augenblick bezogen werden muß. Ein Vergleich dieser
Größen setzt also stillschweigend voraus, daß die Geldmenge während
der ganzen Periode unverändert bleibt. Wenn dies nicht, wie niemals
in der Wirklichkeit, der Fall ist, so läßt sich eine durchschnittliche
Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes nur durch den Kunstgriff definieren,
daß man statt der wirklichen Periode eine fiktive setzt, wo alle Verhältnisse
 konstant geblieben sind, und die Zahlungsleistung innerhalb
dieser Periode mit der Geldmenge am Anfang der Periode vergleicht.
Die Quote gibt offenbar eine durchschnittliche Umlaufsgeschwindigkeit
am Anfang der Periode.
Die Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes stellt gewissermaßen einen
selbständigen Faktor des Preisbildungsproblems dar: Wie“oft’ eine
Münze in einer gegebenen Periode zu Zahlungen verwendet werden
kann, hängt von den Gewohnheiten des Volkes in bezug auf Kassen-A002
        <pb n="416" />
        $ 51. Die Quantitätstheorie. 3
haltung, vom Entwicklungsgrade der Tauschwirtschaft, von der Bevölkerungsdichtigkeit,
 von der Entwicklung des Transportwesens usw.,
also mit einem Worte von Faktoren ab, die in der Theorie des Geldwerts
 als gegeben betrachtet werden müssen. Dies schließt natürlich
nicht die Möglichkeit aus, daß Veränderungen des allgemeinen Preisniveaus
 oder der Geldmenge auch auf die Umlaufsgeschwindigkeit des
Geldes einen gewissen Einfluß haben können. Wenn die Umlaufsgeschwindigkeit
 des Geldes als ein selbständiger Faktor bezeichnet
wird, so soll das nur heißen, daß sie selbständige, außerhalb des Preisbildungsproblems
 liegende Bestimmungsgründe hat.
Man kann daraus schließen, daß die Quantitätstheorie in der jetzt
gegebenen Form einen ganz bestimmten Sinn und einen positiven
Inhalt hat. Dieser Inhalt würde ganz verlorengehen, wollte man mit
Stuart Mill?) versuchen, das Element der Zeit auszuscheiden und die
Umlaufsgeschwindigkeit durch eine Leistungsfähigkeit des Geldes zu
ersetzen, die als Quote der gesamten Zahlungsleistung und der Geldmenge.zu
 definieren wäre. Denn dann würde die Quantitätstheorie nur
besagen, daß die gesamte Zahlungsleistung gleich der Geldmenge
multipliziert mit dieser Leistungsfähigkeit des Geldes ist, und wäre
also auf eine bloße, vollständig nichtssagende Identität reduziert.
Der Inhalt der Quantitätstheorie ist immer, daß die vorhandene
Geldmenge eine bestimmte Zahlungsleistung hervorzwingen muß, und
daß das Preisniveau sich dem anzupassen gezwungen ist. In der primitiven
 Quantitätstheorie kommt diese Anschauung zum Ausdruck
in dem Satze, daß die gesamte vorhandene Geldmenge die Warenmenge
 kauft. In der neueren Form der Quantitätstheorie wird diese
Voraussetzung gewöhnlich mit der Annahme ersetzt, daß die Umlaufsgeschwindigkeit
 des Geldes konstant ist. Dies bedeutet ja, daß
in der Einhejtsperiode eine durch die Geldmenge bestimmte Zahlungsleistung
 vorkommen muß. Es liegt also im Wesen der Quantitätstheorie,
 den Wechsel des allgemeinen Preisniveaus auf die Veränderungen
der Geldmenge zurückzuführen zu suchen.
Wenn aber die Geldmenge in dieser Weise als ein selbständig
wirksamer Faktor in der Preisbildung aufgefaßt wird, ist es natürlich
notwendig, die Geldmenge selbst als in gewissen, außerhalb der Preisbildung
 liegenden objektiven Verhältnissen gegeben, oder wenigstens
als durch solche Verhältnisse mitbestimmt anzunehmen. Die Aufgabe,
die Bestimmungsgründe des allgemeinen Preisniveaus oder des Geldwerts
 aufzusuchen, ist selbstverständlich nicht gelöst, bevor man bis
zu Faktoren vorgedrungen ist, die selbst als objektiv gegebene Momente
des Problems angesehen werden können.
In bezug auf die Geldmenge ist in dieser Hinsicht zu beachten, daß
ı) Principles of political economy. Book III, Ch. VII, 8 2,

4°C
26*
        <pb n="417" />
        A Kap. XI. Der Geldwert.
die Quantitätstheorie nur der zirkulierenden Geldmenge einen Einfluß
auf die Preisbildung zuerkennt. Diese zirkulierende Geldmenge ist aber
keine selbständig bestimmte Größe, da sie niemals von der in den Bankreserven
 lagernden Geldmenge oder von den etwa vorhandenen privaten
Geldschätzen fest abgegrenzt ist. Das Geld geht aus den Lagervorräten
in die Zirkulation über und umgekehrt, je nach den Tagesbedürfnissen
des Verkehrs. Zu sagen, daß die zirkulierende Geldmenge das allgemeine
 Preisniveau bestimmt, hat unter solchen Umständen keinen
rechten Sinn. Vielmehr ist das allgemeine Preisniveau einer der Faktoren,
 die die jeweilig zirkulierende Geldmenge bestimmen. Insofern
Jäßt die Quantitätstheorie die Frage nach _den Bestimmungsgründen
des Geldwertes noch ganz offen.
Will man die Bewegungen des allgemeinen Preisniveaus auf objektiv
gegebene Faktoren zurückführen, so muß man offenbar das allgemeine
Preisniveau in Verbindung mit der gesamten Geldmenge setzen.
Man kann das tun, wenn man in der Gleichung TP = MV dasselbe M
die gesamte Geldmenge bedeuten läßt, wobei V die Umlaufsgeschwindigkeit
 dieser Geldmenge, also die Zahlungsleistung in der Periode per
Einheit der gesamten Geldmenge zu bezeichnen hat. Vergleicht man
zwei Fälle, in welchen diese Zahlungsfähigkeit des Geldes dieselbe ist,
und in welchen der Umfang des Realumsatzes T ebenfalls derselbe ist,
so kann man sagen, daß das allgemeine Preisniveau P der Geldmenge M
direkt proportional ist.
Dieser Satz hat einen bestimmten Sinn, sobald die gesamte Geldmenge
 als eine gegebene Größe betrachtet werden kann. Dies ist der
Fall bei einer Papierwährung, wo der Staat die Menge des Papiergeldes
fixiert hat. Wird das Papiergeld in der Form von Banknoten mit
Zwangskurs ausgegeben, ‚so liegt die unmittelbar wirksame Begrenzung
des Papiergeldes, wie wir bei der Behandlung der Banknoten ($ 47)
gefunden haben, in den Vorschußbedingungen der Bank. Hier treffen
wir dann jedenfalls auf ein objektives Moment, das als Bestimmungsgrund
 des Geldwertes angeführt werden kann. Wenn überhaupt jede
selbständige Begrenzung des Papiergeldes aufhört, dann wird auch die
Preisbildung ein völlig unbestimmtes Problem, und die Preise können,
wie eine betrübende Erfahrung gezeigt hat, unbegrenzt in die Höhe
steigen.
— Bei Goldwährung liegt die Sache anders. Dann ist auch die gesamte
 Geldmenge keine selbständig gegebene Größe. Denn die Geldmenge
 ist nicht im Verhältnis zum gesamten Goldvorrat fest abgegrenzt,
vielmehr wandert das Gold vom nicht-monetären Goldvorrat zum monetären
 über und umgekehrt, und diese Bewegung hin und zurück wird
ünaufhörlich fortgesetzt. Wieviel Gold der monetären Verwendung zugeführt
 wird, kann u. a. vom Geldbedarf des Verkehrs und somit auch
vom allgemeinen Preisniveau abhängen. Der jeweilige monetäre Gold-404
        <pb n="418" />
        $ 51. Die Quantitätstheorie. 5
vorrat liefert also keinen objektiven Grund für die Bestimmung des
Geldwertes, Ein Zurückführen des allgemeinen Preisniveaus auf objektive
 Bestimmungsgründe ist in der Tat nur möglich, wenn das allgemeine
 Preisniveau in Verbindung mit dem gesamten Goldvorrat
gesetzt wird. Dieser Vorrat ist entweder absolut gegeben, oder, falls
eine Produktion noch stattfindet, durch die technischen Produktionsbedingungen
 mit bestimmt, und es ist also in beiden Fällen die Erklärung
 des allgemeinen Preisniveaus bis an objektiv gegebene Momente
fortgeführt. In der Gleichung TP = MV muß also M jetzt die gesamte
Goldmenge, V somit die Zahlungsleistung in der betrachteten Periode
pro Einheit dieser Goldmenge bedeuten. Betrachtet man zwei Fälle
mit derselben Zahlungsleistungsfähigkeit pro Einheit der gesamten
Goldmenge und demselben Realumsatz, kann man die Quantitätstheorie
 dahin formulieren, daß das allgemeine Preisniveau der gesamten
 Goldmenge direkt proportional ist.
Bisher haben wir vorausgesetzt, daß alle Zahlungen in Geld geleistet
 werden. Es bleibt nun die Frage übrig, wie der Geldwert in der
Wirklichkeit bestimmt wird, wenn neben Geld auch Banknoten und
Bankdepositen als Zahlungsmittel in Betracht kommen. Eine Theorie
des Geldwertes, die das Preisniveau in Verbindung mit dem Umfang
der innerhalb einer gewissen Periode geleisteten Zahlungen setzt, muß
offenbar zu den Zahlungen in Geld sämtliche durch Bankzahlungsmittel
geleisteten Zahlungen addieren. Man hat dann TP = Zı + Zz -+ Zg, wO
Z,, Z, und Zz resp. die Beträge der Barzahlungen, der Zahlungen durch
Banknoten und der Zahlungen durch Schecks bezeichnen. Ganz wie wir
früher Z, durch M, V, ersetzt haben, können wir jetzt Z, durch M, V,
ersetzen, wo M, die zirkulierende Notenmenge und V, die Umlaufsgeschwindigkeit
 der Noten bedeuten. Wenn auch diese Umlaufsgeschwindigkeit
 in den beiden zu vergleichenden Fällen als dieselbe
angenommen Wird, zeigt unsere Gleichung, wie eine Vermehrung der
Notenzirkulation der Zahlungsleistung der Noten einen proportionalen
Zuwachs zuführt. In ähnlicher Weise kann man auch Zz3 durch Mz; Vz
ersetzen, wo M, den Gesamtbetrag derjenigen Bankdepositen, auf welche
Schecks gezogen werden können, bezeichnet. Da eine physische Umlaufsgeschwindigkeit
 der Depositen sich nicht definieren läßt, muß
Vz als die Zahlungsleistung in der Periode pro Einheit der Depositen
definiert werden. Wenn diese Zahlungsleistungsfähigkeit ebenfalls
als unverändert angenommen wird, wird eine Steigerung des Gesamtbetrags
 der Depositen einen proportionalen Zuschuß zu deren Zahlungsleistung
 liefern. Damit sind, unter Voraussetzung unveränderter
Ansprüche auf Zahlungen und unveränderter Ausnutzung der Zahlungsmittel,
 die Schwankungen des allgemeinen Preisniveaus auf drei Veränderliche
 zurückgeführt, nämlich die Geldmenge, die Notenzirkulation
und die Menge der Depositen.

407
        <pb n="419" />
        * Kap. XI. Der Geldwert.
Diese Veränderlichen sind aber nicht vollständig unabhängig. Die
'Menge der Noten und Depositen wird bei gegebener Geldmenge gemeinschaftlich
 reguliert durch die Vorschußbedingungen der Banken.
Diese Bedingungen treten somit als ein selbständiger Faktor im Preisbildungsprozeß
 auf. Es wäre somit, unter der genannten Voraussetzung,
 die Bestimmung des allgemeinen Preisniveaus auf zwei Faktoren
 zurückzuführen: die Vorschußbedingungen der Banken und die
zirkulierende Geldmenge. Da aber bei Goldwährung die zirkulierende
Geldmenge keine selbständige Veränderliche ist, sondern auf die gesamte
 Goldmenge zurückgeführt werden muß, gelangen wir zu dem Ergebnis,
 daß die Schwankungen des allgemeinen Preisniveaus bei unverändertem
 Realumsatz durch die gesamte Goldmenge und die Vorschußbedingungen
 der Banken, sowie auch durch die Ausnutzung der
Zahlungsmittel bestimmt werden. Dieses Ergebnis läßt sich am einfachsten
 formulieren, wenn wir zur ursprünglichen Formel der Quantitätstheorie
 zurückgehen und in der Gleichung TP = MV nunmehr M
die gesamte Goldmenge und V die gesamte Zahlungsleistung in der Einheitsperiode
 pro Einheit dieser Goldmenge bedeuten lassen. Die wichtigsten
 Faktoren in dieser relativen Zahlungsleistung sind offenbar der
mehr oder weniger ausgedehnte Gebrauch von Bankzahlungsmitteln und
die damit in Zusammenhang stehende Ausnutzung der Goldreserven
der Banken sowie auch des gesamten Goldvorrats für Zahlungszwecke.
Diese beiden Faktoren werden in jedem Augenblick wesentlich von
den Vorschußbedingungen der Banken bestimmt. Daneben kommen
die Schwankungen der Ausnutzung der verschiedenen Zahlungsmittel
in Betracht. Ist die genannte relative Zahlungsleistung in den beiden
zu betrachtenden Fällen dieselbe, so folgt, daß das allgemeine Preisniveau
 dem gesamten Goldvorrat proportional ist.
Über die. Richtigkeit der in diesem Paragraphen formulierten Sätze
soll an dieser Stelle noch kein Urteil gefällt werden. Es galt hier zunächst
 scharf festzustellen, was der Inhalt der Quantitätstheorie unter
verschiedenen Voraussetzungen ist oder, vielleicht richtiger ausgedrückt,
logischerweise sein muß, wenn die Theorie überhaupt einen bestimmten
Sinn haben soll. Unter diesem Vorbehalt wollen wir hier die Analyse
der Quantitätstheorie noch einen Schritt weiterführen.
Die Quantitätstheorie setzt in ihrer klassischen Form den Geldwert
in Verbindung mit dem Umfang der Zahlungen. In dieser Form haben
wir auch die Theorie hier vorgetragen. Diese Betrachtungsweise ist aber
nicht notwendig. Man kann auch den Geldwert in seinem Zusammenhang
 mit dem jeweiligen Kassenbedarf, also dem Geldbedarf, betrachten.
Zwischen diesen beiden Methoden besteht zunächst ein Unterschied mit
Hinsicht: auf die zeitliche Begrenzung des Problems:.die Menge der
Zahlungen bezieht sich notwendig auf eine bestimmte Periode, der
Kassenbedarf dagegen auf einen Zeitpunkt. Für eine Theorie, die

406
        <pb n="420" />
        8 51. Die Quantitätstheorie. 7
die Abhängigkeit des Geldwertes von der Geldmenge erklären will, ist
es in der Tat das Natürliche, einen bestimmten Augenblick ins Auge zu
fassen, denn die Geldmenge selbst bezieht sich begrifflich auf einen
bestimmten Zeitpunkt. Um in einer bestimmten Einheitsperiode eine
gewisse Menge von Zahlungen leisten zu können, braucht die Tauschwirtschaft,
 bei gegebenen Zahlungsgewohnheiten am Anfang der Periode
einen gewissen Kassenvorrat. Es besteht also ein bestimmter Zusammenhang
 zwischen Geldbedarf in einem Augenblick und Zahlungsleistung
 in der folgenden Einheitsperiode, und es ist ganz natürlich,
daß die Theorie des Geldwerts ebensowohl vom Geldbedarf wie von
der Zahlungsleistung ausgehen kann.
Wenn man also den Geldwert in Verbindung mit dem Geldbedarf
untersuchen will, liegt es nahe, das Problems des Geldwertes in derselben
 Weise zu behandeln, wie wir das allgemeine Problem der Preisbildung
 (Kap. IV) behandelt haben. Die zu bestimmende Veränderliche
ist im vorliegenden Falle das allgemeine Preisniveau, welches wir mit P
bezeichnen. Diese Veränderliche wird bis auf weiteres als gegeben angenommen,
 Damit ist nun aber das allgemeine Preisbildungsproblem
vollständig gelöst, die Preise sind auch ihrem absoluten Betrag nach
bestimmt. Vom Gesichtspunkt der Preisbildung ist dann der Geldbedarf
bestimmt. Wir nehmen nun an, daß dieser Geldbedarf unter im übrigen
gleichen Verhältnissen dem allgemeinen Preisniveau proportional ist,
Dies bedeutet, daß, wenn zwei selbständige Fälle verglichen werden, in
denen alle übrigen auf den Geldbedarf einwirkenden Faktoren dieselben
sind, der Geldbedarf in direktem Verhältnis zum allgemeinen Preisniveau
 steht. Der Geldbedarf läßt sich dann als ein Produkt von zwei
Faktoren darstellen: dem allgemeinen Preisniveau und dem Geldbedarf
bei einem als Einheit gewählten Preisniveau.
Dieser Geldbedarf beim Einheitspreisniveau ist eine vom Preisniveau
 unabhängige Veränderliche, die in erster Linie vom Umfang des
Realumsatzes T, also des in Geld gemessenen Umsatzes bei den Einheitspreisen,
 abhängt und diesem proportional ist. Bei einer als Einheit
 gewählten Höhe des Realumsatzes in einer gewissen Einheitsperiode
 ist aber der Geldbedarf am Anfang der Periode von der Entwicklungsstufe
 und der Organisation der Geldwirtschaft bestimmt.
Diesen Geldbedarf beim Preisniveau 1 und beim Realumsatz 1 wollen wir
den relativen Geldbedarf nennen und mit R bezeichnen. R ist also
gleich dem Geldbedarf in einem gewissen Zeitpunkt pro Einheit der
Zahlungsleistung in der darauf folgenden Einheitsperiode. Allgemein.
ist der Geldbedarf in einem gegebenen Augenblick gleich der gesamten
Zahlungsleistung in der darauf folgenden Einheitsperiode, also TP,
multipliziert mit dem relativen Geldbedarf R, und ist folglich gleich dem
Produkt RTP.
Die Bestimmungsgründe dieses relativen Geldbedarfs haben wir im

40°
        <pb n="421" />
        “_- Kap. XI. Der Geldwert.
vorigen, Kapitel ausführlich behandelt. Der relative Bedarf an barem
Geld hängt nach den Ergebnissen, die wir da gewonnen haben, besonders
 von der Konzentration der Kassenhaltung in den Banken und
von der Verdrängung des Geldes in den privaten Kassen durch Banknoten
 ab. Wir fanden, daß der relative Geldbedarf auf höheren Stufen
der Entwicklung vermindert wird. Zu einer gegebenen Zeit und in
einem bestimmten Lande kann aber dieser relative Geldbedarf als
gegeben betrachtet werden.
Wenn der Geldbedarf bestimmt ist, erfordert das Gleichgewicht,
daß der Geldbedarf gleich ist der gesamten vorhandenen Geldmenge M,
also RTP =M. Diese Gleichung genügt, um die Unbekannte, das allgemeine
 Preisniveau, zu bestimmen. Damit ist das allgemeine Preisniveau
 in seiner Abhängigkeit von Geldmenge und relativem Geldbedarf
 dargestellt, und zwar zeigt sich bei einer Vergleichung zweier
selbständiger Fälle, wo R und T unverändert sind, daß das allgemeine
Preisniveau der Geldmenge direkt proportional ist. Dieses Ergebnis
führt also auf die Quantitätstheorie zurück.
Vergleicht man die jetzt zur Bestimmung des allgemeinen Preisniveaus
 gewonnene Gleichung mit der oben aufgestellten Gleichung
TP = MV, so findet man, daß R = ist, oder in Worten ausgedrückt,
daß der Geldbedarf pro Einheit der Zahlungsleistung in der Einheitsperiode
 gleich ist dem reziproken Wert der Umlaufsgeschwindigkeit
des Geldes, also dem reziproken Wert der Zahlungsleistung der Einheit
der Geldmenge in der Einheitsperiode, was eigentlich selbstverständlich
ist. Die beiden zur Bestimmung des allgemeinen Preisniveaus aufgestellten
 Gleichungen sind also identisch, was natürlich notwendig
ist, da eine Unbekannte doch nur durch eine Gleichung bestimmt
werden kann.
Die Gleichung, die besagt, daß der Geldbedarf gleich der Geldmenge
 ist, bestimmt das Preisniveau nur, wenn die Geldmenge als gegeben
 betrachtet werden kann. Bei einer Goldwährung ist aber die
Geldmenge nicht scharf von der Goldmenge getrennt. Um das allgemeine
 Preisniveau auf objektiv gegebene Faktoren zurückzuführen,
muß man dann den gesamten Geldbedarf mit der gesamten Goldmenge
vergleichen. Man muß also den folgenden Weg gehen: Man nimmt das
allgemeine Preisniveau als gegeben an. Damit sind alle Preise gegeben,
und dann ist offenbar der Goldbedarf für industrielle Zwecke bestimmt,
und natürlich ebenso der monetäte Goldbedarf, also der gesamte Goldbedarf.
 Dieser muß aber gleich dem gesamten Goldvorrat sein. Durch
diese Gleichung wird das allgemeine Preisniveau bestimmt. Um die
Quantitätstheorie aufrechtzuerhalten, kann hier angenommen werden,
daß nicht bloß der monetäre, sondern auch der industrielle Goldbedarf
dem allgemeinen Preisniveau proportional ist. Wenn dies der Fall ist,

408
        <pb n="422" />
        $ 52. Die Bedeutung der Veränderungen der Geldmenge. 409
so ist offenbar der gesamte Goldbedarf dem allgemeinen Preisniveau
proportional, und da dieser Bedarf dem gesamten Goldvorrat gleich sein
muß, so ist das allgemeine Preisniveau dem gesamten Goldvorrat proportional,
 was wieder mit unseren oben gewonnenen Ergebnissen übereinstimmt.

Die Annahme, daß der nicht monetäre Goldbedarf dem allgemeinen
Preisniveau proportional ist, daß also die Goldnachfrage im umgekehrten
 Verhältnis zum Goldpreis steht, ist an sich nicht unwahrscheinlich.
 Denn wird das Gold zu Schmucksachen verwendet, so wird
es in wesentlichem Grade seines Wertes, nicht seiner Menge wegen begehrt.
 Der Einheitswert des Goldes muß dann, bei im übrigen gleichen
Umständen, der Gesamtmenge des Goldes umgekehrt proportional sein.
Hat man einmal angenommen, daß der monetäre Goldbedarf mit dem
allgemeinen Preisniveau proportional wächst, so bedeutet die Annahme,
daß auch der industrielle Goldbedarf dem allgemeinen Preisniveau proportional
 ist, offenbar nur, daß das Verhältnis zwischen dem monetären
und dem industriellen Goldbedarf unabhängig vom allgemeinen Preisniveau
 ist, mit anderen Worten, daß die Goldmenge sich in demselben
Verhältnis auf die beiden Hauptverwendungen verteilt, unabhängig von
der Größe der gesamten Goldmenge. Es soll aber beachtet werden,
daß es zur Aufrechterhaltung der Quantitätstheorie genügt, wenn man
annimmt, daß der gesamte Goldbedarf dem allgemeinen Preisniveau
proportional ist und die Möglichkeit von Verschiebungen zwischen
monetärem und industriellem Goldbedarf offen läßt.
$ 52. Die Bedeutung der Veränderungen
der Geldmenge.
Für die praktische Geldpolitik hat die Theorie des Geldwertes unmittelbare
 Bedeutung wesentlich nur insofern, als sie imstande ist, zu
erklären, wie Veränderungen der Geldmenge auf das allgemeine
Preisniveau einwirken. Nach Stuart Mill!) ist es im nationalökonomischen
 Unterricht gebräuchlich geworden, die Wirkung einer Vermehrung
 der Geldmenge in der populären Formel darzustellen, daß
„wenn alle Kassenvorräte in der Volkswirtschaft in einem Augenblicke
verdoppelt werden sollten, ceteris paribus das allgemeine Preisniveau
auch verdoppelt werden müßte‘, Dieser Satz steht offenbar wesentlich
 außerhalb der Ergebnisse unserer bisherigen Analyse der Quantitätstheorie.
 Denn hier wird angenommen, daß in einer gegebenen
Volkswirtschaft eine Vermehrung des Geldes eintritt, und es wird betreffend
 die Wirkung dieser Veränderung eine bestimmte Behauptung
') Mill: Principles of political economy. Book Il, Ch. VII, 82.

+4;
        <pb n="423" />
        Kap. XI. Der Geldwert.
aufgestellt. Damit ist man von einer Vergleichung zweier gegebenen
voneinander unabhängigen Fälle zu einer Frage gekommen, wo der
innere Zusammenhang des ganzen. volkswirtschaftlichen Bewegungsprozesses
 mit in Betracht gezogen werden muß, also von einem Problem
der Statik zu einem Problem der Dynamik.
Zur genannten Formulierung der Quantitätstheorie gehört notwendig
 die Voraussetzung, daß alle übrigen Faktoren unverändert
bleiben, und man macht einfach diese Voraussetzung, meistens ohne der
Frage, ob sie hier auch berechtigt ist, einen Gedanken zu widmen. Es
ist aber offenbar von vornherein anzunehmen, daß eine Vermehrung
des Geldes auch auf „die übrigen Faktoren‘‘, besonders auf die Zirkulationsgeschwindigkeit
 des Geldes und auf das Verhältnis zwischen
Bankzahlungsmitteln und Bargeld, vielleicht auch auf den Warenumsatz
eine Wirkung ausüben kann. Die Klausel ‚,ceteris paribus‘“ ist hier
also absolut unzulässig. Die Quantitätstheorie mit dieser Klausel
als eine selbstverständliche Wahrheit zu predigen, heißt die Aufmerksamkeit
 von wesentlichen Vorgängen ablenken und ist sicher für die
Erziehung zu gesunder wissenschaftlicher Kritik wenig förderlich.
Solange man, wie wir es im vorigen Paragraphen getan haben,
zwei verschiedene voneinander unabhängige Fälle betrachtet, ist natürlich
 die Voraussetzung, daß die „übrigen Faktoren‘ gleich sind, berechtigt,
 denn man kann die beiden zu vergleichenden Fälle so wählen,
wie man wünscht. Nimmt man aber in einem gegebenen Falle an, es
sei die Geldmenge plötzlich vermehrt, so ist man nicht berechtigt, über
die daraus entstehende neue Lage weitere beliebige Voraussetzungen
zu machen. Was man annehmen kann, ist, daß keine neuen störenden
Faktoren von außen hinzukommen, über die Wirkung der einmal angenommenen
 Vermehrung der Geldmenge darf man aber keine weiteren
Annahmen machen, die hat man eben zu untersuchen.
Wenn wir von der statischen zur dynamischen Behandlung des
Problems der Abhängigkeit des Geldwerts von der Geldmenge übergehen,
 stoßen wir also auf Schwierigkeiten ganz neuer Art, zu deren
Überwindung die bis jetzt gebrauchten Methoden nicht hinreichen.
Schon bei unserer Behandlung des statischen Falles des Problems des
Geldwerts haben wir gefunden, daß die Quantitätstheorie nicht ganz
die absolute Selbstverständlichkeit besitzt, die ihr zuweilen zugeschrieben
 wird, daß es vielmehr zur Aufrechterhaltung der Theorie
nötig ist, verschiedene Voraussetzungen zu machen, Voraussetzungen,
die wohl an sich nicht gerade unwahrscheinlich sind, deren Prüfung
aber außerhalb der Tragweite rein theoretischer Auseinandersetzungen
liegt, einer auf die Tatsachen des Wirtschaftslebens gestützten Untersuchung
 vorbehalten werden muß. Noch weit unzulänglicher zeigen
sich die Mittel der reinen Theorie, wenn wir zum dynamischen Problem
übergehen. Welche Wirkungen eine Vermehrung der Geldmenge auf

410
        <pb n="424" />
        8 52. Die Bedeutung der Veränderungen der Geldmenge. 411
die Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes, auf die Ausdehnung des Gebrauchs
 von Bankzahlungsmitteln oder auf den Umfang des Realumsatzes
 hat, und welche also die schließliche Wirkung auf das allgemeine
 Preisniveau sein wird, das sind alles Fragen, die sich überhaupt
nicht mit den Mitteln der Theorie behandeln lassen.
Wenn man sich eine Vorstellung von den unmittelbaren Wirkungen
einer Steigerung der Geldmenge, unter der Voraussetzung, daß keine
weiteren selbständigen Veränderungen mit hineinspielen, zu machen
sucht, liegt es nahe, anzunehmen, daß eine Herabsetzung der Umlaufsgeschwindigkeit
 des Geldes, eine relative Vermehrung des Gebrauchs
von Bargeld im Verhältnis zum Gebrauch von Bankzahlungsmitteln und
eine Steigerung der Bargeldreserven der Banken, vielleicht auch eine
Belebung des Verkehrs eintreten werden. Dies sind aber alles Wirkungen,
 die auf eine Steigerung des Geldbedarfs hinauslaufen, die also
ein Gegengewicht zur Steigerung der Geldmenge bilden. Wird in dieser
Weise der Geldbedarf in demselben Maße wie die Geldmenge gesteigert,
so ist offenbar die Wirkung der Steigerung der Geldmenge vollständig
aufgewogen, und für die nach der Quantitätstheorie erwartete Wirkung
auf die Preise bleibt kein Platz übrig. Tritt nur eine kleinere Steigerung
 des Geldbedarfs ein, so ist wohl eine Preissteigerung zu erwarten,
aber nicht in dem Maße, wie es die einfache Quantitätstheorie erfordert.
 Die Gegner der Quantitätstheorie haben wiederholt auf die
Wirkungen dieser Art, die einer Vermehrung der Geldmenge folgen
müssen, hingewiesen und hervorgehoben, daß diese Wirkungen eine
zu große Bedeutung haben, um vernachlässigt werden zu können, und
daß sie in der Wirklichkeit die von der Quantitätstheorie behauptete
Wirkung einer Vermehrung der Geldmenge immer durchkreuzen
müssen. Daraus hat man den Schluß gezogen, die ganze Quantitätstheorie
 müsse als eine für jeden praktischen Zweck unanwendbare
theoretische Spekulation verworfen ‚werden. Die Verteidigung der
Quantitätstheorie gegen diese Angriffe ist meistens recht schwach
geführt worden. Auch Fisher, der mit solcher Kraft die Quantitätstheorie
 als eine selbstverständliche Wahrheit, an der ein Zweifel kaum
noch erlaubt ist, verkündet, ist nicht darüber hinausgekommen, die
in Frage stehenden Wirkungen einer Vermehrung der Geldmenge als
vorübergehende Störungen ohne größere Bedeutung darzustellen, und
obwohl er zur Stütze dieser Ansicht manche wertvolle Beobachtung
vorführt, ist er durch seine ganze Methode verhindert, auch nur zu
einer ungefähren Schätzung der Größe und der Dauer dieser Wirkungen
zu gelangen. Unter solchen Verhältnissen bleibt es zum mindesten
noch eine offene Frage, welcher Geltungsbereich der Quantitätstheorie
zukommt.
Offenbar liegt es außerhalb des Vermögens der Theorie, die jetzt
gedachten Wirkungen einer Steigerung der Geldmenge in quantitativen
        <pb n="425" />
        2 ‚Kap, XI‘ Der Geldwert.:
Ausmaßen anzugeben. Ebenso unmöglich ist es für die Theorie, die
Frage zu beantworten, wie weit sich die genannten Wirkungen in die
Zukunft erstrecken. Wohl kann es vielleicht als wahrscheinlich bezeichnet
 werden, daß ihre unmittelbare Bedeutung die überwiegende ist,
daß sie mit der Zeit an Kraft verlieren, und daß also die Steigerung
der Geldmenge allmählich doch eine Preissteigerung in Übereinstimmung
 mit der: Quantitätstheorie zur Folge haben wird. Denn wenn
die jetzt betrachteten Wirkungen lediglich Fölgen eines Übergangs
sind, und wenn die Quantitätstheorie für zwei ganz unabhängige Fälle
zutrifft, so steht zu erwarten, daß die Voraussage der Quantitätstheorie
desto besser erfüllt wird, je länger die Übergangsperiode ist, und je mehr
also die beiden zu vergleichenden Fälle als voneinander unabhängig
betrachtet werden können. Solche Erwägungen haben aber keine wirkliche
 Beweiskraft. Sie zeigen nur nochmals, wie unumgänglich es ist,
die ganze Theorie des Geldwerts auf Grund eines für diesen Zweck
systematisch zusammengestellten Tatsachenmaterials empirisch zu behandeln.

Eine solche Untersuchung muß zunächst für eine gewisse Periode
die Veränderungen des allgemeinen Preisniveaus feststellen, um dann zu
einer Analyse der wahrscheinlichen Ursachen dieser Veränderungen
überzugehen. Dabei hat man die vorhandenen statistischen Daten über
Geldmenge und Ausnutzung derselben durch den Gebrauch von Bankzahlungsmitteln
 sowie auch über den Umfang des Realumsatzes heranzuziehen
 und in geeigneter Zusammenstellung‘ mit dem allgemeinen
Preisniveau zu Vergleichen. Die Untersuchung muß natürlich vor
allem mit Hinsicht auf die Goldwährung der Vorkriegszeit, dann aber
auch für die späteren Papierwährungen durchgeführt werden. Da im
Falle der Goldwährung die Geldmenge nicht scharf von der Goldmenge
getrennt ist und also keine selbständige Größe darstellt, ist es, wie schon
oben bemerkt, notwendig, die Entwicklung des allgemeinen Preisniveaus
mit der Entwicklung der gesamten Goldmenge zu vergleichen, um
dadurch zu prüfen, inwieweit die Veränderungen des allgemeinen Preisniveaus
 auf Veränderungen der Goldmenge zurückgeführt werden
können, und welche Variationen des allgemeinen Preisniveaus zur Erklärung
 durch die Wirkungen der anderen Veränderlichen des Problems
noch übrig bleiben.
Dies soll der Gang der folgenden Untersuchungen werden. Zunächst
 gilt es also, die Methoden zur Feststellung der Veränderungen
des allgemeinen Preisniveaus ins Auge zu fassen.
8 53. Messung des Preisniveaus durch Indexziffern.
Die. immer fortdauernde Bewegung der Preise kann entweder als
eine Verschiebung sämtlicher Preise oder wenigstens der großen Masse

aAlz
        <pb n="426" />
        $ 53. Messung des Preisniveaus durch Indexziffern. 413
der Preise in ein und derselben Richtung, oder auch als eine Menge
von Veränderungen der verschiedenen Preise relativ zueinander, ohne
merkbare Verschiebung der Preise im allgemeinen in irgendeiner bestimmten
 Richtung, hervortreten. Nur die erste Art der Preisbewegungen
 fassen wir als eine Veränderung des Geldwerts auf,
während natürlich auch bei unverändertem Geldwert Bewegungen der
zweiten Art möglich sind. In der Wirklichkeit kommen nun wohl
immer Bewegungen beider Arten gleichzeitig vor. Für jede Untersuchung
 des Geldwerts, ist es aber notwendig, die beiden Bewegungsarten
 voneinander zu scheiden und festzustellen, ob und in welchem
Umfange eine allgemeine Verschiebung der Preise in einer bestimmten
Richtung oder, um ein Bild von der Mechanik zu leihen, eine Verschiebung
 des Schwerpunkts der Preise stattgefunden hat. Dies ist
die Aufgabe, die man durch Aufstellung von Indexziffern für das allgemeine
 Preisniveau zu lösen sucht.
Um einen Index für die genannten allgemeinen und einseitigen ‘Bewegungen
 der Preise, also für das allgemeine Preisniveau, zu bilden,
müssen wir zunächst, da bei einer solchen Berechnung selbstverständlich
 nicht alle Preise berücksichtigt werden können, eine Gruppe von
repräsentativen Preisen auswählen. Dabei müssen wir uns auf typische
Standardartikel, für welche eine praktisch unveränderliche Qualität festgestellt
 werden kann, beschränken. Detailpreise sind mit Rücksicht
hierauf meistens weniger geeignet, unter anderem deshalb, weil die Verkaufsbedingungen
 sehr wechseln (Versendung der Waren, Kredit usw.).
Nichtmaterielle Nützlichkeiten können in der Regel nicht mit in Betracht
 gezogen werden. Die Mieten z. B. bilden, auch wenn sie für dieselbe
 Wohnung bezahlt werden, den Preis für eine Nützlichkeit von sehr
wechselndem zealen Inhalt, da die Gegend mehr oder weniger modern,
zentral, bequem erreichbar usw. werden kann. * Arbeitslöhne dürfen
nicht mitgenommen werden, da sie als der Anteil des Arbeiters am
Gesamtertrag der volkswirtschaftlichen Produktion in einer aufsteigenden
 Volkswirtschaft auch bei unveränderten Warenpreisen normal
steigen. Es können somit wesentlich nur die Großhandelspreise der
wichtigsten Materialien in Betracht kommen.
Nachdem eine Gruppe von Standardwaren einmal ausgewählt ist,
drücken wir die einzelnen Preise in Prozenten der Preise einer gewissen
Ausgangslage aus, ersetzen also die absoluten Preise durch Preisindexziffern.
 Danach haben wir einen gewissen Dürchschnitt der so bestimmten
 Preisindexziffern zu berechnen. Dieser Durchschnitt muß
so gewählt werden, daß relative Veränderungen der Preise im Verhältnis
 zueinander möglichst ohne Wirkung auf ihn bleiben, daß also die
Veränderungen des Durchschnitts die einseitigen Preisbewegungen
möglischt rein zum Ausdruck kommen lassen. Damit der Einfluß von
Zufälligkeiten möglichst beschränkt wird, kann es wünschenswert sein,
        <pb n="427" />
        . Kap, XI. Der Geldwert.
den wichtigeren Waren einen größeren Einfluß auf den Index einzuräumen,
 was dadurch geschieht, daß man einen in bestimmter Weise
gewogenen Durchschnitt der Preisindexziifern berechnet, d. h. jede
Preisindexziffer mit einer gewissen, die relative Bedeutung der entsprechenden
 Ware angebenden Zahl multipliziert und das allgemeine
Preisniveau als die Summe der so gebildeten Produkte definiert. Natürlich
 muß man sich bei einer solchen Berechnung in der Regel mit den
Preisen einer ziemlich begrenzten Gruppe von Waren begnügen.
Man kann aber auch Veränderungen des allgemeinen Preisniveaus
dadurch festzustellen suchen, daß man die Einwirkung der Preisbewegung
 auf den Gesamtpreis einer bestimmten Warenmenge beobachtet.
 Ist die gewählte Warenmenge hinreichend umfassend und
repräsentativ, so kann man voraussetzen, daß relative Preisbewegungen
in ihrer Wirkung auf den Gesamtpreis einander ausgleichen, daß also
die Veränderungen des Gesamtpreises der Warenmenge wesentlich nur
wirkliche Verschiebungen des allgemeinen Preisniveaus darstellen.
Die Technik der Indexberechnungen ist in der neuesten Literatur
eingehend behandelt worden. Besonders kann auf das sehr verdienstvolle
 Werk Irving Fishers, „The Making of Index Numbers‘““ verwiesen
 werden. Hier können wir uns mit der Beschreibung der Indexziffern,
 deren wir uns im folgenden bedienen wollen, begnügen.
Die bekannten von Sauerbeck für die Periode 1846—1912 veröffentlichten
 Indexziffern!) sind berechnet ohne Zuerteilung von bestimmten
 Bedeutungsquoten an die verschiedenen in die Berechnung
aufgenommenen Waren. Die relative Bedeutung der Waren ist jedoch
insofern berücksichtigt, als die wichtigeren Waren in mehreren Qualitäten
 oder Veredlungsstufen mitgenommen sind. Für jeden der 45 Artikel
 ist der Jahresdurchschnitt der monatlichen Marktpreise berechnet
 und in Prozent des entsprechenden Durchschnittspreises für
die Periode 1867—77 ausgedrückt. Die mit 45 dividierte Summe dieser
45 Preisindexziffern ist der Sauerbecksche Index des allgemeinen
Preisniveaus. Die verschiedenen Artikel werden in der folgenden Weise
in Gruppen zusammengefaßt: vegetabilische Nahrungsmittel (8 Art.),
animalische Nahrungsmittel (7 Art.), Zucker, Kaffe und Tee (4 Art.),
(zusammen Nahrungsmittel 19 Art.), Mineralien (7 Art.), Textilmaterialien
 (8 Art.), verschiedene Materialien (11 Art.), (zusammen
Materialien 26 Art.). Für jede dieser Gruppen wird auch eine besondere
Indexziffer berechnet. Die angeführten Zahlen der Artikel in jeder
Gruppe zeigt das relative Gewicht, das jeder einzelnen Gruppe in der
Berechnung des Totalindex zugeteilt wird. Um diese Methode des
Wiegens für die einzelnen Waren zu veranschaulichen, seien hier die
8 Artikel der ersten Gruppe angeführt. Sie sind: englischer Weizen,
amerikanischer Weizen, Weizenmehl, Gerste, Hafer, Mais, Kartoffeln
1) Journal of the Royal statistical Society 1886—1913.

A414
        <pb n="428" />
        $ 53. Messung des Preisniveaus durch Indexziffern. 415
und Reis, Der im englischen Handel und Konsum sehr wichtige
eizen hat also in dieser Gruppe eine relative Bedeutung von 3/g, im
Totalindex von %45, bekommen. } /
Um eine im großen und ganzen richtige Vorstellung der Bewegungen
 des allgemeinen Niveaus der in Gold ausgedrückten Preise
seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts zu gewinnen, können wir uns
wahrscheinlich mit ziemlicher Zuverlässigkeit des Sauerbeckschen
Index bedienen. Daß wir englische Preisindexziffern in diesem Zusammenhang
 vorziehen, hat seinen Grund in drei verschiedenen Umständen,
 nämlich erstens, daß England in der Periode, mit der wir uns
hier beschäftigen werden, also in der Zeit seit Mitte des neunzehnten
ahrhunderts, in der Hauptsache ein Freihandelsland gewesen ist,
zweitens, daß der englische Markt in dieser Periode vor allen anderen
der Welthandelsmarkt war, drittens, daß England die ganze Periode
hindurch eine effektive Goldwährung aufrechterhalten hat. Für die
Frage, mit der wir uns hier besonders beschäftigen, vom Einfluß der
oldversorgung der Welt auf den Geldwert bei Goldwährung, hat der
letztgenannte Umstand natürlich ausschlaggebende Bedeutung.
Wir wollen aus diesen Gründen unseren folgenden Untersuchungen
die Sauerbeckschen Indexziffern zugrunde legen!). Um auch ein
ngefähres Bild von der Entwicklung des allgemeinen Preisniveaus das
ganze neunzehnte Jahrhundert hindurch zu gewinnen, wollen wir zur
Serie der Sauerbeckschen Indexziffern, die mit dem Jahre 1846 beginnt,
 die von Jevons berechneten Indexziffern für die Zeit von
1800—1845 fügen?). Die Jevonsschen Indexziffern erstrecken sich
bis zum Jahre 1865. Die beiden Serien decken sich also für die zwanzigjährige
 Periode 1846—1865. Die Durchschnittsziffer für diese Periode
ist für Jevons Index 75,3, für Sauerbecks Index 93,1. Beide Serien
können vielleicht am besten auf einem und demselben Diagramm
zusammengestellt werden, wenn man solche Skalen wählt, daß diese
Durchschnittsziffern übereinstimmen. _ / /
Wenn man die Sauerbeckschen Indexziffern studiert, fällt es auf,
daß das allgemeine Preisniveau für die beiden Jahre 1850 und 1910
sehr nahe auf derselben Höhe gestanden hat. Die Indexziffer für 1850
ist 77, diejenige für 1910 78. Bei einem solchen Vergleich ist es aber.
natürlich von Bedeutung, daß man sich nicht mit der Gegenüberstellung
 zweier vereinzelter Jahre begnügt, sondern auch die nächstliegenden
 Jahre mit in Betracht zieht. Wir finden, daß -der Durchchnitt
 der Indexziffern für die vier Jahre 1848—1851, die auf das
Krksenjaht 1847 folgten, 76 beträgt, während der entsprechende Durchschnitt
 für die vier auf das Krisenjahr 1907 folgenden Jahre 1908—1911
ich auf 76% beläuft. Die Übereinstimmung zwischen dem allge-?)
 Dieselben sind in Tab. I im Anhang wiedergegeben.
?) „Wholesale and retail prices‘‘. 1903. (321) p. 450
        <pb n="429" />
        ” Kap. XI. Der Geldwert.
meinen Preisniveau für das Jahr 1850 und demjenigen für das Jahr 1910
ist also sehr ausgeprägt. Wir nehmen dieses gemeinsame Preisniveau
als Normalniveau und bezeichnen es mit 100... Die Skala für den Jevonsschen
 Index ist der so gewählten Skala in der Weise angepaßt, daß die
ba - &amp;gt; S
Si D ;
zZ O A T
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U
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%
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ml
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S]
= _ BAU =.
Durchschnittsziffern für die Periode 1846—1865 für beide Serien übereinstimmen.


416
        <pb n="430" />
        8 54. Preisniveau und relative Goldmenge. 417
Nach diesen Gründen ist unser Diagramm (Fig. 1) gezeichnet.
Sämtliche Ziffern für das allgemeine Preisniveau sind also in Prozenten
 des Normalniveaus, welches der Sauerbeckschen Ziffer 76 entspricht,
 ausgedrückt.
$ 54. Preisniveau und relative Goldmenge.
Wir haben gefunden, daß die Analyse der Faktoren, die Veränderungen
 im allgemeinen Preisniveau hervorbringen, sobald die Goldwährung
 in Betracht kommt, nicht bei der Geldmenge stehen bleiben
kann, sondern von der Geldmenge auf die ganze Goldmenge der Welt
ausgedehnt werden muß. Es ist also hier zunächst nötig, einen allgemeinen
 Überblick über die Entwicklung der Goldvorräte der Welt zu
gewinnen. Der gesamte Goldvorrat der Welt für das Jahr 1850 sei
dabei auf 10 Milliarden Mark veranschlagt. Wenn Lexis’ Schätzung
des gesamten Goldvorrats für das Jahr 1848 auf 9560 Millionen Mark)
annähernd richtig ist, dürfte die genannte Zahl für 1850 (und zwar für
den Schluß dieses Jahres) angenommen werden können. Für die Berechnung
 des späteren Zuwachses des Goldvorrats ist hier nach Lexis
ein jährlicher Gesamtverlust von 2 pro Mille des jeweiligen Gesamtvorrats
 vorausgesetzt. Die Produktion ist für die Zeit von 1851 bis
1875 mit ihren fünfjährigen Summen, für die folgende Zeit mit ihren
jährlichen Beträgen (nach Helfferich und dem statistischen Jahrbuch
für das Deutsche Reich) in Betracht gezogen. Für die fünfjährigen
Perioden ist die Abnutzung gleich 1 Prozent des Gesamtvorrats am
Anfang der Periode angenommen. Nach 1875 ist der jährliche Goldverlust
 mit 2 pro Mille des Vorrats am Jahresanfang in Abzug gestellt.
Für die Zeit vor 1850 ist des Zusammenhangs wegen die Produktion
für zehnjährige Perioden vom Goldvorrat im Jahre 1850 abgezogen,
wobei für jede Periode 2 Prozent des Vorrats am Anfang der Periode,
sowie auch 2 Prozent der halben Produktion der Periode als Verlust
der Periode dem Anfangsvorrat zugerechnet sind. Die Ziffer, die man
in dieser Weise für 1800 bekommt, 7535 Millionen Mark, ist etwas
niedriger als die von Lexis angegebene Ziffer 7940 Millionen Mark,
der Unterschied ist aber von keiner Bedeutung. Für 1890 hatte Lexis
die Ziffer 28560 Millionen Mark angenommen, während unsere Rechnung
die Ziffer 28775 Millionen Mark ergibt.
Das Ergebnis unserer Berechnungen ist im Anhang in der Tabelle 2
(„die Goldmenge der Welt“) unter dem Titel „Faktische Goldmenge“‘
zusammengestellt und hier in unserem Diagramm (Fig. 2) graphisch
') Handwörterbuch der Staatswissenschaften. Il. Aufl. Art. Gold und Goldwährung.

Cassel, Theoret, Sozialökonomie. 4. Aufl.

27
        <pb n="431" />
        i Kap. XI. Der Geldwert.,
veranschaulicht. Nach der Berechnungsmethode gibt die Ziffer jedes
Jahres die Goldmenge am Ende des Jahres an.
Man findet, daß die faktische Goldmenge von 1850 bis 1910 von
10 Milliarden Mark auf 52 Milliarden Mark gestiegen ist, also in
60 Jahren mit dem Faktor 5,2 multipliziert ist. Diese Steigerung entspricht
 einer durchschnittlichen jährlichen Steigerung von 2,79 Prozent
oder rund 2,8 Prozent. Wäre also die Goldmenge von 1'850 an jährlich
mit 2,8 Prozent gewachsen, so wäre sie bis 1910 auf eine der faktischen
Goldmenge des letztgenannten Jahres entsprechende Höhe gestiegen.
Gehen wir nunmehr dazu über, die Entwicklung des allgemeinen
Preisniveaus für eine längere Periode mit der gleichzeitigen Steigerung
der Goldmenge der Welt zu vergleichen, so haben wir zunächst zu
550 ; 155
)
500 —- 50
|
#50 |— )
400 b— 40
Sn“ 035
300 | — — 430
| ;
PS
250 }— SZ 85
zo BE
150} E — 5
100 | ==110
|
50 | | Sr 5
1800 10 20 30 40 1850 60 70 80 90 1900 10
Fig. 2. Faktische — = E m UN relative — — — = -

418
a.“ normal
        <pb n="432" />
        S 54. Preisniveau und relative Goldmenge. 79
beachten, daß die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung für eine
bestimmte Zunahme der Goldmenge Platz macht, und daß. diese
Steigerung also keine Ursache zu Veränderungen des allgemeinen
Preisniveaus sein kann. Um die Wirkungen der Veränderungen der
Goldmenge auf das allgemeine Preisniveau kennenzulernen, müssen wir
also zuerst wissen, welche Steigerung der Goldmenge die allgemeine
irtschaftliche Entwicklung in der betreffenden Periode erfordert hat.
Es ist natürlich für diesen Zweck vorteilhaft, wenn wir die zu betrachtende
 Periode so wählen können, daß das allgemeine Preisniveau
am Anfang und am Ende der Periode auf derselben Höhe steht. Denn
dann ist offenbar die Steigerung der Goldmenge zwischen Anfang und
Ende der Periode ohne Einfluß auf das allgemeine Preisniveau geblieben,
 und die Zunahme entspricht also nur der für die allgemeine
irtschaftliche Entwicklung erforderlichen Steigerung der Goldmenge.
‚Diese Bedingungen werden, wie wir im vorigen Paragraphen gefunden
 haben, von der Periode 1850—1910 in sehr glücklicher Weise
erfüllt. Das allgemeine Preisniveau ist 1910, praktisch genommen,
dasselbe gewesen wie 1850. Wir können hieraus schließen, daß die
Steigerung der Goldmenge zwischen 1850 und 1910 notwendig und
hinreichend war, um bei der vor sich gegangenen wirtschaftlichen Entwicklung
 das Preisniveau im Jahre 1910 auf der Höhe des Jahres 1850
zu halten. Die genannte Steigerung entsprach, wie wir vorhin fanden,
einer durchschnittlichen Steigerung pro Jahr während der ganzen Periode
on rund 2,8 Prozent. Wäre nun die Goldmenge der Welt auch für jedes
ahr der ganzen Periode genau um diese 2,8 Prozent gewachsen, so
könnte offenbar niemand auf den Gedanken kommen, etwaige Veränderungen
 des allgemeinen Preisniveaus Veränderungen der Goldmenge
 zuzuschreiben. Man hätte dann eine absolut gleichförmige
Steigerung der Goldmenge der Welt gehabt, und diese Steigerung wäre
eben hinreichend gewesen, um das allgemeine Preisniveau am Ende der
Periode auf der Ausgangshöhe zu erhalten. Man würde dann weder
behaupten können, daß die Steigerung der Goldmenge im ganzen
zu stark gewesen wäre, noch daß sie durch Unregelmäßigkeiten Veränderungen
 des allgemeinen Preisniveaus veranlaßt hätte. Eine solche
gleichförmige Steigerung der Goldmenge, die nach einer gewissen
Periode das allgemeine Preisniveau unverändert läßt, wollen wir eine
für die betreffende Periode normale Steigerung nennen und die Goldmenge,
 die unter Voraussetzung einer normalen Steigerung zu einem
beliebigen Zeitpunkt vorhanden gewesen wäre, die für diese Periode
normale Goldmenge. Für die Periode 1850—1910 erhält man also
die normale Goldmenge, wenn man von der Anfangsmenge von 10 Milliarden
 Mark ausgeht und mit einer gleichförmigen jährlichen Steigerung
 von 2,8 Prozent rechnet. In dieser Weise sind die Ziffern für die
oma Goldmenge in der Tabelle 2 im Anhang berechnet. (Man
7*

41:
        <pb n="433" />
        420 Kap. XI. Der Geldwert.
bekommt die Ziffer eines‘ Jahres durch Multiplizierung der Ziffer des
vorigen Jahres mit V/5,2 = 1,0279.)
Die so berechnete normale Goldmenge für die Periode 1850—1910
ist auf unserem Diagramm (Fig. 2) durch die vollzogene Linie bezeichnet.
 Die Berechnung ist nach derselben Formel bis zum Jahre 1800
zurückgeführt und die Kurve auf dem Diagramm entsprechend fortgesetzt.

Es folgt aus dem bisher Gesagten, daß, soweit die Veränderungen
des allgemeinen Preisniveaus in der Periode 1850—1910 überhaupt auf
Veränderungen der Goldmenge zurückgeführt werden dürfen, sie auSsschließlich
 auf Abweichungen der faktischen Goldmenge von der
normalen bezogen werden können. Hätten keine solchen Abweichungen
stattgefunden, so würde man, wie schon hervorgehoben, keine Veranlassung
 haben, etwaige Veränderungen des allgemeinen Preisniveaus
Schwankungen der Goldversorgung zuzuschreiben. Es soll nicht verhehlt
 werden, daß diese Frage gewissermaßen eine Definitionsfrage ist.
Man kann immer sagen, daß Veränderungen im allgemeinen Preisniveau,
 wenigstens im großen; nicht vorzukommen gebraucht hätten,
wenn nur die Goldmenge auf einer angemessenen Höhe gehalten worden
wäre. In dieser Weise könnte man jede Veränderung des allgemeinen
Preisniveaus auf die Goldversorgung zurückführen. Eine solche Auslegung
 des Begriffs der Ursache würde aber niemanden befriedigen.
Wenn andere Faktoren eine Wirkung auf das allgemeine Preisniveau
ausüben und zusammen mit der Goldversorgung dasselbe bestimmen,
so betrachtet man Veränderungen dieser Faktoren als selbständige
Ursachen von Veränderungen des allgemeinen Preisniveaus, auch wenn
ihre Wirkung durch entgegengesetzte Veränderungen der Goldmenge
ausgeglichen werden kann. Wünscht man also, jedem, der. verschliedenen
 Faktoren einen bestimmten Anteil an den Veränderungen des
allgemeinen Preisniveaus zuzurechnen, so ist dies nur dadurch möglich,
daß man für jeden Faktor eine bestimmte Entwicklung während der
betreffenden Periode als normal bezeichnet, wobei natürlich zu beachten
 ist, daß das allgemeine Preisniveau unverändert bleiben muß,
solange sämtliche Faktoren normal bleiben. Diese Bestimmung der
Normalentwicklung ist es, die hier als eine Definitionsfrage bezeichnet
wurde. Für die Entwicklung der Goldmenge dürfte es aber schwierig
sein, eine Bestimmung des Normalen zu treffen, die natürlicher wäre
als die hier getroffene.
Wenn wir uns also darüber einigen, eine Steigerung der Goldmenge
 in der Periode 1850—1910 mit 2,8 Prozent jährlich als normal
in dem jetzt angegebenen Sinne zu betrachten, so müssen wir folgerichtig
 jede Abweichung der faktischen Goldmenge von der normalen
pro tanto als Ursache einer Veränderung des allgemeinen Preisniveaus

RN
Zu
        <pb n="434" />
        $ 54. Preisniveau und relative Goldmenge. 21
auffassen, Auf unserem Diagramm treten diese Abweichungen der
aktischen Goldmenge von der normalen deutlich zutage. Von 1850
is 1887 ist die faktische Goldmenge größer als die normale, von 1887
bis 1910 ist sie kleiner. In der ersten Periode darf man also eine
Steigerung des allgemeinen Preisniveaus über das Normalniveau, in der
zweiten Periode eine Senkung unter das Normalniveau erwarten.”
Um die Abweichungen der faktischen Goldmenge von der normalen
direkt mit der Entwicklung des allgemeinen Preisniveaus vergleichen
zu können, stellen wir die faktische Goldmenge in Prozenten der noralen
 dar. Die Quote zwischen der faktischen und der normalen Goldmenge,
 die wir als „relative Goldmenge‘“ bezeichnen, ist in der
abelle 2 im Anhang ziffernmäßig angegeben und auf unserem Diagramm
 (Fig. 2) durch die Linie — — — dargestellt. Diese relative
oldmenge steigt, wie man findet, um die Mitte der sechziger Jahre auf
ein Maximum von 1,18, also 18 Prozent über das Normalniveau und
ällt in den Jahren 1896 und 1897 auf ein Minimum von 0,92, also
8 Prozent unter das Normalniveau.
Um eine ungefähre Vorstellung von der Goldversorgung vor 1850
zu gewinnen, habe ich die relative Goldmenge auch für die erste Hälfte
des neunzehnten Jahrhunderts berechnet und auf dem Diagramm dargestellt.
 Es ist indessen zu beachten, daß die Ziffern für diese frühere
Periode nicht denselben Wert haben wie die Ziffernfür die spätere Zeit, da
die normale Goldmenge streng genommen nur für diese Zeit definiert ist.
Stellen wir jetzt unsere Kurven für die relative Goldmenge und für
das allgemeine Preisniveau auf ein besonderes Diagramm (Fig. 3)=zusammen.
 Ein Blick auf das Diagramm genügt, um die allgemeine
Jbereinstimmung zwischen dem allgemeinen Preisniveau und der relativen
 Goldmenge zu erkennen. Es ist aber auffallend, daß das allgemeine
 Preisniveau Variationen von zwei verschiedenen Arten unterliegt,
 daß man zwischen „sekulären‘‘ und „Jährlichen‘‘ Variationen des
allgemeinen Preisniveaus unterscheiden muß. Die sekulären Variationen
 schließen sich im ganzen den gleichzeitigen Variationen der
relativen Goldmenge an, obwohl das sekuläre Preisniveau in der Periode
850—1880 offenbar etwas höher und um 1890 vielleicht etwas tiefer
liegt, als es nach der relativen Goldmenge tun sollte. Unsere Zusammenstellung
 genügt jedenfalls, um zu beweisen, daß für die hier
betrachtete Periode 1850—1910 die wesentliche Ursache der
sekulären Variationen des allgemeinen Preisniveaus in
den Veränderungen der relativen Goldmenge liegt, und daß
die Quantitätstheorie insofern richtig ist, als das allgemeine Preisniveau,
 obwohl es außerdem noch von anderen Faktoren beeinflußt
ird, der relativen Goldmenge direkt proportional ist.
Dieser wahre Zusammenhang konnte nicht erkannt werden, solange man
sich beim Vergleich des allgemeinen Preisniveaus mit der Goldver-42
        <pb n="435" />
        ı ‚Kap. XI. Der Geldwert.
sorgung mit ganz unbestimmten Urteilen über die Reichlichkeit oder
Geringfügigkeit der Goldmenge begnügte. Erst durch Annahme des
Begriffs der normalen Goldmenge bekommt die Frage der Abhängigkeit
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des allgemeinen Preisniveaus von der Goldversorgung einen bestimmten
Inhalt und wird auch gleich von einem richtig zusammengestellten
Tatsachenmaterial beantwortet.

422
        <pb n="436" />
        $ 54. Preisniveau und relative Goldmenge. 423
Unser Diagramm lehrt uns ferner, daß das allgemeine Preisniveau
auch jährlichen Variationen unterliegt, die aber überhaupt
keinen Zusammenhang mit der Goldversorgung haben,
Dies ist ein sehr wichtiges Ergebnis, das uns zwingt, die Ursachen
dieser jährlichen Variationen in anderen Faktoren zu suchen, was wir
auch im folgenden tun werden.
Die Abweichungen der relativen Goldmenge von eins zeigen, wieviel
 von den Abweichungen des tatsächlichen Preisniveaus vom normalen
 den Veränderungen der Goldversorgung zugerechnet werden
kann. Von der großen, etwa 30 Prozent betragenden Steigerung des
allgemeinen Preisniveaus in den sechziger Jahren läßt sich also eine
Steigerung um etwa 18 Prozent durch die reichliche Goldversorgung
erklären. Die viel erörterte Goldknappheit in den neunziger Jahren
ist für ein Sinken des allgemeinen Preisniveaus unter das Normalniveau
 mit 8 Prozent verantwortlich. Vom Gesichtspunkte der Goldversorgung
 dürfte das allgemeine Preisniveau um 1886—87, da die
relative Goldmenge eben den Wert eins passierte, auf normaler Höhe
gestanden haben. Indessen könnte dies jedenfalls nur zutreffen, wenn
lediglich die sekulären Variationen des allgemeinen Preisniveaus,
unter Ausschluß der jährlichen Variationen, in Betracht gezogen würden.
Nun fallen die Jahre 1886 und 1887 in eine Depressionsperiode, und es
ist deshalb zu erwarten, daß das allgemeine Preisniveau zu dieser Zeit
abnorm niedrig stehen wird, was auch nach unserem Diagramm der
Fall ist. Eine Kurve, die die sekulären Veränderungen des allgemeinen
Preisniveaus bezeichnete, würde aber offenbar das Normalniveau 100
ungefähr im Jahre 1886 schneiden. Diese Beobachtung ist insofern von
Bedeutung, als sie zeigt, daß die Goldmenge, die wir als normal definiert
 haben, auch in demselben Sinne für die Perioden 1850—86 und
1887—1910 normal ist: eine Steigerung der Goldmenge mit 2,8 Prozent
jährlich würde das sekuläre Preisniveau in beiden Perioden unverändert
gelassen haben. Hierin liegt eine gute Probe der Zuverlässigkeit unserer
Methode und unseres statistischen Materials.
In bezug auf die Zuverlässigkeit des Materials sei im: übrigen
folgendes bemerkt. Die unsicherste Ziffer unserer Statistik ist natürlich
die Schätzung des Goldvorrats für 1850 auf 10 Milliarden Mark. Nehmen
wir an, daß bei dieser Schätzung ein Fehler von 5 Prozent begangen
ist, daß somit die wirkliche Goldmenge 107, Milliarden Mark anstatt 10
gewesen ist, so bedeutet dies, daß der Normalzuwachs der Goldmenge
2,72 Prozent statt 2,79 Prozent beträgt, also einen ziemlich kleinen
Unterschied ausmacht. Nehmen wir die Ziffer 10 Milliarden Mark
für 1850 als richtig an, so bedeutet ein Fehler in der Schätzung der
Goldmenge für 1910 von 1 Milliarde Mark einen Fehler im Zuwachsfaktor
 der normalen Goldmenge von nur 0,03 Prozent (z. B. 2,82 anstatt
2,79 Prozent). Setzen wir die Kurve der normalen Goldmenge als fest
        <pb n="437" />
        124.
voraus, würde ein Fehler in der Schätzung der jeweiligen faktischen
Goldmenge um 100 Millionen Mark gegen Ende der Periode einen
Fehler in der relativen Goldmenge von 2 pro Mille veranlassen und also
vollständig ohne Bedeutung sein. Auf unserem Diagramm würde ein
solcher Fehler eine wohl völlig unsichtbare Verschiebung der relativen
Goldmenge um einen Bruchteil eines Zehntels von einem Millimete
zur Folge haben. Man dürfte demnach annehmen können, daß die
Ziffer 2,8 Prozent ziemlich genau den wirklichen Zuwachsfaktor der
normalen Goldmenge in der Periode 1850—1910 bezeichnet, und daß
unsere Kurve der relativen Goldmenge im großen ganzen ein richtiges
Bild der wirklichen Entwicklung der Goldversorgung gibt.
Für die Zeit vor 1850 hat die Kurve allerdings nur die Bedeutung
aß sie uns die allgemeine Richtung der Entwicklung zeigt. Dies genügt
 jedenfalls, um das scharfe Knie, das die Kurve, dank den großen
Goldfunden um die Mitte des Jahrhunderts, im Jahre 1850 macht und
dem von einer auffallend ähnlichen Drehung der sekulären Richtung
der Kurve des allgemeinen Preisniveaus entsprochen wird, hervortrete
zu lassen, und um den inneren Zusammenhang dieser beiden Bewegungen
außer Zweifel zu setzen.
Mögen auch unsere Ziffern innerhalb ziemlich weiter Grenzen unsicher
 sein, so scheint es jedoch entschieden besser, durch geeignete
Behandlung des vorhandenen Materials eine quantitative Vorstellung
von der wirklichen Lage der Goldversorgung zu geben, als an unbestimmte
 Gefühle, auf die man in‘ den verschiedenen Handbüchern
je nach der zufälligen Auffassung in der einen oder anderen Richtung
durch Anhäufung passender Adjektive einzuwirken sucht, zu appellieren.
Damit das allgemeine Preisniveau konstant bleibt, ist es nach dem
jetzt Gesagten von seiten der Goldversorgung nötig, daß die Goldmenge
mit einem festen jährlichen Prozentsatz von 2,8 wächst. Es ist dabei
gleichgültig, wie groß die Goldmenge ist. Steht sie augenblicklich
höher als die normale Goldmenge und das allgemeine Preisniveau also
entsprechend über dem Normalniveau, so wird eine Steigerung der Goldmenge
 um 2,8 Prozent jährlich das allgemeine Preisniveau auf unveränderter
 Höhe halten, ein langsameres Wachsen der Goldmenge aber
das allgemeine Preisniveau allmählich herabsetzen. Umgekehrt genügt
eine Steigerung der Goldmenge um etwas mehr als 2,8 Prozent um ein
zu niedriges Preisniveau allmählich zu erhöhen.
„Da nun der endgültige jährliche Goldverbrauch auf 0,2 Prozent
der Goldmenge geschätzt werden kann, ist also eine jährliche Goldproduktion
 von 3 Prozent der jeweiligen Goldmenge die Bedingung
dafür, daß das allgemeine Preisniveau, soweit es auf die Goldversorgung
ankommt, unverändert bleibt. Damit haben wir einen festen Anhaltepunkt
 gewonnen für die Beurteilung der Reichlichkeit der ON
roduktion, eine Frage, betreffs welcher man sich meistens mit all-
        <pb n="438" />
        A
gemeinen Redensarten begnügt, indem man die Goldproduktion als
„Zu klein‘ oder auch als „ganz gewaltig‘, „enorm“ usw. bezeichnet,
oft sogar mit der Größe der absoluten Ziffer auf den Leser einen imponierenden
 Eindruck zu machen sucht.
So lange der Goldbedarf der Welt bei unverändertem Preisniveau
mit 2,8 Prozent pro Jahr wächst, muß die jährliche Goldproduktion,
damit das Preisniveau unverändert bleiben soll, 3 Prozent der steigenden
Goldmenge ausmachen und also ebenfalls mit 2,8 Prozent jährlich
achsen. Dies zeigt, daß eine in einem gewissen Augenblicke gegebene
Goldproduktion, wenn sie konstant bleibt, einmal in der Zukunft unzulänglich
 werden muß, auch wenn sie augenblicklich den Bedarf überrifft.
 Dieser Umstand, daß die erforderliche Goldproduktion ständig
ächst, ist für die Beurteilung der künftigen Goldversorgung sehr wichtig.
enn nicht unerwartet große Möglichkeiten für eine gesteigerte Goldproduktion
 sich eröffnen, muß die Welt bei fortgesetztem wirtschaftlichem
 Fortschritt vor eine Goldknappheit gestellt werden, die die Aufrechterhaltung
 eines einmal gegebenen Preisniveaus unmöglich machen
ird.
Wenn für die Unveränderlichkeit des allgemeinen Preisniveaus eine
oldproduktion von 3 Prozent der jeweiligen faktischen Goldmenge
rforderlich ist, so bedeutet dies, daß die faktische Goldmenge bei konstantem
 Preisniveau 33mal so groß wie die Jahresproduktion von Gold
sein muß. In der Literatur findet man sehr allgemein den Satz wiederholt,
 daß das allgemeine Preisniveau bei Goldwährung dadurch ziemlich
stabil gehalten wird, daß die durch Jahrhunderte gesammelte Goldmenge
auf einen Betrag gewachsen ist, der im Verhältnis zur Jahresproduktion
enorm ist, oder mit anderen Worten, daß die Jahresproduktion im Verhältnis
 zur angesammelten Goldmenge unbedeutend ist. Solche Äußerungen
 sind ebenso oberflächlich wie irreführend. In der Wirklichkeit
erfordert eine Stabilisierung des allgemeinen Preisniveaus, wie wir
jetzt erkennen, keineswegs, daß die Goldmenge im Verhältnis zur Jahresproduktion
 „enorm“‘ ist, sondern schlechthin, daß sie 33mal so groß ist,
eder mehr noch weniger.
) Die großen Umwälzungen auf dem Gebiete des Geldwesens, die
/ährend des Krieges und noch mehr nach dem Kriege stattgefunden
aben, haben die Kontinuität in der Entwicklung des Goldbedarfs
er Welt vollständig abgebrochen. Infolge der Konkurrenz der papier-1en
 Zahlungsmittel und besonders infolge der Einziehung der zirkujerenden
 Goldmünzen in Europa, ist ein Überfluß an Gold entstanden,
er das allgemeine Preisniveau auf rund 150 in Verhältnis zu 100 vor dem
riege gesteigert hat. Tatsächlich war der Goldüberfluß so groß, daß
eine noch stärkere Preissteigerung hätte stattfinden müssen, wenn nicht
die Vereinigten Staaten einen Teil des Goldüberflusses als Reserve
für die Zukunft behalten hätten, indem das Federal Reserve System

br
        <pb n="439" />
        4.0 Kap. XI. Der Geldwert.
seine Golddeckung auf einen ganz ungewöhnlichen Prozentsatz anwachsen
 ließ,
Die Stabilität des gegenwärtigen Preisniveaus erfordert, wenn
auf der Seite des Bedarfs keine neue Veränderung eintritt, eine jährliche
Goldproduktion, die den gesamten. Goldvorrat der Welt in gleichem
Tempo mit dem allgemeinen wirtschaftlichen Fortschritt wachsen läßt.
Nun kann man vielleicht nicht damit rechnen, daß der wirtschaftliche
Fortschritt für die Zukunft dieselbe Stärke wie in-der Periode 1850—1910
zeigen wird. Aber andererseits muß die Welt sehr große Anstrengungen
machen um aus der gegenwärtigen schlechten Lage herauszukommen
und von diesem Gesichtspunkt wäre also wenigstens für das nächste
Jahrzehnt mit einem ziemlich starken relativen Fortschritt zu rechnen.
Für den dann zu erwartenden Goldbedarf ist aber die jetzige Goldproduktion
 entschieden zu schwach. Die Goldproduktion der Welt ist
nämlich, nachdem sie 1915 ihr Maximum erreichte, sehr stark gesunken
und beträgt gegenwärtig nur etwas über 2 Prozent des Gesamtvorrats
(siehe Tabelle unten!). Wir befinden uns aller Wahrscheinlichkeit nach
in einer Periode von unzulänglicher Goldversorgung. Wenn eine Goldproduktion
 von 3 Prozent des jeweiligen Vorrats als normal betrachtet
wird, so steigt der fehlende Betrag für 1924 auf die bedeutende Summe
von 544 Mill. Mark. Ein solches Defizit kann wohl für einige Jahre,
aber doch nur für eine sehr begrenzte Zeit, von der eben erwähnten
amerikanischen Goldreserve ausgeglichen werden. Bei fortgesetzter
wirtschaftlicher Entwicklung der Welt muß aber der Augenblick bald
kommen, wo die Knappheit der Goldversorgung einen starken Druck
auf das Preisniveau ausüben muß. Um einen andauernden und für die
ganze Weltwirtschaft verhängnisvollen Preisfall zu verhindern wird man
dann kein anderes Mittel haben als eine systematische Einschränkung
der monetären Goldnachfrage der Welt. Von diesem Gesichtspunkt
dürfte es klug sein, wenn schon jetzt Maßnahmen in solcher Richtung
getroffen werden. Zwei Mittel kommen dann vor allem in Betracht.
Erstens wird der Gebrauch von Gold in Form von Goldmünzen als zirkulierendes
 Zahlungsmittel möglichst verhindert. Zweitens wird danach
gestrebt eine gewisse Konzentration der Goldreserven der verschiedenen
Länder in gewissen Hauptzentren, wie z. B. London und New York,
herbeizuführen.
Goldversorgung der Welt seit 1910.
Prod. in Proz. der
Jährl. Goldprod. Fakt. Goldmenge Goldmenge am
Mill. Mark am Ende des Jahres Anf. des Jahres
Mill. Mark Mill Mark.
1910 1912 52 004 3,81
1911 1935 53 834 3,72
1912 1953 55 679 3:63

I6
        <pb n="440" />
        $ 55. Preisniveau und Produktionskosten des Goldes. 427
Prod. in Proz. der
Jähr]. Goldprod, Fakt. Goldmenge Goldmenge am
Mill. Mark am Ende des Jahres Anf. des Jahres
Mill. Mark Mill. Mark
1913 1927 57 495 3,46
1914 1839 59219 3,20
1915 1971 61 072 3,33
1916 1903 62 853 9,12
1917 1757 64 484 2,72
1918 1607 65 962 2,49
1919 1532 67 362 2,33
1920 1403 68 630 2,09
1921 1383 69 876 2,02
[922 1337 71,073 1,91
1923 1541 72472 2,17
1924 1630 73 957 2,25
1925 1655 75 464 2,24
$ 55. Preisniveau und Produktionskosten
des. Goldes.
Für die klassische Nationalökonomie, die den Produktionskosten
eine grundlegende Stellung in ihrer Wertlehre gab, war es natürlich,
auch den Geldwert auf die Produktionskosten der edlen Metalle zurückzuführen
 zu suchen. Das Wertverhältnis zwischen diesen Metallen
einerseits und den übrigen Waren andererseits beruht nach Ad. Smith
auf dem Verhältnis zwischen der Quantität von Arbeit, die nötig ist,
um eine gewisse Quantität von Gold und Silber auf den Markt zu bringen,
und derjenigen, die nötig ist, um eine Quantität von anderen Waren
dahinzubringen?). Dieser Gedankengang, dem sich auch Ricardo anschloß,
 indem er in Übereinstimmung mit seiner allgemeinen Werttheorie
 den Wert der Edelmetalle als der zu ihrer. Beschaffung nötigen
Arbeitsquantität proportional erklärte?), wurde von Mill in der Weise
in Zusammenhang mit seiner Quantitätstheorie gebracht, daß er lehrte,
die Quantität des Goldes beherrsche wohl den augenblicklichen Marktpreis
 des Goldes, der normale Preis dagegen müsse auf die Länge
durch die Produktionskosten des Goldes bestimmt sein®).
Diese Theorie der Bestimmung des Geldwerts, also bei Goldwährung
 des allgemeinen Preisniveaus, durch die Produktionskosten
des Goldes, die so oft als selbstverständliche und definitive Lösung
des Problems angegeben worden ist, leidet an demselben Fehler wie
') Wealth of Nations, Book I, Ch. V und Book II, Ch. II.
3) Works, Ed. M.' Culloch, ‘ p.' 213.
®) Principles of political economy. Ch. IX, 8 3.
        <pb n="441" />
        4. Kap. XI. Der Geldwert.
die allgemeine Produktionskostentheorie. Es gibt in Wirklichkeit
meistens keine bestimmten Produktionskosten. Denken wir uns den
theoretischen Fall, daß Gold nur zu einem ganz bestimmten Kostenpreis
 produziert werden könnte, so ist nicht einzusehen, warum dieser
Preis nicht niedriger sein könnte als der Marktpreis, wenn nämlich
die Produktionsmöglichkeiten hinreichend begrenzt sind. In diesem
Falle würden die Produzenten als Monopolisten einen rentenartigen
Gewinn machen. Andererseits läßt sich natürlich auch denken, daß die
Produktionskosten den Marktpreis übersteigen, in welchem Falle
offenbar kein Gold produziert werden kann. In Wirklichkeit ist indessen
 eine ganze Reihe von Produktionsmöglichkeiten mit verschiedenen
 Produktionskosten vorhanden, und diese Reihe kann praktisch
als kontinuierlich betrachtet werden. Wenn man mit Rücksicht hierauf
den Begriff der Produktionskosten durch den Begriff der ‚,Grenzproduktionskosten“‘
 ersetzen will, so ist wieder daran zu erinnern, daß
diese nicht als Bestimmungsgrund für den Preis betrachtet werden
können, da die Ausdehnung der Produktion und also die marginellen
Produktionskosten selbst ebensoviel vom Preis bestimmt werden.
Immerhin besteht offenbar ein gewisser Zusammenhang zwischen den
Produktionsmöglichkeiten des Goldes und dem Wert des Goldes und
also zwischen den Produktionsmöglichkeiten und dem allgemeinen
Preisniveau. Wenn das allgemeine Preisniveau steigt, steigen auch
die Produktionskosten des Goldes, in Geld gerechnet, während der
nominelle Preis des Goldes immer unverändert bleibt. Die Folge ist
eine Einschränkung der lohnenden Produktionsmöglichkeiten und also
auch der Totalproduktion, wodurch die Goldversorgung knapper wird
und eine weitere Steigerung des allgemeinen. Preisniveaus verhindert
wird.
Wie ist nun die Wirkung der Produktionskosten mit der Wirkung
der vorhandenen Goldmenge zu verbinden, und wie wird das allgemeine
Preisniveau durch den zusammengesetzten Einfluß dieser beiden
Faktoren bestimmt? Diese Frage wird am leichtesten beantwortet,
wenn wir in Übereinstimmung mit unserer allgemeinen Preisbildungstheorie
 das allgemeine Preisniveau als eine Unbekannte in der Gleichung
betrachten, welche besagt, daß die Nachfrage nach Gold gleich der vorhandenen
 Goldmenge sein muß. Ist dann die vorhandene Goldmenge
gegeben, so ist das allgemeine Preisniveau damit bestimmt. Wenn dagegen
 die Goldmenge durch Produktion vermehrt wird, gewinnen die
Produktionsverhältnisse einen Einfluß auf das allgemeine Preisniveau,
der durch unsere Gleichung in seinen richtigen Zusammenhang mit dem
Einfluß der Nachfrage und des Angebots gebracht wird. Denkt man
sich nämlich das allgemeine Preisniveau als gegeben, so ist damit sowohl
 die Nachfrage nach Gold wie auch die Ausdehnung der Produktion
und also die Goldversorgung bestimmt. Bei Gleichgewicht muß das

28
        <pb n="442" />
        8 55. Preisniveau und Produktionskosten des Goldes. 429
Angebot gleich der Nachfrage sein, also die Goldmenge in demselben
Tempo wie die Goldnachfrage bei unverändertem Preisniveau wachsen,
und durch diese Bedingung ist das allgemeine Preisniveau bestimmt.
Wir sind nunmehr in der Lage, den Einfluß der Produktionsverhältnisse
 auf das allgemeine Preisniveau genau anzugeben und für
die vor dem Kriege herrschenden Verhältnisse ziffernmäßig festzustellen.
Liegen die Produktionsmöglichkeiten so, daß bei dem geltenden Preisniveau
 die Goldproduktion eine solche Ausdehnung erhält, daß sie 3 Prozent
 der jeweilig vorhandenen Goldmenge entspricht, dann herrscht
Gleichgewicht, und das allgemeine Preisniveau bleibt, soweit es auf die
Goldversorgung ankommt, unverändert. Sind aber die Produktionsmöglichkeiten
 so reich, daß die Goldproduktion beim geltenden Preisniveau
 3 Prozent der jeweiligen Goldmenge übersteigt, dann steigt
das allgemeine Preisniveau, und zwar mit einem Prozentsatz, der dem
Überschuß entspricht, mit dem die Quote zwischen Goldproduktion
und Goldmenge 3 Prozent übersteigt. Umgekehrt fällt das allgemeine
Preisniveau, wenn die Produktionsmöglichkeiten bei dem geltenden
Preisniveau eine Goldproduktion von 3 Prozent der Goldmenge nicht
erlauben. In einem Zustand, wo der Normalzuwachs der Goldmenge
vom hier angenommenen Satz von 2,8 Prozent abweicht, ist nur die
Ziffer 3 Prozent für die normale Goldproduktion entsprechend zu
ändern.
Die Einwirkung der Goldproduktion auf das allgemeine Preisniveau
 beruht also auf der Quantität Gold, die beim geltenden
Preisniveau. produziert ‚werden. :kann,.;nicht:.auf, den. .,Produktionskosten*,
 die begrifflich völlig unbestimmt sind.
Die Goldquantität, die beim jeweiligen Preisniveau produziert
werden kann, ist natürlich abhängig vom Preisniveau, und zwar steigt
sie, wenn das Preisniveau fällt, und umgekehrt. Da eine Steigerung
der Goldproduktion in der Richtung einer Steigerung des allgemeinen
Preisniveaus wirkt, und umgekehrt, dient also die Goldproduktion in
einem gewissen Grade als Regulator des allgemeinen Preisniveaus.
Dieser Regulator wird offenbar desto effektiver, je stärker die Abhängigkeit
 der Goldproduktion vom allgemeinen Preisniveau ist. Die
Stärke dieser Abhängigkeit wird gemessen an der jeweiligen Steigerung
der Goldproduktion, die als Folge einer bestimmten Senkung des
Preisniveaus eintritt. Denkt man sich z. B., daß eine Senkung des
Preisniveaus um 1 Prozent eine Steigerung der Goldproduktion um 2,
3 oder 5 Prozent hervorrufen würde, so kann man diese Zahlen als ein
Maß der Stärke der Abhängigkeit der Goldproduktion vom Preisniveau
oder, wie wir uns ausdrücken wollen, der Elastizität der Goldproduktion
betrachten. Die Elastizität der Goldproduktion ist also die Quote
zwischen einer durch eine kleine Veränderung des Preisniveaus hervorgebrachten
 Veränderung der Goldproduktion und der gedachten Ver-
        <pb n="443" />
        GA) Kap. XI. Der Geldwert.
änderung des allgemeinen Preisniveaus. Diese Elastizität ist bei jedem
gegebenen Preisniveau durch die technischen Produktionsverhältnisse
bestimmt. Je größer diese Elastizität der Goldproduktion ist, desto
stärker wird die Einwirkung einer Veränderung des Preisniveaus auf
die Goldproduktion, desto stärker also auch die Gegenwirkung gegen
die Veränderung des Preisniveaus. Die Stabilisierung des allgemeinen
Preisniveaus ist somit um so größer, je größer die Elastizität der Goldproduktion
 ist.
In den letzten Jahren hat sich das allgemeine Preisniveau in Goldwährung
 in der Höhe von ungefähr 150 in Verhältnis zu 100 vor dem
Kriege stabilisiert. Diese Steigerung des Preisniveaus ist wie oben ausgeführt
 die Folge einer gewaltigen Verminderung der monetären Goldnachfrage.
 Natürlich hat die Goldproduktion gegen eine solche Verminderung
 des Wertes des Goldes reagiert, aber verhältnismäßig schwach,
In dem vornehmsten Produktionslande, Transvaal, sind die Lebenskosten
 der Arbeiter und im ganzen die Produktionskosten des Goldes
viel langsamer gestiegen als das Preisniveau in den Vereinigten Staaten
und in den Goldländern Europas. Die Hemmung der Goldproduktion
ist deshalb verhältnismäßig klein gewesen. Es steht aber zu erwarten,
daß eine Anpassung der Preisverhältnisse in Südafrika an diejenigen
des Weltmarkts allmählich zustande kommen wird. Dann muß auch
ein Rückgang der Goldproduktion Transvaals eintreten. Schon die
allmähliche Erschöpfung der Gruben machen einen solchen Rückgang
 wahrscheinlich. Die damit folgende knappere Goldversorgung der
Welt wird natürlich eine Tendenz haben, das allgemeine Preisniveau
herabzudrücken. Diese Reaktion der Goldversorgung wirkt aber, wie
man findet, sehr langsam und kann ohne Zweifel lange durch eine planmäßige
 Beschränkung der monetären Goldnachfrage aufgewogen werden.
Gegenüber großen Umwälzungen in dieser Nachfrage bieten jedenfalls
die Produktionsverhältnisse des Goldes eine sehr schwache Stütze für
die Stabilität des allgemeinen Preisniveaus in der Goldwährung.
856. Preisniveau und Bankzahlungsmittel.
Nachdem wir im vorletzten Paragraphen die Einwirkung der relativen
 Goldmenge auf das allgemeine Preisniveau festgestellt haben, ist
es für die weitere Analyse der Faktoren, die das allgemeine Preisniveau
bestimmen, nützlich, daß wir uns vorzustellen suchen, wie die Kurve des
Preisniveaus ausgesehen hätte, wenn eine Abweichung der faktischen
Goldmenge von der normalen in der betreffenden Periode nicht stattgefunden
 hätte, wenn also die relative Goldmenge während der ganzen
Periode gleich 1 gewesen wäre. Davon gibt das folgende Diagramm
(Fig. 4), wo die Sauerbeckschen Indexziffern dividiert mit der re-A330
        <pb n="444" />
        8 56. Preisniveau und Bankzahlungsmittel. 1
lativen Goldmenge durch die dicke Linie dargestellt sind, ein Bild.
Die feine Linie repräsentiert das allgemeine Preisniveau nach Sauerbeck.
 (Für die entsprechenden 3
Ziffern siehe Tab. 1 im Anhang.) 7
Das so reduzierte allge- A SA
meine Preisniveau ist, wie man ——— 9
sieht, in seiner säkulären Bewegungwesentlich
 ebener als das
allgemeine Preisniveau selbst. 13
Die jährlichen Bewegungen S
bleiben aber, und es wird jetzt
unsere Aufgabe, eine Erklärung a
derselben zu finden. Jeder- N a
mann, dem die Geschichte der |
allgemeinen wirtschaftlichen I D
Konjunkturen in der betreffen- KR
den Periode bekannt ist, sieht | ;
gleich, daß diese jährlichen Be- / -
wegungen auf die Veränderungen 5
der Konjunkturen zurückzu- is
führen sind. Damit dieser Zu- EZ
sammenhang klar hervortrete, Az
sind im Diagramm die Jahre,
wo eine Hochkonjunktur ihren ;
Höhepunkt erreicht hat, durch zn
eine fette Linie Bezeichnet. Ein m
Blick auf das Diagramm zeigt, ACC
daß die Spitzen unserer Kurve AS
regelmäßig mit den Spitzen der | 7
Hochkonjunkturen zusammen- 7 EL
fallen. Eine Ausnahme macht LA AR
nur das Jahr 1882, wo die Hoch- SH
konjunktur auch wenig ausge- -
prägt war. Es ist also offenbar, ; ie
daß ein bestimmter Zusammenhang
 zwischen den Konjunktur- en
bewegungen und den jährlichen in
Variationen des allgemeinen A
Preisniveaus besteht. Warum
nun eine Hochkonjunktur eine ' 3
Preissteigerunghervorbringtund Bus Sr
eine Depressionsperiode die + $ S ©
Preise herabdrückt, das ist eine Frage, auf welche wir erst im nächsten
Buche, wo wir uns speziell mit den Konjunkturbewegungen beschäftigen

43
        <pb n="445" />
        Es Kap. XI. Der Geldwert.
wollen, eingehen können ($ 71). Für die nähere Bestimmung der Lage
der Hochkonjunkturen muß auch dahin verwiesen werden (8 63).
Es ist eine seit alters her viel umstrittene Frage, ob auch nichtmonetäre
 Faktoren auf das allgemeine Preisniveau einwirken können.
Gegen die im vorhergehenden dargestellten monetären Theorien des
Geldwertes wurde immer hervorgehoben, daß auch andere realwirtschaftliche
 Verhältnisse das allgemeine Preisniveau beeinflussen können.
So z. B. sollte eine allgemeine Verbilligung der Produktionskosten durch
Einführung von arbeitsersparenden Maschinen, eine allgemeine Herabsetzung
 der Transportkosten durch den Ausbau der Eisenbahnen und
die Entwicklung der modernen großen Dampfschiffahrt, die Konkurrenz
 neuauftretender Produktionsländer und billiger Arbeitskräfte,
oder was für ähnliche verbilligende Momente es sonst sein mögen, das
allgemeine Preisniveau herabdrücken, umgekehrt die durch die Arbeiterorganisationen
 durchgesetzten Lohnsteigerungen, die moderne Sozialoder
 Zollpolitik usw. das allgemeine Preisniveau in die Höhe treiben.
Solche Erklärungen verdienen nicht den Namen von Geldwerttheorien.
Sie übersehen vollständig, daß der Geldwert ohne Mitwirkung der auf
der Seite des Geldes entscheidenden Faktoren nicht bestimmt werden
kann. Eine Veränderung des allgemeinen Preisniveaus setzt doch immer
; Ö # z
eine entsprechende Veränderung der gesamten Zahlungsleistung voraus,
also jedenfalls Veränderungen in der Zahlungsmittelversorgung oder
in der Ausnutzung der vorhandenen Zahlungsmittel. Wenn die Mitwirkung
 der monetären Faktoren versagt, wenn die monetären Faktoren
selbständige, vielleicht entgegenwirkende Veränderungen zeigen, dann
muß doch die schließliche Wirkung auf das allgemeine Preisniveau eine
andere werden.
Die erste Aufgabe einer Geldwerttheorie muß immer die sein, die
Veränderungen der monetären Faktoren festzustellen und den Zusammenhang
 zwischen diesen Veränderungen und den gleichzeitigen
Veränderungen des allgemeinen Preisniveaus klarzulegen. Dies haben
wir in bezug auf die sekulären Veränderungen schon soweit durchgeführt,
als wir die Einwirkung der Goldversorgung auf das allgemeine Preisniveau
 bestimmt haben. Die Analyse der sekulären Variationen ist
damit nicht ganz abgeschlossen. Erst wenn sämtliche monetäre Faktoren
in Betracht gezogen sind, können wir die Frage beantworten, inwieweit
auch nicht-monetäre, allgemein wirtschaftliche Veränderungen in den
sekulären Variationen des allgemeinen Preisniveaus mitgewirkt haben.
Ehe wir dazu übergehen, haben wir hier die jährlichen Variationen des
allgemeinen Preisniveaus zu prüfen und zu untersuchen, inwieweit sie
monetären oder anderen wirtschaftlichen Faktoren zuzuschreiben sind.
Dabei stoßen wir gleich auf die auffallende Tatsache, daß die wirtschaftlichen
 Konjunkturen einen ausschlaggebenden Einfluß auf diese
jährlichen Variationen ausüben. Damit ist aber die Erklärung der

1392
        <pb n="446" />
        $ 56. Preisniveau und Bankzahlungsmittel. 433
jährlichen Variationen keineswegs fertig. Es tritt vielmehr hier eine
andere Frage in den Vordergrund, eine Frage, die wir etwa so formulieren
können: In den Hochkonjunkturen wird bekanntlich der Umsatz in
hohem Grade erweitert, folglich auch der Bedarf an Zahlungsmitteln
gesteigert; die unmittelbare Wirkung würde eine Preissenkung sein;
wenn nicht desto weniger eine Preissteigerung eintritt, wie wird
dann dieser aus doppelten Gründen gesteigerte Bedarf an Zahlungsmitteln
 befriedigt? Ohne eine Befriedigung des gesteigerten Zahlungsmittelbedarfs
 werden doch Ursachen, die auf anderen Gebieten liegen,
keine Preissteigerung durchsetzen können.
Die allgemeine Antwort auf diese Frage kann nur die sein, daß die
vorhandene Goldmenge in den Hochkonjunkturen in höherem Grade für
Zahlungszwecke ausgenutzt wird. Dies kann in verschiedener Weise
geschehen. Die Zirkulationsgeschwindigkeit der Goldmünzen kann gesteigert
 werden. Die Masse der zirkulierenden Goldmünzen kann auf
Kosten der Bankreserven, der gesamte monetäre Goldvorrat auf Kosten
des nichtmonetären vermehrt werden. Vor allem aber können Bankzahlungsmittel
 in großem Umfange neu geschaffen und intensiver ausgenutzt
 werden. Alle solche Veränderungen kommen einer Erhöhung
der Zahlungsleistung der vorhandenen Goldmenge gleich. Wenn wir
die Zahlungsleistung pro Einheit der vorhandenen Goldmenge als „,relative
 Zahlungsleistung‘‘ bezeichnen, können wir den Satz aufstellen,
daß die jährlichen Veränderungen des allgemeinen Preisniveaus auf
Veränderungen in der relativen Zahlungsleistung zurückzuführen sind.
Bei der Untersuchung der Einwirkung der Goldmenge auf das allgemeine‘
 Preisniveau war es natürlich, die vorhandene Goldmenge mit
dem Goldbedarf zu vergleichen ($ 51). Hier, wo wir festzustellen haben,
wie Veränderungen in der Zahlungsleistung auf das allgemeine Preisniveau
 einwirken, muß natürlich diese auf eine gewisse Einheitsperiode
bezogene Zahlungsleistung mit dem Umfange der in derselben Periode
zu leistenden Zahlungen verglichen werden. Die Gesamtsumme dieser
Zahlungen ist gleich dem Produkt TP, wo T den Umfang des Realumsatzes
 und P das allgemeine Preisniveau bezeichnet.
Über die Veränderungen des Realumsatzes besitzen wir keine zuverlässige
 Ziffern. Wir wissen aber, daß der Realumsatz in den Hochkonjunkturen
 steigt, und zwar in rascherem Tempo als sonst. Daraus
können wir schließen, daß die gesamte Zahlungsleistung in den Hochkonjunkturen
 eine stärkere Steigerung aufweisen muß als das allgemeine
 Preisniveau. In den Fällen, wo die Maxima des Preisindexes
und des Realumsatzes zeitlich ganz zusammenfallen, muß die Steigerung
der gesamten Zahlungsleistung besonders deutlich hervortreten.
Um diese Schlüsse prüfen zu können, brauchen wir einen Maßstab
 der Veränderungen der gesamten Zahlungsleistung. Unsere Ansprüche
 an einen solchen Maßstab dürfen selbstverständlich bei dem
Cassel, Theoret, Sozialökenomie, 4. Aufl. 28

1
        <pb n="447" />
        Kap. XI. Der Geldwert.
gegenwärtigen Stand der Statistik nicht hoch. gestellt werden. Einen
ür unseren Zweck brauchbaren Index der Veränderungen der gesamten
 Zahlungsleistung besitzen wir aber in den Ziffern des Clearin
in den Vereinigten Staaten und in England.
Die Clearingsziffern können im großen als ein Maß der Zahlungen
durch Schecks betrachtet werden. Die Scheckzahlungen wieder bilden
in den genannten Ländern den weitaus größten Teil sämtlicher Zah-Jungen.
 Für die Vereinigten Staaten und das Jahr 1909 hat Fisher,
wie schon. oben bemerkt, die. Scheckzahlungen auf 353 Milliarde
Dollars, die übrigen Zahlungen dagegen nur auf 34 Milliarden Dollars;
geschätzt. Die Scheckzahlungen sind also nach dieser Schätzung mehr
als zehnmal so groß wie die übrigen Zahlungen. Da außerdem die
übrigen Zahlungen den Bewegungen der Scheckzahlungen in den
erschiedenen  Konjunkturen in der Hauptsache folgen müssen, kan
man ohne absehbaren Fehler die Scheckzahlungen als einen Index
ür die Gesamtzahlungen anwenden, folglich auch die Clearingsziffern
als einen Index der Gesamtzahlungen in dem betreffenden Lande gelten
lassen. Dies ist selbstverständlich nur erlaubt in bezug auf die Schwankungen
 der Zahlungsleistung innerhalb kurzer Perioden, also wenn
vir die Bewegungen der Zahlungsleist@#ng in Zusammenhang mit den
onjunkturbewegungen untersuchen. Für längere Perioden kann sich
dagegen leicht eine Verschiebung im Verhältnis zwischen Scheckahlungen
 und den übrigen Zahlungen bemerkbar machen.
Um einen mit der Kurve des reduzierten Preisniveaus direkt vergleichbaren
 Index des Clearingverkehrs zu gewinnen, können wir die
Clearingsziffern mit der faktischen Goldmenge jedes Jahres dividieren,
Dadurch eliminieren wir den Einfluß der sekulären Bewegungen des
allgemeinen Preisniveaus auf die Clearingsziffern, insofern nämlich, al
diese Bewegungen von der relativen Goldversorgung abhängen. Gleicheitig
 wird, wie wir gleich sehen werden, die Steigerung der Clearingsziffern
 durch die ganze Periode aufgehoben, wodurch die jährlichen
Schwankungen der Clearingskurve unmittelbar mit den entsprechenden
Schwankungen des allgemeinen Preisniveaus zusammengestellt werden
;‚önnen. Zu diesem Zwecke ist nur noch nötig, daß die Clearingsiffern
 in Prozenten eines gewissen Normalniveaus dargestellt werden.
Demgemäß sind die Londoner Clearingsziffern für die Periode 1870 bis
19101) zunächst mit der Goldmenge jedes Jahres dividiert, sodann
diese Quoten in Prozenten ihres Durchschnitts für die ganze Periode
ausgedrückt worden. Dieser Durchschnitt ist also mit der Ziffer 100
bezeichnet. Ähnlich wurden die New-VYorker Clearingziffern?) behandelt.
 Das Ergebnis ist in unserem Diagramme (Fig. 5) dargestellt.
Für die Ziffern siehe Anhang, Tab. 3.)
) Bulletin de la statistique generale de la France. T. I, p. 212.
?) Statistical Abstract of the United States, 1910, p. 570.

134
        <pb n="448" />
        $ 56. Preisniveau und Bankzahlungsmittel. 435
Für kurze Perioden können wir diese Kurven als einen Zahlungsleistungsindex
 der betreffenden Länder gelten lassen. Die beiden Indexkurven
 zeigen im großen ähnliche Bewegungen, obwohl die amerikanische,
 den viel stärkeren Konjunkturschwankungen dieses Landes entsprechend,
 meistens wesentlich stärkere Ausschläge aufzuweisen hat.
si 7 Q
S |
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3 5
0
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3 .
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©
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DD — An N OD
Ss TEE A CE
Betrachten wir jetzt z. B. den englischen Zahlungsleistungsindex etwas
näher, so finden wir, daß seine Steigerungen immer mit den Hochkonjunkturen
 zusammenfallen, obwohl ihre Spitzen zuweilen etwas
früher als diejenigen der Hochkonjunktur selbst liegen. Im ganzen zeigt
der Zahlungsleistungsindex beträchtlich stärkere Bewegungen als das
28*

N I
m.
        <pb n="449" />
        Zn Kap. XI. Der Geldwert.
reduzierte Preisniveau. Wo der Höhepunkt des Zahlungsleistungsindex
 wie in den Jahren 1873 und 1890 auf die Spitze der Hochkonjunktur
 fällt und mit dem Maximum des Preisniveaus zusammentrifft,
 ist auch die Steigerung unseres Indexes besonders stark. Der
Zahlungsleistungsindex zeigt also eben diejenige Bewegung, die wir
nach unseren obigen theoretischen Erwägungen erwarten mußten.
Es kann nach diesen Untersuchungen keinem Zweifel unterliegen,
daß die hier betrachteten zufälligen Steigerungen des allgemeinen Preisniveaus
 durch eine Steigerung der Zahlungsleistung pro Einheit der
vorhandenen Goldmenge ermöglicht werden, und daß diese gesteigerte
Zahlungsleistung zum weitaus größten Teile durch Vermehrung der
Bankzahlungsmittel und ihre stärkere Ausnutzung, im übrigen auch
durch Herausgabe von Gold aus den Reserven der Banken und vielleicht
durch erhöhte Umlaufsgeschwindigkeit der zirkulierenden Münze bewältigt
 wird. Durch das Entgegenkommen der Banken wird also die
Zahlungsmittelversorgung des Verkehrs in der Hochkonjunktur nicht
nur in demselben Verhältnis wie der Realumsatz, sondern darüber
hinaus gesteigert, wodurch eine Steigerung des allgemeinen Preisniveaus
eintritt. In der folgenden Depression, ist der Rückgang der Preise von
einerentsprechenden Beschränkung der Zahlungsmittelversorgung seitens
der Banken bedingt. Mögen nun auch alle diese „jährlichen“ Bewegungen
 des allgemeinen Preisniveaus durch andere, den Konjunkturen innewohnende
 Faktoren mit veranlaßt werden, jedenfalls sind sie nur unter
der Voraussetzung einer entsprechenden Zahlungsmittelregulierung
seitens der Banken möglich und müssen also hier in erster Linie auf
diese Regulierung zurückgeführt werden.
Diese Regulierung ist wohl auch selbst von den Konjunkturen beeinflußt,
 steht denselben aber keineswegs vollständig passiv gegenüber.
Vielmehr ist sie im allgemeinen als ein Faktor zu betrachten, der den
Konjunkturbewegungen gewissermaßen entgegenwirkt, dieselben innerhalb
 gewisser Schranken hält. Es ist also auch betreffend die jährlichen
Variationen des allgemeinen Preisniveaus auf der Seite des Geldes ein
Faktor vorhanden, der aktiv mitbestimmend wirkt. Die Wirksamkeit
dieses Faktors kann verstärkt werden durch ein zielbewußtes Handeln
der Banken. Inwieweit es praktisch möglich wäre durch eine angemessene
Beschränkung der Zahlungsmittelversorgung seitens der Banken die
Preissteigerung der Hochkonjunktur ganz zu verhindern bleibt wohl
immerhin eine offene Frage. (Vgl. 8 58.)
Als Nebenergebnis der Untersuchungen dieses Paragraphen sei noch
folgendes bemerkt. Ein Blick auf unser Diagramm zeigt, daß die englische
 Kurve im ganzen — also wenn wir von der Einwirkung der Konjunkturen
 absehen — so gut wie vollständig horizontal verläuft,
daß also der Umfang der Abrechnungen in London in der betreffenden
Periode durchschnittlich mit ungefähr derselben Geschwindigkeit, viel-436
        <pb n="450" />
        $ 57. Preisniveau und Nachfrage nach Gold. 7
leicht etwas schneller, wie die Goldmenge der Welt gewachsen ist. Die
gleichzeitige Entwicklung der gesamten Zahlungsleistung des Landes
dürfte ungefähr dieselbe gewesen sein. Wohl ist anzunehmen, daß die
Zirkulation von anderen Zahlungsmitteln etwas langsamer gewachsen
ist, da aber die Scheckzahlungen in der ganzen Periode sicher stark
überwiegen, dürfte dieses Verhältnis wenig auf die Entwicklung der
gesamten Zahlungsleistung einwirken.
Wir sind aber jetzt in der Lage, eine ungefähre Vorstellung von der
durchschnittlichen Steigerung des Realumsatzes Englands und damit
wohl auch vom Tempo der gesamten ökonomischen Entwicklung des
Landes in der betreffenden Periode zu gewinnen. Dafür ist nur notwendig,
 daß die gefundene Steigerung der Zahlungsleistung auf ein
konstantes Preisniveau reduziert wird, was leicht geschehen kann, da
wir wissen, daß das sekuläre Preisniveau am Anfang der Periode etwa
30 Prozent über unserem Normalniveau ($ 54) stand, am Ende derselben
 aber mit dem Normalniveau zusammenfiel. Die durchschnittliche
 jährliche Steigerung des Realumsatzes Englands während der
Periode 1870—1910 berechnet sich nach diesen Grundsätzen auf 3,05
Prozent. Dabei ist die Steigerung der absoluten Goldmenge zugrunde
gelegt. Berücksichtigt man, daß die Steigerung der Zahlungsleistung
etwas stärker gewesen ist, so kommt man zu einer Ziffer, die vielleicht
ein oder zwei Zehntel Prozent höher liegt. Diese Ziffer stimmt sehr
genau mit unserer allgemeinen Schätzung der ökonomischen Entwicklungsgeschwindigkeit
 der westlichen Welt (8 6).
Für die Vereinigten Staaten ist die Entwicklung ohne Zweifel
wesentlich stärker gewesen, läßt sich aber, dank den wechselnden
Währungsverhältnissen kaum in derselben Weise ziffernmäßig schätzen.
Gewisse andere Länder haben wieder sicher eine langsamere Entwicklung
 gehabt. Es ist vielleicht berechtigt, die Entwicklung Englands
in der betreffenden Periode als einen ungefähren Durchschnitt für die
ganze Welt zu betrachten.
8 57. Preisniveau und Nachfrage nach Gold.
Steht es nun fest, daß die jährlichen Variationen des allgemeinen
Preisniveaus durch die wirtschaftlichen Konjunkturen und die Elastizität,
 die die Banken der Zahlungsmittelversorgung geben, erklärt
werden müssen, so können wir unsere Betrachtungen ausschließlich
auf die sekulären Variationen des allgemeinen Preisniveaus beschränken.
Die allgemeine Übereinstimmung zwischen diesen Variationen und den
entsprechenden Variationen der relativen Goldmenge, die wir im 8 54
festgestellt haben, ist zunächst als eine reine Tatsache zu betrachten.
Wenn wir aber nach der allgemeinen Quantitätstheorie, wie wir sie im

44
        <pb n="451" />
        . Kap. XI. Der Geldwert.
8 51 entwickelt haben, und nach unserer Analyse der Wirkung, die der
Goldversorgung zugeschrieben werden kann, annehmen, daß Veränderungen
 der relativen Goldmenge der Welt prozentual gleich große
Veränderungen der in Gold ausgedrückten Welthandelspreise bewirken,
dann sind die sekulären Bewegungen des allgemeinen Preisniveaus
dadurch in der Hauptsache erklärt.
Es ist auffallend, daß in dieser Weise sämtliche Veränderungen
des allgemeinen Preisniveaus auf Ursachen zurückgeführt werden, die,
soweit sie monetärer Natur sind, auf der Seite der Geldversorgung, hier
speziell der Goldversorgung, liegen. Haben denn die großen Veränderungen
 des Goldbedarfs in der Periode gar keine Wirkung auf das allgemeine
 Preisniveau ausgeübt? Wir haben unsere ganze Untersuchung
auf englische Preise aufgebaut, weil sie Welthandelspreise sind, und
weil in England die Goldwährung die ganze Periode hindurch geherrscht
 hat. Das so berechnete Preisniveau haben wir mit der Goldmenge
 der ganzen Welt verglichen, dazu durch den Umstand gezwungen,
daß keine enger abgegrenzte Goldmenge eine objektiv gegebene Größe
des Problems dargestellt hätte. Nun kann man fragen: mußte nicht
die während der ganzen Periode. stark gesteigerte Goldnachfrage der
Welt eine so überaus starke Wigkung auf die Preise ausüben, daß der
Zusammenhang zwischen dem allgemeinen Preisniveau und der Goldmenge
 der Welt vollständig in den Schatten gestellt wird? Es sind doch
in der betreffenden Periode alle zivilisierten Länder nacheinander
zur Goldwährung übergegangen, und es sind dadurch immer neue
Ansprüche an die Goldversorgung der Welt gestellt worden. Haben
denn diese Ansprüche nicht sehr starke Spuren in der Kurve des allgemeinen
 Preisniveaus nachgelassen? Daß solche Fragen erhoben
werden, ist natürlich. Unsere Untersuchung zeigt aber, daß sie hauptsächlich
 negativ zu beantworten sind. Nachdem wir die Einwirkung
der Variationen der relativen Goldmenge und der wechselnden Versorgung
 des Verkehrs mit Bankzahlungsmitteln berücksichtigt haben,
bleibt überhaupt nur eine wenig bedeutende sekuläre Variation des allgemeinen
 Preisniveaus zu erklären.
Der zum normalen Preisniveau zurückgeführte Goldbedarf der Welt
muß also in der Periode 1850—1910 ziemlich gleichmäßig mit demselben
 Prozentsatz wie die normale Goldmenge, also um etwa 2,8 Prozent
 jährlich, gestiegen sein. Diese Ziffer ist etwas niedriger als diejenige,
 die wir als charakteristisch für die allgemeine wirtschaftliche
Entwicklung der Welt in der Periode 1870—1910 gefunden haben. Es
ist ja auch nicht unwahrscheinlich, daß die Entwicklung der Bankzahlungsmittel
 die Wirkung gehabt hat, daß der Goldbedarf etwas langsamer
 als der Realumsatz gestiegen ist.
Man kann sich die, wie es scheint, etwas eigentümliche Tatsache
der gleichmäßigen Steigerung des Goldbedarfs erklären, wenn man

438
        <pb n="452" />
        $ 57. Preisniveau und Nachfrage nach Gold. 7
beachtet, daß ein Übergang zur Goldwährung lange nicht eine so heftige
Steigerung des Goldbedarfs, wie man vielleicht anzunehmen geneigt
wäre, bedeutet. Oft hat Gold schon vorher, sei es infolge einer Doppelwährung,
 sei es als Handelsmünze, in beträchtlichem Umfange in
der Volkswirtschaft zirkuliert, oder es wurde vom Staat oder einer
Zentralbank in einer großen Reserve jahrelang vorher angesammelt, in
anderen Fällen ist die Goldwährung nicht gleich in voller Strenge
durchgeführt worden, oder man hat auf eine effektive Goldzirkulation
verzichtet. Unter solchen Umständen kann sich die Goldnachfrage
infolge eines Währungswechsels über ziemlich lange Perioden verteilen.
 Die Bank von Frankreich hat z. B. noch in der neuesten Zeit
(vor dem Kriege) das Verhältnis zwischen Gold und Silber in ihrer
metallischen Kasse allmählich verbessert und für diesen Zweck Gold
angekauft. Immerhin bedeutet natürlich ein Übergang zur Goldwährung
 gewissermaßen eine außerordentliche Steigerung des Goldbedarfs
 des betreffenden Landes, was aber auf den gesamten Weltbedarf
 keine merkbare Wirkung auszuüben braucht, wenn nur andere
Länder inzwischen ihre Goldnachfrage entsprechend einschränken. Für
die einzelnen Länder ist die Steigerung des Goldbedarfs sicher keineswegs
 so gleichmäßig gewesen wie für die gesamte Welt. Ein Land
kann sich z. B. eine Zeit mit einer relativ kleinen Zufuhr von neuem
Gold begnügen, wenn dafür die Zahlungen mit Bankzahlungsmitteln
entsprechend kräftiger entwickelt werden. Solche Verhältnisse zeigen,
wie Vollständig aussichtslos es sein muß, Veränderungen des allgemeinen
 Preisniveaus auf die Goldmenge eines einzelnen Landes zurückzuführen.”
 Der durch Währungs- und Bankpolitik und ähnliche
Faktoren bestimmte Goldbedarf des einzelnen Landes wirkt gewiß als
Komponente mit in der Wertbestimmung des Goldes auf dem Weltmarkt,
 aber erst der Gesamtbedarf der ganzen Welt bestimmt, in
Verbindung mit dem Gesamtangebot, den Geldwert, d, h, das allgemeine
 Preisniveau.
Es liegt nahe, anzunehmen, daß Perioden mit besonders reicher
Goldproduktion den Übergang zur Goldwährung und Goldzirkulation
besonders beschleunigt haben, und daß dadurch der Platz für das
neue Gold bereitet wurde. Dies ist aber in der von uns betrachteten
Periode nicht der Fall gewesen. Die Goldnachfrage hat keine solche
Elastizität, die eine Preissteigerung wenigstens teilweise verhindert
haben würde, aufgewiesen. Im Gegenteil, in den beiden Perioden besonders
 gesteigerter Goldproduktion, der Kalifornisch-Australischen
von 1850 an und der Transvaalsehen von Mitte der neunziger Jahre
an, ist die Preissteigerung, wie unser Diagramm (Fig. 3) zeigt, deutlich
stärker als nach der Steigerung der relativen Goldmenge anzunehmen
wäre, Auch wenn unser statistisches Material mit verhältnismäßig sehr
großen Fehlern behaftet wäre, würde dieses Ergebnis, wie man sich

43%
        <pb n="453" />
        Kap. XI. ‘ Der. Geldwert.
leicht überzeugt, feststehen. Die ganze extraordinäre Steigerung der
Goldproduktion ist also in beiden Fällen von der Preissteigerung in
Anspruch genommen. Die Goldnachfrage ist auch in diesen Periode
höchstens mit ihrem normalen Prozentsatze von 2,8, eher langsamer,
gewachsen. ‚Eben weil die außerordentlich gesteigerte Goldproduktion
von dieser Nachfrage bei unverändertem Preisniveau nicht aufgenommen
werden konnte, mußten die Preise in die Höhe getrieben werden.
Die Tatsache, daß das sekuläre Preisniveau: in den fünfziger und
sechziger Jahren über, in den neunziger Jahren unter der relativen
Goldmenge gelegen hat, deutet indessen darauf, daß in der im allgemeinen
 gleichförmigen Entwicklung der Goldnachfrage doch auch
gewisse sekuläre Verschiebungen vorgekommen sind. Das Verhältnis
kann nämlich nicht gut in anderer Weise erklärt werden, als dadurch,
daß die Goldnachfrage vor 1870 etwas schwächer, später etwas stärke
als normal gewachsen ist. Eine solche Annahme scheint sehr natürlich
mit Hinsicht auf die großen Umwälzungen auf dem währungspolitischen
Gebiete, die eben die siebziger Jahre auszeichnen. Meistens ist man,
besonders natürlich von bimetallistischer Seite, geneigt gewesen, diese
gesteigerten Goldnachfrage eine etwas übertriebene Bedeutung für
die Preisbildung zuzuschreibefi. Wahrscheinlich ist der Übergan
zur Goldwährung, die gewisse europäische Länder in den Siebziger
Jahren unternommen haben, doch so allmählich durchgeführt worden
daß derselbe an und für sich keinen wesentlichen Einfluß auf das allgemeine
 Preisniveau hat ausüben können. Der spätere Übergan
Rußlands und Österreich-Ungarns zur Goldwährung hat, wie schon
hervorgehoben keine Spur eines Druckes auf das allgemeine Preisniveau
 erkennen lassen.
Wenn auch die europäischen Währungsreformen der siebziger Jahre
einen gewissen kleineren Anteil an dem darauffolgenden Rückgan
des allgemeinen Preisniveaus haben mögen, so ist jedoch wahrscheinlich
 ein anderer Umstand in erster Linie für diesen Rückgang, insofern
 er nicht von dem gleichzeitigen Sinken der relativen Goldmenge
veranlaßt wurde, verantwortlich zu machen. ‚Dieser Umstand ist die
enorme Steigerung der Goldnachfrage der Vereinigten Staaten am Ende
der siebziger und am Anfang der achtziger Jahre, veranlaßt durch die
Vorbereitung und Durchführung der Wiederaufnahme der Barzahlungen.
Die Papiervaluta des Bürgerkrieges wurde von 1879 an als einlösbar
erklärt. In der Zeit von der Mitte des Jahres 1875 bis Ende 1887 hat
sich der monetäre Goldvorrat der Vereinigten Staaten von 89 Millione
ollars auf 650 Millionen Dollars gesteigert, was reichlich einer Versiebenfachung
 in 124, Jahren entspricht. Besonders stark war der
Zuwachs von der Mitte 1876 bis Ende 1881, nämlich von 99 au
85 Millionen Dollars, also beinahe eine Verfünffachung in 5%, Jahren.
iese Ansprüche wurden gestellt in einer Zeit, wo schon ohnehin die

146
        <pb n="454" />
        8 57. Preisniveau und Nachfrage nach Gold. 441
Goldversorgung der Welt so knapp war, daß sie eine wesentliche Reduktion
 des allgemeinen Preisniveaus erzwingen mußte. Die Summe
von 386 Millionen Dollars, die die Vereinigten Staaten in der letztgenannten
 Periode von 5%, Jahren allein für ihren monetären Goldvorrat
 in Anspruch genommen haben, entsprach nicht weniger als
64 Prozent der gleichzeitigen Goldproduktion der Welt. Da wohl unter
gewöhnlichen Verhältnissen der Rest der Goldproduktion für nichtmonetäre
 Zwecke in Anspruch genommen worden wäre, so ist eigentlich
 nichts für den monetären Bedarf der sonstigen Welt übrig gelassen.
Es mußte dann offenbar eine Steigerung des Goldwertes wesentlich
über die von der Knappheit der Goldproduktion bedingte Steigerung
hinaus eintreten. Für die wirtschaftliche Entwicklungsgeschwindigkeit
der Vereinigten Staaten kann man vielleicht eine Verdoppelung des
monetären Goldbedarfs in 12 Jahren als normal betrachten. Darüber
hinaus hat aber die Union in der Periode 1875—1887 etwa 2 Milliarden
Mark für monetäre Zwecke in Anspruch genommen. Die dadurch veranlaßte
 Senkung des allgemeinen Preisniveaus kann auf etwa 7 Prozent
geschätzt werden‘).
Ein Faktor, der sich in ähnlicher Weise, obwohl in geringerem
Grade von seiten der Nachfrage geltend gemacht hat, ist die stark
gesteigerte Goldeinfuhr Indiens in der ersten Hälfte der achtziger Jahre.
Die preissenkende Wirkung dieser Nachfrage kann vielleicht auf etwa
2 Prozent geschätzt werden‘*).
Die angegebenen Unregelmäßigkeiten in der Entwicklung der
Goldnächfrage reichen vollkommen hin, um den Rückgang des allgemeinen
 Preisniveaus von den siebziger bis Mitte der neunziger Jahre
über den durch die Senkung der relativen Goldmenge veranlaßten
Rückgang hinaus zu erklären. Es sind also die sekulären Variationen
 des allgemeinen Preisniveaus in der Hauptsache
 auf die Variationen der relativen Goldmenge, im
übrigen auf gewisse Unregelmäßigkeiten in der im allgemeinen
 gleichmäßigen Steigerung der Goldnachfrage
zurückzuführen. Damit ist unsere Analyse der Ursachen der sekulären
 Variationen des allgemeinen Preisniveaus, wenigstens innerhalb
der Fehlergrenzen unserer Berechnungen, restlos abgeschlossen.
Die zur Erklärung herangezogenen Faktoren liegen, wie man
findet, sämtlich auf der monetären Seite des Problems. Sie sind in den
Goldproduktionsverhältnissen oder in währungspolitischen Verhältnissen
 begründet und können also wenigstens in erster Linie als objektiv
gegebene Bestimmungsgründe des Geldwertes betrachtet werden. Es
bleibt dann kein Raum für eine Erklärung der sekulären Veränderungen
ı) Für die statistischen Daten, die diesen Berechnungen zugrunde liegen, siehe
Report of the Director of the Mint, Washington 1911, p. 43, 21 und 317.
        <pb n="455" />
        4 : Kap. XI. Der Geldwert,
des Geldwertes innerhalb der betreffenden Periode durch andere Ursachen
 allgemein wirtschaftlicher Natur. In der betreffenden Periode
ist die sekuläre Bewegung des allgemeinen Preisniveaus ausschließlich
eine monetäre Erscheinung.
In ihrer durch die Konjunkturen bestimmten ‚jährlichen‘ Bewegung
 zeigt natürlich die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung eine
wechselnde Zuwachsrate, und zwar muß der Zuwachsprozentsatz
in den Hochkonjunkturen höher als normal sein.. Diese Steigerung der
Entwicklungsgeschwindigkeit müßte an sich ein Sinken des allgemeinen
Preisniveaus hervorbringen. Die preissteigernden Tendenzen der Hochkonjunktur
 sind aber so stark, daß diese Tendenz überwunden wird
und das Preisniveau im Gegenteil steigt; die Zahlungsmittelversorgung
seitens der Banken ist so reichlich, daß sie beim gesteigerten Umsatz
auch für ein erhöhtes Preisniveau genügt.
Die Geschwindigkeit der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung
hat also in der betrachteten Periode das allgemeine Preisniveau weder
in seinen sekulären noch in seinen jährlichen Variationen zu bestimmen
vermocht.
Besonders ist zu beachten, daß eine allgemeine Verbilligung der
Waren, die man oft von der #oßen Steigerung der Produktivität der
menschlichen Arbeit in der Periode zu erwarten geneigt ist, nicht eingetreten
 ist. Die Versorgung der Welt mit Zahlungsmitteln ist reichlich
 genug gewesen, um jede solche Tendenz aufzuheben.
8 58. Die Regulierung des Preisniveaus durch den
Bankzins.
Wir haben im vorhergehenden die Tatsache festgestellt, daß bei
Goldwährung die sekulären Variationen des allgemeinen Preisniveaus
von der wechselnden Knappheit der Goldversorgung im Verhältnis zum
Bedarf bestimmt werden. Die Frage, wie und auf welchem Wege die
Goldversorgung eine solche Wirkung auf das allgemeine Preisniveau
auszuüben imstande ist, ist damit noch nicht beantwortet.
Die Wirkung einer gesteigerten Goldproduktion macht sich zunächst
 an den Produktionsorten unmittelbar darin fühlbar, daß Gold
gegen Waren in verstärktem Grade angeboten wird, wodurch natürlich
die Goldpreise steigen. Diese verstärkte Warennachfrage hat wohl eine,
wenn auch sehr abgeschwächte Wirkung auf den Warenmarkt der
übrigen Welt. Die schließliche Wirkung der gesteigerten Goldproduktion
auf die Welthandelspreise kann jedoch erst hervortreten, wenn das
neue Gold dem Goldmarkt der Welt zugeführt worden ist. Nun gelangt
das neue Gold in der Regel von den Produktionsorten an die großen
Handelszentren, vor allem an den Londoner Markt, von wo es weiter

142
        <pb n="456" />
        $ 58. Die Regulierung des Preisniveaus durch den Bankzins. 443
über die Welt verteilt wird. Zunächst wird es dann, sofern es nicht
von der Industrie oder von orientalischen Märkten in Anspruch genommen
 wird, meistens von den großen Zentralbanken und den Goldkassen
 verschiedener Staaten übernommen. Da wird es vielleicht
bis auf weiteres liegen, ohne irgendeinen unmittelbaren Einfluß auf das
allgemeine Preisniveau auszuüben.
Nun wissen wir (Kap. X), daß in einem Lande mit Goldwährung
die Quantität sämtlicher dem Verkehr zur Verfügung stehenden
Zahlungsmittel immer in einem gewissen, wenn auch sehr elastischen
Verhältnis zu den Goldreserven der Banken steht. Da in diesem Verhältnis
 ziemlich große Schwankungen stattfinden können, braucht
eine Vergrößerung der Goldreserve keine unmittelbare Wirkung auf
das allgemeine Preisniveau auszuüben. Es gibt aber keinen ersichtlichen
 Grund, warum eine Steigerung der Goldvorräte in dem durchschnittlichen
 Verhältnis zwischen Zahlungsmitteln und Bankreserven
eine dauernde Veränderung hervorrufen sollte. Vielmehr steht zu erwarten,
 daß die reichlichere Goldversorgung allmählich auch eine
entsprechende Erweiterung der Zahlungsmittelversorgung des Verkehrs
 veranlaßt. Man wird es demnach sehr natürlich finden, daß die
Goldversorgung die sekulären Variationen der Kurve des allgemeinen
Preisniveaus vollständig beherrscht.
Die Goldversorgung wirkt also auf das allgemeine Preisniveau in
der Hauptsache nur dadurch, daß sie die Banken in ihrer Regulierung
der Zahlungsmittelversorgung beeinflußt. Wenn diese Zahlungsmittelversorgung
 im Verhältnis zu den vorhandenen Goldreserven auf das
äußerste angespannt ist, wie dies in den Hochkonjunkturen der Fall
zu sein pflegt, dann macht sich die Knappheit des Goldes effektiv fühlbar
 und setzt eine Grenze für die weitere Befriedigung des Zahlungsmittelbedarfs
 und damit für die Preissteigerung. Hat sich in den
früheren Jahren besonders viel Gold angesammelt, so wird die Befriedigung
 des Zahlungsmittelbedarfes weiter als sonst möglich, der
Höhepunkt des allgemeinen Preisniveaus wird etwas höher als sonst
liegen. War dagegen die Goldversorgung der vorhergehenden Jahre besonders
 knapp, so muß der Höhepunkt des Preisniveaus in der Hochkonjunktur
 etwas tiefer liegen, als bei einer normalen Goldversorgung
der Fall gewesen wäre. Obwohl also die Goldversorgung hauptsächlich
in den Hochkonjunkturen eine effektive Wirkung auf die Preisbildung
ausübt, ist sie selbstverständlich in den anderen Phasen der volkswirtschaftlichen
 Bewegung nicht ganz ohne Einfluß auf die Preise,
denn auch dann lassen sich wohl die Banken bis zu einem gewissen
Grade von der Reichlichkeit der Goldversorgung in ihrer Regulierung
der Zahlungsmittelversorgung beeinflussen.
Da also die Goldversorgung nur mittels der Bankpolitik auf die
sekulären Veränderungen des allgemeinen Preisniveaus einwirkt und
        <pb n="457" />
        GL Kap. XI. Der Geldwert,
die jährlichen Variationen des Preisniveaus, sofern sie überhaupt von
monetären Faktoren abhängen, ebenfalls nur durch die Bankpolitik
bestimmt werden, findet man, daß in jedem gegebenen Augenblick die
Bankpolitik allein auf der monetären Seite unmittelbar: für die Veränderungen
 des allgemeinen Preisniveaus verantwortlich ist. Nun wissen
wir, daß der Faktor, den wir hier der Kürze halber „Bankpolitik“ genannt
 haben, also die Regulierung der gesamten Zahlungsmittelversorgung
 durch die Banken, ausschließlich durch das Mittel der Vorschußbedingungen
 der Banken wirkt, und daß unter diesen Vorschußbedingungen
 nur der Bankzins als Regulator der Zahlungsmittelversorgung
 eine wesentliche und dauernde Bedeutung hat (8 49). Es ergibt
sich also jetzt, daß die Bewegungen des allgemeinen Preisniveaus, sofern
sie überhaupt von Faktoren auf der monetären Seite beherrscht werden,
in jedem Augenblick hauptsächlich durch den Bankzins bestimmt
werden.
Nun wird der Bankzins natürlich nicht beliebig fixiert, sondern zu
einem bestimmten Zweck geregelt. In einem Lande mit Goldwährung
muß der Bankzins, wie wir gefunden haben, stets so geregelt werden,
daß der innere Verkehr Ansprüche auf die Reserven nur vorübergehend
bei zufälliger Steigerung des Zählungsmittelbedarfs stellt, im ganzen
aber die Reserve unberührt läßt. Nur bei einer solchen Bankpolitik
ist es möglich, die Goldwährung aufrechtzuerhalten. Die Regulierung
des Bankzinses hat auch die Reserven bei zufällig ungünstiger Lage der
ausländischen Zahlungsbilanz gegen zu große Ansprüche für Zahlungen
nach dem Auslande zu schützen. Bestimmend für die Regulierung des
Bankzinses ist also in beiden Fällen das Streben, die Valuta in Parität
mit Gold zu erhalten.
Die Erfahrung lehrt, daß dies bei richtiger Zinspolitik gelingt.
Allerdings reicht die Zinspolitik nicht für diesen Zweck aus. Zur Aufrechterhaltung
 der Goldparität einer Valuta ist außerdem eine Zahlungsmittelversorgung
 nach dem jeweiligen Bedarf des Verkehrs erforderlich.
Dabei müssen elastische, das Gold ersetzende Bankzahlungsmittel
zur Anwendung kommen, weil sonst die Goldnachfrage bei starkem
Zahlungsmittelbedarf viel zu stark werden könnte. Aber auch Gold
muß, da keine effektive Goldnachfrage unbefriedigt gelassen werden
darf, in einem gewissen kleineren Umfange aus den Reserven der
Banken hergegeben werden. Man könnte sagen wollen, daß diese
stetige Einlösbarkeit der Bankzahlungsmittel die einzige notwendige
Bedingung der Goldparität ist. Eine Einlösung ist aber nur möglich
unter Voraussetzung einerseits einer Zinspolitik, die den Zahlungsmittelbedarf
 innerhalb gewisser Grenzen hält, und andererseits einer
Befriedigung dieses Zahlungsbedarfs durch Bankzahlungsmittel, soweit
 solche anstatt Gold genommen werden. Durch Vervollständigung
des Goldumlaufs mit Bankzahlungsmitteln und durch Hergabe von

Ad
        <pb n="458" />
        8 58., Die Regulierung des Preisniveaus durch den Bankzins. 445
Gold, bzw. ausländischen Devisen aus den Reserven der Banken wird
im Verkehr die Nachfrage nach Gold vermindert und das Angebot
vermehrt. Dies wirkt in Zeiten besonders starker Nachfrage nach
Zahlungsmitteln als ein Hindernis gegen eine Steigerung des Goldwertes
 und bei zufälliger Steigerung des allgemeinen Preisniveaus,
also Sinken des Geldwertes, als eine entsprechende zufällige Herabsetzung
 des Goldwertes. Nur wenn Zahlungsmittel in solcher Weise
dem Verkehr zur Verfügung gestellt werden, läßt sich eine Parität
des Geldes mit dem Golde aufrechterhalten.
Es ist also tatsächlich möglich, durch die jetzt angegebenen Mittel
den Geldwert eines Landes in gleicher Höhe wie den Wert eines gewissen
 Metalls zu halten oder, genauer ausgedrückt, den Preis eines gewissen
 Metalls in der Währung des Landes wenigstens innerhalb gewisser
 enger Grenzen festzulegen. Diese Festlegung des Preises eines
Metalls, nämlich des Goldes, haben wir ($ 42) als das zentrale Moment
bei der Goldwährung dargestellt. Dieses Moment unterscheidet die
Goldwährung von der freien Währung. Auch bei Goldwährung hat
die Valuta, z. B. die Markvaluta, ihre selbständige Existenz. Nur
wird sie an das Metall Gold durch die Bedingung gebunden, daß der
Preis des Goldes innerhalb gewisser Grenzen fixiert sein Soll.
Die Regulierung der Valuta wird mit Rücksicht auf diese Bedingung
durch den Bankzins und durch Ausnutzung der Reserven der Banken
durchgeführt.
Die Goldwährung kann demnach als eine freie Währung, bei
welcher der Goldpreis innerhalb gewisser Grenzen festgelegt ist, aufgefaßt
 werden. Diese Festlegung des Goldpreises: wird für sekuläre
Perioden durch Regulierung des allgemeinen Preisniveaus nach der
Goldversorgung, für kürzere Perioden umgekehrt durch Regulierung
des Goldmarkts nach dem allgemeinen Preisniveau erreicht.
Nun kann man fragen: in welchem Maße wird das allgemeine
Preisniveau durch eine Zinspolitik, welche die Aufrechterhaltung der
Goldparität als ihr Ziel setzt, beherrscht ? Die Antwort ist durch unsere
obigen Untersuchungen gegeben: es gelingt dieser Zinspolitik, das allgemeine
 Preisniveau in seinen sekulären Variationen nach der Goldversorgung
 der Welt, also in Übereinstimmung mit einem ausschließlich
durch diese Goldversorgung nach der Quantitätstheorie bestimmten
Preisniveau zu regeln. Dagegen ist es den Banken nicht gelungen durch
ihre Zinspolitik ‚„,jährliche‘‘ Variationen des allgemeinen Preisniveaus
zu verhindern.
Eine Zinspolitik, die auf Goldparität der Valuta, also auf einen
konstanten Goldpreis zielt, wird also ein Preisniveau mit sekulären
Variationen im umgekehrten Verhältnis zum Goldwert und außerdem
mit gewissermaßen selbständigen jährlichen Variationen erreichen. Es
dürfte kaum zu kühn sein, daraus zu schließen, daß eine Zinspolitik,
        <pb n="459" />
        4. Kap. XI. Der Geldwert.
die auf die Festlegung irgendeines anderen Preises zielte, ein ähnliches
Ergebnis erteichen könnte. Als solches Ziel der Zinspolitik würde vor
allem in Betracht kommen die Festlegung eines in bestimmter Weise
definierten Durchschnitts einer gewissen Gruppe von Warenpreisen
oder, was gleichbedeutend ist, die Festlegung des Gesamtpreises einer
bestimmten Warenmenge. Durch eine angemessene Zinspolitik müßte
es also möglich sein, ein Preisniveau mit sekulären Variationen in
umgekehrter Proportion zu den Wertveränderungen dieser Warenmenge
im Verhältnis zur Gesamtheit der Waren zu erhalten.
Bei Wahl einer hinreichend repräsentativen Warenmenge könnten
solche Wertveränderungen nicht in beträchtlichem Umfange stattfinden,
und es wäre also möglich, durch geeignete Leitung der Zinspolitik das
allgemeine Preisniveau insofern zu stabilisieren, daß keine sekulären
Variationen vorkämen. Jährliche Variationen des allgemeinen Preisniveaus
 würden wohl dabei ebensowenig wie im Falle der Goldwährung
vermieden werden können. Die nominale Festlegung des Preises der
Warenmenge würde den Konjunkturbewegungen des allgemeinen Preisniveaus
 gegenüber nicht durchgeführt werden können, da das Mittel,
das für den entsprechenden Zweckeim Falle der Goldwährung verwendet
wird, nämlich die Hergabe von Gold aus den Bankreserven und die
teilweise Befriedigung der Goldnachfrage durch Ersatzmittel hier nicht
zur Verfügung stehen würde.
Wenn wir das, was im vorigen Kapitel über die Wirkung des
Bankzinses als Regulator der Zahlungsmittelversorgung gesagt wurde,
mit dem Ergebnis dieses Kapitels zusammenstellen, können wir- die
Frage beantworten, auf welchem Wege das allgemeine Preisniveau
vom Bankzins beeinflußt wird. Eine Senkung des Zinsfußes der Banken
bedeutet eine abnorme Konkurrenz der Banken auf dem Kapitalmarkt,
 indem neu geschaffene Bankzahlungsmittel mit den wirklichen
Ersparnissen des Publikums in Wettbewerb treten. Die durch die
günstigen Bedingungen gesteigerte Nachfrage nach Kapitaldisposition
wird zum Teil einfach durch Hergabe von neugeschaffenen Bankzahlungsmitteln
 befriedigt. Dadurch wird eine Extra-Kaufkraft geschaffen, der
gegenüber keine Vermehrung dessen, was gekauft werden kann, steht.
Diese Kaufkraft konkurriert mit der echten Kaufkraft auf dem Markt.
Die unvermeidliche Folge ist dann eine Preissteigerung, die soweit
gehen muß, daß die gesamte nominelle Kaufkraft vollständig in Anspruch
 genommen wird. Durch diese Preissteigerung wird Platz bereitet
 für eine gewisse Menge von neuen Bankzahlungsmitteln, die dann
vom Verkehr festgehalten werden.
Diese Erwägungen führen zu einer endgültigen Entscheidung
einer Streitfrage, die seit alters her eine zentrale Stellung in der geldpolitischen
 Diskussion eingenommen hat. Gegen die Quantitätstheorie
wurde nämlich immer von den Banken gerne geltend gemacht, daß eine

46
        <pb n="460" />
        $ 58. Die Regulierung des Preisniveaus durch den Bankzins. 447
Vermehrung der Zahlungsmittel nicht in der Hand der Banken liege,
da das Publikum niemals mehr Zahlungsmittel aufnehmen würde als
es wirklich brauchte. Wir sehen aber jetzt, daß die Banken durch zu
günstige Vorschußbedingungen das Publikum zur Aufnahme von einer
vergrößerten Zahlungsmittelmenge veranlassen kann, und daß eine
solche nominelle Vergrößerung der Kaufkraft eine allgemeine Preissteigerung
 hervorrufen muß. Diese Preissteigerung vermehrt den wirklichen
 Bedarf von Zahlungsmitteln in gleichem Verhältnis und das
Publikum muß deshalb eine entsprechende Menge von Zahlungsmitteln
behalten. Es ist gewiß nicht sicher, daß jede willkürliche Vermehrung
der Zahlungsmittelversorgung auch vom Publikum behalten wird.
Sicher ist nur, daß die gesteigerte Zahlungsmittelversorgung eine Preissteigerung
 und eine derselben entsprechende Steigerung des Bedarfs an
Zahlungsmitteln hervorrufen muß. Eine eventuell noch überschießende
Zahlungsmittelversorgung wird das Publikum natürlich an die Banken
zurückliefern. Wenn aber die Vorschußbedingungen fortwährend so
günstig gehalten werden, daß die Kapitalnachfrage zum Teil durch
Schaffung von neuen Bankzahlungsmitteln befriedigt wird, so muß
sich derselbe Prozeß immerfort wiederholen: das Preisniveau wird gesteigert
 und der Zahlungsmittelbedarf muß entsprechend wachsen.
Was wir unter solchen Verhältnissen statistisch beobachten können, ist
eine fortgesetzte Steigerung des allgemeinen Preisniveaus und eine damit
parallel gehende Vermehrung der Zahlungsmittelversorgung. Diese
beiden Quantitäten wachsen proportional miteinander. Wir kennen
aber jetzt auch das Ursachsverhältnis. Die treibende Kraft der ganzen
Bewegung liegt in der immer fortgesetzten Schaffung von artifizieller
Kaufkraft. Hiermit sind wir zu einer befriedigenden Formulierung der
Quantitätstheorie gelangt.
Eine Verschlechterung des Geldwertes, die durch eine zu reichliche
Zahlungsmittelversorgung veranlaßt wird, nennen wir eine Inflation.
Arithmetisch wird die Inflation durch die Steigerung des allgemeinen
Preisniveaus gemessen. Es ist denkbar und ist auch unter außerordentlichen
 Verhältnissen, besonders während des Weltkrieges und der ersten
Nachkriegszeit, vorgekommen, daß eine Preissteigerung von einem
Rückgang der Warenversorgung verursacht wird. Eine solche Preissteigerung
 hält sich aber notwendig innerhalb mäßiger Grenzen. Bezeichnen
 wir die normale Warenversorgung mit 100 und nehmen wir an,
die Warenversorgung wäre zufällig auf 80 herabgedrückt, was schon eine
bedenkliche Notlage bezeichnet, so würde dadurch eine Preissteigerung
im Verhältnis 80 zu 100, also doch nur von 100 auf 125, veranlaßt werden.
Eine solche Preissteigerung kann aber unmöglich eine Vermehrung der
Zahlungsmittelversorgung veranlassen, wie dies so oft während der
großen Inflation des Krieges und der ersten Nachkriegszeit seitens der
Zentralbanken geltend gemacht wurde. Denn nach unserer Voraus-
        <pb n="461" />
        4 Kap. XI. Der Geldwert.
setzung ist der Warenumsatz in demselben Verhältnis gesunken, wie
das Preisniveau gestiegen ist, und der Zahlungsmittelbedarf sollte demnach
 unverändert sein. Streng genommen müßte natürlich die Zahlungsmittelversorgung
 eingeschränkt werden, wenn die Warenmenge vermindert
 wird, und zwar in demselben Tempo. Geschieht dies, so kann
die Warenknappheit keine Preissteigerung veranlassen. Von diesem
strengen Standpunkt aus muß man jede eingetretene Preissteigerung
als eine Inflation bezeichnen, denn sie beruht unzweifelhaft auf einer
in Betracht der gegebenen Umstände zu reichlichen Zahlungsmittelversorgung.

Die Preissteigerung einer gewöhnlichen Hochkonijunktur ist nach
dieser Auffassung streng genommen auch als eine Inflation zu betrachten.
Zwar kann man auch nicht-monetäre Faktoren als mitwirkende Ursachen
 in dieser Preisbewegung anführen. Bei einer Zahlungsmittelversorgung,
 die sich streng nach dem Bedarf des steigenden Real-Verkehrs
 richtete, würde aber keine allgemeine Preissteigerung stattfinden
 können. Sie entsteht nur dadurch, daß die Banken in der aufsteigenden
 Konjunktur ihre Vorschußbedingungen in Betracht der obwaltenden
 Verhältnisse zu langs@m und zu wenig verschärfen, und daß
dadurch eine Inflation veranlaßt wird. In diesen Preisbewegungen müßte
ohne Zweifel eine wesentliche Beschränkung durch eine strengere Bankpolitik
 gewonnen werden können. Inwieweit es praktisch möglich ist,
die Bankpolitik so geschickt zu handhaben, daß überhaupt jede Preissteigerung
 in einer aufgehenden Konjunktur, und dann natürlich auch
jeder Preisfall in der Depression, verhindert wird, kann erst eine
künftige Erfahrung entscheiden.
Wenn die Banken vom Staate gezwungen werden, Bankzahlungsmittel
 für Staatsausgaben zur Verfügung zu stellen, so fällt natürlich die
Verantwortlichkeit auf den Staat. Dies hindert aber nicht, daß die
Preissteigerung, die dann eintritt, ganz wie im vorigen Falle auf eine
Vermehrung der Bankzahlungsmittel zurückzuführen ist und also den
Charakter einer Inflation trägt. In Wirklichkeit sind die allerschlimmsten
 Fälle einer Inflation solcher Art. Die volkswirtschaftliche Möglichkeit,
 dem Staate durch eine Inflation Einkommen zuzuführen, erklärt
sich dadurch, daß Löhne, Zinsen, Mieten und andere mehr oder weniger
feste Einkommen nicht gleich in demselben Maße gesteigert werden wie
die Zahlungsmittelversorgung und die Warenpreise. Die Inflation wird
deshalb ein Mittel zur Ausplünderung weiter Bevölkerungsschichten und
der Staat kommt in die Lage, dieselben eines beträchtlichen Teils ihres
Realeinkommens zu berauben. Wenn der Staat nachher diese Ausplünderung
 beklagt und verurteilt, so ist das eine Heuchelei, die nur sehr
schlecht mit einem mangelnden Verständnis des wahren Zusammenhanges
 verteidigt werden kann.
„In der theoretischen Darstellung der Quantitätstheorie ist notwen-48
        <pb n="462" />
        $ 58. Die Regulierung des Preisniveaus durch den Bankzins. 449
dig auch auf Veränderungen der Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes
Rücksicht zu nehmen. In dem Maße, wie solche Veränderungen selbständig
 auftreten, müssen natürlich ihre Wirkungen auf das Preisniveau
festgestellt werden, und dies bietet theoretisch keine besondere Schwierigkeit.
 Wichtiger sind aber die Fälle, wo. die Umlaufsgeschwindigkeit
von einer Veränderung der Zahlungsmittelversorgung beeinflußt wird.
Man könnte sich denken, daß eine Vermehrung der Zahlungsmittelversorgung
 eine Verminderung der Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes
veranlassen würde, die die Preissteigerung wenigstens teilweise verhindern
 würde, Dies ist aber gewöhnlich nicht der Fall. Im Gegenteil
scheint die vermehrte Zahlungsmittelversorgung meistens eine erhöhte
Umlaufsgeschwindigkeit zur Folge zu haben. In den gewöhnlichen
Hochkonjunkturen ist dies ein Ergebnis der allgemein stimulierenden
Wirkung der Konjunktur. In den schlimmsten Fällen einer weitgehenden
staatlichen Inflation erhöht sich die Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes
auf das ganz Abnorme infolge der Furcht, daß der Wert des Geldes bald
noch mehr fallen wird. Wenn diese Furcht so weit geht, daß niemand
mehr das Geld auch nur für eine noch so kurze Zeit behalten will, dann
hört das Geld, wie die Erfahrung Deutschlands zur Genüge gelehrt hat,
überhaupt auf anwendbar zu sein.
Wie wir gesehen haben, steht das allgemeine Preisniveau einer Vermehrung
 der Zahlungsmittelversorgung vollständig passiv gegenüber.
Wenn die Banken einen zu niedrigen Zinsfuß halten, werden sie dadurch
unvermeidlich eine Inflationhervorrufen, gegen welche das angenommene
Preisniveau keine Gegenwirkung zu leisten vermag. Seine Passivität
wird jedoch nicht von dem durch die Zinspolitik der Banken ebenfalls berührten
 Kapitalmarkt geteilt. Schon im vorigen Kapitel ($ 49) haben
wir gefunden, daß der Kapitalmarkt gegen einen zu niedrigen Zinsfuß
reagiert, indem die Produktion von Realkapital vermehrt und danach
die Nachfrage nach Kapitaldisposition allmählich so weit beschränkt
wird, daß der niedrige Zinsfuß als normal betrachtet werden kann, und
also kein Platz mehr für eine weitere preissteigernde Ausgabe von Bankzahlungsmitteln
 vorhanden ist. Damit kommt also die Preissteigerung
zu einem Stillstand. Nur wenn die Banken unter wiederholter Verdrehung
des Kapitalmarkts den Bankzins noch weiter herabsetzen, beginnt derselbe
 Prozeß wieder mit der Folge einer nochmaligen Erhöhung des allgemeinen
 Preisniveaus,
Im vorigen Kapitel sind wir dabei stehen geblieben, daß der „richtige‘
 oder „normale‘‘ Zinsfuß nicht als ein „Realzins‘‘, eine ‚,Grenzproduktivität
 des Kapitals‘ oder dergleichen bestimmt werden kann,
denn der Zins ist seinem Wesen nach ein Marktpreis, und der Markt
wird immer von der Zinspolitik der Banken stark beeinflußt. Es ist
also von vornherein klar, daß der „wahre Kapitalzins‘ nur als ein
unter gewissen bestimmten Marktverhältnissen gebildeter Marktzins
Cassel, Theoret, Sozialökonomie. 4. Aufl, 3]

as
        <pb n="463" />
        Kap. XI. Der Geldwert,
definiert werden kann. Unsere letzten Ergebnisse erlauben uns jetzt,
den Begriff des wahren Kapitalzinses in dieser Weise näher festzustellen.

Wir haben in unserer Kapitaltheorie den Kapitalzins als den Preis
definiert, der’für das Recht, über eine Einheitssumme von Geld während
der Zeiteinheit zu disponieren, gezahlt wird. Dabei konnte die Geldsumme
 nur als eine abstrakte, in der formal als unveränderlich betrachteten
 Rechnungsskala ausgedrückte Summe aufgefaßt werden.
Nun, da wir die Möglichkeit einer Veränderung des Geldwertes mit in
Betracht ziehen, müssen wir den Begriff des Kapitalzinses auch mit
Hinsicht auf solche Veränderungen feststellen.
Wenn der Bankzins so niedrig gehalten wird, daß der Geldwert
fällt, wird der Geldgeber, wenn sein Darlehen zurückgezahlt wird, ein
kleineres Realkapital erhalten, als er ursprünglich hergegeben hatte,
Er hatte Kapitaldisposition auf dem Markte verkauft und sich dafür
einen gewissen Zins ausbedungen. Das Geschäft ist aber anders ausgefallen.
 Er hat das Kapital nicht ungeschmälert zurückbekommen.
Der Zins ist dann kein genügender Ersatz für seine Aufopferung. Damit
der Geldgeber auch für den dure# das Sinken des Geldwertes entstehenden
 Kapitalverlust entschädigt würde, müßte ein höherer Zins bezahlt
worden sein. Denkt man sich aber den Marktzinsfuß aus diesem Grunde
erhöht, so nähert man sich dem Zinsfuß, der keine Senkung des Geldwertes
 mehr veranlaßt.. Wird dieser Satz erreicht, dann wird der Geldgeber
 eine reine Kapitaldisposition verkaufen und den Preis dafür im
Marktzins bekommen.
Man könnte danach den wahren Kapitalzins als denjenigen Zinsfuß
 definieren, bei welchem der Geldwert unverändert bleibt. Bei diesem
Zinsfuß werden genau soviele neue Bankzahlungsmittel in Umlauf
gesetzt, wie der wachsende Verkehr bei unverändertem Preisniveau
braucht. Die Konkurrenz der Bankzahlungsmittel mit den Ersparnissen
 auf dem Kapitalmarkt kann dann als normal, der Zinsfuß, der
diesen Kapitalmarkt im Gleichgewicht hält, als der „richtige Zinsfuß‘“
 bezeichnet werden. Die Zinspolitik, die bei freier Währung darauf
hinausgeht, das allgemeine Preisniveau konstant zu halten, würde dann
mit einer Zinspolitik identisch sein, die den Bankzins in Übereinstimmung
 mit dem wahren Kapitalzins zu bringen sucht. Damit wäre
auch festgestellt, was man unter einer richtigen Leitung des Kapitalmarkts
 und einer richtigen Verteilung der Produktivkräfte auf Zukunft
und Gegenwart zu verstehen hätte. Immer haftet jedoch unvermeidlich
etwas Konventionelles an jeder solchen Fixierung des Begriffes des
Kapitalzinses. Denn in dieser Begriffsbestimmung liegt, daß die Unveränderlichkeit
 des allgemeinen Preisniveaus als „normal“ betrachtet
wird, was ja vielleicht nicht ohne weiteres als selbstverständlich bezeichnet
 werden kann, wozu kommt, daß die Bestimmung des allge-450
        <pb n="464" />
        8 59. Die Stabilität des Geldwertes. 451
meinen Preisniveaus selbst immer in der Konstruktion der Indexziffern
ein gewissermaßen konventionelles Moment enthält.
Immerhin ist es ein wesentlicher Vorteil, den Begriff des Kapitalzinses
 in dieser Weise festgestellt zu haben. Damit ist ein fester Anhaltepunkt
 gegeben für die Beurteilung mancher Fragen, in bezug auf die
noch sehr unklare Vorstellungen herrschen. Es wird z. B. oft behauptet,
Frankreich hätte sich durch seine Währungs- und Bankpolitik vor
dem Kriege den Vorteil eines niedrigen Zinsfußes bereitet. Soll dies
bedeuten, daß in Frankreich ein niedrigerer Zinsfuß gehalten wurde, als
durch die Lage des Kapitalmarkts gerechtfertigt wäre, so müßte die
französische Volkswirtschaft immer wieder zu einer übergroßen Kapitalproduktion
 und zu einer abnormen Steigerung des allgemeinen Preisniveaus
 verleitet worden sein, was offenbar unhaltbar ist.
$ 59. Die Stabilität des Geldwertes.
Die bedeutenden sekulären Variationen des Geldwertes seit Mitte
des neunzehnten Jahrhunderts haben naturgemäß die Frage aufgeworfen,
 ob es nicht möglich wäre, solche Variationen zu vermeiden
und ein Geldsystem mit im großen und ganzen unveränderlichem Geldwert
 zu schaffen. Da die Veränderungen des Geldwertes mit Recht
den Schwankungen der Goldversorgung zugeschrieben wurden, müßte
diese Frage notwendig zu der Forderung auf Ersatz der Goldwährung
durch eine vollkommenere Währung führen.
Der große Rückgang des allgemeinen Preisniveaus von Anfang der
siebziger Jahre bis Mitte der neunziger Jahre wurde von den Bimetallisten
 als Ausgangspunkt genommen für ihr Streben, eine Währung
auf der Grundlage zweier statt eines Metalls aufzubauen, um somit
unabhängiger von einer zufälligen Knappheit des einen Metalls zu
werden. Wir haben schon 8 42 nachgewiesen, daß dadurch ein fremdes
Element in das Problem der Währungsstabilität hineingetragen würde.
Dieses Problem erfordert an sich nur die Festlegung eines Preises oder,
was auf dasselbe hinauskommt, eines Durchschnitts einer gewissen
Gruppe von Preisen. Der Bimetallismus hat außerdem die Festlegung
des Verhältnisses zwischen zwei Preisen gefordert, eine Aufgabe, die
offenbar ganz an der Seite des Währungsproblems liegt.
Fisher hat den Vorschlag zur Erörterung gestellt, einen ‚, Standard-Dollar‘
 zu schaffen, der einen konstanten Goldwert aber eine variable
Goldmenge vertreten sollte. Der Goldgehalt des Dollars oder vielmehr
die Goldmenge, die hinter der abstrakten Währungseinheit ‚Dollar‘
liegt, sollte also von Zeit zu Zeit je nach der Reichlichkeit der Goldversorgung
 abgeändert werden, wodurch es möglich wäre, ein unverändertes
 Preisniveau aufrechtzuerhalten.

20*
        <pb n="465" />
        Ad Kapitel XI. Der Geldwert.
‚Gegen diesen vielbesprochenen Plan erheben sich gewissermaßen
dieselben prinzipiellen Bedenken wie gegen den Bimetallismus. Das
Binden der Währung an das Metall Gold hat einen Zweck, solange es
dadurch gelingt, das allgemeine Preisniveau wenigstens in der Hauptsache
 unverändert zu bewahren, oder solange man auf eine bessere
Regulierung des allgemeinen Preisniveaus verzichtet. Hat man aber
einmal die Unzulänglichkeit dieser Methode zur Regulierung des allgemeinen
 Preisniveaus erkannt und sich das Ziel gesetzt, ein durch
eine bestimmte Indexziffer definiertes Preisniveau, also den Gesamtpreis
 einer gewissen Warenmenge, soweit möglich, konstant zu halten,
so heißt es doch wieder ein fremdes Element in das Problem hineintragen,
 wenn man dazu noch den Versuch unternimmt, den Preis des
Goldes von Zeit zu Zeit in der so geregelten Währung festzustellen.
Dieser Versuch hat auch unverkennbar die Fishersche Reformwährung
in große Schwierigkeiten verwickelt. Das Festhalten an dem Streben,
den Goldpreis zu regulieren, hat offenbar seinen Grund in einer fehlerhaften
 Auffassung des Wesens der Goldwährung. Das Festlegen des
Goldpreises in einer Goldwährung ist, wie wir gefunden haben, an sich
kein direktes Mittel zur Reguli@&amp;amp;tung des Preisniveaus, sondern nur ein
Mittel, das durch Beeinflussung der Zinspolitik der Banken indirekt
die sekulären Variationen des Preisniveaus beherrscht. Es wäre wahrscheinlich
 auch möglich, eine Währung zu schaffen, in welcher der
Goldpreis, statt wie bei der Goldwährung konstant zu sein, bestimmte
sekuläre Veränderungen zeigte. Wenn diese Veränderungen nur passend
gewählt würden, könnte dann wohl auch ein stabileres Preisniveau
erreicht werden. Dieser Weg scheint aber ein ganz unnötiger Umweg
zu sein. Für kürzere Perioden bedeutet die Festlegung des Goldpreises
in einer Goldwährung, wie wir wissen, keine Stabilisierung des Preisniveaus.
 Im Gegenteil ist dieses Festlegen selbst nur durch eine besondere
 Beeinflussung des Goldmarkts möglich. Die periodischen
Abänderungen des Goldpreises, die Fisher vorschlägt, würden schon
aus diesem Grunde selbstverständlich in kurzen Perioden keine größere
Wirkung auf das Preisniveau ausüben können, wohl aber erheblich
größere Schwierigkeiten bereiten als das Festhalten an einem unVveränderten
 Goldpreis.
Dazu kommt, daß eine offizielle Veränderung des Goldpreises in
einer Goldwährung eine proportionale Veränderung des allgemeinen
Preisniveaus jedenfalls nur dann bewirken könnte, wenn die Zahlungsmittelversorgung
 entsprechend verändert würde. Für sekuläre Perioden
kann dies vielleicht vorausgesetzt werden, wenn der Metallgehalt
sämtlicher Goldmünzen ebenso wie die hinter den papiernen Zahlungsmitteln
 liegende Quantität Barrengold der Veränderung des Goldpreises
 entsprechend verändert wird, keineswegs aber, wenn man die
Masse der schon geprägten Münzen unverändert läßt. Wenn geprägte

AB
        <pb n="466" />
        $ 59. Die Stabilität des Geldwertes, 53
Goldmünzen die Hauptmenge der monetären Goldmenge bilden, und
diese unverändert gelassen werden, wird eine Veränderung des Goldpreises
 in kürzeren Perioden nur eine verschwindend kleine Wirkung
auf das allgemeine Preisniveau ausüben. Da also die Fisherschen
Berechnungen in allen wesentlichen Punkten unhaltbar sind, ist es
nicht nötig, auf die vielen praktischen Schwierigkeiten, die einer Durchführung
 seiner Pläne entgegenstehen, einzugehen.
Der tiefste Grund zum Mißlingen des Vorschlags von Fisher liegt
offenbar darin, daß er sich neben der Hauptaufgabe noch eine ihr
fremde Aufgabe gestellt hat, die das vorliegende Problem der Stabilisierung
 des Geldwertes verrücken oder wenigstens wesentlich erschweren
 muß. Will man ein Geldsystem mit unverändertem Geldwert
schaffen, so muß man diese Aufgabe als alleiniges Ziel aufstellen, darf
sie aber nicht mit anderen, fremden Aufgaben verbinden. Die Lösung
des Problems liegt, nach dem was oben angeführt ist, darin, daß man
von einer vollständig freien Währung ausgeht und diese durch Festlegen
 des Gesamtpreises einer bestimmten Warenmenge zu stabilisieren
sucht. Das Mittel dazu kann nur die Zinspolitik der Banken sein.
Daß es auf diesem Wege, geldtheoretisch betrachtet, möglich ist, eine
Währung ohne absehbare sekuläre Variationen des allgemeinen Preisniveaus
 zu schaffen, kann keinem Zweifel unterliegen.
Während des Weltkrieges wurde nicht nur die Goldwährung allgemein
 abgeschafft und durch Papierwährungen ersetzt, sondern es trat
auch infolge dieser Umwälzungen eine starke Verschiebung des Wertes
‚des Goldes selbst ein. Nachdem die Vereinigten Staaten die Goldwährung
 wiederhergestellt hatten, stieg das allgemeine Preisniveau in
Dollars auf ein Maximum von 272 in Mai 1920 im Verhältnis zu 100 vor
dem Kriege. Der Wert des Goldes war damals kaum 40 Prozent des
Vorkriegswertes. Der folgende Deflationsprozeß erhöhte den Wert
des Goldes auf rund 67 Prozent des Vorkriegswertes. In dieser Höhe
hat er sich in den letzten Jahren stabilisiert, indem sich das allgemeine
Preisniveau in den Vereinigten Staaten nunmehr um ungefähr 150
bewegt. (Index der Bur of Labor stat). Diese Stabilisierung ist
ein Ergebnis der amerikanischen Bankpolitik. Der Wert des Goldes
ist in der Tat in den letzten Jahren wesentlich von dem Wert des Dollars
bestimmt gewesen. Damit hat die amerikanische Goldwährung ein
wesentliches Merkmal der typischen alten Goldwährung verloren. Denn
ein Land das früher eine Goldwährung einführte, band damit sein Geld
an eine Ware, deren Wert von äußeren objektiven Umständen bestimmt
war. Die monetäre Goldnachfrage des einzelnen Landes übte natürlich
auch damals einen gewissen Einfluß auf den Wert des Goldes aus. Aber
dieser Einfluß fiel nicht sehr ins Gewicht und konnte vernachlässigt
werden. So nicht wenn nur ein einzelnes großes Land wie die Vereinigten
Sataten Goldwährung hatte, während die übrige Welt noch in der Papier-4
        <pb n="467" />
        Kap. XI. Der Geldwert.
wirtschaft stehen blieb. In vielen Ländern hat man darin auch große
Bedenken gehabt gegen die Rückkehr zu einer Goldwährung, die tatsächlich
 nur einen Anschluß an den Dollar bedeutete und die also die
eigene Währung in Abhängigkeit von der amerikanischen Bankleitung
ringen würde. Es war aber klar. daß wenn eine Mehrzahl von Länder
und ganz besonders England die Goldwährung wiederherstellten, der
Wert des Goldes einen breiteren Bestimmungsgrund bekommen würde.
| Die Rückkehr zur Goldwährung war unzweifelhaft die einzig
Möglichkeit, wenn die Welt in absehbarer Zeit wieder zu einem geordnete
Geldwesen kommen wollte. Man konnte indessen nicht davon absehen,
daß das Gold nunmehr eine viel geringere Wertstabilität besaß als
vor dem Kriege. Deshalb konnte man sich nicht mit einer einfachen
jederherstellung der Goldwährung begnügen, sondern mußte seine
estrebungen bewußt darauf einrichten, dem Golde für die Zukunf
eine einigermaßen befriedigende Wertstabilität zu geben. Da die Goldversorgung
 der Welt, wie wir oben gesehen haben, entschieden zu
knapp geworden war, konnte das allgemeine Preisniveau in der bestehenden
 Höhe nur dann erhalten werden, wenn die monetäre Goldnachfrage
der Welt systematisch beschräsikt werden könnte. Zu diesem Zwec
gab es zwei Mittel: die Konzentration der Kassenhaltung der Zentralbanken
 in einigen wenigen großen Reservezentren wie z. B. London
und New York, und das endgültige Verzichten auf die Anwendung
on Gold als zirkulierendem Zahlungsmittel. Das erste Mittel wurde
on der Internationalen Finanzkonferenz zu Genua in 1922 einstimmig
empfohlen. Das zweite Mittel, das ich schon damals befürwortete,
ist später in den europäischen Ländern allmählich als notwendig beunden
 worden. Es ist sehr bezeichnend, daß zwei der wichtigsten
Währungen, die nunmehr auf Goldbasis neugeordnet sind, nämlich die
Deutsche und die Englische, beide auf eine Goldzirkulation verzichtet
aben. Nach großen Umwälzungen wird nur der Kern früherer Einrichtungen
 behalten, während das Nebensächliche beiseite gelassen
wird. Die neue englische Goldwährung ist der Typus der wesentlichen
Goldwährung, wie sie in diesem Werke dargestellt worden ist, nämlich
ine Goldwährung, die nichts anderes ist als eine Papierwährung, wo
der Preis des Goldes innerhalb gewisser enger Grenzen fixiert ist. Die
übrigen technischen Bestimmungen über Münzprägung, Münzeinziehung
und dergleiche Details, denen die älteren Lehrbücher ein so unverhältnismäßiges
 Gewicht beilegten, sind jetzt von der Praxis endgültig
auf den Schrotthaufen geworfen worden.
„Für eine Reihe von Jahren kann mit Hilfe des in den Vereinigten
Staaten angesammelten Goldüberflusses die drohende Goldknappheit
überwunden werden. Bis Ende November 1924 hat sich das Gold überwiegend
 nach den Vereinigten Staaten bewegt, mit der Folge, daß de
1onetäre Goldvorrat des Landes auf die gewaltige Ziffer von 4,547 Mill.

454
        <pb n="468" />
        $ 59. Die Stabilität des Geldwertes. 555
Dollar (Ende 1924) gesteigert worden ist, und die Deckungsquote der
Federal Reserve Banken, also das Verhältnis zwischen Reserven einerseits
 und Noten und Depositen andererseits, häufig die Ziffer 80 Prozent
überstieg. Von diesem großen Goldfonds konnte ein beträchtlicher Teil
als Reserve für die künftigen Bedürfnisse der Welt betrachtet werden,
und es war zu erwarten, daß diese Reserve allmählich in Anspruch
genommen werden sollte, wenn die übrige Welt zur Goldwährung
zurückkehrte. In Wirklichkeit begann diese Bewegung schon mit
Dezember 1924. In der Zeit Dezember 1924 bis Juli 1925 betrug der
Nettoexport von Gold von den Vereinigten Staaten 179,7 Mill. Dollars.
Damit ist aber schon ein beträchtlicher Teil des einmaligen europäischen
Goldbedarfs befriedigt und bei vernünftiger Begrenzung der monetären
Goldansprüche wird der angesammelte Goldüberfluß der Vereinigten
Staaten ziemlich lange hinreichen, um die Goldknappheit der übrigen
Welt auszugleichen, so daß das allgemeine Preisniveau auf ungefähr
unveränderter Höhe erhalten werden kann.
Es geht aber aus den so gegebenen Voraussetzungen hervor, daß die
künftige Stabilisierung des Goldwertes von einer zielbewußten Regulierung
 desselben abhängig sein wird. Diese Regulierung erfordert
aber offenbar ein Zusammenwirken der leitenden Zentralbanken, ein
Zusammenwirken, das in der Tat seit einer Zeit zustande gekommen ist
und schon sehr gute Erfolge aufzuweisen gehabt hat. Die Mittel zu
einer solchen Regulierung des internationalen Geldwertes ist vor allem
ein Einverständnis zwischen England und den Vereinigten Staaten mit
Bezug auf die von den beiden Ländern zu folgende Diskontopolitik,
wobei Rücksicht darauf genommen wird, daß das Preisniveau möglichst
unverändert bleibt, gleichzeitig wie die Parität der beiden Valuten aufrecht
 erhalten wird. .
Gegen das Interesse der Weltwirtschaft von einer Stabilisierung
des bestehenden Preisniveaus steht das mächtige Interesse der Goldproduzenten
 von einer möglichst starken Erhöhung des gegenwärtigen
niedrigen Wertes des Goldes, also von einer Senkung des allgemeinen
Preisniveaus. Die Rentabilität der Goldgruben ist in hohem Grade
von dem allgemeinen Preisniveau abhängig und die Erhöhung desselben
nach 1914 ist in vielen Ländern für die Goldproduktion verhängnisvoll
gewesen. Die südafrikanischen Goldproduzenten fürchten, daß wenn das
südafrikanische Preisniveau einmal Zeit gehabt hat, sich an das Weltniveau
 näher als bisher geschehen ist anzupassen, ein beträchtlicher Teil
der Goldgruben Transvaals auch unrentabel werden. Es kann deshalb
kaum wundernehmen, daß die Goldproduzenten alles tun, um die
Nachfrage nach Gold zu stärken, und also das Programm einer systematischen
 Beschränkung der Nachfrage zu bekämpfen. Besonders
setzt die südafrikanische Goldproduktion große Hoffnungen an den
indischen Markt. Wenn es gelingen könnte, Goldsovereigns in Indien

45
        <pb n="469" />
        ? Kap. XI. Der Geldwert.
in Umlauf zu bringen und wenn diese Goldsovereigns in Südafrika
geprägt und direkt nach Indien verschifft werden könnten, so würde
sich für die südafrikanische Goldproduktion ein sehr weites Absatzgebiet
 eröffnen. (S. mein Gutachten an d. R Comm. Ind. Curr. 1926).
Wir finden also, daß ein scharfer Gegensatz zwischen dem Interesse
der Goldproduktion und demjenigen der Weltwirtschaft besteht. Kann
keine Lösung dieses Gegensatzes gefunden werden, so wird die Weltwirtschaft
 unvermeidlich vor die Notwendigkeit ‘gestellt werden, sich
von der Abhängigkeit von dem Golde frei zu machen und. ein vom Golde
unabhängiges Geldsystem aufzubauen. Die geldtheoretische Möglichkeit
 eines solchen Systems ist in diesem Werke dargelegt worden. Die
Möglichkeit eines Zusammenwirkens verschiedener Länder zur Stabilisierung
 der Kaufkraft ihrer Valuten unter Aufrechterhaltung einer konstanten
 Parität ist schon durch die Erfahrung bewiesen worden, und
es steht zu erwarten, daß eine fortgesetzte Übung in dieser Kunst den
Übergang zu bewußt und in Einverständnis regulierten Papierwährungen
einmal als eine natürlichere und leichtere Sache erscheinen lassen wird,
als er bisher aufgefaßt werden konnte.
Zum Schluß muß hier auch ds Ziel, das einer eventuell gewonnenen
Herrschaft über das Gold zu setzen wäre, näher geprüft werden. Daß ein
unverändertes Preisniveau oft als selbstverständliches Ideal betrachtet
wird, hängt wohl damit zusammen, daß man in diesen wie in so manchen
anderen Fragen mehr oder weniger unbewußt von der Voraussetzung
einer stationären Volkswirtschaft ausgeht. Sobald man aber eine fortschreitende
 Volkswirtschaft betrachtet, wird es klar, daß die Frage auch
andere Seiten hat. Der Fortschritt besteht außer in einer Vermehrung
der menschlichen Arbeitskräfte in einer Erhöhung ihrer Produktivität.
Wenn die Produktivität mit einem gewissen jährlichen Zuwachsprozent
steigt, kann man sich denken, einerseits, daß die Warenpreise unverändert
 bleiben und also die Einkommen der Produzenten mit dem
genannten Prozentsatze steigen, oder andererseits, daß die Produzenten-Einkommen
 konstant bleiben, dafür aber die Warenpreise mit dem genannten
 Prozentsatze sinken. In einem gegebenen Augenblick ist
natürlich die Höhe des allgemeinen Preisniveaus vollständig gleichgültig.
 Nur die Veränderungen des Preisniveaus spielen eine Rolle,
und die Bedeutung derselben kann nur zutage treten, wenn man die
Lage des Preisniveaus in zwei verschiedenen Zeiten zu vergleichen hat,
also bei Geschäften, die zwei verschiedene Zeitpunkte verbinden. Als
Typus solcher Geschäfte kann das Darlehen dienen. Die ganze Frage
der praktischen Bedeutung der Stabilisierung des Geldwertes muß in
erster Linie vom Gesichtspunkt des Verhältnisses zwischen Darleiher
und Entlehner betrachtet werden. Wenn bei steigender Produktivität
die Warenpreise unverändert bleiben, wird ein Geldgeber eine Summe
zurückbekommen, die dieselbe reale Warenmenge repräsentiert wie das

456
        <pb n="470" />
        860. D. Ausgleich d. Zahlungsbilanz. Erster Fall: Freie unabhäng. Währungen. . 457
ursprüngliche Darlehen. Er wird also keinen Vorteil von der gesteigerten
Produktivität haben, er wird relativ zurückgesetzt. Der ganze Vorteil
fällt dann dem Geldnehmer zu, der, falls er, wie meistens, ein Produzent
ist, von der gesteigerten Produktivität bei unveränderten Produktenpreisen
 direkt profitiert oder, falls er z. B. ein Staat ist, der für Konsumtivzwecke
 leiht, seine finanzielle Kraft durch das steigende Volkseinkommen
 gesteigert sieht. Sinken dagegen die Warenpreise in demselben
 Tempo, wie die Produktivität steigt, so bekommt der Geldgeber
seinen Anteil! an der gesteigerten Produktivität, während der Geldnehmer
 in bezug auf das Darlehn keinen Nutzen von der gesteigerten
Produktivität hat.
Welche Alternative vorzuziehen ist, oder ob ein Mittelweg gewählt
werden soll, ist eine Frage, in der große Interessen einander gegenüberstehen,
 und auf welche eine Deduktion von einer abstrakten Gerechtigkeit
 keine Antwort geben kann. Der entscheidende Gesichtspunkt
muß unter solchen Umständen die Wohlfahrt der Gesamtheit sein. Nun
kann es keinem Zweifel unterliegen, daß ein Geldsystem mit konstantem
Preisniveau für die Entwicklung des Wirtschaftslebens ungleich günstiger
ist als ein Geldsystem, wo immer mit einem Sinken der Warenpreise zu
rechnen ist, das wohl unvermeidlich eine gewisse hemmende Wirkung
auf die Produktion ausüben muß. Im gemeinsamen Interesse aller
Beteiligten von einem möglichst blühenden Wirtschaftsleben dürfte
also ein unveränderlicher Geldwert entschieden vorzuziehen sein. Daztı
kommt natürlich, daß die Regulierung des allgemeinen Preisniveaus in
hohem Grade erschwert ist, sobald man sich ein anderes Ziel als die
Aufrechterhaltung eines unveränderten Preisniveaus setzt und auch ein
Sinken des Preisniveaus in gewissem Verhältnis zur steigenden Produktivität
 erreichen will. Denn es muß dann in jedem Augenblick festgestellt
 werden, wie stark die augenblickliche Steigerung der Produktivität
 ist, was natürlich eine sehr schwierige Aufgabe ist.
Zwölftes Kapitel.
Die internationalen Zahlungen.
8 60. Der Ausgleich der Zahlungsbilanz.
Erster Fall: Freie unabhängige Währungen.
Bisher haben wir in unseren Betrachtungen die internationalen
Zahlungen meistens beiseite gelassen und unsere Aufmerksamkeit auf
die Aufgaben und die Stellung des Geldes innerhalb der Volkswirtschaft
konzentriert, dies sowohl wegen der Vereinfachung der Geldtheorie,
        <pb n="471" />
        Kap. XII. Die internationalen Zahlungen.
die ‚dadurch gewonnen wird, wie auch deshalb, weil es vor allem notwendig
 ist, zu zeigen, wie in der geschlossenen Volkswirtschaft das Geld
unktioniert und besonders ein bestimmter Geldwert aufrechterhalten
wird, weil m. a. W. die Tauglichkeit einer Geldtheorie in erster Linie an
dem einfachsten Fall der geschlossenen Volkswirtschaft geprüft werden
muß. Nunmehr haben wir auch die internationale Funktion des Geldes
mit in Betracht zu ziehen. Es wird sich zeigen, daß die Behandlun
dieser Frage durch die vorhergehende Untersuchung über das Geld
der geschlossenen Volkswirtschaft erheblich vereinfacht wird. Dabei
soll auf die Technik der internationalen Zahlungen nur soweit einegangen
 werden, wie es für eine vollständige Aufklärung der Geldheorie
 unumgänglich nötig ist, im übrigen muß aber auf die speziellen
Handbücher verwiesen werden.
Stellen wir uns zunächst zwei Länder mit freien, gegenseitig unabhängigen
 Währungen vor. Zahlungen zwischen diesen beiden Ländern
können offenbar nur durch Ausgleich gegenseitiger Forderungen
bewerkstelligt werden. Wie vollzieht sich nun ein solcher Ausgleich?
Das reguläre internationale Zahlungsmittel ist der Wechsel. Das
folgende ist das einfache Schema für den Ausgleich internationaler
ahlungsverpflichtungen durch Wechsel. Die Warenexporteure des
Landes A verkaufen Waren an das Land B gegen Wechsel in der Währung
 des Landes B. Diese Wechsel werden im Lande A nachgefragt
on den Käufern der Waren des Landes B und von diesen als Zahlung
an das Land B gesandt. Im Lande B werden die Wechsel von den
kzeptanten eingelöst. Man sieht, daß nach diesem Schema sämtliche
ahlungen in der Valuta des Landes B stattfinden. Es ist zu beachten,
daß Zahlungen zwischen zwei Ländern auch so bewerkstelligt werden
önnen, wie sie nach diesem Schema von den Importeuren des Landes
emacht werden. Solange Gleichgewicht zwischen den gegenseitigen
Forderungen besteht, genügt offenbar dieses System zum Ausgleich
aller Zahlungsverpflichtungen zwischen den beiden Ländern.
_ Was wird nun im Lande A für einen Wechsel auf das Land B bezahlt?
 Der Grund, warum Wechsel auf B im Lande A nachgefrag
werden, ist, daß sie Kaufkraft auf dem Markte des Landes B darstellen.
Diese Kaufkraft wird offenbar desto höher bewertet werden, einerseits
je niedriger das allgemeine Preisniveau im Lande B sieht, m. a. W. je
höher der Geldwert in diesem Lande ist, andererseits je höher das allemeine
 Preisniveau im Lande A selbst steht. Der Preis des Wechsels
auf das Land B muß demnach, als ein Ausdruck für die Schätzung der
aluta des Landes B in der Währung des Landes A wesentlich bestimm
sein vom Verhältnis zwischen Geldwert in B und A. Dieses Verhältnis
ist die Kaufkraftparität der beiden Valuten.
. „Den Preis der Einheit der Valuta des B im Gelde des A nennt maı
im Lande A den Wechselkurs auf das Land B. (In England wird jedoch

458
        <pb n="472" />
        $ 60. D. Ausgleich d. Zahlungsbilanz. Erster Fall: Freieunabhäng. Währungen. 459
in den meisten Fällen umgekehrt der Wechselkurs als der Betrag der
ausländischen Valuta, der für die Einheit der inländischen Valuta, also
ein Pfund Sterling, gekauft werden kann, notiert.) Der wesentliche
Bestimmungsgrund des Wechselkurses ist also die Kaufkraftparität,
die in der Tat die Normallage des Wechselkurses repräsentiert.
Es ist nicht möglich die Kaufkraftparität auf Grund der hier angegebenen
 Definition exakt zu berechnen. Die Preisniveaus in zwei verschiedenen
 Papiervaluten sind nämlich nicht ganz vergleichbar. Wir
können wohl feststellen, daß die Preise durchschnittlich in dem einen
Lande, sagen wir rund zehnmal so hoch sind wie in dem anderen. Ein
exakter Vergleich wäre aber nur möglich, wenn die verschiedenen Preise
in dem einen Lande in demselben Verhältnis zueinander ständen wie
in dem anderen. Dann würde aber kein Austausch von Waren zwischen
den beiden Ländern zustande kommen. Der internationale Handel
setzt eben voraus, daß in dieser Beziehung eine bedeutende Ungleichförmigkeit
 vorhanden ist, daß also im angenommenen Beispiel gewisse
Waren mehr als zehnmal so teuer in dem einen Lande wie in dem anderen,
dafür aber andere Waren weniger als zehnmal so teuer sind. Unter
solchen Verhältnissen wird — wie wir im fünften Buche, wo wir die
Theorie des Internationalen Handels zu betrachten haben, näher sehen
werden ($ 88) — ein Warenaustausch zwischen den beiden Ländern
bei einem geeigneten Wechselkurse stattfinden. Dieser Wechselkurs wird
fixiert durch die Bedingung, daß im Warenaustausch ein Gleichgewicht
bestehen soll, so daß das eine Land seine Einfuhr von dem anderen mit
seiner Ausfuhr an dasselbe bezahlen kann. Der so fixierte Wechselkurs
stellt offenbar die Normallage des Wechselkurses dar und kann als eine
genauere Definition der Kaufkraftparität gelten.
Eine Verschiebung des allgemeinen Preisniveaus des einen Landes
im Verhältnis zu demjenigen des anderen muß offenbar die Kaufkraftparität
 und damit auch die Normallage des Wechselkurses verändern.
Dies ist besonders deutlich hervorgetreten während der großen Umwälzungen
 der inneren Kaufkraft der verschiedenen Valuten, die nach
1914 stattgefunden haben. Wenn zwei Länder A und B beide eine Inflation
 erlebt haben, die aber in A das allgemeine Preisniveau nur verdoppelt
 hat, während in B das Preisniveau auf das sechsfache gesteigert
worden ist, so ist die Kaufkraftparität der B-Valuta in der A-Valuta
gerechnet nunmehr nur % von ihrem früheren Betrag. Die Normallage
des Wechselkurses auf B muß dann ebenfalls auf % der früheren Normallage
 gesunken sein. Die neue Normallage eines Wechselkurses kann
also dadurch berechnet werden, daß man die frühere mit der Quote
zwischen der Inflation, die in dem einen und dem anderen Lande stattgefunden
 hat, multipliziert. In dieser Weise kann man also eine neue
Kaufkraftparität auf Grund einer bekannten alten Kaufkraftparität
berechnen.
        <pb n="473" />
        4 ) Kap. XII. Die internationalen Zahlungen.
Dieses Ergebnis der theoretischen Analyse, das in den ersten Jahren
der monetären Umwälzungen so viel Widerstand erweckte, weil es so
stark von den herrschenden Anschauungen abwich, ist nunmehr durch
eine überaus reiche Erfahrung vollauf bestätigt. Nachdem einigermaßen
normale Verhältnisse auf dem. Gebiete des Welthandels wieder eingetreten
 sind, zeigt es sich, daß die Wechselkurse der verschiedenen Valuten
 zu Normallagen tendieren, die von ihren neuen, in der hier angegebenen
 Weise berechneten, Kaufkraftparitäten bestimmt sind.
Streng genommen müßte berücksichtigt werden, daß die Normallagen
etwas verändert sein könnten infolge von Veränderungen in der ganzen
wirtschaftlichen Lage der betreffenden Länder und in den Bedingungen
ihres Güteraustausches. Die tatsächlichen Bewegungen der Wechselkurse
 zeigen aber, daß, wenigstens soweit man bisher überblicken kann,
solche Veränderungen in der Bestimmung der neuen Normallage keine
beträchtliche Rolle spielen.
Durch die Kaufkraftparität ist wohl die Normallage des Wechselkurses
 bestimmt. Es ist aber nicht sicher, daß die tatsächlichen Wechselkurse
 auch immer mit dieser Normallage übereinstimmen. In Wirklichkeit
 treten Abweichungen hervor und zwar von zwei verschiedenen
Kategorien, nämlich erstens infolge von äußeren Umständen, die nur
ausnahmsweise auftreten, und zweitens als Ergebnis der stets vorhandenen
 Schwankungen der Marktlage,
Unter den extraordinären Faktoren, die eine große Abweichung
der Wechselkurse von der Kaufkraftparität bewirken, haben wir in erster
Linie die Unterschätzung einer Valuta infolge einer erwarteten inneren
Verschlechterung zu nennen. Eine solche Unterschätzung bedeutet
eigentlich nur eine Diskontierung der erwarteten Wertverminderung.
In den Fällen, wo eine Valuta einer fortgesetzten starken Inflation ausgesetzt
 worden ist, hat diese internationale Unterschätzung der Valuta
zuweilen einen sehr großen Umfang angenommen. Das Gegenstück zu
einer solchen Unterschätzung ist natürlich die Überschätzung stabiler
Valuten.in einer solchen inflationierten Valuta. Eine selbständige Überbewertung
 einer Valuta kann, wie besonders die Erfahrungen Dänemarks
und Norwegensin 1925 und 1926 bewiesenhaben, zustande kommen, wenn
die Welt damit rechnet, daß die Valuta durch eine systematische Deflation
eine höhere innere Kaufkraft erhalten wird. Dann wird auch diese
Steigerung des inneren Werts von den ausländischen Märkten diskontiert.

Eine zweite Ursache zu einer Unterschätzung einer Valuta liegt in
Maßnahmen zur Erschwerung der Ausfuhr, wie z. B. Exportverbote,
hohe Exportzölle, besondere Preiserhöhungen für Ausländer und dergleichen.
 Die drückende Wirkung solcher Maßnahmen auf die internationale
 Schätzung der Valuta ist unmittelbar klar, wenn wir nur
daran festhalten, daß das Ausland wesentlich nur deshalb etwas für die

al
        <pb n="474" />
        8 60. D. Ausgleich d. Zahlungsbilanz. Erster Fall: Freie unabhäng. Währungen 461
Valuta zahlt, weil sie Kaufkraft auf dem inneren Markte darstellt.
Streng genommen muß jede einseitige Erschwerung des Handels zwischen
zwei Ländern den Wechselkurs zwischen ihnen beeinflussen. Die gewöhnlichen
 handelspolitischen Maßnahmen, wie Zollveränderungen
und dergleichen, scheinen aber keinen sehr beträchtlichen Einfluß auf
den Wechselkurs auszuüben.
Eine internationale Unterschätzung einer Valuta wirkt als eine
besondere Aufmunterung der Ausfuhr und gleichzeitig als eine besondere
Erschwerung der Einfuhr, Die Exportprämie, die die Exporteure infolge
der außerordentlichen Steigerung der ausländischen Wechselkurse genießen,
 erhöht ihre Konkurrenzfähigkeit auf den ausländischen Märkten,
was wiederum von ausländischen Produzenten häufig sehr unangenehm
empfunden wird. Auch hat die sogenannte Valuta-dumping vielfach
zu zollpolitischen Maßnahmen zur Verhinderung einer solchen besonders
begünstigten Einfuhr geführt. In der Behandlung solcher Fragen sollte
immer genau beachtet werden, daß eine besondere Begünstigung der
Ausfuhr eines Landes nur infolge einer internationalen Unterbewertung
der Valuta entsteht, und daß eine niedrige Valuta die Ausfuhr eines
Landes nicht besonders befördert, so lange die ausländische Bewerwertung
 mit der Kaufkraftparität übereinstimmt.
Nach der früher herrschenden Auffassung sollte der Wechselkurs
zwischen zwei Ländern lediglich von der Marktlage, d. h. vom Angebot
und Nachfrage von Wechseln, bestimmt sein. Die vollständige Unzulänglichkeit
 dieser Auffassung, die überhaupt keinen Bestimmungsgrund
für die Normallage geben konnte, hat sich während der Umwälzungen
des Geldwesens nach 1914 erwiesen. Erst wenn man die Kaufkraftparität
 als bestimmend für die Normallage des Wechselkurses erkannt
hat, kann man überhaupt mit Hoffnung auf Erfolg zu einer Untersuchung
über die Einwirkung der Marktlage auf den Wechselkurs übergehen.
Ohne Zweifel können zufällige Schwankungen des Wechselkurses
durch zufällige Ungleichmäßigkeiten der Zahlungsbilanz veranlaßt
werden. Solche Ungleichmäßigkeiten der Zahlungsbilanz treten vor
allem im Mangel an Übereinstimmung zwischen Angebot und Nachfrage
von Wechseln zutage. Sobald Wechsel auf B in dem Lande A knapp
werden, d. h. sobald beim herrschenden Wechselkurs die Nachfrage
nach Wechseln das Angebot überwiegt, muß offenbar der Wechselkurs
steigen. Gewöhnlich scheint man sich vorgestellt zu haben, daß man
mit dieser Erklärung eine genügende Theorie des Wechselkurses gegeben
hätte. Dies ist natürlich nicht der Fall. Es ist in einer solchen Frage
immer notwendig klarzulegen, wie schließlich eine Gleichgewichtslage
zustande kommt und in welcher Weise die gedachte Preissteigerung
dabei mitwirkt.
Die Stabilität der Preisbildung setzt doch immer voraus, daß eine
Preissteigerung die Nachfrage beschränkt oder das Angebot erhöht, oder
        <pb n="475" />
        S Kap. XII. Die internationalen Zahlungen.
beides auf einmal tut, so daß ein Gleichgewicht zwischen Angebot und
Nachfrage wieder hergestellt wird. Wie kann nun eine Steigerung des
Wechselkurses die Nachfrage nach Zahlungsmitteln auf das Land B vermindern
 oder das Angebot solcher Zahlungsmittel vermehren? Das ist
die Frage, welche die Theorie des Wechselkurses zu beantworten hat.
Diese Frage hängt eng mit derjenigen zusammen, wie zufällige
Ungleichmäßigkeiten der internationalen Zahlungsbilanz ausgeglichen
werden. Ein solcher Ausgleich findet auf zwei Hauptwegen statt:
zeitliche Verschiebung der Zahlungen und Veränderung der Forderungsbilanz.
 Unter dem Titel: „Zahlungsverschiebungen‘‘ können wir folgende
Operationen rechnen:
a) Aufschub von Zahlungen (Prolongation, Zahlungsverschiebung
in der Richtung von Gegenwart nach Zukunft);
b) Diskontierung von noch nicht fälligen Forderungen, hauptsächlich
 Wechseln (Zahlungsverschiebung in der Richtung von
Zukunft nach Gegenwart);
c) eigentliche Anleihen, oft in der Form von Finanzwechseln,
Schatzwechseln u. dgl. (gleichbedeutend mit einer Zahlungsverschiebung
 in die Zukunft).
Als Anleihen zum Ausgleich zufälliger Schwankungen der Zahlungsbilanz
 kommen natürlich hauptsächlich kurzfristige Anleihen in Frage,
während eine dauernde Unterbilanz durch feste Anleihen ausgeglichen
werden muß.
Zum Ausgleich einer ungünstigen Zahlungsbilanz dient ferner die
Schaffung neuer Forderungen auf das Ausland durch vermehrten
Warenexport oder Effektenexport sowie auch die Beschränkung neuer
Schuldverpflichtungen durch verminderten Waren- und Effektenimport.
Es liegt auf der Hand, daß eine ungünstige Zahlungsbilanz durch
diese Mittel verbessert werden kann. Sie werden nun alle durch einen
steigenden Wechselkurs für Auslandsvaluta in stärkere Wirksamkeit
gesetzt, obwohl sie in sehr verschiedenem Grade für Veränderungen des
Wechselkurses empfindlich sind. Bei hohem Wechselkurs werden wohl
Zahlungen in gewissem Umfange aufgeschoben, wodurch also die augenblickliche
 Nachfrage nach Zahlungsmitteln beschränkt wird. Dies dürfte
jedoch keine größere Rolle für den Ausgleich der Zahlungsbilanz
spielen. In der Hauptsache wird dieser Ausgleich durch Schaffen von
Avistazahlungsmitteln auf das Ausland bewirkt. Daß eine Steigerung
der Wechselkurse die Diskontierung noch nicht verfallener Forderungen
im Auslande sowie auch die Aufnahme von ausländischen Anleihen befördert,
 erklärt sich durch den höheren Preis, den in dieser Weise geschaffene
 ausländische Guthaben bei hohem Wechselkurs auf dem inländischen
 Markt erreichen. In derselben Weise erklärt sich die Einwirkung
 der Wechselkurse auf den Export: Solange das allgemeine Preisniveau
 im Inlande noch unverändert bleibt, haben die Produzenten des

462
        <pb n="476" />
        8 61. Zweiter Fall: Metallische Währungen. 3
Inlandes eine Möglichkeit durch Export von Waren und Verkauf der
Valuta auf dem inländischen Markt die Steigerung des Wechselkurses
sich zugute zu machen. Ähnlich können Spekulanten Wertpapiere auf
der inländischen Börse ankaufen, nach dem Auslande exportieren und
die erzielte Valuta im Inlande verkaufen und also wieder die Steigerung
des Wechselkurses als Gewinn einheimsen. Selbstverständlich ist der
Effektenhandel wesentlich empfindlicher für Schwankungen des Wechselkurses
 als der Warenhandel.
Es ist ferner noch zu beachten, daß die stimulierende Wirkung eines
gesteigerten Wechselkurses auf die Exporteure sich nur so lange geltend
machen kann, als die Preise im Inlande nicht steigen. Hat eine der
Steigerung des Wechselkurses entsprechende Preissteigerung im Inlande
 stattgefunden, verschwindet jeder besondere Vorteil für den Exporteur.
 Der gesteigerte Wechselkurs ist dann lediglich ein Ausdruck
für eine Verschiebung, die zwischen dem Geldwert des Inlandes und
demjenigen des Auslandes stattgefunden hat. Eine solche Verschiebung
 hat ja keine Bedeutung für die Zahlungsbilanz der beiden Länder,
sie bedeutet ja nur, daß die Kaufkraftparität, also die wahre Normallage
des Wechselkurses sich verschoben hat.
Jede Diskussion über die Bestimmung der Wechselkurse durch die
Marktlage muß davon ausgehen, daß eine Ungleichmäßigkeit der Zahlungsbilanz
 immer ausgeglichen werden muß, und daß deshalb die
Zahlungsbilanz am Ende eine vollständige Übereinstimmung zwischen
Debet und Kredit zeigen muß und dies nicht nur für längere Perioden
sondern auch für jeden einzelnen Tag. Eine Verschiebung des Wechselkurses
 ist also nicht als ein Ergebnis einer mangelnden Übereinstimmung
zwischen Angebot und Nachfrage von ausländischen Zahlungsmitteln
zu erklären, sondern muß vielmehr als ein Mittel aufgefaßt werden,
das dem Markt schließlich zur Ausgleichung der Zahlungsbilanz verhilft.
8 61. Zweiter Fall: Metallische Währungen.
Wir gehen nunmehr zu dem Fall über, in dem beide Länder
metallische Währungen haben. Diese Währungen können nun zunächst
verschieden sein. Nehmen wir an, das eine Land hat Gold-, das andere
Silberwährung. Die Währungen sind dann nicht länger wie im vorigen
Paragraphen vollständig unabhängig voneinander. Die Inhaber einer
Goldvaluta können gegen diese das Metall Silber erwerben und im
Silberlande prägen lassen. Der Wert der Silbervaluta in der Goldwährung
 hängt also vom Preis des metallischen Silbers ab. Es besteht
somit ein bestimmter Zusammenhang zwischen den beiden Währungseinheiten,
 das Wertverhältnis zwischen ihnen wird in wesentlichem
Grade vom Wertverhältnis zwischen Silber und Gold auf dem offenen

46;
        <pb n="477" />
        464 Kap. XII. Die internationalen Zahlungen.
Metalimarkt bestimmt, der Wechselkurs kann sich nicht allzuviel von
demjenigen Wechselkurs entfernen, der diesem Wertverhältnis zwischen
Silber und Gold entspricht. Die Abweichungen des Wechselkurses von
diesem Normalkurs sind derselben Natur wie die Abweichungen vom
Parikurs in dem Falle, daß beide Länder dieselbe Metallwährung haben,
und brauchen also nicht besonders erklärt zu werden.
Noch näher ist der Zusammenhang zwischen den beiden Währungen,
wenn sie auf ein und dasselbe Metall begründet sind. Nehmen wir
also an, daß beide Länder Goldwährung haben. Dies bedeutet, daß die
Bewegung des Goldpreises in beiden Ländern zwischen zwei ziemlich
engen Grenzen beschränkt ist. Es ist also immer möglich für den Besitzer
 der A-Valuta, durch Kauf von Gold im Lande A und Verkauf desselben
 im Lande B die B-Valuta zu erwerben. Die höchsten Kosten für
den Erwerb der B-Valuta auf diesem Wege entstehen, wenn der Goldpreis
 im Lande A an der oberen durch die Goldwährung des Landes A
zugelassenen Grenze steht und gleichzeitig der Goldpreis im Lande B
sich an seiner unteren Grenze befindet, die niedrigsten Kosten wieder
beim niedrigsten Goldpreis in A und höchsten in B. Die Kosten, die im
Lande A für den Erwerb der Einheit der B-Valuta durch Versendung
von Gold nach dem Lande B entstehen, nennt man den Goldpunkt
für Goldausfuhr vom Lande A oder den oberen Goldpunkt
für das Land A. Dieser obere Goldpunkt kann nach dem Gesagten
innerhalb gewisser Grenzen schwanken. Er wird außer von den Einund
 Verkaufspreisen des Goldes auch von den Versendungskosten, die
jedoch als konstant betrachtet werden können, bestimmt.
Es ist andererseits auch stets möglich für den Besitzer der B-Valuta,
durch Kauf von Gold im Lande B und Verkauf desselben im Lande A
die A-Valuta zu erwerben. Was er dabei für die Einheit der B-Valuta
erhält, hängt von den Goldpreisen in den beiden Ländern ab. Das
meiste erhält er, wenn der Goldpreis im Lande B auf seinem Minimum
und gleichzeitig der Goldpreis im Lande A auf seinem Maximum steht,
das wenigste, wenn das Umgekehrte zutrifft. Den Betrag, der durch
Goldsendung von B nach A für die Einheit der B-Valuta erhalten
werden kann, nennt man den Goldpunkt für Goldeinfuhr nach
dem Lande A oder den unteren Goldpunkt für das Land A.
Beide Goldpunkte sind also innerhalb gewisser Grenzen variabel.
Sie sind jedoch in jedem Augenblick gegeben und bezeichnen dann
die äußersten Grenzen der Schwankungen des Wechselkurses. Über den
oberen Goldpunkt kann der Preis der Einheit der B-Valuta nicht
steigen, denn dann würde man statt Wechsel zu kaufen, doch lieber
Gold versenden oder vielmehr, Spekulanten würden Gold versenden,
Wechsel darauf ziehen und diese Wechsel auf dem Markt verkaufen,
was offenbar, der Konkurrenz zufolge, den Wechselkurs auf den Goldpunkt
 herabdrücken müßte. Umgekehrt kann der Wechselkurs auch

I
        <pb n="478" />
        $ 61. Zweiter Fall: Metallische Währungen. 455
nicht unter den unteren Goldpunkt fallen. Denn der Inhaber von
Wechseln auf B würde sich einen so niedrigen Preis nicht gefallen lassen,
sondern lieber seine Wechsel im Lande B verkaufen und den Erlös in
Gold einziehen, oder die Arbitrage würde die Wechsel auf B ankaufen
und durch Goldeinfuhr in A-Valuta umwandeln, wodurch, der Konkurrenz
 zufolge, der Wechselkurs auf den unteren Goldpunkt hinaufgetrieben
 werden müßte.
Nehmen wir ein konkretes Beispiel von den vor dem Kriege herrschenden
 normalen Verhältnissen! Bei Goldsendungen von London
nach Berlin hatte man z. B. meistens mit einem Ankaufspreis in London
von 77 sh. 10%, d. pro Unze Standardgold (theoretisches Pari), zuweilen
aber auch etwas mehr zu rechnen. In Berlin konnte das Gold immer zum
Preis 2784 Mark pro kg Feingold (der gesetzliche Ankaufspreis der
Reichsbank) verkauft werden. Dies entsprach 20,385 Mark für das
Pfund Sterling, wovon noch die Versandkosten mit etwa 0,045 Mark in
Abzug kamen, so daß ein Erlös von 20,34 Mark für das Pfund Sterling
berechnet werden konnte, während die theoretische Parität der Sterlingsvaluta
 in Reichsmark 20,4294 betrug. Umgekehrt konnte ein Pfund
Sterling in London durch Goldsendung von Berlin gewöhnlich zu einem
Preis von etwa 20,50 Mark erworben werden. Die Ziffern 20,34 und
20,50 Mark pflegten als die Berliner Goldpunkte für Goldeinfuhr und
Goldausfuhr angegeben zu werden. Zuweilen konnten wohl diese Goldpunkte
 je nach dem Wechsel der Goldpreise in London und Berlin ein
wenig verschoben werden, in der Hauptsache bezeichneten sie aber die
Grenzen der Bewegungen des Wechselkurses zwischen den beiden
Plätzen.
Vom Gesichtspunkte der internationalen Zahlungen ist also die
Goldwährung als eine freie Währung zu betrachten, bei der die Bewegung
 des Wechselkurses auf ein anderes Goldwährungsland innerhalb
zweier etwas variablen, aber immer ziemlich engen Grenzen beschränkt
ist. Diese Begrenzung wird so lange bestehen, als die Goldwährung
in den beiden Ländern effektiv aufrechterhalten wird, d. h. solange
Gold zu einem Preise innerhalb der währungsgesetzlichen Grenzen
gekauft und verkauft werden kann. Solange der Wechselkurs sich
innerhalb der Goldpunkte bewegt, ist die Goldwährung in bezug auf die
internationalen Zahlungen durchaus als eine freie Währung zu betrachten,
 und der Wechselkurs wird in ganz derselben Art geregelt wie
im Fall der freien Währungen. Ein Steigen oder Sinken des Wechselkurses,
 das bei unverändertem Geldwert zufolge einer zufälligen Ungleichmäßigkeit
 der Zahlungsbilanz stattfindet, wird also die im vorigen
Paragraphen angegebenen entgegenwirkenden Kräfte zum Ausgleich
der Zahlungsbilanz und zum Hemmen der Bewegung des Wechselkurses
in Wirksamkeit setzen. Wenn trotzdem einer der Goldpunkte erreicht
wird, beginnt eine Goldbewegung von einem Lande zum anderen, also
Cassel, Theoret, Sozialökonomie. 4. Aufl“ Zr)

nr
*z U.
Ju
        <pb n="479" />
        Kap. XII. Die internationalen Zahlungen.
in. Warenexport besonderer Art, der das Gleichgewicht der Zahlungsilanz
 wiederherzustellen geeignet ist. Der Goldvorrat eines Goldwährungslandes
 wirkt also als eine Reserve zum Ausgleich eines zufälligen
 Defizits der internationalen Zahlungsbilanz. Wird diese Reserve
 vollständig erschöpft, so stehen wieder nur die gewöhnlichen Mitte
zum Ausgleich der Zahlungsbilanz zur Verfügung, also Aufnahme von
ausländischen Anleihen, Effekten- und Warenausfuhr. Dann ist abe
auch die Goldwährung aufgehoben.
Natürlich werden die genannten Mittel sehr stark in Anspruch
genommen, sobald der Wechselkurs sich dem oberen Goldpunkte nähert
der ihn gar überschreitet. Eine solche Selbstregulierung der Zahlungsilanz
 findet aber nur unter der Voraussetzung statt, daß der Geldwer
es Landes gegenüber dem des Auslandes nicht herabgesetzt wird. Ist
agegen die schlechte Zahlungsbilanz und das Steigen des Wechselkurses
 eine Folge einer allgemeinen Erhöhung der Inlandspreise im
erhältnis zu den Auslandspreisen, also einer Verschiebung der Kaufraftparität,
 so werden der Steigerung des Wechselkurses keine solchen
Hemmnisse entgegentreten. Aber auch dann bietet der Goldvorrat,
solange das Gold frei zum gesetzlichen Parikurs hergegeben wird, ein
vorläufiges Hindernis gegen eine weitere Steigerung des Wechselkurses,
keineswegs aber gegen eine fortgesetzte Preissteigerung. Ist der Goldvorrat
 einmal vollständig erschöpft oder wird die Einlösung der Noten
eingestellt, wird der Wechselkurs mit einer fortgesetzten Preissteigerung
noch weiter und unbegrenzt steigen.
Die Stabilisierung der Wechselkurse hängt also in letzter Linie
vollständig von der Stabilisierung des relativen Geldwertes, also von den
Faktoren, die den Geldwert in den beiden Ländern regulieren, ab.
| Nach der klassischen Theorie müßte der Goldvorrat zwischen Goldwährungsländern
 je nach dem Bedarf des einzelnen Landes so verteilt
werden, daß das allgemeine Preisniveau in den verschiedenen Ländern
wesentlich gleichstehen würde. Stiege das allgemeine Preisniveau in
einem ‚der Länder, so würde die Wareneinfuhr nach diesem Lande
ermuntert werden, die Warenausfuhr dagegen erschwert und folglich
Gold dem Lande entzogen werden, wodurch sein Goldvorrat vermindert
und sein Preisniveau nach der Quantitätstheorie entsprechend herabesetzt
 werden müßte. Hierin läge eine automatische Regulierung der
Goldverteilung und des Preisniveaus der verschiedenen Länder. Diese
heorie wäre wohl im wesentlichen richtig, wenn das Metall Gold wirklich
 die Währung bildete. In Wirklichkeit ist dies nicht der Fall: auch
in Goldwährungsländern hat die Währung ihre selbständige Existenz,
ist nur in der vorhin beschriebenen Weise mit dem Metall Gold ver
bunden. Der Kern von Wahrheit, den die klassische Theorie enthält
ürfte durch die Ausführungen dieses Paragraphen richtig dargestellt sein.
Die s. g. Currencytheorie, die der Peelschen Bankakte von 184

466
        <pb n="480" />
        $ 62. Die Bedeutung der Bankpolitik für die internationalen Zahlungen. 467
zugrunde lag und der Ausgangspunkt für das s, g. Kontingentsystem
zur Begrenzung der Notenausgabe geworden ist, war eine praktische
Konsequenz der eben beschriebenen klassischen Theorie der internationalen
 Goldverteilung und Goldwertsregulierung: Wenn neben Gold
auch Banknoten zirkulierten, sollte dies nur unter der Voraussetzung
gestattet werden, daß die Gesamtmenge der zirkulierenden Zahlungsmittel
 unter dem Einfluß der Schwankungen des Preisniveaus die
gleichen Veränderungen zeigte, wie ein reines Goldumlaufssystem sie
gezeigt haben würde. Deshalb sollte jede Verminderung des Goldvorrats
des Landes eine absolut gleich große Verminderung seines Zahlungsmittelvorrats
 veranlassen. Eine solche Gesetzgebung leidet nicht nur
an demselben prinzipiellen Fehler wie jede gesetzliche Festlegung der
Notenreserve ($ 46), sondern außerdem an einer fehlerhaften Auffassung
 der Goldwährung als tatsächliches Goldzahlungssystem.
8 62. Die Bedeutung der Bankpolitik für die internationalen
 Zahlungen.
Mit Hinsicht auf die inneren Zahlungen hat die Bankpolitik, wie
wir früher gesehen haben, bei Goldwährung die Aufgabe, die Zahlungsmittelversorgung
 so zu regulieren, daß das Geld möglichst in Parität
mit Gold gehalten wird. Zu diesem Zwecke genügt aber die Bankpolitik
 allein nicht. Es ist im allgemeinen, um auch ein zufälliges Goldagio
 zu vermeiden, notwendig, eine Reserve von Gold zu halten, womit
zufällige Steigerungen des monetären Goldbedarfs ausgefüllt werden
können. Wenn Gold nicht im Verkehr zirkuliert, wird diese Reserve
für die inneren Zahlungen nicht in Anspruch genommen, sondern
stellt für die innere Volkswirtschaft nur einen Fonds zur Befriedigung
des nichtmonetären Goldbedarfs dar.
In ähnlicher Weise muß nun durch die Bankpolitik mit Hinsicht
auf die internationalen Zahlungen für die Aufrechterhaltung der Valuta
gesorgt werden. Diese Aufgabe wird zum Teil schon durch eine Bankpolitik
 gelöst, die auf dem inneren Markt das Geld in Parität mit Gold
hält. Denn damit werden Verschiebungen des allgemeinen Preisniveaus,
die den Wechselkurs bis an die Goldpunkte treiben und also Goldexport
veranlassen könnten, vermieden. Es muß nach außen wie nach innen
das Augenmerk der Bankpolitik sein, Ansprüchen auf die Goldreserve
möglichst zu entgehen. Dies gelingt aber auch für eine richtige Bankpolitik
 nicht vollständig. Um die trotz allem hervortretenden Ansprüche
auf Gold befriedigen zu können, muß eine Goldreserve gehalten werden.
Mit Hinsicht auf die auswärtigen Zahlungen hat diese Reserve die im
vorigen Paragraphen angegebene Aufgabe, bei einem Defizit der auswärtigen
 Zahlungsbilanz den fehlenden Betrag ausländischer Zahlungs-Dm


LU
        <pb n="481" />
        Kap. XII. Die internationalen Zahlungen.
mittel zu ergänzen. Die Bankpolitik hat dafür zu sorgen, daß diese
Aufgabe wie die entsprechende Aufgabe im inneren Verkehr nur ein
zufällige wird, daß das Gold, sobald sich die Zahlungsbilanz bessert,
wieder in das Land und_in die Bankreserve zurückkehrt. Nur bei
richtiger Regulierung des allgemeinen Preisniveaus durch die Bankpolitik
 kann die Bankreserve in dieser Weise sowohl nach außen wie
nach innen geschützt und für ihre Aufgaben bewahrt werden.
Wir haben gesehen, daß in bezug auf den ‘inländischen Zahlungsmittelbedarf
 die Goldreserve der Zentralbank wesentlich reduzier
werden kann, wenn Gold im inneren Verkehr nicht zirkuliert. In ähnlicher
 Weise können die Ansprüche auf die Goldreserve wesentlich
vermindert werden, wenn zum Ausgleich der internationalen Zahlungen
statt Gold andere Zahlungsmittel benutzt werden. Als solche kommen
ür eine Zentralbank hauptsächlich in Betracht Avistaforderungen au
ausländische Bankhäuser, auf ersten Börsenplätzen beschäftigte Reortgelder,
 vor allem vielleicht börsenmäßige Wechsel auf solche Plätze
Diese Wechsel können teils vom Inlande auf das Ausland gezogene
echsel, besonders aber auch auf dem auswärtigen Platz zum Zwec
der Fruchtbarmachung der Bankreserve angekaufte Wechsel sein. Ein
entralbank, die auf den wichtigsten Weltzahlungsplätzen solche Guthaben
 in genügender Größe hält, kann immer Ansprüche auf ausländische
Zahlungsmittel durch Anweisungen auf diese Guthaben befriedigen un
somit Goldsendungen vermeiden. Dieser Weg scheint auch der natür
lichste und bequemste zu sein, da doch in letzter Linie nicht Gold
sondern ausländische Zahlungsmittel nachgefragt werden. Wenn in
jeser Weise Goldnachfrage für Export in allen gewöhnlichen Fällen
vermieden wird, und wenn im Lande selbst überhaupt kein Gold zirkuliert,
 kann die Zentralbank sich mit einer verhältnismäßig kleinen
Goldreserve begnügen. Dieser Gedanke ist in den oben erwähnten Vorschlägen
 der Internationalen Finanzkonferenz zu Genua 1922 mit
Bezug auf die Konzentration der Kassenhaltung der Zentralbanken in
den großen Finanzzentren zum Ausdruck gekommen.
-' Mag nun die Reserve aus Gold oder ausländischen Guthaben bestehen,
 so muß sie jedenfalls gegen allzustarke Ansprüche geschützt
werden.‘ Dies geschieht, wie schon hervorgehoben, in erster Linie durch
eine Bankpolitik, die darauf abzielt, das allgemeine Preisniveau möglichst
 in Übereinstimmung mit der relativen Goldversorgung der Wel
zu halten. Nehmen wir der Einfachheit halber an, es Sei die relative
Goldversorgung eine Zeitlang konstant, so muß also die Bankpolitik
darauf hinausgehen, das allgemeine Preisniveau konstant zu halten.
Nehmen wir auch an, daß dies für eine gewisse Periode vollständig
elingt. Das Mittel hierzu ist, wie schon gezeigt, die Zinspolitik, vor
allem die Diskontpolitik der Banken. Damit das allgemeine Preisniveau
 in der angenommenen Periode konstant bleibt, muß also eine

468
        <pb n="482" />
        8 62. Die Bedeutung-der Bankpolitik für die internationalen Zahlungen. 469
ganz bestimmte Diskontpolitik verfolgt werden. Nehmen wir auch an,
daß das Preisniveau des Auslandes unverändert bleibt. Unter diesen
Voraussetzungen wird die Diskontpolitik des Inlandes die Reserve gegen
alle Ansprüche schützen, die sonst von einer Preissteigerung und einer
dadurch veranlaßten Steigerung des Bedarfs an inländischen oder ausländischen
 Zahlungsmitteln ausgehen. Die Ansprüche auf Zahlungsmittel,
 die der inländische Markt immerhin stellt, rühren von einer
besonderen Belebung des Verkehrs zu gewissen Jahreszeiten oder unter
guten Konjunkturen her und werden in erster Linie durch Vermehrung
der Bankzahlungsmittel befriedigt. In ähnlicher Weise werden besondere
Ansprüche auf ausländische Zahlungsmittel bei zufälligem Überschuß
der Zahlungsverpflichtungen an das Ausland hervortreten. Eine solche
zufällige negative Zahlungsbilanz kann auch ohne Veränderung des allgemeinen
 Preisniveaus, und auch wenn im ganzen, auf die Dauer Gleichgewicht
 der Zahlungsbilanz besteht, leicht entstehen, z. B. durch eine
ungleichmäßige Verteilung der Einfuhr und der Ausfuhr auf die Jahreszeiten
 oder durch zufälliges Überwiegen der Einfuhr unter gewissen
wirtschaftlichen Konjunkturen, z. B. infolge Kapitalausleihungen im
Auslande oder einer schlechten Ernte usw. Solche zufällige Ansprüche
auf ausländische Zahlungsmittel werden in erster Linie durch die im
8 60 angegebenen Mittel befriedigt, also vor allem durch Diskontierung
von Wechseln, Verkauf von Effekten und Aufnahme von Anleihen im
Auslande, Meistens gelingt es durch diese Mittel, die Zahlungsbilanz
in Gleichgewicht zu bringen und somit die Reserve gegen Ansprüche
des ausländischen Zahlungsverkehrs zu schützen, ebenso wie es durch
Anwendung von Bankzahlungsmitteln gelingt, die Ansprüche des inländischen
 Zahlungsmittelbedarfs abzuwenden.
Eine Zentralbank hat es aber auch in der Hand, diese selbstwirkenden
 Verbesserungen der Zahlungsbilanz zu beschleunigen und
zu kräftigen. Dies geschieht durch ein Mittel, das man in diesem Zusammenhang
 gewöhnlich einfach als „„Diskontpolitik‘ zu bezeichnen
pflegt. Wenn der Diskont in Berlin über den auf vergleichbaren ausländischen
 Plätzen herrschenden Diskontsatz erhöht wird, werden ausländische
 Kapitalisten unter normalen Verhältnissen ihr Kapital gern
vorübergehend in Berlin anlegen, was Goldsendungen nach Berlin veranlassen
 kann, meistens aber durch Ankauf von fälligen Forderungen
auf Berlin geschieht. Damit hat eine Verschiebung der Zahlungsverpflichtungen
 in die Zukunft stattgefunden, und die Zahlungsbilanz Berlins
wird für den Augenblick verbessert. Auch wird Deutschland Wechsel
auf das Ausland auf auswärtigen Plätzen mit niedrigerem Diskontsatz
diskontieren und durch diese Antizipierung von Forderungsrechten
Guthaben zur augenblicklichen Erleichterung der Zahlungsbilanz
schaffen. Oder man gibt von Deutschland aus, um dem hohen deutschen
Diskonto zu entgehen, Wechsel nach dem Auslande „in: ”Pension‘‘,
        <pb n="483" />
        470 Kap. XII. Die internationalen Zahlungen.
was mit Aufnahme einer kurzfristigen Anleihe gleichbedeutend ist.
Das hohe Diskonto und der daraus folgende hohe Satz für Reportgelder
wirkt auch direkt deprimierend auf die Berliner Fondsbörse, wodurch
Effektenverkäufe nach dem Ausland veranlaßt werden, was wieder die
Zahlungsbilanz Deutschlands erleichtert. Die Wege können sehr verschieden
 sein, der Kern der Sache bleibt derselbe: die Höhe des Zinsfußes
 zieht das Kapital an und verbessert dadurch die Zahlungsbilanz.
Es ist nun zu beachten, daß diese Diskontpolitik, die wir vielleicht
als „auswärtige Diskontpolitik‘“ bezeichnen können, einen ganz anderen
Charakter hat als diejenige Diskontpolitik, durch welche eine Zentralbank
 nach unseren obigen Untersuchungen den Geldwert des Landes
reguliert ($ 49). Nach den vereinfachenden Voraussetzungen, die wir
hier gemacht haben, ist die letztgenannte Diskontpolitik durch die Aufgabe,
 das allgemeine Preisniveau konstant zu halten, vollständig bestimmt.
 Dies hindert aber nicht, daß Ungleichmäßigkeiten der auswärtigen
 Zahlungsbilanz vorkommen und die Zentralbank veranlassen
können, eine Diskontpolitik mit Hinsicht auf die augenblickliche Lage
dieser Zahlungsbilanz zu führen. Damit durchkreuzt aber die Bank ihre
grundlegende, geldwertregulierende Diskontpolitik, und es kann im allgemeinen
 nicht vermieden werden, daß die Aufgabe, den Geldwert und
den Kapitalmarkt zu regulieren, unter den neuen Zielen, die der Diskontpolitik
 gestellt werden, zu leiden hat. Die auswärtige „Diskontpolitik“
 bedeutet dann eine Störung der eigentlichen und zentralen
Diskontpolitik.
Die auswärtige Diskontpolitik ist ihrem Wesen nach eine Differentialdiskontpolitik,
 die ihr Augenmerk in erster Linie auf die Differenzen
der Diskontsätze der verschiedenen Geldplätze zu richten hat. Wenn
Berlin seinen Satz erhöht, um, wie es heißt, Geld anzuziehen, wird
London oft zu der Gegenmaßregel veranlaßt, seinerseits das Diskonto
zu steigern. Dadurch wird das Diskontieren der Sterlingswechsel in
London erschwert und überhaupt die Überführung von Geld von London
nach Berlin gehemmt.‘ Wenn London sein Diskonto über den deutschen
Satz hinaus steigert, wird Deutschland leicht zu nochmaligen Steigerungen
 seines Satzes gezwungen. Es entsteht in dieser Weise zuweilen
eine Art Wettrennen, wodurch der Diskontsatz höher hinaufgeschraubt
werden kann, als vom Gesichtspunkte der Geldwertregulierung nötig
wäre. Allerdings ist zu beachten, daß solche Steigerungen des Diskontsatzes,
 wenn sie in Hochkonjunkturen vorkommen, kaum zu weit
gehen, da es jedenfalls nicht gelingt, das allgemeine Preisniveau an
einer oft sehr starken Steigerung zu verhindern. In Krisenzeiten dagegen
 dürfte ein fieberhaftes Emporschrauben des Diskontsatzes unter
dem internationalen Wettbewerb um das Gold kaum mit einer rationellen
 Geldpolitik vereinbar sein.
Die Nachteile der häufigen und starken Schwankungen des Dis-Ar


AN
        <pb n="484" />
        62. Die Bedeutung der Bankpolitik für die internationalen Zahlungen. 471
kontsatzes, die aus der „auswärtigen‘“ Diskontpolitik folgen, haben eine
Politik veranlaßt, die die Goldreserven der Banken statt durch Diskonterhöhung
 dadurch zu schützen sucht, daß Gold für Export nur
gegen eine Prämie hergegeben wird, Diese ‚,Goldprämienpolitik‘‘ wird
sehr allgemein unter Aufrechterhaltung der reinen Goldwährung soweit
durchgeführt, daß der Goldpreis bis an die obere währungsgesetzlich
zugelassene Grenze hinaufgetrieben wird. Noch weiter kann die Goldprämienpolitik
 in Ländern mit „hinkender‘“ oder sonst unvollständig
durchgeführter Goldwährung gehen. Sobald eine Goldprämie eingeführt
 wird, können die Wechselkurse auf das Ausland über die normalen
 Goldpunkte hinaus steigen. Durch die Goldprämienpolitik
hat man also statt schwankender Diskontsätze schwankende Wechselkurse
 bekommen, und es kann darüber gestritten werden, welche vou
beiden Alternativen das kleinere Übel ist. In dem einen Falle hat der
Verkehr einen Diskontsatz zu tragen, der weder in der Lage des Kapitalmarkts
 noch unter dem Gesichtspunkte der Regulierung der Zahlungsmittelversorgung
 des inneren Marktes begründet ist, im anderen Falle
tritt eine Währungsverschlechterung mit vorläufigem Aufgeben der
strengen Goldwährung ein. Das beste ist natürlich, beides zu vermeiden.
In einem gewissen Umfange muß dies jedenfalls möglich sein, wenn
eine große Reserve, sei es in Gold, sei es in stets fälligen oder kurzfristigen
 Forderungen auf das Ausland, gehalten wird.
Denkt man sich, daß ein Land immer eine unveränderte Goldprämie
 erhebt, so hat eine solche Maßregel wesentlich nur die Bedeutung
 einer Herabsetzung der Goldparität der Valuta, und es ist
nicht einzusehen, warum diese Herabsetzung nicht ebensogut direkt
durchgeführt werden könnte. Für die Zahlungsbilanz ist eine solche
Goldprämie offenbar ebenso bedeutungslos wie für den Schutz der
Goldreserve.
        <pb n="485" />
        Viertes Buch,
Theorie der Konjunkturbewegungen.
Dreizehntes Kapitel.
Einleitung.
8 63. Charakteristik des vorliegenden Problems.
Unter allen Erscheinungen der Konjunkturbewegungen haben die
Krisen ganz natürlich immer die größte Aufmerksamkeit auf sich gelenkt.
 Es haftet an ihnen ein dramatisches Moment, das das Interesse
des Publikums anzieht. Für die Geschäftswelt ist die Krise die Periode
der Gefahr, der großen Verluste, des Ruins. Auch die Wissenschaft
hat sich dem Studium der Krisen besonders gewidmet. Die Krisentheoretiker
 sind eben Krisentheoretiker gewesen, d. h. sie haben versucht,
 durch ein umfassendes historisches Material die charakteristischen
Züge der Krisen festzustellen und durch Zusammenstellung der eigentlichen
 Krisenerscheinungen mit den Vorgängen der Auf- und Niedergangsperioden
 über die Ursachen und Wirkungen der Krisen Klarheit
zu gewinnen. Sowohl bei Tugan-Baranowski wie bei Lescure —
um nur einige der bekanntesten neueren Krisentheoretiker zu nennen —
ist diese Induktion aus der Geschichte der Krisen die charakteristische
Methode. Diese Methode ist gewiß nicht unfruchtbar gewesen. Sie
muß aber ihrer Natur nach die Hauptaufmerksamkeit auf diejenigen
Äußerungen der Krisen lenken, die aus dem Gesichtspunkte der Geschäftswelt
 oder einer mehr oder weniger im Voraus konstruierten
wissenschaftlichen Theorie das größte Interesse und deshalb wohl auch
die größte objektive Bedeutung zu besitzen scheinen. Dies ist eine
Schwäche. Eine wirklich systematische und unbefangene Untersuchung
 läßt sich unter solchen Voraussetzungen kaum durchführen
oder wird wenigstens wesentlich erschwert.
        <pb n="486" />
        $ 63. Charakteristik des vorliegenden Problems. 3
Hier soll nun ein anderer Weg eingeschlagen werden. Es sollen
nämlich die Krisen nicht als Einzelerscheinungen, sondern der Konjunkturwechsel
 als ein Ganzes, als eine zusammenhängende, immer fortdauernde
 Bewegung der Volkswirtschaft studiert werden. Dabei soll
die Aufmerksamkeit überhaupt nicht auf einzelne a priori ausgewählte
Erscheinungen gerichtet werden, sondern es soll systematisch untersucht
 werden, welche realen Veränderungen die Volkswirtschaft unter
dem Wechsel zwischen Auf- und Niedergangsperioden durchmacht.
Dieses systematische Studium der wirtschaftlichen Bewegung wird
uns Schritt für Schritt einen tieferen Einblick geben in die Natur der
Konjunkturen und in den Ursachenzusammenhang zwischen den verschiedenen
 Faktoren, die die Wellenbewegung der Volkswirtschaft
bestimmen und gleichzeitig von dieser Bewegung bestimmt werden.
Auf diesem Wege führt das Studium der Konjunkturen zu einer Dynamik
 der Volkswirtschaft, die der früheren Behandlung des Wirtschaftslebens
 als einer stillstehenden Erscheinung oder als einer gleichförmigen
 Entwicklung als unerläßliche Ergänzung dienen soll.
Bei der Untersuchung der Veränderungen des Wirtschaftslebens
unter den wechselnden Konjunkturen wollen wir möglichst vom Konkreten
 zum Abstrakten vorgehen. Wir werden also zuerst die Veränderungen
 der materiellen Produktion und die damit im Zusammenhang
 stehenden Veränderungen mit Bezug auf die Produktionsmittel
in Betracht ziehen. Dann werden wir der Reihe nach zu den Veränderungen
 in der Preisbildung und der Einkommenbildung übergehen,
um schließlich zum Studium der Veränderung in der Lage des Kapitalmarkts
 zu gelangen. Für jeden Schritt werden wir versuchen, soweit
wie möglich, die tatsächlichen Vorgänge statistisch festzustellen, um
danach die Wechselwirkung der verschiedenen Bewegungslinien ans
Licht zu bringen und somit den inneren Zusammenhang klarzulegen.
Es liegt auf der Hand, daß bei dieser Behandlungsweise die graphische
Methode gute Dienste zu leisten vermag, ganz besonders, wenn es sich
um einen Vergleich zwischen verschiedenen Bewegungen handelt.
Es ist selbstverständlich vorteilhaft, den Entwicklungslinien des
Wirtschaftslebens während einer möglichst langen Zeit folgen zu
können. Erst eine Kurve, die eine Reihe von Konjunkturveränderungen
umfaßt, gibt ein zuverlässiges Bild der Art, in welcher diese Konjunkturveränderungen
 auf einen gewissen Faktor wirken, und erst ein
Vergleich zwischen zwei solchen Kurven gestattet uns einen einigermaßen
 sicheren Einblick in die Wechselwirkung oder Parallelbewegung
verschiedener Faktoren.
Eine Untersuchung der in Frage stehenden Art, die für das ganze
westeuropäische Wirtschaftsleben Geltung haben soll, 1äßt sich aber im
allgemeinen nicht gut länger zurückführen als bis zum Anfang der
1870er Jahre. Eine solche Begrenzung ist schon durch die Beschaffen-47
        <pb n="487" />
        474 Kap. XII. Einleitung zur Theorie der Konjunkturbewegungen.
heit, des vorliegenden statistischen Materials geboten. Aber auch innere
ründe sprechen dafür. Erst von der genannten Zeit an entwickelt
sich eine Weltwirtschaft von so einheitlicher Natur, daß es überhaup
möglich ist, sie als Ganzes zu betrachten. Erst von derselben Zei
an sind die älteren Wirtschaftsformen allgemein und definitiv über
wunden und durch die moderne Tauschwirtschaft und arbeitsteilige
roduktion ersetzt, sowie auch die moderne Produktions- und _Transorttechnik
 ausgebildet. Von dieser Zeit an endlich scheinen gewisse
ältere Krisenformen und Krisenursachen im wesentlichen überwunden
zu sein und der moderne Typus der Krise und. der Auf- und Niedergangsperiode
 in bestimmteren Zügen hervorzutreten.
Krisen, im allgemeinen Sinne von heftigen Störungen des Wirtchaftslebens,
 können natürlich sehr verschiedener Natur sein. In der
Geschichte treten sie vorzugsweise in Verbindung mit größeren wirt
chaftlichen Umwälzungen oder mit neuen Einrichtungen und Verhältnissen
 hervor, zu deren richtiger Handhabung und Beherrschung die
wirtschaftende Menschheit erst durch längere Erfahrung erzogen
werden muß. So z. B. hat die Entwicklung der Geldwirtschaft unählige
 Krisen veranlaßt, die auf Mißgriffe in der Handhabung des
Münzwesens oder der Notenemission zurückzuführen sind. Krisen sind
erner entstanden durch Mißbräuche. des Kredits, vor allem vielleicht
es Staatskredits, oder besonderer Kreditinstrumente, wie des Wechsels
ie weiten Möglichkeiten, die die Börsen oder das beginnende Aktienwesen
 der Spekulation gaben, wurden ebenfalls besonders in der ersten
eit zu groben Mißbräuchen ausgenutzt, was wiederholt zu den heftigsten
risen geführt hat. Die Ausdehnung des westeuropäischen Handelsebiets
 auf die ganze Welt bezeichnete eine solche Veränderung der
estehenden wirtschaftlichen Verhältnisse, die manche Krisen hervorufen
 mußte, ehe die Geschäftswelt die neuen Bedingungen ihrer Tätigeit
 richtig erfaßt und sich an sie angepaßt hatte. Der beginnende
xport von Europa nach den Kolonialländern zeichnete sich durch
inen geradezu erstaunlichen Mangel an Kenntnis der Bedürfnisse
und Kaufmöglichkeiten der fremden Weltteile aus. Dieser Umstand
ist in Verbindung mit der Langsamkeit des Nachrichtenwesens für eine
eihe von großen Handelskrisen sowohl im 18. Jahrhundert wie auch
in der ersten Hälfte des 19. verantwortlich. Auch Umwälzungen der
infuhrbedingungen für Waren aus den Kolonialländern nach Europa
aben Krisen veranlaßt, von denen die der europäischen Landwirtschaft
 am Ende des 19. Jahrhunderts die wichtigste und bekannteste
ist. Daß die großen modernen Umwälzungen der Produktionstechnik
ich nicht ohne ernste Krisen haben vollziehen können, ist nur selbsterständlich,
 und besonders in einer Reihe von verschiedenen Berufen
beim Übergang von Handarbeit zu Maschinenarbeit in betrübender
eise bestätigt worden. Neben den genannten Umständen kommt eine
        <pb n="488" />
        $ 63. Charakteristik des vorliegenden Problems. 5
Reihe kleinerer, zufälliger Störungen des Wirtschaftslebens als Krisenursachen
 in Betracht. Sie können meistens auf einen zufälligen Mangel
oder Überfluß von Waren zurückgeführt werden, treten z. B. zutage
bei sehr schlechten oder sehr guten Ernten, bei solchem Mangel an
Rohstoffen, der die Industrie zum Stillstand bringt, beim Wechsel
der Mode, durch welchen Warenvorräte unverkäuflich werden usw.
Als allgemeine Ursache zu wirtschaftlichen Krisen müssen schließlich
die Kriege genannt werden.
Es ist schon von vornherein klar, daß für eine so überaus wechselnde
und verschiedenartige Erscheinung, wie sie die Krisen in dem hier gedachten
 weiten Sinne darstellen, keine allgemeine oder einheitliche
Theorie möglich ist. Was wir in diesem Buche studieren wollen, ist
auch nicht die Gesamtheit der im Wirtschaftsleben überhaupt möglichen
 Störungen, sondern vielmehr, wie schon angedeutet, die allgemeine
 Auf- und Niedergangsbewegung des Wirtschaftslebens, die
besonders seit 1870 in ihren typischen Zügen zutage tritt. Von dieser
Zeit an sind viele der älteren Krisenursachen in der Hauptsache aus
dem Spiel gesetzt. Die Krisen, die in die hier betrachtete Periode
fallen, haben gewissermaßen einen gemeinsamen Charakter, sind im
wesentlichen das Ergebnis derselben Ursachen, die die nunmehr immer
einheitlicher hervortretende Wellenbewegung des Wirtschaftslebens bestimmen,
 während die mehr zufälligen Verhältnisse, von welchen die
früheren Krisen zum großen Teil beherrscht wurden, immer mehr in
den Hintergrund treten. Für den aufmerksamen Betrachter der Wirtschaftsgeschichte
 des neunzehnten Jahrhunderts ist eine allmählich sich
vollziehende Veränderung der Natur des Krisenphänomens unverkennbar.
 Erst mit den siebziger Jahren hat sich diese Veränderung so
weit vollzogen, daß der neue einheitliche Typus der Krise und der
Konjunkturbewegung klar zum Vorschein kommt. Aus diesem Grunde
erheben sich gewisse Bedenken gegen Theorien der modernen Konjunkturbewegungen,
 die zu viel auf Materialien der älteren Krisengeschichte
 bauen, und rechtfertigt es sich, daß wir hier unsere Betrachtungen
 auf die Zeit seit 1870 beschränken.
Natürlich machen sich auch in der so begrenzten Periode zufällige
 Störungen der oben bezeichneten Art geltend, obwohl, wie
schon bemerkt, manche der früheren Krisenursachen nunmehr nur in
sehr abgeschwächtem Grade wirksam sind. Da wir aber hier unsere
Aufmerksamkeit auf die großen Auf- und Niedergangsbewegungen
der Weltwirtschaft richten, sehen wir, soweit möglich, von allen zufälligen,
 kleineren, in ihren Wirkungen lokal oder beruflich beschränkten
Störungen ab.
Wir dürfen nicht übersehen, daß auch die hier betrachtete Periode
eine Übergangsperiode mit durchgreifenden wirtschaftlichen Veränderungen
 darstellt. In derselben vollzieht sich doch die schließliche Auf-47:
        <pb n="489" />
        476 Kap. XIIL Einleitung zur Theorie der Konjunkturbewegungen.
lösung der alten selbstversorgenden Landwirtschaft und erreichen der
arbeitsteilige Produktionsprozeß und damit die Tauschwirtschaft ihre
moderne Vollendung. Es ist von vornherein zu erwarten, daß eine
solche Umwälzung große wirtschaftliche Störungen mit sich bringt. Alle
Urteile über die modernen Auf- und Niedergangsperioden und Krisen
als notwendige Begleiterscheinungen der modernen Produktions- und
Gesellschaftsordnung sind deshalb verfrüht. Die Theorie darf nicht
von vornherein davon ausgehen, daß sie die gänze und restlose Erklärung
 der betreffenden Bewegungen in der Beschaffenheit der jetzt
erreichten Wirtschaftsordnung zu finden hat, sondern muß ihre Aufmerksamkeit
 immer auch auf die Bedeutung richten, welche der Übergang
 zu dieser Wirtschaftsordnung haben mag. Wir befinden uns eben
bis auf weiteres noch in einer Übergangszeit und müssen erst abwarten,
welchen Einfluß auf die genannten Bewegungen der Abschluß dieses
Übergangs zeigen wird. Der alte Satz, daß die Krisen immer verheerender
 werden, ist jedenfalls schon sehr veraltet. In den vorgeschrittensten
 und volkswirtschaftlich best geschulten Ländern, wo
einige der wichtigsten früheren Krisenursachen, wie z. B. eine fehlerhafte
 Banknotenpolitik, überwunden sind, läßt das vorliegende Material
eher auf eine Abschwächung der Krisen schließen. Wir müssen also
von vornherein die Frage offen lassen, inwiefern die großen wirtschaftlichen
 Wellenbewegungen, die wir jetzt in Betracht ziehen wollen,
im Zusammenhang mit der hier bezeichneten ihrer Natur nach einmaligen
 Umwälzung der gesellschaftlichen Wirtschaftsordnung stehen,
und inwieweit wir erwarten dürfen, daß sie mit dem Abschluß derselben
an Stärke verlieren werden.
Bevor wir zum Studium der Bewegungen des Wirtschaftslebens
unter dem Einfluß der Konjunkturen übergehen, müssen wir uns über
eine Chronologie dieser Konjunkturen einigen, d. h. wir müssen feststellen,
 in welchen Jahren die Konjunktur von einer Aufgangsperiode
zu einer Depression gewechselt hat. Es liegt in einer solchen Feststellung
 keine aprioristische Stellungnahme zum vorliegenden Problem.
Die Bestimmung der Zeitpunkte, auf welche wir die wirtschaftlichen
Veränderungen zurückzuführen haben, ist in der Tat eine Terminologiefrage.
 Wir müssen bei der Entscheidung dieser Frage nur darauf
Gewicht legen, daß wir uns dem allgemein Anerkannten möglichst
genau anschließen. Glücklicherweise herrscht in diesem Punkte keine
Meinungsverschiedenheit. Wir werden im folgenden die Jahre 1873,
1882, 1890, 1900 und 1907 als Krisenjahre bezeichnen oder auch, um
den Wechsel vom Aufgang zum Niedergang hervorzuheben, Wendejahre.
In unseren Diagrammen werden wir diese Wendejahre, nach dem Vorgang
 von Lucien March im Bulletin de la Statistique Generale de
        <pb n="490" />
        $ 63. Charakteristik des vorliegenden Problems. 7
la France?), mit fetteren Vertikallinien, die wir Wendelinien nennen
wollen, hervorheben.
Bei dieser Feststellung der Krisenjahre muß jedoch beachtet
werden, daß in einzelnen Ländern gewisse Verschiebungen der Krisen
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stattfinden können. Von größerer Bedeutung sind diese Verschiebungen
nur für die Vereinigten Staaten, wo die Krisen von 1890 und 1900 bis
1893 resp. 1903 verschoben sind.
Obwohl die nun gewählte Chronologie allgemein angenommen ist,
u 1) Tome 1. Paris 191 1—1912.

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sätze zeigt nun auch unzweifelhaft, daß Maxima der Diskontsätze
        <pb n="492" />
        $ 64. Die Hauptzweige der Produktion in den Konjunkturen. 479
wo die vollgezogene Linie den Bankdiskont, die punktierte Linie den
Marktdiskont für Berlin bzw. London darstellt 1).
Für ein näheres Studium des Zusammenhangs zwischen den Konjunkturbewegungen
 und den Diskontsätzen ist erst in einem späteren
Teil unserer Untersuchung der richtige Platz. Hier sollte nur hervorgehoben
 werden, daß die außergewöhnliche Spannung des Geldmarktes,
die allgemein mit dem Begriff der Krise in Verbindung gesetzt wird,
wirklich auch in jedem unserer hier angenommenen ‚,Krisenjahre“‘
stattfindet.
Vierzehntes Kapitel.
Einfluß der Konjunkturen auf die Produktion.
$ 64. Die Hauptzweige der Produktion in den
Konjunkturen.
Wir gehen nunmehr dazu über, diejenigen Veränderungen in der
volkswirtschaftlichen Produktion, die in den verschiedenen Konjunkturabschnitten
 zutage treten, zu untersuchen. Dabei haben wir die Produktionstätigkeit
 nach ihren großen Hauptzweigen einzuteilen und die
spezielle Einwirkung der Konjunkturen auf die verschiedenen Arten
der Produktion zu beobachten.
Die Produktion zerfällt, wie wir wissen, in zwei Hauptzweige,
nämlich die Produktion von festem Kapital und die Produktion von
Gütern, die direkt in die Konsumentenwirtschaften übergehen. In
beiden Fällen schiebt sich als Zwischenglied in den Produktionsprozeß
teils eine Produktion von Materialien und Halbfabrikaten, teils eine
Produktion von der Produktion dienenden Verbrauchsstoffen ein.
Diese Materialien und Halbfabrikate, wie z. B. das Roheisen und die
Schienen für die Eisenbahnen, die Baumwolle und die Baumwollengarne
für die Wäsche, und Verbrauchsstoffe wie die Steinkohlen für die Erzeugung
 von Betriebskraft, die wir alle unter dem Begriff „bewegliches
 Kapital‘ zusammengefaßt haben, sind sozusagen nur Symptome
des fortlaufenden Produktionsprozesses, welcher im Schaffen eines
festen Kapitals oder eines in die Konsumentenwirtschaften übergehenden
Guts sein technisches Ergebnis findet. Wir dürfen also annehmen,
daß sich die Produktion von beweglichem Kapital für den einen oder
anderen Hauptzweig der Produktion wenigstens in erster Linie nach
') Die Ziffern, die diesem Diagramme zugrunde liegen, sind in der Tabelle 4
im Anhang wiedergegeben.
        <pb n="493" />
        480 Kap. XIV. Einfluß der Konjunkturen auf die Produktion.
dem Umfang dieses Zweiges richtet. Bei unseren Studien über die
Einwirkung der Konjunkturen auf die Produktion haben wir deshalb
nur zu unterscheiden zwischen der Produktion von festem Kapital
und der Produktion von Gütern, die direkt in die Konsumentenwirtschaften
 übergehen. Der Kürze halber wollen wir diese beiden Zweige
der Produktion als ‚„„‚Kapitalproduktion‘‘ und „Konsumgutproduktion‘‘
bezeichnen. Für den Umfang der Produktion beider Arten wird, wie wir
gleich sehen werden, die Produktion von beweglichem Kapital gewisser
Arten den besten Maßstab liefern.
Betrachten wir zuerst die Kapitalproduktion. Das wichtigste, feste
Kapital der modernen Wirtschaft besteht, wie wir wissen, in Gebäuden
und Eisenbahnen. Wollen wir also den Einfluß der Konjunkturen auf
die Kapitalproduktion direkt feststellen, so haben wir die statistischen
Daten über den Hausbau, resp. den Eisenbahnbau heranzuziehen.
Betreffend den Hausbau haben wir für die Vereinigten Staaten
eine Statistik der jährlich aufgewandten Baukosten in den 52 wichtigsten
 Städten. Die Ziffern sind für Kalenderjahre in Millionen Dollars?):
1904 469 1909 772
1905 645 1910 726
1906 679 1911 688
1907 646 1912 739
1908 566 1913 660
Die Ziffer für. 1907 ist dadurch um 20 Millionen Dollars erhöht
worden, daß drei neue Städte in die Statistik aufgenommen worden
sind. Es geht aber aus der Tabelle hervor, wie bedeutend die Bautätigkeit
 in den Jahren vor 1907 gewachsen ist. Das Jahresmaximum fällt
in das Jahr vor dem Krisenjahr 1907. In der darauf folgenden Depression
 ist die Bautätigkeit schnell zurückgegangen. Die Baukosten
gehen in einem einzigen Jahre um 80 Millionen Dollars zurück, d. h.
um 12,4% desjenigen Betrags, der im Jahre 1907 erreicht war.
Im nächsten Jahre, 1909, wo wieder ein ebenso plötzlicher wie
kurzer wirtschaftlicher Aufschwung in den Vereinigten Staaten stattfand,
 stieg aber der Betrag der Baukosten um nicht weniger als 106 Millionen
 Dollars. Die beiden folgenden Jahre brachten einen starken
Rückgang. Ein neues Maximum wurde aber 1912 erreicht, also wieder
im Jahre vor dem neuen Wendejahre der Konjunktur 1913. Die Aufgangsperiode
 ist also gekennzeichnet durch eine steigende, die Depression
 durch eine sinkende Bautätigkeit. Das Maximum dieser Produktion
 wird etwas vor dem Ende der Hochkonjunktur erreicht.
Eine ähnliche Einwirkung der Konjunkturen auf die Bautätigkeit
kann auch für Deutschland gespürt werden. Der Denkschriftenband
zur Reichsfinanzreform von 1908 gibt eine Statistik der verı)
 Statistical Abstract of the United States.
        <pb n="494" />
        $ 64. Die Hauptzweige der Produktion in den Konjunkturen. 481
sicherten Summe bei den öffentlichen Feuerversicherungsanstalten
 mit Zwangsrechten‘). (Die Ziffern sind hier abgekürzt
in Millionen Mark wiedergegeben.) Die Veränderung dieser Ziffern
von Jahr zu Jahr dürfte eine allgemeine Vorstellung vom wechselnden
Umfang der Bautätigkeit geben?). Es zeigt sich, daß der Zuwachs
der Versicherungssumme ein ausgeprägtes Maximum in den Jahren
1882, 1891, 1901 und 1904 erreicht, und daß also seine Höchstpunkte
ungefähr mit denjenigen der Hochkonjunktur zusammenfallen. In
einigen Fällen ist jedoch das Maximum des Zuwachses der Versicherungssumme
 ein Jahr verspätet, was wohl so zu deuten ist, daß eine lebhafte
 Bautätigkeit eines Jahres erst im nachfolgenden in einer entsprechenden
 Erhöhung der Versicherungssumme zutage‘ tritt;!i‘ Das
Maximum des Jahres 1904 deutet auf einen besonderen Aufschwung
außerhalb der allgemeinen großen Konjunkturbewegung.
Jahr Versichergs.-Summe Jahr Versichergs.-Summe
1875 14 281 1890 21 445
76 16435 91 22 742
77 15756 92 231420
78 15 696 93 23 836
79 16 079 94 24 572
1880 16 293 1895 28275
81 16 681 96 25 639
82 17 983 97 26 500
83 17 478 98 27 529
84 17 868 99 28 520
1885 18314 1900 29 349
86 18719 01 30 780
87 19487 02 32123
88 20151 03 33 667
89 20 855 04 35414
1905 36 792
06 37 209
Die Eisenbahnbauten sind von alters her als ein vorzüglicher Maßstab
 der Konjunkturen betrachtet worden. Es ist aber unverkennbar,
daß die wirtschaftliche Natur der Eisenbahnbauten in den hochentwickelten
 Ländern westländischer Kultur nunmehr in gewissem Grade
verändert worden ist. Heutzutage liegt der Schwerpunkt in den ge-')
 Reichstag 12. Legislatur-Periode. I. Session 1907—1909. Nr. 1043. Teil 111.
Materialien zur Beurteilung der Wohlstandsentwicklung Deutschlands im letzten
Menschenalter, p. 35.
?) Der durchschnittliche prozentuale Zuwachs der Versicherungssumme in der
dreißigjährigen Periode 1876—1906 beträgt 3,05 %. Diese Ziffer steht in Übereinstimmung
 mit dem allgemeinen wirtschaftlichen Fortschrittsprozentsatz, welchen
wir für dieselbe Periode als charakteristisch gefunden haben.
Cassel, Theoret, Sozialökonomie. 4. Aufl.

31
        <pb n="495" />
        452 Kap. XIV. Einfluß der Konjunkturen auf die Produktion.
nannten Ländern mehr auf der Erhöhung der Transportfähigkeit
des alten Bahnsystems als auf der Hinzufügung neuer Linien. Diese
Veränderung scheint die Einwirkung der Konjunkturen auf den Eisenbahnbau
 in gewissem Grade abgeschwächt zu haben.
Besonderes Interesse bietet die Entwicklung des Eisenbahnbaus
in den Vereinigten Staaten!). Seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts
ist für die Union die Geschichte der Eisenbahnbauten auch die Geschichte
 der Krisen. So haben die Eisenbahnbauten der fünfziger Jahre,
die 1856 mit einer neugebauten Bahnlänge von 3642 Miles ihren Höhepunkt
 erreichten, mit der Krise von 1857 ihre aufsteigende Bewegung
abgebrochen, um nachher Jahr für Jahr zu sinken, bis sie im Jahre
1861 ihren Tiefpunkt mit 660 Miles erreichten. Ende der sechziger
Jahre ist die Tätigkeit im Eisenbahnbau wieder lebhafter geworden.
Die neueröffnete Bahnlänge stieg 1871 auf 7379 Miles. Von diesem
Höhepunkt ab findet eine Abschwächung bis 1873 statt, in welchem
Jahre etwas über 4000 Miles neu eröffnet wurden. Für 1875 war aber
die entsprechende Ziffer bis auf 1741 Miles herabgesunken. Am Ende
der siebziger und im Anfang der achtziger Jahre wurden die Eisenbahnbauten
 immer lebhafter, bis im Jahre 1882 die ungeheure Ziffer von
11569 Miles erreicht wurde, wonach ein Rückgang bis 2975 Miles im
Jahre 1885 stattfand. Diese Ziffern lassen den Zusammenhang zwischen
den Eisenbahnbauten und dem Konjunkturwechsel mit aller Schärfe
hervortreten. Die Aufgangsperioden sind durch eine ungewöhnlich
Jebhafte Tätigkeit im Eisenbahnbau gekennzeichnet, eine Tätigkeit, die
im Krisenjahre oder kurz vorher ihr Maximun erreicht. In den Perioden
dagegen, die wir als Niedergangsperioden bezeichnet haben, sind die
Eisenbahnbauten auf ein Minimum reduziert.
Nach der Depression in der Mitte der achtziger Jahre fand in den
Vereinigten Staaten ein großer Aufschwung in den Eisenbahnbauten
statt, der mit der Ziffer 12 876 Miles im Jahre 1887 kulminierte, der
aber bis zum Jahre 1893 mit ziemlich großen Neubauten fortgesetzt
wurde.‘ Mit den neunziger Jahren scheint aber der Ausbau des alten
Bahnnetzes zu größerer Transportfähigkeit mehr und mehr an Bedeutung
 zu gewinnen im Verhältnis zu den eigentlichen Neubauten.
Die von der Interstate Commerce Commission seit dem Jahre 1890
veröffentlichte Eisenbahnstatistik?) ermöglicht uns einen Einblick in
diese Entwicklung. Diese Statistik gibt die Gesamtlänge der gelegten
Geleise, und zwar gesondert für das erste, zweite, dritte und vierte
Geleis und für Bahnhofsgeleise. Der jährliche Gesamtzuwachs der
Geleislänge berechnet sich nach diesem Material für die Jahre 1891 bis
1907 in 1000 Miles wie folgt (Fiskaljahre bis 30. Juni):
ı) Statistical Abstract of the United States.
2?) Statistical Abstract of the United States,

zw
        <pb n="496" />
        5 64. Die Hauptzweige der Produktion in den Konjunkturen. A
1891 76 1901 6,6
1892 3,6 1902 8.8
1893 10,8 1903 6
1894 7,9 1904 133
1895 3,5 1905 9,7
1896 5,9 1906 10,3
1897 2,9 1907 10,9
1898 23 1908 57
1899 4,8 1909 8,7
1900 8,6 1910 9,4
Es ist hierbei zu beachten, daß die Jahreszahlen diejenigen Jahre
bezeichnen, die mit dem 30. Juni des angegebenen Jahres enden. Es
zeigt sich dann, daß die drei Aufgangsperioden, die mit den Krisen
von 1893, 1903 und 1907 enden, durch eine starke Erhöhung der jährlich
 neugebauten Geleislänge ausgezeichnet sind, während die: auf
die Krisen folgenden Niedergangsperioden sich ebenso deutlich in entgegengesetzter
 Richtung auszeichnen. In dem von unserer Statistik
umfaßten Zeitraum hat die Länge der ersten Geleise schon mehrfach
die Hälfte der Gesamtlänge unterschritten, so daß die Extra- und Bahnhofsgeleise
 die ersten Geleise an Bedeutung sogar übertroffen haben.
So z. B. betrug die Länge der ersten Geleise, die im Jahre 1907 neu
hinzukamen, nur 5,1 Tausend Miles, während 5,8 Tausend Miles auf
die übrigen Geleise fielen. Dies zeigt, daß eine Statistik, die nur die
Länge der neugebauten ersten Geleise berücksichtigt, ungenügend ist
für die Beurteilung der Einwirkung der Koönjunkturen auf den Eisenbahnbau.

Der neue Charakter des Eisenbahnbaus tritt aber nicht nur in dem
ausgedehnten Bedarf von Extrageleisen hervor, sondern auch in dem
umfassenden Umbau des alten Bahnkörpers, wobei die Profilierung der
Bahn verbessert wird, scharfe Kurven vermieden werden, die Holzkonstruktionen
 der Brücken und Viadukte durch Stahlkonstruktionen
ersetzt werden. Allein die jährlich umgebauten Brücken und Viadukte
müssen für die größeren Bahnsysteme schon in Miles gerechnet werden.
Alle diese Arbeiten werden offenbar vom großen Aufschwung des
Verkehrs notwendig gemacht. Sie haben deshalb einen weit weniger
spekulativen Charakter als die Eisenbahnbauten der früheren Zeiten,
die ja hauptsächlich den Zweck verfolgten, möglichst schnell große neue
Landgebiete der Kultur zu eröffnen. Es scheint gerechtfertigt, anzunehmen,
 daß die Veränderung im Charakter des Eisenbahnbaus, die hiernach
 stattgefunden hat, den Einfluß der Konjunkturen auf die
hier in Frage stehenden Gebiete der Produktion allmählich-etwas abschwächen
 wird,
In einem Lande, wie England, ist der Eisenbahnbau heutzutage

+85
31+*
        <pb n="497" />
        454 Kap. XIV. Einfluß der Konjunkturen auf die Produktion.
gewiß nicht zu einem Stillstand gekommen, aber die Entwicklung ist
doch ruhiger als früher. Der jährliche Zuwachs des eingezahlten Kapitals
der englischen Eisenbahnen beträgt nunmehr oft weniger als 1% der
Gesamtsumme, und ist in der Periode 1901—1911 nie über 2% derselben
 gestiegen!). Die Veränderungen von Jahr zu Jahr zeigen keinen
auffallenden Zusammenhang mit den Konjunkturschwankungen. In
früheren Zeiten sind jedoch auch in England die Eisenbahnbauten für
die Gestaltung der Konjunkturen von ausschlaggebender Bedeutung
gewesen.
In manchen neuen Ländern haben natürlich die Eisenbahnbauten
heutzutage denselben Charakter, wie sie ihn in unseren alten Ländern in
ihrer ersten Epoche hatten. Daraus geht hervor, daß eine Statistik
der Eisenbahnbauten, die für die ganze Welt die jährlich neugebauten
Kilometerlängen angibt, uns keinen richtigen Einblick in die Bedeutung
des Eisenbahnbaus gibt. Noch klarer wird dies, wenn man sich erinnert,
 wie sehr verschieden die Kosten pro Kilometer der Eisenbahnen
in den verschiedenen Ländern sind. Eine allgemeine Darstellung des
Einflusses der Konjunkturen auf die Eisenbahnbauten wird durch diese
Verhältnisse offenbar sehr erschwert.
Wenn man also feststellen kann, daß die Konjunkturbewegungen
im Bau von Häusern und von Eisenbahnen einen bestimmten Einfluß
zeigen, und zwar in der Richtung, daß die Kapitalproduktion auf den
genannten Gebieten in Aufgangsperioden steigt, um in Niedergangsperioden
 zu sinken, so ist dieses Resultat doch nur aus einzelnen Beobachtungen,
 die möglicherweise nicht repräsentativ sind, gewonnen,
bei deren Auswahl verschiedenartige Verhältnisse nicht gleichmäßig berücksichtigt
 werden können, und die vor allem keine Messung des Einflusses
 der Konjunkturen gestatten. Wir müssen unsere Bemühungen
darauf richten, eine Produktion zu finden, die die ganze Produktion von
festem Kapital vertreten kann, die auch quantitativ die Veränderungen
der Kapitalproduktion widerspiegelt und von deren Veränderungen
man also auf entsprechende Veränderungen der Kapitalproduktion
schließen kann. Für diesen Zweck müssen wir uns von der Produktion
bestimmter konkreter Kapitalgegenstände abwenden, um unsere
Aufmerksamkeit auf die Materialien, die in dieser Produktion allgemein
gebraucht werden, zu lenken.
Fragen wir uns also, welche sind die wichtigsten Materialien, aus
denen das feste Kapital in der modernen Wirtschaft besteht, so werden
wir leicht finden, daß unter diesen Eisen, Holz und Steine (inkl. Ziegel
und Zement) von größter Bedeutung sind. Unter diesen Materialien
wieder nimmt das Eisen unbedingt den ersten Platz ein. Die neuere
ı) Paid up Capital of Railway Companys. Statistical Abstract for the United
Kingdom.
        <pb n="498" />
        $ 64. Die Hauptzweige der Produktion in den Konjunkturen. 485
technische Entwicklung hat dem Eisen diese hervorragende Bedeutung
als Material für das feste Kapital gegeben. In älteren Zeiten war das
Eisen hauptsächlich Material für Werkzeuge. Die technischen Fortschritte
 in der Eisenproduktion haben schon in der ersten Hälfte des
eunzehnten Jahrhunderts die Anwendung des Eisens als Baumaterial
ermöglicht, aber erst mit der Einführung des Bessemer-, des Siemensartin-
 und des Thomas-Prozesses ist die Menschheit im modernen
echnischen Sinne in das Eisenzeitalter eingetreten. Von den siebziger
ahren an wird das Eisen in immer größerem Umfange für Bauten aller
denkbaren Art angewendet. Nicht nur für die Eisenbahnen, deren
Brücken, Viadukte, Bahnhöfe und rollendes Material, ist das Eisen
das Hauptmaterial, sondern dasselbe gilt auch für Schiffe, Segelschiffe
nicht ausgenommen, und für Gebäude, Fabrikgebäude sowohl wie
Wohnhäuser. Seitdem durch den Thomas-Prozeß sehr billige eiserne
Balken hergestellt werden, ist für das Eisen eine sehr ausgedehnte
Anwendung bei den Hauskonstruktionen eröffnet worden. Kaum wird
ehr auch nur ein kleines Haus gebaut, ohne daß Eisenbalken hineingelegt
 werden. Dazu kommt der große Verbrauch von Eisen für alle
Rohrsysteme, die zu modernen Bauten gehören, mögen sie nun innerhalb
 des Hauses selbst oder in dazu führenden Straßen angebracht
sein. Wenn wir uns alle diese Anwendungen des Eisens vergegenwärtigen,
 wird es uns klar, daß das Eisen nicht bloß ohne Frage das
ichtigste Material des festen Kapitals ist, sondern auch so allgemein
Is solches benutzt wird, daß der Verbrauch von Eisen sich sehr wohl
als ein Maßstab für die ganze Produktion von festem Kapital eignet.
Man könnte einwenden, daß eine gewisse Quantität Eisen für die Konsumgutproduktion
 Anwendung findet. Wenn wir aber den Eisenverbrauch
nicht nach dem Wert, sondern nach Tonnen rechnen, wird der Verbrauch
 für Rasiermesser, Schlittschuhe und dergleichen wenig ins
ewicht fallen und kann außer Betracht bleiben. Die jährliche Produktion
 von Eisen kann also als ein Maß für die gleichzeitige Produktion
 von festem Kapital angenommen werden.
Nun tritt das Eisen bekanntlich in einer großen Menge verschiedener
ormen auf, Praktisch genommen, hat aber alles Eisen, wenigstens
nter der Herrschaft der Vorkriegstechnik, das Stadium des Roheisens
durchgemacht. Die Statistik der Roheisenproduktion gibt uns deshalb
den für unseren Zweck nötigen Maßstab der gesamten Kapitalproduktion.
Diese Statistik hat auch den Vorteil, daß sie in ziemlich zuverlässigen
Ziffern für die ganze Welt vorliegt und uns also ermöglicht, eine Kurve,
die die gesamte Weltproduktion von festem Kapital widerspiegelt,
u ziehen,
; "Auf unserem Diagramm ist die Weltproduktion von Roheisen durch
nl Kurve A wiedergegeben (Fig. 8)!). Ein Blick auf diese Kurve zeigt
') Die Ziffern auf der linken Seite des Dia rammes bezeichnen die Roheisen-
        <pb n="499" />
        486 Kap. XIV. Einfluß der Konjunkturen auf die Produktion.
uns, daß ihre Spitzen regelmäßig auf die Wendelinien fallen, daß also
die Maxima der Eisenproduktion mit den Kulminationspunkten der
Hochkonjunkturen zusammenfallen. Vor jeder. Wendelinie kann eine
starke Steigerung der Eisenproduktion beobachtet werden, nach der
Wendelinie finden wir regelmäßig ein mehr oder weniger ausgeprägtes
Sinken dieser Produktion. Da nun die Eisenproduktion die gesamte
Produktion von festem Kapital vertritt, so können wir also feststellen,
Ka | A |
G0l—-50

wol 4200
! *
E 1)
301 — 1900
ROR 1600
|
h
U 1300
JO
iBbo U 1900 10
Fig. 8. Weltproduktion von Roheisen (A) und Kohle (B) in Millionen Tonnen.
daß jedem Wendejahr der Konjunkturen eine besondere Steigerung der
Kapitalproduktion vorangegangen ist und daß nach dem Wendejahr
ein Sinken der Kapitalproduktion eingetreten ist. Dies rechtfertigt die
Terminologie „Auf- und Niedergangsperioden‘. Wir können nunmehr
diese Begriffe streng definieren. Eine Aufgangsperiode ist eine
Periode besonderer Steigerung der Produktion von-festem
Kapital, eine Niedergangsperiode oder Depression ist eine
Periode, wo diese Produktion unter den früher erreichten
Punkt sinkt.
produktion der Welt in Millionen Tonnen.‘ Die statistischen Daten, die der Kurve
zugrunde liegen, sind in der Tabelle 5 im Anhang wiedergegeben...

u
P
        <pb n="500" />
        $ 64. Die Hauptzweige der Produktion in den Konjunkturen. 487
Im ganzen ist die Roheisenproduktion im Zeitraum 1865 bis 1910
von etwa 9 Millionen Tonnen auf etwa 66 Millionen Tonnen gestiegen,
was einen durchschnittlichen jährlichen Zuwachs von 4,5% bedeutet.
Die Steigerungen der Aufgangsperioden belaufen sich bis auf 30 und
40%. Der Niedergang in den Depressionsperioden ist gewöhnlich geringer,
 hält sich regelmäßig unter 10% und steigt nur für 1908 bis auf
etwa 20%.
Daß und in welcher Art die Konjunkturen die Produktion von
festem Kapital beeinflussen, kann also als unzweideutig festgestellt
betrachtet werden. Es genügt aber nicht, diese Wirkung der Konjunkturen
 zu kennen, wir müssen auch wissen, ob die Wirkungen auf
die übrige Produktion auch dieselben sind oder etwa andere, vielleicht
entgegengesetzte. Wir müssen also untersuchen, wie sich die Produktion
 von Gütern, die unmittelbar in die Konsumentenwirtschaften
übergehen, unter den verschiedenen Konjunkturen gestaltet. Wir
könnten auch hier versuchen, verschiedene Güter herauszunehmen, um
sie zu Gegenständen solcher Untersuchung zu machen. Diese Methode
würde uns aber in hohem Grade der Gefahr aussetzen, daß unsere
Auswahl zu sehr von Zufälligkeiten abhängen würde, und daß unsere
Schlüsse betreffend die Abhängigkeit der Konsumgutproduktion von
den Konjunkturen keine genügende Beweiskraft haben würden. Es
ist auch auf diesem Gebiete nötig, einen einzigen Artikel herauszufinden,
der die ganze Produktion vertreten kann.
Bevor wir einen Versuch in dieser Richtung machen, müssen wir
beachten, daß ein großes Gebiet der Konsumgutproduktion von vornherein
 ausgeschlossen werden muß. Dies ist das ganze Gebiet der landwirtschaftlichen
 Produktion. Für die Landwirtschaft spielen die Witterungsverhältnisse
 eine ausschlaggebende Rolle. Die landwirtschaftliche
Produktion wechselt mit den Ernten und zeigt keinen direkten Zusammenhang
 mit den Konjunkturbewegungen.
Wenn wir also die gesamte landwirtschaftliche Produktion ausschließen,
 so haben wir für die übrige Produktion ein Material, das
von so allgemeiner Bedeutung ist, daß es als Maßstab dieser Produktion
verwendet werden kann, nämlich die Steinkohle. Die Steinkohle wird
allerdings auch für die ‚Produktion von festem Kapital in großem Umfange
 verwendet, und die Kurve der Kohlenproduktion wird uns deshalb
 nicht ein isoliertes Bild von der Konsumgutproduktion geben, aber
ein Vergleich dieser Kurve mit der Roheisenkurve wird dennoch sehr
lehrreich sein. Kohlen werden nicht nur für die eigentliche materielle
Produktionstätigkeit gebraucht, sondern auch für die direkte Befriedigung
 gewisser Bedürfnisse, wie z. B. zur Erwärmung und Beleuchtung
unserer Wohnungen und zum Personentransport auf Eisen- und Straßenbahnen.
 Dies ist von unserem Gesichtspunkte aus ein Vorteil, da die
        <pb n="501" />
        488 Kap. XIV. Einfluß der Konjunkturen auf die Produktion.
Kohlenproduktion hierdurch ein Maßstab wird auch für das große
Gebiet der Produktion für die unmittelbare immaterielle Bedürfnisbefriedigung.
 In unserem Diagramme (Fig. 8) ist die Weltproduktion
der Steinkohle durch die Kurve B vertreten, welche die Kohlenproduktion
 in Millionen Tonnen (Ziffern rechts) wiedergibt.
Diese Kurve zeigt regelmäßig Erhöhungen für die Aufgangsperioden,
 aber im allgemeinen keine oder nur unbedeutende Senkungen
in den Depressionsperioden. Im ganzen hat sie, wie gleich auffällt,
einen weit gleichmäßigeren Verlauf als die Roheisenkurve. Man spürt
die Einflüsse der Konjunkturen, aber es scheint sehr wahrscheinlich,
daß diese Einflüsse verschwinden oder wenigstens wesentlich ausgeglichen
 werden würden, wenn wir diejenige Kohlenproduktion abrechnen
 könnten, die für die Roheisenproduktion und die daran geknüpfte
 ganze Eisenindustrie in Anspruch genommen wird. Es erscheint
also der Schluß berechtigt, daß die Kohlenproduktion, die für die
Konsumgutproduktion Verwendung findet, in der Tat sehr gleichmäßig
 wächst und keine ausgeprägte Abhängigkeit von den Konjunkturen
 zeigt. Den einzigen Rückgang der Kohlenproduktion von wirklicher
 Bedeutung findet man im Jahre 1908 nach dem ungewöhnlich
großen Aufschwung im Jahre 1907. Es ist aber ersichtlich, daß dieser
Rückgang wesentlich dem enormen Rückgang der Roheisenproduktion
in demselben Jahre zuzuschreiben ist, und daß also die Kohlenproduktion
 für andere Zwecke als für die Eisenindustrie auch von der Hochkonjunktur
 des Jahres 1907 und der darauf folgenden Depression ziemlich
 unberührt gewesen ist.
Der Vergleich zwischen unseren beiden Produktionskurven führt
also zu dem Ergebnis, daß die Konjunkturen einen ganz bestimmten
Einfluß auf die Produktion von Roheisen haben, aber daß ein solcher
Einfluß, was diejenige Steinkohle betrifft, die zu Konsumgutproduktion
verwendet wird, kaum nachgewiesen werden kann. Dieses Resultat
kann, nach dem, was wir über die Bedeutung unserer Kurven gesagt
haben, auch in dem weiteren Sinne gedeutet werden, daß die Produktion
 von festem Kapital wesentlich von den Konjunkturen abhängt,
während die Produktion von Gütern, die direkt in die
Konsumentenwirtschaften übergehen, keine ausgeprägte
Abhängigkeit von den Konjunkturen zeigt. \Diesibedeutet,
daß der Wechsel zwischen Auf- und Niedergangsperioden
seiner innersten Natur nach eine Variation in der Produktion
 von festem Kapital ist, aber in keinem unmittelbaren
 Zusammenhang mit der übrigen Produktion steht.
Dieser Satz ist offenbar von so grundlegender Bedeutung für die
ganze Theorie der Konjunkturbewegungen, daß wir es nicht unterlassen
dürfen, ihn mit allen nur zu Gebote stehenden Mitteln zu prüfen. Zunächst
 wollen wir dann noch für ein einzelnes Land — Deutschland —
        <pb n="502" />
        $8 64. Die Hauptzweige der Produktion in den Konjunkturen. 489
den Vergleich zwischen Roheisenproduktion und Kohlenproduktion anstellen.
 Die entsprechenden Kurven werden im Diagramm (Fig. 9) dargestellt!).
 Was zuerst die Roheisenproduktion (Kurve A) betrifft, so
zeigt sie für Deutschland eine relative Steigerung, die die entsprechende
Steigerung der Weltproduktion wesentlich übertrifft. Die Aufgangsperioden
 sind deshalb auch in der deutschen Roheisenproduktion sehr
ausgeprägt. Nach den Wendejahren 1873, 1900 und 1907 finden wir
auch ausgeprägte Depressionen. Dagegen findet nach 1890 kein Rück-Mn

Ss 240
; 1210
5 1180
y 1150
; RO
. 90
50
30
1 m \iln
BE 1909 US 1910
Fig. 9. Produktion Deutschlands von Roheisen (A) und Kohle (B)
in Millionen Tonnen.
gang statt, nach 1882 ist ein kleiner Rückgang erst 1886 zu erkennen.
Die Kohlenkurve verläuft im ganzen sehr gleichmäßig. Sie zeigt in
der Tat nur wenige und ganz unbedeutende Rückgänge, nämlich 1876/77
2,7 %, 1891/92 1,8% und 1901/02 1,5%. Der Vergleich zwischen der
deutschen Kohlen- und Eisenproduktion dürfte als eine gute Bestätigung
 unseres Resultates betrachtet werden können.
1) Ziffern im Anhang, Tabelle 5.
        <pb n="503" />
        490 Kap. XIV. Einfluß der Konjunkturen auf die Produktion.
„In den Vereinigten Staaten sind die Schwankungen der Roheisenproduktion
 bekanntlich seit alters her sehr groß gewesen. Von 1890
bis 1894 ist z. B. die Roheisenproduktion von 9,2 bis auf 6,7 Millionen
Tons zurückgegangen. Die Kohlenproduktion der Vereinigten Staaten
ist aber wesentlich gleichmäßiger gewesen. Sie zeigt in der Zeit von
1870 bis 1907 keinen Rückgang von mehr als 9%. Im Jahre 1908,
als die Eisenproduktion 38% gegen 1907 zurückging, hat natürlich
auch ein bedeutender Rückgang der Kohlenproduktion stattgefunden,
aber dennoch nur mit 13,4 % 1).
Daß England mit seiner großen Kohlenausfuhr verhältnismäßig
große Schwankungen der Kohlenproduktion aufweisen muß, ist natürlich.
 Der größte Rückgang der Kohlenproduktion fand in diesem Lande
von 1891 bis 1893 statt und betrug 11,4%. Dabei hatte sich jedoch
die Roheisenproduktion von 1889 bis 1892 um 19,4 % vermindert. Dem
Rückgang der Roheisenproduktion von 1882 bis 1886 von 18,3 % stand
ein Rückgang der Kohlenproduktion von 1883 bis 1886 um nur 3,8%
gegenüber.
Suchen wir nun unser Ergebnis auch auf anderem Wege zu prüfen.
Die Statistik des Güterverkehrs der Eisenbahnen ermöglicht uns in
gewissen Ländern eine Teilung der Tonnenzahlen dieses Verkehrs
nach den Gattungen der Güter vorzunehmen. Wir können diese Teilung
so machen, daß wir einerseits diejenigen Waren, die wesentlich als
Material des festen Kapitals dienen, andererseits alle übrigen Güter
zusammenfassen. Für Deutschiand ist dies hier so geschehen, daß die
Warengattungen Zement, Eisen, Holz und Steine (Warengattungen 7,
11—20, 31a und b und 59 der offiziellen Statistik) als Material des
festen Kapitals zusammengefaßt sind. Die so erhaltenen Tonnenzahlen
sind von den Gesamttonnenzahlen der beförderten Güter abgezogen.
Auf diese Weise sind die Tonnenzahlen für „Kapitalgüter‘“ und „andere
Güter‘ erhalten. (Siehe Tabelle 6 im Anhang.) Betrachten wir diese
Statistik, die bis 1886 zurückgeht, so finden wir für die Kapitalgüter
eine bedeutende Steigerung bis zum Jahre 1889, aber nach dem Wendejahre
 1890 keinen Rückgang, ein Resultat, das mit der Kurve der
deutschen Roheisenproduktion in Übereinstimmung steht. Für die
Gruppe „andere Güter‘ bemerken wir vom Jahre 1891 bis 1892 einen
Rückgang von 127087 bis 124766 Tonnen, also um etwa 1,8%. Für
die Zeit von 1895 bis 1909 ist die Entwicklung auf unserem Diagramme
(Fig. 10) wiedergegeben. Die untere vollgezogene Linie stellt die Tonnenzahl
 der „Kapitalgüter‘‘ in Millionen Tonnen dar. Die obere punktierte
Linie zeigt auf dieselbe Weise die Tonnenzahl der „anderen Güter“,
ist aber der Bequemlichkeit halber um 100 gesenkt worden. Die zuletzt
genannte Kurve weist, wie man sieht, keinen Rückgang auf, während
für die Kapitalgüterkurve die Rückgänge nach den Wendejahren
1) Statistical Abstract of the United. States.
        <pb n="504" />
        $ 64. Die Hauptzweige der Produktion in den Konjunkturen. 491
1900 ‚und 1907 sehr ausgeprägt sind. Dieses Diagramm bestätigt also
den Zusammenhang, den wir zwischen den Konjunkturbewegungen
und der Produktion von festem Kapital gefunden haben, wie es uns
gleichzeitig vor Augen führt, wie viel weniger die übrige Produktion
von den Konjunkturen beeinflußt wird, dies obwohl die Gruppe
Wr
|
150 -
100
50
ns a. N
18395 ' , 4909
Fig. 10. Güterverkehr der deutschen Eisenbahnen. Millionen Tonnen.
—— Kapitalgüter. — — — Sonstige Güter.
„anderer Güter‘ natürlich nicht von Materialien des festen Kapitals
ganz frei ist.
Eine ähnliche Untersuchung kann man für die Vereinigten Staaten
anstellen. Ziehen wir hier nur die Hochkonjunktur von 1904 bis 1907

1900 1905
        <pb n="505" />
        462 Kap. XIV. Einfluß der Konjunkturen auf die Produktion.
in Betracht?). Es zeigt sich dann eine Vermehrung der Tonnenzahl des
Güterverkehrs von 1310 bis 1796 Millionen Tons, d. h. um 37%. Über
diesen Durchschnittszuwachs kommen unter den Warengattungen, die
in der Statistik spezifiziert sind, folgende Waren mit folgenden Zuwachsprozenten:

A Maschinen usw. ... 49%
EI Ze ke De a, Stabeisen und Blechen 76 ,,
Steine USW. ... . waS4.,, Zement, Ziegel und
Schienen x. .! A964? ,, Kalksteine ..,. ... 58,
Wagen und Werkzeuge 48 ,,
Unter dem Durchschnittszuwachs bleiben dagegen die großen
Gruppen der Produkte des Ackerbaus und der Produkte von Tieren
mit nur 21, bzw. 9%. Für Hausgeräte usw, war der Zuwachs 21 %.
Zucker ging sogar mit 3!7/, % zurück. Leider kann man der Entwicklung
nicht weiter folgen, da die Statistik mit 1908 verändert worden ist.
Die angeführten Ziffern bestätigen aber, daß die Aufgangsperiode eine
erhebliche Steigerung der Kapitalgüterproduktion mit sich führt, die
übrige Produktion aber kaum eine Steigerung über das gewöhnliche
Maß hinaus erkennen läßt,
Nachdem wir nunmehr festgestellt haben, daß die Produktion von
festem Kapital in ihren Auf- und Niedergangsbewegungen die Konjunkturschwankungen
 widerspiegelt, bleibt noch übrig, möglichst genau
festzustellen, wann der Niedergang der Produktion beginnt. Der Zeitpunkt
 der Krise kann im allgemeinen mit ziemlicher Genauigkeit festgestellt
 werden. Es fragt sich, ob die Kapitalproduktion und zunächst
die Produktion von Roheisen eben im Momente der Krise zurückgeht
oder etwa ein wenig früher oder später,
Nach den Zusammenstellungen von Pohle?) betrug die Roheisenproduktion
 im deutschen Zollgebiet in 1000 Tonnen:
1906 12,422
1907 13,046
1908 11,814
In der Jahresstatistik ist also kein Rückgang für das Krisenjahr
bemerkbar. Studiert man die Statistik für die einzelnen Monate, so
findet man, daß die Produktion 1907 für jeden Monat höher ist als
für den entsprechenden Monat 1906. Die Produktion im Januar 1908
ist praktisch gleich der entsprechenden Produktion im vorigen Jahre.
Für Februar 1908 ist die Produktion höher als für Februar 1907. Erst
ı Statistical Abstract of the United States. Es ist zu beachten, daß die
Jahre mit dem 30. Juni enden.
2) Monatliche Übersichten über die allgemeine Wirtschaftslage. Beilage zur
Zeitschrift für Sozialwissenschaft.

De
4
        <pb n="506" />
        $ 65. Veränderung d. Arbeiterzahl in d. beiden Hauptzweigen d. Produktion. 493
im März macht sich ein kleiner Rückgang mit etwa 52 Tausend Tonnen
merkbar, und erst der April zeigt gegen den entsprechenden Monat im
Vorjahr einen bedeutenden Rückgang mit 98 Tausend Tonnen. Dagegen
 sinkt die Tagesproduktion etwas schon vom Dezember 1907 an.
Sie beträgt für:
1907 September“. 3674 1908 “Januar”. 34,2
Oktober 1: 36,7 rebruar . 34,3
November. . . er, 1 März 23,8
Dezember #27: BET Aprik 32,7
Es zeigt sich also, daß der Rückgang der Roheisenproduktion erst
einige Monate nach der Krise, die bekanntlich im September begann,
stattfand.
In den Vereinigten Staaten, wo die Krise ihren Ursprung hatte und
auch sehr heftig war, folgte der Rückgang der Roheisenproduktion
etwas schneller auf die Krise. Die Roheisenproduktion in 1000 Groß-Tons
 betrug pro Tag im September 72,8, im Oktober 75,4, im November
 60,9, im Dezember 39,8 und erreichte schon im Januar 1908
ihr Minimum mit 33,7. Da die Krise im September ausbrach und im
Oktober sehr stark war, kam also auch in den Vereinigten Staaten der
Rückgang der Roheisenproduktion etwas später.
Fünfzehntes Kapitel.
Einfluß der Konjunkturen auf die Arbeit.
8 65. Veränderung der Arbeiterzahl in den beiden
Hauptzweigen der Produktion.
Wenn das Wesen der Konjunkturen in einer ungewöhnlichen
Steigerung der Produktion von festem Kapital und in einem darauf
folgenden heftigen Rückgang derselben Produktion liegt, müssen sich
diese Bewegungen in den Schwankungen der Menge von Arbeitskraft
widerspiegeln, die in der Kapitalproduktion zur Anwendung kommt.
Ist es wahr, daß die Konjunkturbewegung keinen wesentlichen Einfluß
 auf die übrige Produktion ausübt, so muß auch diese Tatsache
in einer gleichmäßigeren Steigerung der Arbeiterzahl dieser Industrien
zum Vorschein kommen. Es entsteht in diesem Zusammenhang auch
die Frage: woher bekommen die kapitalproduzierenden Industrien den
Extrazuschuß von Arbeitskraft, den sie in den Hochkonjunkturen
brauchen, und wo bleiben die Arbeiter, die dieselben Industrien in
den Depressionen nicht beschäftigen können? Es handelt sich hier,
        <pb n="507" />
        Kap. XV. Einfluß der Konjunkturen auf die Arbeit.
wie. man sieht, um eine allgemeine Untersuchung der Wanderung der
Arbeitskraft unter dem Einfluß der Konjunkturen.
Dieses für unsere Kenntnis der Konjunkturen, wie auch vom allgemeinen
 sozialen Standpunkte aus, überaus wichtige Moment, scheint
leider bisher von der offiziellen Statistik nicht speziell behandelt worden
zu sein. Für einige Länder lassen sich jedoch gewisse statistische Daten
zusammenstellen, die über die hier in Rede stehenden Erscheinungen
Licht verbreiten.
Für Schweden gibt die offizielle Fabrikstatistik1) für jedes Jahr
die Zahl der Arbeiter für verschiedene Gruppen von Industrien gesondert
 an. Wir können also hier diejenigen Gruppen von Industrien,
die in der Hauptsache der Produktion von festem Kapitale dienen,
zusammenfassen und so die Gesamtsumme der in diesen Industrien
beschäftigten Arbeiter berechnen. Die Industrien, die hier in Frage
kommen, sind die Holzindustrie, die Industrie der Steine und des Baumaterials
 und die Eisen- und Stahlindustrie. Die gesamte Arbeiterzahl
 dieser Industrien läßt sich auf Grund der vorliegenden Statistik
für jedes Jahr von 1896 an berechnen. Diese Zahl ist auf unserem
Diagramme (Fig. 11) durch die Kurve A wiedergegeben. Die Kurve B
bezeichnet die Zahl der übrigen Industriearbeiter, die Kurve C die
Gesamtzahl der Industriearbeiter, also die Summe von A und B?2). Die
Kurve C der Gesamtzahl der Industriearbeiter zeigt für die beiden
Wendejahre 1900 und 1907 die charakteristischen Spitzen der Hochkonjunktur.
 Untersucht man aber, woher diese Spitzen herrühren, so
findet man, daß sie so gut wie ausschließlich auf die Schwankungen
der Zahl der Arbeiter in den kapitalproduzierenden Industrien zurückzuführen
 sind. In der Tat zeigt die‘ Kurve der kapitalproduzierenden
Industrien sehr bestimmte Rückgänge, sowohl nach 1900 wie nach
1907, während die Kurve der übrigen Industrien nach 1900 ihre Steigerung,
 wenn auch in etwas abgeschwächtem Tempo, fortgesetzt und nach
1907 nur ganz unbedeutend sinkt. Ziffernmäßig stellen sich die Schwankungen
 der Kurve der kapitalproduzierenden Industrien im großen wie
folgt:
Steigerung Rückgang
1896— 1900 29,5% 1900— 1902 3,1.%
1902— 1907 12.9 1907— 1909 10,0 ,,
Die Kurve B der übrigen Industrien zeigt vor 1907 keinen einzigen
 Rückgang, in den beiden großen Streikjahren 1908—1909 einen
Rückgang‘ gegen 1907 von nur etwa 1000 Arbeitern, d. h. um 0,56 %.
Unser früher gewonnenes Ergebnis, daß die Konjunkturbewegungen
lediglich ein Ausdruck für die Schwankungen in der Produktion von
2) Sveriges officiella Statistik. D. Fabriker och Handtverk.
?) Die Ziffern sind im Anhange (Tabelle 7) gegeben. Unter den Industriearbeitern
 sind die Bergwerks- und Hüttenarbeiter nicht mit eingerechnet.

494
        <pb n="508" />
        8 65. Veränderung d. Arbeiterzahl in d. beiden Hauptzweigen d. Produktion. 495
festem Kapital sind, wird also durch die Statistik der Arbeiterzahl
der schwedischen Industrien vollauf bestätigt.
Für Deutschland läßt sich eine entsprechende Untersuchung durchführen,
 wenn man die Zahl der in den verschiedenen gewerblichen Berufsgenossenschaften
 gegen Unfall versicherten Personen in Betracht
zieht. Die entsprechenden Ziffern sind nach den amtlichen Nachrichten
u
300}
250'
200r
5C
Iuc
Fig. 11. Fabrikarbeiter in Schweden,
A Kapitalproduzierende Industrien; B übrige Industrien; C gesamte Industrie,
des Reichs-Versicherungsamts im statistischen Jahrbuch des Deutschen
Reichs wiedergegeben. Betreffend den Charakter dieser Ziffern soll
hier nach den Anweisungen des Reichs-Versicherungsamts!) folgendes
angeführt werden: „Die Angaben haben den Zweck, alljährlich einen
ungefähren Überblick über die Zahl derjenigen Betriebsbeamten und
Arbeiter zu gewähren, auf welche die Unfallversicherung sich erstreckt.
Es kommen ako hier nicht Durchschnittszahlen im strengen statistischen
 ‚Sinne in Frage. Deshalb-kommt es auch nicht darauf an, nach
5 1) Amtliche Nachrichten des Reichs-Versicherungsamts. 1902, p. 629, Ziff. 4.
        <pb n="509" />
        40) Kap. XV. Einfluß der Konjunkturen auf die Arbeit.
dem Mehr oder Weniger der während des Rechnungsjahres tatsächlich
über oder unter der Zahl der regelmäßig in einem Betriebe beschäftigten
versicherten Betriebsbeamten und Arbeiter ein genaues Mittel auszurechnen,
 sondern es ist diejenige Zahl von Personen anzugeben, welche
der Betrieb bei voller oder laufender (normaler) Tätigkeit in dem betreffenden
 Rechnungsjahr in der Regel beschäftigt hat. Eine Spinnerei
z. B., welche bald mehr, bald weniger, in der Regel aber 200 beschäftigte
Versicherte Betriebsbeamte und Arbeiter täglich bei Erzeugung der
für das Rechnungsjahr als laufend anzusehenden Tagesproduktion
nötig gehabt hat, wird... mit 200 Personen in Rücksicht zu ziehen
sein... Auch wird eine lediglich zur Verstärkung des gewöhnlichen
durchschnittlichen Arbeiterstamms für kurze Zeit erfolgende Einstellung
außerordentlichen Hilfspersonals selbst dann außer Betracht zu bleiben
haben, wenn diese Einstellung in. jedem Jahre stattfindet . .. Berufsgenossenschaften,
 welchen die Gesamtzahl der im Rechnungsjahre geleisteten
 Arbeitstage bekannt ist, können die Zahl der durchschnittlich
Versicherten auch so ermitteln, daß sie die Summe aller Arbeitstage
durch die Zahl der Tage teilen, an denen in der Regel in dem betreffenden
Gewerbezweige gearbeitet wird.““
Der so angegebene Charakter der Statistik der bei den gewerblichen
 Berufsgenossenschaften versicherten Personen scheint für die
Aufgabe, die wir uns hier gestellt haben, im ganzen zweckmäßig. Wir
wollen ja wissen, wie die großen Konjunkturbewegungen von Jahr
zu Jahr die Zahl der beschäftigten Arbeiter verändert, nicht aber, wie
diese Zahl zufolge zufälliger Verhältnisse von Tag zu Tag schwankt.
Um eine Vorstellung vom Umfang der in den kapitalproduzierenden
Industrien beschäftigten Arbeitskraft zu bekommen, haben wir die
bei den Berufsgenossenschaften der Eisen- und Stahl-, Steinbruch- und
Ziegelei- und Baugewerksindustrien versicherten Personen zu Summieren.
 Durch Abziehen dieser Summe von der Gesamtzahl der bei
den gewerblichen Berufsgenossenschaften versicherten Personen erhalten
 wir die Zahl der bei den „sonstigen‘‘ Berufsgenossenschaften
versicherten Personen.
Diese Einteilung der Berufsgenossenschaften in „kapitalproduzierende“
 und „sonstige‘“ macht natürlich nicht Anspruch auf irgendeine
Genauigkeit. Die Eisenindustrie z. B. produziert zum Teil Waren, die
nicht zum festen Kapital zu rechnen sind. Andererseits gibt es unter den
„sonstigen Industrien‘ einige, die in größerem oder kleinerem Umfange
festes Kapital oder Materialien dafür produzieren. Unter den bezüglichen
 Berufsgenossenschaften wären die der Knappschaften, der Feinmechanik
 und Elektrotechnik, die der Glasindustrie, der chemischen
Industrie und die der Schmiede zu nennen. Für unseren jetzigen Zweck
genügt es aber, wenn wir die große Hauptmasse der Arbeiter, die in
den kapitalproduzierenden Industrien beschäftigt sind, von den übrigen

„OP
        <pb n="510" />
        $ 65. Veränderung d. Arbeiterzahl in d. beiden Hauptzweigen d. Produktion. 497
Arbeitern scheiden können. Die verschiedene Empfindlichkeit der
beiden großen Hauptzweige der Industrie für Konjunkturbewegungen
wird schon bei einer solchen groben Scheidung der gewerblichen Arbeiter
sehr deutlich hervortreten.
Im Verhältnis zur Gesamtzahl der bei den Berufsgenossenschaften
versicherten Arbeiter machen die Arbeiter der kapitalproduzierenden
BO,
50
&amp;gt;
40
5.
1
(0
1888 103
Fig. 12. Bei den gewerblichen Berufsgenossenschaften versicherte Personen.
A kapitalproduzierende; B sonstige; C sämtliche Gewerbe.
Industrien etwa 40 bis 45 % aus. Bei einer genaueren Teilung würden
die beiden Hauptgruppen sich wahrscheinlich ungefähr gleich groß
zeigen, so daß die Zahl der Arbeiter der kapitalproduzierenden Industrien
 etwa die Hälfte der Gesamtzahl der gewerblichen Arbeiter ausmacht,
 Eine genauere auf eingehender Kenntnis der verschiedenen
Berufsgenossenschaften fußende Untersuchung der Einwirkung der
Konjunkturen auf ihre Arbeiterzahl würde sicher von manchen
Gesichtspunkten aus viel Interessantes darbieten.
__ Auf unserem Diagramme (Fig. 12) bezeichnet die Kurve C die Ge-*)
 Für die Ziffern siehe Tabelle 8 im Anhang.
Cassel, Theoret, Sozialökonomie, 4. Aufl,

32
        <pb n="511" />
        4 5 Kap. XV. Einfluß der Konjunkturen auf die Arbeit.
samtzahl der bei den gewerblichen Berufsgenossenschaften versichertem
Personen, und zwar für jedes Jahr von 1888 bis 19091). Die Hochkonjunkturen
 von 1900 und 1907 sind in den ‚entsprechenden Spitzen
dieser Kurve deutlich bemerkbar. Die Hochkonjunktur von 1890
erscheint bis 1891 fortgesetzt, wonach aber eigentlich kein merkbarer
Rückgang erfolgte. Zerlegt man aber die Kurve C in die beiden Kurven
A und B, deren Summe sie darstellt, und von denen A die kapital--produzierenden
 Industrien, B die sonstigen Industrien vertritt, so
findet man, daß die Spitzen der Kurve C ausschließlich auf die entsprechenden
 Spitzen der Kurve A zurückzuführen sind, während die
Kurve B überhaupt keine Spitze aufzuweisen hat und im ganzen So
gleichmäßig verläuft, wie der Verlauf einer wirtschaftlichen Entwicklung
je gedacht werden kann.
Die Wirkungen der Konjunkturbewegungen sind also, soweit sie
in der Zahl der beschäftigten Arbeiter hervortreten, was Deutschland
betrifft, für die ganze Gruppe der „sonstigen Industrien‘‘ kaum merkbar,
 für die „kapitalproduzierenden Industrien‘ dagegen sehr ausgeprägt.
 Die Senkungen der Kurve A nach den Hochkonjunkturen
bedeuten offenbar eine entsprechende Arbeitslosigkeit in den betreffenden
Industrien. In den „sonstigen Industrien‘, als ein Ganzes genommen,
kommt, wie das Diagramm zeigt, überhaupt keine Arbeitslosigkeit als
Folge der allgemeinen Konjunkturbewegungen vor. Die auf die allgemeinen
 Konjunkturen zurückzuführende Arbeitslosigkeit wollen wir unten
etwas näher untersuchen, können aber schon hier feststellen, daß sie,
wie die allgemeinen Konjunkturen selbst, im ganzen ausschließlich
auf das Konto der Produktion von festem Kapital zu schreiben ist.
Betrachten wir etwas eingehender die Entwicklung der kapitalproduzierenden
 Industrien in Deutschland. In den drei Hochkonjunkturen,
 die unsere Statistik umfaßt, steigt die Arbeiterzahl, wie folgt:
von 1888 bis 1891 um 24,49% oder im arithmetischen Durchschnitt
8,16% pro Jahr, von 1894 bis 1900 um 38,29% (6,38% pro Jahr)
und von 1904 bis 1907 um 16,05 % (5,35 % pro Jahr). Für die sonstigen
Industrien sind für die entsprechenden Perioden die Steigerungsprozente
 12,6%, 27,4% und 12,3 %, also in allen Fällen beträchtlich
niedriger als für die kapitalproduzierenden Industrien. Für die kapital--produzierenden
 Industrien folgt nach einer Hochkonjunktur eine Periode
der Arbeitslosigkeit, dadurch ausgezeichnet, daß die Zahl der beschäftigten
 Arbeiter kleiner ist als die Maximalzahl, die in der vorhergehenden
 Hochkonjunktur erreicht wurde. Bei beginnendem Aufschwung
 werden nicht nur die Arbeitslosen absorbiert, sondern auch
neue Arbeiter in großem Umfange eingestellt. Woher kommen nun diese
neuen Arbeiter? Der natürliche Bevölkerungszuwachs der betreffenden
Arbeitergruppe reicht nicht weit aus. Für das ganze Deutsche Reich
kamen auf 1000 Einwohner mehr Geborene als Gestorbene 1881/1890

20
        <pb n="512" />
        865. Veränderung d. Arbeiterzahl in d. beiden Hauptzweigen d. Produktion. 499
11,7, 1891/1900 13,9 und 1901/1910 14,3. Der jährliche Bevölkerungszuwachs
 betrug in den 21 Jahren von 1888 bis 1909 durchschnittlich
1,34%. Da nun die Arbeiterzahl der kapitalproduzierenden Industrien
in den Hochkonjunkturen um 5 bis 8% jährlich zugenommen hat, so
versteht man, daß in den Hochkonjunkturen immer ein Zuschuß von
außen notwendig gewesen ist. Nach der Hochkonjunktur von 1891 ist
eine Arbeitslosigkeit eingetreten, die die beiden Jahre 1892 und 1893
umfaßt. Dieser Arbeitslosigkeit hat das Jahr 1894 schon ein Ende bereitet.
 Im Jahre 1895 ist wohl der natürliche Bevölkerungszuwachs
der hier in Frage stehenden Arbeitergruppen hinreichend gewesen, um
den Bedarf von Arbeitskräften zu decken, aber von 1896 an bis 1900
ist offenbar ein Zuschuß von außen nötig gewesen. Die Depression
am Anfang dieses Jahrhunderts ist von einer Arbeitslosigkeit, die sich
über die Jahre 1901 bis 1903 erstreckt, begleitet. Schon das Jahr 1904
absorbiert aber die Arbeitslosen dieser Periode, und die Hochkonjunktur
der drei Jahre 1905 bis 1907 erfordert einen bedeutenden Zuschuß von
außen, um ihren Bedarf von Arbeitskräften zu decken.
Es geht hieraus hervor, daß der Arbeiterbedarf der beginnenden
Aufgangsperiode durch Wiedereinstellung der Arbeitslosen der Depressionsperiode
 befriedigt werden kann, oder daß der Vorgang wenigstens
 arithmetisch so gedacht werden kann, daß aber die eigentliche
Hochkonjunktur zur Deckung ihres Arbeiterbedarfs wesentlich auf
Zuschuß von außen angewiesen sei.
Dieses Ergebnis, das die ganze Theorie der „industriellen Reservearmee‘‘
 ins richtige Licht zu setzen geeignet ist, wird durch das Studium
einzelner Industrien, deren Arbeiterzahl wir statistisch verfolgen können,
bestätigt. Der Eisenhochofenbetrieb, der nach unseren früheren Ausführungen
 als repräsentativ für die ganze Produktion von festem
Kapital betrachtet werden kann, zeigt seit 1885 folgende Entwicklung
der „mittleren Belegschaft‘“1)
1885 22 768 1898 30.778
86 21 470 99 36 334
87 21 432 1900 34 743
88 23 046 01 32 367
89 23 985 02 32 399
1890 24 846 03 35 361
91 24 773 04 35.358
92 24.325 1905 38 458
93 24 201 06 41 754
94 24 110 07 45 201
1895 24 059 08 43 532
96 26 562 09 42 227
97 30 459 1910 45 324
?) Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich.

32*
        <pb n="513" />
        ZN Kap. XV. Einfluß der Konjunkturen auf die Arbeit,
‚Man findet, daß die Arbeitslosigkeit von 1886—1887 schon im
Jahre 1888 ausgeglichen worden ist, daß aber die beiden Jahre der
Hochkonjunktur 1889 und 1890 einen Zuschuß von außen nötig gehabt
haben. Die Periode 1891 bis 1895 ist eine Periode der Arbeitslosigkeit,
 die aber durch erhöhte Beschäftigung des Jahres 1896 schon
gedeckt worden ist. Für die Periode 1897 bis 1899 ist ein Zuschuß von
außen erforderlich gewesen. Die danach folgende Depression tritt in
einer Arbeitslosigkeit, die sich über die Jahre 1900 bis 1904 erstreckt,
zutage. Nachdem im folgenden Jahre 1905 sowohl die Arbeitslosen
wie wohl auch zum größten Teil der natürliche Zuwachs in Anspruch
genommen sind, hat die kräftige Entwicklung der beiden Jahre 1906
und 1907 offenbar einen bedeutenden Zuschuß von außen erfordert,
einen Zuschuß, der aber in der folgenden Depression wieder zum Teil
der Arbeitslosigkeit anheimgefallen ist.
Ähnlich liegen die Verhältnisse im Eisengießereibetrieb. _ Die
mittlere „Belegschaft‘‘ stellte sich in diesem Jahrhundert wie folgt
(die Ziffern in tausend Arbeitern):
1900 95,9 1905 109,6
01 85,7 06 117,5
02 84,5 07 119,8
03 87,8 08 113,8
04 104,6 09 112,1
Man sieht, wie das Jahr 1904 nicht nur die Arbeitslosigkeit der
Depression 1901—1903 ausgeglichen, sondern sicher auch den ganzen
natürlichen Zuwachs seit der Hochkonjunktur in Anspruch genommen
und außerdem noch einen Zuschuß von außen erfordert hat. Dieser
Bedarf von Arbeitskräften von außen hat dann während der ganzen
Hochkonjunktur bis 1907 hindurch fortgedauert. In der folgenden
Depression ist wieder ein kleiner Teil dieses Zuschusses abgestoßen
worden.
8 66. Die landwirtschaftliche Bevölkerung als Quelle der
Zuschüsse von Arbeitern an die Industrie.
Wenn also nunmehr feststeht, daß die Hochkonjunkturen erst durch
einen Zuschuß von Arbeitskräften an die kapitalproduzierenden Industrien
 ermöglicht werden, so fragt es sich: woher bekommen die
kapitalproduzierenden Industrien diesen Zuschuß, und werden sie auch
für die Zukunft auf einen solchen Zuschuß dauernd rechnen können?
Es ist bekannt, daß die landwirtschaftliche Bevölkerung in den
europäischen Industriestaaten seit dem Durchbruch des Industrialismus
immer imstande gewesen ist an andere Berufszweige einen bedeutenden

SU
        <pb n="514" />
        $ 66. Die landw. Bevölkerung als Quelle der Zuschüsse von Arbeitern usw. 50I
Zuschuß von Arbeitskräften abzugeben. Der Strom, der also der Industrie
 Arbeitskräfte zugeführt hat, ist aber nicht gleichmäßig geflossen.
Die kapitalproduzierenden Industrien haben in den Depressionsperioden
überhaupt keine Arbeitskraft von außen aufnehmen können, dagegen
in den Hochkonjunkturen sehr große Zuschüsse gebraucht. Die Überschußbevölkerung
 der Landwirtschaft ist also in den Depressionsperioden
 gewissermaßen in der Landwirtschaft zurückgehalten, sozusagen
 magaziniert worden, bis sie in den Hochkonjunkturen von den
kapitalproduzierenden Industrien in Anspruch genommen worden ist.
Diese verfügbaren Vorräte von Arbeitskräften in der Landwirtschaft
haben für die kapitalproduzierenden Industrien die eigentliche ‚„industrielle
 Reservearmee‘ ausgemacht. Erst durch diese Reserve sind
die Hochkonjunkturen in dem Umfang, den sie bisher gehabt haben,
überhaupt ermöglicht worden. Für ‚die sonstigen Industrien‘‘ gilt
dasselbe nicht, wenigstens nicht annähernd in demselben Grade. Der
Zufluß von Arbeitskräften von außen zu diesen Industrien ist sehr
viel gleichmäßiger gewesen.
Untersuchen wir, wie sich diese Entwicklung in einzelnen Ländern
vollzieht.
In Deutschland wurden in den drei Zählungsjahren 1882, 1895
und 1907 als „Berufszugehörige Bevölkerung‘ in den drei Hauptberufsabteilungen
 A, B und C in tausend Personen gezählt:
1882 1895 1907
A. Landwirtschaft usw. 19,225 18,501 17,681
©” Industrie usw. 16,058 20,253 26,387
C. Handel und Verkehr 4,531 5,967 8,278
Die landwirtschaftliche Bevölkerung hat also in den beiden Perioden
1882—1895 und 1895—1907 absolut abgenommen. Der ganze natürliche
 Bevölkerungszuwachs und außerdem noch ein nicht unwesentlicher
Teil der 1882 vorhandenen landwirtschaftlichen Bevölkerung ist von
der Landwirtschaft abgewandert Zum weitaus größeren Teil ist
diese landwirtschaftliche Überschußbevölkerung den Berufsabteilungen
 B und C zugeflossen. Vom Umfange dieser Bewegung kann man
sich eine ungefähre Vorstellung machen. Die Gesamtbevölkerung
des Deutschen Reiches ist in der Periode 1882 bis 1895 um 14,5%, in
der Periode 1895 bis 1907 um 19,22 % gewachsen, Denkt man sich, daß
die landwirtschaftliche Bevölkerung in den entsprechenden Perioden
ebenso schnell gewachsen wäre, so hätte sie im Jahre 1895 22,0 Millionem
betragen, wogegen sie in Wirklichkeit nur die Ziffer von 18,5 Millionen
erreichte, und also 3,5 Millionen abzugeben gehabt hat, was 270000
Personen pro Jahr entspricht. Im Jahre 1907 würde die landwirtschaftliche
 Bevölkerung, wenn sie von ihrer wirklichen Höhe 1895
um 19,22% gewachsen wäre, die Zahl von 22,05 Millionen erreicht
        <pb n="515" />
        S Kap, XV. Einfluß der Konjunkturen auf die Arbeit.
haben, während sie in Wirklichkeit bei der Ziffer 17,68 stehengeblieben
ist, und also in der Zeit von 1895 bis 1907 4,37 Millionen Personen
abzugeben gehabt hat, oder pro Jahr 365000 Personen, also 1000 Personen
 pro Tag. Es braucht wohl nicht besonders betont zu werden,
daß diese Berechnungen nur den Zweck haben können, uns eine ganz
allgemeine Vorstellung von der Größe der hier in Rede stehenden Abwanderung
 von der Landwirtschaft in die übrigen Berufszweige zu
geben.
Die Abwanderung von der Landwirtschaft ist nicht gleichmäßig
gewesen, sondern hat sich bis zu einem gewissen Grade in den Hochkonjunkturen
 konzentriert. So z. B. haben die gesamten gewerblichen
Berufsgenossenschaften in den Jahren 1892 bis 1895 kaum irgendeinen
Zuschuß von außen aufnehmen können, dagegen 1896 bis 1900 sicher
eine Million Arbeiter von außen‘ an sich gezogen oder etwa 200000
Arbeiter pro Jahr, was natürlich einen bedeutend größeren Bevölkerungszuschuß
 für die betreffenden Industrien bezeichnet. Nur die Aufspeicherung
 von Arbeitskräften, welche in den Depressionsperioden
in der Landwirtschaft stattfand, hat eine Deckung dieses außerordentlichen
 Bedarfs der Hochkonjunkturen an Arbeitskraft ermöglicht.
Es ist in diesem Zusammenhang von besonderem Interesse, zu
untersuchen, welche Teile der landwirtschaftlichen Bevölkerung zu
anderen Berufsabteilungen übergehen. Nach den Berufszählungen von
1895 und 1907 waren in der Berufsabteilung A (Landwirtschaft usw.)
vorhanden „Angehörige ohne Hauptberuf‘““ in den a- und c-Bevölkerungen,
 welche der selbständigen, resp. der Arbeiterklasse entsprechen
(in 1000 Personen):
1895 1907
a 6550 5144
C 3141 2350
oder auf 100 Erwerbstätige:
1895 1907
a 255 205
C 56 32
Man findet, daß die c-Bevölkerung die Zahl ihrer „Angehörigen
ohne Hauptberuf‘“ nunmehr so weit vermindert hat, daß eine weitere
Verminderung wenigstens für längere Zeit kaum möglich erscheint.
Eine Bevölkerung, in der nur 32 Angehörige auf 100 Erwerbstätige
kommen, wird für die Zukunft offenbar nicht so viel Arbeitskräfte
nach außen abgeben können, wie sie es früher, als sie noch eine bedeutend
 größere Zahl von Angehörigen besaß, vermochte. Auch die
a-Bevölkerung hat die Zahl ihrer Angehörigen wesentlich sinken sehen.
Soll die Klasse der selbständigen Landwirte überhaupt noch familiebildend
 sein und an der deutschen Volksvermehrung proportional Anteil

202
        <pb n="516" />
        $ 66. Die landw. Bevölkerung als Quelle der Zuschüsse von Arbeitern usw. 503
nehmen, so scheint die Anzahl von zwei Angehörigen für jeden Erwerbstätigen
 nicht viel unterschritten werden zu können. Für die
ganze deutsche Bevölkerung ist die Zahl der Angehörigen auf 100 Erwerbstätige
 von 131 im Jahre 1882 auf 120 im Jahre 1895 und auf
100 im Jahre 1907 zurückgegangen.
Insgesamt haben die Angehörigen ohne Hauptberuf in der Landwirtschaft
 von 1895 bis 1907 um rund 2200 000 abgenommen. In derselben
 Zeit ist die Gruppe „bei der Herrschaft lebende Dienende‘“ von
375000 bis 164 000 gesunken, hat also um 211000 abgenommen. Die
beiden genannten Gruppen zeigen also eine Verminderung von insgesamt
 2411 000 Personen. Die Gruppe der Erwerbstätigen dagegen hat
sich von 1895 bis 1907 von 8293000 auf 9883000, also um 1 590000
vermehrt. Es ist also eine Nettoabnahme der ganzen landwirtschaftlichen
 Bevölkerung von 820000 Personen eingetreten.
Der Vorgang, der sich in diesen Zahlen widerspiegelt, ist offenbar
eine teilweise Auflösung der landwirtschaftlichen Familien, eine Auflösung,
 die in der landwirtschaftlichen Arbeiterklasse am weitesten vorgeschritten
 ist, die aber auch in der Klasse der selbständigen Landwirte
schon bedenklich weit gekommen ist.
In Schweden ist die Entwicklung der landwirtschaftlichen Bevölkerung
 durch folgende Ziffern gekennzeichnet!):
1000 % der Be-Personen
 völkerung
1870 3095 72,1
80 3093 67,7
90 2843 61,5
1900 2795 54,4
1910 2674 48,4
Auch hier ist also seit 1870 ein sehr bedeutender relativer Rückgang
der landwirtschaftlichen Bevölkerung zu verzeichnen. Seit 1880 ist
dieser Rückgang auch absolut sehr beträchtlich. Diese Erscheinung
ist in erster Linie auf einen Rückgang der wichtigsten familienbildenden
 Arbeiterklassen der Landwirtschaft zurückzuführen. In diesen
Klassen hat die Zahl der männlichen Hauptpersonen in der Periode
1870 bis 1900 wesentlich abgenommen, während die Zahl der unverheirateten
 Arbeiter in derselben Periode sich sogar nicht unwesentlich
 vermehrt hat. In der Klasse der selbständigen Landwirte, deren
Zahl bedeutend gewachsen ist, hat aber ferner, wie überhaupt in der
ganzen landwirtschaftlichen Bevölkerung, die Zahl der unproduktiven
Familienmitglieder, wozu besonders Kinder unter 15 Jahren gerechnet
werden, erheblich abgenommen. In der ganzen landwirtschaftlichen
Bevölkerung waren vorhanden unproduktive Angehörige:
ı) Statistisk Arsbok. Stockholm.
        <pb n="517" />
        Kap. XV. Einfluß der Konjunkturen auf die Arbeit.
Männliche Weibliche
1870 549 803 563 357
1900 474 749 498 761
Der relative Rückgang der familienbildenden Arbeiterklassen der
Landwirtschaft sowie besonders die allgemeine Veränderung der Größe
der landwirtschaftlichen Familie sind also in Schweden die für die Abnahme
 der landwirtschaftlichen Bevölkerung bestimmenden Momente.
Die Zahl der selbständigen Landwirte, sowie auch die der unverheirateten
 Arbeiter ist aber in der Periode 1870 bis 1900 im Wachstum
begriffen gewesen‘).
Für. England zeigt die nachfolgende Tabelle, wie sich die Zahl
der in den wichtigsten Berufszweigen beschäftigten Personen in den
verschiedenen Zensusjahren darstellt?) (die Ziffern bezeichnen 1000
Personen):
1851 1861 1871 1881 1891 1901
Landwirtschaft 1,905 1,803 1,424 1,200 1,100 988
Bauindustrie 399 472 583 687 701 946
Kohlengruben 193 271 315 384 519 649
Baumwollenindustrie 415 492 509 552 606 582
Wollenindustrie 256 230 247 240 258 236
Seidenindustrie 131 116 83 65 52 39
Eisen- und Stahlindustrie 95 130 191 201 202 216
Maschinen- und Schiffbau 81 124 173 217 292 —
Schneiderei 139 143 150 161 209 259
Schuhmacherei 244 256 225 224 249 251
Druckerei und Buchbinderei 33 47 64 88 122 150
Möbelindustrie 48 64 75 84 101 122
Es zeigt sich hier, wie enorm die Zahl der in der Landwirtschaft
beschäftigten Personen in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts
 zurückgegangen ist. Unsere Tabelle zeigt uns auch, welche
Industrien in derselben Zeit den größten Zuschuß von außen bekommen
haben. Es sind dies die kapitalproduzierenden Industrien, nämlich die
Bauindustrie, die Eisen- und Stahlindustrien und die Industrien des
Maschinen- und Schiffbaus, und außerdem noch die Industrien der
Druckerei und der Buchbinderei und die Möbelindustrie.
Untersucht man näher, wie sich die Zusammensetzung der Gruppe
der in der Landwirtschaft beschäftigten Personen veränderte, so findet
man, daß die Zahl der weiblichen Personen wesentlich mehr als die
ı) Wohlin: Den jordbruksidkande Befolkningen i Sverige 1751—1900.
Emigrationsutredningen, Bilaga IX. Stockholm 1909.
2) Board of Trade: British and foreign Trade and Industry. 1903 (Cd. 1761),
p. 362.

504
        <pb n="518" />
        $ 66. Die landw. Bevölkerung als Quelle der Zuschüsse von Arbeitern usw. 505
Zahl der männlichen abgenommen hat, sowie auch, daß die Zahl der
Personen unter 20 Jahren etwas schneller als die Gesamtzahl abnahm.
Die Zahl der in der Landwirtschaft beschäftigten weiblichen Personen
betrug im Jahre 1851 436174, ist aber bis 1891 auf 46001 zurückgegangen.
 Gleichzeitig hat die Zahl der männlichen Personen von
1468513 bis 1053571 abgenommen. Damit war aber offenbar die
Unproportionalität der beiden Geschlechter schon zu weit gegangen.
Bis 1901 ist tatsächlich eine Steigerung der Zahl der weiblichen Personen
bis auf 52459 eingetreten, während die Zahl der männlichen Personen
noch weiter bis auf 935881 zurückgegangen ist.
Ein Blick auf die bisherige Abwanderung von der Landwirtschaft
zeigt also, daß diese Bewegung nicht unbegrenzt fortgesetzt werden
kann, daß sie vielmehr in den fortgeschrittensten Ländern ihren möglichen
 Grenzen ziemlich nahegekommen ist. Es sind hier zwei Momente
zu beachten: einerseits kann die Landwirtschaft, wenn sie nicht direkt
zurückgehen soll, kaum mehr Arbeitskräfte entbehren, andererseits ist
die Familienbildung der landwirtschaftlichen Bevölkerung schon so
sehr zurückgegangen, daß der natürliche Zuwachs dieser Bevölkerung
nicht länger auf derselben relativen Höhe wie früher erhalten werden
kann. Wenn heute die Industrie Arbeitskraft von der Landwirtschaft
bezieht, stützt sie sich offenbar auf den Zuwachs der landwirtschaftlichen
 Bevölkerung, wie sich dieser vor 15 bis 20 Jahren gestaltete. In
15 bis 20 Jahren wird die Industrie die Folgen der heutigen Verminderung
der landwirtschaftlichen Familienbildung an einem verminderten Zugang
 von Arbeitskräften von außen zu fühlen bekommen.
Die Frage, inwieweit wir erwarten dürfen, daß diese Ergebnisse
durch eine fortschreitende Zerstücklung des Bodenbesitzes und eine
stärkere Entwicklung des Kleinbauertums modifiziert werden, ist bis
auf weiteres offen zu lassen. Die hier betonte vorübergehende Natur
der im neunzehnten Jahrhundert stattgefundenen Abwanderung von
der Landwirtschaft wird einleuchtend genug, wenn man diese Abwanderung
 als ein Glied des großen Umwandlungsprozesses, der uns
zur arbeitsteiligen Volkswirtschaft und zum modernen Industrialismus
geführt hat, betrachtet. Zu dieser Entwicklung gehört bekanntlich
eine umfassende Auswanderung von Europa nach den Kolonialländern,
eine Erscheinung, die einen richtigen Einblick in die Wesentlichkeiten
der Entwicklung einigermaßen erschwert. Wir vereinfachen unsere
Aufgabe und gewinnen zugleich einen allgemeinen Überblick, wenn wir
das alte Europa und die neuen Kolonialländer als ein Ganzes betrachten
und uns fragen, welchen Einfluß der Übergang zum Industrialismus auf
die landwirtschaftliche Bevölkerung dieses Gesamtgebietes ausgeübt
 hat.
Wir bemerken dann, daß die Umwandlung des Produktionsprozesses,
 die wir miterlebt haben, zwei für die Landwirtschaft wesent-
        <pb n="519" />
        Kap. XV. Einfluß der Konjunkturen auf die Arbeit.
liche Momente enthält. Erstens ist ein großes Gebiet der Eigenprouktion
 der alten Familienwirtschaft dieser Wirtschaft abgenommen und
ur modernen Industrie übergeführt worden. Die Arbeiten, die in dieser
eise von der Landwirtschaft ausgesondert worden sind, sind teils
Arbeiten, die wir gar nicht als landwirtschaftliche betrachten, teil
olche, die sich mehr unmittelbar an die Landwirtschaft anschließen.
ur ersten Gruppe gehören das Spinnen und Weben, die Verfertigun
on Kleidern und Schuhen und noch eine ganze Reihe kleinere hauswirtschaftliche
 Tätigkeiten. In der zweiten Gruppe bemerken wir di
utter- und Käseproduktion, das Schlachten, Backen usw. Durch
diese Entwicklung ist die alte hauswirtschaftliche Eigenproduktion
chritt für Schritt auf eine reine Landwirtschaft zurückgeführt und
somit in eine berufsmäßige Produktion verwandelt worden. Gileicheitig
 aber, wie die Industrie der alten Hauswirtschaft ihre gewerbliche
 Beschäftigung abnahm, hat sie auch der alten Familie ihre nunmehr
überflüssigen Arbeitskräfte geraubt und sie in industrielle Tätigkeiten
übergeführt. Es liegt auf der Hand, daß diese ganze Entwicklung eine
inmalige Veränderung darstellt, die binnen eines gewissen Zeitraums
abgeschlossen werden muß. Die heutige Landwirtschaft ist der Grenze,
o sie überhaupt keine gewerblichen Arbeiter mehr an die Industrie
abzugeben hat, schon ziemlich nahegekommen.
Das zweite Moment in der Umwandlung des Produktionsprozesses
ist die technische Entwicklung der Landwirtschaft. Diese Entwicklun
besteht teils aus einer Verbesserung der landwirtschaftlichen Methoden,
also aus Fortschritten der Agrikulturchemie, der Pflanzen- und Tierzucht
 usw., teils aus der Einführung der Maschinentechnik in die Landwirtschaft.
 Beide Arten von Fortschritten geben der Industrie Neue
u tun, während wenigstens die zuletztgenannte Art auf eine Verminderung
 der für die Landwirtschaft nötigen Arbeitskraft hinwirkt.
Solange noch solche technische Fortschritte stattfinden, kann man sich
in gewissen engeren Grenzen eine Überführung von Arbeitskraft von
der Landwirtschaft an die Industrie denken. Man muß aber dabei
eachten, daß arbeitsparende Fortschritte auch in der Industrie stattinden,
 und daß solche nicht auf die Dauer in der Landwirtschaft überwiegen
 können. Einmal muß in dieser Hinsicht ein gewisses Gleichewicht
 zwischen der Landwirtschaft und der Industrie erreicht werden,
und wenn dann eine Bevölkerungsvermehrung überhaupt noch stattfindet,
 muß sie sich im ganzen ziemlich gleichmäßig auf Landwirtschaft
und Industrie verteilen.
Fassen wir zusammen. Die Ursachen, die die Wanderung von der
Landwirtschaft in die Industrie herbeigeführt haben, sind zum wesentichsten
 Teile auf eine einmalige Umwälzung unserer ganzen Wirtschaftsorganisation
 zurückzuführen. Diese Umwälzung fällt im großen
it den jetzt zurückgelegten 100 Jahren zusammen und ist schon an die

mn
4 &amp;gt;
(NW
        <pb n="520" />
        8 66. Die landw. Bevölkerung als Quelle der Zuschüsse von Arbeitern usw. 507
Epoche ihres Abschlusses gelangt. Für die nächste Zukunft müssen
wir deshalb erwarten, daß der Strom von Arbeitskraft aus der Landwirtschaft
 erheblich abnehmen wird.
Das letzte Jahrhundert ist zugleich die Zeit der Entstehung. der
modernen Großindustrie, ganz besonders die Zeit, in der die kapitalproduzierenden
 Industrien außerordentlich schnelle Fortschritte gemacht
 haben. Diese Fortschritte sind, wie wir wissen, nicht gleichmäßig,
 sondern sprunghaft, in den Hochkonjunkturen konzentriert gewesen.
 Sie wurden nur durch den extraordinären Zuschuß von Arbeitskraft,
 der jedesmal von der Landwirtschaft aus zu erhalten war, ermöglicht.
 Steht es nun fest, daß die Fähigkeit der Landwirtschaft
menschliche Arbeitskraft abzugeben mit dem Abschluß der industriellen
Revolution wesentlich beschränkt werden wird, so folgt der wichtige
Schluß, daß die Konjunkturbewegungen zu einem wesentlichen
 Teile eine Erscheinung der Übergangsperiode von
den alten Wirtschaftsformen zu den modernen darstellen,
Wenn Arbeitskraft von außen nicht oder nur in kleinem Umfange bezogen
 werden kann, werden Hochkonjunkturen in ihrer früheren Stärke
nicht mehr auftreten können. Wenn aber die Konjunkturenkurve nicht
mehr auf hohe Spitzen getrieben werden kann, wird sie natürlich auch
keinen heftigen Rückfällen ausgesetzt sein und muß also sehr viel
gleichmäßiger verlaufen, als es bisher der Fall gewesen ist.
Wir bekommen eine Vorstellung von den Veränderungen, die auf
diesem Gebiete bevorstehen, wenn wir die heutige Gestaltung der
Konjunkturen in verschiedenen Ländern betrachten. Am schärfsten
sind die Konjunkturschwankungen in den Vereinigten Staaten, wo die
Hochkonjunktur auf einen beinahe unbegrenzten Zufluß von Arbeitskraft
 rechnen kann. Die Quelle, die in den Vereinigten Staaten diese
zusätzliche Arbeitskraft liefert, ist die Einwanderung. Es ist in dieser
Hinsicht sehr lehrreich, die Beziehungen zwischen Einwanderung und
Produktion von festem Kapital — letztere durch die Roheisenerzeugung
repräsentiert — zu untersuchen. Es zeigt sich, daß die Maxima der
Einwanderung mit den Maxima der Roheisenerzeugung zusammenfallen,
 daß aber die Minima der Einwanderung gewöhnlich am Ende der
Depressionsperioden eintreten. In der Tabelle auf S. 508 kommt dieser
Zusammenhang deutlich zum Vorschein').
Die Verspätung der Minima der Einwanderung erklärt sich daraus,
daß ein Mehr von Arbeitskräften von den kapitalproduzierenden Industrien
 nicht aufgenommen werden kann, bevor die Depression überwunden
 ist, d. h. bevor die betreffenden Industrien die Maximalzahl von
Arbeitern, die sie in der letzten Hochkonjunktur beschäftigten, wieder
*) Statistical Abstract of the United States. Die Ziffern der Roheisenerzeugung
beziehen sich auf Kalenderjahre, diejenigen der Einwanderung dagegen auf Fiskaljahre
 (bis 30. Juni des angegebenen Jahres).
        <pb n="521" />
        BO Kap. XV. Einfluß der Konjunkturen auf die Arbeit.
aufgenommen haben. Es ist offenbar, daß so gewaltige und plötzliche
Vermehrungen des festen Kapitals, wie sie in den Vereinigten Staaten
stattfinden, überhaupt nur in einem Lande möglich sind, wo die kapitalproduzierenden
 Industrien Arbeitskraft von außen in beliebiger Menge
an sich ziehen können. In Europa, wo diese Möglichkeit weit mehr
begrenzt ist, könnte eine Hochkonjunktur vergleichbar mit derjenigen,
die die Vereinigten Staaten z. B. in den Jahren 1905 bis 1907 erlebt
haben, kaum gedacht werden. Wenn also einmal in Europa der Zufluß
von Arbeitskräften von außen an die kapitalproduzierenden Industrien
noch weiter eingeschränkt wird, müssen wir eine wesentliche Abstumpfung
 der Hochkonjunkturen erwarten. Mit der Ausgleichung der
Hochkonjunkturen muß aber auch eine entsprechende Ausgleichung der
Depressionen erfolgen. Wie der enorme Rückgang der Roheisenerzeugung
in den Vereinigten Staaten im Jahre 1908 von 25,8 bis 15,9 Millionen
Tons und der entsprechende Rückgang in der ganzen Produktion von
festem Kapital sein Gegenstück im heutigen Europa nicht hat, so können
wir einer Zeit entgegensehen, wo die europäischen Depressionen noch
weniger ausgeprägt sein werden, als sie es heute sind.
Einwanderung Roheisenerzeugung
in 1000 Personen in 100 000 Tons
1891 560 83
92 623 max. 92 max.
93 503 71
94 314 67 min.
1895 280 34
1896 343 86
97 231 97
98 229 min. 118
99 312 136
1900 499 138
1901 488 159
02 649 178
03 857 max. 180 max.
04 813 min. 165 min.
1905 1026 230
1906 1101 253
07 1285 max. 258 max.
08 783 159 min.
09 752 min. 258
1910 1042 272
Selbstverständlich kann sich die hier als wahrscheinlich bezeichnete
Entwicklung anders gestalten, wenn die großen kapitalproduzierenden
Industrien der westländischen Welt künftig in weiterem Umfang mit
Hilfe von Arbeitern fremder Rassen betrieben würden.

508
        <pb n="522" />
        8 67. Die Arbeitslosigkeit.
$ 67. Die Arbeitslosigkeit.
Wir haben in den beiden vorhergehenden Paragraphen einen Einblick
 in die Art, in welcher der Zufluß von Arbeitskraft zu den beiden
Hauptzweigen der Industrie von den Konjunkturen beeinflußt wird,
gewonnen. Für diesen Zweck war es nötig, statistische Angaben zu
benutzen, die wenigstens annähernd die Gesamtzahl der Arbeiter in
den verschiedenen Berufszweigen umfaßten. Erst eine solche Statistik
ermöglichte einen Vergleich zwischen den Mengen von Arbeitskraft,
die in einem besonderen Berufszweig von Jahr zu Jahr beschäftigt
werden.
Wir haben gefunden, daß die kapitalproduzierenden Industrien, die
in den Hochkonjunkturen eine Menge von Arbeitskraft von außen anziehen,
 in den Depressionen wieder einen Teil dieser Arbeitskraft abstoßen
 und dadurch Arbeitslosigkeit verursachen. Es ist wohl nicht
notwendig, daß die so abgestoßenen Arbeiter auch wirklich arbeitslos
werden, denn es läßt sich denken, daß sie in gewissem Umfange nach
der Landwirtschaft, von der sie erst kürzlich gekommen sind, zurückkehren,
 um da bis auf weiteres wieder Beschäftigung zu finden. Dies ist
tatsächlich in Schweden eine ziemlich gewöhnliche Erscheinung. Die
kapitalproduzierenden Industrien können nämlich zum großen Teil landwirtschaftliche
 Arbeiter oder Mitglieder der Bauernfamilien direkt von
ihren ländlichen Beschäftigungen nehmen. Besonders gilt dies natürlich
 von der Holzindustrie, aber auch in größerem Umfange von der
Bautätigkeit. Wenn diese Arbeiter nicht mehr industrielle Beschäftigung
 finden, gehen sie häufig in ihre früheren Stellungen zurück.
Es liegt aber auf der Hand, daß solche Verhältnisse in hochentwickelten
 Industrieländern nicht vorkommen können, wenigstens
nicht in demselben Umfang. Hier sind die von den kapitalproduzierenden
Industrien in den Depressionsperioden abgestoßenen Arbeiter auch
meistens einer wirklichen Arbeitslosigkeit ausgesetzt. Der Rückgang
der Zahl der von den betreffenden Industrien normal beschäftigten
Arbeiter, den wir für Deutschland festgestellt haben, dürfte eine im
ganzen richtige Vorstellung vom Umfange dieser „Konjunkturenarbeitslosigkeit‘‘
 geben.
Von den momentanen Schwankungen des Beschäftigungsgrades
gibt aber die Statistik, die wir bisher benutzt haben, kein Bild. Will
man das Problem der Arbeitslosigkeit von diesem Gesichtspunkte aus
studieren, um damit sozusagen ein Barometer für die Konjunkturenentwicklung
 zu gewinnen, muß man andere Wege einschlagen. In erster
Linie haben wir uns dann an die Arbeitslosenstatistik derjenigen Fachverbände
 zu wenden, die über ihre arbeitslosen Mitglieder regelmäßig
Bericht erstatten. Der größte Mangel dieser Statistik ist, daß sie ge-509
        <pb n="523" />
        © Kap. XV. Einfluß der Konjunkturen auf die Arbeit.
wöhnlich nur einen verhältnismäßig kleinen Teil der gesamten Arbeiterschaft
 umfassen kann.
Betrachten wir zuerst die Ergebnisse, die in England gewonnen
sind. Die Berichterstattung der Labour Gazette umfaßte 1893 Fachverbände
 mit 336000 Mitgliedern, welche Zahl aber 1903 schon auf
560000 gestiegen war. Die Statistik scheidet hier zwischen verschiedenen
 Hauptgruppen von Industrien, und zwar werden die Maschinen-,
Schiffsbau- und Metallindustrien besonders behandelt. Auch für die
Baugewerbe werden Arbeitslosenziffern besonders berechnet. Man
hat also hier Gelegenheit, zu beobachten, wie sich die von den Fachverbänden
 registrierte Arbeitslosigkeit in den genannten kapitalproduzierenden
 Industrien zu der entsprechenden Arbeitslosigkeit in
den sonstigen Industrien verhält. .
A B C D E
1872 min. 0,9 12 2,4 1,5 0,0
1879 max. 15,3 8,2 8,3 4,0 33
1882 min. 2,3 3:5 25 2,4 0,9
1886 max. 13,5 8,2 47 2,6 5,2
1890 min. 2,2 2:2 2,5 2,2 1,6
1893 max. 11,4 3,1 4,1 4,1 2,6
1899 min. 2,4 12 2,1 3,9 1,2
1904 max. 8,4 7,3 6,8 4,7 3,0
1906 min. 4,1 6,9 4,8 4,5 1,9
1908 max. 12,5 11,6 8,3 5,5 2,9
Es ist in der Tabelle nach der Statistik des Board of Trade!) die
Arbeitslosigkeit der Fachverbände in Prozent ihrer Mitgliederzahl gesondert
 nach folgenden Gruppen dargestellt:
A. Maschinen-, Schiffsbau- und Metallindustrien.
B. Baugewerbe.
C. Holz- und Möbelindustrien.
D. Druckerei- und Buchbinderei-Industrien.
E. Kohlenförderung, Textil-, Bekleidungs-, Papier-, Leder-,
Glas-, Steingut- und _Tabakindustrien,
Die Ziffern sind nur für diejenigen Jahre wiedergegeben, in denen
der Durchschnittsprozentsatz für sämtliche Fachverbände entweder ein
Maximum oder ein Minimum gewesen ist. Man sieht, daß in den Minimumjahren
 die Arbeitslosigkeit für sämtliche Gruppen gewöhnlich
sehr klein ist. In den Jahren des Maximums tritt aber sehr deutlich
hervor, wie viel stärker die Depression die kapitalproduzierenden
Industrien (A und B) als die übrigen Industrien beeinflussen. In der
scharfen Depression von 1879 z. B., wo die Arbeitslosigkeit in der
ı) Fourteenth Abstract of Labour Statistics of the United Kingdom. 1908
bis 1909.

510
        <pb n="524" />
        67. Die Arbeitslosigkeit.
ruppe A 15,3% und in den Baugewerben 8,2 % erreichte, beschränkte
ie sich in der Gruppe E auf 3,3%. Ähnlich war der Zustand 1908,
o die Arbeitslosigkeit der Gruppen A und B 12,5 resp. 11,6% betrug,
ährend sie in der Gruppe E nur die Ziffer 2,9 erreichte. Diese Ziffern
ind offenbar eine sehr gute Bestätigung der Ergebnisse, zu denen
nsere früheren Untersuchungen geführt haben, nämlich, daß die
onjunkturbewegungen ihrem innersten Wesen nach Schwankungen
in der Produktion von festem Kapital sind und höchstens sekundär die
übrigen Produktionszweige beeinflussen. Es liegt in der Natur der hier
erwendeten Statistik, daß sie diesen verschiedenartigen Charakter der:
eiden Hauptgruppen von Industrien nur in den Depressionsperioden
ervortreten läßt. Denn in den Hochkonjunkturen sinkt die eigentliche
rbeitslosigkeit in allen Industrien praktisch auf Null, und die Arbeitsosenstatistik
 enthält uns die großen Steigerungen der Zahl der be-.
chäftigten Arbeiter vor, die besonders die kapitalproduzierenden Indu--trien
 in den Hochkonjunkturen zeigen.
Das englische Handelsdepartement veröffentlicht auch eine monat-.
iche Statistik der Arbeitslosigkeit in gewissen Fachverbänden, die
ihren Mitgliedern Arbeitslosenunterstützung gewähren (s. Tabelle S. 512).
jese Statistik hat ihre eigentliche Bedeutung als Symptom der Konunkturen
 und stellt eine Art Krisenbarometer dar. Wenn z. B. die
rbeitslosenziffern im zweiten Halbjahr 1907 die entsprechenden
iffern des Vorjahres überstiegen haben, so war dies schon als ein
eichen der Wendung der Konjunktur aufzufassen, wenn auch diese
endung in voller Schärfe erst von Anfang 1908 an in den Arbeitsosenziffern
 zutage trat. Andererseits läßt ein Rückgang des Arbeitsosenprozentsatzes
 auf eine Verbesserung der Konjunktur schließen.
om August 1909 an war ein solcher Rückgang zu beobachten, wonach
uch tatsächlich eine Aufschwungsperiode folgte. Die Arbeitslosigkeit
erändert sich natürlich mit der Jahreszeit, und zwar so, daß die Höchst
sätze gewöhnlich am Ende des Jahres erreicht werden. Der Regel nach
ind also die Dezemberziffern höher als die Durchschnittsziffern für
das ganze Jahr. Wenn von dieser Regel eine Ausnahme, wie in den:
Jahren 1905 und 1909, stattfindet, scheint dies ein sehr zuverlässiges.
eichen eines bevorstehenden Aufschwungs zu sein.
(Siehe Tabelle S. 512)
ür Deutschland veröffentlicht das Reichsarbeitsblatt seit 1903 eine:
ortlaufende Statistik über die Arbeitslosigkeit in deutschen Fach--erbänden.
 Die Zahl der Arbeitslosen am Orte und auf der Reise im
erhältnis zur Zahl der Mitglieder der berichtenden Verbände wird für
en Schluß der letzten Woche jeden Monats angegeben. Es werden
hier die entsprechenden Ziffern für die Monate März, Juni, September
und Dezember seit Anfang der Statistik wiedergegeben!) (zweite Tabelle) z
BL !) Reichs-Arbeitsblatt, X. Jahrgang, Nr. 4 p. 264.

51%
        <pb n="525" />
        SA Kap. XV. Einfluß der Konjunkturen auf die Arbeit.
Monatliche Arbeitslosenziffern des englischen Handelsdepartements
1901—1911 9).
Jan. Febr. März April Mai Juni“ Juli Aug. Sept. ‚Okt. Nov. Dez: "durch.
1901 Pa 5 34 3.1.15,4 3,0 3,0. 209834 3,2 3,2 3,3 42 33
19025. 4,0 3,9 32 "3,4 3,5 3,7 3,540 4,5 4,5 4,4 5,0 4,0
19038. 49 43 3,936 353,9 44050 5,2 56 556,3 4,7
19048. 30,1 .5,6:5,5 55 5,8/15,5' 5,6 5,9 6,3: 6,3 6,5 7,1 16,0
19055 . 9,3. :5,7. 5,2. 5,2: 4,7148 14,7 4,9 + 4,8: 4,6 4,3, 4,5. 5,0
1906043 4,1 3,4 53,27 3,1 3,24..3,1. 2 3,3: 3,3..,3,9.:.4,0.4,4. 3,6
1907 5 321283830 31.32 36 41. 42 45 50,30
1908 258 6,0 6,4 7,1. 7,4 7,9 7,9 8,5 9,3 9,5 8,7 9,1 7,8
19098 37 84 82 827,9 79070) 77 7,4171 6,51-6,6177,7
1910. 68 5,7 15,2 4,41 4,2113,711 3811 4,0:174,3) 4,4 014,6: 45,01 4,7
4911 9 333,028 2,5 3.0.1209 1/33 42,9. 281263111310
März Juni September Dezember
1903 = 3,2 zZ 2,6
1904 2,0 2,1 1,8 2,4
1905 1,6 15 1,4 1,8
1906 1A 1,2 1,0 1,6
1907 1,3 1,4 1,4 2,7
1908 2;5 2,9 ZN 4,4
1909 9,9 2,8 24 2,6
1910 1,8 2,0 1,8 21
1911 1,9 1,6 1,7 2,4
1912 1,6 17 1,5 2,8
Die niedrigen Ziffern der Jahre 1905, 1906 und 1907 lassen uns
deutlich die Hochkonjunktur ablesen, während die darauf folgende
Depression ebenso klar in den hohen Ziffern der Jahre 1908 und 1909
hervortritt. Dieser Statistik kann aber nur eine allgemeine symptomatische
 Bedeutung beigelegt werden. Ein Vergleich zwischen den
verschiedenen Jahren und ganz besonders zwischen verschiedenen
Berufszweigen wird durch die Beschaffenheit des Materials sehr erschwert.
 Die Zahl der berücksichtigten Arbeiter ist seit 1904 etwa vervierfacht,
 von rund einer halben Million bis auf rund zwei Millionen
gestiegen. Die verschiedenen Berufszweige sind sehr ungleichmäßig
vertreten, und gerade für einige wichtige Industrien, wie diejenigen des
Bergbaus und der Bautätigkeit sind die Angaben sehr mangelhaft.
Um auch die Dauer der Arbeitslosigkeit mit zu berücksichtigen,
berechnet das Reichsarbeitsblatt für jedes Vierteljahr das Verhältnis
zwischen der Gesamtzahl der Arbeitslosentage und der Gesamtzahl der
„Mitgliedertage‘“ d. h. der Zahl der Mitglieder mal der der Werktage
1) 14. Abstract of Labour Statistics, p. 7. Labour Gazette, 1911—1912.

512
        <pb n="526" />
        $ 68. Die Veränderungen der Arbeitszeit. 3
des Vierteljahres (möglichen Arbeitstage). Von 100 Mitgliedertagen
waren hiernach Arbeitslosentage?):
im. 1: PIE: IV. Vierteljahr
1909 82 5 1,4
1910 0,7 2 1,2
1911 ) ' 1,1
1912 1,4
1913 29
Die Ziffern zeigen, wie die Depressionsperiode mit dem Jahre 1910
definitiv überwunden ist, und wie das Ende der darauf folgenden Hochkonjunktur
 schon im vierten Quartal 1912 durch die steigende Arbeitslosigkeit
 deutlich angezeigt wird.
Zur Beleuchtung des Beschäftigungsgrades der deutschen Arbeiterschaft
 wird auch im Reichsarbeitsblatt eine Statistik über die Bewegung
der Zahl der in Arbeit stehenden Mitglieder der Krankenkassen veröffentlicht,
 wobei diejenige Steigerung dieser Zahl, die auf dem Bevölkerungszuwachs
 beruht, abgerechnet wird. Diese Statistik kann selbstverständlich
 nur als ein Barometer für den Arbeitsmarkt benutzt
werden. Als solches dürfte sie aber einen gewissen Wert beanspruchen
können, da die Nachweisungen rund 5,7 Millionen Mitglieder umfassen
(März 1912).
Auch die Vermittlungstätigkeit der Arbeitsnachweise wird zur Beleuchtung
 der Lage des Arbeitsmarktes herangezogen. Die Zahl der
Arbeitsuchenden im Vergleich zur Zahl der offenen Stellen ist aber ein
viel zu komplizierter Begriff, um die theoretische Erklärung der Veränderungen
 des Arbeitsmarkts mit ihm fördern zu können.
$ 68. Die Veränderungen der Arbeitszeit.
Im vorhergehenden haben wir diejenigen Veränderungen in der
Zahl der beschäftigten Arbeiter untersucht, welche den von den Konjunkturen
 bestimmten Schwankungen der Produktion entsprechen. Wir
haben gefunden, daß die kapitalproduzierenden Industrien in der Hochkonjunktur
 teils ihre während der Depression arbeitslos gewordenen
Arbeiter wieder einstellen, teils Arbeitskraft von außen an sich ziehen,
um diese Arbeitskräfte zum Teil wieder in der nächsten Depression
abzustoßen. Es gibt aber auch eine andere Methode, die Arbeitskraft
den Bedürfnissen der wechselnden Produktionstätigkeit anzupassen,
nämlich durch Vermehrung oder Verminderung der täglichen Arbeitszeit
 oder der Zahl der in der Woche geleisteten Arbeitstage,
!) Reichs-Arbeitsblatt.
Casse), Theoret. Sozialökonomie. 4. Aufl.

515
33
        <pb n="527" />
        = Kap. XV. Einfluß der Konjunkturen auf die Arbeit.
Diese letzte Methode kommt bei den englischen Kohlengruben zur
Verwendung, wo ihre Wirkungen auch statistisch verfolgt werden
können. Der jährliche Durchschnitt der Zahl der Arbeitstage in der
Woche ist in der folgenden Tabelle angegeben‘):
1895 4,74 1903 5,09
96 4,92 04 5,07
97 5,13 1905 5,03
98 5,25 06 5,26
99 5,46 07 5,51
1900 5,47 08 5,22
01 5:12 09 5,14
02 5,22 1910 5,19
- Man sieht, wie die Arbeitszeit pro Woche vom Minimum im Jahre
1895 bis auf ein Maximum im Jahre 1900 wächst, um dann wieder auf
ein Minimum 1905 zu fallen und 1907 nochmals ein Maximum zu erreichen.
 Die Differenzen zwischen den Maxima und den Minima sind,
wie man sieht, ziemlich bedeutend.
Die Arbeitszeit war 1907 für jeden Monat größer als für den entsprechenden
 Monat des Vorjahres. Erst von Anfang 1908 ab findet eine
Abnahme statt, und erst im letzten Vierteljahre 1908 ist die Arbeitszeit
unter den Stand von 1906 herabgesunken.
Auch bei den Eisengruben kommt diese Methode des Ausgleichs
des Bedürfnisses an Arbeitskraft zur Anwendung. Die durchschnittliche
 Zahl der Arbeitstage in der Woche bei den Eisengruben stellte sich
in den Jahren 1896 bis 1910 wie folgt?).
1896 5,72 1904 5,79
97 5,70 1905 5,77
98 5,75 06 5,78
99 4,76 07 5,81
1900 5,65 08 5,69
01 5,58 09 5,76
02 5,74 1910 5,77
03 5,72
Die Schwankungen sind hier, wie wir erwarten dürfen, kleiner,
lassen aber den Aufschwung von 1901, bis 1907 wie auch den darauf
folgenden Rückgang im Jahre 1908 deutlich hervortreten.
In den Eisen- und Stahlwerken paßt man die Zahl der Arbeitsschichten
 den wechselnden Bedürfnissen von Arbeitskraft an. Die
ı) Board of Trade, Memoranda etc. Cd. 2337. 1904, p. 80 und 94. Fourteenth
Abstract of Labour Statistics.
2) Nach den eben angeführten Quellen.

Od
“ra
        <pb n="528" />
        $ 68. Die Veränderungen der Arbeitszeit. 5
Durchschnittszahl der von einem Manne in einer Woche geleisteten
Arbeitsschichten war in den folgenden Jahren‘):
1901 5,32 1906 5,57
02 5,36 07 5,58
03 5,39 08 5,36
04 5,40 09 5,38
1905 5,51 1910 5,50
Auch hier tritt die Hochkonjunktur von 1907 deutlich zutage,
Wenn man die Zahl.der durchschnittlich geleisteten Arbeitsschichten
 mit der Zahl der beschäftigten Arbeiter multipliziert, bekommt
man ein genaues Maß des Beschäftigungsgrades in den Eisen- und Stahlwerken.
 Die prozentuale Zu- bzw. Abnahme dieses Beschäftigungsgrades
 für jeden Monat im Vergleich mit dem entsprechenden Monat
des Vorjahres wird von der Labour Gazette regelmäßig veröffentlicht.
Für die Jahre 1906 bis 1909 stellen sich diese Prozentsätze wie folgt ?):
1906 1907 1908 1909
Januar + 13,3 + 2,9 — 6,6 — 3,8
Februar E01 + 3,4 — 8,3 — 7,8
März 10:7 + 3.1 — 10,0 — 4,1
April 0 7 8 — 4
Mai — 14
Juni L 14
Juli + 0,9
August 5 + 3,2
September 3 +4 3,7
Oktober \ ! + 6,3
November j + 6,5
Dezember — 11,14 + 9,6
Diese Zahlen sind sehr geeignet, uns über den Zeitpunkt des Anfangs
 und des Endes der Depression genau zu unterrichten. Man findet,
daß eine Abnahme des starken Beschäftigungsgrades der Hochkonjunktur
 gegen den entsprechenden Monat im Vorjahre erst im Oktober
1907 stattgefunden hat. Erst vom November an übersteigt der Rückgang
 den Zuwachs des Vorjahres, erst vom Mai 1908 an ist der ganze
Zuwachs der beiden Jahre der Hochkonjunktur wieder ausgeglichen.
Die Eisen- und Stahlindustrien sind also bis zum letzten Moment der
Hochkonjunktur sehr lebhaft beschäftigt gewesen, was mit dem Ergebnis
 übereinstimmt, zu dem wir oben ($ 64, Ende) bei unseren Untersuchungen
 über den Zeitpunkt der beginnenden Abnahme der Produktion
 von Materialien des festen Kapitals gekommen sind.
*) Fourteenth Abstract of Labour Statistics.
?) Nach Pohle: Monatliche Übersichten.

3
33*
        <pb n="529" />
        516 Kap. XVI. Einfluß der Konjunkturen auf die Produktionsmittel.
Sechzehntes Kapitel.
Einfluß der Konjunkturen auf die dauerhaften materiellen
Produktionsmittel.
8 69. Veränderungen in Menge und Effektivität
der Produktionsmittel.
Die Veränderungen der Produktion, die in den verschiedenen
Konjunkturabschnitten zutage treten, Setzen eine wechselnde Verwendung
 nicht nur von Arbeit, sondern auch von materiellen Produktionsmitteln
 voraus. Die gesteigerte Produktion in der Hochkonjunktur
 ist nicht ohne eine gesteigerte Anwendung von materiellen
Produktionsmitteln denkbar. Der erhöhte Bedarf der Hochkonjunkturen
an materiellen Produktionsmitteln kann nun auf zwei Wegen gedeckt
werden:
1. Durch Herstellung von neuen Produktionsmitteln, wodurch der
Gesamtvorrat von Produktionsmitteln gesteigert oder wenigstens die
Effektivität derselben erhöht wird;
2. durch bessere Ausnutzung der schon vorhandenen Produktionsmittel.

Betrachten wir zuerst den ersten Weg.
Diejenigen materiellen Produktionsmittel, die wir unter dem Begriff
 „„bewegliches Kapital“ zusammengefaßt haben, können zunächst
außer Betracht bleiben. Denn eine Steigerung der Produktion von
beweglichem Kapital ist, wie wir wissen, als eine Begleiterscheinung
jeder Erweiterung des volkswirtschaftlichen Produktionsprozesses zu
betrachten. Wir können also unsere Untersuchungen zunächst auf die
Vermehrung der dauerhaften materiellen Produktionsmittel, also des
festen Kapitals, welches die gesteigerte Produktion der Hochkonjunktur
voraussetzt, beschränken.
Woher kommt dieses Mehr an dauerhaften Produktionsmitteln, das
die Hochkonjunktur nötig hat? Die Produktion von festem Kapital
wird, wie wir gesehen haben, immer fortgesetzt, in den Depressionsperioden
 zwar in langsamerem Tempo als in den Hochkonjunkturen,
aber auch dann in sehr bedeutendem Umfang. Das Sinken der Roheisenerzeugung
 in den Depressionen beträgt einige Prozente, kann sich
zwar in Ausnahmefällen auf einen bedeutenderen Teil (in den Vereinigten
Staaten 1908 auf 38 %) steigern, läßt aber auch in schweren Depressionen
die Roheisenerzeugung zum wesentlichen Teile fortbestehen. Was
hier von der Roheisenerzeugung gilt, dürfte auch für die ganze Produktion
 von festem Kapital Geltung haben. Der Bau neuer Eisenbahnen
 wird, wie die Statistik zeigt, immer, wenn auch in wechselndem
        <pb n="530" />
        $ 69. Veränderungen in Menge und Effektivität der Produktionsmittel. 517
Umfange, betrieben. Auch die Ausrüstung der Eisenbahnen zur Erhöhung
 ihrer Transportfähigkeit wird in den Depressionsperioden
fortgesetzt, wie man in den Vereinigten Staaten mit ihrem Privatbahnsystem
 und ihren stark wechselnden Konjunkturen am besten beobachten
 kann?). Die jährliche Vermehrung der Länge von Bahnhofsgeleisen,
 die im Jahre 1892/1893 2644 Miles betragen hatte, sank
im Depressionsjahre 1894/1895 bis auf 1240 Miles. Es ist dies gewiß
eine bedeutende Verminderung, aber es zeigt sich doch, daß der Ausbau
 der Bahnhöfe während der ganzen Depressionsperiode in beträchtlichem
 Maße fortgesetzt worden ist. Im Hochkonjunkturjahre 1903/1904
erreichte der Neubau von Bahnhofsgeleisen die Ziffer 4932 Miles. Die
Ziffer wurde im nachfolgenden Depressionsjahre nur auf 3450 Miles
herabgesetzt. Auch der Bau von zweiten, dritten und vierten Geleisen
 wird in den Depressionsperioden fortgesetzt, erreichte z. B.
für das zweite Geleis im Jahre 1905/1906 ein Minimum von 880 Miles,
während das nächste Jahr eine Baulänge von 1485 Miles aufwies.
Es findet also eine auch in den Depressionsperioden nie aufhörende
Arbeit für gesteigerte Transportfähigkeit des Bahnkörpers statt.
Dasselbe können wir hinsichtlich des rollenden Materials beobachten.
Die Zahl der Güterwagen ist im Jahre 1903/1904 von rund 1654000
um rund 38000, im Jahre 1904/1905 weiter um 39000 vermehrt
worden. Gleichzeitig ist die durchschnittliche Tragfähigkeit von 29
auf 30 und 31 Tons gestiegen. Dies zeigt, daß ein Ausmustern von
alten Güterwagen in bedeutendem Umfange stattgefunden, und daß
die Zahl der neugebauten Güterwagen die angeführten Zahlen wesentlich
übertroffen haben muß. Die Vermehrung der Wagenzahl in der Depressionsperiode
 ist wohl klein im Verhältnis zur enormen Vermehrung
in der folgenden Hochkonjunktur, wo sie 107000 und 153000 in den
Jahren 1905/1906 resp. 1906/1907 ausmachte, zeigt jedoch, daß die
Depressionsperiode auch in dieser Hinsicht zur Erhöhung der Transportfähigkeit
 der Eisenbahnen nicht unwesentlich beigetragen hat.
Was wir hier für die Eisenbahnen zahlenmäßig festgestellt haben,
gilt für das ganze Gebiet der volkswirtschaftlichen Produktion. Am
Ende der Depression steht die Volkswirtschaft wesentlich besser mit
dauerhaften materiellen Produktionsmitteln ausgerüstet da, als am
Anfang, und ist also für die kommende neue Hochkonjunktur gut vorbereitet.
 Diese Ausrüstung der Volkswirtschaft mit dauerhaften Produktionsmitteln
 erleichtert die gesteigerte Produktion in der Hochkonjunktur,
 aber ist lange nicht genügend für die außerordentlichen
Ansprüche der Hochkonjunktur. Den weitaus größten Teil der neuen
Produktionsmittel, welche die Hochkonjunktur braucht, muß sie selbst
produzieren. Deshalb steigt auch, wie wir gesehen haben, die Produktion
von festem Kapital in der Hochkenjunktur, Erst diese bedeutende
1) Statistical Abstract of the United States.
        <pb n="531" />
        518 Kap. XVI. Einfluß der Konjunkturen auf die Produktionsmittel.
und während. der ganzen Hochkonjunktur fortgesetzte Steigerung der
Produktion von Produktionsmitteln über das normale Maß hinaus
schafft überhaupt die Hochkonjunktur.
Wir haben schon an einem Beispiel gesehen, daß die Depressionsperiode
 veraltete Produktionsmittel ausmustert, sie durch. neue und
bessere ersetzt und somit die durchschnittliche Produktivität steigert.
Es ist von großem Interesse, diese Veränderungen bei der Roheisenproduktion,
 die ja die wichtigste Grundlage der‘Produktion von festem
Kapital ist, zu beobachten.
Es ist eine bekannte Tatsache, daß die Hochöfen im letzten Menschenalter
 wesentlich vergrößert worden sind. Diese Veränderung hat
sich durch einen ständigen Neubau von Hochöfen und ein Ausmustern
überalteter Hochöfen vollzogen. Diese Entwicklung ist aber keine
gleichmäßige gewesen. Das Niederreißen alter Hochöfen hat offenbar
vorzugsweise in den Depressionsperioden stattgefunden. In den Hochkonjunkturen
 war man öfters genötigt, Hochöfen, die in der Depression
außer Betrieb waren, wieder in Dienst zu nehmen, auch wenn sie Vielleicht
 schon als veraltet betrachtet werden mußten.
Die deutsche Gewerbestatistik gibt neben der Gesamterzeugung
von Roheisen auch die Betriebsdauer der Hochöfen, d. h. die Gesamtzahl
 der Wochen, in denen Hochöfen im Jahre im Betrieb waren. Man
kann also die durchschnittliche Roheisenerzeugung pro Betriebswoche
berechnen. Wenn die so gewonnenen Zahlen mit 52 multipliziert werden,
bekommt man Zahlen, welche als Maß der durchschnittlichen Jahresproduktionsfähigkeit
 der in Betrieb gewesenen Hochöfen unter Voraussetzung
 stetigen Betriebs durch das ganze Jahr gelten können (Tab. 9).
Die so berechnete Produktivität der deutschen Hochöfen steigt in der
Periode 1872 bis 1909 von 7560 Tonnen bis auf 51320. Diese Steigerung
fällt aber wesentlich auf die Depressionsperioden. Man kann in der
ganzen Periode etwa 19 schlechte und 18 gute Jahre rechnen. In den
schlechten Jahren ist die Produktivitätszahl durchschnittlich um
1555 Tonnen, in den guten Jahren dagegen nur um 789 gestiegen.
Dies erklärt sich daraus, daß die veralteten Hochöfen ganz überwiegend
in den Depressionsperioden außer Betrieb gesetzt oder definitiv verlassen
 worden sind. Der Neubau von Hochöfen scheint gleichmäßiger
betrieben worden zu sein. Der Umstand, daß in den Hochkonjunkturen
mehr oder weniger veraltete Hochöfen wieder in Betrieb gesetzt werden,
wirkt‘ natürlich der mit dem Neubau verbundenen Erhöhung der
durchschnittlichen Produktivität entgegen. Im Aufschwungsjahre 1880,
wo die Roheisenerzeugung von 2227000 bis auf 2729000 Tonnen stieg,
ist die Zahl der Hochöfen in Betrieb von 210 bis 246 gestiegen und damit
die durchschnittliche Produktivität sogar eine Kleinigkeit zurückgegangen,
 nämlich von 12934 bis 12930 Tonnen. Sonst überwiegt
wohl immer die Tendenz der Steigerung der Produktivität, aber diese
        <pb n="532" />
        $ 69. Veränderungen in Menge und Effektivität der Produktionsmittel. 519
Steigerung ist doch, wie gesagt, in den Hochkonjunkturen immer viel
langsamer als in den Depressionsperioden. In der scharfen Depression
nach 1900, wo die Roheisenerzeugung von 8520000 bis auf 7880000
Tonnen im Jahre 1901 herabgedrückt wurde und noch im Jahre 1902
nur die Ziffer von 8530000 Tonnen erreichte, ist die durchschnittliche
Produktivität der Hochöfen von 33430 Tonnen bis auf 35580 Tonnen
und 40520 Tonnen gestiegen, was offenbar damit im Zusammenhang
steht, daß die Zahl der vorhandenen Hochöfen von einem Maximum
von 309 im Jahre 1901 bis.auf 289 im Jahre 1902 und die Zahl der Hochöfen
 in Betrieb von einem Maximum von 274 im Jahre 1900 auf 241
im Jahre 1902 gesunken ist. 1908 ist die Zahl der vorhandenen Hochöfen
 im Vergleich mit dem Vorjahre um 7 vermehrt, die Zahl der Hochöfen
 im Betrieb aber um 23 vermindert worden, welche beide Veränderungen
 zusammen eine Steigerung der durchschnittlichen Produktivität
 von 45298 auf 48733 Tonnen verursacht haben.
Man dürfte als Regel annehmen können, daß das Ausmustern veralteter
 Produktionsmittel hauptsächlich in den Depressionsperioden
stattfindet, die Produktion neuer Produktionsmittel dagegen mit
größerer Stärke in den Hochkonjunkturen betrieben wird. Als Ergebnis
der Entwicklung in der Depressionsperiode zeigt sich immerhin eine erhöhte
 Produktionsfähigkeit, auf welche die beginnende Hochkonjunktur
sich stützen kann. Es ist auch sehr wahrscheinlich, daß in der Depressionsperiode
 veraltete Produktionsmethoden aufgegeben werden.
Zum Teil hängt dies unmittelbar mit der Beschaffung neuer Produktionsmittel
 zusammen, zum Teil aber hat die Verbesserung der Produktionsmethoden
 ihren Schwerpunkt :auf dem Gebiete der Organisation.
Die Perioden nachlassender Tätigkeit lassen den Betriebsleitern Zeit
zu umfassenden Neuorganisationen ihrer Betriebe. Auch auf diesem
Wege wird’ aller Wahrscheinlichkeit nach sehr allgemein bis zum Anfang
 der nächsten Hochkonjunktur eine erhöhte Produktionsfähigkeit
erreicht.
Die Vermehrung der dauerhaften materiellen Produktionsmittel, die
wir für die Depressionsperioden konstatieren können, stellt natürlich
eine „„Kapitalansammlung‘“ der Depressionsperiode dar. Diese Kapitalansammlung
 ist aber nicht die von gewissen Theoretikern und den
Finanzzeitungen angenommene Ansammlung von Kapital in ‚,Geldform“
 oder von „ledigem Kapital‘‘, das; auf „Investierung‘ harrt.
Die Kapitalbildung ist in der Depression wie immer ($ 48) eine wirkliche
Vermehrung des „investierten Kapitals‘, und zwar in erster Linie eine
Vermehrung des festen Realkapitals. Diese „Kapitalansammlung“‘ ist
auch kaum als eine Bedingung der Hochkonjunktur aufzufassen, genügt
jedenfalls bei weitem nicht als Grundlage für die gesteigerte Produktion
der Hochkonjunktur, Zu einem wesentlichen Teile muß diese Erweiterung
 der Produktion, wie wir gesehen haben, immer auf Pro-
        <pb n="533" />
        320 Kap. XVI. Einfluß der Konjunkturen auf die Produktionsmittel.
duktionsmittel, welche die Hochkonjunktur selbst geschaffen hat,
fußen.
Das Kapitalansammeln der Depression ist auch zum Teil ein Anhäufen
 von beweglichem Realkapital, also von Lagerbeständen, von
Waren, die in der Depression keine Käufer finden. Solche Ware
können Materialien zu festem Kapital oder zu Produkten, die in die
Konsumtion übergehen, sein oder auch eigentliche Verbrauchsgegenstände.
 Manscheint sich zuweilen vorzustellen, daß die Hochkonjunktur
erst durch ein solches Ansammeln von Lagerbeständen ermöglicht
wird. Nach dieser Anschauung, die wenigstens den Vorzug hat, da
sie für das Kapitalanhäufen, das man durchaus als Vorbedingung de
Hochkonjunktur annehmen will, eine konkrete Unterlage voraussetzt
würde die außerordentlich gesteigerte Produktion von festem Kapital,
welche die Hochkonjunktur auszeichnet, teils direkt durch die Lagerbestände
 von Materialien zu solchem Realkapital erleichtert, teils auch
dadurch befördert werden, daß Produktivkräfte, dank den Beständen
von Konsumgütern oder Materialien dazu, von der unmittelbaren Versorgung
 der Konsumenten zur Produktion von festem Kapital gezogen
werden könnten. Es liegt in dieser Betrachtungsweise ein Rest der alten
Smithschen Vorstellung, nach welcher „ein Gütervorrat irgendwo
aufgespeichert werden mußte‘‘, bevor eine kapitalistische Produktion
angefangen werden konnte (vgl. S. 32). Hier soll nun festgestellt werden,
daß das etwaige Vorhandensein von Lagerbeständen der gedachten Art
hne wesentliche Bedeutung für die Hochkonjunktur sein muß, da
och, wie wir wissen, die Produktion von Materialien und Verbrauchsegenständen
 in der Hochkonjunktur in der Regel auf allen Gebieten
mehr als normal gesteigert wird, und also die Hochkonjunktur in de
Hauptsache selbst ihren Bedarf an diesen Artikeln deckt. Ob z. B
ie vorhergehende Depression Lagerbestände von Roheisen übrigelassen
 hat, ist für die Entwicklung der Hochkonjunktur ziemlich
leichgültig, da der Zuschuß zur Bedarfsdeckung, der aus solchen Beständen
 genommen wird, jedenfalls im Verhältnis zur gewaltigen Produktion
 der Hochkonjunktur selbst kaum sehr ins Gewicht fällt.
Obwohl eine einwandfreie Statistik der in den Depressionen sich
nhäufenden Lagerbestände schwer zu beschaffen ist, dürfte man doch
behaupten können, daß die Depression nicht vor allem durch eine
„Überproduktion‘‘, also eine Produktion von bis auf weiteres unveräuflichen
 Waren, sondern vielmehr durch eine unvollständige Ausutzung
 der vorhandenen Produktionsmittel gekennzeichnet wird ($ 70).
ie hier und .da von der Depression zufällig nachgelassenen Lagerestände
 bilden dann keine allgemeine oder notwendige Bedingung für
ie Entstehung der Hochkonjunktur, also auch kein wesentliches
lement in der Erklärung der Möglichkeit derselben.
        <pb n="534" />
        $ 70. Wechselnde Ausnutzung der Produktionsmittel.
$ 70. Wechselnde Ausnutzung der Produktionsmittel.
Der andere Hauptweg zur Ermöglichung einer erhöhten Produktion
 in der Hochkonjunktur ist eine bessere Ausnutzung der vorhandenen
 Produktionsmittel.
Eine solche verbesserte Ausnutzung kann, was das bewegliche
Kapital betrifft, in der Weise gewonnen werden, daß der ganze Produktionsprozeß
 beschleunigt und also die ‚„„Umlaufsgeschwindigkeit“
des beweglichen Kapitals erhöht wird, was offenbar damit gleichbedeutend
 ist, daß die Vorräte von beweglichem Kapital im Verhältnis
zum Umfange der Produktion vermindert werden. In den Hochkonjunkturen,
 wo die Produktion mit möglichster Intensität arbeitet,
wird im allgemeinen jedes Zwischenprodukt möglichst schnell zur
nächsten Produktionsstufe übergeführt werden und also nicht lange
Zeit in den Lagerbeständen zu finden sein. Daß in diesem Sinne eine
bessere Ausnutzung des beweglichen Kapitals die Hochkonjunkturen
auszeichnet, kann ziemlich allgemein angenommen werden. Man würde
sicher aber irren, wenn man hierin ein wesentliches Moment in der Erklärung
 der gesteigerten Produktion der Hochkonjunktur sehen wollte.
Daß eine bessere Ausnutzung der dauerhaften materiellen Produktionsmittel
 in der Hochkonjunktur stattfindet und in gewissem
Maße zur Ermöglichung der gesteigerten Produktion beiträgt, steht
außer Zweifel. In den Depressionsperioden sind die dauerhaften Produktionsmittel
 teilweise schlecht ausgenutzt, teilweise sogar überhaupt
nicht benutzt. Diese Veränderungen in der Ausnutzung der dauerhaften
 Produktionsmittel stehen zum Teil im Zusammenhang mit der
wechselnden Verwendung von Arbeitskraft. Wenn die Fabrik mit
Überstunden oder Extraschichten arbeitet, wird offenbar auch eine
bessere Ausnutzung sowohl der Maschinen wie der ganzen Fabrikanlage
 gewonnen. Werden mehr Arbeiter angestellt, so werden wohl
teilweise neue Maschinen erforderlich, aber oft werden doch gewisse
Maschinen auch für die größere Zahl der Arbeiter hinreichend sein.
Die vergrößerte Produktion ist in solchen Fällen teilweise durch intensivere
 Ausnutzung der Maschinen ermöglicht. Ähnliches dürfte
auch in manchen Fällen für die Fabrikgebäude und die übrigen Anlagen
 gelten.
Aber auch ohne Zusammenhang mit Veränderungen der Arbeiterzahl
 oder der Arbeitsstundenzahl kommen bedeutende Schwankungen
in der Ausnutzung der dauerhaften Produktionsmittel vor, wenn z. B. ein
Schiff, das eine Mal mit voller, das andere Mal nur mit halber Last segelt.
In gewissen Fällen sind wir in der Lage, die wechselnde Ausnutzung
der dauerhaften Produktionsmittel statistisch zu beleuchten, und somit
eine ungefähre Vorstellung vom Umfange dieser Schwankungen sowie

521
        <pb n="535" />
        522 Kap. XVI. Einfluß der Konjunkturen auf die Produktionsmittel.,
auch genaueren Aufschluß über die Zeitpunkte, in denen sie stattfinden,
 zu gewinnen. Für diesen Zweck ist die Eisenbahnstatistik
besonders verwendbar. Über die Ausnutzung der vorhandenen Betriebsmittel
 der deutschen Eisenbahnen liegen verschiedene Angaben vor.
Durchschnittlich kamen auf 1 Lokomotive 1000 Lokomotivnutzkilometer!):

1888 22,4 1900 27,4
89 23,4 01 26,8
1890 24,4 02 26,5
91 24,6 03 27,4
92 23,4 04 28,1
93 23,3 1905 28,9
94 23,4 06 29,8
1895 23,9 07 30,1
96 24,9 08 28,1
97 25,6 09 26,5
98 26,7 1910 26,5
99 27,0 1] 27,4
Man sieht, daß die Ausnutzung der Lokomotive im allgemeinen
verbessert worden ist, daß aber diese Verbesserung nur in den Hochkonjunkturen
 stattfindet, in den Depressionen aber bestimmten Rückschlägen
 weichen muß. Der Ausnutzungsgrad, der im Jahre 1891 erreicht
 wurde, war in der folgenden Depression nicht aufrecht zu halten
und konnte erst 1896 übertroffen werden. Danach folgte eine starke
Steigerung bis 1900, eine Steigerung, die aber in der folgenden Depressionsperiode
 unterbrochen wurde, um erst in der neuen Hochkonjunktur
bis 1907 fortgesetzt zu werden. Auch die danach folgende Depression
hat einen bedeutenden Rückgang im Ausnutzungsgrade gebracht.
Ähnlich stellen sich die Verhältnisse betreffend die Ausnutzung
der Eisenbahnwagen. Es kamen auf 1 Wagenachse 1000 Wagenachsenkilometer?):

1895 9,1 1903 20,1
96. 19,3 „04 20,6
97° 19,5 - 1905 21,4
98 19,7 06 22.0
99 19,9 07 222
1900 19,6 08 20,7
01 18,9 09 20,5
02 19,2 1910 21,1
N 217
ı) Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich.
2) Ebenda,
        <pb n="536" />
        $ 70. Wechselnde Ausnutzung der Produktionsmittel. 3
Die wechselnden Konjunkturen lassen sich in diesen beiden Zifferreihen
 ganz gut ablesen.
Selbstverständlich wird auch der Bahnkörper in den Hochkonjunkturen
 wesentlich besser ausgenutzt als sonst. Dies tritt in der Statistik
der geleisteten Tonnenmeilen pro Bahnmeile, die in den Vereinigten
Staaten veröffentlicht wird, zutage. Der Güterverkehr auf den schwedischen
 Staatsbahnen in Tonnen pro Tag und Bahnkilometer zeigt in
der Periode 1870 bis 1910 folgende Entwicklung, wenn wir nur die
Maxima und Minima berücksichtigen!):
1870 1,56 1894 2,98
1876 2,85 1900 4,99
1879 2:22 1901 4,85
1883 2,77 1907 6,68
1887 2,49 1909 6,13
1889 3,26 1910 7,28
Zur Feststellung des Zeitpunktes, an dem ein Umschlag in der
Ausnutzung des festen Kapitals stattfindet, können wir die monatlichen
 Betriebseinnahmen der Eisenbahnsysteme der großen Industrieländer
 verwenden. Für Deutschland waren diese Einnahmen aus dem
Güterverkehr auf 1 Kilometer Betriebslänge in Mark in den folgenden
Monaten?):
1907 Juli 2696 Novemb. 2903
Aug. 2819 Dezemb.: 2525
Sept. 12745 1908 Januar 2493
Okt. 3085 Februar‘. 2526
In allen diesen Monaten sind die Betriebseinnahmen größer als in
dem entsprechenden Monat des Vorjahres. Erst vom März 1908 an
findet in dieser Hinsicht eine Verschlechterung statt. Unter die Ziffern
von 1906 kommen die Betriebseinnahmen erst mit dem vierten Vierteljahre
 vom Jahre 1908.
Für 20 der größten britischen Eisenbahnlinien zeigen die Betriebseinnahmen
 aus dem Güterverkehr im Vergleich mit dem entsprechenden
Monate des Vorjahres für jeden Monat der beiden Jahre 1906 und 1907
eine Zunahme, die noch im Dezember 1907 die Ziffer von £ 120000
übersteigt. Eine Abnahme findet erst vom Januar 1908 an statt, aber
erst vom Februar an in der Stärke, daß die ganze Zunahme des Vorjahres
 ausgeglichen wird.
Für die Vereinigten Staaten wird die prozentuale Zunahme oder
Abnahme der Betriebs-Reineinnahmen im Vergleich mit dem entsprechenden
 Monat des Vorjahres veröffentlicht. Diese Statistik zeigt
ı). Statens Järnvägstrafik, 1910, p. 187, 188.
?) Diese und folgende Monatsziffern aus Pohle: Monatliche ‘Übersichten.

52:
        <pb n="537" />
        524 Kap. XVI. Einfluß der Konjunkturen auf die Produktionsmittel.
eine stetige Steigerung bis Dezember 1907, wo die erste Abnahme stattfindet,
 die jedoch noch nicht die Zunahme des entsprechenden Monats
des Vorjahres vertilgt. Vom Anfang 1908 ab ist aber die Abnahme
sehr bedeutend.
In allen diesen Fällen hat also die Abnahme der Betriebseinnahmen
erst nach dem Ausbruch der Krise stattgefunden. In der Hochkonjunktur
 bis in die Krise hinein sind die Eisenbahnen sehr beschäftigt
gewesen. Ihre Transportfähigkeit hat sogar in manchen Fällen den
Ansprüchen nicht zu genügen vermocht, was wir besonders aus den
Nachrichten über herrschenden Wagenmangel, die in dieser Hochkonjunktur,
 wie regelmäßig in solchen Perioden, häufig wiederkehren,
schließen können.
Auch in der Produktion von Verbrauchsgütern läßt sich die wechselnde
 Ausnutzung der dauerhaften Produktionsmittel zuweilen statistisch
 feststellen. So in der englischen Baumwollenindustrie, wenn
man den Konsum von Rohbaumwolle mit der Zahl der im Jahre in
dieser Industrie verwendeten Spindeln vergleicht. Der Konsum von
Rohbaumwolle zeigt seit 1880 folgende Schwankungen, wobei nur die
ausgeprägten Maxima und Minima wiedergegeben sind!):
Absoluter Konsum Auf ı Spindel
Millionen Zentnern 7/ıc00 Zentnern
1880 12:3 310
1883 13,4 319
1885 11,9 277
1891 14,9 332
1893 13,2 292
1899 15,7 347
1903 13,9 295
1907 17,6 338
Man sieht, daß die Maxima des Verbrauchs von Rohbaumwolle
ungefähr mit den Wendejahren zusammenfallen, und daß Maxima und
Minima dieses Verbrauchs stets dem höchsten bzw. niedrigsten Ausnutzungsgrade
 der Spindel entsprechen. Die Erhöhung des Ausnutzungsgrades
 in den Hochkonjunkturen ist ziemlich bedeutend,
reicht aber doch lange nicht hin, um das Bedürfnis zu befriedigen,
sondern muß durch eine gleichzeitige Vermehrung der Zahl der Spindeln
ergänzt werden. So z. B. wuchs die Zahl der Spindeln von 47 Millionen
1903 bis auf 52 Millionen 1907.
Daß bei der Roheisenerzeugung bedeutende Schwankungen in der
Ausnutzung der dauerhaften Produktionsmittel stattfinden, haben wir
ı) Board of Trade. British and Foreign Trade and Industry. 1909. Cd. 4954
p- 153 und 157. Die Verhältniszahlen sind berechnet worden.
        <pb n="538" />
        8 70. Wechselnde Ausnutzung der Produktionsmittel. E25
schon beim deutschen Hochofenbetrieb zesehen. Mehrere Hochöfen,
die in der Depression außer Betrieb waren, werden in jeder Hochkonjunktur
 wieder in Gebrauch genommen. Dies tritt in den Vereinigten
 Staaten besonders deutlich zutage. Am 31. Dezember 1902
waren dort 307 Hochöfen im Betrieb, an demselben Tage 1903, nach
dem Ausbruch der Krise, nur noch 182. Die Zahl der Hochöfen im
Betrieb Ende 1906 war 340, Ende 1907 aber nur 167.
Die unvollständige Ausnutzung der dauerhaften materiellen Produktionsmittel,
 die wir für die Depressionsperioden haben feststellen
können, ist gerade der charakteristische Zug der Depression. Eine
Depression kann allgemein als eine Periode relativer Beschäftigungslosigkeit
 der dauerhaften Produktionsmittel definiert werden. Nun sind
aber, wie wir gefunden haben, die großen allgemeinen Konjunkturbewegungen
 wesentlich eine Variation in der Produktion von festem
Kapital. Folglich müssen die Depressionen vorwiegend in einer relativen
 Beschäftigungslosigkeit derjenigen dauerhaften Produktionsmittel,
 die zur Produktion von festem Kapital dienen, hervortreten.
Die Menge der dauerhaften Produktionsmittel dieser Art wird vom
Höchstbedarfe der Hochkonjunktur bestimmt. Indem die Produktion
an festem Kapital nach der Krise nachläßt, müssen diese Produktionsmittel
 zum Teil ohne Beschäftigung werden, eben weil sie dauerhaft sind.
Dies ist es gerade, was die Depression am sichersten kennzeichnet.
Wir können diese Erscheinung bei der Roheisenerzeugung, die ja
als Vertreterin der ganzen Produktion von festem Kapital gelten kann,
verfolgen. In unserem Diagramm (Fig. 13) ist die Roheisenerzeugung der
Welt wieder dargestellt. In dem Moment, wo die Roheisenerzeugung
ein Maximum erreicht, muß offenbar eine solche Menge dauerhafter, der
Roheisenerzeugung dienender Produktionsmittel vorhanden sein, daß
sie eben zur Maximalproduktion von Roheisen ausreicht. Alle diese
dauerhaften Produktionsmittel, also die Hochöfen, die Eisengruben, die
Transportmittel usw. usw., die die Hochkonjunktur nötig gehabt hat, sind
in der Depression noch da und stellen die Produktionsfähigkeit der
Gesellschaft auf diesem Gebiete dar. Diese Produktionsfähigkeit ist
auf dem Diagramme durch eine horizontale punktierte Linie dargestellt,
die von der Spitze der Hochkonjunktur ausgeht. Solange die Roheisenerzeugung
 unter dieser Produktionsfähigkeit bleibt, herrscht offenbar
eine gewisse Beschäftigungslosigkeit der in Frage stehenden dauerhaften
Produktionsmittel. Diese Beschäftigungslosigkeit dauert so lange
fort, bis die Roheisenerzeugung die frühere Produktionsfähigkeit überragt,
 also unsere Kurve die punktierte Linie schneidet. Man kann also
in dieser Weise die Depressionsperioden graphisch konstruieren. Sie
sind auf unserem Diagramm durch schraffierte Felder dargestellt.
Dieses Diagramm gibt und. zugleich eine richtige und konkrete Vorstellung
 der Natur der Depressionen: eine Depression ist eine

5
        <pb n="539" />
        526 Kap. XVI. Einfluß der Konjunkturen auf die Produktionsmittel.
Periode, in. welcher der Bedarf von dauerhaften materiellen
 Produktionsmitteln kleiner ist als in der vorhergehenden
 Hochkonjunktur. Eine „Überproduktion‘‘ gehört nicht
notwendig zum Wesen der Depression. Es genügt, daß die tatsächliche
Produktion. die mit den vorhandenen Produktionsmitteln mögliche
unterschreitet. Der beschäftigungslose Teil der Produktionsfähigkeit
beträgt, wie aus dem Diagramme ersichtlich ist, gewöhnlich nur einige
wenige Prozente. Diese Beschäftigungslosigkeit‘ bedeutet aber für die
Unternehmer einen erheblichen Verlust, der dadurch noch vergrößert
wird, daß der Wettbewerb um die noch zu Gebote stehende Beschäftigung
 die Preise herunterdrückt. Auch die Arbeiter sind in gewissem
Maße dauerhaft mit der Produktion verbunden. Auch für sie bedeutet
die Depression eine relative Beschäftigungslosigkeit, also Arbeitslosigkeit
 und Druck auf die Lohnsätze. Die kleine Senkung der Kurve
der Roheisenerzeugung genügt demnach, da die Roheisenerzeugung
die ganze Produktion von festem Kapital repräsentiert, um schwere
Störungen in der ganzen Volkswirtschaft hervorzurufen.
Ein Blick auf das Diagramm zeigt uns, daß die Depressionsperioden
eine Tendenz haben, kürzer zu werden. Diese Tendenz’ muß offenbar
fortbestehen, solange die Kurve der Roheisenerzeugung derselben aufsteigenden
 Bewegung folgt, die sie in der Zeit seit 1870 im großen gezeigt
hat. Über die künftige Gestaltung dieser Kurve können wir aber natürlich
 nichts wissen.
Da die Produktion von festem Kapital immer fortgesetzt wird, ist
die Gesellschaft, wie wir schon festgestellt haben, am Ende der Depressionsperiode
 mit dauerhaften Produktionsmitteln besser ausgerüstet
als am Anfang. Die relative Beschäftigungslosigkeit der Produktionsmittel
 ist also dann größer, als sie nach der Darstellung unseres Diagrammes
 erscheinen würde. Sobald aber die Produktion wieder die
Höhe der früheren Hochkonjunktur erreicht, wird erfahrungsgemäß
jede Depression gleich vollständig überwunden und die Volkswirtschaft
tritt in eine neue Hochkonjunktur ein. Unsere Methode der Konstruktion
 der Depressionsperioden ist deshalb genügend.
Die Ergebnisse, zu denen wir in diesem Paragraphen gekommen
sind, lassen die Bedeutung der Dauerhaftigkeit der Produktionsmittel
in den Konjunkturschwankungen klar hervortreten. Es wird oft gefragt:
 warum kann eine vollständige Anpassung der Produktivkräfte
an die Bedürfnisse nicht erreicht werden? Diese Frage wird zuweilen
auch zum Ausgangspunkt einer die ganze moderne Gesellschaftsordnung‘
 verwerfenden Kritik gemacht. Man übersieht dabei, daß die
dauerhaften Produktionsmittel den Höchstbedürfnissen angepaßt werden
müssen und deshalb gerade ihrer Dauerhaftigkeit zufolge bei jedem
Rückgang der Nachfrage in Überfluß vorhanden sein müssen. Nur
wenn der Bedarf an Diensten der dauerhaften Produktionsmittel
        <pb n="540" />
        $ 70. Wechselnde Ausnutzung der Produktionsmittel. 527
niemals einen Rückgang zeigte, könnten diese Produktionsmittel dauernd
voll beschäftigt werden.
Bezüglich der Wirkungen der Schwankungen der Nachfrage
müssen wir zwischen denjenigen dauerhaften Produktionsmitteln, die
direkt für die Konsumenten arbeiten, und denjenigen, die wieder zur
Produktion von dauerhaften Produktionsmitteln gebraucht werden,
unterscheiden. Ein Rückgang der Nachfrage der Konsumenten bringt
für die erste Gruppe der Produktionsmittel einen entsprechenden
60
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50kle.

ab
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30 | —
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1865 a |
Fig. 13. Graphische Darstellung der Depressionsperioden. Roheisenerzeugung
der Welt in Millionen Tonnen.
Rückgang des Beschäftigungsgrades mit sich, für die Produktionsmittel
der zweiten Gruppe aber vielleicht eine Vollständige Beschäftigungslosigkeit,
 denn es ist ja an Produktionsmitteln der ersten Gruppe schon
mehr als genug vorhanden.
Für den Eintritt einer relativen Beschäftigungslosigkeit der Produktionsmittel
 der zweiten Gruppe ist es nicht einmal nötig, daß ein

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        <pb n="541" />
        528 Kap. XVI. Einfluß der Konjunkturen auf die Produktionsmittel,
Rückgang in der Nachfrage nach Verbrauchsgütern der Konsumenten
stattfindet. Denken wir uns nur, daß diese Nachfrage eine Zeitlang
KB ES EEE EINE EG
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konstant bleibt, so hört die Beschaffung von mehr Produktionsmitteln
der ersten Gruppe auf, und die Produktionsmittel der zweiten Gruppe
haben nichts zu tun, es sei denn, daß sie für Reparaturen oder für den
Ersatz verbrauchter Produktionsmittel der ersten Gruppe in Anspruch
genommen werden. Die Nachfrage der Konsumenten braucht auch
nicht konstant zu werden, wenn sie nur etwas langsamer als normal
steigt, wird eine Vermehrung der Produktionsmittel der ersten Gruppe
        <pb n="542" />
        8 70. Wechselnde Ausnutzung der Produktionsmittel. 529
nur in kleinerem Maße als gewöhnlich nötig sein, und die Produktionsmittel
 der zweiten Gruppe werden unvollständig beschäftigt sein.
Es geht aus diesen Erwägungen hervor, daß die Produktion von
dauerhaften Produktionsmitteln im allgemeinen für die Schwankungen
der Nachfrage der Konsumenten viel empfindlicher sein muß als die
Produktion, die unmittelbar für Rechnung der Konsumenten arbeitet.
Unter solchen Umständen ist es nur natürlich, daß die Produktion von
festem Kapital viel ausgeprägtere Schwankungen zeigen muß als die
übrige Produktion, eine Tatsache, die wir schon auf verschiedenen
Wegen haben feststellen können.
Wie stark die Beschäftigung der Produktionsmittel höherer Ordnung
 von den Schwankungen der Nachfrage der schließlichen Konsumtion
 beeinflußt werden kann, zeigt sich besonders, wenn man solche
dauerhaften Produktionsmittel, die nur einem ‘ganz speziellen Zweck
dienen, betrachtet. Nehmen wir z. B. die englischen Schiffswerften. Die
Schiffe, die sie produzieren, sind dauerhafte Produktionsmittel, deren
Nachfrage durch den Umfang der Frachtfahrt dargestellt werden kann,
Die Schwankungen dieser Nachfrage brauchen nicht groß zu sein, um
enorme Schwankungen im Beschäftigungsgrade der Werften hervorzurufen.
 Auf unserem Diagramme (Fig. 14) stellt die Kurve A die Gesamttonnage
 der in englischen Häfen jährlich eingelaufenen Schiffe dar
und gibt also ein Bild der Entwicklung der Frachtfahrt. Die Kurve B
dagegen zeigt in 10000 Tonnen die Gesamttonnage der jährlich auf
englischen Werften neugebauten Schiffel). Man sieht, daß die Kurve A
nur sehr wenig zu fallen oder sogar nur eine Zeitlang eine horizontale
Richtung anzunehmen braucht, um einen furchtbaren Rückgang in der
Beschäftigung der Werften eintreten zu lassen.
Die Kurve der Frachtfahrt muß im ganzen als sehr gleichmäßig
betrachtet werden. Schwerlich wird für die nächste Zukunft in dieser
und ähnlichen Entwicklungslinien eine größere Gleichmäßigkeit erreicht
 werden. Dennoch sind die kleinen Abweichungen von der konstanten
 prozentualen Steigerung hinreichend, um in der Schiffsbauindustrie
 sehr schwere Störungen zu verursachen. Die Aussicht, daß
wir auf dem Gebiete der kapitalproduzierenden Industrien je zu einer
vollständig gleichmäßigen. Tätigkeit, die keinen Konjunkturschwankungen
 ausgesetzt wäre, kommen würden, scheint demnach sehr gering.
!) Für die Ziffern zu diesem Diagramme, die in der Tabelle 10 im Anhang
wiedergegeben sind, siehe: Board of Trade: Statistical Tables and Charts. Cd. 4954.
1909, p. 97 und p. 104.
Cassel, Theoret. Sozialökonomie. 4. Aufl.

30
34
        <pb n="543" />
        530 Kap. XVII. Einfluß der Konjunkturen auf die Preisbildung usw.
Siebzehntes Kapitel.
Einfluß der Konjunkturen auf die Preis-, Einkommenund
 Kapitalbildung.
$. 71. Die Warenpreise,
Wenn wir uns nunmehr von den konkreten Vorgängen auf dem
Gebiete der Produktion dem Prozesse des Austausches zuwenden,
haben wir zuerst die Einwirkung der Konjunkturen auf die Preisbildung
ins Auge zu fassen. Dabei haben wir uns zunächst auf Materialien und
Verbrauchsgegenstände zu beschränken, deren Preise eben die Preise
ihrer Anwendung sind. Die Preisbildung der dauerhaften Güter, die
festes Kapital sind, können wir erst später in Betracht ziehen, da diese
Preisbildung, wie wir wissen, eine zusammengesetzte Erscheinung ist
in welche der Preis der Kapitaldisposition, also der Zinsfuß, schon mit
hineinspielt.
Die Waren, die wir hier zu studieren haben, zerfallen in die zwei
Hauptgruppen: Materialien des festen Kapitals und andere Waren,
Sehen wir zu, wie sich die Preisbildung für diese beiden Hauptgruppen
unter den wechselnden Konjunkturen gestaltet. Für drei der wichtigsten
 Materialien, nämlich Roheisen, Ziegel und Holz, stellt das Diagramm
 (Fig. 15) die Preisentwicklung seit 1871 nach der englischen
Statistik darl). Die Preise sind in Prozenten des Preises für das Jahr
1900 berechnet. Man sieht, daß die Preismaxima scharf hervortreten,
und daß sie im allgemeinen mit den Wendejahren zusammenfallen. In
den Hochkonjunkturen können wir regelmäßig eine Steigerung der
Preise der Materialien des festen Kapitals konstatieren. Diese Erscheinung
 ist allgemein anerkannt und ist in allen Ländern zu beobachten.
Es genügt aber nicht, daß wir wissen, daß die Preise der Materialien
des festen Kapitals von den Konjunkturbewegungen beeinflußt werden;
wir müssen uns noch überzeugen, ob auch die Preisbildung der anderen
Waren in derselben Weise und in demselben Grade von den Konjunkturen
 abhängt. Leider sind besondere Indexziffern für die Materialien
 des festen Kapitals und für andere Waren noch nicht veröffentlicht
 worden, was bei der außerordentlichen Wichtigkeit dieser Einteilung
 sehr zu bedauern ist. Um indessen die Frage wenigstens annähernd
 beantworten zu können, können wir die Sauerbeckschen
Indexziffern so auflösen, daß einerseits die Indexziffern, die Sauerbeck
 für seine Gruppe „Minerals“ angibt, andererseits die Indexziffern
für die Gesamtheit der übrigen Sauerbeckschen Gruppen aufgestellt
ı) Die Ziffern sind in der Tabelle 11 im Anhang wiedergegeben. Board of
Trade. Cd. 4954. 1909. p. 184 und 190
        <pb n="544" />
        8 71. Die Warenpreise. a!
werden, Um die störende Einwirkung der Schwankungen der Goldproduktion
 auszuschalten, wollen wir die genannten Indexziffern mit
unseren Ziffern für die relative Goldmenge dividieren. Die so berechneten
 Indexziffern für Mineralien und sonstige Waren liegen dem
200 — S '
5
182 95 zo
Fig. 15. Indexkurven der Preise für Roheisen (—.—.—), Ziegel (— —)
und Holz (= — — —).
Diagramme (Fig. 16) zugrunde). Die vollgezogene Linie bezeichnet die
Preisveränderungen der Mineralien, die punktierte Linie die der übrigen
Waren. Ein Blick auf das Diagramm zeigt, wie wesentlich schärfer
die Konjunkturbewegungen sich in der Preisbildung der Mineralien als
in der der sonstigen Waren widerspiegeln. Die Preissteigerung der
Mineralien in den Hochkonjunkturen ist gewöhnlich sehr stark und
nach den Krisen von einem ebenso starken Rückgang gefolgt. Für
’) Die Ziffern sind in der Tabelle 12 im Anhang wiedergegeben.
34*

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        <pb n="545" />
        L
85
80!
7
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Be On Sa vu 3910
        <pb n="546" />
        $ 71. Die Warenpreise, #33
der Konjunkturen auf Produktion und Arbeit gekommen sind, nochmals
bestätigt. Wir können aber aus der Bewegung der Preise unter den
verschiedenen Konjunkturen noch mehrere wichtige Schlüsse ziehen.
Erstens finden wir, daß die Hochkonjunktur nicht nur für die
Materialien des festen Kapitals, sondern auch für andere Waren eine
Preiserhöhung mit sich bringt. Der Preiserhöhung der Materialien des
festen Kapitals gegenüber steht also nicht, wie man vielleicht erwarten
könnte, eine Preisermäßigung anderer Waren. Was wir beobachten, ist
nicht bloß eine relative Verschiebung der Preise verschiedener Waren,
sondern in der Tat eine allgemeine Erhöhung des Preisniveaus. Diese
Erhöhung beruht nicht etwa darauf, daß die Preissteigerung der Materialien
 des festen Kapitals eine entgegengesetzte Preisbewegung für
die übrigen Waren überwiegt, sondern auch die Gruppe der „übrigen
Waren“ wirkt, wenn auch in viel geringerem Grade zur allgemeinen
Preissteigerung mit. Diese allgemeine Preiserhöhung kann nicht auf
Veränderungen der Goldmenge zurückgeführt werden. Denn sie ist
noch auf unserem‘ Diagramme, wo wir den Einfluß der wechselnden
Goldmenge auf die Preise eliminiert haben, ersichtlich. Wir müssen
also schließen, daß die Konjunkturen auch auf dem rein monetären
Gebiete einen besonderen Einfluß ausüben.
Diesen Einfluß haben wir schon ($ 56) festgestellt. In der Hochkonjunktur
 steigen nicht nur die Warenpreise, sondern auch der Umfang
 des Realumsatzes, somit in verstärktem Grade die gesamte Zahlungsleistung.
 Diese gesteigerte Zahlungsleistung wird ermöglicht, teils
durch eine Beschleunigung des Umsatzes der vorhandenen Zahlungsmittel,
 ‚teils durch eine Vermehrung der Bankzahlungsmittel. Die
Steigerung der Umlaufsgeschwindigkeit der Zahlungsmittel ist offenbar
eine unmittelbare Wirkung der allgemeinen Steigerung der Lebhaftigkeit
 des Verkehrs, welche die Hochkonjunktur kennzeichnet. Die
reichlichere Zahlungsmittelversorgung setzt dagegen eine gewisse Mitwirkung
 der Banken voraus und hängt also gewissermaßen von den
Bedingungen dieser Mitwirkung, namentlich von der Zinspolitik der
Banken ab. Die Hochkonjunktur bedeutet demnach nicht nur eine
lediglich auf Verhältnissen des Warenmarkts beruhende relative Verschiebung
 der Warenpreise, sondern auch eine wirkliche Erhöhung des
allgemeinen Preisniveaus, welche nur als Ergebnis einer relativ weitgehenden
 Hergabe von Zahlungsmitteln seitens der Banken erklärt
werden kann.
Zweitens: Die außerordentliche Höhe, auf welche die Preise
der Materialien des festen Kapitals in den Hochkonjunkturen meistens
steigen, ist ein Beweis dafür, daß eine intensive Knappheit an diesen
Materialien herrscht. Trotzdem diese Materialien in sehr gesteigertem
Umfang produziert werden, kann die Nachfrage nach ihnen nur dann
befriedigt werden, wenn sie durch außerordentlich hohe Preise ein--


W/Ar
        <pb n="547" />
        534 Kap. XVII. Einfluß der Konjunkturen auf die Preisbildung usw.
eschränkt wird. Die sehr vergrößerte Produktion von Matertalien
des festen Kapitals in der Hochkonjunktur bedeutet also nicht irgendwie
eine Überproduktion, im Gegenteil, es besteht in der Hochkonjunktur
eine wirkliche, nicht spekulative Nachfrage nach den Materialien des
festen Kapitals, eine Nachfrage, die eben von den Unternehmern,
die das feste Kapital selbst herstellen, ausgeht. Diese Nachfrage ist in
der typischen Hochkonjunktur immer um so viel stärker als das entsprechende
 Angebot, daß eine zur Ausgleichung des Marktes notwendige
 Preissteigerung hervorgezwungen wird. Über diese Tatsache
können wir uns übrigens aus den Marktberichten jeder Hochkonjunktur
unterrichten: Mangel an Materialien legt einen Hemmschuh auf die
weitere Steigerung der. Produktion von festem Kapital. a.
Drittens muß in den Hochkonjunkturen auch eine gewisse
nappheit derjenigen Produktionsmittel, die zur Produktion der
Materialien des festen Kapitals dienen, bestehen. Wenn die Preise dieser
Materialien so gewaltig steigen, wie dies in der Tat der Fall ist, *
können wir sicher sein, daß die Produzenten alle Kräfte heranziehen,
um die Gunst der Konjunktur richtig ausnutzen zu können. Wenn
dennoch der Markt eine längere Zeit hindurch nur knapp versorgt wird,
kann dies nur daraus erklärt werden, daß die Produktionsmittel bis
aufs äußerste in Anspruch genommen sind. Dies gilt sicher sowohl vo
den Arbeitern wie auch von den dauerhaften materiellen Produktionsmitteln.
 Was die Arbeiter betrifft, haben wir schon festgestellt, daß
in den Hochkonjunkturen in den hier in Frage stehenden Industrien
ein Arbeitermangel herrscht, der nur teilweise durch Einlegen von Überstunden
 ausgeglichen werden kann. Daß auch die dauerhaften materiellen
 Produktionsmittel voll ausgenutzt sind, haben wir besonders
für das Transportwesen feststellen können. Die andauernde Preissteigerung
 der Produkte der hier in Frage stehenden Industrien ist aber
der beste Beweis dafür, daß ihre Produktionsfähigkeit im großen ganze
voll in Anspruch genommen ist. In der Hochkonjunktur ist also nicht
mehr sowohl von Arbeitern als auch von dauerhaften materiellen
roduktionsmitteln vorhanden, als für die Produktion derjenigen Menge
von Materialien festen Kapitals, für welche eine wirkliche Nachfrage
besteht, nötig ist.
Dies gilt speziell auch von der Roheisenproduktion. Mit den vorhandenen
 Hochöfen, Erzgruben, Transportmitteln usw. kann in der
Hochkonjunktur im allgemeinen nicht mehr Roheisen produziert werden,
als wirklich produziert wird. Die Spitzen der Kurve auf unserem Diagramme
 (Fig. 15) bezeichnen also die höchste Produktion, die mit den
vorhandenen dauerhaften materiellen Produktionsmitteln erzielt werden
ann. Diese an der Spitze der Hochkonjunktur erreichte Produktionsähigkeit
 besteht noch in der folgenden Depression und bildet das Maß,
mit dem die wirkliche Produktion verglichen werden muß, wenn wi
        <pb n="548" />
        71. Die Warenpreise. 5
ein Bild vom herabgesetzten Beschäftigungsgrade der Depression haben
ollen. _
| Zur näheren zeitlick en Bestimmung der Preisbewegungen innerhalb
 der Konjunkturperiode können wir uns der monatlichen Indexziffern
 der deutschen Warenpreise bedienen!). Für die Warengruppe
„Metalle‘‘ stieg diese Indexziffer von 132,83 im Februar 1906 auf ein
Maximum von 163,35 im Januar 1907, um darauf bis zu einem Minimum
von 119,31 im Juli 1908 wieder zu fallen. Dieser Preisfall hat sich
icht in gleichmäßigem Tempo vollzogen. Im ersten der drei Halbjahre,
also bis Juli 1907 betrug der Preisfall nur 8,26, dagegen im zweiten
29,88, im dritten 5,90. Der Hauptteil des Preisfalls. fand also im
zweiten Halbjahr 1907 statt und war innerhalb dieses Halbjahres
etwas stärker auf das letzte Viertel verteilt. Die niedrigste Ziffer für
906, nämlich die für Februar angeführte, wurde erst im Dezember
1907 unterschritten. Der Rückgang vom höchsten Preise der Hochkonjunktur
 hat also eine geraume Zeit vor der Krise (Oktober 1907)
begonnen, die Preissteigerung der eigentlichen Hochkonjunktur ist aber
erst nach der Krise ausgeglichen, der Rückgang unter die Anfangsziffern
 von 1906 beginnt erst mit Dezember 1907. Ähnlich erreichte die
genannte Indexziffer ein Maximum im Oktober: 1912‘ mit - 166,27,
ährend die damalige Hochkonjunktur sich bis in den Herbst 1913 erstreckte,
 wo auch der Preisfall zum weitaus größten Teil stattfand.
September 154,20 bis Dezember 137,05.) /
Die Totalindexziffer steigt von 109,33 im Februar 1906 auf 122,40
im Juli 1907, um dann auf 107,79 im Dezember 1908 zurückzufallen.
on da an steigt sie wieder bis auf ein Maximum von 132,54 im Mai
1912. Man sieht, wie wesentlich schärfer die Preise der Metalle vom
onjunkturwechsel beeinflußt werden als die Totalindexziffer,
‚Ähnliche Beobachtungen können wir für die Vereinigten Staaten
machen. Der Monats-Durchschnittspreis von Bessemer-Roheisen in
Pittsburg?) stieg von einem Minimum von 18,10 im Mai 1906 zu einem
aximum von 24,27 im Juni 1907 und sank darauf bis zu einem Minimum
 von 15,71 im Oktober 1908. Es ist sehr bemerkenswert, daß die
eftige Krise des Herbstes 1907 den Roheisenpreis nur bis 19,34 (Dezember
 1907) herunterbrachte, ein Preis, welcher im ersten Halbjahr
1906 überhaupt nicht erreicht war, und welchen erst die starke Hochkonjunktur
 vom September 1906 an zu übersteigen vermocht hatte.
Die folgende Hochkonjunktur brachte den Preis wieder auf ein Mäaximum
 von 18,15, welches schon im Dezember 1912 erreicht war. «nm
Wir können also als allgemeines Ergebnis feststellen, daß hohe
der wenigstens gute Preise für die Materialien des festen Kapitals
is zum letzten Moment der Hochkonjunktur, zuweilen auch eine Zeit
) Pohle: Monatliche Übersichten.
Nach derselben Quelle.

535
        <pb n="549" />
        536. Kap. XVII. Einfluß .der Konjunkturen auf die Preisbildung usw.
nachher gezahlt werden. Der Umschlag in der Preisbewegung dieser
Materialien findet indessen gewöhnlich eine beträchtliche Zeit vor der
Krise statt und kann als ein gutes Zeichen des herannahenden Endes
der Hochkonjunktur gelten. Die genannten Preise erreichen ihr Minimum
 erst im Laufe der Depressionsperiode. Von diesem Minimum
an erstreckt sich eine mehr oder weniger gleichmäßige aufsteigende
Bewegung, bis ein neues Maximum einige Monate vor der folgenden
Krise wieder erreicht wird.
$ 72. Die Arbeitslöhne.
Der Durchschnitts-Schichtlohn eines Kohlenhauers im Bezirk
Dortmund ist seit 1872 folgenden Variationen, wobei nur Maxima
und Minima berücksichtigt sind, unterworfen gewesen‘).
1872 4,50 1893 3,71
1873 5,00 1900 5,16
1879 2,55 1902 4,57
1883 3,15 1907 5,98
1886 2,92 1909 5,33
1891 4,08
Die Abhängigkeit dieses Arbeitslohns von den Konjunkturen ist
sehr ausgeprägt. Die Höchstlöhne fallen im allgemeinen in die Wendejahre,
 wenn auch zuweilen, wie in den Jahren 1883 und 1891, in dieser
Hinsicht eine gewisse Verspätung bemerkbar ist. Zur genaueren Feststellung
 der Zeitpunkte der Veränderungen des Arbeitslohns mögen
die folgenden Angaben über den Durchschnitts-Schichtverdienst der
Gesamtbelegschaft der Zechen im Oberbergamtsbezirk Dortmund
dienen (die Ziffern bezeichnen die Zahl der Pfennige, mit welcher der
Betrag von 4 Mark überschritten worden ist2):
1906: ], Quartal 17 1909: 1. Quartal 56
2 in 26 2, 7 45
3: 8 43 3. 55 48
4. V 59 4, 7 48
1907: 1 B 70 1910: 1. 48
2 8 81 2 % 51
SU "94 SE N
4. 5 99 4. 61
1908: Al. #8 87 1911: - 64
gl LS GG
® „is © de
} a 76 En „ 75
ı) Pohle: Bevölkerungsbewegung, Kapitalbildung und periodische Wirtschaftskrisen,
 1902, S. 70. Die letzten Zahlen nach dem ‚,Reichsarbeitsblatt‘‘.
2) Pohle: Monatliche Übersichten.
        <pb n="550" />
        $ 72... Die -Arbeitslöhne. 37
Der Höchstsatz von Mark 4,99 wurde also erst im vierten Quartal
1907 erreicht und ein stärkerer Rückgang fand eigentlich erst 1909 statt.
Der Arbeitslohn scheint also eine gewisse hr ker
gegen den Rückschlag der Konjunktur zu besitzen. Eine Statistik des
Schichtlohns gibt aber keine richtige Vorstellung vom wirklichen
Arbeitsverdienst. Wir wissen, daß die Zahl der von einem Arbeiter
geleisteten Arbeitsschichten mit den Konjunkturen sehr wechselt. Es
ist also anzunehmen, daß der wirkliche Durchschnitts-Arbeitsverdienst
mit dem Rückgang der Konjunktur auch schneller abnimmt, als die
Zeitlohnsätze zeigen.
Für Belgien hat Mahaim Indexziffern der Arbeitslöhne in der
Weise berechnet, daß er die gesamte der Arbeiterschaft in einem Jahre
gezahlte Lohnsumme mit der Zahl der Arbeiter dividiert hat!). Für
sämtliche Kohlenarbeiter Belgiens hat er in dieser Weise folgende
Variationen festgestellt, wobei wieder nur die Maxima und Minima
berücksichtigt sind:
1883 84 1893 74
1886 65 1900 118
1890 03
Die Schwankungen im Jahresverdienst treten in diesen Ziffern, die
103000 bis 135000 Arbeiter umfassen, sehr scharf zutage. Für die
8000 bis 10000 Arbeiter der Cockerill-Werke schwankte der Arbeitsverdienst
 im wesentlichen wie folgt:
1883 86 1894 85
1885 74 1901 114
1890 a
Das englische Handelsdepartement veröffentlicht Indexziffern über
den Arbeitslohn in einigen der wichtigsten industriellen Berufe (Kohlenförderung-,
 Bau-, Maschinen- und Textilindustrie). Diese Indexziffern,
 die hauptsächlich auf den von Fachverbänden anerkannten
Lohnsätzen zu beruhen scheinen, zeigen seit 1874 folgende Maxima
und Minima2):
1874 91,36 1895 88,23
1879 81,16 1900 100,00
1882 84,41 1904 95,56
1886 81,12 1907 101,79
1891 91,13 1909 99,41
Wir finden, daß die Höchstlöhne auch hier in die Wendejahre
') Journal of the Royal Statistical Society. 1904.
*) Board of Trade. British and Foreign Trade and Industry. Cd. 4954. 1909,
p. 212. Fourteenth Abstract of Labour Statistics.

SE
ON
        <pb n="551" />
        538 Kap. XVII. Einfluß der Konjunkturen auf die Preisbildung usw.
fallen, obwohl das Jahr 1891 in dieser Hinsicht, ähnlich wie wir es für
die deutschen Bergarbeiter beobachtet haben, eine Verspätung aufweist.
Dasselbe Departement veröffentlicht auch eine fortlaufende Statistik
 über die durch Lohnveränderungen verursachte Zunahme der
gesamten Wochenlohnsumme in industriellen Berufen. Die folgenden
Ziffern zeigen in tausend £ diese Zunahme (+) oder Abnahme (—)1):
1894 — 45 1902 73
1895 8 1903 38
1896 7 1904 39
1897 äZ 1905 3
1898 2 1906 58
1899 ; 1907 91
1900 1908 59
1901 - 7 1909 59
Aus den sehr sorgfältigen Untersuchungen von Bowley und
Wood über englische Arbeitslöhne entnehmen wir folgende Ergebnisse.
 Der durchschnittliche Arbeitsverdienst in den Schiffsbau- und
Maschinenindustrien zeigt seit 1850 folgende Maxima und Minima (Indexziffern,
 das Jahr 1900 gleich 100)2):
1850 68 1882 88
1854 76 1886 84
1860 73 1890 93
1866 79 1893 91
1867 77 1899 100
1877 88 1903 99
1879 83
Die Indexziffer für den durchschnittlichen Wochenlohn in der
Baumwollindustrie zeigt seit 1863 folgende Veränderungen®):
1863 62 1884 83515
1868 74 1886 831/s
1869 7226 1901 1002/%
1877 88 1903 991%
1879 781% 1906 107%
Von der Depression nach 1901 sind die Löhne in der Baumwollindustrie
 unberührt geblieben, während die Löhne in den Schiffsbauund
 Maschinenindustrien eine bestimmte, wenn auch nicht sehr große
Reduktion erfahren haben.
ı) Abstract of Labour Statistics.
2) Journal of the Royal Statistical Society. 1906, p. 185. Die Ziffern beziehen
sich auf das ganze vereinigte Königreich.
3) Journal of the Statistical Society. 1910, p. 599.
        <pb n="552" />
        $ 72. Die Arbeitslöhne. I
Wir brauchen keine Ziffern mehr anzuführen. Bei aller Unsicherheit,
 die auch die beste Lohnstatistik nicht ganz vermeiden kann, dürfte
doch das angeführte Material für die kurze Zeit einer Konjunkturperiode
 sichere Auskunft über die Bewegungsrichtung des Lohnniveaus
geben. Es kann also als festgestellt betrachtet werden, daß die Hochkonjunktur
 regelmäßig eine Lohnsteigerung mit sich führt, wie auch,
daß die Depression gewöhnlich von einem Rückgang des Lohnniveaus
begleitet ist. Diese Veränderungen erstrecken sich nicht nur auf die
Löhne in den kapitalproduzierenden Industrien, sondern, wenn auch
vielleicht in abgestumpftem Grade, auf die Löhne in anderen industriellen
 Berufen und sogar, wie die offizielle englische Statistik zeigt,
auf die landwirtschaftlichen Löhne.
Ein Vergleich zwischen verschiedenen Berufen mit Hinsicht auf
die Abhängigkeit der Löhne von den Konjunkturen ist überaus schwierig
und dürfte kaum zu Ergebnissen, die für unsere Zwecke brauchbar
sind, führen. Schon das allgemeine Ergebnis, zu dem wir gekommen
sind, hat aber für eine richtige Auffassung des Wesens der Konjunkturen
eine große Bedeutung. Steigende Löhne werden nur gezahlt, wenn eine
steigende Knappheit an Arbeitskraft dies nötig macht. Wir können
also von der Lohnstatistik darauf zurückschließen, daß in der Hochkonjunktur
 eine fühlbare Knappheit an Arbeitskraft sich regelmäßig
geltend macht. Dies ist eine wertvolle Bestätigung der Ergebnisse,
zu denen wir im vorhergehenden in bezug auf Angebot und Nachfrage
von Arbeitskraft gekommen sind,
Die Steigerung der Lohnhöhe in der Hochkonjunktur ist aber auch
an und für sich eine Erscheinung von großer praktischer Tragweite, die
auf die ganze Gestaltung der Hochkonjunktur einen wesentlichen Einfluß
 ausübt. - Die Lohnsteigerung bedeutet nämlich offenbar eine allgemein
 gesteigerte Kaufkraft für- die hauptsächlichen Konsumgüter der
Arbeiterklasse und wird damit ein wichtiger Faktor in der Gestaltung
der Produktion und der Preisbildung dieser Güter.
Die Frage, ob die Reallöhne in der Hochkonjunktur steigen
oder nicht, ist viel erörtert worden. Eine allgemeine Antwort auf
diese Frage kann nicht gegeben werden, denn die Entscheidung hängt
eben davon ab, welche der vielen hier hineinspielenden Tendenzen zum
Übergewicht gelangen. Mit Hilfe der Ziffern der Statistik kann man
Beispiele aller möglichen Verbindungen zwischen Lohnsteigerung und
Lohnfall einerseits und Preissteigerung und Preisfall andererseits geben.
Vor einer näheren Untersuchung der Veränderungen der Reallöhne
können wir unter solchen Umständen absehen.

53°
        <pb n="553" />
        540 Kap. XVII. Einfluß der Konjunkturen.auf die Preisbildung usw.
$ 73. Das Einkommen.
Das Studium des Einflusses der Konjunkturen auf das Volkseinkommen
 ‘ ist natürlich eine praktisch sehr bedeutungsvolle‘ Seite
unserer Aufgabe, bietet aber auch Gelegenheit zu theoretisch wichtigen
Beobachtungen. Um eine allseitige Beleuchtung. des Problems zu gewinnen,
 darf man sich nicht mit einem Überblick der Bewegungen
des Volkseinkommens als eines Ganzen begnügen, sondern muß nach
Möglichkeit auch die verschiedenen Hauptteile dieses Einkommens gesondert
 in Betracht ziehen.
Das Material, auf das wir bei diesen Untersuchungen angewiesen
sind, ist außer der Lohnstatistik die Einkommensteuerstatistik. Da das
Einkommen eines Jahres in der Praxis meistens erst im nächstfolgenden
Jahre zur Steuer veranlagt wird, werden wir für den Zweck, den wir
hier im Auge haben, ‚als das Einkommen eines Jahres immer das
in der Steuerstatistik für das nächstfolgende Jahr angegebene Einkommen
 annehmen. Dieses Verfahren ist wohl nicht ganz unanfechtbar,
wird jedoch im ganzen das richtigste Bild der wirklichen Verhältnisse
geben.
In England, wo die Arbeiterklasse überhaupt nicht zur Einkommensteuer
 herangezogen wird, wird die Einkommensteuerstatistik
nur über die Entwicklung des Einkommens der höheren Klassen Aufschluß
 geben können.. Für die gleichzeitige Entwicklung des Einkommens
der Arbeiterklasse sind wir auf die Lohnstatistik angewiesen. Die
Bruttosumme des zur Einkommensteuer veranlagten Einkommens zeigt
seit 1870 folgende Veränderungen!):
1870 482 1893 694 min.
1874 579 max. 1899 868
1875 570 min. 1900 902
1883 631 max. 1901 915
1884 629 min. 1902 938
1891 718 max. 1905 979
Man findet, daß die Maxima des Einkommens mit den Spitzen der
Hochkonjunktur zusammenfallen, obschon gewöhnlich etwas verspätet.
Der Rückgang während der Depression ist in allen Fällen sehr klein,
beträgt höchstens ca. 3% (1891 bis 1893). Nach der Hochkonjunktur
von 1900 ist überhaupt kein Rückgang eingetreten, sondern nur eine
Verzögerung der aufsteigenden Bewegung.
Stärker ist die Einwirkung der Konjunkturen auf die Einkommensı)
 Board of Trade. Cd. 4954. 1909, p. 136.
        <pb n="554" />
        8 73. Das Einkommen. Al
gruppe, die die englische Steuergesetzgebung unter der Schedula D
aufnimmt. Die Veränderungen sind hier folgende‘):
1870 203 1893 341 min.
1874 272 max. 1899 466
1875 257 1900 488
1878 250 min. 1901 492
1883 293 max. 1902 502
1885 286 min. 1907 566 max.
1890 369 max. 1908 559
1891 367
Mit dem Jahre 1891 ist der Schedula D eine kleine Einkommengruppe
 neu zugeführt worden, was ein Sinken des hier aufgenommenen
Einkommens nicht verhindert hat. Der wirkliche Rückgang von 1890
bis 1893 ist also ein wenig größer gewesen, als unsere Ziffern zeigen.
Man findet, daß die Rückgänge des D-Einkommens in Prozenten gerechnet,
 regelmäßig wesentlich größer als diejenigen des Gesamteinkommens
 sind, sogar ihren vielfältigen Betrag erreichen. Nun bezeichnet
 die Schedula D gewiß nicht eine einheitliche Einkommengruppe,
 sondern schließt gewisse Gehälter und auch Zinsen ein, während
das Unternehmereinkommen den Kern ausmachen dürfte, Man darf
wohl immerhin aus dem vorliegenden Material schließen, daß das
Unternehmereinkommen wesentlich stärker als andere Einkommengruppen
 von den Konjunkturen beeinflußt wird, Betrachtet man die
verschiedenen Arten des Unternehmereinkommens, die in der Statistik
besonders angegeben sind so zeigen sich charakteristisch genug die
weitaus größten Schwankungen bei den Einkommen der Eisenwerke,
welche die folgenden Veränderungen durchgemacht haben?) (in 1000 £):
1890 2,979 1904 2,684
1892 1,832 1907 5,101
1900 6,600 1909 3.233
Für Preußen zeigt die nachstehende Tabelle nach der Einkommensteuerstatistik
 teils das Einkommen von 900 bis 3000 Mark, teils nach
verschiedenen Einkommenquellen gesondert das Einkommen über
3000 Mark (die Ziffern in Millionen Mark) (S 542).
Das Unternehmereinkommen, wie es in dem Einkommen „Aus
Handel, Gewerbe und Bergbau“ zutage tritt, ist, wie man sieht, von
1891 bis 1893 zurückgegangen, um erst im. Jahre 1895 seine frühere
Höhe zu übersteigen, ist dann in der Hochkonjunktur bis 1900 rasch
emporgegangen, in der darauf folgenden Depression während drei
ı) Aus derselben Quelle Die Ziffern für 1907 und 1908 sind dem „Statistical
Abstract‘ entnommen.
?) Statistical Abstract.

54)
        <pb n="555" />
        542 Kap. XVII. Einfluß der Konjunkturen auf die Preisbildung usw.
Einkommen der physischen Einkommensteuer-Zensiten
 in Preußen (in Millionen Mark).
Einkommen über 3000 Mk. Aus
Einkommen aus Kapital- aus Grund- aus Handel-, gewinnbr,
von 900 bis vermögen vermögen Gewerbe- u. Beschäf-3000
 Mk. Bergbau tigung
1891 2912 892 755 44982 594
92 2969 887 746 960 615
93 3027 888 742 954 633
94 3134 904 739 963 660
1895 3197 912 855 1019 685
96 3318 943 785 1106 729
97 3472 966 816 1206 818
98 3685 1081 867 1304 892
99 4011 1141 921 1418 964
1900 3328 1208 968 1497 1037
01 4460 1237 996 1475 1084
02 4616 1243 1007 1424 1132
03 4895 1300 1049 1439 1189
04 5209 1380 1109 ‚707 1261
1905 5551 1473 1171 1023 1354
06 6592 1610 1185 1744 1500
07 7344 1702 1233 1833 1622
08 7642 1731 1269 1809 1732
09 7676 1797 1348 1859 2052
1910 8078 1915 1426 1946 2205
Jahre erheblich zurückgegangen, in der Hochkonjunktur bis 1907 sehr
stark gestiegen und schließlich im Jahre 1908 wieder etwas zurückgegangen.
 Die Steigerung in den Jahren 1896 bis 1899 betrug regelmäßig
 etwa hundert Millionen Mark, also 8 bis 10%, ist aber schon im
Jahre 1900 etwas zurückgegangen. Auch in den Jahren 1905 und 1906
hat eine starke Steigerung des Unternehmereinkommens stattgefunden,
die aber schon im Jahre 1907 bedeutend abgeschwächt worden ist.
Die Maxima des Unternehmereinkommens fallen also in die Wendejahre,
die größte Steigerung desselben Einkommens findet aber in den früheren
Jahren der Hochkonjunktur statt. Die anderen Einkommengruppen
zeigen in den Depressionen nach 1907 und 1900 keine Rückgänge. In
der Depression nach 1891 hat das Einkommen aus Kapitalvermögen
einen kleinen Rückgang erfahren, das Einkommen aus Grundvermögen
sogar eines etwas stärkeren, der aber wohl auf die damalige besonders
ungünstige Lage der Landwirtschaft zurückzuführen ist. Der Einfluß
der Konjunkturen ist also weitaus am stärksten bezüglich des Unternehmereinkommens.
 In den anderen Einkommengruppen treten die
        <pb n="556" />
        $ 73. Das Einkommen. 3
Depressionen regelmäßig nur in einer Abschwächung der aufsteigenden
Bewegung zutage.
Die sächsische Einkommensteuerstatistik, die den großen Vorzug
hat, daß sie Einkommen bis zu 400 Mark herunter umfaßt, zeigt folgende
 Entwicklung für die verschiedenen Einkommengruppen‘):
Ergebnisse der Einschätzungen zur Staatseinkommensteuer
 in Sachsen (in Millionen Mark):
Grund- Renten Gehalt u. Handel u. Summe
besitz Lohn Gewerbe der Einkünfte
1877 214 109 334 357 1014
78 218 112 365 350 1045
79 222 116 380 353 1071
1880 225 123 403 360 114
81 229 129 422 371 1151
82 233 135 450 378 1196
83 233 142 465 395 1236
84 237 151 492 408 1288
1885 241 158 521 418 1337
86 242 162 552 430 1378
87 247 168 584 444 1443
88 255 178 619 468 1519
89 263 187 665 496 1611
1890 271 200 701 517 1689
91 277 205 714 516 1713
92 283 214 738 521 1756
93 287 220 771 528 1806
94 289 229 800 541 1860
1895 293 237 851 562 1943
96 300 250 913 596 2059
97 307 263 972 626 2168
98 318 276 1041 653 2288
99 329 289 1103 682 2403
1900 317 291 1144 693 2465
01 343 300 1158 700 2502
02 349 304 1182 712 2548
03 356 303 1234 703 2597
04 365 307 1283 720 2675
1905 373 321 1338 738 2770
06 380 333 1416 775 2904
07 388 348 1515 813 3064
08 401 364 1577 846 3188
09 413 379 1644 873 3309
ı) Jahrbuch für das Königreich Sachsen.

54.
        <pb n="557" />
        544 Kap. XVII. Einfluß der Konjunkturen auf die Preisbildung usw.
. Das Gesamteinkommen. im Königreich Sachsen ist, wie man sieht,
keinem Rückgange unterworfen gewesen, wohl aber ging das Einkommen
 aus Handel und Gewerbe, also das Unternehmereinkommen,
in den Jahren 1891 und 1903 zurück. Eine entsprechende Abnahme
fand bezüglich der übrigen Einkommengruppen nur, was die Renten
betrifft, im Jahre 1902 und nur in kleinem Umfange statt. Das Einkommen
 aus Grundbesitz sowie auch das Gehalt- und Lohneinkemmen
ist durchweg auch in den Depressionen, wenn auch in abgeschwächtem
Tempo, gestiegen. In der Hochkonjunktur, die 1900 kulminierte,
fand die stärkste Steigerung des Unternehmereinkommens in den Jahren
1896 bis 1899 statt. Die Steigerung war in den folgenden Jahren eine
verhältnismäßig langsame, bis sie 1903 ganz unterbrochen wurde.
Sehr charakteristisch sind die Einkommenziffern für Schweden.
Von der Einkommeneinschätzung zur „Bewilligung‘‘ sind die Landwirtschaft
 und der ganze Grund- und Hausbesitz sowie auch die Einkommen
 unter 500 Kronen (etwa 550 Goldmark) ausgeschlossen. Bei
dem Unternehmereinkommen, das also landwirtschaftliches Einkommen
nicht mit umfaßt, sind als Ertrag des Grund und Bodens und der Gebäude,
 die in dem Unternehmen verwendet sind, 5% von ihrem Kapitalwert
 abgezogen. Es ist hier die Zunahme bzw. Abnahme (—) des Unternehmereinkommens
 und des Gehalt- und Lohneinkommens im Vergleich
zum Vorjahre (in Millionen Kronen berechnet worden)*).
Zu- und Abnahme (—) des zur „Bewilligung“ eingeschätzten
 Einkommens in Schweden
(in Millionen Kronen):
Dienst Unternehmen
(einschl. Pension) und Beruf
1883 0,3 — 0,9
84 6,2 9,7
1885 3,9 - 7
86 3,6 17
87 2,7 3,0
88 2,8 23,1
89 5,7 24,4
1890 7,7 - VO
91 7,0 — 0,8
92 13,3 - 7,8
93 7,8 8,8
94 6,6 10,5
1895 10,4 20,1
96 12,7 29,3
97 20,4 41,0
ı) Nach ‚,Generalsammandrag öfver Bevillningen‘“.
        <pb n="558" />
        $ 73. Das Einkommen,
Dienst Unternehmen
(einschl. Pension) und Beruf
98 26,7 27,9
99 21,5 32,0
1900 29,7 15,9
01 15,1 15,0
02 43,1 K1,3
03 34,5 27,5
04 26,3 20,2
1905 29,5 40,1
06 48,2 73,7
07 123,1 — 31,7
08 56,8 — 37,9
09 10,4 = 22,1
Die großen Steigerungen des Lohneinkommens in den Jahren 1902
und 1907 sind teilweise der Einführung resp. Erweiterung der Selbsteinschätzung
 zuzuschreiben. Dasselbe gilt in gewissem Grade von der
Steigerung des Unternehmereinkommens 1902.
Wir finden, daß während das Unternehmereinkommen in jeder
Depression einen Rückgang zeigt, das Lohneinkommen stetig gestiegen
ist. Die großen Steigerungen des Unternehmereinkommens fallen immer
in die Anfangsjahre der Aufschwungsperiode. In der eigentlichen Hochkonjunktur
 ist die Steigerung des Unternehmereinkommens schon abgeschwächt.
 In den Wendejahren selbst tritt eine Abnahme dieses
Einkommens oder wenigstens eine erhebliche Abschwächung seiner
Steigerungstendenz ein. Die Zunahme des Arbeitseinkommens ist in
der Periode des beginnenden Aufschwungs immer wesentlich kleiner
als die Zunahme des Unternehmereinkommens und erreicht ihre höchste
Höhe erst in der eigentlichen Hochkonjunktur. In den Wendejahren
und in den darauffolgenden Depressionen zeigt das Arbeitseinkommen
eine fortwährende Steigerung. Es finden also relative Verschiebungen
zwischen dem Unternehmereinkommen und dem Arbeitseinkommen
statt, in den früheren Jahren des Aufschwungs zugunsten des ersten,
in der eigentlichen Hochkonjunktur und vielleicht noch mehr in den
Depressionen zugunsten des letzten.
Die relativ gleichmäßige Steigerung des Lohneinkommens, die wir
besonders für Sachsen und Schweden, deren Einschätzung die große
industrielle Arbeiterklasse mit umfaßt, haben feststellen können, ist
eine Erscheinung von großer Bedeutung und wohl auch von ziemlich
allgemeiner Gültigkeit. Zusammen mit dem Einkommen aus Grundbesitz,
 das ebenfalls relativ gleichmäßig wächst, stellt das Arbeitseinkommen
 eine Belastung des Unternehmertums dar, die, wenn sie
in schlechten Zeiten noch immer zunimmt, den Unternehmergewinn
Cassel, Theoret, Sozialökonomie, 4. Aufl. Sn

545
35
        <pb n="559" />
        546 Kap. XVII. Einfluß der Konjunkturen. auf die Preisbildung usw.
herabdrücken muß. Der Anfang der Hochkonjunktur ist für den Unternehmergewinn
 besonders günstig. Er geht dann schnell in die Höhe.
Diese aufsteigende Bewegung wird aber bald gehemmt, wohl teilweise
eben durch die starke Steigerung des Lohneinkommens. Sobald eine
Abschwächung der Steigerung. des. Unternehmergewinns oder gar ein
Rückgang desselben stattfindet, ist ein Umschlag der Konjunktur
nahe. Es liegt auf der Hand, daß der Unternehmergewinn in der beginnenden
 Hochkonjunktur einen größeren Teil’des gesamten Volkseinkommens
 ausmachen muß als in der Zeit, wo die Konjunktur auf
ihre Spitze getrieben wird, oder besonders in der Depression, wo das:
Unternehmereinkommen und das übrige Volkseinkommen_ einer entgegengesetzten
 Entwicklung unterworfen sind.
Unsere Untersuchungen über die realen Vorgänge der Produktion
veranlaßten uns, nur zwischen Auf- und Niedergangsperioden zu unterscheiden.
 Die nähere Analyse der Preis- und Einkommenbildung macht
es, wie wir jetzt sehen, notwendig, die Anfangsperiode in zwei Perioden
zu teilen, von welchen wir die erste als die Periode des beginnenden
Aufschwungs, die zweite als die eigentliche Hochkonjunktur
im engeren Sinne des Wortes bezeichnen können.
$ 74. Der Konsum.
Die gesteigerte Produktion von festem Kapital, welche die Hochkonjunktur
 charakterisiert, erfordert, wie wir gesehen haben, eine Vergrößerung
 der Zahl der Arbeiter, gewöhnlich auch eine Verlängerung
der Arbeitszeit. Die Arbeiter, die neu eingestellt werden, kommen aus
den Reihen der Arbeitslosen, der bisher unbeschäftigten Jugend oder
der landwirtschaftlichen Bevölkerung. In allen Fällen bedeutet die
Einstellung neuer Arbeitskraft und die Verlängerung der Arbeitszeit die
Schaffung eines neuen Einkommens. Dieses Einkommen stellt eine zu--sätzliche
 Kaufkraft dar. Da es auch ohne Zweifel zum weitaus größten
Teil verzehrt wird, bedeutet dieses neue Einkommen eine neue Nachfrage
 für die Industrien, die für den Bedarf der Arbeiterklasse arbeiten.
Zum Teil sind diese Industrien ebenfalls kapitalproduzierende, nämlich,
soweit es gilt, neue Wohnungen für die Arbeiter herzustellen. Im
übrigen kommen hier die Industrien der Massenverbrauchsartikel in
Betracht. Da nun in allen diesen Industrien infolge der gesteigerten
Nachfrage eine erhöhte Tätigkeit eintritt, müssen auch hier mehr
Arbeiter eingestellt und die Arbeitszeit verlängert werden. Die stets
wachsende Nachfrage nach Arbeitern sowohl für die kapitalproduzierenden
 Industrien wie für die Industrien des Massenverbrauchs treibt
allmählich die Arbeitslöhne in die Höhe und vermehrt also noch die
Kaufkraft der Arbeiterklasse.
        <pb n="560" />
        8 74. Der Konsum. 7
Diese Belebung der industriellen Tätigkeit kommt in besonderem
Grade der Textilindustrie zugute. Der Bedarf des Arbeiters an Kleidern
ist besonders elastisch. In schlechten Zeiten muß der Arbeiter sich begnügen,
 wenn er seinen Bedarf an Nahrung und Wohnung einigermaßen
 decken kann. Die alten Kleider müssen dann möglichst lange
aushalten. Dafür ist auch der Bedarf an Kleidern beim Beginn der
Hochkonjunktur um so viel stärker: die Textilindustrie kann sich einer
lebhaften Nachfrage erfreuen. Daß die Textilindustrie unter den nicht
kapitalproduzierenden Industrien für die großen Konjunkturschwankungen
 besonders empfindlich ist, haben wir schon feststellen können.
Man sieht es an den Ziffern der bei den Berufsgenossenschaften der
Textilindustrie in Deutschland versicherten Arbeiter sowohl wie auch
an der Produktion von Baumwollengarn in England.
Die Belebung der industriellen Tätigkeit, die von den kapitalproduzierenden
 Industrien ausgeht, erstreckt sich also auf immer weitere
Kreise, obwohl meistens auch in immer mehr abgeschwächtem Grade.
Dadurch wird das Geldeinkommen nicht nur der eigentlichen Arbeiterklasse,
 sondern auch weiterer Kreise des Volkes gesteigert. Dies erklärt,
warum die Hochkonjunktur für die ganze Gesellschaft eine so durchgreifende
 Bedeutung hat.
Die steigende Produktion von Konsumgütern, die in der Hochkonjunktur
 nachweisbar stattfindet, wird natürlich verbraucht. Hierin
liegt ein Beweis dafür, daß der Konsum wirklich in der Hochkonjunktur
steigt. Die Produktion, die wir statistisch beobachten können, ist nun
aber überwiegend eine Produktion der Massenartikel. Da es keinem
Zweifel unterliegt, daß die industrielle Produktion für den Massenverbrauch
 in jeder Hochkonjunktur erheblich steigt, müssen wir also
schließen, daß das gesamte Realeinkommen der Arbeiterklasse in der
Hochkonjunktur entsprechend wächst.
Die verstärkte Kaufkraft der Arbeiterklasse gibt ihr also die Möglichkeit,
 eine größere Menge von Gütern zu kaufen. Infolge der gesteigerten
 Kaufkraft findet aber eine Preissteigerung dieser Güter statt.
Daraus folgt, daß das Realeinkommen der Arbeiterklasse nicht in demselben
 Grade wie ihr Geldeinkommen gesteigert wird.
Die genannte Preiserhöhung ist eine Tatsache, die wir für die
großen industriellen Konsumgüter statistisch feststellen können. Im
Verhältnis zur Preiserhöhung für die Materialien des festen Kapitals
ist jedoch diese Preiserhöhung durchaus eine sekundäre Erscheinung,
die nur in verhältnismäßig abgeschwächtem Grade zutage tritt. Dies
ist auch, wie wir wissen und besonders auf dem Diagramme (Fig. 16)
haben sehen können, der Fall.
Man dürfte nach dem Gesagten mit großer Sicherheit behaupten
können, daß das gesamte Realeinkommen der Arbeiterklasse in den
Hochkonjunkturen wächst. Dies beruht aber zum großen Teil darauf,
25*

54°
        <pb n="561" />
        548 Kap. XVII. Einfluß der Konjunkturen auf die Preisbildung usw.
daß neue Arbeiter in der Industrie eingestellt werden, Arbeiter, die vorher
 gar nicht oder in der Landwirtschaft mit niedrigerem Einkommen
beschäftigt waren. Bezüglich der Entwicklung des Realeinkommens
des einzelnen in der Industrie schon vorher beschäftigten Arbeiters ist,
wie schon in 8 72 bemerkt, ein allgemein gültiger Schluß nicht möglich.
Die Ausführungen dieses Paragraphen gelten nur für die industrielle
Produktion. Auf dem Gebiete der landwirtschaftlichen Produktion
finden wir wohl dieselben Tendenzen. Sie werden aber von den Zufälligkeiten
 der landwirtschaftlichen Produktion gekreuzt und können
sich deshalb selten klar durchsetzen. Zufolge guter Ernten kann die
Preissteigerung, die in der Hochkonjunktur auch für landwirtschaftliche
Produkte normal stattfinden sollte, vielleicht ausgeglichen oder sogar
in einen Preisfall verwandelt werden. Umgekehrt können auch die
Preise der landwirtschaftlichen Produkte durch knappe Ernten so in
die Höhe getrieben werden, daß ihre Preissteigerung die gleichzeitige
Steigerung des dem Konsum gewidmeten Einkommens übertrifft, und
daß insofern das Realeinkommen der Arbeiterklasse zurückgeht. In
der Frage der Veränderungen des Realeinkommens spielen also Verhältnisse
 mit, die außerhalb der Konjunkturbewegungen — in dem
Sinne, in welchem wir das Wort hier genommen haben — liegen. Die
Theorie der Konjunkturbewegungen kann also auf diese Frage keine
endgültige Antwort geben,
8 75. Die Sparkapitalbildung,
Die Gesamtsumme der jährlichen Ersparnisse der Volkswirtschaft
kann kaum statistisch festgestellt werden. Ein großer Teil der Ersparnisse
 ist immer unmittelbar an speziellen Unternehmungen gebunden.
 Muß doch jeder Unternehmer, um sich auf der Höhe der Anforderungen
 zu halten, jährlich aus seinem Einkommen bedeutende
Summen zurücklegen. Bei den Aktiengesellschaften bilden die entsprechenden
 Rücklagen zum Teil „stille Reserven‘‘, deren Betrag
nicht bekannt wird. In der Landwirtschaft werden ebenfalls erhebliche
statistisch nicht zu berechnende Summen aus dem Jahreseinkommen
zu Bodenameliorationen und dergleichen verwendet. Diese direkte
Kapitalbildung der Unternehmer muß im ganzen sehr bedeutend sein,
entzieht sich aber jeder Statistik der Kapitalbildung.
Die Sparmittel der nicht als Unternehmer tätigen Privatpersonen
suchen sich verschiedene Wege zur produktiven Verwendung. Ein großer
Teil wird immer direkt in Hypotheken festgelegt, dient also der Landwirtschaft
 und vor allem der Bau‘ ätigkeit. Ein anderer Teil wird den Banken
aller Arten anvertraut und indirekt der Produktion zugeführt. Ein
dritter Teil schließlich wendet sich den Emissionen zu. Über die beiden
        <pb n="562" />
        8 75. Die Sparkapitalbildung 7
letztgenannten Gruppen der Ersparnisse werden wohl gewisse statistische
 Daten veröffentlicht, sie sind aber immer sehr unvollständig und
unzuVverlässig. Als Maß der gesamten Spartätigkeit sind sie vor allem
nicht zu benutzen, da es immer unbekannt bleibt, in welchem Verhältnis
die Bankguthaben oder die Emissionsbeträge zu den übrigen Ersparnissen
 stehen, und da man sicher annehmen darf, daß dieses Verhältnis
 in verschiedenen Ländern und besonders unter verschiedenen
Konjunkturen sehr verschieden ist. Die Bankguthaben haben bekanntlich
 einen sehr wechselnden Charakter und spielen in den verschiedenen
Ländern eine ganz unvergleichbare Rolle. Was die Emissionen betrifft, so
können sie aus mehreren Gründen nicht als Maß der wirklichen Kapitalbildung
 benutzt werden. In dieser Hinsicht bemerken wir nur, daß ein
bedeutender Teil dieses Emissionskapitals zur Deckung schwebender
Schulden oder zum Ankauf schon vorhandenen Realkapitals dient und
also keine wirkliche Kapitalvermehrung der Gesellschaft darstellt.
Emissionen, die z. B. zur Umbildung privater Unternehmungen in
Aktiengesellschaften oder zur Zusammenlegung verschiedener Aktiengesellschaften
 dienen, sollten natürlich bei einer Statistik der wirklichen
Kapitalbildung nicht mitgerechnet werden. Auch können wir nicht
wissen, in welchem Umfange die emittierten Beträge wirklich in demselben
 Jahre eingezahlt werden, und noch weniger, ob die gemachten
Einzahlungen aus wirklich vorhandenen Ersparnissen oder etwa nur
sozusagen durch Wechsel auf die Zukunft gedeckt werden. Die Emissionsstatistik
 zeigt auch in der Tat bedeutend größere Schwankungen,
als man bei der wirklichen Kapitalbildung voraussetzen kann.
Eine Untersuchung der Kapitalbildung kann sich auch nicht auf ein
einziges Land beschränken, sondern muß immer auf die bedeutenden
internationalen Kapitalbewegungen Rücksicht nehmen. Zieht man aber
alle diese Schwierigkeiten in Rechnung, so wird man sich überzeugen,
daß die Ziffern, die über die Kapitalbildung veröffentlicht werden,
keinen zuverlässigen Aufschluß über die Veränderungen des Betrags
der Sparmittel, die dem Kapitalmarkt von Jahr zu Jahr zugeführt
werden, geben. Wir sind darauf hingewiesen, auf indirektem Wege uns
eine ungefähre Vorstellung über die Veränderungen der Kapitalbildung
in den verschiedenen Konjunkturabschnitten zu bilden.
Wir haben im $ 73 gefunden, daß das Volkseinkommen sich im
ganzen sehr gleichmäßig entwickelt, daß es aber in den Depressionen
ein wenig zurückgeht oder meistens nur in seinem Zuwachs etwas gehemmt
 wird. Auf die Kapitalbildung haben aber die Konjunkturbewegungen
 aller Wahrscheinlichkeit nach einen etwas stärker ausgeprägten
 Einfluß.
Da die Unternehmer von der wirtschaftlichen Notwendigkeit zum
Sparen gezwungen sind, so dürfte von dem Unternehmergewinn ein
größerer Teil als von anderen Einkommensarten als Ersparnis zurück-54L
        <pb n="563" />
        550 Kap. XVII. Einfluß der Konjunkturen auf den Kapitalmarkt.
gelegt werden. Wenn also der Unternehmergewinn einen höheren
Spargrad als den durchschnittlichen aufzuweisen hat, so muß die
Kapitalbildung der Gesellschaft in denjenigen Zeiten, die dem Unternehmergewinn
 besonders günstig sind, relativ stark sein. Eine solche
Zeit ist die Periode des beginnenden Aufschwungs. Wir dürfen also
auf eine relativ starke Kapitalbildung im Anfang der Hochkonjunktur
schließen. Sobald aber Arbeitslöhne und Preise zu steigen beginnen,
tritt wahrscheinlich eine relative Abschwächung der Kapitalbildung
im Verhältnis zum Volkseinkommen ein. Denn die Arbeiterklasse
konsumiert sicher einen verhältnismäßig großen Teil ihres Einkommens,
zumal, wenn die Preise aller Lebensmittel in die Höhe gehen. Gileichzeitig
 beginnt das Unternehmereinkommen den Lohnsteigerungen ztufolge
 zurückzugehen oder jedenfalls sein Steigerungstempo zu verlangsamen,
 womit eine wichtige Quelle der Kapitalbildung an Stärke
verliert. Das Ende der Hochkonjunktur wird sich also durch eine relative
 Knappheit des Kapitalangebots auszeichnen. Daß auch in der
Depression der Unternehmergewinn verhältnismäßig wenig zur Kapitalbildung
 beizutragen vermag, ist selbstverständlich. Die übrigen Teile
des Volkseinkommens dürften aber bei den niedrigeren Lebenskosten
auch in der Depression, besonders nachdem die allerschwerste Zeit
überwunden ist, eine ziemlich starke Kapitalbildung aufweisen.
Diese Erwägungen machen es wahrscheinlich, daß die Kapitalbildung
 im Verhältnis zum Volkseinkommen ihre größte Stärke in der
Periode des beginnenden Aufschwungs hat, in der eigentlichen Hochkonjunktur
 aber nicht unerheblich abnimmt, um, nachdem sie in der
Krise natürlich schwer gestört worden ist, in der Depression wieder
allmählich kräftiger zu werden.
Achtzehntes Kapitel.
Einfluß der Konjunkturen auf den Kapitalmarkt.
$ 76. Angebot und Nachfrage.
Die vorhergehende Untersuchung hat gezeigt, daß die Produktion
von festem Kapital in den verschiedenen Konjunkturen bestimmten
Variationen unterworfen ist. In der Depression findet ein Rückgang
statt, in der Hochkonjunktur eine Steigerung über das normale Maß
hinaus. Diese für die ganze Theorie der Konjunkturbewegungen grundlegende
 Tatsache ist sowohl direkt durch die Daten, die wir über die
Produktion vorgeführt haben, als auch indirekt durch unsere Unter-
        <pb n="564" />
        $ 76. Angebot und Nachfrage. {
suchungen der Bewegungen der Arbeitskraft und der Warenpreise vollauf
 bestätigt. Das Hauptgewicht liegt dabei darauf, daß dieser Einfluß
der Konjunkturen der Produktion von festem Kapital eigentümlich ist,
sich auf dem Gebiete der Konsumproduktion nicht, oder wenigstens
icht in demselben Maße geltend macht. Daraus folgt nämlich, daß die
Produktion von festem Kapital in der Hochkonjunktur einen größeren
Teil der Gesamtproduktion als in der Depression darstellt. Es findet mit
anderen Worten in der Hochkonjunktur eine Verschiebung der Gesamtproduktion
 in der Richtung einer relativ vergrößerten Produktion von
estem Kapital statt. In der Depression tritt eine Verschiebung in entgegengesetzter
 Richtung ein.
Der Produktion gegenüber steht das Einkommen in derselben
Stellung wie die Nachfrage zum Angebot. Wenn wir das Einkommen
aus Wertsteigerungen früher vorhandener Güter ausschließen — was
ijer berechtigt ist, da wir uns dieses Einkommen als in der Wertteigerung
 angelegt vorstellen können —, so entspricht das Einkommen
einer gewissen Periode der Produktion in derselben Periode. Beide
decken einander, das Einkommen ist, wie wir wissen, gerade hinreichend,
m die Produktion zu kaufen. Nun wird aber das Einkommen zwischen
Verbrauch und Sparen geteilt. Der erste Teil wird zum Kauf von
Konsumgütern, der zweite Teil, die Sparmittel, zum Kauf des neuproduzierten
 Realkapitals verwendet. Auf dem Kapitalmarkt tritt
einerseits das Sparkapital als Angebot, andererseits das produzierte
Realkapital als Nachfrage nach Kapitaldisposition auf.
Es fragt sich nun, welche Veränderungen der Kapitalmarkt in diesem
inne unter den verschiedenen Konjunkturen erleidet. Um hierüber Klarheit
 zu gewinnen, wollen wir zunächst voraussetzen, daß in der Verwendung
 des Einkommens keine Verschiebung stattfindet, mit anderen
Worten, daß das verbrauchte und das kapitalisierte Einkommen in unverändertem
 Verhältnis zueinander bleiben. Dann steigen sowohl das verbrauchte
 Einkommen wie auch die Kapitalbildung in demselben Tempo
ie das Gesamteinkommen. In der Hochkonjunktur aber steigt die Produktion
 von festem Kapital in schnellerem Tempo als die Gesamtproduktion,
 die Produktion von Verbrauchsgegenständen also inlangsamerem
Tempo. Es entsteht also ein Mangel an Übereinstimmung zwischen der
Verteilung der Produktion und der Verteilung des Einkommens. Auf dem
Gebiete des Verbrauchs überwiegt das Einkommen, und die Folge muß
ine Preissteigerung der Verbrauchsgegenstände sein. Daß eine solche
uch wirklich eintritt, haben wir oben feststellen können. Wenn sie im
anzen ziemlich schwach ist, so erklärt sich das natürlich aus dem Umstand,
 daß die Verschiebung auf dem Gebiete der Produktion für die
onsumgutproduktion, die den weitaus größeren Teil der Gesamtroduktion
 darstellt, eine relativ geringe Bedeutung hat. Auf dem
apitalmarkte überwiegt die Produktion. Es muß also hier eine ent-55!
        <pb n="565" />
        552 Kap. XVII. Einfluß der Konjunkturen auf den Kapitalmarkt.
gegengesetzte Preisbewegung stattfinden. Diese muß aber, da der Umfang
 der Kapitalproduktion sich relativ stärker verändert hat, schärfer
ausgeprägt sein. Betrachtet man den Kapitalmarkt als einen Markt,
wo das produzierte feste Kapital zum Verkauf kommt, so müssen offenbar
 unter den gegebenen Voraussetzungen die Preise der konkreten
Kapitalgüter sinken, und dies so weit, daß Gleichgewicht zwischen dem
Gesamtwert des neuproduzierten Realkapitals und dem zum Kauf desselben
 bestimmten Einkommen hergestellt wird. Dabei teilen vielleicht
die Dienste des festen Kapitals die aufsteigende Preisbewegung der
Konsumgüter, Dann wird die Quote zwischen dem Preis des festen
Kapitals und dem Preis der Anwendung desselben zurückgehen, was
ja gleichbedeutend mit einem Steigen des Zinsfußes ist.
Betrachtet man wieder den Kapitalmarkt als den Markt, wo Angebot
 und Nachfrage von Kapitaldisposition zusammentreffen, so wird
unter den gegebenen Voraussetzungen die Nachfrage nach Kapitaldisposition
 eine überwiegende Tendenz zeigen und der Preis der
Kapitaldisposition in die Höhe gehen, mit anderen Worten, der Zinsfuß
steigen. Da Renten nach diesem höheren Zinsfuß kapitalisiert werden,
sinken die Kapitalwerte derselben. Die Preisreduktion der Kapitalgüter
 vermindert die zum Erwerb derselben erforderliche Kapitaldisposition
 so weit, daß Gleichgewicht auf dem Kapitalmarkt wieder
hergestellt wird.
Daß eine Verschiebung in der gesellschaftlichen Produktion zugunsten
 der Kapitalproduktion, die von keiner entsprechenden Verschiebung
 in der Verwendung des Einkommens begleitet ist, Preisverschiebungen
 zuungunsten des festen Realkapitals und zugunsten der
Verbrauchsgegenstände hervorrufen muß, ist eigentlich selbstverständlich.
 Erst bei der neuen Preislage kann ein Gleichgewicht zwischen
Einkommen und Produktion auch in ihren verschiedenen Hauptteilen
eintreten.
Die Wirkungen der Depression müssen offenbar in entgegengesetzter
 Richtung gehen. Da die Produktion von festem Kapital
relativ zurückgeht, also die Produktion von Verbrauchsgegenständen
relativ zunimmt, müssen die Preise der Verbrauchsgegenstände zurückgehen,
 die Preise der Güter, die festes Kapital sind, aber relativ steigen,
d. h. der Zinsfuß fallen.
Ziehen wir nun aber auch die Veränderungen der Kapitalbildung
unter den Konjunkturbewegungen in Betracht. Daß die Konjunkturbewegungen
 auch auf die Verwendung des Einkommens einen Einfluß
haben, Verschiebungen in der Richtung eines steigenden oder sinkenden
Spargrades bewirken, haben wir im vorigen Kapital als sehr wahrscheinlich
 bezeichnen können. In der Periode des beginnenden Aufschwungs,
 wo der Unternehmergewinn sich stark entwickelt, ist die
Kapitalbildung relativ groß. Es findet dann eine Verschiebung in der
        <pb n="566" />
        $ 76. Angebot und Nachfrage. }
Disposition des Einkommens in der Richtung einer größeren Sparsamkeit
 statt. Die Kaufkraft für Kapitalgüter wird hierdurch gesteigert,
und dies im allgemeinen in noch höherem Grade als ihre Produktion.
In dieser Periode des beginnenden Aufschwungs dürfen wir also eine
allgemeine Preissteigerung für festes Kapital erwarten. Die Bewegung
des Zinsfußes wird vom Ertrag dieses Kapitals abhängen.
In der eigentlichen Hochkonjunktur dagegen, wo der Unternehmergewinn
 sinkt und die Kapitalbildung eine Tendenz zum Rückgang zeigt,
während die Produktion von festem Kapital noch, sogar in verstärktem
Grade, ihre aufsteigende Bewegung fortsetzt, und also eine Verschiebung
 in der Verwendung des Einkommens stattfindet, die derjenigen auf
dem Gebiete der Produktion entgegengesetzt ist, wird die Knappheit
des Kapitalmarkts wesentlich verschärft, die Preise der Kapitalgüter
gehen zurück und der Kapitalzins wird noch höher steigen müssen,
als dies nach unserer ersten Annahme nötig war.
In der Depression, wo die Produktion von festem Kapital zurückgeht,
 wird dem Kapitalmarkte anfänglich, der herabgesetzten Sparfähigkeit
 wegen, weniger anlagesuchendes Kapital zugeführt als unter
der Voraussetzung eines normalen Spargrades der Fall gewesen wäre.
Die Steigerung der Preise des festen Kapitals und der Rückgang des
Zinsfußes werden hierdurch etwas abgeschwächt, ohne jedoch aufgehoben
werden zu können. Im späteren Teile der Depressionsperiode, wo die
Sparkapitalbildung schon wieder stärker wird, während eine Steigerung
der Produktion von festem Kapital noch nicht eingetreten ist, muß der
Kapitalmarkt besonders leicht sein.
Diese Bewegungen werden noch beeinflußt von der Steigerung des
Ertrags des festen Kapitals, welche die Periode des beginnenden Aufschwungs
 auszeichnet. Diese Ertragssteigerung ist ein Ergebnis sowohl
der wesentlich verbesserten Ausnutzung des festen Kapitals, die wir für
diese Periode feststellen konnten, wie auch der Eröffnung neuer, sehr
lohnender Anwendungen von festem Kapital, von welcher die ganze
Aufschwungsbewegung ausgeht. Anfänglich ist diese Ertragssteigerung
wahrscheinlich größer als die Preissteigerung des festen Kapitals, welche
wir eben als eigentümlich für die Periode des beginnenden Aufschwungs
fanden. So erklärt sich, daß der Zinsfuß in dieser Periode eine, wenn
auch langsame Steigerung aufweist. In der eigentlichen Hochkonjunktur
wirkt der gute Ertrag des festen Kapitals mit den früher erwähnten
Faktoren zu einer starken Erhöhung des Zinsfußes zusammen. In der
Depression hilft der schlechte Ertrag des festen Kapitals den Zinsfuß
niedrig zu halten.
Noch einen Faktor haben wir in Betracht zu ziehen, wenn wir den
Einfluß der Konjunkturen auf den Kapitalmarkt untersuchen wollen.
Dies ist das Verhalten der Banken, die in der Periode des beginnenden
Aufschwungs ziemlich allgemein fortfahren, ihre Zahlungsmittel zum

553
        <pb n="567" />
        554 Kap. XVII. Einfluß der Konjunkturen auf den Kapitalmarkt.
früheren Zinsfuß zur Verfügung zu stellen oder jedenfalls zögern, ihren
Zinsfuß so schnell zu steigern, wie die wachsende Knappheit von Kapitaldisposition
 es erfordern würde. Die Kapitalgüter werden demzufolge
nach einem zu niedrigen Zinsfuß kapitalisiert, d. h. ihre Preise werden
in die Höhe getrieben. Die Produktion der Kapitalgüter erscheint demnach
 besonders lohnend, und die Unternehmer bedienen sich gern der
Kaufkraft, welche die Banken ihnen so billig zur Verfügung stellen. Das
Verhalten der Banken bedeutet also eine Verschiebung der gesellschaftlichen
 Kaufkraft zugunsten der Kapitalgüter. Daraus folgt eine entsprechende
 Verschiebung der Produktion, wobei die Versorgung der
Konsumenten eine relative Verschlechterung erfährt und den Konsumenten
 eine besondere Einschränkung ihrer Bedürfnisbefriedigung
aufgezwungen wird. Auf die Verteilung der gesellschaftlichen Kaufkraft
 zwischen Kapitalgütern und Konsumgütern hat also das hier
beschriebene Verhalten der Banken eine ähnliche Wirkung wie eine
Erhöhung des allgemeinen Spargrades der Gesellschaft.
Die neugeschaffene Kaufkraft, welche die Banken den Unternehmern
 zur Verfügung stellen, muß natürlich allmählich eine Preissteigerung
 hervorrufen, die sich immer weiter verbreitet und als eine
Erhöhung des allgemeinen Preisniveaus hervortritt. Der Umsatz erfordert
 dann eine entsprechend vergrößerte Menge von Zahlungsmitteln.
Dieser Bedarf wird von den Banken durch Vermehrung ihrer Bankzahlungsmittel
 befriedigt. In der Aufschwungsperiode steigen also
sowohl die Menge der Bankzahlungsmittel wie auch das allgemeine Preisniveau.
 In der Depressionsperiode dagegen werden Bankkredite in
großem Umfang zurückbezahlt, die Zahlungsmittelversorgung der Gesellschaft
 wird knapper, und das allgemeine Preisniveau geht zurück.
Die hier geschilderten Bewegungen, also der Wechsel im relativen
Umfang der Kapitalproduktion, die Verschiebungen im Spargrade der
Gesellschaft, die Veränderungen des Ertrags des festen Kapitals und
die wechselnde Versorgung der Gesellschaft mit Bankzahlungsmitteln,
bewirken zusammen eine Bewegung des Zinsfußes und der Preise der
Kapitalgüter, welche wir in dem Wechsel der Konjunkturen beobachten
und teilweise auch statistisch feststellen können. Dies werden wir in
den folgenden Paragraphen versuchen.
8177. Der‘ Zinsfuß:
Daß der Zinsfuß an der Spitze der Hochkonjunktur stark in die Höhe
geht, ist eine allgemein anerkannte Tatsache, die wir auch unserer Definition
 der Konjunkturspitzen oder der ‚„Wendejahre‘““ zugrunde gelegt
haben. Unsere Diagramme über die Veränderungen der Diskontsätze
in Berlin und London (Fig. 6und 7 S.477—8) zeigen, wie starkausgeprägt
        <pb n="568" />
        8 77. Der Zinsfuß. )
dieses Steigen des Zinsfußes an den Spitzen der Hochkonjunkturen ist.
Nach der Krise geht der Zinsfuß in der Regel sehr schnell zurück, gewöhnlich
 bedeutend schneller, als er früher gestiegen ist. Es ist interessant,
 den Bewegungen Monat für Monat zu folgen. In London hatte
der Marktdiskont im Durchschnitt für das Jahr 1905 2,66 % betragen,
stieg aber im Jahre 1906 auf einen Jahresdurchschnitt von 4,05%. Im
November 1907 wurde der Höchstsatz von 6,61% erreicht. Dann aber
fiel der Diskont in den folgenden Monaten sehr rasch und erreichte
schon im Juli 1908 das Minimum von 1,30 %. Im November betrug der
Satz nur 2,27%. An der Berliner Börse wurde der Höchstsatz von
7,07 % im Dezember 1907 erreicht. Im Juli des folgenden Jahres war
der Satz auf 2,75 % gesunken und stand im Dezember auf 2,92 %1). Es
ist also unzweifelhaft, daß der Kapitalmarkt durch die Einschränkung,
die die Produktion von festem Kapital in der Depression erfährt, schnell
und bedeutend erleichtert wird, trotz der gleichzeitigen, aber weniger
bedeutenden Einschränkung der Kapitalbildung.
In den Hochkonjunkturen, die eine längere Zeit gedauert haben,
kann man beobachten, wie der Zinsfuß am Anfang noch sehr mäßig
bleibt, um sich erst in den letzten Jahren der Hochkonjunktur wesentlich
 zu verschärfen. In England begann die aufsteigende Bewegung der
neunziger Jahre mit dem Jahre 1896, wo die Roheisenerzeugung schon
die Ziffer von 8799000 Tonnen gegen 8456000 Tonnen an der Spitze
der letzten Hochkonjunktur (1889) erreichte?). Der durchschnittliche
Marktdiskont betrug aber im Jahre 1896 nur 1,52% und hielt sich in
den beiden folgenden Jahren auf der sehr mäßigen Höhe von 1,87 resp.
2,65%. Erst 1899 stieg der Diskontsatz auf den Durchschnitt von
3,29%, um im Krisenjahr 1900 den Durchschnittssatz von 3,70% zu
erreichen. In Berlin stand der Diskontsatz im Jahre 1897, wo die Roheisenproduktion
 Deutschlands schon auf 6881000 Tonnen gegen
4658000 Tonnen im Wendejahre 1890 gestiegen war, nur noch auf
dem Durchschnitt von 3,09 %. Die folgenden Jahre 1898— 1900 brachten
den Durchschnittssatz auf 3,55, 4,45 und 4,41%. Nach der Krise von
1900 und der darauf folgenden Depression trat eine wesentliche Steigerung
 der Produktion von festem Kapital wieder mit den Jahren 1903
und 1904 ein. Der Marktdiskont ging aber nicht über den Durchschnitt
von 3,14% (1904). Als die Hochkonjunktur in ihre zweite Phase eintrat
 und die Produktion von festem Kapital in den Jahren 1906 und
1907 noch sehr gesteigert wurde (die Roheisenproduktion betrug im
Jahre 1907 12875000 Tonnen gegen 8521000 Tonnen im Jahre 1900),
stieg der durchschnittliche Diskontsatz auf 4,04% und 5,12%. Die
ersten Jahre des Aufschwungs können sich also eines mäßigen Zinsfußes
 erfreuen. Erst in den letzten Jahren des Aufschwungs, in der
ı) Pohle: Monatliche Übersichten,
?) Diese und folgende Ziffern aus dem Statist. Jahrbuch des Deutschen Reiches.

555
        <pb n="569" />
        556 Kap. XVII. Einfluß der Konjunkturen auf den Kapitalmarkt.
eigentlichen Hochkonjunktur, steigt der Zinsfuß auf eine Höhe, die
eine zunehmende Knappheit an Sparkapital außer Zweifel stellt. Die
Veränderungen des Kapitalmarkts, auf die wir aus theoretischen Gründen
schließen müssen, werden also durch die Bewegungen des Diskontsatzes
 vollauf bestätigt.
Um den Zusammenhang zwischen Zinsfuß und Produktion von
festem Kapital klarzulegen, ist es von großem Interesse, die Veränderungen
 des Zinsfußes mit der Roheisenerzeugung zeitlich zu vergleichen.
Suchen wir zunächst einen solchen Vergleich für die Welt durchzuführen.
 Als Maß für den Zinsfuß benutzen wir dabei den Durchschnitt
des Marktdiskonts in London, Paris, Berlin und Neuyork!). Die Bewegungen
 der Roheisenerzeugung und des Zinsfußes in den vier Hochkonjunkturen
 nach 1873 sind in der folgenden Tabelle veranschaulicht:
Jahr Zinsfuß Roheisenerzeugung
1873 6,3 max. 15,1 max.
1. Periode 1879 35° min: 14,4
1880 3.8 18,6
1882 4:51 max. 21,6
1883 4,1 21,8 max.
2. Periode 1886 3:5” min, 20,8
1887 3,8 22,8
1890 45 max: 27,9 max.
3. Periode 1895 2,8 min, 29,4
1900 4,3 max: 41,3 max.
4. Periode 1905 4,0 min, 54,8
1907 4,83 max. 61,3 max.
Man sieht, daß die Maxima der Roheisenerzeugung und des Zinsfußes
 regelmäßig in dieselben Jahre fallen. Nur im Jahre 1883 hat sich
das Maximum der Roheisenerzeugung um ein Jahr verschoben, aber
auch nicht die Ziffer des Vorjahres wesentlich übertroffen. Die Minima
der Roheisenerzeugung dagegen entsprechen nicht, wie man vielleicht
glauben würde, den Minima des Zinsfußes. Der Zinsfuß erreicht, wie
aus der Tabelle ersichtlich ist, sein Minimum erst am Beginn der neuen
Aufschwungsperiode, wenn wir nämlich die Aufschwungsperiode von
dem Jahre an rechnen, wo die Roheisenerzeugung zum erstenmal nach
der Depression ihr altes Maximum überschreitet. Der so definierte Aufschwung
 beginnt in der ersten Periode 1880, in der zweiten Periode
1887, in der dritten Periode 1895 und in der vierten, wenn man das
Maximum von 46,6 des Jahres 1903, das hier außer Betracht gelassen
ist, berücksichtigt, 1905. Das Minimum des Zinsfußes fällt, wie man
findet, was die beiden ersten Perioden betrifft, in das Jahr vor Beginn
des Aufschwungs, was die beiden letzten Perioden betrifft, aber in das
ı) Pohle: Statist. Unterlagen (M. 5S.).
        <pb n="570" />
        8 77. Der Zinsfuß. 7
erste Jahr des Aufschwungs. Diese Verschiedenheiten hängen offenbar
von der Jahreszeit in der die Veränderungen eintreten, sowie von
anderen kleinen Zufälligkeiten ab. Wir sind also berechtigt, als allgemein
 gültig folgende Regel aufzustellen:
Der Zinsfuß kehrt vom Sinken zum Steigen um, wenn die Roheisenerzeugung
 ihren alten Rekord schlägt, und vom Steigen zum Sinken,
wenn die Roheisenerzeugung einen neuen Rekord setzt.
80 =— wa ?
im
8350| —
200} ;
150
100'
% . v3
Fig. 17. Roheisenerzeugung (in 100000 Tons, Ziffern links) (— )) und
Marktdiskont (Ziffern rechts) (— — —). Vereinigte Staaten,
Diese Regel gilt auch mit gewissen Einschränkungen für einzelne
Länder. Für die Vereinigten Staaten ist sie durch unser Diagramm
(Fig. 17) veranschaulicht. Die vollgezogene Kurve repräsentiert die
Roheisenerzeugung (in 100000 Groß Tons, Ziffer links), die punktierte
den Marktdiskontsatz in Neuyork (Ziffern in Prozenten rechts). Die
Depressionsperioden sind nach unserer gewöhnlichen Methode ($ 70)

55
        <pb n="571" />
        558 Kap. XVIII. Einfluß der Konjunkturen auf den Kapitalmarkt.
konstruiert. Man sieht, daß das Minimum.des Zinsfußes immer auf. das
Ende der Depressionsperiode fällt. In der Regel befindet sich der Zinsfuß
 während der ganzen Depressionsperiode im Sinken.
Für die Entwicklung in England in den achtziger Jahren wird
unsere Regel ohne Bedeutung, da die Roheisenerzeugung zurückgegangen
 ist und im Minimumjahre 1889 wesentlich kleiner als im vorhergehenden
 Maximumjahre 1882 war. Dagegen erreichte der Zinsfuß
in der Depression der siebziger Jahre sein Minimum 1879, also im Jahre
vor dem Beginn des neuen Aufschwungs. Auch im Jahre 1895 sank der
Zinsfuß auf ein Minimum herab, wonach der neue Aufschwung mit dem
folgenden Jahre begann. Im Jahre 1905, wo die Roheisenerzeugung
Großbritanniens nach der Depression am Anfang des Jahrhunderts ihr
früheres Maximum überschritt, stand der Zinsfuß auf seinem Minimum.
Für Deutschland fällt der Beginn des Aufschwunges, wie wir ihn
definiert haben, in der Regel mit dem Minimum des Marktdiskonts
zusammen, nur daß der Zinsfuß in den achtziger Jahren erst im Jahre
1888 sein Minimum erreichte, während die Aufgangsperiode schon mit
dem Jahre 1887 begann.
Betreffend die Maxima des Zinsfußes und der Roheisenerzeugung
kann man, wenn man einzelne Länder betrachtet, kleinere Verschiebungen
 wahrnehmen. Trotzdem dürfte unsere Regel als von der Erfahrung
 genügend bestätigt anzusehen sein. Sie scheint sowohl theoretisch
 wie praktisch Aufmerksamkeit zu verdienen.
$ 78. Die Effektenkurse.
Die Preisbewegungen des festen Kapitals sind nicht leicht allgemein
 festzustellen, da für die meisten hier in Betracht kommenden
Güter kein eigentlicher Markt besteht. Das meiste feste Kapital ist aber
durch Wertpapiere der einen oder anderen Art auf der Effektenbörse
vertreten. Die Nachfrage nach Sparmitteln zur Übernahme des produzierten
 festen Kapitals äußert sich teils als Nachfrage nach Mitteln,
um Dividendenpapiere zu kaufen, teils als Anleihebedürfnis. Die Dividendenpapiere
 vertreten direkt das Eigentum an festem Kapital, aber
auch die Anleihen, die als festverzinsliche Papiere auf die Börse kommen,
dienen, volkswirtschaftlich betrachtet, zur Übernahme des neuproduzierten
 festen Kapitals. Zwar werden Anleihen nicht nur von Unternehmern,
 sondern auch von öffentlichen Korporationen aufgenommen.
Ein wesentlicher Teil der Effentlichen Anleihen, besonders der kommunalen,
 wird aber zur Übernahme von festem Kapital benutzt. Wenn der
Markt für diese Kapitalansprüche zu knapp ist, wird er auch den Konsumtivanleihen
 (besonders denjenigen der Staaten) gegenüber dieselbe
Knappheit zeigen. Der Kapitalmarkt wird sich also allen Ansprüchen
        <pb n="572" />
        $ 78. Die Effektenkurse. }
an Sparmitteln gegenüber gewissermaßen einheitlich gestalten. Jedoch
werden wir in den Bewegungen der festverzinslichen und der Dividendenpapiere
 wichtige Verschiedenheiten feststellen können, die darauf beruhen,
 daß der Wert der Dividendenpapiere nicht lediglich vom Zinsfuß,
 sondern ‚auch wesentlich vom Unternehmergewinn abhängt.
Die Kapitalknappheit, die in der ganzen Aufschwungsperiode vorherrscht,
 muß an und für sich den Wert sämtlicher Effekten herabdrücken,
 und zwar ganz besonders in der eigentlichen Hochkonjunktur,
wo die Kapitalknappheit, wie wir wissen, sich gewöhnlich sehr verschärft.
In den Perioden des beginnenden Aufschwungs wird aber diese Tendenz,
was die Dividendenpapiere betrifft, durch den hohen Ertrag derselben
überwunden. Diese Papiere zeigen deshalb anfänglich eine aufsteigende
Bewegung und erreichen ein Maximum etwa beim Beginn der eigentlichen
 Hochkonjunktur. Der Knappheit des Kapitalmarkts zufolge
müssen aber gleichzeitig die festverzinslichen Werte etwas an ihren
Kursen einbüßen. Wenn auch dieser Kursrückgang im Anfang sehr
langsam ist, werden doch wahrscheinlich die festverzinslichen Werte
ihren Höhepunkt überschritten haben, während die Dividendenwerte
sich noch im Steigen befinden. Offenbar müssen die Kurse der festverzinslichen
 Werte gewissermaßen im umgekehrten Verhältnis zum
Zinsfuß stehen. Ihre Bewegungen sind aber unter normalen Umständen
etwas langsamer als diejenigen des Zinsfußes. Da die Börse bei
niedrigem Zinsfuß immer auf ein mögliches Wiederansteigen des Zinsfußes
 und also einen Rückgang der festverzinslichen Werte rechnen
muß, ist es nur natürlich, daß diese ihren Höchstkurs gewöhnlich, erst
nachdem der Zinsfuß sein Minimum schon passiert hat, also irgendwo
im Anfang der Aufschwungsperiode erreichen. Das Maximum für die
Dividendenwerte wird nach dem Gesagten regelmäßig noch später ein«
treten.
In der eigentlichen Hochkonjunktur, wenn der Ertrag des festen
Kapitals schon manchmal eine rückläufige Tendenz zeigt und die
Kapitalknappheit sich in sehr verschärfter Form geltend macht, müssen
natürlich auch die Dividendenpapiere in ihrer Kursbewegung umkehren.
Das Kursmaximum dieser Papiere muß man also am Anfang der genannten
 Periode suchen. Auch die festverzinslichen Werte werden
jetzt, der verschärften Kapitalknappheit zufolge, einen starken Kursfall,
der in der Krise selbst kulminiert, aufzuweisen haben. Es wäre also verfehlt,
 anzunehmen, daß erst die Krise den Kurssturz hervorruft. Die
Kapitalknappheit ist in der Tat schon eine geraume Zeit vorher so
stark, daß sie sehr erhebliche Kursrückgänge zu bewirken pflegt.
In der Depression, wo der Zinsfuß niedrig steht, müssen die festverzinslichen
 Werte sich schnell erholen, ihre Kurse also eine aufsteigende
 Bewegung einschlagen. Bei den Dividendenwerten ist aber
der schlechte Ertrag noch meistens das vorherrschende Moment, und

556
        <pb n="573" />
        560 Kap. XVIII. Einfluß der Konjunkturen auf den Kapitalmarkt.
wenn sie sich auch nach der Krise etwas erholen, werden sie doch erst
nach Ende der Depression wieder in die Höhe gehen.
Aus unseren Kenntnissen der Lage des Kapitalmarkts in den verschiedenen
 Konjunkturabschnitten können wir also folgende allgemeine
Regel für die Bewegungen der Effektenkurse ableiten: sowohl festverzinsliche
 wie Dividendenwerte erreichen im Augenblick der Krisis ihr
Kursminimum. ‚Danach steigen beide, die festverzinslichen Werte aber
nur bis im Anfang des neuen Aufschwungs, wo ihre Kurse ihr Maximum
erreichen. Die Dividendenwerte setzen die aufgehende Bewegung fort,
um erst beim Beginn der eigentlichen Hochkonjunktur ihren Höchstkurs
 zu erreichen. Der Rückgang der Kurse setzt mit dieser eigentlichen
 Hochkonjunktur ein und erstreckt sich auf sämtliche Werte.
Suchen wir nun diese Ergebnisse zu prüfen.
Daß ein Rückgang der Effektenkurse schon vor der Krise stattfindet,
 sogar in einem Tempo, daß man von einer Börsenkrise als Vor-Jäufer
 der eigentlichen volkswirtschaftlichen Krise sprechen kann, ist
aus der Krisengeschichte allgemein bekannt. Schon Wirth betrachtet
ein anhaltendes und durch keine politische oder sonst nachweisbare
Ursache hervorgebrachtes Sinken der Kurse der Börseneffekten als eins
der Merkmale des Herannahens einer Krise!). Ein amerikanischer Verfasser,
 Burton, findet in einem andauernden und stetigen Kursfall
auf der Effektenbörse ein sicheres Zeichen einer bevorstehenden Krise
und führt eine Reihe von Fällen an, wo amerikanische Werte einen
solchen Rückgang in der letzten Zeit der Hochkonjunktur aufzuweisen
gehabt haben?).
Betrachten wir hier zunächst die Kursentwicklung der Dividendenwerte
 an der Berliner Börse im Jahre 1907. Die Indexziffer der Frankfurter
 Zeitung?) stand ult. Dezember 1906 auf 162,68, ult. Januar
1907 auf 160,59. Dann setzt ein heftiger Rückgang ein, der die Indexziffer
 bis ult. März auf 152,61 reduzierte. In den zwei Monaten Februar
und März waren also acht Punkte verloren gegangen. Der nächste
stärkere Kursturz fand erst im Oktober, also im Krisenmonat statt,
wo die Indexziffer von 149,10 auf 143,90, also um etwas über 5 Punkte
zurückging. Rechnet man vom Kursmaximum der Dividendenpapiere,
das im September 1905 eintrat und 175,60 betrug, so findet man, daß
vor dem Beginn der eigentlichen Krise der weitaus größte Teil des
Kursrückgangs schon beendet war. Die Krikse trieb das Kursniveau
nur noch auf das Minimum von 142,91 (Februar 1908).
Um die Entwicklung der Kurse der festverzinslichen Papiere durch
eine Reihe von Konjunkturveränderungen verfolgen zu können, wollen
1) Geschichte der Handelskrisen. Frankfurt 1883, p. 8.
2) Financial Crises. London 1903 p. 231ff.
3) Der Index gibt den Durchschnittskurs für die Hälfte des an der Berliner
Börse zum Handel zugelassenen Kapitals an. Volkswirtschaftliche Chronik.
        <pb n="574" />
        $ 78. Die Effektenkurse, 1
wir die Kurse der 34, prozentigen unkonvertierten Reichsanleihe in
Berlin betrachten!). Die jährlichen Durchschnittskurse stellten sich
seit 1889 wie folgt:
1889 103,70 max. 1901 99,54
1890 100,45 1902 102,06
1891 98,39 min. 1903 102,30 max.
1892 99,97 1904 101,94
1893 100,38 1905 101,33
1894 102,39 1906 99,54
1895 104,44 1907 94,65
1896 104,58 max. 1908 92,61 min.
1897 103,59 1909 95,14 max.
1898 102,65 1910 93,17
1899 99,77 1911 93,46
1900 95,80 min. 1912 89,79
Die Minima fallen, wie man sieht, regelmäßig in die Krisenzeiten,
die Maxima in eines der früheren Jahre der Aufschwungsperiode.
Es ist sehr interessant, die Entwicklung der Kurse der Dividendenwerte
 mit diesen Bewegungen zu vergleichen. Die oben genannte
Indexziffer der Frankfurter Zeitung ermöglicht uns einen solchen Vergleich
 vom Jahre 1904 an. Das Kursniveau der Dividendenwerte hat
sich seitdem in folgender Weise entwickelt ?):
1904 153,92 1909 156,96
1905 168,82 max. 1910 162,77 max.
1906 163,25 1911 162,45
1907 149,29 1912 158,78
1908 145,32 min. 1913 157,59
Es ist auffallend, daß das Kursniveau der Dividendenwerte erst im
Jahre 1905, also beim Beginn der eigentlichen Hochkonjunktur und zwei
Jahre nach dem Kulminationsjahr der Reichsanleihe, sein Maximum erreicht.
 Dies wiederholte sich in der letzten aufsteigenden Konjunktur:
während der Kurs der Reichsanleihe schon 1909 seinen Höchstpunkt
erreichte, scheinen die Dividendenwerte erst mit dem Frühjahr 1911 ihr
Kursmaximum erreicht zu haben. Dies ist eben die Zeit, wo sich die
eigentliche Hochkonjunktur deutlich zu entwickeln beginnt.
Es ist von besonderem Interesse, die Kursentwicklung derjenigen
Dividendenpapiere, die die Produktion von festem Kapital speziell vertreten,
 zu verfolgen. Nach der „Volkswirtschaftlichen Chronik“ können
1) Denkschriftenband zur Reichsfinanzreform, Teil IV. Pohle, Monatliche
Übersichten.
?) Nach der Volksw. Chronik. 1913, p. 1067.
Casse]), Theoret. Sozialökonomie. 4. Aufl.

56;
36
        <pb n="575" />
        562 Kap. XVIIL Einfluß der Konjunkturen auf den Kapitalmarkt.
folgende jährliche Durchschnittskurse der Berliner Börse angeführt
werden:
1904 1905 1906 1907 1908
Gelsenkirchener Bergwerk 219,18 230,21 224,84 198,50 189,33
Harpener Bergwerk 205,451 1215,47” 9214,34. ®203;89° 198,07
Bochumer Gußstahl 200,90 1.8247,781 W244,79% 8217,47 212,75
Dortmunder Union 83,40 93,67 86,50 71,02 58,54
Königs- und Laurahütte 243,37 261,72 243,86 225,51 207,09
Berliner Maschinenbau 238,35 251,88 243,89 220,09 232,55
Allgem. Elektr.-Ges. 219;64 4234,238 4217,80 ‘198,14 212,79
Siemens &amp;amp; Halske 148,79_ 186,71 4187,35 _ 2169,71: 183,79
Es zeigt sich, daß auch diese Werte regelmäßig ihren höchsten
Durchschnittskurs mit dem Jahre 1905 erreicht haben. Nur für das
zuletzt angeführte Papier hat in dieser Hinsicht eine unwesentliche
Verschiebung stattgefunden.
8 79. Die Kapitalknappheit der Hochkonjunktur.
Die Anspannung des Kapitalmarktes im letzten Teil der Hochkonjunktur
 zeigt sich nicht nur in steigenden Zinssätzen und Kursrückgängen
 der Börseneffekten. In jeder solchen Periode hat man auch
Gelegenheit, einen wirklichen Mangel an Kapital direkt zu beobachten.
Dieser Mangel tritt in einer Erschwerung der Kapitalbeschaffung zutage,
 unter welcher auch solide und sehr lohnende Unternehmen zu
leiden haben.
Diese Schwierigkeiten wirken natürlich auf die Produktion von
festem Kapital zurück. Nicht jede solche Produktion kann aber unmittelbar
 eingeschränkt werden. Das Gebiet, wo man zuerst eine
Einschränkung der Produktion als Folge der zunehmenden Kapitalknappheit
 erwarten kann, ist offenbar die Bautätigkeit, wo die einzelnen
 Unternehmungen relativ schnell abgeschlossen werden, und wo
also eine Einschränkung der Produktion am leichtesten möglich ist.
Die Kapitalknappheit zeigt sich hier in einer steigenden Schwierigkeit,
fertig gebaute Häuser zu verkaufen oder zum fortgesetzten Bauen die
nötigen Kredite zu bekommen. Da die Bautätigkeit von solcher Kapitalbeschaffung
 in hohem Grade abhängig ist, und da. sie es ohne weiteres
unterlassen kann, Neubauten wieder anzufangen, darf man es vielleicht
als normal‘ betrachten, daß die Anspannung des Kapitalmarktes schon
in der Hochkonjunktur einen Rückgang der Bautätigkeit erzwingt,
und daß also das Maximum dieser Tätigkeit etwas vor dem Ende der
Hochkonjunktur liegt. Dies wird durch unsere oben ($ 64) angeführte
Statistik von der nordamerikanischen Bautätigkeit bestätigt.
        <pb n="576" />
        $ 79. Die Kapitalknappheit der Hochkonjunktur. 553
Ganz anders liegen die Verhältnisse bei den Eisenbahnen und ähnlichen
 großen Unternehmungen. Eisenbahnen werden nicht zum Verkauf
 gebaut, die Unternehmer sind in der Regel weit kapitalkräftiger
und können, wenn auch unter erschwerten Bedingungen, das nötige
Kapital beschaffen. Dies gilt natürlich ganz besonders von Staatsbahnen.
 Dazu kommt, daß die Herstellung einer neuen Eisenbahn
viel längere Zeit als ein gewöhnlicher Hausbau in Anspruch nimmt.
Da eine Eisenbahn, die sich schon im Bau befindet, auch wenn die
Kapitalbeschaffung etwas teuer werden würde, soweit irgendmöglich
vollendet werden muß, so versteht man, daß der Eisenbahnbau, trotz
der Anspannung des Kapitalmarkts, eine geraume Zeit fortgesetzt
werden wird. Was hier von den Eisenbahnen gesagt worden ist, gilt
mehr oder weniger auch von anderen großen Unternehmungen, wie
z. B. Straßenbahnnetzen, Kanälen, Elektrizitätswerken usw.
Man versteht dann’ auch, daß, trotz der erschwerten Kapitalbeschaffung,
 die Produktion von festem Kapital und den Materialien dazu
die aufsteigende Bewegung noch eine Zeit fortsetzen kann. In der
letzten Zeit der Hochkonjunktur ist für die Bautätigkeit und die dafür
arbeitenden Industrien eine andere Entwicklung als für die sonstige
Kapitalproduktion zu erwarten.
Diese Verschiedenheit kam in Deutschland im Jahre 1907 sehr
deutlich zum Vorschein. Schon vom Anfang des Jahres an wurde von
der bedrückten Lage des Baugewerbes berichtet und diese Lage auf die
teueren Geldverhältnisse zurückgeführt. Die Zweige der Eisenindustrie;
in denen eine Verschlechterung gegenüber dem Vorjahre zuerst eintrat;
waren eben diejenigen, die eiserne Baumaterialien herstellen. Auch
wurde der Versand des Stahlwerksverbandes in Halbzeug und Formeisen
 im Jahre 1907 dem Vorjahre gegenüber nicht unwesentlich beschränkt,
 wogegen der Versand von Eisenbahnmaterial wesentlich stieg.
Die Verschiedenheit der Entwicklung ist aus den folgenden Ziffern (in
tausend Tonnen) ersichtlich!):
1905 1906 1907
Halbzeug 1911 1862 1558
Formeisen 1673 1936 1699
Eisenbahnmaterial 1631 1936 2327
Zusammen: 5215 5734 5574
Die größte Verschiedenheit in der Entwicklung zeigt sich in den
letzten Monaten des Jahres 1907, wo sowohl. für Halbzeug wie ganz
besonders für Formeisen der Versand sehr erheblich zurückging, während
der Versand von Eisenbahnmaterial noch bedeutend stieg.
_. Die großen Verkehrsunternehmungen werden oft durch die erschwerte
 Kapitalbeschaffung in.der eigentlichen Hochkonjunktur zu geı)
 Volkswirtschaftliche Chronik. 1907, p. 695 und. 772.

50
        <pb n="577" />
        564 Kap. XVIIL Einfluß der Konjunkturen auf den Kapitalmarkt.
wissen Beschränkungen ihrer Kapitalansprüche genötigt. Die Verwaltungen
 müssen sich dann in bezug auf Verbesserung und Erweiterung
der Anlagen und Beschaffung rollenden Materials mit dem Allernotwendigsten
 begnügen. Besonders wird dies natürlich für die kleineren
Unternehmungen unumgänglich. Da aber die Ausnutzung der Transportmittel,
 wie wir gesehen haben, die ganze Hochkonjunktur hindurch
eine sehr intensive ist, werden die großen Verwaltungen auch mit gewissen
 Opfern sich das nötige Kapital für solche Zwecke zu sichern versuchen.
 Dies gelingt natürlich am leichtesten den Staaten, die deshalb
am wenigsten geneigt sind, ihre Kapitalansprüche zu beschränken.
Wie große Schwierigkeiten die Kapitalbeschaffung in der Hochkonjunktur
 auch den größten Unternehmungen bereiten kann, zeigte
sich 1907 in den Vereinigten Staaten, wo die Eisenbahngesellschaften
sich gezwungen sahen, sich in weitem Umfange mit kurzfristigen Anleihen
 statt einer regulären Ausgabe von Pfandbriefen zu begnügen.
Der Teil der fundierten Schuld der Eisenbahnen, die in der Statistik
als „Miscellaneous Obligations‘“ bezeichnet wird, stieg von 974 Millionen
 Dollars im Jahre 1906 bis auf 1616 Millionen Dollars im Jahre
1907 und 2181 Millionen Dollars im Jahre 1908, wo jedoch der Geltungsbereich
 der Statistik eine Einschränkung erfahren hat. Gleichzeitig
stieg die Bonds-Schuld von 6267 bis 6473 und 6610 Millionen Dollars).
Diese Ziffern bezeugen ein enormes Kapitalbedürfnis wie auch sehr
erhebliche Schwierigkeiten, dieses Bedürfnis zu befriedigen. Im folgenden
 Jahre 1909 stieg der Betrag der Miscellaneous Obligations nur
um 86 Millionen Dollars, während die Bonds-Schuld sich um 332 Millionen
 Dollars vermehrte. In diesen Ziffern tritt eine tiefgreifende Veränderung
 des Kapitalmarkts zutage.
Die amerikanische Statistik gibt auch den Betrag an, den die Eisenbahnen
 als Zins auf laufende (nicht-fundierte) Schulden jährlich zu
zahlen haben?). Diese Zinsenausgabe betrug in Millionen Dollars
1890 8,1 1900 4,9
91 2 01 5,5
92 Sn 02 W7
33 5 03 9,1
94 02 04 13,9
1895 7,9 1905 11,5
96 8,5 06 11,7
97 7,8 07 16,7
98 7,1 08 31,3
99 7,1 09 24,2
/ 1910 16,5
ı) Statistical Abstract of the United States. Es ist zu beachten, daß die angegebenen
 Jahresziffern Jahre, die mit dem 30. Juni enden, bezeichnen.
23) A. a. O. Auch hier Jahre bis 30. Juni.
        <pb n="578" />
        $ 80. Das Prinzip der Wirkung und Gegenwirkung. 5
Es zeigt sich hier, daß die Zinsen der noch nicht fundierten Schulden
in den Krisenjahren stark anschwellen. Auch im Jahre vorher ist eine
Steigerung dieses Zinsbetrags merkbar. Dies beweist, daß die Eisenbahngesellschaften
 in der letzten Zeit der Hochkonjunktur reguläre
Anleihen in genügendem Betrage aufzunehmen nicht imstande gewesen
sind, was wiederum die Kapitalknappheit der Hochkonjunktur als eine
sehr materielle Tatsache bestätigt.
Der Mangel an Sparmitteln in der letzten Zeit der Hochkonjunktur
tritt nach dem jetzt Gesagten zuerst in einer Beschränkung derjenigen
Tätigkeit, bei der das einzelne Unternehmen wie im Baugewerbe verhältnismäßig
 schnell vollendet wird, zutage, dann aber auch für die
großen Transportunternehmungen in einer erschwerten Kapitalbeschaffung,
 die zuletzt, wenigstens für die Privatgesellschaften, nur
unter drückenden Opfern möglich ist. Am wenigsten werden die Staaten
und Kommunalverbände in ihrer Produktion von festem Kapital durch
die zunehmende Anspannung des Kapitalmarkts gehindert.
Neunzehntes Kapitel.
Die bestimmenden Faktoren der Konjunkturbewegungen.
$ 80. Das Prinzip der Wirkung und Gegenwirkung.
Bei unseren Studien der Konjunkturen haben wir uns bisher auf
die konkreten Vorgänge und auf ihren unmittelbaren Zusammenhang
beschränkt. Suchen wir jetzt den Kräften, die die Bewegung als treibende
oder hemmende Momente bestimmen, näherzütreten.
Unter diesen Kräften nimmt der Kapitalzins den zentralen Platz
ein. Der niedrige Zinsfuß, der in der Depression vorherrscht, wirkt
offenbar als ein kräftiger Anstoß zur erweiterten Produktion von festem
Kapital. Bei einem gegebenen Ertrag ist der Wert des festen Kapitals
um so höher, je niedriger der Zinsfuß ist. Der niedrige Zinsfuß ist also
gleichbedeutend mit hohen Preisen für das fertiggestellte Kapital. In
einer Zeit andauernd niedrigen Zinsfußes eröffnen sich deshalb Aussichten
 auf erhebliche Gewinne für die Unternehmer, die sich auf Bautätigkeit,
 Eisenbahnbauten oder sonstige Anlagen, die ein großes festes
Kapital darstellen, einlassen wollen. Durch Verkauf der Häuser oder
Aktien der Unternehmungen an das anlagesuchende Publikum kann
der Gewinn realisiert werden.
Wir haben früher (Kap. VI) gefunden, daß immer Möglichkeiten
zu Unternehmungen vorhanden sind, die viel festes Kapital erfordern,

Az
JN_
        <pb n="579" />
        566 Kap. XIX. Die bestimmenden Faktoren der Konjunkturbewegungen.
und: die deshalb bei einem höheren Zinsfuß nicht lohnend sind. Sobald
aber der Zinsfuß sinkt, wird ein gewisser Teil dieser Unternehmungen
lohnend. Es kann dann nicht lange dauern, bis die Möglichkeiten
auch in Wirklichkeiten umgestzt zu werden beginnen. Wenn z. B. eine
Eisenbahn, von der man einen jährlichen Nettoertrag von 400000 Mark
berechnet, 10 Millionen Mark Anlagekosten erfordert, kann sie, solange
der Zinsfuß 5% beträgt, nicht gebaut werden. Wenn aber der Zinsfuß
bis 3% heruntergeht, wird das Unternehmen lohnend und wird auch
aller Wahrscheinlichkeit nach verwirklicht werden. Für die wirtschaftliche
 Möglichkeit, dauerhafte Kapitalgegenstände herzustellen, ist also
der Zinsfuß in großem Umfang der ausschlaggebende Faktor. Für die
laufende Produktion von Verbrauchsgegenständen spielt der Zinsfuß,
wie wir wissen, bei weitem nicht dieselbe Rolle. Ein andauernd niedriger
Zinsfuß muß deshalb in weit höherem Grade die Produktion von festem
Kapital als die übrige Produktion beleben und also diejenige Verschiebung
 in der gesellschaftlichen Produktion zugunsten der Produktion
von festem Kapital, die wir als ein wesentliches Kennzeichen der Hochkonjunktur
 bezeichnet haben, allmählich hervorrufen.
Umgekehrt muß ein hoher Zinsfuß den Wert des festen Kapitals
reduzieren und dadurch den Unternehmern, die die Herstellung dieses
Kapitals unternommen haben, Verluste bringen. Manche Arbeiten
können bei dem hohen Zinsfuß kaum vollendet werden. Die wirtschaftlichen
 Möglichkeiten zu weiterer Produktion von festem Kapital werden
durch einen hohen Zinsfuß sehr eingeschränkt. Nur Unternehmungen,
die einen ungewöhnlich hohem Gewinn versprechen, können weiter in
Angriff genommen werden. Wenn diese sich weniger lohnend, als man
geglaubt hat, zeigen und die hohen Zinsen, die für die Kapitaldisposition
gefordert werden, nicht erbringen können, muß dies auf jede Lust,
sich auf neue Pläne zur Schaffung von festem Kapital einzulassen,
niederdrückend wirken.
In dieser Weise erklärt es sich, daß ein andauernd hoher Zinsfuß
einen Rückgang der Produktion des festen Kapitals bewirkt. Die Produktion
 von Verbrauchsgegenständen dagegen leidet durchaus nicht in
demselben Maße unter einem hohen Stande des Zinsfußes. Wenn diese
Produktion mit dem Rückgang der Produktion von festem Kapital eine
Abschwächung zeigt, ist dies nicht als eine direkte Folge des hohen
Zinsfußes in der Hochkonjunktur, sondern vielmehr als eine sekundäre
Erscheinung zu betrachten. Die direkte Wirkung des hohen Zinsfußes
auf die Produktion von festem Kapital genügt aber, um die Hochkonjunktur
 in eine Depression zu verwandeln.
Der Zinsfuß hat also eine ganz bestimmte Wirkung auf die Konjunkturbewegung,
 und zwar immer in einer derselben entgegengesetzten
Richtung: in der Depression herrscht ein niedriger Zinsfuß, der auf eine
Wiederbelebung der Unternehmertätigkeit hinwirkt, in der Hoch-
        <pb n="580" />
        $ 80. Das Prinzip der Wirkung und Gegenwirkung. 557
konjunktur herrscht ein hoher Zinsfuß, der wie eine Bremse wirkt.
Umgekehrt wird aber auch der Zinsfuß durch die Konjunkturen bestimmt:
 die Depression schafft selbst den niedrigen Zinsfuß, der ihr
ein Ende bereitet, ähnlich wie die Hochkonjunktur den Zinsfuß bis
auf die Höhe steigert, wo er unerträglich wird, und die Hochkonjunktur
selbst zusammenbrechen muß. Es besteht in dieser Weise eine Wechselwirkung
 zwischen dem Zinsfuß und der Konjunkturbewegung.
Diese Wechselwirkung ist nur ein Beispiel des allgemeinen Prinzips,
von Wirkung und Gegenwirkung: Wenn überhaupt eine Stabilität vorhanden
 sein soll, muß in der wirtschaftlichen wie in der physischen Welt
jede Wirkung eine entgegengesetzte Wirkung hervorrufen. Die Veränderungen
 des Zinsfußes sind übrigens nicht die einzigen Gegenwirkungen,
 die zur Dämpfung der Konjunkturbewegungen dienen.
Andere, die Hochkonjunktur hemmende Kräfte sind erstens die Preissteigerung
 des Materials des festen Kapitals, die, wie wir gesehen haben,
sehr beträchtlich zu sein pflegt und natürlich die fortgesetzte Produktion
 von festem Kapital sehr erschweren muß. Eine zweite hemmende
Wirkung der Hochkonjunktur ist die Steigerung des Arbeitslohnes.
Beide Momente wirken verteuernd auf die Produktion von festem
Kapital: die Wohnhäuser, die Eisenbahnen, die Fabrikanlagen usw.
werden viel höhere Herstellungskosten, als in den Anschlägen berechnet
wurden, erfordern. Diese Erscheinung, die in der Hochkonjunktur
eine so gut wie ausnahmslose Regel darstellt, wirkt natürlich sehr
störend auf die Ertragsfähigkeit, vielleicht sogar auf die wirtschaftliche
 Lebensfähigkeit mancher Unternehmungen und ist offenbar zu
weiterer Unternehmertätigkeit wenig aufmunternd. Wenn nun auch
der Wert des fertiggestellten festen Kapitals dem hohen Zinsfuße zufolge
 herabgesetzt wird, so versteht man doch, daß die erwähnten \ + Betnd
Preis- und Lohnsteigerungen zusammen mit dem steigenden Zinsfuß
eine kräftige Bremse für die Hochkonjunktur bilden müssen. Daß
diese hemmenden Kräfte der abnorm starken Produktion von festem
Kapital und damit auch der ganzen Hochkonjunktur schließlich ein
Ende machen müssen, kann nicht überraschen.
Eher könnte man fragen, wie es möglich ist, daß in der eigentlichen
Hochkonjunktur, wo die Preise des fertigen festen Kapitals schon zu
weichen begonnen haben, die hohen Preise der Materialien und der
Arbeit, welche für die Herstellung des festen Kapitals erforderlich sind,
noch eine Zeitlang aufrechterhalten werden können. Dies erklärt sich
daraus, daß die Anlagen, Bauten usw., die hier in Frage kommen,
großenteils einen ungewöhnlich hohen Gewinn versprechen und also
einen gewissen Spielraum für Kostensteigerungen zulassen, sowie auch
daraus, daß die betreffenden Unternehmungen, wenn einmal begonnen,
auch mit Aufopferungen vollendet werden müssen.
Die Depression entwickelt auch ihrerseits entsprechende, ihr selbst

MS
vu
        <pb n="581" />
        568 Kap. XIX. Die bestimmenden Faktoren der Konjunkturbewegungen.
entgegenwirkende Kräfte: niedrige Preise aller Materialien des festen
Kapitals und niedrige Arbeitslöhne. Diese Momente verbilligen die
Produktion von festem Kapital, während gleichzeitig der niedrige Zinsfuß,
 ebenfalls ein Resultat der Depression, den Wert der fertiggestellten
Kapitalgegenstände erhöht. Das Zusammenwirken dieser Kräfte überwindet
 die Depression und führt einen neuen Aufschwung herbei.
Der Zinsfuß hat natürlich auch für die Produktion selbst eine gewisse
 Bedeutung, ähnlich wie die Materialpreise. ‘Von diesem Moment
können wir aber hier absehen, um die wesentliche Wirkung der
Schwankungen des Zinsfußes besser hervortreten zu lassen.
Die Wellenbewegung der Konjunkturen wird im allgemeinen durch
das oben berührte Verhalten der Banken etwas verstärkt. Wenn die
Banken in der beginnenden Aufschwungsperiode einen zu niedrigen
Zinsfuß halten, wirkt das als eine besondere Aufmunterung der Kapitalproduktion
 und trägt dazu bei, die Hochkonjunktur in die Höhe zu
treiben. Die durch den zu niedrigen Zinsfuß hervorgebrachte Steigerung
des allgemeinen Preisniveaus dürfte anfangs in derselben Richtung
wirken,
8 81. Zur) weiteren Erklärung der Konjunkturbewegungen.

Die wechselnden Konjunkturen müssen nach dem jetzt Gesagten
als ein Ergebnis des Wechselspiels der Unternehmertätigkeit und der
großen, in der wirtschaftlichen Knappheit wurzelnden Regulatoren der
Volkswirtschaft, der Materialpreise, des Arbeitslohns und des Zinsfußes,
betrachtet werden. Es bleiben bei dieser Erklärung noch einige Fragen
übrig, die einer weiteren Beleuchtung bedürfen.
Man könnte zunächst fragen: warum macht sich die Reaktion der
verschiedenen hemmenden Kräfte nicht augenblicklich geltend, so daß
jede Steigerung oder jeder Rückgang der Produktion von festem Kapital
gleich im Anfang verhindert wird? Man könnte ja annehmen, daß in
dieser Weise allmählich ein stetiges Gleichgewicht, wenigstens im
großen, erreicht werden würde,
Es ist aber dabei zu beachten, daß die Reaktionen, die hier in
Betracht kommen, immer eine gewisse Zeit brauchen, um sich geltend
zu machen. Die Beschränkung der Produktion von festem Kapital,
die in der Depression stattfindet, wird, wie wir gesehen haben, gewöhnlich
 eine gewisse Zeit fortgesetzt, bevor ihre Wirkung auf den
Zinsfuß zu voller Geltung kommt. Der Zinsfuß muß wiederum eine
Zeitlang niedrig stehen, um das Vertrauen des Unternehmertums zum
Kapitalmarkt wieder herzustellen und zu befestigen. Die Unternehmer
brauchen schließlich auch Zeit, um neue, den inzwischen veränderten
        <pb n="582" />
        $ 81. Zur weiteren Erklärung der Konjunkturbewegungen, 769
Verhältnissen angepaßte Pläne zu entwerfen und ins Werk zu setzen.
Solange die Produktion von festem Kapital unter ihrem früheren
Maximum beschränkt bleibt, setzt der Zinsfuß seine fallende Bewegung
fort, damit sowohl das anlagesuchende Publikum wie auch das Unternehmertum
 zu neuen Unternehmungen immer stärker anspornend.
Sobald nun diese Gegenwirkung des niedrigen Zinsfußes eintritt, und
die Produktion von festem Kapital also über ihr letztes Maximum
hinaus zu steigen beginnt, wendet der Zinsfuß gleich seine Bewegungsrichtung,
 bleibt aber noch eine Zeitlang zu niedrig, um dem jetzt einsetzenden
 Aufschwung wirksam entgegentreten zu können. Unsere
Untersuchungen haben auch gezeigt, daß der Zinsfuß tatsächlich eben
am Ende der Depression sein Minimum erreicht und in der Aufschwungsperiode
 zunächst langsam steigt, bis er in der eigentlichen Hochkonjunktur
 stark aufwärts geht.
Die Länge der Konjunkturperiode hängt auch damit zusammen,
daß die Produktion von festem Kapital Zeit beansprucht. Die Unternehmungen,
 die in der Depression oder im beginnenden Aufschwung
geplant werden, brauchen größtenteils mehrere Jahre bis zu ihrer Vollendung.
 Verhältnismäßig kurze Zeit wird zur Herstellung von Wohnhäusern
 gebraucht. Da genügen meistens ein bis zwei Jahre. Eisenbahnen,
 Kanäle, Wasserkraftanlagen u. dgl. Unternehmungen beanspruchen
 dagegen viel längere Zeit. Eine lebhaftere Tätigkeit auf
diesem Gebiete kann also nicht gleich von den hemmenden Kräften
wieder zurückgedrängt werden. Die Länge der Konjunkturperiode
steht somit in einem gewissen Zusammenhang mit der Länge der Produktionsperiode
 der hier in Frage kommenden Anlagen. Es ist deshalb
auch nicht ganz unwahrscheinlich, daß die allgemeine Tendenz zur Verkürzung
 der Herstellungszeit für Bauten und Anlagen aller Art, die
unsere Tage auszeichnet, auch in der Verkürzung der Konjunkturperioden
 mitgewirkt hat, welche sich im zwanzigsten Jahrhundert
durchzusetzen scheint.
Zu den genannten Umständen kommt, daß die erhöhte Produktion
von festem Kapital ihrerseits eine Erweiterung aller Anlagen und
Transportmittel, die dieser Produktion dienen, erfordert. Auch wird die
Produktion von Verbrauchsgegenständen, die ebenfalls, obwohl nur
sekundär und in abgeschwächtem Grade, an der Hochkonjunktur ihren
Anteil erhält, neue Maschinen und erweiterte Anlagen erfordern. Diese
Ausbreitung der Hochkonjunktur nimmt natürlich auch eine gewisse
Zeit in Anspruch. Die Gewinne, die in der beginnenden Hochkonjunktur
bei denhohen Produktenpreisen vielfach realisiert werden, lockenzu neuen
Unternehmungen oder Erweiterungen, die auf der Annahme eines Fortbestehens
 solcher Preise fußen. Die Fortsetzung der Hochkonjunktur
beruht überhaupt im großen Umfange auf den Hoffnungen, denen der
erste, wirklich gewinnbringende Teil der Aufschwungsperiode Nahrung

&amp;gt;’
&amp;gt;
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        <pb n="583" />
        570 Kap. XIX. Die bestimmenden Faktoren der Konjunkturbewegungen.
gegeben hat, die aber die Fortsetzung nicht verwirklichen kann, eben
weil die gegenwirkenden Kräfte, die vom Publikum immer ignoriert
oder unterschätzt werden, zu stark anwachsen. Diese Kräfte werden
jedoch um soviel mehr zwingend, je mehr sie vernachlässigt werden.
Vielleicht gelingt es ihnen auf einem .solchen Gebiete, wie auf dem
des Hausbaus, rechtzeitig eine Beschränkung herbeizuführen. Im
übrigen muß es gewöhnlich zu einer mehr oder weniger gewaltigen
Krise kommen, bevor das Publikum es lernt, die Gesetze der wirtschaftlichen
 Begrenzung nicht unberücksichtigt zu lassen.
Zweitens könnte man fragen: wenn es nun auch klar ist, daß die
Konjunkturperiode sich auf eine Anzahl von Jahren erstrecken muß,
warum tritt nicht wenigstens eine allmähliche Ausgleichung der Stärke
der Auf- und Niedergangsbewegungen als Ergebnis der hemmenden
Gegenwirkungen ein? Darauf ist zu erwidern: dies würde unzweifelhaft
 der Fall sein, wenn nicht von Zeit zu Zeit _ Ereignisse hinzukämen,
 die eine Neubelebung der ganzen Konjunkturbewegung herbeiführten.
 0 / } }
Solche Ereignisse sind erstens die technischen Fortschritte. Wir
haben früher gefunden, daß der moderne technische Fortschritt sich
wesentlich in einer erweiterten Verwendung von festem Kapital verkörpert.
 Das beste Beispiel hierfür sind wohl die Eisenbahnen, Im
neunzehnten Jahrhundert war der Eisenbahnbau immer diejenige Tätigkeit,
 die jeder Hochkonjunktur ihr Gepräge gab. Nur in der letzten
Hochkonjunktur des vorigen sowie auch in der ersten des neuen Jahrhunderts
 ist die leitende Stellung wenigstens teilweise auf ein anderes
Unternehmungsgebiet übergegangen. Dieses Gebiet ist die Elektrizitätsindustrie.
 Mitte der neunziger Jahre, wo der Zinsfuß vielleicht niedriger
als je stand, waren es vielleicht in erster Linie die verschiedenen Anwen-‚dungen
 der Elektrotechnik, die durch ihre enormen Ansprüche an festes
Kapital eine neue Hochkonjunktur schufen und damit eine neue starke
Wellenbewegung der Konjunkturen in Gang setzten. Die elektrischen
Staßenbahnen, die ja vom Anfang an ganz neu hergestellt werden
mußten und große Mengen von Eisenmaterial beanspruchten, die elektrische
 Beleuchtung, die großen Kraftzentralen, das Telephonwesen und
sonst noch vieles haben auch in unserem Jahrhundert eine Produktion
von festem Kapital in gewaltigem Umfange nötig gemacht. Alle diese
Verbesserungen sind Gegenstände einer lebhaften Nachfrage gewesen.
Kein Land, keine Gegend, keine Stadt hat sich zufrieden gegeben, wenn
sie nicht gleich von den neuen Errungenschaften der Elektrotechnik den
Segen genießen konnte. Von einer möglichen Knappheit des Kapitals
. ließ man sich nicht abschrecken, bevor sie in einem außerordentlich
hohen Zinsfuß oder gar in einer Unmöglichkeit der Kapitalbeschaffung
sich in Erinnerung brachte. In diesem Wettrennen sind die Staaten
und Kommunalverbände wenigstens ebenso eifrig und jeder Rücksicht
        <pb n="584" />
        $ 81. Zur weiteren Erklärung der Konjunkturbewegungen. 571
auf die Lage des Kapitalmarkts uneingedenk gewesen wie die Privatunternehmer.

Unter solchen Umständen muß eine allmählich schon abgeschwächte
Konjunkturbewegung durch einen neuen technischen Fortschritt von
allgemeiner Tragweite wieder volle Stärke gewinnen und wird sich dann
auch gleich einer Wellenbewegung eine Zeitlang fortpflanzen.
Unter anderen Ereignissen mit ähnlicher Wirkung haben wir vor
allem der Erschließung neuer Länder zu gedenken. Wenn ein unzivilisiertes
 oder halbzivilisiertes Land der Kultur zugänglich gemacht
wird, entsteht auf einmal ein großes neues Bedürfnis an Transportmitteln,
 Wasserbauten, Beleuchtungsanlagen und vor allem an Wohnhäusern
 für eine schnell steigende Bevölkerung, mit einem Worte an
festem Kapital. Die starken Hochkonjunkturen seit Mitte der neunziger
Jahre sind offenbar in hohem Grade von solchen Erweiterungen des
westländischen Kulturkreises mit beeinflußt gewesen. Die wirtschaftliche
 Eröffnung des ganzen Ostasiens, besonders des chinesischen
Reiches, muß wieder neue große Ansprüche an die Produktion von
festem Kapital stellen und wird also aller Wahrscheinlichkeit nach zu
neuen Hochkonjunkturen Anlaß geben. Natürlich ist aber, daß die
Veranlassung zur Neubelebung der Konjunkturbewegungen, die in
der Eröffnung neuer Länder liegt, einmal verschwinden wird, wenn
die ganze Welt einigermaßen gleichmäßig mit den materiellen Grundlagen
 des westländischen Kulturlebens ausgerüstet ist.
Jede neue Möglichkeit, festes Kapital in größerem Umfange lohnend
zu verwenden, wirkt als ein Anstoß zu einer neuen Hochkonjunktur.
Die Gesellschaft besitzt, wie wiederholt hervorgehoben, immer einen
großen Fonds solcher Möglichkeiten, die aber bei dem herrschenden
Zinsfuße nur bis zu einem gewissen Grade ausgenutzt werden können.
Wird dieser Fonds durch einen Zuschuß solcher Möglichkeiten zur
Verwendung von festem Kapital, die noch bei einem hohen Zinsfuß
lohnend sind, vermehrt, so ist offenbar eine außerordentliche Steigerung
der Produktion von festem Kapital, also eine neue Hochkonjunktur,
unvermeidlich. Wer über die Konjunkturbewegungen klagt, und eine
Gesellschaftsordnung, die solche ermöglicht oder duldet, verdammt, der
klagt also in Wahrheit über den Fortschritt unserer materiellen Kultur.
Wir finden hier wieder, wie die Kritiker der Gesellschaft durch eine
bequeme Abstraktion von dem Fortschritt und von allen Schwierigkeiten,
 die er der Gesellschaft bereitet, sich ihre Sache bequem machen,
aber sich dadurch auch den Weg zum tieferen Einblick in die Wahrheit
verschließen.
Kein Fortschritt kann absolut gleichmäßig sein. Jede Entwicklung,
 geistige oder materielle, hat ihre besonders lebhaften Perioden
und ihre Rückschläge. Was die materielle Produktion betrifft, so hat
man besonders zu beachten, daß jede Ungleichmäßigkeit in der Pro-
        <pb n="585" />
        572 Kap. XIX. Die bestimmenden Faktoren der Konjunkturbewegungen.
duktion für den laufenden Verbrauch regelmäßig viel stärkere Ungleichmäßigkeiten
 in der Anwendung dauerhafter Produktionsmittel höherer
Ordnung mit sich bringen muß. , Da diese Produktionsmittel höhere
Ordnung festes Kapital sind, und da die Konjunkturbewegungen ihre
Wesen nach ‘Schwankungen in der Produktion von festem Kapital sind,
kann eine vollständige Ausgleichung der Konjunkturbewegungen in
einer fortschreitenden Volkswirtschaft kaum gedacht werden. In dem
Maße aber, wie der Fortschritt sich verlangsamt oder gleichmäßige
wird, kann man eine gewisse Dämpfung der Konjunkturbewegungen
erwarten. Nach dieser Betrachtung ist es nur natürlich, daß die Zeit
der großen industriellen Revolution, wo die Gesellschaft den entscheidenden
 Schritt von der alten zur neuen Wirtschaftsordnung
machte, auch eine Reihe von starken Hochkonjunkturen und darauf
olgenden Depressionen aufzuweisen hat.
| Wenn wir vom Fortschritt im wirtschaftlichen Sinne sprechen,
müssen wir darunter immer auch die Volksvermehrung mit einbegreifen.
eder Zuwachs der Bevölkerung erfordert einen entsprechenden Zuachs
 von festem Kapital der Gesellschaft. Ein durchschnittlich starker
uwachs des festen Kapitals muß offenbar den Konjunkturbewegungen
reieren Spielraum geben. Umgekehrt muß ein im allgemeinen schwacher
uwachs an festem Kapital auf die Konjunkturen gewissermaßen eine
hemmende Wirkung ausüben. Einer Gesellschaft ohne Volksvermehrung
 würde es vielleicht gelingen, die Konjunkturbewegungen innerhalb
 engerer Grenzen zu halten. Eine solche Einwirkung der Volksvermehrung
 auf die Konjunkturen könnte man vielleicht schon heute durch
einen Vergleich zwischen verschiedenen Ländern entdecken. Ist es
och auffallend, wie Deutschland und die Vereinigten Staaten mit
ihrem gewaltigen Bevölkerungszuwachs Viel größere Bedeutung für
die Weltkonjunktur haben und wohl auch von derselben stärker beinflußt
 werden als ein Land wie Frankreich mit seiner relativ stabile
Bevölkerung.
Wir. gelangen also zu dem Ergebnis, daß die Zukunft der Konjunkturen
 wesentlich von der Zukunft des materiellen Fortschritts, in
ualitativem sowohl wie im quantitativem Sinne aufgefaßt, abhängt.
Wo bleibt bei dieser Betrachtungsart die Spekulation, die doch
nach einer allgemein verbreiteten Auffassung ein wesentliches Momen
der Konjunkturbewegungen darstellt ? Selbstverständlich darf man nicht
die Rolle der Spekulation in der Hochkonjunktur vernachlässigen. Di
übertriebenen Vorstellungen und Hoffnungen von den wirtschaftlichen
öglichkeiten der Gesellschaft bilden in jeder Hochkonjunktur starke,
orwärts treibende Kräfte. Im Grunde genommen ist aber die Speulation,
 wenn man von ihren Ausschweifungen absieht, nur ein Aus
druck für das Streben des Unternehmertums, die gesteigerte Nachfrage
der Gesellschaft nach festem Kapital auszunutzen. Da diese Nachfrag
        <pb n="586" />
        8 81. Zur weiteren Erklärung der Konjunkturbewegungen. 573
im Willen der Gesellschaft zur Ausnutzung technischer Erfindungen
oder neuer Länder, im Willen eines Volkes zum Wachsen, kurz, in
dem gesellschaftlichen Willen zum Fortschritt wurzelt, so kann man
sagen, daß die Spekulation nur die Projektion dieses gesellschaftlichen
Willens zum Fortschritt in die Unternehmerwelt darstellt. Die Wellenbewegung
 der Konjunkturen ist ein Ergebnis des Kampfes dieses
Willens zum Fortschritt gegen die wirtschaftliche Knappheit, die ihm
auf allen Punkten entgegentritt. In diesem Kampfe hat die Spekulation
unter den heutigen Verhältnissen ihren Platz, sie stellt aber keine
wesentliche Form desselben dar.
Bei diesem Sachverhalt ist die Konjunkturbewegung auch nicht an
einer auf Privatunternehmungen aufgebaute Gesellschaftsordnung gebunden.
 Solange überhaupt ein Willen zum Fortschritt besteht und
solange die materiellen Bedingungen der Bedürfnisbefriedigung eine
Anwendung von festem Kapital in großem Umfange erfordern, muß
eine unseren jetzigen Konjunkturbewegungen ähnliche Schwankung in
der produktiven Tätigkeit der Gesellschaft erwartet werden.
Die Sozialisten geben sich der Hoffnung hin, daß eine Sozialisierung
der Produktionsmittel mit der Beseitigung des privatkapitalistischen
Unternehmertums auch die Konjunkturbewegungen beseitigen würde.
Diese Annahme scheint in einer wissenschaftlichen Analyse der Konjunkturen
 wenig begründet. Die Möglichkeit, die gesellschaftliche Produktion
 etwas zu stark in die Richtung einer gesteigerten Produktion von
festem Kapital zu lenken, ist bei jeder Gesellschaftsordnung vorhanden.
Wenn solche Verschiebungen in letzter Linie auf einem Willen zum Fortschritt,
 auf eine Lust, neue Möglichkeiten sich ohne Verzug zugute zu
machen, zurückzuführen sind, würden sie kaum von einer sozialistischen
Gesellschaft besser als von der „privatkapitalistischen‘‘ vermieden
werden können. Alle bisherige Erfahrung hat gezeigt, daß den Ansprüchen
 an Staat und Kommune, ganz besonders bei demokratischer
Verfassung, schwer zu widerstehen ist. Die öffentlichen Körperschaften
haben schon jetzt eine umfassende produktive Tätigkeit, die besonders
viel festes Kapital in Anspruch nimmt. In dieser Stellung haben sie
aber kaum zu einer Mäßigung der Konjunkturbewegungen beigetragen,
im Gegenteil, durch ihre gesteigerten Ansprüche die Hochkonjunkturen
eher noch verschärft, Die weitere Überführung des Besitzes von festem
Kapital auf Staat und Kommune stellt also an und für sich kaum ein
Mittel zur Dämpfung der Konjunkturbewegungen dar.
Eine andere, hier nicht zu beantwortende Frage ist, ob nicht die
öffentlichen Unternehmungen durch eine weitsichtige, auf eingehender
Kenntnis des Wesens der Konjunkturbewegungen fußende Politik eine
gewisse Ausgleichung der Konjunkturen bewirken könnten. Es bleibt
abzuwarten, was aus den in der letzten Zeit vereinzelt gemachten Versuchen
 in dieser Richtung herauskommen wird. In den meisten
        <pb n="587" />
        574 Kap. XIX. Die bestimmenden Faktoren der Konjunkturbewegungen.
Ländern dürfte aber die Voraussetzung einer solchen Politik noch gänzlich
 fehlen.
882. Die Krisen.
Warum kann die Hochkonjunktur, wenn die Bedingungen ihres
Fortbestehens nicht länger vorhanden sind, nicht allmählich in die
Depression übergehen, ungefähr wie sie sich selbst aus der Depression
allmählich entwickelt? Die Erfahrung lehrt, daß dies nicht der Fall
ist, daß die Hochkonjunktur vielmehr plötzlich abbricht, oft mit einer
Katastrophe endet. Diese Katastrophe, die wir eine wirtschaftliche
Krise nennen, ist wesentlich durch eine allgemeine Unfähigkeit, bestehenden
 Zahlungsverpflichtungen nachzukommen, Charakterisiert.
Ihre wohlbekannten Begleiterscheinungen sind große Verluste, Zwangsverkäufe,
 abnorme Steigerung der Zahl und des Umfanges der Konkurse
und ein allgemeines Mißtrauen.
Diese Situation zeigt, daß das Unternehmertum sich doch in irgendeinem
 Punkte getäuscht haben muß, Berechnungen gemacht hat, die
sich nunmehr als unrichtig erweisen. Wo liegt nun dieser Punkt?
Nach einer sehr verbreiteten Anschauung soll die Krise als das
Ergebnis einer Überproduktion zu betrachten sein. Es liege also eine
Fehlberechnung der Nachfrage vor, eine Überschätzung der wirklichen
Bedürfnisse der Gesellschaft. Es soll nun gewiß nicht geleugnet werden,
daß solche Fehlberechnungen und Überschätzungen in jeder Hochkonjunktur
 gewöhnlich mitspielen und die Krise noch verschärfen. Ganz
besonders war dies bei den älteren Krisenformen der Fall, Bei den
modernen Krisen handelt es sich aber nicht in erster Linie um eine
Überproduktion in diesem Sinne. Da die Hochkonjunktur durch eine
außerordentlich gesteigerte Produktion von festem Kapital gekennzeichnet
 ist, würde man die Überproduktion am ersten auf diesem Gebiete
zu suchen haben. Es zeigt sich aber, wie oben nachgewiesn worden ist,
daß die Dienste des festen Kapitals, die eben den Gegenstand der Nachfrage
 des konsumierenden Publikums bilden, in der Regel auch in der
letzten Zeit der Hochkonjunktur keineswegs im Überfluß vorhanden
sind, daß im Gegenteil das feste Kapital bis auf das äußerste ausgenutzt
werden muß, um die Nachfrage zu befriedigen. Auch die Materialien
des festen Kapitals. werden in der Hochkonjunktur nicht im Überfluß
produziert. Die Hochkonjunktur zeigt im Gegenteil regelmäßig. eine
unverkennbare Knappheit an diesen Materialien, eine- Knappheit, die
speziell in den außerordentlich hohen Preisen dieser Materialien hervorzutreten
 pflegt. Die Produktion von Eisen z. B. ist oft bis in die Krise,
vielleicht für noch längere Zeit, verkauft. Von einer Überproduktion
von Materialien des festen Kapitals in dem Umfange, daß sie als all-
        <pb n="588" />
        8 82. Die Krisen. 5
gemeine Erklärung der Krisen dienen könnte, kann also keine Rede
ein.
„Es scheint also kein Glied in der Kette, die die Produzenten mit den
Konsumenten verbindet, zu fehlen. Warum bricht denn trotzdem diese
Kette? Die Antwort ist: die typische moderne Hochkonjunktur
bedeutet keine Überproduktion, keine Überschätzung der
Nachfrage der Konsumenten oder des Bedürfnisses der
Gesellschaft an den Diensten des festen Kapitals, wohl
aber eine Überschätzung des Kapitalangebots, also der
Menge der Sparmittel, die zur Übernahme des produzierten
Realkapitals zur Verfügung steht. Was überschätzt wird, ist
die Fähigkeit der Kapitalisten, Sparmittel in genügender Menge zur
erfügung zu stellen. Man muß sich dabei daran erinnern, daß diese
Fähigkeit mehrere Jahre im voraus geschätzt werden muß, denn durchschnittlich
 verfließen doch mehrere Jahre zwischen der Zeit, wo die
Anlagen geplant werden, und der Zeit, wo sie ihre vollen Ansprüche
auf die Sparmittel der Gesellschaft stellen. Zur Beurteilung der Lage
des Kapitalmarkts hat der einzelne Unternehmer kein anderes Mittel
als den Stand des Zinsfußes. In der Depression und in der ersten Periode
der Hochkonjunktur ist nun aber der Zinsfuß niedrig oder wenigstens
mäßig. Die Ansprüche, die die gesteigerte Unternehmertätigkeit auf
dem Gebiete der Produktion von festem Kapital an die Kapitaldisposition
 stellt, machen sich noch nicht vollauf geltend. Es ist also
sehr wohl möglich, daß Unternehmungen, wie Hausbauten, Eisenbahnen
 usw. usw., in so großem Umfange geplant und auch angefangen
werden, daß ihr Kapitalbedürfnis, wenn es später vollständig zutage
tritt, nicht befriedigt werden kann.
Wenn in dieser Weise die Hochkonjunktur immer weiter getrieben
ird, muß es zuletzt zu einem Moment kommen, wo es auf einmal klar
wird, daß der Markt Sparmittel zur Übernahme des produzierten Realkapitals
 in genügender Menge zur Verfügung zu stellen nicht imstande
ist. In diesem Augenblick muß eine plötzliche Entwertung des festen
Kapitals eintreten und damit eine außerordentlich gesteigerte Schwierigkeit
 für die Unternehmer, das zur Übernahme ihrer Anlagen nötige
Kapital, sei es leihweise, sei es durch Verkauf, zu bekommen. Damit
haben sie aber bei allen laufenden Zahlungsverpflichtungen, die sie in
ihrer produktiven Tätigkeit haben übernehmen müssen, nicht gerechnet.
Wenn es sich zeigt, daß sie sich auf diesem Punkte getäuscht haben,
muß eine allgemeine Unfähigkeit, eingegangenen Zahlungsverpflichungen
 nachzukommen, die. Folge werden. Diese Unfähigkeit breitet
sich natürlich in immer weiteren Kreisen aus, da die ganze Geschäftswelt
 von der pünktlichen Erfüllung fällig werdender Zahlungsverpflichtungen
 in hohem Grade abhängig ist. Es muß also eine allgemeine
 wirtschaftliche Krise entstehen.

57%
        <pb n="589" />
        576 Kap. X1X. Die bestimmenden Faktoren der Konjunkturbewegungen.
„Eine falsche Schätzung der künftigen Lage des Kapitalmarkts würde
offenbar keine solche Katastrophe herbeiführen, wenn der einzelne
nternehmer sich von vornherein das ganze Kapital, das er zur Durchührung
 seines Unternehmens nötig hat, sicherte. Dies dürfte aber
unter den heutigen Verhältnissen nur selten vorkommen. Das Aktienkapital,
 das zur Durchführung einer großen Anlage aufgenommen wird,
deckt meistens nur einen Teil, zuweilen einen sehr kleinen Teil, des gesamten
 Kapitalbedürfnisses. Im übrigen verläßt ‘man sich darauf, daß
es in der Zukunft möglich wird, durch Ausgabe von Obligationen, durch
ankkredite usw., das noch erforderliche Kapital anzuschaffen. Dazu
ommt, daß das Aktienkapital in der Regel nicht auf einmal eingezahlt
wird. Oft werden die Einzahlungen auf ziemlich lange Termine ausgesetzt.
 Auch in diesem Falle stützt man also seine Berechnungen auf
den Kapitalmarkt der Zukunft. Ferner pflegen die Anteilzeichner über
ihr eigenes Vermögen hinauszugehen und Kapital in Anspruch zu
nehmen, das sie sich nur leihweise, oft sogar nur auf kurze Zeit gesichert
haben. Es ist klar, daß solche Zeichnungen, volkswirtschaftlich betrachtet,
 keine wirkliche gegenwärtige Verfügung von Kapital seitens
des Unternehmers darstellen. Aber auch im Falle, daß sich das einzeln
nternehmen Kapital im voraus gesichert hat, wird dieses Kapital,
ehe es im Unternehmen Verwendung findet, vorübergehend fruchtbar
emacht und durch die Banken oder auf anderem Wege der Volkswirtchaft
 zur Verfügung gestellt. Dieses. Kapital wird dann in anderen
nternehmen Verwendung finden und wird also, volkswirtschaftlich
etrachtet, nicht länger disponibel sein. Unter diesen verwickelten
mständen ist es sehr begreiflich, daß die Ansprüche, die das heutige
nternehmertum an den künftigen Kapitalmarkt stellt, in ihrer Geamtheit
 nicht klar zutage treten, und daß somit die Möglichkeiten
dieses künftigen Marktes, die an ihn herantretenden Ansprüche zu
befriedigen, überschätzt werden. Für den einzelnen, der sein Unternehmen
 auf solide Grundlage aufbauen will, steht natürlich immer
der Weg offen, sich das ganze erforderliche Kapital von Anfang zu
sichern. Wenn die tiefste Ursache der Krise in einer Fehlberechnun
der Möglichkeiten, auf dem künftigen Kapitalmarkt das zur Durchührung
 angefangener Unternehmen nötige Kapital zu bekommen,
liegt, so müßte das beste Mittel gegen die Gefahr der Krise in einer
solchen Politik zu suchen sein. _Selbstverständlich kann sie aber in
er Praxis nur bis zu einem gewissen Grade durchgeführt werden.
Die Vorausberechnung des künftigen Kapitalbedürfnisses eines Unternehmens
 stößt auch auf die Schwierigkeit, daß die Preis- und Lohnsteigerungen
 der Hochkonjunktur die Anlagekosten häufig bedeuten
über den Voranschlag hinaufschrauben, und daß also das künftige
apitalbedürfnis sowohl des einzelnen Unternehmens wie auch der
esamten Unternehmerwelt sich doch schließlich größer, als berechnet
        <pb n="590" />
        $ 82. Die Krisen. i
war, herausstellt. Um solche unangenehme Überraschungen zu vermeiden,
 müßte man schon im Anfang der Hochkonjunktur die kommende
Preissteigerung mit berücksichtigen.
Die Frage der Kapitalversorgung der Hochkonjunktur läßt sich
indessen von diesem privatwirtschaftlichen Gesichtspunkt nicht vollständig
 durchschauen. Volkswirtschaftlich betrachtet, ist doch eine wirkliche
 Kapitalanschaffung im voraus ausgeschlossen: das Kapital, das
heute gebraucht wird, muß immer dem heutigen gesellschaftlichen Einkommen
 entnommen werden. In Wirklichkeit kann es sich also jedenfalls
 nur um eine richtige Berechnung der gesamten Kapitalansprüche,
die in der Hochkonjunktur gleichzeitig auftreten werden, handeln. Eine
solche Übersicht ist aber nicht leicht zu gewinnen.
Daß wirklich die Krise aus einem akuten Mangel an Kapital, d. h.
an Sparmitteln zur Übernahme des produzierten Realkapitals, besteht,
zeigt sich teils in der großen Schwierigkeit, das fertige feste Kapital zu
verkaufen, bzw. Mittel zur Zahlung seiner Produktionskosten zu bekommen,
 teils in der weit verbreiteten Unfähigkeit, angefangene Anlagen
 zu vollenden. In beiden Fällen muß der Kapitalmangel in schweren
Verlusten hervortreten. Besonders stark müssen diese werden, wenn
unvollendete Anlagen, da sie nicht fortgesetzt werden können, geschädigt
 oder sogar ganz zerstört werden und aufgegeben werden
müssen. Beispiele solcher Wirkungen des Kapitalmangels kann man
bei jeder schweren Krise beobachten
Die in der Hochkonjunktur zunehmende Knappheit des Kapitalangebots
 wird natürlich in einer für die ganze Unternehmerwelt verwirrenden
 Weise verschleiert durch die in dieser Periode gewöhnliche
starke Vermehrung der Bankzahlungsmittel, welche selbstverständlich
für den einzelnen Unternehmer als Kapital gelten. Wenn die Banken
später im Interesse ihrer eigenen Sicherheit eine Einschränkung dieser
übermäßigen Zahlungsmittelversorgung nötig finden, wird die wirkliche
Kapitalknappheit auf einmal in plötzlich verschärftem Grade hervortreten.
 Daß die Krise hierdurch beschleunigt und vielleicht wesentlich
verschärft werden kann, liegt auf der Hand.
Cassel, Theoret. Sozialökonomie. 4. Aufl.

577
37
        <pb n="591" />
        Fünftes Buch.
Der internationale Handel.
Zwanzigstes Kapitel:
Die handelspolitischen Systeme.
$ 83. Die Entstehung eines internationalen Handels.
Das Merkantilsystem.
In unseren allgemeinen theoretischen Untersuchungen sind wir grundsätzlich
 von der Voraussetzung einer isolierten Wirtschaft ausgegangen.
Nur beim Studium der internationalen Wechselkurse sind wir aus
diesem Rahmen hinausgegangen und haben die Verbindungen zwischen
mehreren als selbständig aufgefaßten Wirtschaften von einem gewissen
Gesichtspunkt in Betracht gezogen. Diese Betrachtung muß jetzt auf
einer breiteren Basis durchgeführt werden. Wir wollen nämlich jetzt
diejenigen wirtschaftlichen Beziehungen, die herkömmlich unter der
Bezeichnung „internationalem Handel“ behandelt werden, zum Gegenstand
 unserer Untersuchung machen.
Es fragt sich dann zunächst, was wir unter einem internationalen
Handel ‚verstehen, und in welcher Weise die Betrachtung mehrerer
miteinander handelnden Länder sich von unserer früheren Betrachtung
einer geschlossenen Wirtschaft unterscheidet. Wenn wir der Einfachheit
 halber zwei verschiedene Länder betrachten, die miteinander in
Handelsverbindung stehen, so ist der Gesamtgegenstand unserer Betrachtung
 jedenfalls eine geschlossene Wirtschaft. Das Spezifische
unserer neuen Betrachtungsweise muß also darin liegen, daß wir in
dieser Gesamtwirtschaft zwei Teile unterscheiden, die gewissermaßen
als selbständige wirtschaftliche Einheiten aufgefaßt werden. Diese
Auffassun gberuht wesentlich darauf, daß die Länder, jedes für sich,
sich selbst als wirtschaftliche Einheit oder Interessengemeinschaft auffassen.
 Der Begriff des internationalen Handels beruht also wesentlich
auf dieser Auffassung der einzelnen Nation von sich "selbst als einer
        <pb n="592" />
        $ 83. Die Entstehung eines internationalen Handels. Das Merkantilsystem. 579
wirtschaftlichen Interessengemeinschaft. Der Grad und die spezifische
Art der Ausbildung dieser Auffassung hat tatsächlich einen wesentlichen
 Einfluß auf die Stellungnahme der Nationen zu den verschiedenen
Fragen, die mit dem internationalen Handel zusammenhängen.
Wie ist nun diese Auffassung der Nationen als selbständiger wirtschaftlicher
 Interessengemeinschaften entstanden? In ihrer modernen
Form ist diese Auffassung nicht alt, geht nur auf die Zeit der Entstehung
 des Nationalstaates zurück. Ein gesellschaftliches Gemeinsamkeitsinteresse
 im Handel hat sich aber schon früher ausgebildet,
Als Träger eines solchen vorstaatlichen Gemeinsamkeitsinteresses sind
— wenn wir nur die hauptsächlichen Typen in Betracht ziehen wollen —
die mittelalterliche Handwerkstadt, die zusammen mit ihrer nächsten
Umgebung ein wesentlich selbstversorgendes Gebiet bildete, und die
Handelsstadt, die den Handel berufsmäßig betrieb, zu nennen.
Die Handwerksstadt hatte vor allem das gemeinsame wirtschaftliche
 Interesse der Sicherung einer regelmäßigen und genügenden Zufuhr
 von Lebensmitteln und sonstigen landwirtschaftlichen Produkten.
Dies konnte bei den damaligen schlechten Transportmöglichkeiten nur
erreicht werden durch Beherrschung des umliegenden platten Landes
und Verpflichtung desselben zum Verkauf seiner Produkte an die Stadt.
In dieser Weise wurde gewissermaßen ein selbstversorgendes Gebiet
geschaffen, das aber in zwei deutlich erkennbare Interessengebiete zerfiel,
 die Stadt und das platte Land. Das Interesse der Stadt ging nun
darauf hinaus, ihre Bürger möglichst billig zu versorgen und ihnen
gleichzeitig einen Absatz ihrer Produkte zu sichern. Auch wenn die
Stadt mit der Außenwelt in Verbindung trat, waren diese beiden Gesichtspunkte
 bestimmend für ihre Handelspolitik. Um eine vollständigere
 und billigere Versorgung zu erreichen, konnte die Stadt fremde
Handwerker einberufen, oder auch, gewöhnlich bei besonderen Gelegenheiten,
 die Einfuhr fremder Produkte zulassen. Dabei kam natürlich
 das Bestreben, den Bürgern als Konsumenten die möglichst billige
Versorgung zu sichern, leicht in Widerspruch mit dem Bestreben, denselben
 Bürgern als Produzenten einen von fremder Konkurrenz ungestörten
 Absatz zu bereiten. Die städtische Handelspolitik hat deshalb
 zwischen einer Konsumentenpolitik mit billiger Versorgung als
Augenmerk und einer Produzentenpolitik mit Schutz der einheimischen
Produkten als Ziel geschwankt.
In der Handelsstadt treten wohl auch diese beiden teilweise entgegengesetzten
 Bestrebungen als Elemente der Handelspolitik hervor,
da kommt aber ein weiteres Bestreben hinzu, das für die Politik der
Handelsstadt ausschlaggebend wird. Dieses Bestreben ist die Förderung
 des berufsmäßigen Handels, also der von den Bürgern der Stadt
betriebenen Warenvermittlung zwischen fremden Plätzen oder Völkern.
Unter den damaligen politischen Verhältnissen konnte dies nur ge-37°
        <pb n="593" />
        S Kap. XX. Die handelspolitischen Systeme,
schehen durch Beherrschung der Handelswege, die wiederum nur im
Kampf gegen Wetteiferer gesichert werden konnte. Die Handelspolitik
wurde deshalb wesentlich eine Politik, die durch militärische Macht
Handelswege und Handelsbeziehungen zu monopolisieren suchte und
jede Konkurrenz einfach mit Gewalt totschlug. Eine solche Politik
führt natürlich zu einem nahezu beständigen Kriegszustand.
Die drei jetzt charakterisierten Bestrebungen, die den wichtigsten
Inhalt der Handelspolitik der vorstaatlichen Interessengemeinschaften
bilden, gingen als ein Erbe auf den am Ende des Mittelalters und besonders
 am Anfang der neueren Zeit hervortretenden Nationalstaat
über. Der Nationalstaat bedeutete eine wesentliche Erweiterung der
wirtschaftlichen Interessengemeinschaft. Technisch war diese Erweiterung
 bedingt durch die Notwendigkeit, größere geographische
Gebiete als Grundlage für die wachsende Arbeitsteilung, also für eine
berufsmäßige Produktion und für einen derselben entsprechenden regelmäßigen
 Güteraustausch, zu schaffen. Eine wirkliche Tauschwirtschaft,
wie wir sie oben (8 7 u. 8 14) charakterisiert haben, ‚war nur möglich
innerhalb ganzer Länder, die in ihrem Innern ein gewisses Maß von
freiem Verkehr herstellen konnten, und-also für eine Staatsmacht, die
sich gegenüber dem mittelalterlichen Partikularismus der Städte, der
Körperschaften, der kirchlichen und weltlichen Fürsten, der Landschaften
usw., geltend zu machen vermochte. Auf die Dauer konnte auch eine
Vorherrschaft auf dem Gebiete des Handels, der Seefahrt und der
Kolonialbeherrschung nur aufrechterhalten .werden von einer Macht,
die in ihrem eigenen Territorium eine große Produktion als Grundlage
 für den Handel zu entwickeln vermochte und zugleich in diesem
Territorium eine genügende Basis für militärische Machtentwicklung
besaß. Die Ausbildung des Nationalstaates war tatsächlich für die
wirtschaftliche und politische Entwicklung dermaßen ausschlaggebend,
daß die Länder, die am. frühesten eine nationale Einheit zu schaffen
vermochten, wie Frankreich, England und Schweden, dadurch einen
ganz gewaltigen Vorsprung gewannen gegenüber solchen Ländern wie
Deutschland und Italien, die zwar schon im Mittelalter eine hohe Blüte
erreicht hatten, den mittelalterlichen Partikularismus aber nicht zu
beseitigen imstande waren.
Die Auffassung des Nationalstaates als einer wirtschaftlichen
Interessengemeinschaft war gar nicht eine selbstverständliche oder in
der Natur der Sache liegende Betrachtungsweise, sondern hatte sich
vielmehrin hartem Kampf gegen die genannten partikularistischen Mächte
allmählich geltend zu machen. In diesem Kampf war es von großer,
wahrscheinlich von entscheidender Bedeutung, daß der neue etwas
abstrakte Einheitsbegriff personifiziert. wurde, indem der König als
Träger dieser Interessengemeinschaft hervortrat. Nur nachdem die
Idee der Einheit des Nationalstaates sich während einer langen Aus-80
        <pb n="594" />
        $ 83. Die Entstehung eines internationalen Handels. Das Merkantilsystem. 581
übung der Königsmacht in der allgemeinen Vorstellung eingebürgert
hatte, konnte auch eine parlamentarische Regierung die Einheit des
Staates vertreten. Die neue Staatsmacht hat einen freien Verkehr im
Innern sowohl durch Beseitigung früherer künstlicher Hindernisse wie
auch durch positive Arbeit auf Verbesserung der Verbindungen und
Transportmöglichkeiten gefördert. Die allmähliche Entwicklung der
Tauschwirtschaft, die hierdurch ermöglicht wurde, ließ die wirtschaftliche
 Einheit des Landes immer mehr als eine Realität hervortreten.
Bewußt oder unbewußt hat auch die Staatsmacht die Entwicklung der
Tauschwirtschaft zu beschleunigen gesucht. Die vielen Maßnahmen
zur Förderung der Arbeitsteilung, die Konzentration des Handwerks
und des Handels in den Städten, die Bestrebungen zur Stärkung der
berufsmäßigen Produktion und vor allem der Manufakturen, haben in
dieser Beziehung ihre Bedeutung.
Die Interessengemeinschaft des Landes, wurde vom Anfang an in
starkem Gegensatz zu fremden Ländern aufgefaßt. Eine bestimmte
Abgrenzung des eigenen Landes von fremden Ländern durch eine einheitliche
 Zollgrenze war aber sehr schwer zu erreichen, und eine wirksame
 Grenzbewachung ist überhaupt meistens erst eine Errungenschaft
einer späteren Zeit. Eine effektive Zollgrenze hat aber für die Ausbildung
 des Begriffes des internationalen Handels eine wesentliche Bedeutung:
 in der modernen Auffassung ist der internationale Handel
wesentlich ein Handel zwischen selbständigen und einheitlichen Zollgebieten.

Die äußere Handelspolitik des so ausgebildeten Staates hatte, wie
schon gesagt die wesentlichen Richtlinien der früheren städtischen
Handelspolitik übernommen. Sie war — wenigstens zuweilen — auf
eine gute und billige Versorgung der Konsumenten gerichtet, hat sich
z. B. bestrebt, die nötige Getreidezufuhr zu sichern. Sie war aber in
viel höherem Grade eine protektionistische Politik zur Förderung der
nationalen Produktion. Die Mittel hierfür waren in erster Linie Verbote
 gegen jeden Handel, der die nationale Produktion irgendwie schädigen
 könnte, also Exportverbote für Robmaterialien und Maschinen,
Verbote gegen Auswanderung ausgebildeter Arbeiter usw., andererseits
auch Importverbote gegen konkurrierende ausländische Produkte. Wenn
diese Verbote zuweilen durch Zölle ersetzt wurden, so war dies meistens
eine Einräumung an das fiskalische Interesse des Staates, der den auswärtigen
 Handel als Einnahmequelle auszunützen wünschte, zuweilen
wohl aber auch eine Einräumung .an das Konsumenteninteresse. Im
übrigen hat der damalige Protektionismus auch mit allerlei direkten
Unterstützungen, Steuerfreiheiten, Ausfuhrprämien u. dgl. gearbeitet.
Auch die Politik der Machtentfaltung zur Eroberung des größtmöglichen
 Anteils im Welthandel hat der Nationalstaat übernommen
und im großen Stile verfolgt. In dieser Handelspolitik trat die mili-
        <pb n="595" />
        5C2 Kap. XX. Die handelspolitischen Systeme.
tärische Macht als der wichtigste Faktor hervor, und es war dann natürlich,
 daß überhaupt alle handelspolitischen Maßnahmen dem Bestreben
die Macht des Staates zu stärken, untergeordnet wurden. Eine Reihe
von Maßnahmen, die sonst handelspolitisch schwer zu begründen sind,
werden durch dieses Ziel, das der Staat sich gesetzt hatte,xrechtfertigt
oder jedenfalls erklärt. Für die damalige Auffassung war der gesamte
Welthandel eine gegebene Größe, die schwerlich vermehrt werden
könnte. Eine Erweiterung des Handels des eigenen Landes konnte
deshalb hauptsächlich nur durch Eroberung eines Teils des Handels
der Nachbarstaaten gewonnen werden. Diese -Art der Erweiterung des
eigenen Handels wurde auch als die vorteilhafteste betrachtet, weil
dadurch auch der Handel der Nachbarn vermindert wurde, und also
die politische Macht derselben beschränkt werden konnte. Es liegt auf
der Hand, daß diese Auffassung und der Einfluß, den sie auf das Ziel
der Handelspolitik ausübte, auch von ausschlaggebender Bedeutung
in bezug auf die Wahl der handelspolitischen Mittel werden mußte.
Bekanntlich hat die Machtpolitik auch die innere Wirtschaftspolitik
wesentlich beeinflußt. Es galt im Interesse der militärischen Kraftentfaltung
 die Volksmenge auf eine möglichst hohe Ziffer zu bringen,
also nicht nur die Volksvermehrung, möglichst zu befördern, sondern
auch Beschäftigung für diese wachsende Volkszahl zu beschaffen,
damit sie dauernd im Lande behalten werden und zur Stärkung der
militärischen Macht des Staates beitragen könnte. Selbstverständlich
mußten solche Bestrebungen auch auf die Gestaltung der äußeren
Handelspolitik einen Einfluß haben.
Die Abhängigkeit der äußeren Handelspolitik von den Zielen,
die der Staat sich als Vertreter des Gemeinschaftsinteresses setzte,
und also vom materiellen Inhalt dieses gemeinschaftlichen Interesses,
tritt besonders deutlich hervor in der Geldpolitik des neuen Nationalstaates.
 Seine Förderung der Tauschwirtschaft war gleichzeitig mit
Notwendigkeit eine Förderung der Geldwirtschaft. Für das einzelne
Land mußte aber die Entwicklung der Geldwirtschaft unter den damaligen
 Verhältnissen wesentlich von einer reichen Zufuhr von metallischem
 Geld abhängen. Eine lebhafte Geldzirkulation war nach den Anschauungen
 der Zeit für die Machtpolitik des Staates von entscheidender
Bedeutung. Denn je öfter das Geld den ganzen Wirtschaftskörper
durchströmte, desto öfter hatten die Bürger Gelegenheit, Steuer zu bezahlen;
 und je stärker die Geldwirtschaft, besonders in den großen
Handelszentren, entwickelt wurde, je leichter war es für die Könige,
bei Bedarf Anleihen zu bekommen. Unter solchen Umständen mußten
sie großen Wert darauf legen, daß das Geld in das Land hineinkam.
Anfänglich wachte man nach mittelalterlichem Muster darüber, daß jedes
Geschäft für sich einen Überschuß in Geld zugunsten des eigenen Landes
gab, oder daß die Gesamtgeschäfte mit einem ‚,Gast‘“ zu einem solchen

8
        <pb n="596" />
        $ 83. Die Entstehung eines internationalen Handels. Das Merkantilsystem, 583
Saldo führten. Später wurde diese Angelegenheit von etwas breiteren
Gesichtspunkten betrachtet: man forderte, daß der Handel mit einem
bestimmten Lande ein Saldo in Geld zugunsten des eigenen Landes
liefere, und man ging schließlich zu einer Beurteilung des Gesamtaußenhandels
 von diesem Gesichtspunkte über. Damit entstand der
Begriff der Handelsbilanz, den wir heute so unauflöslich mit dem Begriffe
 des internationalen Handels verknüpfen. Wenn die ganze Handelsbilanz
 einen Überschuß in Geld zugunsten des eigenen Landes zeigte,
war diese „günstig‘‘; im entgegengesetzten Falle war sie „ungünstig“,
Diese Auffassung der Handelsbilanz hat einen entscheidenden Einfluß
auf die ganze Handelspolitik gehabt. Man suchte vornehmlich solche
Erwerbszweige zu entwickeln, von denen man hoffen konnte, daß sie
Geld in das Land führen würden. So kam es, daß man die Manufakturen,
die Geld vom Auslande brachten, oder jedenfalls eine Ausfuhr von Geld
zum Kauf fremder Manufakturprodukte verhinderten, hoch schätzte
und den auswärtigen Handel als Mittel zur Beschaffung von Geld als
den ungleich wichtigsten aller Erwerbszweige betrachtete. Diese Einstellung
 der Handelspolitik des Nationalstaates hat man als das Merkantilsystem
 bezeichnet. Der Name ist später als Bezeichnung für die
ganze hier beschriebene Wirtschaftspolitik des Nationalstaates benutzt
 worden.
Die Kritik gegen den Merkantilismus hat sich oft ihre Sache dadurch
 leicht gemacht, daß sie die Vorstellung, nach welcher Reichtum
als gleichbedeutend mit Geldbesitz aufgefaßt wurde, ins Lächerliche
gezogen hat. Man muß aber, wie hier gezeigt, diese Vorstellung in ihrem
Zusammenhang mit den damaligen wirtschaftlichen Voraussetzungen
betrachten, Die besonders in bezug auf die Finanzen notwendige
Förderung der Geldwirtschaft und die Abwesenheit moderner Einrichtungen
 zur Beschaffung einer Geldzirkulation unabhängig von dem
Besitz von edlen Metallen waren für das Bestreben nach größtmöglichem
 Gelderwerb bestimmend. Es muß auch in Betracht gezogen
werden, daß die damalige Welt die modernen Möglichkeiten zur Kapitalbildung
 und zur Überführung von Kapital von Land zu Land zum
größten Teil entbehrte. Es war dann eine ziemlich natürliche Vorstellung,
 daß die Volkswirtschaft, wenn sie nicht verarmen wollte,
mehr verkaufen als kaufen und also die Rechnung mit einem Saldo
in barem Geld zu ihren Gunsten abschließen mußte. Für eine moderne
Volkswirtschaft ist dies nicht nötig: sie kann eine Überschußeinfuhr von
Waren, die mit ausländischen Anleihen bezahlt wird, zu einer realen
Kapitalbildung im Inneren verwenden. Sie kann auch Geld in fremden
Ländern anlegen und Zinsen daraus ziehen und in dieser Weise in die
Lage kommen, regelmäßig einen Überschuß von Waren auch zur Konsumtion
 einzuführen, ohne dadurch ruiniert zu werden. In diesen Beziehungen
 war der merkantilistische Staat wesentlich schlechter ge-
        <pb n="597" />
        ix Kap. XX.. Die handelspolitischen Systeme.
stellt. Eine Zeit, die trotz ungleich günstigerer Verhältnisse sich dennoch
nicht von den gröbsten Wahnvorstellungen der naiven Handelsbilanztheorie
 zu befreien vermocht hat, hat wahrlich keine Veranlassung,
sich auf Kosten der Merkantilisten lustig zu machen. Andererseits
darf man natürlich nicht in der Rechtfertigung des Merkantilismus zu
weit gehen, da‘ seine theoretisch-ökonomische Grundlage ohne Zweifel
sehr mangelhaft war.
8 84. Das Freihandelssystem.
An die Spitze seines Werkes über den Reichtum der Nationen
stellt Adam Smith ein Kapitel über die Arbeitsteilung. In seiner Auffassung
 ist die Arbeitsteilung die wichtigste Bedingung für die Erhöhung
der Produktivität der menschlichen Arbeit und überhaupt für die ganze
wirtschaftliche Entwicklung. Diese Auffassung bildet auch den Grund
für seine Beurteilung des internationalen Handels. Der Vorteil desselben
 besteht darin, daß er für die Arbeitsteilung ein weiteres Gebiet
eröffnet, wodurch diese viel weiter getrieben werden kann als es möglich
ist, so lange jedes Land auf sich selbst angewiesen bleibt. Der auswärtige
 Handel ermöglicht es, die einheimische Überschußproduktion,
für welche keine genügende Nachfrage besteht, auszuführen, und gegen
dieselbe Waren einzuführen, die stark nachgefragt sind. Durch das
Schaffen eines Marktes für jeden Überschuß, womit die eigene Produktion
 des Landes seine Konsumtion übersteigt, ermuntert. der auswärtige
 Handel die Entwicklung der Produktivkräfte und steigert somit
den Reichtum des Landes.
Auch wenn eine fremde Ware in eigenem Lande produziert werden
kann,ist es immer besser die Ware vom Auslande zu kaufen, wenn die Ware
in dieser Weise billiger zu haben ist, d. h. wenn sie eingetauscht werden
kann gegen Waren, die man in eigenem Lande mit weniger Aufwand
von Produktivkräften herstellen kann. In der Wirtschaft der Familie
sucht man nicht eine Sache zu Hause herzustellen, die man billiger
kaufen kann. Der Schneider sucht nicht seine eigenen Schuhe zu machen,
sondern kauft dieselben von einem Schuhmacher im Austausch gegen
Kleider. Jeder findet es in seinem Interesse, seine Produktivkräfte
auf dem Gebiete zu verwenden, wo er einen Vorteil gegenüber seinen
Nachbarn hat, um mit seinen Produkten die übrigen Waren, die er
braucht, zu kaufen. „Was im Haushalt jeder privaten Familie Weisheit
 ist, kann kaum Torheit sein im Haushalt eines großen Königreichs.
Wenn ein fremdes Land uns mit einer Ware billiger versorgen kann, als
wir sie selber machen können, ist es besser,unsere Arbeit auf dem Gebiete
 zu verwenden, wo wir einen Vorteil haben, und mit einem Teile
des Produktes dieser Arbeit die Ware vom Auslande zu kaufen.“

384
        <pb n="598" />
        $ 84. Das Freihandelssystem. j
Diese Hervorhebung der Vorteile des indirekten Erwerbes bildet
einen Kernpunkt der Freihandelstheorie. Von diesem Gesichtspunkt
aus muß es nämlich immer das Vorteilhafteste sein, den Handel mit
fremden Ländern frei zu lassen, damit sich die Arbeitsteilung und der
Austausch von Gütern so stark wie möglich entwickeln.
Der internationale Handel ist nach dieser Anschauung offenbar
vorteilhaft für alle Länder, die daran beteiligt sind. Alle gewinnen
durch die Spezialisierung und die damit folgende effektivere Anwendung
ihrer Produktivkräfte. Der internationale Handel ist deshalb ein gemeinsames
 Interesse für die verschiedenen Nationen. Gegenüber der
merkantilistischen Vorstellung bedeutet diese Auffassung einen Fortschritt
 von weltgeschichtlicher Bedeutung. Denn wenn die Entwicklung
 des internationalen Handels für alle Seiten vorteilhaft ist, fällt
der scharfe Gegensatz weg, der in der merkantilistischen Zeit die Nationen
 in ständigen Kriegszustand gegeneinander stellte. Eine Erweiterung
 des Handels braucht jetzt nicht auf Kosten eines anderen
Landes gewonnen zu werden, sondern erfolgt in gleichem Schritt mit
einer Entwicklung der Produktivkräfte der beiden Länder und einer
wirtschaftlichen Anwendung dieser Produktivkräfte in Übereinstimmung
mit dem Prinzipe der Arbeitsteilung. Die Merkantilisten wähnten, daß
das eigene Land nur durch Unterdrückung und Verarmung anderer
Länder emporkommen könnte. Nach der Freihandelslehre ist es dagegen
ein Vorteil, daß es auch den Nachbarn gut geht. Der Handel mit reichen
und in Produktivkraft hochstehenden Ländern ist der vorteilhafteste,
Je effektiver die Produktion des Auslandes ist, je billiger bekommen wir
unsere Importwaren, d. h. je weniger brauchen wir von unseren eigenen
Produkten geben, um eine gewisse Quantität von Auslandswaren einzutauschen.
 Es liegt auf der Hand, in welchem Grade eine solche Auffassung
 des Wesens des internationalen Handels den Weg für freundliche
 Verhältnisse zwischen den Nationen ebnen muß. Überhaupt kann
man wohl sagen, daß das ganze moderne Streben zur Schaffung eines
Weltfriedens undenkbar gewesen wäre, wenn nicht die Auffassung der
internationalen wirtschaftlichen Beziehungen unter dem Einfluß der
Freihandelslehre gründlich umgestaltet worden wäre.
Ein Warenaustausch zwischen zwei Ländern ist immer möglich,
denn wenn auch das eine Land in seiner Produktionsfähigkeit weniger
entwickelt ist oder sonst ungünstiger gestellt ist, hat es doch immer
Produktionszweige, wo es einen relativen Vorteil besitzt. Der Tausch
hängt nicht davon ab, daß das Land gewisse Waren in absolutem Sinne
billiger produziert als das andere Land. Einen absoluten Maßstab
hierfür gibt es überhaupt nicht. Das Einzige, was für den internationalen
 Warenaustausch Bedeutung hat, ist, daß das Land eine Auslandsware
 billiger erwerben kann durch Produktion einer anderen Ware,
gegen welche die erste Ware eingetauscht werden kann. Diese Auf-587
        <pb n="599" />
        Din Kap. XX. Die handelspolitischen Systeme.
fassung der Relativität der Produktionsvorteile der verschiedenen
Länder wurde später von Ricardo und seinen Nachfolgern zu einer
Theorie der „komparativen Kosten‘ entwickelt, die es klar machte,
daß auch ein Land, das in allen Produktionszweigen höhere Produktionskosten,
 z. B..in Arbeitsstunden gerechnet, hätte, jedoch gewisse Produkte
exportieren könnte, um dafür andere Produkte zu kaufen. Die Voraussetzung
 hierfür war nur, daß sich das Land auf solche Produktionszweige
 konzentrierte, wo es relativ am vorteilhaftesten gestellt war.
Einen tieferen Einblick in diese Verhältnisse werden wir in Zusammenhang
 mit der allgemeinen Theorie des internationalen Handels gewinnen.
Die Kritik der Freihandelslehre gegen jede staatliche Regelung
des Handels beruht wesentlich auf dem Satz, daß das gesellschaftliche
Einkommen sein Maximum erreicht, wenn sich das Wirtschaftsleben
von staatlichen Eingriffen frei entwickeln darf. Nach Adam Smith
sucht der einzelne immer sein Kapital in solchen Produktionszweigen
zu verwenden, wo es das größtmögliche Produkt schafft. Wenn dies
überall geschieht, so muß auch die gesamte Produktion der Gesellschaft
ihren höchsten Wert erreichen. Dieser Gesamtwert ist aber eben das
Einkommen der Gesellschaft, welches also von der freien wirtschaftlichen
 Betätigung der Individuen auf seine höchste Höhe gebracht wird.
Jeder Eingriff des Staates muß dem Kapital eine weniger lohnende
Verwendung geben. Denn wäre die Verwendung an sich mehr lohnend,
so brauchte der Staat nicht einzugreifen. Der Staat kann also durch
eine Regelung des Handels, die einem Beeinflussen der Kapitalverwendung
 gleichkommt, nur das Gesamteinkommen der Gesellschaft vermindern.

Diese Beweisführung hat, wenn sie auch nicht ganz einwandsfrei
ist, jedenfalls den großen Verdienst, die Bedeutung einer ökonomisch
richtigen Kapitalverwendung hervorzuheben. Diejenigen, die ein staatliches
 Eingreifen zugunsten irgendeines speziellen Zieles fordern, stellen
die Sache gewöhnlich so dar, als könnte das nötige Kapital aus der Luft
geholt werden. Dem gegenüber muß es klar gemacht werden, daß
Kapital nicht für einen gewissen Zweck in Anspruch genommen werden
kann, ohne daß es von einer anderen Verwendung gezogen wird. Da
die Menge des zur Verfügung stehenden Kapitals begrenzt ist, so muß
deshalb jedenfalls a priori, d. h. bis das Gegenteil im einzelnen Falle
klar nachgewiesen wird, angenommen werden, daß die wirtschaftlichste
Kapitalverwendung und damit das größtmögliche Einkommen bei
Freihandel erreicht werden.
Wir müssen aber beachten, daß unser Satz jedenfalls keine weitere
Gültigkeit besitzt als die in seiner angegebenen Formulierung liegende.
Der Satz sagt nur, daß das Einkommen der Gesellschaft, definiert als
die Summe der Privateinkommen, bei Freihandel ein Maximum erreicht,
Es bleibt also eine offene Frage, ob durch eine staatliche Regelung des

586
        <pb n="600" />
        $ 84. Das ‚Freihandelssystem. {
Wirtschaftslebens kollektive Vorteile sich erreichen lassen, die nicht
als Einkommen der einzelnen Haushaltungen hervortreten. Wir werden
später auf diese Frage zurückkommen. In nahem Zusammenhang mit
dieser Frage steht die weitere Frage, ob überhaupt das Gesamteinkommen
 der Gesellschaft ein endgültiges Maß für die gesellschaftliche
Wohlfahrt bildet. Wenn der Staat sich andere Ziele setzt als das Heraufbringen
 des gesellschaftlichen Einkommens auf ein Maximum, so ist es
immer denkbar daß diese Ziele durch Eingriffe befördert werden können,
die vom Gesichtspunkte des Maximaleinkommens nicht zu rechtfertigen
wären.
Adam Smith hat das selbst in einem sehr beleuchtenden Falle zugegeben.
 Die Navigationsakten der Merkantilisten, die die Seefahrt auf
das eigene Land möglichst für heimische Schiffe zu monopolisieren
suchten, müssen wohl wirtschaftlich verworfen werden, weil sie unzweifelhaft
 den Handel beschränken und das Gesamteinkommen der
Gesellschaft vermindern. Sie dienen aber einem ganz anderen Zweck,
nämlich der Landesverteidigung. „Wie Verteidigung von viel größerer
Bedeutung ist als Reichtum, so sind die Navigationsakten vielleicht die
weisesten aller Handelsregelungen Englands‘‘. Dieser Schluß Adam
Smiths hat prinzipielle Bedeutung. Der Staat kann nämlich neben der
Verteidigung auch andere Ziele aufstellen, die er als wichtiger erachtet
als die Erreichung des größtmöglichen gesellschaftlichen Einkommens.
Wenn dies der Fall ist, können auch handelspolitische Maßnahmen zur
Förderung dieser anderen Ziele gerechtfertigt sein. Gerade der moderne
Staat hat den Kreis seiner Aufgaben, besonders auf dem sozialpolitischen
Gebiete, stark erweitert, und es bleibt also eine offene Frage, inwieweit
diese neuen Aufgaben eine Abweichung der Handelspolitik von den
strengen Grundsätzen des Freihandels begründen könrnen. Dieser
Frage soll im folgenden eine nähere Untersuchung gewidmet werden.
Noch eine Bemerkung zur Bedeutung des allgemeinen Freihandelsprogrammes
 muß hier gemacht werden. Wenn wirklich die Erreichung
des größtmöglichen gesellschaftlichen Einkommens bestimmend sein
muß, und wenn infolgedessen ein Eingreifen des Staates verurteilt wird,
so gilt dieses Urteil nicht nur gegen eine Zollschutzpolitik, sondern nach
der ganzen Art der hier vorgeführten Beweisführung jedem Eingreifen
des Staates, wodurch dem Kapital und überhaupt den Produktivkräften
der Gesellschaft eine andere Verwendung gegeben wird als sie ohne
solche Eingriffe bekommen hätten. Es gibt heutzutage Massen von
Menschen, besonders natürlich Politiker, die sich als Freihändler ausgeben
 und die auf das schärfste jeden Zollschutz verwerfen, die aber
gar nichts dagegen haben, daß der Staat sich in anderer Weise in das
Wirtschaftsleben einmischt und die Verwendung des gesellschaftlichen
Kapitals in diese oder jene Richtung beeinflußt. Solchen Anschauungen
gegenüber ist es sehr wichtig festzustellen, was die Beweisführung der

587
        <pb n="601" />
        - Kap. XX. Die handelspolitischen Systeme.
Freihandelstheorie wirklich enthält. Wenn überhaupt Eingriffe des
Staates im Wirtschaftsleben, sei es zum Schutz der Schwachen oder
zur Förderung positiver Ziele, gerechtfertigt sind, so gibt es a priori
keine Veranlassung, warum sie speziell in der Form von Zöllen. verdammt
 werden sollten. Die hier berührten Unklarheiten der populären
Freihandelstheorie werden wir im folgenden Gelegenheit haben, näher
zu beleuchten.
$ 85. Das Zollschutzsystem.
Nachdem England im achtzehnten Jahrhundert einen entscheidenden
Vorsprung in der Entwicklung von Industrie, Handel und Seefahrt erreicht
hatte, entstand in anderen Ländern die Vorstellung, daß England durch
diesen Vorsprung eine so absolute Übermacht gewonnen hätte, daß es
vollständig aussichtslos wäre, in Konkurrenz gegen England eine eigene
Industrie zu entwickeln und überhaupt das eigene Wirtschaftsleben
auf eine höhere Stufe hinaufzubringen. Die amerikanischen Freistaaten,
die sich eben von England losgemacht hatten, glaubten auch wirtschaftlich
 selbständig werden zu müssen und suchten mit einem Zollschutzsystem
 eine eigene Industrie zu entwickeln. Der erste Vertreter dieser
Richtung, Alexander Hamilton, sah in dieser Erwerbung einer Industrie
ein Mittel zur Förderung der Arbeitsteilung, zur Entwicklung der Produktivkräfte
 und zur allseitigen Beschäftigung derselben. Ein zurückgebliebenes
 Land wie Amerika konnte aber nur mit Hilfe eines Zollschutzes
 die Anfangsschwierigkeiten überwinden und sich aus dem
Stadium des reinen Agrarstaates emporarbeiten.
Unter dem Einfluß dieser Ideen entwickelte Friedrich List später in
Deutschland sein „nationales System der politischen Ökonomie‘‘, das
für die Ausbildung des neuen Zollschutzsystems eine grundlegende
Bedeutung gehabt hat. Lists Werk war stark bedingt von der damaligen
Zersplitterung Deutschlands und von seiner daraus folgenden : politischen
 Ohnmacht. Die Vereinigung Deutschlands zu einem einheitlichen
 Nationalstaate, der Deutschland die Stellung, die seiner Größe
und seiner Kultur entsprach, geben konnte, stand für List als das große
Ziel, und diesem Ziel ist sein wirtschaftliches Denken ganz und gar
untergeordnet. Bei Nationen, „welche alle erforderlichen geistigen
und materiellen Eigenschaften und Mittel besitzen, um eine eigene
Manufakturkraft zu pflanzen und dadurch den höchsten Grad von
Zivilisation und Bildung, von materiellem Wohlstand und politischer
Macht zu erstreben, welche aber durch die Konkurrenz einer bereits
weiter vorgerückten auswärtigen Manufakturkraft in ihren Fortschritten
aufgehalten werden . . . ist die Handelsbeschränkung zum Zweck der

588
        <pb n="602" />
        $ 85. Das Zollschutzsystem. y
Pflanzung und Beschützung einer eigenen Manufakturkraft zu rechtfertigen‘‘.
 Bei kleineren und weniger entwickelten Nationen ist dies
nicht der Fall. Der Manufakturstand stellt eine ungleich höhere Stufe
der ganzen gesellschaftlichen Entwicklung dar als der bloße Agrikulturstand.
 Im Manufakturstand bietet sich eine vielseitige Verwendung aller
Produktivkräfte, die da auch ihre höchste Ausbildung erhalten. Der
Manufakturstand schafft einen starken Verkehr zwischen den Menschen
nd fördert dadurch die Entwicklung nicht nur der materiellen Kultur,
sondern auch der Wissenschaften und der Künste und vor allem des
Staatslebens. Er schafft auch die Existenzmöglichkeit für eine ‚,zweibis
 dreimal größere Bevölkerung‘ . .., woraus „folgt, daß alle geistigen
räfte der Nationen, die Staatseinkünfte, die materiellen und geistigen
Verteidigungsmittel und die Garantie der Nationalunabhängigkeit durch
Pflanzung einer Manufakturkraft in gleichem Verhältnis gesteigert
erden‘, Diese Vorteile treten nicht notwendig in einer Verehrung
 der Reichtümer oder der Einkommen der Individuen hervor
und können deshalb auch nicht dadurch gewonnen werden, daß ‚jedes
ndividuum ungestört dem Geschäfte der Reichtumsanhäufung Überlassen‘
 wird, Es handelt sich nicht darum, „durch die Handelsbeschränkungen
 unmittelbar die Summe der Tauschwerte in der Nation, sondern
darum, die Summe ihrer produktiven Kräfte zu vermehren‘. Dieses
Ziel kann nur die Staatsgewalt fördern: durch eine Regulierung des
auswärtigen Handels „tut sie etwas, was die Individuen, selbst wenn
je es wüßten, nicht für sich selbst zu tun vermöchten‘“. ‚, Jede große
ation muß alsdann dahin streben, ein Ganzes in sich selbst zu bilden,
das mit anderen Ganzen gleicher Art nur in soweit in Verkehr tritt, als
es seinen besonderen Gesellschaftsinteressen zuträglich ist. Diese Geellschaftsinteressen
 sind aber unendlich verschieden von den Privatinteressen
 aller einzelnen Individuen der Nation, wenn jedes Individium
als für sich allein dastehend und nicht in seiner Eigenschaft als Glied
der Nationalgesellschaft betrachtet wird.“
List hat also die Erreichung des Manufakturstandes oder des „Agrikulturmanufakturhandelsstandes‘‘
 als ein Kollektivgut betrachtet in
dem näher bestimmten Sinne, welchen wir diesem Wort oben (8 10)
gegeben haben. Dieses Kollektivgut kann wie jedes andere Kollektivgut
nur durch eine kollektive Organisation wie der Staat erworben werden.
Diese Beobachtung, daß es Kollektivgüter gibt, die nicht in der Summe
der Einkommen der Individuen hervortreten und deren Förderung also
dem Privatinteresse nicht überlassen werden kann, ist für die Theorie
der Handelspolitik von entscheidender Bedeutung. Die Möglichkeit
muß nämlich nun immer offen gehalten werden, daß ein kollektiver
Vorteil irgendwelcher Art durch bestimmte handelspolitische Maßahmen
 gewonnen werden kann, und die Lehre der Freihandelstheorie,
Tach welcher jeder staatliche Eingriff in den freien Handel, weil er die

58°
        <pb n="603" />
        . Kap. XX. Die handelspolitischen Systeme.
Summe der Privateinkommen verminderte, von vornherein verurteilt
werden müßte, ist also durchbrochen.
Allerdings ist hiermit nichts Positives zugunsten des Staatseingreifens
 bewiesen. Die Protektionisten haben im einzelnen Falle
noch nachzuweisen, daß wirklich ein kollektiver Vorteil von wesentlicher.
 Bedeutung durch handelspolitische Maßnahmen gewonnen werden
kann, daß dieser Vorteil von so großem Wert ist, daß er die Kosten rechtfertigt,
 und schließlich, daß das Ziel nicht ohne ein ‘Staatseingreifen hätte
gewonnen werden können. In allen diesen Beziehungen ist die Listsche
Beweisführung sehr mangelhaft. Seine Beurteilung der Möglichkeit
kleiner Länder, die höchste Kulturstufe zu erreichen, hat sich als gründlich
 unrichtig erwiesen. Ebenso unrichtig ist sicher seine Annahme, daß
größere Länder nur durch ein Zollschutzsystem zu einer industriellen
Entwicklung kommen könnten. Der Übergang von einer früher vorherrschenden
 Eigenwirtschaft zu einer durchgeführten Tauschwirtschaft
mußte überall kommen, und wenn auch England in dieser Beziehung vorangeschritten
 war, konnte es nicht lange dauern, bevor auch in anderen
Ländern, wo die Voraussetzungen für eine solche Entwicklung schon
vorhanden waren, eine moderne Tauschwirtschaft sich ausbilden mußte.
Der moderne Protektionismus hat wahrscheinlich diese schließliche
Vollendung der Tauschwirtschaft — im ganzen sowohl wie in den
einzelnen Ländern — ebensowenig beschleunigt wie der Merkantilismus
mit allen seinen eifrigen Bemühungen die ersten Anfänge der Arbeitsteilung,
 der berufsmäßigen Produktion und der Tauschwirtschaft.
Gegen die Lehre, daß eine Industrie in Konkurrenz mit einer
älteren und übermächtigen Industrie eines fremden Landes nicht entstehen
 kann, muß immer hervorgehoben werden, daß dies doch täglich
innerhalb der einzelnen Länder geschieht. Was wir jetzt ein Land nennen,
ist nichts anderes als ein Freihandelsgebiet. In den einzelnen Teilen
eines solchen Gebietes müssen sich Industrien in Konkurrenz mit den
schon bestehenden und übermächtigen entwickeln. Die Erfahrung
lehrt, daß dies überall dort gelingt, wo überhaupt Voraussetzungen für
eine industrielle Entwicklung vorhanden sind. In jedem einzelnen
Lande kann man ohne Schwierigkeit Beispiele einer solchen Verbreitung
der Industrie finden. In größtem Stile können wir dieselbe beobachten
in dem großen Freihandelsgebiet der Vereinigten Staaten. Die industrielle
 Suprematie der Oststaaten ist keineswegs ein Monopol für sie
geblieben, sondern die Industrie breitet sich immer weiter nach Westen
aus, und viele der mittleren und westlichen Staaten haben ihr Wirtschaftsleben
 auf eine sehr hohe Stufe gebracht, obwohl sie ohne Schutz
mit der alten und überlegenen Industrie der Oststaaten einen nach den
Ansichten der Schutzzöllner hoffnungslosen Kampf zu führen gehabt
haben.
Die Beobachtung, daß auch Kollektivgüter, die für die Gesellschaft

590
        <pb n="604" />
        $ 85. Das Zollschutzsystem. 1
obwohl nicht für die Gesamtheit der Individuen, wirtschaftliche Bedeutung
 haben, auch von der Handelspolitik mit in Betracht gezogen
werden müssen, ist ohne Zweifel der wichtigste Beitrag des neueren
Zollschutzsystems zur Theorie des internationalen Handels. Diese
Beobachtung bedeutet gegenüber der Freihandelstheorie einen wichtigen
Fortschritt in der Auffassung des Wesens der Gesellschaft. Die wirkliche
 Tragweite der neuen Auffassung hat man aber kaum erkannt. In
der Tat führt, wie aus dem folgenden näher hervorgehen wird, die Lehre
von den Kollektivgütern die Theorie des internationalen Handels zu
einer Reihe von Ergebnissen von ziemlich bestimmtem Charakter, die
besonders für den modernen Staat praktische Bedeutung haben.
Im übrigen hat die Theorie des Zollschutzsystems kaum Argumente
vorgeführt, die prinzipielle Einwände gegen die Freihandelstheorie darstellen.
 Denn die sonstigen protektionistischen Argumente, denen man
tiberhaupt eine wirtschaftliche Haltbarkeit zuerkennen kann, beziehen
sich lediglich auf einen vorübergehenden Zollschutz, der wohl auch
innerhalb der Gesellschaftsauffassung der Freihandelstheorie hätte verteidigt
 werden können.
Unter den Maßnahmen, die den Charakter eines vorübergehenden
Zollschutzes tragen, sind in erster Linie die Erziehungszölle zu nennen.
Kann ein Land durch einen Zollschutz in verhältnismäßig kurzer Zeit
eine neue Industrie erwerben, die später wirklich lohnend wird und also
den Schutz entbehren kann, so kann man natürlich geltend machen, daß
die Opfer, die die Erziehungszeit fordert, aufgewogen werden von dem
Gewinn, den die Industrie später abwirft. Die Gültigkeit dieser Argumentation
 ist allerdings davon abhängig, daß ein solcher Gewinn wirklich
aufkommt, daß also die ausgewachsene Industrie sich nicht mur notdürftig
 bezahlt, sondern auch in irgendeiner Form einen Überschuß
aufzuweisen hat, der als wirkliche Deckung für die gebrachten Opfer
gelten kann. Die zuweilen aufgestellte Forderung, daß die Industrie
rein geschäftsmäßig den genossenen Zollschutz zurückbezahlen soll, ist
dagegen kaum unbedingt berechtigt. Denn der Gewinn, den die Gesellschaft
 von der neuen Industrie hat, kann z. B. in einer Verbesserung
der Lage gewisser Kreise von Arbeitern, die einer solchen Verbesserung
dringend bedürften, hervortreten.
Ein Erziehungszoll muß natürlich immer mit Rücksicht auf die
vorliegenden besonderen Verhältnisse beurteilt werden. Wenn zu erwarten
 ist, daß man mit einem verhältnismäßig niedrigen Zollschutz
in kurzer Zeit die neue Industrie groß ziehen kann, besteht vielleicht
eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, daß eine solche Einführung der
Industrie vorteilhaft wirken wird. Wenn dagegen ein hoher Zollschutz
während einer langen Zeit erforderlich ist, so liegt eine Wahrscheinlichkeit
 vor, daß die Opfer zu groß werden, und daß es jedenfalls besser
wäre, die ganze Maßnahme zu einer günstigeren Zeit zu verschieben.

59
        <pb n="605" />
        Sn Kap. XX. Die handelspolitischen Systeme.
Wenn überhaupt die Industrie lebenskräftig werden kann, wird früher
oder später ein Augenblick kommen, wo sie entweder ohne Schutz
selbständig aufwachsen kann, oder doch wenigstens ein verhältnismäßig
 begrenzter Schutz hinreicht, um die Industrie emporkommen zu
lassen. Es gibt vielleicht Fälle, wo man nachweisen kann, daß lebenskräftige
 Industrien durch einen sehr hohen oder sehr dauernden Zollchutz
 eingeführt worden sind, aber dieser Nachweis reicht lange nicht
hin, um die Nützlichkeit einer solchen Schutzzöllpolitik zu beweisen.
Y/enn man längere Perioden betrachtet, ist es überhaupt sehr schwierig
um nicht zu sagen ganz unmöglich, die Entwicklung zu beurteilen, die
das Wirtschaftsleben des Landes genommen hätte, wenn kein Versuch
gemacht worden wäre, die betreffende Industrie mit Hilfe eines Zollchutzes
 zu erwerben. -
Ein zweiter Fall, wo ein vorübergehender Zollschutz verteidigt
werden kann, ist der, wo ein bestehender Produktionszweig mit Hilf
eines Zollschutzes über eine schlechte Konjunktur gerettet werden nm
die sonst die betreffende Produktion vollständig vernichtet hätte. Die
Rechtfertigung eines solchen Konjunkturzolles hängt natürlich von den
Kosten des Schutzes ab. Wenn der Produktionszweig mit einem verhältnismäßig
 kleinen Zollschutz aufrechterhalten werden kann, und
wenn mit Sicherheit zu erwarten steht, daß die schlechte Konjunktur
/on verhältnismäßig kurzer Dauer sein wird, sind offenbar die Voraussetzungen
 für die Nützlichkeit einer Schutzpolitik besonders günstig
Aber auch unter diesen Voraussetzungen _muß natürlich gezeigt werden,
daß es für die Industrie wirklich unmöglich ist, durch die äußerste
Kraftanspannung und Anpassung an die neuen Verhältnisse sich selbs
u retten. Mit einem Zollschutz riskiert man immer, einen unbedingt
nötigen Sanierungsprozeß aufzuhalten und den Zwang zur Anpassun
an neue wirtschaftliche Bedingungen in irrationeller Weise außer Spiel
u setzen.
Ein besonders interessanter Fall, wo ein Konjunkturschutz in Frage
ommen konnte, lag am Ende des vorigen Jahrhunderts vor, wo die
ordamerikanische Getreidezufuhr der europäischen Getreideproduktion
mit Unterdrückung drohte. Es wurde damals geltend gemacht, daß diese
etreidezufuhr eine vorübergehende Erscheinung sein müßte, weil die
Vereinigten Staaten in absehbarer Zeit dazu kommen müßten, ihre
esamte Getreideproduktion selbst zu verzehren. Unter solchen Voraussetzungen
 konnte es lohnend sein, die europäische Getreideproduktio
it Hilfe eines Zollschutzes während einer verhältnismäßig kurzen
Übergangsperiode vom Untergang zu retten, da Europa jedenfall
später dieser Produktion nicht entbehren könnte. Trotz dieser relativ
uten Begründung einer Schutzpolitik ist es auch nach einem Vierteljahrhundert
 schwer zu sagen, ob diese Politik wirklich die richtige war
ie Antwort auf diese Frage würde günstiger ausgefallen sein, wenn da

592
        <pb n="606" />
        $ 85. Das Zollschutzsystem. )
Bedürfnis eines Zollschutzes jetzt aufgehört hätte. Gegenüber der sehr
erweiterten überseeischen Getreideproduktiofi glaubt aber die Landwirtschaft
 in den meisten europäischen Ländern immer noch nicht ohne
Getreidezölle bestehen zu können.
Ein ähnlicher Fall liegt vor, wenn es gilt, einen bestehenden Zollschutz
 abzuschaffen, der nach der allgemeinen Theorie ohne Zweifel
zu verwerfen ist. Es ist nicht sicher, daß es das vorteilhafteste ist, den
Zoll ohne weiteres auf einmal abzuschaffen. Es ist vor allem nicht sicher,
daß die Abschaffung unabhängig von der Konjunktur geschehen darf,
Wenn erwartet werden kann, daß der betreffende Produktionszweig
unter normalen Verhältnissen auch ohne Zollschutz wird bestehen
können, so kann es in einer besonders schlechten Konjunktur angemessen
sein, den Zollschutz beizubehalten, bis normalere Verhältnisse eingetreten
 sind, und die Einstellung der Produktion auf die Bedingungen
der freien Konkurrenz mit weniger Schwierigkeiten und Gefahren erfolgen
 kann. Die Voraussetzung eines solchen Verfahrens ist natürlich,
daß eine künftige glatte Abwicklung des Zollschutzes mit genügender
Sicherheit in nicht allzuferner Zeit erwartet werden kann.
Wir haben schließlich auch die Zölle zu betrachten, die lediglich
als Abwehrmaßregeln gegen eine unfreundliche ausländische Handelspolitik
 begründet sind. Als solche Maßregel kommen zuerst die sogenannten
 Dumping-Zölle in Betracht. Wenn das Ausland versucht, eine
einheimische Produktion dadurch zu vernichten, daß es vorübergehend
die betreffenden Produkte zu einem Unterpreis verkauft, welcher auf
die Dauer nicht gehalten werden kann, sondern später, wenn die Konkurrenz
 einmal ausgeschaltet ist, wieder erhöht werden muß, dann kann
es aus guten Gründen in Frage gestellt werden, ob es nicht angemessen
ist, die vorübergehend abnorm billige Zufuhr durch einen Zollschutz
abzuschließen, um die heimische Produktion fortbestehen zu lassen.
Dieser Fall muß aber genau unterschieden werden von dem Falle, wo
das Ausland auch dauernd geneigt ist, seine Produkte zu einem Unterpreis
 zu verkaufen. Denn dann muß es doch nach der allgemeinen Theorie
ein Vorteil sein, die Produkte von auswärts so billig zu beziehen.
In weitem Umfang kommen Kampfzölle zur Verwendung, wenn
es gilt, das Ausland zur Milderung seines Zollsystems zu bewegen. Solche
Kampfzölle sind nicht im eigentlichen Sinne protektionistische Maßnahmen.
 Wenn sie ihr Ziel erreichen, also wenn das Ausland sich veranlaßt
 sieht, seinen Zollschutz in genügendem Maße herabzusetzen, so
werden auch die besonderen Kampfzölle aufgehoben, und sie haben
dann nur dazu gedient, einen freieren internationalen Handel hervorzuzwingen.
 Gelingt es aber nicht, ein solches Ziel zu erreichen, so muß
man wohl die Kampfzölle beibehalten, und man fügt sich dadurch selbst
einen dauernden Schaden zu, dem kein Vorteil gegenübersteht. Die Erfahrung
 lehrt, daß die Kampfzölle ein sehr zweifelhaftes Mittel sind,
Cassel, Theoret. Sozialökonomie. 4. Aufl. DR

59;
JG
        <pb n="607" />
        Sn Kap. XX. Die handelspolitischen Systeme.
um einen freieren Verkehr zwischen den Nationen zu befördern. Sie
führen leicht zu wiederholter und beiderseitiger Erhöhung der Tarife
und treiben die Länder zu einem für beide Parteien sehr schädlichen
und auch von allgemeineren Gesichtspunkten gefährlichen Handelskrieg.
 Die‘ Gewohnheit, die Tarife vor einem Eintreten in Handels
traktatsverhandlungen stark zu erhöhen, um Austauschobjekte zu haben,
hat sich auch kaum als eine vernünftige und fruchtbare Politik bewiesen.
Diese Fälle des vorübergehenden Zollschutzes bilden eigentlich
keine prinzipielle Ausnahme von der allgemeinen Theorie der Vorteilhaftigkeit
 des Freihandels. Es gibt aber auch eine Reihe von protektionistischen
 Argumenten, die in prinzipiellem Widerspruch mit der Freihandelstheorie
 stehen, und für welche kein ökonomisch haltbarer Grund
nachgewiesen werden kann. Zu diesen Argumenten gehört vor allem
die Behauptung, daß man durch ein Zollschutzsystem der inländischen
Produktion überhaupt gegenüber der ausländischen einen Vorteil auf
dem inländischen Markt bereiten kann. Diese Behauptung bildet den
eigentlichen Inhalt der Theorie des sogenannten Solidarzollschutzes,
nach welcher die Nachteile, die ein Zollschutz für gewisse Produktionszweige
 anderen Produktionszweigen bereitet, durch einen Zollschutz
auch für diese anderen Produktionszweige kompensiert werden sollen.
Man wähnt, daß in dieser Weise die ganze Last des Zollschutzsystems
der einheimischen Produktion abgehoben werden kann, so daß schließlich
 sämtliche heimischen Produktionszweige von einem Zollschutzsystem
 einen Nettovorteil haben. Dieses Programm des nationalen
Zollschutzes ist besonders von Bismarck in seinem bekannten Schreiben
an den Bundesrat 1878 entwickelt. Nach Bismarck richtet sich die
Abneigung gegen die Schutzzölle im wesentlichen gegen das Privilegium,
welches den einzelnen geschützten Zweigen der Produktion angeblich
auf Kosten der übrigen verliehen werde. Um nun nicht einzelnen Produktionszweigen
 ein solches Privilegium zu erteilen und dadurch die
Eifersucht der übrigen zu erwecken, wollte er der gesamten inländischen
Produktion einen Vorteil vor der fremden gewähren. Ein solches System
könne nach keiner Seite hin drückend erscheinen, da es seine Wirkungen
auf alle Produktionszweige gleichmäßig verteile.
Eine ähnliche Argumentation bildet, soweit man sehen kann, den
Hauptinhalt des neueren protektionistischen Denkens in allen Ländern.
Der ganze Gedankengang ist aber vollständig unhaltbar und beruht
auf einem Verkennen des wahren Wesens des internationalen Handels
als eines Austausches von Waren. Man kann sich dies am klarsten
machen, wenn man sich vergegenwärtigt, daß bei internationalem
Handel der Teil der Kaufkraft der einheimischen Bevölkerung, der
als Nachfrage von Auslandswaren hervortritt, in Wirklichkeit zum
Kauf von Exportwaren verwendet wird, gegen welche die gewünschten
Auslandsprodukte eingetauscht werden. Sucht sich das Inland jetzt

594
        <pb n="608" />
        8 85. Das Zollschutzsystem. 25
mit Hilfe eines Zollschutzsystems selbstversorgend und also unabhängig
von der ausländischen Zufuhr zu machen, so muß dies bedeuten, daß
die genannte Nachfrage für Exportwaren verschwindet, einfach weil
der frühere Bedarf von Auslandswaren nunmehr mit inländischen Produkten
 befriedigt wird, und also keine Austauschobjekte erforderlich
sind. Die Absatzmöglichkeiten müssen dadurch für eine große Gruppe
von Industrien wesentlich vermindert werden. Das Schutzsystem
kann also einen Teil der einheimischen Kaufkraft gewissen geschützten
einheimischen Produktionszweigen zuwenden, muß dafür aber dieselbe
Kaufkraft gewissen anderen Industrien entziehen, die früher auf dem
Umwege des internationalen Austausches zur Befriedigung der einheimischen
 Konsumtion dienten. Es leuchtet bei dieser Betrachtung
ein, daß ein „Schutz der gesamıen nationalen Produktion“ ein vollständiger
 Unsinn sein muß. Selten hat sich die Unzulänglichkeit des
privatökonomischen Denkens zur Beurteilung sozialökonomischer Fragen
so offenbar erwiesen. Die populäre Beweisführung geht hier von der
einfachen privatökonomischen Wahrnehmung aus, daß ein Zollschutz
für einen einzelnen Produktionszweig vorteilhaft sein kann, und verallgemeinert
 diese Wahrnehmung ohne weiteres auf die Gesellschaft
in ihrem ganzen. Dabei glaubt sie die Tatsache vernachlässigen zı
können, daß der Zollschutz seinem Wesen nach die einheimischen
Käufer zwingen muß, mehr für gewisse Waren zu zahlen als bei Freihandel
 nötig gewesen wäre, und daß er also eine Last auf gewisse Kreise
der einheimischen Bevölkerung — sei es Produzenten cder Konsumenten
 — darstellen muß. Bismarck und nach ihm eine Reihe von
Protektionisten in anderen Ländern haben wohl versucht, geltend zu
machen, daß die Last des Zollschutzes vom Auslande getragen wird.
Wir werden im folgenden Paragraphen Gelegenheit haben, diese Möglichkeit
 näherzu untersuchen, bemerken hier aber nur, daß in dem Maße,
wie dies wirklich geschieht, der Zoll nicht länger als ein Schutz für die
einheimische Produktion wirken kann, eben weil er den inländischen
Preis nicht erhöht. /
Ein sehr populäres Argument ist auch, daß ein Land, obwohl der
Freihandel prinzipiell das richtige ist, nicht freihändlerisch bleiben kann
in einer Welt, wo alle andere Länder sich mit Zollmauern umgeben. Um
den wahren Halt dieser Argumentation klar zu machen, brauchen wir
uns nur zu Vergegenwärtigen, daß der Zollschutz des Auslandes, der
sich ja gegen die Exportwaren des Inlandes richtet, den internationalen
Warenaustausch erschwert und damit auch ein Hindernis gegen die Einfuhr
 von Waren darstellen muß. Wenn also die Importzölle des Auslandes
 gewissermaßen als ein Schutz gegen die Zufuhr von ausländischen
Waren an das eigene Land wirken, so ist es schwer zu verstehen, daß
hier ein Grund liege, warum das Inland dieselbe Zufuhr noch mehr erschweren
 sollte.

59
38*
        <pb n="609" />
        Kap. XX. Die handelspolitischen Systeme.
$ 86. Die Last des Zollschutzes,
In der Diskussion über Zollfragen stößt man immer wieder auf die
Frage, wer eigentlich die Last des Zollschutzes zu tragen hat. In letzter
Linie ist diese Frage natürlich nur eine Seite vom Problem der Wirkung
des Zollschutzes auf die Preisbildung in ihrem Ganzen, und dieses
Problem ist wiederum nur ein Teil des allgemeinen Problems, welchen
Einfluß der internationale Handel auf die Preisbildung ausübt. Zunächst
 gilt es aber einige ganz elementare Fragen in Bezug auf die
Last des Zollschutzes aufzuklären.
Ein Zollschutz muß natürlich im allgemeinen die Preisbildung sowohl
im Auslande wie im Inlande beeinflussen. Der Einfachheit halber
wollen wir aber zuerst annehmen, daß der Zollschutz keinen Einfluß
auf die ausländischen Preise hat. Diese Voraussetzung ist gewöhnlich
praktisch erfüllt, wenn ein einzelnes Land, und erst recht ein kleines
Land, einen Zoll auf einen Weltartikel legt.
Betrachten wir denn zuerst den Fall, wo das betreffende Land einen
einheitlichen Markt darstellt, so daß auf einer Ware nur ein inländischer
Produktionspreis und ein Preis der konkurrierenden Auslandsware bestehen.
 Wenn nun der Inlandspreis den Auslandspreis mit einem gewissen
Betrag übersteigt, und wenn das Land die betreffende Ware mit einem
Zoll belegt, so ist es offenbar, daß dieser Zoll keinen Schutz für die
inländische Produktion gewähren kann, so lange er hinter dem genannten
Betrag zurückbleibt. Eine inländische Produktion kann dann nicht
zustandekommen, und der Zoll hat nur’ die Bedeutung, daß die inländischen.
 Konsumenten mit einer besonderen Abgabe zur Staatskasse
 belastet werden. Übersteigt dagegen der Zoll den Unterschied
zwischen Inlands- und Auslandspreis, so wirkt er rein prohibitiv: keine
Einfuhr vom Auslande ist länger möglich, sondern der ganze Bedarf
wird von der inländischen Produktion versorgt. Wenn schließlich der
Zoll den Unterschied zwischen Inlands- und Auslandspreis genau ausgleicht,
 so kann die inländische Produktion eben mit der ausländischen
Zufuhr konkurrieren. Dies ist aber eine labile Gleichgewichtslage, die
in einem wirklich einheitlichen Markt nicht bestehen kann. Wir kommen
also zu dem Ergebnis, daß der Zoll entweder gar keine Schutzwirkung
hat, oder auch rein prohibitiv wirkt.
In Wirklichkeit ist aber der Markt eines Landes niemals ganz
einheitlich. Der Preis, zu welchem eine im Inlande produzierte Ware verkauft
 werden kann, wechselt vom Platz zu Platz. Nehmen wir der Einfachheit
 halber an, daß dennoch der Preis der Auslandsware überall
derselbe ist, so folgt, daß man einen Zollschutz wählen kann, welcher
den Preis der Auslandsware auf ein Niveau erhöht, der teilweise über
und teilweise unter dem Inlandspreise liegt. In diesem Falle besteht

596
        <pb n="610" />
        8 86. Die Last des Zollschutzes. {
also eine wirkliche Konkurrenz zwischen Inlands- und Auslandswaren.
Auf gewissen Plätzen ist die Inlandsware billiger, auf anderen wieder
teurer. Die Grenzen zwischen diesen verschiedenen Plätzen sind natürlich
 nicht ganz fest, denn auch wenn der Preis der Auslandsware ganz
unverändert bleibt, kann doch oft die inländische Produktion kleinere
Herabsetzungen ihres Preises bewilligen, da die Produktionskosten doch
nicht ein absolut fixierter Begriff ‚sind. Gewöhnlich variiert auch der
Preis, zu welchem das Ausland die Ware auf verschiedenen Plätzen verkaufen
 kann, wesentlich deshalb, weil die Frachtkosten verschieden
sind. Nachdem der Zoll auf diese Preise gelegt ist, entsteht ein Preis
der Importware, der unter lokal variierenden Bedingungen mit der Inlandsware
 konkurrieren kann.
In allen diesen Fällen wird der Preis der Auslandsware auf dem inländischen
 Markt mit dent ganzen Betrag des Zolles gesteigert, da wir
nämlich den Auslandspreis als fest, also als unabhängig vom Zolle
angenommen haben. Wir haben aber jetzt auch die Möglichkeit in
Betracht zu ziehen, daß der Zollschutz eine Preisermäßigung seitens
des Auslandes veranlaßt. Ein praktisch wichtiger Fall ist der, wo die
ausländische Produktion von einem Monopolisten beherrscht wird. Um
seinen Markt trotz eines prohibitiven Zollschutzes zu behalten, kann
er seinen eigenen Verkaufspreis etwas erniedrigen, so daß er konkurrenzfähig
 bleibt. Er verkauft dann seine Produkte billiger auf dem Exportmarkt
 als auf seinem eigenen Heimatmarkte. Ein solches Verfahren
kann für ihn ökonomisch vollständig rationell sein. Nehmen wir nämlich
 an, daß die Ware in einem Großbetrieb mit bedeutenden festen
Kosten produziert wird, so können diese festen Kosten überwiegend
auf den Heimatpreis ausgeschlagen werden, während die Exportware
nur einen kleineren Teil dieser festen Kosten zu tragen hat. Der Monopolist
 kann dennoch einen bedeutenden Vorteil von seinem Export
haben, denn diese ermöglicht ihm, seine Produktion in so großem Umfang
 zu betreiben, wie es nötig ist, um die Produktionskosten auf ein
Minimum herabzupressen. Der Heimatmarkt eines solchen Monopolisten
wird natürlich darüber klagen, daß er schlecht behandelt wird, da
Ausländer einen besseren Preis bekommen. Fände aber diese Preisreduktion
 zugunsten des Ausländers nicht statt, so könnte vielleicht
der fremde Zollschutz nicht überwunden werden, der Auslandsmarkt
fiele weg, und die Produktionskosten würden gesteigert werden, da die
Produktion nicht länger in demselben Großbetrieb hergestellt werden
könnte. Für das Land, das den Zollschutz eingeführt hat, bedeutet die
hier betrachtete Preisdifferenzierung offenbar eine Verbilligung der
ausländischen Zufuhr, die selbstverständlich einen nationalökonomischen
 Vorteil darstellt. Der ausländische Produzent zahlt wirklich
einen Teil des Zolles, in Ausnahmefällen vielleicht sogar den ganzen
Zoll. In dem Maße wie dies geschieht, hört natürlich der Zoll auf, als

597
        <pb n="611" />
        Kap. XX. Die handelspolitischen Systeme.
Schutz zu wirken. Nur der Rest des Zolles, der nicht vom ausländischen
Produzenten gezahlt wird, dient zur. Erhöhung des Inlandspreises und
kann also als Schutz der einheimischen Produktion dienen. Die Vorstellung,
 daß man die einheimische Produktion mit einem vom Auslande
 gezahlten Zoll schützen könne, ist offenbar lediglich einer mangelnden
 Klarheit über die hier berührten Verhältnisse zuzuschreiben.
Die Existenz eines Monopols ist nicht eine ganz notwendige Bedingung
 für die Möglichkeit einer Preisdifferenzierung der hier berührten
 Art zwischen Exportpreisen und Inlandspreisen. Auch bei
freier Konkurrenz werden die verschiedenen Unternehmungen, wenn
sie ihren Export durch einen Zollschutz in einem fremden Lande bedroht
 sehen, geneigt sein, allerlei Einräumungen und auch direkte Preisabschläge
 zu bewilligen, um ihren ausländischen Markt möglichst zu
behalten. Dabei werden sie sich. natürlich bestreben, auf dem einheimischen
 Markt den alten Preis zu erhalten. Dieses Bestreben kann
aber nur innerhalb enger Grenzen gelingen. Denn alle Produzenten
wollen natürlich am liebsten ihre Produkte auf dem inländischen Markt,
wo sie den höchsten Preis erreichen, verkaufen, und es entsteht also
eine Tendenz, diesen Preis herabzusetzen, mit der Folge, daß der Unterschied
 zwischen Exportpreisen und Heimatpreisen mehr oder weniger
ausgeglichen wird.
Die Einführung eines Zollschutzes kann ferner auch auf die aus-Jändischen
 Produzenten die Wirkung haben, daß sie größere Anstrengungen.
 machen, um ihre Produktionskosten herabzubringen, z. B.
durch größere Konzentration der Betriebe, durch technische Verbesserungen,
 u. dgl. In dem Maße, wie es dadurch gelingt, den Verkaufspreis
 des Produktes herabzusetzen, erhält das Land, das den Zollschutz
eingeführt hat, einen reinen Gewinn, weil es die Auslandsware billiger
bezieht, dagegen keinen Schutz für seine einheimische Produktion.
Schließlich kann auch der Zollschutz dadurch vom Auslande getragen
 werden, daß die Entgeltung der ausländischen Produktionsfaktoren
 sinkt. Gewöhnlich hat man in dieser Beziehung seine Aufmerksamkeit
 viel zu einseitig auf die Unternehmer gerichtet. In Wirklichkeit
 muß es eher als ein anormales und vorübergehendes Verhältnis
betrachtet werden, wenn die Unternehmer die Last des Zollschutzes
zu tragen haben. Das Normale ist natürlich, daß wenn der Preis
überhaupt gesenkt werden muß, damit eine Ware das Hindernis des
Zollschutzes zu überwinden in Stand werde, dies auf Kosten der in der
Produktion mitwirkenden Produktionsfaktoren geschehen muß. Wenn
z. B. England Zölle auf solche landwirtschaftliche Produkte wie Eier,
Butter und Schinken erheben wollte, so würde dies ohne Zweifel der
dänischen Landwirtschaft schaden, und aller Wahrscheinlichkeit nach
würde sich der Schaden in herabgesetzten Preisen sowohl für die landwirtschaftliche
 Arbeit wie für den Boden äußern. . Denn die englische

598
        <pb n="612" />
        $ 86. Die Last des Zollschutzes. 9
Nachfrage nach dänischen Eiern usw. ist schließlich eine Nachfrage
nach diesen Produktionsfaktoren. Der Zoll vermindert diese Nachfrage,
 und wenn man dieselbe dennoch möglichst zu erhalten wünscht,
kann dies nur durch eine Senkung der Preise der Produktionsfaktoren
geschehen. Im allgemeinen dürfte man wohl sagen können, daß die
Schutzzölle eine Tendenz dazu haben, die Arbeitslöhne in fremden
Ländern herabzupressen. Dies kann wohl für das Land, das die Zölle erhebt,
 ein Vorteil sein, insofern, daß es die Auslandswaren dadurch
billiger bekommt. Wenn man aber das gesamte Zollschutzsystem der
ganzen Welt überblickt, so kann man kaum im Zweifel darüber sein,
da$ infolge dieses Systems die Arbeiterlöhne auf einem niedrigeren
Niveau gehalten werden, als bei allgemeinem Freihandel zu erreichen
wäre.
Was hier über die Verteilung der Last des Zollschutzes gesagt ist,
macht es klar, daß der Zollschutz in dem Maße, wie er wirklich als Schutz
wirkt, nicht vom Auslande getragen wird, sondern wirklich den inländischen
 Preis erhöht und also das Inland belastet.
Die Frage, wer diese Last schließlich trägt, ist indessen damit nicht
entschieden. Populär wird die Sache einfach so dargestellt, als ob die
Konsumenten der betreffenden Ware die Last des Zollschutzes zu tragen
hätten, wobei man sich die Gesamtlast als das Produkt einer Multiplikation
 der eingetretenen Preiserhöhung mit der Gesamtkonsumtion
vorstellt. Diese Betrachtungsweise wird auch dazu benutzt, um die
Wirkungen des Zollschutzes auf die Einkommensverteilung festzustellen.
Dies führt zu der Auffassung, daß der Zollschutz allgemein eine Beschädigung
 der Konsumenten bedeutet. Ein solcher Schluß ist offenbar
unrichtig. Man muß nämlich berücksichtigen, daß wahrscheinlich auch
unter den Konsumenten sich Gruppen befinden, die einen Vorteil vom
Zollschutz haben, oder zugunsten deren eben der Zollschutz eingeführt
worden ist. Wenn z. B. ein Zoll auf Schuhe in der Absicht, den Schuharbeitern
 Beschäfiigung zu einem nicht allzu niedrigen Preis zu sichern,
eingeführt ist, so kann man doch nicht die Erhöhung der Schuhpreise,
die natürlich auch die Schuharbeiter als Konsumenten tragen, als eine
Last für diese Arbeiter betrachten. Dadurch, daß die Schuharbeiter
jetzt besser beschäftigt sind, können vielleicht auch andere Gruppen
von Arbeitern einen höheren Lohn bekommen, weil sie weniger der
Konkurrenz der Schuharbeiter ausgesetzt sind. Diese Lohnerhöhung
kann dann die Preissteigerung für Schuhe kompensieren. Natürlich
muß es auch Erwerbszweige geben, die die Last der erhöhten Schuhpreise
 wirklich tragen. Es ist aber nicht sicher, daß diese Last von den
Arbeitern dieser Erwerbszweige getragen wird. Die erwähnte Preissteigerung
 kann nämlich unter Umständen durch eine Lohnsteigerung
auf die Arbeitgeber, von diesen vielleicht weiter auf andere Produktionsfaktoren,
 abgewälzt werden. Es ist hieraus klar, daß man die Erhöhung

59:
        <pb n="613" />
        Kap. XX. Die handelspolitischen Systeme.
der. Schuhpreise nicht ohne weiteres als eine Belastung der Schuhkonsumenten
 bezeichnen kann.
„Der Zusammenhang ist noch komplizierter, wenn eine Menge verschiedener
 Waren mit Zoll belegt ist, und erst recht wenn man einen
„Solidarschutz‘“ auszubilden gesucht hat. In Wirklichkeit stellt sich
ja der Zollschutz die Aufgabe, die Lage der Produzenten zu verbessern,
und ein so allgemeimer Zollschutz muß also für sehr weite Kreise der
Bevölkerung eine Begünstigung und keine Last bedeuten. Er bewirkt
aber eine vollständige Veränderung der ganzen Preisbildung, und es ist,
wenn der Zollschutz einmal besteht, unmöglich zu sagen, wie sich die
Preisbildung ohne diese Einwirkung gestaltet hätte. Deshalb ist dien
eine Messung der Last nach den gebräuchlichen Methoden unmöglich,
und die Berechnungen, die darüber ab und zu gemacht werden, müssen
m ganzen als Unsinn bezeichnet werden. AN
Der Zollschutz streckt auch seine Wirkungen auf die Preisbildung
der elementaren Produktionsfaktoren und also auf die ganze Einommensbildung.
 Die Last des Zollschutzes muß dann darin bestehen,
daß das Realeinkommen gewisser Gruppen der Gesellschaft gegenüber
dem, was es ohne Zollschutz hätte sein können, vermindert wird, Eine
arithmetische Berechnung dieser Last ist aber offenbar unmöglich.
Nach der populären Vorstellung müssen sich die Preissteigerungen,
die die verschiedenen Zölle bewirken, zueinander addieren, und also ein
weitverbreiteter Zollschutz zu einer allgemeinen Teuerung führen. Dies
müßte aber bedeuten, daß der Geldwert des Landes durch den Zollschuzt
 herabgesetzt worden wäre. Diese Eventualität muß aber in
einer Betrachtung eines Problems, das‘sich auf die relativen Preise bezieht,
 von vornherein ausgeschlossen werden. Man muß nämlich dann
wie wir es in unseren zwei ersten Büchern getan haben, einen stabilen
eldwert postulieren. Halten wir an diesem Grundsatz fest, so müssen
wir also annehmen, daß das Land, das einen Zollschutz einführt, seine
Zahlungsmittelsversorgung so reguliert, daß das allgemeine Preisniveau
 unverändert bleibt.
Wenn dies der Fall ist, muß streng genommen jeder Zollschutz
der einen Preis auf dem inneren Markt erhöht, gleichzeitig andere Preise
herabdrücken, damit das Durchschnittsniveau der Preise unverändert
bleibt. Die preissteigernde Wirkung eines Zollschutzes muß also immer
von einer Preissenkung aufgewogen werden. Gegenüber der Belastung
der Konsumenten mit erhöhten Preisen steht also immer eine Begünstigung
 durch ermäßigte Preise. Hierin zeigt sich deutlich die Unmöglichkeit
 der gewöhnlichen Berechnungen über die Belastung der
Konsumenten durch den Zollschutz.
Um die preissenkenden Wirkungen des Zollschutzes zu verstehen,
braucht man sich nur folgendes zu überlegen: Wenn die Kaufkraft des
Publikums infolge des Zolles mehr als früher für einen gewissen Kon-6500
        <pb n="614" />
        8 87. Der Zollschutz als Sozialpolitik, NL
sumtionszweig in Anspruch genommen wird, so hat das Publikum eben
nur eine verminderte Kaufkraft für andere Konsumtionszweige übrig
und infolgedessen muß ein gewisser Druck auf andere Preise entstehen.
In letzter Linie treffen diese Wirkungen die Preise der elementaren
Produktionsfaktoren, die infolge des Zollschutzes teilweise gesteigert,
teilweise aber auch herabgedrückt werden. Die Last des Zollschutzes
besteht wie gesagt in letzter Linie in dieser Herabdrückung der Preise
gewisser Produktionsfaktoren.
Die hier ausgeschlossene Frage über den Zusammenhang zwischen
Zollschutz und Geldwert ist ihrem Wesen nach keine innere Preisbildungsfrage,
 sondern eine geldtheoretische Frage. Sie kann überhaupt nur
aufgeklärt werden, wenn man die Theorie des internationalen Handels,
wie wir es im folgenden tun werden, als ein Valutaproblem behandelt.
8 87. Der Zollschutz als Sozialpolitik.
Der Inhalt der Handelspolitik muß natürlich immer davon abhängen,
 was der Staat als seine Aufgabe betrachtet. Die Freihandelstheorie
 baute auf der Voraussetzung, daß in jedem Augenblick die größtmögliche
 Einkommenssumme für die Nation nachgestrebt werden sollte.
Sobald sich aber der Staat andere Aufgaben stellt, kann eine andere
Handelspolitik dadurch bedingt werden, Dies hat, wie wir oben sahen,
schon Adam Smith eingeräumt, indem er so eingreifende handelspolitische
 Maßnahmen wie die Navigationsakten mit Rücksicht auf die
Landesverteidigung billigte. Der moderne Staat wird nun vor allem
dadurch charakterisiert, daß er das weite Gebiet der sozialpolitischen
Fürsorge in den Kreis seiner Aufgaben eingezogen hat. Wenn aber der
Staat eine Verantwortlichkeit für die Wohlfahrt seiner schwächsten
Bürger auf sich nimmt und den Schutz derselben gegen soziale Schädlichkeiten
 auf sein Programm stellt, so ist es nur natürlich, daß diese
Erweiterung der Aufgabe des Staates auch auf die Gestaltung seiner
Handelspolitik einen Einfluß haben kann. Der sozialpolitische Schutz,
den der moderne Staat gewähren will, kann einen Zollschutz rechtfertigen,
 der bei ausschließlicher Rücksicht auf das größtmögliche Gesamteinkommen
 nicht begründet wäre. Die sozialpolitischen Ziele, die
der Staat verfolgt, stellen in der Tat Kollektivgüter dar, die nicht als
eine Vermehrung der Summe der Geldeinkommen der Individuen hervortreten,
 die aber nichtsdestoweniger so stark ins Gewicht fallen,
daß sie für die Gestaltung der Handelspolitik entscheidend sein können.
Das Anerkennen dessen, daß es Kollektivgüter sozialpolitischen
Charakters gibt, die für die Gesellschaft, obwohl nicht für die Gesamtheit
 der Individuen Bedeutung haben, stellt uns vor die Möglichkeit,
daß es berechtigt sein kann, daß die Nation zur Erreichung solcher

660
        <pb n="615" />
        Kap. XX. Die handelspolitischen Systeme.
ollektivgüter die Last eines Zollschutzes auf sich nimmt. Dabei müssen
wir nur vollständig in Klarheit darüber sein, daß der Zollschutz ein betimmtes
 Opfer ist. Ein solches Opfer ist aber gleichgestellt mit anderen
pfern, die der moderne Staat zur Förderung sozialpolitischer Zwecke
bringt. Die Frage, ob die sozialpolitischen Ziele mit Hilfe eines Zollschutzes
 oder mit anderen Mitteln verwirklicht werden sollen, wird dan
eine reine Zweckmäßigkeitsfrage, die für den einzelnen Fall nach _technischen
 Gründen zu entscheiden ist.
_Die Freihandelstheorie geht von der Voraussetzung aus, daß bei
reihandel immer vollständige Beschäftigung für die gesamte Bevölkerung
 vorhanden ist. Wenn wir einen Gleichgewichtszustand berachten,
 ist wohl diese Voraussetzung auch theoretisch richtig. Es ist
aber möglich, daß für gewisse Gruppen der Gesellschaft die dargebotene
eschäftigung sehr wenig lohnend ist und ihnen nur ein sehr niedriges
inkommen, Vielleicht weit unter dem Existenzminimum,; ‘ gewährt.
as Herabsinken gewisser Gruppen der Gesellschaft auf ein so niedriges
ijveau wird aber vom modernen Staat als eine soziale Schädlichkeit
etrachtet, gegen welche der Staat in irgendeiner Form eintreten muß.
Eine solche Maßnahme ist z. B. die gesetzliche Feststellung von Mindestöhnen.
 Es ist dann eine offene Frage, ob es nicht zweckmäßiger ist,
eine solche Herabdrückung des Lebensstandards durch Einführun
eines gewissen Zollschutzes vorzubeugen. Es läßt sich z. B. denken,
daß man mit einem Zollschutz auf Textilprodukte verhindern kann,
daß. weibliche Textilarbeiter auf eine sozial bedenkliche Lebenshaltun
herabgedrückt werden. Natürlich bedeutet ein solcher Zollschutz für
die übrige Bevölkerung eine Last. Will man aber überhaupt den betreffenden
 Arbeitern einen höheren Lebensstandard sichern, so muß
die Gesellschaft in irgendeiner Form dafür ein Opfer, bringen. Es gilt
nur, die zweckmäßigste Form für dieses Opfer zu finden, und bei der
Prüfung dieser Frage kann der Zollschutz unmöglicherweise von vornherein
 ausgeschlossen werden. Gegen einen solchen Zollschutz wir
man vielleicht geltend machen, daß er in unwirtschaftlicher Weise eine
Gruppe von Arbeitern in einer Beschäftigung zurückhält, die an sich
nicht lohnend ist, und welche die betreffenden Arbeiter, wenn kein Zollschutz
 dargeboten würde, allmählich verlassen würden, um an andere
lohnendere Berufe zu übersiedeln. Es ist aber gar nicht sicher, daß
solche lohnendere Beschäftigungen den betreffenden Arbeitergruppen
ur Verfügung stehen. Die wirklich lohnende Beschäftigung, die im
Lande vorhanden ist, ist vielleicht von solcher Art, daß sie den in Frage
stehenden Gruppen von weiblichen Arbeitern gar nicht paßt. Eben
wenn eine bessere Verwendung von den betreffenden Arbeitern nich
efunden werden kann, muß überwogen werden, wie man dieselben am
besten gegen eine sozial bedenkliche Herabdrückung ihres Lebenstandards
 schützen soll.

602
        <pb n="616" />
        $ 87. Der Zollschutz als Sozialpolitik. O3
In nahem Zusammenhange mit diesem Falle steht die Frage der,
Arbeitslosigkeit. Hält man streng an das Prinzip des Nicht-Eingreifens
des Staates fest, so wird man bei eintretender Arbeitslosigkeit einfach
abwarten, bis der ökonomische Druck die nötige Überführung von
Arbeitskraft in andere Berufe und nach anderen Plätzen, oder die sonst
nötige Umstellung des Wirtschaftslebens bewirkt hat. Findet man eine
solche Politik zu hart und beachtet man besonders, daß weite Kreise
von Arbeitern in der Übergangsperiode in ihrer Lebenshaltung so stark
herabgedrückt werden und die Gewohnheit an regelmäßiger Arbeit in
dem Maße verlieren können, daß sie für die Zukunft mehr oder weniger‘
untauglich werden, und will man dieser großen sozialen Schädlichkeit.
vorbeugen, so ist man gezwungen, den Arbeitslosen in irgendeiner Form
zu Hilfe zu kommen. Es ist dann eine Zweckmäßigkeitsfrage, ob man
die Arbeiter in ihren bisherigen Stellungen mit Hilfe eines Zollschutzes
beibehalten, oder ihnen Nothilfsarbeiten irgendeiner Art darbieten soll.
In beiden Fällen läuft man die Gefahr, daß die Milderung des Druckes
ie nötige Überführung von Arbeitskraft und Anpassung des Wirtschaftslebens
 verlangsamt und also eine wirkliche Gesundung verzögert. In
beiden Fällen muß man dieser Gefahr möglichst vorzubeugen suchen
und hat dabei verschiedene Schwierigkeiten zu überwinden. Die verschiedenen
 Methoden zur.Unterstützung von Arbeitslosen haben alle;
ihre Nachteile, und es ist offenbar unberechtigt, den Zollschutz von
vornherein zu verurteilen, wenn man kritiklos bereit ist, jede andere
Maßnahme zur Hilfe der Arbeitslosen zu befürworten. |
Die vorherrschende dogmatische Stellungnahme zu handelspolitischen
 Fragen führt, wie wir aus der täglichen Erfahrung sehen können,
zu solchen offenbaren Widersprüchen, daß Arbeiter, die als Freihändler:
elten wollen und überhaupt jeden Zollschutz ohne weiteres verwerfen,
es dennoch ganz selbstverständlich finden, daß das eigene Land die,
inwanderung fremder Arbeitskraft, die den betreffenden Arbeitern
eine Konkurrenz bereiten könnte, verhindern soll. Während man also
uf dem Gebiete der Handelspolitik im engeren Sinne an einer strengen
reihandelsdogmatik festhält, stellt man sich mit Bezug auf die
freie Bewegung der Arbeitskraft selbst auf einen rein prohibitiven
Standpunkt und weicht sogar in der Verteidigung dieses Standpunktes
nicht vor den gröbsten Gewalttaten zurück. Natürlich können andere
Is rein wirtschaftliche Gesichtspunkte bei der Beurteilung dieser m
in Betracht kommen. Aus rassenpolitischen oder sozialen Gründen kann
es wünschenswert sein, die Einwanderung gewisser fremder Arbeitsräfte
 zu verhindern. Das wirtschaftliche Motiv, durch Verhinderung
der Einwanderung einen Schutz gegen unangenehme Konkurrenz zu
chaffen, läßt sich aber schwer mit dem freihändlerischen Stand unkt
vereinen, daß man das fertige Produkt der Arbeit von auf her cin“
ühren soll, sobald es in dieser Weise billiger zu haben: ist. Das Bestreben

6%
        <pb n="617" />
        ; Kap. XX. Die handelspolitischen Systeme.
den Lebensstandard der Arbeiter mit Hilfe. einer Erschwerung der Einwanderung
 zu schützen, ist jedenfalls eine Art von Protektionismus.
Wird dabei in der Zollpolitik der Freihandel aufrechterhalten, so wird
das Ergebnis ein einseitiger Schutz für die Arbeiter der Heimatsindustrien,
 die keiner Konkurrenz durch Warenzufuhr ausgesetzt sind, auf
Kosten der Arbeiter, die immer mit einer solchen Konkurrenz zu
kämpfen haben.
Arbeiterorganisationen, die jeden Zollschutz zurückweisen, sind
oft selbst in ihrer eigenen Betätigung stark protektionistisch und
wachen streng sowohl darüber, daß sie keiner Konkurrenz von Außenstehenden
 ausgesetzt‘ werden, wie in manchen Fällen auch über den
Eintritt neuer Arbeiter in die Organisationen. Durch diese Politik wird
ein Klein-Protektionismus mittelalterlichen Stiles innerhalb des Gebietes
 des modernen Staates geschaffen, was offenbar nicht nur im
grellen Widerspruch zur Freihandelstheorie steht, sondern auch gegenüber
 der schon von dem Merkantilismus nachgestrebten freien wirtschaftlichen
 Beweglichkeit innerhalb des eigenen Landes einen entscheidenden
 Schritt rückwärts bezeichnet.
Im modernen politischen Leben sieht man oft, daß Leute, die sich
als Freihändler bekennen und jeden Zollschutz unbedingt verwerfen,
es beinahe selbstverständlich finden, daß der Staat allerlei wirtschaftlichen
 und sozialen Interessen mit Unterstützungen in der einen oder
anderen Form zur Hilfe kommen soll. In Schweden ist die Form der
Gewährung von staatlichen Dariehen und zu diesem Zweck errichteter
Staatsfonds besonders beliebt. Für diese Darlehen wird ein niedrigerer
Zinsfuß berechnet als der einzelne Entlehner auf dem freien Markt hätte
bezahlen müssen, wenn er nun überhaupt Geld bekommen hätte. Ganz
überwiegend liegt auch der Zinsfuß unter demjenigen, den der Staat
selbst für seine Anleihen zu bezahlen hat. Der größte Teil der staatlichen
 Darlehensfonds ist für die Förderung der Produktion bestimmt,
wobei besonders die Landwirtschaft, aber auch das Handwerk, gewisse
Industrien und das Verkehrswesen in Betracht kommen. Es handelt
sich hier also um eine direkte staatliche Unterstützung der Produktion,
größtenteils auf Kosten der Steuerzahler, also um eine Politik, die dem
gewöhnlichen Protektionismus sehr nahe steht. Einige der Fonds sind
wieder für Konsumenten bestimmt. Dies gilt vor allem für die großen Fonds
für Beschaffung von Wohnungen. Offenbar greift der Staat auf solchen
wegen ins Wirtschaftsleben ein und gibt dem Kapital eine andere Ver-Wendung
 als es ohne dieses Eingreifen bekommen hätte. Die Politiker
glauben natürlich, daß sie durch Schaffung solcher Darlehnsfonds ein
neues Kapital zur Verfügung stellen, und sehen nicht, daß der Staat
damit nichts anderes tun kann, als mit Hilfe seines überlegenen Kredits
das Kapital des Landes von mehr lohnenden Verwendungen zu weniger
lohnenden zu überführen. Dies ist aber genau der prinzipielle Fehler,

604
        <pb n="618" />
        8 87. Der Zollschutz als Sozialpolitik. 05
wegen dessen Adam Smith und nach ihm die ganze Freihandelstheorie
jedes Eingreifen des Staates in die äußere Handelspolitik verworfen
haben. Es soll nicht geleugnet werden, daß durch derartige Maßnahmen
zuweilen wirtschaftlich oder sozialpolitisch wichtige Ergebnisse gewonnen
 werden können. Dies ist aber auch bei Zollschutz der Fall. Die
Frage ist nur, ob das, was man gewinnt, von so großem Wert ist, daß
es den unvermeidlichen Verlust rechtfertigt. Die Prüfung dieser Frage
ist ebenso notwendig bei dem einen als beim anderen Verfahren. Wenn
überhaupt ein Staatseingreifen begründet sein soll, so muß ein Kollektivnutzen
 vorliegen, der den unleugbaren Verlust im unmittelbaren Geldeinkommen
 der Gesamtheit der Individuen überwiegt.
Es ist nützlich diese Gleichstellung des Zollschutzes mit anderen
Schutzbestrebungen immer klar vor den Augen zu haben. Man gewinnt
dadurch, daß die Vorteile, die möglicherweise durch einen Zollschutz
erreicht werden können, im richtigen Licht erscheinen und einer objektiven
 Prüfung unterworfen werden können. Man gewinnt ferner —
und dies ist gewiß nicht weniger wichtig — daß die Nachteile des Staatseingreifens
 in derselben Beleuchtung hervortreten, unabhängig von der
Form des Eingreifens oder von den technischen Mitteln, deren es sich
bedient.
Die Berechtigung eines Zollschutzes zur Erreichung sozialpolitischer
 oder sagen wir allgemeiner kollektiver Vorteile, muß natürlich
immer wesentlich von den Aufopferungen, die der Zollschutz notwendig
mit sich bringt, abhängen. In diesem Zusammenhang spielt nicht nur
die Größe der Aufopferungen eine Rolle, sondern auch die Frage, welche
Klassen der Bevölkerung sie treffen und welchen Einfluß sie auf die
Produktion und damit auf die Entwicklung des ganzen Wirtschaftslebens
des Landes haben. Im allgemeinen ist ja zu befürchten, daß der Zollschutz
 das Realeinkommen gewisser Bevölkerungsgruppen und damit
ihre Lebenshaltung herabdrückt, oder die produktive Tätigkeit der
Nation nach gewissen Richtungen hin beschränkt, und daß hierdurch
ein Schaden geschaffen wird, der den Wert der Schutzpolitik in Frage
stellt. Der Fall, daß ein Zollschutz eingeführt werden kann, ohne daß
dadurch große Nachteile entstehen, muß ohne Zweifel als ein Ausnahmefall
 bezeichnet werden.
Daß es aber Fälle gibt, wo solche Bedenken gegen einen Zollschutz
nicht vorhanden sind, und wo man also mit Sicherheit sagen kann, daß
eine Zollschutzpolitik in sozialpolitischem Interesse oder mit dem Ziel
einer dauernden Erhöhung des Wirtschaftslebens des Landes möglich
ist, kann am besten mit Hilfe konkreter Beispiele gezeigt werden. Nehmen
wir zunächst der Einfachheit halber ein konstruiertes Beispiel. Ein
schwach entwickeltes Land mit reichen Goldgruben kann einen Zollschutz
 auf landwirtschaftliche Produkte einführen in der Absicht, die
Kultivierung des Bodens und die dauernde Besiedlung des Landes zu

öf
        <pb n="619" />
        _- Kap. XX. Die handelspolitischen Systeme.
befördern und damit die Grundlage für eine bestehende Kultur zu
schaffen. Natürlich wird ein solcher Zollschutz die Lebenskosten für
die Arbeiter der Goldgruben erhöhen. Es ist aber wahrscheinlich, daß
diese Kosten in der Form von erhöhten Löhnen auf die Unternehmer
abgewälzt werden. Vielleicht werden sogar die Realeinkommen der
Grubenarbeiter gesteigert. Denn da nunmehr bessere Arbeitsgelegenheiten
 in der Landwirtschaft geboten werden, muß sich eine verschärfte
Knappheit an Arbeitskraft bei den Goldgruben geltend machen. Das
Ergebnis ist, daß die Grubenausbeutung nunmehr einen kleineren Gewinn
 liefert. Dies ist damit ‚gleichbedeutend, daß ein Teil der in der
Natur vorhandenen Goldschätze die Kosten des Zollschutzes zu decken
haben. Natürlich kann eine solche Zollpolitik den Abbau der Goldgruben
 verlangsamen, aber dafür werden die Goldschätze des Landes
länger ausdauern. Es liegt eben in der Natur der hier gedachten Politik,
daß es wünschenswert ist, daß die Goldschätze so lange vorhalten, daß
man während ihres Abbaus Zeit genug hat für die angedeutete wirtschaftliche
 und kulturelle Entwicklung des Landes.. Natürlich würde
in Übereinstimmung mit der Freihandelstheorie der Gewinn oder das
Jahreseinkommen des Landes größer gewesen sein, wenn kein Zollschutz
eingeführt worden wäre. Es ist aber gar nicht sicher, daß dieses Einkommen
 der Kapitalvermehrung des Landes gedient hätte. Es ist möglich
 und vielleicht überwiegend wahrscheinlich, daß ein großer Teil der
rentenartigen Einkommen aus den Goldgruben zu Kapitalanlagen in
fremden Ländern gedient hätten. Besonders ist dies der Fall, wenn sich
die Goldgruben in der Hand einer ausländischen Unternehmung, sagen
wir einer großen internationalen Aktiengesellschaft, befinden. Der
Reichtumszuwachs des Landes wäre also nicht durch den Freihandel
befördert. Das Endergebnis einer Freihandelspolitik wäre vielleicht,
daß die Goldgruben ausgeleert wären, und daß das Land nachher ebenso
arm und unentwickelt wie vor der Entdeckung der Goldgruben sein
würde, während das Kapital, das die Unternehmer möglicherweise mit
Hilfe der Goldschätze zusammengespart hätten, im Auslande angelegt
sein würde. Mit Hilfe eines angemessenen Zollschutzes wäre es also in
diesem Falle vollständig möglich, die wirtschaftliche Entwicklung des
Landes zu fördern.
Es dürfte nicht schwierig sein, in der Wirklichkeit Fälle zu finden,
die im wesentlichen diesem konstruierten Beispiel entsprechen. Die
schwedischen Verhältnisse sind in dieser Hinsicht sehr beleuchtend. Die
größten Industrien Schwedens waren nämlich im letzten halben Jahrhundert
 Extraktivindustrien, die von den Holzbeständen der Urwälder
oder von den Eisenerzschätzen des Bodens lebten. Ein Zollschutz für
die Landwirtschaft und für gewisse andere Industrien, sagen wir die
Textilindustrien, kann also die Lage dieser Erwerbszweige und der in
ihnen beschäftigten Arbeiter auf Kosten der genannten Naturschätze

506
        <pb n="620" />
        X
erbessert und zur allgemeinen wirtschaftlichen und kulturellen Enticklung
 des Landes beigetragen haben, ohne daß dadurch irgendwelche
Last auf die Arbeiter in den Extraktivindustrien gelegt wäre. Ohne
Zweifel hat der Zollschutz, der in Wirklichkeit bestanden hat, die Lehenskosten
 der Arbeiter in den Holz- und Erzexportindustrien erhöht. Aller
ahrscheinlichkeit nach vermochten aber die Arbeiter dieser Industrien
 diese Erhöhung auf die Unternehmer abzuwälzen, mit dem Ergebnis,
 daß der Zollschutz aus den Naturschätzen bezahlt werden mußte.
Infolge des Zollschutzes wurde natürlich der Abbau der Naturschätze
weniger lohnend als er sonst gewesen wäre, und es ist möglich, daß die
Entwicklung der entsprechenden Exportindustrien dadurch etwas gehemmt
 worden ist. Dies hat aber keinen Einfluß auf die wirtschaftliche
 Entwicklung gehabt. Denn der Staat hat aus anderen Gründen,
nämlich aus berechtigter oder unberechtigter Sparsamkeit mit den
Naturmaterialien, dem Abbau derselben eine bestimmte Begrenzung
gesetzt. Das gewöhnliche Argument der Freihandelstheorie, daß die
nichtgeschützten Industrien bei Freihandel eine stärkere Entwicklung
bekommen hätten, trifft also hier nicht zu. Der größere Gewinn, der
bei Freihandel den extraktiven Industrien zugefallen wäre, wäre vielleicht
nicht im Lande geblieben, sondern zu Kapitalanlagen im Auslande verwendet.
 Gleichzeitig würde der wirtschaftliche Druck auf die in den
Extraktivindustrien nicht beschäftigte Bevölkerung wahrscheinlich eine
gesteigerte Auswanderung veranlaßt haben. Das Endergebnis wäre
dann, daß das Land sowohl an Bevölkerung wie an Kapital ärmer geesen
 wäre. Voraussichtlich wären gewisse Gegenden des Landes, die
on den Extraktivindustrien keinen Nutzen haben, sehr arm geblieben,
und gewisse Gruppen von Arbeitern, besonders vielleicht weiblichen,
in sozialpolitisch bedenkliche Lebensverhältnisse herabgedrückt. Es
cheint wahrscheinlich, daß der Zollschutz in dieser Beziehung gewissermaßen
 als ein sozialpolitischer Schutz gewirkt und Schädlichkeiten, die
dennoch nicht ganz zu entgehen waren, jedenfalls nicht unwesentlich
gemildert hat. Die allseitigere Entwicklung des schwedischen Wirtschaftslebens,
 die unter dem Zollschutz möglich war, hat wohl auch dazu
beigetragen, das innere Transportwesen des Landes aufseine gegenwärtige
Höhe zu bringen. Man kann also sagen, daß Schweden seine reichen
Naturschätze zum Teil dazu verwendet hat, die soziale und wirtschaftliche
 Entwicklung des Landes günstiger zu gestalten, als sie ohne Eingreifen
 des Staates hätte sein können. Der Zollschutz hat ungefähr so
gewirkt wie eine Besteuerung der Naturschätze des Landes zur Förderung
 der hier angedeuteten sozialpolitischen und wirtschaftlichen Ziele,
Diese Analyse der wahrscheinlichen Wirkungen des schwedischen
ollschutzsystems hat eine wichtige prinzipielle Bedeutung. Sie soll
öer gar nicht als eine Darstellung einer zielbewußten Politik aufgefaßt
werden. Die Zollpolitik Schwedens: ist ebenso unklar und von zu-66
        <pb n="621" />
        608 Kap. XXI. Theorie des internationalen Handels.
fälligen, privatökonomischen Gesichtspunkten bestimmt gewesen, wie
dies in anderen Ländern der Fall gewesen ist. Die konkreten Voraussetzungen
 für eine vorteilhafte Zollschutzpolitik waren nur in Schweden
besonders günstig. Es ist schon zweifelhaft, ob diese Voraussetzungen
nunmehr in demselben Maße bestehen. Es dürfte überhaupt wenige
Länder geben, die mit solchen Voraussetzungen rechnen können.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Theorie des internationalen Handels.
8 88. Der internationale Handel als ein Valutaproblem.
Der internationale Handel ist ein Handel zwischen Gebieten, die
sich als selbständige wirtschaftliche Einheiten auffassen. Eine solche
Auffassung kommt darin zum Ausdruck, daß innerhalb des Gebietes
die Idee einer gewissen wirtschaftlichen Interessengemeinschaft sich
so weit geltend zu machen vermag, daß sie in irgendeiner Form eine
bewußte Vertretung des gemeinsamen Interesses veranlaßt. Sucht nun
diese Vertretung den Handel nach außen irgendwie zu beeinflussen, so
entsteht eine internationale Handelspolitik. Das wichtigste Mittel zur
Durchführung einer Handelspolitik ist eine bestimmte Zollgrenze, und
für die moderne Auffassung tritt wohl das von einer Zollgrenze umschlossene
 Zollgebiet als die wesentliche handelspolitische Einheit hervor.
 Der internationale Handel ist nach dieser Auffassung ein Handel
zwischen verschiedenen Zollgebieten. Von diesem Gesichtspunkt aus
haben wir im vorigen Kapitel den internationalen Handel behandelt. Es
ist aber offenbar, daß mit einer solchen Begriffsbestimmung einem
technischen Moment ein‘ ungebührliches Gewicht beigelegt wird. Zölle
sind ja keineswegs eine notwendige Veranstaltung für die Existenz
eines internationalen Handels. Bei einer theoretischen Betrachtung ist
es wohl das natürlichste, zunächst vorauszusetzen, daß keine solchen
künstlichen Schwierigkeiten dem internationalen Handel in den Weg
gelegt werden. Das Charakteristikon des internationalen Handels muß
deshalb in der wesentlichen Natur der wirtschaftlichen Selbständigkeit
der in Frage kommenden Gebiete gesucht werden.
Nun muß die Theorie des internationalen Handels wie jede ökonomische
 Theorie in erster Linie eine Theorie der Preisbildung sein.
Sobald wir aber die Preisbildung in, sagen wir zwei verschiedenen
Ländern unter den Einfluß eines Handels zwischen denselben studieren
wollen, so müssen wir ein Geldsystem für jedes Land postulieren. Die

sn
kn as
        <pb n="622" />
        $ 88. Der internationale Handel als ein Valutaproblem. 9
allgemeinste Voraussetzung ist dann, daß diese Geldsysteme voneinander
unabhängig sind. Wir dürfen also davon ausgehen, daß die wirtschaftliche
 Selbständigkeit jedes Landes in erster Linie in einer selbständigen
Valuta zum Ausdruck kommt. Wir können uns diese Valuta als eine
freie Papiervaluta denken, die das Land durch eine geeignete Zahlungsmittelversorgung
 autonom reguliert. Der internationale Handel ist
dann wesentlich als ein Handel zwischen Ländern mit selbständigen
Valuten aufzufassen. Mit dieser Begriffsbestimmung treffen wir den
Kern der neuen Erscheinungen, die wir zu analysieren haben, wenn wir
das Studium der Preisbildung über ein einheitliches Gebiet hinaus ausdehnen
 wollen. Es zeigt sich, daß diese Auffassung des Wesens des
internationalen Handels sehr geeignet ist für eine Darstellung der
Theorie desselben, und wir wollen die angegebene Begriffsbestimmung
als den Ausgangspunkt für die folgenden Untersuchungen wählen.
Goldwährungsländer haben gewissermaßen eine gemeinsame Grundlage
 ihrer Valuten. Im wesentlichen sind aber solche Valuten nach der
in diesem Werke vorgeführten Auffassung als selbständige Papiervaluten
aufzufassen, die bewußt so reguliert werden, daß sie in ungefährer
Parität mit Gold und dadurch auch mit anderen Goldwährungen aufrechterhalten
 werden. Dieser Fall ist somit als ein Spezialfall unserer
allgemeinen Voraussetzung selbständiger Valuten aufzufassen, ein
Spezialfall, der dadurch gekennzeichnet wird, daß ein spezielles Ziel
für die Regulierung der Valuta gesetzt wird.
Es kommt zuweilen vor, daß selbständige Länder wie man sagt
eine „gemeinsame‘‘ Valuta haben. Dies war z. B. vor dem Kriege mit
den skandinavischen Ländern der Fall, sowie auch mit den Ländern
der lateinischen Münzunion. Solche Länder haben aber in Wirklichkeit
 jedes für sich eine selbständige Valuta. Jedes Land ist für die
Aufrechterhaltung seiner Valuta in der bestimmten Parität verantwortlich
 und muß zu diesem Zweck eine eigene Valutapolitik treiben.
Auch wenn die Einheit auf dem Gebiete des Geldwesens so weit geht,
daß die verschiedenen Valuten der Union immer al pari gekauft und
verkauft werden, wie dies in der früheren skandinavischen Münzunion
auf Grund eines Übereinkommens zwischen den Zentralbanken geschah,
so besteht dennoch dieses wesentliche Merkmal einer selbständigen
Valuta. Die verschiedenen deutschen Staaten sind dagegen im hier
gedachten Sinne keine selbständigen Einheiten. Denn sie haben in
Wirklichkeit eine gemeinsame Valuta, die von einer einzigen Organisation,
 der Reichsbank, beherrscht wird. Die Vereinigten Staaten von
Nordamerika haben zwar nach außen eine einheitliche Valuta. Es war
aber lange ein Problem, die Dollarvaluten der verschiedenen Staaten
in Parität miteinander zu halten. Nach der Errichtung des Federal
Reserve Systems ist dieses Problem allmählich gelöst worden. Da
‚dieses System unter der obersten Leitung des Federal Reserve Boards
C assel, Theoret, Sozialökonomie. 4. Aufl. 39

eu.
        <pb n="623" />
        Kap. XXI. Theorie des internationalen Handels.
steht, so herrscht wohl im wesentlichen innerhalb der Union eine Valutagemeinschaft,
 obwohl die zwölf verschiedenen Federal Rerserve Banken
so weit autonom sind, daß jede eine gewissermaßen selbständige Valutapolitik
 mit eigenen Diskontsätzen zu treiben hat, um die Dollarparität
aufrecht zu erhalten. Ein Studium des Handels zwischen den verschiedenen
 Federal Reserve Distrikten und seiner Bedeutung für die
Aufrechterhaltung der Dollarparität würde aber sicher ein großes
Interesse darbieten und ein gutes Licht auf das sehr verwandte Problem
des internationalen Handels werfen. — Im folgenden werden wir ein
Gebiet mit selbständiger Valuta einfach als ein ‚Land‘ bezeichnen,
Betrachten wir nun den einfachen Fall, daß nur zwei miteinander
handelnden Länder A und B vorhanden sind, und denken wir uns den
Wechselkurs zwischen den beiden Ländern als den Preis der B-Valuta
im ‚Gelde des Landes A ausgedrückt! Ist dieser Wechselkurs hinreichend
 hoch, so werden alle Waren des Landes B zu teuer für das
Land A, und eine Wareneinfuhr von B nach A kann überhaupt nicht
stattfinden. Dagegen werden die Waren des Landes A sehr billig im
Lande B, und wenn der Wechselkurs hinreichend hoch ist, wird man
im B alle Waren des Landes A einführen anstatt dieselben zu Hause
zu produzieren.
Ist der Wechselkurs hoch, ohne eine solche Höhe zu erreichen,
daß er auf die Wareneinfuhr von B nach A prohibitiv wirkt, so muß
er dennoch diese Wareneinfuhr stark beschränken und gleichzeitig die
Ausfuhr von A erleichtern. Die Folge ist dann, daß A einen starken
und dauernden Überschuß in seinem Handel mit B bekommt.‘ Umgekehrt
 muß ein sehr niedriger Wechselkurs zu einem ständigen Defizit
in der Handelsbilanz des Landes A führen. Offenbar muß zwischen
diesen Extremen ein Punkt vorhanden sein, wo A ebensoviel von B
kauft wie es nach B verkauft, und wo also die Handelsbilanz in Gleichgewicht
 kommt. Wir setzen dabei-voraus, daß alle Waren unmittelbar
bezahlt werden, daß mit anderen Worten das eine Land dem anderen
keinen Kredit gibt — wenigstens nicht für längere Zeit als es für die
Ausgleichung der gegenseitigen Zahlungen technisch notwendig ist.
Der gedachte Punkt bezeichnet dann die Gleichgewichtslage für den
Wechselkurs; denn in anderen Lagen muß für das eine oder das andere
Land kin dauernder Mangel der fremden Valuta entstehen, der den Preis
dieser Valuta notwendig in die Höhe treiben muß. Nur ein Wechselkurs,
 bei welchem sich die Handelsbilanz ausgleicht, kann eine dauernde
Stabilität besitzen. Wir nennen diesen Wechselkurs die Kaufkraftparität
 (vgl. 8 60).
Aus diesen einfachen Überlegungen können wir gleich ein wichtiges
 Ergebnis holen. Ein Land kann nie im Handel mit einem anderen
Land.eine allgemeine Überlegenheit haben und auch nie in der Konkurrenz
 so unterliegen, daß es keine Produkte nach dem anderen Land

610
        <pb n="624" />
        $ 88. Der internationale Handel als ein Valutaproblem. N
verkaufen kann. Es gibt überhaupt keine absolute Überlegenheit in
dem Sinne, daß das eine Land billiger produziert als das andere. Ein
solcher Vergleich kann nur bei einem bestimmten Wechselkurs gemacht
werden. Mag das eine Land technisch und organisatorisch hinter dem
anderen zurückgeblieben sein, mag es schlechter mit Boden und Kapital
und geschulter Arbeitskraft ausgerüstet sein, es gibt jedoch immer ein
Wechselkurs, bei welchem es ebensoviel Waren an das reichere
Land verkaufen kann, wie es von diesem Land kauft, und bei welchem
also. ein Gleichgewicht im Handel mit dem anderen Land zustande
kommt. Es gibt immer Produktionszweige, die für das ärmere Land
relativ günstig liegen, und in diesen Produktionszweigen wird das Land
notwendig bei einem passenden Wechselkurs exportfähig. Die Produktionskosten
 sind ein Begriff, der sich auf die innere Preisbildung
eines Landes bezieht, und ein Vergleich der Produktionskosten zweier
Länder ist nur möglich bei einem bestimmten Wechselkurs. Der Wechselkurs
 muß sich nun eben so einstellen, daß Schwäche und Stärke mit
Bezug auf Produktionskosten sich derart ausgleichen, daß die Handelsbilanz
 in Gleichgewicht kommt.
Mit dieser Betrachtung ist nicht nur die klassische Lehre von den
„komparativen Kosten‘‘ in ihrer einfachsten und zugleich allg&amp;amp;meinsten
Form klargemacht, sondern auch der Grund gelegt für die Beantwortung
einer Reihe von Fragen, die gewöhnlich in den handelspolitischen Auseinandersetzungen
 eine große Rolle spielen. Die weit verbreitete Vorstellung,
 daß ein unentwickeltes Land einen Zollschutz braucht, um
sich überhaupt in der Konkurrenz mit einem vorgeschritteneren Lande
geltend machen zu können, erscheint jetzt als ein Mißverständnis der
elementaren Voraussetzungen eines internationalen Handels. Dasselbe
 gilt natürlich von der Vorstellung, daß ein reiches Land, das infolge
 eines hohen Lebensstandards hohe Produktionskosten hat, in der
Konkurrenz mit anderen Ländern mit niedrigerer Lebenshaltung unterliegen
 muß. Wir werden im folgenden zu diesen praktischen Fragen
zurückkommen. *
Es ist jetzt zunächst notwendig, die Bedeutung des Namens „„Kaufkraftparität‘‘
 näher klarzulegen. Ein direkter Vergleich zwischen der
Kaufkraft des Geldes in zwei verschiedenen Ländern ist wohl nicht im
exakten Sinne möglich. Wenn wir uns aber mit einem allgemeinen
groben Urteil begnügen, so bietet es keine Schwierigkeit festzustellen,
daß die Kaufkraft des Geldes in einem Lande wesentlich höher ist als
in einem anderen. Wenn, um ein Beispiel von einer freilich schon vergangenen
 Periode zu nehmen, alles in Frankreich nominell, d. h. in
den Geldeinheiten des Landes gerechnet, etwa hundertmal so teuer ist
wie in England, so ist dies eine so offenbare Tatsache, daß das Publikum
es ganz selbstverständlich findet, daß die französische Valuta nur ein
Hundertstel des Wertes der englischen haben kann, daß mit anderen
20*

61
        <pb n="625" />
        u Kap. XXI. Theorie des internationalen Handels.
Worten ein Pfund Sterling etwa hundert Franken gleichgestellt wird.
Der natürliche Wechselkurs für das Pfund Sterling in französichen
Franken gemessen liegt also in der Nähe von 100. Mit diesem Wechselkurs
 wird die Kaufkraft des Geldes in den beiden Ländern ungefähr
ausgeglichen, so daß man für eine gewisse Geldsumme ungefähr ebensoviel
bekommt, wenn man sie ins französische oder englische Geld umwechselt.
 In diesem groben Sinne können wir sagen, daß der Wechselkurs
 eine Parität zwischen der Kaufkraft des ‘Geldes in den beiden
Ländern darstellt, und der Name ‚„‚Kaufkraftparität‘“ ist damit gerechtfertigt.
 Es ist zugleich klar, daß diese Kaufkraftparität der wesentliche
 Bestimmungsgrund des Wechselkurses sein muß. Ein direkter
Vergleich der Kaufkraft des Geldes in den beiden Ländern ermöglicht
uns gewiß nicht den Wechselkurs exakt zu berechnen, aber zeigt doch
unmittelbar, warum das Pfund Sterling nicht etwa gleich einem
Franken sein kann, sondern irgendwo in der Nähe von hundert Franken
liegen muß. Wenn die Engländer in Schilling anstatt in Pfund zu
rechnen begönnen, so würde der Wechselkurs auf ein Zwanzigstel seiner
früheren Gleichgewichtslage herabgesetzt werden, eben weil das neue
englische Geld dann nur ein Zwanzigstel der Kaufkraft des früheren hätte.
Der Wechselkurs muß sich also so einstellen, daß bei Umwechslung
 von einem Gelde zu einem anderen eine gewisse Summe ungefähr
dieselbe Kaufkraft behält. Wenn man sich zuweilen vorstellt, daß eine
Geldsumme, bei einem Wechselkurs in Gleichgewichtslage, eine viel
höhere Kaufkraft in dem einen Lande als in dem anderen hat, dürfte
dies meistens ein Fehl@&amp;amp;schluß aus ganz ungenügenden Beobachtungen
sein. Wenn z. B. das reisende Publikum zu dem Ergebnis kommt, daß
das Leben in einem reichen Lande viel teurer ist als in einem anderen,
und daraus den Schluß zieht, daß die Kaufkraft des Geldes im ersten
Lande wesentlich kleiner ist als diejenige in dem anderen, so beruht
dieser Schluß überwiegend auf dem Umstand daß die Reisekosten des
Publikums in hohem Grade von den Preisen persönlicher Dienste abhängig
 sind und deshalb besonders hoch sein müssen in einem reichen
Lande mit hohen Arbeitslöhnen. Glaubt man feststellen zu können,
daß eine große und repräsentative Menge von Waren in einem Lande
teurer ist als in einem anderen, so muß man immer untersuchen, ob es
doch auch nicht einige wichtige Waren oder Dienste gibt, die billiger
sind. Denn wäre dies nicht der Fall, so wäre es unmöglich zu erklären,
wie ein Gleichgewicht im internationalen Handel beim bestehenden
Wechselkurs zustandekommen könnte.
Andererseits ist wie schon betont ein exakter Vergleich zwischen
der Kaufkraft des Geldes im einen und dem anderen Lande nicht möglich.
 Überhaupt haben wir keinen zuverlässigen Maßstab für die absolute
 Kaufkraft einer Valuta in ihrem eigenen Lande. Was wir mit
Indexziffern feststellen können ist lediglich die relative Veränderung

612
        <pb n="626" />
        $ 88. Der internationale Handel als ein Valutaproblem. “3
dieser Kaufkraft von Zeit zu Zeit. Wenn solche Veränderungen in der
Kaufkraft der zu Vergleich stehenden Valuten stattgefunden haben,
so müssen diese sich im Wechselkurse wiederspiegeln. Gehen wir von
der Voraussetzung aus, daß bei konstanter Kaufkraft des Geldes in
beiden Ländern der Wechselkurs zwischen ihnen eine längere Zeit in
Gleichgewicht gewesen ist, so können wir diesen Wechselkurs als eine
in der Erfahrung gegebene Kaufkraftparität betrachten. Treten nun
Veränderungen in der inneren Kaufkraft der Valuten ein, so können
wir die neue Kaufkraftparität, die nach diesen Veränderungen zustande
kommt, dadurch berechnen, daß wir die alte Kaufkraftparität mit
der Quote der Veränderung der inneren Kaufkraft der einen oder der
anderen Valuta multiplizieren. Diese Betrachtungsweise setzt natürlich
voraus, daß inzwischen keine solchen Veränderungen der Bedingungen
des internationalen Handels eingetreten sind, die die Gleichgewichtslage
 des Wechselkurses, also die Kaufkraftparität, auch bei konstantem
Geldwert verändert haben würden. Große Umwälzungen in der inneren
Kaufkraft des Geldes haben aber einen weit größeren Einfluß auf denr
Wechselkurs als irgendwelche Veränderungen in den realen Bedingungen
 des internationalen Handels, die überhaupt in Frage kommen,
Für eine erste approximative Berechnung der neuen Gleichgewichtslage
 des Wechselkurses nach großen monetären Umwälzungen ist also
das hier angegebene arithmetische Verfahren genügend,
Die Veränderungen in der Gleichgewichtslage des Wechselkurses,
die bei konstantem Geldwert in beiden Ländern stattfinden können,
sind der Natur der Sache nach gewöhnlich ziemlich beschränkt. Denn
wenn ein Land in reger Handelsverbindung mit einem anderen steht,
so gibt es eine große Menge Waren, die möglicherweise eingeführt oder
ausgeführt werden können. Bei dem bestehenden Wechselkurs kommt
aber eine Einfuhr oder eine Ausfuhr nur in einem bestimmten Umfang
 zustande. Denken wir uns jetzt, daß bei unverändertem Geldwert
 eine kleine Verschiebung im Wechselkurs eintritt, so wird diese
Verschiebung eine verhältnismäßig bedeutende Veränderung des Umfanges
 der tatsächlich möglichen Einfuhr bewirken und gleichzeitig
die Ausfuhr in entgegengesetzter Richtung beeinflussen und also eine
verhältnismäßig große Verschiebung in der Handelsbilanz von der Gleichgewichtslage
 herbeiführen. Starke Kräfte werden dadurch in Bewegung
gesetzt um den Wechselkurs nach seiner früheren Gleichgewichtslage
zurückzuführen. Dies bedeutet, daß der Wechselkurs in der Gleichgewichtslage
 — immer unter Voraussetzung konstanten Geldwerts —
eine große Stabilität, also eine bedeutende Widerstandskraft gegen Veränderungen
 in den realen Bedingungen des internationalen Handels,
welche den Kurs in die eine oder andere Richtung zu verschieben tendieren,
 besitzt.
Die Voraussetzung eines konstanten inneren Geldwertes in jedem

61:
        <pb n="627" />
        ; Kap. XXI. Theorie des internationalen Handels.
der ‚betrachteten Länder ist hier von wesentlicher Bedeutung. Denn
gegenüber Veränderungen in der inneren Kaufkraft des Geldes des
einen oder anderen Landes besitzt der Wechselkurs überhaupt keine
Widerstandskraft, sondern muß sich solchen Veränderungen in vollständiger
 Passivität anpassen. Wenn wir also die hier definierte Gleichgewichtslage
 des Wechselkurses als ‚„„Kaufkraftparität‘‘ bezeichnen, so
ist also dieser Name auch dadurch gerechtfertigt, daß der vom Gesichtspunkt
 der Aktualität seiner Wirkung ungleich wichtigste Faktor
in der Bestimmung dieses Wechselkurses die innere Kaufkraft der
Valuta in den beiden Ländern ist. Denken wir uns, daß bei unveränderter
 Preishöhe in A sämtliche Preise im Lande B auf das Zehnfache
 gesteigert werden, und daß also die innere Kaufkraft der B-Valuta
 auf ein Zehntel herabgedrückt wird, ohne daß irgendwelche
Veränderung in der relativen Höhe der verschiedenen Preise eintritt,
so bleiben die Bedingungen für den Handel mit A absolut dieselben
als vorher, wenn nur der Wechselkurs auf ein Zehntel des früheren
Wertes herabgedrückt wird. Der Wechselkurs muß also unter den
genannten Voraussetzungen proportional mit der inneren Kaufkraft
der B-Valuta fallen oder steigen. Ebenso muß er sich bei einer Geldwertsveränderung
 in A in umgekehrtem- Verhältnis zur inneren Kaufkraft
 der A-Valuta bewegen. Bei großen Veränderungen in der inneren
Kaufkraft, wie sie bei starken Inflations- oder Deflationsprozessen vorkommen,
 sind wie schon bemerkt die entsprechenden Veränderungen
der Gleichgewichtslage des Wechselkurses ungleich größer als irgendwelche
 Veränderungen, die von anderen Ursachen hervorgerufen werden
können.
Der Wechselkurs wird also in erster Linie von den Veränderungen
der inneren Kaufkraft der beiden zu Vergleich stehenden Valuten bestimmt.
 Seitdem die Theorie der Kaufkraftparität die Aufmerksamkeit
auf die Bedeutung der relativen Preishöhe der beiden zu Vergleich
stehenden Länder gerichtet hatte, ist es, besonders von statistischer
Seite, oft geltend gemacht worden, daß die Gleichgewichtslage des
Wechselkurses ausschließlich von den Preisindexziffern der Exportund
 Importwaren bestimmt werden müßte. Wir sehen jetzt, worin
der Fehler dieser Auffassung liegt. Nehmen wir an, daß die Preise
sämtlicher Exportwaren des Landes B verdoppelt würden, während
alle anderen Preise in B unverändert blieben, so kann der Wechselkurs
 dadurch unmöglich auf die Hälfte herabgedrückt werden; denn
schon ein weit geringerer Fall im Wechselkurs wird die latente Exportmöglichkeit
 für eine Masse von anderen Waren des Landes B auslösen
und einen weiteren Fall im Wechselkurs verhindern. Diese hemmende
Wirkung wird verstärkt durch die Erschwerung der Einfuhr von A,
die durch den Fali des Wechselkurses veranlaßt wird, und ist im ganzen
so stark, daß die gedachte Verdoppelung der Exportpreise den Wechsel-614
        <pb n="628" />
        $ 88. Der internationale Handel als ein Valutaproblem. I
kurs lange nicht auf die Hälfte herabzudrücken vermag. Natürlich ist
aber die allgemeine innere Kaufkraft der B-Valuta gefallen, und insofern
 muß ein entsprechender Fall im Wechselkurs erwartet werden.
Darüber hinaus tritt wohl eine gewisse Senkung des Wechselkurses ein
als Folge der für den äußeren Wert der B-Valuta besonders ungünstigen
Verteilung der Preissteigerung.
Wenn wir jetzt das spezifische Problem des internationalen Handels
unabhängig von Veränderungen des Geldwerts betrachten wollen, so
müssen wir voraussetzen, daß die Kaufkraft des Geldes in jedem der
betrachteten Länder konstant bleibt. Diese Voraussetzung hat aber
keine absolute Bedeutung. Sie kann ja nur so ausgedrückt werden,
daß das allgemeine Preisniveau unverändert bleiben soll. Das allgemeine
Preisniveau ist aber nur ein statistischer Begriff und ist auch als solcher
sehr unvollkommen. Besonders muß beachtet werden, daß wir keine
Möglichkeit haben, die Bedingung des konstanten Preisniveaus für zwei
verschiedene Länder in identischer Weise festzustellen. Immerhin
können wir — wenigstens wenn nicht allzu große und tiefgreifende Umwälzungen
 im Wirtschaftsleben irgendeines der betreffenden Länder
in Frage stehen — unsere Voraussetzung mit genügender Genauigkeit
ausdrücken, um das Problem desinternationalen Handels bei konstantem
Geldwert als ein selbständiges Problem hervortreten zu lassen.
Bei der theoretischen Analyse einer ökonomischen Frage von nichtmonetärer
 Natur sollten wir uns zur Regel machen, von vornherein die
Voraussetzung eines unveränderten Geldwerts einzuführen, wobei wir
uns das Geld als eine rationell regulierte Papiervaluta vorzustellen
haben. In dieser Weise haben wir in der Tat in den beiden ersten Büchern
dieses Werks die ganze Theorie der Preisbildung behandelt. Eine
solche Voraussetzung bedeutet, daß die Zahlungsmittelversorgung so
reguliert wird, daß das allgemeine Preisniveau, trotz aller ökonomischen
Veränderungen, konstant bleibt. Damit ist jede Wirkung der ökonomischen
 Erscheinungen auf den Geldwert von vornherein ausgeschlossen.
Wenn wir also in irgendeiner Untersuchung zu dem Ergebnis kommen,
daß eine Steigerung gewisser Preise eintreten muß, so müssen wir daraus
schließen, daß diese Steigerung von einer Senkung anderer Preise aufgewogen
 werden muß. Auch wenn wir nicht genau sagen können,
welche diese Preise sind, so besteht jedenfalls die Notwendigkeit einer
solchen Preissenkung.
Was jetzt gesagt ist, gilt nun auch für die Theorie des internationalen
 Handels. Wenn wir auf diesem Gebiete die Erscheinungen,
die ihren Grund in nicht monetären Ursachen haben, studieren wollen,
so müssen wir einen unveränderten Geldwert in jedem der betrachteten
Länder voraussetzen. Die Veränderungen der realen Bedingungen des
internationalen Handels können dann keine Wirkung auf das allgemeine
Preisniveau in dem einen oder anderen Lande haben. Dagegen können

61:
        <pb n="629" />
        Kap. XXI. Theorie des internationalen Handels.
sie immer noch einen Einfluß auf den Wechselkurs ausüben, und das
Studium dieses Einflusses, den wir vielleicht als „intervalutarisch‘“ bezeichnen
 können, gehört selbstverständlich der Theorie des internationalen
 Handels,
Formell erscheint dieses Problem in einer anderen Gestalt, wenn
wir Länder mit Goldwährung betrachten. Zwar ist die Goldwährung
nach der in diesem Werke geltend gemachten Auffassung auch eine
Papierwährung. Diese Papierwährung wird aber reguliert, nicht mit
dem Zweck, die innere Kaufkraft des Geldes konstant zu halten, sondern
mit dem Zweck, die Goldparität der Valuta aufrecht zu erhalten. Nehmen
wir an, daß das Land B ein großes Land ist, welches die Goldvaluta
immer aufrecht erhält, und nehmen wir auch der Einfachheit halber an,
daß dies bei einem konstanten Preisniveau gelingt, so wird das Land A
nur dafür zu sorgen haben, daß seine Valuta in Goldparität gehalten
wird, was darin zum Ausdruck kommt, daß der Wechselkurs auf B
konstant bleibt. Diejenigen Faktoren, die unter unseren früheren Voraussetzungen
 Veränderungen des Wechselkurses hervorgebracht haben
würden, werden jetzt anstatt dessen Veränderungen im allgemeinen
Preisniveau des Landes A zur Folge haben. Die neue Form ändert
nichts im wesentlichen Ursachszusammenhang des früher betrachteten
Falles.. Wenn unter Voraussetzung von Papiervaluten mit fester innerer
Kaufkraft der Wechselkurs auf B infolge veränderter Bedingungen des
internationalen Handels gestiegen wäre, so führt dieselbe Ursache jetzt
bei konstantem Wechselkurs zu einer Senkung des allgemeinen Preisniveaus
 im Lande A. Wir können also die intervalutarischen Wirkungen
 des internationalen Handels auch bei Goldwährung studieren,
was offenbar in manchen Fällen notwendig ist, wenn wir das Problem
auf Grundlage eines tatsächlichen Materials studieren wollen, Offenbar
ist aber die Voraussetzung von Papiervaluten mit fester innerer Kaufkraft
 ungleich vorteilhafter für die theoretische Klarlegung des Problems.
8 89. Die Preisbildung bei internationalem Handel.
Die Bedingungen dafür, daß ein internationaler Handel zwischen
zwei Ländern zustandekommen soll, ist, daß eine gewisse Ungleichheit
in den Güterpreisen besteht, und daß diese Ungleichheit auf einigen
Punkten hinreichend stark ist, um das Hindernis der Überführungskosten
 zu überwinden. Die bewegende Kraft des internationalen Handels
ist also die Ungleichmäßigkeit der Preise in den verschiedenen Ländern,
die wiederum in der Verschiedenheit der gegebenen Faktoren der Preisbildung,
 also der Versorgung mit elementaren Produktionsfaktoren;
der technischen Koeffizienten und der Beschaffenheit der Nachfrage,
gegründet ist. Der internationale Handel hat gewiß, wie wir unten näher

616
        <pb n="630" />
        8 89. Die Preisbildung bei internationalem Handel. a7
sehen werden, eine Tendenz, die Ungleichmäßigkeit der Güterpreise
auszugleichen. Dazu kommt es aber niemals. Die Preisbildung erreicht
schon vorher eine Gleichgewichtslage, wo die Verschiedenheit in den
wirtschaftlichen Voraussetzungen der beiden Länder der preisausgleichenden
 Tendenz des internationalen Handels «standhält. Diese
Gleichgewichtslage gilt es jetzt näher zu studieren.
Wenn zwei früher isolierte Länder in Handelsverbindung miteinander
 treten, so bedeutet dies eine ziemlich weitgreifende Umwälzung
in allen wirtschaftlichen Verhältnissen. Im Lande A werden die Produktionszweige,
 die verhältnismäßig teuer arbeiten, aufgegeben, dafür
werden aber andere Produktionszweige, wo A eine relative Überlegenheit
 besitzt, stärker entwickelt. Dasselbe findet in B statt. Das Ergebnis
 ist also zunächst eine Arbeitsteilung. Dieselbe braucht wohl
nicht sämtliche Produktionszweige zu umfassen, denn es gibt in der
Regel auch Produktionszweige, in welchen überhaupt kein Austausch
zwischen den beiden Ländern möglich ist. Die Arbeitsteilung führt
zu einer durchgreifenden Veränderung der ganzen Preisbildung in den
beiden Ländern. Denn im Lande A müssen die Preise der von B eingeführten
 Güter nunmehr mit den in B herrschenden Preisen mit Zuschlag
 von den Überführungskosten übereinstimmen und sind also andere,
als sie vor dem Zustandekommen des internationalen Handels waren,
Auch die Preise der nachB ausgeführten Güter sind in der Regel andere,
weil sie jetzt auch Gegenstände einer Nachfrage von B sind. Wenn
aber so wichtige Veränderungen in der Preisbildung eintreten, So verändert
 sich die ganze Preisbildung, die, wie wir wissen, einen großen zusammenhängenden
 Prozeß bildet.
Die Güter, die ausgetauscht werden können, sind im allgemeinen
nicht nur fertige Güter, sondern auch elementare Produktionsfaktoren
und Zwischenprodukte auf allen Stufen. Die Bedingung für den Austausch
 ist, daß die Überführungskosten überwunden werden können,
Diese Bedingung stellt sich nun sehr verschieden für verschiedene
Güter. ‚Für eine Reihe von Gütern ist sogar jede Überführung ausgeschlossen.
 Dies gilt für einen elementaren Produktionsfaktor wie den
Grund und Boden, aber auch in sehr weitem Umfang für fertige Güter,
wie z. B. Wohnungen, Beachten wir, daß die Produktion nach unserer
Auffassung derselben nicht vollendet ist, bevor das fertige Gut dem
Konsumenten zur Verfügung gestellt worden ist, so ist eine Überführung
 im strengen Sinne fertiger Güter in den meisten Fällen ausgeschlossen.
 Das fertige Essen, das in einem Restaurant serviert wird,
kann zwar allen möglichen fremden Ländern entstammende Bestandteile
enthalten, ist jedoch in seiner schließlichen Gestalt ein einheimisches
Produkt. Der Gegenstand des internationalen Handels ist also überwiegend
 Zwischenprodukte.
Die Theorie des internationalen Handels hat meistens auf der Vor-6l‘
        <pb n="631" />
        Kap. XXI. Theorie des internationalen Handels.
aussetzung einer vollständigen Unbeweglichkeit der elementaren Produktionsfaktoren
 und einer mehr oder weniger vollständigen Beweglichkeit
 der fertigen Produkte gebaut, und hat dementsprechend ihre
eigentliche Aufgabe im Studium der ausgleichenden Wirkung des
Handels direkt auf die Preise der fertigen Produkte, und über diese
auf die Preise der elementaren Produktionsfaktoren gesehen. Eine
solche Auffassung des Problems ist aber keineswegs in der Natur der
Sache gegründet. Ein Austausch zwischen den beiden Ländern kann
auf allen Stufen von den elementaren Produktionsfaktoren bis an die
fertigen Güter stattfinden, und dieser Austausch hat überall eine gewisse
preisausgleichende Wirkung. Wenn diese Wirkung direkt die Preise der
elementaren Produktionsfaktoren trifft, so bewirkt sie auch indirekt
einen gewissen Ausgleich der Preise der mit ihrer Hilfe produzierten
fertigen Güter. Es bestehen nun, wie wir unten näher sehen werden,
charakteristische Unterschiede zwischen einem solchen Ausgleich in
der Richtung der Produktion und einem Ausgleich in entgegengesetzter
Richtung. Dieser ist schwächer als jener. Das Problem ist aber insofern
 symmetrisch, daß sämtliche Preise in demselben prinzipiell
dieselbe Stellung einnehmen. Das Problem der Preisbildung bei internationalem
 Handel weicht in dieser Beziehung nicht von dem Problem
der Preisbildung in einem isolierten Lande ab. Diese kann nun, wie wir
wissen, nur durch ein System simultaner Gleichungen dargestellt werden.
Dasselbe gilt deshalb notwendigerweise für das uns jetzt beschäftigende
Problem. Unsere Aufgabe ist also, den allgemeinen Charakter des
Gleichungssystems, das die Preisbildung bei internationalem Handel
repräsentiert, klarzulegen.
Wir müssen dabei davon ausgehen, daß der Handel zwischen den
beiden Ländern A und B zu einem Gleichgewicht gekommen ist, und
wir haben die Bedingung für das Bestehen dieses Gleichgewichts zu
untersuchen. Wir können dann, wie in unserer Behandlung des allgemeinen
 Preisbildungsproblems, die Preise der elementaren Produktionsfaktoren
 als unbekannte wählen. Wir haben jetzt zwei Reihen von
solchen Preisen, nämlich eine für das Land A und eine für das Land B.
Es kommt aber jetzt ein neuer Unbekannter hinzu, nämlich der Wechselkurs
 zwischen den beiden Ländern. Das Auftreten dieses neuen Unbekannten
 ist .es in der Tat, was die Preisbildung bei internationalem
Handel als ein selbständiges Problem kennzeichnet.
Denken wir uns nun vorläufig alle diese Unbekannten als gegeben,
so können wir die Produktionskosten und also auch die Preise der
fertigen Güter berechnen, sowohl unter Voraussetzung, daß sie in A,
wie daß sie in B produziert werden. Wir sehen dann für jedes fertige
Gut, welcher der niedrigere Preis ist. Wenn Überführungskosten in
Frage kommen, können wir diese Kosten im Preise der Importware anschlagen.
 Wir wissen dann, ob die Heimatware oder die Importware

618
        <pb n="632" />
        8 89. Die Preisbildung bei internationalem Handel. 9
billiger ist und haben den niedrigen Preis zu wählen. Der höhere Preis
kommt nicht weiter in Betracht. In dieser Weise können wir sämtliche
 Preise der fertigen Güter sowohl für A wie für B berechnen. Damit
ist aber die Nachfrage bestimmt. Wir wissen wieviel von jedem Gut
in A und B nachgefragt wird und wir wissen damit auch, wieviel für
die Befriedigung dieser Nachfrage von den verschiedenen elementaren
Produktionsfaktoren in beiden Ländern in Anspruch genommen wird.
Diese Mengen müssen nun bei Gleichgewicht mit den gegebenen Quantitäten
 dieser elementaren Produktionsfaktoren in jedem der Länder
übereinstimmen. Damit haben wir eine Zahl von Gleichungen, die der
Zahl der unbekannten Preise der elementaren Produktionsfaktoren
entspricht. Wir brauchen aber noch eine Gleichung, weil wir, wie gesagt,
noch. einen unbekannten haben, nämlich den Wechselkurs. Diese
neue Gleichung repräsentiert die Bedingung, daß A ebenso viel von B
kauft, wie es nach B verkauft, daß also die Handelsbilanz sich in Gleichgewicht
 befindet. Wir haben jetzt ebenso viele Gleichungen wie Mnbekannte,
 und das Gleichungssystem ist also bestimmt. Da wir hier
vorausgesetzt haben, daß jedes Land für sich einen festen Geldwert
aufrechterhält, so sind auch sämtliche Preise absolut bestimmt.
Damitist also die Natur der Preisbildung im internationalen Handel
klargelegt 1).
Diese Lösung ist ganz und gar auf dem Prinzip der Knappheit
aufgebaut, d. h. es ist vorausgesetzt, daß die Produktionskosten in
jedem einzelnen Falle bestimmt sind, sobald die Preise der elementaren
Produktionsfaktoren gegeben sind. In denjenigen Fällen, wo eine Unbestimmtheit
 der Produktionskosten vorkommt, müssen, wie wir wissen,
supplementäre Prinzipien der Preisbildung zu Hilfe genommen werden,
um das Problem bestimmt zu machen. Diese supplementären Prinzipien
 modifizieren auch bei auswärtigem Handel das gewonnene Ergebnis,
 ändern aber nichts in der wesentlichen Natur des Ursachszusammenhanges,
 der durch unser Gleichungssystem dargestellt wird.
Die hier gegebene Lösung zeigt, wie bei auswärtigem Handel die Güterpreise
 einzig und allein durch das Prinzip der Knappheit bestimmt
werden. Die Nachfrage nach fertigen Gütern im Lande A ist indirekt
eine Nachfrage nach elementaren Produktionsfaktoren sowohl in A
wie in B. Dasselbe gilt natürlich von der Nachfrage in B. Man erhält
also eine Gesamtnachfrage nach Produktionsfaktoren in A und eine
andere Gesamtnachfrage nach Produktionsfaktoren in B. Diese Nachfrage
 muß nun dadurch begrenzt werden, daß auf die verschiedenen
Produktionsfaktoren hinreichend hohe Preise gesetzt werden. In dieser
ı) Einer von meinen Schülern, Bertil Ohlin, nunmehr Professor in Kopenhagen,
 hat zuerst in seiner Doktordissertation eine solche Lösung des Problems
des internationalen Handels gegeben, und ich schulde dieser Arbeit sehr viel Anregung.
 Ich weiche jedoch im Text von seiner Darstellung ab.

61:
        <pb n="633" />
        Sa Kap. XXI. Theorie des internationalen Handels.
Weise kommt für beide Länder eine Gleichgewichtslage zustande,
wobei sämtliche Produktionsfaktoren vollständig in Anspruch genommen
 werden, und wo auch die Nachfrage in beiden Ländern je
nach ihrer Zahlungswilligkeit befriedigt wird.
Diese Gleichgewichtslage ist natürlich eine ganz andere als diejenige,
 die ohne den internationalen Handel in jedem Lande für sich
zustandegekommen wäre. Im ganzen hat ein gewisser Ausgleich
zwischen den Preisen in den beiden Ländern stattgefunden, d. h. es ist
eine gewisse Annäherungzwischen den relativen Preislagen in den beiden
Ländern eingetreten. Dieser Preisausgleich ist wie schon hervorgehoben,
teils ein direkter und teils ein indirekter, Ein direkter Ausgleich bis
auf die Überführungskosten findet für jedes Gut statt, das direkt
von dem -einen Lande nach dem anderen ausgeführt werden kann. Der
indirekte Preisausgleich vollzieht sich in zwei verschiedenen Richtungen,
nämlich teils in der Richtung der Produktion, also von Gütern auf
einer früheren Stufe der Produktionskette zu Gütern auf einer späteren
Stufe; teils in der entgegengesetzten Richtung, also von den fertigen
Gütern zu ihren mehr oder weniger weit zurückliegenden Produktionsmitteln.

Die Natur des ersten Prozesses können wir am besten beurteilen,
wenn wir voraussetzen, daß die elementaren Produktionsfaktoren ohne
Kosten übergeführt werden können, daß aber keine andere Überführungsmöglichkeit
 besteht. Der Preisausgleich ist dann für die elementaren
Produktionsfaktoren vollständig, und jedes Land wird mit denselben je
nach der Zahlungswilligkeit seiner Nachfrage ausgerüstet. Setzen wir
nun Voraus, daß auch die Technik in den beiden Ländern identisch ist,
so bewirkt die Gleichheit der Preise der elementaren Produktionsfaktoren
 auch eine Vollständige Preisgleichheit für die fertigen Produkte.

Der Preisausgleich in entgegengesetzter Richtung ist nicht so
effektiv. Die beste Vorstellung von demselben gewinnen wir, wenn
wir den einfachen Fall der herkömmlichen Theorie betrachten, wo die
elementaren Produktionsfaktoren überhaupt nicht überführbar sind,
die fertigen Güter dagegen ohne Kosten übergeführt werden können.
Die Wirkung des internationalen Handels ist in diesem Falle eine Arbeitsteilung.
 Jedes Land produziert nur diejenigen Güter, für deren Herstellung
 es besonders vorteilhaft ausgerüstet ist; die übrigen Güter
führt es von dem anderen Lande ein. Der Preis eines Gutes, das A
von B einführt, ist nun zwar gleich dem in B_ bestehenden Preis, kann
aber nicht mit einem einheimischen Preis verglichen werden, da dieses
Gut überhaupt nicht in A produziert wird, Daß dennoch ein gewisser
Preisausgleich mit Bezug auf die Produktionsfaktoren stattfindet, beruht
 auf folgenden Umständen. Ein Produktionsfaktor, der in A besonders
 reichlich vorhanden ist, muß im Zustande der Isolierung Platz

520
        <pb n="634" />
        8 89. Die Preisbildung bei internationalem Handel. #21
für sich in der Nachfrage dadurch bereiten, daß sein Preis stark herabgesetzt
 wird. Nach dem Zustandekommen des hier gedachten Austausches
 von fertigen Produkten wird dieser Produktionsfaktor in A
nur für diejenigen Produktionszweige in Anspruch genommen, die ein
besonders starkes Bedürfnis von diesem Produktionsfaktor haben.
Dafür wird er aber auch für ähnliche Produktionszweige in B nachgefragt.
 Die Gesamtnachfrage ist deshalb jetzt stärker als früher.
Dies bedeutet nicht, daß die Nachfrage in größerem Umfang befriedigt
werden kann, denn die zur Verfügung stehende Menge des gedachten
Produktionsfaktors in A ist gegeben. Es bedeutet aber, daß ein höherer
Preis angesetzt werden muß, um die Nachfrage hinreichend zu beschränken.
 Wenn B besonders schlecht mit diesem Produktionsfaktor
ausgerüstet ist, so müßte sein Preis im Zustand der Isolierung sehr hoch
sein, um die Nachfrage hinreichend zu begrenzen. Nachdem ein internationaler
 Handel zustandegekommen ist, braucht dieser Produktionsfaktor
 nicht länger für diejenigen Produktionszweige in Anspruch genommenzu
 werden, die besonders große Mengen von demselben verwenden.
Es kann sein, daß er dafür in Produktionszweigen in Anspruch genommen
 wird, die auch für die Nachfrage in A arbeiten, die aber nur
kleine Bedürfnisse von diesem Produktionsfaktor haben. Im ganzen
wird aber die Nachfrage schwächer als früher und kann mit einem
geringeren Preis innerhalb der notwendig:an Grenzen gehalten werden.
Der Preis dieses Produktionsfaktors ist also in A gestiegen aber
in B gefallen. Gleichzeitig ist offenbar ein entsprechender Preisausgleich
 aber in entgegengesetzter Richtung für andere Produktionsfaktoren
 eingetreten. Zu einem vollständigen Ausgleich kommt es
nicht. Die für jedes Land eigentümliche relative Knappheit der verschiedenen
 Produktionsfaktoren behält einen Einfluß auf die Preisbildung,
 welcher in der Gleichgewichtslage die preisausgleichende
Tendenz des Austausches von fertigen Gütern aufwiegt.
Nehmen wir der Einfachheit halber an, daß nur ‘drei Produktionsfaktoren,
 Arbeit, Boden und Kapital, in beiden Ländern vorhanden
sind, daß beide Länder ungefähr ebenso reichlich mit Kapital versorgt
sind, aber daß A reichlich mit Boden und knapp mit Arbeit, B dagegen
knapp mit Boden und reichlich mit Arbeit versorgt ist. Bevor ein
internationaler Handel zustandegekommen ist, hat A also niedrige
Bodenpreise und hohe Arbeitslöhne, B dagegen hohe Bodenpreise und
niedrige Arbeitslöhne. Ein solcher Vergleich ist natürlich ganz relativ.
Wir haben keine Möglichkeit, Arbeitslöhne und Bodenpreise in B direkt
zu vergleichen. Nur wenn wir dieselben von A aus betrachten und
vom Gesichtspunkte der Preislage in A beurteilen, ist es uns möglich,
festzustellen, daß eine Ungleichmäßigkeit in der Preisbildung in den
beiden Ländern vorliegt. Wenn nun ein internationaler Handel zustande
kommt, tritt eine Arbeitsteilung ein, wobei sich A vorzugsweise auf

6.
        <pb n="635" />
        © Kap. XXI. Theorie des internationalen Handels.
solche Produktionszweige konzentriert, die viel Boden und wenig Arbeit
in Anspruch nehmen, B dagegen solche Produktionszweige vorzieht,
die viel Arbeit und wenig Boden erfordern. Der Boden in A wird nun
Gegenstand einer Nachfrage nicht nur von A sondern auch von B.
Diese Nachfrage richtet sich in allen Fällen auf fertige Güter, die für
ihre Herstellung besonders viel Boden in Anspruch nehmen, und repräsentiert
 also in ihrer Gesamtheit eine stärkere Nachfrage des Bodens
des Landes A als diejenige, die früher bestand. Dadurch wird der Preis
der Bodennutzung in A gesteigert. Die knappe Arbeitskraft des Landes A
wird dagegen nunmehr nur für solche Produktionszweige in Anspruch
genommen, die relativ wenig Arbeit brauchen. Trotzdem daß diese jetzt
sowohl von A wie von B nachgefragt wird, so ist diese Gesamtnachfrage
 jedoch schwächer als früher, und die Arbeitslöhne in A fallen. Eine
umgekehrte Bewegung findet in B statt. Hierin besteht für den betrachteten
 Fall die preisausgleichende Wirkung des internationalen Handels.
Bei Gleichgewicht ist natürlich der Bodenpreis in A immer noch
niedriger und der Arbeitslohn immer noch höher als in B. Ein weiterer
Güteraustausch kann aber jetzt nicht zustande kommen, weil eben die
Länder sich jetzt auf solche Produktionszweige konzentriert haben,
die für sie am Vorteilhaftesten liegen. Würde es A versuchen, noch
einen Produktionszweig von B zu erobern, so müßte dies ein Produktionszweig
 sein, wo relativ wenig Boden und viel Arbeit erforderlich
wären, also ein Produktionszweig der für A nicht besonders paßt. Mit
Hinsicht auf das Gleichgewicht im internationalen Handel würde dies
auch nicht geschehen können, ohne daß B einen Produktionszweig
von A eroberte, der auch für B weniger passend wäre. Diese Verhältnisse
 geben der Gleichgewichtslage eine bestimmte Stabilität. Wir
sehen also, daß die Ungleichmäßigkeit in der Ausrüstung mit elementaren
 Produktionsfaktoren, welche, solange die Länder isoliert sind,
eine entsprechende Ungleichmäßigkeit der Preisbildung für diese Produktionsfaktoren
 zur Folge haben muß, einen Faktor darstellt, der
auch nach dem Zustandekommen eines internationalen Handels wirksam
 ist und nur teilweise durch den Austausch von fertigen Gütern
aufgehoben werden kann).
') Kehren wir zu unserem Gleichungssystem zurück, so finden wir daß die
Preise der elementaren Produktionsfaktoren durch dasselbe vollständig bestimmt
werden. Für diese Preise können wir also keine weiteren Bedingungen aufstellen,
Wenn in einer gegebenen Lage ein gewisses Verhältnis zwischen diesen Preisen
besteht, so kann dasselbe Verhältnis nicht fortbestehen bei beliebigen Änderungen
der gegebenen Faktoren unseres Gleichungssystems, mögen nun diese Änderungen
auch auf einen noch so kleinen Umfang beschränkt sein. Ein gewisses Verhältnis
zwischen den Preisen der elementaren Produktionsfaktoren in den beiden Ländern
kann also keine allgemeine Geltung haben. Besonders ist deshalb eine Gleichheit
dieser Preise innerhalb eines noch so kleinen Variationsgebietes der Realbedingungen
ausgeschlossen.

527
        <pb n="636" />
        $ 89. Die Preisbildung bei internationalem Handel. 23
Der Nutzen des internationalen Handels besteht in erster Linie
darin, daß die Nachfrage einer vielseitigeren Versorgung mit elementaren
 Produktionsfaktoren gegenübergestellt wird. Sie braucht also
nicht länger so einseitig und mit einem so harten Preisdruck beschränkt
zu werden, “wie dies in einem Zustande der Isolierung notwendig war,
sondern kann in vielseitigerer und harmonischerer Weise versorgt
werden. Das Prinzip der Knappheit ist bei internationalem Handel
leichter zu erfüllen, seine Härte wird abgemildert.
Auch mit Bezug auf die supplementären Prinzipien der Preisbildung
 gestaltet sich die Lage bei internationalem Handel vorteilhafter
 als bei Isolierung. Das Substitutionsprinzip z. B. kommt besser
zur Geltung, weil die Produktion eines Gutes nach einem Land verlegt
 werden kann, wo die Voraussetzungen einer technisch günstigen
Zusammenstellung von Produktionsfaktoren am vorteilhaftesten liegen
oder weil überführbare Produktionsmittel in einem Lande gesammelt
werden können, wo dadurch die besten Substitutionsmöglichkeiten erreicht
 werden. Der internationale Handel fördert in dieser Weise die
möglichst effektive, d. h. die billigste Produktion.
Eine ähnliche Wirkung hat der internationale Handel, indem er
eine Konzentration der Produktion in Großbetrieben ermöglicht,
welche mit geringeren Kosten arbeiten als die relativ kleinen Betriebe,
die im Zustand der Isolierung jedes Land für sich aufrechterhalten
könnte. Das Prinzip der Kostenverminderung durch Vergrößerung
der Betriebseinheit erhält also durch den internationalen Handel einen
weiteren und fruchtbareren Spielraum.
Der Nutzen, den der internationale Handel stiftet, besteht, wie wir
sehen, in der Beweglichkeit, die er da einführt, wo früher Isolierung
herrschte. Könnte eine volle Beweglichkeit ohne Überführungskosten
gewonnen werden, so würden wir denselben Zustand haben, von welchem
wir bei unserer grundlegenden Behandlung der allgemeinen Theorie
der Preisbildung ausgegangen sind, also einen Zustand, wo für’ jedes
Gut ein einheitlicher Preis herrschte. Dieser Zustand bezeichnet die
höchste Wirtschaftlichkeit. Nun kann der internationale Handel niemals
 eine vollständige Beweglichkeit schaffen, die Isolierung ganz
beseitigen. Die Wirtschaftlichkeit, die er zustande bringt, ist also stets
nur relativ, bezeichnet nur einen geringeren Grad der idealen Wirtschaftlichkeit
 der vollständigen Beweglichkeit. Immer ist jedoch die
erreichte Wirtschaftlichkeit größer bei größerer Beweglichkeit, und
jede Verminderung der Beweglichkeit bedeutet eine herabgesetzte
Wirtschaftlichkeit des ganzen ökonomischen Systems.
Es ist zu beachten, daß der Nutzen des internationalen Handels
nur sozial, also für die Gesamtheit des Volkes, beurteilt werden kann.
Privatökonomisch zeigt der internationale Handel sowohl Gewinne
wie Verluste. Da für gewisse elementare Pioduktionsfaktoren die

Oz
        <pb n="637" />
        Lt Kap. XXI. Theorie des internationalen Handels,
Preise gesteigert werden, für andere wieder herabgesetzt, so werden
verschiedene Interessen in verschiedener Weise getroffen. Der eine
sieht sein Einkommen vermehrt, während der andere vielleicht einen
großen Verlust erleidet. Dies ist natürlich die äußerste Ursache, warum
die Vorteile.des internationalen Handels so verschieden beurteilt werden.
Ein jeder geht von seiner privatökonomischen Erfahrung aus und
bildet sich auf Grund derselben seine Auffassung von der Nützlichkeit
oder Schädlichkeit des internationalen Handels und also auch von der
richtigen Handelspolitik. Selbstverständlich ist es auf diesem Wege
unmöglich, zu einem Ergebnis zu kommen. Die Wirkungen des internationalen
 Handels müssen notwendig von einem allgemeinen sozialökonomischen
 Gesichtspunkt aus beurteilt werden.
8 90.
Die Bedeutung der internationalen Kaptitalbewegungen.
Wir haben das Gleichgewichtsproblem des internationalen Handels
unter der Voraussetzung studiert, daß kein Kredit gegeben wird,
sondern daß ein Land zu jeder Zeit seine Einfuhr vollständig mit seiner
Ausfuhr bezahlen muß. Wir haben gefunden, daß unter dieser Voraussetzung
 ein gewisser Wechselkurs zustande kommt, und daß überhaupt
die ganze Preisbildung in den miteinander handelnden Ländern bestimmt
ist. Es fragt sich nun, welche Bedeutung für das Ergebnis die genannte
Voraussetzung hat. Wenn internationale Kapitalbewegungen wirklich
einen wesentlichen Einfluß auf den Wechselkurs haben würden, so würde
unsere Lösung offenbar nur einen sehr begrenzten Wert haben und kaum
bis zum Kern des Gleichgewichtsproblems des internationalen Handels
vordringen. Wir werden jetzt sehen, daß die Sache so nicht liegt, daß
in Wirklichkeit eine Kapitalüberführung von dem einen nach dem
anderen Lande keine wesentliche Bedeutung für den Wechselkurs hat.
; Betrachten wir zunächst den einfachsten Fall einer reinen Kapitalüberführung.
 Nehmen wir also an, daß die Sparer im Lande A eine
gewisse Kaufkraft zu ihrer Verfügung haben, die sie nicht wie gewöhnlich
 in neuproduziertem Realkapital in A anlegen wollen, sondern dem
Lande B in Form von einer Anleihe zur Verfügung stellen. Nehmen
wir auch an, daß B diese Anleihe zum Einkauf eines neuproduzierten
Realkapitals von A, z. B. zum Erwerb eines Schiffes, verwendet. In A
dient dann die betreffende Sparmittelssumme in derselben Weise wie
andere Sparmittel zum Einkauf von neuproduziertem Realkapital.
Die Gesamtproduktion von Realkapital behält also da einen unveränderten
 Umfang, und die Konsumtion ist vollständig unberührt. Das
Land B hat ein neues Realkapital erworben, aber dasselbe mit Anleiheü2


7
        <pb n="638" />
        8 90.. Die Bedeutung der internationalen Kapitalbewegungen. 625
mitteln bezahlt. Das Wirtschaftsleben des Landes ist für den Augenblick
 von dieser Transaktion vollständig unberührt. Der übrige Handel
zwischen den beiden Ländern bleibt ebenfalls unberührt, und die Bedingung
 des Gleichgewichts dieses Handels ist dieselbe wie früher. Der
Wechselkurs ist also unverändert. 1
Wir kommen also zu dem Ergebnis, daß, wenn eine Kapitalüberührung
 von A nach B stattfindet, A einen Überschußexport haben kann,
ohne daß dieser irgendwelchen Einfluß auf den Wechselkurs ausübt.
Dies ist sehr bemerkenswert. Denn wenn keine Kapitalüberführung in
Frage käme, so würde ein Überschußexport einen ganz anderen Wechselkurs
 als Folge haben. Was ist denn der Unterschied zwischen den beiden
Fällen? Der Unterschied ist in der Tat wesentlich und besteht darin,
daß bei Kapitalüberführung der Überschußexport von A nicht bezahlt
zu werden braucht. Infolgedessen kann jetzt bei Überschußexport ein
leichgewicht zustande kommen. Dieses Gleichgewicht hängt wie wir
ehen davon ab, daß gewisse Sparer in A gewillt sind, ihre Ersparnisse
dem Lande B zur Verfügung zu stellen. Im betrachteten Falle kommt.
hierzu, daß B die zur Verfügung gestellte Kaufkraft zum Einkauf eines
Realkapitals von A verwendet. mil | /
Denken wir uns, daß B eine Obligationsanleihe von A aufnimmt,
so können wir sagen, daß B Obligationen nach A ausführt als Bezahlung.
für die Einfuhr von Realkapital. Wenn wir diese Obligationen als
Gegenstände des internationalen Handels betrachten, so können wir also:
formell den Satz aufrechterhalten, daß Gleichgewicht im internationalen
 Handel zustande kommt, wenn beide Länder ebensoviel voneinander
 kaufen. Wir gewinnen dadurch, daß wir eine formelle Einheit
in unserer Behandlung der Theorie des internationalen Handels aufrechterhalten
 können. Es ist dann auch leicht zu sehen, daß die Erweiterung
 des internationalen Handels, welche mit der gedachten
Kapitalüberführung zustande kommt, ohne Einfluß auf den schon
bestehenden Handel und also auch auf den Wechselkurs bleibt. /
Der betrachtete Fall gibt den wesentlichen Vorgang bei einer.
apitalüberführung wieder. In Wirklichkeit kommen aber Verwickelungen
 vor, die den Vorgang etwas modifizieren, ohne jedoch denselben;
wesentlich zu verändern. Denken wir uns, daß B eine Eisenbahn mit
Hilfe einer Anleihe von A baut. Die Anleihemittel können dann in ver-.
schiedener Weise verwendet werden. Erstens kann wie in unserem
ben behandelten Falle Realkapital, z. B. in Form von Lokomotiven
der Eisenbahnschienen, für die neue Unternehmung eingeführt und
it Anleihemitteln bezahlt werden. Zweitens kann B seinen Export
ach A vermindern und dafür Produktivkräfte für den Dienst des Eisenahnbaues
 freimachen. Dies geschieht z. B. wenn Holz, das früher
xportiert wurde, jetzt für Bahnhofsgebäude verwendet wird. Dasselbe
geschieht aber auch, sobald Arbeiter von einer Exportindustrie an den

41,
        <pb n="639" />
        Kap. XXI. Theorie des internationalen Handels.
Eisenbahnbau gezogen werden. Die Gesamtausfuhr von B nach A wird
in dieser Weise vermindert. Das dadurch entstandene Defizit in der
Handelsbilanz wird aber durch die in A aufgenommenen Anleihemittel
gedeckt. Drittens kann B auch seine Einfuhr für Konsumtionszwecke
von A vermehren, und diese überschießende Einfuhr mit Hilfe der
Anleihemittel bezahlen. Dies kann z. B. geschehen, wenn Arbeiter der
Landwirtschaft entzogen werden um im Eisenbahnbau Anstellung zu
finden. Die Produktion von Getreide wird dann vielleicht vermindert,
und B hat eine entsprechende Menge Getreide von A einzuführen. In
allen drei betrachteten Fällen ist ein Defizit in der Handelsbilanz
entstanden. Das gesamte Defizit wird aber durch die Anleihe gedeckt.
B exportiert eine Menge von Obligationen, die dem entstandenen Defizit
der Handelsbilanz genau entspricht. Damit wird das Gleichgewicht
aufrechterhalten, und eine Änderung des Wechselkurses braucht nicht
in Frage zu kommen. Dieses Ergebnis ist auch nicht von der Voraussetzung
 abhängig, daß B das eingeführte Kapital zum Erwerb eines
Realkapitals verwendet. Was hier gesagt ist hat dieselbe Geltung für
den Fall, daß B eine reine Konsumtionsanleihe aufnimmt, z. B. zur
Deckung von Staatsausgaben. Das Wesentliche im Begriff der Kapitalüberführung
 tritt hier als die Überführung von Kaufkraft hervor; es ist
von untergeordneter Bedeutung, welche Produkte B mit Hilfe dieser
Kaufkraft von A einkauft.
Indessen müssen wir beachten, daß unter den jetzt betrachteten
Verhältnissen gewisse kleinere Preisverschiebungen als Folge der Umstellung
 in der Anwendung von Arbeitskraft und Materialien eintreten
können. Die gedachte Überführung von Arbeitskraft von einem Berufe
zu einem anderen läßt sich z. B. vielleicht nicht durchsetzen, ohne daß
den betreffenden Arbeitern eine gewisse Lohnerhöhung geboten wird.
Dadurch wird ihre Kaufkraft erhöht, was vielleicht nicht ohne Einfluß
auf die innere Preisbildung in B bleibt. Ähnlich können gewisse kleinere
Veränderungen in der Preisbildung in A bewirkt werden. Es ist also
nicht ausgeschlossen, daß eine kleine Verschiebung des Wechselkurses
infolge dieser Veränderungen zustande kommt. Diese Verschiebung
muß aber sicher im allgemeinen von sehr untergeordneter Bedeutung
sein. Wir wissen nämlich, daß der Wechselkurs einen hohen Grad von
Stabilität besitzt, daß also bei jeder kleinen Verschiebung starke Kräfte
in Wirksamkeit kommen, um die Verschiebung zu hindern.
Die Vorstellung, daß das allgemeine Preisniveau in B durch die
von der Anleihe bewirkte Steigerung der Kaufkraft erhöht werden
müßte, ist offenbar falsch. Denn die ganze zusätzliche Kaufkraft muß
direkt oder indirekt zum Einkauf von Gütern von A verwendet werden,
und die in B wirksame Kaufkraft wird also gar nicht vermehrt. Formell
ist auch eine Erhöhung des allgemeinen Preisniveaus in B ausgeschlossen,
solange wir unsere Voraussetzung eines konstanten Geldwerts in

626
        <pb n="640" />
        8 90. Die Bedeutung der internationalen Kapitalbewegungen. 627
jedem der beiden handelnden Länder aufrechterhalten. Eine Tendenz
zur Steigerung des allgemeinen Preisniveaus in B würde in diesem Falle
ihren Ausdruck in einer Steigerung des Wechselkurses auf B finden. Da
aber wie gesagt die Kapitalüberführung keine solche Tendenz in sich
birgt, so hat sie auch bei konstantem Geldwert keine notwendige Tendenz
den Wechselkurs auf das kapitalempfangende Land zu steigern.
Die Beispiele, dieman angeführt hat, um eine preissteigernde Tendenz
einer Kapitaleinfuhr darzutun, sind nicht beweiskräftig und können
kaum einer genauen Kritik standhalten. Der gewöhnlichste Fehler
hängt damit zusammen, daß man die Kapitaleinfuhr nach einem unentwickelten
 Land betrachtet. In solchem Falle wird wohl eine ziemlich
allgemeine Preissteigerung für die eigenen Produkte des Landes stattfinden.
 Diese Preissteigerung ist aber eine Folge der Tatsache, daß das
Land überhaupt in wirtschaftlicher Verbindung mit der Außenwelt
kommt, und ist also nicht besonders als ein Ergebnis der Kapitaleinfuhr
aufzufassen. Eine solche Preissteigerung ist auch nicht so allgemein, daß
sie in irgendeinem genauen Sinne als eine Verminderung des Geldwertes
betrachtet werden kann.
Es läßt sich immerhin denken, daß eine große Anleihe vorübergehend
 einen gewissen Einfluß auf den Wechselkurs ausübt. Wenn
nämlich B infolge einer Anleiheoperation augenblicklich sehr reiche
Guthaben in der A-Valuta besitzt, und die Besitzer dieser Guthaben
eifrig sind, dieselben zu realisieren um B-Valuta zu erwerben, so kann
dadurch ohne Zweifel augenblicklich ein gewisser Druck auf den Wert
der A-Valuta ausgeübt werden, wodurch also der Wechselkurs auf B
gesteigert wird. In der Regel wird sich aber ein solcher Druck bald dadurch
 ausebnen, daß B seine Einkäufe von A steigert. Eine wirkliche
Bilanz sämtlicher Zahlungen zwischen A und B muß unter allen Umständen
 für jeden Tag zustande gebracht werden. Es läßt sich also zu
jeder Zeit nicht mehr Kaufkraft überführen, als die vermehrten Einkäufe
 gestatten. Eine Kapitalüberführung in abstracto, wie man sich
in der Politik die Sache gern vorstellt, gibt es nicht. Der notwendige
Ausgleich der Zahlungen kann aber zuweilen nur unter einem gewissen
Druck auf den Wert der A-Valuta erreicht werden. Dieser Druck erschwert
 natürlich die Überführung der Anleihe und bildet eine Veranlassung
 zu einer gewissen Verlangsamung der Überführung, gleichzeitig
wie er natürlich auch für Außenstehende, die über B-Valuta verfügen,
ein Motiv wird, Guthaben in A bis auf weiteres zu übernehmen, wodurch
die Besitzer solcher Guthaben instand gesetzt werden, dieselbe gegen
B-Valuta auszutauschen.
Was hier für den Fall einer großen Anleihe gesagt ist, gilt natürlich
auch für kurzzeitige Kapitalbewegungen, wie sie zwischen großen Finanzzentren
 immer vorkommen, z. B. auf Grund eines Unterschiedes in den
Zinssätzen. Man muß erwarten, daß solche Kapitalbewegungen vornl


40)!
        <pb n="641" />
        Ba Kap. XXI. Theorie des internationalen Handels.
übergehende Veränderungen im Wechselkurs verursachen. Die ganze
Sache läßt sich natürlich nur empirisch studieren. Für ein solches
Studium müssen wir zwei Länder wählen, die vergleichbare Indexzahlen
 für die Bewegungen des allgemeinen Preisniveaus haben, so daß
etwaige Veränderungen im inneren Wert des Geldes in dem einen oder
anderen Land eliminiert werden können. Mit Bezug auf England und
die Vereinigten Staaten habe ich eine solche Untersuchung für die Zeit
von Anfang 1919 bis Oktober 1924 gemacht?). ‘Es zeigt sich, daß in
dieser Periode der Dollar abwechselnd überbewertet und unterbewertet
gewesen ist. Eine Bewertung in Übereinstimmung mit der Kaufkraftparität
 wird dann mit 100 bezeichnet, eine Überbewertung des Dollars
mit einer Zahl, die 100 übersteigt, und eine Unterbewertung mit einer
solchen, die kleiner als 100 ist. Berechnet man nun erst den Durchschnitt
dieser prozentuellen Bewertung, so ergibt sich eine durchschnittliche
Überbewertung des Dollars von 0,3% in der ganzen Periode. Diese
Abweichung von der Kaufkraftparität ist außerordentlich gering und
hält sich tatsächlich vollständig in den Fehlergrenzen des Zahlenmaterials.

Wir kommen also zu dem Ergebnis, daß der Wechselkurs, abgesehen
 von zufälligen Schwankungen, vollständig mit der berechneten
Kaufkraftsparität übereinstimmt, m. a. W., daß die neue Gleichgewichtslage
 des Wechselkurses nur insoweit von der früheren Gleichgewichtslage
 abweicht, wie es die Veränderung des relativen Geldwertes veranlaßt.
 Dies bedeutet, daß die Gleichgewichtslage des Wechselkurses,
wenn sie auf einen unveränderten relativen Geldwert zurückgeführt
wird, sich trotz aller wirtschaftlichen Umwälzungen unverändert gehalten
 hat. Die Erfahrung, die wir nunmehr nach Englands Übergang
zur Goldwährung gewonnen haben, zeigt, daß dieses Ergebnis seine
Geltung auch bei einem Vergleich zwischen der Vorkriegszeit und der
Gegenwart behauptet. Bei wenigstens ungefähr derselben allgemeinen
Preissteigerung ist die Gleichgewichtslage des Wechselkurses zwischen
den beiden Ländern jetzt dieselbe wie vor dem Kriege. Die hier ausgesprochene
 Auffassung, daß Veränderungen in den ökonomischen Bedingungen
 des internationalen Handels nur einen kleinen Einfluß auf
die Gleichgewichtslage des Wechselkurses haben, wird durch diese
Tatsache in auffallender Weise bestätigt.
Ein näheres Studium der Bewertung des Dollars in Pfund Sterling
in der Periode 1919—1924 zeigt, daß die Ursache der Abweichungen
von der Kaufkraftparität, welche die tatsächlichen Wechselkurse ausweisen,
 wesentlich in internationalen Kapitalbewegungen zu suchen
ist. Perioden von besonders reichlicher Kreditgebung Amerikas an
Europa zeigen eine gewisse Unterbewertung des Dollars, während in
Perioden, wo sich die Amerikaner von der Kreditgebung an Europa ZuUaa
 ı) Vierteljahrsbericht der Skandinaviska Kreditaktiebolaget April 1925.

5028
        <pb n="642" />
        8 91. Praktische Schlußfolgerungen. 9
rückgezogen haben, eine gewisse Überbewertung des Dollars eintritt.
Eine gewisse Bedeutung für die Schwankungen der Dollarbewertung
hat auch das Verhältnis zwischen den Zinssätzen in New York und
London. Sobald z. B. die Zinssätze in New York niedriger sind als in
London, zeigt das flüssige amerikanische Kapital eine Tendenz, nach
London zu strömen. Dann kann eine Unterbewertung des Dollars leicht
erfolgen. Die Abweichungen des Dollarkurses von der Kaufkraftparität
betragen gewöhnlich weniger als 5%, steigen aber ausnahmsweise sogar
über das Doppelte. Sie haben aber hauptsächlich nur eine Dauer von
einigen Monaten.
Hiermit dürfte der allgemeine Charakter des Einflusses der internationalen
 Kapitalbewegungen auf den Wechselkurs klargelegt sein.
Unser Ergebnis hat sicher wesentlich dieselbe Geltung bei einer Kapitalausfuhr
 nach weniger entwickelten Ländern, obwohl wir in solchen
Fällen größere und vielleicht etwas mehr andauernde Abweichungen
von der Kaufkraftparität erwarten müssen.
Vom Studium der Bewegungen des Dollarkurses in der genannten
Periode können wir noch ein wichtiges Ergebnis holen. Im September
1922 wurde in den Vereinigten Staaten der neue stark protektionistische
Fordney-Tarif eingeführt. Nach der gewöhnlichen Vorstellung müßte
man erwarten, daß dadurch, bei unverändertem Wechselkurs, eine bedeutende
 Steigerung des allgemeinen Preisniveaus in Amerika bewirkt
wäre, m. a. W., daß eine starke Überbewertung des Dollars zustandegekommen
 wäre. Dies ist nicht der Fall. Zwar war der Dollar im Herbst
1922 beträchtlich überbewertet. Diese Überbewertung erklärt sich aber
in ganz natürlicher Weise durch den Rückgang in der amerikanischen
Kreditgebung an Europa, der damals stattgefunden hatte. Der Dollarkurs
 wurde nach einigen Monaten wieder ziemlich normal, und in 1924
war der Dollar eine längere Zeit unterbewertet. Diese Tatsache ist geeignet,
 der populären Vorstellung über die Wirkungen eines gesteigerten
Zollschutzes auf das allgemeine Preisniveau den Grund zu entziehen.
Die statistischen Daten, die sonst zur Stütze dieser Vorstellung angeführt
 werden, dürften im allgemeinen keiner strengeren Kritik standhalten.

$ 91. Praktische Schlußfolgerungen.
Wir sind jetzt so weit gekommen, daß wir den allgemeinen Rahmen
für die Behandlung praktischer Probleme des internationalen Handels
angeben können. Solche Probleme bestehen wesentlich in der Feststellung
 der Wirkungen von Veränderungen in den Bedingungen des
internationalen Handels, wobei natürlich besonders die Wirkungen auf
die Preisbildung in den Vordergrund treten. Die praktisch wichtigste

62"
        <pb n="643" />
        Kap. XXI. Theorie des internationalen Handels.
ruppe von solchen Problemen bildet die Frage von den Wirkungen
eines Zollschutzes auf die Preisbildung.
„Bei Diskussion solcher Fragen versäumt man gewöhnlich, einen
enügend scharfen Unterschied zu machen zwischen relativen Verschiebungen‘in
 den Preisen und Veränderungen des allgemeinen Preisniveaus.
 Es wird selten mit genügender Klarheit festgestellt, daß die
etztgenannten Veränderungen monetärer Natur sind, Veränderungen
in der Geldeinheit, in welcher die Preise gerechnet werden, bedeuten,
eshalb tritt auch nicht die ganz artverschiedene Verschiebung in den
relativen Preisen als eine selbständige Erscheinung hervor. Dazu kommt,
aß man meistens die Wirkungen auf das allgemeine Preisniveau stark
überschätzt, und dies mit Bezug sowohl auf ihren Umfang wie auf ihr
irtschaftliche Bedeutung. In allen diesen Hinsichten ist unsere theoretische
 Aufstellung des Problems des internationalen Handels geeignet,
einer klaren und richtigen Behandlung der diesbezüglichen raktischen
Fragen den Weg zu ebnen. „UN
Wir denken uns also, daß eine gewisse Veränderung in den Beingungen
 des internationalen Handels eingetreten ist, daß z. B. ein
Land einen erhöhten Zollschutz eingeführt hat. Die Aufgabe ist zu bestimmen,
 welche Wirkung auf die Preisbildung diese Veränderung hat.
Wir haben dann zunächst festzustellen, daß die Wirkungen auf das
allgemeine Preisniveau des Landes, oder auf die internationale Beven
 seiner Valuta, rein valutarische Erscheinungen sind und als
solche isoliert und für sich behandelt und beurteilt werden müssen. Im
allgemeinen kann vorausgesetzt werden, daß solche Wirkungen, wenn
sie überhaupt eintreten, nur einen kleinen Umfang haben und auch,
wenn einmal eine neue Gleichgewichtslage erreicht worden ist, keine
größere wirtschaftliche Bedeutung haben können. SE
Formell gestalten sich diese Wirkungen verschieden je nach de
ährungsverfassung des Landes. Wir können uns der Einfachhei
halber denken, daß die Außenwelt_eine unveränderte Valuta hat, und,
wenn diese eine Goldwährung ist, daß das Gold selbst einen konstanten
Wert hat. Hat unser Land dann eine selbständige Papiervaluta, so mu
eine etwaige Verschiebung seines allgemeinen Preisniveaus lediglich als
eine selbständige Veränderung seiner Geldeinheit aufgefaßt werden.
ijese Veränderung ist willkürlich und könnte durch eine geeignete
alutapolitik vermieden worden sein. Wir haben deshalb diese Ver:
änderung auszuschalten, was dadurch geschieht, daß wir sämtliche
reise, einschließlich den Preis der Auslandsvaluta, auf ein unVverändertes
 Preisniveau umrechnen. Es zeigt sich dann vielleicht, daß eine
ewisse kleine Verschiebung in der internationalen Bewertung der
aluta, also im Wechselkurs, eingetreten ist. Diese Verschiebung is
ie eigentliche valutarische Wirkung der gedachten Veränderung in den
edingungen des internationalen Handels... Eine solche Verschiebung

630
        <pb n="644" />
        8 91. Praktische Schlußfolgerungen, 1
in der ausländischen Notierung der Valuta, die bei unverändertem
Preisniveau stattgefunden hat, hat natürlich eine gewisse Bedeutung
für den internationalen Handel, indem sie die Bedingungen sowohl für
die Einfuhr wie für die Ausfuhr beeinflußt. Diese Wirkungen sind aber
sicher in gewöhnlichen Fällen von ziemlich untergeordneter Bedeutung.
Hat das Land eine Goldwährung, und wird diese Goldwährung so
streng aufrechterhalten, daß der Wechselkurs praktisch konstant bleibt,
so kann vielleicht als Folge veränderter Handelsbedingungen eine Verschiebung
 des allgemeinen Preisniveaus, sagen wir eine Steigerung desselben
 zustande kommen. Diese Steigerung ist sicher in gewöhnlichen
Fällen sehr begrenzt. Für den inneren Markt ist sie, nachdem einmal
eine neue Gleichgewichtslage erreicht ist, vollständig gleichgültig, da
es keine Rolle spielt, welche Geldeinheit der Preisrechnung zugrunde
liegt. Für den auswärtigen Handel bedeutet eine solche Steigerung
des allgemeinen Preisniveaus offenbar eine Erleichterung der Einfuhr
und eine Erschwerung der Ausfuhr. Diese Wirkungen sind aber nur
kleine Gegenwirkungen gegen die direkten Wirkungen der Veränderung
in den Bedingungen des internationalen Handels. Besteht z. B. die
Veränderung in einem erhöhten Zollschutz, so ist die direkte Wirkung
eine Erschwerung der Einfuhr: diese Wirkung wird etwas geschwächt
durch die Erhöhung des Preisniveaus.
Jedenfalls ist die Erhöhung des allgemeinen Preisniveaus eine
Erscheinung für sich, die von der relativen Verschiebung der Preise
isoliert werden muß. Dies kann am besten dadurch geschehen, daß
sämtliche Preise mit der Steigerung des allgemeinen Preisniveaus dividiert
 werden, d. h. daß die innere Preisbildung des Landes wie im Falle
der Papierwährung auf einen unveränderten Geldwert zurückgeführt
wird, Es zeigt sich dann, daß Preissteigerungen von Preissenkungen
in demselben Umfang aufgewogen werden. Die relativen Preisverschiebungen,
 die als Folge von den veränderten Handelsbedingungen
eintreten, bestehen also in gleichem Umfang in Preiserhöhungen und
Preisermäßigungen. Diese Verschiebungen sind es, die praktisch ins
Gewicht fallen. Sie bedeuten eine veränderte Einkommensverteilung,
die natürlich für gewisse Schichten der Bevölkerung vorteilhaft, für
andere unVvorteilhaft ist. Für die ganze Volkswirtschaft hat eine Umlegung
 der Produktion stattgefunden, wodurch das Volkseinkommen
beeinflußt wird. Über diese Wirkungen kann allgemein nichts gesagt
werden. Besteht die Veränderung der Handelsbedingungen in einem
willkürlichen Eingriff, z. B. in einer verschärften Zollpolitik, so ist wohl
im allgemeinen anzunehmen, daß die Produktion in weniger lohnende
Bahnen gelenkt wird, und daß dadurch das gegenwärtige Gesamteinkommen
 des Landes herabgesetzt wird, was aber, wie wir oben gesehen
 haben, nicht ausschließt, daß andere und wichtige Vorteile
gewonnen werden können.

63:
        <pb n="645" />
        ; Kap. XXI. Theorie des internationalen Handels.
Eine Berechnung des Endergebnisses durch eine Summierung der
Verschiebungen, die man für jeden einzelnen Preis feststellen zu
können meint, ist jedenfalls ausgeschlossen. Die Berechnungen der
„Last des Zollschutzes‘“, denen man in der Politik so große Bedeutung
beizulegen pflegt, entbehren in Wirklichkeit jedes Grundes. Es wird
wohl meistens anerkannt, daß die statistischen Daten, die für eine
solche Berechnung zur Verfügung stehen, mangelhaft sind, und daß die
Preiserhöhung, die der Zollschutz für jede geschützte Ware bewirkt,
nicht immer genau angegeben werden kann. Solche Mängel sind aber
von untergeordneter Bedeutung im Verhältnis zur Tatsache, daß die
„Last‘“, die man berechnen will, keinen bestimmten begrifflichen Inhalt
hat. Wenn man für jede Ware, die etwaige Preissteigerung mit dem
Umfang der Konsumtion multipliziert und alle diese „Belastungen“ der
Konsumenten zu einer Gesamtlast summiert, so übersieht man, daß bei unverändertem
 Geldwert gegen die Preissteigerungen Preisermäßigungen in
ungefähr demselben Umfang stehen müssen, und daß also die Summierung,
wenn sie auch auf die Gegenstände, die im Preis gefallen sind, ausgedehnt
würde, eigentlich eine Summe in der Nähe von Null ergeben müßte.
Daß ein Zollschutz, der Preissteigerungen bewirkt, auch Preissenkungen
zur Folge haben muß, sollte doch ziemlich einleuchtend sein, wenn man
bedenkt, daß die Preissteigerungen die Kaufkraft der Bevölkerung
in größerem Maß in Anspruch nimmt, so daß weniger Kaufkraft für
andere Waren übrig bleiben muß. Würden die Preissteigerungen von
keinen Preissenkungen aufgewogen, so müßte dies eine Vergrößerung
der gesamten nominellen Kaufkraft bedeuten, was aber einer Inflation
der Valuta gleichkommt. Wenn wirklich eine solche Veränderung des
Geldwertes zustandegekommen und eine Gleichgewichtslage auf Grund
des neuen Geldwerts eingetreten ist, so können die höheren Ziffern, in
welchen die Preise nunmehr gerechnet werden, keine „Belastung‘‘ bedeuten.
 Eine Veränderung des Geldwerts muß also von vorherein von
der Diskussion der bestehenden Wirkung des Zollschutzes ausgeschlossen
werden, d. h. die Diskussion muß auf die Voraussetzung eines konstanten
Geldwerts bezogen werden. Dann aber müssen Preissteigerungen und
Preissenkungen im ganzen einander aufwiegen. Eine Berechnung der
Gesamtlast des Zollschutzes ist deshalb der reine Unsinn.
In der praktischen Behandlung von Zollfragen dürfte die Wirkung
des Zollschutzes auf das allgemeine Preisniveau meistens ohne merkbaren
 Fehler beiseite gelassen werden können. Daraus folgt dann auch,
daß eine Zollpolitik nicht motiviert werden kann als Schutz eines höheren
Preisniveaus. gegen Länder mit niedrigerem Preisniveau. Ein solcher
Schutz kann sicher nicht in nennenswertem Umfang erreicht werden.
Und wenn er wirklich erreicht wird, ist er auf die Länge bedeutungslos.
Die Motivierung für einen allgemeineren Zollschutz, die sonst heutzutage
 die wichtigste Rolle spielt, ist die Meinung, daß er notwendig sei,

632
        <pb n="646" />
        8 91. Praktische Schlußfolgerungen, 5
um ein Land mit höherem Arbeitsstandard gegen Konkurrenz von
Ländern mit niedrigerem Arbeitsstandard zu schützen. Diese Vorstellung
 bildet den Grund einerseits für eine stark protektionistische
Politik in einer Reihe von Ländern mit hohem Arbeitsstandard, andererseits
 für die Bestrebungen zur Uniformierung des Arbeitsstandards für
die ganze Welt. Unter Arbeitsstandard haben wir hier nicht nur das
allgemeine Niveau und die Effektivität der Arbeiterschutzgesetzgebung
zu verstehen, sondern auch die Lage der Arbeitsbedingungen, die durch
die Fachverbände der Arbeiter aufrechterhalten wird. Der Arbeitsstandard
 umfaßt auch nicht nur die Regelung der Arbeitszeit und der
sonstigen technischen Arbeitsbedingungen, sondern auch die des Arbeitslohns
 selbst.
Ein Streben zum Schutz des Arbeitsstandards setzt natürlich voraus,
daß ein erhöhter Arbeitsstandard die Produktionskosten verteuert,.
Wäre dies nicht der Fall, so wäre ja kein besonderer Schutz erforderlich.
Man gibt aber den Bestrebungen zur Steigerung des Arbeitsstandards
ein Schlechtes Zeugnis, wenn man ohne weiteres voraussetzt, daß eine
solche Steigerung unbedingt die Produktionskosten erhöhen müsse,
In Wirklichkeit ist dies natürlich nicht der Fall. Ein vernünftiges Hinaufschrauben
 des Arbeitsstandards sollte, wenigstens auf die Dauer, von
einer entsprechenden Steigerung der Produktivität der Arbeit gefolgt
sein. Im großen und ganzen hängt auch die ökonomische Möglichkeit
des dauernden Festhaltens des höheren Arbeitsstandards von einer
entsprechend erhöhten Effektivität ab.
Der Schutz eines höheren Arbeitsstandards mit Hilfe von Zöllen
muß aber wie gesagt voraussetzen, daß wenigstens im einzelnen Falle
die Produktion durch den höheren Arbeitsstandard verteuert wird und
nicht konkurrenzkräftig gegenüber einer Produktion sein kann, die
unter niedrigerem Arbeitsstandard getrieben wird. Dann fragt es sich
aber, ob ein solcher Produktionszweig überhaupt im höher stehenden
Lande beibehalten werden soll. Es ist vielleicht besser, diesen Produktionszweig
 aufzugeben, ihn einem Lande mit niedrigerem Standard
zu überlassen und sich selbst auf solche Produktionszweige zu konzentrieren,
 in welchen man trotz des höheren Arbeitsstandards eine
Überlegenheit besitzt. Der Vorteil des internationalen Handels besteht,
wie wir wissen, in einer Arbeitsteilung und in einer Konzentration der
Produktion jedes Landes auf solche Produktionszweige, wo es eine Überlegenheit
 hat. Dieser allgemein anerkannte Vorteil ist aber nicht davon
abhängig, aus welchen Ursachen die Überlegenheit entstand. Die internationale
 Arbeitsteilung ist wirtschaftlich berechtigt, nicht nur auf
Grund einer Verschiedenheit in Ausrüstung mit Naturmaterialien, Klima,
usw., sondern ebensowohl auf Grund einer Verschiedenheit des Arbeitsstandards.
 Es ist zum Beispiel möglich, daß ein Land mit Neunstundentag
 eine Überlegenheit in gewissen Produktionszweigen besitzt, daß aber

63
        <pb n="647" />
        Kap. XXI. Theorie des internationalen Handels,
ein anderes Land mit Achtstundentag sich mit Vorteil auf Produktionszweige
 konzentrieren kann, wo es nicht besonders von der kürzeren
Arbeitszeit gehindert wird, sondern trotz des Achtstundentages eine
Überlegenheit besitzt. Dieses Land hat dann gewisse Produktionszweige
 an das Land mit dem Neunstundentag abzutreten und die betreffenden
 Produkte von diesem Land einzutauschen. In dieser Weise
kann eine internationale Arbeitsteilung zwischen Ländern mit verschiedenem
 Arbeitsstandard zustandekommen und für alle Beteiligten
vorteilhaft sein. Die Existenz einer ausländischen Industrie, die dank
ihres niedrigen Arbeitsstandards in der Konkurrenz überlegen ist, ist
also kein genügender Grund für die Einführung eines Zollschutzes.
Denken wir uns, daß der Arbeitsstandard in einem Lande unaufhörlich
hinaufgeschraubt wird, so wird das Land anfangs den einen Produktionszweig
 nach dem anderen verlieren. Das Land wird aber den Verlust
solcher sozial minderwertigen Produktionszweige mit Gleichmut sehen
und seine Produktionskräfte anstatt dessen auf andere Produktionszweige
 konzentrieren. Diese Umgestaltung kann aber selbstverständlich
 nicht ins Unendliche getrieben werden. Es kommt ein Augenblick,
wo ein weiteres Hinaufschrauben des Arbeitsstandards die Existenz
eines Produktionszweiges in Frage stellt, den man einfach nicht verlieren
 kann. Dann ist der unter den gegebenen Umständen höchstmögliche
 Arbeitsstandard erreicht, und die Bestrebungen zur weiteren
Erhöhung des Arbeitsstandards stoßen auf ihre natürliche Grenze.
Diese gesunde Regulierung des Arbeitsstandards wird außer Spiel gesetzt,
 wenn man mit einem Zollschutz die Konkurrenz von Ländern mit
niedrigerem Arbeitsstandard ausschließt. In den so geschützten Industrien
 kann man nämlich den Arbeitsstandard weiter hinaufschrauben
ohne direkt daran erinnert zu werden, daß man damit vielleicht auf ein
ökonomisch unhaltbares Niveau gelangt. Der höhere Arbeitsstandard
kann aber nicht in den ungeschützten Exportindustrien aufrechterhalten
werden und der Zollschutz hat also nur dazu beigetragen, die natürliche
Gleichmäßigkeit der Arbeitsbedingungen zu durchbrechen und eine
künstliche Verdrehung des ökonomischen Lebens des Landes herbeizuführen.

Natürlich entsteht eine solche Verdrehung nicht nur infolge eines
Zollschutzes, sondern ebenso infolge anderer protektionistischen Maßnahmen,
 die prinzipiell mit einem Zollschutz gleichzustellen sind, wie
z. B. die Arbeitslosenunterstützung. Solange man bereit ist, das Hinaufschrauben
 ‚des Arbeitsstandards mit Arbeitslosenunterstützung zu
kompensieren, werden die Bestrebungen zur Erhöhung des Arbeitsstandards
 auf kein bestimmtes Hindernis stoßen und die Erre’chung
eines natürlichen ökonomischen Gleichgewichts wird unmöglich gemacht.
Die zweite Hauptmethode zur Ausschaltung der Konkurrenz seitens
eines niedrigeren Arbeitsstandards ist wie gesagt eine internationale

634
        <pb n="648" />
        $ 91. Praktische Schlußfolgerungen, »
Uniformierung des Arbeiterstandards. Jede Zeit hat ihre Dogmen, an
denen man nicht zweifeln darf und die ohne jede Kritik allgemein gutgeheißen
 werden. Ein solches Dogma ist in unserer Zeit vor allem die
Lehre von der Notwendigkeit der Internationalität des Arbeiterschutzes,
Diese Lehre ruht auf einer vollständigen Verkennung des Wesens sowohl
des Arbeiterschutzes wie des internationalen Handels. Es ist gar nicht
natürlich, daß alle Völker unter denselben Bedingungen arbeiten sollen.
Im Gegenteil, für die verschiedenen Völker ist der natürliche Arbeitstakt
 und deshalb auch der optimale Arbeitstag notwendig verschieden.
Die Bedürfnisse und deshalb auch das notwendige Einkommen zeigen
ebenfalls sehr starke Verschiedenheiten. Ein internationaler Handel
hat sich bisher immer zwischen Ländern mit sehr verschiedenem Arbeitsstandard
 entwickelt und er ist dennoch ohne jeden Zweifel für sämtliche
 Länder ein großer Vorteil gewesen, indem dadurch eine natürliche
Arbe tsteilung mit daraus folgender erhöhter Produktivität der Volkswirtschaft
 zustandegekommen ist.
Denken wir uns zwei Länder mit verschiedenem Arbeitsstandard,
so kann eine ökonomisch vorteilhafte Arbeitsteilung und Warenaustausch
 zwischen diesen Ländern immer zustande kommen. Wir sehen
dies am besten, wenn wir wie in der hier entwickelten allgemeinen Theorie
des internationalen Handels voraussetzen, daß jedes Land eine selbständige
 Papiervaluta hat. Bei freiem Warenaustausch wird sich der
Wechselkurs, wie wir oben gesehen haben, so gestalten, daß jedes Land
von dem anderen ebensoviel kauft, wie es nach demselben verkauft.
Bei Goldwährung wird dasselbe Gleichgewicht nur unter anderen technischen
 Formen erreicht. Der niedrigere Arbeitsstandard kann also ebensowenig
 wie andere die Produktion verbilligende Umstände eine allgemeine
 Überlegenheit in der Konkurrenz schaffen.
Die Bestrebungen zur Internationalisierung des Arbeiterschutzes
oder allgemeiner gesagt des Arbeitsstandards, die in der heutigen Politik
so auffallend in den Vordergrund treten, sind deshalb wirtschaftlich
betrachtet im wesentlichen unbegründet. Aus rein humanitären Gründen
kann es natürlich unter Umständen berechtigt sein, für eine Internationalität
 gewisser Schutzmaßnahmen einzutreten. Das weitaus
überwiegende Motiv in den Bestrebungen zur Uniformierung des Arbeitsstandards
 ist aber ohne Zweifel von protektionistischer Art. Wenn z. B.
die Regierungen sich zu Konferenzen über die Internationalisierung des
Achtstundentages sammeln, so kann man ganz sicher sein, daß dies nicht
aus humanitärem Interesse für das Wohl fremder Arbeiter geschieht.
Das Ziel ist einfach, eine als schädlich aufgefaßte Konkurrenz zu unter
drücken. Diese Bestrebung ist aber unvernünftig, “teils weil, wie wir
eben gesehen haben, ein vorteilhafter internationaler Warenaustausch
auch bei verschiedenem Arbeitsstandard sich entwickeln. kann, teils
aber auch deshalb, wiel die Uniformierung des Arbeitsstandards im

635
        <pb n="649" />
        ; Kap. XXI. Theorie des internationalen Handels.
großen und auf die Länge unmöglich ist. Wenn es gelingt, einem fremden
Lande einen technisch höheren Arbeitsstandard aufzuzwingen als dem
Lande wirtschaftlich paßt, so muß der höhere Standard notwendig
durch eine Herabsetzung des Arbeitseinkommens kompensiert werden.
Gelingt es z. B. den für das amerikanische Arbeitstempo sehr passenden
Achtstundentag anderen Völkern aufzuzwingen, für die ein solcher
Arbeitstag gar nicht optimal ist, so kann die Folge nur sein, daß diese
Völker ihre Konkurrenzfähigkeit durch herabgesetzte Lohnforderungen
wieder herstellen müssen. Dann hat man auch von protektionistischem
Gesichtspunkt nichts gewonnen. Die Vervollständigung einer solchen
Politik durch das Programm einer Ausschließung von Produkten, die
mit niedrigeren Arbeitslöhnen produziert sind, ist nur geeignet, die davon
getroffenen Völker auf ein noch niedrigeres Lebensniveau hinabzudrücken
und gleichzeitig natürlich den internationalen Warenaustausch zu erschweren
 und die Weltwirtschaft zu schädigen.
Solche Bestrebungen sind besonders unvernünftig, wenn sie gegen
ein Land gerichtet werden, von dem man große staatliche Zahlungen
fordert. Wenn die Vereinigten Staaten erwarten, daß europäische
Staaten ihre Kriegsschulden bezahlen sollen, so müssen sie bereit sein,
europäische Waren in Zahlung zu nehmen, auch wenn diese Waren
unter einem niedrigeren Arbeitsstandard produziert sind. Das Bestreben,
 den niedrigeren europäischen Arbeitsstandard mit besonderen
Schutzzöllen auszugleichen, steht in diesem Falle als ganz unlogisch
da. Dasselbe gilt natürlich, wenn die Ententemächte eine Kriegsentschädigung
 von Deutschland fordern. Es ist ganz natürlich, wenn
Deutschland, um eine solche Kriegsentschädigung zu zahlen, sich genötigt
 sieht, eine Extrastunde pro Tag zu arbeiten. Es scheint eine sehr
widerspruchsvolle Politik zu sein, wenn die Ententemächte Deutschland
 veranlassen wollen, mit ihnen ein Übereinkommen über einen
gleichmäßigen Achtstundentag zu treffen. Gelingt dies, und besteht
man fortwährend auf der Zahlung der Kriegsentschädigung, so bleibt
Deutschland nichts anderes übrig, als eine Senkung des Arbeitslohnes,
welche die Verkürzung der Arbeitszeit kompensiert. Ein Schutz gegen
deutsche Waren kann unter keinen Umständen gewonnen werden.
Denn um zahlen zu können, muß Deutschland auf irgendeinem Wege
konkurrenzkräftig werden.
In allen solchen Fragen der praktischen Handelspolitik ist die hier
entwickelte Theorie des internationalen Handels geeignet, Klarheit zu
schaffen. Wenn man nur daran festhält, daß ein Ausgleich der Handelsbilanz
 immer bei einer gewissen Gleichgewichtslage des Wechselkurses
zustande kommen muß, und daß etwaige Kapitalüberführungen ohne
Veränderung dieses Gleichgewichts vollzogen werden müssen, so wird
man leicht die gewöhnlichen Fehler der populären Betrachtungen über
solche Fragen vermeiden.

636
        <pb n="650" />
        Tabellen-Anhang.
Tabelle 1.
Die Sauerbeckschen Indexziffern 1846—1913; für die Periode
1850— 1910 dieselben Ziffern dividiert mit der relativen
Goldmenge.
Die Sauerbeckschen
Indexziffern
1846 89 1878 87 79
47 95 Dieselben divi- 79 83 76
48 78 _diert mit der re- 1880 88 81
49 74 1ativen Gold- | 81 95 79
menge 82 24 79
1850 77 77 83 92 79
51 75 74 84 76 73
52 78 75 1885 72 71
53 95 89 | 86 69 69
54 102 MM ; 87 58 69
1855 101 91 88 70 72
56 101 90 89 [2 79
57 105 93 1890 72 75
58 91 80 91 {2 76
59 94 82 92 68 73
1860 99 85 93 68 73
61 98 84 94 03 68
62 101 86 1895 52 67
63 103 88 96 61 66
64 105 90 97 52 67
1865 101 86 98 64 69
66 102 87 99 68 73
67 100 85 1900 [5 80
68 99 85 Of. 70 75
69 98 84 02 69 74
1870 96 82 03 69 74
Z1 100 86 04 70 74
72 109 94 1905 72 76
73 1441 97 06 77 80
74 102 89 | 07 80 82
1875 96 85 08 73 74
76 95 84 09 74 15
71 04 84 910 78 738
Nach „Wholesale and retail prices‘, London 1903, und Journal of The Royal
Stat. Soc.
        <pb n="651" />
        638

Tabellen-Anhang.
Tabelle 2
Die Goldmenge der Welt.
Ende des Faktische Goldmenge. Normale Goldmenge. z
Jahres Millionen Mark Millionen Mark Relative Goldmenge,
1800 7 535 2531 2,98
1810 7 875 3 332 2,36
1820 8 033 4 385 1,83
1830 8 265 5.772 1,43
1840 8 660 7 597 1,14
1850 10 000 10 000 1,00
1855 12 680 11 470 1,11
1860 15 370 13 160 1,17
1865 17 795 15 100 1,18
1870 20 335 17 320 1,17
1875 22 555 19 880 1,13
76 22 973 20 435 1,12
77 23 428 21 005 1,12
78 23 900 21 591 1,11
79 24.319 22 193 1,10
1880 24 735 22 800 1,08
81 25 146 23 448 1,07
82 25 525 24 102 1,06
83 25 884 24 774 1,04
84 26 272 25 465 1,03
1885 26 650 26 160 1,02
86 27 046 26 890 1,01
87 27 433 27 640 ),99
88 27 836 28411 J),98
89 28 272 29 204 0,97
1890 28 775 30 010 0,96
91 29 266 30 847 0,95
92 29 823 31 708 0,94
95 30 424 32 593 1,93
94 31 124 33 502 13,93
1895 31 885 34 430 193
96 32 670 35 391 „92
97 33 596 36 378 ),92
98 34 733 37 392 395
99 35 951 38 435 J,94
1900 36 975 39 510 0,94
01 37 970 40 612 0,93
02 39 140 41 745 ),94
05 40 438 42 910 1,94
04 41 815 44 107 .),95
1905 43 366 45 320 0,96
06 44 970 46 584 0,97
07 46 614 47 884 0,97
08 48 381 49 220 0,98
09 50 192 50 593 0,99
1910 52 003 52 000 1,00
        <pb n="652" />
        Tabellen-Anhang.
Tabelle 3,
Indexkurven des Abrechnungsverkehrs in London und
Newyork 1870—1910.
London Newyork
Clearingen In Prozent Clearingen In Prozent
dividiert mit vom dividiert mit vom
der absoluten Durchschnitt der absoluten Durchschnitt
Goldmenge Goldmenge
1870 192 79 137 98
71 231 95 141 101
72 278 115 159 114
73 286 118 164 17
74 267 110 104 714
1877 248 102 111 I
76 317 0 94
77 214 i 100
78 209 ; 04 ;
79 202 104 u
1880 235 U 151 108
&amp;amp;. 255 [09 194 139
8. 213 100 183 131
8 228 ( 56 A
84 221 ; 39 a3
1885 206 : US “3
86 219 A 124 7
87 223 © 128 |
8° 248 102 HH} J
89 269 111 123 ;
1890 271 112 131
9! 232 96 116 '
9; 218 Cy ‚22
9; 214 113
94 203 ; )
1895 238 ;
96 232 ) ;
97 223 | 2 .
98 233 A HS 2
99 256 106 159 114
1900 242 100 141 101
01 253 104 203 145
02 256 106 191 136
03 250 103 75 +25
04 253 104 143 102
1905 283 117 212 151
06 282 116 231 165
07 273 13 205 146
08 250 103 152 109
09 269 HM 198 141
1910 283 I 197 141
Durchschnitt 242 140
Nach Stat. Abstract. for the U. K. und Stat. Abstr. of the U. S,

639
        <pb n="653" />
        640

Tabellen-Anhang.
Tabelle 4,
Diskontsätze in Deutschland und England.
(Jährliche Durchschnitte.)
Jahr Berlin London
Bankdiskont Bankdiskont
1872 4,29 4,10
73 4,95 4,79
74 4,38 3,69
1875 4,71 3,23
76 4,16 2,61
77 4,42 2,90
75 4,34 3,78
79 3,70 2,51
1880 4,24 2,76
81 4,42 3,48
82 4,54 4,15
83 4,05 3357
84 4,00 2,96
1885 4,12 2,93
86 3,28 3,05
87 3,41 3,38
88 3,32 _Marktdiskont 3,30 _Marktdiskont
89 3,68 2,63 3,55 3,29
1890 4,52 3,18 4,54 3,71
91 3,78 3,02 3,932 1,50
92 3,20 1,80 2,52 1,33
93 4,07 3,17 3,05 1,67
94 3,12 1,74 2,11 1,69
1895 3,14 2,01 2,00 0,81
96 3,66 3,04 2,48 1,52
97 3,81 709 7,64 1,87
98 4,27 3,55 „29 2,65
99 5,04 4,45 3,75 29
1900 5,33 4,41 3,96 3,70
01 4,10 3,06 3,72 "20
02 3,32 2,19 9,9 "99
053 3,84 3,01 3,75 ;,40
04 4,22 3,14 3,30 „70
1905 3,82 2,85 3,01 2,66
06 5,15 4,04 4,27 4,05
07 6,03 5,12 4,93 4,53
08 4,76 3,92 3,01 2,31
09 3,93 2,87 3,10 2,31
1910 4,35 3,94 3,72 3,18
Nach dem Stat. Jahrb. f. d. Deutsche Reich.
        <pb n="654" />
        Tabellen-Anhang.
Tabelle 5.
Roheisenerzeugung und Kohlengewinnung.
Welt Deutsches Reich
Roheisen Stein- und Roheisen Stein- und
1000 Tonnen Braunkohlen 1000 Tonnen Braunkohlen
Mill. Tonnen Mill. Tonnen
1865 9 100 188 988 29
66 9 656 197 1 047 8
67 10 062 203 1 114 1
68 10 706 208 1 264
69 11 950 218 1 413 A
1870 12 260 219 1 391 |
Ti 12 852 237 1 564 N
72 14 843 260 L 988
73 15.125 280 2 241 «
74 13,916 274 1 906
1875 14 119 283 2.029
76 13 962 287 1 846 /
77 14 193 294 1 933 h
75 14 536 293 2 148
79 14411 312 2227
1880 18 584 345 2729
81 19 819 365 2914 ;
82 21.555 384 1381
8“ 21 756 410 470 ;
e. 20 464 409 601
188, 19 842 407 687
80 20 813 407 . 529
87 22 820 434 4 024
88 24 031 470 4 337
8% 25 877 485 4 525
18% 27 870 514 4 658 '
C 26 171 32 4 641
9 26 917 538 4 937
© 25 263 528 4 986 ,
a 26 032 552 5 380 ay
1895 29 369 583 5 465 104
95 31 289 601 3373 DZ
97 33 464 631 ö 881 +20
96 36 455 665 7313 28
9‘ 40 874 727 8 143 5
1900 41 348 767 8521 a
0. 41 140 789 7 880 #55
Ö 44 730 803 8 530 51
0 46 820 878 10 018 162
04 46 220 886 10 058 169
1905 54 790 914 10 875 174
06 59 660 1 014 12 293 194
07 61 300 Fat 12875 206
0b 48 800 1 068 11 805 215
09 60 600 1110 12 645 217
1910 66 200 1 152 14 794 222
Cassel, Theoret, Sozialökonomie. 4. Aufl.

641
41
        <pb n="655" />
        642

Tabellen-Anhang.
‚Tabelle 6.
Güterverkehr der deutschen Eisenbahnen.
(In Millionen Tonnen.)
Kapitalgüter Andere Güter
1886 23,9 92,2
87 27,6 97,2
88 31,0 106,6
89 34,6 114,7
1890 34,7 119,7
91 33,2 127,1
92 35,8 124,8
93 36,3 132,2
94 39,2 138,1
1895 40,8 143,9
96 48,1 157,1
97 52,3 168,5.
98 57,6 179,1
99 63,2 188,7
1900 65,3 203,6
01 59,5 203,9
02 63,8 203,9
03 72,4 218,7
04 75,2 225;1
1905 80,0 241,0
06 91,0 257,9
07 94,4 269,6
08 88,8 275,0
09 90,5 279,9
Statistisches Jahrbuch f. d. D. R.
Unter „Kapitalgüter‘“ sind folgende Warengattungen der Statistik einbegriffen::
7, 11—20, 31a b, 59; unter „Andere Güter“ die übrigen.
        <pb n="656" />
        Tabellen-Anhang.
Tabelle 7.
Fabrikarbeiter in Schweden.
Kapitalproduzierende Sonstige Sämtliche
Industrien Industrien Industrien
1896 92 414 109 879 202 293
97 101 619 118 583 220 202
98 109 733 135 987 245 720
99 116 275 141 251 257.526
1900 119 597 145 882 265 479
01 114 451 147 778 262 229
02 113 438 149 806 263 244
03 117351 153 806 271 157
04 119 064 158 789 277.853
1905 116 843 164 152 280 995
06 124 678 171.130 295 808
07 128 021 175 008 303 029
08 121 082 174 310 295 392
09 115 186 174 019 289 205
Nach „Bidrag till Sveriges officiella Statistik D Fabriker och Handtverk“‘.
Unter kapitalproduzierende Industrien sind folgende Fabrikbetriebe einbegriffen,
 nach der Gruppeneinteilung im schwedischen Bericht, Tabelle 6: 5a)
Rubrik 1; 8a Rubrik 2, 3, 5, 13, 14; 10a; 11a), b) Rubrik 1, c) Rubrik 1, 2, 6, 7.

643
4A1*
        <pb n="657" />
        644

Tabellen-Anhang.
Tabelle 8.
Unfallversicherte Personen in den gewerblichen
Berufsgenossenschaften des Deutschen Reichs.
(In Tausend.)
Jahr B.-G. der kapital- Sonstige Sämtliche
produzierenden Industrie B.-G. B.-G.
1888 1865 2455 4321
89 2145 2598 4743
1890 2214 2712 4927
91 2322 2771 5093
92 2275 2803 5078
93 2313 2856 5169
94 2324 2920 5244
1895 2370 3039 5409
96 2553 3182 5735
97 2753 3290 6043
98 2918 3399 6317
99 3110 3548 6659
1900 3214 3715 6929
01 3052 3832 6884
02 3032 4068 7100
03 3189 A277 7466
04 3365 4484 7849
1905 3539 4657 8196
06 3772 4854 8626
07 3905 5113 9018
08 3719 5199 8918
69 3691 5313 9004
Nach dem Stat. Jahrb. f. d. D. R. Unter den B.-G. der kapitalproduzierenden
Industrien sind einbegriffen Nr. 2—11, 17, 43—54, 64.
        <pb n="658" />
        Tabellen-Anhang.
Tabelle 9.
Durchschnittliche Jahresproduktionsfähigkeit
deutscher Hochöfen.
Zahl der Durchschnittliche
a, Ende der Jahre in Betrieb Gesamtbetriebs- _Jahresproduktionsvorhandenen
 gewesenen dauer in Wochen fähigkeit pro
Hochöfen Hochofen
1872 348 13 676 7 560
73 379 15276 7 627
74 339 11 776 8418
1875 289 10 904 9 678
76 236 9 160 10 481
77 212 9219 10 902
78 212 9 056 12332
79 210 8 952 12 934
1880 246 10 975 12 930
81 251 14.362 13 336
82 261 12 087 14 545
83 318 258 11 760 15 342
84 308 252 11 071 16 912
1885 298 229 10 758 17 824
86 285 215 9 445 19 427
87 271 212 10 011 20 902
8© 271 211 10 103 22323
89 264 213 10 436 22 545
1890 286 222 10 480 23 114
91 270 218 10:322 23 380
92 266 215 10 103 25 410
9; 263 204 9 747 26 600
94 258 208 9 878 28 320
1895 263 212 9 929 28 610
96 265 229 10 846 30 550
97 273 242 11 661 30 680
98 281 253 11.587 32 820
99 285 263 12 806 33 060
1905 298 274 13252 23 430
Ü 309 263 11517 35 580
02 289 241 10 946 40 520
Gs 293 254 12 546 41 520
0: 297 254 11 930 43 840
1905 308 277 12 914 43 790
06 315 288 14 125 45 255
07 324 303 14 870 45 298
08 331 280 12 596 48 733
09 334 279 12 811 51 320
Nach dem Stat. Jahrb. f. d. D. R.

645
        <pb n="659" />
        646

Tabellen-Anhang.
Tabelle 10.
Frachtfahrt und Schiffsbau in England.
Tonnage der Tonnage der Tonnage der Tonnage der
eingelaufenen neugebauten eingelaufenen neugebauten
Schiffe Schiffe Schiffe Schiffe
Millionen Zehntausend Millionen Zehntausend
Tonnen Tonnen Tonnen Tonnen
1854 19 1882 61 78
1855 18 | 083 65 839
56 22 ; 84 64 59
57 2 ' 1885 54 1
58 2 24 86 , }
59 . 21 | 87 j 3
1860 : 25 ' 88 u 7
61 a “A 89 72 )
62 i 1890 74
63 e 91 75
64 : 92 75 )
1865 ; ı 93 3 3
66 X Us 94 1 {
67 ; | 1895 1 &amp;gt;
68 „7 96 J 1
69 ' .- | 97 9 ]
1870 | 4 | 98 1 {
71 25 99 3 i
72 &amp;amp; ae 1900 J9 i
73 ‘ a 01 97 3
74 4 60 02 99 ö
1875 4. X 03 105 16
76 ! Se 04 108 88
77 . 45 1905 112 105
78 T 47 | 06 121 116
79 ir 41 07 133 104
1880 59 47 08 131 60
Nach British and Foreign Trade and Industry (1854—1908), (Cd. 4954),
London 1909.
        <pb n="660" />
        Tabellen-Anhang.
Tabelle 11.
Indexziffern der Großhandelspreise für Roheisen,
Ziegel und Nadelholz, beschlagen, in Großbritannien
1871— 1908.
Jahr Roheisen Ziegel N KUBEE
1871 72,1 91,7 159,1
12 119,7 100,0 163,0
73 148,0 116,7 176,6
74 111,9 100,0 179,9
1875 86,3 91,7 157,1
76 74,2 91,7 159,1
77 68,2 91,7 155,2
78 63,7 83,3 135,7
79 61,3 70,0 118,2
1880 76,1 75,0 134,4
81 65,8 70,0 135,7
82 66,8 83,3 139,0
83 61,8 75,0 134,4
84 54,7 75,0 119,5
1885 $1,3 75,0 116,2
86 50,6 75,0 102,6
87 54,9 75,0 96,8
88 50,4 75,0 103,2
89 59,5 75,0 114,9
1890 72,6 100,0 105,8
91 62,4 91,7 97,4
92 Öö1,2 91,7 97,4
93 55,7 83,3 90,9
94 54,6 83,3 87,0
1895 56,9 83,5 88,3
96 56,7 83,3 92,2
EN 57,3 83,3 93,5
98 62,5 91,7 95,5
99 82,6 100,0 94,2
1900 100,0 100,0 100,0
01 74,6 91,7 94,8
02 77,1 83,3 89,0
03 75,1 83,3 90,9
04 96,6 83,3 85,7
1905 75,0 81,1 87,7
06 83,2 77,8 89,6
07 88,2 79,4 92,2
08 75,3 81,1 87,7
Nach British and Foreign Trade and Industry (1854—1908), (Cd. 4954),
London 1909,

647
        <pb n="661" />
        648

Tabellen-Anhang.
Tabelle 12.
Sauerbecks Indexziffern für Mineralien und für andere
Artikel mit den Zahlen der relativen Goldmenge reduziert.
Jahr Mineralien Andere Artikel
1870 76,3 833,5
71 80,3 84,6
72 109,1 89,1
73 122,9 92,0
74 100,6 86,4
1875 89,4 83,7
76 80,4 84,6
77 75,4 85,7
78 66,9 81,2
79 66,6 77,4
1880 72,6 82,5
81 71,4 80,2
82 74,6 80,0
83 72,7 79,7
84 65,9 74,8
1885 64,9 71,6
86 66,2 68,9
87 70,0 68,6
88 79,6 70,4
89 77,8 74,1
1890 83,9 73,1
91 80,6 74,6
92 75,9 71,9
93 73,3 72,9
94 68,4 67,6
1895 67,1 7,
96 68,7 75,5
97 71,2 66,3
98 75,8 67,7
99 97,9 68,1
1900 115,9 73,7
Gi 94,9 71,4
02 87,8 71,7
C. 87,3 71,3
Ö+ 86,1 71,9
1905 91,4 72,8
06 105,1 75,3
07 110,1 76,7
08 90,5 71,5
09 87,0 72,7
1910 88,8 75,8
        <pb n="662" />
        Tabellen-Anhang.
Tabelle 13.
Roheisenerzeugung und Marktdiskont in der nordamerikanischen
 Union.
Roheisenerzeugung Marktdiskontsatz
Jahr in tausend Tons in Newyork
1870 1 665 7,2
71 1 707 6,1
72 2 549 8,0
73 2 561 10.3
74 2 401 |
187° 2 024
To 1 869
77 2 067 ;
75 2301
70 2742 )
1880 3 835 \
8! 4 144 )
82 4 623 7
833 4 596 3
8} 4 098 +2
1885 4 045 4,1
85 5 683 4,7
$7 6417 Wr
80 6 490 49
89 7 604 4,08
1890 9 203 3,92
91 8 280 5,87
92 9,157 4,46
0° 7.125 7,11
9. 6 658 40
1895 9 446 „87
96 83 623 1,88
97 9 653 87
98 11774 4,23
99 13 621 4,23
1900 13 789 4,73
01 15 878 4,48
GG.) 17 821 5,04
O0 18 009 5,54
02 16 497 4,29
1905 22 992 4,33
06 25307 5,63
07 25 781 6,28
08 15 936 4,62
09 25 795 3,92
1910 27:304 5,07
Nach Pohle, ‚Statistische Unterlagen“.

649
        <pb n="663" />
        Xehrbüchher und Grundriffje
der NechtS: und Staatzwifjfenfchaften.
Allfeld, Philipp.
Fälle aus dem Strafprozeßrecht zu akadem. Gebrauch.
1919., IV, 128 8. 2.—, geb. 2.50
— Lehrbuch des deutschen Strafrechts. Begründet von
Hugo Meyer. 8. durchaus veränderte Aufl. 1921. XIV,
633 8. 10. geb. 11.—
Bornhak, Conrad.
SGrundrif des Deutfdhen Landwirtfhaftsrecdhtes. 1921.
V, 140 6S, 2.70, geb. 3.70
— Örundriß des Deutfden StaatZredht3. 7. durchge]. Aufl.
1926. IV, 224 &amp;amp;. G—, ge0. 8—
— BGrundriß des BerwaltungsredhHt3 in Preußen und
dem DeutjdHen Reiche. 8. durchge]. Aufl. 1925. IV, 214 S.
6.50, geb. 8.50
Bredt, Joh. Bictor.
Die Befteuerung nad der Leiftungzfähigkeit. Ein Bei:
trag zur Syjtematit und Reform der direkten Steuern in Preußen
und dem Reiche. 1912. VIII, 240 ES, 4.50
Das erfte Sehrbuch des Steuerrecht auf akademijdher Grundlage.
Brinz, Alois. |
Lehrbuch der Pandekten. 2. Aufl. 1873—1892. 4 Bde.
Photomechan. Drud. 1925. 65.—
x 2. Aufl. VIT, 826 S. 1.21 2. Mufl. VI, 134 S.
1 2° , MT 466° 211 2. „XIV, 310 ©.
a 416 S. IV:1 2 7 11V, 2566!
uL1ı 92 „IV, 4616 BSD 291 ©.
Cassel, Gustav.
Theoretische Sozialökonomie. 4. verbess. Aufl. 1927.
X, 649 5. Soeben erschienen
— Grundgedanken der theoretischen Ökonomie.
4 Vorlesgn. 1926. 88 S. 3.30, geb. 4.80
s. a.: Einführung.
v., Cheberg, Karl Zheodor.
Sinanzwifjfen|hHaft. 18. u. 19. verb. AWufl. 1922. VIIT, 735 S.
12.—, geb. 14.—
— Grundriß der Finanzwiffen{dHaft. 2. verb. Aufl. 1926,
VIII, 185 S. 5.30, geb. 6.80
Kinführung in die Rechts- und Wirtschaftswissenschaft.
Bd. 2: Hatschek, Julius, Einleitung in das öffentliche Recht.
1926. VI, 111 8. 5.—, geb. 6.50
Bd. 4: COassel, Gustav, Grundgedanken der theoretischen
Ökonomie. 4 Vorlesgn. 1926. 888. 3.30, geb. 4.80
Bd. 7: Hatschek, Julius, Einleitung ins Völkerrecht. 1926.
VII, 114 8, 8 2.80, geb. 3.80
A, Deichertihe Berlagsbuchhdig, Dr. Werner Scholl, Leipzig
        <pb n="664" />
        Hatschek, Julius.
Lehrbuch d. deutschen u.preußischen Verwaltungsrechts.
 5. verb. Aufl. 1927, VMNI, 470 8. im Druck.
— Völkerrecht, als System rechtlich bedeutsamer Staatsakte,
1923. IV, 429 8. 9.—, geb. 12.—
— Völkerrecht im Grundriß. 1926. IV, 254 S.
br. 5.—, geb. 7.50
-— Vinleitung ins Völkerrecht.‘ 1926. VIN, 1148,
2.80, geb. 3.80
Hauke, Franz.
Sammlung von Fällen und Fragen aus dem österr. Verfassungs-
 u. Verwaltungsrechte für den akad. Gebrauch. 1911,
VIL, 1138. 1.50, geb. 2.—
Selwig, Konrad.
QLehrbuchH dezs DeutfdhHen Zivilprozeßredht8.
I. DazZ BZivilprozeßredht. Inhalt und Begrenzung der ordentl.
{treitigen Bivilgerichtsbharkeit. Die Borausfjegung für Erteilung
des urteilsmäßigen Rechtsjhukßes. 1903. XX, 400 S. Photomechan.
 Druck. 22,—, geb. 24.—
II. Das Prozeßverhältnis im EntjHeidungsverfahren. FJm allgemeinen.
 Die Prozeßjubjekte. 1907. XIV, 549 S. Photo:
mechan. Druck. 29.—, geb. 31.—
IIT. Lehre v. d. Klage. Prozeßverhältniz im Ent{dHeidungsverfahren.
Rlageerhebung. 1909. IX, 307 S. Photomechan. Drue.
16.—, geb. 20.—
— Syftem des DeutfdhHen ZivilprozeßredhHt3. In 2 Teilen.
Teil I. Ordentlidhes Verfahren auZfchließlichH befondere Prozeßarten
und Zwangsvolijtredung. 1912. XIV, 898 &amp;amp;. Vergriffen
Teil II. Abt. 1. Befondere Prozeßarten u. fhiedarichterlidhes Verfahren.
 1912. IV,136 S. — MWMbobt. 2. Zwangsvoljtredung von
BR. Dertmann. 1919. VII, 332 S. Beide AWobtlgn. zu]. 10.—
Henle, Rudolph.
Acht Aufgaben zur schriftl. Bearbeitung im Anfänger-Praktikum
 d. bürgerl. Rechts. 1914. 6 S. —,30
Hübner, Rudolf.
Grundzüge des deutschen Privatrechts. 4. Aufl. 1922,
XII, 751 8. 13.—-, geb. .15.—
Jacobi, Erwin.
Grundlehren des Arbeitsrechts im Druck.
Erscheint Februar.
Kipp, Theodor.
Geschichte der Quellen des Römischen Rechts.
4. verm. Aufl. 1919. X, 193 8. 4.20, geb. 5.20
Kohler, Yofef.
Leitfaden d. Strafrecht8. 1912. IX, 171 S. 3.—, geb. 4.—
— Einführung in die Rechtswissenschaft. 5. durchges,
Aufl. (9.—10. Taus.) 1919. IV, 226 8. 6.50, geb. 8.—
A, Deichertiche Berlagsbuchhdig. Dr. Werner Scholl, Leipzig
        <pb n="665" />
        Kübler, Bernhard.
Lesebuch des Römischen Rechts zum Gebrauch bei Vorlesungen
 und Uebungen und zum Selbststudium. 3. Aufl. 1925.
294 8. 8.—, geb. 10.—
— Geschichte des Römischen Rechts. KEin Lehrbuch.
1925. X, 459 8. 12.50. geb. 15.—
Lent, Friedrich.
Grundriß der freiwilligen Gerichtsbarkeit. 1921.
IV, 108 8. D.—, yob, 82
Mirbt, Hermann.
Srundriß des deutfden und preußifjden Steuerrecht.
1926. XII, 355 ©. br. 9.—, geb. 11.—
Örtmann, Vaul.
Sammlung zivilprozeß- und fonkursredhtlidher Auf:
gaben. Zum afadem. Gebr. 2. veränd. Aufl. 1921. 122 ES.
2.—, geb. 2.50
— Grundriß des deutjhen Zivilprozeßrecht3. 1924.
2; u. 3. Aufl: XI, 304 6S. 7.50, geb. 9.—
— Die Rechtsbedingung (condicio iuris). Untersuchungen z.
Bürgerl. Recht u. zur allgem. Rechtslehre. 1924. VIII, 248 S. 7.—
Osterrieth, Albert.
Lehrbuch des gewerblichen Rechtsschutzes. 1908.
XXII, 544 8. 10.—
Viloty u, Schneider,
Srundriß des Verwaltungzsredhte3s in Bayern u. dem
DeutjhHen Reiche. 3. Aufl. 1926. VIII, 241 S. 6.70, geb. 8.30
Sehling, Emil.
Sammlung von Fällen aus dem Handelsrecht, Wechselreckt
u. Versicherungsrecht. Zum akadem. Gebrauch. 5. verm. Aufl.
1921. IV, 1218 2.—, geb. 2.50
VBolfswirtichaft,
Baab, Auguft.
Problem der Arbeitslojenverfidherung, der Arbeits:
vermittlung u. Arbeitsbefjdhaffung. 1911. VII, 389 S. 7.50
Bamberger, Georg.
Erbrecht d. Reidhe3 u. Erb{Hafts3jteuer. 1917. 50 S. —.80
Berckum, Johannes Iofef.
DaZ Staatzsfhuldenproblem i. Lidhte d. KHaffijhen Nationalöfonomie.
 €. Beitrag 3. Sejdhidhte u. Theorie d. Staatsjhuldenwejens.
 1911. X, 243 &amp;amp;. 5.—
Biermann, Wilhelm Eduard.
Karl Georg Winkelblech (Karl Marlo). Sein Leben u.
sein Werk.
I. Leben u. Wirken bis zum Jahre 1849. Mit Bild u. Faks.
1909. XIV, 387 8. 7.80
II. Die deutsche Handwerker- u. Arbeiterbewegung des Jahres
1848. Winkelblechs Leben u. Wirken bis zu s. Tode 1865.
Mit Bild. 1909. VI, 5118. 10.—
A. Deichertjidhe Berlagsbuchhdlg. Dr. Werner Scholl, Leipzig
        <pb n="666" />
        Biermann, Wilhelm Eduard.
Aus Karl Georg Winkelblechs (K. Marlos) literar.
Nachlaß. Eingel. u. herausg. 1911. V, 163 S. 3.—
— Anarhismus u. Kommunismus. 1906. 177 S. 2.70, geb. 3.—
Bredt, Joh. Victor.
Die Beitenuerung nach der Leiftungsfähigkeit. Ein Beitrag
 3. Syftematikf u. Reform der direkten Steuern in Preußen 1.
dem Reiche. 1912. VII, 240 S. 4.50
Cassel, Gustav.
Theoretische Sozialökonomie. 4. verb. Aufl. 1927.
X, 6498. Soeben erschienen
Cassel, Margit.
Die Gemeinwirtschaft. Ihre Stellung u. Notwendigkeit in
der Tauschwirtschaft. 1925. VII, 152 S. 5.
Diepenhorst, Fritz.
Die handelspolit. Bedeutung der Ausfuhrunterstützungen
 der Kartelle mit besonderer Rücksicht auf ihre
Bedeutung für die reinen Walzwerke. 1908. 548. 1.20
Dietzel, Heinrich.
Vom Lehrwert der Wertlehre und vom Grundfehler der
Marxschen Verteilungslehre. 1921. 3958. 1.—
v. Eheberg, Theodor.
Die Jagd in volkswirtschaftl. Beziehung. 1901. 305. 1.—
— Die KAriegSfinanzen. Kriegskoften, Kriegsfhulden, Kriegsfteuern.
 1. Aufl. 1916. 116 S. 2.—
2. Aufl. vergr.
Fengler, Otto.
Die Wirtfhaftspolitik Turgots u. |. Zeitgenofjen im
Lichte d. Wirtfchaft des Ancien Rögime. 1912. XII, 141 S. 3.—
Fijcdher, Rudolf.
Die Elektrizitäts-Verforgung, ihre vollwirtjdhaftlidhe Bedeutung
 u. i. Organijation. 1916. VIII, 129 S. 3.—
Heyn, Otto.
Erfordernisse des Geldes. Ein Beitrag zur Geldtheorie.
1912: „34-85. —.75
Hirsch, Julius.
Das Warenhaus in Westdeutschland; seine Organisation
und; Wirkung.;; 1910. V111,. 1188. 2.50
Hoffmann, Alerander.
Die ConcentrationzZbefirebungen in d. deutjdhen FJn-Dufirie.
 1922. 196 —40
Kähler, Wilhelm.
Die Stellvertretung im Gewerbebetrieb. Eine gewerberechtl.
 Unterfuchung. 1894. VII, 53 S. 1.20
Knofe, Anton.
Ausländifjhe Wanderarbeiter in DeutfHland. 1911.
II, 108 €. 2.—
Lehmann, Heinrich.
Wuder und Wudherbekämpfung im Krieg u. Frieden.
1917. 68 S. 1.—
A. Deichertiche Berlagsbuchhdlg. Dr. Werner Scholl, Leipzig
        <pb n="667" />
        Lissner, Julius.
Die Deutsche Tabaksteuerfrage. 1907. X,3058. 6.—
— Die ReidhsSfjinanzreform. 1908. 51 ES. —.80
— Zur Klärung tabaksteuerl. Streitfragen. 1908.
66 58. 1.40
— Bur Wertzollfrage. 1912. 108 S. 2.50
Löhr, Josef.
Das Hypothekenbankgesetz vom 13./7. 1899, mit erläuternden
 Anmerkungen u. Anhang: Das Recht. der Hypothekenpfandbriefe.
 1906. 155 S. 2.50, geb. 3.—
— Die volkswirtschaftl. Bedeutung d. Hypothekenbanken.
 1908. 53 S. 1.—
Mendelson, M.
Die Entwicklungsrichtungen d. dtsch. Volkswirtschaft
 n. d, Ergebnissen d. neuesten dtsch. Statistik, insbes. d.
Berufs- u. Betriebsstatistik. 1913. VI, 75 S. 1.80
Meyer, Gertrud.
Die Spielmareninduftrie im Säcdfifdhen Erzgebirge.
191%. IV, 746. 1.50
Neuburg, Clamor.
Der Einfluß des Bergbaus auf die erste Entwicklung der
Forstwirtschaft in Deutschland. 1901. 36 S. 1.20
Oswalt, HS.
SalihHe Rednungen. Eine Krit. AuseinanderjeBung mit der
Öppenheimer’Jchen Theorie. 1919. 23 S. —.50
Pohle, Ludwig.
Geldentwertung, Valutafrage u. Währungsreform.
Krit. Betrachtungen über die gegenwärtige Lage der deutschen
Volkswirtschaft. 1920. 56 S. 1.20
— Die gegenwärt. Krisis in der deutschen Volkswirtschaftslehre.
 Betrachtungen über das Verhältnis zwischen
Politik u. nationalök. Wissensch. 2. Aufl. 1921. XIV,1328. 2.50
Schildbach, Bernhard.
Verfassung u. Verwaltung d. freien Gewerkschaften
in Deutschland. 1910. VI, 81 58. 1.—
Schmelzer, Fris. N
Tarifgemeinfdhaften, ihre wirtfHaftliche, Jozialpolitijdhe und
juriftifche Bedeutung mit befonderer Berückjfichtigung des Arbeitgeber
{tandpunfktes. 2, Aufl. 1906. VI, 143 ES. 2.80
Schott, Richard.
Die Erbschaftssteuer der Frauen u. Kinder u. unser
bürgerl. Recht. 1912. 22 S. —.50
Stieda, Wilhelm .
Ein Sandesgewerbeamt für d. Königr. Sadhfjen. 1907.
32 6. —.60
Tietze, Walter.
Die Oderschiffahrt. Studien zu ihrer Geschichte u. zu ihrer
wirtschaftl. Bedeutung. 1907. IV, 131 8. 3.—
A. Deicdhertfiche Berlagsbuchhdlg, Dr. Werner Scholl, Leipzig
        <pb n="668" />
        Voigt, Andreas.
Kriegssozialismus u. Friedenssozialismus. Eine Beurteil.
 d. gegenw. Kriegs-Wirtschaftspol. 1916. 328. —.90
7, Waltershausen, August Sartorius.
Die sizilianische Agrarverfassung u. ihre Wandlungen
1780—1912. Eine sozialpolitische u. weltwirtschaftl. Untersuch.
1913. XII, 385 8. 10:—
Weber, Kobert.
Syftem d. dtifh. Handelsverträge. 1912. XIL464S. 12:—
Handels: u. Wirtjchaftsrecht,
Gewerbliches Urheberrecht u. Zandwirtjchaft,
Baab, Auguft. |
Problem der Arbeitslofjenverfidherung, der Arbeits:
vermittlung u. Arbeitsbejdhaffung. 1911. VII 389 S. 7,50
BetriebsrätegefeBß vom 4. Febr. 1920 (ROGOB. S. 147) nebft den
dazu erlaffenen und damit zujammenhängenden Gefegen und Verprdnungen
 erläutert von Walter Rohrbed, EriH Schönfeld
und Rudolf Golm. 2. erw. Aufl. 1922. VII, 255 S. 5—
— — Nadtrag. 1922. 14 6. —.30
Bett, Kasimir.
Der Konkurs d. Aktiengesellschaft u. ihre Erneuerung.
1904. 121 8. 2.60
Bornhafk, Conrad.
Srundrik d. DeutfdHen LandwirtjdhaftZrecdhtes. 1921.
IV, 140 &amp;amp;. 2.70, geb. 3.70
Brenninfmeijer, Rudolf.
Der Akzeptkredit der Banken. 1916. XII, 158 S. 4.50
Frankenberg, Hans.
Die gemifchten u. reinen HypPpothHekenhanken in Dentichland.
 gr. 8°. 1910. .VHI, 111 6. 2,80
Hartig, Siagfrid.
Terminologie der Gewerbepolitik zugleich ein Beitrag z
gewerbl. MittelftandaSfrage. 1908. IV, 120 S. 2.40
SHofmann, Aleyander.
Die Concentrationgsbeftirebungen in d. deutfjdhHen Ins
duftrie. 1922. 19:6. —.40
Kaisers Joseph.
Das deutsche Patentgesetz vom 7./4. 1891. Unter Berücksichtigung
 d. wichtigsten Bestimmungen des Auslandes, der
Pariser Uebereinkunft u. d. von Deutschland geschlossenen Staatsverträge.
 1907. VII, 336 S. 6.—, geb. 7.50
Rnofe, Anton.
Ausländijhe Wanderarbeiter in DeutjhHland. 1911.
HI, 108 €. 2.—
A. Deichertfhe Berlagsbuchhdlg. Dr. Werner Scholl, Leipzig:
        <pb n="669" />
        Löhr, Josef.
Das Hypothekenbankgesetz vom 13./7. 1899, mit erläuternden
 Anmerkungen u. Anhang: Das Recht der Hypothekenpfandbriefe.
 1906. 155 S. 2.50, geb. 3.—
Meyer, Felix.
Das Weltwechselrecht. Im Auftrage der Aeltesten der
Kaufmannschaft Berlin. 2 Bde 35:—
I. Die geltenden Wechselrechte in vergleichender Darstellung
mit Sachregister. 1909. VI, 672 S. 20.50
II. Der Entwurf eines einheitl. Wechselgesetzes nebst Begründung.
 1909. 434 S. 14.50
Osterrieth, Albert.
Lehrbuch des gewerblichen Rechtsschutzes. 1908.
XXIIT, 544 8. 10.—
Schreib, Erich.
Aktionär u. Generalversammlung. 1912. 84 8. 2.—
Schriften des Instituts für Arbeitsrecht an der Univ. Leipzig
herausg. von Erwin Jacobi, Leipzig.
1. Heft: Fülling, Rudolf, Die Pflicht zur Beschäftigung
Schwerbeschädigter nach d. Gesetz v. 6./4. 20. 1923.
X, 119 5. 3.20
2. Heft: Wauer, Walter, Die wirtschaftlichen Selhstverwaltungskörper.
 Ihr Begriff und ihre Organisation.
1923. XX, 100 S. 3.—
3. Heft: Richter, Lutz, Arbeitsrechtals Rechtsbegriff.
Eine systematologische Studie. 1923. 26 S. —.80
4. Heft: Becker, Erich, Tarifnormen-Kollision. 1924.
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        8 81. Zur weiteren Erklärung der Konjunkturbewegungen, 569
Verhältnissen angepaßte Pläne zu entwerfen und ins Werk zu setzen.
Solange die Produktion von festem Kapital unter ihrem früheren
Maximum beschränkt bleibt, setzt der Zinsfuß seine fallende Bewegung
fort, damit sowohl das anlagesuchende Publikum wie auch das Unternehmertum
 zu neuen Unternehmungen immer stärker anspornend.
Sobald nun diese Gegenwirkung des niedrigen Zinsfußes eintritt, und
die Produktion von festem Kapital also über ihr letztes Maximum
hinaus zu steigen beginnt, wendet der Zinsfuß gleich seine Bewegungsrichtung,
 bleibt aber noch eine Zeitlang zu niedrig, um dem jetzt einsetzenden
 Aufschwung wirksam entgegentreten zu können. Unsere
Untersuchungen haben auch gezeigt, daß der Zinsfuß tatsächlich eben
am Ende der Depression sein Minimum erreicht und in der Aufschwungsperiode
 zunächst langsam steigt, bis er in der eigentlichen Hochkonjunktur
 stark aufwärts geht.
Die Länge der Konjunkturperiode hängt auch damit zusammen,
daß die Produktion von festem Kapital Zeit beansprucht. Die Unternehmungen,
 die in der Depression oder im beginnenden Aufschwung
geplant werden, brauchen größtenteils mehrere Jahre bis zu ihrer Vollendung.
 Verhältnismäßig kurze Zeit wird zur Herstellung von Wohnhäusern
 gebraucht. Da genügen meistens ein bis zwei Jahre. Eisenbahnen,
 Kanäle, Wasserkraftanlagen u. dgl. Unternehmungen beanspruchen
 dagegen viel längere Zeit. Eine lebhaftere Tätigkeit auf
diesem Gebiete kann also nicht gleich von den hemmenden Kräften
wieder zurückgedrängt werden. Die Länge der Konjunkturperiode
steht somit in einem gewissen Zusammenhang mit der Länge der Produktionsperiode
 der hier in Frage kommenden Anlagen. Es ist deshalb
auch nicht ganz unwahrscheinlich, daß die allgemeine Tendenz zur Verkürzung
 der Herstellungszeit für Bauten und Anlagen aller Art, die
unsere Tage auszeichnet, auch in der Verkürzung der Konjunkturperioden
 mitgewirkt hat, welche sich im zwanzigsten Jahrhundert
durchzusetzen scheint.
Zu den genannten Umständen kommt, daß die erhöhte Produktion
von festem Kapital ihrerseits eine Erweiterung aller Anlagen und
Transportmittel, die dieser Produktion dienen, erfordert. Auch wird die
Produktion von Verbrauchsgegenständen, die ebenfalls, obwohl nur
sekundär und in abgeschwächtem Grade, an der Hochkonjunktur ihren
Anteil erhält, neue Maschinen und erweiterte Anlagen erfordern. Diese
Ausbreitung der Hochkonjunktur nimmt natürlich auch eine gewisse
Zeit in Anspruch. Die Gewinne, die in der beginnenden Hochkonjunktur
bei denhohen Produktenpreisen vielfach realisiert werden, lockenzu neuen
Unternehmungen oder Erweiterungen, die auf der Annahme eines Fortbestehens
 solcher Preise fußen. Die Fortsetzung der Hochkonjunktur
beruht überhaupt im großen Umfange auf den Hoffnungen, denen der
erste, wirklich gewinnbringende Teil der Aufschwungsperiode Nahrung

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