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        <title>Holländische Wirtschaftsgeschichte</title>
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            <surname>Baasch</surname>
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        Handbuch der Wirtschaftsgeschichte
Pick Dr. Geng-Brnänitz
Holländische
Wirtschaftsgeschichte
Ernst Baasch
4
Jena
Verlag von Gustav Fischer

Von
1927
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        Handbuch
Wirtschaftsgeschichte
Herausgegeben von
Dr. Georg Brodnitz
Professor der Staatswissenschaften in Halle a. S.
Holländische Wirtschaftsgeschichte
Ernst Baasch
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Jena
Verlag von Gustav Fischer

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Von
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        Holländische
Wirtschaftsgeschichte
Ernst :Baasch
Verlag von Creker Fischer

Von
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        Alle Rechte vorbehalten
Copyright 1927 by Gustav Fischer, Publisher, Jena
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* Kiel
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Fürstl. priv. Hofbuchdruckerei (F. Mitzlaff) Rudolstadt.
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        Vorwort.
Der Aufforderung des Herausgebers dieses Handbuchs, eine
holländische Wirtschaftsgeschichte zu schreiben, bin ich nicht ohne
Bedenken gefolgt. Es bedeutet doch immer ein Wagnis für einen
Schriftsteller, ein Auslandsgebiet zu betreten, zumal wenn dieses
selbst über zahlreiche vortreffliche, fleißig tätige Arbeitskräfte verfügt.
 Aber im Hinblick darauf, daß seit Haller, Büsch und
Niebuhr sich bis in die neueste Zeit viele deutsche Gelehrte
mit der Geschichte und dem Wirtschaftsleben der Niederlande beschäftigt
 haben — es sei nur an Osiander, Laspeyres, Großmann,
 neuerdings Pringsheim, Rachfahl, Frost, Wätjen,
Haepke u. a. erinnert —, habe ich jenes Bedenken zurückgestellt.
 Zweifellos sind die Arbeiten dieser Männer für die Erkenntnis
 der holländischen Vergangenheit nicht unnützlich gewesen,
 ja haben sie jede in ihrer Art gefördert. Das gab auch mir
den Mut, mich auf das Glatteis eines ausländischen Arbeitsgebiets
zu wagen. Mehrjährige Studien in holländischen Archiven, die mich
seit 1890 wiederholt in das eigenartige Land geführt haben und
als deren Ergebnis die Veröffentlichung einiger kleinerer, die deutschholländischen
 Wirtschaftsbeziehungen behandelnden Schriften folgte,
hatten mich überdies in engere Fühlung mit der holländischen
wissenschaftlichen Literatur, soweit sie die Geschichte des Staats
und der Wirtschaft betraf, gebracht. Dadurch wurde mir der Entschluß,
 die mir angetragene Aufgabe zu übernehmen, wesentlich
erleichtert.
Als Ausgangspunkt der Darstellung war die Begründung der
Vereinigten Niederlande durch die Utrechter Union zu nehmen.
Wenn auch das Wirtschaftsleben des Landes durch dieses Ereignis
nicht in dem Maße eine Neugestaltung erfuhr, daß jede Verbindung
mit den vorher bestandenen Verhältnissen abgebrochen wurde —
im Gegenteil beruhen auch weiterhin die inneren Zustände und die
        <pb n="7" />
        5 ad
Beziehungen mit dem Auslande zum großen Teil auf den Gewohnheiten
 und Einrichtungen des Mittelalters —, so ist doch die’ Begründung
 der Freiheit der Wendepunkt für die Geschicke des
Landes geworden, nicht nur im politischen, sondern auch im wirtschaftlichen
 Leben. Es entsteht auf der Grundlage der politischen
Selbständigkeit alsbald ein neues, staatliches Gebilde, das die Erinnerungen
 einer von, dynastischen Interessen geleiteten Provinz
mit erstaunlicher Schnelligkeit abstreift und voll una ganz in die
Bahnen einer seine Geschicke selbst bestimmenden Wirtschaftsmacht
 einlenkt.
Mancherlei Sorge machte mir die Beschaffung der Literatur.
Die deutschen öffentlichen Bibliotheken pflegen die Literatur des
stammverwandten Holland nur in sehr beschränktem Maße. Selbst
große, wichtige Sammlungen fehlen ganz oder finden sich nur in
wenigen Exemplaren. Sogar das so vorzügliche holländische Antiquariat
 versagte vielfach. Dennoch glaube ich, in meiner Darstellung
 das Wesentliche aus der einschlägigen Literatur verarbeitet
zu haben.
Das Buch war in der Hauptsache am 1. März 1926 abgeschlossen.
 Was an Literatur seitdem erschienen ist, konnte nur
vereinzelt während der Drucklegung verwertet werden.
Die Gruppierung des Stoffs hätte ich wohl etwas anders gewünscht;
 sie war mir aber durch den Herrn Herausgeber im Interesse
 der Einheitlichkeit des Handbuchs vorgeschrieben, und ich
mußte mich diesem Wunsche fügen.
Freiburg !. B.; 1: Februar 1027.
Ernst Baasch.

ei
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        Inhaltsverzeichnis.
Seite
Vorwort 0 2 Un ; . V
I. Kapitel. Aufstieg und Niedergang der holländischen
Wirtschaft zur Zeit der Republik I
$ 1. Die Eigenart der holländischen Wirtschaft . .°..... .. I
842. Die Landwirtschaft... a U
3 Die Fischerei. 4.0 TE TE ee se
4 Gewerbe und Industrie 0. 4 44 4 € ale Dee ie ae Ne DD
5. Die Schiffahrt N a A SO
6-Finanz- und Steuerwesen‘. + 1. er ee ne 174
3 7. Hollands Kapitalmacht. Bankwesen. Börse. Versicherungswesen.
 Die‘ Juden... 414 710 DES ER TE 102
$ 8. Handel und Handelspolitik. .... KUH ke ER
8 oa. Die Kolonialwirtschaft unter der Führung der großen Kompanien 364
II. Kapitel. Die Übergangszeit... ... | a
III. Kapitel. Stillstand und Wiederaufbau unter dem Königreich
 der Niederlande ..... . SC 420
$ ı. Handel und Handelspolitik. Der Übergang zum Freihandel . . 422
52. 3Die industrielle Entwicklung... . + A 451
A3-MLandwirtschaft und Fischerei. ... 1... 7. PN 483
*. Der Binnenverkehr und die Eisenbahnen. . PA 90
Der Seeverkehr und der Übergang zur Dampfschiffahrt . . . . 515
Die soziale Frage 0ı- DES A 531
Finanz- und (Steuerreform 1a 540
Bank- \Geld- und Börsenwesen , ... 559
5. Die staatliche Kolonialwirtschaft _. ©... EN 569
10. Rückblick . NA St
Verzeichnis der benutzten Literatur. ©) 592
Berichtigungen . A and 625
Rogister. ... . ST A 616
        <pb n="9" />
        1. Kapitel.
Aufstieg und Niedergang der holländischen
Wirtschaft zur Zeit der Republik.
$ 1. Die Eigenart der holländischen Wirtschaft.
Das Wirtschaftsleben der Niederlande war, wie dasjenige jeden
Landes, in hohem Grade abhängig von den natürlichen Verhältnissen.
 Kaum ein anderes Land trägt so den Stempel seiner geographischen
 Gegebenheiten: nirgends fand sich nach Osten und Süden
eine eigentliche natürliche Scheide, wie sie Gebirge, Sprach- und
Klimaunterschiede begründen; nur im Norden und Westen bietet
die Nordsee eine natürliche Grenze!). Schon dieser Umstand verlieh
 dem Lande eine gewisse Elastizität der Beziehungen zu den
südlichen und östlichen Nachbarländern; sie drücken sich im wirtschaftlichen
 wie im politischen Leben aus. Wie diese offene Grenze
den friedlichen Verkehr erheblich förderte, so war sie anderseits
auch die wundeste Stelle für feindliche Angriffe.
Nicht weniger wiesen die Verhältnisse der Oberfläche und des
Bodens im Innern des Landes auf die Aufgaben hin, die seinen
Bewohnern durch die Natur gestellt waren. Im Flachland gelegen,
zum großen Teil aus Marsch, Geest, Sand, ausgedehnten Mooren
und Heiden bestehend, fehlte es diesem Gebiet an Bodenschätzen,
an Holz, Kohlen, Steinen, Mineralien, Salz. Zu einem Industrieland
 war es deshalb von vornherein nicht berufen; die Industrie,
die sich hier entwickelt hat, ist, abgesehen von den auf der Landwirtschaft,
 der Seefahrt und Fischerei beruhenden Gewerben, eine
mehr oder weniger künstliche gewesen, die meist mit dem Handel
in naher Beziehung stand. Günstiger waren im allgemeinen die wirtschaftsgeographischen
 Bedingungen für die Landwirtschaft, und
1) Vgl. Blink, Nederland I, 8 ff.
Baasch, Holländische Wirtschaftsgeschichte.
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        die bäuerische Eigenart hat selbst das Volk an den Küsten nie
verleugnen können. Einer einheitlichen Bebauung waren zwar die
großen Unterschiede in der Bodenbeschaffenheit nicht förderlich;
nur wenige Gebiete besaßen von vornherein einen Boden, der für
Brotfrüchte sich eignete; mühsam mußten andere Strecken dieser
Bebauung gewonnen, zum Teil selbst dem Meere entrissen werden;
und frühzeitig war man auf die Zufuhr von auswärts angewlesen.
Weite Strecken aber waren lediglich zur Viehzucht verwendbar
und beförderten eine ausgedehnte Produktion von Fleisch und
Milcherzeugnissen. Die besten Vorbedingungen gewährten die natürlichen
 Verhältnisse des Landes doch für Handel und Schiffahrt;
schon der erwähnte Mangel an lebensnotwendigen Rohprodukten
machte das Land abhängig von Handel und Schiffahrt, die jene
herbeischaffen mußten. Am Meere gelegen, das den Bewohnern
ebenso offen stand wie die östlichen und südlichen Nachbarländer,
mit langgestreckten Küsten und tiefen Einbuchtungen (Dollart,
Zuiderzee, Maas) bot das Land seit dem Mittelalter dem Seehandel
ein ausgezeichnetes Betätigungsfeld. Nicht in jeder Beziehung günstig
waren in jener Richtung die Wasser- und Stromverhältnisse. Zwar
durchfloß ein mächtiger Strom in seinem Unterlauf das Land, das
dadurch sein Mündungsgebiet wurde; aber die Deltagliederung war
dem Großverkehr auf diesem Strom ebenso hinderlich wie einer
die Vorteile des Stromes voll ausnützenden Hafengründung. Daher
war Antwerpen, das an der kleineren, aber ungebrochenen Scheldemündung
 lag, weit bevorzugt vor Amsterdam und Rotterdam, deren
Wasserverhältnisse mangelhaft waren und die erst im 19. Jahrhundert
 durch künstliche Wasserbauten die Mängel ihrer natürlichen
 Lage ausgeglichen haben. Für Landwirtschaft und Industrie
aber boten die in dem völlig horizontal gestalteten Lande träge
dahinfließenden Gewässer insofern viele Schwierigkeiten, als sie
eine rationelle Ausnutzung der Wasserkraft verhinderten, So daß
die Bevölkerung zu dem Hilfsmittel der Windmühlen griff, die das
Land entwässerten und eine künstliche Wasserkraft schufen).
Für den Handel der Niederlande war es ferner von großem
Werte, daß zwischen Rhein und Maas sich ein geschlossenes, weites
2) Den Vorteil der Windmühlen schätzte der Engländer Petty (etwa 1663)
auf etwa 150000 £ im Jahr (Pierson, S. 106). Über die den verschiedensten
Zwecken dienenden Windmühlen vgl. Sombert, Kapitalismus, I, 485 ff.

2
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        Wirtschaftsgebiet ausdehnte, das den Niederländer zu enger Verbindung
 mit dem Rheinländer und Westphalen einlud. Die politischen
 Grenzen haben hier diese nahen Beziehungen nie unterbrechen
 können; Binnenhandel und Binnenschiffahrt verknüpften
als feste Klammern die politisch getrennten Bevölkerungen gleichen
Volksstammes; mochten die staatlichen Geschicke sich hier und
dort wandeln, die Sprachunterschiede sich allmählich schärfer herausbilden,
 in der Wirtschaft fanden sich diese Gebiete zu einem
unlösbaren Ganzen zusammen. Wiesen aber die natürlichen Verhältnisse
 Holland hin auf die Stellung eines Ein- und Ausfalltores
Deutschlands, so war Holland in enger Verbindung mit dieser Bestimmung
 zugleich ein Brückenkopf auf dem Festlande in den Beziehungen
 zu England. Die Aufgabe Hollands als eines Mittelgliedes
 im deutsch-britischen und später im ozeanischen Verkehr
ging aus seiner geographischen Lage mit zwingender Notwendigkeit
hervor und fand nur in Flandern einen Konkurrenten. Wir werden
weiterhin sehen, welch’ große Bedeutung diese Stellung Hollands
im Laufe der Jahrhunderte für seine wirtschaftliche Entwicklung
gehabt hat. Der Besitz der Rheinmündung, die im 16. Jahrhundert
 dem Deutschen Reiche verloren ging, ist auch späterhin
noch wiederholt ein Kampfobjekt in dem wirtschaftlichen Streite
der großen Mächte gewesen.
Außer den natürlichen Vorbedingungen des Wirtschaftslebens
 kamen dann für dieses gewisse historisch-politische
Eigenheiten in Betracht. So die mangelnde Zentralisation, die es nie zu
einem eigentlichen anerkannten politischen Mittelpunkte hat kommen
lassen und die Zersplitterung des staatlichen Lebens stark befördert
hat; dann das Fehlen dynastischer Einflüsse und die Nichtbeteiligung
 an den kontinentalen Machtkämpfen, die im 17. und
18. Jahrhundert auch das Wirtschaftsleben tief beeinflußten. Daß
in Nordeuropa die Niederlande als einzige Republik bestanden,
verlieh ihnen gewiß eine einzigartige Stellung, die ihre wirtschaftliche
 Bewegungsfreiheit unzweifelhaft verstärkt hat. Doch darf
dieser Faktor nicht überschätzt werden, da auch schon unter fürstlicher
 Herrschaft dieses Gebiet eine große merkantile Rolle gespielt
hat und in kritischen Zeiten die Niederländer doch ihre Zuflucht
zu einer halben Monarchie, wie sie die Statthalterschaft der Oranier
darstellte, zu nehmen pflegten. Aber die Eigenart dieser Republik

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|»
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        7
bewirkte es, daß weder ein stehendes Heer, noch eine Bürokratie
sich hier entwickeln konnte, wohl aber eine enge Verknüpfung
von Staat und Wirtschaft das Staatsleben zum CGeschäftsleben
gestaltete und dem ganzen Staat den Stempel einer großen bürgerlichen
 Handelsgesellschaft aufprägte.
Aus diesen, durch die natürlichen und historisch-politischen
Verhältnisse des Landes geschaffenen Zuständen heraus erwuchs
nun der inneren Struktur der niederländischen
Gesellschaftdie EKigentümlichkeit, die selbst
dem oberflächlichen Beobachterischnell ins
Augefällt;das warihrstädtischeriCharakter.
Schon seit dem 15. Jahrhundert lag im Städtewesen der Schlüssel
der weiteren Entwicklung dieses Landes!). Der Einfluß der landwirtschaftlichen
 Gebiete, deren Wirtschaft sich in kleinen Kreisen
bewegte und nur enge Örtliche Mittelpunkte kannte, trat dem
gegenüber weit in den Hintergrund, wußte sich jedenfalls nicht
in dem Maße geltend "zu machen, wie es die landwirtschaftliche
Produktion wohl verdient hätte. Auch der Adel trat in
seiner praktischen Bedeutungs jetzt weit /zurück%;
 ‚der Kaufmann und der Gewerbefireibende
 geben von/mun ab den Ton an und beeinflussen
 den Gang der politischen und wirtschaftlichen
 Dinge. Den großen, meist maßgebenden Einfluß
 der Städte auf die Handelspolitik werden wir unten im einzelnen
 wahrnehmen. Nicht geringer war ihr Einfluß auf die Gewerbepolitik.
 Das zeigte sich namentlich in dem Gegensatz der
städtischen Wirtschaftspolitik zum platten Lande. Eifersüchtig
suchten die Städte jedes Aufkommen eines Gewerbes auf dem
Lande zu hindern und zu verhüten, daß solche Erzeugnisse in die
Stadt zum Verkauf kamen?); scharf trennte man die städtische
gewerbliche Produktion von der landwirtschaftlichen und duldete
erstere auf dem Lande nur, als in späterer Zeit die ländliche Heim-En
 2) Vgl.B l1ok, Geschied. v. h. ned. volk, II, 505 ff.; vgl.auch Kö tzschke,
Allg. Wirtschaftsgesch. d. Mittelalters (1924), S. 436, über das „Empordrängen
der städtisch-bürgerlichen Bildungen‘“. In der Provinz Holland lebten 1514 von
400 000 Einwohnern etwa 190 000 in den Städten (Blok, Eene holl. Stad, II, 2).
2) Blok, II, S. 450. Über die Ursachen des Aussterbens des niederländ.
Adels, vgl. Brinkmann im Grundriß d. Sozialökonomik, IX, ı, S. 29.
3) Blok, Geschied., II, S. 483, 510.
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        -- 5 --arbeit
 gelegentlich für den städtischen Großhandel tätig war. In
jenem, dem ländlichen Gewerbe feindlichen Bestreben wurden die
Städte kräftig unterstützt durch die städtefreundliche
Politik Karls V., der auf mannigfache Weise die Städte gegenüber
 dem Lande begünstigte; wir werden das sehen bei der Darlegung
 der Verhältnisse der Brauerei, der Brennerei, Tuchindustrie
u. a.
Die Provinzial-Staaten haben später im gleichen Sinne gewirkt
und die Ausdehnung der städtischen Gewerbe auf das Land mit
allen verfügbaren Mitteln zu verhindern verstanden. Noch in der
Mitte des 18. Jahrhunderts erließen die Staaten von Holland Verbote
 gegen den Betrieb der Goldschmiedekunst und Wollweberei
auf dem flachen Land; und der Ankauf von ‚‚Herrlichkeiten‘‘ war
ein beliebtes Mittel, mit dem die Städte das Aufkommen der ländlichen
 Industrie zu unterdrücken suchten. Wenn ihnen das oft
gelang, so verschuldeten sie damit zum Teil den Verfall, in den
die Industrie in den Niederlanden im 18. Jahrhundert geriet?).
Andererseits trat im nahen Umkreise der größeren Städte,
insbesondere Amsterdams, schon Anfang des 16. Jahrhunderts die
Erscheinung zutage, daß ein Teil der ländlichen Bevölkerung in
wirtschaftliche Abhängigkeit von der städtischen Bevölkerung und
ihren kapitalistischen Anforderungen geraten war und in ihrem
Lohn stand. Als Seefahrer, Heringsfischer, Weber, Tagelöhner
fanden diese proletarischen Elemente eine mehr oder weniger regelmäßige
 Beschäftigung im Dienste der Seefahrt, Handel und Gewerbe
 treibenden Stadtbevölkerung?).
Im Innern bewahrten sich die Städte noch mancherlei Überreste
 der mittelalterlichen Stadtwirtschaft. Das Vorrecht der Bürger,
 der ‚„‚Poorters‘““, vor den Fremden in Handwerk, Gewerbe und
Kleinhandel wurde meist streng behauptet, den Gästen nur eine
gewisse Duldung von Fall zu Fall bewiesen. Erst die Masseneinwanderungen
 der Fremden im 16. und 17. Jahrhundert haben,
wie wir sehen werden, dahin geführt, daß diese bürgerlichen Vorrechte
 vielfach durchbrochen wurden. Im Handelsverkehr war
schon im Mittelalter die Zulassung der Fremden oft ohne weiteres
ll) teLintum, Textielindustrie, S. 49 ff.
2 van Ravesteyn, S. 20ff.
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        gestattet!); sie waren im Zwischenhandel unentbehrlich?). Die Beschränkung
 des Gästehandels war oft nur Ausnahme. . Für den
Verkauf der Lebensmittel, die von den Bauern in die Stadt gebracht
wurden, bestanden nur einzelne Beschränkungen, die sich auf Obst,
Fleisch usw. bezogen?); die Wochenmärkte waren völlig frei%).
Dem freien Verkehr wurden durch die genannten Beschränkungen
doch verhältnismäßig. wenig Hindernisse in den Weg gelegt. Selbst
die obrigkeitliche Kontrolle des Getreidehandels wurde nur in
kritischen Jahren vorgenommen®). Diese Auffassung vom Handel
hat auch auf die spätere Zeit ihren starken Einfluß gehabt.
Unter den einzelnen Städten bestanden natürlich, wie schon
im Mittelalter, vielfache, auf Eifersucht und örtlichen Reibungsflächen
 beruhende Streitigkeiten. Mit dem in Deutschland so mächtig
 entwickelten Kampfmittel des Straßenzwanges und Stapelrechts
 hat man in Holland doch nur in wenigen Fällen erfolgreich
operiert, so in Groningen, namentlich aber in Dordrecht; wir kommen
 unten darauf zurück. Der ausgeprägte Sinn der Holländer
für freie Gestaltung des Handels, seine Abneigung gegen privilegierte
 und monopolistische Bestrebungen im Innern des Landes
waren der Ausübung solcher, den landesherrlichen Privilegien der
früheren Zeit entnommenen Ansprüche nach Begründung der Republik
 nicht günstig.
Denn alle stadtwirtschaftlichen Momente verkehrsbeschränkender
 Art traten seit dem 16. Jahrhundert weit zurück vor dem
kaufmännischen, geschäftsmäßig Jorientierten Geist,
der die Niederländer von jeher ausgezeichnet hat und dem schon
die früheren Landesherrschaften ziemlich verständnislos gegenüberstanden®).
 Dieser Geist, der auf dem großen Schatz von Freiheit
und Selbstbestimmung beruhte, den die Städte und ihre Bürger
aus dem Mittelalter mitbrachten und der sich auch den Fremden
mitteilte’), wurde mit der Errichtung der Republik viel fester in
2) zen Dillen, Het econom. karakter, S. 125.
2 van Dillen, S. ı3ı ff. (Fischhandel), S. 148 (Salzhandel).
3) van Dillen, S: 127.
4) Vgl. Blok, Eene holl. Stad, I, 316. II, 241 f£., IIL, 217.
5)van Dillen, S. 1171. (Unger, Graanhandel, S: 463 ff.
8) Vgl. Gosses und Japikse, 5. CCXLIX.
7) Vgl. Blok, Eene holl. Stad onder de bourgond.-oostenr. heerschappij,
S. 71; schon Guicciardini erkannte das große Maß der Freiheit der fremden

C
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        © AR
den maßgebenden Teilen der Bevölkerung verankert als vorher.
Dazu trug bei das steigende Übergewicht, das im Leben dieses
Volkes den wirtschaftlichen Verhältnissen zufiel und das in den
Städten, die schon im 16. Jahrhundert einen unverhältnismäßig großen
 Teil der Bevölkerung umfaßten, zum schärfsten Ausdruck gelangte.
Wenn die nördlichen Niederlande sich in der Utrechter Union
1579 zu einem selbständigen Staatswesen zusammenschlossen, so
wurde diese politische Einheit nicht durch die konfessionelle Zusammengehörigkeit
 — eine solche war damals noch gar nicht einheitlich
 vorhanden — begründet, sondern durch die Abwehr gegen
die Vergewaltigungen seitens der spanischen Monarchie, die ihre
blutigen Spuren im Süden hinterlassen hatten. Diese Vergewaltigungen
 wurden als solche empfunden sowohl in konfessioneller
wie politischer und endlich in wirtschaftlicher Beziehung. Es war
der Drang nach Freiheit, nach Selbstbestimmung, der in dem niederländischen
 Volk den Beruf als selbständige Nation entwickelt und
in dem schweren Daseinskampfe immer mehr befestigt hat.
Diese drei Elemente des Widerstandes und der Einigung,
das konfessionelle, das politische und das wirtschaftliche gingen
von Anfang an Hand in Hand. Mit der Zeit aber gewann das wirtschaftliche
 mehr und mehr an Gewicht und Einfluß; das wirtschaftliche
 Interesse verquickte sich mit dem konfessionellen und
politischen und entschied überall da, wo es sich um Lebensfragen
der Nation, der Provinz, ja der Stadt handelte. Der Handelsgeist
wurde ausschlaggebend, der wohl immer in diesem Volke lebte,
aber nun noch angespornt wurde, als man erkannte, daß nur ein
wirtschaftlich selbständiges und mächtiges Volk sich in dem schweren
Kampfe um seine Existenz behaupten konnte, und als anderseits
sich bisher ungeahnte Ziele für die kommerzielle Ausdehnung zeigten.
Man hat behauptet und nachzuweisen versucht, daß der
kapitalistische Geist der Holländer auf der Grundlage ihres kalvinistischen
 Glaubens erwachsen, daß er aus dem Milieu einer spezifisch
 kalvinistischen Religiosität entsprungen sei. Das ist schwerlich
 richtig!). Denn einerseits hat es diesen kapitalistischen Geist
Kaufleute in den Niederlanden an (Fruin, Tien jaren, S. 122); vgl. auch Brugmans,
 Opkomst, S. ı90 ff.
1) Vgl. Rachfahl, Kalvinismus und Kapitalismus; v. Below, Probleme,
 S. 431 ff. Noch bei van Manen, S. 241 wird jene Auffassung vertreten,
        <pb n="16" />
        schon vorher und gerade in den südlichen Niederlanden gegeben,
wie die im 16. Jahrhundert in Flandern aufkommende Großunternehmung
 im Textilgewerbe, die freie Konzentration von Kapital
und Arbeitskräften lehrt; anderseits ist die Ausbreitung des Kalvinismus
 gerade jenem kapitalistischen Geiste zuzuschreiben, der von
den südlichen Niederlanden nach dem Norden vordrang; beide haben
sich dann auf dem allerdings für solche Dinge außerordentlich
aufnahmefähigen nordniederländischen Boden eng befruchtet, ohne
aber daß nun der holländische Kapitalismus als ein spezifisch kalvinistischer
 anzusehen ist; in den kapitalistischen Klassen des Nordens
 lebte, auch nachdem sie sich förmlich dem Kalvinismus angeschlossen
 hatten, der alte Geist konfessioneller Indifferenz weiter;
kam zeitweise in den Jahren 1618—1625 in Amsterdam der Kalvinismus
 zur Alleinherrschaft, so beruhte das im wesentlichen auf
politischen Gründen, auf dem Gegensatz zu der Oldenbarneveltschen
 Remonstrantenpolitik und auf dem Anschluß an Moritz
 von Oranfifen!).
Den Kapitalismus der Holländer aber, der
seit dem Anfang des 17. Jahrhunderts nicht zu bestreiten ist und
im Großunternehmertum zutage trat, äußerte sich am wenigsten
 zunächst in der Industrie und in dieser wohl
am meisten in der Zuckerfabrikation, der Brennerei, Brauerei,
zum Teil auch in..der Leidener Tuchfabrikation; weit mehr
fand das Großunternehmertum seine Betätigung in der Reederei,
 der Heringzgsfischerei dem Walfisch:-tang
 und den kolonialen Unternehmungen. ‚Das
ist bezeichnend für den geschichtlichen Ursprung
 dieses „Kapitalismus“, der sich am meisten
den spezifisch altholländischen Unternehmungen zuwandte, d. h.
den auf das Meer gerichteten, für die schon lange vor dem Bestehen.
und Eindringen des Kalvinismus die Holländer eine ausgesprochene
Neigung besaßen.
Für die holländischen Großkaufleute und Kapitalisten gab es
von Beginn an in der Stellungnahme zu der konfessionellen Frage
kein Schwanken; bei ihnen war Freiheit des Gottesdienstes
 eng verknüpft mit dem Begriff der Freiheit
1) Elias, Amsterd. Regenten-Patriciaat, S. 50.

„
        <pb n="17" />
        — 9 —
des Kaufmanns!. Bürgerliche und religiöse
Freiheit galt ihnen als unlösbar verbunden
mit der Blüte der Gewerbe. Ein Katholik, Johan
van der Veken (} 1616), der aus Mecheln eingewandert war,
wurde einer der größten und einflußreichsten Kaufleute Rotterdams?).
 Diese konfessionelle Unbefangenheit und Vorurteilslosigkeit
 war in dem damaligen Europa noch etwas Neues, etwas, was
nur durch harte Notwendigkeiten errungen werden konnte. Es war
deshalb durchaus begreiflich, wenn fremde, katholische Zuschauer
den Schluß daraus zogen, daß der materielle Sinn des Holländers,
ihr nur auf den Erwerb gerichteter Geist ein kalvinistisches Dogma
sei. So schrieb der venetianische Gesandte im Jahre 1618: in den
Geschäften der Holländer herrsche eine ungeheure, unbeschreibliche
„avidit4 e avarizia‘‘, und das beruhe auf dem Dogma und der Lehre
des Kalvin?). Milderen Ausdruck fand diese Anschauung zwei
Jahre später in einem venetianischen Berichte: jeder lebe in seinem
Hause mit der Religion, die ihm gefalle; und wenn auch öffentlich
nur der kalvinistische Ritus beobachtet werde, so schlössen sie
doch die Augen, und allein in Amsterdam würden 12—14 Messen
am Tage geheim in Privathäusern gelesen*).
Wie aber der Handelsgeist die konfessionellen Unterschiede
verwischte und die Religionsfreiheit geradezu als Bedingung des
gewerblichen Wohlstandes forderte®), so trat er überhaupt derartig
 in den Vordergrund des Denkens und Wirkens, daß er der
Eigenart des ganzen Volkes sein Gepräge aufdrückte und daß die
Niederländer sich im Laufe der Zeit als im Alleinbesitz aller Handelstugenden
 wähnten®). Befördert und verstärkt wurde diese Überzeugung
 dadurch, daß schon frühzeitigder Gedanke
der wirtschaftlichen Allmacht, stets verbunden
 mit demäder wirtschaftlichen Freiheit:
als amtliches@Prinzip, als bewußter Staats-3
 Koenen, Handelspolitiek,:S.' 19. Über die konfessionelle Toleranz
Amsterdams vgl. Brugmans, Handel en Nijverheid, S. 187 f.
2) Wiersum, Joh. van der Veken.
3 Blok, Rel. Venez. 4S.121.
4) Blok, ebenda, S. 134.
5) Das betont de la Court, Welvaren:d. Stad Leiden, S. 8 f.
S$) Difere&amp;amp;e, Een onoitgevoerde maatregel, S. 43 f.
        <pb n="18" />
        grundsatz verkündet wurde‘). Schon vor der Begründung
 der Utrechter Union von 1579 finden wir in einem Beschluß
 der Generalstaaten vom 4. März 1577 die Versicherung,
es sei der Wille der Staaten, daß der Handel frei sein müsse?).
Und in einem Plakat der Generalstaaten vom 8. Februar 1645
wurde offen erklärt: das ganze Leben und die Wohlfahrt wie auch
der Ruf des Staates der Vereinigten Provinzen bestehe in der Schifffahrt
 und dem Handel, der über die und längs der See getrieben
werde®). Allmählich hat sich dies Verhältnis immer mehr befestigt.
Nach der Beendigung des im 80ojährigen Kampfe um die Freiheit der
Religion und des Staates siegreich durchgeführten Krieges, dessen
Gefahren und Sorgen die Handelsinteressen nur zeitweilig zurücktreten
 ließen, gewann der Staat mehr und mehr die Ähnlichkeit
 mit einer umfassenden Handelsgesellschaft,
in die jeder große Kapitalist mit offenen Armen als Geschäftsteilnehmer
 aufgenommen wurde*). Das lose innere Gefüge, das
dem gesamten Staatswesen der Republik stets eigentümlich gewesen
 ist und das nach dem Westphälischen Frieden noch schärfer
hervortrat als vorher, beförderte nur diese Entwicklung. So konnte
in den letzten Tagen der Republik, als sie in völlige Abhängigkeit
von ihrer großen französischen Schwester geraten war, der Pariser
Wohlfahrtsausschuß schreiben: die sieben Provinzen seien zu behandeln
 „‚plutöt comme une compagnie de marchands que comme
une puissance politique‘“®). Das Überwuchern des Handelsgeistes
hatte so zur Folge den Verlust der Achtung der anderen Völker.
Alle diese Eigenschaften der Niederländer,
die sowohl ihrer reellen Macht wie auch ihrem Ruf die Unterlage
gewährten, waren potenziert in der Stadt Amsterdam
 „, ihrer Regierung und ihrer Bevölkerung. Hier konzentrierten
sich alle Vorzüge wie alle Schattenseiten der jungen Republik für
die ganze Dauer ihres Bestehens. Hier dachte und strebte man
ı Koenen, Handelspolitiek, S. 38.
2?) Japikse, Resolutien, I, 334.
3) Kernkamp, Sleutels/van d. Sont;/S. ı.
‘1 Koenen, S.74; in seiner „Voyage en Hollande“ schreibt Diderot:
„L’ambition de la Republique est de s’enrichir et non de s’agrandir‘“ (zitiert bei
Colenbrander, Patriottentijd, I, 85, Anm. 2).
5) Colenbrander, Gedenkstukken, I, S. 625.

10
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        - Il_.—
nur für den Handel!). Fast jeder besitzende Bürger war Kaufmann
oder strebte jedenfalls darnach, es zu werden?). Hier war der zwar
oft angefochtene, nie aber ernsthaft in Frage gestellte Mittelpunkt
der niederländischen Macht, des niederländischen Einflusses im
In- und Auslande. Diese ihre Stellung verdankte die Stadt sowohl
äußeren wie inneren Gründen; sie verdankt sie dem Zufall, der hier
viele Kräfte zusammenströmen ließ, ebenso wie der eigenen hartnäckig
 und zäh ihre Ziele verfolgenden Politik. Dabei konnte von
irgendeinem vorausbedachten wirtschaftlichen System nicht die
Rede sein. Was Amsterdam wurde, ward es kraft seiner natürlichen
und ihm zuwachsenden Gewalt und in kluger Wahrnehmung der von
Fall zu Fall beurteilten und dementsprechend ausgenutzten Sachlage.
Die äußeren‘ Faktoren der Amsterdamer
Machtstellung waren ja ziemlich leicht zu erkennen. Sie
beruhten auf dem wirtschaftlichen Vorrang, den Amsterdam schon
aus dem Mittelalter übernommen hatte. In Konkurrenz mit den
anderen in Betracht kommenden Handelsstädten, mit Hoorn,
Enckhuizen, Kampen, Harlingen, Dordrecht usw. betrieb die Stadt
in Eigenhandel und Kommissionshandel, die bei ihr vielfach auf
dem Zwischenhandel beruhten, ihren auswärtigen Verkehr; er war,
soweit er als Fernhandel auftrat, überwiegend Großhandel und oft
verbunden mit Reederei, später auch mit Versicherung und Industrie.
 Seit langer Zeit war er hier nichts Neues; schon im Mittelalter
hat der holländische Kaufmann in einzelnen Waren, wie Getreide
und Wolle, Großhandel getrieben?). In der ersten Hälfte des 16.
Jahrhunderts steigerte sich der Amsterdamer Geschäftsverkehr erheblich.
 Die Wage brachte 1566 mehr als das Doppelte von 1531
ein, während das Pfahlgeld sich im Verhältnis von 3 zu 8 erhöhte,
ohne daß die Tarife eine Steigerung erfuhren‘). Im Jahre 1560
nannte der Florentiner Guicciardini Amsterdam die zweite
Handelsstadt der Niederlande nach Antwerpen®). Amsterdam nahm
l) Blok, Rel. Venez., S. 230. Bericht von 1626: Die Existenz aller Bewohner
 Amsterdams hänge vom Geschäft ab, an dem alle ein gemeinsames Interesse
hätten, so daß eine gewisse Gleichheit zu bestehen scheine. Noch 1762 schrieb
BeckmannS. 445: Alles was man in Holland sehe und höre, betreffe die Handlung.
2) Vgl. van Ravesteyn;,/S. 172:
3) Vgl. van Dillen, Het econ. karakter, S. 118, 124, 126 f.
‘ter Gouw, V, 411,
5) ter Gouw;, S. 410;
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        — I2 —
deshalb auch in die neue, durch die Begründung der Republik
eingeleitete Zeit einen hohen Grad von Blüte hinüber!). Durch
das Ausscheiden Antwerpens aus der Reihe der gefährlichen Konkurrenten”)
 und durch die Zuwanderung vieler kapitalkräftiger und
kenntnisreicher Geschäftsleute aus den südlichen Niederlanden erfuhr
 die Stellung Amsterdams naturgemäß eine sehr bedeutende
Verstärkung®); die Eröffnung der Fahrten nach Ost- und Westindien
 und nach Brasilien haben Amsterdam weiter gehoben und
es in Handel und Wandel, in Kapital und Kredit zu der unbestritten
 mächtigsten Stadt, nicht nur der Niederlande, sondern
ganz Nord- und Westeuropas gemacht. Die alle anderen niederländischen
 Städte an Kapitalkraft überragende Stellung führte
dann dazu, daß Amsterdam den größten Anteil an den öffentlichen
Lasten der Provinz und des Staates trug und dadurch einen Einfluß
 gewann, den rücksichtslos in seinem Interesse auszunutzen
es niemals gescheut hat“).
Schon durch seine Größe, seinen Eigenverbrauch nahm Amsterdam
 eine hervorragende Stellung ein. Eine Stadt, die 1622 über
100 000 Einwohner zählte®), bildete eine für jene Zeit ungeheure
Menschenansammlung, die einen starken binnenländischen Handel
an sich zog und nährte und allein dadurch einen Einfluß von nicht
zu unterschätzender Bedeutung ausübte. Amsterdam war nicht
nur ein Markt für. ausländische Produkte sondern nicht weniger
l) Es ist van Brakel, Handelscompagnieen, S. XI ff., durchaus beizustimmen,
 wenn er meint, daß Amsterdams Blüte nicht erst durch die Verlegung
des Antwerpener Handels nach dem Y begründet sei und daß die Grundlagen seiner
Handelsblüte schon älter waren.
?) Nach Rachfahl, Wilhh. v. Oranien, I, 330, hatte um 1514 Antwerpen
mit Vororten 150 000, Amsterdam ca. 40 000 Einwohner.
) Bereits Leicester hatte 1586 Amsterdam ‚the only towne for trafick
in this part of Christendom“ genannt (Elias, Reg.-Patriciaat, S. 209).
*) Wenn einmal Amsterdam etwas durchsetzen wollte und auf Widerstand
stieß, drohte es mit der Zurückhaltung der Beiträge zu den allgemeinen Landessteuern
 (Elias, a. a. O., S. 189). Sehr entschieden trat de la Court, Interest
 v. Holland, S. 54 ff., für die Berechtigung der Vormacht Hollands ein, das
zahlreiche Opfer für die Landprovinzen habe bringen müssen. — Die Opposition
Amsterdams gegen ‚,die Entschlüsse des ganzen Staats“ infolge des Reichtums
der, Stadt erwähnt 1723 A. Haller, S. 30.
5) Über die räumliche Ausdehnung Amsterdams seit dem Ende des 16. Jahrhunderts
 vgl. Brugmans, Opkomst, S. ıo1 ff.
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        — 13 —
der Mittelpunkt eines starken binnenländischen Warenverkehrs.
Gerade dieser war es offenbar, der den Zeitgenossen im 17. und
18. Jahrhundert zuerst in die Augen fiel und sie zu den Äußerungen
des Staunens über die Größe des dortigen Handelsbetriebes veranlaßte;
 der lebhafte Binnenschiffahrtsverkehr, die vielen hier
mündenden und ausgehenden Börtfahrten, das Herbeiströmen einer
Masse von Menschen in die Metropole boten ein Schauspiel von einer
Lebendigkeit, die dem Fremden meist völlig unbekannt war. Auch
die dauernde Anwesenheit vieler Ausländer, die hier ihrem Handel
nachgingen und sich mehr oder weniger mit der einheimischen
Bevölkerung vermischten, verstärkte den kosmopolitischen Charakter
der Stadt. Von Antwerpen sind Ende des 16. Jahrhunderts viele
Lombarden nach Amsterdam übergesiedelt; italienische Kaufleute
gab es hier eine ganze Reihe; zahlreiche Namen von Kaufleuten
erinnern an ihren italienischen Ursprung!). Dazu kamen dann die
wohlhabenden Juden, die Faktoren anderer Mächte und Städte,
die Refugies. Engländer und Schotten waren dauernde Bewohner
der Stadt. Ein Schotte, William Davidson war im 17. Jahrhundert
 einer der einflußreichsten Kaufleute Amsterdams?).
Amsterdam hat sich aber nie beschränkt auf den einfachen
Handelsbetrieb, die Ausdehnung seiner kommerziellen Beziehungen
und Interessen im Auslande; die Stadt hat in der Politik des Staates
wie des Handels eine führende Rolle gespielt und dabei die Staatspolitik
 völlig der Handelspolitik unterworfen. Das führte dann
gleichzeitig zu einer engen Verquickung der äußeren und inneren
Handelspolitik, wie sie nur möglich und erklärlich war bei den
ursprünglich engen und städtischen Verhältnissen des Staates.
Auf diesem Gebiete der innere und äußere Motive vermischenden
Wirtschaftspolitik ging die Stadt mit einer Rücksichtslosigkeit,
einem Mangel an staatlicher Gesinnung vor, die ihresgleichen
suchte. Dieselbe Stadt, die stets den Freihandel predigte und verfocht,
 zeigte, soweit das städtische Gewerbe in Betracht kam,
stramm zünftlerische und protektionistische Tendenzen; in der aus-1)
 Vgl. die Beschreibung der Niederlande 1677/78 von Bovio aus Bologna,
herausgeg. von Brom, S. 106, wo der italienischen Kaufleute gedacht wird.
Es sei nur hingewiesen auf die Bartolotti.
?) del Court, Sir William Davidson. Über den Eindruck, den Amsterdam
 auf die Fremden machte, vgl. auch Fruin, Tien jaren, S. 143.
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        —— 4A —
wärtigen Politik aber wurde einem Opportunismus gehuldigt, der
nur zu verstehen war, wenn man ihn als durch kommerzielle Interessen
 bestimmt ansah. So hoch man in Holland Theorien schätzte,
wenn sie als nutzbringend für die Erreichung gewisser, oft in weiter
Ferne winkender Ziele galten — es sei nur erinnert an Hugo
Grotius und den Grundsatz: frei Schiff, frei Gut —, so sehr
verachtete man sie, wenn man vom Boden der rauhen Wirklichkeit
 aus wirtschaftspolitische Entschlüsse zu fassen hatte.
Alswirklich durch alle Zeiten feststehender
 Grundsatz Läßt sich nur erkennen das
Bestreben, Antwerpeninseinerohnmäichtigen
Lage zu lassen und jeden Versuch, der darin eine Änderung
herbeiführen wollte, im Keime zu ersticken!). Dieses Streben Amsterdams,
 das sich allein die Erbschaft Antwerpens sichern wollte,
führte noch Ende des 16. Jahrhunderts, 1588—1597, zu einem
erbitterten Kampfe zwischen Amsterdam und den auf die Blüte
dieser Stadt eifersüchtigen seeländischen Städten. Diese versuchten
durch einen besonderen Tarıf der Convoyen und Licenten, der
ihren Kaufleuten günstig war, sich das Monopol des Handels nach
den spanischen Niederlanden in die Hände zu spielen, und zwar
auf Kosten Hollands; ein 1591 trotz des Verbotes der Generalstaaten
 zwischen Seeland und Brügge abgeschlossener, 1596 erneuerter
 Vertrag über die Öffnung des Gat von Sluijs sollte der
kommerziellen Abschließung Antwerpens ein Ende machen. Darüber
 kam es fast zu offenen Feindseligkeiten; noch gerade rechtzeitig
 gab Seeland nach?). So wäre über die Scheldefrage schon
kurze Zeit nach der Begründung der Union diese beinahe in die
Brüche gegangen, wenn nicht die feste Haltung Amsterdams jene
Frage völlig außerhalb jeder Erörterung gestellt hätte. Auch gegenüber
 auswärtigen Wünschen, die Fahrt nach Antwerpen freizugeben,
verhielt man sich ablehnend; als 1604 Jacob I. ein solches Gesuch,
natürlich nur für die Engländer, stellte, lehnten die Generalstaaten
es ab%). Noch viele Jahre später hat Amsterdam den Plan des
l) Vgl. Blok, Rel. Venet., S. 251 (1635); Elias, Regenten-Patriciaat,
S. 111. Die M6moires s. 1. commerce des Hollandois, S. 82: Der Westfälische Frieden
mit Spanien sei für die Holländer nur möglich gewesen unter der Zusicherung der
Sperrung der Schelde, vgl. Laspeyres, S. 61.
2) Elias ,/Schetsen, S.!224 f.
8) Difleree, Geschiedenis,1S: 301.

Te
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        .-J
Prinzen‘. Friedrich: Heinrich, Antwerpen. zu ‚erobern,
durch seinen Widerspruch durchkreuzt und dem Zorn des Oraniers
mit Erfolg getrotzt. Es wußte sehr wohl, daß jene Eroberung ihm
diejenige Erniedrigung bringen werde, die ihm der Prinz einst
angedroht hatte!). Als aber 1648 gleich nach Abschluß des Westfälischen
 Friedens Middelburg mit Antwerpen, Gent, Brügge und
Brüssel einen Vertrag zwecks Beförderung des gegenseitigen Handels
 schloß und gleichzeitig den Warenverkehr aus jenen Städten
nach Middelburg durch Tarifmaßregeln begünstigen wollte, als
Middelburg und Vlissingen sich mit Antwerpen in Verhandlungen
einließen, die einen gemeinsamen Handelsverkehr nach Spanien
bezweckten, wehrte Amsterdam diesen gefährlichen Angriff auf
seine wirtschaftliche Vorherrschaft sofort dadurch ab, daß es den
in Amsterdam geltenden Silberpreis um I Stüver über den in Middelburg
 geltenden erhöhte, was alsbald eine Verflüchtigung jener seeländischen
 Pläne zur Folge hatte?).
In dieser Frage trat das enge Örtliche Interesse der Stadt
zutage, die begreifliche Abneigung, die Vorherrschaft mit einem
gefährlichen Nebenbuhler zu teilen oder gar an ihn abzutreten.
Doch hat in der Unterdrückung Antwerpens Amsterdam niemals
seine alleinige Aufgabe gesehen; es arbeitete sich unabhängig von
jener Frage selbständig empor und bewahrte sich stets einen weiteren
 Blick®). Dem Frieden mit Spanien leistete die Stadt lange
Jahre hindurch Widerstand, da das kaufmännische Interesse einem
solchen Frieden zu widersprechen schien; den Abschluß des zwölfjährigen
 Waffenstillstandes (1609—1621) hat sie Oldenbarnevelt
 nie vergessen). Solchen Widerständen diente denn auch
die Konfession als Deckmantel, während man im übrigen dem
gottesdienstlichen Fanatismus durchaus abhold war und z. B. 1589
das Plakat der Staaten von Holland gegen die Versammlungen
l) Kernkamp, Sleutels, S. 179 ff.; Geyl, De Oranjes en Antwerpen,
S. 103 ff. Den Rat, Gent, Brügge, Nieuport und Ostende für die Republik zu gewinnen,
 gegebenenfalls durch Geldzahlung an den König, gab 1663 der Dordrechter
Kaufmann H. Gijsen Joh. de Witt; von Antwerpen schwieg er wohlweißlich
 (Deductie, S. 56 f.). Auch Colbert sah in der Sperre der Schelde die Hauptursache
 der Größe Amsterdams (Elzinga, S. 57).
?*) Elias, Schetsen, S. 226f.; van Dillen, Bronnen, S. 99.
3) Das betont Busken Huet, II, 95.
‘) Elias, Reg.-Patriciaat, S. 45.1,

15
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        — 09 A—
der Römisch-Gesinnten in Amsterdam nur verkündigte mit dem
ausdrücklichen Zusatz, daß die Schöffen die angedrohten Strafen
nach Billigkeit und nach Gelegenheit der Sachen ermäßigen möchten!).
 Zeitweise wurde der politische Einfluß Amsterdams durch
die Statthalter zurückgedrängt; er brach doch immer wieder durch;
in der statthalterlosen Zeit hat ein Mann wie Johan de Witt
schnell erkannt, daß auch der beste Staatsmann ohne die Unterstützung
 Amsterdams in der Politik nichts ausrichten könne?);
und Wilhelm III. hat in seiner Statthalterzeit sich ernstlich bemüht,
 seinen Einfluß in Amsterdam zu behaupten. Das alles
bedeutete aber das Übergewicht kapitalistischer,
 großwirtschaftlicher Bestrebungen in
der Politik. In der Mitte des 17. Jahrhunderts, als die englischen
 Kriege die Republik schwer bedrängten, lag wohl der
Höhepunkt der auf seine Börse gestützten politischen Macht Amsterdams;
 es war die Zeit, wo die Amsterdamer Börse mit der Londoner
City um das Monopol des Welthandels stritt®), wo die Friedenssehnsucht
 Amsterdams ebenso entscheidend wirkte wie seine Kriegslust).
 Die Rolle Amsterdams in den großen Kriegen gegen Ludwig
 XIV. war, wenn auch vielfach von krämerhaften Gesichtspunkten
 bestimmt, doch nicht frei von erhebenden Momenten.
Als die Franzosen 1672 nur wenige Meilen von Amsterdam standen
und die Republik sich am Rande des Zusammenbruchs befand,
war es Amsterdam, das durch seine Standhaftigkeit das Land rettete;
es weigerte sich, unter demütigenden Bedingungen mit Frankreich
Frieden zu schließen®). Das spricht doch dafür, daß hinter
derwirtschaifitlichen Machtnicht nur Börsenmanöver,
 sondern im Notfall auch Mannesmut
 sich verbarg. Während unter der gleichzeitigen Regierung
Wilhelms III. in England der Amsterdamer Einfluß tief sank,
HN Elias, S. 21.
2) Ebenda, S. 144.
3) Ebenda, S. 140; vgl. Cosimo de Medici, IS. 276 f., und sein
Urteil über Amsterdam.
4) Über die Friedenssehnsucht Amsterdams im spanischen Erbfolgekrieg
Blok, Rel. Venet., S. 331, 359. Schon 1694 beklagte sich Wilhelm III. über die
große Sehnsucht Amsterdams nach dem Frieden (van der Heim, III, 72).
Über den Wechsel zwischen Kriegs- und Friedensstimmung Laspeyres, S. 6off.
5) Elias, a. a. ©O., SS 168; Blok, Geschied, v. h. Ned. Volk, V, 280.

L
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        — 7 1 —
stieg er wieder nach dessen Tode, um dann nach dem Frieden von
Utrecht (1713), als die politische und wirtschaftliche Bedeutung
der Niederlande überhaupt im Absteigen war, von neuem zu sinken.
Zu derselben Zeit aber, da Amsterdam politisch und wirtschaftspolitisch
 auf die Geschicke der Welt einen vielfach maßgebenden
 Einfluß ausübte, bereicherten sich die Männer, die
die Geschicke der Stadt lenkten, an dem Welthandel und der Reederei
 der Stadt oder widmeten sich der einträglichen Großindustrie,
wie dem Schiffbau, oder den Geld- und Kreditgeschäften. Gerade
dadurch, daß sie inmitten der Geschäfte des Tages sich bewegten,
daß der persönliche Erwerb und Gewinn an der Spitze ihrer Ziele
stand, nahmen ihre politischen Bestrebungen gewiß sehr oft einen
rein geschäftlichen Charakter an, nämlich den der ausgesprochenen
Handelsbourgeosie, wie andererseits ihre Handelsgeschäfte
 nicht selten jeder Rücksicht auf die Erfordernisse des Staates
entbehrten!). Der mächtige Bürgermeister Bicker hat vor dem
Frieden von Münster (1648) den spanischen König im Mittelländischen
 Meer durch Schiffe unterstützt; er versah Dünkirchen
und Ostende mit Kriegsgerätschaften und trat mit anderen Gesinnungsgenossen
 einem Konsortium bei, das es sich zur Aufgabe
gemacht hatte, Geld zur Entlohnung der spanischen Truppen in
die südlichen Niederlande zu schaffen?). Schon 1625 wurde der
Bürgermeister Pauw beschuldigt, er habe Butter und Käse an
den Feind geliefert?). Noch während des spanischen Erbfolgekrieges
 widmeten sich die vornehmsten Amsterdamer Kaufleute
eifrig der Versorgung Frankreichs mit Getreide, ohne viel Rücksicht
 darauf zu nehmen, daß in dem Plakat vom 29. Oktober 1709
dieses Verfahren als Verrat bezeichnet wurde*). Solche Dinge
hatten nur einen sehr geringen Einfluß auf die Beurteilung dieser
Männer im öffentlichen Leben. Der Nepotismus unter diesen Regenten
 stritt an Umfang mit der Korruption; die Bestechlichkeit
mit der Jagd nach Ämtern. Bekämpften sich in der ‚„‚Vroedschap“‘,
der Stadtregierung, auch die Parteien oft erbittert, in der Gewinnsucht
 fanden sie sich stets wieder zusammen, und das Geschäft
1) Vgl. auch BuskenHuet, a. a. O., II, 102 {.
2) Elias, a. a. 0, SiM13.
3) Ebenda, S.: 94.
2Bunk, 5.83,
Baasch, Holländische. Wirtschaftsgeschichte.

9
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        -- I —
versöhnte die größten Feinde!). Wohl nirgendwo sonst
wurde das öffentliche Vermögen von den regüierenden
 Geschlechtern in ihrem Interesse
derartig ausgenutzt wıe hier. Mit dem Niedergang
des Handels trat dann auch ein reißender Verfall der Geschäftsmoral
ein; das machte sich besonders im Schmuggelhandel bemerkbar?).
Im inneren Geschäftsverkehr galt dagegen wenigstens im 17. Jahrhundert
 der holländische Kaufmann als ein Muster der Solidität,
das den Engländern als Vorbild vorgehalten wurde®). Und noch im
18. Jahrhundert war Holland das Musterland der Buchhaltung‘).
Auf der engen Verbindung des Handels mit der Regierung
der Stadt beruhte es dann auch wohl, daß die Amsterdamer Kaufmannschaft
 als solche es während der Republik nie zu einem korporativen
 Zusammenschluß von Dauerhaftigkeit gebracht, hat, wie
wir das in deutschen Städten, Hamburg und Nürnberg, wahrnehmen.
Das 1663 errichtete Collegie van Commercie hat nur eine Lebensdauer
 von kaum zwei Jahren erreicht und, so vielversprechend
seine Anfänge waren, nicht viel leisten können. Es ging zugrunde
an der Interesselosigkeit seiner Mitglieder, an der Abneigung des
holländischen Kaufmanns gegen korporative Arbeit, wahrscheinlich
 aber. auch an dem stillen Widerstand der Stadtregierung, die
an einer besonderen Interessenvertretung der Kaufleute keinen
Gefallen fand und sich dadurch bedroht sah in den eigenen, oft
recht dunklen Unternehmungen. Der weitgetriebene Individualismus
 hat hier in Verbindung mit der Herrschsucht der auf ihren
eigenen Nutzen bedachten Stadtregenten dem Handel der Stadt
keinen Dienst erwiesen®).
ı Elias, a. a 0.15.63.
°) JEbenda, S. 238.
3) Vgl: Sombart;, Bourgeois, S. 162.
4) Ebenda, S. 168. Auf die Bedeutung der holländischen Sprache für den
Geschäftsverkehr weist hin A. W. Schlegel, wenn er 1791 aus Amsterdam
schreibt: es sei jetzt sein ‚‚dringendstes Geschäft, das Holländische, dies süße Geflüster
 der kaufmännischen Musen und Grazien, zu erlernen‘ (Briefe von und an
G.A.Bürger, IV, S. 123, 1874). Über die rechtliche Entwicklung vgl. Kohler -
Hecht.
5) Brugmans, Notulen'en munimenten; Berg, Refugies, S. 115 f.;
Anm. 3. Schon Phoonsen in seiner Denkschrift über die Wechselbank 1677
(Ec. Hist. Jaarb., VII, 144 f.) schlug eine Wiederherstellung des Commerzcollegs
vor. Noch in de Koopman, II, 334 ff. (1770) wurde die Einrichtung eines

+.
4;
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        — 19 —
Denn der exklusive, aristokratische Charakter dieser Stadtregierung
 kennzeichnet ihre gesamten Leistungen!). Die Selbstergänzung
 aus den herrschenden und besitzenden Cliquen war
gleichbedeutend mit einer Behauptung und Befestigung
 der Handelsbourgeoisie; diese Tendenz hat
sich trotz der Gegenströmung der unter kalvinistischem Deckmantel
 auftretenden Demokraten immer wieder durchgesetzt. Die
großen Kompanie-Gründungen jener Tage sind aus dem Parteigeist
 dieser Bourgeoisie hervorgegangen. Es war eine Regierung,
die es ausgezeichnet verstand, die Interessen des Staates und der
Stadt mit denen ihrer eigenen Mitglieder zu vereinigen?).
Zu diesem schattenreichen Bilde der mächtigen Welthandelsmetropole
 gehörte dann auch die wenig erfreuliche Erscheinung
der Eifersucht Amsterdams auf die anderen Städte und dieser
auf jenes und untereinander. Mit den altgeschichtlichen Erfahrungen
 einer Städteherrschaft reimte sich dieses Verhältnis ja gut
zusammen. Es hat in den Niederlanden oft recht üble Formen
angenommen und wirtschaftlich viel Schaden angerichtet, von dem
politischen und sittlichen hier nicht zu sprechen. Wenn Amsterdam
1612 aus Eifersucht auf das im westindischen und im Levantehandel
 sehr rührige Hoorn im Einverständnis mit dem diesem
ebenfalls feindselig gesinnten Enckhuizen sich in den Staaten von
Holland über die Korruption der Hoorner Admiralität beklagte,
so war das nur ein Beispiel für viele?). Noch ein Jahrhundert später
scheiterte der Versuch Hoorns, seine ‚,Direktion des östlichen Handels‘‘
 mit der Amsterdamer zu vereinigen und damit mehr Einheit
in diese Bestrebungen zu bringen, an dem von Eifersucht eingegebenen
 Widerspruch Amsterdams, das sehr wohl wußte, daß es
auch ohne nähere Verbindung kraft seiner größeren Handelsmacht
sein Interesse stets durchsetzen könne*).
Commerz-Collegiums empfohlen, dessen Hauptsitz in Amsterdam sein müsse, außerdem
 Nebenkollegien in anderen Städten.
') Daß schon im Mittelalter in Amsterdam die aristokratisch-oligarchische
Regierungsform bestand, betont Brugmans, Opkomst, S. 39f. Über die
Identität des Amsterdamer Stadtinteresses mit den Handelsinteressen ebenda, S. 190.
2?) Vgl. van Ravesteyn, S. ı69ff., 225 ff., teilweise im Widerspruch
gegen Elias, Regenten-Patriciaat.
3) Elias, Regenten-Patriciaat, S. 72.
‘) van Brakel, Directie v. d. oosterschen Handel, S. 346.
0%
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        Insbesondere die Eifersucht Amsterdams auf das aufblühende
und nach mancher Richtung jenes sogar überflügelnde Rotterdam,
in dem sich Ende des 16. Jahrhunderts eine Großkaufmannschaft
entwickelte, zeitigte manche seltsame Blüten!). Nicht weniger
machten sich die Interessengegensätze unter den anderen Städten
geltend; so die Opposition Goudas, Haarlems und Dordrechts gegen
die Rotterdamer Umfahrt zum Rhein und nach Amsterdam®);
so der langjährige Streit zwischen Zwolle, Deventer und Kampen
über die Verbindung Zwolles mit dem Yssel durch einen. Kanal,
der erst im 19. Jahrhundert endlich gebaut wurde und als ‚,‚Willemsvaart‘“
 nicht nur Zwolle, sondern jener ganzen Gegend segensreich
geworden ist und die Eifersüchteleien von Deventer und Kampen
glänzend widerlegt hat?); so die Bestrebungen Delfts gegen das
Aufkommen Delftshavens*?) ; so die vielfachen Widerstände, die den
Niederlassungen der Fremden, namentlich der Engländer, in den
Konkurrenzstädten bereitet wurden®). Alle diese gegenseitigen
Treibereien fanden dann auch in den Provinzen ihren Ausdruck.
Holland und Seeland bekämpften sich dauernd; die Ostseeinteressen,
 die in Amsterdam überwogen, standen hierbei nicht selten
im Streit mit den anders gerichteten Seeinteressen Seelands. Die
inıder Republik stark entwickelte Dezentralisation,
 die für jede Stadt und jede Pro:
vinz wieder andere Einrichtungen im Handel
und Verkehr zuließ ,‚fördertediesewirtschaft-Jich
 keineswegs ersprießlichen Zustände.
Nicht immer war ja die Herrschsucht Amsterdams von dem
wirtschaftlichen Erfolg begleitet, den es erwartet hatte; sie hat
l.Bijlsma, Opkomst, S. 65. Um 1655 war Rotterdam eifersüchtig auf
Amsterdam und beleidigt dadurch, daß der Kurfürst von Brandenburg jenes zum
Paten für seinen Sohn erbat (Kolkert, S. 096).
3) Bijlsma, Opkomst,/S. 758.
3) Blink, Nederland, IL, 282 f.;/ Hogendorp, V, 193.
4) Vgl. Diferece, Geschiedenis, S. 170.
5) Vel. unten im $ 8.
6) Über die Verschiedenheit der Maße in jeder Stadt: De Koopman,
I, 157ff. Schon im 16. Jahrhundert hatte sich Amsterdam gegen die Einführung
gleicher Maße und Gewichte gesträubt (ter Gouw, VI, 340 f.). Die Einführung
 der von den Staaten von Holland vorgeschriebenen einheitlichen Messung
des Torfes, die nun nicht mehr nach Körben, sondern nach Tonnen geschehen sollte,
führte 1678 in Zaandam zu ernsthaften Unruhen (Honig, II, ı ff., 10).

20
        <pb n="29" />
        ihm vielfach geradezu geschadet. Die Blüte des Zaanländer Schiffbaues
 z. B. wurde dem Umstande verdankt, daß Amsterdam seinen
Schiffern verbot, ihre Schiffe durch Zaandamer Meister ausbessern
zu lassen, worauf diese zu selbständigen Neubauten übergingen.
In diesem Falle hatte die Habgier über die Voraussicht gesiegt,
was für Amsterdam sehr nachteilige Folgen gehabt hat.
Die vielfach hervortretende Eifersucht Amsterdams
auf Rotterdam war ja nicht ganz unbegründet; der Verkehr
Rotterdams mit England, seine ausgedehnte Fischerei und sein Heringshandel
 reizten Amsterdams Mißgunst. Auch hatte es durch
seine bessere Lage zum Rhein und zu den wirtschaftlich von Holland
stark abhängigen südlichen Niederlanden gewisse unbestreitbare Vorzüge.
 Aber schon für das 17. Jahrhundert läßt sich aus einigen
Zahlen nachweisen, daß tatsächlich doch Rotterdam weit hinter
Amsterdam zurückstand. Im Jahre 1628 brachten die Convoyen
und Licenten in Amsterdam 803 659 fl., in Rotterdam 330 737 fl.
ein, im Norderquartier 125 000 fl., in Seeland 329 367 fl. Im Jahre
1664 war der Vorsprung Amsterdams noch weit größer; nun brachte
dieses ı 456 782 fl., Rotterdam 519160 fl., Seeland 326 731 fl.,
das Norderquartier 199838 fl.!). Schon diese Ziffern genügen
einerseits, um den Vorrang Amsterdams zu erweisen, andererseits
aber auch die sehr beachtenswerte Stellung Rotterdams im Handelsverkehr
 ins rechte Licht zu stellen. Im Getreidehandel gewann
Rotterdam mit den übrigen Maashäfen im 18. Jahrhundert steigende
 Bedeutung?).
Zu den Gebieten, auf denen sich Amsterdam eine gewisse
Vorherrschaft durch Gewohnheit oder durch Usurpation errungen
hatte, gehörte das Postwesen. Frühzeitig war die Stadt der
Ausgangs-, End- und Mittelpunkt eines ausgedehnten Postverkehrs
geworden. Die Stadt besaß schon seit 1390 das Postrecht und
wußte dieses sowohl im eigenen wie im allgemeinen Interesse kräftig
zu handhaben. Durch dies Instrument hatte die Stadt ihre eigenen
Kaufleute und deren Handel stark bevorzugt und Konkurrenten
benachteiligt; das Monopol der hamburgischen und englischen Post,
l) Sickenga, Bijdrage, S.242; Br ugmanns, Handel en Nijverheid, S. 48.
2) Vgl. die Zahlen bei Dobbelaar, Stat. opgaven, S. 144 ff. Das Übergewicht
 Amsterdams über Rotterdam im Schiffsverkehr lehren die Zahlen bei
Pringsheim; Beiträge, S. 14.

21
        <pb n="30" />
        das Amsterdam inne hatte, war eine wertvolle wirtschaftliche Waffe.
Nach dem Frieden von Breda (1667) riß nämlich nach langen
Kämpfen Amsterdam die englische Post, die früher über Rotterdam
ging, zum großen Teil an sich!). Das erregte zwar in Seeland, bei
Rotterdam und anderen Städten viel Ärger; doch erreichte es
Amsterdam, daß es über diese Post Herr blieb; es verhinderte dadurch,
 daß sie über Ostende geleitet wurde. Als deshalb nach dem
österreichischen Erbfolgekriege eine vom Haag ausgehende Bewegung
 dahin zielte, die Posten der Provinz Holland den städtischen
Verwaltungen abzunehmen und der Provinz zu übertragen, weigerte
 sich Amsterdam entschieden, dem Beispiel der anderen Städte
zu folgen und seine Posten abzutreten. Außer der Machtfülle, die
der Stadt die Post verlieh, kamen freilich noch finanzielle Erwägungen
 in Betracht. Doch drängten die übrigen nordholländischen
Städte, die hier einmal eine gute Gelegenheit sahen, sich für die
Tyrannisierung, die ihnen seitens Amsterdams so reichlich zuteil
wurde, zu rächen; die städtische Bevölkerung erblickte überdies
in dem Festhalten an der Post nur eine eigennützige Maßregel der
Stadtregenten und hatte wenig Verständnis für den wirtschaftlichen
 Wert des Postbesitzes?). Erst nach zähem Widerstande
fügte sich Amsterdam Ende August 1748 dem Drängen der demokratischen
 Bewegung und verzichtete auf die Post; damit verlor
die Stadt ein Mittel, mit dem sie ihre städtischen Mitgenossen in
der Provinz drangsaliert hatte. Doch verstand die Stadt es, auch
weiterhin den Gang der Post zu ihrem Vorteil zu beeinflussen.
Den Höhepunkt der parntıkularistischen
Absonderung Amsterdams von seinen Volksgenossen,
allerdings auch den Endpunkt stellte eine wirtschaftspolitische Tat
dar, nämlich der Handelsvertrag, den 1778 einige Amsterdamer
 Kaufleute mit Hilfe des Pensionaris van Berkel mit
den Vereinigten Staaten von Amerika schlossen
und der in Kraft treten sollte, sobald die Republik die Unabhängigkeit
 der Vereinigten Staaten anerkannt haben würde. Als dieser
Vertragsentwurf durch Zufall England bekannt wurde, führte er
une Jeune, Si yogit) Koudys, S. 1268; Overvoorde,
Geschiedenis, S. 257 ff.
2) Le Jeune, #S.ı341; Koudys, S. 130 ff.; Overvoorde, De
centralisatie, S. 206 ff.

22
        <pb n="31" />
        23 —
zur Kriegserklärung!). In den Wirren dieses Krieges trat noch
einmal sehr schroff der Gegensatz zwischen den einzelnen Provinzen
zutage. Während Amsterdam mit großer Entschiedenheit auf die
Unterstützung der Rebellen drang, diese auch selbst gewährte und
von Beschränkungen nichts wissen wollte, stellten sich die Generalstaaten
 in Widerspruch zu den französischen Wünschen, denen
zufolge ein unbeschränkter Convoyschutz für alle Schiffe erfolgen
 sollte?). Darauf hob Frankreich alle Privilegien für die niederländische
 Schiffahrt auf, nahm jedoch ausdrücklich Amsterdam und
das ihm in den Staaten von Holland zur Seite stehende Haarlem
aus. Es war das ein höchst seltsamer Vorgang, der sowohl für die
geringe Solidarität der einzelnen Teile der Republik als auch für
die geringe Achtung spricht, die Frankreich dem Gesamtstaat der
Niederlande bewies?). Der Eindruck fortschreitender Auflösung der
inneren Bande der Republik unter dem Einfluß handelspolitischer
Notwendigkeit wurde noch verstärkt durch die Absicht Seelands,
1786 mit England einen Handelsvertrag zu schließen, wobei sich
jene Provinz auf das von Amsterdam gegebene Beispiel des Vertrags
mit Amerika bezog*). Noch in den letzten Zeiten der Republik
zeigte Amsterdam, daß sein Geschäftssinn ihm näher lag als sein
Nationalgefühl. Als 1793 der Krieg mit Frankreich ausbrach und
man dringend Geld bedurfte, versagte die Amsterdamer Börse ihre
Unterstützung; im Januar 1795 befand sich die Stadt in den
Händen der Franzosen®). Es war das wenig erhebende Gegenstück
zu dem Verhalten von 1672. Allerdings war die Stadt in Geldangelegenheiten
 oft konsequenter als in Fragen der Politik; einige
Jahre darauf verweigerte sie auch Napoleon Bonaparte
die Geldmittel.
Neben dem weltbeherrschenden Amsterdam und dem aufstrebenden
 Rotterdam traten die übrigen Städte doch tief in den
Hintergrund. Als örtliche Zentren, als Marktplätze erfüllten sie
ı)) Kluit, Jets, S:47, 124 ff. Den Irrtum der Holländer, die glaubten,
mit dem Bruch zwischen England und seinen nordamerikanischen Kolonien werde
zugleich der Handel zwischen beiden aufhören und z. T. den Holländern zufallen,
 erwähnt Colenbrander, Patriottentijd, I, 327.
?) Kluit, S. 81 ff,
3 van Wyck, S. 571.104 ff.
Uhlenbeck, S.241
5) Elias, Regenten-Patriciaat, S.‘ 259.
        <pb n="32" />
        ja alle eine mehr oder weniger wichtige Aufgabe. Insbesondere
die abseits vom großen Verkehr liegenden Plätze des Nordens,
Leeuwarden, Groningen ‚, bildeten für die landwirtschaftliche
 Produktion jener Gegenden unentbehrliche Verkaufszentren.
 Die an der Zuiderzee belegenen oder mit ihr in naher
Wasserverbindung stehenden Plätze, Enckhuizen, Harlingen,
 Kampen, Hoorn, Zwolle verloren schon im
17. Jahrhundert stark an Bedeutung; am längsten hielten sich
Enckhuizen und Harlingen durch ihre Fischerei. Dem
Rhein- und Ysselverkehr verdankten Arnhem, Nymwegen,
Zutfen, Deventer ihre Stellung als Märkte und Umschlagsplätze,
 während Utrecht infolge seiner mangelhaften Wasserverbindung
 viel von der Bedeutung, die ihm noch im späteren
Mittelalter zukam, verloren hatte; erst im 19. Jahrhundert gewann
es als Eisenbahnknotenpunkt einen Teil der alten Stellung wieder.
Als wichtigste Rheinstadt galt mit Recht Dordrecht; dank
seinem Stapel behauptete es bis Ende des 18. Jahrhunderts seinen
wirtschaftlichen Einfluß. Wahre Industriestädte waren Leiden,
Haarlem, Delit, Gouda und die Zaanlande: In
Seeland aber verstand es Middelburg bis ins 18. Jahrhundert
sich als Mittelpunkt der provinziellen wirtschaftlichen Interessen
zu behaupten. Noch ganz unbedeutend waren die Twentschen Orte
Almeloo, Hengeloo, Enschede usw.; sie sind ‚erst
mit der Industrie des 19. Jahrhunderts aufgeblüht. Dagegen stieg
schon im 18. Jahrhundert Tilburg in Nordbrabant zu einer
für jene Zeiten bedeutenden Industriestadt auf. Bei den meisten
dieser Städte läßt sich aber nach einer Zunahme im 17. Jahrhundert
für das 18. Jahrhundert ein Bevölkerungsrückgang feststellen.
Einige Zahlen mögen die Bewegung der Bevölkerung in den Städten
veranschaulichen:
Amsterdam: 1622: 105000; 1630: 115 000; 1637: 145 9090; 1685:
185 000; 1740: 200 000; 1795: 217 000 Einwohner‘).
Gouda: 1540: ca. 6000; 1750: 20000;/1796: IT 715.
Enkhuizen: 1515: 4500; 1600: ca. 30 000; 1750: 10—11000; 1796: 6803.
1) Diese Zahlen nach Brugmans, Handel en nijverheid, S. 54; Brugmans,
 Opkomst, S. 107; ferner nach Elster im Handwörterb. d. Staatswiss.,
4. Aufl., Bd. II, 681. Nach De Koopman, III, 51 ff. hatte Amsterdam 1730
etwa 190 000: 1736: 166 000; 1741: I4I 000; 1770: 246 800 Einwohner.

24
        <pb n="33" />
        Leiden: 1581: 12 144; 1622: 44 745; 16940: Ca. 50 000; 1740: Ca. 70 000;
1793: 28 000; 1795: 30 9551).
Haarlem: 1622: 39 455; 1748: 26 280; 1796: 21 227.
Middelburg: 1739: 25 000; 1796: 20 146.
Leeuwarden: 1714: I5 686; 1744: 13 462; 1796: 15 525-Aber
 wenn auch die meisten dieser Städte einzeln in ihrem
Einfluß einbüßten, in ihrer Gesamtheit haben sie doch durch ihre
Stimmen in den souveränen Provinzialstaaten gemeinsam mit den
führenden Städten das Wirtschaftsleben des Landes bestimmt und
gerade durch ihre Vielspältigkeit die Dezentralisation
befördert, die einen Hauptcharakterzug diesesStaates
 bildete und wirtschaftsgeschichtlich nicht
zu unterschätzen ist?). Diese Dezentralisation trat ja in
sehr verschiedenen Formen zutage; und es ist bemerkenswert,
daß die beiden einzigen Artikel der Utrechter
Union, die wirtschaftlich von, Bedeutung
waren — der Art. 12, der eine allgemeine Regelung des Münzwesens
 vorschrieb, und der Art. 18, der den einzelnen Provinzen
die Benachteiligung der anderen durch Zölle u. dgl. verbot —,
gar nicht oder nur sehr unvollkommen beobachtet
 wurden und damit in überaus wichtigen Punkten
einer für die Gesamtwirtschaft sehr nachteiligen Zersplitterung
1) Die Leidener Zahlen nach B 19k,‘ Eene holl. Stad, IH, 1,6 M{.; IV, S: 1 f.;
Blink, Nederland, III, gibt für 1740: 100 000, was natürlich irrig ist; Blok
bezweifelt selbst die 70000. Alle obengenannten Zahlen sonst nach Bl ink,
Nederland III. Wie unsicher im übrigen alle Schätzungen der Bevölkerung für
die ältere Zeit waren, zeigen die Ziffern für das ganze Land. Nach De Koopman,
a. a. O., zählte 1770 die Provinz Holland insgesamt ı 700 000 Einwohner. De la
Court, „Interest van Holland‘, S. ı9 ff., nimmt für die Provinz im 17. Jahrhundert
 2 400 000 Einwohner an. Nach Elster, a. a. O., zählten die ganzen
Niederlande 1737: 980 000, 1805: ı 882 000 Einwohner; van Schelven,
S. 16, nimmt nach Pirenne für die nördlichen Niederlande um 1623 etwa ı % Millionen
 Menschen an. Eine Angabe über die Bevölkerung von Stadt und Land Utrecht
 vom Jahre 1566, nach der sie damals etwa 62 400 Seelen zählte, bei Hoepke,
Nied. Akten, II, 163, Anm. 1. Einige Angaben über andere Städte bei van Nierop,
 Bevolkingsbeweging, S. 72 ff.; ebenda, S. 84 ff. über den Rückgang im
18. Jahrhundert.
2) Über die Machtfülle der Provinzialstaaten vgl. Fru in, Staatsinstellingen,
S. 212 f. Mehrfach haben sogar einzelne Provinzen mit dem Auslande Konventionen
über Wasserangelegenheiten geschlossen ; solche Abmachungen erfolgten 1745 zwischen
Gelderland, Holland, Overyssel, Utrecht und der Regierung in Cleve und 1771
zwischen Gelderland, Holland und Preußen (Blink, Nederland, I, 396).

vi
        <pb n="34" />
        Tür und Tor geöffnet wurde. Nur selten gelang es, diesem Mangel
durch besondere Gesetze entgegenzuwirken.
Wenn die Dezentralisation der staatlichen Verwaltung, des
Steuer- und Finanzwesens viele Nachteile mit sich brachte, so
wirkte andererseits die innere Geschlossenheit der städtischen
Macht in der Richtung einer Konzentration der Kräfte. Die Ge -.
samtmacht der nordniederländischen Städte
wurde. ja zweifellos vermehrt durch ihreinnereVerfassumg,,
 die während der Dauer der Republik
überall eine aristokratisch-oligarchische,
anı/den! Besitz des Patriziatsigebundenel/ und
dadurch in den Stand gesetzt war, Jahrhunderte hindurch gewisse
feste Ziele bewußt und rücksichtslos zu verfolgen. Diese Ziele aber
erstreckten sich ebenso auf die politische Herrschaft wie auf die
Behauptung der wirtschaftlichen Grundlagen und Ansprüche der
Stadt. Das ist im großen Maßstabe in Amsterdam der Fall gewesen
 wie in kleinerem. in den übrigen Städten.
Es ist oben bereits des Kapitalismus und der ihm
zugeschriebenen Verbindung mit dem Kalvinismus gedacht. Der
Kapitalismus, oder besser gesagt das Großunternehmertum, ist aber
noch kurz zu betrachten in seinen Beziehungen zur Stadt. Der
holländische Kapitalismus istleine ausschließ-Yıch,aus
 der Stadt hervorgegangene Erscheinung.
 Hier fand sich das auf dem mobilen Kapital begründete
Großunternehmertum zusammen. Dieses Kapital war es, das den
Holländern half, alle Widerstände im Ostseehandel zu besiegen
und die dortigen Konkurrenten durch Preisunterbietung in den
Schatten zu stellen. Durch die südniederländischen Einwanderer,
später die Refugies, hat dieses Kapital weitere Vermehrung erfahren.
 Es arbeitete sowohl in der Schiffahrt und in der Heringsreederei
 als auch in der Industrie. Wenn auch, was wahrscheinlich
ist, die Reederei zum großen Teil Partenreederei war und ihr Risiko
sich dadurch auf zahlreiche Einzelunternehmer verteilte, so war
sie doch durch die Menge der oft in einer Hand vereinigten Schiffsparten
 und ihre enge Verbindung mit dem Großhandel kapitalistisch,
großunternehmerisch organisiert. In der Industrie tritt das Großunternehmen
 am frühesten in städtischen Gewerben, so in der
Ölfabrikation, Seifensiederei, Brauerei in Amsterdam zutage, meist

26
        <pb n="35" />
        — 27 —
in Verbindung mit dem Großhandel!), während in der Leidener Tuchindustrie
 sich Gruppen von Unternehmern bildeten, die wieder vom
Amsterdamer Großhandel abhängig waren. Deutliche Merkmale
des Großbetriebes lassen die Unternehmungen der Refugies Baille
in Amsterdam, van Mollem in! Utrecht Ende des 17. Jahrhunderts
 erkennen; des letzteren Seidenfabrik beschäftigte 500
Arbeiter und gab außer dem Hause 1100 Webstühlen Arbeit. In
den Brauereien zeigte sich im 17. Jahrhundert ein Drang zum
Großbetrieb. Doch ist bei den meisten dieser älteren industriellen
Unternehmungen wohl noch nicht an Kapitaleinsatz in größerem
Stile zu denken; sie tragen noch frühkapitalistischen Charakter.
Unzweifelhaft bestand auch schon früh die Verpflanzung der
Großunternehmung von der Stadt auf das Land. Die größten Eindeichungen
 sind um die Wende des 16. zum 17. Jahrhundert durch
Kaufleute vorgenommen worden; es war ein kapitalistisches Werk.
An der Blumenzwiebelzucht, die zu einer Zeit schon in größeren
Unternehmungen erfolgte, als die übrige Landwirtschaft diesen noch
völlig fern stand, war städtisches Kapital beteiligt. Die weiteste
Ausdehnung hat das Großunternehmen wohl im Bereich der Kolonien
 erfahren. Hier war diese Entwicklung ja schon durch die
gesellschaftliche Organisation vorgezeichnet. Wer eine Reihe von
Aktien der Ostindischen Kompanie besaß, wer an den Plantagenunternehmungen
 in Westindien beteiligt war, der war Großunternehmer,
 und um so größer, je mehr sich von solchen Anlagen in
seinen Händen häufte. Diese Art von Großunternehmung, die unpersönlicher
 Art war und sich nur auf den Besitz gewisser Rechtstitel
 stützte, die eigene persönliche Mitwirkung meist ausschloß,
hat im 18. Jahrhundert in großem Umfange zugenommen.
Alles dieses war der Ausdruck städtischer Entwicklung, der
Ausfluß eines Wirtschaftslebens, das auf dem in der Stadt sich
anhäufenden Reichtum beruhte, und damit zugleich ein Zeugnis
für die stetig wachsende Machtfülle der Stadt, deren Wirkungen
sich über das ganze Land verbreiteten.
') Nach Brugmans, Opkomst, S. 144, scheute das Amsterdamer Großkapital
 lange eine Verbindung mit der Industrie wegen des in ihr herrschenden
Zunftwesens; erst am Ende des 17. Jahrhunderts begann das Großkapital sich mehr
an der Industrie zu beteiligen.
        <pb n="36" />
        —. 2) —
$ 2. Die Landwirtschaft.
Für die niederländische Landwirtschaft
bedeutete die Mitte des 16. Jahrhunderts den
Beginn einer neuen Epoche Die politische
Befreiung, die Reformation, die Auflösung der geistlichen
 Stifter, die außergewöhnliche Entwicklung
des Handels; der Schiffahrt, des Gewerbes,
der ‘zunehmende Einfluß der Städte: Alles
dieses leitete Landwirtschaft und Landwirte
in eine neue Eahn:
In einem Punkte freilich blieb es zunächst bei dem alten
Zustand. Das Hauptgewicht des Landes in materjeller
 und politischer Bezichung lag ım
Westen, an der Küste, in den Seestädten und
den großen Industriezentren" Sie brachten die
meisten Steuern ein, sie waren wirtschaftlich das weitaus wichtigste
Gebiet; im platten Lande spürte man, je weiter
es sich nach Osten erstreckte. um so weniger
von dem Gange der Wirtschaft des Westens
Das war aber keineswegs gleichbedeutend mit Verfall oder gar
Elend und traurigen Zuständen. Den Bauern in Friesland, Groningen
 usw. ging es nicht schlecht; ihre Produktion war reichlich
und bot gute Überschüsse; Butter, Käse, Getreide wurden in nicht
geringen Mengen ausgeführt!). Auch suchte die Obrigkeit den
Steuerdruck, der früher einseitig die Bauern belastete, jetzt mehr
zu verteilen; schon die Regierung Karls V. hat mehrfach verständige
 Reformen dieser Art eingeführt”).
Nur langsam faßte auf dem platten Lande die Reformation
 Fuß; sie war im wesentlichen ein Werk der Städte
und drang erst allmählich infolge der Bemühungen der Synoden
auch auf dem Lande durch. Zunächst schien weder ein religiöses
noch ein materielles Bedürfnis den Bauern die kirchliche Umwälzung
 zu empfehlen; an der Saekularisation der Kirchengüter
hatten sie viel weniger Interesse als die Städte. Immerhin verursachte
 die Saekularisation der Kloster- und Stiftsgüter
3 Blink, Geschiedenis, IT, ı If.
2) Blink, Geschiedenis; I, 249.

A
        <pb n="37" />
        — 29 —
eine bessere Bewirtschaftung, da sie nun in private Hände überging;
 ebenso war der Verkauf der gräflichen Domänen für die Entwicklung
 des Bauernstandes günstig!). Nicht ohne Einfluß blieb
auch die um diese Zeit um sich greifende Geldwirtsc haft,
die an Stelle der Naturalwirtschaft trat, und gleichzeitig die vorzüglich
 in Groningen, Holland und Seeland sich verbreitende Einrichtung
 der Zeitpacht, die zwar den Bauern einerseits nicht
mehr an die Scholle band, ihm andererseits aber auch die Sicherheit
des dauernden Besitzes des von ihm bebauten Grundes und Bodens
nahm. In Drenthe, Overyssel und Gelderland blieb es dagegen noch
vielfach bei den alten patriarchalischen Verhältnissen®).
Schwer drückte der Unabhängigkeitskrieg
 auf das platte Land und auf die Landwirtschaft,
 namentlich in den östlichen und nördlichen Gebieten.
 Staatische und spanische Truppen und Banden haben hier
jahrzehntelang gehaust?). Dazu kamen Hungersnot und Pest. Die
Landgebiete Hollands und Seelands litten überdies unter den
Überschwemmungen und Deichbrüchen; aber
doch im allgemeinen bei weitem nicht so wie Groningen, Friesland
und Drente. In Westfriesland, wo sich Landbau und Seefahrt
nahe berührten und der Landbauer an den Gewinsten der Seefahrt
 teilnahm, blühte der Landbau, selbst in den schlechtesten
Zeiten. Nicht ohne Bedeutung für den Landbau war auch
die Zuwanderung aus den südlichen Niederlanden;
 vorzüglich in Seeland machte sich das bemerkbar,
da hierher die protestantischen Bauern in großen Scharen flüchteten‘).
 Man mußte damals überall, auch in Holland, im Interesse
der eigenen Wirtschaft auf Gewinnung neuen Grund
und Bodens für Landbau und Viehzucht bedacht sein; zwischen
 1590 und 1615 sind insgesamt 36 213 ha neu gewonnen durch
Trockenlegung und Eindeichung gegen nur 8046
n den allerdings sehr ungünstigen Jahren 1565—1590; davon fielen
allein 9170 ha auf Eindeichungen in Nordholland, was für 200 Jahre
ı) Koenen, De ned. Boerenstand, S. 53f.; Blink, a.a. OO: J1, 5.7.
2 Blink Il, 8.
3) Vgl. den Bericht über das Rhijnland von 1575 bei PosthumusS.
Gegevens; nicht weniger als 91% % des Landes war unbebaut oder verlassen.
4) Koenen, S. 58.
        <pb n="38" />
        die höchste Ziffer war!). Ein französischer Edelmann, Nicolas
de Nicolay, betrieb diese Austrocknung energisch, gemeinsam
mit dem Holländer yan Bockholt;: ihnen war die erste Eindeichung
 der Zype, jenes nördlichsten Teiles von Nordholland, zu
danken; sie war 1598 vollendet. Es folgte die Eindeichung des
Beemster, die 1612 vollendet und Willem Usselinx und dem
Amsterdamer Kaufmann Dirk van Oss zuzuschreiben war®).
Es ist bemerkenswert, daß diese und andere wichtige Eindeichungen
 nicht durch Bauern, nicht durch
das platte Land geschah, sondern durch die
in Handel und Seefahrt reich gewordenen
städtischen Patrizier®). Diese Eindeichungen in Holland
 und Westfriesland haben jenes Gebiet in verhältnismäßig kurzer
Zeit in seinem Äußeren und Bilde völlig gewandelt. Westfriesland
war Anfang des 16. Jahrhunderts noch größtenteils Wasser, Morast
und uneingedeichtes Land, das wenig Wert besaß; am Ende der
ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts waren fast alle nordholländischen
Wassertümpel trockengelegt*).
Mit dem allmählich überall eintretenden Friedenszustand
 ım Lande blühte dielLandwirtschaft
auf; am günstigsten waren Friesland, Holland und Seeland gestellt.
 Die schon damals in hohem Ruf stehende Viehzucht in Holland,
 der Landbau in den übrigen Provinzen brachten gute Erträge;
am meisten litt immer noch unter den Kriegsverhältnissen Brabant;
 und hier mußte bald nach 1608 der Raad van State den
wüstliegenden Ländereien bedeutende Freiheiten einräumen, damit
 die Kulturen wieder aufgenommen werden konnten‘).
Eine Folge sowohl des Reichtums der Städte,
wie er sich in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts entwickelte,
als auch der geänderten Lebensauffassung
der Städter, die es aus ihren engen Mauern hinaustrieb,
war die Besiedlung der weiteren Umgebung der
ı) Blink, Geschiedenis, II, ıı2.
) Koenen, \S. 58; Blink, Nederland, II, 129 f., 138, 152 ff.; Jameson.
 S. 49ff. Usselinx verlor hierbei 300 000 fl. (Tameson, S. 52).
3) Blink, Geschiedenis, II, 15 f.
‘De Bosch Kemper, Armoede, S. 92.
5) Koenen, S. 631.
        <pb n="39" />
        — 131. —
Städte mit ländlichen Niederlassungen den
Stadtbewohner; im Umkreise von Amsterdam, Utrecht,
Rotterdam, Haag überall erfolgten solche Ansiedlungen statt, meist
versehen mit Gärten und Gartenhäusern. Diese Anlagen waren
nicht ohne Einfluß auf die landwirtschaftlichen Verhältnisse in der
Nähe der größeren Städte; sie brachten dorthin nicht nur Kapital
und vermehrten den Verbrauch landwirtschaftlicher Erzeugnisse,
sie verbreiteten auch städtische Kulturen und Anschauungen über
das Land. Im Laufe der Zeit erstreckten sich diese Ansiedlungen
in immer weitere Entfernungen von den Städten. Außerdem aber
erwarben eine ganze Anzahl reicher Kaufleute und Reeder
größere landwirtschaftliche Besitzungen und wurden so gleichzeitig
 Großgrundbesitzer*).
Naturgemäß war die Entwicklung der Landwirtschaft
 in den einzelnen Provinzen sehr
verschieden; sie hing ab von den Bodenverhältnissen, den
Verkehrszuständen, von den Beziehungen zu den Städten, endlich
auch von alten Gewohnheiten. Verschieden mußte diese Entwicklung
 schon deshalb sein, weil die Grundeigentumsverhältnisse in
den einzelnen Provinzen sich keineswegs glichen. Ferner haben
auch die Trockenlegungen und Eindeichungen, die ja die Provinzen
ungleichmäßig trafen, die Landwirtschaft in verschiedenster Weise
beeinflußt. Am stärksten waren in dieser Beziehung die Verschiebungen
 der alten Zustände in Nordholland. Durch die umfangreichen
 Eindeichungen wurde ausgedehntes Kulturland geschaffen.
 Hier wurde durch umfassende Anpflanzung von Raps
die Grundlage für die nordholländische Ölmüllerei
 gelegt, eine Industrie, die neben der Produktion von
Butter und Käse die Haupterträge der nordholländischen Landwirtschaft
 lieferte?). Um 1800 rechnete man für Nordholland eine
tägliche Produktion von 100 000 Pfund Käse im Sommer und eine
jährliche von 15—16 Mill. Pfund. Auf den Märkten von Alkmaar,
Purmerend, Edam und Hoorn, den großen Käsemärkten jener
Gegenden, kamen diese Mengen zum Verkauf, meist gegen bare
Zahlung; erst um 1800 verkaufte man gegen 6—8 Wochen Kredit*®).
1) Blink, Geschiedenis, II, 19.
2?) Über die Amsterdamer Ölindustrie vgl. unten in $ 4.
3) Die Käsepreise schwankten sehr; für nordholl. Käse betrugen sie 1675—85:
        <pb n="40" />
        — 32 ——
Zu dieser Zeit war der Butterexport noch gering, die Butter wurde
meist im Lande verbraucht; vom Käse blieben hingegen nur 2%
im Lande, alles andere ging nach Frankreich, Belgien, Spanien,
Portugal, Deutschland, Rußland, England, selbst Indien!). Auch
der Gemüsebau entwickelte sich seit dem 16. Jahrhundert
in diesen Gegenden. Die Viehzucht beschränkte sich hier auf Rindvieh
 und Schafe; namentlich bei Texel bestand Schafzucht.
Auch auf die Verteilung und Art des Grundeigentums
 waren die Trockenlegungen nicht ohne
Wirkung geblieben; sie hatten meist Pachtbauern
geschaffen, die den großen Unternehmern in den
Städten zinspflichtig waren; nur zum geringen Teil
erscheinen die Herren als Selbstlandwirte?).
Der qualitative Höhepunkt der holländischen
Landwirtschaft wurde erreicht in dem südlich des
Y belegenen Gebiet. Hier haben die überaus fruchtbaren
Strecken längs des alten Rhein, des Leck und der neuen Maas,
das Delfland, Rhijnland und das Land von Woerden, das Amstelland
 in früheren Jahrhunderten eine überaus reiche Produktion
ins Leben gerufen. Um 1783 war ein Acker Getreideland um Leiden
1500, Grasland 1000 und Gartenland 1800—2400 fl. wert?). Die
Hauptsache war auch hier die Rindviehzucht; auf ihrer
Grundlage beruhte die ausgedehnte Butter- und Käsebereitung.
Das jütische Rindvieh, das mager aufgekauft war, wurde hier auf
der Weide in 11%—3 Monaten fett gemacht. Außerdem baute man
Getreide. Eine große Anzahl kaufkräftiger Märkte lag der Landwirtschaft
 vor der Tür; so Amsterdam, Leiden, Delft, Woerden,
12—13 fl.; 1686—90: 6—7 fl.; 1691—1700: 11—112 fl.; 1701—08: 5—6 fl.; 1709—14:
14—18 fl.; 1715—20: 6—8 fl.; 1721—40: 5—6 fl.; 1741—75: 8—14 fl.; 1776—095:
14—18 fl.; stets per 100 alte Pfund (Hogendorp, Bijdragen, VI, 446).
l) Blink, II, 22 f., 29. Über die starke Milchproduktion Hollands vgl.
Blok, Rel. Venez. (1610), S. 31; allein Assendelft hatte 4000 Kühe; Wert der
Butter- und Käseproduktion ı Mill. Gold. — Die M6moires s. le commerce ‚des Hollandais
 (1717), S. 35 nennen Hoorn ‚le principal endroit, ou se fait le commerce
du fromage, qui se fait dans le Nord d’Hollande‘“. Cosimo de Medici war
1669 in Alkmaar und erwähnt den Butter- und Käsehandel (S. 264); ferner De
Koopman, I, 207ff. Nach Metelerkamp, I, 79 wurden 1801 in Nordholland
 17 894 407 Pfd. Käse auf den Markt gebracht.
2) Blink, N) 241:
3) Volkmann, S. 194 ff.
        <pb n="41" />
        ZZ
Gouda, Oudewater, Rotterdam. In der Mitte des 17. Jahrhunderts
hatte Amsterdam einen sehr lebhaften Butterhandel,
der sich nicht nur auf das einheimische Produkt beschränkte, sondern
 auch auf die irische. Butter erstreckte!). Im Jahre 1667/68
betrug die Einfuhr ausländischer Butter in Amsterdam 32421,
die Ausfuhr 1737% Tonnen; dagegen belief sich die Einfuhr von
holländischem Käse auf 284 600, die Ausfuhr auf 1 283 504 Pfund?).
Berühmt war im 17. Jahrhundert die Leidener Butter; sie ging
über die ganze Welt; ebenso berühmt war der Gouda-Käse. Im
Jahre 1697 passierten 3 460 964 Pfund die Goudasche Wage?®). Dagegen
 konzentrierte sich in Rotterdam der Krapphandel;
etwa 3% der Produktion dieses Gewächses (Färberröthe) kam hier
zu Markte‘). Ferner exportierte Rotterdam jährlich 2—3 Mill.
Pfund Flachs und 8—10 000 Tonnen Leinsaat, fast die Hälfte der
einheimischen Produktion. Für das Korn von Westbrabant, Seeland
 und den südholländischen Inseln war Rotterdam Stapelplatz;
Butter und Käse bildeten einen Hauptausfuhrartikel in dem regen
Verkehr der Stadt nach England.
Eine eigenartige landwirtschaftliche Kultur entwickelte sich
schon seit dem Mittelalter, namentlich in Holland, n dem Gartenbau
 und der Pflege spezieller Garten- und Gemüsegewächse.
 Ihre Blüte erreichte diese Kultur jedoch erst unter der
Republik. Zwischen Hoorn und Enckhuizen, dann um Haarlem und
Leiden entstand eine stetig zunehmende Gemüse- und Blumenwirtschaft
 von großer Mannigfaltigkeit®). Es spricht für den hohen
Wohlstand des Landes seit dem 17. Jahrhundert, wenn neben einer
ı)) Blink, N, 30ff.
?) Brugmans, Statistiek, S. 137 f.
3 Blink, N, 35.
*) Im Jahre 1667/8 betrug die Ausfuhr von Krapp aus Amsterdam ı 846 408
Pfd., außerdem 11 150 Pfd. Breslauer Krapp; eingeführt wurde nichts (Br ug mans,
Statistiek, S. 166). Über den Verfall des Krappbaus in Seeland Ende des 18. Jahrhunderts
 vgl. Eversmann, S. 214f. Die Ausfuhr von Krapp Ende des ı8.
Jahrhunderts über Amsterdam war doch nicht unbedeutend und nahm zu; 1753
wurden 623728 und 1792: 2086290 Pfd. feiner und ungeschälter Krapp ausgeführt
(van Nierop, Uit de bakermat d. Amsterd. Handelsstatistiek). Im 19. Jahrhundert
 ging der Krappbau ganz zurück; 1851—60 wurden noch 4315 Hektar mit
Krapp bebaut; 1881—90 noch 783, 1910 noch 52 Hektar (E v erwyn, II, 519).
°) Blink, II, 524ff. Über den Gemüsebau Nemnich, S. 203, den
Blumenhandel usw., S. 213 ff.
Baasch, Holländische Wirtschaftsgeschichte.

3
        <pb n="42" />
        A g——
Lebensbedürfnisse befriedigenden Gemüsezucht auch den Zierpflanzen
 eine weitgehende Pflege gewidmet wurde; je entfernter
der örtliche Ursprung dieser Pflanzen war, um so mehr schätzte
und kultivierte man sie in Gärten. Eine besondere Aufmerksamkeit
wandte man den Zwiebelpflanzen zu, namentlich den Tulpen.
Haarlems Umgebung wurde bald der Mittelpunkt dieser Blumenzwiebelkultur,
 die zu außerordentlich hoher Blüte sich entwickelte.
Auf ihre Bedeutung für das Börsengeschäft kommen wir zurück.
Wirtschaftlich ist diese Kultur für jene Gegenden von großem
Wert gewesen; England, Frankreich, Spanien, Italien wurden
von hier aus mit Blumenzwiebeln versorgt, insbesondere im 18. Jahrhundert‘).

Seeland und die südholländischen Deltainseln,
 die meist über schweren Kleiboden verfügten, brachten
außer Getreide und Hülsenfrüchten namentlich die wichtigen
 Handelsgewächse Krapp, Flachs und Hanf hervor.
Der Flachsbau?) war hier ein besonderer Typus, der Krapp aber das
wichtigste Erzeugnis der Inseln; für dieses Gewächs bestanden genaue
 obrigkeitliche Anordnungen, die den Zeitpunkt der Ernte, die
Bereitung u. a. m. bestimmten. Auf diesen Inseln wurde auch im
großen Umfange Pferdezucht getrieben; für sie bestanden
ebenfalls obrigkeitliche Vorschriften®).
Hinsichtlich seines Verhältnisses zum Getreidehandel
nahm Seeland lange Zeit eine eigenartige Stellung ein.
Schon im Mittelalter war diese Provinz die wichtigste Getreide
bauende Gegend. der Niederlande; der seeländische Weizen bildete
auch für die Ausfuhr einen bedeutenden Artikel*). Keine der
anderen Provinzen hatte im ı7. Jahrhundert
1) Über die Haarlemer Blumen- und Zwiebelindustrie, Ferner, S. 383f.;
Volkmann, S.236. Nach Volkmann, S. 371, konkurrierte die Blumenzucht.
 bei Alkmaar mit der Haarlemer. Über die Haarlemer Blumenzucht und
die übertriebene Wertung der Tulpen vgl. Solms-Laubach, S. 76f., Al1-Yan,
 IV, 688 f;
2?) Über die Flachskultur schon Blok, Rel. Venez. (1620), S. 132; selbst
in ihrer Kolonie Neu-Niederland pflegten die Holländer den Flachsbau (Laspeyres,
 S. 107).
3 Blink, II, 39.
‘) Blink, I, ı22, 195. Den vortrefflichen seeländischen Weizen lobt
Volkmann, S. 496.
        <pb n="43" />
        eineinsGewichtfallendeGetreideproduktion:
ganz Holland lieferte nicht mehr als !/,, des notwendigen Korns:
die Provinz Groningen konnte damals noch kein Getreide ausführen.
Die Stadt Groningen erhielt aus Drenthe Roggen für ihren Handel.
So war es begreiflich, wenn in Seeland der protektionistische Geist
sich frühzeitig regte und im Gegensatz trat zu den freihändlerischen
Anschauungen namentlich Hollands, dem die Freiheit des Getreidehandels
 stets über alles ging. Im Jahre 1669 forderten die Staaten
von Seeland eine Verdoppelung des Einfuhrzolls auf Getreide,
während der Ausfuhrzoll um ebensoviel herabgesetzt werden müsse.
Doch gelang es Amsterdam, diesen Angriff auf den Getreidehandel
siegreich abzuschlagen; es wies nachdrücklich darauf hin, daß man
lieber umgekehrt die Einfuhr erleichtern und die Ausfuhr erschweren
müsse!). Doch wurde 1684 Seelands Wunsch teilweise erfüllt durch
die Abschaffung der außerordentlichen Ausfuhrabgabe auf Getreide,
 die aber 1685 wieder hergestellt wurde.‘ Die in Aussicht
genommene Tarifreform erfolgte nicht. Erst 1725 wurde die Getreideausfuhr
 ganz frei und die Einfuhrabgabe auf 61/,%, des Wertes
für Weizen, 5'/,% für Roggen festgesetzt; das war gegen die Mitte
des 17. Jahrhunderts doch eine erhebliche Verstärkung des Zollschutzes?).
 Von Interesse ist es jedenfalls, daß in den Niederlanden
schon im 17. Jahrhundert sich starke Neigungen zum Schutz der
Landwirtschaft kundgaben, die wohl zu unterscheiden waren von
solchen Anträgen, die nur für Fälle des Getreidemangels und der
Getreideteuerung gewisse Sicherheitsmaßregeln bezweckten.
Gegenüber Seeland und Holland, wo sich übrigens in der Zeit
von etwa 1648—1800 in der Landwirtschaft wesentlich nichts verändert
 hat, fiel die Landwirtschaft in Nordbrabant erheblich
ab. Dieses Land war schon in den letzten Zeiten des Mittelalters sehr
heruntergekommen sowohl im Stande der Bevölkerung wie in der
Landwirtschaft; es hatte dann im 8ojährigen Krieg schwer gelitten.
 Nur die Schafzucht ergab hier ein wertvolles
Erzeugnis in der Wolle, die für die Tuchwebereien in Tilburgs
Oosterwyk usw. das Rohmaterial lieferte; wie anderseits der dortige
) Blink,]Il,22ı ff) vanDillen, Stukken; derselbe, Eenige Stukken.
?) 1655 zahlte Weizen 2 fl. bei der Einfuhr; 1725: 6 4l., 1655 Roggen ebenso
1,25 fl. bzw. 4 fl.; Hafer 1655 eingehend 0,60; 1725: 1,80; Gerste 1655 eingehend
x fl., 1725: 3,15 fl. (Bun k ,'S: 84 ff).

35
Q*
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        Flachsbau der Leinenweberei in Eindhoven, Helmond usw. zugute
kam. Ein Schriftsteller aus dem Jahre 1785 schreibt den recht
armseligen Zustand der nordbrabantischen Bevölkerung den hohen
Steuerlasten zu; und zweifellos ging es diesem Gebiete nicht gut,
wozu wohl seine geographische Absonderung, fern vom großen
Verkehr, viel beitrug. Die Vielgestaltigkeit der Verwaltung in
diesem Lande, das als Generaliteitsland den Generalstaaten direkt
unterstand, das aber außerdem eine Reihe voller und halber ‚„‚,Herrlichkeiten‘
 zählte, war für die landwirtschaftliche Entwicklung
nicht vorteilhaft und äußerte sich namentlich in einer recht willkürlichen
 Erhebung der Abgaben. Eine Rettung aus den traurigen,
wirtschaftlichen Verhältnissen fand man dann in der Weberei,
für die das Land den Flachs lieferte; eine ausgedehnte Hausindustrie
entstand und arbeitete mit geringen Löhnen für das reiche, aber
weit teurere Holland!). Ebenso primitiv wie diese Industrie, die im
17. Jahrhundert sich als reine Dorfindustrie gab, war der Landbau;
kleine Betriebe, die meist für den eigenen Bedarf arbeiteten, Mangel
an Kapital waren sein Merkmal. Gegenüber den wohlhabenden,
behäbigen holländischen und seeländischen Bauern war der Abstand
 groß. Auch im Viehstand zeigte sich dies. Ähnlich wie in
Nordbrabant waren die Verhältnisse in Limburg, das damals aber
nur zum kleinen Teil zu den Niederlanden gehörte‘).
Ganz anders sah es im 17. und 18. Jahrhundert in Gelderland
 aus. Hier überwogen namentlich in den östlichen Teilen
noch die altfeudalen. Einrichtungen mit | Herrenrechten,
 Zehnten, Hörigkeit usw.; es waren ähnliche Zustände
wie im benachbarten Münsterland. Ausgedehnte Strecken befanden
 sich als Marken oder als Dorfeigentum noch in ungeteiltem
Besitz; die Geldwirtschaft war noch nicht in‘ dem Maße in die Bevölkerung
 eingedrungen wie im Westen?). Weite Waldungen
dehnten sich auf den Sandgründen aus. In der Landschaft Veluwe
baute man neben Getreide und Hanf seit der ersten Hälfte des
17. Jahrhunderts namentlich Ta ba k%); ferner spielte die Sch a f-3)
 Blink, Il; 42 ff, Über das Verhältnis der nordbrabantischen Industrie
zu der holländischen vgl. unten im $ 4.
2) Blink, Il. S. 51 £f.
3) Weststrate, Een gelderl. heerlijkheid, S. 453 ff., 464 ff.
4) Über die Veluwe Blink, Nederland, II, 205 f.

36
        <pb n="45" />
        zucht eine große Rolle auf den ausgedehnten Heiden!). Auch in
Betuwe baute man Tabak und pflegte im großen Umfange den
Obstbau, der Utrecht und Holland versorgte. Das in Gelderland
gewachsene Korn blieb meist in der Provinz; nur ein kleiner Teil
wurde nach Holland ausgeführt. Wie in Brabant nahm auch hier
im 18. Jahrhundert der Kartoffelbau zu; der Flachsbau wurde
ebenso wie in dem benachbarten Zutphenschen Gebiet gepflegt. In
der Betuwe und der Umgegend von Tiel trieb man Pferdezucht
 und Pferdehandel; die Pferdemärkte wurden
auch vom Ausland besucht. In Gelderland, wie überhaupt in den
östlichen Teilen der Republik, wurde die Schweinezucht eifrig gepflegt;
 Gelderscher und Zutphener Speck ging nach Holland,
wo man ihn für die Schiffsausrüstungen verwandte.
Während die östlichen Sandländereien
der Provinz Utrecht sich landwirtschaftlich der Veluwe
anschlossen und wenig von ihr unterschieden, war das westliche
 Gebiet nahe verwandt mit dem benachbarten
 Holland. In den Städten Utrecht und Amersfoort
besaß diese Provinz zwei sehr beliebte und angesehene Märkte;
Utrecht namentlich für Milchprodukte, Korn, Vieh, Pferde, Amersfoort
 aber vorzüglich durch seinen Tabakhandel. Die Umgegend
dieser Stadt trieb seit 1615 Tabakbau, der sich weiterhin so gut entwickelte,
 daß der Amersfoortsche Tabak überall im Auslande,
 vorzüglich im Norden und an der Ostsee, ein sehr gesuchter
Artikel war; in der Mitte des 18. Jahrhunderts gingen die besten
Sorten nach Frankreich. Damals schätzte man die jährliche Tabakernte
 der Einwohner von Amersfoort auf etwa 3 Mill. Pfund. Von
den Staaten von Utrecht wurde der Tabak, der in der Provinz gewachsen
 und nicht verbraucht war, mit 3 Stüver besteuert. Von
Amersfoort aus verbreitete sich schon Mitte des 17. Jahrhunderts
die Tabakkultur über ganz Gelderland und Overyssel?). Das Ergebnis
 der Kultur war eine Steigerung der Kauf- und Pachtpreise
für Ländereien; ebenso stiegen die Preise für Schafmist, den man
1) Nach Volkmann, S. 450, galt Gelderland als sehr unfruchtbar.
2) Blink, II, 6off., Beckmann, S. 324 (über Deventer, Apeldoorn usw.) ;
Ferner, S. 327; Volkmann,iS. 456, 533; S. 456 über Zutphen; vgl. auch
unten in $ 4. Auch Niebuhr erwähnt 1808 die „bedeutenden Tabakspflanzungen‘‘
 bei Amersfoort (Circularbriefe, S. 26).

37
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        zum Düngen für den Tabak als besonders geeignet hielt; er hatte
früher 3—4 fl. gekostet und wurde nun in der Blütezeit der Tabakkultur
 für 14—20 fl. verkauft. Man zählte 1670 in Amersfoort
mindestens 120 Tabakpflanzer. Später ging freilich diese Kultur
zurück, um im 19. Jahrhundert ganz zu verschwinden‘).
Die Provinz. Utrecht hatte eine alte, ausgedehnte
Pferdezucht, die man durch behördliche Vorschriften im
16. und 17. Jahrhundert aufrecht zu erhalten suchte. Eine
schon 1542 erlassene, 1585 erneuerte und ergänzte Verordnung
verbot den Aufkauf und die Ausfuhr von Pferden in der Provinz.
Eine Verordnung von 1675 traf für die Ergänzung des durch den
Einfall der Franzosen stark verminderten Pferdebestandes Fürsorge?).

Overyssel ähnelte landwirtschaftlich dem östlichen
Gelderland; doch war es weniger angebaut und noch mehr durch
ausgedehnte Heiden ausgezeichnet, die z. T. in Hochmoore übergingen,
 welch letztere im 18. Jahrhundert noch wüst und verlassen
waren. Namentlich Twenthe lag noch teilweise völlig öde; die
besten Ländereien fanden sich zwischen Borne und Hengeloo und
in der Umgegend dieser Stadt. Hier saßen viele Bauern auf eigenem
Grund, andere hatten ihr Land an kleine Kätner mit 6—8 Kühen
verpachtet. Im allgemeinen war der Zustand dieser kleinen Bauern
in Twenthe recht kümmerlich; die ungeteilten Marken hemmten
die selbständige Entwicklung der einzelnen Bauern, wie auch die Aufschließung
 der Ödländereien. Auch war der Verdienst gering, namentlich
 im Verhältnis zu den hohen Lasten. Die große Armut und das
auf alter Rechtsgewohnheit beruhende Abhängigkeitsverhältnis der
jüngeren Söhne von dem ältesten trieb schon im 16. und 17. Jahrhundert
 viele Leute in die Stadt, wo sie besser wirtschaften zu können
glaubten. Als nach 1730 in Enschede die Industrie sich hob, bildete
dieser Ort einen Anziehungspunkt für viele Landbewohner, die auf
solche Weise das Entstehen der Industrie beförderten. In den kleinen
Städten, wie Oldenzaal, Ootmarsum usw. wohnten im 18. Jahrhundert
 noch viele Bauern, die diesen Orten ihr charakteristisches
!) 1791 betrug die holländische Tabakernte rund 20 Mill. Pfd. (Koch,
Rotterdam in den franschen Tijd in Rott. Jaarboekje, 1924, S. 13).
?) Zorg voor paardenfokkery in de 17. eeuw, in De Economist, 1885, S.995 ff.
Über die Utrechter Pferderasse Blink, II, 259.

38
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        — 3). —
Merkmal aufdrückten. Overyssel war im 18. Jahrhundert wohl die
ärmste Provinz)).
Sehr zurück war vom 16.—18. Jahrhundert Drenthe.
Erst im 18. Jahrhundert kamen die jüngeren Moorkolonien
langsam zur Entwicklung, während die älteren schon blühenden
Landbau aufwiesen.‘ Wenn auch der Drenthesche Bauer den Twentheschen
 übertraf an Sicherheit des Auftretens und an Selbständigkeit,
 da er nicht in dem Maße wie jener durch Hofrechte und Herrendienste
 gedrückt worden war und sich frühzeitig eine gewisse Freiheit
 verschafft hatte, so war doch die Zahl der selbständigen Bauern
hier nur gering; 1621 waren 5/; der Bewohner Meier und Pächter,
nur !/; freie Eigentümer. Die Pachten aber waren ziemlich drückend,
indem !/, des Ertrages den Eigentümern, ?/, dem Pächter oder
Meier zufielen. Der Landbau wurde noch völlig primitiv betrieben;
und der größte Teil des Gemeindebesitzes war noch unverteilt.
Roggen und Buchweizen waren die Hauptprodukte, daneben, wie
überall, Flachs, dessen Erzeugnis auch teilweise in den Handel
kam. Ausgebeutet war schon im 18. Jahrhundert die Moorbrandkultur,
 ebenso wie in den angrenzenden Provinzen Groningen,
Friesland und Overyssel; sie war schon in der ersten Hälfte des
17. Jahrhunderts in Drenthe bekannt; meist pflanzte man Buchweizen
 in die abgebrannten Moore. Ausgedehnt war die Schafzucht,
 sowohl des Mistes, als auch des Fleisches und der Wolle
wegen; letztere ging z. T. in den Handel und in die Deckenfabriken
von Kampen und Leiden?). Verbreitet war die Pferdezucht,
die zum großen Teil für den Handel getrieben wurde; viele Drenthsche
 Pferde gingen nach Friesland und wurden als friesische wieder
nach Holland verkauft.
In der Geschichte der Landwirtschaft in Groningen sind
zwei Erscheinungen zu vermerken, die einen wesentlichen Einfluß
auf die Entwicklung gehabt haben. Die erste war das sogenannte
Beklemrecht; es bestand ursprünglich aus einem einfachen
Pachtkontrakt über Land unter der Bedingung, daß der Pächter
) So de Koopman, II, 237; die Provinz erhielt aus eigenen Produkten
 nicht mehr als 8 Tonnen Goldes; das übrige schöpfte man aus dem geringen
Handel von Deventer, Kampen, Zwolle, Hasselt und eigenen Landgütern.
? Blink, II, S.66ff. Niebuhr, Circularbriefe, S. 244, nennt die „‚vaste
Beklemming‘‘ Erbpacht, obwohl sich beides nicht ganz deckt.

CC
        <pb n="48" />
        das Meierhaus daselbst zu bauen hatte. Dies Recht stammte aus
einer Zeit, da die Häuser dort in der Regel aus Holz gebaut waren,
so daß nach Endigung des Pachtkontraktes der Pächter das Haus
mitnahm oder es an den Eigentümer oder den neuen Pächter verkaufte.
 Allmählich entwickelte sich aus diesem primitiven Zustand
und mit dem Aufkommen der Steinbauten die Gewohnheit, daß
das Haus rechtlich fest an das Land gebunden wurde und daß schließlich
 sich eine unkündbare Verbindung zwischen beiden vollzog,
für die eine für alle Zeiten feste Pachtsumme entrichtet wurde.
Das entsprach den damals noch wirtschaftlich sehr rückständigen
Verhältnissen. Als die Zustände sich besserten und die Kultur
des Landes sich hob, entstand vielfach ein großer, sachlich
nicht gerechtfertigter Unterschied zwischen der Festlegungspacht
(beklemmingshuur) und dem späteren Pachtpreise. Die Eigentümer
 suchten sich dann für ihre Verluste durch die Erhöhung
der Gefälle und Geschenke, die ihnen bei gewissen Gelegenheiten
zukamen, schadlos zu halten. Die Entwicklung dieses Festlegungsrechtes
 hat, wie begreiflich, für den Bauernstand große Vorteile
gehabt; er gelangte dadurch tatsächlich in den Besitz der Ländereien.
Während in den anderen Provinzen die großen Herren in den
Städten oder die Landedelleute in den vollen Besitz der größten
Besiedlungen kamen, auf denen die Meier nur zeitlich beschränkte
Rechte hatten und ganz von den Eigentümern abhängig waren,
wurden die Groninger ‚festgelegten‘ Meier tatsächlich so gut wie
Eigentümer, denen nur gewisse, nicht sehr schwere Verpflichtungen
gegen die ursprünglichen Eigentümer oblagen. Sie hatten dadurch
den großen Vorteil, daß sie zu Lebzeiten über ihren Besitz frei
verfügten, daß er ihnen bei Erfüllung ihrer Verpflichtungen nicht
aufgekündigt werden konnte und daß die‘ Verbesserungen ihres
Landes ihnen selbst und ihren Nachkommen voll zugute kamen.
Auch war das Festlegungsrecht der Zersplitterung des Besitzes
hinderlich. Anderseits herrschte über dies Recht und seine Nutzung
bis in die Gegenwart eine gewisse Unsicherheit, und der Eigentümer
 genoß nur eine bescheidene, wenn auch feste Rente‘).
Gab diese moderne Entwicklung eines bis tief in das Mittelalter
 zurückreichenden Rechts dem Groninger Bauernstand eine
3 Blink, II, S. 433 £f.

. 40
        <pb n="49" />
        — 41 —
gesicherte wirtschaftliche Grundlage, so hat die Entstehung der
Moorkolonien in dieser Provinz weiterhin in starkem Maße
zu der Blüte der Landwirtschaft beigetragen. Bereits im 13. Jahrhundert
 wurde an der Grenze von Groningen und Drenthe Torf
gegraben; die Hunze förderte die Abfuhr?). Als nach der Reformation
 die Moore, die im Besitz der Klöster waren, an die Provinz
fielen, war es in erster Linie die Stadt Groningen, die planmäßig
die Moorkultur betrieb, ausbreitete und die abgegrabenen
Ländereien für den Landbau gewann. Dadurch erhielt dieser im
17. und 18. Jahrhundert in den Groninger Moorkolonien schon
eine große Bedeutung; eine Reihe von Kolonien waren vor 1800
in schnellem Aufblühen. Neben dem Getreidebau trieb die Provinz
viel Pferde- und Viehzucht?); letztere pflegte insbesondere gutes
Schlachtvieh. Groningen bildete das natürliche wirtschaftliche
Zentrum und hatte schon im 15. Jahrhundert einen großen Viehmarkt®);
 im 17. Jahrhundert entwickelte sich hier ein lebhafter Getreidehandel.

Viele Ähnlichkeit mit den Verhältnissen in Groningen hatten
diejenigen Frieslands. Auch hier bestand eine bedeutende
Viehzucht; im ı8. Jahrhundert litt sie aber außerordentlich
durch verheerende Viehseuchen, die den Viehbestand arg mitnahmen
und zur Folge hatten, daß man von der Rindviehzucht vielfach
zur Schafzucht überging und nun auch den Getreide-, Kartoffelund
 Flachsbau bevorzugte*). Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
 nahm infolge der Einführung dänischen Viehs die Viehzucht
 wieder zu; und nun blühte auch der alte Handel mit Käse
und Butter von neuem auf, der vorzüglich in Sneek und Dokkum
seinen Sitz hatte. Eine besondere Farbe verlieh Friesland die von
alters her dort betriebene Pferdezucht. Sie hat der Provinz
viel Reichtum zugeführt; der Handel mit Pferden brachte dem
Landmann viel ein. Ein gutes Arbeitspferd kostete noch 1740:
ı Blink, II, SS: 160£
2) Die Viehzüchter Groningens und Frieslands hat wohl im Auge der venetianische
 Gesandte, wenn er 1620 ihren großen Wohlstand erwähnt (Blok, Rel.
Venez., S. 133).
3) Den großen Ochsenmarkt in Groningen erwähnt 1727 A. Ha Mer, S. 95.
4) Über die Viehseuchen in Groningen und die Impfungen, die die Hälfte
des Viehbestandes retteten, Volkmann, S. 418. Vgl.auch Reens, S.22 {£.
        <pb n="50" />
        150 Carolusgulden!) oder mehr; früher etwa nur den vierten Teil.
Für die Reinhaltung der friesischen und utrechter Pferderassen erließ
man schon im 17. Jahrhundert Vorschriften; trotz mancher Widerstände
 unter den Bauern sind sie aufrecht erhalten worden?). Sodann
 ist die Schafzucht zu nennen, die eine vortreffliche
Wolle lieferte; der Kartoffelbau wurde um 1730 eingeführt und
bald zu einem Haupterwerb des Landes‘).
Aus dieser kurzen Übersicht der Landwirtschaft in den einzelnen
 Provinzen erkennt man die große Verschiedenheit
 der Zustände: Auf der einen Seite finden
wir in Holland, Friesland, Groningen und den anliegenden Teilen
Utrechts und Oberyssels die überwiegende Rindviehzucht
 und im Anschluß daran eine wertvolle Produktion von
Milcherzeugnissen. Butter und Käse wurden ja überall bereitet:
der Unterschied in den einzelnen Provinzen war aber nicht gering.
Der Süßmilchkäse und die Butter aus Molkenrahm wurde. in Südund
 Nordholland und Utrecht zubereitet; der Goudakäse in Südholland
 und Utrecht, Edamer Käse in Nordholland. Ferner fand
die Butterbereitung aus Rahm und die Käsebereitung aus entrahmter
Milch in Friesland, Rhijnland, Delfland statt. Friesland lieferte
grünen, Kanter-*) und Gewürzkäse, Rhijnland und Delfland Kümmelkäse.
 Diese ganze Produktion bildete eine Hauptquelle der Lebensführung
 des Landwirts; sie stand, da sie von allen auf die Produktion
 einwirkenden Faktoren beeinflußt war, technisch weit höher
und brachte größere Einkünfte als die Butterbereitung mit ihren
Nebenprodukten, wie sie in den übrigen Landesteilen stattfand,
wo sie hauptsächlich der Futterbeschaffung für Schweine und
Kälber nutzbar gemacht wurde®).
Wie die Ackerprodukte, erhielten Ende des 17. Jahrhunderts
auch die Milchprodukte einen höheren Zollschutz. Im Jahre 1671
a ') So nannte man den 1544 geschlagenen silbernen Gulden zu 20 Stüver
(Schimmel, S. 14).
2) Über die Pferdezucht Blok ‚ Rel. Ven., 1620, S. 132; über den Leeuwardener
 Pferdemarkt 1636 auch Schottmüller, Ogiers Tagebuch, S. 255 f.;
ferner Volkmann, S. 392.
3 Blink, I, S. 82.
*) Kanterkäse, großer, glatter Käse, grün oder weiß.
5) Ned. Landbouw, S. 441 f. Über den Texeler grünen Schafkäse Volk -
mann, S. 378.

42
        <pb n="51" />
        — EZ
wurde der Einfuhrzoll auf Butter und Käse auf nicht weniger als
25% vom Wert erhöht, die Ausfuhrabgaben 1691 erheblich herabgesetzt,
 ebenso 1671 eine Einfuhrabgabe von 25% auf Speck,
Schinken und Fleisch, 1686 eine solche von 20 fl. per Stück auf
Rindvieh gelegt!). Der Handel mit allen landwirtschaftlichen Erzeugnissen
 ist in den überwiegend Viehzucht treibenden Provinzen
bis Anfang des 19. Jahrhunderts einer der wichtigsten Handelszweige
 der Niederlande gewesen, an ihn schloß sich an der Handel
mit ausländischer Butter und ausländischem (französischem und
schweizerischem) Käse?). Denn darin bestand die Eigentümlichkeit
 dieser landwirtschaftlichen Produktion, daß sie nicht nur den
Handel mit den eigenen Erzeugnissen schuf, sondern in natürlicher
 Fortsetzung auch den Handel mit den gleichartigen Produkten
 der Konkurrenzländer beförderte. Der Höhe dieser Produktion
 entsprach die Größe des Viehstandes; er betrug Ende
1799: 902 526 Rinder; allein auf Holland entfielen 261 028, auf
Friesland 148 9683).
Aufderanderen Seite finden wir um diese
Zeit nirgends einen überwiegenden Ackerbau.
In den reichen Gebieten Hollands war das Leben zu teuer für den
hohe Löhne nicht abwerfenden Ackerbau; und nur für besondere
Kulturen, wie z. B. Krapp, Tabak usw., bezahlte sich die Bodenbebauung.
 Auch in den übrigen, östlichen Ländereien übertraf
die Vieh- und Pferdezucht den Ackerbau, der kaum über den
eigenen Bedarf hinaus getrieben wurde; nur in Friesland,
Groningen, Seeland fiel ihm eine größere Rolle im Wirtschaftsleben
 zu.
Im allgemeinen waren die ländlichen und bäuerlichen Verhältnisse
 im 17. und 18. Jahrhundert überaus einfach. Wenn man
absieht von einem Teil der holländischen Bauern in der Nähe der
großen Städte, so war die Lebenshaltung und Bildung
der Bauern noch ebenso primitiv wie dieArt,
mit der sie das Land bestellten, das Vieh behandelten,
 die Lebensmittel zubereiteten, das Getreide mahlten, ihre
ı) Verviers, S. 117£
2? De Koopman, I, 217ff. Nach Temple (1667) verbrauchten die
Holländer viel irische Butter (Pierson, S. 110).
3) Blink, II, 85; nach Metelerkamp., I, 76: rund 900 000.

7
        <pb n="52" />
        A Mg
Wohnung einrichteten!). Diese Rückständigkeit wurde in erster
Linie erzeugt durch die elenden Verkehrsverhältnisse, für die es
schon ein Gewinn war, wenn sich ein bescheidener Wasserlauf,
der mit Trekschuiten befahren werden konnte, durch das Land ZOg;
wo das nicht der Fall war, da dienten tiefe, unergründliche Sandwege
 dem Verkehr, der sich auf das Notwendigste beschränkte.
Dieselben großen Unterschiede, die uns in
der Skizze der Landbauverhältnisse der einzelnen Provinzen entgegengetreten
 sind, begegnen nun auch in allen übrigen
landwirtschaftlichen Beziehungen. Eine einheitliche
 Darstellung wird dadurch unmöglich; überall wird der gemeinsame
 Gedanke durchbrochen von provinziellen und landschaftlichen
 Sondererscheinungen. Das war zum Teil die Folge der
stark ausgebildeten Dezentralisation der
öffentlichen Einrichtungen, ‚die höchstens da eine
Einheitlichkeit zuließ, wo die natürlichen und wirtschaftsgeographischen
 Verhältnisse sie erzwangen oder erleichterten.
Einen solchen Unterschied finden wir zunächst in der
für die Niederlande sehr wichtigen Angelegenheit der Landgewinnung:
 Während im Westen diese gleichbedeutend
war mit dem Kampfe gegen das Meer, man hier diesem
wieder abgewann, was es in früheren Zeiten durch katastrophale
Einbrüche dem Lande geraubt hatte, und das Werk in Trockenlegung
 und Eindeichung bestand, wurde in den höher gelegenen
Gegenden des Ostens und Nordens die Landgewinnung
zu einer viel schwierigeren, sehr große Entsagung
 fordernden Arbeit“ Die’ Mooraustrocknüung
hat gewiß schließlich viel Segen gebracht; aber niemals hat sie so
fruchtbare Gebiete aufgeschlossen, wie das mit den Eindeichungen
im Westen meist der Fall war?).
Einige der ältesten, umfangreichsten Eindeichungen in Holland
 erwähnten wir schon; es sind ihnen dann im Laufe des 17.
und 18. Jahrhunderts noch eine große Reihe kleinerer gefolgt?).
0 Blink, Il, 95 ff.
2) Über die Notwendigkeit der Trockenlegung der Moore: De Koopman,
 VI, 134; über die Entwässerung, VI, 187.
3) Die mächtigen Deichbauten bewunderte 1626 der venet. Gesandte (Blaok,
Rel. Venet., S. 232).
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        — 45 —
Keine von ihnen hat an Größe und Bedeutung die Eindeichung
der Beemster (7174) und Schermer (4828 ha) erreicht. Auch an der
friesischen Küste hat man dem Wattenmeer im Laufe der Zeit
einiges Land abgewonnen; insbesondere ist zu nennen die Eindeichung
 des Biltlandes nördlich Leeuwarden; sie fällt aber noch
in die habsburgische Zeit (1505—1508)!). Außerdem sind im 18.
und 19. Jahrhundert sowohl hier als auch an anderen Stellen der
Nordküste Frieslands eine Reihe von Eindeichungen erfolgt, die
namentlich am Dollart.3147 ha betrugen?).
Ganz anders vollzog sich der Landgewinn in
den Moor- und Heidegegenden. Hier gab es Strecken
Landes, wo in merkwürdigem Kontrast Trockenheit und Wasser,
Wüste und Fruchtbarkeit eng beieinander lagen und wo gerade
dadurch den Menschen die Notwendigkeit, durch eigene Arbeit
weiteren bebauungsfähigen Boden zu beschaffen, sich aufdrängen
mußte?). Wenn diese Landgewinne in der Zeit vom 16. bis 18.
Jahrhundert recht langsame Fortschritte machten und dadurch
der Volks- und Landwirtschaft zunächst nur geringen Gewinn
einbrachten, so hat das an verschiedenen Ursachen gelegen. In
erster Linie an dem vielfach noch bestehenden Gemeineigentum
an den Ödländereien, die meistens in den Händen der Markgenossenschaften
 sich befanden. Nur vereinzelt und nicht immer auf rechtmäßigem
 Wege sind solche den Markgenossenschaften gehörige Ödländereien
 urbar gemacht worden. Sodann aber mangelte es für
eine großartige Urbarmachung auch an den dafür erforderlichen
Kenntnissen; die alten Erfahrungen, auf denen die Landwirtschaft
noch beruhte, reichten für solche Kulturwerke nicht aus. Ferner
fehlte es vielfach auch an Arbeitern für die Moorkultur*). Ein
großes Hindernis für eine fortgeschrittene Unternehmung war
sodann der Mangel an Dünger; für seine Anfuhr aus den
Städten nach den Heiden genügten die Verkehrsmittel nicht. Endlich
 sahen auch die städtischen Kapitalisten in der Umwandlung
der Heiden zu Kulturland kein gewinnreiches Objekt; weit lockender
 erschien die Trockenlegung am Meere, und das war sie zweifellos,
ı) Blink, Nederland, II, 323 ff.; Blink, Geschiedenis, II, 136 ff.
2?) Blink, Geschiedenis, II, 138 ff.
3) Hogendorp, V, 268;
4 Hogendorp, V, 274f.
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        = m
So blieb es denn bei einer ganz geringen Ausdehnung
 des anbaufähigen Bodens; 1795 lag noch
ein Drittel des ganzen Gebietes der Republik
wüst, ın Nordbrabant waren es sogar zwei
Drittel‘). Erst durch Auslobung .von Prämien und Preisschriften,
 die Ende des 18. Jahrhunderts seitens gemeinnütziger
Gesellschaften erfolgten, wurde öffentlich auf die Notwendigkeit
der Kultur der Ödländereien aufmerksam gemacht, ohne daß das
zunächst viel praktischen Nutzen brachte. Die Provinzialregierungen
 zeigten aber sehr wenig Interesse für diesen Gegenstand
Nur in den alten Generaliteitslanden, die bis 1795 den Generalstaaten
unmittelbar unterstanden?), richtete die Obrigkeit ihr Augenmerk
auf die Urbarmachung; und in Nordbrabant, wo es keine Markgenossenschaften
 gab, wurden Ende des 18. Jahrhunderts mehrere
derartige Arbeiten unternommen, meist freilich nur in kleinerem
Maßstabe. In Holland waren es namentlich die Dünen, die im
18. Jahrhundert langsam der Bebauung gewonnen wurden.
Die wichtigste Aufgabe in dieser Hinsicht stellten an die Bewohner
 doch die Moore‘. Ihre Kultur fiel völlig
erst in die Zeit der Republik. Wenn auch das Torf -
machen schon früher bekannt war und ausgeübt wurde, so griff
man die Moore systematisch doch nicht an; im Gegenteil war ihre
Bearbeitung zum Zweck der Torfgewinnung durch provinzielle Vorschriften
 beschränkt und abhängig von besonderer Erlaubnis; diese
Vorschriften gingen meist von dem Standpunkt aus, die Versorgung
mit Brennstoffen zu regeln und ihre Ausfuhr und willkürliche Ausbeutung
 zu verhindern. Es fehlte andererseits völlig an Einheitlichkeit
 in der obrigkeitlichen Behandlung dieser Angelegenheit‘%).
Neben den vereinzelt vorgenommenen Urbarmachungen der
Moore, namentlich der Hochmoore, bildeten sich im 17. und
18. Jahrhundert in Friesland, Drenthe und Overyssel langsam, aber
stetig Moorkulturen, um die sich wirkliche Kolonien gruppierten ;
a 2) Blin k, Geschiedenis, II, 142; nach Metelerkamp, I, 87, lag
damals noch ein Fünftel des Bodens unbebaut.
®) Generaliteitslande waren: Nord (Staats-) Brabant mit Maastricht, Limburg,
Staatsflandern, das Oberquartier Geldern (Venlo); letzteres fiel erst 1713 an die
Republik.
°) Vgl. im allgemeinen Blink, Nederland, II, 519 ff.
*) Blink, Geschiedenis, II, ı51 ff.; d’Alphonse, S. 236 f.

46
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        so entstand z. B. Meppel in Drenthe als ein Torfmarkt, um den
herum eine größere Reihe von Moorkolonien sich ansiedelten. Im
17. Jahrhundert hat sich namentlich Roelof van Echten
tot Echten um die Drenthesche Moorkultur verdient gemacht;
er wußte in Holland und Utrecht Kapital für diesen Zweck flüssig
zu machen; es entstand eine ‚Gesellschaft‘. Daraus entwickelte
sich die Kolonie Hoogeveen, die 1661 schon zwei Reihen Häuser
besaß‘).
Notwendig war bei allen diesen Anlagen eine Wasserverbindung
 zur Abfuhr des Torfes, und viele der späteren Wasserläufe
in Drenthe, Groningen und Friesland verdanken ihr Dasein den
Moorkolonien. Zunächst bildete die Bereitstellung des Torfes die
Hauptsache. Dieser Brennstoff war für die städtische Industrie
von um so größerer Bedeutung, als das Land im allgemeinen an
Brennholz Mangel litt?); die Brennerei, die Brauerei, die Zuckerraffinerien
 usw. bedurften des Torfes, da Steinkohlen und Holz
weit teuerer waren?).
Auf dem Gebiete der Trockenlegung und
der Landgewinnung hatten die Niederländer
vor allen europäischen Völkern einen Vorsprung,
 sowohl in der Praxis wie in der Theorie. Das berühmte
 Buch von Jan Adriaansz Leeghwater (geb. 1575)
über das Haarlemmer Meer und seine Trockenlegung hat bahnbrechend
 gewirkt*). Eigentliche selbständige landwirtschaftliche
 Literatur besaßen aber.die N1i1ederländer
 nicht; was hierüber veröffentlicht wurde, bestand
 aus kompilatorischen Darstellungen ohne wissenschaftlichen
Wert. Erst dieizweite Hälfte des/z8&amp;amp; Jahrhunderts
 belebteunter dem Einfluß der Physiokraten
 auch hier das wirtschaftliche Interesse
 für den Landbau. Eine Reihe von Gesellschaften,
die seit 1752 begründet wurden, machten es sich zur Aufgabe, die
1) Blink, Geschiedenis, II, 159 f.
2) Darüber schon :Blok;Rel. Ven, 1610, S. 34; 1620, S. 132.
3) Über die Torfkultur"De;Koopman, V, 190; Büsch, 51 ff.
Metelerkamp, I, gof.; für die Brauereien Timmer‘, Gen. Brouwers
S. ı15f.; für die Brennerei van Riemsdijk, 63.
4) Blink, Geschiedenis, II, 176.

47
        <pb n="56" />
        Bedürfnisse des Volkswohles im allgemeinen und darunter auch die
Interessen der‘ Landwirtschaft durch volkstümliche und populärwissenschaftliche
 Abhandlungen der Allgemeinheit nahezulegen und
verständlich zu machen. Diese Bestrebungen haben zweifellos sehr
nützlich gewirkt und für zahlreiche Einzelfragen des Ackerbaues,
der Viehzucht, des Obstbaues und der Landeskultur wertvolle
Belehrung zutage gefördert. Sie waren um so wirkungsvoller, als
jene Zeit eine Periode des Aufschwunges der holländischen Land-.
wirtschaft auch aus allgemeinen Gründen war; es ging dem
Handel, vorzüglich nach dem letzten englischen Krieg, schlecht,
und das ‘Interesse weiter Kreise wandte sich nunmehr der
bisher vielfach vernachlässigten oder geringgeschätzten Landwirtschaft
 zu.
Die Literatur der früheren Zeit hatte auch in theoretischer
Hinsicht die Landwirtschaft wenig beachtet. So reich die volkswirtschaftliche
 Literatur der Niederlande des 17. und 18. Jahrhunderts
 über den Handel, das Steuer- und Finanzwesen ist‘),
so arm war sie in bezug auf die Landwirtschaft; nur wenn es sich
um den Handel mit landwirtschaftlichen Produkten, wie Korn,
oder um die im Interesse der Textilindustrie wünschenswerte Pflege
der Schafzucht handelte, oder wenn die Herrendienste einmal die
Bauern allzusehr drückten, was hier verhältnismäßig selten vorkam,
 wurde wohl einmal in der Literatur der Landwirtschaft gedacht;
 das waren jedoch Ausnahmen?). Selbst ein so fruchtbarer
Schriftsteller, wie Pieter de la Court, erwähnt den Landbau
 als solchen kaum, und Holland bestand nach ihm nur durch die
Blüte der Manufakturen, Fischerei, Schiffahrt und Handel. Auch
die physiokratische Bewegung, die seit der Mitte
des 18. Jahrhunderts dem Landbau wieder den alten Vorrang vor
Handel und Industrie verschaffen und dem natürlichen Reichtum
des Bodens seine überragende Bedeutung in der Volkswirtschaft
einräumen wollte, hattein den Niederlanden keinen
einzigen Vertreter, wenn es auch an anerkennenden
Bemerkungen über den Landbau bei manchen niederländischen
Schriftstellern nicht fehlte®). Noch das von Luzac heraus-!)
 Vgl. im allgemeinen Laspeyres.
2?) Laspeyres, S. 198, 215:
3) Laspeyres, S. 214 f.

48
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        — 49 —
gegebene Werk „Hollands Rijkdom“ sah die Quellen dieses Reichtums
 nur im Handel und in der Schiffahrt.
Doch drückte auf den niederländischen Bauern nicht nur der
Mangel an Interesse, den seine Lage bei der Obrigkeit fand; nicht
nur die geringe Achtung, auf die sein harter Beruf bei Schriftstellern
und Politikern stieß. Diese Männer befanden sich meist unter dem
vollen Eindruck der großartigen kolonialen und kommerziellen
Machtentfaltung der Republik und schätzten den Landbau nur
nach seinem allerdings recht bescheidenen Ertrage. Auch wurde
das Urteil über ihn naturgemäß beeinflußt durch das Übergewicht,
das die Städte in den Niederlanden seit langer Zeit über das platte
Land besaßen und das als eine ganz natürliche Sache betrachtet
wurde; die Frage der Handelsfreiheit beherrschte diese Städte und
drängte sich überall auch bei der Beurteilung landwirtschaftlicher
Angelegenheiten in den Vordergrund.
Diese Nichtachtung wäre den Bauern nun wahrscheinlich
 ziemlich gleichgültig gewesen, wenn sie sich nicht auch
in positiven Maßregeln ausgedrückt hätte. D je städtische
Gewerbepolitik war, wie bereits oben dargelegt wurde,
dem platten Lande durchaus feindlich, gesinnt:
 sie hinderte jede Ausbreitung des städtischen Gewerbes
auf dem Lande und wurde hierin von der Obrigkeit kräftig unterstützt;
 unter Karl V. und später noch zur Zeit der Republik
sahen sich die Dörfer in dieser Hinsicht den Städten völlig preisgegeben;
 nicht nur, daß man den Landleuten verbot, gewisse Gewerbe
 zu betreiben, man untersagte ihnen auch den Verkauf
 ihrer Butter, ihres Kornes und Holzes").
Freilich blieb das platte Land diesem Drucke gegenüber nicht immer
passiv; wir sehen das an den teilweise erfolgreichen Bemühungen,
städtische Gewerbe, so die Brauerei, auf das Land zu verpflanzen.
Von den Staaten von Holland wurden 1668 infolge der Beschwerden
der Dörfer diesen einige Erleichterungen in der Ausübung von
Gewerben bewilligt. Dieses Verhältnis galt aber nur für Holland,
wo die persönliche Freiheit der Bauern bestand; im Osten, in Overyssel,
 Gelderland, Brabant, waren die Bauern nicht frei, sondern
vielerlei persönlichen Lasten unterworfen?); der Druc k, der
l) Blink, Geschiedenis, II, 197 f.; vgl. unten in 8 4.
2) Blink, a, a. O., S. 199;
Baasch, Holländische Wirtschaftsgeschichte.
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        auf den holländischen Bauern lastete, war
cin Aunustiluß des Kapitalismus, der seit dem
z6. Jahrhundert in den Städten groß geworden
war. In solchen Fällen freilich, wo die dörfliche Arbeit für die
Industrie nützlich und notwendig war, wie z. B. die Hausindustrie
für das Textilgewerbe, duldete man diese Arbeit, die im Grunde
doch nichts war als eine gewerbliche, in der Stadt aber mit zu hohen
Lebenskosten beschwert war‘).
Drückender freilich als diese mehr mit:
telbaren Lasten waren die unmittelbaren
Auch bei ihnen bestanden wieder je nach den Provinzen und je nach
der Rechtsentwicklung der ländlichen Verhältnisse große Unterschiede.
 Die meisten dieser Lasten waren lehnsrechtlichen
 Ursprunges und gingen aus von den ‚„Herrlichkeiten‘,
 die über alle Provinzen zerstreut waren, am wenigsten
in Friesland, wo das Lehnrecht nie hatte Grund fassen können.
Diese Lasten waren sehr mannigfaltig und im einzelnen meist geringfügig,
 in ihrer Gesamtheit wirkten sie doch auf die unfreien Bauern
als eine beträchtliche Belastung. Unfreie, höri ge Bauern
gab esaberim Osten, in Gelderland und OverySsel,
 ım’ı7. und in der ersten Hälfte des ı8.
Jahrhunderts noch viele. In Twente wurde erst 1783
auf Betrieb von. van der Capellen tot den Pol die
Abschaffung der Herrendienste beschlossen?); doch fanden sich
im übrigen Overyssel noch bis in die. erste
Hälfte des 10 Jahrhunderts Spuren bäuer-Jlıcher
 Unfreiheit.
Konnten von der Beseitigung der Herrenrechte,
die sich auf alle möglichen Dinge, so die Unterhaltung von Brücken,
Wegen, Deichen, Dämmen usw. bezogen und den Bauern sehr lästig
sein mußten, die von ihnen betroffenen Bauern sich eine um so
erheblichere wirtschaftliche Erleichterung versprechen, als sie im
wesentlichen doch gerade die Bauern traf, die nicht in den von der
Natur und durch die Nähe der großen Städte begünstigten Landesteilen
 wohnten, so gab es freilich noch andere Lasten genug,
die den Landmann drückten. Denn nicht nur, daß die Erzeugnisse
1) Vgl. unten in $ 4.
3) Vel. Laspeyres,6S. 2153.

— 50
        <pb n="59" />
        — 51 —
seiner Arbeit meistens sehr hohe Ausfuhrzölle zu entrichten hatten,
z. B. Butter, Käse, Fleisch, Hanf, Flachs, was natürlich den Absatz
 beschwerte und verteuerte, es gab noch eine ganze Reihe
weiterer direkter Belastungen, die auf der Landwirtschaft ruhten?).
Die Städte, voran Amsterdam; haben namentlich
 iniden ersten Zeiten der Republik gern
Lasten; die ihnen unbequem waren, auf das
platte Land abgewälzt und’ damit. zum Teil
die Verarmung des letzteren befördert: das
nötigte 1612 die Staaten von Holland zu einer Befreiung des Landes
vom 50. Pfennig?). An erster Stelle unter den direkten Lasten
stand die Grundsteuer, die von unbeweglichen Gütern im
weitesten Umfange, von dem Haus und Hof bis auf den Backofen,
den Fischereien, Windmühlen, Fähren, Herdgeldern, überhaupt allen
Herren- und Nutzrechten jeder Art erhoben wurde. Doch war
die Grundsteuer in allen Provinzen verschieden?). In Holland
wurde sie 1632 auf den 5. Pfennig des Pachtwertes der Ländereien
und den 8. Pfennig des Mietwertes der Häuser und Mühlen, 1732
auf den 12. Pfennig festgesetzt). In Seeland waren die Ländereien
 nach der Fruchtbarkeit in 7 Klassen geteilt, die 34—52 Stüver
per Morgen zahlten; dazu kamen die ‚‚Statenpenninge‘, meist
der 200. Pfennig nach demselben Anschlag, sodann noch recht
hohe Abgaben für Wasser und Deiche; außerdem eine Steuer auf
Häuser, Mühlen und Zehnten. In Overyssel bestand eine
Grundsteuer von 15 Stüvern für jedes ausgesäte Malter und für
Ländereien auf Geldpacht der 7. Pfennig. Ferner bestanden Abgaben,
 die beim Eigentumsübergang von unbeweglichen Gütern
und den ihnen gleichgestellten Rechten zu entrichten waren. In
Groningen wurde 1632 eine allgemeine Grundsteuer eingeführt,
 die 1650 auf den 5. Pfennig der Jahresmiete für Häuser und
Ländereien festgesetzt wurde. Ein sog. Pferdegeld, dessen Höhe
!) Blink, Geschiedenis, II, 229 f.; die zahllosen kleinen und großen Abgaben
 verschiedenster Art, die den Landmann trafen, zählt auf Sickenga,
Bijdrage, S. 336 ff. Über die hohen Belastungen der Landwirtschaft Hogendorp,
 I, 27ff.
?) Elias, Regentenpatriciaat, S. 74.
3) Vgl. Sickenga,S. 331 ff.; schon 1610 bei Blok, Rel. Venet., S. 51.
*‘) Blink, a. a. O., S. 233. In schlechten Zeiten ging die Grundsteuer
mangelhaft ein; so klagte 1667 van der Goes (Briefwisseling, S. 268).

Ä N
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        schwankte, kam als außerordentliche Abgabe hinzu. Als die Ausbeutung
 der Moore begann, schöpfte man.auch aus ihnen eine Steuer,
die der Provinzialregierung zufloß; sie betrug 33!/; mal den Betrag
der jährlichen Grundsteuer. Ganz eigenartig, wie so manches andere
in Friesland, war hier die Grundbelastung. Es war noch
die alte, vom Ende des ı5. Jahrhunderts herrührende Floreenbelastung,
 die darin bestand, daß von jedem Goldgulden oder
Floreen der Pacht 1% gezahlt wurde. Die Veranlagung von 1511
hat bis 1806 unverändert fortbestanden. Diese Belastung war vom
Lande auf die Person des Besitzers übertragbar, auf dessen Namen
der Goldgulden in den Registern aufgezeichnet war; der floreenpflichtige
 Eigentümer konnte sogar die Belastung von einem Erben
auf den anderen übertragen, wodurch vielfach eine ungleichmäßige
Belastung eintrat. Erst seit 1713 kam hinzu eine allgemeine Besteuerung
 der Ländereien und Häuser in Form eines 100. Pfennigs;
diese wurde später in ein festes Verhältnis zu der Floreenbelastung
gebracht!). In einigen Provinzen bestand noch ein Herdgeld, in
Friesland ein Schornstein-, in Overyssel ein Feuerstättengeld; in
letzterer Provinz wie in Holland und Seeland (seit 1583) auch eine
Abgabe auf die bestellten Äcker; in den Generaliteitslanden eine
Belastung des Waldes, in Utrecht eine besondere Besteuerung der
Tabaks-, Hanf- und Flachsanpflanzungen; in Holland und Seeland
waren seit 1627 auch die Gemüseländereien besteuert; letzteres fand
auch in Friesland statt, wo alle bebauten Ländereien ohne Unterschied
 der Fruchtart besonders besteuert waren?). In Groningen
gab es ein Ohrgeld, das die Pferde besteuerte, ebenso in Holland
und Brabant; in Seeland belastete man nur die Luxuspferde. Das
Hornvieh wurde in allen Provinzen, außer Seeland, besteuert.
Die meisten dieser Steuern wurden Ende des 16. und im Laufe
des 17. Jahrhunderts eingeführt und später zum großen Teil
erhöht. Selbst die einzelnen Teile der Provinzen hatten noch
wieder gesonderte Steuern; so bestanden für die Schafe mehrfach
noch partikulare Belastungen. Weitere Abgaben waren die der
Wage, die vorzüglich Butter und _ Käse betrafen, die auf das Gemahlene
 und Geschlachtete, auf Honig, Wachs, Wolle, Torf, Raps-)
 Blink, Geschiedenis, 1,245, II, 236 ff.
2) Über die Belastungen des Landbaus in seinen einzelnen Zweigen vgl.
Sickenga, Bijdrage, S. 352 ff.

52
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        — 53 _—
saat, Dienstboten. In den tief gelegenen Gebieten gab es Wasser-,
Deich- und Polderlasten, die z. T. recht hoch waren, vielfach die
Lust zu solchen Unternehmungen raubten und in dem besonders
dafür in Betracht kommenden Nordholland in den 1730er Jahren
viele Bauern veranlaßten, ihre Pachtländereien aufzugeben und den
Eigentümern die Sorge für den schwer belasteten Besitz zu überlassen‘).

Zuletzt sind noch die geistlichen Zehnten zu erwähnen.
 Sie kamen infolge der Reformation in andere Hände,
meist in die der Provinzen. Trotz mannigfacher Bestrebungen
innerhalb der Bevölkerung, sich ihrer zu entledigen, gelang das
nicht.
Das Interesse der Regierung für die Landwirtschaft erschöpfte
sich nun nicht mit der Erhebung von Steuern, sondern es hatte
vielfach doch auch einen wirklich wohlwollenden Charakter in dem
früheren Sinne der polizeilichen Aufsicht und Wohlfahrtspflege.
Auf diesem Gebiete spielte die Fürsorge für die in
den Handel kommenden Produkte der!'Land;
wirtschaft, so Butter, Käse, Krapp, Hopfen, eine Hauptrolle;
 ihte Verfälschung wurde streng verboten, mehrfach
unter ausdrücklichem Hinweis auf die Schädigung, die durch solche
Mißbräuche der Handel erleiden könne. Seltener zeigte sich das
Bestreben, Mißstände der Landwirtschaft selbst zu bessern oder
zu verhüten; so wenn die Ausfuhr von Dünger in Friesland 1634
und in Holland 1645 verboten oder wenn zur Sicherheit der Dünen
die Ausrottung der Kaninchen empfohlen wurde; in anderen Gegenden,
 so in der Veluwe, traf man gelegentlich Maßregeln, die
der Ausbreitung der Sände entgegenwirken sollten*). St!
Zu allen Bedrückungen, die den Landbau trafen und die
neben elementaren Ereignissen, wie Mißernten, Viehseuchen, Wasserschäden
 usw.?) hauptsächlich in Steuerlasten bestanden, kamen
dann noch die kriegerischen Begebnisse, die besonders
 im 17. Jahrhundert die Niederlande schwer heimsuchten,
Am schlimmsten war nach dem Münsterschen Frieden Nl)
 Blink, Geschiedenis, II, 240 ff.
2) Blink, Geschiedenis, II, 256 ff.
3) Über die verschiedenen Überschwemmungen usw. Blink, a. a. O.,,
S. 269 ff., ebenda S. 274 ff. über die Viehseuchen.
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        S—
bruch der Franzosen 1672; die besonders betroffenen Provinzen
Gelderland, Overyssel und Utrecht haben damals ungeheuer gelitten;
 für Jahre waren einzelne Gebiete völlig ruiniert durch die
Überschwemmungen und durch die lange Besetzung ausgesogen und
erschöpft?).
Trotz aller dieser den Bauernstand drückenden Verhältnisse
befand sich aber nach allgemein herrschender und vielfach bestätigter|
 Ansicht die Landwirtschaft in der zweiten
 Hälfte des ı3S. Jahrhunderts ın keinem
schlechten Zustand®%. Den vielen im Laufe der Zeit
erfolgten Verbesserungen, den Vergrößerungen der Anbauflächen
durch Landgewinnung?) war hierbei wohl weniger die allgemeine
gute Wirkung beizumessen als den von außen her erfolgenden Einflüssen;
 die lange Friedenszeit, die den Niederlanden bescheert war,
während andere Völker sich bekriegten, kam den niederländischen
landwirtschaftlichen Produkten in hohem Grade zugute. Das zeigte
sich u. a. in den Preisen für Ländereien. Im Beemster Polder stieg
der Mittelpreis für den Hektar von 650 fl. im Jahre 1779 auf 835 fl.
im Jahre 1788, um dann allerdings wieder langsam zu sinken‘*).
Der Preis für Getreide auf dem Groninger Markt, der 1750—1785
für Weizen 5,55, Roggen 4,17 fl. betragen hatte, belief sich 1786
bis 1803 auf 6,94 bzw. 5,49 und 1804—1822 auf 8,86 bzw. 6,65 11.5).
Der Niedergang der Landpreise hatte nach 1790 die Folge, daß
viele Pächter in der Lage waren, sich durch Kauf ihrer Höfe selbständig
 zu machen, da manche Eigentümer sich in der unruhigen
Zeit ihres Besitzes gern entäußerten.
Weniger günstig warim allgemeinen dıe
Lage der Viehzucht. Da während des Krieges mit England
 die Ausfuhr von Butter und Käse dorthin nahezu aufhörte,
sanken die Preise dieser Produkte. In den letzten Jahren vor der
Revolution war die Ausfuhr von Butter und Käse nicht schlecht;
) Blok, Geschiedenis/v. h. ned. Volk:, V, 322.
23) Koenen, S. 83ffi; Blink, Geschiedenis, II, 286 ff.
3) In der Provinz Groningen wurden 1764—74 für etwa 3% Mill. fl. provinzielle
 Ländereien an Private verkauft, was die bessere Ausnutzung des Grund
und Bodens erheblich beförderte (Blink, II, 286).
4) 1794: 680; 1800: 450; 1805: 585; 1810: 645; 1814: 560; 1818: 910 fl.
(Blink, II, 287).
5) Blink, II, 286.

pp.
        <pb n="63" />
        die Ausfuhr inländischer Butter stieg von 129 098 Pfund im Jahre
1789 auf 568 389 Pfund im Jahre 1792, von Kümmelkäse in denselben
 Jahren von 710 763 Pfund auf 1 496 406 Pfund!). In der
französischen Zeit schwankten die Preise für diese Artikel außerordentlich,
 je nachdem die Ausfuhr frei oder verboten war. Jedenfalls
 erwies sich der Ackerbau schon seit den letzten Jahrzehnten
des Jahrhunderts als einträglicher, und viel Grasland wurde deshalb
 in Ackerland verwandelt. Das war ein großer Fortschritt,
da man in früherer Zeit sich überaus schwer zu solchen Umstellungen
 zu entschließen pflegte. Am meisten erfolgten sie jetzt in
Groningen, wo das gleichzeitig mit der Herstellung zahlreicher
Wassermühlen zu der für diese Umwandlungen notwendigen Entwässerung
 verbunden war. Der Bau von Raps, Kartoffeln, Gerste
nahm nun stark zu. Auch den Moorkolonien war diese Periode
aufblühender Landwirtschaft förderlich.
Von nicht unerheblicher Bedeutung war die Arbeiterfrage. Im
allgemeinen versorgte jedes eigene Land den Landbau genügend mit Arbeitskräften.
Aber vielfach reichten diese doch nicht aus; und namentlich das benachbarte Deutschland
 trat dann mit billigem Menschenmaterial in die Lücken. Der Zug deutscher
Arbeiter nach den Niederlanden, der sog. Hollandgänger, war alt; schon
Anfang des 17. Jahrhunderts wird solcher gelegentlicher Zuwanderungen gedacht?).
Sie entsprachen einem zwiefachen Bedürfnis; die Osnabrücker und Münsterschen
Hauerleute und andere Angehörige der Klassen des kleinsten ländlichen Grundbesitzes,
 Knechte und nachgeborene Bauernsöhne, suchten vielfach Gelegenheit,
sich aus ihren meist sehr kümmerlichen Verhältnissen herauszuarbeiten und sich
außer Landes Geld zu verdienen, auf Grund dessen sie sich später verheiraten
konnten. In den Niederlanden aber waren in einer Zeit des aufblühenden Handels
und wachsender Industrie, die gleichzeitig mit einem starken Zug vom Lande in
die Stadt verbunden war, auswärtige Arbeitskräfte, insbesondere für die Landwirtschaft,
 höchst erwünscht; als das Elend des 3ojährigen Krieges über Norddeutschland
 schritt, verstärkte dies nur die Hollandgängerei; selbst von der Unterelbe
 (Hadeln) gingen Anfang der 1630er Jahre Leute nach Holland zum Mähen.
Im Laufe des 17. Jahrhunderts wuchs die Hollandgängerei im Westfälischen und
Niedersächsischen; sie war alljährlich auf mehrere 1000 Menschen zu schätzen
und wurde allmählich ein ständiger, eingebürgerter Nahrungserwerb, der in den
Niederlanden auf sichere Befriedigung rechnen konnte. Ungeachtet der vermehrten
Arbeitsgelegenheit in Deutschland infolge der aufblühenden Industrie gerade in
1) 1753 belief sich die Ausfuhr der Butter in Amsterdam auf 82 288, des
Kümmelkäses auf 277 225 Pfd. (van Nierop, Uit de bakermat); Rotterdam
führte im gleichen Jahre aus 28 867 Pfd., die 100 Pfd. zu ı2 {l. (Dobbelaar,
Een Statistiek, S. 214).
2) Tack, S. ıı!

ss
        <pb n="64" />
        — 56 —
Westfalen und am Rhein im 18. Jahrhundert hörte die Hollandgängerei nicht auf.
Der gute Verdienst, den diese brachte, war für viele Leute ein unentbehrliches
Mittel für ihre spätere Seßhaftigkeit. Erst in den letzten beiden Jahrzehnten des
18. Jahrhunderts nahm infolge des Rückgangs der niederländischen Industrie, mit
der die Freimachung vieler einheimischen Arbeitskräfte für die dortige Landwirtschaft
 sich verband, die Hollandgängerei ab!). {441% ji
$ 3. Die Fischerei.
Eine eigentümliche Stellung inmitten der niederländischen
Volkswirtschaft nimmt die Seefischerei ein. Sie gehört sowohl der
Seeschiffahrt wie dem Handel wie endlich der Industrie und dem
Gewerbe an. Andererseits ist nicht zu verkennen, daß ursprünglich
 wohl die mangelnde Nahrung auf dem Lande die Männer hinaustrieb,
 um durch Fischfang diesen Mangel zu ergänzen. In der
hier behandelten Zeit hielt diese Erwägung der Selbsterhaltung
wohl dem Handelsinteresse, das sich mit der Fischerei verknüpfte,
das Gleichgewicht.
Weitaus an der Spitze der Fischerei stand die Heringsfischerei;
 sie hat von jeher als die Goldgrube Hollands
 gegolten, als die Grundlage der Blüte des Landes, als wichtigste
 wirtschaftliche Quelle seines Wohlstandes. Sie war weit
älter als die Republik, erhieltfaber erst, unter dieser
den Umfang und den durch die Gesetzgebung geregelten Gang,
der ihr innerhalb des niederländischen Wirtschaftslebens für Jahrhunderte
 ihre hervorragende Stellung schaffte. Über die Fischerei
sind wir daher auch weit besser unterrichtet als über die eigentliche
 Schiffahrt; diese war frei und unterlag keinen wesentlichen
gesetzlichen Bestimmungen; die Fischerei dagegen war, infolge
ihrer engen Beziehungen zum Handel und Gewerbe, schon seit
alter Zeit ein Gegenstand eifriger Fürsorge der Obrigkeit gewesen
und deshalb ein in allen Einzelheiten des Betriebes und der
Technik vor der breiten Öffentlichkeit bekanntes Gebiet.
Für keinen Artikel des niederländischen Handelsverkehrs und
Gewerbes sind so eingehende Bestimmungen getroffen worden wie
1) Noch Luzac, IV, 270 (1783) schrieb: ohne die Osnabrücker und
Münsterschen Bauern, die jährlich nach Holland kämen zum Ausschlammen und
Mähen, sei man nicht imstande, Torf zu machen, Heu zu gewinnen und das Korn
einzusammeln;
        <pb n="65" />
        für den Hering; am nächsten kam ihm wohl in dieser Hinsicht die
Textilindustrie; diese alle Einzelheiten umfassende, dem holländischen
Hering und seinem Ruf gewidmete Fürsorge ist ihm solange gut
bekommen, als das Ausland noch nicht selbst dieser Industrie weitgehende
 Aufmerksamkeit zuwandte und sich von dem Zwang der
holländischen Gesetzgebung noch nicht befreit hatte. Als das geschehen
 war, hörte auch die Vorherrschaft des holländischen Herings
auf. Anzuerkennen ist aber, daß durch die Fürsorge für diesen
Fischereibetrieb der holländischen Wirtschaft für lange Zeit ein
großer Gewinn zugeflossen ist; von einem Feinde der Republik
wurde in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts der Gewinn
der Fischerei Hollands und Seelands für den
Staat auf nahezu 5 Mill. fl. geschätzt‘).
Als wichtigste, grundlegende, meist schon Ende des 16. Jahrhunderts {feststehende
 Bestimmungen, die den Heringsfang, die Heringsbereitung und den Heringshandel
 betrafen, sind folgende zu nennen?). Verboten war der Verkauf des Herings
auf der See oder im Auslande; vor dem ı. Juni durfte man den Hering nicht in
Tonnen salzen; für den ‚„‚Brand“‘, der als Schutzmarke für den Ursprung des Herings
dienen und fremde Konkurrenz ausschalten sollte, und für die Tonnen bestanden
scharfe Vorschriften; ebenso für die Güte des Salzes und die Behandlung des Herings
nach dem Fang. Der Beginn des Fanges war seit 1593 auf den Johannistag (24. Juni)
festgesetzt. Das Packen der Heringe in die Tonnen hatte in voller Öffentlichkeit
zu geschehen, damit sich jedermann von der Güte und der Ordnung überzeugen
konnte. Diese Vorschriften und andere, die in zahllosen Plakaten niedergelegt
und deren Beobachtung unter strenge Strafen gestellt waren, bezweckten in erster
Linie, dem Lande den Stapel und das Monopol dieses Artikels zu erhalten; daher
die eifrige Fürsorge für den guten Ruf des Herings, daher aber auch die ängstliche
Sorge, den Betrieb des Fanges und des Handels möglichst den Einheimischen zu
sichern und das Ausland nicht in Versuchung zu führen, Nachahmungen und Fälschungen
 vorzunehmen, wie das geschehen konnte durch die Benutzung der Tonnen
für in der Fremde gepackte Heringe oder durch mißbräuchliche Anbringung des
„Brandes“ oder durch ähnliche, aber nicht genau nach der Regel vorgenommene
Packungen. Um die Fischerei möglichst zu erleichtern, wurde schon 1586 von den
Generalstaaten die Freiheit von dem Impost für das zum Einsalzen nötige Salz
bewilligt, und zwar für die Fische der ganzen Republik; die holländischen Fischer
bezahlten die Akzise weiter, und die Provinz entrichtete dafür jährlich 6000 fl.
an die Behörde, die ‚„„Gedeputeerden der Groote Visschery“‘3).
1) Blok, Een merkw. aanvalsplan, S. 12. Guicciardini schätzte
den jährlichen Ertrag der Heringfischerei auf % Mill. Pfund fläm., also auf 3 Mill. £l.
(Fruin;, Tien jaren, S. 117)
2 Beaujon, S.34 ff.
3) Beaujon, S.46; vgl. auch Japikse, Resolutien, V., S. 333, 378.

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        <pb n="66" />
        Ungeachtet aller Schwierigkeiten, die die Heringsfischerei zu
bestehen hatte, gedieh sie; weder die Unsicherheit der See in den
ersten Jahrzehnten nach dem Bruch mit Spanien!), noch die
Fischereistreitigkeiten mit England, die 1609 begannen und sich
durch Jahrzehnte hinzogen?), noch die Seeräubereien der Dünkirchner
 haben die Heringsfischerei auf die Dauer schädigen können.
Für keine Betätigung der Schiffahrt hat der Staat so viele Convoyen
 gestellt wie für die Heringsfischerei; namentlich in den 1620er
und 1630er Jahren wurde Convoyschutz stark in Anspruch genommen®).
 In kaum einem anderen Schiffahrtsbetrieb herrschte
aber ein solcher straffer Geist der Zusammenfassung und Aus-Schließung
 wie im Heringsfang und den dazugehörigen Gewerben:
die im Kolleg der ‚„Groote Visscherije‘““ vertretenen Städte Enckhuizen,
 Delft, Rotterdam, Schiedam und Brielle ließen andere Städte
nicht zu; keine Heringsbüse*) durfte ohne Erlaubnis des Kollegs
ausfahren. Amsterdam, Hoorn, Monnikendam, die sich um den
Eintritt in das Kolleg bewarben, wurden rücksichtslos abgewiesen.
Über den Umfang der Heringsreederei mögen hier einige
Angaben folgen®). Während Raleighs Angabe von 3000
Fischereifahrzeugen mit 50 000 Mann Besatzung wohl übertrieben
ist, scheint eine Angabe von 1639, daß alle Fischereiplätze 750
Fahrzeuge gehabt hätten, zu gering. Nach de la Court waren
1669: 1000 Büsen vorhanden; nach dem ‚,Koopman“ segelten
1610: 1500, zehn Jahre später 2000 aus®). Der venetianische Gesandte
 berichtete 1610, daß Holland allein 7—800 Fischerfahrzeuge
hätte’). Beaujons®) Schätzung von 2000 Büsen für Holland
und Seeland und für die Nordseehäfen zu ihrer höchsten Blütezeit
3) An der schwedischen Ostküste bot sich 1566—89 den Holländern eine
vortreffliche, wenn auch nur vorübergehende Konjunktur für den Heringsfang,
die gut ausgenutzt wurde. Vgl. Tomfohrde, S. 174.
*) Vgl. Muller, Mare clausum, namentlich S. 106 ff. Über die Fischerei
holländischer Fischer an der schottischen Küste vgl. Rooseboom, S. 156.
?) Beaujon,.S. 509.
4) Über die Heringsbüsen und ihr Verhältnis zu anderen Schiffstypen vgl.
Hagedorn, Schiffstypen, S. 92 ff.
5) Vgl. auch unten in 8 5.
‘ Beaujon;, S. 661,
7) Blok, Rel. Venet., S. 38.
®) Ebenda; vgl. auch die Zahlen bei Blok, Geschied. v. h. ned. Volk,
IV, S. 27; er nimmt 3000 Schiffe und 35—40 0oo Fischer an.

58
        <pb n="67" />
        dürfte wohl der Wahrheit nahe kommen. Mitte des 17. Jahrhunderts
belief sich der Bruttoertrag der Heringsfischerei für günstige Jahre
auf etwa 21—22 Mill. fl. Später stiegen die Betriebskosten; um
1669 kostete eine Büse 4550, ihre Ausrüstung 5500 fl., 1768 rechnete
 man für das Kasko 9000, die Ausrüstung 6000 fl. für zwei
und fast 8000 fl. für drei Reisen Drei Reisen in einem Jahre waren
wohl das Höchsterreichbare.
Ohne Zweifel waren große Kapitalien in der
Heringsreederei angelegt. Beaujon nimmt für
ihre Blütezeit 14 Mill. fl. an; eine andere Schätzung rechnet für
das Ende des 16. Jahrhunderts mit etwa 6 Mill. fl.!). Die Reeder
nutzten übrigens die Schiffe nicht allein für den Heringsfang aus,
sondern verwandten sie auch für andere Fahrten. Die Betriebskosten
 waren hoch, da in einer Saison, d. h. höchstens drei Fahrten,
meist alle Netze verbraucht wurden).
Einzelne Städte, wieEnckhuizen und Rotterdam,
aber auch die Zaanlande verdankten der Heringsfischerei
außerordentlich viel. Bei Rotterdam trat dieser Betrieb allmählich
hinter der großen Fahrt zurück; doch ist die Heringsfischerei von
hier aus stets bedeutend gewesen?). Ende des 16. Jahrhunderts
verkaufte man in Rotterdam an einem Tage für 20—30 000 fl.
Heringe; Heringsreeder-Parten bildeten einen allgemeinen Erwerbszweig
 der Bürgerschaft. Später hörte die Heringsreederei hier auf,
als Geldanlage in dem früheren Umfange zu dienen; man fand
auch schwer Arbeitskräfte für dies Gewerbe, das nun sich mehr
in die Küstendörfer Vlaardingen, Delfshaven usw.
verzog*). Noch Anfang des 18. Jahrhunderts aber wird berichtet,
daß in Rotterdam die Heringsfischerei sehr bedeutend sei und der
Stadt vielen Gewinn bringe. Ebenso galt Enckhuizen damals noch
als ein Stapelplatz für die Heringsfischerei®). Auch in den Zaanlanden,
 wo sonst namentlich die Aalfischerei und der Krabbenfang
 betrieben wurde, beteiligte man sich seit der Mitte des 16.
7 9). van Gelder ,. Gegevens, S. 5.
2) van Gelder, S!8. Nach Blok, Een merkwaardig aanvalsplan, 5. 55
wurde der Wert der holländischen Fischnetze auf mehr als 2 Millionen {l. geschätzt.
3) Bijlsma, Opkomst, Si: 71.
‘) Bijlsma, Rott. Welvart, S. 93 f.; 1638 siedelten aber 10 Delfshavener
Heringsreeder nach Rotterdam über (Bijlsma, De uittocht d. Delfsh. haring-reeders).
5 Le Moine de ’Espine, S. 451.

4
        <pb n="68" />
        Jahrhunderts eifrig an der Heringsfischerei; insbesondere in Wormer
und Jisp rüstete man Fischerboote von 40 Last und mehr aus;
zwischen 1670 und 1680 liefen von dort 73—78 Büsen jährlich in
See, früher wohl noch mehr‘).
Für die Niederlande bildete schon in älterer Zeit der Hering
einen sehr bedeutenden Ausfuhrartikel, der nach allen
Richtungen hin entsandt wurde und überall gute Preise fand?).
Im Kölner Fischhandel z. B. fiel dem holländischen Hering frühzeitig
 eine bedeutende Stellung zu. Rheinaufwärts ging er in großen
Mengen. Die Straßburger sandten Faktoren nach den Niederlanden
 und kauften dort den Hering ein, was man ihnen nicht gestatten
 wollte, da man sich die Zufuhr nach dort selbst vorbehielt?).
Sowohl ins Mittelländische Meer wie nach dem Osten, nach Hamburg
 und der Ostsee, wurde der Hering in sehr bedeutenden Mengen
verschifft*). In 67 Jahren zwischen 1588 und 1656 passierten den
Sund, aus niederländischen Häfen kommend, insgesamt
464 586 Last Heringe, was durchschnittlich im Jahre 6934 Last
ausmacht. Die höchste Zahl brachte das Jahr 1602 mit 12 421 Last,
es folgt 1619 mit 12345 Last®). Natürlich waren das ausschließlich holländische
 Heringe, da andere kaum zur Ausfuhr kamen. Nach Raleigh
gingen um 1603 jährlich etwa 6000 Last Fische, wohl meist Heringe,
von den Niederlanden nach Stade, Hamburg, Bremen, Emden‘).
Die vielen Seekriege in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts
schädigten natürlich auch die Heringsfischerei und ihren Ertrag.
Sie bildete ja einen den Feinden willkommenen Angriffspunkt.
Weder die Allianz mit Frankreich 1662, durch die den Holländern
die Zusicherung der freien Fischerei gegeben wurde”), noch der kurzlebige
 Vertrag mit England vom gleichen Jahre haben die Herings-'
 Honig, I., S. 232 ff. Gute Statistiken über die Heringsbüsen und
Fangergebnisse bei W ä t jen ‚, Statistik der holländischen Heringsfischerei, S. 159 ff.
?) In Frankreich galt 1577 der beste holländische Hering 24,10, der gesalzene
Yarmouth-Hering 20,12, der irische Hering 18, der schottische und Küstenhering
11 Pfund fläm. die Last (Muller, Mare clausum, S. 39 Anm. 6).
°) Vgl. Kuske, Kölner Fischhandel, S. 280 ff.
4) Vgl. unten in 8 8.
5) Nach Bang, Tabeller II.
° Macpherson, Annals of commerce, II, S. 235; vgl. auch Baasch,
Hamburgs Seeschiffahrt, S. 410.
7) Vel. Elzinga, S. 17ıff., 295.

60
        <pb n="69" />
        fischerei schützen können. In den späteren Kriegen war es nicht
anders. Meist machte jeder Krieg der Heringsfischerei ein schnelles
Ende: nur in einzelnen Fahrtrichtungen hielt man sie mühsam
aufrecht. Störend war auch das französische Verbot der Ausfuhr
von französischem Salz, das mehrfach, so 1687, erging!); erst im
Frieden von Rijswijck wurde die gegenseitige freie Fischerei wieder
hergestellt?). Alle diese äußeren Störungen beeinträchtigten auch
die innere Organisation der Heringsfischerei. Trotz der jährlichen
Landesunterstützung von 30000 fl., die oft noch erhöht wurde,
außer den oben erwähnten 6000 fl.; hatte das Collegium der Groote
Visscherij in jener Zeit erhebliche Fehlbeträge, die sich 1670 und
1679 auf 30 000 fl. beliefen. Damals häuften sich die Klagen über
die mangelnde Beschaffenheit des holländischen Herings; die äußere
Notlage scheint auf die Beschaffenheit der Ware ungünstig eingewirkt
 zu haben; die Erneuerung und Einschärfung der alten
Heringsgesetze wurde gang und gäbe.
So sah man nach dem Frieden von Utrecht
eine völlig zusammengebrochene Heringsfischerei;
 das Kapital war stark zusammengeschrumpft, der
Schiffsbestand durch das lange Stilliegen dezimiert. Verkäufe
waren verboten gewesen?). Delfshaven, das 1700 noch ı Heringsjäger*)
 und 44 Heringsbüsen aussandte, die 1663 Lasten einbrachten®),
 sandte 1712 nur noch 14 Büsen aus, die 270 Lasten zurückführten;
 Brielle sandte 1700 noch 3 Heringsbüsen aus, die 508
Lasten und 13 Tonnen brachten; 1702 waren es 5 Büsen und 91%
Last®). Erst langsam stieg dann wieder der Betrieb; bei beiden
genannten Häfen hat er nie wieder die Höhe von vor 1700 erreichen
können. Rotterdam ging im Heringsfang ganz zurück und spielte
keine Rolle mehr’). Der einzige Hafen, dessen Fischerei aufblühte,
) Berg, ‚S. 222;
2 Berg, S. 23%
3) Beaujon, Si8of.
4) Herings- oder Ventjager: die schnellsegelnden Heringsfänger, die zuerst
den Hering in die Heimat brachten.
5) Noch 1646 waren in Delfshaven 61 Heringsbüsen mit 2117 Lasten Hering
eingelaufen (Bijlsma‚, De in- en uitvoer te Delfshaven).
s) Wätjen, Statistik, S. 160, 164; die Last hatte 14 Tonnen.
7) Rotterdam führte 1753 nur 21861/, Lasten im Werte von 262 350 fl. aus
(Dobbelaar, Ken Statistiek, S. 217).

. 61
        <pb n="70" />
        = O2
war der Vorhafen Rotterdams, Vlaardingen; nach einem starken
Rückgang 1702—1707 nahm der von dort ausgehende Heringsfang
eine zwar vielfach schwankende, aber doch nicht ungünstige Aufwärtsentwicklung;
 sie erreichte in den Fangergebnissen ihren Höhepunkt
 im Jahre 1735 mit 5438 Lasten, 121, Tonnen; die Zahl der
Heringsjager und Büsen nahm stärker zu: die Fangergebnisse
blieben aber hinter der Zunahme der Zahl der Fahrzeuge, die 1752
ihren Höhepunkt mit 133 erreichte, zurück!). Offenbar fand also
eine Verschiebung in den Heringsplätzen statt. Das günstig gelegene
 Vlaardingen gewann auf Kosten der übrigen Maasorte; über
die nordholländischen Plätze sind wir schlecht unterrichtet; die
einst so blühende Heringsfischerei Enckhuizens ging zweifellos im
18. Jahrhundert zurück?).
An dem allgemeinen Rückgang der niederländischen Heringsfischerei
 ist trotz der guten Ergebnisse eines früher wenig genannten
Ortes, wie Vlaardingen, doch nicht zu zweifeln. Der Gesamtertrag
der Heringsfischerei war gegen die Vergangenheit beträchtlich
zurückgegangen. Nun zeigten sich die Nachteile des starren
 Festhaltens an dem Heringsstapel; die alten
Märkte waren verloren gegangen; auf Grund der bestehenden zahllosen,
 beengenden Vorschriften den Wettbewerb mit den fremden
Konkurrenten aufzunehmen, erwies sich als völlig unmöglich. Jetzt
hing sich diese holländische Gesetzgebung als eine schwere Kette
an den Unternehmungsgeist. Allein war, wie richtig. bemerkt worden
 ist?), die Gesetzgebung an dem Rückgang gewiß nicht schuldig;
auch Vlaardingen mußte sich ihr unterwerfen, und seine Fischerei
blühte im allgemeinen. Für die Gesamtbeurteilung kam es auch
noch auf das Verhältnis des Konsums im Inlande*) zu dem Export
an; dieser hatte zweifellos stark gelitten, die Konkurrenzfähigkeit
des holländischen Herings war geschwächt. Überall stieß nun die
Forderung der Holländer, ihrem Hering auf Grund der ihm zuteil
werdenden Aufsicht und Behandlung eine Vorzugsstellung einzua
 2) W ätj en, S. 164f., 173. Über die ältere Vlaardinger Fischerei vgl.
Hoogendijk, S.ı9ff.; Koch, S. 11 erwähnt das viele Salz, das Vlaardingen
 und Maassluis für ihren Fischfang bedürften.
°) Die sehr lückenhaften Zahlen für Enckhuizen bei W ä tjen 1S.168 ff.
3) Wätjen, S. 177.
*) Auf den starken Heringskonsum in den Niederlanden selbst weist u. a.
hin Grabner, S. 241.
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        — 63 —
räumen, auf steigenden Widerspruch. Das zeigte sich besonders
deutlich in Hamburg. Mit dieser Stadt hatten die Staaten von
Holland und Westfriesland schon 1609 ein Abkommen getroffen,
in dem die bisher im Heringshandel und Heringsfang üblichen
Grundsätze festgelegt und auch von Hamburg anerkannt wurden‘).
War diese Konvention auch nicht immer ganz genau eingehalten
worden, so galt sie doch im allgemeinen als Richtschnur. Nun
machte zuerst der Bergerhering, dann seit Anfang des 18. Jahrhunderts
 der schottische Hering auf dem Hamburger Markte dem
holländischen erfolgreich Konkurrenz; und trotz aller Proteste gelang
 es dem letzteren, für den sich die Generalstaaten in zahlreichen
 Vorstellungen beim Senat verwandten, nicht, die alte Alleinherrschaft
 zu behaupten. An dem Festhalten an den z. T. sachlich
anfechtbaren, z. T. auf Vorurteil beruhenden alten Fang- und
Packungsbestimmungen und an dem holländischen Stapelanspruch
ging die Heringspolitik der Niederlande, das zeigte der hamburgische
Fall unzweideutig, zugrunde. Als erst später dem Collegium der
Groote Visscherij die Augen aufgingen, und man nun, 1752, die Erlaubnis
 erhielt, Heringe direkt aus der See nach Hamburg zu
senden, war es zu spät; den hamburgischen Markt mußte der holländische
 Hering jetzt mit dem nordischen und schottischen teilen;
und da man sogar jene Erlaubnis noch längere Zeit nur auf 3—4
Schiffe beschränkte, gewann der nichtholländische Hering immer
mehr an Boden?).
In merkwürdiger Verkennung der Umstände glaubte man aber
immer noch durch das Mittel der alten Heringsbestimmungen das
Monopol festhalten oder doch dem eigenen Hering das Übergewicht
sichern zu können. Man erneuerte eifrig die Verbote der Ausfuhr
von Heringstonnen, Netzen, Tonnenbändern usw. und bewirkte dadurch
 zugleich den Niedergang des alten Küpergewerbes; der
kindliche Glaube, das Ausland müsse mit dahin streben, die Güte
des holländischen Herings hochzuhalten und daß nur dieser die
Ansprüche an einen guten Hering erfülle, bestand immer noch in
l) Baasch, Heringshandel, S. 67 ff.; die Staaten von Holland teilten
das Abkommen den Staaten von Seeland mit und diese der Stadt Veere mit dem
Anheimgeben, etwaigen Einspruch anzumelden; solcher scheint nicht erfolgt zu
sein (Haepke, Nied. Akten, II, S. 387).
2) Beaujon, S. 88ff;
        <pb n="72" />
        — 64 —
einer Zeit, da der auswärtige Wettbewerb beängstigende Maße annahm.
 Selbst in den österreichischen Niederlanden, in Nieupoort,
entstand eine Fischereikompanie, die einen Octroi erhielt, Im Jahre
1736 segelten 219 Büsen und 31 Ventjagers aus; das war etwa der
achte Teil des Bestandes von 100 Jahren zuvor. Am empfindlichsten
machte sich die englische Konkurrenz fühlbar‘).
Das Beispiel einer 1750 in England errichteten, durch staatliche
 Prämien unterstützten Heringsfanggesellschaft erregte nun
auch bei den holländischen Heringsreedern die Sehnsucht nach
solcher Hilfe, obwohl die holländische Heringsausfuhr immer noch
beträchtlich war?). Die Hilfe erfolgte 1750 in der Form der Befreiung
 von Imposten und vom Ausfuhrzoll auf holländische Salzheringe.
 Neben der englischen Konkurrenz erhob sich seit 1773
die neue Emdener Fischereikompanie; Preußen vertrat in Hamburg
 mit Energie die dortige Zulassung der Emdener Heringszufuhren.
 Seit 1754 begann man nun auch in den Niederlanden,
durch Prämien diese Fischerei zu unterstützen; Vlissingen ging
voran und andere seeländische Städte folgten®). Im Jahre 1775
erreichten dann die holländischen Orte eine Unterstützung durch
die Staaten von Holland; jedes Schiff sollte für 2 Jahre 500 fl.
erhalten; 1777 wurde die Prämie auf 400 fl. herabgesetzt. Nach
kurzer Zunahme sank die Zahl der Büsen 1780 auf 151. Der Krieg
mit England veranlaßte ein allgemeines Verbot der Ausfahrt. Nun
fand zum ersten Male die Einfuhr fremden, und zwar dänischen
Herings zum Verkauf innerhalb der Republik statt. Nach dem
Kriege half man wieder mit Prämien; sie hatten nur eine geringe
Vermehrung der Fahrt zur Folge. Noch immer hielt man streng
an den alten Heringsordnungen fest; das Verbot der Beteiligung
an fremden Fischereien wurde 1786 erneuert, die Ausfuhr von Hering
nach der Weser und Elbe, wenn er nicht vorschriftsmäßig gepackt,
gebrannt usw. war, nach wie vor verboten.
Am Ende der Republik lagen auch die
Seefischereien im allgemeinen völlig dar-Nude
 Koopman, 1,5. 336 /\Beaujon, S. 94:
2) So gingen in Stettin 1754 ein 14 315 Tonnen Heringe, von denen 8280
holländische waren (Schmidt, Beitr. z. Geschichte des Stettiner Handels, II,
S. 239); dagegen 1739 nur 21681% Tonnen, von denen 1582% holländische waren
(ebenda, I, S. 64).
3) Beaujon, S. 101 ff.
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        — 65 —
nieder, insbesondere die Heringsfischerei.
Waren 1601: 1500 Schiffe aus Maas, Texel und Vlie ausgefahren,
so 1736: 219; 1765: 160; 1775: 156; 1785: 166; 1790: 183; 1704:
1961). Die geringe Zunahme in den letzten Jahren war auf die
Prämien zurückzuführen. Auch Vlaardingen und Maassluis zeigten
jetzt starken Rückgang, namentlich in den Fangergebnissen; noch
1793 betrugen diese für Vlaardingen 3179 L. und 2’/; Tonnen; 1794:
1020 L. und 8!/; Tonnen, 1797: 1187 L. und 12!/, Tonnen.
Auch der Küstenfischerei, die schon kurz erwähnt
wurde, muß noch mit einigen Worten gedacht werden. Sie wurde
mit flachgebauten Booten und namentlich an der Nordseeküste getrieben
 und richtete sich z. T. auf Heringe, z. T. aber auf andere frische
Fische. Von den Vorschriften der ‚,Groote Visscherij‘ waren die
auf den Fang frischer Fische ausgehenden Schiffe frei; an den
St. Johannistag waren aber auch sie gebunden; doch durften sie
nicht einsalzen. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts mehrten sich
die Verstöße hiergegen; die Küstenschiffer machten nun der großen
Heringsfischerei Konkurrenz. Ihren Sitz hatten sie namentlich in
Katwijk, Scheveningen, Noordwijk, Zandwijk, Wijk op Zee, Egmond.
 Sie besaßen den Vorzug, daß sie sich schneller vor den
Feinden retten konnten; die Scheveninger errichteten 1781 gegen
die Engländer eine Kaper-Reederei, was auf erfreulichen Offensivgeist
 schließen läßt?). Mit dem ‚,Schrobnet‘“ (Zugnetz), das sie
benutzten, trieben sie wohl vielfach Raubfischerei; dieses Netz
wurde 1676 allgemein verboten und nun bestimmt, was erlaubt sei;
doch wurde das immer mangelhaft innegehalten. Die Fahrt auf
frische Fische nahm im 18. Jahrhundert noch schneller ab als die
Heringsfischerei, namentlich infolge der prohibitiven Tarife der
österreichischen Niederlande®). Der Küstenfischerei gehörte auch
die schon erwähnte Steurheringsfischerei an, die, auf sog. Bomschuiten
 betrieben, die Heringe zum Zweck der Herstellung von
) Metelerkamp, I, S. 71. Über die trostlose Lage der Heringsfischerei
 in den 1780er und 1790er Jahren Wätjen, S. 185.
2) Vermaas, 5S. ı55f.; er bezweifelt, daß die Küstenfischer gegen die
Feinde geschützter als die Seefischer waren. Noch am 23. Februar 1808 genehmigte
ein kgl. holländ. Plakat den Plan einer Aufnahme von 500 000 fl. für eine Kaper-Reederei,
 die eine Partenreederei war. Ob sie in Wirksamkeit getreten ist, scheint
zweifelhaft (vgl. Sautijn Kluit, Continentaal-stelsel, S. 95).
3 Beaujon, S: 175
Baasch, Holländische‘ Wirtschaftsgeschichte,

5
        <pb n="74" />
        — - K—
Räucherfischen fing und sie zunächst nur oberflächlich salzte.
Allzuweit konnten diese Fahrzeuge nicht fahren, da sie ziemlich
schwach waren; über die englische Küste kamen sie nicht hinaus‘).
Einen eigenartigen Charakter besaß die ebenfalls als Küstenfischerei
 geltende Zuiderseefischerei infolge der geringen
Wassertiefe und des Vorhandenseins von allerlei Fischen, die in
der Nordsee sich nicht fanden. In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts
 wurde diese Fischerei von etwa 300 Barken aus Amsterdam,
 Enckhuizen und Hoorn, die etwa 20—30 Lasten faßten, betrieben?).
 Hier entbrannte auch schon frühzeitig ein heftiger Kampf
der Anwohner um das Fischrecht. Dazu gaben Anlaß namentlich
gewisse Vorschriften über die dort zu gebrauchenden Netze usw.
Schon zu Zeiten Karls V. lagen die holländischen Fischer darüber
im Streit mit den gelderschen und overysselschen?). Die letzteren
behaupteten den Amsterdamern gegenüber, daß die Zuidersee ihnen
allein zustände. Diese Streitigkeiten haben nie geendet; auch die
Utrechter Union schuf hier keinen Frieden. Eine 1682 zwischen
Holland und Gelderland getroffene Vereinbarung verbot den Gebrauch
 seidener Netze und setzte die Tiefe der Garnnetze fest,
ebenso das Alter der zu fangenden Fische*). Die holländischen
Fischer hielten sich aber nicht daran, und das Verbot jener Netze
wurde 1688 wieder aufgehoben. Eine 1698 zwischen Holland und
Overyssel getroffene Übereinkunft wurde ebensowenig beachtet.
So wurde die Zuiderzee ein beliebtes Feld für wirtschaftliche Streitigkeiten
 unter den Provinzen®).
Endlich ‚ist noch die sogen. „kleine/Visscherije“ zu nennen, die
vorzüglich aui der Doggerbank und bei Island aufiden Fang
von Kabeljau, Schellfisch u. dgl. ausging. Insbesondere die kleinen
Maasorte Vlaardingen und Maassluis legten sich auf dies Gewerbe. Die Islandfischerei
 brachte es allerdings mit sich, daß die dort gefangenen Fische als Stockoder
 Salzfische gesalzen eingebracht wurden. Im Jahre 1622 schlossen sich die
Maasstädte zu gemeinsamem Schutz zusammen, da die Dünkirchner ihnen viel
Abbruch taten; 1678 erscheinen ‚„‚Gecommitteerden der cleyne Visschery tot
Maassluis‘‘®). Später, 1740, waren Rotterdam, Delfshaven, Schiedam, Vlaardingen,
Maassluis die Interessenten an der Isländer Kabeljaufischerei; zur. Deckung der
) 7) Beaujon, S. 162,
?) Blok, Een merkwaardig aanvalsplan,.S. 12.
3) Beaujon; SS. 1761 ter Gouw, IV, S. 3671.; V, S. 4178.
* Beaujon, S. 179
5) Beaujon;, S. ı54f.

66€
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        — 67 —
Kosten für die Fisch- und Fischmarkteinrichtungen erhoben jene ‚‚Gecommitteerden‘‘
seit 1695 eine Abgabe von ı Stüver für die Tonne Salzfisch. Damit war verbunden
das Recht der Erhebung des 40. Pfennigs von allen in Maassluis eingebrachten
frischen Fischen und eines Schiffsgeldes von ı2 fl. von jeder Heringsbüse und
von 8 fl. von jedem nach Island usw. ausfahrenden Huker; 1706 wurde das erneuert.
Der Umfang dieser kleinen Fischerei und Islandfahrt ist ungewiß; 1678 lagen einmal
 70 Huker zum Auslaufen bereit; 1740 sprachen die Islandfischerei-Interessenten
 von 100 Schiffen, die sie gehabt hätten!). Mit und nach dem letzten englischen
 Krieg verfiel auch diese Fischerei trotz der ihr bewilligten Prämie; noch
1786 waren 58 Schiffe ausgefahren, 1788 war es nur eins”).
Neben der Fischerei war die wichtigste maritime Betätigung
der Holländer von wirtschaftlicher Bedeutung der Walfischfang®).
 Er unterschied sich ja in sehr vieler Hinsicht von der
Fischerei. Hielt sich diese meist in den Gewässern der Nordsee
und dehnte höchstens sich einmal nach Island aus, so führte
der Walfischfang die Niederländer weit ab von der Heimat in die
subpolaren Gegenden. Und hier handelte es sich dann nicht nur
um einen friedlichen Fischfang, sondern um den keineswegs immer
gefahrlosen Kampf mit dem von ihnen aufgesuchten mächtigen
Gegner unter Verhältnissen, die oft durch die Elemente und die
Unwirtlichkeit der Natur noch erschwerend wirken konnten. Auch
das wirtschaftliche Risiko war weit größer als bei der Heringsfischerei,
 da die Unkosten der Ausrüstung und die Gefahren der
Fahrt den Erfolg sehr oft in Frage stellten. Aber sowohl wirtschaftlich
 wie auch nautisch bildete die Grönlandfahrt, wie man den
Walfischfang oft genannt hat, obwohl er mit Grönland meist nichts
zu tun hatte, ein Ruhmesblatt in der niederländischen Geschichte.
Der Anfang der holländischen Walfischfahrten
 fällt in das Jahr 1612, also in die Zeit des 12jährigen
Waffenstillstandes, der ja den Niederländern für so manche Unternehmungen
 die erforderliche Muße und Bewegungsfreiheit gewährte.
Die erste Expedition nach Spitzbergen, dem damaligen Hauptziel
dieser Fahrten, ging von Amsterdam aus; an den in den nächsten
Jahren folgenden beteiligten sich namentlich Zaandam, Enckhuizen,
Hoorn, Rotterdam. Bereits 1614 erteilten die Generalstaaten den
vereinigten Walfischfängern zunächst für drei Jahre einen Octroi,
d. h. ein Monopol oder das alleinige Recht für den Walfischfang
5 1) Ebenda, S. 156.
2) Vgl. die Statistik bei Beaujon; S. 323; 332.
3) Vgl. Ballhausen,S. 96 ff:

5*
        <pb n="76" />
        — 63 —
bei Nova Semlja, Straße Davis, Spitzbergen usw. Damit sollte
der gemeinsame äußere Schutz gegen die Konkurrenten, als welche
sich die Engländer sogleich sehr unangenehm bemerklich machten,
erleichtert und die Konkurrenzfähigkeit gegen Fremde durch Aus-Schluß
 des inneren Wettbewerbes gestärkt werden!). Gegen ein
Lastgeld, d. h. einen Einfuhrzoll von 1%4% vom Wert der eingeführten
 Fangergebnisse, wurde den Walfischfahrern Convoyschutz
bewilligt. Das Unternehmen entwickelte sich rasch; der Octroi
wurde 1616, wenn auch nicht ohne Widerspruch gegen das Monopol,
verlängert; man legte aber damals der Kompanie die Pflicht auf,
jedermann als Teilnehmer aufzunehmen, der sich dazu melden
würde). So entstand die „Noordsche Compagnie“, die. in
ihrem gesellschaftlichen Aufbau zunächst einen weniger exklusiven
Charakter trug als die mehr als ein Jahrzehnt vorher errichtete Ostindische
 Kompanie. Allerdings in der Ausübung ihrer Aufsicht
über den Betrieb des Walfischfanges war sie streng zentralisiert;
Jährlich wurde die Zahl der ausfahrenden Schiffe festgestellt und
hierbei Sorge getragen für eine möglichst große Zufuhr von Tran,
Speck und Walfischbarden, den wichtigsten Artikeln, die der Walfischfang
 erzielte; die Verkaufspreise wurden jährlich festgesetzt.
Damit wurde die innere Konkurrenz im Zaum gehalten; die eigentliche
 Fahrt und der Fang an Ort und Stelle war im übrigen frei®).
Schärfer kam dann der monopolistische Charakter der Kompanie
zum Ausdruck, als 1622 die noch bestehenden kleineren seeländischen
Gesellschaften sich mit der Noordsche Kompanie vereinigten und
der neue Octroi für 12 Jahre erlassen wurde. Auch wurden nun
alle Eingesessenen, die sich außerhalb der Kompanie befanden,
von dem Recht, Anteile zu erwerben, ausgeschlossen*). Die nicht
im Rahmen der Kompanie von Delft begonnene Fahrt nach Jan
Mayen, das 1614 entdeckt worden war, wurde nun mit in den
Octroi der Noordsche Kompanie eingeschlossen‘).
Wirtschaftlich war der Gang des Walfischfanges überaus
3) van Brakel, Vroedschap, S. 262 ff.
23) van Brakel, Vroedschap, S. 266; van Brakel, Handelskompanicn,/S.
 128 f.
3) Muller, Noordsche Comp., S. 92 ff.
‘4 Kernkamp, Stukken, S. 270 £.
5) Beaujon, S. ır3; Bijlsma, Oud-Rott.: Groenl.;, S. 2041.

€
        <pb n="77" />
        wechselvoll; ertragsreich wurde er erst etwa seit 1619!). Da
der Markt für das Hauptprodukt, Tran, beschränkt war, verringerte
 sich infolge der großen Ausdehnung der örtlich eingerichteten
 Kammern, in die, nach dem Vorbild der Ostindischen
Kompanie, die Noordsche Kompanie eingeteilt war, der Gewinn
 erheblich?). Andererseits nahmen der Tranhandel und die
Tranverwertung einen starken Aufschwung®?). Dem bisher als Beleuchtungsmittel
 dienenden Öl erwuchs jetzt in dem Tran ein gefährlicher
 Mitbewerber. Und bald wurden Tran, Speck und Fischbein
 zu wichtigen Ausfuhrartikeln, die nach der Ostsee, besonders
aber nach Frankreich gingen. In Rouen stellte zu diesem Zwecke
die Enkhuizer Kammer Faktoren an, die neben Getreide Tran und
Barden verkauften!). Die Konkurrenz der Engländer zeigte sich
aber auch im Handel mit Walfischprodukten. Wahrscheinlich war
es englischer Tran, dessen Einfuhr von Rouen 1621 der Noordsche
Kompanie Anlaß gab, einen Zoll auf den von dort eingeführten
 Tran nachzusuchen. England verbot selbst die Einfuhr
von Walfischbarden, machte aber im Auslande mit seinen Walfischprodukten
 den Niederländern Konkurrenz. Schon vor der Vereinigung
 aller Kompanien zu einer (1622) bestand übrigens eine
Verbindung im Verkauf des Trans. Von nun ab wurde die Versendung
 dieses Artikels in das Ausland und auch der Vertrieb im
Inlande gemeinsam durch die Kompanie besorgt®).
Höchst eigentümlich war die finanzielle Behandlung innerhalb
der Kompanie. Sie selbst hatte von vornherein gar kein Gesellschaftskapital,
 sondern nur die einzelnen Kammern, so Enkhuizen
10 000 fl., was sehr wenig war, da die Ausrüstung von zwei Enkhuizer
 Schiffen 1618 allein rund 20 000 fl. kostete. Wahrscheinlich
war die Enkhuizener Kammer nur eine Filiale der Amsterdamer
und wurde von dieser finanziert®). Überhaupt lockerten sich schon
1 Beaujon, S/aL7
2)van Brakel, Vroedschap, S. 275.
3) Im Jahre 1667/68 wurden von Amsterdam 4744 Smaltonnen Tran exportiert,
 8135 importiert (Brugmans, Statistiek, S. 176). Smaltonnen waren
die kleinen oder Heringstonnen, von denen 24 auf die Last gingen; sie faßten ein
Viertel weniger als die Biertonne.
4) Kernkamp, Stukken, S. 273.
5) Kernkamp, S. 274,287
$) Kernkamp, S. 296€,130I.

do
        <pb n="78" />
        frühzeitig die Bande des Octrois; es wurde der Kompanie sehr
schwer, ihr Monopol in Holland fest zu behaupten!). Die vielen,
eine große Selbständigkeit genießenden Kammern und das Auftreten
 von Außenseitern erschwerten den gemeinsamen Betrieb und
die sichere Handhabung des Tranverkaufes. Nur Amsterdam, das
an der Ausrüstung und dem Fang der Kompanie mit etwa 50%
des Ganzen beteiligt war, stand fest zu dem Octroi, der wenigstens
das Gute hatte, die innere Konkurrenz durch Preiskonventionen
und Kontingentierung der Fangergebnisse auszuschalten?). Für
Fischbein, das diesen Abmachungen nicht unterlag, bestanden einzelne
 Verabredungen; ein Zentralkontor in Amsterdam regelte den
Gang des Umsatzes dieses Artikels. Obwohl jede Kammer sonst
für sich arbeitete, bestand doch eine gewisse Interessengemeinschaft ;
wenn einmal, was beim Verkauf von Tran vorkam, die getroffenen
Abreden verletzt wurden, so rührte das z. T. von dem Mißtrauen
her, das die kleinen Kammern gegen die große Amsterdamer hegten?).
Schon in der Mitte der 1630er Jahre fand der Octroi wenig
Beachtung mehr. Jm Jahre 1632 fuhr von Delfshaven ein Schiff,
für die dänische Island-Kompanie ausgerüstet, zur Fahrt nach Island
 usw. und von da mit Tran nach Kopenhagen, von hier nach
Danzig und dann mit Retourladung nach Holland zurück. Das
war schon ein schwerer Verstoß gegen das Tranmonopol, das die
Noordsche Kompanie beanspruchte und das die Verschiffung von
Tran durch Niederländer unter Umgehung der Kompanie ausschloß.
Im nächsten Jahre verboten deshalb die Generalstaaten auf
Ersuchen der Kompanie das Vermieten von Schiffen an fremde Gesellschaften
 zum Walfischfang. Darauf errichteten 1634 Rotterdamer
 und Delfshavener Kaufleute eine Island-Kompanie für den
Walfischfang; erst als Dänemark sich über solche Ausrüstungen
beschwerte, hörte das auf%). Seit 1635 traten aber verschiedene
Konkurrenten der Noordsche Kompanie auf, die, von den Staaten
von Holland gestützt, den Octroi der Kompanie offen bestritten
N van Brakel, Handelscomp., S. 47.
23) van Brakel, Ebenda,S.1278 ff.
3) van Brakel; Handelscomp., S. 296/£.
4) Bijlsma, Oud-Rott. Groenil., S. 2104f. vgl. Kernkamp, Verslag,
 S. 212. Noch 1660 entstand zwischen Frankreich und Holland ein Streit, da
die französische Compagnie du Nord in Holland Schiffe angekauft hatte, die dem
Walfischfang dienen sollten (Elzinga,‚, S. ı61 ff.).

70
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        © Sr ME
und ihr fühlbare Konkurrenz machten. Gefährlicher für die Kompanie
 war es, als 1632 in Friesland sich eine Kompanie bildete,
die von den Staaten von Friesland einen Oktroi für 20 Jahre erhielt,
was von den Generalstaaten bestätigt wurde, obgleich der der
Noordsche Kompanie verliehene Oktroi inzwischen auf 8 Jahre
verlängert worden war. Freilich beschränkten sich die Friesen zunächst
 auf den Fang in offener See‘).
Dieser Fang auf offenem Meere verdrängte überhaupt jetzt
den Küstenfang, da die Walfische durch letzteren mehr und mehr
von den Küsten verscheucht wurden und das offene Meer aufsuchten.
Dadurch wurde der Fang weit mühsamer und gefährlicher; man
konnte auch nicht mehr den Speck an Ort und Stelle zu Tran verkochen
 und verlor den Vorteil der ununterbrochenen Fischerei?).
Überdies war der erst in Holland gekochte Tran nicht von der Güte
wie der gleich nach dem Fang zubereitete. Infolge aller dieser Umstände
 wurde die Noordsche Kompanie 1642 nicht mehr erneuert;
und der Walfischfang wurde nun frei. Das kam ihm durchaus
zustatten; erst jetzt fing er an aufzublühen. Von einem Verfall
war nicht die Rede; selbst der Küstenfang bei Spitzbergen ging
noch weiter und war ertragreich. Namentlich Amsterdam, Rotterdam,
 Harlingen, Zaandam fuhren mit dem Walfischfang fort®).
Die neue Grundlage, die dieser durch das veränderte Verhalten der
Walfische erhielt, die man jetzt mühsam aufspüren und oft in das
Eismeer hinein verfolgen mußte, hatte aber nicht nur die korporative,
 monopolistische Betriebsweise außer Kraft gesetzt, sondern
nötigte auch zum Bau stärkerer Schiffe*).
In den Seekriegen der zweiten Hälfte des Jahrhunderts litt,
wie begreiflich, auch der Walfischfang; wiederholt mußte er völlig
eingestellt werden. Immer aber fuhr man in den Zwischenräumen,
die die Kriegsperioden trennten, wieder hinaus. Der Rat von Dordrecht
 bewilligte 1683 den Walfischreedern Freiheit von aller Akzise,
1) Beaujon, S. 120.
2) Beaujon, S.ızzf;
3 Muller, S.351f.ivan Brakel, Stukken, 5. 5, 8 (gegen Muller);
 Wätjen, Zur Geschichte des holländischen Walfischfanges, S. 268 f.,
über die vielen kleinen Plätze, die sich am Walfischfang beteiligten. Nach Bijlsma,
 a.a. O., S. 214 waren um 1660 in Rotterdam mindestens 12 Grönland-Reedereien
 tätig.
4) Beaujon, 5S. 128.
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        ferner das Bürgerrecht; wahrscheinlich haben auch Refugies, in
diesem Gewerbe mitgewirkt!). Von 1661 an liegen uns Statistiken
über die Fahrten wenigstens der holländischen Grönlandfahrer vor;
sie zeigen, daß, abgesehen von wenigen Kriegsjahren (1665—1667,
1672—1674), die Fahrt stets unterhalten wurde. Die Erträge waren
freilich überaus schwankend und lassen die höchst unsichere Lage
dieser Unternehmungen erkennen. Bis 1700 war 1684 das Jahr,
das am meisten Schiffe, nämlich 246, ausfahren sah; den höchsten
Ertrag lieferten die Jahre 1685 mit 13831, Fischen und 55 960
Fässern Speck, sodann 1698 mit 1488% Fischen und 55 985 Fässern
Speck; das Jahr 1685 brachte aber gleichzeitig die Höchstziffer
der untergegangenen Schiffe, nämlich 23, eine niemals wieder erreichte
 Zahl?). Wie geringfügig aber der Gewinn im Verhältnis
zu den Ausgaben in jenen unruhigen Zeiten war, lehrt die Nachricht,
 daß 1669—1678 in der Spitzbergenfahrt die Ausgaben
I5 010 000 fl., die Einnahmen 19 295 000 fl., 1679—1688 die Ausgaben
 26 350 000, die Einnahmen 27 258 000 Al. betrugen; besser
war das Verhältnis 1689—1698, da die Ausgaben sich auf 13 206 000,
die Einnahmen auf 24 134 360 fl. beliefen?). Dieser letzte, trotz
der Kriegszeit auffallend günstige Abschluß war wohl damit zu
erklären, daß während dieses Krieges eine starke Fahrt holländischer
Walfischfahrer von Hamburg und Bremen aus stattfand, was zwar
nicht gesetzlich, aber nicht zu verhindern war ; vermutlich waren
in jenen Zahlen diese Fahrten mit berücksichtigt!). Eine hervorragende
 Stellung unter den Walfischfahrern nahmen wieder die
Zaanländer ein; 1697 gehörten von 117 Walfischfahrern zwei Drittel
nach der Zaan. Hier wohnten viele Kommandeure; die erste Trankocherei
 errichtete der Ostzaander Overtoom; andere folgten
später®).
Auch die Fahrt nach der Straße Davis begann nun
in den Walfischfängen der Holländer Bedeutung zu gewinnen,
insbesondere nach 1714. Diese Fahrt hat dann schnell zugenommen;
bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts war sie wichtig; den Umfang
') Berg, Refugies, S. 210.
°) Wätjen, Holländischer Walfischfang, S. 285 f.
9) Ebenda, S. 278.
9 Beaujon, S. 136.
°) Honig, I, S. 263, 265; in Jisp zählte man 1700 sieben Trankochereien.

72
        <pb n="81" />
        — 73. —
der alten Spitzbergenfahrt hat sie weder an Fahrzeugen noch namentlich
 an Erträgnissen je erreicht; den höchsten Ertrag hatte
die holländische Davisfahrt 1731 mit 253 Fischen und 15 140 Faß
Speck. Bald darauf nahm sie dauernd ab, um nur am Ende der
1760er Jahre noch einen kurzen Aufschwung zu erleben!). In Verbindung
 mit der Davisfahrt wurde zeitweise ein lebhafter Tauschhandel
 mit den dort wohnenden Eskimos getrieben®).
In der Mitte des Jahrhunderts nahm der Walfischfang an der
Schutzpolitik, wie sie damals in den Niederlanden um sich griff,
teil. Unzweifelhaft hatte sich der Walfischfang nach dem Frieden
von Utrecht nie ganz wieder von den Schädigungen des vorausgegangenen
 langen Krieges erholen können; die Erträge waren nicht
nur schwankend, sondern im ganzen im Rückgange. Das Verhältnis
der Ausgaben zu den Einnahmen hatte sich noch nicht gebessert;
in der Spitzbergenfahrt betrugen 1729—1738 die Ausgaben 10014000,
die Einnahmen 13 441 680 fl.; 1739—1748 war das Verhältnis günstiger,
 nämlich 16 762 880 zu 23 779 424 fl.; 1759—1768 aber wieder
schlecht, nämlich 14 954 190 zu 16 120 782 fl. In der Davisstraßenfahrt
 lag die Sache ähnlich; 1719—1728 waren hier die Ausgaben
8 792 280, die Einnahmen 10143919 fl.; 1729—1738 standen
15767 947 fl. Einnahmen 11 417 910 fl. Ausgaben gegenüber; und
1749—1758 war es ganz schlecht, nämlich 30921 500 Ausgaben
gegen 4 088 890 fl. Einnahmen?). Immerhin scheint die Davisfahrt
etwas besser abgeschnitten zu haben als die Spitzbergenfahrt. Im
Jahre 1770 fuhren nur noch 105 Schiffe aus. Auch hier machte sich
die Konkurrenz des Auslandes, namentlich Hamburgs und Altonas,
bemerkbar. Das Interesse für diese allerdings sehr unsichere Kapitalanlage
 war verschwunden). Die Ausrüstungen waren auch kostspieliger
 geworden. Die 180 Schiffe, die 1773 ausfuhren, erforderten
an Ausrüstung usw. etwa 2 Mill. fl., wovon auf die Lebensmittel
640 000, die Löhne 190 000, die Schiffsmiete 540 000 fl. kamen,
was allerdings größtenteils im Lande blieb®). Man stritt damals
heftig über die Frage, wie man diesem alten Gewerbe helfen sollte;
1) Die Zahlen bei Wätjen, a. a. O., S. 288 f.
2) Beaujon, S. I4lı
3) Wätjen,.6S. 278,
41 De Koopman, JIl,1S. 304 ff., 315.
5 De Koopman; IV, S.:201 Hf.
        <pb n="82" />
        die Zeit war für solche öffentlichen Erörterungen günstig; die Berechnungen
 gingen aber weit auseinander. Das Ende war, daß man
den Walfischfängern 1775 Prämien zugestand; nämlich seitens der
Staaten von Holland je 30 fl. für den Kopf der ausfahrenden Besatzung;
 abgelehnt wurde das Gesuch um Befreiung von dem Ausfuhrzoll
 für die Fangprodukte!). Wenn man bedenkt, daß auch
England schon seit dem 17. Jahrhundert seine Walfischfahrt durch
Prämien und Zölle auf Tran und Fischbein schützte, und andererseits
 sieht, wie die hamburgische Grönlandsflotte Mitte des Jahrhunderts
 39 Fahrzeuge zählte, ohne daß sie eine öffentliche Unterstützung
 für die Fahrt oder einen Zollschutz für die Fischereiprodukte
genoß?), so war es immerhin erstaunlich, daß man in den Niederlanden
 jetzt dem englischen Beispiel folgte. Genützt hat die Schutzpolitik
 auch in diesem Falle nichts; im Gegenteil, schon 1778 sank
die Fahrt wieder. So lehnte man im gleichen Jahre den Antrag,
die Prämie auf 80 fl. zu erhöhen, ab.
Während des englischen Krieges erfolgte ein starker Verkauf
der Fahrzeuge ins Ausland, was unter gewissen Bedingungen bewilligt
 wurde. Von 36 Schiffen, die 1780 nach der Straße Davis
fuhren, waren 1788 noch 9 übrig?). Der Verfall war auch durch
die Weiterzahlung der Prämien, die 1788 auf 12 Jahre verlängert
und von der Provinz Holland noch um eine Zulage vermehrt wurden,
nicht aufzuhalten. Der Verkauf nahm seinen Fortgang; ein Oldenburger
 Reeder kaufte z. B. 1795 sechs holländische Grönlandfahrer‘*).
Zum Schluß sei noch der Austernfischerei gedacht. Seit 1620
zeigten sich an der Südküste der Insel Schouwen Austernbänke; in Zierikzee bestand
seitdem Austernhandel®). Schon 1632 werden Austern aus Amsterdam in der hamburgischen
 Einfuhr erwähnt‘). Später holten die Hamburger sich ihre Austern von
Texel, wodurch die Preise dort meist anzogen’). Man bezog ferner in Holland Austern
aus England, brachte sie in Becken unter, die während jeder Flut mit frischem
Seewasser überspült wurden®).
2) Beaujon, S. 146.
2? Brinner, Grönlandfahrt, S. 237.
°) Bleaujon, S. 148; nach Wätjen, S. 290, waren es’ 10.
*‘) Sello, S. 30.
°) Müller, Wasserwesen, S. 389.
° Baasch, Hamburgs Seeschiffahrt, S. 414.
7) Nemnich, Tagebuch, III, S. 78,
®) Schon 1625 erhielten Holländer einen Oktroi auf die Korallenfischerei
an der Küste von Algier und Tunis (Elias, Het voorspel, I, 51).
        <pb n="83" />
        $ 4. Gewerbe und Industrie,
Wie in Deutschland, so war auch in den Niederlanden,
 den südlichen wie nördlichen, im Mittelalter das Gewerbe
 im allgemeinen zünftlerisch organisiert,
Das Ziel und der Zweck dieser Organisation war sowohl die kirchlich-religiöse
 und gesellige Zusammenfassung der in einem Berufe
vereinigten Genossen als auch die Fürsorge für die Berufsinteressen
des einzelnen Gewerbes. Für dieses Ziel finden wir hier so
ziemlich alles das wieder, was das deutsche Zunftwesen kennzeichnete:
 die Beschränkung der Produktion durch gewisse Vorschriften
 mit dem Zweck, jedem Zunftmitgliede sein Auskommen
zu sichern und die innerzünftliche Konkurrenz möglichst auszuschließen;
 die Einschränkung der Arbeitskräfte und Produktionsmittel,
 d. h. der Gesellen und Lehrlinge und der Werkzeuge, auf
eine jenem Zweck entsprechende Art; die Tendenz, jede Konkurrenz
außerhalb der Zunft zu unterdrücken, ein zünftlerisches Monopol
herzustellen und zu behaupten; das Streben, die Erzeugnisse des
Handwerks auf einer gewissen, dem Ruf des Gewerbes zuträglichen
Höhe zu halten. Alle diese Forderungen fanden in den Ordnungen
der städtischen Obrigkeiten, auf deren strenge Beobachtung gesehen
wurde, ihren formellen, gesetzgeberisch wirkenden Ausdruck!). Auch
in den Niederlanden gipfelte die Idee der Zunft in dem Zunftzwang,
d. h. der Befugnis jeder Gilde, die Ausübung ihres Gewerbes allen
anderen Personen zu verbieten und die Übertreter zu bestrafen ?).
In den Niederlanden hatten aber im Mittelalter die Gilden
und Ämter auch einen nicht unerheblichen politischen Einfluß, der
wiederholt in die Wagschale gelegt wurde, wenn es sich in den
Städten um Machtkämpfe handelte, eine Erscheinung, die ja auch
in den deutschen Städten keine Seltenheit gewesen ist. Noch 1650
hat Amsterdam den Schutz der Gilden gegen Wilhelm II. in
Anspruch genommen?).
Einen Einfluß, der weit über das gewöhnliche Maß hinausging, hatten die
Gilden in Groningen. Diese Stadt behauptete seit dem Mittelalter ein sehr
ı) Vgl. S. Muller, De Gilden etc., S. 490 ff.; Brouwer Ancher,
S. 169. Muller unterscheidet Ämter und Gilden; für unsere Darstellung ist
diese Unterscheidung unwesentlich.
2) Muller, S. 500;
3 Brouwer Ancher,/S. 259f. Über den großen politischen Einfluß
der Gilden im mittelalterlichen Dordrecht vgl. Blok, Eene holl. Stad., I, 202 f.

75
        <pb n="84" />
        ausgedehntes Stapelrecht und sicherte sich dadurch namentlich für das inländische
Getreide und die binnenländischen Fettwaren ein starkes Übergewicht über das
flache Land. Das konnte Groningen nur durchsetzen durch den in der Stadt vorherrschenden
 Einfluß der Gilden; und diesen war es auch zuzuschreiben, daß der
Streit zwischen Stadt und Land über das Stapelrecht so heftig gewesen ist und so
außerordentlich lange gedauert hat!). Außer in Groningen besaßen im Mittelalter
namentlich in Utrecht und Dordrecht die Gilden eine große Macht.
Im 16. und x7.. Jahrhundert. verschwand aber. im
allgemeinen der politische Einfluß der Gilden; sie waren nun
nichts mehr als nahezu jeder Selbständigkeit beraubte Or gane
der städtischen Verwaltung; dieser stand die Erneuerung
 der Vorstände zu. Auch wirtschaftlich verloren die Gilden
 allmählich an Bedeutung. Zu der großen Zahl von Gilden,
die es gab und die sich über alle niederländischen Städte und alle
Gewerbe verteilten, stand ihr wirtschaftlicher Einfluß nun auch
in recht schwachem Verhältnis?). Nur noch im Handwerk und in der
freilich ziemlich ausgedehnten Hausindustrie fiel den Zunfteinrichtungen
 eine bestimmende Rolle zu; wo die Arbeit fabrikmäßig organisiert
 wurde, gab es gewiß noch immer zahlreiche, die Fabrikation
und Arbeitsweise, auch das Verhältnis der Lehrlinge und Gesellen
betreffende und regelnde Bestimmungen, die dem Zunftwesen entnommen
 waren; aber die eigentliche Zunftorganisation, die mit
dem Zunftzwang verbunden war, zeigte doch eine starke Lockerung).
Im Grunde blieben übrig doch nur die polizeilichen Vorschriften,
die zur Kontrolle über die Herstellung der Fabrikate und zum
Schutz der Verbraucher dienten. Das waren Einrichtungen, die
man sich auch ohne Zunftorganisation denken konnte und die es
in den deutschen Städten vielfach ganz unabhängig von dem Zunftzwange
 gab. Tatsächlich standen auch manche nicht mehr handwerksmäßig,
 sondern fabrikmäßig betriebene, stark auf den Export
angewiesene Industrien, wie die Brauereien, die Zuckerraffinerien,
die Brennereien, z. T. auch die Textilindustrie zu der Zeit, da der
fabrikmäßige Betrieb aufkam, zwar unter obrigkeitlicher Aufsicht,
7) Boos, S. 367,
°) In Amsterdam gab es in der Mitte des 16. Jahrhunderts 26 Amtsgilden
(ter Gouw, VS. 400 ff.).
°) Die Verhandlungen der Droogscheerders-Synode aus dem 17. Jahrhundert
über die Lehrzeit, die Prüfung, die Zahl der Lehrlinge, die Aufnahme von Fremden
usw. zeigen auch schon den Verfall der Organisation (Kernkamp, Droogscheerders-Synode,
 S. 279 ff.).
        <pb n="85" />
        — 71 ——-nicht
 aber im Rahmen einer zunftmäßigen Organisation. Insbesondere
 dem Zunftzwang in seiner obigen Formulierung haben sich
diese Gewerbe nicht unterworfen; er kam überhaupt in der späteren
Zeit wenig mehr zur Anwendung‘).
Doch gab es auch hierin Unterschiede, die sich sowohl
 nach der Örtlichkeit wie nach dem Gewerbe herausgebildet
haben. In Amsterdam machte sich mit dem Ausgang des
16. Jahrhunderts eine deutliche Neigung zu schärferem Schutz
gegen den Wettbewerb bemerkbar; das zeigte sich besonders bei den
Binnenschiffern, Zimmerleuten, Schuhmachern, Bäckern, Fleischhauern
 usw. ; namentlich während des 12jährigen Waffenstillstandes,
als die antistaatliche Politik auf dem Rathause herrschte, trat die
Abwehr gegen innere und äußere Konkurrenz hervor?). Diese
Schutzpolitik war eine notwendige Konzession an
die Kleinbürger, um sie mit der Freiheit des
Großhandels zu versöhnen; sie hat viel zu dem Wohlergehen
der Stadt beigetragen. So erneuerte man 1579 die Bestimmung
von 1465, nach der kein Nichtbürger ein bürgerliches Gewerbe
treiben durfte, und erließ sie 1641 nochmals mit der Erweiterung,
daß einem jeden Bewohner Amsterdams, der kein Bürger war,
verboten sei, Ladenhandel zu betreiben, solange er nicht das Bürgerrecht
 gekauft habe. Gegen Böhnhasen schritt man schon frühzeitig
scharf ein, und zwar in fast allen Gilden, nicht nur gegen die Juden,
auch gegen Christen?). Nicht weniger war die Bewegung
gegen die Auktionen, die seit dem 17. Jahrhundert
emporkamen und zunächst sich auf Bilder und Kunstwerke, dann
aber auch auf andere Waren, wie Kleider, erstreckten, von zünftlerischen
 Motiven bestimmt*). Dagegen hielten sich die industriellen
Betriebe Amsterdams, die sich schon frühzeitig im Besitze der
großen Handelsbürger befanden, die Textilfabrikation, Seifensiederei,
Tauschlägerei, Ölfabrikation, Brauerei, von zünftlerischen Einflüssen
 fern°). In Dordrecht bestand bis Mitte des 14. Jahr-13)
 Muller, S. 501. #Noch Kluit, Jets, S. 352 empfahl, Handwerker
von außen herbeizuholen und sie nicht durch enge Gildenbestimmungen zu beschränken.

2 van Ravesteyn, 15.94, 116, 125, 1387%1., 162 If.
3) Brouwer Ancher SS. 173 ff.
‘) Brouwer Ancher, S. 182 ff)
5) van Ravesteyn, S. ı62 ff.

Ten
        <pb n="86" />
        — 78 —
hunderts eine scharf ausgeprägte Gildeorganisation; seit Anfang
des 15. Jahrhunderts legte man aber großen Wert auf die Interessen
des Handels!). Auch in den Binnenstädten zeigte sich vielfach
eine sehr. scharfe Zunftpolitik, so in Zutphen,
wo noch im 17. und 18. Jahrhundert das Zunftwesen recht straffe
Formen an sich trug, die für die Ausbreitung des Handwerks und
Gewerbes wenig förderlich waren?). Wenn namentlich bei Gelegenheit
 der Einwanderung der Refugies Ende des 17. Jahrhunderts
 in vielen Städten zu ihren Gunsten die zünftlerischen Beschränkungen
 gemildert worden sind — wir kommen unten darauf
zurück —, so war das doch oft nur eine vorübergehende Maßregel,
die man später wieder rückgängig machte oder abschwächte.
Das wichtigste, oft angezogene Beispiel einer überaus
strengen gewerblichen Kontrolle weist die Tex -
tilimdustrie auf. Nicht nur in ihrem alten Hauptsitz, in
Leiden, sondern auch in Amsterdam, bestand das S ystemider
Hallen. Alle zum Verkauf bestimmten Textilerzeugnisse jeder
Art mußten zur Prüfung ihrer Güte und der vorschriftsmäßigen
Herstellung in diese Hallen gebracht werden, und zwar wiederholt,
 je nach dem Herstellungsprozeß (Weben, Walken, Färben),
der gerade beendet war. Erst der danach beigefügte amtliche
Stempel verlieh diesen Erzeugnissen ihren Verkaufswert. Strenge
Vorschriften im einzelnen duldeten keinerlei Abweichung von
den alle Produzenten gemeinsam bindenden Regeln. So bestimmten
ein paar Dutzend Beamte über die Verkaufsmöglichkeiten einer
Industrie, die in jenen Zeiten als eine Weltindustrie galt. Ein Zeitgenosse
 nannte nicht mit Unrecht die Hallen und Zünfte eine Regierung
 in der Regierung?). Dieser Zeitgenosse, Pieter de la
Court, einer der besten und fruchtbarsten volkswirtschaftlichen
Schriftsteller der Niederlande im 17. Jahrhundert, hat 1659 den
Verhältnissen der Leidener Textilindustrie eine eingehende Darstellung
 gewidmet, in der er den Zwang der Hallen und Zünfte
uvan Vollenhoven, S. 283.
?) Tadama, S. 244 f., 307. Anfang des 18. Jahrhunderts erfolgte eine
Milderung des Zunftwesens in Zutphen; man unterschied nun zwischen großem
und kleinem Bürgerrecht und gab dadurch Gelegenheit zu einer stärkeren Vermehrung
 der Handwerker.
3) de la Court, Welvaren v. Leiden, S. 151.
        <pb n="87" />
        rücksichtslos verurteiltel). Er stellte den Fabrikanten die Kaufleute
 gegenüber und meinte, diese seien viel besser unterrichtet
von der Veränderlichkeit der Mode und Künstler, und es sei deshalb
völlig verkehrt, die Kaufleute hinter den Fabrikanten zurückzusetzen
 und jene von dem Vorteil der letzteren abhängig zu machen.
Er tadelte scharf die engen Vorschriften für die Herstellung der
Stoffe, die den Export in Fesseln schlugen. Ohne den Wert und
die Notwendigkeit gewisser Kontrollmaßregeln zu leugnen, hielt
er es doch für außerordentlich schädlich, die Produktion in so enge
Bestimmungen einzuschnüren und u. a. zu verbieten, unfertige
Stoffe nach auswärts zu senden, oder vorzuschreiben, daß nur ganz
bestimmte Sorten hergestellt werden dürften. Er verwarf alle Maßnahmen,
 die den Handel mit Textilwaren irgendwie beschränken
konnten; man solle niemand hindern, seine Waren zu kaufen, wo
immer er wolle. Warnend erinnerte er daran, daß die Leidener
Tuchindustrie früher an dem Hallensystem zugrunde gegangen sel;
es sei ein Unglück, daß man, nachdem um 1580 die neuen Einwanderer
 aus den südlichen Niederlanden das Gewerbe hier aufgefrischt
 hätten, alsbald wieder Hallen errichtet habe. Ob de la
Court mit seinen Voraussagungen recht gehabt hat, läßt sich
schwer entscheiden; wir werden den Gang dieser Industrie noch
näher zu betrachten haben; ob ihr Rückgang im 18. Jahrhundert
dem Hallensystem allein beizumessen ist, dürfte zweifelhaft sein;
es kamen hierbei noch andere Faktoren in Betracht. Allerdings
war das Hallensystem wohl kaum geeignet für eine Exportindustrie,
die mit einer wachsenden Konkurrenz zu kämpfen hatte; zweifellos
 konnte man mit ihm und trotz seiner vorübergehend Erfolge
erzielen; aber der Protektionismus vertrug sich mit einer zünftlerisch
 organisierten Produktion ebensowenig wie der freihändlerische
Geist, der zwar das niederländische Wirtschaftsleben des 18. Jahrhunderts
 noch nicht voll beherrschte, durch mancherlei Anzeichen
aber schon seinen Schatten vorauswarf.
Die Hallen haben in Leiden bestanden bis zur Aufhebung
der Zünfte und der Herstellung der freien Arbeit 1798.
Wenn man im Laufe des 18. Jahrhunderts mehrfach ihre Be -
schränkung und Zusammenlegung gewünscht und auch teilweise
durchgeführt hat, so geschah das nur aus finanziellen Gründen,
1) de la Court, ebenda, S. 25 ff.; vgl. auch Laspeyres, SS. 184 ff.
        <pb n="88" />
        um die notleidende Industrie von den hohen Kosten jener Einrichtung
 zu entlasten. Gegen die völlige Beseitigung der Hallen, die
1785 erwogen wurde, erhob sich entschiedener Widerspruch; nur
ganz vereinzelt wurde eine Stimme laut für die Aufhebung‘).
Freier als in Leiden scheint sich in Haarlem die
Textilindustrie bewegt zu haben; de la Court führte
das ausdrücklich als einen Vorzug vor Leiden an?). Doch gab es
auch in Haarlem für jeden Zweig dieser Industrie Gilden; und bei
den Zwirnern wurden die Fabrikate streng auf ihre Güte beaufsichtigt®).
 Das Hallensystem bestand aber in Haarlem nicht; und
schon dies verlieh der dortigen Industrie ein größeres Maß von
Freiheit*). Ob im allgemeinen die Aufhebung der Gilden für das
Gewerbe vorteilhaft war, erscheint zweifelhaft; für die Industrie
waren sie gewiß schädlich gewesen, dem Gewerbe entzog aber
ihre Aufhebung völlig den Boden’).
Neben den Gilden und Ämtern, denen im Wirtschaftsleben
der Niederlande durch mehrere Jahrhunderte eine hervorragende
Stellung zufiel, sind noch zu nennen die ebenfalls aus dem Zunftleben
 hervorgegangenen Gesellenverbän de (Knechtsgilden).
Diese waren freilich im Gegensatz zu den Gilden sehr ungleichmäßig
 über die nördlichen Niederlande verteilt; am größten war
ihre Zahl in Groningen, nämlich 1ıo, während in Leiden 4 und in
Amsterdam, Delft, Deventer, Gouda, Haarlem, Middelburg nur
je ı nachweisbar ist. Der Zweck dieser Verbände war hauptsächlich
religiös; nach der Reformation überwogen die humanitären Aufgaben,
 die Sorge für Kranke und Hinterbliebene. Nur wenige der
Verbände verfolgten Standesinteressen gegenüber den Meistern;
1) Posthumus, Bronnen, VI, No. 152, S. 356 £f.
7?) Welvaren,/S:127.
°) Allan, IV, S: 561, 579 1.1612,
4) So schrieb der Krefelder Fabrikant v. Beckerath 1763: „Die Vielheit
 der Fabriken sei vielmehr dem Flor einer Stadt höchst nützlich, die Monopolia
dagegen verderblich. Haarlem, Elberfeld, Iserlohn und andere zum höchsten Flor
gestiegene Fabrikstädte seien nur dadurch emporgekommen, daß ein jeder uneingeschränkt
 habe fabrizieren dürfen, was er am nötigsten und besten erachtet.“
(Schmoller-Hintze,Seidenindustrie, II, 5. 606.)
5) Verviers,S. 190. Einzelne Nachteile der Aufhebung führtan Allan,
IV, S. 611. In Haarlem gab es 1798 noch 42 Gilden; hier herrschte starke Gliederung
 innerhalb der einzelnen Gewerbe (Allan, IV, S. 612).

. 80
        <pb n="89" />
        ASP —
so der Verband der Schuhmachergesellen in Groningen und der
der Metzger und Zimmerleute in Deventer. Die städtischen Behörden
 waren im allgemeinen diesen Verbänden nicht geneigt,
da sie in ihnen Herde der Unzufriedenheit und Unruhen sahen
und, nachdem infolge der Reformation die diesen Verbänden obliegende
 Sorge für das Seelenheil mehr oder weniger gegenstandslos
 geworden war, nur noch die Pflege der Siechen und Hinterbliebenen
 als Zweck solcher Vereinigungen übrig zu sein schien;
für diesen Zweck gab es aber eine größere Anzahl von Gesellen-Büchsen
 (Knechtsbossen), bei denen die Gefahr ungesetzlicher Zusammenschlüsse
 nicht bestand!). Die Knechtsgilden haben dann
auch wenig Einfluß in der Richtung einer Interessenvertretung gehabt?).
 Eine Knechtsgilde, die in den unruhigen Tagen von 1748
sich tätig zeigte, um eine Lohnerhöhung zu erwirken, bestand unter
den Amsterdamer Schiffszimmerleuten®).
Von Interesse waren ferner noch die eigenartigen Zusammenschlüsse in
„Veemen“, die wir seit dem 16. Jahrhundert in Amsterdam finden, und zwar
ausschließlich bei einigen Verkehrsgewerben (Schutenfahrern, Trägern, Arbeitsleuten
 an der Wage). Die unter ihnen abgeschlossenen Verträge verbanden sie zu
gemeinsamer Arbeit, deren Erträge in eine Kasse flossen und für die eine Reihe
von Normen aufgestellt wurden; ferner zur Unterstützung der Kranken, Witwen
und Waisen. Schlechtes Verhalten, Trunkenheit usw. konnte zum Ausschluß aus
der ‚„‚Veem‘‘ führen. Es waren also Genossenschaften mit gemischt kooperativkaritativer
 Wirksamkeit. Eine große Ausdehnung haben sie offenbar nicht gehabt,
 und wirtschaftlich war ihre Bedeutung gering“).
Neben dem Handel und der Schiffahrt hat die Industrie,
das Gewerbe in den Niederlanden vorzüglich mitgewirkt, die Grundlage
 zur Blüte des Landes zu legen. Die Erzeugnisse dieser Industrie
bildeten für lange Zeit einen wichtigen, nach manchen geographischen
 Richtungen ausschließlichen Gegenstand des niederländischen
Handels. Außer dem Zwischenhandel mit fremden, nicht im Lande
gewachsenen oder entstandenen Produkten hat frühzeitig der Handel
mit den eigenen Landesprodukten gewerblicher und landwirtschaftlicher
 Art eine große Bedeutung gehabt; erst allmählich hat der
ı) Vgl. Blok, Eene holl.stad, III, S. 214 f.; ebenda, S. 216 über die
Leidener Knechtsgilden.
2 Timmer, Knechtsgilden,:S. 196 f.
3 Brugmans, Handel en nijverheid, S.. 211.
‘1 de Boer, Amsterdamsche Veemcontracten.
Baasch, Holländische Wirtschaftsgeschichte.

6
        <pb n="90" />
        Zwischenhandel, wenigstens dem Umfang nach, den Hauptanteil
an dem niederländischen Handelsverkehr gewonnen. Daran trug
aber im wesentlichen nicht der Handel die Schuld, sondern die
Industrie selbst infolge ihres Rückganges, der sowohl inneren wie
äußeren Einflüssen zuzuschreiben ist.
An der Spitze der holländischen Gewerbe
stand seit dem Mittelalter die Tuchindustrie; sie hatte
ihren Sitz namentlich in Leiden, Rotterdam,
Amsterdam, Utrecht. In ıhr herrschte im Mittelalter
wie auch noch lange Zeit danach der Kleinbetrieb, geregelt nach
zünftlerischen Grundsätzen!). Bis Anfang des 16. Jahrhunderts
hat die nordniederländische Tuchindustrie, die ihren Hauptsitz in
Leiden hatte, mehr oder weniger geblüht; ihre Erzeugnisse genossen
 in ganz Europa, vorzüglich im Norden, einen ausgezeichneten
Ruf. Wenn sie dann zurückging und im Laufe des 16. Jahrhunderts
ganz verfiel, so haben dazu mehrere Umstände beigetragen. Die
Hauptursache war die veränderte englische Wirtschaftspolitik.
Aus England oder doch von den englischen Stapel-Kaufleuten
auf dem Festlande, die damals in Calais ihren Sitz hatten, bezog die
nordniederländische Tuchindustrie ihren wichtigsten Rohstoff, die
Wolle; ja es war sogar verboten, andere als englische Wolle zu beziehen?).
 Noch die Periode 1500—1530 kann man als eine Zeit
der Blüte jener. Industrie betrachten, wozu die verhältnismäßig
ruhigen politischen Verhältnisse im In- und Ausland beitrugen;
im Jahre 1502 erstieg die Leidener Tuchausfuhr mit rund 28 000
Tüchern ihren Höhepunkt; noch 1521 wurde nahezu dieselbe Ziffer
erreicht?). Schon aber machten sich die Folgen der veränderten
englischen Handelspolitik, die in dem Streben nach Beschränkung
der Wollausfuhr zum Schutz der eigenen Industrie ihren wichtigsten
 Ausdruck fand, bemerkbar. Einen Ersatz für den Ausfall
an englischer Wolle suchten und fanden dann die Leidener in der
spanischen Wolle, die ihnen auf den Märkten von Antwerpen und
Brügge dargeboten wurde und die überdies etwa 40% billiger war
als die englische in Calais!). Nach 1530 sank aber die Ausfuhr
I Pringsheim, Beiträge, /S. 20.
2: Schanz, I, Sad.
3 Posthumus, Bronnen, II, S. XII f.
4)  Schanz, 1,15. 68.

GG,
De
        <pb n="91" />
        —— 83 —
wieder, und bis 1562 fand ein dauernder Rückgang statt. Infolge
des Schließens des Stapels von Calais ereignete sich 1533 in Leiden
ein völliger Zusammenbruch der Tuchfabrikation, die zu großer
Arbeitslosigkeit und der Abwanderung zahlreicher Arbeiter führte,
was sich dann besonders fühlbar machte in dem Verluste eines der
besten Absatzgebiete, der Ostseeländer. Die englische Konkurrenz,
die weit billiger arbeitete als die mit hohen Lasten beschwerte
Leidener, verdrängte die letztere mehr und mehr; überdies war die
Leidener Industrie, an die alten technischen Vorschriften gebunden,
nicht imstande, sich dem damals stattfindenden Geschmackswechsel,
 der in der Richtung der Fabrikation leichter Gewebe
sich bewegte, anzupassen!). Selbst im einheimischen Verbrauch
erfolgte ein Rückgang; die jährliche Produktion betrug 1532—1547
nur noch 16 000 Tücher, 1548—1562 aber 7200. Zwar suchte sich
die Leidener Industrie für den Rückgang des Ostseeabsatzes zu
entschädigen durch den Export nach Frankreich und Südeuropa,
was ihr auch zum Teil gelang. Mit dem Fall von Calais, das 1558
den Engländern verloren ging, hörten die alten Beziehungen Leidens
 mit den englischen Stapel-Kaufleuten auf; man bezog nun
den Rohstoff aus Brügge von den Merchant Adventurers?). Doch
ließ sich der Niedergang nicht mehr aufhalten; die schlechten Löhne
trieben viele Weber aus der Stadt und ins Ausland, wo, wie in
Paris und Hamburg, eine neue Konkurrenz entstand?). Einen Ersatz
 fand diese dahinschwindende Industrie in der neu uniernommenen
 Herstellung von Futterstoffen, die 1562 durch eine obrigkeitliche
 Verfügung zur Ausübung innerhalb der Stadt freigegeben
wurde; Baien, Futtertuche, halbleinene gewebte Stoffe durften seitdem
 hier angefertigt werden. Die alte Tuchindustrie verfiel nun
völlig, sowohl infolge der an Güte wie Menge verminderten englischen
Wollzufuhr als auch der Preissteigerung dieses Rohstoffes. Im
Jahre 1573 wurden nur 1000 Stück hergestellt. Viele Arbeiter
gingen zur Häutegerberei über und Leiden drohte eine stille Landstadt
 werden zu sollen. Die alte Tuchmacherei zählte 1602 nur
) Posthumus;,!|Bronnen, 11, S. XIV:
2) Ebenda, S. XV; vgl. auch unten in $ 8.
3) Im Jahre 1573 klagte man in Leiden, daß Kaufleute in Hamburg und
anderen Orten rote Leidener Tücher mit schlechter Farbe schwärzten und dann als
Leidener schwarze Tuche verkauften (Posthumus, II, No. 1225).

C*
        <pb n="92" />
        — 84 —
noch 7 Webstühle. Dagegen erhielt nun die Stadt durch die Zuwanderung
 vieler Flüchtlinge aus den südlichen Niederlanden,
unter denen namentlich die Textilunternehmer und Textilarbeiter
durch den alten Ruf der Leidener Industrie angelockt wurden,
eine überaus wertvolle Bereicherung ihrer gewerblichen Bevölkerung.
 Diese Zuwanderung, die schon bald nach Aufhebung der
Belagerung, Anfang 1577, begann, führte hier die Industrie der
leichten Gewebe, Sayen, Grobgrün (Grosgrains) und ähnlicher
Stoffe ein; sie wurde hallenmäßig organisiert, und 1583 für die
Sayen eine Gerberei eingerichtet!). Von noch nicht 20 Pfund im
Jahre 1577/78 stieg die städtische Einnahme aus dem Sayen- und
Baien-Gewerbe auf rund 100 Pfund im Jahre 1579/80, und auf
4300 fl. 1589/90. Neue Zweige der Textilnahrung schlossen sich an,
so die Industrie von Barchent (Fustein) 1586, von Rasch 1588.
Mit der Herstellung von Draps changeants wurde 1597 begonnen?).
Alle diese Industrien standen unter Aufsicht städtischer Beamten.
Dazu kam dann die Anfertigung von Futterstoffen, Tierenteinen
(Bedermann) und anderen halbleinenen Stoffen, deren Herstellung in
Leiden bis in die Mitte des 16 Jahrhunderts zurückreichte. Die
wichtigste dieser Fabrikationen war die der Sayen, die auch die
der Grobgrüne umfaßte; um 1600 passierten die Sayenhalle mehr
als 40 000 Stück. Die Barchentindustrie belief sich um 1610 etwa
auf die Hälfte der Sayenindustrie, während an Baien jährlich etwa
I0 000 Stück hergestellt wurden.
Sowchl in den Rohstofilfen wie in der
Technik zeigte sıch seit dem Ausgang des
16. Jahrhundetrs ein völliger Wandel; die Verwendung
 der Walkmühlen griff um sich; die längere Kammwolle
wurde für die leichten Stoffe bevorzugt. Neue Färbemittel, wie
die Cochenille, später auch der Indigo, brachten in die Färbetechnik
eine völlige Umwälzung. Schwierigkeiten bereitete die Wollbeschaffung;
 infolge der Hindernisse, die der Wollausfuhr aus den
südlichen Niederlanden erwuchsen, sah man sich auf die spanische
3) Posthumus, Bronnen, Ill, S. VITI£f. Die Einwanderer kamen vor
1580 namentlich aus Hondschoten, Brügge, Ypern (de la Court, Welvaren
van Leiden, S. 85).
?) Eine ausführliche Beschreibung der einzelnen Zweige dieser Fabrikation
bei de la Court, Si ı23 ff.
        <pb n="93" />
        —. 65) —
Wolle, für die gröberen Sorten auf die pommersche und schottische
angewiesen; auch inländische benutzte man mehr als früher!). Im
Handel traten Frankreich, Italien, Spanien als wichtigste Abnehmer
 auf; die Ostseeländer begannen wieder als Käufer aufzutreten?).
 Schon wurden die Keime späterer sozialer Kämpfe gelegt;
 hohe Preise für Wohnungen und Lebensmittel machten sich
fühlbar; die Frauen- und Kinderarbeit war bereits ausgedehnt;
sie war zugleich mit der neuen Industrie eingeführt und diente
wohl für sie als Grundlage.
Gegenüber der jetzt beginnenden neuen Blüte
der Leidener Textilindustrie. erhob sich, wie. begreiflich)
 bald die Konkurrenz; in Delft, Gouda;
Kampen, Franeker, Haarlem_ bemühte man sich,
den Leidenern Teile dieses Gewerbes zu. ent:
ziehen, was dann auch gelang, trotz aller Gegenbemühungen
Leidens. Die inländische Konkurrenz, die man zur Zeit der handwerksmäßigen,
 zünftlerisch geregelten Produktion kaum kannte,
machte sich nun empfindlich bemerkbar. Im Ausland war es nur
die flamische Industrie, deren Mitbewerb stark empfunden wurde.
Alle einzelnen Zweige der Leidener Textilindustrie entwickelten
sich in den folgenden Jahrzehnten befriedigend; quantitativ fand
dabei eine gewisse Verschiebung unter den Einzelorten statt. Die
Gesamtmenge der hergestellten Stücke aller Art (Tuch, Barchent,
Baien, Grein [Grobgrün], Sayen) betrug in der ersten Hälfte des
17. Jahrhunderts 70—120 000 Stück®). Aus mehreren Verbesse-3
 Posthumus, III, S.X£.- Nach: Macpherson;, /Annals, 11,
S. 444 wurde 1651 der englischen Regierung der Vorschlag gemacht, sich in Spanien
ein Vorkaufsrecht auf alle spanische Wolle zu verschaffen, was sich gegen die
niederländische Wollindustrie richtete; die Holländer hatten noch vor kurzem
vier Fünftel des spanischen Wollexports angekauft und für sich verwandt; auch
Frankreich gebrauchte viele Wolle für seine Industrie. Aus diesem Plan wurde
aber nichts. — Spanische Wolle ging sogar noch 1629 von Holland nach Hamburg
(Baasch, Hamburgs Seeschiffahrt, S. 358). Die Wollausfuhr von Spanien
nach Holland schätzte man damals auf jährlich 15—16 000 Ballen (Diferee,
Geschiedenis, S. 207):
?) Die Meinung von Posthumus, III, S. XI, die Ostseeländer seien
für den Absatz niederländischer Textilfabrikate unwiederbringlich verloren gewesen,
wird widerlegt durch die inzwischen erfolgte Veröffentlichung der Sundzollregister
für den Warenverkehr; vgl. unten in 8 8.
3 Posthumus, Bronnen, IV, S. VII f. Die Liste bei Pringsheim,

3:
        <pb n="94" />
        6 —
rungen technischer Art zog namentlich die Sayen- und Tuchfabrikation
 großen Nutzen, insbesondere für die Appretur, das
Färben, Pressen und Glätten. Dazu dienten Maschinen, die zuerst
durch Menschen, dann durch Pferdekraft getrieben wurden; vorzüglich
 bei den Walkmühlen ersetzte man jetzt die
Menschenkrafßft durch die Verwertung des W indes!).
 Der billigeren Preise wegen sandte man aber auch viele
Tuche nach Zaandam, wo sich mehrere Walkmühlen befanden.
Am stärksten entwickelte sich in dieser Zeit, bis Mitte des 17. Jahrhunderts,
 die Tuchmacherei; für sie wurde 1639 eine Halle errichtet;
1642 folgte eine Tuchverkaufshalle, 1645 ein Stalhof für Tuche
und andere gewebte Stoffe. Die starke Zunahme der Tuchfabrikation,
 die von 10 805 Stück 1640 auf 20 409 im Jahre 1645 stieg,
machte eine Vergrößerung der Stadt notwendig, um den Arbeitskräften
 Unterkunft zu verschaffen?). Als inländische Mitbewerber
kamen nur Kampen und Amsterdam ernsthaft in Frage, als aus-Jändische
 Lüttich?), Limburg, Jülich. Tilburg zeigte wachsenden
Mitbewerb; es betrieb mehr die Herstellung der rohen Tuche, Leiden
 mehr die Tuchbereitung und weitere Appretur. Nicht unerheblich
 war auch die englische und französische Konkurrenz;
Frankreich bemühte sich, Leidener Tuchmacher heranzuziehen.
Endlich galt es auch, die Konkurrenz des platten Landes zu bekämpfen,
 die allerdings hauptsächlich die Appretur betrat‘): Der
Absatz ging meist nach Frankreich, Spanien, Italien, Schweiz,
Deutschland und den ostindischen Kolonien; der beste Abnehmer
war damals Frankreich®).
Ak neue Erscheinung war das Aufkommen
der Großunternehmerum Tuchhandel undın
S. 72 if. ist nicht ganz richtig; vgl. Bl ok, Geschiedenis eener holl. Stad, III,
S. 204 Anm. I.
1 Posthumus, Bronnen, IV, S. X.
2?) Posthumus, Bronnen, IV, SS; XI; Blok aa. O., III, S. 192 f.
3) Nach Renier,‚, Histoire de l’industrie drapiere au pays de Liege, S.39,
nahm in der Mitte des 17. Jahrhunderts die Lütticher Wollindustrie ab, während
die von Verviers zunahm.
4) Die Agitation gegen die Tuchfabrikation auf dem platten Lande in der
zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts erwähnt auch Kernkamp, Droogscheerders-Synode,
 S. 105 ff.
5) Posthumus., Bronnen, IV, S. XV.
        <pb n="95" />
        087 1 —
der Tuchindustrie zu vermerken!). Sie verstanden
es, bisher selbständige Gruppen kleinerer
Produzenten von sich abhängig zu machen,
indem sie ihnen Material “und Mittel verschafften.
 Allmählich machte sich bei jenen Unternehmungen
das Streben bemerkbar, die Produktion noch mehr in die Hände
zu bekommen; sie gingen nun dazu über, selbst Weber anzustellen
und in größeren Werkstätten unterzubringen; dadurch gewannen
sie eine bessere Kontrolle über die Produktion, die sie entweder
selbst betrieben oder durch Meisterknechte beaufsichtigen ließen”).
Diese Großbetriebe waren meist noch nicht in den Händen eines
Unternehmers, sondern in denen einer Gruppe solcher. Nach und
nach dehnten sich diese zunächst ziffernmäßig nur geringen Unternehmungen
 an Umfang und Kapital aus. Daneben aber erhielten
sich immer noch die an Zahl jene weit übertreffenden einzelnen
Meister, die mit einer beschränkten Anzahl von Knechten arbeiteten.
Für diese wird wohl hauptsächlich die Abhängigkeit vom Amsterdamer
Handel, die de la Court®) an der Leidener Textilindustrie
tadelte, weiter bestanden haben; ob jene Großunternehmer sich vom
Amsterdamer Handel schon freigemacht hatten, sei dahingestellt.
Bezeichnend für den in der Leidener Textilindustrie herrschenden
 Geist war es, daß die Tuchmacherknechte als die einzigen
 in dieser Industrie beschäftigten Arbeiter schon frühzeitig
Hang zum Zusammenschluß und zu gemeinsamem Auftreten für
die Wahrung ihrer Berufsinteressen zeigten; das veranlaßte 1637
sogar mehrfache Arbeitseinstellungen. Andererseits hatte das die
Folge, daß sich die Tuchmacher-Patrone der verschiedenen holländischen
 Städte in der sogen. ‚„Droogscheerderssynode:‘
zusammenschlossen?). Die Tuchweberknechte vereinigten sich eben-1)
 Auf den bereits Mitte des 15. Jahrhunderts in Leiden gemachten
Versuch einer Monopolisierung des Tuchhandels weist hin v. Below, Probleme,
 S. 315.
?) Kernkamp,‚,a.a. O., S. 238 ff. bespricht die Teilung der Tuchmacher
in zwei Kategorien, von denen die eine Alleinfabrikanten, aber nicht Händler, die
andere Fabrikanten darstellte, die zugleich Händler waren.
3) Welvaren, S. 52 f.
4) Über diese Kernkamp, a. a. O.; daselbst, S. 285 ff. über Unruhen
unter den Tuchmacherknechten im 17. Jahrhundert; schon im Mittelalter zeichneten
sich die Leidener Tuchmacherknechte durch unruhige Haltung aus (Blok, Eene
        <pb n="96" />
        falls 1643, zunächst freilich nur zur Unterstützung ihrer in Not
geratenen Genossen.
Die Aufwärtsbewegung der Leidener Textilindustrie
 setzte sich bis in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts
 fort!). Sie stand in dieser Zeit in enger Verbindung mit
der Lage der Weltwirtschaft, wie man sie sich nach Maßgabe der
damaligen wirtschaftsgeographischen Verhältnisse zu denken hat;
sie setzte ihre Waren ab nach Polen, Preußen, Pommern, Italien,
Spanien, beiden Indien und der Levante?). Ende des Jahrhunderts
bemühten sich die holländischen Tuchfabrikanten, ihre Ware in
Venedig einzuführen, was aber auf Widerstand bei den Fabrikanten
von Treviso stieß?). Diese weite Ausdehnung setzte die Textilindustrie
 naturgemäß allen Gefahren aus, die wirtschaftliche Krisen
herbeiführen konnten. In der Mitte des Jahrhunderts verstärkte
sich der Konkurrenzkampf, wobei sich die hohen Belastungen, die
infolge der Kriege der Republik auch die Industrie drückten, sehr
unbequem fühlbar machten. Im Jahre 1663 wurde auf Veranlassung
 der Leidener Industriellen die Frage untersucht, in welchem
Umfange diese Belastung ihr Gewerbe schädigte, und die Mittel erwogen,
 Abhilfe hierfür zu finden; über Erwägungen ist diese Bewegung
 nicht hinausgekommen. Doch überwogen unter den Textil-Interessenten
 die protektionistischen Ansichten keineswegs. Im
Gegenteil sprach sich Dordrecht gegen die Einführung reziproker
und retorsioneller Belastungen auf fremde Tücher aus, da sie den
Grundsätzen des freien Handels widersprachen; dagegen empfahl
es die Befreiung der von außen kommenden Wolle von allen Abholl.
 Stad, II, S. 229 f.). Unruhen unter den Amsterdamer Tuchbereitern 1618,
1638, 1661 erwähnt Brugmans, Opkomst, S. 151.
ll] Posthumus, Bronnen, V, S. VII. Die damals blühende Leidener
Textilindustrie widerlegt die Behauptung Treubs (Le protectionnisme en
Hollande, S. 688), daß in dieser Zeit außer Schiffbau und Fischerei keine Industrie
in den Niederlanden geblüht habe.
2) de la Court, Welvaren, S. 52. Sayen aus Leiden finden sich 1646/47
unter den von niederländischen Schiffen nach dem Mittelmeer verschifften Waren
(Wätjen, Niederl. im Mittelmeergebiet, S. 290 f.). In England klagte man um
die Mitte des Jahrhunderts über die schwere Konkurrenz der holländ. Tuchindustrie
(Cunningham, Si 237, 233.)
3) Blok, Relaz. Venet., S. 321. Gegen die Einfuhr niederländischer Tuche
schützte sich Venedig durch Einfuhrverbote (de Jonge, Ned. en Venetie,
6.310).

- 88
        <pb n="97" />
        gaben und eine Herabsetzung der Lizenten und Verbrauchsabgaben,
überhaupt möglichst freie Einfuhr der holländischen Erzeugnisse
in fremden Ländern. Ähnlich war die Stellung Amsterdams; die
dortige Admiralität sprach sich gegen das Verbot der auswärtigen
Tuche und ihre zu hohe Belastung, auch gegen die zu hohe Belastung
 der ausgeführten Wolle aus!). Solchen freiheitlichen Anschauungen
 gegenüber verhielt man sich in Leiden doch ablehnend;
hier galt es, nur die eigene Produktion zu behaupten”).
Dazu schienen die Aussichten gut zu sein; im folgenden
Jahre, 1664, erreichte die Leidener Textilindustrieden
 Höhepunktihrer quantitativen Produktion;
 1651 betrug die Gesamtziffer für die verschiedenen
Hallen 103 000; 1662: 133 000; 1664: 144 000 Stück; dann sank die
Produktion und zählte 1671: 139 000 Stück?). Das fiel zeitlich genau
zusammen mit den verschiedenen protektionistischen Maßnahmen
Frankreichs, dessen Tarif von 1667 das holländische Tuch, das vor
1632 mit 3, in diesem Jahre mit 6, 1654 mit 30, 1664 mit 40 belastet
 war, um 1667 mit 100 fl. besteuerte. Den letzten Stoß, den die
Leidener Textilindustrie nie überwunden hat, empfing sie in dem
Unglücksjahr 1672. Seitdem sank sie schnell herab und zwar in
den meisten ihrer einzelnen Zweige. Am besten hielt sich noch
die Tuchindustrie, während die Sayen- und Grobgrünfabrikation
am Ende des Jahrhunderts tief herabsank. Immerhin behauptete
die Leidener Textilindustrie ihren Vorrang vor den übrigen Mittelpunkten
 dieses Gewerbes in der Republik auch noch weiterhin.
Bestehen blieb aber die alte Abhängigkeit von dem Amsterdamer
Großhandel. In der Tuch- und Grobgrünindustrie gewann das
Großunternehmertum an Macht und Einfluß, was sich auch gegen-1)
 Posthumus, Bronnen, V, No. 29f., 114, 310, 352, 439; derselbe,
Adviezen etc., namentlich S. ı2 ff., 24 f., 5of.; Kernkam p, Droogscheerders-Synode,
 S. 292 ff.
?) Daher auch der Einspruch Leidens gegen den 1697 bestehenden Plan
der Anlegung einer Tuchfabrik in Angora durch einen in Leiden und Haarlem ausgebildeten
 Armenier (Heeringa, Bronnen, II, S. 269 {f.).
3) Posthumus, Bronnen, V, S. VIII; im Jahre 1669 beschrieb C os imo
v. Medici, S. 255 die „berühmten‘ Leidener Tuchfabriken. Wenn Wätjen,
Niederl. im Mittelmeergebiet, S. 339 meint, um die Mitte des Jahrhunderts habe
die niederländische Tuchindustrie noch nicht auf ihrem Höhepunkt gestanden,
so trifft das nicht zu.

8a
        <pb n="98" />
        über den Arbeitern äußerte in dem Bestreben, sie in möglichster Unfreiheit
 zu halten. Unruhen, die 1672 ausbrachen, waren die Folge;
nur mühsam konnten sie von der städtischen Regierung unterdrückt
 werden. Durch die Aufstellung von Lohnlisten suchte die
Obrigkeit solchen Mißständen vorzubeugen‘).
Die inländische Konkurrenz blieb auch jetzt
nicht juntätig. Namentlich in ‚Kampen  blühte zum
Schaden der Leidener die Deckenfabrikation auf; in
Amsterdam war man eifrig, die Färberei zu heben, und
in den Zaanländischen Walkmühlen wurde nun der
größte Teil der Leidener Tuche gewalkt. Die um 1685 einsetzende
Zuwanderung der Refugies hat der Leidener Textilindustrie außer
einer großen Menge von mittellosen Arbeitern verhältnismäßig
wenig größere Unternehmer zugeführt; diese brachten die Herstellung
 gewalkter Strümpfe hierher; mit neuer Lebenskraft hat
dieser Zweig die Leidener Industrie aber nicht erfüllt”).
Das ız8.| Jahrhundert war ün technischer
nd jorganisatorischer Ainsicht ‚eine Zeit
völligen Stillstandes in dieser Industrie die
Produktion ging mehr und mehr zurück und zählte am Ende des
Jahrhunderts 27—28 000 Stück. Während die alten Fabrikationen
des Tuchs, der Sayen und Grobgrün ganz verfielen, blieb übrig
nur die Fabrikation der weniger wertvollen Stoffe, wie Baien und
Barchent. Dieser Rückgang war z. T. der zunehmenden protektionistischen
 Richtung des Auslandes zuzuschreiben; außerdem
konkurrierte die französische Tuchindustrie auch außerhalb Frankreichs
 erfolgreich mit der Leidener Industrie. Zu den alten Konkurrenten
 in Limburg, Aachen, Verviers, Lüttich kam ferner als
neuer Mitbewerber die Wollindustrie in den Generaliteitslanden bei
Tilburg und Oosterhout; durch billigere Löhne erschwerte sie die
Konkurrenzfähigkeit der Leidener; selbst Arbeitermangel wurde
dadurch in Leiden herbeigeführt?). Die dortigen Unternehmer
Ken 1) BP osthumus ‚ \\Bronnen, V, S. IX, No. 267; BIok, Eene holl.
Stad, III, S. 1961.
2 Posthumus, /V, No. 5571.; VI, S VIL; vael. auch Blok, De
Refugies te Leiden,
3) Kernkamp, Droogscheerders-Synode, S. 300. Den Rückgang der
Leidener Tuchindustrie infolge der Konkurrenz des Auslandes erwähnt 1723 auch
Albr. Haller, Tagebücher, S. 31.

90
        <pb n="99" />
        — ‘1 —
fügten sich aber schnell diesem Verhältnis und verlegten gewisse
Teile der Fabrikation, wie das Spinnen, Weben, z. T. auch das
Walken, nach Brabant, wo es für ihre Rechnung geschah; die Appretur
 blieb jedoch in Leiden*). Als die Unternehmer die ganze
Herstellung nach Brabant verlegten und dorthin die Erfahrungen
der feineren Technik und des Handelsbetriebes brachten, gewann
die Brabanter Industrie mehr und mehr das Übergewicht über die
Leidener und verdrängte sie von den Märkten?). Nicht zu vergessen
 ist ferner der Einfluß der englischen Tucheinfuhr, die in
großem Maße im 18. Jahrhundert durch die Interlopers erfolgte
und von den Kaufleuten in den Seestädten befördert wurde®); sie
hat zum Verfall der einheimischen Tuchfabrikation stark beigetragen.
 Endlich aber veränderte sich auch in der Mitte des Jahrhunderts
 die Mode insofern, als die schweren Stoffe weniger begehrt
wurden und eine neue Klasse von Konsumenten die teueren Tuchstoffe
 nicht für ihre Kleidung und die teueren Grobgrünstoffe nicht
für Möbelbezüge anschaffen konnten; der Absatz der billigeren und
gröberen Stoffe verlief besser*).
Wohl versuchte man, durch künstliche Mittel dem Verfall
Einhalt zu tun; so durch Lohnregelungen. Es hat das aber ebensowenig
 genutzt, wie die Versuche, durch protektionistische Maßregeln
 der notleidenden Industrie zu helfen, z. B. durch das 1736
erlassene Verbot der Ausfuhr gewaschener und gefärbter Wolle).
Auch die Bestrebungen, den inneren Verbrauch zu heben, halfen
wenig; 1701, 1704, 1706, 1707 beschlossen die Staaten von Holland,
daß die dortigen Milizen nur mit binnenländischen Stoffen gekleidet
werden sollten®); 1749 erließ der Statthalter Wilhelm IV. eine
1) Nach de la Court, Welvaren, S. 129 sandten schon damals die
Leidener Fabrikanten: täglich ihre Wolle zum Spinnen nach dem Gooiland, Flandern
 und Frankreich, ‚was noch zu entschuldigen wäre‘‘, aber selbst nach Delft
und Gouda!
?) Das führte dann zu dem oft gerügten Mißstand, daß Tuche, die außerhalb
 Leidens für Leidener Rechnung hergestellt waren, die Leidener Etikette erhielten
 und den Schein erweckten, als wären sie in Leiden hergestellt (Berg,
S.303ff.;- Posthumus:, Bronnen, VI. No. 345).
3) Vgl. unten in $ 8.
‘2% Posthumus,\Bronnen, VI, S. IX.
5) Posthumus, Bronnen, VI, No. 262; auch an Verleihung von Prämien
für die Herstellung von Tuch dachte man damals (ebenda, No. 255).
s$) Kernkamp, Droogscheerders-Synode, S. 299.

U:
        <pb n="100" />
        — 02 —
Verfügung, daß die Bevölkerung sich mit binnenländischen Stoffen
kleiden solle; 1753 wurde dieser Befehl verschärft!). Schon 1759
spricht ein Besucher Leidens davon, daß die dortige Tuchindustrie
nur noch den dritten Teil des früheren Umfangs zeige?); und ein
anderer wies 1783 darauf hin, daß das Leidener Tuch sehr schön,
aber zu teuer sei; die Tuche von Aachen, Limburg, Jülich, Verviers
seien 8&amp;amp;—10% billiger®). So sah das Ende des Jahrhunderts eine
Stadt, die einst hoch geblüht hatte, durch den Verfall ihrer Hauptnahrung
 tief gesunken.
Haarlem verdankte die Blüte seiner Textilindustrie
 den Ende des 16. Jahrhunderts eingewanderten Flamen.
Ein Brabanter, Lambrecht van Dale, der in Goch im
Clevischen Bleicher gewesen und von dort durch den Krieg vertrieben
 war?), kam 1577 nach Haarlem und richtete hier eine Bleicherei
 ein, was schnell Nachfolge fand. Schon 1579 kam dann ein
Weber aus Flandern, Denys Michiels van Hulle, erhielt
 das Bürgerrecht und eröffnete eine Weberei. In den nächsten
Jahren folgten noch eine Reihe von Garn- und Leinwandbleichen.
Diese Bleicher hatten zuerst Mißhelligkeiten mit den Brauern, weil
sie diesen angeblich das zur Herstellung ihres Bieres nötige Wasser
verdarben. Doch wurde dieses Hindernis 1584 durch Vergleich beseitigt.
 Die Bleichereien nahmen einen starken Aufschwung; das
In- und Ausland bediente sich ihrer; englisches Garn wurde nach
Haarlem gesandt und hier gebleicht, ebenso deutsche Leinwand;
die Zufuhr ungebleichter Leinwand und Garne muß in der zweiten
Hälfte des 17., der ersten des 18. Jahrhunderts außerordentlich
groß gewesen sein®). Mit der Bleicherei verband sich dann bald
ein lebhafter Handel mit gebleichter Leinwand. Erst als in Brabant
und Flandern ebenfalls Bleichereien angelegt wurden und England
 die Einfuhr weißer Leinwand hoch belastete, ging diese In-1)
 Blok, Eene holl. Stad, III, S. 208.
23) Fierner, S. 483.
3) Volkmann, S. 197.
4) Über den Anteil der Clever und Jülicher an der Einwanderung nach
Haarlem und Leiden, vgl. van Schelven, S. 33; B ok, Holl. Stad, III,
. 189.
N f 5) Allan, IV, S. 554 ff. Über die Versendung schlesischer Leinwand zum
Bleichen nach Haarlem vgl. Zimmermann, Leinengewerbe in Schlesien,
S. ı1241.; Hasse, Leipz. Messen, S. 332 f.

J:
        <pb n="101" />
        m 3
dustrie zurück. Die Haarlemer hüteten das Geheimnis ihrer Bleichmethode
 sehr sorgsam?!); schließlich half ihnen das nichts mehr;
Nemnich konnte 1809 nur noch von dem ‚„‚immer mehr sinkenden
 Zustande‘ dieses Gewerbes berichten?).
Neben den Bleichereien besaß Haarlem eine wirkliche Textilindustrie,
 die schon Ende des 16. Jahrhunderts einen guten Namen
hatte. Nach 1578 kamen aus den südlichen Niederlanden 6—700
Familien, die der Leinwandindustrie hier einen festen Sitz schufen?).
Im Jahre 1586 wurde durch Lambert Cambys die Kammertuchweberei
 eingeführt; 1595 erhielt Paschier Lamertyn,
der aus Kortryk kam, einen Octroi für die Damastweberei, die er nach
neuem Stil betrieb; er verfertigte namentlich Servietten*). Neben
feinen Tafeltüchern wurden in Haarlem nun die berühmten Bontjes
oder Bonten hergestellt, d. h. mit Baumwolle vermischte Leinenstoffe;
 sodann vortreffliche Zwirne, Leinenbänder usw. Insbesondere
 im 17. Jahrhundert stand diese Industrie in hohem Ansehen’).
Einige ihrer Zweige, namentlich soweit die kostbaren Stoffe in Betracht
 kamen, gingen schon früher ein, wohl gerade wegen ihrer
Kostspieligkeit. Ebenso verschwand im 18. Jahrhundert die Fabrikation
 der seidenen und baumwollenen Strümpfe, woran wohl z. T.
die infolge der großen Konkurrenz verwandten minderwertigen
Rohstoffe, die das Fabrikat in Mißkredit brachten, die Schuld
trugen. In Verfall geriet auch in der Mitte des 18. Jahrhunderts
die Fabrikation von Zwirn, Woll- und Leinengarn. Am längsten
hielt sich hier die Industrie der gewebten Spitzen; die erst Anfang
des 18. Jahrhunderts von Everaarts eingeführt wurde. Sie
zählte bald mehr als 600 Bandstühle®). Die Errichtung ähnlicher
1) Über die Haarlemer Bleichereien sehr ausführlich Eversmann,
S. 89 ff.; er zählte damals 8 Leinen- und 10 Garnbleichen; erstere arbeiteten für die
ganze Welt, vorzüglich für England; Volkmann, S. 229f; Büsch, Bemerkungen,
 S. 64. Nach Macpherson, Annals, II, S. 703 (zu 1698) betrieben
 die Holländer meist die Weberei und das Bleichen; das Garn werde zum
größten Teil in Deutschland gesponnen, wo die Löhne billiger seien.
23) Nemnich, sS!/103
3 Janssen van Raay, S. s2ff.
4) Six, Paschier Lamertyn, S. 85 ff.
5) Volkmann,S.234£) Nemnich, S.06ff.! Allan ‚IV, S 566 £.
Schon 1613 erwähnt Laurefici die ‚tele finissime‘“ Haarlems (Reise, S. 423).
8) Allan IV, SS 574.

03
        <pb n="102" />
        —NO4E—
Fabriken in Flandern und Deutschland (Barmen), das Verbot der
Ausfuhr schlesischer Garne!), der Stillstand des Handels nach Ostund
 Westindien schädigten alle diese Manufakturen außerordentlich
 und nötigten sie zu erheblicher Beschränkung ihrer Produktion.
Denselben Weg nahmen auch die Färbereien für Seide und Garn,
die mit der Textilfabrikation und der von der Ostindischen Kompagnie
 betriebenen Einfuhr des Indigo?) aufkamen und mit ihrem
Rückgang verfielen. Um 1743 zählte man 27 Färbermeister mit
ca. 80 Knechten, 40 Jahre später nur noch 15 mit 35 Gehilfen.
Die Haarlemer Färbereien arbeiteten auch für Amsterdamer Fabriken,
 was die Amsterdamer vergeblich zu verhindern suchten.
Wie an anderen Orten, so hat man auch in Haarlem versucht,
 durch künstliche Mittel dem Verfall der Industrie Einhalt
zu gebieten. In der Mitte des 18. Jahrhunderts ordnete auf Wunsch
der Fabrikanten die städtische Regierung an, daß die Insassen
der milden Stiftungen nur inländische Stoffe zu tragen hätten;
außerdem wurde jetzt die Zulassung zur Fabrikation strenger als
bisher von der Zugehörigkeit zu den Gilden abhängig gemacht,
überhaupt die zünftlerische Abgeschlossenheit, soweit die Produktion
 in Betracht kam, schärfer betont; 1755 wurde weiter das
Packen von Leinwand, die nicht innerhalb der Stadt fabriziert
war, das Packen und die Ausfuhr von Geräten und Werkzeugen
streng verboten?). Ferner schrieb man Prämien aus auf die Herstellung
 gewisser Textilfabrikate oder gewisser Färbungen, die man
bisher noch nicht in der Qualität wie im Orient hatte herstellen
können, so das Rotfärben der Gaze. Diese Bestrebungen positiver
und negativer Art hatten doch nur geringen Erfolg. Die Sucht,
sich in fremde Stoffe zu kleiden, ließ sich durch solche Vorschriften
nicht austreiben; und das strengere Verfahren im Zunftwesen war
ganz ungeeignet, die auswärtige Konkurrenz zu beseitigen. Die
ausgelobten Prämien führten zu einigen guten Ergebnissen. Eine
wichtige Folge dieser Bewegung war die im Jahre 1750 stattfindende
Errichtung ‚der „Hollandsche , Maatschappl] van
Wetenschappen‘“‘ in Haarlem, der ersten ihrer Art in den
1) Über diese Verbote von 1759 und 1765 vgl. Zimmermann, Leinengewerbe,
 S. 109, 122.
2) Vgl. hierüber Koenen, Voorlezingen, S. 94f.
3 Allan IV, S. 6131.
        <pb n="103" />
        ——Cc5
Niederlanden; sie hat in ihrer anregenden, belehrenden, unterstützenden
 Tätigkeit nicht nur für die Haarlemer, sondern die
allgemeine niederländische Industrie viel Vortreffliches gewirkt‘).
Gegenüber Leiden und Haarlem standdie Textilindustrie
 AmsterdamSs zurück. Im Mittelalter war freilich
 die älteste dortige Handlung der Kramhandel mit Seidenund
 Wollstoffen?), und zum Teil wird dieser von der Amsterdamer
Industrie die Waren bezogen haben. Doch wird bei den älteren
Schriftstellern der Umfang der Amsterdamer Textilindustrie meist
übertrieben. Tatsächlich betrug die jährliche Produktion von Tuch
noch in der Mitte des 16. Jahrhunderts nur etwa 7—9000 Stück?).
Nach 1558 nahm sie ab und gewann erst wieder Bedeutung, als
südniederländische Flüchtlinge auch Amsterdam aufsuchten.
Die Färberei nahm nun ebenfalls zu, besonders als die englischen
Maßregeln gegen die Einfuhr fremder Tuche die Ausfuhr dorthin
unterbanden. Jetzt warf man sich in Amsterdam auf das Färben
und die Zubereitung ungefärbter Tücher; nicht weniger als 80 000
Stück ungefärbten Tuchs kamen im ersten Viertel des 17. Jahrhunderts
 nach Amsterdam; ein großer Teil davon ging, nachdem
er hier gefärbt war, nach England zurück. Später ging ein nicht
geringer Bruchteil der in Amsterdam gefärbten Tuche auf Leidener
Rechnung. Pieter de la Court) beklagt es, daß Amsterdams
 Tuchindustrie auf Kosten Leidens zunehme. Diese Industrie
beschränkte sich übrigens nicht auf Tuche, sondern erstreckte sich
auf Bänder, Sammete usw., überhaupt alles, was sich unter dem
Namen ‚‚Draperie‘‘ zusammenfassen ließ. Dazu kam dann die Verfertigung
 von Leinwand, die sich damals in Amsterdam und Haarlem
 konzentrierte®).
Auch in Rotterdam bestand seit dem 15. Jahrhundert
eine Tuchindustrie, die, wie in Leiden, zünftlerisch geordnet
 war; doch, wie es scheint, mit freieren Bestimmungen als
in Leiden, aber ebenfalls mit der Vorschrift, nur englische Wolle
zu verwenden®). Anfang des 16. Jahrhunderts bildete für Rotter-1)
 Ebenda, S. 616 ff.
?) DeKoopman, IV, 477.
3 ter Gouw, V, 434%.
4) Welvaren v. Leiden, S.54, 71.
5) Brugmans, Handel en nijverheid, S. 199 ff.
S$) te Lintum ‚ Textielindustrie in Oud Rotterdam, S. 8 ff.
        <pb n="104" />
        — 05 —
dam die Tuchfabrikation neben der Heringsfahrt und der Brauerei
die wichtigsten Erwerbsmittel. In der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts
 erholte sich die Rotterdamer Tuchindustrie von den mancherlei
 Schlägen der vorausgegangenen burgundischen Zeit; ein erneuter
 Rückgang machte sich unter Philipp II. und den nun
beginnenden Unruhen bemerkbar. Die Tuchmacher vereinbarten
deshalb 1558, es sollte keiner mehr als 100 Stück jährlich zubereiten.
Viel schlimmer wurde es in den Tagen der Herrschaft Albas.
Da jedoch Rotterdam in der glücklichen Lage war, seit 1572 keinen
Feind mehr in seinen Mauern zu sehen, während anderseits die
Belagerung Antwerpens ihm viele Einwanderer zuführte, nahm seine
Bevölkerung gewaltig zu, mehr als die des 1576 noch in spanischer
Gewalt befindlichen Amsterdams. Nach 1584/85, als die flamischen
Städte wieder den Spaniern zugefallen waren, zogen Genter und
andere Flamen nordwärts, die dortigen Gewerbe mit sich bringend.
Nach Rotterdam kamen meist Tuchmacher, denen die Stadt bereitwillig
 Wohnungen und Rahmenplätze anwies; 1587 wanderten nochmals
 22 flamische Tuchmacher ein, denen man aber ihre zu weit
gehenden Forderungen nicht bewilligen konnte!). Alle diese Fremden
 brachten in das Rotterdamer Tuchgewerbe einen neuen Geist;
sie führten die ersten Walkmühlen ein, was gegen den Willen der
alten Walker und der Gilde von der Stadtregierung 1591 durchgesetzt
 wurde; weitere Walkmühlen folgten im 17. Jahrhundert.
Die Mitte dieses Jahrhunderts kannalsdieBlütezeit
 der Rotterdamer Textilindustrie bezeichnet
 werden. Sie beschränkte sich ja schon nicht mehr auf die Bereitung
 der gewöhnlichen Tuche, sondern mit der Einwanderung
Ende des 16. Jahrhunderts waren auch hier, wie in Leiden, eine
Reihe anderer Zweige dieser Industrie aufgekommen; so die Plüsch-(Trip-)macherei,
 die Seidenweberei, die Herstellung von Bombasin
(Halbleinen). Diese neuen Industrien konnten sich freier
bewegen, da sie nicht, wie die alte Tuchindustrie, zunftmäßig
 organisiert waren. Die 1636 von A. J. Romain
eingeführte Bombasin-Industrie wurde ganz fabrikmäßig und mit
100 Arbeitern betrieben?). Auch gegen die namentlich von den
ausschließlich von der Industrie lebenden Städten Leiden und Haaröl
 teXintum, S. 221.
2) Ebenda, S. 27.

A
        <pb n="105" />
        “fs
lem vertretenen und von den Staaten von Holland wiederholt beschlossenen
 Schutzmaßregeln verhielt sich Rotterdam ebenso ablehnend
 wie Amsterdam. Von der Beschränkung der Einfuhr von
Manufakturen wollte man in Rotterdam nichts wissen; das zeigte
sich besonders, als es der Stadt 1635 endlich gelungen war, die
Niederlassung der Merchant Adventurers zu erhalten!). Da diese Gesellschaft
 nicht Rohprodukte (Wolle, Häute) einführte, sondern ausschließlich
 Fabrikate, so wurde Rotterdam ein Stapelplatz für englische
 Tuche, meist ungefärbte. Dadurch bewirkte die Kompanie
außer der Vermehrung des Tuchhandels noch eine große Zunahme
der Färberei?). Auch ohne die Merchant Adventurers behielt der
englische Handel in Manufakturen hier große Bedeutung infolge
des Verkehrs der Interloper; nach dem Westfälischen Frieden war
auch die Einfuhr gewebter Stoffe von England nicht gering. In
diesem ganzen Verhalten gegen die Engländer befand sich Rotterdam
daher in scharfem Gegensatz gegen die einheimische Industrie in
Leiden, Haarlem usw. Doch bestand neben jenem Handel die
eigene Tuchweberei weiter fort; sie nahm sogar noch zu, als 1656
die englische Kompanie ihren Stapel nach Dordrecht verlegte und
hierauf viele Dordrechter Weber nach Rotterdam übersiedelten?).
Trotz mancher Schwierigkeiten, die in der Mitte des Jahrhunderts
sich infolge von Arbeitslosigkeit einstellten, vermehrte sich die
Textilindustrie in Rotterdam dauernd; die Zahl der Walkmühlen
wurde vergrößert. Die zweite Hälfte des Jahrhunderts brachte
eine Reihe neuer Einrichtungen; es ließen sich 1668 Grobgrünwirker
 hier nieder; 1669 wurde dem Jacob Lois für die Errichtung
 einer Walze für Tücher ein Octroi auf 10 Jahre verliehen‘);
1670 folgte eine städtische Trockenanstalt für Sayen und andere
Manufakturen; gleichzeitig begann man mit dem Färben von Baumwolle,
 Leinen, Seide und Seidenstoffen. Nachdem das Jahr 1672
und seine Folgen auch Rotterdam in schwere Notlage versetzt,
die Höhe der Löhne gesteigert und die Industrie an den Rand des
CC NE unten in $ 8.
?) Ein Gesellschaftsvertrag von 1630 über die Betreibung einer Färberei
in Rotterdam. bei van Brakel, Een tiental vennootschapsacten, S. 194 ff.;
über die Blüte der Rotterdamer Färberei auch Bijlsma, De zuidned. immigranten
 en de manufactuurverwerij.
3) te Lintum„‚.a. a. 0.15.32.
4) Poelmans, De eerste Kalandermolen, S. 118 ff.
Baasch, Holländische Wirtschaftsreschichte.

97
        <pb n="106" />
        Verderbens gebracht hatten, verdankte wieder der fremden Einwanderung
 Ende des Jahrhunderts auch die Rotterdamer Textilindustrie
 neuen Aufschwung, der hier sich weit fühlbarer machte
als in Leiden. Die einwandernden Franzosen traten im allgemeinen
nicht den Gilden bei, sondern hielten sich unabhängiger und errichteten
 meist Fabriken, soweit ihnen das ihre Mittel erlaubten‘).
Im Verhältnis zu Amsterdam, das 1682 eine Weberei von 110 Webstühlen
 erhielt, und Utrecht, wo eine Seidenfabrik mit 500 Arbeitern
 errichtet wurde, war der Zuwachs Rotterdams freilich bescheiden;
 es wurden aber nicht nur viele kleine Bürger aufgenommen,
sondern es erfolgten auch größere Einrichtungen, so die Gründung
einer Spitzennäherei. Man verlieh ihr Begünstigungen und dehnte
diese, die u. a. in der Zuweisung von Arbeitskräften aus dem Waisenhaus
 bestanden, auf eine Sayen- und Seidenstoff-Fabrik aus. Auch
eine neue Wollwäscherei wurde eröffnet. Bedenklich waren vielfach
 die Ansprüche der Franzosen, die weit diejenigen übertrafen,
die früher die eingewanderten Flamen und Wallonen gestellt hatten.
Für die alteinheimische Industrie brachte diese Zuwanderung auch
sonst viele Nachteile mit sich. Man klagte unter den Tuchbereitern
bald über die ungewöhnliche Verwendung fremder Manufakturen
und drang bei den Generalstaaten auf die Erneuerung der gegen
sie gerichteten Verordnungen. In der Rotterdamer Stadtverwaltung,
in der 1699 über diese Frage verhandelt wurde, verhielt man sich
noch immer ablehnend gegenüber protektionistischen Maßnahmen,
dagegen wurde die Herabsetzung des Einfuhrzolles auf die Rohstoffe
 empfohlen; einem Ausfuhrverbot für diese widersprach man,
während man andererseits das Halten von Schafen in größerem
Umfange empfahl?). Bei den Staaten von Holland fanden aber
diese Wünsche keinerlei Unterstützung. So nahm die Rotterdamer
Tuchindustrie, der zu helfen die Tuchkaufleute keine Neigung
zeigten, immer mehr ab; die hohen Preise, die man als Ursache
angab, waren wohl z. T. der geringeren Zufuhr der Rohstoffe zuzuschreiben,
 ebenso aber auch der teuren Lebenshaltung; diese aber
war die Folge der hohen Verbrauchsabgaben und der Wohnungsnot,
 die aus der Zuwanderung der Fremden entstanden war. Diese
Industrie siedelte nun meist nach Tilburg über, wo es billiger war.
NıteLintum. Sad.
2) te Lintum, a. a. 0...S: 46m:

08
        <pb n="107" />
        Sie in Holland festzuhalten, hatte man nicht verstanden; die Verbote
 gegen den Betrieb auf dem flachen Lande, der konservative
Geist, der in diesem Gewerbe herrschte, auch wo die Zunft nicht
allmächtig war, die völlige Abneigung gegen die Anpassung an
neue Moden, alles dies wirkte zusammen, um die Tuchindustrie
aus Holland zu vertreiben. Hinzu trat dann die immer mehr wachsende
 Schwierigkeit, sich gute Wolle zu verschaffen; Brandenburg,
die Pfalz, Dänemark, Spanien folgten dem englischen Beispiel mit Ausfuhrverboten
 für Rohwolle; andere Staaten, wie die österreichischen
Niederlande!), Portugal verboten die Einfuhr von Wollwaren oder
erhöhten die Einfuhrzölle stark. Die einheimischen Schafe lieferten
nicht Wolle von einer Güte, wie sie für die Tuchindustrie notwendig
war. So sank in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts die holländische
 Tuchindustrie tief. Und insbesondere in Rotterdam trat
nun auch in den anderen Zweigen der Textilindustrie der Verfall
ein; die Bombasinfabrikation hatte schon um 1700 ihr Ende gefunden,
 von der Seidenweberei hörte man nichts mehr; ebensowenig
von der Teppich- und Spitzenfabrikation?). Nur die Färberei
hielt sich noch, dehnte sich sogar zeitweise aus. Die Stürme des
letzten englischen Krieges und der französischen Invasion fegten
auch die letzten Reste der Weberei und Färberei aus Rotterdam
und den meisten holländischen Städten hinweg.
Einen sich in vieler Hinsicht von der Entwicklung der Textilindustrie
 in den alten holländischen Industriestädten Leiden, Amsterdam,
 Haarlem, Rotterdam unterscheidenden Gang
nahm die Textilindustrie in dem mehrfach erwähnten
Tilburg. Schon in der Mitte des 17. Jahrhunderts bestand
auf dem flachen Lande in Brabant, in der Meierij, namentlich in
Tilburg, eine bedeutende Tuchfabrikation. Solange diese zu den
Generaliteitslanden gehörigen Gegenden noch hinsichtlich der Zollbehandlung
 als Ausland galten, war diese Industrie ziemlich schwer
belastet. Aber nach dem Westphälischen Frieden, 1651, erreichten
die dortigen Fabrikanten, daß die Einfuhr von Wolle und allem,
was für die Herstellung von Wollstoffen nötig war, lizentfrei auf
inländischen Paß eingeführt werden konnte; dies zunächst nur für
eine beschränkte Zeit verliehene Recht wurde 1687 zu einem dauernı)
 Vgl. Huisman, La Belgique commerciale, S. 35.
2 teLintum, a. a. O0. _S.i50 ff.

99
ma
        <pb n="108" />
        den. Damit war der Verkehr zwischen Brabant und den anderen
Teilen der Republik nicht höher belastet als sonst innerhalb ihrer
Grenzen, was der Ausbreitung der dortigen Industrie, zumal sie
nicht durch Gilden- und Hallenzwang eingeschnürt war, sehr zugute
 kam. Im 18. Jahrhundert wanderte infolge der teuren Lebensverhältnisse
 in Holland, wie wir sahen, ein großer Teil der Textilbetriebe
 nach Tilburg, wo um 1739 600 Webstühle für Leidener
Rechnung gearbeitet haben sollen!). Endlich ist hier noch zu gedenken
 der Textilindustrie, die schon seit dem 16. Jahrhundert
 in Twente, dem östlichen Teil von Overyssel, entstand
 und dort durch flämische Flüchtlinge begründet wurde.
Nachdem zuerst Leinewand hergestellt war, begann man seit 1728
Halbleinen und Halbbaumwolle zu Stoffen (Bombasin) zu verarbeiten?).
 Diese Industrie war zunftmäßig organisiert; schon 1641
gab es in Enschede eine Leinwebergilde. Doch haben die Gilden
die Entwicklung der dortigen Industrie nicht störend beeinflußt.
Auch die Buntweberei kam im 18. Jahrhundert in Hengeloo auf;
von Almeloo aus fand schon damals ein starker Export statt. Auf
diesem Gebiete der Baumwollindustrie wurden die Niederländer
die Vorkämpfer und Lehrmeister der englischen Industrie.
Die erste in Europa nachweisbare Kattundruckerei
nach indischer Art gründete 1678 Jacob ter Gouw in
Amsterdam. Um 1700 gab es in und bei dieser Stadt eine
ganze Anzahl von Zeugdruckereien®).
Auch in Rotterdam bestand schon im 17. Jahrhundert eine
Kattundruckerei als Hausindustrie; seit Anfang des 18. Jahrhunderts
 wurde sie fabrikmäßig betrieben, verfiel dann allmählich, vorzüglich
 infolge der Konkurrenz in Brabant, Augsburg, der Schweiz
und Frankreich, deren Erzeugnisse billiger waren als die Rotterdamer
 und Amsterdamer. Für letztere forderte man Ende des
Jahrhunderts Prämien, die aber wohl nicht bewilligt worden sind*).
1) Kernkamp, Droogscheerders-Synode, S. 298 ff.; nach Tegenwoordig
Staat van Noordbrabant, bei Blink, Nederland III, 396 bestanden in Tilburg
1751 etwa 500 Webstühle; die Angabe, daß Tilburg schon 1649: 300 Webstühle
gehabt, bezweifelt Blink „‚, Geschiedenis, II, 49.
23) Smissaert, S.ıfl. Über Twente und seine Industrie vgl. Blink,
Nederland, III, 300 ff.
3) Geering, Entwickl. d. Zeugdrucks, S. 400.
11 Wiersumien van Sillevoldt, S. 67 ff.

100
        <pb n="109" />
        Die Textilindustrie im weitesten: Sinne
des Wortes nahm: ini den Niederlanden: seit
dem Mittelalter eine alleanderen Industrien
in den Schatten stellende Rollei ein;j.isie hat
alle Stufen der technischen Entwicklung und der praktischen Verwendung
 (Kleidung, Möbelbezüge, Teppiche, Decken, Flaggen usw.)
durchgemacht und sowohl die einfachsten wie wertvollsten Erzeugnisse
 geschaffen und damit sich um die Volkswirtschaft im allgemeinen,
 die technische Entwicklung im besonderen große Verdienste
erworben. In neuerer Zeit, seit dem Ende des 16. Jahrhunderts,
sind ihr freilich die meisten Anregungen von auswärts zugegangen;
oder Fabrikationen, die hier schon bestanden, wurden durch Ausländer
 zu weiterer, höherer Blüte entwickelt. So verhielt es sich
auch mit einer Industrie, die mit der alten Textilindustrie in naher
Verwandtschaft stand und sich namentlich bei der technischen
Verarbeitung mit ihr eng verknüpfte; das war die Seidenindustrie

Dem Seidenhandel hat man in den Niederlanden schon
frühzeitig Aufmerksamkeit zugewandt. An dem Bezug dieser wertvollen
 Stoffe hatte der holländische Handel weitgehendes Interesse.
Dieses berührte sich mit Plänen, die der Großartigkeit nicht entbehrten.
 Im Jahre 1620 wurde von Mitgliedern der Generalstaaten
dem venetianischen Gesandten nahegelegt, man könne die ganze
Handlung mit Seide in Syrien an sich ziehen unter Ausschluß der
Franzosen und Engländer!). Und die verschiedenen Versuche der
Niederländer, durch Rußland hindurch in unmittelbare Handelsbeziehungen
 mit Persien zu kommen, die freilich stets an dem Widerspruch
 der Czaren scheiterten, gingen von dem Wunsche aus, den
direkten Bezug der Seide zu erleichtern?). Erst später gelang es
den Holländern, den Transport von Seide über Archangel zu leiten,
was für sie sehr vorteilhaft war?). Persische Seide war ein Artikel,
für den holländische Kaufleute stets Geld hatten‘). Allerdings
5 l) Blok, Rel. Venet., S. 134:
) Scheltema, 1, 146,335; Lubimenko, S. 44 f.
3 Scheltema, MI, 179.
*) Schon 1622 sandte der Czar Seide aus Persien zum Verkauf nach Holland
(Scheltema,fI, 118); 1659 wurden an einem Tage auf dem Markt in Archangel
1200 Pfd. pers. Seide für 70 Rtlr. das Pfd. an Amsterd. Kaufleute verkauft (van
Zuiden, S. 15)

10I -_
        <pb n="110" />
        hatten in diesen Handel Amsterdams schon vor der Mitte des Jahrhunderts
 sich Mißbräuche eingeschlichen, gegen die sich 1634 der
Plan richtete, der die Bildung eines Kartells vorsah; man wollte
die Preise kontrollieren und die Kredite festen Bestimmungen
unterwerfen!). Für die Bedeutung des Seidenhandels sprach es,
daß in dem 1663 errichteten Commerzcolleg Seidenhändler saßen?).
Es bestand aber damals nicht nur ein Seidenhandel, sondern
schon eine Seidenindustrie. Im Jahre 1632 plante ein
Amsterdamer Seidenweber, Caspar Varlet, seine Übersiedlung
 nach Hamburg, um dort die Seidenfabrikation einzuführen?) ;
und bereits 1626 wurde eine Seidenfärbergilde in Amsterdam errichtet‘),
 was darauf schließen läßt, daß schon vorher die Seidenfärberei
 bestanden hat; tatsächlich blühte Anfang des 17. Jahrhunderts
 eine Tuch- und Seidenfärberei, die Charles Six
gehörte, der einer aus St. Omer eingewanderten Familie angehörte®).
Seidenfärber war auch Jacob Hinlopen (1616—1685), der
zugleich eine Handlung nach Spanien betrieb®). Überhaupt war
die Färberei oft mit dem Handel verbunden”).
An dem Bestehen einer Seidenfabrikation, einer Seidenweberei
in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts ist jedenfalls nicht zu
zweifeln; schon 1648 verbot Frankreich die Einfuhr von Tüchern
aus Wolle und Seide aus England und Holland?); Rohseide aus
Lyon bildete einen Einfuhrartikel in den Niederlanden. Es ist
deshalb irrig, wenn behauptet worden ist, die Fabrikation von Seidenund
 Halbseidenstoffen in Haarlem sei ein von den Refugies
„neueingeführter Industriezweig‘“?). Andererseits hat aber freilich
erst durch die Refugies diese Industrie in Holland festen Fuß ge-1)
 Posthumus, Een Kartelovereenkomst, S. 215 ff.
2) Brugmans, Notulen, S. 186.
3) Baasch, Hamb. Seeschiffahrt, S. 363.
% Brugmans, Handel en nijverheid, S. 204f. Ende 1604 beschloß
die Vroedschap, für 120 000 fl. rohe Seide anzukaufen, um die Seidenindustrie
vor Stillstand zu bewahren (de Roever, Weeskamer, S. 57).
5) Elias, Vroedschap, S. 457 f., 1067.
$) Elias, Vroedschap, S. 310.
7) So war Dr. Albert Coenrats z. Burgh ‚„voornaam koopman en
verwer‘“ (Elias, 5S. 327).
8) Berg; 5. 96.
9 Pringsheim, S. 33; schon Wätjen ‚ Niederl. im Mittelmeergebiet,
S. 335 berichtigt jene Ansicht.

102
        <pb n="111" />
        faßt. In Amsterdam wurde der Herstellung von Lyoner Seidenwaren
damals seitens der Stadtregierung größte Aufmerksamkeit gewidmet.
 Unter den Amsterdamer Einwanderern finden sich eine ganze
Reihe solcher, die sich als „‚ouvrier en soie‘‘ bezeichneten!). Nicht
weniger geschah für diese Industrie in Utrecht; Seiden- und
Sammetfabriken entstanden hier und machten die ‚‚velours d’Utrecht“
 überall bekannt; die dortige 1681 errichtete Seidenfabrik
und Seidenmühle des Amsterdamer van Mollen war eine
Sehenswürdigkeit, die noch 1717 Peter der Große in Augenschein
 nahm?). Nicht weit davon, in Naarden an der Zuiderzee,
wurde eine Sammetfabrik errichtet).
Auch in Haarlem wurde durch Refugies die Seidenindustrie
 zur Blüte gebracht. Ende des 17. Jahrhunderts sollen
dort 20000 Seidenweber gewesen sein, was wohl reichlich übertrieben
 ist!). Insbesondere die Herstellung der leichten Gaze verpflanzte
 sich aus der Picardie nach Haarlem, das eine
der ersten europäischen Fabrikstädtel wurde.
Im 18. Jahrhundert ging die Haarlemer Seidenindustrie zurück.
Namentlich hat der Übertritt eines sehr erfahrenen dortigen Seidenarbeiters,
 Kouwenhoven, den man in Haarlem nicht zu
fesseln verstanden hatte, in den Dienst des Hauses van der
Leyen in Krefeld die Haarlemer Industrie geschädigt®). So ging
die dortige Seidenspinnerei und -weberei langsam zugrunde. Anfang
 des 19. Jahrhunderts gab es in Haarlem nur noch 55 Seidenstühle
 gegenüber 3000, die früher dort bestanden hatten®).
Die Seidenindustrie ist unter deninliederländischen
 Industrien eine‘ der ersten
l) van Nierop, Stukken betr. de nijverheid der refugies, II, 187 f.
2 Berg, S. 208f£; Scheltema, III, 356; sowohl \'Uffenbach,
III, 698 f., wie Ferner,1S. 399, und. Volkmann, S. 545, endlich Büsch,
Bemerkungen, S. 70, erwähnen die Seidenmühle; Haller, S. 56, nennt sie
(1726) eine ‚„Seiden-Machine‘‘.
3) Berg, 5.209;
‘Allan, IV, 580.
5) Allan,/S. 572£ Aus der von van der Leyen 1724: in Krefeld
angelegten Seidenfärberei wurden doch immer noch kleinere Mengen Seide zum
Färben nach auswärts (Frankfurt, Köln, Utrecht, Amsterdam) geschickt (Schmo1ller-Hintze,
 II, 584):
$ Nemnich, Ss. 80 Kl.

103
        <pb n="112" />
        A —
gewesen, die im ıS. Jahrhundert zugrunde
ging. Ziemlich schutzlos der wachsenden ausländischen Konkurrenz
 preisgegeben und im eigenen Lande wenig Boden findend,
 mußte sie die Segel streichen. Ihr Hauptgegner war
schließlich wohl die niederrheinische Konkurrenz, vorzüglich
in Krefeld. Es läßt sich verfolgen, mit welch zäher Beharrlichkeit
 die preußische und besonders die Krefelder Industrie, geschützt
 von ihrer Regierung, den Holländern systematisch den
Boden abgrub. Auch jene war ja ein Erzeugnis der Einwanderung
der Refugies; nur begnügte sich die brandenburgisch-preußische
Regierung nicht damit, die Seidenarbeiter und Fabrikanten durch
Versprechungen und Vergünstigungen an sich zu locken, sondern
sie widmete ihnen eine dauernde Pflege und Fürsorge. Zumal unter
Friedrich dem Großen ist das in steigendem Umfange geschehen.
Dabei galt es, den Hauptkonkurrenten, Holländern und Schweizern,
nicht nur ihre Fabrikationsgeheimnisse abzusehen, sondern auch
ihre Maschinen nachzuahmen und ihre in der Fabrikation erfahrenen
Leute an sich zu ziehen; insbesondere kam es auf die Beschaffung
der Bandmühlen und Stuhlmaschinen an, was recht schwierig war;
die Arbeiter wurden z. T. unter Lebensgefahr herangeschafft. Es
wurden Sachverständige nach Holland und England geschickt,
um dort in gewisse Fabrikationsgeheimnisse einzudringen!). Alles
dieses hatte schließlich den Erfolg, daß 1767 die Kommerzienräte
von der Leyen berichten konnten, daß sie die Seidenfabrikation
„nach und nach den Holländern so abgelernt und abgejagt, daß
sie nunmehr die ihrige weit übertreffen und fast ganz zugrunde
gerichtet haben‘‘?). Wenn freilich diese Fabrikanten gleichzeitig
das Verbot aller fremden Fabrikate oder prohibitive Zölle gegen
sie beantragten, so gab der König dem doch nicht Folge. Für den
Niedergang dieser Industrie in den Niederlanden kam, wie man
in Krefeld wohl wußte, in erster Linie der dort im Verhältnis zu
den hohen Lebensmittelpreisen zu geringe Arbeitslohn in Betracht?).
5) Schmoller-Hintze 1, 132, 153, 286, 580 f.; S. 153 f. Verhandlung
mit dem Holländer de Kruijff, der eine Fabrik von Seidenbändern in Berlin
anlegen wollte 1749; S. 301 über den holl. Seidenfabrikanten Jeremias Baron, der in
Berlin eine Gazefabrik anlegen wollte und vom König Unterstützung erhielt, 1753.
2) Schmoller-Hintze, II, 626, 630; III, 267.
3) Schmoller-Hintze, II, 606; die Denkschrift bei. Pringsheim,
 Beiträge, S. 111, erwähnt die geringeren Arbeitslöhne im Auslande.

10;
        <pb n="113" />
        Doch klagten die holländischen Seidenfabrikanten auch über die
ungenügende Rohseidenzufuhr seitens der Ostindischen Kompanie
und über die mangelhafte Einhaltung ihrer Verpflichtungen gegen
die einheimische Industrie!). —
Neben der Textilindustrie errang sich internationale Bedeutung
 der holländische Schiffsbau. Er war naturgemäß aus
dem Wirtschaftscharakter des Landes erwachsen, denn er war
als das Hilfsgewerbe für die Schiffahrt mehr
als jedes andere Gewerbe an das Land gefesselt, von dem aus
die Schiffahrt getrieben wurde. Selbst wenn man wirklich vom
Ausland Schiffe beziehen konnte, was früher in der Regel nicht
leicht war, so konnte ein auf die Schiffahrt angewiesenes Volk wie
die Holländer ohne eigenen Schiffbau nicht bestehen.
Über den älteren holländischen Schiffbau sind wir mangelhaft
unterrichtet. Wohl kennen wir die Schiffstypen und wissen auch,
daß insbesondere der niederländische Schiffbau auf ihre Entwicklung
 nicht ohne Einfluß gewesen ist; die niederländische Kravel,
der Bojer, das der Fischerei dienende Vlieboot waren die Fahrzeuge,
die den Bedürfnissen des nordeuropäischen Verkehrs in Ost- und
Nordsee und im Wattenmeer entsprachen; dazu kam im 17. Jahrhundert
 die für die Fahrt über das Weltmeer geschaffene Fleute.
Alle diese Typen waren mehr oder weniger holländischen Ursprungs
und erklären zugleich die umfassende Schiffahrt der Holländer.
Ihr Bau fand, soweit er für holländische Rechnung erfolgte, zunächst
auch meist im Inlande statt; die holländischen Schiffstypen haben
dann in den deutschen Seestädten, namentlich Hamburg und Lübeck,
Nachahmung gefunden; bis in das 19. Jahrhundert hinein haben
diese Typen wenig Veränderung erfahren?).
Schiffbau in größerem Stil wurde in Amsterdam getrieben,
wo eine Zunft der Schiffszimmerer bestand?), und in Rotterdam*),
ı) Pringsheim, S: 106, 110, 116.
23 Hagedorn, Schilfstypen, S. 67 £., 73, 83 U. 90 MM... 102 MM. Luzac,
I, 367 f. erwähnt die Eigenart der holländischen Schiffe, die rund waren und geringe
Tiefe hatten; man nannte sie „Dickbäuche‘‘; es waren nicht gerade die besten
Segler, aber sie konnten viel laden und brachten deshalb viel Frachten: auch ließen
sie sich gut steuern und bedurften geringer Mannschaft.
3) Vgl.ter Gouw;, V, 4367 Bontemantel, S. 497; van Ravesteyn;
 S.94;
‘) Bijlsma„, Rott... Welvaren, S. 86.

105
        <pb n="114" />
        Enkhuizen, Hoorn!) und Edam; kleinere Fahrzeuge baute man
auch in den nördlichen Hafenplätzen. Um 1600 kam dann der
Schiffsbau an der Zaan auf, wo früher nur kleinere, dem Binnenverkehr
 dienende Fahrzeuge gezimmert waren?). Die engherzige
Amsterdamer Gewerbepolitik, die den Schutenführern und Fährleuten
 verbot, ihre Schiffe an anderen Orten als nur in Amsterdam
bauen zu lassen?), veranlaßte die Zaanländer, zum eigenen Schiffbau
 für größere Schiffe überzugehen; man holte sich Meister aus
anderen holländischen Schiffbauplätzen und fing an, Schmacken
und Schmalschiffe*) zu bauen. Allmählich wurde dieses Gewerbe
hier völlig selbständig und dehnte sich aus. Hinderlich war zunächst,
daß die meisten Werften an der Binnen-Zaan gelegen und die Schleusen
 zu eng waren, um große Schiffe durchzulassen. Man half sich
dadurch, daß man 1609 eine Zugschleuse anlegte, mit der die Schiffe
aus der Binnenzaan über den Deich der Buitenzaan gezogen wurden®).
 Zu diesem Zweck bildete man eine Gesellschaft von 64 Anteilen;
 von jedem übergewundenen Schiff erhob man eine Summe
von 80—250 fl.; außerdem zahlte der Schiffseigner den Taglohn
für die Arbeiter. Bis 1718 befolgte man dies sehr mühsame
Verfahren; es wurden z. B. vom 2. August 1692 bis 17. Juni 1694, also
in rund 22 Monaten, 63 Schiffe hinübergezogen; vom 27. Oktober
1700 bis 10. März 1718: 97 Schiffe. An der Binnenzaan zählte man
damals 25 Werften, an der Buitenzaan nahm ihre Zahl zu. In Ostund
 Westzaan gab es 1702—1705: 50 große Schiffbauer; einer
von ihnen ließ in 22 Monaten 20 Schiffe vom Stapel. Nach der
Medembliker Chronik des Dirk Burger haben im Juni 1708 in Zaandam
 306 neue Schiffe auf den Hellingen gestanden®). Man baute
auch nicht nur für die Niederlande, sondern für alle Welt, für Frank-1)
 Über den Schiffbau in Hoorn, wo man 1594 nach neuem Modell Schnellsegler
 baute, vgl. Fruin;, Tien jaren, S. ı28f. Nach Laspeyres, S. 74,
bauten Hoorn und Edam namentlich für die Salzfahrt.
? Honig, 1, 246 ff.
3) van Ravesteyn, S. 93. Ian Bicker, der Bruder des bekannten
 Amsterdamer Bürgermeisters Cornelis B., war selbst Eigentümer einer
Werft (Elias, Regentenpatriciaat, S. 118).
4) Über diese Bezeichnung Hagedorn, a. a. O., S. 89.
5 Honig, 1; 2511.
6) Honig, I, 256. Über den Zaanl. Schiffsbau Cosimo de Medici,
S. 50; Memoires sur le commerce des Hollandois, S. 36.

106
        <pb n="115" />
        reich, England, Schweden, Dänemark, die Hansestädte und die
Ostseestädte!). Bereits im 17. Jahrhundert wurde von einem
niederländischen Schriftsteller geäußert: der Schiffbau ist ‚hier
nicht reine Consumtion, sondern ein bedeutender Handelszweig“‘‘?).
Es wurde aber auch in Amsterdam gebaut, und zwar zeitweise
sehr viel; 1736 waren noch etwa 2000 Schiffszimmerleute dort
vorhanden).
Mit der Schiffahrt stand der Schiffbau in enger organischer
Verbindung. Viele Schiffe wurden ohne festen Auftrag von den
Werftbesitzern und Schiffsbaumeistern, die meistens eine und dieselbe
 Person waren, auf eigenes Risiko gebaut; jene rüsteten sie
dann selbst aus und errichteten Partenreedereien*).
Der Anfang des’ z8. Jahrhunderts bedeuteteden
 Höhepunkt des holländischen Schiffbaus!
 Er war damals eine Weltindustrie; selbst
die französisch-amerikanischen Kolonien ließen lieber in Holland
ihre Schiffe bauen als in Frankreich, wozu sie gesetzlich verpflichtet
waren®). Das war die Zeit Ende des 17. Jahrhunderts, da Peter
der Große in Zaandam war und sich für den dortigen rührigen
Schiffbau begeisterte‘). Doch reichten die holländischen Werften
für den eigenen Bedarf nicht aus; für holländische Rechnung sind
namentlich an der Ostsee, in Lübeck, Königsberg, zahlreiche Schiffe
gebaut worden; so in Lübeck 1719, 1730, 1732 und 1749—1759,
insgesamt in diesen Jahren 37 Schiffe von 3495 Lasten’). In Emden
wurden in der Mitte des Jahrhunderts wiederholt Schiffe für Holland
gekauft; in Königsberg fanden schon Mitte des 16. Jahrhunderts
1) Über den Bau russischer Kriegsschiffe in Holland Scheltema, III,
284 ff. Über Bauten für Hamburg vgl. Baasch, Beiträge zur Geschichte des
Seeschiffbaues, S. 14. Über die Werften für Kriegsschiffe vgl. Ballhausen,
Ss. 178£
3) Laspeyres,- S’120.
3 Brugmans, Handel en nijverheid, S. 210ff. Der Amsterdamer
Kaufmann Abraham Boom bekundete 1638, daß er zwei Schiffe an den König
von Frankreich zu liefern habe; er beauftragte 3 Schiffszimmerleute mit dem Bau
(Elias, Vroedschap, S. 288).
4 Honig, I, 259;
5) Berg, S.ı3sıf.
S) Scheltema;, II, 144 4.
3) Baasch, a. a. 0.18. 57if.

107
        <pb n="116" />
        Bauten für holländische Rechnung statt, zum großen Ärger der
Königsberger Kaufleute?).
Im Laufe des 18. Jahrhunderts nahm der Schiffbau ab. Daran
trug wohl zum Teil die mangelhafte Technik des holländischen
Schiffbaus, der mehr nach alten Erfahrungen als nach wissenschaftlichen
 Grundsätzen betrieben wurde und sich von Verbesserungen
 ängstlich fernhielt, die Schuld; in England war man hierin
schon weiter fortgeschritten?). Insbesondere aber haben wohl die
allgemeinen Verhältnisse, die auch in anderen Zweigen der Wirtschaft
 den Rückgang verursacht haben, auf den Schiffbau eingewirkt,
 die Konkurrenz des Auslandes, der Niedergang der eigenen
Frachtschiffahrt, die hohen Arbeitslöhne®). An der Zaan zeigte
sich zunächst nur eine Verschiebung der Örtlichkeit; mit 1718
hörte der Großschiffbau an der Binnenzaan auf und siedelte nach
der Buitenzaan über, wo man die Zugschleuse sparte und daher
billiger baute. Gleichzeitig aber nahm die Amsterdamer Konkurrenz
zu, die Bestellungen für fremde Rechnung verminderten sich; an
der Buitenzaan wurden 1770 noch jährlich 20—25 Schiffe gebaut,
seit 1790 insgesamt jährlich kaum noch 5; nach 1793 waren noch
2—3 Werften vorhanden?). Einen, wenn auch nur vorübergehenden
Aufschwung erlebte der niederländische Schiffbau während des
siebenjährigen Krieges. Nach dem Friedensschluß setzte der Rückgang
 wieder ein.. In den 1760 er Jahren war er allgemein und beschränkte
 sich nicht auf die Zaan®°). Bereits 1775 wurde der Überfluß
 an Schiffen beklagt, der auf dem Rückgang der Seefahrt beruhte®).
 Maßregeln, wie sie das Verbot des Baus von Fischerfahrzeugen
 für auswärtige Rechnung (1777) waren”), konnten den
Schiffbau nicht aufmuntern.
Für den niederländischen Schiffbau bereitete, wie begreif-3
 Baasch;, S. 76, 213 £.
2?) de Jonge, Geschiedenis v. h. ned. Zeewezen, III, ı50 ff., IV, 257 ff.
Auf diesem Gebiete scheint die gelobte Freiheit der Holländer (vgl. Fruin, Tien
jaren, S. 129) nicht zu ihrem Vorteil gedient zu haben.
3) Diese führt Luzac, IV, 86, für den Rückgang des Schiffbaus und anderer
 Industrien als Ursache an.
4 Honig, 1,257.
?) Baasch, SS: 80; Kuzac, Il, 327.
$) De Koopman, Visoff.; Berg, S.I3T.
7) Beauj]jon, S. 158.

- 108
        <pb n="117" />
        lich, die Materialbeschaffung stets viele Schwierigkeiten; insbesondere
 die Bereitstellung des Holzes. Das eigene holzarme Land
war durchaus auf den Bezug vom Ausland angewiesen. Deutschland,
Skandinavien, Rußland haben im großen Umfang ihre Waldbestände
 für den Bau der stolzen Ostindienfahrer und sonstigen
Schiffe hergeben müssen. Neben dem Getreide war es das Holz,
das die Holländer besonders in die Ostsee trieb!). Lübeck und
Hamburg sind im 17. und 18. Jahrhundert für Holland die vorzüglichsten
 Lieferanten von Holz gewesen, das entweder aus Deutschland
 oder aus dem Norden stammte; 1781 erklärte man in Hamburg:
„Holland zieht sein Schiffholz fast allein von hier?)“. Mit großer
Sorgfalt pflegte man damals in Hamburg den Durchfuhrhandel
mit Holz nach Holland?). Auch von Holstein kam es in direkten
Zufuhren; ebenso von Königsberg‘). Archangel bildete schon in
der Mitte des 17. Jahrhunderts für die Lieferungen von Masten
die Hauptanziehungskraft für die Holländer; sie legten dort eigene
Sägemühlen an®).
In dieser Abhängigkeit von dem ausländischen Rohprodukt
lag naturgemäß der wunde Punkt für den holländischen Schiffbau.
König Friedrich Wilhelm I. von Preußen erkannte das
wohl und machte einmal den russischen Gesandten darauf aufmerksam,
 daß Rußland in Deutschland weit billiger als in Holland
Schiffe bauen könne, da dieses sein Holz von Deutschland beziehe;
er legte dem Zaren nahe, seine Schiffe in Stettin zu bauen‘®).
Wie in der Textil-, wie in der Seidenindustrie, so ging es aber
auch hier. Die ausländischen Konkurrenten, die sich vom holländischen
 Schiffbau unabhängig zu machen strebten, konnten eines
doch nicht entbehren: die Erfahrungen und Kenntnisse der holländischen
 Schiffbaumeister, deren Ruf doch einmal feststand,
wenn auch ihre Kunst tatsächlich nur eine empirische war und
das Gelingen mancher Bauten dem Zufall verdankt wurde”). Es
) Baasch, Schiffbaupolitik, S. 23, 30, 52.
2) Ebenda, S. 291, 296:
?) Baasch‘, Quellen, S. 426.
) Baasch, Schiffbaupolitik, 5. 101, 122, 227,
5) Scheltema, I, 284; über holländische Holzausfuhr aus Rußland
vgl. auch Lubimenko, S: 42%
%) Uhlenbeck, S.'221
7) So de Jonge, a.a. 10. SS. II, 152.

100 -
        <pb n="118" />
        war das eifrige Bemühen der Konkurrenz, solche Männer an sich
zu ziehen und mit ihrer Hilfe dann den eigenen Schiffbau zu betreiben.
 Nach Danzig, nach Königsberg und Stralsund zog man
holländische Schiffbauer im 17. und 18. Jahrhundert; selbst in
Hamburg empfahl man 1746 diese Maßnahme, um den eigenen
Schiffbau in die Höhe zu bringen!). Peter der Große konnte
den Schiffbau nur mit holländischen Schiffbauern betreiben. Noch
ehe er Zaandam besucht hatte, ließ er um 1691 von dort Schiffszimmerleute
 kommen, die an der Moskwa Schiffe bauten; nach
der Eroberung von Azof wurde die holländische Schiffbauerei
auch dorthin verpflanzt?). Lange Zeit bestand noch die völlige
Abhängigkeit des russischen Schiffsbaues von den holländischen
Meistern und Arbeitern. Ein Mann wie Witsen ,‚, der als Bürgermeister
 von Amsterdam wie als Schiffbaukundiger und Schiffsbauschriftsteller
 einen guten Namen hinterlassen hat, war Peters
Freund und Günstling?). Nach der Gründung von St. Petersburg
wurde der Schiffbau auch hier aufgenommen*). Diese russischen
Bauten gefielen den Holländern daheim durchaus nicht. Sie sahen
in ihnen für die Zukunft um so mehr eine gefährliche Konkurrenz,
als die Holzbeschaffung den Russen ja sehr viel leichter wurde
als den Holländern®). In späterer Zeit wurde es auch schon schwieriger,
 in Holland Schiffsbaumeister für Rußland anzuwerben, was
vielleicht seinen Grund mit darin hatte, daß es überhaupt in Holland
 an geeigneten Schiffsbaumeistern zu fehlen begann‘®).
Mit der Blüte des Schiffbaus stand natürlich in engem Zusammenhang
 der Umfang des Handels und der Industrie
in den Schiffsbaumaterialien”); so der Holzhandel,
1) Baasch, Schiffbaupolitik, S. 167, 201, 203, 283.
2? van Zuiden, Nieuwe bijdrage tot de kennis v. ‘de holl.-russ. relaties,
S. 285. (1694); Scheltema, II, 59, 118: van Zuiden, Bijdrage usw.
Ss. 123 (1703):
3) Scheltema, II, 66 ff.
2 Scheltema, IV, 59 ff.
5) Am 20. Sept. 1700 berichtete der russische Gesandte im Haag an den
Zaren: die Generalstaaten seien nicht erfreut, daß jener Schiffe in Archangel baue
(Uhlenbeck, S. 63).
8) 1780 schrieb der Gesandte Gallitzin über seine vergeblichen Bemühungen
 in dieser Richtung; ebenso 1784 der Konsul Oldecop in Amsterdam
 (Uhlenbeck, S. 231, 236).
7) Honig, 1, 258.

110
        <pb n="119" />
        die Segeltuch-, Kompaß-, Block-, Segel-, Masten-, Bootmacherei,
die Tauschlägereien!), Ankerschmieden usw. Es wurden ja nicht
alle Schiffe auf Bestellung, sondern viele auch auf Risiko der Meister
gebaut, so daß für die Spekulation in Schiffsbaumaterialien ein
gewisser Spielraum blieb. Die starke Holzzufuhr nach den Schiffsbauplätzen,
 die z. T. zur See, z. T. über Dordrecht rheinabwärts
kam?), entwickelte einen umfangreichen Holzhandel?), wie andererseits
 der Bedarf an Schiffsmaterialien, wie Teer, Pech, Hanf, das
Geschäft in diesen nordischen Artikeln überaus belebte und einen
starken Zwischenhandel neben dem Eigenhandel hervorrief. Spanien,
 Portugal, Frankreich versorgten sich von Holland aus vielfach
 mit diesen nordischen Erzeugnissen, die sie hier in großer
Auswahl und beliebigen Mengen fanden.
Unter den holländischen Ausfuhrgütern, die von Rotterdam
nach Frankreich im 17. Jahrhundert gingen, standen Schiffsbaumaterialien
 an erster Stelle, wobei freilich diese Waren nicht immer
erst über Holland, sondern vielfach direkt vom Norden in holländischen
 Schiffen nach jenen Ländern befördert wurden*). Als während
 des spanischen Erbfolgekrieges der Bezug zur See von Holland
vielfach erschwert war, fand Portugal es in seinem Interesse, Hanf,
Schiffsbauholz usw., die es bisher über Holland bezogen hatte,
nun direkt von Preußen kommen zu lassen®). Auch waren die
Holzpreise an der Ostsee oder in Hamburg niedriger als in Holland
und England, so daß man mehr und mehr seine Rechnung dabei
fand, das Holz aus Hamburg zu beziehen®). Dabei waren die Schiffı)
 Über Tauschlägereien in Amsterdam im 16. Jahrhundert ter Gouw,
V, 436; nach Bontemantel, II, 506, gab es 1677 dort 16 Reeperbahnen und
Tauschlägereien.
?) Blok, Rel. Venet., S. 35: Allein von Amsterdam fuhren zweimal im
Jahre 50 Schiffe nach Norwegen, um Holz und Schiffsbäume zu holen; man baue
die Häuser ganz von Holz (1610). Im Jahre 1680 brachten 22—23 Schiffe über
60 Schiffsladungen Holz aus Norwegen nach Dordrecht (van Dillen, Stukken
betr. d. Amst. Graanhandel, S. 94). Hier konzentrierte sich der größte Teil des
norwegischen Handels Hollands (Niebuhr „‚, Circularbriefe, S. 167).
3) Über den Amsterdamer Holzhandel, den er sehr hoch veranschlagt, Br u g -
mans, Handel en nijverheid, S. 60.
4) Bijlsma, Rott. koopvaardij, S. 33. Sehr erhebliche Holzein- und
-ausfuhr Rotterdams 1753 bei Dobbelaar, Een Statistiek, S. 218.
5) Baasch, Schiffbaupolitik, S. 233.
6) Ebenda, S. 20090.

X11
        <pb n="120" />
        baumaterialien im Zolltarif nur gering belastet, vorzüglich seit 1725,
wenigstens in der Einfuhr; in der Ausfuhr dagegen noch ziemlich
hoch, was natürlich den Handel mit diesen Waren benachteiligte*).
In einigen russischen Artikeln verschafften sich die Holländer zeitweilig
 Monopole; so in Hanf, namentlich aber in Teer. Beim Tode
Peters des Großen besaßen die Holländer Lups und
Meyer ein Monopol auf Teer; für den freien Handel mit dieser
Ware war das natürlich höchst nachteilig, und von Holland aus
wurden solche Monopole bekämpft®?).
Es blieb im Holzhandel aber nicht bei der einfachen Weiterversendung
 der aus dem Osten und Norden kommenden Holzmengen,
sondern es entstand im Anschluß an diese Zufuhren eine sehr ausgedehnte
 Holzbereitungsindustrie. Zahlreiche Sägemühlen
 entstanden im 17. Jahrhundert an der Westseite der Zaan
und bereiteten hier das Holz für den Hausbau daheim und im Ausland
 zu; das sich räumlich mächtig ausdehnende Amsterdam war
der nächste, stets abnahmefähige Käufer. Insbesondere der sog.
Wagenschott, das meist zum Schiffbau verwandte gespaltene Eichenholz,
 war sehr begehrt?). Auch in Amsterdam entstanden Sägemühlen;
 und man verbot dort die Einfuhr gesägten, die Ausfuhr
des rohen Holzes. Wie beim Schiffbau förderte dies Verbot nur
den eigenen Handel der Zaanländer, die nun aus Hamburg, Königsberg,
 von der Eider und Norwegen das Holz direkt bezogen“).
Ganze Holzflotten fuhren rheinabwärts bis Dordrecht, wo sich
auch ausgedehnte Holzsägereien befanden, und an den Wällen
Amsterdams vorbei; ja aus Deutschland sandte man sogar Holz
in Kommission nach Zaandam, wofür sich hier Kontore bildeten.
Der Holzbedarf war so groß, daß von Zaandam und Westzaan aus
3) Verviers, S.109£
2) Scheltema, I, 228; 111 167; 305 £.; IV,2ı1, 218 f.; Elias, Vroedschap,
 S. 879. Vor Lups und Meyer hatte Anfang des 18. Jahrhunderts das
holl. Haus Thesing ein Teermonopol (Scheltema, III, 167), vgl. unten $ 8;
über Verpachtung der Hanf- und Juchtenausfuhr an holländische Kaufleute 1653,
vgl. Kulischer, S. 349.
3) Nach Büsch, Bemerkungen S. 50, ging der holländische Wagenschott
z. T. in dieselben Länder zurück, die es als rohes Holz ausgesandt hatten; nun
seien es dünne Bretter. Nach Rotterdam wurden 1753: 5620 Stück Wagenschott
im Werte von 131640 fl. eingeführt (Dobbelaar, a. a. O.).
ä Honig, 1,267 4f.

r 112
        <pb n="121" />
        Arbeitsleute nach dem Rhein, der Havel, der Oder gesandt wurden,
die überall das Holz für holländische Rechnung kauften und sofort
 schlugen!). Neben dem Schiffbau hat das Holzgewerbe an
der Zaan ein überaus lebhaftes Treiben und große Geschäftstätigkeit
geschaffen. Nach Burgers Chronik?) bestanden 1708 in Ostund
 Westzaan 183 Sägemühlen, von den anderen Industrien dienenden
 Mühlen hier zu schweigen. Auch diesem Gewerbe brachte die
Mitte des Jahrhunderts den Rückgang; der englische Krieg und
die in England eingeführte Belastung des Wagenschott, die einem
Einfuhrverbot gleichkam, hatten den Abbruch vieler Sägemühlen
zur Folge; zwischen 1745 und 1775 gingen mehr als 100 Balkensägemühlen
 ein.
An alten, bodenständigen niederländischen
Gewerben haben wir zunächst zu nennen die Bierbrauerei.
 Gebraut wurde im Mittelalter wohl in allen niederländischen
 Städten. Hervorragend war dieses Gewerbe be -
sondervsiin Delft, Leiden, Amsterdam, Dordrecht,
 Rotterdam; Gorinchen; Alkmaar,
schwächer in Enckhuizen?. ‚Amsterdam: zählte
1544: 10, 1557: Ir Brauereien; sehr stark war die Brauerei hier
nicht; fremde Biere genossen Vorzug; das Amsterdamer Wasser war
schlecht*). Das Braugewerbe war hier vielfach mit Großhandel verbunden;
 mehrere Glieder der Vroedschap waren zugleich Kaufleute
und Brauer®). Delft hatte, solange es eine rege Brauerei besaß,
auch einen lebhaften Getreidemarkt; mit der Brauerei verfiel
jener®). Im 17. Jahrhundert ist ein allgemeiner Rückgang der
Brauerei unverkennbar. Delft zählte Ende des 17. Jahrhunderts
1) Über Holzlieferungsverträge zwischen Frankfurtern und Holländern im
17. und 18. Jahrhundert vgl. Dietz, Frankf. Handelsgeschichte, IV,2, S. 475 ff.
Über Holzbezüge von der Ostsee vgl. oben S. 109.
2 Honig, 1,2718
3 Timmer, De generale brouwers, S. 2 ff.
‘ter Gouw, V, 437. Das meiste Bier, das in Amsterdam genossen
wurde, wurde in Weesp hergestellt, da das Amsterdamer Wasser sich schlecht dazu
eignete (Bericht des ven. Gesandten 1611 bei Blok, Rel. Ven., S. 92).
°) Elias, Vroedschap, S. 454 (Rendorp); S. 174 (Gerrit Bicker, Pietersz)
u. a. m. Zwischen den Bierzapfern und Brauern standen in Amsterdam die „Bierbeschooiers‘“‘
 (van Ravesteyn, S. 141).
%) Blink, Boerenstand; MM) 35. . Un ger, Graanhandel, S. 360 f.
Baasch, Holländische Wirtschaftsgeschichte,

az
Q
        <pb n="122" />
        m 1)
nur noch ı7, Haarlem, das 1628 noch 50 Brauereien gehabt
hatte, 1692 nur noch 20!); Gouda besaß 1616 noch 14 Brauereien.
Dagegen blühte während des ıI12jährigen Waffenstillstandes in
Rotterdam dies Gewerbe auf; es war hier meist mit der Mälzerei
 verbunden und fabrikmäßig organisiert. Damals
 wurde in Rotterdam eine Brauerei mit allem Zubehör für
40 000 fl. verkauft; viele Brauer wurden in jener Zeit durch ihr
Gewerbe reich*®).
Wie sich im 16. Jahrhundert die Brauverhältnisse in einer
alten holländischen Stadt entwickelten und damit die Grundlage
für den späteren Zustand legten, lehrt das Beispiel von Delft.
Hier wurden die mittelalterlichen Zunftvorschriften allmählich abgestreift
 und, wie in anderen großen holländischen Braustädten,
nahm die Brauerei einen zunehmend monopolistischen Charakter in
der Form des Großbetriebes an?). Durch Abkommen unter sich
rissen die großen Brauer die ganze Nahrung an sich; die kleinen
Brauer, deren Zahl sich stetig verminderte, gerieten in ein reines
Lohnverhältnis zu jenen. Der Verschlechterung des Bieres, die
zweifellos mit dieser Entwicklung zusammenhing, suchte um die
Mitte des Jahrhunderts die Landesregierung entgegenzutreten. In
einigen noch aufrechterhaltenen, der zünftlerischen Verfassung
 entnommenen Bestimmungen fand sich
eine Handhabe, die Produktion in Güte und Menge auf der alten
Höhe zu halten; so bestand noch die feste Kontingentierung der
Menge der jedem Brauer jährlich zuerkannten Bierproduktion (8500
Stückfaß) und das Verbot der Überproduktion durch Übertragung
des Brauens an Freunde und Familienmitglieder. Doch wurden
diese Vorschriften wenig mehr beachtet; ein in großem Maßstab
eingerichteter Betrieb konnte sich solchen Beschränkungen nicht unterwerfen
 ; man erklärte, 8500 Stückfaß für den festgesetzten Preis nicht
liefern zu können. Auch verließ nun die ganze kleine Brauerei, die
Schiffs- und Heringsbiere herstellte, die Stadt. Die großen Brauer
erreichten es dann, daß 1566 das Kontingent auf 9000 Stückfaß
erhöht wurde, wobei gleichzeitig festgestellt wurde, daß das Klein-1)
 Allan, IV, S. 589 f.; 1692 wurden hier 187246 Tonnen gebraut.
2?) Bijlsma‚, Rott. Welvaren, S. 101 ff.; vgl. die Loblieder auf das Rotterdamer
 Bier in Rott. Jaarboekje, V (1896), S. 215 ff.
3 Timmer, Grepen etc.; derselbe, Uit de nadagen, S. 769 ff.

Tl"
        <pb n="123" />
        bier, Schiffs- und Essigbier, das die Brauer etwa noch außerdem
herstellten, 25300 Stückfaß nicht übersteigen dürfe. Auch dies
nützte wenig; die Braunahrung fügte sich nicht mehr in den mittelalterlichen
 Zwang. Die einzige noch beobachtete Vorschrift war
das Verbot der Brauerei auf dem platten Lande!). Im Jahre 1592
mußte der Magistrat von Delft zulassen, daß die Bür ger sich
mit zwei, drei .oder mehr Personen vergesellschafteten.
 und gemeinsam die Brauerei
ausübten. Damit war der Grund zu einer neuen Blüte gelegt?).
Nicht viel anders war der Verlauf der Dinge in den übrigen
Braustädten; überall eine Lösung von den alten zünftlerischen
Fesseln, ein Drang zum Großbetrieb, zur Monopolisierung.
 Dabei machten sich aber die staatlichen Einwirkungen,
vorzüglich finanzieller Art, mehr denn je geltend. Die während
und nach den Freiheitskämpfen überall hervortretende Geldnot
verfehlte auch auf das Braugewerbe nicht ihren Einfluß; und für
die Entwicklung der Brauerei waren die auf dem Brauerzeugnis
ruhenden Abgaben von großer Bedeutung; sie waren hoch und vielseitig.
 Es gab eine Konsumabgabe (consumptie-impost), die von
den Verbrauchern gezahlt wurde; ferner den von den Wirten und
Bierzapfern zu erlegenden „tappers-impost‘“; sodann den ‚scheepsimpost‘‘,
 der von allen Bieren, die man auf den Schiffen verbrauchte,
gezahlt wurde. Da gewisse, ganz leichte Biere steuerfrei waren,
fand sich genügend Gelegenheit zur Umgehung der Abgaben. Eine
große Menge von Vorschriften regelte den Verkehr mit Bier, verhinderte
 aber nicht, daß gerade auf diesem Gebiete starke Mißbräuche
 Platz griffen. Da die Vorschriften in allen Provinzen verschieden
 waren, entstand ein rühriger Schmuggel zwischen den
einzelnen Provinzen, je nachdem die Abgaben hier oder dort höher
oder niedriger waren, Die Brauer selbst genossen übrigens von
manchen, ihr Gewerbe betreffenden Abgaben Ermäßigungen, so
namentlich in den Imposten auf das Mahlwerk und auf Brennstoffe?).
1) Klagen über Verstöße hiergegen 1591 (Japikse, Resolutien, VII,
487, 718).
?) Noch 1608 berichtete der venet. Gesandte über Delft: „in questa cittä
si fä tutta la birra, che serve al paese d’Olanda‘, wohl etwas übertrieben (Blok,
Rel. Venet., S. I4); 1611 ähnlich (S. 81). Volkmann ‚ S. 186, spricht von der
Beliebtheit des Delfter Bieres.
3) Timmer , Generale brouwers, S. 16 ff.

115
A
        <pb n="124" />
        Schon frühzeitig machte sich unter den Brauern der
Provinz Holland das Bedürfnis nach einem Zusammenschlußzur
 Wahrungihrer[Anteressen geltend. Das
erste Anzeichen eines solchen trat schon 1621 hervor; ein fester
Verband wurde erst um 1660 geschlossen; ihm gehörten
hauptsächlich Dordrecht, Haarlem, Delft, Rotterdam, Leiden,
Schiedam an. Bis 1816.haben diese fast alljährlich stattfindenden
Versammlungen gedauert; ihr geschäftlicher Charakter trat allerdings
 allmählich hinter dem geselligen zurück. Für diesen Zusammenschluß
 und die erste Zusammenkunft der holländischen
Brauer 1661 bildete die Veranlassung ihre Gegnerschaft gegen die
Weinpächter und deren Bestreben, den Wein von einem Teil der
Abgaben zu befreien, in welchem Bestreben die Brauer eine Benachteiligung
 ihrer Interessen erblickten, da das Bier dadurch im
Verhältnis zum Weine eine Verteuerung erfahren mußte. Es handelte
sich bei diesem Streit um die Beobachtung des Plakats vom 17. September
 1658, in dem der von den Weinverzapfern usw. zu erlegende
Weinimpost bestimmt und die Ausdehnung des Weinverkaufs auf
das platte Land verboten war. Die Brauer erreichten durch ihre
Opposition, daß die Staaten von Holland jenes Plakat 1669 erneuerten
 und zugleich festsetzten, daß in Dordrecht, Rotterdam,
Alkmaar, Hoorn, Enckhuizen, Haag und in einem Umkreis von je
600 Ruten von diesen Plätzen niemand Wein verzapfen dürfe, es
sei denn für mindestens 9 Oxhoft im Jahre; für diese Menge hatten
in den genannten Orten die Weinzapfer den vollen Impost zu zahlen,
auch wenn der Ausschank weniger betrug*).
Zu den übrigen Punkten, die die Brauer zu gemeinsamen
Schritten veranlaßten, gehörte der sogenannte G lim ip Ost;
er wurde entrichtet von dem Brauer für jede Tonne Bier in dem
Stadium, in dem es sich befand, wenn es zum Ablauf der Hefe auf
das Gerüst gelegt wurde, und belief sich auf 2 Stüver, sowohl für
das Doppelbier, das aus dem ungegorenen Bier (Gijl) entstand,
wie auch für das Bier geringerer Qualität?). Dieser Gijl- oder
3 Timmer,/S. 40.
2) Die holländische Braumethode bestand in der Fabrikation leichter Biere
durch eine Vermischung von schwerem mit dünnem Bier in dem Gijl-Kuip (der
Küfe, in die das gegorene Bier gegossen wurde); vgl. Tim mer, Generale brouwers,
 S. 258; vgl. auch Timmer, De impost op de gijlbieren.

116
        <pb n="125" />
        — 17/7 —
Tonnen-Bier-Impost war 1584 von den Generalstaaten auf alle
von außerhalb der Provinz eingeführte Biere ausgedehnt, 1600 verpachtet,
 dann längere Zeit frei erhoben worden; 1622 wurde die Verpachtung
 wiederhergestellt; die Höhe des Aufschlags für die von
auswärts eingeführten Biere betrug 1623: 2 Stüver, so daß diese jetzt
4 Stüver zu entrichten hatten. Dieser Zuschlag wurde seit Ende
der 50er Jahre von den holländischen Brauern bekämpft, da er
ihre außerhalb der Provinz getrunkenen Biere zu hoch belastete.
Sie erreichten 1676 die völlige Aufhebung dieses Imposts mit der
Einschränkung, daß die Aufhebung dauern sollte, solange die Verdopplung
 des Brennmaterial-Imposts bestehe. Es scheint, als ob
die Brauer damals dieses Ziel durch Bestechung erreicht haben;
die Öffentlichkeit beschäftigte sich mit der Angelegenheit. Die
Geschichte dieses Imposts war ein Beweis für die nachteiligen
Folgen der unzureichenden Staatseinrichtungen und des unvollkommenen
 Steuersystems‘)).
Ohne Zweifel ging es in jener Zeit der Brauerei in Holland
schlecht. Der Verbrauch verminderte sich von Jahr zu Jahr. Das
war für die Produzenten ebenso schlimm wie für die provinzielle
Finanzverwaltung, da die Erträge des Imposts dauernd abnahmen.
Um beiden Interessen zu dienen, kam man um 1680 auf die Idee,
den Impost zu quotisieren, d. h. jeden Konsumenten mit einer
festen Quote des Imposts zu veranschlagen; damit hoffte man
gleichzeitig den Konsum zu heben, indem jene feste Quote, die der
einzelne auf alle Fälle zu bezahlen hatte, ihm nahelegen werde,
nun auch wirklich dementsprechend Bier zu trinken und sich von
dem zunehmenden Genuß von Tee und Kaffee zu entwöhnen.
Auch erwartete man eine ähnliche Steigerung des Impost-Ertrages;
er betrug 1691 in der Provinz Holland auf 1 200 000 Seelen nur
I 700 000 fl.; bei einer Veranlagung jedes Einwohners über 8 Jahre
alt mit einem Verbrauch von 2 Tonnen, der Kinder unter 8 Jahren
auf ı Tonne Bier, erhoffte man bei 850 000 Einwohnern einen Ertrag
 von 2 625 000 fl., den Impost zu 30 Stüver die Tonne gerechnet;
Zapfer- und Schiffsimpost waren nicht eingerechnet. Man begründete
 diesen Vorschlag mit der den Eingesessenen obliegenden
') Timmer, Impost etc., S. 382 ff. Im holl. Süderquartier erreichte
1667 der Bierimpost mit ı 514 933 fl. den Höhepunkt; seitdem nahm er stetig ab
(vander Heim, III, S. LXXXVI).

I:
        <pb n="126" />
        118

Verpflichtung, das einheimische Getränk im Interesse der Landesfinanzen
 vor den ausländischen Getränken zu bevorzugen; deshalb
 durfte kein Tee- oder Kaffeetrinker, kein Milch trinkender
Landmann von dem Impost ausgeschlossen werden. Nur wer eidlich
 versichern konnte, ein ganzes Jahr kein Bier getrunken zu
haben, sollte frei sein. Widerspruch gegen diesen Plan erhoben
namentlich die Amsterdamer Brauer. Es mangelte auch nicht an
anderen Vorschlägen, der Notlage der Brauer und der Finanzen
abzuhelfen; ein erhöhter Impost auf Kaffee, Tee und sonstige warme
Getränke wurde vorgeschlagen, aber abgelehnt. Kaffee- und Teehändler
 verteidigten eifrig ihre Interessen. Die Quotisation des
Bierimposts tauchte immer wieder auf; man wies darauf hin, daß
die tatsächlich bestehende Quotisation des „Kaffeegeldes‘‘, wie man
den Impost auf Kaffee und Tee nannte, nur den Verbrauch des
Kaffees vermehrt habe. Selbst ein Verbot von Kaffee und Tee
kam zur Sprache; es galt als aussichtslos!). Ein neuer Plan, den
Bierimpost zu quotisieren, der 1700 vorgelegt wurde und die Quotisierung
 auf Grund einer Einteilung der Bevölkerung in vier Klassen
vornehmen wollte, fand ebenso wenig Beifall. Noch 1724 und 1741
kamen die Brauer darauf zurück. Als 1742 die Rotterdamer Brauer
eine neue Klage über den Verfall ihres Gewerbes bei den Staaten
von Holland anbringen wollten und eine Herabsetzung des Imposts
auf die innerhalb der Provinz gebrauten Biere verlangten, verhinderten
 die Amsterdamer Brauer die Übergabe dieser Beschwerde.
Doch schritt man weiter fort in der Bekämpfung der nichtholländischen
 Biere?).
Überhaupt bestand ein dauernder Kampf zwischen
 den Bieren der verschiedenen.  Provinzen.
 Entgegen dem Art. ı8 der Utrechter
Union, der den einzelnen Provinzen die Be-Jastung
 der Produkte.der anderen Provinzen
untersagte, fand ylelfach doch eine solche
differentielle Behandlung statt. Zwischen Delft
und seinen Nachbarstädten haben über diesen Punkt wiederholt
Streitigkeiten obgewaltet; ihre Anfänge reichten bis in die Mitte
des 16. Jahrhunderts zurück. Mit Amsterdam, Leiden und Rotter-')
 Timmer, Generale brouwers, S. 67 ff.
? Timmer, Gen. brouwers, S. 095 £.
        <pb n="127" />
        dam hatte Delft Streitigkeiten dieser Art, die Anfang des 17. Jahrhunderts
 von den Staaten von Holland entschieden wurden; Delft
konnte sich auf ein Privileg von 1411 berufen, das den Städten
Hollands und Seelands verbot, die in Delft hergestellten Waren,
und das war damals meistens Bier, höher zu belasten als ihre
eigenen Waren!). Ähnliche Beschwerden hatte Haarlem gegen
Overyssel; als sie nichts fruchteten, griffen die holländischen Brauer
zu Gegenmaßregeln und belasteten die Overysseler Biere in derselben
 Weise, wie Overyssel es getan hatte. Erst dann fügte sich
dieses?).
Nachdem im Juni 1748 die Staaten von Holland die Verpachtung
 des Imposts abgeschafft und die Holländer eine kurze
Zeit impostfreies Bier genossen hatten, wünschte im folgenden
Jahre der Statthalter als Ersatz für den verpachteten Impost ein
Familien-Kopfgeld nach Klassen einzuführen oder den Impost
durch Kollekte einzuziehen. Hiergegen erhoben‘ die Brauer entschieden
 Widerspruch; sie wünschten völlige Abschaffung des Imposts
 auf binnengebraute Biere oder doch eine Herabsetzung auf
ein Drittel. Sie erwarteten hiervon eine Vermehrung des Konsums,
 so daß der höhere Ertrag der Abgaben auf die Brennstoffe
usw. einen Ausgleich für den Ausfall des Imposts schaffen werde.
Mit der Blüte der Brauerei hing nach ihrer Darstellung der Bestand
 vieler anderer Gewerbe (Küfer, Zimmerleute, Metzger, Bleigießer,
 Kornträger usw.) zusammen, und die hohe Besteuerung
des Biers treibe die einfältigen Menschen nur zum Genuß von
Kaffee, Tee und Milch. Doch gelang es den Brauern nicht, die
Herabsetzung des Imposts zu erreichen, obwohl außer ihm noch
sehr hohe städtische Akzisen das Bier belasteten, ja selbst die
Dörfer Imposten erhoben. Erst vom I. Juli 1751 wurde die Abgabe
 auf binnengebraute Biere auf 15 St. herabgesetzt, außer der
!/.o Erhöhung; das kam einer Verminderung auf die Hälfte gleich.
Als sich dann aber im Süderquartier ein beträchtlicher Rückgang
des Impostertrages zeigte, während in anderen Gegenden der Verbrauch
 des holländischen Bieres stark zunahm, wurde 1754 der
Impost wieder auf dem alten Fuße hergestellt ?).
ll Timmer, Delftsche bierconflicten.
2) Timmer, Gen. brouwers, S. 99 ff.
3 Timmer, Gen. brouwers, S. ıo2 ff.

110
        <pb n="128" />
        Eine große Bedeutung fiel in diesen Erörterungen dem Brennstoffimpost
 zu. Auf Antrag der Haarlemer Brauer wurde die Herabsetzung desselben
 1768 in den Staaten von Holland beraten; die Leinenbleicher hatten für
sich die Herabsetzung auf die Hälfte durchgesetzt, was zur Nachahmung reizte.
Tatsächlich waren die Gerste und der Weizen hoch im Preis gestiegen, nämlich
auf 70 bzw. 210 fl. per Last, ebenso war der Preis des Zwartsluisschen Torfs von
10 auf 18 fl. die 100 Tonnen gegangen, so daß die Brauer vielfach den weniger guten
friesischen Torf beziehen mußten; auch die Kohlen waren erheblich teurer geworden?*).
 Die Amsterdamer Brauer, die stets ihre eigenen Wege gingen und meistens
auch recht hatten, sahen zwar in der Herabsetzung des Brennstoffimposts kein
Heilmittel für den unausbleiblichen Verfall ihres Gewerbes; immerhin würde sie
diesen aufhalten. Schon war in Holland in den letzten 20 Jahren die Zahl der
Brauereien von 100 auf 70 gefallen. Am ı. Januar 1774 trat nun die Herabsetzung
des Torf- und Kohlenimposts auf die Hälfte ein; 1786 wurde sie sogar für 5/; bewilligt,
 wobei es dann blieb, bis Anfang des 19. Jahrhunderts der Impost auf das
binnengebraute Bier ganz aufhörte, und nun der Impost auf die Brennstoffe wieder
in voller Höhe ins Leben trat?).
Von allen Kämpfen, die seitens der holländischen Brauer um
ihr Gewerbe geführt worden sind, war der heftigste derjenige um
ihr altes Hefenmonopol. Als die Einfuhr auswärtiger Hefe
dauernd zunahm, insbesondere aus Brabant, Flandern, Cleve,
Münster, Friesland, wurde 1722 diese Frage öffentlich zur Sprache
gebracht. Gegner und Konkurrenten der Brauer waren in diesem
Punkt zunächst die Bäcker, die behaupteten, die Brauer könnten
dem Bedürfnis nicht genügen, ihre Hefe sei auch zu teuer. Allmählich
 verschlimmerte sich dann für die Brauer der Zustand, da
vielfach künstliche Hefe aus Weizen- oder Kartoffelmehl und
Hopfen hergestellt wurde; man schuf dadurch einem wichtigen
Nebenprodukt der Brauerei, das dieser in der nahrlosen Zeit unentbehrlich
 war, einen neuen Wettbewerb. Die Brauer forderten
deshalb 1762 eine Belastung der auswärtigen Hefe, und zwar der
trockenen mit 8 fl. per Tonne, der nassen mit ı2 St. per Pfund,
ferner ein Verbot der Herstellung von Hefe für alle Nichtbierbrauer
 und Nichtessigbrauer, endlich ein Verbot der künstlichen
Hefe. Hierüber erhob sich ein schwerer Kampf, bei dem die Bäcker
und Grützmacher überall als Gegner der Brauer auftraten und
!) Die Kohlen bezogen die Brenner, also auch wohl die Brauer, teils aus der
Grafschaft Mark, teils aus Schottland (van Riemsdijk, S. 192). Die Delfter
Brauer verwandten fast ausschließlich Kohlen, wenig Torf (Timmer, Uit de
nadagen, S. 755 ff.).
2?) Timmer; Gen. brouwers, S. 113 ff., 124.

12C
        <pb n="129" />
        — I; 1 —
sich u. a. auf die viel bedeutendere Stellung ihres Gewerbes beriefen;
 in Amsterdam gab es allein mehr als 600 Bäcker, außerdem
über 1000 Grützmacher und Mehlkäufer, dagegen nur 14—15 Brauer.
In den Staaten von Holland standen die Sympathien auf seiten
der Brauer, die, wenn auch an Zahl schwach, doch über bessere
Beziehungen verfügten; sie verboten im April 1765 die Herstellung
künstlicher Hefe. Die Frage der Belastung der fremden Hefe ruhte
vorläufig, bis man entdeckte, daß nun die Branntweinbrenner
Kunsthefe herstellten, was Ende 1784 zu einer Beschwerde der
Brauer Veranlassung gab. Das Verfahren der Brenner, die sich
durchweg in günstiger materieller Lage befanden, erschien um so
verwerflicher, als sie sogar künstliche Hefe von außerhalb bezogen
und an die Bäcker verkauften!). Hierüber entstand dann ein langwieriger
 Streit, bei dem die Brenner regelmäßig die Unterstützung
der Bäcker fanden und die Brauerhefe sehr schlechtgemacht wurde.
Die ganze Bewegung verlief im Sande; die Staaten von Holland
scheuten vor einem Entschluß zurück; wahrscheinlich hat die Behauptung
 der Gegner, daß die Brauer nicht genügend Hefe liefern
könnten, Eindruck gemacht; und man wollte nicht ein niedergehendes
 Gewerbe länger durch ein nicht mehr haltbares Monopol
stützen; deshalb tat man nichts. In ihrem Kampfe um die Existenz
griffen dann die Bierbrauer und Bieressigbrauer zu einem anderen
Rettungsanker; sie baten 1786 um Gewährung einer Prämie von
24 fl. auf die Last gemalzenen und ı8 fl. auf die Last ungemalzenen
Getreides. Die Staaten von Holland lehnten 1788 den Antrag ab;
mit der Begründung, daß solche Prämien der Brauerei nichts nutzen
und nur denjenigen unter ihnen zugute kommen würden, die es
am wenigsten nötig, d. h. am meisten Absatz und deshalb verhältnismäßig
 die geringsten Betriebskosten hätten?).
Wie überall, so klagte man auch in Holland über die Güte des Hopfens.
 Seit 1622 ist von den Generalstaaten eine Reihe von Verordnungen gegen
die Verfälschung des Hopfens ergangen, ohne daß sie einen sichtbaren Erfolg gehabt
zu haben scheinen. Erst im 18. Jahrhundert griffen die Brauer diesen Gegenstand
1) Nach Nemnich, S. ı52 f., zogen die Brenner die brabantische Bierhefe
 der holländischen, ja selbst der eigenen Branntweinhefe vor; das sei zum großen
Schaden der holländischen Brauereien: „noch vor 30 oder 40 Jahren konnte eine
der größten Brauereien in Holland jährlich 30 000 fl. und drüber aus seinem Gäscht
machen.“‘
2) Timmer, a. a, O., S. 175 ff.; derselbe, De Strijd.

v9i
        <pb n="130" />
        tatkräftig an. Auf ihre Veranlassung erfolgte 1721 eine neue Verordnung der Staaten
von Holland, die die Vorschriften verschärfte. Sie nutzte wenig; selbst die vorgeschriebene
 Anstellung von Keurmeistern unterblieb vielfach. Auch gegen die unbeschränkte
 Ausfuhr des Hopfens wandten sich die Brauer seit 1698 wiederholt.
Es bildete sich dann ein Terminhandel in Hopfen, der die Preise steigerte!) ; die
Generalstaaten verboten ihn sogleich und überhaupt die Ausfuhr des Hopfens,
was man aber bald rückgängig machte. Jeweilig bei Hopfenmangel wiederholten
sich Anträge auf ein Ausfuhrverbot.
Zu den Bestrebungen der Städte, sich Vorrechte vor dem
flachen Lande zu schaffen und zu sichern, gehörte es, daß sie ein
Gewerbemonopol für sich beanspruchten. Von Karl V. erhielten
sie 1531 die Verordnung, die u. a. die Errichtung neuer Brauereien
auf dem platten Lande verbot?). Sie ist mehrfach und noch 1577
von den Staaten von Holland erneuert worden, zuletzt dann 1668;
wohl ein Beweis, daß diese Vorschrift oft übertreten wurde. Doch
erst 1694 machten die holländischen Brauer die zunehmende Errichtung
 von Brauereien in südholländischen Dörfern zum Gegenstand
 einer Beschwerde, die aber ebenso wie weitere Klagen ohne
sichtbaren Erfolg blieb. Im Jahre 1723 erschien hierüber eine
Anzahl von Streitschriften; jene Dörfer behaupteten, sie versorgten
nur sich selbst; es sei ihnen aber schon seit länger als einem Jahrzehnt
 erlaubt, ihr Bier auch nach auswärts zu versenden. Das
war nun zweifellos unwahr. Auch eine Essigbrauerei entstand bei
Purmerend, was 1734 die Amsterdamer Essigbrauer zu einer Klage
bestimmte. Doch blieben alle weiteren Beschwerden ohne jede
Folge. Man erließ zwar Verbote gegen die Brauereien auf dem
platten Lande, so 1749 durch die Generalstaaten?); sie fruchteten
aber wenig.
Nicht zum flachen Lande gehörten Orte wie Haag und Alkmaar;
 doch galten sie auch nicht als geschlossene Städte; und
nur solchen gestattete das Plakat von 1531 den Betrieb von
Webereien, Gerbereien, Brauereien usw. Trotzdem hatte man
ihnen für eine Reihe von Gewerben eine Ausnahme eingeräumt;
ob sie auch für Brauereien galt, war zweifelhaft. Haag kümmerte
1) Diese Angabe Timmers, S. 184, steht in Widerspruch mit der amtlichen
 Amsterdamer Erklärung vom 24. Oktober 1698, nach der in Hopfen kein
‚„„Windhandel‘“ bestehe (vgl. unten in $ 7).
?) Über diese Verordnung vgl. auch van Niero P » Bevolkingsbeweging,
S. 50 ff.
3) Vgl. Laspeyres, S. 192.

122
        <pb n="131" />
        sich jedenfalls nicht darum; und seit 1574 war hier die Brauerei
heimisch. Dagegen erhob das benachbarte Delft, das auf seine
Biervorrechte stets sehr eifersüchtig war, Einspruch; schließlich
einigten sich beide Städte 1612 dahin, daß nun Haag für 30 Jahre
eine Brauerei mit zwei Kesseln unterhalten durfte. Nach und
nach errichtete aber Haag eine Brauerei nach der anderen; 1687
waren es drei, was jedesmal zu Protesten und neuen Abmachungen
mit den benachbarten Braustädten führte‘).
Im allgemeinen ist wohl nicht zu leugnen, daß seit der
Mitteides: 17. JahrhundertsJösich die‘ holländische
 Brauerei in dauerndem Kampfe um
ihre wirtschaftliche Existenz befand. Gewiß
hatten sich manche Mißbräuche eingeschlichen, die schädlich auf
das Gewerbe wirkten; auch die mit den Tonnen getriebenen Mißbräuche
 sind hierbei zu nennen. Andererseits lagen aber die Ursachen
des allgemeinen Rückgangs der Brauerei mehr in den wirtschaftlichen
 Verhältnissen, dem zunehmenden Genuß von Kaffee und
Tee — den man nicht allein aus den Zuständen des Brauwesens
erklären darf —, in der Abnahme des Exports, in den hohen Preisen
der Rohstoffe. Ziffernmäßig war der Rückgang ja unbestreitbar.
Noch 1748 zählte die Provinz Holland mehr als 100 Brauereien
mit etwa 1200 festen Arbeitern; 1773 waren es noch 70 mit 1000 Arbeitern,
 1786: 57 Brauereien. Von diesen hatte Dordrecht 6, Haarlem
 3, Delft 4, Leiden 3, Amsterdam 12, Gouda 3, Rotterdam 9,
Gorinchem 4, Schoonhoven, Alkmaar, Enkhuizen, Haag je 2, Schiedam,
 Brielle, Hoorn, Medemblik, Purmerend je 1?). Gegen die
Einfuhr fremder Biere waren schon 1769 die Generalstaaten durch
ein allgemeines Verbot eingeschritten?). Man versuchte dann Ende
des Jahrhunderts noch einmal, den völligen Verfall durch eine
ll) Timmer, Om het bestaansrecht der Haagsche brouwnering; der -
selbe, Uit de nadagen, S. 768 f.
2) Timmer, ‚Gen.)brouwers, S. 267if. Nach Metelerkamp., I,
S. 96 f., hatte Gouda 1518: 159, 1588: 126, 1803: 3 Brauereien. Selbstverständlich
ist für den Nachweis des Rückgangs die Zahl der Arbeiter beweiskräftiger als die der
Brauereien; die Verminderung der letzteren läßt jedoch keinen Zweifel an einem
Rückgang aufkommen.
3 Pringsheim, Beiträge, S.. 37. Nach Brugmans;, Opkomst,
S. 215, beruhte der Verfall des Braugewerbes weniger auf dem geringeren Verbrauch
 als der Einfuhr billigeren Bieres aus dem Auslande.

123
        <pb n="132" />
        Ma
bindende Verabredung unter den Brauern über eine Preiserhöhung
zu verhindern; sie sollte privatim von den Brauern vorgenommen,
die Obrigkeit gar nicht damit befaßt werden. Dieser Versuch scheiterte
 an der Stellungnahme der Bierverkäufer, die es nur im Haag
gab und von denen der dortige Verkauf abhing, und an der Haltung
des größten Haager Bierbrauers, van Hoey. Einige Städte
schlossen zwar einen solchen Kontrakt, wobei den Bierverkäufern
ein Abzug von 15% gewährt wurde!). Das Publikum fand sich in
die Erhöhung, da alle Lebensmittel teurer wurden. Gleichzeitig
wurde auch die Frage der baren Bezahlung aufgeworfen; sie war
bei der traurigen Lage des Gewerbes sehr wichtig. Amsterdam
führte sie sogleich ein; andere Städte, wie Rotterdam, folgten bald.
Nur Stiftungen, Admiralitäten und der Ost- und Westindischen
Kompagnie lieferte man in Rotterdam weiter auf Kredit. —
Im Gegensatz zu der Bierbrauerei, die als städtisches Gewerbe
 im 17. und 18. Jahrhundert langsam, aber stetig zurückging,
entwickelte sich ein anderer Zweig der Getränkegewerbe in dieser
Zeit zu einer hohen Blüte. ‚Das. war die Branntweinbrennerei.
 Sie wurde Anfang des 17. Jahrhunderts in verschiedenen
 holländischen Städten als Nebengewerbe betrieben. An
Stelle der zuerst benutzten Rohstoffe (Weinsatz, verdorbener Wein
und Bier, allerlei Früchte, wie Rosinen usw.) trat nun zumeist
Korn, und die Kornbranntweinbrennerei wurde jetzt der wichtigste
 Zweig dieser Industrie?). Ihr Hauptsitz wurde dann
bald Schiedam. Diese Stadt hatte jahrhundertelang ohne
Brennerei bestanden und im 14. Jahrhundert Ostseeschiffahrt getrieben;
 Ende des 16. Jahrhunderts übertraf sie Delfshaven im
Verkehr mit der Ostsee, und in der großen Fischerei nahm sie einen
wichtigen Platz ein; Schiedamer Seeleute traf man überall. Doch
nahm die Stadt an keiner der großen Kompanien teil; die Einwohner
 waren bekannt durch ihren stark entwickelten Sparsinn.
Während nun ihre Heringsfischerei zurückging, entstand seit etwa
1630 eine lebhafte Brennerei, die sich gut entwickelte®). Auch in
anderen Städten fand diese Industrie Aufnahme. In Amster-*)
 Vgl. hierzu die von Timmer herausgegebenen ‚,Brouwerscontracten‘‘,
S. 94 18°, 103 ££., 516 ff. (1783, 1792, 1795).
°) Dobbelaar, Opkomst v. h. Schied. korenwijnbrandersbedrijf.
° Heeringa, Uit de geschiedenis v. Schiedam, S. 195 ff.

124
        <pb n="133" />
        Ze
dam gab es eine Brennerei schon 1557, wahrscheinlich bereits vor
1500; 1663 zählte man hier über 400 Branntweinbrennereien*).
Befördert wurde diese Entwicklung durch die gegen die Einfuhr
des französischen Branntweins gerichtete Bewegung und die hohen
Einfuhrabgaben auf fremden Kornbranntwein; 1670 verboten die
Staaten von Holland den fremden Branntwein; 1673 wurde dies
Verbot noch verschärft durch das von den Generalstaaten erlassene
Verbot der Einfuhr und des Verkaufs von französischem Branntwein?).
 Was das bedeutete, wird klar, wenn man erfährt, daß allein
in Amsterdam 1663 etwa 3000 Stück französischen Branntweins
verbraucht wurden?). In Amsterdam empfand man jene Verbote
naturgemäß als sehr nachteilig; seinen Kaufleuten lag mehr an
dem Handel als an der eigenen Industrie; sie erboten sich daher
1673, die monatlichen Subsidien von 45 000 Reichsthalern an den
Kaiser zu übernehmen, wenn ihnen mit Ausschluß aller anderen das
Recht zugestanden werde, Wein und Branntwein in Holland einzuführen,
 ein Angebot, das unter den damaligen Umständen abgelehnt
 werden mußte, da jenes Verbot eine gute Waffe in dem schweren
Kampfe gegen Frankreich war, von den volkswirtschaftlichen Bedenken
 gegen ein solches Einfuhrmonopol ganz zu schweigen“).
Wenn 1690 in Schiedam eine Gilde der Branntweinbrenner
errichtet wurde, so bedeutete das keine enge zünftlerische Bindung.
Die neue Industrie wurde in jeder Weise unterstützt; man errichtete
 für sie Mühlen; die Stadt fand sich zu allem bereit®). Daß
gerade Schiedam der Mittelpunkt dieser Industrie wurde, ist schwer
zu erklären, da die Rohstoffe überall erst eingeführt werden mußten;
günstig wirkten wohl die niedrigen Arbeitslöhne, die wieder ihren
Grund hatten in der schon erwähnten Anspruchslosigkeit der Bewohner.
 Zu der Anlage einer Brennerei gehörte überdies nicht
viel Kapital, auch geringe Fachkenntnis, so daß manche Hand-1
 ter Gouw, V,S. 438; Bontemantel; S}505. Die Meinung
Pringsheims, S. 53: „die später bedeutende Kornbrennerei in Holland verdankt
 ihren Ursprung erst dem Verbot des französischen Branntweins in den Jahren
1672—1678“, ist irrig.
?) van Riemsdijk, S/10; Elzinga., S. 284 ff.
5) Bontemantel Ya. a OL.
5” van Riemsdijk, aaO; vgl. Elzinga, S. 297.
5) Heeringa, S. 201f.

‘sr
zz.
        <pb n="134" />
        werker sich darauf legten!). Günstig war auch die absolute
Freiheit der Produktion, die zuerst nicht zu hoch
besteuert war; erst in späterer Zeit machte sich die Belastung
fühlbarer. Die Besteuerung des Trunkes erfolgte beim Einkauf
durch den Verzapfer oder Kleinhändler; die Erzeugung und der
Handel waren frei, die Ausfuhrabgabe nur gering (1725: 1?! /,11. per
Oxhoft von etwa 21/, Hektoliter)?). Außerdem bestanden sehr gute
Exportmöglichkeiten; schon Ende des 17. Jahrhunderts war ein
großer Absatz in Deutschland?), England, den Ostseeländern,
Ost- und Westindien, später auch in Nordamerika.
Als die Brennerei in Schiedam Aufnahme fand, bestimmte
die Regierung, daß nur Roggen und Malzmehl verwandt werden
dürften. Gegen die Verwendung von Buchweizenmehl ergriff man
schon 1698 Maßregeln. Später wurden mißbräuchlich auch Rosinen,
 Pflaumen und andere Früchte verwandt; 1759 wurde einmal
 ein Oktroi nachgesucht für die Herstellung von Arak aus
Weichselkirschen?). Das für die Brennerei benutzte Malz kam
meist aus England; als während des letzten Krieges mit England
die Malzmacher Hollands ein Verbot der Malzeinfuhr von dort
verlangten, widersprachen die Brenner, die als Folge eines solchen
Schritts ein englisches Verbot der Einfuhr von Genever und Malzwein
 befürchteten und meinten, englisches Malz werde doch über
Ostende hereinkommen. Auch die Schiedamer Malzmacher forderten
1782 die Abschaffung des Eingangszolls auf fremde Gerste, dagegen
 die Erhöhung der Zölle auf auswärtiges Malz. Letzteres Gesuch
 wurde jedoch abgelehnt und ausdrücklich das Interesse der
Brenner als das wichtigere bezeichnet®).
Die Ausfuhr des Schiedamer Branntweins
nahm meist den. Weg über ‚Rotterdam ‚und
Amsterdam. Die direkte Ausfuhr von Schiedam war vor
!') Bijlsma, Rott. Welvaren, S. 107.
2?) Dobbelaar, a.ja. JO.
°) In Hamburg wurde in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts Branntwein
aus Amsterdam und Frankreich eingeführt, ohne daß ersichtlich ist, ob ersterer niederländischen
 Ursprungs war (Baasch , Seeschiffahrt und Warenhandel, S. 351 £)
‘van Riemsdijk, S. 58f. Nach Volkmann, 5. 486 wurde
der Schiedamer Branntwein meist aus Wachholderbeeren hergestellt; das traf wohl
nur für den Genever zu.
5) van Riemsdijk, S. 601.

126
        <pb n="135" />
        1795 nicht bedeutend. Rotterdam trieb schon im 17. Jahrhundert
einen lebhaften Handel mit Schiedamer Kornbranntwein. Zur
Erleichterung des Handelsverkehrs entwickelte sich seit 1718 in
Schiedam eine regelmäßige Malzwein-Börse.
Es kamen gleichlautende Kontrakte auf und eine regelmäßige Preisfestsetzung;
 die Kontrakte wurden in das Börsenbuch eingetragen
zur Kontrolle für ihre genaue Erfüllung; die Stadt trat für eine
solche Maßregel ein; auch ein regelmäßiges Maklerwesen für dieses
Geschäft bildete sich aus!). Die Zahl der Brenner vermehrte sich
stetig; 16095 waren es 30, 1710: 68, 1711: 85.
Lange Zeit hatte diese Industrie ihren Sitz überwiegend in
der Provinz Holland; sie hatte außer in Schiedam ihre Vertretung
auch in Rotterdam, wo in der Mitte des 17. Jahrhunderts etwa
50 Brennereien waren?), ferner in Amsterdam, Delft und Weesp?).
Im Jahre 1778 baten die Utrechter Brenner um freie Durchfuhr
für ihre Branntweine durch die Provinz Holland zum Versand ins
Ausland. Da kam bei den Holländern der provinzielle Eigennutz
zum Ausbruch; mit den Schiedamern an der Spitze bekämpften
die Brenner von Delft, Rotterdam, Weesp jenes Gesuch, das aber
von den Staaten von Holland, die mehr staatliches Gemeingefühl
hatten, genehmigt wurde‘).
Ein anderer Wettbewerb drohte von Dünkirchen; um
ihm entgegenzutreten, beschlossen 1777 die holländischen Brenner,
dort selbst eine Brennerei anzulegen, und zwar nicht nur in Dünkirchen,:
 sondern (auch in. Nieuwpoort. und Lüttich;
das scheint tatsächlich vor 1784 geschehen zu sein°). Die Brennerei
 in Brabant und Flandern bereitete auch weiterhin den
holländischen Brennern viel Sorge, zumal dort die Belastung
geringer war. Deshalb sahen sie sich 1792 zu einem Antrag veranlaßt,
 der sich gegen die beabsichtigte Erhöhung der Belastung.
der kleinen oder englischen Kohlen richtete.
) van Riemsdijk,4S. 105 ff., 122 £f.
?) Bijlsma, Rott. Welvaren, S. 107; ders., Oud-Rotterd. Gebrandewijnbranders,
 S. 46 ff.
3) Über die großen Brennereien in Weesp eingehend Eversmann,‚,S. 70 ff.;
auch Ferner, S. 370of. und! Volkmann, S. 347 erwähnen. sie.
‘van Riemsdijk,uS:264.
5) van Riemsdijk, S. 65, 192; Timmer, Generale brouwers,
S. 166.

127
        <pb n="136" />
        Beschränkungen der Produktion infolge der Teuerung des
Getreides waren schon frühzeitig in Aussicht genommen worden.
Zu diesem Zwecke stellte man 1771 Aufsichtsbeamte an, die die
Brennereien zu kontrollieren und festzustellen hatten, wie hoch
die Produktion war; damit verbunden war eine Beschränkung
der Brennerei auf gewisse Tage und Mengen von Getreide. Zeitweise
wurde auch die Verwendung von Getreide ganz untersagt. Für die
Schiedamer Brennerei, die eher an Überproduktion litt, war das
zeitweilige Stilliegen gar nicht schädlich; 1787 baten sogar viele
Brenner, es möchte in den Brennereien nicht mehr als zweimal
täglich geheizt werden!). Von den Nebenprodukten war das wichtigste
 die Hefe; die Brennhefe verdrängte allmählich die Brauhefe,
 tat ihr jedenfalls viel Abbruch?). Von großem Einfluß war die
Brennerei auch auf die Schweinezucht; sie entwickelte sich in Schiedam
 so stark, daß 1695 zeitweilig die Zahl der den Brennern erlaubten
 Schweine von 30 für jeden Brennkessel auf 20 herabgesetzt
werden mußte, um der Stadt die drohenden Zustände eines allgemeinen
 Schweinestalls zu ersparen. Das wertvolle Spülwasser,
dessen Entfernung viel Sorge machte, wurde später als Dung in
Wagen fortgeschafft®).
Für den Fiskus bildete die Branntweinbrennerei eine überaus
wertvolle Quelle. Absolut waren diese Belastungen ziemlich hoch;
sie trafen zuerst alle Rohstoffe (Roggen, Malz, Torf, Kohlen);
hinzukamen dann Trockenmaß, Armenabgaben, Krahngeld usw.
Die Akzise stieg wiederholt; und das ‚‚Gemal‘, die Abgabe vom
Mahlen, wurde 1636. um ein Drittel erhöht, 1671 nochmals verdoppelt.
 Vergeblich bemühte sich 1680 Schiedam, die Einführung
des Gemals für die Brenner zu verhindern. Die im Verhältnis zu
anderen Orten, wie Weesp, zu hohe städtische Belastung in Schiedam
führte 1738 zu einer Klage der Schiedamer Brenner. Da sich der
Impost nach den festgesetzten Stärkegraden des Branntweins richtete,
 bestand eine Kontrolle des ersteren‘). Im allgemeinen verbreitete
 sich offenbar der inländische Branntweingenuß; Ende des
17. Jahrhunderts fand er Eingang auf den Kriegsschiffen, wo bisher
u van Riemsdijk, SS: 671, 71.
2) Vgl. oben S. 121.
3) van Riemsdijk, 1S.\98f.
#)ı van Riemsdiijk,S. 15901, ı88 ff.

128
        <pb n="137" />
        — 1.7). —
das Bier vorherrschend gewesen war!). Ob der jährliche Verbrauch
von rund 450 000 Ankern Genever für die Gesundheit der Bevölkerung
 zuträglich gewesen ist, erscheint zweifelhaft®).
Die Zuckerindustrie konnte natürlich erst, aufkommen,
 nachdem der Kolonialzucker in solchen Mengen nach den
Niederlanden eingeführt war, daß sich darauf eine Industrie begründen
 ließ. Schon in der Mitte des 16. Jahrhunderts kam Zucker im
Amsterdamer Handel vor. Ende des Jahrhunderts, als die direkten
Fahrten nach den spanisch-portugiesischen Kolonien begannen,
entwickelte sich in Amsterdam auch ein Zuckermarkt; Brasil- und
Canarien-Zucker erschien hier nun, bald darauf auch St. Domingo-,
St. Thome-Zucker; er ist wohl zunächst noch weniger direkt nach
Amsterdam gekommen, als über Lissabon, Cadix, auch wohl Rouen
und London. Insbesondere R ouen war eine der ersten französischen
Städte, in denen die Zuckerraffinerie emporkam. Diese entwickelte
sich in Amsterdam schnell; aus den drei Raffinerien von 1605 waren
1661 schon 60 geworden. In der Mitte des Jahrhunderts lag ihre
höchste Blütezeit ; für die Schiffahrt war sie in hohem Grade wichtig;
ein großer Teil von Europa wurde von Amsterdam aus mit Zucker
versehen?). Auch in Rotterdam hatte sich seit Ende des 16. Jahrhunderts
 die Zuckersiederei angesiedelt; zuerst in Verbindung mit
der Gewürzkrämerei, machte sie sich bald selbständig*). In der
Mitte des 17. Jahrhunderts setzte die Konkurrenz des Auslandes
ein; sie bestand von jeher; in Hamburg gab es schon seit dem Ende
des 16. Jahrhunderts Raffinerien, die das Rohprodukt meist aus
Spanien und Portugal bezogen’). Hamburg wurde allmählich einer
der mächtigsten Konkurrenten Amsterdams auf diesem Gebiete,
nachdem es ihm von eingewanderten Niederländern erschlossen
worden war®). Insbesondere aber wirkte die C olber«tsche Hande
 Jonge, Geschiedenis v. h. ned. Zeewezen, III, 145.
2?) Metelerkamp, I, 42; auch de Bosch Kemper, S. 17ıf., bedauert
den schlechten Einfluß des Branntweingenusses. Koenen, Voorlezingen, S. 196,
spricht von der ‚traurigen Berühmtheit‘, die sich Schiedam durch seine Geneverbrennereien
 erworben habe.
3 Reesse,.I, S. 28{ff.
‘) Bijlsma, Rott. Welvaren, S. 109 f.
5) Baasch, Seeschiffahrt und Warenhandel, S. 398 {f.
s Amsinck; S.'2i10f%
Baasch, Holländische Wirtschaftsgeschichte.

rZC
Q
        <pb n="138" />
        delspolitik, die der französischen Zuckerindustrie hohen Schutz
gewährte, höchst nachteilig auf die Amsterdamer Fabrikation.
Zudem traten Brabant und Flandern als Mitbewerber auf; hier
belastete man 1669 den von auswärts kommenden Zucker und Syrup
schwer... Es nutzte auch nicht viel, daß seit 1668 Johan de
Witt gegen die französische Zuckerpolitik durch eine Belastung
der Einfuhr fremder Syrupe einen Schlag führte. Der Friede von
Nymwegen 1678 brachte zwar insoweit eine Erleichterung, als der
nun wieder in Kraft gesetzte französische Tarif von 1664 den Zucker
nur mit 15 anstatt mit 22!/, Livres per 100 Pfund belastete. Um so
mehr machte sich Hamburgs Konkurrenz bemerkbar. Ferner wuchs
auch die Einfuhr des in Westindien raffinierten Zuckers. Nun
wurde endlich den schon mehrfach ergangenen Anregungen zu
einem höheren Schutz oder einer geringeren inneren Belastung des
Zuckers Folge gegeben und am 4. März 1687 von den Generalstaaten
 eine Herabsetzung der Ausfuhrabgabe auf raffinierten Zucker
auf 26 beschlossen!). Aufwärts entwickelte sich der
Amsterdamer Zuckerhandel: aber erst nach
dem Frieden von Utrecht) Die Zahl der Ratffinerien,
die Ende des 17. Jahrhunderts auf 20 gesunken war, betrug 1762:
05. Erst nach 1748 machten sich erneut die Wirkungen verstärkter
Konkurrenz bemerkbar. Sogleich begannen auch die Amsterdamer
Raffinerien wieder nach Unterstützung auszuschauen; sie klagten
namentlich, daß einige Provinzen den Einfuhrzoll auf fremden
Syrup nicht erhöben und ihn frei hereinließen, wodurch in Amsterdam
 die Fabrikation benachteiligt werde. Nun erging ein Beschluß
der Staaten von Holland vom 11. April 1750, nach dem die Zuckerraffinadeure
 den Impost auf Kohlen nur in derselben Höhe zu
entrichten hätten, wie die Brauer, Brenner und Färber; auch wurde
die genaue Beobachtung der Vorschriften über die Einfuhr von Syrup
 und raffiniertem Zucker von den Generalstaaten eingeschärft.
Von jetzt ab erfolgte eine methodische Unterstützung der Raffinerien;
 insbesondere durch Herabsetzung der Einfuhrabgaben auf
rohe und der Ausfuhrabgaben auf raffinierte Zucker, ferner durch
Erhöhung der Einfuhrzölle auf raffinierte und der Ausfuhrzölle auf
rohe Zucker. In letzterem Punkte stritten allerdings die Interessen
der Raffinadeure mit denen vieler Kaufleute. Doch entschied sich
HR eesse „ 1, S. 43 £ auch für das Folgende,

130
        <pb n="139" />
        die Obrigkeit für den Schutz der Raffinerien, bei denen es sich um
eine für die Allgemeinheit als hochbedeutsam erachtete Industrie
handelte und bei denen überdies noch mit Rücksicht auf den Zuckerbau
 Javas und Surinams ein koloniales Interesse in Frage stand.
Den Anträgen der Admiralitätskollegien, die über die Verminderung
 ihrer Einnahmen als Folge jener Maßregeln klagten, gab
man kein Gehör. Noch weiter ging man, indem am 16. Oktober
1751 alle Ausfuhrabgaben auf im Lande raffinierte Zucker und Syrupe
von den Generalstaaten aufgehoben wurden; nur mit Rücksicht
auf die Kassen der Admiralität gab man die Einfuhr von Rohzucker
noch nicht ganz frei. Zwischen den Raffinadeuren und Kaufleuten
herrschte jedoch über diesen Gegenstand keine Einigkeit; während
Raffinadeure und Kaufleute mit der Berufung auf die hamburgische
 Konkurrenz und die Notwendigkeit, durch die völlige
Beseitigung der Einfuhrbelastung Amsterdam zu einem großen
Markte für Rohzucker zu machen, operierten, gingen die Ansichten
 über die Abschaffung aller Ausfuhrabgaben auseinander;
die Kaufleute waren dafür, die Raffinadeure dagegen. Handel und
Industrie standen sich hier feindlich gegenüber. Zunächst konnte
freilich von einer weiteren Herabsetzung der Abgabe nicht die
Rede sein, da fiskalische Gründe dagegen sprachen und die Admiralitäten
 zum Ausbau der Flotte Geld dringend bedurften. Eine neue
Konkurrenz entstand damals durch die Errichtung einer Zuckerraffinerie
 aufder holländischen Insel:St.Eustatius;
man gestattete schließlich 1756 diese Fabrikation, aber nur für
den Zucker dortigen Ursprungs. Günstig war für die Amsterdamer
Raffinerie der Siebenjährige Krieg, da die Zuckerzufuhr Frankreichs
stark gehindert war und nun Amsterdamer und hamburgische
Schiffe unter neutraler Flagge nach den französisch-westindischen
Inseln, die von den Engländern besetzt waren, fuhren. Mit dem
Frieden trat die protektionistische Tendenz wieder überall verschärft
 hervor, während sich gleichzeitig die Zahl der Raffinerien
im Auslande, vorzüglich an der Ostsee, vermehrte.
An die 1751 vorläufig für 2 Jahre bewilligte freie Ausfuhr des
im Inlande raffinierten Zuckers knüpften sich schnell Mißbräuche,
indem die Raffinadeure Erklärungen in Blanco abgaben, auf die
dann im Ausland raffinierter Zucker frei ausgeführt wurde. Das
hatte den Ruin mehrerer Raffinerien in Rotterdam, Middelburg,

131
a*
        <pb n="140" />
        — 132 —
Gouda usw. zur Folge. Nach Ansicht der Kaufleute verhielt sich
freilich die Sache anders; danach wurde durch die Verminderung
der Ausfuhrabgaben der Rohzucker herbeigelockt, und die inländische
 Industrie gewann dadurch die erste Auswahl; die Ausfuhrabgabe
 verursachte auf die Dauer eine Preissteigerung der Rohzucker,
was für die Raffinadeure nur schädlich war; gerade die hohen
Ausfuhrabgaben auf Rohzucker müßten schließlich den Untergang
der Zuckerindustrie und des Zuckerhandels herbeiführen. Der
darauf von den Generalstaaten am 2. September 1771 festgesetzte
Tarif erfüllte nur zum Teil die Wünsche der Raffinadeure. Der
Ausfuhrzoll auf Rohzucker blieb bestehen; ebenso aber die Aufhebung
 des Ausfuhrzolls auf im Inland raffinierte Zucker. Ein
weiteres Zugeständnis an die Raffinadeure bestand darin, daß
ihnen 1776 von den Staaten von Holland für zwei Jahre eine Prämie
von 4 fl. auf 1000 Pfund einkommenden Rohzuckers bewilligt
wurde. Schon 1781 wurde das wieder abgeschafft. Gegenüber
dieser Begünstigung der holländischen Raffinadeure fehlte es nicht
an Klagen der Raffinadeure anderer Provinzen; namentlich die
Utrechter wiesen nicht mit Unrecht darauf hin, daß jene Prämie
im Widerspruch mit dem solche Begünstigungen ausschließenden
Art. 18 der Union stehe. In einen recht bedenklichen Zustand gerieten
 die Amsterdamer Raffinadeure, als im Amerikanischen Krieg
der Zucker der von den Engländern besetzten französisch-westindischen
 Kolonien in solchen Mengen nach England geschafft
wurde, daß die englischen Fabrikanten ihre Ware zu sehr niedrigen
Preisen über Europa verbreiteten, die die holländische Konkurrenz
völlig ausschalteten; die Ausfuhr nach Osten, ja der ganze Handel
dorthin litt in hohem Grade, da er abhängig war von der gleichzeitigen
 Versendung des Zuckers. In dieser Notlage bewilligten
die Staaten von Holland eine Prämie von ı5 fl. auf 1000 Pfund
eingeführten Rohzuckers. Schon ein Jahr darauf aber überschritt
der Betrag der Prämie die Höhe von 1ı!/, Mill. fl., wobei 125957 fl.
auf Dordrecht, ı 232 069 fl. auf Amsterdam, 221 624 fl. auf Rotterdam
 fielen. Von den 108 Amsterdamer Raffinerien erhielt also
durchschnittlich jede 11 400 fl. Andererseits hatte aber die Prämie
den Zuckerpreis nicht gesenkt, also nicht bewirkt, daß man im
Auslande niedrigere Angebote machte und damit den Absatz vermehrte;
 wenn der Absatz in Europa zunahm, so war das den
        <pb n="141" />
        — I —
französischen Maßregeln gegen den Einfluß Englands in den westindischen
 Kolonien zuzuschreiben. Deshalb hob man die Prämien
nach einem Jahre wieder auf. In den nächsten Jahren stiegen
die Rohzuckerpreise sehr hoch; 1795 waren sie mehr als doppelt
so hoch wie 1776. Man verschrieb Rohzucker aus Batavia, das
aber noch nicht sehr leistungsfähig war‘!).
Die innere Entwicklung der holländischen Zuckerfabrikation bietet
 wirtschaftsgeschichtlich mancherlei Wertvolles. Wie auf zahlreiche
andere Industrien drückte auch auf sie eine Menge kleiner, scheinbar
 unerheblicher, im Ganzen doch recht fühlbarer Abgaben städtischer
 oder kommerzieller Art; so das Lastgeld und Veilgeld, die
auf der Schiffahrt ruhten, ferner das noch aus der gräflichen Zeit
herrührende Waaggeld, der Maklerlohn. Zu einer Zuckerakzise im
Sinne einer Belastung des binnenländischen Verbrauchs kam es
im 17. und 18. Jahrhundert nicht; die Akziseprojekte aus den
Jahren 1627—1641 scheiterten an dem Widerstand Amsterdams,
ebenso ein 1640 gemachter Vorschlag, einen Impost von 5% auf die
Einfuhr von Rohzucker zu legen?). Nur der Syrup wurde für kurze
Zeit einer Belastung unterworfen, nämlich 1671—1679, sehr zum
Mißfallen des kleinen Mannes, für den der Syrup ein Nahrungsmittel
war. Die Erhebung der Abgabe stieß dann auch auf viele Schwierigkeiten;
 Friesland wollte in sie nur einwilligen, wenn man gleichzeitig
die fremde Butter mit 25 Pfund flämisch per Faß und den Käse
und andere Fettwaren nach Verhältnis belastete®). Erst als man
dies 1671 zugestand und zwar mit einem Wertzoll von 25% auf
Butter und Käse, gelang es, den Syrupzoll durchzuführen. Doch
stellte Groningen (Stadt und Land) 1673 plötzlich die Erhebung
dieses Zolles ein, solange Butter, Käse und Speck in Holland und
Seeland zollfrei eingingen. Nach langem Streit hoben. die Generalstaaten
 1679 den Syrupzoll auf*%).
Amsterdam selbst verlieh den einheimischen Raffinerien
keine Privilegien. Anders Dordrecht, wo vor 1686 keine Raffinerien
') So schrieb Büsch, Über die hamb. Zuckerfabriken, 1790, S. 350:
„Holland hat des Zuckers nicht genug von seinen Kolonien, auch noch nicht Dänemark
 von seinen 3 Zuckerinseln.“
23 Reesse,/S. zı MM.
3 Reesse, S. 77 ff. Das für die Berechnung mancher Waren noch lange
Zeit gebräuchliche Pfund flämisch entsprach 6 Gulden.
4) Reesse, S. 85.

33
        <pb n="142" />
        bestanden zu haben scheinen und wo damals den Refugies Begünstigungen
 für die Zuckerfabrikation bewilligt wurden. Auch Middelburg
 war schon 1627 einem aus Rouen eingewanderten Zuckersieder
entgegengekommen, wie auch später anderen. In Middelburg
bestanden 1752 noch 2 große Raffinerien, die 1770 eingingen‘).
Daß das wirtschaftliche Interesse an den Kolonien vielfach
gleichbedeutend .war mit dem an der einheimischen Zuckerindustrie,
war ja begreiflich. Die seit 1637 in Java angelegten Zuckerplantagen
versorgten in der Mitte des Jahrhunderts den holländischen Markt
mit einem Teil des erforderlichen Rohstoffs; sie hörten stets damit
auf, wenn die Zufuhren aus den westindischen Besitzungen zunahmen.
 Erst Anfang des 18. Jahrhunderts steigerte sich die ostindische
 Produktion; doch litt sie unter der mangelhaften Qualität,
was wohl der Beamtenkorruption zuzuschreiben war. Auch paßte
sich diese Produktion sehr schwer den Preisschwankungen und der
Nachfrage auf dem Amsterdamer Markte an, zumal auch die westindischen
 Zufuhren diesen stark beeinflußten. Da der Kaffee sich
allmählich als vorteilhaftes Ausfuhrprodukt erwies, gingen die
Zuckerkulturen zurück; doch wurde immer noch viel Java-Zucker
nach Holland gesandt; auch die asiatischen Konsumenten versorgten
sich vielfach aus Java. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
nahm der Zucker in den Ausfuhren der Ostindischen Kompanie
wieder eine hervorragende Stelle ein, da die Preise stiegen; es fehlte
nur oft an Schiffsraum, und die Produktion reichte nicht aus®).
Von den sonstigen holländischen Besitzungen waren im
17. Jahrhundert außer Brasilien, dessen Zuckerindustrie nach der
Vertreibung der Holländer nach Westindien übersiedelte, namentlich
 St. Thome an der Guineaküste und St. Eustatius, Surinam,
Essequebo, Demerara, Berbice die Zuckerlieferanten des Mutterlandes.
 Trotz der sehr unerfreulichen sozialen Verhältnisse, der
Negeraufstände u. a. m. war Surinam durch seine Zuckerproduktion
die am meisten Gewinn liefernde amerikanische Kolonie der Niederlande.
 Amsterdam war seit langem Miteigentümer derselben und
hatte großes Interesse an ihrem Gedeihen, schoß ihr deshalb auch viel
Geld vor. Durch dieses Vorschußverhältnis erreichte man, daß nicht
nur die holländischen Besitzungen, sondern auch die dänisch-westindi-1)
 Reesse, S. 144 ff.
2) Ebenda, S. 172 ff.

134
        <pb n="143" />
        schen Inseln ihre Erzeugnisse nach Amsterdam schickten!). Auch
Essequebo, wo der Einfluß Seelands überwog, lieferte seit 1661 viel
Zucker in das Mutterland. Ebenso entwickelte sich in Berbice im
18. Jahrhundert eine Zuckerproduktion, an der Amsterdam finanziell
stark interessiert war und die nicht ungünstig arbeitete. Doch litten
alle diese Kolonien an Sklavenmangel und schlechter Verwaltung.
Hinter den französischen Kolonien stand ihre Produktion weit zurück.
 Während 1788 die gesamten französischen Kolonien 188 350000
Pfund Zucker erzeugten, die englischen im Durchschnitt der Jahre
1781—1785: 158 Millionen Pfund, betrug die Produktion der holländischen
 Kolonien nur 18 Millionen Pfund?).
Großem Wandel waren die Salzsiedereien unterworfen.
 Salz war von altersher ein wichtiger Einfuhrartikel aus
Spanien, Portugal, Frankreich, und ging von den Niederlanden
weiter rheinaufwärts oder nach der Ostsee. Für das aus jenen
Ländern eingeführte Salz suchte man schon frühzeitig einen Ersatz
 dadurch, daß man das Seesalz durch Raffinierung aus dem
Seewasser gewann; so bestanden in Rotterdam mehrere Salzsiedereien,
 ebenso in Edam und Dordrecht?). Später gab man diese
Salzbereitung auf, da für das Einsalzen der Heringe sich das spanische
 und französische Salz besser eignete; man führte nun rohes
Stein- und Seesalz heran, löste es in Seewasser oder in süßem Wasser
auf und verdampfte die so gewonnene Lake in offenen Pfannen.
Auch dieses Salz ging vielfach nach auswärts, und eifrig bekämpfte
man Maßregeln, die diesen Export beeinträchtigen konnten, so ein
1649 vom Kurfürsten von Mainz errichtetes Salzmonopol*). Später
nahmen diese Salzsiedereien ab. Mit dem schwindenden Salzhandel
verloren sie ohnehin an Bedeutung®). Für die Fischindustrie wurde
1) Vgl. hierüber unten im 8 8.
7 Reesse, S.'212ff., 225,
°) Memoires s. le commerce des Hollandois, S. 36; Ferner, S. 455; Le
Moinedel’Espine, {IS 46; Bijlsma„, Rott. Welvaren, S. 109; Koch,
S. 10; van Rijswijck, Dordtsche Stapelrecht, S. 110.
4) Diferee, Geschiedenis, S. 168. Mit dem von Holland kommenden
Salz war man nicht immer zufrieden; vgl. die Beschwerde der Königsberger über
ganze Schiffsladungen Salz, der von faulen Seefischen rieche, z797 (Rachel,
Handels- und Zollpolitik usw., S. 437).
°) Die Wichtigkeit des holländischen Salzes für den Kölner Handel wird noch
in einer Denkschrift von 1798 betont (Schwann, I, 67).

a*
        <pb n="144" />
        noch immer meist portugiesisches und spanisches Salz verwandt,
das nicht in die Raffinerien gelangte, sondern roh an die Abnehmer
versandt wurde; mit dem raffinierten Salz wurde hingegen Handel
getrieben. Die Einfuhr von Rohsalz, meist aus Deutschland, war
sehr bedeutend.
In der Mitte des 17. Jahrhunderts entwickelte sich in den
Niederlanden die Tabakindustrie. Der hierher gebrachte
Rohtabak, der zunächst namentlich aus Brasilien!), später auch
aus Westindien und Nordamerika (Kentucky, Virginia) kam, bedurfte
 einer Vorbereitung, ehe er zum Rauchen, Schnupfen und
Kauen geeignet war. In der Mitte des Jahrhunderts entstand ein
lebhafter Handel mit nordamerikanischem Tabak in den Niederlanden;
 man holte ihn direkt aus Maryland und Virginia; der. Stapel
des Virginia-Tabaks verpflanzte sich von England nach Middelburg,
 Vlissingen und Rotterdam?). Als dann aber die Holländer
von den Engländern aus ihrer Niederlassung Neu-Niederland verdrängt
 wurden, fiel auch dieser Handel wieder in englische Hände;
doch verblieb in den Niederlanden immer eine beträchtliche Fabrikation.
 Außerdem produzierten sie selbst Tabak?); zum Rauchen
taugte er zwar wenig, jedenfalls nicht für höhere Ansprüche; doch
war die Ausfuhr nicht unbedeutend‘). Infolge des ausgebreiteten
Handels mit Tabak und des eigenen starken Verbrauchs®) blühte
diese Industrie... Das ganze Rheingebiet, soweit es nicht den Pfälzer
Tabak verwandte, bezog seine Rohware, sowohl die holländische
wie auch die überseeische, von Amsterdam®). Die Kölner Schnupf-1)
 Nach Volkmann, 5S.57, hatte damals (1783) der Handel mit brasilianischem
 Tabak völlig aufgehört; noch 1753 wurden in Rotterdam 395 350 Pfund
gesponnener brasil. Tabak eingeführt (Dobbe laar, Een Statistiek, S. 227):
2) Elias, Het voorspel II, 214.
3) Vgl. oben S: 37.
4) Nemnich;,5S. 125. Nach Luzac, II, 327 f., wurde jetzt der in Gelderland
 und Utrecht gezogene Tabak ungesponnen versandt und im Ausland gesponnen.
 Nach dem Tarif von 1725 war in Holland gesponnener Tabak frei vom
Ausgangszoll. Aus Amsterdam wurden von inländischem Tabak 1753 ausgeführt
 für 529 858 fl.; 1792: 1153132 fl., also mehr als verdoppelt (van Nierop,
Uit de bakermat). _Amersfoorter Tabak bezog um 1670 die Gottorper Tabakmonopolverwaltung
 (Kohlmann, 5. 233).
5) Noch 1617 verbot aber die Admiralität der Maas den Tabakgenuß auf den
Admiralitätsschiffen (Rott. Jaarb. 1925, S. 173).
6) Boerner, Kölner Tabakhandel, S. 55.

136
        <pb n="145" />
        tabakfabrikation wurde nach holländischem Muster eingerichtet).
Auch die Hamburger Fabrikanten bezogen ihren Rohtabak meist
aus Holland; erst Mitte des 18. Jahrhunderts wurde Varinastabak,
den bisher stets Amsterdam geliefert hatte, direkt aus den spanischen
Kolonien nach Hamburg eingeführt?). Bremer Häuser errichteten
nun Niederlassungen in Amsterdam, um den Kanaster und andere
beliebte dortige Sorten von hier zu beziehen?). Nach dem siebenjährigen
 Krieg nahm die holländische Tabakindustrie ab. Sowohl
für den Handel wie die Industrie wurden nun auf dem Kontinent
Hamburg und Bremen die Hauptmittelpunkte*).
Wichtig war die Papierindustrie. Ende des 16. Jahrhunderts
 gab es Papiermühlen bei Dordrecht®), und Anfang des
17. Jahrhunderts wurde in der Veluwe Papier hergestellt. Höheren
Aufschwung gewann diese Industrie, nachdem 1672 viele Papiermacher
 aus Gelderland nach Nordholland, namentlich Zaandijk,
geflüchtet waren, wo mehrere Papiermühlen für Grau- und Weißpapier
 errichtet wurden‘). Auch in Leiden, Gouda, Groningen entstanden
 Fabriken. Mitte des 18. Jahrhunderts beschäftigten die
Papierfabriken an der Zaan etwa 130 Arbeiter, meist Frauen. Die
Ausfuhr des holländischen Papiers war zeitweilig recht lebhaft”).
In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts nahm diese Industrie stark
ab infolge des französischen und belgischen Wettbewerbes, der durch
die von diesen Ländern erlassenen Ausfuhrverbote auf Lumpen
noch verschärft wurde®). Auch auf diesem Gebiete schadete das
1) Ebenda, S. 25 ff.
2?) Bericht des holl. Residenten Buys in Hamburg 18. Januar 1754 (Reichsarchiv
 Haag).
3 W. von Bippen, Geschichte der Stadt Bremen, III, 259.
4) Everwijn, II, 787; vgl. auch Econ. Histor.. Jaarboek VII, (1921),
S. 204 f.
5 Japikse, Resolutien, VII, 474:
$) Honig, I, 242:/Volkmann, S. 354: jährlich: über 80 000. Ries
von den Papiermühlen an der Zaan hergestellt, das blaue und graue Papier nicht
gerechnet; Everwijn;,: II; 396 If.
7) Ferner, S. 458; nach Brugmans, Statistiek, S. 168, betrug
1667/68 die Einfuhr von Papier in Amsterdam 181 808, die Ausfuhr 41 179 Riemen.
Nach Luzac III, 375 versorgte das holländische Papier lange Zeit Frankreich,
Spanien, Portugal fast ausschließlich; Genua verlor diesen Handel.
8) Heinse, Reise nach Holland, S. 297: die nordholl. Papierfabriken
stellten nur Schreibpapier her; das Druckpapier beziehe man aus Rouen.

:4
        <pb n="146" />
        -- 138 —
Beharren bei der einmal angenommenen Fabrikationsmethode
 der niederländischen Industrie und versetzte sie ins Hintertreffen?).

Noch einige mehr oder weniger umfangreiche, alle aber zeitweilig
 wirtschaftlich wertvolle Industrien mögen angeführt werden.
Eine spezifisch holländische Industrie war die
der Fayencen , ihr Sitz namentlich Delft. Ende des 17. Jahrhunderts
 aufkommend, hat sie im 18. eine hohe Blüte erlebt und
selbst die französische Industrie dieser Art in ihren Leistungen
übertroffen; sie arbeitete stark für den Export?). Auch im Haag
suchte man die ihr verwandte Porzellanindustrie ansässig zu
machen; die dort von 1776—1790 bestehende Porzellanfabrik hat
schöne Ergebnisse geliefert?). Die Ostindische Kompanie hatte
schon im 17. Jahrhundert sich eifrig um die Einfuhr chinesischer
Porzellane bemüht; im 18. ging Porzellan als Ballast mit den Teeladungen
 der Kompanie nach Europa%). Die Delfter Industrie
ging Ende des Jahrhunderts zurück, namentlich infolge des Wettbewerbs
 des englischen Steinguts, das deshalb mit hohem Zoll belegt
 wurde. Im Jahre 1809 gab es in Delft nur noch 6 Fabriken
alter Art, jede mit 24—30 Arbeitern®). Gefärbte Kacheln und z. T.
auch Fayencen stellte man auch in Rotterdam her; dazu verwandte
 man Doorniksche und Delftsche Erde und Ton®).
Von Bedeutung war einst die Pfeifenfabrikation.
Als im Beginn des 17. Jahrhunderts das Tabakrauchen in den
Niederlanden um sich griff, führte das zuerst zum Gebrauch von
Steinpfeifen; dann wurden Tonpfeifen aus England eingeführt.
Englische Tabakpfeifenmacher ließen sich 1620—1630 in RotteräNemnich,
 S.ı12.
2) Memoires s. 1. commerce des Holl., S. 35; Le Moisne del’Espine,
S. 45; Volkmann, 5S. 184f.; Beckmann, 5S. 356 f.
3ı van Gelder, De Haagsche Porcelleinfabriek; ferner derselbe, Twee
negotiaties; van Riemsdijk, Loodrechtsche porceleinfabriek.
4 van Gelder, Gegevens; J.de Hullu, Porceleinhandel usw.
5) Nemnich, S. 240. ff.
6) Auch die Esterichsteine ‚„Asterich‘‘, „„,Astrachen‘‘, die im 17. Jahrhundert
in großen Mengen von Holland, insbesondere von Hoorn, nach Hamburg, Schleswig-Holstein
 usw. verführt wurden, und die als Wand- und Fußbodenbelag dienten,
waren wohl Kacheln gewöhnlichster Art (Baasch, Hamb. Seeschiffahrt, S. 375;
Rehder, S. 2712, 276).
        <pb n="147" />
        dam nieder, die englischen oder Kölner Ton!) verarbeiteten. Im
Jahre 1627 verliehen die Generalstaaten dem Franchoys
Jorisz für acht Jahre einen Octroi für den Alleinverkauf von
Tonpfeifen?). Dann nahm aber die Stadt Gouda diese Fabrikation
 in großem Maßstabe auf; halb Europa wurde mit dem dortigen
Erzeugnis versorgt. Im Jahre 1751 besaß Gouda 374 Pfeifenmacher®).
Auch diese Industrie ging Ende des 18. Jahrhunderts zurück infolge
der großen Konkurrenz des Auslandes, namentlich Preußens und
Englands*).
Auch die Steinindustrie bedarf der Erwähnung. Bei
dem völligen Mangel an Natursteinen und bei der Bodenbeschaffenheit
 großer Teile des Landes, die eine Pflasterung auch der Landwege
 unentbehrlich machte, mußte man sich durch eine ausgedehnte
Kunststeinindustrie helfen. Die holländischen Backsteine, die nicht
nur zu Häuserbauten, sondern auch zum Pflastern der Wege und
Fluren dienten, schufen ein wichtiges Gewerbe... Die Herstellung
einer richtigen Mischung von Flußkleierde mit Sand bildete den
Hauptprozeß bei dieser Industrie. Nach dem 17. Jahrhundert entnommenen
 Mitteilungen ist bekannt, daß um 1661 in Rhijnland
mindestens 39 Steinbäckereien bestanden, ja daß man sich hier
schon seit 1633 zu einem Produktionskartell zusammenschloß, das
jahrelang bestanden hat und die Produktion genau regelte®). Mit
drei Öfen produzierte man damals etwa I 900 000 Steine im Jahre;
auf jeden Ofen kamen rund 620 000 Steine®).
Schließlich möge noch die Seifenindustrie genannt
werden. Mit ihr in enger Beziehung stand die Ölfabrikation
und der Ölhandel. In Amsterdam war die Ölfabrikation,
ı) Über die Kölner Tonpfeifenindustrie, die sich gegenüber der holländischen
 gut zu behaupten wußte, vgl. Boerner, Köln. Tabakhandel, S. 68 ff.
?) Bijlsma, Engelsche tabakspijpmakers, S. 44 f.
3) Uffenbach, JM, 296; Beckmann, 5. 3631.; Volkmann,
S. 561; Niebuhr , Circularbriefe, S. 174.
4) 1752 verbot Dänemark die Einfuhr holländischer Tabakpfeifen. (La
Fargue, Onderzoek, S. 85); Nemnich, S. 247ff. Das preußische Verbot
erwähnt Schmidt, Beitr. z. Gesch. d. Stettiner Handels, II, 238.
5) van der Kloot Meyburg, Een productiekartel. Über diese
Industrie auch Niebuhr, S. 172.
es) Van der Kloot Meyburg, Eenige gegevens over de holl. Steenindustrie,
 S. 90; für die Herstellung der Ziegelsteine ‚„„‚Moppen‘“ wurden Sachverständige
 aus Holland verschrieben 1624 (Rehder, S. 174, 177).

139
        <pb n="148" />
        m TON
die zur Herstellung von Seife diente, sehr alt. Die Güte der Amsterdamer
 Seife wurde durch obrigkeitliche Vorschriften geregelt!). War
auch die Öl- wie Seifenfabrikation frei, so schützte sich Amsterdam
doch gegen die Einfuhr schlechten Öls, das die Seifenfabrikation schädigen
 konnte, 1618 durch ein strenges Verbot ; auch die Vermischung
von Öl mit Tran untersagte man 1621, ein Zeugnis von dem durch
den Walfischfang aufkommenden Trangebrauch. In Haarlem gab
es im 17. Jahrhundert vier Seifensiedereien?). Bedeutend war ferner
der Handel mit Soda, dem Grundstoff der Seife?).
In Amsterdam war die Seifensiederei nicht selten mit großer sonstiger Kaufhandlung
 verbunden; Spiegel (| 1667) und Pancras (7 1649) waren Seifensieder
 und Bewindhebbers der Ostindischen Kompanie; Jan Marselis (1707
bis 1745) war Seifensieder; Jan Duijn (1525—1589) war Seifensieder und
Ölhändler*). Alle diese Männer waren Mitglieder der Vroedschap, ein Beweis für die
hohe Bedeutung jener Industrie. Auch im 19. Jahrhundert war diese nicht unbedeutend,
 noch 1829 bestanden in Zaandam 120 Ölmühlen®).
Wiederholt ist im Vorstehenden der fremden Einwanderungen
 und ihres Einflusses auf gewisse
Gewerbe gedacht. Diese Einwanderungen bedürfen einer zusammenhängenden
 kurzen Erörterung, da sie wirtschaftsgeschichtlich
 eine besondere Stellung einnehmen und vorübergehend dem
niederländischen Wirtschaftsleben einen eigenartigen Charakter verliehen
 haben. Von diesen Einwanderungen sind, soweit sie massenhaft
 erfolgten, zwei zu unterscheiden: die erste, die seit Ende der
1570er Jahre aus den südlichen Provinzen sich über die nördlichen
Niederlande ergoß; die zweite, die etwa 100 Jahre später aus Frankreich
 als Wirkung der Aufhebung des Edikts von Nantes erfolgte. Dazwischen
 liegen noch eine Reihe mehr vereinzelter Zuwanderungen.
Nter Gouw;, V,4381, van Ravesteyn, S.501., 160 f.; Nemnich,
 S. 324 ff. Über die Seifenausfuhr ins feindliche Ausland 1588 ff., die ziemlich
 bedeutend war, Japikse, Resolutien VII, 280; der Licent wurde deshalb
1590 auf Wunsch Amsterdams herabgesetzt. Über die Bemühungen der Holfänder,
die freie Einfuhr der ‚„‚schwarzen Seife‘‘ nach Frankreich zu erreichen (1663), vgl.
Elzinga, S: 1821
2 Allan, IV, 60or.
3 Brugmans, Statistiek, S. 173; die Einfuhr betrug 1667/1668: 566885,
die Ausfuhr 464 910 Pfund.
*) Elias; WVroedschap, S. 53; 88, 101,399; 403, 455, 492.
5) Colenbrander, Gedenkstukken, IX, 915.
        <pb n="149" />
        — 1A! 2 —-Die
 im 16. Jahrhundert als Folge des Schreckensregiments
und später der Eroberung von Antwerpen stattfindende Einwanderung
 umfaßte im wesentlichen Personen der mittleren und höheren
Stände und ging wohl hauptsächlich aus den gewerblichen und
kaufmännischen Kreisen hervor. Insbesondere hatten die westlichen
 Teile der nördlichen Provinzen, Seeland und Holland, davon
Nutzen, schon deshalb, weil sie ihrer Lage nach größere Sicherheit
zu bieten schienen. Hier blieb kaum eine Stadt von diesen Einwanderungen
 unberührt. Überall brachten sie mit ihren Beziehungen,
ihren handwerklichen und industriellen Kenntnissen und Erfahrungen
ein Stück des alten, hochentwickelten brabantischen und flamischen
Wirtschaftslebens mit sich. Sowohl über den Umfang wie über
den Einfluß dieser Einwanderung hat man gestritten. Den Umfang
 hat man zeitweise stark übertrieben, ihn auf 300 000 Menschen
geschätzt, von anderer Seite auf 125 000!). Bedenkt man, daß
die Bevölkerung der nördlichen Niederlande noch 1623 nur etwa
1% Millionen Menschen betrug, daß das besonders von der Einwanderung
 berührte Leiden um 1620 kaum 45000 Einwohner zählte,
so sind jene Angaben wohl zu hoch. Auch daß 1581, wie behauptet
wurde?), 26% der gesamten nordniederländischen Bevölkerung aus
südniederländischen Einwanderern bestanden haben soll, ist natürlich
 nicht aufrechtzuerhalten. Wenn wir uns nun auch bescheiden
müssen in der Feststellung einer bestimmten Zahl, sicher ist jedenfalls,
 daß der Einfluß jener Zuwanderung nicht
gering gewesen ist; von der Zahl der Einwanderer braucht
er gar nicht einmal in starkem Maße abhängig gewesen zu sein.
Aber auch hinsichtlich der absoluten Stärke des Einflusses ist wohl
manches übertrieben worden.
In den kolonialen Unternehmungen gingen
 trotz jener Einwanderungen. doch die
Nordniederländer voran; mit Recht hat man darauf
hingewiesen, daß an den ersten, der großen Ostindischen Kompanie
vorausgehenden Kompanie-Gründungen nahezu gar keine Südniederländer
 beteiligt waren; und später haben gerade die Unter -
nehmungen von Usselinx und Moucheron, die
3. van Schelven, S. 12, 16; vgl. oben S. 25.
?) Ebenda, S. 13, Anm. 4; van Schelven ‚nimmt S. 16 etwa 60 000
Einwanderer an, was wohl der Wahrheit ziemlich nahe kommen wird.

al
        <pb n="150" />
        a TA2
beide Südniederländer waren, keine vorbildliche Entwicklung
 genommen!). Die Betätigung der Südniederländer
ging ja überhaupt von jeher weniger auf Schiffahrtsunternehmungen ;
ganz zu schweigen, daß Antwerpens Blüte im 16. Jahrhundert
in erster Linie Nichtniederländern — Deutschen, Italienern, Portugiesen,
 Juden — zu verdanken war?). Für den eigentlichen Handelsbetrieb
 dürfte schon eher anzunehmen sein, daß vielfach der
Nordholländer durch den Südniederländer auf neue Bahnen gelenkt
worden ist; im einzelnen wird sich. das schwer nachweisen lassen.
Was die südlichen Niederlande wirtschaftlich unzweifelhaft
 auszeichnete und was deshalb die von dort flüchtenden Einwohner
 ihren nördlichen Nachbarn, die ja nur zum Teil ihre Stammesgenossen
 waren, als tatsächlich wertvolle Mitgift zubringen konnten,
das war ihre gewerbliche Arbeit. So haben diese Zuwanderer
sowohl ganz neue, in den nördlichen Niederlanden bisher unbekannte,
 nichtheimische Industrien hier eingeführt als auch die
alten Industrien und Gewerbe befruchtet durch bessere Arbeitsmethoden,
 Werkzeuge usw. Das brachte z. T. eine völlige Umwälzung
 in die Betriebe und hat die alten Einrichtungen fast überall
 mehr oder weniger bald beseitigt, mindestens aber stark modernisiert.
 Für einige Industrien, die bisher und schon lange
in den nördlichen Niederlanden bestanden hatten, die aber aus
mancherlei Gründen nicht mehr recht gediehen — es sei nur auf
die Leidener Tuchindustrie hingewiesen —, wurde dadurch der
Grund zu neuer Blüte gelegt. Ein großer Teil dieser Flüchtlinge
nahm seinen Weg ja auch ins weitere Ausland, nach England,
namentlich aber nach Deutschland, wo dann ähnliche Wirkungen
auf Gewerbe, Industrie und Handel sich zeigten.
Die nördlichen Niederlande nahmen die
Flüchtlinze mit offenen Armen auf). Das war
"0 wa Schelven, S.26ff.i); Busken-Huet, Rembrandts Heimat,
II, 199, vergleicht Usselinx, Lemaire, Moucheron mit den „großen Eisenbahnkönigen
 und Börsenhelden unserer Zeit. Auch sie spekulierten mit eigenen
und fremden Kapitalien in waghalsiger Weise. Moucheron machte Bankerott,
Usselinx wurde Bettler, Lemaire büßte mehr als 12% Millionen ein, hielt sich aber
über Wasser‘; doch hätten sie ‚„‚ihr Handelsgenie in den Dienst der allgemeinen
Interessen ihres Landes und ihrer Zeit gestellt‘.
NEhrenbereg, Zeitalter d. Fugger, 1, 363.
3) Über die gastfreie Aufnahme flamischer Flüchtlinge, die 1577 über Enga

 /
Ei
        <pb n="151" />
        ein Gebot nicht nur der Menschlichkeit, nicht nur der religiösen
Gemeinschaft und der Stammesverwandtschaft, sondern es haben
zweifellos meist sehr nüchterne, reale Erwägungen mitgesprochen.
Mit scharfem Blick erkannte man schnell die großen Vorteile, die
solche Einwanderungen der ja meist mit Mitteln versehenen Südniederländer
 für die Gemeinwesen mit sich brachten; und in der
Regel hat man sich auch in den Erwartungen nicht getäuscht und
ist zweifellos auf die Kosten gekommen, die man zunächst hier und
da bei der Aufnahme und Unterbringung der Flüchtlinge aufwenden
mußte. Die reichen Früchte, die dem niederländischen Wirtschaftsleben
 aus ihrer Aufnahme erwuchsen, haben in der Wirtschaftsgeschichte
 dieses Landes überall ihre deutlichen Spuren hinterlassen.
 Auch haben sich diese Flüchtlinge ziemlich schnell mit
der alten Bevölkerung vermischt, obwohl in den ersten Zeiten noch
manche städtische Regierungen sich ablehnend gegen die Aufnahme
der Flamen und Brabanter in die vollberechtigten. Bürgerschaften
verhielten und ihnen als Fremdlingen eine Ausnahmestellung anwiesen!).
 Von wirtschaftlichen Begünstigungen ist aber vielfach
die Rede; so in Haarlem. In Zutphen machte man wiederholt Fremde
gegen das halbe Gildengeld zu Bürgern, hörte aber bald damit auf,
da es mit den zünftlerischen Tendenzen im Widerspruch stand?®).
In Delft schloß die Stadt 1595 und 1596 Verträge mit flamischen
Sayenwirkern zur Niederlassung in der Stadt ab’).
Wenn man die örtlichen Sitze der durch diese Einwanderung
berührten und bereicherten Industrien betrachtet, so fällt zunächst
auf, was sich ja auch ganz natürlich erklärt, daß die Fremden
meist. solche Orte aufsuchten, wo _ ihre. Industrien
 in den allgemeinen Gattungen schon
bestanden. So wurde Leiden hauptsächlich von brabantischen
 und flamischen Textilarbeitern bevölkert; die Wirkung
dieser Zuwanderung sahen wir oben*?). Auch das schon durch eine
alte Textilindustrie bekannte Rotterdam erhielt viele neue
land nach Leiden kamen, vgl. J. C. O., Zorg voor de vlaamsche vluchtelingen,
S. 82. Wer neue Nahrung in die Stadt brachte, war stets willkommen (Bru gmans,
 Opkomst, S. 192).
) van Schelven, Si39f.
?) Tadamay, 65S.. 245
5) Kernkamp, Bontemantel, I, S.. CLII.
1). Vel. oben S. 84.

14%
        <pb n="152" />
        — 44 —
Vertreter dieses Gewerbes, wie auch der Färberei. Doch bildete
Rotterdam als Seehafen naturgemäß eine größere Anziehungskraft
für Händler mit überseeischen Artikeln, wie Zucker, Tabak, Spezereien,
 Farbwaren. Man schätzte Anfang des 17. Jahrhunderts
den südniederländischen Bevölkerungseinschlag in Rotterdam auf
etwa ein Fünftel; diese Einwanderer galten zunächst noch als
Fremde; erst allmählich fand eine völlige Verschmelzung statt.
Von einem Einfluß der Zuwanderung auf eines der Hauptgewerbe
Rotterdams, die Heringsfischerei, verlautet dagegen nichts; ein
solcher Einfluß war auch unwahrscheinlich, da nach ihrer sozialen
 Zusammensetzung die Flüchtlinge zu dieser Industrie keine
Beziehungen hatten‘).
Neben Leiden hat wohl Amsterdam am meisten den
Segen der Einwanderung dieser Periode genossen. Nach dem Fall
von Antwerpen strömte eine große Menge von Kaufleuten, Amtspersonen
 und Arbeitern nach Amsterdam. Das hat in den Jahren
zwischen 1578 und 1600 hier eine wirtschaftliche Revolution herbeigeführt;
 das Handelskapital vermehrte sich mächtig, das Gewerbe
entstand z. T. ganz neu oder blühte von neuem auf. Aus einer
Hafenstadt zweiten Ranses war die Stadt
auf dem besten Wege, ein Mittelpunkt des
Welthandels zu werden?. Im inneren Zusammenhange
damit erfuhr das Amsterdamer Gewerbe, namentlich in den Zweigen
der Luxusindustrie, neue Nahrung durch die Flüchtlinge, so in der
Satin- und Sammet-, der Teppich- und Möbelstoff-Fabrikation,
wie auch in der Möbelindustrie. Waren diese Fabrikationen mehr
oder weniger den Schwankungen der späteren Konjunkturen unterworfen
 und sind sie nur zum Teil bis zur neuesten Zeit erhalten
geblieben, so hat dagegen eine von Flüchtlingen nach Amsterdam
 eingeführte Industrie sich bis in die Gegenwart in hoher Blüte
behauptet; das war die Diamantenindustrie.
Ein Antwerpener, Pieter Goos, führte 1588 hier die
Diamantenschleiferei ein?. Über ihre erste Entwickl)
 Bijlsma, Rott. Welvaren, S. 36 ff.
®?) van Ravesteyn, S. ı79. Von 1589—1624 verdreifachte sich der
Amsterdamer Handel (Brugmans, Opkomst, S. 116 f.).
3 van Schelven, S. 34f.; vgl. auch Polak, S. 5.
        <pb n="153" />
        ATS
lung herrscht ziemliches Dunkel!). Diese Industrie nahm erst einen
größeren Aufschwung, als im 17. Jahrhundert die Portugiesen in
Brasilien Diamanten gefunden hatten. Nach 1640 verpfändete der
portugiesische Hof die brasilianischen Diamantengruben an die
Staaten von Holland, wobei die Gebrüder Bretschneider
die erforderlichen Summen hergaben?). Nun entwickelte sich diese
Industrie, bei der die Juden stark beteiligt waren, aufwärts; Amsterdam
 besaß hierin nahezu ein Monopol.
In vieler Hinsicht anders geartet war die Einwanderung
 der französischen Refug1es: im 17.
Jahrhundert, und dementsprechend unterschied sich auch ihr Einfluß
 auf die Industrie von demjenigen der Einwanderer des 16.
Jahrhunderts. Die Einwanderung aus Frankreich begann in kleinerem
 Maßstabe schon unter der Regierung Ludwigs XII).
Ganz anders aber wurde ihr Charakter unter seinem Nachfolger,
dessen Feindschaft gegen die Republik seit Ende der 1660er Jahre
in wirtschaftlichen und politischen Maßnahmen ihren unzweideutigen
 Ausdruck fand. Unter den vor dem Widerruf des Edikts
von Nantes sich steigernden Bedrückungen des Protestantismus
flüchteten bereits vor dem Kriege von 1672 viele französische Protestanten
 nach den Niederlanden. Waren das zunächst meist Edelleute,
 die im niederländischen Heer Anstellung suchten, so erstreckte
 sich die weitere Einwanderung auf alle Stände. In den
Niederlanden begrüßte man auch jetzt wieder diese Zuwanderung.
Man hatte inzwischen gelernt, solche Einwanderungen als höchst
willkommen zu beurteilen ; mit der seit dem Anfang des Jahrhunderts
beginnenden Blüte der Industrie wuchs auch das Interesse an ihrer
Entwicklung*). Als das französische Edikt vom 17. Juni 1681 erschien,
das den Kindern der Protestanten vom 7. Lebensjahre an die Freil)
 Elias, Vroedschap, S. 371, erwähnt zu Anfang des 17. Jahrhunderts
den Hans van Thilt aus Haarlem als Diamantschneider in Amsterdam.
23 Brugmans, Handel en nijverheid, S. 207; Luzac, 1,353. Sehr
eingehend bei Eversmann. S. 38ff vgl. auch Diferee, Geschiedenis,
Ss: 479 1.
3.Berg, S. 51
4) Im „Interest van Holland‘ (1662), S. 38 ff., bezeichnete, de la:Court
die Ergänzung der einheimischen Gewerbe durch fremde Einflüsse als höchst notwendig
 und vortrefflich; er verurteilte scharf jedes Hindernis, das man solchen
Einflüssen in den Weg lege.
Baasch, Holländische Wirtschaftsgeschichte.

10
        <pb n="154" />
        — 146 —
heit gab, den römischen Glauben zu ergreifen, erließen schon am
25. September die Staaten von Holland ein Plakat, in dem sie allen
Reformierten, die sich bei ihnen niederlassen wollten, für 12. Jahre
Freiheit von allen Abgaben und Steuern verhießen!). Ähnlich verfuhr
 Amsterdam durch Beschlüsse vom 23. September und 7. Oktober,
in denen es solchen Einwanderern das Bürgerrecht versprach.
Ein Hauptbestandteil dieser und anderer Vergünstigungen war
die Befreiung vom Gilderecht. Die Aufhebung des Edikts von
Nantes 1685 veranlaßte dann eine wahre Völkerwanderung nach
den Niederlanden, die wieder, wie vor 100 Jahren, das erste Ziel
der Flüchtlinge waren; andere suchten namentlich Deutschland auf.
Auch jetzt zog in erster Linie die Industrie aus dieser Einwanderung
 Auffrischung, Anregung und Ausdehnung. Die in den
letzten Jahrzehnten und insbesondere durch die Colbertsche
Wirtschaftspolitik zu großer Blüte entwickelte französische Industrie,
 mit der die niederländische nur schwer konkurrieren konnte,
war wohl in der Lage, der letzteren von ihren Kenntnissen und
Beziehungen etwas abzugeben; diese konnte daraus nur Nutzen
ziehen. Die trotz aller Hindernisse, die die französische Handelspolitik
 dem Verkehr mit den Niederlanden seit längerer Zeit in den
Weg legte, noch immer sehr lebhaften Handelsbeziehungen mußten
diese Zuwanderung der Flüchtlinge erleichtern, da sich überall
irgendwelche alte Anknüpfungen darboten. Allein in Amsterdam
sind 1681—1684, also noch vor der Aufhebung des Edikts von
Nantes, mehr als 2000 Refugies aufgenommen worden?). In Utrecht,
Rotterdam, Dordrecht, ’s Hertogenbosch, Haarlem, Groningen fanden
andere Aufnahme?). Die Einwanderung beschränkte sich jetzt nicht
mehr auf die westlichen Provinzen, da die Republik im Frieden lebte;
nicht mehr wie 100 Jahre zuvor, als ihr Bestand völlig unsicher
war; jetzt zerstreuten sich die Flüchtlinge über das ganze Land. Die
Staaten von Holland dehnten am 17. September 1688 die 1681
verheißenen Vergünstigungen noch aus; in einzelnen Städten erfolgten
 ähnliche Bekanntmachungen; Haarlem versprach z. B. am
11. Januar 1687 Freiheit von städtischen Akzisen für 3 Jahre,
Berg, 1S. 32.
2?) van Nierop, Stukken betr. de nijverheid der refugies, S. 150 (Ec.
Hist. Jaarboek, VII). Dieselbe, Amst. Vroedschap en de nijverheid.
3) Berg, S. 39f£
        <pb n="155" />
        — 147 —
was alsbald einen bemerkenswerten Bevölkerungszuwachs bewirkte‘).

DieIndustrien, die durch diese Einwanderung
 den Niederlanden zugeführt oder durch sie
beeinflußt wurden, waren überaus mannigfach; kaum eine ist unberührt
 geblieben; gegenüber der Einwanderung vor 100 Jahren
zeigte 'sich eine größere Vielseitigkeit; das 'entsprach
 sowohl den seitdem veränderten wirtschaftlichen Verhältnissen
 im allgemeinen als auch der hochentwickelten französischen
Industrie. Unter den Amsterdamer Zuwanderern finden sich neben
allen Spezialitäten der Textilindustrie zahlreiche Hutmacher, Seidenarbeiter,
 Seifenfabrikanten, Band- und Posamentenmacher, Schneider,
 Handschuh- und Perückenmacher, Zinn- und Metallarbeiter,
Böttcher, Gießer, Uhr- und Nadelmacher, Knopf- und Kammmacher,
 Schreiner, Bäcker, Leder- und Goldarbeiter, Kerzen- und
Schleiermacher, Apotheker, Gerber usw.?). Am wichtigsten
waren einzelne größere Unternehmer für Spezialindustrien.
 Solchen kam man weit entgegen. Der
Stadtverwaltung kam es besonders auf neue Industrien an. Der
Refugie Pierre Baille erhielt von 1682 ab sehr erhebliche
Vorschüsse, aber nur unter der Bedingung, daß er ausschließlich
Manufakturen betriebe, die bisher nicht in der Stadt einheimisch
gewesen seien?). In Amsterdam waren es namentlich die Vertreter
der Textil- und Seidenindustrie, die man begünstigte. Auch Fabriken
in Gold und Silber, in seidenen Stoffen, wurden begünstigt, alles
Luxusindustrien*). In Amsterdam und Rotterdam blühte nun die
Hutmacherei auf; veranlaßt durch die Einwanderung von Hutmachern
 hoben die Staaten von Holland die auf die Ausfuhr von
Hüten ruhende Abgabe auf, anderseits erhöhten sie den Einfuhrzoll®).
 Sehr wichtig war auch die Einwanderung für die Papierfabrikation;
 mehrere französische Papierfabrikanten führten ihre
hochstehende Fabrikation jetzt in den Niederlanden ein, so daß
) Berg, S.,42:
?) van Nierop, Stukken; S. 180.f.
3 van Nierop, Si5H.
‘Berg, S. 161 ft; van! Nierop., Stukken etc., I1, S. 211 ff. (Econ.
Hist. Jaarboek, IX).
5) Berg, Sı171f;

10*
        <pb n="156" />
        — 148 —
die holländische Papierindustrie bald die französische in den Schatten
stellte.
Den meisten Gewinn aus dieser Einwanderung zog
wohl Haarlem; hier entstand schon 1666 eine Spiegelfabrik,
1679 eine Glasbläserei; es folgten Fabriken von Tuch und Kaffa,
Strümpfen und Mützen; ferner von Gazen, Zwirnen, Garnen. Die Stadt
blühte schnell auf. In Dor drecht erfuhren die Gold- und Silberdrahtfabriken,
 die Tuch- und Garnindustrie neue Anregung. In
Zaandam wurden zwischen 1680 und 1690 Färbe- und Schnupftabakmühlen
 errichtet; in Gouda begünstigte 1692 der Rat
die Tuchmacher durch Prämien, was 1695 noch erweitert wurde‘).
In Middelburg erwarben 1685—1698 227 französische Flüchtlinge
 das Bürgerrecht, darunter 8 Schneider, 15 Leineweber, 9 Wollkämmer,
 10 Schuhmacher, 3 Hutfabrikanten usw.?). Ferner wurde
der Buchhandel und die Buchdruckerei durch die Einwanderung in
hohem Grade befördert; hatten die französischen Zensurgesetze
diesem Gewerbe in Holland schon manche Nahrung zugeführt, so
entwickelte sich jetzt ein ausgedehnter Nachdruck französischer
Bücher, aber auch ein sehr lebhafter Buchhandel, der in geistiger,
politischer und wirtschaftlicher Hinsicht dem Lande viel genützt
und bis zu der späteren Zentralisierung des Buchhandels in Leipzig
die Niederlande zu einem Mittelpunkt des Buchhandels
 gemacht hat?).
Wenn der Einwanderung der Refugies zweifellos eine mächtige
 Wirkung auf die niederländische Industrie beizumessen ist, so
ist es doch irrig, wenn man dieser Einwanderung erst die Schaffung
eigentlicher Manufakturen zuschreiben will*). Damit steht im Widerspruch
 die Tatsache, daß schon früher eine ganze Reihe fabrikmäßiger
 und hausindustrieller Betriebe bestanden haben, die, mit
oder ohne zünftlerische Organisation, als vollwertige Manufakturen
im Gegensatz zur individuellen Handwerksarbeit anzusehen waren.
Gerade auf die höchst bedeutende Leidener Textilindustrie hat die
Einwanderung der Refugies, wie wir sahen, nur einen ganz geringen
Einfluß gehabt; und der freien Ausübung ihres Gewerbes, die man
3 Berg, S. 198:
2?) Pringsheim, Beiträge, S. 32, Anm. 4.
3 Berg, 5S. 1761, Beckmann, Ss. 450; Nemnich, S. 333 ff.
@ Pringsheim, S. 32; dagegen schon van Ravesteyn, S. 164 f.
        <pb n="157" />
        den Refugies vielfach einräumte, indem man einzelne zünftlerische
Beschränkungen aufhob, stand gegenüber die Tatsache, daß diese
später zum Teil wieder eingeführt wurden!). Wenn noch am
18. Juli 1709 die Staaten von Holland beschlossen, das Recht der
Naturalisation den Refugies zuzugestehen, wenn Seeland am 17. März
1710 einen ähnlichen Beschluß faßte, und alle diese Beschlüsse
von den Generalstaaten am 21. Oktober 1715 bestätigt wurden, so
waren diese späten Vergünstigungen nur die Folge früherer Beschlüsse,
 die man jetzt erst öffentlich rechtskräftig machte, als
sich die Hoffnung der Refugies, je wieder in ihre Heimat zurückzukehren,
 endgültig als vergeblich erwies?). Die ihnen verliehenen
Begünstigungen hatten überdies vielfach die Mißgunst der alten
Einwohner erweckt, und die oft recht hoch geschraubten Ansprüche
der Refugies hatten sie nicht beliebter gemacht).
Wichtiger als diese sporadischen Vorgänge war es doch, daß
die neue Industrie, die für Holland die Entwicklung zum
Industriestaat anzubahnen schien, dies Volk von den alten Grundsätzen
 einer nach außen hin sich wesentlich freihändlerisch
gebenden Wirtschaftspolitik ablenkte und in die Bahnen
einer Schutzpolitik leitete. Ansätze zu einer solchen
fanden sich ja schon früher. Bereits in den Tarifen für die Convoyen
und Lizenten von 1625 und 1651 zeigten sich schutzzöllnerische
Elemente?) ; die handelspolitische Erwägung trat allmählich in den
Vordergrund und verdrängte die rein finanzielle®). Die Schutzzollpolitik
 Frankreichs nötigte etwa von 1667 an zu handelspolitischen
Repressalien im Interesse der Industrie, und von 1672 an war ihr
Streben nach dauerndem Industrieschutz durch Einfuhrverbote unverkennbar,
 wenn es auch zu einem systematischen Vorgehen nicht kam®).
ll Berg, S. 193, 295. Über die Opposition, die Rotterdam in der Droogscheerders-Synode
 1697 fand, als es dort die Vergünstigungen erwähnte, die es
den Flüchtlingen erwiesen hatte, vgl. Kernkam bp, Droogscheerders-Synode,
S. 282. In Amsterdam hob man schon 1690 einige wichtige Vergünstigungen (Befreiung
 von der Akzise und dem Gilderecht) auf (Berg, S. 74, 196).
2?) Berg, S: 74:
3) Über die Gründe, die für und gegen die Aufnahme der Flüchtlinge sprachen,
kurzz Laspeyres, S. 193;
‘1 Verviers;, Si 9748
5) Verviers, S.. 112:
6) Vgl. auch unten 8 8.

149
        <pb n="158" />
        Die die niederländische Wirtschaft bekämpfende Politik Frankreichs
 in Verbindung mit dem Wunsche, die infolge der Einwanderungen
 entstandene oder aufgefrischte Industrie zu schützen,
führte somit die Republik zu Maßregeln, die von protektionistischer
 Tendenz nicht frei waren. Auf die Dauer war es ja
für diese künstlich und auf Grund vorübergehender Zeitlage ins
Leben gerufene Industrie nicht möglich, sich gegen die auf breiterer
nationaler Basis arbeitende französische Konkurrenz zu behaupten‘).
Es ergab sich bald, daß die Qualität der von der niederländischen
Neu-Industrie hergestellten Waren hinter derjenigen der französischen
 zurückstand; so vorzüglich die Seiden-, Samt- und anderen
feineren Stoffe. Auch die Blüte der niederländischen Gold- und
Silber-Brokatfabrikation, der Passementerien usw. war wohl weniger
eine Folge der Übersiedlung der Refugie&amp;amp;s, sondern der Pest, die
1720/21 in Marseille wütete und bewirkte, daß die dorthin bestimmten
Orders ausblieben und nach Amsterdam gingen; nach Erlöschen
der Seuche nahmen die Aufträge wieder ihren Weg nach Frankreich,
 da die Produktion in Holland zu teuer war?). Was die niederländischen
 Fabrikate auszeichnete, war ihre Gleichmäßigkeit und
Solidität; doch spürte man an ihnen den Mangel an Geschicklichkeit,
 die den Franzosen eigentümlich war und sie befähigte, sich
rasch dem Wechsel der Mode anzupassen. Zum vollen Ausdruck
kam das erst, als der Verkehr mit Frankreich sich wieder freier gestaltete.
 Nun zeigte sich, daß die durch die Refugies geschaffene
Industrie doch etwas Fremdes in den Niederlanden darstellte,
was um so mehr der Fall war, als auch ihre Träger sich nur schwer
den niederländischen Verhältnissen anzuschmiegen verstanden.
Auch trat es immer mehr hervor, daß diese Industrie in den Niederlanden
 eigentlich doch nicht um ihrer selbst willen gepflegt wurde,
sondern daß sie nur dem Handel und seiner Ausdehnung diente.
Außer dem binnenländischen Absatz, der aber, da es sich vielfach
um Luxusartikel handelte, nicht überschätzt werden darf, war es
nur dem ausgebreiteten Handel zu verdanken, wenn sie so schnell
den Ruf erhielt, der allein einen großen Absatz sichern und dadurch
N Berg, S. zırndl.
?) Ebenda, S. 244 ff. Der Pest in Südfrankreich schrieb man auch eine außergewöhnliche
 Blüte der Textilindustrie von Verviers zu (Renier, Histoire de
Vindustrie drapiere, S. 50).

150
        <pb n="159" />
        zu Verbesserungen anregen konnte. Wenn schließlich diese Industrie
zugrunde gegangen ist, so lag das an einer Reihe zusammenwirkender
 Momente. Die neu erwachende Konkurrenz des Auslandes
hat hier in gleicher Weise gewirkt wie die teuren Lebensverhältnisse
 und hohen Arbeitslöhne in Holland; die Teuerung war größtenteils
 zuzuschreiben der nach dem Utrechter Frieden eintretenden
starken Vermehrung der Lasten, die nun nicht mehr allein dem
jetzt weniger leistungsfähigen Handel, sondern auch der Industrie,
namentlich aber dem inneren Verbrauch aufgebürdet wurden‘).
Allerdings beschränkte sich der Verfall der Indu;
strie nun nicht etwa auf die durch die Fremden?) neu geschaffene,
sondern riß auch einen Teil der alten bodenständigen Industrie,
die von jener Einwanderung berührt war und sich nun auf Luxusgegenstände
 geworfen hatte, mit sich. So ging, wie wir sahen, die
Leidener Textilindustrie schnell zurück, z. T. wohl aus inneren
Gründen; in Haarlem war es ähnlich; hier fiel die Bevölkerungszahl
 von 60 000 im Jahre 1690 auf 25 000 im Jahre 1754. In Enckhuizen,
 in Hoorn zeigte sich ein ähnlicher Rückgang; in ersterer
Stadt wurden 1632—1732: 1290, in Hoorn 1700—1760: 568 Häuser
abgebrochen?).
Man hat diesen allgemeinen gewerblichen Rückgang der angeblichen
 Verkennung der staatswirtschaftlichen Begriffe in den
Niederlanden zugeschrieben, der unglücklichen Lust, Frankreich
nachzuahmen und auch hier die Tendenzen Colberts zu verwirklichen,
 wobei vergessen worden ist, daß es bei Maßnahmen
der Wirtschaftspolitik ein großer Unterschied sei, ob es sich um
dieses oder jenes Land handle; für die Niederlande hätten jene
Schutzgesetze nichts getaugt; nicht die Industrie, sondern der
Welthandel sei ihr Ziel und Zweck; die künstlich aufgefütterte
Industrie mußte zugrunde gehen, sobald die natürlichen Wirtschaftsverhältnisse
 wieder in Funktion traten. Der vorübergehende
Charakter dieser neuen Industrie beruhte auf dem durch die französische
 Politik veranlaßten Rückgang der niederländischen Aus-1)
 Berg; S. 251.
?) Auf die nach dem Utrechter Frieden erfolgenden Einwanderungen (Berg,
S. 73) braucht hier nicht weiter eingegangen zu werden.
3 Berg, S. 258. Die Angabe der 60 000 Einwohner für 1690 ist wohl
zu hoch: vgl. oben S. 25.

I51I
        <pb n="160" />
        — 527 —
fuhr nach Frankreich, die dann naturgemäß auch zu einer Verminderung
 der Einfuhr von dort führte, so daß die Niederlande
genötigt wurden, selbst zu fabrizieren, wozu die Übersiedelung der
Refugies eine ausgezeichnete Gelegenheit bot. Solange jene Vorbedingungen
 weiter bestanden und die neue Industrie konkurrenzlos
 blieb, ging alles gut; mit hergestelltem Frieden trat der Widerspruch
 scharf hervor, der zwischen dem Charakter der Niederlande
als eines Handelsstaates, eines allgemeinen Marktes und Stapelplatzes,
 wo alle Waren möglichst billig zu erhandeln waren, und
dem eines Industriestaates, der seine Produktion durch künstliche
Mittel zu schützen geneigt und genötigt war, naturgemäß bestand‘).
Der Kaufmann hatte sich nach den Wünschen seiner Käufer zu
richten; er konnte und wollte die fremden Nationen nicht zwingen,
vorzugsweise die Erzeugnisse der niederländischen Industrie zu beziehen;
 daher war ihm die Verbindung mit einer künstlich erhaltenen
einheimischen Industrie nur lästig und hinderlich; und die neuen
Fabriken verschwanden wieder.
Während sich die alten Industrien, deren Fabrikate durch
die Fremden eine Verbesserung und Modernisierung erfahren hatten,
wie die Ledergerbereien, Zuckerraffinerien, die Borax-, Kampferund
 Bleiweißfabriken in Amsterdam, Rotterdam, Schiedam, Utrecht,
Dordrecht usw., länger behaupteten, fanden die dem Luxus dienenden
 Fabriken ein schnelles Ende. Auch hierbei zeigte sich die einer
bodenständigen Industrie widersprechende Auffassung des Geldmarktes;
 ohne Kredit konnte die Fabrikation der Seidenstoffe usw.
nicht bestehen; der Geldmarkt fand aber seinen Vorteil nicht nur in
den inländischen Fabriken, sondern ebenso in den auswärtigen;
für die Seidenstoffe aus Piemont, Italien und Frankreich war an
der Amsterdamer Börse leicht ein zweijähriger Kredit zu beschaffen,
was für die inländischen Fabriken durch die Steigerung ihrer Preise
sehr nachteilig war?).
Nachdem die von den Refugies neuerrichtete Industrie zum
großen Teil ein Ende genommen hatte, traf in der zweiten
Hälitedes 18. Jahrhunderts ebenso den Über-Test
 der noch bestchenden alten Industrie
das Schicksal allgemeinen Verfalls. Auch daran
‘Berg, S: 260 ff, derisich z.|T. auf Hogendor p stützt.
1) Bert; Ss. 273.
        <pb n="161" />
        153

trug nicht allein die Industrie die Schuld, auch nicht allein die oben
bereits erwähnte engherzige Gewerbepolitik der Städte, die dem
flachen Lande die Beteiligung an der Industrie nicht gönnte. Hätte
man nicht den Handel so bedrückt, ihm vor allem die Steuerlasten
der früheren Kriege auferlegt und damit den wichtigsten Erwerbszweig
 geschädigt, so hätte sich vielleicht die Industrie länger gehalten.
 Ohne den Lebensnerv des Landes, den Handel, konnte sie
noch weniger sich behaupten, als ihr an sich gegenüber der fremden,
meist unter billigeren Lebensverhältnissen arbeitenden Konkurrenz
möglich war. Die löblichen Versuche in der zweiten Hälfte des
Jahrhunderts, den Verfall aufzuhalten, die Industrie durch Prämien
und sonstige Vergünstigungen, wie auch durch literarische Belehrung
 und Aufklärung, durch Errichtung wissenschaftlich-humaner
Gesellschaften zu unterstützen, konnten den Gang der Dinge nicht
mehr hemmen. Vergeblich waren auch die verschiedenen Verordnungen
 der Staaten von Holland 1749 und 1753, in denen die
Ausfuhr von Werkgerätschaften, besonders für Seidenspinnereien,
Woll- und Garnfabriken usw. verboten wurde; vergeblich auch das
Verbot des Anwerbens von Handwerksleuten für das Ausland von
1751, Dez. 24. Was man dadurch vor dem Untergang retten wollte,
die Seidenfabriken, Holzsägereien usw., war doch nicht zu halten!) ;
die deutsche Textilindustrie war dadurch nicht zu beseitigen und
Russen und Dänen errichteten Sägemühlen und begannen direkten
Holzhandel nach der iberischen Halbinsel.
Man sah auch ein, daß energische Schutzmaßregeln, also Einfuhrverbote,
 für die feinere Industrie wertlos waren. Als in England,
 wo man mit der dorthin eingeführten Seidenindustrie ähnliche
Erfahrungen machte, in der Mitte des 18. Jahrhunderts die Einfuhr
fremder Seidenwaren verboten wurde, folgte man in den Niederlanden
 trotz des Wunsches der Fabrikanten diesem Beispiel nicht;
denn das Handelsinteresse sprach für eine freie Konkurrenz. So
blieb man hinsichtlich der von den Refugies eingeführten oder
belebten Industrie auf halbem Wege stehen; man lockte sie zunächst
 durch weitgehende Versprechungen heran, entzog ihnen die
Vergünstigungen später aber bald wieder und verlieh ihnen keinen
Schutz wider das Ausland, als sie seiner bedurften Das Fortbestehen
 der inneren Vergünstigungen hätte wohl kaum großen
=) Vgl. oben S. 104, 113.
        <pb n="162" />
        - 54 -
Einfluß ‚auf diese Industrie gehabt; in der äußeren Wirtschaftspolitik
 aber schwankte man unschlüssig zwischen dem Interesse des
Handels und der Industrie hin und her. In Deutschland war das
anders; dort haben die Fürsten, die die Refugies aufnahmen, namentlich
 Brandenburg-Preußen, ihre Industrie dauernd und konsequent
geschützt und dadurch vieles erreicht. Eine solche reine Industriepolitik
 lag den Niederlanden fern und mußte ihnen fern liegen
wegen des dualistischen Charakters ihrer Wirtschaft.
Ob, wie im Hinblick auf die Refugi6esindustrie behauptet worden ist, der
Niederländer: sich für dabrıikmäßige Industrie nicht
eignete, scheint doch zweifelhaft; dagegen sprechen die Erfahrungen
auch der älteren Zeit!). In verschiedenen Industrien herrschte schon im 17. Jahrhundert
 Fabrikbetrieb, so in der Rotterdamer Textilindustrie und später
in der Zuckerfabrikation. Auch die Höhe des Lohnes konnte nicht als Hindernis
für die Annahme der Fabrikarbeit gelten. Er betrug in der Mitte des 18. Jahrhunderts
4 fl. pro Woche, was mehr war, als in England und Frankreich gezahlt wurde?).
Aber gerade dieser verhältnismäßig hohe Lohn lockte viele Arbeiter aus dem Aus-Jande
 an, von denen man offenbar ein höheres Maß von Leistungen erwartete, als
von den bequemen und verweichlichten Holländern. In den Brennereien, Brauereien,
Zuckerraffinerien, Leinwandbleichen arbeiteten viele Ausländer?), während ihrerseits
die Holländer, die besser leben wollten, vorzogen, ins Ausland zu gehen, wo sie
allerlei Prämien und sonstige Vorteile zu erwarten hatten. Im allgemeinen brachte
wohl der Niederländer für die Industrie nicht die dazu nötigen Eigenschaften mit;
ihm fehlte die Gewandtheit, die Ausdauer; er hing, verführt durch das Vorbild
der Reichen, zu sehr am Lebensgenuß, um sich in der Industrie zu überarbeiten*).
Daher mangelte es ihm auch an der Erfindungskraft; was Neues aus den Niederlanden
 kam, verdankten sie meist den Ausländern.
Was von den alteinheimischen Gewerben
das ı8. Jahrhundert überdauert hat, bestand
in solchen Industrien, die Lebensnotwendigkeiten
 des Volkes betrafen oder mit der kolonialen
 Produktion in enger Beziehung standen;
 so die Brauerei, der Schiffbau, die Holzindustrie,
 die Zucker- und Tabakfabrikation,
endlich ein geringer Teil der Bekleidungsindustrie;
3 Berg, S. 275. 8
2? Berg, S. 302; Pringsheim, S. 53, hält die Angabe von! 4 11. für
zu niedrig.
3) Für die Brennereien erwähnt dies Heeringa,‚, Uit de geschiedenis,
S. 205 f., es waren namentlich Deutsche.
‘ Grabner, S. ı32. Über die Verweichlichung der holländ. Arbeiter
vel. Pringsheim, S. 53, Anm: 2.

XS
        <pb n="163" />
        alles dieses aber in stark verkleinertem Maße. Ein Teil der Industrie,
die in Holland unter dem den Refugies gewährten Schutz groß geworden
 war, hatte das Ausland aufgesucht und machte von dort
aus den Niederländern Konkurrenz. Was in Holland geblieben war,
leistete nichts Ursprüngliches mehr, sondern ergab sich der Nachahmung
 in einem Umfange und mit einer Dreistigkeit, die erstaunlich
 war. Da der Geschmack an inländischen Waren verloren gegangen
 war, fälschte man die hier verfertigten Tuche durch unechte
Etiketten und führte sie als englische in Frankreich ein ; holländische
Leinwand, nach französischer Manier gepackt und gepreßt, ging
nach Cuba und Portorico. Nur mit solchen Mitteln der Täuschung
konnte sich eine Zeitlang noch die qualitativ gesunkene Industrie
behaupten‘).
Der jeweiligen wirtschaftlichen Form und Auffassung entsprachen
 auch die sozialen Verhältnisse und ihre Beziehungen
 zur Wirtschaft. Die Wandlungen in den sozialen Verhältnissen
 traten, soweit sie das Wirtschaftsleben berührten, naturgemäß
besonders im Gewerbe und in der Industrie zutage. Solange im
Gewerbe die zünftlerischen Bestimmungen in Geltung und Anerkennung
 waren, hatten sie auf die sozialen Verhältnisse des Gewerbes
 einen nicht ungünstigen Einfluß; eine Ausbeutung der
Arbeitskräfte wurde ebenso verhindert wie eine skrupellose Konkurrenz?).
 Anders wurde dies, als namentlich durch die fremden
Einwanderungen die Gildeverfassung vielfach durchbrochen und
der fabrikmäßige Betrieb in einzelnen Industrien die Regel wurde.
in der Leidener Tuchindustrie. war schon in. der
ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts die Frauenund
 Kinderarbeit gang und gäbe; aus weiter Entfernung
kamen die Kinder nach Leiden, sogar aus Lüttich. Die Fürsorge
der Obrigkeit beschränkte sich zunächst auf die Verhütung von
Mißhandlungen der Kinder und auf das Verbot der Bettelei®). Der
1682 in Amsterdam mit offenen Armen aufgenommene französische
)” Berg, S.307If.
?) Damit soll nicht gesagt werden, daß der mittelalterliche Handwerker und
Kaufmann nur auf Nahrung ausgegangen sei, darüber hinaus nichts unternommen,
daß er also kein Gewinnstreben besessen habe. Dieser Ansicht tritt v. Below
entgegen (Probleme, S. 410 f.).
De 3) Pringsheim, Beiträge, S. 54.f.

155
        <pb n="164" />
        Fabrikant Pierre Baille erhielt die Erlaubnis, 240 Kinder, die
dem Waisen- und Almosenhaus entnommen waren, in seinen Manufakturen
 zu beschäftigen!). Die Vorschriften, die ihm zu diesem
Zweck gemacht wurden, lauten verständig und sprechen für die
Sorgfalt, mit der man diese doch noch ungewohnte Angelegenheit
behandelte. Auch in anderen Betrieben wurde die Kinderarbeit
jetzt Regel; in Rotterdam lieferte das Waisenhaus Arbeitskräfte?).
Seitdem ist die Kinderarbeit aus gewissen Industrien nie ver -
schwunden.
Die Arbeitszeit war lang; ein zwölfstündiger Arbeitstag
war nicht selten; so galt er um 1661 in der Amsterdamer Tuchindustrie®).
 Sonntagsarbeit war teilweise verboten, teilweise mit
Rücksicht auf die ‚„negotie‘“ zugelassen‘). Die Stetigkeit der
Arbeit war gering.
Die Produktionsweise war noch im wesentlichen
handwerksmäßig und bewegte sich im Kleinbetriebe; die Ausbildung
 der Maschinen lag noch in den ersten Anfängen. Erst langsam
 förderte die Verbesserung der Werkzeuge und Maschinen, die
Einführung von Walkmühlen, Walzen usw. die Produktion; nur
in wenigen Wirtschaftszweigen, die wir schon erwähnten, drang
eine fabrikmäßige Organisation und Arbeitsweise durch.
Die Löhne der Arbeiter waren wohl im allgemeinen nich t
schlecht; außerhalb des Landes galten sie als hoch°) und wurden
 deshalb vielfach als Grund für den Niedergang der holländischen
Industrie angeführt. Von Lohnstreitigkeiten vernimmt
man verhältnismäßig selten. Übermäßig langer Arbeit
war der Holländer nicht geneigt, und die grobe Arbeit überließ er
gern Fremden. Die Obrigkeit hielt sich allen diesen Dingen
gegenüber im allgemeinen zurück; nur selten trat sie vermittelnd
van Nierop, Stukken betr. d. nijverheid, S. 166 ff. (Econ. Hist.
Jaarboek VII).
ÖPringsheim, aa. 0. S. 55; vgl. oben S. 98.
3 Pringsheim, 5S. 50; Kernkamp, _—Droogscheerders-Synode,
S. 284; über Frauenarbeit in der Papierindustrie vgl. oben. 5S. 137.
%.Kernkamp, a. allQ.
5) Brugmans, Handel en nijverheid S. 229; Löhne von Arbeitern teilt
Pringsheim, Beiträge S. 50ff. mit; ferner Kernkam p, Droogscheerders-Synode
 S. 284; darnach betrug der Taglohn für die Amsterdamer Tucharbeiter
1648: 18, 1661: 18—21, 1682: 24 Stüver.

156
        <pb n="165" />
        a SE
oder schlichtend dazwischen; so als 1672 in Leiden Arbeiterunruhen
ausbrachen!); und 1717, als ebendaselbst die Tuchbereitersknechte
streikten?). Dieses Gewerbe neigte überhaupt zur Aufsässigkeit,
und gegen geheime Versammlungen, die solche Dinge begünstigten,
wurde scharf eingeschritten?) ; zum Teil haben hierbei wohl Einflüsse
 Fremder, zugewanderter Gesellen mitgewirkt*); deutsche Arbeitskräfte
 verwandte man u. a. in der Brennerei°). Die fortwährenden,
 hier und da ausbrechenden, örtlichen Unruhen, die meist
auf Unmut gegen die Steuern oder auf durch den Krieg entstandene
Arbeitslosigkeit, manchmal auch auf religiöse Bewegungen zurückzuführen
 waren, haben auf das Wirtschaftsleben in seiner Gesamtheit
 keinen Einfluß geübt; in dieser Hinsicht unterschieden sich
die holländischen Zustände kaum von denen anderer Staaten im
17. und 18. Jahrhundert. Von einer Arbeiterbewegung zu sprechen,
die einen „besonders ernsten Charakter‘ trug, scheint kein Grund
vorzuliegen®). Das, was hier vielfach in die Erscheinung trat, machte
nur deshalb einen ernsteren Eindruck, weil nach alter Überlieferung
in Holland eine große Redefreiheit bestand und die Obrigkeit sich
höchst ungern in diese Dinge mischte; sie kannte den derben Charakter
 des gemeinen Mannes, der leicht zu Gewalttätigkeiten neigte.
Eine „soziale Bewegung‘‘ wird dahinter nicht zu suchen sein. Im
übrigen ist es begreiflich, daß in einer Handelsstadt wie Amsterdam
 die Klassengegensätze geringer waren als in einer Industriestadt
 wie Leiden”).
Nicht ungünstig waren die Wohnungsverhältnisse
der ärmeren Bevölkerung; erst mit dem Anwachsen der Einwohnerzahl
 in der Mitte des 17. Jahrhunderts trat auch hier ein Wandel
zum Schlechteren ein; insbesondere die Einwanderung der Reı)
 Vgl. oben S. 87,
®*) Posthumus;, Bronnen VI, 353 ff.
3 Pringsheim, S. 69f.; Kernkam pP, _ Droogscheerders-Synode,
S.' 285 ff.
*) Auf die fremden unruhigen Elemente weist Kernkamp S.288f. hin;
1791 entstanden Unruhen unter den Brennerknechten; im nächsten Jahre mußte
gegen eine Reihe böswilliger Elemente mit Militär eingeschritten werden (van
Riemsdijk, Si ı149f.):
5 Heeringa, S. 205ff.
$) Pringsheim, S: 70.
’) Darauf weist hin Brugmans, Opkomst, S. 61.

z-
        <pb n="166" />
        — 153 —
fugies hat später in dieser Hinsicht offenbar ungünstig gewirkt‘).
Der Einfluß der oben erwähnten Knechtsgilden auf diese und andere
soziale Verhältnisse ist wohl nur gering gewesen?).
Auffallend war, daß mit dem wachsenden Wohlstand Hand
in Hand ging eine starke Zunahme solcher Erscheinungen, die man
im allgemeinen als Symptome eines verfallenden Wirtschaftslebens
bezeichnen kann, nämlich der Bettelei, des Vagabundentums,
 der Armut. Trotz vieler Anstalten gegen die Armut
und den Müßiggang, die bis zur Zwangsarbeit führten?), haben
diese Mißstände im 17. und 18. Jahrhundert nie ganz aufgehört.
Zum Teil ging dieses Elend zurück auf die Sucht, schnell und rücksichtslos
 reich zu werden, was dann sehr oft mit völliger Verarmung
endete; zum Teil hatte es seinen Grund in den allgemeinen sozialen
Verhältnissen. Bei wirtschaftlichen Rückschlägen infolge von Kriegen,
 die großen Notstand brachten, lebten die Reeder und Kaufleute
 von den früher erworbenen Kapitalien, ein Teil der arbeitenden
 Klassen aber hungerte dann; und ehe man die Steuern erhöhte,
um den Erwerbslosen Arbeit zu geben, stellte man lieber Arbeiten
ein; so wurde 1652 während des Krieges mit England mit dem Bau
des Amsterdamer Stadthauses innegehalten‘). Erst nach 1672, als
man die Not hatte hoch und höher steigen sehen, wurde die Armenpflege
 besser organisiert®).
Die Auswirkung der von Karl V. ı531 in den Niederlanden eingeführten
Armenordnung wurde durch die Reformation verhindert. Seitdem wurde die Armenpflege
 durch die Diakonien der einzelnen Religionsgemeinschaften ausgeübt, neben
denen städtische Einrichtungen fortbestanden. Der Mangel an systematischem
Zusammenwirken der Fürsorgestellen erhielt sich bis zum Ende der Republik®).
Überhaupt hat offenbar die Fülle desWohlstandes,
die sich im 17. Jahrhundert über das Land ergoß, sozial
weniger vorteilhaft gewirkt; der Reichtum war zu
groß und verfehlte nicht seinen demoralisierenden und verweichlichenden
 Einfluß auf die Kaufleute, aber auch auf viele andere,
3 Pringsheim S. 454:
?) Pringsheim, S. 56 ff. überschätzt wohl diesen Einfluß.
3 de Bosch Kemper, De Armoede, S. 98; schon 1610 erwähnt der,
venet. Gesandte anerkennend die Zwangsarbeit für Müßiggänger (Blok, KRel.
Ven., S. 38); weiter 1618 (S. ı22). Über die Arbeitshäuser vgl. Haller, S. 50.
4 de Bosch Kemper, Ss. 061
°) Ebenda; S: 101:
°) Falkenburg, im Handwörterb. d. Staatswiss., 3. Aufl., III, 113.
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        die sich aus diesem Quell nährten. Auch waren die Unterschiede
zwischen hohen Einnahmen und plötzlichen Zusammenbrüchen, wie
sie die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts zeigte, so bedeutend,
daß das Volk in den größeren Städten sich andauernd in einem
gewissen krisenhaften Zustand befand, der wirtschaftlich und sozial
seine unleugbaren Schattenseiten hatte. Im 18. Jahrhundert,
 als nicht mehr so riesige Handelsgewinne eingeheimst
wurden wie früher, verteilte sich offenbar der Wohlstandegleichmäßiger
 über das ganze Land und
die einzelnen_Volksklassen. Als von der Mitte des
Jahrhunderts an der Wohlstand abnahm, wurden die zum Teil
schon eingestellten Fürsorgemaßregeln für die Armen wieder in
Kraft gesetzt).
Für besondere allgemeine Notstände, vorzüglich wenn sie die Ernährung
berührten, traf man Maßnahmen öffentlicher Art. Solchen Kalamitäten gegenüber
zeigte die Stadt Amsterdam, daß die wirtschaftlichen Erfahrungen ihrer Regenten
auch der Allgemeinheit nutzbar gemacht werden konnten. So’ kaufte sie in den
Jahren 1623, 1629, 1630, d. h. Jahren des Getreidemangels, rechtzeitig und im
stillen Getreide auf und verkaufte es an die Bäcker, wobei die Stadt ein Geldopfer
brachte, aber eine Erhöhung des Brotpreises verhinderte?). Um den verbotenen
Aufkauf zu verhüten, wurde 1623, wie es schon 1595 geschehen war, jeder Kaufmann,
 Bürger oder Fremder, der in Amsterdam Getreide verkaufte, verpflichtet,
der Stadt den Ort, wo sein Getreide lagerte, anzuzeigen zugleich mit dem Preis,
für den er es verkaufen wollte oder schon verkauft hatte. An diesen Preis war der
Kaufmann gebunden und für ihn hatte er sein Getreide im kleinen an jedermann
abzugeben. So sorgte man dafür, das Getreide auf einer vernünftigen Preisgrundlage
 zu halten, und beugte künstlichen Steigerungen vor. Trotz der eigenen Not
versorgte Amsterdam auch die Umgegend damals mit seinen Vorräten. Am schlimmsten
 war es in dieser Zeit im Jahre 1630%). Man mußte damals sogar zu dem Mittel
greifen, den Brauern und Brennern die Verwendung von Weizen und Roggen zu
verbieten, und ein Brot aus Roggen, Gerste und Bohnen backen. Den freien Handel
wollte man auch jetzt nicht stören; deshalb widersetzte sich Amsterdam der von
den Staaten von Holland geplanten Preisfestsetzung, die das Getreide nur nach
anderen Plätzen treiben müsse. Übrigens pflegte Amsterdam auch dann Getreide
anzukaufen, wenn keine Not bestand; die Stadt kaufte stets zum Marktpreis; man
hatte zu viel Hochachtung vor dem privaten Eigentum, um Schritte zu unternehmen,
die als Preisdrückerei ausgelegt werden konnten. Die Getreidespekulanten wurden
deshalb auch meist mit großer Nachsicht behandelt; erst wenn die Not vor der Tür
ı)) de Bosch-Kemper; S. 107.
2? van Dillen Duurtemaatregeln.
3) Die starke Abnahme der Zufuhren aus dem Osten ist ersichtlich auch aus
der unten $ 8 mitgeteilten Tabelle.

159
        <pb n="168" />
        stand, griff man zu Maßregeln gegen den Vorkauf. Noch 1662 wurde an Minderbemittelte
 Getreide verkauft; man gab Marken aus, gegen die die Bäcker das Brot
billiger lieferten. Der direkte Einkauf der Stadt führte jedenfalls dazu, das Monopol
der Getreidehändler zu brechen, ohne daß dadurch der Handel an sich irgendwie
gestört wurde!). Auf diesem Gebiete offenbarte sich wirklich eine soziale Gesinnung;
 sonst findet man wenig Spuren einer solchen im alten Holland; die individualistische
 Richtung beherrschte hier das öffentliche wie das private Leben.
Diese Fürsorge für das Volk in einem Notstand trug noch
einen völlig mittelalterlichen Charakter. Aber diese Beurteilung
raubt ihr nichts von ihrem sittlichen Wert?). Es läßt sich nicht
behaupten, daß im 19. Jahrhundert die Fürsorge des Staates für
die arbeitenden Klassen zunächst einen höheren Schwung genommen
 hätte; vielleicht wäre dieser .neuen Zeit gern etwas mittelalterlicher
 Geist in dieser Hinsicht zu wünschen gewesen.
$ 5. Schiffahrt.
Die Bedeutung der Schiffahrt für das nicderländische
 Wirtschaftsleben kann nicht hoch genug geschätzt
 werden: sie hat set dem Mittelalter
den Kern der niederländischen Macht gebildet
und dieses Volk über die ganze Erde getragen, ihm den Ruf und
Ruhm eines der größten, Seefahrt treibenden Völker für alle Zeiten
verliehen. Auf der Schiffahrt beruhte auch die politische
Bedeutung der Niederlande, die freilich nur! verhältnismäßig
 kurze Zeit von Bestand gewesen ist, es aber doch
bewirkt hat, daß dieses kleine Land sich mit großen Mächten, wie
Spanien, England, Frankreich messen konnte. Als die niederländische
 Seemacht in ihrer kriegerischen Form verfiel, trat die Geldmacht,
 der Kredit an ihre Stelle.
Von den Engländern unterschieden sich
die Holländer bei der Begründung ihrer Seegeltung in einem
wichtigen Punkte. Eigentlichen Raubfahrten, wie jene sie im 16.
Jahrhundert betrieben, waren sie abgeneigt; sie hatten von Anl)
 Bunk, S. 108 f., tadelt mit Unrecht diese vorsorgliche Getreidepolitik
der Stadt, die mit Freihandel oder Protektionismus nichts zu tun hatte. Schon
Unger, Graanhandel, S. 481 ff., wendet sich gegen die Auffassung Bunks.
2) Vgl. über den Geist einer solchen Teuerungspolitik v. Below,„‚, Territorium
 und Stadt, S. 247 (f.

160
        <pb n="169" />
        fang an das wirtschaftliche Ziel im Auge,
das Ergebnis für Handel und Schiffahrt. Was sie allerdings einmal
an sich gerissen hatten, das gaben auch die Seeleute nicht gern
wieder auf; in ihren Herzen, so schrieb der venetianische Gesandte
1626, wirke das Interesse als ein harter Tyrann').
Über den Umfang der niederländischen Handelsflotte in älterer
Zeit mangelt es an sicheren Daten. Wir sind lediglich auf Schätzungen
angewiesen?). Um etwa 1607 werden in einem, vielleicht einem Dünkirchener
 zuzuschreibenden Aktenstück die in der Ostlandfahrt beschäftigten
 größeren Schiffe auf etwa 800 berechnet, dazu noch
2200 kleinere; ferner 2000 Schiffe in der Spanien- und Mittelmeerfahrt;
 in der Fahrt nach Ostindien jährlich 7, nach Brasilien 15,
nach Rußland mehr als 20 Schiffe; alles in allem etwa 3000 Schiffe
von durchschnittlich 120 Lasten. Zu diesen kamen dann etwa
3000 Fischereifahrzeuge3). Mögen diese Zahlen zu hoch oder zu
niedrig sein, im allgemeinen werden sie von der Wahrheit nicht
weit entfernt bleiben. Auch die 180 000 Menschen, die in jenem
Bericht als für diese Zeit in der Schiffahrt beschäftigt angenommen
waren, wobei die Zimmerleute, Segelmacher, Holzarbeiter usw.
miteinzuschließen sind, dürfte nicht zu hoch sein; für die Mitte
des 17. Jahrhunderts schätzte man diese Zahl auf 250 000 Menschen;
im ganzen dürften zu dieser Zeit 22 000 Schiffe und 240 000 Seeıı
 Blok; Rel. Venet., S. 167.
?) Vogel, Europ. Handelsflotten, S. 331, nimmt an für die Niederlande
1470: 30 000, 1570: 116 000, 1670: 284 000 Lasten (zu 2 Tonnen).
%) Blok, Een merkwaardig aanvalsplan, S. 8ff. Blok hält die 3000 Fischereifahrzeuge
 für zu hoch, ebenso die 2000 Spanien- und Mittelmeerfahrer; dagegen
 seien die 7 Ostindienfahrer (5 holl. und 2 seeländ.) zu wenig. — Höher als in
diesem Bericht sind teilweise die Zahlen, die der Engländer Raleigh 1603 über
die niederländische Schiffahrt gibt (Macpherson, Annals II, S. 233 ff.), nämlich:
 nach England jährlich 5—60o Schiffe; für ihren Holzhandel in der Ostsee jährlich
 5—600 große Schiffe; allein nach Danzig, Königsberg, Elbing jährlich etwa
3000 Schiffe. Sie bauten jährlich etwa 1000 Schiffe und verwendeten in ihrer Fischerei
etwa 20 000 Schiffe und 400 000 Menschen. Letzteres ohne Zweifel viel zu hoch,
wie schon Blok und andere nachgewiesen haben. Nach Blok (S. 32) könne die
Angabe von 180 000 Menschen wohl zutreffen. Dagegen übertrieb die Raleighsche
 Angabe der 20 000 Schiffe wohl nicht; in jenem Bericht werden 22 370 Schiffe
angegeben; dazu 240 815 Seeleute (S. 37). Ein allgemeines Urteil über die holländische
 Schiffahrt aus dem Munde eines Franzosen um 1660: „La Hollande a plus de
ma1sons sur mer que sur terre‘‘ (Murris, La Hollande etc., S. 248 f.).
Baasch, Holländische Wirtschaftsgeschichte,

161
11
        <pb n="170" />
        leute wohl das Richtige treffen!). Die Angabe eines venetianischen
Gesandten von 1618, der 2000 Seeschiffe, 600 Kriegsschiffe und
3000 Binnenschiffe angibt, ist wohl unvollständig und läßt die
Fischerfahrzeuge ganz außer acht?). Diese fielen aber zahlengemäß
 stark ins Gewicht; 1610 schätzten die Generalstaaten die Zahl
der gesamten Heringsschiffe in der Nordsee auf 20 0008).
Mögen nun in vielen Punkten Zweifel bestehen, an dem großen
Umfang der niederländischen Handels- und Fischereiflotte ist nicht
zu rütteln; sie hätte nicht den Neid der wirtschaftlichen Nebenbuhler,
 vorzüglich der Engländer, erweckt, wenn sie nicht durch
ihre Zahl und ihr Auftreten auf allen Meeren ihr mächtiges Übergewicht
 jedermann vor Augen geführt hätte. Man richte nur den
Blick auf eines der von den Niederländern beherrschten Schiffahrtsgebiete,
 die Ostsee. In den 80 Jahren 1578—1657, über die uns
genaue Listen für den Verkehr im Sund vorliegen, belief sich die
Zahl der den Sund passierenden niederländischen Schiffe fast immer
auf mehr als 50% aller ihn durchfahrenden Schiffet). Das zeigt
folgende Liste auf Seite 163.
Auch für andere Einzelgebiete oder Einzelhäfen läßt sich die
verhältnismäßig hohe Bedeutung der niederländischen Schiffahrt
feststellen; so betrug 1625 die nach den Niederlanden gehende
Schiffahrt ein Drittel des gesamten hamburgischen Schiffsverkehrs,
nämlich 896 Schiffe, wobei freilich die Nationalität nicht feststeht®).
Die Gesamtzahl der niederländischen Mittelmeerfahrer wurde 1619
auf 200 angegeben‘).
1) Über die holländische Brasilfahrt 1631—1653 die Zahlen bei Wätjen,
Holl. Kolonialreich, S. 331 ff. Nach der Entscheidung der Generalstaaten von 1638
mußten von der Westind. Kompanie „regelmäßige Fahrten‘ zwischen Holland und
Brasilien eingerichtet werden (S. 297).
2 BIlok, Rel. Venet.,4S. 218.
3) Blok, Aanvalsplan, S. 14, Anm.; vgl. auch oben S. 58 f.
1) Nach einer englischen Quelle von 1662 umfaßte damals die niederländische
Schiffahrt 4000 auf der Ostsee fahrende Schiffe, jedes mit zirka 14 Mann Besatzung;
die ganze seemännische Bevölkerung der Niederlande wurde auf 211 980 Mann geschätzt.
 Japikse, Verwikkelingen, S. 304, Anm. 2, hält 4000 Schiffe für zu
hoch. Kernkamp, Sleutels v. d. Sont, S. 288, nimmt für 1645: 650—700
Schiffe an. Über den starken Besuch holländischer Schiffe in den norwegischen
Häfen im 16. und ı7. Jahrhundert vgl. Bosse, S. 87{ff.
5) Baasch, Hamb. Seeschiffahrt usw., S. 310.
s$) Wätjen, Nied. im Mittelmeergebiet, S. 189.

162
        <pb n="171" />
        163
11*

Es passierten den Sund!):
— Prozent- Prozent-Niederl.
 ! ins- satz der Niederl. ins- satz der
Tahr Schiffe gesamt Niederl. Jabr Schiffe gesamt Niederl.
Schiffe Schiffe
1578 2692 5010 53,7 1617 3058 4379 69,8
1579 1973 3772 52,4 1618 4316 5925 72,8
1580 2058 3832 53,8 1619 3849 5266 73:1
1581 2340 4262 54,9 1620 3843 5241 73:3
1582 2838 4946 57:4 1621 3560 4998 | 71,4
1583 | 3112 5371 57,9 1622 2520 3987 / 63,2
1584 2785 4898 56,9 1623 2962 4686 63,2
1585 / 2007 4103 48,9 1624 2415 3857 | 62,6
1586 2817 5477 51,4 1625 1716 2906 | 59,5
1587 | 2915 6465 45,1 1626 1986 / 3377 ı 58,8
1588 2012 4325 46,5 1627 1940 I 3179 61.0
1589 2984 5531 53,9 1628 1345 2281 59,0
1590 2765 4984 55,5 1629 1764 2751 64,1
1591 2734 4740 57:7 1630 1467 | 2335 62,9
1502 DD 3111 5213 59,7 1631 2199 | 3370 65,3
1593 3550 6061 58,6 1633 2048 3596 56,9
1594 3609 6208 58,1 1635 2419 4259 56,8
1595 3725 6304 60,0 1636 2118 3764 56,3
1596 3111 5595 55,6 1637 1868 3384 55,2
1597 3908 6673 58,6 1638 1959 3327 58,9
1598 ' 3380 5772 58,7 1639 1844 3020 61,1
1599 | 2856 40684 61,0 | 1640 1832 3454 53,0
1600 2312 4288 53,9 1641 2255 4236 50,9
1601 8 2595 4625 56,1 1642 2036 4127 % 49,3
1602 2211 4957 54,5 1643 | 2391 4264 / 56,1
1603 | 2530 4206 60,1 1644 2009 2843 70,7
1604 | 2139 3586 59,6 1645 59 874 6,7
1605 WE 2174 3896 55,8 1646 2038 3428 59,4
1606 2561 4418 58,0 I 1647 2099 3512 59,8
1607 3162 5123 61,7 1648 2296 3629 63,3
1608 | 4362 6582 66,3 1649 3083 4544 66,4
1609 | 2866 4460 64,2 {N 1650 3127 4409 709,9
1610 2567 40972 63,1 3 1651 2437 3436 709,9
1611 2679 4158 64,4 1652 1729 2780 62,2
1612 3468 4893 70,9 1653 1255 2266 55,4
1613 2590 3828 67,7 1654 1967 | 3458 56,9
1614 3820 5479 69,7 | 1655 2009 3216 / 62,5
1615 3336 4995 66,8 1656 1678 2697 | 62,2
1616 3220 47940. 67,2 1657 1356 1857 73.0
1) Nach Bang, Tabeller over skibsfart etc. I.
        <pb n="172" />
        94
An dem Schiffahrtsbetriche der Nieder-Jande
 nahmen sehr viele Plätze des Landes
teil. Allein die hamburgische Schiffahrtsstatistik der ersten Hälfte
des 17. Jahrhunderts weist außer „Holland‘“ 59 niederländische
Häfen auf!). An der Mittelmeerfahrt waren neben Amsterdam
auch Rotterdam, Hoorn, Enkhuizen, Medemblik, Durgerdam, Broeck,
Graft, Oostzaan, Nederveen, Stavoren, Veere, Zuiderwoude, Opperdoes,
 Terschelling beteiligt, wahrscheinlich noch mehr Häfen?2).
Lebhaften Anteil an der Schiffahrt hatten die Zaanlande, und 1651
gab es in Zaandam allein etwa 100 Großschiffer; sie waren oft zugleich
 Großkaufleute. Partenreedereien waren hier stark verbreitet;
jeder vermögende Mann an der Zaan besaß Schiffsanteile, selbst
in Schiffen, die für Amsterdamer Rechnung fuhren?). Eine Schifferbörse
 bestand in Amsterdam seit 1661%).
Begreiflicherweise wurde die niederländische Schiffahrt von
den verschiedenen Waren, deren Beförderung sie dienstbar gemacht
wurde, in sehr ungleichem Umfange benutzt. Wir sehen das namentlich
 bei der Ostseeschiffahrt. Nach einer Äußerung aus dem Jahre
1681 nahm der Holz-, Salz-, Wein- und Getreidehandel etwa 7/;
aller Schiffe in Anspruch®); eine Behauptung, die keineswegs unwahrscheinlich
 ist, denn jene Waren waren damals die wichtigsten
Massenartikel, die der niederländischen Frachtfahrt Beschäftigung
gaben. Eine regelmäßige Auswanderung in die Kolonien von einiger
Bedeutung bestand noch nicht, selbst nicht in die gemäßigte Zone, wie
das Kapland, so daß aus diesem Geschäft die Reederei keinen Gewinn
ziehen konnte®). Gefördert wurde aber die niederländische Schiffahrt
durch ihre billigen Frachten, die sich wieder ermöglichten durch
geringe Mannschaftsziffern und den vorteilhatten Bau ihrer Schiffe”).
_ ı) Baasch, a. a.O., 5. 329£.
2 Wätjen, a a 0 SS! 2371.
Honig, 1, S 258 £ vgl. auch Som bar), Kapitalismus IT, I, S. 290.
4) Scheltema, Beurs van Amsterdam, S. 34. Interessante Einzelheiten
über Schiffsbefrachtungen geben die Dokumente aus dem Ende des 16. Jahrhunderts
bei van Gelder, Zestiende eeuwen vrachtvaart-bescheiden.
°) Vgl. van Dillen, Stukken, S. 89.
®% Busken-Huet, II, 65. Wenn Menne, S. 107 meint, die „„‚überschüssige
 Volkskraft‘“ Hollands sollte in die Kolonien abgelenkt werden, so besaß wohl
schwerlich in älterer Zeit Holland eine solche.
’) Sombart, Kapitalismus, II, ı, S. 321; auch Petty bei Pierson,
S. 106; vgl. ebenda, S. 97.

ae
ko
        <pb n="173" />
        -- 1.5 —
Im inneren Betriebe der holländischen Schiffahrt vollzog sich
in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts allmählich insofern
ein Wandel, als nun die Loslösung der Reederei vom
Handel mehr und mehr zum Ausdruck kam. Der Kaufmann
war nicht mehr regelmäßig auch der Befrachter des eigenen Schiffes;
er überließ seinem mit fremdem Schiffe fahrenden Beauftragten
die Sorge für den Verkauf der Waren. Damit hing dann zusammen
die Loslösung der Reedereivomeigenen Lande:
die holländische Schiffahrt nahm, nicht mehr an den eigenen Warenhandel
 gebunden, ohne Rücksicht auf das Heimatland ihren Weg
von fremden Häfen nach anderen fremden Häfen; es bildete sich
die freielFrachtfahrt aus. Die Schiffer oder die mitfahrenden
 Kargadöre bestimmten über diese Fahrten; die bessere
Postverbindung schuf eine größere Unabhängigkeit von den auswärtigen
 Faktoreien‘).
Diesdirekte Belastung der Schiffahrt war
nicht allzu drückend. Die Konvoy- und Lizentgelder
waren eine Belastung des Handels, sie trafen den Warenumsatz. Dagegen
 wurde die Schiffahrt durch das Lastgeld getroffen, das
z. B. 1599 für die erste Seexpedition gegen Spanien erhoben und
auf die ganze Schiffahrt gelegt wurde, doch unter Abstufung der
verschiedenen Fahrten?). Seit 1623 erscheint ein Lastgeld, das auf
der Levante- und Mittelmeerfahrt ruhte, später auch auf der nordischen
 und Ostseefahrt®). Diese Lastgelder, die bisher als außerordentliche
 Abgaben galten und nur für bestimmte Fahrten erhoben
 wurden, bezeichnete man von 1725 ab als ordentliche Steuern.
Bezahlt wurde das Lastgeld von allen Schiffen beim Aus- und Eingang,
 aber nur einmal im Jahre; man verband die Zahlung mit dem
Seepaß, der jährlich einmal genommen werden mußte*). In der
Mitte des 17. Jahrhunderts war die Abgabe hoch, nämlich ı fl. per
Last bei der Ein-, !/, fl. bei der Ausfahrt; 1725 betrug sie für alle
Schiffe 5 Stüver beim Aus- und 10 beim Eingang. Ferner kam in
Betracht das „Veilgelad‘“, das meist mit dem Lastgeld verbunden
 war, auch seit 1652 stets mit ihm zusammen genannt
') Diferee, Geschiedenis, S. 346 f.
?) Sickenga, Bijdrage, S.'155 f.
®) Becht, S. 1644.35 Sickenga, S. 134.
*) Sickenga, S. 156; Serionne, S. 506.

6:
        <pb n="174" />
        wurde‘). Es hatte aber doch einen anderen Charakter, da es nicht die
Schiffe, sondern die Waaren belastete; auch dieses ging 1725 in die
allgemeinen Steuern über. Zeitweise, so 1760 und weiterhin, wurde
das vereinigte Last- und Veilgeld wieder verdoppelt zum Zwecke der
außerordentlichen Seerüstungen?). Wenn auch diese Abgaben auf
der Schiffahrt ruhten und oft als lästig empfunden wurden, So
wird man ihnen doch schwerlich die Schuld an dem Verfall der
Frachtschiffahrt beimessen können. Diese ging im
r8, Jahrhundert mit den meisten übrigen Zwei
gen der Volkswirtschaft zurück; außer der im Monopol
 der Ostindischen Kompanie betriebenen Fahrt zeigte sich in
der sonstigen Schiffahrt überall ein Abstieg. Gegen Ende des Jahrhunderts
 griff dieser auch im ostasiatischen Verkehr der holländischen
 Schiffe Platz, namentlich in den Teezufuhren von China, in
denen bisher die niederländischen Schiffe den Vorrang vor den englischen
 gehabt hatten?). Der Einfluß des amerikanischen Krieges
ist auch hier für die holländische Schiffahrt verhängnisvoll gewesen.
Ebenso beschäftigte der Sklavenhandel, der vor jenem Kriege etwa
3 Becht, S.ı731£f.
2) Sickenga, S. 2441.
3) Tee wurde von China ausgeführt in
holländischen englischen
Schiffen Schiffen
1776: 4923 700 Pid . . . . 3 402 415 Pfd:
1777: 48560500 a 5673 434
1778: 4695700 1,1 6392788
1779: 4553100 „WM. An 4372021
1780: 4.687.800, 11.7
1781: 4957 00 CC 1592819
1782: — „EP. 6857 731°
1783: = 4 133209500,
1784: A ,"," "a9 916 7608 ,,
1785: 5334000. „Me. - - - 310 583628 ‚,
1786: 4458 800 2.8. . ; . . 13713480 6901
1787: 5943200 BE... . . . zo 610 9198,
1788: 5794 900.1... - . 322 096 703
1789: 4179600... - - 17991 632880..
1794: 24172008. - -- - - 420728 7058;
1795: 4096 SO0 Re 23 733 8SıoH.,
(Nach Macpherson, IV, 337.)

166
        <pb n="175" />
        40 holländische Schiffe in Bewegung gesetzt hatte, 1788 nur noch 15,
die etwa 4000 Sklaven beförderten‘).
In der Mitte des 18. Jahrhunderts gab zeitweise auch die
deutsche Auswanderung über Rotterdam der
holländischen Reederei Beschäftigung. Schon
1709, dann 1722 nahmen Pfälzer diesen Weg nach Amerika; 1734
folgten Schweizer; in den folgenden Jahren scheint die Auswanderung
 angehalten zu haben; aus dem Jahre 1741 ist die Auswanderung
rheinischer Auswanderer über Rotterdam bekannt; zum Teil gingen
diese Auswanderer von dem holländischen Hafen nach England und
von hier weiter?). Im Jahre 1753 fuhren allein über Rotterdam
durch Vermittlung des Hauses Isaac und Zacharias Hope
etwa 3000 Pfälzer nach Amerika. Der siebenjährige Krieg brachte
in diesen Verkehr eine Stockung; nachher nahm die Auswanderung
über Rotterdam wieder zu, und bis zum Amerikanischen Krieg
dauerte sie regelmäßig an. Hope vereinigte sich 1765 mit Cra w -
furd. Beide suchten später ein Monopol für dieses Geschäft zu
erhalten, was ihnen aber abgeschlagen wurde®). Die Wahl Rotterdams
 — vereinzelt auch Amsterdams — durch die Pfälzer wird
nicht nur wegen der günstigen Lage dieser Häfen erfolgt, sondern
auch dem Umstande zuzuschreiben sein, daß die Auswanderung
über deutsche Häfen verboten war. Für die an den Sklavenhandel
gewohnten Holländer waren diese Auswanderertransporte nichts
Außergewöhnliches.
Im allgemeinen zeigte auch im Schifffahrtsgewerbe
 der Holländer wachsende Bequemlichkeit.
 Offenbarte sich das im 17. Jahrhundert in der
Bevorzugung des Dienstes in der Handelsschiffahrt seitens der
Matrosen vor dem schweren und gefährlicheren auf den Kriegs-'
 Macpherson, IV, 165; eine Expedition zur Beförderung von Sklaven
von Rotterdam über Guinea nach Demerara 1780 bei van Dam, S. 24.
*) Vgl. Häberle, S. 43, 53f., 121. Über Seelenverkäufer in den holländischen
 Hafenplätzen ebenda, S. 14 ff. Die pfälzische Regierung hielt von 1741—80
in der Person des J.O.Cornet einen Auswandereragenten im Haag (ebenda,
S. 14, 120):
°) Wiersum, Van Rotterdam tot Pennsylvania; te Lintum in Gids,
1908, IV; Rott. Jaarboekje V (1896), S. 160. Eine Beförderung von Auswanderern
von Rotterdam nach Spanien 1792 bei van Dam, S. 18.

167
        <pb n="176" />
        I
schiffen!), so wurde im 18. Jahrhundert der Holländer selbst der
Handelsschiffahrt entwöhnt; mehr und mehr sah man sich genötigt,
die Schiffe mit Ausländern, vorzüglich Jüten und Nordfriesen, zu
bemannen; die Söhne der alten holländischen Schiffer verwilderten
zu sehr in den heimischen Städten und wurden für den gestählte
Nerven erfordernden Seemannsberuf untauglich?). Am längsten
hielt sich deraltenijiederländische Seemannsgeist
 in der Grönlandftfahrt und der Heringsfischerei,
 aus denen immer noch ein tüchtiger Stamm befahrener
 Leute hervorging?). Aber unleugbar wuchs doch die Scheu
vor dem Seerisiko, nicht nur bei der seefahrenden Bevölkerung,
sondern auch bei den Unternehmern, die ihr Geld glaubten besser
anlegen zu können als in der Schiffahrt‘). Es ist merkwürdig, daß
zu derselben Zeit, da die Holländer allen machtpolitischen Ansprüchen
 entsagt hatten, ihre kriegerische Seemannsrüstung vernachlässigten
 und damit ihren durchaus friedlichen Charakter offen vor
aller Welt bekannten, sie auch die stille Frachtfahrt, die doch gerade
mit ihren friedfertigen Neigungen völlig harmonierte, scheuten.
Wenn im 17. Jahrhundert die Seegefahr sehr groß war, wenn manchmal
 Riesenverluste eintraten — so verbrannten 1666 die Engländer
auf der Reede von Vlieland 140 holländische Kauffahrteischiffe —°),
so wäre für damals eine solche Abneigung schon eher verständlich
gewesen. Aber seitdem war mit dem kriegerischen Geist auch der
geschäftliche Unternehmungssinn gebrochen. Und wenn man wirklich
 in der Schiffahrt sein Geld wagte, dann wählte man dafür ausländische
 Schiffe, bei denen die Ausrüstung billiger war; dadurch
entging auch die Befrachtung den Niederlanden. Daß in Zeiten
von Seekriegen unter fremder Flagge gefahren wurde, war immerhin
 begreiflich. In den unsicheren Tagen an der Wende des 18. zum
19. Jahrhundert siedelten sich viele holländische Reeder in Oldenburg,
 in Elsfleth oder Brake, an und fuhren unter der Flagge dieses
Landes®).
A l) Elias, Schetsen (Bijdragen etc., IX, 190).
2? Büsch, Bemerkungen S. 60; Haepke, Der deutsche Kaufmann,
S. 58 ff.
$) \Metelerkamp, 1,66.
4) De Koopman, V,. 50 ff.
5) Blok, Gesch. v. h. ned. Volk, V, 216.
6) Sello, Oldenb. Seeschiffahrt, S. 29 f.; vgl. oben S. 74.

68
        <pb n="177" />
        Wir würden die Entwicklung der niederländischen Seeschifffahrt
 nicht verstehen, wenn wir nicht einen Blick auf die Hafenverhältnisse
 werfen würden; wiederholt wurde ja bereits
ihr Einfluß auf die Schiffahrt gestreift. Ihr Zustand war in
älterer Zeit überaus schlecht!). Für Amsterdam
war der eigentliche Seehafen Tex el und das V1ie?). Hier hatten
die von See kommenden großen Schiffe zu ankern und zu warten,
bis die Flut ihnen gestattete, durch die Zuiderzee zum VY zu fahren;
meist leichterten sie und fuhren nun südwärts; auch dann noch
bildete die Untiefe der Pampus ein Hindernis, das oft erst durch
wochenlanges Warten überwunden wurde, wenn man nicht zu
Leichtern oder den 1690 eingeführten ‚,‚Schiffskamelen“‘‘ seine Zuflucht
 nahm).
Besser war ja die Lage von Rotterdam, namentlich
mit Rücksicht auf die Westfahrt; von hier konnte man ziemlich
schnell durch die Schelde nach den südlichen Niederlanden kommen.
Und für den Verkehr mit England war von jeher Rotterdam der beliebteste
 und bequemste Platz. Doch war schon frühzeitig nicht
Rotterdam, sondern das günstiger gelegene Hellevoetsluis
der Abgangspunkt für die Paketbote nach Harwich*). Mit diesen
ging auch die Post von und nach England, wenigstens nach 1702;
früher ging sie meist über Brielle®).
Am günstigsten für den großen Verkehr in nautischer
Beziehung lagen die seeländischen Häfen Middelburg,
 Vlissingen, Arnemuiden. Doch verfiel der
letztere Hafen seit dem 17. Jahrhundert völlig der Versandung,
ebenso Veere. Vlissingen, das schon im 17. Jahrhundert einen vor-1)
 Über die geographisch-nautische Ungunst der holl. Häfen vgl. Ballhausen,
 S. 53, 179.
?) Hafen Amsterdams sei Texel: Blok, Rel. Venet., S. 135 (1618).
3) Vgl. Hagedorn, Schiffstypen, S. 77; Wortmann und van den
Broek, Si4:
41 Volkmann, Sl4ggıf  Eversmann, S..2154; Büsch, Bemerkungen,
 S. 76. Dieser Verkehr von Hellevoetsluis war recht bedeutend und
zählte z. B. 1792: 1935 Schiffe ein- und 1849 Schiffe ausgehend (Overvoorde,
Geschiedenis, S. 362, Anm. 2).
&amp;gt; Le Jeune, S. ı07ff.; über die holländisch-englische Postverbindung
im 17. Jahrhundert vgl. auch Elias, De Postmeester Jacob Quack, S. 146 ff.,
ferner oben S. 22.

160
        <pb n="178" />
        trefflichen Kriegshafen hatte und dessen Handelsverkehr damals
nicht unbedeutend war, besaß den besten Hafen; doch litt sein
Handel unter der Scheldesperre und dem deshalb fehlenden Hinterlande!).
 Viele Städte mußten infolge der immer mehr sich verschlechternden
 Wasserverhältnisse auf die große Schiffahrt verzichten.
 Sohat Kampen um die Wende des 16. zum 17. Jahrhunderts
 vergeblich große Opfer gebracht, um eine leistungsfähige
Zufahrt zum Meer zu erreichen?).
Die holländische Binnenschiffahrt war so alt wie
das Land selbst. Die Unmenge von Wasserläufen wies hier von
altersher den Bewohner auf das Wasser als die natürlichste Verkehrsstraße
 hin. Die Binnenschiffahrt war um So wichtiger in
einem Lande, dessen Landstraßen noch bis ins 19. Jahrhundert
 hinein sehr mangelhaft waren. Das ganze Straßennetz
 umfaßte 1814 noch nicht 500 Kilometer; Friesland, Groningen,
Drente, Overyssel entbehrten völlig der Chausseen®) Den Wasserstraßen
 stand von jeher eine größere Beliebtheit zur Seite. Namentlich
 in unruhigen Zeiten, da die offene See unsicher war, benutzte
man vielfach die Binnenwasserstraßen selbst für den Verkehr mit
dem sonst leichter auf dem Seewege zu erreichenden Auslande, um
möglichst die See zu vermeiden‘); so wurde z. B. durch die Benutzung
 der Gouwe und der Hollandschen Yssel bei Gouda vorbei
ein für Segelschiffe älterer Zeit brauchbarer Verkehrsweg zwischen
Amsterdam und Flandern geschaffen, der viel befahren wurde und
Gouda zu einer Seestadt machte‘).
Am wichtigsten war die Wasserverbindung mit
dem Rhein. Insbesondere Amsterdam war stets bemüht,
diesen Weg zu verbessern und damit die natürlichen Nachteile
ı) Müller, S.460ff. Heinse, Reise nach Holl. (1784) 314 sagt: „Auch
ihre Handlung ist erkünstelt, da sie weiter keinen Hafen als Vlissingen haben‘‘.
2) Vgl. Rijpma, S. ı33ff. Kampen war einer der zahlreichen holländischen
 Häfen, die infolge ihrer schlechten Wasserverhältnisse den Tiefgang und
damit die Größe ihrer Schiffe dauernd herabsetzen mußten (ebenda, S. 74 f., 83).
?) vanıden Brink, SS. 71.
4) Für das Mittelalter vgl. Vogel, Die Binnenfahrt durch Holland und
Stift Utrecht.
5) Tersteeg, Een bijdrage; Blink, Nederland, II, 56; Wilkens
in Hans. Gesch.-Bl., 19009, S. 174 ff.

170
        <pb n="179" />
        II —
seiner Lage auszugleichen. Die Rheinverbindung der Stadt ging
in älterer Zeit über die Zuiderzee bis an die Mündung der Vecht bei
Muiden, dann bis Utrecht und nun bis Vreeswijk auf dem Vaartschen
 Rhein; 1373 wurde diese Wasserverbindung durch Anlage
einer Schleuse bei Vreeswijk hergestellt. Der Bau der Weerdschleuse
bei Utrecht 1609 verbesserte diese Verbindung!). Jahrhundertelang
 blieb diese Fahrt die einzige, einigermaßen brauchbare Wasserverbindung
 Amsterdams mit dem Rhein.
Frühzeitig hat sich ferner ein System von Reihefahrten
 ausgebildet, d. h. organisierten Schiffahrtsverbindungen
 zwischen den einzelnen Verkehrsmittelpunkten; der Inhalt
 dieser Organisation bestand in der Regelung der Abfahrten,
der abwechselnden Übernahme der Frachten durch die Schiffe,
und in gewissen Vorschriften über die Größe der Schiffe und
der einzunehmenden Ladungen. Schon Ende des ı5. Jahrhunderts
 entstanden. solche Fährverbindungen.
 Amsterdam hatte im 16. Jahrhundert
Beurtveeren nach Dordrecht, Antwerpen, Seeland, Gent,
Brüssel, Deventer, Middelburg, Arnhem, Hoorn, Enckhuizen, Utrecht.
 Eine „Binnenlandvaerdersgild‘“ umfaßte die in Amsterdam
ansässigen Binnenschiffer?). Diese Fähren waren meist älter als die
für sie erlassenen Reglements. Andere Städte hatten ebensolche
Verbindungen... Rotterdam besaß im Anfang des 17.
Jahrhunderts regelmäßige tägliche Beurtfahrten nach Antwerpen,
 die 1612 durch eine Ordonnantie geregelt wurden; ebenso
nach Gent?). Das ganze Land wurde durch ein solches Verkehrsnetz
 durchzogen, das z. T. auch dem Postverkehr diente*). Am
wichtigsten waren die Beurtfahrten auf dem
Rhein®); 1815 bestanden noch von Amsterdam aus solche nach
Arnhem—Duisburg; nach Emmerich— Xanten; nach Wesel—Düssell)
 Blink, II, ır f. Im 16. Jahrhundert schuf sich Amsterdam außerdem
nach der Maas einen Binnenschiffahrtsweg, die „Spui‘“ (ter Gouw, IV, 365).
2) terGouw, V, 400, 425. Nach Bontemantel, II, 5009, kamen 1667
nach Haarlem von Amsterdam 5146 Schuten, während von Haarlem nach Amsterdam
 6401 Schuten gingen.
3) Bijlsma„‚, Rott. welvaren, S. 130 f.
‘ Overvoorde, Geschiedenis, S. 83 f., 110 ff., 400 f.
5) Vgl. unten in 8 8.
        <pb n="180" />
        dorf und Cöln!). Doch gab es auch Beurtfahrten, die das Wattenmeer
 benutzten und die Verbindung zwischen den westlichen großen
Handelsplätzen und den weniger durch innere Wasserläufe begünstigten
 nordöstlichen Plätzen Frieslands und Groningens herstellten.

In allen diesen Fahrten bevorzugte man von jeher die Einheimischen
 vor den Fremden. Die fremden Schiffer wurden in diesen
Fahrten nur zugelassen, wenn sie mit Ladungen von ihren eigenen
Häfen kamen und nun wieder dorthin Frachten einnahmen; auch
dazu bedurfte es der Erlaubnis; für den Amsterdamer Verkehr
wurde das 1621 und 1622 festgesetzt?). Die Binnenschiffahrt hatte
einen engen, protektionistischen Zug, der nicht vor den eigenen
Landsleuten Halt machte, wenn diese in anderen Orten beheimatet
waren.
Die Beurtveeren, deren wirtschaftlicher und verkehrspolitischer
 Wert nicht hoch genug angeschlagen werden konnte,
vermittelten nicht nur den Güter -, sondern auch den Per-Sonenverkehr.
 Ihre Triebkraft wurde in älterer Zeit
und bis ins 19.. Jahrhundert meist von Pferden geleistet,
die auf dem daneben laufenden Leinpfad das Boot zogen; es waren
die berühmten Trekschuiten?). Die Fahrt durch das Wattenmeer
und über die Zuiderzee bediente sich natürlich des Segels. Selbstverständlich
 waren diese Beurtfahrten auch steuerlich belastet.
Das Fähr- oder Passagegeld, das zum Teil erst in der Mitte des
17. Jahrhunderts eingeführt wurde, traf nicht nur den Landwagenverkehr,
 sondern auch die Beförderung auf den Binnengewässern*).

Schon in der frühesten Anlage der Beurtveeren lag ein mo -
nopolistischer Kern versteckt; diese Fähren durften nur
Waren und Personen in der Fahrt zwischen den beiden Plätzen,
die diese Fähre verband, aufnehmen; außerhalb dieser konzessionirten
 Fähre waren andere regelmäßige Fahrten ausgeschlossen. Das
bildete sich schon frühzeitig aus und schuf ein Verkehrsmonopol,
) vanden Brink, Ss 56.
2? van Ravesteyn, S. 61 f.
®) Eine Beschreibung aus dem Jahre1656 bei A. Rode , Rob. Bargrave, S. 25;
ferner bei Haller, S. 85.
‘) Sickenga, Bijdrage, S. 414 ff.

172
        <pb n="181" />
        — I —
dessen Nachteile zunächst wenig oder gar nicht empfunden
wurden.
Örtlich war die Binnenschiffahrt im allgemeinen frei. Jeder
Einheimische konnte die Binnengewässer frei befahren; er hatte
nur die Gebühren zu entrichten. Nur an einer Stelle
im Lande bestand ein sehr altes und sehr wirksames Stapelrecht,
 daswar in Dordrecht.
Dieses Stapelrecht war um so wichtiger, als es ausgeübt wurde an einem
überaus bedeutsamen Verkehrspunkte, da, wo Waal und Maas sich vereinten. Es
ging in seinen Anfängen zurück bis in das Jahr 1299 und bestand in dem
von der Stadt erhobenen Anspruch, daß alle in die Maas kommenden Schiffe in
Dordrecht löschen und hier ihre Güter verkaufen mußten!). Allmählich dehnte
Dordrecht diesen Anspruch auf den Verkehr auf der Ysel, Leck, Merwede und
Noort aus. Bei den anderen Städten, namentlich Brielle, Schiedam, Rotterdam?),
wie auch den seeländischen Plätzen war dieses Recht natürlich sehr verhaßt; doch
schützten es die Landesherren, für die der Stapel eine reiche Einnahmequelle
war. Dordrecht verhinderte auch die Verbesserung vieler Wasserverbindungen, so
1529 den Bau einer Schleuse im Bilderdam, 1539 die Herstellung eines Grabens
seitens der Delfter, 1608 die Verbindung von Waal und Leck®). In der Mitte des
16. Jahrhunderts verfiel aber der Stapel; die Stadt mußte viele Zugeständnisse
machen und wurde langsam aus einem erzwungenen Stapelplatz, namentlich für
Salz, Holz und Wein, zu einem Speditions- und Umschlageplatz. Trotzdem hat
Dordrecht durch das zähe Festhalten an seinem Stapelrecht im Handel mit Holz
und Wein aus dem Rheingebiet lange Zeit eine beherrschende Stellung behauptet,
die es nur schrittweise aufgab*). Auch machte der Stapel Dordrecht zu einem der
ersten Binnenschiffahrtsplätze des ganzen Landes; es besaß wohl die größte Menge
kleiner Binnenfahrzeuge, mit denen der Rhein und die Mosel befahren und die
Stapelartikel der Stadt herbeigeholt wurden®). Allerdings nahmen nach der Be-{reiung
 vom spanischen Joch die konkurrierenden Städte kaum noch Rücksicht
auf die Befehle der Staaten von Holland, den Stapel zu respektieren; nach 1588
vernahm man wenig mehr von solchen Weisungen, und die Hilferufe Dordrechts
fanden geringen Widerhall. Die veränderte Form des Handels, der mehr und mehr
Kommissionshandel wurde und den Wechsel an Stelle barer Bezahlung setzte, machte
überdies den Stapelzwang, demzufolge alle ankommenden Waren auf den Markt
gebracht werden mußten, illusorisch; die Kommissionsgüter mußte man notgedrungen
 bald von dem Stapelzwang befreien. Mit Amsterdam geriet Dordrecht
seit 1590 in Streit über den Weinstapel, der dem lebhaften Amsterdamer Weinhandel
sehr schädlich war®); ebenso später Mitte des 17. Jahrhunderts mit Cöln, das sich
van Rijswijck  Siz6H., 35.
?) Bijlsma,‚, Rotterd. Welvaren, S. 44.
3 van Rijswijck, S.195:
‘) Bijlsma, Opkomst, S. 78.
°) Blok, Rel. Venet.,S. 33 (1610).
°) Schon 1538 ff. klagte Amsterdam über das Dordrechter Stapelrecht (ter

73
        <pb n="182" />
        dem Zwang, die Waren in Dordrecht verkaufen zu müssen, nicht länger fügen wollte‘).
Im Jahre 1630 weigerte sich auch die Admiralität von der Maas, den Stapel für
das die Ysel herabkommende Holz länger zu beobachten. Mit Amsterdam entstand
1649 ein Prozeß, da sich die Schiffer dieser Stadt dem Stapel für den von
Westen kommenden Wein und Branntwein nicht unterwerfen wollten. In beiden
Fällen kam es zuletzt zu gütlichen Übereinkommen; auch Nymwegen gegenüber
gab Dordrecht nach. Volle Freiheit gewährte dieses selten, es nahm jede Gelegenheit
wahr, den Stapel festzuhalten, und übte durch Auslieger auf Leck und Merwede
einen scharfen Kundschafterdienst. Selbst außerhalb des Stadtgebietes kontrollierte
 man; in Utrecht unterhielt die Stadt im 18. Jahrhundert Agenten, die über
die Ladung der Beurtschiffe, die Dordrecht passieren sollten, zu berichten hatten;
in Amsterdam besorgte dies Geschäft der Kommissar der Dordrechtschen Fähre.
Insbesondere das Stapelrecht auf Salz wurde sehr scharf beobachtet, nicht am
wenigsten um die eigenen Salzsiedereien zu schützen. Als 1795 mit allen andern
Privilegien auch das Dordrechter Stapelrecht fiel, war das für den allgemeinen Verkehr
 sicher eine Erleichterung; denn wenn dies Recht auch schon stark durchlöchert
 war, so bildete es doch im Binnenschiffahrtsverkehr ein wirtschaftliches und
verkehrspolitisches Hemmnis. Für die Stadt war die Aufhebung jedenfalls ein Verlust;
 sie hatte 1788—04 jährlich etwa 9632 fl. netto aus dem Stapelrecht bezogen;
in der freien Konkurrenz, der sie sich jetzt ausgesetzt sah, mußte sie vor Rotterdam
 die Segel streichen?).
$ 6. Finanz- und Steuerwesen.
Beim Eintritt in die Betrachtung des niederländischen Finanzund
 Steuerwesens und seines Verhältnisses zum Wirtschaftsleben erblicken
 wir zunächst ein wahres Chaos vor uns, aus dem es nicht leicht
wird, sich ein nur einigermaßen klares Bild über die tatsächlichen
Verhältnisse zu schaffen. Selbst die niederländischen Darstellungen
zeigen, namentlich für die ältere Zeit, einen großen Mangel an
Klarheit und Übersichtlichkeit.
Die Finanzen der Republik litten von vornherein an dem
Gebrechen, daß sie zumeist auf den alten, unübersichtlichen, ungleichmäßigen
 und unsystematischen Einnahmen der früheren Zeit
sich gründeten und daß mit diesen in sehr wenig organischer Verbindung
 sich neue Einnahmequellen verknüpften; daß ferner ein
Mangel an Zentralisation herrschte, der jede Gleichmäßigkeit der
Gouw, IV, 351 f.); Differenz zwischen Amsterdam und Dordrecht über Durchlassung
 von Holz bei Japikse, Resolutien, VII, 280 (1590).
van Rijswijck, S: 102.
2) van Rijswijck, Ss. 1111.
        <pb n="183" />
        — 1 —
Belastung ausschloß und zu großen Unbilligkeiten führen mußte.
Von einem Finanzsystem konnte somit nicht die Rede sein;
während der ganzen Zeit des Bestehens der Republik hat diese
es dazu nicht bringen können!). Dieselbe Systemlosigkeit wie in der
Handelspolitik trat auch hier zutage. Für das Wirtschaftsleben
des Landes hat dieser Mangel überaus bedenkliche Folgen gehabt;
es ist kein Zweifel, daß derwirtschaftliche Niedergang
 im ı8. Jahrhundert zum nicht geringen
Teil auf die seit langer Zeit bestehende V ennachlässigung
 des Steuerwesens zurückzuführen
 war. An Steuern hat es nie gefehlt; kein Land
der Welt kannte so viel Steuern wie die Niederlande?);;
 woran es von jeher bis ins z90.Jahr:-hundert
 gemangelt hat, das war die systematische
 Verbindung des Steuerwesens mit
derWirtschaft in ihren verschiedenen Teilen.
In der „Utrechter Union‘ vom 29. Januar 1579 findet sich
im Art. 5 die Bestimmung, daß zur Bestreitung der Kosten für
die Verteidigung des Landes gewisse Auflagen auf Wein, Bier,
Seife, Getreide, Salz, Gold, Silber, seidene und wollene Tücher,
Horn- und Schlachtvieh, Pferde, Ochsen, Waggüter und was man
sonst für gut fände, gelegt werden sollten; auch die Einkünfte der
königl. Domänen seien nach Abzug der darauf ruhenden Lasten
dazu zu verwenden. Nach Art. 6 sollten solche Einkünfte je nach
Bedarf erhöht und herabgesetzt werden, aber allein für die gemeinsame
 Verteidigung dienen.
Damals dachte man also nur an die Verteidigung und nur
an gemeinsame Abgaben, die ihr dienten. Dieser Gedanke hat auch
tatsächlich noch lange die Finanzpolitik der Republik beherrscht
und mußte es bei den unaufhörlichen kriegerischen Verwicklungen,
denen sie sich gegenüber sah. Jene Bestimmung reichte allerdings
schon sehr bald nicht mehr aus und ist überhaupt nur recht unvollkommen
 eingehalten worden.
Bereits vor dem Abschluß der Utrechter Union hatten die aufständischen
 Provinzen zu finanziellen Maßnahmen greifen müssen,
ı) Vgl. Sillem, Gogel, S. 160 f.
2) Vgl. Laspeyres, S. 217. Über die große Teuerung und vielen Steuern
französische Quellen Mitte des 17. Jahrhunderts bei Murris, S. 250f.

«79
        <pb n="184" />
        = 1756 E—
um sich Mittel in dem ihnen aufgedrungenen Kampfe zu verschaffen.
In Seeland hatte man schon 1572 einen sogen. Lizent eingeführt,
 der erhoben wurde für die Erlaubnis, Schiffahrt und Handel
mit den Ländern zu treiben, die sich gegen Holland und Seeland
feindselig verhielten. Damit verband man einen doppelten Zweck;
man kontrollierte den doch schwer zu hindernden Verkehr mit
jenen Ländern und kam dem dringenden Bedürfnis nach Geldmitteln
 entgegen, die letzten Endes vom Feinde zu bezahlen waren.
Holland ahmte 1573 dies Beispiel nach und verbot jeden solchen
Verkehr ohne Erlaubnis und Paß, der nur gegen Zahlung der Lizenten
 zu erlangen war‘).
Dieser Lizent wurde mehrfach in seiner Höhe verändert,
wobei es nicht an Auseinandersetzungen zwischen den beiden Provinzen
 fehlte, da der Betrag der Lizenten naturgemäß den Gang
des Handels stark beeinflußte. So ließ z. B. Holland im Interesse
seiner Bierproduktion die Bierausfuhr nach Flandern aus den umliegenden
 Provinzen lizentfrei?).
Da aber in der Pacifikatie von Gent vom 8. November 1576
ausdrücklich verboten war, dem Verkehr zwischen den Ländern
Hindernisse in den Weg zu legen, so erhob sich allmählich gegen
diese Abgabe lebhafter Widerspruch; und am 13. Mai 1577 hoben
die Staaten von Holland und Westfriesland sie auf, ebenso Seeland.
Dagegen behielt man das Convoygeld bei, das auf altem
Brauch beruhte und als Geleitgeld für den den Schiffern zu leistenden
 Schutz erhoben wurde; in seiner Form kam es einem Einund
 Ausfuhrzoll gleich.
Unter der Utrechter Union finden wir aber die
„Convoyen und Lizenten“ wieder als „zemeene
middelen“, d.h.als eine allgemein geltendeAbgabe,
 eingeführt®); eine Liste vom August 1581 enthielt den
Tarif, nach dem die Waren die Abgabe zu entrichten hatten‘).
Solange der Krieg dauerte, war diese Abgabe, die nun nicht mehr
7) van Gool, S. 104.; Blok, Geschied. v. h. Ned, Volk, III, 305 £.
2) vanıGool, S. 32;
®) Ve Becht; Ss. 67 ff.
*) Vgl. den Rezeß vom 2. August 1581 bei Japikse, Resolutien, III,
202 ff. und weiterhin S. 260. Im Jahre 1586 einigten sich Holland und Seeland
über einen neuen Tarif (Japikse, Resolutien, V, 372 1°).
        <pb n="185" />
        nur von Waren und Schiffen im Verkehr mit feindlichen Ländern
erhoben wurde, sondern den allgemeinen Verkehr belastete — zunächst
 aber noch mit differentieller Unterscheidung der feindlichen
und neutralen Gebiete!) —, nicht zu entbehren. In der Instruktion
für den Raad van Staten der Vereinigten Provinzen vom 12. April
1588, Art. 7, wurde ausdrücklich bestimmt; es habe der Rat dafür
zu sorgen, daß die allgemeinen Mittel für die Verteidigung des Landes
gemeinschaftlich‘ über alle Provinzen, Landschaften, Städte und
Mitglieder wie auch über die der Generaliteit unterstehenden Quartiere
 verteilt werde?). Das betraf natürlich nicht nur die Convoyen
und Lizenten, sondern auch die übrigen für die Verteidigung des
Landes bestimmten Mittel. Alle diese Geldfragen haben in den
Verhandlungen der Generalstaaten und Provinzialstaaten eine große
Rolle gespielt. Für uns hat die erstgenannte Abgabe, da‘ sie den
Handelsverkehr belastete, ein besonderes Interesse.
Die Verwaltung der Convoyen und Lizenten
 lag denAdmiralitäten ob, in deren Kassen sie flossen.
Sie galten aber immer als Kriegsabgaben, die nur während‘ der
Dauer des Krieges erhoben werden durften. Insbesondere Amsterdam
 leistete der Erhebung der Convoyabgabe stets Widerstand
und bewilligte sie nur, wenn wirklich Schütz auf dem Meere damit
verbunden war; es gelang der Stadt auch, schon 1382 eine Ermäßigung
 zu erreichen?). Amsterdam sah durch eine solche, den
Warenverkehr belastende Abgabe seine Handelsinteressen nahe berührt;
 durch die vielen Reklamationen, die von auswärts, namentlich
 den Hansestädten, gegen diese Abgaben einliefen‘), war die
Stadt wohl unterrichtet über den Einfluß, den sie auf ihren Handel
hatten. Überhaupt war Amsterdam einem zu schroffen Abbruch
mit den feindlichen Ländern durchaus nicht geneigt; der Handel
ging ihm über alles, und vorsichtig berücksichtigte man die Kon-')
 Vgl. die Convoyen- und Lizentenliste von. 1625 bei Tjassens a S.:112f;
7) Brecourtund Japikse, S. 183.
°) Coops, S. 182. Amsterdam hatte sich schon früher gern um Steuern
herumgedrückt und die ihm zufallenden Quoten der Beden zum Schaden der kleinen
Städte herabzusetzen verstanden (fer Gouw, IV, 463f.; V, 365). .
‘) Höhlbaum, Kölner Inventar, II, 253 (1584), 259, 265 (1585), 761
(1584), 792 (1584). Schon 1576 über das Lizentgeld (S. 422 ff., 435). Ferner Sim -
Son, Danziger Inventar, S. 704 (1583); Kernkam P, Balt. Archivalia, S. 24
(1575).
Baasch, Holländische Wirtschaftsgeschichte.

12
        <pb n="186" />
        u 178 Sn
kurrenz. Der rücksichtslosen Kaperei war man ebenso abhold wie
den hohen Steuern auf den Handel; das Aufbringen von Bergenfahrern
 sah man ungern, weil es nur Hamburg und Bremen nützlich
 war‘?).
Außer den Imposten auf gewisse Lebensmittel (Bier, Salz
usw.) und den Convoyen und Lizenten, die mittelbar doch alle
Einwohner trafen, schafften sich die Generalstaaten und die einzelnen
 Provinzen außerordentliche Mittel durch die
Ausschreibung besonderer Auflagen, meist in der alten, bei den
Vermögenssteuern und Beden üblichen Form eines
100. oder 200. Pfennigs (1 bzw. !/,%) oder ähnlich, je nach Bedarf?).
Diese in ihrer Höhe wechselnden Auflagen wurden nach einer
„Taxatie‘“, einer Schätzung, von den Haushaltungen und Vermögen
erhoben, meist auf Grund sogen. ‚‚Cohieren‘‘3).
Die Grundlage der Besteuerung bildeten also
noch immer die von älterer Zeit übernommenen zwei Arten
der Belastung: die Quoten, die auf die Provinzen umgelegt
 und von diesen auf die Steuerzahler verteilt wurden, und
die ‚gemeene middelen‘“, nämlich die Imposten oder Akzisen,
 die über das ganze Land gleichmäßig verteilt wurden‘).
Wie schwer es trotz dieser verschiedenen Auflagen war, auf
die Dauer die schweren Kriegslasten zu bestreiten, und wie
man sich half, um die notwendigen Steuern aufzubringen, lehrte
die Verhandlung im Frühjahr 1599, als man vor einem neuen
schweren Feldzuge stand. Während Utrecht, Groningen, Gelderland,
 Overyssel große Schwierigkeiten machten, als man von ihnen
die Beteiligung an den für dieses Jahr auf monatlich 414 000 fl.
geschätzten Kriegskosten verlangte, bewilligten Holland und Seeland
 sogleich alles; sie waren an der Fortführung und siegreichen
Beendigung des Krieges direkt am meisten interessiert. Holland
erhob sofort von allen beweglichen und unbeweglichen Gütern
über 3000 fl. den 200. Pfennig, von allen großen Schiffen ein Lastrm
 van Goo!l, S. 29.
2) Über die alten Beden in der Form des 10. oder 100. Pfennigs zur Zeit
Karls V. vgl.Sickenga, | Bijdrage, S.774., ferner Terdenge, Zur Geschichte
 der holl. Steuern, S. 118 ff.
3) Coops, S. 195 ff.
4) Vgl. Fruin, Belasting bij quoten etc., S. 29 ff. Im allgemeinen auch
Sillem, Gogel, S. 144 ff.
        <pb n="187" />
        geld von 3 fl. pro Last, von allen kleinen 1!/, fl., von den Schuten
2 Schill., von allen Verkäufen und Erbschaften den. 40. Pfennig‘).
Auch das platte Land mußte einen beträchtlichen Teil der Kriegslasten
 aufbringen; es wurde eine dreimonatliche Kontribution ausgeschrieben
 in der dreifachen Höhe der bisherigen. Alles das genügte
aber nicht; im Mai wurden nochmals 600 0ooo fl. gefordert. Damals
 beschlossen die Staaten von Holland den Verkauf oder die
Verpfändung der Dünen zwischen Haarlem und Noordwijk?).
So ging es Jahr für Jahr. Die großen Erträge, die den an
der ostindischen Fahrt beteiligten Städten und damit einem großen
Teil des Landes zuflossen, vermehrten wohl ihre Leistungsfähigkeit;
trotzdem lastete der Druck der Abgaben schwer. Als 1609 der
ı2jährige Waffenstillstand begann, hob man sofort das Convoyund
 Lizentgeld auf. Nach Ablauf dieser Jahre wurde es wieder
eingeführt. Die außerordentlichen Abgaben aber folgten sich Jahr
für Jahr; für 1627 forderte man in Holland den 200. Pfennig, er
wurde jedoch auf den 500. herabgesetzt. Der Westfälische Frieden
befreite nicht von den Convoyen und Lizenten; sie
wurden ohne Unterbrechung weitererhoben und 1651, wegen des
englischen Krieges, sogar vorübergehend um ein Drittel erhöht.
Bis über die Lebensdauer der Republik hinaus
 haben sie unter dem alten Namen als Einund
 Ausfuhrzoll gedient, ihrem ursprünglichen Zweck
allmählich entfremdet. Sie bildeten das Rückgrat
der „allgemeinen Mittel“, die: dem .Gesamtstaat
 zur Verfügung standen. In der ersten Zeit
wurden sie durch Kollekte eingesammelt. Hierbei scheinen viele
Unregelmäßigkeiten stattgefunden zu haben?). Im Jahre 1625
schritt man, in der Erwartung, daß man dadurch eine Vermehrung
des Ertrages und eine Verringerung der Hinterziehungen erreichen
werde, zur Verpachtung des vierten Teiles dieser Abgabe.
Schon 1637 schaffte man die Verpachtung wieder ab, da die Pächter
sich dabei bereichert hatten, ohne daß der Staat daraus Vorteile
zog. Im Jahre 1687 führte man sie jedoch von neuem ein, offenbar
auf Veranlassung des Statthalters, jetzt aber für die Hälfte und
) vanDamvan Isselt, Si69.
?) Ebenda, S. 74.
5). Vgl. Fruin, Staatsinstellingen, S. 202.

179
122
        <pb n="188" />
        gleichzeitig auch für eine Reihe anderer‘ Abgaben!). Die politische
und soziale Bewegung des Jahres 1748 brachte auch hierin eine
Wandlung; man gab der Volksstimme, die allgemein eine Beseitigung
 der verhaßten Verpachtung, insbesondere der Akzisen, forderte
 und dabei wohl weniger die Form der Steuererhebung als
die Steuern Selbst zu treffen meinte, nach, schaffte die Verpachtung
 allgemein ab und stellte die Kollekte wieder her. Was
man ‚sonst damals plante und was auch der Statthalter Wilhelm
 IV. wünschte; den Ersatz der Konsumsteuern durch ein
Familienkopfgeld, kam nicht zur Ausführung?). Die ganze Bewegung
 war auch viel zu revolutionär, um auf ihr eine gründliche
und ernsthafte Steuerreform aufbauen zu können.
; Alleanderen vonden Generalstaaten auSgeschriebenen
 Steuern waren von den‘ Provinzen
 zu erheben und nach deren Belieben
auf die Einwohner umzulegen. Die Verteilung dieser
Steuern über die einzelnen Provinzen war nun höchst bezeichnend
für ihre Leistungsfähigkeit oder besser ihren Leistungswillen. Zu
der Zeit, da die ganzen Niederlande noch unter spanischer Herrschaft
 standen, zahlte Flandern den 3: Teil, Brabant den 4. Teil
der ganzen Steuern, Holland’ aber nur den 4. Teil von Flandern;
Seeland wieder den 4. Teil von Holland; Utrecht und das Stift
den 10. Teil von Holland?®). Innerhalb der nördlichen
Provinzen tritt uns also hier schon die steuerliche
 Überlegenheit Hollands’ entgegen... Nach
der Trennung zahlten 1582 Holland 83 000, Gelderland und: Friesland
 je 20 000, Seeland 17 00o, Utrecht 10 000, Overyssel 7000 fl.
für den Monat. Im Jahre 1ı583 zahlte Holland allein
36% der ganzen Auflagen; mit Seeland zusammen trug
es 1610: 70% aller staatlichen Steuern?). Bis 1616 konnte man
sich auf einen festen Verteilungsfuß nicht einigen, namentlich Seeland
 widerstrebte®). Nun wurde das Verhältnis so festgesetzt, daß
SE Fay Becht, S: 1431. Sickenga, Bijdrage, S. 127 ff.
2?) Blok, Geschiedenis v. h. ned. Volk, VI, 226 ff.; Laspeyres, S.;232ff;
Blok, Holl. stad, III, 156 ff.; derselbe, Stadsfinancien, S. 232 f.
3 Metelerkamp, II, 171. /
4) Blok, Geschied. v.)h. ned. Volk, IV, 31. Ältere Quotenverteilungen
(von 1579—1582) bei Japikse, Resolutien, II, 686, IIT, 101, 2381, 400.
5) Nach Fruin, Geschiedenis der Staatsinstellingen, S. 188 f., war schon

180
        <pb n="189" />
        — 151 —
von’ 100’ fl.’Gelderland 5 fl. 11x St.:2:p., Holland -57 fl. 14 St. 8S:p:,
Seeland 9 fl. ı St. 10 p., Utrecht 5 fl. 15 St. 5 p., Friesland 11 -l.
10 St. 11 p., Overyssel 3 fl. 10 St. 8 p., Stad en Lande (Groningen)
5 fl. 15 St. 6 p., Drenthe 19 St. ‘10 p. entrichteten!). Am Ende der
Republik zahlte Holland 62%?). In den Jahren 1671—1685 brachte
allein Amsterdam an Grundsteuern und außerordentlichen Lasten
65 239 365 fl. auf; allein auf die außerordentlichen Erhebungen von
1672—1681 kamen 22.433 470. fl.?). Man erkennt aus solchen Zahlen
das große finanzielle Übergewicht Hollands über die anderen Provinzen,
 das jenem ein gewisses Recht auf die Bevorzugung seiner
Sonderinteressen verlieh; Holland war sich dessen stets bewußt
und nutzte seine höheren finanziellen Leistungen politisch und
wirtschaftlich aus. Übrigens war die erwähnte Quotenverteilung
ein dauernder‘' Gegenstand des Streites; insbesondere Seeland und
Friesland bestritten ihre Quoten fast regelmäßig*).
In’ den ersten Jahrzehnten des Kampfes mit‘ Spanien war
es für das junge Staatswesen überaus schwer, einigermaßen durch
Steuern das Gleichgewicht der Finanzen aufrecht
zu erhalten.‘ Das war nur möglichdurch Schuldenmachen.
So hatte 1579 Holland 960 000 fl. an Abgaben zu entrichten, während
 die gewöhnliche Einnahme nur 780 000 fl. betrug; 1599 betrugen
 die Einnahmen der Provinz 4 630 000 fl., aufzubringen waren
5 384 968 fl.°). Die Provinz war mit Abgaben und Lasten aller Art
beschwert, die laufenden Mittel konnten z. B. 1671—1677 nicht
viel mehr als jährlich 11 Mill. fl. aufbringen, die Ausgaben betrugen
1612 eine feste Regel geschaffen, die 1616 zugunsten Seelands, das man nun um
2% besserstellte, geändert wurde.
) Sickenga,;Bijdräge, S.'115. Anders‘ De Koop man, J]II, 230
Danach wurde 1616 der bisherige Anteil Seelands von 13 auf 11, später auf 9 herabgesetzt
 und die übrigen entsprechend erhöht, so daß die Verteilung sich nun so
stellte: Gelderland 7 fl. 5, Holland 42 fl. 10, Seeland ıı, Utrecht 8 fl. 5, Friesland
x7 fl. 10, Overyssel 5: fl. *5, Stadien Lande‘ 8 fl. 5.
2) Metelerkamp; II, 21.
3 Pringsheim;, S.9g7z4f. Nach Cosimo de: Medici; S.28r,
trug die Provinz Holland 1668 jährlich 16 Mill. L (Gulden ?): zur Erhaltung der
Republik bei, Amsterdam allein täglich mehr als 50 000. Der russische Gesandte
berichtete 1701: Amsterdam zahle ebensoviel Steuern wie alle anderen Provinzen
zusammen (Uhlenbeck, S. 69).
‘ Sickenga, Bijdrage, Sı116.
5) Metelerkamp, Il, 26.

”
        <pb n="190" />
        rund 24 Mill. jährlich, das fehlende mußte durch Anleihe beschafft
werden‘).
Die Lasten und Abgaben, durch die die laufenden Mittel
bereitgestellt wurden, bestanden in den ersten Jahrzehnten außer
der Kapital- und Vermögenssteuer, die, wie erwähnt, als 100. Pfennig
oder in anderer Höhe erhoben wurde, in dem sogen. ‚Gevens-Geld“,
 einer auch als „don gratuit‘“ bezeichneten Abgabe
und einer ‚„geforceerde geldleening‘‘, d. h. einer Zwangsanleihe.
 So wurden in den Jahren 1571—1578 die Vermögen der
Einwohner belastet mit zwölf 200. Pfennig Kapitalsteuer, zehn
200. Pfennig ‚„Gevens-Geld‘“ und sechs 200. Pfennige, von denen 4
als ‚‚Gevens-Geld‘“ galten, zusammen mit 14% vom Eigentum
jeder Art?). Nach den Angaben des venetianischen Gesandten erreichten
 um 1610 in einzelnen Jahren die Steuern
die Hälfte der Einnahme eines Privatmannes®).
Selbst vor den Ausländern machte der Steuerfiskus nicht Halt;
die Schotten in Veere zahlten 1621 freiwillig den 1000. Pfennig;
als später diese Abgabe stieg und man ihnen mehr abnehmen wollte,
verwahrten sie sich dagegen, zahlten aber doch?). Wie hoch sich
die Gesamt-Steuereinnahme der Republik belief, ist bei den unsicheren
 Angaben und der Unklarheit der Verrechnung schwer zu
sagen. Der venetianische Gesandte schätzte sie 1638 auf 14 Mill. fl.,
was wohl zu niedrig gerechnet ist®).
Mit den genannten Steuern und Abgaben, die meist auf dem
Besitz ruhten und als direkte oder persönliche bezeichnet
 werden können, war es ja nun nicht getan. Viel zahlreicher
 waren die indirekten Abgaben, so
zahlreich, daß sSichlihnen nıemand entzichen
konnte. Zunächst kamen hier die Verbrauchsabgaben
oder Akzisen in Betracht. Sie stammten zum Teil noch
aus dem Mittelalter und wurden seit 1557 verpachtet®). Nach
der Begründung der Republik nahmen diese
'))/Metelerkamp, Il, S.:29 ff.
?) Ebenda, S. 84.
°) Blok, Rel. Venet., S. 52.
1) Rooseboom, S.157, 167.
5) Blok, Rel. Venet., S. 270.
5) Laspeyres, S. 22ıf, 231 ff; Sickenga, Bijdrage, /S. 86.

182
        <pb n="191" />
        — 183 —
Abgaben auf eine unerhörte Weise zu. Waren
die Eingangsabgaben im Interesse des Handels zum Teil gering
angesetzt, so waren die Verbrauchsabgaben um so höher und vielseitiger!).
 Sie ruhten auf Kaffee, Tee, Wein, Bier, Branntwein,
Salz, Seife, Kohlen, Torf. Im Verkehr gab es Last- und Waggelder,
sodann Luxussteuern und Wagengelder. Außerdem bestanden Immobilien-
 und Mobilien-, Erbschafts- und Einkommensteuern,
Steuern auf Zehnten und Verpfändungen?). Nicht zuletzt ist aber
die Grundsteuer (Verponding) zu nennen, die in den Anfang
des 16. Jahrhunderts zurückging. Sodann der Stempel auf
öffentliche _ Urkunden und eine Gewerbesteuer
(Patentrecht). Wer eine Kuh besaß, mußte von ihr vierfache
 Steuer entrichten: vom Tier, von der Weide, von Butter und
Käse, von der Haut?). Man erhöhte und vermehrte lieber diese
auf dem täglichen Verbrauch und Verkehr ruhenden Abgaben, als
daß man den Handel besteuerte. Amsterdam wehrte sich mehrfach
gegen die Erhöhung der Convoygelder, die in erster Linie den Handel
trafen‘). Auch die Kapitalrentensteuer von 12% % und die %%
Leibrentensteuer, die 1602 seitens der Provinz Holland geplant war,
rief den entschiedenen Protest Amsterdams hervor, weil sie den
Kredit der Kaufleute schädige®). Ebenso widersetzte sich Amsterdam
 um jene Zeit einer Wiederheraufsetzung des Zinsfußes für
feste Anlagen, namentlich Hypotheken, die schon damals von dem
Amsterdamer Kapital gesucht waren‘). Billiges.-Handelsund
 Leih-Kapital, aber durch die Akziseund
 andereImposten verteuerteLebenshaltung:
 das war die wirtschaftliche /Richtschnur,
 nach der die in Amsterdam sitzende
kaufmännische Regierung der Republik verfuhr.

ll Büsch nennt Holland das Land, in dem die Akzise am meisten den
Unterhalt des geringen Mannes verteuere und die Manufakturen unterdrückt habe
(Sämtl. Werke, X, 71).
2?) Metelerkamp, 714:
*) Blok, Rel. Venet., 1S.1172' (1626).
‘) Elias, Regentenpatriciaat, S. 73.
)Ehrenberg, Zeitalter d. Fugger, II, 281, Anm.; van Ravesteyn,
5266 ff,
S van Ravesteyn;, S. 2651.
        <pb n="192" />
        — 184 —
eV DTe Konsumbelastung, hat später eher.zuals
 abgenommen, Die Neigung, den Verbrauch, den. Grundbesitz,
 und die; Vermögens- und Besitzveränderungen jeder ‚Art. zu
besteuern, den Handel, und das Kapital als solches dagegen zu
schonen, ‚stieg, mit. der Zeit und. den wachsenden Ausgaben. . Im
18. Jahrhundert, traten ‚in dieser Hinsicht recht merkwürdige, Zustände
 zutage.; Die Vermehrung ‚der einzelnen Belastungsarten
nahm in stärkerem Maße zu. Das Halten von Dienstboten, Lehrburschen,
 ‚Kostgängern, wurde ‚steuerpflichtig; für Schornsteine‘}),
Laternen, ‚die Unterhaltung. der Grachtenmauern waren Abgaben
zu zahlen. Kaufte man. ein Haus,.das etwa 5500 fl. wert war, :so
hatte man 236 fl.. Abgaben zu ‚entrichten, also fast 4%. Für
Kaffee und Tee war eine Abgabe zu zahlen, man mochte ihn trinken
oder nicht; nur;durch eine eidliche Versicherung, daß keiner. von
beiden ‚ins; Haus kam, konnte man sich. von der. Abgabe befreien.
Der Impost auf Salz war teurer als das Salz selbst; von T'/, ‚Pfund
Brot. waren. 6 Deut zu zahlen, von allen. Gemüsen und Früchten
ı.Deut für jeden Stüver?).. Alles dies verteuerte das Leben natürlich,
 ungeheuer und ; schädigte. namentlich, die Industrie, die allzu
hohe, Lebenskosten nicht vertragen konnte. Die meisten ‚Schriftsteller
 dieser Zeit beklagten, diese Verhältnisse®).
„rt „Die Last der Imposten und sonstigen kleineren. und größeren
Nebenabgaben wurde um: so drückender empfunden, ‚als man sich
ihnen ‚schwer entziehen konnte, weit schwerer;;als. den Convoyen
und ;Lizenten. Diesen gegenüber half man sich durch einen; ausgedehnten,
 Schmuggel, der durch, eine korrupte. Verwaltung. befördert
 wurde; die Admiralitätskollegien waren hierfür berüchtigt ?).
kA 1) ‚Über das ‚Schornsteingeld schon 1666/67, van! der;,Goes, ‚Briefwisseling,
 S. 245, 277; ferner, Sickenga,,Bijdrage,S. 350; zu;den außergewöhnlichen
 Abgaben gehörte auch das Herdstättengeld; über dies klagte 1666 van
der Goes, S. 239; vgl. Sickenga, S. 349 If.
?) Vgl. die Schilderung bei Eversmann, S. 167,ff.;, Die, Koopman,
11T, ‚237.18, Sn ; ;
5) So Serionne, S. 490.
‘) Pringsheim, S. 3. Über den zunehmenden Schmuggel von Wein
De Koopmann, IV, 185 ff; sowohl Büsch, Bemerkungen (1786), S. 30,
wie auch Grabner (17092), S. 248 f., ‚schrieben, die, schlechte Qualität des in
Holland verzapften französischen. Rotweins der hohen Akzise. zu. Über den Aufruhr
 gegen den Eid über den Weinschmuggel (1751) Blok, Geschiedenis y. h.
ned. Volk, VI, 255.
        <pb n="193" />
        — 485 —
Vornehme: Kaufleute, . die . Bürgermeister ‚waren und hohe Ehrenstellen
 bekleideten, scheuten sich nicht, wenn es ihren Geldbeutel
betraf, den Staat zu: betrügen; die Beamten waren davon unterrichtet,
 wagten: aber nicht dagegen einzuschreiten"). Während
das Volk mit schweren, 'kaum erträglichen Steuern belastet wurde,
drückten „sich. reiche, angesehene Kaufleute um die Zahlung gesetzlich
 : vorgeschriebener Abgaben. Es war kein Wunder, wenn
es gelegentlich zu Volksunruhen kam, so 16905, weil man die hohen
Kriegssteuern nicht mehr zahlen wollte.. In dem kleinen Orte Gorinchem
 brachen 1734 Unruhen aus, weil die Stadtverwaltung einen
höheren Betrag als Grundsteuer erhob, als ihr gesetzmäßig zustand;
erst viele Jahre später schlichtete. der Statthalter Wilhe 1m; IV.
diesen Zwist?).
In der Mitte des Jahrhunderts brachten die ‚gemeinen Mittel‘
 7—8, Convoyen und Lizenten 2, Grundsteuer 2% Mill. fl. ein.
Durch Sondersteuern wurde insgesamt ein Staatseinkommen von
20 —+25: Mill. Al. erzeicht?):
Trotz aller dieser Lasten gab es Zeiten, wo.sich die Niederlande
in. großer. Geldnot: befanden und neue Mittel schwer aufzubringen
waren‘)... Schlecht. stand es offenbar Anfang der 1660er Jahre;
man hätte sonst. wohl Dünkirchen nicht an Frankreich fallen lassen
und sich bemüht, es für Geld zu erwerben®). Wie eng man in bösen
Zeiten: das Steuerinteresse mit der Zugehörigkeit zur Union verknüpfte,
 sieht man ‚daraus, daß 1673 ernsthaft erwogen wurde,
ob man die drei von den Franzosen längere Zeit besetzten Provinzen
Utrecht, Gelderland, Overyssel jetzt nach ihrer Befreiung nicht
außerhalb der Union stellen sollte, bis ‚sie imstande seien, ihre
1) Stukken v. d. Geschiedenis (Hilten) II, 72 ff., 80 ff. (1630 f.); II, ı0 ff.
(1628 ff.).
2) Ble’yswijk,‘ Memorien, S. 90° Anm.
3) Vgl. Ballhausen, S. 136, wo die näheren Quellenangaben sich
finden. Davenant schätzte Ende des 17. Jahrhunderts die Gesamteinnahme
der Niederlande aus dem Land, Handel und Industrie auf 181/, Mill. £ (Works,
1, 248),
‘) Ende 1628 betrugen die Rückstände der Republik fast 3 Mill. fl. (Blok,
ebenda, IV, 298). Dem Prinzen Friedrich Heinrich liehen die Amsterdamer
 Bankiers, unter ihnen Bartolotti-van den Heuvel, nicht
weniger als 2; Mill. fl. zu 4% (Elias, Vroedschap, S. 388).
5) Sovander Goes, S. 152.

35
        <pb n="194" />
        Steuerquoten zu entrichten. Auf Wunsch des Statthalters folgte
man aber diesem Rat nicht‘).
Gelegentlich wurden auch Stimmen laut, die den großen
Handelsstädten eine höhere Steuerbelastung aufbürden wollten,
weil sie dem Staate mehr verdankten als alle anderen Einwohner?).
Ob diese Forderung berechtigt war, läßt sich schwer nachweisen.
Schon oben wurden die hohen Anteile Amsterdams und Hollands
an den Steuern erwähnt. Auch in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
 war der Anteil Hollands, das die größten und reichsten
Städte besaß, noch sehr hoch. Um 1770 brachte allein Holland
78 Millionen Gulden auf, die übrigen Provinzen 56 und das damals
noch nicht als Provinz aufgenommene Drenthe ı Million. Von
diesen 135 Millionen fielen auf Südholland 63 863 100 fl., auf Nordholland
 14 256 900 fl., also 81%/, bzw. 181, %, während es früher
79% bzw. 20% % gewesen waren. Allerdings war mit 135 Millionen
das damalige Gesamteinkommen der Republik nicht erschöpft.
Es kamen noch eine Reihe von Einkünften der Provinzen und der
Generaliteit hinzu, z. B. von der Ost- und Westindischen Kompanie,
den geistlichen Gütern usw., insgesamt 109 Millionen, so daß das
Gesamtjahreseinkommen der Republik sich damals auf etwa 244
Mill. fl. belief?). Die Einkünfte der Republik aus den eigenen Produkten,
 der Land-, Wasser- und Torfwirtschaft schätzte man auf
kaum II Millionen. Alles andere schaffte der Handel, die Seefahrt, die
Industrie herbei. Es war also doch zweifelhaft, ob es gerecht war,
diese Berufsstände noch mehr zu beschweren ; es fehlte nicht an solchen,
die in der hohen Steuerbelastung des Handels einen Grund für
seinen Rückgang erblickten‘). Gerade der Landwirtschaft ging
es seit der Mitte des 18. Jahrhunderts nicht schlecht; war sie auch
hoch belastet®), so hatte sie doch den Vorteil, daß sie alles mit dem
Gelde ihrer Abnehmer bezahlte; die Milchprodukte, Gartengewächse,
 die Viehzucht, der Torf brachten ihr viel ein, und ihr Risiko
stand zurück hinter dem des Handels und der Seefahrt®).
———_—_ 1) Blok, Gesch. v. h. ned. Volk, V, 323.
2) SeErionne, S. 503%.
°) De’ Koopman, 111236.
*) So auch Büsch in Theor.-prakt. Darstell. d. Handlung, 5. Buch (Sämt!l.
Werke, II, 74).
5) Über die Besteuerung der Landwirtschaft vgl. oben S. 50ff.
8) Serionne, S. 500f.

186
        <pb n="195" />
        — 187 ——
Daß infolge des durch Handel, Industrie, Landbesitz, Landerwerb
 und Fondsanlagen wachsenden Reichtums auch das Kapital
stärker zur Steuer herangezogen werden mußte, war nicht zu leugnen.
Aus den ‚„Cohieren‘‘ über die Veranlagung der der Vermögenssteuer unterworfenen
 Hausbesitzer und Mieter im Haag in den Jahren 1627 und 1674 ersehen
wir, daß schon damals eine starke Zunahme des Großkapitalismus
 stattgefunden hat und daß sich diese in den Steuererträgen ausprägte. Während
 1627 ein Großkapitalist im Durchschnitt 205 500 fl. besaß, betrug 1674 sein
Vermögen: 221 542 fl., und hatten im ersteren Jahre diese Großkapitalisten 30,68%
des Gesamtvermögens besessen, so 1674: 46,79%. Hatte 1627 nur eine Person
mehr als 500 000 fl. besessen, so waren in 1674 deren neun!). Es muß aber bemerkt
werden, daß unter den Trägern der größeren Vermögen sich
auffallend viele Beamte befanden, ein Zeichen dafür, daß die
Korruption sich sogar in den fundierten Vermögen ausdrückte?); auch vorteilhafte
finanzielle Ämter förderten hier die Kapitalbildung®).
Ein etwas anderes Bild bietet die Vermögenssteuer in Amsterdam, für die
ein Cohier von 1631 die Zahlen liefert. Hier wurden damals rund 4000 Personen
veranschlagt, die mehr als 1000 fl. besaßen und insgesamt 63% Mill. fl. besaßen.
Mehr als 3000 wurden auf ein Vermögen von weniger als 20 000 fl. geschätzt;
von den übrigen 913 Personen besaßen 584 ein Vermögen von 20—50 000 fl., 231:
50—100 000 fl., 54: 100 000—150 000 fl., 20: 150 000—200 000 fl., 12: 200 000
bis 250 000 fl., 4: 250 000—300 000 fl., 7: 300 000—400 000 fl., 1: % Mill. fl. (Bürgermeister
 Jacob Poppen). Im Jahre 1674 war das Amsterdamer Vermögen, Soweit
 es geschätzt war, auf 158 Mill. fl. gestiegen‘).
Im 18. Jahrhundert, für das uns Nachrichten dieser Art
fehlen, wird es kaum anders gewesen sein. Am Ende des
718. Jahrhunderts nahmen die Vermögen; in
Holland ab. Die ganze Republik hatte 1787/88 ein steuerpflichtiges
 Vermögen von 2000454850 fl. gegen I 151801235 fl.
im Jahre 1795/96°); 1800 war eine weitere Verminderung auf
1086181264 fl. festzustellen, zweifellos ein Beweis des Niederganges®).

Zu erwähnen ist noch, daß 1747 eine sog. ‚liberale gift“,
eine freiwillige Abgabe von den Vermögen jeder Art, bewilligt und
1) Van Gelder, Haagsche Cohieren, I, II.
2) Ebenda, II, 10:
*) Ebenda, II, ı5 ff.
Brugmans, Opkomst, S. ı42 f., 145.
Metelerkamp;J.55 8.
’) Am 2. Nov. 1802 berichtete der Engländer Liston aus dem Haag
über „the general diminution of capital‘ in Holland (Colenbrander , Gedenkstukken,
 IV, 325 f.).
        <pb n="196" />
        CAM =—
gezahlt wurde, um die Kosten des Krieges gegen Frankreich zu
bestreiten. Sie bestand darin, daß von jedem Vermögen oder Einkommen
 unter 2000 fl, 1%, über 2000..fl...aber 2% oder. mehr. gezahlt
 wurde. Sie brachte in der Republik etwa 50 Mill. fl, ein?).
Werfen wir nun einen Blick auf die Staatsschulden
und ihre Verwaltung, so tritt uns hier eine fast noch
größere Mannigfaltigkeit als im Steuerwesen entgegen. Von jeher
hatte jede Provinz und jede Stadt ihre eigenen Schulden; sie waren
aber verhältnismäßig unerheblich; 1554 hatte z. B. Holland, damals
schon’ eine reiche Provinz, 47 000 {l. jährliche Rente zu zahlen ?).
Mit der Losreißung von Spanien nahmen natürlich die Schulden
zu; wir sahen schon, daß mit den laufenden Einnahmen die Ausgaben
 nicht zu bestreiten waren. Die Schulden: steigerten sich
begreiflicherweise in einer Zeit, da der Kredit des Jungen Staatswesens
 noch gering war, und nahmen daher hohe Zinsen in Anspruch;
 man mußte 1583/84 Geld zu 10—12% aufnehmen?);
nach dem Bericht des venetianischen Gesandten hat man zeitweise
 36% ‘zahlen müssen; Anfang des 17. Jahrhunderts erhielt
man ‚Geld zu 20, 16, 12, zuletzt 6%):
‚Daß die Niederlande in der ersten Zeit diese Schulden nicht
allein im Inlande machen konnten, war selbstverständlich; das um
seine Existenz kämpfende, teilweise vom Feind besetzte, noch nicht
im Vollbesitz seiner wirtschaftlichen Erwerbs- und Ausdehnungsmöglichkeiten
 befindliche Land war auf auswärtige Hilfe angewiesen.
 Von den Bundesgenossen half nur Frankreich mit Geldmitteln;
 mit England mußte 1599 ein Vertrag geschlossen werden,
in dem sich die Generalstaaten zu einer Schuld von 800 000 £ bekannten;
 davon mußten alljährlich 30 000 £ amortisiert werden;
und England war ein sehr unbequemer Gläubiger®). Von den deutl)ı
 Blok, Geschied. v. h. ned. Volk, VI, 2ı2; Leidsch Jaarboekje 1915,
S.ı1r7dff.; Klerk de Reus,/S. 276; Sickenga,‚,S. 106, spricht von einer
„liberale gift“ von 1751. Bei Gosses en J apikse, S. 302, heißt die Abgabe
von 1747 eine „milde gift‘. Auch 1794 wurde zur Verteidigung des Landes für eine
„liberale gift‘ gesammelt; sie brachte nicht viel ein (Honig, II, 243).
2 Weeveringh, S.3.
3. Metelerkamp 1,23:
4) Blok,. Rel. Venet., S.. 53.
°) van Dam van Isselt;, S 75; vgl. Fruin, Tien jaren, S. 126.

88
        <pb n="197" />
        — 1.7) —
schen Fürsten, die selbst meist nicht viel besaßen, half damals
nur der Kurfürst von der Pfalz. Beim Abschluß des ı2jährigen
Waffenstillstandes, 1609, hatte das Land ı2 Millionen fl. Schulden,
für die 10—14% Zinsen bezahlt werden mußten; ferner hatte Frankreich
 14—15, England mehr als 8 Millionen fl. zu fordern!). Als
später der innere Reichtum zunahm und sich zu dem alten
neues Kapital bildete, waren die Schuldverschreibungen der Provinzen,
 vorzüglich Hollands, ein beliebtes Anlagepapier auch im
Inlande. - Man stellte aber nicht nur Obligationen mit fester
Zinsverpflichtung aus, sondern griff sehr oft zu dem damals beliebten
 Mittel der Leib- oder Losrenten, die im In- wie Auslande
 ein gesuchtes Papier‘ wurden, das eine Rentenversorgung
gewährte?).
Neben den Schulden der Provinzen gab es dann solche der
Generaliteit, d. h. des Gesamtstaates. Dieser waren für die ihr
auferlegten Fürsorge für die Landesverteidigung und innere Ruhe
gewisse Einkünfte überwiesen; in Zeiten der Geldknappheit machte
die Generaliteit Anleihen, die dann in besseren Jahren wieder abgetragen
 wurden?). Nicht selten war die Generaliteit auch im Vorschuß
 für einzelne Provinzen, da diese, namentlich Ende des 17.
Jahrhunderts, mit ihren Leistungen an die Generaliteit im Rückstande
 waren, was wiederholt finanzielle Schwierigkeiten bereitete.
Auch überließen die Provinzen, die außerstande waren, für sich
selbst Geld anzuleihen, dies wohl der Generaliteit, die dadurch das
Notwendige leichter erhielt. Das vermehrte aber nur die Verwirrung
 und Unübersichtlichkeit des Standes der Schulden; und es
war sehr schwer, die Verpflichtungen der einzelnen Provinzen von
denen der Generaliteit zu trennen und einen klaren Überblick über
diese ganze Finanzwirtschaft zu gewinnen.
Am höchsten war die Verschuldung der Provinz Holland,
Bei ihrer Größe, ihrem Reichtum, dem aber auch die Verpflichtungen
 und Lasten entsprachen, war das nicht erstaunlich. Andererseits
 war gerade hier, wo der kaufmännische Geist unumschränkt
 herrschte, auch der Drang nach Abtragung der Schuld
am stärksten vorhanden. Im Jahre 1650 betrug. die. verzinsliche
)) Blok, Geschied. v, h..hed: Volk, 111, 536.
?) Laspeyres, S: 248 ff.
3.Weeveringh, Slaeafı

8c
        <pb n="198" />
        Schuld Hollands 140 Mill. fl., außerdem 13 Mill. laufende Schuld‘).
Es gelang der Provinz, 1644 den Zinsfuß von 6% auf 5, 1655 sogar
auf 4% herabzusetzen, was eine jährliche Ersparnis von I 400 000 fl.
bedeutete?). Auf diese Weise hatte Anfang 1672 die Provinz nur
noch eine Kapitalsschuld von 65 Millionen. Durch eine Reihe notwendiger
 Anleihen stieg sie aber schon in diesem Jahre auf etwa
240 Millionen fl., die mit 37%% verzinst wurden. Trotzdem reichten
diese Summen nicht; und nur mit starker Anziehung der Steuerschraube
 und wiederholter Erhebung des 200. Pfennigs hielt sich
vor dem Einbruch der Franzosen die Provinz noch finanziell aufrecht®).
 Die Finanzverwaltung Hollands war um so schwieriger,
als es nicht selten anderen Provinzen, wenn sie außerstande waren,
zu zahlen, Vorschüsse leistete, und es nicht immer leicht war, diese
zurückzuerhalten.
Im Jahre 1717 war der Stand der Kapitalschulden der sieben
Provinzen und Drenthes der folgende‘%):
Kapitalschulden Renten u. Zinsen
Gelderland ...”. 3592214 fl. 123 649 fl.
Holland. :; I5 640 817. ,, 621 480 ‚,,
Seeland... .. 28650957 „ 112438 ,,
Utrecht. 1. A 2.287 998%, 83167,
Friesland i:. 5. 5128 384 |), I90 183 ,,
OQveryssel. . I 908 059 ‚, 67111 ,,
Stadt und Lande 2 048 104 ,, 73.508,
Drenthe u ale 203 881. ,, 11850 ,,
Summe: 33 765 416 Ür 283 388 fl. I
Außerdem bestanden noch Schulden, die im spanischen Erbfolgekrieg gemacht
und dann auf die Subsidien angerechnet waren, die das Haus Österreich in Gemäßheit
 des Barrieretractats an die Republik zahlen mußte. Diese Schuld betrug
7154031 fl. Endlich bestanden noch für 17 381 249 fl. Schulden, die nicht verteilt
 und mit denen die Generaliteit belastet war; die Gesamtschuld letzterer betrug
seit 1717 rund 58 Mill. fl., deren Verzinsung rund 2% Mill. fl. erforderte.
Nhdela Court, Interest van Holland, S. 94.
2) Weeveringh, S.7; Kolkert, S. 160; Anm. ı; Macpherson,
IT, 463, nennt die Zinsherabsetzung von 1655 ‚the first national sinking fund ever
set on foot in Europe‘. Der Zinsfuß für private Geldanlagen sank damals auf 3 bis
30% (de Roever, Weeskamer, S. 60).
$ Blok, Geschied. v. h. ned. Volk, V, 262.
‘j Weeveringh, S. 7ff.; Stüver und Pfennige (Deuten) sind in der
Aufstellung fortgelassen.

190 +
        <pb n="199" />
        Jene Schulden der Provinzen waren nun sehr verschiedener Art; sie waren
teilweise gemacht gegen Obligationen, teilweise gegen 2ojährige Renten, die später
in 32jährige umgewandelt wurden; andere bestanden in Leibrenten. So hatte die
Provinz Holland 1717 zu verzinsen!):
Kapitalien auf Leibrenten
auf ı Leben: ı 674 606 fl., auf 2 Leben: ı 087 263 fl.
Diese 2 761 869 fl. Kapital waren mit 220 621 fl. zu verzinsen. Insgesamt
hatten alle Provinzen, einschließlich Drenthes, damals zu verzinsen:
Kapitalien auf Leibrenten
auf ı Leben: 4 685 724 fl., auf 2 Leben: 2 391 924 fl.
was eine Verzinsung von 564 038 fl. erforderte. Durch Todesfälle hatte sich 1786
dieses Kapital um 74 164 fl. verringert, wovon allein auf Holland 30 427 fl. fielen.
Auch die Generaliteit trug nach langen Verhandlungen im Laufe des ı8. Jahrhunderts
 ihre Schuld’ ab, so daß sie 1786 nur noch 3 651 968 {l. betrug?). Wenn
auch die meisten Provinzen allmählich ihre Schulden an die Generaliteit durch
Rückzahlungen stark verminderten, so war es doch sehr schwer gewesen, dies zu
erreichen. Am säumigsten verhielt sich Friesland, das 1786 noch 4 513 ooı fl. schuldete;
 auch Seeland war noch mit 2 408 622 fl. im Rückstand; Holland schuldete
noch 4 063 784 fl.; nur Overyssel hatte seine Schuld bei der Generaliteit ganz abgetragen.
 So waren 1786 noch 602 927 fl. Zinsen zu bezahlen, also etwa die Hälfte
der 1717 schuldigen Jahreszinsen.
In diesen Summen waren aber nicht enthalten die Schulden
der Admiralitätskollegien, die, wie sie über eigene Einnahmen verfügten,
 auch das Recht hatten, Anleihen zur Instandhaltung der
Flotte zu machen. Die Obligationen der Admiralitäten waren sehr
beliebt; ihnen vertrauten viele Kaufleute große Beträge an, wofür
sie dann Schuldverschreibungen erhielten, mit denen sie wieder ihre
Convoy- und Lizentabgaben bezahlten?). Wie hoch die Verschuldung
 der Admiralitäten war, ist nicht ersichtlich.
Trotz der nicht unbeträchtlichen Schulden war der Kredit
Hollands beim Eintritt in das letzte Viertel des 18. Jahrhunderts
noch immer unerschüttert. Im Vergleich mit anderen Ländern
war die Verschuldung der Republik gering, und ihr stand gegenüber
 die starke Verschuldung des Auslandes an die niederländischen
” Weeveringh, S.9. Obigen Angaben gegenüber steht die Mitteilung
des französischen Gesandten von 1728, nach der sich die Schuld der Provinz Holland
 zwischen dem Frieden von Rijswyck und dem zu Utrecht um 143 Mill. fl. gesteigert
 habe (Recueil des instructions etc., XXII, S. 475). Die starke Verschuldung
 Hollands nach dem Utrechter Frieden betont Thorbecke, Simon van
Slingelandts toeleg usw., S. 336.
3 Weeveringh iS: ul,
) Weeveringh,S. 14; De Koopman, III, 188.

101
        <pb n="200" />
        Anleihegläubiger. Die Schulden waren zum großen Teil Überbleibsel.
 der früheren Kriege; die Verzinsung vollzog sich ohne
Schwierigkeit!). Nur der englische Krieg hatte die, Schuld wieder
vergrößert?); bei ruhiger: politischer Entwicklung war auch diese
Last zu tragen. In) den Jahren 1781—1787 wurden ‚die gewöhnlichen
 und’ außerordentlichen Einnahmen ‚der Provinz. Holland
durch die Lasten ‘übertroffen im Durchschnitt mit “jährlich
6 828 427 f1l.%). Später wurde es aber Schlimmer; 1788—1704 betrug
 das jährliche Defizit durchschnittlich 8 375 543 fl.
$ 7. Hollands Kapitalmacht.
Bankwesen, Börse, Versicherungswesen. Die Juden,
Im Wirtschaftsleben der Niederlande war unleugbar von hoher
Bedeutung ihre Eigenschaft als Geldmacht. Die Entwicklung in
dieser Richtung, war gegeben durch den überwiegend kapitalistischen
Charakter, den die holländische Wirtschaft seit dem Ende des ‚16.
Jahrhunderts mehr und mehr annahm und zu dem die Grundlagen
ja schon früher gelegt waren; den Zusammenhang mit dem städtischen
 Ursprung des niederländischen Wirtschaftslebens berührten
wir oben bereits‘). Jene Entwicklung trat nun nicht nur im Handel
und Geldwesen, sondern auch in der Industrie hervor; in dieser
bildete sich mit der fabrikmäßigen Herstellungsart gleichzeitig auch
der Handelskapitalismus ‘aus, der z. B. dahin führte, daß "die
Leidener Textilindustrie völlig von den in Amsterdam ansässigen
Großkapitalisten abhängig wurde.
Jetzt, im 17. und 18. Jahrhundert, bıldete sich' in Holland
der mit seinem Gelde arbeitende, auf seinem Geldsack sitzende
Bourgeois aus. Angefangen hatte er mit dem gefahrvollen Eigenhandel
 nach der Ostsee und Spanien-Portugal; er beteiligte sich
1) De Koopman, III, 170ff. Schon Davenant (Works, I, 252)
weist hin auf die Mühelosigkeit, mit der die Niederlande die'von ihm auf 25 Mill. £
geschätzten Schulden trugen, deren Verzinsung‘ sie weniger aus dem Handel als
aus Verbrauchsabgaben bestritten.
*-+72) Nach" Macpherson; Annals, IV, 95 hat dieser Krieg’ die Niederlande
etwa 10 Mill. £ gekostet; die Reeder und Kaufleute kam er auf etwa 80 Mill. dl.
zu stehen (Mr. D., Over de aloude vrijheid etc., Si: 293).
3 Metelerkamp, II, 44.
4) Vgl. oben S. 4 ff.

192
        <pb n="201" />
        an der örtlichen Industrie, auch wohl an der Reederei durch Parten.
Dann waren die großen Unternehmungen nach Übersee ins Leben
gerufen worden; nun erwarb er von seinen Ersparnissen Aktien
der Ostindischen und Westindischen Kompanie. Mit der Anhäufung
 des Kapitals wuchs die Vorsicht und die Abneigung gegen
Risiko; der Eigenhandel machte dem behäbigen Kommissionshandel
und dieser dem sorgenlosen Rentengenuß Platz.
So entwickelte sich stufenweise der findige, sparsame, Geld
scharrende Geschäftsmann, dessen phlegmatische, Gemütserregungen
abgeneigte Natur alles andere kannte, nur nicht Sentimentalität
in Geldsachen. Hier in Holland erlernte man ‚,die schöne Ökonomie,
die die Häuser reich macht‘‘1). Holland wurde die hohe Schule
des kapitalistischen Geistes, in der Engländer, Hanseaten und andere
in die Lehre gingen. Hier studierte man die moderne Geldleihe,
die aus wenigem viel machte und überall die Stellen auszuspüren
verstand, die geldbedürftig waren und den angehäuften Schätzen
eine angemessene Verzinsung versprachen. Der satte, von seinen
Zinsen lebende Mijnheer wurde das klassische Vorbild des Bourgeois,
 wie wir ihm später in fast allen Ländern der Welt begegnen.
Zunächst nötigte freilich der Befreiungskampf zur straffen
Zusammenfassung der eigenen Mittel, und Staat und Kaufmann
waren vielfach auf fremde Unterstützung angewiesen. Anders wurde
das im 17. Jahrhundert, als durch den zunehmenden Handel, den
Zufluß des Vermögens der von auswärts einwandernden Flüchtlinge,
 durch die großen Unternehmungen sich der Reichtum im Lande
schnell vermehrte?), zum Teil auch durch den oben?) erwähnten
Ämtermißbrauch. Die Landwirtschaft war erst später beteiligt,
während der Handel, die Reederei und die mit ihnen zusammenhängenden
 Vermittlungsgeschäfte wohl für die Vermögensbildung
das meiste beitrugen.
Ein Teil dieses Reichtums fand Anlage im einheimischen
ländlichen Grundbesitz und in der Industrie, ein anderer in den
) Sombart, Der Bourgeois, S. 159.
?) Vgl. über diese Kapitalsanhäufung Sombart, Kapitalismus, II, 2,
S. 982 f. Allein von Westafrika wurde von 1629—1636 für ır 733 900 fl. Gold
und Elfenbein im Gewicht von ı 137 400 Pfd. nach Holland eingeführt (Zimmer -
mann, Kolonialpolitik, S. 43).
3) SS; 187.
Baasch, Holländische Wirtschaftsgeschichte.

193
13
        <pb n="202" />
        - y 1 5—
großen Arbeiten für die Landgewinnung und Trockenlegung.
Aber ungeachtet der großen Opfer, die das Land noch immer in
dem andauernden Kriege bringen mußte, trotz der riesigen Ansprüche
 des Handels an das Kapital, suchte und fand dieses
doch auch im Auslande eine sich stetig mehrende, einträgliche
 Verwendung; gerade weil man daheim viel Geld brauchte,
mußte es sich in auswärtigen Anlagen vermehren; wurde doch
schon um 17/00. das holländische Nationaleinkommen
 auf 18% Mill. £ Cast die Hälfte des
englischen) geschätzt‘). In der wachsenden Kreditwirtschaft
 fand diese Entwicklung einen günstigen Boden. Auf diesem
Gebiete hat die städtische Macht, die sich vorzüglich in Amsterdam
konzentrierte, noch zu einer Zeit, da ihr politisches Übergewicht
sich schon seinem Ende zuneigte, einen überaus starken wirtschaftlichen
 Einfluß gehabt und das Machtbewußtsein der Holländer in
hohem Grade gefestigt.
Kaum cin europäisches Land gab es;/'da's,
nicht im Laufe der Zeit holländische Mittel
in Anspruch nahm. Schon 1616 lieh der Statthalter von
Cleve, der brandenburgische Kurprinz Geor g Wilhelm,
248 000 fl. zu 7% von niederländischen Kaufleuten unter Garantie
der Generalstaaten. Diese Schuld hat lange Jahre auf Brandenburg
 gelastet und Anlaß zu widerwärtigen Verhandlungen gegeben,
da die Niederlande sich auf Grund dieser Forderung in Cleve festsetzen
zu wollen schienen; erst 1678 quittierten die Generalstaaten gegen
mancherlei Zugeständnisse über diese Schuld?). Im übrigen?) hat
gerade der Staat Brandenburg-Preußen verhältnismäßig wenig holländischen
 Kredit in Anspruch genommen, und, wenn es geschah,
sich seiner Verpflichtungen pünktlich entledigt; die Anleihen von
1793 (5 Mill. fl) und 1796 (3 Mill. fl.) wurden rechtzeitig zurückge-N,
 Davenant bei: Sombart, Kapitalismus, II, 2, S. 1050.
?) Sie trug ihren Namen nach dem Vermittler, dem Generaleinnehmer des
Amsterdamer Admiralitätskollegs, Peter Hoefijser (Erdmannsdörffer,
Urk. u. Aktenstücke, IV, 9 ff.).
3 Raule nahm 1689 für den Kurf. Friedrich III., der dringend Geld
brauchte, in Holland Leibrenten auf, die ihm 50 000 Taler zuführten (Schück,
I, 228). Über die Schwierigkeiten, die die Amsterdamer Makler 1691 hatten, dem
Kurf. v. Brandenburg einen Kredit von % Mill. fl. zu verschaffen, vgl. van der
Heim, 1, 721

cc
        <pb n="203" />
        zahlt!) ; und der Historiker der niederländischen Anleihen stellte Preußen
 als das Vorbild für die gewissenhafte Tilgung dieser Schulden hin?).
Im Jahre 1642 lieh die Königin von England, Henriette
 Marie, Karls I. Gemahlin, von der Rotterdamer Lehnbank
 400 000 fl., von dem Statthalter Friedrich Heinrich 300 000 fl.,
von den Generalstaaten 50 000 fl. Die Lehnbank ließ sich zu dieser
Hergabe nur bereit finden gegen die Verpfändung der englischen
Kronjuwelen, von denen die Königin einen Teil mit sich führte;
die Lehnbank verkaufte, als der auf 6 Jahre berechnete Leihvertrag
 1649 abgelaufen war und auch die Zinsen ausblieben, die
Juwelen und verlor dabei noch 42 500 fl.?). Noch 1650 versuchte
Karl Stuart, der spätere Karl II., in Amsterdam 50 000 £
zu leihen gegen Verpfändung der Scilly Islands; doch kam das Geschäft
 nicht zustande‘).
Zur Unterstützung der 1694 errichteten Bank von England,
die schon bald darauf in große Schwierigkeiten geriet, wurde 1696
die Hilfe holländischen Kapitals in Anspruch genommen®). Auch
später war Holland an den Aktien dieser Bank stark beteiligt.
Viel holländisches Kapital fand auch in englischen
Fonds Anlage. Eigentliche staatliche Anleihen hat England
freilich in den Niederlanden nicht aufgenommen; wohl aber ist
schon seit Ende des 17. Jahrhunderts eine starke Beteiligung Hollands
 an den englischen Fonds nachweisbar. Da in Holland der
Zinsfuß für die eigenen Schuldverschreibungen gering war, meist
2% %, schien es begreiflich, wenn den englischen Fonds, die
meist 3%—4% abwarfen, viel holländisches Geld zuströmte®).
)Alting Bösken,S. 34 ff.
2) Weeveringh, Il, 637.
®) Koch, De Engelsche Koningsjuweelen usw. Schon 1625 wurden englische
 Kronjuwelen als Pfand gegen Gelddarlehen in die Amsterdamer Wechselbank
 gebracht (van Dillen, Bronnen, S. 65). Über die Schwierigkeiten, die
der Oranier Wilhelm III.hatte, Geld in Amsterdam zu erhalten (1696), vgl. van
der Heim, 1,2088
‘ Gardiner), History etc., I, S. 223, 226.
°) Vgl. Andreades, Bank of England, S. 108 f.
°) Schon 1728 schätzte der französische Gesandte den Anteil holländischen
Privatkapitals in englischen Fonds auf mehr als 100 Mill. fl. (Recueil des instructions
 etc., II, 493.) Nach van Dillen, Beurscrisis, S. 245, nahm England
1760 in Amsterdam eine Anleihe von ı2 Mill. £ zu 3% auf. Nach Haller ,-S. 33;
trug um 1725 das Geld in Amsterdam kaum 3%.

195
13*
        <pb n="204" />
        196

Im Jahre 1770 betrug die englische fundierte Staatsschuld rund
129 Mill. £; davon fielen nach einer Schätzung allein auf Holland
22 Mill., mit einer Verzinsung von 783 800 £!); möglich, daß diese
Beträge in Wirklichkeit noch höher waren. Zehn Jahre später,
1780, schätzte der preußische Gesandte im Haag, Thulemeyer,
die Verschuldung Englands an Holland auf 400 Mill. fl., etwa 4%
der ganzen englischen Staatsschuld?). Vielen einsichtigen Holländern
 war dies schmerzlich zu einer Zeit, da England überall auf
dem Weltmarkt und in den überseeischen Besitzungen siegreich
vordrang; und man warnte davor, einem solchen Lande Geld zu
leihen, da es dieses doch nur gegen die Interessen des Auslandes
verwende. Man rechnete auch, daß von den etwa 81, Mill. fl., die
England jährlich an Holland für Zinsen zahle, höchstens z2 Mill.
nach diesem Lande kämen, das übrige bleibe im Handel hängen
und käme England wieder zugute; so werde das holländische Geld
mit nicht mehr als 7/,% verzinst; das sei für den englischen Kaufmann
 ein großer Vorteil, da ermit billigem fremden Gelde arbeite®).
Noch später griff die Schätzung der Zinsen, die Holland aus England
 erhielt, erheblich höher; 1786 schätzte Thulemeyer jene
Rente auf 15 Mill. fl., während er die von Holland aus Frankreich
bezogene auf 12 Mill. fl. angab‘).
Stark waren namentlich im 17. Jahrhundert die skandinavischen
 Staaten Holland finanziell verpflichtet; das
stand im Zusammenhang mit den ausgedehnten wirtschaftlichen
und politischen Beziehungen der Niederlande zu den Ostseegebieten.
So hatte König Friedrich Ill. von Dänemark bei dem
Amsterdamer Kaufmann Gabriel Marselis größere Anleihen
 gemacht, wogegen letzterem Zölle, Kupferzehnte u. a. m.
verpfändet wurden. Nach Gabriels Tode (1673) machte sein
1) De Koopman, 11,87, 143,157.
2 Colenbrander,. Patriottentijd, I, 851. Nach Gogel (Colenbrander,
 Gedenkstukken, II, 781) hatte damals Holland an England 4—500
Mill. fl. geliehen.
3) Das große Interesse der holländischen Handlungshäuser an englischen
Fonds betonte schon im Mai 1782 Adams (van Wijk 174). Daß die große
Schuldenlast Englands zugunsten der Niederlande diese in sehr gefährlicher Weise
mit den politischen Verhältnissen Englands nahe verknüpfe, betont De Koopmans;
IIT, 192.
‘ Manger,S. 6of.
        <pb n="205" />
        gıeichnamiger Sohn, der Rat in der Amsterdamer Admiralität war,
diese Forderungen geltend; und es bedurfte langer Verhandlungen,
um zum Ziel zu kommen. Es bestanden auch noch andere Forderungen
 der Gebrüder Marselis an den König. Ferner hatte
die Provinz Holland an diesen aus den Jahren 1657, 1658 und 1666
Geldansprüche von insgesamt I 050 000 fl., ebenso die Stadt Amsterdam
 von 870 000 4l.!). Noch 1735 schloß König Friedrich V.
von Dänemark mit den Staaten von Holland und der Regierung von
Amsterdam einen Vertrag über ein Darlehen von 375 000 fl. ab,
wobei die Firma Wwe. Jean Balde &amp;amp; Sohn in Amsterdam
die Vermittlung übernahm. Schwierigkeiten, die sich gegen diese
Anleihe erhoben, wurden durch Übertragung einer Hypothek auf
den Bergener Zoll beseitigt?).
Viel holländisches Geld floß auch nach Schweden. König
Gustav Adolph bediente sich oft der Vermittlung des Amsterdamers
 Elias Trip (1570—1636), um Geld zu erhalten?). Im
18. Jahrhundert ist durch Vermittlung der Amsterdamer Häuser
Hope und Horneca, Fizeaux &amp;amp; Co. seit 1768 eine große
Reihe von Anleihen für Schweden abgeschlossen worden; so von
H ope von 1775—1785: 0,9 Mill. fl.; 1789 wieder 11% Mill. fl. durch
Hogguer, Grand &amp;amp; Co. und R. &amp;amp; Th. de: Smeth‘*):
Vorsichtiger war man zunächst gegenüber Rußland. Als
Peter der Große 1708 in Holland eine Anleihe aufnehmen
wollte, lehnten die Staaten von Holland dies ab, da sie selbst der
Gelder dringend bedürften®). Schon früher hatten ähnliche russische
 Gesuche um Unterstützung in Amsterdam taube Ohren gefunden®).
 Doch sind in den Jahren von 1703 ab ansehnliche Bar-Y
 Kernkamp; Balt. Archivalia, S. 92'ff.; Verslag, S. 218.
?) Ebenda, S. ı12f. Das Haus Balde hatte schön 1699 Dänemark
856 914 fl. in Leibrentenkontrakten verschafft; eine 1700 von Dänemark durch
dasselbe Haus gewünschte Anleihe von 600 000 Rthlr. scheiterte an dem Widerspruch
 der Amsterdamer Regierung, die ein Verbot der Staaten von Holland vorschützte
 (Elias, Vroedschap, S. 890).
&amp;gt;) Elias, Vroedschap, S. 551. Im Jahre 1617 wurde eine Anleihe für
Schweden in Holland zum großen Teil von Louis de Geer, des Elias Tr ip
Schwager, bestritten (Edmundson, S. 692).
‘) Elias, Vroedschap, S. 1058 f.
5) Uhlenbeck;, SS: 98.
$)’Scheltema, 11,279:

107
        <pb n="206" />
        198

sendungen nach Rußland gegangen, die eine völlige Umwälzung
des russischen Geldwesens zur Folge hatten!); auf eigentlichen Anleihen
 beruhten diese Sendungen aber nicht; vielleicht waren es
Rimessen für Warenlieferungen. Als in der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts das Vertrauen zu den russischen Finanzen und
der dortigen Verwaltung stieg, nahm auch das Interesse des holländischen
 Geldmarktes für Rußland beträchtlich zu. Die ersten
Anleihen, die dieses im Ausland abschloß, gingen seit 1769 durch
das Amsterdamer Haus R. &amp;amp; Th.de Smeth; es waren
bis 1782 sieben Anleihen von zusammen ı7 Mill. fl.2’). Im Jahre
1788 glückte es Hope &amp;amp; Co., jenem Hause das Monopol dieser
Anleihen zu entreißen, und von 1788—17094 führte Hope Rußland
 Anleihen in der Höhe von 53% Mill. fl. zu. Diese Schuld,
verbunden mit anderen und polnischen Schulden, wurde 1798 anerkannt
 mit insgesamt 88 300 000 fl., verzinsbar zu 5%%). Infolge
mangelhafter Amortisation und Zinszahlung schuldete Rußland hiervon
 nach den Befreiungskriegen noch 80 Mill. fl. Diese Schuld
wurde dann gemeinsam von den Niederlanden und England übernommen,
 um Rußland für seine Kriegsausgaben zu entschädigen‘).
Im Laufe des 19. Jahrhunderts hat Rußland den holländischen
Geldmarkt noch wiederholt in Anspruch genommen und allein
durch das Haus Hope von 1828—1840 Anleihen im Betrage
von 132 Mill. fl. erhalten®).
Selbst Polen, dessen Kredit von jeher schlecht war, fand
im 18. Jahrhundert holländische Geldgeber. Als Vertreter des Königs
Stanislaus Poniatowski brachte der Amsterdamer Bankier
 Quirijn Wilhelm van Hoorn 1781 für ihn eine 5%-Anleihe
von ı Mill. fl. auf, ebenso 1791 zusammen‘ mit Gulcher &amp;amp;
Mulder 1% Mill. fl. Das erstgenannte Bankhaus lieh auch dem
1) Scheltema, Il, oval. van Dillen, BEronnen, S. 341.
2) Elias, Vroedschap, 5.1798, 800.
3) ElYas aaO. S.11060 1.1 Nach Stiassny, S. 139, hat 1789 Rußland
 noch eine Anleihe von 40 Mill. (fl. ?) für die Armee in der Moldau aufgenommen.
A Lting Bösken #S:-100; Lagemans,| Recueil, I, 72 if; Colen-Hrander,
 Gedenkstukken, VII, 62, 161, 210, 227.
5) Alting Bösken, S.|ı106f.; Baumstark,.5S.599; noch in |den
1860er Jahren hat Rußland zwei als ‚,Anglo-Hollandais‘ bezeichnete Anleihen in
Amsterdam und London aufgenommen (Skalkowsky, Les ministres des
finances de la _Russie, S. 142, 180.)
        <pb n="207" />
        A
Fürsten Alexander Lubomirski 1793 Geld!).. In: den
Jahren 1790 und/1707 brachten Hogguer, Grand &amp;amp; Co.
zusammen mit R. &amp;amp; Th. de Smeth insgesamt drei Anleihen
im Gesamtbetrage von rund 7,7 Mill. fl. zu 5% auf, gegen Verpfändung
 des Herdstättengeldes und des Spirituosenimposts in
Polen?). Günstiger als diese schon recht unsicheren Anleihen waren
die zwei von Hope 1777 und 1786 unter Garantie der Kaiserin
Catharina für Polen aufgelegten Anleihen von insgesamt
4 978 000 poln. Gulden?).
Sehr umfangreich und hier nur anzudeuten waren die Anleihen
 deutscher Fürsten und Städte. Im Jahre
1628 belegte Johann van der Fecken aus Amsterdam bei
der hamburgischen Kämmerei 9500 Rthlr. in Species zu 5%
(= 28 500 Courant Mark)*). In den Wirren mit Schweden gelang
es 1654 der Stadt Bremen, in Amsterdam 30 000 Taler zu leihen®).
Die bayrischen Kronjuwelen wurden 1700 in die Amsterdamer
Wechselbank gebracht auf Grund einer von Bayern gemachten
Anleihe von 600 000 Talern®); und beim Ausbruch des spanischen
Erbfolgekrieges schloß der Kölner Bankier Arnold von Beywegh
eine Anleihe für den Kurfürsten von der Pfalz in Amsterdam ab”).
Der Stadt Emden lieh schon 1627 Amsterdam 50 000 fl.; und 1625
machte der Graf von Ostfriesland in Amsterdam eine Anleihe von
60 000 Talern®); der Fürst Georg Albrecht von Ostfriesland
 lieh 1724 in Amsterdam eine Summe von 200 000 fl. zu 5%),
ebenso 1735 die Stadt Danzig 300 000 fl. durch das Amsterdamer
Bankhaus George Clifford &amp;amp; Söhne‘). Für Herzog
2) Elia s, Vroedschap, S.. 333 f.
?) Ebenda, S. 1058. Den Bankier de Smeth erwähnt sehr anerkennend
Niebuhr, Circularbriefe, S. 64 f.
3 Elias, S. 1059.
‘) Voigt, Die Anleihen usw., S. 164.
°)) Kolkert, SS. 63; W. von Bippen, Gesch. d. St. Bremen, III, 85.
) van Dillen, Bronnen, S. 305.
’) Gothein, Rhein. Zollkongresse, S. 382. Durch Vermittlung Kölner
Bankiers wurde 1714/15 eine 6% Jülich-Bergische Anleihe von 245 000 fl. bei dem
Amsterd. Bankier Deutz aufgenommen (Krüger, Kölner Bankiergewerbe,
S. 4, Anm. 3).
3 van Dillen, aaO. SS. 66.
9 van/Dillen a a0 S.\55.
WW) Kernkamp, Balt.(Archivalia, S. 111 f.

[019
        <pb n="208" />
        Friedrich von Mecklenburg - Schwerin schloß 1766 das
Amsterdamer Haus R. &amp;amp; Th. de Smeth eine 4%-Anleihe
über 1050000 fl. ab?!); 1768 schloß das Haus G oll mit dem Fürsten
von Nassau-Saarbrücken eine Anleihe ab, deren Höhe
unbekannt ist?).
Am engsten waren die Niederlande mit dem Kaiser
finanziell verknüpft, nicht immer zu ihrem Vorteil. Bereits
seit 1659 war das’ Amsterdamer Haus Deutz im Besitz der
kaiserlichen Quecksilberfaktorei; seitdem bestanden
zwischen der, kaiserlichen Regierung und Deutz die Geschäfte
in Quecksilber aus dem ergiebigen Werk in Idria®). Wiederholt
leistete Deutz auf Quecksilber Vorschüsse; Amsterdam wurde
dadurch allmählich einer der ersten Märkte für diesen Artikel%).
Feste Anleihen, die sich auf ihn begründeten, erfolgten aber erst
Ende des Jahrhunderts; unter Garantie der Generalstaaten wurden
16.95 und 1698 zwei Anleihen von zusammen 2 350 000 fl. durch
Deutz aufgenommen; dafür wurde Quecksilber in Pfand gegeben®).
 Als 1701 noch ein großer Teil der Anleihen nicht zurückgezahlt
 war, suchte der Kaiser wieder eine ähnliche Anleihe gegen
Quecksilber in Amsterdam abzuschließen. Die Generalstaaten
machten zuerst Schwierigkeiten, diese Anleihe zu garantieren, zumal
 gleichzeitig Schweden und Kurpfalz wegen Anleihen dort verhandelten.
 Erst um die Wende 1701/02 erfolgte die Garantie, und
es wurde auf 1 250 000 fl. zu 5% und rückzahlbar in 10—12 Jahren
abgeschlossen. Als Generalhypothek galten alle Güter und Einkünfte
 des Kaisers, als Spezialhypothek alles Quecksilber in Idria,
von dem bis zur völligen Tilgung der Schuld, wie bisher, jährlich
mindestens 800 Fässer zu 150 Pfund an Deutz in Amsterdam
zu liefern waren. Eine weitere Quecksilberanleihe zu 625 000 fl.
erfolgte 1704. Allmählich wurden solche Abschlüsse schwieriger;
die Generalstaaten gaben zwar ihre Zustimmung, doch verlangten
1) EVias, S. 800.
DE /iası Ss 1052.
Elias 1S: 1047 11.
) Vgl. Hitzinger, Das Quecksilber-Bergwerk Idria, S. 36, 65. Namentlich
 für die bedeutende Fabrikation von Zinnober in Amsterdam kam das Quecksilber
 in Betracht.
5) v. Mensi, S. 343; auch für das Folgende; ferner Elias,a. a. O.,
S. 1046 ff.

; 200
        <pb n="209" />
        201

und erreichten sie die Entsendung eines Vertreters der Gläubiger
auf kaiserliche Kosten nach Idria zur Überwachung der Versendungen.
 Das Kapital wurde vorgeschossen teils auf rückzahlbare
 Losrenten zu 5%, teils auf Leibrenten zu zı2%, die in. spätestens
 12 Jahren in 5% Losrenten umgewandelt und dadurch
rückzahlbar werden sollten. Als Ende 1705 abermals über eine
kaiserliche Anleihe in Holland verhandelt wurde, stieß das auf
Schwierigkeiten, da die Kupferanleihe, auf die unten zurückzukommen
 sein wird, noch nicht zurückgezahlt war; der kaiserliche
Kredit war inzwischen stark vermindert. Die Garantie der Generalstaaten
 erfolgte 1706 nur unter der Bedingung, daß von dem neuen
Darlehen von 250 000 fl. 45 000 fl. zur Zahlung der Zinsrückstände
dienen sollten. Deutz hatte große Bedenken, da das Quecksilbergeschäft
 schlecht ging und er selbst einen Teil der Zinsen
hatte zahlen müssen. So kam die Anleihe nicht zustande. Der
Betrag der Kapitalschuld betrug zusammen mit der Anleihe von
1704 jetzt 3 120 000 fl. Da der Erlös aus dem Verkauf des Quecksilbers
 in Amsterdam nicht einmal zur Bestreitung der Zinszahlungen
ausreichte und man 1705 sogar den Verkaufspreis herabsetzen mußte,
um der Konkurrenz der Engländer, die plötzlich ostindisches Quecksilber
 auf den holländischen Markt warfen, zu begegnen, war der
Stand der österreichischen Anleiheoperation sehr ungünstig; mit
dem stetig fallenden Quecksilberpreis wurde er immer schlechter.
Der Zinsenausstand von allen vier Anleihen betrug 1719 rund
2 Mill. fl.; das noch nicht zurückgezahlte Kapital belief sich auf
3 125 000 fl.; neben 187 715 fl., die man an Deutz für vorschußweise
 gezahlte Zinsen schuldete.
In Amsterdam aber lag ein größtenteils unverkäuflicher Vorrat
 von Quecksilber im Wert von etwa 2 Mill. fl. Nach jahrelangen
Verhandlungen erfolgte Ende 1724 ein Vertrag, durch den sich
die Wiener Stadtbank zur Abwicklung dieser Schuldangelegenheit
verpflichtete, indem sie in die Rechte der bisherigen Gläubiger
eintrat. Ende 1734 waren diese endlich befriedigt. Nun versuchte
sogleich die kaiserliche Regierung, durch eine neue Quecksilberanleihe
 Geld zu erhalten. Nach den früheren Erfahrungen waren
die Generalstaaten zuerst wenig geneigt. Doch kam mit dem Hause
Deutz eine Anleihe von 3 Mill. fl. zustande, zum Teil auf Los-,
zum Teil auf Leibrenten. Deutz brachte die Anleihe im Namen
        <pb n="210" />
        des Kaisers zur öffentlichen Zeichnung; als Pfandsicherung dienten
die in Amsterdam lagernden und noch weiter aufzufüllenden Quecksilbervorräte.
 Eine letzte Quecksilberanleihe erfolgte 1739 abermals
zu 5% Über 800 000. fl., wieder mit Deutz*!). Auch Marla
Theresia benutzte später das Quecksilber als Deckung für
eine Reihe von Anleihen, die von 1758 ab mit dem Amsterdamer
Hause Verbruggze &amp;amp;Goll (seit 1778: Goll &amp;amp; Co.) abgeschlossen
 wurden; die letzte dieser Anleihen (2% Mill. fl.) war
1784?) ; 1788—1792 folgten drei Anleihen von insgesamt 7% Mill. fl.,
wobei Wiener Bank-Obligationen verpfändet wurden?).
Nicht viel günstiger verliefen die Kupferanleihen
Österreichs, die es in Holland auflegte. Die erste dieser Art wurde
1700 abgeschlossen über 1 050 000 fl. zu 5% mit Kapitalsrückzahlungen
 in 8 Jahren. Als Spezialhypothek galt das Kupfer aus
den ungarischen Bergwerken mit der Verpflichtung, bis zur völligen
Kapitalstilgung jährlich mindestens 4000 Zentner an Deutz,
der wieder der finanzielle Vermittler war, zu liefern. Zu einer zweiten
solchen Anleihe über 2 Mill. fl. gaben 1702 die Generalstaaten erst
nach längerem Zögern ihre Zustimmung; auch hier bestand das
Kapital in Los- und Leibrenten; die von der ersten Kupferanleihe
noch rückständigen 810 000 fl. sollten aus dem neuen Darlehenskapital
 zurückerstattet werden, soweit sie nicht aus dem in Amsterdam
 vorrätigen Kupfer gedeckt wurden*). Die Erfüllung dieser
Verpflichtungen stellte sich bald als unmöglich heraus; infolge des
Rakoczy schen Aufstandes blieben sowohl die Kupferlieferungen
als die Zahlungen aus. Bis Mitte 1712 hatten sich Rückstände an
Zinsen und Leibrenten in der Höhe von ı o9gı 836 fl. angehäuft;
Kapitalstilgung hatte, von dem Ableben einiger Leibrentner abgesehen,
 überhaupt nicht stattgefunden. Die Gläubiger bestanden
auf der Kapitalisierung der Zinsausstände; dafür fehlte es aber an
Mitteln. Doch zögerten die Generalstaaten, den Ausweg, der ihnen
rechtmäßig zustand, zu beschreiten, nämlich alle Effekten kaiserlicher
 Untertanen mit Beschlag zu belegen. Im Jahre 1717 überı)
 v. Mensi, S. 361 ff.
2) Nach dem Tode von Deutz wurde 1758 Clifford kaiserlicher
Quecksilber-Faktor in Amsterdam (Elias, S. 882).
3) Elias, Vroedschap, S. 1051 £.
42 vi Mensi, S. 368 f.

202
        <pb n="211" />
        =. 2 —
nahm der Kaiser endlich die Zinsenzahlung, und bis Ende 1737
war diese Tilgung abgeschlossen.
Noch auf eine dritte Sicherheit suchte Österreich sich im
18. Jahrhundert in Holland Geld zu verschaffen, obwohl die dortigen
 Kapitalisten gegen österreichische Anleihen allmählich sehr
zurückhaltend wurden. So scheiterte 1710 der Versuch, auf Grund
der Kontributionen der Fürsten und Stände Schlesiens eine Anleihe
 zu erreichen, an dem schlechten Ruf, den sich die Zahlungsfähigkeit
 Österreichs in Holland zugezogen hatte!). Erst im folgenden
 Jahre gelang es, eine solche Anleihe über ı Mill. fl. abzuschließen;
 zum ersten Male trat hierbei die Republik selbst als
Gläubiger ein, indem sie die Bürgschaft für 774 450 f!. übernahm;
zur Kontrolle durfte sie einen Vertreter nach Breslau senden.
Eine weitere Anleihe auf derselben Grundlage über 2% Mill. fl.
und zu 8% wurde 1714 abgeschlossen mit dem Amsterdamer Hause
Clifford?). Der erfolgte Friedensschluß und das steigende Zutrauen
 der holländischen Kapitalisten in den österreichischen Kredit
erleichterte den Abschluß. Ebenfalls auf Grund der schlesischen
Einkünfte erfolgte 1716 eine Anleihe von 2 200 000 fl. wieder zu
8%; bei dieser Anleihe scheint auch englisches Kapital beteiligt
gewesen zu sein; der Vermittler war wieder Clifford. Da aber
die Bedingungen recht drückend waren und außer dem hohen Zinsfuß
 der Ausgabekurs 92% betrug, suchte sich die kaiserliche Regierung
 schnell wieder von dieser Verpflichtung zu befreien, zumal
in den Friedensjahren der Zinsfuß bei den Seemächten beträchtlich
sank. Eine Konvertierungsanleihe, die man 1723 in Holland unterzubringen
 suchte, scheiterte aber an dem Einspruch der Generalstaaten.
 Abermals auf Grund des schlesischen Kontributionsfonds
wurden 1733 und 1734 in Holland Anleihen zu 6% von insgesamt
3 Mill. fl. abgeschlossen, ferner 1736 eine Konvertierungsanleihe
von 3% Mill. fl.?). Da der schlesische Fond nun aber stark belastet
 war, wurden 1737 und 1738 zwei in Holland abgeschlossene
Anleihen auf dem Kontributionsfonds Böhmens begründet; als die
Generalstaaten ihre Garantie hierzu versagten, begnügte man sich
)v.Mensi, S. 373 ff.
7) v. Mensi,. S. 378; Elias, S. 1045 f.
)v.Mensi, S. 383; die Obligationen wurden in der Amsterdamer Wechselbank
 aufbewahrt (van Dillen, Bronnen, S. 371),

0%
        <pb n="212" />
        mit der Garantie der Provinz Utrecht, wobei der Utrechter Bankier
 Tiberius Beeldsnijder Matroos die Vermittlung übernahm*?!).
 Noch 1758 schloß Maria Theresia mit der Witwe
Beeldsnijder eine Anleihe auf Grund der böhmischen Einnahmen
 ab®).
Auch später hat, wie wir sahen, Österreich den holländischen
Geldmarkt in Anspruch genommen, und es kam im allgemeinen
seinen Verpflichtungen nach. Von 1784 ab schuldete es der Republik
 bzw. Privatleuten in Holland etwa 9o Mill. fl. Der Streit,
in den Kaiser Josef 1784 mit Holland geriet, führte aber zunächst
 zu einer Stockung der Zinszahlungen?); und später gestaltete
 sich, wie wir sehen werden, dies Schuldverhältnis für
die Gläubiger recht unglücklich. Gerade die Erfahrungen
mit Österreich haben wohl in erster Linie dazu beigetragen, daß
schon bald nach dem Utrechter Frieden von 1713 die Generalstaaten
 ein Verbot erließen, fremden Mächten Geld zu leihen“).
Beachtet wurde dieses Verbot, das sahen wir schon, nicht;
der Überfluß an Geld trieb das holländische Kapital in die Fremde;
man wagte es lieber im Auslande, als daß man es heimischen Unternehmungen
 anvertraute. Im Laufe des ı8. Jahrhunderts
 hat diesel Expansl]lon holländischen
Kapitals eine ungeheure Ausdehnung g&amp;amp;-nommen.

Nun fand auch eine starke Verschuldung Frankreichs
bei Holland statt. Doch scheint sie erst in der zweiten Hälfte
des Jahrhunderts größeren Umfang gewonnen zu haben*®)
Kleinere niederländische Städte hatten schon früher in Frankreich
Geld angelegt, hierbei aber infolge der Herabsetzung des Zinsfußes
oder lässiger Zinszahlung schlechte Erfahrungen gemacht‘).
vv. Mensi, S. 3881 Elias, S. 1050. Die schlesische Schuld wurde
beim Übergang Schlesiens in preußischen Besitz von Preußen übernommen und
1809 in die damals von Preußen in Holland abgeschlossene Anleihe eingefügt; da
diese aber einen ungenügenden Ertrag brachte, blieben noch alte schlesische Obligationen
 übrig, die niemals eingelöst worden sind (Alting Bösken, SS: 49 1f.).
2 Elsass, S. 583.
3) Gogel bei Colenbrander, Gedenkstukken, II, 782.
4 uzac, II, 3041. v. Mensi, Ss. 382.
5) Nach Colenbrandier, Patriottentijd, I, 85, erst nach 1780.
5) De Koopman, IN; 194.

204
        <pb n="213" />
        Französische Rentenpapiere waren wohl in den Niederlanden stark
verbreitet; und als 1770 die französische Regierung die Einstellung
der Zahlung der Reskriptionen verfügte, erregte dies in Holland
große Bestürzung*). So hatte auch die Auflegung einer neuen Anleihe
 von 2 Mill. Leibrenten 1771 zu 8 bzw. 7% zunächst geringen
Erfolg; erst allmählich erreichte sie 115 Mill. Fres.?), Tur got
schloß 1774 in Holland eine 4%-Anleihe von 60 Mill. Livres ab).
Anfang 1782 gelang es Frankreich, in Holland eine 4%-Anleihe
von 5 Mill. fl. unterzubringen; an einem Tag war sie vollgezeichnet*).
 Auch die Calonnesche Anleihe von 1783 wurde
in Holland stark begehrt). Im folgenden Jahre schloß Hope
eine Anleihe auf Leibrenten auf 1 100 000 fl. zu 5%, für Frankreich
ab®). Französische Anleihen waren damals in Amsterdam sehr beliebt;
 1786 gab sich die dortige Börse der Hoffnung auf eine neue,
vorteilhafte Anleihe hin’). Der finanzielle Zusammenhang war
sehr eng. Der König von Frankreich besaß in. Amsterdam seit
längerer Zeit ein Bankhaus, dessen er sich vorzugsweise bediente;
1786 waren es Nicolaes und Jacob: van! Sta phorst; ferner
Fizeaux &amp;amp; Grand; diese ‚„Tresoriers‘‘ zahlten in Amsterdam
die Zinsen der Anleihen und nahmen die Anleihekapitalien in Empfang.
 Damit wollte Frankreich sich die Gelegenheit schaffen, in
Holland selbst Anleihen aufzunehmen und zu geringeren Zinsen,
als man in Frankreich zu entrichten hatte. Die Pariser Bankiers
waren natürlich Gegner dieses Verfahrens; und auch die Holländer
zogen es meist vor, ihre Interessen in Paris selbst wahrzunehmen;
die ‚,Tresoriers“ in Amsterdam wurden daher wenig beschäftigt,
so daß 1788 diese Anordnung zurückgezogen wurde®). Übrigens
ernannten auch die Generalstaaten 1782 in der Person des Bankiers
 J. J. Hogguer einen Generalkommissar in Frankreich
1) Marion, I, 264.
?) Diese Anleihe war von dem Bankier des Königs, Horneca, in Amsterdam
 vermittelt (Marion, a. a. O.):
3 Oberleitner, S:8.
* van Wijk;,S: 146.
"Marion, 1,855
°) Elias, Vroedschap, S, 1066.
’) Elias, Reg. Patriciaat, S. 242.
S)) Manger, S.617%

205
        <pb n="214" />
        unter der Begründung, daß eine solche Vertretung namentlich in
Kriegszeiten sehr nützlich sein könne‘).
Sehr schlechte Erfahrungen machte der niederländische Geldmarkt
 mit spanischen Anleihen. Bereits 1667 hatte die
Republik Spanien eine Anleihe von 2 Mill. fl. bewilligt?). Später
waren es deren von 1779—1807 vier im Gesamtbetrage von rund
44% Mill. fl., von denen allein 30 Mill. auf Hope fielen?). Die
Zinszahlung für diese Anleihen hat infolge der inneren Wirren und
schlechten wirtschaftlichen Zustände Spaniens sehr oft gestockt, und
am Ende sind diese Anleihen den Gläubigern, die meist Holländer
und Engländer waren, teuer zu stehen gekommen.
Um jene Zeit floß holländisches Kapital auch nach Nordamerika.
 Das war zunächst nicht leicht. Der Amerikaner
Adams hat zwei Jahre in Holland warten müssen, bevor es ihm
gelang, die dortigen Geldgeber zu einer Anleihe zu bewegen. Es
war um so schwerer, als zunächst Frankreich sich darum bemühte
und den Amerikanern im Wege stand*). Erst im Frühjahr 1782,
nach der erfolgten Anerkennung durch die Generalstaaten, kam
die Anleihe mit einigen holländischen Bankhäusern zustande; sie
betrug 5 Mill. fl. zu 5%®°). Die bald darauf folgenden, in Amsterdam
 abgeschlossenen amerikanischen Anleihen wurden meist durch
das Haus W. &amp;amp; J. Willink, z. T. auch durch D. Crommelin
 &amp;amp; Soonen und andere vermittelt®).
Die vorstehend Sskizzierten Geldoperationen wären nicht
möglich gewesen, wenn nicht dem niederländischen Geldmarkt
 eine bankmäßige Organisation zuteil geworden
 wäre und nicht ferner eine Börse bestanden hätte, die
den Geldgeschäften ihren natürlichen, durch Angebot und Nach-1]
 Elias, Vroedschap, S. 985; Hogguer war mit dem Hause Fizeaux
in enger Verbindung (Elias, S. 1057).
2 Elizinga, S. 237€.
2) Alting Bösken DS. 79ff.; nach Elias; (Vroedschap, S. 1060,
hat Hope von 1796—1807 drei Anleihen zu 5% % von zusammen 70 Mill. fl.
für Spanien abgeschlossen.
*) Die 1781 in Holland aufgenommene Anleihe von ıo Mill. Fr. für Amerika
lief für französische Rechnung (Oberleitner, S. 43).
5) van Wijk, S. 66.
6) L. van Nierop, De 100 hoogst aangeslag. te Amsterdam, S. 17, 66 f.

206
        <pb n="215" />
        frage geregelten Gang sicherte. Freilich, an moderne Kreditbanken
dürfen wir zunächst nicht denken, wenn wir das niederländische
Bankwesen des 17. und 18. Jahrhunderts in seiner Verbindung mit
den großen Geldgeschäften betrachten. Diese letzteren wurden
nicht von Banken im modernen Sinne vermittelt, sondern von Kaufleuten,
 die meist Waren- und Geldgeschäfte, Reederei, Versicherung,
 oft auch industrielle Unternehmungen miteinander verbanden
und sich der Amsterdamer ‚,‚Wechselbank‘‘, auf die wir zu sprechen
kommen werden, nur für Überweisungen, für Münzumwechselungen
oder Beleihungen bedienten. Die größeren Geld- und Anleihegeschäfte
 vollzogen sich, wenn nicht in bar, meist in Wechseln;
und im Wechselverkehr leistete auch die Wechselbank für jene
Geldgeschäfte der Kaufleute ihre wertvollen Dienste. Erst im
18. Jahrhundert entstanden in Amsterdam jene großen Privatbankiers,
 die, wie Deutz, Clifford, de Smeth, Hope, im
wesentlichen nur Geld-, Anleihe- und Fondsgeschäfte betrieben.
Was man in den Niederlanden als „„Banken‘‘ schon in früherer Zeit kannte,
das waren die „Banken van leening‘‘, d. h. Leihhäuser, in denen man auf lose
Pfänder Geld leihen konnte und die dafür recht hohe Zinssätze berechneten, die
im 17. Jahrhundert meist 21?/,% betrugen und erst Ende des Jahrhunderts herabgesetzt
 wurden*!). Mit dem Handel hatten aber diese Lehnbanken nichts zu tun;
es waren teils private, teils städtische Institute, die lediglich dem Leihverkehr
dienten.
Die notwendige unentbehrliche Grundlage des öffentlichen
Geldwesens vor der Errichtung der Kreditbanken bildeten doch
zunächst die städtischen Wechselbanken; an erster Stelle
ist die Amsterdamer zu nennen. Ihre Errichtung hängt mit
der argen Verwirrung im Geld- und Münzwesen der Stadt wie auch
des Landes eng zusammen.
Schon seit dem 15. Jahrhundert befand sich das holländische
 Münzwesen in einem höchst traurigen Zustand?2).
Alle möglichen Versuche, ihn zu heben, scheiterten. Auch Leicester
bemühte sich darum Der Zustand verschlimmerte sich noch, da
)) Vgl. Westerling, Uit de geschied. v. d. banken v. leening. Die
erste städtische Leihanstalt wurde 1614 in Amsterdam errichtet. In Holland und
Seeland nahm man noch 1575: 32% % pro Jahr; 1684 wurde der Zinsfuß in Amsterdam
 auf 6—161/,% festgesetzt, je nach der Höhe der eingezahlten Gelder.
2) Vgl. Schimmel Ss: Zi. van Dillen, Valuta-Moeijlijkheden,
S321 €

207
        <pb n="216" />
        — 265
nun jede Provinz und viele Städte Münzstätten errichteten und darauflosprägten‘).
 Zwar war durch die Utrechter Union
die Herstellung eines einheitlichen Münzwesens
 verheißen; es wurde aber nichts daraus
 da diezeinzeilnen Provinzen nicht auf
ihr Münzrecht verzichten wollten ?). Neben den
Anfang des 17. Jahrhunderts in Umlauf befindlichen vornehmsten
und durchaus guten Silbermünzen, dem Reichstaler und dem Löwentaler,
 und: den beiden Goldmünzen, dem Goldenen Reiter und dem
goldenen Dukaten, waren noch eine ganze Reihe anderer Münzen
in Umlauf, die zwar tarifiert waren, die Unsicherheit des Geldwesens
 aber doch nur vermehrten?). In höchster Verwirrung befand
 sich die Kleinmünze. Es kam noch hinzu, daß die Ende
des 16. Jahrhunderts sich infolge der amerikanischen Silber- und
Quecksilber-Ausfuhr auswirkende Preisrevolution auch auf die umlaufenden
 Geldsorten einen entwertenden Einfluß hatte*).
Der Geldhandel lag in den Händen der
Wechsler, währendider eigentliche Kassen,
betrieb den sog. Kassıerern oblazgz. Beide hatten
durchaus kein Interesse an einem soliden Geldwesen und fanden
ihren Nutzen bei den obwaltenden, immer mehr steigenden Mißbräuchen,
 die sich in dem Verschwinden der guten Münzsorten
aus dem Verkehr, der Wertabnahme des kuranten Geldes u. a. m.
ausdrückten. In einem Lande, das infolge seiner vorwiegenden
Handelsinteressen besonders große Ansprüche an eine gute, feste
Münze stellen mußte, machten sich diese Übelstände in unleidlicher
 Form bemerkbar. Alle Versuche der Amsterdamer Regierung,
 durch obrigkeitliche Eingriffe hierin Wandel zu schaffen, miß-Schimmel,
 SS. 160
2) Vgl. Fruin, Staatsinstellingen, S. 381.
3 Schimmel, /S. 9; ierner Mees, S. 16ff. Auch das Folgende stützt
sich im wesentlichen auf Mees, dessen vortreffliches Buch durch die neue Veröffentlichung
 von van Dillen, Bronnen, eine aktenmäßige Begründung und
reichhaltige Ergänzungen erfahren hat.
4) Vgl. Fruin, Tien jaren, S. 145. Gerechnet wurde bis tief in das
17. Jahrhundert hinein noch mit dem Pfund von 40 Grooten, das dem Gulden
entsprach, ferner dem flamischen Pfund (= 6 Gulden); die alten Carolusgulden
verschwanden allmählich (Diferee, Geschiedenis, 5. 102, 351; Schimmel,
Si 11.).

SE
        <pb n="217" />
        langen. Durch besonders üble Münzverwirrung zeichneten sich die
Jahre 1604—1608 aus; einzelne Münzsorten stiegen um 9% über
den noch kurz zuvor gezahlten Preis. Die Regierung glaubte diesen
Mißstand dadurch beseitigen zu können, daß sie am 2. Juni 1604
die Kassiererei gänzlich aufhob und das Halten von Geld für Kaufleute
 in Kassen und ähnlichen Instituten verbot!). Das ließ sich
freilich nicht lange aufrechterhalten; man gestattete nun jedem
Kaufmann, außerhalb seines Hauses einen Kassierer zu halten, der
aber nur diesen einen Kaufmann bedienen und schwören mußte,
von sich aus keinen Geldhandel zu betreiben, die Geldsorten nur
zu dem amtlich verkündeten Kurs zu empfangen und auszugeben,
sich nicht mit dem Abwiegen der schweren Stücke zu beschäftigen
und sich mit dem ihm von dem Kaufmann gezahlten Lohne zufrieden
zu geben?).
Glaubte man auf diese Weise den Verkehr mit gutem Gelde
gesichert, den mit schlechtem möglichst eingeschränkt zu haben,
so ergriff man gleichzeitig auch Maßregeln gegen eine andere Erscheinung,
 die zunächst als höchst schädlich erachtet wurde und doch
in enger Verbindung mit dem schlechten Münzwesen stand. Bereits
 seit Ende des 16. Jahrhunderts nahm das Wechselgeschäft
in Amsterdam stark zu und verdrängte allmählich den alten
Kontanthandel, der um so lästiger war, als die Zustände des Geldwesens
 ihn immer mehr erschwerten. In Ermangelung eines eigenen
Wechselrechtes übernahm man 1597 die Antwerpener Wechselgebräuche.
 Auch im Platzgeschäft nahm nun der Umlauf von
Kreditpapieren, Wechseln, Anweisungen, Obligationen zu. Das schien
höchst bedenklich zu sein; dem Papierumlauf schrieb man die Wirkung
 zu, daß er das Metallgeld aus dem Lande treibe und damit
den Reichtum; denn dieser fand nach damaliger Ansicht in barem
Gelde seine beste Verkörperung?). So verbot die Amsterdamer
Regierung in der Verordnung vom 15. Juli 1608 den Umlauf solcher
Kreditpapiere; jeder sei verbunden, in klingender Münze seine
Schuldforderungen tilgen zu lassen und seine Schulden zu bezahlen.
Ebensowenig wie das Verbot der Kassiererei ließ sich jedoch dieses
') van Dillen, S. 1; erneuert wurde das Verbot 1608 (S. 12):
?) van) Dillen, Staff
*) Vel. Laspeyres, S. 283.
Baasch, Holländische Wirtschaftsgeschichte.

209
14
        <pb n="218" />
        Verbot behaupten; schon am 209. Juli räumte man allerlei Ausnahmen
 von dem Kreditpapierverbot ein‘).
Man tastete offenbar in dieser Zeit unsicher nach Auswegen
aus der Münzverwirrung und war sich nicht recht klar über
das, was zu tun war; daher die wiederholten Beschlüsse und
Gegenbeschlüsse. Da griff man nun wieder zurück auf einen schon
im Mai 1606 in der Amsterdamer Vroedschap erörterten Plan, eine
Bank zu errichten nach dem Vorbild von Sevilla und Venedig‘®).
Die Münzmeister hatten sich für diesen Plan ausgesprochen; auch
sie hielten eine Bank, der die obrigkeitliche Autorität zur Seite
stand, für das geeignetste Mittel, den Mißständen des Münzwesens
zu steuern?). So erfolgte denn mit Keur vom 31. Januar 1609
die Errichtung der Wechselbank“*). Sie war; zunächst
 nichts andereslals/ein kombinilertes
Kassier- und Wechselkontor und sollte alle vorhandenen
 Kassierer und Wechsler in sich aufnehmen®); sie sollte
ferner dadurch, daß sie alle ihr angebotenen Metalle usw. für die
feststehenden Preise aufkaufte, als Kanal dienen, durch den die
umlaufenden verbotenen Geldstücke in die Landesmünze flossen; sie
mußte, mit Ausschluß jedes anderen, Spezies wechseln gegen das
ihr amtlich vorgeschriebene Aufgeld. Gegenüber dem bisherigen
 Mißbrauche der Wechsler gab die
Bank eine große Sicherheit, da sie unter obrigkeitlicher
 Aufsicht stand. Dem Handel bot diese
Einrichtung durch die Gewährung einer regelmäßigen Gelegenheit
zum Umwechseln der Münzsorten große Vorteile. Wichtiger
aber war die Funktion der Bank alsieines allgemeinen
 Kassiersi sie erhielti dadurch den
gewünschten Einfluß auf das Geldiund/den
Geldkurs. Für die eingebrachten Münzsorten gab sie Kredit
in ihren Büchern; in ihrer Eigenschaft als Wechselkontor schrieb
van Dillen, Si 77.
2) Ebenda, S. 5.
°) Ebenda, S. 6 ff.
2) Vgl.Mees,a.a. O0. van Dillen,/S!2o ff; lauch B ülsıc hi, Abhandl.
von den Banken. Anhang. (Sämtl. Werke, VI, 131 ff.)
5) So wurde Hildebrand Schellinger (1580—1633), Mitglied der Amsterd.
 Vroedschap und Bewindhebber der Ostind. Kompanie, bei der Begründung
der Wechselbank ihr „Ontvanger of Kassier‘ (Elias, Vroedschap, S. 300).

210
        <pb n="219" />
        sie auch für die sonst eingewechselten Münzsorten und Metalle den
Gegenwert gut. Einzahlung und Auszahlung waren streng geregelt.
So war die Bank sowohl eine Giro- als eine Depositenbank;
 der Kredit wurde aber nur gegen Metall gegeben,
das in der Bank niedergelegt war; dadurch gab sich die Bank als
Kurantbank. Das Bankgeld war das gute, kurante Zahlungsmittel
und wurde nicht nach dem inneren Wert berechnet und in einer der
Bank eigentümlichen, von der Kurantmünze unabhängigen Ziffermünze
 ausgedrückt, sondern nach dem durch die Münzverordnungen
feststehenden Preis. Freilich entsprach dieser oft nicht dem wirklichen
 Preis im täglichen Verkehr; dieser war im Bankverkehr
streng verboten. Das Bankgeld bot aber, da die Bank als Kassier
gesetzlich bevorrechtet war und da es gegen die täglichen ungesetzlichen
 Steigerungen der Münzsorten und den Empfang schlechter
Sorten sicherte, doch eine weit größere Bürgschaft als das Kurantgeld.

Als schwierig erwies sich aber das Verhältnis der Banken
zum Wechselverkehr. Die Vorschrift, Wechsel nur gegen Bankgeld
 als Zahlungsmittel zu verhandeln, ließ sich auf die Dauer nicht
festhalten, da der Umlauf von Wechseln als Zahlungsmittel dadurch
unmöglich gemacht worden wäre. Trotz aller Maßregeln blieben
viele in Kurantgeld ausgestellte Wechsel im Verkehr außerhalb der
Bank. Die Wechsler hob man durch Verordnung vom I. April 1609
zwar auf?!); es gelang aber nicht, ihren unerlaubten Handel
auszurotten; denn sie lebten von den schlechten Münzzuständen?).
 Ebenso ließ sich die Kassiererei nicht ganz beseitigen,
obwohl sie durch Verordnung vom 28. November 1609 aufgehoben
und verboten wurde?); 1621 mußte man sie wieder herstellen, wenn
auch unter beschränkenden Bestimmungen*). Alle solche Einschränkungen
 nutzten wenig. Der Zweck, die Wechselbank zum
alleinigen Kassier zu machen, wurde nicht erreicht; während jene
aber der allgemeine Kassier des guten, groben Geldes war, blieben
die Kassierer die Kassenhalter der wirklichen kuranten Münze
nach dem kuranten Preise.
') van Dillen, Bronnen, S. 22.
?) van Dillen, S. 93, über die privaten Wechsler.
’) van Dillen, S.)23.
OÖ van Dillen, S: 474f.

211
14*
        <pb n="220" />
        In den Zustand der laufenden Münze
brachte auch die Wechselbank wenig Veränderung;
 die guten Geldsorten erreichten immer noch ein
erhebliches Aufgeld; das hatte zur Folge, daß selbst das Bankgeld,
das fast das ganze gute Geld darstellte, einem Agio unterlag. Allerdings
 stand das im Widerspruch mit der Absicht der Bankgründung.
 Man hat mehrfach diesem Zustand durch künstliche Maßregeln
 abhelfen wollen, was aber ohne Erfolg blieb*); allen Erhöhungen
 einzelner Münzsorten mußte das Bankgeld nachfolgen.
Nach 1622 war das Agio des Bankgeldes für mehrere Jahre, gleich
dem Aufgeld des Reichstalers, auf 41%—5°/, gestiegen. Der Hauptzweck,
 den man mit der Wechselbank erstrebt hatte, die Beseitigung
 der Münzverwirrung, wurde also nicht erreicht; die laufende
Münze blieb in demselben verwirrten Zustand, die guten Sorten
stiegen dauernd im Preise. Für den Handel war aber das Bestehen
 der Bank sehr heilsam, da nun eine scharfe Sonderung des
guten Geldes von dem schlechten stattfand; das Bankgeld verlieh
dem Handel einen festen Halt.
Die steigende Münzverwirrung und die Überhandnahme der
schlechten Sorten?) nötigte die Wechselbank dazu, die Münzsorten
im Umlauf möglichst auf ihren gesetzlichen Preis zurückzubringen;
doch mußte sie oft ihrem laufenden Preis folgen. So wurden 1641
einige Münzsorten, nämlich der aus den südlichen Niederlanden
eingeführte Kruisdaler (Patacon) und der Ducaton, gegen deren Einführung
 in den Verkehr man sich lange vergeblich gesträubt hatte,
für „gut Bankgeld‘“ erklärt®); die Bank nahm also als Kassier nur
gewisse Münzsorten an; als Wechsler handelte sie meistens in laufendem
 Gelde oder sog. Kassengelde. Aus dieser Scheidung der
Bank in zwei Interessensphären, Kassier und Wechsler, erklärte es
sich, daß gelegentlich, so 1638, das durch den Kassier aufgekaufte
1) So die Verbote gegen die Annahme und Ausgabe von Gold- und Silbermünzen
 über den in den Verordnungen festgesetzten Preis (van Dillen,
Ss: 25, 8Sı11.).
2?) Man machte in der Kipper- und Wipperzeit in Amsterdam Sogar deutsches
Kupfergeld nach; so wurde 1623 der rege Geschäftsverkehr zwischen Dortmund
und Amsterdam zu Einführung falschen Kupfergeldes, das in Seifenfässern versteckt
 war, gemißbraucht. (L. v. Winterfeld, Die Dortm. Wandschneider-Gesellschaft,
 S. 57.)
3) van Dillen, 5. Sof; Schimmel, S. 25.

2:12
        <pb n="221" />
        und zurückgehaltene Bankgeld knapp und das Agio unmäßig in
die Höhe getrieben wurde. Eine solche Knappheit konnte nur entstehen
 durch die Beschränkung der Möglichkeit, sich auf bestimmte
Münzsorten Bankgeld zu verschaffen. Die Agiosteigerung von
1638 nötigte deshalb zur Zulassung einiger anderer Münzsorten
in die Bank.
Die Unsicherheit des umlaufenden Geldes führte 1654 dazu,
der Bank zu erlauben, um das Agio herabzusetzen, den Dukaten
zu 3 fl. 3 St. Banco und den Kreuztaler zu 2 fl. 10 St. Banco anzunehmen,
 wobei der Einbringer dieser Sorten 25/,% Agio zu entrichten
 hatte!). Dies und weitere Maßregeln verschlechterten das
Bankgeld um 2%. Auch anderen Bankspezies erkannte die Bank,
wenigstens bei Auszahlung, einen höheren Preis in Bankgeld zu.
Doch kam man schon 1656 von dieser Einrichtung zurück, setzte
den Dukaten und Kreuztaler wieder auf ihren alten Preis und
regelte die Belehnung von Münzsorten?). Die letztere erwies sich
aber als nachteilig, namentlich infolge der Aufnahme russischen
Geldes, und wurde bald wieder aufgegeben.
Erst die seit langer Zeit erstrebte und vielfach angeregte?)
Münzregelung vom ırl. August 1659, die neben dem
alten niederländischen Reichstaler und dem Löwentaler zwei neue
silberne Münzen (silb. Reiter und silb. Dukaten*) einführte und
ferner das Kurantgeld auf eine feste Taxe setzte, brachte eine Verbesserung
 im Geldwesen, die sich weiterhin durch die 1681 erfolgte
Prägung von 3-, 2-, I- und %-Guldenstücken bemerklich machte.
Diese Münzregelung, die an Stelle der bisherigen kleinen
Mittel und Maßnahmen trat, bewirkte, daß die Bank
wieder nur eine einfache Depositen- und Girobank
 für einige bestimmte Münzsorten war: ihr Bankgeld
 hatte nur den Charakter von Schwergeld, das nach dem Münzfuß
 von 1659 berechnet war. Das hinderte aber nicht, daß die
Bank die Münzsorten manchmal für höheren Preis als Bankgeld
van Dillen;, S: 710.
?) van Dillen, Sim29.
°) Vgl. die Eingabe der Amsterdamer Kaufleute von 1643 (van Dillen,
S. 83 {f.).
*) Tatsächlich waren diese Münzen nichts anderes als der schon erwähnte
Patacon und Ducaton (Schimmel, 8. 26).

2123
        <pb n="222" />
        aufnahm oder bei Ausbezahlung einen höheren Preis zugestand!).
Den Preis, für den die Bank Münzsorten auszahlte, berechnete sie
nach dem jeweiligen Kurs des Bankgeldes, das dadurch eine auf
sich selbst stehende Rechnungsmünze wurde, die ausschließlich durch
Umschreibungen umlief und deren Metallwert meist von dem Gutbefinden
 der Bankleitung abhing und so keine feste Sicherheit besaß.
Das Jahr 1672, das beim Einbruch der Franzosen eine schwere
Geldkrisis heraufbeschwor, gab den Beweis, wie es sich damit
verhielt; das Bankgeld fiel zuerst bis auf 5% unter Kassengeld,
erreichte dann aber wieder dessen Höhe, als die Bank gut ausbezahlte;
 sie erkannte den ausgezahlten Münzsorten denselben Preis
im Bankgeld zu, den sie im Kurantgeld galten. Wegen des Mangels
an Münzsorten berechnete sich aber die Bank damals ein Aufgeld
von mindestens 4%% bei der Auszahlung?).
Bemerkenswert war eine 1683 getroffene Einrichtung.
Man führte die bisher nurlgelezentlich erfolgten
Belehnungen auf Münzsorten nun dauernd
ein; sie liefen jedesmal auf 6 Monate, konnten jedoch verlängert
werden‘). Durch diese Einrichtung wurde Amsterdam
 erst der Mittelpunkt des europäischen
Metallhandels. Wer Münzsorten zur Belehnung durch Bankgeld
 einbrachte, erhielt einen Belehnungsschein oder Recepis*);
binnen 6 Monaten konnten gegen diesen Schein die Münzsorten
unter Berechnung von !/,% Zinsen zurückgefordert werden®). Das
Bankgeld, verbunden mit einem Recepis, besaß den Wert der Münzsorte,
 auf die jene beide zusammen ein Anrecht gaben; das Sinken
des Bankgeldes hatte somit eine Steigerung der Recepissen zur
Folge. Wenn jemand Münzsorten aus der Bank abzuheben wünschte,
kaufte er deshalb bequemer ein Recepis; er konnte dann die Münz-1)
 Vell van Dillen. S. 136, 184.
?) Man errichtete damals eine Münzstätte in Amsterdam, um die Prägung
beschleunigen zu können (van Dillen, Bronnen, S. 157, 160 ff.).
3) Schon in seiner Denkschrift über die Wechselbank von 1677 hatte
J. Phoonsen diesen Vorschlag gemacht und warm verteidigt (herausg. von
van Dillen, Econ. Histor. Jaarboek, VII, 96 ff.); van Dillen, Bronnen,
Ss. 202.
*‘) Ein Formular solcher Recepisse bei van Dillen, S. 1400.
5) Für Goldspecien betrug später der Zins %, dann, seit 1776, 1!/,% (van
Dillen,S. 426 £).

- 214
        <pb n="223" />
        sorten für einen festen Preis von der Bank verlangen und brauchte
sich nicht erst mit dieser wegen des Aufgeldes in Verbindung zu
setzen. So kam es, daß das Bankgeld ohne Recepis nie in Münzsorten
 gefordert wurde und daß die Meinung aufkam, die Bank sei
zu einer solchen Auszahlung nicht verpflichtet und das Bankgeld
sei durch sich selbst eine Rechnungsmünze, die allein in Gemeinschaft
 mit einem Recepis ein Recht auf Münzsorten verleihe.
Tatsächlich: war das; Bankgeld, so. hoch
es: im z8.;Jahrhundert;gerühmt wurde, doch
nur recht gebrechlich; es war eine Rechnungsmünze,
die, auf sich selbst gestellt, keinen festen Metallwert besaß, sondern
stets mehr oder minder entwertet war. Die Bank nahm als Pfand
für den in Bankgeld gegebenen Kredit Metall zur Belehnung an;
so stellte auch Bankgeld Metall dar, und das Pfand war gleichsortig
 mit dem, wofür es als Pfand diente. Die Bank trieb offenbar
beständig einen geregelten Handel in Bankgeld; in der zweiten
Hälfte des 18. Jahrhunderts kaufte sie solches, wenn das Agio bis
auf 4% % gefallen, sie verkaufte, wenn es auf 47/3 gestiegen war;
später kaufte sie nur ein, wenn das Agio bis 3% gefallen war‘).
Der Wert des Bankgeldes war also abhängig von der Willkür der
Bankverwaltung; das Agio schwankte zwischen 3 und 6%, ohne
daß eine Veränderung im Zustand der laufenden Münze hierzu
Veranlassung gab. Das fand selbst zwischen 1763 und 1772 statt,
als der Kredit der Bank unbegrenzt war.
Ungeachtet seiner Schwächen hatte das
Bankgeld doch eine ausgedehnte Verwendung.
Die Zahl der Kaufleute, die Rechnung in der Bank hatten, war
allerdings nie höher als 2900, meist darunter?); das Kapital, das
im Bankgeld umlief, hat nie 30 Mill. fl. überstiegen. Ein Teil dieses
Kapitals kam allerdings an die Bank nur als ihr zur Aufbewahrung
anvertrautes Geld; das meiste diente jedoch wirklich als Unterlage
für Bankgeld. Der Handel in manchen Waren, so in spanischer Wolle,
1) Die 1638 erfolgte Festsetzung des Agios auf %% (van Dillen, S. 79)
ist wohl nie eingehalten worden.
°) Mees meint, die Zahl der Bankrechnungen habe zeitweise mehr als 5000
betragen; nach van Dillen, S.985, betrug die Zahl höchstens 2918 (im J. 1721);
die Hamburger Bank hatte schon 1757 über 3000 und 1796 nahe an 14 000 Folien,
d. h. Bankrechnungen (Büsch, Handlungsgeschichte Hamburgs, $ 70).

215
        <pb n="224" />
        wie der ganze Umsatz der Ostindischen Kompanie fand in Bankgeld
statt; den hauptsächlichsten Gebrauch machte von ihm jedoch der
Wechselhandel. Namentlich der Bank und ihrem
Bankgeld verdankte Amsterdam seine Stellung
 als Mittelpunkt des europäischen Wechselhandels.
 Der größte Teil des ausgedehnten Wechselhandels
lief über die Bank. Die Ostindische Kompanie nahm bei ihren
Verkäufen auf Plätze, wo Banken waren, nur Bankgeld an. Daß
bei dem großen Vertrauen, das man dem Bankgelde entgegenbrachte,
viele irrige Anschauungen mitwirkten, die über die Mängel dieses
Bankinstituts hinwegtäuschten, war nicht zu verkennen; man schrieb
dem Bankgelde z. B. einen festen, unveränderlichen Wert zu, den
es nicht besaß, und man glaubte, daß es gedeckt sei durch einen
Metallbestand, der nicht immer vorhanden gewesen ist. Er war
fast ausschließlich geringer als der vorhandene Girosaldo, hielt sich
jedoch in den ersten Zeiten in einem ziemlich nahen Abstand von
letzterem. Erst im 18. Jahrhundert wurde die Differenz dauernd
größer‘).
Eine große Bedeutung gewann um diese Zeit und in Verbindung
 mit der Bank der Metallhandel Amsterdams.
Seit und mit den Kriegen gegen Spanien war ein ungeheurer Strom
1) Einige Ziffern mögen hier angeführt werden. Es verhielt sich
Jahr Giroguthaben Metalldeckung
1687: 10175904. 7913 428
1696: 10 207 12200. . . 36483 941
1712: 10284448 26800847
1725: 21310 709 17 8333144
17309: 20290 467 16 138 676
1739: 19133691 € 13 787 627
1742: 18206177 II 107 578
1749: 12.210.463 . . 7 9244.963
1756: 1369981090... 9096468
1758: 1602708508. .. 10008114
1780: 23.191 5408... . . 20093438
1784: 18.122804 ;. .. . 60141534
USW.
(van Dillen, SS 064 ff) I/H'ıv. Treitschke, Die Reg. d. Verein. Niederlande,
 S. 497, schreibt, zur Zeit des Münsterschen Friedens hätten ‚300 Millionen
in Metall“ in den Kellern der Bank gelegen; tatsächlich waren es etwa 81% Millionen
Gulden!

216
        <pb n="225" />
        von Silber nach Holland geflossen, meist direkt von Cadix, aber auch
über Hamburg!). Dieses Silber ging zum größten Teil im Wege
des Handels in die Wechselbank. Sie wurde die Vermittlerin des
Metallhandels; außerdem aber hatte man ihr schon seit der Mitte
des 17. Jahrhunderts die Aufsicht über den Gold- und Silberhandel
eingeräumt; Silber in Barren usw. durfte nur durch die Kommissare
der Bank gekauft oder an sie verkauft, ungemünztes Gold oder
Silber ins Ausland nur mit ihrem Wissen versandt werden. Über
den Metallhandel hatte die Bank die alleinige Verfügung?). Doch
entwickelte sich seit der Mitte des 18. Jahrhunderts eine freie Silberausfuhr,
 die zunächst nur für Handelsgeld (negotiepenningen) zugelassen
 war, dann aber immer mehr um sich griff. Alle Verbote und
Beschränkungen haben wenig genützt; der private Handel mit
Metall und Münzsorten war nicht zu unterdrücken; Juden, Wechsler
und Kassierer betrieben ihn; durch die große Ansammlung von
fremden Münzsorten aller Art bei der Bank fand dieser Handel
stets neue Nahrung. Die Frage des Handels mit Metallen wie auch
der Ausfuhr hat deshalb die Bankverwaltung ganz besonders eingehend
 beschäftigt. Die Kaufmannschaft war eine Gegnerin der
Eingriffe in den Metallhandel und den freien Metallverkehr?); die
Münzverwaltung hatte aber stets die Sorge, bei der Beschaffung
von Münzmaterial in Verlegenheit zu kommen“). In Kriegszeiten
und wenn der Staat viel bares Geld brauchte, wurden wiederholt
Verbote der Silberausfuhr erlassen®), was meist sofortige Vorstellungen
 der Kaufleute dagegen zur Folge hatte. Es war ja klar,
daß dem Handel solche Verbote höchst schädlich sein mußten;
sie beeinträchtigten nicht nur das Warengeschäft, sondern auch
die Geldzufuhr®). Im Jahre 1749 erklärte man den Metallhandel
1) Vgl. van Dillen, Amsterdam als wereldmarkt, S. 543 ff. (hier wird
ein Teil des in den „Bronnen‘‘ vorhandenen Aktenmaterials verarbeitet); Som -
bart, Kapitalismus, II, 2, S. 968 f. Silber aus Deutschland als Amsterdamer
Einfuhrartikel erwähnt 1725 Haller, S. 48. Der Engländer Child klagte
1690, daß fast die ganze Silberausfuhr von Cadix und Sevilla nach den Niederlanden
gehe (Pierson,65S. 125).
2?) van Dillen, Bronnen, S. 140 If., 146 f.; 149, 229 U.“ Ö;
) Vgl.van Dillen; Bronnen, S. 124 ff. u. 8.
3) Ebenda, S. 126 ff., 337.44; über die große Silberausfuhr 1654: S. 109.
So 1701, Sept. ı (van Dillen, S. 315).
°). Sehr eingehend hierüber van Dillen, S. 319 ff. Selbst die Goldund
 Silberdrahtarbeiter mußten ihr Metallmaterial ausschließlich von der Wechsel-217
        <pb n="226" />
        für ganz frei, was er tatsächlich schon längst war, und nahm nur die
Ausfuhr niederländischer Gold- und Silbermünzen aus!). So wurde
für den Münzsorten- und Metallhandel Amsterdam der Mittelpunkt
Europas; die aus Amerika nach Europa strömenden Edelmetalle
vereinigten sich schließlich zum größten Teil in der Amsterdamer
Bank, um von hier aus über die ganze Welt verbreitet zu werden.
Dem Handel der Stadt war das natürlich sehr förderlich, weil die
Bank Gelegenheit bot für einen ausgebreiteten Geld- und Metallhandel,
 der ein Handelszweig war, nicht allein an sich von Bedeutung,
 sondern überaus wertvoll, weil er in hohem Grade dazu
beitrug, die Stellung Amsterdams im europäischen Wechselhandel
zu befestigen und dem Wechselkurs auf Amsterdam für lange Zeit
ein Monopol zu schaffen?).
Unterstützt iwurden diese Entwicklung
durch dieim Laufe des 18. Jahrhunderts mehr
und mehr eintretendel Beruhigung im holländischen
 Geldwesen ; eine scharfe Aufsicht über die Münzmeister
 trug das ihre dazu bei, nachdem schon seit 1671 bessere
Münzmaschinen eingeführt waren. Im Vergleich mit anderen
Ländern besaß, trotz mancher Mängel, die Republik nun ein gut
geordnetes Geldwesen?). Seit 1604 bzw. 1699 war für mehr als
100 Jahre das 3-Guldenstück die Standard-Münze*).
Aus einer reinen Depositengirobank war die
bank beziehen (van Dillen, 4S 113 £., 222 f.,/ 243 ff., 348 f.). Ein Versuch
1700, auch die Ostindische Kompanie für ihre Silberankäufe von der Bank abhängig
 zu machen, verlief ohne Ergebnis (ebenda, S. 303 f.). Die für die Kriegsführung
 Englands auf dem Kontinent erforderlichen hohen Beträge gingen in der
Regel durch die Amsterd. Bank und vermehrten ihren Umsatz (Andreades;
 S. 97).
3 van Dillen; S. 4380.
?) Daß dieser Metallhandel nicht immer auf solider Grundlage beruhte, geht
aus mancherlei Erscheinungen hervor. So schmolz man in Holland die schwedischen
 Carolin sofort um (etwa 1714), da ihre Ausfuhr aus Schweden streng verboten
 war; auch scheint die heimliche Verschiffung jener schwedischen Münzen
nach Holland oft stattgefunden zu haben; selbst der schwedische Finanzmann
v. Görtz, von dem jene Verbote ausgingen, sandte große Summen ins Ausland
(Brückner, Finanzgeschichtl. Studien, S. 199 f.).
3 Schimmel, S/4zi van Dillen, Valuta-moeijlyckheden, S. 24 ff.;
vgl. auch Mees;, S:1246.
‘1 Schimmel, 5S. 30.

218
        <pb n="227" />
        Amsterdamer 3 Wechselbank /allmählich zu
einer Lehnbank geworden ; sie hatte Güter, namentlich
Metalle und Münzsorten, in Verwaltung, die zum größten Teil für
eine Abbezahlung ihres Bankgeldes, das auf einigen einheimischen
Münzsorten beruhte, ungeeignet waren und auf denen überdies ein
Rückkaufsrecht ruhte, solange die Recepisse weder eingeliefert
noch verfallen waren. Zu einer reinen Depositenbank fehlte ihr
die Haupteigenschaft, nämlich daß alle durch das Bankgeld dargestellten
 Münzsorten unter solchen Bedingungen in der Bank anwesend
 sein mußten, daß sie jederzeit zur Bezahlung der ganzen
Summe Bankgeld gebraucht werden konnten. Ihre Belehnungen
beschränkten sich nur auf Metall; angeblich gab die Bank auf andere
Weise keinen Kredit; deshalb gab sie diesen auch gegen eine nur
geringe Provision. Daß die Bank gelegentlich auch der Handelspolitik
 Amsterdams nutzbar gemacht wurde, sahen wir in dem
Verfahren gegen die seeländischen Absonderungspläne von 1648'J.
Endlich schien in einer Zeit, da der Absolutismus der Monarchie
dem Kaufmann nicht immer die gewünschte Sicherheit bot, die
Amsterdamer Bank, die ihren Sitz in einer Republik hatte, deshalb
besonders gegen etwaige willkürliche Ein- und Zugriffe geschützt
zu .sein?).
Bis 1790 hielt. der Kredit der Bank:sich
ungestört; das Agio der Bankgelder war freilich in den letzten
Jahren nie höher als 3%*%). Im November jenes Jahres sank es aber
auf 1—2% unter Kassengeld. Nun wurde das Mißtrauen rege;
man schrieb den Grund jener Erscheinung den politischen Verhältnissen,
 der großen Geldknappheit, den vielen auswärtigen Anleihen
 zu. Einen starken Stoß erhielt der Kredit der Bank, als
jetzt eine Verordnung‘) bestimmte, daß alle Konten-Inhaber, die
2500 fl. und mehr auf ihrer Rechnung stehen hatten, auf ihren
1) Vgl. oben S. 15.
?) Das meinte 1666 Pepys in Diary and correspondence of Samuel Pepys,
Vol. IT, 378 f.; gut 100 Jahre später bekämpfte Büsch das Vorurteil, daß nur
in Republiken Banken die genügende Sicherheit gewährleistet sei (Abhandlung
von den Banken, 8 57, in Sämtl. Werke, VI, S. 99 f.).
3) Über den Kursfall 1790 vgl. van Dillen, Bronnen, S. 443 ff.; schon
1789 hatte man die Errichtung einer Diskontokasse in Erwägung gezogen (ebenda,
S. 443).
4‘) van Dillen, SiM447:

210
        <pb n="228" />
        Wunsch ihr Guthaben in silbernen Barren gegen 25 fl. 15 St. Bankgeld
 per Mark fein ausgezahlt werden konnte. Dadurch wurde
das Bankgeld um 10% verschlechtert, da der Preis des Silbers
in Bankgeld nach dem schweren Münzfuß nicht höher als 24 fl.
und wenige Stüber war und bisher die Bank das Silber gegen 24 fl.
2 St. aufgenommen hatte!). Es entstanden erregte Auseinandersetzungen
 mit der Kaufmannschaft, die die Rechtmäßigkeit jener
Maßregel bestritt und das von der Stadtregierung angegebene
Motiv, man wolle durch sie die Ausfuhr von Münzsorten verhindern,
entschieden als irrig bezeichnete, da im Gegenteil damals aus England
 Metall eingeführt wurde?). Hierauf zahlte die Bank Münzsorten
 aus in der Höhe von 2 Mill. fl.; am 3. Februar 1791 stellte
sie aber diese Zahlungen ein. Eine Anleihe von 6 Millionen zu 3% %
brachte die Bank dann erneut in Gang; Bank- und Kassengeld waren
eine Zeitlang wieder gleichbedeutend. Im Jahre 1794 sank aber
das Agio abermals; die Kaufleute verkauften das Bankgeld gegen
Kassageld, um sich vor weiteren Verlusten zu schützen; nur mit
Hilfe einiger Handlungshäuser wurde der Kurs einigermaßen gehalten“).
 ‚Der Kredit der Bank warschon tVYefpge:
Sunken, als die Besetzung durch die Franzosen
 Anfang 1795 die letzte Periode der Bank
heraufführte. Die nun sogleich vorgenommene amtliche
Untersuchung ergab, daß, was man schon in den letzten Jahren
in Kaufmannskreisen vermutete, die Bank seit langer Zeit einen
großen Mißbrauch mit den Beleihungen getrieben hatte; es fehlten
für mehr als 9 Millionen fl. an baren Münzsorten*). Im besonderen
waren schon seit 1615 Vorschüsse an die Ostindische Kompanie
gemacht; sie hielten sich zunächst in bescheidenen Grenzen, stiegen
dann dauernd, wurden aber meist zurückgezahlt, übrigens auch
angemessen verzinst®). Im Jahre 1682 war festgesetzt worden, daß
die Kompanie, der ja stets eine gewisse Ausnahmestellung eingeräumt
7) Über diesen Schritt auch Bü sch, 7a. a. 0.15. 13511. 2009 I.
2?) van Dillen, S: 4551.
3) Vgl. auch Colenbrander, Gedenkstukken, I, 359.
*) An barem der Bank zugehörigem Gelde waren nur ı 212 627 fl. vorhanden
(van Dillen; S. 480):
5) Die Angaben von Mees, S. 195, werden berichtigt von van Dillen,
S. XI; vgl. auch die zahlenmäßigen Nachweise, S. 979 ff.

220
        <pb n="229" />
        — 2° —
wurde, regelmäßig über 1 700 000 fl. Bankgeld verfügen durfte!);
Ende des 17. Jahrhunderts war dieser Betrag auf 3 200 000 fl.
erhöht. Dieser Kredit wurde aber meist überschritten; er erreichte
z.B. 1735: 6 100 000 fl. Doch hielten sich Kredit und Rückzahlung
einigermaßen das Gleichgewicht. Von 1781 an hörte aber die Rückzahlung
 auf; die Stadt Amsterdam übernahm nun die Schuld der
Kompanie an die Bank; sie belief sich 1792 auf 6270 000 fl.2).
Als der wahre Zustand der Bank, über den bisher stets ein
undurchdringliches Geheimnis gewaltet hatte, erkannt war, wurde
von den Repräsentanten des Volks von Amsterdam die Haftpflicht
der Stadt offen anerkannt, eine Anleihe von 9 Mill. fl. zu 3%
zur Ablösung der Bankschuld aufgelegt ; da aber die Schuldausstände
nur unvollkommen eingingen, mußte im März 17096 eine weitere
4%-Anleihe von 7 Mill. fl. aufgenommen werden; alle städtischen
Verwaltungen waren verpflichtet, sich an dieser Anleihe zu
beteiligen®). Wenn nun auch in den Verhandlungen über den
Zusammenbruch der Bank die früheren Vorgänge, die zu ihm geführt
 hatten, kaum erwähnt wurden, da die Stadt ja in vollem
Umfange für den Schaden eintrat, so wurde doch nicht verhehlt,
daß man mit dem Gelde der Bank unverantwortlich Mißbrauch
getrieben habe*), und mit großem Schmerze sah man, wie der Sitz
des Geld- und Wechselhandels nun von hier fort und an andere
Plätze, namentlich Hamburg, sich verpflanzte. Trugen daran auch
noch andere Gründe als der Verfall der Bank die Schuld, so veranlaßte
 doch letzterer als ein Symptom für den allgemeinen Zusammenbruch
 der Wirtschaft eine Abwanderung des Geldgeschäfts.
Vergeblich versuchte man den vollen Bankbetrieb wieder herzustellen®),
 doch mißglückte dies; wenn auch das Bankgeld sich
ziemlich auf derselben Höhe, nämlich 90%, hielt, so hatte sich
doch der Wechselhandel schnell von einem Institut losgesagt, dessen
) van Dillen, S:200.
”) Nicht unerheblich waren auch die Kredite, die von der Bank der städtischen
 Leihkammer eingeräumt waren; namentlich seit 1770 stieg diese Schuld,
bei mangelhafter Rückzahlung, bedeutend an (ebenda, S. 977 £f.); Anfang 1795
betrug sie ı 715 000 fl. (S. 480).
%) Über diese Maßregeln und darüber gepflogene Beratungen van Dillen,
SU 48T,
‘) Sovan Dillen; S. 519, 569,591.
5) Ebenda, S. 530 ff.

ZI
        <pb n="230" />
        Geld so großen Wertschwankungen unterworfen war; er umging
die Bank. Auch die völlige Abtragung der Bankschuld, die bis
zum Frühjahr 1802 erfolgte, konnte an der Tatsache nichts mehr
ändern, daß die Bank nur noch dem Namen nach bestand!). Ihr
Untergang mußte in erster Linie ihrer mangelhaften Verwaltung
zugeschrieben werden, die, durch die Geheimhaltung verlockt, leichtfertig
 mit den anvertrauten Geldern umgegangen ist?); aber auch
ohnedies hatte die Bank infolge ihrer vielfach veralteten Organisation
 ihre Blütezeit längst überlebt.
Die Amsterdamer Wechselbank hat schnell Schule gemacht;
schon 1619 wurde nach ihrem Vorbild in Hamburg eine Bank gegründet;
 und bei der 1694 stattgefundenen Errichtung der ‚Bank
of England‘ sind die Amsterdamer Einrichtungen genau studiert
worden?). Nicht weniger wirkte das Beispiel Amsterdams im eigenen
Lande. So errichtete man noch in drei anderen
niederländischen Städten im I’. Jahrhundert
ähnliche Banken, in Middelburg 1616, ın Delft 1621,
in Rotterdam 1635. Die Delfter Bank), die lediglich der
Niederlassung der Merchant Adventurers ihre Entstehung verdankte,
hat nicht viele Spuren ihrer Wirksamkeit hinterlassen; sie wurde
schon 1635 wieder aufgehoben‘. Die Middelburger
 Wechselbank°©) unterschied sich von der Amsterdamer
 namentlich dadurch, daß sie Geld auch gegen Pfand oder
Aktien der Ostindischen Kompanie auslieh; die privaten Wechsler
1) Daran änderte nichts, daß, wie der preußische Gesandte Bielfeld
am 28. Juni 1802 berichtete, der Kredit der Bank derartig gestiegen sei, daß man
ihr Geld jetzt mit 4% Aufgeld anbot (Colenbrander, IV, 176); ähnlicher
Optimismus damals auch sonst (vgl. van Dillen, S. 595); über die erfolgte
Tilgung der Bankschuld ebenda, S. 599.
2) Der Ansicht van Dillens, S. XI, der die starke Kreditgebung der
Bank zu rechtfertigen sucht, kann ich nicht beipflichten, namentlich im Hinblick
auf die mangelnde Metalldeckung; mit der Ansicht van Dillens über diese
stehen die Ziffern S. 964 ff. in Widerspruch; vgl. auch meine Anzeige des van
Dillenschen Werkes in Jahrb. f. Nationalök., Bd. 126.
3) Vgl. Soetbeer, Beiträge und Materialien, S. 5ff.; Andreades,
Bank of England, S. 80 ff. Die innere und äußere Struktur und Entwicklung jener
beiden Banken unterschied sich freilich wesentlich von der der Amsterd. Bank.
van Dillen,S. 1397 ff:
5) Ebenda, S. 999.

222
        <pb n="231" />
        — 2235 —
schaltete sie sogleich durch ein Verbot aus!). Ihre Geschäftsführung
war nicht unbedenklich; den Girosaldis gegenüber war ihr Metallvorrat
 meist gering und im allgemeinen ungünstiger als in der
Amsterdamer Bank, namentlich in den letzten Jahrzehnten; 1791
standen Girosaldis von 349 847 Pfd. vläm. nur 4660 Pfd. vläm.
Metallvorrat gegenüber?). Die Bank mußte 1794 ihre
Zahlungen einstellen. DieRotterdamer Bank
ähnelte am meisten der Amsterdamer. Sie war schon 1624 geplant,
kam aber erst 1635 beim Einzug der Merchant Adventurers zustande*).
Das Rotterdamer Bankgeld wurde allmählich dem Amsterdamer
gleichgestellt, was dem Rotterdamer Handel förderlich war, da er
nun an den Bequemlichkeiten und Vorteilen des Amsterdamer
Bankgeldes teilnahm und der Rotterdamer Kaufmann also eine
Rechnung in diesem Gelde halten konnte®). Mit der Ostindischen
Kompanie stand auch die Rotterdamer Bank in laufender Rechnung;
 es handelte sich um nicht unerhebliche Beträge; noch 1784
schoß sie ihr 100 000 fl. vor®). Zeitweise machte die Rotterdamer
Regierung sich eines Mißbrauches schuldig, indem sie ihr anvertraute
 Metallsorten dazu verwandte, um Tecklenburger und andere
deutsche Leinwand zu beleihen und damit der einheimischen Industrie
 eine Konkurrenz zu schaffen; die Beleihung erfolgte nach
dem Beschluß von 1670 zu */, des Wertes der Leinwand’). Dem
Schicksal der Amsterdamer Bank folgte auch
die Rotterdamer; die Rechnung in Bankgeld kam ganz
außer Brauch; und auch die in Kurantgeld wurde für den Handel
unbedeutend. Nach 1812 verschwand sie.
Der ursprüngliche Zweck der Amsterdamer Bank war die
') van Dillen, S. 995, 1004.
?) Ebenda, S. 1297 ff.
*) Die Middelburger Bank wurde 1805 als Kurantbank neu organisiert und
hat dann weiter bestanden.
4) Ebenda, S. 1317
) Mees,' S/21if,
) van Dillen, S. 1379,
’) van Dillen, S. 1336 ff. Es kam später zum Streit hierüber mit dem
Tecklenburger Fabrikanten Arent Westerhoff. Die Sache erwähnt schon Phoonsen,
 a. a. O., S. 98. Nach Mees, a. a. O., wurden aus jener Leinwand Geldtaschen
 hergestellt; den ihr Geld zurückfordernden Kaufleuten konnte die Bank
anstatt jenes nur Geldtaschen anbieten.

ss #
        <pb n="232" />
        2 2045 —
Verbesserung des Münzwesens im Interesse des Handels. Insofern
die Bank Wechselkontor und später Lehnbank von Handelsgeld
war, wurde dem Handel durch sie wirklich ein Dienst erwiesen;
allerdings besaß das Bankgeld nicht die ihm zugeschriebene Wertbeständigkeit.
 Aber schon der Ruf seiner Festigkeit war in den ausländischen
 Beziehungen nützlich. Besonders war es dem Handel
und dem gesamten Wirtschaftsleben förderlich, daß es jedermann
gestattet war, Handelsmünzen zu prägen, deren Gewicht, Gehalt
und Stempel feststanden, deren Preisbestimmung jedoch ganz dem
Handel überlassen blieb. Die holländischen Löwentaler, Reichstaler
 und goldenen Dukaten genossen überall im Auslande einen
ausgezeichneten Ruf!). Und wenn auch der Wechsel schon frühzeitig
 im Verkehr erschien, so wurden wichtige Handelszweige, So
nach der Ostsee und Ostindien, noch lange Zeit überwiegend mit
barem Gelde betrieben. Als sehr wichtig erwies sich die Bankzahlung
 namentlich durch die Ersetzung des Kapitals, das in dem
Metallgeld umlief. Eine Ersetzung des Metalls als eines Umlaufsgeldes
 durch Ausgabe von Banknoten erfolgte vor der Errichtung
der ‚Niederländischen Bank‘ von 1814 nicht. Man hegte noch
eine viel zu große Vorliebe für den Umlauf von Metallen. Sehr
nützlich wirkten die Kassierer, sie dehnten sich im 18. Jahrhundert
aus; um 1770/80 gab es ihrer in Amsterdam 54. Bei ihnen wurde
es allmählich Gebrauch, einen Teil des ihnen anvertrauten Metalls
zur Eskomptierung von Wechseln oder zu Vorschüssen oder Blanko-Krediten
 zu benutzen. Das war eine sehr nützliche Erweiterung
ihrer Wirksamkeit, da sie dadurch gleichsam Umlaufsbanken wurden.
Doch gewannen die Kredit-Zahlungsmittel sowohl. der Wechselbank
wie der Kassierer nie die Form eines umlaufenden Papiers; sie waren
stets nur Buchkredite; im Wesen des Zahlungsmittels bestand aber
kein Unterschied zwischen Buchkredit und umlaufendem Papier.
Man zog offenbar ersteren vor, weil er weniger Abstoßendes und Ge-»r.
 1) Vgl. De Koopman, V, 86 f. Auf einen Antrag der Generalmünzmeister
von 1732, vorläufig die Prägung der silbernen Münzen einzustellen, gingen die
Generalstaaten nicht ein (van Dillen, Bronnen, S. 369). Die Verbreitung
der Bezahlung in Löwentalern über Ostindien, die Levante, Cypern, Griechenland,
Persien, Armenien usw. wird schon 1635 erwähnt (ebenda, S. 77). Die holländischen
goldenen Dukaten wurden vielfach im Auslande gefälscht; im Jahre 1749 ordneten
die Generalstaaten auf Drängen der preußischen Regierung die Rändelung der
Dukaten an (v. Schroetter, II, 62).

”
Le
        <pb n="233" />
        fährliches an sich zu haben schien als in der Form eines umlaufenden
 Papiers, an das sich leicht die Idee eines Kreditrisikos
knüpfte‘).
Eigentliches Papiergeld, das die Obrigkeit als ein unkündbares
Kreditpapier ausgab,°hat es in Leiden und Haarlem 1573 gegeben?).
Als 1795 die Franzosen ihre Assignaten einzuführen suchten, verbot
die holländische Volksregierung sie. Die im gleichen Jahre in Amsterdam
 errichtete Lehnbank der Provinz Holland gab Bankbillette aus,
die dem Mangel an Umlaufsmitteln abhelfen sollten; sie wurden
in der Höhe der von den einzelnen erhobenen Beleihungen ausgestellt,
 waren also eigentlich nur Quittungen der Bank für das ihr
abgeschriebene Belehnungs-Bankgeld; die Gläubiger des Staates
wurden mit Anweisungen auf diese Bank bezahlt. Sie wurde aber
schon 1798 wieder aufgehoben?).
Nächst den Banken und in enger Fühlung mit ihnen hat die
Börse die niederländische Geld- und Handelswirtschaft gestützt
und befruchtet, gleichzeitig aber auch dem niederländischen Staatswesen
 wertvolle Dienste geleistet.
In Amsterdam gab es eine Börse schon seit 1561*); ordentliche,
regelmäßige Börsenversammlungen wurden erst 1592 abgehalten;
1608 legte man den Grundstein zu einem Börsengebäude, 1611
war es fertig). Also fast gleichzeitig mit der Errichtung der Bank
und ebenso in derselben Zeit, in der die Ostindische Kompanie
gegründet und damit der Zusammenschluß für die gemeinsamen
Unternehmungen nach Ostindien geschaffen wurde. Dieses Zusammentreffen
 einer Reihe wichtiger wirtschaftlicher Ereignisse
kennzeichnet nicht nur diese Zeit als den Ausgangspunkt der Blüte
der niederländischen Handelsmacht, sondern auch die enge Verbindung
 jener einzelnen Einrichtungen. Die Börse, der Versammlungsort
 und Mittelpunkt der Amsterdamer Kaufmannschaft, der
mächtige Anziehungspunkt für die von allen Seiten herbeiströmenden
 Käufer und Verkäufer des In- und Auslandes, das größte
) Mees, S. 256.
*) Vgl. Blok, Gesch. een. holl. Stad, III, 49-5.
 Mees; Si2648
°) Vgl. Scheltema, De Beurs van Amsterdam.
°) Nicht, wie man früher annahm, 1613; vgl. Breen;, S. 211 ff;
Baasch, Holländische Wirtschaftsgeschichte. 15

225
        <pb n="234" />
        Geschäftszentrum der zivilisierten Welt, die Bank, das neugeschaffene
Institut, das der Verbesserung und Festigung des Geld- und Münzwesens
 dienen sollte, und die große umfassende Handelsgesellschaft,
die den Handel nach dem neuerschlossenen Gebiete im Osten betreiben
 sollte: sie bildeten von jetzt ab eine enge Interessengemeinschaft,
 die zwar nicht in irgendeiner äußeren Form festgelegt war,
die sich aber durch ganz natürliche innere Zusammenhänge von
selbst bildete und nahezu 200 Jahre bestanden hat.
Wenn wir auch über die Einzelheiten des Börsengeschäfts in
Amsterdam in der älteren Zeit wenig unterrichtet sind, so ist doch
ein untrügbares Zeichen für den lebhaften Börsenverkehr das dortige
Maklerwesen. Schon im 15. Jahrhundert werden hier Makler
erwähnt!). Doch entwickelte sich dieses Institut kräftiger erst mit
dem Ende des 16. Jahrhunderts; 1580 wurde den Maklern das Verbot
 des eigenen Handels auferlegt; 1578 traten sie in einer „Gilde“
zusammengeschlossen auf. Die verschiedenen Courtagetaxen jener
Zeit lassen den Umfang des Amsterdamer Handels erkennen. Der
mächtige Maklerstand an dieser Börse hat auf den Handel zweifellos
günstig eingewirkt, auch wenn er den Kaufleuten manchmal unbequem
 war. Schon 1612 gab es 300 Makler und 600
Beiläufer. Allmählich entwickelten sich freilich im 18. Jahrhundert
 die Makler immer mehr zu Kaufleuten, während die Böhnhasen,
 die allen Verordnungen zum Trotz nie auszurotten gewesen
waren, zu niedrigeren Courtagesätzen die Maklergeschäfte betrieben.
Im Laufe der Zeit wurde der Makler für den Kaufmann so unentbehrlich,
 daß er aus seinem Diener sein Herr wurde; kein mit dem
Handel in enger Berührung stehender Berufsstand hat, wıe an
anderen Orten, so auch in Holland so viel Mißbräuche aufzuweisen
gehabt wie der Maklerstand‘®).
Allerdings war das Maklerwesen von wirklicher
Bedeutung in Amsterdam nur tür das Warengeschäft;
 für das Geldgeschäft kamen die bereits erwähnten
Kassierer in Betracht. Das tat aber der Bedeutung der Makler
1 Stuart, S. 4off.-.Kohler-Hecht, S. 289 ff.
2) De Koopman, II, 265; III, 404 ff. Über die Amsterdamer Makler und ihre
Geschäftsgier, die es auf Courtagen und Kursgewinne abgesehen hatten, Vega
de la Vega, S. 1309 ff., 188 ff.; danach Ehrenberg, Amsterdamer Aktienspekulation,
 S. 820 ff.

226
        <pb n="235" />
        = 22/7 —
für die Börse in ihrer Gesamtheit keinen Abbruch. Auch in Städten,
wo das Geldgeschäft keine besondere Rolle spielte, wie in Rotterdam,
 Enckhuizen, Dordrecht, später auch in Schiedam, gab es
schon frühzeitig Makler, in den beiden erstgenannten Städten auch
Maklergilden‘).
Überhaupt war in der älteren Zeit der Warenhandel
viel mannigfaltiger als der Geldhandel. Jener
umfaßte seit dem Ende des 16. Jahrhunderts ziemlich alle damals
 kuranten Waren; und für jede dieser gab es Makler. Das
Wort aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts „enfin l’on peut dire,
que Amsterdam est comme le magasin general non seulement
de l’Europe, mais de tout le monde“‘?) traf schon für ein Jahrhundert
 früher zu. Man gewöhnte sich im Auslande daran, für
alle Waren, für die man Käufer suchte, Amsterdam als den natürlichen
 Markt zu betrachten und ihm die Waren, die man
im Überfluß besaß und gern zu Geld machen wol'te, zuzuschicken.
 Als Gustav Adolph von Schweden für sein
Kupfer dessen Versendung nach Spanien nicht mehr möglich war,
neuen Absatz suchte, sandte er es nach Holland: und Oxenstjerna
fuhr später damit fort; schließlich war das selbst für den aufnahmefähigen
 holländischen Markt zuviel, und die Preise fielen. Das
ungarische und schwedische Kupfer machten sich hier Konkurrenz?).
Später übersättigte der Kaiser Holland, wie wir oben?) sahen, mit
') Stuart, S. 57. Über Makler in Dordrecht im Mittelalter vgl. van
Vollenhoven, S. 3off. Über den beeidigten Judenmakler Simon de Pool,
der außerdem Faktor des Königs von Polen war, vgl. A. Halberstadt, Simon
de Pool.
7) LeMoinedel’Espine, S, 43.
3 Bothe, Gust. Adolph, S. 79£., 152 £f;; Kretzschmar., S.!'235!
Die regelmäßige Verbindung Schwedens mit Holland in Kupfer begann schon
1613 (Wittrock, Svenska Handelskompaniet, S. 7 ff). Über die Beteiligung
Samuel Blommaerts am schwedischen Kupferhandel vgl. seine von Kernkam
 p herausgegebenen Briefe, S. 24 ff. Im Jahre 1660/68 verhielt sich die Einfuhr
 von Kupfer zur Ausfuhr in Amsterdam etwa wie 5 : 2 (Brugmans, Statistiek,
 S. 141). Auf die Sendung von schwedischem Kupfer von Holland nach Rußland
 als ein Zeichen des universalen Warenmarktes in Holland weist hin van
Brakel, Stat. en andere gegevens, S. 359 f.; man könnte noch auf Grund vieler
anderer Waren denselben Nachweis führen: so ging Teer von Amsterdam nach
Hamburg 1632 (Baasch, Seeschiffahrt, S. 377).
4) S. 202f.

15*
        <pb n="236" />
        Quecksilber, und das ostindische Quecksilber kämpfte mit dem
Produkt von Idria um den holländischen Markt!). Von der beherrschenden
 Stellung Hollands im Getreidehandel war schon die Rede?).
In anderen Waren, die die Niederlande für ihre Industrie brauchten,
so Eisen, Blech, Kohlen, Baumwolle, verhielt es sich nicht viel anders.
Ein überaus reger Zufluß von Waren schuf auch eine lebhafte
Warenbörse?). Nur für die Erzeugnisse der eigenen landwirtschaftlichen
 Industrie, Vieh, Butter, Käse, bestanden im Innern des
Landes örtliche Verkaufszentren; in Schiedam ferner eine Malzweinbörse*).
 Tatsächlich konzentrierte sich an der Amsterdamer
Börse der ganze Eigen- und Kommissionshandel der Niederlande,
der die eigentliche Grundlage des holländischen Handels bildete
und der selbst in den Zeiten, da die Blüte des niederländischen
Wirtschaftslebens nicht mehr überwiegend auf dem Handel beruhte,
nie völlig zugrunde gegangen ist. Wenn Cosimo de Medici
1669°) Amsterdam ein Weltmagazin nannte, das den größten Handel
der Welt treibe, so fand er damit für den Tatbestand den richtigen
Namen.
Das Börsengeschäft in Amsterdam, soweit es
sich um Fondshandelte, hielt sich im Anfang des
17. Jahrhunderts nochin sehr bescheidenen und
beschränkten Formen; es befaßte sich im wesentlichen
mit den Anteilen der Ostindischen, später auch der Westindischen
1) Im Jahre 1667/78 führte Amsterdam kein Quecksilber ein, wohl aber
63 839 fl. aus, was auf große Läger schließen läßt (Brugmans, Statistiek,
S. 169).
?) Für eine Reihe von Jahren finden sich die Getreideein- und -ausfuhren
Amsterdams angegeben bei van Dillen, Stukken betr. d. Amsterd. Graanhandel,
 S. 80 ff. Für den Getreidehandel bestand in Amsterdam eine besondere
Börse.
3) Der Amsterdamer Kurszettel der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts
enthielt die Erzeugnisse des Überseehandels (Gewürze, Zucker, Tabak, Farbhölzer,
Drogen usw.), ferner die des Levante- und Mittelmeerhandels (Reis, Öl, Weine),
die der Fischerei (Fische, Tran, Barden), Metalle (Zinn, Quecksilber, Blei), Wolle
aller Art usw. Von Erzeugnissen der holländischen Industrie weist der Zettel nur die
bunten Amsterdamer Kacheln (‚„‚bonte leiren‘) auf (Brugmans, Handel en
nijverheid, S. 174). Ein amtlicher Warenpreiskurant bestand in Amsterdam seit
1613, vielleicht schon eher (Sautijn Kluit, Prijs-courantiers).
4) Vgl. oben S. 127.
5) S. 276 f.

228
        <pb n="237" />
        Kompanie, die aber noch keine Aktien im modernen Sinne waren,
sondern persönliche Anteilscheine der Kompanie-Teilhaber!). Diese
Aktien wurden an der Börse gehandelt und führten schnell zu lebhafter
 Spekulation, wobei sich Baisse- und Hausse-Parteien bildeten 2).
Von einem regelmäßigen Börsenverkehr in niederländischen Staatspapieren
 erfahren wir aber vor 1672 nichts. In den Aktien der
Ostindischen Kompanie entstand schon frühzeitig ein Zeit- und
Prämienhandel, der die Spekulation belebte und den Umsatz vermehrte,
 obwohl vielfach Verordnungen der Generalstaaten von
1610—1677 diesen Zeithandel verboten?). Da die Aktien sich auf die
verschiedenen Kammern verteilten, so stellte sich bald ein Unterschied
 unter ihnen heraus; die Amsterdamer und Seeländer Aktien
waren es zunächst allein, die im Börsenhandel erschienen; später
überwogen die Amsterdamer auf dem Markte; sie hatten stets
einen höheren Kurs*). Es war deshalb sehr begreiflich, wenn die
Amsterdamer Börse die Nachrichten über die Ostindischen Retourschiffe,
 ihre Ladungen und deren Werte mit großer Spannung verfolgte
 und erörterte; von diesen Retouren hing für einen großen
Teil der Börsenspekulanten Wohl und Wehe ab5®).
Im Handel mit Staatspapieren «bildete das
Jahr 1672 einen Wendepunkt; es ist das Geburtsjahr
 des modernen Kredits in Kriegszeiten
und wirtschaftsgeschichtlich daher von hohem Interesse, nicht nur
für Holland, sondern für die Allgemeinheit. Der plötzliche Einfall
1) Nach Colenbrander, Erste Auftreten usw., kam die „Aktie‘‘ 1606
zuerst vor; früher wurden nur ‚Parten“ erwähnt, die lediglich Anteil am Grundkapital
 sicherten, während die „Aktie“ auch den Dividendenanspruch in sich schloß.
Die ‚Part‘ verschwand dann bald.
?) Vgl. hierüber das interessante, 1688 erschienene Buch von Ve gadela
Vega. Der Herausgeber, Prin gsheim,‚, wendet sich S. XIV gegen Sombart,
Kapitalismus, II, 562 und seine Behauptung, die Effektenbörse sei selbst in Amsterdam
 bis in die 2. Hälfte des 18. Jahrhdts. ‚,in den allerersten Entwicklungsansätzen
stecken geblieben‘; vgl. auch Smith ‚ Tijd-affaires, S. 21 ff.
3) Über die ersten Zeitgeschäfte und das Verbot von 1610 vgl. Bakhuizen
vanden Brink, Isaac Lemaire, S. 231 ff.
‘) Ehrenberg, Zeitalter der Fugger, II, 292 ff.; derselbe, Aktienspekulation,
 S. 889 ff.; Klerk de Reus, S.177; Sayous,!La speculation sur
marchandises, S. 31; Sayous’ Aufsatz, La bourse d’Amsterdam au XVII. siecle
(Revue de Paris, VII, 3; 1900, S. 772 ff.) bietet nichts Neues.
5) Ehrenber g , Aktienspekulation, S. 824.

220
        <pb n="238" />
        — 2.7) =-der
 Franzosen im Juni dieses Jahres, dem die Republik nur ganz
unzulängliche Streitkräfte entgegenwerfen konnte, veranlaßte hier
einen vollständigen finanziellen Zusammenbruch!). Wohl war Geld
genug im Lande, doch sperrte der schnelle Verlust großer Gebiete
die Einkünfte; die Grundsteuer blieb ganz aus; Handel und Verkehr
 stockten. Man half sich durch Beschlagnahme der Guthaben
der Ostindischen Kompanie in der Middelburger und Rotterdamer
Bank; das war nur ein Tropfen auf den heißen Stein?). Dann versuchte
 man mit der Ausgabe von Leibrenten, die zu sehr vorteilhaften
 Bedingungen erfolgte, sich Geld zu verschaffen; das darauf
eingehende ungemünzte Gold und Silber konnte aber nicht so
schnell zu barem Gelde gemacht werden, das man zur Besoldung
der Truppen dringend brauchte®). Der Vorschlag einer klassifizierten
Einkommensteuer erfuhr sofort allgemeinen Widerspruch, ein interessantes
 Beispiel dafür, daß man sogar in schwerer Notlage sich
an theoretischen Bedenken stieß. So blieb zur Bestreitung der ungeheuren
 Ausgaben nur der Kredit übrig, mit dem man nicht nur
daheim die Bedürfnisse decken, sondern namentlich auch die so
notwendigen Bundesgenossen befriedigen mußte; allein für die
letzteren bedurfte man monatlich 10 Millionen Rtlr. Dieser Kredit
war aber nur im Inlande zu finden; mit England stand man im
Krieg; von den Hansestädten und den italienischen Städten war
nur zu unerschwinglichen Zinsen Geld zu erwarten. Die Republik
gab nun Schuldscheine aus, die freilich großen Kursschwankungen
unterlagen und zunächst nur sehr ger'ngen Wert hatten, da die allgemeine
 Panik erst überwunden werden mußte. Dem Kredit kam
dabei äußerst zustatten die feste Haltung Amsterdams, das von
einem demütigenden Frieden nichts wissen wollte und seine Hoffnung
 auf das eigene Land wie auf die Verbündeten, den Kaiser
und Brandenburg, setzte*). Gegenüber den riesigen Geldforderungen
Englands und Frankreichs für den Friedensschluß, 30 Millionen fl.
1) Großmann, S. ııff.; im allgemeinen Blok, Geschiedenis van h. ned.
Volk, V, 272.
23) Klerk de Reus, 6.275:
3) Über die in der Provinz Holland damals ausgeschriebene ‚,Kapitale leening‘“
 und ihre Ergebnisse vgl. van Dillen, Bronnen, S. 155ff.; die Abrechnung
SU
A 1) Großmann, S. 21 ff.; auch weiterhin benutzt; ferner P. L. Muller,
Nederl. eerste betrekkingen met Oostenrijk, S. 47 ff.

3C
        <pb n="239" />
        231 m
außer den Landabtretungen!), erkannte die Amsterdamer Kaufmannschaft
 schnell, daß man billiger davonkommen werde, wenn
man Widerstand leiste und weitere Opfer bringe; und als die Franzosen
 nach einiger Zeit ostwärts abrückten, als ein Bündnis mit
Braunschweig-Lüneburg zustande kam, stieg sofort der Kredit und
damit die Möglichkeit, Geld zu erhalten. Ende September standen
die Obligationen auf 60; der Abschluß des Bündnisses mit dem
Kaiser hob den Kurs auf 75, im Oktober stieg er auf 95%. Allerdings
 unterlag er weiterhin noch großen Schwankungen, die nicht
immer eine steigende Tendenz zeigten; das lag an der wenig Vertrauen
 erweckenden Kriegsführung der Verbündeten und des
Prinzen Wilhelm III. Ende Dezember stand der Kurs auf 50 bis
55%: Als man im Frühjahr 1673 die eigenen Rüstungen tatkräftig
aufnahm, erholte sich der Kurs; und der Höhepunkt der Krisis
war überwunden.
Am meisten Sorge machte aber in dieser ganzen Episode das
Verhalten der Verbündeten gegenüber der ihnen von den Niederlanden
 zugemuteten Zahlungsweise für die Subsidien, ohne die
dem Kaiser und Brandenburg, d. h. den wichtigsten Verbündeten,
eine Kriegführung unmöglich war. Insbesondere mit dem Kaiser
machte man Erfahrungen, die sich allerdings aus der Neuheit der
Sachlage erklärten. Da man in barem Gelde nicht zahlen konnte,
so übersandte man Obligationen, die an Zahlungsstatt zu gelten
hatten. Das erweckte aber in Wien das äußerste Mißtrauen ; und nur
langsam erreichte es der kluge kaiserliche Gesandte im Haag,
Lisola, die Wiener Bedenken gegen die Zahlung in Schuldverschreibungen
 zu zerstreuen. Diese Ablehnung wirkte sich aber
naturgemäß längere Zeit in der schwankenden, unschlüssigen Kriegsführung
 des Kaisers aus. Erst als allmählich in Wien sich die Überzeugung
 befestigte, daß die Niederlande nur mit Obligationen zahlen
könnten und daß ein weiteres Mißtrauen gegen diese nur den Wert
jenes Zahlungsmittels und damit die Kreditfähigkeit des Verbündeten,
 der es ausgab, herabmindern mußte, entschloß sich die kaiser
liche Regierung in den neuen Verhandlungen von 1673 zur Erklärung
 ihres Einverständnisses mit jener Zahlungsweise?); der
Kurswert der Obligationen wurde als Zahlungswert anerkannt.
)) Vgl. Blok, a. a: 0.15.1308;
2?) Muller, S. 77f.; der neue Vertrag von 1673. bei Srbik, S. 154, 156.
        <pb n="240" />
        — 232 —
Damittraten dieholländischen Staatsschuldscheine
 in die Reihe der europäischen laufenden
 Zahlungsmittel ein. Die Amsterdamer Börse,
die für die Kurse dieses Papiers maßgebend war, gewann einen
unmittelbaren Einfluß auf die Kriegführung und damit auf die
große Politik, wie er bisher unerhört gewesen war?!). Für die
richtige Beurteilung des Wesens und der Behandlung von Börsenpapieren
 war dieser Vorgang überaus wichtig.
Ebensowenig wie der Kaiser hatte sich übrigens auch Brandenburg
 zunächst in diese Zahlungsweise finden können. Dem
Kurfürsten gegenüber hatten zwar die Generalstaaten sich zu
Barzahlungen verpflichtet; als sie diese nicht leisten konnten, boten
sie Obligationen an; für diese zeigte der Kurfürst durchaus kein
Verständnis; der Zusammenhang zwischen Börsenkredit und Kriegführung
 war ihm ebenso verschlossen wie der Kaiserlichen Hofburg?).
 Noch in dem Allianzvertrag mit den Generalstaaten von
1674 bedang er sich aus, daß die Zahlung nur in Münze, nicht ‚in
banco“‘, also durch Überweisung, geschehen dürfe’). Dänemark,
ebenfalls ein Alliierter der Niederlande, lehnte die Annahme der
Obligationen rundweg ab und war erst 1673, als sich die Lage
günstiger gestaltete, zu einem neuen Vertrage bereit.
Es hatte aber nicht sein Bewenden bei der einmaligen Wechselwirkung
 zwischen den Vorgängen an der Amsterdamer Börse und
den Weltbegebenheiten, wie sie in jener Zeit zum Ausdruck gelangte.
 Nun wurden die holländischen Staatsschuldscheine ein
Handelsartikel, der, wie jede andere Ware, der Konjunktur unterworfen
 war. Die Anschauungen von Kredit und dem auf ihm beruhenden
 Geldwesen wurden jetzt in Gegenden und in Kreisen
verbreitet, die ihnen bisher völlig fremd gegenüber gestanden hatten.
Daß es insbesondere die Obligationen der Provinz Holland waren,
die die Amsterdamer Fonds-Börse beherrschten und jene Wirkung
erzeugten, war wieder ein Beweis für die überwiegende Bedeutung
jener Provinz und Amsterdams; viel niedriger standen die Obligationen
 der Generalstaaten, was begreiflich war, da ein großer
lı Smith, S.72, meint, im Gegensatz zu Großmann, daß die Verbindung
 zwischen Börse und Politik schon vor 1672 bestanden habe.
23 Großmann, S. 741
5) v.Moerner, S:334.
        <pb n="241" />
        Teil der Republik noch in Feindeshänden und die Zukunft des
Gesamtstaates völlig unsicher war; sie hielten sich selten über 55,
während die der Provinz Holland 1673: 80—85%, standen.
Inden aufägdiese Zeit folgenden Jahrzehnten
 entwickelte sich. Amsterdam langsam
 zu einer internationalen Fondsbörse;
seit 1688 war die Organisation der Baisse- und Hausse-Effektenspekulation
 in Amsterdam befestigt!). Namentlich die kaiserlichen
Anleihen, die wir schon erwähnten, boten diesen Geschäften Nahrung.
Das Anlagebedürfnis der niederländischen Kapitalisten wuchs mit
der Zeit. Hatte es sich zuerst vorzüglich in Aktien der großen
niederländischen überseeischen Gesellschaften betätigt, so folgten
nun die einheimischen Staatspapiere, sowohl die der Generaliteit
wie der einzelnen Provinzen und Städte, endlich der Admiralitäten.
Und mit dem wachsenden Kapital und der steigenden Zahl der
Rentenbesitzer dehnte sich auch das Anlagefeld ‚auf auswärtige
Anleihen aus, insbesondere nach dem Utrechter Frieden. Die
Amsterdamer Börse übernahm hierfür die ausschließliche oder teilweise
 Vermittlung. In der Mitte des 18. Jahrhunderts wies der
Amsterdamer Effekten-Kurszettel 25 verschiedene Arten inländischer
 Staats- und Provinz-Obligationen auf, drei inländische
Aktiensorten, drei englische Aktien und vier englische Staatspapiere,
 sechs deutsche Anleihesorten usw., im ganzen 44 Fondsarten”).
 Im Jahre 1796 hatte sich diese Ziffer stark vermehrt:
der Kurszettel enthielt nun 57 binnenländische Anleihen, drei vom
Kaiser, vier von Rußland, drei von Schweden, vier von Dänemark,
je zwei von Preußen und Spanien, 13 von Amerika, vier von Polen,
vier von Sachsen; dagegen keine englischen und französischen mehr,
nur ‚‚Mandate‘“?), Über die privaten Anleihen erfahren wir aber
aus dem Kurszettel nichts. Der Börsenzinsfuß, der Anfang des
18. Jahrhunderts auf 2—1 3% gefallen war, stieg infolge der vielen
ausländischen Anleihen auf 2%, 3 und 4%. Durch das umfassende
Geldgeschäft, das im 18. Jahrhundert immer mehr um sich griff,
)) Smith, \S 944.
°) Ehrenberg, Zeitalter der Fugger, II, 299.
‘) van der Meulen, S. 499f. Nach Sombart, Studien, II, 64,
wurden bis 1770 an der Amsterd. Börse seit ihrem Bestehen für 250 Mill. fl. Anleihen
 aufgenommen. Wahrscheinilch war der Betrag höher.

233
        <pb n="242" />
        a 2 90.
wurde der wirkliche Kaufhandel in den Hintergrund geschoben;
daß er von jenem ganz verdrängt worden sei, wie man behauptet
hat, ist nicht der Fall.
Aus der Geld- und Aktienspekulation heraus entsprang ja
gewiß der Schwindelgeist, der seit dem 17. Jahrhundert
insbesondere im Westen Europas eigenartige Erscheinungen ans
Tageslicht förderte. In den Niederlanden haben diese keineswegs
immer den eigentlichen Ursprung; doch brachte es allerdings die
hohe Entwicklung des dortigen Wirtschaftslebens wohl mit sich,
daß hier manche Dinge dieser Art auf die Spitze getrieben wurden
und höchst seltsame Formen annahmen. Schon vor der Spekulation
 in Staatspapieren, als in Holland nur diejenige in Aktien
bestand, hat die Tulpomanie, die sich an _den hohen Stand
der Haarlemer Blumenzwiebelzucht anschloß, eine Spekulation in
Tulpen großgezogen, die alle Eigenschaften und Formen des Terminhandels
 an sich trug und zu richtigen Differenzgeschäften führte‘).
Diese in den 30er Jahren des 17. Jahrhunderts längere Zeit aufrechterhaltene
 börsenmäßige Organisation des Tulpengeschäftes, das mit
ausgearbeiteten Usancen betrieben wurde, war nichts als ein aus
dem Zeitgeist und dem örtlichen Handelsmilieu entsprungener
Schwindel, der zunächst aus einer gewissen Manie für die Tulpen
hervorging, dann aber von Geldspekulanten in die Bahnen eines
oft gewissenlosen Börsengeschäfts gelenkt wurde. Er verflog, als
der Preissturz die Beteiligten wieder in die rauhe Wirklichkeit des
wahren Wertes einer Blumenzwiebel zurückführte?). Jedenfalls
ist es aber wirtschaftsgeschichtlich von Interesse, daß ein solcher
Windhandel, eine solche Börsenspekulation keineswegs an unmittelbare
 Geldwerte, wie Aktien, Staatspapiere, geknüpft war,
sondern daß man spekulieren konnte auch mit Phantasie- und
Affektionswerten. Von Bedeutung war aber jene auf der Tulpomanie
 sich gründende Schwindelspekulation als Vorläuferin der sehr
viel ernsteren und weitergreifenden Börsenspekulationen, wie sie
seit dem Ende des 17. Jahrhunderts in Übung kamen.
ee 2) Solms-Laubach, Ss. 76ff7 Laspeyres, S. 278.
2) Uffenbach, II, 1422, wunderte sich 1711, als ihm in Holland
Spuren der noch immer bestehenden ‚„„Blumen-Thorheit‘“ vor Augen traten. Der
Romantiker Achim v. Arnim verwertet in seinen „Holländ. Liebhabereien‘‘, 5.1971,
die Tulpomanie der Holländer; er berichtet über einen „Admiral von Enckhuizen“,
der 20 000 £ kosten sollte. Er erwähnt auch den Terminhandel in Tulpen.
        <pb n="243" />
        = WB
Auch‘ im: Handel imit anderen Waren, bei
denen nicht von einer Manie die Rede sein konnte, kam im 17. Jahrhundert
 der spekulative Sinn des holländischen Geschäftsmannes
 zum börsenmäßigen Ausdruck. So
fand in Walfischbarden und in Tran, diesen wichtigen Produkten
des von den Niederländern eifrig betriebenen Walfischfanges, ein
Terminhandel an der Amsterdamer Börse statt, der für die
Entwicklungsgeschichte dieser Geschäftsform von großem Wert ist.
Die Grönlandfahrer kehrten zwischen Juni und September heim.
Es kamen also zwei Kampagnen von verschiedener Natur in Frage.
Während des ganzen Jahres, insbesondere im Frühjahr und Sommer,
kaufte und verkaufte man auf Lieferung ‚„‚während des Septembers‘‘
oder ‚zwischen 1. September und Ende Oktober‘ oder ‚zwischen
I. September und Ende November‘‘, später noch ‚‚nach dem ı. März‘
oder ‚„‚bis Ende Mai‘, So stand die eine Kampagne unter dem Eindruck
 der Heimkehr der Schiffe und ohne irgendeinen Anhaltspunkt
 über den Ausfall; die zweite beschäftigte sich mit Verkauf
und Rückkauf der Kontrakte, je nach dem Stande der Aussichten,
oft auf persönliche Verhältnisse und Ansichten zurückgehend. Dabei
 kam es zu Differenzgeschäften sehr gefährlicher Art, die oft Anlaß
 zu Konkursen gaben!). Auch für Pfeffer fanden im 17. Jahrhundert
 Termingeschäfte an der Amsterdamer Börse statt?).
Nur für eine Ware schritt man obrigkeitlich gegen den Terminhandel
 ein. Das war allerdings ein lebensnotwendiger Artikel,
nämlich Getreide. Daß in Amsterdam ein großer Getreidehandel
 bestand, wurde schon erwähnt; er übertraf zeitweise
wohl alle anderen Geschäftszweige. Bereits 1617 gab es hier eine
Kornbörse, die 1768 in ein neues, massives Gebäude verlegt wurde.
Der Getreideterminhandel konnte sich jedoch nie recht entwickeln.
Ansätze finden sich schon früh; in der Mitte des 16. Jahrhunderts
scheinen solche Geschäfte in Amsterdam abgeschlossen worden zu
sein; man verbot sie). Das nutzte aber offenbar nicht viel ; und
ha ') Sayous, Speculations s. les fanons etc. — Die Ausfuhr von Walfischbarden
 überstieg 1667/68 die Einfuhr fast um das 5 fache. (Brugmans, Statistiek,
 S. 135); 1753 belief sich in Rotterdam die Ausfuhr in Walfischbarden auf
193 650 Pfund im Wert von 104 560 fl., Einfuhr hatte nicht stattgefunden (Dobbelaar,
 Een statistiek, S. 213).
°) Sayous, Speculations s. marchandises etc., S. 45-3
 Haepke, Niederländ. Akten, I, Nr. 800 f. (S. 586 £f£.).

35
        <pb n="244" />
        als 1698 eine große Getreideteuerung das Volk drückte, verboten
am 17. Oktober die Generalstaaten den Terminhandel in Getreide
nachdrücklich. Es wurde damals infolge einer darüber entstandenen
Differenz festgestellt, daß das Verbot nur für zukünftige Kontrakte
zu gelten habe. Man nannte diesen Handel ‚‚Windhandel‘. Dabei
war die Rede auch von Hopfen; doch wurde ausdrücklich erklärt,
daß in ihm bisher kein Terminhandel stattgefunden hätte; das
Verbot beschränkte sich also auf Getreide, Buchweizen, Erbsen
und Bohnen!). Noch 1756 wurde der Getreideterminhandel abermals
 verboten?). Doch bestand ein Terminhandel in Kaffee und
Branntwein®).
Daß man in Amsterdam aus der Börse nicht nur mittelbare
Gewinne ziehen wollte, sondern sie auch direkt besteuerte, also als
ein geeignetes Steuerobjekt betrachtete, ergibt sich aus der Tatsache,
 daß 1689 von der Amsterdamer Regierung eine Börsensteuer
 eingeführt wurde, und zwar von % pro Mille auf Geschäfte
 in ostindischen und !, pro Mille auf solche in westindischen
Aktien, zu entrichten von jeder Partei; doch wurde später diese
Steuer auf % bzw. !/£ pro Mille herabgesetzt‘). Die Beschränkung
der Steuer auf die Kompanie-Aktien spricht wohl dafür, daß damals
 der Handel mit Staatspapieren noch nicht eine Ausdehnung
erreicht hatte, die ıhn als Steuerobjekt empfohlen hätte.
Nicht zu leugnen war es, daß die Zunahme des sog. Windhandels,
 des Zeithandels in nicht effektiver Ware, gerade im
Fonds- und Aktienhandel recht üble Blüten trieb. Die Schwindelgesellschaften
 Laws 1716 und in den folgenden Jahren zogen
auch die Niederlande in ihren Strudel; 1720 erreichten die gesamten
Anleihen dieser in den Niederlanden errichteten Assekuranzgesellschaften
 einen Nennbetrag von 1150 Mill. fl.; sie gingen fast ganz
verloren°). Aber diese bitteren Erfahrungen haben auch später
ar 1) Sayous;, Speculations s. marchandises, S.35[f.; Bunk, S. 82; van
Dillen, Stukken bet. d. termijnhandel in graan, S. 37 ff. Auffallend ist die hohe
Ausfuhrziffer für Hopfen (vgl. Br ug mans, aa. O., S. 1483); vgl. oben S. 122.
2 Bunk, S.)538, Smith, S. 84.
3 Smith, S. 139.
‘) Ehrenberg, Zeitalter der Fugger, II, 336; derselbe, Aktienspekulation,
SS: 8251f.; Smith, S. So ff.
5) Diferee, Fondsenhandel, S:. 64; Laspeyres, S.2751.; Smith,
S.ııa I.

236
        <pb n="245" />
        A 2
das niederländische Publikum nicht vor weiteren Börsen- und
Spekulations-Ausschreitungen behütet. Die ersten Kreise gaben
dazu das Beispiel. In Amsterdam standen in der zweiten Hälfte
des 18. Jahrhunderts die meisten Stadtregenten in engster Beziehung
 zum Bank- und Börsenwesen; die größten Bankiers, wie
Clifford, de Vry-Temminck, Dedel, Danielsz
waren Mitglieder des Rats, ja Bürgermeister. Wieder wurde, wie
in den Tagen des ‚Goldenen Zeitalters‘‘, das Rathaus eine Filiale
der Börse?).
So blieben trotz aller Warnungen weitere Rückschläge nicht
aus; in den Krisen von 1763 und 1773 kamen sie zum Ausdruck.
 In ersterem Jahre bereitete eine Reihe von Umständen
der Amsterdamer Börse einen bösen Schlag. In Deutschland entstand
 nach dem Hubertusburger Frieden infolge der sofort von
Preußen vorgenommenen Münzreform eine starke Entwertung aller
umlaufenden Mittel, die bis auf 1, ja noch tiefer, herabging. Das
verfehlte natürlich nicht seine Wirkung auf den deutschen Wechselkurs
 und konnte bei den engen Beziehungen mit dem Amsterdamer
Platz auch auf diesen nicht ohne Einfluß bleiben?). Amsterdam
hatte seit langer Zeit infolge seines Geldüberflusses große Kredite
nach dem Norden, Deutschland usw. gegeben?). Da nun die Ausfuhr
 von Holland nach jenen Gegenden wenigstens dreimal die
Einfuhr aus ihnen übertraf, so mußte das Fehlende durch das Ausland
 in Wechseln eingebracht werden, die allerdings nur so lange
Wert besaßen, als man ihnen Vertrauen schenkte. Im Laufe der
Jahrzehnte hatte sich nun. die Bewertung dieser Wechsel derartig
 ausgedehnt, daß sie etwa ı5mal das Bargeld und den Wert
der guten Papiere in Holland übertraf. Zu der passiven Handelsbilanz
 Deutschlands, die sich in jener Wechselschuld ausdrückte,
kamen dann als weiteres Moment die außerordentlich schweren
Kriegslasten und die letzten Münzverschlechterungen. Solange
die großen Kapitalisten die Wechsel diskontierten, ging alles gut;
aber durch die sehr bedeutenden Beträge, die die englischen An-')
 Elias, Regenten-Patriciaat, S. 237 {f.
’) Sautijn Kluit, Amst. beurs, S. TE,
°) Über das sehr ausgedehnte Kreditgeben der Holländer und den daraus
entspringenden Schaden für das eigene Land vgl. Luzac, IV, 228 ff.; De Koopman,
 IV, 338 {f.

-37
        <pb n="246" />
        -- 27) —
leihen während des Krieges aus Holland gezogen hatten, wurde man
hier langsam ausgepumpt; und die Neigung, Gewinne mit dem
Diskontieren von Wechseln zu machen, schwand. Andere hielten
vorsichtig ihr Geld an sich, forderten laufende Wechsel ein und
gaben nicht weiter Kredit auf neue, auf Zeit laufende Wechsel.
Schließlich mußte, da dies ganze Kreditsystem nur auf Wechselreiterei
 beruhte, der Zusammenbruch eintreten!). Auf eine Reihe
von Fallissementen in Amsterdam, Hamburg, Bremen, Berlin,
Leipzig, Stockholm usw. folgte am 25. Juli der Fall des 200 Jahre
alten Hauses de Neufville in Amsterdam; vorausgegangen
war das Fallissement eines der ersten jüdischen Bankiers, Arend
Joseph &amp;amp; Co. Nun brach hier ein Haus nach dem anderen zusammen,
 wobei viele diese Gelegenheit benutzten, um billig von
ihren Verpflichtungen loszukommen; Kassierer gingen sogar mit
den ihnen anvertrauten Geldern durch. Die Panik war allgemein;
selbst auf Effekten und Waren war kein Geld zu haben. Die Amsterdamer
 Bank hielt sich vortrefflich; das Bankgeld fiel einen Tag
bis auf 1% unter Kassengeld, erholte sich aber schnell wieder
auf 1% Agio. Am 4. August beschloß man, ungemünztes Silber
in die Bank auf Rezepisse anzunehmen?). Der Fall von Neufville
 führte dann dazu, daß fast alle Wechsel mit Protest nach
Hamburg zurückgingen, was hier umfassende Zahlungseinstellungen
bewirkte?). Erst langsam erholte man sich in Hamburg, Braunschweig,
 Stockholm von dieser Katastrophe. Von Hamburg aus
erfolgten ebenso Schritte, um Neufville zu halten; auch von
Berlin aus war man in dieser Richtung tätig. In Amsterdam aber
ließ man Neufville kalten Herzens fallen und quälte sich
nicht um die Verluste des Auslandes*). Eigentlich wankten da-1)
 Über diese Zustände vgl. die Polemik zwischen Mansvelt und van
Dillen in Tijdschrift v. Geschiedenis 37 (1922), S. 400 ff. Ersterer bestreitet das
Vorhandensein von Wechselreiterei, es sei lediglich eine Kreditkrisis gewesen, für
die er die Rückständigkeit des Amsterdamer Geldverkehrs verantwortlich macht.
2) Vel. van Dillen, Bronnen, S. 412.
3 Sautijn-KlIuit, S. 221f.; Büsch, Handlungsgeschichte Hamburgs,
 S: aıı ff.
‘) Nach van Dillen, De beurscrisis, S.249 war das Haus Neufville in Amsterdam
 sehr unbeliebt, da es dem König von Preußen für die Neueinrichtung seiner
Asiatischen Kompanie in Emden Geld angeboten haben sollte; daher stieß ein
Plan, das Haus mit 1% Mill. fl. zu stützen, auf den Widerspruch der Amsterdamer
Regenten.

sc
        <pb n="247" />
        mals alle Amsterdamer Häuser; selbst Hope &amp;amp; Co. Die größten
Verluste hatte der Hamburger Platz. Aus der Neufvilleschen
Masse konnten etwa 70% ausgezahlt werden; tatsächlich wurden
aber nur 60% ausbezahlt, da Neufville einen Akkord schloß;
noch 1799 warteten hamburgische Gläubiger auf Zahlung ihres Anteils.
 Im allgemeinen erholte sich die Amsterdamer Börse schnell
von dieser Katastrophe. Eine Folge derselben war jedoch, daß
nun ein russischer und der Danziger Wechselkurs, die bisher nur
auf Amsterdam bestanden hatten, auch auf Hamburg und London
eröffnet wurdel), was der Amsterdamer Börse sehr schadete. Das
Vertrauen im Auslande auf diese war doch erschüttert. An diese
Krisis knüpften sich zahlreiche Projekte, um den ins Wanken
geratenen Kredit wiederherzustellen; auch eine Kreditkank, die
Ausgabe von Papiergeld, eine Lotterie kamen in Vorschlag.
Fast ganz auf die Aktienspekulation und den übertriebenen
„Windhandel‘‘ war die Krisis von 1772—1773 zurückzuführen?).
An der Londoner Börse hatte man schon seit längerer Zeit in großem
Umfange in Aktien der Englisch-Ostindischen Kompanie spekuliert;
 im Sommer 1772 führte das in London zu zahlreichen Fallissementen.
 Diese Krisis schlug dann nach Amsterdam hinüber, wo
auch um jene Zeit eine außergewöhnliche Spekulation in Effekten
und Aktien die Börse beherrschte. Wieder gab der Zusammenbruch
 eines großen Hauses hier das Signal zu allgemeiner Panik;
diesmal war es das bekannte Haus Clifford &amp;amp; Soonen: seinem
Fall folgten andere; auch viele Israeliten wurden in die Katastrophe
verwickelt. Wiederum zeigte sich vielfach eine moralisch wenig
erfreuliche Haltung der Kaufmannschaft?). Von der Krisis von
1763 unterschied sich diese dadurch, daß, während in ersterem
Jahre die kleineren Bürger durch das Unglück nicht berührt wurden
und auch die auswärtigen Anleihen unter dem Schutz der großen
Häuser nicht viel litten, beides jetzt in starkem Maße stattfand.
Diesmal schritt auch die Stadtregierung ein, indem sie im Januar
1773 eine Belehnungskasse errichtete; die Bank leistete dieser die
nötigen Vorschüsse*). Der Einfluß der Amsterdamer Krisis ernn
 1) Scheltemäa, IV, 231; \Diferee, Geschiedenis, S. 451.
*) De Koopman, IV, 298 ff,; Sautijn-Kluit, S. 66ff,
Y Sautijn Kluit) Si8ıdk
* Sautijn K1luit,%S oz ff, ı201f.; Laspeyres, S. 2791; van
Dillen, Bronnen, S. 418.

230
        <pb n="248" />
        streckte sich auf Hamburg, Stockholm, Kopenhagen, Rußland,
d. h. nach all den Gebieten, die mit Amsterdam in regem Geschäftsund
 Geldverkehr standen. Zu den Gläubigern Clıffords aber
gehörten die Bank von England, der Kaiser, der‘König von Dänemark;
 schließlich wurden insgesamt 30% ausgekehrt. Aus den
zahlreichen Vorschlägen, die diese Krisis an das Licht förderte
und die z. T. eine gerechtere Abwicklung der Konkursmasse zum
Zweck hatten, ist nach einer Richtung tatsächlich ein Erfolg hervorgegangen;
 man erließ am 30. Januar 1777 eine neue Konkursordnung,
die den modernen Verhältnissen besser Rechnung trug als die
Ordnungen von 1659 und 1729, die einer Zeit angehörten, in der
der Wechselverkehr noch nicht den Umfang und die Bedeutung besaß,
 wie das in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts der Fall war.
Zwar nicht ein eigentliches Börsenspiel, wohl aber ihm in seinem äußeren Gebaren
 recht ähnlich, war das Spiel in der Lotterie, die es in den Niederlanden
schon seit dem Mittelalter gab; sie galt stets wohltätigen Zwecken und wurde
seit der Mitte des 16. Jahrhunderts auch eine Quelle der Staatseinkünfte!). Lotterien
 in größerem Stil erschienen erst seit dem Ende des ı7. Jahrhunderts und beförderten
 nun die Spielsucht in hohem Grade, wobei der wohltätige Charakter allmählich
 völlig zurücktrat und immer mehr die Gewinnsucht, die Neigung, ohne Arbeit
 Geld zu verdienen, sich bemerkbar machte?). Je schlechter es dem Lande ging,
um so mehr häuften sich die Lotterien, so in den Jahren 1798—1803°%). Es wäre
deshalb irrig, wollte man nur der Börse und ihrem Publikum die Spielsucht zuschreiben;
 sie lag offenbar in dem holländischen Volkscharakter tief begründet. Bemerkenswert
 ist es aber, daß in einem Lande, wo der persönliche Kredit gering und
es schwer war, Geld nur auf persönliche Geschicklichkeit hin zu erhalten, man so
viel Vertrauen setzte auf das Glücksspiel und den Zufall; es spricht das nicht für
weite Verbreitung wahrer wirtschaftlicher Einsicht*).
Dem Kreise der an der Börse betriebenen Geschäfte gehörte
 auch die Versicherung an. Ist ihr wirtschaftlichproduktiver
 Charakter auch nur beschränkt, so war sie doch
als Hilfsgewerbe für Handel und Schiffahrt von unschätzbarem
Werte und ist daher wirtschaftsgeschichtlich nicht außer acht
zu lassen.
1)\ Val. Fokkert,mamentlich S: 72, 783 1if., 99.4.
2) Vgl. auch van Gelder, Een loterij/ in. 1605.
3) Fokker, S. 153 ff. Doch lehnte die Amsterdamer Regierung 1695 es ab,
einigen städtischen Lotterien eine Rechnung in der Wechselbank einzuräumen, da
diese für die Kaufleute und das Geschäft da sei; nur mit der Nachbarstadt Haarlem
machte man ein Ausnahme. (van Dillen, Bronnen, S. 277 ff.).
*4/ Büsch, Bemerkungen, S. 49.

240
        <pb n="249" />
        — 200 —
Das Versicherungswesen übernahm Amsterdam als
Teil seiner Antwerpener Erbschaft. Doch war es zunächst offenbar
noch von mäßigem Umfange, da die Seeversicherung, die alle
anderen Zweige der Versicherung damals an Bedeutung übertraf,
noch bei weitem nicht in dem Maße benutzt wurde, wie in späterer
Zeit, und viele Kaufleute es vorzogen, das Risiko selbst zu tragen.
Doch war schon im 16. Jahrhundert ein hervorragender Kaufmann,
 der zugleich als Dichter einen Namen hat, Roemer Visscher
 (geb. 1547), stark in der See-Assekuranz tätig; sie wurde
vielfach für gemeinsame Rechnung betrieben!). Erst im Laufe des
17. Jahrhunderts nahm unter den Nöten der maritimen Unsicherheit
 auch die Seeversicherung zu. Die Schutzschiffe, die Fahrten
unter Konvoi sicherten nicht vor Verlusten; zwischen 1624 und
1634 wurden etwa 400 große Handelsschiffe geplundert, viele Kaufleute
 gingen an diesem Übel zugrunde Die Frachtfahrt wurde
dadurch immer teuerer, die Assekuranzprämien stiegen von 2—3
auf 8—10%?2).
Bereits 1617 hatte Michaelde Moucheron den Vorschlag
 zur Errichtung einer allgemeinen ‚„‚Camer van Assurantie“ gemacht;
 er kam nicht zur Ausführung?). Nun nahmen Ende 1628
einige Amsterdamer Kaufleute jenen Plan wieder auf; sie faßten die
Errichtung einer Assekuranzgesellschaft ins Auge, der auf 24 Jahre
ein Oktroi erteilt werden sollte*). Jeder, der auf Osten oder Westen
handelte, war verpflichtet zur Versicherung der versandten Güter,
die aber nur für °/,, der eingeladenen Güter gelten, während !/,, auf
Gefahr des Versicherten unversichert bleiben sollte. Die Prämie
sollte ı1%—51%% betragen. Der Kompanie stand das Recht der
Schiffskontrolle zu; kein Schiff durfte Konvoi vom Staat erhalten
ohne den Nachweis der an die Kompanie entrichteten Prämie.
Die Kompanie selbst sollte mindestens 60 Kriegsschiffe dauernd
in See halten, dafür aber das Monopol des Handels nach Afrika
und der Levante bekommen.
Dieser Plan, dessen Urheber hervorragende Kaufleute, wie
!) Vgl. Oud Holland, 1915, S.224ff.; S. 240 „de gemeene asseuradeurs‘‘ bei
einem Schiff (1599).
23) Blok, Het plan usw. S: 4.
3) Ebenda, S. 14.
*) Kurz auch in „Stukken v. d. geschiedenis‘‘ (Hilten), II, 9ı ff.
Baasch, Holländische Wirtschaftsgeschichte, 16

41
        <pb n="250" />
        — 242 —
Albert Coenradsz Burg, Elias Trip, Hans van
Loon waren, stieß alsbald auf erheblichen Widerspruch. Wie der
monopolistische Charakter der Kompanie in Amsterdam verabscheut
 wurde, so befürchtete man, daß die nur für den Fall der
Not gezahlten Prämien auf diese Weise zu einer dauernden Belastung
 werden möchten, daß man ferner die fremden Nationen,
denen man damit auch Lasten aufbürde, anreize, den Holländern
ähnliche Abgaben aufzuerlegen!). Nicht weniger als Amsterdam
war Haarlem ein Gegner des Planes?). Mit Recht wiesen die Haarlemer
 darauf hin, daß es ein Irrtum sei zu meinen, andere Nationen
hätten nicht auch Seeleute, um die Straße von Gibraltar zu finden
und zwar, ohne daß sie sich der Belastung durch solche Prämien zu
unterwerfen brauchten; durch eine derartige Zwangsbelastung werde
nur der Handel von Holland abgelenkt und die Industrie geschädigt;
auch widerspreche sie der niederländischen Freiheit, während „wir
doch in aller Welt als freie Niederländer bekannt seien‘““. Die Amsterdamer
 machten sodann auf die Schädigung des Schiffbaues aufmerksam;
 ihm werde durch die Kompanie für 3—4 Jahre ein großes
Kapital entzogen, das Holz werde stark verteuert werden usw.°).
Das Motiv der zu hohen Belastung und das der Freiheitsbeschränkung
waren es, die in diesen Erörterungen dem Projekt hauptsächlich
entgegengehalten wurden. Dafür war mit anderen Binnenstädten
 Leiden, das aber von jeher eine starke Neigung zum Protektionismus
 hatte. Wiederholt wurde endlich in den das Projekt
bekämpfenden Eingaben die Konkurrenz der Hamburger als ein
Grund der Vermeidung solcher belastender Einrichtungen angeführt“).
Es überwogen doch die ablehnenden Stimmen der Seestädte, die
von einer solchen Zwangsorganisation nichts wissen wollten®).
Der Plan tauchte aber in den nächsten Jahren mehrfach
wieder auf, jedesmal etwas abgeändert und den gegen ihn erhobenen
Bedenken teilweise Rechnung tragend; so wurde in dem Projekt
von 1634 das Monopol auf die nichtchristlichen Gebiete der Levante
 und Afrika beschränkt und der Staatszuschuß von 40 auf
ı) Blok, Het plan, 5.18 If.
2) Blok; Koopmansadviezen, S. 13 ff.
3) Blok, Koopmansadviezen, S. 44 ff.
‘ Blok; Het plan, SS: 20, 25 f.
5) Vgl. van Brakel, Handelscompagnien, S. 38 ff.
        <pb n="251" />
        —- 243 —
20 Tonnen Goldes herabgesetzt!). Aber infolge des passiven Widerstandes
 Hollands machte der Plan trotz des Drängens der Generalstaaten
 und des großen Interesses, das Prinz Friedrich Heinrich
 ihm entgegenbrachte, keine Fortschritte. Amsterdam, das
dem Prinzen damals grundsätzlichen Widerstand leistete?), blieb
fest auf dem ablehnenden Standpunkt; an Stelle der lästigen Assekuranzprämien
 wollte man nur ein ‚,‚Veilgeld‘‘ bewilligen. Überdies
 wurde das private Interesse der Teilhaber der Kompanie verdächtigt
 und die Fähigkeit einer privaten Gesellschaft, Kriegsschiffe
 ausrüsten und erhalten zu können, in Zweifel gezogen?).
Es standen damals, 1634, die Mehrheit der Provinzen, gestützt
durch Friedrich Heinrich, der Raad van State, und die
Staaten von Holland der alleinigen Stadt Amsterdam, die nur
Haarlem und die kleinen Städte des Norderquartiers hinter sich
hatte, gegenüber; noch einmal wurde 1636 alles von letzteren
rundweg abgeschlagen*). Damit war die Sache endgültig erledigt ;
inzwischen hatte sich allerdings der Zustand zur See verbessert ;
und mit dem Spätjahr 1637, als Tromp und Witte de With
an die Spitze der Flotte traten, begann die ruhmreiche Periode
des niederländischen Seewesens. Das Projekt tauchte noch einige
Male auf, um stets rasch wieder zu verschwinden. Diese Episode
ist bemerkenswert für die Geschichte des Assekuranzwesens, wie
sie andererseits ein weiteres Zeugnis ist für den überragenden Einfluß
 Amsterdams.
Wenn man sich gegen den Plan einer Zwangsversicherungsanstalt
 gesträubt hatte, gegen die ja gewiß viele schwerwiegende
Bedenken bestanden, so war man der privaten Versicherung natürlich
 keineswegs abgeneigt. Im Laufe des 17. Jahrhunderts entwickelte
 sich das Versicherungswesen namentlich in Amsterdam
weiter aufwärts; doch hörte man noch in der ersten Hälfte dieses
Jahrhunderts nichts von selbständigen Assekuradeuren, die sich
ausschließlich diesem Beruf widmeten, auch in Rotterdam nicht;
die Versicherung wurde von Kaufleuten neben ihren anderen Ge-*)
 Blok;, Het plan, S. 301. Eine‘ Tonne. Goldes = 100 000 fl.
?) Vgl. Elias; Het Regenten-Patriciaat, S. 108.
) Blok', Het plan, S. 34 £f.
), Ebenda, S. 39.

16*
        <pb n="252" />
        241 85
schäften betrieben!). Daß die Versicherung in Amsterdam sehr
umfassend war, ergibt sich daraus, daß das Ausland dort sehr viel
und oft versicherte; das geschah z. B. seitens der Stadt Hamburg
für ihre Konvoischiffe?). Man tat das, weil die Prämie in Amsterdam
 meist niedriger war als an anderen Orten. So hatte um 1720
Amsterdam etwa 100 Assekuranzmakler, während deren in Hamburg
 1701 nur 18 vorhanden waren’).
Doch war das Versicherungswesen in Holland augenscheinlich
 bestimmt zu einem Felde abenteuerlicher Unternehmungen.
Waren schon die erwähnten Pläne von 1628 ff. nicht ganz frei von
phantastischen Ideen, so wurde 1720 das Versicherungswesen in
Holland in den damals allgemeinen Aktienschwindel hineingezogen*).
In Amsterdam, wo man am geschäftskundigsten war, verhielt man
sich freilich von vornherein ziemlich ablehnend; eine damals daselbst
 geplante Assekuranzkompanie scheiterte an dem sofortigen
Einspruch der Stadtregierung. Kühner war man in Rotterdam
und errichtete hier eine ,„‚Maatschappy van Assurantie‘“‘ mit einem
Kapital von 12 600 000 fl.°). Unter der großen Zahl der in diesen
Tagen in Holland begründeten Schwindelgesellschaften, die z. T.
auch ‚„Assekuranz‘“‘ in ihre Ankündigungen aufgenommen hatten,
nahm diese Gesellschaft einen ehrenvollen Platz ein, da sie, einem
Bedürfnis genügend und verständig verwaltet, bis zur Gegenwart
bestanden hat. Ihre Gründung wirkte sogleich auch im Auslande;
nu Schuurman, Korte aanteekeningen, S. ı12f. In Amsterdam erscheint
 Tymon Jacobsz Hinlopen (1572—1637) als Getreidehändler und Assekuradeur
 (Elias, Vroedschap, S. 310); ferner Jacob van Neck (geb. 1602) als
Händler nach Italien und Assekuradeur (ebenda, S. 478); N. R. van Capelle
(1609—95) : Kaufmann, Reeder und Assekuradeur (S. 514); Joh. H ul ft (12610—77):
Kaufmann, Seiler, Reeder und Assekuradeur (S. 533); Gerard R og ge (1645—1713):
Kaufmann, Reeder, Walfischreeder, Tran-, Wein- und Salzhändler und Assekuradeur
(S. 283).
2) Baasch, Convoyschiffahrt, S. 163 f.
3) Kiesselbach, Entwickl. d. Seeversicherung, S.44. Noch 1767 wollten
die Stettiner nicht in Berlin, sondern nur in Amsterdam oder Hamburg ihre Schiffe
versichern (Schmidt, Gesch. d. Handels Stettins usw., III, 221).
% Vgl Laspeyres, S: 27418.
5) van Rijn, De Aktiehandel in 1720 te Rotterdam; ferner Schuurman,
 Korte aanteekeningen. — Die Rotterdamer Stadtregierung verweigerte
zwar der Gesellschaft damals einen Vorschuß aus der dortigen Bank, stellte ihr
aber Geld von der Stadt selbst zur Verfügung (van Dillen, Bronnen, S. 1367 ff‘).

ca.
        <pb n="253" />
        bei der im selben Jahre in Hamburg erfolgten Errichtung einiger
Assekuranzgesellschaften bezog man sich ausdrücklich auf die
Rotterdamer Kompanie; ja, man wies darauf hin, daß, wenn das
hamburgische Unternehmen nicht glücke, viele dortige Interessenten
ihr Geld in der Rotterdamer Kompanie anlegen würden!). Neben
dieser kam nur noch die Middelburger Gesellschaft zu einer gewissen
 Blüte. Doch betrieben diese Kompanien wohl weniger Seeals
 Feuer-Versicherung.
Mit dem Rückgang der Frachtschiffahrt im 18. Jahrhundert
war eine Abnahme des See-Assekuranzgeschäftes verbunden. Auch
machte die Errichtung lebenskräftiger Versicherungsgesellschaften
im Auslande, namentlich in Hamburg, die dortige Versicherung
jetzt unabhängig von Amsterdam, wo es an einer korporativen
Zusammenfassung des Versicherungswesens noch immer fehlte?).
In einem Lande mit so rührigem Wirtschaftsleben, das so
viele Erwerbsmöglichkeiten auf geschäftlichem Gebiete darbot,
mußte auch den Juden eine bedeutende Stellung zufallen; und
das war auch tatsächlich der Fall. Schon im Mittelalter hielten
sich Juden in Amsterdam auf; man warf damals Lombarden und
Juden vielfach zusammen, so daß auch für den Wirtschaftshistoriker
 die Unterscheidung erschwert ist?). Die ersten portugiesischen
Juden ließen sich 1528 in Amsterdam nieder. Doch hatten sie es
unter Karl V. nicht gut; nur aus wirtschaftspolitischen Gründen
verfuhr er manchmal schonend gegen sie*). Gegen die Juden und
Neuchristen, d. h. Juden, die nur zum Schein sich als Christen
gaben, die sogen. Marranen, erließ der Hof von Holland eine Reihe
von Verordnungen 1532, 1549, 1550. In den südlichen Provinzen
wurde es den Juden immer schwerer gemacht; besser ging es ihnen
im Norden. Beim Ausbruch der Unruhen fand ein steigender Zuzug
 der Juden nach den nördlichen Niederlanden statt, wo Wilhelm
 von Oranien sie schon frühzeitig schützte. Der Artikel 33
') Amsinck, Die ersten hamb. Assecuranz-Compagnien, S,. 477, 479.
?) Die Abnahme des holländ. Versicherungsgeschäftes erwähnt Volkmann
S. 82; Luzac, IV, ı15, schreibt sie dem Rückgang des Handels zu. Über das
Zurückbleiben des niederländ. Versicherungswesens und die Folgen für die Rheinschiffahrt
 vgl. auch Gothein, Rheinschiffahrt, S. 146 £.
3 Wolff, Eerste vestiging, IX, S. 366 ff.
‘) Koenen, Geschiedenis der joden, S. ı29.
        <pb n="254" />
        —- 2 —
der Utrechter Union sicherte jedermann gegen Unterdrückung der
Religion, was auch den Juden zugute kam!). Nun wurde Amsterdam
 der wahre Zufluchtsort der Juden, während in anderen Städten,
wie Middelburg, sich die Bevölkerung der jüdischen Zuwanderung
gegenüber völlig ablehnend verhielt. Von etwa 1590 an kann man
diese feste Ansiedlung in Amsterdam rechnen; die schon lange
vorher vorhandene jüdische Gemeinschaft wurde nun offenkundig
wieder aufgenommen. Kine starke Vermehrung erhielt um jene Zeit
diese Judenschaft durch einen großen Zufluß von Marranen,
die unmittelbar aus Portugal kamen. Ein von den Staaten
von Holland 1615 erlassenes Dekret räumte ihnen freien Gottesdienst
 ein?). Das Bürgerrecht konnten aber die Juden nicht erwerben;
 als 1598 portugiesische Kaufleute, die in Amsterdam wohnten,
 um die Erlaubnis baten, das Bürgerrecht zu kaufen, gestatteten
 ihnen die Bürgermeister das, aber nur im Vertrauen, daß
jene Christen seien und als gute Bürger hier wohnen wollten und
daß sie keine andere Religion ausübten, als die hier offen in den
Kirchen gepredigt werde?).
Da die Juden aber im allgemeinen nicht Bürger werden durften,
 war ihnen auch das Betreiben der Handwerksnahrung versagt,
und die Gilden waren überall scharf auf die genaue Einhaltung
dieses Verbots bedacht*). Großhandel durften sie jedoch treiben;
und diese Freiheit nützten sie nach Kräften aus. Schon in den
südlichen Provinzen, in Antwerpen, und dann auch in Amsterdam
widmeten sie sich in erster Linie dem Handel mit Spanien, Portugal
und der Levante, worauf die eingewanderten und portugiesischen
Juden ja schon die Überlieferung und Gewohnheit hinwies®). Unter
den Amsterdamer Kaufleuten im Mittelmeerhandel jener Zeit findet
sich eine Reihe portugiesischer Juden®). Für diesen Handel war
es den Juden sehr wichtig, daß im Westfälischen Frieden allen
Bewohnern der vertragschließenden Mächte gegenseitige Freiheit
des Handels und Verkehrs zugesagt war und daß auf eine Anfrage
a Wolktf, aa. 0, Si 370.
2) Koenen, S. 1471.
3) Bontemantel; I, S:.CXXXHN.
‘) Wolff, SS: 387; Koenen, S. 246.
5) Koenen,S: 183.
6) Wätjen, Niederl. im Mittelmeergebiet, S. 356 f.; vgl. auch van
Dam van Isselt, Eenige lotgevallen usw., S. 350.

:46
        <pb n="255" />
        der Generalstaaten die spanische Regierung 1650 ihr Einverständnis
damit erklärte, daß jene Bestimmung auch für die in den Niederlanden
 wohnenden Juden zutreffe!). Portugal hatte schon 1641
in einem Vertrage mit den Generalstaaten dasselbe zugestanden.
Doch hielten jene beiden Regierungen diese Zusage nur recht
mangelhaft, und in ihren Ländern war der holländische Jude noch
lange Zeit bei Ausübung des Handels Gefahren ausgesetzt?).
Großen Anteil hatten die Juden auch am Handel mit Brasilien
 während der holländischen Herrschaft. Das erklärt sich aus
ihrer Beteiligung an der Kultur dieses Landes, über die zwar keine
statistischen Nachweise vorhanden sind, die aber doch nicht ganz
unbedeutend gewesen sein kann. Namentlich betrieben sie die
Zuckerkultur sehr eifrig?). Mit dem Fall der holländischen Herrschaft
 hörte aber auch diese Wirksamkeit der Juden auf, da sie
von den Portugiesen nichts Gutes zu erwarten hatten; sie siedelten
meist nach Surinam über, das damals in englischem Besitz war,
1667 aber in den der Holländer überging*). Mit der Tätigkeit der
Juden in der Zuckerkultur stand es im Zusammenhang, wenn sie
1655 um die Erlaubnis nachsuchten, in Amsterdam eine Zuckerraffinerie
 zu errichten; das wurde ihnen gestattet, obwohl nach
der Keur von 1632 den Juden alle bürgerliche Nahrung verboten
war. Die städtische Regierung stellte sich aber auf den Standpunkt,
daß es sich hier um einen Großbetrieb handle; daher genehmigte
sie das Gesuch mit der Einschränkung, nicht unter 1000 Pfund
und nicht weniger als ı Faß Sirup zugleich zu verkaufen; schon
im nächsten Jahre bewilligte man ihnen auch den Verkauf über
z00. Broden®).
Lebhaft waren auch die Bemühungen der Juden für den
holländischen Handel in den Barbareskengebieten. Hier spielten
die Juden eine Rolle als diplomatische Vertreter der Sultane®).
Das war für den Handel ohne Zweifel förderlich. So wurden Orte
wie Saffi, Sale u. a. m. in oft lebhafte Handelsbeziehungen mit
) Koenen, S. 152;
?) Wolff, Eerste vestiging, X, S. 143 f.
‘) Wätjen, Judentum und die Anfänge der mod. Kolonisation, S. 365 ff.
') Ebenda, S. 5709 ff.
) Bontemanjel,’ II, 8.498; vgl. Reesse; I, Su 127 ff.
3. Koenen, S. 208 ff.
        <pb n="256" />
        —- 245 -
Holland gebracht; Amsterdamer Juden versorgten Sale mit Kriegsbedürfnissen,
 die dann freilich wieder in dem Kampf gegen die
„Ungläubigen‘‘ verwandt wurden!). Auch mit Venedig und Livorno
 wurden eifrig Beziehungen gepflogen; als 1667 Cosimo
de Medici in Amsterdam weilte, sandte ihm die dortige portugiesische
 Gemeinde eine Abordnung und Geschenke, was wohl auf
die Sicherung materieller Vorteile deutet?).
Ein von den Juden in Amsterdam besonders und bis zur
Gegenwart bevorzugtes Gewerbe war die Diamantenschleiferei®);
 wahrscheinlich war es ihnen deshalb geöffnet, weil es
in enger Verbindung mit dem Handel mit Edelsteinen stand‘).
Auch in diesem Gewerbe stießen die Juden zunächst auf den Widerstand
 der christlichen Kollegen; diese wollten 1748 den Juden
eine Prüfung über die Befähigung zu jenem Gewerbe auferlegen,
doch wurde das von der städtischen Regierung nicht gestattet®).
In Rotterdam, wo die Entwicklung der Behandlung der Juden
im Wirtschaftsleben sich von der Amsterdamer etwas unterschied,
scheinen die meisten Juden noch im 18. Jahrhundert Handel in
Manufakturen getrieben zu haben®). Das rührte wohl daher, daß
dort der Geldhandel überhaupt weniger im Vordergrund des Geschäftslebens
 stand als in Amsterdam und daß mit England, zu
dem die holländischen Juden enge Beziehungen pflegten, ein reger
Warenhandel bestand.
Allmählich scheint doch überall in Holland innerhalb des Geschäftsbetriebes
 der Juden der Warenhandel hinter dem Geld-,
Wechsel- und Effektengeschäft zurückgetreten zu sein’). Das war
gewiß mit eine Folge der Entwicklung des allgemeinen holländischen
Handels, der mehr und mehr in die Bahnen des Geld- und Fondshandels
 einlenkte. An dem Wechselgeschäft waren die Juden wohl
von jeher stark beteiligt, namentlich demjenigen mit den Plätzen
am Mittelländischen Meer®). Als dann im 17. Jahrhundert der
1) Wolff, Eerste vestiging, X, S. 147 1.
?) Cosimo de Medici, S. 44,40.
#) Vgl. oben S. 144€.
* Koenen, S. 235; Hudig,. S. 2191.
®) Wolff, Eerste vestiging, V. Reeks, Deel I, S. 98 f.
8) Italie, S: 120.
7. Kocnen,S: 212.
5) Wolff, Eerste vestiging, X, S. 151, 355.

€
cc
        <pb n="257" />
        „00002 —
Handel mit Aktien der Ostindischen Kompanie aufkam, blieben
sie auch diesem nicht fern, obwohl sie ursprünglich sich als Aktionäre
 nicht einschreiben durften; erst durch späteren Kauf wurden
 sie Aktienbesitzer!). Das Ende des 17. Jahrhunderts zur Blüte
gelangende Effektengeschäft war offenbar stark in jüdischen Händen?).
 Doch scheinen in der Vermittlung größerer Geldgeschäfte,
Anleihen usw. die Juden damals noch nicht die Stellung eingenommen
 zu haben, die ihnen im 19. Jahrhundert zufiel. Wohl
liehen sie viel Kapital aus und nicht immer unter Beobachtung
großer Vorsicht. Als Karl II. nach England ging, um den Thron
seiner Väter zu besteigen, unterstützten ihn die holländischen Juden
mit Geld?); sie hatten stets Sympathien für die Oranier und von
Karl II, dem Verwandten jenes Hauses, erwarteten sie für die
Juden in England eine bessere Behandlung als bisher, worin sie
sich auch nicht getäuscht haben. Darauf hin liehen sie selbst einem
so wenig vertrauenswürdigen Fürsten wie Karl II. Geld. Wie
sehr sie bei ihren Geldgeschäften auch auf rein jüdische Interessen
Acht gaben, lehrt die Forderung, die 1734 der holländische Gesandte
in Wien bei dem Abschluß der Anleihe für den Kaiser stellte und
die in der Verlängerung des Schutzprivilegs für den Wiener Juden
Hirschel Spitz, der für das Amsterdamer Bankhaus Deut z
sich um jene Anleihe verdient gemacht hatte, auf 10 Jahre bestand;
 da dies eine conditio sine qua non war, wurde sie natürlich
bewilligt‘). Weniger Glück hatte Witsen, als er bei Peter
dem Großen namens der Amsterdamer Juden für ihre russischen
Glaubensgenossen Fürsprache einlegte und 100 000 fl. dafür bot,
wenn diesen der freie Aufenthalt im Reiche gewährt würde; Peter
lehnte das jedoch ab®).
Wenn nun auch im 18. Jahrhundert sich manche Fesseln,
die dem jüdischen Handel angelegt waren, etwas lockerten, von
einer Handelsfreiheit konnte doch nicht die Rede sein. Selbst die
sehr wohlwollende Haltung der letzten drei Statthalter, Wil-')
 Wolff, Eerste vestiging, X, S. ı41 f., 363.
?) Vgl. Smith, S. 143,
* Cunningham, Growth — modern times, S. 327.
‘ v. Mensi, S. 36z; vgl. oben S. 201.
°) van Zuiden, Bijdrage, S. 20 f.

Au
        <pb n="258" />
        helms IIL., IV. und V., konnte das nicht bewirken!). Einzelne
Stimmen, die die Verleihung der vollen Handelsfreiheit oder doch
ein größeres Entgegenkommen gegen die Juden empfahlen, blieben
ohne Erfolg*). Dennoch behaupteten sie mit großer Zähigkeit
ihre Stellung im Geschäftsleben und verdienten zweifellos viel Geld;
sie hielten sich aber auch nicht fern von dem Spekulationsfieber, das
im 18. Jahrhundert viele Opfer gefordert hat. Ob es gerechtfertigt
war, den Juden vielfach die Schuld an den Auswüchsen dieser
Spekulation und ihren traurigen Folgen beizumessen, muß dahingestellt
 bleiben?). Obwohl die holländischen Juden im allgemeinen
als sparsam galten, konnten auch sie sich im 18. Jahrhundert nicht
ganz den Einflüssen des Luxus entziehen‘). Ein Beispiel bietet
der portugiesische Jude Francesco Lopez de Liz (1710—1770),
der als Erbe eines reichen Vaters und überall in großen Geldgeschäften
 tätig, schließlich infolge seiner üppigen Lebensweise und
weitgehender Kreditgebung an alle möglichen hohen Herren 1742
in Vermögensverfall geriet®).
Für die große Bedeutung der Juden im Vermittlergeschäft
sprach ihre umfassende Tätigkeit als Makler. Im Jahre 1612 gab
es in Amsterdam 300 Makler; nur zwei von ihnen waren Juden;
als 50 neue Makler angestellt wurden, stieg die Zahl der jüdischen
auf 10; 1645 waren es 30; 1657: 50; 1720 setzte man die Zahl auf
20 zurück, um sie 1760 wieder auf 50 zu bringen®). In Rotterdam
freilich war man anderer Ansicht über das Verhältnis der Juden
1) Über die statthalterfreundliche Haltung der Juden vgl. Wolff, De houding
 usw.
2) So: De Koopman, II, S. 425 ff. Kluit, Jets (1794), S. 350 f. empfahl
die Ermunterung begüterter Juden zur Errichtung neuer Fabriken, so für Spiegel,
Tapeten usw.
3) Wolff, KEerste vestiging, X, S. 159, 365 ff. Nach De Koopman,
V, S. 243 blühte der Windhandel und Aktienhandel vorzüglich unter den portugiesischen
 Juden.
2 Koenen, S. 212.
5) van Biema, Episoden uit het leven van Francesco Lopes de Liz.
Einen 1724 nach Altona geflüchteten holländischen Juden Jacob Joels erwähnt
 Kernkamp, Balt. Archivalia, S. 106; er hatte viele Fabrikanten in Haarlem
 betrogen. Über den Reichtum und Luxus der holländischen Juden vgl. Som -
bart, Die Juden und das Wirtschaftsleben, S. 213 f.
S) Wolff, Eerste vestiging, X, S. 158, 161.

250
        <pb n="259" />
        zum Maklergewerbe; hier durfte ein Jude nicht Makler sein‘).
Wahrscheinlich war die große Beteiligung der Juden an der Amsterdamer
 Makelei, die sicherlich aber nicht durch jene Zahlen erschöpft
wird, denn unter den Böhnhasen werden sich viele Juden befunden
 haben, mit ein Grund dafür, daß man in Amsterdam im
18. Jahrhundert den Juden einfach als ‚„„‚koopman‘‘ bezeichnete?).
Wo aber kein Handel war, wie in Delft, da war auch.kein Jude,
und das scheint um jene Zeit doch immerhin eine der Aufzeichnung
würdige Ausnahme gewesen zu sein3).
In der Herkunft der Juden war in Holland allmählich eine
Wandlung erfolgt. Die portugiesischen Juden traten mehr und mehr
zurück; viele von ihnen hatten im Laufe der Zeit Holland verlassen;
in Rotterdam gab es 1812 fast nur noch „hochdeutsche“
Juden, die portugiesischen waren auf 4—5 zusammengeschmolzen‘*).
Die zurückbleibenden Portugiesen bildeten um 1790 eine Gemeinde
von nur etwa 3000 Köpfen®). Inzwischen waren namentlich seit den
Judenverfolgungen in Worms und Frankfurt a. M. 1615 und 1616
viele sog. hochdeutsche Juden nach Holland gekommen; es waren
meist kleine Leute mit geringen Mitteln, die sich allmählich zu
einer Gemeinde zusammenfanden; litauische Juden kamen 1656
mit etwa 3000 Köpfen hinzu. Alle vereinigten sich 1673 zu einer
Gemeinde®). Nun erschienen auch aus Ostfriesland viele von dort vertriebene
 Juden und ließen sich in Friesland und Groningerland nieder,
so in Delfzijl, Appingedam, Leeuwarden, Harlingen. Diese hochdeutschen
 Juden, die bald die portugiesischen an Zahl weitaus übertrafen,
 widmeten sich meist dem kleinen Geld- und Wechselgeschäft,
auch dem Handel nach Deutschland”) ; in der Tabakschneiderei waren
sie ferner tätig®). Aus ihnen gingen auch die kleinen Hausierer
hervor, die im 18. Jahrhundert den Straßenhandel in Stadt und
l) Italie, Sıı22.
?) Beckmann, S..328:
?) Volkmann, IS. 184.
‘) Italie, a. a. O., insgesamt waren damals noch etwa 2250 Juden in
Rotterdam (S. 126). Noch 1725 spricht Haller (S. 47) von den reichen port.
Juden in Amsterdam; sie ‚mischen sich mit denen teutschen Juden nicht‘.
5) Koenen;,S. 218:
)) Koenen;:S. 191 ffi
7) Koenen, S. 20I.
3 Brugmans, Handel en nijverheid, S. 208.

251
        <pb n="260" />
        Land beherrschten und sich in dieser Hinsicht nicht sehr beliebt
machten*). Eine Verordnung von Harderwyk verbot 1726 den Juden
 den Aufenthalt auf dem platten Lande; ähnliche Verbote ergingen
 auch an anderen Orten; besonders scharf schritt die Provinz
Utrecht gegen die hausierenden Krämer ein?).
Infolge des Einströmens der hochdeutschen Juden wurde ihre
Anwesenheit zu einer allgemeinen, über das ganze Land verbreiteten
Tatsache. Hier und da schritt man schon zu milderen Bestimmungen
über ihren Aufenthalt; in Haarlem wurde 1764 gutbeleumundeten
Juden die Aufnahme in die Gilden gestattet.
$ 8. Handel und Handelspolitik.
Mit der Handelsblüte der südlichen Niederlande, die in
Brügge, später in Antwerpen ihren Mitte’punkt fand, konnten
sich in der Mitte des 16. Jahrhunderts die nördlichen Niederlande
nicht messen. Die wallonisch-flamische Industrie übertraf die nordniederländische
 damals um ein Bedeutendes; in Städten wie Gent,
Mecheln, Brügge, Löwen, Antwerpen konzentrierte sich eine alte,
gefestigte Kultur mit hochausgebildetem Gewerbe, hinter dem das
nordniederländische Gewerbe, das in Leiden, Amsterdam, Delft,
Rotterdam seine Hauptsitze hatte, doch zurückstand. Im Handel
mit der Levante, mit Spanien, Portugal, Italien standen Brügge
und Antwerpen an erster Stelle in Nordeuropa; hier war der Mittelpunkt
 des Gewürzhandels; hier hatte auch die Hanse ihre Faktorei,
während sie zu ihrer Blütezeit in den nördlichen Niederlanden nie
eine feste Niederlassung errichtet hat.
Nur in der eigentlichen Ostseefahrt und
in der Seefischere: übertrafen in der Mitte
des I6. Jahrhunderts die nördlichen Niederlande
 die südlichen. Für die Seefischerei lagen erstere
günstiger; das Hauptfischereigebiet lag den Enckhuisern, Rotter-1)
 Wolff, Eerste vestiging, V. Reeks-Del I, S. 100f. Heinse, Reise
nach Holland (1784), S. 308: „Die welschen und französischen Juden halten mit
den portugiesischen zusammen und verachten die teutschen Schnausen, die arm
gegen sie sind‘; S. 310: „Die teutschen Juden müssen alles wohlfeiler geben; sonst
kauft niemand von ihnen‘ (beides für Amsterdam).
23) Koenen,S. 225 ff.

252
        <pb n="261" />
        damern, Schiedamern, Delftern bequemer als den Dünkirchnern und
Ostendern; und das Ostseefischereigebiet ist von den Südniederländern
 kaum aufgesucht worden.
So im großen ganzen lagen die Verhältnisse, als der Aufstand
gegen Spanien sie von Grund aus umwälzte und eine völlig neue
wirtschaftliche Sachlage schuf. Nicht plötzlich ist das geschehen,
sondern entsprechend dem Verlauf des Aufstandes und der kriegerischen
 Ereignisse schrittweise. Im einzelnen läßt sich das schwer
nachweisen. In einigen Gegenden hat jahrelang ein Chaos geherrscht,
 geschaffen durch die offenen Kämpfe, Eroberung und
Rückeroberung; das führte zu Zuständen, die den Handelsverkehr
völlig lahmlegten; so namentlich im Osten und Süden des Landes,
aber auch in Groningen. Andere Gegenden, die schwer zugänglich
waren, haben dagegen verhältnismäßig wenig gelitten; dazu gehörte
 Rotterdam, das schon frühzeitig das spanische Joch abschüttelte
 und frei war, als sich Amsterdam noch in spanischen
Händen befand; Rotterdam hat daraus mancherlei Vorteile ziehen
können; viele Amsterdamer Kaufleute machten nun von dort aus
ihre Ausrüstungen; die Vorbereitungen zur Entsetzung von Haarlem
und Leiden gingen vorzüglich von Rotterdam aus‘).
Mit der Union von Utrecht, die am 23. Januar 1579
zwischen Gelderland, Seeland, Holland, Utrecht und den Ommelanden
 (der späteren Provinz Groningen, aber ohne die Stadt Groningen)
 geschlossen wurde, war jedenfalls nichts weniger als ein
gesicherter Zustand geschaffen; sie begründete nur den
staatsrechtlichen Kern für das neue Gemeinwesen;
 die wirtschaftliche Grundlage mußte
erst im weiteren harten Kampfe erstritten
werden. Waren doch selbst wichtige Plätze damals noch im
feindlichen Besitz; ja diese Plätze zögerten noch, ob es nicht
ihrem Interesse mehr entsprach, bei der alten Herrschaft zu verbleiben;
 so Zutphen, Groningen?). Sogar Amsterdam hatte sich
erst im Februar 1578 dem Oranier unterworfen?). Jahrelang schwankte
noch das Kriegsglück hin und her; und als am 10. Juli 1584 Wilhelm
 durch Mörderhand fiel, befand sich das von ihm befreite
)) Bijlsma, Opkomst,: S: 62.
? Blok, Geschiedenis v. h. ned. Volk, III, 230.
3) Vgl. Coo ps, Opheffing der satisfactie.

253
        <pb n="262" />
        — 254 —
Gebiet noch immer in trostloser wirtschaftlicher Lage. Während
Städte wie Nymwegen und Doesburg sich mit dem König versöhnten,
 lag der Rheinhandel völlig still, und Hungersnot, Wassersnot
 und Pest suchten das Land heim!). Selbst in den vom Feinde
völlig freien Gebieten Hollands und Seelands herrschten traurige
Zustände, sowohl für den Handel wie für die Landwirtschaft.
Schon seit Beginn des Aufstandes spürte Amsterdam den
Rückgang seines Ostseehandels, die natürliche Folge der erschwerten
Handelsbeziehungen zu Spanien-Portugal, von denen der Ostseehandel
 in hohem Grade abhängig war; empfindliche Verluste der
Schiffahrt machten sich bemerkbar; im Jahre 1569 war die
Handelsflotte der Stadt im Verkehr mit der Ostsee von 250 auf 150
Schiffe gesunken. Viele Kaufleute verließen die Stadt und retteten
sich in die weniger gefährdeten nordholländischen Städte Hoorn
und Enckhuizen?) Im Laufe der 1580er Jahre trat dann allmählich
eine Besserung ein; Holland und Seeland konnten sich nun dem
auswärtigen Seeverkehr wieder hingeben. Erleichtert wurde dieser
dadurch, daß schon seit 1572 zuerst die seeländischen Geusen, dann
Holland den Seefahrern gegen Lizenzen die Fahrt nach den feindlichen
 Gebieten, den südlichen Niederlanden und Spanien-Portugal,
 gestattet hatten. Eine im Jahre 1581 festgestellte Liste enthielt
 genaue Angaben über die Höhe dieser Abgaben; es war dies
die Grundlage der mehrere Jahrhunderte lang bestehenden Convoyen
 und Lizenten?). War auch der spanischen Regierung diese
Duldung der holländisch-seeländischen Schiffahrt höchst unerfreulich,
 da sie den Aufständischen erhebliche Geldmittel in die
Hände gab, so sah sie sich doch zunächst nicht imstande, jene
Fahrt zu hindern, da Spanien-Portugal die holländischen und seeländischen
 Schiffe und ihre Getreidezufuhren ebensowenig entbehren
 konnten, wie die durch sie geschaffene Möglichkeit, den
ost- und westindischen Erzeugnissen den so nötigen Abfluß nach
dem Norden und Osten zu gewähren“).
Für die holländischen und seeländischen Seestädte aber war
dieser geduldete Verkehr um so bedeutsamer, als nun mit der Be-3)
 Blok, a. a. ©, Sizo2f
2) Blok, a. a. ©: S.304.
3) Vgl. hierüber Näheres oben S. 176 ff.
4 Blok, S. 3o5; Hagedorn II, S.193; Verviers, S. 97,
        <pb n="263" />
        lagerung und dem Fall von Antwerpen (1585) ihnen der ganze Handel
 und Verkehr dieses alten Emporiums des Welthandels zufloß.
Bereits in den Jahren vorher war der Verkehr mit Antwerpen mehr
und mehr erschwert worden. Zunächst hatte Vlissingen den Hauptgewinn
 von diesem Zustand; am 19. Mai 1581 segelten einmal 200
Schiffe aus Seeland nach allen Teilen Westeuropas!). Nun aber
übersiedelten mit zahlreichen Kaufleuten, die teilweise aus religiöser
 Überzeugung, teilweise aus Furcht vor der spanischen
Rachsucht Antwerpen verließen und Amsterdam, Rotterdam,
Dordrecht und andere holländische und seeländische Städte aufsuchten,
 große Kapitalien, kamen gleichzeitig die alten Erfahrungen
und Kenntnisse im Kolonialhandel, die guten Beziehungen mit
Spanien und Portugal hinüber nach den befreiten Städten der nördlichen
 Niederlande. Gleichzeitig ergoß sich eine wahre Völkerwanderung
 von Industriellen, Handwerkern und Gewerbetreibenden
aus dem Süden nach dem Norden.
Von diesen Einwanderungen, die sich durch
eine längere Zeitspanne hinzogen, hat der Handel der
nördlichen Niederlande Vorteile gezogen;,die
gar nicht zu überschätzen sind. Statistisch läßt
sich das freilich nicht nachweisen, und über das Maß dieser Vorteile
wird man streiten können, — wir haben uns schon oben hierüber
geäußert. Tatsächlich haben erst durch diesen Zufluß
die nördlichen Niederlande den festen An-Schluß
 an den Handel mit Kolonialprodukten,
den sie bald völlig beherrschten, gewonnen;
erst durch ihn wurde der bisher überwiegend
dem Ostseehandel zugewandten Richtung die
Großartigkeit des kolonialen Handels hinzugefügt.
 Was Amsterdam im 17. Jahrhundert darstellte und
leistete, wäre nicht möglich gewesen, wenn neben ihm ein freies,
durch keine Scheldesperre und keine Religionshemmungen eingeengtes
 Antwerpen bestanden hätte?). Nur im möglichst freien
) Nanninga-Uitterd Yyk, Een Kamper Handelshuis, S. 347-23)
 Hagedorn, 11.5. 4°4 meint, daß die Bedeutung Antwerpens für den
Handel nach der Eroberung durch Parma nicht in dem Maße abgenommen habe,
wie man im allgemeinen annehme. Das trifft aber doch nur für die erste Zeit Zu;
Später hatte Antwerpen als Handelsplatz wenig Bedeutung mehr.

255
        <pb n="264" />
        —- 2 ——
Handelsverkehr konnten die holländisch-seeländischen Städte ihre
Aufgabe erfüllen; sie haben sich nie durch außenpolitische oder
durch religiöse Bedenken bestimmen lassen, wenn die Freiheit
ihres Handels in Frage gestellt wurde. Diese stand ihnen in erster
Linie. Als der Engländer Leicester den völligen Abbruch der
Handelsbeziehungen mit dem Feinde verlangte, hatte er, der als
Verteidiger der niederländischen Freiheit ins Land gekommen war,
es alsbald mit den Kaufleuten in Holland und Seeland völlig verdorben;
 mit unverhohlenem Ärger sahen sie, wie diese Maßregel
Handel und Schiffahrt den Hansestädten in die Hände spielte;
nicht mit Unrecht suchte man hinter dem Verbot der Ausfuhr niederländischer
 landwirtschaftlicher Produkte die Absicht Englands,
die Niederlande zugunsten des eigenen Landes zu schädigen‘).
Allerdings gelang es auch den Engländern nicht, den verbotenen
Handel der Holländer mit Spanien und Portugal gänzlich zu unterdrücken?).
 Immer fanden jene Gelegenheit, wenn es nicht anders
ging unter neutraler Flagge, diesen Verkehr aufrechtzuerhalten;
seit der Sperrung der Schelde hatte man in Spanien und Portugal
ein erhöhtes Interesse an der Verbindung mit den nordniederländischen
 Häfen. Andererseits fehlte es freilich nicht an einer Gegenströmung
 im niederländischen Volke, die in der völligen Absperrung
 gegen den Feind das beste Mittel sah, diesen entsetzlichen
Krieg bald. zu beendigen. Gegen das widerspenstige Groningen,
Emden und Ostfriesland wurde allerdings die Sperre seit 1584
energisch durchgeführt; Amsterdam aber bekämpfte solche Maßregeln
 entschieden, da sie nur dazu dienen konnten, das ihm schon
seit langer Zeit verhaßte aufstrebende Emden zu fördern?).
Die verheerenden Wirkungen der Hungerblokade und Handelssperre
 auf die südlichen Niederlande zeigten ja, daß man auf diesem
Wege wohl die Bevölkerung zur Verzweiflung bringen, die Spanier
aber schwerlich aus ihren Stellungen verdrängen konnte. Daß das
absolute Handelsverbot dem eigenen Lande mehr schadete als
nützte, daß es Repressalien hervorrief und nur den Neutralen (Hansen,
 Dänen, Schweden, Franzosen) den Verkehr zuwandte, war
ı) Hagedorn, II, 142 ff.; Blok, a. a. O., S. 346 ff.;- ferner Blok,
De Handel op Spanje, S. ı12 ff.
23) Blok, S. 403; Fzmin, Tien/ jaren, S. 123 f.
3) Hagedorn, I, 334, 11,97, 102 ff., 138; ter Gouw, IV, 380 f.

56
        <pb n="265" />
        wohl zweifellos. Der Handel der Niederländer lag 1584—1589 stark
darnieder, so sehr er sich auch durch Schmuggel zu helfen wußte‘).
Aus den Schriftstücken eines Kamper Handlungshauses, das namentlich
 den Warenverkehr zwischen Lissabon über Holland nach der
Ostsee und vice versa betrieb, ersieht man deutlich die großen
Schwierigkeiten, mit denen dieser Verkehr damals zu kämpfen
hatte. Mehr und mehr wandte er sich in diesen Jahren den Hanseund
 Ostseestädten zu; diese gewannen auf Kosten der Niederländer
 und führten den Spaniern und Portugiesen nun direkt die
dort sehnlichst erwünschten Getreideladungen zu?).
Eine wesentliche Erleichterung brachte den Holländern das
Jahr 1588; den Wendepunkt bildete der Untergang der Armada.
Nun wurde nur noch die Sperre gegen Groningen und die nördlichen
Gebiete, 1590 auch gegen Westfalen scharf beobachtet; das waren
Zufuhrsperren, an denen Amsterdam, das in solchen Dingen schon
damals oft die entscheidende Stimme hatte, wenig interessiert war
und die es deshalb duldete. Erst mit dem Fall von Groningen
1594 milderten sich in diesen Gegenden die Sperrmaßregeln, nachdem
 schon 1591 durch die Eroberung von Zutphen und Deventer
eine Erleichterung auch der wirtschaftlichen Lage dieser Gebiete
eingetreten war’).
Wir haben hier einer Erscheinung zu gedenken, der im holländischen
 Wirtschaftsleben dieser und noch späterer Zeit eine große
Bedeutung zufiel. Das war das enge Verhältnis, in das die Niederlande
durch die Niederlassungen Fremder auf dem
Boden des eigenen Landes zu der Wirtschaft
des Auslandes gerieten. Bemerkenswert ist es, daß zu
einer Zeit, da die Niederländer überall in fremde Wirtschaftsgebiete
einbrachen — wir werden das unten zu betrachten haben —, sie sich
doch daheim nicht befreien konnten von den Fesseln gewisser von
auswärts in das eigene Gebiet eindringender Wirtschaftsorganisationen,
 Allerdings empfanden sie diese nicht als Last, sondern als
Wohltat, trotz der vielen mit ihnen verknüpften Mißhelligkeiten.
Insbesondere kommt hier in Betracht die Niederlassun g
der Engländer. Bereits im 14. Jahrhundert hatten die Eng-”
 Hagedorn, MM, 1556171.
*) Nanninga-Uitterdijk, a. a. O.
9) Hagedorn, II, 184, 206, 198.
Baasch, Holländische Wirtschaftsgeschichte.

17
        <pb n="266" />
        A 58 ——_
länder ihren Wollstapel, der der blühenden flandrischen Textilindustrie
 das Rohmaterial lieferte, in Brügge errichtet, gelegentlich
ihn auch nach Antwerpen, Middelburg oder Dordrecht verlegt. Als
in der Mitte des 14. Jahrhunderts Calais in englische Hände fiel,
siedelte der Stapel nach diesem Orte über!). Um diese Zeit machte
aber die englische Produktion jene große Wandlung durch, indem
sie das überreichlich vorhandene Rohmaterial, die Wolle, nun selbst
zu Stoffen zu verarbeiten begann®?). Nun entstand eine Niederlage
englischer Textilwaren (Tücher); und zwar wurde sie errichtet von der
Anfang des 15. Jahrhunderts begründeten Kompanie der Merchant
Adventurers, zuerst in Brügge, dann in Middelburg, endlich in dem
wichtigsten Hafenplatz des westeuropäischen Kontinents, Antwerpen.
 Zu der Blüte dieses Hafens trug dieser Stapel viel bei;
er hat hier mit kurzer Unterbrechung bis 1564 seinen Sitz gehabt.
In diesem Jahre wurde er ein Opfer des Zwistes zwischen der
niederländischen Regierung, die Margarethe von Parma
führte, und der englischen Regierung und verließ deshalb Antwerpen,
um aber schon bald darauf wieder dorthin zurückzukehren; die
Stadt hatte ein großes Interesse daran, diese Niederlassung in ihren
Mauern zu halten. Doch gaben die Engländer dadurch, daß sie in
ihrer Art an den inzwischen ausgebrochenen Unruhen teilnahmen,
bald Ursache zu Klagen auf beiden Seiten, der spanischen wie der
oranischen. Im Jahre 1575 zeigte sich Requesens sehr freundlich
 gegen sie; er verlieh ihnen ein neues Privileg für die Fahrt auf
Antwerpen, worauf sie ihre Niederlassung dort wiederherstellten?).
Als dann jedoch die spanische Soldateska von neuem erschien und
ihnen schwere Geldopfer auferlegte, gedieh ihr Handel nicht mehr;
sie beschlossen, zwei Drittel ihres Antwerpener Betriebes nach Emden
 zu verlegen; der Rest siedelte 1582 nach Middelburg über.
Damiıc betraten sie das Gebiet der nieder.
ländischen Republik; es geschah das aber lediglich auf
Grund eines Kontraktes mit der genannten Stadt und ohne Zustimmung
 der Generalstaaten; doch, wie es scheint, unter stillschweigender
 Billigung der Staaten von Seeland. Während der Belagerung
von Antwerpen ergriff auch Königin Elisabeth, die Schirmlı
 C. te Lintum., Merch. adventurers, S. 4 £.
2) Schanz, 1,434.
S)te Lintum, S. 26%, 311.
        <pb n="267" />
        A
herrin der Merchant Adventurers, offen und tätig Partei für die
Niederlande. Unter diesen Umständen gaben die Generalstaaten
dem 1585 mit englischen Truppen den Niederlanden zu Hilfe kommenden
 Grafen Leicester den Wunsch zu erkennen, es möchte
die Fellowship der Merchant Adventurers ihre Hauptniederlassung
innerhalb der Republik errichten. Am 9. Januar 1587 beschlossen
die Generalstaaten, alles daranzusetzen, daß die englischen Kaufleute
 hierher übersiedelten, namentlich diejenigen, die sich nach
Emden, Hamburg und anderen Orten begeben hatten; dafür versprachen
 sie den Adventurers alle Vorrechte, die sie an anderen
Plätzen genössen. Jene nahmen aber dies Angebot nicht an; in einem
großen Stapel in den holländischen und seeländischen Häfen sahen
sie keinen Vorteil für sich, zumal Nymwegen noch in spanischen
Händen und der Weg nach Deutschland unsicher war!l). So blieb
die Faktorei in Middelburg nur ein „Subsidiary Court‘. Namentlich
 aber das Bestehen der englischen Niederlassung in Emden war
und blieb den Niederländern eine höchst unerfreuliche Erscheinung;
 und ihre Feindseligkeiten gegen Emden in jener Zeit beruhen
zum großen Teil auf der Eifersucht gegen diese Stadt als den Sitz
des englischen Stapels. Später, als die Republik sich gefestigt hatte
und den Anschein eines dauerhaften Bestandes erweckte, äußerten
die Adventurers selbst den Wunsch, dort ihren Hauptsitz zu nehmen,
zumal in den deutschen Häfen infolge der Opposition der Hansestädte
 und des Kaisers sich ihrer Niederlassung allerlei Hindernisse
 entgegensetzten. In den Jahren 1597 und später bewarben
sich mehrere niederländische Städte um ihre Aufnahme ; ‘so Groningen,
 Delft, Rotterdam, Middelburg, Kampen?). Amsterdam hielt
sich zurück, da es andere größere Pläne hatte. Vorzüglich Middelburg
war sehr eifrig in seinen Bemühungen; es schickte im Januar 1598
sogar Gesandte nach England und erreichte es nun auch, daß der
ganze Stapel in seine Mauern verlegt wurde®). Doch erhob jetzt
die Provinz Holland kräftigen Einspruch gegen die den Adventurers
verliehenen Vorrechte, besonders gegen die Freiheit von Einfuhrabgaben
 für Tuche, Kirseyen und Baien: sie widersprach der Bevorzugung
 der Engländer vor den eigenen Mitbürgern und wollte höch-)
 teLintum, 5.33
?) Über die Bewerbung Kampens vgl. Rijpma, S. ı15 ff.
9 te Lintum, S. sı

SC
17*
        <pb n="268" />
        stens eine Herabsetzung des Tarifs für deutsche, italienische und
ostländische Waren, die von den Adventurers ausgeführt wurden,
zugestehen, damit jene Rückladungen nach England erhielten und
nicht bare Rimessen dorthin zu senden brauchten. Die Generalstaaten
 waren doch anderer Ansicht; sie sahen in der Niederlassung
der Fremden eine wirtschaftlich so wertvolle Tatsache, daß sie
schon am 21. Februar 1598 die Einfuhr für Tuche und Kirseyen
den Adventurers frei vom Eingangszoll bewilligten. Voraussetzung
dieses Zugeständnisses war allerdings, daß die Fellowship außer in
den Niederlanden keinen andern Stapelplatz auf dem Festland haben
dürfe. Aber erst nachdem die Generalstaaten den Adventurers in
dem im Juli verliehenen Octroi auch die Freiheit von allen Ausgangsabgaben
 für Tuche und Kirseyen, die binnen eines Jahres
nicht verkauft waren und nach England oder einem Stapelplatz
der Fellowship ausgeführt wurden, und andere Privilegien bewilligten,
gingen jene auf die geforderte Bedingung betr. den Stapelplatz ein
und überführten ihren ganzen Handelsbetrieb für das Festland nach
Middelburg, wo sie bis 1611 blieben!). Ihren Wünschen erwiesen
die Generalstaaten auch weiterhin jedes Entgegenkommen. Insbesondere
 wurde das Monopol der Merchant Adventurers dadurch
befestigt, daß ein Plakat vom 27. Mai 1599 allen Engländern verbot,
Wollwaren nach einem anderen Platz zu führen als auf den Stapelplatz
 der Fellowship. Damit wurden die Interlopers, die Vlissingen
und andere Orte aufsuchten, genötigt, sich der Fellowship anzuschließen,
 was dem englischen Gesetz entsprach‘*).
Für Middelburg war diese Niederlassung zweifellos von großer
Bedeutung. Die Stadt hatte bereits durch den Zustrom der Antwerpener
 Flüchtlinge sehr gewonnen; die an sich bedenkliche Nähe
der spanischen Grenze bedeutete damals schon nicht mehr viel,
das Verbot des Handels mit dem jenseitigen Gebiet wurde nicht
sehr genau beobachtet. Nach einer Reihe günstiger Jahre, die von
den Adventurers in Middelburg verbracht wurden, trat nach dem
Tode der Königin Elisabeth ein Rückschlag ein; ihre Gewohnheit,
 die Wollmanufakturen ungefärbt und unappretiert auszuführen,
 stieß auf Widerspruch?). Andererseits machte man in den
3 teLintum, S. 5410
23) teLintum, S. 60 f.
e) te Lintum, 5.67.

260
        <pb n="269" />
        Niederlanden Middelburg den Stapel streitig; namentlich Rotterdam
 warf ein Auge auf ihn, während, die Fellowship glaubte, in
Amsterdam einen gesicherteren Aufenthalt zu finden als in dem
von der englischen Opposition bedrohten Middelburg. Als dann
König Jakob 1615 die Ausfuhr ungefärbter und unappretierter
Tuche verbot und den Adventurers ihre Charter abforderte, erließen
 die Staaten von Holland sogleich ein Verbot der Einfuhr
gefärbter Tuche, außer der nicht schwarzen; andere Provinzen wie
auch die Generalstaaten folgten mit der gleichen Maßregel. Gerade
in der Färbung und Appretur waren die Holländer Meister?!); erfolgte
 sie im Auslande, so bestand kein Interesse mehr an der Einfuhr
 der Tuche. Nachdem aber infolge des Rückganges der englischen
 Tuchindustrie 1617 die Fellowship wiederhergestellt war,
hatten sich inzwischen die Interlopers stark ausgedehnt, vorzüglich in
Amsterdam?®). Die Fellowship blieb noch kurze Zeit in Middelburg
und siedelte 1621 nach Delft über. Das war für sie kein Gewinn;
 in der Provinz Holland nahm die eigene Tuchindustrie und
der Tuchhandel eine ganz andere Stellung ein als in Seeland — wir
kommen darauf zurück —, und Delft selbst hatte für den Seehandel
 nicht die Bedeutung wie Middelburg. Von Amsterdam aus,
das sich dem Court und seiner exklusiven Tendenz stets abgeneigt gezeigt
 hatte, leistete man ihm wegen seines Monopols, seines angeblichen
Kleinhandels usw. jetzt starken Widerstand. Den Delftern wurden
deshalb auch seitens der Staaten von Holland viele Schwierigkeiten
bereitet; in dem Reglement, auf das man sich schließlich einigte
(19. Juni 1621), wurde die Bewilligung der Niederlassung abhängig
gemacht von dem Fortbestehen der Privilegien, die die Niederländer
 in England genossen; auf das Verbot der Einfuhr gefärbter
und zubereiteter Tuche verzichtete man nicht; ihre Tuche selbst
zu färben, wurde den Adventurers untersagt, ebenso der Kleinverkauf
 und die Einrichtung eines zweiten Stapelplatzes in den Niederlanden).
 Die Rotterdamer, die sich gleichfalls um die Niederlassung
 bewarben, hatten noch viel schärfere Bedingungen gestellt;
nämlich, daß sich eine General-Gilde aller an der Tuchindustrie
Interessierten in den Niederlanden bilden sollte und daß die Eng-?)
 Vgl. oben S. 9gof., 95, 974f.
2?) teLintum, Si 70:
5) teLintum, S.8;3ffi

2041
        <pb n="270" />
        länder nur an diese Gilde verkaufen dürften; damit sollte nicht allein
der Kleinhandel der Engländer völlig unmöglich gemacht, sondern
auch der niederländische Tuchhandel zu einer Art von Trust zusammengeschlossen
 werden. Durch vielerlei örtliche Zugeständnisse
 kam aber Delft der Fellowship entgegen, so daß diese sich hier
ganz wohl fühlte und sich ein reger Verkehr entwickelte; 1629
wurden etwa 30 000 Stück Tuch eingeführt!). Doch wurde schließlich
 den Adventurers der Aufenthalt in Delft verleidet, da man
sie hier zwang, die Retourwaren nicht mehr in Amsterdam, sondern
in Delft selbst zu holen; das war der Grund, weshalb sie 1635 diese
Stadt verließen. Nun siedelten sie nach Rotterdam über,
wo seit dem Anfang des 17. Jahrhunderts ein starker regelmäßiger
Schiffsverkehr mit England bestand, auch verschiedene englische
Kaufleute sich niedergelassen hatten?). Die alte Tuchweberei hatte
hier keine Bedeutung mehr; nur Tuchbereitung und Färberei waren
noch in Übung. Von der Niederlassung des Court erwartete man
nun zwar weniger eine Belebung jener Industrie als eine Förderung
des Handels; direkte Konkurrenz war nur zu besorgen, falls die
Adventurers sich nicht an das Verbot der Einfuhr bearbeiteter Tuche
hielten, sondern, wie es tatsächlich geschah, ausgehend von der Erlaubnis
 der Einfuhr in der Wolle gefärbter Tuche, gemischter Farben,
allmählich dazu übergingen, in der Wolle gefärbte und bereitete,
sog. spanische Tuche, die feine Farben hatten und völlig gebrauchsfertig
 waren, einzuführen. Andererseits lag der Stadt Rotterdam gar
nicht allein an den Adventurers, sondern sie wünschte, auch die
Interlopers heranzuziehen und mit jenen zu einer Gemeinschaft
zu vereinigen. Hierfür und für die Niederlassung einer solchen
gemeinsamen. Kompanie bot die Stadt 1634 dem König von England
 60 000 Gulden. Darauf erfolgte im nächsten Jahre das Konkordat
 über die Niederlassung in Rotterdam. Wie vorauszusehen
 war, erhob nun wieder Amsterdam Einspruch. Daß die
ganze Einfuhr englischen Tuches über Rotterdam, das schon ohnehin
durch seinen regen Handelsverkehr den Amsterdamern unbequem
war, gehen sollte, wollte letzteren nicht in den Sinn; sie erwirkten
3 te Lintum, S. 94.
2) te Lintum, S. 106; Bijlsma ,‚, Rott. Handelsverkeer. met Engeland,
S. 81 ff.; über den regen englischen Schiffahrtsverkehr dort Mitte des 18. Jahrhunderts
 auch BE. Ferner, herausg. von Kernkamp,.S. 490.

20:
        <pb n="271" />
        —\ 0263. —
es, daß von niederländischer Seite den Interlopern die frühere
Freiheit zugestanden wurde, d. h. daß sie nicht nur den Stapelplatz
des Court, sondern auch andere Häfen aufsuchen durften. Auch
sorgten die Staaten von Holland dafür, daß unter den Court-Waren,
die das Stapelprivileg genossen, nur die weißen, unbereiteten Tuche
verstanden werden sollten!). Alles dies beeinträchtigte den Wert der
Rotterdamer Niederlassung. Es gelang auch nicht, die Interlopers
hier zu fesseln. Die Stadt verweigerte deshalb die Zahlung der genannten
 Summe?). Dennoch bedeutete die Aufnahme
des Court fiürRotterdam einen. nicht geringen
Fortschritt; erst dadurch wurde es die zweite
Hauptstadt der Niederlan:de®).; Andererseits: wurde
der Handel zwischen England und Rotterdam damals keineswegs
ausschließlich durch die Adventurers betrieben; er lag zum Teil
in den Händen der schon früher in Rotterdam ansässigen englischen
Kaufleute, deren Zahl sich infolge des englischen Bürgerkrieges
noch vermehrte. Insbesondere mit London bestand ein starker
Verkehr; von dort kam u. a. viel westindischer und Virginia-Tabak
nach Rotterdam; aber auch mit Yarmouth, Colchester, Newcastle,
Sunderland hielt man Verbindungen aufrecht. In den Jahren
1635—1642 hat der Court zweifellos gute Zeiten in Rotterdam erlebt;
 er richtete sich jeweilig nach den veränderten Verhältnissen.
Nur die Interlopers in Amsterdam machten ihm viel zu schaffen;
und andauernd brachte Amsterdam solche Streitfälle vor die Staaten
von Holland; stets lieh es den von Rotterdam verfolgten Interlopern
 seine offene oder geheime Unterstützung*). Zuletzt verließen
 diese Rotterdam ganz, da sie dort bei dem Court keinerlei
Schutz fanden. Unter dem englischen Bürgerkrieg litt der Court
stark; erst nach Errichtung des Commonwealth erholte er sich
wieder. Selbst während des ersten englischen Krieges blieben die
Adventurers z. T. in Rotterdam, wo man sie trotz der politischen
Feindschaft gut behandelte. Mit dem Frieden von 1654 gestaltete
sich doch alles anders; der Hauptstapel war seit 1652 nicht mehr
in Rotterdam, sondern in Hamburg. Man suchte den Court freilich
.teLintum,. S:. 1394; Bijlsma, S. 93.
?) Es wurden nur 30 000 fl. bezahlt (te Lintum, S. 163 f.).
*# teLintum, SiıIII{.
te Lintum, S. 146 ff., 151.
        <pb n="272" />
        Fu 204g na
in Rotterdam festzuhalten; es gelang aber nicht; er siedelte 1655
nach Dordrecht über!). Hier zog ihn wohl namentlich die
Rheinfahrt und der alte Stapel an. Rotterdam hat durch den Wegzug
 der Adventurers offenbar kaum gelitten; der englische Handel
ging seinen Gang weiter; und Rotterdam wurde nun die Stadt
der Interlopers, deren Betrieb allerdings durch die Seekriege stark
geschädigt wurde. Dordrecht hatte zunächst, gerade wie früher
Rotterdam, das mit den Adventurers geschlossene Konkordat gegen
die Staaten von Holland, in denen nun Rotterdam der Führer
der Opposition war, zu verteidigen; doch wurde Dordrecht milder
behandelt als früher Rotterdam. Beinahe 10 Jahre, 1655—1665,
blieb der Court in Dordrecht im Besitz aller wichtigen Vorrechte?).
Doch hatte die wirtschaftliche Bedeutung des Court bereits stark
abgenommen, und er führte ein ziemlich stilles Dasein. Als nach
dem zweiten englischen Kriege Dordrecht sich bemühte, die Octrois
und Freiheiten für die Engländer wieder zu erlangen, beruhigte
sich die Stadt schnell, als die Staaten von Holland und die Generalstaaten
 Schwierigkeiten machten; der Aufenthalt des Court galt
nicht mehr als eine wesentliche Frage. Völlig gegenstandslos wurde
seine Stellung, als die Generalstaaten und die Staaten von Holland
1668 alle Befreiungen von allgemeinen und provinziellen Abgaben
aufhoben; damit war den Adventurers ihre Stellung als bevorrechtete
 Handelskörperschaft in den Niederlanden entzogen. Sie
blieben zwar noch in Dordrecht, aber als private Kaufleute, die
ihre eigene Organisation beibehielten. Das Monopol der Ausfuhr
von Wollmanufakturen nach den Niederlanden und Deutschland
nahm ihnen schließlich ein englisches Gesetz von 1688, das jene
Ausfuhr jedermann freigab, außer den von einigen Handelsgesellschaften
 genossenen Vorrechten. Außerdem verschärften jetzt die
Generalstaaten und Holland die früheren Verteidigungsmaßregeln,
namentlich das Verbot der Einfuhr bearbeiteter Tuche von 1614.
An die Stelle der Adventurers traten die Interlopers, die
viel freier in ihren Bewegungen und nicht durch Oktrois und andere
Bestimmungen gebunden waren. Allerdings kümmerten sie sich
auch wenig um jene niederländischen Verbote; sie führten Tuche
jeder Art ein; und ihre Wirksamkeit hat mit zu dem schnellen
te Lintum, S. 1099|ff.
2) teLlintum;, S. 208 ff

Aa
        <pb n="273" />
        —
Verfall der niederländischen Tuchindustrie im Beginn des 18. Jahrhunderts
 beigetragen; aller Widerstand der Droogscheerder dagegen
fruchtete nichts!). England verfügte über den besten Rohstoff
und untersagte seine Ausfuhr. Es war begreiflich, wenn Amsterdam
und Rotterdam die verbotene Zufuhr nicht erschwerten, namentlich
 im Hinblick auf die damaligen veralteten Methoden der niederländischen
 Industrie. In den Interlopers fanden beide Städte
reichlichen Ersatz für die Adventurers; als sich 1682 der Court
noch einmal in Rotterdam niederlassen wollte, scheiterte das an
dem Widerstande der Kaufleute; von den freien englischen Kaufleuten
 hatte man viel mehr Nutzen als von den Merchant Adventurers,
 die nicht immer anspruchslos auftraten?).
Nicht viel anders, nur einfacher, verlief die Geschichte
des schottischen Stapels. Unterschied er sich 'nach
Organisation und Zweck auch von dem englischen Stapel nicht unwesentlich?),
 was uns hier aber weniger interessiert, so war doch
der Lauf der Dinge im Verhältnis zu den Niederlanden ziemlich
derselbe bei beiden Einrichtungen. Auch die Schotten hatten seit
dem Mittelalter einen Stapel, der sich bis zum Ausbruch der niederländischen
 Unruhen in dem kleinen seeländischen Orte Veere
auf der Insel Walcheren befand. Als sich 1572 Veere für Wilhelm
 von Oranien erklärte, verließen die Schotten den
Ort und siedelten nach Brügge über, doch scheinen viele von
ihnen in Veere geblieben zu sein; um 1575 war der Stapel wieder
hier‘). /-König‘ Jakob VI. von Schottland: verlieh‘ 1578 dem
Stapel in Veere den wirklichen, alle anderen schottischen Niederlagen
 ausschließenden Monopolcharakter. Der Inhalt und der Begriff
 der von diesem Stapel betroffenen sog. Stapelgüter schwankte
von vornherein außerordentlich ; ursprünglich waren es Salz, Kohlen,
Lachs, Strümpfe, später auch Heringe, Blei. Darüber bestanden
ı) te Lintum, S. 220ff. Davenant schätzte die Ausfuhr wollener
Stoffe nach Holland für ein Jahr auf ı 339 526 £ (The Brit. Merchant, I, S. 27).
?) In England bedauerte man vielfach die Auswanderung vieler dortiger
Geschäftsleute nach den Niederlanden und sah in ihr einen Verlust für England
(so: The Brit. Merchant, Vol. I, 3. ed. 1748, S. 146).
3 Davidson &amp;amp; Gray, S. 340off. Die Organisation des schottischen
Stapels und seine Politik war in mancher Hinsicht derjenigen der Hanse ähnlich.
4‘) Rooseboom, S. 83 ff.

‘65
        <pb n="274" />
        aber Meinungsverschiedenheiten innerhalb der in Schottland’ befindlichen
 Stapelleitung‘).
Bei der Besetzung Walcherens durch die Engländer 1587
wünschten die Schotten, von dort wegzugehen; auch entstanden
Streitigkeiten zwischen ihnen und den dortigen Behörden. Wenn
nun auch der Stapel dort verblieb, wechselten doch die schottischen
Kaufleute, namentlich Anfang des 17. Jahrhunderts, vielfach
zwischen Calais, Veere und Brügge ihren Aufenthalt, obwohl dies
dem Privileg von 1578 widersprach?). Nach der Thronbesteigung
Jakobs I. in England verlor die nahe Beziehung des Stapels zu
Schottland an Bedeutung; schottische Kaufleute verletzten ‚den
Stapelvertrag und brachten ihre Waren nach England und von
da weiter nach Flandern und Holland. Obwohl nun auch Middelburg
 sich um den schottischen Stapel bemühte, ‚wobei geltend gemacht
 wurde, daß die Beförderung der in Veere gekauften oder
verkauften Waren nach‘ Middelburg und zurück sehr kostspielig
sei, gelang es doch Veere, den Stapel durch einen neuen, am 19. November
 1612 geschlossenen Vertrag an sich zu fesseln; den Wünschen
der Schotten kam man, namentlich in steuerlicher und kirchlicher
Beziehung, hierbei weit entgegen; dafür mußten jene eine genauere
Einhaltung des Stapelmonopols zusichern?). Für das kleine Veere
handelte es sich um eine Existenzfrage; die Erneuerung des Stapels
brachte ihm große Vorteile. Die Zeit nach 1ı612 war die
Elüteperiode desiischottischen Stapels; | in
Jahre 1627/28 liefen von Leith nach Veere zehn und nach den
Niederlanden insgesamt 39 Schiffe aus*). Doch mangelte es nicht
an Klagen, daß die schottischen Kaufleute auch andere Häfen
aufsuchten; trotz aller Bestrebungen floß ein großer Teil des schottischen
 Handels anderen kontinentalen Häfen zu. Ein harter Schlag
war es ferner für die niederländischen Reeder, als 1617 die schottische
 Regierung verfügte, daß nur schottische Schiffe im schottischen
 Handel verkehren dürften. Aber auch der Stapelhandel
litt schwer, als mit dem Wiederausbruch der Feindseligkeiten gegen
Spanien 1621 die Unsicherheit der See zunahm und als später der
l Davidsoniu. Gray, S. 354.
2) Rooseboom,S. 126;
3) Rooseboom, S. 1431:
*ı Davidson u. Gray, S. 104, 100.

266
        <pb n="275" />
        englisch-französische Krieg den schottischen Handel zeitweise völlig
unterbrach. Man dachte’ an eine Verlegung des Stapels, die aber
auf Wunsch des Königs unterblieb!). Der englische Bürgerkrieg
brachte in die Verhältnisse des Stapels große Verwirrung und nahm
ihm erheblich an Bedeutung. Nach 1649 wurde auch von Schottland
 aus wieder auf genauere Beobachtung des Stapels geachtet:
Selbst während des ersten englischen Krieges veränderte er sich
nicht. Später erreichte die Behörde in Veere sogar, daß Kohle
Stapelware wurde und daß 1658 von den schottischen Kohlengrubenbesitzern
 für die Ausfuhr von Kohlen nach den Niederlanden
 Veere als einziger Bestimmungshafen anerkannt wurde?).
Doch ging ein großer Teil des Stapelhandels aller Verbote
ungeachtet schon längere Zeit nach Rotterdam; seit 1662 erstrebte
 dieses den Stapel für sich®). Sehr schädlich für diesen
war der 1665 ausbrechende Krieg zwischen England und den
Niederlanden, die seit Jahrhunderten der . beste Absatzmarkt
für schottische Ausfuhrartikel gewesen waren. Nach dem
Kriege suchte Dordrecht den Stapel an sich zu ziehen. Hier
war immer schon ein illegitimer schottischer Handel gewesen. Jetzt
kam man den Schotten weit entgegen mit Verheißungen aller Art*).
So siedelte 668 der. Stapel;nach. Dordrecht
über. Hier schienen die Aussichten günstig zu sein; die schottischen
 Kohlengrubenbesitzer wollten sich mit der Stadt einigen,
um hier den ganzen schottischen Kohlenhandel mit dem Kontinent
zu konzentrieren, während er bisher zum größten Teil nach Rotterdam
 gegangen war. Das reizte diese Stadt, der Dordrecht schon
den englischen Stapel abspenstig gemacht hatte; und es gelang
Rotterdam, den oben erwähnten Beschluß durchzusetzen, wonach
alle Privilegien der Merchant Adventurers und Schotten als nichtig
erklärt wurden, da keine Stadt einen Kontrakt schließen könne,
der anderen in derselben Provinz schädlich sei®). Trotzdem blieb
der Stapel in Dordrecht, wo aber der schottische Handel nicht
1 Rooseboom;,;S..168:
).Rooseboom, S. 192.
äöRooseboom, S. 1977 te Lintum, S. 197
Rooseboom, S. 210£.)te Lintum,S. 215.
’) Rooseboom,S.217; teLintum, S. 214. Die späteren Kontrakte
von 1675—1780 bei Perrels, S. 64f.

267
        <pb n="276" />
        gedieh, da er das bequemer liegende Rotterdam bevorzugte. Der
Krieg mit England 1672 schadete dem Stapel noch mehr; viel Gewinn
 hat Dordrecht nicht mehr von ihm gehabt. Nun richtete
wieder Veere seine Blicke auf den verlorenen Stapel; die günstigere
Lage zum Meere wurde gegenüber Dordrecht ins Feld geführt;
und im Juli 1676 erteilte Karl II. die Genehmigung für die
abermalige Übersiedlung nach Veere?). Praktisch
 hatte das wenig zu sagen. Der Stapel selbst war schon ein
Anachronismus. Die schottischen Reeder und Schiffer bevorzugten
doch das in wirtschaftlicher Beziehung weit größere Anziehungskraft
bietende Rotterdam. Auch hatte sich das Verhältnis der Stapelwaren
 völlig verändert. Während früher die Schiffsladungen meist
aus Stapelwaren bestanden, überwog jetzt die Kohle. Im Jahre
1669 wurden aber von der Stapelleitung in Schottland Salz und
Kohle von der Stapelliste gestrichen; nur Häute aller Art galten
nun als solche?). Schon damit wurde der Stapel bedeutungslos.
Und war Schottland nicht mehr, wie einst, abhängig von der
fremden Industrie, so bot andererseits auch das kleine Veere als Marktplatz
 den schottischen Produkten nichts mehr. Der Kontrakt
ist zwar 11607 und später erneuert worden,
bis 1799 der Stapel aufgehoben wurde. Inzwischen
hatten in den Niederlanden freiere Anschauungen über den Handel
Boden gewonnen, man band sich nicht mehr an einen kleinen
Hafen und an dessen auf dem Papier stehenden Monopol. Schon
seit dem niederländischen Tarif der Convoyen und Lizenten von
1725, der eine wesentliche Herabsetzung vieler Zollsätze enthielt,
war der Wert der den Schotten gewährten Ein- und Ausfuhrvergünstigungen
 stark gesunken).
In diesen Stapeln für einzelne Waren tritt uns eine absterbende
Form wirtschaftlicher Auslandsorganisation entgegen. Wenn Amsterdam
 sich ihnen stets ablehnend gegenüberstellte, so zeigte es damit,
daß es sie richtig einschätzte; den freien Verkehr der Interlopers
zog es mit Recht als seinem Interesse besser entsprechend vor.
Gewisse örtliche Vorteile hatten. diese auswärtigen Stapel den
niederländischen Städten gewiß gebracht, namentlich den kleineren,
1) Rooschbhoom, S:. 221.
2) Davidson u. Gray, S. 356.
3 Rooseboom,S. 236, Davidson u. Gray, S:253.

268
        <pb n="277" />
        — 2 —
wie Delft, Dordrecht, Veere. Für die nationale Wirtschaft waren
sie ziemlich wertlos, ja schädlich. Sie haben sowohl die einheimische
Industrie wie auch die Schiffahrt benachteiligt und beide in Abhängigkeit
 von England gebracht; insofern haben sie den späteren
Niedergang der niederländischen Wirtschaft mit vorbereitet. Nützlich
 haben diese Stapel nur in soweit gewirkt, als sie die Niederländer
 nötigten, einzelne Einrichtungen für den Handel zu treffen
oder zu verbessern. So ging die Errichtung einer Wechselbank in
Rotterdam 1635 auf die Zulassung der Engländer zurück, deren
Geldverkehr man erleichtern wollte; in Delft hatten sie sich der
Amsterdamer Wechselbank für Zwecke des Geldverkehrs bedient,
was man in Rotterdam nicht gern sah. Allerdings haben die Engländer
 später wenig Rücksicht auf die Rotterdamer Bank genommen
 und doch die Amsterdamer Bank bevorzugt!). Auch der
Stapel der Schotten löste allerlei Fortschritte aus; in Veere verbesserte
 man die Hafeneinrichtungen, Dordrecht verhieß 1668 die
Errichtung einer Wechselbank, die aber nicht zur Ausführung
kam?). Die meisten den Stapelkaufleuten eingeräumten Vorrechte,
die Befreiungen von Abgaben und Akzisen, die Erlaubnis, englisches
Bier zollfrei einzuführen, usw. benachteiligten die übrige Bevölkerung
 nicht unerheblich; die dagegen eingetauschten Vorteile entsprachen
 nicht immer diesen Opfern. : Dazu kam, daß die Absonderung
 der Fremden von der niederländischen Bevölkerung, ihre
zur Schau getragene kirchliche Sonderstellung jede engere Verbindung
 mit den Einheimischen hemmte. Es war dieselbe Erscheinung,
 die uns auch in Hamburg entgegentritt.
Als ein Glück war es anzusehen, daß diese Niederlassungen
Fremder in der geschlossenen Form eines Stapels sich auf Engländer
 und Schotten beschränkten. Fremde Kaufleute wohnten
ja genügend in den niederländischen Seestädten, so englische, italienische
 (venetianische), deutsche; ihre Anwesenheit konnte zweifellos
 den gegenseitigen Handelsbeziehungen nur vorteilhaft sein. Sie
beanspruchten aber keine Vorrechte und sonderten sich nicht ab.
Einmal machte auch Schweden den Versuch, in den
Niederlanden sich vermittels einer kaufmänni-N)
 teLintum,/I11, 114, 182 ff; vgl. auch van Dillen.,. Bronnen,
S. 1329; vgl. auch oben S. 223.
2) Rooseboom, S. 144, 210.

60
        <pb n="278" />
        = 2 0 —
schen Organisation festzusetzen. Als Gegenzug
gegen die übermächtige Stellung der Niederländer im Wirtschaftsleben
 der skandinavischen Länder gingen die Bestrebungen König
Karl X. Gustavs dahin, in den Niederlanden dem schwedischen.
 Handel einen ähnlichen Vorrang zu verschaffen. Das 1663
in Amsterdam errichtete Faktorei-Kontor, das unter dem Generalfaktorei-Kontor
 in Stockholm stand, hatte die Aufgabe, dem Handel
mit schwedischen Ausfuhrartikeln eine Stütze. zu gewähren und
die vereinzelten Unternehmungen zusammenzufassen!). Einige
Amsterdamer Kaufleute fanden sich bereit, zu diesem Zweck mit
dem Generalfaktorei-Kontor einen Vertrag auf 8 Jahre zu schließen;
die Absicht ging im besonderen dahin, den freien Handel der Niederlande
 in schwedischem Geschütz zu beseitigen und ihn ganz jenem
Kontor in die Hände zu spielen?). Auch das Monopol der Teereinfuhr
1) Elias; Contract etc., S:1383 ff., Vroedschap, S. 556f. Zu den Unternehmungen
 der Niederländer in Schweden gehörte auch die Errichtung von Textilfabriken,
 für die Jacob van Uytenhoven 1649 auf 30 Jahre ein Privileg von der
Königin Christine erhielt (van Brakel, Een tiental vennootschappen, S. 204 ff.).
Die Königin verlieh 1654 dem Amsterdamer Hause L. u. H. Trip die Freiheit
vom Sundzoll für alle in der Geschützgießerei in Juletabruck bei Nyköping gegossenen
Stücke; 1662 machten die protektionistischen Maßregeln Schwedens, wo seit 1655
der Handel und Verkehr mit Geschützen Staatsmonopol war (Wittrock,
Karl XI. förmyndares finanspolitik, 1913, S. 424), dem Geschützhandel Trips,
der sich 1655 mit de. Geer verbunden hatte, ein Ende (Elias, Vroedschap,
S. 547). Mit dem Handel in schwed. Geschützen war auch der holländ. Kaufmann
Bartolotti, der in Holland die Interessen dieses Handels als Faktor vertrat,
beschäftigt (Wittrock, a. a.10. 1917, S. 561.). Im 17. und 18. Jahrhundert
waren Niederländer an der schwedischen Eisen- und Alaun-Industrie beteiligt
(Elias, ebenda, S. 547, 857). Für den Absatz schwedischen Teers bestellte die
Schwedische Regierung Faktoren in Amsterdam; zu ihnen gehörten z. B. Louis
Trip und J.L.Pelis (Elias ha.a.O., S. 547,814); über "die Monopolisierung
 des Teerhandels durch Schweden vgl. v. Borries, S. 70.
2) In älterer Zeit bezogen die Niederländer Geschütze wohl viel aus dem
Auslande, so 1588 aus England (Japikse, Resolutien VI, 390); Hamburg bezog
in den 1620er Jahren Geschütze, Musketen, Patronen, Lunten aus Amsterdam,
womit nicht gesagt ist, daß es holländische Fabrikate waren (Baasch, Hamb.
Seeschiffahrt, S. 408 f.). Zu Gustav Adolphs Zeiten bezog Schweden vielfach
Kanonen und anderes Kriegsmaterial aus Holland; vgl. Wittrock, Svenska
Handelskomp., S. 35, ı21ıf.; ferner die von Kernkamp mitgeteilten Briefe
von Louis de Geer, S. 202 ff., 352 ff... Edmundson, Louis de Geer,
S. 692. In Amsterdam befand sich damals der Mittelpunkt des Waffenhandels.
Starke Ausfuhr aus Amsterdam von Pulver und Lunten bei Brugmans, Sta-Z7C
        <pb n="279" />
        - 2271 —
sollte das Kontor erhalten; das gelang aber nicht. Da man sich
jetzt ferner entschloß, in den Niederlanden selbst Geschütze zu
gießen und im Haag und in Amsterdam Einrichtungen dafür getroffen
 wurden?!), so ist aus jenem Kontor nichts für die Schweden
Ersprießliches geworden.
Um die Mitte des 17. Jahrhunderts, als durch den Friedensschluß
 zu Münster die Niederlande endlich in einen seit 80 Jahren
nur mit einer Unterbrechung entbehrten äußeren Friedenszustand
eingetreten waren, d. h. in einem Zeitpunkt, den man wohl mit gewissen
 Einschränkungen als den Gipfelpunkt der niederländischen
Handelsblüte bezeichnen kann, soweit diese auf der Machtpolitik
beruhte, läßt sich ein Überblick über den Stand der niederländischen
Wirtschaft, wie sie sich in ihren äußeren Handelsbeziehungen ausdrückte,
 gewinnen. Als wichtigste Faktoren dieser Blüte sind zu
bezeichnen der Ostseehandel, der Levantehandel, der Handel mit
Ostindien; mit den west- und nordeuropäischen Ländern wird
ein regelmäßiger Verkehr gepflegt; insbesondere mit Frankreich war
er sehr rege und für die Niederlande ertragreich; im englischen
Verkehr zeigten sich die Spuren des durch den Bürgerkrieg bewirkten
 Rückgangs. Überaus lebhaft war der Binnenhandel mit dem
deutschen Rheinland und der Seeverkehr mit den Elbgebieten.
In den engen Beziehungen zu dem Hinterlande, das politisch
und wirtschaftlich unauflösbar mit den Niederlanden verknüpft
war, bildete die Zugehörigkeit zur Hanse für längere
Zeit das äußere Zeichen dieser Verbindung sowohl zu Wasser wie
tistiek, S. 133. Im Jahre 1665 schlossen die Staaten von Holland und Westfriesland
 mit den lüb. und hamb. Geschützgießern Benning k über die Lieferung
von Geschützen ab (Mitt. d. Ver. f. lüb. Gesch., H. 3, S. 212).
?) Über die Geschütz-Gießerei im Haag, die Anfang des ı8. Jahrhunderts
begründet wurde, vgl.E versmann,‚S.ı92 ff. NachLe Moinede l’Espine
S. 43 betrieb Amsterdam Anfang des 18. Jahrhunderts die Herstellung von Kriegsmaterialien
 aller Art. Lieferanten von Schießpulver waren dort Reynier Cant
(1536—095), ferner Pieter van Hoorn (geb. 1619), vgl. Elias, Vroedschap
S. 72 ff., 296. In Rotterdam fertigte J. F. Hoffmann, der aus dem Bergischen
stammte und die Firma Joh. Hartcop übernahm, im 18. Jahrhundert viel
Kriegsmaterial an; er hatte eine Gießerei und für sie Freiheit von städtischen Abgaben
 usw. auf 25 Jahre (N. J. Hoffmann, Een Oud-Rotterd. Firma). Noch
Friedrich der Große bezog 1761 Gewehre aus Amsterdam (Blok, Verslag,
S. 265).
        <pb n="280" />
        m, Ya
zu Lande. Keinen besseren Beweis des natürlichen Verhältnisses
 der Niederlande zu Deutschland gibt es in der Vergangenheit
als ihre Teilnahme an der Hanse. Wie Amsterdam, Kampen, Stavoren
 durch ihre Seebeziehungen in den Kreis der Hanse gezogen
wurden, so Deventer, Arnhem, Nymwegen, Harderwyk, Zutphen
u. a. m. durch die Binnenhandels- und Binnenschiffahrtsverhältnisse;
 auch die alte Bischofsstadt Utrecht, obwohl nicht der Hanse
angehörend, hat an diesen Beziehungen teilgenommen. In den
rheinisch-westfälischen Gegenden war der Nordniederländer am
Ende des Mittelalters ein ebensooft gesehener Geschäftsmann wie
an den Gestaden der Ostsee und an der Elbe. An den Schonenschen
Privilegien haben auch holländische und seeländische Städte teilgenommen,
 die der Hanse nicht angehörten, wie Amsterdam und
Dordrecht!). In das Ostseegebiet ist seit dem 15. Jahrhundert der
Handel der nordniederländischen Städte mit unwiderstehlicher Gewalt
 eingedrungen.
Was diesen Ostseehandel insbesondere nährte und
mehr und mehr zu einer Goldgrube für die Niederlande machte, war
der Getreidehandel. Seit dem 15. Jahrhundert fällt diesem
der Hauptanteil an der Blüte Amsterdams zu. Ohne Zufuhr
von Getreide konnten die Niederlande schon
im Mittelalter nicht bestehen; und es war die
Aufgabederniederländischen Seestädte,sich
stetseinen Vorrat von Ostseegetreide zu verschaffen?);
 aus dieser eigenen Bedarfisdeckung
entwickelte sichidann ein allgemeiner Getreidehandel.
 Wenn Amsterdam im ganzen 16. Jahrhundert
 unablässig für die Freiheit seines Getreidehandels kämpfte,
wenn es gegen die Verbote der Getreideausfuhr, die seitens der
Landesregierung mehr als einmal erlassen wurden, ebenso Wider-2)
 Val W. Stein, Die Hansestädte, S. 533 ff.; ferner Wilkens, Hans.
Gesch., Bl. 1909, S. 150[{f.
2) van Dillen; Econ.Karakter, S. 1151., 113; Blok, Eene holl- Stad,
II, 239f.; Unger, S. 381 ff. Den Engländern galt Amsterdam als ein Vorbild
für die Aufstapelung von Getreide in Jahren der Mißernte; dort seien nie weniger
als 700 000 Quarter auf Lager (Durham, S. 235). Ende des 17. Jahrhunderts
betrug die jährliche Getreidezufuhr nach Amsterdam ca. 76 000 Last, von denen
Amsterdam selbst 27% % gebrauchte; 29% dienten dem binnenländischen Verbrauch,
 ca. 43% der Ausfuhr ins Ausland (Brugmans, Opkomst, S. ı21 ff.).

27%
        <pb n="281" />
        — 27) —
spruch erhob wie gegen den Kornausfuhrzoll, der seit 1505 als sogenanntes
 Congiegeld gefordert wurde, so lag dieser Haltung der
Stadt zugrunde vornehmlich der Gedanke, die Ostseefahrt, die
einerseits das Getreide, ferner Eisen, Schiffsbedürfnisse, Holz,
Wachs usw. lieferte, andererseits aber auch für die Ausfuhr westlicher
Erzeugnisse ein wertvolles Absatzgebiet darstellte, zu behaupten*).
Bei der Begründung ihrer Freiheit bestand in den nördlichen
Niederlanden zweifellos eine handelspolitische Tradition. Sie
knüpfte an den städtischen Charakter des niederländischen Wirtschaftslebens
 an, dessen wir schon oben gedachten?).
Wies schon die geographische Lage die Niederlande auf eine vorwiegend
 handels- und verkehrspolitische Anschauung hin, so wirkte
auch das Beispiel der Hanse, des norddeutschen Städtebundes,
gewiß auf die Niederländer bestimmend ein. Wenn man auch den
monopolistischen Handelsgeist der Hanse bekämpfte, weil er vielfach
 die niederländischen Interessen verletzte®), so ist es doch irrig,
zu meinen, daß diese Monopolsucht von den Niederländern aus
theoretischer Erkenntnis abgelehnt wurde; sie haben selbst, wo
es ihnen nützlich schien, bis ins 19. Jahrhundert hinein monopolistische
 Ideen in die Tat umgesetzt. Allerdings war die Hanse
nicht selten der Konkurrent der Niederlande und handelspolitisch
wurden diese immer mehr zu Gegnern der Hanse. Das wirtschaftliche
 Übergewicht, das die Hanse in der Ostsee bis in den Anfang
des 16. Jahrhunderts ausübte, fand schon im Beginn des 15. Jahrhunderts
 seine Gegner in den Holländern, die seit dem 14. Jahrhundert
 hier als Vertreter ihres ausgedehnten Ausfuhrgewerbes
auftraten*). Die Folge war, daß die hansische Handelspolitik,
geleitet von Lübeck, dem holländischen Ostseeverkehr andauernd
Hindernisse in den Weg legte, was zwischen 1422 und 1534 zu vier
Seekriegen führte. In diesen Kämpfen, in denen Dänemark auf der
1) Vgl. Naude, Getreidehandelspolitik, I, 316 ff. Über das Congie- oder
Verlofgeld vgl. Sickenga, Bijdrage, S. 89ff.; ter Gouw, Amsterdam, IV
353 ff. Über den Ostseeverkehr der Niederländer im 16. Jahrhundert vgl. van
Ravesteyn, Onderzoekingen, S. 363 ff. Verviers, Handelspolitiek, S. 32
erachtet den holländischen Ostseeverkehr vor dem 16. Jahrhundert als verhältnismäßig
 unbedeutend. Eingehend auch Unger, S. 251 ff.
?) Vgl. oben. S. 4ff.
°) Koenen, De vroegere en latere nederl. Handelspolitiek, S. ı2.
*‘) Vgl. Haepke, Untergang der Hans. Vormachtstellung, S. 90 ff.
Baasch, Holländische Wirtschaftsgeschichte. Va

7
1
        <pb n="282" />
        274 —
Seite der Hanse stand, hat Holland eine harte handelspolitische
Schule durchgemacht; die ihm hieraus erwachsenen Lehren haben
ihm in späterer Zeit viel Vorteile gebracht und ihm gezeigt, wie die
in der Ostsee obwaltenden Interessengegensätze handelspolitisch
zu verwerten waren. Als Ergebnis dieser Kämpfe, die zeitweilig
für die Holländer überaus gefährlich waren, bot sich die ihnen im
Frieden zu Speier 1544 vom Kaiser wie von Dänemark
zugesicherte Freiheit der Fahrt durch den Sund;
ein Ergebnis, das für die Holländer noch nach
Jahrhunderten sichlals überaus wertvoll erwies
 und seitdemiden Angelpunkt ihrer Ostseepolitik
 bildete. Auf wirtschaftlichem Gebiet bestand
freilich die Spannung zwischen den Hansestädten und den Niederlanden
 weiter fort. Doch war die Ostseefahrt der letzteren nicht
mehr mit den alten Machtmitteln zu verhindern; Danzig,
Hamburg und Amsterdam, seit dem 16. Jahrhundert
 die drei wichtigsten Häfen des nordeuropäischen
 Kontinents, besaßen ein gemeinsames Interesse an der Offenhaltung
 der Ostsee und betätigten es durch ihre unzweideutige
Stellungnahme. Erst jetzt konnte sich die niederländische Ostseefahrt,
 die im Getreidehandel ihren bedeutsamsten Inhalt fand, ungestört
 entwickeln.
Ihren Fortgang nahm die auf dieses‘ Ziel| gerichtete
niederländische Wirtschaftspolitik in den Kämpfen, die
man mit Recht als den Streit um die Schlüssel des
Sundes bezeichnet hat und die in der niederländischen Geschichte
des 17. Jahrhunderts einen großen Raum einnehmen?). Der Vertrag
von 1544 hatte zwar die freie Fahrt durch den Sund unter Bezahlung
 der gewöhnlichen Zölle gewährt. Dänemark aber erhöhte diese
andauernd und verdarb damit den Holländern die wirtschaftliche
Ausbeutung der Ostseefahrt. In Schweden suchten und fanden
nun die Niederlande einen Verbündeten gegen jenes Verfahren Dänemarks.
 Bereits 1610 hatte Schweden, das in den Jahren vorher
die holländische Rigafahrt?) gestört und holländische Schiffe rücksichtslos
 gekapert hatte, sich den Niederländern als Verbündeten
ll Kernkamp, De Sleutels van de Sont.
?) Über die starke Stellung der Holländer im Handel Rigas vgl. auch Sie -
wert, Rigafahrer in Lübeck (1899), S. 160 ff. 1661£.

x
        <pb n="283" />
        angeboten, ohne daß zunächst die Generalstaaten Neigung zeigten,
darauf einzugehen. Erst als 1611 der schwedisch-dänische Krieg
ausbrach und die zunächst dänenfreundliche Republik durch die rücksichtslose
 Kriegsführung Christians IV. sich in ihrer Stimmung
wandelte, wandte man sich von dem König ab, der aus seiner
Abneigung gegen republikanische und städtische Gemeinwesen
kein Hehl machte und erklärte, er kenne die Niederländer nicht,
er kenne nur den König von Spanien!). Nun näherte sich auch
Lübeck den Niederlanden, da es in einem Bündnis mit ihnen
Schutz gegen Dänemark suchte, das in Nord- und Ostsee die Freiheit
 des Handels bedrohte. Im April 1614 kam es zu dem niederländisch-schwedischen
 : Bündnis, in ‚dem
gleichzeitig das lübisch-niederländische anerkannt wurde. Schweden
gab die Rigafahrt frei und bestätigte die alten niederländischen
Privilegien. Alles dies richtete sich ausschließlich gegen Dänemark.
Doch waren dem Bündnis Lübecks mit den Niederlanden im gleichen
 Jahre auch Braunschweig und Magdeburg beigetreten, was
dazu führte, daß die Niederlande sich in die damals ausbrechenden
braunschweigischen Wirren verwickelt sahen, woraus dann ein Bündnis
 der Niederlande mit der. Hanse ventstand.
Es war das letzte Mal, daß hier die Niederlande in die hansischen
Dinge eingriffen, eine Folge der dänischen Anmaßungen. Doch ließ
der Ausbruch des 30 jährigen Krieges und der Wiederbeginn des
Kampfes gegen Spanien den Vertrag nicht recht zur Wirkung kommen.
 Schwerlich würde auch wohl bei dem Verfall ihrer Organisation
 die Hanse den Niederlanden ein leistungsfähiger Bundesgenosse
 gewesen sein; Hamburg wenigstens zeigte geringe Neigung,
den Niederlanden zuliebe seine blühende Spanienfahrt aufs Spiel
zu setzen?).
Nachdem noch 1621 die Generalstaaten beschlossen hatten,
über eine Allianz mit Dänemark zu verhandeln, und Amsterdam
für dieses Bündnis großes Interesse gezeigt hatte?), haben später die
andauernden, systematischen Übergriffe Christians IV., der
nicht nur zwischen 1629 und 1639 achtmal den Sundzoll erhöhte,
sondern auch sonst Handel und Schiffahrt der anderen Nationen
*) Wiese,\S. 45:
?) Wiese, S. 131 £.
3) Elias, Amsterdamer Regenten-Patriciaat, S. 85 f.

75
18*
        <pb n="284" />
        + 2 yam— -
auf alle mögliche Weise schädigte, so durch den Glückstädter Zoll,
den Weserzoll, die Unterdrückung der Grönlandfahrt, die Niederlande,
 die in erster Linie durch solche Maßregeln getroffen wurden
und wohl auch getroffen werden sollten, zu erneutem engen Anschluß
 an Schweden 1640 genötigt!). Das han delspolitische
Ziel bestand in der Herstellung der Freiheit von Handel und
Schiffahrt zwischen Nord- und Ostsee. Wenn daneben den Niederländern
 Christian IV. verdächtig war als ein Anhänger Spaniens,
so war das doch für die realpolitisch denkenden Kaufleute kein
Grund einer feindlichen Stellungnahme; entscheidend war die von
Dänemark ausgehende Schädigung des Ostseehandels und damit
eines überaus wichtigen niederländischen Handelsinteresses. Als
dann 1644 der schwedisch-dänische Krieg ausbrach, konnte nicht
zweifelhaft sein, auf wessen Seite die niederländischen Sympathien
standen. Vor einer offenen, kriegerischen Parteinahme scheute
man jedoch zurück; man hoffte, durch politische und geschäftliche
Manöver mehr zu erreichen und billiger davonzukommen als durch
einen Waffengang. So schützte man die Schiffahrt durch Geleitschiffe,
 insbesondere die Transporte des unentbehrlichen Viehs aus
Holstein und Jütland; andererseits lieferte man Kriegsmaterial und
Schiffe an beide Kriegführende, vorzüglich aber an das verbündete
Schweden. Für den Kriegsausgang war diese Haltung der Niederländer
 entscheidend, die Niederlage der Dänen ihre Folge. Bei den
Friedensverhandlungen zeigte sich jedoch alsbald, daß zwar die
völlige Freiheit der Fahrt durch den Sund, wie sie Schweden für sich
forderte, keineswegs den niederländischen Interessen entsprach,
daß aber andererseits nur durch engeren Anschluß an Schweden der
letzte Widerstand Dänemarks zu brechen war?). Diese Politik
wurde von der Provinz Holland, in der Amsterdam die entscheidende
Stimme hatte, betrieben und durchgesetzt gegen den Widerspruch
Seelands, das dänenfreundlich war. Der Kampf um die Richtung
der Ostseepolitik, die doch rein wirtschaftlichen Charakter an sich
trug, verquickte sich damals mit dem Streit um einen anderen,
wirtschaftlich nicht weniger bedeutenden Gegenstand. Die Provinz
Holland hatte wiederholt und noch zuletzt 1644 auf die Sendung
einer großen, durch Konvoischiffe geschützten Flotte in die Ostsee
lı Kernkamp, Sleutels, S. 23 £.
2?) Kernkamp, Ss. 166.

376
        <pb n="285" />
        2 -
gedrungen. Im folgenden Jahre, 1645, sah Holland in der Aktion
in der Ostsee ein geeignetes Mittel, um den höchst unwillkommenen
Plänen Friedrich Heinrichs, der Antwerpen wieder erobern
 wollte, entgegenzuwirken!). So verband sich hier eine rein
städtische Interessenpolitik, diegegen das Schrekkensbild
 einer Befreiung des bisher kaltgestellten Nebenbuhlers
an der Schelde und damit die Schaffung einer erneuten nachbarlichen
 Konkurrenz gerichtet war, mit den schwer ausgleichbaren
Gegensätzen am Sunde, um die Republik zu dem folgenschweren
 Schritte zu bestimmen, durch eine mächtige
 niederländische Flotte" kampflos unter
den Augen der Dänen den Sund öffnen, /die
Durchfahrt wochenlang kontrollieren zu lassen und Dänemark zu
nötigen, den Angriff auf die schwedische Flotte aufzugeben?). Der
noch in demselben Jahre geschlossene Frieden zu Brömsebro
 verschaffte den Niederländern das, was ihnen im allgemeinen
schon ein Jahrhundert vorher bewilligt war; eine Herabsetzung
des Zolls auf den Tarif von 1544 fand zwar nicht statt, wohl aber
die Beseitigung‘ der verschiedenen Neben:
abgaben und eine allgemeine Herabsetzung des
Tarifs; auch erreichten die Niederländer, daß ihre Waren,
die in fremden Schiffen verfrachtet waren, denjenigen gleichgestellt
 wurden, die in niederländischen Schiffen verladen waren.
Endlich wurde der Glückstädter Zoll, der den Elbhandel belastete,
für die Niederländer abgeschafft. Waren das Zugeständnisse, die
für den niederländischen Ostseehandel sehr wichtig waren, so darf
der Erfolg nicht überschätzt werden; die Zölle waren immer noch
hoch. In Holland und Seeland war man mit dem Erreichten wenig
zufrieden; kaufmännische Unterhändler hätten wahrscheinlich
mehr erreicht?).
Mehr als an einzelnen Tarifsätzen lag jedoch den Generalstaaten
 an einem politischen Gleichgewicht zwischen Dänemark und
Schweden, das eine Gewähr für die dauernde Offenhaltung des
Sundes und einen erträglichen Zustand der Handelsverhältnisse in
der Ostsee bot. Denn das Verhalten Schwedens lehrte bald, daß es
) Kernkamp, S. 180 &amp;amp;}; vgl. auch oben S. ı5.
2 Kernkamp,5$S. 2014
3) Kernkamp, S: 228 {ffi, 245.

7
        <pb n="286" />
        ZA
ihm sehr fern lag, eine Macht wie die Niederlande weiterhin über
die Ostsee schalten und walten zu sehen. Als man in den Niederlanden
 das für den Seeschutz erhobene ‚‚Veilgeld‘““!) nicht nur von
niederländischen, sondern auch von fremden Schiffen, die niederländische
 Häfen verließen, forderte, dehnte Schweden die differentielle
 Behandlung, die es nichtschwedischen Schiffen schon seit
1634 angedeihen ließ, 1645 auf alle Schiffe aus, die schwedischen
Untertanen gehörten, aber im Ausland gebaut waren, was namentlich
 die zahlreichen in den Niederlanden gebauten Schiffe und damit
 den dortigen Schiffbau traf?). Die machtvolle Stellung, die
Schweden mit Hilfe der Niederlande jetzt in der Ostsee erreicht
hatte, gab ihm den Mut zur Verwirklichung des Planes, den gefährlichsten
 Konkurrenten, die Niederlande, ganz aus der Ostsee
zu verdrängen. Das nötigte die Niederlande, sich wieder Dänemark
 zu nähern, das gleichzeitig sein altes Verhältnis zu Spanien
und Karl I. von England aufgab?). Die bedeutende Stärkung
Schwedens durch den Westfälischen Frieden, der ihm abermals
eine Reihe guter Häfen in der Ostsee verschaffte, verbesserte das
Verhältnis zu den Niederlanden nicht; ein zwischen diesen und
Dänemark 1649 abgeschlossenes Defensivbündnis und ein Zollvertrag
 waren das Ergebnis dieser Verhältnisse. Insbesondere der
Zollvertra g ist hierfür uns von Interesse. Er bestimmte,
daß niederländische Schiffe mit Ladung durch Sund und Belt ungehindert
 und ohne Zollpflicht passieren dürften; niederländische
Waren in fremden Schiffen sollten dagegen dem Zoll unterworfen
sein; auch versprach Dänemark, keiner anderen, jetzt zollpflichtigen
Nation die Zollfreiheit zu gewähren. Dafür zahlten die Niederlande
an Dänemark jährlich auf die Dauer von 36 Jahren 350 000 fl.
(140 000 Rthir.),, außerdem sogleich ‘ einen Vorschuß von
100000 ARthlr. und nach Auswechslung der Ratifikation
abermals 200 000 Rthlr.*). In den Niederlanden besann man
sich lange, ob man diesen Vertrag, der den Sundzoll gleichsam
nn 1) Über dieses vgl. Becht, Statist. gegevens, 5. 174 ff.; vgl. oben S. 165.
2?) Kernkamp, S. 248f.
) Kernkamp, 5S. 250 ff.
% van der Hoecvenk WS. 951 Über die Verrechnung des Dänemark
gegenüber abgelösten, den niederländischen Schiffen im Ostseeverkehr aber durch
eine Sonderbelastung auferlegten Sundzolles vgl. van der Hoeven, S 106 1.:
Sickenga, Bijdrage, S. 1451f.; Becht, 5. 158 ff.

IS
        <pb n="287" />
        ablöste, ratifizieren sollte; Seeland, Utrecht, Overijssel, die am
Ostseehandel wenig oder gar keinen Anteil hatten, zeigten sich
sehr kühl; das Geldopfer schien recht bedeutend zu sein. Doch trug
Amsterdam, adas/ allein”. des ganzen Sundzolls
 bezahlte‘), schließlich den Sieg davon und am 3. März
1651 wurde der Vertrag ratifiziert. Allerdings war dieser Zollvertrag
 nicht von langer Dauer; man kehrte bald wieder zu den Verträgen
 von 1645 und 1647, also zu der Entrichtung des Zolls an
Ort und Stelle, zurück. Das Bündnis mit Dänemark aber, das der
Furcht vor der schwedischen Übermacht sein Dasein verdankte,
gestaltete sich immer fester. Daß das Streben Schwedens auf
eine wirtschaftliche Hegemonie in der Ostsee und möglichste Ausschaltung
 der Niederlande zielte, lehrte namentlich die Regierung
KarlıX. Gustavs.
Wirtschaftlich war einer der empfindlichsten Punkte des
1645 zwischen Schweden und Dänemark geschlossenen Friedens die
Schweden zugestandene völlige Zollfreiheit im Sunde. Sie benachteiligte
 die Niederlande um so mehr, als die schwedische Handelsstellung
 in der Ostsee sich allmählich immer mehr verstärkte und der
schwedische Imperialismus zusehends im Wachsen war. Vor entschiedenem,
 kriegerischem Auftreten scheuten die Generalstaaten
zurück; als die Stadt Bremen 1654 von den Schweden arg bedrängt
wurde, halfen sie ihr zwar mit Geld, auf weiteres wollten sie sich
nicht einlassen; das Interesse ihres Seehandels hielt sie von energischem
 Auftreten zurück. Wieder wirkte hierbei entscheidend
Amsterdam, diesmal allerdings in friedlicher Richtung; die andern
sechs Provinzen waren wohl geneigt, Bremen zu helfen; Holland
lehnte ab?). Noch stärker zeigte sich der schwankende Charakter
der niederländischen Politik, als 1655 die schwedischen Angriffspläne
 auf Polen und Brandenburg deutlich hervortraten; man
fürchtete für die nun gefährdete Getreidezufuhr. Deshalb wünschte
Holland ein Bündnis mit Danzig, dem wichtigsten Stapelplatz für
den niederländischen Getreidehandel. In den Bündnisverhandlungen
 mit Brandenburg fand dies handelspolitische Interesse der
Niederlande seinen unverhohlenen Ausdruck. Aber man wollte sich
1) Blok, Geschiedenis v. h. ned. Volk, V, ı1, Note 2; vgl. auch Kolkert,
S. 30 If.
2) Kolkert, S. 66.

zZ
        <pb n="288" />
        nicht verpflichten, Memel und Pillau zu schützen, da der Kurfürst
dort lästige Zölle erhob!); und der holländische Ratspensionaris
 Johan de Witt wollte von einem Krieg nichts wissen;
die schweren Schulden des englischen Krieges drückten noch auf
das Land; man plante gerade die große Zinsreduktion und wollte
sich dies Geschäft nicht durch einen Ostseekrieg verderben. Während
 aber in Amsterdam infolge der Bemühungen Beuningens,
der früher Gesandter in Stockholm gewesen war, die schwedenfeindliche
 Stimmung und die Sorge um den bedrohten Ostseehandel
wuchs, zumal das Gerücht entstand, Schweden verlange von Brandenburg
 die Erhöhung der preußischen Zölle auf den Stand der
schwedischen in Livland und eine Belastung des fremden Handels
mit 3—4%, neigte Amsterdam und mit ihm Rotterdam und Leiden
mehr und mehr einem Bündnis mit Brandenburg zu, das bisher
namentlich an der Forderung gescheitert war, der Kurfürst solle
über die Maximalhöhe seiner Zölle eine bindende Verpflichtung eingehen?).
 Nur die Furcht vor einer Einmischung Cromwells
in die Ostseeverhältnisse hemmte die Entscheidung der Generalstaaten,
 die vom Kurfürsten mehrfach darauf aufmerksam gemacht
wurden, daß es sich bei Schwedens Vorgehen nicht um Feindschaft
gegen Brandenburg, sondern lediglich um die Vertreibung der Niederländer
 aus der Ostsee handele. Trotz Amsterdams Drängen auf
schleunige Entschlüsse befragte die Provinz Holland erst Cromwell
 um seinen Rat; er lautete nicht günstig für ein kriegerisches
Eingreifen?). In dieser Angelegenheit hat die städtische und landschaftliche
 Interessenpolitik sehr unheilvoll gewirkt durch die von
ihr veranlaßte Verzögerung und Aussetzung entscheidender Entschlüsse.
 Während nach langen Verhandlungen endlich am 27. Juli
1655 der Vertrag der Niederlande mit Brandenburg
 zum Abschluß kam, in dem der Kurfürst versprach, die
Niederländer in seinen Häfen nicht höher belasten zu wollen als
jetzt, es sei denn aus „höchster Not“ und im gemeinsamen Interesse
und mit Zustimmung beider Kontrahenten, stritt Amsterdam mit
der Provinz Holland über die Aufhebung des Last- und Veilgeldes
und ihrer Direktion, die nach Amsterdams Meinung nur minder-1
 Kolkert, S./SIM.
3olkert, S. 921. 1041.
3) Kolkert, SS. 106.

780
        <pb n="289" />
        wertige maritime Leistungen zutage gefördert habe und deshalb
durch die Landadmiralitäten zu ersetzen sei; bevor das nicht geschehen,
 wollte sich das im übrigen schwedenfeindliche Amsterdam
auf die Bewilligung der Kosten nicht einlassen!). Erst nachdem
Amsterdam kurzerhand die Erhebung des Last- und Veilgeldes bei
sich aufgehoben hatte, einigte man sich über die Ausrüstung; sie
geschah aber vorsichtigerweise nicht offiziell seitens der Republik,
sondern unter dem Schein eines privaten Unternehmens; auf diese
Weise wurden die widerstrebenden, dem Seehandel fernstehenden
Provinzen von außerordentlichen Beisteuern für die Ausrüstung befreit.
 Auch weiterhin ließ sich Holland unter Amsterdams Leitung
nicht durch die Bedenken der anderen Provinzen von dem Ziel,
dem Schutz des Ostseehandels, ablenken. Man kannte überdies in
den kaufmännischen Kreisen Amsterdams den schlechten Stand der
schwedischen Finanzen. Trotzdem gelang es Amsterdam nicht, die
Generalstaaten und Johan de Witt zu. entschiedenem Vorgehen
 zu bestimmen, als K arl X. nun Polen offen angriff, den
Zoll in Riga erhöhte und auch vor Danzig einen Zoll zu erheben
sich anschickte?). Das alles erregte zwar erhebliche Unruhe in den
niederländischen Seestädten; man wünschte, daß der Kurfürst Herr
der preußischen Häfen bleibe; das einzige aber, was geschah, war
die Ratifikation des Vertrages mit Brandenburg am 28. Oktober 1655,
also ein Federzug. Schon etwas mehr bedeutete es, daß nun auf
Hollands Drängen im November der Kurfürst die ersten Subsidiengelder
 erhielt?). In den niederländischen Regierungskreisen war
man sich ja völlig klar darüber, daß es sich um die Integrität Brandenburgs
 handelte und daß ein Bündnis des letzteren mit Schweden
auf alle Fälle verhütet werden müßte, damit nicht die preußischen
Häfen auch in schwedische Hände fielen, was für die niederländischen
Handelsinteressen höchst nachteilig sein mußte. Trotzdem feilschte
man mit dem dringend um Unterstützung bittenden Kurfürsten in
der Hoffnung, durch von ihm zu machende Zugeständnisse festen
Fuß in den preußischen Häfen zu fassen. Man bewilligte ihm wohl
die erbetenen 200 000 Rthlr., aber außer den Zinsen von 6!/,%
forderte Holland als Unterpfand nicht allein den Ertrag des Pillauer
ı) Kolkert,S. ı59 If:
2 Kolkert,; S. 176.
3) Kolkert, 8.213.

8:7
        <pb n="290" />
        Zolls, sondern auch die volle Verfügung über die Einkünfte in den
Cleveschen Städten, ferner die Besetzung des Forts in Pillau durch
eine niederländische Garnison und die Anstellung niederländischer
Kontrollbuchhalter in Königsberg, Pillau und Memel!). Bevor man
sich hierüber geeinigt hatte und während man in den Niederlanden
noch über die zu leistende Hilfe stritt — Seeland wollte nichts tun,
was zum Bruch mit Schweden führen könnte —, machte der von
Schweden erzwungene Vertrag mit Brandenburg vom 1%. Januar
1656 allen Erwägungen in den Niederlanden ein Ende; der Kurfürst
 mußte auf das holländische Bündnis verzichten und die Hälfte
des Pillauer und Memeler Zolls an Schweden abtreten. Gerade
das, die Festsetzung Schwedens in den preußischen Häfen, war es
aber, was man in den Niederlanden hatte verhindern wollen. Wenn
es nicht möglich gewesen war, so trug einen Hauptteil der Schuld
daran die schwächliche, nur von kleinen handelspolitischen und
finanziellen Gesichtspunkten beherrschte Handlungsweise der Niederlande;
 sie hat ihnen selbst wirtschaftlich sehr geschadet und den Ruf
ihrer staatspolitischen Einsicht nicht gefördert. Nur der überaus
waghalsigen Politik Karls X. war es zu danken, daß schon 1658
den Niederländern Gelegenheit gegeben wurde, ihre kraftlose
Politik durch offenes, kriegerisches Eintreten für das abermals bedrohte
 Dänemark wieder gut zu machen und nun Schweden zum
Frieden zu nötigen. Damit war endlich dem einem entschiedenen
Auftreten in der Ostsee zuneigenden Amsterdam Genüge getan
und die Folgen der wirtschaftlichen Schlappe von 1656, die der
Stellung der Niederlande in jenen Gebieten überaus nachteilig war,
beseitigt?).
Wenn wir uns nun dem tatsächlichen wirtschaftlichen
Machtverhältnis den Niederländer in der Ost-See
 zuwenden, so sind Mitteilungen darüber erschwert durch den
Mangel an einer festen Organisation des Handels nach dem Osten,
wie es beim Ostindischen Handel und in geringerem Maße auch
beim Levantehandel der Fall war. Erst am Ende des 17.
Jahrhunderts schlossen sich in Amsterdam die am Ostseehandel
 interessierten Kaufleute und Reeder zu einer „Directie
van den Oosterschen Handel en Reederi]j Zzu-Hasolkert,
 Ss. 229.
2) Blok, Geschiedenis v. h. ned. Volk, V, ı20 ff.

282
        <pb n="291" />
        A 283 —
sammen; insbesondere nach Ausbruch des spanischen Erbfolgekrieges
 sah man sich in Amsterdam genötigt, die gemeinsamen
Interessen fester zusammenzufassen und die bisher sehr lose Organisation
 zu einer ständigen zu machen. Drei Kaufleute und drei
Reeder bildeten die Direktion. Sie vertraten die Interessen des Ostseehandels
 gegenüber der Regierung, warnten im Notfall die Kauffahrteischiffe
 vor Gefahren, hatten ein Auge auf die speziellen Handelsangelegenheiten,
 wie den Handel mit Getreide und Holz; in
Riga unterhielten sie einige Leichter. Eine kleine Abgabe für die
in diesem Verkehr fahrenden Schiffe erfüllte die finanziellen Bedürfnisse
 der Organisation. In Hoorn bestand eine ähnliche Einrichtung,
 die zeitweise mit der Amsterdamer Hand in Hand ging).
Für die Blütezeit des niederländischen Ostseehandels sind wir
in erster Linie angewiesen auf die Nachrichten, die uns über den
Verkehr im Sunde vorliegen?). Da dieser die Ein- und Ausgangspforte
 für den Ostseeverkehr bildete, ist die dort erhobene Statistik
zweifellos eine überaus wichtige Quelle für den Verkehr der einzelnen
 die Ostsee befahrenden Nationen und ganz besonders für
die Nationen, die, wie die Niederlande, nicht selbst an der Ostsee
ihren Wohnsitz hatten. Aus diesem besonders wertvollen Material
ersehen wir nun zunächst die für die niederländische Wirtschaftsgeschichte
 bedeutsame Tatsache, daß in der ganzen Zeit
zwischen 1578 und 1657’) der Verkehr der niederjändischen/Schiffeidurch
 den Sund nach beiden
 ARichtungen weitaus. der größte unter
allen dort vertretenen Flaggen gewesen ist.
Aber auch über den durch die niederländische Schiffahrt vermittelten
 Warenverkehr geben uns die Sundzollisten willkommene
 Aufschlüsse. In dem westwärts gerichteten
Verkehr übertraf alle anderen Waren das Getreide, und
unter diesem der Roggen; am geringsten waren die Beförderungsziffern
 für Hafer®). Natürlich schwanken auch hier, wie beim Schiffs-Be
 1) van Brakel, De directie etc., S. 329 ff.
23) N. E. Bang, Tabeller- TI, II.
3) Die Jahre 1632 und 1634 fehlen in den Tabellen; die Jahre 1650—52 fallen
für die Niederlande aus infolge des oben erwähnten Vertrages von 1649, demzufolge
 der Sundzoll abgekauft wurde.
4) Vgl. die Liste oben S. 163.
5) Vgl. die Liste S. 284f. Für die frühere Zeit vgl. Unger, S. 362 f.
        <pb n="292" />
        — 254 —
verkehr, die Zahlen stark; die beiden Höhepunkte stellen die Jahre
1618 und 1649 dar. Einzelne Zahlen erklären sich leicht aus den
Verhältnissen; so die starken Rückgänge der Zufuhren in den Jahren
1624, 1625, 1629, 1630 aus den schlechten Ernten in Polen!), so der
fast völlige Ausfall 1645 aus dem damaligen kriegerischen Zustand
am Sunde. Die Periode des 1ı2jährigen Waffenstillstandes zeigte
besonders hohe Getreideeinfuhren, was sich auch aus den gesicherteren
maritimen Verhältnissen erklärt. Hinter den in niederländischen
Schiffen beförderten Getreidemengen standen die mit anderen
Schiffen transportierten Ladungen weit zurück. Es ist wohl anzunehmen,
 daß ein sehr großer Teil dieser mit niederländischen Schiffen
beförderten Getreidemengen nach den Niederlanden ging, ein
Teil weiter nach Spanien, Portugal, Frankreich. Unter den sonst
westwärts in niederländischen Schiffen beförderten Waren traten
mit nicht unerheblichen Mengen auf: Hanf, Flachs, Werg, Holz in
den verschiedensten Formen (Klapholz, Dielen, Planken, Masten
usw.), Asche, Pech, Teer, Potasche, Häute, Eisen, Kupfer, Blei usw.
In niederländischen Schiffen passierte Getreide den Sund westwärts (in Lasten).
Jahr Roggen Weizen Hafer Gerste insgesamt
I59I1 26 995 2 258 2821 625 32 699
1592 26 880 2235 2 168 139 311422
1593 39 527 2 411 3258 ‚| 574 45 770
1594 27/163 3 800 2 475 ; 580 34 018
1595 25 878 3,787 2 393 973 33/031
1596 28 157 2179 | 2241 1122 33 699
1597 38 874 4 060 2533 / 408 45 875
1598 43 748 9 855 I 515 2 55 120
1599 25547 3 611 11030 0 191 30 452
1600 1 39.774 2 768 653 164 34 359
1601 33 439 2 I9I 632 12 36 274
1602 22 596 3 249 | 35 I5 ] 25 895
1603 31 887 3.167 335 = 5337
1604 24 067 I 268 305 ZT 25 640
1605 28 721 700 1 165 82 30 664
1606 29 524 2 087 1287 68 32 966
1607 | 44 276 8 120 3 155 41 55 592
1608 72 094 5 602 2 146 | 558 + 80 400
1609 34 689 5 036 I 844 100 | 41 669
1610 27.047 / 3 088 3 461 282 33 878
3) Vgl. auch oben S. 159.

CC
Er:
        <pb n="293" />
        Jahr | Roggen ‚ Weizen Hafer Gerste insgesamt
1611 26 313 3 749 3.271 73 33 406
1612 38 781 3 929 3 924 948 47 582
1613 27 799 2 019 I 749 416 31 983
1614 55 409 3 897 I 955 226 61 487
1615 33 592 2 244 3 236 772 39 844
1616 28 300 2 098 I 729 244 32371
1617 31 901 3 662 I 161 247 36 971
1618 ' 83 606 13 164 6 053 4 247 107 070
1619 81 132 12 636 4 603 3ır2 99 483
1620 * 66 043 15 613 7381 1308 90 345
1621 68 593 II 626 5 414 136 85 769
1622 51 119 5 787 5 253 369 62 528
1623 | 33679 5 165 4 247 190 43 281
1624 20 210 3,132 I 500 384 25 226
1625 | 20 318 4 245 2 060 580 27 203
1626 | 36082 4 480 2 964 1142 44 668
1627 19 257 3 890 3 436 493 26 987
1628 12 389 I 70I 3 096 48 17234
1629 5 643 829 2 513 = 8 985
1630 6 929 942 I 013 57 8 941
1631 23 874 5 608 I 828 87 31 797
1633 36 477 7 401 3 161 1404 48 503
1635 2: 32840 8 046 2 484 575 43 945
1636 42 245 9971 7 716 829 60 761
1637 / 20 930 7 064 II 975 1052 41 021
1638 '* 28288 8 165 2 568 977 39 998
1639 36 153 I2 123 7237 357 55 870
1640 ı 34516 13 430 7387 73 55 406
1641 45 533 I4 513 10 533 384 70 963
1642 35 374 15 084 II 030 327 61 815
1643 47.173 20 410 I5 348 215 83 146
1644 | 52 015 16 384 31211 242 ) So 752
1645 515 88 329 — | 932
1646 31323 11,726 8 488 241 51 778
1647 36 696 13 654 6 961 142 57 553
1648 . N 42 416 16 681 6 414 807 66 318
1649 1 76 592 20 256 8 721 2259 107 828
1650—52 zZ — — — ——
1653 15 179 5 423 3 400 44° 24 442
1654 34 294 II 144 6 063 326 51827
1655 45797 B 7 23,480 2 999 123 62 399
1656 27181 8872 1.741 | 280 38 074
1657 ! 159111 4 444 780 55 2I1 I90

285
        <pb n="294" />
        Ostwärts bildeten die Ladungen der niederländischen Schiffe
namentlich Salz, Weine, gewebte Stoffe, Seide, Baumwolle, Kolonialwaren,
 Heringe und andere Fische. Unter den Massenladungen
überwog das Salz; was iniwestlicher Richtung das
Getreide war, das warlin östlicher das Salz.
Niederländische Schiffe beförderten Salz:
Last Last Last Last
1600: 22 795 1614: 23336 1628: MS 0540 1 1644: 21821
1601: I934I 1615: 22 588 1629: 25026 1645: 696
1602: 9233 1616: 22 524 1630: 8694 1646: 23 114
1603: 15 885 1617: 28 860 1631: 13371 1647: 35212
1604: I3 985 1618: 30/732 1633: I4 394 1648: 24 007
1605: 13 162 1619: 22812 1635: 18 136 1649122 279
1606: I4 459 1620: 25 006 1636: 18 215 1650—52: —
1607: I4 896 1621: 211871 1637: 17 009 1653: 8338
1608: 24 681 1622: 241645 1638: 30 156 1654: 20 448
1609: 29 142 1623: 48 681 1639: 25 337 1655: 22 486
1610: 18 769 1624: 32 860 1640: 20 431 1656: 20 522
1611: I9 257 1625: I9 109 1641: 21 106
3612: 1141290 1626: 27.694 1642: 30 002
1613: 20 121 1627: 16931 1643: 28015
Die schlechten Getreidejahre haben auch auf die Salzausfrachten
 ihre ungünstige Wirkung gehabt.
Bedeutend waren ferner die ostwärts gehenden Rheinweintransporte
 in niederländischen Schiffen, wie folgende Liste zeigt.
Ohm Ohm Ohm Ohm
1589: 1356 | 1603: 2596 | 1617.14 349 “4632: .37755
1590: 1536 1604: 4767 1618: 7.9015 1633: 11809
1591: 2566 1605: 6521 1619: 111.070 1635: 1804
1592: 2586 1606: 4299 1620: I0 571 1636: 2551
1593; 3267 1607: 3447 1621: 8 402 1637: 12320
1594: 2771 1608: 4294 1622: 7 286 1638:1 2975
1595: 2812 1609: 4500 1623: 4854 1639: 3815
1596: 2069 1610: 3912 1624: 7591 1640: TI 396
1597: 1768 1611: 4882 1625: 7799 1641: 3249
1598: 3040 1612: 7511 1626: 1266 1642: 2891
1599: 4081 1613: 6306 1627: 1479 1643: 47255
1600: 3892 1614: 5253 1628: 857 | 1644: 113/662
1601: 3243 1615:/4723 1629: 1203 ı 1646: 3 421
1602: 2819 1616: 5338 1630: 37118

286
        <pb n="295" />
        — 287 —
Rheinwein wurde fast ausschließlich von niederländischen
Schiffen befördert, was Zeugnis ablegt von der hohen Bedeutung
des Rheinverkehrs für die deutsche Weinausfuhr. XNur bei der
Beförderung der „anderen Weine‘‘, also französischer, spanischer
usw., waren auch englische, hamburgische, lübische, Danziger usw.
Schiffe beteiligt.
Stark war auch der Transport von Kolonialwaren, die meist
zusammen genannt werden (Pfeffer, Reis, Zucker, Indigo, Tabak);
so in niederländischen Schiffen:
1637: 939 226 Pfund (insgesamt: 994 784 Pfund)
1638: 143176588 » 1672 506;
1640: 1200995 0 1343098. .,
1643: 2055463 nn z 188.030 ,.
1647: I 908 909 7) MM 2 044 351
1648: 1081 111 x I 305 903
Auch Baumwolle und Seide kamen meist mit niederländischen
Schiffen, so 1643: 11928 Pfund (insgesamt 15733 Pfund); 1648:
15336 Pfund (15 790 Pfund).
Waren alle diese ostwärts gehenden Waren keine eigentlichen
niederländischen Produkte — auch das Salz war wohl meist nur
in den Niederlanden raffiniert oder direkt aus Frankreich, Spanien
und Portugal ausgeführt — so. waren die in den ostwärts gehenden
Transporten eine große Rolle spielenden ‚‚,gewebten Stoffe‘ wohl
meist Erzeugnisse der ‚niederländischen Textilindustrie. Aus den
folgenden Ziffern, die diese Transporte in niederländischen Schiffen
wiedergeben, ersieht man die starke Zunahme dieser nach den Ostseeländern
 gerichteten Exporte:
Stück!) Stück Stück Stück
1596: I 853 1606: 6200 | J616: :5 530 IM 1626: 27577
1597: 3897 1607: 9389 1617: 5042 1627: I90 414
1598: 74555 1608: ı1221 1618: 26 699 1628: 20 310
1599: 6858 1609: 12 361 1619: 34 758 1629: 16 256
1600: 5358 1610: 9839 1620: 22 467 16030: 32512
1601: 3441 1611: 9,330 1621: I9 830 1631: 36 204
1002: 1343 1612: I3 399 1622: 29 284 1633: 32 149
1603: 947 1613: 68092 1623: 56 049 1635: 33 099
1604: 415I 1614: 8056 1624: 52 324 1636: 70 285
1605: 42ITI 1615: 5226 1625: 31 416 1637: 40 936
1) Außerdem kleinere Mengen in ‚„Packen‘“‘.
        <pb n="296" />
        Stück Stück Stück Stück
1638:134878 1643: 44092 1648: 29 089 1655: 10326
1639: 34 230 1644: 40 028 1649: 30 417 1656: 9916
1640: 22 955 1645: 34 1650—52 —
1641: 40842 U 1646; 37744 1653: 9902
1642: 35 106 1647: 37650 | 1654: 34 417
Bis zum Jahre 1627 übertrafen die in englischen Schiffen beförderten ‚,gewebten
 Stoffe‘, also Textilwaren, an Zahl die in niederländischen Schiffen beförderten
 gleichartigen Waren und zwar meist recht erheblich. In dem genannten
Jahre betrug aber die Beförderung in englischen Schiffen nur 12 233 Stück. Bis
1642 schwankte das gegenseitige Verhältnis; noch in diesem Jahre wurden in niederländischen
 Schiffen 35 106, in englischen 40 159 Stück befördert; von 1643 bis 1649
aber (außer dem Kriegsjahr 1645) war die niederländische Beförderung weit höher,
eine Folge des englischen Bürgerkrieges. Noch 1656 war die englische Zahl nur
7272 Stück.
Auch die Produkte der niederländischen Landwirtschaft erscheinen im ostwärts
 gehenden Verkehr; so beförderten niederländische Schiffe 1595: 35, 1605:
166; 1615: 354, 1625: 2384, 1635:1793, 1646: 817 Schiffpfund Käse.
Schließlich sei noch der Hering im niederländischen Schifffahrtsverkehr
 nach der Ostsee genannt; die Beförderung dieses
Artikels lag überwiegend in den Händen der Niederländer. Sie
betrug in Lasten:
1596: 4277 Ma 611: 9304 1626: 52540008 1643: So50
1597: 6520 1612: 10388 0 :627: 4258 1644: 10 440
1598: 7671 1613: 7353 1628: 4 733 1645: 252
1599: 8454 1614: (7.797 01629: 5571 1646: 7882
1600: 7065 1615: ©6606 1630: 17194 1647: 98092
1601: 17223 16: 06974 1631: {85 472 1648: 9 505
1602: 11 507 22547 1033: 44 867 1649:11 8028
1603: 9542 1618: 5080 1035: 25 921 1650—52: —
1604: ©6086 16190: 211823 1636; 18 391 1653: 2415
1605: 5125 1620: 087 805 16037: 45 471 1654: 9410
1606: 5 282 1621: 9004 1638: 8,035 1655: 15024
1607: W585 536 1622: 4290 1639: 9.487 1656: 2519
1608: 8 1623: 7.881 1640: 67253 1657: 3039
1609: 1024: 9021 1641: 5080
1610: 821518 1625: 10534 1642: 8841
Im allgemeinen behauptete sich also der holländische Hering
auf dem Ostseemarkt, obwohl ihm hier schon, wie auch aus den
Sundzollregistern hervorgeht, zeitweilig in dem schottischen und
norwegischen Hering starke Konkurrenten erwuchsen.

288
        <pb n="297" />
        —- 25) —
Aus den mitgeteilten Zahlen erkennt man den hohen Wert,
den der Ostseeverkehr für die Schiffahrt, den Zwischenhandel, die
Industrie, die Fischerei und die Landwirtschaft, d. h. für das gesamte
 Wirtschaftsleben der Niederlande besaß, und daß die kriegerischen
 und politischen Bemühungen dieses Landes, die Straße
durch den Sund offenzuhalten, in überaus wichtigen materiellen
Interessen wohl begründet waren. Aber nicht nur durch die genannten
 Mittel suchten die Niederlande sich den Weg in die Ostsee
zu sichern. An den zahlreichen Projekten, die seit dem 16. Jahrhundert
 dahin zielten, durch Mecklenburg einen die
Ostsee mit der Elbe verbindenden Schififahrtsweg
 zu bauen, waren die Generalstaaten wiederholt
 beteiligt; sie erboten sich gegen Ende des 16. Jahrhunderts,
eine solche Wasserstraße auf eigene Kosten zu bauen. Noch 1645
verhandelte Mecklenburg in dieser Sache mit den Generalstaaten.
Als Wismar, der beste mecklenburgische Hafen, 1648 an Schweden
fiel, verloren die Generalstaaten das Interesse an dieser Angelegenheit‘).

Mit Dänemark kam es noch einmal in der zweiten Hälfte
des Jahrhunderts zu einem Zwist, der 1685 zu ernsten Schädigungen
des niederländischen Handelsverkehrs, insbesondere des Holzhandels
 führte. Erst der Vertrag von 1688 stellte das gute Einvernehmen
 wieder her, was sicher im Interesse des niederländischen
Handels war; auch die Industrie legte Wert darauf, u. a. auf den
Absatz von Seidenwaren?).
Nachdem in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts der Ostseehandel
 der Holländer sich weiter vermehrt hatte, da die britische
Navigationsakte ihren Überseehandel stark beeinträchtigte, ging
er im 18. Jahrhundert mehr und mehr zurück, um nach dem englischen
 Kriege völlig vor dem Englands zu kapitulieren®).
Sehr eng waren von altersher die wirtschaftlichen Beziehungen
 zum Deutschen Reich. Hier verband sich
l) Vgl. Stuhr, Der Elbe—Ostseekanal, S. 42—47 f.
2) Vgl.den Tex, Jacob-Hop, S. 824€; van der Hoeven, Bijdrage,
 S. I14.
3) Es passierten den Sund 1780: — engl., 2058 holl. Schiffe; 1781: 2021
engl., ırı holl. Schiffe; 1785: 2535 engl., 1571 holl. Schiffe; 1790: 5788 engl., 2009
Baasch, Holländische Wirtschaftsgeschichte,

19
        <pb n="298" />
        die unvergängliche Stammesgemeinschaft und die frühere, noch
nicht vergessene Zugehörigkeit zum Reich mit den Vorteilen der
geographischen Lage, die Deutschland zu dem natürlichen Hinterland
 der die Rheinmündungen beherrschenden Niederlande machten.
 Ohne Deutschland hinter sich wäre dieses Land niemals zu
der Blüte aufgestiegen, die es erreichte; denn wenn auch in Deutschland
 keine Schätze Indiens zu holen waren und es für längere Perioden
 des hier in Betracht kommenden Zeitraums eın verarmter,
ebensowenig absatzfähiger als kaufkräftiger Nachbar war, so bot
es doch durch seine weite Ausdehnung, seine Bodenschätze und
Landesprodukte, endlich durch seine Eigenschaft als Durchgangsland
 nach der Schweiz, Italien, Ungarn, Polen usw. eine solche
Fülle von Erwerbsmöglichkeiten und Anknüpfungen, daß unbestritten
 Deutschland als dasjenige Land_in
Europa zu bezeichnen st. das für die niıederländische,
 Wirtschalilti das wichtieste war. | Allerdings
 verzettelten sich die wirtschaftlichen Verbindungen mit
Deutschland in eine unendliche Menge kleiner Kanäle und Wege,
zeigten aber gerade dadurch die große Mannigfaltigkeit dieser Beziehungen.
 Schon durch die bunte staatsrechtliche Gestaltung
des Heiligen Römischen Reichs erfuhren auch die wirtschaftlichen
Beziehungen eine erstaunliche Vielseitigkeit. Eine besondere Note
erhielten sie aber dadurch, daß sie niemals zu Kriegen geführt
haben; die Niederlande haben seit ihrem Bestehen als unabhängiger
Staat stets in friedlichem Verhältnis zu dem Reich und seinen
einzelnen Mitgliedern gestanden. Die Beteiligung der Bischöfe
von Köln und Münster an dem Raubkrieg Ludwigs XIV. im Jahre
1672 ff. bildet eine unerfreuliche Ausnahme; den preußischen Zug
nach Holland 1787 wird man kaum als Krieg bezeichnen können.
Dieses friedliche Einvernehmen schloß freilich nicht aus, daß zwischen
 den Niederlanden und einzelnen deutschen Gebieten Wirtschaftskämpfe
 bestanden haben.
Mit den Erbländern des Reichsoberhaupts,
des Kaisers, hatte die Republik keine _ unmittelbare
Grenznachbarschaft. Dennoch hat man in den! Niederholl.
 Schiffe; 1793: 3478 engl., 807 holl. Schiffe (Kluit, Jets, S. 152 f., 334 f.;
Pringsheim, Beiträge, S. 24). Von Petersburg fuhren 1780 nach Holland
22, nach England 467 Schiffe (Kluit, S. 153).

290
        <pb n="299" />
        — 201 —
landen jene Gebiete nie aus den Augen verloren und ihre wirtschaftliche
 Bedeutung wohl zu schätzen gewußt. Namentlich aber war man
auf eine Verbindung durch jene Lande/mit der
Türkei bedacht, eine Verbindung, die wegen der Unsicherheit
des Seeweges mehr und mehr notwendig erschien. Im Jahre 1692
kam es sogar zu dem Projekt eines Handelsvertrages zwischen
dem Kaiser und den Niederlanden, der diesen einen zwar nicht
zollfreien, aber doch ungehinderten Durchgangsverkehr mit der
Türkei verschaffen sollte. Dieser interessante Plan, der ein neuer
Beweis von dem weitschauenden wirtschaftlichen Blick der Holländer
 war, kam nicht zur Ausführung; den Österreichern schien er
doch wenig Nutzen zu bringen, und man glaubte, für den eigenen
Handel der Erblande der Holländer entbehren zu können!). Noch
bei den Friedensverhandlungen zwischen dem Kaiser und der Pforte
1699, bei denen die Generalstaaten die Vermittler waren ‚zum
ewigen Ruhm des Staats und großem Vorteil für unsere Levantehändler‘“‘,
 bemühten sich die Holländer, einen Handelsvertrag für
den Verkehr auf der Donau und dem Schwarzen Meer zu erhalten,
um den Handel nach der Levante im Kriegsfall über Deutschland
leiten zu können. Man erreichte aber nichts, da alle Kassen des
Staats wie auch der Direktion des Levantehandels erschöpft waren?).
Wichtiger ‘als die in diesen Plänen  hervortretenden
Bestrebungen nach Erleichterung des Levantehandels und für die
Benutzung des Donauweges war doch für die Niederlande und ihre
wirtschaftlichen Beziehungen der Rh eein®). Erstand an erster Stelle
unter den Mitteln, die dem Verkehr und Handel zwischen den
Niederlanden und Deutschland dienten. Sein Unterlauf gehörte
den ersteren, und damit geriet der ganze Rheinverkehr berg- und
talwärts in eine wirtschaftliche Abhängigkeit von dem Mündungsı)
 v. St bik.Staatsverträge, S..277 ff van der Heim; 1, 1241.
?) J.H.Hora-Siccama, 5. 50ff., 169. Noch 1803 bemühte. sich. der;
batavische Gesandte in St. Petersburg, Dirk van Hogendorp, um Rußlands
 Unterstützung bei der Pforte zur Erlangung der freien Fahrt der holländischen
 Schiffe durch die Dardanellen (Sillem, Dirk v. Hogendorp, S. 154).
3) Vgl. Fr. List, Das nat. System, S. 70: ‚„„‚Hollands Handel hat in dem
Flußgebiet des Rheins und der tributären Ströme desselben seine Wurzeln; und
um so viel reicher und fruchtbarer dieses Stromgebiet im Vergleich mit dem der
Weser und der Elbe war, um so viel mehr mußte der Handel Hollands den der
Hansestädte übertreffen.‘

19*
        <pb n="300" />
        lande, das sich nicht immer der Pflichten bewußt gewesen ist, -die
es als solches den Ländern des mittleren und oberen Laufes schuldete;
 sowohl in wirtschaftlicher wie technischer Hinsicht hat es
den Rhein, der ihm als Gabe des deutschen Hinterlandes in den
Schoß fiel, vielfach vernachlässigt und dadurch dazu beigetragen,
daß dieser Strom jahrhundertelang nicht die Rolle im Wirtschaftsleben
 des ganzen Stromgebiets gespielt hat, die ihm zukam. Gesündigt
 ist in dieser Beziehung freilich auch auf seiten der übrigen
Rheinuferstaaten worden‘).
Ohne den Rhein war ja ein großer Teil des niederländischen
Zwischenhandels gar nicht denkbar. Rheinaufwärts gingen Kolonialprodukte,
 Fische, Salz, Butter, Käse, Öl, Tran, Wolle, Felle usw.°).
Noch wichtiger war für die holländische Aus- und Durchfuhr der
Rhein. Die Rhein- und Moselweine, Eisen, Holz, Steine, Tras,
Galmei, Getreide usw. kamen rheinabwärts nach Rotterdam,
Dordrecht, Amsterdam und wurden von hier aus weiter verschifft,
soweit sie nicht in den Verbrauch des eigenen Landes übergingen.
Im Jahre 1667/68 wurden nicht weniger als 109 390 Pfund Galmei
von Amsterdam ausgeführt?); sie werden, da die Einfuhr zur See
nur 700 Pfund betrug, vom Niederrhein gekommen sein. Ebenso
kamen die Elberfelder Garne damals mit 57752 Pfund von Amsterdam
zur Ausfuhr, zweifellos auch auf dem Rheinwege*). In Rotterdam
bestand im 18. Jahrhundert ein zu den größten europäischen Stahlund
 Eisenwarenhäusern zählendes Unternehmen: Joh. Hart-Cop,
 später J.F. Hoffmann ; die Inhaber stammten aus dem
Bergischen und bezogen das Rohmaterial für ihre Handlung und
Fabrikation, fertiges Stab- und Reckeisen, aus Deutschland, sicherlich
 auch mittels der Rheintransporte®). Noch viele andere
Beispiele von Bezügen über den Rhein ließen sich anführen®). Der
1) Über den Rhein und das niederländische Stromgebiet vgl. Blink,
Nederland, 1, S: 262 ff.
?) Vgl. die Liste der rheinaufwärtsgehenden Lebensmittel 1582: Japikse,
Resolutien, III, S. 489.
3) Brugmans, Statistiek, S. 139.
%) ‚Ebenda SS. z44;  vel. vv. Ranke, 5.43.
5 Hoffmann; S. 94 ff:
6) Im ausgehenden Rotterdamer Verkehr nahm um die Mitte des 18. Jahrhunderts
 Deutschland die erste Stelle ein; 1753 gingen nach Deutschland Waren
im Werte von 4 493 242 fl., außerdem nach Hamburg usw. für 270 521 fl., der Wert

202
        <pb n="301" />
        Mittelpunkt dieses rhein-holländischen Verkehrs war Köln. Was
Hamburg den Holländern für den Elbhandel, was
ihnen Königsberg und Danzig für den Ostseehandel
 waren, das bedeutete für sie im Rheinhandel
Köln. Hier saßen die niederländischen Faktoren und Kommissionäre;
 diese brachten allmählich einen nicht geringen Teil der
Rheinausfuhr in ihre Hände, so die Ausfuhr des Eifeleisens, den
Handel mit rheinischen Tuff- und Mühlsteinen, die direkt von
niederländischen Schiffen aus Andernach geholt wurden‘).
Bekannt ist und braucht hier nicht näher auseinandergesetzt
zu werden, daß der Rheinstrom wie alle anderen deutschen
Flüsse seit dem Mittelalter mit einer großen Anzahl von
Zöllen versehen war, die den Verkehr auf dem Strom schwer
belasteten. Hin und wieder wurden diese Zölle hier ermäßigt, dort
verlegt; im wesentlichen ist bis ins 19. Jahrhundert hieran wenig
verändert worden. Auch die Niederlande waren an diesen Zöllen
beteiligt. Den Beginn ihrer Freiheitsbewegung bezeichneten sie
alsbald durch eine neue Erschwerung des Verkehrs. Hatte schon
Alba in seinem Kampf gegen die Aufständischen allen Handel
nach Holland und Seeland und den Weg ins Reich und an den Rheinstrom
 gesperrt, so führten dann die Vereinigten Provinzen ebenso
wie die Spanier, da jene Sperre sich wirksam doch nicht aufrechterhalten
 ließ, eine Steuer (Lizenten) ein, gegen deren Zahlung man
frei passieren durfte?). Das war die erste Erschwerung des Rheinverkehrs,
 die unter der Republik erfolgte und die in den Rheinlanden
als überaus drückend empfunden wurde?). Diese Transitzölle,
anders lassen sie sich nicht bezeichnen, brachten zwar den Niederlanden
 — denn die Spanier waren bald nicht mehr in der Lage,
hier Abgaben regelmäßig zu erheben — eine gute Einnahme; sie
dienten außerdem dazu, den Verkehr auf dem Rhein nach ihrer
Willkür zu regulieren und die deutschen Kaufleute nach Belieben
vom aktiven Handel auszuschließen. Auch unter dem Namen von
‚„Wegegeldern“‘ wurde der deutsche Rheinhandel bedrückt; so wurdes
 gesamten Ausfuhrhandels betrug ı5 271 687 fl., erst hinter Deutschland kam
England mit 3 497 705 fl. (Dobbelaar, Een statistiek, S. 212.)
) v. Ranke, S. 37, 60 4: 66.
?) Gothein, Geschichtliche Entwicklung, S. 4 f.
3) Haepke, Niederländ. Akten, II, S. 362 (1585):

&amp;gt;03
        <pb n="302" />
        204 —
den 1622 auf das durch- und auspassierende Vieh solche Gelder
gelegt und 1630 Lizenten in Wesel, Emmerich und Rees erhoben;
sie wurden erst 1636 wieder beseitigt. Den 1678 von Brandenburg
an Wilhelm II. von Oranien abgetretenen Zoll und Lizent
von Gennep verlegte letzterer auf holländisches Gebiet nach Grave‘).
Nach Wilhelms Tode forderte Preußen aber die Rückverlegung
des Zolls nach Gennep, und, als die Generalstaaten das verweigerten,
wurde auch in Gennep der Zoll erhoben, also verdoppelt, ein Beispiel,
wie man in jener Zeit mit Zöllen umging?).
Da infolge der schweren Belastung des Rheinweges der Rheinhandel,
 der nach dem Westfälischen Frieden zunächst einen erfreulichen
 Aufschwung nahm, allmählich und namentlich seit den
1670er Jahren mehr und mehr sich dem Landwege zuwandte, fehlte
es nicht an Projekten, diesem Mißstande ein Ende zu machen. Man
erkannte doch in den niederländischen Handelskreisen, daß man
mit dem rücksichtslosen Grundsatz, wie ihn noch de la Court
in seinem „Interest van Holland‘ 1662 aussprach?), man
müsse die Binnenschiffahrt, namentlich diejenige mit schweren
Gütern, die den Landweg nicht nehmen könnten, stark belasten,
da man die Flüsse ‚„‚in unserer Gewalt habe‘, nur sich selbst schädigte.
 Denn ein großer Teil des Verkehrs, der naturgemäß dem
Rhein zufließen mußte, war nun an die deutschen Nordseehäfen,
Hamburg und Bremen, gefallen*). Erst diese höchst unwillkommene
Wahrnehmung nötigte auch die Niederländer, ihre Rhein- und
Lizentpolitik einer Prüfung zu unterziehen; sie verringerten ihre
dortigen Zölle und Lizenten um so mehr, als es den Generalstaaten
nicht unbekannt blieb, daß selbst Holländer, um den einheimischen
Zöllen auszuweichen, die norddeutschen Häfen aufsuchten. So gewannen
 jene Projekte schließlich eine Spitze gegen die deutschen
Hansestädte. In einer kurkölnischen Denkschrift
von 1692 wurden alle Mängel, die jene Abwanderung des Verkehrs
vom Rhein verursachten, weitläufig besprochen; der schlechte Zustand
 des Niederrheins, die Versandung des Leck, so daß alles Wasser
dem Waal zufließe und dadurch die Bedeutung des für die Schiff-%)
 Rachel 1, SS: 468 £
*) Rachel 11, S:197.
Sa
* Gothein, Rheinische Zollkongresse, S. 362 ff.; auch für das Folgende.

a
vg
        <pb n="303" />
        fahrt so lästigen Dordrechter Stapelrechts steige, endlich die vielen
Rheinzölle wurden erörtert. Auf dem 1699 nach Köln berufenen
großen Zollkongreß wurden diese Fragen unter Beteiligung
 aller Uferstaaten eingehend besprochen. Seitens der
Amsterdamer Kaufmannschaft wurde hier betont, daß aller Kaufhandel,
 alle Manufakturen des ganzen Rheins von den Niederlanden
 ausgingen und daß nur die hohen Rheinzölle schuld daran
seien, daß jetzt die meisten holländischen Güter den Weg über
Bremen nach Westdeutschland nähmen, so Heringe, Salz, Käse,
Gewürze, Seide; nur eine allgemeine Zollherabsetzung könne helfen
und die niedrigen Frachten von Hamburg und Bremen ausgleichen.
Doch beschränkten sich ihrerseits die Holländer auf die Forderung
der Aufhebung aller Zollverpachtungen; gegen die Herabsetzung
ihrer eigenen Verkehrsabgaben — namentlich Gelderland war im
Besitz der wichtigsten niederländischen Rheinzölle — erhoben sie
Einwendungen. Zu festen Vorschlägen kamen schließlich, trotz
mangelnder Vollmacht, nur die Niederländer, die ja an dem Gegenstand
 auch das größte Interesse hatten. Sie versprachen Herabsetzung
 der Lizenten; dafür forderten sie aber, daß niemand Zöllner
werden dürfe, der einen Hofdienst bekleidete, wodurch ihr Widerspruch
 gegen die im Zollwesen herrschende Korruption Ausdruck
fand. In dem Rezeß wurde nun zwar eine allgemeine Verminderung
der Zölle und die Zollerhebung allein durch Beamte festgesetzt. Der
einzige wirkliche Fortschritt, den man erreichte, bestand in dem
Beschluß, daß bei der Zollentrichtung, wenn nicht in Goldgulden,
so doch nur in Kurantgeld gezahlt werden dürfe, das in der betreffenden
 Landesherrschaft vollgültig sei, wozu noch das Agio
nach dem Wechselkurs des Tages zuzuschlagen war. Das war sehr
notwendig; denn, wie Amsterdam klagte, hatte das Agio 1665 nur
2% % betragen, jetzt war es auf 27—30% gestiegen. Zu Zöllen,
die Brandenburg forderte, um zu verhindern, daß von Frankfurt
nach Holland bestimmte Waren den Weg über Hamburg nähmen,
konnte man sich nicht entschließen. Der Kongreß blieb praktisch
ziemlich ergebnislos; erst allmählich drangen seine Beschlüsse in
das Bewußtsein der Beteiligten ein. Seitens der Niederlande, insbesondere
 Amsterdams, widerstrebte man überdies einem damals
vorgelegten Plan, der eine einheitliche Zollverwaltung auf dem
Rhein bezweckte. Ebensowenig zuvorkommend verhielt man sich

205
        <pb n="304" />
        in den Niederlanden, als nach Beendigung des Kongresses der Kurfürst
 von Brandenburg im Haag anregte, die Generalstaaten möchten
mit ihm in der Herabsetzung der Zölle und der Vertiefung des
Fahrwassers gemeinsame Sache machen. Schon 1696 hatte Brandenburg
 die Generalstaaten an die Vertiefung der versandeten Ijssel
erinnern lassen!). Andererseits erwies sich auch die preußische Regierung
 keineswegs sehr verkehrsfreundlich, wenn sie einen Viehlizent
 einführte, der sich gegen den niederländischen Viehhandel
und das Fettfüttern von holländischem Vieh auf clevischen Weiden
richtete?).
In den Niederlanden war man auch weiterhin, wenngleich
die Konkurrenz der Hansestädte vorübergehend eine Milderung der
Rheinabgaben empfehlenswert erscheinen ließ, doch einer allgemeinen
 freieren Gestaltung der Rheinschiffahrt durchaus abgeneigt.
So erhöhten 1736 die Staaten von Gelderland rücksichtslos ihre
Rheinzölle, indem sie sie um 8000 fl. höher, d. h. zu 51 000 fl., verpachteten,
 so daß von einem Holzfloß nun 495 fl. statt 190 erhoben
wurden‘). Den fremden Schiflfahrtsverkehr auidem
Niederrhein suchte man nach Möglichkeit zu unterdrücken. Nur
in Kriegszeiten sah man sich wiederholt in der Notwendigkeit,
fremde Schiffe auch auf dem niederländischen Rhein zu dulden.
Wir bemerkten das schon in der Anfangszeit der niederländischen Republik.
 Von Interesse war hierbei namentlich der Verkehr Wesels
mit den Niederlanden. Diese clevische Stadt hatte im 16. Jahrhundert
 eine sehr starke niederländische Einwanderung gesehen,
sowohl aus den wallonischen und flamischen, wie auch den holländischen
 und geldrischen Gebieten; ihre Industrie und ihr Handel
war dadurch in Blüte gekommen*). Bereits 1559 hatte die Stadt
eine regelmäßige Schiffahrtsverbindung mit Nymwegen®). Zweifellos
 war das nicht nur ein reiner Ortsverkehr, sondern die Verbindung
diente dem höheren Zweck des Handelsaustausches zwischen dem
7) Kachel, 1, S. 482
2) Rachel, II, ı, S. 98. Über das Bestreben der Generalstaaten, das
Fettfüttern im eigenen Lande zu befördern (1688) vgl. Reens, S. 20.
3 Rachel, ll, 1, S.199;
*) Vgl. Sarmenhaus, Niederländische Religionsflüchtlinge.
5) Müncker, S. ı5, 19; auch für das Folgende; vgl. auch über die Bedeutung
 Wesels im Handelsverkehr mit den Niederlanden Kuske, Handel und
Handelspolitik am Niederrhein, S. 315 ff.

206
        <pb n="305" />
        Niederrhein und den Niederlanden; schon wenige Jahre danach,
1572, wurde diese regelmäßige Fahrt bis nach Se
gedehnt. Allerdings machte der nun in hellen Flammen a sbrechende
Krieg in den Niederlanden diesem friedlichen Verkehnbald ‚ein =
Ende; nach Antwerpen wenigstens wird diese Schiffahrt nic
mehr unbehelligt gegangen sein. Auch erschwerten die nun von den
Aufständischen und später den Generalstaaten auf den Binnengewässern
 erhobenen Lizenten diesen Verkehr ebenso wie die von
den Spaniern auf dem Rhein verübten Kapereien. Nichtsdestoweniger
 hielt Wesel die regelmäßige Fahrt nach Nymwegen so gut
wie möglich aufrecht; aus den Krahnlisten ergibt sich, daß eine
Menge niederländischer Waren auf diesem Wege nach Deutschland
 befördert wurden. Da die direkte Fahrt zwischen Köln und
den Niederlanden damals sehr erschwert war, ließ sogar Köln,
abweichend von seinem sonst so streng gehandhabten Stapelrecht,
das niederländische oder durch die Niederlande bezogene Salz über
Wesel kommen. Als Talfracht aber ging über Wesel und Nymwegen
 der Hauptausfuhrartikel der Rheinlande, der Wein, nach
den Niederlanden; denselben Weg nahmen die auf der Lippe verfrachteten
 westfälischen Ausfuhrgüter, Holz, Lohe, Eisen u. a. m.
Als dann 1586—1590 die Spanier Wesel besetzt hielten, hörte jener
Schiffsverkehr mit den Niederlanden auf. Erst 1591 wurde die
regelmäßige Schiffahrtsverbindung wiederhergestellt; da Wesel jetzt
dicht an der spanischen Zollschranke, die bei Rheinberg war, lag,
bildete es mehr denn je den Vorort des niederländischen Handels
am Niederrhein, obwohl die Verkehrsunsicherheit hier noch immer
sehr groß war. Einen besonderen Aufschwung versprach aber der
niederländisch-weseler Verkehr zu nehmen, als 1613 Amsterdam
eine direkte Börtfahrt nach Wesel eröffnete. Da jedoch schon 1614
die Spanier Wesel wieder besetzten und bis 1629 behaupteten,
kam jene Börtfahrt wohl nicht zustande, aber die Schiffahrtsverbindung
 mit den Niederlanden blieb doch erhalten und Arnhemer
wie Nymwegener Schiffer verkehrten in Wesel. Erst 1625 sperrte
ein spanisches Verbot jeden Verkehr mit den Niederlanden!), und
diese antworteten mit einer entsprechenden Maßregel. Nach der
endgültigen Befreiung Wesels durch die Niederländer 1629 begann
1) Über die spanische Sperre bei Wesel 1628 vgl. auch Haepke, Niederländische
 Akten, II, S. 406.

307
        <pb n="306" />
        — 208 —
nun wieder ein reger Schiffahrtsverkehr auf Grund einer Frachttaxe
 und Reiheordnung, und zwar nach Amsterdam. Für den Verkehr
 war das gewiß ein großer Gewinn; er wurde aber beträchtlich
vermindert durch die hohen Lizenten, die nun die Niederländer
in Wesel erhoben und die einen rein schutzzöllnerischen Charakter
annahmen, da sie vorzüglich die Manufakturwaren Wesels (Bombasinen,
 Tripwerk, Kattune, Hüte) empfindlich trafen. Erst 1637
gelang es den vereinten Bemühungen der clevischen Städte und
Brandenburgs, im Haag die Abschaffung dieser Lizenten zu erreichen.
Neben der Amsterdamer Bört fuhr von Wesel auch
e1me  Bört auf Arnhem und Nymwegen. Erst! 1653
wurde eine Bört auf der Waal nach Rotterdam eingerichtet;
sie litt aber unter dem Dordrechter Stapelrecht, das jedenfalls bei
der Talfahrt ein Ausladen in Dordrecht erforderlich machte. Eine
weitere Börtfahrt wurde 1648 von Leiden nach Wesel eingeführt,
die seit 1662 zu einer beiderseitigen Fährfahrt führte.
Nach dem Westfälischen Frieden glaubten die Niederländer die
Zeit gekommen, den fremden Schiffahrtsverkehr möglichst zu unterdrücken.
 Das empfanden die Weseler vorläufig noch nicht; die Stadt
war bis 1672 in niederländischen Händen. Im Juni dieses Jahres eroberten
 die Franzosen sie und sperrten nun den Rhein. Damit
fiel die Aufgabe, den Rheinverkehr mit den Niederlanden, der im
beiderseitigen wirtschaftlichen Interesse lag, zu pflegen, den aufwärts
gelegenen Städten Duisburg und Düsseldorf zu; Wesel,
der direkten Unterstützung der Niederländer beraubt, verlor
seine zroße Stellunz in der Rheinschififahrt.
Die Niederländer aber bedurften für den Krieg mit Frankreich
und England dringend des deutschen Eisens und Stahls; man schaffte
es aus Duisburg nach Holland. Daraus entwickelte sich 1674 eine
regelmäßige Fahrt von Duisburg nach Nymwegen‘).
Von Düsseldorf aus entstand bald darauf ein Konkurrenzunternehmen.
 Dieser Verkehr war zeitweilig
recht lebhaft und gewiß im niederländischen Interesse. Während
die Düsseldorfer Fahrt Anfang des 18. Jahrhunderts aufhörte, erhielt
 sich die Duisburger länger; doch litt sie an dem Mangel eines
ordentlichen Anschlusses von Nymwegen an den Seehafen Rotterdam;
 auch die Unterbrechung durch den Dordrechter Stapel war
a Vgl. Averdunk, S.5; auch für das Folgende.
        <pb n="307" />
        — 2r\ —
nicht günstig. Eine direkte Verbindung zwischen Duisburg und
Amsterdam, die von ersterer Stadt ausging, wurde 1717 von der
Amsterdamer Stadtregierung genehmigt; sie ging über Arnhem
und Utrecht und hatte gute Erfolge; die Nymweger Fahrt ging
allmählich ein. Auch die clevische Regierung bewies ihr Interesse
an jener Arnhemer Fahrt; sie hat selbst während des siebenjährigen
Krieges geblüht. Aus den mehrfach erlassenen Frachttaxen ersehen
wir, welche Waren diesen Weg wählten; von Holland kamen Rübkuchen,
 Öl, Spezereien, Wolle, Felle, Salz, Tran, Käse, während
talwärts die Erzeugnisse der Elberfelder Textil- und der Bergischen
Eisen- und Stahlindustrie gingen. Ein neues, 1774 gegründetes
Düsseldorfer Konkurrenzunternehmen konnte sich nicht halten; die
Holländer richteten durch Zollmaßregeln die Düsseldorfer Zuckerraffinerie,
 die der Schiffahrt als wichtige Basis dienen sollte, zugrunde.
 Auch eine Kölner direkte Börtfahrt nach Amsterdam, die
1790 eingerichtet wurde, mißlang, da die niederländischen Wasserverhältnisse
 es verboten, mit denselben Schiffen nach Amsterdam
zu fahren, wie nach Arnhem oder Nymwegen.
Im Handelsverkehr zwischen den Nieder;
Landen und dem deutschen Niederrhein‘ vollzog
sich nach dem siebenjährigen Kriege ein Umschwung, der
auf die Handelsgewohnheiten der Niederländer ein Licht wirft.
Sıebegannennunhier Hökerhandelzutreiben;
die großen Häuser und Fabriken gaben Waren in jeder Menge ab,
während früher nur in größeren Quantitäten verkauft wurde.
Das sprach für die Ausfuhrbedürftigkeit der Niederländer, schädigte
allerdings den Eigenhandel der deutschen Rheinlande, beförderte
aber die Spedition. Leicht hatten es die deutschen Schiffer im
Verkehr mit den Niederlanden überhaupt nicht; sie wurden in
Amsterdam, Rotterdam, Arnhem nicht zur Ladung zugelassen,
bevor nicht die einheimischen ihre Ladung hatten; erst wenn die
Schiffergilde keine ledigen Schiffe mehr hatte, wurde es auswärtigen
Schiffen erlaubt zu laden, doch auch dann nur gegen eine Gebühr
von I9 fl. 6 Stüverin Amsterdam und 3 holländ. Schillingen in Arnhem.
 Gegen die Börtschiffer wurde diese Gewohnheit, die fast
wie ein Monopol wirkte, aber nicht ausgeübt, da ja unter ihnen
auch die Arnhemer Schiffergilde vertreten war und man andernfalls
 in Duisburg Gelegenheit zu Vergeltungsmaßregeln gegen die

IC
        <pb n="308" />
        holländischen Schiffer gehabt hätte. Neben der Duisburger Börtfahrt
 bestand noch immer eine Börtfahrt zwischen Wesel und
Amsterdam. Außerdem entstand 1791 eine Börtfahrt von
Ruhrort nach Amsterdam, nachdem ersterer. Platz
durch die Ruhrkorrektion eine gute Verbindung mit dem Hinterlande
 erhalten hatte. Doch wurde die Ruhrorter Fahrt von
den Duisburgern stark belästigt, wobei die Regierung zu den
letzteren hielt.
Neben dem Rhein war die zweite wichtigste
Eingangspforte des wirtschaftlichen Einflusses der Nieder-Jande.
 nach ; Deutschland (die Elbe und das ihren
Handel beherrschende Hamburg. Die, alten, bis
tief ins Mittelalter zurückreichenden Beziehungen der Niederlande
 zum Elbgebiet, die stets dem Handelsinteresse dienten,
hatten seit der Errichtung der Republik eine weitere starke Ausdehnung
 erfahren. War auch Hamburg infolge seiner bedeutenden
Handelsverbindungen mit Spanien keineswegs geneigt, diesen Verkehr
 aus Gefälligkeit gegen die Niederlande irgendwie zu beschränken,
und hat es sich in dieser Hinsicht stets große Zurückhaltung auferlegt,
 wozu schon das Verhältnis zum Kaiser nötigte, so ließ sich
doch einmal nicht leugnen, daß der Verkehr zwischen Hamburg
und den Niederlanden mehr und mehr zunahm und eine Bedeutung
gewann, die vorsichtige Rücksicht auf die machtvolle Stellung der
Republik zur Pflicht machte. Im Jahre 1625 betrug die
aus Hamburg nachiden Niederlanden zehende
Schiffahnt nach Zahl und Tragfähigkeit der
Schiffe rund cin Drittel der gesamten hamburgischen
 Schiffahrt; dabei überwog allerdings die
kleine Fahrt; durchschnittlich kamen auf jedes dieser Schiffe nur
I1—1I2 Lasten; allein im Verkehr mit Amsterdam war die Durchschnittsziffer
 höher, 18—19 Lasten!). Nach den Niederlanden
gingen 1625: 896 Schiffe (10590 Lasten), 1647/48: 056 Schiffe;
von den Niederlanden trafen in Hamburg ein 1623: 795, 1624: 837,
1625: 704, 1628: 1025, 1620: 13206, 1632: I124, 1633: 1044 Schiffe?).
Nach einer Mitteilung der holländischen Residenten in Hamburg
l) Baasch, Hamb. Seeschiffahrt und Warenhandel, S. 310.
°) Ebenda, S. 324,329 £.

300
        <pb n="309" />
        von 1642 fuhren damals zwischen Hamburg und den Niederlanden
etwa 3000 Kauffahrteischiffe?).
Während des Freiheitskampfes der Niederlande war Hamburg
für diese ein um so wichtigerer Platz, als es ihnen wohl bekannt
war, daß Spanien und der Kaiser wiederholt Hamburg als Sitz
einer dauernden spanischen Handelsniederlassung, die gegen die
Niederlande gerichtet war, in Aussicht genommen hatten?). Wenn
diese Projekte der maritimen habsburgischen Politik nicht zur Ausführung
 kamen, so lag das nicht an ihrer praktischen Aussichtslosigkeit,
 sondern an anderen Momenten; für die wirtschaftliche
Stellung der Niederlande waren diese Pläne mindestens ebenso
bedrohlich wie für ihre politische Machtstellung. Sie verfolgten
deshalb stets den Gang der Dinge an der Unterelbe mit großer
Aufmerksamkeit?). Nicht immer freilich entsprach ihr Auftreten
daselbst den Anschauungen Hamburgs*). Lag der Stadt bei
ihren Kämpfen gegen Dänemark und ihrem Verhältnis zu den Seekriegen,
 in die die Niederlande verwickelt wurden, naturgemäß in
erster Linie an einer Unterstützung durch die Republik und an der
Förderung und Ausdehnung ihres Handels und ihrer Schiffahrt,
so stand in letzterer Hinsicht das hamburgische Interesse meist in
geradem Gegensatz zu dem niederländischen. Ernstlich und ehrlich
 traten die Niederlande für Hamburg nur ein, wenn es sich um
die allgemeine Sicherheit und Freiheit des Elbhandels und der von
der Elbe ausgehenden und dorthin führenden Schiffahrt handelte.
Wo die Sache anders lag und die beiderseitigen Interessen sich nicht
deckten, traten die Generalstaaten der Elbstadt meist schroff und
hart gegenüber. Gern schlossen sie mit ihr und Bremen 1645 einen
Vertrag, der in erster Stelle zu dienen hatte ‚‚der Sicherheit und
Freiheit der Schiffahrt, des Handels in der Nordsee und auf der
Elbe und Weser‘; aber wenn Hamburg es wagte, die Kriegslage
als Neutraler auszunutzen und an Stelle der Niederländer den
Handelsverkehr mit ihren Feinden zu treiben, dann verfuhren jene
l) Baasch), Börtfahrt, S. 6.
2) Vgl. im allgemeinen Reichard, Maritime Politik; Maresch,
Maritime Politik; Haepke, Niederländische Akten, II, S. 396 f., 406 ff.
3) Auf das große Interesse der Holländer an der Freiheit des Rheins und
der Elbe weisen auch hin: Memoires s. le commerce des Hollandois etc., S. 79 f.
*‘) Baasch, Hamburg und Holland, S. 48 ff.; auch für das Folgende.

2301I
        <pb n="310" />
        mit aller Rücksichtslosigkeit eines in seinem Geschäft geschädigten
Konkurrenten!). Bei aller Ehrerbietung, die der Senat und die
Kaufmannschaft der mächtigen, befreundeten und verbündeten
Republik entgegenbrachten, häufte sich deshalb im Laufe des Jahrhunderts
 in Hamburg eine wenig günstige Stimmung gegen die
Niederlande an; im Gegensatz zum Rheingebiet,
woman das holländische Übergewicht als
einenatürliche Schickung willig trug, suchte
man sich an der Elbe der Vorherrschaft der
Niederländer möglichst zulentziehen; und je
mehr diese im 18. Jahrhundert an politischer Bedeutung verloren,
um so mehr wuchs in Hamburg das Streben, sich auch wirtschaftlich
 von der Bevormundung zu befreien, die der Stadt das frühere
Verhältnis zwangsweise auferlegt hatte; die steigendeBlüte
Hamburgs stand imlumgekehrten Verhältnis
zu dem Absteigen der Niederlande. Doch hatten
diese zu allen Zeiten ein lebhaftes Interesse an dem Wohlergehen
und der Sicherheit des hamburgischen Hafens. Er bildete für die
niederländische Ausfuhr stets einen überaus wichtigen Platz, dessen
Bedeutung wuchs in den Zeiten, da die kriegerischen Verwicklungen
die Ostgrenze der Niederlande sperrten und sie hauptsächlich auf
den Seeverkehr und die See-Zu- und -Abfuhr angewiesen waren.
Die Tatsache, daß 1665 von 382 hamburgischen Kaufleuten 172
mit den Niederlanden in Kompanie- oder Kommissionsgeschäft
standen, sprach für die hohe Bedeutung des niederländischen Handels
für Hamburg und umgekehrt?). Andererseits wurde für den Wettstreit
 zwischen Holland und England Hamburg ein beliebtes Feld,
auf dem die wirtschaftlichen Interessengegensätze ihren Austrag
fanden, so im Heringshandel3).
1) Mit diesem Verhalten der Niederländer stimmte auch überein ihre Abneigung,
 die Hamburger bei ihren Bestrebungen, mit den Barbaresken in friedliche
Verhältnisse zu kommen, zu unterstützen; der Holländer de la Court drückte
das 1662 dahin aus, man müsse den Hamburgern den Dorn der türkischen See«
räuber im Fuß lassen (Baasch, Convoyschiffahrt, Si 15).
2?) Über die Konkurrenz, die Hamburg Amsterdam namentlich im Getreidehandel
 machte, vgl. die Denkschrift von Phoonsen (1682) bei van Dillen,
Eenige Stukken, S. 225 ff.
3) Vgl. Baasch, Hamburger Heringshandel, S. 78 ff.

302
        <pb n="311" />
        Im 18. Jahrhundert wurde Hamburg in steigendem Maße
der gefürchtete, stets als warnendes Beispiel angeführte Konkurrent.
Mag das in mancher Beziehung übertrieben gewesen und mehr
der Absicht entsprungen sein, die etwas schläfrige holländische
Natur mit dem Schreckbild der Wettbewerber an der Elbe zu
größerer Energie anzustacheln, ganz unbegründet war die Besorgnis
 vor Hamburg nicht. Mehr und mehr entstand ein gegenseitiges
 Rennen um die Herrschaft im Handel auf manchen Gebieten.
 Der Plan von 1751, aus Holland einen Portofranco zu machen,
auf den wir unten zurückkommen, ging zum nicht geringen Teil
auf den hamburgischen Wettbewerb zurück. Wie man in Hamburg
schon 1720 mit einem gewissen Mitleid von dem ‚„vorsichtigen
Holland‘ sprach!), wie man sich hier im Heringshandel und in der
Heringsfischerei, im Versicherungsgeschäft und in manchen Zweigen
des Warenhandels immer mehr von der holländischen Vermittlung
freimachte: Alles das wurde in Holland sehr wohl empfunden als
Merkmal der Abbröckelung der eigenen Handlung; es zeigte sich
das deutlich in einer Abnahme des direkten hamburgisch-holländischen
 Verkehrs, dagegen einer Zunahme des Verkehrs Hamburgs
mit den Produktionsländern, z. B. Rußland, Spanien?). Hamburg,
so heißt es einmal 1773, füge den Niederlanden Verlust über Verlust
 zu („neep op neep‘“); im nordischen Handel seien jetzt die
Hamburger die Meister®). Übrigens fehlte es in Hamburg nicht
an ähnlichen Stimmen über Holland; auch dort wurde jeder Vorschlag
 zur Erleichterung des Verkehrs mit der holländischen Konkurrenz
 begründet; der Unterschied bestand nur darin, daß man in
Hamburg solchen Vorschlägen auch meist die Tat folgen ließ, während
man in Holland die Hände in den Schoß legte.
Der Bedeutung des gegenseitigen Handels und Verkehrs entsprechend
 war schon frühzeitig, Ende des 16. Jahrhunderts, eine
Frachttaxe für die Schiffahrt zwischen Hamburg
 und Amsterdam aufgestellt worden, was auf eine
gewisse Regelmäßigkeit dieses Verkehrs schließen Jäßt4); Im
Jahre 1613 wurde eine Börtordnung, d. h. Reihe-')
 Baasch, Hamburg und Holland, S. 100.
0) Baasch, a. a. 0.415.106.
))-De Koopman, IV, S.271.
‘) Baasch, Börtfahrt, S. ıff.; auch für das Folgende.

2023
        <pb n="312" />
        fahrt, eingeführt; sie beruhte auf beiderseitiger Verabredung
und Anerkennung und hat später vielfach Ergänzungen und Änderungen
 erfahren. In diesen Ordnungen kam als einer der wichtigsten
 Grundsätze zum Ausdruck die Bestimmung, daß für die
Befrachtung und Entladung nur die beiden Endpunkte der Fahrt,
Amsterdam und Hamburg, in Betracht kommen durften; damit
schützten sich beide Städte gegen die Anteilnahme der konkurrierenden
 Plätze, als welche für Amsterdam das Vlie, Hoorn, Enckhuizen
 u. a., für Hamburg Altona, Glückstadt, Harburg zu nennen
waren. Diese Vorschrift wurde seitens der Amsterdamer Börtschiffer
für die Elbplätze nicht immer eingehalten, da sie vielfach Altona
und Harburg bevorzugten. Die darüber in Hamburg‘ bestehende
Mißstimmung suchte nun Haarlem für sich zu verwerten;
mehrfach, so 1669 und 1687, trat es an Hamburg heran mit dem
Vorschlag, zwischen Haarlem und Hamburg eine Börtfahrt zu
errichten!). Hier lehnte man das jedoch ab, offenbar in der Sorge,
es dadurch mit Amsterdam zu verderben, während dieses bei weitem
nicht so rücksichtsvoll die gleichartige Verpflichtung Hamburg
gegenüber einhielt. Die Folge der Ablehnung des Haarlemer Vorschlags
 war dann, daß. Altona 169z cine direkte Börtfahrt
 mit Haarlem erhielt. Daraus erwuchsen dann allerlei
 Mißhelligkeiten zwischen Hamburg und Haarlem, da ersteres
die Haarlemer Schiffer, wenn sie nach Hamburg kamen, zu genauer
 Beobachtung der Amsterdamer Börtordnung zwingen wollte,
d. h. namentlich zu der dort vorgeschriebenen Pflicht, nur in Amsterdam
 zu löschen.
Nach dem spanischen Erbfiolgekrtie8 verfiel
 allmählich diese ganze Börteinrichtungs.
Zwar war der Verkehr zwischen den Niederlanden und der Elbe
ununterbrochen recht bedeutend; er nahm noch zu und betrug
nach einer Angabe 1716 etwa 2—3000 Schiffe jährlich, die im
Sommer 4—6 Reisen zurücklegten. Aber die Reihefahrt selbst
wurde immer mehr durchbrochen, sowohl von niederländischer wie
deutscher Seite. Das spürte man nicht nur in Hamburg, sondern
1) Vgl. auch Allan, IV, S. 608. Ueber den Verkehr der Holländer in
Harburg und die Pläne, die man hier machte, um die Holländer nach dort zu ziehen
(1661 ff.), vgl. Baasch, Kampf des Hauses Braunschweig-Lüneburg usw.
(1905), S. 103 ff., 163 ff.

304
        <pb n="313" />
        auch in Altona, wo namentlich die Haarlemer Schiffe verkehrten;
ostfriesische, insbesondere Borkumer Schiffer drängten sich in diesen
 Verkehr, kümmerten sich um keine Börtordnung und waren
eifrige Mitbewerber der hamburgischen und holländischen Schiffer,
Überdies, und das war das wesentliche, erwies sich der mit der
Reihefahrt verbundene Zwang auf die Dauer als lästig und für den
Handelsverkehr schädlich. Nachdem man vielfach an ihren Einzelheiten
 herumgeflickt hatte, ging sie bald nach der französischen
Zeit ein. Sie hatte früher ihre Schuldigkeit getan und dem Verkehr
 gute Dienste geleistet; in eine Zeit, die den Anschauungen
des freien Wettbewerbs im Verkehrsleben huldigte, paßte sie nicht
mehr hinein. Im Rahmen des niederländischen Wirtschaftslebens
hat sie eine gewisse Rolle gespielt; wie nach London und Rouen
solche Reihefahrten von Amsterdam aus bestanden haben und
dem regelmäßigen Warenverkehr als Grundlage dienten, so war
auch die Hamburger Börtfahrt ein wichtiges Glied in der Kette,
die die europäische Küstenfahrt der Niederlande mit ihrer großen
Schiffahrt verband. Denn die Waren, die von Amsterdam durch
die Börtfahrt nach Hamburg befördert wurden, waren, das lehrte
die Frachttaxe, keineswegs nur eigenholländische Produkte, wie
Butter, Käse, Häute, Fische, sondern überwiegend Gegenstände
des großen überseeischen und kolonialen Handels, wie Gewürze,
Farbholz, Indigo, Zucker, Südfrüchte, Öl, Wein, während für die
Rückfrachten die nordischen Produkte, dann Getreide!), Potasche,
Eisen, Kupfer u. a. m. den Inhalt der Börtfahrten ausmachten.
Im übrigen gab es wohl, von dem Börtverkehr abgesehen, keinen
Artikel des holländischen Außenhandels, der nicht in dem allgemeinen
 hamburgisch-holländischen Verkehr vertreten war; von den
Produkten des eigenen Landes bis zu den Erzeugnissen Ostindiens
und Brasiliens und von dem Ertrag der Fischereien bis zu den
Kriegsmaterialien, deren Versendung von Holland nach Hamburg
zeitweise einen großen Umfang annahm?3).
1) Im Jahre 1709 gingen allein von der Elbe 25—30 000 Lasten Getreide
nach Holland (Baasch, Hamburg und Holland, S. 75).
*) Baasch, Hamburgs Seeschiffahrt usw.; über den Handel mit Kriegsmaterialien
 daselbst, S. 404 ff. Salpeter und Blei ging viel von Hamburg nach
Holland; der Salpeter kam meist von Polen und Rußland und galt als nordisches
Produkt. Über nordischen Salpeterhandel vgl. Fridericia, Danmarks ydre
polit. Historie, 1629—1660, II, S. 232 ff.
Baasch, Holländische Wirtschaftsgeschichte.

405
20
        <pb n="314" />
        Auch zwischen Amsterdam und Bremen entstand
frühzeitig eine Reihefahrt; allerdings war diese 1647 errichtete
Fahrt zunächst eine einseitig von Bremen aus getroffene Einrichtung,
so daß die Amsterdamer und Enckhuizer Schiffer sich über die
dadurch angeblich herbeigeführte Benachteiligung beklagten!); man
fuhr dann von Bremen aus längere Zeit ohne Reiheordnung. In die
neue Redaktion der Hamburg-Amsterdamer Börtordnung von 1657
nahm nun der Amsterdamer Rat auch die Bremer auf. Eine richtige
Bremer Reihefahrt wurde erst dadurch geschaffen, daß nun auch
der Bremer Rat 1664 eine neue Börtordnung erließ. In Bremen
war man aber mit weit schärferen Maßregeln als in Hamburg bestrebt,
 den fremden Schiffern nicht nur die Fahrt an sich, sondern
sogar die Teilnahme an der Bört zu erschweren; und eine förmliche
 Reihefahrt-Vereinbarung mit einer niederländischen Stadt,
wie in Hamburg, hat es in Bremen nie gegeben. Im Laufe des
18. Jahrhunderts verfiel auch die Bremen-Amsterdamer Börtfahrt,
an der die Kaufleute schon lange das Interesse verloren hatten.
Als überdies 1777 der Amsterdamer Rat einseitig eine neue Frachttaxe
 in Kraft setzte, was man dort mit der Behauptung rechtfertigte,
 die Zahl der Güter von Amsterdam nach Bremen sei weit
größer als im umgekehrten Verkehr und es sei deshalb im Interesse
der Schiffer, eine höhere Taxe in Amsterdam zu schaffen,
war dies natürlich für die Bremer Kaufleute, für deren Rechnung die
meisten Güter in dem ganzen Verkehr beider Richtungen gingen und
deren Interesse mehr für niedrige Frachten sprach, ein Grund mehr,
die Börtfahrt aufzugeben. So ging diese mehr und mehr zurück.
Mit Emden hatten die Niederlande ja, wie begreiflich,
schon der ‘nahen Nachbarschaft wegen viele Handels- und Verkehrsbeziehungen.
 Die große Zeit Emdens war allerdings dahin,
als die niederländische Freiheit und Unabhängigkeit gesichert war
und die holländischen Häfen sich wieder frei entwickeln konnten.
Namentlich aber haben die ersten Zeiten des 3ojährigen Krieges
der Stadt und ganz Ostfriesland unwiederbringlichen Schaden gebracht.
 Erst allmählich stieg der Emdener Verkehr wieder; er ging
hauptsächlich nach Hamburg und Amsterdam?). Nach letzterem
Platz bestand auch eine Börtfahrt, die das ganze 18. Jahrhundert
1) Baasch, | Börtfahrt,/S. 52 If.
2? Hagedorn, II, S: 500 ff:, 510 £.

306
        <pb n="315" />
        gedauert zu haben scheint!). Während der Kriegszeiten der zweiten
Hälfte des 17. Jahrhunderts haben zwischen Emden und Holland
Emdener und holländische Kriegsschiffe diesen Verkehr geschützt?).
Neben dem Rhein, der Elbe, der Weser kamen die deutschen
 Gestade der Ostsee für den niederländischen
Handelsverkehr in Betracht; hier lag, wie schon bemerkt
wurde, für Jahrhunderte die Grundlage des hol:
ländischen Seeverkehrs, der sich freilich auf die Ostsee
 in ihrer ganzen Ausdehnung erstreckte. Insbesondere dem
Getreidehandel Amsterdams wurden diese Gebiete
eine unerschöpfliche Quelle®). In der Mitte des 16. Jahrhunderts
 wurde Amsterdam der Mittelpunkt des Zwischenhandels
mit Getreide zwischen Nord- und Südeuropa. Überall an der Ostsee
kauften die Niederländer das Getreide an; ein Verfahren, das von
diesen Ländern nicht immer widerspruchslos betrachtet wurde.
Danzigiund Hamburg-wurden: für die Nieder-Jande
 die Hauptausfuhrplätze, Danzig als Ausfuhrhafen
 von Polen, Hamburg als solcher für die mittelelbischen Getreidegebiete,
 zeitweise auch Emden. Bei den Notierungen an der
Amsterdamer Getreidebörse unterschied man polnisches und preußisches,
 auch Danziger Getreide*). In Jahren der Mißernte, in Kriegszeiten
 fehlte es nicht an Ausfuhrverboten. Von solchen Ereignissen
waren die Kornpreise in Amsterdam, wo schon seit 1617 eine Kornbörse
 bestand, abhängig, ebenso die Stärke der holländischen
Ostseeschiffahrt. Sie blühte trotz der englischen Navigationsakte;
selbst die Schwierigkeiten, die der schwedische Imperialismus der
niederländischen Ostseefahrt bereitete, konnte diese ernsthaft nicht
schädigen. Erst im 18. Jahrhundert verschob sich der Getreideexport
 mehr nach Osten, nach den russischen Ostseehäfen.
Sehr wesentlich war natürlich für den niederländischen Handel
3) Baasch,-Seeschiffbau; S. 73.
*) Baasch, Hamburgs Convoyschiffahrt, S. 396 f.
) Naude, Getreidehandelspolitik, I, S. 329 ff.; vgl. oben S. 272.
*) Vgl. Mr. D., Over de aloude vryheid etc., S. 175, die Amsterdamer Getreidepreise,
 1646—1777; S. 174 die Preise in Deventer 1701—1834. Auffallend ist,
daß der von Brugmans, Handel en nijverheid, S. 174, mitgeteilte Amsterdamer
Kurszettel von 1674 keine Getreidenotierungen enthält; wahrscheinlich bestanden
für diese besondere Notierungen an der Kornbörse. Über die Utrechter Getreidepreise
 1393—1644, vgl. Sillem ‚ Tabellen.

307
20*
        <pb n="316" />
        nach den deutschen Ostseehäfen die Behandlung, der er dort sowohl
 im Zoll wie auch in der allgemeinen Handelspolitik begegnete.
Da kam den Niederländern erheblich zustatten ihre alte Stellung
in diesen Häfen, namentlich in Königsberg‘). Hier bildeten
sie das wichtigste, das wahrhaft belebende Element im Handel.
Als man im Laufe des 17. Jahrhunderts dort ihre hervorragende
Stellung, die ja manchmal den Einheimischen sich recht unbequem
und lästig erwies, angriff und einschränken wollte, wurde doch
anerkannt, daß ihre Ausschaltung den Ruin der Stadt nach sich
ziehen mußte; auch hatte man Rücksicht auf die Generalstaaten
zu nehmen, die eine schlechte Behandlung ihrer Kaufleute sich
nicht gefallen ließen. Es fehlte nicht an Versuchen der preußischen
Regierung, der Überlegenheit der Niederländer durch eigene Maßregeln
 entgegenzuwirken; so wenn sie Ende des 17. Jahrhunderts
versuchte, durch direkte Verbindungen mit der holländischen und
englischen Admiralität den Teer- und Hanfhandel dem
privaten Handel der Holländer und Engländer zu entziehen*). Die
Niederlande dagegen, deren Bürger den Königsberger Markt beherrschten
 und mit ihrem Kredit und Kapital die Konkurrenz
der Einheimischen stets siegreich überwanden, wehrten sich durch
nicht immer einwandfreie Mittel gegen die Einheimischen. Als
Kolberger Kaufleute einmal, 1662, polnisches Getreide auf eigene
Rechnung und Gefahr nach Amsterdam sandten, erhielten sie dort
weniger dafür, als sie beim Einkauf bezahlt hatten, und als 1699/1700
Königsberger mit eigenen Kornschiffen auf dem holländischen
Markte erschienen, öffneten die Amsterdamer schleunigst ihre
Magazine und boten ihre Vorräte zu so niedrigen Preisen an, daß
die Spekulation der Königsberger völlig fehlschlug; man wollte
ihnen ein für allemal die eigene und selbständige Schiffahrt gründlich
 verleiden?). Der Besuch der Holländer in Königsberg wurde
durch solche Handlungsweise keineswegs beeinträchtigt; im Jahre
1694 waren von 327 dort ankommenden und abgehenden Schiffen 120
Amsterdamer; 1695 von 302 Schiffen: 141 Amsterdamer; 1700
kamen nach Königsberg von Fremden 162 Holländer, 64 Engländer,
II Franzosen, 58 Dänen, 13 Lübecker, 9 Schweden usw., wohl
Rachel 1. S. 375: Naude, 11, S. 791.143.
2.Rachel; 1,S.439.
8) Rachel, I, S. 7855; Naude, 11, S. 145.

308
        <pb n="317" />
        — 399 -
alles Kaufleute!). Dennoch war es zuviel gesagt, wenn man
17ır behauptet hat, daß die Königsberger Schiffahrt größtenteils
mit holländischem Gelde und überhaupt die meiste Handlung der
Königsberger von diesen nur gegen eine kleine Provision mit holländischem
 Gelde getrieben werde?). Tatsächlich fuhren die Holländer
 billiger schon wegen ihrer Bevorzugung im Sundzoll als
auch, weil die preußischen Schiffe wie alle anderen Fremden im
holländischen Lootsgelde schlechter als die Einheimischen gestellt
waren und das in den holländischen Häfen bei der ersten Reise
im Jahr zu zahlende Lastgeld die Holländer weniger drückte, da
sie im Jahr mehr Reisen machen konnten als die Fremden*®).
Sehr wichtig war für die Holländer die Frage der Zollbelastung
 in Königsberg und Pillau. Wir sahen das bereits gelegentlich
 der Stellungnahme der Generalstaaten gegenüber den Bestrebungen
 Schwedens, sich der Kontrolle über diese Häfen zu
bemächtigen. Der brandenburgisch-niederländische Vertrag von
1655, der 1678 und 1700 erneuert wurde, stellte die Niederländer
ja den Einheimischen in jenen Häfen gleich. Doch fehlte es nicht
an Klagen der Holländer über Verletzung dieser Bestimmungen.
Im Jahre 1666 klagten ‚,‚sämtliche Kaufleute niederländischer
Nation‘ in Königsberg über das Kopfgeld, das man von ihnen im
Widerspruch mit jenem Vertrage fordere?); und 1701 beklagte sich
der niederländische Gesandte beim König von Preußen über die
Praxis der Königsberger, die Kaufmannswaren, die keine Konterbande
 enthielten, nicht passieren ließen und die Eigentümer nötigten,
 sie an die Einheimischen zu verkaufen®). — Nicht viel anders
verhielt es sich in den pommerschen Häfen. Hier war
der größere Schiffahrtsverkehr im 17. Jahrhundert fast völlig den
Ausländern preisgegeben, und unter ihnen nahmen die Holländer
die erste Stelle ein‘). In Stralsund fand 1648 die schwedische
Regierung die Reederei durch hohe Ungelder derartig belastet
) Rachel, 1; S:850£.
?) Baasch, Schiffbau, S.234f.
?) Ebenda, S. 339f.
3) Kernkamp, Balt. Archivalia, S. 302.
5) Kernkamp, ebenda, S. 301.
) Mit dem kleinen Hafen Rügenwalde unterhielt der Amsterdamer Reeder
Jean de Peyrou (1647—1718) eine regelmäßige Frachtfahrt vermittels eines Schiffes
von 40 Lasten (Elias, Vroedschap, S. 835).

DC
        <pb n="318" />
        vor, ‘daß sie ganz in die Hände der Holländer, Hamburger und
Lübecker übergegangen war!). Auchin Stettin stand, namentlich
 seit es 1720 preußisch wurde, der holländische Schiffahrtsverkehr
an erster Stelle, und zwar nicht nur im Verkehr mit den Niederlanden
 selbst, sondern auch mit anderen fremden Ländern, so mit
Frankreich, von wo die holländischen Schiffe Salz und Wein brachten?).
 Die niedrigeren Frachten der Holländer schlossen die Einheimischen
 vielfach völlig aus dem Verkehr aus. So wurde 1736
die Salzfracht Stettin—Emden von dem königl. Salzfaktor
für 8 Rtlr. per Last an holländische Schiffe vergeben; die Stettiner
hatten 9 Rtlr. gefordert?). Ähnlich ging es im Holzhandel.
Dieser konnte nur geringe Frachten tragen; und da die Stettiner
Schiffer bei mangelnden Rückfrachten zu hohe Sätze verlangten,
so bediente man sich mit Vorliebe der Holländer, die, mit Ladung
ankommend, sich zu niedrigen Preisen verstanden. Überdies hatten
die holländischen Schiffe, die für die heimischen Binnenfahrten
gebaut waren, einen so geringen Tiefgang, daß sie, ohne zu leichtern,
die flachen Gewässer des Stettiner Haffs passieren konnten‘*).
So gewannen durch die Benutzung der eigenen Schiffe, in denen
sie die Ostseegüter holten, die Holländer Fracht und Provision;
die Stettiner sandten ihre Waren nach Holland meist in Kommission,
 wodurch den holländischen Kaufleuten mehr Gewinn zufloß,
 als wenn sie die Bezüge von Stettin für eigene Rechnung gemacht
 hätten’). In der Mitte des 18. Jahrhunderts verschafften
sogar vielfach Stettiner Kaufleute den holländischen Schiffern in
Stettin Frachten durch Vereinbarung mit den Maklern in Holland,
nach der die holländischen Schiffe nur teilweise beladen nach
Stettin kamen und von den hier ausbedungenen Frachten dann
dem Stettiner Kaufmann 75% abgeben mußten‘).
Am stärksten waren die Beziehungen der
Holländer zu Danzig; als natürlicher Ausfuhrhafen der polnischen
 Getreideproduktion übte es auf jene die größte Anziehungs-2)
 Baasch, Schiffbau, S. 145.
? Rachel, 0; S. 8315.
3 Rachel, WU, S: 446, Anm. I.
* Schmidt; Stettin. Handel, 11 S.193, 216.
5) Schmidt, III, S. 195. Nach dem siebenjährigen Kriege bezog Holland
sein Holz weniger von der Ostsee als vom Rheine (ebenda, S. 214).
6) Baasch, Schiffbau, S.. 321.

3TC
        <pb n="319" />
        ZA
kraft aus!). Auch hier war die Ausfuhr nicht immer frei und oft
abhängig von der Bewilligung von Ausfuhrgesuchen. Nicht weniger
bedurfte es für die Ausfuhr von Salpeter erst der vorherigen Genehmigung?).
 Alte Verträge zwischen den Niederlanden und Danzig
gewährten eine Gleichstellung im Zoll mit den meistbegünstigten
Nationen; im November 1711 beschwerten sich einmal die Generalstaaten,
 daß die auf Danzig handelnden niederländischen Kaufleute
 dort im Widerspruch‘ mit den beiderseitigen Verträgen gezwungen
 würden, Zölle zu zahlen, von denen die Engländer frei
seien. Auch Amsterdam. beschwerte sich im folgenden Jahre über
Belastung der Einfuhr von Wein und Essig aus den Niederlanden
in Danzig?). Wie dauerhaft die Holländer sich hier festgesetzt
hatten, geht hervor aus dem Bestehen einer ‚„„Holländischen Bank“
im dortigen Artushof*). Für die Erteilung von Privilegien zur
Ausübung ihres Gewerbes an Holländer zeigte aber der Danziger
Rat wenig Neigung; er lehnte 1646 ein solches Gesuch ab und
stellte anheim, ihre Gewerbe hier frei auszuüben).
WenigEntgegenkommen fanden die Holländer in
Rostock. Hier war man ihnen schon wegen des kalvinistischen
Bekenntnisses abgeneigt; und als um 1600 sich Holländer dort
niederließen, um Wollweberei und Spinnerei zu treiben, warnte die
Geistlichkeit vor diesen gefährlichen Einwanderern. Aber auch aus
wirtschaftlichen Gründen sah man die Holländer, die Konkurrenten
im Ostseehandel, sehr ungern®). Als im Zusammenhange mit der
von Herzog Adolf Friedrich 1625 geplanten Anlage eines
Hafens in Ribnitz im folgenden Jahre einigen Holländern die Ämter
Doberan und Bukow für eine jährliche Rente verpachtet werden
sollten, wogegen ihnen die freie Handlung mit Korn, Wolle usw.
aus den Kliphäfen zu gestatten war, scheiterte dieser Plan an dem
entschiedenen Widerspruch Rostocks”).
1) Im allgemeinen H. Bauer:und W. Millack, S: 75ff.; vgl. auch
die von van Gelder herausgegebenen Kaufmannsbriefe aus dem 16. Jahrhundert,
 S. 136 ff.
?) Kernkamp, Balt. Archivalia, S. 227 {ff., 239 f.
3) Ebenda, S. 254.
) Simson, Artushof, S“ 37: ff.
&amp;gt;» Kernkamp;, ja. a. 0. S: 261.
$) Hülshof,\S:546£
’)) Techen, Marktzwang und Hafenrecht, S. ı22 f., 147 ff.
        <pb n="320" />
        Eine nicht unbedeutende Rolle spielte im Verkehr
 der Niederländer Schleswig-Holstein. Zwar hegte
Herzog Adolf von Gottorp spanische Gesinnung und trug
diese auf manche Art zur Schau; die Bevölkerung ließ sich dadurch
weder in ihren Sympathien für die Niederländer noch in ihrem
regen Handelsverkehr mit jenen stören!). Dieser bestand in einer
regelmäßigen Lieferung von Ochsen aus den viehreichen Marschen
der Westküste nach den Niederlanden, ein Verkehr, der sich zumeist
auf dem Landwege vollzog, wobei die Elbe oberhalb Hamburgs
beim Zollenspieker überschritten wurde®). Vereinzelt werden auch
Seetransporte erwähnt; schon 1540 schrieb die Stadt Ripen, daß
manche Bauern mit eigenen Schiffen Ochsen und Korn nach Holland
ausführten?). An den Landtransporten waren auch hamburgische
Kapitalisten beteiligt. Nach einem Bericht von 1610 kamen jedes
Jahr von Dänemark, d. h. Jütland und Schleswig-Holstein, im
Frühling zu Wasser und zu Lande 50 000 Rinder nach Holland“).
Im Jahre 1667/68 wurden in Amsterdam 8788 Ochsen und Kühe
eingeführt®). In den schleswig-holsteinischen Häfen verkehrten
viele niederländische Schiffe, so aus Makkum, Ameland, Dokkum,
Leeuwarden, Groningen, Harlingen, Enkhuizen, Rotterdam, Amsterdam,
 Hoorn, Schiedam. In den mit diesen Schiffen bewirkten
Einfuhren überwogen allerdings die geringwertigen Massenartikel:
Fische, Steine, Pfannen; die wertvolleren Waren holten sich die
Holsteiner direkt oder über Hamburg‘).
Die Hansestadt Lübeck trat, nachdem ihre große
politische Rolle mit der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts ausgespielt
 war, auch wirtschaftlich im Verkehr mit den Niederlanden
zurück. Die Nordseehäfen überwogen jetzt durchaus. Allerdings
fiel im Ostseeverkehr auch weiterhin den Lübeckern eine höchst
) Jürgens, Zur schleswig-holsteinischen Handelsgeschichte, S. 187 ff.
23 Jürgens, S. 161, 190 ff.; Baasch, Hamburg und Holland, S:!82)
vgl. auch Kernkamp,Sleutels, S. 53/f.
3) Jürgens, 5.68.
‘) Blok, Rel. Venetiane, S. 38.
5) Brugmans, Statistiek, S. 167. Der Amsterdamer Kaufmann Jacob
Lotan ließ 1717 durch seine Kommissionäre in Jütland 466 Ochsen ankaufen
und durch sieben von ihm in Holland gemietete Schiffe hierher befördern (Elias,
Vroedschap, S. 709).
6 Jürgens, Si 279ff.

312
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        — 313 -—-achtungswerte
 Stellung zu; und hier waren auch für sie die Holländer
 recht unwillkommene Konkurrenten. Selbst im finländischen
Verkehr, in dem die Lübecker bisher neben den Danzigern den
ersten Rang eingenommen hatten, setzten sich die Holländer mit
dem Ende des 16. Jahrhunderts immer mehr fest!). Es war das
handelspolitische Ziel der Lübecker, überall in den Ostseehäfen,
aber auch im weiteren Schiffsverkehr den Holländern gleichgestellt
zu werden; sie erreichten das für den Sund 1649, was 1673 von Dänemark
 erneuert wurde. Die hohen lübischen Zölle waren dem Handel
der Holländer nicht günstig und trieben ihre Schiffe vielfach nach
anderen Häfen?). Andererseits versagten die Holländer 1716 den
Lübeckern den Schutz ihrer Konvoischiffe; erstere verhehlten auch
hier wieder nicht ihre Abneigung, Konkurrenten zu unterstützen‘).
Daß aber auch nach Lübeck sich die holländische Industrie mit ihrem
Expansionsbedürfnis ausbreitete, lehrt die Tatsache, daß sich
um 1668 Holländer dort um die Niederlassung als Wollfabrikanten
bewarben, was ihnen auch bewilligt wurde*).
Der direkte wirtschaftliche Einfluß der
Holländer beschränkte sich aber nicht auf
die deutschen Küsten. Auch ins Innere Deutschlands
 drang der niederländische Handel vor.
Als Faktoren, als Lieger oder sonstwie erscheinen seine Vertreter
und Pioniere, überall für holländische und andere Waren arbeitend
und werbend. Schon um 1600 finden wir in allen bedeutenden
Städten Schlesiens Faktoren der Niederländer und Engländer,
vorzüglich aber der ersteren, die die Erzeugnisse der Leinwandindustrie
 nicht nur von den Kaufleuten, sondern sogar direkt von
den Webern aufkauften und dadurch den Unwillen der dortigen
Kaufleute erregten und zu Abwehrmaßregeln gegen diese Faktoren
führten®). Später ging dieser Ausfuhrhandel freilich nahezu ganz
über Hamburg).
Am sichtbarsten trat die Wirksamkeit der Niederländer auf
1) v.‘Borries,. 8.86, 1204:
2? Baasch, Schonenfahrer, S. 375.
3) Ebenda; S. 155:
') Ebenda, S. 211 f.
) Zimmermann, Leinengewerbe, S. 6 ff.
5) Ebenda, S. 64 ff.
        <pb n="322" />
        4
den großen deutschen Messen in die Erscheinung,
namentlich in Leipzig. Leider sind wir erst seit dem 18. Jahrhundert
 über diese Verhältnisse eingehender unterrichtet. Eine Eingabe
 von fremden Kaufleuten an die Leipziger Behörde vom 15. März
1716 über die Verlegung der Jubilatemesse zu Frankfurt a. M. ist
u. a. von drei Amsterdamer Kaufleuten unterzeichnet!). In einer
Denkschrift der Leipziger Kaufleute 1734 wird geklagt über das
kaiserliche Verbot der Handlung mit Frankreich und die Einfuhr
französischer Weine. Dadurch werde nur der Vertrieb der holländischen
 Waren zunehmen und den Holländern aller Gewinn zufließen?).
 Auf der Messe in Leipzig erschienen die Holländer namentlich
 als Käufer von Garnen, Wollwaren, Tuchen, Leinwand, die
von ihnen dann nach Spanien, Portugal, Westindien versandt
wurden?) ; schon hier auf der Messe traten sie somit als Konkurrenten
 Hamburgs auf. Jede Konjunktur in diesem Geschäft machte
sich auf der Messe bemerkbar; und als nach 1780 die Niederlande
in den Krieg mit England verwickelt wurden, blieben die Holländer
aus, und die Messe verlief flau, zumal. die Iserlohner Kaufleute,
die für den Handel nach Holland in Leipzig viel einzukaufen pflegten,
sich nun auch zurückhielten‘). Nirgendwo prägte sich der Ende
des Jahrhunderts stattfindende Verfall des holländischen Handels
So aus, wie in den Meßzahlen jener Zeit®). Doch scheint ver -
hältnıismäßig dieHrankfurterMessenoch stärker
 von den Holländern besucht worden zu sein als
die Leipziger, die vorzüglich in der Versorgung seitens der nordischen
 Nationen ihre Aufgabe erblickte. Zwischen 1748 und 1771
schwankte der Besuch der Holländer in Leipzig jährlich zwischen
45 und 40 Personen; 1748 waren darunter 20, 1771: 13 Juden®).
Am festesten faßten wohl in Westdeutschland die Holländer
in Frankfurt a. M. Fuß. Hier war seit der Mitte des 16. Jahrhunderts
 das Wechselgeschäft hauptsächlich in
Händen der eingewanderten niederländischen
'y Hasse, Leipziger Messen, S. 298.
?) Hasse,\S.1470.
*) Hasse., S. 323, 329, 331, 337.
*) Ebenda; S. 344.
5) Ebenda, S. 361, 367,386.
$) Ebenda, S. 304 If.

31-4
        <pb n="323" />
        Kaufleute; und mit dem Ende des Jahrhunderts erlangten
diese die führende Rolle im Frankfurter Wirtschaftsleben; ja sie
riefen eine völlige Umwälzung hervor!). Unter 85 Geschäftsfreunden
des Bankhauses Joh. von Bodeck befanden sich 1602—1606
nicht weniger als 50 Niederländer neben ır1 Italienern und 22 Deutschen?).
 Sogar an den holländischen Kolonialgesellschaften nahmen
um 1632 Mitglieder der niederländischen Niederlassung in Frankfurt
 teil, obwohl das vom Kaiser verboten war®). Das ausgedehnte
Geschäft der Frankfurter mit englischen Tuchen und Manufakturwaren
 verdankte die Stadt der Ansiedlung holländischer Häuser;
aber auch in das Posamentiergewerbe, die Färberei, die Goldschmiedekunst
 und Diamantenschleiferei brachten die Niederländer
neues Leben*). Selbst an großartigen Handelsprojekten mangelte
es nicht; so ist zu nennen das 1631 auftauchende, in Amsterdam
entstandene Projekt einer holländisch-italienischen Speditionsgesellschaft,
 die u. a. in Frankfurt ihren Sitz nehmen und den verteuernden
 Zwischenhandel ausschalten sollte®). Die Zeiten waren allerdings
 für die Ausführung eines solchen, an sich gar nicht unverständigen
 Projekts nicht geeignet.
Die ganze Durchdringung weiter ‘deutscher
 Gebiete mit niederländischem wirtschaftlichem
 Geiste, mit zum Teilineuen Betriebsformen
 und weitschauendem Unternehmungssinnistvonderniederländischen
 Wirtschaftisgieschichte
 nicht zu trennen. Ein nicht
geringer Teil dieser Einwanderungen entstammte ja den südlichen
Niederlanden, namentlich soweit sie schon im 16. Jahrhundert
und in Massen erfolgten; im 17. Jahrhundert waren doch auch viele
Nordniederländer unter den Einwandernden®). Für die niederländische
 Wirtschaft waren diese Einwanderungen deshalb von
1) Geschichte der Handelskammer zu Frankfurt a. M., S. 5, 13.
?) Dietz, Handelsgeschichte, III, S. 241 ff.
)) Bothe, Gustav Adolf, S. 117.
1) Geschichte der Handelsk. Frankf. a. M., S. 1184, 1213.
Dietz, MI. 1S: 359.
5) Vgl. namentlich Witzel, Gewerbegeschichtl. Studien, S. 117 ff. Die
Ende des 16. Jahrhunderts in Hamburg eingewanderten Niederländer. stammten
überwiegend aus den südlichen Niederlanden (vgl. Sillem, Zur Geschichte
der Niederländer in Hamburg, Ztschr. d. V. f. hamb. Gesch. VII).

315
        <pb n="324" />
        ya
hoher Bedeutung, weil sie die Beziehungen zwischen beiden Ländern
stärkten und den gegenseitigen Handel vermehrten; anderseits war
die Begründung vieler Industrien in Deutschland und anderen
Ländern durch die Niederländer dem Heimatlande ja nicht immer
vorteilhaft, da sie eine Konkurrenz im Auslande schufen, die ihm
später verhängnisvoll wurde. Jedenfalls spricht es für die starke
Wertschätzung, die namentlich im 17. Jahrhundert das niederländische
 Gewerbe im Auslande genoß, wenn man sich überall
um diese Niederlassungen bewarb, ja geradezu riß. Das geschah
nicht nur in dem völlig barbarischen Rußland, sondern selbst in
Schweden und Dänemark. _Von Schweden war
schon die Rede!); in Dänemark betrieb namentlich Theodor
Rodenburg die Einrichtung zahlreicher Industrien, die in den
Niederlanden blühten, so den Betrieb von Ölmühlen, von Geschützund
 Eisengießereien, Wachsbleichen, Seifensiedereien, Seilerbahnen
u. a. m.°). Gewiß waren diese Holländer, die sich überall zeigten,
wo ein Fürst das Bestreben hatte, das Gewerbe seines Landes
künstlich in die Höhe zu bringen, nicht selten Abenteurer, die
nachher den an sie gestellten Erwartungen nicht entsprachen. Das
ändert nichts an dem Rufe des niederländischen Gewerbefleißes
und seiner Erzeugnisse. Allerdings darf man wohl nicht verkennen,
daß die dauerhaftesten Einwirkungen der niederländischen Einwanderungen
 nicht der Industrie, sondern dem Handel zuflossen.
Aber auch auf diesem Gebiete war das Eingreifen der Holländer
ja nicht immer nützlich. Sie verdarben hier den Deutschen durch
ihren Übereifer und ihre Preisunterbietung manches gute Geschäft,
so im Getreide- und Leinwandhandel, und lähmten dadurch den
Unternehmungsgeist der weniger kapitalkräftigen Deutschen. Am
meisten Widerstandskraft fand der holländische wirtschaftliche
Expansionsgeist in den Nordseestädten; und hier hat auch das
holländische Beispiel nicht drückend, sondern im Gegenteil aufmunternd
 gewirkt.
Neben Gewerbetreibenden und Kaufleuten sind endlich zu nennen die für
spezielle Aufträge ins Ausland berufenen niederländischen Ingenieure, Wasserbautechniker,
 Schiffsbaumeister; so der Ingenieur Joh. van Valkenburg, der
1613 in Rostock die Verteidigungsmittel der Stadt ausarbeitete und zu demselben
1) Vgl. oben S. 269f.; ferner Edmundson, S.694 ff. über die Industrialisierung
 Schwedens durch Holländer.
? Kernkamp, Memoiren v. Ridder Theodor Rodenburg.

ZIl
        <pb n="325" />
        41317 —
Zweck schon in Hamburg, Bremen und Lübeck gearbeitet hatte!); oder der Ingenieur
 Wilhelm de Raet, der Ende des 16. Jahrhunderts die. Wasserbaupläne
 des Herzogs Julius von Braunsc hweig prüfte?), und viele andere.
Diese Persönlichkeiten sind aber mehr unter dem Gesichtspunkt gelegentlicher
Berufungen zu beurteilen?).
Alles in allem genommen hatten die Niederländer ein großes
Interesse an guten und geregelten Handelsbeziehungen mit dem
Reich. Da dieses einer einheitlichen Handelsgesetzgebung und
Handelspolitik entbehrte, war es vor dem 19. Jahrhundert ein ausgezeichnetes
 Feld für die holländische Handelsbetätigung. Nirgends
hat sie über eine freiere Bewegung verfügt wie hier. Deutschland
war in dieser Hinsicht Frankreich weit vorzuziehen. Zwar hatten
die Niederländer auch in Frankreich zahlreiche Agenten und Faktoren.
 Deutschland aber wurde von holländischen Geschäftsreisenden
 zeitweilig überschwemmt*); unter dem Namen ‚holländische
Waren‘ kannte und kaufte man hier noch bis ins 19. Jahrhundert
hinein die kleinen Erzeugnisse der holländischen Textilindustrie,
die z. T. durch Hausierer vertrieben wurden, in der Regel allerdings
gar nicht holländischen Ursprungs waren. Aber schon in der Mitte
des 18. Jahrhunderts erhob sich eine Gegenbewegung von Deutschland
 aus gegen die holländische wirtschaftliche Invasion. Nun
machte sich der Einfluß des fremden, namentlich deutschen Handels
in den Niederlanden bemerkbar und zwar auf eine Weise, die von
dem früheren Auftreten sich wesentlich unterschied. Während vorher
 die ausländischen Kaufleute ihre Waren nach Holland an die
großen Ladenbesitzer sandten, die sie dann im kleinen wieder in
Stadt und Land verbreiteten, kamen nun im Sommer die auswärtigen,
namentlich deutschen Kaufleute selbst nach Holland, mieteten ein
paar Zimmer, füllten sie mit Waren und verkauften aus diesen
Lägern, oft nur in kleineren Mengen und an jedermann, selbst an
Privatleute. Im Herbst verließen sie dann mit gefüllten Taschen
das Land®). Das wurde in Holland schmerzlich empfunden, war
bg !) Hülshof, S. 548 ff.
?) P. Zimmermann, Herzog Julius v. Braunschweig, S. 57.
3) Zahlreiche Architekten, Ingenieure aus Holland im brandenburgischen
Dienst nennt Galland, Der Gr. Kurf. und Mor. von Nassau, S. 190 ff.
*) Vgl. die Instruktion für die holländischen Reisenden in Deutschland,
Preußen und Polen in De Koopman, I, S. 98 ff.
5 De Koopman, II, (1770), S. 213. Nach Blok, Geschiedenis v.
h. ned, Volk, V, S. 369 haben sich schon im 17. Jahrhundert viele Deutsche, nament-
        <pb n="326" />
        aber doch nichts anderes als die Reaktion gegen das ähnliche Verfahren
 der Holländer in Deutschland.
Außerdem machten sich auch seit dem 18. Jahrhundert die
zahlreichen Hausierer, meist deutscher Nation, sehr unliebsam bemerkbar;
 zweifellos schädigten sie den einheimischen Kleinhandel
nicht wenig!). Alles dies führte dazu, daß man in der Mitte des
Jahrhunderts die Fremden in den Niederlanden mehr und mehr
mit einer gewissen Geringschätzung betrachtete und behandelte;
sie richtete sich namentlich gegen die Deutschen. Man warnte schon
damals vor einem solchen Verhalten, das wirtschaftlich nicht klug
war und im Widerspruch stand mit der alten Stammesgemeinschaft?).
Die Handelsbeziehungen der Niederlande mit Frankreich
standen in ihrem Umfang hinter denen der Niederlande mit dem
Osten zurück; sie waren auch sehr unähnlich denen mit England.
Ansprüche auf die Seeherrschaft, wie sie England erhob, lagen
Frankreich fern; seine Macht beruhte, auch als es Kolonialmacht
wurde, doch stets auf dem Festlande; und seine gewiß nicht bescheidenen
 Ansprüche berührten nur seine kontinentale Behauptung
und Ausdehnung. Handelspolitisch trat es mit der Republik erst
im 17. Jahrhundert in engere, dann allerdings nicht durchweg
friedliche Berührung. Die Absichten Frankreichs auf die südlichen
Niederlande wurden mit Recht von der Republik stets bekämpft;
so sehr man während der Freiheitskämpfe die Freundschaft Frankreichs
 als. Gegengewicht gegen Spanien schätzte, ebenso scharf hat
man, alsıspäter die Anzgrifispläne auf die südlichen
 Niederlande hervortraten, diese bekämpft.
 Als Nachbarn schätzte man Frankreich nicht, sowohl
aus macht- wie wirtschaftspolitischen Gründen. Antwerpen und
die einst blühenden flamischen Städte in französischen Händen
hätten für die wirtschaftliche Entwicklung der Niederlande überaus
gefährlich werden müssen. Andererseits war die franzosenfeindliche
Politik Wilhelms III. für die Niederlande sehr wenig ersprießlich,
 da diese sich nun vor der unbestreitbaren Suprematie Englich
 Westfalen, in den Niederlanden als Krämer niedergelassen; vgl. auch Haepke,
Der deutsche Kaufmann in den Niederlanden, S. 58.
U Euzac, IV, S. 273.
2.De Koopman, I. S. 441.

318
        <pb n="327" />
        lands beugen mußten und es an dem Gegengewicht, das Frankreich
darbot, völlig fehlte.
Ihre alten Handelsbeziehungen mit Frankreich pflegten die
Niederlande eifrig. Für die Versorgung mit nordischen, zeitweilig
auch mit Kolonialprodukten haben die Niederlande für Frankreich
einen großen Wert gehabt; sie waren überdies ein bedeutender
Abnehmer der französischen Erzeugnisse. In der ersten
Hälftelides 17. lJahrhunderts befand sich der
größte Teil.des französischen Außenhandels
in holländischen Händen; .für. Wein, Salz, Fische, die
Frankreich lieferte, versorgte Holland jenes mit Heringen, Stoffen,
Tuchen, Baumwolle, Käse, Butter; und während des Krieges mit
Spanien ging ein Teil der dorthin von Holland versandten nordischen
Produkte durch Frankreich. Um 1646 führten die Holländer jährlich
 nach Frankreich ein:
Pfeffer, Muskat, Kanehl u. a. Drogen” .”“. . fürß3 1093 130 Livres
Zucker jeder Art und eingemachte Früchte. . Wr 885150 .,
medizinale Drogen‘ ı....; - 7 842.080 .,;
Edelsteine, Perlen, Federn, Wolle, Baumwolle . ,‚, 1835200 ‚,,
Farbholz, Krapp, Galläpfel, Vitriol, Alaun .. ,, 1035220 ‚
Tuche, Leinwand, Bilder, Bücher usw... . . ‚, ©6889 960
Kupfer, Zinn, Blei, Kessel, Nadeln, Eisen, Stahl ‚, I 500 000
Kanonen, Drehbassen, Schwefel, Salpeter, Pul-VErUSW.
 LH HD a a 4 0) "11-235 00010,
Leder, “Juchten,: Pelzwerk. 2.0 ei ie 675 000 ,,
Flachs, Hanf, Wachs, Pech, Masten, Planken usw. ,, 1700070 ‚,,
Heringe, Salme, Walfischbarden, Walfischöl u. a.
Öle 1 1 A. 454 300° ",,
Butter, Käse, Talglichter usw... 27... I 200010 ,,
21 445 220 Livres
Ausgeführt wurde von Frankreich nach Holland:
Weine, Branntwein .ı 7. 1 ... &amp;gt;. JUna6 192.632 Livres
Getreide, Erbsen, Bohnen, Kastanien. ... .... 43 450 450
Tuche, Leinwand 2 U D583432
Olivenöl, Mandeln, Feigen, Rosinen usw... .. 71517711,
Tuchwaren, Krämerwaren, Papier . ..:. 4 915525)»
Honig, Terpentin, Wachs Re a 3551500
Salz. 0.4 AA a 2 2 4887501;
I5 701 466 Livres!)
1) Malvezin,. 11. S. 256,

319
        <pb n="328" />
        za NL
Nach einer anderen Angabe führte 1658 Frankreich nach Holland für 72 Mill.
Livres aus, wovon 52 Mill. auf Manufakturwaren, 17 auf Getränke und Lebensmittel
 kamen‘).
Schon Richelieu sah mit großem Kummer die Überlegenheit
 der Niederländer im französischen Handel. Damals konnte
aber Frankreich die Niederländer nicht entbehren, da sie durch ihre
Kriegsschiffe die französische Schiffahrt schützten, was sie ın
den Verträgen von 1624 und 1627 versprochen hatten. Selbst
aus den französischen Niederlassungen in
Westafrika und Canada hatten die Holländer
die Franzosen völlig verdrängt”). Das gab später
Colbert Anlaß zur Gründung neuer überseeischer Handelsgesellschaften,
 die aber völlig versagten?). Im europäischen
Zwischenhandel aber machte die Colbertsche Wirtschaftspolitik
 dem Übergewicht der Holländer ein Ende;
seine Zolltarife von 1664 und 1667 belasteten namentlich die holländischen
 und englischen Tuchwaren*). Als dann die Niederlande 1667
mit der Erhöhung ihrer Zölle auf Wein und Branntwein drohten,
nahm Colbert das nicht ernst; er glaubte nicht, daß die Niederlande
 diese Waren entbehren konnten, von denen sie selbst nur
den dritten Teil verbrauchten, während sie das übrige dem Norden
zuführten, den die Franzosen ja auch selbst versorgen könnten.
Johan de Witt aber schritt doch zu der genannten Maßregel,
 was die handelspolitischen Beziehungen zwischen beiden
Ländern erheblich verschlechterte°). Für die Niederlande war die
Colbertsche Wirtschaftspolitik doch sehr schädlich. Wenn es
Colbert auch keineswegs gelang, seine weitausgreifenden, auf
y, Levasseur, I, SS. 409. Die von Sombart, Studien, 1, S. 151f,
angegebene Ziffer für die Ausfuhr Frankreichs nach Holland (39% Mill. Frs.) soll
ebenfalls dem Jahre 1658 angehören.
23) Levasseur, I, S1274; vgl. auch Bonnassieux,/ S. 256, 349,
352. Über die ‚„vexations‘“, die die französischen Ostindienfahrer seitens der Holländer
 und Seeländer erfuhren, vgl. Gosselin, Documents, S. 162. Über die
schlechte Behandlung, die den holländischen Kaufleuten und Faktoren in den
französischen Hafenstädten, vorzüglich Nantes, in der Mitte des ı7. Jahrhunderts
zuteil wurde, die sogar zu tätlichen Angriffen führte, vgl. van Biema, Wat
Hollanders te lijden hadden, S. 201 ff.; Elzinga, S. 70 ff.
3) Levasseur, 1, S:z364 0. Elzinga, S. 127.
‘Elzinga, SS. 229;
55 Levasseur, I, S. 362; Malvezin, II, S. 285 f.; vgl. oben S. 125.

32C
        <pb n="329" />
        einen direkten Handel mit dem Norden und nach der Ostsee zielenden
 Pläne, die zum großen Teil gegen die Niederländer sich richteten,
 ins Werk zu setzen und die 1669 errichtete Compagnie du
Nord schnell Schiffbruch litt!), so hat andererseits der Tarifkrieg,
den er gegen die Niederlande führte und der namentlich seit 1671
sehr scharfe Formen annahm, den Niederländern viel Abbruch
getan?). So wurden holländische Tuche von 133 Fr. im Zolltarif
von 1664 auf 183 Fr. in dem von 1667 gesteigert ; Seidenstrümpfe,
die 1664: 2,10 Fr., die 12 Paar an Zoll kosteten, wurden 1667 auf
2,10 Fr. für ein Paar erhöht; Wollstrümpfe von 3,46 Fr. für 12 Paar
auf 16,44 Fr. für 12 Paar. Die Erhöhungen von 1664 auf 1667
beliefen sich bis zu 366%%3). Der holländische Zucker wurde in
Frankreich jetzt sehr hoch belastet, was von den Amsterdamer
Zuckerraffinerien hart empfunden wurde und viele Beschwerden
hervorrief*). Dazu kam dann seit 1659 das französische Faßgeld
von 50 Sous auf die Tonne. Mit diesem plante Frankreich die eigene
Schiffahrt zu fördern und einen größeren Anteil an der allgemeinen
Frachtfahrt zu gewinnen; die Maßregel richtete sich vorzüglich
gegen die Niederländer. Während in der Mitte des
7. Jahrhunderts von den etwa 20000 Seeschiffen,
 die Europa besaß, allein auf die Nieder:
länder ı5—ı16000 fielen, hatten die Franzosen
deren nur 5—600 und auch nur solche von geringer
 Tragfähigkeit®). Doch hat, so lästig jene Abgabe
der niederländischen Reederei fiel, sie Frankreich doch nicht den
gewünschten Erfolg gebracht.
In den Verwicklungen zwischen den Niederlanden und England
 nahm Frankreich eine neutrale Haltung ein, obwohl es mit
) Elzinga, 5. 98ff.
2 Elzinga, S. 188.
) Levasseur, I, S. 358.
) Brugmans, Collegie van Commercie, S. 189 ff.
5 Levasseur, 1, S. 409. Elzinga, S. 164 £f., 188 £/ NachMalvezin,
 II, S. 261, der sich auf Colberts !Angaben bezieht, jwaren es insgesamt
 25 000 Schiffe und der französische Anteil 5—6000, was wohl irrig ist. Daß
der größte Teil des französischen Seehandels mit holländischen Schiffen getrieben
wurde, erwähnt auch de la Court, Interest van Holland (1662), S. 161. Die
seit langer Zeit bestehende Börtfahrt zwischen Amsterdam und Rouen scheint von
Schiffen beider Nationen betrieben worden zu sein.
Baasch, Holländische Wirtschaftspeschichte.,

321
21
        <pb n="330" />
        — 2 —
den Niederlanden einen Vertrag hatte, der es zur Hilfeleistung
verpflichtete. Das Übergewicht Englands zur See war Frankreich
zwar höchst unbequem, es fürchtete aber, wenn es den Niederlanden
 zu Hilfe kam, ein spanisch-englisches Bündnis. Unter den
Kriegen Ludwigs XIV. haben die Niederlande schwer gelitten;
der Einfall von 1672 ist ihnen in langdauernder Erinnerung geblieben.
 Wenn auch der Abschluß des Friedens von Nymwegen
 (1678), der infolge der heimlichen Umtriebe Amsterdams
und sehr‘ gegen den Willen Wilhelms III. stattfand, ernstlich
den Niederlanden wenig Abbruch tat, so hatte doch dieser Krieg für
sie die schmerzliche Folge, daß in diesen 6 Jahren ihr Zwischenhandel
 zum großen Teil in englische Hände fiel und ihre Handelsschiffahrt
 schwer geschädigt wurde. Sie erreichten aber für sich
die Wiederherstellung des französischen Tarıfs von 1664, den die
Engländer schon 1672 erhalten hatten!). Die Politik Ludwigs XIV.
brachte zwar die kleinen Niederlande an den Rand des Abgrundes,
den Gewinn hatte aber nicht Frankreich, sondern England. Allerdings
 wurde grade um diese Zeit die steigende Konkurrenz Dünkirchens
 im Handelsverkehr von den Niederlanden schmerzlich
empfunden?). Etwas günstiger war für die Niederlande der Ausgang
 des Krieges mit Frankreich, der 1697 in R yswijck seinen
Friedensschluß fand. Zwar hatten sie durch den Kreuzerkrieg
schwere Verluste erlitten, aber Frankreich mußte ihnen wie England
 doch Handelsvorteile einräumen; sie bestanden in der nochmaligen
 Wiederherstellung des Tarifs von 1664 und in dem Verzicht
 Frankreichs auf das Faßgeld.
Während des spanischen Erbfolgekrieges stockte der Verkehr
 zwischen den Niederlanden und Frankreich nahezu völlig.
Eine französische Verfügung, die 1706 den holländischen Schiffen
gestattet hatte, gegen das doppelte Lastgeld Spezereien nach
Frankreich zu schaffen, wie ebenso den hamburgischen Schiffen
holländisches Öl und Walfischbarden, wurde‘ schon bald darauf
wieder zurückgezogen, obgleich die Kaufleute von Bordeaux bereits
umfangreiche Bestellungen auf Grund dieser Verfügung hatten er-1:
 Levasseur), I, S. 359, 362.
2) Vgl. van Dillen, Eenige stukken aang. den Amsterd. Graanhandel,
S. 228 ff. Über die Besorgnisse der Niederlande, die sich an die Abtretung Dünkirchens
 an Frankreich knüpften, vgl. Elzinga, S. 186 f.

KL
        <pb n="331" />
        — 323 —
gehen lassen!). Das Ergebnis des Krieges änderte für die Niederlande
 wenig an dem früheren Handelsverhältnis. Während England
 mit neuen Kolonien und maritimen Stützpunkten und als
anerkannt erste Seemacht aus dem Kampfe hervorging, mußten
die Niederlande sich mit einem günstigen Handelsvertrage begnügen;
 ihre Einfuhr durfte nicht schwerer belastet werden als
die der französischen Eingesessenen; außerdem erreichten sie die
Errichtung einer Festungsbarriere gegen Frankreich in den südlichen
 Niederlanden. Als Gegenstück tauschten sie aber die völlige
Ohnmacht zur See und zu Lande ein. Der Handelsvertrag mit
Frankreich lief 1738 ab, eine Verlängerung erhielten die Niederlande
 nicht. Als aber 1739 der spanisch-englische Krieg ausbrach,
bewilligte Frankreich für die niederländische Neutralität jenen
die Verlängerung des Vertrages auf weitere 25 Jahre. Nach dem
Frieden von Aachen 1748 lehnte jedoch Frankreich die Wiederherstellung
 des schon 1745 aufgehobenen Vertrages ab. Ein neuer
Vertrag wurde 1782 geschlossen.
Der Handelsverkehr zwischen beiden Ländern war auch im
18. Jahrhundert sehr lebhaft. Im Jahre 1716 war der Ausfuhrhandel
 von Frankreich nach Holland auf 30 700 000 Livres gesunken;
 die Höhe des 17. Jahrhunderts erreichte er nie wieder;
in den Jahren 1787—1789 betrug er nur 40 Millionen, von denen
die Hälfte auf Kolonialprodukte kamen. Günstiger entwickelte
sich hingegen der Ausfuhrhandel der Niederlande nach Frankreich.
Er hatte 1716 nur ı2 Mill. Livres betragen, verdoppelte sich aber
bis 1787, wo er etwa 25 Mill. Livres betrug; die Hälfte der Ausfuhr
entfiel auf Getreide, Holz, Pottasche, Metalle und andere Rohprodukte.
 Die Niederlande hatten damals nicht mehr die große
Überlegenheit im Seehandel mit N ordeuropa, was sich auch in ihrem
Verkehr mit Frankreich ausdrückte?). Doch nahmen die Niederländer
 noch immer in den westfranzösischen Häfen eine bedeutende
Stellung ein, namentlich in Bordeaux und Nantes. In
starker Zunahme war der Weinexport nach Holland; im 18. Jahrhundert
 nahm im holländischen Handel der französische Rotwein
zu, während der Rheinwein abnahm. In der Mitte des Jahrhunderts
verkehrten allein von Bordeaux nach Holland, einschließlich der
a Malvezin, II, S.20.
2) Levasseur, I, S. 524.

Q1*
        <pb n="332" />
        4
österreichischen Niederlande, 500—600 Schiffe jährlich; 1717 gingen
von Bordeaux nach Holland 34075 Tonnen Wein!). Holland
sandte nach Frankreich viel Käse für Schiffsausrüstungen, ferner
Messingdraht, Spezereiwaren und Drogen,
Ohne Zweifel war das Handelsinteresse der Niederlande an
dem Verkehr mit Frankreich immer noch sehr groß, und es war nicht
unrichtig, wenn man der Ansicht La Fargues entgegentrat,
der es für im niederländischen Interesse gelegen hielt, Frankreich im
Handel und in der Macht möglichst herabzudrücken, da auf Frankreichs
 Verfall die Blüte der Niederlande beruhe?). Vom volkswirtschaftlichen
 Standpunkt aus war das sicher ein Irrtum.
Wurde durch die handelspolitischen Kämpfe mit den skandinavischen
 Ländern in erster Linie die wirtschaftliche Stellung im
Ostseegebiet, d. h. einem politisch und ökonomisch durchaus uneinheitlichen
 Länderkomplex, betroffen und handelte es sich hier
namentlich um den freien Zugang zu jenen Ländern, war andererseits
das handelspolitische Verhältnis mit Frankreich stark beeinflußt
von dem rein politischen Machthunger dieses Landes, so berührte
das Verhältnis zu England weit umfassendere, schwierigere
Probleme wirtschafts- und machtpolitischer Art, deren Austrag
schließlich über die Handels- und Seebedeutung der Niederlande
überhaupt entscheiden sollte. Bis zum Ende des 14. Jahrhunderts
war der englische Handel fast ganz in fremden Händen, vorzüglich
in denen der Deutschen und Italiener). Unter König Eduard II.
vollzog sich ein Wandel; jetzt erschienen, Ende des 14. Jahrhunderts,
die englischen Tücher auf dem niederländischen Weltmarkt*).
Im 15. Jahrhundert befestigte sich der englische Tuchstapel in den
Niederlanden; in Antwerpen konzentrierte sich seit 1444 der englische
 aktive Handel®). Die Merchant Adventurers verdrängten
die flamische Tuchindustrie mehr und mehr; der durch sie, die Hanse
und die Italiener vermittelte Handelsverkehr zwischen England
und Antwerpen wurde Ende des 15. Jahrhunderts sehr bedeutend;
unter Elisabeth erreichte er den Höhepunkt. Doch zielte die Handels-—
 1) Malvezin, III, S. 217, 315ff.; Le Beuf, S. 154, 159, 203.
2) De Koopman, III, S. 16 (1771).
3) Schanz, Engl. Handelspolitik, I, S. 112 ff. 17218.
*Schanz, 1/5. zit.
5) Elias, Voorspel, I, S. 103 if.

&amp;amp;
        <pb n="333" />
        = 2 3°5
politik dieser Fürstin mit Erfolg auf eine Lösung von der fremden Abhängigkeit;
 so wurden die Venetianer aus dem englischen Handel mit
Spanien und Portugal verdrängt; England löste sich aus der Verbindung
 mit der Hanse und ihrer Bevormundung und suchte sich finanziell
 unabhängig zu machen von der Antwerpener Börse und den italienischen
 Bankiers. Was an die Stelle dieser alten Beziehungen ge
setzt wurde, hatte freilich einen durchaus monopolistischen Charakter
und bestand aus einer Reihe von Handelsgesellschaften, deren jede
einen geographisch und wirtschaftlich abgesonderten Gebietsteil zu
bearbeiten hatte. Alles lief hinaus auf die Konsolidierung der Tuchpreise.
 Am Ende der Regierung von Elisabeth und unter
Jakob I. gab aber die englische Wirtschaft diese starren Formen
allmählich auf und gewann eine freiere Gestaltung. Das zeigte sich
namentlich in der Haltung gegenüber den Interlopers. Die Beziehungen
 mit den Niederlanden standen, wir sahen es schon?), im
16. und 17. Jahrhundert völlig unter dem monopolistischen Geist,
der die Institution der Merchant Adventurers beseelte; das hat
den allgemeinen Aufschwung des niederländischen Handels nur
befördert, da dieser sich in viel freieren Bahnen bewegte und nicht
in dem Maße, wie der englische, in das Schema und die Fesseln
privilegierter Gesellschaften geschlagen war. So stand jedenfalls
zahlenmäßig der englische Handel im Anfang des 17. Jahrhunderts
weit hinter dem niederländischen zurück?).
Schon frühzeitig hat man versucht, die niederländisch-englischen
 Handelsbeziehungen durch vertragsmäßige Abmachungen
völkerrechtlich zu regeln. Die berühmteste, am häufigsten in den
Verhandlungen und der Literatur erwähnte Übereinkunft dieser
Art war der sogenannte ‚intercursus magnus‘“ von 1495, der in
summarischer Form für die damals noch recht primitiven gegenseitigen
 Handels- und Schiffahrtsbeziehungen eine Reihe von
Grundsätzen aufstellte?). Die weitere Entwicklung des Verkehrs
im 16. Jahrhundert hat allerdings diese einfachen Regeln schnell
überflügelt; handelspolitische Gegensätze, die sich naturgemäß in
dem Interessenstreit zwischen den beiderseitig verliehenen Privilegien
 herausbildeten, führten mehr als einmal zu scharfen Zu-1)
 Vgl. oben S. 258 ff.
?) So meint auch Elias, Voorspel, I, S. 119.
3) Schanz, I, S.ı8ff.

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va
\
        <pb n="334" />
        3
sammenstößen, deren äußersten Konsequenzen man aber englischerseits
 stets vorsichtig aus dem Wege ging. Auf dem niederländischen
 Weltmarkte handelte es sich ja für die Engländer nicht
nur um ihre Stellung gegenüber den Niederländern, sondern durch
die Privilegien, die jene dort genossen, waren sie überhaupt erst befähigt,
 der Konkurrenz der Hanse die Spitze zu bieten!). Trotz
dieser Erwägung gab aber die englische Regierung den Niederländern
 unablässig nicht unbegründete Veranlassung zu Beschwerden
 über die Bedrückungen, die der niederländische
Handel in England erfuhr?). Doch blieb es zunächst bei gegenseitigen
 Klagen.
Das wurde aber anders, als unter Elisabeth die Hanse
ihren festen Stützpunkt in England einbüßte, als ferner der Ausbruch
 und der wachsende Erfolg der Freiheitsbewegung in den
Niederlanden hier ganz andere Verhältnisse schuf. An die Stelle der
kaiserlichen und spanischen Herrschaft, mit der man es in den Niederlanden
 zu tun gehabt hatte, trat nun die von kommerziellen Gesichtspunkten
 bestimmte Republik; die dynastischen Interessen, die um
so schwerer wogen, als sie sich mit der Machtfülle einer ungeheuren
Monarchie verbanden, verschwanden zwar; dafür beherrschte nun
die rein merkantil orientierte Politik der Holländer und Seeländer
die Handelsbeziehungen. Wurde in England die Losreißung der
Niederlande von Spanien zunächst als eine schwere Schädigung des
mächtigen spanischen Weltreichs willkommen geheißen, so zeigte
doch der Lauf der Dinge schnell, daß dieses kleine Land, als es sich
von der angestammten Herrschaft befreit hatte, nicht nur nichts
von seiner wirtschaftlichen Bedeutung verloren hatte, sondern
alsbald durch seinen kolonialen und maritimen Ausdehnungsdrang
zu einem wahrhaft gefährlichen Nebenbuhler wurde. Und im englischen
 Blute lag schon damals die Mißgunst auf fremden Fleiß
und fremde Arbeit. Als Leicester 1585 in den Niederlanden
erschien, um dem von den Spaniern schwer bedrängten Volke im
Auftrage seiner Königin zu helfen, war er betroffen über die hochentwickelte
 Kultur dieses Landes, seine Industrie, seine Schiffahrt,
die nach seiner Meinung England um so gefährlicher werden mußten,
3 Schanz, 1, SS. 1094.
2) Schanz, 11,S. 378.7 Ehrtrenberg, Hamburg u. England, S. 646;
Höhlbaum, Köln. Inventar, I, S. 540 ff.

32€
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        wenn sie in die Hände des Erzfeindes, Spanien, fielen!). So verknüpfte
sich mit der politischen Annäherung Englands an die Niederlande
doch sogleich der Gedanke der wirtschaftlichen Nebenbuhlerschaft
und ihrer Gefahren.
Es blieb auch nicht lange bei der Bewunderung. Bereits Ende
des 16. Jahrhunderts, als sich die ersten Anzeichen steigender Blüte
in den Niederlanden, die sich von den schweren Anfangs- Jahrzehnten
des Freiheitskampfes langsam erholten, kundgaben, wurden in
England Äußerungen des Mißtrauens und des Neides laut; in erster
Linie wies man hin auf die niederländische Fischerei und die Möglichkeit,
 ja Notwendigkeit, ihr Abbruch zu tun, sie aus den englischen
Gewässern zu vertreiben und den Engländern allein zuzuwenden*®).
Daß dabei ein gutes Teil nationaler und insularer Abneigung gegen
die Niederlande mitspielte, war natürlich?). Die alten Ansprüche
Englands auf die Seeherrschaft in seinen Gewässern kamen wieder
zutage, Ansprüche, die lange Jahre und unter dem Druck der englischen
 inneren Wirren geruht hatten, nun aber wieder auftauchten,
als ein junger, tatkräftiger Nebenbuhler sich allzu dreist der Sphäre
der englischen Küsten näherte. Die bekannte Schrift des Engländers
John Selden „Mare clausum“‘, die 1635 erschien und sich gegen
die von dem Niederländer Hugo de Groot 1609 veröffentlichte
 Schrift ‚Mare liberum‘‘ wandte, offenbarte unzweideutig
die Ansprüche Englands. Diese forderten die unbedingte Seeherrschaft
für die Meeresgebiete um England von Kap Skagen bis Kap Finisterre;
im Norden waren die Shetlands Inseln und Island die Grenze; auch
die grönländischen Gewässer nahm England für sich in Anspruch, da
hier die Engländer die ersten Walfischfänger gewesen waren‘*).
Es blieb ferner nicht bei einer theoretischen und literarischen Inbesitznahme.

Nun war England allerdings durch das Vorgehen der niederländischen
 Seemacht seit Ende des 16. Jahrhunderts schwer gereizt.
 Um Spanien zur Nachgiebigkeit zu zwingen, hatten die Gene-)
 Blok, Geschiedi .vi'h. ned. Volk, III, S. 340 f; * Leicester | nannte
damals Amsterdam ‚,the only towne for trafick in this part of Christendom‘‘ (Elias,
Regenten-Patriciaat, S. 209).
2) Muller, Mare clausum, S. 37 ff.
®) Muller, S."44;
"Muller, S. uff. 24;
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        — 328 —
ralstaaten in Widerspruch mit dem Willen ihrer Kaufleute im Jahre
1599 das Verbot der Kriegszufuhr nach den feindlichen Ländern
auch auf Neutrale ausgedehnt und ein für alle Nationen geltendes
Verbot von Handel und Schiffahrt mit Spanien, Portugal und Italien
 erlassen!). Das war ein Schritt, der, so berechtigt er vom Standpunkt
 der Niederlande war, doch in hohem Grade dazu beitrug,
Mißstimmung gegen sie bei den Neutralen, insbesondere England
und Frankreich, zu erwecken, zumal er ausging von einem so jungen
Staatswesen, das infolge seines illegitimen Ursprungs bei den alten
Monarchien noch vielfach mit großem Mißtrauen betrachtet wurde.
Die Niederlande gingen aber noch weiter. Sie verweigerten, nachdem
 König Jakob 1604 mit Spanien Frieden geschlossen hatte, seinem
 Wunsch, Zutritt zur Schelde zu erhalten, die Erfüllung und
hinderten jeden Handelsverkehr Englands mit den südniederländischen
 Häfen. Wenn sie ferner 1606 gegen die neutrale Schifffahrt
 die Kaperei begannen, so folgten sie hierin nur dem von England
 schon im 16. Jahrhundert gegebenen Beispiel. Durch alles
dieses zeigten die Niederländer ihren Willen zur Seeherrschaft,
so weit ihr besonderes Handelsinteresse in Frage stand; sie zeigten
es nicht weniger durch das oft rücksichtslose Verfahren ihrer Fischer
gegen die englischen und schottischen Wettbewerber. Da riß Jakob
die Geduld; und eine Proklamation vom 16. Mai 1609 verbot kurzerhand
 die Fischerei Fremder in den Küstengewässern und Seegebieten
seiner drei Reiche, es sei denn, daß eine Abgabe dafür gezahlt
werde?). In den Niederlanden erblickte man in dieser Maßregel
einen Verstoß gegen den ‚„intercursus‘“ von 1495, der ausdrücklich die
Seefischerei für frei erklärt hatte. In den Verhandlungen, die sich
anschlossen, und der Literatur über diese Frage, die die beiderseitige
Volksstimmung wiedergab, war man zu einem gewissen Stillstand
gekommen, als im Jahre 1616 Jakobs Unzufriedenheit mit den
Niederlanden neue Nahrung erhielt durch das von diesen erlassene
Verbot der Einfuhr gefärbter Tücher®). Die seit dem spanischniederländischen
 Waffenstillstand von 1609 wachsende Konkurrenz
der Niederländer machte den Engländern überhaupt Sorge. Nun
ließ der König die Proklamation von 1609 neuerdings in Kraft
ı) Elias, Het Voorspel, I, S. 142 If.
2) Muller WS. 55.
3) Muller, S. 721f:, 100 f:

ai“
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        treten; von jedem in den beanspruchten Gewässern betroffenen
niederländischen Fischerfahrzeug sollte entweder ein Geldbetrag
oder eine Tonne Hering und 12 Kabeljaue erhoben werden. Mit
Mühe wurde der damals drohende Bruch vermieden, die englische
Flotte war der niederländischen nicht gewachsen; doch war dem
König der hohe Ton der Generalstaaten sehr empfindlich. Unter
Karl I. wurde nun zwar die englische Kriegsflotte verstärkt;
doch traten die Fischereistreitigkeiten zunächst hinter der großen
Politik und den englischen inneren Zwistigkeiten zurück. In der
Mitte der 1630 er Jahre erregten aber viele Verstöße der nieder-Jändischen
 Kriegsschiffe, die feindliche Schiffe bis an die englische
Küste verfolgten, gegen die englischen Seeansprüche Aufsehen und
erweckten bei dem ehrgeizigen Karl I. den Wunsch, diesem Treiben
 ein Ende zu machen. Auf seine Veranlassung wurde nun
das oben erwähnte, schon unter Jakob und wahrscheinlich mit
dessen Einwilligung geschriebene Seldensche Buch 1635 veröffentlicht!).
 Wirkte dies wie ein offizielles Programm, so erfolgte
bald darnach (1636) die englische Erklärung an die niederländische
Regierung, daß der König seine Flotte in See senden werde, „um
zu erhalten und zu behaupten seine Herrschaft und sein erbliches
Recht über die See‘; niemand dürfe weiter ohne besondere königliche
 Erlaubnis in den königlichen Gewässern fischen?). Die große
Flotte, die gleichzeitig in See erschien, zeigte, daß es Karl mit
seiner Drohung ernst war. Den niederländischen Fischern, die
dem Grundsatz des „mare clausum“‘ zuwider betroffen wurden,
nahm man eine Steuer ab. Das erregte naturgemäß in den Niederlanden
 große Unruhe; die Flotte lief aus, doch kam es nicht zum
Krieg. Die bald darauf in England ausbrechenden inneren Unruhen
verhinderten den König, seine Seepolitik in dieser Richtung weiter
zu verfolgen, und die Seeherrschaft in der Nordsee fiel dadurch den
Niederländern vorläufig von selbst zu. Auch die übrigen englischen
Ansprüche, das Streichen der Flagge in den englischen Gewässern und
das Untersuchungsrecht gegen Kauffahrteischiffe auf Konterbande,
ließen sich unter diesen Verhältnissen nicht aufrechterhalten. Von
den seekriegsrechtlichen Streitfragen wurde aber der von den Nieder-1)
 Muller, S.i24UHf:
2?) Die Verordnung bei Muller, S. 376 f.

329
        <pb n="338" />
        landen verfochtene Grundsatz „frei Schiff, frei Gut“ von England
stets bestritten.
Beherrschten also in der Mitte des 17. Jahrhunderts die Niederlande
 das Meer, so war ihnen dieser Vorzug doch nur zugefallen durch
die augenblickliche Schwäche ihres jetzt gefährlichsten maritimen
Gegners, Englands. Sieht man aber davon ab, dann war es wohl
in gewissem Sinne richtig, wenn ein Zeitgenosse das Jahr
1649 als den Höhepunkt der niederländischen
Handelsgröße bezeichnet hat!). Allerdings ist nachher noch
nicht ein allgemeiner Rückgang eingetreten; Johann de
Witt schätzte 1669 die Zunahme des holländischen Handels und
der Schiffahrt in den letzten 20 Jahren auf 50%?). Aber auch
wenn die Statistik jener Zeit noch so mangelhaft und unzuverlässig
ist, so darf keineswegs verkannt werden, daß die Zeit nach 1649 den
Niederlanden so empfindliche Schläge politischer und wirtschaftlicher
 Art zugefügt hat, daß mindestens ein Stillstand in der wirtschaftlichen
 Aufwärtsentwicklung nicht zu leugnen war. Und dieser
Stillstand war in erster Linie dem nun offen zum Ausbruch kommenden
 politischen und wirtschaftlichen Zusammenstoß mit England
 zuzuschreiben.
Was das englische Königtum, belastet mit inneren Schwierigkeiten
 und dynastischen Verträgen und Rücksichten, nicht hatte
erreichen können, das suchte nun die junge englische Republik
durchzusetzen. Aus dem englisch-französischen Seekrieg, der 1651
ausbrach, zogen die Niederlande als Neutrale allerdings viele wirtschaftliche
 Vorteile®). Als dann aber England noch in demselben
Jahre auch die französischen Güter in neutralen Schiffen als gute
Prise erklärte und diese Maßregel offen und unverhohlen als gegen
die Niederlande gerichtet zugab, als zahlreiche niederländische
Schiffe untersucht und aufgebracht wurden, da wurde den Niederländern
 endlich klar, daß die Stunde geschlagen habe, da man mit
den Engländern über die Herrschaft zur See zur Abrechnung kommen
 mußte, und daß man zu kämpfen hatte um den Besitz einer
Errungenschaft, die in dem damaligen Umfang zu Lande und zu
ll Temple bei Macpherson, Annals of Commerce, II, S. 439 f.
2 -Macpherson, 11,15.:538.
®) Elias, Voorspel, I, S. 172 f., vgl.auch Diferee, Die ökonom. Verwicklungen,
 S. 166 ff.

330
        <pb n="339" />
        Wasser erst auf wenige Menschenalter zurückblickte!). Die Einzelheiten,
 um die es sich handelte, das Streichen der Flagge zur See,
die Besteuerung der Fischer, die Untersuchung der Schiffe auf Konterbande:
 Alles dies trat weit zurück hinter der großen, das ganze
niederländische Wirtschaftsleben berührenden Frage, ob das englische
 Machtprinzip das von den Niederländern vertretene Rechtsprinzip
 besiegen, ob die freie Seefahrt und damit der freie Handel
vor dem brutalen Willen des englischen Protektors unterliegen
sollte. Man hatte, als der Konflikt sich zuspitzte, in den Niederlanden
 zunächst einen, alle jene Streitfragen regelnden Marine- und
Handelsvertrag mit England in Aussicht genommen, von vornherein
aber auch mit der ultima ratio gerechnet; auf Betreiben der sonst
den Frieden suchenden Amsterdamer Börse war sogleich eine starke
Seerüstung vorbereitet worden?).
Noch vor dem Ausbruch des Krieges war am 9. Oktober
1651 die britische Navigationsakte erlassen worden.
Mit ihr wurde die schon seit längerer Zeit in Europa mehr und mehr
um sich greifende Tendenz zum Protektionismus in ein, für die besonderen
 Verhältnisse Englands zugeschnittenes, nationales System
gebracht. Diese Akte war ja keineswegs etwas ganz Neues; schon
seit dem 14. Jahrhundert zeigten sich in England Ansätze dieser
Art?). Ihr Erlaß im Jahre 1651 richtete sich allerdings in erster
Linie gegen die Niederländer, deren Zwischenhandel mit Gütern,
die sie nicht selbst erzeugten, dadurch getroffen werden sollte.
Die Wirkung auf die niederländische Schiffahrt war zunächst nicht
bedeutend, da die Engländer gar nicht genug Schiffe besaßen, um
ihren ausgedehnten Handel mit ihnen allein treiben zu können.
Die baltische Schiffahrt der Holländer hat vorläufig nicht nur
nicht gelitten, sondern sogar zugenommen. Und solange die Holländer
 sich im Besitz von Neu-Amsterdam befanden, konnten sie
auch die Beschränkungen, die der koloniale Handel durch die Akte
erfuhr, durch Schleichhandel umgehen. Erst im 18. Jahrhundert
1) Als die wahren Ursachen des Krieges mit England bezeichnete de la
Court, Interest van Holland (1662), S. 107: die Eifersucht Englands auf
‚„Onze florisante commercie‘‘ und den Haß Cromwells gegen den Prinzen von
Oranien, den Neffen des Königs; der erste Grund war.wohl der hauptsächlich bestimmende.

2 Elias, a. al 0.1 Si1741.
3 Cunningham, S.21o0ff.

331
        <pb n="340" />
        — 332 —
machte sich der Einfluß der Navigationsakte auf die niederländische
Wirtschaft stärker bemerkbar, als die englische Schiffahrt und
Kolonialmacht sich weiter ausgedehnt hatte‘).
Zweifellos hat zunächst die Akte von 1651 den Ausbruch des
Krieges beschleunigt; denn über ihre Tragweite konnte man in
den Niederlanden nicht im Unklaren sein. Der Ausgang des für sie
wenig günstig verlaufenen Krieges nötigte sie zur Anerkennung der
Akte, wie auch des Anspruchs auf den Gruß der englischen Flagge
in den dortigen Gewässern. Mit jener Anerkennung fügten sich die
Niederlande dem Gebot, nur die Erzeugnisse des eigenen Landes
nach England führen zu dürfen, einem Gebot, das ausschließlich
die Niederlande traf, denn alle übrigen seefahrenden Völker trieben
keinen oder nur geringen Frachthandel zwischen England und andern
 europäischen Ländern?).
Man hat wohl damals in den Niederlanden nicht erwartet,
daß der Navigationsakte eine besonders lange Dauer beschert sein,
daß sie gleichsam zu einem wirtschaftlichen Grundgesetz für England
werden würde. Schon als 1660 Karl II. den Thron seiner Väter
bestieg, setzte man in den Niederlanden große Hoffnungen auf seine
Regierung; Karl hatte in den Niederlanden ein Asyl gefunden, man
hatte ihn reichlich mit Geld unterstützt und als Dank erhoffte
man von ihm die Beseitigung der Navigationsakte®). Die handelspolitische
 Abhängigkeit von England, in die seit Cromwells
Zeit die Niederlande geraten waren, wurde hier schwer empfunden.
Zeigten sich auch, wie schon bemerkt, zunächst die Wirkungen
der Akte nicht in dem befürchteten Maße, so war man sich der eigenen
 Schwäche doch bewußt; und die Handelsrivalität blieb bestehen
 und wuchs auch mit dem Wiederaufleben des eigenen Handels,
da nun die englische Flagge sich überall zeigte. Das Mißverhältnis
nahm noch zu, als England sich mit Frankreich gegen Spanien
verbündete und die neutralen niederländischen Schiffe aufbrachte.
Cromwell konnte seinen Ärger über das gute Einvernehmen
der Niederländer mit Spanien und ihre Bevorzugung der Handelsinteressen
 gegenüber den religiösen nicht verbergen*). Mit der
1) Vgl. Tideman, De zee betwist, S. 75ff. Diferee, a.a.O., S.173f.
2) Vgl. Laspeyıes, SS. 126.
3) Japikse, Verwikkelingen, S. 14 ff.; vgl. oben S. 195, 249.
) Japikse,/S. 40.
        <pb n="341" />
        7 1339
Wiederherstellung des Königtums hoffte man nun in den Niederlanden
 auf ein besseres wirtschaftliches Verhältnis mit England.
Darin sollte man sich bitter täuschen. Dieses hielt fest an seiner
Schutzpolitik; die Navigationsakte wurde erneuert, ja verschärft,
da jetzt verboten wurde, Zucker, Tabak, Baumwolle, Indigo, Ingwer
usw. aus einer Kolonie auszuführen, es sei denn nach England oder
einer andern englischen Kolonie. Insbesondere der holländische
Tabakhandel wurde dadurch schwer geschädigt. Ebenso schützte
man die englische Industrie gegen die niederländische durch das
erneute Verbot der Wollausfuhr. Das richtete sich alles gegen die
Niederlande, gegen die in England eine große Mißstimmung herrschte;
der starke niederländische Schiffbau erregte dort heftiges Mißfallen;
und insbesondere die englischen, auf Spanien handelnden Kaufleute
drängten auf die Erneuerung der Akte; im Bereich dieses Handels
machte sich die englische Konkurrenz stark bemerkbar‘*).
So war die Schiffahrt und die Industrie der Niederlande durch
die englische Handelspolitik weit über den Rahmen der engeren
gegenseitigen Handelsbeziehungen bedroht; man setzte nur noch
die Hoffnung auf einen Handelsvertrag, in dem die Freiheit des
Handels, die Anerkennung der Regel ‚frei Schiff, frei Gut‘ und
das Verbot der Untersuchung festgesetzt werden sollte, alles auf
Grund des ‚intercursus‘‘ von 1495. Jenseits des Kanals zeigte
man sich aber völlig abgeneigt, auf diese Wünsche einzugehen; man
bekannte sich dagegen zu dem Grundsatz des ‚„„‚dominium maris‘‘;
wie der englische Handel durch die Navigationsakte, so sollte nun
die englische Fischerei durch ein neues Gesetz gesichert und allen
Fremden verboten werden, innerhalb 10 Meilen von der Küste zu
fischen. In langen, fruchtlosen Verhandlungen wurden die englischen
 Forderungen immer höher geschraubt. Während die Generalstaaten
 überall möglichste Handelsfreiheit verlangten, ihre besten
Aussichten in einem Zustande erblickten, da andere Völker Seekriege
 führten, sie aber neutral waren, und deshalb die ausgedehnteste
Freiheit des Handels in Kriegszeiten forderten, hatte England das
entgegengesetzte Interesse; es wünschte die möglichste Ausdehnung
des Begriffs der Konterbande. Im einzelnen gab sich die den Niederländern
 abgeneigte Stimmung der Engländer in der Stellungnahme
gegen alle Schritte und Pläne der Niederländer kund, in denen
ru) 19 Japikse, S. 55.

”
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        10;
sie eine Ausdehnung der Handelssphäre der letzteren sahen oder
zu sehen vorgaben. Als die Niederländer starke Ausrüstungen
nach Ostindien machten, die gegen die Portugiesen gerichtet waren,
verwahrten sich die Engländer dagegen, unter dem Vorwand, der
freie englische Handel in Ostindien werde dadurch bedroht. Die
Englisch-Ostindische Kompanie und die Levantehändler forderten
 vor jedem Vertrag erst einmal eine Entschädigung für den
ihnen durch die Niederländer zugefügten Schaden, auch Aufhebung
des Monopols der Niederländisch-Ostindischen Kompanie und völlige
 Freiheit für den englischen Handel daselbst!)l. Während
also England in Europa das wirtschaftliche
Schutzsystem gegenüber den Niederländern
scharf zum Ausdruck brachte und jene vom
Handel mit den englischen Kolonien ausschloß,
 forderte es freien Handel in Gegenden,
 in denen die Niederländer seit dem Beginn
 des 17. Jahrhunderts die Herrschaft hatten.
 Auch die Aufhebung der niederländischen Ein- und Ausfuhrabgaben
 auf englische Tücher, d. h. die Erneuerung des Plakats
vom I2. August 1586, verlangte England im Interesse der Merchant
Adventurers, denen man 1598 jene Freiheit zugestanden hatte.
Das lehnten die Generalstaaten ab, wie andererseits England die
Wiederherstellung des ‚,intercursus‘‘ verweigerte. Aus den ganzen
Verhandlungen war nur der böse Wille der Engländer zu entnehmen;
überall griffen diese in die Rechte der Niederländer ein; so auch
in die der Niederländisch-Westindischen Kompanie an der afrikanischen
 Westküste, wobei sie sich der Beihilfe niederländischer
Kaufleute bedienten, die das Monopol der Kompanie durchbrachen.
Gegenüber solchen Machenschaften waren die Generalstaaten ziemlich
 machtlos; sie bestritten zwar ausdrücklich ‚de gepretendeerde
Souverainiteijt van de Engelschen op de Zee‘; sie mußten aber
ohnmächtig zusehen, wie in den englischen Häfen portugiesische
Commisfahrer ausgerüstet wurden?). Etwas besserte sich das Verhältnis
 zwischen beiden Ländern erst, als die Generalstaaten sich
bei der Auslieferung einiger „Königsmörder‘‘ an England entgegenkommend
 zeigten und damit zwar gegen die alte niederländische
. ES
2 Japikse, S. 113, 172.

334
        <pb n="343" />
        Gastfreundschaft und Freiheit verstießen, den König aber bestimmten,
 nun den Engländern die Kaperfahrt auf fremde Kommission
zu verbieten. Im September 1662 wurde endlich ein Freundschaftsvertrag
 geschlossen; in ihm erreichten aber die Niederländer von
ihren großen seewirtschaftlichen und handelspolitischen Forderungen
 nichts!). Es schien unmöglich, zwischen zwei aufeinander
eifersüchtigen Handelsvölkern ein befriedigendes Kompromiß zu
schließen, zumal das eine, das englische, von starkem imperialistischem
 Geiste erfüllt war.
Dieselbe Handelseifersucht ließ es auch nicht zu einer gemeinsamen
 Unternehmung der Niederländer, Engländer und Franzosen
 gegen die nordafrikanischen Seeräuber kommen, die 1664
von den Niederlanden gewünscht wurde. England trug die Schuld
an dem Scheitern dieses Plans, da es die Ausdehnung des niederländischen
 Handels im Mittelländischen Meere nicht gern sah.
Nicht weniger suchten auf andern Handelsgebieten die Engländer
die Niederländer zu verdrängen oder doch in ihrem Besitzstande
zu schädigen. Ein besonderer Gegenstand des Neides war für die
Engländer die starke Handelsstellung der Niederländer im Ostseehandel,
 wo der englische Handel noch immer nicht gegen den niederländischen
 aufkommen konnte und wo ihre Schiffahrt unter der
geringen Brauchbarkeit des englischen Schiffsmaterials für diese
Fahrt litt. Nach der Navigationsakte durften die Niederländer
die Erzeugnisse der Ostsee nicht nach England führen; das geschah
nun aber nicht durch Engländer, sondern durch Dänen und Schweden.
 Das Bestreben Englands, in den Genuß derselben Rechte, wie
sie die Niederlande durch ihren Vertrag mit Dänemark vom 15. April
1658 erreicht hatten, zu gelangen, war bisher erfolglos geblieben;
infolgedessen erfuhren die niederländischen Schiffe durch das auf sie
angewandte Meßverfahren eine nicht unerhebliche Bevorzugung,
die freilich auch zu vielen Betrügereien Anlaß gab, aus denen die
Niederländer Vorteil für sich zogen?).
In England wuchs inzwischen die Mißstimmung gegen die
Niederlande, denen man die lässige Befriedigung von allerlei Ansprüchen
 und Beschwerden vorwarf. Die Bewegung gegen die „OPpressions
 of the Dutch“, die vorzüglich von den Tuchhändlern aus-)
 Japikse, Si 227ff.
°) Japikse, S.30off.; vgl. Kernkamp, Verslag, S. 210, 216, 219.

335
        <pb n="344" />
        ging, bezweckte praktisch namentlich die Verschärfung der Maßregeln
 gegen die Wollausfuhr. Hinzu kamen dann Beschwerden
über die Niederländisch-Westindische Kompanie und ihr Verfahren
 in Guinea. Immer deutlicher trat das Bestreben Englands
zutage, die Niederlande aus ihrer Handelsmacht zu drängen und sie
nach der englischen Pfeife tanzen zu lassen. Johan de Witt
fragte deshalb bei England an, ob man nicht mit einem Abkommen,
das die überseeischen Besitzungen betraf, zugleich eines auf derselben
 Grundlage treffen könne, das für Europa gültig sei; davon
wollte England, für das Handelsfreiheit nur bestand, wenn sie
dem eignen Interesse entsprach, nichts wissen!). Als sich die
Sachlage schließlich immer mehr zu einem Konflikte zuspitzte, war
es die Provinz Holland, die dazu trieb, während Friesland dagegen
war. Sehr gegen den Willen Englands, das gehofft hatte, die Niederlande
 ohne Krieg demütigen und die Alleinherrschaft zur See mühelos
 behaupten zu können, brach dann doch der Kampf aus.
Auch nach diesem Krieg, der 1667 mit dem Frieden
zu Breda seinen Abschluß fand, blieb es bei der Navigationsakte;
 doch erreichten die Niederlande nun insofern eine Ausnahme,
 als das Verbot, mit niederländischen Schiffen nicht-niederländische
 Waren einzuführen, nicht mehr für deutsche Erzeugnisse
gelten sollte, die die Niederlande auf der Achse oder auf dem Rhein
bezogen hatten. Damit wurde der Eigenschaft Deutschlands als des
natürlichen Hinterlandes der Niederlande Rechnung getragen.
Das wäre eine unmittelbare Benachteiligung der deutschen Nordseehäfen,
 namentlich Hamburgs gewesen, wenn nicht auch den
hamburgischen Schiffern bereits 1661 England eine Ausnahmestellung
 bewilligt gehabt hätte.
Praktisch hat auch der Ausgang des’ dritten
 holländischen Seekrieges, „der 1674 mit
dem Frieden von Westminster endete, an dem
bisherigen Verhältnis nichts geändert. _Das
Flaggenrecht mußten die Niederlande nochmals anerkennen und
zwar in seiner verschärften Form, ebenso ausdrücklich die englische
Vorherrschaft zur See. Was die Niederlande tatsächlich schon
1667 verloren hatten, ihre aussichtsreiche Kolonie Neu-Amsterdam,
mußten sie abermals preisgeben. Damit war der hannn
 l) Japikse, S. 376 ff.
        <pb n="345" />
        337

delspolitische Kampf zwischen beiden Ländern
 im wesentlichen abgeschlossen; er hatte
mit dem Siege Englands geendet, hatte die unbedingte
 Superiorität des letztern zur See bestätigt und damit
die Niederlande nicht allein in ihren Ansprüchen tief gedemütigt,
sondern den Grund zu ihrem Niedergang als SeeundHandelsvolk
 gelegt; daran hat auch die Beteiligung
der Niederlande an den späteren großen Kriegen gegen Frankreich
1688—1697 und 1702—1713 nichts ändern können!). Zwar haben sie
in ihnen große Opfer für sich und ihre Verbündeten gebracht; für
sie selbst war das positive Ergebnis doch recht mäßig und beschränkte
sich wirtschaftspolitisch im Frieden zu Utrecht 1713
auf die Aufrechterhaltung der. Sperrung der
Schelde, obwohl die südlichen Niederlande jetzt in Österreichischen
 Besitz übergingen, wie auf einen Handelsvertrag
mit Frankreich, der ihnen dieselben Vorrechte wie England
gewährte. Im Grunde konnte es ja den Niederlanden völlig gleichgültig
 sein, wer in Spanien König war; wenn sie für den Habsburger
eintraten, so konnte dafür angeführt werden, daß sie von ihm
keine Schädigung des Handels zu befürchten hatten, während der
Bourbon die französische Handels- und Kriegsmacht hinter sich
hatte. Nur die Vereinigung der spanischen Monarchie mit der
habsburgischen war wirtschaftlich eine große Gefahr. Insbesondere
aber zeigte sich bei der Friedens-Auseinandersetzung ein starker
Gegensatz der Niederlande gegen die englische Handelspolitik, die
aus der politischen Konstellation Geschäfte für sich zu machen suchte,
was ihr auch gelungen ist. Die Pressagitation, die sich in den letzten
Kriegsjahren gegen die englisch-französischen Handelsvertragspläne
richtete, wurde zweifellos von den Niederlanden stark beeinflußt®).
Es war dies der letzte schwache Versuch der Niederlande,
 sich zu einer selbständigen Handelspolitik
gegenüber England aufzuraffen. Zu diesem Lande
war die Republik durch die Thronbesteigung des
1) Noch um die Wende des 17. zum 18. Jahrhundert schilderte Dave -
nant (Works, I, 417 ff.) die große Gefahr, in der sich Englands Handel gegenüber
dem allerorts drohenden Wettbewerb der Niederlande befand. Dagegen klagte
man 1689 in Holland, in England nehme der Handel stets zu, in Holland dauernd
ab(vander Heim, 11, S. 16 £;, 19).
2) Weber, Friede von Utrecht, S. 89, 212 ff.; Maintrieu, S. 126-Baasch,
 Holländische Wirtschaftsgeschichte. 292
        <pb n="346" />
        —- %, 3
Oraniers Wilhelms III. in England 1688 in ein Verhältnis getreten,
das sich nur wenig von einer Personalunion unterschied
 und das handelspolitisch jedenfalls
die Niederlande völlig neutralisierte. Auch
nach Wilhelms Tode hat sich hieran wenig geändert‘).
Überblickt man die kriegerischen und wirtschaftspolitischen
Kämpfe zwischen den Niederlanden und England in der zweiten
Hälfte des 17. Jahrhunderts, so ging England gewiß im allgemeinen
 als Sieger aus ihnen hervor. Mißglückt aber war der Versuch
 Englands, der namentlich in den Verhandlungen vor dem
zweiten Kriege (1665—1667) hervortrat, die Niederlande aus dem
wirtschaftlichen Alleinbesitz ihrer Kolonien zu verdrängen. Hier
waren die Engländer nicht weitergekommen; diese Ansprüche scheiterten
 schon an der damals für England bestehenden Unmöglichkeit,
gleichzeitig in Europa und in dem ostindischen Kolonialgebiet
einen Seekrieg zu führen. Erst eine spätere Zeit hat die koloniale
Unersättlichkeit der Engländer in dieser Richtung befriedigt.
Aus den Kriegen mit Ludwig XIV. ging der niederländische
 Handel aber schließlich keineswegs geschwächt hervor; gerade
 der spanische Erbfolgekrieg hat den Niederländern einen
starken absoluten Zuwachs ihres Handels gebracht?).
Im Warenverkehr mit den Niederlanden überwog die Einfuhr
von Großbritannien nach dort den Export von den Niederlanden
nach Großbritannien erheblich; das war ja schon durch den großen
Unterschied in den Bevölkerungsziffern erklärlich. Im Durchschnitt
 der Jahre 1699—1705 betrug die Einfuhr von Holland nach
England 549832 £, die Ausfuhr von England nach Holland
I 037 934 £?%3). Dies Verhältnis erhielt sich auch später annähernd.
l) List, Nat. System, S. 73, erwähnt die Überlegenheit der Holländer
gegenüber den Engländern im 17. Jahrhundert. ‚Mit der englischen Revolution
trat aber ein gewaltiger Umschwung ein. Der Geist der Freiheit war in Holland
ein Spießbürger geworden.‘‘
2) Vgl. Davenant, Works, V, 436, 450.
3) Pringsheim, S. 16; vgl. The British Merchant, Vol. I (3.ed.), 1748,
S. 146: „The United Provinces are the ©..eatest of all our foreigne markets.‘ Es betrug
= Einfuhr. Ausfuhr a
nach England | nach Holland
Durchschnitt der Jahre 1700—1710 .. . ., 588 357 2 146 519
1750—1760 .. . An. 352 402 | 1 692 594

3238
        <pb n="347" />
        36
Einfuhr von Ausfuhr von Einfuhr von Ausfuhr von
Holland!) nach Großbritannien Holland nach!) Großbritannien
Großbritannien nach Holland Großbritannien nach Holland
X £ £ £
1760 507 573 I 992 025 1771 550 010 2 068 670
1761 524 109 2 682 165 1772 427 732 2 355 947
1762 578 832 2 429 018 1273 517 616 2 246 396
1763 560 803 2 201 840 1774 714 496 2 209 286
1764 489 659 2 354 106 1775 644 976 2 217 344
1765 521 566 2 399 618 1776 482 807 I 606 399
1766 498 373 1 916 846 1777 721 390 1.159371
1767 862 506 I 844 566 1778 453 792 I 468 839
1768 560 551 2 045 268 1770 648 187 I 335 492
1769 434 476 I 964 637 1780 716 423 I 246 303
1770 443 133 2 068 746
Im Verkehr Englands nach Holland überwog die britische
Flagge, was sich aus den Vorschriften der Navigationsakte erklärte.
Nach Rotterdam, Dordrecht, Schiedam kamen im Jahre 1761 aus
England: 1372, 1762: 8093, 1763: 847, 1764: 881 Schiffe meist britischer
 Nationalität?). Der Getreidehandel von Großbritannien nach
Holland, früher bedeutend, beschränkte sich jetzt auf Malz?). Die
Einfuhren Großbritanniens nach Holland bestanden meist in Wollwaren,
 gedruckten Kalikos, Steinkohlen, Tabak, Reis, Blei usw.
Ein Teil dieser Waren ging als Durchfuhrgut nach Deutschland. Im
Gegensatz zu der passiven Handelsbilanz war für Holland der Geldund
 Wechselverkehr mit England aktiv; dafür sorgten die hohen
Zinsbeträge, die England an die holländischen Gläubiger der Staatsschulden
 zu zahlen hatte. Auch brachte die zentrale Stellung Amsterdams
 im Wechselverkehr es mit sich, daß die großen Summen,
die England für Einfuhr von Getreide und nordischen Produkten zu
zahlen hatte, den Wechselverkehr zwischen beiden Ländern zuungunsten
 Englands belasteten‘). Es war das ein klarer Beweis der her-1)
 Nach Macpherson, Annals III passim.
?) Macpherson, III, S. 427 ff. Im Jahre 1753 betrug der Wert der
englischen Einfuhr in Rotterdam 4 273 390 fl., während die gesamte Einfuhr Rotterdams
 einen Wert von 9 503 579 fl. hatte (Dobbelaar, Een statistiek, S. 212).
3) Von 496 Schiffen, die 1751 mit Getreide nach Rotterdam einliefen, kamen
allein aus England 437; zu Getreide wurde in dieser Statistik auch Malz gerechnet;
wahrscheinlich brachten jene Schiffe aber nicht nur Malz (Dobbelaar, Opgaven,
 S. 164); allerdings waren von der damaligen Getreideeinfuhr Rotterdams
von 20 800 Lasten nicht weniger als ıı 237 Lasten Malz (ebenda S. ı 53).
4) Macpherson, III, S: 148.

ös
D90*
        <pb n="348" />
        vorragenden Bedeutung Amsterdams für den Geld- und Wechselhandel,
 der mit dem Warenaustausch zwischen beiden Ländern nur
insoweit in Verbindung stand, als England wohl einen großen Teil
seiner Geldschulden in Waren bezahlte. In einigen Ländern waren
die Engländer starke Konkurrenten der Niederlande, so in Spanien
 und Portugal. Auf den Handel mit diesen Ländern legten
die Niederländer, wie früher, großen Wert und sie empfanden es
schmerzlich, als im 18. Jahrhundert hier ihnen die Engländer viel
Boden abgewannen!). Holländische Textilwaren gingen immer noch
in großen Mengen nach dort?). Der Methuen-Vertrag von 1703,
der den Engländern in Portugal eine Vorzugsstellung einräumte,
hat den holländischen Handel dorthin zunächst wohl weniger berührt?).
 In Rußland machten aber gegen Ende des Jahrhunderts
die Engländer den Holländern erfolgreichen Wettbewerb. Im allgemeinen
 muß jedoch betont werden, daß das sich seit der zweiten
Hälfte des 17. Jahrhunderts zuungunsten der Niederlande verschiebende
 Verhältnis weniger auf wirtschaftlichen als auf machtpolitischen
 Gründen beruhte und daß diese Verschiebung in erster
Linie der mangelhaften maritimen Ausrüstung Hollands zuzuschreiben
 war.
Beruhten die bisher betrachteten Handelsbeziehungen der Niederlande
 auf alter Überlieferung, nachbarlicher Selbstverständlichkeit
 und naheliegendem wirtschaftlichem Zwange, so verhielt es sich
anders mit mehreren Anknüpfungen kommerzieller
Art, dieden Charakter einer wirtschaftlichen
Expansion) an sich trugen und als Ausflüsse des frischen
1) Recueil des instructions usw., II, S. 408. Im Jahre 1734 kamen in Cadix
nur 147 niederländische Schiffe an gegenüber 596 englischen und 228 französischen
(Macpherson, II, 5. 205).
2) Vgl. Mercator’s Letter on Portugal, S, 48. Die Wolle, die angeblich
aus Spanien nach Holland kam, stammte wohl im 18. Jahrhundert vielfach aus
Portugal (Mercator, a.a.0.,5.5). Der Wollhandel auf Bilbao und der Silberhandel
 nach Cadix war im 17. Jahrhundert ganz in Händen der Holländer (Bru g -
mans, Opkomst, S. 127 f.). Der letzte englische Krieg hat auch auf diesem Gebiete
 den Holländern schwere Wunden geschlagen; 1779 liefen in Cadix 161, 1785:
47 holl. Schiffe ein (K1luit, Jets, S. 334 f.).
3) Vgl. The British Merchant (3. ed.), vol. III (1748), S. 33.

340
        <pb n="349" />
        2341
Unternehmungsgeistes, der seit der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts
die Niederländer beseelte, sehr bemerkenswert sind.
Nicht zufrieden damit, die Grundlage ihrer alten Größe, den
Ostseehandel, bewahrt und die Fahrt nach Spanien und Portugal
aufrechterhalten zu haben, schritten die holländischen und seeländischen
 Seestädte, Amsterdam an ihrer Spitze, am Ende des
Jahrhunderts, als die Konsolidierung des Freistaats gesichert
schien und seine territoriale Gestaltung sich durch die Kriegserfolge
mehr und mehr abrundete, dazu, sich einen weiteren Schauplatz und
Wirkungskreis ihres natürlichen Berufs zu schaffen. Diese Tendenz
wandte sich fast gleichzeitig nach mehreren geographischen Richtungen.

Diesen Bestrebungen nach weitausgreifender wirtschaftlicher
 Expansion muß nachgegangen werden,
wenn die ältere niederländische Wirtschaftsgeschichte in ihrer
ganzen Tiefe erkannt werden soll. Sie klebte nicht an dem heimischen
Boden und seinen Erzeugnissen, nicht an den Niederungen zwischen
Rhein, Maas, Schelde, Dollart, sondern sie fand ihren Schauplatz
auf dem ganzen Erdball. Überall hat sie ihre Spuren hinterlassen;
und wenn sie auch nicht immer für sich und andere glückliche
Erinnerungen in die Tafeln der Vergangenheit eingegraben hat,
so fand doch dier holländische Wirtschaftsgeschichte dank dem
unermüdlichen Ausdehnungsdrang ihrer Träger in den Denkwürdigkeiten
 fast aller Länder der Welt ein bemerkenswertes Blatt.
Hier können wir nur den Hauptrichtungen dieser Wirksamkeit
folgen.
Schon vor dem! Aufstand, 1555, waren holländische
 Schiffe, mit Waren beladen, auf der Dwina
erschienen. Der Enkhuizer Oliver Brunel war bald darauf
in Rußland und brachte von dort Pelzereien nach Dordrecht zurück‘).
Die Aufmerksamkeit der Niederländer richtete sich dann s päter
auf das Weiße Meer; Middelburger Kaufleute sandten
1577 und 1578 Schiffe dorthin; schon wenige Jahre darauf, 1581,
nahm der Zar niederländische Schiffszimmerleute und Seeleute in
seinen Dienst. Im Jahre 1584 kam der Middelburger Kaufmann
Melchior Moucheron als Beauftragter seines Bruders
Balthasar mit Francois Lefort aus Zierikzee nach
I) Scheltema; I, 38 ff; Kulischer, I, 425 %£.
        <pb n="350" />
        der Dwina; auf seinen Rat wagte ein Vlissinger Schiffer die Fahrt
weiter aufwärts. Hier entstand nun Archangel als Stützpunkt
 des dortigen Handels mit dem Westen?!). Seit dieser Zeit
waren die Niederländer in der Fahrt nach dem Weißen Meer fast
ununterbrochen tätig, wobei sie sich der Begünstigung durch den
Zaren erfreuten. Die Versuche der Engländer, sich hier ein Monopol
zu schaffen, scheiterten an dem Widerspruch des Zaren. Ebenso
nahm der niederländische Handel nach Rußland über die Ostsee
zu, als 1558—1581 Narva sich in russischen Händen befand, und
später, als es in die der Schweden fiel?); so gewannen die Niederländer
 um diese Zeit zwei Eingangspforten für ihren Handel nach
Rußland. In erhöhtem Maße und in zweckmäßigerer Organisation
entwickelte sich dann die niederländische Fahrt nach dem Weißen
Meer, der „Handel om het Noorden“‘‘, im Beginn des 17. Jahrhunderts?).
 Im Jahre 1608 schlossen mehrere Kaufleute aus Amsterdam,
Zaandam, Middelburg, Rotterdam, Hoorn, Edam, Enkhuizen, Harlingen
 einen vorläufigen Kontrakt, um den Handel nach dem Weißen
Meer in gemeinsamer Weise zu betreiben in der Art der englischen
„Muscovy Company“). Es waren dieselben Männer,
die sich hier zusammenschlossen, die wir einigeJahrevorhenals
 dieersten Bewindhebber
der Ostindischen Kompanie treffen, so Gerrit
Bicker, Marcus Vogelaer, Jan Po ppe aus Amsterdam,
 Balthasar Moucheron von Middelburg, Willem
Janszoon van Loon aus Rotterdam u. a. Sie waren sich
offenbar einig über die vortrefflichen Aussichten der neuen Fahrt.
Diese wurde zwar durch die fortdauernden Reibereien mit den Engländern
 vielfach gehemmt, niemals aber unterbrochen; auch wurden
seit der Mitte des 17. Jahrhunderts die Engländer in Rußland schlecht
behandelt, ja ihnen 1649 ihre Handelsvorrechte entzogen, was natürlich
 von den Holländern als vorteilhaft empfunden wurde‘*).
Auch durch die ihnen von Dänemark in den Weg gelegten Schwierig-—
 1) Vgl. de Stoppelaar, Balth. de Moucheron, S. 61/ff.
2) Scheltema, 1, 5:69; Kulischer, S. 427.
3) Einen Befrachtungskontrakt von 1598 von Amsterdam nach Kola und
Archangel, ohne Ladungsangabe, erwähnt S. van Brakel, Een tiental vennootschapacten
 usw., S. 188 ff.
4) Scheltema, I, S. 61 ff.
5) Kulischer, S. 431 ff., 436 f. Scheltema, I, 206 ff.

342
        <pb n="351" />
        keiten, sich bei der Fahrt nach Rußland in Lappland aufzuhalten,
ließen sich die Niederländer nicht abschrecken!). Die Lieferung
von Kriegsmaterial an Rußland in dessen Kriege gegen Polen befestigte
 die Niederländer stark in der Gunst des Zaren?); durch
wiederholte gegenseitige Gesandtschaften wurde die wirtschaftliche
Annäherung der Niederländer an Rußland gesichert. Denn jenen
lag es ausschließlich an Handelsvorteilen, wie sie sich in Ein- und
Ausfuhr und in der Beteiligung an russischen, freilich meist nur kurzfristigen
 Monopolen ausdrückten. Jedem Versuch der Russen, die
Niederländer in die politischen Verwicklungen des Ostens, namentlich
 gegen Schweden und Polen hineinzuziehen, wichen sie vorsichtig
aus®). Für die oft erbetene und bewilligte Erlaubnis der Getreideausfuhr
 aus Rußland, die seit etwa 1628 einsetzte‘), dankte man
gern mit der Gegenleistung der Lieferung von Kriegsmaterialien,
die man sich aber gut bezahlen ließ. Die Ausfuhr nach Rußland bestand
 im übrigen meist aus Weinen, Tuchen, Seidenwaren, kupfernen
Kesseln, Nürnberger Waren usw®); im Gegensatz zu den Engländern,
die hauptsächlich auf den Absatz ihrer Eigenwaren, wie der Tücher,
Wert legten, handelten die Holländer als richtige Kaufleute mit
allen möglichen Waren jeden Ursprungs®). Auch beschränkte sich
der russische Handel der Niederländer nicht auf die direkte Fahrt
zwischen beiden Ländern, sondern nicht selten fuhren die holländischen
 Schiffe von Archangel direkt nach Livorno, Venedig, Lissabon,
 Cadix”). In Archangel hatten sie dauernd ein Übergewicht über
3. Haepke, Nied. Akten, II, .S. 372,386; Kernkam pP, Verslag,
S. 253, 276, 285.
? So Uhlenbeck, S.4zff. (1653); Scheltema, I, 158, 178.
® Scheltema, I, S. 89ff,
“4 Lubimenko,.\S: ar£
°) D. S. van Zuiden, Nieuwe bijdrage usw., S. 264 f., 268 f. Im Jahre
1625 sollten für jeden in Rußland aufgenommenen Rubel 6 Gulden weniger 5 Stüver
berechnet werden (S. 269).
SS Lubimenko,S. 39.
’) van Brakel, Stat. Gegevens, S. 364. Das in Hamburg und Amsterdam
 ansässige Haus von Philip van der Poorten, das einen Antei]
an dem russischen Kaviar- und gesalzenen Salm-Monopol besaß, versandte diese
Artikel direkt aus dem Weißen Meer nach dem Mittelländ. Meer (Scheltema,
I, S. 283 f.; Lubimenko, S. 43). Nach Child fuhren 1689 nach Rußland
22 große holl. Schiffe, aber nur ein englisches (Pierson ‚ S. 124); vgl. oben
S. 161, Anm. 3.

343
        <pb n="352" />
        =
die Engländer; doch erstreckten sich ihre Niederlassungen auch auf
eine große Menge von Binnenplätzen. Schon frühzeitig erstrebten
die Niederländer, durch einen förmlichen Handelsvertrag sich ihre
Stellung in Rußland zu sichern!) ; wiederholt haben Verhandlungen
stattgefunden, insbesondere unter Peter dem Großen; dieser
hatte aber stets große Bedenken, und es kam nicht zum Abschluß*).
Noch 1765 lagen der russischen Regierung Anträge der Niederlande
in dieser Richtung vor?). Auch die Batavische Republik versuchte
hierin etwas zu erreichen; in Rußland zeigte man jedoch keine
Neigung, darauf einzugehen“).
Man hatte sogar 1738 versucht, durch eine Anleihe von
750 000 fl., die man dem Herzog von Kurland bewilligte, Rußland
einem Handelsvertrage geneigter zu machen, zugleich aber die erleichterte
 Ausfuhr des Holzes zu erwirken®). Aber solche Mittel
wirkten in Rußland nicht mehr recht; und gegen die Monopole
im auswärtigen Handel bestanden selbst in Holland von jeher große
Bedenken; als der russische Getreidehandel der Holländer monopolistische
 Formen anzunehmen drohte, fanden die Generalstaaten
doch allerlei dagegen einzuwenden‘). Schon als 1640 das Amsterdamer
 Haus Bontemantel, dessen Haupt Andreas Bicker
war, in Rußland so große Vorschüsse auf Ankäufe von Pelzwerk
gab, daß im folgenden Jahre fast gar keine Pelzwaren auf den
Markt kamen, beklagten sich die holländischen Kaufleute bei den
Generalstaaten über diese monopolistischen Bestrebungen”).
Der Schiffsverkehr der Niederländer mit Rußland, namentlich
mit Archangel, später auch mit St. Petersburg, ist das ganze 18. Jahrhundert
 hindurch sehr lebhaft gewesen, mußte aber schließlich dem
englischen Handel weichen).
3) Scheltema, I, S. 210 (1647).
?) Uhlenbeck, Ss S8Sit., 12518., 162.
3 Uhlenbeck, 5.229.
f) Sillem, Dick van Hogendorp, S. 152 f.
5) Elias, Vroedschap, S. 1062. Da der Betrag der Anleihe, die das Amsterdamer
 Haus Pels&amp;amp; Soonen vermittelte, nicht rechtzeitig geliefert wurde, verzichtete
 der Herzog auf die Zahlung.
s) van Brakel, De hol. Handelscompagnien, S. 22 ff.
7) Scheltema, I, SS. 209; Elias, S. 347; vgl. auch oben 5. 289.
8) Nach Scheltema, IV, S. 251 kamen 1704 noch 340 holländische
Schiffe, 1795 nur noch 4 in Rußland an; doch hatte vor dem letzten englischen
        <pb n="353" />
        Dehnten die Niederländer auf solche Weise ihre Handelsbeziehungen
 nach Norden aus und eröffneten sie sich
hier ein Gebiet, das ihnen reiche Früchte trug, so wandten sie sich
gleichzeitig auch dem Süden zu, wo noch weit lockendere
 Ziele ihnen erreichbar schienen. Seit dem Jahre 1590 ist ein
unmittelbarer Handelsverkehr zwischen den
Niederlanden und dem Mittelländischen Meer
festzustellen; und bald wurde dieser Verkehr, der mit Genua,
Venedig, Livorno anknüpfte, ziemlich regelmäßig!). Zunächst
 gab die bei der damals herrschenden Getreideteuerung gewinnreiche
 Getreideversendung den holländischen Seestädten Anreiz
zu einer Fahrt, die in mancher Hinsicht sonst nicht ungefährdet
war, da sowohl türkische Seeräuber wie auch die Spanier als Gegner
in Betracht kamen. Auch stießen diese Getreidefahrten ins Mittelländische
 Meer zuerst in Holland auf Widerstand, da man sie im
Interesse der Versorgung des eigenen Landes mit Getreide vielfach
für nicht angemessen hielt. Doch trug die für den freien Handelsverkehr
 eintretende Amsterdamer Kaufmannschaft den Sieg über
solche Bedenken davon?). Mehr als 400 große Kauffahrer sollen schon
1597 aus Holland und Seeland die Straße von Gibraltar passiert
haben?). Über den Getreidehandel hinaus erstrebten nun die kaufmännischen
 Kreise Hollands eine vertragsmäßige Regelung der
Beziehungen zu den Staaten des Mittelländischen Meeres; 1596
wurden Beziehungen mit Marokko angeknüpft, die 1610 zu
einem Vertrage führten, der aber von Marokko nur recht mangelhaft
 eingehalten wurde. Auch weitere Verträge mit den Barbaresken-Krieg
 1773—1777 die Zahl der in russischen Häfen ankommenden holländischen
Schiffe durchschnittlich im Jahre 642 betragen (ebenda, S. 250). Die Zahl der in
holländischen Häfen aus Rußland ankommenden Schiffe war freilich weit geringer
und erreichte mit 125 im Jahre 1778 ihren Höhepunkt im 18. Jahrhundert; vgl.
van Brakel, Stat. Gegevens, S. 380 ff. Die russische Ausfuhr nach Holland
betrug 1781 nur 110 209, nach.England aber 8 653 084 Rubel (Pringsheim,
Beitr., S. 24); allerdings war das ein Kriegsjahr.
ıı Wätjen, Die Niederländer im Mittelmeergebiet, S.3ff., 115. Eine
Abrechnung über die Fahrt eines Schiedamer Schiffes nach Livorno 1592 mitgeteilt
von van Gelder, Zestiende-eeuwsche vrachtvaart-bescheiden, S. 286 ff.
2 Heeringa, Bronnen, J, ı, S..ı7ff., 25; Japikse,  Resolutien
VIl, SS: 474, 489.
3 Fruin, Tien jaren, S. 127; Wätjen, S.ıı5 hält die Angabe für
wahrscheinlich.

345
        <pb n="354" />
        staaten erwiesen sich als ziemlich wertlos!). Wertvoller war die
Anknüpfung mit der Pforte, die 1612 zu einem Vertrage führte,
der in erster Linie Handel und Schiffahrt betraf?). Da damals
zwischen den Niederlanden und Spanien Waffenstillstand herrschte,
war diese Zeit für die Befestigung der niederländischen Stellung
im Mittelländischen Meer nicht ungünstig; ihre Flagge war seitdem
dort nicht mehr zu verdrängen. Den Mittelpunkt dieses
Handelsverkehrs bildete lange Zeit Livorno; hier wurden von
den holländischen Importeuren die orientalischen Erzeugnisse eingekauft,
 obwohl eine direkte Verbindung mit der Levante bestand;
die Niederlassung vieler Filialen niederländischer Häuser in Livorno
verlieh diesem Handel dort einen festen Stützpunkt?). Erst in
zweiter Linie stand der Verkehr mit Genua. Nurin
sehr beschränktem Maße erfüllten sich dagegen die im
Jahre 1596 mit großen Erwartungen angeknüpften Beziehungen
mit Venedig‘). Der engherzige Geist der venetianischen Handelspolitik,
 die ängstlich an den alten, längst durch die politischen
Wandlungen überwundenen Überlieferungen festhielt, konnte das
kühne Auftreten der jungen niederländischen Seemacht im Mittelländischen
 Meere nicht verzeihen; alle Gesandtschaften, die hin
und her gingen, ein 1619 abgeschlossener Vertrag, viele gegenseitigen
Beteuerungen republikanischer Solidarität konnten die Venetianer
nicht zu engerem, aufrichtigem Anschluß bewegen. Die Subsidien,
die sie den Niederländern für die Dauer des Krieges mit Spanien
versprochen hatten, gingen nur unvollständig und unregelmäßig
ein®). Die Schiffahrt der Niederländer im Adriatischen Meere wollte
überdies Venedig niemals zulassen; dieses Gebiet betrachtete es als
seine unantastbare Domäne®). Überall stießen die Niederländer
trotz ihres Vertragsverhältnisses auf den offenen und geheimen
Widerstand der Venetianer. Aus einzelnen Versuchen von Hollän-7)
 Wätjen, S. 49.
7) Wätjen, S: 6zf:
) Wätjen, S. 1181
*‘) de Jonge, Nederl. en Venetie, S. 3 f.
°)de Jonge, S.ı47ff. Nach Edmundson, S. 692, hat 1617 Louis
de Geer in den Niederlanden ein Infanterieregiment geworben, das unter venetianischer
 Flagge kämpfen sollte.
S)de Jonge, S. ı20.

346
        <pb n="355" />
        dern, in Venedig Industrien anzulegen, scheint wenig geworden zu
sein‘).
Doch fanden die Niederländer auch sonst noch ein weites
Arbeitsfeld für ihre wirtschaftliche Ausdehnung. Selbst die Venetianer
 waren zum Teil auf sie angewiesen, da sie ihnen die Erzeugnisse
 des Nordens zuführten. Insbesondere Süditalien
wurde seit dem Abschluß des Waffenstillstandes mit Spanien das
Ziel mancher Handelsunternehmung der Niederländer. Neapel
war von der Getreidezufuhr der letzteren abhängig. Andererseits
bildeten die römischen Alaunlager eine starke Anziehungskraft
 für die Niederländer. Auch mit den provencalischen
Häfen Marseille und Toulon knüpften sie an; doch trieb
die engherzige französische Handelspolitik den Verkehr nach Livorno.
Als dann 1621 der Krieg mit Spanien wieder ausbrach, war zwar
der Verkehr etwas gehindert; verdrängen ließen sich die Niederländer
 aber nicht mehr aus diesen Gewässern. Der Schleichhandel
führte große Mengen nordischer und holländischer Produkte nach
Spanien; selbst Kriegsmaterialien führten die Amsterdamer diesem
Lande zu?3).
Weniger gut unterrichtet sind wir über den niederländischen
Handelsverkehr im östlichen Mittelmeer. Besonders
Aleppoi/ und Alexandrette sahen. in der ersten Hälfte
des 17. Jahrhunderts einen regen niederländischen Schiffsverkehr.
Er nahm ab mit 1617 infolge des persisch-türkischen Krieges und
des Vordringens der niederländisch-ostindischen Kompanie in den
Persischen Golf und in das Rote Meer?). Sowohl in Aleppo wie in
Cypern hatte der niederländische Handel mit der willkürlichen Erhebung
 der türkischen Zölle zu kämpfen. In der Mitte des Jahrhunderts
 wuchs die Bedeutung Smyrnas für die Niederländer,
denen es gelang, hier allmählich die Franzosen aus ihrer Vorherr-1l)
 So wünschten 1635 Holländer in Venedig eine Ölfabrik (für Herstellung
von Seifen usw.) zu errichten (Heeringa,‚, Bronnen, I, ı, S. 82 f.). Noch 1717
war die Rede von Sendungen holländischer Waren nach Fiume und anderen Häfen
jener Gegend, und daß Venedig diese Sendungen an sich zu ziehen wünschte (Blok,
Rel. Venet.; S. 376 Anm: 1.)
2? Wätjen, S. ı25ff. Während des spanischen Erbfolgekrieges, insbesondere
 seit 1706, gingen große Mengen Getreide von Holland auf dem Seewege
nach Piemont (Sombart, Studien, II, 141).
3) Wätjijen;, S. 134 H., 146:

347
        <pb n="356" />
        8
schaft zu verdrängen!). In Konstantinopel erkämpfte sich
der niederländische Handel erst langsam jeden Fortschritt gegen
die englische und venetianische Konkurrenz, litt jedoch unter der
Habgier des Hofes; niederländische Textilwaren gewannen hier aber
mit der Zeit starken Absatz. Die von den Niederländern in starkem
Umfange und zum Teil sogar mit Gewalt betriebene Getreideausfuhr
 aus den Inseln des Archipels rief kräftige Gegenmaßregeln
der Pforte hervor und hat den Ruf der Niederländer in der Levante
nicht gefördert. Im allgemeinen ging der niederländische Levantehandel
 im Laufe des 17. Jahrhunderts zurück; am längsten blühte
er in Smyrna und Anatolien?)l. Der doch gewiß wichtige
Mittelmeerhandelläder Niederländer; der sich
durch große Vielseitigkeit auszeichnete, wurde von den
Generalstaaten wenis begünstigt; da er nur
de nordholländischen Städte anzugehen und
für die Landprovinzen geringe Bedeutung zu
haben schien?®); überdies wurden die Verträge nicht gehalten;
und man zahlte schließlich nur Geld, um den Schiffen gesichertere
Fahrt zu gewährleisten. Weder vertragliche Abmachungen noch
Gesandtschaften noch Geld haben aber volle Sicherheit vor den
Seeräubern schaffen können*). Dennoch haben die Holländer dauernd
in und mit den Barbareskenstaaten Handel getrieben; es sei nur
an den aus Deutschland gebürtigen, dann in Holland ansässigen
Kaufmann H. W. Uhlmann erinnert, der seit 1749 im Dienst
holländischer Kaufleute namentlich in Mogador und Saffy
tätig war®). Im großen und ganzen hat doch ohne Zweifel der
U 1) Wät; en, S. 162f. Am 20. November 1663 schrieb der englische Gesandte
 im Haag: „They [die Niederländer] say, that their Smirna trade only is now
become almost as considerable as that of the East Indies, besides that this Streights
trade entertaines ships of power and force, whereby they will be much more considerable
 in case of a warre at sea“ (Japikse, Verwikkelingen, S. 300, Anm. 2).
23 Wätjen, S. 173.
3 Wägjen, S. O1 ft
*') Heeringa, I, 2, S.639ff., Nach Brugmans, Notulen en Munimenten,
 5. 306 ff., wurden vom 24. Dezember 1663 bis 24. Juni 1664 von den Barbaresken
 29 holländische Schiffe im Werte von ı 223 500 fl. aufgebracht, außer den
Menschenverlusten. Von 1714—1720 wurden 39 niederländische Schiffe mit einer
Bemannung von 909 Köpfen von den Barbaresken aufgebracht (Diferee, Geschiedenis,
 S. 485).
5) Lugard,„, Bijdrage tot de geschiedenis v. d. handel in Barbarije, S. 231 ff.
        <pb n="357" />
        = 3A0 Da
Mittelmeerverkehr den Niederlanden große Vorteile gebracht; nicht
nur durch die starke Schiffsausrüstung; in dieser Beziehung stand
jene Fahrt hinter der Ostseefahrt weit zurück; wohl aber hat der
Bezug der aus Syrien und Griechenland eingeführten Baumwolle,
der aus Italien kommenden Seidenstoffe und des levantischen Leders
dem Amsterdamer Markt neue wertvolle Bereicherung gebracht,
wie andererseits der Getreidehandel Amsterdams durch die levantinischen
 Bezüge eine wesentliche Förderung erfuhr; für Schiffsbaumaterialien
 und nordische Produkte war die Levante ein stets
aufnahmefähiger Markt!). Im 18. Jahrhundert verfiel
der Handelider Niederlande mitvder Levante
Der Friede von Utrecht 1713 hat nicht vermocht, ihn nach der
langen Störung des spanischen Erbfolgekrieges wieder aufleben zu
lassen; namentlich die Franzosen, die schon zu Colberts Zeit
hier sehr tätig gewesen waren, verdrängten nun die Holländer aus
diesem Gebiet völlig; die englischen und holländischen Tuche wurden
durch die Erzeugnisse Languedocs und der Provence ersetzt?). -!
IhregroßartigstelEntwicklung.nahm doch
die Handelstätigkeit der! Niederländer nach
Ostindien und nach Amerika. Der Beginn dieser Unternehmungen
 stand in engem Zusammenhang mit den politischen
und wirtschaftlichen Zuständen, wie sie sich aus der Loslösung
von der spanischen Monarchie ergaben. Die, wie bereits erwähnt,
trotz des feindlichen Verhältnisses von den Niederlanden aufrechterhaltene
 Fahrt nach Spanien und Portugal, die schon wegen ihrer
nahen Verbindung mit der Ostseefahrt für die Niederlande überaus
wichtig war, galt schon in den ersten Zeiten der Aufstandsbewegung,
bereits vor dem Abschluß der Utrechter Union als schwer gefährdet.
Granvella vertrat die Auffassung, daß der Verlust des spanischportugiesischen
 Marktes den wirtschaftlichen Ruin und damit die
Unterwerfung der Niederlande zu unausbleiblicher Folge haben
müßte; und mindestens seit 1577 bestand in den Niederlanden die
Furcht, daß diese Fahrt ihnen völlig gesperrt werden könne®). Als
 Wätjen, Si333{.
2) Heeringa, N, 373it5 Elzinga, S. 119 f.
°) Vgl. Preuß, SS. ı1; dagegen Blok, Handel op Spanje, S. 109 ff. Der
Ansicht Bloks ist inzwischen auch Wätjen, Holl. Kolonialreich in Brasilien,

AN
        <pb n="358" />
        sie dann weiterhin mit Hilfe der Lizenzen doch aufrechterhalten
wurde, dann aber die wiederholt seit 1585 erlassenen Verbote der
Fahrt, zuletzt noch dasjenige von 1591 (das freilich nur die Zufuhr
mit Konterbande im weitesten Sinne untersagte), diesen Verkehr
immer mehr erschwerten, sahen die niederländischen
Städte sich zenötiet, ılırem Handel Luft zu
machen durch einen unmittelbaren Eingriff
in die koloniale Sphäre des Gegners; sie
mußten den Verkehr mit Spani:ien-Portugal,
der ja, soweit er Einfuhrhandel von dorther war, meist auf den
kolonialen Produkten beruhte, ersetzen durch die dirTekte
 Fahrtänmnachjenen Ländern. Das war ein
großer Entschluß, der gewiß nicht leichtfertig gefaßt wurde, der
aber andererseits zwar nicht ‚wider Willen und Neigung‘‘, jedoch
in der Notwehr den Niederländern aufgezwungen worden ist‘).
Zweifellos erkannten sie wohl die große Bedeutung der ihrer wartenden
 Aufgabe; und deshalb mußten sie auf jeden Fall gereizt werden
durch das, was ihnen hier als goldene Frucht entgegenleuchtete.
Diese Notwendigkeit schließt aber für die geschichtliche Beurteilung
keineswegs das Moment des natürlichen und den damaligen Holländern
offenbar in starkem Maße innewohnenden Taten- und Expansionsdranges
 aus, wie er schon hervortrat in ihren Unternehmungen nach
dem Norden und nach der Levante.
Bereits aus dem Jahre 1585 ist ein Plan bekannt, nach
dem die Holländer aufgefordert wurden, sich an einer Expedition
 des Engländers Franz Drake nach Indien
mit Schiffen und Geldmitteln zu beteiligen, die den ausgesprochenen
 Zweck hatte, den Spaniern Abbruch zu tun, und die
in diesem Sinne von den Generalstaaten ausdrücklich empfohlen
wurde als ein Mittel, den Feind zu bekämpfen?). Es ist damals
nichts daraus geworden, was vielleicht gut war, da, abgesehen von
dem überwiegend piratenmäßigen Charakter der englischen See-S.
 27, beigetreten, nachdem er früher (Hans. Gesch.-Blätter, 1912, S. 279 ff.) der
Ansicht von Preuß, nach der die Indienfahrt der Holländer ihnen nicht durch
die Not aufgezwungen worden sei, beigestimmt hatte. Meines Erachtens liegt die
Wahrheit in der Mitte; sowohl die Not wie auch der natürliche Ausdehnungsdrang
haben die Holländer zu dem Einbruch in den spanischen Kolonialbesitz bestimmt.
) Blok, a. a, O., S: 102 ff.
?) Japikse, Resolutien, V, 388 ff.

350
        <pb n="359" />
        — RK T —
expeditionen jener Zeit, eine enge Verbindung mit den Engländern
bei solchen Unternehmungen schwerlich im niederländischen Interesse
 gelegen hätte und ihre Selbständigkeit gefährdet haben würde.
Dieerste wirklicheIndienfahrt der Niederländer
 1595 war freilich ertraglos; doch bildete sie den Beginn
eines wirtschaftlichen Feldzuges, der in den nächsten Jahren sich
zu einem höchst aussichtsreichen Unternehmen entwickeln und den
Grund zu der Errichtung des holländischen Kolonialreiches legen
sollte. Im Jahre 1598 fuhren schon 22 Schiffe nach Ostindien!);
die rückkehrenden brachten reiche Schätze in die holländischen
und seeländischen Seestädte. Was Antwerpen nie erreicht
 hatte, das wurde nun: Ereignis: der
direkte Bezug der ostindischen Erzeugnisse
aus den. Produktionsländern. Die immer mehr zutage
 tretende Erschwerung des Handels mit Spanien und Portugal
wurde dadurch zum großen Teil paralysiert. Als 1598 Philipp III.
endlich allen Handel mit den Niederlanden verbot, konnte das nur
noch die Wirkung haben, die Niederländer auf dem einmal betretenen
 Wege des Angriffs auf die Kolonien festzuhalten. Sie
begannen, nun auch dieafrikanischen und amerikanischen
 Kolonien der spanisch - portugiesischen
 Monarchie aufzusuchen ‚und hier
direkte Verbindungen anzuknüpfen. Guinea wurde schon 1593
von einem Enkhuizer Schiff angelaufen; um 1600 wurden von
holländischen und seeländischen Schiffen die Küsten von Guayana,
 Venezuela und Brasilien besucht; es waren die
ersten Versuche der Niederländer, auch in den spanisch-portugiesischen
 Besitzungen der neuen Welt festen Fuß zu fassen.
Ihre Krönung erreichten diese Schritte in
der Gründung der Ostindischen Kompanie
(1602) und der Westindischen Kompanie (1621);
auf sie wird unten zurückzukommen sein.
Das wirtschaftliche Ergebnis dieses Einbruchs der Niederländer
 in das feindliche Kolonialreich, das gleichbedeutend war
mit der Schöpfung eines eigenen Kolonialbesitzes, bestand in der
Befreiung von dem Lissabonner Kolonialmarkt,
und in der Zentralisierung des Gewürzhandels,
*) Blok, Geschiedenis v. h. ned. Volk, III, 457.

5!
        <pb n="360" />
        — 352 —
des Handels mit Zucker, später mit Farbhölzern, überhaupt mit einem
großen Teil überseeischer und tropischer Erzeugnisse namentlich in
Amsterdam ; diesem fiel der Löwenanteil an dem neu errungenen
Besitz zu; es wurde jetzt ein wirklicher Weltmarkt. Das war allerdings
 ein Erfolg, der wohl die großen Opfer, die besonders in den ersten
Zeiten mit diesen Unternehmungen verbunden waren, wert war.
Wenn die Entwicklung der amerikanischen Fahrten und Niederlassungen
 auch schließlich den Opfern nicht entsprach, die man
für sie aufgewandt hatte, so lag das weniger an der Natur des wirtschaftlichen
 Problems, das hier zu lösen war, als an dem völligen
Versagen der Organisation, dem Mangel an materiellen Mitteln, der
geringen Unterstützung durch das Mutterland und an der irrigen
Auffassung, die man von Ländern hatte, deren Kulturzustände
sich zunächst nicht für den Absatz europäischer Produkte eigneten,
sondern lediglich tropischen Pflanzungskolonien als Grundlage
dienen konnten.
So unverkennbar der Expansionscharakter ist, der sowohl den
Unternehmungen nach Rußland und dem Mittelländischen Meer
als auch den Fahrten nach den überseeischen Gebieten eigentümlich
ist, so unterschieden sich beide doch voneinander insofern erheblich,
als erstere rein friedlichen Ursprungs waren, vielfach auf vertraglicher
 Grundlage beruhten und sich im ruhigen Wettbewerb mit
anderen Völkern vollzogen. Die Fahrten nach Ost- und Westindien
aber waren Eroberungsfahrten, die bewußt fremder Herrschaft unterworfene
 Gebiete mindestens wirtschaftlich zu behaupten beabsichtigten;
 sie sind der Ausgangspunkt für die Eröffnung eines ganz
neuen wirtschaftlichen Schauplatzes für die Niederländer geworden,
die hier zuerst, was sie bei jenen anderen Unternehmungen nur
sehr unvollständig erreichen konnten, ein unbeschränktes Monopol
für ihren Handel erstrebten und auch erzielten. Das konnte nur
geschehen in dem Rahmen der Kolonialwirtschaft, die bei allen
Kolonialvölkern jener Zeit mit einem nationalen Monopol verbunden
 war.
Immer schärfer trat, seitdem die Niederlande in den Kreis der
selbständigen Staaten getreten waren, die Abhängigkeit ihres Wirtschaftslebens
 von der Politik der anderen Staaten zutage; immer
klarer arbeiteten sich die handelspolitischen Grundzüge
        <pb n="361" />
        des niederländischen Staatswesens heraus; immer deutlicher
wurde es, daß dieser Staat in seinen Beztehungenzum
 Auslandekeinedynastische,keine
territoriale, sondern nur Handelspolitik treiben
 konnte und mußte. Das trat bei den Niederlanden
um so schärfer hervor, als bei ihnen infolge ihrer ganzen innenwirtschaftlichen
 Struktur und der einen großen Eigenverbrauch
ausschließenden Kleinheit ihres Gebietes nicht die Eigenproduktion
im Wirtschaftsleben die treibende Kraft war, sondern der Handel,
die Vermittlung des Warenverkehrs; dementsprechend war ihre
Wirtschaftspolitik überwiegend nach außen
gerichtet, war Handels- und’ Schiffahrtspoli:-tik;
 selbst in den für ihre Industrie und Landwirtschaft günstigsten
Zeiten war dieses Verhältnis unverkennbar. Darin unter-Schiedeni/sich
 die Niederlande erheblich von
den‘ großen Nationen des Festlandes,i wie
Frankreich und Deutschland. Je extensiver dieser
Handel wurde, um so enger gestalteten sich seine Beziehungen
zum Staat. Dem handelspolitischen Einfluß auf die Geschichte
seiner Wirtschaft muß deshalb besondere Aufmerksamkeit gewidmet
 werden; erst die volle Erkenntnis der handelspolitischen Zwangslagen,
 in die der Staat im Lauf der Jahrhunderte so oft geriet,
macht die Wandlungen seines inneren Wirtschaftslebens verständlich.
Wenn es auch während der Republik an einer konsequenten
niederländischen Wirtschaftspolitik gefehlt hat, zum Teil weil sie
sich in allzugroßer Abhängigkeit von der staatlichen Politik befand‘),
so lassen sich doch einzelne allgemeine Grundsätze nicht verkennen,
die durch diese ganze Zeit mit großer Zähigkeit aufecht erhalten und
befolgt wurden. Unter ihnen nahm den ersten Rang ein die stete
Bevorzugung des Handels vor allen anderen Erwerbsarten. So
selbstverständlich eine solche Begünstigung in einem Lande, wie den
Niederlanden, erscheinen mag und so sehr sie unsern bisherigen Darlegungen
 entspricht, so ist doch auch dieser Grundsatz gerade im
18. Jahrhundert nicht ohne wesentliche Einschränkung beobachtet
worden.
1) So sagt List, Nat. System, S. 76: „Holland für sich allein war nie
imstande, den großen Reichen gegenüber ein selbständiges Handelssystem aufzustellen
 und zu behaupten.“
Baasch, Holländische Wirtschaftsgeschichte.

353
23
        <pb n="362" />
        — 4
Das allgemeine Prinzip der Wirtschaftspolitik war Freiheit
der Einfuhr der eigenen‘ Produkte, was namentlich die Erzeugnisse
der Fischerei betraf; für die Ausfuhr möglichste Freiheit der eigenen,
Belastung der fremden Erzeugnisse!). Die Industrie, deren Bedeutung
 zunächst noch gering war im Verhältnis zu der späteren Zeit,
fand daher schon früh einen gewissen Schutz. Zu kräftigeren Maßnahmen
 sah man sich erst gezwungen, als die rücksichtslose französische
 Schutzpolitik seit den 1660er Jahren sich fühlbar machte?).
Auch wurden nun die Niederlande infolge der Einwanderung der
Refugi6s mehr als früher ein Industrieland. Nicht unerheblich waren
aber auch die Zölle fiskalischer Art; so z. B. auf Getreide; diese
betrugen 1625 und 1655 für Weizen 2, für Roggen 1,25 fl. per Last
bei der Einfuhr, bei der Ausfuhr aber 8 bzw. 4,50 fl.®). Ebenso wurde
das grobe Salz bei Ein- und Ausfuhr hoch belastet. Diese Abgaben
drückten erheblich auf den Handel mit wichtigen Stapelprodukten,
schienen aber notwendig gegenüber den hohen Anforderungen, die
an die staatlichen Kassen gemacht wurden. Die Landwirtschaft hat
unter der großen Getreideeinfuhr nicht gelitten, da sie sich durch
die bedeutende Ausfuhr ihrer Nebenprodukte schadlos hielt“).
Einzelne Industrien wurden in den Zolltarifen ja stark berücksichtigt,
 so der Schiffbau durch die freie Einfuhr der nordischen
Dielen und die sehr geringe Belastung von Masten, Balken, Eisen,
Hanf, Flachs, Teer. Dagegen war die Ausfuhr dieser Artikel schwer
belastet. Auch den Salzsiedereien kam man zu Hilfe, indem 1699
das fremde raffinierte Salz mit 150 fl. per Last bei der Einfuhr
beschwert wurde, während die Ausfuhr rohen Salzes längs der
Flüsse und per Achse ganz verboten war. Das wichtigste Rohmaterial
der Textilindustrie, Flachs, war 1655 mit nur ?/,% bei der Einfuhr
belastet, während inländische Leinwand bei der Ausfuhr 4, fremde
ı Verviers, S. 98.
2) Im „Interest van Holland‘ (1662), S. 49 f., wurde nun auch das Reziprozitätsprinzip
 ausgesprochen, nach dem Fremde, in deren Lande die Niederländer
 höher belastet wurden als die Einheimischen, auch in den Niederlanden entsprechend
 höher zu belasten seien.
3) Ebenda, S. 102; auf die Anomalie, daß holländische Butter bei der Ausfuhr
 die Hälfte mehr bezahlte als die friesische, machte de la Court), Interest,
S. 53, aufmerksam.
4) Mehrfach enthielt man sich in Pommern der Getreidezufuhr nach Holland,
da die Preise dort zu niedrig seien; so 1723, 1733 ff. (Naude6e, I1, S: 269/f.)

35.
        <pb n="363" />
        etwa 23/,°/, des Wertes bezahlte; das war ein Zugeständnis an den
lebhaften Handel mit Leinwand nach Spanien und Portugal!). In
diesem Falle war also die einheimische Industrie zugunsten des
Handels benachteiligt. Trotzdem waren die Unkosten bei der Versendung
 der feineren schlesischen Leinwand so hoch, daß Amsterdam
mit Hamburg nicht konkurrieren konnte. Inkonsequent und für
die Industrie hinderlich war ebenso die hohe Einfuhrbelastung für
fremde Werkzeuge und Maschinen. Wie man Ende des 17. Jahrhunderts
 auch für die Landwirtschaft mehr und mehr von fiskalischen
 Zöllen zu Schutzzöllen überging und sowohl die eigentliche
Getreideproduktion wie die Viehzucht und ihre Erzeugnisse zu
schützen suchte, sahen wir oben.
Ein festes, handelspolitisches Prinzip ließen alle diese Veränderungen
 in der Liste der Convoyen und Lizenten, die ja den
Zolltarif darstellten, im 17. Jahrhundert vermissen. Von einem
„Merkantilismus“, wie "ihn! andere Mächte
pflegten, einem bewußten und konsequent
durchgeführten System des Schutzes der nationalen
 Arbeit, war nicht die Rede; und man
muß sich hüten, für die Niederlande diesen
Ausdruck zu gebrauchen?). Wohl gab es auch hier eine
Reihe von Schriftstellern, die mächtig in das merkantilistische Horn
bliesen?), aber man war selbst in der Theorie weit entfernt von den
Konsequenzen des Protektionismus, wie er sich z. B. in Frankreich
zeigte. In den Niederlanden war von vornherein der Einfluß ‚der
Handelskreise viel zu stark, als daß ein einseitiger Merkantilismus
praktisch viel Boden gewinnen konnte. Das meiste, was in dieser
Hinsicht geschah, fand seinen Ausdruck in der Form von Abwehrmaßregeln.

Zu einer systematischen Umarbeitung des Tarifs konnte man
sich daher nicht entschließen‘). Eine entschiedenere handelspoli-)
 Verviers, S. 1081.
?) Das betont scharf Laspeyres, S. ı34f.
®) Vel. Laspeyres- 4S.1119, Anm. 445; 136, 156f.
4) Vgl. Pringsheim, S. 37, wo er mehrfach von. „Principien‘‘ in der
niederländischen Zoll- und Tarifpolitik des 17. Jahrhunderts spricht, während
solche ‚,Principien‘“ kaum bestanden haben. Ebenda, S. 90 ff. über die geplante
Zollreform von 1683. Über die vorübergehende Erhöhung des Tarifs (seit 1651)
um ein Drittel („‚„Derde verhooging‘“) Sickenga,‚, Bijdrage, S. 133 f.
93*

355
        <pb n="364" />
        - $) z—
tische Tendenz verrät erst der Tarif von 1725, der in einer Zeit
entstand, da über die Niederlande sich ein friedlicher politischer
Himmel wölbte und es daher nicht nötig schien, den Tarif nach
rein finanziellen Gesichtspunkten zu gestalten. Dieser Tarif brachte
in vielen Punkten eine Herabsetzung der Abgaben sowohl in Einwie
 Ausfuhr. Man wünschte die zum Teil durch die Kriegsverhältnisse
 entstandene Belastung zu vermindern und dem Handel, dessen
Rückgang in einzelnen Zweigen bemerkbar war, wieder mehr Freiheit
zu geben!). So machte dieser Tarif auch zum ersten Male den Versuch,
 die Durchfuhr für gewisse Artikel durch ein milderes Verfahren
 zu erleichtern; er sah für Butter, Käse, Speck und Schinken,
die in das Land mit der Absicht der Wiederausfuhr eingeführt
wurden, eine zeitweilige Niederlage bei der Admiralität oder unter
sonstiger Kontrolle vor; diese Waren unterlagen dann nur dem
Einfuhrzoll. Für Waren, wie Blech und deutsche und brabantische
Leinwand, die, wenn nach Spanien bestimmt, frei vom Ausfuhrzoll
waren, wurde ausdrücklich festgesetzt, daß sie auch dann davon frei
seien, wenn sie unmittelbar von einem Schiff in das andere umgeladen
 oder in ein Lagerhaus der Admiralität geschafft worden
waren. Das war eine besondere Begünstigung des Handels mit
Spanien und betraf Waren, deren Ausfuhr man auch in Hamburg
begünstigte. Sonst waren freilich manche Zollsätze noch recht hoch;
und in Hamburg und Bremen war das Meiste niedriger tarifiert;
der holländische Tarif nahm 4—5, der hamburgische 1, der bremische
nur 1% vom Wert?). Der „liberale Geist‘, den man an diesem
Tarif gerühmt hat?), fand sich auch wohl nicht so sehr in den Zollsätzen,
 sondern in stärkerem Maße in der Art der Einziehung, die
auf die Redlichkeit der Kaufleute rechnete und eine milde Kontrolle
mit schneller Abfertigung vorsah.
Als nun trotz dieses Tarifs der Handel nicht recht gedeihen
wollte und sich die Konkurrenz des Auslandes fühlbarer machte‘*),
kam man um die Mitte des Jahrhunderts auf den Gedanken einer
gründlichen Umwälzung des Tarifs und des Zollwesens. Namentlich
*) Verviers, 5. 10T.
2) Vgl. Serionne, S. 481 ff.; bei ihm auch der Tarif von 1725.
S) vanıden Brink, 5.29.
4) Auch der französische Gesandte nahm 1728 eine „diminution du commerce‘‘
für die Niederlande an (Recueil des instructions etc., II, S. 478, 481).

35€
        <pb n="365" />
        das Beispiel Hamburgs schien eine Mahnung zu sein. Hamburg
hatte 1727 die Durchfuhr völlig freigegeben und nur Holz (außer
Farbholz), Korn, Wein, Branntwein, Essig davon ausgenommen;
1748 wurde die Transitfreiheit auch auf Korn ausgedehnt!). Diese
Maßregel wie auch sonstige Zollherabsetzungen hatten Hamburg,
das schon seit der Mitte des 17. Jahrhunderts als eifriger, vielfach
erfolgreicher Mitbewerber der Niederlande aufgetreten war, einen
großen Vorsprung gegeben. Der Handel Hamburgs mit Frankreich,
Spanien, Portugal hatte erheblich zugenommen; es benutzte weit
weniger als früher die Vermittlung der Niederlande, sondern holte
sich selbst die Waren aus jenen Ländern, es trieb auch einen umfangreichen
 Zwischenhandel mit nordischen Produkten und entwickelte
 sich immer mehr zum Ausfuhrhafen für die sich emporarbeitende
 deutsche Industrie, namentlich Schlesiens und Sachsens.
Alles das vollzog sich mehr oder weniger auf Kosten der Niederlande.
 Man rechnete, daß 1750/51 von der Zucker- und Indigo-Ausfuhr
 von Bordeaux nur !/, nach Holland, 3/, nach Hamburg
gegangen war. Im Handel mit Zucker machte letzteres, das eine
große Einfuhr von Rohzucker hatte und ihn in zahlreichen Siedereien
raffinierte, Amsterdam starke Konkurrenz.
Auch abgesehen von Hamburg glaubte man aber in der Mitte
des Jahrhunderts überhaupt einen Rückgang des Handels feststellen
zu können. Nicht unbeeinflußt durch diese nur zum Teil berechtigte
Meinung — denn über sichere statistische Nachweise verfügte man
im 18. Jahrhundert noch nicht?) — hat man in viel späterer Zeit,
im I9. Jahrhundert, einen Rückgang des holländischen Handels
schon für die Zeit nach dem Westfälischen Frieden angenommen.
Das ist widerlegt und kann als irrig betrachtet werden. Allerdings
schwanken die verfügbaren Ziffern über die Convoy- und Lizentabgaben,
 die am sichersten den Gang des Handels wiedergeben;
aber diese Schwankungen erklären sich zumeist durch die kriegerischen
 Ereignisse. Tatsächlich haben jene Abgaben bei allen
Admiralitätskollegien im Jahre 1628 eingebracht: ı 588 772 {l.;
1781—1785, also in schlechten Jahren, im Durchschnitt 2 195 588 fl.
') Klefeker, Sammlung VI, S. 394ff. Auf den hamburgischen ‚Portofranco‘“
 weist auch De Koopman, IV, S. ı7 ff., hin.
?) Noch 1825 klagte Netscher über die schlechte Handelsstatistik der
Niederlande, mit der nichts anzufangen sei (Falck, Gedenkschriften, S. 431).

357
        <pb n="366" />
        Für Amsterdam allein betrugen diese Einkünfte 1628: 808 721 dAl.;
1654 aber ı 103 426 fl. In diesen Zahlen war die ostindische Einfuhr,
 die wohl geringer war als die europäische, nicht enthalten‘).
Am Ende des 17. Jahrhunderts stiegen die Zahlen wieder erheblich ;
1699 nahm die Amsterdamer Admiralität 1 967 498 fl. an Convoyen
und Lizenten ein?). Von einem Rückgang nach dem Westfälischen
Frieden kann somit nicht die Rede sein. Wenn nach dem Utrechter
Frieden ein Verfall eingetreten sein soll, so betraf er jedenfalls mehr
die Industrie als den Handel; erstere, die Ende des 17. Jahrhunderts
durch die Refugies einen großen Antrieb gewonnen hatte, verfiel
allerdings. Der Handel verlor aber unleugbar an Initiative; an
Stelle des Eigenhandels trat mehr und mehr der bequemere und
weniger gefahrvolle Commissionshandel®) ; und manche Gebiete
emanzipierten sich ganz von dem niederländischen Markte. Über
den Umfang dieses Rückgangs war man aber völlig im unklaren.

Genaue Ziffern über den holländischen Außenhandel besitzen
wir ja weder für das 17. noch 18. Jahrhundert. Wenn Petty
für etwa 1680 die Größe der holländischen Ausfuhr auf 12 Mill. £
schätzte, so ist diese Zahl namentlich deshalb von Wert, weil die
englische Ausfuhr erst um 1740 jene Höhe erreichte*). Für
Ende des 18. Jahrhunderts wird die Ein- und Ausfuhr der Niederlande
 auf 260—300 Mill. fl. geschätzt, wovon auf Europa 157, auf
beide Indien 581—67, auf Übersee 65 Mill. entfielen®). Die Kopfquote
 des niederländischen Außenhandels hat man für das Ende
des 18. Jahrhunderts auf 300 M. berechnet, gegenüber 70 in England
 und 40 in Frankreich®).
Mochte nun ein Verfall bestehen oder nicht, man war einmal
an vielen Stellen geneigt, einen solchen anzunehmen; und an Symptomen
 mangelte es ja auch nicht. Um ihm entgegenzutreten, schlug
der junge Erbstatthalter Wilhelm IV. im Jahre 1751 den
; 1) Pri ngsheim, Beiträge, S. ı21.
?) Brugmans, Handel en nijverheid, S. 46.
3) Luzac, IM, S.374f:Gr0eneveld Meyer, Tariefwetgev., S.13ff.
5) Pringsheim, Beiträge, S. 10; Wätjen, Nied. im Mittelmeergebiet,
 S. 330, bezweifelt, ob der holl. Gesamthandel um die Mitte des 17. Jahrhunderts
 75—100 Mill. fl. jährlich überstiegen hat.
5 Pringsheim, S. 45.
6) Sombart, Kapitalismus, II, S. 957.

358
        <pb n="367" />
        Generalstaaten eine gründliche Reform vor!). Diese wurde zunächst
in einer erheblichen Herabsetzung der auf dem Handel ruhenden
Lasten (Convoyen, Lizenten, Last-, Wagegelder usw.) erblickt in
der Form, daß aus dem Gebiet der Republik ein allgemeiner Freihafen
 (Portofranco) gemacht werde; mit dem Provinzialismus
und Particularismus müsse man brechen und die Interessen der
ganzen Republik in den Vordergrund stellen. Was nun die
Herabsetzung jener Handelsabgaben betreffe, so müßte sie erfolgen
für die fremden Waren, die sowohl in den Niederlanden wie auch
im Auslande verschifft und dort verbraucht würden; dadurch sollte
die Konkurrenzfähigkeit der niederländischen Kaufleute in diesen
Waren hergestellt werden; sodann für die Rohstoffe für die Fabriken,
 Manufakturen und Handwerke; endlich für die auswärtigen
Erzeugnisse, die hier sortiert und veredelt würden. Zu entlasten
seien auch die hier nur zum Entrepot gebrachten Waren. Dagegen
sollten die fremden Güter, die hier lediglich verbraucht würden,
einer Einfuhrabgabe unterliegen; alle Luxuswaren seien zu besteuern,
unter Einhaltung der geschlossenen Verträge. Zu erwägen sei, ob
man eine allgemeine freie Durchfuhr ohne Plombierung bis zur
Wiederausfuhr zulassen oder ob man nur eine Verminderung der
Abgaben auf alle Waren, insbesondere diejenigen, die auf Handel
und Schiffahrt den meisten Einfluß hätten, eintreten lassen wolle;
oder endlich ob alle Häfen und das ganze Gebiet der Republik
einen allgemeinen Freihafen darstellen sollten, wobei die Lastgelder
derartig zu erhöhen seien, daß die Einnahmen der Admiralitäts-Kollegien,
 die nach dem Wegfall der Convoyen und Lizenten sich
erheblich verringern müßten, daraus bestritten werden könnten.
Bei der Einrichtung dieses Portofranco sollten alle Waren in verschiedene
 Klassen geteilt werden, von denen einige den vollen Genuß
des Portofranco haben, während andere gewissen Einfuhrabgaben
unterliegen sollten; doch sollte für letztere bei der Ausfuhr eine
ı) Hierüber Dife&amp;amp;re6&amp;amp;e, Een onoitgevoerde maatregelj Beau fort,
Engelsche en holl. vrijhandelsplannen. Nach letzterem ist Wilhelm durch
Robert Walpoles wirtschaftspolitische Pläne beeinflußt gewesen. Der Antrag
 ist Sonderdruck: ‚,Propositie v. syne Hoogheid ter vergaderingen van Haar
Hoogmogende usw. gedaan, tot redres en verbeeteringe van den koophandel in de
Republicq‘ (s’Gravenh. 1751). Übrigens hatte schon 1738 die Amsterd. Vroedschap
 über die Frage, Amsterdam zu einem Freihafen zu machen, beraten (Brugg -
mans, Opkomst, S. 202).

359
        <pb n="368" />
        Rückvergütung der Einfuhrabgaben eintreten. Dieses System kannte
also drei Gruppen von Waren!?): 1. Solche, die von Einfuhrabgaben
frei waren, 2. solche, von denen Einfuhrabgaben erhoben wurden,
3. solche, deren Ein- und Ausfuhr verboten war. Zu ersteren gehörten
alle notwendigen Rohstoffe, Kolonialwaren und Verbrauchsartikel;
zu der zweiten zahlreiche Lebensmittel (Kartoffeln, Obst, Kastanien,
Orangen, engl. Heringe, fremde Butter, Getreide, Steine, Papier,
Essig, Salz). Zu der dritten als zur Einfuhr verboten: Mehl, Zwieback,
Farbholz, auswärts geschlachtetes Fleisch, gefärbte Manufakturwaren,
 Decken; als zur Ausfuhr verboten: Heringstonnen, Tonnenbänder,
 Lumpen zur Papierfabrikation, Fischnetze, Walfischfanggeräte.
 Aus den Artikeln der zweiten und dritten Gruppe ersieht man
den stark protektionistischen Zug des Systems; Industrie, Fischerei,
Landwirtschaft sollten geschützt werden. Strenge Kontrollmaßregeln?)
 dienten zur Durchführung des Systems und zur Verhinderung
der bisher üblichen Schmuggeleien, die durch die sehr nachsichtigen
Vorschriften von 1725 begünstigt waren. Dafür sollten die Admiralitätskollegien
 und die Beamten mit größerer Machtvollkommenheit
 ausgestattet werden. Vor allem aber erwartete man eine namhafte
 Zunahme von Handel und Schiffahrt, insbesondere die Wiedergewinnung
 des teilweise verloren gegangenen Handels mit dem
Norden, Spanien, Portugal und Italien und eine Steigerung des
Umsatzes in allen gangbaren Waren, auch solchen, die andernorts
billiger zu haben waren.
Gegen dies Projekt erhob sich sogleich viel Widerspruch).
Von den Einen wurde die Abnahme des Handels durchaus bestritten.
Im allgemeinen herrschte auch die Ansicht, daß der Niederländer
allen anderen Nationen auf dem Gebiet des Handels infolge persönlicher
 Veranlagung überlegen sei und daß deshalb solche künstliche
 Maßregeln entbehrlich seien. Von anderer Seite wurde auf die
vermutlichen Gegenmaßregeln der übrigen Mächte hingewiesen,
Bedenklich war ja in dem Vorschlag gewiß manches vom rein volks-?)
 Sie sind der erwähnten ‚„Propositie‘““ als Anlagen S. 72 ff. beigegeben.
Auf zahlreiche Ungereimtheiten in der Gruppeneinteilung wies hin La Fargue,
Onderzoek, S. 88 {£f.
?) Der „Propositie‘ beigefügt ist der Entwurf einer Verordnung über die
Behandlung der Transitgüter, sie enthält ziemlich strenge Vorschriften.
$) Unter den gegen das Projekt gerichteten Druckschriften ragt die Schrift
von La Fargue, Onderzoek, hervor.

360
        <pb n="369" />
        wirtschaftlichen Standpunkte, so die hohe Belastung mancher Einfuhren
 und das absolute Verbot der Ausfuhr anderer Artikel. Es
war doch sehr zweifelhaft, ob das Projekt mit seiner Gruppen-Einteilung,
 wenn verwirklicht, die hohen Erwartungen erfüllt hätte,
die man darauf setzte. Es stellte eine Mischung von Freihandel und
Protektionismus dar, die für ein kleines Land, das von Natur auf
den Zwischenhandel, die Veredelungsindustrie und den Vertrieb
seiner landwirtschaftlichen Nebenprodukte angewiesen zu sein schien,
höchst gefährlich war. Dabei atmete die Liste der verbotenen
Ausfuhrartikel ganz den Geist holländischer Selbstzufriedenheit;
man glaubte, die Fischerei an das Land ketten zu können, indem
man die Ausfuhr von Fischnetzen verbot, da man sie angeblich
im Auslande nicht so gut herstellen könne; man vergaß völlig,
daß man mit solchen Mitteln das Ausland nur reizte, diese Industrien
 selbst zu begründen. Den verlorenen Eigenhandel aber
von neuem an die holländischen Häfen zu fesseln, war das
Projekt schwerlich geeignet; dahin konnte nur eine Handelspolitik
 den Weg weisen, die ohne Schwanken in die Bahnen
des Freihandels einlenkte.
In den Verhandlungen, die sich an das Projekt in den einzelnen
 Provinzen und Admiralitäten knüpften, kam nicht viel
heraus; hier traten die bestehenden Interessengegensätze scharf hervor.
 Die überwiegend landwirtschaftlichen Provinzen waren gegen
die Herabsetzung der Getreidezölle; die Industrie verlangte höhere
Industriezölle, so auf Papier und Leinwand; die Torfbauern forderten
 stärkere Belastung der Steinkohlen usw. Seeland sah in dem
Projekt einen Anschlag Hollands gegen den Durchfuhrhandel nach
den österreichischen Niederlanden und gegen den Getreide- und
Krappbau?!). Für die freieste Gestaltung des Handels sprachen sich
Amsterdam und Rotterdam aus?). Schließlich wurde aus dem ganzen
Projekt, dem „gelimiteerd Portofranco‘, nichts. Mitten
1) Vgl. Aanmerkingen op het advis v.de Gecommitt. Raaden ter Admiraliteyt
in Zeeland; und den „Advis v. de Gecommitt. Raaden ter Admiraliteyt in Zeeland.“
In dem „Advis‘“, S, ı1, wurde u. a. entschieden der vorgeschlagenen Erhöhung der
Lastgelder widersprochen. Wie gering der Durchfuhrhandel damals war, ersieht
man daraus, daß 1753 in Rotterdam bei einem zwischen ır und ı5 Millionen fl.
balanzierenden Ein- und Ausfuhrhandel nur 65 630 fl. Transitgüter waren. (Dobbelaar,
 Een statistiek, S. 230.)
2) Beaufort, S. 364.

361
        <pb n="370" />
        —- 352 —
in den noch nicht abgeschlossenen Erörterungen starb der Statthalter;
 und damit schied die Persönlichkeit aus, die damals allein
imstande gewesen wäre, aus der Anregung und den Meinungsverschiedenheiten
 heraus ein positives Ergebnis ans Licht zu fördern
und praktisch durchzuführen. Auch brachte der bald darauf ausbrechende
 siebenjährige Krieg den Niederländern manche Handelsvorteile,
 die jenes Projekt in Vergessenheit geraten ließen!). Es ist
aber später noch oft erwähnt worden, wenn man mit Wehmut
zurückschaute auf die große Zeit der niederländischen Handelsblüte
und in dem Nichtzustandekommen jenes Plans ein bedauerliches
Ereignis sehen wollte?). Die freihändlerische Richtung konnte das
Projekt Wilhelms IV. freilich nur in sehr beschränktem Maße
als einen Erfolg buchen. Ebensowenig darf man das Scheitern des
Plans als eine völlige Abkehr von der protektionistischen Politik
beurteilen?). Im deutschen Hinterlande, so in Frankfurt, hatte man
den Portofranco-Plan freudig begrüßt und sein Scheitern bedauert‘);
das spricht für die Beurteilung des Projekts als einer dem freien
Handel günstigen Maßnahme. Auch in der nächsten Zeit fehlte es
durchaus nicht an Anzeichen, die darauf schließen lassen, daß man
nicht geneigt war, die Industrie schutzlos zu lassen. Der Einfuhrzoll
 auf rohe Wolle wurde 1773 herabgesetzt, 1782 auf die Einfuhr
fremder Tuche und Wollstoffe und von englischem Steingut ein
Zoll von 20% gelegt; die Ausfuhrabgaben auf binnenländischen
raffinierten Zucker wurden 1771 aufgehoben, diejenigen auf ausländischen
 raffinierten Zucker auf I fl. 10 Stüver erhöht; die Einfuhr
von fremdem Bier wurde 1769 ganz verboten und dies Verbot 1773
durch einen Einfuhrzoll von 3 fl. per Tonne ersetzt°). Alles dieses
geschah zugunsten der Industrie; und wenn sie dadurch diesen oder
jenen Vorteil erhielt, es genügte doch nicht, um den allgemeinen
Rückgang zu hemmen. Vergeblich suchte man die Industrie auf
Kosten des Handels zu schützen; man schädigte nur den letzteren.
Insbesondere bei der Zuckerindustrie zeigte. sich, wie wir gesehen
1 Colenbrander, Patriottentijd, I, S. 56.
*) So De Koopman, Ill, S. 2571
3 Koenen, Handelspolitiek, S. 80 ff.
*) Nach Berichten des holländ. Residenten in Frankfurt, Bosch, von 1752
und 1753 (Reichsarchiv, Haag).
5) Verviers, S. ı42f., der holl. Gulden hatte 20 Stüver.

f
x
        <pb n="371" />
        haben, die große Schwierigkeit, das Interesse.der Industrie mit
dem des Handels zu vereinigen. Man schwankte in diesen letzten
Jahrzehnten der Republik unsicher zwischen den Bedürfnissen der
einzelnen Berufsstände. Die Zeitschrift „De Koopman‘‘, die seit
1768 in Amsterdam erschien und in sehr dankenswerter Weise alle
wirtschaftlichen Zustände und Wünsche der Gegenwart besprach,
machte zahlreiche Vorschläge, wie man dem weiteren Verfall des
Handels vorbeugen könne!). Nie aber trennte man hier den Handel
von der Industrie; in ihrer Verbindung sah man einen großen Gewinn
 für das Land. Deshalb wurde 1773 die Befreiung ausländischer
Erzeugnisse, die von holländischen Fabriken verarbeitet wurden, wie
Wolle und Seide, vom Eingangszoll empfohlen?). In dem Weber,
dem Bauern und dem Kaufmann sah ein Aufsatz
 von 1775 die drei Säulen der Republik?3.
Am gefährlichsten war dem Kaufmann um diese Zeit
der Rentner; es ist bezeichnend, daß einmal im ‚„,‚Koopman*)““
bewiesen werden mußte, daß der Kaufmann wichtiger sei als
der Rentner; der Kaufmann mache das eigne Land reich, der
Rentner aber, der fremde Effekten besitze, mache das fremde
Land reich.
Noch 1789 wurde in einem ‚„‚Rapport van het Defensiewesen‘‘
versucht, Mittel zu finden, um dem Verfall Einhalt zu gebieten;
insbesondere wurde die freie Durchfuhr, die Schaffung besserer
Wasserverhältnisse, die Belastung der Güter nicht nach dem Wert,
sondern nach der Menge oder Maß und Gewicht in Aussicht genommen‘).

Leider sollten diese vortrefflichen Vorschläge nicht mehr Gehör
und praktische Folge finden. Nach dem letzten englischen Krieg
(1780—1783) konnten sich die Niederlande, deren Volkswirtschaft
offenbar schon vorher geschwächt war, doch nicht mehr erholen‘);
1) So De Koopman, I, S. 4or ff. Über den allgemeinen Verfall fast
aller kaufmännischen und gewerblichen Zustände Luzac, II, S. 336ff. (1781).
2 De Koopman, IV, /S. 165 If.
) De Koopman, V, S)397.
) 11, $S: 375.
P) Vgl. Kluit, Jets; S.1337:f.
5) Über den Zustand vor dem englischen Krieg Blok, Geschiedenis, VI,
S. 370 ff., und nach diesem Colenbrander, Patriottentijd, I, S. 326 f.

363
        <pb n="372" />
        was noch übrig geblieben war von ihrem europäischen Handel, das
zerfiel nun gänzlich und nahm seinen Weg nach England, den
Hansestädten und Dänemark!).
$ 9. Die Kolonialwirtschaft unter der Führung der
grossen Kompanien.
Die koloniale Expansion der Niederlande beginnt Ende des
16. Jahrhunderts und war in der Mitte des 17. Jahrhunderts im
wesentlichen abgeschlossen. Was später folgte, diente dem Ausbau
 und der Sicherung des Kolonialbesitzes; vieles ist nachher wieder
verloren gegangen. Im fernen Osten sind die Etappen dieser
kolonialen Bewegung die Eroberung von Amboina 1605, der nach
und nach die Eroberung der Molukken folgt?); um 1662 befindet sich
Holland im Vollbesitz dieser Inseln. Die Gründung von Batavia
1611 bezeichnet die Festsetzung auf Java, der dann langsam die
völlige Besitzergreifung folgt, die aber erst im Laufe des 18. Jahrhunderts
 vollendet wurde. In den Jahren 1638—1640 wird Ceylon,
1641 Malakka besetzt. Schon 1624 ließ man sich auf Formosa nieder,
das freilich 1661 dauernd wieder verloren ging. Seit 1624 fand
die Festsetzung ın Brasilien statt, das aber bereits
1654 geräumt werden mußte. In Westindien wurde 1634
Curacao, 1642 Tabago besetzt; 1667 siedelte man sich in Surinam
und Essequebo an; gleichzeitig fiel St. Eustatius den Holländern zu.
— In Nordamerika erfolgte 1613 die erste Niederlassung am
Hudson (Fort Nassau), eine weitere folgte 1624 in Manhattan, 1626
wurde Neu-Amsterdam gegründet. — Nachdem man sich 1624 in
Sierra Leone festgesetzt hatte, wurde 1637 Elmina erobert,
1641 St. Paulo de Loanda, St. Thome und andere kleinere Inseln
an der Goldküste. Von 1648 ab wurde das Kapland in
sehr langsamer Entwicklung besetzt und kolonisiert?).
7 ') Am 15. November 1798 schrieb der französische Gesandte Champigny-Aubin
 aus den Haag an das Directoire: „Tout le commerce qui se faisait ic}
pour l’Allemagne se fait presentement par Hambourg, Breöme etc. On ne peut voir
cela sans une extreme jalousie‘‘ (Colenbrander,‚ Gedenkstukken, III ı. S. 37)-?)
 Schon 1609 schloß Blommaert für die Ostind. Kompanie mit einem
Fürsten auf Borneo einen Vertrag, der den Holländern u. a. das Monopol des Diamantenhandels
 einräumte (Kernkamp, Brieven van Blommaert, S. ı1 f.).
3) Vgl. im besonderen Zimmermann Kolonialpolitik der Niederländer.

3064
        <pb n="373" />
        In der Wirtschaft der Niederlande nahmen die Kolonien eine
bedeutende Stellung ein; und wenn uns auch hier nicht die Aufgabe
 obliegt, eine Wirtschaftsgeschichte dieser Kolonien zu schreiben,
so müssen wir ihrer doch im Rahmen der Wirtschaft des Mutterlandes
 gedenken. Diese Zusammenhänge sind nach vielen Richtungen
 hin sehr enge gewesen, sie griffen in die innersten Vorgänge
des niederländischen Wirtschaftslebens tief ein.
Charakteristisch für die Auffassung der Niederländer von
einem großen, wertvollen Kolonialbesitz war die Organisationsform,
 in die sie die Verwertung und Verwaltung dieser Gebiete
von Anfang an einfügten. Die erste, 1594 von zehn Amsterdamer
Kaufleuten begründete Ostindische Kompanie, die
„Kompanie van Verre“,: war eine mit‘ einer Handelsgesellschaft
 kombinierte Reedereigesellschaft. Zunächst für eine
einzelne Unternehmung errichtet, dehnte sie sich allmählich weiter
aus. Es bildeten sich dann noch mehrere andere Kompanien mit
demselben Zweck in Seeland, Rotterdam, Delft!). Aus allen diesen
losen gesellschaftlichen Bildungen ging 1602 die große „„Ostindische
Kompanie“ hervor; der Zusammenschluß wurde von den Generalstaaten
 und den Staaten von Holland begünstigt und empfohlen und
trotz der widerstrebenden Amsterdamer Herrschsucht, trotz des
Partikularismus der Seeländer und der Eifersucht der kleineren
Städte durchgesetzt. Als Grund für die Vereinigung galt die Notwendigkeit,
 den Gegnern in Ostindien, als welche damals namentlich
die Spanier und Portugiesen in Betracht kamen, eine geschlossene
Front entgegenzusetzen, ferner in dem ostindischen Handel die auswärtige
 Konkurrenz möglichst auszuschließen, was nur erreichbar
schien durch eine gemeinsam betriebene, gewissen festen Regeln
unterworfene Handlung. Obwohl ein ausschließlicher Oktroi, also
ein Monopol den Staaten von Holland zunächst sehr bedenklich
erschien, mindestens ebenso bedenklich wie eine unbeschränkte
Konkurrenz, entwickelte sich doch aus allem schließlich ein Monopol2).
Im Gegensatz zu der englisch-ostindischen
)Ehrenberg, Z. A. der Fugger, II, 325 ff.; van Brakel, Handelscompagnien,
 S. ıff.; Brugmans, Handel en nijverheid, S. 105 ff.; vgl. auch
im allgemeinen den schönen Aufsatz von Brugmans, De Oost-Indische
Compagnie.
23) van Brakel, S. ı5 ff;

365
        <pb n="374" />
        366

Kompanienahm die holländische rasch einen
oligarchischen Charakter an!). Das zeigte sich in
ihrer Verwaltung und ihrem Wirtschaftssystem. Aus der Beschränkung
 wurde bald ein Ausschluß der Konkurrenz. Das war eine um
so merkwürdigereliErscheinung, als sonst der
Individualismus in den Niederlanden sehr stark
ausgeprägt warundin wirtschaftlichen Dingen
besonders hervortrat. Aber die schon 1603 erkennbare
Neigung, dem privaten Handel in Indien entgegenzutreten, setzte
sich bald in feste Vorschriften um?). Als Coen 1623 den Handel
in Indien freigeben, Kolonisten ansiedeln und ihnen Handelsvorrechte
 verleihen wollte, scheiterte diese von vielen Seiten mit Begeisterung
 begrüßte Idee an dem Widerstand der großen Aktionäre,
die das Heft in Händen hatten?). Seit 1627 wurde das Monopol
schärfer als vorher durchgeführt. Die Losung wurde nun: kleine
Ausgaben und große Retouren. Die Handelskolonie verkümmerte
und damit der freie Handel; in den noch wiederholt wahrnehmbaren
Schwankungen zwischen Monopol und freiem Handel siegte am
Ende stets das erstere, obwohl die Schädlichkeit und Unsittlichkeit
des Monopolsystems täglich empfunden wurde. Aber so sehr man
im allgemeinen den Monopolen abgeneigt war, gegenüber dem ostindischen
 Handel überwog doch der Gedanke, daß man ohne ein
solches nicht auskommen könne*) ; man suchte in Ostindien wirtschaftlichen
 Ersatz für die Schäden, die der niederländische Handel im
17. Jahrhundert durch Franzosen und Engländer an anderen Stellen
erfuhr; und das glaubte man nur auf Grund des Monopols wirksam
erreichen zu können. Mit dem Schleichhandel, der von jeher, besonders
 aber im 18. Jahrhundert, blühte, fand sich die Kompanie
ab; sie wurde geradezu auf den privaten Handel hingedrängt, namentlich
 für die Fahrt innerhalb Ostasiens und für den Bezug von Opium,
das dem Kompanie-Monopol unterlag, das sie aber allmählich von
privaten englischen Händlern zu kaufen begann. Am Ende des
Jahrhunderts hatte sich in Indien der freie Handel völlig entwickelt.

)Ehrenberg;, a. a0. 7S. 328.
2) Klerk de Reu's, IS. 244 ff.; auch für das folgende.
3) Vgl. van den Berg, Coen en de vrije vaart etc.
*) Vgl. Laspeyres, SS. 89 ff.
        <pb n="375" />
        Mit Ostasien, insbesondere mit China „‚, unterhielt die
Kompanie von jeher einen regen Verkehr, der sich außerhalb der
Schranken, die ihr die Kolonien auferlegten, hielt.
Insbesondere als seit dem 17. Jahrhundert die Chinesen selbst nach Batavia
fuhren und sich die dortigen Erzeugnisse im Austausch gegen Tee, Seide, Porzellan
usw. holten, blühte der Verkehr mit China auf. Jedoch erst von 1728 ab wurde
von der Niederl.-Ostindischen Kompanie direkt Tee aus China nach Europa gebracht.
 Diesen Teehandel pflegte die Kompanie sorgfältig; er lag bis 1755 in
den Händen der Amsterdamer Kammer und wurde dann einer ‚„‚Commissie voor
de vaart op China‘‘ übertragen. Er war sehr gewinnreich. Wenn die Kompanie
diesen Handel direkt von den Niederlanden aus betrieb, so lag der Grund wohl in
den umfangreichen Betrügereien, die beim Einkauf in China regelmäßig stattfanden!).
 Der Teehandel wurde noch von der Kompanie beibehalten, als jeder andere
Handel unter dem Druck der politischen Ereignisse aufgegeben werden mußte.
So hielt sich auch das Kontor der Kompanie in Kanton während der französischen
Zeit selbständig und blieb den Niederlanden erhalten?).
Eine fast monopolistische Stellung hatten sich zeitweilig die Niederlande
in Japan geschaffen. Hier hatte die Kompanie alle europäischen Konkurrenten,
 namentlich Portugiesen und Engländer, verdrängt und sich seit der ersten
Hälfte des 17. Jahrhunderts dauernd im Handel festgesetzt, der als Zwischenhandel
 zwischen Japan und Batavia sich sehr lohnend erwies. Erst im letzten
Viertel des Jahrhunderts verfiel dieser Handel langsam; Japan hatte kein Interesse
mehr daran, daß man ihm das Kupfer aus dem Lande holte, und für die übrigen
Ausfuhrartikel Japans hatte die Kompanie wenig Verwendung. Den holländischen
Einfuhren gegenüber aber zeigte Japan mehr und mehr das Streben, sich vom
Auslande unabhängig zu machen?). Doch behaupteten sich die Niederländer bis
ins 19. Jahrhundert auf der kleinen, ihnen zugewiesenen Insel Desima, von der
aus sie ihren Handel trieben‘). Er war 1790 auf die Ausfuhr von etwa 6000 Pikols
Kupfer (= ca. 360 000 Kilo) zurückgegangen, hat aber die französische Zeit ungestört
 überlebt®).
Dem Mutterlande brachte das System der Ostindischen Kompanie
 trotz der Korruption unter den Beamten der Kompanie®)
, Klierk/de Reus, S. 220, vgl. auch: oben‘ S. 166.
?) Colenbrander, Gedenkstukken, VII, 289.
3) Vgl. Nachod, Die Bezieh. d. nied.-ostind. Komp. zu Japan. Japan.
Kupfer wurde 1628 von Holland nach Schweden verkauft (Wittrock, Svenska
Handelskomp., S. 121).
*‘) Vgl. Luzac, I, 272f. Der Gewürzhandel und der japanische Handel
machten, so schreibt Luzac 1782 (III, 361), das Monopol der Ostindischen
Kompagnie aus.
°) Posthumus, Stukken betr. de handelsbetrekk. met Japan, S. 223 ff.
6) Diese Korruption erstreckte sich auf das der Kompagnie unterstehende
Kapland (vgl. Geyer, Das wirtschaftl. System, S. 34 ff., 40 ff.). Für Ostindien
vgl. u. a. Aalbers, Rijklof van Goens, S. ıı3 ff.

67
        <pb n="376" />
        doch große Vorteile. Außer den erheblichen Zahlungen,
die die Kompanie für jede Erneuerung ihres Oktrois entrichtete
und die seit 1742 in einer Rekognition von 3 % ihrer Jahresdividende
bestand, 1748 aber durch Lieferung von Salpeter an den Staat
abgelöst wurde, zahlte die Kompanie seit 1681 den 100. und 200.
Pfennig, also 1% %, von allen ihren Obligationen an die Provinz
Holland. Ferner entrichtete sie erhebliche Beträge als Zölle für
die von ihr ein- oder ausgeführten Waren; selbst für die Ausfuhr
der für ihre Beamten in Indien bestimmten Lebensmittel bezahlte
sie die gewöhnlichen Zölle. Diese Ausfuhrzölle für alle Güter
löste aber 1677 die Kompanie gegen eine jährliche Summe von
16 000 fl. ab!). Viel schwerer drückten die Kompanie die Einfuhrzölle,
 mit denen die Konvoyabgaben verbunden waren; sie beliefen
sich 1680 für die Kompanie auf etwa 268 000 fl., 1690: 364 000 fl.,
ein Betrag, der lange unverändert blieb?). Die Kompanie ihrerseits
hat der Republik in mancher kritischen Finanzlage geholfen. Sogar
an der ‚liberale gift“ 1747 beteiligten sich die in Indien ansässigen
Niederländer mit mehr als 10 Tonnen Goldes (= ı Mill. fl.). Die
Kompanie wurde allmählich ein Staat im
Staate
Über, der finanziellen Gebahrung der
Kompanie ruhte von jeher tiefes Dunkel. Ihre
Buchhaltung, die nach den „Kammern“ geschah, in die die Verwaltung
 und Regierung der Kompanie eingeteilt war, entsprach
sehr wenig den Anforderungen einer rationellen Geschäftsführung®).
Rechnungslegungen waren schon seit den ersten Zeiten der Kompanie
 kaum mehr vorgekommen; selbst 1620 erfolgte bei der Erneuerung
 des Oktrois keine, trotz mehrfacher Erinnerungen; die
sich daran anknüpfende Pamphlet-Polemik wurde durch obrigkeitliche
 Verordnungen unterdrückt. Die Staaten von Holland
verhinderten auch weiterhin die Rechnungslegung, und die hohen
Dividenden söhnten die Aktionäre mit diesem Zustande aus*). Die
Gesellschaft selbst war eine Handlung für gemeinsame Rechnung
mit Anteilhabern, die beschränkt haftbar waren. Die ‚,Bewind-3).
 Becht, S. ı1Soff.
2) Klerkde Reus, S. 273 if.
9) Mansvelt, S. 50.
‘) Klerkde Reus, S. 69 ff.

368
        <pb n="377" />
        hebber‘“ von 1602, die noch von den Vorkompanien entnommen
waren, wurden damals ‚, Teilhaber‘; später waren die Bewindhebber
nichts als Faktoren oder verwaltende Gesellschafter der Kompanie.
Sie trieben nach ihrer ganzen Stellung mehr Politik als Handel.
Immer drängten die „Anteilhaber‘“ auf hohe Dividenden und scheuten
vor keinen Druckmitteln zurück ; man behauptete, ein Recht auf eine
jährliche Dividende zu haben; die 121% %, die man seit 1632 zahlte,
galten als Minimum; so entwickelte sich der „Anteil“, die Aktie, zur
Obligation!). Die Handelsgewinne waren ja selbst bis ins
18. Jahrhundert hinein recht bedeutend; noch 1776/77
wurden 1% Mill. fl. ausgezahlt, was etwa 55% gleich kam’).
Sogar in schlechten Jahren zahlte die Kompanie Dividenden
und gab, falls kein bares Geld vorhanden war, unkündbare Obligationen
 aus, so 1679—1681. Auf solche Weise schuf man eine
riesige, flüssige Schuld, deren Obligationen am Verfalltag durch
neue Schuldscheine ersetzt wurden. Seitdem die Kompanie 1676
zu einer Depositenbank geworden war und Geld auf Zinsen annahm,
wurde sie mehr und mehr ein Geldinstitut für Anlage von Geldern,
wofür Rezepisse auf sechs Monate zu 3 % Zinsen ausgegeben wurden).
Als Kaufmann machte sie offenbar gute Geschäfte; während
der 198 Jahre ihres Bestehens zahlte sie 36000% %
Dividenden aus, :also jährlich 18% im: Durch:
schnitt*). Aber ihr Unglück war, daß sie gleichzeitig Landesherr
war; die hohen landesherrlichen Ausgaben verschlangen einen großen
Teil des Handelsgewinns. Völlige Unklarheit bestand über die Verwendung
 der beträchtlichen Saldi der indischen Kontore; noch 1696
betrugen diese 40 Mill. fl., 1725 waren sie ganz verschwunden; an
ihre Stelle traten stets zunehmende Rückstände. Wo ferner das
einst in Indien vorhandene Betriebskapital geblieben ist, gehört
zu den weiteren, noch heute ungelösten Rätseln®).
Mit dem letzten Vierteldes ı8. Jahrhunderts,
als der Staat, mit dem die Kompanie in so enger Verbindung stand
7 1) Man svelt, S.85ff. Von 1623—43 wurde ein Teil der Dividende in
Gewürznelken gezahlt; seitdem nur in bar oder in Obligationen (Klerk de Reus,
S._ 180).
*) Nähere Zahlen bei Klerk de Reus, Beilage VI.
3 Klerkde Reus,S.: 186:
*) Ebenda, S. 181.
5) Mansvelt, S. 96.
Baasch, Holländische Wirtschaftsgeschichte,

369
924
        <pb n="378" />
        wankte, brach das künstliche Gebäude der Kompanie
 zusammen. Bis 1736 scheint im allgemeinen der Gewinn
 den Verlust überstiegen zu haben. Solange der Ertrag der
Retouren die Kosten der ausgesandten Ladungen übertraf, buchte
das indische Kontor Gewinne. Später hielten Gewinne und Unkosten
 immer schlechter Schritt miteinander; die Kosten der Transporte
 stiegen ins Unendliche, während die Einnahmen aus den
Retouren nicht in gleichem Maße zunahmen!). Jetzt mußte die
Kompanie die Hilfe bei dem suchen, der sie geschaffen hatte und
der ihr zum großen Teil seinen Reichtum verdankte. In den Niederlanden
 glaubte man nicht, daß diese ohne die Kompanie bestehen
könnten, und die Generalstaaten garantierten nun eine Anleihe der
Kompanie nach der anderen. Seit 1781 befand sich das. indische
Kontor in dauerndem Geldmangel; man half sich durch Verkauf
von Landesprodukten an Kaufleute neutraler Nationalität, ja durch
Ausgabe von Papiergeld. Als nach dem englischen Kriege die Verbindung
 mit dem Mutterlande wiederhergestellt war und in den
steigenden finanziellen Anforderungen der Kompanie der ganze
Verfall dieses Instituts offen vor Augen trat, glaubte man durch
eine Reform der Organisation den Untergang der Kompanie aufhalten
 zu können. Zu dieser Reform, die, was sehr bezeichnend ist,
von England hintertrieben wurde, ist es nicht mehr gekommen;
im Grunde war sie auch höchst unpopulär, da man von ihr den
Verlust des Spezereimonopols und schließlich den der ganzen Besitzungen
 befürchtete?).
Mit diesem Monopol aber sah es schon damals sehr kritisch
 aus. Seitdem die Engländer sich Vorderindiens bemächtigt
hatten, war es mehr denn je bedroht; während des englischen
Krieges wucherte der private Handel ohne Scheu empor. Bereits
 1785 mußte die Republik England die freie Fahrt nach
den Molukken zugestehen?). So brach gleichzeitig von innen
wie von außen die Kompanie zusammen; durch ihren innNerTreEN;
 finanziellen Verfall riß sıe auch ihren
) Mansvelt, S. 103, 105.
2) Klerk de Reus,/S: 200; Colenbrander, Patriottentijd, I,
326 f.,/I11, Sf.
3 L. van Nierop, VUit de bakermat, S: 1141.; 1793 führte England
Gewürze in großen Mengen auf dem Amsterdamer Markt ein.

370
        <pb n="379" />
        Gläubiger, diejAmsterdamer Bank, mit sich.
Mit Ende 1793 waren die Mittel der Kompanie erschöpft, ihre konsolidierte
 Schuld in den Niederlanden betrug 1795 nur 120 Mill. fl.2).
Und noch in den Jahren vorher, als die Kompanie den Staat demütig
um Geld bat, da sie nach Indien warnende Briefe schrieb, um die
Gesellschaft aus ihrer Not zu retten, herrschte bei den Direktoren
ein übertriebener Luxus?).
Insbesondere für Ostindien kam noch ein Mißstand hinzu,
der nicht zu übersehen ist; das war die Münzkalamität.
Ostindien wurde schon seit 1617 der Abzugskanal für die holländischen
 Gulden und Stüver schlechtester Sorte; sie brachte hier
in den Verkehr der Rechnungsmünzen, zuerst des spanischen Real,
dann des Reichstalers, eine greuliche Verwirrung, die noch vermehrt
wurde durch die Verbreitung der kleinen, von der indischen Regierung
seit 1633 ausgegebenen Kupfermünzen?). Aller Gegenmaßregeln
ungeachtet strömte die bessere holländische Münze aus Indien fort;
die von der indischen Regierung vorgenommene Kursheraufsetzung
des indischen Geldes wurde von der Leitung der Kompanie in
Holland entschieden verurteilt und mußte 1652 rückgängig gemacht
werden; doch mußte 1656 jene Maßregel wieder eingeführt werden,
und sie erstreckte sich nun auch auf das kleine Geld, was im niederen
Volk in Indien viel böses Blut machte. Die Münzverwirrung wurde
dadurch auch nicht geheilt; es kam zu seltsamen Auskunftsmitteln:
so setzte man 1682 den Dukaten auf 76 Stüver fest und gab gleichzeitig
 der Regierung in Indien die Erlaubnis, die Dukaten nach
auswärts als Ware zu höherem Preise zu verkaufen! Schwierigkeiten
 machte es ferner, die einheimische Münze in ein Wertverhältnis
 zu den aus Hindostan hereinströmenden Rupien zu bringen.
Überall zeigte sich eine Systemlosigkeit, die von der völligen Ohnmacht
 der Kompanie gegenüber diesen Verhältnissen Zeugnis ablegte.
 Der Mangel an barem Gelde blieb das chronische Leiden
der indischen Regierung während des ganzen 18. Jahrhunderts;
die Münzverwirrung hatte zum Teil Schuld an der fürchterlichen
') Nach Colenbrander, III, 8, brachte die Kompagnie ihre Schuldenlast
 bis 1798 auf 184 Mill. fl.; über die Schuld an die Amsterdamer Bank vgl. oben
S. 220f.
2?) Klerkde Reus,S. 30£
* van den Berg, Munt-, Crediet etc., S. 7 ff.; auch für das folgende.
D4*

371
        <pb n="380" />
        a I ; 2 —
Konfusion in den Büchern der Kompanie. Als diese zusammenbrach,
war der Zustand des indischen Münzwesens hoffnungslos und zwar
nun nicht infolge des Kupfers, sondern infolge des Papiergeldes,
das seit 1782 in Indien, um dem Mangel an Umlaufsmitteln zu
steuern, eingeführt war, zuerst in größeren, dann auch in kleineren
Nennbeträgen. Es unterlag alsbald umfassenden Fälschungen und
verlor völlig das Vertrauen. Das Agio zwischen Metall und Papiergeld
 stieg 1806 bis zu 90%.
Als nach der politischen Umwälzung die Kompanie
aufgelöst wurde (1798), schieden damit die Nieder-Yande
 als astiatischeHandelsmacht/ vorläufig
aus. Private Handlungshäuser, die das Unternehmen fortsetzen
konnten, gab es nicht; in Ostasien bestanden keine nennenswerten
Kapitalien außerhalb der Kompanie!). Die Besitzungen wurden
eine leichte Beute der Feinde. Eine ebenso leichte Beute wurde
die Kompanie, die mit ihren Aktiven und Passiven dem Staat zufiel,
 der mit etwa Io Mill. fl. Rechte an Grundbesitz, Schiffen usw.
bezahlte, die weit mehr als 100 Mill. fl. wert waren. Es war der
jämmerliche Abschluß einer Wirtschaftsmacht, die Holland reich
gemacht, ihm durch 200 Jahre die wertvollsten Schätze Indiens
und Ostasiens zugeführt, ihm das Monopol in diesen Waren gesichert,
 seiner Schiffahrt eine unschätzbare Ausdehnung verliehen
hatte?). Diese Gesellschaft ging zugrunde an der Gebrechlichkeit
ihrer Form, an der Immoralität ihrer Geschäftsführung, an der
stets schädlichen Verbindung einer Kaufmannsoligarchie mit einer
Landesherrschaft, noch dazu über ein hilfloses Sklavenvolk, endlich
 an dem Mangel an wirklicher Macht®). Im kleinen war
die Kompanie ein Abbild, eine Wiederholung
der Republik selbst; beide waren am Ende
neineGeld- und Wirtschafitsmächteund mußten
an den solchen Gemeinwesen anhaftenden
Mängeln zugrunde gehen. Die Schöpfung der Ostindischen
 Kompanie war an sich eine geniale Leistung; wirtschaftspolitisch
 machte sie dem Geiste der damaligen niederländischen
ll Mansvelt, S. 110.
2) Vgl. auch Franck, Nied. Indien eine Finanzquelle, S. 474 ff.
3) Das Kap und Ceylon wurden während des englischen Krieges nur durch
französische Besetzung vor der Wegnahme durch die Engländer bewahrt.

37
        <pb n="381" />
        — A U —
Machthaber alle Ehre; ohne die wirtschaftliche Zusammenfassung
der in dieser Richtung wirksamen Kräfte wäre schwerlich das erreicht
 worden, was die Kompanie im 17. und 18. Jahrhundert für
das Mutterland gewesen ist. Sie teilte aber das Schicksal des letzteren
und mußte mit diesem, mit dem sie unzertrennlich in einer freilich
sittlich nicht einwandfreien Verknüpfung verbunden war, fallen,
auch wenn ihre innere, geschäftliche Organisation eine bessere gewesen
 wäre.
Verkehrtwürdeaber die Vorstellung sein;
als obibeim Untergang der Kompanie gleich;-zeitig
 auch die Kulturen in schlechtem: Zu*
stande waren. Die Kaffeekulturen blühten damals; und
Kaffee war ein Haupterzeugnis Javas und von der Kompanie dort
erst eingeführt!). Von anderer Seite lauten die Nachrichten allerdings
 traurig. Wenn man nach Dirk van Hogendorp®%) Gewürzbäume
 umhaute, sobald die Preise zu tief standen, oder wenn im
gleichen Falle Kaffeepflanzungen ausgerottet wurden, so mag das
schon richtig gewesen sein; ein wahres Interesse an der allgemeinen
Produktivität der Kolonie bestand in der Verwaltung der Kompanie
nicht; für die Eingeborenen, ihre Wohlfahrt oder Lebenshaltung
fehlte es an jeder Teilnahme. Wenn deshalb Kulturen in Blüte
standen, so war das nichts als ein Zeugnis für die hohe Wertschätzung,
 die man vom Profitstandpunkte aus einer solchen
Anlage angedeihen ließ. Und wie sollte das auch anders gewesen
 sein bei einer Gesellschaft, deren Interessenten nur aus
Rentnern, Juden und Fremden bestanden, für die allein das
Steigen und Fallen der jährlichen Dividenden den Maßstab ihres
Interesses für die indischen Besitzungen bildete®). Diese Beurteilung
 traf genau auch zu für die übrigen niederländischen kolonialen
 Besitzungen.
Anders geartet, allerdings auch weniger glücklich, war die
Westindische Kompanie. Ihre Gründung erfolgte 1621,
nachdem schon längere Zeit Fahrten der Niederländer nach Süd-)
 Klerkde Reus, S.232.
?) Sillem, Dirk van Hogendorp, S. 348. Schon für die erste Hälfte des
17. Jahrhunderts wird über ähnliches Verfahren berichtet (Zimmermann,
Kolonialpolitik, S. 31).
3) Sillem, S. so ff:

373
        <pb n="382" />
        Ss
amerika und Westindien stattgefunden hatten!). Auf einflußreicher
Seite bestanden gegen eine solche Kompanie große Bedenken;
insbesondere Oldenbarneveld vertrat diese. Aus einem
Oktroi für eine Kompanie nach dem Westen werde, so befürchtete
er, ein Monopol für Salz und Häute entstehen, da Salz aus Westindien
 und den Kapverdischen Inseln bezogen wurde, so lange die
spanisch-portugiesische Fahrt unmöglich war; oder es würde ein
Mangel an Salz eintreten, was dann wieder für die so überaus wichtige
Heringsfischerei höchst verderblich sein müsse?). Über diese und
andere Bedenken setzte man sich hinweg, als nach dem Sturze
Oldenbarnevelds und mit dem Ablauf des Waffenstillstandes
 die Gründung der Kompanie beschlossene Sache
wurde. Die neue Kompanie, die zugleich ein Monopol
für die Fahrt und den Handel nach der Westküste Afrikas, Nordund
 Südamerika und dem Stillen Ozean erhielt, hat von Beginn
 an einen ausgesprochen kriegerischen,
offensiven Charakter gehabt; sie sollte die spanischen
Besitzungen in der Neuen Welt angreifen und dadurch die feindlichen
Streitkräfte zersplittern?). Sodann aber sollte die Kompanie dem
Mutterlande Handelsvortelle bringen; und zwar hoffte man von
ihr größere als von der Ostindischen Kompanie, die dem Mutterlande
 nur Geld entziehe und Waaren zuführe, während man in den
der Westindischen Kompanie zugewiesenen Gebieten Gold zu finden
1) Über ältere Brasilfahrten der Holländer vgl. Haepke, Nied. Akten
II, 421 ff. Bereits 1613 hat in Paramaribo eine Faktorei der Amsterdamer bestanden
 (van Brakel, Een Amsterd. Factorij). Über die ältesten Guineafahrten
 der Holländer (1594 ff.) vgl. van Gelder, Scheepsrekeningen.
2? van Ravesteyn, 5S. 234f.; über die holländische Salzfahrt nach
Westindien 1602 vgl. Haepke, Nied. Akten, II 428{ff.; über die Entdeckung der
Salzlager 1599 vgl. Stoppelaar, Balth. de Moucheron., S. 170 ff.
3) van Erakel ) /Handelscompagnien, S: 32ff.i; Wätjen, /Holl.
Kolonialreich, S.34f. Auch die Konkurrenz anderer seefahrender Nationen wollte
man durch die Kompanie bekämpfen; so heißt es in dem, wohl auf Usselinx
zurückgehenden ‚‚Advies tot aanbeveling van de verovering van Brazilie door de
Westindische Compagnie‘ vom ı2. September 1622, daß der Verfasser vor Jahren
den Generalstaaten die Notwendigkeit der Eroberung der spanischen Besitzungen
in Amerika dargelegt habe, die z. T. diene ‚,‚tot verminderinge van Englands, Schotlands,
 Vranckrijks en der Hanseesteden haer Seevaert‘ (Stukken v. d. geschiedenis
d. Vaterlands, uid het Archief van Hilten, III, S. 2). Vel. auch Jameson,
Usselinx, S. 54{ff.
        <pb n="383" />
        und Volksniederlassungen zu gründen gedachte, die ihre Bedürfnisse
 aus der Heimat bezögen, der sie andererseits die notwendigen
Rohstoffe zuführten. Die Unklarheit dieser Ziele, bei denen man
sich über die Aufnahmefähigkeit Afrikas und Südamerikas für
europäische Fertigwaren ebenso täuschte wie über die Möglichkeit
der Anlage von Volksansiedlungen in tropischen Ländern, wurde
der Westindischen Kompanie verhängnisvoll. Tatsächlich ist der
Handel für sie von geringer Bedeutung ‘gewesen;
die Gewinne erwuchsen meist aus dem Krieg. Viele
erkannten den geringen wirtschaftlichen Wert der neuen Unternehmung
 auch schon bei der Errichtung der Kompanie; und es
prägte sich der Mangel an Vertrauen in der sehr lässigen Aktienzeichnung
 aus, so daß der Staat sich genötigt sah, ungefähr die
Hälfte des Kapitals, 4 Mill. fl., vorzustrecken und aus seinen Mitteln
die Flotte der Kompanie zu vermehren.
Das Ergebnis der langjährigen Kämpfe in Brasilien ist bekannt;
der durch etwa 30 Jahre schwer und mühsam behauptete Besitz
eines Küstenstreifens endete um 1654 mit dem völligen Verluste
dieses Gebietes!). Was der Kompanie schließlich von ihren Erwerbungen
 noch verblieb, waren einige Besitzungen an der afrikanischen
Westküste, einige westindische Inseln, ferner Surinam, Demerara,
Essequebo, endlich im Norden Neu-Amsterdam. Nur einen Teil
der an der Nordküste Südamerikas belegenen Besitzungen und Curacao
 haben die Niederländer bis in die Gegenwart sich erhalten können.
Für die politisch-militärische Aufgabe, die der Kompanie gestellt
war, fehlten ihr alle Mittel; die Unterstützung, die sie hierfür aus
dem Mutterlande erhielt, war von Anfang an völlig unzureichend.
Handel aber konnte man nur treiben, wenn man politisch und
militärisch einigermaßen gesichert war. Jedoch auch rein wirtschaftlich
 zeigte sich die Leitung der Kompanie nicht auf der Höhe?).
Das Handelsmonopol wurde freilich schon 1634 aufgehoben; es hatte
sich als völlig unhaltbar erwiesen, da die Kompanie sich der Aufgabe,
 die besetzten Gebiete ausreichend mit Lebensmitteln zu versorgen,
 nicht gewachsen zeigte. Gegen die freien Händler erhob
1) Die Westind. Komp. büßte durch den Verlust Brasiliens 28 Mill. fl. ein,
während Portugal 1661 nur 8 Mill. fl. Schadenersatz zahlte (Brugmans, Opkomst,
 S.: 137)-2)
 Wätjen, S. 285.

575
        <pb n="384" />
        — 582 —
sich freilich starke Opposition, sowohl in Brasilien wie daheim. Es
gab natürlich viele, die ein besseres Geschäft bei dem Monopol
machten; auch hier zeigte sich die ganze Gewissenlosigkeit einzelner
Kreise in der Tatsache, daß selbst hinter den freien Kaufleuten
Amsterdamer Kaufleute und Direktoren der Kompanie sich versteckten,
 während diese offiziell die Aufrechterhaltung der Kompanie
 vertrat. In dem heftigen Streit über Freihandel und Monopol
entschieden schließlich 1638 die Generalstaaten für den Freihandel
mit gewissen Ausnahmen und unter der den freien Händlern auferlegten
 Verpflichtung, der Kompanie für alle von ihnen verladenen
Waren eine Abgabe von 10% vom Wert zu entrichten!). Amsterdam,
 das für den freien Handel eintrat, hatte wieder einmal den
Sieg davongetragen. Unter den obwaltenden Umständen war das
zweifellos auch richtig. Eine dauernde Blüte der Besitzungen konnte
aber auch diese Maßregel nicht herbeiführen. Wieder, wie in Ostindien,
 machte sich hier eine schamlose Korruption unter den
Beamten, ein ausgedehnter Schmuggelhandel breit, denen gegenüber
auch die vortrefflichsten Verwaltungsvorschriften versagten. Wirtschaftlich
 aber wurde das Hauptziel, nämlich die von den Portugiesen
zum großen Teil vernichtete Zuckerkultur wieder in die Höhe
zu bringen, nur teilweise erreicht, wenn auch die Zufuhren von brasilianischem
 Zucker nach Holland während der niederländischen
Herrschaft nicht gering gewesen sind; überhaupt hat unter der
Statthalterschaft des Grafen Johann Moritz von Nassau,
also 1637—1644, der Brasilhandel, für den außer Zucker namentlich
Tabak und Farbhölzer in Betracht kamen, im Wirtschaftsleben der
Republik keine geringe Rolle gespielt, wenn man auch im Mutterlande
 über die wirtschaftlichen Ergebnisse dieses sehr kostspieligen
Unternehmens enttäuscht war. Eines der besten Geschäfte war der
Negerhandel, der beträchtliche Gewinne abwarf?).
Von den amerikanischen Besitzungen brachten den Niederländern
 auf die Dauer die meisten Vorteile Surinam und
Essequebo. Nachdem im 17. Jahrhundert die sehr unruhigen
Zustände daselbst eine bessere Kultivierung des Landes erschwert
hatten und namentlich der Mangel an Sklaven sich fühlbar machte,
ll Wätjen, S; 2961f.
2) Wätjen, a. a. ©. S.  3ıofff; Waäatjen, Negerhandel, S. 425 ff.;
vel. auch oben S. 165f., unten S. 381, Anm. 3.

3
        <pb n="385" />
        IT
stieg im 18. Jahrhundert hier die Produktion von Zucker, insbesondere
 seitdem zwischen der an Stelle der alten, 1674 aufgehobenen,
1675 errichteten neuen Westindischen Kompanie?), der 1682 für diese
Kolonie ein Oktroi verliehen wurde, und den Surinam-Interessenten
die Sklavenzufuhr organisiert worden war. Curacao wurde der
Mittelpunkt des Negersklavenhandels?). Trotz der häufigen
 Negeraufstände entwickelte sich Surinam günstig. Die Westindische
 Kompanie konnte sich allerdings nicht lange im Vollbesitz
ihres Oktrois behaupten; sie verkaufte zwei Drittel ihrer Anteile;
den einen kaufte die Stadt Amsterdam, den anderen Aerssens
van Sommelsdijk; das Ganze nannte man nun „Geoctroyeerde
 Societeit van Suriname“3). Auch der
Kaffee begann eine wichtige Rolle im Plantagenbau zu spielen.
Um 1769 blühte die Kolonie zweifellos, so daß im folgenden Jahre
die Stadt Amsterdam der Familie Sommelsdijk für 700 000 fl.
ihren Anteil abkaufte*), Allerdings fehlte es auch hier nicht an einem
künstlichen Element, dessen Einflüsse sich später als verhängnisvoll
 erweisen sollten. Die großen Kredite, die aus dem Mutterlande
den Pflanzern zuflossen, wirkten durch ihre Masse schädlich und
führten in Verbindung mit ernstlichen Mißbräuchen und absichtlich
falschen Taxierungen zu einer Spekulation in Plantagenländereien,
die einer ordnungsmäßigen Kultur schadeten. Das Verhalten der
holländischen Geldgeber war um so verwerflicher, wenn man bedachte,
 daß diese als Direktoren der Anleihen auf ihre Provision
rechnen konnten, daß sie aber ihr Risiko auf die Schultern des geldgebenden
 Publikums abgewälzt hatten. Die Kolonie hätte aller-1)
 Über die alte Westind. Kompanie, die mit einer Schuldenlast von 6 Mill, ft.
belastet war und deshalb 1674 aufgehoben wurde, vgl. Luzac, II, 131 ff. Über
die Zuckerproduktion Reesse, 207ff. Über den Plan einer finanziellen Erneuerung
 der alten Westindischen Kompanie um 1670, der aber mißlang, vgl. van
Brakel, Eene memorie. Über den Plan einer deutschen Kolonie in Guayana
(1669), an dem Amsterdamer Kaufleute beteiligt waren, vgl. Jaeger, S.78{ff., 121ff.
?) Ende des 17. Jahrhunderts versorgte u. a. das Amsterdamer Haus John
coymans &amp;amp; C o. die holländisch-westindischen Besitzungen mit Sklaven; dieses
Haus stand in enger Beziehung zu einem Hause Balthasar &amp;amp; Co. in Cadiz.
In Spanien beschuldigte man die Holländer, daß sie diese Negerfahrten vielfach
mit Schmuggel verbänden (J. A. Wright, S. 23 ff.).
3 Koenen, Joden in Nederland, S. 289 ff.
‘) Brugmans, Handel en nijverheid, S. 150; van der Meulen,
S. 506 f.
        <pb n="386" />
        A 378 —_
dings nicht die Blüte erreicht, wenn nicht bald nach 1750 der Amsterdamer
 Bankier Willem Gideon Deutz, der zugleich Bürgermeister
 war, mit seinem Kredit eingesprungen wärel). Die Unsolidität,
 die mit der Plantagenwirtschaft verbunden war, und nicht
nur in Surinam, galt den Zeitgenossen aber als etwas Selbstverständliches,
 und man hegte keine Bedenken, als 1751 sich die Stadt Amsterdam
 mit 30 000 fl. an dem Deutz schen Plan, der Kolonie zu
helfen, beteiligte?). Auf Grund dieser Anleihe, die etwa 4 Milli.
betrug, erhielt Deutz Hypotheken auf die Plantagen, doch zu
höchstens °/; des Schätzungswertes. Da die Plantagen meist stark
beschwert waren, diente das Geld allein dazu, die Pflanzungen aus
den Händen der teuren Privat-Geldgeber zu befreien®). Von dem
Verkauf der Produkte erhielt Deutz als Entlohnung 2 %, ebenso
2% von der Lieferung an die Plantagen. Später ging nach dem
Tode von Deutz (1757), dessen Nachlaß sich in arger Zerrüttung
befand, die Direktion dieser Unternehmung an Jan und Theodor
van Marselis über, die eine Schuld zu Lasten der Pflanzer
von 900 000 fl. für 400 000 fl. übernahmen*). Allmählich wuchs das
Mißtrauen des Publikums in die Taxen der Pflanzungen. Als von
1790 an die Kolonie sich wieder erholte und man Aussicht zu haben
schien, sein Geld zurückzuerhalten, wurden die von den Hypothekengläubigern
 angekauften Plantagen Gegenstand des gemeinsamen
Eigentums; die Obligationen wurden umgewandelt in Anteile eines
Kulturunternehmens, der ‚‚Societeit van Suriname®)“.
Nicht viel anders sah es in Essequebo und Berbice aus. Hier
war zunächst hauptsächlich Seeland interessiert®) ; es übertrug 1682
die Kolonie an die Westindische Kompanie. Erst 1720 gewann auch
N ı) Elias ‚ Vroedschap, S.1637.
?) De Koopman, IV, 114 ff., 125. Eine Surinam betreffende Obligation über
ı Mill. fl. wurde 1753 in der Wechselbank deponiert (van Dillen, Bronnen,
SR
3 van der Meulen, S. 509. Über Hypotheken-Unternehmungen der
Amsterdamer Firma Barth. van den Santheuvel &amp;amp; Zoon 1770 ff.
in Surinam usw. auch Elias, a. a. O., S. 950. Über die Überbeschwerung
der Surinamer Plantagen vgl. auch De Koopman, V, 185 ff.
%) Vgl. Eldas aa OL AS.18741.
5 vander Meulen iS: 5317.
%) Über die Art, wie die Seeländer um 1634/35 alle anderen Niederländer von
Essequebo und Berbice ausschlossen und damit die Kolonisation dieser Gebiete
schädigten, vgl. Elias, Het voorspel, II, 156.
        <pb n="387" />
        Amsterdam hier maßgebenden Einfluß!). Die 1720 errichtete ‚5 0 -
cieteit van Berbice“ erhielt 1732 von den Generalstaaten
einen Oktroi, an dessen Ausnutzung Amsterdam stark beteiligt war.
Die 1771 in Middelburg errichtete „Societeit ter navigatie op Essequebo‘““
 stand unter Leitung des Middelburger Bürgermeisters
Kornelis van den Helm Boddaert; er hatte schon 1766, ähnlich
 wie Deutz, den Pflanzern in Essequebo und Demerara
Kredite gegeben, bei denen sich die Stadt mit 50 000 fl. beteiligte;
eine Anleihe von 300 000 fl. reichte bald nicht mehr aus, so daß
man Utrecht und Haag zu Hilfe rufen mußte; auch mit dem Hause
Heshuisen in Amsterdam und Haarlem wurde angeknüpft.
Ebenso erhielten die Pflanzer auf den dänischen Inseln St. Thomas,
St. Croix, St. Jan die Unterstützung niederländischen Kapitals.
Wie hoch sich alle diese Darlehen beliefen, läßt sich nicht sagen;
für Surinam allein wurden 50—60 Mill. fl. genannt?). Viele Privatleute
 haben offenbar in diesen amerikanischen Kolonien große
Summen zugesetzt; man konnte in den Auktionen oft Plantagen,
an denen große Kapitalien verloren waren, sehr billig kaufen; selbst
Großunternehmer wie Fizeaux ,‚ der in Berbice stark interessiert
war, haben auf die Dauer hierbei wenig Seide gesponnen?). Die
Westindische Kompanie aber, die allmählich zur völligen
Bedeutungslosigkeit herabgesunken war, wurde 1792 Ssangundklanglosaufgehoben.

Also auch im Westen herrschte ein wenig erfreulicher Geist
in der Kolonialwirtschaft ; rücksichtslose Ausbeutung der kolonialen
Gebiete ging Hand in Hand mit einer skrupellosen Geld- und Finanzpolitik.
 Wirtschaftlich wurde auch hier verhältnismäßig wenig erreicht;
 es blieb zu viel zwischen den Händen der Vermittler, der
berufenen und unberufenen, hängen; und die rationelle Ausnutzung
der Pflanzungen wurde beeinträchtigt durch die Habsucht der
Eigentümer und Geldgeber, freilich auch wohl durch die hier im
Gegensatz zum Osten weit schwierigere Beschaffung der Arbeitsı)
 Brugmans, a. a.10., SS. 149.
2) vander Meulen; S:1520 £f.
3) Vgl. Luzac, II, 241 ff.; über den großen Mißbrauch, der mit Gelddarlehen
 für Plantagen getrieben wurde, ebenda, IV, 307 f. Nach d’Alphonse,
S. 426, waren damals (1810) noch etwa 94 Mill. fl..in Berbice, Essequebo, Demerara
und Surinam investiert.

379
        <pb n="388" />
        e EL
kräfte. Dabei wurden auch für Surinam die schon aus Ostindien
bekannten Klagen über die Luxuswirtschaft der Plantagenbesitzer
laut*). Für den Handel mit amerikanischen Erzeugnissen und die
Ausfuhr dorthin waren diese Besitzungen immerhin wertvoll?).
Durch nichts konnte besser die hohe Wertschätzung, die den
überseeischen Besitzungen der Niederländer in ihrem Wirtschaftsleben
 von ihnen selbst beigemessen wurde, beleuchtet werden als
durch die Eifersucht, die sie gegenüber jedem wirklichen oder vermeintlichen
 Einbruch in ihren Besitzstand an den Tag legten. Mit
den übrigen alten Kolonialvölkern mußten sie sich mehr oder
weniger gütlich einigen über den gegenseitigen Besitzstand;
seine Ausdehnung war ja schließlich auch begrenzt durch die
eigene wirtschaftliche und politische Leistungsfähigkeit ; Brasilien
war ein warnendes Beispiel einer mit unzulänglichen Mitteln unternommenen
 wirtschaftlichen Expansion. Mit England einigten sich
1619 die Generalstaaten über die Abgrenzung des Arbeitsgebietes
der beiderseitigen ostindischen Kompanien?).
Ganz anders verhielt es sich aber, wenn Nationen, die im
16. Jahrhundert etwas Wichtigeres zu tun gehabt hatten, als transozeanische
 Raubfahrten zu unternehmen, wie die Engländer, sich allmählich
 auch den überseeischen Gebieten zuwandten und ihren Platz
an der Sonne begehrten. Das war den Niederländern, soweit ihre
Besitzungen davon berührt wurden, höchst unsympathisch. Als
1615 Hamburg an die Generalstaaten als Bedingung seines Beitritts
 zu dem Bündnis die Beteiligung an der Ostindienfahrt forderte,
erfuhr es eine höfliche, aber glatte Ablehnung; da die Kompanie
das Monopol der Ostindienfahrt habe, so würde es mit einer hamburgischen
 Ostindienfahrt seine „Schwierigkeiten“ haben‘). Das
genügte völlig, um die Hamburger von einem solchen Unternehmen
abzuschrecken. Schon weniger leicht war es, die Beteiligung
der Schweden abzulehnen. An der 1647 von Lodewijk
de Geer errichteten schwedisch-afrikanischen Kompanie waren
!) De Koopman, V, 191,
®) Vgl. Diferee, Geschiedenis, S. 514. Über den vorteilhaften Schmuggelhandel,
 den die Amsterd, Regenten nach Ausbruch des amerikanischen Freiheitskrieges
 von den holl.-westindischen Besitzungen aus nach Nordamerika trieben,
vgl. Brugmans, Opkomst, S. 236, 240.
3 Klerkde Reus,/S.13.
2 Wiese, S. 116 ff.

28C
        <pb n="389" />
        war viele Niederländer, namentlich Amsterdamer, beteiligt!) ; aber
et . .. . *
erade dieser Umstand machte den Niederländern jene Kompanie
äußerst verhaßt, und ihr Einbruch in die Rechte der holländisch-.
 ' $ ln all A ae ler
westindischen Kompanie wurde hartnäckig und gewaltsam verfolgt;
"a . % .
chließlich mußte diese 100 000 Taler Abstandsgeld an die Schweden
ae A ER ag il =, a . A Pa
ahlen?). Noch ablehnender und feindlicher verhielten sich die Holaa
 . — EEE u N
änder gegen die von Usselinx, dem Gründer der holländischestindischen
 Kompanie, errichtete schwedische Südkompanie, die
637 ihre Tätigkeit nach Nordamerika, in die Nähe des von den
ijederländern gegründeten Neu-Amsterdam, verlegte; sie hatte
ijer die Feindschaft der Holländer in vollem Maße zu ertragen;
1 N a ar «
n Holland selbst hatte Usselinx schon früher vergeblich Inter-„=
 = WR ri A
sse für diese schwedische Kompanie zu erwecken gesucht®). War
in diesen Fällen der schwedische Charakter der Kompanien nur
imuliert, so verhielt es sich nicht viel anders mit der dänischfrikanischen
 Kompanie, bei der auch Hamburger Kaufleute beeiligt
 waren. Beim Ablauf des Oktrois der dänisch-afrikanischen
ompanie, 1679, mußte diese alle ihre Rechte an die holländischestindische
 Kompanie übertragen*).
7 Die schlimmsten Erfahrungen in dieser Richtung machte der
Große Kurfürst von Brandenburg. Ihm sind in
len Kolonialplänen, die seit 1647 von ihm verfolgt wurden, anauernd
 von den Niederlanden sowohl direkt wie indirekt Hinderisse
 in den Weg gelegt worden. Dabei waren seine Unternehmunge
nicht, wie die schwedischen und dänischen, versteckt holländische,
* — Br az |
ondern im wesentlichen rein deutsche, wenn auch in der pleren
1) Vgl. N. de Roever, S. 2o3ff.i7; Kretzschmar, Schwed. Hanelskomp.,
 S. 237f.; vgl. auch Kernkamp, Verslag, S. 109 ff., 290. - (
2) Vgl. Wittrock, Karl XI. förmynd. finanspolitik, 1913, S. 409, 414.
3. Kretzschmar, S. 241f.; .Bothe;,. 5. 117; Kernkamp,
erslag, S. 114; und die von demselben herausgegeb. Briefe Blommaerts,
‚63f.; Elias, Het voorspel, II, 201 ff.; Jameson, 5. 130ff— Laurens
de Geer, der Sohn des Lodewijk, schloß 1657 als Kommissär des schwedischen Königs
nd Namens der Direktoren der schwedisch-afrikanischen Kompanie mit drei Amsteramer
 Kaufleuten einen Vertrag zur Beschaffung und Beförderung von Negerklaven
 nach Curacao; für die Sklaven sollten die Amsterdamer Kaufleute dem
e Geer Geld zahlen oder Waren (Häute, Cacao, Holz, Indigo usw.) liefern.
aurens de Geer war mit den Seinigen an der schwedischen Kompanie mit
4500 schwed. Rtlr. beteiligt (Kernkamp, Een contract tot slavenhandel, S. 444ff.).
4) Kernkampmp, Verslag, S. 221 f., 289 f., 325.

351
        <pb n="390" />
        — 202 —
Zeit ausländische, vorzüglich holländische Interessenten dabei beteiligt
 waren und man sich mehrfach Geld durch Aufnahme von
Leib- und Losrenten in Holland verschaffte!). Verhaßt waren
diese Bestrebungen den Holländern ja schon dadurch, daß die
Anstifter wieder ihre Landsleute waren, so der Gelderländer Aernouldt
 Gijsels vanLier undspäter der Vlissinger R a u le.
Das war an sich begreiflich, da es an solchen Sachverständigen in
Deutschland mangelte?). Es nützte den Kurfürsten nicht viel, daß
er wiederholt gegen die Anmaßungen der Generalstaaten sich verwahrte
 und die Freiheit der Schiffahrt und Handlung auf offenem
Meere auch für seine Untertanen und seine Flagge in Anspruch
nahm; die holländisch-westindische Kompanie versuchte mit offener
Gewalt die Niederlassungen an der afrikanischen Küste zu hindern
und zu stören. Erst 1687 erklärten die Generalstaaten in einer
Resolution, daß die Kompanie die brandenburgischen. Niederlassungen
 zu respektieren habe). Nichtsdestoweniger fanden bald
darauf neue Belästigungen statt. Die ganze Geschichte der kolonialen
 Bestrebungen unter dem Großen Kurfürsten und seinem
Nachfolger war eine Kette von Schikanen und Gewalttätigkeiten
der Holländer gegen die kleine aufstrebende deutsche Kolonialmacht.
 Als die brandenburgisch-afrikanische Kompanie Anfang
des 18. Jahrhunderts schon in Verfall geraten war und es namentlich
 an Geldmitteln gebrach, versagten auch die holländischen
Interessenten. Noch König Friedrich Wilhelm I: /versuchte
 es mit einigen Rotterdamer Kaufleuten. Diese*hatten aber
Bedenken wegen der der Benutzung der preußischen Flagge entgegenstehenden
 Plakate der Generalstaaten. Auch hier war schließlich
 das Ende der Verkauf des Besitzes in Afrika an die Holländisch-Westindische
 Kompanie für 6000 Dukaten (1717)%).
' Zu diesen Versuchen, in das von den Niederländern beanspruchte
Monopol der Fahrt nach überseeischen Ländern und der Verwertung
U ') Schück, I, 235 ff., 240 ff., 251; auch für das Folgende.
?) In der ersten Zeit der holl. kolonialen Gesellschaftsgründungen schützten
sich diese gegen etwaige, von ihren Landsleuten geplante Neugründungen durch
Reverse, in denen sich jene verpflichten mußten, sich an ähnlichen Unternehmungen
nicht zu beteiligen. So verfuhr schon 1605 die Ostind. Komp. gegenüber Lemaire
(vgl. Bakhuizen van den Brink, S. 206).
3) Val. auch den Tex, Jacob Hop, S: 1104 1.
) Schück, TI, 28r{f. 207 1t., 306 f.; 11, 555, 570ff.

38°
        <pb n="391" />
        — zz
gewisser tropischer Gebiete eine Bresche zu schlagen, gehörte auch
der Oktroi, den 1632 Graf Ulrich von Ostfriesland einigen
 niederländischen Kaufleuten verlieh zur Errichtung einer
Abessinischen Kompanie, die um Afrika herum mit
den Gebieten am Roten Meer Handel treiben sollte. Auch hier beugten
 die Generalstaaten auf Betreiben der Holländisch-Ostindischen
Kompanie sofort durch ein Mandat diesem Eingriff vor; es verbot
allen Eingesessenen der Republik, sich in den Dienst jener Kompanie
 zu begeben, und ordnete die Beschlagnahme der beiden von
ihr in Enkhuizen angekauften und ausgerüsteten Schiffe an. Damit
war natürlich die Sache niedergeschlagen‘?).
Es war ja nicht nur Eifersucht auf nach gleichen Zielen strebende
 Nebenbuhler, die den Holländern in solchen Fällen ihr Verhalten
 vorschrieb, sondern es war die feste innere Überzeugung,
daß hier ihrem Monopol eine Gefahr drohe und daß es gut sel,
solchen zunächst harmlos und geringwertig scheinenden Versuchen
von vornherein ein Halt zu gebieten. Sie wußten sehr wohl, daß,
wenn sich Deutschland den direkten Bezug tropischer Produkte
— es handelte sich für die brandenburgisch-afrikanische Kompanie
zunächst meist um Gummi und Elfenbein — sicherte, den Niederländern
 damit leicht ein großes Absatzgebiet verloren gehen konnte
und daß, wenn solche Ansiedelungen Deutscher erst einmal in Afrika
erfolgten, bald für andere tropische Gebiete dasselbe geschehen
könne; daß dann Hamburg, das sich bisher zögernd und abwartend
verhielt, aus solchen Niederlassungen seinen Vorteil ziehen werde,
war in hohem Grade wahrscheinlich. Da aber, wo später noch Kompanien
 dieser Art von Außenseitern weiterbestanden, wie in Schweden
 und Dänemark, waren die Holländer so stark an ihnen beteiligt,
daß sie sich auch hier den Hauptgewinn und Vorteil sicherten und
namentlich die angebrachten überseeischen Waren in den Auktionen
vorweg zu kaufen verstanden, so daß die anderen Nationen in der
Regel das Nachsehen hatten?).
Io ea) Haag edorn, Ostfriesl. Handel, II, 495.
2) Vgl. Kernkamp, Balt. Archivalia, S. 167. Über die Schikanen der
Holländer im 18. Jahrhundert gegen die neue dänische Guinea-Kompanie vgl.
Kernkamp, Verslag, S. 206. Auf den Widerspruch des Verfahrens der Holländer.
 gegen die überseeischen Ansiedlungen anderer weniger mächtiger Staaten
mit der sonst von ihnen überall betonten Freiheit des Meeres weist u. a. hin
v. Treitschke, Reg. d. Ver. Niederlande, S. 475.

282
        <pb n="392" />
        II. Kapitel.
Die Ubergangszeit.
Beim Ausbruch der französischen Revolution warf die herrschende
 Getreideteuerung Amsterdam zunächst einen riesigen
Getreidehandel in den Schoß und schuf dem Handel der Stadt
damit für lange Zeit die letzte Hochkonjunktur. Die Ausfuhr von
Getreide nach Frankreich, die 1788 rund 700 000 Livres betragen
hatte, stieg im folgenden Jahre auf 14 Millionen!). Wenn die Niederlande
 selbst dadurch in Verlegenheit gerieten, so hütete man sich
auch jetzt wieder vor einem Ausfuhrverbot, da eine solche Maßregel
 stets auch die Einfuhr zu hemmen pflegte. Im übrigen litt der
niederländische Handel nach Frankreich unter den dortigen Unruhen
und ganz hat er sich nie wieder von den Folgen dieser Wirren erholen
 können. Als dann der allgemeine Krieg gegen Frankreich
begann, hörte auch die bisher von Holland aus fleißig betriebene
Versorgung Frankreichs mit Kriegsmaterialien auf?) ; nur mit Nichtkonterbande
 ging der gegenseitige Handel weiter. Auch dieser wurde
stark beeinträchtigt, als im Januar 1795 das Land von den Franzosen
 besetzt wurde. Man hatte sich vorher Mühe gegeben, jenen
verständlich zu machen, daß sie von einer Besetzung gar keine
wirtschaftlichen Vorteile haben würden, da der Reichtum des Landes
nur ein fiktiver, auf den Schulden anderer Nationen beruhender und
ı) Manger, S. 63 ff. Im Jahre 1753 waren von Amsterdam nach Frankreich
 849 Last Weizen gesandt worden, 1789 waren es 20165 Last; die Roggenausfuhr
stieg in denselben Jahren von 137 auf 3795 Last. An dieser Ausfuhr war das Haus
Hope stark beteiligt; vgl. L. van Nierop, Uit de bakermat; van Dillen,
 AHEenige brieven der Firma Hope u. Co. Aus den Maashäfen wurden 1788:
62411% L. Getreide ausgeführt; 1789 aber ı2 422°/,„ L., was zweifellos zum großen
Teil der Mehrausfuhr nach Frankreich zuzuschreiben war (Dobbelaar, Stat.
Opgaven, S. 150).
2) Manger, S. 82.
        <pb n="393" />
        kaum verfügbar sei zu einer Zeit, da ein allgemeiner Bankerott
drohe; die einen Teil des Reichtums ausmachenden Kolonien würden
verlorengehen und in die Hände der Engländer fallen!). Obwohl
den Franzosen diese Darlegung wohl einleuchtete oder doch bald
einleuchten sollte?), ließen sie sich von der Besetzung nicht abhalten.
 Über die damalige Natur der Holländer und ihre voraussichtlich
 geringe Widerstandskraft war man in Frankreich gewiß
nicht im Unklaren; hatte doch ein geborener Franzose, der lange
Zeit in Holland lebte, schon im Mai 1790 geschrieben: er kenne
die Interessen, die Prätensionen und Rivalitäten unter den einzelnen
Städten und Provinzen, ihren Ehrgeiz usw.; alles stelle eine unendliche
 Menge von Parteien im Volk, Unordnung und Verwirrung
dar; es gäbe kein Land der Welt, wo so viele verschiedene Arten
des Egoismus wie hier herrschten: Egoismus der Stadt, Egoismus
der Provinz, Egoismus des Staats oder des Berufs, persönlicher
Egoismus usw*). Ein Volk von solchem Charakter war allerdings
leicht zu besiegen.
Die mit der Besetzung der Niederlande .durch die Franzosen
1795 beginnende Zeit brachte für dieses Land eine Epoche durchaus
 revolutionärer, anormaler, ja ungeordneter Zustände, die es
rechtfertigen, auch wirtschaftsgeschichtlich hier einen Abschnitt
zu machen. Von vornherein kündigte sich mit der Okkupation,
dem Sturz der alten Verfassung und der Errichtung einer neuen
zweifellos nur ein politisches Ereignis an; aber naturgemäß
waren damit wirtschaftliche Folgen von einer Tragweite verbunden,
 deren volle Bedeutung man erst viel später erkannte.
Als die Franzosen in das Land einrückten, fanden sie ein
Gebiet vor, das mit 2 Millionen Einwohnern bevölkert war und
mit 3200 Menschen auf die Quadratmeile eine für damalige Verhältnisse
 sehr enge Bevölkerungsdichte aufwies.
Das Land war noch nicht ausgesogen; es hatte große innere Hilfsquellen;
 und wenn auch seine materiellen Kräfte schon gelitten
nn ) Manger, S. 89ffi
*) Colenbrander, Gedenkstukken, IlI, ı. S 37%
3 Colenbrander), Gedenkstukken, I, 19. So auch Fr.List, a.a.O.,,
mit Bezug auf die Niederlande: ‚Wie in allen Kaufmanns-Aristokratien, war man
wohl für einige Zeit, so lange es die Rettung von Leib und Leben, von Hab und
Gut galt, solange die materiellen Vorteile klar vor Augen lagen, großer Taten fähig;
tiefere Staatsweisheit stand aber ferne‘‘; es fehlte an „Mächtigem Nationalgeist‘‘.
Baasch, Holländische Wirtschaftsgeschichte, Q

Zu
        <pb n="394" />
        hatten, die Schulden hoch angestiegen waren, so verfügte es immerhin
 noch über ein Nationalvermögen von etwa drei
Milliarden Gulden!). Die nun anbrechenden Zustände
 sorgten freilich schnell dafür, das Land an den Rand
des Verderbens zu bringen.
Zunächst ergoß sich über das Land eine Fülle von Neuerungen
 und Reformen; die einen Schleier über den sich
dahinter vollziehenden Rückgang breiteten. Unter den wirtschaftlichen
 Umwälzungen, die die Invasion und die 1798 erfolgende
Errichtung der „Batavischen Republik“ dem Lande
brachten, nahmen den wichtigsten Platz ein: die Einbeziehung
 der neuen Provinzen Drenthe und Nordbrabant?
 in-die Zollinie, ferner die wirtschafiftliche
 Gleichstellung der Städte mit dem platten
 «Land, die Aufhebung aller provinziellen
Ausfuhrverbote, Zölle usw.; sodann die Beseitl.-gungdes
 Dordrechter Stapels; 1708 folgte die Ver. -
kündigung; der freien Arbeit und die Abschaffung
 des Zunfitzwanges, 1799 die Erklärung aller
Posten zuseiner istaatlichen Einrichtung‘). Von
besonderer Bedeutung war ferner die Aufhebung des Oc-Krois
 der Ostindischen Kompanie am 24. Dezember
1795; sodann die Einrichtung eines einheitlichen
Münzsystems, die freilich auf große Schwierigkeiten stieß
und 1810 wieder durch die Einführung des französischen Münzsystems
 überholt wurde*). Für das p Jatte Land war von
erheblicher Bedeutung die Beseitigung aller Herren-Rechte.
 Nicht immer verfuhr man konsequent; so blieb das
Monopol der Börtfahrten bestehen und wurde ausdrücklich in
1) Blok, Geschiedenis, VII, 96 £.
2) Am I. Januar 1796 waren diese beiden, früher den Generaliteitslanden
angehörigen Landschaften als 7. bzw. 8. Provinz den Generalstaaten beigetreten.
Der Begriff der Generaliteitslande verschwand nun, nachdem Staatsflandern,
Maastricht und Venlo 1795 an Frankreich abgetreten waren.
3) Erst 1803 trat für die Post dies neue Verhältnis in Kraft. Über die Abschaffung
 der Zünfte vgl. Sillem, Gogel, S. 276 ff.
4Schimmel,S. 48 ff. Über den Widerstand, den die Bauern 1795 der
Annahme der französischen Assignaten leisteten, vgl. Meijer W j@ersma,5S. 14;
das Verhalten der städtischen Bürger Blok, Holl. Stad, IV, 31f.

386
        <pb n="395" />
        — 357 —
den Gesetzen vom 6. Dezember 1805 und 23. Januar 1809 bestätigt!).

Auch den Juden wurde der Segen dieser Reformen zuteil.
Man suchte bei der Umwälzung von 1795 vielfach ihr Interesse
für diese freiheitliche Bewegung wachzurufen; sie hielten sich aber
vorsichtig zurück; die Art, wie man ihnen eine Gleichberechtigung
gewähren wollte, schien ihnen überdies verdächtig?). Selbst das
Dekret vom 2. September 1706, das ihnen volle Anteilnahme am
batavischen Bürgerrecht gewährte, machte wenig Eindruck, da es
mit einer Ermahnung an die örtlichen Behörden verbunden war,
den Juden ihre Rechte nicht zu beschneiden?). Mehr Vertrauen
hatten sie zu der Regierung des Königs Ludwi g, die aber bei
allem guten Willen den Juden wenig Neues bringen konnte; doch
wurde 1809 die Steuer aufgehoben, die die Juden, die in Leipzig
und Naumburg die Messen besuchten, zu entrichten hatten. Die
französische Einverleibung brachte ihnen freilich die rechtliche
Freiheit; bei den damaligen wirtschaftlichen Verhältnissen konnten
sie nicht viel damit anfangen‘).
Während aber im Lande selbst seit 1795 um den Einheitsstaat
 gekämpft wurde, ohne daß er zur vollen Ausbildung gelangen
konnte”), brach/in den Städten fast überall. die
alte Patrizierherrschaft zusammen; soweit sie
nicht schon in den früheren Wirren der Patriotenzeit einen starken
Stoß erlitten hatte. Ob mit den demokratischen Verwaltungen der
wirtschaftlichen Entwicklung eine bessere Zukunft gesichert war,
schien doch sehr zweifelhaft; entscheidend war freilich für das
Wirtschaftsleben diese politische Umwälzung in den Städten nicht.
Mit den genannten, Freiheit, Einheit und Gleichheit atmenden
Maßregeln, deren wirtschaftlicher Wert im einzelnen theoretisch
ja meist unleugbar war, stand die rauhe Wirklichkeit in scharfem
Widerspruch. Der revolutionäre Ursprung und die rücksichtslose
') Zu den erlassenen, aber nicht ausgeführten Gesetzen gehörte auch das
Armengesetz vom 15. Juli 1800 (vgl. Falkenburg in Handwörterbuch d.
Staatswiss., 3. Aufl., II, 114).
2?) Koenen, Joden in Nederland, S. 230, 232.
°) Wolff, De houding etc.,, S. 467.
*‘) Wolff; ebenda, S, 77. Nach d’Alphonse, S. 154, gab es um 1810
in ganz Holland 36 981 Juden.
5) Vgl. Gosses u. Japikse, S. 368 ff.

€
05*
        <pb n="396" />
        zz E—
Durchführung vieler Beschlüsse war schon an sich höchst bedenklich
 und veranlaßte schwere Schädigungen mancher Interessen;
sie mußte noch bedenklicher sein in einem Staate, der nur dem
Schein nach unabhängig, in Wahrheit von der französischen Republik
 und ihren raubsüchtigen Machthabern völlig abhängig war.
Von einer selbständigen Wirtschaftspolitik
konnte gar keine Rede sein, so daß die genannten
Reformen vorläufig ziemlich wertlos blieben. Der einzige
Erwerbsstand, dem es gut ging und dem die revo-Jutionäre
 Bewegung wenig oder gar nicht schadete, der auch von
jenen Neuerungen unmittelbar verhältnismäßig wenig und dann
nur günstig betroffen wurde, war die Landwirtsc haft Sie
war einerseits den lediglich auf Gelderpressungen ausgehenden
fremden Machthabern weniger erreichbar als die Amsterdamer Börse
und der Warenhandel, andererseits war sie in den andauernden
Kriegszeiten als Produzentin so notwendiger Lebensbedürfnisse,
wie es Getreide, Vieh und die Milchprodukte waren, unentbehrlich
und deshalb schonungsbedürftig.
Was von handelspolitischen Äußerungen in die Öffentlichkeit
drang, war meist erzwungen; so das Verbot der Einfuhr englischer
Waren, das die Generalstaaten am 16. September 1796 erließen?).
Der Handel mit Frankreich wurde aufrechterhalten; die Handelsbilanz,
 die bis 1789 für Frankreich aktiv gewesen war, veränderte
sich nun zugunsten Hollands, da dieses Frankreich vielfach mit
Kolonialprodukten, die es von England erhielt — in das Verbot
von 1796 waren Kolonialwaren nicht eingeschlossen — versorgen
mußte. Auch sonst ging ein großer Teil der nach Frankreich bestimmten
 Waren, so die nordischen, jetzt über Holland; die See-Ausfuhren
 von Frankreich nach Amsterdam, die 1791 rund 23 Mill.
Livres betragen hatten, beliefen sich 1795 nur noch auf rund
514 Mill.?). Dieser Verkehr nahm nun fast ganz den Landweg über
Belgien.
Mit dem städtischen Einfluß, mit der Herrsc haft Amsterdams
 über die niederländische Wirtschaft hatte es nun
ein Ende. Nur im Kreditwesen bestand noch das alte Verhältnis,
 soweit der Geldmangel oder die Zurückhaltung des
1) Manger, S. 146.
2 Manger, 5. 149%.
        <pb n="397" />
        rn
Kapitals das zuließen. Die Provinz Holland war nur noch ein
eil des Ganzen; der wirtschaftliche Schwerpunkt
verschob _sichYnach den inneren Provinzen,
in denen die Landwirtschaft überwog. Damit verbunden war
natürlich ein Wechsel in der Wirtschaftspolitik, ‚die,
soweit sie überhaupt wirksam war, völlig ins protekti 0-nistische
 Fahrwasser zugunsten von, Landirtschaft
 und Industrie einlenkte .Amsterdam
 ratur längere Zeit seine tührende
Rolle an Hambur g ab?!); völlig hat jenes niemals die alte
Stellung zurückgewinnen können. Die kleinen Seestädte aber, die
chon im Laufe des 18. Jahrhunderts mehr und mehr an Bedeutung
 eingebüßt hatten, wie Hoorn und Enkhuizen, verijelen
 nun gänzlich; nur Harlingen hielt sich noch durch
seinen blühenden Butter- und Käsehandel?).
Infolge der starken Behinderung der holländischen Seefahrt
nahm der Rheinverkehr zunächst einen Aufschwung. Die
Duisburger Bört stand 1794—1797 in ihrer höchsten Blüte, als
durch die Rheinsperre aufwärts von Mainz der Schiffahrt auf dem
ijederrhein große Gütermassen zuflossen; die Börtfahrt ging damals
 bis Arnhem oder Wageningen, wo dann die Umladung in
holländische Schiffe zum Weitertransport nach Amsterdam, Dordecht
 und Rotterdam erfolgte; dieser Betrieb war ‚„„postmäßig“‘‘ aufgezogen.
 Gegenüber der direkten Fahrt der Unterschiffer nach
Amsterdam auf der ‚Vaart‘ und auf der Vecht nach Utrecht,
deren Schiffe nur 30—60 Last laden durften, besaß die Arnhemer
Fahrt den Vorzug, daß hier Schiffe bis 140 Last verkehren konnten.
Der große Güterandrang Ende des Jahrhunderts führte zur Errichtung
 mehrerer neuer Börtfahrten; so wurde 1797 eine solche von
Amsterdam nach Mülheim eingerichtet; 1798 begann eine neue
Düsseldorf-Dordrechter Bört, die sich, allen Gegenbemühungen
Duisburgs zum Trotz, behauptete; selbst eine direkte Verbindun
it Amsterdam stellte Düsseldorf her’).
*) Büsch, Geschichtl. Beurteilung, S. 278 ff. Im Jahre 1785 waren durch
Texel und Vlie 2802 Schiffe gefahren; 1794: 2479; 1797: 220; vgl. Meteler-6
 ‚ I, ı22f.; Colenbrander, Gedenkstukken, II, 465, Anm.
2) Vgl. Niebuhr, Circularbriefe, S. 187, ı91 f., 108 ff.
3) Averdunk, S/ıo If. 110,124.

On
EM
        <pb n="398" />
        Durch die 1798 erfolgte Verschiebung der französischen Zollgrenze
 bis an den Rhein und die Unterwerfung der Batavischen
Republik unter den französischen Einfluß veränderte sich natürlich
 auch in den Handels- und Verkehrsbeziehungen zwischen dem
Rheinmündungsgebiet und dem deutschen Niederrhein vielerlei.
Namentlich die seit dem Ende des 17. Jahrhunderts bestehende
Kölner Fahrt erfuhr eine Benachteiligung gegenüber der Düsseldorfer;
 Köln mußte sich 1799 von den Holländern einen Zuschlag
 von 9% zur Frachttaxe gefallen lassen, der Düsseldorf erlassen
blieb!). Doch erreichte Köln durch seine Verhandlungen mit der
Batavischen Republik die Erneuerung der alten Frachttaxe von
1772. Eine Börtfahrt zwischen Köln und Rotterdam kam 1800,
eine solche mit Amsterdam 1802 zustande. Die Frachtfestsetzung
lag jedoch im wesentlichen in den Händen der Holländer; nur zum
Schein beteiligten sie die Kölner dabei?). Infolge der Douaneschwierigkeiten
 und der scharfen Trennung, die das Bestehen der
Douane zwischen den beiden Rheinufern herbeiführte, litt aber
auch der Verkehr mit den Niederlanden?); besser scheint es sich
mit dem nach Belgien gehenden Rheinverkehr verhalten zu haben*).
Lange Zeit hatte nicht eine solche Verwirrung im Verkehr des
unteren Rheingebietes geherrscht wie damals. Daran trugen auch
die Verhältnisse auf niederländischem Boden Schuld. Hier lagen
die Schiffergilden der einzelnen Städte in erbitterter Fehde; Utrecht
 bekämpfte Amsterdam, Dordrecht befehdete Rotterdam.
Die Dordrechter beschwerten sich, daß sie, obwohl in der Bört,
jetzt gar nicht mehr nach Rotterdam fahren dürften, sondern zugunsten
 der sog. Rasphuisschiffer in Dordrecht umladen müßten,
während die Rotterdamer durchfahren durften. Als Köln für die
Dordrechter eintrat, wurde es von Rotterdam abgewiesen; in die
l Gothein, Rheinschiffahrt, S. 10, I9.
2) Gothein, S.23f. Im Jahre 1792, wurden in den holländischen Hafenplätzen
 öffentliche Frachtwagen errichtet und damit den Wünschen Kölns betr.
einer Gewichtskontrolle Rechnung getragen (Geschichte der Handelskammer Frankfurt
 a. M., S. 84). Die‘ Gergfahrt Holland—Kö6öln mußte den Frachtlohn für die
ganze Fahrt aufbringen; er belief sich aufwärts meist auf 8—10 000 Francs für
das Schiff (Schwann, 1,74):
3 Eckert, S. ızff.
%) Blok, Geschiedenis, VII, 94.

390
        <pb n="399" />
        3
inneren Verhältnisse der niederländischen Fahrt ließ man sich von
den Rheinländern nicht hineinreden.
Jedenfalls hat diese letzte Periode, die der völligen Freiheit
der Schiffahrt vorausging, das Ansehen der Niederlande am deutschen
Niederrhein nicht gehoben. Mit Recht hat man darauf hingewiesen,
daß die Kaufleute in den rheinischen Städten des 17. und 18. Jahrhunderts
 die holländische Handelsvormundschaft durchaus nicht
unwillig ertragen hätten, daß im Gegenteil dieses wirtschaftliche
Abhängigkeitsverhältnis als eine naturgemäße und vorteilhafte Einrichtung
 empfunden worden seil). Das wurde nun doch um die
Wende des 18. zum 19. Jahrhundert anders; die sich damals entwickelnden
 Zustände, die vielfach einen chaotischen Charakter
trugen, haben dem Ruf der Niederlande sehr geschadet, obwohl
diese gar nicht einmal die Hauptschuld daran trugen, sondern es
namentlich das Zusammentreffen der alten Stapelansprüche der
Rheinstädte mit dem willkürlichen französischen Douanesystem
und dem reichlich verlotterten niederländischen Binnenschiffahrtswesen
 war, was diesen Zuständen ihren anarchischen Charakter
aufdrückte. An ihm ist auch später, als diese ganzen Gebiete der
französischen Herrschaft unterstellt wurden, wenig verändert worden.
 Allerdings wurde durch die 1804 abgeschlossene Konvention
 über den Rheinschiffahrts-Oktroi eine zentralistische
 Verwaltung der Rheinschiffahrtsverhältnisse geschaffen,
und 1811 trat dieser Konvention auch Holland bei; unter den allgemeinen
 unruhigen und verwirrten Zuständen jener Tage hat
diese an sich verständige Konvention wenig Nutzen gebracht?). Für
die spätere Beurteilung der Stellung der Niederlande zu den Fragen
der Rheinschiffahrt schufen diese Verhältnisse aber die richtige
Stimmung und bereiteten die starke Abneigung Preußens gegen
die holländische Wirtschaftspolitik am Rhein vor.
Jetzt trat auch ein Ereignis ein, das unter anderen Umständen
wohl wirksamere Folgen auf die nördlichen Niederlande gehabt
haben würde. Bei der Besetzung durch die Franzosen hoben
diese 1705 die Scheldesperreauf; undAntwer-')
 Gothein, S.5; Averdunk, S. ı3ı ff. Über die große Abhängigkeit
 des Kölner Handels von den Holländern — man nannte es Knechtschaft —
Ende des 18. Jahrhunderts vgl. auch Schwann, I, ı5.
2) Eckert, SlrıH, 568

)
        <pb n="400" />
        pen erreichte endlich mach zweihundertjäh-Tiger
 Abschließung den freien Zugang zum
Meere. Dies Ereignis bedrohte schon seit längerer Zeit die Niederlande.
 Seit dem Regierungsantriıtt Kaiser Josefs II. in den
österreichischen Erbländern betrieb dieser im Widerspruch mit dem
klaren Wortlaut des Westfälischen Friedensvertrages die Befreiung
der Schelde; er war darüber mit den Niederlanden bereits 1783
und 1784 in einen Konflikt geraten, der fast zu einem Kriege geführt
hatte; nur durch die Vermittlung Frankreichs wurde er vermieden‘).
Wenn aber der ehrgeizige Monarch damals vor den ‚„,unverschämten
Käsehändlern‘‘?) hatte zurückweichen müssen, so verließ doch
die Niederlande, namentlich Amsterdam, nicht die Sorge, daß
jenes Ereignis einmal eintreten möchte. Allerdings war der Wert
Antwerpens durch das Aufblühen Ostendes, das, seitdem die südlichen
Niederlande im Utrechter Frieden an Österreich gefallen waren, von
dieser Regierung stark begünstigt wurde, zurückgedrängt worden;
waren auch die früheren Versuche, von Ostende aus überseeische
 Unternehmungen in größerem Stile zu betreiben, an dem
Widerspruch der Niederlande und Englands gescheitert?), so hatte
doch in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und besonders während
 des amerikanischen Krieges Ostende sich wieder kräftig entwickelt‘).
 Und als nun wirklich 1795 die lange gefürchtete Befreiung
der Schelde Tatsache wurde®), wirkte sie zunächst um so weniger
erschütternd auf die in erster Linie durch sie betroffenen Städte
Amsterdam und Rotterdam, als jenes Ereignis zusammenfiel mit
einem völligen Niedergang des gesamten Schiffahrts- und Handels-I)
 Magnette, S. 6odf.
?) Ebenda, S. 139.
3) Vgl. Huisman, La Belgique commerciale.
4 Volkmann, S. 75; Waentig, S. 135. Insbesondere empfand man
in der Republik den Verlust der Durchfuhr längs der Schelde, Maas usw. nach dem
Süden und Südosten (Kluit, Jets, S. 335 f£.).
5) Schon 1793 hatte Gleim die bevorstehende Befreiung der Schelde
in seinem Gedicht ‚An Amsterdam“‘ besungen:
Der Weg zu dir und deinem Gelde
Geht über die verschlossene Schelde!
„Hinweg dies Schloß, Hollandia‘‘,
Sagt eine Frankin „Ich bin da‘ usw.
(Vater Gleims Zeitgedichte von 1789—180o3, herausg. v. Körte, 1841, 5. 27 0)

“392
        <pb n="401" />
        a ES
verkehrs und auch für Antwerpen keine Möglichkeit bestand, die
neue Freiheit sogleich mit ganzer Kraft auszunutzen!). Überdies
hatten die Antwerpener Kaufleute im Laufe der Zeit allen Unternehmungsgeist
 eingebüßt ; es bedurfte daselbst erst der Schaffung eines
großen Handelsmarktes; auch fehlte es an Kapital?). An der
Tatsache war jedoch nicht zu rütteln, daß von jetzt ab Amsterdam
und Rotterdam mit der Konkurrenz der Scheldestadt zu rechnen
hatten und daß voraussichtlich sich diese in absehbarer Zeit wirksam
 geltend machen mußte. Einen Schadensersatz für die Öffnung
der Schelde, wie Holland ihn von Frankreich erwartet hatte, erhielt
es natürlich nicht®).
Mit der Befreiung der Schelde und der Besetzung des Landes
durch die Franzosen 1795 bis zum Sturze Napoleons begann der
ununterbrochene Leidensweg; der reich an. Versuchen
 und Projekten, an Ansätzen zur Einleitung einer neuen
Wirtschaftspolitik, arm aber an Ergebnissen war; selbst wo solche
zu verzeichnen waren, handelte es sich meist um Mißgeburten.
Die mehrfach wechselnden Regierungen der Batavischen Republik
erkannten wohl den elenden Zustand, in dem sie sich befand; sie
machten Pläne für eine Vereinfachung der Verwaltung, des Steuerwesens,
 der Finanzen. Dem Handel und Gewerbe konnten sie wenig
nützen, da diese in voller Abhängigkeit von den politischen Zuständen
 waren. Die Hoffnung der Batavischen Republik, daß man ihr
in diesen Wirren die Neutralität bewilligen würde, eine Hoffnung,
wie sie früher und später Handelsrepubliken in solchen Lagen
stets zu hegen pflegten, versagte völlig‘). Für Bonaparte
waren die Niederlande ein wertvolles Werkzeug in seinem Kampfe
gegen England. Selbst an einen Handels- und Schiffahrtsvertrag
zwischen Frankreich und der Batavischen Republik hat man 1799
1) Mit 2424 eingelaufenen Schiffen erreichte Antwerpen 1805 den Höhepunkt
seines Seeverkehrs; dann sank er schnell und unaufhaltsam; Ostende ging es ähnlich
(Waentig, S. 137); in den Jahren 1795—1799 hatte dieser Seeverkehr sich
nur auf 2, 4, 2, 8 Schiffe belaufen (Deiss, S. 23).
„2 Vgl. Nemnich, Über die Frage usw.,.S. ı9 ff., 27 ff... Ebendort
S. 35 wird berichtet, daß die Holländer Bonaparte 3o Mill. fl. angeboten
hätten, wenn er die freie Schiffahrt der Schelde noch nicht zulasse.
3) Vgl. Colenbrander, Gedenkstukken, IV, 373.
‘ Colenbrander, Napoleon en Nederland, S. 116f.; Ders., Gedenkstukken,
 IV, 415.

vd
        <pb n="402" />
        304

noch gedacht!); es ist aber nichts daraus geworden, was angesichts
des Machtverhältnisses zwischen beiden Ländern auch begreiflich
ist. Denn die enge Verbindung mit Frankreich sicherte keineswegs
 eine Gleichstellung mit diesem in handelspolitischer Beziehung.
Während z. B. trotz aller Verbote die Fahrt von England nach Frankreich
 1800 dauernd zunahm?®), waren die holländischen Kaufleute
genötigt, sich jenen Verboten gehorsam zu unterwerfen; auch über
Hamburg versorgte sich Frankreich mit englischen Kolonialwaren;
die holländischen Kaufleute mußten ruhig zuschauen, wie England
das Monopol in diesem Handel an sich riß?). Trotz aller Verbote
ließen sich andererseits die Ausfuhren von Holland nach England nicht
ganz verhindern; im Herbst 1800 fanden große Sendungen von
Käse und Butter dorthin statt, so daß die Preise dieser Waren
plötzlich in die Höhe gingen. Das machte die französischen
Behörden aufmerksam; und es erging ein scharfer Befehl Bonapartes
 gegen solche Ausfuhren*). Dies wurde alles um so strenger
gehandhabt, als Bonaparte damals gegen die Holländer, insbesondere
 gegen Amsterdam sehr verstimmt war, weil dieses ihm
die so notwendigen Geldmittel verweigert hatte®). Auch für die
Einfuhr englischer Tuche setzte sich Amsterdam ein; diese war 1801
für einige Zeit freigegeben und wurde Anfang 1802 auf Drängen
Amsterdams länger ausgedehnt, da sonst die Einwohner sich genötigt
 sähen, die teureren und geringwertigen einheimischen
Stoffe zu verwenden®). Das war in der Zeit des Friedens von Luneville
(9. Februar 1801), als die Hoffnung auf einen allgemeinen Frieden
sich verstärkte. Nach dem Frieden von Amiens (25. März 1802)
schienen für die Niederlande bessere Tage anzubrechen; die Kauf-1)
 Colenbrander, Gedenkstukken, III, 47 ff. Noch 1806 wurde ein
Handelsvertrag zwischen beiden Ländern in Aussicht genommen, der ebensowenig
zur Ausführung kam (Darmstädter, Studien, 1905, S. 115.)
?) Man schob diese Duldung des Verkehrs mit England, die auch Antwerpen
zugute kam, während Amsterdam an ihr nicht teilnahm, dem Ärger Bonapartes
über den Mißerfolg der Geldnegociation Marmonts zu (Colenbrander,
I, 31: £.).
3) Ebenda, III, 595, 609 f.
4) Ebenda, III, 171 ff., 179. Bonaparte an Talleyrand am 16. Dezember:
es sei Grundsatz, ‚de ne plus laisser sortir un seul grain de ble pour quelque pays
que ce soit“.
5) Colenbrander, Napoleon en Nederland, S. 104 ff.
Ss) Colenbrander, Gedenkstukken, IV, 187, 192,194}
        <pb n="403" />
        leute meinten, die Opfer seien nicht umsonst gebracht; alles rüstete
sich zu neuen Unternehmungen; der Kredit erholte sich; in Amsterdam
 erhoffte man den Anbruch einer neuen Blüte!). Im Jahre 1802
liefen wieder 4000 Schiffe in die Häfen ein. Es erwachte sogar
wieder der alte Streit zwischen Handel und Industrie; während die
Tuchindustrie auf die Handhabung der Verbote der Einfuhr fremder
Tuche drang, forderten die Seestädte größere Handelsfreiheit.
Leider sollten sich alle an jene Friedensschlüsse knüpfenden Hoffnungen
 und Pläne schnell in Nichts auflösen. Zeitweilig nahm
noch in einzelnen Richtungen der Verkehr erheblich zu, so nach
1804 zwischen Holland und Nordamerika?); doch waren solche
günstige Konjunkturen stets nur vorübergehend.
Schon vor diesen Ereignissen hatte die Regierung der Batavischen
 Republik, dem französischen Beispiel und Befehl folgend,
allerlei wirtschaftspolitische Maßregeln getroffen, die als Vorspiel für
die völlige Absperrung gegen England, d. h. das Kontinentalsystem,
 gelten konnten; so die Erhöhung der Einfuhrabgaben
auf fremde raffinierte Zucker, auf Strümpfe usw., ferner durch Ausfuhrverbote,
 so dasjenige für Lumpen. Die Einfuhrverbote richteten
 sich namentlich gegen England®). Bereits am 31. Mai 1805
wurde aller Handel mit England verboten.
Als das auf diese Weise vorbereitete Kontinentalsystem, das
in grellem Gegensatz zu den am Beginn dieser Periode verkündeten
Freiheiten stand, mit dem Dekret vom 21. November 1806 und seinen
späteren Ergänzungen auch in Holland seinen Einzug hielt und damit
 der Abschluß gegen England in volle Wirksamkeit trat, verfehlte
 es mit seinen sich fortwährend durchkreuzenden Anordnungen
in diesem vom und im Handel lebenden Lande natürlich seine
Wirkungen nicht‘). Immerhin ist es zweifelhaft, ob dies
System auf die holländische Wirtschaft einen
 ausschließlich nachteiligen Einfluß gehabt
 hat. Nach den vorhandenen Zahlen sank die Einfuhr
' Colenbrander, Gedenkstukken, IV, II; Blok, Geschied. v. h.
ned. Volk, VII, 142.
?) Vgl. Baasch, Beiträge z. Gesch. d. Handelsbez. zw. Hamb. u. Amerika,
S. 84 f.; KIo05s, 8/55;
3 Verviers;, Si 150.
*) Vgl. Sautijn Kluit, Continentaal-Stelsel.

395
        <pb n="404" />
        von rund 231 Millionen Frs. im Jahre 1803 auf rund 155 Millionen
im Jahre 1809, während die Ausfuhr in denselben Jahren von rund
218 auf rund 357 Millionen Frs. stieg!). Die hohen Ziffern erklären
sich durch den gesteigerten Wert, den viele Waren damals hatten.
Was aber alles geschmuggelt wurde, fand sich in diesen Zahlen
nicht mit angegeben?). Von 1808 an nahm auch die holländische
Rheinschiffahrt mehr und mehr ab.
Manche Folgen und Begleiterscheinungen des Kontinentalsystems
 waren, wie schon angedeutet, für die Niederlande nicht
unvorteilhaft gewesen; darin unterschieden sie sich nicht von den
anderen in das Kontinentalsystem einbegriffenen Ländern. Wenn
man absieht von den offenbaren Vorteilen, die es der Landwirtschaft
brachte, haben gewissellndustrien durch das Sy-Stem
 Förderung jerfahren oder sind überhaupt
 erst entstanden, so die RübenzuckKkerfabrikation;
 die Zichorienfabrikation, dieschon
1779 über eine Fabrik in den Niederlanden verfügte, wurde
jetzt zu großer Blüte gebracht. Daß es für die Niederlande ferner
ein Gewinn war, einmal, wenn auch wider ihren Willen, wirtschaftlich
 in einen scharfen Gegensatz zu England zu geraten, ist
anzuerkennen; das Übergewicht, das England seit mehr als einem
Jahrhundert über die Niederlande gewonnen hatte, wurde dadurch
schwer erschüttert. Diesen Folgen standen aber doch so bittere
Leiden, so große Opfer, die das Kontinentalsystem dem Handel
und der Schiffahrt auferlegte, gegenüber, daß tatsächlich die Nachteile
 überwogen?).
Mit der Einverleibung ın das französische
Kaiserreich (1810) veränderte sich wirtschaft.
lich wenig. Der Einfluß der Städte, in denen die alten Vroedschappen
 mehr und mehr an Bedeutung verloren, war schon durch
3Vierviers, S. 1718.
2) Wenn d’Alphonse, S. 385, für die Jahre 1803—1809 eine Gesamteinfuhr
 von I 544 288 539 Frs. und eine Gesamtausfuhr von ı 893 301 928 Frs.
errechnet und also einen Ausfuhrüberschuß von 349 013 389 Frs. annimmt, so sind
diese Zahlen mit Vorsicht aufzunehmen.
3 Sautijn Kluit, S. 232 warnt davor, dem Kontinentalsystem manche
nachteiligen Wirkungen zuzuschreiben, die tatsächlich nur die Folge von schon im
18. Jahrhundert bestandenen Mißständen waren; ebenda S. 230 über künstlichen
Kaffee während der Kontinentalsperre.

306
        <pb n="405" />
        SE
die unter König Ludwig vorgenommene Verwaltungsreform
fast ausgeschaltet!); die jetzt eingeführte französische departementale
 Organisation wirkte weiter in derselben Richtung?). Hatten
Kaufleute und Fabrikanten sich der Hoffnung hingegeben, daß nun
ein freier Verkehr mit den übrigen ausgedehnten Gebieten des
Empire eintreten werde, so sahen sie sich getäuscht; trotz aller Zusagen
 wurden die Zollinien, die die Niederlande von den belgischen
und hanseatischen Departements und dem Rheinland schieden,
niemals aufgehoben?). Seitens der Niederlande ergingen Vorstellungen
 an den Kaiser mit dem Zweck, für den völlig verfallenen
Handel Förderung zu erzielen; die Rotterdamer Kaufleute empfahlen
 stärkere Vermehrung der Ein- und Ausfuhr von Rohstoffen
und größere Verkehrsfreiheit ; auch eine Herabsetzung der auf Kolonialwaren
 ruhenden Abgabe von 50°/, auf 40°/, wurde vorgeschlagen
und die völlige Befreiung von Baumwolle, Fischleim, Elefantenzähnen
Gummi, Farbholz, Tabak und Reis von dieser Abgabe. Insbesondere
legte man Wert auf die Einrichtung eines „Entrepöt fictif‘, um den
Handel mit dem Rhein, dem Norden und Osten aufrecht zu erhalten.
 Das einzige, was erreicht wurde, war die Herabsetzung
der genannten Abgabe auf 40 % für einige Artikel. Was besonders
drückte, waren die vielen Zollbelästigungen, die zahlreichen Geleitscheine
 (Acquits a caution), denen sogar die ganz kleine Binnenfahrt
unterworfen war*). Doch scheiterten alle Bemühungen, hierin
Wandel zu schaffen. Als ebenso nichtig erwiesen sich die Erwartungen
 auf eine infolge der Einverleibung eintretende Zunahme
des Handels mit Wein, Krapp, Flachs. Nur der Wunsch, einen
freien Transitverkehr rheinaufwärts zu erhalten, wurde Rotterdam
 erfüllt; dadurch wurde es mit Amsterdam, dem dieser Handel
bereits bewilligt war, gleichgestellt). Auch das Entrepot, das
wirkliche und fiktive, wie es Antwerpen schon besaß, erhielt Rotterdam
 später; dagegen wurde das Land, dem von der Kaufmannschaft
 geäußerten Wunsch zuwider, mit der Einführung der fran-)
 Gosses u. Japikse, S. 397.
?) Ebenda, S. 402 f.
3 Koch, S. 1; Sautijn Kluit, S. 162 ff.
‘Über die fremden Douaniers und ihre Bedrückungen vgl. Jorissen,
S. 1
5) Koch, S. 812.

«0%
        <pb n="406" />
        zösischen Tabakregie beglückt und dadurch der freie Tabakhandel
vernichtet. Noch 1791 waren 30 Millionen Pfund Rohtabak nach
Rotterdam eingeführt worden. Es blieben nur wenige Tabakhändler
übrig, die den Verkauf der kaiserlichen Regie-Erzeugnisse vermittelten?).

Für Industrie und Gewerbe brachte die neue Zeit
jaimancherlei Versucheund Anregungen; meist
nahmen sie ein klägliches Ende; wir wiesen schon oben darauf hin.
In Amsterdam bestanden 1796 noch 103 Zuckerfabriken,
von denen über 23 außer Betrieb waren; in Dordrecht gab es noch
13, in Rotterdam 12. Mangel an Rohzucker nötigte zur Einschränkung;
 auch fehlte es für die Ausfuhr an Schiffen infolge der Beschlagnahme
 durch England. Zur Unterstützung der notleidenden
Raffinerien erhöhte man nun die Einfuhrabgabe auf im Ausland raffinierte
 Zucker auf 10 fl. und für Syrupe auf 60 Stüver (1725: 2 fl.
10 bzw. 24 St.). Auch schritt man ein gegen allerlei Mißbräuche.
Von 1802—1807 bestand noch ein ziemlich beträchtlicher Zuckerhandel?).
 Wahrscheinlich waren die tatsächlichen Einfuhrmengen
größer; es wurde viel geschmuggelt. Die Freiheit von der Ausfuhrabgabe
 auf inländischen raffinierten Zucker und Syrup wurde bis
1810 verlängert, ebenso die weiteren Bestimmungen von 1771.
Der Verfall des Handels wurde aber durch die unsichere politische
Lage beschleunigt; und als die prohibitiven Maßregeln in das Kontinentalsystem
 übergingen, trat völlige Stockung ein. Die Amsterdamer
 Zuckerraffinerien, deren es 1809 noch etwa 70 gab®), gingen
bis 1813 völlig zugrunde; 1813 waren noch 3 in Tätigkeit gegen 6
im Jahre 1812. In Rotterdam waren 1811 noch 14 Fabriken übrig
von den 30, die 1795 bestanden hatten‘). In Amsterdam wurden
1813 nur noch 54000 Pfund Kolonialzucker raffiniert, was für den
daraus hergestellten Zucker 125 000 fl. Wert ausmachte; in den
1) Den starken Verfall der Tabakindustrie schildert d/Alphonse, 5$S. 273.
2?) Die Rohzucker-Einfuhr betrug 1803: 31 550 046; 1804: 43 000 821; 1805:
43 003 607; 1806: 52 925 277; 1807: 50 958 548; 1808: 9 143 431 Pfund; die Ausfuhr
von raff. Zucker 1803: 20578 964; 1804: 19686 736; 1805: 21 598 203; 1806:
22 331 391; 1807: 24 842 492; 1808: ı2 389 019 Pfund (Reesse, $5237):
3) Nemnich, S. 135; Dordrecht hatte 1809 noch ı2, Utrecht 2, Zwolle
eine Zuckerraffinerie; vgl. d’Alphonse, S. 269 ff.
* Koch, S. 9.

308
        <pb n="407" />
        3 Fabriken arbeiteten noch 10 Arbeiter!). Die Bestrebungen Na -
poleons, den Kolonialzucker durch Rübenzucker zu ersetzen,
fanden in den Niederlanden wenig Entgegenkommen. Erst von 1811
ab erfolgten große Anpflanzungen. Die vorgeschriebenen 12000 ha
wurden freilich nicht erreicht; und über Proben und Untersuchungen
kam man kaum hinaus. Bis 1812 gab es 3 Rübenzuckerfabriken,
alle in Amsterdam. Nicht nur unter technischen Mängeln litt diese
junge Industrie, sondern auch unter schwerer steuerlicher Belastung.
Die Menge der in Amsterdam verarbeiteten Rüben betrug 1813:
3 Mill. Pfund, das Pfund zu 3 Pfennig Einkaufspreis; das entsprach
 höchstens 45 000 Pfund Rohzucker?). Mit Napoleons
Sturz nahm die Zuckerrübenbewegung ein Ende; erst 20 Jahre
später gewann sie neue Lebenskraft.
In der Bierbrauerei machte sich vorzüglich die Hopfennot
 fühlbar. Als 1801 Frankreich die Ausfuhr von Lütticher und
flamischem Hopfen verbot, stiegen in Holland die Hopfenpreise
hoch; der Anbau in der Batavischen Republik war gering, und
der Mangel an Hopfen schädigte die Bierausfuhr nach Ost- und
Westindien. Der inländische Hopfenbau befriedigte den Bedarf
nur zu etwa !/;; 1796—1800, als die Bierversendungen ins Ausland
nur gering waren, verbrauchten die 6 Amsterdamer Brauereien
zusammen jährlich 250 Ballen oder 150 000 Pfund Hopfen. Auch
war der Lütticher und flamische Hopfen von besserer Qualität als
der inländische. Das Verbot von 1801 verursachte natürlich großen
Schmuggel; von braunschweigischem und englischem Hopfen war
nicht mehr viel im Handel. Doch hatte gegen ein Ausfuhrverbot
die Regierung schwere Bedenken; sie lehnte einen Antrag des
„Raad van binnenl. Zaken‘“ ab, u. a. mit Rücksicht darauf, daß
die im Lande befindliche Menge Hopfen nur 1/;2 des Bedarfs‘ der
Brauer ausmachte und andere Länder außer Frankreich ja die
Ausfuhr nicht verboten hätten. Als hierauf 1802 die Brauer um
eine Prämie von ı fl. per Tonne Bier ersuchten, lehnte die Regierung
 auch dies ab. Zweifellos war die Lage der Brauer damals
ja recht schlecht; die geringe Güte und der hohe Preis des Bieres
') Nemnich, S. 134 f. schreibt (1809) den Rückgang. der holländischen
Zuckerfabrikation zum großen Teil der Verschlechterung des Fabrikats zu.
*) Reesse, I, S. 248f.; Sautijn Kluit, Continentaal-Stelsel,
S. 224 ff., 229. Näheres bei Timmer, Beetwortelcultuur.

3090
        <pb n="408" />
        — A) —-hatte
 die Bevölkerung immer mehr an Kaffee und Tee gewöhnt,
auch der Weingenuß nahm zu. Daß die Brauerei trotzdem noch etwas
bedeutete, ergab sich hingegen daraus, daß sie in Holland jährlich
 280 000 fl. Impost einbrachte. Der Preis von 10 fl. 10 St. per
Tonne war auch nicht zu hoch mit Rücksicht auf die Steigerung der
Gersten-, Hopfen- und Kohlenpreise auf 9 fl. bzw. 20 St. bzw.
20—22 {fl., während für die Tonne Bier früher 8 fl. genommen war,
als die Gerste 3—31, der Hopfen 3% St. und die Kohlen 13—15 fl.
gekostet hatten. Von einer Maßregel, wie sie jene Prämie darstellte,
war jedoch schwerlich etwas Ersprießliches zu erwarten. Die Hopfennot
 blieb weiter bestehen; es bestand aber überall Mangel an diesem
Erzeugnis. Die Amsterdamer Hopfenhändler hatten von Anfang
an sich gegen Ausfuhrverbote erklärt, wie Amsterdam überhaupt
auch hier wieder einer freieren wirtschaftlichen Auffassung huldigte.
Ein für kurze Zeit Ende 1805 erlassenes Ausfuhrverbot wurde Anfang
 1806 wieder aufgehoben. Man erhielt sogar Hopfen aus Nordamerika).

Die neue Konstitution von 1798 machte auch dem städtischen
Privileg, das das Brauwerk auf die Städte beschränkte, ein förmliches
 Ende; tatsächlich war es ja, wie wir sahen, schon vielfach
durchbrochen worden. Ein Versuch der Brauer, 1805 noch einmal
die Sache des Brauens auf dem flachen Lande in ihrem Sinne zur
Entscheidung zu bringen, scheiterte an der Ablehnung der Regierung,
 die eine solche Auffassung als mit dem System einer ‚„aufgeklärten
 Regierung‘ in Widerspruch stehend bezeichnete?). Vereinfacht
 wurde damals die Besteuerung des Bieres. Nachdem 1805
der alte Bierimpost abgeschafft und mit der Einverleibung in Frankreich
 das französische Gesetz in Kraft trat, war nun jedes Bräu
Bier mit 2 Fr. per Hektoliter belastet?).
Verhältnismäßig gut behaupteten sich die Brennereien.
Schon gegen Ende des 18. Jahrhunderts scheint sich freilich auch in
dieser Industrie teilweise ein Rückgang vollzogen zu haben; der
Umsatz an der Schiedamer Börse nahm ab mit den steigenden Preisen;
 1799 hörte deshalb das Einschreiben in das Börsenbuch ganz
3 Timmier, aa. ©, S 203. dAlphonse, 5$S. 261 f.; ebenda, S. 178
über den Hopfenbau.
2) Timmer, Gen. brouwers, S. 219 f:
3) Ebenda, S. 258.

40C
        <pb n="409" />
        auf. Schon 1784 erging von allen Kornbranntweinbrennern in
den Niederlanden an die Generalstaaten ein Gesuch um Verminderung
 der Ausfuhrabgabe für Kornbranntwein und Genever von
I fl. 10 Stüver per Oxhoft!); die Bewegung ging aus von Rotterdam
und Delfshaven. Wenn aber 1775 Schiedam 120, 1792: 220 und
1798: 260 Brenner zählte, so sprachen diese Zahlen nicht für einen
Rückgang. In ganz Holland gab es Ende des Jahrhunderts noch
400 Brennereien, die 17 Mill. fl. einbrachten; nach Abzug des einheimischen
 Verbrauchs blieben immer noch ırı—12 Mill. fl.2).
Nach Metelerkamp®) war die Brennerei eine der wenigen
Industrien, die im 18. Jahrhundert nicht zurückgegangen sind;
und dem wird man zustimmen können. Während der französischen
Zeit konnte, wie begreiflich, auch diese Industrie nicht zu neuer
Blüte kommen‘).
Selbst die schon lange verfallene Leidener Tuchindustrie
 suchte man durch neue Experimente wieder auf die Beine
zu bringen. Aus dem Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts
ist eine Reihe von Vorschlägen bekannt, die dem traurigen Zustand
dieser Industrie ein Ziel setzen wollten; die zünftlerischen Fesseln
waren gefallen; so kam man auf allerlei Pläne protektionistischer
Art, wie auch auf den, daß alle Angestellten der Stadt sich nur
in Leidener Tuch zu kleiden hätten. Den Rückgang hielt man
nicht mehr auf; 1810 waren noch 60 Webstühle vorhanden gegen
150 im Jahre 1753; rechnet man 30—40 Menschen auf den Webstuhl,
 so ergab sich ein großer Verfall des Gewerbes®). Trotz der
allgemeinen Notlage sah auch jene .Zeit noch neue industrielle
Gründungen; so wurde 1801 in Ha arlem eine Fabrik von Kattunzwillich®)
 und 1802 in Gouda_ eine Kattundruckerei”) errichtet.
5 1) ı Oxhoft = 30 Viertel; ı Viertel = 7% Liter.
Z). Metelerkamp, I, 1001.
*) Ebenda; vgl. auch d’Alphonse, S. 262 ff.
*‘) Um 1809 waren in Schiedam noch 200 Brennereien, in Weesp noch 2
(1798: 14); der Weesper Genever ging namentlich nach Ostindien, wohin die Ausfuhr
 jetzt völlig gesperrt war. (Nemnich, S. 150 £.)
5) Reimeringer,. S. 130.
°) Janssen van Raaij, S. ı13. Mit Mühe erreichten es 1807 die
niederrheinischen Leinenfabrikanten, daß man ihnen das altgewohnte Bleichen
ihrer Leinen in Holland, namentlich Haarlem, gestattete (Zeyss, S. ıı2 f.). Über
den Verfall der Bleichereien vgl. d’Alphonse, S. 301.
7) Wiersum en van Sillevoldt, S. 80, Anm. I.
Baasch, Holländische Wirtschaftsgeschichte. 926

401I
        <pb n="410" />
        — 2 —
Um diese Zeit, um die Wende des Jahrhunderts,
 überflügelte die englische Baumwollindustrie
 die niederländische Im Jahre 1802 gab
es in Enschede etwa 50 Spinnmaschinen, von denen man
freilich annahm, daß sie in ihrer technischen Vollkommenheit und
Leistungsfähigkeit hinter den englischen zurückstanden. Man
gewöhnte sich überhaupt in den Niederlanden
 sehr schwer an die Maschinen in der Industrie,
 zum Teil aus konservativer, zum Teil aus humaner
Gesinnung, da man die Leute nicht entlassen mochte!). Und die
folgende unruhige Zeit, die Abschließung gegen England, ist der
Einführung der Maschinen in den Niederlanden nicht günstig gewesen.
 Die Baumwolle bezog man von Amsterdam, das bis zur
Kontinentalsperre der große Baumwollmarkt für das Festland
war.
Während der französischen Zeit verfiel mit dem Schiffbau
 auch die mit ihm in Verbindung stehende Industrie. In Rotterdam
 gab es vor 1795 außer der Werft der Ostindischen Kompanie
und der Reichswerft 7 Privatwerften, die 5—7 Schiffe jährlich bauten
 und etwa 600—700 Arbeitern Beschäftigung gaben. Diese
verfielen jetzt. Ebenso ging es den dortigen Tauschlägereien, deren
es früher 4 gegeben hatte; von ihnen arbeiteten noch 3 und zwar
mit inländischem Hanf und mit 30—35 Mann gegen früher 60—70°%).
Auf die Schiffahrt hatte das Kontinentalsystem ebenso
wie später die Einverleibung eine nicht weniger traurige Wirkung
als auf die Industrie. Schon mit dem Beginn des Jahrhunderts
war die niederländische Schiffahrt mehr und mehr unter neutrale
Flaggen geflüchtet. Holländische Kaufleute richteten sogar heimlich
 französische und englische Kaperschiffe aus, die auf die eigenen,
holländischen Schiffe Jagd machten, so daß sie die Assekuranzgelder
 und den Wert der gekaperten Waren, die in Frankreich
oder England verkauft wurden, gewannen! Allmählich geriet dann
die ganze Schiffahrt in die Hände der Neutralen, namentlich Hamı)
 Posthumus, Bijdr. tot de gesch. v. d. ned. Groot-Industrie (Econ.
Hist. Jaarb., I), S. 99, Anm. 2; Hogendorp, Bijdragen, V, 191 (mit Rücksicht
 auf Kampen).
2?) Koch, S. 9. Den Verfall an der Zaan schildert Niebuhr, Circularbriefe,
 S. 82 f.

EC
        <pb n="411" />
        burgs, Bremens, Dänemarks!). Zeitweise waren auch infolge des
Kontinentalsystems die holländischen Häfen völlig geschlossen, so
von Ende November 1808 bis zum Juni 1809?). Die Einverleibung
Hamburgs und Bremens in das Empire verschloß auch diese Flaggen
den Holländern. Nun war der Handel der Niederländer mit dem
Auslande nur noch mit kaiserlichen Lizenzen möglich ; dieses System
der Ausnahmen von den allgemeinen Schiffahrts- und Handelsverboten
 wurde hier wie auch in den Hansestädten von der kaiserlichen
 Regierung nicht ohne Erfolg beobachtet. Alle Schiffe mußten
von Amsterdam oder Rotterdam ausfahren; die Ladung mußte
für ein Drittel des Wertes aus in Frankreich hergestellten Seidenund
 Luxuswaren bestehen, für den Rest aus Butter oder Käse,
Kleesaat, Blumensaat, Blumenzwiebeln, Senfsaat, Wein, Zement,
Steinen, Pflaumen, holländischem Leinen, Stoffen, Papier usw.
Zur Einfuhr waren erlaubt: Schiffsbauholz, Planken, Masten, Daubenholz,
 Matten, Pech, Teer, Medikamente, Schwefel, Leder von
Buenos Aires, Leinsaat, Gold, Silber, spanische Piaster. Der Wert
der Ausfuhr hatte sich nach dem Bestimmungsort zu richten, der
Wert der Einfuhr nach dem Preis des fremden Marktes, wo die
Ladung gekauft war®). Über diese höchst seltsame Verfügung klagten
 die Kaufleute bitter; da die Einfuhr von Seiden- und Luxuswaren
 in England verboten und nur durch Schmuggel zu bewirken
war, wurden sie in große Verlegenheit versetzt. Überhaupt verursachten
 die Lizenzen, die nur bezweckten, Geld aus England
herauszuziehen, arge Mißbräuche und machten selbst den französischen
 Beamten viel zu schaffen. Der Verkehr und die Korrespondenz
 mit England hat auch ohne die Lizenzen nie ganz aufgehört;
selbst der Warenverkehr war nicht völlig zu unterdrücken; die
meisten Maires der kleinen holländischen Küstenstädte waren hieran
 beteiligt*).
Traurig ging es auch der Heringfischerei. War
schon Ende des 18. Jahrhunderts ein starker Rückgang zu ver-———_—_
 1) Blok, Geschiedenis, VII, S. 90 ff.
) Sautijn Kluit, S.o7.; Jorissen,S. 46518
) Koch, S. 191f. Darmstädter, Studien; 1904, 'S; 611.
‘) Koch, S. 77 ff. Über. den Schmuggel zwischen England und Holland
vgl. Cunningham, Brit. credit, S. 60 ff. Die Klagen Napoleons über den
trotz der Sperre bestehenden starken Verkehr Hollands mit England bei Jorissen,
 S. 241.

403
9fß*
        <pb n="412" />
        zeichnen!), so wurde dieser von 1807 ab reißend; 1810 liefen
noch 20 Büsen aus und brachten 194 Lasten ein?). Für Delfshaven
 ist die letzte uns zur Verfügung stehende Zahl die von
1795; damals fuhr nur eine Büse aus und brachte ganze 13
Lasten zurück. Viele Heringsbüsen gingen in ausländische Hände
über; namentlich die Oldenburger zeigten sich sehr unternehmend?).

Mit dem Ende der Republik und der französischen Zeit brach
für die Heringsfischerei die wahre Leidenszeit an. Man hatte zwar
zum Teil die Befreiung von den alten, beschränkenden Bestimmungen
erreicht; die bisher genossenen staatlichen Hilfsgelder blieben aber
nun aus. Auch mangelte es an Seeleuten. Den Ausfuhrhandel mit
Hering suchte man dadurch festzuhalten, daß man fremden Hering
in holländische Gebinde packte und Zuiderseehering salzte. Schon
1798 wurden aber die früheren Heringsgesetze wieder in Kraft gesetzt,
und ein großes Fischereigesetz von 1801 wiederholte alle alten Bestimmungen;
 der andauernde Kriegszustand war der Fischerei aber
höchst ungünstig‘). Auch die bisher noch am besten gestellte, von
der Maas ausgehende Fischerei spürte das; die Vorschrift, daß
kein Fischer länger als 24 Stunden draußen bleiben durfte, schloß
den Salzfisch- und Heringfang ganz aus®). Erst das kaiserliche
Dekret vom 25. April 1812, das die Seefischerei allgemein freigab,
erleichterte den Heringsfang; auf den Bänken von Yarmouth wurde
er jedoch nur den Bewohnern von Noordwijk und Katwijk erlaubt;
länger als einen Monat durften sie nicht draußen bleiben‘).
Noch schlechter erging es dem Walfischfang. Die wenigen
 Fahrzeuge, die noch unter holländischer Flagge fuhren, litten
an Matrosenmangel; aus Deutschland, vorzüglich von der Unterweser,
 bezogen sie vielfach Leute, die sich für diesen Dienst anheuern
 ließen”). Anfang des 19. Jahrhunderts, in dem Zwischenraum
 einer kurzen Friedensperiode, 1802, wurden für die Grönlandfahrt
 die Prämien wieder hergestellt; ja, man hatte den Mut, eine
ı) Vgl. oben S. 64f.
2) Wätjen, Statistik, S. 167.
$) Sello;, SS. 309:
3 Beaujon, S.\2154f,
Koch, SS: 33.
5) Beaujon, S.227; Koch, 5S. 35.
7) Tack, 5S. 1694.

404
        <pb n="413" />
        „Südsee-Walfisch-Compagnie‘“* mit einem Kapital von 790 000 fl.
zu gründen!); sie ist nie in Tätigkeit getreten.
Für die Landwirtschaft brachte diese kurze Periode
rechtlich und praktisch einen Zustand, bei dem die günstige
Seite die unvermeidlichen Nachteile dieser revolutionären Zeit
doch überwog. In der neuen Verfassung der Batavischen Republik
 fand die Fürsorge für den Landbau einen klaren Ausdruck,
wenn es dort im Art. 54 heißt: Die Gesellschaft befiehlt die größte
Beförderung des Landbaues und seiner Blüte, insbesondere mit
Rücksicht auf die noch unbebauten und öden Ländereien, durch
die Batavische Republik. Gegen die frühere Zeit, die amtlich der
Landwirtschaft wenig Beachtung schenkte, war das immerhin ein
Fortschritt. Noch wichtiger als jenes theoretische Programm war
die in derselben Verfassung ausgesprochene Aufhebung aller
Herrenrechte, Zehnten usw. Auch das Lehnrecht wurde
in den Verfassungen von 1801 und 1805 beseitigt, den Grundeigentümern
 aber eine billige Entschädigung zugestanden?). Die geistlichen
Zehnten freilich wurden durch jene Verfassungen: nicht aufgehoben.
Man ging nun auch ernsthaft an die Aufteilung der im
gemeinsamen Besitzentweder von Markgenossenschaften
 (Marken) oder der Gemeinden befindlichen Ländereien.
 Diese Gemeindeländereien bestanden bis Ende des 18. Jahrhunderts
 noch fast völlig in ihrem alten, aus dem Mittelalter stammenden
 Rechtsverhältnis und tatsächlichen Zustande. Beide waren
in allen Provinzen verschiedenartig, die Marken teilweise Körperschaften
 mit öffentlich-rechtlichen Befugnissen?). Die Verfassung
von 1798 hob diesen Charakter auf und sprach den Marken eine
privatrechtliche Eigenschaft zu. Dabei hatte es vorläufig sein Bewenden;
 die tatsächliche Regelung unterblieb. Im 19. Jahrhundert
entstand ein unablässiger Kampf gegen die Marken; ein Gesetz
vom 16. April 1809 regelte die Aufteilung der Gemeindeländereien
unter die Berechtigten und nach Einholung ihrer Zustimmung.
Wie so manche in jener Zeit gesetzlich angeordnete Maßregel, kam
auch diese nicht zur Ausführung.
»Beaujon, S.222f. Nach d’Ailphonse, S. 334 war der Walfischfang
 völlig eingegangen.
) Blink, Geschiedenis, II, S. 207 ff.
®) Blink, Geschiedenis, II, S. 457 ff.

405
        <pb n="414" />
        Vorteilhaft war für die Landwirtschaft die Beseitigung
 der vielen kleinen und groBen Abgaben,
die durch die neue Verfassung von 1798 erfolgte. Zu der geplanten
allgemeinen Regelung der Steuerverhältnisse kam es freilich nicht;
es blieb bei Vorschlägen; erst nach 1814 erfolgte die endgültige
Ordnung dieser für die Landwirtschaft so wichtigen Materie. Im
allgemeinen hat während der französischen
Zeit, in der die Getreidepreise hoch standen und auch die Ausfuhrverbote
 für die Milchprodukte vielfach umgangen wurden,
der niederländische Bauer nicht allzusehr gelitten;
 ‚und in die Zeit nach ı814 trat! er mit behäbigem
 Wohlstandiein, während Handel und
Schiffahrt völlig darniederlagen‘?). Nur vorübergehend
 haben die vielen Getreide- und Kartoffelausfuhrverbote,
die in den Jahren 1795—1802 ergingen, diese Entwicklung störend
beeinflußt?). Bemerkenswert ist es aber, daß in der Zeit der größten
Depression des Handelsgeschäftes Kaufleute sich fanden, die ihre
Kräfte und ihre noch vorhandenen Kapitalien dem Landbau und
seiner Verbesserung widmeten. Damals unternahmen 23 Rotterdamer
 Kaufleute, der Maire Willem Suermondt an der
Spitze, die Eindeichung des Polders ‚Louis‘ (später Wilhelminapolder
 genannt) auf Zuid-Beveland, wodurch 4000 Morgen der
Bebauung aufgeschlossen wurden?). War das an sich ein Zeichen
des Vertrauens in die Landwirtschaft, so war es andererseits ein
Zeugnis dafür, daß damals nur der Landwirtschaft, nur dem
Boden noch mit Aussicht auf Ertrag Kapitalien anvertraut werden
 konnten.
Ein recht trauriges Kapitel bildet die Schilderung der Fin an -
zen in dieser Periode. Waren sie schon, wie wir sahen, vorher in
höchst ungünstigem Zustande, so verschlechterten sie sich, jetzt ın
steigendem Verhältnis. Der Zusammenbruch des Wirtschaftslebens
wirkte naturgemäß hierauf höchst nachteilig ein. Seit 1785 hatte
man sich der Aufgabe gewidmet, die Steuern gleichmäßiger zu
1) Koenen, De ned. boerenstand, S. 100. Über die starke Butterausfuhr
aus Friesland vgl. Niebuhr , Circularbriefe, S. 231; ferner d’Alphonse,
S. 200.
2?) Vgl. Meyer Wiersma, Bijdrage, namentlich S. 55 £:
3) Koch, Rotterdam in den franschen tijd (Rott. Jaarb. 1924). S. 8.

406
        <pb n="415" />
        =. &amp;amp; —-verteilen
 und eine Reform der Quoten vorzunehmen. Im Jahre
1792 war der neue Verteilungsplan fertig; danach fielen Holland
621/,0, Friesland 9% (bisher 11%), Seeland 3% (bisher 9), der
Generaliteit 4% % zu!). Infolge der politischen Umwälzung kam
diese Reform nicht mehr zur Ausführung; sie hätte angesichts der
jetzt vorhandenen Notlage auch wenig genützt. Hatte man in
früheren Zeiten Besitzsteuern in der Form des 100. Pfennigs usw.
ausgeschrieben, so ergriff man nun weit schärfere Maßnahmen;
vom Besitz jeder Art erhob man in Holland 1788: 4, 1793/94: 2,
1795 und 1796 je 6%; in 17 Jahren (1788—1804) insgesamt vom
Besitz 36%; außerdem von den Einkommen 1797: 8, 17098: 10,
1801: 4, 1802—1804: je 7%, insgesamt 1797—1804: 53 %?). Alles
dieses half schließlich doch wenig; die Quellen des Reichtums versiegten
 und konnten den wachsenden Ansprüchen nicht mehr genügen.
 Die Schuldenlast war inzwischen hoch gestiegen; sie betrug
Ende des Jahrhunderts 1126 Mill. fl., war aber zum größten Teil
erst nach 1795 dem Staat aufgebürdet?). Wir kommen darauf
unten zurück. Die Batavische Republik übernahm’ nun alle Schulden
der einzelnen Provinzen, der Admiralität, der Ostindischen Kompanie
 usw. Das erste Staatsbudget der neuen Republik, das 1799
erschien, brachte an Ausgaben 79 666 937 fl., von denen allein
29 237 196 fl. auf zu zahlende Zinsen und Renten kamen; nach
Abzug der provinziellen Bedürfnisse konnte man auf etwa 33 Mill. fl.
Einnahme rechnen. Bei der in der nächsten Zeit dauernden Vermehrung
 der Staatsschuld, deren Zinsen von 1795 bis 1804 auf
34 Mill. stiegen*), war eine ordentliche Finanzwirtschaft völlig ausgeschlossen.
 Vergeblich drängten nach genauer Prüfung der bestehenden
 Finanzverhältnisse Sachverständige wie Goldber g
und Gogel auf eine gründliche Reform des Steuerwesens als das
einzige Mittel, das Land vor dem völligen Ruin zu retten. ‚Die
Steuern‘, so schrieb Goldberg am ı0. Mai 1799, „Sind ungebührlich
 und tödlich für die nationale Industrie‘‘; nötig sei ein
weises und besseres Steuersystem®). Die Steuern beliefen sich da-;.
 ) Sickenga, Bijdrage, S. ı17f.
*) Metelerkamp,II, S. 86. Über die hohen Steuern Colenbrander
 III, S. 306, 402; IV, 'S. 325 f.
°) Colenbrander, Napoleon en Nederland, S. 121.
* Weeveringh, S.2ıff,
5) Colenbrander, Gedenkstukken, III, S. 505 f.

107
        <pb n="416" />
        Da 3 =—
mals auf 64 Fr. pro Kopf, während in Frankreich nur 15 Fr. auf
den Kopf kamen!). Notwendig war ferner eine Vereinfachung der
Verwaltung und Besteuerung, insbesondere eine gleiche Belastung
der Landprovinzen mit derjenigen Hollands. Dadurch sollten die
bisherigen Mißstände, der Schmuggel, die Korruption beseitigt
und auch Beamte gespart werden?). Das war schon in der
Konstitution von 1798 verheißen worden; unter der Regierung
Schimmelpennincks 1805 hoffte man damit endlich Ernst
machen zu können. Die Ungleichheit der Behandlung der einzelnen
Provinzen war ja höchst auffallend; Groningen, eine reiche Provinz,
hatte 20 000 Seelen mehr als Utrecht und 30 000 mehr als Seeland,
zahlte aber 700 000 fl. jährlich weniger als eine jener Provinzen;
ein Groninger zahlte also 12, ein Utrechter 22, ein Seeländer 25 fl.
Man plante eine neue indirekte Steuer, die 52—53 Millionen fl.
eintragen sollte.
Das neue von Gogel ausgearbeitete System konnte aber
unter den schwierigen politischen Verhältnissen der nächsten Zeit
nur zum kleinen Teil zur Ausführung gelangen?). Handel, Schiffahrt
und Industrie lagen danieder und versagten als Steuerquellen mehr
und mehr; steigende Anforderungen an die öffentlichen Kassen
und Zunahme der Schuld: Alles dieses stand der Durchführung der
Steuerreform im Wege. Und was von ihr ins Leben trat, war nicht
geeignet, die Öffentlichkeit zu beruhigen; eine Erleichterung der
Lasten brachte sie nicht. Im Jahre 1805 sollte man wiederum
von jeder Art Kapital 3% zahlen, was alle Besitzenden und die
Kaufleute schwer bedrückte*). Weder die Regierung des Königs
Ludwig noch das Kaiserreich sind imstande gewesen, diese
Lasten zu vermindern®). Daß es selbst 1813 noch in Amsterdam eine
ganze Reihe von Personen gab mit recht stattlichen Einnahmen,
nämlich 50, deren Einnahmen zwischen 25 und 60 000 fl. schwankten,
darf über den allgemeinen schlechten Vermögensstand nicht
täuschen; die meisten dieser 50 waren Großkaufleute und Bankiers,
F 3 Col enbrander, Napoleon en Nederland, S. 122.
2) Colenbrander, Gedenkstukken, IV, S. 111 ff. 143, 5221.
3) Vel. Blok; Geschiedenis, VII, S ı551., 17708. Sillem, Gogel,
S!117548.
4 Colenbrander, IV, S- 273, 289.
5) Bei der Einverleibung in Frankreich betrug die Steuerlast in Holland
das Dreifache derjenigen in Frankreich (Naber, 5S. 15).

408
        <pb n="417" />
        darunter‘ Braunsbere, Goll;. Borski,. Willink.
Gegenüber dem Wohlstand in der früheren Zeit, der sich über eine
weit größere Zahl von Personen erstreckte und auch im Einzelnen
weit größere Vermögen kannte, war der Stand von 1813 doch recht
bescheiden‘).
Inzwischen war die Staatsschuld maßlos gestiegen.
Als 1795 die Franzosen in das Land einbrachen, wuchsen die Ausgaben;
 sie betrugen in der Provinz Holland 1795: 50 596 837 {l.;
1797: 42 732 358 fl., während in denselben Jahren sich die Einnahmen
 auf 49 918 007 bzw. 40 346 741 fl. beliefen?). In den anderen
Provinzen sah es nicht besser aus; doch waren die Finanzen Hollands
weitaus am schwersten belastet, da in den übrigen Provinzen, außer
Overyssel, die Einnahmen die gewöhnlichen Ausgaben übertrafen,
während Holland 1796 ein Defizit von 4% Mill. fl. hatte). Und für
die gemeinsamen Lasten zahlte Holland damals mehr als Gelderland
 und sechsmal mehr ’als Friesland*%).
Im Jahre 1799 wurden nun die Schulden aller Provinzen
zusammengeworfen und als gemeinsame Schuld behandelt. Wenn
man behauptet hat, daß Holland dadurch bevorzugt wurde, so läßt
sich doch dagegen einwenden, daß die holländischen Schulden zum
Teil aus der Unmöglichkeit für Holland herrührten, aus seinen
ordentlichen Einnahmen seinen Anteil an den allgemeinen Lasten
zu bestreiten und außerdem noch für die rückständig gebliebenen
Provinzen Vorschüsse zu leisten; Holland erhielt daher jetzt nur
dasjenige wieder zurück, was es seit langer Zeit, beinahe seit Beginn
') L. van Nierop, De hondert hoogst aangeslagenen. Die Verf.n meint
allerdings S. ı3, daß diese „höchst taxierten‘“ nicht die 100 reichsten
gewesen seien.
2? Metelerkamp. 1,8. 49, 53 ff.
%) Ebenda, IT, 5. 64.
*) Die Verschuldung erstreckte sich ja auch auf die Städte. Die reiche Stadt
Amsterdam hatte 1770 eine Schuld von 6 540 419 fl., die mit 167 398 fl. zu verzinsen
 war. Das war eine für die Größe und den Reichtum der Stadt erträgliche
Verschuldung. Im Jahre 1794 aber betrug diese ı3 168 039 fl., eine Erhöhung,
die zum größten Teil dem Zusammenbruch der Amsterdamer Wechselbank, die sich
zu tief mit der Ostindischen Kompanie eingelassen hatte, zuzuschreiben war, so daß
die Stadt die Schuld der Bank übernehmen mußte. Die städtische Schuld stieg
1797 auf 19 266 086 fl. und hatte 1813 den Betrag von rund 31 Mill. fl. erreicht.
Rootlieb, Bijdrage tot de kennis van Amsterdams financien, S. 132; ff.)

400
        <pb n="418" />
        410

der Republik, zu viel bezahlt und für die anderen Provinzen verausgabt
 hatte‘).
Mit der Vereinigung aller Schulden und Verpflichtungen war
verbunden die Erklärung aller Schulden zu nationalen. Diese
setzten sich zusammen aus einer großen Menge von Obligationen,
Recepissen und Quittungen der Generaliteit, der einzelnen Provinzen,
der Admiralitäten, endlich der Ostindischen Kompanie, deren Verpflichtungen
 nach ihrer Aufhebung vom Staat übernommen wurden‘).
Allein die Provinz Holland hatte nicht weniger als 24 Typen von
Obligationen, auslosbaren Rentenbriefen, Recepissen, Reskriptionen.
Die Admiralitäten hatten Obligationen ausgestellt zu 2% und 4%,
ebenso die Ostindische Kompanie, die aber auch 25 jährige Rentenbriefe
 zu 6% ausgegeben hatte.
Man bemühte sich nun, diese zu so verschiedenen Zinsfüßen
und auf verschiedenen Rechtsgrundlagen aufgenommenen Kapitalien
auf einen einheitlichen Zinsfuß zu bringen; das gelang aber erst
1814. Vorläufig suchte man ein Budget aufzustellen und zu bilanzieren;
 mit welchem Mißerfolg, sahen wir oben. Die Defizits und
Schulden nahmen in reißendem Maße zu. Im Jahre 1805 betrugen
die Staatsausgaben 95—906 Millionen fl., von denen 30 auf die
Verzinsung der Schuld und die Erhebungskosten kamen; ein jährliches
 Defizit von 62—63 Millionen fl. blieb übrig; die Verzinsung
der Schuld hatte jetzt die Höhe der früheren Gesamtausgaben
erreicht. Allein der Unterhalt der französischen Truppen kostete
1804 die Republik 229 Mill. fl. Als 1806 Ludwig Napo leon
König von Holland wurde, befanden sich in der Kasse des Generaleinnehmers
 200 000 fl.; dagegen bestanden 44 Mill. fl. ungedeckte
Schulden.
Diesem Zustand gegenüber war es nicht erstaunlich, daß der
Kredit der Republik dauernd sank. Die „Batavischen Reskriptionen“,
die 1797 die Generaliteit ausgegeben hatte, waren entweder am 22.
September jeden Jahres nach Auslosung zahlbar oder ‚„,payables
apres la paix‘“‘. Der Kurs der ersteren betrug jeweilig am 10. Januar
1797: 60—61; 1798: 44% —46; 1799: 35—36; 1800: 33—34; 1801:
1) Metelerkamp, 11, S. 65.
2) Weeveringh, S. ı6ff. Die Obligationen der Ostind. Kompanie
waren vielfach auch im fremden Besitz; so besaß der Kurfürst von Hessen für
1, Million fl. Banko solche Obligationen (Berghoeffer, 5. 164).
        <pb n="419" />
        — 411 —
31—32; 1802: 29—30; 1803: 28—29; 1804: 27—281). Die ‚„„payables
apres la paix‘“ standen am 10. Januar 1797 auf 25—26; in Erwartung
 des Friedens stiegen sie und erreichten im Dezember 1802
den Höchstkurs von 71, um dann wieder zu fallen; bei der letzten
Kursnotierung am 29. November 1811 standen sie auf 11% —1I2.
Nicht besser verhielt es sich mit den einzelnen Obligationen usw.,
die noch immer notiert wurden. Die seeländischen Admiralitätsobligationen,
 die 1809 noch auf 34 standen, fielen 1811 auf 8, die
Recepisse der Ostindischen Kompanie in derselben Frist von 38
auf 9?). Im November 1811 wurde der Effekten-Preiskurant unterdrückt,
 so daß jetzt nur noch private Notierungen stattfanden; sie
zeigten den ganzen Tiefstand des Kredits; so wurde im November
1812 die 2%proz. Einschreibung in das ‚„„Grootboek der publieke
Schuld“%) mit 12% notiert, die dreiprozentige mit 14%, die fünfprozentige
 mit 231%).
Unter der Regierung des Königs Ludwig vergrößerte sich
die Staatsschuld um 90 Mill. fl., die jährliche Verzinsung auf 40
Millionen®). Sah man jetzt auch viel klarer in den Finanzabgrund,
der jedem offen vor Augen lag, so ließ doch unter dem Druck der
Verhältnisse sich wesentlich nichts ändern. Im Jahre 1807 wurde
eine Anleihe von 40 Mill. fl. aufgenommen; sie sollte jährlich mit
4 Mill. amortisiert werden und 1825 getilgt sein®). Das Bedürfnis
nach neuen Mitteln, die jetzt nur in Anleihen zu finden waren,
blieb weiter bestehen. Bei der Einverleibung in das Empire betrug
die Kapitalschuld der Republik ı 264 051 561 fl.S). Der :Staatsbankerott
 wurde am 9. Juli 1810 erklärt durch die Bekanntmachung,
daß die Renten der öffentlichen Schuld für das laufende Jahr nur
') Manger, Appendice, III; Colenbrander, Gedenkstukken, III,
S. 211 gibt jeweilig für den 21. Januar folgende Zahlen; 1798: 81%-—80; 1799:
64 %—631%; 1800: 53% —52%; 1801: 46° /,—46; 1802: 45% —44%; 1803: 43% —
42%; 1804: 43%—42%; 1805: 39%—381%; Anfang April 1798: 94%. Nach auswärts
 zahlte die Batavische Republik oder Frankreich oft mit jenen Reskriptionen,
vgl. Baasch , Handelskammer zu Hamburg, I, S. 60oo.
2) Weeveringh,1S. 47df.
*) Dieses war 1809 eingerichtet worden.
'‘Weeveringh, S. 54:
)_Weeveringh, S.30,38.
°) Im Jahre 1810 waren die Zinsen für 1808 und 1809 überhaupt noch nicht
bezahlt (Blok, Geschiedenis, VII, S. 227).
        <pb n="420" />
        zum dritten Teil ihres nominellen Betrages ausgezahlt würden.
Eine Verschmelzung der holländischen mit der französischen Schuld,
die damals angeregt wurde, kam nicht zustande. Während der
Zugehörigkeit zum Kaiserreich vergrößerte sich die Schuld weiter,
nämlich um ı 598 459 Franks, die aus der Liquidation der Fonds.
des 1812 aufgehobenen Deutschen Ordens herrührten. Um Geld
herbeizuschaffen, wurden durch kaıs. Dekret vom 23. September
1810 für 30 Mill. Fr., auf welchen Betrag der Rückstand der holländischen
 Schuld nach der Drittelung berechnet wurde, Domänen-Bonds
 ausgegeben, die zu 4% verzinsbar, auf 500 fl. ausgestellt
waren und als Zahlungsmittel galten!). Bis zum Sturz der napoleonischen
 Regierung in den Niederlanden wurden von dieser Anleihe
 9 Mill. Fr. ausgegeben. Tatsächlich war die Republik ja schon
seit Jahren bankerott; die ausgegebenen Reskriptionen entbehrten
völlig einer soliden Grundlage?). Bereits 1805 wollte Napoleon,
um mit der bisherigen Finanzwirtschaft ein Ende zu machen, den
Bankerott (erklärt wissen; nur auf Schimmelpennincks
Rat stand er davon ab; dieser stellte dem Kaiser vor, daß von den
30 Millionen jährlichen Zinsen, die die Republik zu zahlen hatte,
die Eigentümer, fast ausschließlich Inländer, unter verschiedenen
Formen 16—18 Mill. fl. jährlich an Abgaben zahlten, die wegfallen
würden, wenn man sie durch die Bankerotterklärung ruiniere; die
Republik würde höchstens 4—5 Millionen sparen?). Tatsächlich war
es nur ein Aufschub; die Gläubiger der Republik sind nicht besser
gefahren dadurch, daß der Bankerott erst 5 Jahre später erklärt
wurde.
Vom letzten Jahrzehnt des Jahrhunderts ab wurden naturgemäß
 auch die Anleihen für das Ausland seltener;
sowohl die politische Unsicherheit wie der Rückgang der Kapitalien
war die Ursache. Aber selbst in Zeiten, da es Holland schlecht
genug ging, sein Kredit schon stark gesunken war, im Jahre 1798
verhandelte das Amsterdamer Bankhaus E. Croese &amp;amp; Co. mit
D ı) Weeveringh, S. "44.
2?) Schon 1804 hatte Metelerkamp, II, S. 110, den möglichen Bankerott
erörtert, ihn aber verworfen; man müsse die Last der Zinsen erträglich machen.
Niebuhr schilderte im Februar 1809 den schon sichtbaren Zusammenbruch
(Circularbriefe, S. 309 f.).
3) Colenbrander, Gedenkstukken, IV, 5. 270. Über das Widerstreben
 König Ludwigs gegen den Bankerott vgl. Jorissen, S 241f.

m AI1z
        <pb n="421" />
        — 4.) —
Spanien wegen einer Anleihe von 3 Mill. fl. zu 5°%!). Das war einsichtigen
 Leuten, wie dem Finanzagenten Gogel, sehr schmerzlich.
 Er verurteilte überhaupt die weitgehende Rentenwirtschaft
der Privatleute und bezweifelte, daß durch die Verzinsung solcher
Anleihen der nationale Wohlstand vermehrt werde. ‚Der Himmel“,
so rief er, „behüte jede Gesellschaft von Rentnern vor einem feindlichen
 Einfall®).‘““ Er hatte nicht Unrecht, wenn er klagte, daß
überall holländisches Geld verwandt werde für Dinge, die mit den
Staatsinteressen des Landes nicht vereinbar wären?).
Tatsächlich stand die wirtschaftliche Erschöpfung einer Fortsetzung
 der früheren Anleihewirtschaft im Wege. Schon in einem
französischen Berichte vom April 1799 wird es ausgesprochen, daß
die Zinseinnahme aus im Auslande angelegten Fonds, die früher
50—60 Mill. fl. im Jahre betragen habe, sich auf höchstens 7—8
Mill. fl. vermindert habe*). Wenn die damaligen Machthaber
meinten, aus dem schier unerschöpflichen holländischen Reichtum
noch große Mittel herausholen zu können, so täuschten sie sich. Im
Frühjahr 1800, als die Batavische Republik schon unter unerträglichem
 Steuerdruck und dem Niedergang der Schiffahrt und des
Landes seufzte, entsandte Bonaparte den General Marmont
 nach Amsterdam, um dort 12 Millionen Livres zu entleihen,
sei es gegen batavische Reskriptionen, sei es gegen Verpfändung
der Domänen, sei es gegen Holzschläge. Dieser Versuch mißlang
jedoch; die Amsterdamer Bankiers hielten unter dem Vorwand, daß
die großen Anforderungen des Staates ihnen solche Darlehen verböten,
 ihre Taschen zu®).
Daß ein Land, von dem noch 1791 ein Mann, der es wissen
mußte, der Bankier Ho pe, erklärt hatte, es gäbe nicht mehr als
') Colenbrander, Gedenkstukken, II, S. 780 ff.
2). Ebenda, S. 785. — Niebuhr,a.a. O., S. 300 f., rügt die Sorglosigkeit
der Holländer in der Beteiligung an fremden Anleihen.
°) Eine Anleihe von 763 000 fl. für den König von Sardinien, die das Haus
Renouard &amp;amp; Co. 1794 vermittelte, scheint nicht mehr voll zustande gekommen
zu sein (van Dillen, Bronnen, S. 484, Anm. 2; S: 14809/ff.):
‘) Colenbrander, Gedenkstukken, HI, S. 47 If
5) Colenbrander, WS: 148, 308, 310. Gleichzeitig schrieb der preu-Bische
 Gesandte im Haag: „L’&amp;amp;puisement total, du est ce pays-ci, enforce les regens,
ä continuer de refuser absolument les nouvelles demandes pecuniaires de la France‘
(ebenda, III, S. 305). Noch 1806 schrieb Napoleon an seinen Bruder Ludwig, Holland
 habe das meiste Geld von Europa (Jorissen, S. 15).

1%
        <pb n="422" />
        fünf Achtel, höchstens drei Viertel seiner Einnahmen aus!), imstande
 war, einen weit ausgedehnten Kredit zu geben, ist ja begreiflich;
 schon zu Zeiten Cromwells hatten die Niederlande
Geld zu 4% bekommen, während Cromwell es zu 6 und die
ihm nachfolgende Königliche Regierung nur zu 6—8 % erhielt?).
Dies Verhältnis hat sich auch später nicht wesentlich verändert;
und unsere frühere, auf Vollständigkeit keinen Anspruch erhebende
 Darstellung lehrt, in welchem ungeheueren Umfange
holländisches Kapital ins Ausland zu Anlagezwecken geflossen ist,
auch wenn ein Teil dieser Anleihen mit englischem Gelde bestritten
sein mag. Schließlich war aber doch, wie Gogel richtig bemerkte,
diese Rentenwirtschaft verderblich und am Ende ihrer Leistungsfähigkeit
 oder ihres Leistungswillens. Wenn noch 1802 ein Amsterdamer
 Handlungshaus dem Kaiser die Zinsen seiner Anleihen,
700 000 fl., vorstreckte®), so war das gewiß ein Zeichen des Vertrauens
 in den Schuldner; aber eine nationale Finanzwirtschaft, die
einem unzuverlässigen Schuldner die Zinsen für unsichere und überschuldete
 Kapitalien vorschoß, war es nicht; ebensowenig war es
das, wenn 1807 das Amsterdamer Bankhaus Braunsberg
mit dem König von Sachsen über I 400 000 fl. abschloß gegen
Verpfändung von Juwelen und Perlen*). Daß die noch vorhandenen
Kapitalisten — und ihre Reihe war, wie wir sahen, gar nicht so
gering — im allgemeinen sich jetzt gegen auswärtige Anlagen vorsichtiger
 verhielten, darf man wohl als feststehend annehmen.
Auch wandelte sich bald die Szene dahin, daß nun die Holländer
Schuldner wurden und oft nicht gerade die sichersten. Über einen
Betrag von ı 175 238 fl., den um 1807 die Staaten von Holland
dem Hause Rothschild schuldeten, wahrscheinlich schon von
1788 her, kam es zu keinem Vergleich; die Schuldforderung wurde
später mit den anderen Staatsschulden auf ein Drittel herabgesetzt®).
Eine Anleihe von 3 Mill. fl., die 1809 die Amsterdamer Bankiers
Teyler van Hall und Wils auf Grund der Harzer Bergnn
 ı) Manger, S. 61.
2) Japikse, Verwikkelingen, S. 463. Im „Interest van Holland“ (1662),
S. ı3, wurde es als ein großer Vorteil für das holländische Geschäft hingestellt,
daß man hier Geld zu 3%, ja 3% erhalten könne.
3) Colenbrander, Gedenkstukken, IV, S. ıı.
‘4 L. van Nierop, De 100 hoegst aangeslag. etc., S. 37.
5) Berghoeffer, S. 89, 164; Anm. 165.

A416
        <pb n="423" />
        werke und Salinen mit dem Königreich Westfalen abschlossen,
mißlang völlig, da das Publikum sie nicht abnahm!). Eine preußische
 Anleihe, die 1809 in Amsterdam aufgelegt wurde, fand ebensowenig
 Liebhaber?). Dänemark verhandelte ebenfalls in jener Zeit
in Holland über die Verlängerung seiner noch 8 700 000 fl. betragenden
 Schuld, und die holländischen Gläubiger mußten sich
in das Unvermeidliche fügen?). Noch 1813 wurde versucht, in
Holland für Dänemark eine Anleihe von 8 Mill. Francs zu erreichen,
zu 6%, und unter Verpfändung aller Einnahmen des Staats und
der Kronjuwelen; doch kam die Anleihe nicht mehr zustande*).
Allmählich machten sich auch die Ausfälle in den Renteneingängen
 bemerkbar; Schweden hatte schon 1807 seine Zahlungen
eingestellt, Dänemark zwar die Schulden seiner westindischen
Inseln abgekauft; aber diese Beträge ruhten im Depot in London;
Spanien zahlte gar nicht, Österreich ebensowenig®°). Im Jahre 1810
war England noch mit 10—12 Mill. £ an Holland verschuldet, ohne
daß man hier die Zinsen dafür erhielt®).
Insbesondere Österreich machte den holländischen
Gläubigern viel Kummer. Nach 1794 unterblieben die Amortisationen
 unter dem Vorwande, die holländische Regierung habe
die aufrührerische Bewegung in den österreichischen Niederlanden
unterstützt. Im Jahre 1802 nahm Österreich die Zahlungen wieder
auf, sagte auch Ersatz der rückständigen Zinsen zu. Die Zahlung
erfolgte nun nach den Bedingungen in Holland in holländischer
Valuta und gegen festen Kurs. Ende 1804 bestimmte aber eine
kaiserliche Verordnung, daß die Zahlung fortan in Wien und in
Österreichischer Papierwährung zum Nennwert zu erfolgen habe.
Das bedeutete nichts anderes als den verschleierten Bankerott
und rief zahlreiche Reklamationen hervor. Die österreichische Regierung
 antwortete darauf mit dem Ersuchen um einen Vorschuß
') Kleinschmidt, Gesch. d. Königr. Westfalen, S. 105.
?) Blok, Gesch. v. h. ned. Volk, VII, S. 215. Ueber den Abschluß dieser
Anleihe vgl. Niebuhr, Lebensnachrichten, I, 407; Gerhard u. Norvin,
Die Briefe B. G. Niebuhrs, I, 538, Anm. ı (1926).
3) Rubin, 1807—1814, S. 205f. Außerdem bestand in Holland noch
eine Schuld von ı Mill. fl. für die Dänisch-asiat. Kompanie.
*) Ebenda, S. 308 f.
)Blok, a; a.10.,18S, 95, 248 £.
5) Rubin, S. 3090, Anm. ı.

AI
x.
        <pb n="424" />
        — 4.95 —
von 18—24 Millionen. Der holländische Gesandte in Wien, Dirk
van Hogendorp, verhandelte 1808 dort für die Gläubiger.
Die holländischen Bankiers forderten, bevor an eine neue Anleihe
zu denken sei, Sicherheiten, namentlich die Verpfändung von
Domänen. Der Druck, der auf der österreichischen Regierung in
Voraussicht des neuen Krieges lastete, machte sie gefügig; sie wollte
nun die Domänen, deren Verpfändung sie vorher abgelehnt hatte,
verkaufen; doch fehlte es unter den damaligen Verhältnissen an
Käufern!). In der furchtbaren Finanznot, in der sich Österreich
seit 1810 befand, scheint es eine Anleihe nicht erreicht zu haben;
erwähnt wird eine solche, sie kam aber nicht zustande; man hatte
in Holland gar kein Vertrauen zu der österreichischen Papierwirtschaft?).
 Die Bankerotterklärung 1811 machte allem weiteren ein
Ende. Erst nach dem allgemeinen Frieden, 1817, nahmen auch die
holländischen Gläubiger an der Regelung der österreichischen
Staatsschuld teil.
Wenn Napoleon für Holland eine Steuer auf die Renten
wünschte, so war jedenfalls mit einem sich dauernd vermindernden
Betrage zu rechnen?). Der Mangel an Geld verstärkte naturgemäß
die Unlust, sich an fremden Anleihen zu beteiligen; und es bedurfte
kaum mehr des im Mai 1808 erlassenen Gesetzes, das die Hingabe
holländischer Kapitalien für ausländische Anleihen von der königlichen
 Genehmigung abhängig machte*).
Die politischen Zustände Ende des 18. Jahrhunderts gingen
natürlich auch an der Amsterdamer Börse nicht spurlos
vorüber. Ein Institut, das so abhängig war von dem Gang der großen
Politik, so völlig auf dem Kredit des eigenen Landes basierte, mußte
von den Zeitereignissen in hohem Grade berührt werden. Das
zeigte sich nicht. nur, in: dem Kursstande der einheimischen
Papiere, den wir ja oben schon erwähnten, sondern auch in dem
gesamten Wechselverkehr. Schon Ostern 1780, als der englischfranzösische
 Krieg die See unsicher machte, war der holländische
Kurs für die Russen, die ihren Handel mit Westeuropa meist mit
a 1) Sille m, Dirk van Hogendorp, S. 197 ff.
2) StiYassny, S. 40,137.
3 Jorissen,/S. 13.
2 Sautijn Kluit, Continentaalstelsel, S. 16. Noch 1810 schätzte
d’Alphonse den Betrag der Schuld auswärtiger Staaten an Holland auf
449 477 100 Fres. (S. 426).

Aal
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        = =
Wechseln auf Amsterdam zu decken pflegten, so ungünstig, daß
sie 15—16% dabei verloren, was weder im russischen noch im
holländischen Interesse lag!). Viel schlimmer wurde es, als der
Revolutionskrieg sich den Niederlanden näherte; nun sank der
holländische Kurs stark; und die Wechselgeschäfte, die auf der
Leipziger Messe den Geldumsatz vermittelten und namentlich für
die russischen Käufer in Wechseln auf Amsterdam bestanden,
wurden höchst gefährlich?). Der sinkende Kredit Amsterdams
führte auf der Michaelis-Messe 1794 dazu, daß man, da das Bankgeld
 keinen Kurs mehr hatte, die Wechsel in kurantem Geld ausstellte,
 was aber auch nur mit großer Vorsicht geschah?). Wie sehr
die holländischen Wechsel allmählich in Mißkredit kamen und wie
im Wechselverkehr sich die Verschiebung des wirtschaftlichen
Schwerpunkts vom Westen nach dem Osten ausdrückte, lehrt ein
Blick auf den damaligen Wechselumsatz des bekannten Berliner
Bankhauses Schickler. Dieses hatte von jeher einen lebhaften
 Geldverkehr mit den großen Plätzen Amsterdam, London,
Hamburg. Der Verkehr mit Amsterdam beruhte z. T. auf dessen
großem Zuckerhandel; namentlich mit den Häusern Thomas
&amp;amp; Adrian und Hope &amp;amp; Co. stand Schickler in enger
Beziehung*). Insbesondere zwischen Amsterdam und Hamburg
zeigte sich nun bei Schicklers Geschäften die Verschiebung.
ı).Hasse,' Leipz. Messen, 5: 341,
PP. Hasse, 5.281.
) Hasse, S. 380 f.
*‘) Vgl. Lenz &amp;amp; Unholz, Bankhaus Schickler. Wie im Laufe des
18. Jahrhunderts sich der Verkehr dieses Hauses in holländischen Tratten entwickelte,
 zeigen folgende Zahlen (ebenda, S. 104 f.):
1749: 420000 fl. 1749: 714 000 fl. 1758: 748 000 fl.
1741: 518000 ‚,, 1750: 11377000. ,, 1759: 1046000
1742: "840000 ,, X75I1: 2.176000; ,, 1700: 2670000  ,,
1743: 18764 000 _. 1752: 1 0090.000 ,, 1761: 1189000 ‚,,
1744: 1570.000 1753: ° 3.109.000 ,, 1762: 962 000
1745: 810.000 ® 1754: 1.494000 ‚,, 178 I 441 000 ,
1746: 73800055 1755: 1065000 .,, 17942 I 044 000_,,
174745061 000” ,, 1756: 767.000 ,,
1748: 3533 000, 1757. 10390.000,,
Die höchsten hamburgischen Tratten waren in jener Zeit: 1743: 148 000,
1753: 649 000, 1760: I 166 000, 1762: I 789 000, 1763: I 021 000 Taler.
Baasch Nändische Wirtschaftsgeschichte. 927

17
        <pb n="426" />
        — 418 —
Während der Verkehr in holländischen Wechseln von 2 655 870 fl.
im Jahre 1787 auf 513 000 fl. 1794 sank, stieg in denselben Jahren
der Verkehr Schicklers in hamburgischen Wechseln von
164 288 Talern auf 691 000 Taler; und 1795 hatte das Haus 697 000 fl.
holländische und 1221 000 Taler hamburgische Wechsel!). Auch
weiterhin entwickelte sich dies Verhältnis immer mehr zuungunsten
Amsterdams; nach einer kurzen Erholung 1802 und 1803 nahm
der holländische Wechselverkehr rasch wieder ab; 1806 hatte das
Haus einen Umsatz von 317 000 fl. holländischer und von 2 171 000
Talern hamburgischer Wechsel?). Von nun ab nahm freilich auch das
hamburgische Wechselgeschäft ab, während das holländische sich
mäßig erholte; das Jahr 1811 war das letzte, in dem Hamburg mit
441 083 Talern den Vorrang hatte vor Amsterdam mit 309 045
Talern; dann trat Hamburg völlig zurück, während London vorauskam;
 1814 betrugen die Londoner Wechsel 279 400, die Amsterdamer
 341 135, die Hamburger nur 2561 Taler®). Ganz verloren
ging der Halt der Amsterdamer Börse ja auch in dieser bösen Zeit
nicht. Selbst ein Franzose, Marivaux‚, erkannte es 1802 an,
daß für die Republik der Bestand des Hauses Hope überaus
vorteilhaft sei. Allerdings war Hope beim Ausbruch der Wirren
mit Frankreich, 1794, nach England geflüchtet; er scheint aber von
dort auf die holländischen Finanzverhältnisse wohltätig eingewirkt
zu haben*). Zweifellos werden auch andere holländische Kapitalisten
sich damals nach England in Sicherheit gebracht haben.
Übrigens zeigte die Amsterdamer Börse, daß sie selbst während
 des Tiefstandes der einheimischen Wirtschaft nicht ihren
Lenz &amp;amp; Unholz, S: 189.
2) Ebenda, S. 230.
3) Ebenda, S. 294. Hamburg wurde erst im Juni 1814 von den Franzosen
geräumt.
4) Vgl. Elias, Vroedschap, S. 9341. 1058 4. 1"Colenbrander,
Gedenkstukken, IV, S. ı1. Hope wird schon 1759 von Ferner (S. 367.) erwähnt.
 Über das Haus Hope vgl. Nolte, 50 Jahre, I, S. 38, 71 ff., 104, 161,
292; S. 104: „es gab auf dem festen Lande nirgends so großartige Kapitalisten als
die Herren Hope, die einen Theil ihres mächtigen Capitals in den Kauf solcher
Staatspapiere (span. Wechsel auf Mexiko) hätten anlegen können.‘ Wie
Napoleon das Haus Hope 1809 zur Vermittlung von Friedensverhandlungen
 mit England benutzte, erwähnt Sautijn Kluit, Continentaalstelsel,
S. 108f., 119.
        <pb n="427" />
        Einfluß auf die Geschäftswelt verloren hatte. Die 1810 ausbrechende
 allgemeine Krisis wurde a. u. durch die Zahlungseinstellung
 des großen Amsterdamer Bankhauses Smeth eingeleitet.
 Noch immer hatte Amsterdam im Kreditwesen eine sehr
achtbare Stellung‘).
') Darmstädter, Studien 1904. S.580f., 605 (wo es statt Smith:
Smeth heißen muß).

419
97 *
        <pb n="428" />
        IN. Kapitel.
Stillstand und Wiederaufbau unter dem
Königreich der Niederlande.
Das Jahr 1814 bezeichnetlin erster Linie den Beginn einer
neuen Entwicklungsreihe im politischen Leben der Niederlande:
 die Errichtung der erblichen Monarchie, die sich klug an
die seit 1795 geschaffenen Verhältnisse anschloß, bildete das entscheidende
 Merkmal dieses Abschnittes. Auch wirtschaftlich
 ist aber die Begründung des neuen Königreichs von gewisser
Bedeutung. Wichtig für das Wirtschaftsleben der nördlichen Niederlande
 war zunächst die Vereinigung mit Belgien; sie
schuf ein größeres Wirtschaftsgebiet. Doch hat während der
16jährigen Verbindung niemals sich ein völliger wirtschaftlicher
Ausgleich zwischen beiden, so lange getrennten und sich durch
ihre soziale und kulturelle Struktur scharf unterscheidenden Ländern
vollzogen. Den größten Gewinn zogen aus der Vereinigung die
südlichen Niederlande, deren Industrie weiter vorgeschritten war
und die nun an dem Genuß der Vorteile, die der holländische Kolonialbesitz
 darbot, teilnehmen konnten. Andere für das Wirtschaftsleben
 der nördlichen Niederlande bedeutsame Neuerungen waren
die jetzt eintretende straffere Zentralisation der Verwaltung,
 die von nun ab Sich in den Ministerien und den
Generalstaaten konzentrierte und endlich den €Einheitsstaat zur
Verwirklichung brachte; die Vorteile dieser Zentralisation sind sowohl
 dem Handel, wie dem Verkehrswesen als auch der Landwirtschaft
 zugute gekommen; ferner die Zentralisierung der
Finanzen, die zwar schon seit Ende des 18. Jahrhunderts
geplant und vorbereitet war, jetzt aber endgültig durchgeführt wurde;
endlich die. Übernahme der Kolonien durch den
Staat. Überschätzen darf man freilich die Wirkungen aller
        <pb n="429" />
        — 4All —
dieser Neuerungen auf das Wirtschaftsleben nicht. Bei dem Individualismus
 der Holländer und der großen Schwerfälligkeit des
Verwaltungsapparates machten sich überall noch die zentrifugalen
Kräfte bemerkbar; und in den freien Erwerbszweigen, wie sie der
Handel und die Schiffahrt waren, ist der Einfluß der staatlichen
Neuordnung zunächst ziemlich gering gewesen; er wäre noch geringer
 gewesen, wenn man nicht schon bald in dem Staat eine
Stütze für wirtschaftliche Notlagen erblickt und gefunden hätte.
Erst als 1848 an Stelle der noch ziemlich oligarchisch gehaltenen,
 dem Monarchen eine große Machtvollkommenheit einräumenden
 Verfassung von 1814!) eine Konstitution trat, die dem
Volke eine weit umfassendere Mitwirkung im Parlament sicherte,
spürte man bald im Wirtschaftsleben die wohltätigen Folgen einer
gemäßigt liberalen Regierungskunst und die Befreiung von den
früher sich geltend machenden unverantwortlichen Einflüssen und
Eingriffen. Insbesondere im Finanz- und im Verkehrswesen, aber
auch in der Handelspolitik werden wir diesen sichtbaren Umschwung
 erkennen.
Je weniger die Niederlande jetzt in der Lage waren, eine
Machtpolitik wie einst im 17. Jahrhundert zu verfolgen, um so
mehr tritt der wirtschaftliche Charakter ihrer Außenpolitik zutage.
Und wenn den Niederlanden auch nicht mehr, wie in jenen älteren
Zeiten, das Zeugnis einer besonders erfolgreichen und geschickten
Handelsvertragspolitik erteilt werden kann?) — dazu fehlte es u. a.
an der machtpolitischen Unterlage —, so hat doch das Land es
verstanden, sich durch seine Handelsverträge eine sichere Basis
für den Außenhandel zu schaffen.
In den natürlichen Verhältnissen des Landes veränderte sich
im 19. Jahrhundert wenig. Die Ausbeute der Kohlen in Limburg,
an die man seit den 1870er Jahren ging, und die Verwertung der
vorhandenen Eisenerze haben den wirtschaftlichen Charakter des
Landes kaum gewandelt?). Was sonst erfolgte, um dem Lande eine
*) Vgl. Blok, Geschiedenis, v. h. ned. Volk, VII; S. 324 Gosses
und Japikse, S.484f: vi Treitschke,. S. 542.
*) Vgl. das anerkennende Urteil Davenants in Works, 1; 449.
3) Vgl. Blink, Nederland; HI, S. 465 ff.; im Jahre 1913 waren 7 Kohlengruben
 vorhanden, die insgesamt ı 873 079 Tonnen Steinkohlen im Wert von etwa
14% Mill. fl. förderten (Jaarcijfers, 1913, S. 179). Über den neuesten Stand des
holl. Kohlenbergbaues vgl. Jahn, S..ı65 {If

De
        <pb n="430" />
        größere Geltung in der Weltwirtschaft zu schaffen, geschah durch
künstliche Mittel, durch Verbesserung der Verkehrsverhältnisse,
der landwirtschaftlichen Produktion usw. Die Bevölkerung wermehrte
 sich in einem Verhältnis, das im Vergleich mit anderen
Ländern nicht außergewöhnlich war, und wuchs von 2613487 im
Jahre 1830 auf 5 858 175 im Jahre 1909. Durchschnittlich betrug
auf 1000 Einwohner die Bevölkerungszunahme 1800—10910: 09,2?).
$ 1. Handel und Handelspolitik,
Der Übergang zum Freihandel.
Zu den schwersten Aufgaben, vor die sich eine niederländische
Regierung jemals gestellt sah, gehörte der Wiederaufbau
nach der französischen Zeit; er setzte im Herbst 1813 ein. Die
Schwierigkeit stieg noch, als die Vereinigung der vormals
 österreichischen Niederlande mit den
nördlichen erfolgte und damit ein Wirtschaftskörper geschaffen
wurde, dessen Schwergewicht allerdings bedeutend stärker war,
als dasjenige der beiden getrennten Einzelländer, der aber andererseits
 durch seine inneren Gegensätze von vornherein zu Kompromissen
 herausforderte. Diese Gegensätze bestanden hauptsächlich
in dem Übergewicht der Industrie in Belgien, dem von Handel,
Schiffahrt und Landwirtschaft in den Niederlanden. In den
zT6 Jahren, in denen dasungetellte Königreich
bestanden hat, sind diese Gegensätze nie ausgeglichen
 worden; sie spiegelten sich ab in den Schwankungen
 der Wirtschaftspolitik des Gesamtstaates. Besser wäre es
vielleicht gewesen, man hätte nicht eine einheitliche handelspolitische
 Gesetzgebung für die Gesamtmonarchie geschaffen, sondern
 Unterschiede in den Tarifen vorgenommen, die den so wenig
übereinstimmenden Interessen der seit langem getrennten Landesteile
 Rechnung getragen und die Seegebiete zunächst einmal konkurrenzfähig
 gegen die deutschen Nordseestädte gemacht hätten‘).
ı) Haepke,a.a. O., S. 688 f.; die Niederlande standen in dieser Hinsicht
zwischen dem Deutschen Reiche mit 8,9 und Dänemark mit 10,0.
2) Colenbrander ,‚, Gedenkstukken, IX, S. 470 f. (Bericht vom 23. Januar
 1820).

422
        <pb n="431" />
        — U FE
Zunächst zeigte sich, als die nördlichen Niederlande noch über
sich allein verfügten, ein überwiegendes Interesse für den Handel.
Die Bedürfnisse der Städte wurden wieder, wie in früheren Zeiten,
mehr betont und denen des Landes gleichgestellt. Bei der Beratung
der neuen Verfassung (Grondwet) meinte der Präsident Graf Ho -
gendorp: „Unsere Unabhängigkeit, die ohne gute Finanzen
nicht bestehen kann, beruht auf der Blüte der Städte. Wie der
Adel die Grundlage des kriegerischen Geistes ist, so sind die Städte
die Grundlage des nationalen Reichtums!)‘‘; und Cornelius
van Stolk schrieb gleichzeitig: „Der kümmerliche Zustand der
Einwohner der holländischen Städte und unter ihnen der eingesessene
 Fabrikant und Händler verlangt eine besondere Fürsorge‘; man
müsse verhüten, daß der letzte Funke der Industrie bei dem eingesessenen,
 an Land und Stadt Steuer zahlenden Mann ausgelöscht
werde?). Danach verfuhr man; und die Verordnung vom
31. Juli 1725 wurde in ihrer ursprünglichen Form schon am
7. Dezember 1813 wiederhergestellt, unter Aufrechterhaltung
 der die Industrie betreffenden Bestimmungen?).
Die ostindischen, westindischen und afrikanischen Waren wurden
diesem Tarif später beigefügt. Die ganze Handelsgesetzgebung
der ersten Periode, die auf das dann vergrößerte Königreich übertragen
 wurde, machte einen liberalen Eindruck; Ein- und Ausfuhrabgaben
 wurden erleichtert, das Veilgeld (Schutzgeld), das 2°/, für eingehende,
 1°/, für ausgehende Güter betrug, wurde im Dezember 1814
aufgehoben, die Durchfuhrabgaben wurden auf die Hälfte des 1725
festgesetzten Satzes vermindert. Nur die Fahrt nach China blieb noch
Monopol; sonst galt das ganze Privilegiensystem der Republik, das
ja schon 1798 aufgehoben war, als beseitigt). Auf der anderen
') Colenbrander, Ontstaan der Grondwet, I, S. 242.
?) Colenbrander, Ontstaan der Grondwet, I, S. 501.
Yan den Brink, S.28ff.
*‘) Wenn Verviers, S. 2978, es als eine Legende bezeichnet, daß 1813 bis
1816 eine kurze Periode freisinniger Handelspolitik bestanden habe, so kann ich
ihm darin nicht ganz beistimmen; freihändlerisch war der Tarif von 1725 gewiß
nicht; aber zusammen mit den oben erwähnten Erleichterungen und im Verhältnis
zu der seit Ende des 18. Jahrhunderts eingeschlagenen Richtung war der Geist,
der die Handelsgesetzgebung nach 1813 beseelte, doch recht liberal: das tritt auch
scharf hervor, wenn man die spätere Entwicklung betrachtet. Über die günstige
Wirkung des Versprechens, die Einfuhrabgaben herabzusetzen, auf die Börse im
November 1814 vgl. Colenbrander, Gedenkstukken, VII, S. 288.

&amp;amp;23
        <pb n="432" />
        Seite sah man viel genauer auf die Beobachtung der gesetzlichen
Bestimmungen; mit dem alten System der Durchstechereien wurde
gründlich aufgeräumt. Eine schärfere Grenzkontrolle wurde durch
die Zentralisation der Verwaltung ermöglicht. Trotz aller Erleichterungen
 war der Handelsstand nicht recht zufrieden; er klagte
über zu hohe Nebenabgaben, den Mangel an Freiheit beim Durchfuhrhandel;
 Hamburg schien auch jetzt wieder ein Vorbild liberaler
Handelsgesetzgebung darzubieten!). Und während man auf der
einen Seite über die gegen früher sehr rücksichtslose Beitreibung
der Convoyen und Lizenten bitter klagte?) und meinte, der französische
 „‚Douanegeist‘‘ habe sich in die Handhabung des Plakats
von 1725 eingeschlichen, brachten andererseits die Handelsabgaben
doch keineswegs einen befriedigenden Ertrag, der den hohen Bedürfnissen
 des jungen Staats genügte.
Bereits ın diesem ersten Entwicklungsstadium
 drangen die belgischen Industriellen
 auf ein protektionistisches System“). Sie
waren verwöhnt durch die Blüte; die ihrem Lande während der
Zugehörigkeit zu Frankreich in den Schoß gefallen war*). Die
meisten übrigen europäischen Staaten gaben ja in dieser Hinsicht
das Beispiel. Auch im Norden war die Stimmung keineswegs einheitlich
 für den Freihandel, wie der Süden nicht unterschiedslos
für den Zollschutz eintrat. Der schon 1816 erlasseneneue
Tarif zeigte aber eine stark proiektionist!-sche
 Färbung, indem er die Einfuhr von Rohstoffen begünstigte,
 ihre Ausfuhr erschwerte und diejenige der Fabrikate erleichterte;
 u. a. wurde die Ausfuhr von Eisenerzen verboten®). Von
einer freien Durchfuhr, wie sie von Antwerpen und Rotterdam erstrebt
 wurde, sah man ab; sie wurde im allgemeinen mit 3 % belastet.
 Die Kontrollmaßregeln erfuhren eine weitere Verschärfung ; die
hohen Zölle reizten zum Schmuggel. Neu war das Entrepotsystem,
1) Wesentlich die Rücksicht auf die niederländische Zollpolitik bestimmte
Hamburg zum Festhalten an seiner freien Durchfuhr (Baasch, Hamb. Handel
u. Verkehr, S. 11).
2) Colenbrander, Gedenkstukken, VII, S. 817 ff.
8) Vgl. Terlinden, Ss. 9£
#) Vgl. Waentig,. Sılm3gi — Groeneveld Meyer MS: 320
5) van den Brink, S.42. Über den Tarif von 1816 auch Gothein,
Rheinschiffahrt, S. 92; ferner Groeneveld Meyer, S. 43 ff.

4124.
        <pb n="433" />
        £ zz
das den Kaufleuten in den Seestädten zunächst sehr unbequem
war, da es die Veränderung in der Verpackung und die Vermischung
gewisser Warensorten verhinderte, so daß auch da, wo es sich um
Durchfuhr handelte, doch Ein- und Ausfuhrabgaben gezahlt werden
mußten: Einen Kortschritt bedeutete aber der
Wegfall dernoch immer zwischen Süden und
Norden bestehenden Zollschranken. Befriedigen
konnte dieser Tarif aber eigentlich niemanden. Wie ein deutscher
Schriftsteller!) schrieb, sanktionierte er die Verknüpfung des Verbotsystems
 mit dem alten Freihandelsprinzip. Es war ein Kompromiß
zwischen den altfreihändlerischen Ideen Hogendorps,
 dessen Anschauungen ganz in dem System von Adam
Smith wurzelten, und den neumerkantilistischen
des Köntgs;/Wilhelms;21.2),
Jetzt erhob sich auch ernstlich in Holland die Sorge um
die Antwerpener Konkurrenz. Hatte die Befreiung
der Schelde 20 Jahre vorher unter den damals herrschenden Verhältnissen
 nicht die Wirkung haben können, die man von ihr befürchtet
 hatte, so lag die Sache nun, wo Holland und Belgien vereinigt
waren und der gesamte Verkehr wieder in normale Bahnen lenkte,
ganz anders, Sogleich als die Vereinigung in Aussicht stand, wurde
in Amsterdam und Rotterdam die Sorge vor der Antwerpener Konkurrenz
 laut®). Allerdings glaubte man nicht, daß das seit langem
tief gesunkene Antwerpen sich so leicht werde mit Amsterdam
messen können*). Für Rotterdam war freilich Antwerpen weniger
gefährlich als für Amsterdam, da es seit langer Zeit einen regen
Verkehr mit England pflegte®). Eine gute Folge hatte alsbald die
Vereinigung mit Belgien; das neue Grundgesetz bestimmte im
Art. 157 die freie Ein- und Durchfuhr durch alle Provinzen®); da-I
 4) Osiander ‚Beleuchtung, S. 175%,
?) Vgl. Sneller, KEcon. denkbeelden, S. 8, er nennt Wilhelm
einen ‚,verspäteten Merkantilisten‘‘; vgl. auch über den König Blok, Geschiedenis,
 VII, S. 350 tf.; ferner Groeneveld Meyer, S.384. A. R. Falck
hielt den Tarif von 1816 für die unter den damaligen Verhältnissen beste Lösung
(Gedenkschriften, S. 231 f.). Über die wirtschaftspolit. Ansichten Hogendorps
vel. Groeneveld Meyer, S. 838 {f
°) Colenbrander, Gedenkstukken, VII, S. 287%,
*) Colenbrander, aa. O0. VII, S. 306.
$) Colenbrander, VII, S. 228.
3_ Colenbrander, Ontstaan der Grondwet, I, S. 268; II, S. 641.

26
        <pb n="434" />
        —. 1 —
mit war der freie Verkehr mit Belgien gesichert, und Antwerpen
konnte nicht durch einseitige Tarıfmaßregeln vor den nordholländischen
 Plätzen bevorzugt werden. Der König beförderte ohnedies
die Blüte Antwerpens durch das Geschenk der von Napoleon dort
errichteten Docks?!), während holländisches Kapital sich eifrig an
dem Wiederaufbau des Antwerpener Wirtschaftslebens beteiligte?).
Die natürlichen Vorzüge Antwerpens haben auch weiterhin während
des Bestehens der staatsrechtlichen Vereinigung beider Länder
nicht etwa die Wirkung gehabt, daß die nördlichen Provinzen sich
nun zu besonderen wirtschaftlichen Anstrengungen aufrafften;
im Gegenteil, sie haben eher entmutigend gewirkt. Zwar nicht
gleichgültig, aber doch mit einer gewissen Resignation sah der Norden,
wie der Süden die großen wirtschaftlichen Vorteile, die ihm jene
Verbindung zuführte, ausnutzte und den Norden aus einer Vormachtstellung
 nach der anderen, die er bisher im Handel eingenommen
hatte, verdrängte, so im Handel mit Häuten, Zucker und Kaffee®).
Hatte man aber schon 40 Jahre vorher im Norden eine liberalere
Handelspolitik als die Folge der Befreiung der Schelde vorausgesagt
 — allerdings ohne an eine staatsrechtliche Vereinigung beider
Länder zu denken —*), so erwies sich diese Prophezeihung, wie
wir sehen werden, .als irrig.
Zu der bestehenden und steigenden Unzufriedenheit der Handelskreise
 trugen dann auch die auswärtigen Handelsbeziehungen
ihr gut Teil bei. Zuerst erregte starke Mißstimmung die wachsende
Überschwemmung des Landes mit englischen
Waren; Baumwollwaren, Garne, Stahlwaren, Zucker usw.
bildeten den Hauptbestandteil dieser Einfuhr. Mit der Sättigung
des vorher von allen Vorräten entblößten Marktes nahm auch diese
Einfuhr ab. Andererseits machte sich in England eine starke, von
der irischen Landwirtschaft genährte Bewegung gegen die Einfuhr
l) van den Brink, iS: /0.
2) Waentig, S. 5141
3) Colenbrander, Gedenkstukken, IX, S. 911 ff. Die Schiffsankünfte
in Antwerpen gingen allerdings in den ersten Jahren zurück; nachdem 1815 rund
3000 Schiffe dort angekommen waren, fiel diese Zahl 1817 auf 999 und 1818 auf
585 Schiffe (Terlinden, S. 10); 1829 aber waren es wieder 971 Schiffe (ebenda,
S. 37). Über die Entwicklung Antwerpens in jener Zeit vgl. auch Wa entig,
S. 1541.
3 Colenbrander,Patriottentijd, I, S. 97, Anm. 2.

y2E
        <pb n="435" />
        4A —
von Butter und Käse aus Holland bemerkbar!); die Erhöhung
des englischen Zolls auf diese Artikel schuf viel böses Blut in Holland;
doch konnte sich die niederländische Regierung nicht zu der von
den Interessenten geforderten Aufhebung des Ausfuhrzolles auf
jene Waren entschließen?). Auch die Einfuhr von Getreide, namentlich
 Hafer, hinderte England durch erhöhte Zölle. Ferner war es letzterem
 gelungen, die Gleichstellung des englischen Salzes mit dem
südeuropäischen im niederländischen Tarif durchzusetzen, obwohl
die holländischen Reeder darin eine schwere Benachteiligung
sahen, da sie als Rückfracht für die nach Spanien und Portugal
gehenden Schiffe des dortigen Salzes dringend bedurften. Die
niederländische Regierung gab aber in diesem Punkte der englischen
nach, wohl zum Teil aus politischen Gründen und weil sie England
Dank zu schulden glaubte für seine Bemühungen um die Wiederherstellung
 der oranischen Dynastie). Wenn man aber hoffte, mit
solchen Zugeständnissen die englische Handelspolitik günstig beeinflussen
 zu können, so war das ein großer Irrtum. Zu der von
England geforderten Gleichstellung der englischen Schiffe mit den
niederländischen entschlossen sich die Niederlande erst, nachdem
1822 England eine solche Gleichstellung angeordnet hatte; doch
bewilligten die Niederlande nicht die gänzliche Befreiung von allen
Lasten, da sonst die englischen Schiffe günstiger gestellt worden
wären als die niederländischen‘).
Wenig Gutes verhieß der Handelsverkehr mit
Frankreich; er stand durchaus unter dem Zeichen des dort
herrschenden Hochschutzzollsystems; für wichtige Artikel, wie
Genever und Glas, wirkte dieses völlig ausschließend®). Der
Verkehr mit Deutschland litt zunächst noch unter
den wenig erfreulichen Verhältnissen der Rheinschiffahrt®). Wenn
auch der Wiener Kongreß die Aufhebung der Rheinzölle angeordnet
') Posthumus, Documenten, I, S. 28 ff. Über die englische Konkurrenz
 auch Sneller, Toestand, S. ı59 f.
2) Posthumus!1, S. 36, XVI.
®*) Ebenda; S. 14 ff. 18:
‘) Ebenda, S. 541.
) van'den Brink, 4S:53f.
°) Die 1804 abgeschlossene Rheinschiffahrts-Oktroi-Konvention (vgl. oben
S. 391) war für die niederländische Strecke schon 1813 wieder aufgehoben worden
(Eckert, S.57). Vgl.im allgemeinen Eckert, S. ogoff., Gothein, S.098ff.

25
        <pb n="436" />
        hatte, so war es doch gerade die niederländische Regierung, die
diesem Grundsatz zuwider jahrelang hartnäckig auf dem Standpunkt
 beharrte, daß sie durch jene durch internationale Abmachung
sanktionierte Maßregel nicht gehindert werden könne, Ein- und
Durchfuhrabgaben an der Mündung des Rheins zu erheben. Trotz
aller Verhandlungen ließ sie sich von dieser Haltung nicht abbringen.
Die Folge war, daß für die Niederlande der Landtransport im
Verkehr mit Deutschland billiger war als der Wasserverkehr; die
weitere Folge, daß Antwerpen, wie man in Amsterdam schon
im Herbst 1814 klagte, den ganzen Rheinverkehr an sich zog, da
es durch seine günstigere Lage billigere Flußfrachten gewähren
konnte und Amsterdam an sich schon durch seine mangelhafte
Rheinverbindung benachteiligt war!). Der Amsterdamer Rheinverkehr
 ging für große Schiffe über Pampus und Muiden, für kleinere
über Weesp und Muiden längs der Vecht nach Utrecht und Wijkbij-Duurstede,
 dann, bei günstigem Wasserstand, nach Arnhem, in der
Regel mit Hilfe von Pferdezugkraft; bei niedrigem Wasser, und das
war sehr häufig der Fall, von Wijk über Dordrecht und Nymwegen?®).
Im Jahre 1815 zahlte man für die Last von Dordrecht nach Nymwegen
und von hier nach Köln an Fracht 5 fl. bzw. 20 fl. 18 Stüver, während
1786 insgesamt nur 19 fl. bezahlt worden waren. Abwärts betrug
die Fracht Köln — Nymwegen 17 fl. 12 Stüver 8 Penn. und Nymwegen
 — Dordrecht 4 fl. gegen insgesamt 15 fl. im Jahre 1786.
Frachtgeld plus Zoll- und Ungelder betrugen 1815 per Last aufwärts
60, abwärts 38 fl. gegen 48 bzw. 32 fl. im Jahre 1786. Es war kein
Wunder, wenn Hamburg und Bremen über Antwerpen den Nordseeverkehr
 mehr und mehr an sich zogen. Die Benutzung des holländischen
 Rheins blieb auch nach dem holländischen Tarif von 1822,
der einige Ermäßigung gegen 1816 eintreten ließ, immer noch dreizehnmal
 teurer als die einer gleichlangen Strecke des Mittel- und
Oberlaufs des Stromes?). Das hartnäckige Beharren Hollands auf
den Rheindurchfuhrabgaben ist diesem Lande doch schließlich teuer
zu stehen gekommen; es hat mit dazu beigetragen, sein Wirtschaftsleben
 in dem Zustande der Versumpfung zu halten, dem es bis in die
Mitte des Jahrhunderts anheimfiel.
I) vanı den Brink, /S: 55.
2) Ebenda, S: 54, 56.
3 Eckert, S.ı110, Gothein SS. 122.

428
        <pb n="437" />
        — 429 —
Die alten Börtfahrten nahmen zunächst ihren Betrieb
wieder auf, so die Duisburger und Kölner. Arnhem trat in diesem
Verkehr mehr und mehr zurück, da infolge des Aufkommens von
Antwerpen nun Dordrecht für den Flußbetrieb größere Bedeutung
gewann*!). Vom Jahre 1824 an begann die regelmäßige Dampfschiffahrt,
 zuerst von Rotterdam eingerichtet, später auch von
deutschen Gesellschaften aufgenommen und fortgeführt?). Langsam
 verschwanden seitdem die alten Börtfahrten.
Wenn die Niederlande es lange Jahre nicht verstanden hatten,
das ihnen zuteil gewordene vortreffliche Verkehrsmittel des Rheins
wirtschaftlich auszunutzen, da sie sich durch fiskalische Gesichtspunkte
 leiten ließen, so hatten sie auch auf anderen wirtschaftlichen
Gebieten in jenen Zeiten wenig Glück. Der Verkehrmitdem
Mittelländischen Meere litt unter dem Unfug der Barbaresken;
 man richtete sogar wieder Konvoien nach dorthin ein;
viel nützten sie nicht. Auch ein zu demselben Zweck zwischen den
Niederlanden und Spanien geschlossener Vertrag vom 10. August
1816°) half wenig. In Spanien wurde der Handel durch viele
überflüssige Förmlichkeiten beeinträchtigt. Mit den Vereinigten
 Staaten entwickelte sich der Verkehr langsam, namentlich
Tabak und Baumwolle waren die von dort bezogenen Einfuhrartikel.

Beidem Zolltarif von ı816 blieb man nicht
lange stehen. Die protektionistische Strömung trieb zu
weiteren Schutzmaßregeln. Obwohl der alte erfahrene Graf G. K.
Hogendorp vor diesem Wege warnte, den Handel als durchaus
 nicht schutzbedürftig hinstellte, dagegen die vielen Belastungen
wichtiger Lebensmittel rügte*), wurde schon in dem Tarif von
1819 die Industrie, namentlich die Textil- und Eisenindustrie®)
mit stärkerem Schutz versehen, aber auch für Kaffee und Zucker
) Averdunk,.S: 153 £f.
? Eckert, S. 198 ff.; schon 1816 war ein Dampfer von Rotterdam nach
Köln gefahren.
3) Vgl. Lagemans; I, Ss. 188.
‘)Hogendorp, VI,S. 75.
°) Über die belgische Eisenindustrie und ihren Kampf mit der englischen
vgl.de B oer, Twee memorien van G. N. Roentgen, S. ı ff. Über die Verhandlungen,
 die zu dem Tarif von 1819 führten, vgl. Groeneveld Me yer,
S. 114 1f.
        <pb n="438" />
        wurden höhere Zölle eingeführt. Das Tarifgesetz von 1821
war gemäßigt; es führte Prämien für solche Industrien, die der Tarif
angeblich nicht genügend schützte, ein. Selbst ein Freihändler
wie Hogendorp lobte diese Maßregel!). Doch zog aus ihr im
wesentlichen die belgische Industrie Nutzen, und den verlorenen
Handel konnte auch dieser Tarif nicht zurückführen?). Schon
mit dem Gesetz vom 26. August 1822 nahm man wieder
eine Schwenkung in der Richtung zum Protektionismus/
 und Fiskalismus vor; zum ersten
Male wurde nun auch das Retorsionsprinzip anerkannt. Ganz
schlimm war dann aber der Tarif vom 24. März 1826, der
die Durchfuhr in sehr tendenziöser Weise hoch belastete; während
er einerseits den Handel mit Kolonialwaren erleichterte, hemmte
er die Durchfuhr der aus Preußen und dem Osten kommenden
Waren?) ; er wurde denn auch in den nördlichen Provinzen scharf
bekämpft und hat wesentlich dazu beigetragen, die Verhandlungen
der Niederlande mit Preußen über einen Handelsvertrag zu erschweren“).

Das rücksichtslose Verfahren Frankreichs, dessen
Tarif von 1822 u. a. die Ausfuhr von Schlachtvieh dorthin völlig
unterband und das 1823 mit weiteren Belastungen wichtiger niederländischer
 Erzeugnisse, wie Wollwaren und Leinen, vorging®),
nötigte nun zu Gegenmaßregeln. Es wiederholte sich der Vorgang
aus dem 17. Jahrhundert, da die französische Handelspolitik den
Niederlanden die Abwehr aufzwang. Im Jahre 1823 wurden gewisse
 französische Artikel, wie Porzellan, feines Steingut, Kleider
usw., mit 20% Einfuhrzoll belegt, die Einfuhr anderer Waren, wie
Glas, Tuche usw., ganz verboten®). Selbst Hogendorp hatte
hiergegen nichts einzuwenden’). Während man mit Frankreich
1 Hogendorp, VI, S. 166.
2?) Osiander, Beleuchtung, S. 177
3 Brinkmann, Preuß. Handelspolitik, S. 192.
4) Posthumus, Documenten, III, S. 171; Osiander, S. 1178 MM,
5) Smit,/S. 51.
s) Verviers,S. 2851. Smit, 5. 74.1 Schon seit 1816) waren in
industriellen . Kreisen scharfe Maßregeln gegen Frankreich gefordert worden
(Groeneveld Meyer, S.ıır, 121 ff).
7) Hogendorp, IX, S. ızı ff.; vgl. auch Falck, Gedenkschriften,
S. 257, 428 di.

436
        <pb n="439" />
        nun auf dem Wege des Zollkrieges ein erträgliches handelspolitisches
Verhältnis zu erzwingen hoffte, zunächst aber nur eine Verminderung
 des beiderseitigen Warenverkehrs erreichte‘), gab man noch
immer nicht die Hoffnung auf, mit England im Vertragswege
 zu einem befriedigenden Verhältnis zu gelangen. Doch erwies
 sich dies als überaus schwierig. Seit Anfang 1823 erhob-man
in Holland eine Auflage von 10% auf die Ladungen in nichtholländischen
 Schiffen. Die Aufhebung dieser Auflage, soweit sie britische
Schiffe traf, wurde zunächst von England gefordert?). Weitere
Schwierigkeiten machte die Frage des Ausgleichs der beiderseitigen
Zölle auf Fabrikwaren und Lebensmittel. Diese beiden Punkte
standen der hier wie dort verlangten Reziprozität im Wege. Auch
wünschte Holland im Interesse seiner Reederei die besondere Abgabe
 bei der Salzeinfuhr durch fremde Schiffe beizubehalten?).
Diesen Forderungen gegenüber verhielt sich England sehr hartnäckig;
 dem Einwand, daß auch dieses die Einfuhr aus überseeischen
Ländern seinen eigenen Schiffen vorbehalte, begegnete die englische
 Regierung mit dem Hinweis, daß es sich hier um Einfuhr aus
europäischen Ländern handle und bei dieser die englische Gesetzgebung
 fremde Schiffe nicht ausschließe. Viel schwieriger war es,
eine Einigung über die gegenseitige Behandlung der Boden- und
Gewerbserzeugnisse zu erzielen. In den Niederlanden warnten die
Interessentenkreise, nicht von dem System des Schutzes der einheimischen
 Gewerbe abzugehen. Für eine Reihe von Artikeln,
wie Zichorien, Hopfen, Krapp, Butter, Käse, Flachs, Hanf, Genever,
Tabak, Kaffee, Tee wünschte Holland eine besondere Begünstigung
zu erlangen?) ; doch hielt man es für aussichtslos, diese in solchem
Umfange zu erreichen®). Auch die Fahrt nach den beiderseitigen
Kolonien kam als Verhandlungsgegenstand in Betracht. Noch
bildete der Handel der Niederlande mit Surina m und die ausschließliche
 Fahrt dorthin einen wichtigen, blühenden Zweig des
Handels und der Schiffahrt Amsterdams ; gab man diesen Vorzug
auf und öffnete man den Engländern diesen Verkehr, so mußte
4 Smit, Sıil19,
?) Posthumus, Documenten, I, S. 128 ff.
3) Ebenda, S. 138 ff:
*$) Posthumus, Documenten, I, S. 195 f.
5) Ebenda, S. 241.

431
        <pb n="440" />
        — 452 —
das Amsterdam schwer schädigen, zumal die Engländer sich seit
der Napoleonischen Zeit in Surinam ziemlich festgesetzt hatten*).
Ferner eröffneten gerade damals die veränderten Verhältnisse Südamerikas
 dem niederländischen Handel Möglichkeiten, denen gegenüber
 die Aussicht, in freien Verkehr mit Britisch-Westindien zu
treten, wenig ins Gewicht fiel. Öffnete man aber auch Niederländisch-Ostindien
 dem englischen Handel, so schien das dafür
gebotene Äquivalent, der Handel mit Vorderindien, nicht gleichwertig
 zu sein. Man empfand in den Niederlanden schon den Verlust
 der Salzfahrt vom Mittelländischen Meer sehr schmerzlich,
nachdem man das englische Salz zugelassen hatte?). Gegenüber
dem englischen Schiffahrtssystem, das die Einfuhr amerikanischer
Erzeugnisse aus Holland nach England verbot, schien die holländische
 Handelspolitik immer noch liberal. Die Rotterdamer Handelskammer
 erhob deshalb entschieden ihre Stimme gegen Nachgiebigkeit;
 sie forderte die freie Beförderung aller Waren aus dem Mittelländischen
 Meer, der Levante und Ostsee nach England; so lange
man hier den holländischen Schiffen nicht volle Gleichheit biete,
dürfe man den englischen Schiffen nicht weitere Vorteile gewähren.
Dringend gewarnt wurde vor einer Gleichstellung der beiderseitigen
Schiffe im Verkehr mit Ostindien. Auch gegen die Gleichstellung
der Fabrikwaren im gegenseitigen Verkehr bestand in Holland
große Abneigung; die englischen Fabrikwaren standen in dem Ruf,
alle anderen zu verdrängen; England beherrschte überall die Rohstoffe;
 es war in der Technik weit vorangeschritten®). Andererseits
lag Amsterdam viel daran, daß die Einfuhr der Baumwolle vom
Festland nach England, die seit 1821 verboten war, wieder freigegeben,
 ebenso, daß das Verbot der Getreideeinfuhr in England
beseitigt werde. Immer stärker wurde in Holland der Widerstand
gegen eine Zulassung der Engländer im Verkehr mit Ostindien;
nur gegen vollständige, unbeschränkte Gleichstellung der Niederländer
 im Verkehr nach und in den britischen Kolonien mit den
Engländern schien jene Zulassung berechtigt zu sein. Schuf man
den Holländern fremde Mitbewerber im Verkehr mit Surinam, SO
mußten die Holländer auch mit Aussicht auf Erfolg Mitbewerber
l) Vgl: hierzu Heeres, De afstand der Kaap de Goede Hoop., 5. 479:
2?) Posthumus, a.23.10., Si2ı0,
3 Posthumus, aa. 0. 5.237.

._
“X
        <pb n="441" />
        Zt
der Engländer auf deren altem Kolonialgebiet werden können?).
Drei Jahre (1822—1825) ist hierüber erfolglos verhandelt worden.
Die Wünsche Amsterdams waren hierbei für die niederländische
Regierung entscheidend; das Drängen Englands mahnte überdies
zur Vorsicht?). Außerdem erschwerten die hohen Sätze des englischen
 Tarifs den Holländern die Einigung außerordentlich ; Holland
bestritt England entschieden das Recht, sich den Ruhm zuzuschreiben,
 den freien Handel zu begünstigen. Man erinnerte sich
noch wohl der Zeit, da Holland den anderen Völkern als Vorkämpfer
der Handelsfreiheit galt®); und man scheute deshalb vor der Einführung
 des geplanten hohen Tarifs zurück, obwohl er von dem
englischen übertroffen wurde. Während man noch immer die Frage
prüfte, ob der Vertrag, den man seitens Englands haben konnte,
die großen Opfer, die man Holland zumutete, wert war, riß der
englischen Regierung die Geduld, und sie verfügte am 30. Januar
1826 einen Zollzuschlag von 20°/, für alle in niederländischen Schiffen
eingeführten Waren. Für die Niederlande hatte dieser Abbruch
keineswegs sehr ernste Folgen. Die Salzfahrt im Mittelländischen
Meer, auf welche die Reederei so hohen Wert legte, war damit den
Niederländern erhalten; die Butter- und Käseausfuhr wurde durch
den Abbruch nicht getroffen, da diese Waren ohnehin meist in englischen
 Schiffen aus Harlingen geholt wurden*). Das englische Salz
aber konnte man entbehren; für die Bereitung der Fische war es
wenig brauchbar, und andere Länder lieferten Holland Salz genug.
Für manche Fahrten der holländischen Schiffe war jener Zuschlag
recht lästig; die Transporte von Genever, Häuten, Fetten nach
England gingen der niederländischen Schiffahrt verloren®).
Kam man so mit England zu keiner befriedigenden handelspolitischen
 Verständigung, was immerhin einzelne wirtschaftliche
Nachteile mit sich brachte, so zeigten auch die Versuche, mit dem
östlichen Nachbarn, Preußen, sich zu einigen, die
großen Schwierigkeiten, der obwaltenden Differenzen Herr zu werden.
Man hat bedauert, daß nicht gleich nach der politischen Wieder-3
 Posthumus,ja.ja. OO. 5. 257.
*) Ebenda, S. 286 ff.
?) Ebenda, S.. 3093 f.
#_Ebenda,.S.'326 ff,
5) Ebenda, S. 349 ff.
Baasch, Holländische Wirtschaftsgeschichte.

33
28
        <pb n="442" />
        geburt der deutschen Staaten sich die Niederlande an diese gewandt
hätten zum Zweck einer handelspolitischen Einigung!). Einer solchen
standen allerdings auf Seiten der Niederlande Ansprüche entgegen,
die selbst ein so loser Staatenbund, wie es Deutschland nach 1815
war, nicht gewähren konnte. Als aber Preußen 1818 sein Zollsystem
geordnet und einheitlich gestaltet hatte, sahen sich die Niederlande
einer wirtschaftlichen Macht gegenüber, mit der sie nicht mehr so
leicht fertig werden konnten wie im 17. und 18. Jahrhundert. Es
kam vor allem darauf an, die beiderseitigen Durchfuhrabgaben,
namentlich für Rohstoffe, einer Revision zu unterziehen; sowohl die
Niederlande wie Preußen hatten hieran ein Interesse, zumal da ein
lebhafter Schmuggelhandel die holländischen Kolonialprodukte über
die preußische Grenze schaffte und hier ganz unleidliche Zustände
herbeiführte?). Sehr günstig waren die Aussichten für eine Verständigung
 von vornherein nicht, da die in den Niederlanden mehr
und mehr Boden gewinnende Schutzpolitik den Interessen der
preußischen Wirtschaft völlig entgegengesetzt war; zumal die Erhöhung
 der Getreidezölle 1825 mußte den Absatz des preußischen
Getreides in Holland wesentlich verringern?). Auf einen Handelsvertrag
 wollte ferner Preußen sich nicht einlassen, bevor nicht die
Niederlande die Rheinschiffahrt auf ihrem Hoheitsgebiet den Wiener
Verträgen entsprechend freigegeben hätten*). Da endlich die damaligen
 niederländischen Zolltarife für die Durchfuhr der Erzeugnisse
 des deutschen Bodens und Gewerbefleißes überaus ungünstig
waren, machten die Verhandlungen keinen Fortschritt. Insbesondere
der Geist des Zollgesetzes vom 24. März 1826 wurde von dem
preußischen Minister v. Schuckmann als „sehr feindselig und
1) Osiander, Beleuchtung, S. 246. Über die wirtschaftlich für Preußen
sehr unvorteilhafte Grenze mit den Niederlanden vgl. Colenbrander, Gedenkstukken,
 VIII, S. 329 f. (1815); der Vertrag vom 26. Juni 1816 suchte diesen
Mißstand möglichst zu beseitigen (Lagemans, I, S. 173 ff.; namentlich Art. 33
und 34). Menne, S. 20, begründet die schlechte preußische Grenze, die vorsichtig
 von der Maas ferngehalten wurde, mit dem wirtschaftsgeographischen
Interesse der Niederlande.
2) Vgl. W. E. Lindner, Das Zollgesetz von 1818 usw., S. 390 ff.
3) Osiander, S. 143. Aus Zimmermann, Handelspolitik, S. 103,
könnte man schließen, Holland habe 1825 seinen Getreidezoll nur gegen Deutschland
 erhöht; das war aber nicht der Fall, die Erhöhung war allgemein.
* Posthumus, Documenten, III, S. 80 ff., vgl. meine Anzeige der
beiden Bände von Posthumus in der Histor. Zeitschr., Bd. 135-434
        <pb n="443" />
        az
rücksichtslos‘““ bezeichnet!). Dieser Tarif unterband durch wirkungsvolle
 Mehrbelastung wie auch durch den Übergang zum Gewichtszoll
 die Durchfuhr der billigen preußischen Baumwoll- und Halbseidenwaren
 nach Übersee und schädigte den Handel mit den
schweren polnischen Getreidesorten?). Der Mehlausfuhr nach Amerika,
die von der Rheinisch-Westindischen Kompanie betrieben wurde,
machte jener niederländische Tarif ein Ende. Als dann die Niederlande,
 von der Aussichtslosigkeit eines Handelsvertrages, solange
nicht die Rheinschiffahrtsfrage geregelt war, überzeugt, für den
Leck eine freie Durchfahrt bewilligen wollten, lehnte Preußen das
ab, sowohl aus prinzipieller Erwägung als auch, weil der Leck in
einem kaum fahrbaren Zustande war®). In dem ganzen Verhalten
Preußens und seinem bald darauf, 1828, erfolgenden Zollzusammenschluß
 mit Hessen-Darmstadt meinten die Niederlande die Absicht
Preußens zu erkennen, möglichst vermittels der freien Rheinschiffahrt
den Handel und die Schiffahrt der Niederlande mit Bezug auf
Deutschland zu neutralisieren und gleichzeitig durch hohe Tarife
die niederländische Industrie der Ausfuhrwege zu berauben?). Man
versuchte auch seitens der Niederlande die drohende deutsche Zolleinigung
 zu hindern; die Amsterdamer und Rotterdamer Zuckerraffinerien,
 die ihren Absatz nach Süddeutschland und der Schweiz
gefährdet sahen, machten ihren Einfluß auf die Regierung geltend;
und diese versuchte sowohl unmittelbar als auch durch Frankreich
auf die Höfe von München, Kassel, Stuttgart und Karlsruhe in dem
Sinne einzuwirken, daß nicht auch sie sich an Preußen anschlössen®).
Alle niederländischen diplomatischen Missionen in’ Deutschland bestrebten
 sich, dem drohenden Zollverein entgegenzuarbeiten; insbesondere
 in Kassel setzte man alle Hebel an; ja, man knüpfte zu
diesem Zweck sogar mit dem ‚Mitteldeutschen Handelsverein‘“‘ Be-)
 Posthumus, S. 174. Auch in Holland fehlte es nicht an Stimmen,
die die Tarifpolitik gegenüber Preußen verurteilten (Colenbrander, Gedenkstukken,
 X, 4, S. 397).
23) Osiander,“S: 183 f.; Brinkmann; S. 192 f.
) Posthumus, a. a. 0,5 220 ff.; Gothein, KRheinschiffahrt,
Ss. 129.
YPosthumus, IS: 246 ff., 254.
5) Ebenda, S. 257 ff.; insbesondere wurden die verwandtschaftlichen Beziehungen
 zum Wiesbadener Hofe verwertet (S. 262 f.).

35
0Q*
        <pb n="444" />
        3
ziehungen anl!). Alle diese Bemühungen nutzten nichts; auch die
späteren Versuche, den Anschluß Kurhessens an den preußischen
Verein zu hindern, waren vergeblich?).
Inzwischen gelangte man endlich im Sommer 1829 mit Preußen
über die Rheinschiffahrt zu einer Einigung. Sie bildete die Grundlage
 zu der 1831 abgeschlossenen Schiffahrtsakte®). Holland hatte
sich den Vorstellungen der Großmächte, namentlich Englands, das
auch ein großes Interesse an einer geringeren Belastung des Rheins
hatte, gefügt. An Stelle der holländischen Transitgebühren trat nun
eine festbestimmte Abgabe von 131, Centimes pro Zentner für die
Berg- und 9 Centimes für die Talfahrt. Dagegen war eine vertragliche
 Einigung mit Preußen bzw. dem Zollverein noch immer sehr
schwierig. Der Abschluß des engeren Zollvereins 1829 zwischen
Preußen, Darmstadt, Bayern, Württemberg hatte in den Handelskreisen
 Amsterdams und Rotterdams große Erregung hervorgerufen
und die Äußerung laut werden lassen, daß nicht die Hansestädte,
sondern die niederländischen Häfen als die deutschen Häfen anzusehen
 seien; danach müsse man die Durchfuhrabgaben einrichten.
Also politisch scharfe Trennung von Deutschland, aber wirtschaftliche
 Vorteile von diesem! Die belgischen Ereignisse schufen dann
allerdings bald eine völlig andere Sachlage. Die Schwierigkeiten
nahmen aber nicht ab; die holländische Regierung behandelte
deutsche Waren, z. B. die Ruhrkohlen, nicht nach dem Grundsatz
der Reziprozität, was den energischen Protest Preußens veranlaßte*).
Deutlich trat jetzt hervor, daß die niederländische Regierung die
unbequeme Konkurrenz Belgiens, namentlich Antwerpens, zu unterdrücken
 suchte; daher hatte Preußen in Zugeständnissen vorsichtig
zu sein, die es eventuell auch Belgien später zugestehen mußte. In
den Niederlanden zeigte sich vorübergehend die Neigung, dem Zollverein
 beizutreten; doch bestanden sowohl bei Preußen als auch
in Holland große Bedenken; die Amsterdamer Handelskammer sprach
sich dagegen aus®). Das holländische Gesetz vom 31I. Dezember
1835 über die Getreidezölle, die in Preußen als ‚„verbotähnlich‘“‘
1) Posthumus;, a. a. ©. IS. 275 £., 1284 If. 290 1.
2) Ebenda, S. 331, 337, 493 ff.
®) Eckert, S. 2zzıdf.
4 Posthumus,.S. 3891.
5) Zimmermann, Handelspolitik, S. 156.

et
A
        <pb n="445" />
        EL 437 =
bezeichnet wurden, verstimmte hier außerordentlich und rief Gegenmaßregeln
 hervor, durch die Preußen die Begünstigung der holländischen
 Schiffe in den Ostseehäfen aufhob!); auch die Abneigung
Hollands, einer in Düsseldorf neu gegründeten Dampfschiffahrtsgesellschaft
 die Konzession für die Fahrt auf dem niederländischen
Rhein zu gestatten?), sprach nicht für den guten Willen der dortigen
Regierung, mit dem Zollverein in gutem Einvernehmen zu leben.
Gefügiger wurde Holland erst, als durch die preußische Verordnung
 vom 28. Dezember 1836 den Schiffen der Zollvereinsstaaten
gewisse Vorteile eingeräumt wurden?). Darin sah man ein „Signal zur
Abschaffung der bisherigen Knechtschaft des deutschen Stromes“)
Nun schloß Holland am 3. Juni 1837 einen Schiffahrtsvertrag mit
Preußen, durch den auch die holländischen Schiffer jenes Vorteils
teilhaftig und den preußischen Schiffen Gegenleistungen gewährt
wurden. Ebenso wurde die Streitfrage über die Zulassung der
preußischen Dampfschiffahrtsgesellschaften auf dem niederländischen
Rhein generell geregelt®).
Sehr viel schwieriger war es, durch einen Handelsvertrag eine
Einigung über die gegenseitige Behandlung des Warenverkehrs
herbeizuführen. Der endlich 1839 abgeschlossene Vertrag war für
die Niederlande so günstig, er benachteiligte wichtige deutsche
Wirtschaftsinteressen derartig, daß sich alsbald ein Sturm der Entrüstung
 gegen ihn erhob. Während nämlich die Niederlande für
einige deutsche Artikel, Wein, Getreide, Steine, Holz usw., Zollherabsetzungen
 und ferner die Meistbegünstigung in den Kolonien
gewährten, welch letztere völlig wertlos war gegenüber dem Monopol
der Handelsmaatschappij, wurde andererseits durch die weitgehende
Begünstigung, die der Vertrag dem niederländischen Lumpenzucker
brachte, die Zuckerindustrie nicht nur des Zollvereins, sondern auch
des ihm zwar nicht angehörigen, aber doch deutschen Hamburgs
schwer bedroht®). Der Vertrag wurde deshalb schon auf Ende 1841
') Posthumus, Documenten, IV, S. 37: 47,395 ££.
?) Ebenda, S.; 116f., ı1254ff. Eckert ‚ S. 272; die Beschwerde der preu-Bischen
 Regierung hierüber bei Colen brander, Gedenkstukken, X. 3,
SS 116 {f.
$) Posthumus, IS. 12zif7. Eckert, S. 30of.; Gothein,6S. 237.
‘) Posthumus,“"S/0:
*) Eckert;!S. 02.
3) Zimmermann, 5. 158 ff.; Geschichte der Frankfurter Handels-
        <pb n="446" />
        — 43
wieder gekündigt. So war der Versuch der Niederlande, eine wichtige
 Fabrikation, wie die deutsche Zuckerindustrie, zu vernichten,
gescheitert. Die handelspolitischen Beziehungen blieben auch weiterhin
 gespannt. Man war in deutschen Handelskreisen auf die niederländische
 Handelspolitik, deren exklusiver und monopolistischer
Charakter in der Bevorzugung der Handelsmaatschappij ihren
sicht- und fühlbaren Ausdruck fand, wenig gut zu sprechen. Die
Überschwemmung mit Java-Kaffee und Java-Zucker, von deren
Handel man künstlich fern gehalten wurde, drückte auf die Handelsbeziehungen
 Deutschlands mit den anderen tropischen Produktionsgebieten,
 wie Brasilien und Westindien!). Die holländische Regierung
 sah offenbar in Deutschland vorzugsweise einen geeigneten
Gegenstand wirtschaftlicher Ausbeutung; man verschloß einerseits
den Deutschen den Handel mit den Kolonien und drängte ihnen den
holländischen Kaffee und Zucker zu möglichst guten Preisen auf, während
 man andererseits keine Neigung fühlte, den Vertrieb deutscher
Erzeugnisse irgendwie zu erleichtern”). In Deutschland, vorzüglich
im Rheinland, gewann um jene Zeit durch das Verhalten der Niederlande
 die Ansicht wieder neue Nahrung, daß es sich bei der Abwehr
der wirtschaftlichen Herrschaftsgelüste um die Befreiung von einem
seit langer Zeit kaum mehr empfundenen, tatsächlich doch überaus
drückenden Abhängigkeitsverhältnis, einer wirtschaftlichen Fremdherrschaft
 handelte; man erkannte jetzt, daß der alte Reichtum der
rheinischen Städte geschwunden war, um „die Moräste Hollands
zu einem Blumengarten umzuwandeln“, und daß die hohen holländischen
 „,‚Kommissionen‘‘ es waren, die den deutschen Ausfuhrhandel
in ebenso starkem Maße drückten und behinderten, wie das holländische
 Monopol der Lieferung von Kolonialwaren*). Als diese Erkammer,
 S.484ff.; Baasch, Handelskammer, II, ı, S. 115 ff. Bereits 1799 hatte
der Kölner Handelsvorstand als Grundlage für die Errichtung von Zuckerraffinerien
im Rheinland die zollfreie Ausfuhr von Rohzucker aus Holland bezeichnet; das
wurde erst viele Jahrzehnte später erreicht, als auch schon ohnedies im Rheinland
Raffinerien entstanden waren (Schwann, Kölner Handelskammer, I, S. 129).
ı) Vgl. Soetbeer, Über Hamb. Handel (1840), 5. 142 ff,
2. Zimmermann, S. 266 ff.
3) Vgl. J. Hansen, Mevissen, II, S. 46 ff. In einem englischen Bericht
vom Mai 1837 heißt es:, ‚The spirit in Germany is as regards trade and manufactured
industry, just as hostile to Holland as that of the whole continent is to Great Britain‘“‘
 (Colenbrander, Gedenkstukken, X, ı, S. 453)-4
        <pb n="447" />
        kenntnis sich in Deutschland, insbesondre im Westen, allmählich
durchsetzte, hatte die holländische Handelsvormacht für Westdeutschland
 ein Ende, und Holland selbst mußte nun seine handelspolitischen
 Forderungen niedriger spannen. Das dauerte jedoch noch
einige Zeit. Jedenfalls hat aber das Verhalten der Niederlande, das
wirtschaftspolitisch kurzsichtig war, an seinem Teil mit dahin gewirkt,
 die deutsche selbständige Seefahrt zu befördern und Deutschland
 von den Fesseln ausländischer Handelsbevormundung zu befreien.
 Daß Deutschland auch schiffahrtstechnisch den Niederlanden
gewachsen war, das zeigte es gerade auf dem Gebiete der Rheinschiffahrt
 damals durch die von deutscher Seite ausgegangene Errichtung
 der Schleppschiffahrt; im Verein mit der „Rheinischen
Eisenbahn‘ hat sie wesentlich dazu beigetragen, die Abhängigkeit
Westdeutschlands vom niederländischen Markt, wenn auch nicht
zu beseitigen, so doch abzuschwächen‘).
Im allgemeinen lagen ja politische, nicht wirtschaftliche Ursachen
 der Trennung von Belgien und Holland zugrunde?); selbst
die finanzielle Mißwirtschaft, auf die wir unten zurückkommen,
war für diese Trennung keineswegs ausschlaggebend. Den Hauptgewinn
 an der staatlichen Verbindung hatte Belgien gehabt, das
weit ärmer war als die nördlichen Provinzen?) und der Vereinigung
mit ihnen zahlreiche Vorteile verdankte. Für Holland ergab sich
nach der Lösung aus diesem Verhältnis eine günstige Entwicklung
der Volkswirtschaft. Man sieht das namentlich an den Beziehungen
zu den Kolonien, die, wenn sie auch durch das in ihnen herrschende
System keineswegs in jeder Hinsicht erfreulich waren, doch den
niederländischen Warenmarkt in hohem Grade befruchtet und belebt
 haben; ebenso hat die niederländische Industrie aus der Trennung
von Belgien nur Vorteil gezogen, indem sie lernte, sich auf sich
selbst zu stellen. Die Blüte der niederländischen Industrie vor
1) Vgl. Gothein, SS: 2541f., 261,
?) Das erkennt auch Waentig, S. 513 an.
°) Während der Landesdurchschnitt der steuerlichen Belastung in dem vereinigten
 Königreich Mitte der 1820er Jahre 10,68 fl. pro Kopf betrug, war jene
Belastung in Nordholland, Südholland, Utrecht, Friesland und Seeland 21,60;
19,21; 15,33; 15,60; 14,38 fl., von den belgischen Provinzen überragten nur Süd-Brabant
 und Antwerpen mit 11,72 bzw. 10,89 den Landesdurchschnitt (Waenti g,
S.. 147 f.).

439
        <pb n="448" />
        — 440 &amp;gt;—
1830 lag doch überwiegend auf belgischem Gebiete; daher erklärt
sich auch der zunächst eintretende absolute Rückgang. Auch im
Schiffahrts- und Handelsverkehr der Häfen erkennen wir eine aufwärtssteigende
 Linie. Im letzten Jahre der Vereinigung beider
Länder, 1829, hatte Amsterdam eine Wareneinfuhr im Wert von
81 243 000 Fr., 1838 waren es 137 965 000 Fr.; 1829 liefen dort
1975, 1838: 2889 Schiffe ein. Rotterdam hatte 1828 eine Einfuhr
von 78 723 000 Fr., 1838: 210 872 000 Francs. Das waren Zahlen,
die, wie man mit Recht bemerkt hat, es erklären, warum das Land
sich die koloniale und finanzielle Mißwirtschaft jener Periode gefallen
 ließ!). Und aus seiner Stellung als Sitz einer großen Börse
und reicher Kapitalien war Amsterdam doch nicht so leicht zu
verdrängen 2).
Alles das hätte doch wenig genutzt und die Niederlande wirtschaftlich
 nicht weitergebracht, wenn man nicht in der Mitte
des Jahrhunderts sich endlich entschloßen hätte, e ine
liberalereWirtschaftspolitik einzuschlagen.
Zunächst begünstigte noch der belgisch-holländische Vertrag von
1846 Belgien auf Kosten des Zollvereins. Das war aber auch die
letzte aktive Betätigung unfreundlicher Handelspolitik gegenüber
dem großen deutschen Wirtschaftsgebiet®). Anders gestaltete sich
das Verhältnis, als, zum Teil unter dem Zwang der sich vollziehenden
 Verkehrsumwälzung, 1850 die Niederlande ihre Schiffahrtsgesetze
 gründlich revidierten und die Durchfuhrzölle und Abgaben
von der Rheinschiffahrt aufhoben. Die Entwicklung der preußischen
Eisenbahnpläne, in denen die Niederlande eine Bevorzugung Belgiens
 zu sehen glaubten, insbesondere der Bau der Köln—Antwerpener
 Bahn, machten die Niederländer weit gefügiger, und 1851
wurden mehrere Verträge geschlossen, die ein Zollkartell und eine
Regelung der Handels- und Schiffahrtsverhältnisse zum Gegenstand
 hatten. Diese grundlegenden Neuerungen kamen der hollän-1)
 Vgl. Colenbrander, Gedenkstukken, X, 2, S. 468. Auch Antwerpen
 hatte aber in diesen Jahren einen starken Verkehrszuwachs; 1828: 955
Schiffe mit 136 456 Tonnen; 1837: 1426 Schiffe mit 225 030 Tonnen (ebenda, S. 432).
2) Darauf wies hin eine holländische Darstellung von 1830 (Colenbrander,
 X, 4,5. 131).
3) Über diesen Vertrag und die Absicht Preußens, gegen die Niederlande
mit Vergeltungsmaßregeln vorzugehen, was aber an der Entschlußlosigkeit des
Zollvereins scheiterte, R.v. Delbrück, Lebenserinnerungen, I, S. 181 f.
        <pb n="449" />
        — 4. —
dischen Wirtschaft mindestens in demselben Maße zugute wie der
deutschen!) Als 1868 der letzte Rest der Rheinzölle fiel und damit
von Basel bis in das offene Meer der Strom frei für Fahrzeuge aller
Nationen geworden war, hatte auch für die Niederlande eine Entwicklung
 ihr Ziel erreicht, das zweifellos einen erheblichen wirtschaftlichen
 Fortschritt für dieses Land bedeutete. In den 10 Jahren
1856—1866 hatten sich die in dem holländischen Rheinzollamt Lobith
 talwärts eingehenden Ladungen von 11 350 460 auf 25751 372
Zentner gehoben?). Der Ausbau der niederländischen Eisenbahnen
vermehrte in den nächsten Jahrzehnten den Durchgangsverkehr
zwischen Deutschland und den Niederlanden außerordentlich; die
Verbesserung der holländischen Hafeneinrichtungen wirkte {fördernd
 in derselben Richtung?); die Eisenbahn entzog sogar
dem Flußverkehr Manches, so daß in Prozenten der gesamten
preußischen Einfuhr nach Holland 1898 auf den Flußverkehr 49,
auf den Eisenbahnverkehr 46% kamen, während für 1873 dieselben
 Zahlen 69 bzw. 20% betrugen. Anders war es in der umgekehrten
 Richtung des Verkehrs, Holland nach Preußen. Hier
stieg die Beförderung der Gütermengen auf den Flußwegen von
928 577 Tonnen 1873 auf 7 837 402 Tonnen im Jahr 1898%). Mit
Recht schloß man aus der Zunahme der Eisenbahntransportprozente,
daß Holland nicht mehr allein von dem engeren Hinterlande, den
Rheinlanden, als Ausfallstor benutzt werde, sondern daß ihm noch
ein Teil der Spedition des ganzen deutschen Industriegebietes zufalle.
 Das kommerzielle Hinterland Hollands hatte sich erheblich
erweitert; die Eisenbahn übernahm einen großen Teil des Güterabschubs,
 da der Rhein nicht mehr ausreichte.
In diesem Zusammenhange gewannen die preußischen Mittellandkanalpläne
 eine besondere Bedeutung. Ihre Ausführung ermöglichte
 ja eine Weiterausdehnung der holländischen Einfuhren auf
dem graden Wege von Westen nach Osten in das Herz Deutschlands
 und mußte den deutschen Nordseehäfen, die ohnehin durch
3 Eckert, Si354 ff. Gothein, S. 288 unter Anerkennung des Vorgehens
 der Niederlande.
3 Eckert, S:1346:
°) Vgl. hierüber namentlich den Verslag v. de Commissie ter bevordering
V. h. Transito-Verkeer (1891); ferner Wiedenfeld ‚8.130 H.
’) Stubmann; SS. 56£,

4I1
        <pb n="450" />
        — 2 2 =—
ihre gegenüber dem Weltmeer weniger begünstigte Lage hinter den
holländischen Häfen zurückstanden, überaus gefährlich werden.
Außerdem wurde es schon seit längerer Zeit in Deutschland schmerzlich
 empfunden, daß von dem Verkehr aus dem mächtig aufblühenden
 rheinisch-westfälischen Industriegebiet den größten Vorteil die
niederländischen Häfen zogen, daß der Gewinn aus dem Besitz
der in holländischen Händen befindlichen Rheinmündung im wesentlichen
 aus deutscher Arbeit sich zusammensetzte. Zwar versuchte
man deutscherseits diesem Verhältnis möglichst die Spitze abzubrechen;
 dazu diente der direkte Kölner Schiffahrtsverkehr; er
bestand 1898 zu Berg und Tal in rund je 80—90 000 Tonnen Ladung,
war also verschwindend gering gegenüber dem gesamten Flußverkehr,
 der 1897 bei Emmerich rund 10% Millionen Tonnen betrug!).
 Diese Kölner direkte Fahrt war natürlich den Holländern
sehr unbequem, da sie die Rheinmündung höher hinauf in deutsches
Gebiet verlegte?). Der gesamte Rhein-Seeverkehr über die Niederlande
 betrug 1913: 514634 Tonnen, von denen allein auf den
Verkehr mit Hamburg 157 226 Tonnen kamen‘).
Wichtiger noch war der Bau des Dortmund—Ems-Kanals,
der 1899 vollendet wurde und eine zweite Rheinmündung schuf.
Aber auch durch eine engere handelspolitische Verbindung mit
den Niederlanden glaubte man der drohenden Aufsaugung des
deutschen See-Ein- und Ausfuhrverkehrs durch jenes Land begegnen
 zu können, wobei das Wirtschaftsleben der Niederlande
nicht zu kurz zu kommen brauchte. Das war das um die Wende
des Jahrhunderts auftauchende Projekt einer Zollunion Deutschlands
 mit Holland). Ob ein solches Projekt für die deutschen Nordseehäfen
 vorteilhaft war, erschien sehr zweifelhaft; für Holland
versprach es gewiß mindestens ebenso große Nachteile wie Vorteile;
 die enge Verbindung zwischen einem jetzt freihändlerischen,
namentlich auf den Durchfuhr- und Zwischenhandel angewiesenen
kleinen Lande mit einem großen, schutzzöllnerisch regierten Induıy
 Wahl, Handelsschiffahrt, .S. 135.
2) Kielstra, Verkeerspolitiek, S. 126 ff. Schon 1824 und 1837 äußerte
man Befürchtungen gegenüber einer direkten Seeverbindung Kölns (Posthumus,
 Documenten, III, S. 111; IV, S. 153).
3) Rotterd. Handelskammer. Jahresbericht. Auszug 1913, S. 121.
43 Stubmann, S.ızzff.; Reismann-Grone.

447
        <pb n="451" />
        — 4 —
strieland konnte für die Niederlande keinen Reiz haben und bedrohte
 es mit dem Verluste eines großen Teils des bisher betriebenen
eigenen Handels; doch waren aus der Union auch Vorteile für dieses
Land zu erwarten; so die sich ihm eröffnende Erweiterung des Absatzgebietes
 für die eigenen Produkte, von denen manche in scharfem
Wettbewerb mit den gleichartigen deutschen standen.
Aus diesem Projekt ist nichts geworden; in den Niederlanden
waren die Ansichten geteilt; auch an Einwänden politischer Art
fehlte es nicht. Die Abhängigkeit der Niederlande (und auch Belgiens)
 in Ein-, Aus- und Durchfuhr von Deutschland bestand weiterhin
 fort und dehnte sich aus mit dem steigenden Bedarf Deutschlands
 an fremden Rohmaterialien, wie Erzen, Häuten, Kolonialwaren,
 und der ebenso steigenden Ausfuhr deutscher Rohprodukte,
wie Kohlen, Kali, Salz, Eisen, und von Fabrikaten. In den Niederlanden
 hatte man keinen Grund, an diesem Zustande etwas zu ändern;
mit großem Mißtrauen betrachtete man deshalb auch die im Anschluß
 an das große preußische Kanalgesetz von 1905 beschlossene
Erhebung von Schiffahrtsabgaben auf den im Interesse der Schifffahrt
 regulierten Flüssen. Das war keine rein preußische oder
deutsche Angelegenheit, da die Freiheit der Flüsse und des vorzüglich
 für die Niederlande in Betracht kommenden Rheins auf
internationalen Abmachungen beruhte und eine Änderung, wie sie
jenes Gesetz in Aussicht nahm, daher nur mit Zustimmung der
beteiligten nichtdeutschen Staaten erfolgen konnte!). Sie ist bisher
nicht erfolgt und nach dem Versailler Friedensdiktat von I9I19
überhaupt unmöglich.
Die großen holländischen Häfen blieben dauernd für den
deutschen Ein- und Ausgangsverkehr überaus wichtig. Im letzten
Jahre vor dem Kriege, 1913, betrug der Rheinschiffahrtsverkehr
1) Vgl. Kielstra, S. 4off, Über ‘die Verhandlungen in der zweiten
Niederländ. Kammer am 12. Dez. 1904, in denen scharfe Äußerungen gegen Preußen
fielen, vgl. den Jahresbericht der Rotterd. Handelskammer 1904, S: 46 ff. (a. d,
Holl.); vgl. auch Wirminghaus, der S. 73 darauf hinweist, daß die niederländische
 Schiffahrt durch die geplanten Abgaben weit weniger betroffen werden
würde als die deutsche, da die kleine Schiffahrt nur wenig belastet werden könne
und gerade in ihr Holland überwiege; 1907 waren von 79 640 bei Lobith die Grenze
passierenden Schiffen 52 508 hölländische und nur I9 864 deutsche, erstere meist
kleine Schiffe im Kohlenverkehr.

:43
        <pb n="452" />
        — 4448 —
Amsterdams. 1531772, der  Rotterdams 22 764 241  Tons!).
Auch im Seeverkehr war die deutsche Flagge in diesen Häfen stark
vertreten; So 1913 in Rotterdam mit 2448 Schiffen und 11 988 848
Brutto cbm®*). Die großen Liniendampfer bevorzugten allerdings
Antwerpen, da in Rotterdam die Rückfrachtverhältnisse ungünstiger
waren. Deshalb ist es sehr zweifelhaft, ob ein Rhein —Maas—Schelde-Kanal,
 dessen Bau Belgien dem Deutschen Reiche im Versailler
Diktat auferlegt hat, Rotterdam. nützlich sein würde; er würde vortellhaft
 nur für Antwerpen sein und Deutschland nur noch eine
neue politisch unsichere Rheinmündung schenken‘).
Wenig erfreulich entwickelten sich inzwischen zunächst die
Handelsbeziehungen zu Frankreich. Hatten vor
1830 die niederländischen Beschwerden gegen jenes Land sich vorzüglich
 auf die Behandlung der südniederländischen Erzeugnisse bezogen,
 so wurden nach der Trennung von Belgien die
niederländischen Interessen nahe berührt durch die andauernd schutzzöllnerische
 Politik Frankreichs. Beklagen konnten sich die Niederlande
 hierüber eigentlich nicht; denn auch ihre Politik hielt sich
zunächst völlig im protektionistischen Fahrwasser. Mehr und mehr
war in der letzten Zeit die Tendenz Frankreichs hervorgetreten,
die Einfuhr von Kolonialprodukten von der Landseite, also vom
Rhein und von der Mosel her, möglichst zu beschränken. Daher
war es der Wunsch der Niederlande, im Interesse ihres Handels
mit Kolonialwaren eine Freigabe der Häfen von Straßburg und
Metz für den Rhein- bzw. Moselhandel zu erreichen; namentlich
für Kaffee, Zucker, Farbholz, Spezereien lag den Niederlanden an
dieser Freigabe, während für Baumwolle ein niederländisches Interesse
 in jener Richtung nicht bestand, da für diesen Artikel nicht die
Niederlande, sondern England der Markt war und die Öffnung
jener Häfen für Baumwolle nur der französischen Baumwollindustrie
nützlich sein mußte*). Ferner lag den Niederlanden an einer Verringerung
 der französischen Zölle auf Schlachtvieh, Wolle, Käse,
Bleiweiß, Fische. Der am 25. Juli 1840 abgeschlossene Handels-1]
 Rotterd. Handelskammer. Auszug a. d. Jahresbericht 1913, S. 122.
2) Ebenda. Beilage II.
3). Vgl. Warsch.
4 Smit, S. 24, 35; auch für das Folgende.
        <pb n="453" />
        — 1445 _—
vertrag erfüllte die meisten Wünsche der Niederlande; sie erreichten
für alle Kolonialwaren die Öffnung der Rhein- und Moselhäfen,
ferner eine Herabsetzung der Zölle auf Käse und Bleiweiß; die Zugeständnisse
 an Frankreich bestanden in der Meistbegünstigung im
Handel, auch im kolonialen, in der Gleichstellung der Flagge in
der direkten Fahrt, ohne Unterschied der Herkunft der Güter.
Die Erfahrung zeigte dann, daß dieser Vertrag den Niederlanden
nur wenig Nutzen brachte; die Einfuhr über die französischen
Seehäfen erwies sich doch als erheblich leichter und billiger als
die auf dem Wege über Rhein und Mosel, wo überdies noch differentielle
 Abgaben bestanden. Im Jahre 1857 bewilligten die Niederlande
 Frankreich auch die Gleichstellung der Flaggen in der direkten
Fahrt und tauschten dafür ein die Erlaubnis, die Zölle auf Seidenstoffe,
 Messer und Kramwaren erhöhen zu dürfen. Den Vorteil
von der Gleichstellung der Flaggen hatten namentlich die Niederlande;
 der Anteil ihrer Flagge am französisch-niederländischen
Schiffahrtsverkehr stieg von 38,4% im Jahre 1838 auf 89,1 % im
Jahre 1860.
Nachdem 1850 die Niederlande zu einer freieren Handelspolitik
 übergegangen waren und Frankreich 1860 seinen ersten
freihändlerischen Handelsvertrag, mit England, abgeschlossen hatte,
schien auch für die Handelsbeziehungen der Niederlande mit Frankreich
 der Zeitpunkt eines besseren Verhältnisses gekommen zu sein:
was bisher geschehen, war doch nur von geringem Wert für die
wirtschaftlichen Zustände beider Länder. Der einzige Punkt, der
Schwierigkeiten machte, war die holländische Weinakzise auf
deren Abschaffung hatte Frankreich schon 1840 gedrungen, sie aber
nicht erreicht. Eine solche, den Gemeinden zustehende Belastung
des Weins, war in England und Belgien, mit denen Frankreich
neuerdings Verträge abgeschlossen hatte, nicht üblich; nach französischer
 Ansicht stellte sie nichts dar als einen verkappten Zoll, der,
da sechs Siebentel der gesamten Weineinfuhr französischen Ursprungs
war, fast nur das französische Produkt belastete. Im Jahre 1860 waren
in 467 Gemeinden 486 941 fl. an Weinakzise erhoben worden;
dazu kam die Reichsakzise, so daß in dem genannten Jahr der französische
 Wein eine Akzisebelastung von ı 723 118 fl. erfuhr. Da
die Akzise aber alle Weine traf, bedeutete, weil der Wegfall der
Akzise auf französische Weine auch auf die anderen Weine aus-
        <pb n="454" />
        =
gedehnt werden mußte, dies alles einen Ausfall von ı 173 398 Al.,
den die niederländische Regierung nicht glaubte verantworten zu
können. Schließlich einigte man sich auf eine allmählich eintretende
Herabsetzung jener Akzise bis auf 20 fl. per Hektoliter von 1869 ab.
Holland erreichte ferner die Zulassung seiner Boden- und Gewerbfleißerzeugnisse
 nach der Behandlung der meistbegünstigten Nation
und die Gleichstellung seiner Flagge mit der französischen in dem
direkten Verkehr zwischen den niederländischen Kolonien und
Frankreich. Dieser, am 7. Juli 1865 abgeschlossene Vertrag erfüllte
 alle von Holland zu stellenden Wünsche, indem er vorzüglich
die Einfuhr seiner Produkte nach Frankreich, die durch die von
diesem mit anderen Mächten geschlossenen Verträge stark benachteiligt
 worden war, jetzt erheblich erleichterte. Das drückte sich
allerdings nicht in einer großen Zunahme des beiderseitigen Warenverkehrs
 aus; er blieb ziemlich stationär. In der Schiffahrt zwischen
beiden Ländern behauptete die niederländische Flagge ihren alten
Vorrang; während der Anteil der französischen von 8,4 % im Jahre
1860 auf 5,5 % im Jahre 1880 fiel, sank der niederländische gleichzeitig
 von 81,1% auf 79,1%; der Anteil der fremden Flaggen stieg
aber von 2,5% auf 15,4 %.
Als Ende der 1870er Jahre in Frankreich die schutzzöllnerische
Strömung wieder die Oberhand gewann, sahen sich auch die Niederlande,
 deren Vertrag gekündigt war, genötigt, unter Berücksichtigung
 der veränderten Sachlage nach einem neuen Abkommen auszuschauen.
 Der Vertrag vom 26. November 1881 war wohl der beste,
den man unter den obwaltenden Umständen erreichen konnte; die
Flaggen beider Länder wurden nun auch in ihren Kolonien völlig
gleichgestellt!). Enttäuscht waren aber die niederländischen Kartoffelmehlfabrikanten,
 deren Erzeugnisse jetzt in Frankreich einem hohen
Zoll unterlagen; auch die Tilburger Wollindustrie beklagte es, daß
man nach dem Vertrag die Zölle auf Wollstoffe nicht erhöhen
dürfe. Insbesondere stieß er bei den damals in den Niederlanden
ihr Haupt erhebenden Schutzzöllnern auf entschiedenen Widerstand,
 während auch die grundsätzlichen Freihändler ihn von
ihrem Standpunkt aus verurteilten. Trotz der Warnung der Rotterdamer
 Handelskammer, daß eine Ablehnung des Vertrages den
Sm 1) Ausgenommen waren nur die Küstenfahrt, die Fischerei und gewisse den
Eingeborenen zustehende Vorrechte (vgl. Smit, 5S. 97).

„AAN
        <pb n="455" />
        Da
Transit von Deutschland nach Belgien leiten werde, lehnte die
zweite Kammer den Vertrag ab. Ein zweiter Entwurf, der nur wenige
Änderungen enthielt, hatte bald darauf dasselbe Schicksal. Schutzzöllner
 und Freihändler sahen ihren, von entgegengesetzten Motiven
ausgehenden Wunsch nach voller Freiheit der Gesetzgebung im
Tarif und in der Akzise nicht erfüllt. Die nun von Holland verlangte
einfache Meistbegünstigung wollte Frankreich nicht gewähren.
Doch kam es am 19. April 1884 zu einer vorläufigen Konvention,
die einen modus vivendi herstellte, ohne die Prinzipien der Schutzzöllner
 und Freihändler allzu nahe zu berühren. Der Mangel an
einer vertragsmäßigen Regelung beeinträchtigte den beiderseitigen
Verkehr nicht unwesentlich. Die Einfuhr aus den Niederlanden nach
Frankreich blieb auch weiterhin ziemlich stationär, wogegen die
Ausfuhr von Frankreich nach den Niederlanden zunahm. Die
niederländische Flagge behauptete dauernd ihren Vorrang; ihr Anteil
 an diesem Verkehr stieg von 79,1% im Jahre 1880 auf 86,5%
im Jahre 1890, während in denselben Jahren der Anteil der französischen
 Flagge von 5,5% auf 1,6% fiel.
Nach dem französischen Tarifgesetz von 1892 mußte auch
mit den nicht meistbegünstigten Staaten, deren Verträge Frankreich
 nun kündigte, eine Neuregelung erfolgen; so auch mit den
Niederlanden. Gegenüber dem in Frankreich herrschenden starren
Protektionismus konnte das nicht leicht sein. Der Minimaltarif,
den Frankreich anbot, hatte für die Niederlande wenig Wert, da
er für viele wichtige Artikel noch prohibitiv wirkte. Am besten
schien es, Zeit zu gewinnen und abzuwarten, wie sich England und
Belgien zu dem neuen französischen Handelssystem verhielten, und
bis man sah, wie Frankreich dieses handhaben werde. Man nahm
deshalb zunächst das Angebot des Minimumtarifes an, behielt sich
aber volle Handlungsfreiheit vor. Dabei blieb es auch weiterhin.
Trotz des protektionistischen Charakters des französischen Tarifs
nahm die niederländische Einfuhr dorthin stark zu; sie stieg von
rund 78 Mill. Francs 1892 auf rund 139 Mill. Francs 1913, während
die Ausfuhr aus Frankreich nach den Niederlanden gleichzeitig
128% Mill. bzw. 201% Mill. Francs betrug. Im Schiffahrtsverkehr
erlitt die niederländische Flagge einen Rückgang; ihr Anteil fiel
von 86,5 % im Jahre 1890 auf 77,2% im Jahre 1913; der Anteil
der französischen Flagge stieg von 1,6 auf 5,6%. —

47
        <pb n="456" />
        Ja
Die Handelsbeziehungen mit dem größten transatlantischen
Staat, den Vereinigten Staaten von Amerika,
entwickelten sich zunächst nicht grade befriedigend. Daran trugen
die Schuld nicht nur die hohen amerikanischen Einfuhrzölle, sondern
 auch die handelspolitische Ausnahmestellung, die die Niederlande
 ihren Kolonien einräumten. Daher blieb der 1839 zwischen
beiden Ländern geschlossene Vertrag ziemlich wirkungslos!). Der
wichtigste koloniale Artikel der Niederlande, der Kaffee, war in
Gefahr, vom amerikanischen Markt durch den Brasilkaffee völlig
verdrängt zu werden; die Kaffee-Einfuhr aus den Niederlanden
nach New York fiel von 43 090 Sack im Jahre 1841 auf 9479 Sack
im Jahre 1843. Erst das amerikanische Tarifgesetz von 1846 machte
der Belastung des Javakaffees bei der indirekten Anfuhr ein Ende,
Die in den Niederlanden seit 1850 eingeschlagene liberale Richtung
in der Handels- und Schiffahrtspolitik fand den Vereinigten Staaten
gegenüber Ausdruck in der Übereinkunft von 1852, die die gleiche
Behandlung der beiderseitigen Schiffe nun auch auf die indirekte
Fahrt und die niederländischen Kolonien ausdehnte. Im allgemeinen
war der niederländische Ausfuhrhandel nach den Vereinigten Staaten
in der Mitte des Jahrhunderts doch nicht unbedeutend ; er stieg
von 11% Mill; il. im‘ Jahre 1822 auf 377% Mill. fl. im Jahre 1851.
Später gewann der Sumatratabak eine wichtige Stellung in diesem
Handel; im Jahre 1896 umfaßte er 35% der gesamten niederländischen
 Ausfuhr nach den Vereinigten Staaten. Dagegen war der
Geneverexport im Rückgang. Von Bedeutung war endlich der
1907 abgeschlossene Handelsvertrag; er gewährte den Niederlanden
den amerikanischen Minimaltarif für Branntweine, wogegen jene
dem amerikanischen Fleisch eine Zollherabsetzung bewilligten.
Doch gestaltete sich die Handelsbilanz zwischen beiden Ländern
immer ungünstiger für die Niederlande; während die Ausfuhr dieses
Landes nach den Vereinigten Staaten von rund 17 Mill. Dollars
im Jahre 1890 auf rund 95 Mill. Dollars im Jahre 1920 stieg,
waren die Zahlen für dieselben Jahre im Ausfuhrhandel der Vereinigten
 Staaten nach den Niederlanden rund 22% und 246 Mill
Dollars.
UM 1) Vgl. K1oos, De handelspolitieke betrekkingen usw. Über die 1815 ff.
zwischen beiden Regierungen gepflogenen, erfolglosen Verhandlungen betr. einen
Handelsvertrag vgl. Econ.-Histor. Jaarboek, I, 199 ff.
        <pb n="457" />
        440 —
Hatte die Aufhebung der britischen Navigationsakte und das
Einlenken Englands in die Bahnen des Freihandels einen entscheidenden
 Einfluß auf die niederländische Schiffahrtsgesetzgebung des
Jahres 1850 gehabt, so gab die 10 Jahre später erfolgte Wandlung
in der französischen Handelspolitik den Anstoß zum entschiedenen
Umschwung in der niederländischen Handelspolitik. Der Schritt
von 1850 war zunächst keineswegs mit ungeteilten Gefühlen in
Holland begrüßt worden; der Bruch mit dem seit einem Menschenalter
 gepflegten Schutzsystem schien manchen ein hochbedenkliches
Wagnis zu sein. Und viele Erscheinungen nach jener Zeit mußten
diese Bedenken verstärken; die niederländische Reederei, die allerdings
 absolut zunahm, war doch der freien Konkurrenz noch nicht
recht gewachsen und erwies sich mit vielen Neubauten nicht auf
der Höhe*). Aber auch in der Handelspolitik stimmten die Ansichten
noch keineswegs einem Fortschreiten auf der Bahn des Freihandels
ohne weiteres zu. Im allgemeinen überwog zwar der freihändlerische
Gedanke; aber es gab doch Interessen genug, die der freihändlerischen
Doktrin zum Trotz gewisse Schutzzölle zu rechtfertigen schienen.
So wurde der Tarifentwurf von 1858, der den Einfuhrzoll in der
Regel von 6 auf 5 % herabsetzen und eine Reihe von Gewichts- und
Maßzöllen durch Wertzölle ersetzen wollte, abgelehnt; man fürchtete
zwar den Anschein, als Schutzzöllner zu gelten, verhinderte aber
praktisch eine weitere Entwicklung zum Freihandel?). Erst als
Anfang der 1860er Jahre Frankreich sich entschieden dem
Freihandel zuwandte, wirkte dies Beispiel auch
auf die Niederlande ermunternd ein. Aus eigener
Initiative hatte sich das kleine Land nicht zu entscheidenden
Schritten entschließen können. Nun führte das Tarif gesetz
vom zz Juli 1862 einen 5proz. Wertzoll für Ganz:
fabrikate, einen 2-3proz. Zoll für Halbfabrikate
 ein, gab die Rohstoffe ganzı frei und
beseitigte die Ausfuhrzölle völlig) Die: 1865
erfolgende Abschaffung bzw. Abschwächung des niederländischindischen
 Differentialzollsystems, der mit dem ı. Januar 1874
*') Wahl, Niederl. Handelspolitik, S. 16.
’) Wahl, a. a. O., S. 22f. Schon den holländischen Zolltarif von 1854
nannte Bley, Beitrag usw., S. 27, den „freisinnigsten aller Handelsstaaten‘‘.
Baasch, Holländische Wirtschaftsgeschichte.

29
        <pb n="458" />
        die völlige Abschaffung aller Differentialzölle folgte, war die
weitere wichtige Konsequenz dieser Handelspolitik. Wenn durch
das Gesetz vom 20. April 1895 die Wertzölle noch eine verschärfte
Anwendung fanden, so geschah das mit der Absicht einer Erhöhung
der Einkünfte aus den Zöllen, die denn auch erreicht wurde!). Im
übrigen machten die Niederlande damals die Erfahrung aller freihändlerischen
 Nationen, daß ihr Tarifsystem es verhinderte, von
ausländischen Staaten Gegenleistungen zu erzwingen. Das war
praktisch aber ziemlich bedeutungslos, da fast alle Staaten Meistbegünstigung
 auch ohne Zwang gewährten. Handelund Ver;
kehr/ des Landesihaben sich jedenfalls unter
diesem System vonteilhalt entwickelt. Die
mittlere Jahresein- und -Ausfuhr zeigte einen dauernden Fortschritt;
betrug die Jahreseinfuhr für 1857—1861: 311 Mill. fl., so 1897—1901:
1887 Mill. fl.; die mittlere Ausfuhr aber in ersterem Zeitraum 246,
im letzten 1601 Mill. f1.2). Die Durchfuhr hatte sich besonders gut
entwickelt, was wohl größtenteils dem Aufschwung des deutschen
Hinterlandes zuzuschreiben war; hatte sie 1872—1876 einen mittleren
Jahresbetrag von 1182, so betrug sie 1897—1901: 5481 und 1902:
6709 Mill. Kilo. Als deshalb im Februar 1904 die Regierung, dem
Drängen der Schutzzöllner nachgebend, einen neuen Tarifentwurf
vorlegte, der starke Erhöhungen vieler Sätze enthielt und namentlich.
 die ‘Halb- und Ganzfabrikate traf, erstere mit 2-—5, letztere
mit 6—12%°/, Wertzoll, erhob sich lebhafter Widerstand gegen
diesen Plan. Eine schutzzöllnerische Richtung hatte es immer
in Holland, auch in neuerer Zeit gegeben‘); sie hatte aber mit
ihrer Agitation wenig Erfolg gehabt. So blieb auch jener Entwurf
 auf dem Papier; er kam gar nicht einmal in den Kammern
zur Beratung. Der Tarif von 1862. ist imiwesentlichen
 heute noch ın Geltung, nachdem 1011 ein
Gesetzentwurf, der für viele landwirtschaftliche Produkte einen
Zollschutz vorsah, gescheitert war *).
1) Wahl, S: 37.
2) Treub, S. 702.
3) Vgl. z. B. die Schrift von R.W., Nederlands verval etc. (1898); und früher:
De Economist, 1880, S. 258 ff.; 1882, S. 207 ff. zur Abwehr protektionistischer
Bestrebungen.
4) Über die neueste Entwicklung vgl. Jahn, S. 189.

45C
        <pb n="459" />
        — 4 —
$ 2. Die industrielle Entwicklung.
Die Industrie hat in den nördlichen Niederlanden im
19. Jahrhundert eine ziemlich stetige Entwicklun g genommen,
 die sich von dem sprunghaften Verlauf in den großen
Industrieländern, wie England und Deutschland, wesentlich unterschied.
 Zum Teil beruhte das auf dem Mangel an einer
Schwerindusitirie, deren Vielseitigkeit und riesenhafte
Maschinentechnik mit überaus schnellen Fortschritten und Wandlungen
 in der Organisation und Produktion verbunden war. Andererseits
 erklärt sich die Stetigkeit der Entwicklung durch die lange Zeit
bestehende Beschränkung der industriellen Produktion auf den Absatz
 in den eigenen Kolonien, ferner durch die Bevorzugung der
Verwendung der aus diesen Kolonien stammenden Rohstoffe. Endlich
 aber konnte sich auch jetzt noch bis tief in das 19. Jahrhundert
hinein die niederländische Industrie von einer gewissen Schwerfälligkeit
 und geringen Anpassungsfähigkeit an die Ansprüche und Bedürfnisse
 des Weltverkehrs nicht freimachen‘!).
Zunächst ging es der nordniederländischen Industrie recht
mäßig. Auf diesem Gebiete machte sich die en glische Konkurrenz
 um so stärker fühlbar, als jene durch die Einführung
von Maschinen sich der niederländischen in mehreren Zweigen weit
überlegen zeigte und man in den Niederlanden noch wenig Neigung
kundgab, diesem Beispiel zu folgen?). Außerdem war aber durch
die Verbindung mit Belgien die Industrie in den nördlichen
 Provinzen viel stärker dem Wettbewerb der teil:-Weise
 hochentwickelten belgischen Gewerbetätigkeit
 preisgegeben; diese wurde überdies durch holländisches
Kapital und Staatshilfe in hohem Grade gestützt?). Das Tarifgesetz
von 1816 suchte auch diesem Verhältnis gerecht zu werden; und
manche Industrie im Norden, wie die Amsterdamer Essig- und
Chokoladefabrikation, die Kattundruckerei usw., waren deshalb
ganz damit zufrieden. Andererseits belasteten hohe Akzisesätze viele
wichtige Artikel, wie Salz, Seife, Torf, Genever. Eine Erscheinung,
die seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts auffallend wirkte, war
') Über den neuesten Stand der holl. Industrie unterrichtet Jahn, S. 168 ff.
?) Noch 1816 sprach sich die Rotterdamer Handelskammer gegen die Einführung
 von Flachsspjnnmaschinen aus (Sneller, Toestand, S. 160).
3 Waentig, S. 514:

+51
99*
        <pb n="460" />
        die Übersiedelung vieler Industrien auf das
platte Land. Nicht mehr gehemmt durch die früheren, Ende
des 18. Jahrhunderts aufgehobenen Verbote verließ eine Industrie
nach der anderen die Städte; Nordbrabant und Twente, d. h. Gegenden
 mit billiger Lebenshaltung, wurden bevorzugt; hier siedelte sich
die Baumwollindustrie an, zunächst meist als Hausindustrie;
 die Leinwandindustrie ging langsam
ihrem Untergang entgegen; am längsten hat noch
’sHertogenbosch einen Leinwandmarkt bewahrt‘).
Im übrigen war in den einzelnen Zweigen der Industrie die
Entwicklung doch recht verschiedenartig, und ein allgemeines Urteil
ist schwer zu fällen. In einigen Industrien, wie den Borax- und
Kampferraffinerien, den Bleiweißfabriken waren die Nordniederlande
sogar Belgien weit überlegen?). Andere Zweige lassen wieder auf
eine seltsame Rückständigkeit des Nordens schließen.
Es war doch bezeichnend, daß man 1813 alle Bestimmungen für
die Leidener Tuchlabrikation, die vor 1795 in Kraft
gewesen waren, ohne weiteres wiederherstellte. Schwerlich war das der
richtige Weg, um diese Industrie von neuem in die Höhe zu bringen,
zumal da jetzt die Wollausfuhr beinahe ganz frei war. Zwar bemühte
sich die Regierung, diesem Gewerbe zu helfen, sie schrieb 1820 für
Armee und Marine die ausschließliche Verwendung von im Inland
hergestellten Stoffen vor; auch durften von der Regierung nur
solche Stoffe in die Kolonien versandt werden. Die einzigen Tuchfabriken,
 die langsam aufblühten, waren die für Grobgrün; sie zogen
auch am meisten Nutzen aus der Veränderung der Lage, die die
Industrie durch die Trennung von Belgien und die nun den nördlichen
 Niederlanden allein obliegende Versorgung der ostindischen
Kolonien erfuhr; die Produktion dieses Stoffes stieg von 1768 Stück
im Jahre 1823 auf 10 389 Stück im Jahre 1837, womit allerdings
der Höhepunkt erreicht war; seitdem fand ein langsamer Rückgang
statt. Dieser Absatz war stark abhängig von den Verhältnissen
in China, wohin solche Stoffe viel ausgeführt wurden. Wenig befriedigend
 entwickelte sich hingegen die Fabrikation der Tuche, Decken
und Flaggentuche; sie blieb ziemlich auf derselben Höhe, machte
jedoch keine Fortschritte. Die Leidener Fabrikation war offenbar
3 van den Brink, |S. 1606.
2?) Colenbrander, Gedenkstukken, IX, S. 913 ff. (Oktober 1829).

452
        <pb n="461" />
        auf dem Weltmarkt nicht mehr konkurrenzfähig. Die Flaggentuchfabrikation,
 für die schon 1801 drei Fabriken in Leiden bestanden,
schwankte außerordentlich ; sie litt auch unter der deutschen Konkurrenz!).
 Erst Ende des 19. Jahrhunderts zeigte sich in der Textilindustrie
 auch Leidens wieder mehr Leben ; ihren wahren Mittelpunkt
 hatte diese Industrie aber nicht mehr hier, sondern in Tilburg?).
Die bereits in früherer Zeit in Tilburg und anderen nordbrabantischen
 Plätzen blühende Tuchfabrikation?) behauptete auch
weiterhin ihren Stand; in Tilburg wurden 1830: I1 810 Stücke Tuch
aller Art verfertigt im Werte von 929 205 fl., in Eindhoven
gleichzeitig 6000 Stücke. Damals blühte aber auch in Friesland,
Groningen und den östlichen Gebieten die Wollspinnerei und -weberei,
meist als Hausindustrie. Mit der Zunahme der maschinenmäßigen
Herstellung ging jene zurück. In Nordbrabant zählte man aber
1858 noch 135 Wollwebereien; 1873 im ganzen Lande 413, alle
in kleinerem Stile).
Nur in Tilburg entwickelte sich diese Industrie frühzeitig mehr
fabrikmäßig; die jungen Leute erlernten vielfach in Verviers, Aachen
usw. die Herstellung von Fantasiestoffen und führten dıese Fabrikation
 dann in Tilburg ein. Wollspinnereien, die nur das Garn
herstellten, gab _ es namentlich in Tilburg, Bolsward, Veenendaal
UuSW.; I810 waren es insgesamt 7, in Leiden bestanden noch immer
einige Sayettespinnereien®). Im Jahre 1870 zählte Tilburg allein
für Wollstoffe 119 Fabriken und 9 Färbereien®). Mangelhaft war
immer noch die Organisation des Wollhandels; die inländische Wollproduktion
 war zu gering, um die Industrie zu befriedigen; nur für
die Sayettefabriken wurde die Texelsche Wolle viel benutzt. Man
war im allgemeinen seit langem auf die ausländische Wolle (von
Argentinien, Kap, England) und auf die fremden Wollmärkte, Antwerpen
 und London, angewiesen; der Amsterdamer Wollhandel war
stark zurückgegangen. Der Wollmarkt in Veenendaal, auf dem die
') Reimeringer, Leidsche textielnijverheid, S. 133 ff.; Blok, Geschied.
 eener holl. Stad., IV, S. 139 ff.
?) Über die Leidener Textilindustrie am Ende des 19. Jahrhunderts Blok,
a. a. 0., IV, S. 150; sie verhielt sich im allgemeinen stationär.
3) Vgl. oben S. 99f.
"“Everwijn DS 315.
©). Sayette: leichter Wollstoff, oft mit etwas Seide in der Kette.
°.Sassen, Een blik Op de nijverheid — der arbeiders te Tilburg, S. 229.

453
        <pb n="462" />
        inländische Wolle zum Verkauf kam, diente in erster Linie der
benachbarten Industrie?).
Auch die Teppichfabrikation, die früher namentlich in Utrecht,
Haarlem, Delft usw. blühte, erholte sich nach dem Verfall im 18.
Jahrhundert wieder langsam; insbesondere in Hilversum und Deventer
 gewann sie an Ausdehnung und verarbeitete teilweise inländische
 Wolle?).
Selbst die im 18. Jahrhundert völlig verfallene Seidenindustrie
 suchte man in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
wieder ins Leben zu rufen, indem man die eigene Raupenzucht
begann; es entstanden mehrere Seidenfabriken, so inHaarlem
und Leiden. Nur in Horst (Limburg) bestand aber im 20. Jahrhundert
 noch eine kleine Seidenfabrik®).
Eine Industrie, die, wenn sie auch schon früher bestand‘*),
doch erst im 19. Jahrhundert zu hervorragender Blüte kam, war
die Baumwollindustrie. Ihre volle Leistungsfähigkeit bewies
 diese, vorzüglich in Twente ansässige Industrie erst nach
der Herstellung der staatsrechtlichen Verbindung mit Belgien.
Allerdings waren die belgischen Fabrikate besser; auch die Fabrikeinrichtungen
 in Twente ließen noch manches zu wünschen übrig.
Doch war die freiere Richtung der Zollgesetzgebung 1813—1816
für die Twentesche Industrie günstig. Goldberg sprach sich
damals entschieden gegen Schutzmaßregeln für die niederländische
Textilindustrie aus und schlug andere Mittel, ihr zu helfen, vor:
so die Hebung der Flachs- und Hanfkultur, Verwendung von Maschinen
 und besseren Werkzeugen; Herabsetzung der inländischen
Preise; andererseits empfahl er höhere Belastung der fertigen und
bedruckten. Baumwollstoffe, Freiheit von Ausfuhrzöllen _und
Herabsetzung der Durchfuhrabgaben?). Die nach 1816 eingeschlagene
 Schutzzollpolitik war dieser Industrie nicht günstig;
Hogendorp tadelte sie, da sie dahin führe, daß die Rohkattune
nun über die Grenze nach Deutschland gingen und in fertigem
ı) Everwijn, 1, S. 3 Sassen, S. 230.
3 Everwijn, I, S. 353.
$) Ebenda,/ 1, S. 1346.
2) Vgl. oben S:/ 100.
5) Memorie over de nederl. textielindustrie (Econ. Hist. Jaarboek, I),
S. 107 1£., 137.

454
        <pb n="463" />
        5 45 Es
Zustande zurückkamen?!). Als er 1816 und die Jahre darauf in
Twente weilte, anerkannte er die vorteilhafte Lage dieser Industrie,
ihre Unabhängigkeit von den Brabanter Rohstoffen, da sie die
Kattune direkt aus Ostindien bezog. Insbesondere machten ihm
Enschede und die dortigen Spinnereien und Webereien großen Eindruck.
 Die Spinner und Weber wohnten meist auf dem Lande und
lebten zum Teil vom Landbau; je nach Bedürfnis ergänzten sich
beide Beschäftigungen, ein Zustand, den Hogendormp für recht
ersprießlich hielt, da dadurch das Elend der großen Fabrikplätze
vermieden werde?).
Zweifellos hat der erfahrene Hogendorp Recht gehabt;
mit der Zollreform verteuerten sich die Rohstoffe (Garn und Baumwolle);
 auch wurden große Mengen fertiger Stoffe im Schmuggelverkehr
 in das Land gebracht. Die hohe Belastung von Seife, Essig,
Pot- und Waidasche, Torf, ferner die Gewerbesteuer (Patentrecht)
kam erschwerend hinzu. Viele Fabrikanten zogen es vor, das Garn
in dem jenseits der Grenze belegenen Gronau spinnen zu lassen;
dort blühte die Industrie auf. Einige Unterstützung gewährte der
1821 errichtete „Fonds tot aanmoediging der nationale nijverheid“,
mit dessen Mitteln aber recht willkürlich umgegangen wurde?).
Auch die Errichtung der „Nederl. Handelsmaatschappij‘‘ 1824 förderte
 die Twentesche Industrie vorläufig wenig, da sie ihre Einkäufe
 meist den belgischen Fabriken zuwandte; und trotz der 25%,
die damals die niederländischen Einfuhren in Ostindien vor fremden
Einfuhren genossen, waren die nordniederländischen Manufakturen
der englischen Konkurrenz nicht gewachsen‘).
Das veränderte sich alles erheblich mit der Lostrennung Belgiens
 von Nordniederland. Die Handelsmaatschappij geriet dadurch
zunächst in große Verlegenheit, da sie die belgischen Erzeugnisse
nicht mehr verwenden durfte und diese außerdem, als aus einem
feindlichen Lande kommend, mit 50—70 % Zuschlag belegt wurden,
was die flamischen Baumwollprodukte vom ostindischen Markt
völlig ausschloß, so daß einzelne belgische Fabrikanten die Über-)
 Hogendorp, V, S: 340:
3) Hogendorp, 1, S. 188; V. S 209 £., 334; vgl auch ‘Stork,
SCfı
$) Smissaert,; SIE.
‘) Stork, S. 16, Smissaert, S. 31; vgl. unten in $:9.
        <pb n="464" />
        - 7 -
siedlung nach den Niederlanden ausführten!). Nun hatte in Almelo
 bereits der Fabrikant Hofkes eine Maschinenspinnerei
in bescheidenem Umfange errichtet, die aber in Schwierigkeiten
geraten war, als 1831 der Einfuhrzoll auf gesponnene Garne um
40 % herabgesetzt wurde. Diesem Unternehmen hatte AinSsworth,
 ein junger englischer Baumwollfabrikant, der schon seit
1830 mit der Handelsmaatschappij in näherer Beziehung stand,
den Gebrauch der Schnellweberspule bekannt gemacht; und es gelang
 nun, namentlich durch die Vermittlung des Sekretärs der
Handelsmaatschappij, Willem de Clercq, Ainsworth
für die in Goor neu zu errichtende Webeschule zu gewinnen, um dadurch
 die modernen Webe- und Spinnereimethoden und Maschinen in
die Höhe zu bringen. Es entstand hierauf eine Reihe von Baumwollspinnereien
 und Webereien; ein tüchtiger Stamm von Arbeitern
wurde geschaffen. Die Regierung war auf die ihr gemachten Vorschläge
 bereitwillig eingegangen und hatte den Plan unterstützt
durch Vorschüsse und Prämien?). Die bereits 1829 in der Fabrik
des Hofkes eingeführte Dampfkraft fand nun weitere Verbreitung,
 wodurch die Leistungsfähigkeit sich erheblich vermehrte.
Die erste Dampfkattunspinnerei mit 12 500 Spindeln wurde 1833
in Enschede errichtet?). Diese und die anderen Baumwollspinnereien
waren aber völlig abhängig von der ‚„„Handelsmaatschappij‘, der
eigentlichen Urheberin der neuen Blüte dieser Industrie, und von
ihren Bestellungen; sie konnten ziemlich sicher auf Abnahme ihrer
Erzeugnisse rechnen; die Art derselben, ihre Qualität war genau
vorgeschrieben; meist waren es Calicos und Madapollams (gebleichte
 Calicos). Die Produktion richtete sich durchaus nach den
1) Man dürfe, so heißt es in einem Schreiben des Präsidenten der Handelsmaatschappij
 vom ı. Sept. 1832, Belgien nicht länger die Vorteile genießen lassen,
die es in seiner Verblendung selbst preisgegeben habe (PosthumuSs, Bijdragen
etc. in Econ. Hist. Jaarboek, XI, S. 106). Über starken Schmuggel von belgischen
Calicos nach Holland 1831 vgl. Colenbrander, Gedenkstukken, X, 4, S. 438.
Die Einwanderung von Fabrikanten aus Gent erwähnt auch bei Posthumus,
Documenten, II, S. 285.
2) Smissaert, Ss. BONS TOT EL. Sun; namentlich jetzt P osthumus,
 Bijdragen tot de geschied. d. ned. Grootindustrie, II (Econ. Hist. Jaarboek,
 XI, S. 169 ff.), wo das Verhältnis von Ainswor th zu der neu aufblühenden
 Industrie klargelegt wird.
3) Stork, S.27.

45€
        <pb n="465" />
        AA
Bedürfnissen Javas; die Orders waren überwiegend auf 3 Monate
eingerichtet. Die kleineren Fabrikanten, die nicht unmittelbar von
der Handelsmaatschappij ihre Aufträge erhielten, arbeiteten als
‚„Lohnfabrikanten““ für die großen. Allmählich wuchs daraus eine
bevorzugte Gruppe von Lieferanten hervor‘).
So wertvoll nun im allgemeinen die technische Reform dieser
Industrie in Twente war, so hatte dieses Fabrikations- und Lohnsystem
 doch den großen Nachteil, daß es den Unternehmungsgeist
hemmte, da es nur auf eine ganz bestimmte Art der Produktion
eingerichtet war und bei den Fabrikanten, die diese gut bezahlten
und sichere Aufträge erhielten, jede Neigung einer Veränderung
und Modernisierung der Erzeugnisse im Keime ersticken mußte.
Jüngeren, strebsamen Fabrikanten wurde es überaus schwer gemacht,
 neben den bevorzugten älteren Kollegen aufzukommen, da
es sich schließlich um eine Konkurrenz mit der mächtigen Handelsmaatschappij
 handelte, wenn man mit Privatgeschäftsleuten, die
nach Java Handel trieben, anknüpfen wollte. Die Handelsmaatschappij
 hatte den großen Vorteil, daß sie für ihre oft verlustreichen
Geschäfte nach Ostindien von der Regierung schadlos gestellt wurde;
das war ein offenes Geheimnis. Jene Verluste auf die ausgesandten
Manufakturen entstanden namentlich durch die sog. Leinwandkontrakte,
 nach denen die Maatschappij sich verpflichtete, jährlich
für etwa ır Mill. fl. im Leinwandhandel zu bestellen, wogegen
die Regierung sie bis zu einem gewissen Betrage sicherstellte. Dieser
schon 1835 wirksame Kontrakt dauerte bis 1854®). Die Folge
dieses Verhältnisses zwischen der Handelsmaatschappij und der
Twenteschen Industrie, das sich auf die Vorzugsbehandlung der
niederländischen Einfuhr in Ostindien stützte, 'war eine völlige
Unterdrückung des freien Handels; die Amsterdamer Häuser führten
gern die ihnen zugehenden Aufträge aus, trieben Kommissionshandel,
 wagten sich aber nicht an eigene Unternehmungen. So
wurden die Niederlande wieder, wie im 18. Jahrhundert, durch
Hamburg und Bremen, zu denen sich jetzt noch Antwerpen ge-1)
 Smissaert,./S.52z.;Stork,S. 30.
3 Stork, S.324:; Smissaert, S.55f.; Tydeman, S:376f.,
vgl. auch unten in $9. Von 1844—1849 gab es keine geheimen Leinwandkontrakte;
erst 1849 wurde auf 5 Jahre ein neuer abgeschlossen (te Lintum,„, Het laatste
geh. lijnwaadcontract).
        <pb n="466" />
        — 458 —
sellte, überflügelt.!) Die unter so aussichtsreichen Auspicien ins
Leben gerufene Industrie verlor unter der Bevormundung der
Handelsmaatschappij jede Initiative; schweizerische, sächsische Industrielle
 lieferten dagegen direkt nach Java. Die Twentesche
Industrie beschränkte sich hauptsächlich auf die sehr einfache
Calicoweberei, für die man das Garn aus England bezog. Neue
Artikel aufzunehmen, scheute man sich; den Markt kannte kein
Fabrikant; das überließ man der Maatschappij. Nur vereinzelte,
unternehmende Fabrikanten, namentlich in Enschede, die von den
Engländern lernten, suchten eine größere Auswahl von Erzeugnissen
zu schaffen?). Um 1844 änderte die Maatschappij ihr Bestellungssystem,
 indem sie nun größere Anforderungen an die Qualität
stellte, so daß auch jüngeren Lieferanten Gelegenheit zu Lieferungen
 geboten wurde. Aber das System selbst, die Abhängigkeit
von der Maatschappij blieb bestehen. Wie sich der Staat mit dieser
in unheilvoller Verbindung befand, so die Industrie mit der Maatschappij.
 Alles litt unter dem Schutzsystem, das Einzelnen viel
einbrachte, unter dem aber das transozeanische Geschäft verwahrlost
 wurde; die genaue Kenntnis des Textilwarenhandels ging verloren;
 selbst die Bedürfnisse der Javaner kannte man kaum noch,
da der private Handel für sie nur wenig tun konnte. So nahmen
die Einfuhren von den Niederlanden nach Java und Madura 1845
bis 1854 nur um 5 Mill. fl. zu, die der ausländischen Einfuhr aber
um 27 Mill., wobei zu berücksichtigen ist, daß etwa 75 % des Wertes
durch die fast ausschließlich von England über Zwolle®) bezogenen
Garne dargestellt wurde. Die Niederländer webten nur und bleichten
 etwa zwei Drittel. Erst von dem auswärtigen Fabrikanten,
der den niederländischen Kaufmann mit seinen Mustern besuchte,
erfuhr dieser, was man in Batavia eigentlich wünschte*).
ı) Smissaert, S. 74. Trotz der Bevorzugung der niederländischen
Flagge stieg die Einfuhr englischer Woll- und Baumwollwaren nach Java von
I 440 526 fl. im Jahre 1825 auf 3 527 517 fl. im Jahre 1834, während allerdings in
denselben Jahren die Einfuhr solcher in Britisch-Indien verfertigter Waren in Java
von 902 848 fl. auf 813 187 fl. sank (Posthumus, Documenten II, S.399%f.). Ein
Teil der englischen Waren ward freilich unter niederländischer Flagge importiert
23) Smissaert, S. Sı  Stork, S. 371.
2) 1838 war mit Unterstützung der Fabrikanten von Enschede eine direkte
Schiffsverbindung zwischen Hull und Zwolle hergestellt (Smissaer SS: 99).
4) Smissaert, S. 3S9f.
        <pb n="467" />
        — —
Die Dampfweberei entwickelte sich inzwischen in
Twente weiter. Förderlich war die 1850 erfolgende Aufhebung
des Baumwollzolls. Langsam begann nun auch der private Handel
sich mehr mit der Ausfuhr von Manufakturen zu beschäftigen.
Nachteilig war für die Fabrikation die große Abhängigkeit von England,
 da die direkten Zufuhren von Rohbaumwolle gering waren
und das Garn fast ohne Ausnahme von England bezogen wurde.
Die Ausfuhr gefärbter Waren nahm ebenfalls zu, war aber in der
Qualität sehr einseitig, da die Erzeugnisse fast nur nach Niederl.-Indien
 gingen. Kattundrucker und Kattunfärber genossen nach
dem Gesetz vom 28. November 1839 für ihr Erzeugnis in Ostindien
nur dann die Vorzugsbehandlung, wenn das Produkt aus im Mutterlande
 gewebtem Stoff bestand; das bewirkte eine Abnahme der
Einfuhr dieses Artikels in Java. Denn Drucker und Färber waren
nun gezwungen, die minderwertigen inländischen Waren anstatt
der besseren ausländischen zu kaufen und zu bearbeiten!). Ebenso
fehlte es an Kenntnis des Marktes und der Industrie auf dem Gebiete
 der fertigen Webstoffe. Man verschrieb sich junge Leute,
die die Industrieschulen in Mülheim und Elberfeld besucht hatten,
um die Technik kennenzulernen. Es war das Gegenstück zu dem
Vorgang im 18. Jahrhundert, als Deutsche sich aus Holland die
industriellen Kenntnisse und Erfahrungen holten. Zweifellos war
es ein Unglück, daß, während die Deutschen, Schweizer und Engländer
 für die ganze Welt arbeiteten, die Niederländer nur den
Malaiischen Archipel hatten und überdies sich noch nach der Maatschappij
 richteten, die auch nichts von der Sache verstand. Der
Besitz der Kolonien wurde hier mit schweren Nachteilen für die
Industrie erkauft. Es fehlte auch nicht an öffentlicher Erörterung
dieser Mißstände; insbesondere Thorbecke legte auf Veranlassung
 des sehr rührigen Hengeloer Fabrikanten Stork 1854
diese Verhältnisse in der zweiten Kammer dar?). Wenn auch mit
diesem Jahre die Leinwandkontrakte der Regierung aufhörten und
diese also keinen Einfluß mehr auf die Bestellungen bei den Fabriken
 ausüben konnte, so ließen sich doch die durch die früheren
langjährigen Beziehungen zwischen der Maatschappij und der
Twenteschen Industrie geschaffenen Verhältnisse nicht so schnell
1) Smissaert, S.109ff.
2) Stork, S. 40ff.

159
        <pb n="468" />
        a 460 —
ändern; die auswärtige Industrie hatte einen weiten Vorsprung
erhalten.
Manche Ereignisse im Beginn der 1860er Jahre trugen dann
dazu bei, diese Industrie günstig zu beeinflussen. Der große Brand
von Enschede 1862 führte zu einer gründlichen Erneuerung der
dortigen Fabrikanlagen. Die Hausindustrie trat nun völlig zurück
vor der Konzentrierung der Arbeit in Fabriken!). Doch machte
noch 1870 auf den Beobachter diese Industriegegend gar nicht den
Eindruck einer solchen; man lebte hier ländlich; die Fabriken lagen
meist auf dem Lande, was für die sittliche Entwicklung der Arbeiterbevölkerung
 günstig schien?). Andererseits litt die Industrie
noch immer an dem Mangel technischer Ausbildung, was man 1862
durch die Errichtung der ‚‚Twentsche Industrie- en Handelsschool“,
die staatliche Unterstützung erhielt, abzustellen suchte. Günstig
wirkten dann auch die Anfang der 1860er Jahre eröffneten Eisenbahnlinien,
 wie auch die besseren Kanalverbindungen. Die Zahl
der Dampfspinnereien nahm nun zu. Wohltuend empfand man
namentlich die Aufhebung der Brennstoffakzise 1864. Mit der
Abnahme der Versendungen durch die Handelsmaatschappij steigerten
 sich jetzt diejenigen des privaten Handels; damit ging Hand
in Hand das Aufsuchen anderer Märkte als derer, auf denen man
Vorzugszölle genoß; die Einseitigkeit der Produktion verminderte
sich. Die Krisis, die infolge des amerikanischen Sezessionskrieges
auch die Twentesche Industrie heimsuchte, wurde, wenn auch
nicht ohne Opfer, überstanden. In welchem Verhältnis um diese
Zeit der Versand von Calicos, Madapollams usw. der Handelsmaatschappij
 und derjenige des privaten Handels nach Java stand,
erkennt man daraus, daß, während die Versendungen der Handelsmaatschappij
 von 624 650 fl. im Jahre 1860 auf ı12 1095 fl. im
Jahre 1869 sanken, die des privaten Handels gleichzeitig von
039 433 Il. auf ı 182 711 Mstiegen?).
Schon seit längerer Zeit wurde die Frage erörtert, ob die Aufrechterhaltung
 der Bevorzugung der niederländischen Einfuhr nach
Ostindien zweckmäßig sei und dem Interesse der Twenteschen
Industrie entspreche. Diese hatte sich ja allmählich von der Han-1)
 Smissaert, S. 126
2) Quarles van Ufford, Een kijkje in Twenthe, S. 26T.
YSL1Ork. S 62.
        <pb n="469" />
        — 4tı2 —
delsmaatschappij freigemacht und konnte ohne solche Bevorzugung
in. Ostindien auftreten. So wurde vom I. Januar 1866 ab diese
Bevorzugung in der Art herabgesetzt, daß anstatt der 25%, die
fremde Waren zu zahlen hatten, nur noch 20 erhoben wurden, und
daß die 12% %, die Güter mit niederländischem Ursprungsattest
zu entrichten hatten, eine Herabsetzung auf 10% erfuhren; von
1868 ab sollten 16 bzw. 6 % gezahlt werden!). Auf die Industrie
hatte das die Wirkung, daß viele Einrichtungen verbessert wurden
und daß man sich mehr als bisher den nicht geschützten Absatzmärkten
 zuwandte, vorzüglich Brit.-Indien, Japan, China, der
Levante. Bis zum I. Januar 1872 sollten jene Zollbestimmungen
in Kraft bleiben. Schon vorher wurde von vielen Seiten eine gänzliche
 Aufhebung der differentiellen Einfuhrabgaben empfohlen;
und die Regierung teilte diese Ansicht, indem sie auf die starke
Ausfuhr nach fremden Ländern hinwies. Wenn die Gegner allerdings
 auf die noch nicht ausreichende Anzahl von Spinnereien
aufmerksam machten und auf die mangelhafte Verbindung der Industrie
 mit den Seehäfen, so konnte man andererseits die geringeren
 Löhne in den Niederlanden anführen?). So wurde im November
 1872 die Aufhebung beschlossen und ein allgemeiner Zoll
von 6% festgesetzt. Damit war man ohne Zweifel auf dem richtigen
Wege. Obwohl die nächsten Jahre eine ungünstige Konjunktur
brachten, unter der auch die Twentesche Industrie litt, so dachte
doch niemand an eine Wiederherstellung der differentiellen Abgaben.
 Eine Bewegung regte sich freilich, die zwar freien Verkehr
empfahl, gleichzeitig aber eine Abgabe von 5—6% auf Güter
fremder Nationen wünschte, was auch auf eine differentielle Behandlung
 hinauslief; andere wollten alle Einfuhrabgaben auf Manufakturen
 abschaffen. Jedenfalls zeigte die Entwicklung seit 1874,
daß von einer Vernichtung der Baumwollindustrie, die die Gegner
1872 voraussagten, nicht die Rede sein konnte, wenn auch die
Ausfuhr zunächst stationär blieb?).
Schädlich wirkte freilich der Ma ngel an. einem einheimischen
 großen Baumwollmarkt: weder in
') Stork, S.64f.
?) Insbesondere Stork (S. 66 ff.) trat für völlige Freiheit ein und empfahl
höchstens einen mäßigen Einfuhrzoll.
3) Smissaert, S. 272, 287 ff,

5t
        <pb n="470" />
        Amsterdam noch Rotterdam konnte ein solcher sich entwickeln;
Bremen beherrschte in diesem Artikel das Hinterland, zu dem
in diesem Falle auch die Niederlande gehörten; die Baumwolleinfuhr
in den niederländischen Häfen nahm dauernd ab!). Die Handelsmaatschappij
 bemühte sich seit den 1860er Jahren vergeblich in
dieser Richtung; besonders hinderlich erwiesen sich die hohen
Frachten auf niederländische Hafenplätze, die meist höher waren
als diejenigen auf Liverpool, Hamburg und Antwerpen). Noch
immer bezog man die Garne meist aus dem Ausland, jetzt nicht
nur England, sondern auch Deutschland; das verteuerte die Ware;
andererseits kamen der Produktion die niedrigen Löhne in Twente
zugute. Die Twenter Fabrikanten bedauerten auch, daß sie die
von ihnen nach dem Orient versandten Waren immer an fremde
Handlungshäuser gehen lassen mußten, wodurch das Risiko vergrößert
 wurde; der Mangel an niederländischen Handlungshäusern
daselbst machte sich empfindlich geltend?). Drückend wirkte ferner
die noch immer bestehende Gewerbesteuer. Eine Wiederherstellung
der Differentialabgaben, die von manchen Seiten erstrebt wurde,
Jehnte die Regierung ab (1882). Mit Nachdruck wies man hin auf
die Notwendigkeit einer stärkeren Ausdehnung des überseeischen
Handels als Vorbedingung einer besseren Gestaltung der Industrie.
Mit England konnte diese, das zeigte der weitere Gang der wirtschaftlichen
 Entwicklung, gut konkurrieren. Daher lehnte die Regierung
 nochmals 1885/86 eine Erhöhung der Einfuhrabgaben in
Indien ab; wiederholt wurde die immer von neuem auftretende Behauptung,
 daß die Twentesche Industrie durch die Abschaffung der
Differentialabgaben gelitten habe, zurückgewiesen. Die in Almelo,
Enschede, Hengelo, Oldenzaal, Borne, Delden usw. ansässige
Baumwollindustrie zählte 1887 nicht weniger als 12 Dampfspinnereien
 mit 204 000 Spindeln und 37 Dampfwebereien mit 13 207
Webstühlen‘). Außerdem hatten sich aber als natürliches Anhängsel
dieser Industrie eine große Menge Nebenindustrien hier angesiedelt
(Maschinenfabriken, Holzsägereien, Gerbereien, Bleichereien, Braue-NEverwijn,
 I, S. 273:
2) Gedenkboek der Ned. H. M., S. 65.
3) Quarles van Ufford, a. a. O., 5. 264.
4) Stork, S. 79if.

462
        <pb n="471" />
        reien, Kistenmachereien usw.)!). Gegenüber den 10 Dampfspinnereien
 mit 41 000 Spindeln und 13 Dampfwebereien mit 2286 Webstühlen,
 die sich 1861 hier fanden, stellte das einen sehr bedeutenden
Fortschritt dar, wobei noch zu berücksichtigen war, daß die Spindeln
 und Webstühle 1887 weit leistungsfähiger waren als die gleiche
Zahl 1861. Die Ausfuhrstatistik ist in dieser Hinsicht nicht zuverlässig,
 da viele niederländische Fabrikate über fremde Häfen
und als fremde Waren nach Niederl.-Indien verschifft wurden,
während andererseits englische Waren unter holländischer Aufmachung
 nach dort gingen?). Die Wiederherstellung der differentiellen
 Abgaben wurde 1886 nochmals von der 2. Kammer abgelehnt.
 Die Industrie selbst war in großem Umfange gegen einen
solchen Schutz, wenn auch die protektionistische Strömung bestehen
 blieb.
Im inneren Gang der Industrie machte sich die Entwicklung
bemerkbar, daß zwar die Anzahl der Webereien und Spinnereien
ab-, die Zahl der Spindeln und Webstühle aber zunahm; die Produktion
 strebte nach Intensität. Der ausländischen
Konkurrenz hielt man gut Stand; die schweizerische wurde immer
mehr verdrängt; in Holland selbst konnte die fremde, englische
und deutsche, nicht recht aufkommen. Steigend war die Ausfuhr
nach England, vorzüglich in Baumwollflanell nach Manchester,
der früher von hier nach Hamburg, jetzt von Enschede nach England
 exportiert wurde?).
Die Twentesche Industrie war ein lebendiges Beispiel
 für die Tatsache, daß nur die Freiheit eine Industrie auf dem
Weltmarkt konkurrenzfähig machen konnte. Der Handel mit ihren
Produkten hat, seitdem ihr diese freie Bewegung zuteil geworden war,
dauernd zugenommen. Über den Umfang dieses Handels durfte
man sich nicht täuschen lassen durch den Niedergang der Preise,
der die Wertangaben der Statistik beeinflußte ; dieser Niedergang
war die Folge des Preisrückganges der Rohstoffe, der Verminderung
der Produktionskosten und des Gewinnes der Fabrikanten. Daß der
Unterschied zwischen dem Verkaufspreis auf den überseeischen
Märkten und dem Reingewinn der Fabrikanten viel geringer gel)
 Blink, Nederland, III, S. 303 ff.
°) Smissaert, S. 275, 318.
3) Smissaert; S 342;

Re
+ a
        <pb n="472" />
        — 44
worden war als früher, da man mit einer Reise von 5—6 Monaten,
mit langem Transport im Inneren Javas usw. und deshalb mit
ansehnlichen Vorschüssen der Amsterdamer Kaufleute und den damit
 zusammenhängenden Provisionen, Kommissionen usw. zu rechnen
 hatte, war begreiflich!).
Neben der Twenteschen Baumwollindustrie fiel den übrigen
Vertreterinnen dieses Gewerbes in den Niederlanden im 19. Jahrhundert
 nur eine unwesentliche Rolle zu. Amsterdam zählte 1816
drei armselige Kattungarnfabriken mit 15 Arbeitern, ferner eine
bescheidene Garnzwirnerei?). Besser sah es in Rotterdam aus;
hier blühte noch 1814 die früher dort bestehende Baumwollindustrie
wieder auf; sie verlangte die freie, ungehinderte Einfuhr der weißen
ostindischen Kattune. Wenig unterstützt von der ‚„„Handelsmaatschappij,
 mußte die Rotterdamer Fabrik „Non plus ultra“ 18306
ihre Zahlungen einstellen. Nun half der Fonds für ‚nationale
nijverheid‘““ mit einer Unterstützung, und auch die Handelsmaatschappij
 gab einen jährlichen Auftrag auf Calicos. Die Fabrik
hat sich dann wieder in die Höhe gearbeitet; sie machte alle Stufen
der technischen Entwicklung mit, von der primitiven Farbenwahl
und den natürlichen Farbstoffen bis zur modernen Technik. In
der Mitte des Jahrhunderts war der Fabrikant ganz auf sich allein
angewiesen; er hatte die richtige Farbenzusammenstellung selbst
zu suchen?).
Von Interesse war ferner die 1835 aus Lier bei Antwerpen
erfolgte Verlegung der Kattundruckerei von de Heyder nach
Leiden: sie wurde durch. P. L.C. Driessen, der aus Bocholt
in Westphalen eingewandert war und einer dortigen Fabrikantenfamilie
 angehörte, erheblich erweitert‘). Im Jahre 1833 wurde Sodann
 auf Veranlassung der Handelsmaatschappij und im Zusammenhang
 mit der oben erwähnten Bewegung, die zur Belebung der
Twenteschen Industrie führte, in Haarlem durch den früher in
der Nähe von Brüssel ansässigen Baumwollfabrikanten Wilson,
einen Engländer, eine namentlich für die Bleicherei, Druckerei und
1. Smissaert,S. 35%.
2) Sn ellen, De toestand, S. 161.
3) Wiersum en van Sillevoldt, 5. 67 ££.
4 Driessen, PL C. Driessen, S. 8 ff. In Aalten arbeiteten schon
für Driessens Vater 500 Haushandweber; er war 1826 in Holland eingewandert,.

A
AND
        <pb n="473" />
        Färberei der Baumwollstoffe bestimmte Fabrik errichtet!). Alle
diese Unternehmungen hatten es freilich nicht leicht in dem Wettbewerb
 mit der hochentwickelten Twenteschen Industrie, die sich
bald nicht mehr auf einzelne Teile der Fabrikation beschränkte,
sondern sie in ihrer Gesamtheit beherrschte und vor allem
Fertigfabrikate herstellte.
Auch in neuester Zeit war die Baumwollindustrie namentlich
in Twente konzentriert; am I. Januar 1911 gab es in den Niederlanden
 14 Baumwollspinnereien mit 486 892 Spindeln und rund
3940 Arbeitern; von diesen waren 12 mit 450 224 Spindeln in Twente;
und von diesen 12 allein 8 in Enschede und Lonneker mit 325 000
Spindeln und 2700 Arbeitern. Die von den niederländischen Baumwollspinnereien
 hergestellten Garne dienten größtenteils für die Anfertigung
 baumwollener, halbleinener und halbwollener Stoffe und
sonstiger Textilfabrikate (Trikots, Fischnetze, Segeltuch usw.) im
Inland, zum kleinen Teil wurden sie nach Deutschland, Niederl.-Indien,
 Argentinien usw. ausgeführt. Außerdem fand aber eine
starke Einfuhr statt, vorzüglich aus England, Deutschland und
Belgien, meist über Rotterdam. Ausgedehnter als die Spinnerei
war die Weberei; letztere war auch nicht in dem Maße in Twente
konzentriert wie jene, sondern hatte außerdem im östlichen Gelderland
 (Aalten, Winterswijk) und im südöstlichen Nordbrabant (Eindhoven,
 Helmond, Gemert usw.), wie auch in Deventer, Leiden,
Veenendal ihren Sitz. Im ganzen hatten 1910 die Niederlande
49 Baumwollwebereien mit 20 850 Arbeitern und 30 940 Webstühlen.
Hinzu kamen dann noch eine Reihe von Kattunbleichereien, -färbereien
 und -druckereien, bei denen die chemische Arbeit nicht hinter
der textiltechnischen zurückstand. Diese ganze umfassende Baumwollindustrie
 arbeitete im großen Stil für das Ausland, namentlich
allerdings für Niederl.-Indien. Der Wert der Ausfuhr von baumwollenen
 Manufakturen nach Niederl.-Indien betrug 1846: 5140046 fl. ;
1909 aber 22363 285 fl.; der Wert derselben Ausfuhr nach
anderen Ländern 1846: 299 260 fl.; 1900; 35 800 507, 11.2).
Im 19. Jahrhundert erfuhr die niederländische Bierbrauerei
 eine Wandlung in zwiefacher Richtung. Zunächst
* Posthumus, Bijdragen, S. 203, 222 ff., 226, 240.
3) Everwijn, S. 289ff. Im Verhältnis zu der europäischen Gesamt-Baasch,
 Holländische Wirtschaftsgeschichte. 9%

»1
        <pb n="474" />
        nahm die Zahl der Brauereien dauernd ab; sie sank von 678 im
Jahre 1819 auf 444 im Jahre 1909. Ferner verschob sie sich nach
Osten. Nur in Nordbrabant und in Limburg, also den südlichen
Provinzen, hielten sich noch die kleinen Betriebe; in den anderen
Provinzen erfolgte überall eine Konzentration dieses Gewerbes.
Drenthe und Friesland, die noch 1814 eine bzw. 4 Brauereien besessen
 hatten, schieden nun völlig aus; von 92, die Gelderland 1819
besessen hatte, waren noch 24 übrig, von den 39 Groningens von
1819 hatte es 1909 nur noch 4. Dagegen hatten sich in Nordholland
und Seeland die Brauereien der Zahl nach fast auf der alten Höhe
behauptet. Mit der Menge der Bierproduktion hatte diese Entwicklung
 nichts zu schaffen; sie nahm, unterstützt durch eine höhere
wissenschaftliche Erkenntnis der Bierchemie, dauernd zu; nur war
sie jetzt mehr in großen Betrieben vereinigt. Die Rohstoffe, Gerste,
Hopfen, wurden fast ausschließlich aus dem Ausland eingeführt;
nur das Malz lieferte teilweise das Inland. Mit der großen Produktion
 suchte die Brauerei auch Absatz im Auslande; trotz des
starken Wettbewerbes, dem man begegnete, nahm die Ausfuhr
doch stark zu; 1870 betrugen Aus- und Einfuhr ı 150 147 bzw.
1785703 Liter; 1910: 8 047 122 bzw. 4 000 046 Liter. Die Ausfuhr
 ging meist nach Niederl.-Indien, England und Frankreich,
während für die Einfuhr neben Deutschland Österreich und England
 in Betracht kamen‘).
Einen höheren Aufschwung als die Brauerei nahm im 19.
Jahrhundert die Brennerei. Zunächst galt es freilich auch
hier, wieder aufzubauen. In die nachfranzösische Zeit trat Schiedam
 1816 mit 3 Destillerien von Likören und 171 Genever-Brennereien?).
 Dies Gewerbe hat in den nächsten Jahrzehnten einen ziemlich
 schweren Stand gehabt. Erst die 1847 eröffnete Eisenbahn
brachte ihm in Schiedam neuen Aufschwung; man hoffte auf einen
Hafen an der Maas und dann auf eine direkte Dampferverbindung
mit England. Als im Februar 1851 der erste Ostindienfahrer nach
textilindustrie fiel der niederländischen Textilindustrie doch nur eine bescheidene
Rolle zu; sie betrug 1913 in der Einfuhr 3,2, in der Ausfuhr 2,6% jener (Kertesz,
Die Textilindustrie sämtlicher Staaten, S. 334 ff.). Vgl. auch Jahn, S. 174 {f:
uNEverwijn, 0, S. 598f.
23) Dobbelaar, a. a. O.

466
        <pb n="475" />
        Schiedam kam und damit sich ein alter Wunsch der Stadt erfüllte,
die ihre Schiffe bisher stets in Rotterdam hatte laden und löschen
müssen, blühte auch die Brantweinbrennerei von neuem auf!), Im
Jahre 1890 hatte Schiedam wieder 224 gewöhnliche Brennereien,
außerdem mehrere Spezialfabriken von Spirituosen; von den rund
47 Millionen Hektolitern, die destilliert wurden, gingen allein 25
Millionen nach Nordamerika, nach England wurden rund 5 Millionen
 kg Hefe ausgeführt?). Seitdem ging diese Industrie aber
wieder stark zurück. Überall regte sich seit dem Ende des Jahrhunderts
 eine eifrige Konkurrenz; außerdem wurde nun der Malzwein,
 der bisher für die Fabrikation des Genevers als Grundstoff
gedient hatte, vielfach verdrängt durch den Spiritus; die Kornspiritusfabrikation
 in Delft, Bergen-op-Zoom, Zevenbergen, die
ausschließlich Melasse-Spiritus herstellte, machte Schiedam große
Konkurrenz; sie beschränkte sich nicht allein auf den Verkauf
von denaturiertem Brennspiritus, sondern destillierte ihr Fabrikat
auch zu Genever, Kognak, Likören usw. Es hing das z. T. mit
der Veränderung des Geschmackes zusammen, der sich jetzt mehr
dem aus Spiritus hergestellten Branntwein zuwandte und von dem
Malzweinprodukt nichts mehr wissen wollte. So sank die Zahl
der Kornbrennereien erster Qualität in Südholland, also vorzüglich
Schiedam, 1909 auf 109, in den Niederlanden auf 113, und die Gesamtproduktion
 des Landes von Kornbranntwein von 650 050 hl
1896 auf 450 600 im Jahre 1910, während gleichzeitig die Erzeugung
des Melasse-Spiritus von 25 150 auf 250442 hl stieg. Auch die
Ausfuhr der Hefe nahm infolge der starken Produktion in anderen
Ländern nur in geringem Maße zu, nämlich von 5204 156 hl im
Jahre 1901 auf 5889 979 im Jahre 1910, während die Einfuhr
zum Verbrauch von 363576 auf 819038 hl stieg. Bedeutend war dagegen
 immer noch die Likörfabrikation ; auf diesem Gebiete
besaßen die Niederlande schon seit dem Ende des 16. Jahrhunderts
einen Ruf; Lucas Bols errichtete 1575 seine sehr bescheidene
Bude, in der er Liköre herstellte; Wynand Fockinck folgte
ihm 1679, beide in Amsterdam. Durch diese und andere Unternehmungen
 wurde die holländische Likörfabrikation berühmt; vermittels
 der geschickten Art, mit der die Holländer für diesen Artikel
) Heeringa,S.225ff.
?) Blink, Nederland, III, S. 374 £.

467
30*
        <pb n="476" />
        überall Propaganda zu machen verstanden, hielten sie nicht nur
der französischen Konkurrenz stand, sondern verdrängten sogar
oft die Likörerzeugnisse der Franzosen. Die Zunahme dieser Fabrikation
 war andauernd; 1885 gab es 230, 1909: 367 Likörfabriken,
von denen allein auf Südholland 155 fielen. Im Jahre 1910 führte
man 633 337 Liter aus, während 21 526 Liter eingeführt wurden,
insbesondere aus Frankreich. Der innere Verbrauch von Spirituosen
 nahm freilich ab; kamen noch 1831—1835 auf den Kopf
der Bevölkerung 10,49 Liter versteuerter Spirituosen, So war
diese Menge 1910 auf 5,29 Liter gefallen, was zum Teil der Antialkoholbewegung,
 zum Teil der Erhöhung der Akzise zuzuschreiben
sein dürfte. Diese brachte es 1010 auf 28 314 497 fl. gegen
26 444 372 fl. im Durchschnitt der Jahre 1901—1910°).
Nach der Wiederherstellung der Niederlande 1814 haben verschiedene
 Umstände auf die Zuckerindustrie teils günstig,
teils nachteilig eingewirkt. Schädlich wirkte die 1819 eingeführte
Zuckerakzise, die nicht als Konsum-Abgabe, sondern als Besteuerung
 am Ursprung erhoben wurde?). Da man aber nur
den inländischen Verbrauch treffen wollte, führte man ein Rückvergütungsverfahren
 für die wieder ausgeführten Zucker ein.
Das Übel dieser Maßregel beruhte auf der Ungewißheit über die
Menge raffinierten Zuckers, die der Raffinadör aus dem Rohzucker
 gewann; je nach diesem Verhältnis und dem Verhältnis
des Ertrages aus dem Raffinierungsprozeß zu der Akzise bezahlte
entweder der Raffinadör mehr Akzise als das Gesetz eigentlich
wollte, oder er fand sein Interesse daran, den Überschuß, für den
er keine Akzise entrichtet hatte, auszuführen, um in den Genuß
der Ausfuhrprämie zu kommen. Da überdies das Gesetz nur drei
Zuckersorten kannte (rohe und zwei raffinierte), tatsächlich aber
je nach dem Zuckergehalt noch mehrere bestanden, konnte die
Akzise ein genaues Ergebnis gar nicht zutage fördern. Erst 1865
wurde eine größere Anzahl von Zuckerkategorien geschaffen. Nachteilig
 wirkten sodann die vielen Belästigungen, die der Handel durch
)NEverwiljn, IL, S. 6191.
2) Reesse, II, S. 2 ff. Gegen die Belastung der Zuckerraffinerien schon
Hogendorp, 1820 (IV, S. 190 ff); weiter 1821 (VI, 5.207 ff.) Groeneveld
 Meyer, S. 1431.

468
        <pb n="477" />
        die Akzise erfuhr. Günstig auf den Zuckerhandel wirkte hingegen
 die Errichtung der Entrepotdocks; ihre niedrigen Tarife
zogen viel Rohware an. Obwohl die Zuckerindustrie unter den
allgemeinen gedrückten Verhältnissen, namentlich dem englischen
Wettbewerb, litt, blieb Zucker noch immer ein wichtiger Ausfuhrartikel.
 Schon 1816 hatte Amsterdam wieder 60 Raffinerien mit
5600 Arbeitern!). Die Nederl. Handelsmaatschappij ließ freilich ihre
Ladungen vorzugsweise nach Antwerpen gehen, auch Rotterdam
erhielt von ihnen mehr als Amsterdam. Hier aber vereinigte sich
die Zuckereinfuhr von Surinam.
Der Tarif von 1816 äußerte sich hinsichtlich des Zuckers
in hohen Zöllen für fremde raffinierte und niedrigen Zöllen für
Rohzucker?); das entsprach im wesentlichen der schon im 18. Jahrhundert
 beobachteten Zuckerpolitik. An Stelle der binnenländischen
Pässe, die früher sehr lästig gewesen waren, trat nun eine verschärfte
 Grenzkontrolle; sie war ermöglicht durch die Schaffung
einer Zentralregierung, die das Beamtentum fester in den Händen
hatte als die früheren Provinzialverwaltungen.
Nach 1830 stieg die Bedeutung Amsterdams für den Zuckerweltmarkt.
 Dazu trugen bei zunächst die verschiedenen Verbesserungen,
 die Amsterdams wirtschaftliche Lage durch Hafenbauten,
den Nordseekanal usw. erfuhr; sodann die geregelten Beziehungen
mit den Kolonien, namentlich Java; endlich aber das Ausscheiden
Antwerpens aus dem bevorzugten Verkehr mit den niederländischen
Kolonien. Für 30 Jahre wurde nun Amsterdam der Hauptmarkt
Europas für Kolonialzucker. Weniger erfreulich waren für den
holländischen Zuckerhandel und die Raffinerien die Errichtung des
preußischen Zollvereins, sodann das Prohibitivsystem Frankreichs.
Nach dem Zollverein führten die Niederlande Lumpenzucker und
gebrochenen Melis aus, die dort den Rohstoff für die Raffinerien
bildeten und mit demselben Zoll wie Rohzucker zugelassen wurden.
In Gemäßheit des Akzisegesetzes konnten die Raffinadöre jene
1) Toestand der Nijverheid te Amsterdam in 1816, .S. 14:
?) Das entsprach dem Vorschlag in „Toestand‘ etc., S. 20. Gegen die freie
Durchfuhr des raffinierten Zuckers, die von den Rotterd. Kaufleuten gewünscht
wurde, sprachen sich die Raffinadöre aus (Sneller, De toestand, S. 138); sie
forderten 1817 sogar 6% für die Durchfuhr anstatt der bisherigen 3% (Groeneveld
 Meyer, SS 125):

169
        <pb n="478" />
        Zucker als raffinierte ausführen und genossen auf sie die Ausfuhrprämie,
 die seit 1833 sich auf 21 fl. für 100 kg belief. Auf dieser
Prämie beruhte der größte Teil des niederländischen Zuckerhandels
mit den Rheinlanden, und 1829—1836 nahm die Ausfuhr um mehr
als das Doppelte zu?!). Als seit 1837 der Zollvereinstarif den Einfuhrzoll
 von 5 auf ı1ı Taler pro Zentner erhöhte, ging die Ausfuhr
dorthin stark zurück. Erst der Handelsvertrag von 1839, der die
niederländischen Lumpenzucker gegen die Hälfte des Zolltarifs
zuließ, brachte die Ausfuhr wieder auf die alte Höhe; sie sank abermals,
 als jener in Deutschland heftig angegriffene Vertrag 1842
aufgehoben und der Zollvereinstarif erhöht wurde?). Mit jeder Vermehrung
 der Lumpenzuckerausfuhr stieg aber die Ausfuhr von
Rohzucker; der Amsterdamer Rohzuckermarkt war also wohl imstande,
 die deutschen Raffinerien zu versorgen; Nur das Akzisegesetz
 und der durch dieses geschaffene künstliche Zustand setzte
die Raffinadöre in den Stand, ihre Erzeugnisse als Rohstoff der
deutschen Industrie zu liefern. Erfuhr nun diese Ausfuhr einen stets
wachsenden Rückgang, so nahm dagegen die Ausfuhr raffinierter
Zucker nach Rußland und England erheblich zu; letzteres wurde
neben den Häfen des Mittelländischen Meeres der Hauptabnehmer
der holländischen Raffinaden®).
Schließlich führte die Zuckerakzise, die unverändert blieb,
zu unhaltbaren Verhältnissen. Infolge der technischen Verbesserungen
 wurde der Unterschied zwischen dem angenommenen und
dem tatsächlichen Ertrag immer größer, so daß der Überschuß
des raffinierten Zuckers über die bei der Versteuerung angenomMmeN€
Menge sich dauernd steigerte*). Der volle Betrag der Akzise für
den Überschuß war ein Gewinn für die Raffinadöre, den sie aber
nicht als Reingewinn buchten, sondern z. T. dafür verwandten, ihre
ı) Wie nachteilig die holländische Zuckerprämienpolitik im Auslande empfunden
 wurde, zeigt eine hamb. Eingabe von 1834 (Baasch, Quellen usw.,
Ss. 1783 £f.).
2) Vgl. oben S. 437-3)
 Reesse, II, 27 ff.
4) Auf die Ausartung der Ausfuhrprämie, die nicht einmal das Gedeihen
der Zuckerraffinerien fördere, da viele von ihnen trotzdem nicht bestehen könnten,
wies auch hin Ackersdijck, Over belastingen etc,, S. 24 ff.; er empfahl
eine Akzise, die nur den inländischen Verbrauch treffe und allein der Staatskasse
zugute komme; sie werde ihr etwa 3 Mill. fl. zuführen.

470
        <pb n="479" />
        SH
Zucker zu niedrigen Preisen auf den ausländischen Markt zu werfen
und dadurch ihren Absatz zu erweitern. Die steigenden Überschüsse
 mußten, wollte der Raffinadör den Akzisegewinn genießen,
an den inländischen Markt verkauft werden, der auf solche Weise
mit Zucker übersättigt wurde. Die Raffinadöre brachten aber
den Konsumenten eine Akzise in Rechnung, die sie selbst an die
Regierung nicht zu zahlen brauchten; sie waren also imstande,
diese Akzise nur zum Teil zu berechnen; die Konkurrenz benutzte
infolgedessen die Akzise zum Unterbieten der Preise. Die Akzise
floß damit teils in die Taschen der inländischen, teils der ausländischen
 Verbraucher, während die Staatskasse das Nachsehen hatte
und nur wenig Akzise erhielt. Andere Mißbräuche kamen hinzu;
so der Handel mit dem Recht, auf Grund dessen der Raffinadör
von seiner Rechnung mit der Regierung zum Zweck der Zuckerausfuhr
 Gebrauch machen konnte. Alles das schädigte die Akzise
und war nach allen Richtungen hin unwirtschaftlich; die Akzise
brachte 1840 nur noch 43 519 fl. ein. Verschiedene Versuche, das
Akzisesystem zu reformieren, verschlugen nicht viel und ließen
die Raffinadöre immer noch in dem Besitz einer schönen Prämie.
Auch die Rübenzuckerfabriken, deren erste 1858 in Amsterdam
errichtet wurde, unterwarf man der Akzise‘).
Da ähnliche Verhältnisse hinsichtlich der Akzise auch in anderen Ländern,
So England, Frankreich, Belgien, herrschten und überall der binnenländische Konsument
 die Steuer bezahlte, um dem Auslande billigen Zucker zu verschaffen,
wurde 1864 auf ıo0 Jahre eine internationale Konvention, der die Niederlande
beitraten, geschlossen; danach änderten diese 1867 ihre Zuckerbesteuerung.
Wohl unabhängig von dieser Konvention, deren Wirkung auf die Preise zweifelhaft
 war, entwickelte sich in nächster Zeit die niederländische Zuckerindustrie
recht günstig; die allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse erwiesen sich als förderlich.
 Nur die Kandisfabrikation, die allein erstklassige Rohware verarbeitete und
daher viel höhere Abgaben als früher zu tragen hatte, ging seit 1865 dauernd zurück;
die Ausfuhr nahm ab und stieg erst wieder nach 1880, ging nun aber nicht mehr
über Amsterdam, wo diese Fabrikation zugrunde gegangen war, sondern vorzüglich
über Groningen?). Die Einfuhr von Rohzucker nach Amsterdam war im Laufe des
Jahrhunderts stark gestiegen, und zwar von 28 Mill. kg 1834 auf 93 Mill. kg 1871,
was wohl z. T. den besseren Verkehrswegen, technischen Fortschritten usw. zuzuschreiben
 war. Eine feste Grundlage bot stets die Zufuhr aus Java; Hauptabnehmer
war England.
')) Reesse, 11,364:
?) Über die früher blühende Kandisfabrikation N emnich; S: 137.
        <pb n="480" />
        — 7 2 —
Ein völliger Umschwung trat nach 1872 ein. Die Regierungs-Zuckerauktionen
nahmen nun infolge der veränderten Stellung der Handelsmaatschappij ein Ende;
damit verminderte sich die Zuckereinfuhr in Java. Ferner wurde 1874 die differentielle
 Abgabe auf Zucker aufgehoben. Die gleichzeitig in England erfolgte Reform
der Zuckerakzise gab dem Javazucker eine unwiderstehliche Richtung nach dem
englischen Markte, was den holländischen Zuckermarkt weiter ungünstig beeinflußte.
 Die Zufuhren aus Java nach Holland fielen von 158 Mill. kg 1871 auf 27
im Jahre 1879; 1887 hatten sie fast ganz aufgehört. Die große Rolle, die Amsterdam
 im europäischen Zuckerhandel gespielt hatte, war damit abgeschlossen. Außerdem
 benachteiligten die französischen Ausfuhrprämien den holländischen Zuckerhandel.
 An Stelle des Javazuckers verarbeiteten nun die Niederlande Rüben, vorzüglich
 deutschen und belgischen Ursprungs. Eine neue 1875 abgeschlossene Zuckerkonvention
 wurde von der niederländischen Volksvertretung abgelehnt, da die
Niederlande den anderen Ländern nicht gleichgestellt waren, überdies wichtige
Zuckerproduktionsländer sich nicht angeschlossen hatten‘).
Die Akzise blieb weiter bestehen; eine 1876 laut werdende Anregung, sie aufzuheben?),
 fand keinen Beifall. Infolge der fortgeschrittenen Wertbestimmung des
Zuckers, die man der Chemie verdankte, konnte die Akzise nun weit genauer gehandhabt,
 die Kontrolle schärfer gestaltet werden, was den Fabrikanten, deren
Gewinn sich jetzt an dem Gehalt der einzelnen Zuckersorten sicherer feststellen
ließ, natürlich unbequem war. Für den Handel war das insofern nachteilig, als
England dadurch Vorteile erhielt, da es hauptsächlich kolonialen Zucker verarbeitete,
 der sich vom Rübenzucker durch einen höheren Glukosegehalt unterschied,
was dem von dort eingeführten Zucker eine geringere Besteuerung eintrug. Ein
niederländisches Gesetz von 1886 machte diesen Schaden wieder gut. Bedeutend
war die Umwälzung, die der Handel durch den Terminhandel und die damit verbundene
 Ausschaltung des Zwischenhandels und der Exporthäuser erfuhr. Der
Zuckerhandel bestand nun fast nur noch aus den Lieferungen der in- und ausländischen
 Rübenzuckerfabriken an die Raffinerien und den Versendungen der
letzteren an das Ausland; die zweite Hand war fast ganz ausgeschieden. Durch
diese Vereinigung von Handel und Industrie in einer Hand verdoppelte sich das
Interesse der Industrie?).
Ein neuer Versuch, die Zuckerprämienfrage auf internationalem Wege zu
lösen, 1887—091, mißlang. Noch immer bestanden die Ausfuhrprämien auch in
Holland weiter; auf die 30 Fabriken kamen 1892/93 rund 3 Mill. fl.*). Der Javazucker
 war dagegen schutzlos; es war nicht erstaunlich, wenn er vom Markte verschwand.
 Nach deutschem und österreichischem Muster wurde nun 1894 die Prämie
auf die Hälfte herabgesetzt. Hinsichtlich des Fortbestehens der Akzise, die ja die
Voraussetzung der Prämie war, bestanden viele Zweifel. Mit Recht wies man darauf
hin, daß die holländische Zuckerindustrie 200 Jahre ohne Akzise bestanden und
l) Boissevain, S. 541.
2) Boissevain, S. 512.
3) Reesse, II, S. 64, 66, 156.
4) Über die Schwierigkeiten, die die Ver. Staaten von Amerika gegenüber
den holländischen Zuckerprämien machten, vgl. K1oos, S. ı20 ff.

a7:
        <pb n="481" />
        — 4. —
geblüht hatte. Allerdings war sie, für sich allein betrachtet, lediglich eine fiskalische
Steuer; sie brachte aber noch 8% Mill. fl. ein; und man gab sie ungern ohne Äquivalent
 preis. Einen erheblichen Fortschritt in dieser Entwicklung bedeutete dann
aber die internationale Zuckerkonvention von 1902: sie schaffte für die angeschlossenen
 Staaten, darunter die Niederlande, die Prämien ab und erniedrigte die auswärtigen
 Zuckerzölle. Dadurch verbesserte sich für den niederländischen Produzenten
 und Exporteur die Lage!). Weitere Zusatzkonventionen erweiterten diese
Abmachungen. Die Zuckerakzise wurde nun herabgesetzt, und zwar auf 28 % fl.
per 100 kg Kandis und auf 27 fl. für andere raffinierte Zucker. Die Produktion
von Rohzucker aus Rüben stieg jetzt; von 71 Mill. kg 1894/5 hob sie sich auf
199% Mill. 1910/11; die Zahl der Fabriken hielt sich ziemlich auf dem gleichen
Stande und belief sich 1910/11 auf 28, die sich auf 21 Orte verteilten: allein 17
von ihnen befanden sich im westlichen Teil von Nordbrabant, d. h. in der Nähe
des Zentrums des Rübenzuckerbaus?).
Gegen früher hatte der Zuckerhandel in neuerer Zeit
nicht mehr die gleiche Bedeutung; wir wiesen schon hin auf die
Abnahme der Zufuhren von Javazucker. Seitdem fast jedes europäische
 Land Rübenzuckerbau trieb, waren dem Handel enge
Schranken auferlegt, die auch durch die Zuckerkonventionen nicht
ganz beseitigt wurden. Von der Rübenzuckerproduktion der einheimischen
 Fabriken kamen am Beginn des 20. Jahrhunderts etwa
75 % in die niederländischen Raffinerien, etwa 17 % wurden ausgeführt
 und etwa 8% raffiniert wieder in den Handel gebracht,
größtenteils für industrielle Zwecke (kond. Milch, Chokolade, Liköre,
Marmeladen usw.). Ungeachtet der zunehmenden Produktion bedurften
 die Niederlande noch der Einfuhr aus dem Auslande; der
Überschuß der Ein- über die Ausfuhr von Rohzucker betrug 1910:
8 Mill. kg. Die Einfuhr erfolgte meist aus Belgien und Deutschland
über Amsterdam und Rotterdam.
Im inneren Betrieb der Zuckerraffinerien veränderte sich
natürlich sehr viel, nicht nur was die Menge, sondern was die Form
und Technik betraf. Die 61 Zuckerraffinerien, die Amsterdam 1830
besaß, arbeiteten mit durchschnittlich je 8 Mann; 1894 hatten die
4 Raffinerien mindestens die doppelte Anzahl von Arbeitern. Störend
 wirkten nach der Wiederherstellung von 1813 die hohen Betriebskosten
 und Steuern auf Kohlen, Kalk usw.; sie beliefen sich
für jede Raffinerie auf 4—5000 fl. mehr als das, was früher entrichtet
 worden war. Dazu kamen die städtischen Akzisen. So ent-)
 Everwijn, N, 7534,
2) Everwijn., S. 766 ff.

73
        <pb n="482" />
        — 7 474 —
wickelte sich die Amsterdamer Zuckerindustrie nur langsam aufwärts;
 1827 produzierte sie 12—14 Mill. kg. Die Rohware lieferte
damals meist Surinam, etwas auch Brasilien. Mit der Verbesserung
des Verkehrs und der Technik hielt die Aufwärtsbewegung Schritt;
namentlich die Verwendung der Dampfkraft hat fördernd gewirkt.
Nach 1830 führte eine Fabrik nach der anderen Dampfkraft ein;
das bedeutete eine mächtige Steigerung der Produktion; gegenüber
den 61 Amsterdamer Raffinerien, die 1830: 12—14 Mill. kg herstellten,
 stand 1843 eine Fabrik mit einer Produktion von
ı2 Mill. kg. Die kleineren Raffinerien verschwanden allmählich
oder wurden von den größeren aufgesogen; 1861 gab es in Amsterdam
 noch sieben ohne Dampfkraft arbeitende Raffinerien, 1894
nur vier. Die Entwicklung führte zu enger Zentralisation!). Zähe
Energie und ein starker Unternehmungsgeist hatten somit dem
Lande eine sehr wichtige Industrie erhalten. Von der für die frühere
Zeit beklagten Lässigkeit und Bequemlichkeit findet sich hier
keine Spur. Aus reinen Fabriken wurden die Zuckerraffinerien
immer mehr ein Feld für Handel und Spekulation, namentlich
nach Einführung des Terminhandels; das war die Folge davon,
daß der Unterschied zwischen dem Preis der Rohstoffe und des
Produkts oft derartig war, daß nicht mit Vorteil gleichzeitig auf
dem ausländischen Markt roher Zucker eingekauft und raffinierter
verkauft werden konnte’).
Während in den ersten Jahrzehnten nach 1813 der Kolonialzucker,
 der nach Holland kam, überwiegend seinen Ursprung in
Surinam hatte, nämlich von 1829—1840 jährlich zwischen 13
und 18 Mill. kg, trat allmählich der Bezug aus Java weit in den
Vordergrund; er hatte 1831 noch 6,4 Mill. kg betragen und stieg
1844 auf 51 Mill. Diese Zunahme beruhte im wesentlichen auf dem
seit 1833 in Java herrschenden „Kultursystem“‘3). Allerdings mußten
die Javanen die ihnen auferlegte Mehrlieferung mit größerer Arbeit
bezahlen und die Steigerung der Regierungsproduktion führte zur
Schädigung der privaten Industrie. Da das Zuckerrohr nicht so
ohne weiteres versandfähig war, wie Baumwolle, Kaffee, Tee, sondern
erst bearbeitet werden mußte und man hierzu der Dazwischenkunft
l) Reesse, I, 5. 75 £f., 86 ff.
2 Reesse, 11,S.193;
3) Vgl. unten im $9.
        <pb n="483" />
        a
von Privatleuten bedurfte, so schloß die Regierung mit diesen Kontrakte
 und gab ihnen Vorschüsse, die in Zucker zurückbezahlt
wurden, wobei dieser zu 8,33 fl. per Pikul berechnet wurde. Da
aber über die Beschaffenheit dieses Zuckers nichts bestimmt war,
so hatte die indische Regierung zunächst keinen Vorteil von diesem
Geschäft. Erst 1842 wurde durch eine neue Abmachung Wandel
geschaffen und eine gewisse Qualität festgesetzt. Im ganzen war
doch dieses System, das den Fabrikanten genügend Gelegenheit
zu unsauberen Mitteln bot, ungesund; wie bei den ‚„,‚Leinwandkontrakten‘‘,
 trat hier die koloniale Mißwirtschaft zutage. Erst später,
1863, wurde die Schließung der Zuckerkontrakte der Willkür der
indischen Regierung entzogen. Allmählich verbesserten sich auch
die Verkehrsverhältnisse in Java, wie auch die technischen Einrichtungen.
 Die Produktion stieg und im gleichen Maße auch der
Versand, der sich 1872 auf 182 Mill. kg belief!). Die eigentümliche
Stellung des Staats, der im „Kultursystem“ gleichzeitig als Souverän
und als Händler auftrat, hat dem Zuckerhandel eigentlich nicht
geschadet. Erst die Ablösung von dem alten System brachte für
die Zuckerindustrie schwierigere Verhältnisse; die Aufhebung der
Auktionen führte 1879 zu einer Krisis, da die Fabrikanten der
Regierung ihre Vorschüsse nun in bar, statt in Zucker zurückzahlen
sollten. Außerdem bestanden noch viele alte Kontrakte der Privatunternehmer
 mit den Eigentümern der Ländereien. Von jetzt an
bedurften alle solche Kontrakte der Genehmigung der Regierung.
Die Produktion erlitt durch diese Neuordnung keinen Abbruch;
die Ausfuhr stieg von 222 Mill. kg im Jahre 1880 auf 507 Mill.
1893. Trotz des schweren Kampfes gegen die europäische Rübenzuckerindustrie
 war der Verfall, den man befürchtete, nicht eingetreten.
 Die Krisis, die 1884 infolge der starken Preissenkung ausbrach,
 wurde durch eine Unterstützungsaktion der Regierung, die
den Zuckerfabrikanten in Java helfend beisprang, überwunden?),
Man verringerte außerdem damals die Ausfuhrabgabe auf Zucker
in Java auf 0,15 fl. per 100 kg und hob sie 1886 auf 5 Jahre ganz
auf, stellte sie jedoch 1894 wieder her. Die ungeheure Steigerung
der javanischen Zuckerproduktion, die Anfang der 1890er Jahre
) Reesse, N, 1067.
2) Über diese Krisis vgl. auch Gedenkboek der Ned. Handelsmaatschappij,
S. 754.

75
        <pb n="484" />
        —_ et —
fast ein Sechstel der Gesamtweltproduktion an Kolonialzucker ausmachte,
 kam freilich dem Mutterlande kaum noch zugute; die Ausfuhr
 nach dort sank immer mehr und betrug 1893 nur noch 7 Mill. kg;
auch später unterlag sie großen Schwankungen!). Zu jenem Rückgang
 trug die 1874 erfolgte Aufhebung der differentiellen Zölle,
die bisher die niederländischen Häfen vor den ausländischen begünstigte,
 ebenso bei wie die ein Jahr zuvor erfolgte Aufhebung
der Auktionen?). Im Jahre 1894 gab es neben den 30 Rübenzuckerfabriken
 noch 5 Raffinerien von Kolonialzucker, davon 4 in Amsterdam®3).
 Ganz versiegte allmählich die Zuckereinfuhr aus Surinam;
sie betrug 1893 nur noch % Mill. kg).
Den völlig verfallenen Schiffbau versuchte man nach
1814 durch künstliche Mittel, wie Prämien, in die Höhe zu bringen.
In Amsterdam gab es 1817 nur noch 914 Schiffszimmerleute, gegen
2458 im Jahre 1780; in Zaandam war 1817 nur noch eine Werft
tätig’). Jene Prämien, zuerst nur für neuerbaute Schiffe im Verkehr
mit den überseeischen Besitzungen bestimmt, wurden 1825 ausgedehnt
 auf den Bau von Fahrzeugen, die im Ostseeverkehr fuhren‘®);
doch wurden sie 1830 wieder aufgehoben. Die rege Tätigkeit der
Ned. Handelsmaatschappij in der Fahrt nach Ostindien förderte
dann auch den einheimischen Schiffbau, so daß Prämien entbehrlich
schienen”). Im Jahre 1814 standen nicht weniger als 321 in den Niederlanden
 gebaute Schiffe im ostindischen Verkehr; sie wurden namentlich
 in Amsterdam, Rotterdam und auf den Werften längs der
Maas, der Noord, des Leck und der Ijssel gebaut. Für die kleine
europäische Fahrt fanden die Bauten meistens in der Provinz Gro-1)
 Sie betrug 1906: 1,2; 1901: 0,9; 1902 1,6; 1903% I,7; 1904: 5,8:1905:0,7;
1906: 10,7; 1907: I7,I; 1908: 3,5; I909: I1,5; I9I10: 20,9 Mill.kg (Everwijn,
II, 729).
2) Vgl: oben S: 472.
3) Die Produktion dieser Kolonialzuckerraffinerien schwankte stark; sie
betrug 1905: 482 700; 1910: 16 704 700 kg (Everwijn, II, 774)-‘)
 Reesse, II; 134.
5) Hogendorp, Bijdragen, I, 179 f.
6) Vgl. Falck, Gedenkschriften, S. 255 (1821); Pos thumus, Documenten,
 I, 255, 336, 340 (1825, 1827); Sneller,; De toestand, S. 149.
7)Everwi]n, 1.722.177:

476
        <pb n="485" />
        a
ningen statt!), aber auch in Medemblik, Monnikendam, Edam usw.
Die Binnenschiffahrt ergänzte ihre Flotte durch die Werften an
der Zaan, in Friesland, Groningen, Drente und Gouda.
Langsam begann auch der Dampfschiffbau, zunächst
für die Flußschiffahrt. Selbst die ältesten, von der Kölner Rheinschiffahrtsgesellschaft
 in den Dienst gestellten Rheindampfer waren
in Holland gebaut, aber mit englischen Maschinen versehen?). Erst
1829 lief auf der von der Nederl. Stoomboot-Maatschappij errichteten
Werft in Rotterdam das erste Seedampfschiff für die englische
Fahrt vom Stapel, dem dann weitere folgten, alle zunächst hölzerne
Raddampfer; 1837 wurden die ersten eisernen Dampfer in den Niederlanden
 gebaut. Vorläufig warf aber die Segelschiffahrt noch so gute
Gewinne ab, daß man sich nur schwer zu Bauten von Dampfschiffen
in größerer Zahl entschloß; 1848 fuhren unter niederländischer
Flagge erst 7 Dampfschiffe auf offener See. Ende 1850 bestand
die niederländische Handelsflotte aus 1793 Schiffen, von denen
12 Dampfschiffe, die fast alle im Lande gebaut waren).
Die 1850 vorgenommene Gleichstellung derfremden
Flaggen mit der niederländischen. hatte eine starke
Zunahme der Schiffahrt zur Folge und damit auch eine neue Blüte
des Schiffbaues, namentlich von Segelschiffen; waren 1850 insgesamt
129 Schiffe mit 12080 Lasten gebaut worden, so waren es 1856
204 Schiffe mit 26 408 Lasten. Dann setzte bald ein Rückgang
ein, der immer schnellere Schritte machte, so daß 1875 nur noch
28 Schiffe mit 5505 Lasten gebaut wurden. Dagegen hatte der Bau
von Segelschiffen für niederländische Rechnung im Auslande zugenommen;
 er stieg von 7 Schiffen mit 518 Lasten 1850 auf 30 Schiffe
mit 9262 Lasten im Jahre 1875. Ganz traurig war jedoch die Entwicklung
 des Dampfschiffbaues; von 1852—1875 wurden nur 20
Seedampfschiffe im Lande gebaut, während für niederländische
Rechnung im Auslande 91 gebaut wurden. Die ganze niederländische
Handelsflotte, die 1850 197 800 Lasten betragen hatte, umfaßte
1875 316 900 Lasten, ein Zuwachs, der gering war im Verhältnis
zu der sonstigen wirtschaftlichen Entwicklung. Seit der Entziehung
l') Nach Koenen, Voorlezingen, S. 154, 197, wurden 1855 in Groningen
mehr als 100 neue Schiffe gebaut, darunter eine Reihe größerer.
Z Eckert; S: 271;
9) Everwijn,I, 78 ff; Jauch für das Folgende.

77
        <pb n="486" />
        — 4,5 —
der Bevorrechtung war die niederländische Flagge der mächtigen
Konkurrenz des Auslandes um so weniger gewachsen, als sie früher
im ostindischen Verkehr alleinherrschend gewesen war. Für den
Bau der in der kleinen Fahrt gebräuchlichen Schiffe war ferner
hinderlich der vielfach mangelhafte Zustand der Schleusen und
Kanäle, an denen diese Schiffe gebaut wurden, vorzüglich in der
Provinz Groningen; für die große Schiffahrt nach und von den Seehäfen
 bestanden aber damals noch in den schlechten Zugängen erhebliche
 Mängel, die, wie der Schiffahrt, so auch dem Schiffbau
entgegenstanden. Dazu kam weiter die 1869 erfolgte Abschaffung
der Abgabe auf die Naturalisation der im Ausland gebauten Schiffe,
während auf der anderen Seite noch immer auf der Einfuhr wichtiger
Rohmaterialien des Schiffbaues Einfuhrzölle ruhten. So wurden
die wenigen größeren Dampfschiffe, deren die niederländische
Reederei bedurfte, meist im Auslande gebaut; selbst auf Segelschiffe
 traf das in erheblichem Umfange zul). Zum ersten Male
übertraf 1873 das Tonnenmaß der im Auslande gebauten Segelschiffe
 das der auf inländischen Werften gebauten. Die Folge war
ein Verfall der meisten alten Werften, die sich den neuen Anforderungen,
 wie sie vorzüglich seit der Eröffnung des Suezkanals an die
Dampfschiffe gestellt wurden, nicht gewachsen zeigten. Der Übergang
 von den hölzernen zu den eisernen Segelschiffen kam hinzu,
um innerhalb der Werftbetriebe eine schwere Krisis herbeizuführen;
der Schwerpunkt dieser Industrie verschob sich nun ganz vom
Norden nach dem Ausgang der Ströme im Westen und Süden des
Landes.
Mit dem Anfang der 1880er Jahre kam wieder mehr Leben in
die niederländische Schiffbauindustrie; die Suezfahrt, die Schaffung
der großen Zufahrtswege zu den Seehäfen, die Errichtung leistungsfähiger
 Dampfschiffahrtsgesellschaften regte auch den eigenen
Schiffbau an; und diese Gesellschaften gingen nun langsam dazu
über, ihre Neubauten einheimischen Werften zuzuwenden, zumal
die Regierung jetzt die Übergabe des Postdienstes von dem Bau
der Schiffe auf den Werften des Landes abhängig machte. Die starke
1) In De Economist 1872, S. 208, wird auf die Notwendigkeit für die holländischen
 Schiffbauer hingewiesen, auf ausländischen (englischen und schottischen)
Werften den modernen Dampfschiffbau zu erlernen und erst dann in Holland eine
Werft zum eigenen Bau zu errichten.

mE
        <pb n="487" />
        —. 4 -_
Zunahme des Rheinschiffahrtsverkehrs in Verbindung mit dem Anwachsen
 der deutschen Industrie förderte außerdem den Bau von
größeren Binnenschiffen. Allerdings übertraf namentlich im Dampfschiffbau
 das Ausland immer noch die einheimische Produktion,
wenigstens im Tonnengehalt; zwischen 1881—1885 wurden in den
Niederlanden gebaut 5 Dampfschiffe mit 12 643 cbm!), im Ausland
für niederländische Rechnung 6 Schiffe mit 22 098 cbm; 1909 waren
es 18 Schiffe mit 62 948 cbm gegen ır mit 89316 cbm: dagegen
wurden 1909 im Inlande gebaut 62 Segelschiffe von 17 118 .cbm
gegen 2 Segelschiffe mit 3723 cbm im Auslande?).
Von Interesse war auch die örtliche Verschiebung
in der Werftindustrie. Im Jahre 1819 stand Friesland
mit ı01 Werften an der Spitze der insgesamt 380 Werften: ihm
folgte Groningen mit 74. Im Jahre 1858 stand Südholland mit 205
Werften an der Spitze der insgesamt 642 Werften, nach ihm kam
Friesland mit 119 Werften; 1874 gab es insgesamt 609 Werften, von
denen allein Südholland 174, Friesland 122 hatte. Im Jahre 1906
war die Zahl der Werften auf 423 gesunken; Südholland besaß von
ihnen 137, Nordholland 99, es folgte Groningen mit 40; von den
18 070 Arbeitern, die auf Werften beschäftigt waren, kamen mehr
als die Hälfte, 9621, auf die südholländischen, 4138 die nordholländischen?).
 Die Hauptschiffsbautätigkeit vollzog sich jetzt an der
neuen Maas, holl. Ijssel, Leck, Noord und Unter-Merwede. Die
größten privaten Werften, auf denen Postdampfer und Kriegsschiffe
gebaut wurden, befanden sich in Amsterdam, Rotterdam, Vlissingen.
Es wurde auch nicht unbeträchtlich für auswärtige Rechnung gebaut;
 1909 allein 2605 Schiffe, namentlich für England und seine
Kolonien. In umfangreichem Maße arbeitete ferner die holländische
Schiffbauindustrie für dieRheinschiffahrt und die deutsch-rheinischen
Auftraggeber*). Noch immer aber wurden die meisten großen
Schiffe für die eigene Handelsschiffahrt im Auslande gebaut, was
wohl an den hohen Arbeitslöhnen und daran lag, daß man fast alle
EA I Last = 1,89 alte Tonne = 4,184 cbm.
?) Die Niederlande waren 1913 der beste auswärtige Kunde für die englischen
Werften mit einer Produktion von ı 3 Schiffen mit 89 992 Tons, d. h. beinahe 5%
der englischen Gesamtproduktion (Rott. Handelsk., Auszug a. Jahresbericht 1913,
S. 135).
a Everwijin, I, S. 92;
$) Wirminghaus, 5. 74.

‚79
        <pb n="488" />
        — ı —
Schiffsbaumaterialien (Eisen, Stahl, Holz usw.) aus dem Auslande
beziehen mußte.
Mit dem in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufblühenden
 Schiffbau fanden auch die Hilfsgewerbe neue Aufnahme; so
die Tauschlägereien , die nun zwar meist mit ausländischem
Hanf arbeiteten. Noch 1874 gab es in den Niederlanden 311 Tauschlägereien.
 Dann ging mit dem Verfall der Segelschiffahrt und
dem Ersatz der Hanftaue durch stählerne Kabel diese Industrie
zurück, auch erfolgte eine Konzentration in größeren Betrieben,
die mit Maschinenkraft arbeiteten!). Großen Veränderungen unterlag
 ferner die Holzzufuhr und der Holzhandel, soweit
er dem Schiffbau diente. So stark sich die Zufuhr von Holz, allerdings
 vielfach nur als Durchfuhrgut, vermehrte, so spielte doch das
eigentliche Schiffbauholz jetzt nicht mehr die Rolle, wenigstens
nicht, seitdem der Bau von Segelschiffen, insbesondere von hölzernen,
immer mehr zurückging. Rheinabwärts kamen früher meist Eichenstämme
 und Tannen, später fast nur noch leichtes Nadelholz; und
nicht mehr Dordrecht, das seinen Holzstapel eingebüßt hatte, war
jetzt das Ziel dieser Holzflotten, sondern Amsterdam und Rotterdam;
 Amsterdam erhielt einen umfassenden Holzhafen. Für den
Schiffbau kam sonst in Betracht das aus Indien bezogene Teak -
holz (Djati), das wegen seiner Härte und Dauerhaftigkeit sich
ausgezeichnet für die innere Schiffsausstattung eignete; die Hauptausfuhr
 ging nach England und den Niederlanden. Die frühere
Zufuhr von ungesägtem Holz, das in den Niederlanden bearbeitet
wurde, nahm stark ab; die noch vorhandenen zahlreichen Holzsägereien
 arbeiteten meist für binnenländischen Bedarf. An die Stelle
des Schiffbauholzes, das zwar noch immer eingeführt wurde, aber
doch in weit geringeren Mengen, traten nun Stahl und Eisen. —
Zu den Industrien, die erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
 sich zu neuer Blüte erhoben, gehörte die Taba kindustrie.
 Nur langsam erholte sie sich nach 1813. Am schnellsten
scheint siein Rotterdam wieder aufgeblüht zu Sein; 1816
gab es hier 7 Tabakfabriken mit 1200 Arbeitern?). Als sich
später Niederl.-Indien zu einem der ersten Produktionsgebiete
für Tabak entwickelte, und der Sumatra-Tabak für die emporl)
 Everwijn, I, ©. 362 If.
2) Sneller, De toestand, S. 141.

4A8C
        <pb n="489" />
        — 481 —
kommende Zigarrenfabrikation die vortrefflichsten Deckblätter
lieferte, nahm auch die einheimische Fabrikation wieder einen
schnellen Aufschwung, der Hand in Hand ging mit dem blühenden
 Ein- und Ausfuhrhandel in Rohtabak. Für Java-, Sumatraund
 Borneo-Tabak wurden nun die niederländischen Häfen die bevorzugten
 Einfuhrplätze. Von 50 Packen Sumatra-Tabak im Werte
von 4000 fl., die zuerst 1864 eingeführt wurden‘), stieg diese Einfuhr
 1909 auf 273 725 Packen im Werte von 34% Mill. fl., die Einfuhr
 von Javatabak in denselben Jahren von 89 331 auf 303 391
Packen im Werte von ı9!/, Mill. fl. Auf die Industrie übte diese
und die sonstige Tabakeinfuhr natürlich einen großen Einfluß. Zu
der früher vornehmlich betriebenen Fabrikation von Rauch- und
Schnupftabaken trat 1826 die erste Zigarrenfabrik; sie wurde in
Kampen errichtet, nachdem schon 1788 eine solche Fabrik in Hamburg
begründet worden war?). Allmählich stellte diese Fabrikation die der
anderen Tabaksorten, nämlich des Schnupftabaks, die ehemals
namentlich in Eindhoven und Zaandam betrieben wurde, völlig in
Schatten. Auch die Tabakschneiderei, von der es früher viele Fabriken
 gab, die den Rauchtabak gebrauchsfähig machten, nahm
nun reißend ab; oft verband man sie mit der Kaffeebrennerei oder
dem Kaffee- und Teehandel. Die Zigarrenfabrikation verbreitete
sich schnell über das ganze Land: ihre Erzeugnisse entsprachen
allen Ansprüchen an Qualität von der geringwertigsten bis zur
teuersten Zigarre. In erster Linie diente sie dem inneren, überaus
verbreiteten Verbrauch; um 1910 kamen auf den Kopf 2,6—3 kg
Tabak; in Deutschland 1,9 kg?). Die Ausfuhr war bedeutend,
hielt sich aber stets ziemlich auf derselben Höhe, 'da diese Fabrikation
 überall betrieben und oft durch Monopole geschützt wurde.
Die einst so berühmte Pfeifenindustrie wurde stark
beschränkt durch den steigenden Zigarrengenuß*). Erhalten hat
sie sich aber auch im 19. Jahrhundert; 1912 gab es in Gouda noch
) Vgl. Weigand, Tabakbau in Nied.-Indien usw., S. 5 f.
?) Nach Nemnich,1S. 132, fabrizierte man in Amsterdam Zigarren
seit etwa 1805; das erscheint wahrscheinlicher als die obige, Ev erwigjn, N,
791, entnommene Nachricht. Schon Hogendorp, IV, 241 (1820), schrieb:
die Zigarren verdrängten die Pfeifen.
3YEverwijn, 11,796;
‘Hogendorp, I, 9;
Baasch, Holländische Wirtschaftsgeschichte,

31
        <pb n="490" />
        6 Fabriken mit etwa 300 Arbeitern. An Stelle der früher üblichen
langen Pfeifen waren allmählich die kurzen getreten‘).
Die alte keramische Industrie, insbesondere soweit sie
Kacheln herstellte, ging in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein, hauptsächlich
 infolge der Verdrängung der Kacheln durch Tapeten?). Einen
erneuten Aufschwung erlebte aber jene Industrie in den Niederlanden
 einerseits durch die in Maastricht begründete Fa -
brikation irdener Waren, andererseits durch die neue
Delfter Keramik, die sich jetzt die englische, Wedgwoodsche
 Erfindung zunutze machte; auch außerhalb Delfts,
im Haag, Amsterdam, Utrecht, Gouda, dehnte diese Industrie sich
erheblich aus’).
Der verfallenen Papierindustrie half man nun endlich
 auf durch die maschinelle Fabrikation, die in der Mitte des
Jahrhunderts die Papiermühlen überall verdrängte. Noch immer war
die Veluwe mit Apeldoorn der Hauptmittelpunkt dieser Industrie*).
Zu hoher Bedeutung entwickelte sich die Diamanten- Aandustrie,
 Während der französischen Zeit verlief sich der
früher blühende Amsterdamer Diamantenhandel und die sich an ihn
anschließende Industrie, um nach 1814 wieder aufzuleben?®). Doch
war die Zahl der Diamantenschleifer sehr gesunken, und man mußte
die Kunst erst wieder neu beleben®). Mit dem Bau der ersten
Schleifereien 1820, in denen die Menschenkraft durch Pferdekraft
ersetzt wurde, begann der Übergang der Hausindustrie zur fabrikmäßigen
 Herstellung; gewisse Fabrikationsteile konnten aber nur
in der Hausindustrie beschafft werden. Schon um 1829 ernährte
die Amsterdamer Diamantenschleiferei wieder 1400 Menschen”).
Die erste Dampfschleiferei wurde in Amsterdam 1840 hergestellt®).
So entwickelte sich diese Industrie schnell aufwärts; 1858 zählte
ı Everwijn, I, 56.
2) Wiersum, De laatste Rott. Tegelbakkerij.
3) Everwijn, I, 147 ff.
‘) Everwijn, II, 398 f.
5) In dem „Toestand der nijverheid te Amsterdam in 1816‘ wird sehr bezeichnend
 die Diamantindustrie überhaupt nicht erwähnt. Im Jahre 1810 besaß
Amsterdam noch 2 Diamantenschleifereien (d’Alphonse, S. 248):
‘)Everwijn,/L 138; Polak, S.8S£
7) Colenbrander, Gedenkstukken, IX, 915.
ss) Polak, S. 10.

48:
        <pb n="491" />
        ST 453 -
Nordholland 165 Diamantschleifereien usw., die etwa 800 Arbeitern
Beschäftigung gaben; 1873 waren es 274 Betriebe; das bedeutete
für längere Zeit einen Höhepunkt dieser Industrie. Doch unterlag
sie stark den allgemeinen Schwankungen des Wohlstandes;
gegen jede Krisis war sie äußerst empfindlich. Auch war sie natürlich
 in hohem Grade abhängig von der Marktlage der Rohdiamanten;
die künstliche Beschränkung der Produktion in Südafrika durch
die dortigen Kartelle hat die Amsterdamer Diamantindustrie ebenso
ungünstig beeinflußt wie die starke Erhöhung der Einfuhrzölle auf
geschliffene Diamanten in den Vereinigten Staaten. Im Jahre I910
gab es in Amsterdam ungefähr 70 Schleifereien usw. mit 9298 Arbeitern;
 die Amsterdamer Industrie stand noch immer an der Spitze
sowohl im In- wie Auslande und konkurrierte nur mit Antwerpen;
allein die Ausfuhr geschliffener Diamanten nach den Vereinigten
Staaten hatte 1909 einen Wert von 8 792 737 Dollars‘).
Als Industrien, die erst in neuerer Zeit eine besondere Bedeutung
 für die Niederlande gewonnen haben, sind zu nennen
die Margarineindustrie, die seit 1871 hier heimisch
wurde und schnell zu großer Blüte gelangte, auch in erheblichem
Umfange für die Ausfuhr arbeitete. Sodann die Kakao- und
Schokoladen industrie, deren Begründung auf den Holländer
van Houten 1828 zurückzuführen ist und ebenfalls stark
exportierte. Von den überseeische Erzeugnisse verarbeitenden oder
veredelnden Industrien neuester Zeit sind die Reismühlen und
Kaffeebrennereien zu erwähnen. Die Arzneimittelindustrie
 war deshalb von Bedeutung, weil die Niederlande in ihren
Kolonien fast die gesamte Chinarinde erzeugten, was jener
Industrie naturgemäß einen großen Vorsprung verschaffte?). Auf
die zahlreichen landwirtschaftlichen Industrien, die Zuckerrüben,
Milchprodukte, Kartoffelmehl usw. verarbeiteten, werden wir unten
zurückkommen.
$ 3. Landwirtschaft und Fischerei.
In der mit 1814 beginnenden neuen Epoche hat die Landwirtschaft
 eine Entwicklung eingeschlagen, die nicht immer glück-')
 Everwijn,\JI, ı4of; Hudig, 5.219. K100s7 5. 174.
?*) Vgl. Das Wirtschaftsleben der Niederlande, S. 372 ff.

31*
        <pb n="492" />
        A
lich gewesen ist, sich aber im allgemeinen als eine Aufwärtsbewegung
 kennzeichnet. Die Landwirtschaft hat sich am Ende doch
selbst helfen müssen, nachdem die Schutzmaßregeln sich als völlig
unbrauchbar oder schädlich erwiesen hatten.
Nur nach einer Richtung hat staatliches Eingreifen der Landwirtschaft
 wesentliche direkte Förderung gebracht; es lag auf
agrarpolitischem Gebiete, Man schritt nun endlich
an die schon lange vorbereitete, in der französischen Zeit aber nicht
zur Ausführung gelangte Aufteilung der Gemeindeländereien und
Marken. Nachdem 1833 und 1835 die Regierung auf das oben
erwähnte Gesetz von 1800!), das als rechtsgültig anerkannt war,
hingewiesen hatte, begann langsam die Aufteilung zunächst der
Marken, anfangs in Drenthe, dann in Overyssel?). Da aber die Aufteilung
 sehr schwierig und überdies kostspielig war, scheute man
sich häufig, sie vorzunehmen?). Endlich regelte ein Gesetz 1886
diese Materie eingehend. Damals waren noch 36 000 ha unverteiltes
 Markenland vorhanden; 1893 waren davon 15 000 ha verteilt.
 Wirtschaftlich war diese Aufteilung im allgemeinen vorteilhaft.
 Außerdem bestanden noch in mehreren Provinzen umfangreiche
 Ländereien in unverteiltem Gemeindebesitz; die Rechtsgrundlagen
 waren sehr mannigfaltig. In Nordbrabant waren Ende
des Jahrhunderts noch 68 ooo, in Limburg 26530 ha im Besitz
der Gemeinden, meist allerdings Ödland; z. T. waren diese Ländereien
 auch im Besitz der Städte*). Als Gemeindeweiden und Gemeindewaldungen
 erfüllten sie übrigens teilweise eine wirtschaftliche
 Aufgabe. Wo, wie in Drenthe, große Schafzucht bestand,
fand an dieser die Zerlegung der Heideflächen eine Schranke. Überhaupt
 brachte die Markenverteilung auch Nachteile mit sich; bei
ihr ging ein erheblicher Teil des Waldes zugrunde, da die kleinen
Parzellen sich als Wald nicht bezahlt machten und daher als solche
nicht halten ließen. Für die an sich schon in den Niederlanden
von jeher recht mangelhafte Waldwirtschaft, die später unter dem
Domänenverkauf zur Zeit des Königs Ludwig und des Amor -
2) Vgl. oben /S; 405;
2?) Blink, Geschiedenis, II, 476 f.
3) Vgl. Koker, De rechtstoestand der Marken (De Economist, 1880,
SS. 4772.):
4 Blink, Geschiedenis, IT, 487.
        <pb n="493" />
        tisations-Syndikats schwer gelitten hatte, war das
höchst bedauerlich‘).
Langsam wurde nun auch an den tatsächlichen Abbau
der Hierrenrechte gegangen, nachdem sie 1814 zum Teil
wiederhergestellt waren. Die schon 1798 vorgesehene Ablösung
der Zehnten war auf dem Papier geblieben. Völlig abgeschafft
wurden sie erst durch das Gesetz vom ı2. April 1872, indem sie
als ablösbar erklärt wurden; das Gesetz vom 16. Juli 1907 regelte
dann ihre Ablösung, und mit dem ı. Januar 1909 waren sie ganz
beseitigt?). Das entlastete namentlich die Provinzen Nordbrabant,
Gelderland, Seeland und Südholland.
In den inneren Verhältnissen derLandwirt.-Schaft
 und Viehzucht vollzogen sich im 18. Jahrhundert
bis zur Gegenwart ungeheure Wandlungen; sie waren
die Folge der wirtschaftlichen, politischen und technischen Veränderungen
 wie auch des Umschwungs der Verkehrsverhältnisse.
Doch verbietet sich durchaus ein einheitliches Urteil über das ganze
Land; unberührt von der politischen Zentralisierung bestanden
wirtschaftlich noch immer große provinzielle und landschaftliche
Unterschiede. So war das Pachtwesen außerordentlich mannigfaltig.
 Während im Anfang des 20. Jahrhunderts in Seeland, dem
westlichen Nordbrabant und auf den besseren Böden Limburgs
noch immer Bauern seit Geschlechtern auf demselben Hof saßen
und eine verhältnismäßig geringe Pacht an den meist adeligen,
oft im Auslande wohnenden Grundeigentümer zahlten, waren in
Holland und vielfach auch in Utrecht oft die Bürger der Städte
die Eigentümer der Höfe, die sie kaum dem Augenschein nach
kannten®). In Friesland dagegen war im Mittelalter die reiche Bauernaristokratie
 die Eigentümerin des Grundes und Bodens gewesen; mit
der Zeit zog sie sich aus der Bewirtschaftung der Höfe zurück und
übertrug diese an Pächter. Das gab für diese kein gutes Verhältnis,
*) Ned. Landbouw, S. 332 f. Über die Waldwirtschaft Näheres bei Blink,
II, 497 ff. Von 1833 bis 1913 nahm die mit Wald bedeckte Oberfläche von 169 026
auf 257 939 Hektar zu (Blink,S. 515; Jaarcijfers, 1913, S. 189). Über die mangelnde
 Waldkultur schon Löhnis, Boscheultuur in Nederland (De Economist,
1880, S. 1137 f£f.).
2?) Ned. Landbouw,: S. 631 Amndriessen en van Lis;:S. 10716
3) So schildert 1808 Niebuhr (Circularbriefe, S. 64 f.) das Pachtverhältnis
 zwischen dem Bankier de Smeth und seinen Bauern im Utrechtschen.
        <pb n="494" />
        — 222 —
und die Pachtzustände in Friesland waren deshalb schwecht; die
Bauernschaft war schwach und vom Kapitalismus abhängig. Die
Zeiten, da der reichgewordene friesische Bauer in die Stadt zog,
gehörten der Vergangenheit an!). Die eigenartigen Verhältnisse
des niederländischen Landbaues, die es nie zu Großgrundbesitz
gebracht haben und den niederen Adel schon frühzeitig die Selbstbewirtschaftung
 seines Landbesitzes aufgeben und ihn verpachten
ließen, führten im Laufe der Zeit dahin, daß die niederländische
Landwirtschaft vorwiegend in kleinen und kleinsten Wirtschaften
betrieben wurde; mehr als die Hälfte aller Betriebe hatte 1905
nur 5 ha und weniger; Höfe mit mehr als 100 ha waren sehr selten.
In Groningen, Nordbrabant, Overyssel, Limburg, Drenthe, Gelderland
 überwog der Hofbesitzer, in den anderen Provinzen
der Pächter; es gab 1905 in Niederland 54% % Hofbesitzer,
45% % Pächter”):
Die Entwicklung zum Klein- und Zwergbesitz,
 die immer schon bestand, wurde stark beför;
dert durch das im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts sich verbreitende
 genossenschaftliche Molkereiwesen;
dieses hatte zur Folge, daß in der Nähe der Molkereien die kleinen
Besitzer wie Pilze aus der Erde wuchsen?). Der Kleinbetrieb war
es auch, der hauptsächlich sich dem Garten bau widmete und
dem dieser seinen großen Aufschwung verdankte. Insbesondere
in Gelderland, Nord- und Südholland, Limburg blühte er Ende
des 19. Jahrhunderts mächtig auf. Die Blumenzwiebelzucht,
 für die Südholland noch immer die wichtigste Gegend
war, dehnte sich jetzt weit gegen die Dünengeest von Texel bis
nach den seeländischen Inseln aus*).
Für die Gesamtentwicklung des niederländischen Landbaues
war die Aufteilung in viele kleine Betriebe gewiß überaus nützlich;
der Kleingrundbesitz bewährte sich bei den niederländischen Verhältnissen
 vortrefflich. Er bewahrte auch am besten die Genügsamkeit.
 Am schwersten fiel es in dieser Hinsicht wohl den Marsch-3
 Frost, Agrarverfassung, Ss! 1531.
2) Frost, Agrarverfassung, S. 162. Nach Vliegen, S. 75, nahm von
1882—1892 die Zahl der Eigner um 10, der Pächter um 35% zu.
3) Frost, 2a. a. O5:337:
4) Frost, Agrarverfassung, S. 370 ff.

48€
        <pb n="495" />
        -- 457 —
bauern, die am meisten den Versuchungen zur Unmäßigkeit ausgesetzt
 waren‘).
Wechselvoll und schwankend war, wie schon
berührt; das äußere Schicksalder Landwirtschaft
und mehr denn je abhängig von den Konjunkturen, wie sie der
Ausfall der Ernten und die weltwirtschaftliche Lage schufen. Zunächst
 begünstigten den niederländischen Landbau hohe Getreidepreise.
 Hogendorp?) pries 1816 den blühenden Landbau
seines Heimatlandes, der sich auf Getreide, Gemüse, Obst, Flachs,
Hanf, Tabak, Hopfen erstreckte, und die große Vieh- und Pferdezucht.
 Dann kam aber rasch der Umschlag. Um 1820 begann
überall in Europa ein Preisrückgang in Getreide. Gegenüber den
verflossenen langen Kriegsjahren traten nun wieder normale Verhältnisse
 ein, und diese brachten naturgemäß einen Preisfall;
außerdem erschien nun Rußland mit seiner Getreidezufuhr vom
Schwarzen Meer her als billiger Produzent auf dem Markte. Für
die Niederlande kamen erschwerend hinzu die hohen Einfuhrzölle
Frankreichs, Spaniens, Portugals und Preußens, während England,
das namentlich von Groningen aus in großem Maßstabe mit Hafer
versehen worden war, 1819 sich gegen die Einfuhr fremden Getreides
völlig abschloß. Ferner war der Rückgang des eigenen Handels
dem inneren Verbrauch nicht günstig. In den Generalstaaten beklagte
 im Oktober 1822 Hogendorp diesen Zustand, der
für die Landwirtschaft sehr schmerzlich sei und die Höhe der Grundlasten
 schwer empfinden lasse®). Im Oktober 1823 war in Groningen
 der Preis für Weizen 3,65, für Roggen 3,15, Gerste 2, Hafer
1,20, Buchweizen 2,90, während 1804—1822 ein mittlerer Preis
für diese Brotfrüchte von 8,86 bzw. 6,65 bzw. 3,22 bzw. 3,16 bzw.
5,66 Gulden bestanden hatte*). Der Rückgang traf in erster Linie die
großen Bauern und in ihrer Folge auch dieArbeiter ; die Wirkungzeigte
sich in Groningen in einer großen Menge von Zwangsverkäufen. Aber
auch in Gelderland herrschten traurigeZustände. Sie wurden noch verschlimmert
 durch eine Anzahl großer Überschwemmungen, die gerade
in jenen Jahren, namentlich 1820 und 1825, das Land heimsuchten.
l) Frost; 5. 478 ff,
3 Hogendorp, I, ı31ff;
3) Hogendorp, VI, 396 {ff
‘) Blink, Geschiedenis, II, 296. Gewichtseinheit war die Last.

a
        <pb n="496" />
        — ud —
Es war begreiflich, daß sich die Landwirtschaft nach einer
Hilfe des Staates umsah und daß man diese, dem Beispiel anderer
Völker und dem Vorgang der Industrie folgend, in Zollschutzmaßregeln
 erblickte. Zwar hatte u. a. Hogendorp «entschieden
vor solchen Schritten gewarnt; er sah in mäßigen Getreidepreisen
den natürlichen und gewöhnlichen Zustand und wünschte die Ausfuhr
 von Getreide nicht gehemmt zu sehen, weil gerade dadurch die
Spekulation angeregt werde, die dann eine Preissteigerung nach sich
ziehel). Diese Anschauung entsprach der alten, in früheren Zeiten
von der Republik regelmäßig beobachteten Getreidehandelspolitik.
Aber die Schutzpolitik, die für die Industrie schon in den Tarifen
nach 1816 eingeschlagen war, machte vor der Landwirtschaft nicht
halt und schien ihr die einzige Rettung bringen zu können; nach
langen Verhandlungen in einer Kommission wurde, trotz vieler
abmahnender Stimmen, zu denen auch die Hogendorps*)
gehörte, in dem neuen Tarif von 1825 die schon 1822 erhöhten Getreideeinfuhrzölle
 auf eine ganz exorbitante Höhe gebracht;
nämlich für die Last Weizen von 7,50 auf 24, Roggen von 5 auf 15,
Gerste von 4,50 auf 12, Hafer von 2,50 auf 7 fl.?). Diese Maßregel
war das Ergebnis einer merkwürdigen Koalition von Landeigentümern
 und Getreidehändlern. Der Amsterdamer Handelsstand
hatte sich, auf alter Überlieferung fußend, für freien Handel ausgesprochen).
 Es war kein Zweifel, daß diese Politik in vollem
Widerspruch stand mit der früheren Getreidehandelspolitik, die sich
durchaus bewährt hatte; die große Zufuhr, die bei geringen Einfuhrzöllen
 angelockt wurde, hatte auf die inländische Produktion
nie stark gedrückt, da jene in der Regel für fremde Rechnung erfolgte,
 so daß die aus einer Preissenkung entstehenden Verluste
meist die ausländischen Absender trafen; von den Frachtgewinnen
aber blieb stets ein großer Teil im Lande, wozu dann die übrigen
Einnahmen aus Zoll, Kommission usw. kamen*®).
Erst nach der Trennung von Belgien, dessen von der französischen
 Herrschaft übernommene protektionistische Neigungen
3) Hogendorp;, VI, 426
?#) Hogendorp, IX. 382 1f.; 420.
3)\Bunk, S. 1294. VMerviers, S. 217 M.
4) Osiander, Beleuchtung, S. 130 ff.
5) Osiander, SS. ı4If

488
        <pb n="497" />
        — 47 —
den Tarif von 1825 wesentlich beeinflußt hatten, wurden, und zwar
schon im Oktober 1830, die Getreidezölle wieder auf die Sätze des
Tarifs von 1822 heruntergesetzt. Doch war das keineswegs als
Zeichen freihändlerischer Politik zu deuten; die Bewegung der
agrarischen Schutzzöllner dauerte fort, und 1835 kam es zu der
Einführung eines gleitenden Tarifs. Er bestand darin, daß für
alle Getreidearten ein Zoll festgesetzt wurde, der sich je nach dem
gesetzlich festgestellten inländischen Mittelpreis richtete; wenn
dieser also für Weizen über 9 fl. gestiegen war, so betrug der Einfuhrzoll
 0,25, der Ausfuhrzoll 0,50, die Durchfuhrabgabe o,10 {fl.,
bei einem Preis von 9 fl. bis über 8 fl. betrug der Zoll in der Einfuhr
 0,50, während die Ausfuhr frei war und die Durchfuhr o,10 fl.
bezahlte; das staffelte sich abwärts bis zu einem Preis von 5 fl. und
darunter; bei diesem betrug der Einfuhrzoll 3 fl., die Durchfuhrabgabe
 0,10, die Ausfuhr war frei. Ebenso waren die Zölle der anderen
Getreidearten geregelt!). Gegen diesen Tarif, der dem Getreidebau
eine ganz unnatürliche Bahn weisen mußte, erhob sich starker
Widerspruch, namentlich auch aus den Kreisen des Getreidehandels ;
die Zufuhr von Weizen nahm ab, während die Preise des ausländischen
 Getreides um 10—20% stiegen. Außerdem beförderte dies
Staffelgesetz den Schmuggel und die Spekulation. Nicht einmal
die Landwirte, deren Interesse das Gesetz dienen sollte, waren
in ihrer Mehrheit für dieses?): Man hat später noch an ihm herumgedoktert,
 so durch das Gesetz vom 30. Dezember 1840; die Grundlage
 blieb aber bestehen; starke Preisschwankungen bei abnehmenden
 Zufuhren waren die Folge.
Inzwischen entwickelte sich die Landwirtschaft ziemlich befriedigend.
 Dazu trug bei, daß nun endlich die Steu erbelastung
 der Landwirtschaft die lang ersehnte Neuordnung
erfahren hatte. Die schon unter französischer Herrschaft begonnene
Anlegung eines Katasters wurde 1831 vollendet; auf seiner
Grundlage erfolgte die neue Grundsteuer-Veranlagung.
 Bei dieser Gelegenheit erkannte man erst recht deutlich,
wie unbillig die frühere Veranlagung gewesen war; die ehemals viel
zu niedrig veranlagten Provinzen Nordbrabant, Gelderland, Seeland,
 Overyssel, Groningen, Drenthe mußten nun stärkere Lasten
)) Bunk, S.: 141 ff; über die Sog. ‚„Schaalwet‘‘.
2?) Koenen, De ned. boerenstand, S. 119.

RC
        <pb n="498" />
        a
auf sich nehmen und waren natürlich unzufrieden!). Es hat langer
Verhandlungen bedurft, um eine einigermaßen den tatsächlichen
Verhältnissen gerecht werdende Belastung einzuführen. Später
wurde die Grundsteuer noch wiederholten Reformen unterworfen‘*).
Außer der Grundsteuer lastete auf der Landwirtschaft vornehmlich
die Akzise auf das Gemahlene und Geschlachtete; erstere wurde
1822 auf 1,40 fl. für das Malter Weizen, 1,10 fl. für Spelt, 0,40 für
Roggen festgesetzt. Nach nochmaliger Erhöhung 1833 wurde die
Akzise auf das Gemahlene und auf Schaf- und Ferkelfleisch als
Reichsabgabe 1855 abgeschafft und nur noch den Gemeinden überlassen;
 1865 wurde sie völlig aufgehoben. Diese Herabsetzung
bzw. Aufhebung drückte die Brotpreise tief herab®). Dagegen bestand
 die Akzise auf das geschlachtete Fleisch weiter. Doch war
der Landbau von der Gewerbesteuer frei; die Vermögensbelastung
traf ihn nur unerheblich ; die Abgabe beim Besitzwechsel der Immobilien
 betrug seit 1892 zwei Prozent“).
Wenn nun auch die große Blüte vor und nach 1800 nicht
mehr erreicht wurde, so haben doch einzelne Gebiete und Zweige
des landwirtschaftlichen Betriebes ohne Zweifel gute Ergebnisse
gehabt; insbesondere die Ausfuhr von Milchprodukten und des
Schlachtviehs nach England stieg, namentlich seitdem dieses 1843
die Zölle herabgesetzt hatte5). Kräftig entwickelte sich namentlich
der {riesische Butterexporift; er ging jetzt nicht mehr,
wie ehemals, über Amsterdam,„, sondern als ein friesischer
1) Auf die Ungleichheit der Grundbelastung in den einzelnen Provinzen
wies schon Hogendorp, I, 35, hin; er forderte einen neuen Kataster (I, 35; VII,
273 f., 326). Bereits van der Goes, Briefwisseling, S. 305, wies 1667 auf
jenen Mißstand hin. Über den neuen Kataster von 1831 usw. Sickenga, Geschiedenis,
 I, 24 ff.
2) Blink, Geschiedenis, II, 322 ff.
3) Blink, HU, 328. Nach Aufhebung der Mahlsteuer 1856 nahm der Verbrauch
 von Weizen erheblich zu; es waren verbraucht 1846/50 durchschnittlich
im Jahr: ı 683 000; 1851/55: 11377/9009; 1856/60: ı 879 000 Hektoliter; zu letzteren
sind ferner noch 300 000 Hektoliter Weizenmehl hinzuzurechnen (‚„„Onze Accijnsen“
in De Economist, 1872, S. 32 f.). Über den Fleischverbrauch, der nur auf Grund
der Akzise zu berechnen war, vgl. Reens, S. ı52 ff.
4) Über die Ablösung der Zehnten vgl. oben S. 485.
5) Vgl. Reens, S.56ff. Von 1845—1847 verdreifachte sich die Ausfuhr
von Rindvieh und Schafen aus den Niederlanden nach England (S. 58).

- 490
        <pb n="499" />
        — a
Handel über Harlingen. Hatte die Ausfuhr über diesen Platz
vor 1806 etwa 2% Mill. kg jährlich betragen, so belief sie sich 1840
auf etwa das Dreifache!). Auch Groningen, dessen Ackerbau
seit dem Beginn des Jahrhunderts sich nun auch auf Weizen und
Roggen erstreckte, versorgte das Inland mit erheblichen Mengen
aller Getreidearten; und in den Moorkolonien nahm der Kartoffelbau
 zu; in Groningen entwickelte sich die Flachskultur
in aufsteigender Linie. Die 1845 ausbrechende Kartoffelkrankheit,
die schon vorher sich in Deutschland gezeigt hatte, brachte überdies
 eine beträchtliche Steigerung der Getreidepreise, so daß im
Juni 1847 in Groningen der Weizen zu 16, der Roggen zu ı8 fl.
das Malter verkauft wurde?).
Mochte das für viele große Bauern vorteilhaft sein, nun bemächtigte
 sich doch die freihändlerische Richtung dieser hohen
Preise als eines Mittels, um von neuem gegen die Getreidezölle Stimmung
 zu machen. Die schon fortgeschrittene gleichartige Bewegung
in England kam dabei zur Hilfe. Bereits eine königliche Verfügung
vom 14. September 1845 hatte Einfuhrerleichterungen herbeigeführt,
so daß, nachdem die Zufuhr von Getreide und Erbsen vom I. Januar
bis 12. September dieses Jahres auf rund 14 000 Lasten zurückgegangen
 war, nun in den letzten drei Monaten des Jahres allein
21 340 Lasten eingeführt wurden?). Auf Grund des Gesetzes vom
18. Dezember 1845 verstärkten sich die Getreidezufuhren; von
34 390 Lasten im Jahre 1845 stiegen sie 1846 auf 77 350 Lasten.
Für den Getreidehandel Amsterdams kam das einem erheblichen
Aufschwung gleich; und man entschloß sich nun, durch Gesetz
vom 30. Mai 1847 das unglückliche Staffelgesetz von 1835 zu beseitigen
 und an seine Stelle einen festen Zoll von 8 fl. für Weizen,
6 fl. für Roggen und Mais, 4,50 fl. für Gerste, 5 fl. für Buchweizen
usw. zu setzen. Waren diese Sätze auch noch hoch, so bedeuteten sie
doch durch ihre Stabilität einen großen Vorzug gegenüber den Staffelzöllen
 von 1835. Einen weiteren Schritt zum Freihandel tat. man
durch das Gesetz vom 23. Dezember 1853, das den Einfuhrzoll
auf 10 Cents per Last herabsetzte; der Tarif von 1862 erhöhte dann
diesen wieder auf 1,50 fl. Auch die Zölle auf Mehl, Kartoffeln und
1) Ned. Landbouw, S. 442.
2) Blink, Geschiedenis, II, 306 ff.
3 Bunk,'S. 1471,

3%
        <pb n="500" />
        Kartoffelmehl erfuhren starke Verminderung; die Ausfuhrzölle auf
Vieh fielen 1862 endlich weg. Ganz aufgehoben wurden die Getreidezölle
 durch das Gesetz vom 6. April 1877, nachdem 1872
eine weitere Herabsetzung erfolgt war.
Unter diesem Ireihändlerischen System
hat die niederländische Landbauproduktion
nicht nur nicht gelitten, sondern eine hohe
Blüte erlebt. Dazu trug allerdings bei die gleiche Richtung,
die die Handelspolitik in anderen Ländern einschlug, vorzüglich
in England und Belgien. Es war eine goldene Zeit für die niederländische
 Landwirtschaft, diese Periode von 1850—1877!). Neben
der Handelspolitik der anderen Staaten, die sich dem niederländischen
 Getreide und den Milchprodukten öffneten, wirkten günstig
auch die seit der ersten Hälfte des Jahrhunderts dauernd und systematisch
 verbesserten Verkehrsverhältnisse des Landes, sowohl durch
Kanäle als auch später durch Eisenbahnen; sodann fielen in den
Beginn dieser Periode die Folgen der großen Bedeichungen, so des
Anna-Paulowna-Polders 1847, des Haarlemmerpolders?). Durch die
inneren Verkehrsverbesserungen, mit denen die Zunahme der Seeschiffahrt
 zusammen ging, wurde der Absatz der Produkte erleichtert.

Mitte der 1870er Jahre trat dann abermals der wirtschaftliche
 Rückschlag ein; er traf namentlich den Ackerbau.
 Es war die Zeit, da Nordamerika begann, die großen Überschüsse
 seiner Getreideproduktion auf den europäischen Markt zu
werfen. Von 1877 an sanken die Getreidepreise in Europa dauernd.
Hatte der Mittelpreis des Weizens in Groningen 1861—1870: 10,10
und 1871—1880: 10,98 fl. betragen, so betrug er 1881—1890 nur noch
7,46; 1891—1900: 5,50 fl. Gleichzeitig stieg die Einfuhr von Getreide;
 es kam die Zeit, da die Einfuhr die Ausfuhr immer mehr überstieg;
 und zwar belief sich der Überschuß in Weizen 1847—1856
auf 6080, 1857—1866: 26160; 1867—1876: 86 080; 1877—1886
aber schon 220 880; 1888—1896: 258 000 (in 1000 Kilo); nur in
Hafer war ein Rückgang; hier betrug der Überschuß der Einfuhr
1847—1856: 28 400; 1888—1896: 9000 (in 1000 Kilo)%. Insbe-1)
 Blink, II, 310; Nederl. Landbouw, S. 18.
2) Vgl. unten.
3) Ned. Landbouw, S. 23 f.

4.492
        <pb n="501" />
        — —
sondere auf den Kleiböden empfand man den N jedergang, weniger
auf den Roggen bauenden Sandböden, wo man den Roggen meist
verfütterte. Die Getreidemärkte der Provinzen aber wandelten
sich aus Verkaufsmärkten für das einheimische in Verkaufsmärkte
für ausländisches Getreide. Viele Bauern gingen in dieser Zeit
zugrunde; die hohen Pachten oder die hohen Preise, für die sie ihre
Höfe gekauft hatten, wirkten verderblich in der Zeit des Niedergangs.
 Außer dem Körnerbau ging vorzüglich der Rapsbau zurück:
er litt schon längere Zeit unter der Einfuhr des Petroleums und der
tropischen Ölsorten, wie auch der Verwendung von Gas. Der Krappbau
 ging jetzt ganz zugrunde, ebenso der auf den Sänden von
Utrecht und Gelderland gepflegte Tabaksbau. Länger hielt
sich die auf der Viehzucht beruhende Landwirtschaft.
 Sie genoß die hohen Preise, die Deutschland und
Amerika für gutes Vieh bezahlten. Mengen von Zuchtvieh gingen
vorzüglich nach Amerikal). Ebenso fielen die Preise für Fleisch,
Milch, Käse, Butter erst, als die ausländische Konkurrenz sich auf
diesem Gebiete fühlbar machte. Von 1884 an spürte auch die Viehhaltung
 den allgemeinen Rückgang, sowohl infolge der aus veterinären
Gründen stattfindenden Absperrung als auch der durch hohe Einfuhrzölle
 in vielen Ländern erschwerten Einfuhr. Eine empfindliche
Krisis machte die Produktion der Milcherzeugnisse
durch. Die friesische Butter hielt sich zwar noch auf dem Londoner
Markte, erzielte aber niedrige Preise, Die dänische Konkurrenz machte
sich in diesem Artikel mehr und mehr geltend; die holländische Butter
geriet durch Fälschungen stark in Verruf, was die Ausfuhr schwer
beeinträchtigte?). Das Buttergesetz von 1886, das später noch
verschärft wurde, verhinderte zwar teilweise die schlechten Manipulationen,
 genügte aber nicht ; erst die amtliche Butterkontrolle,
die zunächst in Friesland, der eigentlichen Butterprovinz®), dann auch
in anderen Provinzen eingeführt wurde, brachte bessere Ergebnisse.
Doch machte die sehr rührige Margarineindustrie der
13 link ‚ II, 314. Im allgemeinen vgl. die Ausfuhrzahlen bei Reens ;
S. 63 1. 213 f.
?) Ned. Landbouw, S. 377 Frost, Agrarverfassung, S. 345 If.
3 Frost, SS. 340. Demselben Motiv, im Interesse des Absatzes im Auslande
den guten Ruf der Ware aufrechtzuerhalten, entsprang das 1907 erlassene Gesetz
betr. die Kontrolle über das zur Ausfuhr bestimmte Fleisch (vgl. Reens,.S. 39,
13112

493
        <pb n="502" />
        AA
Butter scharfe Konkurrenz. Auch die Preise für Käse fielen; und
die Schafhaltung litt unter der Einfuhr australischer, südamerikanischer
 und südafrikanischer Wolle. Sogar die Gartenbauprodukte
wurden vielfach von den alten Märkten verdrängt, z. T. infolge
der mangelhaften Verkehrsmittel, z. T. durch die größeren Fortschritte
 bei den Konkurrenten. So ging der Wert der Viehhaltung
zwischen 1883 und 1887 um rund 68 Mill. fl. zurück?).
Es war ein Glück, daß gegenüber diesem zweifellos viel Schaden
 unter der ländlichen Bevölkerung anrichtenden Niedergang
die Regierung fest blieb, als sich von allen Seiten der Ruf nach
einem Schutz der Landwirtschaft erhob; sie war damals ja nahezu
schutzlos dem Auslande preisgegeben. Insbesondere ging von den
schutzzöllnerisch gestimmten Provinzen Limburg und Nordbrabant
eine starke Strömung für Zollschutz aus. Dagegen verhielt sich
das 1885 errichtete ‚„Nederl. Landbouw-Comite?)“ ziemlich ablehnend
 in der Erwägung, daß ein künstlicher Schutz die Energie
des Landwirts lähmen und daß ein Zollschutz für ein oder das andere
Landbauprodukt den Betrieb des Landwirts in eine falsche Richtung
 bringen müsse. Tatsächlich hat sich die Landwirtschaft selbst
geholfen, nachdem sie sich überzeugt hatte, daß allerdings ihr Betrieb
 einer umfassenden Reform bedurfte; zu dieser Überzeugung
trug namentlich die von einer 1886 eingesetzten Staatskommission
veranstaltete Enquete, deren Berichte 1890/91 erschienen, erheblich
bei. Sie wies u. a. die veralteten Methoden nach, mit denen die
niederländische Landwirtschaft arbeitete, und lehrte, auf welche
Weise eine gründliche Besserung der Verhältnisse zu erreichen war.
Besonders notwendig erschien eine Hebung der Intelligenz der Landbau
 treibenden Bevölkerung und eine bessere Ausbildung für ıhren
Beruf, die sie in den Stand setzte, auf Grund alter Erfahrungen
und neuester Erfindungen den landwirtschaftlichen Betrieb einträglich
 zu gestalten?). Mit dem Jahre 1896 wurde übrigens auch
die agrarpolitische Lage günstiger infolge der Krisis in Argentinien
und mehrerer Mißernten in Britisch-Indien. Die Regierung zeigte
nun auch erheblich mehr Interesse an dem Geschick der Land-1)
 Ned. Landbouw, S. 27.
2) Über dieses Comite, das staatliche Unterstützung erhielt, Blink, II,
344 ff.
3) Ned. Landbouw, S. 32 f.

49.
        <pb n="503" />
        ZZ 405 =
wirtschaft; die Krisenjahre hatten gelehrt, daß, wenngleich der Weg
direkter materieller Unterstützung für den Landbau nicht empfehlenswert
 erschien, doch noch andere wertvolle Mittel zu Gebote
standen, um einen so wichtigen Teil der Volkswirtschaft vor dem
drohenden Untergang und weiteren großen Opfern zu bewahren.
So schuf man 1897 im Ministerium des Innern eine „Abteilung
Landbau“‘“, die seit 1905 als „„Directie van den Landbouw“‘ eine
Abteilung des damals neu errichteten Ministeriums für Landbau,
Gewerbe und Handel wurde. Auch sonst förderte die Regierung
durch die Pflege des landwirtschaftlichen Unterrichtswesens die
Verbesserung der Kenntnisse der Landwirte ; die 1876 begründete
„Rijkslandbouwschool‘“ in Wageningen bildete den Mittelpunkt
dieser Bestrebungen‘).
Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich dank
der Energie und Einsicht der landwirtschaftlichen Bevölkerung
die Landwirtschaft in aufsteigender Linie. Ihr praktisches Ziel
war zunächst eine Herabsetzung der Produktionskosten, die nur
durch eine wissenschaftlich-methodische Arbeitsweise zu erreichen
war; mit geringerem Kapital- und Arbeitsverbrauch war höherer
Gewinn zu erzielen. Das suchte man bei der Düngung, der Zucht
und Fütterung der Tiere, der Verarbeitung der Milch usw. zu erreichen.
 Dadurch ermöglichte sich eine Aufwärtsentwicklung der
Betriebserträge. Am intensivsten gestaltete sich die Wirtschaft in
den Sandgegenden. Hier waren Anfang des 20. Jahrhunderts 20—35 %
des Kulturbodens dem Getreidebau eingeräumt, während in Friesland,
 Holland, Utrecht nur 6% diese Bestimmung erhielten. Seit
der Agrarkrise nach 1877 gaben diese Sandwirtschaften die Getreideproduktion
 für den Markt mehr und mehr auf und stellten
die Wirtschaft darauf ein, daß alles, was vom Acker kam, in der
eigenen Wirtschaft für tierische Produktion eingesetzt wurde; Milch,
Butter, Eier, Schweine, Rinder brachte der Landmann nun zu
Markt?). Überall, auch in den Marschwirtschaften und den vor-1)
 Ned. Landbouw, S. 9ı ff., 106 ff.
*) Frost, Agrarverfassung, S. 232. So stieg der Antrieb von Vieh auf
dem altbekannten Markt von Leeuwarden von 119573 Stück im Jahre 1904 auf
219 748 Stück im Jahre 1905 (Visscher, Leeuwarden, S. 179). Auch aus van
der Kloot Meyburg, De econ. ontwikkeling, S. 48 f., ist die starke Zunahme
 des Viehstandes ersichtlich.
        <pb n="504" />
        59
wiegend Getreide bauenden Sandwirtschaften, war aber der
Getreidebau auf die Wirtschaft eingestellt, nicht letztere auf den
Getreidebau. Dieser bildete nur ein Mittel, um andere Produktionszweige
 mit Erfolg betreiben zu können; so die Rübenwirtschaften,
die den Getreidebau als Zwischenfrucht treiben mußten. Immer
deutlicher zeigte es sich, daß von ihm allein in den Niederlanden
 kein Landwirt bestehen konnte. Rüben-, Kartoffelbau,
Flachsbau und Kümmel entwickelten sich neben der Vieh- und
Pferdezucht zu den besten Produktionen. Im Rückgang war der
Anbau von Buchweizen, ebenso die Schafhaltung. Die Schafzucht
hatte ihren Höhepunkt um 1865 erreicht; damals zählte man
1 027 000 Schafe; 1910 nur noch 889 036, von denen 266 284 auf
Nordholland, 160 664 auf Friesland kamen‘).
Geblüht hat während dieser ganzen Periode die Blumenzwiebelzucht.
 Nachdem sie nach der französischen Zeit,
die dieser Kultur nicht günstig war, wieder aufgenommen War,
fand sie schnell in den alten Standorten neue Pflege. Die Blumenzwiebelzucht
 war einer der wenigen landwirtschaftlichen Betriebe,
die größere Unternehmungen aufwiesen?).
Eine vollständige Umwälzung erfuhr der Flachsbau.
Die alte Hausleinenindustrie, der er den Rohstoff lieferte und die
sich lange gegen die maschinelle Spinnerei und Weberei behauptet
hatte, ging allmählich zugrunde und drohte die Flachskultur mit
sich zu ziehen. Doch wurde infolge der in der Mitte des 19. Jahrhunderts
 einsetzenden Spezialisierung der einzelnen Flachsarbeiten
auch der Flachsbau neu angeregt und nun in einen hochentwickelten,
intensiven Handelsgewächsbau umgewandelt. Dazu trug bei die
ausgedehnte Arbeitsteilung im Flachsgewerbe, die den einen den
Flachs bauen, den anderen ihn ernten, den dritten ihn rösten, den
vierten ihn hecheln usw. ließ. Namentlich auf den südholländischen
und seeländischen Inseln, die dem Flachsbau von jeher günstige
Produktionsbedingungen boten, ferner in Groningen nahm er einen
großen Aufschwung. Der Zweck dieser eine ganz eigenartige Ar-1)
 Evierwign, I, 310%.
2) Frost, Agrarverfassung, S. 370. Die mit Zwiebelpflanzen bebaute
Fläche betrug 1882 in Nord- und Südholland etwa 600 Hektar; 1900 waren €Ss
2526 Hektar, von denen 1647 auf Süd- und 874 auf Nordholland kamen (B 1 ink,
Geschiedenis, II, 531).
        <pb n="505" />
        beitsmethode aufweisenden Produktion war die Erzielung einer
möglichst großen Menge und der möglichst feinen Qualität in
Flachsfasern; die Samengewinnung war dabei nebensächlich; doch
betrieb man auch lebhaften Saathandel. Für Holland war diese
Kultur um so wertvoller, als sie außer an der belgischen und französischen
 Küste überall in Verfall geriet. Im Jahre 1905 waren
in den Niederlanden 14 790 ha mit Flachs bebaut, von denen allein
auf Seeland 5008 fielen, auf Groningen 4578. Der Anbau eignete
sich weder zum Groß- noch zum Zwergbetrieb, bedurfte aber verhältnismäßig
 vieler Arbeitskräfte‘).
Der Pferdezucht wurde auch im 19. Jahrhundert private Pflege und
obrigkeitliche Aufsicht zuteil. Im allgemeinen entwickelte sie sich aber nicht günstig;
auf der Internationalen Landwirtschaftlichen Ausstellung in Amsterdam 1884
machten die niederländischen Pferde keine gute Figur; die Zucht war zurückgegangen.
In Seeland überwog das belgische Pferd als Zuchtpferd; das altberühmte Friesenpferd
 war unmodern geworden; die Groninger Pferdezüchter zogen Oldenburger,
Hannoveraner und Holsteiner vor. Doch fehlte es nicht an Bestrebungen, die alten
guten niederländischen Pferderassen reinzuhalten. In der Regel mangelte es wohl
am richtigen Verständnis für Pferde?).
Gefördert wurde die im allgemeinen günstige Entwicklung
der Landwirtschaft seit Ende des 19. Jahrhunderts durch eine Reihe
äußerer Faktoren; so das Aufblühen der Industrie, die viele Menschen
heranzog und durch ihre teilweise hohen Löhne den Verbrauch
von Lebensmitteln vermehrte; ferner durch die Steigerung der Seetransporttarife,
 die naturgemäß der einheimischen Produktion
günstig war. Im allgemeinen wurde nun erst die un ver gleichlich
 vorteilhafte wirtschaftsgeographische
Lage der Niederlande auch ihrer Landwirtschaft nützlich,
 die früher infolge der mangelhaften Verkehrseinrichtungen
von jener Lage verhältnismäßig wenig Nutzen ziehen konnte ; die
Niederlande hatten zu Nachbarn nur kaufkräftige Verbraucher,
was namentlich für Artikel, die in frischem Zustande konsumiert
wurden, ein natürliches Monopol schuf; das traf zu für frisches
Gemüse, Blumen, Obst, Kohl, frisches Fleisch, Butter, Käse, Eier,
Geflügel. Alles das prägte sich auch in den Preisen aus?). Bedeut-*)
 Frost, Flachsbau, namentlich S. 6{ff., ı8 ff., 132,
?) Ned. Landbouw, S. 38ıff.; Frost, Agrarverfassung, S. 302 ff.
°) So stiegen die Preise für Schlachtvieh per Kilo in Rotterdam 1901: 0,64;
1906: 0,63; 1907: 0,71; I91I: 0,77 fl.; von Butter in Leeuwarden per 40 Kilo 1901:
42,25; 1906: 50,39; 1907: 48,84; 1909: 51,44; 1911: 56 fl.; von Edamer Käse in
Baasch, Holländische Wirtschaftsgeschichte.

497
392
        <pb n="506" />
        95 a
sam für die Entwicklung der Landwirtschaft war gewiß auch der
Umstand, daß eine Reihe landwirtschaftlicher Handelsprodukte
nun fabrikmäßig hergestellt wurden, so Käse, Butter, Rübenzucker,
Kartoffelmehl, Strohkartons. Die Kartoffelmehlfabrikation wurde
namentlich für die Moorkolonien sehr wichtig; Holland wurde in
dieser Industrie tonangebend für die ganze Erde‘).
Nicht zu vergessen ist der völlige Wandel, der sich im Handel mit
den Milchprodukten, Butter und Käse, vollzog. Der Ausfuhrhandel
lag früher in der Hand einer kleinen Zahl von Kaufleuten als Verschiffern;
 diese erhielten regelmäßige wöchentliche Orders aus England
 und verließen sich außerdem auf ihre Verträge mit den Dorfkaufleuten,
 die für die Zufuhr sorgten?). Allmählich aber begannen diese
letzteren selbst das Geschäft auf England zu machen, und der Butterhandel
 wurde schließlich in erster Linie Konsignationshandel. Für
die Kaufleute war er mit großem Risiko verbunden, das sich noch
steigerte, als an Stelle der früheren Verkäufe auf den Buttermärkten
die Butterauktionen traten. Ähnlich vollzog sich der Gang
der Dinge im Käsehandel. Soweit die sehr verbreiteten nordholländischen
 Käsesorten in Betracht kamen, konnten sich die
alten Käsemärkte in Alkmaar, Hoorn, Purmerend usw. behaupten;
und ebenso erhielten sich in einzelnen Gegenden, wie Seeland,
Nord- und Südholland, wo die fabrikmäßige Butterfabrikation
noch keinen Eingang gefunden hatte, die alten Buttermärkte ihre
Bedeutung. Die Butterexporteure schlossen sich dann auch zu
Vereinen zusammen. Wirtschaftlich hat dieser Wandel im Verkaufswesen
 wie auch der Übergang zu der fabrikmäßigen Herstellung
 der Milchprodukte, die immer mehr Platz griff, den Export,
der auf möglichst einheitliche Ware und Warensorten großen Wert
legen mußte, zweifellos erheblich gesteigert. Freilich wurde der
einzelne Produzent dadurch nur noch ein kleiner Mitarbeiter in
dem Betriebe der großen Meiereien und Käsefabriken, die, ebenso
Alkmaar per 50 Kilo 1901: 28,50; 1906: 33; 1907: 29; 1909: 30,50; I9I1: 35,50 fl.
(Nederl. Landbouw, S. 37). Über die neuere niederländische Fleischausfuhr vgl.
Reens, S. 170 ff., 213 £.
1) Minderhoud, 5S. 94; der Wert des hergestellten Kartoffelmehls
betrug 1910: 10—12 Mill. fl.; die Ausfuhr 1923: 90 271 Tons (ebenda, S. 90 1f.)o
allein in Drenthe stieg die mit Kartoffeln bepflanzte Fläche von 17767 ha im Jahre
1910 auf 24 261 ha im Jahre 1924 (S. 89).
2) Ned. Landbouw, S. 443.
        <pb n="507" />
        —. GN
wie die Kartoffelmehl-, Strohkarton- und Zuckerindustrie zum Teil
genossenschaftlich organisiert wurden. Diese Organisationen aber
schufen sich, soweit sie nicht selbst exportierten, mehrfach eigene
Verkaufsstellen?).
Eine Sonderstellung nahm der Rübenzuckerbau ein.
Er vermehrte sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts stark; während
1861—1870 nur 6587 ha mit Rüben bebaut waren, waren es IO12:
64 827 ha?). Aber im Gegensatz zur Butter-, Käse-, Kartoffelmehl-
 und Strohkarton-Fabrikation?) wurde die Fabrikation des
Zuckers kein landwirtschaftliches Nebengewerbe, sondern ein rein
industrielles Unternehmen‘).
Es wäre aber nicht gerecht, wollte man nicht anerkennen,
daß auch schon vor der letzten großen landwirtschaftlichen Krisis
mancherlei geschehen ist, was der Landwirtschaft förderlich
war. Die Moorkultur, die früher durchaus uneinheitlich
betrieben worden war, wurde seit 1819 von einer königlichen Genehmigung
 abhängig gemacht. Eigentliche Landbaumoorkolonien
entstanden erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als der
Kunstdünger imstande war, die Moorkolonien in ihrem Aufstieg zu
unterstützen. Auch die Torfkultur spielte noch immer eine
große Rolle und dehnte sich erheblich aus. Der Absatz fand fast
nur im Inlande statt. Selbst für dieses reichte die inländische Produktion
 nicht aus; 1909 führte man noch rund 36% Mill. kg ein,
fast alles aus Deutschland, wogegen nach Deutschland rund 9 Mill. kg
ausgeführt wurden. Eine neue Industrie entwickelte sich ferner
seit dem Ende des I9. Jahrhunderts, die Torfstreu-Industrie®),
Insgesamt wurden von 1833—1897, in 64 Jahren,
nicht weniger als 307677 ha®) Ödland in für die
landwirtschaftliche Benutzung brauchbares
Land umgewandelt und von 1897—1911: 62 022 ha;
also in dem erstgenannten Zeitraum jährlich 4800, in dem zweiten
') Ned. Landbouw, S. 446; Minderhoud, S. 237 £f.
?) Ned. Landbouw, S. 459 f.
°) Über die Ausdehnung der Strohkartonindustrie, die namentlich in der
Provinz Groningen seit 1866 sich entwickelt hat, vgl. Ned. Landbouw, S. 39; ferner
 Minderhoud; a. a.lO.
5 Frost, Agrarverfassung, S. 285.
7) Everwäijn, Lade
°) Diese Zahl hält Ned. Landbouw, S. 229, für etwas zu hoch.
392»

Yu
        <pb n="508" />
        — 2828 =
4300 ha. Auch die Bedeichungen nahmen zu und betrugen von
1816—1911: 96 690 hal).
Die wichtigste, umfassendste Trockenlegung war neben der Eindeichung
des alten Ij, die 4823 ha brachte und 1873—77 vollendet wurde, die des Haarlemmer
 Meeres, die nach vielen früheren Versuchen endlich 1839—52 ausgeführt
 wurde und nicht weniger als 18 522 ha Neuland schuf*). Die Besiedlung
des Haarlemmer Meer-Polders war von hohem Interesse für die landwirtschaftliche
Kolonisation Hollands. Nach überaus mühsamen Anfängen und unter dem Druck
einer zunächst sozial recht mangelhaft zusammengesetzten Einwanderung entwickelte
 sich allmählich unter Zurückdrängung des zuerst vorherrschenden Großgrundbesitzes
 und der von ihm eingesetzten Pachtbauern hier ein selbständiger
Bauernstand, der in andauerndem Kampfe mit dem Wasser, schlechten hygienischen
 Zuständen und mangelhaften Verkehrseinrichtungen schließlich es dahin
brachte, daß das Haarlemmer Meer zu einem vortrefflich angebauten landwirtschaftlichen
 Gebiet aufblühte. Kartoffeln, Hafer, Weizen bildeten die Haupterzeugnisse;
 daneben aber wurde Flachs gebaut und, ganz nach kolonialer Art, hiermit
 Raubbau getrieben; später wandte man sich dem Zuckerrübenbau zu. Auffallend
 war die weit größere Selbständigkeit und Beweglichkeit der hier ansässigen
Bauern im Gegensatz zu den übrigen niederländischen Bauern, eine Folge der
Traditionslosigkeit dieser Gebiete. Diese Beweglichkeit zeigte sich auch in einer
viel größeren Zugänglichkeit gegenüber Neuerungen, besseren Arbeitsmethoden
usw. Schon seit 1855 waren hier Dampfdreschmaschinen in Benutzung‘).
In dem Getreidebau der einzelnen Provinzen vollzog sich
aber, wie schon aus dem vorhergehenden zu schließen ist, allmählich
 ein Wandel. In Friesland, Gelderland, Utrecht, Südholland,
Seeland nahm seit Ende des 19. Jahrhunderts der Getreidebau ab,
was wohl in den vier letztgenannten Provinzen mit der Umwandlung
 in Grasland, in Seeland mit der sich weit ausbreitenden Kultur
der Handelsgewächse, wie der Zuckerrüben, zusammenhing. Dagegen
 nahm in Groningen, Limburg und Drenthe — hier wohl im
Zusammenhang mit den Landgewinnungen — der Getreidebau zu.
Insgesamt verminderte sich von 1891/1900 bis 1910 das Getreide-1)
 Ned. Landbouw, S. 234.
2) Blink, Il, ı24 (f.;Nebenda, I, 205 £. über die älteren Verhältnisse des
Haarl. Meeres; über dieses Volkmann, S. 224 ff.
3) ter Veen, Haarlemmermeer; ebendort, S. 119 ff., wird die Angabe
in „De Nederl. Landbouw‘‘, S. 288, nach der zuerst in Groningen Dampfdreschmaschinen
 in Gebrauch gewesen seien und zwar seit 1880, berichtigt. Nach englischem
 Urteil von 1880 waren die Meerbewohner die besten Farmer in ganz Niederland
 (ter Veen, S. 124). Die Mittel zur Trockenlegung des Harl. Meers wurden
durch eine Reichsanleihe von 8 Mill. fl. aufgebracnt, die 1839 aufgelegt wurde
(Weeveringh,S. 580f.;7 Posthumus, Recueil, S. 293 ff.).

SOC
        <pb n="509" />
        =&amp;gt;— 8 —-land
 von 476 178 auf 459323 ha, wobei Moor-Buchweizen nicht
mitgerechnet worden ist!).
Die landwirtschaftliche Betriebsart hatte im Laufe des Jahrhunderts
 immer mehr kapitalistischen Charakter angenommen; das
beeinflußte auch die Arbeitsverfassun g». die die patriarchalische
 Form abstreifte?). Das Naturallohnsystem wich der Geldentlohnung.
 Durch die Modernisierung der Betriebe erfuhr die Arbeit
 eine völlige Umgestaltung, da sie nun über Sommer und Winter
sich ungleichmäßig verteilte und vorzüglich im Winter viel Arbeitslosigkeit
 entstand. Doch schuf die moderne Betriebsweise
einer großen Anzahl von Arbeitern aus den Sandgegenden im
Sommer lohnende Beschäftigung in den Marsch- und Weidewirtschaften.
 Das Bedürfnis nach Saisonarbeitern war vielfach
groß, und zwar bei allen Bauern. Andererseits lieferten die Niederlande
 viele Arbeitskräfte auch für die Nachbarländer, namentlich
für Deutschland®). Eigentlicher Arbeitermangel bestand in der
Regel nur in den größeren Marsch- und Weidewirtschaften, die
sich nicht mit Tagelöhnern behelfen konnten, sondern feste Arbeiter
 nötig hatten; solche Gegenden waren das nördliche Groningen,
Friesland und die Marschwirtschaft Nord- und Südhollands. Im
Vergleich zu vielen Gegenden Deutschlands war die Arbeiternot
in den Niederlanden übrigens nie sehr groß; die Kleinheit der
Wirtschaften ließ es zu, daß man auch mit geringeren Arbeitskräften
 auszukommen wußte %).
Die früher bedeutende Hollands gängerei, die schon Ende des
18. Jahrhunderts abgenommen hatte, gewann auch im 19. Jahrhundert nie wieder
den alten Umfang, wenn auch zeitweilig Ostfriesland, das früher von der Hollandsgängerei
 sich ziemlich fern gehalten hatte, jetzt sich mehr daran beteiligte. Die
Abnahme beruhte auf Gründen von beiden Seiten; in Deutschland nahm die überseeische
 Auswanderung in den 18 30er Jahren zu, während bald darauf die günstigere
Lage der Landwirtschaft, der Industrie und des Handels die Hollandsgängerei
überflüssig machte; in den Niederlanden aber konkurrierte nun der einheimische
Landarbeiter in stärkerem Maße, was auf den Gewinn der Hollandsgängerei drückte.
Am längsten hielt sich diese im Emslande. Groningen, Holland, Friesland bedurften
)“Everwijn,. II, 634.
*) Frost, Agrarverfassung, S. 194 f.
®) Namentlich als Viehwärter kamen Holländer ins Rheinland, auch zur
Kartoffelernte und zum Rübenroden. Man sagte allerdings von ihnen, daß sie
„Nicht viel taugen‘‘, sie arbeiteten zu phlegmatisch (Auh agen, S. 670 ff.).
&amp;amp;) Frost, S. 203.

IOI
        <pb n="510" />
        —_ 2 —
zur Zeit der Heuernte stets fremder Hilfskräfte; auch Torfgräber waren gesucht;
doch ging die Verwendung deutscher Mäher, die eine Zeitlang eine förmliche Monopolstellung
 einnahmen, mehr und mehr zurück. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts
gingen wohl jährlich etwa 27 000 Hollandsgänger aus Nordwestfalen und Niedersachsen
 westwärts; 100 Jahre später, am Ende der 1860er Jahre, werden es 4—5000
gewesen sein!); am Anfang des 20. Jahrhunderts wanderten aus dem Emsland und
Ostfriesland jährlich etwa 4—500 Mann hinüber, Einzelnen Transporteinrichtungen,
wie z. B. der Groninger Schiffergilde und den Beurtschiffen über die Zuidersee, brachten
diese Wanderungen eine regelmäßige gute Einnahme. Auf den Dampfern, die zwischen
Zwolle und Amsterdam fuhren, war seit 1846 eine ausschließlich für Hollandsgänger
bestimmte, billige 3. Klasse eingerichtet.
Dem großen wirtschaftlichen Wert, den die Hollandsgängerei für die Niederlande
 hatte und die auch oft dort Anerkennung gefunden hat — der Wert für ihre
deutsche Heimat steht hier nicht zur Erörterung — entsprach freilich die Behandlung,
 die in den Niederlanden diesen Arbeitern vielfach zuteil ward, nicht immer;
der damals in weit höherem Wohlstande sich befindende und sich daher leicht überhebende
 Niederländer sah mit Geringschätzung auf den armen deutschen ‚„Hankemaaier‘
 oder ‚„„Muff‘“ oder wie man ihn sonst titulierte, herab und behandelte ihn
demgemäß, schikanierte ihn auch wohl, prellte ihn um seinen Lohn usw.?). Erst
in neuerer Zeit wurde das besser. Grundsätzliche Hindernisse setzte man seitens
der niederländischen Regierung der Hollandsgängerei nicht entgegen; abgesehen von
durch politische Erwägungen bestimmten Verboten der Zuwanderung von Arbeitern
 aus dem Bistum Münster 1672, wurde die Hollandsgängerei nic gehindert;
ihre hohe wirtschaftliche Bedeutung für das Land war der Regierung zu sehr bewußt.
Nicht weniger konservativ als gegenüber der Leidener Tuchindustrie
 verhielt man sich gegenüber der Heringfischerei
und den sie betreffenden Bestimmungen. Nach der Befreiung wurde
die gesamte alte Heringsgesetzgebung in vollem Umfange wiederhergestellt;
 auch das Prämiensystem blieb erhalten. Das Collegium
der Groote Visscherij erhielt weitgehende autoritative Befugnisse.
Verschärft wurde nun auch die Schutzpolitik. Während früher der
Handel mit fremdem Hering, wenn er nur als solcher bezeichnet
und verpackt war, offenstand, wurde er nun durch Gesetz vom
12. März 1818 verboten; die Einfuhr von Hering war nicht mehr
gestattet; eine Maßregel, die die Übertragung des Protektionismus
1 Tack, S. 146. NachäClement, S. 51, waren damals, um 1847,
im Sommer etwa 6—8 ooo deutsche Tagelöhner in Holland, meist zum Torfgraben
und Mähen. Nach Wiersum en van Sillevoldt, 5. 82, stellten im
Frühjahr sich auch viele Deutsche zur Beschäftigung in den Bleichereien ein.
2) Clement, a.a.O., S. 206, erwähnt „die traurigen Gestalten aus Deutschland,
 die Mäher‘; sie erinnerten ihn an die Irländer, wenn sie Arbeit suchend
nach England fuhren.

n 50”
        <pb n="511" />
        auf die Seefischerei grell beleuchtete. Ebensoviel Widerspruch wie
dieses Verbot erweckte das den Büsenfischern unter Ausschluß
der Küstenfischer verliehene Monopol des Einsalzens. Damit wollte
man verhindern, daß die Küstenfischer das ‚,Geheimnis‘‘ des Salzens
in fremden Hafenplätzen bekannt machten, was eine ziemlich kindliche
 Auffassung der obwaltenden Verhältnisse verriet. Durch
einzelne organisatorische Maßregeln halfen die Heringsreeder sich
jetzt selbst; so rüsteten sie nach 1814 jährlich für gemeinsame Rechnung
 Ventjagers aus, denen jede Büse ihre Frischheringe zu bestimmtem
 Preis überließ; die hohen dadurch erzielten Preise verteilten
 die Reeder unter sich nach der Anzahl der Tonnen, die jeder
an die Jagers verkauft hatte; die ‚, Jagerij-Vereeniging‘“ regelte das
Ganze. Am meisten drückte die schottische Konkurrenz auf die
Preise; das veranlaßte 1822 die Reeder an der Maas zu einer Abrede,
 der zufolge vom 15. Oktober ab kein Hering unter 17 fl. die
Tonne verkauft werden durfte; nach 1823 setzte man jedoch diese
Abrede außer Kraft. Bei der großen Konkurrenz mußte die Einhaltung
 niedriger Preise naturgemäß das Ziel sein; die Tendenz der
Heringsgesetzgebung und der Reeder ging aber auf Preissteigerung;
man vergaß, daß der Hering nicht mehr ein Leckerbissen, sondern
ein allgemeines Volksnahrungsmittel war; so konnte selbst der
inländische Markt infolge der künstlich durch Prämien und andere
Mittel hochgehaltenen Preise nicht genügend ausgebeutet werden‘).
Völlig im monopolistischen Sinne und durchaus in der Richtung
der Preissteigerung war es, wenn der 1829 gegründeten ‚,‚Vereeniging
der Zoutharingreedereijen‘““ durch königlichen Beschluß ein Fangmonopol
 insoweit eingeräumt wurde, als sie das Jagen nun möglichst
 einschränkte, nur um gute Preise zu erzielen; sie war nichts
als eine Preiskoalition. Wer ihr nicht angehörte, dem entzog man
die Prämien. Die Heringsfischerei geriet dadurch in Abhängigkeit
von dem in Vlaardingen sitzenden Zentralkomitee jener Vereinigung;
diese schrieb jedem Fischer alles genau vor, die Zeit der Abfahrt,
den Ort, wo er zu fischen, die Art, wie er zu fischen hatte, die Behandlung
 des Herings usw.?2).
Auf drei Monopole stützte sich damals die holländische
Heringsfischerei: das des Salzens, das den Besitzern von Kielschiffen
) Beaujon, S. 2404.
23) Beaujon, S:244{ff

503
        <pb n="512" />
        mit Raasegeln gewährt war; das der Zufuhr, nach dem nur vor dem
15. Juli Hering in der See an Jagers abgegeben wurde und vor
diesem Tage keine Büse mit angebrochener Ladung nach Hause
segeln durfte; die „„Vereeniging‘“ hatte also die Beschränkung der
Zufuhr von Salzheringen in den ersten drei Fangwochen in ihrer
Hand; endlich das Verkaufsmonopol der ‚Vereeniging‘‘, der alle
Reeder von Büsen unter Gefahr des Verlusts der Prämien angehörten.
 Überdies besaßen die Küstenschiffer (Bomschuiten) ein
absolutes Monopol für das „Steuren‘“!) des Herings zur Bücklingsräucherei.
 Dieses in sich abgerundete System, das durch die Einfuhrverbote
 und Prämien noch eine Verstärkung erfuhr, setzte,
wie begreiflich, den holländischen Heringsschiffer völlig außerstande,
 mit den fremden Fischern auf den auswärtigen Märkten
zu konkurrieren. Die Statistik zeigte auch eine sehr laue Entwicklung;
in den 40 Jahren von 1814—1853 blieb die holländische Salzheringsfischerei
 fast ganz unverändert; sie hielt sich trotz mancher
Schwankungen -im wesentlichen auf derselben Stufe?). Nach den
bestehenden Verhältnissen war das völlig begreiflich; ein ansehnlicher
 Teil des gefangenen Herings wurde gar nicht gesalzen, d. h.
nicht auf die vorteilhafteste Weise zubereitet, nur um die Preise
des anderen Teils nicht zu drücken. Die ‚„Vereeniging‘“ wirkte der
Entwicklung des Heringsfanges sowohl durch die Tendenz der Preisbeeinflussung
 wie durch die Hinauftreibung des Erstehungspreises
entgegen; die Verwaltungs- und Packhauskosten der ‚,Vereeniging““
waren so hoch, daß sie nicht selten den Genuß der Prämie aufwogen
 und manche Reeder bestimmten, ihr fern zu bleiben; allerdings
 war sie für viele als Geldgeber oder Agent unentbehrlich.
Günstiger als der Ertrag des Salzheringsfanges gestaltete sich die
Steurheringsfischerei, aus der die geräucherten Bücklinge hervorgingen;
 ihr Fang stieg von 4242 000 Stück im Jahre 1823 auf
23 433 000 im Jahre 1853; während 1823 hierbei 35 Schuten tätig
waren, beschäftigten sich 1853 mit diesem Fang 118 Schuten®).
Langsam trat dann um die Mitte des Jahrhunderts der Wandel
ein, wenn auch gerade auf diesem Gebiete überaus schwer die pro-1)
 Das „Steuren‘“ bestand in einem Bestreuen des Herings mit Salz, was ihn
konservierte, bis er in den Rauchfang zum Räuchern gelangte.
2) Die Liste bei Beaujon, S. 329.
3) Die Statistik bei Beaujon, S. 330.

504
        <pb n="513" />
        tektionistischen Ideen aus den Köpfen wichen. Nach dem schottischen
 Beispiel wurde 1846 die Eröffnung des Fanges auf 14 Tage
vor dem Johannistag, 1851 auf den ı. Juni festgesetzt. Wichtiger
war es, daß man von 1851 ab endlich alle Seefischereiprämien, die
sich damals auf 200 000 fl. jährlich beliefen, aufhob. Vergeblich
suchten die Heringsreeder ihr bedrohtes Monopol zu retten. Die
Staaten von Nord- und Südholland gingen seit 1854 mit einer
Reihe von Reformen vor; das Salzen des Herings, der nach dem
10. Oktober in Bomschuiten gefangen war, wurde freigegeben;
damit war das Einsalzungsmonopol durchbrochen. Die damals eingesetzte
 Staatskommission sprach sich für völlige Freiheit der
Seefischerei aus; sie empfahl auch die Zollfreiheit des auswärtigen
Fisches und die Aufhebung der pflichtmäßigen Keurung des Herings.
Nachdem 1855 dem Monopol der Steurheringsfahrt ein Ende bereitet
worden war und das Steuren nach dem 20. August, dem Eröffnungstage
 jener Fahrt, auch an Bord von Büsen gestattet wurde, fielen
1857 alle Bestimmungen über die Jagerei; und 1859 wurde völlige
Zollfreiheit für die Einfuhr beschlossen. Alle provinziellen Reglements
 über den Heringsfang, die mit diesem Gesetz in Widerspruch
standen, wurden aufgehoben, die freiwillige Keurung in einem neuen
Reglement geordnet. Damit war endlich die Seefischerei aus den
Banden, in die sie bisher geschlagen war, erlöst‘).
Wenn nun auch der Abbau der veralteten Gesetzgebung gewiß
 den Hauptanstoß zu einer neuen Blüte der Heringsfischerei
gegeben hat, so hat andererseits wohl der Ersatz der bisherigen Hukerfahrzeuge
 durch die schnelleren Logger und Sloepen viel dazu beigetragen?).
 Um nur mit wenigen Zahlen den Aufschwung zu erläutern,
 so sei angeführt, daß allein der in Kielschiffen angebrachte
Pökelhering von 35 924 Tonnen im Jahre 1856 auf 137 432 Tonnen
im Jahre 1883 stieg, daß gleichzeitig die Zahl der Kielschiffe in
dieser Fahrt von 82 auf 154, der Bomschuiten von 147 auf 255 und
der in letzteren angebrachte Pökelhering von 106 auf 97 904 Tonnen
sich vermehrte. Bemerkenswert war auch die Zunahme der Ausfuhr;
 diejenige nach Belgien stieg von 983 im Jahre 1857 auf 4017
Taus. Kilo im Jahre 1883; nach Deutschland nahm sie allerdings
ab, da dieses sich jetzt meist selbst versorgte.
ı) Beaujon, S. 263,274 £.
2) Das meint Hoogendijk, S: 48.

505
        <pb n="514" />
        In der örtlichen Verteilung der großen Fischerei zeigte noch
immer Vlaardingen seinen Vorrang; es hatte 1892: 94 Kielschiffe,
 während Maassluis deren 77 besaß. Mit den Bomschuiten
 standen aber Scheveningen, Katwijk und
Noordwijk an der Spitze mit insgesamt 306 1).
Kümmerlich behauptete sich noch bis in die Mitte des ı9. Jahrhunderts
die Islandfischerei; von Bedeutung war sie nicht mehr. Im Durchschnitt
der Jahre 1903—1013 waren die Niederlande an der Islandfischerei mit nur 0,6%
beteiligt, gegen 41% Englands und Schottlands und 15% des Deutschen Reichs?).
Noch weniger verblieb nach der französischen Zeit von dem alten Walfischfang.
 Nur die Prämien hielten noch kurze Zeit die Überbleibsel dieses
Gewerbes aufrecht; die Prämien betrugen etwa vier Fünftel des Bruttoertrages
des angebrachten Specks. Sang- und klanglos verschwand diese einst hochgeschätzte
Fahrt, die zwar wirtschaftlich an die Heringsreederei nicht heranreichte, immerhin
aber, vorzüglich wegen des Handels mit Tran, einer gewissen Bedeutung nicht
entbehrte, zu schweigen von dem hohen Werte, den sie für die Ausbildung von Seeleuten
 und für den Ruf der Nation als einer seetüchtigen gehabt hat.
Der einzige Zweig des holländischen Fischereigewerbes, der in neuerer Zeit
unter staatliche Aufsicht gestellt wurde, war die Austernzucht; das geschah
1867, und seitdem wurde sie rationell betrieben; die Bänke wurden nun verpachtet
und der öffentlichen Fischerei entzogen, was zwar den Wünschen der Fischer nicht
entsprach, aber der Ausnutzung und Verwertung der Bänke sehr förderlich gewesen
ist. Namentlich auf Zuid-Beveland blühten sie seitdem auf®).
$ 4. Der Binnenverkehr und die Eisenbahnen.
Wenig veränderte sich zunächst in der Binnenschifffahrt.
 Vor den Landwegen, die sich nur langsam und mit Hilfe
von Wegegeldern einer besseren Pflege erfreuten, gab man jener
immer noch den Vorzug. Die Beurtfahrt und die Trekschuite beherrschten
 noch bis tief in das 19. Jahrhundert die Binnengewässer.
Erst Ende des 19. Jahrhunderts verdrängte das Motorboot die
Trekschuite, was natürlich eine viel größere Leistungsfähigkeit dieses
Verkehrsweges zur Folge hatte*). Noch immer bestand der mono-1)
 Hoogendijk, S. 161;
2) Vgl. Geiser, Die Islandfischerei usw., S. 31. Über die neueste Entwicklung
 der holländischen Fischerei vgl. van Haersolte, Onze visscherij
op Noord- en Zuiderzee.
3) Müller, S. 399f.. Im Jahre 1890 betrug die Gesamtausfuhr seeländischer
 Austern 51 237 506 Stück (Blink, Nederland, III, 440.)
4 van der Kloot Meyburg, De econ. ontwikkeling, S. 213 f,

506
        <pb n="515" />
        polistische Charakter der Beurtfahrten. Alle diese Fahrten, die es
im 19. Jahrhundert gab — und ihre Zahl war nicht gering —, es
seien nur von den Fernfahrten genannt die zwischen Groningen
einer-, Zaandam, Nijmegen, Amsterdam, Schiedam andererseits,
zwischen Rotterdam und Leeuwarden, alle waren sie an die reglementarische
 Bestimmung gebunden, daß das Anlaufen von Zwischenhäfen
 und das dortige Löschen und Laden verboten war;
die Beurt zwischen Zaandam und Groningen passierte Sneek und
Leeuwarden, durfte aber nach dem Reglement von 1855 Güter
in diesen beiden Orten nicht aufnehmen!). Diese Beschränkung
wurde seit der Mitte des Jahrhunderts als dem Handel nachteilig
scharf bekämpft. Man entschloß sich aber nur sehr schwer, von
einem Zustande abzugehen, der auf gewissen Rechts- und Verkehrsgewohnheiten
 beruhte?). Der einzige Wandel, den das Königreich
der Niederlande in diesen Beurtbetrieb einführte, bestand in der
Konzessionspflicht für die Beurtveeren.
Die Eisenbahn hat auf die Beurtbetriebe nur sehr langsam
 eine Einwirkung gewonnen. Wie alle inneren Verkehrseinrichtungen
 in Holland entwickelte auch die Eisenbahn sich nur
sehr bedächtig. Die Liebe zur Trekschuite stand diesem neuen Verkehrsmittel
 ebenso im Wege wie die dem Holländer angeborene
Abneigung gegen Neuerungen. Erst als nach der Trennung Belgiens
 hier Pläne laut wurden, die eine Eisenbahnverbindung auf
belgischem Gebiet mit dem Rhein bezweckten, erkannte man,
daß einer Eisenbahn Antwerpen—Cöln nur durch eine Eisenbahn
Amsterdam—Cöln entgegengewirkt werden könne®). Damit hatte
es aber noch weite Wege, und zunächst kam man über eine Anzahl
von Entwürfen nicht hinaus. Die erste wirklich gebaute
Bahn ging auch nach der entgegengesetzten Richtung, nämlich
von Amsterdam nach Haarlem; sie wurde von ‘der
1837 errichteten Hollandschen Ijzeren-Spoorweg Maatschappij erbaut
 und 1839 in Betrieb genommen*). Es war zunächst nur eine
3 deSitter,. S.ı7f,76ff.01 Buijs, 5. 504€.
2) Für die entschädigungslose Aufhebung der Beurtveeren Busman in
De Economist, 1869, S. 281 ff.
3 Jonckers Nieboer,:S.ı2.
*) Das Dekret über die Errichtung dieser Gesellschaft bei Posthumus,
Recueil, S. 281 f.

507
        <pb n="516" />
        — 28 —
dem Personenverkehr dienende Bahn, für welche die Haarlemsche
Trekvaart als schwere Konkurrenz galt, so daß an einen Gütertransport
 kaum gedacht wurde. Die Bahn wurde 1842 nach Leiden
in der Richtung auf Rotterdam weitergebaut.
Inzwischen war nun auch die Ausführung des ursprünglichen
Planes einer nach Osten zum Rhein hin gehenden Bahn wenigstens
in seinen Anfängen gesichert. Für diese Bahn, die zunächst von
Amsterdam über Utrecht nach Arnhem gehen sollte, wurde auf
königl. Beschluß 1838 eine Anleihe aufgelegt, für deren Verzinsung
der König die Garantie übernahm!). Ohne königliche Unterstützung
wäre diese Bahn freilich schon sehr bald finanziell zusammengebrochen;
 bereits 1845 bestand ein erhebliches Defizit. Der Verkehr
 auf der Linie selbst, die 1843 bis Utrecht eröffnet wurde, war
nicht schlecht. Der Weiterbau bis Arnhem einer-, Haag andererseits
 war aber nur zu erreichen, indem man ihn einer 1845 gegründeten
Aktiengesellschaft ‚‚Nederl. Rhijn-Spoorweg-Maatschappij““ übertrug,
 in der viel englisches Kapital angelegt war. Für den König,
der große Mittel für diese Bahn aufgewandt hatte, erstand in jener
Gesellschaft ein Retter. In der Öffentlichkeit bestand wenig Vertrauen
 auf die Zukunft dieser Linie; es war eine Zeit völliger wirtschaftlicher
 Apathie in Holland. Zehn Jahre hat es gedauert,
bis diese Bahn eine direkte Verbindung mit Rotterdam erhielt,
wobei nicht nur das geringe Entgegenkommen dieser Stadt
sich hinderlich erwies, sondern auch die örtlichen Verhältnisse
in Amsterdam und Rotterdam technische Schwierigkeiten bereiteten?).

So lebhaft sich König Wilhelm I. für die Eisenbahnpläne
persönlich und finanziell interessiert hatte, so wenig Teilnahme
bewies die eigentliche Regierung; sie war lange Zeit völlig blind
gegen die hohe Bedeutung der Eisenbahn in dem Konkurrenzkampfe
 der niederländischen Häfen mit Antwerpen. Als man sich
endlich aufraffte, war der Vorsprung, den die belgische Hafenstadt
1) Jonckers-Nieboer, S. 37f. Der französische Gesandte im Haag
berichtet am 12. Mai 1838 über diesen Bahnbau; der Hauptgrund sei, ein Gegengewicht
 gegen die Antwerpener Bahn zu schaffen; ein weiterer bestehe darin, daß
man etwas für Amsterdam tun wolle (Colenbrander, Gedenkstukken, X, 2,
S. 415).
. % Jonckers-Nieboer, S. 58; auch weiterhin benutzt.

SC
        <pb n="517" />
        — 500. —-gewonnen
 hatte, nicht mehr einzuholen!). In Berlin zeigte man
infolge der seitens der Niederlande bewiesenen Gleichgültigkeit mehr
Interesse für den Anschluß der preußischen Bahnen an Belgien;
die niederländische Regierung unterstützte die genannte holländische
Rheineisenbahngesellschaft in ihren Verhandlungen mit Preußen
sehr wenig, so daß eine kostbare Zeit verlorenging; erst 1852 kam
es zu einer Übereinkunft zwischen dieser Gesellschaft und der niederländischen
 Regierung zur Ausführung eines von der Gesellschaft
mit Preußen geschlossenen Vertrages über den Bau einer Bahn
von Oberhausen bis zur Grenze; die niederländische Regierung
bewilligte einen Betrag von ı Mill. fl. zur Verschmälerung der Spurweite.
 Im Oktober 1856 konnte die Linie Oberhausen—Arnhem
eröffnet werden, zwei Jahre später als in dem erwähnten Vertrag
vereinbart war. Immerhin war das ein großer Fortschritt; Holland
hatte nun den ersten Eisenbahnanschluß an die preußischen Bahnen
im Rheinland. Dabei blieb man in dieser, so überaus wichtigen
Richtung stehen; an Konzessionen für andere Bahnen dorthin
fehlte es nicht, sie kamen aber nicht zur Ausführung.
Stetiger war die Entwicklung der Holl. Spoorweg Maatsch.;
sie erreichte 1847 endlich die Weiterführung der Bahn vom Haag
nach Rotterdam. Die Verzögerung war größtenteils dem mangelhaften
 Enteignungsgesetz zuzuschreiben; 1851 kam ein neues Gesetz
zustande, auf Grund dessen die Landeigentümer nicht mehr in der
Lage waren, den Eisenbahnunternehmungen durch übertriebene
Forderungen Hindernisse in den Weg zu legen. Für die Holl. Spoorweg
 Maatsch. war es störend, daß sie noch immer die breite Bahnspur
 beibehielt und dadurch den Anschluß an den Rhijnspoorweg
 erschwerte; erst 1866 führte jene Gesellschaft die schmalen
Spuren ein.
Auch im Süden des Landes entstanden allmählich Eisenbahnen
 von Bedeutung; so wurde eine neue Bahn von Maastricht
nach Aachen 1853 eröffnet; 1855 folgte eine Bahn Maastricht—
Hasselt, 1861 Maastricht—Lüttich, 1861 Maastricht—Venlo, 1865
Antwerpen—Hasselt; dadurch wurde der Anschluß an die große
Transitolinie Köln—Antwerpen geschaffen.
1) Doch wurde der holländische Rheinverkehr durch die belgische Rheinbahn
 zunächst nicht geschädigt; er blieb noch lange Zeit fast ausschließlich in
den Händen der holländischen Seehäfen (vgl. Waentig, S. 673).

59
        <pb n="518" />
        Sehr wichtig und lange erstrebt war die Verbindung Rotterdam—
 Antwerpen. Belgien ließ den Plan nie aus den Augen; ein
belgisch-niederländischer Vertrag vom 9. Juli 1852 legte beiden
Regierungen die Pflicht des Baues einer solchen Bahn auf. Sie
wurde dann von der belgischen „Antwerpen—Rotterdam-Spoorweg
Maatschappij“ gebaut und 1855 eröffnet, nachdem schon im Juni
1854 das Trajekt Antwerpen—Roosendaal in Betrieb genommen war;
es war die erste belgisch-niederländische Bahn und gewiß auch
die wichtigste.
Noch fehlten viele bedeutsame Eisenbahnverbindungen, so
nach Bremen und Hamburg; es lag nicht immer an den Niederlanden,
 wenn sie nicht früher zustande kamen; noch entbehrten
Twente und Brabant und die dortigen Industriebezirke schmerzlich
einer Eisenbahn, ebenso die Landwirtschaft der nördlichen Provinzen.
 Zahlreiche Konzessionen blieben unausgeführt; 1860 lagen
fast 100 Anträge dieser Art vor. Es war schwer, für binnenländische
Eisenbahnen in Holland Geld zu erhalten; die meisten
Bahnen waren bisher mit ausländischem Kapital
 gebaut worden; im Süden herrschte nur das belgische
Kapital; bei der Holl. Spoorweg Maatsch. waren deutsche Anteilhaber
 stark vertreten. Als hingegen Rußland begann, Eisenbahnen
zu bauen, wurde in den Niederlanden mehr als ein Zehntel der Anteile
 gezeichnet; für das eigene Land hatte man nicht viel übrig.
Zum Teil rührte diese Zurückhaltung des Privatkapitals wohl von
dem geringen Interesse her, das die Regierung solchen Unternehmungen
 zuwandte; sie tat nichts, um den Geldgebern ihren
Entschluß zu erleichtern und ihnen eine gewisse Sicherheit zu
gewährleisten. Das war jedoch notwendig in einer Zeit, da man
vielfach, und nicht nur in den Niederlanden, den Eisenbahnunternehmungen
 noch mit einem großen Mißtrauen gegenüberstand.
Eine eigentliche Staatsunterstützung aber Eisenbahnen zu gewähren
oder von Staats wegen sich an ihnen unmittelbar zu beteiligen,
schien völlig untunlich; man hatte sich damals der Doktrin vom
freien Spiel der Kräfte in die Arme geworfen; und solche Beteiligungen
 erschienen als eine Versündigung an diesem Dogma.
Anders wurde dies erst, als eine Königl. Botschaft vom 10. Juli
1857 auf die Notwendigkeit eines systematischen Ausbaues des
Bahnnetzes hinwies, und diese Frage seitdem doch von höherem

510
        <pb n="519" />
        Gesichtspunkte aus betrachtet und behandelt wurde als bisher.
Dem Bau von Bahnen auf Staatskosten war man allerdings weiterhin
 dauernd abgeneigt; aber Zinsgarantien und in besonderen Fällen
auch Kapitalbeteiligungen des Staates schienen unerläßlich, wenn
nur nicht der Staat den Bau selbst zu übernehmen hatte. In den
nun stattfindenden Verhandlungen wurde vorzüglich eine bessere
Verbindung mit Norddeutschland und der Rheinprovinz, ferner aber
auch der niederländischen Verkehrsmittelpunkte untereinander als
notwendig bezeichnet. Daß bei der Wahl der neu zu bauenden
Linien es an Kämpfen der Interessenten nicht fehlte, ist begreiflich ;
doch war bei dem jetzt entbrennenden Eisenbahnfieber meist die
Folge die, daß, um die eine Interessentengruppe durch eine Bahn
zu befriedigen, man sich genötigt sah, auch die konkurrierende in
gleicher Weise zu behandeln. Gegensätze des platten Landes gegenüber
 den Städten kamen hierbei ebenso in Betracht wie Gegensätze
 der verschiedenen Landesteile zueinander. Aus diesen sehr
erbitterten Kämpfen ging dann schließlich etwas ganz Neues, bisher
 grundsätzlich Vermiedenes hervor. Nach der Verwerfung einer
großen Vorlage 1859 wurde ein anderer Regierungsantrag im Sommer
1860 angenommen, der eine Reihe neuer Linien vorschlug, die auf
Staatskosten zu erbauen seien. Über den grundsätzlichen
Wandel setzte man sich auffallend schnell hinweg; Holland erhielt
also Staatsbahnen.
Mit diesem Entschluß war finanziell, wirtschaftlich und verkehrstechnisch
 zweifellos ein großer Fortschritt verbunden. Die
Regierung baute nun Bahnen auf Staatskosten, übertrug aber die
Verwaltung und Ausnutzung Privatunternehmungen, und zwar auf
50 Jahre, unter Vorbehalt früherer Übernahme durch den Staat.
Zu diesem Zweck bildete sich 1863 eine „„‚Maatschappij tot exploitatie
van Staatsspoorwegen‘“. Nun wurde das Eisenbahnnetz Ssystematisch
 ausgebaut; schon 1867 hatte die neue Staatsbahngesellschaft
 596 km in Betrieb. Allerdings geriet sie bald in finanzielle
Schwierigkeiten, so daß bereits 1866 ein Gesetz notwendig wurde,
dem zufolge der Staat ihr 65% des Wertes des ihr gehörigen Materials
 bis zum Höchstbetrage von 2% Mill. fl. gegen 5% Zinsen
vorschießen durfte. Jetzt überwand die Gesellschaft die Krisis
schnell; und in den 1870er Jahren konnte sie ihr Bahnnetz erheblich
erweitern. Das finanzielle Verhältnis der Gesellschaft zum Staat,

S1lI
        <pb n="520" />
        das für die erstere sehr ungünstig war, da sie Jährlich vom Bruttoertrag
 einen proportional steigenden Anteil an den Staat zu entrichten
hatte, wurde 1876 dahin geändert, daß von nun ab dem Staat ein
fester Prozentsatz der Bruttoeinnahme gezahlt wurde.
Insbesondere im Süden, nach Belgien hin, erfuhr die Staatsspoormaatschappij
 eine vortreffliche Abrundung ihres Netzes; sie
erhielt nun das Monopol der Verbindung Hollands mit dem Zentrum
Belgiens. Seit 1880 beherrschte sie die ganze Gegend zwischen
Dollart und Schelde. Als sie aber versuchte, Linien der anderen
beiden großen, oben erwähnten privaten Gesellschaften anzukaufen,
gelang ihr das nicht. Diese hielten an ihrem Besitz fest und verstanden
 sich auch gegenüber der schweren Konkurrenz, die ihnen
der Staatsspoorweg bereitete, auf der Höhe zu halten. Der Rhijnspoorweg
 sah sich bald von allen Seiten durch die Staatsbahnen
umschlossen und in einen heftigen Kampf mit ihnen verwickelt.
Dieser wurde um so erbitterter durch die Bemühungen Deutschlands
 und Belgiens, den Durchgangsverkehr nach den eigenen Häfen
zu leiten. Doch lehnte der Rhijnspoorweg 1881 einen Vorschlag
des Staatsspoorweg, demgemäß dieser seinen Betrieb gegen
eine Zinsgarantie übernehmen wollte, ab; eine Übereinkunft, die
1886 mit dem Staat geschlossen wurde, fand nicht die Billigung
der Kammern.
Besser ging es dem Hollandsche Spoorweg. In Nordholland
hatte er die Alleinherrschaft. Die Bahn Amsterdam—Amersfoort—
Zutphen mit Seitenlinie Hilversum— Utrecht bildete einen bedeutenden
 Schritt in der Entwicklung der Gesellschaft; im Juni
1874 wurde die Amsterdam—Utrechter Bahn eröffnet. Durch die
Verbindung mit Westphalen, nach Bocholt, und die 1877 in Betrieb
genommene direkte Verbindung mit Rotterdam stieg ihre finanzielle
 Kraft; auch erbaute sie eine Reihe von Kleinbahnen, die
auf Grund des Kleinbahngesetzes von 1878 betrieben und schon
seit längerer Zeit als Bedürfnis neben den großen Bahnen empfunden
 wurden!). In dem Kampfe um den Betrieb dieser Bahnen
trug der Holl. Spoorweg den Sieg über die Staatsbahnen davon.
Den größten Erfolg aber errang die Holl. Spoorweg Maatschappij
dadurch, daß sie das heftig umstrittene Monopol des Amsterdamer
Verkehrs gegenüber der Staatsbahn behauptete; gleichzeitig, Ende
SG Val d e Bordes, Lokaalspoorwegen (De Economist, 1871, 5. 396 ff.).

512
        <pb n="521" />
        der 1880er Jahre, erreichte sie den Betrieb einer direkten Linie
Amsterdam—Nijmegen— Deutsche Grenze und damit eine zweite
gerade Verbindung der Hauptstadt mit Deutschland.
Als ein Nachteil dieser im einzelnen nicht ungünstigen
Entwicklung wurde der Mangelan einem Zusammenwirken
 der! drei großen  Eisenbahnsysteme
empfunden. Das erwies sich auf die Dauer als recht unwirtschaftlich,
 schwächte auch die Kräfte in dem natürlichen Kampfe gegen
die belgische Konkurrenz und war finanziell höchst schädlich.
Während 1887 die 98 im „Verein deutscher Eisenbahnverwaltungen“‘
vereinigten Eisenbahnen im Durchschnitt 24 840 Mk. per Kilometer
einbrachten, betrug die Rentabilität bei den niederländischen
Bahnen nur 14791 Mk. Beruhte dieser Mangel z. T. auf Fehlern
in der Verwaltung, so wies doch auch das Eisenbahnnetz infolge
der System- und Planlosigkeit, mit der es entstanden war, zahlreiche
 Mängel auf. Daß die Staatsbahnen, die die meisten Verbindungslinien
 mit dem Ausland betrieben, von der Hauptstadt
ausgeschlossen waren, erschien als eine Absonderlichkeit, die wirtschaftlich
 ebenso nachteilig war, wie daß die Holl. Spoorweg Maatschappij,
 in deren Händen die wichtigste Verbindung zwischen Amsterdam
 und Rotterdam lag, in letzterer Stadt vom Wasserverkehr
abgeschnitten war, da ihre Linie nur bis zum Delftsche-Poort reichte.
Diesen Sonderbarkeiten, mit denen doch sehr ernste wirtschaftliche
 Nachteile verbunden waren, stand der Staat ziemlich
hilflos gegenüber. Das Eisenbahngesetz von 1859 gab ihm fast nur
polizeiliche Befugnisse, das neue Gesetz von 1875 regelte zwar den
Dienst und Betrieb der Gesellschaften und gewährte dem Staate
etwas mehr Macht über diese; aber die Leitung des Betriebes und
die Initiative für neue Bestimmungen verblieb den Gesellschaften.
Eine Möglichkeit für die Regierung, den Eisenbahnverkehr möglichst
 nutzbringend für das ganze Land zu gestalten, bestand somit
nicht. Das war um so schlimmer, als seit 1879 die Eisenbahnpolitik
des bedeutendsten Nachbarn, Deutschlands, den niederländischen
Durchgangsverkehr stark gefährdete, da Deutschland zum Schutze
der eigenen Häfen gegen fremden Wettbewerb die Durchfuhrtarife
für den niederländischen Verkehr immer mehr verschlechterte und
sie Ende 1881 kündigte. Bei der Ausführung der dagegen geplanten
Abwehrmaßregeln trat die Uneinigkeit und der Mangel an Zu-Baasch,
 Holländische Wirtschaftsgeschichte. s

313
A323
        <pb n="522" />
        sammenwirken bei den niederländischen Eisenbahnverwaltungen
offen zutage; und den Vorteil davon hatten einerseits die Wasserbeförderung,
 andererseits die belgischen Eisenbahnen, die nicht
unter den örtlich auseinanderstrebenden Tendenzen, wie sie die
niederländischen Eisenbahnen beherrschten, litten!). Einer Ausschaltung
 der Konkurrenz unter den drei Eisenbahngesellschaften
war man nun durchaus abgeneigt; im Gegenteil erblickte man in
ihrem Wettbewerb ein sehr nützliches Moment für die Bekämpfung
der deutschen und belgischen Konkurrenz. Dennoch zeigten die
Erfahrungen der nächsten Jahre einen dauernden Rückgang. So
entschloß man sich 1890 zu einer tiefgreifenden Reform. Sie bestand
 zunächst in der Beseitigung des Rhijnspoorweg; diese Gesellschaft
 wurde vom Staat angekauft. Zwischen den beiden anderen
großen Gesellschaften fand eine Verteilung der Hauptlinien statt;
der Betrieb verblieb ihnen auf der Grundlage der Konkurrenz und
Konzentration mit erweiterter Anwendung der gemeinschaftlichen
Benutzung aller Linien, Stationen und Verkehrseinrichtungen. Das
bedeutete doch eine Beseitigung der bisherigen ungesunden Konkurrenzverhältnisse;
 der Holl. Spoorweg erhielt den Mitgenuß einer
Anzahl von Staatsbahnlinien. Dadurch bekamen die Hauptplätze
des Landes im Westen in jeder Richtung mindestens zwei direkte,
durch eine Verwaltung betriebene Verbindungen mit den beiden
Nachbarländern. Die kürzesten Strecken wurden jeweilig in einer
Hand vereinigt. Der Staat blieb Eigentümer der Staatsbahnen,
gab diese aber an die beiden großen Gesellschaften in Betrieb
gegen eine jährliche Pachtsumme. Im allgemeinen bewährte sich
dieses System. Besonders wichtig für den großen Durchgangsverkehr
 war die Eröffnung der Rotterdamer Gürtelbahn im Mai
1899; erst dadurch erhob sich die Verbindung des Kontinents mit
England über Hoek van Holland zu ihrem vollen Wert. Man hat
freilich noch wiederholt die Übernahme aller Bahnen in den Staatsbetrieb
 gefordert; 1908 wurde ein solcher Antrag von der zweiten
Kammer abgelehnt. In dem System von 1890, in dem sich Konzentration
 und Wettbewerb glücklich vereinigten, sah man den den
1) Schon in der parlamentarischen Eisenbahnenquete von 1882 wurde auf die
große Wichtigkeit einer besseren Regelung der Eisenbahnbeziehungen mit Deutschland
 im Interesse der niederländischen Häfen hingewiesen (vgl. de Economist,
1882, S. 1114 ff.). Der Antrag zu dieser Enquete in De Economist, 1881, S. 380 ff.
        <pb n="523" />
        holländischen Verhältnissen am besten entsprechenden Zustand und
lehnte eine Verstaatlichung als der staatsrechtlichen Organisation
des Landes widersprechend ab!). Ein bedeutsamer, aus diesem
System herrührender Vorteil war es, daß, seitdem jede der beiden
großen Gesellschaften Verbindungen mit der Grenze besaß, nun
die fremden Eisenbahnverwaltungen nicht mehr eine Gesellschaft
gegen die andere ausspielen konnten, und daß als Folge hiervon
1895 für die holländischen Häfen im Verkehr mit Deutschland
gleich billige Tarife erreicht wurden wie für Antwerpen. Ein wunder
Punkt war freilich das finanzielle Ergebnis der Eisenbahnen. Weder
die Gesellschaften noch der Staat machten bei den Eisenbahnen
gute Geschäfte; die Durchschnittsdividende betrug bei dem Holl.
Spoorweg 1891—1909: 3,48 %?), bei der Staatsspoor 3,86 %; und
für mehr als 300 Millionen fl., die der Staat bis 1890 in seine Bahnen
gesteckt hatte, erhielt er von 1890—1009 jährlich etwas über
4 Mill. fl., im Jahre 1913: 5041000 fl. Zinsen. Eine Rentabilität
bedeutete das nicht. Die hohen Bau- und Betriebskosten hatten
hieran ebensoviel Schuld wie die geringen Einnahmen; namentlich
der Güterverkehr litt außerordentlich durch den Wettbewerb der
Wasserstraßen?). In den letzten Jahren verschlechterte sich die
Lage der Eisenbahnen noch mehr, so daß dauernde Staatszuschüsse
erforderlich waren. Eine Herabsetzung der Güterfrachten, mit
denen man die billigen Flußfrachten bekämpfen konnte, schien
unmöglich, wollte man einigermaßen das Gleichgewicht zwischen
Einnahmen und Ausgaben aufrechterhalten‘).
$ 5. Der Seeverkehr und der Übergang zur Dampfschiffahrt.
Langsam begann sich nach der französischen Zeit die Schifffahrt
 wieder zu erholen. Noch immer fand die holländische Fracht-1)
 Vgl. Overmann, Neuere Eisenbahnpolitik usw., S. 40 ff.
?) Im letzten Vorkriegsjahr, 1913, betrug die Dividende 5%, nachdem sie
1909 auf 2% % gesunken war (Jaarcijfers, 1913, S. 283.)
®) Namentlich bei dem Holl. Spoorweg zeigte sich die geringe. Entwicklung
des Güterverkehrs; er stieg von 547 758 Tonnen (1 Tonne = 1000 kg) im Jahre
1904 auf nur 605 141 Tonnen im Jahre 1913, während bei den Staatsbahnen die
analogen Zahlen 620 249 und ı 066 809 Tonnen betrugen; gleichzeitig stiegen die
in Betrieb befindlichen Kilometer bei dem Holl. Spoorweg von 1320 auf 1521, bei
den Staatsbahnen von 1746 auf 1973 (Jaarcijfers, 1913, S. 279).
*‘) Wirtschaftsleben der Niederlande, S. 3 541.

515
33*
        <pb n="524" />
        865 —
fahrt im Verkehr mit der Ostsee und Rußland gute Beschäftigung,
nachdem die ersten kritischen Jahre überwunden waren!); an dem
Verkehr in den preußischen Häfen nahmen in den 1820er Jahren
die niederländischen Schiffe einen erheblichen Anteil?); in ihren
Kuffen und Briggs holten sie von dort Getreide; auch gingen sie mit
Zucker nach dem Mittelländischen und Adriatischen Meere. Da
die holländischen Frachten meist billig waren, nahm man es diesen
Schiffen nicht übel, daß sie oft recht langsam fuhren; in dem Bericht
 eines holländischen Konsuls aus den 1840er Jahren heißt es,
„que leur majestueuse lenteur commencait a &amp;amp;pouvanter les chargeurs‘‘3).
 Man beklagte auch vielfach die geringe Unternehmungslust
 der Reeder. In Smyrna, jenem alten Sitz holländischer Kaufleute,
 suchte man um 1826 vergeblich holländische Schiffe, die hier
hätten gute Frachten verdienen können. Auch für das Schwarze
Meer, wo Odessa jetzt mächtig aufblühte, wurden, aber ziemlich
ergebnislos, den holländischen Schiffen gute Aussichten geboten.
Man schrieb das mangelnde Interesse der Vorliebe für die Effektenspekulation
 zu*%).
Unleugbar hat aber diese maritime Indifferenz, vorzüglich
in Verbindung mit der staatlichen Durchfuhrpolitik, dem Handel
der Niederlande geschadet. Schon 1819 beklagte man, daß die
Hamburger einen großen Teil der Fahrt auf Spanien, Süd- und
Mittelamerika, ja selbst auf Curacao an sich gerissen hätten und
daß der Leinenhandel ganz über Hamburg gehe*®). Die fehlende
Initiative der Reeder war sowohl Ursache wie Wirkung des Mangels
an Ladung.
Die Börtfahrten nach den deutschen Nordseehäfen
gingen allmählich ein. Eine Anregung Groningens von
1) Den Sund passierten 1814: 550 niederländische Schiffe gegen 2000 im
Jahre 1790 (Blok, Geschied. v. h. ned. Volk, VII, 355).
2?) Vgl. Posthumus, Documenten, III, 184 f.
3) A. Plate, Onze Stoomvaart, S. 558 ff.
4) Colenbrander, Gedenkstukken, IX, S. 920f. (1826 f.). Schon
1820/21 wies Falck auf die guten Aussichten einer holländ. Frachtfahrt nach
dem Schwarzen Meer hin (Twee Rapporten van A. R. Falck). Mehrere nach
dem Persischen Golf unternommene Expeditionen der Ned. Handelsmaatschappy
1824, 1828—31 verliefen verlustreich (vgl. den Tex, Onze Handel in de Perzische
 Golf, S. 21 ff.).
5) Vgl. Groeneveld Meijer, S. 103, 146.

SI
        <pb n="525" />
        1837, eıne Börtfahrt nach Bremen anzulegen, fand hier keinen
Beifall; ebensowenig Erfolg hatte ein gleicher Vorschlag, den schon
1817 Zaandam an Hamburg stellte!). Beide Anregungen zeigen
zwar, daß man in den Niederlanden noch immer an dem Gedanken
einer solchen Einrichtung festhielt und glaubte, aus ihr im eigenen
Interesse Nutzen ziehen zu können. In den Hansestädten teilte
man diese Überzeugung offenbar nicht mehr, sondern gab dem
freien Verkehr den Vorzug. Die Dampfschiffahrt und ihr regelmäßiger
 Betrieb ersetzte dann bald jene alten Börtfahrten.
Nicht geringen Einfluß auf die Seeschifffahrt
 hatten die Unternehmungen der Ned
Handelsmaatschappij. Während der Dauer des Konsignationssystems
 gab sie einer großen Menge nationaler Schiffe Beschäftigung;
 sie wurden zuerst vielfach auf Spekulation gebaut und
bestellt. Um jene Zeit, etwa 1833—1865, waren die meisten niederländischen
 Schiffe über 250 Tons bei der Handelsmaatschappij eingeschrieben;
 sie waren aber nicht etwa in ihrem Besitz, sondern
in demjenigen einzelner Reeder; und es war nicht vorteilhaft, daß
diese Fahrten als Reihefahrten betrieben wurden und nicht der
freien Konkurrenz unterlagen, da auf diese Weise ihre Leistungsfähigkeit
 nicht genügend ausgenutzt wurde; auch diese Schiffe
zeichneten sich deshalb mehr durch Ladungsvermögen als Schnelligkeit
 aus?).
Nach und nachäsetzte dann die Dampfschiffahrt
 einen Teil der Segelschiffe aus
dem Verkehr; dochihielt.in der großen Fahrf,
nach Südamerika, wOstindien, Ostasien, sich
die Segelfrachtfahrti noch länger... Die niederländische
 Flagge trat freilich im Verkehr der Heimatshäfen immer
mehr zurück; von 2209 Dampfschiffen, die 1867 in niederländischen
Häfen einliefen, waren nur 512 niederländische, die anderen fast
alle englische. Und wie sehr noch damals der Segelschiffahrtsverkehr
in den niederländischen Häfen überwog, zeigt ein Vergleich mit
» Baasch, Börtfahrt, 5.49, 64 f.
?) Gedenkboek d. Ned. Handelsmaatschappy, S. 48 ff.; vgl. auch Posthumus,
 Bijdrage tot de Geschiedenis der bevrachtingspolitiek v. d. Ned. H.-Maatschappy.


-—
        <pb n="526" />
        518

Hamburg; während in jenen Häfen im Jahre 1867 Dampfschiffe
mit 897 351 Tons einliefen, betrug diese Zahl in dem einen Hafen
Hamburg I 279 654 Tons!). Das Beispiel Hamburgs und Bremens?)
und die Überzeugung, daß mit der eigenen Schiffahrt auch der
Handel gefördert werde, haben dann dahin gewirkt, daß in die
niederländische Schiffahrt mehr Leben kam, daß sie der Stagnation,
in die sie in Gefahr war, rettungslos zu versinken, entrissen wurde.
Die Verbesserung der holländischen Häfen, die mit Tatkraft unternommen
 wurde, hat ebenso wie die günstigere Gestaltung der
Durchfuhr, der Handelspolitik und die Aufhebung der Rheinzölle
ihren Einfluß auf die holländische Reederei nicht verfehlt. Von
1878 bis 1897 stieg die Zahl der holländischen Dampfer von 79 mit
168 000 cbm auf 171 mit 569 000 cbm Raumgehalt, während die
der Segler von 1100 mit 848 000 auf 441 mit 269 000 cbm sank.
Allerdings nahmen in der Reihe der seefahrenden Staaten die Niederlande
 nur eine bescheidene Stellung ein; sie kamen 1898/99 an
elfter Stelle mit 1,8% des Anteils an der Leistungsfähigkeit der
Welthandelsflotte; das war gegen das 17. Jahrhundert, als die
niederländische Handelsflotte wohl die stärkste der Welt war,
ein ungeheurer Rückschritt. Und war die Zunahme des allgemeinen
Schiffahrtsverkehrs in den holländischen großen Häfen auch sehr
bedeutend — er stieg von 8052 Seeschiffen mit 3 107 000 Reg.-Tons
im Jahre 1878 auf 11 235 mit 8 505 000 Reg.-Tons im Jahre 1897 —,
so fiel doch in diesem Verkehr der holländischen Flagge nur ein verhältnismäßig
 geringer Anteil zu, nämlich 1897: 25,1 % der beladenen
 Schiffe, während die englische Flagge mit 51,6 und
die deutsche mit 10,3% beteiligt waren?). Wählt man aber eine
größere Zeitspanne für die Betrachtung, so zeigt sich für die einzelnen
 Häfen doch ein schöner, nicht nur absoluter, sondern auch
relativer Zuwachs. Es liefen ein:
1850 in Rotterdam 1940 Schiffe mit 346 180 Tons netto,
1850 im Reiche 6961 Schiffe mit 967 710 Tons netto.
Daran war Rotterdam beteiligt mit 27% der Zahl und 35% des Schiffsraumes.
 Es liefen ein:
ı) Plate, S. 560.
2) Vgl. namentlich die in De Economist, 1881, S. 89 ff. abgedruckte Rede
von Tak van Poortvliet vom 2. Dez. 1880 „Vooruitgang op Handelsgebied.
 Nederland, Belgie en Bremen‘‘.
3) Wahl, Handelsschiffahrt, S. 968 ff.
        <pb n="527" />
        —. 5.) —
1913 in Rotterdam 10203 Schifte mit 12 785 861 Tons netto,
1913 im Reiche 16 996. Schiffe mit 18 197 783 Tons netto.
Daran war Rotterdam beteiligt mit 60% der Zahl und 70% des Schiffsraumes‘?).

Die Beteiligung der niederländischen Flagge an dem in Rotterdam einklarierenden
 Schiffsverkehr war allerdings noch weiter gesunken; von den 10 203
Schiffen mit 59 903 411 Brutto-Tons fielen nur 1560 Schiffe mit 10 486 487 Brutto-Tons
 auf die niederländische Flagge, was etwa 15% der Schiffszahl und 17% des
Schiffsraumes ausmachte?).
Der Dampfschiffahrtsverkehr fänd in den nördlichen
 Niederlanden nur langsam Eingang?). Eine schon 1815 von
Gent her an die Amsterdamer Handelskammer ergangene Anregung,
 Dampfschiffe für den Binnenverkehr einzuführen, namentlich
 für den Leichterbetrieb zwischen Amsterdam und Texel, fand
keinen Beifall; die hohen Kohlenpreise wirkten abschreckend.
Als dann im Mai 1816 das erste kleine englische Dampfboot über
Veere nach Rotterdam kam und Propagandafahrten nach Köln
und Antwerpen machte, im September auch vor Amsterdam erschien,
 entstand in Rotterdam der Plan einer regelmäßigen Fahrt
zwischen dieser Stadt und Antwerpen. Hieraus wurde nichts;
der Postwagenverkehr, in seinen Interessen bedroht, trat hindernd
dazwischen. Erst das 1823 bei der Firma J. W. Hoogendijk
in Capelle an der Ijssel gebaute, doch mit englischen Maschinen
versehene hölzerne Dampfboot ‚,De Nederlander‘‘ brach den Bann;
es wurde für den Verkehr auf den Binnengewässern in Fahrt gesetzt.
Die „Nederlandsche Stoomboot-Maatschappij‘“, die diesen Dampfer
als ersten übernahm, war hauptsächlich mit belgischem Kapital,
das sich unternehmender erwies als das holländische, gegründet;
Hauptinteressent war Cockerill, der Industrielle in Seraing.
Schon 1824 wurde der ‚,Batavier‘““ in die Fahrt nach London eingestellt.

Sehr wenig Entgegenkommen fanden die Dampferpläne zunächst
 in Amsterdam. In der Binnenschiffahrt schienen die Interessen
 der Beurtfähren bedroht; auch fürchtete man eine Erhöhung
der Frachten, eine Vermehrung der Brandgefahr. Die städtischen
1) Rotterd. Handelskammer. Auszug a. d. Jahresbericht 1913, A. d. Holl.,
Ss. .83.;
2) Rott. Handelskammer, a. a. O., Beilage IT.
3) de Boer, Geschiedenis d. Amsterd. Stoomvaart, I, S. ı ff.; auch für
das Folgende.

IC
        <pb n="528" />
        Behörden verhielten sich völlig ablehnend gegenüber dem Plan der
Nederlandsche Stoomboot-Maatschappij (N.St.M.), Fahrten nach
Hamburg und Rotterdam von Amsterdam aus einzurichten. Als
endlich ein Engländer, Edward Taylor, die Konzession
für eine Dampferfahrt nach Utrecht erhielt, legte man ihm die Bedingung
 auf, das Schiff vollständig im Binnenlande zu bauen. Die
Maschinen konnte jedoch nur Cockerill liefern, und dieser hatte
sich verpflichtet, sie nur an die Nederlandsche Handelsmaatschappij
abzugeben. Das schließlich unter großen Schwierigkeiten erbaute
Schiff erwies sich als unbrauchbar. Erfolgreicher war dann die
1825 in Amsterdam errichtete ‚‚Amsterdamsch Stoomboot-Maatschappy‘“;
 auch sie hatte große Hindernisse zu überwinden, da die
Schiffe in den Niederlanden gebaut werden mußten und man mit
Mühe für den ersten in England gekauften Dampfer die Befreiung
von jener Bedingung erhielt. Der schlechten Wasserverhältnisse
Amsterdams und der Zuiderzee wegen mußten die Schiffe flach
gebaut werden; den Nordholländischen Kanal durfte man nicht
benutzen, da die Räder ihn hätten beschädigen können; auch waren
die hohen Kanalgebühren zu berücksichtigen. Doch gelang es der
Gesellschaft, durch jenes englische Schiff, „‚Onderneming‘‘, Ende
Juli 1825 die neue Verbindung mit Hamburg herzustellen. Andere
Fahrzeuge der Gesellschaft fuhren nach Zaandam, Harderwijk,
Kampen. Die Hamburger Fahrt erwies sich als einträglich; im
übrigen war der Stand der Gesellschaft schlecht, die Verwaltungskosten
 waren zu hoch; die kurze Zeit betriebene Londoner Fahrt gab
man bald auf. Mit Mühe hielt sich die Gesellschaft, die 1826 aus dem
„Fond der nationale nijverheid“ eine Unterstützung von 150 000 fl.
bekam, aufrecht. Eine wertvolle Stütze für die stets in finanzieller
Bedrängnis befindliche Gesellschaft war die Maschinenfabrik, die
sie errichtet hatte. Der Güterverkehr mit. Hamburg nahm eine
günstige Entwicklung.
Als aber zu Anfang der 1830er Jahre die Eisenbahnpläne laut
wurden, traten sogleich die Interessen der Binnenschiffahrt in
Gegensatz zu denen der Eisenbahnen. In Amsterdam neigte man
mehr den Eisenbahnen zu, während Rotterdam, das weit bessere
Verbindung mit der Rheinschiffahrt besaß, der Binnenschiffahrt
den Vorzug gab. Die Nederlandsche Stoom-Maatschappij (N. St. M.)
und die Amsterdamsch Stoom-Maatschappij (A. St. M.) bekämpften

- 520
        <pb n="529" />
        — 521 —
sich nun heftig in der Presse ; die erstere gönnte der letzteren nicht
die hamburgische Fahrt, die letztere jener nicht die Rheinfahrt.
Sorgsam schied man die beiderseitigen Interessensphären. Die
A. St. M. entwickelte sich im übrigen stetig weiter; hatte sie zuerst
 das Hauptgewicht auf die Beförderung von Passagieren und
Post gelegt, so überwog allmählich doch der Güterverkehr; solange
 in Deutschland noch der Eisenbahnbau wenig vorangeschritten
war, fuhr man von Hamburg etwa nach Frankfurt gern mit dem
Schiff über Holland und dann rheinaufwärts; auch vom Osten
kommende nach Mitteldeutschland bestimmte Güter wählten vielfach
diesen Weg. Ende der 1830er Jahre richtete man eine Linie nach
Hull, 1840 eine solche nach London ein; 1857 bestanden Linien nach
St. Petersburg, Hamburg, Harburg, Stettin, Dünkirchen, Stockholm,
 Hull, Zaandam. Man hatte hier überall mit dem Wettbewerb
der Engländer und Hamburger zu kämpfen; 1863 sicherte sich die
Gesellschaft die alleinige Fahrt auf Hamburg durch eine Übereinkunft;
 dagegen mußte sie die Stettiner Fahrt aufgeben und die
Königsberger mit der N. St. M. teilen. Langsam ging nun die Gesellschaft
 zurück; der erstarkten deutschen Reederei konnte sie
nicht mehr Stand halten. Im Jahre 1877 hatte sie nur noch 4 Schiffe,
von denen 3 in der hamburger Linie fuhren. Die Verzögerung im
Bau des Nordseekanals schadete der Amsterdamer Reederei außerordentlich.
 So verkaufte die A. St. M. 1877 ihre letzten 4 Schiffe
an die Rotterdamer Reederfirmen P. A. van Esu. Co. Diese
setzte gemeinsam mit der Amsterdamer Firma Ph. van Ommeren
 die hamburgische Fahrt fort, fand nun aber in der Kon.
Ned. Stoomboot-Maatschappij, die ebenfalls Schiffe in diese Fahrt
einreihte, einen scharfen Mitbewerber. Doch hielten van Es und
van Ommeren die hamburgische Fahrt dauernd aufrecht.
Die erwähnte Kon. Ned. Stoomboot-Maatschappij (K. N. St. M.)
war 1856 errichtet worden; sie machte der A. St. M., namentlich
in der Fahrt nach der Ostsee, Konkurrenz und unterhielt ferner
eine Linie nach Bordeaux. Doch stieß sie hierbei auf die Abneigung
der Weinhändler, die den Wein nicht gern in Dampfschiffen verluden,
 weil das angeblich dem Wein schade. Eine vonder K. N. St. M.
errichtete Linie nach Leer ging bald ein; dagegen erwarb sie 1859
die Schiffe einer 1854 errichteten Linie nach Harburg und Altona;
außerdem schuf sie Linien nach St. Petersburg, Genua und Marseille.
        <pb n="530" />
        Hatte sich so Amsterdam eine Reihe regelmäßiger Schiffahrtsverbindungen
 mit europäischen Häfen geschaffen, so fehlte es noch
völlig an solchen mit den überseeischen Ländern. Bereits
1853 war im Ministerium des Auswärtigen und in der Amsterdamer
Handelskammer die Herstellung einer direkten Dampferverbindung
mit den Vereinigten Staaten erwogen und als sehr notwendig bezeichnet
 worden. Während in den englischen und deutschen Häfen sich
diese Fahrt kräftig entwickelte, litten die niederländischen Handelsbeziehungen
 sichtlich unter diesem Mangel!). Allerdings fehlte es solchen
niederländischen Unternehmungen an einem wichtigen Gegenstand des
ausgehenden Verkehrs, wie ihn den deutschen und englischen Reedereien
 die Auswanderer lieferten. Ferner machten sich auch wieder
partikulare Gegensätze geltend. Die Interessen Seelands, die J. A.
Fokker und M.H. Jansen vertraten, empfahlen 1869 Vlissingen,
das zwar nie Amsterdam und Rotterdam als Handelsstädte verdrängen
 könne, aber einen ausgezeichneten Hafen besitze. Die
Dordrechter Handelskammer empfahl hingegen Dordrecht oder
Willemsdorp als Ausgangspunkt für eine Newyorker Linie. Man
stritt hin und her, ob eine Subvention erforderlich sei; einige Mitglieder
 der zweiten Kammer traten für eine Subvention ein; es
gab einen scharfen Zusammenstoß; die Anhänger des Freihandels
sahen in jenem Antrag einen Vorstoß des Protektionismus?). Infolge
 des hierüber entstehenden Streites mißglückte die aufgelegte
Anleihe; und als 1874 die Linie wirklich eröffnet werden sollte,
hatte sich die wirtschaftliche Lage derartig verschlechtert, daß
man die von der K.N. St. M. schon im einzelnen vorbereiteten
Fahrten nicht zur Ausführung brachte. Doch erhielt Vlissingen
1875 eine Reederei, die sich ‚„Maatschappij Zeeland“ nannte, bei
der die K.N. St. M. beteiligt war; sie pflegte vornehmlich die
englische Fahrt.
In Rotterdam hatte man sich inzwischen nicht durch die
Ungunst der wirtschaftlichen Verhältnisse abschrecken lassen und
war, unter der Führung von Männern wie Marten Mees,
F..J. Plate und O. Reuchlin, bereits 1871 an die Aufgabe
geschritten, eine regelmäßige Dampferlinie nach Nordamerika zu
1) Vgl. Verslag over de vermoedel. gevolgen der Doorgrav. van de landengte
van Suez (1859), S. 97.
2) De Economist, 1871, 'S. 285 1£., 412 If.

522
        <pb n="531" />
        — 52; —
errichten. Rotterdams Lage zur See war damals noch stark beeinträchtigt
 durch das schlechte Fahrwasser der Maas; man mußte
den Voorne-Kanal benutzen und konnte dann erst über Hellevoetsluis
 die offene See erreichen. Trotzdem wagte man im Herbst
1872 mit zwei in England gebauten Schiffen die Fahrt nach New
York und gründete im April 1873 die ‚,‚Nederlandsch Amerikaansche
 Stoomvaart Maatschappij‘“, später kurzweg ‚‚Holland—
Amerika-Lijn‘ genannt!). Die neue Linie hat zunächst schwer zu
kämpfen gehabt, sowohl mit der wirtschaftlichen Depression der
folgenden Jahre, als auch mit vielem elementaren Mißgeschick;
die ausgehenden Ladungen waren meist äußerst gering, besser die
Rückladungen, der Passagierverkehr zunächst ohne jeden Belang.
Erst Ende der 1870er Jahre besserte sich die Konjunktur. Nun
erhellte sich auch die Aussicht auf eine bessere Wasserverbindung
mit dem Meere, die allein auf die Dauer einer solchen transatlantischen
 Gesellschaft die Lebensfähigkeit sichern konnte. Die Herstellung
 des neuen Wasserweges wurde jetzt endlich Ereignis.
Gleichzeitig nahm auch der Auswandererverkehr über Rotterdam
zu?), so daß die Linie sich im allgemeinen günstig entwickelte, wenn
sie auch zwischen 1883 und 1887 und 1890—1897 keine Dividende
zahlen konnte. Seit 1898 nahm sie steigenden Aufschwung, und
namentlich während des Weltkrieges machte sie ungeheure Geschäfte,
 die sich in Dividenden von 25—55 % ausdrückten. Die
Gesellschaft beschränkte sich auch nicht mehr auf die Nordamerika-Fahrt.
 Die blühenden Zustände in Argentinien und die guten Ergebnisse,
 die die Hamburg—Südamerika-Linie in jener Fahrt seit
Jahren zu verzeichnen hatte, lockten auch in Rotterdam zur Einrichtung
 einer solchen Linie; sie wurde 1889 eröffnet, ging aber
bald wieder ein, als die Verhältnisse in Argentinien sich sehr zum
Schlechten veränderten. Im übrigen konnte man in die nordamerikanische
 Fahrt bald immer größere Schiffe einlegen, da der
„Neue Wasserweg‘“ dauernd verbessert und vertieft wurde, so daß
es nicht mehr nötig war, Schiffe der Linie in Amsterdam löschen
zu lassen; nur mußten manchmal Teile der Ladung am Hoek van
) de Boer, The Holland-America-Line (1923), S. ı9 ff.
?) Mit 67 390 Personen erreichte 1912 die Auswanderung über Rotterdam
vor dem Weltkrieg ihren Höhepunkt (Flügel, S. 315); 1900 waren es: 33 381
(Wiedenfeld, S.\358):

7z
        <pb n="532" />
        Holland gelöscht werden. Nach und nach wurden auch Linien
nach Baltimore, Philadelphia und, seit 1902, nach Westindien
eröffnet. Im Herbst 1914 beteiligte sich die Gesellschaft sogar an
einer Linie zwischen Java und Newyork. Die Holland—Amerika-Linie
 hat vom Staat nie Subventionen erhalten; die Verbindung
mit Nordamerika mußte sich selbst ernähren, und für diese Verbindung
 war auch die Möglichkeit gegeben, trotz der oft jahrelangen
rechnerischen Ertraglosigkeit.
Eine zweite große Rotterdamer Dampfschiffsreederei, der
„Rotterdamsche Lloyd“, ging hervor aus der Segelschiffsreederei
von Wm. Ruijs, die seit 1844 bestand und einen regelmäßigen
Verkehr nach Niederl.-Ostindien unterhielt!). Schon in den 1870er
Jahren stellte die Firma einige Dampfer in diesen Verkehr ein;
als dann englisches Kapital und englische Schiffe in die Firma
übernommen wurden, erhielt sie seit 1875 den Namen ‚„‚Rotterdamsche
 Lloyd‘‘; 1883 wurde sie unter demselben Namen Aktiengesellschaft.
 Gemeinsam mit der Amsterdamer Gesellschaft ‚,‚Nederland‘
 betrieb sie später die Ostasiatische Fahrt.
Als sehr schwierig erwies sich von Anfang an die Herstellung
direkter Dampferverbindungen mit den ostindischen Besitzungen.
Im Verkehr innerhalb derselben waren schon frühzeitig Dampfer
tätig; 1825 vermittelte ein in Soerabaya gebauter Dampfer die
Verbindung zwischen diesem Platz und Batavia. Ein für den Verkehr
 zwischen dem Mutterlande und Ostindien 1826 in Rotterdam
gebautes Dampfschiff erwies sich als für diese Fahrt nicht brauchbar.
 Über allen diesen Unternehmungen ruhte zunächst wenig
Segen; sie sind an Mißerfolgen reich gewesen. Im allgemeinen
war sonst die Verbindung mit Ostindien den damaligen Verhältnissen
 entsprechend nicht schlecht; bis Suez benutzte man den
Dampfer, von dort aus weiter über Ceylon nach Singapore; 1844
brauchte ein Brief auf diesem Wege von Amsterdam nach Batavia 59,
1848 nur noch 50, 1858: 42 Tage. Verschiedene, in den 1850er
Jahren entworfene Pläne einer Dampferverbindung um Südafrika
herum zerschlugen sich als zu schwierig und kostspielig, namentlich
 mit Rücksicht auf die Kohlenbeschaffung.
Gegen den Plan, den Suezkanal zu bauen, verhielt
man sich in den Niederlanden zunächst sehr ablehnend; die Amster-1)
 Deutsche Wochenzeitung in d. Niederlanden, 1921, Juli 9.
        <pb n="533" />
        damer Handelskammer verurteilte 1847 den Plan von Grund aus
als verderblich für die Interessen Hollands. Auch als die Suezkanalgesellschaft
 errichtet war, änderte man an dieser Haltung
nichts. Allerdings benutzte man diesen Gegenstand dazu, Stimmung
 zu machen für allerlei sonstige, schon lange und oft geäußerte
Wünsche, die den allgemeinen Gang des niederländischen Handels
betrafen, indem man die durch den Suezkanal zu befürchtenden
Schädigungen des niederländisch-ostindischen Handels durch Erleichterungen
 auf anderen Handelsgebieten auszugleichen dachte‘).
Obwohl nun die niederländische Reederei Zeit genug gehabt hatte,
sich auf die Eröffnung des Kanals vorzubereiten, war das keineswegs
 geschehen; man stand vor der Gefahr, daß ein erheblicher
Teil des Handels auf Niederl.-Indien sich den Mittelmeerländern
oder England zuwandte; es zeigte sich, wie schädlich es war, daß
man so lange gezögert hatte, die Dampfschiffahrt für größere Entfernungen
 zu betreiben. Erst ein schottischer Reeder, JohnElder,
gab 1869 die Anregung zu einer direkten Dampferverbindung mit
Ostindien; die Seele der nun beginnenden Bewegung war Jan
Boissevain (1836 in Amsterdam geboren)?). Es war ja klar
und hätte den Holländern schon früher klar sein müssen, daß die
Engländer auf die Retourfrachten der niederländisch-indischen
Produkte als Ersatz für die von ihnen gebrachten Opfer rechneten.
Die Angelegenheit wurde nun als eine nationale betrieben und trotz
aller Bemängelungen, die sich namentlich über die Ertragsfähigkeit
des Unternehmens zweifelnd äußerten, führte sie glücklich zu der
Gründung der ‚„‚Stoomvaart Maatschappy Nederland‘ im Mai 1870.
Nachdem das erste neugebaute Schiff schon im Kanal durch Brand
im Mai 1871 verloren gegangen war, leitete der zweite, „Prins van
Oranje‘“, die Fahrten ein. Unter vielen Hindernissen verlief die
weitere Entwicklung dieser Linie doch stetig. Auch der 1883 errichtete
 ‚„,Rotterdamsche Lloyd‘ betrieb regelmäßige Fahrten nach
Ostindien.
Mit der Eröffnung des Nordseekanals 1878
bemächtigte sich der Amsterdamer Reeder ein größerer Unternehmungsgeist.
 An Stelle von Nieuwediep trat nun Amsterdam
selbst. Die ‚Nederland‘ errichtete eine Linie nach New York und
1) Verslag usw., namentlich S. 109 ff.
2) Vgl. De Economist, 1869, S. 683 ff.

5325
        <pb n="534" />
        — I —
erweiterte ihren ostindischen Verkehr. Um diese Zeit schickte man
sich auch an, die Verbindung mit den westindischen Kolonien zu
verbessern!). Sie war immer schlecht gewesen; man hatte sich mit
Segelschiffen begnügt oder die auswärtigen Linien für den Güterverkehr
 benutzt; dadurch war der Handel von Curacao usw. immer
mehr nach Hamburg, Havre und Liverpool gegangen, und die Ausfuhren
 der westindischen Kolonien wurden dem Mutterlande entzogen;
 für die Hauptartikel (Zucker, Kakao, Baumwolle, Rum)
sanken die Ausfuhren nach den Niederlanden von 37 % im Jahre
1870 auf 11% im Jahre 1880. Zuerst fanden die Pläne für die
Gründung einer neuen Dampferlinie sehr wenig Beifall; erst 1883
gründete man den ‚Kon. Westindische Maildienst‘‘; 1884 ging
das erste Schiff nach Nied.-Westindien.
Im ostindischen Verkehr vertrugen sich ‚Nederland‘ und
Rott. Lloyd von Anfang an gut. Sie wirkten vielfach gemeinsam.
Als zu Beginn des 20. Jahrhunderts die ausländische Konkurrenz
immer fühlbarer wurde, ergab sich das Bedürfnis eines engeren
Zusammenschlusses. Das Beispiel, das Hamburg mit der Errichtung
 der „Hamburger Schiffsrhederei‘‘, d. h. einer Kampforganisation
 gegen fremde Gesellschaften, gegeben hatte, reizte auch die
Holländer zu einer ähnlichen Schöpfung, die 1905 in der „Nationale
Stoomboot-Maatschappij‘““ erstand?); sie bezweckte die Beförderung
von Personen und Gütern unter nationaler Flagge zwischen Häfen
in und außer Europa, sowie die Teilnahme an jenen Zweck verfolgenden
 Unternehmungen. Wichtiger noch war die 1907 errichtete
„Ned. Scheepvaart-Unie‘‘, die eine engere Verbindung zwischen den
drei Gesellschaften ‚„‚Nederland“, ‚Kon. Holl. Lloyd‘ und der 1888
errichteten ‚,Paketvaart Maatschappij‘, die auch die ostindische
Fahrt betrieb, herstellte; sie bildete eine Fusion finanzieller und
administrativer Art und umfaßte 1917 mehr als die Hälfte des
gemeinsamen Aktienkapitals®).
Der schon erwähnte Kon. Hollandsche Lloyd wurde 1907
in Amsterdam errichtet und betrieb Fahrten nach der Ostküste
1) de Boer, Geschied. d. Amsterd. Stoomvaart, II, 47 ff.
| 2) Vgl. Stubmann;,/Ballin, S. 124f.; über das große Vertrauen (der
holl. Reedereien zu Ballin ,‚/ebendort, S. .129.
de Boer, a. a. OO. IL, \90.1f., 260 ff.

526€
        <pb n="535" />
        =— Sa
Südamerikas!). Nach diesen Gegenden hatten die Niederlande seit
langer Zeit regelmäßige Dampferverbindungen entbehrt; einzelne
Versuche waren gescheitert; eine „Zuid-Amerika-Lijn‘, die 1899
errichtet war, geriet bald unter deutsche Kontrolle. Der Kon.
Holl. Lloyd war eine Schöpfung der Nederl. Handelsmaatschappij;
er erhielt, da seine Existenzfähigkeit stark in Frage stand, eine
staatliche Subvention. Eine solche erhielt auch die Java—China—
Japan-Linie, die 1902 errichtet und 1903 eröffnet wurde?). Bei
allen diesen Subventionierungen gingen die Meinungen, ob sie erforderlich
 waren oder nicht, weit auseinander?). In den letzten
Jahrzehnten entschied man sich aber in der Regel in solchen Fällen
für die Subvention. Ein Land von verhältnismäßig geringem Umfang
 und dementsprechend kleiner Selbstproduktion konnte eine
eigene Dampfschiffahrt nach überseeischen Gebieten, die nicht
seine Besitzungen waren, schwer aus privaten Mitteln erhalten;
ausgenommen war nur die unter besonderen Verhältnissen arbeitende
nordamerikanische Fahrt. Einigermaßen lebensfähig wurden diese
Unternehmungen überhaupt erst, als die Verkehrs- und Hafenverhältnisse
 im Heimatlande sich gebessert, namentlich auch die
Durchfuhren auf Eisenbahnen und Wasserstraßen eine gründliche
Reform erfahren hatten. Den niederländischen Häfen eigentümliche
 Abgaben, wie es die Tonnen-, Baken- und Feuergelder waren,
wurden bereits 1875 aufgehoben und damit eine Belastung der regelmäßigen
 Dampferlinien beseitigt, die sie gegenüber dem Auslande
stark benachteiligte*). Mit allen diesen Dampfer-Unternehmungen,
subventionierten oder nichtsubventionierten, wurde zweifellos dem
Lande ein großer Dienst erwiesen und ihm wenigstens ein Teil
seiner wirtschaftlichen Unabhängigkeit vom Auslande gesichert. —
Im 19. Jahrhundert verbesserte sich auch die Lage der
holländischen Seehäfen zur Seefahrt langsam; und
nun wurden Verhältnisse geschaffen, die die seewirtschaftliche Ausnutzung
 dieser Häfen in ganz anderem Maße ermöglichte, als das
DI )ıde Boer; a. a. 0.118 354 ff.
23) deBoer; II, 315:
%) Gegen die Erneuerung der Subvention des Holl. Lloyd Voogd in De
Economist, 1923, S. 483 ff. Für die Beförderung der Post zahlte die holl. Regierung
natürlich an alle in Betracht kommenden Gesellschaften Entschädigungen; vgl.
Wiedenfeld,:S. ı95f.
4‘ Boissevain, S. 539%,

27
        <pb n="536" />
        RS
früher selbst bei den geringeren Ausmaßen der Schiffe nach Größe
und Tiefe tunlich war. Insbesondere widmete man dem von der
Natur am wenigsten begünstigten Amsterdam Eeifrige Fürsorge.
 Schon früher plante man mehrfach eine Besserung der Verbindung
 der Stadt mit dem Meere; über stromleitende Arbeiten,
die die Strömung des Ebbe- und Flutwassers im Ij verstärken
sollten, kam man nicht hinaus!). Mehr Schwierigkeiten als der
Weg nach der See machte der Hafen selbst, der der Verschlammung
ausgesetzt war. Mit dem wachsenden Tiefgang der Schiffe steigerte
sich das Bedürfnis der Verbesserung des Seewegs. Nun hatte man
schon Ende des 18. Jahrhunderts das am Nordpunkte von Nordholland
 bei Helder gelegene Nieuwediep zu einem ganz guten Hafen
ausgebaut und ihn als Kriegshafen benutzt; der Platz war dann
der natürliche Vorhafen von Amsterdam geworden?). Um die stets
schwierige Fahrt mit größeren Schiffen durch die Zuidersee zu
vermeiden, baute man 1819—1825 auf Staatskosten den 78% km
langen Nordholländischen Kanal, der Amsterdam mit Nieuwediep
verband. Er reichte aus für Schiffe mit 5 m Tiefgang, 14 m Breite
und 64 m Länge?). Für die Schiffahrt war dieser damals höchst
ansehnliche Kanal eine sehr bedeutende Verbesserung; doch zeigte
sich schon bald die Unzulänglichkeit seiner Maße; auch war der
Umweg für die aus südlichen Häfen kommenden Schiffe ebenso
lästig wie die Fahrt auf dem Kanal. Es drohte sogar zeitweilig
die Gefahr für Amsterdam, in Helder einen gefährlichen Nebenbuhler
 sich entwickeln zu sehen‘). Man nahm deshalb den schon
seit 1634 oft erörterten Plan wieder auf, eine direkte Verbindung
Amsterdams westwärts mit der Nordsee herzustellen, wobei man
zunächst allerdings mehr an einen Entwässerungskanal als einen
Schiffahrtsweg dachte. Erst die Entwicklung der Technik ermöglichte
 den Bau einer wirklichen Schiffahrtsverbindung. Zum Schaden
 für Amsterdam zog sich die Vorbereitung sehr lange hin; am
1. November 1876 wurde die Nordseeschleuse eröffnet; der ganze
3 Wortmann und van den Brock, 5. 3; Wiedenfeld,
Ss. 621.
2) Blink, Nederland, II, 161 ff.
3) Blink, S. 165f.; Wortmann und van den Broek, Si 27.
1) Vgl. de Boer, Stukken betr. het verzet van Amsterdam tegen de
emancipatie van den Helder.

20
        <pb n="537" />
        — 5 —
Kanal war im November 1883 fertig. Dieses große und sehr teure
Werk, das über 37 Mill. fl. gekostet hat, brachte Amsterdam endlich
 die lang erstrebte direkte Verbindung mit dem Meere. Es war
seltsam genug, daß eine Stadt, die schon 300 Jahre vorher das
Weltmeer beherrschte, erst eine gute Verbindung mit diesem bekam,
 als sie ihre Vorherrschaft über das Meer längst an andere,
in dieser Beziehung glücklichere Städte hatte abtreten müssen.
Auch nach seiner Fertigstellung konnte der Kanal Amsterdam nicht
dasjenige wieder verschaffen, was es in weltwirtschaftlicher Hinsicht
seit langem verloren hatte. Dazu gehörten noch andere Faktoren,
die sich mit der Lage zur See nicht so nahe berührten. Immerhin
brachte der Kanal schon sehr schnell Amsterdam eine beträchtliche
Zunahme des Verkehrs‘).
Ebenso wie Amsterdam erhielt Rotterdam in der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts eine bessere Seeverbindung. Waren
auch hier die Verhältnisse einfacher als bei Amsterdam, da
Rotterdam an einem wasserreichen Strom lag, so war doch die
Mündung durch die Versandung des Brielschen Gat immer weniger
befahrbar für große Schiffe geworden, so daß diese den Umweg
über Vlaardingen, die alte Maas und Dordrecht nehmen mußten,
um dann über das Hollandsch Diep und das Goereesche Gat den
Ausweg zur See zu gewinnen; manchmal fuhr man auch über Haringsviet
 und das Brouwerhavensche Zeegat?). In den 1820er Jahren
baute man den Kanal van Voorne, der eine Verbesserung der bisherigen
 Rotterdamer Seeverbindung darstellte, aber auch den
Größenverhältnissen der Schiffahrt bald nicht mehr genügte.
Als bestes Mittel, Rotterdam eine gute Verbindung mit dem Meere
zu Schaffen, erkannte man nun den Durchstich des Hoek van
Holland und die Herstellung einer neuen Mündung, ferner die Umwandlung
 der Neuen Maas (d. h. der Fortsetzung des Leck) in eine
leistungsfähige Wasserstraße. Dieses Werk, das technisch mindestens
1) Den Kanal benutzten 1877: 3376 Schiffe (3 965 192 Brutto-Reg.-Tons);
1880: 4495 Schiffe (5 864 322 Brutto-Reg.-Tons); 1890: 7752 Schiffe (9 428 ıı2
Brutto-Reg.-Tons); 1895: 10924 Schiffe (11646 106 Brutto-Reg.-Tons); 1900:
9870 Schiffe (16 015 070 Brutto-Reg.-Tons); 1905: 19149 Schiffe (19741 193
Brutto-Reg.-Tons); 1908: 21985 Schiffe (22 307071 Brutto-Reg.-Tons) ; vgl. Wort -
mann und van den Broek, S. 150.
?) Blink; Nederland, I, 447ff.; A. T. de Groot, De Waterweg etc.
(1916); vgl. auch Wiedenfeld; S: 63 ff.
Baasch, Holländische Wirtschaftsgeschichte,

29
34
        <pb n="538" />
        — I O—
ebenso schwierig war wie der Bau des Nordseekanals, wurde 1896
insoweit fertiggestellt, als nun die 1863 festgesetzte Tiefe erreicht
war; es schuf Rotterdam eine ganz ausgezeichnete Seewasserstraße;
sie ist dann, ebenso wie der Nordseekanal, fortdauernd und nach
Maßgabe des durch den stetig größer werdenden Tiefgang der
Schiffe gegebenen Bedürfnisses verbessert worden. Durch dieses
Werk veränderte sich die Stellung Rotterdams sowohl im internationalen
 Schiffahrtsverkehr wie auch in dem der Niederlande
völlig!). Auch auf den Rheinverkehr mit Rotterdam hatte der
neue Wasserweg natürlich Einfluß; er stieg von rund 10 Mill. kbm
1895 auf rund 30% Mill. kbm 191393).
Inzwischen hatte man auch in Vlissingen 1873 neue
Hafenanlagen eröffnet; auf sie setzte diese Stadt große Hoffnungen,
da man noch an dem glücklichen Zustandekommen des Rotterdamer
 neuen Wasserweges zweifelte und Vlissingen für den Zukunftshafen
 Südhollands hielt?). Das ist freilich nicht eingetroffen.
Überdies verursachte der neue Kanal von Terneuzen, der Gent
mit dem Meere verband, eine weitere Ablenkung des Verkehrs
von Vlissingen.
Von nicht geringerer Bedeutung als die
Verbindung mit der offenen See war für die
großen Handelsplätze die Wasserverbindung
mit dem Hinterland, namentlich mit dem
Rhein. Wie umständlich und unzureichend insbesondere die
Verbindung des Rheins mit Amsterdam war, sahen wir schon“).
Man nahm endlich 1822 eine Verbesserung vor, indem man durch
allerlei geringe Verlegungen des Fahrwassers, Austiefung des kleinen
Vechtflusses usw. über Weesp eine Verbindung herstellte, die
etwa 60 km lang war. Sie war immer noch jämmerlich, insbesondere
wegen der sehr mangelhaften Wasserverhältnisse des Leck. Auch
eine Verlängerung dieses Weges in südlicher Richtung bis Merwede
bei Gorinchem war ungenügend. Als dann der Nordseekanal Am-1)
 Vgl. oben S. 518 f. die vergleichenden Zahlen von 1850 und 1913. Die Wassertiefe
 für Rotterdam betrug 1910: 8,54, für Amsterdam, Antwerpen und Hamburg
9,15 Meter bei Hochwasser (Flügel, Die deutsch. Welthäfen, S. 62 f.).
2) Von Beginn der Arbeiten 1863—1915 einschließlich hatte der Kanal nebst
Unterhaltung 52 754 751 fl. gekostet (de Groot, S. 98, 113).
3 Müller, S.1474:
4) Vgl. oben S. 428.

530
        <pb n="539" />
        sterdam eine vortreffliche Verbindung mit dem Meere verschafft
hatte, machte sich die Notwendigkeit einer besseren Linie zum
Rhein noch fühlbarer; und man baute nun endlich die Merwedekanal
 genannte Verbindung mit dem Rhein, die 1892 eröffnet
wurdel). Fast alle Rheinschiffe konnten seitdem bis Amsterdam
kommen. Damit wurde ein Ziel erreicht, das seit Jahrhunderten erstrebt
 war. Allerdings hob sich der Amsterdamer Rheinverkehr
trotz des Kanals zunächst nur wenig, was vielleicht mit daran lag,
daß er entgegen dem zuerst bestehenden Plan nicht bei Arnhem
in den Rhein mündete, sondern einen Umweg machte).
$ 6. Die soziale Frage.
Die sozialen Zustände, denen wir im niederländischen
 Wirtschaftsleben der ersten Jahrzehnte nach 1814 begegnen,
machen alles andere als einen erhebenden Eindruck; und die
„Wiedergeburt“, die man 1814 so hoch feierte, machte
Halt vor den inneren Verhältnissen der Industrie

Überall überwog zunächst noch der Kleinbetrieb; in den
meisten Provinzen war von Großbetrieb keine Spur zu finden;
nur die Geldersche Textilindustrie, die Overysseler Steinindustrie,
die Zaanländer Papierfabrikation, die Zuckerindustrie zeigten mehr
oder weniger kräftige Ansätze zum Großbetrieb; die volle Form
der Großindustrie zeigte sich dagegen in Nordbrabant, in Tilburg;
doch fehlten ihr noch die Dampfkraft und die Maschine®); in Enschede
 waren freilich schon 1802 einzelne Maschinen tätig.
Erst sehr bedächtig schritt man weiter auf dem Wege zur
Großindustrie; Dampfkraft und Maschinen fanden ganz allmählich
Eingang. In der Mitte des Jahrhunderts griff namentlich in den
neuen Fabrikationszweigen, so in der Rübenzuckerindustrie, der
Maschinenfabrikation, der Gaserzeugung der Großbetrieb Platz.
Das zeigte sich auch in der nun langsam eintretenden Konzentration
in einzelnen Gewerben, so in der Zucker- und Brauindustrie. Die
Mühlen, die eine große Rolle im niederländischen Gewerbe spielten,
ı Blink, 1, 8 ff; C/Bloys van Treslong (1892).
2?) Stubmann, Holland u. s; Hinterland, S.1 74.
3) Brugmans, De arbeid. Klasse, S. 2 ff.

531
34 *
        <pb n="540" />
        im 2
begannen nun allmählich den Dampf als Triebkraft einzuführen,
und bereiteten damit den Großbetrieb vor; so in der Diamantschleiferei!).
 Bei allen diesen Fortschritten war die Schwierigkeit
der Kohlenbeschaffung ebenso hinderlich wie der hohe Einfuhrzoll
auf Maschinen, die nur das Ausland liefern konnte. Der Holländer
jener Zeit war Neuerungen durchaus abgeneigt; er befand sich
noch auf einer Wirtschaftsstufe, auf der er nicht nach neuen Absatzgebieten,
 neuen Produkten und modernen Methoden suchte?). Es
mangelteimhn völlig anirationeller Geschäfiftsführung;
 man ließ die Dinge an sich herankommen; und gingen
sie schief, so rief man nach staatlichem Schutz oder sonstiger Hilfe.
Die Fabrikation war noch zum großen Teil Hausindustrie. Langsam
 nötigte dann die maschinenmäßige Arbeitsweise, zum Fabrikbetriebe
 überzugehen. Nicht geringen Einfluß auf die weitere Entwicklung
 hatte die freiheitliche wirtschaftliche Gesetzgebung seit
1850; sichtbar wurde jedoch erst nach 1871 der Fortschritt, als die
Verbesserung der Verkehrseinrichtungen und der damit dem Holländer
 eröffnete weitere Blick ihn für die Möglichkeiten und Notwendigkeiten
 einer modernen Einstellung empfänglicher machten.
In der Produktion, im Schaffen des einzelnen, zeigten sich
Momente wenig erfreulicher Art. Am bedenklichsten war das Umsichgreifen
 der Kinderarbeit. Insbesondere in der Zigarrenund
 Mattenfabrikation nahm sie von 1819—1871 dauernd zu; sie
war am stärksten in Nordbrabant und dort in der Textilindustrie,
dann in Maastricht®). Schon seit 1834 erhob sich eine Bewegung
gegen die Kinderarbeit*). Sie fand schließlich ihren Niederschlag
in mehreren Enqueten, 1841 und 1860; sehr eingehend wurde hier
die ganze Angelegenheit erörtert”). Doch kam erst 1874 ein Gesetz
zustande, das freilich ziemlich dürftig war, immerhin aber den
ärgsten Mißbräuchen ein Ziel setzte; es bestimmte, daß Kinder
unter 12 Jahren nicht in Dienst genommen werden durften, außer
für häusliche und Feld-Arbeit®).
1) Brugmans, De arb.\Klasse S. 24 1.
2) Ebenda, S.50 ff.
%) Ebenda, S. 86 ff.
*‘) Vgl. Gorter, De eerste stap etc. (De Economist 1920, S. 257 ff.).
5) Gorter &amp;amp; de Vriıes, Gegevens; Aalberse;, Enquete.
5ABrugmans, a. a. 0. Ss. 2281.

53°
        <pb n="541" />
        NE —
Außerordentlich lang war auch die Arbeitszeit. Während
im 18. Jahrhundert 12 Stunden wohl kaum überschritten wurden
und sie oft kürzer warl!), gewann sie jetzt eine erstaunliche Ausdehnung.
 In der Tonindustrie in Franeker fand man Arbeitszeiten
von 15—20 Stunden; in der Textilindustrie in Twente 1841—1860:
12 Stunden. In Leiden arbeitete man 15—17 Stunden?). Die hier
und da bestehenden kürzeren Arbeitszeiten waren nur Ausnahmen.
In manchen Arbeitszweigen, so in der Hafenarbeit, war die Arbeitsdauer
 sehr unregelmäßig, und Nachtarbeit gang und gäbe; namentlich
 bei den Beurtschiffen. Oft folgte hier auf eine Woche schwerer
Arbeit ein Monat Arbeitslosigkeit?®).
Über die Arbeitslöhne ein allgemeines Urteil abzugeben,
 ist schwer. Die höchsten wurden in Süd- und Nordholland,
Seeland gezahlt; die Unterschiede wurden z. T. bedingt durch die
Verschiedenartigkeit der Beschäftigung?). In der Twentschen Baumwollindustrie
 stiegen von 1841—1860 die Löhne um etwa 30%;
höher waren aber die Löhne in Tilburg. Der von der Höhe
der Lebensmittelpreise, den Akzisen usw. abhängige Reallohn
war wohl überall verhältnismäßig niedrig und zwar durch das
ganze Jahrhundert. Die Löhne hielten sich auch sehr stabil und
waren wenig beeinflußt von den Geschäftskonjunkturen, von Blüte
oder Niedergang des Absatzes). Zudem bestand noch vielfach die
alte Unsitte, daß die Armenverwaltungen Zuschüsse zu den Löhnen
gaben, was die Arbeitgeber naturgemäß von ihrer Erhöhung abhielt®).
Die Regierung verhielt sich solchen Zuständen gegenüber
ziemlich passiv; die Kinderarbeit hat sie, wie wir sahen, 40 Jahre
lang nur mit Enqueten bekämpft. Gegen das offenbar stark vorhandene
 Wohnungselen d schritten teilweise die Fabrikanten,
teilweise auch die Städte, wenn auch erst spät, ein; zuletzt auch die
sich zusammenschließenden Arbeiter selbst’). Sehr mangelhaft war
1) Vgl. oben S. 156:
2) Brugmans;, S: 1066;
3 van Manen, Bedrijfsleven, S. 81, 83.
*) Die höchsten Löhne zahlte 1816 in Amsterdam und Rotterdam der Schiffsbau;
 es folgte die Zuckerraffinerie (Sneller, De toestand, S. 164).
5) Brugmans, Si TIG ff}
%) Brugmans, S; 139.
?) Ebenda, S. 156f., 254 ff. Die erste Baugenossenschaft wurde 1868 in
Amsterdam errichtet (ebenda, S. 296). Über das Wohnungselend in Leiden noch

-
© &amp;amp;
        <pb n="542" />
        lange die Fabrikaufsicht im Interesse der Gesundheit der
Arbeiter; schon seit 1841 forderte man Besserung der höchst ungenügenden
 Einrichtungen; erst 1895 wurde ein Gesetz über die
Sicherheit in Fabrikbetrieben erlassen. Die Entstehung der Großunternehmungen,
 die nach 1870 sowohl in der Textilindustrie als
auch in der Schuhindustrie, der Zigarrenfabrikation usw. emporkamen,
 haben zweifellos in hygienischer Hinsicht die Lage des
Arbeiters verbessert, auch großartigere Wohlfahrtseinrichtungen
ins Leben gerufen?).
Erst am Ende des 19. Jahrhunderts aber unternahm auch der
Staat Schritte, die den Mißständen unter den arbeitenden Klassen
abhelfen sollten. Noch immer bestand eine sehr ausgedehnte Arbeitszeit;
 auch die weitgehende Frauen- und Kinderarbeit forderte
Reformen heraus. Im wesentlichen war ja die ungünstige Lage
eines großen Teils der Arbeiterschaft die Folge des schweren Standes,
den die holländische Industrie gegenüber dem fremden Wettbewerb
hatte. „Nicht begünstigt durch den Besitz von
Kohlen und Rohstoffen,nichtbeschütztdurch
hoheZollschranken) bleibti.den holländischen
Fabrikanten ein Vorsprung — billigeArbeits;
kraft?).‘“ Aus dieser Ausnutzung billiger Arbeitskräfte ergab sich
dann naturgemäß die Vernachlässigung des technischen
 Fortschritts. Das trat auch klar zutage in der
Enquete von 1887, deren einziges wichtiges Ergebnis das Arbeiterschutzgesetz
 vom 5. Mai 1889 war, das die Arbeitszeit der Frauen
und Kinder beschränkte).
In der örtlichen) Verteilung der Industri!e
über das Land trat seit der Mitte des Jahrhunderts
eine Verschiebung ein; mehr und mehr verließ die große
Industrie die alten Sitze in Südlimburg, Friesland, Walcheren,
Groningen und zentralisierte sich in Brabant und Twente. Ebenso
in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, vgl. Pringsheim ‚Untersuchungen,
S. 326 ff. Über die schlechten Wohnungsverhältnisse in Amsterdam und Rotterdam
Mitte des Jahrhunderts vgl. van Nierop, Bevolkingsbeweging, S. 120 ff. Daß
die Trunksucht im Haarlemmer Meer, wie in ganz Niederland, durch die schlechten
Wohnungen gefördert wurde, erwähnt ter Veen 5S. 129.
1 Brugmans,S. 46 ff. 4148.
2) Pringsheim, Die Lage, S. 70.
3) Pringsheim, Neuere Untersuchungen, S. 315 ff.

534
        <pb n="543" />
        — x -
zeigte der Übergang zur Aktiengesellschaft die deutliche Wandlung
zum Großkapitalismus; 1850/51 gab es nur 137; 1870/71: 456 Aktiengesellschaften!);
 1912/13 aber: 3507”).
Auch auf die Binnenwanderung wirkte hauptsächlich die Industrie bestimmend
 ein. Es waren nicht die alten Sitze des Handels, der Schiffahrt und der
Industrie, die im 19. Jahrhundert an der Zunahme der Seelenzahl in erster Linie
teilnahmen, sondern die neu aufgekommenen kleineren Industriezentren. Während
die Bevölkerung Amsterdams, Utrechts, Schiedams sich von 1830—1913 kaum
um das dreifache, diejenige Leidens nur um 80—90% vermehrte, stiegen in demselben
 Zeitraum die Bevölkerungszahlen von Apeldoorn um das 5%fache, von
Hilversum um das 8fache, von Enschede das ıofache, von Hengeloo das 7fache.
Nur Rotterdam vermehrte, dank seiner überragenden Stellung im Hafenverkehr,
seine Bevölkerung um das 6 fache®).
Im allgemeinen war ja auch in Holland eine starke Zuwanderung in die
großen Städte bemerkbar, nicht aber in dem Maßstabe wie in England und
Deutschland. Meist waren es junge Leute beiderlei Geschlechts von 20—25 Jahren,
die dem Landbau absagten und sich der Fabrikarbeit oder sonstigen städtischen
Berufen zuwandten; dabei überwog, wenigstens für Amsterdam, das weibliche Geschlecht‘).
 Bemerkenswert war die verhältnismäßig starke Seßhaftigkeit der einheimischen
 Bevölkerung in den großen Städten. Während 1910 für Hamburg auf
1000 Einwohner 498 am Ort geborene kamen, für Berlin gar nur 409, belief sich
1909 für Amsterdam diese Zahl auf 663 und für Rotterdam auf 6035).
Das Armenwesen litt immer noch an völligem Mangel
an systematischer Zusammenfassung. Die Aufhebung der Zünfte,
die dem Pauperismus doch immer noch entgegengewirkt hatten,
die vergeblichen Versuche, während der Übergangszeit des Armenwesens
 zu reorganisieren, hatten die tatsächlichen Zustände nicht
verbessert). Den überaus traurigen Verhältnissen, die nach
1813 sich unter der niederen Bevölkerung vorfanden, begegnete
man zunächst durch die zahlreichen Arbeitshäuser, die überall
im Lande verstreut waren, und durch die kirchlichen und privaten
 Organisationen. Eine gesetzliche Regelung fand nur insoweit
 statt, als das Gesetz vom 28. November 1818 das Inı)
 Brugmans,a. a. 0.,5.63.
2) Jaarcijfers 19173, 5.209.
3) Jaarcijfers 1913, S. 20. Nach Vliegen, S. 65f. nahmen allein zwischen
1880 und 1900 Hengeloo und Hilversum um je 110% an Seelenzahl zu.
‘van Nierop, Immigratie, S. 211, 216; vgl. auch L. van Nierop,
Bevolkingsbeweging, S. ı81 ff.
5) van Manen, Bedrijfsleven, S. 118 f.
6) Vgl. van Manen, Armenpflege, S. 129 ff.

393
        <pb n="544" />
        — 536 —
stitut der vorläufigen Unterstützungen einführte und die für
den Erwerb des Unterstützungswohnsitzes erforderliche Aufenthaltsdauer
 auf 4 Jahre festsetzte!). Durch spätere Verordnungen
wurde aber die zunächst günstige Wirkung dieses Gesetzes stark
abgeschwächt, da man die kirchlichen Armenverwaltungen, denen
von altersher ein überwiegender Teil der Armenpflege oblag, beiseite
 zu drängen suchte. Nachdem dann die Verfassung von 1848
die allgemeine gesetzliche Regelung des Armenwesens vorgeschrieben
hatte, regelte das Gesetz vom 28. Juni 1854 die Armenpflege unter
Beobachtung des herrschenden Grundsatzes, daß die Unterstützung
der Armen in der Regel den kirchlichen und privaten Armenverwaltungen
 zu überlassen und eine bürgerliche Armenanstalt nur
dann zu helfen berechtigt sei, wenn jene bei anerkannter dringender
Notlage versagten. Da aber die religiöse Liebestätigkeit immer
weniger leistungsfähig wurde, so geriet die Armenpflege schließlich
 in eine unentwirrbare Desorganisation. Örtlich und konfessionell
bestand eine große Ungleichheit in Art und Umfang der Armenpflege;
 je reicher die Anstalt, desto höher die Unterstützung. Die ungeheuere
 Mannigfaltigkeit dieser Anstalten, deren es 1903: 6033 gab,
die alle nebeneinander ohne organische Verbindung arbeiteten,
zeigte deutlich die mißlichen Folgen des übertriebenen Indivividualismus?).

Einerseits die wachsende Irreligiosität und Kirchenflucht,
andererseits die sozialen Gesetze (Kranken-, Invaliditäts-
 und Altersversicherung, alle von 1013)
schränkten dann die Armenpflege der kirchlichen Anstalten erheblich
 ein. Doch behielt, obwohl das neue Armengesetz von
I912 die Tätigkeit der öffentlichen Armenpflege erweiterte®), das
private Armenwesen noch immer eine große Bedeutung. Mangelhaft
 war aber das Zusammenwirken beider; so daß die Gesamtausgaben
 für Arme sehr hoch waren*). Auf den Kopf der Bevölkerung
 stiegen von 1869—1903 die Gesamtausgaben für die Armenpflege
 von 3 auf 3,43 11.9).
1) Über das Gesetz von 1818 vgl. van Manen, Armenpflege, S. ı27 f.
?) Vgl. Falkenburg im Handwörterb. d. Staatswiss., 3. Aufl., II, 114 ff.
Über die kirchliche Armenpflege auch van Manen, Bedrijfsleven, S. 138 ff.
3 van Manen, Bedrijfsleven, 5. 224 1f., 243 ff.
4 van Manen, ebenda, S. 286 f.
5) Falkenburg, S: 7118.
        <pb n="545" />
        Erst spät suchte man der Armut und Erwerbslosigkeit auch
durch Maßregeln zu steuern, die sich in der Richtung der Arbeitsvermittlung
 und Arbeitsbeschaffung bewegten. Insbesondere auf
einen den jeweiligen Bedürfnissen des Arbeitsmarktes entsprechenden
Ausgleich von Angebot und Nachfrage, namentlich zwischen Stadt
und Land, suchte man hinzuwirken. Dazu diente u. a. die 1897 in
Amsterdam errichtete Arbeitsbörse!); sie fand später weitere Ausdehnung.
 Doch machte man mit der Fürsorge für die Erwerbslosen
nicht immer gute Erfahrungen; 1907 brach unter ihnen sogar ein
Streik aus, da sie mit den Löhnen, für die ihnen Arbeit verschafft
wurde, nicht zufrieden waren?). Für solche Elemente, die wirklich
 arbeiten wollten und ihre Arbeitsscheu nicht hinter Lohnfragen
versteckten, gab es doch meist Beschäftigung. So herrschte in Nordholland
 ein chronischer Mangel an Landarbeitern; und zahlreiche
ungelernte Arbeiter fanden in der Regel in der Hafenarbeit Verdienst®).
 Ebenso organisierte man 1908 die temporäre Auswanderung
 der Arbeitslosen namentlich nach Deutschland und Belgien
durch Begründung einer „Emigratievereeniging‘‘*). Für manche
Industrien erwies es sich als verhängnisvoll, daß ihre Aufträge z. T.
nicht im Inlande hergestellt werden konnten und daß deshalb die
in ihr beschäftigten Arbeiter trotz Mangels an Beschäftigung zusehen
 mußten, wie diese Arbeiten ins Ausland gingen; so ging es
1879 in der Eisenindustrie, die damals unter Arbeitslosigkeit litt,
der aber aus dem genannten Grunde nicht abgeholfen werden konnte).
Die Arbeiterschaft selbst kam erst ziemlich langsam zu der Einsicht,
 daß sie durch Zusammenschluß ihre Lage verbessern könne.
Es bestand volles -Assoziationsrecht, beschränkt
nur durch das Verbot der Assoziation zum
Zweck der Arbeitsniederlegung ; doch wurde 1872
diese Bestimmung abgeschwächt dadurch, daß nur die Einwirkung
auf den Willen zur Arbeit unter Strafe gestellt wurde®). Die Fachbewegung,
 die in den Niederlanden schon frühzeitig auftrat, ging
1) van Manen, Bedrijfsleven, S. 35, 50 ff.
?) Ebenda, S: 54.
®) Ebenda, S. 61, 75 ff.
4) Ebenda, S. 66 ff.
$ Bymholt,\S. 260.
5) Brugmans, S. 258 ff,

5337
        <pb n="546" />
        zZ
aus dem Handwerk, nicht aus der Großindustrie hervor, die damals
noch kaum bestand!). Diese Bewegung verlief zuerst äußerst zahm
und auf der Grundlage der Geselligkeit und des Vergnügens; das
fachliche Interesse erwachte erst später, doch ohne Klassengeist;
Meister und Werkleute gingen einträchtig zusammen im Kampfe
mit den Konsumenten. Insbesondere die Buchdrucker waren in
dieser Bewegung führend, während z. B. die Diamantschneider
eine ganz eigenartige Stellung einnahmen und im Gegensatz zu
den anderen Arbeitern nicht demokratisch gesinnt waren?). Kleinere
Lohnstreitigkeiten spielten überall mit, wobei man sich aber vorsichtig
 auf das Erreichbare beschränkte. Von einer Massenbewegung
war keine Spur vorhanden; das traditionelle Gefühl der Unterordnung
 der Gesellen unter die Meister schloß schärfere Töne und
eine weitgehende Agitation völlig aus.
Etwa von 1866 an konnte man aber ein selbständiges
Auftreten der Arbeiterklasse wahrnehmen; sie begann
 nun ihre Bedeutung zu fühlen. Die 1869 in Amsterdam
errichtete „Internationale‘ brachte zunächst allerdings
wenig Änderung?). Die sich anschließende Bewegung war in
den Niederlanden keine sozialistische, sondern ı im
wesentlichen eine demokratische; und auf die Fachbewegung
 hat die ‚Internationale‘ in Holland wenig Einfluß gehabt.
Nur nahmen jetzt die Arbeitseinstellungen zwecks
Lohnerhöhung stark zu, wobei man sich aber meist mit geringen
Erfolgen zufrieden gab. Der erste organisierte Streik war derjenige
der Schiffszimmerleute in Amsterdam 1869%. Diese Stadt stand
auch weiterhin an der Spitze; hier allein war eine wirkliche Arbeiterbewegung
 festzustellen). Doch war es schwer, die Arbeiter für
regelmäßige und dauernde Organisationen zusammenzuhalten. Insbesondere
 bei der aus stark fluktuierenden Elementen sich zusammensetzenden
 Hafenarbeiterschaft erwies eine feste Organisation sich
äHudig, S. ıMf.
2?) Hudig, S. 242. Über die eigenartigen Verhältnisse in der Diamantenindustrie,
 die an einer beschränkten Zahl von Lehrlingen und einem Normalarbeitstag
 festhielt, vgl. I. Hen, De uitsluiting usw., ferner Polak, S. 18.
3 Hudig, S. 261f.; Bymholt, S. 57.
‘4 Brugmans, S. 286.
SyHudig, S.836f.; vanı!Manen, 5. 30.

53%
        <pb n="547" />
        als unmöglich!). Im allgemeinen zeigte sich der ruhige, nationaldenkende
 Sinn der holländischen Arbeiter der Verhetzung und den
internationalen Ideen abgeneigt. Außerhalb Amsterdams war die
Fachbewegung schon deshalb sehr ruhig, weil in der Regel die Meister
oder Fabriksherren an ihr beteiligt waren, so daß es sehr oft zu
friedlichen Einigungen kam. Erst als die sozialdemokratische Partei
1878 in den Niederlanden begründet worden war, wurden neben
den fachlichen Forderungen auch politische in das Programm vieler
Fachvereine aufgenommen; diese Richtung ging nun parallel der
alten gewerkschaftlichen und der religiös-christlichen?). Wirtschaftlich
 äußerte sich diese Bewegung in ihren verschiedenen Zweigen
nur in Streiks, die Lohnerhöhungen zum Zweck hatten, oder in
Arbeitslosen-Demonstrationen?). Diese sozialistische Arbeiterbewegung
 fand aber eine sehr starke Gegenwirkung in den
christlichen Arbeiterverbänden, namentlich dem
1888 in Haarlem gegründeten ‚„Nederl. Roomsch-Kathol. Volksbond“.
 Er versuchte Handwerker und Arbeiter in einem Bunde
zu vereinigen, was sich freilich bald als unmöglich erwies; die Mittelständler
 trennten sich und gründeten Mittelstandsvereinigungen*).
Praktisch verlief die Arbeiterbewegung ziemlich ergebnislos;
die meisten großen Ausstände, so der sich über ganz Holland ausbreitende
 Zigarrenmacherstreik von 1873, ferner der der Hafenarbeiter
 in Rotterdam 1889 und der Textilarbeiter in Enschede
1890, brachen ohne Resultat zusammen. Endlich schlossen sich
1889 auch die Arbeitgeber in dem „Nederl. Werkgeversbond‘ zusammen®).
 Bei aller Rührigkeit der sozialdemokratischen Partei
gelang es ihr doch nicht, in Holland die großen Massen der Arbeiter
in dem Maße für sich zu gewinnen, wie es in anderen Ländern, so
in Deutschland, geschehen ist, obwohl die staatlichen Einrichtungen
für die Arbeiterwohlfahrt in Holland weit hinter den deutschen
zurückstanden. Der gänzliche Mißerfolg des 1903 verkündeten
Generalstreiks lenkte übrigens die Sozialdemokratie in friedlichere
Bahnen®). Die Fachvereine, die nur für einige Provinzen von Be-1)
 van Manen, S. 85.
®*) Bymholt,S. 223f.
3 Bymholt, S. 324, 350, 516, 530.
‘) Liese in Handwörterb. d. Staatswiss., 4. Aufl., III, 195.
5) Hudig, S. ı1r3££.; Bymholt, S. 153 ff., 574.
s) Drahn in Handwörterb. d. Staatswiss., 4. Aufl., VII, 550.

5309
        <pb n="548" />
        a ) —
deutung waren, in anderen ganz zurücktraten, entwickelten sich
sehr langsam aufwärts‘?).
Ein weiteres Mittel, mit dem sich die niedere Bevölkerung
im Kampf um das Dasein half, war die Errichtung von Genossenschaften.
 Diese Bewegung begann mit der Gründung einiger kleinerer
Konsumvereine in Amsterdam, Rotterdam, Leiden und andern
Orten Anfang der 1860er Jahre?). Das 1876 erlassene Genossenschaftsgesetz
 belebte die Tätigkeit auf diesem Gebiete erheblich;
es entstanden mehrere große genossenschaftliche Verbände. Jenes
Gesetz ließ den Genossen für die Regelung ihrer Organisation größte
Freiheit; die Festsetzung der Haftpflicht stand vollkommen im
Ermessen der Genossen?). Die Form der Produktivgenossenschaften
war, wie wir sahen, in der Landwirtschaft stark ausgebildet und
hat hier zweifellos sehr günstig gewirkt. Die staatliche Mitwirkung
auf dem ganzen Gebiet sozialer Fürsorge hat in Holland erst sehr
spät und auch dann nur äußerst bedächtig eingegriffen. Daher
waren auch die sichtbaren Ergebnisse dieser Fürsorge recht mager.
$ 7. Finanz- und Steuerreform.
Als 1814 die neue Regierung an die Ordnung der Staatsfinanzen
ging, trat sie eine traurige Erbschaft an. Die Staatsschuld betrug
immer noch I 232 261 852 fl. Sie wurde nun eingeteilt in eine
„wirkliche‘‘, rentezahlende und in eine „aufgeschobene‘“ Schuld;
erstere, die ein Drittel der Gesamtschuld umfaßte, sollte 2% % Zinsen
tragen; für letztere, die zwei Drittel umfaßte, war dasselbe vorbehalten;
 sie sollte durch jährliche Auslosung allmählich in eine zinstragende
 übergehen. Alle alten, mit verschiedenen Zinsfüßen versehenen
 Einzelschulden wurden in die wirkliche Schuld von 2% %
hineinreguliert. So erhielt man für den wirklichen Wert, der sich
nach dem Börsenkurs richtete, von 676 fl. alter Schuld bei barer
1) 1911 gab es 2359 Fachvereine mit 153 689 Mitgliedern; allein auf Nordbrabant,
 Nord- und Südholland, Gelderland, Overyssel kamen 1726 Vereine mit
123 251 Mitgliedern (Jaarcijfers, 1913, S. 96).
2? Brugmans, S. 293 ff. Nach Crüger im Handwörterb. d. Staatswiss.,
 4. Aufl., III, 876 begann die holl. Genossenschaftsbewegung erst 1869 mit
der Gründung eines Konsumvereins in Amsterdam.
3 Crüger, a.a. OO.

54C
        <pb n="549" />
        Hinzuzahlung von 100 fl. ein Kapital von 6000 fl. neuer Schuld
oder 2000 fl. wirklicher 21%proz. Rente und 4000 fl. der ‚,aufgeschobenen‘“
 Schuld!). Nahm man als Grundlage die Rente, so
wurde für jede 45 fl. Rente bei barer Zuzahlung von 100 fl. ein
Kapital von 6000 fl. der neuen Schuld ausgestellt. Rechnete man
die „aufgeschobene‘“ Schuld als 3% wert und die 214 %-Schuld
zu 323/,°/o, So genossen die Renteninhaber 6% %, wobei allerdings
der Verlust von ?/, der früher genossenen Rente nicht berücksichtigt
war?) ; sie hatten aber die Aussicht, durch die Auslosung der ‚,aufgeschobenen‘‘
 Schuld ihr zinstragendes Kapital vermehrt zu sehen.
Für den Staat war dieses Verfahren sehr nachteilig, da es eine
schwere Last schuf; nicht nur die zinstragende Schuld wurde beträchtlich
 vergrößert, auch die schon als getilgt erachteten zwei
Drittel wurden gewissermaßen ins Leben zurückgerufen. Letztere
Maßregel hat sich, wenn sie auch den Grundsätzen der öffentlichen
Moral entsprach, später als verfehlt erwiesen, da sie dem Staat
eine allzugroße Last aufbürdete®).
Nach dieser Konversion betrug die Staatschuld 1 720 051 933fl.;
davon waren 573 350 644 fl. ‚wirkliche‘ und ı 150 701 289 fl. „‚aufgeschobene‘‘
 Schuld. Der neue Staat sah sich also zunächst mit
einer verzinslichen Schuldenlast von rund 573 Mill. fl. beschwert,
während 1150 Mill. konvertiert werden mußten, bevor an eine Verringerung
 der Zinsen zu denken war. Die Vereinigung mit Belgien
und die Übernahme der österreichisch-belgischen Schuld*) führten
der ‘niederländischen Schuld noch weitere 48 443 236 fl. zu, von
denen ebenfalls 4% auf die „wirkliche‘‘, 2/, auf die „„aufgeschobene“
Schuld übertragen wurden. Vergeblich hatte ferner der niederländische
 Staat versucht, auf Grund der alten Rückstände von
Frankreich einen Ersatz zu erhalten. Dieses hatte nichts von der
früheren Schuld Belgiens bezahlt. Dadurch entstand noch eine
1) Weeveringh; S. 561f;, 68 ff,
?) Der russische Gesandte rügte 1816 scharf dieses Verfahren, das den legitimen
 Gläubigern 88% ihres Kapitals nehme; ‚‚la diplomatie hollandaise du 16.
et 17. siecle ne ressemble pas ä celle-lä‘‘ (Colenbrander, Gedenkstukken,
VIII, S. 586ff.). Sickenga, Geschiedenis, I, 9, nennt die „‚tierceering der
Schuld‘“ eine Gewalttat, die um so schlimmer sei, als sie private Rechte antaste.
3) Osiander;, Nied. Finanzen, S. 174.
*) Diese Schuld rührte z.T. von dem Barrierevertrag von 1719 her (v. STtbik,
S. 5327 ff.); Weeveringh, Si72ff.; Lagemans, \Recueil, II, 207 £f,

341
        <pb n="550" />
        hl —
weitere Vermehrung der Gesamtstaatsschuld, die nun 1818 sich
auf 616 940 678 fl. „‚wirkliche‘“ und I 205 607 686 fl. „‚aufgeschobene‘“‘
Schuld belief?).
Allmählich griff in dem zunächst soliden und durchsichtigen
System der Konvertierung und Amortisation der Schulden ein Geist
um sich, der von weniger solider Art war und höchst unheilvoll
gewirkt hat. Nachdem seit 1819 eine Amortisation der „aufgeschobenen‘‘
 Schuld in Angriff genommen war, außer den jährlichen
 Auslosungen von 5 Mill. fl., wurde durch Gesetz vom 25. Dezember
 1824 an Stelle der jährlichen Auslosung eine solche für
25 Jahre auf einmal gesetzt. Hierdurch erfuhren diese Auslosungen
eine ganz andere Bewertung. Die sog. ‚„„Kansbiljete‘‘, die auf je
1000 fl. lauteten, gaben bisher ein Anrecht auf die Verlosung und
waren Anweisungen, die die Vorteile einer Auslosung genossen.
Diese Lose weckten den Spekulationsgeist und wurden an der
Börse auf Grund gewisser Glücksberechnungen gehandelt. Als nun
mit der Auslosung für 25 Jahre die Hoffnung auf den jährlichen
Glücksfall entfiel, sank das Interesse für jene Billete; das war um
so verständlicher, als das Amortisations-Syndikat, dem diese Operationen
 oblagen, 125 000 Billete ankaufen mußte und in 25 Jahren
Gelegenheit hatte, durch finanzielle Maßregeln auf den Preis zu
drücken. Das Vertrauen wurde dadurch stark erschüttert; man
verlor den Mut, sein Geld in diesen Billeten anzulegen, sie sanken
naturgemäß stark im Kurs?).
Hatten die älteren Amortisationsinstitute, die 1798 errichtete
Amortisationskasse und das 1810 begründete, 1815 erneuerte Amortisationssyndikat,
 günstig gewirkt, soweit das unter den bestehenden
 Verhältnissen möglich war, so konnte man das von dem 1822
errichteten neuen Amortisationssyndikat nicht behaupten.
 Der Begründer und die Seele dieses Instituts war König
Wilhelm, ein kluger und geschäftseifriger Monarch, der aber
doch einen gewissen Dilettantismus nicht verleugnen konnte. Höchst
bedenklich war es schon, dem Syndikat so hohe Einkünfte zu
überweisen; diese Ausstattung bestand in 94 Mill. 2%proz. Schuld
und 116 Mill. 4 %proz. Schuldscheinen, ferner in der Befugnis, Do-3.
 Weeveringh, S.\82ff.
2) Weeveringh, S. J1oıff.

54:
        <pb n="551" />
        mänen, die einen Reinertrag von I 750 000 fl. abwarfen, zu veräußern‘).

Bedenklich war auch die dem Syndikat zugesicherte Geheimhaltung
 der allein dem König verantwortlichen Verwaltung. Die
Regierung schützte aber von vornherein diese Schöpfung, und es
gelang ihr, dem Syndikat eine fast allmächtige Stellung in der
Finanzverwaltung des Staats zu verschaffen. Einer der ersten
Schritte auf diesem Wege bestand darin, daß schon 1823 die „aufgeschobene‘‘
 Schuld und die zu ihr gehörigen Kansbillette wie auch
die Obligationen des alten Amortisationssyndikats in Obligationen
des neuen umgewandelt wurden?). Zu diesem Zweck, d. h. zum
Ankauf der „aufgeschobenen‘‘ Schuld wurden nach und nach dem
Syndikat immer größere Summen zugewiesen, von Ende 1824—1828
waren es ı2 Mill. fl. Ferner wandte das Syndikat sein Interesse
den Domänen zu. Diese waren seit 1816 frei von allen Lasten,
außer den Rechten des Prinzen Friedrich, die ihm zur Schadloshaltung
 für den Verzicht auf den Thron zugewiesen waren?). Das
Syndikat aber schrieb, um ein Defizit von 50 Mill. fl. zu decken,
1824 eine Anleihe von 100 Mill. fl. zu 2% % au! die Domänen aus,
womit man wieder, wie schon 1822 bei einer Ausgabe von 80 000
Obligationen, eine Lotterie verband, obwohl die 2. Kammer sich
bereits einmal gegen einen solchen Plan erklärt hatte*). Diese Domänenanleihe
 brachte nur etwas über 38 Mill. fl. ein. Dann kamen
die überseeischen Besitzungen an die Reihe; sie waren stets geldbedürftig
 und erhielten 1826 vom Staat 20 Mill. fl. zu 5%, 1828
abermals ı5 Mill. fl.; beide Anleihen übernahm, obgleich schon
zwei ostindische Anleihen bestanden, das Syndikat. Im Schoße
der Generalstaaten stieß diese Anleihe auf starken Widerstand;
man forderte Aufklärung und Einsicht in die ostindische Verwalı)
 Osiander, Niederl. Finanzen, S. 167. — Über den leichtsinnigen
Umgang mit den Domänen und die freilich nur teilweise verwirklichten einschlägigen
Pläne 1822 vgl. Blok, Gesch. v. h. ned. volk, VII, 408 ff.
2) Weeveringh, S. 140.
3) Der Umfang der Domänen hatte seit der Revolutionszeit stark zugenommen,
 vgl. Andriessen en van\Lis, S. 6z ff.
4‘) Weeveringh, S. 141 ff., 149 ff. Gegen die Domänenlotterie namentlich
 Hogendorp; vgl. van den Berg, Plannen, S. 219; die damals geplante
 Errichtung einer Staatsdomänenbank kam nicht zustande (ebenda).

343
        <pb n="552" />
        5 u —
tung, bevor man für solche Anleihen Kapital und Renten garantierte)).

Das Gesamtergebnis aller dieser Finanzoperationen, die im
einzelnen sich damals der Beurteilung entzogen, da den Kammern
nur ganz summarische Mitteilungen gemacht wurden, war kein
günstiges. Seit 1814 vermehrte sich die Staatsschuld erheblich,
trotz der friedlichen Zeit; der ‚wirklichen‘ Schuld von 1814 in Höhe
von 617 Mill. fl. standen Anfang 1830 gegenüber rund 919 Mill. fl.,
von denen zwar nur 780 Mill. 2% % wirkliche Schuld waren; dazu
kamen rund 139 Mill. Domanial-Losrenten, Amortisations-Syndikat-Obligationen
 usw., so daß die Renten von 15 423 517 fl. im Jahre
1814 jetzt auf 24 825 108 fl. gestiegen waren; dagegen war die
„aufgeschobene‘“ Schuld infolge Ankaufs durch das Syndikat auf
836 893 798 fl. herabgemindert. Hinzu kamen aber noch die mit
5% zu verzinsenden 35 Mill. Anleihen für die überseeischen Besitzungen?).
 Und seit Jahren bestanden teils offene, teil, stille
Defizits, die sich bis 1829 auf 16 Millionen fl. anhäuften?).
Ende 1829 kam es bei der Budgetberatung zu heftigen Angriffen
 auf die Regierung, die, um den in den südlichen Provinzen
immer stärker sich bemerkbar machenden Geist der Unzufriedenheit
 zu unterdrücken, die Finanzlage als glänzend darstellte*).
Der Widerstand auch im Norden wuchs, als im März 1830 ein
Gesetzentwurf die Herabsetzung der Zinsen der 4% % Syndikats-Obligationen
 vorschlug; dieser Vorschlag war um so bedenklicher,
als der Kapitalbetrag der neu auszugebenden Schuldscheine verschwiegen
 und daher mit Recht befürchtet wurde, daß auch jene
Maßregel nur wieder eine Vermehrung der vorhandenen Schuldschein-Mengen
 zur Folge haben und abermals große Beträge, über
deren Verwendung man im unklaren tappte, in die Kasse des Syndikats
 leiten würde. Man war mißtrauisch geworden. Von den
Einkünften der ostindischen Besitzungen floß nichts in die Kassen
des Mutterlandes; man verlangte jedoch seine Garantie für
ostindische Anleihen. Die allgemeinen Steuern verringerten sich
ı) Weeveringh, S. 166f. Gegen die ganze Finanzpolitik H ogendorp,
 VII, 3., 236 1X, 295 ff., 340 £;
23) Weeveringh, S:476.
3) Osiander, Nied. Finanzen, S. 148.
4 siander, a. a. 0. Ss. 11,

54.
        <pb n="553" />
        — 55
nicht, die Ausgaben wuchsen. Trotz der Opposition wurde aber
jener Gesetzentwurf angenommen. Die Besorgnisse, die sich an
ihn knüpften, zeigten sich bald als nur allzusehr begründet. Tatsächlich
 wurden die für die neu geschaffenen 31% %-Schuldscheine
eingehenden Beträge nicht zur Ablösung der 4% %-Schuld benutzt,
sondern den außerordentlichen Bedürfnissen der ostindischen Besitzungen
 gewidmet!). Offenbar hatte eine durchaus unzulässige
Vermischung der bewilligten Anleihen mit Zwecken ganz anderer
Art, als wofür sie bewilligt waren, stattgefunden; 14 Millionen von
den für die ostindischen Besitzungen bewilligten Anleihen und der
von der Handelsmaatschappij geleistete Vorschuß waren für diesen
Zweck nicht verwandt?); und die von dem Syndikat für die 30
Mill. fl., die sie im Sommer 1830 ausgab, zum Kurse von 90%
erhaltenen 27 Mill. fl. waren zu Zwecken benutzt, ‚die für die
Nation immer ein Rätsel bleiben werden, solange der dichte Schleier,
worin alle Operationen des Amortisations-Syndikats eingehüllt sind,
nicht gelüftet wird?)“.
Ebenso große Unklarheit wie über die Anleihen und Ausgaben
bestand über die Einnahmen. Seit 1816 lieferten diese die Domänen,
 die Post, die Lotterie, die direkten und indirekten Steuern, die
Zölle. Die Grundbelastung brachte 1817 rund 16 Mill. fl. ein, die Türund
 Fenstersteuer 2 186 150 fl., die Personal- und Mobiliar-Steuer
3789220 fl.*). Später fanden fortwährend Steuererhöhungen statt,
um die steigenden Defizits einigermaßen zu decken. Die Anschläge
waren stets sehr mangelhaft und wahrscheinlich absichtlich falsch®).
Eine gründliche Steuerreform, wie sie nach der französischen
 Zeit eine der ersten Pflichten des neuen Staats gewesen
wäre, ehe man an die Kontrahierung weiterer Schulden ging, zumal
sie doch schon Ende des 18. Jahrhunderts in Angriff genommen
war, fand nicht statt. Während im Zollwesen eine tarifarische
Neuerung der andern folgte, übernahm man das ganze ungeheure
Bündel direkter und indirekter Abgaben aus der Zeit der Republik.
Das Gesetz vom ı2. Juli 1821, das nur mit 55 gegen 51 Stimmen
ı) Osiander, SS. 108,
? Osiander, SilI6; Weeveringh, S. 288,
5) Osiander,'S 17.
)- Weeveringh, S.179.
5) Weeveringh,S. ı91f
Baasch, Holländische Wirtschaftsgeschichte.

+5
35
        <pb n="554" />
        — 7 J —
in der 2. Kammer durchging, und die weiteren sich anschließenden
Steuergesetze waren nicht von neuem reformatorischen Geiste erfüllt,
 sondern rein. fiskalischer Natur; seinen Höhepunkt fand dieses
„System“ in. der Personalsteuer, auf die wir unten zurückkommen‘).
Und doch traten die Mängel im Steuerwesen zurück hinter
der Mißwirtschaft im allgemeinen. Finanz- und Schuldenwesen; hier
arbeitete man zum großen Teil mit Kreditmitteln. Diese
schlechte Wirtschaft hat zweifellos-die Loslösung
 Belgiens mit befördert, wenn auch, wie
schon bemerkt, im wesentlichen politische Gründe diese Trennung
herbeigeführt haben. Der unverfälschte Fiskalismus des Steuerwesens
 trug in hohem Grade dazu bei, die mittleren Klassen Belgiens
gegen diesen Staat zu erbittern; selbst in den höheren Kreisen
der nördlichen Niederlande, wo. man sonst gegenüber Steuer- und
Finanzdruck von altersher eine rührende Geduld bewies, ‚stieß er
auf starken Widerspruch. Die Loslösung hatte finanziell zunächst
die Folge, daß die nördlichen Niederlande mehrere Kriegsanleihen
aufnehmen mußten, insgesamt 231 Mill. fl., von denen aber nur
169 400 000 fl. ausgegeben wurden?). Ferner schaffte man sich Geld
durch Ausgabe von auf den Namen geschriebenen Rezepissen, zu
deren Annahme jeder Reichsangehörige gezwungen War. Diese
Zwangsanleihe zu 5% war aber schon 1835 durch Auslosung getilgt;
 eine weitere zu 6% war bis 1834 getilgt. Sodann gab man
6% und 4%-Schatzanweisungen für kurzfristige Darlehen aus®).
Die. „wirkliche“ Schuld zu 2% % betrug beim Ausbruch der
belgischen Revolution 780 Mill. fl.; bis 1841 verminderte sie sich
auf rund 769 Mill.*) Doch zwangen die unaufhörlichen finanziellen
Nöte, die stets wiederkehrenden. Defizits zu Maßregeln, die einer
besseren Zukunft den Weg ebnen sollten. Dazu gehörte die Ver-1)
 Sickenega, Geschiedenis, I, ı11f., 143, 173; ebenda, II, 169 ff. eine
Übersicht über die Steuern’ nach 1813. Über den Widerstand Belgiens gegen das
Steuergesetz von 1821I, namentlich gegen die Akzise, vgl. Ter linden, S.ı51.
Vgl. auch über die Akzise und den belg.-holl. Gegensatz Groeneveld Me 1jer,
Ss. 34.
23) Weeveringh, S. 249.
3) Gegen diese Schatzanweisungen scharf Os jander, S. 3of. Einen
guten Überblick über die damaligen Schulden der Niederlande und ihre Entstehung
bei Baumstark, Staatswiss. Versuche usw., S. 587 ff.
4 Weeveringh, S. 206.

SAf
        <pb n="555" />
        5 —
wandlung der „aufgeschobenen“‘‘ Schuld in ‚wirkliche‘ durch das
Gesetz vom 27. September 1841. Man hoffte dadurch die Berechnung
 der Staatsbedürfnisse auf eine festere Grundlage zu stellen,
da man nun nicht mehr beeinflußt war durch die Schwankungen der
Börsenkurse beim Einkauf der Obligationen der „wirklichen“ und
„aufgeschobenen‘‘ Schuld, die für die jährliche Amortisation notwendig
 waren!). Diese verfrühte Konversion war für die Interessen
des Reichs vorteilhaft und seit langer Zeit die erste verständige
Maßregel im Finanzwesen. Gemäß dieser Konversion wurden für
1000 fl. „aufgeschobene‘‘ Schuld und ein Kansbiljet von gleichem
Betrage 68 f. ‚wirkliche‘ Schuld zu 2% % ausgestellt, die eine
jährliche Rente von 1,70 fl. gab. Der Einfluß dieser Umwandlung
auf die ‚wirkliche‘ Schuld war nur gering; der Börsenkurs veränderte
sich wenig. Mit dem 30. April 1850 verschwand die „aufgeschobene““
Schuld völlig.
Als verhängnisvoll hatte sich mehr und mehr die Tätigkeit des
Amortisations-Syndikats erwiesen. Die schon erwähnte.Konvers
 on seiner Obligationen 1830, die trotz der bald darauf erfolgenden
 politischen Ereignisse durchgeführt wurde, bedeutete gleichzeitig
 den Beginn einer steigenden Opposition gegen dies Institut.
Nur der Kriegszustand und das gute Verhältnis zwischen Fürst und
Staat verhinderte es, das schon damals schärfer vorgegangen und
die wiederholt geforderte Auflösung des Syndikats durchgesetzt
wurde?). Es war doch sehr auffallend, daß, obwohl der Staat inzwischen
 nahezu zwei Drittel seiner Bevölkerung und etwa die Hälfte
seiner Einnahmen verloren hatte, sich das gewöhnliche Ausgabebudget
 für 1832 auf 40—41 Mill. fl. belief, während in dem letzten
I0 jährigen Budget von 1829 die gesamten ordentlichen Ausgaben
für das noch vereinigte Land nur 60—61 Mill. betrugen?).
Am bedenklichsten war die Wirksamkeit des Syndikats auf
dem Gebiete der Finanzen der überseeischen Besitzungen. Die
Anleihen für diese liefen lediglich zu Lasten des Mutterlandes. Wenn
gelegentlich im Budget eine „uitkeering‘“ aus den Einkünften der
Kolonien erschien — 1836 waren es mehr als 16 Mill. f1 —, so waren
das n’chts als Vorschüsse des Syndikats, die aber als solche nicht
l) Weeveringh, S..207.
2) Osiander, S. 63f.
3) Osiander;, S./50.

47
35*
        <pb n="556" />
        — 480 —
zu erkennen waren, so daß eine offenbare Täuschung vorlag. Das
Syndikat griff nun zu dem Hilfsmittel, daß 1836 durch Gesetz
die Schuld der überseeischen Besitzungen auf 140 Mill. fl. festgesetzt
 und daß diese Schuld in eine Obligationsanleihe umgewandelt
wurde. Von solchen Anleihen wurden in den nächsten Jahren
mehrere aufgenommen‘).
Die andauernden Defizits, die das Land erschöpften, wirtschaftlich
 überaus nachteilig wirkten und nur dadurch temporär verschwanden,
 daß sie aus den Fonds der Kolonien gedeckt wurden,
rührten meist daher, daß der Posten für die nationale Schuld
im Budget stets unvollständig und unaufrichtig war. Die ganze
Aufstellung des Budgets beruhte seit Jahren auf verkehrter Grundlage.
 Eine radikale Änderung trat erst ein, als 1840 mit dem Rücktritt
 des Königs Wilhelm, der mit den Finanzwirren in engem
Zusammenhang stand, das berüchtigte Amortisationssyndikat aufgehoben
 wurde. Mit dem neuen Budget brach eine andere Zeit für
die niederländischen Finanzen an; sie zeichnete sich zunächst durch
größere Öffentlichkeit aus. Man verminderte nun manche Ausgaben,
schritt zur Aufstellung eines richtigen Budgets der Kolonien und zur
Regelung der finanziellen Beziehungen zu ihnen. Eine der ersten
verständigen Maßregeln war die schon erwähnte Konversion der
„aufgeschobenen‘‘ Schuld. Leider zeigte sich, daß die unzähligen
Millionen, die man seit 1814 unter den verschiedensten Namen bewilligt
 hatte, ein vergebliches Opfer darstellten. Zu dem Defizit
von 34 Mill. fl. kam noch eine Schuld von 32 Mill. fl. an die Handelsmaatschappij.
 An jährlichen Renten waren von 1841 ab nicht
weniger als 35% Mill. fl. zu zahlen?). Es blieb, wollte man reinen
Tisch haben, nichts anderes übrig, als ein großes Opfer zu bringen,
da der Staatsbankerott drohte. Einer zwangsweisen Herabsetzung
des Zinsfußes, wie sie damals vorgeschlagen wurde, widersprach
man entschieden, da das einem Staatsbankerott gleichkomme und
das Interesse des Landes schwer schädigen müsse. Ebenso bekämpfte
 man den Vorschlag einer Belastung des Besitzes?). Man
zog doch eine Beseitigung der Finanzklemmevor, die jedermann billige
1) Weeveringh, S. 288f., 308 f. Die Beiträge Nied. Indiens an das
Mutterland nach 1831 vgl. bei Franck, S. 517.
23) Weeveringh, S. 357248.
3) Veder, S. 20 0l.. 464.50.
        <pb n="557" />
        A
und gleiche Aussichten bot. Diese Lösung bestand in der Aufnahme
einer freiwilligen 3 %-Anleihe im Jahre 1844; mit ihr wollte man
die Konversion der 5- und 4% %-Schuld in eine vierprozentige bewirken.
 Das gelang auch und brachte eine Verminderung der Rente
um 3711 738 fl., während die Kapitalschuld um nur 3 027 709 {l.
zunahm*!). Diese Anleihe wurde voll gezeichnet und damit die
subsidiär geplante außerordentliche Belastung alles Eigentums an
Mobilien, Immobilien und Vermögen überflüssig gemacht. Die
Provinzen Süd- und Nordholland waren bei dieser Anleihe wieder
am stärksten beteiligt?), doch wurde die Vollzeichnung der auf
127 Mill. berechneten Anleihe nur dadurch erreicht, daß König
Wilhelm I. allein 10 Mill. fl. übernahm.
Zum Zweck der Konversion der Kolonial-Anleihen wurde ferner
eine 4 %-Obligationen-Anleihe von 35 Mill. fl. aufgelegt, um damit die
älteren 5 %-Kolonial-Anleihen zu konvertieren. Endlich wurde auch
die 2% % belgische Schuld, die zugunsten der niederländischen
Regierung im Großbuch des Königreichs Belgien eingetragen war
und 100 Mill. fl. betrug, flüssig gemacht, teils durch Umtausch der
niederländischen ‚,wirklichen‘‘ in belgische Schuld, teils durch Verkauf
 an das Bankhaus Rothschild?).
Durch alle diese Operationen gelangte die Regierung in den
Besitz ansehnlicher Beträge, so daß sie nunmehr zu der großen
Konversion aller älteren Schulden schreiten und namentlich die
5 % „Wirkliche‘“ Schuld teilweise konvertieren, teilweise ganz tilgen
konnte; das war 1845 abgeschlossen. Ebenso wurden die 4% %-Obligationen
 des Amortisations-Syndikats bis Mitte 1846 zurückgezahlt,
 desgleichen die 5 %-Domanialrenten. Ohne Zweifel war
diese ganze Finanzoperation sehr geschickt gewesen und mit verhältnismäßig
 geringen Mitteln viel erreicht worden, .freilich auch
begünstigt durch den damaligen hohen Stand der ausländischen
Effekten. Der Erfolg bestand darin, daß am 1. Januar 1852 die
Zinsenlast 35 852 oı2 fl. betrug, während am I. Januar 1844 die
) Weeveringh, S.373f., 407. .
?) Es zeichneten Nord-Brabant 3 903 646; Gelderland 5 356 596; Südholland
27 463 756; Nordholland 53 953 645; Seeland 4 568 412; Utrecht 6 889 429; Friesland
 5201 579; Overyssel 3 206 288; Groningen 4 069 112; Drenthe 732 211; Limburg
 16535321 fl. (Weeveringh,S. 4712).
3 Weeveringh, Siı4loffs Franck, S. 514.

ix.
        <pb n="558" />
        Verzinsung 43 900 637 fl. betragen hatte!); diese Verminderung war
eine wertvolle Frucht der Konversion. Auch das Jahr 1848, das
einen beträchtlichen Rückgang in den Einnahmen brachte, war
glücklich überwunden worden; das Defizit dieses Jahres von nahezu
10 Mill. fl. wurde in den nächsten Jahren gedeckt; 1848 konnte
man sogar die Schlacht- und Mahlsteuer herabsetzen?).
Unter der fast 3ojährigen finanziellen
Mißwirtschaft, deren Grundlagen freilich schon in die
frühere Zeit zurückreichten, hat ohne Zweifel auch die
Volkswirtschaft gelitten, insbesondere Handel
und Industrie. Die steigenden Steuern lasteten schwer auf
allen Ständen; wenn in den 1830er Jahren ein Volk von etwa
21% Mill. Menschen jährlich etwa 70 Mill. fl. an Abgaben aller Art
zu entrichten hatte, so mußte das schließlich auf den Wohlstand
drücken; selbst in den Provinzen Süd- und Nordholland verringerte
sich der Ertrag der meist nur Wohlhabende treffenden Personalsteuer
um ein Fünftel?). Wie die Fabriken unter dem erhöhten Arbeitslohn
bei gesteigerter Konkurrenz litten, so war auch. dem Handel die durch
die hohe Besteuerung verteuerte Lebenshaltung schädlich. Grade
jetzt machte sich in dieser Beziehung wieder die Konkurrenz Hamburgs
 und Bremens doppelt fühlbar; dort war die innere Besteuerung
weit geringer. Es knüpfte sich deshalb auch an die Finanzreform
der 1840er Jahre gleichzeitig eine Bewegung, die für ein gerechteres,
eine gleichmäßigere Lastenverteilung mit sich bringendes Steuersystem
 eintrat, die die Akzise auf notwendige Lebensmittel, wie
Torf, Kohlen, Salz, Bier, Seife verwarf und die Erleichterung des
Transits forderte, andererseits aber den Genuß von Tabak, namentlich
 Zigarren, dann von Kaffee und Tee stärker besteuern wollte und
eine neue Steuer auf Spielkarten vorschlug*). Insbesondere 1848
und 1849 war diese Erörterung in der Presse äußerst lebhaft; man
beklagte die Systemlosigkeit der Steuern, forderte mehr Freiheit
für den Handel auch im Steuerwesen und verurteilte namentlich
ı»ı Weeveringh, S. 486 f.
2) Ebenda, S. 494 f., 514.
3) Osiander, Nied. Finanzen, S. 165.
4) Aus der großen Literatur sei nur hingewiesen auf Ackersdijk, Belastingen;
 P. v. V., Vertoog; Een kort en onparteydig woord etc. (1843). Über
die Akzise und den von ihr verschuldeten Schmuggel von Salz vgl. Sickenga,
Geschiedenis, II, 24 ff.; schon Hogendorp V, 200 ff. hatte dies betont.

550
        <pb n="559" />
        CO
die hohe Gewerbesteuer!). Auch die Einkommensteuer fand schon
Verteidiger; doch war sie noch sehr unbeliebt?). So wurde in. dieser
Zeit auch das Steuerwesen als Hebel für die Durchsetzung freihändlerischer
 Ideen verwendet. Herrschte hierüber allerdings noch keine
volle Klarheit, so waren doch diese Erörterungen für die spätere
Durchführung der Steuerreform sehr nützlich.
Eine solche wurde allerdings immer dringender; bei der Verfassungsrevision
 des Jahres 1848 wurde das ausdrücklich anerkannt.
Die Mißwirtschaft in den vorausgehenden Jahrzehnten hatte eine
Reihe von Steuern an den Tag gefördert und dem Volke eine
Zinsenlast aufgebürdet, die einen gerechteren Verteilungsmodus
dieser Lasten zu einem unabweisbaren Bedürfnis machte. Zweifellos
lag in der mangelhaften Verteilung der Steuerlasten weit mehr als
in der absoluten Steuerlast ein Grund zu tiefgehender Unzufriedenheit
 und zu vielen sozialen Mißständen?). Das nach der Wiederherstellung
 der Freiheit jahrzehntelang in Übung befindliche Steuersystem,
 wenn man von einem ‚„System“‘‘ reden konnte, bestand in
der Bevorzugung des Kapitals, soweit es außerhalb der gesellschaftlichen
 Arbeit sich befand, vor der Arbeit und demjenigen Kapital,
 das diese unterstützte; diese Bevorzugung galt weniger den
Personen als dem Streben, ohne Mühe und Sorge in Ruhe die Frucht
der Arbeit anderer zu genießen und diesen Genuß möglichst noch
durch das Börsenspiel zu vermehren*). Es mußte deshalb darauf
ankommen, die Einkünfte schärfer und gerechter als bisher zu erfassen
 und gleichzeitig die Belastung des Konsums im weitesten
Sinne (Lebensmittel, Wohnung) den tatsächlichen Einkommensverhältnissen
 entsprechend zu gestalten, namentlich aber den kleinen
Landbauer, Beamten, Kleinhändler usw. von Lasten zu befreien,
die ihn in seiner Bewegung und seinem Gewerbe hemmten, endlich
aber alle jene zahllosen, das tägliche Leben gerade der kleinen
Leute verärgernden und beschwerenden, meist unwirtschaftlichen
Abgaben ganz zu beseitigen.
In erster Linie hatte man eine allgemeine Einı)
 L. van Vliet; Kerkhoven; diese Steuer tadelt insbesondere
de Bosch Kemper, De Armoede, S. 211 f.
2) E. van Voorthuijsen (bei Ackersdijk).
3) Das betont-u. a. de Bosch Kemper, De Armoede, S. 203 ff.
4 Sickengaz, a. a. O., ]I, 180.

RI
        <pb n="560" />
        kommensteuer in Aussicht genommen; seit 1849 ist sie nicht
mehr von der Tagesordnung der öffentlichen Erörterung verschwun»-den?!).
 Energisch rückte man jetzt den Akzisen, die seit längerer
Zeit ein Angriffsobjekt seitens aller ein liberales Steuersystem verteidigenden
 Elemente bildeten, auf den Leib. Doch mußte für die
etwa 20 Mill. fl., die sie noch 1850 einbrachten, ein Ersatz geschaffen
werden; es rächte sich, daß man finanziell von diesen Verbrauchsabgaben
 in so hohem Grade abhängig war; und als Folge des damals
erfolgenden Einlenkens in eine freihändlerische Zoll- und Schiffahrtspolitik
 durfte man wohl einen wirtschaftlichen Aufschwung erwarten,
 der schließlich auch den Steuererträgen zugute kam; aber
eine Steuerreform wurde damit nicht überflüssig. So glatt sich
aber die liberalen Wandlung im Zoll- und
Verkehrswesen vollzog, cbenso schwierig erwies
 essich, derliberalen Tendenz im Steuerwesen
 zum Siege zu verhelfen. Zwar kam es 1852
nach langen Beratungen zur Abschaffung der Akzise auf Hammelund
 Schweinefleisch und zur Ermäßigung der Akzise auf Salz,
Spirituosen und Zucker; der viel wichtigere Vorschlag einer Zinssteuer,
 d. h. einer partiellen Einkommensteuer fand keinen Beifall;
die Opposition, die von verschiedenen Motiven ausging, richtete
sich hauptsächlich doch gegen das System der geplanten Steuer.
Wieder trat hier, wie mit Recht bemerkt worden ist?), der hochgespannte
 Individualismus des niederländischen Volkes zutage, dem
es schwer wurde, das allgemeine Interesse der persönlichen Meinung
unterzuordnen. So schritt man auch weiterhin nur sehr vorsichtig
auf dem eingeschlagenen Wege der Steuerreform fort; einer systematischen,
 gründlichen Reform wich man aus, obwohl die Staatseinkünfte
 infolge ihrer dauernden Zunahme dazu einluden. Mit
dem I. Januar 1856 wurde die Mahlsteuer, die seit Jahrhunderten
viel Angriff erfahren hatte, aufgehoben?) ; es war ein Ausfall von
etwa 4% Mill. fl. Gleichzeitig fiel auch das Tonnengeld, d. h. eine
Verkehrsabgabe. Dann tat man aber wieder einen Rückschritt,
') Boissevain, S. 424 ff.; auch für das folgende.
23) Boissevain, S. 446:
3) Vgl. auch Sickenga‚, Geschiedenis, II, 39 ff. Über den Widerstand
der Belgier gegen die Mahl- und Schlachtsteuer (1821) vgl. Falck, Gedenkschriften,
 S. 253.
        <pb n="561" />
        = % —
indem man die Zuckerakzise und den Steuerzuschlag auf Spirituosen
erhöhte; damit sollte der Ausfall der Mahlsteuer teilweise gedeckt
werden. Immerhin bildete die Aufhebung der letzteren grundsätzlich
 einen wichtigen Wendepunkt in der Steuerpolitik des Landes,
zumal jene Aufhebung auch das wirtschaftliche Leben der Gemeinden
 traf, die nun keine Zuschläge mehr von einer Steuer erheben
 durften, die gar nicht mehr bestand, und daher genötigt
waren, zu Kopfsteuern zu greifen.
Von einer Einkommensteuer, die alle kleineren indirekten
Steuern überflüssig gemacht hätte, war schon lange nicht mehr die
Rede; ihre Notwendigkeit war gegenüber der früheren Zeit allerdings
 nicht so dringend; während 1836 das Verhältnis der Steuern
auf unentbehrliche Lebensbedürfnisse zu den direkten Abgaben
wie I00 : I47 stand, war 1856 dies Verhältnis 100 : 220. Auch
nahmen jetzt die Zuschüsse aus den Kolonien zu den Staatseinnahmen
 dauernd zu; von 1849—1861 flossen der Staatskasse dadurch
 rund 309 % Mill. fl. zu. Das ermöglichte eine erhebliche Herabsetzung
 der Staatsschuld, deren Zinsen von 35% Mill. im Jahre
1849 auf 29 Mill. 1861 sanken. Man konnte nun endlich auch die
schon lange geplante Revision des Zolltarifs vornehmen; sie erfolgte
im Jahre 18621); auf die Steuereinnahmen hat diese Tarifreform,
die u. a. die Ausfuhrzölle beseitigte, nur geringen Einfluß gehabt.
Jetzt schien der Zeitpunkt für eine gründliche Steuerreform
gekommen zu sein; die Regierung trat der Frage der Beseitigung
der staatlichen und städtischen Akzisen wieder näher; dabei handelte
es sich im wesentlichen um einen Ausgleich mit den Gemeinden,
denen für den Ausfall an Akzisen andere Einnahmen zugewiesen
werden mußten. Insbesondere wollte aber die Regierung auch die
sehr drückende, ganz nach äußerlichen Merkmalen erhobene Gewerbesteuer
 (Patentrecht) einer Neuregelung unterwerfen;
die etwa 3 Mill. fl., die sie einbrachte, sollten möglichst auf die
ganze Bevölkerung verteilt werden?). Der Steuerplan war aber
1) Vgl. oben S. 449.
*) Schon Gogel hatte 1820 sich sehr absprechend über die Gewerbesteuer
ausgesprochen; sie hindere junge Leute daran, ein Gewerbe zu ergreifen und zwinge
andere, die einen kleinen Nebenerwerb hätten, diesen aufzugeben (Sickenga,
I, 73); diese Steuer war namentlich durch ihre Ungleichmäßigkeit ein Kuriosum;
so zahlte ein mit 3 Gesellen arbeitender Grobschmied in Sneek 5, in Leeuwarden ı2,
in Tilburg 4,50, in s’Hertogenbosch ız2 fl. (ebenda, S. 79).

53
        <pb n="562" />
        — 41 —
zu umfassend, um nicht auf große Bedenken zu stoßen; die mit
ihm gleichzeitig verbundene Erhöhung der Zuckersteuer, der Spirituosen-
 und Bier-Akzise, die Einführung eines Zolles auf Kaffee
und die Erhöhung des Teezolls waren nur zu sehr geeignet, diesem
Steuerplan Hindernisse zu bereiten und die Freude über die‘ vorgeschlagene
 Abschaffung der Akzise auf Brennmaterialien und Seife
stark zu beeinträchtigen. So wurde auch nur die Abschaffung der
Akzise auf Brennstoffe und die Erhöhung der Spirituosensteuer
1864 bewilligt. Die finanzielle Auseinandersetzung mit den Gemeinden;
 für die es auch sonst noch an manchen Voraussetzungen
fehlte, unterblieb. Trotzdem bestritt man nicht die Notwendigkeit
der Beseitigung der örtlichen Akzisen. Als Ersatz für sie konnte nur
die Personalsteuer in Betracht kommen. Diese‘ war‘ eine
allgemeine Steuer, die dem alten 100. oder 200. Pfennig in der
früheren Provinz Holland, dem Familiengeld in Seeland, dem
Hauptgeld in Gelderland usw. entsprach, und richtete sich ursprünglich
 nach dem Vermögen; durch Gesetz vom 1ı2. Juli 1821
und spätere Ergänzungen war sie zu einer sehr weitgehenden Steuer
entwickelt, ‘die den äußeren Lebensaufwand' (Mietwert, Mobiliar,
Gesinde, Fenster, Türen usw.) und mittelbar auch das Einkommen
traf!).: Auf dieser Steuer aber beruhte das ganze politische Wahlrechtssystem;
 und dieses verlor seine Grundlage, wenn jene Steuer
als Staatsauflage in Wegfall kam. Es erfolgte nun 1865 eine Einigung
dahin, daß vier Fünftel der Personalsteuer, d. h. fast 6 Mill. £l.,
den Gemeinden überlassen wurden, wogegen sie die örtlichen Akzisen
preisgaben. Volkswirtschaftlich war das sicher ein großer Gewinn,
da diese Verbrauchsabgaben schon lange als höchst unrationelle
Belastung empfunden worden waren. Als Entschädigung für den
Ausfall der Staatskasse erhöhte der Staat die Spirituosensteuer um
15 fl. Dagegen scheiterte der Versuch der Regierung, durch eine
neu vorzunehmende Einschätzung die Personalsteuer sowohl gerechter
 zu verteilen als auch ertragreicher zu machen, an dem Widerstand
 örtlicher und privater Interessen, die sich durch eine solche
Maßregel bedroht glaubten.
Zum ersten Male seit langer Zeit tauchte 1870 wieder die
1) Vgl. Sickenga, I, 109 ff. Die Personalsteuer belastete aber nur die
wohlhabenden Klassen; 1845 waren von 541 000 Grundstücken 193 800 frei von
jener Steuer, soweit sie den Mietwert traf (de Bosch Kemper, 5S. 210).

55«4
        <pb n="563" />
        —
Einkommensteuer auf. Jetzt wurde sie jedoch ‘offen in
Vorschlag gebracht als Ersatz für die aufzuhebende Gewerbesteuer,
die nichts war als eine einseitige Besteuerung einzelner aus
gewerblichen Unternehmungen herrührender Einkünfte. Da aber
der äußere Anlaß, der zu diesem Vorschlag geführt hatte, die
Kriegsgefahr, für die Niederlande sich bald verflüchtigte, versank
auch die Einkommensteuer schnell wieder in die Versenkung; die
niederländische Öffentlichkeit war für diese Steuer offenbar noch
nicht reif. Doch drängten die wachsenden Ausgaben des Staates
und die Tatsache, daß die Zuschüsse aus Indien nicht mehr wie
früher zur Bestreitung der außerordentlichen Ausgaben genügten!),
zu der Schöpfung neuer Steuerquellen, die ergiebiger waren als
die zunächst wieder herangezogenen Spirituosen, deren Akzise eine
abermalige Erhöhung erfuhr. Nur die wirtschaftliche Gunst der Jahre
nach 1870 ließ die Frage einstweilen zurücktreten. Nichtsdestoweniger
 hielt die Regierung an dem Plan einer allgemeinen Staatseinkommensteuer
 fest; ein Gesetzentwurf scheiterte aber im Mai
1872. Wieder zeigte sich die starke Abneigung gegen eine Einkommensteuer;
 lieber wollte man sich der Personalsteuer unterwerfen,
 deren Veranlagung sich nur nach dem äußerlich erkennbaren
Aufwand richtete, der man sich also bei etwas bescheidener
äußerer Lebenshaltung entziehen konnte, als einer Einkommensteuer,
die jeden nach seinem Einkommen traf. Daß letzteres ein Vorzug
dieser Besteuerung war, wollte nicht einleuchten; man bestritt
überhaupt dem Staat das Recht, von dem einzelnen Angaben über
seinen Besitz und sein Einkommen zu verlangen, da das eine Art
von Enteignung bedeute. Jener Entwurf hatte freilich allerlei
Mängel; insbesondere war das Verhältnis zur Einkommensteuer,
die auch von Immobilien erhoben werden sollte, nicht klar ersichtlich.

Mit der Ablehnung dieses Entwurfs verfiel die ganze Steuerreform
 in einen Zustand der Stagnation. Allmählich drängte aber
die Finanzlage auf Änderungen; der Aufstand in Atschin verschlang
die Einkünfte Indiens; eine Steuerreform, die eine Verminderung
der Staatseinnahmen mit sich brachte, konnte nicht mehr in Be-1)
 Von 1867 an sanken die indischen Zuschüsse in die Staatskasse dauernd;
noch 1866 beliefen sie sich auf 32 198 102 fl., 1870 auf nur 10 107 0oo fl. (Franck,
a. a. O.).

55
        <pb n="564" />
        ZA
tracht kommen. Gleich der erste Versuch, eine Erhöhung herbeizuführen,
 mißlang 1875; die Einführung einer Tabaksteuer
stieß in dem rauchfreudigen Lande auf scharfen Widerspruch;
die zum Ersatz geplante Abschaffung der Schlachtsteuer machte
dagegen keinen Eindruck, da Rindfleisch so hoch im Preise stand,
daß es kaum als Volksnahrungsmittel gelten konnte. Nur für
weitere Zollbefreiungen, die der Schiffahrt, Industrie und Landwirtschaft
 zugute kamen (Maschinen, Segeltuch, Tauwerk usw.),
war man sofort zu haben und bewilligte sie.
Seit 1876 hatte die Finanzverwaltung mit einem regelmäßigen
Defizit zu rechnen, das 1878 insgesamt 33 Mill. fl. erreicht hatte.
Insbesondere die Eisenbahnbauten hatten in den letzten Jahren
hohe Zuschüsse erfordert; 1877 stiegen sie auf rund 10 Mill. fl. Half
man sich auch zunächst mit einer Anleihe, so durfte man doch der
Vermehrung der regelmäßigen Einnahmen nicht aus dem Wege
gehen. Der erste Schritt war die Ausdehnung der Erbschaftssteuer
 auf die Erbschaften in gerader Linie; nur unter großem
Widerspruch fand diese Steuer, die man als unmoralisch bezeichnete,
Zustimmung. Erst die Tatsache, daß diese Steuer schon im ersten
Jahre ihrer Erhebung, 1880, mehr als 2% Mill. fl. einbrachte, versöhnte
 die Gemüter. Eine Effektensteuer,‚, die gleichzeitig
in Vorschlag kam, wurde jedoch, ehe sie zur Beratung kam, zurückgezogen;
 sie stand mit der in den Niederlanden sorgfältig gepflegten
traditionellen Börsenfreiheit in zu starkem Widerspruch; als die
Steuer in einem neuen Entwurf den Charakter einer partiellen
persönlichen Einkommensteuer erhielt, verfiel sie demselben
Schicksal).
So folgte nun wieder eine längere Periode des Stillstandes in
der Steuerentwicklung. Kleinere Änderungen hatten auf die Steuererträge
 geringen Einfluß. Ein Versuch, die Frage der regelmäßigen
Zuschüsse aus der indischen Verwaltung an das Mutterland generell
zu regeln und letzterem dadurch eine feste Einnahme zu sichern,
scheiterte 1880 und auch später?). Ebenso mißlang es 1881, durch
eine „Rentensteuer‘, die viele Ähnlichkeit mit der früher vor-1)
 Über die Effektensteuer vgl. Heshusius „Effecten-Belasting‘“ in
De Economist, 1879, S. 527 1f.
2) Der Grund lag hauptsächlich in den seit 1878 fast chronischen Defizits
des indischen Budgets (Franck, S. 532 ff.).

55
        <pb n="565" />
        SS
geschlagenen ‚„Effektensteuer‘‘ hatte, dem Staat neue Einnahmen
zu schaffen; es erwies sich doch als unmöglich, mittels einer
selbständigen Steuer auf das Effektenkapital eine partielle, persönliche
 Einkommensteuer zu schaffen. Eine Reihe von Steuervorschlägen,
 die in den nächsten Jahren folgten, zeichnete sich
durch völlige Systemlosigkeit aus; z. T. liefen sie hinaus auf eine
Wiedereinführung der früher abgeschafften Zölle auf Getreide und
Holz, auf erhöhte Eingangszölle auf Tee und auf außerordentliche
Zuschläge zur Personal- und Grundsteuer. Nur etwas scheinbar
Neues war die 1884 vorgeschlagene ‚‚Klassensteuer‘‘, die in Wirklichkeit
 nichts anderes war als eine allgemeine Einkommensteuer
und diesen Namen bloß aus taktischen Gründen vermied. Dafür
sollte dann die Gewerbesteuer endlich fallen und lediglich für die
Aktiengesellschaften fortbestehen. Die ‚„„Klassensteuer‘‘ fiel sofort;
eine Steuer des Einkommens aus Vermögen nach dem tatsächlich
bezogenen Einkommen statt nach einem festen Maßstab galt für
sehr bedenklich. Mit kleineren Hilfsmaßregeln half man sich nun
über die Finanzklemme hinweg und brachte auch das Budget
nahezu ins Gleichgewicht. Nur gegen Rückfälle in die Schutzzollpolitik
 verhielt man sich ablehnend; als aus steuerlichen Gründen
1885 der Holzzoll wiederhergestellt und die Zölle auf Erd- und
Steinöl, Tee und Früchte erhöht werden sollten, fand das keinen
Beifall. Erfolgreich verlief dagegen die 1886 vorgenommene Konversion
 der 41% %-Staatsschuld in eine 3% %; sie brachte der Staatskasse
 eine jährliche Ersparnis von 1!/, Mill. fl.
Worauf seit Jahrzehnten vergeblich hingewirkt worden war,
dem Steuerwesen durch eine umfassende Einkommensteuer die
feste Grundlage zu verleihen, das ging nun endlich seiner Verwirklichung
 entgegen. Es war das Verdienst des Finanzministers
Pierson, dies durchgesetzt und damit das wichtigste Ziel, eine
gerechtere Verteilung der Steuerlasten, erreicht zu haben. Bisher
war noch immer der Steuerdruck für die weniger Begüterten zu
hoch. Der Entlastung diente ein Vermögenssteuergesetz und ein
Gesetz betr. die Steuer von den Einkünften aus Beruf usw. Letzteres
Gesetz, das neben physischen Personen auch Aktiengesellschaften
aller Art, Handelsgesellschaften usw. traf, trat an die Stelle der
bisherigen Gewerbesteuer und bildete mit dem Vermögenssteuergesetz,
 das nur physische Personen betraf, zusammen ein Steuer-
        <pb n="566" />
        3 --system,
 das alle Einnahmen ohne Ausnahmen erfaßte; beide
Gesetze griffen vielfach ineinander über und bedingten sich gegenseitig.
 Daneben blieb die Grundsteuer bestehen; sie galt als eine
Realsteuer, die neben der persönlichen Vermögenssteuer ihre Berechtigung
 hatte. Dagegen war der Gewinn aus der Landwirtschaft
steuerfrei; das entsprach dem früheren Verhältnis, nach dem sie
auch von der Gewerbesteuer frei gewesen war. Vermögenssteuer
zahlte aber der Grundbesitzer neben der Grundsteuer. Diese war
von dem Pachtwert des Bodens abhängig; eine Belastung des landwirtschaftlichen
 Gewinnes durch die Einkommensteuer oder frühere
Gewerbesteuer hätte somit eine doppelte Besteuerung bedeutet.
Doch wurde der Landwirtschaft insofern noch eine Erleichterung
zuteil, als die Grundsteuer auf die unbebauten Grundstücke auf
6%, festgesetzt wurde. Wichtig war aber die starke Herabsetzung
der Immobilienabgabe, die bei Besitzübergang gezahlt wurde und
die gerade von den kleineren Grundbesitzern, die öfter zum Verkauf
 gezwungen waren als die großen, als sehr lästig empfunden
wurde; ihre Herabsetzung entsprach einer sozialwirtschaftlichen
Notwendigkeit.
Zweifellos waren diese neuen Gesetze ein großer Fortschritt
in der. bisherigen Steuergesetzgebung; nicht nur daß sie finanziell
wertvolle Erträge abwarfen, sie waren auch finanztechnisch und
sozial wohl durchdacht und machten der systemlosen Steuersucherei
ein Ende, da die in diesen Gesetzen enthaltenenen Tarife ja stets
je nach Bedürfnis verändert werden konnten. Außer den bereits
erwähnten Herabsetzungen anderer Steuern wurde ferner die Akzise
auf Seife völlig aufgehoben und die Salzsteuer stark herabgesetzt.
Mit diesen Gesetzen, die 1892 und 1893 erlassen wurden, hatte die
Piersonsche Steuerreform vorläufig ein Ende‘).
Von den Akzisen konnte man sich auch späterhin nicht trennen; sie bildeten
 immer noch eine sehr erhebliche Einnahmequelle, 1913: 66% Mill. fl., während
 die direkten Steuern (Grund-, Personal-, Gewerbe- und Vermögenssteuer)
damals rund 53 Mill. fl. einbrachten. Auf den Kopf der Bevölkerung kamen
aus direkten Steuern 1841/50: 5,99 /11.; "z912:408:33 4.
‚„„ Akzisen 1841/50: 6,31 ,, 1912: 10,62
1) Auch die „‚Personalsteuer‘‘ erfuhr durch Gesetz vom 16. April 1896 eine
Neuregelung; sie war nun im wesentlichen eine Miete-, Öfen-, Mobiliar-, Luxuspferde-
 und Dienstbotensteuer.

55%
        <pb n="567" />
        aus indirekten Abgaben (Stempel usw.) 1841/50: 3,09 fl.; 1912: 4,94 fl.
„ Zöllen 1841/50: 1,65 „= 1012; 2,60 -,,4)
Die Belastung durch die Verbrauchssteuern (Akzisen) hat sich also immer
noch stärker entwickelt als diejenige durch die direkten Steuern?).
$ 8. Bank- Geld- und Börsenwesen.
An dem wirtschaftlichen Wiederaufbau nach 1814 hat das
Bankwesen seinen, wenn auch bescheidenen Anteil gehabt. Es
bedurfte zunächst erst selbst einer Reorganisation. Die Amsterdamer
 Wechselbank, auf die sich nahezu 200 Jahre das niederländische
 Geldwesen gestützt hatte, trug schon längst die Keime
ihres Unterganges in sich. Sie war errichtet in erster Linie mit
dem Zweck, den Handel mit Münzsorten zu kontrollieren und zu
regeln; das war hinfällig geworden, da der Großhandel fast gar nicht
mehr mit barem Gelde arbeitete, sondern mit Wechseln. Daher
wurde die Bank durch königl. Dekret vom 19. Dezember 1819 aufgehoben?).
 Auf völlig anderer Grundlage beruhte die 1814 errichtete
 „Nederlandsche Bank“; sie war Notenbank
 und sollte in dieser Eigenschaft den Bedürfnissen des Geldmarkts
 dienen; ferner durfte sie Silber ausprägen und Wechsel
diskontieren. Den eigentlichen Zahlungsverkehr vermittelten die
Kassiersgesellschaften, deren es in Amsterdam zwei gab.
1) Jaarcijfers v. h. Koningr. d. Nederlanden. Rijk in Europa, 1913, S. 311.
2?) Die Schlachtsteuer stieg per Kopf der Bevölkerung von 0,69 fl. im Jahre
1884 auf 0,75 fl. im Jahre 1904 (Vliegen, S. 166).
3) Vgl.obenS.221f.; Osiander, Beleuchtung, S. 233f., bedauerte die Aufhebung
der Wechselbank, die er der Lauheit des größeren Teils des Amsterdamer Handelsstandes
 zuschrieb; die Nederl. Bank könne als Notenbank den Verlust der Girobank
nicht ersetzen. Unter den befragten niederländischen Handelskammern sprach
sich aber allein die Amsterdamer für die Erhaltung der Bank aus; auch sie brachte
freilich allerlei Bedenken vor; die anderen Kammern waren ablehnend (vgl.
van Dillen, S.627ff.). Noch im Sommer 1818 wurde jedoch eine Eingabe zahlreicher
 Amsterdamer Kaufleute, die sich für die Erhaltung der Bank aussprachen,
überreicht; es waren darunter die ersten Häuser, so Hope, Willink, Crommelin,
 Marselis usw.; sie erachteten die Bank namentlich notwendig für
die Erhaltung des Münzsortenhandels; im übrigen war ihnen offenbar die Bank
mehr das Symbol der alten Handelsblüte, von dem man sich nicht leichtherzig
trennen dürfe (ebenda, S. 670 ff.). Man dachte übrigens noch 1824 an die Errichtung
 einer neuen städtischen Girobank in Amsterdam, kam damit aber nicht zustande
 (van den Berg, Plannen, S. 225 ff.).

‘50
        <pb n="568" />
        In den ersten Jahrzehnten war die Tätigkeit der Bank stark
beeinflußt von der allgemeinen Energielosigkeit, die für jene Zeit
das niederländische Geschäftsleben kennzeichnete. Durch hohen
Zinsfuß beschränkte die Bank den Kredit auf ein Mindestmaß;
von 1814—1830 hielt sich ihr Beleihungszinsfuß auf 5, der Diskont
auf 2% %; letzterer sank 1828 sogar auf 1% %. Damit vermied
man freilich jede Krisis!). Erst seit 1852, als der Bank die Beleihung
 aller ausländischen Effekten und die Anlage des Reservekapitals
 in zinstragenden Fonds gestattet wurde, entwickelte
sich die Bank zu einer eigentlichen Zentralbank?). Nun fiel auch
der geheimnisvolle Schleier, der die Tätigkeit der Bank bisher
verhüllt hatte.
Für alles dieses war förderlich die neue Münzgesetzgebung.
 Seit 1814 hatte man jahrzehntelang über eine Münzreform
 verhandelt, nachdem die in der französischen Zeit vorbereitete
Einführung der französischen Währung nicht mehr zur vollen
Wirkung hatte kommen können. Zahlreiche Münzkommissionen
hatten getagt, ohne daß man sich einigen konnte; immer machte
das zu schaffende Wertverhältnis zwischen Gold und Silber Schwierigkeiten):
 Erst das Münzgesetz vom 26. November
1847 schuf in der Silberwährung eine neue Münzbasis;
 bis 1852 war die Reform durchgeführt?). Seit der Preisgabe
 des doppelten Standards und der Beseitigung von 20—30 Mill.
Münzbilletten, die von 1845 ab als zeitweiliger Münzersatz ausgegeben
 waren, aus dem Verkehr begann der Umlauf von Banknoten
 zuzunehmen; dieser stieg von fast 51 Millionen im Jahre
1851 auf nahezu 04 Mill. fl. im Jahre 1854.
Dem wichtigen Bankgesetz von 1863 ging eine
sehr lebhafte Erörterung in der Öffentlichkeit voraus. Man bemängelte
 namentlich das Monopol der Bank und wünschte eine
Vermehrung solcher Institute. Es zeigte sich die Tendenz, der
Bank Lasten aufzubürden zugunsten des Staates. Diesem floß
1) Gerritsen, S. 294.
e) Gerritsen, S.452.
) Schimmel, S. 74; Kalkmann;,S. 1228 ff.
4 Schimmel, S. 176 ff:; man verkaufte damals viel Gold, wobei der
Staat ca. ı Mill. fl. verlor; diese Goldverkäufe bewirkten überall einen Sturz des
Goldkurses; vgl. v. Schroetter, Das preuß. Münzwesen 1806—1873, I, 406 ff.

560
        <pb n="569" />
        aber schon dadurch ein erheblicher Gewinn zu, daß die Bank kostenlos
 die Funktion eines Agenten des Reichsschatzes übernahm‘).
Das Monopol blieb nun der Bank; es unterlag aber gewissen Beschränkungen.
 Auch wurden die 1000 neuen Anteile der Bank
zu je 1000 fl. dem Staat zum Kurs von 115% vorbehalten; der
Staat verkaufte sie später zu 190 %, hat also ein gutes Geschäft gemacht.
 Für den Geschäftsbetrieb der Bank brachte dies Gesetz
wichtige Reformen. Vor 1864 mußte die Bank für ihre im Höchstbetrag
 von zunächst (1847) 52 Mill., seit 1855 von 150 Mill. im Umlauf
 befindlichen Noten zu zwei Fünfteln eine Deckung in Edelmetall
besitzen; sobald die Noten den Betrag von 100 Mill. fl. überstiegen,
mußte der Überschuß ganz durch Edelmetall gedeckt sein. Diese
für die Bank lästige, sie bei der Aufnahme von Geldern in laufender
 Rechnung störende Vorschrift wurde aufgehoben und an die
Stelle der Maximalhöhe der Notenausgabe ein
festes Verhältnis zwischen der kündbaren Schuld
und der Metalldeckung gesetzt; doch wurden die
Gelder in laufender Rechnung der Deckungspflicht nicht entzogen,
wie es in anderen Ländern üblich war. Dadurch hielt sich der
Zinsfuß der Nederl. Bank viel stabiler, während man in Deutschland
 und Österreich, wenn der Papierumlauf die vorgeschriebene
Höchstmenge zu überschreiten drohte, den Zinsfuß erhöhte und
den verfügbaren Metallsaldo ausschöpfte, bevor man zu einer Befriedigung
 des außerordentlichen Bedürfnisses an papierenen Umlaufsmitteln
 schritt. Auf dieser neuen Grundlage konnte die
Bank nach 1864 in weit größerem Umfange als früher den Bedürfnissen
 des Wirtschaftslebens genügen. Die starke Zunahme
des Warenhandels in den nächsten Jahren, die wachsende Spekulation
 in ausländischen Effekten, namentlich amerikanischen,
aber auch in Waren, wie Getreide und Reis, nahm ansehnliche
Kapitalien in Anspruch; das Beleihungsgeschäft der Bank wurde
überaus vielseitig, bedurfte aber auch großer Umsicht. Infolge
des anormalen Verhältnisses der Effektenbeleihung zur Diskontierung,
 das 1866/67: 61% betrug, stieg der Wechseldiskont im
Oktober 1864 und im August 1866 auf 7%. Erschwerend wirkte
*) Auf die Befugnis, die Bank mit dem ganzen Dienst des Reichsschatzes
zu belasten, verzichtete 1871 die Regierung gegen eine jährlich von der Bank zu
zahlende Vergütung von 100 00oo fl. (Gerritsen, S. 347).
Baaseh, Holländische Wirtschaftsgeschichte.

561
36
        <pb n="570" />
        der‘ hohe‘ Silberpreis. / Als! die Regierung große ‘Mengen /Silbergeld
nach‘ Indien senden‘ wollte, verweigerte die‘ Bank die ' Diskontierungen,
 die den Zweck hatten, das dafür erlangte Silber auszuführen.
Diese ersten Zeiten‘ unter dem ‘neuen Bankgesetz waren! für’ die
Bank überaus schwierig, “und ‘ihre Maßregeln ‘nicht immer einwandfrei;
 so wenn sie im Dezember 1865 bestimmte, daß der Beleihungszins
 für ausländische Effekten 1% höher sein müsse als der
auf binnenländische, und daß das‘Mehr bei den ersteren 10 % höher
sein müsse als’bei den letzteren... Damit sollte der Spekulationssucht
in’ausländischen Effekten, dem alten Übel der holländischen Börsenkreise,
 entgegengewirkt werden: Einige Jahre‘ später zeigten sich
die Wirkungen des deutsch-französischen Krieges in‘ einer starken
Krediterweiterung '‘und‘ Steigerung des ‘Geschäftsumfanges | der
Bank: auch der Zufluß amerikanischer Eisenbahnpapiere' und ‘die
Bäumwollkrisis von‘ 1872 spielten eine‘ Rolle. ‘Dann aber bedrohten
die! internationalen Münzverhältnisse; der Niedergang‘ des‘ Silberpreises,
 | der Übergang Deutschlands zur Goldwährung "die großen
niederländischen Silbervorräte und den‘ Gulden mit Entwertung.
Eine‘ 1872 von der‘ Regierung vorgenommene Enquete empfahl in
ihrem Bericht‘ vom Januar 18783, die Freiheit der Ausprägung von
Silber zu beschränken und das Gold, wie es vor 1847 der Fall gewesen
 wär, als gesetzliches Zahlungsmittel anzunehmen; 'bald
darauf folgte aber im Hinblick auf Deutschland‘ der Vorschlag der
Annahme der! Goldwährung seitens der Niederlande!‘ Die 2: Kammer
verwarf im März 1874 alle solche Anträge, und’ .man prägte weiter
Silber‘ bei fallendem' Silberpreis konnte die Münze gar nicht ‘alle
Aufträge so schnell ausführen.‘ Die'Bank wie die Bankiers machten
dabei gute Geschäfte und luden'dem Volke ein im Wert stark herabgemindertes
 Geld auf; gerade noch rechtzeitig wurden im Dezember
1874 die weiteren Münzprägungen verboten. Da man aber in Indien
stets größer Mengen 'Silbergeldes‘ bedurfte‘ und die Bank ihrerseits
alle Noten gegen Silber 'umzuwechseln verpflichtet war, entstand
schnell Geldmangel! So verständig es nun auch war, wenn'das Ge -
setz Om (6. WJuh ii B875 die Goldwähr ung sein
führte und die Goldprägung freigegeben wurde; so konnte man
sich doch. .nicht entschließen, ‚die reine Goldwährung durchzuführen
und das ‚Silber durch; Gold zu. ersetzen?). Anfang. der 1880er Jahre
a Vgl. Schimmel, 5.2374. Kalkmann,'’S. 1236 ff.

56%
        <pb n="571" />
        a
zeigten sich ‘die Folgen ‘dieses Verhaltens... Als 1881/82 der Wechselkurs
 ‚auf ‘das Ausland stieg‘! und Edelmetalle ‘'ausgeführt werden
mußten, blieb nichts anderes übrig, als Gold zu übertragen,‘ so daß
der‘ Goldvorrat der Nederl. Bank‘ von 80 'Mill.! fl.‘ im August 1880
auf :5 Mill. fl; im; Dezember 1882 fiel. Die Bank erhöhte ‘hierauf
den Zinsfuß und schützte' dadurch die Umlaufsmittel gegen Wertverminderung.'
 Erst am! 27. April' 1884 gab‘ ein! Gesetz‘ der./Regierung
 die Vollmacht, 25 Mill. fl! Reichstaler 'einzuschmelzen und
das Silber'in, Barren: zu verkaufen! ' Damit schützte man’ sich reichlich‘
 spät "gegen. die Wertverminderung' des Silbers;' der Staat erlitt
freilich‘ dadurch großen: ‘Schaden, den. größten (aber./der /Handel
durch die Diskontpolitik der Bank, die bei dem ‘Abfluß des Goldes
im: Dezember 1882 ihren 'Diskont auf 5% % erhöhte, während’ er
in Berlin 14, in‘ Brüssel, /Paris, London 3% % betrug: Infolge 'des
hohen /Diskonts’ flossen‘ nun‘ allerdings auswärtige Kapitalien' nach
Holland, der Göldvorrat der Bank nahm' zu) der Zinsfüß erniedrigte
sich wieder.‘ .In.’dieser: münzpolitiscken Angelegenheit‘ erfüllte die
Bank. eine "Aufgabe, :die: eigentlich dem’ Staate‘ und der‘ Gesetzgebung
 oblag; sie verhinderte dadurch, daß sie das Gold möglichst
dem Umlaufsverkehr entzog, die Entwertung des Silber- und Papiergeldes
 und :das außerordentliche ‚Ansteigen‘ der Wechselkurse.
Zweifelhaft ist. es dagegen, ob! die .Bank' in'ihrer Kreditpolitik
stets glücklich gewesen ist; bei.hohem Metallbestand überstieg' ihr
Zinsfuß meist: denjenigen ‘der ‚ausländischen! Banken, was 'besonders
für die Industrie 'und: den Händel: schädlich‘ war. ‘Glücklich war
sie, hingegen in ihrer ’Goldpöolitik; ‚schon!‘ vor! 1875! Kaufte‘ sie
viel Gold an und ließ in diesen Jahren fast‘ 37 Milli fl! in Gold ausprägen.
 'Das Bankgesetz vom 7. Augus't 1888 gestattete
der :Bank, ihre Mittel auch :in Devisen anzulegen; was stark. von
ihr benutzt wurde. Zum Zweck der Ausfuhr gäb' sie bei entsprechenden
 Wechselkursen jederzeit Gold ab; sie.allein verfügte über einen
Goldvorrat?).,, Nur, gering.war, ‚der Giroverkehr, dem, man; merkwürdig.
 wenig Neigung) entgegenbrachte. ‘Auch: das ;Bankgesetz
von 1888 war nicht ohne Schwierigkeiten zustande gekommen‘;
von‘ manchen Seiten wurde eine reine‘ Staatsbank' gefordert. überhaupt
 ein größerer Anteil an. dem Gewinn der Bank. Immerhin
brachte das.neue ‚Gesetz, dem Staat jetzt. einen Gewinnanteil, .der
= _ 1) Eisfeld, S\i.228ff./ ı ; OT f

163
36*
        <pb n="572" />
        — 4 —
schon 1890: 1405 996 fl. betrug!). Der Notenumlauf der Bank
stieg von rund 208% Mill. fl. im Jahre 1890 auf nahezu 313 Mill.
im Jahre 1914.
War die ‚„Nederlandsche Bank‘ als Notenbank durch ihren
Einfluß auf die Wechselkurse und die Regelung des Diskonts wie
auf den Umlauf von Geldmitteln überaus wichtig und wirksam,
so waren doch für den eigentlichen Handelsverkehr bedeutsamer
die reinen Kreditbanken. Anfang der 1860er Jahre
faßte der Gedanke, solche Kreditinstitute zu gründen, auch in den
Niederlanden Fuß, während in anderen Ländern, Frankreich,
Deutschland, schon seit geraumer Zeit insbesondere das Bedürfnis
der Industrie solchen Banken den Weg geebnet hatte. Fast gleichzeitig
 entstanden 1863 in den Niederlanden drei solche Banken,
von denen sich zwei den Pariser „Credit mobilier““ zum Muster
nahmen, nämlich die „Algemeene Maatschappij voor Handel en
Nijverheid‘“ in Amsterdam, die aber schon nach 1% Jahren einen
traurigen Zusammenbruch erlebte, und die „Ned. Crediet- en Deposito-Bank‘‘,
 die 1872 in der „Banque de Paris‘ aufging. Die
dritte Gründung jenes Jahres, die ‚„„Rotterdamsche Bank‘, sollte
namentlich den kolonialen Handel bedienen; sie nannte sich seit
I911 „Rotterdamsche Bankvereeniging‘ und wurde eine der führenden
 Banken des Landes?). In die Reihe der Kreditbanken trat
dann etwa seit. derselben Zeit die „Nederl. Handelsmaatschappij“.
Aus einer reinen Handelsgesellschaft, als der wir ihr unten noch
begegnen werden, entwickelte sich dieses Institut zunächst zu einer
sogenannten ‚Cultuurbank“, die für die Geldbedürfnisse der ostindischen
 Kolonien sorgte, sodann aber zu einer allgemeinen Bank‘).
Den Eigenhandel gab sie Anfang der 1860er Jahre auf und begann
nun, sich an indischen Gesellschaften zu interessieren, indem sie
ihnen Betriebskapitalien lieh unter der Bedingung, daß ihr dafür
1) Boissevain, S. 625.
2) Hildebrandt, S. 455 ff. Das Buch desselben Verfassers ‚Het Ontstaan
 van het moderne Bankwezen in Nederland“ (Rotterd. 1922) ist mir leider
nicht zugänglich gewesen.
3) Eisfeld, 5S. ı92ff.; Gedenkboek d. Ned. Handels-Maatschappij,
S. 84 if. Die erste, ausschließlich den kolonialen Bedürfnissen gewidmete Bank
war die 1828 errichtete „Particuliere Westindische Bank‘‘, deren Wirksamkeit aber
sehr beschränkt blieb und die 1848 in Liquidation trat (W. L. Groeneveld
Meijer, Memorie etc. in Econ. Hist. Jaarb., V, 33 {{).

56
        <pb n="573" />
        der Verkauf der Kolonialprodukte in den Niederlanden übertragen
wurde. Doch verschob sich allmählich der Schwerpunkt mehr nach
dem Bankgeschäft, sowohl in Indien wie im Mutterland. Durch
eine starke Ausdehnung ihrer Filialbetriebe flossen der Bank große
Mittel zu. An Stelle der früher unter dem ‚‚Cultuurstelsel‘‘ von ihr
für den Staat veranstalteten Auktionen indischer Artikel, namentlich
 Kaffee und Zucker, traten nun selbständige oder in Kommission
 übernommene Warengeschäfte, die sich in großartigen
Verkäufen auf allen großen Märkten der Welt vollzogen. Auch
an Kolonial- und Schiffahrtsgesellschaften nahm die Gesellschaft
 teil.
Neben der ‚„‚Nederl. Handelsmaatschappij‘ entstand eine
Reihe kleinerer ‚„‚Cultuurbanken““, die als Kreditgeber für solche
Gesellschaften oder Firmen dienten, die in den Kolonien die Gewinnung
 der Produkte betrieben; sie waren, da sie teilweise selbst
an solchen Unternehmungen beteiligt waren, eine Mischung von
Banken und Kolonialgesellschaften?).
Seit 1840 bestand auch eine Anzahl Hypothekenbanken,
 die meist nur mit geringem Kapital arbeiteten, jedoch
über große Rücklagen verfügten. Umfangreich waren ferner die
Ausland-Hypothekenbanken, deren seit 1883 eine große Reihe
gegründet wurden; sie arbeiteten meist in Amerika; bei ihnen
kamen weit größere Risiken in Betracht als bei den im Inlande
tätigen; daher wurden hier auch Zinssätze berechnet, die sich
über 8% erhoben. Die Beleihungsgrenze ging freilich nur bis
höchstens 50%2?2).
In Holland beherrschte im allgemeinen
die Börse die Banken; nicht, wie in Deutschland, die
Industrie und der Handel. Die großen Mengen der vorhandenen
flüssigen Mittel des Privatpublikums flossen nicht den Banken zu,
sondern fanden Anlage in den sog. „„Prolongationen‘‘, d. h. in Darlehen
 für das Effektengeschäft, das von den Effektenkommissionären
') Vgl. Helfferich, Kulturbanken. Hauptsächlich die Zuckerkultur
wurde von diesen Banken gepflegt (ebenda, S. 197 f.); auch die Ned. Handelsmaatschappij
 war, nachdem sie ihre Kaffeeländereien abgestoßen hatte, im Bereiche
ihrer kolonialen Kulturunternehmungen eine reine Zuckerbank (ebenda, S. 113).
?) Eisfeld, S. 207ff., 236; auch weiterhin benutzt; ferner Kiliani ;
SALE,
        <pb n="574" />
        betrieben wurde und den :Banken ‘höchstens eine /Provision‘ abwarf:
Charakteristisch. für/‚das niederländische! Bankwesen, des) 19..)Jahrhunderts
 war die in/ihm herrschende große Freiheit; nur ‚das Notenbankwesen!
 war ‚gesetzlich; geregelt; sonst ‚gab (es) weder | Börsennoch»
 Effektenumsatzstempel, ) weder | Depot- ‚noch ıHypothekenbankgesetz::/
 Überall ‚fand: sich ‚eine/’starke örtliche Spezialisierung:
Die Haarlemsche Bankvereeniging. (seit: 1864) stand in ihrer. Entwicklung
 in engem‘ Zusammenhang mit dem Blumenzwiebelhandel;
die, Twentsche'Bankvereeniging; diente den Bedürfnissen; der dortigen
Industrie; vorzüglich ı der; Baumwollindüustrie; 'die/ Amsterdamsche
Bank (seit 1871) stand in naher Beziehung zum Diamantenhäandel,
die)Helmondsche Bank! zu: der /dort: blühenden, Textilindustrie, die
Heerlener: Bank zu dem dortigen noch ziemlich bescheidenen Kohlenbergbau.
 Meist‘ waren. es)‘ Mittelbetriebe, ı deren )Aktienkapitalien
sich, im Laufe: der Zeit ‚wenig veränderten‘ In diesem »Bankwesen
drückte sich! (der Sinn der Niederländer, für: möglichst ı freie  Entwicklung
 aus; erst nach langen Kämpfen) war: die! Kartellierung
des) Effektenhandels (möglich; die Großbanken | erweiterten’ ihren
Interessenkreis /meist ‘nicht. durch »Filialgründungen, sondern (zogen
die stille, Beteiligung vor, die den ‚Kommanditisten und dem ‚Publikum
 die Illusion der ‚Freiheit‘ des betreffenden Unternehmens ließ,
Andererseits: bestand ı doch‘ ‚ein starkes ‚Streben nach Ausschalten
jeder ‚Konkurrenz; insbesondere unter ‚den :Effektenkommissionären
trat dies hervor. ‚Als die Amsterdamer) Kommissionäre ihre, Macht
über ‚die / Provinz: geltend) machen » wollten; organisierte sich ı die
Provinz, und es kam zu einer Einigung; den Zugang: nach Amsterdäm
 aber! 'suchte: manı' möglichst »zu beschränken; ‚die Zulässung
 ‚neuer Banken „an; der Amsterdamer. Börse lehnte man
geradezu! ab. 1) UML ntllore UL abs tt DU De
‚5( Merkwürdig) schnell erhölte ısich. nach der französischen Zeit
der holländische :G elld'm Ark t und insbesondere'die Aım's ten+
damer Börse von den früheren Schlägen. Hierin hat sie
sich (auch: durch‘! die: Vereinigung der! nördlichen Niederlande mit
Belgien nicht ’ stören‘ lassen. ‘Der Spekulationsgeist ’war noch
immer im Norden’ weit, reger als im Süden, was schon durch die
fireiere, wirtschaftliche Entwicklung. der letzten, Jahrhunderte sich
erklärte. Über die Getreidespekulationen der Amsterdamer klagte

566
        <pb n="575" />
        man schon 1817 in Belgien?) ; und die Fondsspekulation an. derselben
Börse stand: nicht hinter. derjenigen’ im 18. Jahrhundert ‚zurück?).
Für den: Geldmarkt waren, die Zeiten ja günstig. Es herrschte, wie
begreiflich,: in allen. europäischen ; Ländern, ein ; starkes . Anleihebedürfnis;
 die Ordnung” der. z. T., völlig. zerrütteten. inneren Verhältnisse
 erforderte überall Geldmittel, Der. altbewährte ‚ holländische
 Markt zeigte ‘hier, wieder seine Aufnahmefähigkeit., In einem
Berichte von 1829 wurde, das: niederländische, in fremden Anleihen
angelegte Kapital. auf. ‚etwa, ebenso hoch geschätzt wie das in, den
öffentlichen :; einheimischen, Anleihen ‚angelegte Kapital, ‚also. auf
rund,640 Mill. fl., mit einer jährlichen Verzinsung von, etwa 27.% Mill.
f1.®). ; Es wird. schon richtig‘ sein, daß: dieser, Betrag: zum weitaus
größten. Teil auf, die nördlichen Niederlande ‚fiel, da ‚der‘ Süden
seine Kapitalien, meist ‚in, Industrie und Landwirtschaft anzulegen
pflegte. ‚Mit: jenen:27% MilL.,fl, waren also: die
fremden: Länder‘ den Niederlanden, zinsbar,
und das schon so bald nach der allgemeinen finanziellen Erschöpfung,
Nach einer anderen Berechnung, aus demselben . Jahre waren allein
in ‚den Anleihen für Frankreich, Österreich, Dänemark, Schweden,
Rußland, Amerika, Spanien, Sachsen 1600 Mill... fl. angelegt, ı die
etwa 64—72 Mill. fl... Zinsen trugen‘): Man äußerte. damals in den
Niederländen schwere Bedenken ‚über die, schon: wieder ‚so stark
gewordene Beteiligung in fremden Anleihen ‚und sprach den Wunsch
nach , einer Beschränkung aus. ‘Bei solchen Äußerungen wirkte
freilich auch die Abneigung gegen die ausländischen Finanzvermittler
mit, so gegen Rothschild; wenn man das alte holländische
Haus Hop e in Anspruch nahm, bestanden gegen solche Anleihen
weniger Bedenken®).' Als einige. Jahre später, nach Ausbruch des
Krieges ‚mit ‚Belgien; ‚Holland ‚selbst Geld. nötig hatte, freute sich
die Regierung, daß durch Rothschilds Vermittlung die nieder-1.
 Colenbrander, VIII, 358, 383; vgl.auch; Nolte, I, 308, über
die' Spekulationen von Berenbroek in Amsterdam 1819.
?) Der Amsterdamer Effektenkurszettel von 1815 enthielt 27, der von 1830:
34 und der von 1845:45 Notierungen auswärtiger Effekten (Wanjon, S. 126 ff.);
1907 wurden an der. Amsterdamer Börse insgesamt 1387 Werte notiert,
Y Colenbrander, IX, 474.
* Colenbrander, IX; 9ı3.
5) Ebenda, S. 476.

567
        <pb n="576" />
        Jändischen 2% %-Obligationen in London plaziert und “dort auch
Geschmack für die neue 5 %-Anleihe geschaffen wurde‘).
Der in der Mitte des 19. Jahrhunderts an der Amsterdamer
Börse immer lebhaftere Gestalt aufweisende Effektenhandel,
der mehrfach wieder die Formen des alten ‚„,Windhandels‘‘ annahm?®),
und die starke Emissionstätigkeit dieser Börse ließ bald Stimmen
laut werden, die, wie im 18. Jahrhundert, das holländische Kapital
vor der Vorliebe für auswärtige Anlagen warnten und auf die Notwendigkeit
 hinwiesen, es dem Zweck der einheimischen Wirtschaft
zuzuwenden?). Übrigens ist seit dieser Zeit wenigstens auf manchen
Gebieten, so der Seeschiffahrt, das holländische Kapital jenem
Ruf gefolgt; für die Beschränkung auf das eigene Land war dieses
Kapital wohl zu groß, Was aber den Effektenhandel
betraf, so wurde er 1877 endlich einem Reglement unterworfen, das
den ärgsten Ausschreitungen ein Ziel setzte und eine gewisse Ordnung
 in diese Geschäfte brachte*). Der Terminhandel gedieh
 in Amsterdam nur in beschränktem Maße; der Getreideterminhandel
 wurde zwar 1859 hier eingeführt, verfiel aber allmählich,
als der Roggen, die hauptsächlich für den Terminhandel geeignete
Getreideart, begann, hinter dem Weizen zurückzutreten. Nur in
Kaffee und Zucker behauptete sich der Terminhandel®).
Auch das Seeversicherungswesen litt, wie schon
früher, an Zersplitterung; sie wurde befördert durch die Nederl.
Handelsmaatschappij, die ihre zahlreichen Aufträge unter die einzelnen
 Assekuradeure zu verteilen pflegte und dadurch das Aufkommen
 großer Assekuranzgesellschaften zu verhindern wußte.
Außerhalb des Geschäftsbereichs jener Gesellschaft aber fiel während
der Zeit ihrer Wirksamkeit im Seehandel nicht vieles in das Fach
der See-Assekuranz, und man versicherte meist in London®).
1) Falck, Gedenkschriften, S. 313.
2?) Vgl. Smith, S. 172;
3) J. v. A., Beschouwingen over de Amsterd. Beurs (De Economist, 1872,
S. 1048 £f.). Über die Zurückhaltung des holl. Kapitals gegenüber den einheimischen
Eisenbahnen vgl. oben S. 510.
4) Smith, S. ı93 ff. Über die 1876 begründete „Vereeniging v. d. Effectenhandel‘‘
 in Amsterdam, die 1909: 655 Mitglieder zählte, vgl. auch T ae u ber,
Die Börsen der Welt (1911), S. 365 ff.
5j)Everwijn, 11,655.
8) Gedenkboek d. Ned. Handelsmaatsch., S. 52.

568
        <pb n="577" />
        — 5659 —
$ 9. Die staatliche Kolonialwirtschaft.
Nach der französischen Zeit sahen die Niederlande ihre überseeischen
 Besitzungen. stark zusammengeschrumpft.
 Sie verloren das Kapland, Ceylon, Demerara
und die kleinen westafrikanischen Besitzungen an England. Dennoch
verblieb ihnen noch ein reicher Besitz, den wirtschaftlich auszubeuten
 sich wohl lohnte. Da die alten Kompanien nicht mehr bestanden,
 trat der Staat, genau genommen der König, wenigstens
für den noch vorhandenen Besitz der Ostindischen Kompanie
jetzt die Erbschaft an. Die kurze Zwischenregierung der Engländer
 in Niederländisch-Ostindien hatte diesem Lande Nutzen gebracht;
 sie hatte das verfahrene Münzwesen geordnet und manche
Verbesserungen der Verwaltung eingeführt. Als 1817 die niederländische
 Regierung wieder eingesetzt war, wurde die Münzverwirrung
 sofort von neuem zum System erhoben, indem
man den niederländıschen Gulden einführte, ihn aber zu 24 Stüvern
bewertete, während er im Mutterlande nur 20 wert war; mit der
sich hierin äußernden Anschauung, als ob in Indien das Silber einen
höheren Wert habe als in Holland, verfiel man in den alten Fehler
der Kompanie. Außerdem überschwemmte man das Land mit
Kupfergeld und hob die von den Engländern verfügten Beschränkungen
 des Umlaufs von Kupfergeld auf!). So wurde das Gute,
was die kurze englische Verwaltung hier geschaffen hatte, vernichtet;
 selbst hinsichtlich des Papiergeldes blieb es bei bloßen Vorsätzen;
 man druckte wieder fleißig und hatte 1824 schon für 10 Mill. fl.
Papiergeld ausgegeben?).
Nicht glücklicher war man in der Neuorganisation des ostindischen
 Handels. Wohl bestand zuerst in vielen höheren
Kreisen die Neigung, das alte Monopol jetzt aufzugeben; der Generalgouverneur
 van der Capellen war ein Vertreter dieser Anschauung.
 So erlebte in den ersten Jahren nach dem Friedensschluß
 Batavia eine Blütezeit. Unter dem völlig freien Verkehr
gedieh hier der Handel außerordentlich. Allerdings waren Handel
) van den Berg, Munt-, Credietwezen etc., S. 77 ff.; Tijdeman,
S. 115 f.; namentlich van der Kemp, S. 97{ff., mit scharfer Verurteilung
der Münzverordnung vom 14. Januar 1817.
2) vanden Berg, S. 8ıff.; vander Kemp, S. 156 £f,
        <pb n="578" />
        ZZ u
und Schiffahrt'mehr ‚und: mehr: freinden: Kaufleuten) und Reedern
zugefallen, was bei dem Handelsstande im .Mutterlande, sehr viel
Ärgernis erregte und den Wunsch nach einer engeren, künstlichen
Verkettung mit der reichen. Kolonie hervorrief!). Die Regierung
folgte deshalb nicht den nach. Verkehrsfreiheit rufenden Stimmen;
sie wollte: das Monopol nicht aus den. Händen geben und ‚hoffte,
hier eine Finanzquelle für ‚das stark verschuldete Reich ‚zu finden,
Man schwankte. zunächst nur über die Form, die für diesen Zweck
zu wählen sei.. Der. frühere Gouverneur Daendels, ein vortrefflicher
 Kenner Ostindiens, hatte schon 1814 .den Plan einer
großen Gesellschaft, die.an Stelle der alten Ostindischen Kompanie
Handel und Kolonisation treiben sollte, vorgelegt?). Was schließlich
 aus den langen, Beratungen hervorging, war im wesentlichen
eine Schöpfung ‚des Königs a es war die 1824 errichtete Neder-;-landsche
 Handelsmaatschappij. Ihre Notwendigkeit ist
oft und schon von den Zeitgenossen bestritten. worden; Hogendor,p
 sah in diesem Institut den größten Schaden ‚für den freien
Handel und beklagte die Tendenz zum Monopol®).. Hätte man damals
in, Java ein gutes. Münzwesen und unbeschränkte Handelsfreiheit
eingeführt, so wäre die Gesellschaft. überflüssig. gewesen, und die
Staatskasse wäre ohnedies.auf ‚ihre Kosten gekommen... ‚So schuf
man, ein. neues _ Gesellschaftsgebilde, viel konzentrierter als die
frühere, Ostindische Kömpanie, ‚das dem niederländischen. Staat
und. seiner Wirtschaft. nicht viel Freude und noch. weniger Gewinn
gebracht, wohl aber dahin geführt hat, daß Jahrzehnte hindurch
die private Initiative auf einem für Holland, überaus wichtigen
Gebiete völlig ausgeschaltet wurde. Man meinte aber auf andere
Weise. nicht . der. seit der englischen. Zwischenregierung in Niederländisch-Ostindien
 erstarkten. englischen Konkurrenz, erfolgreich die
Stirne bieten zu können. * nn
(5; A)/T ij djem ano S. 1085 van den Berg} S.276,f.;, Pos th umuws,
Documenten, II, 37 ff,;; Franck, .S. 489f. ;
23) Colenbrander, Gedenkstukken, VII, 691, 700.
a3 Colenbrander, 1X, 867; Tijdeman, 5. 130 ff.; vgl. auch
te Lin tum ,: Rotterd. em de: oprichting, etc.;S. 93 ff. Rotterdam, zeichnete
für die Gesellschaft sehr ‚stark, über 11 Mill. fl.; Amsterdam 31% Mill.; Antwerpen
fast 16 Mill. (S. 97 f.). Das Dekret über die Errichtung der Gesellschaft bei. Posıt'-humus,
 Recueil,’S, 235 ff. ) ;

5:7C
        <pb n="579" />
        — A
‘ »Die-Nederk Handelsmaätschappij!):war ‚eine
Aktiengesellschaft, . an‘. der: der ;König) einen‘; bedeutenden: Anteil
und: in ‚der‘ er. auch 'statutengemäß. einen: hervorragenden: Einfluß
hatte.‘ Diese Verquickung der Souveränität mit einer Finanz- und
Handelsgesellschaft, die an die frühere enge Verbindung der Amsterdamer
 Regenten mit der Leitung der )Ostindischen. Kompanie: erinnerte
 und schon ‚deshalb‘ hätte besser vermieden werden sollen,
war nicht: segensreich! Auf.die Einzelheiten) derı Verwaltung, ı Finanzen:
 usW. '' näher ‚einzugehen, ist. nicht unsere Aufgabe;: nur
die geschäftliche Gebahrung und ihr Einfluß 'auf das, Wirtschaftsleben)
 des) Mütterlandes' muß hier erörtert; werden; dieser Teil ‘der
Wirksamkeit. der, Gesellschaft; war! auch der‘ weitaus wichtigste in
ihrem Dasein.
‚ Sie erhielt ‚das ‚ausschließliche: Recht ‚für, die Lieferung und
den Transport )aller Güter;/ die ' seitens ‚der Regierung ‚nach, den
überseeischen | Besitzungen gesandt. wurden, und! umgekehrt: der
von dort nach. den Niederlanden ausgeführten Waren?).' Ihr, wurde
die Pflicht auferlegt, den: nationalen Handel; Schiffahrt, Fischerei;
Landbau; ) Industrie usw.) zu fördern und vorzugsweise inländische
Fabrikate zu, verwenden; sie ‚hatte die Ausbreitung und; die,‘ Befestigung
 ) des Handels ! zwischen. dem Mutterlande: und den ostindischen.
 Besitzungen; wie nach: ganz) Ostasien, zu. pflegen... Von
einem! Handelsmonopol. war in diesen Weisungen ja allerdings nicht
die Rede; es wurde nur ein Monopol für die Regierungstransporte
geschaffen. | Da aber die Regierung in: Ostindien nach ‚dem dort
geltenden. und’ nach dem Fall ‚der Kompanie nur, wenig veränderten
Landsystem die Verfügung über. die Produkte des Landes im weiten
Umfange  besaß?), machte ‚es sich ganz. von selbst, daß die: Maat-1)
 ‚Die, Geschichte der N. H; M.. von Mansvelt, die,nicht, im Buchhandel
 erschienen ist, war mir leider nicht zugänglich. Das Buch von Tijdeman’
 und ’das),,Gedenkboek‘“ enthalten das für uns Wesentliche: |
?) Tijdeman,/S. 193 ff.) Für ‚den ‚chinesischen Seehandel: wurde 1821
eine Gesellschaft errichtet; sie führte den Tee indie Niederlande zollfrei ein. Schon
der König, hatte: 1815 eine Gesellschaft für! den‘! Handel. mit ‚chines.. Tee gründen
wollen (te: Lintum ‚a.)a. .O., .Sı 93): N
°) Die Maatschappij :übernahm, seit: 1826 die Opiumpacht in Java, was für
sie vorteilhaft war und der! Regierung die Sorge: um den‘ Schmuggel abnahm;, von
1832—1841 ging der! Verkauf ‚wieder. an ‚die indische Regierung über; das Opium
führte ihr die Maatschappij zu (Tijdeman,, S.'208 ff.).

71
        <pb n="580" />
        schappij sich allmählich eines großen Teils dieser Produkte bemächtigte
 und sie dem freien Verkehr entzog. Die ersten Kontrakte
 der Maatschappij mit der Regierung waren freilich für erstere
wenig günstig; für die Leistungen der Gesellschaft an die Regierung,
die in Transporten, Lieferung von Kupfergeld, Geldüberweisungen
usw. bestanden, erhielt die Gesellschaft von der Regierung Landesprodukte,
 namentlich Kaffee, die sie dann auf dem niederländischen
 Markte verkaufte. Die übrigen Unternehmungen nach
Amerika und China verliefen sehr verlustreich, so daß sie bald aufgegeben
 wurden. Schon daß die Gesellschaft von nun ab ihre Geschäfte
 ganz auf Ostindien beschränkte, entsprach nicht den ersten
Vorschriften!). Allerdings verliefen auch die ostindischen Geschäfte
schlecht, da die englische Konkurrenz im Handel und die traurigen
Münzverhältnisse weiter andauerten. In letzteren beruhte das
Haupthindernis für ein gedeihliches Wirken der Gesellschaft; es
bestand keine Möglichkeit, den für die in Indien verkaufte Leinewand
 erzielten Preis in Geld nach Europa zu übermitteln; die Retouren
 konnten nur in Kaffee erfolgen, und für diesen mußte die
Maatschappij infolge der englischen Konkurrenz höhere Preise
zahlen, als sie in Europa erzielen konnte. Auch war der Transport
der Produkte nach Europa in englischen Schiffen billiger als mit
denen aller anderen Nationen, da diese Schiffe, die mit Kolonisten
usw. nach Australien fuhren, ihre Retouren für England in Indien
holten ?).
Dabei war die Einfuhr der Maatschappij nach Ostindien durch
starke Vorzugszölle geschützt. Nicht nur, daß 1818 ein Tarif in
Kraft trat, nach dem der Fakturenwert der angeführten Güter um
30 % erhöht und von diesem erhöhten Betrag von Waren in niederländischen
 Schiffen 6, in fremden Schiffen aber, aus fremden Häfen
kommend, 12°/, gezahlt werden sollten?) ; die Amsterdamer Handels-1)
 Tijdeman, S.215ff. Man plante deshalb, da die Handels-Maatschappij
offenbar auf den Westen verzichtet hatte, 1828 eine „„Westindische Compagnie‘
mit 5—10 Mill. fl. Kapital; sie kam aber infolge des mangelnden Interesses der
Kapitalisten nicht zustande (Colenbrander, Gedenkstukken, IX, 938 f£.).
2) Vgl. van den Bosch, 1831, Dez. 8., bei Posthumus, Documenten,
 II, 245 f.; übrigens betonte van den Bos ch, daß es nicht ratsam
sei; den freien Handel völlig auszuschließen (S. 240). Scharf im exklusiven Sinne
dagegen die. Amsterdamer Handelskammer 1830, Dez. 1ı3., ebenda, S. 203 ff.
3) van den Berg, 5.206.

572
        <pb n="581" />
        rn —
kammer erreichte es auch, daß nach einer Bestimmung vom April
1819 die Erzeugnisse niederländischen Boden- und Gewerbefleißes,
wenn in niederländischen Schiffen verfrachtet, in Indien völlig
frei von Einfuhrabgaben eingeführt werden durften. Auch das
war noch nicht genug; 1824 wurde festgesetzt, daß alle Woll- oder
Baumwollwaren, die in fremden Ländern westlich vom Kap der
guten Hoffnung verfertigt und mit fremden Schiffen zugeführt
waren, 25% über dem Wert, wenn sie direkt von solchen Gegenden
kamen, und 35 %, wenn sie von fremden Besitzungen östlich des
Kaps zugeführt wurden, zu bewerten wären. Diese Bestimmungen
richteten sich ganz offen gegen die empfindliche Konkurrenz Englands
 im Leinwandhandel‘).
Durch alle diese Maßregeln wurde Ostindien völlig in das
handelspolitische System des Mutterlandes, das, wie wir sahen,
mehr und mehr einen protektionistischen Charakter annahm, eingeschlossen.
 Auch spätere Tarife haben an dieser Bevorzugung
wenig geändert. Seit 1837 unterlag freilich auch die niederländische
 Einfuhr von Baumwollstoffen einem Eingangszoll von
12% %; immerhin war sie vor der fremden noch bevorzugt?). Die
allgemeinen Tarife blieben bis 1865 in der Hauptsache in Bestand,
gemildert jedoch durch das Schiffahrtsgesetz von 1850, das an
Stelle des Ausschlusses die Freiheit des Verkehrs brachte, aber
nur für Nationen, die gegenüber der niederländischen Industrie
gewisse Bedingungen erfüllten.
Wenn die Gesellschaft sich trotz ihrer großen Verluste, die
1831 zu dem Vorschlage ihrer Auflösung führten, erholte, so rührte
das daher, daß sie nun die Wandlung von einer eigene Handlung
treibenden Gesellschaft zu einer solchen durchmachte, die Schiffahrt
) van den Berg, S. 299f. Die Verhandlungen zwischen den Niederlanden
 und England über diese Verhältnisse 1814—1838, die im wesentlichen ergebnislos
 blieben, bei Posthumus, Documenten, II. Infolge jener Tarifmaßregeln
 stellte sich die englische und niederländische Einfuhr in Java:
a 1827 | 1828 | 1829 =
von den Niederlanden . ....... EEE Nez
von England vr ze er Fa 2.004825. ,, |2:165723. 1] 1 711875
ıFalck, Gedenkschriften, S. 651.)
?) Posthumus, Bijdr. tot de geschied. d. nederl. Grootindustrie (Econ.
Hist. Jaarb., I, 74 ff,):

73
        <pb n="582" />
        und. Kommission trieb, ‚und daß: ihre Agentur für die Regierung
die! reiche Quelle':ihrer Einkünfte würde. Das wurde ' aber verst
ermöglicht durch das neue‘ Kultursystiem. Dieses, das von
dem :':General-Gouverneur v an dien 'Bosch'''vertreten und
eingeführt wurde, ging von‘ der Ansicht aus, 'daß Nied.-Ostindien
wirtschaftlich: nicht mit dem‘ Hauptkonkurrenzland, « Westindien,
wetteifern /'könne, wenn es. die‘ freie Arbeit als Grundlage seiner
Wirtschaft betrachte; nur unter einem. gewissen‘ Zwang, sei‘ es möglich,
 : die Bevölkerung zu‘ einer ‘Produktion /anzuhalten, ‘die ‚sowohl
ihrem wie‘: dem: Interesse des‘ Staates 'entspreche. Wenn) früher
unter der ‚Ostindischen Kompanie der Eingeborene seine Abgaben
in einer gewissen Menge Reis bezahlte und /'angemessene' Herrendienste
 leistete, so sei das im Grunde das richtige System gewesen‘).
Von diesem Gedanken. ausgehend begründete man das neue System
dadurch, daß die indische Regierung mit den‘ Häuptlingen der Eingeborenen:
 Kontrakte ‘zur Lieferung gewisser‘ Mengen‘ von ' Produkten
 schloß, ‚die nun’ besonders gepflegt werden. sollten und‘ die
in , den einzelnen Regentschaften je nach der, Bodenbeschaffenheit
 (usw. verschieden waren; sie verstreckten!' sich ‘auf. ‚Tee,
Kaffee, | Indigo, ‘Zucker, | Tabak, ı Seide usw., ‘d.h. auf Waren,
für : die ‚der europäische / Markt‘ besonders’, aufnahmefähig war:
Die: früher vorzüglich ‘gepflegte Reiskultur ließ man'. teilweise! eingehen!
 Dabei wurde ängstlich der ‘Sc h‘e'in.'der' freien Arbeit
gewahrt; in Wirklichkeit war davon wenig zu spüren; die‘ Eingeborenen
 arbeiteten im Lohn der Häuptlinge, und diese‘hatten der
Regierung die Produkte ’abzuliefern; der Lohn der Arbeit bestand
in Befreiung‘ von! Landabgaben oder :Herrendiensten; ‚es wurde
also ein Zwang‘ mit dem! andern‘ gedeckt. Außerdem) erhielt die
indische Regierung die Vollmacht, unbebaute Ländereien in Eigentum,
 Miete‘ oder‘ Erbpächt 'an ‘ Javanen und ‘andere Asiaten, aber
auch an Holländer oder andere Europäer abzutreten, um die‘ Ausbreitung
 nützlicher Kulturen zu befördern. Das Ziel des Systems
war die Steigerung der Ausfuhr javanischer Produkte nach Europa
\C2) Tijdeman, 'S. 227. ff.;( auch für das folgende; 'die/Darlegung; in ’der
vanı den Bosch‘ sein System'gegenüber Schimmelpenninck';' dem
Präsidenten der‘ Ned. Handelsmaatsch‘, verteidigte (15. Mai 1832), bei Colenbran
 dierT,! Gedenkstukken,. 'X, 5, 'S: 170 ff: Über das: Kultursystem‘ und seine
Wirkungen vgl. auch Franck, S. 494 ff. PN et ri .

574.
        <pb n="583" />
        in dem Maße, daß sie nach‘ dem damaligen Preisstand mindestens
5 fl. per Kopf der javanischen Bevölkerung ausmachte. Dies System
wurde .1831' genau‘ ausgearbeitet; darnach sollten ' 400 000 Pikols
Kaffee zu 20 fl. das Pikol!), 4001000 Pik: Zucker zu ‘20 fl.//endlich
2 Mill. Pfd. Indigo: zu’ 2’ fl. aufgebracht‘ werden, was 20 Mill. fl.
ausmachte.‘ Bei den gesunkenen Preisen war’ freilich ‘auf nicht
mehr. 'als 14-—T15. Mill. fl. zu‘ rechnen; durch ‚eine Ausdehnung der
Kulturen auf‘ Seide, Tee, Tabak, Kaneel, Cochenille; «Baumwolle
hoffte man‘ eine Einnahme von etwa 151% Mill. fl. ‘zu "erreichen.
Wichtig‘ war besonders. die / Regelung ‘der ıKaffeekulturen; ‘diese
hatten ‘bisher nicht den‘ gewünschten Ertrag geliefert; deshalb bestimmte
 man 1832, daß vom nächsten Jahre an aller steuerpflichtige,
in Java von‘ Inländern ‚erzeugte‘! Kaffee über den Anteil, für den
die Steuer zu entrichten war, hinaus von‘ der Bevölkerung gegen
den Marktpreis an ‘die Regierung abgeliefert‘ werden! müßte, ferner
sollte aller an die Regierung: abgelieferter/ Kaffee) :über den nicht
für die‘ Bestreitung der dem Mutterlande schuldigen: Steuer verfügt
wurde, offen an den Meistbietenden verkauft werden. Damit war
der freie, private Handel in hohem Grade beschränkt. /
Während dieses nun rücksichtslos durchgeführte System Java
viel ‚Elend und‘ Jammer brachte, der‘ eingeborenen |Bevölkerung
eine Bedrückung mit‘ übermäßiger Arbeit 'auflud und um :so \verwerflicher
 war, als es‘ unter dem Schein der Rechtfertigung durch
den angeblich ‘trägen Charakter‘ des Javanen'ins Leben: gerufen
und befolgt wurde; hatte es andererseits nicht einmal den erwarteten
finanziellen Erfolg.‘ Es wurde allerdings stark' produziert ; 'so stieg
die Kaffee-Ausfuhr von 281 662: Pikol'im (Jahre 1829 auf 1'132 374
im Jahre 1840; in den gleichen Jahren die‘ Zuckerausfuhr‘ von
73 780‘ auf ‘1013877: Pikol;: die‘ Indigoausfuhr : von‘ 46369 auf
2123911 Pfd. Aber: die Ausplünderung des ‘Bodens machte‘ sich
bald! bemerkbar, namentlich bei den‘ Indigo-Kulturen.‘ / Ein‘ Vergleich.
 mit‘ der in freier Arbeit ‚erfolgenden Produktion ‘Ceylons
fiel nur zugunsten ‘dieser. Insel ‚aus?)., | | /
1)* ı Pikol’= 125 kg: ; Gt
?) Die Zahlen der 'Kaffeeausfuühr' Ceylons bei ‚Tijdemahn’',S. 387 £f.;
sie stieg von 322 760 Zentnern 1849/50 auf 723 067 im Jahre .1865/66; diese Produktion
 wurde aber mit viel weniger ‚Arbeitskräften geleistet, /so daß in‘ Ceylon
1861/62 auf den!Kopf 8, in Java nur 4% (Pikol kam (S.'388))

575
        <pb n="584" />
        = I —
Mit dieser Neugestaltung des kolonialen Landbaues ging nun
die Reform des kolonialen Handels Hand in Hand. Der Verkauf
der javanischen Produkte wurde jetzt von Java in das Mutterland
verlegt!); man konnte also in Java den Ertrag der Ernte erst
I1—1% Jahre später genießen und bedurfte für die Zwischenzeit
erheblicher Geldmittel zur Befriedigung der Bedürfnisse der Regierung,
 die in einem Jahre sich auf etwa 15 Mill. fl. beliefen. Die
dafür notwendigen Vorschüsse mußte die Maatschappij leisten;
mit ihr wurde vereinbart, daß sie die indischen Produkte mit nieder-Jändischen
 Schiffen ins Mutterland schaffen, dort verkaufen und
nach Java die nötigen Mittel für den Dienst der Regierung liefern
mußte. Die Gelder wurden gleichzeitig mit dem Empfang der
Produkte vorgestreckt, soweit sie für die indischen Bedürfnisse
erforderlich waren; das übrige wurde von dem Kolonialdepartement
in Holland ausgezahlt. Das Ganze nannte man das Konsignationssystem.
 Mit der Menge der herangeführten Produkte
stieg auch die Verschuldung der niederländischen Regierung bei
der Maatschappij, zumal oft der Verkauf der Produkte die erwartete
Summe nicht aufbrachte und dann die Regierung mit dem Ausfall
belastet wurde. Die laufende Rechnung zwischen Regierung und
Maatschappij zeigte recht hohe Beträge, die bis zu 40 Mill. fl. anstiegen;
 eine völlige Tilgung der Schuld duldete die Erschöpfung
der Staatskasse nie. Wieder also, wie zu Zeiten der Ostindischen
Kompanie, die heillose Verkoppelung der Staatsfinanzen mit einer
Handelsgesellschaft; wir sahen oben schon, daß dieses Verhältnis
abermals an den Rand des Staatsbankerotts führte.
Die Verträge zur Überführung der Regierungs-Produkte waren
für die Maatschappij recht vorteilhaft; für die vorgeschossenen
Gelder erhielt sie gute Verzinsung; außerdem bezog sie hohe Kommissionsgebühren
 für den Verkauf der Produkte; seit 1835 zahlte
sie regelmäßig eine Dividende?). Verringerte sich später auch die
von der Regierung gezahlte Kommission, so beeinträchtigte das
1) Das hatte schon 1830 die ,,‚Kamer van Koophandel‘“ von Amsterdam als
durchaus notwendig erklärt (Colenbrander, Gedenkstukken, X, 4, S. 372;
Posthumus, Documenten, II, 219), während van der Capellen\bereits
 1819 für den freien Verkauf der Produkte in Indien eingetreten war (Falck,
Gedenkschriften, S. 482).
2) In den 32 Jahren (1835—1866) verteilte die Gesellschaft 2214 Prozent
Dividende, durchschnittlich also 69 Prozent (Tijdeman, S. 3809).

Sal
        <pb n="585" />
        ST ZEz
die Gewinne der Gesellschaft wenig, da die Menge der Produkte
dauernd wuchs. Als endlich 1839 sich die Regierung dem Druck,
den die Maatschappij auf sie durch die hohen Vorschüsse ausübte,
entziehen wollte und von den Kammern einen Betrag von 56 Mill. fl.
für die Rückzahlung forderte, wurde das abgelehnt, zumal da die
Regierung bei ihrer Geheimtuerei verharrte und nicht die volle
Wahrheit enthüllte. Nun schloß 1840 die Regierung mit der Maatschappij
 einen Vertrag, in dem die Schuld mit 39 Mill. fl. anerkannt
und ihre Verzinsung mit 5% festgestellt wurde; für Zinsen und
Amortisation sollte die Gesellschaft jährlich von dem Reinertrag
der in den Niederlanden vorgenommenen Verkäufe von Regierungsprodukten
 5 Mill. fl. einbehalten. Auf jeden Fall behielt sie die
Konsignation der Regierungsprodukte bis zur Ernte von 1848.
Bis zur vollen Tilgung der Schuld blieben der Maatschappij die
gesamte Zinnerzeugung und Produkte jeder Art, die an die Verwaltung
 überliefert wurden, vorbehalten; auch sonst wurden die
alten Bestimmungen über die Beförderung usw. aufrecht erhalten.
Nachdem diese Abmachung, deren einseitiger Abschluß durch die
Regierung stark angefochten wurde, 1841 noch eine Modifikation
insoweit erfahren hatte, als die Verzinsung der Vorschüsse herabgesetzt
 wurde, bestätigte 1842 ein Gesetz die Kontrakte zwischen
der Regierung und der Maatschappij. Doch fand das ganze bisherige
Gebahren der letzteren, die aus einer Handelsgesellschaft eine Geldquelle
 für die in Finanznöten befindliche Regierung geworden war,
scharfe Kritik; die Regierung verfiel in völlige Abhängigkeit von
der Gesellschaft. Man griff aber auch das „Kultursystem“‘‘ heftig
an, nachdem es schon bei seiner Einführung viele Gegner gefunden
hatte!); man verhehlte sich nicht, daß der Kredit der Niederlande
größtenteils auf den Kolonien beruhte und daß ohne diese der Staat
verloren sei. Bei einer neuen Auseinandersetzung mit der Maatschappij
 1849 wurde das Verhältnis zwischen dem Staat und ihr
ausdrücklich als das eines Prinzipals gegen seinen Agenten bezeichnet
 und der Gesellschaft vorgeschrieben, keine anderen Vorteile
 aus dem Vertragsverhältnis zu ziehen als solche, die ausdrücklich
 angegeben waren; auch wurden die Kommissionssätze genau
*) Vgl. Jets over de fin. aangelegenheden v. h. Rijk (1840); ferner Kruseman,
 Wederlegging van Jets etc.; gegen Kruseman wendete sich „Onpartijdige
 beoordeeling etc.‘ (1841).
Baasch, Holländische Wirtschaftsgeschichte.

77
87
        <pb n="586" />
        78
festgesetzt. Damals hatte man erhebliche Bedenken, ob die Gesellschaft
 überhaupt erhalten bleiben solle; nur das Interesse der Beziehungen
 der Regierung zu jener entschied schließlich ihren Fortbestand.
 Doch war man weniger denn je von der wirtschaftlichen
Notwendigkeit der Maatschappij überzeugt; nur sehr ungern entschloß
 man sich zu einer weiteren Verlängerung des Kontrakts auf
25 Jahre, in der man einen Zwang für die Regierung sah, sich nur
der Gesellschaft für die Konsignationen zu bedienen. Doch wurde
von jetzt ab das Konsignationssystem allmählich insoweit abgebaut,
als seit 1853 ein Teil der Regierungsprodukte in Indien zum Verkauf
 gestellt wurde; nur für die nach Europa geschafften Produkte
verblieb bis Ende 1874 der Maatschappij die Vermittlung. Kam
dadurch in den Handel mit ostindischen Erzeugnissen etwas mehr
Bewegungsfreiheit, so rührte man an dem Konsignationssystem,
soweit es den niederländischen Markt für die ostindischen Produkte
bevorzugte, noch nicht, da dieses für das Mutterland doch recht
vorteilhaft erschien. Es war auch nicht zu leugnen, daß durch
dies System für 30 Jahre Holland der Hauptmarkt für Kaffee geworden
 war, daß die Amsterdamer Zuckerraffinerien durch die
Zufuhren von Java-Rohzucker geblüht hatten, daß Java-Tee,
namentlich aber Java-Tabak eine bedeutende Rolle auf dem holländischen
 Markt sich eroberten!). Man meinte auch aus vielen Gründen,
in den Niederlanden für die Produkte bessere Preise erzielen zu
können als in Indien. Solange das Kultursystem in Wirksamkeit
war, schien allerdings ein Übergang zum alleinigen Verkauf aller
Regierungsprodukte in Indien bedenklich zu sein; man glaubte,
die Ausdehnung der Verkäufe in Indien genügend dadurch bewirkt
zu haben, daß schon etwa 600 000 Pikols Zucker in Java dem
freien Handel zur Verfügung gestellt waren. Die Teekulturen
wurden 1860 den Privatleuten ganz freigegeben, nachdem die
Regierung, die bis 1842 diese Kulturen allein besaß, an den
Kontrakten über die Lieferung dieses Artikels sehr große Verluste
 erlitten hatte.
Die Lage der eingeborenen Bevölkerung, die unter dem ‚„Kultur-1)
 Schon 1840 verkaufte die Ned. Hand. M. etwa 700 000 Ballen Kaffee;
1858 wurden für 90 Mill. fl. Produkte zu Gelde gemacht. Auf einer einzigen Kaffeeauktion
 wurden gelegentlich 4—8600 000 Ballen verkauft (Gedenkboek d. Ned,
Hand. Maatsch. 1824—1024, S. 43 ff.); vgl. auch Franck, S. 505.
        <pb n="587" />
        system‘‘ seufzte, hat sich erst langsam gebessert!). Das Buch von
Multatuli, Max Havelaar, das 1860 erschien, verfehlte zwar
nicht seinen erschütternden Eindruck auf das niederländische Volk,
indem es die jämmerliche Lage der Javanen unter dem Aufsaugungssystem
 einer gewissenlosen Regierung schilderte; es hat auch
zweifellos manche Stimmungen beeinflußt. Die verwickelten Beziehungen
 zwischen dem Kultur- und Konsignationssystem, der
Finanzverwaltung usw. ließen sich aber so schnell nicht entwirren,
wie es gewiß dem Wunsche des niederländischen Volkes in seiner Gesamtheit
 und auch den allgemeinen wirtschaftlichen Interessen entsprochen
 hätte. Erst mit dem Jahre 1874 hörte das Konsignationssystem
 auf; und allmählich wurden nun auch, nachdem das de
W aalsche Agrargesetz von 1870 die Übergabe wüsten Landes an
Europäer und damit große wirtschaftliche Unternehmungen ermöglicht
 hatte, die Zustände des javanischen Volkes menschenwürdiger,
 wenn auch manche drückenden Mißbräuche, wie die aus
der Zeit der Ostindischen Kompanie übernommene Verpachtung gewisser
 Einnahmen und Monopole (Opium) noch weiter bestanden?).
Freilich hörte nun auch Indien auf, dem Mutterlande als ergiebige
Finanzquelle zu dienen, wie das jahrzehntelang der Fall gewesen
 war).
Wenn many ;deni  Eigenhandel: der. Maatschappij
 in diesen 40 Jahren ihres Bestandes betrachtet, so
hatte er sehr wenig befriedigende Erträge geliefert. Unter den
Einfuhrgütern, die die 1827 errichtete Faktorei der Gesellschaft aus
dem Mutterlande bezog, nahmen von Beginn an die Kattunwaren
einen überwiegenden Raum ein; zuerst kamen sie namentlich aus
) Franck, S. 499 ff. beurteilt das Kultursystem freundlicher und sieht
in ihm eine notwendige „vorübergehende Erziehungsmaßregel‘, als „dauernde Produktions-
 und Kolonisationsform‘‘ lehnt er es ab (S. 506).
?) Vgl. Th. Thomas, Eenige opmerkingen — Pachtstelsel op Java;
vgl. auch die von Endt veröffentlichten ‚Koelie-Kontrakten‘ in Sumatra.
In „De Economist‘‘, 1869, S. 313 ff. trat Bauduin, „Het consignatie-stelsel“‘
für möglichste Freiheit im kolonialen Handel ein; auf die Dauer werde man die
völlige Freigebung nicht hindern können. Über die Opiumpacht vgl. J. E. L., De
Opiumpacht (De Economist, 1873, S. 805 ff., 905 ff.). Über den Kampf um das
„Kultursystem‘“ Anfang der 1860er Jahre vgl. Blok, Geschiedenis, VIII, 177.1:
°) Vgl. oben S. 555; 1877 betrugen die indischen Zuschüsse nur noch 1,90%
der Staatseinnahmen, gegen 10—12% zehn Jahre vorher (Franck, S. 522).

579
5
        <pb n="588" />
        — I—
Belgien, nach 1830 wurde diese Industrie von der Gesellschaft auch
in den nördlichen Provinzen gepflegt!), und ihre Erzeugnisse gingen
nun in großen Mengen nach Ostindien. Allerdings sicherte sich
auch bei diesen Ausfuhren die Maatschappij durch künstliche Mittel
gegen die Konkurrenz. Die Engländer verdienten auf ihre Leinwand
100%, und mehr und konnten daher bei der Ausfuhr Preise stellen,
die für den niederländischen Kaufmann verlustbringend waren?).
Da half der Gesellschaft nicht nur der schon erwähnte starke Schutzzoll;
 außerdem wurde sie durch die mit der Regierung eingegangenen
sog. Leinwand-Kontrakte gesichert gegen etwaige Verluste auf das
Kapital von ı Mill. fl., das jährlich in dem nationalen Kattunhandel
angelegt werden mußte. Da in diesen Kontrakten die Regierung
sich verpflichtet hatte, den darauf für die Maatschappij etwa sich
ergebenden Schaden bis zu 12% ihr zu vergüten, forderten die
Engländer, denen das nicht unbekannt blieb, auf Grund des Vertrags
 von 1824 eine Herabsetzung der Einfuhrabgaben; dem fügte
man sich und erhob nun 12%°/, von der nationalen Leinwand gegenüber
 25%, von der fremden. Der Maatschappij aber wurde auf
Grund geheimer Übereinkunft der bezahlte Zoll rückvergütet‘®).
Von 1840 ab konnte der Staat, den diese Kontrakte teuer genug
zu stehen kamen, solche Leistungen nicht mehr übernehmen; die
Kontrakte hörten aber erst von 1854 ab auf, und auch die Maatschappij
 konnte die Verluste bei dem Leinwandexport nicht mehr
tragen?) ; der Export von Leinwand bestand nun nur noch in einer
Versendung ohne Risiko für die Gesellschaft. Auch übernahmen
jetzt mehr und mehr private Exporthäuser oder Kommissionäre
diesen Export. Doch bildeten die Kattune noch lange Zeit einen
beträchtlichen Handelszweig der Maatschappij, sei es für eigene
Rechnung®), sei es in Konsignation für Dritte. Die Verluste bei
diesem Geschäft waren aber oft recht bedeutend; und nach 1868
zog sich die Gesellschaft ganz von ihnen zurück. Das beste Geschäft
1) van den Berg, S. 185; vgl. auch oben S. 456 f.
2) Gedenkboek, S. 53 ff.
3) Gedenkboek, S. 55 ff. Über die Leinwandkontrakte vgl. PosthumuSs,
De geheime Lijnwaadcontracten; ferner Posthumus, Documenten, II, 240 f.
das Schreiben von van den Bosch vom. ı5. August 1831. Die Leinwandkontrakte
 1835—1853 abgedruckt bei Posthumus, Recueil, S. 249 ff.
*) Vgl. oben S. 457.
5) Vgl. die Zahlen bei Tijdeman, S. 336.

58C
        <pb n="589" />
        5.5 —
für sie war stets die Erfüllung der Konsignationskontrakte über
die Beförderung der Regierungsprodukte. Diese Verschiffungen
mußten aber mit großer Sorgfalt behandelt werden, um zu verhüten,
 daß infolge Mangels an Produkten die von der Maatschappij
in den Niederlanden befrachteten Schiffe Liegetage hatten, oder
daß infolge Mangels an Schiffen die Regierungspackhäuser nicht
ausreichten zur Aufnahme der Produkte. Möglichst gleichmäßige
Zusammensetzung der Schiffsladungen war dringendes Erfordernis.
Es kam vor, daß manchmal 50—60 Schiffe gleichzeitig in den verschiedenen
 Häfen Javas für die Regierung in Ladung lagen. Als
später die Dampfschiffahrt einen Teil der Verladungen übernahm,
gestaltete sich dies alles einfacher‘).
Erst nach 1854 begann die Maatschappij wieder sich mehr
dem Handel im allgemeinen und demjenigen mit ostindischen Produkten
 im besonderen zu widmen; sie sandte diese Waren für
eigene Rechnung nach den Niederlanden, machte hierbei freilich
nicht immer gute Erfahrungen. Als der niederländische Markt an
Aufnahmefähigkeit für diese Produkte verlor, z. B. Zucker völlig
aus dem dortigen Markt ausschied, stellte, wie der private Handel,
so auch die Faktorei diese Verschiffungen ein. Von dem Handel
in Ostasien hielt sie am längsten den nach Japan aufrecht. Bedeutsam
 für die indische Landwirtschaft aber wurde es, als nun die
Nederl. Handels-Maatschappij ihre großen Kapitalien zum Teil in
den dortigen Kulturen nutzbringend verwerten konnte; sie erhielten
dadurch die erste größere Kapitalzufuhr?).
Inzwischen waren in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts
auch im allgemeinen Handel und Verkehr Ostindiens mit dem Mutterlande
 wesentliche und grundlegende Veränderungen eingetreten.
Wie das Schiffahrtsgesetz von 1850 die Bevorzugung der niederländischen
 Schiffahrt aufhob®), soweit Gegenseitigkeit zugesichert
war, so brachten die Münzreform von 1846 und das Münzgesetz von
1854 endlich der Kolonie erträgliche Münzverhältnisse, die freilich
dem niederländischen Staatsschatz teuer zu stehen kamen, nämlich
etwa 20 Mill. fl., aber sehr heilsam gewirkt haben. Ideal waren auch
späterhin die indischen Münzzustände nicht; sie litten vorzüglich
)) van den Berg, S. 183 If.
2?) Helfferich, Kulturbanken, S. 32; vgl. oben S. 564 f.
3) van den Berg, S. 89 ff., 362.

ST
        <pb n="590" />
        an dem Umlauf vieler falscher Münzen!). Im Widerspruch mit den
früheren Beschlüssen wurde 1877 das System einer Doppelwährung
 in Indien eingeführt; Gold wurde gesetzliches
Zahlungsmittel, doch verblieb auch dem in Umlauf befindlichen
Silber der Charakter eines Zahlungsmittels. Auch sonst erfolgten
viele Maßregeln, die Ostindien den Platz im großen internationalen
Verkehr zu sichern suchten; so wurde die Zahl der dem Verkehr
offenstehenden Häfen stark erweitert; es wurden Freihäfen errichtet
und die Kulturen der wichtigsten Erzeugnisse wissenschaftlicher
Pflege unterworfen. Im Jahre 1817 betrug die Gesamtsumme der
ein- und ausgehenden Zölle in ganz Nied.-Indien 432 000 fl., 1905
waren es 12 821 000 fl.?). Den Hauptgewinn aus dem ostindischen
Besitz hat zweifellos außer dem Handelsstand und der Reederei
die niederländische Textilindustrie gezogen; die starke differentielle
Belastung, die den fremden Textilwaren bei der Einfuhr zuteil wurde,
kam jener Industrie in hohem Maße zugute; und die Handelskreise
in Batavia hatten nicht Unrecht, als sie 1858 bei der Verhandlung
über die Ermäßigung dieser Abgaben, der die niederländischen
Handelskammern widerstrebten, darlegten, daß infolge jener differentiellen
 Abgaben auf fremde Leinwand die Bevölkerung von Java
in 25 Jahren etwa 40 Mill. fl. als Prämie bezahlt habe, nur damit
in den Niederlanden die Baumwollindustrie heimisch werde?®). Ob
es richtig war, die indische Bevölkerung die Kosten für die Vorteile,
 die dem Mutterlande aus jener Industrie erwuchsen, zahlen
zu lassen, war sicherlich zweifelhaft, zumal durch diese Sonderbelastung
 die großen, in Ostindien verdienten Vermögen kaum getroffen
 wurden. Erst 1874 trat ein rein fiskalischer Tarif in Kraft,
dem jede Fähigkeit, den niederländischen Markt zu begünstigen,
fehlte. Endlich nahm nun auch Nied.-Indien an der freihändlerischen
 Politik des Mutterlandes teil; leicht wurde es offenbar vielen
der dortigen Interessenten nicht, den Gedanken aufzugeben, daß
diese wertvollen Kolonien noch etwas anderes seien als ein wirtschaftliches
 Ausbeutungsobjekt. Doch bestanden die Ausfuhrabgaben
 noch fort, obwohl sie vielfach auf Widerspruch stießen“);
l) van Kol, Ned. Indie in d. Stat. General, S. 244 f.
2) van den Berg, S. 329 ff.
3) Hierüber vgl. oben S. 449f., 455-1)
 Vgl. De Economist, 1882, S. 312 ff.

582
        <pb n="591" />
        erst 1887 fiel die Ausfuhrabgabe auf Zucker; sie hatte weiter keinen
Sinn, da der Javazucker schon längst nicht mehr ein natürliches
Monopol besaß und seine Produktion sich keineswegs in sehr günstiger
Lage befand!). Die Ausfuhrabgaben auf Kaffee und Indigo wurden
erst 1902 aufgehoben; auf Tabak, Zinn, Häute bestanden sie
aber weiter.
Mit der „Nederl. Handelsmaatschappij‘‘ hat die Regierung auch
weiterhin Verbindung gehabt?) ; sie wurde für die Gesellschaft immer
weniger einträglich und bestand nur noch in den gegen kleine Kommission
 übernommenen Verkäufen und Verschiffungen der Regierungsprodukte.
 Von 1870—1898 sanken die Erträge der Regierungsauktionen
 von 60—70 Mill. auf 17 Mill. fl.; nur die Vermehrung
der Zinnverkäufe verliehen diesen Verkäufen noch hier und da
größere Bedeutung‘).
Wenig Freude erlebte die holländische Wirtschaft an den
westindischen Kolonien, insbesondere Surinam. Die Wiederherstellung
 der holländischen Herrschaft nach der französischen Zeit,
die erst Anfang 1816 erfolgte, brachte die Schuldner daselbst in
schwere Bedrängnis, da bei der englischen Besetzung das holländische
 Papiergeld stark im Werte gesunken war, so daß 46 Papiergulden
 für ı £ gegeben wurden. Nun stieg das holländische Geld
auf 17 Papiergulden, was sich für die alten Schuldner sehr nachteilig
 erwies. Die holländischen Besitzer von dortigen Plantagen
waren deshalb um ihren Besitz nicht zu beneiden; und viele
Eigentümer von Hypotheken -entledigten sich ihrer billig *).
Die Kolonie selbst entwickelte sich recht ungünstig, namentlich
infolge der überaus schwierigen Arbeiterfrage, seitdem nach 1818
die Gesetzgebung die Ergänzung des Negerbestandes unmöglich
gemacht hatte. Der Mangel an einem verständigen Regierungssystem
 erwies sich auch für das Wirtschaftsleben sehr nachteilig; das
benachbarte British-Guayana überflügelte die holländische Kolonie
nach allen Richtungen. Die Zuckerausfuhr hielt sich zunächst noch
1) Über die Entwicklung der Rohrzuckerindustrie in Java vgl. Anton,
Studien.
2) Über die Tätigkeit der Ned. H. M. im Bankwesen vgl. oben S. 564f.
3) Gedenkboek, S. 73. Über die großen Gewinne aus den Zinnbergwerken,
Franck; S. 5381.
‘-vanden Brink, Si 124.

:83
        <pb n="592" />
        ziemlich stabil!). Als dann 1863 die Sklaverei aufgehoben wurde,
hatte man für den jetzt eintretenden Zustand freier Arbeit nichts
vorbereitet ; die Zuckerausfuhr nahm nun dauernd ab. Die Mischung
der Bevölkerung war für die Entstehung einer bodenständigen,
soliden Plantagenwirtschaft recht ungünstig?); auch durch die Organisation
 der Zuwanderung fremder Arbeitskräfte aus Indien, Java
usw. hat man diese Mängel nur zum Teil beseitigen können?). Als
nützlich erwies sich die Errichtung einer regelmäßigen Dampferverbindung
 mit Holland 1884*%). Doch brachte das Kapital Anlagen
in Surinam stets große Abneigung entgegen; die schlechten Erfahrungen
 des 18. Jahrhunderts wirkten wohl noch abschreckend.
So war auch die Ausfuhr sehr schwankend; sie stieg von 3 437 247 fl.
im Jahre 1845 nur auf 3 600 535 fl. im Jahre 1880; in letztgenanntem
Jahre betrug der Einfuhrüberschuß noch 13923 fl., während 1845
ein Ausfuhrüberschuß von ı 839 263 fl. bestanden hatte®). Später
wandte man sich auch der Cacao- und Kaffeekultur zu; doch ging
letztere zurück; ebenso pflegte man zeitweilig die Ausfuhr von
Bananen, wobei amerikanisches Kapital beteiligt war®). Im allgemeinen
 war die Kolonie dauernd ein Schmerzenskind des Mutterlandes,
 dessen Finanzen sie viel kostete, ohne daß sie seinem Wirtschaftsleben
 wesentliche Erträge brachte.
$ 10. Rückblick.
Werfen wir einen kurzen Rückblick auf das holländische
Wirtschaftsleben, wie es sich uns in drei Jahrhunderten darstellt,
so muß anerkannt werden, daß alles zusammengenommen das
kleine Land nicht nur viel, sondern auch eigenartiges geleistet hat.
Es hat auf allen wirtschaftlichen Gebieten mindestens ein -
mal in dieser Zeit auf einer unerreichten Höhe ge-1)
 Vgl. oben S. 474:
2?) Vgl. hierzu „Het verleden, het heden en de toekomst van Suriname‘‘,
in De Economist, 1879, S. 145 ff.
3) Gegen die Auswanderung Weißer nach Surinam und für die Überführung
von Javanen dorthin sprach sich Quarles van Ufford aus (De Economist,
1893, S: 78 ff.).
14) Vgl. oben S. 526:
5) Vgl. Kielstra, Wirtschaftl. u. soz. Probleme, S. Iıo f.
6) Vgl. Huffnagel, De Surin. bacovencontracten.
        <pb n="593" />
        — 505 —
standen, sowohl im Handel als in der Schiffahrt und Fischerei,
in der Industrie und Landwirtschaft; es sei nur hingewiesen auf
die ausgedehnte Frachtschiffahrt, auf das Waren- und Börsengeschäft,
 das Bankwesen, auf die Heringsfischerei, die Leidener
Textil- und die Amsterdamer Zuckerindustrie, die Produktion der
Milchfabrikate u. a. m. Für jeden dieser Erwerbszweige hat das
Land zeitweilig als Vorbild und Muster gedient; bis dann die anderen
Völker es den Holländern abgesehen hatten und sie nun, Kraft
ihrer größeren Macht und Energie, überflügelten.
Wenn die Niederländer vielfach versagt haben und zum Teil
die Gründe ihres Niedergangs in ihnen selbst, in ihren Versäumnissen
 und Fehlern zu suchen waren, so sind doch diese letzteren
so eng mit den Äußerungen ihrer Größe verbunden, daß es schwer
ist, zwischen eigener Schuld und den in den allgemeinen Verhältnissen
ruhenden Krankheitskeimen zu unterscheiden. In der Ostindischen
Kompanie und der Amsterdamer Wechselbank haben sie für 200
Jahre weltbekannte Organe der Wirtschaft geschaffen und besessen,
die, auf großartigen Anfängen fußend und unter vortrefflichen Aussichten
 weitergeführt, schließlich doch dem Untergang anheimfielen,
 weil sie mit dem Staate, der sie ins Leben gerufen hatte, in
zu enger, unlösbarer Verbindung standen. Und in dieser Verknüpfung
 des Staats mit. der Wirtschaft lag
überhaupt das: Geheimnis sowohl der! Größe
als auch des Verfalls des Landes’ begründet.
Es ergab sich, daß weder die Wirtschaft auf die Dauer gedieh,
wenn der Staat sie beherrschte und beeinflußte, noch der Staat,
wenn er ausschließlich aus der Wirtschaft und mit ihr im Bunde
die materiellen und sittlichen Kräfte seines Daseins schöpfen wollte.
Ein Staat, der politisch etwas bedeuten wollte und von der Börse
seiner Hauptstadt abhängig war, mußte zugrundegehen, zumal
da ihm die Fähigkeit und Neigung, seinen wirtschaftlichen Machtwillen
 auf kriegerischem Wege durchzusetzen, mehr und mehr verlorenging.

Welchen Ursachen die einzelnen Schwankungen im Wirtschaftsleben
 zuzuschreiben waren, kann nur in der Sonderbehandlung
festgestellt werden. Gewiß hat sich namentlich die Industrie nicht
immer rechtzeitig den wechselnden Anforderungen anzupassen verstanden;
 es hat Perioden gegeben, in denen sie einem Zustande der

Re
        <pb n="594" />
        = 8er) =
Versumpfung anheimfiel. Ähnlich verhielt es sich mit der Schiffahrt
etwa von 1780—1850. Neben den politischen Ereignissen, die
lähmend auf die Tatkraft der Niederländer einwirkten, war doch
auch wohl einer gewissen materiellen Sättigung, einer Neigung zur
Schwerfälligkeit die Schuld an dem Rückgang und Stillstand beizumessen.
 Die im Freiheitskampfe mit Spanien emporlodernde
und durch ihn genährte Unternehmungslust der Niederländer hat
neben den schönen Ergebnissen, die sie ihnen brachte und die u. a.
ihnen das Geschenk einer kolonialen Weltmacht in den Schoß legte,
doch auch den Nachteil gehabt, daß sie ihnen zuviel des Guten
zuführte und damit die verderblichen Folgen und Begleiterscheinungen
 einer Hochkultur zu kosten gab. Der Niederländer machte
es sich nun bequemer mit der Arbeit, das Wirtschaftsleben wandelte
sich, indem es einen Höhepunkt des Kapitalismus erreichte und
sich mehr und mehr dem reinen Geldgeschäft zuwandte. Damit
entfremdete sich der zum Genießer gewordene Niederländer den
Grundlagen seiner alten Handelsblüte, dem Eigenhandel mit Waren
und der Schiffahrt; sein Idol wurde die Börse und zwar die Effektenbörse;
 er wurde der Geldgeber, der Bewahrer des Geldschrankes
aller Welt. Und als dann der eiserne Besen der Napoleonischen Zeit
diesen Geldschrank ausfegte, wurde es nachher dem Holländer
schwer, sich wieder den alten Zweigen seines Handels, seinem natürlichen
 wirtschaftlichen Beruf zu widmen. Mit Recht folgte er dem
Beispiel seiner Vorfahren, die in den überseeischen Besitzungen
die vornehmste Quelle ihres Wohlstandes erblickten; aber dann
schuf man die Nederl. Handelsmaatschappij, ein unglückliches
Gegenstück zu der früheren Ostindischen Kompanie; in ihrer dekadenten
 Struktur brachte sie den Rückgang gegen früher klar zum
Ausdruck. Es bedurfte jahrzehntelangen, wenig fruchtbaren Tastens,
bis der Holländer wieder in die Bahnen einer seinen Interessen
und seiner Leistungsfähigkeit angemessenen Wirtschaftspolitik eingelenkt
 war; langsam gewann er in der Mitte des 19. Jahrhunderts
Anschluß an das mächtig ihn umrauschende Wirtschaftsleben der
Welt. Freilich, die großen Tage seiner Bedeutung in Handel und
Schiffahrt waren dahin.
Die Wandlungen des Wirtschaftslebens sind natürlich auch
beeinflußt worden von den inneren Verhältnissen, so dem Steuerund
 Finanzwesen, das sogar für die bescheidenen AnzR8FE
        <pb n="595" />
        —- 5.7 —
sprüche früherer Zeiten überaus große, nicht immer durch die
Not der Zeit entschuldbare Mängel aufwies und in starkem Maße
die Wirkungen rein merkantiler Anschauungen und Bedürfnisse
zeigte. Wie ferner in der Kolonialwirtschaft die größten
Schwankungen und Gegensätze hervortraten und hier in jeder
Beziehung die unerfreulichsten Erscheinungen zum Ausdruck kamen,
so‘ trug andererseits die Landwirtschaft, wie überall, so
auch in der Niederlanden den Charakter einer gewissen Stetigkeit.
Sie bewahrte durch die drei Jahrhunderte am besten das Bild
eines dem holländischen Volke und Boden eigentümlichen Wirtschaftsbetriebes,
 wenn auch neben dem Käse und der Butter, dem
Flachs und dem Torf später manche modernen Bodenprodukte,
wie Kartoffeln und Rübenzucker, in den Vordergrund traten. Aber
von gewagten Experimenten, wie sie alle übrigen Wirtschaftszweige
 sich geleistet haben, blieb die Landwirtschaft bewahrt;
auch die Blumenzwiebel-Manie war keine landwirtschaftliche Krankheit,
 sondern ein Übergriff der Börsenspekulation auf das
agrarische Gebiet. An Energie und Zähigkeit hat die einheimische
 Landwirtschaft den Handel und die Schiffahrt zeitweise
übertroffen. Allerdings hat sie es vielfach leichter gehabt, da für
ihre in das Ausland gehenden Erzeugnisse die sehr günstige Lage
des Landes sich vorteilhaft erwies, während Handel und Schiffahrt
doch in starkem Maße unter der natürlichen und künstlichen Konkurrenz
 des Auslandes litten und die Niederlande als Besitzer der
Rheinmündungen sich ihrer Pflichten gegen das mitteleuropäische
Hinterland nicht immer bewußt gewesen sind, wodurch sie ihrem
eigenen Wirtschaftsleben am meisten schadeten.
Zwischen der Privatwirtschaft und der vom Staat vertretenen
Wirtschaftspolitik bestand im allgemeinen in früherer Zeit kein
Gegensatz, da die staatliche Politik sich meist mit der nach außen
hin vertretenen Wirtschaftspolitik deckte und diese von den vornehmsten
 Trägern der Wirtschaft beeinflußt war. Wenn trotzdem
manche merkwürdigen Schwankungen in der Wirtschaftspolitik,
 insbesondere der Handels- und Gewerbepolitik, unverkennbar
 waren, so beruhte dies zum großen Teil auf dem losen
Gefüge des Staatswesens, das namentlich nach dem Münsterschen
Frieden und in den statthalterlosen Perioden mehr einem Staatenbunde
 als einem Bundesstaat glich und heftigen wirtschaftlichen

‘87
7
*
        <pb n="596" />
        Kämpfen ohnmächtig gegenüberstand. Zum andern Teil aber beruhten
 die Schwankungen in der Wirtschaftspolitik zwischen
krassem Protektionismus und freier Handelsgebarung, zwischen
dem laissez faire und einem starken Monopolgeist auf der Unsicherheit,
 mit der man die wirtschaftlichen Dinge betrachtete, sobald
sie aus dem Rahmen der Privatwirtschaft hinaustraten und sich
der Volkswirtschaft einfügen sollten. Von nicht geringem Einfluß
auf die gesamte Wirtschaft des Landes, einschließlich der Industrie
und der Landwirtschaft, sind die Beziehungen zu den überseeischen
Besitzungen gewesen; aber auch hier hat es sich gerächt, daß der
holländische Markt zu einseitig auf die’ Produkte der eigenen
Kolonien eingestellt war und daß andererseits die einheimische Industrie
 ihre Produktion allzusehr auf den Absatz in den Kolonien
berechnete.
Aus den vielen Erscheinungen, die uns das holländische
Wirtschaftsleben der 300 Jahre nach der Loslösung von Spanien
vor Augen führt, läßt sich eine stets wiederkehrende Eigenschaft
der Träger dieses Wirtschaftslebens erkennen, das war der ausgeprägte
 Individualismus. So vortrefflich die Leistungen
 waren, zu denen die Einzelpersönlichkeit sich in zahlreichen
Fällen auf allen Gebieten wirtschaftlicher Betätigung aufgeschwungen
 hat, so hat doch der Individualismus in seiner Starrheit
und Unzugänglichkeit vieles Vortreffliche gehindert, ja zerstört.
Wo man sich einmal zu gemeinsamem Vorgehen zusammenschloß,
da endete es stets in Monopolen, d. h. in dem Ausschluß Anderer
von der Mitarbeit und dem Mitgenuß, was nichts anderes war als
ein potenzierter Individualismus, oder in der rücksichtslosen Ausnutzung
 einer mehr oder weniger vorübergehenden Konjunktur.
Äußerst selten erblicken wir ein Zusammenwirken im Dienste des
Ganzen; stets drängte sich der Eigennutz der Einzelnen vor, vielfach
 ohne Rücksicht auf Sitte und vaterländische Pflicht. Das
Beispiel des Staates, dessen Politik stets von der Selbstsucht vorgeschrieben
 war und der dem Ziele der augenblicklichen materiellen
Wohlfahrt des Landes alle und jede Rücksichten opferte, konnte
auf den Einzelnen ja nur ermunternd einwirken. Am schärfsten
fand dies alles seinen Ausdruck im Handel, und zwar völlig unabhängig
 von der Neigung zum Freihandel oder zum Schutzsystem;
mit beiden Richtungen vertrug sich, wenn nur das Geschäft blühte,

58E
        <pb n="597" />
        — 5.2 —
der persönliche Individualismus gut; und durch Wirtschaftstheorien
 ließ man sich überhaupt nie bestimmen. Im Gewerbe
zeigten sich mehrfach schon frühzeitig Ansätze zu gemeinsamer
Arbeit für das Berufsinteresse, so bei den Tuchmachern, den Brauern;
das waren Ausnahmen von nur örtlicher und temporärer Wirkung.
Im ganzen herrschte doch und mit der Zeit in steigendem Maße,
befördert durch den altbegründeten und nie überwundenen
 Partikularismus der Provinzen und
Städte, die: Übertragung des Kontor- und
Kantönli-Geistes/ auf’ das Wirtschaftsleben;
am liebsten hätte jedermann, wie er in seinem Kontor keinen Herrn
neben sich duldete, auch seine eigene Wirtschaftspolitik betrieben.
An dieser Eigenschaft, die engen‘ privatwirtschaftlichen Anschauungen
 im öffentlichen Leben den Vorzug vor volkswirtschaftlichen
gab, hat bis ins 19. Jahrhundert hinein die niederländische Wirtschaft
 gekrankt. Selbst noch in einer Zeit, da nach 1814 eine straffere
 staatliche Zentralregierung den örtlichen und provinziellen
Partikularismus besser als früher zügelte, traten nicht nur in der
Privatwirtschaft, sondern auch in der staatlichen Wirtschaftspolitik
eigenartige Züge individualistischer Behandlung der Dinge hervor,
die von der Annahme ausgingen, als ob man glaube, Holland sei allein
auf der Welt und seine Wirtschaft könne unabhängig von derjenigen
anderer Staaten bestehen und gedeihen. Erst die durch den wachsenden
 und erfolgreichen Wettbewerb des Auslandes geschaffenen
Notwendigkeiten der zweiten Hälfte des ıo. Jahrhunderts
 haben den Individualismus in seine
Schranken gewiesen und im Wirtschaftsleben das Element
 des Zusammenarbeitens, die Idee der Interessengemeinschaft
zu ihrem Rechte kommen lassen. In den Zeiten der wirtschaftlichen
 Zersplitterung Deutschlands und der noch schwachen Entwicklung
 des weltwirtschaftlichen Handelssystems konnte sich ein
kleines, arbeitstüchtiges Volk dem Individualismus hingeben und
seine Wirtschaft auf den Bestrebungen einzelner Kaufmannshäuser
aufbauen, im Zeitalter der großartigen, internationalen Wirtschaftsorganisationen
 war das nicht mehr möglich.
So lassen sich die 30—40 Jahre zwischen 1814 und 1850 wohl
als den letzten Kampf des Individualismus gegen die Gemeinsamkeitsarbeit
 bezeichnen. Es war die Zeit, da der Holländer zufrieden

+86
        <pb n="598" />
        war, wenn man ihm seinen Käse und seine Butter abkaufte, wenn
er seinen Genever nicht zu hoch zu versteuern brauchte und wenn
er in Ruhe zuschauen konnte, wie deutsche Tagelöhner ihm das
Korn mähten, den Torf gruben, überhaupt die schwere Arbeit übernahmen.
 Nur ungern trennte er sich von seiner Treckschuite und
sah mit Mißtrauen auf Diligence und Eisenbahn. Jahrzehntelang
ließ er sich eine liederliche Finanz- und Kolonialverwaltung gefallen
 und ertrug Steuern, die durch die Unbilligkeit ihrer Veranlagung
 längst den Tadel des Auslandes auf sich gezogen hatten.
Wäre nicht Belgien, der ihm. zwar wenig sympathische, aber wirtschaftlich
 rührigere Nachbar, gewesen, Hollands wirtschaftliche
Energie wäre völlig eingeschlafen und das Volk hätte sich beruhigt
bei den ihm durch die günstige Lage des Landes von selbst zufließenden
 Gewinnen, die zusammen mit dem altererbten Wohlstand
 eine ausreichende Lebensrente sicherten. Nachdem dann in
der zweiten Hälfte des Jahrhunderts die wirtschaftliche Neugeburt
sich langsam, aber stetig durchgesetzt hatte, entwickelte sich das
Land zu neuer Blüte, die zwar nicht so ungewöhnlich war wie die
des 17. Jahrhunderts, sondern sich in den Grenzen moderner Wirtschaftsmaßstäbe
 hielt. Die Grundlagen dieser Blüte waren noch
die alten: Handel, Schiffahrt, Kolonialwirtschaft, Industrie,
Fischerei, Landwirtschaft. Für Handel und Schiffahrt gewann das
deutsche Hinterland mehr und mehr an Bedeutung; die kolonialen
Besitzungen waren noch von großem Einfluß; aber dieser war doch
nicht mehr so überwiegend wie früher; die Landwirtschaft ging
notgedrungen vom extensiven zu einem ausgesprochen intensiven
Betrieb über; die Industrie schlug zwar hier und da neue Bahnen
ein, so in der Margarine- und Chokoladenfabrikation; sie hatte
aber im Wirtschaftsleben des Landes nicht mehr die überragende
Stellung, die man ihr einst künstlich geschaffen hatte; für eine
Industrieschutzpolitik bestand kein Boden mehr. Ein bedeutender
Wandel vollzog sich in den Standorten des Handels. Rotterdam,
 das bei Beginn des von uns geschilderten Zeitabschnittes
noch im wesentlichen von Heringsfang und Heringshandel lebte,
verdrängte jetzt, dank seiner ausgezeichneten Verbindungen mit
dem Hinterlande, Amsterdam völlig; im Ein-, Aus- und Durchfuhrhandel
 war es unbestritten der erste Hafen, wenn auch ein
großer Teil dieses Verkehrs auf der Spedition beruhte. Nicht mehr

590
        <pb n="599" />
        Amsterdam war es, das mit Antwerpen und Hamburg um den
ersten Rang stritt, sondern Rotterdam; Amsterdam hatte einen
nicht unbedeutenden Handel, namentlich in Kolonialprodukten,
während es seine alte Vormachtstellung im Getreidehandel längst
eingebüßt hatte; seine wirtschaftliche Leistungsfähigkeit bewies es
vorzüglich aber in seiner Börse, mit der es der Mittelpunkt eines
weitverzweigten Geld- und Fondsgeschäfts war und blieb. Dieser
Wandel war im wesentlichen auf die Veränderungen im Verkehrswesen
 zurückzuführen, die die natürlichen Vorzüge Rotterdams
mehr als einst zur Geltung kommen ließen.
Nicht nur die ersten Hafen- und Seestädte waren Amsterdam
und Rotterdam, vor denen die früher nicht unbedeutenden Hafenplätze,
 wie Enckhuizen, Middelburg u. a. m. jetzt völlig in den
Schatten traten; nicht nur konzentrierte sich hier das Geldgeschäft.
In beiden Städten sammelte sich nun auch mehr denn einst die
große Industrie. Der Seeschiffbau sah sich schon durch die Wasserverhältnisse
 gezwungen, die Mündungen der Hauptströme aufzusuchen,
 verließ deshalb die kleinen Plätze und ging nach der
Maas und dem Ij. Denselben Weg nahm der Holzhandel, der nicht
mehr an der Zaan und in Dordrecht, sondern in Rotterdam und
Amsterdam seine Mittelpunkte fand. Selbst von der Schiffahrt
unabhängige Industrien, wie die Kakao- und Chokoladenfabrikation
konzentrierten sich fast ganz um Amsterdam Wieder, wie
früher, gab die Entwicklung der großen Städte
dem Wirtschaftsleben des Landes die besondere
 Färbung; der Drang nach der See, nach schiffbaren
Wasserstraßen beeinflußte die Standorte der Industrie in hohem
Grade. Wenn der größere Teil der Industrie in anderen Teilen
des Landes verblieb, so änderte das wenig an der engen Verbindung,
 die die genannten Seestädte mit der Gesamtindustrie verknüpfte;
 gegen einst unterschied sich diese Verbindung nur durch
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IS
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Aachen 90. 92. 453. 509. 149. 152. 155. 157. 159. 164. 167.
Aalfischerei 58. 169—174. 177. 181. 183. 185 ff. 194—
Aalten 464 £. 197. 199—202./ 205.208 f. 214.221.
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Adel 4. 486. 287. 295. 297—300. 302—306, 308 f.
Adriatisches Meer 346. 516. 311 f. 340 ff. 344 f. 347. 352. 355. 357 ff.
Afrika 241 f. 361. 363. 365. 367. 370. 374. 376—379.
Ainsworth 456. 381. 384. 388 ff. 302—395. 397. 399 f.
Aktiengesellschaften 535. 402 £. 413. 417 ff. 425. 428. 431 ff. 440.
Aktienhandel 249 f. 444: 457. 402. 464. 467. 482. 488. 490.
Akzise (Imposten) 71. 175. 178f. 1ı82f. 502. 507f. 512 f. 519—523. 528—531.
269. 533. 546. 550. 552f. 558; auf 534. 570°. 590 f.
Bier 115—120. 175. 183. 400. 550. 554; Amsterdam. Admiralität 89. 194. 358; Ar-Brennstoffe
 120. 130. 183. 451.460. beitsbörse 537; Börse 16. 23. 152. 225—
550. 554; Gemahlenes u. Geschlach- 240. 331. 388. 416. 418. 440. 566 f.
tetes 128. 490. 550. 552. 559; Kaffee 591; ‚Brauerei 4713. (118.1 120. 123.
118. 183; Salz 57. 64. 175. 183 f.451. 399; Brennerei 124 f. 127; Commerz-550.
 552. 558; Seife 451. 550. 554. 558; Colleg 18 f. 102; Diamantenindustrie
Spirituosen 451. 552. 554; Tee 118. 144 f. 482 f.; Einwohnerzahl ı2. 24.
183 1.4 Wein 116.4175: 183.445. 535; Essigbrauerei 122; Färberei 90.
Zucker 133. 468—473. 552 f. 95; Getreidehandel 272. 307. 349. 5915;
Alaun ‘319. 347. Gewerbepolitik 77. 106; Handelskam-Alba
 96. 293. mer 436. 519. 525. 559. 572. 576; Holz-Aleppo
 347. hafen 480; Holzhandel ırrı; Hut-Alexandrette
 347. macherei 547; Juden 2451f° 249 ff.;
Algier 74. Kattundruckerei 100. 451; Kattungarn-Alkmaar
 31 f. 34. 116. 122. 498; Brauerei fabriken 464; Knechtsgilden 80; Korn-113:
 123. börse 235. 307; Landwirtschaftl. Aus-Almeloo
 24. 100. 456. 462. stellung 497; Leihkammer 221; Luxus-Altona
 73. 250. 304. 521. industrie 144. 147; Makler 226 f. 244.
Amboina 364. 250 f.; Möbelindustrie 144; Münzstätte
Ameland 312. 214; Ölfabriken 139 f.; Pfahlgeld ı1;
Amerika 167. 218. 233. 349. 493. 565. 567; Post 21 f.; Rübenzuckerfabriken 471.
Vereinigte Staaten von 22 f. 429. 448. 476; Sägemühlen 112; Schiffbau 105—
A472. 1483. 522. 108. 476. 479. 533; Schiffszimmerleute
Amersfoort 37. 136. 512. 81. 105. 107. 538; Seidenindustrie 102.
Amiens, Friede von 394. 147; Seifensiederei 140; Stadthaus 158;
Amortisations-Syndikat 484 f. 542 f. 545. Tauschlägereien1 11; Textilindustrie 82.
547 £. 549. 86. 95.98. 147; Tuchbereiter 688;
Amstelland 32. Veemen 81; Verschuldung 409; Vroed-Amsterdam
 2. 5. 8. 10—27. 30—Z33. 35. schap 17; Wage ı1; Wechselbank 195.
51. 58. 66f. 69ff. 74—79. 82. 87. 96. 199. 203. 207. 210—224. 238. 240. 269.
        <pb n="625" />
        —— 617 —
371. 378. 559. 585; Wollhandel 453; Barmen 94.
Zigarrenfabrikation 481; Zuckerhandel, Baron, Jeremias 104.
Zuckerindustrie 129—133. 247. 321. Barrierevertrag 190. 541.
398,435. 469 £.' 472 HM: 1578, 585: Bartolotti 13. 270.
Anatolien 348. Basel 441.
UDSSR 83 293: Batavia 133. 364. 367. 458. 524. 569. 582.
Ankerschmiede ı11. Baugenossenschaften 533.
Anna-Paulowna-Polder 492. Baumwolle 286 f. 319. 333. 349. 397. 402.
Antwerpen 2. ırff. 82. 96. 141f. 171. 429. 432. 444. 455. 459. 474. 526. 575;
209. 241. 246. 252. 255. 258. 277. 297. Baumwollindustrie 402. 444. 452. 454-318.
 324 f. 351. 391—394. 397- 424 ff. 461. 465. 566. 582; Baumwollkrisis
428. 436. 439 £. 444- 453. 457. 402. 464. _ 562; Baumwollwaren 426. 455. 573.
469. 483. 507—510. 515. 519. 570. Baumwollflanell 463.
— Konkurrenz ı4f. 392 f. 425 f. 591. Bayern 199. 436.
Apeldoorn 37. 482. 535. Beeldsnijder, Tib. Matroos 204.
Pe Am 253. Beemster 30. 45. 54.
ak 126.
Arbeiterbewegung 537ff.; Arbeiterschutz- Beklemrecht 39 £f.
gesetz 534. Belgien 32. 388. 390. 420. 422. 425 £. 436.
Arbeitshäuser 158. 535; Arbeitslöhne 104. 49 £. 443 If. 447. 451 1. :465:1471..473-I54.
 156. 479. 533. 537 ff.; Arbeitszeit 488. 492. 497. 505. 537. 541. 546. 549-156.
 533. 552. 567. 580. 590. .
Archangel 101. 109. 342 ff.; Sägemühlen — Industrie 424. 451. 455 f.; Eisen-109.
 bahnen 507. 510. 512 ff.
Archipel 348. Belt 278.
Argentinien 453. 465. 494. 523. Berbice 134 f. 378 f.
Armada 257. Berenbroek 567.
Armenien 89. 224. Berg 292. 299.
Armenpflege, Armenwesen 158. 535{.; Bergen, Zoll 197; Bergenfahrer 178.
Armengesetz 387. 536. Bergen-op-Zoom 467.
Arnemuiden 169. Berkel, van, Pensionaris 22,
Arnhem 24. 171. 272. 207 ff. 389. 428 f. Berlin 104. 238. 509. 535. 563.
so8 f. 531. Betuwe 37.
Asche 284. Beuningen 280.
Assendelft 32. Bevölkerungsdichte 385; Bevölkerungs-Assekuranzgesellschaften
 236. 241. 244. _ zunahme 422; Seßhaftigkeit 535.
568 (s. Versicherungswesen). Beywegh, Arnold von 199.
Assekuradeure 241. 244. Bicker, Cornelis, Bürgermeister 17. 106;
Assignaten 386. Bicker, Jan 106; Bicker, Gerrit 342.
Atschin 555. Bilbao 340.
Auktionen 77. 383. 475. 498. 565. 578. Bilderdam 173.
Austernfischerei 74. 506. Biltland 45.
Australien 572. | Binnenschiffahrt 170—173. 294. 391. 477.
Auswanderung 164. 167. 522 f. 537. 584. _ 5%. 520.
Azof. 110. Blech 356.
Blei: 265. 284. . 305: 319.‘ 339.
Bleicherei 92 f. 401. 462. 502.
B. Bleiweiß 152. 444 f. 452.
Baille, Pierre 147. 156. Blumenhandel 33.
Balde &amp;amp; Sohn, Wwe. Jean 197. Blumenzwiebelzucht 27. 34. 234. 403.
Ballin, Albert 526. 486. 496. 566. 587.
Balthasar &amp;amp; Co. 377. Bocholt 464. 512.
Baltimore 524. Bockholt, van 30.
Bananen 584. Boddaert 379.
Bankgesetze 560. 562 f. Bodeck, Joh. v.'315.
Barbaresken 247. 302. 345. 348. 429. Böhmen 203.
        <pb n="626" />
        Börse 206. 225—240. 416 ff. 423. 566 ff.; ' Buchdruckerei 148. 538.
Börsensteuer 236 (s. Amsterdam). Buchhaltung 18.
Börtfahrten, Börtschiffe (Reihefahrten) Buchhandel 148.
13.171. 174. 296—299. 303—306. Buchweizen, Buchweizenmehl 39. 126.
386. 389. 429. 506 f. 516f. 519. 533. _ 236. 487. 491. 496. 501.
Bohnen 159. 319. Buenos Aires 403.
Boissevain, Jan 525. Burg, Albert Conradsz 242.
Bols, Lucas 467. Burger, Dirk 106.
? A407 Butter 17. 28. 31 if ar . 51—55
Bolsward 453. nn En 3 DS ;
N DOG badlı 06 : s 133. 228. 292. .305. 319. 354. 356. 389.
RN ON OR 394. 403. 406. 427. 431. 433. 490. 493.
Bontemantel 344. 497 ff. 587. 590; dänische 493; irische
Boom, Abraham 107. 43; Fälschungen 493.
Bootmacherei 111. Buttergesetz 493.
Boraxraffinerie 152. 452.
Bordeaux 322 ff. 357. 521.
Borkum 305. C.
Borne 38. 462. Cadix 129: 217: 340. 343.377.
Borneo 364. Calais 82 f. 258. 266.
Borski 409. Calico 339. 456. 458. 460. 464.
Bosch, van den 574. Calonne 205.
Brabant 30. 37. 49. 52. 120. 127. 130. Cambys, Lambert 93.
I4I1. 143. 180. 455. 510. 534. Canada 320.
— Industrie 91. 99 f.; Leinwand 356. Capelle 519.
Brake 168. Capellen, van der 569. 576.
Brandenburg 20. 99. 154. 230 ff. 279ff. van der Capellen tot den Pol 50.
282. 295 f. 298. 317. Carolusgulden 42.
— Kurprinz 194; Großer Kurfürst 381; Ceylon 364. 372. 524.569: 575.
Brand.-Afrik. Komp. 382 f. China 367. 423. 452. 461; Tee 166. 571.
Branntwein, Brennerei 5. 8. 47. 76. 121. Chinarinde 483. |
124—129. 157. 174. 183. 236. 301. 357. Chokoladenfabrikation 451. 473. 483.
400 ff. 428. 448. 462. 466 £.; Brenner- 590 f.
knechte 157. Clercq, Willem de 456.
Brasilien 12. 136. 145. 161 f. 247. 305. Cleve 25. 92. 120. 194. 282. 296. 298.
351. 364. 375 I. 438. 474. Clifford &amp;amp; Soonen, George 199. 202 f.
— Zuckerindustrie 134. 207. 237.1239.
Brauerei, Bier 5. 8. 26f. 47. 49. 76 f. Cochenille 84. 575.
113—124. 176. 399 f. 4651. 531. 589. Cockerill 519.
Braunsberg 409. 414. Coen 366..
Braunschweig 238. 275; Braunschweig- Cohieren 178. 187.
Lüneburg 231; Herzog Julius 317. Colbert 15. 129. 146. I51. 320 1.349;
Breda, Friede von. 22. 336. Colchester 263.
Bremen 60. 72. 137. 178. 199. 238. 279. Colleg der Groote Visscherij 57.1. 61.63)
2041. 306. 317. 403. 510. 5171. 550; 65. 502. .
Zolltarif 356. Commisfahrer 334.
Breslau 33. 203. Commissionshandel 358.
Bretschneider, Gebr. 145. Compagnie du Nord 70.
Brielle 58. 61. 123. 169, 173. Congiegeld 273.
Brielsche Gat 529. Convoyen und Licenten 14. 21. I49. 165.
Brit. Indien 458. 461. 494. 176-—179. 185. 191. 254. 268. 355. 357.
Brit. Westindien 432. 359. 424.
Broeck 164. Convoyschutz, Convoyfahrten 23. 58. 68.
Brömsebro, Friede von 277. 429.
Brouwershaven 529. Court, Pieter de la 48. 58. 78{ff. 87. 95.
Brügge ı4f. 82 ff. 252. 258. 266. 294.
Brüssel 15. 171. 464.563. ‚Coymans &amp;amp; Co., John 377.
Brunel, Oliver 341. ' Crawfurd 167.

rl
'ı; Kir
        <pb n="627" />
        - 0.) —
Credit mobilier 564. Deventer 120. 37: 39481. 171: 257.272,
Croese; E. &amp;amp;" Co. 412: 307. 454: 405.
Croix, St. 379. —, Knechtsgilden 80,
Crommelin &amp;amp; Soonen 206. 559. Dezentralisation: 3, 25f. 44.
. Diamantenindustrie 144 f. 248. 315. 532.
Cromwell, Oliver 280. 331 f. 414. 538. 566
Cuba 155. Diamantenhandel 364.
Curacao 364. 375. 381. 516. 526. Differentialzollsystem, Nied.-Indisches
Cypern 224. 347. 449. 461 ff. 476.
Direktion des Levantehandels 291.
— des östlichen Handels ı9. 282 f.
= Doberan 311.
- Doesburg 254.
Daendels 570. Doggerbank 66.
Dänemark, Dänen 70. 99. 106. 133. I39. Dokkum AT. 312.
153. 232 f. 240. 256. 273—279. 282f. Dollart 2. 45. 341. 512.
289. 300. 308. 312f. 316. 335. 342. Domänen 20. 175: 413. 484 f. 543. 545.
364. 383. 403. 415. 422. 567. Donau 291.
—, Friedrich III. 196; Christian IV. "Dordrecht 6. “11.20. 24. 71. 75. 88. 97.
275 f.; Friedrich Vi: 197. Z 116. 132. 137. 140 1.'152. 171.173 1.
—, Butter 493; Afrik. Kompanie 381; 255, 258. 264. 267 ff. 272. 287. 339.
Guinea-Komp. 383; Asiat, Komp. 415; 341. 3891. 4281. 529, 59T.
Island-Komp. 70; Kolonien 134; Vieh _ Brauerei 11 3. 123; Gildeorganisation
41; Westind. Inseln 415. 77f.; Gold- und Silberdrahtfabriken
Dale, Lambert van 92. 148; Handelskammer 522; Holzhandel
Danielsz 237- 111. 480. 591; Holzsägereien 112;
Danzig 110. 161. 199. 239. 274. 279. 281. Makler 227; Salzsiedereien 135; Stapel
287. 293. 307.: 310 f. 173f. 295. 298. 386; Tuchindustrie
—, Artushof 311. 148; Zuckerraffinerie 133 f. 398.
Dardanellen 291. Dortmund 212; Dortmund-Ems-Kanal
Davidson, W. 13. 442:
Davis-Straße 68. 72 ff. Drake, Francis 350.
Deckenfabrikation 39. 90. Drenthe 29. 35. 39. 41. 46 f. 170. 181.
Dedel 237. 190. 386. 466. 477. 484: 486; 489.
Delden 462. 498. 500. 549.
Delfland 42. Driessen, PLC., 324.
Delfshaven 20. 59. 61. 66. 70. 124. 401I. Drogen 319. 324.
494- Droogscheerders-Synode 76. 87.
Delft 20. 24. 32. 58. 68.85. 1110. 1118 £; Ducaton, Dukaten 208. 212. 224. 371.
143. 173. 252 f. 259. 261 f.. 269.365. MDünen 46. 53. 179.
454- | Dünger 37. 45. 53. 495.
—, Bank 222; Brauerei 113 ff. 120. 123; Dünkirchen 17. 66. 127. 161. 185. 253.
Brennerei 127. 467; Fayence 138. 482; 322. 521.
Knechtsgilden 80; Walfischfang 68. Düsseldorf 171. 298 £. 389 f. 437.
Delfzyl 251. —, Dampfschiffahrtsgesellschaft 437;
Demerara 134. 167. 375. 379. 569. Zuckerraffinerie 299.
Desima 367. Duisburg 171. 298 ff. 389. 429.
Deutscher Orden 412. Durgerdam 164.
Deutschland, Deutsche 32. 55. 75. 86. Dwina 341 £.
93 f. 100.126, 136. 142. 154. 217.\25I.
259. 264. 272. 289—293. 315—318.
336. 339. 348. 353. 382.404. 422. E,.
427 £. 433. 435 f. 438 f. 442 ff. 447. 451. Echten tot Echten, Roelof van 47.
454. 459. 462. 465 f. 470. 473. 481. 491. Edam 31I. 342.
499. 501. 505f. 512 f. 515. 521. 535. —, Käse 42. 497; Salzsiedereien 135;
537. 539.561. £.564.,589. Schiffbau 106. 477.
Deutz, W. G. 199—202. 207. 249. 378 f. Edelsteine, Handel 248. 319.

"EC
i).
        <pb n="628" />
        Effektenbörse, -handel, -spekulation' 138; Tuche, Tucheinfuhr 91. 315. 324:
(Fonds) 229. 232 f. 516. 566. 568. 586. 334. 343. 349. 394; Tuchhändler 335:
Effektensteuer 556 f. Verschuldung 195 f.; Werften 478;
Egmond 65. en 82; Wollstapel 258
Eider 112. Dr
Eindeichungen 27. 29 ff. 44. 500. a en 402. 4551f. 458. 460.
Eindhoven 36. 453. 465. 481. —, Einwohnerzahl 535.
Einkommensteuer 230. 551 ff. 555—558. Entrepot 359. 397. 424. 469.
Eisen, Eisenindustrie 2384. 292 f. 297. ff Erbschaftssteuer 556.
305. 429. 443. 480. 537. Erbsen 319. 491.
—, Eisenerze 421. 424. 443 ; Eisengießerei Es &amp;amp; Co., P. A. van 521.
316. Eskimos 73.
Eisenbahn 440 f. 492. 507—515. 520 f. Essequebo 134 f. 364. 375 f. 378 f.
556. 568. Essig, Essigfabrikation 311.357. 360.451.
Elbe 64. 272. 289. 291. 300—304. 307. 455; Essigbrauer ı21 f.
312; Elbhandel 301. Eustatius (St.) 131. 134. 364.
Elberfeld 80. 459. Everaarts 93.
—, Garne 292; Textilindustrie 299.
Elbing 161.
Elder, John 525. F,
Elefantenzähne 397. Fabrikarbeit, Fabrikbetrieb 154. 156. 460.
Elfenbein 193. 383. 532. 534 f. 550.
Elmina 364. Fachbewegung 537 ff.
Elsfleth 168. Farbhölzer 319. 352. 357. 360. 376. 397.
Emden 60. 107. 199. 256. 258 f. 306 f. 310. 444-—,
 Fischerei-Kompanie 64. Fayencen 138.
Emmerich 171. 294. 442. Fecken, Joh. van der 199.
Emsland 501 f. Felle 292. 299.
Enckhuizen 11. I9. 24. 33. 66 f. 69. 116. Fette, Fettwaren 133. 433.
151. 164. 171. 227. 253 f. 304. 312. Fettfütterung 296.
341 f. 351. 383. 389. 59I. Feuerstättengeld 52.
—, Brauerei 113. 123; Heringsfischerei Finnland 313.
58 f. 62; Schiffbau 106. Fischbein 69 f. 74.
England, Engländer. 3. ı3. 16. 20. 22. (Fischerei ı. 21. 56 ff. 88. 327. 1f. 333. 354.
3211.58. 60. 64 1. 68 f. 74.83.835.192 £. 360 f.; Islandfischerei 66 f. 506; Ko-95.
 101. 107{f° 111. 126. 131.439. rallenfischerei 74; Küstenfischerei 65 f.
142. 160. 167.11. 188. 1951.0198.: 503f.; Zuiderzeefischerei 66 (s. Herings-201.
 218. 230. 248. 257-—270. 272. fischerei).
288 f. 293 f. 302. 308. 311. 313 f. 318. Fischindustrie 135.
321—340. 342—345. 351. 358.364 MFischleim 397.
366 f. 370. 380. 385. 388. 392—396. Fiume 347.
398. 402 f. 418. 425 ff. 431 ff. 436. 438. Fizeaux 379; Fizeaux et Grand 205.
444 f. 447. 449. 451. 453. 455. 458 f. Flachs, Flachsbau 33 f. 36 f. 39. 41. 51 £.
462 f. 465 ff. 470 ff. 479 £. 487. 490 ff. 319. 354. 397. 431. 454. 487. 491. 496 £.
498. 502. 506. 514. 520. 522 f. 525. 535. 500. 587.
569. 572 f. 580. Flachsspinnmaschinen 451.
—, König Eduard III. 324; Elisabeth Flaggentuchfabrikation 452 f.
258. 260. 324 ff.; Jakob I. 14. 261. 266. Flandern 3. 91 f. 04: 120.127. 130.170:
325. 328.; Karl I. 195. 278.4329 176. 180. 266.
Henriette Marie 195; Karl II. 195. 249. Fleisch 2. 43. 51. 360. 448. 490. 493.
268.249. Floreenbelastung 52.
—, Bank von 159. 222. 240; Getreide- Fockinck, Wynand 467.
handel 339; Malz 126. 339; Muscovy Fokker, J. A. 522.
Company 342; Ostind. Kompanie 239. Formosa 364.
334. 365; Salz 427; Seidenindustrie Frachtfahrt 164 ff. 168. 515 ff. 585.
153; Steingut 138. 362; Tabakpfeifen Frachttaxe 208 f. 303. 305: 390:

620
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        — 621 —
Franeker 85. Gerberei 83 f. 462.
—, Tonindustrie 533. Gerste 35. 55. 120. 159. 284 f. 400. 466.
Frankfurt 103. 113. 251. 295. 362. 521. 487 £.
—, Messe 314 f. Geschäftsreisende 317.
Frankreich, Franzosen 16f. 23. 32. 34. Geschützfabrikation, Handel 270 f. 316.
Te 6003 Ce &amp;gt; En pe AD Getreide, Getreidehandel (Korn) 6. 21.
145. 150 ff. 155. 160. 185. 188. 190. 196. Sr ARE TO 28 Et
205. 214. 220. 230. 256. 284. 298. 308. 79:113024 309; z 7: 7 ne N 3°
310. 314. 317—324. 328. 332. 335. 337- 345, 347. 354. 354. 432. 437. 491.
Getreidebau 41. 361. 487—496. 500.
347- 349 353. 355. 3571. 366. 374: ı +
384 ff. 388. 391—394. 396 f. 399. 402. Getreidemangel 159.
408. 411. 418. 424. 427. 430. 444—447- Getreidepreise 307. 487 £. 491 £.
466. 471. 541. 564. 567. Getreidespekulationen 566.
_ König Ludwig XIII. 145; Ludwig Getreidezölle 35. 354. 301. 434. 436.
XIV. 16. 290. 322. 338; Napoleon 488 f. 491 f. 557-Bonaparte
 23. 393 f. 399. 412 f. 416. Geusen 254.
418. 426. Gevensgeld 182,
‚ Branntwein 125; Faßgeld 321 f.; Han- Gewerbepolitik 49. 153.
delspolitik 146. 149. 347- 354. 427. 430- Gewerbesteuer (Patentrecht) 183. 455-444—447.
 449. 469; Kattundruckerei 402. 4909. 551. 553- 555- 558.
100; Kolonien 135; Liköre 468; Tuch- Gewürzbäume 373; Gewürznelken 369;
industrie 86. 90: Verschuldung 204 f.; _ Gewürzhandel 252. 305. 35T. 367. 370.
Wein 314; Zuckerindustrie 130. Gibraltar, Straße von 242. 345.
Frauenarbeit 85. 155. 534- Silden, Zünfte 27. 75 ff. 100. 252. 386.
Friesland 28 ff. 39. 45ff. 50. 52f. 71. 935:
120. 170. 172. 181. 1901. 251. 336. Gijsels van Lier 382,
406 £. 409. 439. 453. 466. 479. 4851. Gijsen, H. ı5.
534. 549. Glas 148. 427. 430.
—" Landwirtschaft 41 ff. 493. 495 f. 500 £. Glückstadt 276 f. 304
Goch 92.
Goereesche Gat 529.
Görtz, v. 218.
Gästehandel 6. Gogel 407 f. 413 f.
Gallitzin 110. Gold 175. 374. 560. 563; Goldeinfuhr 193.
Galmei 292. 403; Goldhandel 217; Goldwährung
Garn 148. 314. 426. 455. 458f. 402. 464 f. 562.
Gartenbau 33. 186. 486. Goldberg 407. 454-Gaserzeugung
 531. Golddrahtindustrie 148. 150.
Geer, Louis de 197. 270. 346. 380. Goldschmiedekunst 5. 315.
Gelderland 25. 29. 49f. 54. 66. 178. Goll &amp;amp; Co. 202. 409.
180 f. 185. 190. 253. 295 f. 409. 465 f. Gooiland 91.
489. 500. 540. 549. 554- Goor 456.
—, Landwirtschaft 36 f. 485 ff.; Tabak- Goos, Pieter 144.
bau 37. 136. 493; Textilindustrie 531. Gorinchem 188. 530.
Geldern 46. — ,. Brauerei 113. 123.
xemert 465. Gouda 20. 24. 33. 170. 401. 482.
Gemüsebau 32 ff. —, Brauerei 114. 123; Knechtsgilden 80;
Generaliteitslande 36. 46. 52. 90. 99. 177. Papierfabriken 137; Pfeifenindustrie
189 ff. 386. 407. 410. 139. 481; Schiffbau 477; Tuchmacherei
Genever 126. 401. 431. 433. 448. 451. 148; Zuckerraffinerie 132.
466 f. Gouw, Jacob ter 100.
Gennep 294. Gouwe 170.
Genossenschaften 540. Graft 164.
Gent 15. 96. 171. 252. 456. 519. 530. Granvella 349.
—, Pacificatie van 176. Grave 294.
Genua 137. 345 f. 521. Griechenland 242. 349.

Q.
        <pb n="630" />
        — 622 —
Grönland, Grönlandfahrt 67. 72. 74. 168. Wechsel 418; Zigarrenfabrik 481; Zuk-276.
 327. ‚404. kerindustrie 129 ff.
Gronau 455. Handels-Maatschappij 437f. 455—460.
Groningen (Stadt u. Land) 6. 28 £. 35. 462. 464. 472. 476. 516 £f. 520. ER 0
47. 51f. 54f. 81. 133, 146. 170. 172. 564. 570 ff. 576—581. 583. 586.
178. 181. 190. 2571. 253. 256 f. 250. 312, Handelsstatistik 357.
408. 466, 471. 486 f. 489. 491 f. 490 f. Handelsverträge 22f. 3231. 337. 344.
500 f. 1507. 516. 534. 549: 346. 421. 437 1. 444—448
—, Landwirtschaft 39—43; Papierfabri- „ft 437% es 8
ken 137; Schiffbau 476—479; Schiffer- 740% 34. 39. 511. III. 284. 308. 319.
gilde 502; Stapelrecht 75 f.; Stroh- 354- 402. 431. 454. 480. 487 £.
kartonindustrie 499; Viehmarkt 41; Hannover 497.
Wollspinnerei 453. Hanse, Hansestädte 107. 177. 230. 252.
Grotius, Hugo 14. 327. 256 f. 259. 271—275. 291. 294. 296.
Grützmacher 120 f. 326 f. 364. 374. 439. 517.
Grundsteuern 51. 183. 185. 230. 489f. Harburg 304. 521.
557 1. Harderwyk 252. 272. 520,
Guayana 351. 377. 583. Harlingen 11. 24. 71. 251. 312. 342. 389.
Guicciardini ı1. 433-Guinea
 134. 167. 351. 374. —, Butterausfuhr 433. 491.
Gulcher &amp;amp; Mulder 198. Hartcop, Joh. 292.
Gummi 383. 397. Harwich 169.
Harz, Bergwerke und Salinen 414.
Hasselt 39. 509.
Hausierer 251f. 318.
H. Hausindustrie 36. 50. 76. 453. 460. 482.
Haag 31. 110. 116. 122. 167. 187. 206. 532.
208. 379. 432. 508 1. Havel 113.
—„, Brauerei 122 ff.; Porzellanindustrie Havre 526.
138; Geschützgießerei 271. Heerlen, Bank von 566.
Haarlem 20. 24 f. 33 f. 89. 97. 116. 119. Hefe 120 f. 128. 467; Hefenmonopol 120 f.
143. 145. 146. 151. 171.179: 234. Helder 528.
240. 242 f. 250. 253. 304 f. 379. 401. Hellevoetsluis 169.
454. 464. 507. 510. Helmond 36. 465; Bank von 566
—, Brauerei 114. 120. 123; Färberei 94; Hengeloo 24. 38. 100. 459. 462. 535.
Gilden 80; Glasbläserei 148; Knechts- Herdstättengeld 184. 199.
gilden 80; Seidenindustrie 102 f.; Sei- Hering, Bergerhering 63; Nordischer 63.
fensiederei 140; Textilindustrie 80. 85. 288; Irischer 60; Schottischer 60. 63.
92 ff. 265. 288; Yarmouth 60. 360.
Haarlemmer Meer 47. 492. 500. 534. Heringsfischerei, Fang, Handel 8. 21.
Hadeln 55. 56—65. 135. 144. 168. 286 ff. 295.302 ff}
Häfen, Hafenverhältnisse 169 f. 527— 319. 374. 493 f. 502—505. 585. 590.
530; Hafenarbeit 533. 537 ff. —, Steurheringsfischerei 65. 504 f.
Häute 97. 268. 284. 305. 374. 381.1426. Heringstonnen 360.
433.443. 583. Herrenrechte, Herrendienste 36. 39. 48.
Hafer 35. 283 if. 427. 487. 492.500. 50 f. 386. 405. 485.
Hallensystem 78 ff. 100. Herrlichkeiten 5. 36. 50.
Hamburg 18. 60. 63 f. 72 ff. 83. 85. 102. ’s Hertogenbosch 146. 553.
105. 100 ff. 112. 126. 137 f. 164. 178. Heshuisen 379.
217. 221. 227. 238. 242. 244 f. 259. 263. Hessen, Kurf. von 410; H.-Darmstadt
269 f. 274.f. 287. 202—295. 300=—307. 435.f.; Kurhessen 436.
310. 312—315. 317. 322. 336. 343 MHeyder, de 464.
355 ff. 380 f. 383. 389. 394. 402f. 417f. Hilversum 454. 512. 535.
424. 428. 437. 442. 457. 462f. 516 ff. Hindustan 371.
520f. 526. 535. 550. 591. Hinlopen, Jacob ı1o2.
—, Bank 215. 222; Kämmerei 199; Hoefyser, Peter 194.
Schiffbau 107; Transit 357. 424; Hoek van Holland 514.523. 529.
        <pb n="631" />
        _ 623 —.
Hökerhandel 299. Italien, Italiener 13. 34. 85 € 88.142.
Hoey, van 124. 352. 244. 252. 269. 290, 315,324.
Hoffmann, J. F. 292. 328. 349. 360; Städte 230.
Hofkes 456.
Hogendorp, Dirk van 373. 416. 3l
—, Gisb. Karl Graf v. 423. 425. 429. Jan, St. 379.
454 f. 487 f. Jan Mayen 68.
Hogguer, Grand &amp;amp; Co. 197. 199. 205 f. "ansen, M. H. 522.
Hollandsgänger 55 f. 501 f. Japan 367. 461: 527.
Holstein 109. 276. 497. Java 131. 364. 373. 457 f£. 464. 469. 471 f.
Holz, Holzhandel, Holzindustrie ı. 47. 475- 524. 527. 570. 574 ff. 579. 581.
49. 109 ff. 153. 161. 173. 284. 289.594: |
292. 297. 310. 323. 344. 357. 381. 403. —&amp;gt;, Kultur von Indigo 575; Kaffee 574 £.;
413: 437. 480. 591. Reis 574; Tee 575. 578; Zuckerindu-Hondschoten
 84. bstrie 134. 575-N
 Hionip 32.31 Jisp 60.72.
omg 5 N 379- Jorisz, Franchoys 139.
a F. W. 519. Juchten 112. 319.
oogeveen 47. —
Hoorn, Qu. Will. van 198. en DS. BODEN 217: 280-0455
Hoorn 11. 19. 24. 31. 33. 58. 66 f. II6. _* nochdeutsche 251 f.; litauische 251;
I51. 164. 171.254: 283. 304. 312, portugiesische 246. 251.
rt Brauerei 123; Direk qülich 56. 02." 100.
tion d. östl. Handels 19; Kacheln 138; Jüfland, Tüten 166. 276. 312,
Schiffbau 106.
Hope, Haus 197 ff. 205 ff. 239. 384. 413. K.
417 £. 559. 567. Kabeljau 66. 329.
—, Isaac, &amp;amp; Zacharias 167. Kacheln 138. 482.
Hopfen 53. 120 ff. 236. 399 f. 431. 496. Käse ı7. 28. 31 ff. 41 ff. 51—55. 133.
487; Verfälschung 53- 121. 288. 202. 2905. 299. 305. 319. 324. 356.
Horneca, Fizeaux &amp;amp; Co. 197. 205. 389. 394. 4093. 427. 431. 433: 444f.
Horst 454- 493 f. 497 ff. 587. 590.
Houten, van 483. —, Goudakäse 42; Kanterkäse 42; Küm-Hubertusburger
 Frieden 237. melkäse 42. 55; französischer, schwei-Hüte
 298; Hutmacherei 147 f. zerischer 43.
Hull 458: 521. || Kaffee ı17ff. 123. 134. 183 f. 236. 373.
Hulle, Denys Michiels van 92. 377. 396. 400. 426. 429. 431... 444. 474.
Hunze 41. 481. 550,565; 568;
Hypothekenbanken 565. —, Brasil 448; Java 438. 448. 572. 574 1.;
Surinam 584.
—, Kaffeebrennerei 481. 483.
I. Kaiser, Deutscher 200. 227. 230 f. 233.
Idria 200 f. 228. 240. 249. 259. 290 f. 301. 414:
Jjı2. 32. 16090.. 528. —, Karl V. 5.28. 49. 66. 122. 158.245;
Ijpern 84. Josef II. 204.392.
Tisell170. 173. 296..476. 479. 519: Kakao 381. 483. 526. 584. 591.
Imposten s. Akzise. Kali 443.
Indigo 84. 94. 287. 305. 333.357. 381 MaKalvinismus 7 If. 26.
574 £. Kampen 11. 20. 24. 30.1851. 170. 257.
Intercursus magnus 325. 328. 333 f. 259. 272. 520.
Interlopers 97. 262 ff. 268. 325. —, Deckenfabrikation 39. 90; Zigarren-Irland
 502. fabrik 481.
—, Landwirtschaft 426. Kampferraffinerie 152. 452.
Iserlohn 80. 314. Kandisfabrikation 471.
Island 66f. 327; Island-Kompanie 70. Kaneel 575.

=
+
        <pb n="632" />
        24 —
Kaninchen 53. Kulturbanken 564 f.
Kanton 367. Kultursystem 474 f. 574. 565. 577. 579.
Kaperei 178. 328. 335. 402. P Kupferhandel 227. 284. 305. 319.
itali 3097. 372.
En 71. 26. 45:50. 187. 192 1. Kupteranleihen zor {f.
Kapland 164. 364. 367. 372. 453. 569. Kuzland, Hetzog von 344:
Karlsruhe 435.
Kartoffeln, Kartoffelbau 37. 41f. 55. L.
360. 406. 491. 496. 498. 500 £f. 587. Lachs 265.
Kartoffelmehl 446. 483. 492. 498 f. La Fargue 324.
Kassel 435. Lamertyn, Paschier 93.
Kassierer! 208 ff. 212. 217. 224. 226. 559 ( Kandstraßen 170.
Kastanien 319. 360. Landwirtschaft ı. 27 ff. 186. 193. 254.
Kataster 489. 288£f. 353 ff. 360. 388 f. 405 f. 422. 483
Kattun 298. 401. 45411. 579; Kattun- bis 501. 557. 587 fi. 590.
drucker 459. 465; Kattunfärber 459. Languedoc 349.
465. Lappland 343.
Katwyk 65. 506. Lastgeld 133. 165f. 280f. 309. 359. 361.
Kaviar 343. Law, John 236.
Kentucky 136. Leck 23. 1731. 294. 476.1479. 529.
Kessel 319; kupferne 343. Leder 319:349. 493.
Kinderarbeit 85. 1551. 532{. Leeghwater, ]. A., 47:
Kistenmacherei 463. Leer 521.
Kleesaat 403. Leeuwarden 24 £f. 42. 45.251. 312.597.
Knechtsbossen, Knechtsgilden 80 f. 158. 553.
Köln 103. 172. 199. 290. 293 ff. 299. 390 f. — Buttermarkt 497; Pferdemarkt 42;
428 {. 438. 440. 442.477. 507. 509.519. Viehmarkt 405.
—, Fischhandel 60; Salzhandel 135; Ton- Lefort, Francois 341.
pfeifenindustrie 139. Lehnrecht 50. 405.
Königsberg 107-—110. 112. 135... 161. Leibrenten 189. 191. 197. 201 f. 205. 230.
282: 203. 308 1."521. 382; Leibrentensteuer 183.
Kola 342. Leicester 207. 256. 259. 326 f.
Kolberg 308. Leiden 8. 24. 32 f. 39. 89. 95. 97. 116. 118.
Kommissionshandel 193. 228. 141.143. 157.242. 2521. 280. 208. 454-Kompaßmacher
 1ı11. 464. 508.
Konkursordnung 240. — Baumwollweberei 465; Bevölkerung
Konsignationssystem 576—579. 25. 535; Brauerei 113. 123; Hallen 78 ff.
Konstantinopel 348. Papierfabriken 137; Sayettespinnerei
Konterbande 329. 331. 333. 350. 453; Tuchindustrie 8. 27. 78 ff. 82 bis
Kontinentalsystem, Kontinentalsperre 92. 142. I48. I51. 155. 192. 401. 452 £
3951. 398. 402 f. 585.
Kopenhagen 240. Leihhäuser 207.
Kortryk 93. 404. Leinsaat 33. 403.
Kouwenhoven 103. Leinwand, Leinw.-Industrie 92f. 95. 100.
Krabbenfang 58. 314. 319. 354 41. 361.1 430. 452.
Kramwaren, Krämer 3109. 445. Leinwandhandel 316. 355. 457. 516. 573.
Krapp 33 f. 43. 53. 319. 361. 397. 431. 493. 580.
Kreditbanken 564 f. Leinwandkontrakte 457. 459. 475. 580.
Krefeld 80. 104. Leinweberei 36. 100.
Kreuztaler. 208. .212 f. Leipzig 238; Buchhandel 148; Messe 314.
Kriegsmaterialien 270 f. 305. 343. 347- 387. 417.
384. Leith 266.
Krisen 237 ff. Lemaire, Isaac, 142. 382.
Kruyff, de 104. Levante, Levantehandel 19. 88. 165.
Kümmel 496. 224. 228. 241 f. 246. 252. 271. 282.201.
Küpergewerbe 63. 346.348 If. 432. 4061.

,
Ca
        <pb n="633" />
        Zi 625 —
van der Leyen 103 f. Malz 126. 128. 339. 466.
Lier 464. | Malzwein 127. 467.
Likörfabrikation 466 f. 473. Manchester 463.
Limburg 36. 46. 86. 90. 92. 421. 466. 484ff. Manhattan 364.
LAD Or. 534: 540: Margarineindustrie 483. 493. 590.
Lisola 231. Marivaux 418.
Lissabon 129. 257. 343. 351. Mark 120.
Liverpool 462. 526. Marken, Markgenossenschaften 36. 45.
Livland 280. 405. 484.
Livorno 248. 343. 345 ff. Marmont 394. 413.
Lizent 176. 254. 293(f. 297 f. 350; auf Marokko 345.
Vieh 296. Marranen 245 f.
Lobith 441. 443- Marseille 150. 347. 521.
Löwen 252. ) Marselis, Gabriel 196 f.; Jan u. Theodor
Löwentaler 208. 213. 224. 378. 559. .
Lohe 2097. Maschinen 402. 454. 531 f. 556; Maschi-Lois,
 Jacob 97. nenfabriken 462. 531.
Lombarden 13. 245. Matten 403. 532.
London 16. 129. 198. 239. 263. 305. 415. Mecheln 9. 252.
418. 453. 519 ff. 563. 568. Mecklenburg 289; Herzog von 200; Her-——
 Börse 239; City 16; Wechsel‘ 417'£f. zog Adolf Friedrich 311.
Lonneker 465. Medemblik 164. |
van Loon, Hans 242; W. J. 342. —, Brauerei 123; Schiffbau 477.
Lootsgeld 3009. Medici, Cosimo de 248.
Lopez de Liz 250. Medikamente 403.
Losrenten 189. 201 f. 382. Mees, M. 522.
Lotan, Jacob 312. Mehl 360. 435. 490 f.
Lotterie 239 f. 545. Meierij 99.
Lubomirski, Fürst 199. ME 280. 282.
Ludwig, König 387. ‚408. 410 f. 413. 0 CPPE! 47.
aba SE 373074 nf 473 Merchant Adventurers 83. 97. 222 f. 258
Lübeck 105. 109. 273. 275. 287. 308. 310. _ bis 265. 267. 324f. 334
312 f. 317. Merkantilismus 355.
—, Schiffbau 107. Merwede 173 f. 479. 530; Merwede-Kanal
Lungville, Friede von 394. 531.
Lups 112. Messer 445:
Luxussteuern 183. Messingdraht 324.
Luxuswaren 147. 150. 359. 403. Metallhandel 216 ff. 228.
Luzac 48. Methuenvertrag 340.
Lyon 102 f. Metz 444-Meyer
 112.
Middelburg ı5. 24 f. 136. 148. 169. 171.
M. 245 f. 258—261. 266. 341 f. 379. 591.
Maas 2. 171. 173. 341. 384. 392. 404. 434. — Bank 222 f. 230; Knechtsgilden 80;
466. 476. 479. 503. 523. 529. 591. Zuckerraffinerie 131. 134.
—, Admiralität der 136. 174. Milcherzeugnisse 2. 37. 42. 186. 388. 406.
Maassluis 62. 65 ff. 506. 483. 490. 492 f. 498. 585.
Maastricht 46. 386. 509. 532. Mittelamerika 516.
Maatschappij, Holl., van Wetenschappen Mitteldeutscher Handelsverein 435.
94- Mittelländisches Meer, Mittelmeerfahrt,
Märkte 6. -Handel ı7. 60. 88. 161 f. 165. 228.
Magdeburg 275: 246. 248.335. 343.345 £. 348 f. 352:
Mainz 389; Kurfürst von 135. 429. 432 1.1470. 516.
Mais 491. Mittelland-Kanal 441.
Makkum 312. Mogador 348.
Malakka 364. Molkereiwesen 486.
Baasch, Holländische Wirtschaftsgeschichte,

40
        <pb n="634" />
        — DV
van Mollem 27. 103. ' Nordamerika 126. 136. 206. 374. 380. f.
Molukken 364. 370. 395.400. 467. 492. 522 ff.
Monnikendam 58. 477. Nordbrabant 24. 35f..46. 386. 452f.
Monopole ı4f. 21. 160. 260. 265. 268. 270. 465 f. 473. 484 ff. 489. 494. 531 £f. 549.
342 ff. 352. 365£. 370.372. 374 If. WNordfriesen 168.
382 f. 394. 423. 438. 497. 593 ff. 569 ff. Nordholländischer Kanal 520. 528.
588. Nordholland 31 f. 42. 53. 186. 439. 466.
Moorkolonien 39. 41. 47. 55. 491. 499. 479. 483. 486. 496. 498. 501. 505. 512.
Moorkultur 39. 41. 45f. 52. 499. 537. 540. 549 f.
Mosel 444 £f. Nordseekanal 521. 525. 528 ff.
Moskwa 110. Norwegen III f: 162.
Moucheron, Melch. u. Balthasar 141 f. Nova Semlja 68.
341 f.; Michael 241. Nürnberg 18; Nürnberger Waren 343.
Mühlsteine 293. Nymwegen (Nijmegen) 24. 174. 254. 259.
Mülheim 389. 459. 272. 296 11.1428. 507.513.
München 435. —, Friede von 130. 322.
Münster 551f., 120. 290; Bistum 502;
Münsterland 36.
Münzmeister 218. 224. 0.
Münzregelung 213; Münzstätten 208; Oberhausen 509.
Münzsystem 386; Münzverwaltung 217; Obst, Obstbau 37. 48. 360. 497.
Münzwesen 207. 560. Ochsenmarkt, Ochsen 41. 312.
Muiden 171. 428. Oder 113.
Multatuli 579. Odessa 516.
Öl 69. 292. 299. 305. 319. 322; Ölfabrikation
 26. 77. 139. 347; Ölmüllerei 31.
N, 140. 316.
Naarden 103. Österreich (190. 203 f. 291. 415 1. 466.
Nantes 320. 323; Edikt von 140. 145 f. 561. 567.
Narva 342. —, Kaiserin Maria Theresia 202. 204.
Nassau, Fort 364. —, Domänen 416; Staatsbankerott 415f.
Nassau, Joh. Moritz von 376. Ohrgeld 52.
Nassau-Saarbrücken, Fürst von 200. Oldecop 110.
Naumburg, Messe 387. Oldenbarnevelt 8, 15. 374.
Navigationsakte, Brit.‘ 307. 331 ff. 335. Oldenburg 74. 168. 404. 497.
839. 449. Oldenzaal 38. 462.
Neapel 347. Omer, St. 102.
Nederveen 164. van Ommeren 521.
Negerhandel 376. Oosterhout 90.
Neu-Amsterdam 331. 336. 364. 375. 381. Oosterwijk 35.
de Neufville, Haus 238 f. Oostzaan 164.
Neu-Niederland 34. 136. Ootmarsum 38.
Newcastle 263. Opium 366. 571. 579.
New York 448. 522—525. Opperdoes 164. )
Nicolay, Nicolaus de 30. Orangen 360.
Niederländische Bank 224. 559 ff. 563f. Oranien, Haus. Wilhelm I. 245. 253. 265;
Niederlande, Österreichische 64 £. 99. 361. Wilh. II. 75; Moritz 8; Friedrich Hein-415.
 rich 15. 185. 195. 243. 277; Wilh. IH:
Niederlande, Südliche 12. 14. 17. 26. 29. 16. 195. 231. 250, 204. 318. 322. 331;
79.84.93. 95: 140.142. 169. 212.252. Wilh. IV. 91. 180. 185.250. 358. 362;
256.315. 318. 328. 337. 420. Wilh. V. 250; König Wilhelm I. 425.
Niedersachsen 502. 508. 542. 547. 549; Prinz Friedrich 543.
Nieuport 64. 127. —,‚, Oranische Dynastie 427.
Nieuwediep 525. 528. Osnabrück 55 f.
Noordsche Kompanie 68—71. Oss, Dirk van 30.
Noordwijk 65. 179. 404. 506. Ostasien 3661. 372. 517. 57I.
Noort 173.1479. 479. Ostende 17. 126.253. 392/f.

KzE€
        <pb n="635" />
        Ostfriesland 251. 256. 306. 501f.; Graf Pfalz, Tabak 136.
von 199. 383. Pfeffer 235. 319.
Ostindien 12. 32. 86. 94. 126. 161.224.282. Pfeifenfabriken 138 f. 481 f.
305. 334: 348—352. 365 ff. 369. 371 f. pferdehandel, Pferdezucht 34. 37 ff. 41.
376. 380. 399. 401. 432. 455. 457-459 f£. 13. 487. 497.
463: 465.1. 476::/480:5 517.524 12543 1.1. .
‚ —, Pferdepreise 41 f.
548. 555. 562. 570. 572. 574: 580 ff. 584. peirgegeld 51
—, Münzwesen 371 f. 569. 581 f. 8 ST
—, Quecksilber 201. Pflaumen 403.
Ostindische Kompanie 27. 68f. 94. 105. Pforte, Die 291. 346. 348 (s. Türkei).
134- I4I. 166. 186. 210. 216. 218. 220 f. Philadelphia 524.
225. 228 ff. 249. 334- 342. 347- 351. 364 Physiokraten 47 f.
En Ur 376. 363 386. D 4097. 410 f. Picardie 103.
509 If. 574. 570. 579. 595[1. i t ı |
Dstsee, Ostseeländer, Ostseehandel 26. N 157-347
jerson 557 f.
83, 85. 107. 111. 124. '126."135- 161 La:
Pillau 280 ff. 309.
164 f. 192. 224. 252. 254. 271—289. Plate, E. J. 522.
x der 317. 313- 335-347. 349- 437- polen 88, 198, 279.281. 284.290. 305.
Oudewater 33. 337-343, ) . )
Overijssel 25. 29. 37ff. 42. 46. 54. 66. Ss ADS 233; CoHreidesusiuhr 307f.;
100.119. 170.178: 180 f.. 185. 190 £. N POHL 88.1400 199:
270-409: 489. 331-540. 549- .. Poniatowski, Stanislaus 198.
—, Armut 39; Landwirtschaft. 38. 49 bis x
R a Pool, Simon ‘de 227.
52. 484. 486; Steinindustrie 531. .
Overtoom 72 Poorten, Phil. van der 343.
Oxenstjerna 227 Foppe, „Jan: 342,
Poppen, Jacob, Bürgermeister 187.
v» Kebang 303.357. 359 If.
. ortor1co 155.
Pampus 169. 428. Portugal, Portugiesen 32. 99. III. I29.
Papier 319.‘ 360 f. 403; Papiermühlen 135. 137. 142. 145. 246 f. 252. 254.
137; Papierindustrie 137 f. 147f. 156. 256 f. 284. 314. 325. 328. 340 f. 349 ff.
482. 355. 357. 360. 365. 367. 376. 427. 487.
Papiergeld 225. 370. 372. 569. 583. Porzellan 138. 367. 430.
Paramaribo 374. Posamentiergewerbe 315.
Paris 83. 205. 563. Postwagenverkehr 519.
Parma, Alexander von 255; Margarethe Postwesen 21. 169. 171. 386. 527. 545.
258. Prämien 430. 456; auf Bier 399; Fischerei
Partenreederei 26. 65. 107. 164.193, 64. 502—505; Kattundruckerei 100;
Patriotenzeit 387. Moorkultur 46; Schiffbau 476; Tuch
Patriziat 26. 30; Patrizierherrschaft 387. DO 4 ASS WS NIS CT ANE 74: 4094- 506;
St. Paulo de Loanda 364. ucker 132 1. 471 11.
Pauw, Bürgermeister 17. Preußen 64. 88. 111. 139. 195. 204. 233.
Pech 111. 284. 319. 403. 78 204: 300-317 307: 439; 4337—437-Pels,
 J. L. 270; &amp;amp; Soonen 344. 440 1. 443. 497. 509. 510.
Pelzwerk, Pelzereien 319. 341. 344. —, König Friedr. Wilh. I. 109. 382;
Persien 101. 224. 347; Persischer Golf Penn SG Gr. 104. ala )
347: 516. —, Anleihe 415; Kanalgesetz 443; Sei-—,
 Seide 100. denindustrie 104; Zollsystem 434.
Personalsteuer 546. 550. 554 f. 557 f. Produktionskartell 139.
Pest 150. 254. Provence 349.
St. Petersburg 110. 290 f. 344. 521. Provinzialstaaten 5. 25.
Petty 358. Purmerend 31. ı22 f. 408.
Peyrou, Jean de 309.
Pfahlgeld ırı. Q.
Pfalz, Pfälzer 99. 167. 189. 199 f. Quecksilber 200 ff. 208. 228.
40*

627
        <pb n="636" />
        — 628 —
bh. zahl 535; Färberei 97. 99; Handels-Raad
 van State 30. 177. 243. kammer 432. 446. 451; Holzhandel
Raet, Wilh. de 317. 111 f. 4505 Hutmacherei 147; Juden
Raleigh 38. 60, 161. Un 251; Kattundruckerei 100: 164;
RakOcın aqua € nbank 195. 222 f. 230; Salzsie-Y
 dereien 135; Schiffbau 105. 476. 479.
Raps 31. 52. 55. 533; Tabakindustrie 480; Tuchindu-Raule
 382. strie 95—99. 143. I54. 262; Versiche-Recepis
 214 f. 219. 238. 369. 410. 546. rung 244 f.; Walkmühlen 96 f.; Zucker-Rees
 294. raffinerie 129. 131. 398. 435.
Reformation 28. 41. 53. 80 f. Rouen 69. 129. 134. 137. 305. 321.
Refugi€s 26. 72. 78. 90. 98. 102. 104. 134. | Rübenzucker 396. 399. 471. 473-475.
145-153. I55. 157. 354. 358. 499 £. 531. 587.
Reis287.339.397.561.574 ;Reismühlen 483. Rübkuchen 299.
Renouard &amp;amp; Co. 413. Rügenwalde 309.
Requesens 258. Ruhrkohlen 436.
Reuchlin, O. 522. Ruhrort 300.
Rhein 2 f. 113. 170 f. 291—300. 310. 336. Ruijs, W. 524.
341. 390 f. 428. 443 ff. 508. 530 f. 587. Rum 526.
Rheingebiet, Rheinland 136. 173. 271. Rußland 32. 101. 107. 109f. 153. 161.
302. 397. 438. 441. 470. 501. 509. 511. 1097 f. 227. 233. 240. 291. 303. 305. 307.
Rheinhandel 254. 293 f. 316. 340—345. 352. 416. 470. 516. 567.
Rheinschiffahrt 245. 264. 291—2099. 389ff. __ Peter d. Große 103. 107. 110. I12.
396. 427 f. 434 ff. 438. 440. 443. 479- 197. 249. 344; Katharina II. 199.
509. 520 f. 530. —, Eisenbahnen 510; Getreidehandel
Rheinzölle 293—2096. 427 f. 441. 518. 344. 487; Handelsvertrag mit 344;
Rhein—Maas—Schelde-Kanal 444. Kriegsschiffe ı07; Wechselkurs 239.
Rheinisch-Westind. Kompanie 435.
Rheinberg 297.
Rijnland 29. 32. 42. 139. S.
Rijswijck, Friede von 61. 191. 322. Sachsen 233. 357. 458. 567.
Ribnitz 311. —, König von 414.
Richelieu 320. Säkuralisation 28.
Riga, Rigafahrt 274 f. 281. Saffiı 247. 348.
Rindviehzucht 32. 42. Sale 247 f.
Ripen 312. Salm 319. 343.
Rodenburg, Theodor 316. Salpeter 305. 311. 3190. 368,
Roggen 35. 39. 54. 126. 128. 159. 283 ff. Salz, Salzhandel, Salzfahrt ı. 62. 106.
354. 384. 487. 490 £. 493. 568. 164. 173 01. \183. 244. 265. 268.286.
Rom, Alaunlager 347. 292. 295. 297. 299. 310. 319. 354: 360.
Romain, A. J. 96. 374. 431. 433. 451.
Roosendaal 510. —, —, Salzsiedereien 135 f. 354.
Rostock 311. 316. —, englisches 432 f.; französisches 61.
Rotes Meer 347. 383. 135; kapverdisches 374; Spanisches
Rothschild 414. 549. 567. 135 £f. 427; westindisches 374.
Rotterdam 2. 9. 20—23. 31. 33. 58 f. Santheuvel &amp;amp; Zoon, van den 378.
61f. 66 f. 70f. 82. 97. 116. 118. 126 f. Sardinien, König von 413.
132. 136. 138: 143 1: 146. 149. 152.156. Sayen 84 ff. 891. 97 £. N
164. 169. 167. 171. 173%. 227. 235.244. Schafzucht 32. 35 1. 39. 41 f. 48. 98. 484.
252 f. 259. 261—265. 267f. 271. 280. 493. 496.
287. 2981. 312. 339. 342. 361. B65-Schelde 14 1; 169 1.2551. 277. 328.337.
382.389 f. 392 f. 397. 401 ff. 424 1.429. 341. 391 £. 512.
436. 440. 444. 462. 464 £f. 467. 469. 477. Schellfisch 66.
507—510. 512 ff. 518 ff. 522 ff. 529f. Schellinger, Hildebrand 200.
534. 579.590. Schermer 45.
—, Brauerei 113 f. 118. 123 f.; Brennerei Scheveningen 65. 506.
127; Delftsche Poort 513; Einwohner- Schickler, Bankhaus 417 f.

—
        <pb n="637" />
        Schiedam 58. 66. 116. 152. 173. 253. 312. ' Seifenindustrie, Seifensiederei 26. 77. 139.
339. 345. 466 f. 507. 175. 183. 347. 451.
—, Bevölkerung 535; Börse 228. 400; Seilereien 316.
Brauerei 123; Brennerei 124—128,. 401. Selden, John 327. 329.
466 f.; Makler 227. Senfsaat 403.
Schiffahrtsgesetze 440. 449. Seraing 519.
Schiffahrtssubventionen 527. Sevilla 210. 217.
Schiffbau 17. 88. 105—112. I54. 242. Shetland-Inseln 327.
278. 333. 354-402. 476—480. 533. 591. Sierra Leone 364.
Schimmelpenninck 408. 412. Silberhandel, Silberpreis 15. 208. 217.
Schinken 43. 356. 340. 403. 562.
Schlachtvieh 41. 175. 444. 490. 497. Singapore 524.
Schlegel, Aug. Wilh. ı8. Six, Charles 102.
Schleppschiffahrt 439. Skandinavien 109.
Schlesien 203 f. 313. 357. Sklavenhandel, Sklaverei 166 f. 377. 381.
—, Leinwandindustrie 92. 313. 355; 584.
Garne 94. Sluijs 14.
Schleswig-Holstein 183. 312. Smaltonnen 69.
—, Herzog Adolf 312. Smeth, R. &amp;amp; Th. de, 197—200. 207. 419.
Schmuggel, Schleichhandel 18. 184. 257. 485.
331. 347. 360. 366. 376£. 380. 399. Smith, Adam 425.
403. 408. 424. 434. 450. 489. 571. Smyrna 347 £f. 516.
Schoonhoven 123. Sneek 41. 507. 553.
Schornsteingeld 184. Soda 140.
Schottland, Schotten 13. 58. 120. 265 Soerabaya 524.
bis 269.. 374. .478. 503. 506. Sonntagsarbeit 156.
—, König Jakob VI. 265. Sommelsdijk, van 377.
Schouwen 74. Spanien‘7. I5. 17. 32. 34. 58.85 f. 88.
Schuckmann, V. 434. 96. 90. 102.111. 129. 135.137. 160.
Schuhindustrie 534. 165. 167. 188. 192. 206. 216, 227.233.
Schwarzes Meer 291. 487. 516. 246 f. 252. 254—257. 266. 275[f. 278.
Schweden 107. 197. 199 f. 218, 233. 256. 284. 293. .2907. 300 f. 303. 312. 1314,
269. 274. 276—282. 289. 308. 316. 335. 318 f. 325—328. 332f. 337. 340[{.
342 f. 380 f. 383.415. 567. 3451. 3491f. 355 MM. 11360.. 365. 377.
—, König Gustav Adolph 197. 227. 270; 413. 415. 427. 429. 487. 516. 567. 586,
Christine 270; Karl X. Gustav 270. —, König Philipp II. 63; Philipp III.
279. 281 f. 351.
—-, Imperialismus 307; Ostküste 58; —, Kolonien 137.
Schwed.-Afr. Kompanie 380 f.; Süd- Speck 37. 43. 68. 71 f. 133. 356. 506.
kompanie 381. Spedition 299. 315. 441. 590.
Schwefel 319. 403. Speier, Friede von 274.
Schweinezucht 37. 128. 495. Spezereien 324. 444.
Schweiz 86. 100. 104. 290. 435. 458f. 463. Spitz, Hirschel 249.
Scilly Islands 195. Spitzbergen 67f£. 71 ff.
Seeland .14. 20ff. 23. 29f.43. 57. 63.4Spui 171.
II9. I35. I4I. I49. 171. 176. 178. 180 f. Staatsflandern 46. 386.
190. 219. 253—256. 258. 261. 276 f. Staatsschulden 188 ff. 407. 409—412.
279. 282. 293. 320.326. 341. 345. 351. 414. 5409—550.
361. 378. 407f. 439. 466. 489. 496 ff. Stade 60.
500. 522. 549. 554- Stahl, Stahlwaren 292..298 f. 319. 426.
—, Landwirtschaft 34. 51 f. 485f.; Li- 480.
zenten 176; Partikularismus 365. Stapelrecht 6.76. 173 1.
Segel, Segeltuch 111. 465. 556. Staphorst, Nic. &amp;amp; Jacob 205.
Seide, Seidenindustrie, Seidenhandel 27. Stavoren 164. 272.
I10I1—105. 109. I52f. 286. 289. 295. Steine, Steinindustrie 139. 292. 312. 360.
343. 349. 363. 367. 403. 445. 454: 574- 1.403. 437. 531.

620
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        Steingut 430. ) Terneuzen, Kanal von 530.
Steinkohlen, Kohlenhandel ı, 47, 127 f. Terpentin 319.
183. 228. 265. 267 f. 339. 361. 400. 421. Terschelling 164.
443. 532. Texel 32. 42. 169. 389. 453. 486. 519.
Stettin 64. 109. 244: 310. 521. Textilindustrie, Textilwaren 48. 50. 57.
Steuerreform 407 f. 550—558. 1 79—80. 82—101. 109.265. 286 ff. 317.
Stockholm 238. 240. 270. 280. 521. 349. 354. 395. 429. 4066. 582.
Stolk, Cornelius van 423. Teyler van Hall 414.
Stork, C.' TI. 459. Thesing 112.
Stralsund 110. 309. Thilt, Hans van 145.
Straßburg 60. 444. Thomas &amp;amp; Adrian 417.
Strohkartonindustrie 489 f. St. Thomas 379.
Strümpfe 93. 148. 265. 321. 395. St. Thome 134. 364.
Stuttgart 435. Thorbecke 459.
Südafrika 483. 524. Thulemeyer 196.
Südamerika 374 f. 516 f. 527. Tiel 37.
Südbrabant 439. Tilburg 24. 35. 86. 90. 98. 531. 553.
Südholland 42. 186. 439. 467 f. 479. 485 f. —, Textilindustrie 99 f. 446. 453.
496. 498. 500 f. 505. 530. 540. 549f. Tonnengeld 552.
Suermondt, Willem 406. Torf 46 f. 52.156.120. 128.183. 186.451.
Suez, Suezkanal 478. 524 f. 455. 499. 502. 587. 590.
Sund 60. 162 ff. 274. 276—279. 283; —, Torfbauern 361.
Sundzoll 275. 277 ff. 283. 313, Torfstreuindustrie 499.
Sunderland 263. Toulon 347.
Surinam 131. 134. 247. 364. 375—380. Tran, Tranhandel 68—71. 74. 140. 228.
4311. 409.474. 476. 583 1. 235. 244. 292. 299. 506.
Syrien 101. 349. —, englischer 69.
Syrup 131. 133. 247. 398. Trankocherei 72; Tranmonopol 70.
Tras 292.
Trekschuiten 44. 172. 506 f. 590.
T Treviso 88.
° Trip, Elias 197. 242; L. u. H. 270.
Tabago 364. Tripwerk 96. 208.
Tabak 287. 333. 397 f. 429. 431. 480 f. Trockenlegung 29. 31 f. 44 f. 47. 194. 500.
487. 493. 550. Tromp 243.
—, Brasil 376; Borneo 481; Java 481. Tuchbereiterknechte 871.157.
574 f. 578; Sumatra 448. 480f.; Va- Tuchindustrie 5. 8. 27. 589.
rinas 137; virginischer 263; westindi- Türkei 291.
scher 263. —, Zölle 347.
Tabakbau 36 ff. 43. 52. 136. —, Seeräuber 345.
Tabakhandel 333. 339. Tuffsteine 293.
Tabakindustrie 136 f. 154. 251. Tulpen 34.
Tabakregie 308. Tulpomanie 234.
Tabaksteuer 37. 556. Tunis 74.
Talglichter 319. Turgot 205.
Tarif, Tarifpolitik 35. 355 ff. 422 ff. 420 f. Twente 38f. 50. 100. 452. 454 f. 457
435. 449. 488 £. bis 465. 510. 533 f. 583.
Tauschlägerei 77. ‚111. 402. 480.
Taylor, Edward 520.
Teakholz 480. . U.
Tecklenburg 223. Überschwemmungen 53 f. 487 £.
Tee 17.1. 123. 138. 166. 183.1. 367. 400. Uhlmann, H. W..348.
431. 474. 481. 550. 571. 574 f. 578. Ungarn 290.
Teer 111 £f. 270. 308. 354. 403; Teermono- Usselinx, Willem 30. ı41f. 381.
pol 112.270. Utrecht (Provinz) 25.38. 42. 47.52.54:
Teppichfabrikation 99. 101. 144. 454- 178... 180 1.1185. 190. 204. 2521.0279.
Terminhandel s. Zeithandel. 408. 439. 485. 495. 500. 549.

un
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        — 631 ——
Utrecht, Tabakbau 38. 136. 493. Waal, de 579.
— (Stadt) 24. 27. 31. 37. 82. 146. 152. Wachs 52; Wachsbleichen 316.
TE O4 272. 299. 379. 389. 428. 454. Waffenhandel 270.
2. 508. 512. 520. k nn
A —, Brennerei 127; Einwohnerzahl 25. EA r2jähtiger 15. 77-170:
535; Getreidepreise 307; Seidenfabrik w. L
S U agengelder 183.
98. 103.; Zuckerraffinerie 398. .
—, Friede von 17. 61. 73. 130. 151. 191. Wageningen 389.
204. 233. 337. 349. 358. —, Rijkslandbouwschool 495.
Utrechter Union 7. 10. 14. 25. 66. 118, Wagenschott ıı2 f.
175. 246. 253. 349. Waidasche 455-Uytenhoven,
 Jacob van 270. Walcheren 265 f. 534.
Waldwirtschaft 484 f. |
V. Walfischbarden 68 f. 228. 235. 319.322.
Vaart 389. Walfischfang‘ 8, 67..70 f, :73. 140.327;
Valkenburg, Joh. van 316. 404 f. 506.
Varlet, Caspar 102. Walkmühlen 84. 86.
Vecht 171. 389. 428. 530. Walpole, Robert 359.
Veemen 81. Warenpreiskurant 228.
Veenendaal 453. 465. Wasserweg, Neuer 523. 529 f.
Veere 63. 164. 265—269. 519. Wechselverkehr, Wechselhandel, Wechsel-Veilgeld
 133. 165 f. 243. 278. 280 £. 423. reiterei 211. 218. 221. 238. 240. 248.
Veken, Joh. van der 9. 314. 339-Veluwe
 36. 53. 482. Weerdschleuse 171.
Venedig, Venetianer 88. ıo01. 210. 248. Weesp 113. 127 f. 401. 530.
269.. 325. 343, 345 ff. Wegegelder 293.
—, —, Handelspolitik 346. Wein 116. 164.173. 175.183 1..286 f. 292,
Venezuela 351. 297. 305. ‚310 f.. 319. 323. 343- 357.
Venlo 386. 5009. 397. 400. 403. 437. 445- 521.
Ventjager 61. 64. 503. Weißes Meer 341 ff.
Verbrugge &amp;amp; Goll. 202. Weizen 34f. 54. 120, 159. 284f. 354.
Vermögenssteuer 187. 557 f. 384. 488—492. 500.
Verre, Kompanie van 365. Werkgerätschaften 153.
Versailler Friedensdiktat 443 f. Wesel 171. 294. 296 ff. 300.
Versicherungswesen 240 ff. 303. 568 (s. Weser 64. 291. 404; Weserzoll 276.
Assekuranzen). Westafrika 193. 320. 334. 569.
Verviers 86. 90. 92. 150. 453. Westbrabant 33.
Viehseuchen 41. 53. Westerhoff, Arent 223.
Viehzucht, Viehstand 29f. 32. 36. 41. Westfälischer Frieden 10. 15. 17. 53. 97.
43. 48. 54. 355. 485. 487. 492—495. 99: 216. 246. 271.278. 204. 298. 357 1.
Virginia 136. 392. 587.
Visscher, Roemer 241. Westfalen 55 £.\257..318. 502. 1512
Vitriol 3109. —, Königreich 415.
Vlaardingen 59. 62. 65 f. 503. 506. 529. Westfriesland 29-f. 63.
Vlie 169. 304: 389. Westindien 12. 27. 94. 126. 130. 134. 136.
Vlieland 168. 314. 352. 364. 374: 399- 438. 524. 526.
Vlissingen 15. 64. 136. 169f. 255. 342. Westind. Kompanie 162. 186. 228. 334.
479. 522. 530. 336. 351. 373 £f. 377 1.381 f.
Vogelaer, Marcus 342. Westminster, Friede von 336.
Voorne-Kanal 523. Wien 231. 249.
Vorderindien 432. —, Stadtbank 201.
Vreeswijk 171. Wiener Verträge 434.
Vry-Temminck, de 237. Wiesbaden 435.
Wilhelminapolder 406.
W. Willemsdorp 522.
Waaggeld 133. 359. Willemsvaart 20.
Waal 173. 294. 298. Willink, W. &amp;amp; J. 206. 409. 559.

x 1
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        = 42
Wils 414. Zeithandel (Terminhandel) 229. 234 ff.
Wilson 464. 472. 474. 568.
Windhandel 236. 250. 568. Zeitpacht 29.
Windmühlen 2. 51. Zement 403.
Winterswijk 465. Zentralisation der Verwaltung 420.
Wismar 289. Zevenbergen 467.
Witsen 110. 249. Zichorien 396. 431.
Witt, Joh. de ı5f. 130. 280 f. 320. 330. Zierikzee 73. 341.
336. Zigarrenfabrikation 481. 532. 534.
Witte de With 243. Zinn 319. 577. 583.
Wijk bij Duurstede 428. Zinnober 200.
Wijk op Zee 65. Zijpe 30.
Woerden 32. Zölle auf Butter, Käse, Fleisch, Speck,
Wohlfahrtsausschuß 10. Rindvieh 43; Baumwolle 459; Bier
Wohnungsverhältnisse 157. 533. 362; Branntwein 320; Holz 557; Kaffee
Wolle, Wollhandel 35. 39. 52. 82. 88 f. 554; Leinwand 361; Salz 354; Syrup
91. 97. 99. 102. 228. 299. 31I. 333. 336. 130. 133; Tee 554. 557; Wein 320;
362 f. 444. 452 ff. Zucker 130 ff. 362. 3095.
—, australische, südafrikanische, süd- Zollenspieker 312.
amerikanische 494; englische 82. 95. Zollkongreß 295 ff.
258. 260; pommersche 85; schottische Zollunion 442 ff.
85; spanische 82. 84 f. 215. 340. 453. Zollverein 435 ff. 440. 469 f.
Wollmärkte 453. —, Zuckerindustrie 437.
Wollwaren 314. 430. 573. Zollwesen 356.
Wormer 60. Zucker, Zuckerraffinerie, Zuckerhandel,
Worms 251. Zuckerindustrie 8. 47. 76. 129—135.
Wüstemberg 436. I54- 247.287. 305. 319. 321. 333. 352.
357. 362. 376. 398 £f. 426. 429. 437 £.
X. 444. 4068 ff. 531. 533. 565. 568.
Xanten 171. —, Brasil, Canarien, St. Thome 129. 376.
474; St. Domingo 129; Java 438.
Y, 473 ff. 574 f. 581. 583; Surinam. 377.
Yarmouth 263. 404. 474. 476. 583 £.
Zuckerkontrakte 475; Zuckerkonventionen.
 471 ff.
Z. Zünfte s. Gilden.
Zaan, Zaanlande 21. 24. 59. 72. 402. 591. Zuiderwoude 164.
—, —, Ölmühlen 140; Papierfabriken 137. Zuid-Beveland 406. 506.
531; Sägemühlen ıı12 f.; Schiffbau 21. Zuiderzee 2. 66. 169. 171. 502. 520.
106 ff. 476; Schiffahrt 164; Walk- Zutphen 24.37. 143. 253. 257. 272. 512.
mühlen 90. —, Zunftwesen 78.
Zaandam 20 f. 67. 71. 86. 107. 110. 164. Zwangsarbeit 158.
342. 507.517. 520, Zwieback 360.
—, Färbemühlen 148; Schnupftabakmüh- Zwirner 80.
len 148. 481. Zwischenhandel ırı. 81 f. 289. 320. 357.
Zandwijk 65. 361. 472.
Zehnten 36. 53. 405. 485. Zwolle 20. 24. 39. 398. 458. 502.

62°
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        Handbuch der Wirtschaftsgeschichte
Herausgegeben
von
Prof. Dr. Georg Brodnitz
Bibliotheksdirektor a. D. Dr. E. Baasch-Freiburg: Holländische
Wirtschaftsgeschichte. 1927
Prof. Dr. H. Bächtold-Basel: Schweizer Wirtschaftsgeschichte.
Prof. Dr. G. Brodnitz-Halle: Englische Wirtschaftsgeschichte.
Band I. vıl, 516 S. 1918 Rmk 10.—
Prof. Dr. E. Bull-Oslo: Norwegische Wirtschaftsgeschichte.
Prof. Dr. A, Doren-Leipzig: Italienische Wirtschaftsgeschichte.
(Mittelalter und Renaissance.)
Prof. Dr. N. S. B. Gras-Minneapolis: Wirtschaftsgeschichte der
Vereinigten Staaten.
Prof. Dr. E, F. Heckscher-Stockholm: Schwedische Wirtschaftsgeschichte.

Prof. Dr. R. Kötzschke- Leipzig: Allgemeine Wirtschaftsgeschichte
 des Mittelalters. XIV, 626 S. 1924 Rmk 15.—
Prof. Dr. J. Kulischer-Leningrad: Russische Wirtschaftsgeschichte.
 Band l. V, 4665S. 1925 Rmk:24.—
Prof.Dr.A:Nielsen-Kopenhagen: Dänische Wirtschaftsgeschichte.
Prof. Dr. Fr. Oertel-Graz: Wirtschaftsgeschichte des Altertums.
Prof. Dr. G. Bourgin - Paris: Französische Wirtschaftsgeschichte.
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97
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