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        <title>Das Flammenzeichen vom Palais Egmont</title>
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        AH
EIGENTUM
DES
INSTITUTS
WELTWIRTSCHAFT.
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BIBLIOTHEK
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        Eine Plenumsitzung des Kongresses im großen Saal des Palais Egmont
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        DAS FLAMMENZEICHEN
VOM PALAIS EGMONT
OFFIZIELLES PROTOKOLL
DES
KONGRESSES GEGEN KOLONIALE UNTERDRÜCKUNG
UND IMPERIALISMUS
BRÜSSEL, 10.—15. FEBRUAR 1927
Herausgegeben
von der
Liga gegen Imperialismus
und für nationale Unabhängigkeit
LAUFLAGE,/ BERLIN 1927
NEUER DEUTSCHER VERLAG, BERLIN W8
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        AUSLÄNDISCHE FILIADENTDES NEUEN DEUTSCHEN VERLAGES:
Wien I, Bauernmarkt ı ; Zürich, Gerbergasse 9; Moskau, Twerskaia Jamskaia z
Copyright 1927 by Neuer Deutscher Verlag Willi Münzenberg, Berlin W 8
Alle Rechte der Übersetzung vorbehalten
Nachdruck nur mit Quellenangabe gestattet
Gedruckt bei Herrose &amp; Ziemsen GmbH., Wittenberg (Bez. Halle)
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        Vorwort.

Wir übergeben nachstehend die protokollarisch festgehaltenen wich-
tigsten Momente der Brüsseler Beratungen der Öffentlichkeit.

Trotz aller Bemühungen ist es nicht gelungen, ein Werk zu schaffen,
das Anspruch auf Vollständigkeit erheben könnte. Der Leser muß sich stets
vor Augen halten, daß der Brüsseler Kongreß gegen koloniale Unterdrückung
und Imperialismus nicht als Ergebnis eines organisatorisch bis in die letzten
Einzelheiten durchdachten Planes zustande gekommen ist. Soweit organisa-
torische Vorarbeit geleistet worden ist, gab sie nur die Anregung zu seinem
Zustandekommen und bildete das auslösende Moment zu einem Geschehen,
das dann S0zusagen explosionsartig eintraf.

Es ist ganz selbstverständlich, daß der vorhandene Ansatz eines organisa-
torischen Apparates dem Ansturm der Vorgänge und Anforderungen nicht
gewachsen sein konnte. Dies führte zu mannigfaltigen Mängeln, die leider
auch nachträglich nicht mehr auszumerzen sind. Man konnte die Vorgänge
nicht bis ins kleinste Detail festhalten. Auch die Bemühungen, das Ver-
säumte nachzuholen, versagten: kamen doch nach Brüssel Leute, die aus den
blutdurchtränkten Wüsten Syriens, aus dem welthistorischen Ringen Chinas
unserem Rufe folgten, um die Not ihres kämpfenden Volkes der „„zivili-
Sierten Welt“ in die Ohren zu schreien. Berufen durch ihre Pflicht, be-
unruhigt durch die Schikanen ungeduldiger Behörden, kehrten sie zurück
in ihre Länder, um. der Bewegung zu dienen. Es ist fast unmöglich, mit
ihrer Hilfe die Lücken in den Protokollen Brüssels zu ergänzen.

Auch spielt das Finanzielle Moment eine Rolle: Hinter Brüssel standen
keine Regierungen wie hinter nahezu allen Konferenzen und internationalen
Tagungen der Leiztzeit, keine Industrie- und Finanzgruppen waren interessiert
an dem Gelingen des Brüsseler Werkes. Das unsagbare Leid der kolonialen
Menschheit und der Schrei nach Befreiung fanden keinen Mäzen. Der
Kongreß wurde aus Mitteln organisiert, die einige Arbeiter-Organisationen
uns zur Verfügung stellten. Deshalb mußte in Brüssel der bei internationalen
Zusammenkünften übliche Apparat fehlen.
        <pb n="11" />
        Vorwort.

Brüssel war ein Auftakt, und als solcher behaftet mit allen Vorzügen und
Nachteilen des Werdenden und Bestehenden.

Wenn es nur gelungen ist, in diesen Blättern etwas von der Atmosphäre
des Sichfindens und des Zusammenklingens festzuhalten, von den unvergäng-
lichen Momenten voll weligeschichtlicher Spannung, wenn nur Streiflichter
das Gewirr der wichtigen und schicksalsschweren Probleme erhellen, so hat
es seinen Zweck erfüllt: Auf ein welthistorisches Beginnen hinzudeuten!

L. Gibarti.

Id
A
        <pb n="12" />
        Die koloniale Unterdrückung ist eine der verwerflichsten
Formen des Imperialismus. Dieser Terror der Macht, um so ver-
Werflicher, als er sich gegen die Schwächsten wendet, erniedrigt
nicht nur die Nation, die sich seiner bedient, er verwüstet die
ganze Zivilisation überhaupt.

Zählen Sie mich zur Schar der Ihnen Verbündeten, und seien
Sie meiner vollsten Ergebenheit versichert.

In höchster Sympathie

Victor Margueritte.
        <pb n="13" />
        <pb n="14" />
        George Lansbury:*

Über den Kongreß der unterdrückten Völker.

Ich reiste am Wochenende nach Brüssel, um an der Konferenz teil-
zunehmen, die zur Bildung einer „Liga gegen koloniale Unterdrückung“
aufrief. Ich brauche meine Freunde nicht mit Einzelheiten meiner Hin- und
Rückreise zu belästigen. Es genügt zu sagen, daß Nebel ein großes Hinder-
nis war. Anstatt Sonntag früh, kam ich in Brüssel erst um 6 Uhr an und
gedachte den nächsten Tag nach Hause zurückzukehren. Dies war ein
Umstand, der mich quälte und meine Laune und Ausdauer beeinflußte.
Alles ist aus der Erinnerung wie weggefegt, wenn ich mich an die große
Versammlung im „Palais d’Egmont“ Sonntagnacht zurückerinnere. Wahr-
haft ein internationaler Kongreß! Neger und Riffkabylen, Inder und Japaner,
Chinesen und Ägypter, Italiener und Franzosen, Russen und Deutsche, Iren
und Briten, Mexikaner und Holländer, Belgier und Skandinavier. Es schien mir
eine kleine Wiedergabe jener großen Zusammenkunft, von der die Schriften
der Apostel sprechen, wo Männer und Frauen vieler verschiedener Mund-
arten und Sprachen sich versammelten, um für ihren Glauben an das christ-
liche Evangelium Zeugnis abzulegen. Die Meisten von uns sprachen nur ihre
Muttersprache. Trotzdem war die ganze Konferenz vom Geiste der Kamerad-
schaftlichkeit und des Wohlwollens beherrscht, jenem Geist, der in rätsel-
hafter Weise Hindernisse der Sprache, des Glaubens und der Rasse hinweg-
räumt und den Menschen verständlich macht, daß sie alle gleiche Interessen
haben, Die Kameraden Gibarti und Bach sind fähig, die Aufgabe, die sie sich
"orgenommen haben, auszuführen. Sie scheuen keine Mühe. Beide sind. er-
füllt von dem Ideal einer internationalen Solidarität, die den Völkern aller
Länder das Recht zuerkennt, sich zu organisieren und ihr eigenes nationales
Leben zu führen. Die Frauen und Männer der britischen ‚Labour Party“
waren eine bunte Gruppe. Fenner Brockway vertrat die I. L. P., John Stokes,
der auf der „Memorial Hall“-Konferenz Wege zur Erhaltung des Friedens

* Aus den zahlreichen politischen und kritischen Kommentaren der Weltpresse über
den Brüsseler Kongreß gegen Imperialismus und koloniale Unterdrückung bringen wir
hier den Aufsatz zum Abdruck, der in „Lansburys’ Labour Weekly“ kurz nach dem
Kongreß erschienen ist. (Die Red.)
        <pb n="15" />
        1“ Einleitung.
zwischen China und England zeigte, den Londoner Gewerkschaftsrat; die
Kommunistische Partei sandte Harry Pollitt, Arthur MacManus und andere;
Ray Postgate kam für die „Plebs League‘, während Ellen Wilkinson, John
Beckett, ich und andere in unserer Eigenschaft als Mitglieder des Parlaments
teilnahmen.

Keine „inszenierte“ Partei.

Ich möchte hier feststellen, daß es absolut unwahr ist, zu sagen (es
wurde von gewissen Personen, die es besser wissen sollten, behauptet), daß
diese Bewegung von Moskau aus dirigiert werde. Der vor-
herrschendste Zug der Konferenz war ihre Spontanität und
die Tatsache, daß alle Resolutionen auf der Konferenz entworfen und ab-
gestimmt wurden. Tatsächlich ist diese Konferenz die einzige, der ich bei-
wohnte, die hervorgerufen und getragen wurde von ihren Obliegenheiten,
ohne daß vorhergefafßte Resolutionen den Delegierten, sobald sie das Redner-
pult betraten, auf gezwungen wurden. Es ist notwendig, daß dies weit bekannt
wird. Die Tatsache, daß eine solche Versammlung zustande kommen und
als Redner Delegierte der Kommunisten und Sozialisten, Trade-Unionisten
und Nationalisten umfassen konnte, ist, denke ich, sehr zu schätzen.
Denn je mehr wir den Geist des Nationalismus entfalten und erhöhen zum
größeren freieren Ideal des internationalen Sozialismus, desto eher wird
die Welt vom Fluch des Militarismus und seinen Begleiterscheinungen:
Raub, Plünderung und Mord befreit sein.

Der alleinige Zweck ist die Schaffung einer internationalen Organisation
für die endgültige und vollständige Emanzipation aller Völker der Welt, die
von kapitalistischen Regierungen merkwürdigerweise als niedere Rassen be-
zeichnet werden. Es ist in der Tat keine Kleinigkeit, eine „Anti-Imperiali-
stische Liga“ zu gründen, in der ebenso repräsentative Männer und Frauen
wie direkt gewählte Delegierte vertreten sein sollen. Auf der Brüsseler Kon-
ferenz trafen wir den gewählten Delegierten vom „All India National
Congres‘“, Kamerad Jawahar Lal Nehru; Henri Barbusse aus Frankreich
und Mohamed Ramadan Bey vom ägyptischen Parlament, waren zugegen, wie
auch ich und die anderen Mitglieder des britischen Parlaments als nichtoffi-
zielle Delegierte. Trotzdem vertraten wir alle denselben Standpunkt, daß die
Völker der Erde von der Knechtschaft des kapitalistischen Imperialismus frei
sein müßten, um sich aus eigener Kraft zu entwickeln und gemeinsam die
sichere Grundlage der internationalen Republik aller Völker zu schaffen.

Eine neue Internationale.

Früher gab es viele internationale Organisationen, Organisation zur Ab-

schaffung der Sklaverei, zur Aufrechterhaltung des Freihandels, zum

)
        <pb n="16" />
        George Lansbury. 11
Schutz der Mädchen und Frauen usw., aber es hat bisher niemals eine
Organisation gegeben, die ohne Einschränkung das Recht der weißen Rasse
bekämpft, andere Rassen, die sie als minderwertiger bezeichnet, zu be-
herrschen, zu kontrollieren und auszubeuten. Sogar unter Sozialisten und
in vielen Konferenzen hören wir sehr häufig die Erklärung, daß Weiße
Farbige, zu deren Besten, organisieren und beaufsichtigen müßten, daß
„Imperialisten“ tatsächlich Menschenfreunde seien, die den unkultivierten
unzivilisierten Heiden den Segen der Zivilisation brächten. Die „Liga
gegen koloniale Unterdrückung“ verwirft ohne Einschränkung diese Lehre
und will sich in Zukunft der Aufgabe widmen, die Bewohner imperiali-
stischer Länder aufzuklären und jede kleine oder große Nation, die um ihre
Freiheit kämpft, auf jede mögliche Weise zu unterstützen.

Unter diesen Umständen beherrschten China, Japan und Indien die Kon-
ferenz. Die Vertreter der chinesischen Kuomintang, Indiens und Japans traten
immer wieder hervor, und es wurde jedem verständlich, daß diese großen
Nationen sich entschlossen haben, das imperialistische Joch abzuschütteln und
sich zusammenzutun, nicht nur zur Verteidigung der eigenen nationalen
Freiheit, sondern auch der Freiheit aller unterdrückten Völker.

Ich hatte das Glück, die Reden von zwei kantonesischen Generälen zu
hören und von einem umarmt und geküßt zu werden. Nur wer. die beiden
gehört hat, besonders den General Lu, kann das Gefühl haben, daß endlich
Carpenters Worte wahr werden: “Low in the East behold the dawn
appears.“

In Worten, die kalt schienen, weil sie in gemessenem Tone ausgesprochen
wurden, hörten alle den General Lu sagen, daß die Pflicht eines Generals,
der eine Arbeiterarmee kommandiert, ist: „Leben und Zukunft der Arbeiter
und Bauern zu schützen, ihnen beizustehen im Kampf um ihre Ziele, niemals
Bestechungsgelder anzunehmen, sondern mit dem Volk zu leben und, wenn
es nötig ist, auch mit ihm zu sterben, niemals gegen andere Nationen zu
kämpfen, niemals dem Imperialismus und Militarismus zu helfen, stets mit
allen Kräften dem Imperialismus in China und in allen anderen Ländern
Widerstand zu leisten“. Dieses war der Grundton aller Reden.

Mü Recht kann die belgische Arbeiterzeitung „Le Peuple“
erklären, diese Konferenz sei das ruhmreichste Ereignis in der Geschichte
Brüssels und Belgiens gewesen. Es ist nicht möglich, den Enthusiasmus zu
übertragen und ihn durch Tinte, Feder und Papier wieder aufleben zu lassen.
Wir können nur die Szenen vergegenwärtigen, die zwischen Fenner Brockway
und dem chinesischen General stattfanden und diejenige, an der ich selbst
teilgenommen habe. Doch gab es noch Stärkeres als alle diese übermäßigen
Ausbrüche unseres Gefühls. Meine Gedanken wanderten unwillkürlich zurück
zu dem alten Saal in Philadelphia, in dem die Gründer der Selbständigkeit
Amerikas sich versammelten, um ihre unsterbliche Unabhängigkeitserklärung
        <pb n="17" />
        T Einleitung.

aufzusetzen und zu unterzeichnen, dann sah ich im Geiste die Zeit hundert
Jahre voraus, wo Menschen auf die große Versammlung im „Palais
d’Egmont“ zurückblicken und erzählen werden, daß Männer und Frauen
aller Rassen sich im Monat Februar 1927 versammelten, um zu erklären.
daß alle Menschen von Geburt gleich und alle zur Freiheit berechtigt sind,
ja sogar um die größte und edelste aller Wahrheiten zu verkünden, daß der
Zusammenschluß die einzig richtige Lebensform ist, daß nur in Verbindung
untereinander für das Wohl aller Friede, Freude und Glück über die Mensch-
heit kommen wird. In Brüssel sprachen wir nicht von orthodoxer Religion,
wir debattierten nicht, ob weiße und farbige Menschen untereinander Ehen
schließen ‚dürfen.

Nein, unsere Diskussionen waren wesentlicher, weil wir alle erfüllt waren
von dem einen fesselnden Gedanken: Kann ein einzelner oder eine Nation
den Zielen einer anderen dienen? Kann einer von uns irgend etwas Wertvolles
für andere tun ohne die Mitwirkung derer, deren Beistand uns unsicher ist? Und
die Antwort lautet: Nein. Deshalb bildeten wir unsere Liga, vertreten durch
unterdrückte und unterdrückende Nationen, und wir werden unseren Kampf
in der vollen Überzeugung fortsetzen, daß in kommenden Tagen das Wort
„Imperialismus“ aus unserer Sprache verschwinden wird, weil die Mensch-
heit den Grundsatz als wahr erkennen wird: „Gott und Natur haben alle
Völker der Erde aus einem Blut gemacht!“

i2
        <pb n="18" />
        l.

Eröffnung des Kongresses.

Der Kongreß wurde am 10. Februar 1927, abends 8 Uhr, durch eine

Begrüßungsansprache von
S. O. Davies (England),

dem 2. Vorsitzenden der Bergarbeiter von Südwales und Mitglied der Exeku-
tive des englischen Bergarbeiterverbandes, eröffnet.
{* möchte hier als Vorsitzender meine große Freude über diese Konferenz

und über die Inspirationen, die diese mir gibt, aussprechen. Es ist wohl
überflüssig, noch einmal der Hoffnung Ausdruck zu geben, daß wir zwischen
jetzt und dem Schluß der Konferenz nicht nur fester aneinandergeschlossen
sein mögen, sondern daß wir alle, mögen wir nun aus China, Indien, Groß-
britannien oder irgendeinem anderen imperialistischen Lande kommen, er-
kannt haben werden, daß unsere Interessen gemeinsam sind.

Wenn es mir gestattet ist, noch persönlich ein Wort hinzuzufügen, so
möchte ich die aufrichtige Hoffnung aussprechen, daß diese Konferenz uns
allen klarmachen möge (ich spreche als ein Produkt einer der wohl
ältesten imperialistischen Mächte der Welt), daß wir nicht zusammengerufen
worden sind, um bloß unser Mitgefühl mit den Arbeitern Chinas, Indiens
Oder eines anderen unterdrückten Landes der Welt auszudrücken. Ich er-
kläre, daß heute das Problem der chinesischen Arbeiter absolut das Problem
der britischen Arbeiter wird. Die folgenden englischen Redner werden wahr-
scheinlich erläutern, daß der Imperialismus (und wir verstehen das immer
besser ) nichts als Kapitalismus ist. Die britischen Arbeiter begreifen
in immer größerer Zahl, daß der Imperialismus nicht nur eine Phase des
Kapitalismus ist, nicht nur eins der Probleme des Kapitalismus, sondern der
Imperialismus und der Kapitalismus, wie wir sie heute innerhalb der großen
imperialistischen Mächte wirken sehen, sind absolut ein und dasselbe. Der
Kapitalismus dieser Spätzeit ist Imperialismus.

Ich hoffe, daß die Vertreter der andern Länder mit Freude feststellen
werden, daß wir anfangen, das Problem der unterdrückten Rassen als absolut
identisch anzusehen mit dem Problem der in immer steigender Weise unter-
        <pb n="19" />
        14 Eröffnung des Kongresses.
drückten Arbeiterklasse der sich in krisenhaftem Zustande befindlichen kapi-
talistisch-imperialistischen Länder der Welt. Der Vorsitzende soll keine
Rede halten. Ich habe eine beträchtliche Tagesordnung für diese Ver-
sammlung, und es ist mir ein außerordentliches Vergnügen, nach diesen
kurzen einleitenden Bemerkungen den Kameraden Barbusse zu bitten; das
Wort zu nehmen.
Der große französische Schriftsteller
Henri Barbusse,

vom Kongreß stürmisch begrüßt, ergreift hierauf das Wort:

| \rotz meiner Krankheit bin ich hierhergekommen, um an dieser Eröff-
A nungssitzung teilzunehmen. Mit Glück und tiefer Freude nehme ich hier
diesen Platz ein, um zu der Eröffnung des ersten internationalen Kongresses
gegen die koloniale Unterdrückung und den Imperialismus zu sprechen.
Brüderlich grüße ich die Vertreter zahlloser Menschen, die aus allen Teilen
der Welt hierhergekommen sind, und sage ihnen: Ihr seid nicht nur her-
gekommen als Menschen, die sich verbrüdern, die sich die Hände reichen
wollen, ihr seid auch als Organisatoren und Arbeiter gekommen, die mit-
einander bauen wollen. Ihr seid hierhergekommen, um :vor der ganzen
Welt — laut genug, daß sie es höre — den Schrei der unterdrückten Rassen
und Völker zu erheben. Dieser Schrei ist menschlich, gerecht und klar,
durch nichts kann seine schneidende und lichte Logik entstellt werden.
Ihr kommt hierher, damit dieser Schrei Aktion werde; noch mehr, damit er
gemeinsame Aktion werde, damit er eine über die ganze Welt hingehende
Aktion werde. Zum ersten Male versucht ihr, durch eure Vereinigung und
eure ganze Solidarität eurer Sklavenrevolte ihre ganze Tragweite, ihre ganze
Bedeutung, ihre ganze Majestät zu geben.

Zum ersten Male schließen sich die gefangenen, geopferten und ge-
mordeten Völker zu einem Block zusammen... Keiner von uns fällt mehr
auf die hypokritischen Sophismen herein, die der Imperialismus wie eine
Theaterkulisse vor seinen kolonisatorischen Schandtaten aufrichtet; auf die
brutale und rücksichtslose Besetzung, die brüsk von einem Tag zum andern
für Recht erklärt wird; auf die gewaltsame Unterdrückung, die Barbarei, die
zur zivilisatorischen Politik gestempelt wird. Wir sind über diese Sophismen
hinaus. Wir wissen sehr wohl, daß die Geschichte des Imperialismus eine
Geschichte der Räuberei ist. Es gibt Länder, welche das Glück oder
Unglück haben, Bodenschätze zu besitzen; reich versorgt zu sein mit
jenen menschlichen Reserven, aus denen man die Arbeitskraft und das
Kanonenfutter rekrutiert: Absatzmärkte für Ware zu sein, an wichtigen
        <pb n="20" />
        Henri Barbusse. 19
Weltstraßen und Handelswegen zu liegen, wo man Festungen errichtet und
seine Kanonen aufstellt. Auf sie setzt der triumphierende Fremde seine
eiserne Ferse. Wenn das unterdrückte Volk sich rührt und protestiert, so
erklärt man es für rebellisch. Man nennt die Aufständischen Briganten —
marokkanische Briganten — chinesische Briganten. Wenn sich das Volk
gegen die fremden Imperialisten erhebt, so sagt man, daß es zum Rassenhaß
aufgestachelt worden sei.

Nun gut! Wir werden dieser Beweisführung, deren sich der Starke
bedient, um den Schwachen noch zu peinigen, nachdem er ihn schon nieder-
Seworfen hat, Gerechtigkeit widerfahren lassen. Wir werden dieser Lüge
Gerechtigkeit widerfahren lassen, mit der man versucht, den gerechten
Protest, die heilige Revolte des Opfers gegen den Henker zu denunzieren.
Der Imperialismus, das ist die Ausbeutung. In den Kolonien wird der Fremde
zum Folterer, weil er vor allem Ausbeuter ist. Und wenn die Vergewaltigten
sich gegen ihre Vergewaltiger erheben, dann ist das eine soziale Tatsache
und nicht, wie man uns glauben machen möchte, eine Äußerung des Rassen-
hasses und des Nationalismus.

Es ist wichtig zu erkennen, daß die nationale Unabhängigkeit die erste
Etappe auf dem Wege zur Unabhängigkeit der Menschheit überhaupt ist.

Der Imperialismus, diese neue Art der Sklaverei, hat viele Formen der
Kolonisation. Er beschränkt sich nicht mehr nur auf die eine, die seit Jahr-
hunderten von den großen Nationen angewandt wird, und die sich mit Hilfe
von Kanonen, Maschinengewehren, Knüppeln, Opium oder des Alkohols
durchsetzt, die den Eingeborenen massakriert und unterjocht, ihn in Schulden
bringt oder ihn vergiftet, wie es in Indien, China, Indo-China, Syrien und
in jenem Afrika geschieht, das wie ein riesiges Stück Fleisch in Stücke
zerteilt ist. Eine vollkommenere Form des Imperialismus ist die Versklavung
der Länder durch Verträge, durch Tarife, durch Kontrolle, durch Monopole.
Er macht sie von seiner Gnade abhängig, wie man es mit Mexiko zu machen
versucht, wo der Machthunger und die Expansionsbestrebung des mächtigen
Nachbarn sich zur Unterjochung des Volkes auf die reaktionären, natio-
nalen Kräfte stützt.

Wieder eine andere Form ist der Missionsdienst, der ein besonderes
Kapitel in der Kolonialgeschichte darstellt; dieser Christenbekehrungsdienst,
dessen Annalen ebenso blutig sind wie die der Hunnen oder der Vandalen.

Es gibt noch andere Formen der Kolonisation; es gibt noch eine innere
Kolonisation, wie die der Neger in den Vereinigten Staaten. Eine ganze
Menschenkategorie wird als Parias behandelt, unter sozialen Bann gestellt.
Auf ihr ruht eine Art Sozialer Verdammnis, die sich auf den Vorwand
stützt, daß diese Menschen minderwertig seien. Das ist noch eine große,
gemeine Legende, die wir zu vernichten haben. Wir erklären in der Gemein-
samkeit unseres Strebens, daß es weder niedere noch höhere Rassen gibt.

“KR
        <pb n="21" />
        ; Eröffnung des Kongresses.

Wir haben es also mit einem methodischen Werk der Unterwerfung
zu tun. Es hört nicht da auf, wo es scheinbar aufhört. Diese Unterwerfung
erreicht sogar die sogenannten freien Völker.

Man muß blind sein, um nicht zu sehen, daß die Kapitalisten New Yorks
dabei sind, einen Teil des alten Europa zu kolonisieren. Ja, ich sage
kolonisieren! Man hat dieses Wort mit Recht gebraucht, um damit diese
wirtschaftliche Besitzergreifung zu bezeichnen, deren schwerste Last das
Proletariat zu tragen hat.

Ihr müßt erkennen, daß das Mittel zu eurer Befreiung ihr selber seid.
Ihr selber müßt euch das Recht nehmen, das man euch niemals geben wird:
das Recht, über euch selbst zu bestimmen.

Dazu müßt ihr gemeinsam handeln, denn eure Rechte sind ähnlicher
Art und ihr seid auf ähnliche Weise vergewaltigt. Ihr müßt euch mit den
großen Arbeiterorganisationen verbinden; ihr Ziel, ihre Sache sind der
euren ähnlich, ja sie sind die gleichen wie die euren.

Wenn ihr das tun werdet, wenn ihr euch zu diesem heiligen Kampfe ver-
einigt, ändert sich eure Lage sehr. Man wird nicht mehr von den „schwachen
Völkern“ sprechen können, wie bisher, wo ihr vereinzelt dasteht. Sobald ihr
euch gegenseitig stützt, seid ihr nicht mehr das „schwache Volk“, sondern
das „allmächtige Volk“.

Ich glaube im Namen des ganzen Kongresses zu sprechen, wenn ich hier
aller Opfer der Kolonisation gedenke, wenn ich mich mit euch vor dem
unermeßlichen Märtyrertum verneige, das die farbigen Völker und die ver-
teidigungslosen Nationen durchzumachen hatten, die von den Fackelträgern
der Zivilisation mit Feuer und Krieg überzogen wurden. Aber ich glaube.
in gleicher Weise euer aller Gefühl auszusprechen, wenn ich nicht nur der
Vergangenheit gedenke, sondern auch der Zukunft und den chinesischen Be-
freiern, die der ganzen Meute der großen Nationen gegenüberstehen, unsere
Grüße entbiete. Grüße allen denen, die sich erhoben haben, um ihr Recht
auf das Leben zu verteidigen, und die damit auch unser Recht verteidigen.
Mit ihnen arbeitet der Kongreß zusammen.

Ich grüße Rußland, die Republik der Arbeiter und Bauern, die, zum
ersten Male in der Geschichte, auf dem Boden ihrer Föderation die Gleich-
heit der Nationalitäten und Minoritäten hergestellt hat. Ich richte im
Namen von euch allen brüderliche Grüße an unsere belgischen Freunde,
und ich danke im Namen des Kongresses der belgischen Regierung, die uns
die nötige Genehmigung zur Abhaltung dieses Kongresses gegeben hat.
Ich begrüße die Mitglieder der Presse und alle, welche mit den Kongreß-
teilnehmern unsern Arbeiten beiwohnen wollen. Jetzt beginnt der Kongreß
seine Arbeit. Sei er das Herz der großen beginnenden Arbeit: der organisierte,
durchdachte, entschlossene, anhaltende Aufstand der Massen, der endlich
‚den vernichtenden Imperialismus zu Boden schlagen wird.

16
        <pb n="22" />
        Henri Barbusse, Frankreich
Chen Kuen,
der Delegierte des
Allchinesischen Ge-
werkschaftsbundes
        <pb n="23" />
        <pb n="24" />
        Dr. A, Marteaux, 17

Im Auftrag der belgischen Sektion der Liga gegen koloniale Unter-
drückung spricht

Dr. A. Marteaux (Belgien),
Mitglied der Kammer.
W haben heute die große Ehre, unter uns die Delegierten der verschiede-
nen unterdrückten Völker der Welt zu sehen. Unter uns befinden
sich Delegierte aus Korea, China, Indien, Mexiko und einer Reihe anderer
Länder, die Sie in der Anwesenheitsliste finden.

Wir haben unter uns auch Vertreter der Nationen, welche diese Völker
unterdrücken. Ich gestatte mir ganz besonders, im Namen des Kongresses,
die Delegierten Großbritanniens zu begrüßen, deren Anwesenheit hier nach
unserer Ansicht eine außerordentliche Bedeutung hat. Gleicherweise begrüße
ich unsern großen Freund Barbusse, den Vertreter Frankreichs. Auch unsern
alten Kämpfer Katayama, den Vertreter Japans, begrüße ich auf das
herzlichste.

Wenn diese Delegierten hier zusammenkommen, wenn sie ein Einver-
nehmen herstellen wollen, das wir zu einem dauernden zu gestalten ver-
suchen, so bedeutet das nicht, wie gewisse Kreise glauben machen wollen,
die Absicht, eine tiefere Spaltung zwischen den Völkern der Erde zu
Schaffen, sondern daß wir die Grundlagen für eine neue Ordnung schaffen
wollen, die der Ausbeutung der Kolonialvölker und der halbkolonialen Völker
durch die kapitalistischen Staaten ein Ende machen soll.

Alle Freunde versichere ich der Sympathie der Brüsseler Bevölkerung
und besonders des Brüsseler Proletariats, das in der Kommunalverwaltung
und in der Belgischen Kammer zu vertreten ich die Ehre habe.

Wir hätten gern in dieser Stadt eine große Volksdemonstration ver-
anstaltet, Unglücklicherweise verhindern uns die Verpflichtungen daran, die
wir unserer Regierung gegenüber übernehmen mußten. Die belgische Re-
81erung hat wohl die Anwesenheit aller Delegierten gestattet, aber wir
mußten uns verpflichten, daß sie an keiner öffentlichen Demonstration
teilnehmen würden. Unglücklicherweise binden uns diese Verpflichtungen
nicht aus Rücksicht auf uns Brüsseler, sondern aus Rücksicht auf die
ausländischen Kameraden, Ich bin sicher, daß diese Demonstration ein bei-
spielloser Erfolg gewesen wäre, der bewiesen hätte, wie das Herz des Brüsseler
Proletariats im Gleichtakt schlägt mit dem des Proletariats der andern
Länder, und daß der belgische Imperialismus auf keinen Fall auf die Hilfe
Unserer organisierten Arbeiterklasse rechnen darf. Ich muß erwähnen, daß,
obgleich wir nur ein kleines Land sind, wir doch unseren Imperialismus
haben. Übrigens glaube ich, daß unser Imperialismus unter den ersten sein
wird, der die Wirkungen der triumphierenden Revolution in China zu

Das Flammenzeichen vom Palais Egmont,

1
        <pb n="25" />
        1 Eröffnung des Kongresses.

spüren bekommt. Wir hätten von Herzen gern diese Demonstration orga-
nisiert, um unsere ganze Sympathie mit dieser Bewegung auszudrücken, die
sich im Laufe ihrer hiesigen Verhandlungen definitive organisatorische
Grundlagen schaffen wird. Wenn wir das nicht gekonnt haben, wiederhole
ich, so nur, weil unser wachsamer Kapitalismus diesem Kongreß nicht die
wünschenswerte Publizität geben will. Der belgische Kapitalismus befindet
sich im Fahrwasser des englischen und französischen. Sie geben ihm seine
Direktiven. Gegen diese Einschränkungen, gegen diesen Zwang seitens der
belgischen Regierung protestiere ich hier im Namen von euch allen. Es ist
absolut unzulässig, daß man in diesem Land, das die demokratischen Freiheiten
auf seine Fahne geschrieben hat, den Kundgebungen unseres Willens solche
Einschränkungen aufzwängt, unseres Willens, der sich, davon sind wir fest
überzeugt, trotz solcher Hindernisse durchsetzen wird. Und in diesem Glauben
an die Zukunft wünschen wir dem Kongreß Glück, gute Arbeit und allen
Erfolg.

E
        <pb n="26" />
        Der Freiheitskampf des chinesischen Volkes.
Rede des Delegierten des Zentral-Exekutiv-Komitees der Kuomintang
Liau Hansin (China).
in Namen des Zentral-Exekutivkomitees der Kuomintang habe ich dem

ersten Kongreß der Liga gegen Imperialismus und koloniale Unter-
drückung die herzlichsten und brüderlichsten Grüße zu überbringen.

Unser großer Parteiführer Sun Yat Sen hat schon zu seinen Lebzeiten
betont, daß wir, das unterdrückte chinesische Volk, unter dem heutigen
kapitalistischen System mit den unterdrückten Klassen der Westländer und
den unterdrückten Völkern der ganzen Welt gemeinsam gegen unsere Be-
drücker, die Imperialisten, vorgehen müssen. Auf unserem zweiten Partei-
tag, im Januar 1926, wurde auch ein dahingehender konkreter Beschluß ge-
Faßt. Mit dem größten Interesse hat unsere Partei, unsere Regierung und
unser ganzes Volk jetzt die Einberufung dieses internationalen Kongresses
hier in Brüssel begrüßt. Wir hoffen, daß hier eine geschlossene Kampf-
front aller Unterdrückten 8°gCN unsere gemeinsamen Feinde, die Imperia-
listen, geschaffen werden wird.

Das Verhältnis zwischen uns, den unterdrückten Klassen und den unter-
drückten Völkern einerseits und den Imperialisten andererseits ist heute be-
reits so zugespitzt, daß diese keine Mittel ungenützt lassen, um gegen uns
vorzugehen. Um mehr Kräfte zu gewinnen, haben die Imperialisten das im
Weltkriege besiegte und sich in letzter Zeit wieder imperialistisch ent-
wickelnde Deutschland in ihr sogenanntes Friedensinstitut, den Völkerbund,
mit aufgenommen. Sie haben eine Einheitsfront gegen die Unterdrückten
geschaffen. Mit ihrer regen Propaganda für einen Pan-Asien-, Pan-Europa-
und Pan-Amerika-Völkerbund versuchen sie die Befreiungsbewegungen der
unterdrückten Völker und die internationale Einheitsfront der Arbeiter-
bewegung zu zerschlagen.

Die Kolonien sind für die Imperialisten billige Rohstoffquellen und gute
Absatzmärkte. Die Kolonialsklaven sind gleichzeitig die billigsten Arbeits-
kräfte, die es gibt. Aus ihnen holen die Imperialisten ungeheure Extraprofite

IL.
DM
        <pb n="27" />
        2U Der Freiheitskampf des chinesischen Volkes.

heraus, noch gewaltig vergrößert durch die Ausnutzung der Frauen- und
Kinderarbeit. Mit einer kleinen Restsumme dieser Extraprofite schaffen
sie sich in den eigenen Ländern eine Arbeiteraristokratie, um die Arbeiter-
schaft zu zersplittern und Arbeiter gegen Arbeiter auszuspielen. In den
Kolonien richten sich die Imperialisten ferner militärisch-strategische Stütz-
punkte, wie Singapore, Suezkanal, Gibraltar, Hawai usw., für neue imperia-
listische Kriege ein. Die Arbeiter ihrer eigenen Länder und die der Kolonien
benutzen sie als Kanonenfutter in ihren gegenseitigen Machtkämpfen.

Die unterdrückten Völker und die unterdrückten Klassen sind beides
Spielbälle der Imperialisten. Unbewußt haben wir zugunsten der Imperia-
listen selbst lange Zeit gegeneinander gekämpft. Jetzt endlich müssen wir
aufhören, als Werkzeuge der von uns allein erhaltenen Imperialisten zu
fungieren. Ihre unverschämten Angriffe dürfen wir uns nicht weiter
gefallen lassen. Die unterdrückten Völker umfassen ungefähr eine Mil-
liarde Menschen. Die. Arbeiterschaft in den imperialistischen Ländern
ergibt eine ebenfalls riesige Zahl. Und diese Menschenmenge sollte nicht
fähig sein, die kleine Anzahl von Schmarotzern von ihrem Leibe abzu-
schütteln? Die Schaffung eines Bundes aller Unterdrückten gegen die
Unterdrücker ist hier vonnöten. Ein solcher Bund würde verbürgen sowohl
die Durchführung der nationalen Gleichheit als auch der sozialen Freiheit,
also alles dessen, was wir erstreben.

Jetzt will ich im nachfolgenden etwas über die Lage in China aus-
führen. Die Situation ist dort aufs höchste gespannt. In einem schriftlichen
Bericht, betitelt „Die ungleichen Verträge und die chinesische Revolution‘,
der hier den Kongreßteilnehmern ausgehändigt werden wird, bin ich des
näheren darauf eingegangen. Hier will ich noch besonders betonen, daß die
chinesische Revolution sich mit ihren Hauptzielen gegen die Imperialisten
und gegen deren Werkzeuge, die chinesischen Militärmachthaber, wendet.
Die Imperialisten herrschen über China vermittels der zahlreichen ungleichen
Verträge, die dem chinesischen Volke aufgezwungen wurden, und durch
die es wirtschaftlich und politisch vollkommen von diesen abhängig ist. Die
Imperialisten haben viele Kriegsschiffe, Truppen und Polizisten in China
zu stehen. Zur Unterdrückung des chinesischen Volkes benutzen sie auch die
feudalistischen chinesischen Militärmachthaber, die sie gegeneinander hetzen,
um dadurch ihre eigene Macht zu verstärken. Das ganze chinesische Volk
befindet sich so in einer unglaublich geschwächten Lage. Nicht nur die
Industrie kann sich nicht entwickeln, sondern selbst die Landwirtschaft des
großen Agrarlandes ist vollkommen ruiniert. Dies wieder bringt mit sich.
daß jährlich große Gebiete des Landes, das sich ehedem vollkommen
selbst erhalten konnte, von Hungersnöten heimgesucht werden und Tausende
von Menschen Hungers sterben. Um aus dieser furchtbar elenden Lage her-
auszukommen, gibt es für das chinesische Volk keinen andern Ausweg,
        <pb n="28" />
        Liau Hansin. 91
als den schärfsten Kampf gegen seine Bedrücker, die Imperialisten und ihre
Werkzeuge, die chinesischen Militärmachthaber.

Die Idee der nationalen Revolution, des Befreiungskampfes des chine-
sischen Volkes, hat als erster unser Parteiführer Sun Yat Sen für unser Land
aufgestellt. Wenn auch unsere Partei, die Kuomintang, im Kampf gegen
die Fremdenherrschaft alle Klassen in sich vereinigt, so spielt doch die
Bauern- und Arbeiterschaft, die mehr als 80°%/, der chinesischen Bevölkerung
ausmacht, die Hauptrolle. Diese erstrebt eine allgemeine Demokratie für
das Land, um die Überreste der Feudalherrschaft, auf die besonders der
Imperialismus seine Macht aufbaut, zu vernichten. Unsere Partei will auf
jeden Fall die Hochzüchtung des Kapitalismus vermeiden; sie will auf dem
Wege des Sozialismus vorwärtsschreiten. Daher soll die nationale Befreiung
für China gleichzeitig die soziale Befreiung bringen.

Wenn sich ein so großes Land wie die internationale Kolonie China
von den Imperialisten losreißen will, so bedeutet dies für sie eine ungeheure
Gefahr. Die Imperialisten wissen genau, daß ein erfolgreicher Kampf
Chinas ein großes Echo in der ganzen Welt hervorrufen würde. Die Situation
verschlimmert sich noch für sie um vieles, insofern, als gerade die unter-
drückte Masse der Bauern und Arbeiter die Hauptrolle in dem Befreiungs-
kampf Chinas spielt. Deshalb haben die Briten, deren Haupteinflußgebiet
Südchina ist, als unsere Partei 1925 und 1926 noch ihren Hauptsitz in
Kanton hatte, nicht nur ihre eigenen Kriegsschiffe gegen China vorgeschickt
und sich die feudalistischen chinesischen Militärmachthaber für die Nieder-
Schlagung der Freiheitsbewegung gedungen, sondern haben selbst versucht
die chinesische Bourgeoisie aus den Reihen der Kuomintang zum Kampf
gegen die Arbeiter und Bauern aufzuhetzen. Aber weder die Unterdrückung
noch überhaupt die Eindämmung der Freiheitsbewegung ist ihnen gelungen.
Im Gegenteil, unsere Macht erstreckt sich heute über ganz Süd- und Mittel-
China bis über das Jangtsetal hinaus. Bald wird sich Schanghai, der große
Handelshafen, in unserer Hand befinden. In Besorgnis darum schicken die
internationalen Imperialisten schon jetzt zahlreiche Kriegsschiffe, Flugzeuge
und Landsoldaten nach Schanghai. Daneben verwenden sie aber auch Zucker-
brot. Von Coolidge bis Chamberlain haben alle Imperialisten plötzlich ihren
Worten nach eine große Sympathie für die chinesische nationale Befreiungs-
bewegung. Tatsächlich stehen alle Imperialisten nach wie vor fest zu-
sammen in der Unterdrückung des chinesischen Freiheitskampfes. Aber
weder Zuckerbrot noch Peitsche wird ihnen Nutzen bringen. Die vierhundert
Millionen chinesischen erwachenden Bauern und Arbeiter werden sich weder
ködern noch einschüchtern lassen.

Das Erwachen der kolonialen und halbkolonialen Welt versetzt die
Imperialisten in ernste Ängste. Trotz ihrer gegenseitigen Eifersucht schicken
S1e starke Truppen und viele Luftschiffe nach China, Mexiko, Nicaragua und
        <pb n="29" />
        ut Der Freiheitskampf des chinesischen Volkes.

Java. Ungeachtet dessen, daß sie es sind, die die Kriegsstimmung herauf-
beschwören, beschuldigen die Imperialisten die Sowjetunion, den ersten
proletarischen Staat der Welt, die mit den Kämpfen der Kolonialvölker
gegen ihre Bedrücker sympathisiert als Anstifterin von Unruhen und als
Friedensstörerin der Welt. Die Vorbereitungen der imperialistischen Mächte,
den begonnenen Freiheitskampf der unterdrückten Völker niederzuschlagen,
sind gleichzeitig Vorbereitungen des Krieges gegen die Sowjetunion. Wir
müssen diese Absichten erkennen, um aus ihnen die entsprechenden Lehren
zu ziehen.

Die heutige Gelegenheit möchte ıch nicht vorübergehen lassen, um im
Namen der Kuomintang den Vertretern Indiens den wärmsten Dank der
Arbeiter- und Bauernmassen Chinas für den Protest gegen die Entsendung
indischer Truppen nach China zu übermitteln und gleichzeitig den Ver-
tretern Latein-Amerikas, aller kolonialen Länder und denen des internatio-
nalen Proletariats, besonders aber der englischen Arbeiterklasse, von der wir
die aktive Unterstützung der chinesischen Revolution erwarten, die enthu-
siastischsten brüderlichen Grüße auszurichten.

Der Vizepräsident der britischen Arbeiterpartei und Mitglied des Unter-
hauses

George Lansbury (England)
nimmt das Wort.

(Lansbury wird mit Hochrufen empfangen. Als er dem chinesischen De-
legierten Liau die Hand reicht, ruft er: „Dreimal hoch die Internationale!)

uerst möchte ich mich entschuldigen, daß ich erst so spät komme

und ich es nicht ermöglichen konnte, schon früher zu erscheinen.
Umstände, auf die ich jedoch keinen Einfluß habe, hielten mich bis
jetzt in England fest. Ich bin überzeugt, daß meine chinesischen Ge-
nossen meine Abwesenheit gern entschuldigen werden, wenn sie erfahren,
daß der größte Teil meiner Zeit, in der Sitzungen hier stattfanden, der Auf-
gabe gewidmet war, mit der britischen Labour Party im House of Commons
die Abstimmung zugunsten der Zurückrufung der Truppen aus China zu
sichern. Und dann kam heute das schlechte Wetter dazwischen. Es be-
deutet. für mich einen sehr großen Verlust, diesen Tag nicht mit Ihnen ver-
lebt zu haben. Ich habe schon vielen Kongressen beigewohnt, doch scheint es
mir, in meinem ganzen Leben noch keinem wichtigeren als dem, der jetzt
hier abgehalten wird.

Der Vorsitzende teilte mir mit, daß Sie mich willkommen geheißen
hätten, obwohl ich keiner der unterdrückten Nationen angehöre. Ich bin je-

6
        <pb n="30" />
        George Lansbury. 3
doch hier, Freunde, um Ihnen mitzuteilen, daß ich ein Teil der großen Ar-
beiterklasse der Welt bin, die in den letzten fünfzig Jahren hier im Westen
darum kämpfte, sich vom Kapitalismus zu befreien. Wir haben dies noch
nicht erreicht. Wir sind noch durch den Fluch des Kapitalismus unterdrückt.
Unsere Unternehmer behandeln uns so, wie die Staatsmänner die unter-
drückten Nationen behandeln. Die große Unternehmerklasse sagt: „Laßt
uns Freunde sein! Laßt uns nicht miteinander streiten! Laßt uns in Frieden
und Harmonie leben, während wir uns die fettesten Brocken einstecken‘,
das heißt, während wir die Renten, Profite und Dividenden einstecken.
Nun sind wir Sozialisten für die völlige Abschaffung des Rechtes, aus
unserer Arbeit Renten, Profite und Dividenden zu ziehen! Und Ihr, unter-
drückte Nationen, werdet all diese Jahre dazu gezwungen, anderen Nationen
eine reiche Klasse von Parasiten zu schaffen, die ihrerseits nicht nur ihr
eigenes Volk, sondern auch Euch niederdrückt. Heute erwachen jedoch die
Arbeiter in Europa und in Teilen Amerikas, und. es ist die größte Freude
meines Lebens, daß sich die Rassen am Stillen Ozean, die in den letzten
150 Jahren vom Imperialismus unterdrückt wurden, die Hände reichen,
nicht, um für sich einen Imperialismus aufzubauen, sondern um sich mit
den Arbeitern der ganzen Welt dahin zu vereinigen, dem weißen Imperialis-
mus ein für allemal Einhalt zu gebieten.

Ich bin mit vielen nationalen Bewegungen zusammengegangen. Ich war
der irischen nationalistischen Bewegung und auch direkt der indischen
Nnationalistischen Bewegung angeschlossen. Doch, Freunde, es gibt kein
Mittel auf der Welt, das die politische Macht sichert, ohne nicht zugleich
auch die wirtschaftliche Macht zu sichern. Die Arbeiter Chinas, Japans
und Indiens müssen sich in den Besitz aller lebensnotwendigen Einrich-
tungen setzen. Sie sollen sie jedoch nicht dazu gebrauchen, eine große ab-
seits stehende Nation aufzubauen, sondern eine Art „Commonwealth“ aller
Völker zu schaffen, die im gegenseitigen Dienst miteinander stehen. Alles
andere hat keinen Wert. Soweit ich das beobachten kann, wird China heute
nur aus dem alleinigen Grunde angegriffen, weil die Männer, die in der
Kanton-Regierung herrschen, entschlossen sind, den Kapitalismus mit
Stumpf und Stiel aus China auszurotten.

Und Sie müssen mit uns hier im Westen nachsichtig sein. Sie kommen
von Afrika, Asien, von den Inseln des Stillen Ozeans und müssen mit der Ar-
beiterbewegung Englands und der anderen Länder Geduld haben, weil wir
gegenwärtig nicht die Mehrheit haben. Ich kann Ihnen jedoch versichern,
daß es eine britische Arbeiterbewegung gibt, und daß die britische sozia-
listische und kommunistische Bewegung Männer und Frauen umfaßt, die,
Soweit sie in Betracht kommen, entschlossen sind, weder eine Kanone noch
einen Mann, noch einen Schuß jemals wieder für den Kapitalismus abzu-
geben. Wir können nur zu Ihnen kommen und sagen, daß wir wissen. daß

Q“
        <pb n="31" />
        e Der Freiheitskampf des chinesischen Volkes.

das chinesische Volk gerade jetzt unseren wie auch seinen Kampf führt. Wir
wissen, daß, wenn der Kapitalismus sich in China behauptet, er eine weitere
Lebensfrist erhält. Und da wir nicht wollen, daß er noch eine neue Lebens-
frist zugebilligt bekommt, vereinigen wir uns mit Euch, um die Ver-
treibung der Engländer aus China zu fördern. Wenn ich sage, die Vertrei-
bung aus China zu fördern, so heißt das: aus China hinaus in dem Sinne,
daß sıe Rechte und Vorrechte in China bekommen haben, die das chine-
sische Volk selbst micht hat. Ich möchte, daß es uns möglich sein wird,
in jedem Lande, in jedes Land hinein und aus jedem Lande heraus als
Freunde und als Genossen, aber nicht als eine über die andere herrschende
Nation zu gehen. Es gibt, wie ich schon sagte, einige unter uns, die entschlos-
sen sind, für ein solches Ziel zu arbeiten.

An diesem Nachmittag, wo ich hier zu Ihnen spreche, wandern meine Ge-
danken zurück in ein Land im Stillen Ozean, dessen Hauptstadt Balana heißt.
Vor vierzig Jahren kochte mein Blut, als ich sah, wie die Frauen jener Stadt
dazu gebraucht wurden, in britische Schiffe Kohlen zu verladen, während
weiße Männer mit Stöcken in den Händen hinter ihnen standen. Ich weiß,
daß die Leute sagen werden, daß dies schon vor langer Zeit sich zutrug.
Wenn ich jedoch in Balana gelebt hätte, würde ich dies nie vergessen haben,
selbst wenn es vor 10 Jahrhunderten geschehen wäre — ich ‘hätte mich
immer daran erinnert. Als ich heute hier unserem chinesischen Genossen die
Hand schüttelte, erinnerte ich mich, daß mein Land im Namen des Kapitalis-
mus, im Namen des Imperialismus, im Namen des Profits Opium in die
Kehlen des chinesischen Volkes zwang. Ich vergesse nicht, daß in Wan-Hsien
und Schanghai chinesische Männer, Frauen und Kinder kaltblütig nieder-
geschossen wurden; noch vergesse ich, Genosse Nehru, Amritsar, wo wir kalt-
blütig Männer, Frauen und Kinder Indiens niederschossen. Ich weiß, daß
man an ihnen nicht irgendeines begangenen Verbrechens wegen so handelte,
sondern darum, weil sie gegen den Kapitalismus rebellierten. Männer oder
Frauen, die in der Arbeiterwelt ihres Platzes würdig sein wollen, sollten heute
zu den Chinesen und ihrem Freiheitskampf stehen. Genossen, ob Sie Franzo-
sen, Deutsche oder Belgier sind, denken Sie daran, daß — wenn der Kapita-
talismus in China bestehen bleibt, wenn der Überfluß billiger Arbeit durch
Kanonen, Flugzeuge oder Giftgas aufrechterhalten werden kann —, daß
dies ein schlechteres Lebensniveau für uns alle bedeutet. Wie werden wir
angesichts eines solchen Wettkampfes bestehen und leben? — Denn der
Wettkampf ist das Lebenssalz des Kapitalismus. Ohne ihn kann der Kapita-
list nicht existieren.

Der Kapitalist hat kein Vaterland. Sie sagen von uns, daß wir kein Vater-
land haben. Ich habe kein Vaterland, „die Welt ist mein Vaterland und alle
Menschen meine Brüder“, sagte Tom Paine, und das ist meine Lehre, von der
der Kapitalist praktischen Gebrauch für seine eigenen Zwecke macht. Seine

D4
        <pb n="32" />
        Georg Lansbury. 95
eigenen Zwecke, die darin bestehen, die Chinesen gegen die Japaner, die
Japaner gegen die Inder, die Inder gegen die Europäer nur mit dem einzigen
Ziel, des Profitmachens, zu gebrauchen. Die uns sagen, daß die britischen
Truppen nach China zur Verteidigung des Lebens britischer Untertanen
gehen, belügen uns, und belügen uns bewußt. Sie gehen nur mit dem ein-
zigen Zweck dorthin, kapitalistische Interessen zu verteidigen, ihre Profite zu
sichern. Und ich sage meinerseits allen, die das Lebensniveau der Arbeiter
der ganzen Welt sichern wollen, die das Lebensniveau der Europäer heben
wollen, daß dazu kein anderer Weg führt als der der Befreiung vom Kapi-
talismus und seine Ersetzung durch den Sozialismus. Es gibt keinen anderen
Weg. Hört es, Ihr meine hier anwesenden Freunde des Pazifismus, unser
Ruf „Friede“ ist zwecklos, solange der Kapitalismus besteht. Der Kapita-
lismus erlaubt uns nicht, im Frieden miteinander zu leben, wofür China
heute ein deutliches Beispiel gibt. Wir denken heute an China, wieil es im
Vordergrund des Bildes steht. Ich denke aber auch an meine afrikanischen
Genossen, die Männer und Frauen Afrikas, die genau so unsere Brüder und
Schwestern wie die Inder und Japaner sind — denn sie sind dem gleichen
Angriff wie unsere Kameraden in China ausgesetzt.

In meinem Leben habe ich Kriege in Abessinien, Afghanistan, Zululand,
Aschanti, Betschuanaland, den Burenkrieg, Kriege gegen die Kaffern und
Ägypter, Kriege in der ganzen Welt erlebt. Und wenn ich versuche, ihnen
auf den Grund zu gehen, sehe ich, daß sie alle aus dem gleichen Grunde wie
der Krieg in China stattgefunden haben. Ihr, Genossen, die Ihr den Frieden
liebt, müßt Euch daher den Reihen der Sozialisten anschließen. Ihr, Vertreter
der unterdrückten Nationen, dürft Euch nicht allein durch den Ruf „Natio-
nalismus‘ betören lassen. Individualismus ist etwas Gutes, und ich gebe zu,
daß man den individuellen Mann und die individuelle Frau heranbilden muß.
Ich gebe zu, daß eine jede Nation ihre eigene Kultur entwickeln muß. Je-
doch, Freunde, wenn all dies gesagt und getan ist, müssen wir uns vom im-
perialistischen System befreien, das das Recht des Stärkeren über den
Schwächeren um des Profites willen lehrt, wir müssen uns von denen be-
freien, die für sich den Anspruch erheben, klüger zu sein (und die in Wirk-
lichkeit nur schlauer und gemeiner sind), von denen, die dadurch, daß sie
gemeiner sind als andere, auch das Recht zu haben glauben, andere aus-
zubeuten.

Solange Sie nicht diese Notwendigkeit einsehen, solange Sie sich nicht
entschließen, der internationalen sozialistischen Bewegung beizutreten, ist
all unsere Arbeit, jeder Handschlag vergeblich. Dies wollte ich hauptsächlich
heute hier ausdrücken. Ich wünsche nicht, daß eine weitere Liga sich heran-
bildet, nur um den Ruhm des Nationalismus zu verkünden, sondern, als ich
jetzt meinem chinesischen Freund die Hand schüttelte, war ich stolz, stolz,
weil er eine Zivilisation vertritt, die älter ist als die, der ich angehöre, und
        <pb n="33" />
        I Der Freiheitskampf des chinesischen Volkes.

weil er in der Kampffront steht, um seinem eigenen Volk vorwärts zu helfen.
Aber, Genossen, ich würde nicht die gleiche Freude empfinden, wenn er nur
den chinesischen Nationalismus, und nur ihn allein, verkünden und übertrieben
preisen würde. Ich will, daß der chinesische Nationalismus mit Internationa-
lismus zusammengeht, da bis zu der Zeit, bis die Welt nicht auf der Grund-
lage internationaler Kameradschaft der Arbeiter aufgebaut ist, all unsere
Arbeit, wie ich nochmals wiederholen möchte, vergeblich ist.

Sie fragen mich, was wir in England tun? Ich kann Ihnen nur mitteilen,
was einige von uns tun und was ich selbst zu tun versuche. Vergeßt nicht, daß
England das größte imperialistische Land der Welt ist. Wir haben beinahe die
Weltkarte von dem einen bis zum anderen Ende rot gemalt. Größere Reiche
als unseres sind aus dem gleichen Grunde zu ihrer Zeit niedergegangen, aus
dem auch England niedergehen wird, wenn nicht die Arbeiterbewegung unser
Land zwingt, seinen Weg zu ändern. Wie man auch die britische Arbeiterbe-
wegung kritisiert, wie schwankend auch ihre Haltung bezeichnet werden
kann, soll doch eine Tatsache uns nicht entgehen, daß nämlich in der letzten
Woche die britische Arbeiterbewegung im britischen Parlament — dem
größten imperialistischen Parlament der Welt — nicht nur eine Deklaration
vorlegte, sondern auch für sie sprach und stimmte. Eine Deklaration, die
ohne Vorbehalt das Recht des chinesischen Volkes, in seinem Lande zu
regieren, anerkennt und verlangt, daß ein für alle Male die Vorrechte, die wir
durch Gewalt und Seeräuberei errungen haben, abgeschafft werden. Und auch
wir, die Partei als ein Ganzes, stimmten dafür, daß die Truppen zurückge-
zogen werden sollen. Sie sehen, daß wir als erstes das grundlegende Prinzip an-
erkennen, daß China den Chinesen gehört. Dann fügten wir noch hinzu, um
diesem mehr Wirkung zu verleihen: „Bringt die Truppen heim!“ Freunde,
wir werden auf diesem Standpunkte beharren. Wir füllten gestern den Tra-
falgar-Platz mit einer Menge, die alle das gleiche verlangten. Morgen werden
Sie von einer großen Konferenz hören, die in London wegen der chinesischen
Genossen stattfinden wird. Seien Sie daher nicht niedergedrückt über die
britische Arbeiterbewegung. Wir sind geschult und werden es mit jedem Tag
mehr sein.

Was ich eigentlich hier jedem Mann und jeder Frau der freien wie der
unterdrückten Nationen eindrücklich sagen möchte, ist, daß sie nicht ihre
Kräfte nur für Nationalismus verschwenden sollen. Erkämpft Eure nationale
Freiheit, Eure nationale Kontrolle! Dies ist Euer Recht und steht Euch zu,
Aber bleibt hierbei nicht stehen, denn wenn Ihr das tun werdet, bleibt Ihr.
auf halbem Wege stehen. Ich habe gesehen, wie Frankreich seinen Herrscher
von sich schüttelte, wie Irland das Joch Englands abwarf, aber ich weiß, daß
die Arbeiter heute in Frankreich, genau so wie die Arbeiter in England, um
ihre Freiheit kämpfen müssen. Wenn Sie, die Sie zu den unterdrückten Natio-
nen gehören, dem Kapitalismus erlauben, daß er in Ihrem nationalen Auf-

If.
        <pb n="34" />
        Englisch-chinesische Verbrüderung
Lansbury. der 2. Vorsitzende der Labour Party, England, mit Liau,
dem Vertreter der Kuomintang-Partei, China
        <pb n="35" />
        <pb n="36" />
        George Lansbury. 7
bau zu einer, wenn auch noch so kleinen Rolle kommt, so kommen Sie in.
die gleiche tragische Lage, und eben darum glaube ich mit meiner ganzen
Überzeugung an Sie appellieren zu müssen, daß Sie alle, von Afrika und
Asien und von allen anderen Völkern, Ihre wahre Flagge erheben, und daß es
die rote Flagge des Sozialismus sein sollte, die Sie Ihren Bewegungen
vorantragen. Lassen Sie diese Flagge, die die Wahrheit symbolisiert,
für die ich stehe, Ihnen voranleuchten und damit bekunden, daß wir
alle von der gleichen Art sind. Unser Genosse kommt von den entlegensten
Gebieten Asiens, und ich komme von einem anderen Winkel, Gott weiß wo-
her. Wir sind doch aus den verschiedensten Ländern, wie Charles Algernon
Swinburne sagt, und ich bin glücklich und stolz darauf, daß ich an dieser
großen historischen Versammlung teilnehmen kann, und vielleicht teilen Sie
mit mir das Gefühl, Sie alle, die zu dieser Versammlung gewählt worden
sind, das Gefühl, daß die Menschheit durch Jahrhunderte für eine einzige
Idee gekämpft und gehandelt hat, für eine Idee, die eine Lösung bringen soll,
die Geknechteten und Unterdrückten wieder aufzurichten.

Freunde, wir haben viele Leute aus den Fesseln der Sklaverei befreit, und
Sie werden dieses Werk fortsetzen, selbst in den Tagen, wo ich nicht mehr.
unter Ihnen weile. Sie werden diesen Kampf gewinnen. Aber ich glaube, daß
sich in dieser Woche, auf diesem Kongreß etwas vollzogen hat, das bisher nur
sehr selten in der Geschichte der Menschheit vorgekommen ist, und das ist,
daß Sie hier die unlösbare Einheit der schwarzen, gelben und weißen Rasse
proklamiert haben. Sie haben es hier erklärt, daß die Arbeiter keinen an-
deren Feind außer dem Kapitalismus haben, Sie haben erklärt, daß die mit
Mühe beladenen, unterdrückten Massen für ihre Zukunft zu kämpfen haben.
Warum aber soll ich gegen meinen chinesischen Genossen kämpfen und er
gegen mich? Nur deshalb, weil mir der Kapitalismus dies gebietet? Ich will
es nicht, und er will es auch nicht. Und niemand von ihnen will es und wird
es tun! Darum, meine Genossen, will ich nach England zurückkehren, um
jenen Resolutionen, die wir hier angenommen haben, Geltung zu verschaf-
fen. Ich denke jetzt nicht nach, wer mit mir und wer gegen mich stehen
wird. Aber ich werde das Banner hochhalten. Das Banner, auf dem die
Freiheitsrechte Indiens und Chinas aufgeschrieben sind, die Rechte eines
jeden einzelnen Menschen auf eine gleiche, menschenwürdige Behandlung
in der ganzen Welt.

Freunde, das ist unsere klare Aufgabe. Ein jeder soll nun in seine Hei-
mat zurückkehren, wo er lebt und kämpft, wo er unseren Kampf führt, aber
ein jeder von uns soll der Einheit der Menschenrasse gedenken, der Tatsache,
daß wir durch unzertrennbare Bande der ökonomischen und politischen Be-
freiungsbewegung verbunden sind, und daß wir arbeiten, nicht um die im-
perialistischen Nationen, und nicht um den Kapitalismus zu erzeugen, son-
dern für die Zukunft und für das Schicksal der menschlichen Kreatur.

CO
        <pb n="37" />
        Der Freiheitskampf des chinesischen Volkes,
Nach ihm spricht
Chen Kuen (China),
der Vertreter des Generalrates des Allchinesischen Gewerkschaftsbundes und
des Canton-Honkonger Streikkomitees.
1% spreche als Vertreter der chinesischen Gewerkschaften. Wir sind junge

Organisationen, aber wahrscheinlich wird niemand behaupten, daß wir
einen Mangel an Erfahrung oder an klassenbewußtem Geiste zeigen. Man
kann auch sagen, daß wir eine kleine unbedeutende Zahl sind. Hier in Europa
weiß man wenig von unserer Arbeit, aber doch werdet Ihr aus den Zeitungen
erfahren haben, daß eine ununterbrochene Streikwelle während der letzten
2 Jahre über China dahingefegt ist. Ihr wißt; daß wir letztes Jahr als Ant-
wort auf die Provokationen britischer und japanischer Imperialisten, die
kaltblütig unsere Leute ermordeten, das ganze Wirtschaftsleben Schanghais
lähmten. Ihr wißt, daß Hongkong, die größte Handelszitadelle des britischen
Imperialismus und der zweitgrößte Hafen im fernen Osten, fast ein gan-
zes Jahr paralysiert worden ist. Unsere Anhänger haben unaussprechliche
Leiden erduldet, aber trotzdem wichen wir nicht zurück und waren in diesem
Kampfe auf Leben und Tod nicht zu erschüttern. Unsere Streikposten-
kontrolle war vollständig, und wir hatten gewerkschaftliche Gerichtshöfe,
die die Streikbrecher aburteilten. Glaubt Ihr etwa, daß die Konzessionen,
mögen sie noch so gering, hypokritisch und fiktiv sein, die die Regierung
Seiner Majestät augenblicklich China zu machen bereit ist, einzig und
allein das Resultat des siegreichen Vormarsches unserer nationalen Ar-
meen gegen die chinesischen Söldlinge des Imperialismus waren? Der
Streik in Hongkong hatte nicht weniger Einfluß darauf, ‚die Briten zu der
Einsicht zu bringen, daß man uns wenigstens einige Konzessionen machen
müsse. Darum sind wir das Rückgrat der nationalen Befreiungsbewegung
in China, darum sind wir gegenwärtig in der Lage, eine entscheidende Rolle
bei der Entwicklung der chinesischen Geschicke zu spielen,

Mit gespanntem Interesse und tiefer Bewegung folgte ich der Rede des
Genossen Lansbury, der bedeutungsvollsten Rede glaube ich, die bis jetzt auf
diesem Kongreß gehalten wurde. Er richtete an uns alle einen Appell, uns im
Geiste des internationalen Sozialismus zu vereinigen. Uns, die wir die organi-
sierten chinesischen Arbeiter vertreten, fehlt es nicht an diesem Geiste. Wir
haben es während des Bergarbeiterstreikes gezeigt, wo wir Gelder für die
britischen Bergarbeiter sammelten, obgleich wir damals selber mehrere
Hunderttausend Streikende zu unterstützen hatten. Wir haben es gezeigt,
und wir werden im Falle der Not unsere Treue gegenüber der internationalen
Solidarität wieder zeigen. Aber wir sehen diesen Geist nicht bei den
führenden Arbeiterorganisationen des Westens. Welchen Beweis wahrer Sym-

IQ
        <pb n="38" />
        Chen Kuen — General Lu Chung Lin 29
pathie hat das kämpfende chinesische Volk von der II. Internationale und
der Amsterdamer Internationale, während all dieser Zeit erhalten? Ich fürchte,
daß man sagen muß, mit Ausnahme tönender Resolutionen, keine. Ich sage
das nicht, um nur anzuklagen ; aber es ist unsere Pflicht, alle unsere Gedanken
auszusprechen, denn. wir treffen uns hier vor dem Feinde, und Einheit ist
das Losungswort. Die Reden, welche Herr Vandervelde über die revolutio-
näre Bewegung in den Kolonien gehalten hat, haben einen schmerzlichen
Eindruck auf uns gemacht. Mister MacDonalds Haltung (Genosse Lans-
bury und die anderen englischen Genossen sind zu freimütig, das zu leug-
nen) hat wenig genug internationalen Geist gezeigt. Erst ganz kürzlich haben
wir ein typisches Beispiel des Internationalismus erlebt. Als der japanische
Mikado starb, gab MacDonald im Parlament seinem Kummer über den Tod
des japanischen Kaisers Ausdruck und versicherte den neuen Kaiser seiner
aufrichtigen Sympathie angesichts dieses Trauerfalles. Ist eine solche Rede
eines Arbeiterführers nicht eine Schande für das internationale Proletariat?
Hat nicht MacDonald praktisch die Okkupation des chinesischen Territori-
ums durch die Truppen des britischen Imperialismus gerechtfertigt? Hat er
nicht andeutungsweise von den Tumulten der Menge in Hankau gesprochen,
für welche man die Kantonregierung verantwortlich machen müsse? Wenn
Ihr britischen Genossen in Eurem Lande die Macht ergriffen habt und wir
bis dahin unsere eigene Reaktion nicht vernichtet haben, so werden wir die
Roten Truppen Eures Proletarierstaates bitten, uns zu Hilfe zu kommen; aber
trotz MacDonald wollen wir nicht, daß Soldaten des britischen Imperialis-
Mus noch länger das chinesische Volk oder, um mit Herrn MacDonalds Wor-
ten zu sprechen, den „chinesischen Mob‘ provozieren. Wir sind einig mit
Euch britischen Genossen, die Ihr hier anwesend seid, im Kampf gegen den
Kapitalismus und Imperialismus, und ich hoffe, wir sind auch einig mit
Euch im Kampf gegen jene, die nur Desorganisatoren der proletarischen
Kampffront sind. In diesem Sinne rufe ich Euch den alten sozialistischen
Wahlspruch zu:

Proletarier der ganzen Welt, vereinigt Euch!
Mit minutenlang anhaltendem Beifall begrüßt, nimmt der General
der chinesischen Volksarmee

General Lu Chung Lin (Kanton)

‚das Wort.

1) Veranstaltung macht auf mich einen tiefen und freudigen Eindruck.
Bevor ich hier für die chinesische Kuo Min Chun-Armee spreche.

die revolutionäre Armee der chinesischen Arbeiter und Bauern, bringe

ich diesem Kongreß von ihr Grüße. Mit Freude bemerke ich, daß Ihr

Fe
        <pb n="39" />
        Du Der Freiheitskampf des chinesischen Volkes.

in gebührender Weise der chinesischen revolutionären Bewegung große
Aufmerksamkeit geschenkt habt. Sie stellt das Zentrum in der ganzen revo-
lutionären Bewegung der Welt dar, und wenn diese revolutionäre Bewegung
sich durchsetzt, so wird sie sich in der ganzen Welt durchsetzen. Darum be-
grüße ich im Namen der unterdrückten Völker der Welt diesen Kongreß.
Heute sehe ich den Beginn einer neuen Welt. Wir sind überzeugt, daß diese
neue Welt kommen wird, aber auf ihrem Wege gibt es Hindernisse, und
das stärkste und gefährlichste Hindernis ist der Imperialismus und sein
Gefährte, der Militarismus. Um die neue Weltordnung herbeizuführen, haben
wir die alte zu vernichten. Ich fühle die Bedeutung dieses Kongresses um
so schärfer, weil ich ein Soldat bin, und die Pflicht eines Soldaten, wie ich
sie verstehe, ist, die Interessen der Arbeiter und Bauern zu schützen. Es tut
mir leid, gestehen zu müssen, daß meine Arbeit bisher noch nicht sehr erfolg-
reich war, denn die Arbeiter und Bauern der Welt sind noch immer bedrückt.
Fast schäme ich mich, an diesem Kongreß teilzunehmen. Aber ich möchte
es hier klarstellen, daß ich trotz des Soldatseins doch keine Puppe des Im-
perialismus bin. Niemals werde ich gegen die Arbeiter und Bauern kämpfen,
niemals mich durch den Imperialismus bestechen lassen.

Weil ich die Interessen der Arbeiter und Bauern zu schützen versuche,
weil ich ein Soldat der Arbeiter und Bauern bin, kehren sich alle mächtigen
Feinde gegen mich, und in vielen Jahren versuchte ich, auf den Schlacht-
feldern und im Lager mein Bestes zu leisten und einen heftigen Krieg gegen den
Imperialismus und die Militaristen zu führen. Unglücklicherweise hatte ich
auch Mißerfolge, aber im Geiste habe ich gesiegt. Meine Niederlagen haben
mich gelehrt, daß es absolut notwendig ist, eine energische Kampagne gegen
den Imperialismus und Militarismus zu führen. Als ich kämpfte und litt, fühlte
ich oft unsere Schwäche. Aber hier, angesichts so vieler Kameraden aus allen
Teilen der Welt, die unsere Sache unterstützen und für uns arbeiten, bin ich
sehr ermutigt. Mein Vertrauen im Kampfe für die Arbeiter und Bauern und
die unterdrückten Völker wächst. Ich fühle, daß ich, wenn ich zurückkehre,
eine viel kraftvollere Kampagne gegen unsere Unterdrücker zur Befreiung
der Völker der ganzen Welt führen kann.

Ich sagte schon: nie werde ich ein Angebot von unseren Feinden, den Im-
perialisten, annehmen. Aber wenn ich den Direktiven der Imperialisten nicht
folge, in welcher Richtung soll ich mich dann bewegen? Mein Führer ist
dieser Kongreß. Ich will den Ideen und Parolen folgen, die wir auf diesem
Kongreß ausarbeiten. Dieser Kongreß soll mein Ratgeber sein, mich bei der
Ausarbeitung meiner Pläne unterstützen, und wenn ich zurückkehre, dann
will ich nach Euren Parolen für die Befreiung des Volkes kämpfen. Ich
fühle, daß wir jetzt nichts anderes tun können; als für die Revolution zu
kämpfen. Unser Erfolg ist nicht mehr fern. Darum möchte ich Euch zu-
rufen: „Allen Erfolg der Weltrevolution!‘“ Schafft die Einheit der unter-
        <pb n="40" />
        Fenner Brockway. 1
drückten Völker der Welt! Es gibt nichts Ruhmvolleres auf der Welt als
die Revolution. Für einen Mann gibt es nichts Ruhmvolleres und Ehrenhaf-
teres, als für die Revolution zu sterben. Hier vor Euch verpflichte ich mich,
daß ich für die Sache der Revolution kämpfen und sterben werde. Ich hoffe,
daß dies nicht der einzige Kongreß sein wird, den wir zusammenrufen. Viele
andere müssen ihm folgen. Aber Genossen, ich habe volles Vertrauen, daß,
wenn wir wieder zusammenkommen, unsere Lage nicht mehr die gleiche sein
wird. Wir werden andere sein, denn wir werden uns durchgesetzt haben.
Auf jenen Kongressen werden wir dann darüber sprechen, wie wir den unter-
drückten Völkern helfen können, welche ihre Freiheit noch nicht erhalten
haben, und was wir mit den verräterischen Imperialisten tun, die wir ge-
fangen und besiegt haben. Wenn ich nicht sterbe, wenn die Natur mir ge-
stattet, das zu erleben, so will ich mit Freuden an solchen Kongressen teil-
nehmen.

Nun laßt mich Euch zurufen:
Es lebe die chinesische Revolution!
Es lebe die Weltrevolution und die Freiheit aller unterdrückten Na-
tionen und Klassen!
Dem Generalsekretär der Britischen Unabhängigen Arbeiterpartei
Fenner Brockway (England)
wird hierauf das Wort erteilt.
I“ bin sehr froh, um es in kurzen Worten zu sagen, diesem Kongreß die
Grüße der Independent Labour Party Englands zu übermitteln. Wir glau-
ben an die Gleichheit aller Rassen, und wir glauben, daß die Interessen aller
Arbeiter, einerlei, welcher Rasse, welcher Farbe oder welchen Stammes, ge-
Meinsame sind. Aus diesem Grunde nahm der Nationalrat unserer Partei
mit Freuden die Einladung an, zu diesem Kongreß Vertreter zu entsenden.
Ich wende mich besonders an die indischen * und chinesischen Vertreter,
da sie für Völker gesprochen haben, über die der britische Imperialismus
herrscht. |
Unseren indischen Genossen möchte ich im Namen der britischen I. L. P.
sagen, daß wir uns mit ihnen in ihrem Kampf gegen den britischen Im-
perialismus eins fühlen. Sie kennen die Rolle, die der Gründer unserer Ba-
wegung, Keir Hardie, für die Befreiung Indiens spielte. Der Geist Keir Har-
dies herrscht noch in unserer Partei. Wir geben mit Beschämung zu, daß,
als die britische Arbeiterpartei kurze Zeit für die Regierung Englands ver-
* Siehe Rede Nehrus, Kap. II.

9:
        <pb n="41" />
        5 Der Freiheitskampf des chinesischen Volkes.
antwortlich war, sie es unterließ, Indien gerecht zu werden. Wir geben zu,
daß die Arbeiterregierung zu Indien im gleichen Ton sprach, wie eine kapi-
talistische Regierung es getan hätte. Es wird uns niemals möglich sein, den
Fleck von unseren Errungenschaften zu wischen, daß jene Regierung für die
Bengal-Verordnung verantwortlich war. Alles, was ich sagen kann, ist.
daß die I. L. P. sich während dieser Periode der Arbeiterregierung diesen
Handlungen entgegensetzte und daß wir jetzt bestrebt sind, in einer wieder-
kehrenden gleichen Situation Indien eine ganz andere Behandlung angedeihen
zu lassen. Ich möchte, daß die hier anwesenden Vertreter des Indischen Na-
tionalkongresses erfahren, daß dies die Stimmung unserer Mitglieder ist.
Unseren chinesischen Freunden möchte ich sagen, daß die I. L.P. in Eng-
land schon öffentlich erklärt hat, daß unsere Sympathien und unsere Soli-
darität, falls zwischen England und China F eindseligkeiten ausbrechen
sollten, mit dem chinesischen Volk und nicht bei der britischen Regierung
sein werden. Ich kann Ihnen eine ermutigende - Botschaft bringen.
Vor einem Monat war die Stimmung der britischen Labour Party in
der chinesischen Frage noch schwankend. Die Führer der Labour Party
sprachen mit Vorsicht, mit größter Mäßigung, was wohl einige dazu be-
wogen hat, zu glauben, daß die britische Arbeiterbewegung in Wirklichkeit
die Politik der britischen Regierung unterstützt. Es gab Führer in der bri-
tischen Labour Party, die nicht nur die Entsendung von Streitkräften nach
China unterstützten, sondern sogar ohne Kritik die Polizeikontrolle in den
Händen der britischen Regierung ließen. Ich stelle ausdrücklich fest, daß
diese Führer nicht die britische Arbeiterbewegung vertreten. Die Ereignisse
der letzten Tage beweisen dies. Als die britische Arbeiterbewegung als Ganzes
ihre Botschaft an Eugen Chen, den Minister für auswärtige Angelegen-
heiten der Nationalregierung Chinas, sandte, war in dieser Botschaft keine
Forderung der Zurückziehung der Truppen enthalten. Aus diesem Grunde
vervollständigte die britische I. L. P. die Botschaft und sagte, daß wir, so-
weit wir in Betracht kämen, für die Zurückziehung aller britischen See- und
Militärstreitkräfte von chinesischem Boden und aus Chinesischen Gewässern
eintreten.

Gerade in dieser Woche ereignete sich ein Zwischenfall, der zeigt, daß
nicht nur die britische I. L. P., sondern die ganze britische Arbeiterbewegung
sich schnell dahin entwickelt, die Zurückrufung der britischen Truppen aus
China zu verlangen. In dieser Woche beschloß die parlamentarische Labour
Party, die auf keinen Fall die aktivsten Elemente der britischen Arbeiterbe-
wegung vertritt, mit Mehrheit in ihrem offiziellen Abänderungsantrag, der
gerade heute abend, wo ich hier spreche, zur Debatte steht, die F orderung
der Zurückrufung der britischen Truppen, die sich auf dem Wege nach
China befinden, einzuschließen.

Aus meiner Kenntnis und der Erfahrung aller Ereignisse in der briti-

30
        <pb n="42" />
        Miss Ellen Wilkinson. 3
schen Arbeiterbewegung schöpfe ich das volle Vertrauen, daß die über-
wiegende Masse dieser Bewegung für volle Anerkennung der Ansprüche der
Chinesischen Nation, für Aufgeben aller Vorrechte der Exterritorialität, für
Übergabe der britischen Konzessionen, für Zurückziehung der Militär- und
Seekräfte, für die Anerkennung des Rechtes Chinas, ohne die Herrschaft des
britischen oder eines anderen Imperialismus, an seiner Befreiung selbst zu
arbeiten. Und ich möchte heute abend auf diesem Kongreß, der so außer-
ordentlich international in seiner Zusammensetzung ist, den hier anwesenden
Chinesischen Genossen mein Wort geben, daß im Falle eines Krieges zwi-
Schen Großbritannien und China die Mitglieder der I. L.P. sich weigern wer-
den, in diesem Kriege Waffen zu tragen, und daß sie alles tun werden, was in
ihrer Macht steht, um ihm den wirksamsten Widerstand entgegenzusetzen.

Während diese eine Gefahr über uns schwebt, existiert noch eine andere
und vielleicht noch größere Gefahr. Ich glaube, daß gesagt werden kann,
daß die Mehrheit des britischen Kabinetts für einen Bruch mit Rußland —
für den Abbruch der Handels- und diplomatischen Beziehungen — ist. Ich
glaube, daß sie die erste Gelegenheit — vielleicht durch den chinesischen
Konflikt — ergreifen werden, um diesen Bruch durchzuführen. Die I.L.P.
wird einem Krieg gegen Rußland den gleichen Widerstand wie einem Kriege
gegen China entgegensetzen. Wir sehen diese Gefahren. Wir setzen kein zu
8roßes Vertrauen in die Arbeiterbewegung als Ganzes, aber wir sagen Ihnen
ausdrücklich, daß wir unseren größten Einfluß dazu gebrauchen werden, die
Politik des Widerstandes gegen den Krieg zur Politik der ganzen Arbeiter-
bewegung zu machen.

Wenn ich darf, möchte ich heute abend die Hand des hier anwesenden
Chinesischen Vertreters ergreifen und ihm, soweit die britische I. L. P. in
Betracht kommt, unser Wort verpfänden, daß wir uns bis zum äußersten
einem Krieg gegen China entgegenstellen werden, daß wir unsere Solidari-
lät mit den chinesischen Arbeitern erklären.

(Nach Fenner Brockways Begrüßung bietet ihm der chinesische Dele-
8ierte Liau die Hand, die Brockway unter großer Begeisterung und dem
Applaus und den Hochrufen des Kongresses schüttelt).

Miss Ellen Wilkinson (England),
Mitglied des Unterhauses, macht folgende Ausführungen:
’YNatsächlich berührte Genosse Ledebour* den Hauptpunkt der Situation,
— als er sagte, daß die Arbeiter, falls sie wirklich Arbeit verrichten wollen,
einen Generalstreik gegen den Krieg — und zwar gegen den Kolonialkrieg —
* Siehe Kap. XIV.
Das Flammenzeichen vom Palais Egmont.

8
,
        <pb n="43" />
        24 Der Freiheitskampf des chinesischen Volkes.

herbeiführen müßten. Aber ich muß ihn an folgende Worte unseres großen
englischen Dichters Shakespeare erinnern: „Wohl darfst du Geister aus der
dunklen Tiefe heraufbeschwören, aber werden sie dir auch gehorchen?“

Ich möchte heute abend kurz über die Lage in Großbritannien sprechen,
wo wir eben einen Generalstreik hinter uns haben. Als ich Donnerstag
abends abreiste, hatte im Parlament gerade eine Debatte über die Situation
in China stattgefunden. In der nächsten Woche soll über die Kredite für
die Truppentransporte nach China vom Parlament abgestimmt werden. Ich
will Ihnen ein wenig darüber berichten, wie die Stellungnahme der britischen
Arbeiterpartei im Parlament und die der Gewerkschaften zu dieser Lage ist.

Niemand kann Großbritanniens wichtige Entwicklung in diesem letzten
Monat verstehen, wenn er nicht die Ursachen kennt, die dazu führten. In
England wird heute jede Politik beherrscht von der wichtigen Tatsache, daß
wir zwei Millionen Arbeitslose haben. Und daraus ergibt sich die ungeheuere
Bedeutung der Ereignisse in China für die englische Arbeiterschaft.
Während des 19. Jahrhunderts bildeten die britischen Handelsinteressen die
Hauptinteressen des Landes. Wir führten nach China viele Millionen Yards
Textilwaren aus. Im Jahre 1895 betrug unser Textil-Export nach China
528 Millionen Yards und 1925 nur 300000 Yards. Das heißt also, daß
er innerhalb 30 Jahren unter eine Million Yards gesunken ist. Anderseits
wurden von England Maschinen und noch mehr Kapital exportiert. China
wird jetzt von dem britischen Finanzkapital als geeigneter Boden zur In-
vestierung von Kapitalien angesehen, und dieses Finanzkapital benutzt die
englische Regierung, um seine Schulden einzutreiben.

Aber welche Bedeutung hat das für die Arbeiterschaft? Wir müssen uns
bemühen, auf einem Kongreß wie diesem die Situation genau so zu sehen
wie sie ist — und ich möchte den Genossen Ledebour daran erinnern, daß
wir Realisten sein müssen. Die Arbeiterklasse ist nicht altruistischer gesinnt
als irgendeine andere Klasse. Ihre Politik wird durch ihre Interessen be-
stimmt. Während des 19. Jahrhunderts war die britische Arbeiterklasse
bereit, die Unterdrückung Chinas zu unterstützen, solange sie mehr Arbeit
für die englischen Textilarbeiter bedeutete. Heute aber erkennen sie, daß
die Lage anders geworden ist. Durch den Kapital-Export nach China er-
wuchs dem englischen Arbeiter die große Konkurrenz der gering bezahlten
chinesischen Kinderarbeit und der unterbezahlten chinesischen Arbeit in den
Spinnereien. Deshalb können wir heute von einer tatsächlichen Solidarität
der englischen und chinesischen Arbeiterbewegung sprechen. Der Erfolg der
Propaganda gegen einen Krieg mit China, welche hauptsächlich von der
Arbeiterschaft geführt wurde, ist direkt erstaunlich. Wie aufregend war es,
als ich in Aldershot — unserem großen Militärzentrum — in einer über-
füllten Versammlung über das Thema „Hände weg von China“ sprach.
Während meiner Rede wurden draußen die Trommeln geschlagen und die

&lt;&lt;!
        <pb n="44" />
        Miss Ellen Wilkinson 25
Klänge der Musikkapellen begleiteten die englischen Truppentransporte,
Welche nach China verladen werden sollten.

Aber in den Reihen der britischen Arbeiterschaft besteht eine eigentüm-
liche Spaltung. Die konservative Regierung und die Konservative Partei
haben ein großes Geschrei erhoben, daß in China das Leben englischer
Untertanen bedroht sei und daß man Frauen und Kinder vor der schreck-
lichen chinesischen Gefahr schützen müsse. (Unsere chinesischen Genossen
Sehen gar nicht so schrecklich aus — und ich würde ganz gern einige von
ihnen dem Britischen Parlament vorstellen.) Aber die Arbeiterschaft ant-
Wortete beiden, der konservativen Regierung und den Führern des rechten
Flügels der Arbeiterpartei, folgendermaßen:

Selbst wenn in China wirklich das Leben britischer Untertanen gefährdet
wäre, so könnte die ganze englische Armee sie nicht gegen ein Volk von
100 Millionen Menschen verteidigen. Wir glauben nicht, daß sie in Lebens-
gefahr schweben. Sollte es aber doch der Fall sein, so bringt sie fort aus
China. Wir behaupten, daß es ebenso leicht ist, 6000 Menschen aus
Schanghai wegzubringen als zu ihrem Schutze eine Armee von 20000 Mann
hinüberzutransportieren.

So lautet die Antwort des Landes. Wie ist die Stellungnahme der Arbeiter-
partei im Parlament? In dem offiziellen Antrag wurde gefordert, daß die-
Jenigen Truppen, welche jetzt auf der Überfahrt sind, nicht in Schanghai
ausgeladen, sondern anderswo hindirigiert werden sollen. Der linke F lügel
der englischen Arbeiterpartei im Parlament — ich hatte die Ehre, diese
Resolution zu unterbreiten — schlug vor, an Stelle des Wortes umdirigiert
»Zurückzurufen“ zu setzen. Wir sagten, daß dies keine Antwort auf die
Chinesische Forderung — und zwar auf ihre berechtigte Forderung nach
Nationaler Unabhängigkeit — sei, daß die Truppen von Schanghai nach
Hongkong geschickt werden sollten, von wo aus sie jederzeit ebenso gut
wie in Schanghai störend in die Angelegenheiten Chinas eingreifen könnten.
Welchen Sinn hat es also, sie umzuleiten? Wir fordern ihre Abberufung!
Mit nur 2 Stimmen Mehrheit — 39 gegen 37 — mußte die Exekutive diesen
Antrag zurückziehen. Sie verfaßte eine neue offizielle Resolution, in welcher
Ste beides forderte, sowohl die Umleitung als auch die Zurückberufung der
Truppen.

Mit dieser verbesserten Resolution verpflichtet sich also die gesamte
Arbeiterschaft, für die Zurückberufung der Truppen aus Schanghai zu
kämpfen. Ich möchte nun auf die Bedeutung dieser Resolution hinweisen.
Zum ersten Male, seit dem großen Siege der Konservativen Partei im Jahre
1924, hat in diesem Parlament der linke Flügel der britischen parlamen-
larischen Arbeiterpartei einen wirklichen Sieg über ihre Exekutive zu ver-
zeichnen. Zum ersten Male ist eine inhaltlich wichtige Resolution des linken
Flügels gegen die Exekutive durchgebracht worden. Die zweite große Be-

$
ji
        <pb n="45" />
        Der Freiheitskampf des chinesischen Volkes.

deutung liegt darin, daß viele derjenigen, die man „Gefühls-Pazifisten“
nennen könnte, — Menschen, welche im letzten Kriege lieber ins Gefängnis
gingen und für ihre Überzeugung manche Leiden erduldeten anstatt zu
kämpfen, — für die Exekutive stimmten, während viele Gewerkschafts-
führer, die im Kriege gegen Deutschland hoffnungslose Kriegsfreunde
waren, gegen die Exekutive und für die Zurückberufung der Truppen
stimmten. Dieser Meinungsunterschied zwischen den sogenannten Gefühls-
Pazifisten und den Gewerkschaftlern ist im Hinblick auf die augenblickliche
Situation von großer Bedeutung.

Genosse Ledebour sagt: „Wenn Ihr nicht zum Generalstreik aufruft,
erreicht Ihr nichts.“ Wir wissen, daß wir im Augenblick in England keinen
Generalstreik herbeiführen können, nicht einmal einen Transportarbeiterstreik.
Das ist nicht möglich! Aber genau so wesentlich ist es — das kann ich wohl
sagen — daß die konservative Regierung in Anbetracht der ungeheuer
großen Propaganda gegen einen Krieg mit China, welche die Arbeiterschaft
ım ganzen Lande durchgreifend entfaltet, ihren Ton bereits ziemlich
gemäßigt hat. Die Sachlage ist so: die konservative Regierung weiß, daß
sie England nicht für einen Krieg gegen China gewinnen kann. Sie halten
das für eine gefühlsmäßige Beurteilung, aber ich kann Sie auf genau die
gleiche Situation verweisen, in der gerade durch solche Propaganda unter
der Churchill-Regierung ein Krieg gegen Rußland verhindert wurde. Ich
sage nun folgendes: der Transportarbeiterstreik war damals erfolgreich
durch den ungeheuren Druck, den die öffentliche Meinung ausübte. Und
ich weiß — darin stimme ich mit Genosse Ledebour überein —, daß es pin
wirklich wirkungsvolles Mittel sein würde, wenn wir der konservativen Re-
gierung sagen könnten: „Fangt ihr mit China Krieg an, so werden wir
streiken.‘““ Aber ich muß mit der Wirklichkeit rechnen. Wir in England haben
heute einen Generalstreik hinter uns, der durch Faktoren hervorgerufen wurde.
auf welche wir jetzt nicht eingehen können. Aber die Gesinnung durch die
jener Streik in England zum Erfolg wurde — soweit er die Arbeiter be-
traf —, gerade diese Gesinnung, glaube ich, wird jeden ernsten Konflikt mit
China verhindern. Ich glaube, daß die wirkliche ökonomische Grundlage
für einen Frieden in der Solidarität der englischen und chinesischen Ge-
werkschaftler besteht. Es machte auf unsere Textilarbeiter einen ungeheuer
starken Eindruck, daß die Darstellung der Bedingungen in den chinesischen
Fabriken genau derjenigen gleicht, wie wir sie im Anfang des 19. Jahr-
hunderts in Lancashire hatten. Es ist unwahrscheinlich, daß der politische
Begriff des Selbstbestimmungsrechtes stark genug ist, um Kriege zu ver-
hindern. Wenn Mitglieder des Parlamentes oder die Öffentlichkeit Mitleid
fühlen können mit den armen lieben Chinesen, so könnten doch vielleicht
auch manche Mitgefühl für die armen lieben englischen Bankiers aufbringen!
Die Lösung dieses Problems liegt allein in der Verwirklichung der einfachen

26
        <pb n="46" />
        Harry Pollitt. er
Tatsache, daß der Klassenkampf in China genau der gleiche ist wie in
Großbritannien... Wir wollen keine aussichtslose Propaganda in der Wüste
führen. Wir müssen mit den wirklichen Tatsachen der gegenwärtigen Lage
rechnen. Die Konservativen rühren die Kriegstrommel. Durch jeden
Zwischenfall, wie z. B. Tötung englischer Untertanen, kann die öffentliche
Meinung entflammt werden.

Dies ist eine Prüfungszeit für die englische Arbeiterschaft. Ich habe
hier in der Hand den Bericht über die China-Debatte, in welcher besonders
einer unserer Arbeiterführer ausführte, daß wir der englischen Öffentlich-
keit gegenüber für das Leben der englischen Staatsbürger in China verant-
wortlich seien.

Aber was mich betrifft — und ich spreche hier heute abend nur in
meinem Namen und für diejenigen, welche ich hoffe für gemeinsames
Handeln gewinnen zu können —, so gelobe ich vor dem gesamten
internationalen Proletariat, daß wir für keinerlei Kredite, die sich auf
einen Krieg gegen China beziehen, stimmen werden. Und wir hoffen, daß
die Parlamentsmitglieder unseres linken Flügels so geschlossen wie nur mög-
lich unsere Beschlüsse unterstützen und ungeachtet der Konsequenzen diese
Politik weiter verfolgen werden. Die britische und die chinesische Arbeiter-
Schaft wird durch denselben Kampf vereinigt — und wir hoffen, daß das
Chinesische Proletariat der Welt eine chinesische Republik erkämpft —,
welche der Freund der klassenbewußten Arbeiter der ganzen Welt sein wird!

Für die Minderheitsbewegung in den britischen Gewerkschaften spricht
ihr Generalsekretär

Harry Pollitt (England).
I bringe dem Kongreß die Grüße der revolutionären Arbeiter, die in der
nationalen Minderheitsbewegung organisiert sind und .die treibende Kraft
in der englischen Gewerkschaftsbewegung darstellen. Ich will kurz ver-
suchen, die Entwicklung der britischen Arbeiter zur Ablehnung und Be-
kämpfung des Imperialismus zu erläutern.

Immer mehr Arbeiter erkennen, daß der Imperialismus nicht das Resul-
lat eines oder mehrerer Unterdrücker ist, die einen besonders rachsüchtigen
Geist gegen gewisse indische, chinesische oder andere Kolonialarbeiter haben,
Sondern daß wir ihn als endgültiges Resultat der kapitalistischen Entwick-
lung zu betrachten haben, mit anderen Worten: als das letzte Stadium der
kapitalistischen Ausbeutung und Expansion; und daß der Imperialismus
Nicht vernichtet werden kann, ehe nicht der Kapitalismus sowohl in den von
ihm ausgebeuteten als auch in den imperialistischen Ländern selber zerstört

Qqr
        <pb n="47" />
        SE Der Freiheitskampf des chinesischen Volkes.

ist. Wir sehen in Großbritannien, wie sich diese Frage zu einer ganz defini-
tiven und logischen Schlußfolgerung zuspitzt. Alles, was wir auf diesem
Kongreß über die entsetzlichen Bedingungen der Arbeiter in den unterdrück-
ten Ländern hören werden, kann jetzt auch von der ungeheuren Mehrheit
der britischen Arbeiterklasse gesagt werden. Wir sehen das besonders in
bezug auf jene britischen Arbeiter, welche ehemals in den Hauptindustrien
ihres Landes beschäftigt waren, den Industrien, aus welchen sein Reichtum
und seine Prosperität entstand. Unser Land hat sich zu dieser Stellung nur
dadurch entwickelt, daß es seine Ware in überseeische Länder expor-
tierte. Aber in dem Maße, in dem sich ein eigenes kapitalistisches System in
Indien, China und anderen Kolonialländern entwickelt, wird die wirtschaft-
liche Lage der Arbeiter im Heimatlande unterminiert. Es entwickelt sich
dadurch eine Konkurrenz, der wir nicht gewachsen sind. Heute sind die
Bergwerksdistrikte, die Metallindustrie und der Schiffsbau die Zentren des
Hungers, in denen die qualifiziertesten Arbeiter in unerhörter Armut leben
und unter Verhältnissen arbeiten, die vor 10 Jahren jeder Engländer, welche
Meinungsverschiedenheit ihn sonst immer von uns trennen möge, für un-
denkbar gehalten hätte. Immer klarer erkennen die englischen Arbeiter, daß
ein bloßer Regierungswechsel in unserm Lande nicht genügt. Sie erkennen,
daß die politische Macht in unserm Lande wie in allen andern Ländern in die
Hände der Arbeiter und Bauern übergehen muß.

Auf dieser Basis müssen wir eine Bewegung wie die unsere errichten.
Nur so wird es möglich sein, den richtigen Weg zum Ziel zu finden.
England, das ist wahr, ist nur ein kleines Land, das sich seiner Ver-
fassung und seiner Demokratie rühmt. So klein es aber ist, unterjocht
es doch 330 Millionen Inder, 55 Millionen Menschen in den Kronkolonien
und 51/, Millionen farbiger Arbeiter in Südafrika. Der Imperialismus be-
deutet für die betroffenen Nationen Okkupation ihres Gebietes, Zwangs-
arbeit, Verlust der politischen Rechte und in vielen Ländern die Verwei-
gerung der elementarsten Rechte der Gewerkschaftsorganisationen. Der Im-
perialismus führte zwischen den imperialistischen Ländern selbst zu einem
stets wachsenden Kampf um den Besitz dieser Versorgungsgebiete, billiger
Arbeitskräfte und profitabler Ausbeutung. Diese Rivalität bildet die trei-
bende Kraft zu der raschen Vermehrung der Rüstungen und zur Schaffung
all des Kriegsmaterials, das für einen neuen Weltkrieg, gegen den der von
1914 ganz unbedeutend sein wird, alle Garantien gibt — vorausgesetzt, daß
der Kapitalismus inzwischen nicht zerstört wird.‘ Wir müssen in unserm
Lande die Dinge also von dieser Warte aus beurteilen. Was sehen wir da?
Wir sehen die alten Tage verschwinden, wo eine Arbeiteraristokratie sub-
ventioniert wurde, weil man kolossale Profite aus Indien und China heraus-
holte. Überall sehen wir ein beständiges Sinken des Lebensstandards der Ar-
beiterklasse, das von einem fortgesetzten Angriff auf die Rechte der Ge-

47Q
        <pb n="48" />
        Harry Pollitt. 59
werkschaften und auf die Errungenschaften, die der durchschnittliche eng-
lische Gewerkschaftler für alle Zeiten gesichert glaubte, begleitet wird. In
dem Maße, in dem Großbritannien sich Kolonien eroberte, hat sich in diesen
Ländern die gleiche Bewegung entwickelt, die in England zur Zeit des Früh-
kapitalismus bestand. Genossen der anderen Länder! Lernt aus unseren
Erfahrungen! Die englische Arbeiterbewegung hat diesen einfachen, höchst
wichtigen Faktor voll schätzen gelernt. Man kann keine Bewegung einzig und
allein auf der Unterstützung eines oder zweier kluger Intellektuellen auf-
bauen. Die wahre Stärke jeder Bewegung liegt in der Tatsache, daß sie sich
auf diejenigen stützt, die letzten Endes den Kampf durchzuführen haben,
wenn er geführt werden muß, nämlich auf die Arbeiter und Bauern aller
Länder. Nun, sogar die Aristokratie der Arbeiterbewegung Englands hat
in der Schule der praktischen Erfahrung vier Dinge zwangsmäßig lernen
müssen:

Der Imperialismus bedeutet

1. Arbeitslosigkeit von noch nie dagewesener Dauer und nie erlebtem

Umfange;

2. niedrige Löhne;

3. verlängerte Arbeitszeit;

4. die Unvermeidlichkeit eines neuen Krieges.
Diese Dinge zwingen die Arbeiterbewegung, trotz der Wünsche und Hoff-
nungen der bestehenden Führerschaft, zu einer Links-Orientierung. In dieser
Woche haben einige Führer im Parlament unter dem Druck der Masse an-
gefangen, Reden über China zu halten, wie sie solche 14 Tage oder 3 Wochen
zuvor niemals gehalten hätten. Sie halten diese Reden jetzt, weil der Druck
der Massen sie dazu zwingt, dieser Druck, der ständig in der einzig wahrhaft
konstruktiven Richtung auf sie ausgeübt werden wird.

Wir als britische Delegierte haben eine besondere Verantwortung, denn
unser Land ist das Zentrum des Imperialismus und stellt noch immer eine
gewaltige Macht dar. Wir glauben, daß gewisse Dinge uns zur Ausführung
zufallen, und ich vertraue fest darauf, daß alle, die hier auf diesem Kongreß
sind, sich mit mir eins sind darüber, daß es notwendig ist, folgende Aufgaben
durchzuführen.

Erstens halte ich es für die Pflicht dieses Kongresses, ohne Zögern zu
erklären, daß es nicht nur richtig ist, den Imperialismus zu entlarven, son-
dern, daß es vor allem wichtig ist. sich zum direkten Kampf für seine Zer-
Störung zu organisieren.
| Zweitens müssen wir, glaube ich, die internationale Einheit der Arbeiter
Jeder Rasse, jedes Glaubensbekenntnisses und jeder Farbe als eine Grund-
bedingung für die erfolgreiche Ausführung des Kampfes, den wir vorhaben,
herbeiführen. Wir dürfen nicht länger in eine östliche und westliche Bewegung
ISoliert und geteilt werden. Die Arbeiter von Lancashire wurden zu Kurzarbeit

.
        <pb n="49" />
        40 Der Freiheitskampf des chinesischen Volkes.

verurteilt und sind arbeitslos geworden wegen der billigen Baumwollwaren,
die in China produziert werden. Sie begreifen jetzt, daß der Kampf zwischen
den chinesischen Textilgewerkschaften und den Gewerkschaften in Lanca-
shire die stärkste Waffe war, welche die Arbeitgeber anwenden konnten, um
die Lebenshaltung der Textilarbeiter in Lancashire zu verschlechtern. Aber
diese Waffe läßt sich nicht länger anwenden, wenn die chinesischen Textil-
arbeiter, die Textilarbeiter von Lancashire und die indischen zusammen-
stehen als eine feste Phalanx, die gegen die gleichen Kräfte des Kapitalismus
kämpft.

Darum ist die internationale Einheit mehr als eine Demonstration, die
man macht, um ein paar Bravorufe zu bekommen. Sie ist eine wahre prak-
tische Notwendigkeit, und wir müssen ihr alle persönlichen Überlegungen
unterordnen, nicht nur im unmittelbaren wirtschaftlichen Kampfe, sondern
weil diese internationale Einheit eine absolute Notwendigkeit ist in unserm
Kampfe um die volle Emanzipation und Unabhängigkeit aller bestehenden
Kolonialländer. Wenn wir den Arbeitern unseres eigenen Landes diese
Tatsache nicht klarmachen, so verwirren wir nur das Bild und bereiten
den Weg für Kompromisse und Verrat, wenn die Imperialisten den Kolonien
trügerische Reformen, z. B. die sogenannte Selbstregierung, zubilligen, wozu
sie sich von Zeit zu Zeit veranlaßt fühlen, während Millionen von Arbeitern
dieser Länder, die angeblich unabhängig sind und eine eigene Regierung
haben, unter den unerhörtesten Verhältnissen der Ausbeutung arbeiten und
leben müssen.

Ich halte es für die Pflicht der britischen Arbeiterbewegung, sofort die
engsten Bande mit der indischen und chinesischen Gewerkschaftsbewegung
herzustellen. Ich nenne diese drei Länder, weil im Augenblick unsere Inter-
essen sich jeden Tag mit denen der indischen und chinesischen Arbeiter be-
gegnen. Unseren chinesischen Genossen möchte ich in diesem Zusammen-
hang sagen, daß wir von der Nationalen Minderheitsbewegung unseren alten
Vorkämpfer Tom Mann als Vertreter zum chinesischen Gewerkschafts-
kongreß, der im nächsten Monat in Hankau stattfinden wird, geschickt
haben. Ich habe volles Vertrauen, daß die Anwesenheit eines einzigen
Engländers auf dieser Konferenz eine unerhörte moralische, anspornende
Wirkung auf alle anwesenden Genossen haben wird. Ich glaube, unser Kon-
greß muß die strikte Erklärung abgeben, daß unter keinen Umständen ein
Stimmen für die Kriegskredite gestattet ist, welche dazu dienen sollen, be-
waffnete Streitkräfte zur Niederhaltung der unterdrückten Nationen auszu-
schicken. Dann müssen wir, glaube ich, sogar noch einen Schritt weitergehen
und uns klar darüber werden, was wir zu tun haben, wenn der Sieg unser
sein soll. Es ist nicht nur nötig, zu enthüllen, was der Imperialismus für den
Gewerkschaftler bedeutet. Ebenso klar muß man zeigen, was ein Krieg für
unsere Genossen bedeutet, welche für den Dienst in Armee und Flotte ver-
        <pb n="50" />
        Harry Pollitt. 41
pflichtet werden. Man muß ihnen sagen, daß sie ihrer Klassenpflicht zu
folgen haben und sich weigern müssen, ihre Kameraden in andern Ländern
niederzuschießen.

Noch ein Wort an meine indischen Kameraden und das letzte an die
chinesischen. Meiner Meinung nach ist der wahre Grund, weshalb indische
Truppen nach China geschickt werden, nicht der, daß sie dort wirklich ge-
braucht werden. Man wollte nur dadurch feststellen, wieviel sich Indien noch
von der britischen Regierung bieten lassen würde. Dagegen muß man nicht
nur protestieren. Das war ein Versuch, die Stärke der nationalistischen Bewe-
gung in Indien festzustellen. Die Lehre, die wir meiner Meinung nach daraus
ziehen müssen, ist, unsere Kameraden in Indien darauf hinzuweisen, daß
ihre Bewegung sich nicht nur fester mit den eigenen Arbeitern und Bauern
zusammenschließt, sondern. daß sie auch engere Beziehungen mit der briti-
schen Arbeiterbewegung herstellt und so eine so verräterische, skandalöse
Politik unserer Führer, wie sie mein Genosse Brockway gestern abend be-
schrieben hat, unmöglich gemacht wird.

Unseren chinesischen Genossen möchte ich sagen, daß sie nicht verzagen
sollen, denn die Solidarität und die besten Wünsche der britischen Arbeiter
sind mit ihnen im gegenwärtigen Kampfe:. Von einem Ende der britischen
Inseln bis zum andern erhebt sich eine gigantische Welle der Abneigung
gegen die Intervention in China, so mächtig, wie wir sie nicht gesehen haben
seit den Tagen von 1920, als die Aktionsausschüsse gebildet wurden, um
den Krieg gegen Rußland zu verhindern. In London wird morgen unter
der Führung des Londoner Gewerkschaftsrates die größte Gewerkschafts-
konferenz, die diese Stadt je gesehen hat, unter dem Rufe: „Hände weg von
China!‘ stattfinden. In allen wichtigen Seehäfen werden am Sonntag De-
monstrationen und Konferenzen organisiert, die definitive Komitees schaffen
sollen, welche nicht nur „Hände weg von China“ rufen, sondern auch eine
entschiedene revolutionäre Taktik verfolgen.

Dieser Kongreß sollte eine kleine, aber bedeutsame Tatsache wissen. Als
die englischen Soldaten nach China geschickt wurden, taten revolutionäre
Arbeiter, was in unserm Lande bisher nie getan wurde: während die Soldaten
durch die Straßen marschierten, verteilten unsere Genossen Flugblätter an
sie, in denen die wirtschaftliche Lage der chinesischen Arbeiter und Bauern
erklärt und ihnen auseinandergesetzt wurde, welches eigentlich ihre Aufgabe
sein sollte. Wenn man sie auffordere, ihre Arbeitskameraden in anderen
Ländern niederzuschießen, so würde die Rückwirkung ‚dieser Schüsse in
ihrem eigenen Lande gespürt werden, und ihre eigenen Väter, Schwestern
und Brüder würden zur Annahme schlechterer Arbeitsbedingungen ge-
zwungen werden. Die militärischen Autoritäten waren darüber bestürzt, daß
diese Propaganda so weit gediehen war. Auf zwei Schiffen, „Kinfauns
Castle‘ und ‚„‚Kildonian Castle“, wurde jedem Soldaten eine Erklärung der
        <pb n="51" />
        A Der Freiheitskampf des chinesischen Volkes,
Politik der Nationalen Minderheitsbewegung gegenüber China und ein
Appell, nicht auf die chinesischen Arbeiter zu schießen, gegeben.

Nun Genossen, sollen wir noch an etwas anderes denken, was mit diesem
ganzen Fragenkomplex verknüpft ist. Es gibt ein Land, das bei jeder denk-
baren Gelegenheit den unterdrückten Völkern geholfen hat, und das, als es
sich befreite, sofort alle Konzessionen und alle Territorien freigab, die als
Resultat zaristischer Autokratie und durch Kriege errungen waren. Ich
meine die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken. Sie wird ange-
griffen, weil sie die einzige Republik der Arbeiterklasse in der ganzen Welt
ist, die den unterdrückten Völkern anderer Länder hilft. Das haben wir in
Betracht zu ziehen. Als im Jahre 1917 die russische Revolution ausbrach,
haben wir nicht geantwortet. Aber die psychologische Wirkung, die jene
Revolution auf die östlichen Länder hatte, kann nicht geleugnet werden.
Laßt darum das Losungswort dieses Kongresses sein: Einheit auf. der inter-
nationalen Front! Die Eroberung der vollständigen politischen Macht als
unseres endgültigen Zieles, nicht nur auf nationaler, sondern auf internatio-
naler Basis. Das ist der einzige Weg, mit dem man die Macht der imperia-
listischen Ausbeuter brechen kann. In unserm Lande können wir das am
besten tun, indem wir die Bande der Brüderlichkeit und Solidarität fester
schließen. Wir werden die erste Gelegenheit benutzen, um zu versuchen, die
Arbeiter zum Streik zu bewegen, sei es bei einem Truppen- oder einem Mu-
nitionstransport. Sollte dies uns aber nicht gelingen, dann soll es doch nicht
deshalb sein, weil wir es nicht versuchen. Die britischen Genossen haben ein
so starkes Interesse daran, daß die chinesischen Kameraden für sich eine er-
folgreiche Revolution durchführen, weil sie wissen, daß es von der größten
Bedeutung ist, daß die Kräfte Sowjet-Rußlands sich mit denen Sowjet-
Chinas vereinigen, um ein für allemal die Macht des Imperialismus zu
brechen, die heute die Welt unterdrückt.

Der Sekretär der Amsterdamer Gewerkschaftsinternationale

William Brown (England)

hält folgende Ansprache:
( ich Sekretär des Internationalen Gewerkschaftsbundes bin, er-

scheine ich hier auf diesem Kongreß nur als Privatperson und, dank
Ihrer Höflichkeit, als Gast.

Es ist nicht mein Vorhaben, eine längere Ansprache zu halten, und ich
weiß, daß das auch nicht verlangt wird. Andererseits erscheint es mir sehr
schwierig, eine kurze Rede zu halten, ohne allgemeine Worte oder Wieder-

49)
        <pb n="52" />
        William Brown. 43
holungen desjenigen zu vermeiden, was schon von verschiedenen Delegierten
hier ausgesprochen wurde. Zu gleicher Zeit aber schätze ich es sehr, auf
Grund Ihrer Einladung ein paar Worte zu sagen, weil ich mit großem Inter-
esse Ihrem Kongreß gefolgt bin und ich auch versichern kann, daß ich mit
meiner vollen Sympathie auf Ihrer Seite stehe. Es ist schon wiederholt ge-
sagt worden, daß dieser Kongreß ein Markstein in der Geschichte der
Arbeiterbewegung bedeutet. Was ich aber mehr als alles andere schätze, ist die
Tatsache, daß man hier Arbeiter aus allen Teilen der Welt zusammenbringt.
sogar von verschiedenen Organisationen, die verschiedene Richtungen ver-
treten. : Es ist wahr — Ja sogar eine feststehende Tatsache —, daß,
wenn die ganze organisierte Arbeiterbewegung zusammenkommen könnte,
kein Zweifel übrigbliebe über die künftige Befreiung aller Arbeiter. Ich
glaube, daß die Notwendigkeit der Einheit in der Arbeiterbewegung eine
allgemein anerkannte ist, und was wir deshalb am meisten bedauern, ist der
Kriegszustand unter Brüdern der Arbeiterorganisationen selbst. Dort liegt
das große Problem. Wenn wir einmal zusammen arbeiten oder voll zu-
sammenstehen mit allen Arbeiterorganisationen in den verschiedenen Teilen
der Welt, dann steht der Erfolg des Kampfes gegen unsere Gegner fest.
Meiner Meinung nach sollen wir statt der Momente des Unterschiedes Mo-
mente der Übereinstimmung suchen. Und darum kommt mir dieser Kongreß
im Zusammenhang mit der Frage der unterdrückten Völker so äußerst
wichtig vor. Es ist eine der Grundfragen, mit der sich heute jede Arbeiter-
organisation beschäftigen sollte. Und wenn wir sie darauf konzentrieren
könnten und erreichten, daß sie es auf dieser Grundlage mit der Einheit ver-
suchten, dann würde auch in den verschiedenen Ländern die Trennung der
Organisationen der Zusammenarbeit, die wir alle so heiß ersehnen, Platz
machen können.

Ich muß mich wohl auf diese wenigen Bemerkungen beschränken, des-
halb spreche ich meine besten Wünsche für Ihre Arbeit hier aus und hoffe
ernsthaft, daß dieser Kongreß nicht der letzte sein wird, und daß mehrere
gleicher Art noch folgen werden; denn was wir am meisten nötig haben, um
uns zusammenzufinden und unsere Probleme zu diskutieren, ist die persön-
liche Berührung. Denn es ist so, wie mir eine Delegation heute sagte: ‚Wir
haben in fünf Minuten erledigt, was wir in fünf Jahren Korrespondenz nicht
erreichen konnten.“ In einer allgemeinen Weltbewegung kann eine Kon-
ferenz wie diese ohne eine vorher geplante oder vorbereitete Tagesordnung,
unter Vermeidung fremder und leerer Resolutionen, von welchen es so viele
gibt, auf die Tiefe kommen und die Lage um so ernsthafter betrachten,
wenn wir den Grad der Zusammenarbeit erreicht haben, den wir alle
wünschen.
        <pb n="53" />
        ; Der Freiheitskampf des chinesischen Volkes.
Rede des Delegierten des All-Londoner Gewerkschaftsrats
John Stokes (England).
‚= überbringe Ihnen die Grüße des Londoner Gewerkschaftsrates und
zugleich auch die Grüße einer Versammlung, die am letzten Sonnabend
Nachmittag in einem der größten Londoner Säle abgehalten wurde.

Genosse Lansbury berichtete Ihnen von der imposanten Demonstration
auf dem Trafalgar Square als eine der größten, der er je beigewohnt hatte.
Ich glaube jedoch, daß die Versammlung in der Memorial Hall weitaus
wichtiger war, als die Demonstration in dem Square, und zwar aus folgendem
Grunde: zu der Versammlung in der Memorial Hall waren alle Gewerk-
schaften von London, alle sozialistischen und Arbeiterorganisationen einge-
laden worden. Die Antwort auf diese Einladung fiel derartig aus, daß wir
erstaunt waren über die unerwartet große Beteiligung an dieser Konferenz.
Der Sekretär des Londoner Gewerkschaftsrates und ich hatten mit höchstens
200 Delegierten gerechnet, statt dessen waren fast 600 erschienen, von
denen jeder von den verschiedenen Organisationen ernannt und zu der Ver-
sammlung geschickt worden war.

Ich will Ihnen nun Zahlen und die dort anwesenden Organisationen
nennen und zugleich damit der kapitalistischen Presse eine Antwort erteilen
auf die stete Behauptung, daß die Arbeiterschaft Londons nicht hinter der
„Hände weg von China‘““-Bewegung stände. An dieser Konferenz nahmen
nicht weniger als 56 Gewerkschaften teil. Von diesen Gewerkschaften
waren nicht weniger als 214 verschiedene Sektionen mit 392 Delegierten
der eigentlichen Arbeitergewerkschaftsorganisationen vertreten. 29 Gewerk-
schaftsräte wurden durch 49 Delegierte vertreten, 27 Frauengenossen-
schaften hatten 40 Delegierte geschickt und so ergab sich aus den Arbeiter-
organisationen die Gesamtzahl von 481 Delegierten — nur aus Gewerk-
schaften. Die etwa 50 verschiedenen Gruppen sozialistischer und anderer
Körperschaften hatten 80 Delegierte entsandt. Dies ist meine Antwort an
die kapitalistische Presse.

Diese Konferenz kann man als eine Versammlung der kampfbereiten
englischen Arbeiterklasse ansehen; und wenn auch immer von der kapita-
listischen Presse das Gegenteil betont wird, so können Sie trotzdem versichert
sein, daß es sıch nicht um ein Strohfeuer oder um leere pazifistische Phrasen
handelt, sondern daß in dieser Versammlung die besten Elemente der
Londoner Gewerkschaftsbewegung vertreten waren.

Sie: wurde ausdrücklich vom Londoner Gewerkschaftsrat zusammen-
gerufen zur Bildung von Komitees „Hände weg von. China“. Es wurde be-
schlossen, sofort damit zu beginnen, und man gründete zu diesem Zweck den
britischen Gewerkschaftsrat für die Freiheit Chinas. Innerhalb ganz kurzer
Zeit wuchs diese Gruppe, und unser nächster Schritt wird sein, in den

14
        <pb n="54" />
        John Stokes. 15
verschiedenen Bezirken Londons die lokalen Organisationen zu gewinnen, um
energisch für „Hände weg von China“ arbeiten zu können. So hoffen wir,
jedem Angriff zuvorzukommen, den die kapitalistische Regierung Groß-
britanniens unternehmen könnte.

Meine Kameraden in London (d. h. die an jener Konferenz anwesenden
Arbeitervertreter) kennen genau die mit dieser Frage verbundenen wirtschaft-
lichen Faktoren und wissen, wie schwer es ist, die Meinung des Volkes und
der großen Gewerkschaftsbewegung in eine gleiche Richtung zu bringen.

Während es ganz sicher ist, daß die Sektionsvertreter sozialistisch ge-
sinnt und kampfbereit sind — manche sogar außerordentlich stark — so ist
man immer wieder entsetzt über die erschreckende Unwissenheit der Masse
des Volkes in London und ganz England über die Lage in China. Die Masse
weiß sozusagen nicht, was in China vor sich geht — sie liest nur die Nach-
richten, die ihr die kapitalistische Presse vorsetzt: nämlich, daß es dringend
notwendig sei, zum Schutze der in China lebenden englischen Untertanen
dorthin Truppen zu schicken. Natürlich glaubt man diese Lügen, und das
mag Ihnen beweisen, wie wichtig es ist, daß man in England eine Propa+
ganda entfaltet, durch die die Masse erzogen und über den wahren Stand
der Dinge und Ereignisse in China informiert wird.

Die Resolution, die auf dieser großen Konferenz gefaßt wurde, ist wirk-
lich von weittragender Bedeutung, und ich finde keine Worte, die Sie so
vollkommen über die Möglichkeiten aktiver Propaganda sichern könnten,
als die Sätze der Resolution selbst, die ich deshalb zur Verlesung bringe:
Verlesung bringe:

„Resolution Nr. 1: Die Konferenz, an der die gesamte organisierte
Arbeiterschaft Londons vertreten ist, gibt ihrem nachdrücklichen Wider-
stand gegen eine von der Regierung geplante militärische Aktion ın China
Ausdruck.

Wir schicken den chinesischen Arbeitern unsere brüderlichen Grüße
und wünschen, daß es ihnen gelingen möge, sich von der imperialistischen
Ausbeutung durch England und andere Mächte zu befreien, die die chine-
sischen Arbeiter durch schlechte Löhne und lange Arbeitszeit erbarmungs-
los ausnutzen. Wir wissen, daß das siegreiche Fortschreiten ihrer Frei-
heitsbewegung von Nutzen für die Lage der Arbeiterschaft unseres Landes
sowie aller Länder der Welt sein wird. Der Sieg des chinesischen Arbeiters
bedeutet zugleich den Sieg des Arbeiters allüberall und besonders in
England.

Die Verantwortung dafür, daß schnellste Maßregeln ergriffen werden,
um einen imperialistischen Krieg gegen China zu verhindern, ruht auf
den Gewerkschaften und der Arbeiterbewegung. Deshalb fordern wir alle
lokalen gewerkschaftlichen und politischen Organisationen auf, gemeinsam
mit den Gewerkschaftsräten „Hände weg von China‘ -Komitees zu gründen
        <pb n="55" />
        Der Freiheitskampf des chinesischen Volkes.

mit dem Ziel, sowohl Fabrikation als auch Transport von Munition und

anderen Kriegsmaterialien, sowie Truppentransporte nach China zu ver-

hindern.

Die Konferenz nimmt folgendes Programm an und erklärt, daß dessen
Durchführung für alle Arbeiterorganisationen eine große Verpflichtung
bedeutet:

1. Gewerkschaftliches Verbot der Fabrikation von Kriegsmaterialien
und Boykott der Waffen-, Munitions- und Truppentransporte, die für
einem imperialistischen Angriff auf China Verwendung finden sollten.

2. Sofortige und bedingungslose Anerkennung der vollen Souveränität
und Unabhängigkeit Chinas.

3. Die Anerkennung der Kanton-Regierung als Nationalregierung
Chinas.

4. Verzicht auf alle Exterritorialrechte und Privilegien, die die eng-
lischen Staatsbürger gegenwärtig in China genießen.

5. Unterhandlung mit der Kantoner nationalistischen Regierung zum
Abschluß neuer Verträge, die die jetzigen ungleichen Verträge ersetzen
sollen.

6. Sofortige Zurückziehung aller Streitkräfte von chinesischem Boden
und der Kriegsschiffe aus den chinesischen Gewässern.

7- Verwirklichung einer engen Zusammenarbeit zwischen der briti-
schen und chinesischen Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung und Ent-
sendung einer Gewerkschaftsdelegation nach China durch den Gewerk-
schaftskongreß.“

Diese Resolution wurde — gegen nur eine Stimme — angenommen.
Die nächste Resolution, die eingereicht wurde, lautet folgendermaßen:

„Resolution Nr.2: Die Konferenz, die die organisierte Arbeiterschaft
Londons vertritt, erklärt, daß es für das Exekutivkomitee des Londoner
Gewerkschaftsrates notwendig ist, die Arbeit der gesamten Gewerkschafts-
und Arbeiterbewegung des Gebietes von London zu verbinden für die
Durchführung des in Resolution Nr. ı niedergelegten Programms.“

Eine weitere Resolution, die aus der Mitte der Versammlung heraus
gestellt wurde, fordert den vereinigten Ausschuß der englischen Arbeiter-
partei und des Generalrats des Gewerkschaftskongresses auf, eine nationale
Konferenz einzuberufen — und diese Resolution wurde einstimmig — ohne
Widerspruch — angenommen.

Für die Delegierten der Gewerkschaften, die an dieser Konferenz an-
wesend waren, bedeutet die Annahme der ı. Resolution, daß sie jetzt zu
ihren Verbänden zurückkehren werden und mit ihnen ernstlich über Mittel
und Wege beraten, um die Produktion von Kriegsmaterialien zum Stillstand
zu bringen (wofür wir den Ausdruck „embargo‘* — Verbot — gebrauchen).
Es bedeutet weiter, daß die Delegierten der Eisenbahner, der Transport-

46
        <pb n="56" />
        John Stokes. 47
arbeiter und Ingenieure, der Arbeiter, die Schießwaffen und Munition, ja
sogar derjenigen, die Nahrung und Kleidung für die Truppen herstellen, sich
in Reih’ und Glied stellen und dahin wirken müssen, daß kein Schiff den
Hafen verläßt und kein Zug abfährt, die bewaffnete Kräfte befördern und
daß eine Einheitsfront für eine gemeinsame Aktion geschaffen wird. Es ist
eine außerordentlich schwere Verantwortung, die organisierte Arbeiter-
schaft zu einem solchen Vorgehen aufzurufen, denn eine große An-
zahl aktiver und kampfbereiter Gewerkschaftler sitzt bereits seit dem
letzten Generalstreik in den englischen Gefängnissen. Und keine aus der
Geschichte der englischen Politik bekannte konservative Regierung war der-
artig rachsüchtig, derartig anmaßend und so fest entschlossen, ihre Herr-
schaft über das englische Volk um jeden Preis aufrechtzuerhalten, wie die,
die jetzt an der Macht ist. Obgleich wir mit all unserer Kraft daran arbeiten,
diese Regierung zu stürzen, so dürfen wir doch nicht dabei vergessen,
daß diese anmaßende Körperschaft mit Hilfe von Arbeiterwählern ins
Parlament gewählt wurde. So sehr wir das bedauern, so ist es leider doch
so. Wie sehr wir auch ihren Sturz herbeiwünschen, so ist sie doch noch
dort mit dem festen Entschluß, solange wie nur immer möglich dort zu
bleiben. Ich lenke die Aufmerksamkeit auf diese Dinge, weil wir die Größe
der von uns noch zu leistenden Arbeit klar erkennen müssen.

Wir wissen, was wir tun müssen, um die Arbeiterschaft zu der von
uns gewünschten Stellungnahme zu bringen. Sie wird sich vielleicht nicht
zu revolutionären Taten treiben lassen, aber was die „Hände weg von China‘“-
Bewegung betrifft, so glaube ich bestimmt — und mit mir meine Kollegen
im Londoner Gewerkschaftsrat — daß das Volk vom letzten Kriege her (man
hatte ihm erzählt, dieser Krieg würde den Krieg für alle Zeiten beenden —
Gott verzeihe es ihnen!) noch übergenug hat, so daß wir glauben, es für einen
gemeinsamen, wirksamen Widerstand gegen einen Krieg mit China gewinnen
zu können.

Die zweite Resolution ist von‘ ebenso großer Bedeutung. Sie fordert den
gemeinsamen Ausschuß der parlamentarischen Arbeiterpartei und des Ge-
neralrats des Gewerkschaftskongresses auf, mit vereinten Kräften ihren Ein-
Fluß in der chinesischen Frage geltend zu machen. Unsere Versammlung
ersuchte sie, eine nationale Konferenz einzuberufen und diese mit der Fort-
führung des von der Londoner Bewegung begonnenen Werkes zu beauf-
tragen. Diese Nationalkonferenz soll hauptsächlich die Gründung von
„Hände weg von China“-Komitees zur Aufgabe haben, und zwar nicht nur
für London, sondern auch für alle großen Provinzstädte Großbritanniens,
z. B. in Birmingham, wo es Handfeuerwaffen gibt, in Newcastle und Gates-
head (dessen Vertreter unser Genosse Beckett ist), in Coventry, der Heimat
der Maschine — überall im ganzen Lande — sollen solche Komitees er-
Tichtet werden, um so die Regierung zu zwingen, von ihrem Vorhaben ab-
        <pb n="57" />
        4 Der Freiheitskampf des chinesischen Volkes.

zustehen. Wir hoffen, daß der Generalrat des Gewerkschaftskongresses
(dessen Vorsitzender, Genosse George Hicks, einmal Mitglied des britischen
Arbeiterrates für die Freiheit Chinas war) jedem Druck standhalten kann,
der wegen der Einberufung dieser nationalen Konferenz auf ihn ausgeübt
werden könnte.

Ich möchte nun auf einen andern Punkt unserer Propaganda hinweisen,
der mir gestern anläßlich der Rede des Genossen Brown, des Sekretärs der
Gewerkschaftsinternationale, einfiel. Er ist zwar nicht in seiner Eigenschaft
als Delegierter seiner Organisation hier und sprach nur für seine eigene
Person, aber ich bin überzeugt, daß die Botschaft, die ich im Namen der
Londoner Arbeiterbewegung übermittelte, von großer Wirkung sein und
auch von der Gewerkschaftsinternationale gehört werden wird. Viele der
56 Gewerkschaften, deren Vertreter sich am letzten Sonnabend trafen, sind
der Gewerkschaftsinternationale angegliedert. Meine Botschaft lautet nun:
Wenn es gut ist, zur Unterstützung unserer chinesischen Kameraden eine
Propaganda in London zu organisieren, so wird es auch gut sein, sie national
zu entfalten — und wieviel besser wird es erst sein, wenn man sie inter-
national gestaltet. Und Brown sollte sich verpflichten, die Exekutive der
Amsterdamer Gewerkschaftsinternationale darauf aufmerksam zu machen.

Wenn ich auch genau weiß, daß er mit keinerlei Mandat hierher kam,
so denke ich doch, daß das, was ich eben sagte, sehr wichtig ist, und
endlich glaube ich noch, daß man sich entscheiden müßte, eine internatio-
nale Konferenz einzuberufen, auf der nicht allein gefordert werden dürfte,
daß England seine Kriegsschiffe in den eigenen Gewässern lasse und seine
Truppen zurückziehe, sondern an der diese Forderung auch an die Re-
gierungen anderer Länder gerichtet werden müßte, wenn die Völker der
andern Nationen sich von der Konferenz der letzten Woche leiten lassen
wollen.

Ich habe nicht mehr viel hinzuzufügen. Nur dieses möchte ich noch
sagen: obgleich die Versammlung vom letzten Sonnabend eigens zur Be-
handlung der chinesischen Frage stattfand, und obgleich — was diesen
Kongreß betrifft — der Londoner Gewerkschaftsrat bis jetzt noch nicht
zur Frage der kolonialen Unterdrückung und des Imperialismus in irgend-
einer konkreten Form Stellung genommen hat, wage ich doch zu behaupten,
daß er bei mehr als einer Gelegenheit seinen Haß ausdrückte, nicht nur
gegen den englischen Imperialismus, sondern gegen den Imperialismus über-
haupt, wo immer er sein gefährliches Haupt erhob. Wenn bei uns auch noch
keinerlei Beschlüsse über diesen Punkt gefaßt worden sind, so bin ich doch
ganz zuversichtlich, daß wir zu euch stehen und euch helfen werden in
eurer Arbeit und in euren Bestrebungen, die Last von den Schultern unserer
unterdrückten Brüder aller Nationen zu nehmen. Die einfache Tatsache, daß
man mich zu diesem Kongreß entsandte, nachdem manche eben überhaupt

8
        <pb n="58" />
        General Lu Chung Lin bei seiner Ansprache auf dem Kongreß
        <pb n="59" />
        <pb n="60" />
        John Beckett. 49
gerade erfahren hatten, daß dieser Kongreß tagen sollte, muß Ihnen ein
Beweis sein für die Aufrichtigkeit unserer letzten Versammlung. Wir stehen
zu Ihnen mit Leib und Seele und ich habe Ihnen viel Glück und guten Erfolg
in Ihrer Arbeit zu wünschen, nicht nur für die der vergangenen Woche,
sondern gerade für die noch vor Ihnen liegenden — wenn Sie heimkehren
in Ihre eigenen Länder. Möge es jedem von Ihnen gelingen, in seinem Volke
den Wunsch nach nationaler Freiheit zu erwecken. Hat es diese Freiheit
erreicht, so muß es in sich gefestigt werden. Aber es darf nicht wie
früher nur das wirtschaftliche Interesse der eigenen Nation im Auge haben,
sondern muß sich zugleich solidarisch fühlen mit allen Völkern der Erde,
damit das kapitalistische System, das alle Rassen, Glauben und Farben unter
sein Joch beugt, von Grund auf vernichtet wird.

Ich überbringe Ihnen die Kampfesgrüße der kämpfenden Londoner
Arbeiterschaft. Ich glaube, daß in ihnen auch die Meinung der großen
Masse der englischen Arbeiter zum Ausdruck kommt, soweit es „Hände weg
von China“ betrifft.

Ich gehe befriedigter, gestärkter und entschlossener nach England
zurück, um Ihre Botschaft den englischen Arbeitern zu übermitteln. Wir
wollen hoffen, daß wir eine internationale Solidarität aufrichten können,
daß wir die Einheit der Völker aller Nationen verwirklichen und deren enge
Zusammenarbeit nicht um des Profites willen, sondern zur Erreichung einer
besseren Lebenshaltung — der größte Dienst, den je ein Mensch einem
andern erweisen kann — für die internationale Solidarität der Völker der
ganzen Welt.

Als letzter Redner zur chinesischen Frage hält das Mitglied des Unter-
hauses

; John Beckett (England)

folgende Rede:
i* habe die große Ehre, Ihnen eine Erklärung vorzulegen, die von der bri-

tischen, chinesischen und indischen Delegation einstimmig gefaßt worden
ist. Ich freue mich sehr über diese Aufgabe, weil ich weiß, daß ich im Namen
jedes einzelnen Mitgliedes der hier anwesenden britischen Delegation spreche
und auch im Namen mehrerer hundert und tausend Engländer, die so gern hier
Sein würden. Es ist mir ein Bedürfnis, zu sagen, daß es in unserem Herzen,
als wir hier zu dieser Konferenz kamen, das Höchste war, daß uns jetzt eine
Gelegenheit gegeben wurde, von Angesicht zu Angesicht mit unseren chine-
Sischen und indischen Genossen, ja, mit den Genossen aller unterdrückten
Völker zusammenzukommen, um zeigen zu können, daß man trotz der
Geschichte der letzten Jahrhunderte, trotz der britischen Regierungsunter-

Das Flammenzeichen vom Palais Egmont.
        <pb n="61" />
        54) Der Freiheitskampf des chinesischen Volkes,
drücker, nicht denken soll, England bestehe nur aus Menschen, von denen
man einen schlechten Eindruck hat. Ich glaube, daß durch diese Resolution,
welche von uns einheitlich eingebracht wird, eine Grundlage zum Einver-
ständnis und zur Tat geschaffen wird, und daß jedem Mißverständnis oder
Bruch zwischen der arbeitenden Klasse dieser drei Länder durch eine ge-
meinsame Aktion — wofür dieser Kongreß der erwünschte Anfang ist —
vorgebeugt werden kann. Die Resolution besagt folgendes:
(Siehe Resolution I am Schluß des Kapitels.)

Wenn diese Resolution die Zustimmung dieser Konferenz erhält, so
nehme ich an, daß diese historische Zusammenkunft auch die britische
Arbeiterbewegung zu einer völlig verantwortlichen Zusammenarbeit führen
wird, wofür wir mit unserer Unterschrift gebürgt haben. Zum ersten
Male werden wir eine vollständige und einstimmige Erklärung abgeben,
für welche der linke Flügel der Arbeiterpartei bereit ist, einzustehen.
Aber ich bin bestimmt dagegen, was auf internationalen Konferenzen so
oft geschieht, daß Menschen enthusiastisch werden und für die scharfe
Resolution ihre Stimme abgeben, dann aber fortgehen, ohne sie in die Tat
umzusetzen. Dann bin ich auch dagegen, daß andere Genossen fortgehen
und meinen, daß alles in Ordnung ist, weil sie doch nicht vor schweren Auf-
gaben stehen.

Es ist vollkommen wahr, daß Leute wie unser Freund Lansbury auf die
britische Arbeiterklasse einen bedeutenden Einfluß ausüben. Es ist durchaus
wahr, daß angesichts des Krieges mit China die britische Arbeiterklasse,
als Ganzes genommen, vollkommen friedlich ist. Wahr ist aber auch —
und es wäre dumm, dies zu verschweigen —, daß keine Delegation auf
dieser Konferenz das Recht hat, zu denken, daß, wenn wir nach Hause
zurückkehren — sei es selbst als eine große Minderheit in unserer Be-
wegung —, diese Beschlüsse sofort und völlig realisiert werden können.
Die britische herrschende und militaristische Klasse — darüber sind sich
viele Engländer klar, aber nur wenige, die außerhalb Londons wohnen —
steht jetzt auf einem anderen Standpunkt, wo es „kleine Kriege‘ und
Kolonialkriege gibt. Sie kann aus England bestimmt eine Kriegsmacht
von 100000 Mann herausschicken — vielleicht noch mehr —, die, von
den organisierten britischen Gewerkschaften absolut unabhängig ist. Sie hat
sogar einen vollständigen Streikbrecherdienst organisiert. Das ‘gleiche ist
der Fall bei der Munitionsfabrikation. Sie hat einen Seetransport in den
Häfen organisiert. Zwar sind wir in England imstande, etwas Großes zu ver-
hindern, wie zum Beispiel die drohenden Kriege zwischen Großbritannien und
Sowjet-Rußland. Es ist aber sehr schwierig für uns, durch direkte Aktionen
Vorfälle zu verhindern, die von dem britischen Volk als unbedeutend be-
trachtet werden. Besonders, wenn diese in Orten vorfallen, die man nicht
        <pb n="62" />
        John Beckett. 1
einmal auf der Karte finden kann. Ich betone das ausdrücklich, damit ich
nicht zu große Hoffnungen bei Euch erwecke. Ich wünsche nur, daß dies
Tichtig eingeschätzt wird, nichts weniger und nichts mehr. Und die richtige
Einschätzung ist die, daß in unserem Land eine immer größere und tatkräf-
tige Minderheit entsteht.

Wie meine Genossin Ellen Wilkinson schon ausgeführt hat, haben wir
Soeben unseren ersten Sieg innerhalb unserer Partei errungen, und es ist von
großer Bedeutung, daß dieser erste Sieg des britischen linken Flügels in der
Arbeiterpartei eben diese Angelegenheit, die Kolonialfrage, betrifft. Wir
haben tatsächlich Fehler begangen, als unsere Landsgenossen, die Berg-
arbeiter, in Schwierigkeiten waren. Fehler haben wir begangen, und wie
groß unsere Fehler waren, geht aus der Tatsache hervor, daß Hunderte un-
Serer Genossen jetzt in englischen Gefängnissen sind — und dies aus keinem
anderen Grunde, als weil sie treu ihre gewerkschaftliche Pflicht erfüllten.

Wir haben verfehlt, unseren rechten Flügel zu dem tatsächlichen Kampfe
zu bewegen; aber wir sind imstande gewesen, eine Majorität zu erreichen,
die eine volle und restlose Forderung, „Hände weg von China“, während
dieses Kampfes durchgesetzt hat.

Also Freunde! Dies ist von großer Bedeutung für die neuen Perspektiven
der arbeitenden Klasse in unserem Lande. Betrachtet uns nicht ohne weiteres
als Vaterlandsgetreue. In dem Lande unserer Verfassung sehen wir Armut,
8leich demoralisierend, fast noch gemeiner als die Verhältnisse, die ich in
den Dörfern der Kolonialländer, die von den britischen Imperialisten unter-
drückt werden, gesehen habe. Dies in meinem eigenen Lande! — Pollitt hat
Ihnen erzählt von qualifizierten Arbeitern, die immer stolz auf ihre F ähig-
keiten waren, und die jetzt auf ein immer tieferes Niveau herabsinken. —
Wir sind kein imperialistisches Volk. Wir sind die Knechte der inter-
Nationalen imperialistischen Finanz, und weil wir uns dagegen sträuben und
Uns nicht ausbeuten lassen wollen, darum geht man nach Indien und
China. Unsere Arbeitskraft ist erledigt, zu teuer. Aber jetzt geht man zu
Euch, weil Ihr billiger seid und weil von Euch niedrigere Forderungen
“ıttels Bajonetten zu erreichen sind. Ich spreche nicht als besonders Be-
vollmächtigter, ich spreche jetzt, nach 10 Jahren antı-imperialistischer und
Antikriegspropaganda, als ehemaliger Kriegsteilnehmer und weiß, daß unser
Volk auf Ihrer Seite steht, weil es sich an einem internationalen Ausbeutungs-
Wettbewerb nicht beteiligen will. Unser Volk wünscht nicht, daß die Löhne
SO gedrückt werden und bis auf 1 s 3d sinken und Ihr dann so hungrig seid,
daß Ihr es für ıs 2d machen werdet. Daß ihr dann wieder drei Monate ar-
beitslos seid und bis auf ıs ıd heruntergedrückt werdet, um dann wieder
arbeitslos und hungrig zu werden. Nein, Freunde! Wenn es für China nicht
SUt genug ist und auch für Indien nicht, dann ist es auch für England nicht
zut 8enug, nicht einmal für irgendeine Arbeiterklasse in der Welt. Deshalb

A}
        <pb n="63" />
        ' Der Freiheitskampf des chinesischen Volkes,
unterbreite ich diese Resolution eines großen gelben Volkes, eines großen
braunen Volkes und eines großen weißen Volkes, und ich bitte Sie, diese
Resolution anzunehmen.
Resolutionen zur chinesischen Frage.
L.
Englisch-indisch-chinesische Resolution.

Die Mitglieder der englischen, indischen und chinesischen Delegationen stellen fest,
daß die Aufgaben der Arbeiterklasse in den imperialistischen Ländern sein müssen:

1. mit allen nationalen Bewegungen Seite an Seite zu kämpfen für die vollständige Be-
freiung der unterdrückten Länder, um die vollständige Unabhängigkeit überall dort zu er-
reichen, wo die nationalen Kräfte es verlangen;

2. sich gegen alle Formen der Unterdrückung der Kolonialvölker' zu wenden;

3. gegen alle Militär-, Marine- und Luftkredite zu stimmen, die dazu bestimmt sind,
die militärische Macht aufrechtzuerhalten, damit sie gegen die unterdrückten Nationen an-
gewendet werden kann;

A. die Schrecken des Imperialismus der ganzen Bevölkerung und den Soldaten auf-
zuzeigen;

5. die imperialistische Politik zu brandmarken, um gemäß den Lehren des Klassen-
kampfes die Befreiung durchführen zu können.

Zur gegenwärtigen Lage in China:

ı. Wir verlangen, die sofortige Rückziehung der Land- und Seekräfte von dem chinesi-
schen Boden und aus den‘ chinesischen Gewässern.

2. Wir bestehen auf der Notwendigkeit einer direkten Aktion, inbegriffen eines Streikes
und der Organisierung der Verhinderung der Waffen-, Munitions- und Truppentransporte so-
wohl nach China und nach Indien wie auch von Indien nach China.

3. Wir verlangen, daß alle Kredite, die sich auf die Vorbereitung des Krieges oder auf
den Krieg selbst beziehen, abgelehnt werden.

A. Wir verlangen, daß im Falle einer militärischen Intervention und eines Krieges alle
im Bereich der Arbeiterorganisationen liegenden Waffen angewendet werden müssen, um die
Feindseligkeiten zu verhindern und aufzuhalten.

5. Wir verlangen die bedingungslose Anerkennung der Nationalregierung, die An-
nullierung aller ungleichen Verträge und Exterritorialrechte sowie die Zurückgabe der aus-
ländischen Konzessionen.

6. Im Interesse der politischen und gewerkschaftlichen Arbeiterbewegungen in Eng-
land, Indien und China verpflichten wir uns schließlich, für die Verwirklichung der Einheit
und der gemeinsamen Aktion einzutreten.

Resolution der chinesischen Delegation.

Zur Vermeidung eines drohenden bewaffneten britisch-chinesischen Konfliktes beehrt
sich die chinesische Delegation, dem Kongreß folgende Vorschläge zur Annahme zu
unterbreiten:

52
IT
        <pb n="64" />
        Resolutionen zur chinesischen Frage. yo

1. Die chinesische Delegation ersucht alle am Kongreß anwesenden Delegierten der ver-
schiedenen Länder, bei ihren Regierungen energisch dafür einzutreten, daß diese die vollen
und regelrechten Beziehungen zur chinesischen Nationalregierung in Kanton aufnehmen, und
daß die Delegierten eine Bewegung entfachen mögen zugunsten der allseitigen Anerkennung
der Nationalregierung zu Kanton, der einzigen rechtmäßigen Regierung Chinas.

2. Die chinesische Delegation ersucht den Kongreß: = m

a) den Delegierten unverzüglich nahezulegen, sich mit den politischen Organisationen
der von ihnen vertretenen Länder in Verbindung zu setzen und sie aufzufordern,
die entsprechende Regierung daran zu hindern, Kriegsmaßnahmen irgendwelcher
Art gegen die chinesische nationalrevolutionäre Bewegung zu ergreifen,

h* die Transportarbeiter-Internationale zu bitten, daß sie sich weigert, dem britischen
Imperialismus in irgendwelcher Weise Vorschub zu leisten, und insbesondere es ab-
lehnt, Truppen und Munition der englischen Expedition nach China zu transpor-
tieren; um so eine drohende Katastrophe zu verhindern.

3. Die chinesische Delegation ersucht den Kongreß: die liberale Partei, die Labour
Party und die Kommunistische Partei Großbritanniens aufzufordern, eine energische Aktion
in Gang zu bringen zur sofortigen Zurückrufung der gegen China entsandten Truppen; ım
Falle aber, daß die britische Regierung trotzdem ihre aggressive Politik aufrechterhäölt,
tritt die gebieterische Notwendigkeit ein, einen Generalstreik dagegen ins Auge zu fassen.

A. Im Interesse der Wahrheit, die so oft von den britischen, im Solde des Imperialismus
stehenden Zeitungen verfälscht wird, — schlägt die chinesische Delegation dem Kongreß
vor, evtl. die Entsendung einer Delegation des Kongresses ins Auge zu fassen, um an Ort
und Stelle die verbrecherischen Taten der britischen Behörden und Machthaber in China zu
studieren, und zwar im besonderen: das Massaker zu Schanghai 1925, das Massaker zu
Cha-Kai (Kanton-Gebiet), die Zerstörung der Stadt Wan-Hsien, wo mehrere Tausend Opfer
aus den Reihen der völlig unschuldigen Zivilbevölkerung fielen.

5. Die chinesische Delegation versichert, daß China den Befreiungskampf bis zur völligen
Verdrängung des Imperialismus fortsetzen wird. In diesem Kampfe erwartet es die aktive
Unterstützung der Werktätigen aller Länder.

IL.
Gemeinsame Erklärung der indischen und der chinesischen Delegation.

Während mehr als dreitausend Jahren waren die Völker Indiens und Chinas durch engste
Kulturelle Bande vereinigt. Seit den Tagen Buddhas bis zum Ende der Mogul-Periode und
dem Beginn der britischen Herrschaft in Indien währte diese freundschaftliche Verbindung
Ununterbrochen.

Nachdem sich die Ostindien-Company durch Gewalt und List einen großen Teil Indiens
erobert hatte, hielt der englische Kapıtalismus nach neuen Rohstoffquellen und neuen Märk-
ten Ausschau. Nicht allein, daß er die Mohn-Kulturen in solchen Gebieten einführte, wo
bis dahin Nahrung gewachsen war, sondern er zwang auch die Einfuhr von Opium den
Widerstrebenden Chinesen mit Waffengewalt auf. Seit dem unseligen Opiumkrieg von 1840
bis 1842 wurden immer wieder indische Söldnertruppen nach China entsandt, um die
Macht der britischen Imperialisten in diesem Lande zu sichern. 87 Jahre lang sind indische
Truppen in dieser Weise mißbraucht und Tausende von Indiern sind ständig als Polizisten
In Hongkong, Schanghai usw. stationiert worden. Noch später wurden sie gebraucht, um
Chinesische Arbeiter niederzuschießen und haben so dazu gedient, in China den. Unwillen
Segen das indische Volk großzuziehen. Ja, in dem Augenblick, wo wir diese Erklärung heraus-
Seben, sind wieder indische Truppen auf dem Wege nach China, um zu helfen, die chinesische
Revolution niederzuschlagen.

Y ” Mit der Erstarkung des britischen Imperialismus wurde Indien mehr und mehr von der
erbindung mit China abgeschlossen, und durch seine kulturelle und intellektuelle Isolierung
Steht das indische Volk der Lage in China jetzt vollkommen indifferent gegenüber.

Diese außerordentliche Unwissenheit ist es, die es heute schwierig macht, die Verwendung

Von indischem Gelde und indischen Streitkräften zur Versklavung des chinesischen Volkes

m
m
        <pb n="65" />
        54 Der Freiheitskampf des chinesischen Volkes.

zu verhindern. Wir halten es für durchaus nützlich und unerläßlich, eine aktive Propaganda
in Indien in die Wege zu leiten, um das indische Volk die Lage in China begreifen zu
lehren und ihm die Notwendigkeit einer sofortigen Aktion vor Augen zu führen. Wir
müssen nun wieder die alten persönlichen, kulturellen und politischen Beziehungen zwischen
den beiden Völkern aufnehmen. Der britische Imperialismus, der uns in der Vergangenheit
getrennt gehalten und soviel Unrecht getan hat, ist jetzt dieselbe Kraft , die uns vereinigt
zum Kampf gegen ihn.

Wir vertrauen, daß die Führer der indischen Bewegung alles tun werden, was in ihrer
Kraft steht, um ihren Kampf mit dem des chinesischen Volkes gemeinsam auszufechten
und so China durch den Angriff auf den britischen Imperialismus an zwei dessen lebenswich-
tigsten Fronten eine aktive Hilfe in seinem gegenwärtigen Kampf erhält und schließlich der
Sieg beider Völker gesichert wird.
        <pb n="66" />
        IIL.

Der britische Imperialismus in Indien,
Persien und Mesopotamien.

Die Folgen der britischen Weltherrschaft schilderte, von der Ver-

sammlung stürmisch begrüßt,
Jawahar Lal Nehru (Indien),
der Delegierte des Allindischen Nationalkongresses:

M it größter Freude überbringe ich die warmen und herzlichen Grüße des

— Indischen Nationalkongresses, der mich beauftragt hat, unsere natio-
nale Bewegung mit diesen international vereinigten Bestrebungen zur Be-
kämpfung des Imperialismus zu verbinden. Wir in Indien haben die
volle Gewalt des Imperialismus zu spüren bekommen. Wir wissen genau,
was er bedeutet, und wir sind natürlich an jeder Bewegung interessiert,
die sich gegen den Imperialismus richtet. In der Tat, wenn Sie ein
typisches Beispiel suchen, das Ihnen helfen soll, die Ergebnisse des
Imperialismus zu verstehen, so glaube ich, könnten Sie kein besseres
Finden als Indien. An Indiens innerer Lage kann man, wie schon
unser Präsident gesagt hat, sehen, in welcher Weise der englische
Imperialismus die Arbeiter unterdrückt und ausbeutet. Welche Phase
des Imperialismus Sie auch studieren wollen, Sie finden in Indien da-
für ein wunderbares Beispiel. Unsere Probleme berühren uns natürlich
üef, aber ich möchte Ihnen allen, ob Sie nun aus China, Ägypten oder
andern fernen Ländern kommen, doch sagen, daß Ihre Interessen sehr
den unsern gleichen und das Problem Indien auch für Sie von Interesse und
Wichtigkeit ist. Ich kann hier nicht die ganze Geschichte der Ausbeutung
Indiens erzählen, wie man es mißbraucht, unterdrückt und ausgeplündert
hat. Es ist eine lange und sehr traurige Geschichte, und alles, was ich
tun kann, ist, Ihnen ein oder zwei der wichtigsten Faktoren anzudeuten,
die wir auf diesem internationalen Kongreß besonders beachten müssen,
Weil sie mit unserer Arbeit in besonderer Beziehung stehen. Sie haben von
Verschiedenen Unruhen, Massakern und Schießereien gehört, und die meisten
        <pb n="67" />
        56 Der britische Imperialismus in Indien, Persien und Mesopotamien,

von Ihnen haben von der Amritsar-Angelegenheit gehört. Glauben Sie nicht,
daß, weil diese Affäre größeres Aufsehen in der Welt erregte als viele andere,
sie vielleicht allein dastünde oder der schlimmste Zwischenfall in der
Geschichte Indiens wäre, seit die Briten bei uns angekommen sind. Sie
kamen zu uns, wie Sie zweifellos wissen, indem sie erst die eine Provinz
gegen die andere ausspielten, bis sie sich schließlich ganz festsetzten.
Während ihres ganzen Aufenthaltes haben sie die alte Politik des „Teile
und Herrsche‘ befolgt. Ich bedaure sagen zu müssen, daß sie diese Politik
noch immer verfolgen. Sie kamen also und die Frühgeschichte ihrer Okku-
pation ist eines der wildesten und schamlosesten Beispiele, die wir je in der
Geschichte der Welt gesehen haben. Sogar britische Geschichtsschreiber,
die sicherlich nicht ganz unparteiisch sind, geben zu, daß die Frühge-
schichte Indiens unter der Herrschaft der Briten eine Epoche der Raubkriege
darstellt, eine Periode, in der Freibeuter umherzogen und im Lande zügellos
plünderten und raubten. Sie kennen vielleicht auch den Vorfall, der als
„Sepoy-Aufstand“ bekannt ist, und der vor 70 Jahren stattfand. Man nennt
ihn so; aber wenn es das Schicksal anders gewollt und die sogenannten
Rebellen Erfolg gehabt hätten, so würde man ihn heute den indischen
Unabhängigkeitskrieg nennen. Was ich aber mit alledem sagen will, ist das:
Amritsar war gar nichts im Vergleich zu dem, was sich beim „Sepoy-
Aufstand“ ereignete. Aber seitdem haben sich solche Dinge noch ständig
ereignet, sogar heute sind Schießereien nichts Seltenes, und es ist ein
schrecklich häufiges Vorkommnis für zahllose unserer Kameraden und
Freunde, daß sie mit und ohne Prozeß ins Gefängnis geschickt werden. Viele
unserer besten Kameraden in Indien leben sogar gewöhnlich im Gefängnis
oder sie sind im Exil und können nicht in ihre Heimat zurückkehren. Viel-
leicht haben Sie auch gehört von der zwar nicht neuen, aber bei den Briten
in Indien sehr beliebten Methode, Leute ohne Prozeß oder sogar ohne Anklage
ins Gefängnis zu stecken. Das ruft manchmal eine kleine Sensation hervor,
aber der wirkliche Schaden, den die Briten in Indien anrichten, die wahre
Ausbeutung ist sogar noch ernster als die Erschießungen, das Erhängen
und die Massakers, die gelegentlich einige Aufmerksamkeit hervorrufen:
die systematische Methode, mit der sie die Arbeiter und Bauern ver-
nichtet und Indien zu dem gemacht haben, was es heute ist. Wir lesen
in der Geschichte, nicht nur in der alten, sondern auch in der neueren von den
Reichtümern Indiens. Indien hat die verschiedensten Völker aus den verschie-
densten Enden der Welt durch seinen Reichtum angelockt. Aber wenn man
heute nach Indien kommt, dann starrt einem die schrecklichste Armut ins
Gesicht. Dann sieht man, wie die Mehrzahl der Bevölkerung-nicht weiß, wo-
her sie die’nächste Mahlzeit nehmen soll, wie sie oftmals diese Mahlzeit nicht
bekommt. Immer hat man den entsetzlichen Anblick dieser Verhungernden
und Halbverhungernden. Das ist das heutige Indien. Man braucht keine Sta-
        <pb n="68" />
        Das Präsidium
Von links: Nehru, Delegierter des Allindischen Nationalkongresses; Lansbury, M. P., Vizepräsident der Arbeiter-Partei Großbritan-
niens; Fimmen, Generalsekretär der Transportarbeiter-Internationale; General Lu Chung Lin, Kuomin-Armee; Liau, Vertreter der
Zentralexekutive der Kuomintang,
        <pb n="69" />
        <pb n="70" />
        Jawahar Lal Nehru. 57
tistiken, Tatsachen oder Zahlen, um Sie davon zu überzeugen, daß Indien im
Laufe der letzten Generationen entsetzlich heruntergewirtschaftet wurde und
daß, wenn nicht ernsthafte Maßnahmen getroffen werden, diesen Prozeß
aufzuhalten, Indien sogar aufhören wird, als Nation zu existieren. Sie wissen
vielleicht, wie vor Jahren (bald nach ihrer Ankunft) die Briten die rücksichts-
losesten Methoden anwandten, um ihre Industrien für sich profitabel zu
machen. In jenen Tagen wurde die neue Doktrin von der Vormund-
schaft über das indische Volk noch nicht erwähnt. Unsere Unterdrückung
war nicht schlimmer als heute, aber sie war freimütiger. Wir hatten
eine rücksichtslose, offene Ausbeutung und Unterdrückung aller indischen
Industrien. Das war schlimm genug, aber Schlimmeres folgte nach und nach,
indem man unser altes Erziehungssystem vernichtete, indem man uns ent-
waffnete. Auf die verschiedenste Art vernichtete man den Geist des indischen
Volkes und versuchte, ihm jede Fähigkeit zu wirksamer, schöpferischer
Arbeit zu nehmen. Das war die bewußte Politik der Briten in Indien,
indem sie versuchten uns zu spalten. Nachdem sie uns entwaffnet haben, er-
zählen sie uns, daß wir nicht fähig sind, unser Land zu verteidigen. Nach-
dem sie ein Erziehungssystem eingeführt haben, das unsere alte Erziehung
vernichtet, und an ihre Stelle etwas setzt, was lächerlich gering und lächerlich
unzureichend ist, das uns falsche Geschichte lehrt und versucht, uns zur
Verachtung unseres eigenen Landes und zur Verherrlichung Englands zu er-
ziehen, nach alledem erzählen sie uns jetzt, daß wir nicht genügend Bildung
haben, um ein freies Land zu sein. .

Es wird nun häufig festgestellt und besonders in der englischen Presse viel
erwähnt, daß die Inder sich untereinander bekämpfen, die Hindus und die
Moslems usw. Dabei müssen wir bedenken, wie es, abgesehen davon, daß man
diese Schwierigkeiten äußerst übertreibt, auch die Politik der Briten ist, diese
Unruhen hervorzurufen, oder wo sie schon bestehen, sie zu verschärfen und
alles zu tun, sie am Leben zu erhalten, auch da, wo man sie leicht überwinden
könnte. Das war die Politik der Engländer, so sehr sie dies auch immer ab-
leugnen OseRLNIm. und wie ist heute Indiens Lage? Wir reden hier von
Ausbeutung! Wir spüren sie reichlich. Nicht eine einfache Ausbeutung, Son-
dern oft eine doppelte und dreifache. Wir haben einen Teil Indiens, die
sogenannten „Indischen Staaten‘, wo unter dem Schutz der Engländer das
Feudalsystem herrscht. Oft weisen die Engländer uns gegenüber und
in andern Ländern daraufhin und sagen: schaut auf diese Teile Indiens,
wo eine Art Selbstherrschaft besteht. Andere Teile Indiens sind weit fortge-
schrittener. Ich will zugeben, daß diese Beschuldigung nicht ganz falsch ist;
oftmals sind diese Bezirke weit weniger fortgeschritten als andere; aber die
Briten vergessen einiges zu erwähnen. Sie vergessen uns zu sagen, daß sie
selbst diese indischen Staaten unter ihre Fürsorge nahmen, daß sie selbst
sie an der Entwicklung gehindert haben, kurz, daß sie dort die Zu-
        <pb n="71" />
        58 Der britische Imperialismus in Indien, Persien und Mesopotamien.

stände so aufrechterhalten haben, wie sie jetzt sind. Unglücklicherweise
unterwerfen sich die Armen, die dort wohnen, nicht nur der Bedrückung
und Ausbeutung als Ergebnis der britischen Herrschaft, sondern man
muß zugeben, daß sie sich auch nicht entwickeln können wegen ihrer
eigenen unfähigen Herrscher. Aber es sind die Briten, die sie zuerst ver-
sklavten und ihnen keine Entwicklung gestatten. Nehmen Sie die Groß-
grundbesitzer. Wieder haben Sie da dieses Landpachtsystem, das in einem
großen Teil Indiens ein Feudalsystem ist und von den Briten uns gebracht
und aufrecht erhalten wurde. Es ist überaus schwierig, es zu ändern, solange
die britische Regierung dazu nicht willig ist. Bei der Politik der britischen
Regierung in Indien müssen wir auch die indischen Fürsten und Großgrund-
besitzer als ihre Bundesgenossen hinzurechnen, welche fühlen, daß sie ein
freies Indien nicht begrüßen können, weil ein freies Indien zur Befreiung
der Bauern von der Ausbeutung führen würde. Dann wieder sehen wir oft
ein verhängnisvolles Bündnis britischer Kapitalisten mit indischen Kapita-
listen. So sehen wir uns in Indien verschiedenen und mannigfaltigen Methoden
der Ausbeutung gegenüber. Das Studium der vergangenen Geschichte und
der Ergebnisse in den letzten Jahren beweist, daß die britische Politik sich
zum großen Teil auf den Besitz Indiens stützt. Schließlich wissen wir
hier alle ja eine ganze Menge über das britische Weltreich. Wer täuscht
sich auch nur einen Augenblick darüber, was mit Großbritannien geschähe,
wenn es Indien nicht besäße. Es würde kein britisches Weltreich geben. Was
in Zukunft geschehen wird, wenn Indien einmal unabhängig wird, kann ich
nicht sagen, aber sicherlich würde das britische Weltreich aufhören zu
existieren. Von ihrem kapitalistischen und imperialistischen Standpunkt aus
wollen die Engländer alles tun, um sich den Besitz Indiens zu erhalten. Ihre
ganze auswärtige Politik ist zu einem großen Teil von diesem Ziel beein-
flußt. Darum müssen sie eine feste Herrschaft in Indien errichten. Das Er-
gebnis ist, daß Indien gelitten hat und noch leidet. Aber das ist nicht alles.
Indiens wegen haben andere Länder gelitten und leiden noch. Sie haben ge-
hört von dem letzten Beispiel der Tätigkeit des britischen Imperialismus in
Indien: der Entsendung indischer Truppen nach China. Sie wurden ge-
schickt, trotzdem der Nationalkongreß Indiens seine schärfste Opposition
aussprach. Ich muß Sie daran erinnern, zu meiner Schande muß ich es er-
wähnen, daß indische Truppen oft gebraucht wurden zur Unterdrückung
anderer Völker. Ich lese Ihnen die Namen einer Anzahl Länder vor, in denen
indische Truppen von den Engländern zu diesem Zwecke gebraucht wur-
den. — Zum ersten Male gingen sie im Jahre 1840 nach China, im Jahre 1927
gehen sie noch immer dahin, und während dieser Zeit sind sie dort unzählige
Male gebraucht worden. Sie waren in Ägypten, Abessinien, am Persischen
Golf, in Mesopotanien, Arabien, Syrien, Georgien, Tibet, Afghanistan und
Burma. Es ist eine erschreckende Liste.
        <pb n="72" />
        Jawahar Lal Nehru. 59

Ich möchte, daß Sie begreifen, daß das indische Problem nicht nur ein

nationales Problem ist, sondern daß es eine große Anzahl anderer Länder
direkt berührt und die ganze Welt interessiert, weil es den größten und ein-
flußreichsten Imperialismus unserer Zeit direkt angeht. Es ist offensicht-
lich, daß eine solche Lage der Dinge für uns in Indien unerträglich ist. Wir
können sie nicht länger dulden; nicht nur deshalb, weil die Freiheit gut und
die Sklaverei schlecht ist, sondern weil es eine Frage von Leben und Tod für
uns und unser Land ist. Nicht nur das, es ist gleicherweise unerträglich für
Sie. Sie können so auch nicht weiter leben. Sie, die Sie aus den ver-
schiedensten Ländern von den vier Enden der Welt kommen, können diese
schrecklichen Fesseln, die auch für Ihre eigene Befreiung ein schweres
Hindernis sind, nicht dulden. Für uns in Indien ist die Freiheit eine dringende
Notwendigkeit. Aber es ist nicht weniger wichtig für Sie, daß wir unsere
Freiheit gewinnen. Das edle Beispiel der chinesischen Nationalisten hat uns
mit Hoffnung erfüllt, und wir wollen, sobald wie möglich, in ihre Fuß-
tapfen treten. Wir wollen die vollste Freiheit für unser Land; natürlich
nicht nur die innere Freiheit, sondern auch die Freiheit, Beziehungen mit
unseren Nachbarn und anderen Ländern herzustellen, wie wir sie wünschen.
Weil wir glauben, daß uns dieser internationale Kongreß eine Möglichkeit zu
dieser Zusammenarbeit gibt, heißen wir ihn willkommen und grüßen ihn.

Die Resolution, die ich die Ehre habe, Ihnen zu unterbreiten, hat folgen-
den Inhalt:

(Siehe Resolution I am Schlusse des Kapitels.) ] f

Die Resolution ist, wie Sie schon bemerkt haben werden, ganz einfach,
und wie gleich von dem Präsidium gesagt wurde, eine ganz unschuldige.
Wir haben absichtlich vermieden, von der heutigen Lage in Indien oder von
dem, was die Briten in Indien gemacht haben, und wie sie dem Volk
unrecht getan haben, zu schreiben. Ganz leicht könnten wir eine lange
Liste solcher Vorfälle, Grausamkeiten und Mißhandlungen der Briten in In-
dien geben. Aber wir haben uns entschlossen, Ihnen lieber diese Reso-
lution in ihrer einfachen Fassung zu unterbreiten. Nach dieser Resolution
werden noch zwei andere kommen, auch hauptsächlich Indien betreffend,
und die drei stehen in genauem Zusammenhang zueinander. Diese Reso-
lution also soll als eine Art Einführung zu den anderen aufgefaßt werden:

(Siehe Kap. IT, Resolutionen I und III.)

Die Resolution führt ein paar Punkte an und betont einige Tatsachen,
Eine Tatsache springt direkt ins Auge: Indien muß völlig frei werden, nichts
weniger als vollständige Freiheit wird für Indien oder für Sie genügen.
Noch etwas, das betont werden soll, ist, daß die Freiheit Indiens nicht
die Ausbeutung durch einheimische Gruppen statt durch Fremde bedeutet.
        <pb n="73" />
        60 Der britische Imperialismus in Indien, Persien und Mesopotamien.

Sie soll bedeuten vollkommene Freiheit für die Arbeiter und Bauern In-
diens. Der 3. Punkt betont, daß Schritte unternommen werden sollen, um
die Aussendung von Truppen nach Indien zu vermeiden, und daß Indien von
der Besetzung durch fremde Truppen befreit wird. Es ist hier betont, daß
nach englischem System die Briten sich auf die militärische Besetzung unseres
Landes stützen. Diese Besetzung dauert schon sehr lange, und fortwährend
werden neue Truppen dorthin gesandt oder gegen andere Truppen ausge-
tauscht. Wir hören jetzt von Truppen, die nach Indien gehen sollen, und
wir protestieren energisch dagegen, aber ich möchte Sie darauf aufmerksam
machen, daß dies schon immer vor sich gegangen ist, solange Indien unter
britischer Herrschaft steht.

Es ist einfach lächerlich, von Freiheit, welcher Art auch, in Indien zu
sprechen, solange eine fremde Besatzungsarmee dort bleibt, solange britische
Truppen zur Besetzung nach Indien gebracht werden. Es ist also wesentlich —
vielleicht die beste Probe für die Befreiung von fremder Herrschaft — daß
gar keine fremden Truppen im Lande anwesend sein sollen. Wie Sie wissen,
soll Ägypten unabhängig sein. Von welcher Art die Unabhängigkeit ist,
geht daraus hervor, daß noch immer eine Besetzungsarmee in Ägypten vor-
handen ist. Wir wünschen keine Unabhängigkeit für Indien, wie sie heute
Ägypten hat. Wir verlangen etwas Besseres, als es dort gibt, und ein wesent-
licher Schritt ist es nur, wenn alle fremden Soldaten aus unseren Ländern
herausgebracht werden.

Schließlich beruft sich dieser Kongreß auf die indische Nationalbewe-
gung. Aber ich möchte daran erinnern, daß die indische Nationalbewegung
aus aller Art Menschen zusammengesetzt ist, Arbeiter und Bauern, aber
auch Kapitalisten, Grundbesitzer usw., weil nationale Freiheit das direkte
Ziel ist, das aller Art Menschen zusammenbringt, deren Interessen aber in der
Zukunft einander gegenüberstehen. Nichtsdestoweniger hofft der Kongreß,
und seine Hoffnung hat Berechtigung, daß die indische Nationalbewegung:
sich auf die volle Befreiung aller Arbeiter und Bauern Indiens stützen wird.
Wenn wir uns Indien als ein Land vorstellen, das völlig befreit ist in dem
Sinne, daß es nur von fremden Kapitalisten befreit ist, aber ohne Freiheit
für die Arbeiter und Bauern, dann wäre das zweifelsohne noch keine Genug-
tuung für diejenigen, die sich nicht nur für nationale Befreiung, sondern
für die Befreiung der Arbeiter und Bauern der ganzen Welt einsetzen.

Diese Resolution betont diese vier einfachen Punkte und ich nehme mit
Vertrauen an, daß Sie Ihre Zustimmung dazu geben werden.

Ferner, da eine Delegation aus Mesopotamien zum Kongreß nicht recht-
zeitig eintreffen konnte, erlaube ich mir, namens der indischen Delegation
folgende Resolution über die Verwendung indischer Truppen und indischer
Zivilbeamten zur Unterdrückung jenes Landes zu unterbreiten:

(Siehe Resolution II am Schlusse des Kapitels.)
        <pb n="74" />
        Ahmed Assadoff, 61
Über Persien, dessen Schicksal eng mit demjenigen der anderen Opfer
des britischen Imperialismus verbunden ist, spricht
Ahmed Assadoff (Persien),
Delegierter der Revolutionären Republikanischen Partei.
DD: Weltproblem ist heute das Problem der chinesischen Revolution. Wir
) Perser haben, wie jedes andere Land, die Aufgabe, dieses Weltproblem
irgendwie in Einklang zu bringen mit den Problemen des eigenen Landes.
Wenn der europäisch-amerikanische Imperialismus einen Weltimperialis-
mus darstellt, der nicht nur in Asien, Afrika, Amerika, sondern auch im
Mutterlande Europa herrscht, so ist es klar, daß auch das persische Volk
unter seinem Einfluß steht. Die Erzählungen von 1001 Nacht sind
wohl das einzige, was man Ihnen in Europa von Persien erzählt. Ja-
wohl, das persische Volk hat die Tradition der 1001 Nacht, aber welche?
1001 Nacht der Qual, der Unterdrückung und des Elendes nicht nur durch
den äußeren, sondern auch durch den inneren Feind, das ist unsere
z001 Nacht. Die äußere Gewalt drückt sich aus in der Gestalt Rıza
Khans. Wenn der Vertreter Ägyptens hier behauptet hat, Ägypten sei ein
selbständiges Land, so glaube ich hier sagen zu können, daß Persien viel-
leicht noch mehr unabhängiger wäre. Aber das werde ich nicht wagen zu
sagen. Es gibt zweierlei Unterdrückung: eine mittelbare wie in Indien, in.
China, und eine unmittelbare Unterdrückung, die dadurch ausgeübt wird,
daß man sich in dem Lande Freunde durch Korruption verschafft, und
so das Land in zwei Parteien spaltet, um dadurch jegliche Aufbauarbeit
des Volkes zu zerstören. Der englische Imperialismus in diesem Sinne
ist viel gefährlicher, weil er viel maskierter ist. Persien hat die Zeit
des Feudalismus noch nicht hinter sich. Und gerade die herrschende feu-
dale Klasse in Persien ist der beste Freund Englands. Diese Klasse ist es,
die die zoor-Nacht-Qualen dem persischen Volke dauernd bringt, und
Riza Khan ist der Vertreter dieser Klasse, der Handlanger des englischen
Imperialismus. Damit diese Zustände nicht zur Kenntnis der breiten Massen
der Arbeiterschaft kommen, behauptet man in der europäischen Presse
— ja, man hat es sogar in der sozialistischen Presse zum Schaden der Sozia-
listen behauptet —, daß Riza Khan ein Fortschrittler und Volksmann
sei. Im Namen des persischen Volkes habe ich das Recht, zu erklären, daß
Riza Khan kein Volksmann ist, kein Fortschrittler, er ist ein Mussolini
schlimmster Art, ein Despot.
Ich will jetzt auf das Weltproblem, das chinesische Problem, eingehen.
Sie haben gehört, daß in dem Moment, wo die zwölfte Stunde der Welt-
geschichte schlägt, der Krieg gegen China und gegen Sowjet-Rußland vor-
bereitet wird. Man versucht mit allen Mitteln der Korruption, in allen Lär-
dern, auch in Persien, die Situation so darzustellen, als ob in China eine
        <pb n="75" />
        62 Der britische Imperialismus in Indien, Persien und Mesopotamien.
Räuberbande wäre, als ob die Chinesen beinahe die Fremden auffräßen, als
ob in China überhaupt eine Fremdenhetze gegen Europa bestünde. Es ist
die Aufgabe jedes Vertreters eines asiatischen Landes, dieses Lügennetz zu
zerreißen und der Welt zu zeigen: Wir haben hier die wahren Vertreter des
Volkes gesehen, die Leute, die ihr Blut vergießen für die Freiheit ihres
Landes.

Die Geschichte hat ihre eigenen Gesetze. Auch die chinesische Revolu-
tion, wie jede Revolution, wie auch die große französische Revolution, wie.
die russische Revolution von 1905 und von 1917, bleibt nicht die Revolu-
tion eines einzelnen Landes. Seid Ihr, Vertreter der Bauern und der Arbeiter-
klasse, bereit, organisiert Euch für die kommende Revolution, die auch
Eurem Lande zugute kommen wird. Die chinesische Revolution, wie die
russische Oktoberrevolution, wird unbedingt eine Weltrevolution sein, und
wird den Sieg der Revolution in Asien vorbereiten.

Resolutionen.
IL
Resolution über Indien.
Vorgeschlagen von der indischen Delegation.

Der Kongreß unterstützt die indische Bewegung für die vollständige Befreiung Indiens
aufs wärmste und erkennt, daß die Befreiung Indiens von der Fremdenherrschaft ein ent-
scheidender Schritt in der Geschichte der Befreiung aller unterdrückten Völker darstellen wird.

Der Kongreß vertraut darauf, daß die Arbeiter und die Völker der anderen Länder in
engstem Kontakt zusammenarbeiten und alle Maßnahmen ergreifen, um die Truppen-
transporte nach Indien zu verhindern und die Aufrechterhaltung einer Besatzungsarmee
in Indien unmöglich zu machen.

Der Kongreiß vertraut, daß die national-indische Bewegung ihr Programm auf der voll-
ständigen Befreiung der indischen Bauern und Arbeiter aufbauen wird, obne die keine
wahre Freiheit sein kann und daß sie mit den Freiheitsbewegungen der anderen Länder in
enger Zusammenarbeit stehen wird.

OR
Resolution über Mesopotamien.
Vorgeschlagen von der indischen Delegation.

Angesichts der Tatsache, daß indische Truppen durch die britische Regierung benutzt
wurden, um Mesopotamien den Interessen des englischen Imperialismus gefügig zu machen
und daß indische Truppen und Beamte der indischen Zivilverwaltung weiterhin aufgeboten
werden, die Bevölkerung dieses Landes, das unter dem Mandat des Völkerbundes steht,
auszurauben und auszubeuten, fordert der Kongreß den Rückzug der Besatzungsarmec und
die Wiederherstellung der absoluten Unabhängigkeit von Mesopotamien.

IB
Resolution über Persien.
(Siehe Anhang B.)

%
mn
        <pb n="76" />
        IV.

Der nordamerikanische Imperialismus
und die von ihm bedrohten Völker.

Als erster Redner über die Kolonisierungsbestrebungen des Yankee-
Imperialismus in Latein-Amerika spricht

Jose Vasconcelos

(National-Partei, Porto Rico), ehemaliger Unterrichtsminister Mexikos.
1 muß mit einer Erklärung beginnen. Viele von Euch mögen sich fragen,

wie es möglich ist, daß dieser Mann hierher kommt und im Namen Latein-
Amerikas, im Namen der spanisch sprechenden Bevölkerung, zu Euch in
englisch spricht. Es wurde im Komitee beschlossen, daß nur zwei Sprachen
auf diesem Kongreß gesprochen werden sollten. Ich erhob keinen Wider-
spruch, obgleich ich einer der eifrigsten Verteidiger der spanischen Sprache
bin, die das Hauptverbindungsmittel unserer Rasse ist. Ich sah ein, daß wir
uns mit Hilfe der englischen Sprache einer größeren Anzahl von Delegier-
ten verständlich machen können. Als ich dann hörte, daß die englischen Berg-
arbeiter hier vertreten sind, und als ich Nordamerika uns auf englisch be-
grüßen und mit uns zusammen arbeiten sah, da sagte ich mir: wenn es noch
Menschen gibt, die sich der englischen Sprache bedienen, um von der Frei-
heit zu reden, dann kann auch Latein-Amerika sie benutzen um seine Mei-
nung zu sagen. .

Die Lage Latein-Amerikas ist in Europa nicht sehr bekannt. Noch weni-
ger weiß man darüber vielleicht in Asien. In Asien haben sie ihre eigenen
Sorgen, und Europa hat ein sehr begrenztes Interesse an Amerika.

Latein-Amerika begann als Kolonialland der Spanier und Portugiesen,
und noch heute sind wir weit davon entfernt, frei zu sein. Es scheint unser
Schicksal zu sein, Kolonie zu bleiben. Seit wir unsere Unabhängikeit ge-
wannen, organisierten wir innerhalb unseres eigenen Landes eine Art ört-
lichen Kolonialsystems. Die Macht, welche mit dem Blute des Volkes
gesichert wurde, kam nur den aristokratischen Klassen, den Grundbesitzern
und den Reichen, zugute. Und die Unterdrückung des Volkes lebte unter
        <pb n="77" />
        64 Der nordamerikanische Imperialismus und die von ihm bedrohten Völker,
mexikanischem, kolumbischem und argentinischem Regime so wild und so
grausam auf wie unter spanischer Herrschaft. Ein langer Kampf ist zur Ab-
schüttelung dieser Unterdrückung geführt worden. Aber wir finden uns dem
schrecklichsten Weltreich gegenüber, das die Geschichte je gekannt hat. Nur
wenige Leute machen sich die Mühe, einmal auf der Landkarte festzustellen,
wie dieses ungeheure Weltreich, die USA., sich durch Räuberei, durch Kriegs-
taten, durch Grausamkeit und durch Klugheit entwickelt hat. Aber dieses
Wunder bedroht die ganze Menschheit. Eine Weiterentwicklung des Im-
perialismus der Vereinigten Staaten würde zur völligen Unterdrückung
unseres Geistes führen und unseren Körper nur leben lassen, weil er arbeitet
und Zinsen produziert.

Wir befinden uns im Zentrum eines Weltkonfliktes. Ich bin sicher, daß
das Zentrum des Weltkonfliktes nicht in Asien liegt. Ihr müßt bedenken,
daß Asien schon voll bevölkert ist. Die imperialistischen Mächte suchen so-
fortigen Profit. Darum gehen sie nach Asien. Aber sie sind weitsichtig genug,
sich auf die Zukunft vorzubereiten. Der bedeutungsvolle Vorstoß des Im-
perialismus richtet sich augenblicklich gegen Südamerika. Die Kräfte, welche
dort zusammenstoßen, sind gewaltig. Im Innern haben wir die Grundbe-
sitzerklasse und den militärischen Despotismus, die uns vernichten. Diese
korrumpierten und zersetzenden Kräfte, die wir innerhalb unseres Landes
haben, sind die Verbündeten der Imperialisten, die zu uns ins Land kommen
um zu kaufen, was Verräter eines Staates bereit sind zu verkaufen. Unser
Problem ist sehr ernst. Wir sind gespalten. Wir haben 20 verschiedene
Nationalitäten statt einer. Innerhalb unserer eigenen Nation gibt es die ver-
schiedenartigsten Strömungen. Ich bin Sozialist, andere sind Liberale. Die
Partei, die ich vertrete, zum Beispiel, hat mir Instruktionen gegeben, klar
auszusprechen, daß sie keine Kommunisten sind, nicht weil sie reaktionär
sind, sondern weil wir in Latein-Amerika fühlen, daß wir unsere Probleme
auf unsere eigene Art lösen sollen. Wir befinden uns nicht blind im Gefolge
irgend eines Glaubens... Wenn wir daran gehen, Gerechtigkeit zu schaffen, so
wissen wir, was Gerechtigkeit ist, und wir wollen sie auf unsere eigene Weise
errichten. Wir verlangen das Recht, absolut unabhängig zu sein. Ich glaube,
daß niemand unser Programm als rückständig bezeichnen kann. Wir haben
alle Wirkungen des Imperialismus kennengelernt. Wir wissen, daß, solange
wir die gegenwärtige wirtschaftliche Situation in unserm Lande behalten,
es keine Hoffnung für uns gibt und wir Kolonie bleiben werden. Bei diesen
Meinungsverschiedenheiten, bei diesen Verschiedenheiten der Nationalitäten,
gibt es doch ein Verbindungsglied. Die Frage des Anti-Imperialismus ist
nicht das Problem einer einzelnen Partei in Latein-Amerika, und das Banner
des Anti-Imperialismus: trägt nicht ein einzelner großer Führer oder Des-
pot. Das brauchen wir nicht. Jeder Bürger Latein-Amerikas kann dieses
Banner tragen, und wir werden es nicht einem Despoten ausliefern. Wir sind
        <pb n="78" />
        Jose Vasconcelos
Ehemaliger Unterrichtsminister Mexikos,
Delegierter der Nationalpartei
Porto Ricos
        <pb n="79" />
        <pb n="80" />
        Jose Vasconcelos. 65
einig in diesem Bestreben, uns eine eigene Zivilisation zu schaffen, die das
Eindringen des Imperialismus zurückweisen kann. Vielleicht denkt Ihr, daß
ich einem groben Nationalismus Latein-Amerikas das Wort rede. Davon
sind wir weit entfernt. Nicht aus einem romantischen Gefühl heraus,
sondern weil unsere natürlichen und örtlichen Verhältnisse uns dazu zwingen.
Wenn Ihr einen Augenblick unsere Situation überdenkt, so wird Euch auf-
fallen, daß wir der einzige Teil der Welt sind, der mehr Bodenfläche als Be-
völkerung hat, Nichts vereinigt mehr, als der Bedarf an Menschen, die ar-
beiten. Die Spaltung entsteht aus den ökonomischen Konflikten, die die
Überbevölkerung mit sich bringt. In manchen Ländern der Welt ist jeder
Mensch mehr eine Kalamität; in Latein-Amerika ist ein Mensch etwas Kost-
bares, ein nützliches Werkzeug, weil das jungfräuliche Land und die unbe-
grenzten Bodenschätze auf Entwicklung warten. Wir haben in Latein-Ame-
rika und Mexiko Land genug, um die ganze gegenwärtige Bevölkerung der
Welt zu ernähren. Nun versteht Ihr, warum die großen Trusts Nordamerikas
nach Südamerika und Mexiko kommen. Schon vor 40 Jahren wurde das über-
all vorbereitet. Die Vertreter gingen nach Brasilien oder Mexiko und sprachen
mit einem der Großgrundbesitzer, der Land besaß, das er niemals kultivierte.
Er zeigte ihm auf der Karte dieses Land und fragte ihn, wieviel es ihm ein-
brächte. Der Eigentümer sagte: nichts, und der Trust kaufte es auf. Zu
lächerlichen Preisen wurde das Land verkauft. Der Trust konnte es sich
leisten, 50 oder 100 Jahre zu warten. Die moderne Technik wird dieses Land
ausbeuten und die Trusts werden schon da sein. Das bedeutet, daß der größte
Schatz der Menschheit schon hundert Jahre im voraus von klugen Herren
monopolisiert wird. Diese Länder werden in Reserve gehalten, um die Skla-
verei und den Imperialismus der Zukunft zu organisieren. Aber es besteht
eine ernste Gefahr, daß sie ihnen wieder verloren gehen. Die Völker Latein-
Amerikas haben ihre Pflicht begriffen und stehen in Opposition gegen den
Imperialismus. Wir müssen die Vorzüge der Maschinerie und der Technik
erkennen, und wir wünschen, unsere Ländereien zu entwickeln, aber zum
Wohle aller und nicht nur der Privilegierten. Unter den gegenwärtigen Ver-
hältnissen gehören diese Ländereien nicht uns. Sie gehören nicht einmal den
Eigentümern. Sie werden nicht ausgebeutet. Es sind Ländereien, die denen
gehören sollten, die sie bearbeiten. Das Problem Latein-Amerika ist kein
romantisches Problem und es ist nicht nebensächlich für Europa. In der
Tat verteidigen wir seine Reichtümer zum Wohle der belgischen Emigranten,
zum Wohle der englischen, der französischen Emigranten. Unser Kampf
gleicht dem Euren. Es ist ein Kampf für den Fortschritt und die Gerechtig-
keit. Die Natur hat uns zum Zentrum des Kampfes gemacht. Obgleich die
Krise in 20 Jahren sich ebenso zuspitzen kann wie jetzt schon in China oder
Indien, müssen wir doch von solchen Episoden, wie der in Nicaragua ernst-
lich Notiz nehmen. Hier vereinigt sich der kleine Despot mit dem Imperia-

Das Flammenzeichen vom Palais Egmont.
        <pb n="81" />
        66 Der nordamerikanische Imperialismus und die von ihm bedrohten Völker,
listen. Die Ländereien wurden an mächtige Kapitalisten verkauft. Diese
haben ihre Truppen hergebracht, um ihr Privateigentum zu schützen. Solche
Episoden werden sich in allen unterdrückten Ländern vollziehen. Ich glaube,
daß dieser Kongreß weitreichende Resultate haben wird, weil er eine der
wenigen Gelegenheiten darstellt, bei denen wir zusammenkommen, unsere
Meinungen austauschen und unsere gemeinsamen Probleme studieren kön-
nen. Wir müssen uns von unserm eigenen Despotismus befreien, um dem
Imperialismus seine natürlichen Verbündeten in unserm eigenen Lande zu
nehmen. Dann wird gleichzeitig unser Volk, gestärkt durch die innere Frei-
heit, fähig sein, seine Kräfteentfaltung in diesem verheißungsvollem Kampfe
der Rassen der Welt zu vervielfachen.

Auf jeden Fall, Freunde aus der ganzen Welt, erkennt, daß Latein-Ame-
rika nicht nur unser Land, sondern auch Euer Land ist, das Land jedes
Menschen, ganz gleich welcher Rasse oder Farbe, das Land der Zukunft ist,
die Heimat aller Menschen. Unsere Sache ist im wahrsten Sinne die welt-
umfassendste von allen. Unser Nationalismus ist wahrhaft, ist der univer-
salste, den die Geschichte jemals gekannt hat.

Im Namen der gesamten latein-amerikanischen Delegationen macht

Carlos Quijano,
(Revolutionäre Partei, Venezuela) folgende Ausführungen:
| Namen der Delegationen von Latein-Amerika, das mehr als 20 Völker
mit 80 Millionen durch den amerikanischen Imperialismus unterdrückten
Einwohnern umfaßt, grüße ich Sie brüderlichst und erkläre mich mit Ihnen
solidarisch.

Unser Kampf dort unten richtet sich hauptsächlich gegen den ameri-
kanischen Imperialismus. Wir wissen jedoch, daß unsere Aktion nur ein Teil
der internationalen Aktion gegen den internationalen Imperialismus ist. Die
Kämpfe der Chinesen, der Inder, der Ägypter, sind auch unsere Kämpfe.
Der Feind aller anderen unterdrückten Völker ist auch unser Feind. Und
darum sind wir mitten unter Ihnen, vertreten mit Ihnen alle anti-imperia-
listischen Bewegungen der Welt, und versuchen unsere Kräfte zu vereinigen,
unsere Aktion zu verbinden, um auf dem kürzesten und sichersten Wege
unser Ziel zu erreichen.

Mit dem letzten imperialistischen Krieg von 1914 beginnt für Latein-
Amerika eine neue Etappe gegenüber den Vereinigten Staaten. Der Völker-
bundspakt erkennt die Monroe-Doktrin an und gibt daher den Vereinigten
Staaten alle Vollmachten, um in Latein-Amerika vorzugehen. Das ameri-
        <pb n="82" />
        Carlos Quijano. 67
kanische Kapital hat sich seitdem um mehr als das Dreifache vermehrt. Es
eignet sich die wichtigsten Rohstoffquellen an und beutet die Arbeiter- und
Bauernmassen derart aus, daß sie unter den schlechtesten Bedingungen leben
müssen. Mehr als 20 „unabhängige“ Republiken, die aber gerade die Eigen-
schaften in sich vereinigen, die sie zur Beute der Imperialisten machen : natio-
nale Schwäche und riesige, fast entvölkerte Gebiete mit Feudalwirtschaft, die
noch in dem größten Teil und vor allem in den verschiedensten Ländern
existiert. Sie enthalten auch wichtige Rohstoffe, vor allem Petroleum. Die Ar-
beitskraft ist ebenso billig wie in den Kolonialländern. Und schließlich stellen
sie auch ein Absatzgebiet für die Waren der imperialistischen Länder dar.

Mexiko ist die Grenze von Latein-Amerika. In diesem Lande hat die
U. S. A. einen Gegner gefunden, der nicht so leicht niederzuringen ist. Ein
energischer Widerstand war immer die Antwort auf die Angriffe. In den
beiden Kriegen, zu denen die U. S. A. Mexiko gezwungen hat, hat letzteres
einen großen Teil seiner Gebiete verloren, und sein Präsident Huerta, der
ein Agent des englischen Imperialismus war, wurde gestürzt.

Die Yankees zwingen andere Länder zur Unterzeichnung von Verträgen,
Schiffen Truppen aus und provozieren Aufstände, je nach den Interessen,
die sie dort suchen und dem Widerstand, dem sie von seiten der nationalen
Regierungen begegnen. Das ist zum Beispiel mit Panama, Nicaragua, Santo
Domingo und Haiti geschehen.

Gegenwärtig haben sie fast das ganze Territorium von Nicaragua be-
setzt, um einen gewissen Adolfo Diaz, ein ehemaliges Werkzeug der Im-
perialisten, zu unterstützen und ihm militärische Hilfe gegen die Volks-
revolution zu leihen.

Sie wenden auch die Methode der Durchdringung an, die, wenn auch
diplomatischer, in gewissen Fällen noch verbrecherischer ist. Es ist die Hilfe,
die sie den nationalen Diktatoren leihen. In Venezuela halten sie Vicente
Gomez an der Macht, einen wilden Tyrannen, der in 18 Jahren mehr als
20000 Mitbürger ermorden ließ und über 5000 in den Gefängnissen hält,
während mehr als 70000 ihr Leben nur durch die Flucht retten konnten.
Heute wollen die Vereinigten Staaten das gleiche wiederholen, was sie
mit Kolumbien machten, als sie von diesem Land die Provinz Panama
abtrennten, um angeblich aus ihr eine selbständige Republik zu machen.
Maracaibo, die Erdölzone Venezuelas, die für die U. S. A. von äußerster
Wichtigkeit infolge ihrer Reichtümer und ihrer strategischen Lage gegen-
über dem Panamakanal ist, wird „unabhängige‘ Republik werden, weil die
Amerikaner Furcht haben vor der Revolution, die die Diktatur stürzen wird,

Der Kampf gegen den Imperialismus ist erst im Entstehen begriffen. Bei
allen Völkern Amerikas ist jedoch ein rasches Erwachen des nationalen revo-
lutionären Vertrauens zu beobachten. In diesen Tagen kämpften die Arbeiter
der Yankee-Petrolminen, von der Solidarität der Arbeiterklasse des ganzen
m
        <pb n="83" />
        68 Der nordamerikanische Imperialismus und die von ihm bedrohten Völker,
Landes unterstützt. Die reaktionäre Regierung, die sich den Imperialisten ver-
kaufte, ließ sie jedoch durch die Nationalarmee massakrieren.

Überall, wo der Imperialismus versucht, seine Herrschaft aufzuzwingen,
in Mexiko, Zentral-Amerika, den Antillen und Südamerika, stößt er auf einen
immer energischeren Widerstand. Die Arbeiter, Bauern, Studenten und fort-
schrittlichen Intellektuellen haben schon die Notwendigkeit der Bildung einer
einheitlichen Front begriffen.

Dies ist eine viel zu generelle Übersicht über die Lage der kämpfenden
Kräfte, aber die zu meiner Verfügung stehende Zeit erlaubt mir leider nicht,
auf mehr Einzelheiten einzugehen. Die Berichte der verschiedenen Delegier-
ten Amerikas geben eine Übersicht über die verschiedenen Länder, über deren
besonderen Eigentümlichkeiten und eine Aufzählung der durch die Imperia-
listen begangenen Attentate.

Zum Schluß möchte ich erklären, daß unser Problem auch das Eure ist,
daß es das Problem der Arbeiter der imperialistischen Länder, sowie der Pro-
duktivkräfte der unterdrückten Länder ist.

Der Kampf gegen den Imperialismus in Latein-Amerika wird nunmehr
dank der Anti-Imperialistischen Liga in Amerika einheitlich geführt. Da wir
nunmehr unsern Kampf mit dem internationalen Kampf gegen jeden Impe-
rialismus vereint haben, rechnen wir damit, daß unser Kampf in Zukunft
energischer, konkreter, und aktiver geführt werden wird, und daß wir die
Prinzipien und Resolutionen dieses Kongresses in demselben anwenden
werden.

Bevor ich ende, muß ich dem Kameraden, der die der Negerrasse* durch
die Imperialisten angetane Schmach vorbrachte, noch sagen, daß die Yankee-
Besatzungstruppen in Santo Domingo und Haiti — zw gleicher Zeit als
Präsident Wilson Europa bekehrte — mehr als 3500 Negerbewohner dieser
Gebiete massakrierten.

Der Delegierte des Gewerkschaftskartells von Tampico,

Ismael Martinez (Mexiko)
erklärt:

m Namen der Arbeiter und Bauern des Staates Tamaulipas (Mexiko) be-
1 grüße ich den Kongreß und bringe den aufrichtigen Wunsch zum Aus-
üruck, daß dieser nicht nur aus einer Reihe von Reden bestehen, sondern daß
aus dieser Zusammenkunft die Einheit aller unterdrückter Völker der Erde
hervorgehen möge, gegen die alle Angriffe des Imperialismus scheitern
werden.

* Siehe Kapitel VIL.
        <pb n="84" />
        Ismael Martinez. 69

Es wurde ausführlich über den Imperialismus Englands, Frankreichs
und anderer Mächte gesprochen, aber nicht genügend über den stärksten
Imperialismus, denjenigen der Vereinigten Staaten von Nordamerika, den
einzigen, der die Menschenrechte zu zerstören droht.

Gegenwärtig werden Frankreich, England, Belgien und alle anderen euro-
päischen Länder in ihrem Aufbau durch den amerikanischen Imperialismus
bedroht.

Durch seine geographische Lage und durch seine Nachbarschaft mit dem
„nordischen Koloß‘“ ist Mexiko der gegebene Kampfplatz, wo sich der
Kampf, der heute im fernen Osten, im heldenmütigen China, zwischen Ost
und West und dem Süden und dem Norden des amerikanischen Kontinents
beginnt, entscheiden wird. Dort wird der Triumph der einen oder anderen
kriegsführenden Mächte gefeiert werden. Einerseits brennt der Imperialis-
mus darauf, die Menschheit mit seiner ganzen Wucht zu unterdrücken,
andererseits kämpfen die tapfern Streiter der unterdrückten Völker, um
deren Befreiung.

Das mexikanische Volk hat jahrelang für die Verwirklichung seines
Ideals der Freiheit gekämpft, ohne je zu vergessen, daß andere Länder sich
in einer gleichen Lage befanden und die gleichen Wünsche hatten. Es ist
immer bereit gewesen, ihnen bis zur äußersten Grenze seiner Mittel beizu-
stehen.

Heute wie gestern und morgen wie heute sind die werktätigen Klassen
Mexikos bereit, jenen Völkern zu helfen, die für die Befreiung der mensch-
lichen Rasse, ohne Unterschied der Farbe, kämpfen. Die Arbeiter Mexikos,
ebenso, wie alle Arbeiter der ganzen Welt, sind bereit,: das heldenhafte
China, das heute einen Kampf mit ungleichen Kräften in diesem Krieg
der unterdrückten Völker führt, in seinen gerechten Forderungen zu
unterstützen.

Die Gruppen, die ich vertrete, sind in jenem Zentrum organisiert, in
welchem sich der Druck des Imperialismus auf Mexiko fühlbar macht. Denn
der Staat Tamaulipas ist gerade jenes Gebiet, wo sich die großen Petroleum-
felder befinden, auf die die Kapitalisten Londons und der Wall Street be-
gierig sind, und um welche sie sich schlagen.

Heute besitzen die mexikanischen Arbeiter kostbare Freiheiten, die ihnen
die Konstitution von 1917 verschaffte, und die andern unterdrückten Län-
dern als Vorbild dienen könnte. Diese Konstitution umfaßt „Nationale Un-
abhängigkeit‘“ und „persönliche Freiheit“. Das mexikanische Volk kämpft
heute für die Erhaltung dieser Errungenschaften gegen den gewaltsamen
Druck des nordamerikanischen Imperialismus, der sie zerstören möchte.

Glücklicherweise verstanden die revolutionären Regierungen meines
Landes ebenso, wie die heutige unter der Präsidentschaft Calles, den Ge-
fühlen des mexikanischen Volkes Rechnung zu tragen. Deshalb gewährt ihr
        <pb n="85" />
        70 Der nordamerikanische Imperialismus und die von ihm bedrohten Völker.
das Volk seine Mitarbeit und unterstützt sie durch die Kollektivkraft seines
organisierten Proletariats.

Ich konstatiere mit großer Bewegung und mit tiefer Befriedigung, daß
wir nicht die Einzigen sind, die die Erfüllung dieser edlen Ziele anstreben,
sondern daß wir, eines dem andern vertrauend, bereit sind, vereint den
Kampf für die absolute Befreiung der Menschheit weiterzuführen.

Zum Schluß möchte ich den Wunsch wiederholen, den ich schon früher
ausgesprochen habe. Die Forderungen, die dieser Kongreß stellen soll, lassen
sich nicht in einigen Reden zusammenfassen. Der Kongreß soll vielmehr
eine Quelle vereinter Kraft sein, die das Ungeheuer, das mit seinen goldenen
Krallen die Menschheit, die fünf Erdteile bevölkert, zu erwürgen droht,
niederschlägt, Ich hoffe, daß sich hier die Einheitsfront der unterdrückten
Klassen und Völker aufbaut, die sie zu ihrer endgültigen Befreiung führen
wird,

Es lebe die Einigkeit aller Völker der Erde!
Es lebe der Anti-imperialistische Kongreß!
Der Delegierte der Allamerikanischen Anti-imperialistischen Liga (Sek-
tion Vereinigte Staaten)
Manuel Gomez (U.S.A.).
behandelt die imperialistische Raubpolitik Nordamerikas:
A Delegierter aus dem Land des Dollars und der Dollardiplomatie rolle
ich vor Euch das Problem des amerikanischen Dollarreichs als ein ge-
meinsames Problem auf. Wir haben es hier mit einem Weltreich zu tun, das
aus der ganzen Welt Tribute einsammelt.

Dieser neueste Imperialismus der Vereinigten Staaten hat eine eigene
Sprache, die Sprache des demokratischen Pazifismus. Er ist „der Freund
Chinas‘. Im Gegensatz zu den Briten, Japanern und anderen vulgären Impe-
rialisten verfolgt er in China die Politik der „offenen Tür“, „der gleichen
Möglichkeiten für alle“. Aber, meine chinesischen Freunde, wißt, daß unser
Onkel Sam, der so beredt über die „offene Tür“ in China spricht, eine sehr
geschlossene, eine verriegelte und verschanzte Tür in Latein-Amerika er-
richtet hat. Das Territorium Latein-Amerikas wird nach der Monroe-Doktrin
als ein besonderes Reservat für das Finanzkapital der Vereinigten Staaten
behandelt. Die demokratisch-pazifistische Methode ist nur eine Phase der
imperialistischen Politik Amerikas. Unweigerlich folgt ihr die Phase des
offenen, brutalen Angriffs, wie ihn die Bevölkerung der karibischen Inseln
und Zentralamerikas bereits kennt. Der moderne Imperialismus wurde hier
als imperialistischer Kapitalismus beschrieben — als die gegenwärtige letzte
        <pb n="86" />
        Manuel Gomez, 71
Phase dieses Kapitalismus, der jetzt ganze Völker jenseits des Ozeans und
Millionen Arbeiter im Heimatlande ausbeutet. Nirgends zeigt sich das klarer
als in den Vereinigten Staaten. Manche von Euch kennen schon die Begleit-
erscheinungen einer auf Expansion gerichteten Außenpolitik. Die Konzen-
tration und die Zentralisation der Industrie führte zur Monopolwirtschaft;
d.h. alle wirtschaftliche — und daher auch politische — Macht der Nationen
wurde in den Händen einer kleinen Gruppe von Plutokraten der Wall Street
vereinigt.

Im Jahre 1910 wurde die United States Steel Corporation geschaffen,
die die machtvollsten Finanzgruppen, z.B. die sich bekämpfenden Rocke-
feller- und Morgan-Interessen, vereinigte.

Gleichzeitig mit dieser Entwicklung erschienen die Vereinigten Staaten
zum ersten Male auf der imperialistischen Weltbühne. Der spanisch-ameri-
kanische Krieg, der mit den charakteristischen und notwendigen Erklärungen
von angeblichen Befreiungsabsichten begann, war der erste Schritt zu einer
Außenpolitik, die sich bis heute konsequent fortsetzt. Die Besetzung von
Kuba und Porto Rico war das Sprungbrett für den amerikanischen
Imperialismus zur Annexion von Panama, Haiti und Santo Domingo, bis das
ganze kariıbische Gebiet ein „amerikanisches Meer‘ wurde. Im fernen Osten
sind Guam und die Philippinen die Vorposten der imperialistischen Politik
der Vereinigten Staaten, soweit sich diese auf Asien bezieht.

Die Ereignisse während des Weltkrieges und seitdem brachten die Ver-
einigten Staaten in die erste Reihe der imperialistischen Mächte. Die industrielle
Leistungsfähigkeit hatte sich enorm gesteigert. Wall Street verdrängte
London als herrschendes Zentrum der Weltfinanz. Aus einem Schuldner-
wurden die Vereinigten Staaten zu einem Gläubigerstaat, der riesige Inter-
essen sowohl in Europa wie in Latein-Amerika und Asien hat. Vor dem
Kriege erreichte das im Ausland investierte amerikanische Kapital noch nicht
21/, Milliarden Dollars, jetzt beträgt es mehr als 13 Milliarden.

Den Tendenzen imperialistischer Politik, die durch die Monroe-Doktrin
und die Politik der offenen Tür vertreten werden, wurde noch jene des
Dawes-Planes hinzugefügt. Der amerikanische Imperialismus, der sich endlich
seiner selbst bewußt wurde, nahm eine äußerst aggressive Haltung an. Aus
allen Ecken der Erde begannen die Hauptprofite des Imperialismus nach
den Vereinigten Staaten zu strömen.

Auf der Grundlage des amerikanischen Dollarimperialismus (der, wie alle
Latein-Amerikaner wissen, nicht nur von Dollars, sondern auch vom Fleisch
und Blut der erschlagenen und gemarterten Menschen, zusammengehalten
Wird), wird in den Vereinigten Staaten der sogenannte amerikanische Lebens-
Standard aufrechterhalten.

Sogar die amerikanische Arbeiterklasse hat zu einem gewissen Grade An-
teil an den Profiten des Imperialismus und ist infolgedessen von einer sozial-
        <pb n="87" />
        72 Der nordamerikanische Imperialismus und die von ihm bedrohten Völker.
patriotischen und imperialistischen Ideologie verseucht. Ich spreche be-
sonders von den qualifizierten Arbeitern und von jenen Elementen im all-
gemeinen, die die Mehrheit im amerikanischen Gewerkschaftsbund bilden. Die
letzte Entwicklung in den Vereinigten Staaten zeigt als überraschendes Phä-
nomen das schnelle Wachstum der Betriebsgewerkschaften (gelbe Verbände),
die wir gewöhnlich als Arbeitsgemeinschaft (Zusammenarbeit der Klassen)
bezeichnen. Ohne die sich unerhört rasch entwickelnde Form dieser Arbeits-
gemeinschaft der Klassen im einzelnen zu beschreiben, erwähne ich nur die
Arbeiterbanken, Arbeiterversicherungspläne, Betriebsgewerkschaften und die
Tendenz, die Prinzipien der Betriebsgewerkschaften in den freien Gewerkt-
schaften zur Anwendung zu bringen. Bemerkenswerte Beispiele dieser letz-
teren sind der sogenannte “Baltimore and Ohio Plan” und die Verwaltungs-
maschinerie, die kürzlich unter dem Watson-Parker Gesetz zur Schlichtung
von Streitfragen errichtet wurde.

So zufriedenstellend haben sich diese Methoden für den amerikanischen
Kapitalismus erwiesen, daß einige davon nach Europa in Form des Rationali-
sierungsproblems übertragen werden. Wir hören, daß Europa die Arbeits-
gemeinschaften von Amerika übernimmt. Wir dürfen jedoch dabei nicht
vergessen, daß in Deutschland schon vor dem Kriege etwas bestand, was man
bei uns oft als Staatssozialismus bezeichnete. Die Zusammenarbeit der
Klassen ist auch für Europa nicht neu. Sie ist so alt wie der Reformismus.

Nicht durch Zufall waren die reformistischen Führer der II. Internatio-
nale taub gegen die Appelle der kolonialen und halbkolonialen Völker, ihnen
in ihrer nationalen Befreiung zu helfen; und nicht durch Zufall ist die herr-
schende Bureaukratie des amerikanischen Gewerkschaftsbundes eine loyale
Stütze der Regierung der Vereinigten Staaten in ihrer Außenpolitik. Die
Kritik der imperialistischen Politik beschränkt sich auf Unwesentliches, auf
vereinzelte Brutalitäten, auf „Exzesse‘. Man beschuldigt bisweilen das
Außenministerium, daß es unzulässigen Einflüssen unterworfen gewesen sei,
Solche Kritik, die auch von kleinbürgerlichen Liberalen und Pazifisten geübt
wird, tut dem Imperialismus einen Liebesdienst. Denn danach scheint es so,
als ob nichts grundlegend Verkehrtes an dieser Politik sei. Zur Schande der
amerikanischen Arbeiterklasse muß eingestanden werden, daß der amerika-
nische Gewerkschaftsbund keine klare Haltung angesichts des brutalen An-
griffs der Regierung der Vereinigten Staaten in Nicaragua eingenommen hat.
Ebensowenig trat die A. F.of L. (Amerikanischer Gewerkschaftsbund) klar
für die sofortige, völlige und absolute Unabhängigkeit der Philippinen und
Porto Ricos ein. Sie unterstützt die Monroe-Doktrin in Latein-Amerika, so wie
sie in den Vereinigten Staaten die Sonderrechte gegen die Neger und andere
unterdrückten Gruppen fördert.

Das müssen wir wissen, um die verderbliche wirtschaftliche Grundlage
zu erkennen, die dieser Politik unterliegt. Nur auf der Basis dieser Tatsachen
        <pb n="88" />
        Manuel Gomez. 73
können wir den Kampf gegen den amerikanischen Imperialismus und den
Imperialismus im allgemeinen führen. Diesem Kampf glaube ich, sind alle
Anwesenden auf diesem Kongreß ausnahmslos und unabänderlich ergeben,

Ihr werdet sagen, daß ich ein etwas entmutigendes Bild vor Euch auf-
rolle, ein Bild, das den amerikanischen Imperialismus auf unerschütterlich
fester Grundlage ruhend zeigt. In Wirklichkeit aber ist, trotz aller Lobredner
des Imperialismus in den Reihen der Arbeiterklasse, die Wendung „Zu-
sammenarbeit der Klassen“ in Anführungszeichen zu setzen. Es gibt in Wirk-
lichkeit unter dem Kapitalismus keine Zusammenarbeit der Klassen. Privi-
legierte Gruppen der Arbeiter sind vorübergehend zum Feinde übergegangen.
Der Klassenkampf aber dauert dessenungeachtet fort. Jeden Tag sehen wir,
wie solche Betriebsgewerkschaften in kritischen Situationen zusammen-
brechen, und die Einrichtungen, die für einen bestimmten Zweck geschaffen
wurden, in ihr genaues Gegenteil verwandelt werden. Nur mit vieler Mühe
können die Flammen der Unzufriedenheit niedergehalten werden. In Groß-
britannien sehen wir, was geschieht, wenn der Imperialismus von seiner Beute
nicht mehr genügende Mengen abgeben kann.

Überdies, und das wird von vielen Genossen noch nicht genügend be-
wertet, existieren in den Vereinigten Staaten große Gruppen von Arbeitern,
Bergarbeiter, Metallarbeiter, Textilarbeiter und die Mehrzahl der Arbeiter
im Maschinenbau, die sich nicht in der privilegierten Position der amerika-
nischen Arbeiteraristokratie befinden. Ihr hört, daß die Arbeiter in gewissen
Gewerben Löhne bis zu 75 und 80 Dollar in der Woche erhalten. Aber ihr
wißt nicht, daß der ungelernte Arbeiter sogar in den blühenden Industrien
nicht mehr als 20 bis 25 in der Woche verdient. In den Textilfabriken des
Südens erhalten die Frauen zwischen 8 und 15 Dollar die Woche, und der
durchschnittliche Lohn für sogenannte ungelernte Arbeiter ist ungefähr
30 Cents die Stunde oder 16,20 Dollars für eine Woche von 54 Stunden.

Die Zahlen, die ich zitiere, entstammen dem zusammenfassenden Bericht
über die industrielle Phase in den Vereinigten Staaten, der bald vom
Internationalen Arbeitsbund veröffentlicht wird.

Millionen Arbeiter in den Vereinigten Staaten haben keinen Anteil an
dem sogenannten „amerikanischen Lebensstandard“. Sie werden im Gegen-
teil ebenso unbarmherzig ausgebeutet, wie die Arbeiter in den Kolonial-
ländern. Die Struktur des amerikanischen Imperialismus zeigt einen gefähr-
lichen Widerspruch. Die erwähnten Arbeiter sind nicht nur nicht interessiert
an den imperialistischen Unternehmen von Wall Street und Washing-
ton — die nebenbei noch eine ständige Kriegsgefahr in sich tragen —, sie
haben vielmehr verzweifelte Zusammenstöße mit der herrschenden Klasse.
Beispiele dafür sind die großen Kämpfe in der Kohlenindustrie und der
augenblickliche, sich lang hinziehende Streik der Textilarbeiter in Passaic.

Sogar die Satzungen der schwer ausgebeuteten Arbeiter, von denen ich
        <pb n="89" />
        74 Der nordamerikanische Imperialismus und die von ihm bedrohten Völker.
gerade sprach, sind in der Angabe der Ziele nicht wirklich klar. Die meisten
Arbeiter sind unorganisiert, und die organisierten Gruppen — beispielsweise
die Bergarbeiter — werden von einer Bureaukratie ausgeplündert, die bis
ins Herz korrumpiert ist. Trotzdem hat sich ein kämpferischer linker
Flügel entwickelt und breitet sich in der ganzen amerikanischen Arbeiter-
bewegung aus. Dieser selbstbewußte linke Flügel ist noch klein, wächst
aber ständig und hat bereits eine Anzahl wichtiger Erfolge zu verzeichnen.
Wir von der allamerikanischen anti-imperialistischen Liga haben unsere
größte Unterstützung in den Vereinigten Staaten bei dem kleinen linken
Flügel in der politischen und gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung ge-
funden. Das ist eine zuverlässige Unterstützung, weil sie auf Interessen be-
ruht, die absolut mit denen der kolonialen und halbkolonialen Völker identisch
sind, die der amerikanische Imperialismus unterdrückt. Unsere Bewegung
beschränkt sich nicht auf Nebenfragen. Die nationalen und nationalrevolutio-
nären Bewegungen in Latein-Amerika und im fernen Osten können auf
unsere Bewegung rechnen, sich auf uns verlassen.
Unsere Erfolge in den Vereinigten Staaten sind weniger bedeutend wie
jene, die unser Genosse von der machtvollen Minoritätsbewegung Groß-
britanniens - schilderte. Die langsame Entwicklung der amerikanischen
Arbeiterklasse hat das noch nicht ermöglicht. Aber Ihr müßt bedenken,
daß vor noch nicht langer Zeit die britischen Arbeiter sogar imperialistischer
waren, als die priviligierten Schichten der amerikanischen Arbeiterklasse
es heute sind. Die Krisis des britischen Kapitalismus hat ehemals imperia-
listisch gestimmte Arbeiter revolutioniert und ihnen gezeigt, daß ihre Interessen
bei den unterdrückten Nationen des britischen Weltreiches liegen. Wir
sehen, wie, von außen und innen angegriffen, die ganze Struktur des briti-
schen. Imperialismus zu zerbröckeln beginnt. Heute strecken Millionen briti-
scher Arbeiter ihre Hände der revolutionären chinesischen Nationalbewe-
gung entgegen und möchten das Kriegsministerium Seiner Majestät in Lon-
don zum Teufel schicken. Das ist die historische Entwicklungslinie, und
so wird es auch in den Vereinigten Staaten sein. Sobald die unterdrückten
Völker erkennen, daß der moderne Imperialismus nur ein Stadium — die
letzte Etappe — des Kapitalismus ist, werden sie auch zu der Einsicht
kommen, daß ihr sicherster, vertrauenswürdigster Verbündeter in den Ver-
einigten Staaten heute nur der relativ kleine linke Flügel der amerikanischen
Arbeiterbewegung ist. Im Hinblick auf die Schwierigkeiten der gegenwärti-
gen Situation sind unsere Erfolge in Amerika durchaus nicht gering. Wir
haben einen engen Arbeitskontakt mit den aktivsten nationalen und national-
revolutionären Elementen in ganz Latein-Amerika hergestellt. Die Sektion der
Vereinigten Staaten der allamerikanischen anti-imperialistischen Liga hat
nationale Sektionen in 11 latein-amerikanischen Ländern errichtet. In den
Vereinigten Staaten haben wir in den Gewerkschaften systematisch die Frage
        <pb n="90" />
        Manuel Gomez. 79
des Imperialismus aufgerollt. Über den ganzen Kontinent hin haben wir uns
bei verschiedenen Gelegenheiten aktiv betätigt und erfolgreiche Demonstra-
tionen gegen die Absichten des Zuckertrusts in Kuba, wie durch Verteilung
von Flugblättern unter den Soldaten, die die Stadt Panama besetzten, erzielt.
Trotzdem stehen wir erst am Anfang unserer Arbeit. Unser Zukunftspro-
gramm wird in der Resolution ausgedrückt, die die Vereinigten Staaten ge-
meinsam mit den Delegationen der verschiedenen latein-amerikanischen
Länder diesem Kongreß vorlegen. Es ist ein Programm nicht nur der Orga-
nisation, sogar nicht einmal der Organisation und Propaganda, sondern der
konkreten Aktionen gegen den Imperialismus. Die stärksten Kräfte, die der
Imperialismus bisher gegen sich selbst gezüchtet hat, sind die Nationen, die er
unterdrückt, denen er mit neuen Unterdrückungen droht. Die Zusammen-
arbeit mit diesen Bewegungen ist die erste Voraussetzung jeder anti-imperia-
listischen Bewegung in den Vereinigten Staaten. ;

Es tut mir leid, daß der Delegierte der Philippinen, der wie ich weiß,
auf dem Wege hierher ist, noch nicht angekommen ist. In den Philippinen,
wo wir eine mächtige, ja einstimmige Bewegung für die Unabhängigkeit von
den Vereinigten Staaten haben, zeigen die Führer eine Tendenz, ihre Politik
auf die Voraussetzung zu basieren, daß die Regierung der Vereinigten Staaten
ihnen ihre Unabhängigkeit freiwillig gewähren wird. Das ist ein eitler Wahn,
Das Dollarreich gibt im gegenwärtigen Zustand seiner Entwicklung nichts
freiwillig ab. Statt nach Washington für die Emanzipation der Philippinen
zu gehen, täte man gut, seine Augen dem revolutionären Kanton zuzuwenden,
das nur 620 Meilen von ihnen entfernt ist. In den Vereinigten Staaten kann
man wertvolle Verbündete nur finden, wenn man sich mit den dynamischen
Faktoren des amerikanischen Klassenkampfes verbindet. Es mag angenehmer
für die philippinischen Führer sein, sich mit „einflußreichen‘“ Politikern und
Universitätsprofessoren zu verbinden, — deren Einfluß, wenn er wirklich
vorhanden ist, sich gewöhnlich gegen die Sache der Philippinen richtet —,
als die Verbindung mit radikalen Gewerkschaftlern des linken Flügels und
den Kommunisten zu suchen. Sicherlich bleibt man dabei hochachtbar. Aber
die Respektabilität der Vertreter eines Koloniallandes bedeutet Unterwerfung
unter die Standardverhältnisverträge und Gesetze des Imperialismus. Man
kann sie.nur um den hohen Preis der Annahme des imperialistischen Zu-
standes erhalten. Wenn irgend eine der hier vertretenen nationalistischen
Bewegungen in dem Heimatlande ihres Imperialismus respektabel wird, dann
ıst sie tot.

Ich glaube im Geiste dieses Kongresses zu sprechen, wenn ich sage, daß
unsere Freunde nicht unter den Freunden des imperialistischen Kapitalismus
zu suchen sind. Die Grundlage unserer Strategie läßt sich mit den Worten
des augenblicklichen Punktes unserer Tagesordnung ausdrücken:

Zusammenarbeit zwischen den nationalen Befreiungsbewegungen in den
        <pb n="91" />
        76 Der nordamerikanische Imperialismus und die von ihm bedrohten Völker,
unterdrückten Ländern und der Arbeiter- und anti-imperialistischen Be-
wegung in den imperialistischen Ländern.

Das gilt für den Kampf gegen den amerikanischen Imperialismus und

den Imperialismus in der ganzen Welt.
Resolutionen.
Folgende Erklärungen wurden vom Kongreß angenommen:
x
Erklärung

der Delegation aller amerikanischen Länder über die Organisierung des

anti-imperialistischen Kampfes in der amerikanisch-pazifischen Region.

Die Mitglieder der Delegationen 'aus den Vereinigten Staaten, Latein-Amerika, den Phi-
lippinen und China erklären, daß. alle Arbeiter, Farmer- und fortschrittlichen. Organisationen
in den Vereinigten Staaten ihre geeinten Kräfte einsetzen müssen, um:

1. den Kampf der nationalistischen und nationalen Freiheitsbewegungen in den Ländern
unter der eisernen Ferse des amerikanischen Imperialismus zu unterstützen, indem sie fordern:

a) die sofortige, restlose und absolute Befreiung der Philippinischen Inseln und
Porto Ricos und die Anerkennung des Selbstbestimmungsrechtes für alle Kolonien
und halbkolonialen Länder,

b) die Aufhebung der ungleichen Verträge, die Panama, Cuba und andere Länder der
Karibischen Union faktisch zu Protektoraten machen,

6) die Zurücknahme der Militär- und Marinekräfte der Vereinigten Staaten aus der
Karibischen Union, aus Zentral- und Südamerika und China unter gleichzeitiger
Aufhebung aller territorialen und aller anderen Vorrechte;

2. alle Versuche der Gewaltanwendung gegen die latein-amerikanischen Nationen zu
bekämpfen;

3. den imperialistischen Charakter der Außenpolitik der Vereinigten Staaten, die unter
demokratisch-pazifistischem Deckmantel handelt, zu enthüllen und die Monroe Doctrine als
ein Prinzip des imperialistischen Angriffs gegen Latein-Amerika zu demaskieren; )

4. allen Rechtsverletzungen, die durch die Vereinigten Staaten in Haiti, Santo Domingo
usw. begangen werden, die größte Publizität zu gewähren;

5. eine intensive Propaganda gegen den Imperialismus nicht nur in der Bevölkerung der
Vereinigten Staaten, sondern auch im Heere und in der Marine, die man auffordert, nach
imperialistischen Befehlen zu handeln, durchzuführen;

6. Streiks gegen Truppen- und Munitionssendungen nach Latein-Amerika und in das
ferne Osten zu fördern und zu unterstützen;

7. die Tendenz, Latein-Amerika gegen den Imperialismus zu einigen und eine enge
Verbindung zwischen den Nationalbewegungen der Philippinischen Inseln und Chinas herzu-
stellen, auf jede Weise zu unterstützen. en

Angesichts der gegenwärtigen Angriffe der Vereinigten Staaten auf Nicaragua und
Mexiko muß gefordert werden:

‚3. in bezug auf Nicaragua:
a) die sofortige Zurückziehung der Truppen und der Marine der Vereinigten Staaten,
b) die Anerkennung der volkstümlichen Sacasa-Regierung,

c) die Annullierung aller Vorrechte, die von Nicaragua während der Zeit der mili-
tärischen Besetzung durch die Vereinigten Staaten bez. des Landstreifens zum
Bau eines Kanals erpreßt wurden. wie der Pachtverträge zur Errichtung von
Flottenstützpunkten;

2. in bezug auf Mexiko:

a) Hände weg von Mexiko! Die Sicherung der Errungenschaften der national-
revolutionären Verfassung von 1917, die Bekämpfung der diplomatischen und
        <pb n="92" />
        Resolutionen. 77
wirtschaftlichen Offensiven der Vereinigten Staaten, die im Interesse von Öl-,
Bergwerks- und Finanzmagnaten unternommen werden, um diese gegen das mexi-
kanische Volk zu unterstützen, das seinerseits die Quellen seines nationalen Reich-
tums von ausländischen Monopolbestrebungen schützen will,

b) die Anerkennung des Rechts für Mexiko in seinem Kampfe gegen den Yankee-
Imperialismus, die Unterstützung anderer latein-amerikanischer Staaten zu ver-
langen, bzw. ihnen Mexikos Unterstützung zuzusagen.

Wir fordern die amerikanischen Arbeiterorganisationen auf, besonders jene, die mit
der Arbeiterbewegung Nicaraguas und Mexikos verbunden sind, eine Bewegung zu einer Er-
zielung einer Streikaktion in den Vereinigten Staaten einzuleiten, wenn die Militärkräfte
aus Nicaragua nicht zurückgezogen werden sollten.

IL.
Erklärung

zur Lage und über die gegen den amerikanischen Imperialismus

notwendigen Kampfmaßnanmen,

In Amerika zeigt sich das steigende nationalrevolutionäre Bewußtsein in einem sich
verschärfenden Kampf gegen den Imperialismus. Alle fortschrittlichen Kräfte vereinigen
sich gegen den Yankee-Imperialismus, der durch wirtschaftliche und politische Durch-
dringung die Lebensverhältnisse in den südamerikanischen Ländern verschlechtert und die
Unabhängigkeit der latein-amerikanischen Nationen auf das schwerste bedroht.

Seit dem Krieg 1914 haben die Vereinigten Staaten — gestärkt durch die ausdrück-
liche Anerkennung der Monroe Doctrine im Völkerbundsvertrag — die politische Vurch-
dringung der latein-amerikanischen Länder dadurch intensiver gestaltet, daß sie sich aller
‚wichtigen. Rohstoffguellen in Süd- und Zentralamerika bemächtigten und dadurch die meisten
Länder des amerikanischen Kontinents in ihrer Entwicklung hemmten. Der Yankee-Imperi-
alismus verdreifachte das in der Vorkriegszeit in Latein-Amerika angelegte Kapital. Seine
gegenwärtige Kapitalsanlagen machen 40%/g des im Weltmalsstab angelegten Gesamtkapitals
aus. Der englische Imperialismus zieht sich indessen nach und nach vor dem Yankee-Imperia-
lismus zurück.

Der in;perialistische Druck lastet am schwersten auf Mexiko, Nicaragua, Panama und
Haiti. In Mexiko befolgt der Yankee-Imperialismus die Taktik der ständigen Drohung mit
‚einer militärischen Intervention und will dadurch das mexikanische Volk in der Erreichung
revolutionärer Ziele verhindern. Die Bundesgenossen des amerikanischen Imperialismus sind
gewisse kirchliche und Großgrundbesitzer-Gruppen, die sich durch die Verfassung von 1917
in ihren Interessen bedroht fühlen und der nationalen Befreiungsbewegung eine ständige
‚Opposition entgegensetzen.

In Nicaragua unterhalten die Vereinigten Staaten, gegen die Grundsätze des Washing-
toner Vertrages, eine verfassungswidrige Regierung trotz des Widerstandes der Bevölkerung.
Sie blockieren die Küsten von Nicaragua und senden Truppen dorthin, um den Sieg der
Revolution zu verhindern. Um diese Okkupation zu begründen, gibt man vor, dalß das
Leben und Rechte der amerikanischen Staatsbürger geschützt werden müssen. In Wirk-
lichkeit aber unterwirft man hier ein freies Volk, um die amerikanische Oberhoheit für
die Zone eines neuen zwei Ozeane verbindenden Kanals zu sichern.

Das von Kolumbien abgetrennte Panama unterliegt heute einem aufgezwungenen Ver-
trag, der ihm die letzten Reste der nationalen Souveränität nimmt.

Das Volk von Haiti bleibt im Joch eines amerikanischen „„Protektorats‘, nachdem man
während einer militärischen Besetzung Tausende von Bürgern hingemordet hat.

Latein-Amerika kann in Bezug auf amerikanischen Imperialismus in. vier große Re-
gionen eingeteilt werden:

ı. Die karibische Region, die Mexiko, Zentralamerika, Panama und die Antillen umfaßt,
ist nicht nur wirtschaftlich, sondern auch militärisch und strategisch — vom Standpunkt
neuer Kanalbauten und Flottenstützpunkte — dem amerikanischen Imperialismus wichtig.

In dieser Region hat sich der Imperialismus von der Taktik der Verträge und diplo-
matischen Aktionen fortentwickelt und betreibt offene, militärische Aktionen.
        <pb n="93" />
        78 Der nordamerikanische Imperialismus und die von ihm bedrohten Völker,

Die 2. Region, die Region. der sogenannten Republiken von Bolivar, die von Venezuela,
Kolumbien, Ecuador, Peru und Bolivien gebildet wird, befindet sich noch im Stadium der
Anleihen und aufgezwungenen Verträge. Der Imperialismus unterstützt hier direkt oder in-
direkt verschiedene Diktatoren, die ihre Länder im Auftrage des amerikanischen Imperialis-
mus versklaven.

Die 3. Region wird durch jene Länder gebildet, in denen die wirtschaftlichen Kräfte
bereits eine größere Entwicklung zeigen. Dies ist die Region der La Plata-Republiken und
von Chile. In diesen Ländern hat sich der englische Imperialismus eine große Einflußsphäre
zu erhalten gewußt.

Auch die Entwicklung des Industriekapitals ist hier fortgeschrittener als in anderen
südamerikanischen Ländern.

Die 4. Region wird durch Brasilien gebildet, das ganz besondere wirtschaftliche,
politische und gesellschaftliche Verhältnisse aufweist.

Am Ende des 19. Jahrhunderts änderten die Vereinigten Staaten ihre Politik. Sie be-
mächtigten sich der großen Naturreichtümer Latein-Amerikas, der Rohstoffquellen, der
verschiedenen Produktionsmittel und der Transportwege zu Wasser und zu Land. Gleich-
zeitig legten die Vereinigten Staaten große Kapitalien in den Industrien an. Sie errichteten
überall Filialen ihrer mächtigsten Banken, die den latein-amerikanischen Regierungen An-
leihen gewährten, deren Bedingungen ihnen die Verpfändung der Souveränität der latein-
amerikanischen Völker eintrugen. Diese Aktion der wirtschaftlichen Durchdringung verhalf
dem Imperialismus zur politischen Beherrschung der in Betracht kommenden Gebiete.

Cuba zwingt der Imperialismus das Emmienda-Platt-Gesetz und die Diktatur des Generals
Machado auf, der die Führer der Arbeiterbewegung systematisch ausrottet, ihre Organi-
sationen auflöst und alle Verfassungsgarantien aufhebt. Porto Rico und die Philippinen
werden durch Militärgouverneure regiert. Die Verträge mit Santo Domingo und Haitı
bringen diese in eine ähnliche Lage wie Cuba. In Zentralamerika hat der Bryan-Chamorro-
Vertrag verfassungswidrig einen Teil des nicaraguaschen Landes abgetrennt und die Ver-
einigten Staaten unter gleichzeitiger Verletzung der Souveränität von Honduras, Costa Rica
und san Salvador zum Bau eines neuen Kanals ermächtigt. Aber wenn die Vereinigten Staaten
um die politische Kontrolle verschiedener Länder kämpfen mußten, wurde ihnen dies in
anderen Ländern durch die von ihnen unterstützten Diktatoren, die innerpolitisch Groß-
grundbesitzerinteressen darstellten, erspart.

In Peru unterstützen sie Leguia, der alle fortschrittlich gesinnten Elemente verfolgt.
Im gegenwärtigen Konflikt Tacna-Arica waren sie bestrebt, den latenten Konflikt zwischen
den latein-amerikanischen Ländern aufrechtzuerhalten und ihre Einflußsphäre zu erweitern.

Die imperialistische Durchdringung hat durch die Konzentration des Agrarbesitzes
in allen diesen Ländern das Problem der Eingeborenen und der Neger, die die übergroße
Mehrheit der Landbevölkerung ausmachen, noch verschärft.

Als Mittel ihrer imperialistischen Expansion gebrauchten die Vereinigten Staaten die
Pan-amerikanische Union. Die politischen und wissenschaftlichen Kongresse, die von der
Pan-amerikanischen Union einberufen werden, sind nur imperialistische Manöver. Diese
Tatsache muß mit allem Nachdruck den nordamerikanischen Arbeiterorganisationen mit-
geteilt werden, um eine aktivere und wirkungsvollere Bewegung gegen den imperialistischen
Kapitalismus der Vereinigten Staaten zu organisieren. Nur unter Teilnahme der entschei-

denden großen Massen des amerikanischen Proletariats kann ein Wirkliches Einvernehmen
der großen produktiven Kräfte der Vereinigten Staaten und Latein-Amerikas zustandege-
bracht werden.

Da die Regierungen unter dem Einfluß des amerikanischen Imperialismus nicht mehr in
der Lage sind, ihre Funktionen durchzuführen, sendet das amerikanische Großkapital
Missionen in die verschiedenen Länder, um die Finanzen, das Unterrichtswesen usw. zu
organisieren. Gegen all diese Manöver kann man die Grundlagen eines anti-imperialistischen
Kampfes in den Arbeiter- und Bauernmassen finden, die, wie in China, durch kollektive
große Bewegungen, Boykotte und Aufstände aller Art eine wirkungsvolle Bekämpfung des
Imperialismus einzuleiten in der Lage sind. Da aber das Problem des Imperialismus mit
dem Problem des Kapitalismus überhaupt identisch ist, ist es notwendig, daß alle fort-
schrittlichen Elemente sich für diesen Kampf interessieren. Die Intellektuellen, Studenten,
die Mittelklasse, die durch die ökonomische und politische Durchdringung des Imperialismus
        <pb n="94" />
        Resolutionen. 79
auf das tiefste betroffen sind, müssen einen aktiven Teil der Abwehrbewegungen mit
übernehmen.

Der anti-imperialistische Kampf erfordert die Einheit aller sozialen Kräfte in den unter-
drückten Ländern, die sich mit jenen gegnerischen Elementen verbinden müssen, die dem
Imperialismus innerhalb seiner eigenen Landesgrenzen erwachsen. Die Arbeiter, die die
Massen für die Armeen und Okkupationsheere abgeben und durch die gleichen Feinde ausge-
beutet werden, die liberalen Intellektuellen und die unterdrückten Massen (Neger, Gelbe)
sind innerhalb der Vereinigten Staaten die Verbündeten der nationalrevolutionären
Bewegung.

Auch die anderen großen Völker, die gegen den Imperialismus kämpfen, u. a. China,
Indien und Ägypten, führen gegen den gemeinsamen Feind den Kampf. Sie führen ihn
gegen einen Feind, der andererseits in den imperialistischen Ländern selbst durch organi-
sierte Widerstände gegen den Krieg und gegen die Interventionspolitik bekämpft wird.

Alle diese Faktoren halfen der nationalen Freiheitsbewegung Latein-Amerikas.

Das Beispiel der Union der sozialistischen Sowjet-Republiken, wie dies allseitig anerkannt
wird, zeigt ganz klar, wie diese Volkskräfte sich auf Grund der Gleichberechtigung ver-
binden und wie sie ihre eigene Wirtschaft einrichten können, ohne dabei einer imperialisti-
schen Durchdringung zu unterliegen.

Eine praktische anti-imperialistische Aktion muß in Anbetracht der Gesamtlage auf
folgende Fundamente aufgebaut werden:

1. Die Einheitsfront aller anti-imperialistischen Kräfte, Arbeiterorganisationen, Ver-
bände der Bauern, Studenten, Intellektuellen usw. ist in erster Linie die notwendigste Vor-
aussetzung des Kampfes;

2. Darüber hinaus müssen die anti-imperialistischen Kräfte die politische und wirt-
schaftliche Union Latein-Amerikas anstreben. Diese Vereinheitlichung kann durch die Ver-
bindung gewisser Regionen nach amerikanischem Muster begonnen werden;

3. Die Vergesellschaftlichung der Bergwerks- und anderer großer Industrien, die durch
die Imperialisten monopolisiert worden sind, die Aufteilung des Bodens unter die Bauern-
schaft sind die mächtigsten Waffen zur Niederkämpfung der Positionen des Imperialismus;

4. Die Bewegung muß sich die absolute Befreiung aller Kolonien, wie Porto Rico und
die Philippinen usw. zum Ziel setzen;

5. Es muß um die Beseitigung und Revision aller Verträge und Vereinbarungen ge-
kämpft werden, die die Souveränität der latein-amerikanischen Länder verletzen, wie das
Emmienda-Platt-Gesetz, die Verträge von Bryan-Chamorro, sowie die mit Panama, Haiti
und Santo Domingo abgeschlossenen Vereinbarungen;

6. Es muß die Zurückziehung der amerikanıschen Truppen aus Nicaragua, Haiti sowie
die Aufhebung des Belagerungszustandes in Haiti gefordert werden. Die absolute Unab-
hängigkeit des Gebietes von Panama, die als eine Bedingung für den freien Verkehr aller
Nationen im Kanal angesehen werden kann, muß mit allem Nachdruck gefordert werden.
Desgleichen ist der Sturz der Diktaturen in Latein-Amerika zur Beseitigung der Macht-
positionen des Imperialismus unerläßlich;

7. Der Kampf gegen das diktatorische Regiment der versklayvten latein-amerikanischen
Staaten bedeutet gleichzeitig den Kampf gegen den Yankee-Imperialismus.

Resolution über den nordamerikanischen Imperialismus.
Vorgeschlagen von der „American Liberties Union‘.
(Siehe Anhang B.)

NT
        <pb n="95" />
        /

Der Freiheitskampf Agyptens
und der arabischen Völker.
Das Mitglied des ägyptischen Parlaments, Vorsitzender der Nationalpartei
Mohammed Hafiz Bey Ramadan (Agypten).
führt dazu einleitend aus:
I* bin besonders glücklich, daß ich Ihrer Einladung zum internationalen
_ Kongreß gegen koloniale Unterdrückung und Imperialismus Folge
leisten konnte.

Die Benennung des Kongresses ist an und für sich schon ein Programm;
ein „klares Programm von Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Wahrheit.

Was an dieser Versammlung von Vertretern so mancher Völker am
meisten auffällt, ist vielleicht weniger das sofortige Ziel, für welches wir
uns versammelt haben, als das Gefühl, das uns die Eingebung gegeben hat,
uns zu vereinigen,

Dieser Kongreß hat keinen offiziellen Charakter, sofern wir in Betracht
ziehen, daß er von keiner Kolonialregierung einberufen wurde. Wie könnte
man auch verstehen, daß die Regierungen die Verantwortung auf sich näh-
men, je einen solchen Kongreß gegen koloniale Unterdrückung und Imperia-
lismus offiziell einzuberufen, da diese Fragen doch gerade den Kern ihrer
Politik darstellen.

Und trotzdem hat der Kongreß nach meinem Begriffe einen hundertfach
stärkeren offiziellen Charakter, da er der internationale Willensausdruck
der verschiedensten Völker ist.

Ist es nicht bewundernswert, daß durch ihre Vergangenheit, Sitten, Tra-
ditionen und Rassen so verschiedene Nationen, daß durch Zeit und Raum
so getrennte Völker hier in einer Ideengemeinschaft gleichen Willens und
gleicher Hoffnung vereinigt sind?

Sie müssen schon lebhaft gefühlt haben, daß die Stunde gekommen ist,
in geschlossenen Reihen eine Politik zu bekämpfen, deren Joch uns alle hier
erstickt. Die Vertreter der Völker mit imperialistischen Regierungen, wie der
        <pb n="96" />
        Hafiz Ramadan Bey
Delegierter Ägyptens, Mitglied des Parlaments
Vorsitzender der Agyptischen Nationalpartei
        <pb n="97" />
        <pb n="98" />
        Mohammed Hafız Bey Ramadan. 81
Völker, die Opfer dieses Imperialismus sind, werden hier von der gleichen
Idee geleitet, daß das höchste Interesse aller Völker darin besteht, an der
Weltbefreiung mitzuarbeiten.

Wir stellen hier eine Art Völkerbund dar, der jedoch, entgegen jenem
Völkerbund, der, wie die Erfahrung beweist, nur Regierungen und Teilinter-
essen vertritt, wirklich Nationen und allgemeine Interessen vertritt.

Es ist nicht gewiß, daß eine gerechte Idee sich sofort durchsetzt. Das hai
nichts zu sagen; früher oder später wird sie doch recht bekommen. Wie
viele gute Ideen schienen nicht anfänglich nur Utopien zu sein. Der Lauf der
Jahre hat diese Utopien in Wirklichkeiten verwandelt, Wirklichkeiten, von
denen wir uns nicht einmal mehr erinnern, daß sie einmal so heftig bekämpft
wurden, wie heute in imperialistischen Kreisen die Ideen bekämpft werden,
die die Ursache dieses Kongresses bilden.

Die Ideen haben das für sich, daß sie ewig, während die Menschen ver-
gänglich sind. Es ist ihre große Kraft, die es ermöglicht, mehr noch auf die
Evolution zu zählen, als auf die Revolutionen. Die Revolutionen sind die Ar-
beit der Menschen, die Evolution erfolgt durch den Geist.

Als Ägypter, einem Lande angehörend, das noch dem Joche des Im-
perialismus unterworfen ist, erhoffe ich mehr von der Idee, als von der Ge-
walt, mehr von der Evolution, als von der Revolution, weil der Triumph der
Ideen absolut ist, während der Erfolg der Revolutionen leicht durch den Er-
folg der Konterrevolutionen vernichtet werden kann. =

Ägypten wurde im Jahre 1882 ungesetzlicherweise durch britische Streit-
kräfte besetzt. Es ist dies ein Stück Geschichte, an das nicht mehr erinnert
zu werden braucht. Inzwischen sind jedoch große Ereignisse vor sich ge-
gangen. Das ägyptische Volk hat sich gegen den Imperialismus, der es unter
sein Joch beugte, erhoben. Es hat unablässig für seine Unabhängigkeit ge-
arbeitet und gekämpft. D. h., es hat gekämpft, um die Ausübung seiner na-
türlichen Rechte zu erreichen. Nach mehreren Jahren des Kampfes und der
Opfer geruhte der Imperialismus ihm die Etikette einer Unabhängigkeit zu
geben. Bleibt doch Großbritannien heute, wie im Jahre 1882, mit der Waffe
in der Faust in Ägypten, nicht, um für eine angebliche Sicherheit zu wachen,
die nie in Gefahr war, sondern um die lebenswichtigsten Interessen Ägyp-
tens seinen selbst unwichtigeren Interessen unterzuordnen. |

Wir sind vielleicht das berühmteste Beispiel der Untaten der kolonialen
Unterdrückung und des Imperialismus.

Ah! Die Sophismen fehlen den englischen Imperialisten nicht, um die
ungesetzliche Besetzung zu vertuschen und sie vor den fremden Regierungen
als eine internationale Polizeimaßnahme darzustellen. Natürlich ist hier weder
der Ort noch der Augenblick, um für eine Sache zu plädieren, die in den
Augen des Kongresses im voraus als gewonnen gilt. Was verlangt eigentlich
Ägypten? Eine wahre Freiheit, eine wirkliche Unabhängigkeit. Es verlangt,

Das Flammenzeichen vom Palais Egmont. R
        <pb n="99" />
        I Der Freiheitskampf Ägyptens und der arabischen Völker,

daß England seine wiederholten Versprechungen, Ägypten zu evakuieren, er-
fülle. Es verlangt auch für die Sicherheit aller Mächte, zur Beruhigung der
daran interessierten Teile der Welt, daß der Suezkanal in keinem Augen-
blicke, und vor allem in Kriegszeiten, eine Waffe in der Hand einer fremden
Macht gegen die andere sei. Es verlangt, daß ein internationales Statut diese
Neutralität des Kanals proklamiert, an die schon vor uns gewisse Großmächte
gedacht haben, bevor sie der geheimnisvollen Vormundschaft unterworfen
waren, die augenblicklich die Regierungen der stolzesten Völker unter ihr
Gesetz beugt.

Die Nöte der Welt kommen zweifelsohne von dem Imperialismus und
seinen verschiedenen Auswirkungen auf allen Gebieten. Die Reaktionen er-
folgen je nach dem Temperament der Völker, die darunter zu leiden haben,
hier in extremer Form, dort in nationalistischer Form, anderswo wieder in
fremden Hirngespinsten. Unterschätzen wir nicht diese unvermeidlichen
Folgen.

Ich maße mir nicht an, in einigen Worten das Bild eines der bewegtesten
psychologischen Momente der Geschichte der Völker darzustellen. Was je-
doch Ägypten anbelangt, so kann ich mir erlauben, und das gehört übrigens
zu meiner Aufgabe, zu behaupten, daß sein Nationalismus nichts Angrei-
fendes noch Reaktionäres an sich hat. Er ist eigentlich nur die wissenschaft-
liche Bestätigung der Wahrheit, daß der Zustand der Sklaverei der stärkste
Feind des Fortschrittes ist.

Wenn die Ägypter Nationalisten sind, so nur, weil das die für sie einzige
Form ist, um ihre Freiheit und ihre Unabhängigkeit fordern zu können.
Sie sind nicht Nationalisten gegen die Ausländer; sie sind Nationalisten gegen
den Imperialismus. Sie wissen übrigens, daß in der Epoche, in der wir
leben, die Solidarität der Völker die Bedingung sine qua non der Freiheit
aller ist, und daß im Interesse aller ein gutes universelles Verständnis not-
wendig ist.

So führt der Nationalismus auf einem Umweg, der nichts Unerwartetes
an sich hat, aus dem, was an ihm am subjektivsten ist, fortschreitend zur
Annahme der objektivsten internationalistischen Prinzipien.

Der internationale Verband gegen kolomale Unterdrückung und Imperia-
lismus hält heute seinen ersten Kongreß ab. Wir sind nicht so naiv, zu
hoffen, daß er sofort ein voller Erfolg sein wird. Aber er hat uns zu-
sammengebracht. Er hat die Vertreter der Völker einander näher gebracht.
Er hat diesen Völkern die Gelegenheit gegeben, ihre wahren Gedanken zum
Ausdruck zu bringen. An der Schwelle des Werkes, dem wir uns weihen wol-
len, ist es notwendig, daß ein heiliger Vertrag uns vereinige, daß ein feier-
licher Schwur getan werde, und daß wir es als unsere Ehre betrachten, jeder
bei sich im Lande an der Befreiung der Völker und an der zweifelsohne
langsamen, doch notwendigen Schaffung eines Gleichgewichtes zu arbeiten,

8
        <pb n="100" />
        Mazhar Bey el Bakri. ;
eines Gleichgewichtes, in welchem sich niemand mehr bedroht fühlt, und 4
wo jeder für alle wird nützlich sein können. =

Bilden wir ein permanentes Bureau und eine permanente Organisation,
um den Imperialismus immer zu bekämpfen.

Als Delegierter des syrischen Aufstandskomitees spricht

Mazhar Bey el Bakri (Syrien).
Siem ist ein Land, das durch seine geographische Lage, durch

Rasse, Sprache, Gebräuche und Überlieferungen eine bemerkenswerte
nationale Einheit darstellt, die die Voraussetzung seiner politischen For-
derungen ist.

Vom Beginn des großen Weltkrieges 1914 an, hat man laut das Selbst-
bestimmungsrecht der Völker proklamiert. Die Syrier, die sich bis dahin in
der Kategorie der unterdrückten Völker befanden, unternahmen daraufhin
ihre Befreiungsaktion. Aber gleich nach der Beendigung dieses Krieges ent-
faltete man bei ihnen eine Propaganda, die sie spalten sollte, um sie besser
ausbeuten zu können. Das tat man, statt ihnen zu helfen und die feierlich
gemachten Versprechungen durchzuführen.

1919 und 1920 haben sie unaufhörlich auf politischen Kongressen an
diese Versprechungen erinnert. Aber sie stießen auf den festen Willen, in
Syrien die Kolonialpolitik fortzusetzen. Da verloren die Syrier jede Illusion
über die wahren Absichten des Völkerbundes, der nur eingesetzt ist, um die
Vernichtung der schwachen Völker zu legalisieren. Sie erkannten klar die
Absichten Frankreichs, von dem man als von einer humanen und emanzir-
pierten Nation spricht.

Im März 1920 vereinigten sich alle Syrier ohne Unterschied der Rich-
tungen auf einem Kongreß, und proklamierten dort die absolute Unab-
hängigkeit des Landes.

Der französische Imperialismus schickte eiligst 70000 Soldaten zu uns,
die unter dem Kommando des Generals Gouraud gewaltsam in Damaskus
eindrangen.

Da das syrische Volk niemals vor einem Unterdrückungsversuch kapi-
tuliert hat, erlebten die Franzosen eine Revolte nach der anderen, von denen
die der Djebeldrusen noch andauert und sich über ganz Syrien ausge-
dehnt hat.

Diese Aufstände verfolgen alle das gleiche Ziel, nämlich: die Erringung
des Selbstbestimmungsrechtes, auf das Syrien einen Anspruch hat durch
Seine geographische Lage und seine Zivilisation.

83
G*
        <pb n="101" />
        Der Freiheitskampf Ägyptens und der arabischen Völker.

Das syrische Volk weiß aus Erfahrung, daß der französische Imperia-
lismus folgende Ziele verfolgt:

1. Die geographische Einheit Syriens zu zerreißen;

2. unsere politische Einheit zu vernichten;

3. seine eigenen kommerziellen Ziele zu verfolgen und in Konkurrenz
zu der einheimischen Handarbeit eine ausländische bei uns einzu-
führen. Ferner tiefe Spaltungen hervorzurufen durch Schaffung gegen-
sätzlicher religiöser Gruppen, die die nationale Einheit des syrischen
Volkes zerreißen sollen.

Um die Syrier in ihrem eigenen Lande zu Fremden zu machen und nach
Belieben genügend Elemente zur Unterdrückung bereit zu haben, hat Frank-
reich den Armeniern Syrien erschlossen. Während der französische Imperia-
lismus die Vernichtung derer betreibt, die die Unabhängigkeit fordern, in-
stalliert er diese fremden, parasitären Elemente, die ihm Hilfsdienste
leisten sollen.

Das Bombardement von Damaskus ist und wird noch für lange Zeit das
schmerzlichste Ereignis sein in dem Kampfe, den das heroische Syrien ge-
liefert hat. Während 60 Stunden fielen Granaten und Brandbomben in die
Stadt. Man zielte auf die Moscheen, die Kirchen, die Asyle, die Schulen, die
Museen und die Handelsgebäude. Wohnhäuser stürzten über ihren fried-
lichen Einwohnern zusammen.

Die Tanks fuhren durch die Stadt. In Häusern, die durch Brandbomben
entzündet waren, schloß man die Familien ein. Frauen wurden zu grausam
mißbrauchten Opfern. Man vergewaltigte und mordete sie. 115 Kinder
unter 5 Jahren wurden getötet.

Um die Beendigung des Bombardements zu erreichen, mußte die Stadt
einen Tribut von 100000 Pfund Sterling in Gold zahlen und 5000 Ge-
wehre abliefern.

70 Dörfer, die bis heute noch nicht wieder aufgerichtet sind, wurden
in der Umgegend von Damaskus vollständig zerstört. 25000 Frauen,
Greise und Kinder sind heute noch ohne Obdach und fallen dem Elend und
der Hungersnot zum Opfer. Angesichts dieser fürchterlichen Grausamkeiten
und der Profanierung, deren Opfer die historische Stadt Damaskus wurde,
ist das syrische Volk fest entschlossen, den Kampf ohne nachzugeben zu
Ende zu führen.

Die Entrüstung, welche das Bombardement von Damaskus in der ganzen
Welt hervorgerufen hat, läßt es zu einem Wahrzeichen werden und zeigt,
wohin der Mißbrauch der materiellen brutalen Gewalt führen kann.

Aber ohne jemals das zu vergessen, was gewesen ist, haben wir doch den
festen Glauben, daß der Tag nahe ist, an dem die geopferten Völker das
Morgenrot der Befreiung sehen werden. Darum bin ich glücklich, diesem
Kongreß den rückhaltlosen Anschluß und die wirksame Mitarbeit des sy-

84
        <pb n="102" />
        Itzchaki. 85
rischen Volkes erklären zu dürfen, das sich in unablässiger Revolte gegen
seine Unterdrücker befindet.

Den Organisatoren dieses Kongresses und den Vertretern der andern
Völker möchte ich sagen, daß das syrische Volk, während es für sich kämpft,
die tiefe Überzeugung hat, für die Befreiung aller zu kämpfen.

Ich überbringe der revolutionären chinesischen Arbeiterbewegung die
Grüße des syrischen Volkes und unsere heißesten Wünsche für den end-
gültigen Sieg der Sache der Kuomintang. Auch den Arbeitern und Bauern
Frankreichs und aller anderen Länder der Welt, die bereit sind, unsere
Befreiungsaktion zu unterstützen, überbringe ich im Namen des syrischen
Volkes den Ausdruck seiner tiefsten Dankbarkeit. Wir schöpfen Kraft aus
den Sympathien, die wir überall finden, und die besonders zum Zustande-
kommen dieses Kongresses geführt haben, die Kraft, noch weiter das Werk
zu verfolgen, für das so viele wertvolle Menschen kämpfend gefallen sind, die
Kraft, unsere Toten zu rächen, unsere zerstörten Dörfer und unsere entweihte
Hauptstadt.

Es ist zwecklos, hier unsere finanziellen Opfer zu erwähnen, die schon
mehr als 20 Millionen Pfund Sterling betragen. Ihr werdet mit uns der Mei-
nung sein, daß wir durch unser reichlich vergossenes Blut, mit dem wir auch
in Zukunft nicht geizig sein werden, durch die erduldeten Leiden, durch die
erduldeten Grausamkeiten, und jene, die wir noch erleiden werden, durch den
Tod unserer intellektuellen Jugend, die sich geopfert hat, ebenso wie unser
Volk, das noch jeden Tag freudig seine nationale Pflicht erfüllt, daß wir
durch all das unsere Unabhängigkeit teuer genug erkauft haben.

Nichts wird unsern Willen, uns zu befreien, brechen können.

Wir werden diese Unabhängigkeit erreichen, denn stark in unserm Recht,
verfolgen wir es mit unserm ganzen Glauben, unserer ganzen Hartnäckigkeit,
trotz aller Hindernisse und aller Opfer.

Die Leiden des jüdischen Proletariats in Palästina beschreibt

Itzchaki (Palästina),
Delegierter der „Poale Zion“ (Jüdische Arbeiter-Partei) :
I“ Namen der Arbeiterklasse Palästinas, im Namen der in der palästinischen
Arbeiterpartei „Poale Zion“ organisierten jüdischen und arabischen Ar-
beiter, begrüße ich den Kongreß.

Die Arbeiter Palästinas haben mich delegiert, um ihren Gruß den
Helden der chinesischen Revolution und allen Delegierten der unterdrückten
Völker zu übermitteln.

Die palästinische Arbeiterklasse, die gleich Ihnen allen unter dem im-
        <pb n="103" />
        5, Der Freiheitskampf Ägyptens und der arabischen Völker.
perialistischen Druck leidet, reicht Ihnen die Hand im Kampfe gegen den
Imperialismus, denn Ihr Leiden ist das unsrige und unser Sieg wird ge-
meinschaftlich sein.

Die vorhergehenden Redner haben Ihnen ausführlich das Bild der im-
perialistischen Unterdrückung in ihrer ganzen blutgierigen Art gemalt. Wir
wollen jetzt die besonderen Formen der imperialistischen Politik in Pa-
lästina betrachten. Während in den meisten Kolonialländern die imperiali-
stische Politik durch wirtschaftliche Vorteile und die Möglichkeit, sich wirt-
schaftliche Güter (wie Rohstoffe, Absatzmärkte usw.) anzueignen, bedingt
wird, sind es in Palästina besonders Vorteile militärischer und strategischer
Art, die die wirtschaftliche Ausbeutung durch die Imperialisten bestimmen.
Diese Eigentümlichkeit tritt gerade in bezug auf unseren Freiheitskampf
deutlich hervor. Betrachten Sie nur einen Augenblick genauer den heutigen
Zustand im nahen Osten.

Im Norden überwacht die mächtige Sowjetunion die Ereignisse; im Sü-
den schreitet die große Kantonarmee siegreich vorwärts.

In Indien wächst die Erhebung der unterdrückten werktätigen Massen,
und in Ägypten entwickelt sich der Kampf zur Befreiung des Landes.

Unter diesen Umständen gewinnt Palästina, das zwischen Indien und
Ägypten liegt, eine große Bedeutung. Die englischen Imperialisten ver-
suchen, aus Palästina ihre strategische Basis zu machen, wie es die Fran-
zosen mit Syrien und der italienische Faschismus mit der Insel Rhodos macht.

Der englische Imperialismus will aus Palästina einen Waffenplatz, ein
Arsenal und einen militärischen Aufmarschweg machen, um sich den Suez-
kanal, und dadurch die Herrschaft über Indien, zu sichern.

Deshalb haben die britischen Verwaltungsmethoden den Charakter einer
militärischen Besetzung behalten, wobei zynische Intriguen oder eine Todes-
stille unbedingt die Folgen sind. Die geringsten Bewegungen achten sie als
für ihre imperialistischen Zwecke verdächtig und setzen die wichtigsten
Lebensinteressen der jüdischen und arabischen Massen in Palästina auf
das Spiel.

Die englische imperialistische Obrigkeit behält die alten, feudalen, tür-
kischen Systeme und die drückenden Steuern bei; sie fordert den Gegensatz
zwischen Juden und Arabern. Die imperialistische Regierung verspricht
einerseits den Juden politische Vorteile, um andererseits die arabische Be-
völkerung gegen diese politischen Versprechungen aufzuhetzen.

Die englische Regierung hat dem jüdischen Volke die Balfour-Dekla-
ration gegeben, und zu gleicher Zeit versprach sie, der arabischen Bevölke-
rung einen König zu geben. Alle diese Versprechungen dienen nur dem
Zweck, durch die jesuitische Politik der imperialistischen Regierung beide
Volksteile gegeneinander aufzuhetzen. Es soll laut gesagt werden, daß alle
diese Erklärungen und Versprechungen nichts wie Lügen sind. In der Tat,

6
        <pb n="104" />
        Resolutionen. 87
anstatt die jüdischen Massen, die ihre Leiden teilen mit den amerikanischen
Negern, den Newyorker Chinesen und den Hindus von Kenya, frei in Pa-
lästina immigrieren zu lassen, schließen sie für sie die Häfen des Landes.

Obendrein hat der englische Imperialismus im Jahre 192% mit Hilfe
des Generals Ball das berüchtigte antijüdische Programm in Jerusalem
und Jaffa durchgeführt. Dutzende von jüdischen Arbeitern sind getötet
worden. Der Imperialismus fürchtet die Konzentration der jüdischen Ar-
beitermassen, denn diese Massen, die eng mit den werktätigen arabischen
Massen verbunden sind, bilden eine große Macht, die schließlich die mili-
tärische Basıs des englischen Imperialismus zerstören wird.

Resolutionen.
L
Resolution über Syrien.
Vorgeschlagen von der syrischen Delegation.

Nachdem der in Brüssel vom 10. bis 15. Februar 1927 stattfindende Kongreß ‚gegen
koloniale Unterdrückung und Imperialismus den Bericht von El Bakri, des Delegierten
des syrischen Revolutionskomitees, über die politische, wirtschaftliche und militärische Lage
Syriens und über die Unterdrückung und Grausamkeiten des französischen Imperialismus in
diesem Lande entgegengenommen hat, übermittelt er den nationalrevolutionären Armeen
Syriens, die von den drei Hauptführern Sultan Pacha Attrache, Nassib Bey El Bakri und
Azzedinne Bey El-Halabi befehligt werden, seine Bewunderung und versichert ihnen die volle
Solidarität aller anderen vom Imperialismus unterdrückten Völker und des Proletariats der
Mutterstaaten.

Er mißbilligt in aller Form das barbarische Bombardement von Damaskus, das in der
Geschichte ein Akt des gemeinsten Vandalismus des französischen Militarismus bleiben wird;
er brandmarkt den systematisch organisierten Massenmord von Frauen, Greisen und Kindern,
wie die Massenhinrichtungen auf öffentlichen Plätzen und andere barbarische Strafen,
deren sich der französische Imperialismus im Namen der westlichen Zivilisation schuldig ge-
macht hat. Von den abscheulichen Verbrechen des Militarismus sollen nur zwei besonders
furchtbare Fälle angeführt werden: Die Erschießung von 50 zusammengerufenen Per-
sonen durch den Polizeirat B6jean. Die wiederholten Fälle öffentlicher Auspeitschung von
Bauern, aus denen man Geständnisse erpressen wollte und die Verwendung von Bluthunden
gegen sie.

Außer diesen Verfolgungen muß man noch die Unterdrückung der Arbeiterbewegung in
den Städten anführen: Verbot der Gewerkschaften, Einkerkerung von Streikenden, Auf-
hebung des Versammlungsrechtes, Verbannung der Führer in die Wüste Raka und auf die
Insel Rouat, und Beschießung der friedlichen Demonstrationen in den Straßen Beyrouths,

Durch ein solches Handeln hat die Mandatsmacht alle Bevölkerungsklassen Syriens und
des Libanon gegen sich aufgebracht.

Der Kongreß gegen koloniale Unterdrückung und Imperialismus erhebt folgende For-
derungen der revolutionären Bewegung und der arbeitenden Klassen der syrischen Be-
Völkerung zu den seinen:

ı. Sofortige Räumung des syrischen Gebietes von den französischen Truppen und die
Konstitution einer syrischen Nationalversammlung; .

2. Anerkennung der vollen Unabhängigkeit Syriens innerhalb seiner natürlichen Grenzen;

3. Ein auf demokratischer Grundlage konstituiertes Parlament, das über die auswärtigen
Angelegenheiten des Landes zu bestimmen hat;
        <pb n="105" />
        Der Freiheitskampf Agyptens und der arabischen Völker.

A. Allgemeines Stimmrecht; ;

5. Einführung sozialer Rechte (Gewerkschaftsrecht, Streikrecht), Bewilligung aller poli-
tischen und sozialen Freiheiten;

6. Materielle und wirksame Hilfe für die Verwundeten und die von den Gewalttätig-
keiten und Metzeleien des französischen Militarismus betroffenen Familien;

7. Die Forderung einer noch festzusetzenden Entschädigungssumme für die durch die
französische Armee in Syrien begangenen Verheerungen.

Der Kongreß erklärt sich jedoch schon jetzt mit der Forderung der syrischen Bevölke-
rung einer restlosen Amnestie für alle, die durch ihre Beteiligung am syrischen Freiheits-
kampf Gegenmaßregeln der französischen Behörden erleiden müssen, solidarisch.

Der Kongreß wird mit ganzer Macht und in all seinem Handeln den Kampf des syrischen
Volkes um seine gänzliche Befreiung, die zum Teil auch die der anderen unterdrückten
Völker und arbeitenden Massen der ganzen Welt und einen Sieg über den Imperialismus be-
deutet, unterstützen.

Der Kongreß der unterdrückten Völker, der in Brüssel im Februar 1927 stattfindet,
protestiert auf Grund des von dem syrischen Delegierten gegebenen Berichtes energisch
gegen die vom französischen Imperialismus in Syrien begangenen Grausamkeiten; er be-
trachtet die französische Okkupation Syriens als einen Angriff auf die geheiligten Rechte
eines Volkes, dessen Geschichte, Traditionen und Zivilisationsgrad ein sicherer Beweis sind,
daß es in der Lage ist, frei über sich selbst zu bestimmen; er richtet ermutigende Grüße an
die revolutionäre Bewegung Syriens und grüßt im Gefühl des zukünftigen Triumphes die ge-
meinsame Sache der unterdrückten Völker und die Befreiung der unter dem imperialistischen
Joch gebeugten arbeitenden Massen.

Resolution über Ägypten.
(Siehe Anhang B.)
Resolution über Palästina.
(Siehe Anhang B.)

88
{I
LIL
        <pb n="106" />
        VL.

Der Kampf Afrikas um seine Befreiung.
a) Südafrika.
Der Vertreter des südafrikanischen Gewerkschaftsbundes,
Daniel Colraine (Südafrikanische Union)

berichtet im Namen der Minderheitsbewegung innerhalb der Gewerkschaften
der weißen Arbeiter:
A“ Delegierter Südafrikas wünsche ich diesem Kongreß auf das herz-

lichste vollen Erfolg. Ich bringe Euch die Glückwünsche der Minori-
tätsbewegung von Südafrika, die diesen Kongreß für die Befreiung der unter-
drückten Nationen begrüßt.

Etwas hat mich tief berührt, als ich den Ansprachen der Vertreter aus
den verschiedensten Ländern der Welt lauschte; die Gleichheit der schreck-
lichen Leiden, die alle erdulden. Ich bin zu dem Schluß gekommen, daß wir
in der ganzen Welt an einer schrecklichen Krankheit leiden. Mir scheint,
daß es eine Art Krebs ist, und daß wir als Ärzte den Entschluß fassen sollten,
dieses Geschwür auszuschneiden und uns von einem so brutalen und schlim-
men Übel zu befreien, das bisher und noch jetzt die Kraft der Menschheit
zerstört, korrumpiert und vernichtet, dem Übel des Kapitalismus und Impe-
rialismus.

Südafrika ist eines der jüngsten imperialistischen Länder der Welt. Vor
weniger als 30 Jahren nahm die britische Regierung (oder die britische
Armee) Südafrika den Buren weg, und von demselben Augenblick an
übte sie ihre imperialistische Gewalt aus, um auf jede Weise, auf indu-
striellem und auf landwirtschaftlichem Gebiet, die Arbeiter aller Rassen in
Unterjochung zu halten. Die Macht der Regierung in Südafrika ist wahr-
scheinlich ebenso groß wie in China, Japan oder Indien, wenn nicht größer.
Der Imperialismus ist in Südafrika so mächtig, daß er nicht nur die Massen
vollkommen beherrscht, sondern auch die Regierung Südafrikas (seit dem
Uniongesetz), die Regierung Smuts, und ihre Arbeit bestand während jener
        <pb n="107" />
        Der Kampf Afrikas um seine Befreiung.

ı5 Jahre in nichts als Unterdrückung. Wir alle erinnern uns wohl
der vielen Schlachten, die die südafrikanischen Arbeiter gegen die
Engländer ausgefochten haben, besonders jener aus dem Jahre 1907, wo
der erste große Bergarbeiterstreik durchgekämpft wurde; an den großen
Kampf von 1913, wo man Arbeiter niederschoß und neun unserer Kame-
raden nach England deportierte. Dann folgte der größte Streik, der je in
der Geschichte Südafrikas stattgefunden hat, der von 1922. Da die weiße
Bevölkerung weniger als 2 Millionen beträgt, glaube ich mit Recht sagen zu
können, daß dieser Streik einer der größten Kämpfe war, den eine Arbeiter-
klasse je in irgendeinem Lande der Welt gewagt hat.

Stellt Euch vor, daß 20000 Arbeiter in den Goldfeldern streikten,
infolge der ausgesprochenen Politik der Bergwerkskammer, die die
Löhne der Arbeiter senkte und erklärte, daß sie nur 2000 überflüssige
Arbeiter entlassen wolle. Die Verhältnisse waren bereits so schlecht, daß
es ganz unmöglich wurde, die neuen Bedingungen anzunehmen. Das
Resultat war ein Streik von drei Monaten. Viele unserer Kameraden
wurden niedergeschossen. Es gelang uns, einen großen Kampf gegen
die Regierungskräfte zu entfesseln, und die Regierung schickte Tausende
von Soldaten mit Kanonen, Tanks und Flugzeugen nach Witwaters Rand,
um die Arbeiter niederzuschießen. In einem fünftägigen Kampf gegen
die Regierungskräfte wurden wir geschlagen und 2000 von uns wurden
verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Tribunale, die aus drei Richtern be-
standen, wurden von der Regierung eingesetzt, um uns den Prozeß zu
machen, und nach ungefähr sechs Monaten teilten die Richter der Regierung
mit, daß es nutzlos wäre, die Anträge noch weiter zu schreiben, weil es wahr-
scheinlich zwei oder drei Jahre dauern würde, bevor sie alle Fälle behandeln
könnten. Viele von uns wurden jedoch zu Gefängnisstrafen verurteilt und
manche zum Tode. Vier unserer Genossen wurden gehängt. Viele wurden
für lange Zeit ins Gefängnis gesteckt und erst bei dem Besuch des Prinzen
von Wales in Südafrika wieder freigelassen.

Die Macht des Imperialismus ist in Südafrika größer, als manche Dele-
gierte hier vielleicht wissen. Wir sind so isoliert, von allen andern Teilen
der Welt Tausende von Meilen getrennt. Die erste Tat des Imperialismus und
Kapitalismus nach dem Burenkrieg war die Einfuhr chinesischer Arbeiter
aus China in die Goldbergwerksbezirke. Die Lage der Chinesen in Südafrika,
ihre Löhne, ihre sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse sind eine Schande
in der Geschichte des Landes. Aber diese Verhältnisse sind keineswegs besser
für die Eingeborenen Südafrikas. Dieselbe Ausbeutung, wie sie die Kapita-
listen während des Aufenthalts der Chinesen in Südafrika betrieben, wird
jetzt gegenüber den Eingeborenen durchgeführt. Eingeborene aus Portu-
giesisch-Ostafrika werden importiert, um in den Bergwerken zu arbeiten. Man
erklärt, daß die Eingeborenen die Wahl haben, entweder in die Berowerks-

90
        <pb n="108" />
        Eingang zum Kongreßsaal
Im Vordergrund links: Colraine vom Südafrikanischen Gewerkschaftskongreß im
Gespräch mit Brown, Sekretär der Amsterdamer Gewerkschaftsinternationale
        <pb n="109" />
        <pb n="110" />
        Daniel Colraine. 91
bezirke zu kommen oder in ihren Territorien zu bleiben. Aber das ist nicht
wahr. Die Bergwerkskammer und die Regierung haben ihre Agenten in diesen
Bezirken, und für jeden, den sie nach Transvaal transportieren, wird dem
Agenten eine bestimmte Summe gezahlt. Die wirtschaftliche Lage der Ein-
geborenen, besonders in Transvaal und auf den Farmen, ist schrecklich. Sie
werden in großen Siedlungen zusammengetrieben und ihre Lebensverhält-
nisse sind sehr schlecht. Sie leben in einer modernen Form der Sklaverei.
Diese Arbeiter sind nur halbfrei. Sie werden zu gewissen Zeiten beurlaubt, in
ihre Territorien zurückzukehren. Unglücklicherweise ist das Verhältnis zwi-
schen den weißen Arbeitern und den Eingeborenen in Südafrika nicht so, wie
man wünschen möchte. Das Liegt zum Teil daran, daß, allgemein gesprochen,
die Eingeborenen nicht genügend geschult sind, um ihr Verhältnis zur Arbeit
zu verstehen. Die Lage der weißen Arbeiter in Südafrika ist viel schlechter,
als sie vor dem Kriege von 1914 war, weil die Kosten für den Unterhalt ge-
stiegen sind.

Die Macht der Kapitalisten und Imperialisten in Südafrika wird noch da-
durch gesteigert, daß die ganze Presse in Südafrika und Rhodesia kon-
trolliert wird. Die Politik der Imperialisten ist, die weißen und die schwarzen
Arbeiter in Südafrika gegeneinander aufzuhetzen. Sobald ein ernster Kon-
flikt entsteht, erhebt die kapitalistische Presse den Ruf, die weißen Arbeiter
seien gegen die Eingeborenen. So versuchen sie, den Spalt zwischen den
weißen und schwarzen Arbeitern zu vertiefen. Unglücklicherweise wollen
die weißen Arbeiter gegenwärtig noch nicht mit den schwarzen Arbeitern
zusammen arbeiten.

Der Einfluß, den die Bergwerkskammer auf die Regierung ausübt, ist
sehr groß. Als im Jahre 1923 die Arbeiter bei der Wahl die Nationalpartei
an die Regierung zurückschickten, hofften sie, daß der Einfluß der Berg-
werkskammer und der Kapitalisten überhaupt, in gewisser Weise einge-
schränkt werden würde. Nach drei Jahren, während deren sich die natio-
nalistische Regierung mit Mitgliedern der Arbeiterpartei zu einem Block zu-
sammenschloß, sehen wir, daß nichts erreicht worden ist, soweit es sich
um die Lage der Arbeiterklasse handelt. Wir sehen, daß Hertzog, seit er
von seinem Besuch der Imperial-Konferenz zurückkehrte, offenbar sehr
zufrieden ist, sich mit den britischen Imperialisten zu verbünden. Die
Regierung beabsichtigt, ein Gesetz einzubringen, das sich mit den bäuer-
lichen Eingeborenen befaßt. Bis jetzt sind in Südafrika gewisse Ländereien
für die Eingeborenen reserviert, und in gewissem Grade sind die Eingebore-
nen auch in der Lage, Land zu kaufen. Aber das Gesetz, welches jetzt im‘
Parlament vom Premierminister vorgelegt wird — der Premierminister ist
auch Minister für die Angelegenheiten der Eingeborenen —, nimmt den Ein-
geborenen dieses Recht, Land zu kaufen und will sie in eine Reservation hin-
einpressen, wo sie keinerlei Möglichkeiten haben, zu leben. Dadurch sollen
        <pb n="111" />
        2 Der Kampf Afrikas um seine Befreiung.
sie unter den ungerechtesten Bedingungen mehr oder weniger zu Sklaven der
Farmer gemacht werden.

Die Politik der Regierung Südafrikas zeigt eine Tendenz, den Eingebore-
nen seines Bodens zu berauben und ihn in die Städte zu bringen, und so einen
Zustrom eingeborener Arbeiter in die industriellen Zentren herbeizuführen.
Dadurch käme es zu einem Kampf um die Arbeit zu den niedrigsten Löhnen,
und das Problem der arbeitslosen weißen Arbeiter würde somit zu Tage
treten. Die Lage in Südafrika wird immer akuter. Wir sehen, daß die ein-
zige Möglichkeit zur Befreiung aus dieser Lage der Zusammenschluß der
Eingeborenen und der weißen Arbeiter Südafrikas ist. Die Probleme bei uns
sind sehr schwierig und ich brauche Euch nicht zu sagen, daß unglücklicher-
weise die große Bodenfläche Südafrikas und die Entfernung zwischen den
einzelnen Zentren die volle Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Ar-
beitergruppen äußerst schwierig macht. Wir in Südafrika leiden an dem-
selben Übel, wie China, Indien und andere Länder. Mit Stolz arbeiten wir an
diesem Kongreß mit, weil wir hoffen, daß uns dieser nicht nur die Unter-
stützung Großbritanniens, sondern auch anderer Länder der Welt gibt, um
uns endlich von dem Terror der eisernen Ferse befreien zu können, der uns
in Südafrika niederhält.

Ich brauche nur auf den Einfluß hinzuweisen, den der Imperialismus
auf die südafrikanische Regierung ausübt. Im Jahre 1920 besuchte uns
einer der größten Finanzgewaltigen der Welt: Sally Jo@l aus London. Er
kam zu uns (um Euch seine Bedeutung in Südafrika anzudeuten, erwähne
ich, daß er alle Diamantfelder in Kimberley kontrolliert). Die Diamanten-
produktion in Südafrika war so groß gewesen, daß die Preise für Diamanten
auf dem Weltmarkte gesunken waren, so daß die Kapitalisten nicht ‘die
großen Profite erhielten, die sie erwartet hatten. Deshalb ließen sie gewisse
Arbeiter in den Bergwerken in Kimberley Kurzarbeit machen, paralysierten
Kimberley zwölf Monate lang völlig und verursachten viel Armut. Bevor ich
zu dieser Konferenz fuhr, besuchte uns im November 1926 derselbe Herr.
Einige Monate vorher hatte die Regierung Südafrikas gewisse Bezirke für
das Graben nach alluvialen Diamanten in Transvaal eröffnet. Bis zum De-
zember 1926 hatten sich auf diesen Feldern ungefähr 80—100 000 Leute
zur Arbeit angesammelt. Sie waren in der Lage, sich einen anständigen
Lebensunterhalt zu verdienen und manchen ging es ganz gut. Es schien,
daß ihre Produktion während der kurzen Zeit, die sie hier arbeiteten, einen
ernsten Einfluß auf den Marktwert der Diamanten ausübte. Als aber Mister
Jo8l im November letzten Jahres nach Südafrika kam, ging er sofort vom
Schiff aus zur Regierung und erklärte ihr, daß das Graben nach allu-
vialen Diamanten aufhören müßte, weil seine Gesellschaft den Weltmarkt
kontrolliert. Zweifelsohne wird er stark genug sein, seinen Willen durchzu-
setzen, und die Diamantegräber in diesen Bezirken werden schlimmer daran

16
        <pb n="112" />
        Gumede. 30
sein als Ihr es seid, und werden wieder arbeitslos werden. Sehr wenig Unter-
stützung wird ihnen, infolge der veränderten Einstellung des Premiermi-
nisters, von der Regierung zuteil werden.

Wir leiden ebenso wie andere Länder unter der eisernen Ferse des
Imperialismus. Wir müssen ihn zerstören, und wir hoffen, daß die Be-
schlüsse, die dieser Kongreß annimmt, ein Echo in der ganzen Welt finden,
und in jedem Lande Kräfte zur Schaffung einer neuen Epoche sich regen
werden. Das ist die Botschaft, die Euch Südafrika bringt. Wir hoffen,
daß die nahe Zukunft die wirtschaftliche Sklaverei, die unser Leben gegen-
wärtig elend macht, völlig vernichten wird, so daß sie nie wieder ihr Haupt
erheben kann. Laßt uns mit allen Kräften für die Befreiung der Arbeiter
und die Errichtung eines sozialistischen Gemeinwohls arbeiten!

Für die schwarzen Arbeiter führt

Josiah Tshangana Gumede (Süd-Afrika)
Delegierter des Afrikanischen Nationalkongresses
aus:
iS freue mich, diesen Kongreß hier als ein Vertreter Südafrikas be-
grüßen zu dürfen. Über das Schicksal des weißen sowie des schwarzen
Proletariats in Südafrika habe ich Euch eine traurige Geschichte zu erzählen.
Die Gewerkschaft in Südafrika arbeitet nicht mit uns Negern zusammen.
Es herrscht in Afrika sogar ein noch größeres Rassenvorurteil als in Amerika,
denn man fürchtet z. B. in Südafrika die Erstarkung des eingeborenen
Proletariats, das sich von der Unterdrückung befreien und auf Grund seiner
überwiegenden Mehrheit die Regierung übernehmen könnte.

Um dies zu verhindern, werden die Eingeborenen nur zu den niedrigsten
Arbeiten, wie Holzhacken, Wassertragen usw., zugelassen, und ich kann Euch
versichern, daß dieses Prinzip energisch durchgeführt wird.

Südafrika ist mein Vaterland. Ich muß Euch heute Abend zu meinem Be-
dauern mitteilen, daß es für uns Neger im Lande unserer Ahnen kein Plätz-
chen gibt, das uns gehört. Im Namen der Krone Großbritanniens ist uns
alles Land abgenommen worden. Mein Volk ist aus der Heimat seiner Ur-
väter, die jetzt Farmern gehört, vertrieben worden.

In den Tagen von Kimberley, als man Arbeitskräfte bedurfte, zog man
Eingeborene heran, weil diese mittellos waren. Zur Entlohnung wurde Ihnen
nicht nur Geld, sondern auch Gewehre versprochen. Die Eingeborenen
dachten also, daß sie die Gewehre behalten könnten.

Die Gewehre sind aber zurückgefordert worden. Jenen Stämmen, die
die neuentstandene Situation nicht begriffen, schickte man gleich eine Straf-

Cr
        <pb n="113" />
        04 Der Kampf Afrikas um seine Befreiung.

expedition auf den Hals. Einer der mächtigsten Häuptlinge, Langalibalele,
wurde enteignet und ins Gefängnis geworfen, wo er elend verkam. Sein
Volk ist durch eine Meute imperialistischer Söldner jahrelang gepeinigt und
beraubt worden. Das ist Imperialismus.

Wir erinnern uns noch sehr lebhaft an den Zulukrieg. Ich bin selber
ein Zulu von Geburt und ich kann nur mit innerlichem Grauen und Wider-
streben über die Blutströme dieses furchtbaren Feldzuges erzählen. Für
diesen Krieg war selbst offiziell kein Grund vorhanden. Die Zulus waren
nach europäischer Ansicht gefährliche Nachbarn. Man sandte also Truppen
gegen sie. Wie sah dieser Krieg aus. Man könnte ihn mit der folgenden
Situation vergleichen. Es geht auf der Straße ein kleiner Junge mit einem
Stock. Du aber, mit Kanonen und Schnellfeuerwaffen bewaffnet, „erklärst
ihm den Krieg“. Das ist also kein Krieg im eigentlichen Sinne. Es ist Mord.
Wir haben niemals irgend jemanden Krieg erklärt, aber unser Volk ist er-
mordet worden. Das ist Imperialismus.

Eine große Anzahl unserer Leute sind aus Regierungs- und Kommunal-
Werken vertrieben worden, um Europäern Platz zu machen. Wir sind Sklaven
in unserem eigenen Vaterlande. Wir arbeiten auf den Bauernhöfen und können
uns selbst und unser Vieh kaum ernähren. Von vier Uhr früh bis sieben Uhr
abends arbeiten wir und fast umsonst. 5 bis 10 Schilling ist der Monatslohn,
Diejenigen die in den Bergwerken arbeiten, bekommen zwei Schilling pro
Tag. Sie graben sich in das Innere der Erde, um das Gold, womit sich
die Kapitalisten bereichern, heraufzuschaffen. In den Städten bekommen
sie 10 bis 15 Schilling und nur in Ausnahmefällen bekommen sie 2£ pro
Monat. Die Werber versprechen den Zulus viele schöne Dinge und führen sie
dann an Orte, wo die armen Leute, von Fieber oder Tuberkulose gepackt,
fern der Heimat, sterben müssen.

Im Jahre 1927 kam der „Colour Bar Act‘ heraus, wonach es dem
Schwarzen verboten ist, qualifizierte Arbeiten zu verrichten. Sogar diejenigen,
die früher Kraftwagenlenker waren und die an Maschinen arbeiteten, dürfen
dies nicht mehr. Es kamen weiße Arbeiter nach Afrika, denen es verboten ist,
mit uns zusammenzuarbeiten. Aber auch sie sind immer ärmer geworden,
und sind gezwungen auch Arbeiten der Eingeborenen zu verrichten.

Es gibt 51/, Millionen Eingeborene und ı1/, Millionen Weiße. Unserem
Volke wurden durch die „Natives Land Act‘ von 1913 40 Millionen, Acres
zugestanden, die Weißen besitzen 260 Millionen Acres. Seuchen wurden
nach Afrika hereingeschleppt, unser Vieh verreckt und wir verarmen und
müssen in die Bergwerke gehen. Unser Volk glaubt, daß dies mit Absicht ge-
schieht.

Ihr wißt doch, was ich über den Zulukrieg gesagt habe. Man sagt uns,
das Land würde den Zulus zukommen. Es ist aber keinesfalls so. Europäer
nahmen uns das Land, und wir wollen ganz Europa darauf aufmerksam

"p
        <pb n="114" />
        Resolution über Südafrika, 95
machen, daß es für diese Verhältnisse verantwortlich ist. Ich denke an
den Berliner Vertrag, als Europa damit einverstanden war, Afrika nach
Einflußsphären aufzuteilen. Ich denke an alle Versprechungen, die damals
gemacht worden sind!

Und als dann Großbritannien Südafrika besetzte, wurde die englische
Fahne als Symbol der Gerechtigkeit, Freiheit und Ehrlichkeit ausgegeben,
Bitter war uns, das Gegenteil zu erfahren. Sklaven sind wir, wir werden von
Ort zu Ort getrieben.

Wir haben nichts und können einander nur traurige Geschichten unserer
Sklaverei erzählen. Wir sehnen uns seit langem nach einem Befreier. Wir
wußten nur nicht, wo er zu finden ist.

Ich appelliere an Euch, die Ihr es Euch zur Aufgabe gestellt habt, die
Menschheit zu retten! Wenn Euch der Glaube an die Menschheit nicht fehlt,
so nehmt es ernst, was ich Euch sagte!

Es freut mich zu sagen, daß es in Südafrika auch Kommunisten gibt. Ich
selbst bin kein Kommunist, aber es ist meine Erfahrung, daß die kommu-
nistische Partei die einzige ist, die hinter uns steht und von der wir etwas
erwarten. Wir wissen, zwei Mächte sind jetzt an der Arbeit: der Imperialis-
mus und die Arbeiterrepublik in Rußland. Wir hören wenig von der
letzteren, obwohl wir gern mehr wissen möchten. Wir werden uns aber da-
für interessieren und leicht feststellen können, mit wem wir uns zu ver-
binden haben.

Die Diskussion wird mit der Annahme folgender Resolution abgeschlossen :

Resolution über Südafrika.

Wir, die unterzeichneten Delegierten der Südafrikanischen Union, legen dieser ersten
internationalen Konferenz der Arbeiter und unterdrückten Völker aller imperialistischen
Länder und Kolonien im Namen aller Arbeiter und unterdrückten Völker Südafrikas ohne
Unterschied der Rasse, Farbe oder Religion die folgende Resolution vor:

Wir fordern:

ı. Das Recht der Selbstbestimmung durch den vollständigen Sturz der kapitalistischen
und imperialistischen Herrschaft;

2. Das Recht, ausreichende Bildungsmöglichkeiten für die Entwicklung aller Völker zu
Schaffen;

3. Die Beseitigung der drückenden Steuerlast;

A. Die Abschaffung aller Kontraktarbeit;

5. Das Recht für alle Arbeiterkategorien, sich zum Zwecke ihrer wirtschaftlichen und
Sozialen Befreiung in Gewerkschaften zu organisieren;

6. Unbeschränkte Rede- und Versammlungsfreiheit für alle Arbeiter und Völker ohne
Rücksicht auf ihre Farbe oder Religion und ferner für jeden Führer oder Vertreter der
Arbeiter oder einzelnen Völker das unbeschränkte Recht, das Land im Interesse der Rechte
dieser Volksschichten zu durchreisen.
        <pb n="115" />
        Der Kampf Afrikas um seine Befreiung.

Um die gegenwärtige Phase der Weltausbeutung der kolonialen und halbkolonialen
Länder des Ostens durch den Kapitalismus und Imperialismus zu bekämpfen, die verantwort-
lich sind für die Verschlechterung der wirtschaftlichen und sozialen Lage der Arbeiter im
Westen und das gleichzeitige Vorhandensein einer um ihre Existenz kämpfenden gewaltigen
Arbeitslosenarmee, rufen wir alle Arbeiter Südafrikas ohne Unterschied der Farbe auf, die
engste Einigkeit und Arbeitersolidarität zu erstreben.

In der Erkenntnis, daß die Einigkeit aller Arbeiter ohne Rücksicht auf ihre Rasse,
Farbe oder Religion dringend notwendig ist für den erfolgreichen Kampf gegen Ausbeutung
und Imperialismus, fordert dieser Kongreß die weißen und schwarzen Arbeiter Südafrikas
auf, jenes gegenseitige Einverständnis zu erstreben, das zur Einigkeit und Solidarität der
Arbeiterklasse in ihrem eigenen Interesse und im Interesse aller anderen Arbeiter und unter-
drückten Völker der Welt führen wird.

Es lebe die Solidarität der Arbeiterklasse und der unterdrückten Völker!

Nieder mit Ausbeutung und Imperialismus!

D. Colraine; J. A. La Guma; J. Gumede.
Südafrikanische Delegierte.
b) Nordafrika.

Der Vertreter des „Nordafrikanischen Stern“ (Nationalistische Organi-

sation der Mohammedaner Tunis’, Algeriens und Marokkos)
Hadi-Ahmed Messali (Algerien)

schildert die verheerende Wirkung des französischen Imperialismus:
As Generalsekretär des „Nordafrikanischen Stern‘ überbringe ich diesem

Kongreß dessen Grüße. Gleichzeitig danke ich den Organisatoren für
ihre Initiative, diese grandiose und menschliche Initiative, welche die ver-
schiedenen unterdrückten Völker aus allen Teilen der Welt zusammenbringt,
um ihnen zu ermöglichen, angesichts der ganzen Welt ihre Leiden und
Schmerzen darzulegen.

Dieser Kongreß wird einen bedeutenden Platz in der Geschichte er-
halten. Warum? Weil er jenen,-deren Schrei unterdrückt und erstickt wird,
die Möglichkeit gibt, sich frei und offen auszusprechen.

Bevor ich Ihnen die Erklärung des ‚„Nordafrikanischen Stern“ verlese,
möchte ich bemerken, daß sie äußerst gedrängt ist, denn wenn ich hier alles
berichten wollte, was sich in Nordafrika zuträgt, so müßte ich Sie Stunden
und abermals Stunden aufhalten. Hören Sie also bitte aufmerksam der Ver-
lesung dieser Deklaration zu:

Im Namen des „Nordafrikanischen Stern‘, welcher die Eingeborenen
von Algerien, Tunis und Marokko zusammenfaßt, danken wir aus ganzem

Oß
        <pb n="116" />
        Hadj-Ahmed Messali, 97
Herzen den Organisatoren dieses Kongresses und bringen Ihnen, sowie allen
Menschen von Gewissen, die es gewagt haben, die unterdrückten Völker zu
einem wirksamen Kampf gegen den Imperialismus zusammenzubringen,
unsere heißesten Grüße dar. Das nordafrikanische Volk ist glücklich, an
diesem Kongreß teilnehmen und methodisch und hartnäckig für die absolute
Befreiung des afrikanischen Volkes, das sich seit mehr als einem Jahrhundert
unter französischer Herrschaft befindet, arbeiten zu können.

Ungefähr im Jahre 1830 ergriff Frankreich Besitz von unserem Ge-
biete, und es steht heute noch, im Jahre 1927, an derselben Stelle. Jeder
Protest gegen die Unterdrücker unserer Freiheit wird sofort durch die bru-
talsten Maßnahmen erstickt. Ein Beispiel: Als einer unserer hervorragendsten
Mitbürger, ein Enkel Abdel Kaders, des tapferen Verteidigers des algerischen
Volkes, ein paar Reformen verlangte, die vielleicht unsere üble Lage etwas
gebessert hätten, antwortete ihm die Regierung mit Einkerkerung und
Exil.

Algerien befindet sich in einem gleichen Zustand, der weit davon
entfernt ist, den sogenannten zivilisierten Mächten Ehre zu machen.
600000 Kinder laufen in den Straßen herum, weil es keine Schulen gibt,
Systematisch eliminiert man die arabische Sprache und das Recht der Ein-
geborenen, freie Schulen zu errichten.

Die Armut wütet in unserm Lande. Wir haben periodische Hungersnöte,
und jedes Jahr sterben Tausende von Eingeborenen vor Hunger und Kälte.
Jedermann hat im Jahre 1922 und 1923 und wird auch jetzt noch fest-
stellen können, wie die Eingeborenen in den städtischen Siedlungen alle
Morgen aus dem Abfall ihre Nahrungsmittel heraussuchen. Diese perio-
dische Hungersnot ist die Folge der systematischen Landenteignung der
Eingeborenen, die auch ihrer sonstigen Güter beraubt werden. Mehr und
mehr werden sie auf die Hochebene zurückgedrängt, wo der Ackerbau ihnen
nicht genügend Erträgnisse liefert, um ihren Lebensunterhalt sicherzu-
stellen. 800 000 Europäer besitzen 2 800 000 Hektar Land. Die Enteignung
des Bodens geht im Tempo von ungefähr 60 000 Hektar im Jahre: vor‘sich,
die aus den Händen ihrer eingeborenen Besitzer in die Hände der Schützlinge
des Imperialismus übergehen. Es ist noch die unerhörte Ausbeutung‘ der
landwirtschaftlichen Arbeiter hinzuzufügen. Wir sind daher überzeugt; daß
uns nur ein Mittel bleibt, nämlich uns zu vereinigen, um endlich die Be-
freiung der unterdrückten Völker zu erreichen.

In bezug auf unsere Entwicklung möchte ich sagen, daß wir die
Abkömmlinge einer alten Zivilisation sind, die.Sie-alle kennen; aber wir
Stehen keineswegs gleichgültig der durch den. modernen Fortschritt mög-
lichen Zivilisation gegenüber. Denken Sie mur.anm den Kampf, welchen
das kleine Rifvolk während 15 Monaten führen konnte. Vor der ganzen
Welt betonen wir daher unsere Fähigkeit, selber die Geschicke unseres

Das Flammenzeichen vom Palais Egmont.
        <pb n="117" />
        et Der Kampf Afrikas um seine Befreiung,
Landes zu lenken und sein politisches und wirtschaftliches Leben sicher-
zustellen. Es ist ein beliebtes Argument der Kolonisatoren, daß wir nach
Erhalt unserer Freiheit eine protektionistische Politik treiben würden.
Gegen diese Unterstellung protestieren wir. Unsere Grenzen werden denen
weit offen stehen, die bei uns arbeiten und mit uns in Frieden leben wollen,
unter der Bedingung, daß wir die politischen und wirtschaftlichen Rechte
in unserm Lande besitzen.
Unser Kampf für die Unabhängigkeit wird hart sein, um so mehr, als
die Regierung soeben die Grundlagen für ein bisher in Algerien, Tunis und
Marokko unerhörtes Militärsystem geschaffen hat. Es besteht in der Ko-
ordination und der Konzentration der Kräfte. Und mit dieser Umwandlung
werden wir in Zukunft das bizarre Schauspiel erleben, daß man die alge-
rischen Korps gegen die tunesischen Divisionen wirft. Der französische Im-
perialismus will einen Brudermord bei uns entfachen. Ich hoffe, daß der
siegreiche Kampf des chinesischen Volkes um seine Befreiung das Signal für
die Befreiung von uns allen sein wird, und ich versichere das kämpfende
chinesische Volk der Unterstützung der unterdrückten Völker. Dank der Ver-
einigung aller unterdrückten Völker und mit der Unterstützung des Welt-
proletariats hoffen wir die Zerstörung des Imperialismus zu erreichen und
eine wahrhaft menschliche Gesellschaft zu schaffen. Ich grüße die Vertreter
der Brudervölker, die hier an diesem Kongreß anwesend sind. Ich grüße von
ganzem Herzen das französische Proletariat, das uns unterstützt hat und auch
heute noch unterstützt.
Nun noch ein Wort zu Ägypten. Wir wissen, daß auch dieses Land kolo-
nisiert ist. Es ist kein unabhängiges Land, es ist ein Kolonialland. Und wenn
ich gestern auf diesem Kongreß habe sagen hören, daß Ägypten den briti-
schen Imperialismus dazu bringen will, seine „Ehrenversprechen‘“ wahr zu
machen und ihm die Proklamation seiner Unabhängigkeit zu geben, so er-
kläre ich hier sehr laut, daß der Imperialismus, und zwar nicht nur der bri-
tische, sondern der Imperialismus der ganzen Welt noch niemals eine Ehre
gehabt hat.
Daher, um nicht noch längere Kommentare anzuschließen, erkläre ich
mich in dieser Frage eins mit der von meinem Freunde Lamine Senghor ab-
gegebenen Erklärung *.
Ich beende meine Rede mit dem Rufe:
Es lebe der Sozialismus der unterdrückten Völker!
Es lebe die Sowjetrepublik, die die Welt befreit!
Es lebe die chinesische Revolution!
Es lebe der Kongreß!

* Siehe Kap. VII.

JS
        <pb n="118" />
        Chadli Ben Mustapha.
Chadli Ben Mustapha (Tunis)
spricht im Namen der Destour-Partei (National-Partei Tunis’):
1” Namen des jungen Tunis danke ich den geistigen Urhebern und Ver-
anstaltern dieses Kongresses, die den unterdrückten Völkern die Möglich-
keit gewährten, sich hier in Gestalt ihrer Abgesandten zu begegnen und —
in lebendiger Fühlungnahme — den Gleichtakt ihrer Herzen zu spüren.

Dieser Kongreß bedeutet einen Markstein in der Geschichte der leiden-
den Menschheit, einen entscheidenden Fortschritt auf dem Wege zur Mün-
digwerdung der großen menschlichen Gemeinschaften, da er heute den ver-
schiedenen Völkern die Möglichkeit gibt, sich international zu organisieren.

Als gemeinsame Grundlage aller der erschütternden Berichte, die hier
abgestattet wurden, haben wir die gleichen Methoden zügelloser Ausbeutung
entdeckt, und ohne Zögern haben wir den gleichen Gegner erkannt: den
Imperialismus. Mag er sich unter verschiedenen Decknamen maskieren, mag
er sich als die provisorische Bevormundung von angeblich rückständigen
Völkern verkleiden — immer werden wir ihn als die Vorhut des Kapitalis-
mus aufspüren und entlarven. Gegen die Verschwörung der Finanzmächte,
die über Armeen verfügen, wollen wir — die Ausgebeuteten aller Länder —
uns unsererseits zusammenschließen, mit dem stolzen Gefühl, für die Sache
unserer Länder unser ganzes Herz und unseren streitbaren Glauben ein-
zusetzen.

Wir, die wir die gleiche schmerzvolle Erinnerung an Perioden grausamer
Unterwerfung hegen, die wir — in verschiedenem Maße — das gleiche
Joch erleiden, die wir von der gleichen Begeisterung entflammt, vom gleichen
Freiheitsdrang getragen werden, haben die Notwendigkeit erkannt, unsere
Kräfte zusammenzuschließen und zu organisieren, um, kraft internationalen
Widerstandes, wirksam an unserer gemeinsamen Befreiung mitzuwirken.

In diesem Sinne begrüße ich mit tiefer Freude im Namen des jungen
Tunis die Neuordnung, die dieser Kongreß auf der Grundlage einer
wirkungsvollen Solidarität unter allen unterdrückten Völkern einsetzt, die
im offenbaren Interesse nationaler Lebenskraft entschlossen sind, eine Pha-
lanx gegen die tyrannischen Mächte des‘ verbündeten Imperialismus zu
schließen.

Mit tiefer Bewegung bringe ich den Vorkämpfern der revolutionären
Arbeiterbewegung in China den brüderlichen Gruß ihrer tunesischen Brü-
der. Jetzt aber muß ich, ehe ich Ihnen die offizielle Antwort der Nationa-
listischen Partei Tunis’ mitteile, in meiner Eigenschaft als Delegierter, die
tunesische Frage vor ihnen aufrollen:

Als Frankreich im Jahre 1881, unter dem Vorwand, dem Bey in der
Unterdrückung einer Aufstandsbewegung der Bauernmassen in Krumirien
beizustehen, bei uns einrückte, setzte es seine Unterschrift unter einen Ver-

99
        <pb n="119" />
        106% Der Kampf Afrikas um seine Befreiung.

trag, in dem es sich verpflichtete, sofort nach Wiederherstellung der Ruhe
abzuziehen. 45 Jahre sind vergangen, und Frankreich ist immer noch in un-
serem Lande. Es ist den Franzosen gelungen, in unserem vorwiegend acker-
bautreibenden Lande 700 000 Hektar fruchtbarsten Bodens in Beschlag zu
nehmen. Bei 2 800 000 Hektar bestellbaren Bodens leben 37 000 Franzosen
— mit Einschluß ihrer Familien — auf 700000 Hektar, während
2 200 000 Eingeborene sich mit 2 100 000 Hektar begnügen müssen. Dank
einer skrupellosen Diplomatie hat man diese Ländereien an sich gerissen.
Kraft besonderen Erlasses wurde die Eintragung der Ländereien verordnet,
und die Stämme, die Kollektivländereien besaßen, wurden aufgefordert, ihre
Besitztitel vorzulegen. Die einen hatten diese Rechtsbelege im Laufe ihrer
häufigen Abwanderungen bei Hungersnöten verloren; andere konnten sie zwar
vorlegen, jedoch entsprachen diese Besitztitel im Augenblick der Anwendung
nicht dem Zustande ihrer Ländereien. Die einen wie die anderen wurden von
ihren Ländereien, die Staatsdomänen wurden, vertrieben. Nach einem anderen
Erlaß sollten die Besitzurkunden einer formalen Abstempelung unterzogen
werden; für die Erfüllung dieser Formalität wurde eine Frist gesetzt. Die
Besitzer, die diese Frist verstreichen ließen, sahen sich im Besitz von Rechts-
titeln, die für nichtig erklärt wurden, und ihre Ländereien gingen an die
Staatsdomäne über.

Aus diesen Domänen sowie aus den Gütern, die jedes Jahr von der Acker-
bauverwaltung mit den Mitteln des tunesischen Budgets gekauft wurden (das
zu vier Fünfteln von Tunesiern erhoben wird), wurden Parzellen geformt, die
zur Förderung der offiziellen Kolonisation dienen sollen. Diese Parzellen
werden alle den Franzosen abgetreten, die in Tunis ihr Glück versuchen
wollen. Sie erhalten sie zu lächerlichen Preisen, die in zehn und zwanzig
Jahresraten zahlbar sind, dazu Darlehen zur Bewirtschaftung. Die französi-
schen Siedler begnügen sich im allgemeinen damit, die Güter zu sehr hohen
Preisen an Italiener zu verkaufen, und den ungeheuren Gewinn aus der
Differenz einzustecken. Während dieser Schacher in Tunis weiter geht, vege-
tieren die ursprünglichen Besitzer dieser Erde als Landarbeiter oder ver-
mehren als Nomaden die Zahl der Elenden. Unter dem Druck der lokalen
Behörden, unter der Androhung von Gefängnisstrafe werden diese ur-
sprünglichen Landbesitzer gezwungen, den Siedlern für Hungerlöhne als
Handlanger zu dienen. Man hat es noch besser ausgedacht: um diese Hand-
langer in dauernder Bereitschaft zu halten, hat man diesen Eingeborenen je
10 bis 20 Hektar unfruchtbaren Landes in nächster Nähe der Kolonisten an-
gewiesen.

Auch außerhalb der Bodenfrage sind alle Konzessionen in Tunis in fran-
zösischen Händen, und diese Konzessionen bringen reichen Ertrag. Als Bei-
spiel möchte ich die Tunesische Gesellschaft für Ackerbau und Industrie
anführen, die mit tunesischen Elementen nichts als den Namen gemeinsam

m
“|
        <pb n="120" />
        Delegierte während einer Pause im Hof des Palais Egmont
        <pb n="121" />
        <pb n="122" />
        Chadli Ben Mustapha. 101
hat. Sie wurde im Jahre 1881 mit einem Kapital von 3 000 000 Francs ge-
gründet und konnte nach einigen Jahren nicht allein ihr Kapital amortisieren,
sondern auch 6000 zinstragende Aktien und 3000 Anteilscheine verteilen.

Um freie Hand zu haben, hat die Regierung des Protektorates den Tune-
siern ihre natürlichen Rechte entzogen. Auch die Pressefreiheit wurde ihnen
entzogen. Heute duldet Tunis in dieser Hinsicht ein wahres Kasernenregi-
ment. Um die Zeitungen der Verwaltung ganz gefügig zu machen, wurden
das Delikt der bösen Absicht und der Tendenzprozeß geschaffen. Die beiden
gerichtlichen Instanzen des Einspruchs- und Apellationsgerichtes wurden auf-
gehoben.

Artikel 4 eines Erlasses vom Jahre 1926 lautet: „Mit Gefängnisstrafe
von zwei Monaten bis zu zwei Jahren und Geldbuße von 100 bis 3000 Francs
wird bestraft, wer durch Schrift, Handlung oder öffentliche Ansprachen zu
Haß und Mißachtung gegen die Herrscher, die Verwaltung des Protektorates
und die französischen und die tunesischen Beamten herausfordert. .

Artikel 2 besagt, daß Strafen verhängt werden — und hier wird das De-
likt der bösen Absicht geschaffen — „über solche, die versuchen, unter der
Bevölkerung Unzufriedenheit zu stiften, die die öffentliche Ordnung be-
droht“.

Es ist klar, daß eine Regierung, die Unruhestiftung durch den geschrie-
benen Gedanken befürchtet, Redefreiheit noch weniger dulden wird. Wenn
es ihr gelungen ist, die Presse zu knebeln, so wird sie auch die öffentlichen
Versammlungen untersagen. Wenn auch Privatvereinigungen dem Charakter
nach klar definiert und von dem Gesetzesausleger als erlaubt erklärt worden
sind, so hindert das doch nicht die Agenten der Regierung, die Privatwoh-
nungen heimzusuchen und Personen, die bei Freunden hinter geschlossenen
Türen vereinigt sind, vor die Tribunale zu schleppen, wo sie, auf die einfache
Aussage von Polizeibeamten hin, zu einer oder mehreren Geldstrafen ver-
urteilt werden.

Wenn öffentliche Versammlungen verboten sind, so folgt von selbst, daß
in Tunis das Vereinsrecht nicht anerkannt wird. Seit vielen Jahren schon
sind literarische, philosophische und wissenschaftliche Gesellschaften mit
mehr als 50 Mitgliedern nicht gestattet. Man frage sich, wie weit es mit der
so laut verkündeten Förderung des tunesischen Volkes auf dem Wege des
Fortschrittes und der Kultur gekommen ist.

Auch die Gewerkschaften sind in Tunis untersagt. Als im Jahre 1924 die
tunesischen Werftarbeiter eine Lohnerhöhung von 5 Francs auf ihren Tage-
lohn von 8—10 Francs forderten und sich zu der „Confederation Generale du
Travail Tunesienne“ zusammenschlossen, griff die französische Regierung ein,
erklärte diese C. G. T. T. für aufgelöst, überlieferte die Mitglieder des Haupt-
bureaus dieser Organisation einem Tribunal und ließ sie zu 15 Jahren Ver-
bannung verurteilen.
        <pb n="123" />
        Der Kampf Afrikas um seine Befreiung.

Neben der Bodenfrage und der Frage der Freiheiten, die Tunis nicht
besitzt, besteht noch eine militärische Frage: Der Bey allein hat das Recht,
ein Heer auszuheben, jedoch ist der französische Imperialismus immer be-
reit, rekrutierte Soldaten, wo es ihm paßt, anzuwerben. Von den rekrutierten
Soldaten werden 200 jährlich der Garde des Bey zugewiesen, die anderen
werden für die gemischten Heere angeworben und überall dorthin gesandt,
wo sie zu verwenden sind. Sie werden nach Frankreich geschickt, um die
Arbeiterbewegung zu ersticken, und überallhin, wo Frankreich zu koloni-
sieren beabsichtigt. 50000 Tunesier sind während des Weltkrieges nach
Frankreich geworfen worden. Dieser Umstand vielleicht veranlaßte den
Marechal Lyautey bei seiner Antrittsrede vor der Akademie zu jener in ihrem
Zynismus ergreifenden Phrase: „Und jene nordafrikanischen Kontingente,
die zuerst in den Feuerstrudel gerissen wurden, haben uns ebenso viele fran-
zösische Leben erspart.“

Zu dieser Stunde wissen wir, daß Frankreich sein Heer zu verstärken
gedenkt und entschlossen scheint, die Rekrutierung auszudehnen, um sein
Kolonialheer zu entwickeln.

Wo es in den Kolonien an Arbeitskraft mangelt, werden die nordafrika-
nischen Soldaten zu den öffentlichen Arbeiten herangezogen. Die Nord-
afrikaner werden also in Kriegszeiten als Soldaten verwertet, in Friedens-
zeiten aber zu Zwangsarbeit verurteilt. Eine Frage wird für uns brennend.
Wenn man in Gegenden, in denen Eisenbahnlinien gebaut werden, die Ein-
geborenen jener Länder zu dieser Arbeit verwendet, bei der sie massen-
weise zugrunde gehen, wie in Zentralafrika, wo die Eingeborenen zum
Durchbruch der Linie Brazaville—Porte Noire beschäftigt werden, fragen
wir uns mit berechtigter Besorgnis, was aus unseren nordafrikanischen
Brüdern werden soll, wenn sie dorthin gesandt werden.

Angesichts dieser beklagenswerten Sachlage, die in offenbarem Wider-
spruch zu der Rechtslage steht, habe ich die Pflicht, mit einem Wort die Art
des französischen Vorgehens zu kennzeichnen. Es hat über Tunis ein poli-
tisches Regiment besondere Unterdrückung verhängt, obgleich in der Formu-
lierung des Protektorates die Bestimmung beschlossen liegt, daß die Pro-
tektorats-Regierung sich mit einer Kontrollgewalt begnügen und dem be-
schützten Lande die Selbstverwaltung lassen soll. Mittels diplomatischer
Intrigen, mittels einer Einschüchterungs- und Bestechungspolitik lenkt der
Generalgouverneur die Lokalregierungen von oben, ja, verdrängt sie in der
Mehrzahl der Fälle ganz.

Umgeben von französischen Beamten, arbeiten die tunesischen Minister
nicht anders als Automaten, die alles, was man ihnen vorlegt, unterzeichnen,
und ihr Gehalt einstecken.

Die Kaids in den Provinzen sind zu Steuereinnehmern und Sicherheits-
polizisten herabgedrückt worden und allzusehr davon in Anspruch ge-

1092
        <pb n="124" />
        Chadli Ben Mustapha. 103
nommen, die Beduinen auszupressen, um wahrnehmen zu können, daß sie
in Wirklichkeit nur die Knechte der Zivilkontrolleure sind.

Außer dieser Regierung hat man Tunis eine karikaturhafte Vertretung
gewährt. Im Großen Rat bilden 18 Tunesier die Vertretung von 2 200 000
Eingeborenen, während 44 Franzosen von 54000 ihrer Landsleute ab-
delegiert werden. Dieser Große Rat, der beschränkte Budgetbefugnisse hat,
umfaßt also inmitten einer Majorität erwählter Franzosen auch einige
Tunesier, die von der Regierung ernannt oder von ihr aus einer bestimmten
Bevölkerungskategorie zur Wahl vorgeschrieben wurden.

In den Verwaltungsämtern werden auch jene Dekretentwürfe geschmie-
det, denen die Unterschrift des Herrschers Gesetzeskraft leiht.

Die Häupter dieser Verwaltung, die legislative und exekutive Gewalt be-
sitzen, sind zwiefach jeder Verantwortung entzogen. Als Franzosen sind sie
der tunesischen Regierung keine Verantwortung schuldig, als Beamte der
tunesischen Regierung schulden sie dem Mutterlande keine Verantwortung.

Im Bewußtsein seiner numerischen Schwäche gegenüber einem Impe-
rialismus, der auf tunesischem Boden festen Fuß gefaßt hat, und gegen-
über dem italienischen Imperialismus, der wie eine Drohung am Horizont
auftaucht, hat das tunesische Volk einen Kompromiß mit dem französischen
Imperialismus angestrebt und mehrere Deputationen nach Paris gesandt, um
Reformen zu fördern. Nach vagen Versprechungen hat sich die französische
Regierung entschlossen, allen tunesischen Ansprüchen das Tor zu ver-
riegeln.

Heute weiß das tunesische Volk, daß es nicht mehr auf den vorgeblichen
Liberalismus der Regierung einer Republik zu rechnen hat, welche die
Trennung von Staat und Kirche vor aller Welt verkündete, vor den Toren der
arabischen Stadt aber das Standbild des Kardinals Lavigerie errichtete, so-
daß man diese Stadt, wenn man sich ihr nähert, hinter dem Kreuze, das jener
Bischof gen Himmel hebt, wie gekreuzigt erblicken kann.

Das tunesische Volk teilt mit tiefer Freude seine Teilnahme und rück-
haltlose Zustimmung zu diesem Kongreß mit und ist fest entschlossen, für
seine unantastbare Unabhängigkeit zu kämpfen, indem es sich allen unter-
drückten Völkern der Welt anschließt.

Zum Schluß bringe ich den Gruß der Opfer der tunesischen Unter-
drückung an alle Opfer der Tyrannengewalt in der ganzen Welt, die in Ge-
fängnissen schmachten oder andere Strafen erdulden. Ich schlage dem Kon-
greß vor, für alle diese Opfer sofortige bedingungslose Amnestie zu ver-
langen.

Gleicherweise begrüße ich die Arbeiter und Bauern Frankreichs und aller
Länder der Erde, die stets bereit sind, die Freiheitsbestrebungen durch ihre
Mithilfe zu unterstützen, in der Gewißheit, daß sie so dem Imperialismus
Boden abringen und an ihrer eigenen Befreiung arbeiten.
        <pb n="125" />
        ' Der Kampf Afrikas um seine Befreiung.
Der Vertreter der arabischen Presse
Ahmed Hassan Mattar (Marokko)
führte aus:
1 werde mich so kurz wie möglich fassen, um andern Genossen noch die

Möglichkeit zum Sprechen zu geben. Ich beglückwünsche uns zu diesem
Tage, der den Beginn unserer vereinten Aktion gegen die kapitalistische
Unterdrückung und den Imperialismus in den Kolonien der ganzen Welt
darstellt.

Als ein Vertreter der Verteidigungsgesellschaft des Rifs in Südamerika
und in Europa, als der Sekretär der „Roten Kreuz-Gesellschaft‘“ des Rifs,
sage ich der Liga gegen koloniale Unterdrückung und Imperialismus, die
uns hier zur Verteidigung unserer nationalen und sozialen Emanzipation
zusammenbrachte, unseren aufrichtigsten Dank.

Zweifellos wißt Ihr, daß wir hier zusammengekommen sind, um den
Kapitalismus und Imperialismus zu bekämpfen und revolutionäre Be-
wegungen zu organisieren. Der Imperialismus kann nur durch die Revo-
lution geschlagen werden, und so ist es mir klar, daß wir dem Beispiel Sow-
jetrußlands folgen müssen, um von einer festen Basis aus handeln zu
können. Die Nation der Rifkabylen leidet nicht nur unter dem französischen
und spanischen Imperialismus, sondern gerade so gut unter dem deutschen.
Die Fremdenlegion ist in ihrer Mehrzahl aus deutschen Soldaten zusammen-
gesetzt. Auch der deutsche Kapitalismus ist im Rif vertreten. Die Mannes-
mann-Kupferwerke spielen beispielsweise bei uns eine große Rolle.

Laßt mich zum Schluß sagen, daß unser gegenwärtiger Kongreß eine
Antwort auf den Völkerbund ist, und. unsere zukünftige Revolution wird
die einzig wirksame Hilfe gegen den Imperialismus und Kapitalismus sein.

Es lebe Sowjetrußland, der Helfer der unterdrückten Nationen! Es lebe
die soziale und nationale Befreiung der unterdrückten Völker! Es lebe die
Liga gegen Unterdrückung und Imperialismus.

Der Delegierte der „Confederation Generale du Travail Unitaire“‘,

M. Herclet (Frankreich)
schildert die Tätigkeit der französischen Gewerkschaften zur Unterstützung
der Befreiungsbewegungen in den französischen Kolonien:
A; Delegierter der C. G. T. U., die 550 000 Mitglieder umfaßt, begrüße
ich alle Vertreter der unterdrückten Völker und versichere sie der ab-
soluten Solidarität in allen Kämpfen, die sie für ihre Befreiung unternehmen.
In Frankreich haben wir zwei zentrale Gewerkschaftsorganisationen. die

104
        <pb n="126" />
        Mattar. — M. Herclet. 05
reformistische C. G. T., die der Amsterdamer Gewerkschaftsinternationale
angeschlossen ist, und die C. G. T. U., die der roten Gewerkschaftsinter-
nationale angehört. Ich muß jedoch sagen, daß nur die C. G. T. U. die In-
teressen der Arbeiter verteidigt und den Kampf führt.

Wir leiten tatsächlich 98%°/g der Streiks. Mit den kolonialen Freiheits-
bewegungen ist es dasselbe. Wir sind die einzige Organisation, die diese Be-
wegungen vorbehaltlos unterstützt. Voriges Jahr mußte sich die C. G. T. U.
dem französischen Imperialismus während des Marokkokrieges entgegen-
stellen. Sie hat die Frage des Krieges vor den Massen aufgerollt und unter-
strichen, warum der Imperialismus ihn entfesselt hat. Sie hat alle geheimen
Triebfedern dieser Angelegenheit und die Rolle der französischen und inter-
nationalen Banken, die sich der Reichtümer des Rifs bemächtigen wollten,
aufgedeckt. Sie hat den Arbeitern ihre Pflicht klargelegt und auch den
Soldaten gesagt: „Es ist Eure Pflicht, nicht auf die Kämpfer des Rifs zu
schießen, sondern Euch mit ihnen, die für ihre Unabhängigkeit kämpfen,
zu verbrüdern.“

In Frankreich hat sich die C. G. T. U. an die werktätigen Massen gewandt.
Wir haben die C. G. T. nicht zur Mitarbeit bewegen können. Wir waren be-
stimmt nicht stark genug, den Krieg weder zu verhindern noch aufzuhalten.
Aber soll man warten, bis man stark genug ist, um handeln zu können?
Nein! Und deshalb haben wir auch nicht gewartet. Wir wollten nicht warten
in einem Augenblicke, da die Rifleute mit dem Gewehr in der Hand kämpf-
ten, bis die C. G. T. oder die Amsterdamer Gewerkschaftsinternationale uns
helfen würden.

Wir haben in ganz Frankreich eine Reihe Kongresse von Arbeitern und
Bauern gegen den Marokkokrieg einberufen. Diese Kongresse setzten sich
zusammen aus Delegierten von Hunderttausenden organisierter und nicht-
organisierter Arbeiter und Bauern, und solcher aller Linksparteien. Am
12. Oktober 1926 haben wir als Krönung der Arbeiter- und Bauern-
kongresse einen 2 4stündigen Generalstreik erklärt, um die Metzeleien auf-
zuhalten. Mehr als eine Million Arbeiter haben sich an dieser Aktion be-
teiligt. Wir konnten den Rifkrieg nicht aufhalten, aber wir haben den
französischen Imperialismus gehemmt, und das ganze Proletariat hat be-
griffen, daß es möglich sei, sich gegen neue Metzeleien aufzulehnen.

Wir haben gleichfalls gegen den Krieg in Syrien protestiert. Wir haben
die Verbrechen des französischen Imperialismus enthüllt, und wir haben der
Bevölkerung das niederträchtige Bombardement von Damaskus, bei welchem
viele tausend Menschen, darunter ı ı5 Kinder unter 5 Jahren, getötet wurden,
bekanntgegeben. Wir haben die Bombardierungen von 70 arabischen Dör-
fern, die vollkommen zerstört wurden, der Öffentlichkeit bekanntgegeben.
Dank unserer Aktion weiß jedermann in Frankreich, was der französische
Imperialismus in Syrien macht.
        <pb n="127" />
        u Der Kampf Afrikas um seine Befreiung.

Auf gewerkschaftlichem Gebiet macht die C. G. T. U. alle Anstrengungen,
um die Arbeiter der Kolonien zu organisieren.

Im Jahre 1925 hat ein Delegierter der C. G. T. U. in Syrien ein Komitee
gebildet, um die syrische Gewerkschaftsbewegung zu organisieren. Seitdem
sind in Syrien etwa 20 Gewerkschaften entstanden. Die französische Re-
gierung hat die Gewerkschaftsbewegung in Syrien gleicherweise wie die
Aufstandsbewegung behandelt, und dank dieser Politik haben sich die in
den Gewerkschaften organisierten Arbeiter der Aufstandsbewegung ange-
schlossen. Die Vereinigung der Arbeiter und der nationalen Freiheits-
bewegung ist die einzige Möglichkeit, sich zu befreien und die Räumung
Syriens von den militärischen Streitkräften zu erzwingen. Wir wissen, daß
dort so lange gekämpft wird, als es eine militärische Besetzung gibt.

Die Führer der syrischen Aufstandsbewegung sind zum Tode verurteilt
worden, und die wichtigsten Führer der syrischen Bewegung wurden nach
der Wüste Raka und der Insel Rouat deportiert. Wir werden ihre Befreiung
erkämpfen.

In Tunis haben wir einen erfolgreichen Kampf gegen den Freimaurer
und Linksdemokrat Saint geführt, der in Tunis der Gewerkschaftsbewegung
gegenüber die gleiche Taktik anwendet wie Mussolini in Italien. Wir haben
die C. G. T. von Tunis unterstützt. Wir erklären hier, daß die C. G. T. Tunis’
unter der einen oder anderen Form ungeachtet der Meinung des Demokraten
Saint bestehen bleiben wird. Sie wird leben und die Destour-Partei und die
nationalistische Bewegung für die Befreiung des Proletariats und die Un-
abhängigkeit Tunis’ unterstützen.

Wir haben beschlossen, die Unabhängigkeitsbewegung in China zu unter-
stützen, wie schwach auch unsere Kräfte sein mögen. Wir werden nicht
warten, sondern alles tun, was möglich ist, um die Aktion des französischen
Imperialismus zu verhindern. Ich erinnere hier an ein Beispiel, In jenem
Augenblicke, als der französische Imperialismus an dem Kriege gegen die
russische Revolution teilnahm, konnten wir eine energische Aktion gegen die
Absendung von Truppen und Munition für die Koltschakarmee führen. Wir
konnten die Weigerung der Seeleute und Hafenarbeiter in den französischen
Häfen verzeichnen, Truppen und Munition, die für den Kampf gegen unsere
russischen Genossen bestimmt waren, zu verladen und zu transportieren.
Wir werden alle unsere Kräfte aufbieten, wir werden in Marseille, Bordeaux
und andern Häfen das Nötige veranlassen, um die Hafenarbeiter und Seeleute
vom Transport von Munition nach China abzuhalten. Natürlich ergibt eine
Aktion in einem einzelnen Hafen keine großen praktischen Resultate, aber
sie ist unbestreitbar politisch von Wichtigkeit.

Genosse Fimmen* hat über die Notwendigkeit der internationalen Ge-

* Siehe Kapitel XIV.

106
        <pb n="128" />
        Resolutionen. 107
werkschaftseinheit gesprochen. Wir sind mit ihm einverstanden. Ja, es ist
notwendig, daß dieser Kongreß an die Führer der II. Internationale ap-
pelliert. Aber wir haben keine Illusionen über diese Führer. Ich will Ihnen
dies an einem Beispiel erklären: Ich las in einem Leitartikel der „Times“
dieser Tage, daß MacDonald es gewagt hat, im englischen Parlament die
„Gewalttaten“ der Massen in Hankau zu mißbilligen, und gesagt hat, daß die
Kantonregierung für diese „Gewalttaten‘“ verantwortlich sei. MacDonald ist
gegen die Anwendung von Gewalt gegen England, aber er hat auch gewagt, zu
sagen, daß „wir unsere Vorsichtsmaßregeln ergreifen“, d. h., Kriegsschiffe
und Truppen senden müßten. Schließlich hat er beigefügt, daß England
seine erworbenen Rechte und die Konzessionen, die ihm die chinesische Re-
gierung früher gemacht hat, nicht aufgeben könne. Es ist klar, daß, wenn
MacDonald auf diese Weise interveniert, er nicht für den Kampf gegen den
englischen Imperialismus und gegen jede bewaffnete Intervention’in China
sein kann. Wenn wir dennoch an die Führer der II. Internationale und der
Labour Party appellieren, so nur, weil wir wissen, daß uns die Mehrheit der
Arbeiter folgen und alle Kräfte aufbieten werden, um sich dem Imperia-
lismus entgegenzustellen.

Wir werden bestimmt handeln, ohne zu warten, bis MacDonald und
seinesgleichen mit uns sind.

Resolutionen.
L.
Resolution der Länder Nordafrikas.

Der französische Imperialismus steht in seiner Kolonialpolitik in Nordafrika um nichts
hinter den anderen imperialistischen Mächten zurück.

Er hat mit bewaffneter Gewalt, unter Drohungen und heuchlerischen Versprechungen
zuerst in Algerien, dann in Tunis und endlich in Marokko Fuß gefaßt. Er hat sich der
natürlichen Schätze und des Bodens bemächtigt, der den Eingeborenen gehörte unter Ent-
eignung von Zehntausenden von Familien, die auf eigner Erde von dem Ertrag ihrer Arbeit
lebten. Die enteigneten Ländereien wurden europäischen Siedlern, reichen Eingeborenen
und kapitalistischen Gesellschaften abgetreten. Und die Enteigneten mußten — um ihr Leben
fristen zu können — ihre Arbeitskraft den neuen Eigentümern ihres Bodens verkaufen.
Aus einer Bevölkerung, die in ruhigem Wohlstand lebte, der heute entschwunden ist,
hat der Imperialismus eine Schar von Verhungerten oder Sklaven geschaffen. Und diese
Enteignung ging wie überall im Namen der Zivilisation vor sich. Im Namen der französi-
‚schen Zivilisation und unter den wohlklingendsten Versprechungen hat der französische
Imperialismus Zehntausende von eingeborenen „Rebellen“ ausgerottet und fährt in. diesem
Werke fort. In ihrem Namen hat er die große Mehrzahl der Bauernbevölkerung enteignet
und saugt er heute die gleiche Bevölkerung zu seinem Vorteil aus. Im Namen dieser so-
genannten Zivilisation wurden alle Traditionen, alle überlieferten Bräuche, alle Bestre-
bungen der eingeborenen Bevölkerung mit Füßen getreten. Statt jenen Ländern den Bei-
stand zu leihen, dessen sie bedurft hätten, um sich ökonomisch, politisch und wirtschaftlich
frei zu entfalten, hat der französische Imperialismus diese Enteignung und Ausbeutung
mit der reaktionärsten politischen Beherrschung verbunden; er hat die Eingeborenen jeg-
        <pb n="129" />
        10; Der Kampf Afrikas um seine Befreiung.

licher Koalitions- und Organisationsfreiheit, aller politischen und legislativen Rechte be-
raubt, oder hat derartige Rechte nur einer geringfügigen Minderheit von Eingeborenen ge-
währt, die reicher als die anderen und bereits korrumpiert waren. Dazu kommt eine syste-
matische Verdummung, die durch Alkohol, Einführung neuer Religionen, Schließung der
Schulen in arabischer Sprache, die vor der Kolonisation bestanden, erzielt wird. Und endlich,
— um dies Werk würdig zu krönen —, reiht der Imperialismus die Eingeborenen in seine
Heere, die dazu bestimmt sind, die Kolonisation durchzuführen, in den imperialistischen
Kriegen als Werkzeug zu dienen und die revolutionären Bewegungen in den Kolonien und
im Mutterlande zu ersticken.

Gegen diese Kolonialpolitik, gegen diese Unterdrückung, haben sich die arbeitenden
Bevölkerungen Nordafrikas zu einem dauernden und mit allen verfügbaren Mitteln zu
führenden Kampfe zusammengeschlossen, um das Ziel, das ihre augenblicklichen Bestre-
bungen umschließt, zu erreichen: die nationale Selbständigkeit.

Die Lage in Algerien und die wesentlichen Forderungen des Algerischen Volkes.

Im Jahre 1830 entsandte der französische Imperialismus seine ersten Truppen zur Er-
oberung Afrikas. Im Laufe einer Reihe von Kämpfen, während derer die Algerier den fran-
zösischen Truppen 15 Jahre hindurch erbitterten Widerstand leisteten, zerbrachen die Bajo-
nette des kapitalistischen Frankreichs den Freiheitswillen des algerischen Volkes.

Seit jener Stunde haben systematische, brutale Unterdrückung und Enteignung das
algerische Volk zwar nicht auf den Weg sozialen Fortschrittes, wohl aber der Sklaverei
geführt. Heute sind zwei Millionen achthunderttausend Hektar Landes in den Händen
europäischer Kapitalisten, und zwar sind dies die besten, fruchtbarsten und an Boden-
schätzen reichsten Ländereien. Die enteigneten Familien der Eingeborenen mußten den
neuen Besitzern des Bodens die Kraft ihrer Arme verkaufen oder in die städtischen Zentren
auswandern.

Aber der französische Imperialismus begnügt sich nicht damit, die einheimische Be-
völkerung Algeriens zu enteignen. Zu gleicher Zeit hat er ein System politischer Beherr-
schung aufgerichtet, die ehrwürdigen Formen mohammedanischer Demokratie des Dorfs
(Duar) und der Stämme (Provinzen), die vor der Kolonisation in Kraft waren, zerstört und
nur eine Karikatur dieser Formen bewahrt. Er hat die Eingeborenen von der Führung der
Staatsgeschäfte ausgeschaltet und die gesamte politische Macht in die Hände eines General-
gouverneurs gelegt, der einen ganzen Stab von Beamten hat, die seine Verordnungen auszu-
führen haben (Steuereinziehung, Durchführung der Strafgesetze usw.). Diese Lage der Dinge
ist in dem sogenannten Eingeborenen-Gesetzbuch rechtlich niedergelegt, das die Eingeborenen
zu Untertanen stempelt, die aller politischen Rechte beraubt und Ausnahmegesetzen unterwor-
fen sind (Strafgerichtshöfe für Verbrecher, Überwachung, Kollektiv-Verantwortung). Das
Bürgerrecht ist nur einer schwachen Minorität von Eingeborenen vorbehalten, die von dem
französischen Imperialismus „assimiliert‘ worden sind. Allein die Europäer und jene ein-
geborenen „Bürger“ haben die gleichen politischen Rechte wie die französischen Bürger
und dürfen ihre Vertreter in die Duarien und Finanzdelegationen entsenden (Aufstellung
und Verteilung des Budgets). Das bedeutet, daß 800 000 Europäer und einige Zehntausend
„guter‘ Eingeborenen ıhre Vertreter wählen, während fünf Millionen, das heißt die ge-
waltige Mehrheit der Bevölkerung keinerlei Rechte besitzen. Zum Ausgleich dürfen sie
Steuern zahlen und Kriegsdienst leisten.

Auch auf kulturellem Gebiete verrichtet die Kolonisation ihr Werk. 516 Schulen, die
35000 Schüler in französischer Sprache unterrichten, müssen den Bedürfnissen einer Be-
völkerung von fünf Millionen Eingeborenen genügen. Dafür stehen den 800000 KEuro-
päern 1200 Schulen zur Verfügung. Sämtliche freien Schulen in arabischer Sprache sind
aufgehoben‘ worden. Die Zulassung der Eingeborenen zum höheren Unterricht ist so gut
wie unmöglich. I

Fügt man zu alledem die obligatorische Rekrutierung des algerischen Eingeborenen
für das Heer des französischen Imperialismus, dessen Bestand man nach den neuen Militär-
entwürfen der französischen Regierung von 45000 auf 180000 erhöhen will, um den
Zielen des französischen Imperialismus (neue Eroberungen, Erstickung der revolutionären
Bewegung) besser zu genügen, so erhält man ein objektives Bild davon. was 100 Jahre ‚,fran-
zösischer Zivilisation‘ in Algerien bedeuten.

AQ
        <pb n="130" />
        Resolutionen. 109

Die ausgebeutete und unterdrückte arbeitende Bevölkerung Algeriens liegt in ständigem
Kampfe gegen den französischen Imperialismus, um das Joch abzuschütteln und die Selb-
ständigkeit zu erringen.

Der „Nordafrikanische Stern‘, eine Organisation, die die Interessen der arbeitenden
Bevölkerung Nordafrikas (Dorfarbeiter, Kleinbauern, Handwerker) vertritt, verlangt für
Algerien die Erfüllung der folgenden Forderungen und bittet den Kongreß, sie zu den
seinigen zu machen:

Die Selbständigkeit Algeriens;

Zurückziehung der französischen Besatzungstruppen;

Aufstellung eines algerischen Nationalheeres;

Konfiskation des Großgrundbesitzes, der von den Feudalherren — den Agenten des
Imperialismus — den Kolonisten und den privatkapitalistischen Gesellschaften an sich ge-
rissen worden ist, und Zurückgabe des konfiszierten Bodens an die Bauern, denen er geraubt
wurde. Berücksichtigung des mittleren und Kleinbesitzes. Rückgabe der von dem französi-
schen Staate beschlagnahmten Ländereien und Wälder an den algerischen Staat.

Diese wesentlichen Grundforderungen, für die wir von nun ab kämpfen, schließt nicht
ein energisches und unmittelbares Vorgehen aus, um dem französischen Imperialismus
folgendes abzuringen:

Sofortige Aufhebung des Eingeborenen-Code und der Ausnahmeverordnungen.

Amnestie für alle, die wegen Übertretung der Eingeborenen-Gesetze in der Gefangen-
schaft, in besonderer Überwachung oder in der Verbannung schmachten;

Presse-, Vereins- und Versammlungsfreiheit, politische und Gewerkschaftsrechte, wie
die in Algerien lebenden Franzosen genießen;

Ersetzung der Finanzkommissionen, die auf Grund beschränkten Wahlrechtes gewählt
sind, durch ein algerisches Parlament, das auf Grund eines allgemeinen Wahlrechtes auf-
gestellt wird;

Stadtverordneten-Versammlungen, die nach allgemeinem Wahlrecht aufgestellt werden;

Zulassung zum Unterricht aller Grade: Errichtung von Schulen in arabischer Sprache;

Einführung der sozialen Gesetzgebung des Mutterlandes.

Erweiterung des landwirtschaftlichen Kredites für die kleinen Fellachen.

Diese Forderungen haben nur dann Aussicht auf Erfüllung, wenn die Algerier sich, im
Bewußtsein ihrer Rechte und ihrer Stärke, zusammenschließen und organisieren, um sie
der französischen Regierung aufzuzwingen.

Die Lage in Tunis und die Forderungen des Tunesischen Volkes.

Als Frankreich vor nun 46 Jahren in Tunis eindrang, schrieb es die Formel des Pro-
tektorats auf seine Fahnen: ‚Wir kommen zum Schutz des tunesischen Volkes.“ Diese
Heuchlergeste maskierte den wahren Wunsch des französischen Imperialismus: Aus Tunis
eine Kolonie gleich Algerien zu machen. Mit Hilfe einer überlegenen Diplomatie, einer
Einschüchterungs-, Erpressungs- und Bestechungs-Politik gelang es dem Generalresidenten,
sich die Mithilfe der höchsten Eingeborenen zu sichern. In Wahrheit hat die Autorität der
Generalresidentschaft die der tunesischen Regierung verdrängt.

Die tunesischen Minister, umgeben von französischen Beamten, unterzeichnen alles,
was man ihnen vorlegt, beziehen ihr Gehalt, und überlassen ihren französischen Auf-
sehern, die zu ihren Vorgesetzten geworden sind, die willkürliche Verwaltung des Landes.

. Das tunesische Parlament, das aus einem Regierungsvertrag vom Jahre 1861 hervor-
gegangen ist, wurde aufgelöst und lange danach durch eine beratende Versammlung, später
— im Jahre 1922 — durch einen Großen Rat ersetzt, der eine überwältigende Mehrheit
von Franzosen und einige von der Regierung ernannte Tunesier umfaßt. 18 Tunesier sollen
in diesem Großen Rat eine Bevölkerung von zwei Millionen Tunesiern vertreten, während

Ah Franzosen von der französischen Kolonie (54 000) entsandt werden.

Die Enteignung des Bodens ist auf eine recht seltsame Art vor sich gegangen. Die
Regierung, das heißt die Residentschaft, begann damit, die einzelnen Stämme nach ihren
Besitzurkunden zu fragen. Natürlich konnte die Mehrzahl der Stämme ihre Besitztitel
nicht mehr vorlegen. Sie wurden von ihren Ländereien verjagt, die in Staatsdomänen ge-
wandelt wurden. Aus diesen Domänen und dem Grundbesitz, der jährlich von der Ackerbau-
direktion mit Kapitalien aus dem tunesischen Budget (— das zu vier Fünfteln von Tunesiern
        <pb n="131" />
        110 Der Kampf Afrikas um seine Befreiung.
gestellt wird —) angekauft wird, werden jene Parzellen gebildet, die dazu bestimmt sind,
die offizielle Kolonisation zu fördern.

Von den 2800000 ha bestellbaren Bodens, besitzen 37000 Europäer (Familien in-
begriffen) 700000 ha fruchtbarste Erde. Es bleiben 2 100000 ha für die 2 200000 Tu-
nesier, unter denen sich eine bedeutende Schicht von Großgrundbesitzern befindet, die in
gleichem Maße wie die französischen Siedler die Bauernmassen Tunis’ ausbeuten.

Dazu kommen die Konzessionen, welche die tunesische Regierung dem französischen
Imperialismus überlassen mußte.

Auf dem Gebiete der französischen Freiheiten und der sozialen Gesetzgebung ist das
tunesische Volk nicht besser daran als das algerische. Presse-, Versammlungs- und Rede-
freiheit existieren nicht. Seit 1919 sind 46 Zeitschriften und Zeitungen verboten worden.
Zahlreiche Verurteilungen und Einkerkerungen sind vorgenommen worden. Jedes politische
„Vergehen“, mit Einschluß des Vergehens der ‚Absicht‘ wird schwer bestraft. Das Ge-
werkschaftsrecht, der Achtstundentag sind unbekannt.

Zahlreiche tunesische Bauern sind von dem französischen Imperialismus angeworben
und in die gemischten Regimenter einverleibt worden, die, von französischen Offizieren be-
fehligt, wie die algerischen Heere dem Imperialismus dienen, um seine Herrschaft aufrecht-
zuerhalten und seine Eroberungen auszudehnen. 50000 Tunesier wurden während des
Weltkrieges an die Front entsandt. Erst kürzlich wurden Truppenteile gegen die Rifkabylen
und Syrier eingesetzt.

Die Unterweisung des Volkes ist in ihrer Entwicklung durch das Eindringen des impe-
rialistischen Frankreichs in Tunis gehemmt worden. Heute liegen mehr als 200 000 Kinder
auf der Straße und die Regierung tut nichts, um neue Schulen zu schaffen.

Frankreich ist im Jahre 1881 unter dem Vorwand in Tunis eingerückt, den Bey in der
Unterdrückung einer Aufstandsbewegung in Krumirien zu unterstützen.

Es verpflichtete sich, das Land zu verlassen, sobald die Ordnung wiederhergestellt sei,
wovon eine Klausel des Vertrages zu Bardo zeugt, unter den Frankreich seine N Oeterschuft
setzte. 24 Jahre sind seitdem verstrichen, aber Frankreich ist immer noch nicht abgerückt.
Das tunesische Volk hat in gutem Glauben ein Kompromiß mit der französischen Re-
gierung angestrebt, indem es Reformen vorschlug und Delegationen nach Paris sandte.

Nach einer Periode unbestimmter Versprechungen hat sich der französische Imperialis-
mus endlich entschlossen, jeder tunesischen Forderung die Tür zu verriegeln, und hat seine
Politik der endlosen Ausbeutung, der Knechtung und „Assimilierung‘“ noch beschleunigt.

Da begriff das tunesische Volk, daß es nichts mehr von einer Republik zu erwarten
habe, die es in blinder Sympathie auf Grund seiner Geschichte oder Tendenzen, für liberal
gehalten hatte. Es sieht endlich ein, daß es allein auf sich selbst zählen darf, au£ die Unter-
stützung der unterdrückten Völker — seiner Brüder — wie auf den Beistand der Arbeiter-
und Bauernmassen Frankreichs, im besonderen, und der ganzen Welt im allgemeinen. Es
fordert heute seine bedingungslose Unabhängigkeit und wird mit allen Mitteln bis ans Ende
kämpfen, um dieses Ziel zu erreichen. In diesem Geiste hält es sich bereit und organisiert
es sich.

Der „„Nordafrikanische Stern‘ unterbreitet dem Kongreß folgende Forderungen, welche
die Bestrebungen und die Interessen der arbeitenden Bevölkerung Tunis’ zusammenfassen:

Unabhängigkeit Tunis’;

Zurückziehung der französischen Besatzungstruppen;

Bewaffnete Organisation der Nation;

Nationalversammlung, gewählt auf Grund allgemeinen Wahlrechtes;

Das allgemeine Wahlrecht, mit dem Alter von 18 Jahren, für alle Stufen;

Wählbarkeit in alle Versammlungen;

Anerkennung der arabischen Sprache als offizielle Sprache;

Presse-, Vereins- und Versammlungsfreiheit;

Konfiskation zugunsten der Nation, der Eisenbahnlinien, Häfen, öffentlichen Dienste,
die im Besitz von fremden Gesellschaften sind;

Konfiskation des Großgrundbesitzes, der sich in den Händen von Feudalherren — den
Agenten des Imperialismus — von Kolonisten und Privatkapitalistischen Gesell-
schaften befindet, und

Rückgabe des Bodens an die Bauern, denen er geraubt wurde;
        <pb n="132" />
        Resolutionen. 1

Obligatorischer und kostenloser Unterricht in arabischer Sprache;

Gewerkschaftsrecht, Koalitionsrecht und Streikrecht für die Arbeiter;

Achtstundentag, Arbeitsruhe am Sonntag, soziale Versicherung und Arbeiterschutz;

Unterstützung der Fellachen, bedeutende zinslose Kredite für die Bauern.

Die Forderungen des Marokkanischen Volkes.

Erst im Laufe der drei letzten Jahrzehnte hat der französische Imperialismus mit
der Kolonisation von Marokko begonnen. Die natürlichen Schätze des Landes (Eisenminen,
Potasche, Getreide usw.) bildeten — in Verbindung mit der billig verfügbaren Arbeitskraft
— eine Quelle anlockender Profite. Heute beherrscht die „Banque de Paris et des Pays-Bas““
das gesamte Wirtschaftsleben Marokkos.

Die Millionen von Menschenmassen, die frei auf eigenem Boden von dem Ertrag ihrer
Arbeit lebten, die sich aus eigenem Antrieb auf moderner wirtschaftlicher und politischer
Grundlage organisierten (Rif), und ihren eigenen Weg zur Gestaltung der Nation suchten,
sahen bald ihre Bemühungen an dem Eindringen des französischen Imperialismus scheitern.
Wie im Jahre 1813 in Algerien, bahnte bewaffnete Gewalt dem Zug der „Zivilisatoren“ den
Weg. Seit die Kolonisation in Marokko eingesetzt hat, folgte Krieg auf Krieg. Die gleiche
Methode und die gleichen Argumente, wenn man die „Rebellen“ zivilisieren will! Der letzte
Krieg gegen die Rifs bildet das typischste und lebendigste Beispiel für die Zivilisations-
methoden des französischen Imperialismus. Das Volk des Rifs hatte eine autonome republi-
kanische Verfassung auf demokratischer Grundlage, es bestellte seinen Boden, und war auf
dem Wege, mit Hilfe fremder Anleihen, seine natürlichen Bodenschätze zu verwerten.
Dieses Volk hegte die Hoffnung, in Freiheit von den Früchten seiner Arbeit zu leben. Der
Eroberungsdurst des französischen Imperialismus sollte seinen Aufschwung durch Feuer
und Schwert aufhalten! Mehrere tausend Menschen, französische Arbeiter wie Eingeborene
sind in diesem letzten Kriege getötet worden, der überdies noch nicht beendet ist. Das Ein-
dringen Frankreichs in Marokko spitzt die Rivalität zwischen den Großmächten zu, und diese
Politik droht jeden Augenblick, einen internationalen bewaffneten Konflikt heraufzube-
schwören.

Die „Zivilisation“ der Stämme, die ihr Gut und Blut verteidigen, schreitet unaufhörlich
fort. Marokko steht heute unter der Militärherrschaft des französischen Imperialismus und
— wie in Algerien und Tunis — wird das marokkanische Volk enteignet und gezwungen,
Landarbeiter oder Industriearbeiter zu werden. Selbstyerständlich ist jede Versammlungs-,
politische oder Gewerkschaftsfreiheit aufgehoben. Der Wille der Militärführer ist das einzige
Gesetz, das Marokko regiert. Das Volk des Rifs hat das Signal zum Befreiungskampf des
nordafrikanischen Volkes gegeben, indem es mutvoll dem sorgfältig vorbereiteten Eindringen
der imperialistischen Franzosen und Spanier widersteht. Schon beginnen — trotz der
Schreckensherrschaft, die über Marokko verhängt ist, genossenschaftliche Organisationen sich
zu bilden.

Der „Nordafrikanische Stern“ unterbreitet dem Kongreß folgende Forderungen:

Sofortiger Rückzug der marokkanischen Truppen;

Politische und soziale Freiheiten;

Gewerkschafts-, Streik- und Koalitionsrecht, Achtstundentag;

Presse-, Rede- und Versammlungsfreiheit;

Abschaffung des Protektorates. Vollständige Unabhängigkeit.

Die Unabhängigkeitsbewegung in Nordafrika wächst unaufhaltsam, und die Zeit kann
nicht mehr fern sein, da alle unterdrückten Völker, alle Ausgebeuteten von Marokko, Algerien
und Tunis den französischen Imperialismus verjagen und ihre Freiheit erringen werden. Die
schon eingeleitete Aktion, die ganze arbeitende Bevölkerung Nordafrikas zum Kampfe mitzu-

reißen, wird tatkräftig fortgesetzt mit der brüderlichen Hilfe und Unterstützung der Arbeiter
Frankreichs.
Resolution der französischen Delegation.

Die Delegation der französischen Sektion der „Liga gegen koloniale Unterdrückung“

am Brüsseler Kongreß protestiert mit allem Nachdruck gegen die hier von den Vertretern

11;
il
        <pb n="133" />
        112 Der Kampf Afrikas um seine Befreiung.
der französischen Kolonien vorgebrachten Fälle der Unterdrückung und des Terrors, die das
dort herrschende System der Unterdrückung und der planmäßigen Ausbeutung kennzeichnen.

Sie erklärt sich mit den durch die Vertreter der französischen Kolonien vorgeschlagenen
Resolutionen gegen den französischen Imperialismus solidarisch.

Sie beschließt, alles zu unternehmen, um den werktätigen Massen Frankreichs aufzu-
zeigen, daß ihr Interesse und ihre Pflicht in dem Sicheinsetzen für die Forderungen der
kolonisierten Völkerschaften besteht — ganz gleich, welche Formen der Unterdrückung der
französische Imperialismus diesen Ländern auferlegt.

Die Delegation verpflichtet sich, ihre ganze Kraft dafür einzusetzen, daß die Arbeiter-
schaft und ihre Organisationen ihre einmütige Solidarität und ständige Unterstützung allen
Unabhängigkeitsbewegungen der geknechteten Länder und besonders der chinesischen Revo-
lution zusagen.

Die französische Sektion der Liga wird die Losungen dieses Kongresses zu verwirklichen
trachten und sich restlos für die nationale Freiheit und soziale Gleichheit durch die Be-
freiung der geknechteten Völker einsetzen.
        <pb n="134" />
        Der Freiheitskampf der Neger.

Die vom Kongreß mit Begeisterung aufgenommene Rede des Vorsitzen-

den des Komitees zur Verteidigung der Negerrasse,
Lamine Senghor (Afrika).
1, habe Ihnen den brüderlichen Gruß des Comit&amp; de Defense de la

Race Nögre‘“ zu überbringen. Dieses Komitee zur Befreiung der Neger-
rasse ist eine umfassende Organisation der Negerjugend, die für die Be-
freiung ihrer Rasse einzutreten gewillt ist. Sie werden vielleicht wissen,
daß unsere Rasse die unterdrückteste der Welt ist. Diese Rasse ist es,
die durch alle Imperialisten dieser Erde unterdrückt ist und deren Leben
und Tod in den Händen ihrer Feinde liegt. Wir wollen deshalb einen
Kampf führen für die Gleichheit mit anderen Rassen, die sich besser als
uns betrachten. Wir fragen sie aber vor der ganzen Welt, ob sie uns deshalb
überlegen sind, weil ihre Haut weiß oder ihr Gehirn kultivierter ist? Diese
Rassen kamen zu uns unter dem Vorwand, uns die Zivilisation zu bringen.
Heute sehen wir ein tragisches Bild in unserm Lande.

Die Kolonisierung. Über das Wort Kolonisierung will ich hier eine kleine
Polemik führen. Ich will auf die Rede unseres Herrn Vorsitzenden Hafiz
Ramadan Bey antworten, der behauptet hat, daß Ägypten nicht kolonisiert
wird, und daß es frei und unabhängig sei. Als Vertreter des Neger-Verteidi-
gungs-Komitees bin ich hier zu einer Erklärung gezwungen. Ich muß sagen,
die ägyptischen Arbeiter,,die unser Komitee unterstützen, sind nicht dieser
Meinung. Sie sind gekommen, um hier gegen die englische Bevormundung in
Ägypten und gegen die Okkupation des Suezkanals durch England zu pro-
testieren. Sie wollen gegen den englischen Imperialismus protestieren und ver-
fangen die Unabhängigkeit Ägyptens. Es ist daher unmöglich, gleichzeitig zu
behaupten, daß Ägypten frei sei. Was ist Kolonisierung? Kolonisierung ist die
Vergewaltigung des Rechtes eines Volkes, über sich selbst zu verfügen, wie es
das versteht und wünscht. Dieses Recht wurde den Ägyptern durch England
entzogen. Alle Ägypter protestieren gegen diese Vergewaltigung. Sie können
daher nicht glauben, daß Ägypten nicht durch England kolonisiert ist. Es

Das Flammenzeichen vom Palais Egmont.

VIL
        <pb n="135" />
        114 Der Freiheitskampf der Neger.
ist eine Kolonie wie alle andern Kolonien, die dem Joche des internationalen
Imperialismus unterworfen sind.

Zivilisation. Ich sagte Ihnen eben, daß die Franzosen, als sie zu uns
gekommen sind, uns sagten, sie brächten uns die Zivilisation. Aber statt
uns die französische Sprache zu lehren und uns Aufklärung über das zu
geben, was sie Zivilisation nennen, sagten sie, man darf den Negern keine
Bildung geben, weil sie sonst zivilisiert sein würden und man sich ihrer nicht
so bedienen könnte, wie man will.

So versteht der französische Imperialismus Zivilisierung der Neger.

Ich zitiere Ihnen ein Beispiel, das einem Rapport eines ehemaligen Ver-
walters von Kolonien entnommen ist. Dieser Rapport wurde durch Herrn
M. J. Renaitour in mehreren Zeitungen Frankreichs veröffentlicht. Hier der
Text von dem, was dieser Kolonialverwalter geschrieben hat:

„Ich klage Herrn Hutin, ehemals Oberst, heute General, Kommandant
der Ehrenlegion, an, die Plünderung der Faktorei von Molanda angeordnet
und an dieser Plünderung teilgenommen zu haben. (Die gestohlenen
Objekte sind bekannt: Er hat Kisten mit Früchtegelee für seinen persön-
lichen Gebrauch zurückbehalten, Gemälde, Jagdpatronen, Karabiner, Brow-
nings, kostbare Stoffe usw. Es scheint, daß man sich dort leicht bereichert.)

Der Berichterstatter fügte bei:

„Ich klage den Offizier und Verwalter des Magazins von Quesso an, im
Februar 1915 ein Verbrechen begangen zu haben, um das Geständnis eines
Diebstahls von 500 Franken zu erpressen. Er beschuldigte seinen Burschen,
diese Summe entwendet zu haben. Um zu wissen, wo das Geld versteckt war,
läßt er ihn entkleiden, seine Hoden auf einen Tisch legen, und zermalmt
ihm mit einem Hammer einen der Hoden. Der Schütze verlor das Bewußt-
sein. Man ließ ihn wieder zu sich kommen und bedrohte ihn, ihm auch die
zweite Hode zu zermalmen, wenn er nicht gestände, wo sich das Geld be-
finde.“

„Ich klage den Chefadjutanten des Postens von Bania an, daß er sich
einen Häuptling des Stammes Gana vorführen ließ, der sich weigerte, anzu-
geben, wo sich die Mausergewehre befanden, die durch seine Leute den deut-
schen Deserteuren abgenommen wurden, Und ich klage diesen Adjutanten
an, eine Hand des Häuptlings Gan zwischen zwei Platten einer Kopierpresse
zermalmt zu haben, ihn „schikaniert“ zu haben (mit Messerklingen ge-
peitscht).. Er ließ die. Wunden mit Honig füllen und setzte ihn der Sonne
und den Stichen der Bienen aus.“

Wer zittert nicht bei dem Gedanken, daß Franzosen des 20. Jahrhunderts
noch solche. Schreckenstaten begehen, die des dunkelsten Mittelalters würdig
wären.

Zwangsarbeit. Ein kürzliches Dekret des Generalgouvernements von
Französisch-Ostafrika stellte der Regierung für Arbeiten von sogenanntem
        <pb n="136" />
        Lamine Senghor
Vertreter der Negerbevölkerung der französischen Kolonien
        <pb n="137" />
        <pb n="138" />
        Lamine Senghor. 115
Gemeininteresse die Bevölkerung zur Verfügung. Um dieses Dekret an-
zuwenden, setzt der Gouverneurleutnant von Mauritanien die Arbeitsbe-
dingungen fest. In dem Artikel 3 sagt er: „Die Dauer des Arbeitstages
wird auf zehn Stunden mit zwei Stunden Arbeitsruhe während des Tages fest-
gelegt.‘“ In Artikel 9 bestimmt er: „Der tägliche Minimallohn jedes Arbeiters
wird wie folgt bestimmt: Frauen und Kinder 1,50 Franken, Erwachsene
2 Franken pro Tag.‘ Man darf sich nicht weigern, für diesen Lohn zu ar-
beiten. Man muß also gezwungenermaßen zehn Stunden täglich unter der
brennenden Sonne Afrikas arbeiten und kann nur 2 Franken verdienen. Die
Frauen und die Kinder arbeiten gleich lange wie die Männer, und mit alle-
dem sagt man uns, daß die Sklaverei abgeschafft sei, daß die Neger frei
seien, daß eine Gleichheit aller Menschen bestände usw. Ich betrachte die-
jenigen, die uns das sagen, nicht als Idioten, sondern als Leute, die sich über
uns lustig machen.

Sklaverei. Auch hier sagt man uns, daß sie aufgehoben sei, und man
könnte fast annehmen, daß der Verkauf von Sklaven verboten ist, daß man
nicht mehr Neger an einen Weißen, Chinesen oder sogar einen andern Neger
verkaufen kann. Aber wir sehen, daß die Imperialisten sich sehr demo-
kratisch das Recht vorbehalten, ein ganzes Negervolk einem anderen Impe-
rialisten zu verkaufen.

Was machte Frankreich mit dem Kongo im Jahre 1912? Es hat ihn
einfach Deutschland übergeben. Hat es die Kongoneger gefragt, ob sie durch
die Deutschen ausgebeutet werden wollen?

Gewisse französische Politiker sind sogar soweit gegangen, in den fran-
zösischen Mistblättern zu schreiben, daß die Neger der Antillen anfangen,
zuviel Rechte zu verlangen, und daß man besser täte, sie den Amerikanern
zu verkaufen; man würde dann wenigstens einen Profit daraus ziehen. ;

Es ist nicht wahr, die Sklaverei ist nicht aufgehoben. Im Gegenteil, man
hat sie modernisiert.

Die Ungerechtigkeit ist noch schlagender in Frankreich. Wir haben
gesehen, daß man während des Krieges soviel Neger wie möglich
rekrutiert hat, um sie als Kanonenfutter zu verwenden. Man’ hat‘ vor
ihnen soviel rekrutiert, daß die französischen Gouverneure sich weigerten,
die Rekrutierung fortzusetzen, weil sie Angst hatten, daß das Volk sich er-
heben würde. Aber da man um jeden Preis rekrutieren mnßte, so ist man auf
die Suche eines besonderen Negers gegangen, und man ha: ihn .mit Ehren ve-
deckt, indem man ihn zum Generalkommissar und Vertreter der französi-
schen. Republik in Afrika ernannt hat. Man ließ ihn durch französische
Offiziere und dekorierte Neger überall hin begleiten. Er ließ sich in sein
ehemaliges Vaterland ausschiffen, und die Vertreter Frankreichs, Admini-
stratoren, Gouverneure der Kolonien, mit Musik an der Spitze und Soldaten,
die die Waffen präsentierten, empfingen ihn dort. Der so geehrte Neger
        <pb n="139" />
        116 Der Freiheitskampf der Neger.
rekrutierte 80 000 Männer, außer den 500 000, die schon in Frankreich
kämpften.

Man ließ unsere Kameraden in dem ersten Marokkokrieg vor dem großen
Krieg von 1914 hinschlachten” Noch heute mordet man in Marokko, in dem
Rif und in Syrien; man schickt Neger nach Madagaskar, schickt Neger nach
Indochina, weil es in der Nähe von China ist, das ihnen ein ausgezeichnetes
revolutionäres Beispiel gibt.

Den Chinesen sage ich: „Ich möchte Sie umarmen, Genossen, weil Sie
allen Völkern, die dem Joche der Kolonisatoren unterworfen sind, ein gutes
revolutionäres Beispiel geben und ich wollte, daß sich alle von Ihrem revo-
Iutionären Geist beeinflussen ließen. Die französischen Imperialisten haben
Neger nach Indochina geschickt und ihnen befohlen, auf die Indochinesen
zu schießen, falls sich diese gegen die französischen Kolonien erheben
würden.

Sie sagen ihnen, daß sie nicht ihrer Rasse seien, und daß. sie sie töten
sollten, falls sie gegen das sogenannte Mutterland revoltieren würden.

Die Neger haben zu lange geschlafen. Aber hütet Euch, derjenige, der
zu gut geschlafen hat und dann erwacht, wird nicht mehr einschlafen.

Zwei Beispiele möchte ich Ihnen geben, wie das Mutterland die Dienste
der) enigen anerkennt, die im Kriege verwundet wurden, um das ‚, Vaterland“ zu
retten, die von den sogenannten Feinden Kugeln erhalten haben und heute nicht
mehr arbeiten können. Man macht einen Unterschied zwischen ihnen und
den französischen Verwundeten, die mit ihnen auf dem gleichen Schlacht-
felde gekämpft haben und die, scheint es, ein gleiches Mutterland verteidig-
ten. Ich werde bei 10%, anfangen und bis 100%, gehen. Nur zwei Bei-
spiele: Die französische Regierung gibt einem 90%, französischen Kriegs-
verwundeten II. Klasse, Vater eines Kindes, eine Pension von jährlich 6882
Franken, während der Negersoldat II. Klasse, verheiratet, Vater eines Kindes,
in der gleichen französischen Armee ebenfalls bis zu 90%, verwundet,
1620 Franken jährlich erhält.

Einem 100 °/,igen Kriegsverwundeten laut Artikel 10 und 12 (d.h. einer
der sich nicht mehr rühren kann und den man überall hintragen muß), wenn
es ein weißer Franzose ist, gibt man ihm 15390 Franken, ist es ein Neger,
erhält er nur 1800 Franken.

Gegen diese Ungerechtigkeiten, gegen diese Scheußlichkeiten, die ich
Ihnen angeführt habe, haben wir uns gesammelt, um uns zu verteidigen.
Die Negerjugend fängt an klar zu sehen. Wir wissen und wir konstatieren,
daß wir Franzosen sind, wenn man uns braucht um uns töten oder arbeiten
zu lassen. Handelt es sich jedoch darum; uns Rechte zu geben, so sind wir
keine Franzosen mehr, dann sind wir Neger.

Der hier vereinigte Kongreß hat, glaube ich, den Wunsch Vieler verwirk-
licht, die, wie ich, sich vollständig der Arbeit der Weltbefreiung hingeben

An
        <pb n="140" />
        Max Bloncourt. 117
möchten. Die hierher gekommen sind, sind gerade diejenigen, die das revo-
Jutionäre Ideal und ein menschliches Ideal verfolgen, und die sich mit allen
ihren Kräften aufopfern, um diese ungeheure imperialistische Unter-
drückung auf der ganzen Welt aufzuheben. Die imperialistische Unter-
drückung, die wir bei uns Kolonisierung nennen und die Ihr hier als
Imperialismus bezeichnet, ist die gleiche Sache. Alles dies kommt vom
Kapitalismus. Er ist es, der bei den Völkern der Hauptländer den Impe-
rialismus gebärt. Darum müssen diejenigen, die unter der kolonialen Unter-
drückung leiden, sich die Hände geben, und sich Seite an Seite mit denjenigen
stellen, die unter dem Imperialismus der Hauptländer leiden. Kämpft mit
den gleichen Waffen und zerstört das Weltübel, den Weltimperialismus.

Man muß ihn zerstören und ihn durch den Bund der freien Völker er-
setzen, dann wird es keine Sklaverei mehr geben.

Der Delegierte der Inter-Kolonialen Vereinigung, Sektion der alten Ko-
lonien und schwarzen Völker,

Max Bloncourt (Antillen)
ergreift das Wort:

"ch möchte nicht und meine Kameraden von den Antillen würden es auch
1 nicht verstehen, daß der Kongreß zu Ende ginge, ohne daß ich Ihnen
ihre brüderlichen Grüße überbracht und Ihnen nur ein Wort über die Lage
der Kameraden, die wir vertreten, gesagt hätte.

Frankreich, der französische Imperialismus, wirft dem englischen Impe-
rialismus entgegen, daß er der mörderischste von allen sei. Er behauptet
auch, daß der spanische Imperialismus mit unerhörter Gewalt gegen seine
Kolonien vorgegangen sei. Und, sich auf diese Erklärungen stützend, wendet
er sich gegen die unterdrückten Völker seiner Gebiete und sagt ihnen: „Wir
sind es, die die mildesten Zivilisierungsmethoden anwenden.‘ Unsere An-
wesenheit an diesem Kongreß widerlegt formell diese Behauptung.

Guadeloupe und Martinique sind Länder, von denen Sie vielleicht
das erstemal sprechen hören. Sie werden schon seit drei Jahrhunderten
unterdrückt, und die Rassen, die wir hier vertreten, sind nicht die Urein-
wohner dieser Gebiete. Diejenigen, die vordem das Land bewohnten, sind
Opfer unerhörter Gewalttätigkeiten geworden. Diese Völkerschaften wurden
vernichtet. Der französische Imperialismus, der eindrang, um die reichen
Ländereien auszubeuten, tat dann etwas, da die zur Ausbeutung dieser
Ländereien notwendige Arbeitskraft fehlte, was für die Geschichte der
Menschheit eine Schande ist. An den afrikanischen Küsten wurden Menschen
        <pb n="141" />
        11% Der Freiheitskampf der Neger.

wie Vieh zusammengetrieben, auf den Märkten verkauft, und so kommt es,
daß wir uns auf die Antillen und nach den Vereinigten Staaten versetzt
vorfanden. Auf diese Weise befinden sich in dem Gebiete der Vereinigten
Staaten 10 Millionen Neger und auf den Großen und Kleinen Antillen eine
bedeutende Anzahl.

Seit diesen drei Jahrhunderten einer sogenannten Zivilisation entbehrt
die Bevölkerung jeder Bildung. Das physische Elend hat nirgends seines-
gleichen.

Der französische Imperialismus hat sich Machinationen hingegeben. Man
gewährte dieser Bevölkerung politische Rechte, man trieb sie dazu, ihre
Vertreter für ein nationales Parlament zu bestimmen. Es ist dies ein Verrat
und ein Betrug, gegen den wir revoltieren, denn die Wahlen gehen unter
dem Druck von Mitrailleusen und Bajonetten vor sich. Gegenwärtig liegen
in den Gewässern unserer Inseln Kriegsschiffe vor Anker. Unter diesen Be-
dingungen wird das Volk aufgefordert, seinen Willen zum Ausdruck zu
bringen. Dies ist eine der an den Kameraden, in deren Namen ich spreche,
begangenen Gewalttätigkeiten, die sich ihrem physischen Elend und ihrer Aus-
beutung zugesellt. Sie verstehen, daß sie Opfer von Machinationen sind und
daß sie unter solchen Bedingungen nie soziale Gleichheit mit den Bürgern
des Mutterlandes fordern können. Dies ist für sie ein Beweis, daß sie anders-
wo suchen und sich in einer anderen Richtung nach vorwärts bewegen,
müssen. Und es gibt nur eines: die Vereinigung aller unterdrückten Völker
gegen den Imperialismus.

Der französische Imperialismus bestimmt uns vielleicht ein anderes Schick-
sal. Im Laufe des Weltkrieges hat Frankreich bei den Vereinigten Staaten
die Ihnen bekannten riesigen Schulden gemacht. Die Befürchtung besteht,
daß diese Schuldenlast auf die Schultern der französischen Proletarier ab-
gewälzt wird; ich möchte dazu bemerken, daß dies vielleicht nicht von alleine
vor sich gehen wird. So sucht der französische Imperialismus auch andere
Wege, um sich aus der Affäre zu ziehen. Nachdem er mit dem schwarzen
Menschenfleisch gehandelt hat, denkt er darüber nach, zugunsten der Ver-
einigten Staaten Inseln zu verhandeln. Man findet Anzeichen hierfür in einer
Reihe von Kundgebungen; Reden von Persönlichkeiten, Wünsche von ge-
wählten Versammlungen.

Unsere geographische Lage klärt Sie genügend über unsere strategische
Wichtigkeit in der Welt auf. Wir befinden uns dem Panama-Kanal gegen-
über und: sind deshalb eine ausgezeichnete Militär- und Flottenbasis. Der
amerikanische Imperialismus ist sich der Wichtigkeit von Guadeloupe und
Martinique bewußt, und hat schon Versuche unternommen, ihre Abtretung
an ihn zu bewirken.

Mr. Fisch, Mitglied des amerikanischen Kongresses, hat am 10. Februar,
dem Datum der Eröffnung unseres Kongresses, erneut Vorschläge gemacht,

LS
        <pb n="142" />
        Carlos Deambrosis Martins. 119
die darauf hinausliefen, diese Inseln zu erwerben. Er erklärte, daß die Ver-
einigten Staaten bereit wären, dafür den zehnfachen Wert der Inseln zu be-
zahlen. Es ist uns bekannt, daß der französische Imperialismus diesem
Handel nicht ablehnend gegenübersteht. Schon haben die Finanzkreise
Frankreichs Kundgebungen in dieser Richtung erlassen. Es handelt sich
für uns nicht darum, den einen Imperialismus gegen einen andern einzu-
tauschen. Französischer oder amerikanischer Imperialismus ist für uns das-
selbe. Wir wollen von allen Möglichkeiten, die sich uns bieten, Gebrauch
machen, um unsere Unabhängigkeit zu fordern. Es kann sich nicht darum
handeln, das Joch des französischen Imperialismus gegen das amerikanische
einzutauschen. Beide sind gleichviel wert. Ein Beispiel dazu liefert uns die
ältere Republik Haiti. Nachdem sie mehr als hundert Jahre als freier Staat
bestanden hatte, benützte der amerikanische Imperialismus den Weltkrieg —
während Wilson das Selbstbestimmungsrecht der Völker proklamierte —, um
die Souveränität von Haiti zu verletzen. Wir versichern unsere dorligen
Freunde unserer innigsten Solidarität.

Seit zehn Jahren sind jedoch eine Reihe von Ereignissen in der Welt
vor sich gegangen. Die russische Revolution hat eine Revolution in China
ermöglicht. Und weil diese über den englischen Imperialismus triumphiert,
wird Indien Gelegenheit habeh, seine nationale Unabhängigkeit zu erringen.

Kameraden, wenn eines Tags Ihre Besorgnis, allem, was in der Welt die
unterdrückten Völker angeht, nachzugehen, durch Ereignisse in unseren
kleinen Ländern geweckt wird, so erinnert Euch, daß wir hier die kostbare
Energiequelle gefunden haben für die Kämpfe, die wir noch bestehen
müssen, um unsere Bestrebungen zu verwirklichen.

Als Delegierter der Patriotischen Union von Haiti spricht

Carlos Deambrosis Martins (Haiti).
DS Volk von Haiti, vertreten durch die Patriotische Union, eine Ver-
einigung, die mehr als 50 000 Mitglieder zählt, hat mich an den inter-
nationalen Kongreß gegen koloniale Unterdrückung und Imperialismus de-
legiert, damit ich dort auf das energischste gegen das Attentat protestiere,
das von einem der mächtigsten Länder der Erde an unserem Volke begangen
wurde.

Da mir nur wenig Zeit zur Verfügung steht, werde ich mich auf
eine gedrängte Darstellung beschränken. Die Republik Haiti ist ein Bei-
spiel aus der Geschichte des Yankee-Imperialismus, der gegen ein Volk
vorging, das infolge seiner Schwäche über keine Kanonen verfügte, um
den Angriff abzuschlagen. Dies geschah im Jahre 1915, in der gleichen
        <pb n="143" />
        120 Der Freiheitskampf der Neger.

Epoche, da an der Spitze der Vereinigten Staaten ein Mann wie Wilson stand,
der behauptete, sein Land in den Krieg hineingezogen zu haben, um: die
Menschenrechte und die kleinen Nationen zu verteidigen.

Welches sind die wichtigsten Vorkommnisse seit Beginn der militärischen
Intervention der U. S. A. in Haiti?

Als am 29. Juli 1915 die amerikanischen Truppen in das Gebiet der Re-
publik Haiti einbrachen, tagten eben die gesetzgebenden Kammern.

Der erste Schritt des‘ Kontre-Admirals William B. Carpenter, der die
Expedition mit dem Titel „Chef der in Haiti und in den haitischen Gewässern
operierenden amerikanischen Expeditionskräfte‘‘, leitete, war, einen Vertrag
vorzuschlagen, der Klauseln enthielt, die unter einem Schein von Gesetz-
lichkeit die gesamte militärische und zivile Verwaltung Haitis den Ameri-
kanern auslieferte. Er bedeutete nichts anderes als eine versteckte Annexion.
Die Regierung widersetzte sich der Ratifizierung dieses Vertrags. Auch der
Minister des Auswärtigen weigerte sich, ihn zu unterzeichnen und demissio-
nierte. Er wurde sofort durch einen Strohmann, dem gegenwärtigen Präsi-
denten de facto von Haiti, Louis Borno, ersetzt und der Kontre-Admiral
proklamierte für das ganze Gebiet von Haiti den Belagerungszustand, um
jede Anwandlung von Widerstand zu brechen. Das 1915 proklamierte Stand-
recht ist heute noch in Kraft, da das Volk vön Haiti nicht aufgehört hat,
gegen diese verschleierte Kolonisierung zu protestieren.

Der Vertrag wurde unterzeichnet und genehmigt. Gewalt hatte über Recht
den Sieg davongetragen.

In seinen Aussagen vor. der Untersuchungskommission, die der Senat von
Washington im Jahre 1921 ernannte, gestand Kontre-Admiral Carpenter
schließlich, daß die Verhandlungen für den Abschluß eines Vertrages erst
dann „Fortschritte“ gemacht hätten, als er im „geeigneten Moment‘“ einen
militärischen Druck ausgeübt habe. Die amerikanischen Senatoren nahmen
von dem Geständnis des ehemaligen Chefs der Expeditionskräfte Kenntnis,
kündigten jedoch diesen einem schwachen Volke gewaltsam aufgezwungenen
Vertrag nicht. Der Imperialismus hat schon die ganze gesetzliche Gewalt
Nordamerikas mit seinem Geiste durchsetzt.

Nach Genehmigung des Vertrages wurden die Kammern vertagt, um
gemäß den Vorschriften der Verfassung, am ersten Montag des Monats April
wieder zusammenzutreten. Als aber an jenem Tage (am 5. April) die De-
putierten und Senatoren das Regierungsgebäude betreten wollten, wurde
ihnen der. Eintritt durch amerikanische Offiziere verwehrt. Auf Befehl des
Obersten Littleton W. Waller, dem Chef des Besatzungskorps, hatte die Re-
gierung ein Dekret erlassen, das die gesetzgebenden Körperschaften als auf-
gelöst erklärte! Es war ein gewaltsames, mit Hilfe der amerikanischen Ba-
jonette ausgeführtes Vorgehen. Die in Kraft stehende Gesetzgebung erlaubte
auf keinen Fall die Auflösung irgend eines Zweiges der gesetzgebenden Ver-
        <pb n="144" />
        Carlos Deambrosis Martins. 121
sammlung. Die amerikanische Okkupation verfolgte jedoch dunkle Pläne
und die Abgeordneten des Volks von Haiti schienen sich dafür nicht her-
geben zu wollen.

Am 10. Januar 1917 fanden, kraft eines Dekretes,das die Konstitution
vollständig umstürzte, neue Wahlen in die gesetzgebenden Körperschaften
unter der effektiven Kontrolle amerikanischer Offiziere statt. Die Sitzungen
der gesetzgebenden Körperschaften hatten kaum begonnen — es war im
April 1917 — als Oberst Bailly-Blanchard, bevollmächtigter Gesandter der
Vereinigten Staaten in Port-au-Prince der Nationalversammlung durch sein
Sprachrohr, die Regierung, „obligatorische Vorschläge‘ unterbreiten ließ
über die Abänderung der Verfassung, Vorschläge, die natürlich auf nichts
anderes hinzielten, als der amerikanischen Kolonisierung noch weiter die
Tore zu öffnen. Die Abgeordneten zogen jedoch nur das nationale Interesse
in Betracht. Hierauf brach eines Tages der amerikanische Major Smedley
Butler, Chef der Gendarmerie, Revolver in der Faust, in Begleitung ame-
rikanischer Offiziere und eines Schwarms von Gendarmen mit aufge-
pflanztem Bajonett in den Palast der gesetzgebenden Versammlung ein und
zerstreute manu militari die eben tagende Nationalversammlung. Dies er-
eignete sich im Juni 1917 als Oberst Eli K. Cole Chef der Besetzungs-
truppen war. Der Parlamentarismus wurde so in der demokratischen Re-
publik Haiti für immer zerstört. Bis auf den heutigen Tag gibt es nichts,
als die amerikanische Besetzung mitsamt Standrecht und die Marionette
eines, dem hohen Kommissar in jeder Beziehung gehorsamen, Präsidenten.

Diese Lage entsprach sehr gut dem imperialistischen Geist des Yankees,
aber sie war zu brutal für die scheinheilige Politik der Regierung von
Washington, die das Selbstbestimmungsrecht der Völker proklamiert hatte.
Man dachte daher seit 1918 daran, eine Karrikatur einer Nationalversamm-
lung zu schaffen und ein Staatsrat wurde aufgestellt, der Gesetze geben sollte.
Dieser aus 21 Individuen sich zusammensetzende, von den Amerikanern be-
stimmte und durch die Präsidenten-Marionette mit Vollmachten versehene
Staatsrat registrierte ohne Diskussion alle durch die amerikanische Gesandt-
schaft ausgearbeiteten oder genehmigten Gesetze. Jedoch noch mehr als das.
Dieser Staatsrat, der nur unter dem Schutz der amerikanischen Bajonette
bestehen kann, hat sich auch das Recht angemaßt, die Staatspräsidenten zu
ernennen. So ernannte er im Jahre 1922 Louis Borno zum Präsidenten der
Republik, den gleichen Mann, den Kontre-Admiral Carpenter im Jahre 1915
zur Unterzeichnung des Vertrags zum Minister ernennen ließ, und den der
Brigade-General Russell, der amerikanische Oberkommissar, im Jahre 1926
den Bewohnern Haitis für eine weitere Periode von 4 Jahren aufzwang.
Dies rührt daher, daß es niemand gibt, der sich für die von der imperialisti-
schen Regierung von Washington erträumte Kolonisierung besser verwenden
ließe, als Borno. Es geht übrigens aus den zwischen der vorhergehenden Re-
        <pb n="145" />
        15: Der Freiheitskampf der Neger.

gierung von Haiti und der französischen Regierung ausgetauschten Noten
hervor, daß Louis Borno von einem Franzosen aus Guadaloupe abstammt
und infolgedessen nicht zum Präsidenten der Republik Haiti gewählt wer-
den könnte.

Wie wurde die Presse behandelt? Das außerordentliche Gericht verur-
teilte Journalisten für Geringfügigkeiten zu Strafen, die bis Zwangsarbeit
gingen. Ein typisches Beispiel: Nach der gewaltsamen Auflösung der
Kammern im Jahre 1917 bestellte der amerikanische Oberrichter die Di-
rektoren aller Tageszeitungen von Port-au-Prince zu sich und teilte ihnen
mit, daß es verboten sei, über diesen „Zwischenfall‘“ zu schreiben.

Die Yankees versuchten jedoch, ihrem Imperialismus einen Anstrich von
Anständigkeit zu geben. An Stelle ihres Standrechts wollten sie ein haitisches
Gesetz, daß auch so drakonische Maßnahmen gegen die Presse in sich
schließen sollte, ihnen aber erlauben würde, zu sagen, daß nicht die ameri-
kanische Besetzung die Presse kneble, sondern die Regierung von Haiti. Mit
seinem Präsidenten de facto und der Karrikatur von einem Staatsrate
konnten sie ihren Wunsch verwirklichen.

In einer Proklamation, die Louis Borno anläßlich seiner Wahl zum
Präsidenten erließ, drohte er der Presse mit dem Standgericht. Kurze Zeit
nachher wurde ein Notar für einen im „Nouvelliste‘““ von Port-au-Prince
publizierten Artikel mitsamt den beiden Direktoren dieser Zeitung vom
amerikanischen Standgericht verurteilt. Der Prozeß löste aber ebensoviel
Lärm in den Vereinigten Staaten wie in Haiti selbst aus, sodaß von Washing-
ton der Befehl kam, die Leute zu befreien. Hierauf arbeitete der amerika-
nische Oberkommissar gemeinsam mit der Präsidentenmarionette einzig-
artige Gesetze gegen die Gedankenfreiheit aus, die dann vom Staatsrat be-
stätigt wurden. Im Einverständnis mit bestochenen, durch Louis Borno
bestimmten Untersuchungsrichtern, wurde die Schutzhaft, die gefürchteste
Waffe der amerikanischen Okkupation, gegen die Journalisten angewandt.
Um nur ein Beispiel zu nennen: Louis Edouard Pouget, ehemaliger Senator
und Minister, Chefredakteur der Zeitung „La Poste‘, wurde für angebliche
Pressedelikte durch die Jahre 1922, 1923, 1924, 1925 und 1926 hindurch
im ganzen zu 12 Monaten Schutzhaft verurteilt. Er erlangte jedoch nie die
Gunst, durch ein reguläres Gericht abgeurteilt zu werden und mußte zuletzt
auswandern.

Ich protestiere auf diesem Kongreß im Namen der patriotischen Union
gegen das:von der U. S. A. an der Republik Haiti ohne Kriegserklärung
begangene Verbrechen.

Ich protestiere gegen den Vertrag und die politische Verfassung, die dem
Volk von Haiti unter dem Druck amerikanischer Streitkräfte aufgezwungen
wurden,

Ich protestiere gegen die gegenwärtig die Geschicke der Republik Haiti

+
        <pb n="146" />
        Josiah Tshangana Gumede. 123
leitende Regierung, die durch die Vertreter der Vereinigten Staaten mit
Unterstützung einer Minderheit von Haitier gebildet wurde. Diese Minder-
heitsregierung wurde einer Mehrheit mit Hilfe amerikanischer Bajonette
aufgezwungen.

Ich protestiere gegen die Ermordung von mehr als dreitausend Haitiern,
die von den Yankee-Streitkräften im Verlaufe einer elfjährigen Besetzung
niedergemacht wurden.

Schließlich wünscht die patriotische Union, daß der Kongreß an die ganze
Welt einen stürmischen Protest erlasse, als einen Schrei nach Recht und
Gerechtigkeit.

Bericht über die Behandlung der afrikanischen Neger
yn
Josiah Tshangana Gumede (Süd-Afrika),
Delegierter des Afrikanischen Nationalkongresses.

1 Namen des Kongresses, den ich vertrete, möchte ich nachfolgende Über-
4 sicht über die Geschehnisse in Südafrika geben, um den Beweis zu führen.
welche Unterdrückung die Neger seitens der Unionsregierung in Süd-
afrika zu erleiden hatten, die wiederum nur ein Werkzeug in der Hand der
Kapitalisten und imperialistischen Regierungen der Welt zur Enteignung des
Landes ist, das den Negern gehört, zur Versklavung der gesamten Neger-
bevölkerung und zur schwersten Ausbeutung der Negerarbeit.

Im Jahre 1912 wurde der Südafrikanische Nationalkongreß der Ein-
geborenen gegründet, um den Kampf gegen die unerhörten Verhält-
nisse aufzunehmen. Im Jahre 1919 beschloß der Südafrikanische Kon-
vent, über den niemals ein Bericht ans Licht der Öffentlichkeit gedrungen
ist, die Eingeborenen ihrer Rechte und Privilegien, auf die sie Anspruch
haben, zu berauben, und sie zu Fremden herabzuwerten, die keine Stimme
in der Verwaltung ihres eigenen Landes haben. Mit dem Südafrikanischen
Gesetzesakt von 1920 willfahrte Great, der dem Gesetz die königliche Ge-
nehmigung verschaffte, den Forderungen der Ansiedler, daß ein Neger nicht
zu den Untertanen seiner Majestät in Südafrika gerechnet werden könne.
Vergessen war das oberste Versprechen, daß die britische Flagge für Gerech-
tigkeit, Freiheit und ‘fair play”” bürge. Parlament und Regierung wurden zum
ausschließlichen Vorrecht der Europäer. Durch den Eingeborenen-Boden-
erlaß von 1913 (Union) wurde den Negern der Ankauf und die Pachtung
von Ländereien untersagt, die einst — vor der Besetzung und Eroberung, die
allen Boden als Eigentum der britischen Krone anektierte, — ihr Eigentum

YO
        <pb n="147" />
        % Der Freiheitskampf der Neger.

waren. Dies genügt zu beweisen, daß den Negern keinerlei Gerechtigkeit
widerfuhr. Kraft des gleichen Parlamentserlasses wurde ein Absonderungs-
System geschaffen, das schwer auf den Negern lastet. Die Neger wurden
aller Freiheit und Unabhängigkeit beraubt; denn nach zahlreichen Parla-
mentsverfügungen dürfen sie ohne schriftliche Genehmigung des Magistrates
weder ihren Distrikt verlassen, noch ohne besondere Magistratserlaubnis —
bei Androhung von Gefängnis oder einer Geldbuße von L. 2,0,0 — Arbeit
bei einem neuen Brotherrn annehmen. Kein Neger darf in den Städten nach
9 Uhr im Freien angetroffen werden. Nach einer anderen Verfügung müssen
die Neger am äußersten Saum der Siedlungen in kleinen Katen wohnen oder
sich selbst ihre kleinen Blockhütten errichten, und monatlich eine bestimmte
Steuer an die Stadtgemeinde zahlen. In gewissen Fällen müssen sie eine
festgelegte Pachtsumme pro Monat entrichten.

Im Jahre 1914 entsandte der Kongreß eine Deputation nach London, um
jene Übelstände der britischen Regierung vorzutragen, nachdem sie von der
Kolonialverwaltung keinerlei Abhilfe erfahren hatten. Dieser Deputation ward
der Bescheid, daß die britische Regierung in Verwaltungsfragen einer selbst-
verwaltenden Kolonie nicht eingreifen dürfe. 1919 entsandten die Neger eine
neue Deputation nach London, die aber mit dem gleichen Märchen abgespeist
wurde und daraufhin eine Agitation in England ins Werk setzte. Jedoch
scheiterte das Unternehmen völlig, und nur mit Hilfe einiger Freunde gelang
es ihnen, nach Südafrika zurückzukehren.

Ermutigt durch die britische Regierung brachte die südafrikanische Re-
gierung noch andere Parlamentsakte gegen die Farbigen durch, und noch
weitere Gebiete des Reservatlandes, in das die Neger zurückgedrängt waren.
wurden ihnen von der Regierung für Europäer entrissen. Ganze Scharen von
Negern wurden von den öffentlichen Arbeiten der Regierung ausgeschlossen,
um dafür armen und arbeitslosen Europäern Platz zu machen. Das Ab-
sperrungsgesetz gegen Farbige reserviert alle gelernte Arbeit, besonders in
den Minen, dem weißen Arbeiter. Während der weiße Arbeiter 21/— (sh.)
pro Tag erhält, wird der eingeborene Bergmann, der alle Schwerarbeit ver-
richtet, mit 2/— (sh.) pro Tag abgespeist. Augenblicklich liegen dem Lande
vier neue Eingeborenen-Anträge des Premierministers der Südafrikanischen
Union vor, in denen dieser das Parlament auffordert, die Neger
in der Kap-Provinz des Bürgerrechtes, das sie seit 1854 ohne jeglichen
Mißbrauch genossen haben, zu berauben. Er schlägt die Bildung eines
Generalrates von Negern vor, das ein Scheinparlament vorstellen wird.
Ferner zielt er darauf hin, zwischen Negern und Europäern einen Kon-
kurrenzkampf um den‘ Ankauf von Land hervorzurufen, das er eigens zu
diesem Zwecke freigeben will. Auch dies ist nur ein erneuter Versuch, dem
Neger den Weg zu versperren, sich nach den Bestimmungen des nationalen
Landgesetzes von 1913 von einem anderen Neger Boden zu erwerben. Wie

1924
        <pb n="148" />
        Josiah Tshangana Gumede
Delegierter des Afrikanischen Nationalkongresses
Südafrika
        <pb n="149" />
        <pb n="150" />
        Josiah Tshangana Gumede. 125
kann der mit Füßen getretene und oftmals enttäuschte Neger mit dem weißen
Manne, der für seine Arbeit hoch bezahlt wird, in Wettbewerb treten? Die
Neger werden fast aller Menschenrechte beraubt. Nach den Bestimmungen
des Eingeborenen-Land-Gesetzes, das über die Verteilung von Land ent-
scheidet, erhielten 11/2 Millionen Europäer 260 Millionen Morgen Land, wäh-
rend 51/, Millionen Eingeborenen nur 40 Millionen Morgen zugeteilt wurden.
Eine weitere Eingeborenen- Vorlage, das „Aufruhr-Gesetz‘“, ist in Vor-
bereitung, das jeder Agitation der Neger-Organisationen ein Ende bereiten
will. Die Neger werden, ohne im Parlament vertreten zu sein, hoch besteuert.

Der Unterricht der Eingeborenen ist den Missionaren — neben einigen
unzureichenden Zugeständnissen der Regierung — anvertraut. Der Unter-
richt der Europäer dagegen wird von der Regierung in die Hand genommen
und von gut bezahlten Lehrkräften geleitet.

Wenden wir uns nun der Landarbeit zu: Die Ansiedler (squatters), die
den europäischen Bauern entsprechen, erhalten kleine Stücke Landes zur Be-
bauung, die sie mit ihrer Arbeitskraft bezahlen. Einige Farmer bezahlen die
Arbeit von erwachsenen Männern mit 20—30 sh. pro Monat, die von Frauen
mit 10 sh., Mädchen mit 5 sh. und Knaben mit ı5 sh. Gewisse Farmer
brauchen die Neger auf ihrer Farm überhaupt nicht zu entlohnen, sie haben
billigere Sklavenarbeit zur Verfügung als die der leibeigenen Sklaven, die
1834 emanzipiert wurden. Die Löhne in den Industriezentren betragen 2 sh.
pro Tag, in den Städten 2—4 sh. Es ist nur zu offenbar, daß die Neger Süd-
afrikas in Knechtschaft, Helotentum und wirtschaftlicher Versklavung leben.

Ich habe bereits die traurige Geschichte unserer Unterdrückung in Süd-
afrika durch den Imperialismus berichtet. Unser Land wurde uns durch ein
Annektions-System entrissen, das gleichbedeutend mit Konfiskation war.
Langalibalele büßte sein Land ein, weil er die jungen Männer seines Stammes
nicht dazu überreden konnte, der Regierung die Gewehre abzuliefern, die
sie an Stelle von Lohn von den Weißen, besonders den Diamant-Kompanien,
erhalten hatten. König Chetshway von den Zulus verwirkte sein
Königreich, weil die Kapitalisten und die imperialistische Regierung in
ihm eine Gefahr für die Kolonien der Weißen erblickten. Nachdem er
aber von dem mächtigen britischen Heere besiegt war, durfte er in sein Land

zurückkehren und erhielt die Versicherung, daß die Briten nicht die Absicht
hätten, Zululand zu annektieren, sondern daß es den Zulus bleiben würde.

Zu unserem Entsetzen und unserer Enttäuschung mußten wir jedoch er-

leben, wie die fruchtbarsten Landstriche des Zululandes von der Regierung
als Farmen für Europäer abgetrennt wurden. Den Negern in dem Oranje-
Freistaat blieb nur ein kleines Stück Land im Harrysmith-Distrikt, das unter
dem Namen Witzeishoek bekannt ist. Auch die Eingeborenen-Gebiete, die
unter der Protektion der britischen Regierung stehen, schweben in Gefahr,
der Südafrikanischen Union ausgeliefert zu werden. Swaziland ist bereits
        <pb n="151" />
        Der Freiheitskampf der Neger.

zum Teil in ihren Besitz übergegangen. In dem Gefühl, daß die Südafri-
kanische Union nach dem großen Kriege zu hart vorging, reichten die
Neger eine Petition an die britische Regierung ein, die deutschen Kolonien
nicht der Südafrikanischen Union auszuliefern. Auch diese Bitte wurde wie
viele andere übergangen. Jeder weiß, daß die Ansiedlungen der Kolonisten
gemischten Blutes von Luftstreitkräften der Union bombardiert wurden.
Obgleich der Völkerbund als Protektor auftreten soll, hat er keinen
Schritt dagegen unternommen. Wenn ich behaupte, daß wir durch den
Imperialismus, der von britischen Besatzungstruppen unterstützt wurde, un-
serer Ländereien, unserer Besitztümer beraubt wurden, so übertreibe ich
die Wahrheit in keiner Weise, Die parlamentarischen Erlasse gegen unsere
Farbe tragen die Unterschrift Seiner Majestät des Königs von England. Ins-
gesamt sind wir zu der Stellung von Holzhackern und Wasserträgern er-
niedrigt.

Den Häuptlingen Sikukuni, Pefu und anderen widerfuhr ein ähnliches
Schicksal wie Chetshway und Langalibalele. Wir warten und hoffen auf die
endliche Befreiung. Möge dieser Kongreß nicht der letzte sein. Sollte dieser
Kongreß sich zu einer dauernden Organisation entwickeln, so bitte ich sofort
um Angliederung des Kongresses, den ich hier vertrete. Die Menschheit
leidet unter der Peitsche und Folter des Imperialismus und Kapitalismus
der Welt.

Der Delegierte des „American Negro Labor Congress“ (Bund der Neger-
arbeiter Amerikas) und der „Universal Negro Improvement Association“
(Allgemeiner Verband zur Verbesserung der Lage der Neger),

Richard B. Moore (U. S. A.).
erklärte:
a ) die Zeit kurz ist und die wichtigsten historischen Tatsachen in bezug
auf die Lage der Negervölker in der Resolution wiedergegeben sind, die
ich Ihnen jetzt vorlegen werde, so will ich Ihre Aufmerksamkeit nur zwei
Minuten in Anspruch nehmen, um Ihnen einige wichtige Seiten der Frage
des Imperialismus aufzuzeigen.

Wir müssen klar erkennen, daß der Kampf gegen den Imperialismus
in erster Linie einen unaufhörlichen Kampf gegen die imperialistische
Ideologie bedeutet. Wir müssen gegen den Faschismus, gegen die Ku-Klux-
Klan-Bewegung, gegen den Chauvinismus und gegen die Doktrin von der
Überlegenheit der weißen Rasse kämpfen. Solange die europäischen Arbeiter
noch mit diesen unseligen Ideen verseucht sind, wird es unmöglich sein,
die Welt von dem Druck des Imperialismus zu befreien. Es ist deshalb unsere

126
        <pb n="152" />
        Richard B. Moore. 827
Aufgabe, die Arbeiter darüber aufzuklären, daß die Tage, da sie eine privi-
Jegierte Stellung in den Mutterländern einnehmen, gezählt sind. Ihre Lebens-
bedingungen werden bald auf das Niveau der meist unterdrückten Kolonial-
völker herabgedrückt werden. Um sich davor zu schützen, wird es für sie
unumgänglich notwendig sein, sich mit diesen Völkern für einen gemefn-
samen Kampf gegen den gemeinsamen Feind zu vereinigen. ,

Wir können von unseren Unterdrückern sehr viel lernen. Der Haupt-
vertreter in Amerika der Theorie der Überlegenheit der Weißen, Mister
Lothrop Stoddard, veröffentlichte zwei Bücher, die, im Zusammenhang be-
trachtet, deutlich zeigen, wie diese imperialistischen Unterdrücker So-
wohl die Arbeiter im Mutterland, wie auch die Kolonialvölker, einschätzen.
In „The Rising. Tide of Colour“ (die steigende Flut der Farbigen) versucht
Mr. Stoddard zu beweisen, daß die Kämpfe der Kolonialvölker für ihre
Befreiung eine Bedrohung der Zivilisation bedeuten; und in „The Revolt
against Civilisation‘“ (Aufstand gegen die Zivilisation) versucht er gleich-
falls zu beweisen, daß die organisierte Arbeiterbewegung (Gewerkschaften,
Sozialismus, Bolschewismus) ebenfalls die Zivilisation bedrohen. Wir wissen
jedoch, daß die Zivilisation durch das Ungeheuer des Weltimperialismus
bedroht wird, das alle Völker der Erde in seinen tödlichen Krallen zermalmt,
und es ist unsere Pflicht, die europäischen Arbeiter mit den Arbeitern in
den Kolonien für den gemeinsamen Kampf gegen dieses Ungeheuer zu
vereinigen.

Die Imperialisten sind im Begriffe, einen neuen Weltkrieg herauf-
zubeschwören, einen schrecklichen Krieg, in welchem Rasse gegen Rasse
kämpfen wird. Werden ihre Pläne nicht durchkreuzt, so gehen wir einer
allgemeinen Verwüstung entgegen, neben welcher die des vergangenen
europäischen Krieges verblassen wird. Die Volksmassen werden den Krieg
mit Leiden und Tod bezahlen müssen. Es ist daher unsere Pflicht, dieses
schreckliche Verhängnis, das wirklich die Zivilisation vernichten würde, zu
verhüten. Wir müssen Hirn und Herz der Arbeiter und Völker erobern. Wir
müssen sie für den Kampf gegen den Militarismus und Imperialismus und
für den Endkampf der Weltbefreiung organisieren.

Heute wird der Neger verachtet und zurückgedrängt. Selbst in den weit
fortgeschrittensten Gruppen der Arbeiterbewegung werden wir noch von
vielen als minderwertig betrachtet. Ich muß Sie aber darauf aufmerksam
machen, daß die Neger im nordamerikanischen Bürgerkrieg, in der großen
Auseinandersetzung, in welcher die Sklaverei abgeschafft wurde, eine ent-
scheidende Rolle spielten. Auch die englischen Arbeiter spielten in diesem
Kampfe eine wichtige Rolle. Die Baumwollarbeiter Manchesters starben fast
vor Hunger und organisierten doch unter der Führung von John Bright und
Karl Marx Protestmeetings, wodurch Lord Palmerston verhindert wurde, im
Süden einzugreifen. Das ist ein Beispiel von Einigkeit und Solidarität, das

15°
        <pb n="153" />
        1) Der Freiheitskampf der Neger.

für uns alle heute ein Ansporn ist. Wir müssen deshalb der Organisierung
der Negermassen größere Aufmerksamkeit schenken; denn es ist möglich,
daß, wenn der Ausgang des Kampfes der unterdrückten Klassen gegen die
imperialistischen Ausbeuter in Frage steht, die verachteten Negervölker
wiederum das Kleinod der Freiheit für das „Geschlecht der Freiheit“ retten
werden.

Und jetzt lege ich Ihnen folgende Resolution zugunsten der unterdrückten
Negervölker der Welt zur Behandlung vor:

Gemeinsame Resolution über die Negerfrage.
Vorgeschlagen von der Negerdelegation.

Seit etwa 500 Jahren sind die Negervölker der ganzen Welt Opfer der grausamsten Unter-
drückung. Der Sklavenhandel und die Anfänge des Kapitalismus sowie die gleichzeitige
Expansionspolitik der europäischen Staaten haben eine terroristische Herrschaft über die
Schwarzen und eine Ausbeutung der Negervölker zur Folge gehabt, die in der Geschichte
der Menschheit ihresgleichen sucht. Als Resultat des Sklavenhandels verlor Afrika Millionen
seiner Bevölkerung. Vier Fünftel der verfolgten Opfer des Sklavenhandels starben bereits bei
der Gefangennahme durch bewaffnete Expeditionen oder auf dem Transport. Die Über-
lebenden wurden Sklaven in Amerika.

Die reichen Profite dieses gemeinen Handels haben die Macht des europäischen Handels-
kapitals und seiner Staaten begründet. Die Entwicklung der afrikanischen Völker wurde
gewaltsam unterbrochen, Ihre Zivilisation, die in verschiedenen Teilen des afrikanischen
Kontinents hoch entwickelt war, wurde zerstört. Dann wurden die Neger zu unzivilisierten
Wilden und einer niedrig stehenden Rasse erklärt, die durch den christlichen Gott zum
Sklaven des höher stehenden Europäers bestimmt sei. Es entstand ein feindliches und grau-
sames Vorurteil gegen die Negerrasse. Ein Vorurteil, das heute noch die Gefühle der
Europäer beherrscht, und zahlreiche herabwürdigende und schandbare Handlungen
zur Folge hatte und noch hat. Die Aufhebung der niedrigsten Formen der Sklaverei
hat die Negervölker nicht befreit von dem Zustand, in dem sie faktisch als persönliches
Eigentum, als dienende Rasse, als Ausbeutungsobjekt betrachtet werden, und in dem ihre
systematische Ausrottung ungehemmt weitergeht.

Diese Unterdrückung wurde durch die Gier der europäischen Mächte nach afrikanischen
Territorien, besonders zwischen 1880 und 1890, bedeutend verschärft.

Die Gier wurde durch das Bedürfnis des Finanzkapitals hervorgerufen, seine Reserven
in den Industrien und Rohmaterialien der Kolonien anzulegen, und eine Industrialisierung
einzuleiten, die sich seitdem auch stark entwickelt hat. Das Finanzkapital verband sich mit
dem Industriekapital zu Kolonialabenteuer. Die afrikanischen Staaten sind durch Überlistung
und offene Gewalt niedergerungen worden. Das Land und die Habe der Bevölkerung wurde
an europäische Handelsgesellschaften und Einzelpersonen verteilt. Die Bevölkerung wurde
durch die brutalsten und unmenschlichsten Produktionsmethoden gezwungen, ungeheure
Reichtümer für ihre Unterdrücker hervorzubringen.

Eine Folge dieser Unterdrückung waren auch jene Seuchen, die die Bevölkerung und
den Viehstand heimsuchten. — Welch ungeheure Ernte der Tod durch die Kolonisations-
tätigkeit der imperialistischen Mächte hielt, kann man daraus ersehen, daß das Afrika der
fruchtbaren und sich rasch vermehrenden Völker heute weniger bevölkert ist als alle anderen
Kontinente der Welt. Das ist der große Segen des Christentums und der Zivilisation, die
man den Afrikanern angedeihen ließ.

So kommt es, daß in dem Riesenkontinent von 30 Millionen qkm nur zwei kleine
Staaten, Abessinien und Liberia formell unabhängig sind. Der erste ist aber gegenwärtig
durch den anglo-italienischen Vertrag, der zweite durch die Überantwortung seines ge-
samten. Zoll- und Polizeiwesens an die Amerikaner bedroht. Diese Konzession wurde

v5
        <pb n="154" />
        Resolutionen. „29
nämlich einem großen Trust der Wallstreet zugebilligt, und man kann daher Liberia kaum
als eınen wirklich selbständigen Staat ansehen Die Enteignung des Landes, die Ausrottung
der Völker wurde besonders hemmungslos in Kenya und im Sudan durchgeführt. Damit
wollten die Imperialisten ihren Dank den afrikanischen Völkern ausdrücken, die sie während
des großen Krieges, der angeblich für die Demokratie und die Rechte der schwächeren
Nationen geführt wurde, verbrecherisch hingeopfert haben.

Ähnlich liegen die Verhältnisse in der südafrikanischen Union, wo das „Colour Bar
Bill“ den Eingeborenen die Arbeit in den Werkstätten und in der Verwaltung verbietet
und das Elend der Bevölkerung, das durch frühere Gesetze bereits verschärft war, noch
intensiver gestaltet hat.

Überall auf dem afrikanischen Kontinent mit Ausnahme einer kleinen Fläche an der
Westküste, wo man den Negern Land und Sitten gelassen hat, herrscht die grausame
Unterdrückung des fremden Imperialismus. Die Produktion dieser kleinen Bevölkerung ist
jedoch achtmal intensiver als die der Nachbargebiete, die im Besitz der Europäer sind. Da-
durch wird einwandfrei bewiesen, daß das System der modernen Sklaverei die Entwicklung
der Eingeborenen hemmt.

In den Vereinigten Staaten gibt es 12 Millionen Neger, deren Gleichberechtigung durch die
Verfassung garantiert wird, und denen es trotzdem nicht möglich ist, sich am politischen und
öffentlichen Leben der Nation zu beteiligen. Die Unterdrückung ist besonders hart in den
Südstaaten, wo der Geist der alten Tyrannei noch weiter existiert. Verbannungen, Verskla-
vung, gesetzliche Ungerechtigkeiten, Verschuldung und Lynchjustiz bringen Erniedrigung
und Vernichtung über diese Negerbevölkerung. Durch dieses System der Unterdrückung will
man aus der Negerrasse eine niedere Kaste schaffen, die durch alle anderen Klassen der Ge-
sellschaft versklavt und ausgebeutet werden darf.

Die Republik Haiti, die durch den Heroismus von Toussaint L’Ouverture und seiner
Kameraden geschaffen wurde, ist heute versklavt und vernichtet durch jene Macht, die den
„Krieg für die Demokratie“ eingeleitet hatte. Tausende der Bürger von Haiti sind dem
Landungskorps der Vereinigten taken zum Opfer gefallen, und Abertausende sind zu
Zwangsarbeit und zur Schaffung militärischer Transportstraßen mobilisiert worden. Man hat
sie ihrer Freiheit und ihres Landes beraubt. Viele sind eingekerkert und gefoltert worden,
weil sie es wagten, in Wort und Schrift das Recht der nationalen Unabhängigkeit zu
verfechten.

In den Karibischen Kolonien wurden die Neger auch von den verschiedenen Formen des
Imperialismus heimgesucht. Sklaverei und Elend herrschen hier ständig.

In Latein-Amerika haben die Neger über keine Rassenvorurteile zu klagen. Die soziale
und politische Gleichstellung und die herzlichen Beziehungen, die unter den verschiedenen
Rassen dieser Länder herrschen, beweisen, daß der Gegensatz keinen natürlichen Ursprung hat.

Wir fordern die volle politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit für die Republiken
Haiti, Kuba und Santo Domingo, wie die Freiheit der Völker von Porte Rico und der
Virgin Islands.

Wir fordern die sofortige Zurückziehung der imperialistischen Truppen aus diesen
Ländern.

Wir fordern Unabhängigkeit für die Kolonien der Karibischen Regioa.

Der Bund der Westindischen Inseln und der Bund aller Völker der Welt muß ge-
schaffen werden.

Um die Befreiung der Negerrasse der ganzen Welt zu erkämpfen, muß die Bewegung
sich mit aller Energie für folgende Forderungen einsetzen.

Forderungen:

z. Volle Freiheit den afrikanischen Völkern und den Völkern afrikanischen Ursprungs;

2. Gleichstellung der Negerrasse mit allen anderen Rassen;

3. die Besitzergreifung des afrikanischen Bodens und der Verwaltung Afrikas
durch die Afrikaner; |

h. die sofortige Aufhebung der Zwangsarbeit und der indirekten Steuern;

5. die Aufhebung aller Rassen- und Klassenunterschiede in wirtschaftlicher und
politischer Hinsicht;

Das Flammenzeichen vom Palais Egmont,

12
Q
        <pb n="155" />
        Der Freiheitskampf der Neger.
6. Aufhebung der militärischen Dienstpflicht;
7. Verkehrsfreiheit im Innern Afrikas und an den afrikanischen Küsten;
8. Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit;
9. Anerkennung des Rechtes auf Ausbildung in allen Lehranstalten;
10. Anerkennung des Rechts auf gewerkschaftliche Organisierung.
Einzuleitende Maßnahmen:
ı. Die wirtschaftliche und politische Organisierung der Völker;
a) Organisierung der Negerarbeiter,
b) Organisierung der Genossenschaften;
2. Kampf gegen die imperialistische Ideologie;
a) Propaganda gegen Chauvinismus, Faschismus, Ku-Klux-Klan und Rassenvor-
urteile,
b) Zulassung der farbigen Arbeiter zu den Gewerkschaften und Arbeiterorganisa-
tionen auf Grundlage der Gleichberechtigung;
3. Organisation einer Bewegung zur Befreiung der Negerrasse;
4. Herstellung einer Einheitsfront mit anderen Völkern und den unterdrückten Klassen
zu gemeinsamem Kampf gegen den Imperialismus.

130
        <pb n="156" />
        VL

Der Kampf um Indonesiens Unabhängigkeit.

Der Vorsitzende der „Perhimpoenan Indonesia‘ (Vereinigung der Na-
tional-Parteien Indonesiens),

Mohamed Hatta (Java),
schildert das Schicksal seines Landes unter dem holländischen Imperialismus:
A Delegierter der „Perhimpoenan Indonesia‘ überbringe ich Euch die
Grüße des indonesischen Volkes, das diesen Kongreß mit Ungeduld er-
wartet hat. Ein Kongreß gegen die koloniale Unterdrückung heißt in Wirk-
lichkeit ein Kongreß gegen das Kolonialsystem, denn die koloniale Unter-
drückung ist mit dem Kolonialsystem unzertrennlich verbunden.

‚Mit Indonesien wird der Sunda-Archipel bezeichnet, der sich aus Java,
Sumatra, Borneo, Celebes und einer Anzahl kleinerer Inseln mit einer Be-
völkerung von 50 Millionen zusammensetzt. Dieses Inselgebiet, das sich
zwischen zwei Kontinenten — Asien und Australien —, zwischen dem
Indischen und Pazifischen Ozean befindet, und sich über den achten Teil
des Äquatorialkreises ausbreitet, ist der natürliche Handelsplatz und die
Zwischenstation zu allen Ländern, die es umgeben. Durch seine geographisch-
wirtschaftliche Lage ist Indonesien dazu bestimmt, eine wichtige Rolle in
der Welt zu spielen. Aber die Wichtigkeit von Indonesien beruht nicht
nur auf seiner wirtschaftlichen und geographischen Lage, sie beruht vor
allem auch auf dem ungeheuren Reichtum an Naturprodukten. Indonesien
ist ein produzierendes und exportierendes Land im wahrsten Sinne des
Wortes. Seine Ausfuhr beläuft sich auf ungefähr 2 Milliarden Gulden jähr-
lich, und jährlich übergibt Indonesien der Weltgemeinschaft einen mittleren
Mehrwert von 500 Millionen Gulden. Diese ungeheuren Reichtümer sind
die Ursache der Versklavung Indonesiens durch die Niederlande.

Als nach dem Niedergang des glorreichen Kaiserreiches von Madjapahit
der Islam in Indonesien eindrang, begann von neuem eine Periode des großen
Wohlstandes und eines aktiven Handels. Aber diese Periode war nicht von
langer Dauer. Ende des 15. Jahrhunderts erschienen die Weißen, zuerst die
Portugiesen und die Spanier, die auf der Suche nach Spezereien (Gewürzen)

o*

Kiki
        <pb n="157" />
        3 Der Kampf um Indonesiens Unabhängigkeit.

kamen. Diese Produkte hauptsächlich, seit langem die Hauptquelle des
Reichtums und Wohlstandes von Indonesien, sind die Ursache seiner Ver-
sklavung geworden. Es war die Ostindische Kompagnie, die kurz nach den
Spaniern und Portugiesen nach Indonesien kam, die den Grundstock für den
holländischen Kolonialstaat im Osten abgegeben hat. Sie wurde im Jahre 1602
gegründet und hatte das Monopol für den Handel in den Ländern östlich
des Kaps der Guten Hoffnung bis zur Meerenge von Magellan. Nachdem
sie über die Spanier und Portugiesen den Sieg davongetragen und die
indonesische Schiffahrt zerstört hatte, besaß die Ostindische Kompagnie
die absolute Macht in den Gewässern des Sunda-Archipel.

Ihr ursprünglicher Zweck bestand darin, friedlich Handel zu treiben,
doch änderte sich ihr Charakter bald und nahm kämpferische Formen an.
Mit ihrer Politik des „Teile und Herrsche‘“ gelang es ihr in kurzer Zeit,
ihre Macht über einen großen Teil Indonesiens auszudehnen. Wir sehen,
wie der Weiße seinen Fuß auf die Erde setzt und so die Menschenrechte in
den Schmutz tritt. Trotzdem behielt Atjeh lange Zeit seine glorreiche und
gefürchtete Stellung. Selbst in der Periode der wirksamsten Demonstrationen
ihrer militärischen Kräfte getraute sich die Ostindische Kompagnie nicht,
Atjeh direkt anzugreifen. Da sie jedoch heiß den Ruin dieses Reiches herbei-
wünschte, so versuchte sie es auf dem Wege der Diplomatie. Der übrige
Teil von Indonesien wurde durch Gewalt unterworfen. Der heftige Wunsch,
sich der Gewürze zu bemächtigen, bewog die Kompagnie zu einer listigen
und gewalttätigen Politik. Um ihre Monopolstellung beizubehalten, ent-
schloß sie sich zynisch, fruchtbare Gebiete zu zerstören. Die Bevölkerung
selbst wurde gezwungen, diese Handlung der Ausrottung zu vollziehen. Schon
in dem ersten Teil des 17. Jahrhunderts fand man auf der ganzen Insel von
Banda keine Abkömmlinge der Bewohner mehr, die ehemals so glücklich und
wohlhabend waren. Die eingeborene Bevölkerung war bis auf den letzten
Mann erschlagen oder in wüste Gegenden deportiert worden, wo sie der Tod
von dem schrecklichen Schicksal befreite.

Die Kultur der Gewürznelken und der Muskatnüsse wurde auf einige,
durch die Kompagnie selbst bezeichnete Inseln beschränkt. Die Muskatnuß-
gehölze wurden einigen Verwandten der Dienstleute der Kompagnie als
Eigentum gegeben, die hierauf die Gewürznelken mit Hilfe von Sklaven
aus Celebes, Timor und anderen Inseln anbauten. Die Molukken, die ehe-
mals so reich waren, sind jetzt durch diesen Vandalismus eine sehr arme
Kolonie geworden. Sie gehören heute zu dem ärmsten Teil von Indonesien.

Dank ihrem Monopol und der Zwangskultur, gelang es der Kompagnie,
hunderte von Millionen Profite zu machen. Ihr Gewinn stieg jährlich um
mehr als 100 °%/,, während der Preis ihrer Aktien bis auf 1080 °%/ des Nomi-
nalwertes stiegen. Bereichert durch die Millioneneinnahmen der Kolonie,
waren die Holländer imstande, ihren Handel und ihre Schiffahrt in Europa

“39
        <pb n="158" />
        Mohamed Hatta. 153
beträchtlich zu vermehren. Auch ihre Städte konnten die Holländer infolge
dieser gestohlenen Reichtümer ausdehnen.

Aber der durch die Energie der anderen erworbene Reichtum ist die
stärkste Ursache der Dekadenz und der Demoralisation. Die unbegrenzte Be-
gierde, die nach und nach bei den hohen wie bei den niederen Funktionären
allgemein wurde, war die Ursache der moralischen Korruption. Ihre eigenen
Funktionäre nagten wie Parasıten am Körper der „berühmten“ Kompagnie
und dieser Korruption hat die verbriefte Kompagnie ihr natürliches Ende
zu verdanken.

Als die Niederlande Erben der Ostindischen Kompagnie wurden, hielten
sie treu deren alte Tradition der Zwangskultur aufrecht. Das einzige Motiv,
das schwer in die Wage der Kolonialpolitik drückte, war, daß die Kolonie
im Dienste des Mutterlandes sein müsse.

Die Krise der holländischen Finanzen war die unmittelbare Ursache da-
von. Ein Zustrom von Millionen Gulden sollte von Indonesien kommen, um
den Wohlstand des Mutterlandes zu begünstigen. Und um denselben zu er-
werben, mußte die alte Zwangskultur fortgesetzt werden. Der König
Wilhelm I. hatte das Glück, in der Person des van den Bosch den Mann zu
finden, dessen er zur Ausführung dieser Aufgabe bedurfte. Derselbe reiste
im Jahre 1830 als Generalgouverneur nach Indonesien und führte dort das
berüchtigte System ein, dessen unbarmherzige Ausführung der indonesischen
Bevölkerung außerordentlich schädlich war: dasjenige der Zwangskulturen.

Die Regierung verfügte nicht nur über die Energie der eingeborenen Be-
völkerung für die Zucker-, Indigo- und Kaffeeplantagen, sondern beutete
sie auch dermaßen aus, daß sie physisch fast vollständig zugrunde ging.
Jahre hindurch wurden die Indonesier gezwungen, ohne Bezahlung für die
Regierung zu arbeiten. Sie hatten nicht einmal die notwendige Zeit für den
Anbau ihrer Reisfelder. Außerdem waren die erdrückenden Steuern, die sie
kaum bezahlen konnten. Die Beamten, die sich in der Ausbeutung der Be-
völkerung am geschicktesten zeigten, wurden mit Geld und guten Posi-
tionen belohnt.

Die Menschen, die unter solchen Umständen nicht mehr die freie Ver-
fügung über ihre Energie und die Früchte ihrer Arbeit hatten, befanden sıch
tatsächlich in einem Zustande von Sklaverei. 800 000 Familien, die zusam-
men eine Einheit von 4 Millionen Seelen darstellten, wurde für Anbauarbeiten
benutzt, so daß die Hälfte der Insel Java in eine Sklavenkolonie verwandelt
wurde.

Die unheilvollen Folgen dieses unmoralischen und unmenschlichen Re-
gimes wurden bald fühlbar. Einzig in der Nachbarschaft von Semerang
starben von Monat Oktober 1849 bis Monat März 1850 mehr als 100.000
Männer, Frauen und Kinder des Hungers. Sie hatten nicht mehr die
Möglichkeit, ihre Reisfelder zu bebauen. Während in diesem, durch die

44
        <pb n="159" />
        154 Der Kampf um Indonesiens Unabhängigkeit.

Natur so begünstigtem Land, Zehntausende von Menschen des Hungers und
Elends starben, flossen jährlich Millionen von Gulden von Indonesien nach
Holland. Von 1840 bis 1875 war der Totalertrag 781 Millionen Gulden,
von welchen 7/, den Kaffeekulturen entstammten. Es war dieses noch nie
dagewesene Elend des indonesischen Volkes, das Holland die Augen über
das verbrecherische und unmoralische System der Zwangskulturen öffnete.
Aber es gab einen anderen Grund, der dazu bestimmte, dieses System
aufzugeben. Es war die günstige Perspektive der Finanzen. Durch den ge-
nügenden Zufluß von Überschüssen, die jährlich von Indonesien abgingen,
war die finanzielle Lage Hollands schon seit langer Zeit geregelt. Wäre dies
nicht der Fall gewesen, so wäre das System der Zwangskulturen zweifels-
ohne beibehalten worden.

Ein holländischer Ökonom, van den Berg, Expräsident der Bank von
Java, berechnete, daß das Total der Überschüsse 800 Millionen Gulden
betrug.

Im Jahre 1870 wurde ein Gesetzentwurf des Ministers de Waal ver-
wirklicht, der diesem schrecklichen System ein Ende machte. Trotzdem darf
man denselben nicht als einen Versuch betrachten, die ökonomische und
soziale Lage des indonesischen Volkes zu verbessern. Denn dieses Gesetz hatte
die Tendenz, der Privatinitiative für die Ausbeutung der reichen ökonomi-
schen Quellen der Kolonie freien Lauf zu lassen. Für das indonesische Volk,
das moralisch und physisch geschwächt war, bedeutete das Aufgeben der
Politik der Zwangskulturen nichts anderes als einen Wechsel des Ausbeuters.
Anstatt die wirtschaftliche Lage der Bevölkerung zu verbessern, lieferte die
Regierung dieselbe dem Großkapital aus. Der rasche Einbruch des Groß-
kapitals hat die sozialen Bande zerrissen, ohne neue zu schaffen. Es hat die
Schwachheiten bloßgelegt, ohne neue Kräfte hervorzurufen, und übte da-
durch einen demoralisierenden Einfluß aus. In der kurzen Periode von 1915
bis 1920 betrug der Überschuß der Ausfuhr von Indonesien 3,3 Milliarden
Gulden, von welchen mehr als 2 Milliarden reine Kriegsgewinne darstellten,
während ı1/, Milliarde Gewinne aus den Zuckerkulturen waren. Milliarden
von Gulden verließen Indonesien, während das Land selbst eine Krise durch-
machte, und das indonesische Volk von Hunger gequält wurde. Wäre dieses
Kapital im Lande selbst verwendet worden, so wäre Indonesien nicht den
schlimmsten menschlichen Kalamitäten ausgeliefert gewesen.

Betrachten wir nunmehr, was Holland der indonesischen Bevölkerung
als Gegenwert gegeben hat für die Erträge, welche das Land, und fün
die Arbeitskraft, welche das indonesische Volk hergab. Die Holländer
machen auf verschiedene Weise im Auslande Propaganda, um Glauben zu
machen, daß die holländische Kolonisation für Indonesien glückbringend sei.

Was ist davon Wirklichkeit? Die holländische Herrschaft über Indonesien
hatte die Proletarisierung der indonesischen Gesellschaft zum Resultat. Die
        <pb n="160" />
        Mohamed Hatta. 155
soziale und nationale Struktur ist durch die Herrschaft des Großkapitals,
das als natürlichen Wächter die Kolonialregierung hat, entartet.

Es gibt in Indonesien keine soziale Gesetzgebung, die die Arbeiter vor
der Ausbeutung durch die mächtigen kapitalistischen Unternehmer schützt.
Die Arbeiter verdienen Hungerlöhne. Der mittlere Tagelohn beträgt 50 Cent
und ist zu wenig, um einen Arbeiter mit seiner Familie zu ernähren. Diese
sind daher einem physischen Zerfall unterworfen. Durch das Streikverbot
haben die Arbeiter kein Mittel, ihr elendes Schicksal zu verbessern. Weit davon
entfernt, die Arbeiter zu beschützen, hat die Kolonialregierung das System
der sogenannten Strafvollziehung eingeführt, das eigentlich wieder zur Skla-
verei zurückführt. Der Vertrag zwischen dem Unternehmer und den Arbei-
tern ist strafgesetzlich sanktioniert. Man hat allerlei Mittel benutzt, wie
z. B. die Begünstigung der Glücksspiele, für welche Vorschüsse gegeben
wurden, um nachher die Männer zu zwingen, einen Arbeitsvertrag für meh-
rere Jahre zu unterschreiben. Die Bauern mit Grundbesitz, die ihre Länder
der Zuckerindustrie verpachten, befinden sich in keiner besseren Lage. Sie
erhalten für die Vermietung ihrer Ländereien weniger als die Produkte wert
wären, die sie bei eigener Bebauung der Erde erhalten würden. (Manchmal
kaum die Hälfte.) Durch List und versteckten Zwang werden sie gezwungen,
ihre Ländereien abzugeben. Die Kolonialregierung ist dafür verantwortlich,
daß die indonesischen Massen in die größte Not geraten sind. Aber noch
mehr. Trotz dem steigenden Elend der Bevölkerung wurden die erdrückenden
Steuern fortwährend vermehrt. Dies bezieht sich vor allem auf die Periode
des Generalgouverneurs Fock (1921—1926).

Die öffentliche Hygiene, eine der Bedingungen des nationalen Wohl-
ergehens, wird schändlich vernachlässigt.

Die elenden Wohnverhältnisse in den Kampongs (Volksquartiere) über-
steigen jede Beschreibung. Ein großer Teil des Volkes wird durch eine
schreckliche Armut gezwungen, in Löchern zu hausen, wo er allen Arten von
Krankheiten ausgeliefert ist. Selbst im Zentrum von Batavia gibt es, trotz
des Bestehens eines Gemeinderates, Quartiere, die nur aus zerfallenen Woh-
nungen bestehen, und die selbst drei Tage nach dem Regen überschwemmt
bleiben.

Der Unterricht ist in dem gleichen erbärmlichen Zustande wie die Wohn-
verhältnisse. Trotz einer Herrschaft von mehr als 300 Jahren gibt es in
Indonesien noch nahezu 95%, Analphabeten. Das alte indonesische Er-
ziehungssystem wurde zerstört, ohne durch ein anderes genügend ersetzt
zu werden,

Vor dem Einbruch der Holländer konnte die Mehrzahl der Indonesier
lesen und schreiben. Die verbriefte Kompagnie hat dem ein Ende gemacht.
Bis 1858 war im Budget der Kolonie kein einziger Pfennig für den Unter-
richt der Eingeborenen vorgesehen, obwohl Indonesien Jährlich dem hol-

+
        <pb n="161" />
        N Der Kampf um Indonesiens Unabhängigkeit.

ländischen Schatzamt Millionen von Gulden überwies. Später, als man für
die Ausbeutung der Naturreichtümer geschulte und billige Arbeitskräfte benö-
tigte, befaßte man sich mit dem praktischen Unterricht. Die Kolonialregie-
rung bestimmt für die indonesischen Kinder jährlich nur 18 Millionen
Gulden, d. h., auf den Kopf einer Bevölkerung von ungefähr 50 Millionen
ca. 1/; Gulden, für die Erziehung der Europäer hingegen reserviert sie
ungefähr ı1 Millionen Gulden, d. h., bei ungefähr 150000 Europäern
ca. 73 Gulden pro Person. Man darf jedoch nicht vergessen, daß der
größte Teil der Volkserziehung nicht durch die Regierung bezahlt wird. Das
ist alles, was die „Apostel der Zivilisation“ für die Kolonialuntertanen getan
haben. Und das ist alles, was sie uns „geistig profitieren“ ließen, alles, was
von der sogenannten „guten“ Kolonisation übrigbleibt. Diesen mageren Re-
sultaten hat sich noch etwas Lächerliches beigefügt. Seit den letzten Jahren
hat die Kolonialregierung eine übertriebene Tendenz, Ersparnisse zu machen,
gezeigt, durch welche die wichtigsten Interessen des Volkes benachteiligt
werden, beispielsweise der Unterricht, die öffentliche Hygiene und der
Ackerbau. Andererseits werden die Armee und Marine vermehrt. Die Steuern
sind unerträglich schwer.

Das sind die Resultate von mehr als 300 Jahren holländischer Kolonial-
verwaltung in Indonesien.

Was wird für die politische Erziehung des unterdrückten Volkes getan?
Man darf ruhig sagen, daß in dem holländischen Kolonialsystem für die
Jdee, ein kolonisiertes Volk zur Unabhängigkeit zu erziehen, kein Platz ist.
Das herrschende Prinzip ist, um jeden Preis die Kolonie zu halten, weil sie
die Grundlage für den Wohlstand Hollands bedeutet. Man erklärt deshalb
nie, daß die Kolonie für die Autonomie reif sel.

Welches sind die Mittel, die die Herrscher anwenden, um ihre Autorität
in der Kolonie aufrechtzuerhalten? Wenn wir die Beziehungen der Kolonial-
politik analysieren, so sehen wir, daß die Gewalt das Hauptmittel zu deren,
Aufrechterhaltung ist. Das holländische Kolonialsystem setzt sich fortwäh-
rend über die demokratische Idee hinweg. Bis 1854 wurde Indonesien einzig
mit der brutalen Gewalt regiert, aber als später diese Politik nicht mehr den
Erwartungen entsprach und man die Kontrolle der fremden Mächte be-
fürchtete, begann eine neue Periode, während welcher die Behörden ihre
Stütze im Gesetz suchten. Es war die Periode der sogenannten Regierungs-
verordnungen, d. h., es gab ein organisches Gesetz über die Kolonialver-
waltung, das nur ein Bluff war. Mit dieser Regierungsverordnung als Basis
der Kolonialregierung verwandelte man Indonesien nicht in einen modernen
Staat. Die Regierungsverordnung ist einfach der Ausdruck des Willens der
Herrschenden. Das indonesische Volk konnte derselben nichts gegenüber-
stellen. So sind die Gesetze in Indonesien nichts anderes, als ein Mittel, die
Autorität aufrechtzuerhalten. Ein Mittel, um im voraus jeden Versuch eines

136
        <pb n="162" />
        Mohamed Hatta. 357
Widerstandes gegen die unerträgliche Autorität zu ersticken. Natürlich hat
in den ersten Etappen der sogenannten gesetzlichen Periode die Bevölkerung
keinerlei Recht, an der Verwaltung des Landes teilzunehmen und seine eige-
nen Interessen selbst zu ordnen. Es war in Artikel III der Regierungsver-
ordnung sogar formell vorgeschrieben, daß alle Versammlungen politischer
Verbände verboten seien, und um so mehr noch die Beteiligung an der Re-
gierung. Diese Verfügung wurde bis 1915 aufrechterhalten. Ein hollän-
discher Professor hat behauptet, daß dieses Verbot von Versammlungen und
Verbänden sich auf die Idee stütze, daß eine Teilnahme des Volkes nicht
erwünscht sei, da einzig die Beamtenschaft über die Forderung von öffent-
lichem Interesse zu urteilen habe.

Die Zensur ist eines der wichtigsten Mittel, um jeden Protest gegen die
Mißbräuche der Beamtenschaft zu ersticken, da man sehr wohl weiß, daß ein
Protest in der Presse die Aufmerksamkeit der öffentlichen Meinung auf sich
ziehen würde, was dem holländischen Prestige in der Welt schaden könnte.
Die Justiz selbst ist in Indonesien nicht unparteiisch. Psychologisch versteht
man das sehr wohl, da über ein unterdrücktes Volk geurteilt werden muß, das
auch anderer Rasse, und mehr oder weniger dem Inhaber der Macht feindselig
gegenübersteht. Aus den Kolonialbeziehungen kann nichts anderes hervor-
gehen als eine Rassenjustiz, die mehr der Gewalt als dem Recht dient. Wir
sind jedoch noch nicht an dem Ende unserer kurzen Aufzählung der Re-
gierungswillkür angelangt.

Wo die Justiz nicht eingreifen kann, macht sich die Macht der Autorität
geltend. Der Generalgouverneur besitzt sogenannte „Ausnahmerechte“, nach
welchen er jede Person, die er als für die öffentliche Ordnung gefährlich, in
unbewohnte Gegenden deportieren kann, selbst wenn sie keinerlei Vergehen
begangen haben, und deshalb kein Grund für den Richter besteht, sie zu ver-
urteilen. Man kann sich in einer organisierten Gesellschaft kaum eine größere
Willkür vorstellen.

Aber das getäuschte indonesische Volk, nachdem es gequält worden ist,
rafft sich wieder auf und begibt sich instinktiv auf den guten Weg. Es re-
klamiert energisch seine Rechte! Trotz des Versammlungsverbots entstand
schon im Jahre 1908 eine nationale Bewegung. 1912 wurde die Idee eines
freien Vaterlandes von der damaligen Vereinigung „Insulinde‘ klar ver-
kündet. Seitdem ist der Wunsch nach einem unabhängigen Indonesien un-
sterblich geworden. Künftig ist es unmöglich, das rasche Wachstum der
nationalen Bewegung aufzuhalten. Weder die Verhaftungen einiger Führer,
noch die Verbannung von drei eminenten Führern der Partei „Insulinde“,
die gegen die Feier der hundertjährigen Unabhängigkeit Hollands in dem
unterdrückten Indonesien protestierten, können die Fortschritte des Er-
wachens brechen. Jede entstehende nationale Bewegung sucht in ihren An-
fängen mit den Herrschenden zusammen zu arbeiten, was auch bei der indo-

19!
        <pb n="163" />
        X Der Kampf um Indonesiens Unabhängigkeit.
nesischen Nationalbewegung der Fall war, die für das Volk eine Teilnahme
an der Verwaltung des Landes mittels eines Parlamentes verlangten.

Gegen das Ende der Kriegsjahre zeigte sich in ganz Europa das Ge-
spenst der Revolution. Auch Holland drohte eine sozialistische Revolution.
Und die Kolonialregierung beurteilte es als weise, den gemäßigten Forde-
rungen der indonesischen Nationalbewegung nachzugeben. Der General-
gouverneur, van Limburg-Stirum, war der Wortführer der Regierung. Er
gab 1918 in ihrem Namen das berühmte Versprechen ab, das ein Programm
politischer Reformen in sich schloß. Das indonesische Volk glaubte an den
guten Willen der Herrschenden. Es glaubte auch an die Verwirklichung des
modernen Evangeliums Wilsons über das Selbstbestimmungsrecht der
Völker. Aber der Glaube eines unterdrückten Volkes ist ein kindlicher und
paßt schlecht in den Rahmen der modernen Politik. Weit davon entfernt,
das zu erfüllen, was man feierlich versprochen hatte, schuf man ein neues
Kolonialregime mit stark reaktionären Tendenzen. Dem liberalen General-
gouverneur van Limburg-Stirum: folgte Herr Fock, ein Symbol der des-
potischen Autorität. Während seiner Regierungszeit von 1921—1926
herrschte bei uns der vollständige Terror.

Hierauf erfolgte ein Zusammenstoß zwischen der Regierung und dem
Volk, das im übrigen durch einen Rassenunterschied gegenüber dem Inhaber
der Macht getrennt war. Im indonesischen Volke herrschte der unbezähm-
bare Drang nach einem freien Vaterlande, und es gibt keine Kraft, die stark
genug wäre, um diesen Drang zu zerstören. Das Volk, Opfer seiner Leicht-
gläubigkeit, brachte gegen die Herrschenden ein absolutes Mißtrauen zum
Ausdruck. So begann die Periode der Politik der „non-cooperation‘“. Von
nun an versuchte das indonesische Volk sein Ziel zu verwirklichen, indem
es sich auf eigene Mittel stützte. Da die Regierung in dieser Haltung eine
Gefahr für ihr Prestige sah, bekämpfte sie sie durch den Terrorismus,
anstatt den Wünschen des Volkes nachzugeben. Der Terror der Regierung
stößt die nationale Bewegung mehr und mehr auf revolutionäre Wege,

Unter der Maske der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung wurde
die Aktion der Gewerkschaft der Zuckerarbeiter durch Aufhebung des Ver-
sammlungsrechtes in den politischen industriellen Zentren sabotiert.

Als die Gewerkschaft der Eisenbahner drohte, zur Unterstützung der
Forderungen der Zuckerarbeiter den Streik zu erklären, wurde der Haupt-
führer der Eisenbahner nach dem Artikel des Strafgesetzes wegen „Auf-
forderung zum Aufruhr“, in Anbetracht der Aufforderung zum Streik, ver-
haftet.

Inzwischen machte sich die Gesetzesmaschine der Regierung an die
Arbeit und schuf den berüchtigten Artikel 161 des Strafgesetzes, der ein-
fach jeden Streik verbietet. So verblieb der Bevölkerung keine Möglichkeit,
sich politisch oder wirtschaftlich zu organisieren.

138
        <pb n="164" />
        Mohamed Hatta. 139

Die Regierungsmaßnahmen führten in der Praxis zu einem vollständigen
Verbot des Versammlungsrechtes. Theoretisch gab es nur eine örtliche Auf-
hebung dieses Rechtes. Aber dort, wo die Versammlungen nicht verboten
waren, wurden die Teilnehmer grundlos durch die Polizei zerstreut. Sie
zögerte nicht, mit Feuer und Schwert gegen diejenigen vorzugehen, die
Miene machten, Widerstand zu leisten oder zu protestieren. Die privaten
Zusammenkünfte waren nicht sicherer. Die Spione der Regierung drangen
selbst in die intimsten Zusammenkünfte und spähten wie Geier nach Beute
aus. Es wird nicht notwendig sein, zu sagen, daß sich unter diesen Um-
ständen die nationale Bewegung in eine unterirdische Aktion verwandelte. Die
Regierung wußte das. Bombenwürfe, Ermordung von Komplizen der
Regierung waren an der Tagesordnung. Es ist die Regierung selbst, die
durch ihr despotisches Regime für all dies verantwortlich ist. Um sich
künstlich zu halten, bedient sie sich eines monstruösen Geheimdienstes.
Hinter den Kulissen des Kolonialtheaters herrschte ein wahrer Schrecken,
hervorgerufen durch bezahlte Spitzel, aggressive Polizeiagenten und ge-
wissenlose Provokateure. Viele unschuldige Führer wurden ihre Opfer.
Einige wurden aus dem Lande nach Neu-Guinea verwiesen, wo sie das
Sumpffieber und der Tod erwartete, ohne daß man ihnen eine Schuld
beweisen konnte.

Im Monat Mai vergangenen Jahres lanzierte die Kolonialregierung ihre
letzten glücklichen Erfindungen, d. h., zwei neue Artikel des Strafgesetzes,
die jede Aktion verunmöglichen.

Ist es daher erstaunlich, daß die Unzufriedenheit des Volkes immer mehr
wächst und die unterirdische Aktion immer intensiver wird?

Der Ausbruch erfolgte früher, als man erwartete. Der Aufstand im öst-
lichen Teil von Java drohte sich über ganz Indonesien auszubreiten. Mangels
Disziplin einiger Führer, die sich abgespalten hatten, gelang es der Kolonial-
regierung, den Aufstand zu bewältigen. In einem Artikel des Indonesischen
Korrespondenten des „Nieuve Rotterdamsche Courant‘“ steht zu lesen, daß
die Geheimorganisation der Indonesier äußerst geschickt aufgebaut ist,
was eine verständliche Bestürzung in den holländischen Kreisen in Indonesien
hervorgerufen hat. Sie hatte nichts weniger zum Ziel, als die gewalttätige
Beseitigung der holländischen Macht. Es ist wohl nicht nötig auszuführen,
daß dieser Aufstand auch mit Anwendung der rücksichtslosesten Gewalt
unterdrückt wurde. Man hat auf unbewaffnete Massen ohne Verteidigung
geschossen, die nicht einmal am Aufstand teilgenommen hatten. Die
Regierung hat die Führer der Aufständigen zu den härtesten Strafen ver-
urteilt, wel sie es gewagt hatten, die Macht anzugreifen, welche die Re-
gierung als „rechtmäßig“ für sich in Anspruch nimmt. Unschuldige Leute,
darunter Führer, die lange vor Ausbruch des Aufstandes infolge Presse-
delikten in den Kerker geworfen waren, werden in unbewohnte Gegenden

ram
1.
        <pb n="165" />
        147 Der Kampf um Indonesiens Unabhängigkeit.
im Innern von Neu-Guinea, wo sie jeglichen Kontakt mit der Außenwelt
verlieren, verschickt.

Das ist das traurige Resultat der holländischen Kolonialverwaltung.
Während ihrer 300jährigen Herrschaft war es eine fortwährende Unter-
drückung eines friedlichen Volkes.

Wir wollen keinen Augenblick verneinen, daß in unserem Lande moderne
Betriebe eingeführt, und daß Methoden moderner Produktion angenommen
wurden. Aber es sind dies Unternehmungen der Europäer, von deren Ge-
winne nur die Fremden profitieren. Nie hat die Regierung eine gewissenhafte
Anstrengung gemacht, um die Produktionsmethode der Eingeborenen zu ver-
bessern. Wir indonesische Nationalisten verstehen sehr gut, daß das Wachs-
tum unseres gemeinsamen Wohlstandes nur möglich ist, wenn wir uns selbst
ans Werk machen.

Das kleine Holland, das gegen ein Volk von 50 Millionen Seelen
so viel Ungerechtigkeiten begeht, und ihm einen verhaßten und aufgezwunge-
nen „Schutz“ gewährt, behauptet außerdem, daß Indonesien noch nicht für
die Unabhängigkeit reif sei. Diese Darstellung der Dinge ist trügerisch. Es
ist nicht Indonesien, das für die Unabhängigkeit nicht reif wäre, sondern es
ist Holland, das nicht fähig ist, ein Volk, größer und mit einer älteren
Kultur, als es selbst besitzt, zu erziehen. Für ein solches Ziel fehlt, ihm
die Fähigkeit und der Wille. Wie könnte eine kleine Nation von 7 Millionen
Seelen, deren Wohlstand vollständig von den kolonialen Reichtümern ab-
hängt, ihre sogenannte historische Pflicht erfüllen, ein siebenmal größeres
Volk zu erziehen? Aber ist es wirklich wahr, daß Indonesien noch nicht reif
ist zur Unabhängigkeit? Wir bestehen darauf, zu erklären, daß das indonesi-
sche Volk die Fähigkeit besitzt, sich selbst zu regieren. Seit den urältesten
Zeiten sind die politischen Einrichtungen der Indonesier auf dem Prinzip
der Selbstregierung aufgebaut, sogar bis in den Aufbau der kleinsten
Dörfer. Das indonesische Volk hat einen natürlichen Sinn für die Demo-
kratie. Was die heutige Lage anbelangt, so sind schon mehr als 809/9 der
Kolonialbeamten Indonesier. Wir müssen nur die kleine obere Schicht der
hohen Beamten ersetzen, die sich gegenwärtig aus Holländern zusammensetzt,
und dann sind wir am Ziel! Und für-dies verfügen wir über genügend in-
tellektuelle Kapazitäten. Übrigens anerkennt die hohe holländische Beamten-
schaft selbst, daß die indonesischen Verwaltungsbeamten, vom Regenten bis
zum kleinsten Funktionär, ausgezeichnete administrative Qualitäten besitzen.
Es ist der Fehler des Kolonialsystems selbst, wenn in diesem Milieu bisweilen
die Moral fehlt, weil es nicht erlaubt ist, seiner Meinung frei Ausdruck
zu geben. Aber das ist nur die logische Folge des Erziehungssystems der
holländischen Kolonialpolitik, das darin besteht, soviel als möglich eine
Sklavenmentalität zu schaffen. Und diese Situation wird sich in dem Augen-
blicke verändern, da die Indonesier das Recht haben werden‘ über sich selbst

1
        <pb n="166" />
        Eine Sitzung des Kongreß-Präsidiums zwischen zwei Plenumsitzungen
Unter den Anwesenden befinden sich: Mohammed Hatta (Indonesien); Chen Kuen und Liau Hansin (China); Henri Bar-
busse und A. Fournier (Frankreich); Dr. Marteaux (Belgien); Fernando Sanchez (Latein-Amerika); Manuel Gomez und
Roger Baldwin (U.S.A.); R. Bridgeman (England); Jawahar Lal Nehru (Indien); Willi Münzenberg, Georg Ledebour,
Prof Alfons Goldschmidt (Deutschland): Prof. Neiedli (Tschechoslowakei).
        <pb n="167" />
        <pb n="168" />
        Resolution über Indonesien. 141
zu verfügen. Von einer verfrühten. Unabhängigkeit Indonesiens ist keine
Rede mehr. Sogar die Holländer stellen sie in den letzten Jahren nicht mehr
in Frage. Die Wirklichkeit? Die Wirklichkeit liegt darin, daß Holland seine
Kolonie nicht abgeben will, da sein Wohlstand davon abhängt. Es ist der
Egoismus, der sie dazu zwingt, dieses Gewaltregime aufrechtzuerhalten.
Andererseits kann man nicht verlangen, daß wir auf unser Recht, auf eihe
nationale Unabhängigkeit verzichten. Die Zukunft wird uns lernen, auf
welche Weise wir dieses „summum bonum‘ von der Menschheit erhalten
werden.

Resolutionen.
L.
Resolution über Indonesien (Niederländisch Indien).
Eingebracht von der indonesischen Delegation.

Der Kongreß gegen koloniale Unterdrückung und für nationale Freiheit wolle be-
schließen:

Nach Anhörung der Darlegungen über die Gesamtlage in Indonesien und in An-
betracht daß:

ı. Die Kaufkraft der indonesischen Bevölkerung sich seit dem Kriege um mindestens
15% vermindert;

2. die Arbeitslöhne nur etwa 15%, der europäischen Arbeitslöhne betragen;

3. jegliche Organisationen und Parteien, die für Besserung dieser schlechten Lage
kämpfen, gewalttätig unterdrückt werden, — unter anderem durch Versammlungsverbote für
die „Serikat Raiat‘““ (Volkspartei), den Eisenbahner-Verband und andere;

A. die sogenannten demokratischen „Reformen‘“ ihrem Wesen nach nur ein Mittel zur
noch stärkeren Knechtung und zum Betrug des Volkes des holländischen Imperialismus sind;

5. der politische Terror der holländischen Verwaltung jedes Widerstreben fälschlich als
„kommunistisch‘“ oder ‚„„‚moskauisch‘“ abstempelt;

6. die auswärtige Politik der ‚Neutralität‘, die der holländische Imperialismus im
fernen Osten betreibt, keine der imperialistischen Mächte in ihren Interessen befriedigt, viel-
mehr in jeder von ihnen das Verlangen nach dem Besitz des strategisch wichtigen Indonesiens
erweckt, wodurch Indonesien heute im Besitz Hollands ein Faktor für einen neuen Weltkrieg
geworden ist — welche Gefahr nur durch die eine revolutionäre Freiheitsbewegung in Indo-
nesien ausgeschaltet werden kann.

In Anbetracht all dessen beschließt der Kongreß, daß die Freiheitsbewegung eine Lebens-
forderung für das indonesische Volk geworden ist, zugleich aber auch von sehr großem In-
teresse für die Menschheit ist.

Er beschließt ferner:

ı. der Freiheitsbewegung Indonesiens seine vollste Sympathie auszusprechen und diese
Bewegung dauernd mit allen nur möglichen Mitteln zu unterstützen;

2. an die holländische Regierung die Forderungen zu stellen: Völlige Bewegungsfreiheit
für das indonesische Volk! Aufhebung von Verbannungen und Todesurteilen; Proklamierung
einer allgemeinen Amnestie;

3. die Forderung der indonesischen Bevölkerung nach voller Selbständigkeit und
nationaler Unabhängigkeit mit vollem Nachdruck zu unterstützen.
        <pb n="169" />
        Der Kampf um Indonesiens Unabhängigkeit,
IL
Erklärung der indonesischen Delegation
zur chinesischen Frage.

In Anbetracht, daß die revolutionäre Bewegung in China den Kern darstellt, um den die
Befreiungsbewegung der Unterdrückten der ganzen Welt sich entwickeln kann, erklärt die
indonesische Delegation im Namen der nationalen Befreiungsbewegung Indonesiens:

1. In Indonesien, wie in andern Ländern die chinesische Revolution, die durch die Kuö-
Min-Tang-Partei geführt wird, mit allen Mitteln zu unterstützen;

2. eine jede Kriegsgefahr, die sich zwangsläufig aus der Intervention der imperialistischen
Mächte in China ergibt, aufzudecken und mit allen Mitteln wirksam zu bekämpfen.

3. eine jede kriegerische Aktion der Imperialisten in China zu bekämpfen.

142
        <pb n="170" />
        IX.
1.

Der Freiheitskampf des indochinesischen Volkes.

Die Leiden des indochinesischen Volkes unter der französischen Kolonial-
herrschaft werden von

Duong van Giao (Annam),
dem Delegierten der Verfassungspartei Annams, geschildert *:
Erklärung der Indochinesischen Delegation.

Indochina war vor der Besetzung durch den französischen Imperialismus ein unab-
hängiges Land. Unter einer Monarchie war das Land gesellschaftlich auf einer viel demo-
kratischeren Basis aufgebaut als heute: man genoß freien Unterricht in allen Schulen und die
Gemeinden waren autonom.

Gegen Mitte des vergangenen Jahrhunderts überfiel der französische Imperialismus mit
bewaffneter Macht unser in Frieden lebendes Land. Wir wollen hier nicht an die blutige
Periode vor zwanzig Jahren der Eroberungen und der heroischen Verteidigung unseres
Volkes erinnern.

Schon bei seiner an Besitzergreifung, die durch bespitzelnde Missionare einge-
leitet und durch bewaffnete Macht beendet wurde, hat der französische Imperialismus Drokla-
miert, daß er gekommen sei, um uns die westliche Zivilisation zu bringen.

Wir werden dem Kongreß in einem gedrängten Bilde die Bilanz dieser Zivilisation,
von der man schon seit 70 Jahren spricht, bekannt geben.

Die politische Lage der Eingeborenen.

Wir haben nicht die Freiheit, zu denken, zu schreiben, zu unterrichten, zu reisen,
auszuwandern, uns zusammenzuschließen, und uns zu vereinigen. (Einer unserer größten
Patrioten, Dr. K6, wurde im Mai 1926 vor Gericht gestellt, weil er den „Gesellschafts-
vertrag‘“ von Jean Jacques Rousseau übersetzt und in unserer Sprache veröffentlicht hatte.)
Für die Eingeborenen besteht eine besondere Gerichtsbarkeit; sie können keine effektive
Kontrolle über das Budget ihres Landes ausüben. Der französische Imperialismus hat das
alte Erziehungssystem aufgehoben und als Ersatz schlug der Generalgouverneur, Martial
Merlin, im Jahre 1923 ein Unterrichtssystem vor, das der ‚‚Horizontalplan“ genannt wurde,
Aber selbst dieser berühmte „Horizontalplan‘‘ wurde nicht verwirklicht, da es im Jahre 1925
nur 3395 öffentliche Schulen bei einer Bevölkerung von 20 Millionen gab, die
nur über 213997 Plätze verfügten, während die Zahl der Kinder im schulpflichtigen
Alter (nach den Angaben des Herrn Blanchard de la Brosse, damals Inspektor des öffentlichen
Unterrichts in Indo-China) 2 Millionen betrug.

* Da das Manuskript des Vortrages uns vom Redner infolge besonderer Schwierigkeiten
bei der Drucklegung noch nicht zugegangen ist, sind wir leider gezwungen, diese Rede erst
in der nächsten Auflage zu veröffentlichen. (Red.)
        <pb n="171" />
        2a Der Freiheitskampf des indochinesischen Volkes.
Soziale Lage der Eingeborenen.

„Nachdem sie die fruchtbaren Ländereien gestohlen haben, erheben die Franzosen von
dem schlechten Boden einen hundertmal skandalöseren Zehnten, als der Feudalismus.“
Diese aufrichtige Sprache eines französischen Schriftstellers, Herrn Vign6 d’Octon, bringt
die Lage unserer Bauern richtig zum Ausdruck. Außer diesen schwer drückenden
Steuern haben die _annamitischen Bauern Tonkins noch Jährlich unter Über-
schwemmungskatastrophen zu leiden. Sieben Achtel des Budgets sind für den Unterhalt der
Beamten bestimmt. Zur Verwendung der Marineverwaltung des Mutterlandes: 32 000 000,
für den Geheimfonds: 33 000 000. Diese Summen haben eine Vermehrung von 135 000 Frs.
(seit 1926) durch den sozialistischen Gouverneur, A. Varenne, erfahren. Die notwen-
digsten öffentlichen Arbeiten werden vernachlässigt, woraus klar ersichtlich ist, daß
der französische Imperialismus für die Schäden der jährlichen Überschwemmungskatastrophen
verantwortlich ist. (Letzte Überschwemmung in Tonkin — September—Oktober—Novem-
ber — 760 Tote, 50 000 000 Frs. Schaden.)

Keinerlei Gesetz schützt die Arbeiter, und es ist eine bekannte Tatsache, daß man
Frauen, sowie Kinder beiderlei Geschlechts unter 12 Jahren in den Kohlenminen (Hongay,
Quang-Yen) und in den Kautschukmanufakturen (Saigon) verwendet.

Die Arbeiter, die Arbeiterinnen und ihre Kinder arbeiten 12 bis 13 Stunden täglich
bei Hungerlöhnen von 2 Frs. bis 2,50 Frs. Sie haben keine Koalitions- und Versamm-
lungsfreiheit und auch kein Streikrecht.

Die Verwaltung zwingt die Bevölkerung, Opium und Alkohol zu kaufen. Ein Rund-
schreiben von Albert Sarraut, dem damaligen Generalgouverneur von Indochina, beweist.
dies:

„Gemäß den Instruktionen des Generaldirektors der Regie bitte ich Sie, Ihrerseits die Be-
mühungen meines Dienstzweiges, neue Alkohol- und Opiumausgabestellen einzurichten, zu
unterstützen.

Ich erlaube mir, Ihnen zu diesem Zwecke eine Liste solcher Läden zuzustellen, die man
in den verschiedenen angegebenen Dörfern — die zum größten Teil noch frei von Alkohol
und Opium sind — einrichten könnte.

Ihr bestimmender Einfluß könnte sich durch die Vermittlung der Gouverneure von Kam-
bodscha und Mossok gut auf die kleinen, eingeborenen Händler geltend machen, denen man die
Vorteile erklärt, die ihnen durch eine solche Erweiterung ihres Handels erwachsen würden,

Unsererseits werden alle Agenten vom aktiven Dienst, die auf Rundreisen begriffen sind,
solche Stellen einzurichten versuchen, außer wenn Sie, Herr Resident, es vorziehen würden,
zuerst auf die Amtsstellen einzuwirken, damit sie unsere Aktion unterstützen. In diesem Falle
bitte ich Sie, mich davon in Kenntnis zu setzen.

Nur durch eine vollständige und unablässige Zusammenarbeit Ihrer Verwaltung und der
unseren werden wir zum größeren Nutzen des Finanzamtes ein besseres Resultat erreichen.“

gez. Albert Sarraut.

Die Zahl der Liter Alkohol, die Indo-China vor diesem gemeinen Zirkular (1915) zum
Verbrauch aufgedrängt wurden, belief sich schon auf 23 bis 24 Millionen Liter Jährlich.

Hier die Dividenden, die jährlich durch die Destillerie „Fontaine“, die das Monopol
der Alkoholherstellung besitzt, ausbezahlt wurden:

1914 40%; 1916 75%; 1917 100%; 1920 125%; 1923 1750; 1925 200%.

Herrn Octave Homberg gehören allein:

Banque de 1l’Indo-Chine,

Credit Foncier de 1’Indo-Chine,

St6 Financiere Francaise et Coloniale,

St6 des Caoutchoucs de 1l’Indo-Chine,

St6 „Francaise‘ des Distilleries,

St6 des Antracites du Tonkin,

St6 Nouvelle des Phosphates du Tonkin,
St6 Cotonniere de Saigon,

St6 Anonyme des Papeteries de l’Indo-Chine,
St6 des Eaux et Electricit&amp; de l’Indo-Chine,
St6 Indo-Chinoise d’Electricit6,

Y4AL
        <pb n="172" />
        Resolutionen. |
St6 des Ciments Portland Artificiels,
St6 Indo-Chinoise de Cultures Tropicales,
Ste des Verreries d’Extreme Orient,
St6 des Sucreries et Raffineries de 1’Indo-Chine,
St6 de Chimie Industrielle d’Extröme Orient.
St6 de Chalandages et de Remorquages de ]’Indo-Chine,
St6 d’Entreprises de Dragages et de Travaux Publics,
St6 d’Etudes du Tramway de Benoat,
St6 des Ateliers Maritimes de Haiphong,
St6 des Laques Indo-Chinoises — 19, Rue d’Aumale, Paris,
St6 d’Energie Electrique Indo-Chinoise.

Diese wenigen Angaben zeigen, wer durch die Besetzung von Indochina durch
Frankreich Gewinn zieht.

Resolution.

Um diese elende Lage von Indochina zu verändern, fordern wir Vertreter der annami-
tischen Unabhängigkeitspartei und der nationalen Organisation in Indochina und im Auslande:

a) Die Unabhängigkeit des annamitischen Volkes,
b) Rückzug der Besatzungstruppen und Aufhebung der militärischen Rekrutierung
für den Dienst des französischen Imperialismus,
c) Schaffung einer nationalen Armee.
Wir stellen sofort folgende Forderungen:

ı. Die Freiheit, zu schreiben, zu denken, zu reisen, auszuwandern und uns zusammenzu-«
schließen;

2. Aufhebung der besonderen Gerichtsbarkeit;

3. Schaffung von Schulen in annamitischer Sprache; der Zahl der Kinder im schul-
pflichtigen Alter entsprechend;

A. Zulassung zu allen Bildungsanstalten;

5. Aufhebung der ‚‚Mandarinate“ und deren Ersetzung durch gemäß allgemeinem
Wahlrecht bestimmte Gemeinderäte;

6. Verringerung der Steuerlasten und Verteilung des Budgets nach den wirklichen Be-
dürfnissen der indochinesischen Bevölkerung;

7: Wirksame Einrichtungen zum Schutz der Bauern gegen Überschwemmungen aus
Geldern, die von den Gewinnen der ausländischen Gesellschaft erhoben werden.

8. Enteignung der Missionare und Großgrundbesitzer zugunsten der armen Bauern;

9. Konstitution eines Parlaments auf Grund des allgemeinen Wahlrechts;

10. Unterdrückung des offiziellen Handels mit Alkohol und Opium;

1x. Vollständige und sofortige Amnestie für Vergehen gegen das Eingeborenen-Statut,
sowie für politische Delikte;

12. Sofortiger Rückzug der nach China gesandten annamitischen Truppen;

13. Wirkliches Verbot von Waffentransporten durch Indochina, die bestimmt sind,
die chinesische Revolution zu vernichten.

Das indochinesische Volk weiß nunmehr, daß es auf die gemachten Versprechungen
und weitere, die noch durch den französischen Imperialismus durch seine Vertreter in Indo-
china erfolgen können, nicht mehr zählen kann. Es ist überzeugt, daß nur durch
organisierte Kraft und Verbindung mit den Völkern der andern, durch den Imperia-
lismus unterdrückten Ländern, sowie durch die wirkliche Hilfe der Arbeiter- und Bauern-
massen Frankreichs seine Forderungen durchgesetzt und seine Unabhängigkeit errungen
werden kann. |

T
Weitere Erklärung der indo-chinesischen Delegation.
(Siehe Anhang B.)
HT.
Resolution der französischen Delegation,
(Siehe Seite 111, Kapitel VI.)
Das Flammenzeichen vom Palais Egmont.

145
10
        <pb n="173" />
        X.

Der Kampf des koreanischen Volkes gegen Japan.

Rede des Begründers der japanıschen Arbeiterbewegung

Sen Katayama (Japan).

I* bin sehr froh, an diesem Kongreß teilnehmen zu können. Es ist jetzt

ein Vierteljahrhundert her, seitdem ich den Kampf gegen den japanischen
Imperialismus aufgenommen habe. Ich sympathisiere mit Euch, kämpfe
mit Euch gegen den Imperialismus. Der einzige Unterschied liegt darin,
daß mein Feind in Japan steht. Ich kämpfe gegen den japanischen Impe-
rialismus, Ihr kämpft gegen den Imperialismus anderer Länder, der Euch
unterdrückt, niederwirft und ausbeutet. Als ich vor 23 Jahren zum ersten
Male in Amsterdam an einem internationalen Kongreß teilnahm, da gab es
nur zwei Vertreter aus dem Osten. Einer war aus Indien, der andere war ich.
Aber heute sind hier Genossen der ganzen Welt vertreten, um den Kampf
gegen den Imperialismus aufzunehmen.

Der Imperialismus ist nicht nur der Feind der Kolonien und halb-
kolonialen Länder, sondern der Feind der ganzen Menschheit. Wir müssen
ihn bekämpfen. Wir müssen uns befreien. Der Imperialismus ist die
Ursache vieler Dinge. Vor allem des Krieges. Der letzte Krieg, der vier
Jahre dauerte, tötete, mordete, martyrisierte Europa. Seine Ursache war
der Imperialismus. Wir müssen den Imperialismus bekämpfen, weil er die
Welt mit Kriegen bedroht. Nicht nur die Arbeiter unterdrückter Nationen,
sondern auch die Arbeiter und Bauern aller kapitalistischen Länder müssen
sich gegen die neuen Kriege rüsten, die uns bedrohen. Die Arbeiter und
Bauern müssen die Fackel des Weltproletariats sein. Ich begrüße die Dele-
gierten aus den unterdrückten und niedergehaltenen Kolonien und halbkolo-
nialen Ländern. Ich begrüße Euch besonders deshalb, weil dies die bedeu:-
tendste Versammlung ist, die je zum Kampf gegen den Imperialismus statt-
gefunden hat. Aber ein Kampf gegen den nationalen Imperialismus ist nicht
genug. Der Kampf muß für die Selbständigkeit und Unabhängigkeit von
den imperialistischen Ländern geführt werden. Die Nationalisten müssen
erkennen, daß sie ohne die Selbständigkeit und ohne völlige Unab-
        <pb n="174" />
        Sen Katayama. 147
hängigkeit von imperialistischen Ländern niemals die Freiheit erhalten.
Überdies müssen die Nationalisten erkennen, daß wir ohne Zusammen-
arbeit mit den Arbeitern und Bauern niemals unser Ziel erreichen werden,
Die Imperialisten sind geschickt. Sie werden zu Euch mit verschiedenen
Reformen kommen, um die Arbeiter zu täuschen. Die imperialistischen
Kapitalisten werden zu Euch mit diesen Reformen und verschiedenen
verführerischen Programmen kommen, aber andererseits werden sie ver-
suchen, jede liberale und radikale Bewegung mit Gewalt, Polizei, Gendarmen,
ja sogar mit dem Faszismus zu zerschmettern. Der Faszismus ist heute der
Handlanger des Kapitalismus. Darum müssen wir gegen den Faszismus und
auch gegen diese Reformen kämpfen. Wir dürfen keine Kompromisse durch
diese kleinlichen, untauglichen Reformen schließen.

Zum Schluß muß ich vor Euch China erwähnen. Denn heute erhebt
China das Banner der revolutionären Bewegung, es beeinflußt die Welt.
Schaut auch auf Java. Dort kämpfen sie gegen den Imperialismus und
vergießen ihr Blut für die Freiheit Javas. Ich muß hier vor Euch Vertretern
unterdrückter Völker darauf hinweisen, daß sie denken, wir können, weıl
wir keine Armeen und kein Geld haben, auch nicht gegen den Imperialismus
kämpfen. Aber Genossen, seht auf China. China hat England, dem
stärksten Imperialismus der Welt, der mit Armeen und Kanonen kam.
einen schweren Schlag versetzt. Nein! Wir haben nicht mit Waffen ge-
kämpft, sondern mit dem Boykott, der stärksten Waffe eines schwächeren
Volkes. Die kolonialen Völker müssen die Bedeutung des Boykottes jm
Kampfe gegen den Imperialismus erkennen, und ihn auch in den anderen
Ländern anwenden. Der Boykott, die Solidarität der Arbeiter und Bauern, ist
die stärkste Waffe, mit der man dem mächtigsten Imperialismus einen
Schlag versetzen kann. Wir versuchen, die revolutionären Kräfte in Korea
und Java und natürlich in China, zu organisieren. Die nationalen Bewe-
gungen müssen einsehen lernen, daß ein Land allein nicht gegen den Impe-
rialismus kämpfen kann. Es ist notwendig, sich international zu organisieren.
Alle unterdrückten Völker international zu organisieren und sie mit den
Arbeitern und Bauern der kapitalistischen Länder zu verbinden, ist eine Auf-
gabe dieses Kongresses. Dieser Kongreß sollte das Werkzeug zur Vereinigung
der revolutionären Kräfte Chinas und Indiens gegen den britischen Imperia-
lismus sein. Diese beiden großen Länder würden vereint mächtig genug sein,
nicht nur den britischen, sondern auch den japanischen und amerikanischen
Imperialismus zu bekämpfen. Wir sind hierher gekommen, um den
Kampf gegen den Imperialismus vorzubereiten. Wir müssen uns hier
organisieren, um in China die imperialistischen Mächte zu bekämpfen, die
versuchen, die revolutionären Kräfte niederzuwerfen. Die Proletarier der
Welt müssen ihre Energien zusammenfassen, und die Massenkräfte gegen
den Imperialismus konsolidieren.
10*
        <pb n="175" />
        14) Der Kampf des koreanischen Volkes gegen Japan.

Es lebe die chinesische Revolution!

Es lebe die revolutionäre Bewegung der unterdrückten und Niedergewor-
fenen Kolonien und der halbkolonialen Länder!
Es lebe dieser Kongreß!
Im Namen der koreanischen Delegation spricht
Kin Fa Lin (Korea),
Vertreter des koreanischen Verbandes in Frankreich:
DD“ ich meine Darlegung über die imperialistische Kolonialpolitik
Japans in Korea beginne, bitte ich Sie, mir zu erlauben, Ihnen kurz
auseinanderzusetzen, was der japanische Imperialismus eigentlich bedeutet.

In Japan besteht allgemein die Ansicht, daß die höchste Aufgabe einer
Nation darin bestehe, sich mit allen Mitteln auszubreiten, und daß es wenig
ausmache, ob diese Vergrößerung zum Schaden der Nachbarn oder gegen
die Moral geschehe, wenn nur das Ziel erreicht werde. Diese Ausdehnung
bedeute die größte Wohltat, für die alle Menschenwerte geopfert werden
dürften.

Der Ursprung des imperialistischen Dogmas geht bis zum Anfang des
Japanischen Geisteslebens zurück. Schon 200 Jahre nach Christi Geburt
versuchte der Kaiser Jingo in das Königreich der koreanischen Halbinsel
einzubrechen. Dieser Eroberungsgedanke wurde entschlossen weiter verfolgt
bis Ende des 16. J ahrhunderts, zu welcher Zeit Hidegashi einen neuen Ver-
such machte, Korea zu erobern. Innere Unruhen lenkten in den folgenden
Jahren das japanische Volk wieder von diesen Bestrebungen ab. Aber der
Gedanke wurde anfangs des 19. Jahrhunderts wieder von neuem lebendig,
als Joshida Soin, der am meisten geachtete der unter dem Namen „Genro“
(Rat der Ältesten) bekannten Staatsmänner (der Männer wie Inouy6€, Ito,
Yamagada usw. umfaßte), den japanischen Geist und einen skrupellosen
Imperialismus predigte. Er riet zur „Öffnung von Hokhaido, zur Er-
oberung von Kamtschatka und der kurilischen Inseln, zur Einverleibung der
Inseln Loochou, zur teilweisen Besetzung der Mandschurei und Formosas
und zur Präzisierung der Beziehungen zwischen Japan und Korea, mit dem
Bestreben, die Souveränität Japans über dieses Königreich zu verlangen und
gradweise eine aggressivere Tendenz zu zeigen“.

Das war das Programm des Imperialismus des modernen Japans. Sie
wissen, mit welchen brutalen und verwerflichen Mitteln dieses Programm
von dem durch die unerwarteten Siege über das kaiserliche China von 1894
und das zaristische Rußland von 1904 berauschten Reich „der aufgehenden
Sonne““ ausgeführt wurde. Die Gier der Japanischen Imperialisten begnügte

+0
        <pb n="176" />
        Kin Fa Lin. 149
sich jedoch nicht damit. Sie stellten zwei weitere nicht minder berüchtigte
Programme auf:

ı. Die Auswanderung nach den amerikanischen Kontinenten und den
ozeanischen Inseln, soweit es die Umstände erlaubten, zu ermutigen, zur
„friedlichen Durchdringung“ dieser Gebiete: die Politik der Übersee-Aus-
dehnung.

2. In die westliche Sphäre Chinas einzudringen, solchermaßen, daß in
Wirklichkeit ganz China von Japan beherrscht werde — durch Begünstigung
der Auflösung der chinesischen Republik und durch Schaffung von sich be-
kämpfenden Parteien, durch Eindringung in die Mongolei und deren Unter-
stellung unter „Protektorat‘“ unter gleichzeitiger Herauspressung aller wirt-
schaftlichen Möglichkeiten aus Sibirien. Das ist die kontinentale Politik.

Auf diesen drei Pfeilern ruht das Gebäude des ehrgeizigen japanischen
Imperialismus. Den ersten hat er schon ganz aufgerichtet, und jetzt arbeitet
er mit Zähigkeit daran, die beiden letzten zu vollenden. Ist es notwendig,
Ihnen die berüchtigten und beleidigenden „21 Forderungen‘ in Erinnerung
zu rufen, die er an China im Laufe des Weltkrieges stellte?

Welches ist das endgültige Ziel dieser aggressiven Politik? Japan, wie
ich schon am Anfang erwähnt habe, betrachtet die nationale Ausdehnung
auf Kosten Anderer als die größte Sache der Menschheit. Der japanische
Angriff bezweckt nichts anderes als Eroberungen im Interesse der Japaner
und Japans allein.

Um diese Behauptungen zu konkretisieren, werden wir Ihnen nun die
Politik Japans in Korea unter zwei Gesichtspunkten aufzeigen: Der Angriff
Japans auf Korea und die japanische Herrschaft in Korea seit 1910.

Der Angriff Japans auf Korea.

Mit dem Freundschaftsvertrag von 1876 fing Japan an, sich in die innere
Politik Koreas einzumischen, worauf in der Folge im Jahre 1885 anti-
japanische Demonstrationen in Söul stattfanden. Die Japaner verlangten
dafür von China Genugtuung, da sie behaupteten, daß bei den Zusammen-
stößen in Söul auch chinesische Truppen mitgewirkt hätten. Das Resultat
dieser Unterhandlungen war die Konvention von Tientsin von 1885, nach
dessen Wortlaut sich Japan und China einigten, ihre Truppen aus Korea
zurückzuziehen und keine mehr nach dort zu senden, ohne daß die eine
Macht die andere davon in Kenntnis’ gesetzt hätte. Als später gegen die
korrumpierte Regierung von Korea ein Aufstand ausbrach, verlangte diese
die Unterstützung der chinesischen Regierung zur Unterdrückung der Re-
bellion. Als diese erstickt war, wollte keine der Mächte mehr ihre Truppen
zurückziehen.

Da China sich weigerte, sich in die innere Politik Koreas einzumischen,
        <pb n="177" />
        15 Der Kampf des koreanischen Volkes gegen Japan.

so erklärte Japan den Krieg und erlangte nach dem Siege in Söul die Ober-
hand. Seine Politik stieß jedoch bei den Koreanern auf heftigen Widerstand.
Vor allem widersetzte sich die Königin Minn der japanischen Einmischung
und brachte die Intrigen Japans eine nach der andern zu Fall. Dies führte
im Jahre 1895 zu der tragischen Ermordung der Königin Minn, die offiziell
durch japanische Truppen, die in den Palast eingebrochen waren, aus-
geführt wurde. Auf diese Weise vernichtete Japan die anti-japanische Partei
in Korea, um sich jedoch damit das ganze koreanische Volk zum unversöhn-
lichen Feind zu machen. Als aber das zaristische Rußland seine Begehrlich-
keit in bezug auf Korea zum Ausdruck brachte, schloß sich die ganze Halb-
insel wie ein Mann gegen diesen riesigen Angriff aus dem Norden zusammen.

Japan hatte damit eine schöne Gelegenheit zu intervenieren, und die
Koreaner sahen sich gezwungen, eine zeitweise Versöhnung mit den „Ver-
teidigern Ostasiens‘“ anzustreben. 1904 wurde eine koreanisch-japanische
Allianz geschlossen, und Korea wurde Japans Basis für militärische Opera-
tionen. Die koreanische Nation war Japan eine wirksame Hilfe sowohl an
Material wie an Menschen.

Bei Eröffnung des russisch-japanischen Krieges erklärte Japan vor der
ganzen Welt, daß es zur Wahrung der politischen Unabhängigkeit und der
territorialen Unversehrtheit Koreas kämpfe und gab auch Korea in dieser
Hinsicht bestimmte Versicherungen. So erklärt beispielsweise der Artikel III
des koreanisch-japanischen Vertrags vom 23. Februar 1904: „Die kaiser-
liche japanische Regierung garantiert ausdrücklich die Unabhängigkeit und
die territoriale Integrität des koreanischen Kaiserreichs.“ Auf Grund dieses
Vertrages wurde Japan die Kontrolle der postalischen und telegraphischen
Verbindungen Koreas übertragen, um ihm dadurch seine militärischen
Operationen zu erleichtern. Kaum hatte jedoch Japan den Krieg gewonnen,
als es den feierlich mit Korea abgeschlossenen Vertrag sowie seine Erklärung
vor der ganzen Welt brach, indem es sich Koreas mit Hilfe der Bajonette
bemächtigte. Von da her rührt der Protektoratsvertrag, der am 17. No-
vember 1905 abgeschlossen wurde — trotz der energischen Weigerung
des Kaisers und seiner Minister, trotz Petitionen und Klagen des ganzen
Volkes, trotz Selbstmorden als Zeichen des Protestes, trotz Kämpfen der
ganzen entwaffneten Bevölkerung gegen die japanischen Militärbehörden —,
ein Vertrag, der, wie ich schon sagte, einzig mit Hilfe der Bajonette und
Kanonen der Soldaten Nippons erreicht wurde. Ich werde mich nicht bei
der Beschreibung der schmerzlichen Szenen des Widerstandes und des Zorns
eines 20-Millionen-Volkes, die bei dieser Gelegenheit zum Ausbruch kamen,
eines Volkes, das stolz auf seine Geschichte von 42 Jahrhunderten ist, auf-
halten. Ihr werdet diese Grausamkeit an Hand Eurer eigenen nationalen
Erfahrungen, aus den Euch vom internationalen Banditismus erteilten

Schlägen berechnen können.

X)
        <pb n="178" />
        Kin Fa Lin. 151

Anläßlich der Haager Konferenz von 1907 sandte der Kaiser von Korea
seine Delegierten dorthin, um an die Mächte zu appellieren. Oh, welche
Naivität, für die Wiederherstellung der Unabhängigkeit Koreas!

Die Gesandten konnten keine Audienz erlangen, aber dieser Versuch
wurde von den japanischen Behörden in Korea als genügend erachtet, um
das eiserne Regiment zu verstärken. Ein Druck wurde ausgeübt, um den
Kaiser zu bewegen, zugunsten seines schwachsinnigen Sohnes abzudanken.
Zur gleichen Zeit wurde zwischen den Ministern des Kabinetts, die ihr Amt
als Werkzeuge der japanischen Regierung ausübten, und dem Marquis Ito,
dem damaligen Generalgouverneur von Korea, ein Vertrag unterzeichnet. Den
Hauptpunkt des Vertrages bildet die Übertragung der ganzen Macht über
die innere Verwaltung des Landes auf den japanischen Generalgouverneur,
während es sich in dem Protektoratsvertrag nur um die Übertragung des
Rechts der diplomatischen Vertretungen und der Regelung der äußeren An-
gelegenheiten handelte. Hier der Text der beiden wichtigsten Artikel des
Vertrags:

Artikel II: Die koreanische Regierung verpflichtet sich, keinerlei Ge-
setz, keine Ordonnanz und kein Reglement zu erlassen, noch irgendwelche
wichtige administrative Maßnahme zu treffen, ohne die vorherige Zu-
stimmung des Generalgouverneurs.

Artikel IV: Die Ernennung und die Entlassung höherer koreanischer
Beamten erfolgen mit Hilfe des Residenten.

Sie ersehen daraus, wie charakteristisch und beleidigend sie sind. Hier-
auf löste man die Nationalarmee Koreas auf und das ganze Volk erhob
seine Proteste gegen dieses zynische Vorgehen durch Organisierung der
berühmten „gerechten Armee‘“, deren heroische Überreste noch in allen
Ecken des Landes zerstreut und versteckt existieren — bereit, bei jeder
günstigen Gelegenheit mit den japanischen Truppen zu kämpfen.

Es bleibt nunmehr nur noch eine verbrecherische Geste dieser langen,
fortschreitenden Aggression Japans gegen Korea zu erwähnen übrig. Nach
dem rächenden Anschlag eines jungen mutigen Koreaners, Au-Chung-Gun,
im Jahre 1909, auf den verbrecherischen Anreger und Urheben der imperia-
listischen Politik Japans in Korea, ich spreche von Marquis Ito, im Augen-
blicke seiner durch unersättliche Begehrlichkeiten hervorgerufenen Intrigen
mit den Agenten des Zaren in bezug auf die Mandschurei, beeilte sich
Japan, das letzte feierliche Versprechen, das es anläßlich des Protektorats
vor Korea und der ganzen Welt abgegeben hatte, zu brechen — das Ver-
sprechen, daß das Protektorat eine mehr oder weniger zeitweise Maßnahme
sei zur bessern Wahrung des Friedens im Osten und bis sich eine stärkere
Regierung in Korea herausgebildet habe. Am 29. August 1910 wurde Korea
annektiert und zur japanischen Provinz erklärt durch den Grafen Teranchi,
        <pb n="179" />
        (5 Der Kampf des koreanischen Volkes gegen Japan.

den ersten. Generalgouverneur mit einer Verwaltungsmethode, die blutig war

und vor dem Gewissen der Menschheit als schändlich bezeichnet werden muß.
Die Herrschaft Japans über Korea.

Der jährliche Bericht des Generalgouverneurs zeigt der Welt mit
skandalöser Heuchelei den fortwährenden Fortschritt Koreas seit der
Annektierung und rühmt seine „glückliche‘“ Verwaltung. Die oberfläch-
lichen Beobachtungen gewisser Kategorien von Ausländern bestätigten noch
mit Arglosigkeit einen Teil dieser offiziellen Erklärung. Gewiß, wir geben
zu, daß das Korea von heute nicht mehr dasselbe ist, wie vor zwanzig Jahren,
und daß, ohne den geistigen Fortschritt im Sinne des Erwachens des natio-
nalen Bewußtseins unter den blutigen Lehren der brutalen und egoistischen
Politik hervorragender Untertanen des Mikado in Betracht zu ziehen, auch
gewisse materielle Fortschritte vorhanden sind; vor allem die Einrichtung
von Eisenbahnen und der Bau von Straßen. Wer würde jedoch Japan er-
lauben, sich dieses Fortschrittes zu rühmen, bevor Korea seine Unabhängig-
keit wiedergefunden hat? Wäre dessen Regierung nicht wie die jeder
modernen Nation fortgeschritten durch die Erweiterung des Außenhandels
und durch die Anwendung der Wissenschaften auf die Industrie? Wie
wurden diese Fortschritte verwirklicht, für wessen Interessen oder, kurz
gesagt, in welchem Sinne wird Korea regiert? Wir werden auf all diese
Fragen durch eine summarische Untersuchung der verschiedenen Räder-
werke der japanischen Verwaltung in Korea zu antworten versuchen.

Die Organisation der Verwaltung.

Die Form und das Prinzip der administrativen Organisation ist dem
der andern imperialistischen Regierungen gleich; wir brauchen uns deshalb
dabei nicht aufzuhalten und werden nur die am stärksten hervortretenden
Eigentümlichkeiten hier angeben. Unter diesen ist das Amt des General-
gouverneurs, der die höchste Autorität in diesem Lande, wo es überhaupt
keine parlamentarische Institution gibt, darstellt, eine sehr interessante Sache.
Auf Grund des Gesetzes, das man die Konstitution Koreas nennen könnte,
soll dieser Generalgouverneur im allgemeinen ein japanischer Admiral sein.
Er ist nicht dem japanischen Parlament, sondern dem Mikado direkt unter-
geordnet. In Japan oder in Korea gibt es keine einzige Institution, die über
ihn Kritik ausüben kann; alle japanischen oder koreanischen Zeitungen,
die versuchen, ihre Stimme gegen seine Politik zu erheben, werden entweder
verboten oder gekauft.

Die japanische Herrschaft kennzeichnet sich durch ihren Militärgeist.
Alle Beamten müssen Uniformen und Säbel tragen, die genau dieselben sind
wie beim japanischen Heer. Japan stellt Soldaten jeden Ranges als Be-

56
        <pb n="180" />
        Sen Katayama
Der Veteran der japanischen Arbeiterbewegung
        <pb n="181" />
        <pb n="182" />
        Kin Fa Lin. 153
amte an, vom Generalgouverneur bis zum Arzt am staatlichen Kranken-
haus und bis zum Volksschullehrer. Daher kommt es, daß die friedliche
und rechtschaffene Gesinnung eines Volkes, das 42 Jahrhunderte einer
großen sittlichen Kultur hinter sich hat, tagtäglich durch unzählige kleine
Auftritte grausamer und kleinlicher Brutalität gereizt wird.

Japan hat in Korea mit einer Besatzung von zwei Divisionen angefangen,
die aber schon 1915/16 durch zwei weitere Divisionen verstärkt wurden.
Die Verstärkung war übrigens vollkommen überflüssig, denn es sind ge-
nügend Polizisten und Gendarmen anwesend, um jede revolutionäre Bewegung
gegen das bestehende Regime zu unterdrücken. Die offizielle Statistik von
1915 zeigt, daß 273 Hauptquartiere der Polizei und der Gendarmerie
existierten. Im Vergleich mit der Anzahl der Krankenhäuser und Schulen
ist diese Zahl außerordentlich hoch, weil von diesen nur ı4 resp. 386 von
der Regierung errichtet worden sind.

Die Politik der Unterdrückung der öffentlichen Meinung und der Presse
ist unglaublich scharf. Eine große japanische Zeitung schreibt darüber:
„Der Kreuzzug des Grafen Teranchi gegen die Presse war äußerst wirksam.
Er hat die mächtigsten Zeitungen vernichtet, und die schwachen gezwungen,
sich zu unterwerfen; er hat alle Ausdrucksmöglichkeiten der freien Meinung
verstopft und hat der äußern Welt nicht erlaubt, den wirklichen Zustand
von Korea kennenzulernen.‘ (Tokio, Asahi, Oktober 1916).

Die gerichtliche Verwaltung.

Japan hat erklärt, daß Korea nach den gleichen Gesetzen wie Japan
regiert werde. Leider existiert dieses Regieren nach Gesetz nur formell,
Nach dem gesetzlichen Grundsatz, daß ‚das spezielle Gesetz dem allge-
meinen Gesetz in der Anwendung vorangeht‘“, sind die sechs japanischen
Gesetzbücher absolut unwirksam, sobald die umfangreichen Bücher des
Spezialgesetzes in Anwendung kommen. Es muß in diesem Zusammenhang
auch erwähnt werden, daß diese allgemeinen und die speziellen Gesetzbücher
durch Japaner aufgestellt wurden, von einem Korea ganz fremden Volke,
das in Unkenntnis der Geschichte, der traditionellen Institutionen, der Ge-
bräuche und des Gefühls des koreanischen Volkes ist. Nehmen wir selbst
an, daß diese Gesetze Korea angepaßt sind, so ist deren Anwendung doch
eine willkürliche. Der berüchtigte Prozeß, der die „koreanische Ver-
schwörung‘‘ bezeichnet wird, zeigt an sich allein schon zur Genüge, wie ein
Koreaner durch das Gesetz beschützt wird. Unschuldige Bauern, junge
Studenten und Intellektuelle in großer Zahl wegen dieser Verschwörung
gegen Teranchi zu. verhaften, ist übertrieben. Kein vernünftiger Mensch
wollte den sich widersprechenden Meldungen Glauben schenken, daß man
Leute systematisch gefoltert habe, um von ihnen Geständnisse zu erpressen.
Leider haben sich diese Gerüchte als wahr herausgestellt. Die gefolterten
        <pb n="183" />
        1‘ Der Kampf des koreanischen Volkes gegen Japan.
Gefangenen, 123 an der Zahl, sind jetzt freigelassen, und jeder von ihnen
erzählt, welche Qualen er ausgestanden hat.

Der Großteil der politischen Gefangenen wird wie gewöhnliche Ver-
brecher gefoltert und oft erfolgen die Verurteilungen ohne Gerichtsunter-
suchung. Das Urteil wird von der Gendarmerie auf Grund der sogenannten
„Ausnahmegesetze‘“ gefällt.

Eine individuelle Freiheit gibt es in Korea nicht. Der private Brief-
wechsel wird zensuriert und die Wohnhäuser werden zu jeder Zeit mit einer
schändlichen Brutalität durchsucht. Die Koreaner haben kein Recht, frei
umzusiedeln ; sie müssen den Behörden ihren neuen Wohnort und den Grund
ihrer Umsiedlung angeben. So vermehrt sich die Zahl der Gefangenen von
Jahr zu Jahr. Dies zeigt nachfolgende offizielle Statistik zur Genüge:

1911 8 oa 16807

19: 19 499

1913 Sa 8 „21846

1914 A Se 24.434

1915 ; . 27255

1916 32 836
Die Erziehung.

Die allgemeine Tendenz der in Korea angewandten Erziehungsmethode
ist folgende: die Koreaner sollen unwissend bleiben und nicht zu sehr ge-
schult werden — man spricht nur formell von der Ausbildung der Koreaner.
Folgende Fälle beweisen dies. Im offiziellen Jahrbuch für 1917 wird die
Anzahl der öffentlichen Schulen für Koreaner mit 526 angegeben, d. h. eine
Schule auf 31 650 Einwohner (die koreanische Bevölkerung betrug in jener
Zeit 16 648 129), während die Anzahl der Schulen, die für die Japaner
bestimmt sind, 367 beträgt, d. h. auf je 874 japanische Ansiedler eine.
(Die Zahl der Japaner in Korea betrug damals 320 938.) Hier die detail-
lierte Statistik.

Koreanische Schulen:
44x Vorschulen . . mit 81 845 Schülern
7 Mittelschulen 7 791 e
74 Elementarschulen für Landwirtschaft, Handel

und Industrie „22.0 A 20200
I medizinische Hochschule .. AB 253
ı Juristische 5 a 138 En
1 Industrieschule . ZT 282 5
I Forsischule .. . | - 72 N

Insgesamt 526 Schulen mit 86 410 Schülern.

54
        <pb n="184" />
        Kin Fa Lin.
Schulen für die Japaner in Korea.
342 Vorschulen . . „ .. . mit 37 911 Schülern
3 Mittelschulen . . . a. a. ENTE &gt;
10 höhere Töchterschulen . . PT LT. . 688 nz

7 »  Handelsschulen n NK 899 &gt;

ı orientalische Kolonialschule . . . "a 15 2

ı Schule für Technik und Handel . . « 513 nz

Insgesamt 367 Schulen mit 42 467 Schülern.

Trotz dieser großen Ungleichheit in der Verteilung der Erziehung auf
die beiden Bevölkerungsgruppen ließ die Regierung im gleichen Jahre
59 neue Schulen für die Japaner und nur 25 Schulen für die Koreaner
bauen. Um den Koreanern in gleicher Weise die Schulung zu erleichtern,
würde man nicht 526 Schulen, sondern 19048 brauchen. Man muß vor
allem auch bei der Betrachtung der Statistiken die beinahe vollständige Aus-
schaltung des höheren Unterrichts in Betracht ziehen.

Der Unterricht wird in allen Schulen in japanischer Sprache erteilt. Im
Jahre 1908 gab es in den öffentlichen Schulen 233 koreanische Lehrer
gegenüber 63 japanischen; 1913 betrug die Zahl der koreanischen Lehrer
1138, die der japanischen 458, d. h. die relative Zahl der japanischen Lehrer
ist im Wachsen begriffen.

Ein koreanischer Schüler muß zwei Drittel seiner Schulzeit darauf ver-
wenden, die japanische Sprache zu erlernen, obwohl ihm dieselbe nach Ver-
lauf eines Jahres geläufig ist. Welcher Grund besteht, in der Erziehung
eines Koreaners und eines Japaners einen Unterschied zu machen? An der
koreanischen Knabenschule. ist der Unterricht der Geschichte und der
Geographie Koreas verboten, ebenso die fremden Sprachen. Der Stunden-
plan der Klassen ist mit der Geschichte, der Geographie und der Literatur
Japans ausgefüllt.

Seit der Annektierung ist kein koreanischer Student ins Ausland ge-
gangen, außer nach Japan. Gelingt es ihm, im geheimen abzureisen, SO
kann er nicht mehr zurückkehren, da sein Name auf die Liste der „gefähr-
lichen Personen‘“ gesetzt wird. Jeder von ihnen wird durch einen Detektiv
der Regierung überwacht.

Die Zulassung von Koreanern zum Examen für die höheren Staatsdienste
ist nicht erlaubt. Eine Ausnahme wird nur für einige Gerichtsfunktionäre
gemacht, die mehr als Dolmetscher, als als Gerichtsbeamte Verwendung
finden. Sie haben kein Recht, sich in die Angelegenheiten des öffentlichen
Staatsanwalts einzumischen. Kein koreanischer Richter hat das Recht, den
Fall eines Japaners zu prüfen. Ihre Löhne betragen ungefähr ein Drittel
derjenigen ihrer japanischen Kollegen, die außer ihren Löhnen noch be-
trächtliche Entschädigungen erhalten, obwohl sie keine andere Schulung

155
        <pb n="185" />
        130 Der Kampf des koreanischen Volkes gegen Japan.

durchgemacht haben wie die Koreaner. Die Koreaner sind so vollkommen

von; der Regierung ausgeschlossen, und haben auch nicht das Recht, Maß-

nahmen zu kritisieren, die gegen ihre Interessen, oft Lebensinteressen, ge-
troffen werden. Die offizielle Statistik für 1924 gibt die Zahl der Funktio-
näre der Regierung wie folgt an:

Zahl der Funktionäre Beitrag der Gehälter
Japaner 30 433 „32529575 Yen
Koreaner 19920 10352960 ‚,

Die Bevölkerung Koreas verteilt sich im gleichen Jahre auf die beiden
Gruppen wie folgt:

Japaner . a 41x 595
Koreaner . * + 17619540

Das Verhältnis der japanischen Funktionäre zur japanischen Bevölkerung
kann mit ı : 10 bezeichnet werden, im Vergleich zum Verhältnis der Zahl
der koreanischen Beamten zur koreanischen Bevölkerung, das ı : 1000 beiträgt.

Die Wirtschaftspolitik und die Kolonisierung.

Man kann in erster Linie in Korea nicht von einer ökonomischen
Freiheit sprechen. Beinahe jede begüterte Familie ist gezwungen, einen
japanischen Kontrolleur bei sich zu haben, der die Verwaltung des Besitz-
iums und der Finanzen überwacht. Die Koreaner, die Depots in den Banken
haben — die übrigens alle japanisch sind — können denselben keine
größeren Summen entnehmen, ohne den Direktoren der Bank anzugeben,
zu welchen Zwecken das Geld Verwendung finden sollte. Der offizielle
Druck auf die freie Betätigung von Handelsgeschäften oder industriellen
Unternehmungen ist vernichtend. Alle Kaufleute oder Unternehmer sind
verpflichtet, vom Generalgouverneur vor Eröffnung eines Unternehmens eine
Bewilligung einzuholen, deren Erteilung lange Zeit in Anspruch nimmt und
die mühsam zu erreichen ist.

In Korea ist das Gefühl für Bodenbesitz sehr stark, es ist eines der Ele-
mente des koreanischen Patriotismus. Dieser Instinkt des Bauern und
Pächters ist ein Hindernis für die japanischen Kolonisierungsbestrebungen,
da die besten Felder in Händen der koreanischen Bauern sind, so daß ihre
Enteignung eines der wichtigsten Ziele der japanischen Politik ist. Um dies
durchzuführen, wurde 1908 eine Gesellschaft gegründet (mit einem Kapital
von 10 Millionen Yen, von welcher Summe die 60 000 Yen Obligationen,
die von der damaligen koreanischen Regierung verlangt wurden, durch die
besten öffentlichen Domänen garantiert sind) unter der Leitung der
japanischen Regierung, die sie mit einer Jährlichen Subvention von

SG
        <pb n="186" />
        Kin Fa Lin. 157
250000 Dollar aus dem Kaiserlichen Schatzamt unterstützt. Nach einem
Artikel des „New York Times‘ vom 26. Januar 1919 ist das Ziel der
Gesellschaft, in Korea Japaner anzusiedeln, die sich im eigenen Lande
keine Situation schaffen können. Jedem dieser Emigranten werden die
Spesen seiner Übersiedlung nach Korea bezahlt, es wird ihm eine Wohnung
verschafft mit einem Bodenanteil zum Bebauen, ebenso die notwendigen
Vorräte, Sämereien usw. Die Gesellschaft kauft den koreanischen Bauern
den Boden ab. „Hier,“ wird in diesem Artikel weiter berichtet, „greift die
japanische Regierung nach asiatischer Methode ein. Die finanziellen Trans-
aktionen wickeln sich in Seoul ab in der unter der Kontrolle der Regierung
stehenden Bank von Chosen. Diese mächtige Organisation, die nur mit der
Bank von England, dem amerikanischen Schatzamt oder der Bank von
Frankreich verglichen werden kann, zieht mit Hilfe ihrer zahlreichen
Filialen den ganzen Geldverkehr des Landes an sich und setzt dadurch den
Wert des Bodens herab. Anderseits müssen die Koreaner, um ihre Steuern
zu bezahlen und existieren zu können, ihre Ländereien verkaufen; dadurch
vollzieht sich das Fallen der Preise des Bodens viel rascher und die Agenten
der Bank kaufen diese Ländereien infolge der zahlreichen Angebote zu einem
Fünftel ihres reellen Wertes.“

Mehr als ein Fünftel der fruchtbarsten Gebiete Koreas befindet sich in
den Händen von japanischen Einwanderern, die damit infolge der Opera-
tionen dieser Bank versehen wurden.

Mehr als 35 000 japanische Familien wurden innerhalb zehn Jahren
angesiedelt. Was machen die koreanischen Bauern, die ihren Boden ver-
kauft haben? Arbeiten sie im Handel oder in der Industrie? Wie diese
monstruöse Politik der Bewilligungen für derartige Unternehmen überwinden?
Es bleibt ihnen leider nichts anderes übrig, als ihr teures Vaterland zu
verlassen und ihr tägliches Brot und ihre geistige Freiheit in den trost-
losen Gegenden der Nordmandschurei zu suchen. Nach kürzlichen Berichten
sind in der zweiten Hälfte des Monats November 1926 täglich Hunderte
ausgewandert. Die Zahl der koreanischen Bauern in der Mandschurei hat
schon vor langer Zeit eine Million überschritten. Kurz gefaßt bedeutet die
Politik der „Compagnie zur Entwicklung des Ostens‘ die Vertreibung der
Koreaner und die unbegrenzte Einwanderung von Japanern.

Die Arbeit.

Der Arbeiter leidet am meisten unter den durch die Regierung getroffenen
Maßnahmen, weil er gezwungen werden kann, oline Bezahlung zu arbeiten.
Um nur ein charakteristisches Beispiel zu geben, sehen wir einmal zu, wie
die Regierung neue Straßen baut. Diese werden keineswegs gebaut, um den
Handel und die Industrie zu entwickeln, sondern zur Erleichterung der
militärischen Operationen und zur besseren Zirkulation der Polizei. Ohne
        <pb n="187" />
        X Der Kampf des koreanischen Volkes gegen Japan.

irgendwelche Erwägung, erbarmungslos, bezog sich die Regierung auf das
Gesetz zur Enteignung des Bodens. Die Arbeiter sind gezwungen, für den
Bau von Straßen ohne Entlöhnung zu arbeiten. Ohne irgendwie Rechnung
zu tragen, ob irgendwelche Tage dazu für die armen Arbeiter und unbe-
zahlten Bauern ungünstig sind, müssen diese an den von den Behörden be-
stimmten Tagen arbeiten. Der charakteristische Geist, aus welchem heraus
der Bau von Straßen erfolgt, ist folgender: Die Pläne werden aufgestellt,
die Befehle gegeben, die Leute bestellt und ihnen befohlen, mit der Arbei$
anzufangen, welches auch die Ungerechtigkeiten und Schäden sein mögen,
die dadurch dem Volke gegenüber begangen werden. Auf seine Klagen
antwortet man mit Verweisen, ihren. Bitten mit Geißelhieben, und diejenigen,
die widerstehen, werden einfach ins Gefängnis gesetzt. Daraus ergibt sich,
daß man einerseits Straßen bauen will, damit sich die japanischen Truppen
besser bewegen können und anderseits verhindert man mit diesen den Bau
von Straßen durch die schon erwähnten Maßnahmen.

Die Lebenshaltung der Arbeiter verschlechtert sich von Jahr zu Jahr.
Nach einer Statistik aus dem Jahre 1924 beträgt das Einkommen eines
koreanischen Landarbeiters kaum etwas mehr als 12 Yen, was ungefähr
20 Mark ausmacht. Denken Sie daran, daß mehr als 10 Millionen Land-
arbeiter mit einer solchen geringfügigen Summe während eines ganzen
Jahres auskommen müssen!

Dies sind die wichtigsten Tatsachen, die sich aus der Herrschaft Japans
über Korea ergeben. Ohne unsere Untersuchung weiter zu treiben, gibt uns
dies schon ein genügendes Bild über die imperialistische Kolonialpolitik
Japans in Korea, das wohl die verbrecherischste und schändlichste Politik
von all den internationalen Briganten betreibt. Die Zeit ist gekommen, diese
Politik zu richten, dieses Verbrechen, das die Menschheit. mit Schande be-
deckt und die Zivilisation degradiert.

Resolution über Korea.
(Siehe Anhang B.)

58
        <pb n="188" />
        XI.
Der italienische Faschismus.
Eine Ausdrucksform des Imperialismus.
Im Namen der italienischen Vertretung ergreift
Guido Miglioli (Italien),

ehemaliger Abgeordneter und Führer der katholischen Bauernbewegung in
Italien, das Wort:
IM ist selbstverständlich, daß auf diesem internationalen Kongreß der

unterdrückten Völker ein Italiener, zwar nicht als Vertreter eines Ko-
lonialvolkes, sondern eines kolonisierten Volkes das Wort ergreift, denn wo
man über kapitalistische Tyrannei spricht, darf man das Land nicht über-
gehen, in dem diese Tyrannei die schärfsten, raffiniertesten und brutalsten
Formen angenommen hat.

Aber nicht nur deswegen greifen wir in die Diskussion ein. Zwischen
der Lage in Italien, der Politik der Unterdrückung, die der Faschismug
großen Schichten der Bevölkerung gegenüber anwendet, und der kolonialen
und imperialistischen Außenpolitik des Faschismus bestehen enge Be-
ziehungen, die Beziehungen von Ursache und Wirkung.

Dieser Kongreß tagt zu einer Zeit, wo sich die Aufmerksamkeit dex
ganzen Welt auf die Ereignisse in China konzentriert. Wie uns die Reden
der verschiedenen Delegierten hier gezeigt haben, keimt in allen Kolonial-
völkern der Wille zur Befreiung. In China ist eine ungeheure Revolution
im Gange. In China vollzieht sich jetzt ein entscheidender Schritt in der
Geschichte der Befreiung der Menschheit. Gegen diese Bewegung schickt
der italienische Faschismus in seiner großsprecherischen Überhebung seine
Schiffe und seine mörderischen Waffen.

Vor fünf Jahren versuchten in Washington die am stärksten an der
kapitalistischen Vorherrschaft über die orientalischen Völker interessierten
Mächte die Gegensätze im Stillen Ozean, wenigstens für eine gewisse Zeit,
auszugleichen. Aber wie bei allen Übereinkünften zwischen imperialistischen
Regierungen, wurden damit nur neue Verstimmungen verursacht und die
        <pb n="189" />
        14 Der italienische Faschismus.

Gegensätze verschärft. England begriff, daß sich seinen alten Privilegien
die Begehrlichkeit der jungen konkurrierenden Staaten entgegenstellte, und
war gezwungen, seinen Vormarsch im Orient aufzuhalten. Dieser ganze
Weltteil wurde durch mehr oder weniger radikale Freiheitsbewegungen von
Sowjetrußland bis Turkestan und von Persien bis Afghanistan erschüttert.
Nur in diesem gigantischen Rahmen gesehen, kann man die chinesische Re-
volution ernsthaft deuten.

Anderseits fühlt sich der Kapitalismus der Konservativen in England,
der mit der imperialistischen Vorherrschaft fest verbunden ist, durch die
Ereignisse im Osten bedroht und sucht seinem Schicksal zu entgehen oder
wenigstens das drohende Verhängnis hinauszuschieben. Zu diesem Zweck
mußte er den Verdacht und das Mißtrauen der konkurrierenden imperialisti-
schen Mächte zu vermeiden oder zu zerstreuen versuchen. Er brauchte dazu
Werkzeuge, Abenteurer, die er vorschieben konnte. Das waren die F aschisten,
die für jede Schurkerei zu haben sind. Die ganze Mussolini-Presse bemüht
sich, die öffentliche Meinung unseres Landes für eine bewaffnete Inter-
vention in China vorzubereiten.

Die Argumente, deren sich der Faschismus bei dieser Propaganda be-
dient, sind erstens die Verteidigung der wirtschaftlichen und Handels-
interessen Italiens, zweitens die Beschützung der italienischen Bürger, die
durch die revolutionären Streitkräfte bedroht seien. Aber da dies alles nicht
genügt, um der faschistischen Geste einen „napoleonischen‘ Anstrich zu
geben, so propagiert man die Losung: „In China kämpft man für die
europäische Zivilisation gegen orientalische Barbarei.‘“ Das offizielle Organ
des Faschismus behauptet, daß die Agitation in China nur eine Volksbewegung

dunkler Herkunft mit unbestimmtem Ziel sei, die durch düstere Leidenschaf-
ten hervorgerufen wäre. Wir brandmarken vor dem Kongreß diese unver-
schämten Erklärungen, diese gemeine Fälschung einer strahlenden Wahrheit.

Reinigen wir zuerst den Boden von den sogenannten „wirtschaftlichen
Interessen‘, und gehen wir von einem Gesichtspunkt aus, der keineswegs der
unsrige ist. Die letzte Statistik über die Einfuhr in China aus dem Jahre
1923 verzeichnet eine Einfuhr aus England von 248 Millionen Taels, aus
Japan von 2ır Millionen Taels, U.S. A. 154 Millionen Taels, aus Indien für
55 Millionen und aus Italien von nur 3 Millionen 750000 Taels. Von
186 000 Handelsschiffen, die chinesische Häfen anliefen, waren 40 075
englische, 25 2871 japanische, 3670 amerikanische und nur 30 italienische.

Was die Verteidigung der europäischen Zivilisation angeht, erklären wir,
daß diese Zivilisation wohl sehr tief gefallen‘ sein muß, wenn sie als Be-
schützer eines Regimes des Faschismus bedarf. Wir glauben, daß die
Chinesischen Proletarier nichts von dem F aschismus zu lernen brauchen, und
wir hoffen, daß ihre Revolution auf immer für sie die Gefahr beseitigt,
einer derartigen „Zivilisation“ zu verfallen. Der Faschismus bedient sich

‚50
        <pb n="190" />
        Guido Miglioli. 151
noch eines anderen Vorwands und erklärt, daß er in China die katholischen
Missionen verteidigen will. Über diesen Punkt will ich sehr offen sprechen,
um so mehr, als ich dieser Tage in einer wichtigen belgischen katholischen
Zeitung mit tiefem Schmerz einen Artikel gelesen habe, der diese Politik
verteidigte. Wir sagen, daß der Faschismus, der in Italien die Priester ver-
folgt und die katholischen Organisationen zerstört, keinerlei Recht hat,
in dieser Frage zu intervenieren.

Die katholischen Missionen laufen keinerlei Gefahr in China, solange
sich ihre Priester nicht auf die Seite der kapitalistischen Unterdrückung
stellen und deren hinterlistiges und schädliches Werkzeug werden. Wir
sind überzeugt, daß, wenn dem chinesischen Volk seine Freiheit wieder-
gegeben, es zwischen denen, die Apostel eines großen Glaubens, und denen,
die Agenten des Imperialismus sind, unterscheiden wird. Gegen diese wird es
ein unversöhnlicher Feind sein, jenen gegenüber jedoch wird es sich groß-
mütig zeigen.

Aber die ernsteste Seite des faschistischen Eingreifens besteht darin,
daß, wenn die englisch-italienische Übereinkunft dem Faschismus die. Rolle
eines Agent provocateur der englischen Regierung in China übertragen hat,
sie gleichfalls England die Verteidigung des italienisch-albanesischen Paktes,
dessen Annullierung man eben bei dem Völkerbund beantragt hat, auf-
erlegt. England hat in dem Faschismus das gefügige Werkzeug für seine
imperialistische Politik gefunden, aber gleichzeitig nährt es den italienischen
Imperialismus, der, als Imperialismus eines armen Landes, das sich fort-
während in einem Zustand wirtschaftlicher und sozialer Krisen befindet, be-
reit ist, jede Gelegenheit, um Krieg und Raub zu treiben, aufzugreifen.

Aus der Allianz dieser beiden imperialistischen Länder rühren her: der
Vertrag, der Albanien zu einer Kolonie machen und neue Unruhen auf dem
Balkan verursachen wird; der Vertrag über die Aufteilung Abessiniens und
die Übereinkunft über die Oase Djaraboub, über Somaliland und über die
Landstriche jenseits Djouba.

Mit der Ergreifung der Macht durch den Faschismus wurden die
Methoden der italienischen Kolonialpolitik radikal geändert. Alle Ver-
sprechungen und selbst die Verpflichtungen für konstitutionelle Reformen,
die der arabischen Bevölkerung einige schwache Rechte gesichert hätten,
wurden öffentlich abgeleugnet. Eine „starke“ Politik setzte ein, d. h. an
Stelle eines verschleierten Raubes setzte man den offenen, brutalen. An die
Spitze stellte man faschistische Führer, die wegen ihres Vorgehens gegen
die italienischen Arbeiter berüchtigt waren: nach Somaliland sandte man
De Vecchi, der für die Massakers im Dezember 1922 in Turin verantwort-
lich ist, nach Libyen De Bono, einen der mit der Ermordung Matteottis
Beauftragten. Sie führten ihre Aufgabe mit dem Eifer durch, den man
von ihnen erwartete.

Das Flammenzeichen vom Palais Egmont.

11
        <pb n="191" />
        16. Der italienische Faschismus.

Hieraus geht klar hervor, daß die Massen der Arbeiter und Bauern
Italiens und die Massen der Kolonien in Afrika gemeinsame Interessen an
dem Befreiungskampf vom Faschismus haben. Die italienische Delegation
macht den Kongreß aufmerksam, daß der italienische Faschismus ein immer
gefährlicheres Element in der allgemeinen Politik der Imperialisten und der
kolonialen Unterdrückung darstellt.

Der italienische Faschismus versucht, im Ausland eine Ablenkung von
der innern Krise zu finden, in die er das Land hineingebracht hat. Je mehr
sich diese Krise verschärft, um so mehr wird der Faschismus gezwungen sein,
seine Ziele über die Grenzen hinauszutragen und sich in die erste Linie
des internationalen Abenteurertums zu stellen. Darum werden wir auch
durch die Bekämpfung des Faschismus in Italien und durch die Mobili-
sierung der breiten Massen gegen‘ ihn im Innern des Landes auch seinen
imperialistischen und kolonialen Vormarsch aufhalten. Wir sind berechtigt,
dem Kongreß und den Vertretern der chinesischen Revolution zu versichern,
daß die italienischen Arbeiter für das Abenteuer in keiner Weise verantwort-
lich sind. Im Gegenteil, die Arbeiter und freien Geister Italiens bezeugen
den Kämpfern in China und allen Opfern der kapitalistischen Unterdrückung
ihre brüderliche und aktive Solidarität. Der Kongreß möge die richtige
Parole herausgeben. Die italienischen Arbeiter werden trotz ihrer schreck-
lichen Lage antworten.

Resolution der italienischen Delegation zur Kolonialpolitik des Faschismus.

Die italienische Delegation am Brüsseler Kongreß gegen koloniale Unterdrückung und
Imperialismus drückt die brüderliche Solidarität der Arbeiter und freiheitlich gesinnten
Elemente Italiens mit dem chinesischen Freiheitskampf aus, und protestiert gegen jegliche
Intervention der italienischen Regierung in China.

Sie brandmarkt den zwischen dem englischen Imperialismus und italienischen Faschis-
mus geschlossenen Pakt, dessen Folgen

ı. Eine gemeinsame Politik gegen die Unabhängigkeit Chinas;

2. Die eigenmächtige Besitzergreifung der Oase Djaraboub und des jenseits des Djouba

gelegenen Gebietes;

3. Die Teilung Abessiniens in zwei Interessensphären;

4A. Der italienisch-albanische Pakt zur Kolonisierung Albaniens und Vorbereitung des

Balkankrieges
sind. M s .

Sie erinnert das englische Proletariat, daß die Regierung seines Landes die schwere Ver-
antwortung für eine Politik trägt, die einerseits die Unterdrückungsherrschaft über die
italienischen Arbeiter und andererseits in der Welt eine Reihe neuer Kriegsgefahren herauf-
beschwört. I .

Sie bestätigt, daß der Kampf gegen den italienischen Faschismus (der soeben bis in die
afrikanischen Kolonien die Ausnahmegesetze der faschistischen Herrschaft gebracht hat) zu
gleicher Zeit ein Kampf ist, um eines der gefährlichsten Instrumente des Imperialismus und
der kolonialen Unterdrückung zu zerbrechen.

3%
        <pb n="192" />
        X"
Der Kolonialhunger
des neuen deutschen Imperialismus.
Im Auftrag der deutschen Delegation führt der bekannte Dichter,
Ernst Toller (Deutschland),

folgendes aus:
V or einigen Tagen sprach hier ein Kamerad aus Afrika die Worte:

„Wir haben genug von der Zivilisation!“ Gestern schilderte uns ein
Negerkamerad mit erschütternden Worten die Lage seines Volkes, die schlim-
mer ist als Sklaverei, denn für die wirklichen Sklaven sorgte der Eigentümer,
für den Kolonialmenschen hingegen sorgt der Imperialist nicht. Der Kolonial-
mensch istıhm nur Ware, die er verschleißt und wegwirft. Auch die Blindesten
begreifen, was die Zivilisation den kolonialen Völkern gebracht hat, was sie
für sie bedeutet. Die Zivilisation hat ihnen Maschinengewehre und Syphilis,
Alkohol und Giftgas gebracht. In den Händen der Mächtigen ward die Zivili-
sation zum barbarischsten aller Götzen, zu einem Götzen, dem Hekatomben
von Menschenleibern geopfert wurden. Im Namen der Zivilisation wird ein
neuer Krieg vorbereitet, ein Verbrechen, noch furchtbarer als das Verbrechen
des Weltkrieges. Aber wir rufen den Mächtigen der Erde zu, wir, die wir
das Blutantlitz des Krieges nicht vergessen haben: „Genug! Genug! Wir
sind nicht mehr Eure Schachfiguren, unsere Länder sind nicht mehr bunte
Atlasfetzen, die man aufteilen kann nach politischen Interessen und tak-
tischer Laune, Ihr gebt vor, die Zivilisation zu verteidigen, aber Ihr habt
noch immer und überall die wahre Zivilisation verfolgt, überall, im Orient
und in Europa. Ihr habt überall seit Jahrtausenden alle Menschen, die für
die Wahrheit, die für den Geist fochten, verfolgt, eingekerkert, hingerichtet,
auf der Flucht erschossen. Ihr habt gar keinen Anspruch darauf, Euch mit
patriarchalischer Geste als Heilbringer zu fühlen. Viele seiner tiefsten Ideen
hat Europa vom Orient als Geschenk erhalten. Wir sind keine Romantiker,
wir wissen genau — das hat uns die grausame Erfahrung des Krieges ge-
zeigt —, daß der Geist blinden Gehorsams, der Geist der Knechtseligkeit
die Völker regiert, daß im Rausche des Tages, im Taumel der Hetzlügen

ALL.
i1+
        <pb n="193" />
        164 Der Kolonialhunger des neuen deutschen Imperialismus.

die Menschen sich betäuben lassen und dem Rufe ihrer verbrecherischen Re-
gierungen folgen und wahrscheinlich weiter folgen werden. Aber wie einst in
Deutschland Karl Liebknecht, als er seine Stimme gegen den Krieg erhob,
ein Einzelner war, den man verlachte, und dessen Stimme anwuchs zum
drohenden Ruf und zur Tat der Millionen, so wird in einem neuen Kriege,
wenn Ihr ihn wagt, Ihr Mächtigen der Erde, die Stimme der Wenigen, die.
sehend sind im Beginn, zur Stimme und Tat der Millionen werden und Euren
Untergang um so rascher herbeiführen!

Ja, seien wir uns dessen bewußt: der Geist der Knechtseligkeit regiert.
ebenso Europa, wie er heute auch den Orient leider noch regiert. Wie in
europäischen Ländern proletarische Soldaten es waren, die proletarische Re-
bellen erschossen haben, so waren Neger und Chinesen, Ägypter und Ana-
miten noch immer die gefügigsten W. erkzeuge des Imperialismus gegen ihre
revolutionären Brüder. Aber dieser Kongreß ist eine Verpflichtung für alle,
die daran teilnehmen, für alle, die davon hören. Dieser Kongreß, diese
Tagung muß wie eine ewige Flamme Europa und dem Orient leuchten. Er
muß die Verachtung des Mexikaners gegen den Chinesen, die Verachtung des
Ägypters gegen den Neger, die Verachtung des Arabers gegen den Juden zer-
stören, Würde die Befreiung der Völker nur dazu dienen, daß an Stelle der
Kriege der Imperialisten die Kriege der Nationen untereinander begännen,
dann wäre die Welt nicht vorwärtsgekommen.

Es gibt einen Imperialismus des Geistes, den auch wir wollen. Wir
wollen, daß unserer Idee der Gleichheit der Rasse, der Freiheit der
Völker, der Brüderlichkeit der Menschen die Welt erobert. Ich spreche
hier als Deutscher, also für ein Land, das gegenwärtig keine Kolonien be-
sitzt. Aber diese Tatsache ist wahrlich keine Tugend Deutschlands. Die
deutschen Imperialisten waren gezwungen, ihre Kolonien aufzugeben. Schon
morgen wären sie mit tausend Freuden bereit, über den kleinsten Kolonial-
fetzen zu jubeln und Tausende von Soldaten in die Armee des Imperialis,-
mus gegen den Orient einzureihen. Aber ich weiß, ich spreche hier für das
werktätige Volk Deutschlands, wenn ich erkläre, das werktätige Volk
Deutschlands, das Proletariat Deutschlands, wird die Pläne der deutschen
Imperialisten durchkreuzen ; wenn es seine Kämpfer stellt, so stellt es sie für
die Befreiung der Welt von allem politischen und sozialen Unrecht, nicht
für ihre Unterdrückung. Es ist unverständlich, daß unsere deutschen So-
zialisten, daß unsere deutschen Gewerkschaften nicht die Bedeutung dieses
Kongresses erkennen und nicht einmal einen Vertreter hierher gesandt haben.
Es ist unverständlich, daß die Internationale von Amsterdam, daß die Ge-
werkschafts-Internationale die gigantische Bedeutung dieses Kongresses so
verkannt hat, daß sie sich nicht einmal offiziell hier vertreten ließ.

Kameraden, im Namen der deutschen Delegation habe ich folgende Er-
klärung vorzulesen:
        <pb n="194" />
        Die deutsche Delegation
Von links nach rechts sitzend: Alfons Paquet, Frankfurt a. M.; Frau Dr. R. Adler, Wien; Frau Ledebour; Professor Dr. Alfons Gold-
schmidt, Berlin: Arthur Holitscher, Berlin; Professor Resch, Remscheid; Bachmann, Arbeitersekretär, Berlin. Stehend von links nach
rechts: Putz, M.d.R.; Heckert, M.d.R.; Münzenberg, M. d.R.: Köhnen, M. d.R.; Georg Ledebour, Berlin; Frau Dr. Helene Stöcker,
Berlin. Rechts äußerste Seite: Lehmann-Rußbüldt, Delegierter der Deutschen Liga für Menschenrechte
        <pb n="195" />
        <pb n="196" />
        Ernst Toller. — Dr. phil. Helene Stöcker.
Erklärung der deutschen Delegation.

„Die auf dem ersten Kongreß der Liga gegen koloniale Unterdrückung in Brüssel
versammelte deutsche Delegation kam zu folgender Entschließung:

Wir verfolgen den in der ganzen Welt vor sich gehenden Freiheitskampf der
unterdrückten kolonialen Völker mit tiefer Bewunderung und in der Hoffnung auf
den Endsieg ihres Kampfes für die Sache der ganzen, arbeitenden Menschheit.

Die heute in Deutschland immer mehr wachsende Propaganda für die Wieder-
erwerbung von Kolonialbesitz halten wir für falsch und gefährlich; eine neue Kolonial-
politik, einerlei in welcher Form, wird das deutsche Volk unweigerlich in die bevor-
stehenden blutigen, imperialistischen Kriegskonflikte hineintreiben. Die Zeit der Kolo-
nialpolitik ist vorüber.

Selbst wenn Deutschland wieder Kolonien erhielte, würde damit an der
schweren wirtschaftlichen Lage seiner arbeitenden Bevölkerung nicht das Mindeste ge-
ändert. Die um ihre Befreiung kämpfenden Kolonialvölker sind auch die Bundesge-
nossen der schaffenden Bevölkerung Deutschlands.

Wir rufen das gesamte arbeitende Volk auf, von seinen wirtschaftlichen und politi-
schen Organisationen eine entschiedene Stellungnahme gegen jede neue Kolonialpolitik
zu fordern.“

Ich komme zum Schluß. Dieser Kongreß hat als gigantischer, demon-
strativer Akt einer Milliarde Menschen eine immense Bedeutung. Morgen
wird dieser Kongreß eine Weltmacht sein. Was hier geschieht, wird den
Schlummer der Herren Mussolini und Primo de Rivera, der Herren Cham-
berlain und Poincare empfindlich stören. Hier wird der wahre Völkerbund
geschaffen, in dem es weder Herren noch Knechte, weder Ausbeuter noch
Ausgebeutete, weder weltpolitische Subjekte, noch weltpolitische Objekte
gibt. Es lebe der Völkerbund von Brüssel!

Dr. phil. Helene Stöcker (Deutschland)

spricht als Delegierte des deutschen Friedenskartells:
( habe die große Freude und Ehre, dem Kongreß die Grüße von zwei

großen Organisationen zu überbringen — groß nicht in dem Sinne wie
die Trade Unions, die Millionen von Arbeitern hinter sich haben, aber groß
in dem andern Sinne, daß auch sie sich über Länder erstrecken. Sie stellen
zwar noch eine Minorität dar, aber doch eine Minorität, von der wir hoffen,
daß sie auch in möglichst baldiger Zeit eine Majorität werden wird. Es ist
das einmal die „Internationale der Kriegsdienstverweigerer‘“ in London und
zum andern das „Deutsche Friedenskartell‘“. Das Deutsche Friedenskartel]
hat 23 Organisationen in Deutschland vereint, die den Kampf gegen Krieg
und Unterdrückung aufgenommen haben, und die in ihrer großen
Majorität nicht mehr arbeiten und ihre Gesinnung haben im Sinne des alten
bürgerlichen Pazifismus, sondern die sich durch die Erlebnisse des Krieges
und der Nachkriegszeit klar darüber geworden sind, daß der Kampf gegen

165
        <pb n="197" />
        1 Der Kolonialhunger des neuen deutschen Imperialismus,

den Krieg nur geführt werden kann, wenn er zugleich ein Kampf ist gegen
Kapitalismus und Imperialismus. Die Internationale der Kriegsdienst-
verweigerer, deren Grüße ich auch zu überbringen habe, ist eine Or-
ganisation, aus der Männer hervorgegangen sind, wie Sie sie ja in diesen
Tagen so wundervoll erlebt haben, wie unsere Freunde Lansbury und Brock-
way, und ich glaube, der größte Teil derer, die zu der Englischen Unab-
hängigen Arbeiterpartei gehören. In ihrer Gesinnung des aktiven Wider-
standes gegen den Krieg, des Nichtteilnehmenwollens am Kriege, haben sie
nicht nur negative Resultate zu verzeichnen. Sie haben gesehen, wie sie
schon nach dem Kriege damals dem Kriege gegen Rußland ein Ende gemacht
haben, und wir haben jetzt so wundervoll und tröstend erlebt, wie aus dem
Kreise dieser Männer und Frauen auch der Widerstand gegen den Krieg
gegen China organisiert wird. Aus diesem selben Geiste heraus geboren ist
auch jene andere Bewegung, die wir in Indien erlebt haben, und die ein
großes moralisch-politisches Ergebnis, möchte ich sagen, für die ganze Welt
gewesen ist, die Bewegung, die sich in Indien unter Führung von Ghandi ge-
zeigt hat. Wir haben gesehen, daß auch ein großer nationaler Befreiungs-
kampf mit Mitteln geführt werden kann, die denen der Gegner an Vornehm-
heit unendlich überlegen sind. Es ist vielleicht das tragischste Hemmnis
für die Menschheit, daß die Befreiungskämpfe der Menschen nicht immer
geführt werden konnten, wie wir das wünschen müssen, mit den reinsten
und edelsten Mitteln, sondern daß so oft der unedle Gegner denjenigen, der
für die Freiheit und für die höhere Entwicklung kämpft, zwingt sich zu
denselben niedrigen und bösen Mitteln des Tötens, des Zerstörens, herabzu-
lassen. Ich sage, das ist eines der tragischsten Hemmnisse. Wir müssen uns
ganz klar darüber sein und müssen, wenn wir wirklich der Unterdrückung
in der Welt ein Ende machen wollen, jedenfalls bis zum äußersten ‚vertr
suchen, das mit unseren Mitteln zu tun. Denn auch die Mittel bestimmen
unser Ziel und verändern unser Ziel. Also wir müssen soweit als irgend mög-
lich, eben um der höheren Ziele willen, auch die höheren Mittel anwenden.
Wir haben gerade durch das Erlebnis in Indien gesehen, wieviel die Völker
einander zu geben haben, und wir haben aus alledem, was wir in diesen
Tagen hier Unvergeßliches erlebt haben, gesehen, daß eine ganz neue Art
der Weltanschauung im höchsten Sinne sich in uns anbahnen muß. Wir
haben gesehen, daß der Reichtum der Welt, der Reichtum an menschlichen
Entwicklungsmöglichkeiten erst dann vollendet ist, wenn wir alle Völker zu
ihrer vollen Entwicklung kommen lassen, wenn wir jedes Volk das dem
Ganzen geben lassen, was es aus seiner besonderen Art, aus seinen besonde:-
ren Erlebnissen heraus, zu geben hat.

Da ich vielleicht eine der wenigen Frauen bin, die hier auf diesem Kon-

greß das Wort bekommen, darf ich wohl auch noch ein Wort nicht für eine
unterdrückte Nation, aber für ein in manchem auch noch unterdrücktes

66
        <pb n="198" />
        Dr. phil. Helene Stöcker. 167
Geschlecht sagen. Ich möchte Sie alle bitten, die Sie für die Freiheit, für die
Befreiung aller Nationen, aller Klassen kämpfen, vergessen Sie auch nicht
den Kampf für die Freiheit und für die Entwicklungsmöglichkeit für das
weibliche Geschlecht. Es gibt noch viele Freiheitskämpfe. Sie selbst werden
das wissen, der Mensch ist nun einmal oft so einseitig eingestellt, daß er in
einer Hinsicht ungeheuer freiheitsliebend und fortschrittlich ist, und auf
einem anderen Gebiete, ohne daß er es selbst oft weiß, recht rückständig und
egoistisch. Wenn wir wirklich diesen Kampf, der einer der größten und
herrlichsten Kämpfe ist, die wir führen können, den Kampf gegen Imperia-
lismus, gegen Unterdrückung irgend einer Nation, erweitern zu einem Kampf
gegen Unterdrückung, gegen die Grausamkeit im Menschen gegenüber dem
Menschen, dann können wir sagen, daß in der Tat mit diesem Kongreß einer
der herrlichsten, einer der bedeutsamsten Kämpfe für die Befreiung der
Menschheit begonnen hat.

In diesen Tagen wird das Andenken Beethovens gefeiert, und ich habe
in diesen Tagen, während ich hier saß, immer an seine wundervolle Neunte
Symphonie denken müssen, und ich möchte, daß unsere ganze Arbeit, die
weiter geschieht, in diesem Sinne geführt wird, daß wir uns bewußt sind:

Alle Menschen werden Brüder!
        <pb n="199" />
        KU.
Die Verbindung der nationalrevolutionären
Bewegung mit dem proletarischen Klassenkampf.
Hierüber spricht
Professor Alfons Goldschmidt (Deutschland).

{ ch freue mich von ganzem Herzen, daß ich vor dieser ungewöhnlichen,
A dieser außerordentlichen und einzigartigen Versammlung sprechen darf,
die eine Versammlung — das habe ich aus den Erklärungen schon ver-
nommen — nicht so sehr der erwachenden, wie der schon erwachten Völker
ist. Wir wenden uns hier gemeinsam, nationale und Arbeiterorganisationen,
Gruppen aller Richtungen, gegen den gemeinsamen Feind, den Imperialis-
mus, der unproduktiv die Welt beherrschen will. Nicht neu ist dieser Impe-
rialismus, neu sind seine Dimensionen und seine Intensität. Es gab in ge-
wissem Sinne schon im Altertum einen Imperialismus, und es gab auch eine
Erhebung sozialer und nationaler Natur gegen diesen Imperialismus. Als
Mazedonien gegen Rom kämpfte, und die sizilianischen Bauernsklaven Sizilien
und seine Produkte unabhängig machen wollten von dem sie auffressenden
römischen Markt, da waren das nicht nur soziale Bewegungen, sondern auch
nationale Bewegungen, wenn auch nicht im heutigen Sinne des Begriffs
Nation. — Wir haben die sozialen und zugleich nationalen Bewegungen im
Mittelalter auf fast allen Kontinenten, und wir sitzen hier im Palais Eg-
mont, der ein Symbol eines sozial-nationalen Kampfes gegen die spanische
Unterdrückung ist. Die Kolonisierung der Welt erst am Mittelmeer und
dann die universelle Kolonisierung, der Versuch den Globus sich zu unter-
werfen, das ist eine logische Linie der Unterdrückungsversuche. Es ist heute
nicht mehr die direkte Eroberung, die direkte Ausbeutung, die direkte Statt-
halterherrschaft, wie zur Zeit der Kolonien des alten Roms in Nordafrika,
Spaniens usw., es ist nicht mehr die monopolistische Kolonisierung, wie zur
Zeit der spanischen und portugiesischen Weltherrschaft, sondern es ist eine
Kolonisierung mit anderen Mitteln: mit Verträgen, mit sogenannter Auto-
nomie, mit Konzessionen, mit Kapitalsanlagen, eine Kolonisierung jedoch, die
in ihrem Endeffekt, d. h. in der Verminderung der Freiheit und der Aus-

vu
        <pb n="200" />
        Professor Alfons Goldschmidt. ;9
beutung der Arbeitskraft der unterdrückten und halbunterdrückten Völker,
nicht geringer ist als die frühere Kolonisierung.

Ich sagte vorhin, schon im Altertum haben sich die sozialen, d.h. die
eigentlichen produktiven Kräfte, meistens die Bauernkräfte und die Kräfte,
die die Freiheit der Nation wollten, in ihren Ländern vereinigt zum Kampf
gegen den damaligen Imperialismus. Diese Vereinigungen finden wir in der
ganzen Geschichte der Kolonisierung dieser Erde, und wir finden diese Ver-
einigung auch in Europa in den Kämpfen um die Entlastung vom Druck
der Innenkolonisierung, beispielsweise des Feudalsystems, das die Franzö-
sische Revolution beseitigte. Als die Bauern in Frankreich, zusammen mit
den Arbeitern und Kleinbürgern der Städte aufstanden, da war es nicht nur
ein sozialer Freiheitskampf, sondern auch ein Kampf um die Selbständig-
keit der französischen Nation gegen England. Und auch damals schon sehen
wir, was wir heute wieder erleben, die Beschimpfung und Verleumdung
dieser produktiven und freiheitlichen Kräfte, als aus Königsmund das Wort
fiel, die Bauernschaft des revolutionären Frankreichs sei eine Horde von
Banditen. — Als sich die Vereinigten Staaten gegen England erhoben, und
als Monroe im Jahre 1823 seine berühmte Botschaft erließ, da war diese
Botschaft noch getränkt vom revolutionären Geiste der Vereinigten Staaten,
der heute nicht mehr vorhanden ist. Damals erkannte man noch die Freiheit
aller amerikanischen Länder aus dem Herzen an, und es war noch nicht so,
wie zur Zeit des Amtsantritts Wilsons im Jahre 1913, als er die Monroe-
Doktrin erweiterte und nochmals diese Ideologie betonte, ohne daß sie einen
praktischen Untergrund hatte. Denn 1913 hatte sich das Kapital der Ver-
einigten Staaten mitsamt den Machtmitteln des Nordamerikanischen Staates
schon auf dem ganzen amerikanischen Kontinent mehr oder weniger verankert.

Als im Jahre 1810 Hidalgo in Mexiko die Indiobauern anführte mit dem
Ruf: „Viva la Madona de Guadalupe y mueran los gachupines““ („Es lebe die
Madonna von Guadalupe, und es sterben die Spanier, die uns unterdrücken!“‘).
da erließ er ein Dekret, das den Latifundisten den Acker nahm und ihn
den Indios zurückgeben wollte, das aber zu gleicher Zeit ein nationales Dekret
war, um die freie Arbeit in einem freien Mexiko gedeihen zu lassen. — All
die Erhebungen des amerikanischen Kontinents, die zentrale Erhebung Boli-
vars, die Erhebung San Martins und die Nebenerhebungen waren soziale und
nationale Aufstände. Es waren Völker, die erst ihre Grenzen suchen mußten,
Grenzen, die Alexander VI. mit einem Federstrich vom päpstlichen Stuhl
aus ihnen zugeteilt hatte. Diese Völker wollten in sich unabhängig sein, um
ihre Probleme, ihre Gegensätze gegeneinander auszugleichen. Das war eine
wunderbare Freiheitsbewegung in jener Zeit, und, da sie fern liegt, so wird
sie auch von der imperialistischen Presse heute gefeiert. Es gibt wohl kaum
ein großes imperialistisches Blatt der Welt, das die Französische Revolution
nicht als einen Fortschritt anerkennt. Aber wenn heute in einem Lande der

16€.
        <pb n="201" />
        170 Die Verbindung der nationalrevolut. Bewegung mit dem prolet. Klassenkampf.
Welt, in dem das Kapital eines imperialistischen Staates steckt, eine Revo-
lution mit dem Charakter der Französischen Revolution sich erheben wollte,
dann würde man diese Revolution unterdrücken.

Diese Freiheitsbewegung in Europa und in Amerika wurde beschnitten,
verlangsamt, unterbrochen durch eine neue Kraft, die die alte monopolistische
Kraft der Kolonisierungsländer in den kolonisierten Ländern zerbrach. Das
war das Kapital, das mobile Kapital in Form von Geld, das mobile Kapital
in Form von Verträgen und Konzessionen, ja, das mobile Kapital in
Form der „Selbständigkeit“ der Völker. Denn als Texas von Mexiko
gerissen wurde und Kalifornien, Arizona, fast die Hälfte des Gebietes von
Neu-Spanien, da sagten die Vereinigten Staaten: diese Länder wollen autonom
sein und wir werden ihre Autonomie schützen. Heute sind diese Länder als
Staaten den Vereinigten Staaten von Nordamerika einverleibt. Wir haben
diese Vertrags- und Autonomiemethode des Imperialismus, die moderne,
schleichende und vertragsmäßige Waffe des Großkapitals, nicht nur etwa
in Form des Dawes-Vertrages, wir haben sie in Form des Vertrages von
Corinth, in Form des Platt-Vertrages, in Form dieses entsetzlichen Panama-
Vertrages, der im Juli vorigen Jahres niedergelegt worden ist und bedeutet,
daß diese Schlagader Amerikas ganz und unverrückbar in die Hände des
Imperialismus der Vereinigten Staaten kommen soll. Das ist aus der Monroe-
Doktrin geworden.

Was bedeutet nun in ihrem Kern diese imperialistisch-kapitalistische Be-
wegung, weshalb geht sie vor sich, und weshalb wehren die Völker, die arbei-
tenden Menschen und alle nach Freiheit ihrer Länder und Nationen hungern-
den Menschen sich dagegen? Dieser Imperialismus entsteht, dehnt sich aus,
dringt vor mit allen Mitteln, weil die Länder, von denen er ausgeht, sich
durch ihr Großkapital selbst zerstören. Sie können nicht mehr existieren,
ohne um sich zu greifen, nachdem sie die Arbeitskraft im Innern his zum
Existenzminimum heruntergedrückt haben, wenn es auch Schwankungen gibt
und wenn die Kurven auch nicht gerade sind. Nachdem das geschehen ist und
nachdem sie für ihren ungeheuren, bis zum Irrsinn gesteigerten Apparat
nicht mehr genügend herausholen können, gehen sie in die Länder, wo die
Arbeitskraft billiger ist, und beschlagnahmen die Arbeitskraft und ihre Pro-
dukte dort. Die ganze neuere Geschichte des Eindringens Englands nach
Indien ist nichts anderes als die Geschichte der Angst des englischen Impe-
rialismus, der Verteidigung gegen seinen Zusammenbruch auf Kosten der
indischen Bauern, ausgedrückt in Geld, indem man mit Silber Rohpro-
dukte in Indien kauft und sie gegen Gold in der Welt wieder verkauft. Aber
der Zwischengewinn ist nach unserer Ansicht nicht in Geld zu fassen, sondern
ist das ungeheure Quantum an Schweiß, Blut und Leben der indischen
Bauern.

Und dasselbe, was der englische Imperialismus in Indien und in anderen
        <pb n="202" />
        Professor Alfons Goldschmidt. 171
Ländern vornimmt, diese Saugarbeit, um sich zu verteidigen, unternimmt der
amerikanische Imperialismus auf dem ganzen amerikanischen Kontinent, und
beide zusammen in China. Weshalb wandern Tausende und Abertausende
von Chinesen aus? Mir hat man in Habana erzählt, daß sie sich, weil man sie
nicht hineinlassen wollte, in Särgen ins Land schleppen ließen. Weshalb
wandern sie aus? Weil die beginnende Industriealisierung durch das impe-
rialistische Kapital in China den Raum verengt, obwohl er gleich bleibt.
Der Bauer hat denselben Raum, aber der Druck auf diesen Raum
in Form von Steuern und Tributen aller Art steigt. Und wenn in
einem Lande wie China für alle 400 Millionen Menschen an sich genügend
Lebensraum vorhanden ist, so engt das imperialistische Kapital diesen Raum
ein, preßt die Menschen heraus und treibt sie wie eine Angstwelle über die
Erde. Ich habe Einwanderungstragödien in Amerika gesehen und ich habe mir
gesagt: Wachen denn die Menschen nicht auf, und sehen sie nicht, daß die
Maschinenvorhallen der Welt, Europa und die Vereinigten Staaten, die den
Raum selbst verengt haben, nicht das Recht besitzen, nun die Menschen, die
eine andere Zuflucht suchen, von sich abstoßen.

Ich sagte, daß der Kern dieses imperialistischen Vorgehens in der Welt
nicht eine Steigerung der Produktivität sei, wie es in der Presse der Welt be-
hauptet wird, sondern eine Senkung der wirklichen Produktivität in den im-
perialistischen Ländern. Und, da diese ihre steigende Last abwälzen wollen,
damit auch in den Ländern, die ihr Kapital durchsetzt, und in denen
es sich zur Erzielung einer festen Rente durch Verträge verankert.
Was heißt das? Das heißt, daß wir hier gegen das Unrecht kämpfen,
das sich dem Urrecht der Menschen entgegenstellt, nämlich gegen das Un-
recht der Unproduktivität, und daß wir für die wirkliche Produktivität
eintreten. Diese ı5 Milliarden Dollar, die die Vereinigten Staaten in der
Welt — und mehr als 4 Milliarden davon allein in Latein-Amerika —
angelegt haben, und die vielen Milliarden, die England angelegt hat, das
alles sind Angstgelder und Grausamkeits- und Unterdrückungsgelder. Denn
es ist ein Gesetz der wirtschaftlichen Entwicklung, daß, je unfruchtbarer
eine Wirtschaft ist, um so grausamer ihr technischer Apparat wird. Je
mehr sie sich gegen den Ansturm der freien Produktivität verteidigen muß,
um so mehr wird sie ihre Waffen schärfen und gerade mit Hilfe derjenigen,
die sie ausbeutet und angreift. Ich sehe beispielsweise jetzt schon die
kommende schwere Wirtschaftskrise der Vereinigten Staaten. Je näher
die Krise, desto größer werden die Flotten, desto größer werden die Armeen,
desto schärfer werden ihre Waffen. Das hat Spanien getan, als es Mexiko,

Peru usw. eroberte. Spanien hatte damals den größten Apparat in der Welt,
um seine Unfruchtbarkeit zu schützen. Das hatte vorher Rom getan, um seine
Latifundienherrschaft zu schützen. Das tun heute die großen imperialisti-
schen Länder der Welt, hauptsächlich England und die Vereinigten Staaten.
        <pb n="203" />
        172 Die Verbindung der nationalrevolut. Bewegung mit dem prolet. Klassenkampf.
Wir sind nicht so naiv, daß wir das Gesetz der Entwicklung nicht sehen, wir
wissen ganz genau, daß in diesen explosiven Kräften auch der Fortschritt
enthalten ist. Aber da dieser Fortschritt begriffen ist in dem produktivsten
Dung der Welt, in der arbeitenden Kraft, so muß diese arbeitende Kraft sich
dagegen wehren, daß man ihr das Blut wegsaugt, zum Elend der ganzen Erde.
Wie groß ist diese Welt! Ich konnte — das war ein wahres Glück — in
den letzten Jahren viel reisen und ich habe gesehen, was noch alles aus der
Welt an Naturreichtümern geholt werden kann. Aber sollen wir die Ausbeu-
tung dieser Reichtümer, die uns glücklich und friedlich machen könnten,
einer Kraft überlassen, von der wir wissen, daß sie unproduktiv ist? Das
können wir nicht! Denn damit vergingen wir uns gegen das Grundgesetz der
Entwicklung der Welt. Wir können die Bildung der riesenhaften, in sich
vertrusteten Gläubigerstaaten nicht dulden, wir können nicht einsehen, daß
diejenigen, die man auf grausame, schleichende oder diplomatische Weise
zu Schanden macht, immer mehr von dem verlieren, was ihr Eigen isty
Und so sehen wir denn auch, daß alles, was wahrhaft für die Freiheit
der Arbeit innerhalb der Grenzen seiner Nationen und für die Verbindung
dieser frei arbeitenden Nationen in der Welt ficht, heute in Bewegung
geraten ist. Wir verkennen auch nicht, daß innerhalb dieser Bewegung
Gegensätze vorhanden sind. Wir wissen, daß diese Gegensätze orga-
nisch sind, daß diese Gegensätze ausgetragen werden müssen. Aber wir
wünschen, daß sie innerhalb freier Länder ausgefragen werden und nicht
unter dem Druck von außen. Denn, je stärker der imperialistische Druck
von außen ist, umso unfreier wird dieses Austragen der Interessengegensätze
und der idealen Gegensätze, und umso unmöglicher wird die wahrhafte Be-
freiung der Nationen. Es soll keine Gläubigerstaaten und keine Schuldner-
staaten in diesem Sinne mehr geben, sondern einen freien Austausch der pro-
duktiven Kräfte und einen freien Austausch der nationalen Ideale, der natio-
nalen Sitten. Und — das möchte ich hinzufügen — wir müssen hier mit aller
Deutlichkeit aussprechen, daß für uns eine Rassenfrage nicht existiert.
Wir müssen die Rassen begreifen vom Standpunkte des Imperialismus
aus als eine soziale Kategorie. Der Imperialismus benutzt die Rassen
als koloniale Arbeitskraft. Wenn die weißen Imperialisten von der
schwarzen Rasse mit Verachtung sprechen oder von der gelben Rasse,
meinen sie die Menschen, die für sie arbeiten sollen und die Hautfarbe
kommt für sie in zweiter Linie. Sie ist nur ein Mittel, um ihre
imperialistischen Angriffs- und Verteidigungszwecke zu verwirklichen.
Ich habe wohl gehört und aufmerksam gehört, was man mir gesagt hat. Da
gibt es beispielsweise eine Ideologie in Amerika gegen China und gegen die
Japanische Rasse, gegen die gelbe Rasse im allgemeinen. Und man mißt nun,
man stellt sich hin und mißt mit psychotechnischen Apparaten die Qualität
der Rassen ab und kommt natürlich zu dem Resultat, daß die anglo-saxo-
        <pb n="204" />
        Professor Alfons Goldschmidt. 173
nische Rasse die beste Rasse der Welt sei, daß dann die romanische meinet-
wegen folge, die slavische Rasse, und die farbigen Rassen mißt man über-
haupt nicht mehr, weil man sagt, das ist selbstverständliche Arbeits-
kraft für uns. Ja, allerdings, in diesem Augenblick, da wechseln auch
diese Begriffe, jedoch es wechseln nicht die Bestrebungen des Imperialismus.
Aus einem offiziösen Munde ist kürzlich von England her erklärt worden,
daß England ja an sich nichts gegen die chinesische Revolution hätte, denn
sie bedeute für England eine Erweiterung seines Marktes. Wenn die Chinesen
eine Revolution machten, so würden die Engländer nachher an 400 Millionen
Menschen ihre Waren verkaufen. Was heißt das? Das heißt, daß wir auch
auf die Anerkennung der Revolution durch den Imperialismus achten
müssen. Auch diese Fälle gibts, und das bedeutet, daß die imperialistischen
Regierungen und ihre kapitalistischen Mitunterdrücker die Revolution als
Aktivum einstellen. So sagen beispielsweise die Exportfabrikanten der Ver-
einigten Staaten, vielleicht identisch mit der demokratischen Partei: Wir
haben nichts gegen eine gemäßigte Revolution in Mexiko, denn sie bessert die
wirtschaftliche Lage der Arbeiterschaft, und das ist für uns dasselbe, als
wenn wir eine neue Kolonie hätten, das ist eine Erweiterung unseres Marktes.

So sehen Sie, wie vorsichtig, wie aufmerksam wir sein müssen und mit
welch großer Klugheit, mit welchen Finessen wir vorgehen müssen, um all
diese Zusammenhänge einer schon tausendjährigen immobilen und mobilen
Tradition zu erkennen. Denn wenn wir imstande sind, diesen Apparat, seine
seelischen Funktionen und seine motorisch-technischen Kräfte, zu durch-
leuchten, so sind wir auch besser imstande, ihn zu bekämpfen. Aber das ist
— das spreche ich nochmals und mit aller Begierde, daß es Wahrheit werden
möge, vor dieser Versammlung aus — die Grundbedingung, daß wir uns
nicht untereinander die Hälse abwürgen. Denn wenn wir, die wir die Frei-
heit unserer Länder wollen und die Freiheit der Arbeitskraft und die Frei-
heit der ganzen Welt, wenn wir wirklich Brüder miteinander sind, wenn wir
keine Rassen kennen und unsere Klassengegensätze zurückstellen im einigen
Kampf, wenn wir ein organisatorisches Ganzes werden, dann allerdings sind
wir eine ungeheure Kraft. Was heute hier geschieht ist die Demonstration
des schon existierenden modernen lokalen und universellen Freiheitskampfes
gegen den Imperialismus. Was geschehen muß, ist die Kolonisierung,
d. h. die Zusammenfassung, das Praktische, die Organisation. Wir
müssen ‘unter uns auf diesem Wege einig sein, gerade, damit wir
uns später, wenn wir frei sind, sagen können, was uns drückt — gegen-
einander, wenn es sein muß —, wir müssen einig auf diesem Wege zu einem
Weltbunde gegen den Imperialismus kommen. Deshalb müssen wir
fordern: Durchleuchtung der Methoden des Imperialismus, seiner Ge-
schichte, seiner Art, seines Denkens und seiner Waffen; Zusammenfassung
aller dieser Kenntnisse zu einer Grundkenntnis, zu der Erhöhung des In-
        <pb n="205" />
        174 Die Verbindung der nationalrevolut. Bewegung mit dem prolet. Klassenkampf.
stinktes, der ja schon erwacht ist, gegen den Imperialismus, zur bewußten
Abwehr gegen ihn. Und darüber hinaus — das ist das Wesentliche — müssen
wir alles sprengen, was uns noch auf den einzelnen Kontinenten eingeschlos-
sen hält, uns blind macht für die übrige Welt. Wir müssen uns die Hände
reichen gegen eine Kraft, die ja auch universell ist. Wenn sie die Welt ver-
trusten will, dann werden wir unseren Freiheitsdrang vertrusten.

Ich sage zum Schluß: Der Imperialismus des modernen, mobilen großen
Kapitals der großen Gläubigerländer der Welt ist eine unproduktive Kraft.
Er verhindert das Steigen der wirklichen Produktivität, soviel Produkte er
auch schaffen mag. Er verhindert die Entwicklung der Freiheit der Nationen,
die auf dem Grunde der Freiheit der Arbeit steht. Wir wollen ihn infolge-
dessen bekämpfen, und wir sind in keiner ungünstigen Situation. Denn so
stark der Imperialismus scheint, in sich hat er die Krise des Kapitals, er
hat die Krise des Kapitals in den Vereinigten Staaten, wo beispielsweise ein
Unternehmen wie Ford, das die ganze Welt für unverwundbar hält, krampf-
haft, mit allen Mitteln, Märkte sucht, und versucht, alles aufzusaugen, nur
weil es als Einzelgebilde nicht mehr existieren kann. Da sehen Sie die
Schwäche! Die Stärke des kapitalistischen Imperialismus, das sind die Waf-
fen, die er aus der Schwäche holt, aus seiner Angst. Wir müssen die
Schwäche begreifen, dann werden unsere Waffen auch stärker sein. Ich
hoffe — so wundervoll ist dieser Kongreß bis jetzt verlaufen —, daß wir
von hier gehen, von dieser historischen Stätte, wo Herzen auch einmal für die
Freiheit des Landes gebebt haben, einig unter uns, mit dem Willen, uns
fest zusammenschließen auf der Grundlage der Organisation, die wir
schon hinterlassen, eine Brüderschaft, eine Farbe der Seele und der Haut
gegen den Imperialismus, der die Welt zerstören will.

Resolution.
Der nationale Freiheitskampf und die Arbeiterklasse der
imperialistischen Länder,

Zwischen der Arbeiterklasse der imperialistischen Länder und der nationalrevolutionären
Front der unterdrückten Völker besteht eine enge Kampfgemeinschaft, das Verhältnis eines
Bündnisses. Dies folgt vor allem aus der Gemeinsamkeit des Feindes. Der Imperialismus
ist nicht nur der Unterdrücker und Bedroher der kolonialen und halbkolonialen Völker und
schwachen Nationen, sondern als die gegenwärtige Herrschaftsform des Kapitalismus auch
der Feind und Unterdrücker der Arbeiterklasse in allen, auch den imperialistischen Ländern
selbst. Indem die Arbeiterklasse der imperialistischen Länder für ihre wirtschaftliche und
soziale Befreiung vom Joch des imperialistischen Kapitalismus kämpft, bekämpft sie den-
selben Feind, dem sich auch die unterdrückten Nationen gegenüber befinden. Daraus ergibt
sich die Gemeinsamkeit der unmittelbaren Interessen und Ziele der Arbeiterschaft der kapi-
talistischen Länder und der um ihre Befreiung kämpfenden unterdrückten und bedrohten
Nationen.

Die fortgeschrittene Arbeiterschaft der imperialistischen Länder weiß, daß sie selbst
        <pb n="206" />
        Die indischen Delegierten und einige andere Kongreßteilnehmer
        <pb n="207" />
        <pb n="208" />
        Resolution. 175
nicht frei sein kann, wenn sie an der Unterdrückung anderer Nationen beteiligt ist. Sie
hat als Klasse kein Interesse am Weiterbestehen der imperialistischen Unterdrückung und
Ausbeutung. Indem sie in ihren Heimatländern ihre eigene politische Herrschaft, den
Sturz des herrschenden Kapitalismus und die Errichtung wirklicher Regierungen des arbei-
tenden Volkes anstrebt, bekämpft sie alle Profitinteressen der Kapitalisten. Der fort-
geschrittene Teil der Arbeiterklasse der imperialistischen Länder hat die ihr künstlich ein-
geimpften Rassenvorurteile, wie die Verachtung der Farbigen usw., längst abgestreift und
erzieht die ganze Arbeiterschaft in diesem Sinne.

Die Arbeiterschaft der imperialistischen Länder und der Sowjet-Uniongebiete, wo sie
bereits die Herrschaft erlangt hat, lieferte bereits wiederholt Beispiele ihrer Solidarität
mit den kämpfenden und unterdrückten Nationen. Sie fühlt sich mit der Arbeiterschaft
und den armen Bauernmassen der unterdrückten Länder durch die stärksten Bande der
Klassensolidarität verbunden. Darüber hinaus muß sie aber mit allen gegen den Imperialis-
mus kämpfenden Schichten der unterdrückten Nationen ein ehrliches und aufrichtiges
Kampfbündnis gegen den gemeinsamen Feind eingehen.

Das Kampfbündnis der Arbeiter der imperialistischen und industriell hochentwickelten
Länder mit der imperialistenfeindlichen nationalrevolutionären Front der unterdrückten
Völker legt beiden Seiten eindeutige Pflichten auf, deren Nichterfüllung bei der Arbeiter-
schaft der herrschenden Nationen sowohl, wie auch bei den Massen der unterdrückten
Nationen zur Schwächung des Bündnisses, zur Stärkung des Feindes, zum ‘Entstehen eines
gegenseitigen Mißtrauens führen kann. Pflicht der Arbeiterklasse der beherrschenden
Nationen, ihrer politischen, gewerkschaftlichen und kulturellen Organisationen ist es, unab-
lässig und energisch in Wort, Schrift und Tat für die Verwirklichung derjenigen For-
derungen einzutreten, die von den nationalrevolutionären Freiheitsbewegungen formuliert
und hochgehalten werden. Als Mittel zur Verwirklichung dieser Forderungen müssen die
Organisationen der Arbeiterklasse alle Waffen des politischen und wirtschaftlichen Kampfes
anwenden. Sie müssen in ihrer Aufklärungsarbeit die irrige Auffassung bekämpfen,
daß die Arbeiterschaft oder ein Teil von ihr ein Interesse an der Unterdrückung und Aus-
beutung der einen Nation durch die andere hätte. Sie müssen immer wieder betonen, daß die
schonungslose Ausbeutung der unterdrückten Völker nur einer minimal geringen Schicht von
Kapitalisten zum Nutzen gereicht, die Kosten des zur Unterdrückung nötigen Militarismus
aber die werktätigen Massen, Arbeiter, Bauern, Handwerker und Kleinbürger in Form hoher
Steuern zu tragen haben. Sie müssen gegenüber der schönfärberischen Verbrämung der
imperialistischen Politiker und ihrer Soldschreiber, hinter der heuchlerischen Maske der

Menschenliebe, des Pazifismus, der Zivilisationsverbreitung, der kulturellen Wende usw.
die nackten Tatsachen der kolonialen und halbkolonialen Unterdrückung aufzeigen. Sie
dürfen sich nicht durch imperialistische Phrasen irre machen lassen, einzelne rückständige
Völker seien für eine Selbständigkeit noch nicht „reif‘. Ob in der Opposition, an der Re-
gierunng beteiligt, oder an der Macht, muß die Arbeiterklasse und ihre einzelnen Organi-
sationen jede Form und Verkleidung des Imperialismus entlarven und bekämpfen, sich
überhaupt in der Presse, im Parlament und außerhalb des Parlaments jeder Regierung ent-
gegenstellen, die der vollen Unabhängigkeit der unterdrückten Völker im Wege ist.

Neben dem ständigen Kampf für die Forderungen der unterdrückten Nationen müssen
die Organisationen der Arbeiterklasse der beherrschenden Nationen im Falle akuter Kämpfe
zwischen dem Imperialismus und den unterdrückten Völkern zu direkten Kampfmaßnahmen,
zur Unterstützung der im Kampf stehenden unterdrückten Völker, zu Demonstrationen.
Boykottbewegungen, Streiks, und jedem anderen, tauglichen Mittel greifen. Länderweise und
durch internationale Zusammenarbeit muß die Arbeiterschaft der beherrschenden Nationen
die Entsendung von Kriegsmaterial, Kriegsschiffen, Munition, Waffen und Truppen gegen
die unterdrückte Nation verhindern. Dazu steht der Arbeiterklasse die Waffe des Streiks,
insbesondere des Transportarbeiterstreiks, der Transportsperre, der Verweigerung der Mu-
nition- und Waffenproduktion, der Streik der Bergarbeiter und der Generalstreik zur Ver-
fügung. Unter den Arbeiter- und Bauernsöhnen der imperialistischen Truppen muß die
Arbeiterklasse aller Länder regste Aufklärungsarbeit über die Gemeinsamkeit der Interessen
dieser Arbeiter- und Bauernsöhne im Waffenrock mit den Interessen der Massen unter-
drückter Nationen entfalten, um die mißbräuchliche Verwendung dieser Truppen zur Unter-
drückung der kolonialen und halbkolonialen Völker zu verhindern.
        <pb n="209" />
        176 Die Verbindung der nationalrevolut. Bewegung mit dem prolet. Klassenkampf.

Eine solche Haltung der Arbeiterorganisationen der beherrschenden Nationen wird ein
mächtiger Faktor zur Förderung des Sieges der nationalrevolutionären Freiheitsbewegung
sein.

Ebensowenig, wie der Freiheitskampf der unterdrückten Völker mit Rassenhaß
gegen die Weißen etwas zu tun hat, dürfen die unterdrückten Völker die kapitalistischen
Träger des Imperialismus und die Arbeiterklasse der imperialistischen Länder in einen Topf
werfen. Um dies zu verhindern, müssen die Arbeiterorganisationen der beherrschenden
Nationen alles vermeiden, was zu einem solchen Mißtrauen Anlaß geben könnte. Sie müssen
in ihrem konsequenten Kampf gegen jede Unterdrückung die Fehler gutmachen, die die
schwankende, unentschlossene, ja oft direkt imperialistenfreundliche Haltung mancher
Arbeiterführer und Organisationen während des Weltkrieges und seit dem Weltkriege be-
gangen haben. Die unterdrückten Völker sollen wissen, daß solche Männer und Organi-
sationen, die die Forderungen der Völker nach vollem Selbstbestimmungsrecht, nach völliger
Freiheit und Unabhängigkeit nicht unterstützen, kein Recht haben, im Namen der Arbeiter-
klasse zu sprechen oder zu handeln.

Die Arbeiter der imperialistischen Länder und die unterdrückten Völker werden sich
freimachen und loslösen von dem hlutbefleckten Imperialismus unter der Kampflosung:
„Proletarier aller, Länder, unterdrückte und vom Imperialismus bedrohte Nationen vereinigt
euch im brüderlichen Bündnis gegen den gemeinsamen Feind!“
        <pb n="210" />
        X
Die Taktik des proletarischen Klassenkampfes zur
Unterstützung des kolonialen Freiheitskampfes.
Georg Ledebour (Deutschland).
HH gibt mir eine große Befriedigung, daß ich an meinem Lebensabend
noch eine solche Gelegenheit habe, im Kampf gegen den Imperialismus
und die koloniale Unterdrückung zu helfen, denn während langer Jahre habe
ich in meinem eigenen Lande in vorderster Reihe an diesem Kampfe teil
genommen. Ich habe den deutschen Imperialismus bekämpft, als er auf der
Höhe seiner Macht war. Das war vor dem Kriege und während des Krieges,
und als nach dem Kriege diese Regierung vernichtet wurde, und wir in
Deutschland eine sozialistisch-proletarische Revolution hatten, mußte ich
später wieder den Imperialismus bekämpfen. Ich will mich nicht im ein-
zelnen über diese Revolution äußern. Es ist eine zu tragische Geschichte.
Diese große Revolution wurde durch Verrat vernichtet.

Und dann hatten wir für lange Jahre eine Periode der Re-
aktion in der ganzen Welt. Aber die Zeiten haben sich geändert, und
es mehren sich die Anzeichen einer kommenden neuen Revolution, be-
sonders in der Kolonialfrage, wo wir beginnen, die Kräfte der unterdrückten
Völker mit denen der kämpfenden, klassenbewußten Proletarier in der ganzen
Welt zu vereinigen. Ich glaube, daß es von einigem Interesse ist, hier die
Verhandlungen eines anderen internationalen Kongresses über die Kolonial-
frage ins Gedächtnis zurückzurufen, des internationalen Kongresses, der in
Stuttgart im Jahre 1907, also vor 20 Jahren abgehalten wurde. Dieselben
Fragen, die wir gestern hier diskutierten und die uns noch in den nächsten
Tagen beschäftigen werden, wurden auch damals diskutiert. Es gab zwei
Meinungsrichtungen, die einander bekämpften. Die eine Richtung hatte die
merkwürdige Idee, daß man eine sozialistische Kolonialpolitik schaffen
könne. Das war die revisionistische Gruppe. Auf der anderen Seite gab es die
revolutionäre Gruppe, die schon zu jener Zeit die gleichen Ideen heraus-
arbeitete und aussprach, die heute den Kongreß beherrschen. Die revisio-
nistische Gruppe wurde von einem holländischen Deputierten namens Van Kol

Das Flammenzeichen vom Palais Egmont. ;

LV,
19
        <pb n="211" />
        178 Der prolet. Klassenkampf zur Unterstützung des kolonialen Freiheitskampfes.
geführt. Es tut mir leid, daß er schon seit einigen Jahren tot ist, denn ich
würde gern sehen, ob er hier, auf diesem Kongreß, seine merkwürdige Mei-
nung wiederholen würde, daß die Arbeiterklasse eines besonderen Landes
in der Lage wäre, eine sozialistische Kolonialpolitik zu betreiben. Man er-
nannte damals eine Kommission. In dieser Kommission gewann die revisio-
nistische Auffassung die Oberhand, und die Minorität wählte mich als Be-
richterstatter der Minderheit im Plenum gegen diese holländische Kom-
mission. Wir hatten einen mächtigen Kampf. Schließlich gelang es uns, die
Mehrheit jenes sozialistischen Kongresses davon zu überzeugen, daß Sozia-
lismus und Kolonialpolitik nichts miteinander zu tun haben, so wenig wie
Feuer und Wasser, und daß es ein wahrer Unsinn ist, von einer sozialistischen
Kolonialpolitik zu sprechen. Genau so wie es wahrer Unsinn wäre, von
feurigem Wasser oder wässrigem Feuer zu reden. Endlich wurde ein Zusatz-
antrag der revolutionären Gruppe zur Resolution der Majorität mit einem
Stimmenverhältnis von 127 zu 108 angenommen. Es war auf jeden Fall
nur eine kleine Majorität. Dann wurde die ganze Resolution, so wie wir sie
geändert hatten, zur Abstimmung gebracht. Der ganze Kongreß nahm ein-
stimmig diese revolutionäre Resolution an. Alle nationalen Sektionen stimm-
ten für uns, nur eine Sektion enthielt sich der Stimme, das war die hol-
ländische, welche von Van Kol geführt wurde. Aber nun gibt es
einige interessante Tatsachen dabei. Während dieser Diskussion war einer
der Gegner der revolutionären Auffassung auf englischer Seite, der Genosse
MacDonald. Aber nachdem MacDonald gegen unseren Zusatzantrag gestimmt
hatte, hob er auch seine Hand zur Abstimmung in Verdammnis aller Kolo-
nialpolitik. Ich konstatiere nur Tatsachen. Ich stelle auch an Mac
Donald nicht einmal die Anfrage, lieber Freund, hast Du denn Deine Ab“
stimmung von 1907 vergessen? Aber vielleicht werden einige der englischen
Genossen, die ich mit Freude hier sehe, die Gelegenheit im englischen Par-
lament ergreifen und meinem ehemaligen Freunde MacDonald diese F rage
stellen. Damit Ihr die Entwicklung seiner Idee gut versteht, wiederhole ich
hier die einleitenden Sätze dieser Resolution, für die MacDonald mit der
ganzen englischen Sektion stimmte:

„Der Kongreß ist der Meinung, daß die Kolonialpolitik des Kapita-
lismus entsprechend ihrer Struktur zur Sklaverei, Zwangsarbeit oder
Vernichtung der Kolonialvölker führen muß. Die zivilisatorische Mis-
sion, welche die kapitalistischen Staaten angeblich ausführen, dienen
nur als Deckmantel für Eroberung und Raub.“

Nun, es ist zwar bedauerlich, aber nicht überraschend, daß MacDonald,
als er in seiner Stellung als Premierminister Großbritanniens eine so glän-
zende Möglichkeit hatte, für seine Abstimmung von 1907 einzutreten,
diese Möglichkeit vollkommen unausgenutzt vorbeigehen ließ. Aber ich muß
        <pb n="212" />
        Georg Ledebour. 179
noch einen anderen hervorragenden Teilnehmer an jenem Kongreß erwähnen,
auch einen, der für diese Resolution stimmte: das war Mister Vandervelde.
Er stimmte für diese Resolution. Mister Vandervelde ist Minister für aus-
wärtige Angelegenheiten in diesem Lande geworden, und es tut mir sehr
leid sagen zu müssen, daß diese Resolution offenbar für Mister Vandervelde
auch eine ausländische Angelegenheit geworden ist, genau wie für Mister
MacDonald.

Unsere belgischen Genossen sagten uns gestern, daß sie die Regierung
ersucht hätten, die Erlaubnis für eine große Demonstration anläßlich dieses
Kongresses zu erhalten. Aber die belgische Regierung mit Einschluß von
Mister Vandervelde hat diese Erlaubnis abgelehnt.

Nun, ich rufe das alles ins Gedächtnis zurück, weil es uns den
großen Fortschritt der revolutionären Ideen in den letzten Jahren zeigt. Am
Kongreß von Stuttgart 1907 nahm nur ein Kolonialvertreter eines unter-
drückten Landes teil, denn der Genosse Katayama vertrat dort eine im-
perialistische Nation. Es gibt Europäer, welche sich einbilden, daß sie eine
überlegene Rasse darstellen, eine sehr überlegene Rasse im Vergleich mit
anderen Völkern, mit Schwarzen, Gelben oder Braunen. Nun, ich erkläre,
daß unser Genosse Katayama aus Japan als Mensch und Sozialist, als
ein Kämpfer den MacDonald und Vandervelde weit überlegen ist. Ich bin
ein wenig von dem, was ich sagen wollte, abgeschweift. Es gab damals
nur einen Vertreter eines unterdrückten Volkes, und das war eine Inderin
namens Kamar. Sie hielt dort eine uns tief bewegende Rede in Worten, die
man hier auf dieser Konferenz wohl wiederholen könnte. Sie sprach, wie
Nehru hier gesprochen hat und wie andere Inder es wohl tun würden. Sie
half uns, den Kongreß gegen die Revisionisten für die revolutionären An-
sichten zu gewinnen, und nun vergleicht. An jenem Kongreß gab es eine
Inderin, die alle unterdrückten Kolonialvölker repräsentierte, und hier haben
wir einen Kongreß, dessen Majorität aus Vertretern der unterdrückten
Nationen aus der ganzen Welt besteht. Das zeigt Euch, welchen ungeheuren
Fortschritt die revolutionären Ideen gemacht haben, ebenso wie der Kampf
gegen den Imperialismus und den Kolonialkapitalismus. Ich kann mich
natürlich nicht in Einzelheiten einlassen, will aber darauf hinweisen, daß
in all diesen Kolonial- und halbkolonialen Ländern eine industrielle Ent-
wicklung aus den dem Kapitalismus selber innewohnenden Tendenzen sich
vollzogen hat, und daß diese industrielle Entwicklung beschleunigt wurde
durch den großen Weltkrieg, der während 4 Jahren tobte. Während dieses
Krieges wurden gewisse Nationen, die im Dienste des Kapitalismus standen,
um Jahre zurückgeworfen. Der Kapitalismus kennt in der Tat kein Vater-
land, sobald es sich darum handelt, Profite zu machen. Er hat seine Mög-
lichkeiten in allen jenen Ländern, die am wenigsten vom Kriege berührt
wurden, voll ausgenützt. Die Vereinigten Staaten von Amerika haben unge-
107
        <pb n="213" />
        180 Der prolet. Klassenkampf zur Unterstützung des kolonialen Freiheitskampfes.
heuer durch den Krieg gewonnen. Sie stehen jetzt in der vordersten Reihe
der kapitalistischen Nationen und sind überdies ein sehr agressiver Im-
perialismus. Sie sind sogar der gefährlichste Imperialismus der modernen
Zeit, weil, um es kurz zu sagen, ein Wolf und eine Hyäne im hungrigen Zu-
stande viel gefährlicher sind, als wenn sie satt sind. Der hungrige Wolf, das
ist der Imperialismus der Vereinigten Staaten von Nordamerika: der be-
friedigte Wolf, das ist der Imperialismus Großbritanniens und im gewissen
Sinne Frankreichs. Wir haben kleinere Appetite dieser Art. In anderen
Teilen Europas haben wir z. B. Mussolini, eine ungesättigte Hyäne, die gern
in der Geschichte eine ähnliche Rolle spielen möchte, wie viele andere Feinde
der Menschheit.

Die industrielle Entwicklung, die der Weltkrieg beschleunigte, hat eine
bemerkenswerte Wirkung hervorgerufen. Sie hat den unterwürfigen Kuli
in China und Indien in einen klassenbewußten Arbeiter verwandelt, wie wir
zu unserer großen Freude von jenem Arbeitervertreter aus Hankau und
gestern von unserm Freund Liau, von Nehru und anderen Kolonialvertretern
gehört haben. Mit einem Wort von Karl Marx kann man sagen, daß der
Kapitalismus seinne eigenen Totengräber in Gestalt der Arbeiterklasse sich
auch in den Kolonien geschaffen hat, und ich hoffe, daß gemeinsam mit
unseren Freunden in Europa und Amerika auch die chinesischen und in-
dischen Arbeiter ans Werk gehen, um dem Kapitalismus für immer und
ewig das Grab zu bereiten.

Und nun kommen wir zu der Frage, was wir tun müssen, und ich
will gleich erklären, daß ich es für unverzeihlich und eine Zeitvergeudung
hielte, wenn wir uns nur darauf beschränkten, eine Resolution zu fassen, die
nur in Worten den Kapitalismus verdammt. Es ist notwendig, sich ein
Aktionsprogramm zu schaffen. Unsere Hauptforderung ist die, daß alle
Kolonialvölker sobald wie möglich ihre Freiheit wieder erhalten sollen, daß
die imperialistische Unterdrückung nicht mehr gestattet werden darf, und
daß die kleinen Völker in der ganzen Welt von der Ausbeutung zu befreien
sind. Aber aus diesen Hauptfragen gibt es Schlußfolgerungen für ver-
schiedene Punkte:

ı. Dürfen wir nie wieder gestatten, daß weitere Nationen durch kolo-
niale Okkupationen unterdrückt werden. Ich will hier nur Abessinien er-
wähnen, eines der wenigen Länder, welches erfolgreich die Europäer, zuletzt
die Italiener, von seinem Boden ferngehalten hat. Abessinien wird Jetzt
wieder bedroht. Die italienische und die britische Regierung machen sich
schon daran, Abessinien in zwei Einflußsphären zu zerteilen. Welcher
Nation wir auch angehören. wir müssen gegen diese bösartigen Absichten
kämpfen.

2. Haben wir zu verlangen, daß keine Kolonialmandate mehr irgend-
welcher Nation gegeben werden, möge sie noch keinen Kolonialbesitz oder
        <pb n="214" />
        Georg Ledebour.

schon einen verloren haben. Mit dieser Anspielung meine ich die ehrgeizigen
Pläne des deutschen Kapitalismus. Dieser versucht jetzt, irgendwo in Afrika
durch Begünstigung der Entente-Imperialisten die Kontrolle über ein Terri-
torium zu bekommen. Man berät mit Chamberlain und Poincare zu diesem
Zwecke. Ich kann mich auf Einzelheiten hier nicht einlassen und will nur
darauf hinweisen, daß die Sozialisten aller Nationen, genau wie wir in
Deutschland, gegen diese dummen und boshaften Pläne kämpfen sollen.

Es sind hier Genossen anwesend, welche wissen, daß in Deutschland eine
Liga gegen koloniale Unterdrückung eine Kampagne in der deutschen Presse
und im öffentlichen Leben begonnen hat. Aber für die Neger in Afrika ist
es ganz gleichgültig, ob sie von deutschen, französischen oder englischen
Kapitalisten unterdrückt sind, ob deutsche, französische oder englische Sol-
daten sie niederschießen. Wir erklären mit Entschiedenheit, daß die impe-

jalistische Plünderung der Kolonialländer nicht mehr gestattet werden darf.
Wir wissen, daß sie mit Gewalt versuchen, verschiedenen Ländern Verträge
aufzuzwingen. Da ist zum Beispiel die Plünderung Chinas durch Amerika,
England und andere großen Nationen. Solche Verträge wie diese führen
direkt zur kolonialen Unterdrückung und sind genau so schädlich für die
Eingeborenen wie die, welche die direkte koloniale Ausbeutung ihnen auf-
erlegen; und wir bewillkommnen es mit großer Freude, daß unsere chine-
sischen Freunde begonnen haben, gegen diese schändlichen Verträge z

kämpfen.

Unser Kongreß muß überdies ein Bündnis schaffen nicht nur zwischen
den revoltierenden Kolonialvölkern, sondern auch zwischen ihnen und der
klassenbewußten Arbeiterschaft in Europa und Amerika.

Auch in Amerika geht eine solche Ausplünderung durch Verträge
vor sich. Die Vereinigten Staaten führen dieselbe Politik in bezug auf
Mexiko, wie Großbritannien und andere Mächte sie gegen China an-

enden. Gestern hörten wir von unserm Freund Vasconcelos eine sehr.
nteressante Darstellung dieser Politik, und ich brauche jetzt nicht weiter.
in die Details einzugehen; aber wenn wir ein solches Bündnis zwischen
den unterdrückten Nationen und der klassenbewußten Arbeiterklasse der
Welt schaffen, dann genügt es nicht, einfach einen Protest hinauszuschicken,
dann müssen wir unsere Arbeitskameraden zur Aktion rufen! Die klassen-
bewußten Arbeiter Europas und Amerikas müssen unsern unterdrückten
Genossen in allen Kolonialländern helfen. Ihre Vertreter im Parlament

üssen alle Mittel ablehnen, die einer imperialistischen Macht helfen

ürden, die Arbeiter dieser Länder auszubeuten; und es freut mich sehr,
sagen zu können, daß gestern Genosse Fenner Brockway im Namen der Un-
abhängigen Arbeiterpartei Großbritanniens hier erklärt hat, daß seine Partei

nter allen Umständen entschlossen sei, im Parlament und außerhalb des
Parlaments diese Ausbeutung zu bekämpfen. Das ist ein Anfang, aber

1x
        <pb n="215" />
        182 Der prolet. Klassenkampf zur Unterstützung des kolonialen Freiheitskampfes.
es ist noch nicht genug. Er konnte nur für die Unabhängige Arbeiterpartei
sprechen, die nur ein kleiner Teil jenes politischen Gebildes ist, welches wir
als die Labour Party in Großbritannien kennen, und die viel mehr Vertreter
im Parlament hat. Ich hoffe, es wird auch unsern Freunden von der Unab-
hängigen Arbeiterpartei in Großbritannien gelingen, die ganze Labour Party,
alle Gewerkschaftler und alle Mitglieder der britischen Arbeiterklasse zu
dieser Ansicht zu bekehren. Aber sogar das ist nicht genug. Die klassen-
bewußten Arbeiter aller Länder müssen, wenn ihre Regierungen versuchen,
Streitkräfte für die Niederhaltung dieser Kolonien hinauszuschicken, jene
Waffe gebrauchen, die die wirksamste in den Händen der Arbeiterklasse ist:
sie müssen den Streik gegen ihre Regierung erklären. Ich bin sehr froh
darüber, daß unser Freund Edo Fimmen diesem Kongreß vorsitzt, denn er
ist der führende Mann in der Internationale der Transportarbeiter.

Die Resolution, die die Delegierten in kurzer Zeit in den Händen haben
werden, verlangt, daß man ihre Forderungen durch Streiks und besonders
durch Streiks der Transportarbeiter unterstützt, damit keine Truppen oder
Kriegsmaterialien in Zukunft in jene Länder, wo sich unterdrückte Völker
gegen ihre Bedrücker erheben, geschickt werden können.

Sogar das ist noch nicht genug. Wir müssen uns fragen: was haben
wir zu tun, wenn eine imperialistische Regierung einen bitteren Kampf
gegen die Arbeiter seines eigenen Landes führt, um die Herrschaft über das
unterdrückte Kolonialland aufrecht zu erhalten? Was wir dann zu tun
haben, ist, mit allen Mitteln in dem imperialistischen Lande die Arbeiter zur
Erklärung des Generalstreikes zu bewegen, denn der Generalstreik aller Ar-
beiter wird sie vereinigen im Gebrauch einer Waffe, die jede Regierung in
jedem Teil der Welt niederringen kann. Und darum wird von Euch in dieser
Resolution die Zustimmung zu der Forderung der Proklamation eines Ge-
neralstreiks verlangt, als eines Mittels, den endgültigen Zusammenbruch des
Kapitalismus und Imperialismus zustande zu bringen. Wir müssen jetzt kurz
überblicken, was geschieht, wenn wir in unseren Forderungen so weit gehen,
welche Wirkung werden wir hervorrufen können, wie werden wir die Masse
der Arbeiter in Europa und den Vereinigten Staaten beeinflussen. Ich will
nicht sehr viel über die Arbeiter in den Vereinigten Staaten sagen, denn aus
wirtschaftlichen Gründen ist dort, wie wir alle wissen, das soziale Klassen-
bewußtsein der Arbeiter noch sehr wenig entwickelt; aber in Europa haben
wir sehr starke sozialistische Parteien und starke Gewerkschaften. Was
werden sie tun? Mit Bedauern muß ich erklären, daß wir eine Art Ant-
wort auf diese Frage bereits erhalten haben. Wir haben eine internationale
Arbeitervereinigung, die allgemein die II. Internationale genannt wird. Ihr
Zentrum ist in Zürich und ihr Vertreter ist Friedrich Adler. Ein Mann, den

wir alle kennen und für seine großen revolutionären Taten in der Vergangen-
heit mit Recht achten. Nicht für uns, sondern für Friedrich Adler tut es mir
        <pb n="216" />
        Georg Ledebour. 1°3
leid, daß er in einem Artikel einen Angriff auf diesen Kongreß gemacht
hat. Er nennt ihn einen kommunistischen Kolonialkongreß. Der Artikel ver-
sucht zu beweisen, daß diese Affäre nur eine kommunistische Mache sei.
Nach seinem Brief hät Genosse Münzenberg, der ein Kommunist ist, gewiß
einen guten Teil zur Arrangierung dieser Konferenz getan. Es hat aber
auch eine Menge anderer Leute bewegt, dabei mitzutun. Nur ein, paar
Leute, versucht er zu beweisen, fallen darauf herein; Leute von verhält-
nismäßig geringer Intelligenz und wenig Bedeutung. Er erwähnt mich per-
sönlich in diesem Zusammenhang, außerdem noch Saklatvala, Henriette
Roland-Holst und eine Reihe anderer. Saklatvala ist der Inder, der von der
Kommunistischen Partei und Labour Party Großbritanniens ins britische
Parlament entsandt wurde. Nun, ich habe ihm nicht eine Liste von
richtigen Namen gekabelt, ich beschränke mich darauf, meine Mei-
nung über Friedrich Adler und die Gesellschaft, in der er sich augenblicklich
befindet, mit den Worten eines großen deutschen Dichters auszudrücken:
„Es tut mir in der Seele weh, wenn ich Dich in der Gesellschaft seh.‘ Aber
nachdem er diesen Kongreß als einen kommunistischen erklärt hat, nennt
er uns einen Haufen „unverantwortlicher Narren“ oder Leute, die ihren
eigenen Karren schieben und Puppen der Kommunistischen Partei sind.

Es ist notwendig, diese Frage zu behandeln, weil wir uns nach dem Kon-
greß damit herumschlagen müssen, denn die Beschlüsse dieses Kongresses
werden ohne Frage von der ganzen kapitalistischen Presse Europas ange-
griffen werden.

Ich bin kein Kommunist, wie Ihr alle wißt, aber wenn immer die Kom-
munisten ein praktisch-revolutionäres Ziel oder eine Aktion verfolgen, so
schließe ich mich ihnen an, und ich nehme an, daß unsere englischen und
amerikanischen Freunde, die keine Kommunisten sind, dieselbe Meinung
haben. Wahrscheinlich wird zum Beispiel jetzt Genosse Fenner Brockway
ein Mensch genannt werden, der seinen eigenen Karren schiebt, doch wird es
ein wenig schwer halten, die Arbeiter das glauben zu machen. Er ist der
Steuermann eines sehr tüchtigen Kriegsschiffes, nämlich der Unabhängigen
Arbeiterpartei Großbritanniens. Ich ergreife diese Gelegenheit, als ein
revolutionärer Sozialist zu erklären, daß, wenn es mir möglich ist, Seite
an Seite mit den Kommunisten gegen den Kapitalismus zu kämpfen, es
auch für andere möglich sein sollte. Ich grüße unsere englischen Freunde
von der Unabhängigen Arbeiterpartei und hoffe, sie werden sich unserm
Bündnis in derselben Weise anschließen, gerade so wie gestern hier der
Vertreter der Kuomingtang mit dem Genossen Fenner Brockway frater-
nisierte. Ich glaube, daß als Ergebnis dieser Konferenz sich alle Kom-
munisten, revolutionäre Sozialisten, die englische Unabhängige und die
Labour Party, sowohl wie die Genossen aus Amerika vereinigen werden, zur
Bildung einer großen Union, die uns in kommenden Zeiten zu revolutionären

A:
        <pb n="217" />
        184 _ Der prolet. Klassenkampf zur Unterstützung des kolonialen Freiheitskampfes,
Aktionen dienen soll. Bevor ich schließe, möchte ich noch einen andern
Zwischenfall lokaler Bedeutung erwähnen. Als ich jene Worte las, daß wir
unverantwortliche Narren wären, kam mir ein Ereignis ins Gedächtnis,
welches sich hier im Jahre 1560 zutrug. Zu jener Zeit waren die Nieder-
kande und Belgien eine Kolonie Spaniens. Der spanische Monarch hatte sie
ererbt. Damals erbte man Länder so, wie man heutzutage Häuser erbt. Der
spanische Monarch versuchte das holländische Volk mit ungefähr den
gleichen Mitteln zu unterdrücken, wie die mohammedanischen Araber, die
gerade aus Spanien vertrieben worden waren. Daraufhin revoltierte natür-
lich das Volk Belgiens und der nördlichen Niederlande. Doch zuerst schick-
ten sie eine Petition zum spanischen König. Die Delegation wurde hier nach
Brüssel gebracht und sprach mit der Schwester des spanischen Königs, der
Herzogin von Parma, die als Gouverneur hier residierte, Es war so eine Art
Erklärung der Menschenrechte. Als die Deputation sich dem Hofstaat
näherte, brach die Prinzessin, die da mit ihren Höflingen saß, in die Worte
aus: „Was sind denn das für Menschen, die da kommen‘‘, worauf einer der
Höflinge antwortete: „Nichts, nur ein Haufen Bettler“. J. ene, die ein Haufen
Bettler genannt wurden, nahmen die Bezeichnung an. Das französische Wort
für Bettler ist „Gueux‘, und sie wandelten es in das flämische „Geusen“
um. Diese Bettler errangen schließlich die Oberhand im Kampfe mit der
Monarchie, Bald darauf waren die revolutionären Niederlande die führende
Seemacht Europas. Ich will noch erwähnen, daß einer der Kämpfer gegen
die spanische Unterdrückung der Graf Egmont war (nach dem dieser Palast
genannt ist). Zwei Jahre später wurde er hier als Revolutionär enthauptet.

Ich erwähne diese historische Reminiszenz, weil man mit ihr in gewisser
Weise den Versuch vergleichen kann, uns alle „unverantwortliche Narren“
zu beschimpfen. Die flämischen und holländischen Revolutionäre sollten
in der gleichen Weise mit dem Namen Geusen beschimpft werden und ich
hoffe, daß, wenn es zu Taten kommt, die revolutionäre Arbeiterklasse Eu-
ropas und der ganzen Welt sich wenigstens als so kämpferisch_ erweisen
wird, wie die Geusen des 16. Jahrhunderts.

Ich fordere Euch auf, diese Deklaration, die ich Euch vorlege, an-
zunehmen. Ich hoffe, daß sich die Welle der Entwicklung wendet. Noch
haben wir in England eine kleine Ausgabe von Mussolini: Winston
Churchill genannt, der versucht, den großen Mann in Rom nachzuahmen.
Wir haben einen schlimmen Typ in Deutschland. Die deutschen Reak-
tionäre haben sich ein volkstümliches Mäntelchen umgelegt. In Frank-
reich ist Poincare wieder am Ruder, in Amerika haben wir Coolidge, alle
sind sie aus demselben Holze geschnitzt. Nach meiner Meinung ist diese Re-
aktion aber nur ein Zeichen dafür, daß sich der Kapitalismus seinem Ende
nähert. In Europa gibt es dafür gewisse Anzeichen, die ich erwähnen will.
In England hatten wir im letzten Jahre einen siebenmonatlichen Berg-
        <pb n="218" />
        Edo Fimmen. 1707)
arbeiterstreik, den größten Streik, den ich in meinem Leben gesehen habe.
Ich glaube im Namen des Kongresses zu sprechen, wenn ich diesen
britischen Bergarbeitern unsere tiefste Bewunderung ausdrücke. Ihre
Niederlage war nicht ihre Schuld. Sie fällt zu Lasten der übrigen Arbeiter
in England, die nach einem sehr kurzen und wirkungslosen Generalstreik
die Bergarbeiter in der Patsche sitzenließen. Sie fällt auch zu Lasten der
internationalen Sozialisten, die gleichfalls die britischen Bergarbeiter nicht
unterstützten. Die wirksamste Art, in der die Arbeiter der andern Länder
hätten Beistand geben können, wäre die Weigerung der Transportarbeiter ge-
wesen, Kohle vom Kontinent nach Großbritannien zu schicken. Aber die
bloße Tatsache, daß britische Bergarbeiter sieben Monate aushalten konnten,
und die einzig wirksame Hilfe, die sie erhielten, von den Arbeitern Ruß-
Jands kam, wo wir eine proletarische Regierung haben, ist von größter Be-
deutung.

Diese Anzeichen von dem Wiedererwachen der revolutionären Kraft
unter den Arbeitern Europas lassen mich hoffen, daß wir es endlich doch
erreichen werden, daß alle revolutionären Elemente sich in einer großen
Armee zur Niederkämpfung dieses ruchlosen Imperialismus und Kapita-
lismus vereinigen. Ihr sollt mitarbeiten und uns helfen, nicht durch Worte,
sondern durch Taten. Wenn Ihr in Euer Land zurückgeht, so macht es dort
klar, daß unsere Sache die Sache der Menschheit ist, und nach Erringung
unseres Zieles es in der Welt keine Klassen mehr geben wird. Es wird keine
Ausbeuterklasse mehr geben, die aus dem Arbeiter Tribute erpreßt; und es
wird keine Nation mehr geben, die von irgendeinem imperialistischen Lande
unterdrückt wird. Dann wird die Zeit da sein für ein großes Fest zu Ehren
des ewigen Friedens. Aber gegenwärtig können wir uns nicht auf pazi-
fistische Aktionen beschränken, sondern wir müssen Kämpfer sein, Kämpfer
sein bis zum Ende.

Der Generalsekretär des Internationalen Transportarbeiterverbandes,
Edo Fimmen (Holland),
ergreift das Wort:
1 ch willigte ein, heute abend auf diesem Kongreß über den Tagesordnungs-
punkt „Zusammenarbeit zwischen den nationalen Freiheitsbewegungen in
den unterdrückten Ländern und der Arbeiter- und anti-imperialistischen Be-
wegung in den imperialistischen Ländern“ zu sprechen. Zuerst muß ich
darauf hinweisen, daß ich darüber nur meine eigene persönliche Meinung
zum Ausdruck bringe. Es tut mir leid, daß ich heute abend nicht als
offizieller Vertreter irgendeiner europäischen oder internationalen Orga-

wr
        <pb n="219" />
        186 Der prolet. Klassenkampf zur Unterstützung des kolonialen Freiheitskampfes.
nisation sprechen kann, denn dies würde meine Stellung stärken und wahr-
scheinlich meinem Wort mehr Gewicht verleihen. Da ich jedoch sicher
bin, daß wenigstens eine Anzahl (und eine ziemlich große Anzahl) organi-
sierter Arbeiter in den europäischen Ländern und außerhalb Europas meine
Ansicht teilen, habe ich eingewilligt, heute abend zu Ihnen zu sprechen:
Ich glaube, daß das, was ich hier sagen werde, nicht nur für diesen.
Kongreß Bedeutung hat, sondern daß ich mich zu gleicher Zeit an Millionen
und aber Millionen organisierter Arbeiter wende, die heute ihre nationalen
Kämpfe um ein besseres Lebensniveau führen, und die von Zeit zu Zeit
international zusammenarbeiten, um sich gegenseitig zu helfen. Die große
Mehrheit von ihnen ist jedoch heute nicht an fremden Angelegenheiten
interessiert. Wir haben hier einen Kongreß, der sich aus Vertretern unter-
drückter Nationen und andererseits aus Vertretern verschiedener Organisa-
tionen zusammensetzt, die der weißen Rasse angehören — der Rasse, die
andere Nationen unterdrückt. Ich glaube, daß es notwendig ist, diesem
Kongreß die Tatsache vor Augen zu führen, daß sich bis jetzt die Organi-
sationen der Arbeiter in Europa und Amerika — die weißen Arbeiter im
allgemeinen — nicht darum bekümmert haben, was in China vor sich geht.
Sie kümmern sich nicht darum, was in Indonesien, in Britisch-Indien oder
in anderen kolonialen oder halbkolonialen Ländern geschieht, weil sie genug
eigene Sorgen haben. Sie führen ihren eigenen täglichen Kampf um ihre
Lebenshaltung. Ihr eigener Kampf gegen die Unterdrückung durch die
kapitalistischen Trusts nimmt all ihre Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch.
Nur eine sehr kleine Anzahl von ihnen liest in den Zeitungen das, was
außerhalb ihres eigenen Landes vor sich geht und wird sich klar, daß
der Kampf, der heute von den Arbeitern und Intellektuellen der unter-
drückten, kolonialen und halbkolonialen Nationen geführt wird, ihr Kampf
ist und es im Interesse ihrer eigenen Lebenshaltung liegt, daß sie denjenigen,
die in jenen Ländern den Kampf führen, die Hände reichen müssen.

Wenn wir wollen, daß die europäische Arbeiterbewegung, daß die
Arbeiterbewegung in den imperialistischen Ländern ihre Pflicht er-
kennen soll, ist es meiner Ansicht nach nicht genug, schöne flammende
Resolutionen zu fassen. Es ist nicht genug, nur an die Gefühle der
Arbeiter zu appellieren, sondern es ist unbedingt notwendig, ihnen klar-
zumachen, daß es in ihrem eigenen materiellen Interesse liegt, eine Welt,
eine geeinte Front mit den schwarzen, gelben und braunen Arbeitern
zu bilden. Warum schließen sich die Arbeiter in Europa und Amerika,
die weißen Arbeiter, wo immer sie sich befinden, zu Organisationen der
Arbeiterklasse zusammen?  Gewiß gibt es nur wenige unter ihnen, die
sich aus Klassenbewußtsein der Organisation anschließen, in der klaren Er-
kenntnis, daß sie einer Organisation beitreten müssen, um stark zu werden
für den Kampf gegen den Kapitalismus. Die große Mehrheit der Mil-
        <pb n="220" />
        Ein Teil der chinesischen Delegierten
        <pb n="221" />
        <pb n="222" />
        Edo Fimmen. &gt;
lionen, die heute in Gewerkschaften in der ganzen Welt organisiert sind.
gehört ihnen aus Gründen persönlichen Interesses an, weil sie sehen und
erkennen, daß es ihr eigener persönlicher Vorteil und der einzige mög-
liche Weg zur Aufrechterhaltung ihres Lebensniveaus ist. Wenn wir sie zur
Solidarität mit anderen Arbeitern außerhalb ihrer eigenen Gewerkschaften
in ihrem Lande aufrufen wollen, so müssen wir ihnen klarmachen, daß.
dies nicht allein vom Gesichtspunkt der Solidarität geschieht, sondern
weil der Kampf der anderen ihr Kampf ist. Wenn dieser Kongreß heute einen
Aufruf an die Arbeiter anderer Länder erläßt, wenn unsere chinesischen
Freunde und Genossen, wenn die Kulis aus Britisch-Indien und Java, wenn
die unterdrückte Negerbevölkerung verschiedener Kolonien diesen Kongreß
ersuchen, an die Arbeiter in den imperialistischen Ländern einen Aufruf zu
erlassen, ihnen zu helfen und sie in ihrem Kampf um politische und soziale
Freiheit zu stützen, können wir uns nicht auf schöne, mehr oder weniger
sentimentale, revolutionäre Resolutionen beschränken. Wir müssen den Ar-
beitern dieser Länder die direkte Verbindung zeigen, die zwischen ıhren
Arbeitsbedingungen und den Arbeitsbedingungen jener Länder besteht, in
denen heute die unterdrückten Völker den Versuch unternehmen, sich ıhrer
Unterdrücker zu entledigen.

Wir haben hier verschiedene Delegationen unterdrückter Völker, und
ich will versuchen, so kurz wie möglich klarzulegen, was es noch für Arbeits-
bedingungen gibt. In erster Linie sind wir hier zum Nutzen von Millionen
Arbeitern, die zwar nicht anwesend sind, aber von diesem Kongreß hören
werden. Ich werde einige Beispiele aus den Stößen von Material anführen.
Natürlich werde ich mich auf einige Länder beschränken müssen. Dies will
jedoch nicht heißen, daß in den Ländern, die ich nicht erwähne, die
Arbeitsbedingungen irgendwie besser sind. Sie sind dort genau so schlecht
wie in den Ländern, von welchen ich sprechen werde.

Auf diesem Kongreß sind zwei wichtige Delegationen von sehr wichtigen
Ländern vertreten. Die erste aus Britisch-Indien, die zweite aus China. Wie
hoch ist heute die Bevölkerung Britisch-Indiens? Die Gesamtbevölkerung
Britisch-Indiens, einschließlich der Eingeborenen-Staaten, beträgt nach der
Volkszählung von 19171 330 Millionen. In dieser hohen Bevölkerungszahl be-
trägt die Anzahl der Europäer, in der Mehrzahl Engländer, 173 737, von den
124991 Männern sind die Hälfte Soldaten und Polizei und die anderen un-
mittelbare Ausbeuter oder deren Vertreter. Nach einer kürzlichen, offiziellen
Veröffentlichung beträgt die Durchschnittszahl von erwachsenen, in der In-
dustrie Indiens Beschäftigten, im Jahre 1923: 1413 784, von diesen arbeite-
ten 711569 oder 50% in Textil-Unternehmungen, in Webereien und Spin-
nereien 360 000.

Dies beweist einerseits, worauf ich schon hingewiesen habe, daß eine
kleine Anzahl augenblicklich eine große Nation niederhält, und andererseits

137
        <pb n="223" />
        188 Der prolet. Klassenkampf zur Unterstützung des kolonialen Freiheitskampfes.
zeigt es, daß viele Arbeiter in einer großen Industrie, der Textil-Industrie,
beschäftigt sind, deren Lage sehr stark die Lage der Textilarbeiter
Europas, besonders Großbritanniens, beeinflußt. Nun kommen wir zu China.
Im Jahre 1925 betrug die Anzahl der Baumwoll-Spinnereien 118 mit un-
gefähr 3 340.000 Spindeln und einer Arbeiterschaft von 209 750 Mann, und
ein beträchtlicher Teil — beinah die Hälfte der Textilindustrie Chinas —
befindet sich in den Händen von Ausländern, besonders von Engländern und
Japanern. Ich möchte die europäischen Arbeiter darauf aufmerksam machen,
daß China immer als ein Land von Bauern betrachtet wurde, jetzt aber sich
industriell entwickelt. Im Jahre 1924 betrug die Anzahl der in der Industrie
beschäftigten chinesischen Arbeiter beinahe 6 Millionen. In den Kohlengruben
arbeiten mehr als 400 000, in den Baumwollspinnereien ı 600 000, den

Seidenspinnereien 3 000 000, die übrigen in der Streichholz- und Kleidungs-
industrie usw., alles in allem, wie ich schon sagte, 6 Millionen Arbeiter, von

denen der größte Teil in Uniernehmungen ausgebeutet wird, die mit euro-

päischem Kapital betrieben werden.

Wie sind die Bedingungen in jenen Ländern, von denen wir gestern
durch unsere Freunde aus den verschiedenen kolonialen und halbkolonialen
Ländern hörten? Ich werde Ihnen einige Zahlen geben, die Ihnen zeigen,
was wirtschaftliche Unterdrückung bedeutet.

In Indien ist die Zahl der Arbeitsstunden in den F abriken gesetzlich auf
Ir Stunden täglich und 60 Stunden pro Woche begrenzt. In China setzten
die provisorischen Bestimmungen einen Arbeitstag von 10 Stunden für Er-
wachsene fest. In der Praxis bestehen jedoch in den meisten Fällen zwei
12-Stunden-Schichten, und soweit außer dem chinesischen Neujahr und ge-
rade einem oder zwei Tagen des Jahres Ruhetage in China in Betracht
kommen, wissen die Arbeiter nicht, was es heißt, solch einen Tag zu genießen.
Praktisch arbeiten 70° der chinesischen Arbeiter 7 Tage in der Woche
und 52 Wochen im Jahr.

In bezug auf Japan zeigen die veröffentlichten Zahlen im japanischen
Jahrbuch von 1926, die sich auf das Ende des Jahres 1921 beziehen,
folgende Verhältnisse bei den Textilarbeitern : Die Arbeitsstunden werden wie
folgt angegeben:

Unter 8 Stunden arbeiten 10 oder beinahe 11%
8 oder 9 N . 13%
gbis 10 A % 28%
10, 12 ie m A 410%
12 Stunden und mehr .. 7 9%

Betreffs der Ruhetage wurde im Jahre 19271 eine Untersuchung angestellt.
Es gab 60 070 Fabriken für die Exportindustrie, und es wird sogar berichtet
(es war unmöglich, von einigen Fabriken irgendwelche Daten zu erhalten),
        <pb n="224" />
        Edo Fimmen. 189
daß in der Mehrzahl der Fälle (69%) nur zwei Ruhetage im Monat gegeben
werden. Der nächstgrößte Teil -— 7°, — gibt drei Ruhetage, 4°, geben
einen und 61/,% geben keinen Tag frei.

Ich weiß nicht, ob Sie sich an die Washingtoner Konferenz im Jahre 1919
erinnern. Nach dem Krieg riefen die verschiedenen Regierungen zu einer inter-
nationalen Konferenz in Washington auf mit dem Bewußtsein, daß, wenn sie
nicht auf dem einen oder anderen Wege bereit seien, den Arbeitern gewisser
Länder Zugeständnisse zu machen, sie dem Beispiel der russischen Arbeiter
folgen könnten. Sie dachten, daß sie durch den Achtstundentag, wenigstens
auf dem Papier, die Forderungen der Arbeiter einiger Orte befriedigen
könnten und sie so verhindern würden, dem Beispiel der russischen Revolution
zu folgen. Es gelang ihnen; wie schon oft wurden die Arbeiter eingeschläfert
und glaubten, daß die Versprechungen der ausbeutenden Klassen gehalten
würden. Sie bekamen den Achtstundentag auf dem Papier. Was geschieht
bezüglich dieses Achtstundentages in den verschiedenen Ländern? Wir alle
wissen, daß keine gesetzlichen Ratifizierungen der Washingtoner Konvention
vorgenommen wurden, und nur in jenen Ländern, in denen es den Arbeitern
gelang, durch ihre eigene Kraft die Ausbeutung zu besiegen und sie zu zwingen,
den Achtstundentag anzuerkennen, und in denen sie stark genug waren, ihn zu
verteidigen, besteht er jetzt noch. Trotz aller Versprechungen ist der Acht-
stundentag in allen andern Ländern nicht beibehalten worden. In Washington
machten die imperialistischen Regierungen bei ihren Versprechungen des
Achtstundentages jedoch eine Ausnahme für koloniale Länder und auch für
China, unter dem Vorwand, daß diese Länder nicht genügend industriell ent-
wickelt seien und alle Arten von Schwierigkeiten als Entschuldigungen von
den Ausbeutern gebraucht werden könnten, und man daher den Achtstunden-
tag nicht festsetzen könne. Sie sehen nun, Genossen, das Resultat — 10 Stun-
den, ır Stunden, 14 Stunden werden täglich ohne irgendwelche Ruhetage
den ganzen Monat in den meisten Fällen gearbeitet und in einigen Fällen mit
einem oder zwei Ruhetagen. Dies sind die Folgen von Washington, wo die
weißen Arbeiter nicht für die farbigen eingestanden sind.

Dann besteht noch die Frage der vom Gesetz festgelegten Altersgrenze.
In verschiedenen Teilen Europas gibt es Bestimmungen und Gesetze, die den
Arbeitgebern verbieten und sie daran hindern, Kinder in Fabriken zu be-
schäftigen, wenn sie ein gewisses Alter noch nicht erreicht haben, 12, 13 oder
14 Jahre, je nachdem.

In China lauten die provisorischen Bestimmungen, daß Knaben unter
10 und Mädchen unter 12 Jahren nicht in die Fabriken gehen dürfen. In der
Praxis aber gehen die Kinder beiderlei Geschlechts dann zur Arbeit, sobald
ein Unternehmer gewillt ist, sie anzustellen. In Indien ist das gesetzmäßig
festgelegte Alter für Arbeitsbeginn 12 Jahre, in Japan war das gesetzmäßige
Alter bis 1926 12 Jahre, mit einigen Ausnahmen, in denen die Beschäftigung
        <pb n="225" />
        190 Der prolet. Klassenkampf zur Unterstützung des kolonialen Freiheitskampfes.
der Kinder mit 10 Jahren erlaubt ist. Seit Juli 1926 ist die Grenze auf
14 Jahre — wieder einmal auf dem Papier — festgelegt worden. Aber wie
sieht es in der Praxis aus? Wir wollen wieder die wichtigste Industrie be-
trachten — die Textilindustrie. In China ist es nicht möglich, endgültig fest-
zustellen, in. welchem Alter Frauen und Kinder beschäftigt werden, aber
die Zahlen, die festgestellt werden können, zeigen, daß im Verhältnis die
Zahl der Kinder größer ist als in Japan, wo die Zahl der Männer 189%, die
der Frauen 56%, und der Kinder 26% beträgt. Dies bedeutet, daß in China
die Lage noch schlimmer ist. Für Indien sind die Zahlen: Männer 67%;
Frauen 28% und Kinder 5%. In den Jutefabriken Bengalens werden
73*/2% Männer, 151/,0% Frauen und 11% Kinder beschäftigt. Was die
gesetzmäßigen Bestimmungen über die Beschäftigung von Kindern betrifft,
sehen Sie ebenfalls, daß in diesen Ländern eine große Ausnahme gemacht
wird, und daß die Kinder stark ausgebeutet werden. In Schanghai wurde vor
einigen Jahren eine Kommission ernannt, um die Frage der Arbeitsverhält-
nisse der Kinder in der Textilindustrie zu untersuchen. Sie veröffentlichte
über die Kinderarbeit einen Bericht, und folgende, dem Bericht entnommene
Tatsachen über die Lage in Schanghai sind von größter Bedeutung:
Es werden beschäftigt:
Knaben über 12 Jahre ungefähr 30%
Mädchen ‚12 % 56%
Knaben unter 12 Jahren 39%
Mädchen: "12 „etwasmehr als 11%.
Dies sind sehr interessante Tatsachen. Das gleiche Untersuchungskomitee
gab den Prozentsatz der Kinder in den Seidenfabriken an. Es kam zu fol-
genden Ergebnissen über die Beschäftigung chinesischer Kinder durch .chi-
nesische und ausländische Unternehmer. Die Gesamtzahl der Kinder beträgt
in den chinesischen Fabriken 228718. Die Knaben über 12 Jahre bilden
41/2%, die Knaben unter ı2 Jahren noch nicht 1/2% der Arbeiterschaft.
Mädchen über ı2 Jahre stellen 79° und diejenigen unter ı2 Jahren bei-
nahe 16%. In den Chinesen gehörenden Fabriken beträgt die Zahl der be-
schäftigten Kinder nur 69/,. In den Fabriken der christlichsten Nation beträgt
die Gesamtzahl der Knaben 6854 über ı2 Jahre, d. h. über 30/,, Knaben
unter ı2 Jahre 80%/,, Mädchen über ı2 Jahre 53%, und Mädchen unter
ı2 Jahre 36%. In den den Franzosen gehörenden Fabriken beträgt die
Zahl der Knaben unter 12 Jahre beinahe 7°/o der Mädchen unter 12 Jahre
beinahe 40%. In den den Italienern gehörenden Fabriken sind die Zahlen
die gleichen.
Es ist sehr bemerkenswert, daß die bei den Chinesen — die als Heiden,
oder wie man sie auch nennt, auf keinen Fall aber als Christen betrachtet
werden — beschäftigen Kinder unter 12 Jahre 169%, ausmachen, während
        <pb n="226" />
        Edo Fimmen. ;
die Gesamtzahl der Kinder, die in Fabriken der „christlichsten‘, der englischen
Nation beschäftigt werden, 44°, in den französischen Fabriken 48%, und
in den italienischen Fabriken 47% beträgt. Dies beweist nochmals, wie
die Kapitalisten der imperialistischen Länder die Eingeborenen in. einer
grausameren Weise ausbeuten als die chinesischen. Ich möchte darauf
hinweisen, daß es in unserer Mitte — in der kontinentalen Arbeiterbe-
wegung — Parteien gibt, die der II. Internationale angehören. Wenn man zu
diesen über die Kolonien spricht und darauf drängt, daß diese sich von
den sogenannten Mutterländern befreien sollten, pflegen sie zu antworten,
daß man es den Kolonien selbst überlassen soll, ihre Befreiung zu erkämpfen.
Ein allgemeines Argument, das angeführt wird, ist folgendes: Wenn alles,
was wir vorschlagen, getan würde, so hieße das, daß das arme chinesische
oder japanische Volk, die armen Hindus usw., nur ın die Hände ihrer eigenen
Ausbeuter fallen würden, was noch schlimmer wäre, als wenn sie von euro-
päischen Unternehmern beschäftigt und nicht ausgebeutet würden. Hier
haben wir einige Tatsachen, die wenigstens beweisen, daß die chinesischen
Kapitalisten chinesische Kinder nicht in dem gleichen Ausmaß wie die
Engländer ausbeuten.

Wir wollen jetzt zu einer anderen. wichtigen Arbeitergruppe Indiens,
den Bergarbeitern, übergehen und deren Arbeitsverhältnisse, Arbeitsstunden
und Löhne untersuchen. Die Löhne betragen in der Provinz Pandschab
(Nordwestindien) die Woche 10 Shill..6 Pence, in der Provinz Madras be-
tragen sie 2 Shill. ıı Pence die Woche. Tagarbeitern werden Hungerlöhne
gezahlt. Die Arbeitsstunden betragen für Männer und Frauen 60 pro Woche,
wöchentliche Löhne für Männer in den Kohlenbergwerken 5 Shill. 3 Pence,
für Frauen 3 Shill. 3 Pence im Pandschab. In den Manganminen arbeiten
Frauen die ganze Woche 60 Stunden für ı Shill. 3 Pence. Genau gesprochen
betragen die Arbeitsstunden normal in der Woche 60 Stunden. Es geschieht
oft, daß die Bergarbeiter unter Tag arbeiten und dort 36 Stunden hinter-
einander verbleiben. Sogar Frauen arbeiten in dem gleichen Ausmaß unter
Tag wie Männer. Die Anzahl der Frauen, die unter Tag arbeiten, beträgt
60000. Wenn eine Frau einen Säugling zu versorgen hat, so nimmt sie ihn
mit sich in das Bergwerk und legt ihn irgendwo zwischen die Kohlen hin,
und um ihn am Weinen und dem Stören der Mutter in ihrer Arbeit
zu verhindern, gibt sie ihm Opium. Durch diese Vernachlässigung der
Kinder ist die Kindersterblichkeit sehr hoch. Von zehn Kindern unter einem
Jahr sterben sechs. Diese Zahlen zeigen die Lage der Bergarbeiter in Indien,
und wenn wir uns daran erinnern, daß während des englischen Bergarbeiter-
streiks auch aus Indien Kohle nach Großbritannien kam, um den Streik der
britischen Bergarbeiter zu brechen, wirft dies ein sehr bedeutsames Licht
auf diese Arbeitsverhältnisse.

Um mit den Arbeitsstunden und Löhnen zu Ende zu kommen, möchte

191
        <pb n="227" />
        192 Der prolet. Klassenkampf zur Unterstützung des kolonialen Freiheitskampfes.
ich noch eine kurze Wiederholung aus Berichten des britischen Konsuls in
Schanghai vom Juni 1924 geben, in denen er folgende Meldung macht:

„Die normalen Arbeitsstunden in den lokalen, Engländern gehörenden
Baumwollfabriken betragen 231/2 Stunde täglich, die in zwei Schichten
von je 12 Arbeitsstunden eingeteilt sind und nur zwei Ruhepausen von
je 15 Minuten aufweisen; in den Japanern gehörenden Fabriken werden
221/2 Stunde in zwei Schichten von je 12 Stunden gearbeitet, die zwei
Ruhepausen von je 45 Minuten umfassen. In den Chinesen gehörenden
Fabriken werden gewöhnlich ı4-Stunden-Schichten ohne Ruhepausen ge-
arbeitet. Die Arbeitsstunden der Kinder und Jugendlichen sind die
gleichen wie die der Erwachsenen. (Großbritannien, Auswärtiges Amt,
Schreiben betreffend die Arbeitsbedingungen in China, London 1025,
P.ı8, Cmd. 2442.)

Berichte, die im gleichen Jahre von englischen Konsuln in verschiedenen
Teilen Chinas gemacht wurden, geben einstimmig an, daß die Zahl der
Arbeitsstunden hoch ist und die Löhne niedrig sind. Dies sind die offi-
ziellen Berichte. Was ist das Resultat dieser Ausbeutung? Lassen Sie mich
Ihnen einige Zahlen anführen über die Dividenden, die unsere Kapitalisten
aus diesen Ländern und aus dem Blut und Schweiß der indischen, chine-
sischen und japanischen Arbeiter ziehen:

„Im Jahre 1920 hatte das Kailanbergwerk, Kaipingdistrikt, das mit
britischem Kapital in Höhe von 24 Millionen mexikanischen Dollars
arbeitet, einen Nettoprofit von beinahe 9 Millionen und zahlte eine Di-
vidende von 35%.

Im Jahre 1922 zahlte die Hongkong-Schanghai Banking Corporation
eine Dividende von 64%. In den Jahren 1923/24 und 1925 80%. Eine
Zweiggesellschaft der ‚Banque Industrielle de Chine‘ zahlte 550%.“
Hinsichtlich Britisch-Indiens wurden in den Bengal-Kohlenbergwerken,

von denen ich die Zahlen über die dort beschäftigten Männer und Frauen
angab, die in der Woche 60 Stunden für ı Shill. 3 Pence arbeiten, Dividenden
bis zu der Höhe von 120% jährlich bezahlt. Die Durchschnittsdividende
betrug 90%. In einer Anzahl Baumwollfabriken betrug die Dividende 1920
120%. Die höchste war 365%. Zieht man den Kurs der Aktien in Be-
tracht, so beträgt der wirkliche Profit bis 500%. Der Durchschnittsprofit
beträgt in der Jute-Industrie 140%. Alle Plantagen Javas sind in den Händen
von 100000 weißen Kolonialmagnaten, die 88% der Dividenden erhalten;
in die übrigbleibenden ı2 0% müssn sich 35 Millionen Indonesier teilen. 9/9 der
malaiischen Bevölkerung sind so arm, daß sie nicht einmal den Reis essen
können, der auf ihren eigenen Feldern wächst.

Um die Rolle zu zeigen, die das europäische Kapital in den verschiedenen
curopäischen Ländern spielt, möchte ich noch einige Zahlen über China
        <pb n="228" />
        Edo Fimmen. 193
geben: China ist, praktisch genommen, eine Kolonie des ausländischen Impe-
rialismus und wird finanziell von einem Konsortium beherrscht, das durch
die großen ausländischen Bankiers ernannt ist, die niemals die chinesische
Regierung anerkannt haben. Die britischen Banken stehen an erster Stelle.
Die gesamte Hongkong und Shanghai Banking Corporation hat ein Aktivum
in der Totalhöhe von über 662 Millionen Dollars und zahlte in den. letzten
drei Jahren 80%, Dividende. Diese Bank kontrolliert die chinesische
Währung und hat die Macht, Banknoten unabhängig von der chinesischen
Regierung herauszugeben und die Zölle durch ausländische Inspektoren zu
kontrollieren. Die Hauptquelle der chinesischen Einkünfte, die Salzsteuer, ist
unter britischer Kontrolle. Tarife werden von den ausländischen imperiali-
stischen Mächten bestimmt.

Britische Interessengruppen kontrollieren 37°/, des chinesischen Außen-
handels, 38%, der chinesischen Schiffahrt, 35%, des chinesischen Eisen-
erzes und 25%, der chinesischen Eisenbahnen. Von ı 740 556 Baumwoll-
spindeln in Schanghai gehören 967 432 den Engländern und Japanern. Das
beweist, daß praktisch genommen die ganze Industrie in China wie auch
in Indien (Holländisch- und Britisch-Indien) sich in Händen von weißen
Ausbeutern befindet. Noch einmal wollen wir die Frage untersuchen, was
das für die europäischen Arbeiter bedeutet. Es gab eine Zeit, als die Kolonien
in dem Sinne eine Quelle des Reichtums für die kapitalistische Klasse waren,
daß, was auch immer für Bodenschätze — KErze, Kohle, Gold, Silber —
dem Lande entzogen wurden, in Profite für die kapitalistischen Ausbeuter
verwandelt wurden.

Die zweite Ausbeutungsart in den kolonialen Ländern war, in diesen
Ländern die verschiedenen Produkte, die das sogenannte Mutterland selbst
nicht hervorbringen konnte, durch billige indische, chinesische oder Neger-
arbeit zu erzeugen. Aber in dem Stadium, das der Kapitalismus heute er-
reicht hat, gibt es noch einen Weg, um aus den Kolonien Profite für die
kapitalistische Klasse zu ziehen. Sie gebraucht nicht nur die billige ein-
geborene Arbeitskraft für die Industrien, die sie in ihren eigenen Ländern
nicht haben kann, sondern auch die billige Eingeborenenarbeit, um die
Arbeiter in ihrem eigenen Lande auszuschalten und eine Art von Kon-
kurrenz zwischen der Industrie der Kolonialländer und der Mutter-
länder zu schaffen. Heute ist z. B. ein großer Teil der britischen Textil-
industrie nach Britisch-Indien verlegt worden. Dieselben Interessengruppen
der Textilunternehmer in Großbritannien, die in der Tat sehr traurig sind,
daß sie nicht in den Fabriken und Werkstätten mit einer 4A8stündigen Ar-
beitswoche arbeiten können, daß sie ihre Fabriken schließen und ihre Arbeiter
auf Kurzarbeit setzen müssen, legen ihr Kapital in Fabriken in Indien und
China an. Es gibt chinesische, indische und japanische Kulis, die 60 Stunden
und noch länger in der Woche arbeiten. Kinder werden ausgebeutet, um

Das Flammenzeichen vom Palais Egmont.

18
        <pb n="229" />
        194 Der prolet. Klassenkampf zur Unterstützung des kolonialen Freiheitskampfes.
Textilwaren herzustellen, die früher durch Großbritannien, Holland und
andere Länder produziert wurden. Dadurch, daß die Unternehmer die Textil-
waren in diesen Ländern herstellen, machen sie einen viel größeren Profit,
als wenn sie sie in ihrem eigenen Lande fabrizieren ließen, da der Preis der
Waren — je nachdem Textil- oder Metallwaren — nicht dem Herstellungs-
preis dieser kolonialen Länder angepaßt wird, obgleich die Arbeit dort so
billig ist, daß sie oft nur 1/,, dessen beträgt, was in dem Mutterlande bezahlt
wird. Der Preis wird oft durch alle Arten von Tarifen, Zöllen usw. gesteigert,
und wenn heute in Großbritannien die Lancashire-Textilarbeiter auf Almosen
angewiesen sind, wenn es keine Arbeit in den Dundee-Jutefabriken gibt oder
die Arbeiter nur halbe Schicht arbeiten, so kommt dies dadurch, daß die
britischen Unternehmer in den Kolonien die billigere Eingeborenenarbeit,
die sich gegen die Arbeiter ihres eigenen Landes wendet, ausbeuten, auf
diesem Wege größere Profite erzielen und andererseits die Arbeiter in ihrem
Lande dazu bringen, Lohnkürzungen, verlängerte Arbeitszeit usw. anzu-
nehmen. Die Arbeiter Europas werden jedoch nicht nur auf diese Art
und Weise betrogen, sondern ihre Regierungen besteuern sie noch außerdem
für Armeen, Marine, Polizei und andere Administrationskräfte, die von den
imperlalistischen Regierungen in die Kolonien geschickt werden, um die
Textilarbeiter und Bergarbeiter zu unterdrücken, und sie zu längerer Arbeits-
zeit bei niedrigerem Lohn zu zwingen.

Man versucht, gegen diese Ausbeutung und gegen die Besteuerung, die der
Aufrechterhaltung unserer eigenen Sklaverei dient, zu revoltieren. Unser
Geld wird gebraucht, um die kolonialen Völker zu unterwerfen, aber außer-
dem senden wir Mitglieder unserer eigenen Klasse als Soldaten, Polizisten,
Regierungsspitzel in diese kolonialen Länder, um deren Unterdrückung noch
zu verstärken. Sie haben für ihre eigenen Ausbeuter und gegen unsere
Brüder und Arbeitsbrüder in den kolonialen Ländern zu kämpfen, Solange
wir nicht in der Lage sind, den Arbeitern Europas klarzumachen, ‚wie
die wirkliche Lage ist und wie die imperialistischen Länder diese kolonialen
Länder unterdrücken und uns dadurch in unserm eigenen Lande zu Sklaven
machen, gibt es keine Möglichkeit, diese vereinte internationale Front der
Arbeiter der ganzen Welt herzustellen, und wenn ich so sagen darf, auch
keine große Möglichkeit für die Arbeiter Europas und der weißen Länder,
den Kapitalismus zu bekämpfen und ihre eigene Freiheit zu erzwingen.

Die Lage ist heute so, daß die europäischen imperialistischen Länder
versuchen, eine geeinte Front der europäischen Nationen herzustellen. Schon
im Jahre 1921 hielt der japanische Botschafter in London eine Rede auf
einer Zusammenkunft, in der er sagte:

„Es ist bedauerlich, daß wir im gegenwärtigen Moment innere Kämpfe
in China haben. Wenn ich ‚wir‘ sage, so meine ich England, Amerika,
Frankreich und Japan, diese vier Großmächte, die so eng miteinander
        <pb n="230" />
        Edo Fimmen. 195
mit dem östlichen China verbunden sind. Wenn wir uns also auf eine
gewisse gemeinsame Grundlage einigen könnten, so glaube ich, daß die
Unruhen in China wenigstens abgeschwächt werden könnten. Es ist not-
wendig, daß die Chinesen aufhören, untereinander zu kämpfen. In China
gibt es nicht nur für China viel Raum, sondern auch für Japan, Amerika
und Europa. Sie werden dort eine riesige Bevölkerung finden und durch
die Entwicklung Chinas werden sie die chinesische Kaufkraft steigern.
Ich hoffe, daß sich die Mächte wirklich einigen werden, China Sympathie
und Hilfe zu gewähren.“

Was „Sympathie und Hilfe“ bedeuten, werden Sie aus den Zahlen er-
kannt haben, die ich Ihnen vorgelesen habe. Der Geist jedoch, eine vereinte
Front der weißen Mächte gegen China zu bilden, lebt noch. Die Zahlen,
die ich angeführt habe, sind auch heute noch gültig. Diese Zahlen sind in
der deutschen, französischen, englischen und chinesischen Presse veröffent-
licht worden und werden — glaube ich — durch eine offizielle deutsche
Persönlichkeit, die eine vereinte europäische Front gegen China propagiert,
gestützt. Ich weiß nicht, ob dies ein Köder ist, mit dem dieser deutsche
Gentleman die Ententemächte zu erweichen hofft, daß sie Deutschland eine
Möglichkeit geben, neue Kolonien oder Mandate oder so etwas Ähnliches
zu erhalten. Auf jeden Fall jedoch verteidigt er eine vereinte Front der
europäischen Mächte, der weißen Rasse gegen China, die gelbe und andere
farbigen Rassen.

Nun hat dieser Kongreß den Arbeitern aller Länder von unserm
Standpunkt aus klarzumachen, daß, wenn unsere Ausbeuter versuchen,
eine vereinte Front gegen China zu bilden, wir weißen Arbeiter gegen
diese gemeinsame Front sein müssen und nur für die vereinte Front aller
Arbeiter der weißen, der gelben und der braunen Rasse gegen alle Kapita-
listen eintreten dürfen. Wenn wir dies tun wollen, müssen wir eine Propa-
gandakampagne beginnen. Heute hatten wir eine Versammlung einer Anzahl
Delegierter auf diesem Kongreß, die Gewerkschaften und andere Arbeiter-
organisationen vertraten.* Wir hatien ı7 Delegierte, die 8 Millionen or-
ganisierte Arbeiter vertreten. Das klingt sehr gut und ist wirklich kein
schlechter Anfang. Als Tatsache müssen wir jedoch feststellen, daß von
diesen 8 Millionen Arbeitern 3 Millionen Mexiko angehören, das heute
von keiner großen Bedeutung im internationalen Kampf zur Unterstützung
der unterdrückten Völker ist, da Mexiko selbst zu diesen Ländern ge-
hört, die unterdrückt werden. Es ist in großer Gefahr, weil der amerika-
nische Imperialismus seine Klauen nach ihm ausstreckt. Von diesen 8 Mil-
lionen Arbeitern sind ferner 11/, Millionen Chinesen, die die Arbeiter der ganzen
Welt um Hilfe in ihrem Kampf bitten. Als Tatsache möchte ich verzeichnen,

* Siehe Kapitel XV.

©
19*
        <pb n="231" />
        196 Der prolet. Klassenkampf zur Unterstützung des kolonialen Freiheitskampfes.
daß nur eine kleine Anzahl organisierter Arbeiter hier vertreten ist. Ich be-
daure dies und bedaure auch, daß das Exekutivkomitee (diejenigen, die
den Kongreß einberufen haben), meiner Meinung nach wenigstens, nicht
alles getan hat, um die organisierten Arbeiter der europäischen Länder auf
diesem Kongreß als Vertreter zu haben. Es kann nun sein, daß, wenn sie auch
alle eingeladen worden wären — die sozialistischen Parteien, die der II. Inter-
nationale, und diejenigen Organisationen, die dem Internationalen Gewerk-
schaftsbund angehören —, die meisten von ihnen sich aus dem einen oder
anderen Grunde geweigert hätten, hierherzukommen. Dies ist schade, weil, wie
ich schon bemerkt habe, diese koloniale Frage und der Kampf, der in China
und im fernen Osten vor sich geht, so viele schwerwiegende Probleme in sich
schließen, die von größter Bedeutung für die politische, wirtschaftliche und
soziale Befreiung nicht nur allein der unterdrückten Rassen, sondern auch für
die Arbeiter der ganzen Welt sind. Diese Frage hat nicht die gebührende Auf-
merksamkeit seitens der IT. Internationale und der Amsterdamer Internationale
gefunden. Es ist sehr schade, daß ich diese Tatsachen hier feststellen muß. Es
hätten jedoch auf jeden Fall mehr Arbeiterorganisationen hier vertreten sein
können, wenn sie alle eingeladen worden wären. Nun, was nicht getan worden
ist, muß auf diesem Kongreß getan werden. Wir müssen einen Aufruf an die
organisierten Arbeiter aller Länder erlassen, daß sie sich an dem Kampf zur
Befreiung der unterdrückten Nationen beteiligen, welcher Rasse oder Farbe
sie auch angehören. Wir müssen auch an die IT. Internationale und die Amster-
damer Internationale appellieren, wie auch an die Kommunistische Inter-
nationale und die Rote Gewerkschaftsinternationale. Wir müssen uns an
alle Arbeiterorganisationen wenden, welcher Richtung sie auch angehören.
Dies würde nur zeigen, daß wir für die Interessen der unterdrückten Arbeiter
und gegen ihre Ausbeuter tätig sind. Schon vor mehr als 70 Jahren hat Karl
Marx einen Artikel geschrieben, in dem er voraussah, was heute in China
vor sich geht.

Wir hoffen und müssen dafür arbeiten, daß unsere Reaktionäre, wenn
sie durch Asien fliehen und zuletzt die chinesische Mauer erreichen und die
Tore, die zu dem Bollwerk der Erzreaktion und des Erzkonservativismus
führen, an dieser Mauer lesen: „Chinesische Republik! Freiheit, Gleichheit
und Brüderlichkeit!‘“ Wir haben jetzt eine chinesische Republik, die eine Re-
publik der Ausbeuter der Arbeiter ist. Wir müssen dafür kämpfen, daß
unsere Reaktionäre, wenn sie an jene Mauer kommen und lesen „Chinesische
Republik, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit‘“, dies nicht im Sinne der
französischen Republik dort steht, sondern im Sinne der Sowjetrepublik
Rußland.

Wie können wir unseren chinesischen Arbeitern helfen, sich von den
imperialistischen Unterdrückern und von ihrer eigenen kapitalistischen
Klasse zu befreien? Wie können wir ihnen helfen. die freie Arbeiterrepublik
        <pb n="232" />
        Georg Ledebour. 197
China zu errichten? Zuerst dadurch, daß wir die größtmögliche Propaganda
im Namen der Nationalrevolutionäre Chinas führen, indem wir die Arbeiter
darüber aufklären, was dort in China vor sich geht, und indem wir
schließlich eine direkte Aktion zur Hilfe der Arbeiter Chinas vorbereiten und
organisieren.

Wenn es uns gelingt, in unserm Kampf um Sozialismus und Kommu-
nismus siegreich zu sein, so wird dies mit Hilfe unserer braunen, gelben und
schwarzen Genossen geschehen. Unsere Ausbeuter wissen dies, und aus
diesem Grunde tun sie alles, was in ihrer Macht steht, um die Einheit
der weißen Rasse mit der farbigen zu verhindern. Nur durch die Einheit
der weißen, schwarzen, gelben und braunen, kurz aller Arbeiter, welcher
Rasse, Farbe oder Religion sie auch angehören, wird es uns möglich sein, die
Welt rot zu färben und die sozialistische und kommunistische Gemeinschaft
den Arbeitern der ganzen Welt zu bringen.

Georg Ledebour
ein zweites Mal das Wort nehmend:
f muß mich entschuldigen, daß ich zum zweiten Male spreche. Aber es
ist aus folgenden Gründen notwendig:

Genosse Fimmen hat in seiner vorzüglichen Ansprache die Hauptfrage
dieses Kongresses berührt. Die Hauptfrage ist, ob wir zur Aktion übergehen
werden oder nicht. Alle übrigen Beratungen sind zwar interessant und auch
notwendig, um unsere beiderseitigen Ansichten klarzustellen. Aber auf einem
Kongreß, wie diesem, ist die Hauptsache, folgendes klarzustellen :

Was werden wir machen? Wenn wir uns nicht auf die Arbeiter der Welt
berufen, und besonders auf die Arbeiter Europas und der Vereinigten Staaten,
damit sie zur Aktion gelangen, dann wäre es besser, wir gingen nach Hause,
um zu schlafen.

Genosse Fimmen hat von unserem Aufruf an die klassenbewußten Ar-
beiter Europas und der Vereinigten Staaten gesprochen, und zwar so, daß,
wenn eine imperialistische Regierung Truppen und Munition nach einem
der sogenannten Kolonialländer schicken würde (z. B. nach China), es Pflicht
aller Gegner des Imperialismus und der kolonialen Unterdrückung wäre,
sich auf die Arbeiter — und in erster Linie auf die Transportarbeiter — zu
berufen, damit keine Soldaten und Munition hinübergeschickt werden, um
unsere Genossen zu erschießen.

Das habe ich in meiner Ansprache angeführt, und heute morgen möchte
ich Euch eine Resolution unterbreiten, die ich mit Mitgliedern verschiedener
Delegationen mit Deutschen, Engländern und Chinesen, ausgearbeitet habe.
        <pb n="233" />
        198 Der prolet. Klassenkampf zur Unterstützung des kolonialen Freiheitskamp.fes.
Diese Resolution appelliert an die Arbeiterklasse Europas zum Streik und
zwar mit folgenden Worten:

Resolution.

Der Kongreß gegen koloniale Unterdrückung und Imperialismus ist der Ansicht, daß
die kapitalistische Kolonialpolitik ihrem innersten Wesen nach zur Knechtung, Zwangsarbeit
und zur Ausrottung der eingeborenen Bevölkerung der Kolonialgebiete führen muß. Die zi-
yilisatorische Mission, auf die sich die kapitalistische Gesellschaft beruft, dient ihr nur als
Deckmantel für die Eroberungs- und Ausbeutungsgelüste.

Der Imperialismus ist keine Zufallserscheinung, von der sich der Kapitalismus aus freien
Stücken lossagen kann. Er ist vielmehr geschichtlich bedingt. Das in den kapitalistischen
Mutterländern wirtschaftlich und politisch ausschlaggebende Finanzkapital erreicht einer-
seits schon durch direkte Ausbeutung der eingeborenen Arbeiter Extraprofite; anderer-
seits heimst es infolge der Beherrschung der Rohstoffquellen Monopolprofite ein.

Die überwältigende Mehrheit der Arbeiterschaft in den imperialistischen Ländern hat
an diesen Extraprofiten, von denen das Finanzkapital einer dünnen Oberschicht des Prole-
tariats einen kleinen Bruchteil hinwirft, keinen Anteil. Die eigene Lage des Proletariats
der Mutterländer wird vielmehr in hohem Maße durch die schrankenlose Ausbeutung der
Kolonialarbeiterschaft verschlechtert. Dies geschieht nicht nur direkt auf dem Wege des
Lohndrucks vermittels eingewanderter Kolonialarbeiter, sondern in einem noch schlimmeren
Maße indirekt, in Auswirkung der raschen Industriealisierung eines Teiles der Kolonial-
gebiete. Es gibt heute in den Kolonialgebieten bereits annähernd 20 Millionen Berg-, In-
dustrie- und Transportarbeiter, also ein Arbeiterheer, größer als die Masse der gesamten
Arbeiterschaft Großbritanniens.

Gegenwärtig haben wir es mit zwei Hauptgruppen imperialistisch ausgebeuteter Kolo-
nialgebiete zu tun:

x. Völlig unterjochte, durch ‚das ‚„Mutterland“ vermittels seiner Beamten beherrschte
Länder;

2. Nominell unabhängige, aber durch aufgezwungene Staatsverträge in tatsächlicher
Abhängigkeit von den imperialistischen Mächten gebrachte, aber deswegen nicht weniger aus-
gebeutete Länder.

Wirkliche nationale Selbständigkeit bedeutet, daß ein Volk über sich und seine Produk-
tivkräfte frei verfügen kann. Es ist bezeichnend, daß sogar ein so reiches Land wie Mexiko,
das doch gegenüber den anderen, vom Imperialismus abhängigen Ländern in einer verhält-
nismäßig günstigen Lage ist, nur über einen Bruchteil seines Nationalreichtums selbst ver-
fügt, während, selbst nach der Feststellung der mexikanischen Regierung, zwei Drittel des
Nationalvermögens sich in den Händen des ausländischen Kapitalismus befindet.

In grundsätzlicher Gegnerschaft gegen all diese verschiedenartig abgestuften Formen
der kolonialen Unterdrückung und Ausbeutung, verlangt der Kongreß, daß das Selbstbestim-
mungsrecht der Völker, zu dem der sogenannte Völkerbund nur ein Lippenbekenntnis ab-
legt, durch völlige Freigebung aller Kolonialvölker, sowie durch sofortige Annullierung
sämtlicher, der völligen Gleichberechtigung widersprechender Verträge tatsächlich verwirk-
licht wird.

Im Weiterverfolge dieser Hauptforderung verwirft der Kongreß auch jede Neuerwer-
bung von Kolonialland durch imperialistische Staaten, ebenso wie die Neuverteilung von
sogenannten Kolonialmandaten an Staaten, die bisher noch keine Kolonien besaßen, wie an
solche, die Kolonien verloren haben. Auch die Herleitung von staatlichen und privatkapita-
listischen Reservatrechten aus der Tatsache, daß die Kapitalisten eines fremden Staates
in den nominell noch selbständigen Ländern Kapitalien investiert haben, darf nicht mehr
geduldet werden. Die besten Vertreter der fortschrittlichen europäischen und amerikanischen
Geisteswelt unterstützen diese Forderungen.

Der Weltkrieg von 1914 bedeutet einen entscheidenden Wendepunkt in der Entwicklung
des Imperialismus. Er hat einen Teil der Kolonialbeyölkerung als Kanonenfutter
auf die europäischen Schlachtfelder geworfen. Er hat damit den unterdrückten Völkern ihre
letzten Illusionen über die „kulturelle Sendung“‘ des Imperialismus genommen. Der Krieg hat
außerdem die brutalste Verkörperung des Imperialismus, den russischen Zarismus, zertrüm-
mert. An seine Stelle trat eine imperialistenfeindliche Föderation freier, eine sozialistische
Wirtschaft aufbauender Völker.
        <pb n="234" />
        Georg Ledebour. “5

Durch die rapide Industriealisierung der Kolonialgebiete wurde außerdem der mono-
polistisch beherrschte Absatzmarkt für die Industrie der kapitalistischen Mutterländer aufs
empfindlichste eingeschnürt. Notgedrungen versuchte daraufhin der Imperialismus, mit allen
Mitteln die industrielle Entwicklung der unterdrückten Länder zu verkrüppeln (Kampf gegen
die Zollautonomie in Indien und China). So wird der Imperialismus in seiner jetzigen Phase
ungemildert zu einem Hemmschuh für die Entwicklung der Produktivkräfte. Er sammelt um
sich alle feudalen und reaktionären Elemente in den abhängigen Ländern, gegen die alle
Elemente, die nicht zu Verrätern am Freiheitskampf werden wollen, sich zum Abwehrkampf
zusammenschließen.

Der Kongreß gegen koloniale Unterdrückung und Imperialismus ist dazu berufen, so-
wohl das Bündnis der um die Niederwerfung des Imperialismus kämpfenden Arbeiter, Bauern,
Mittelschichten und Intellektuellen untereinander, wie auch das umfassendere zwischen diesen
Schichten und der klassenbewußten Arbeiterschaft der ganzen Welt, zu begründen und zu
fördern.

Der Zusammenbruch des Imperialismus hat eingesetzt. Die Arbeiterklasse und die
Massen der unterdrückten Völker sind seine Totengräber.

Die am Kongreß beteiligten Vertreter proletarischer Organisationen erklären:

Unsere Beihilfe darf sich nicht beschränken auf Sympathiekundgebungen für die kolo-
nialen Freiheitskämpfer, noch auf Protestkundgebungen gegen die Gewalttaten der im-

erialistischen Unterdrücker. Sie muß in Massenaktionen gipfeln. Geht ein imperialistischer

Da über zur militärischen Niederzwingung der Freiheitsbewegung eines Kolonialvolkes
oder eines vertragsgemäß in Abhängigkeit gebrachten Volkes, so müssen die Vertreter der
auf dem Boden dieser Resolution stehenden Organisationen die Initiative ergreifen zur Her-
beiführung von Streiks, insbesondere von Transportarbeiterstreiks, zur Verhinderung der
Entsendung von Truppen und Kriegsmaterial nach den zum Abwehrkampf getriebenen
Ländern. Sollten solche Druckmittel nicht das Ziel voll erreichen, so muß das Proletariat
durch einen Massenstreik den Unterdrückerstaat zur Freigebung des unterjochten Volkes
zwingen.

Die Vertreter der kolonialen und abhängigen Völker erklären, daß sie den Kampf gegen
den Imperialismus zu Massenaktionen der Werktätigen ihrer Länder ausgestalten werden.
Ferner erklären sie, daß sie im Falle der bewaffneten Intervention, die von einer bestimm-
ten imperialistischen Macht unternommen wird, diese politisch und ökonomisch boykottieren
und aktiv zugunsten der im Abwehrkampf stehenden Brudernation eingreifen werden. Diese
Verpflichtung gilt in ganz besonderem Maße China gegenüber.

An alle Gegner imperialistischer Unterdrückung und kapitalistischer Ausbeutung er-
geht unser Ruf:

Schließt euch uns an und setzt unsere Forderungen um in die Tat!

Ich wünsche, daß Ihr genau versteht, was es bedeutet, diese Resolution
anzunehmen, nämlich, Ihr verpflichtet solche Organisationen, die mit uns
einverstanden sind, alles zu tun, um einen Transportarbeiterstreik erfolg-
reich zu machen. Es mag sein, daß dies eventuell zu einem Generalstreik
führt — ich spreche nur von einem möglichen Anfang. — Konkret mußte
seinerzeit gewiß ein Generalstreik daraus hervorgehen. Die Transportarbeiter
sind die Pioniere.

Genosse Fimmen, den ich seiner sozialistischen Auffassung und seiner
Tätigkeit wegen hoch schätze, sagt, daß wir von allem Humbug und Tam-
tam. Abstand nehmen müssen. Das sind wirklich wertvolle Worte. Aber ich
befürchte, daß ohne weitere Erklärung diese nur dazu dienen könnten,
unseren Aufruf zur Aktion zu diskretieren. Ich weiß, wie die Presse solche

Sachen kommentiert, und ich bin davon überzeugt, daß sie diesen Worten
eine falsche Bedeutung beimessen wird; vielleicht schon in dieser Zusammen-

19€
        <pb n="235" />
        200 Der prolet. Klassenkampf zur Unterstützung des kolonialen Freiheitskampfes.
kunft. Dann wird man den Kongreß bespotten, weil sein Aufruf zur Aktion
als Humbug und Tamtam zu bezeichnen wäre. Es ist wirklich besser, daß
wir von Fragen Abstand nehmen, die unseren guten Ruf schädigen könnten.
Der Vertreter des Internationalen Antimilitaristischen Bureaus
Müller-Lehning (Holland)
begründet die Stellungnahme seiner Organisation mit folgender Erklärung:
I“ Namen des Internationalen antimilitaristischen Bureaus begrüße ich den
Kongreß. Dieses Bureau ist gebildet worden im Kampfe gegen Militaris-
mus und Imperialismus. Es ist eine proletarische antimilitaristische Be-
wegung, der verschiedene nationale Sektionen und internationale Organi-
sationen, wie das Berliner syndikalistische Bureau und das Internationale
antimilitaristische Bureau im Haag, angeschlossen sind. Gemäß unseren Prin-
zipien sind wir gegen alle Formen der ökonomischen Ausbeutung und der
militärischen Unterdrückung der farbigen Rassen und sind bestrebt, die
größtmöglichste Einheit und Zusammenarbeit des Proletariats des Nordens,
Ostens, Südens und Westens für die soziale Revolution zu verwirklichen.

Bereits vor 20 Jahren kämpfte die antimilitaristische Bewegung Hol-
lands für die Unabhängigkeit Indonesiens. Die Antimilitaristen waren Ver-
folgungen ausgesetzt. Tausend von ihnen wurden eingekerkert wegen Mili-
lärdienstverweigerung. Wir bekämpfen die Unterdrückung in allen Formen.
Die Internationale antimilitarist,sche Kommission übermittelt. daher dem
Kongreß folgende Erklärung:

(Siehe Erklärung der 1.A.K. Anhang B.)
Die Einheitsfront in dem Freiheitskampf der unterdrückten Völker.

Der Freiheitskampf der unterdrückten Völker der Kolonien, Halbkolonien, der vom
Imperialismus unterjochten, scheinbar selbständigen, der vom Imperialismus bedrohten
schwachen Länder und der als sogenannte ‚nationale Minderheiten“ bezeichneten unter-
drückten Nationen (z.B. die Neger in den Vereinigten Staaten) nimmt, der Verschieden-
heit der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungsstufe der jeweiligen geschichtlichen
Bedingungen gemäß, in den verschiedenen Ländern verschiedene Formen und den mannig-
faltigsten Charakter an. Dementsprechend sind auch die Träger und Führer der national-
revolutionären Bewegungen sehr verschiedenartige Gruppen und Organisationen, mannig-
faltige soziale Schichten, die ihren Kampf ‚unter den verschiedenartigsten Losungen führen.
Während in dem einen Lande noch religiöse oder kulturelle Losungen im Vordergrunde
stehen, finden wir bereits in den meisten Ländern die politischen, sozialen und wirtschaft-
lichen Forderungen klar ausgesprochen. Die wirklichen Vorkämpfer der nationalen Freiheit,
Müssen diesen eigenartigen Sonderumständen das größtmögliche Verständnis entgegen-
bringen. Es gilt für sie, auch rückständigen Formen und Losungen, wie sie aus der Eigenart
bestimmter Länder hervorgehen, mit allem Verständnis und aller Duldsamkeit zu begegnen
und aus ihnen den anti-imperialistischen Kern herauszuschälen.
        <pb n="236" />
        Resolutionen. CL

Andererseits zeigt die geschichtliche Erfahrung, daß den Freiheitsbewegungen umso
größere Erfolge und ein umso rascherer Sieg beschieden ist, je klarer ıhr politisches und
soziales Programm und je breiter die Volksmassen sind, die an diesen Bewegungen aktiv
teilnehmen. Die höchste Entwicklungsstufe solcher Bewegungen zeigt gegenwärtig der
nationalrevolutionäre Kampf der chinesischen Volkspartei (Kuomintang), die sich auf die
breiten Massen der unterdrückten Arbeiter, Bauern, Kaufleute, Intellektuelle und andere
Mittelschichten stützt und auf Grund eines klaren und sozialen Programms den Freiheitskampf£f
des chinesischen Volkes siegreich führt. China ist zugleich das beste Beispiel dafür, daß es
in jedem vom Imperialismus unterdrückten oder bedrohten Lande Schichten gibt, die sich
mit dem unterdrückenden Imperialismus verbünden, zu Verrätern an der Sache der natio-
nalen Freiheit werden, Schichten, die der Imperialismus als Stützpunkte im Kampf gegen
das eigene Volk zu benutzen trachtet. Das sind in China, wie in anderen um ihre Frei-
heit kämpfenden Ländern, die Vertreter der feudalistischen Reaktion, reäktionäre Militär-
machthaber, die hoffen, ihre Vorrechte auf Kosten des eigenen Volkes mit Hilfe der imperia-
listischen Unterdrücker erhalten zu können.

Die fortgeschrittensten Organisationen der Arbeiterschaft der unterdrückten Länder er-
streben überall — unbeschadet ihres eigenen weitergehenden Klassenprogramms — ein
festes Bündnis mit dem Bauerntum und mit allen fortschrittlichen und kampfbereiten
Schichten der unterdrückten Nationen, die ein ehrliches Interesse an der vollen Aufhebung
der imperialistischen Bedrückung haben. Über alle Rassenunterschiede hinweg streben die
fortschrittlichen revolutionären Arbeiterorganisationen der unterdrückten Länder überall die
Bildung einer solchen nationalrevolutionären anti-imperialistischen Einheitsfront an, wie sie
China in bedeutendem Maße bereits verwirklicht hat, und wie sie in anderen Ländern in Ent-
stehung begriffen ist.

Die nationalrevolutionäre Freiheitsbewegung ist gezwungen, im Interesse ihres Sieges den
Kampf nicht nur gegen die ausländischen imperialistischen Unterdrücker, sondern auch gegen
deren einheimische Verbündete, die reaktionären feudalen Elemente, die imperialisten-
freundlichen Militärmachthaber und sonstige Reaktionäre energisch zu führen, was nur da-
durch geschehen kann, daß die nationalrevolutionäre Front sich auf die breiten werktätigen
Bauern- und Arbeitermassen stützt, in deren ureigenstem Interesse es liegt, zur Befriedigung
ihrer eigenen sozialen Wünsche die Reaktion niederzukämpfen. Die chinesische national-
revolutionäre Bewegung kann auch insofern den übrigen unterdrückten Völkern als Vorbild
dienen, als es ihr gelungen ist, eine starke nationale Armee zu bilden, mittels derer sie er-
folgreich die Kräfte der Gegenrevolution bekämpft. Diese Armee besteht, im Gegensatz zu
den Söldnerheeren der verschiedenen chinesischen Militaristen, aus politisch aufgeklärten,
durch einen einheitlichen revolutionären Gedanken zusammengeschweißten, bewaffneten
Arbeitern und Bauern, deren Vormarsch den Imperialisten und ihrem Anhang Entsetzen ein-
f1ößt, während die Volksmassen ihn als eine Erlösung empfinden. Das Erscheinen der
Kantonarmee gibt überall das Signal zur Bildung freier Verbände von Bauern, Arbeitern,

Kaufleuten und anderen politisch und wirtschaftlich geknebelten Volksschichten. Pflicht
aller, denen es um die Befreiung ihres Landes ernst ist, ist es, ähnliche Kampforganisationen
zu schaffen und denjenigen ihrer Landsleute, die in die bewaffneten Organisationen der
Imperialisten eingezwängt sind, ihre nationalrevolutionären Aufgaben zum Bewußtsein zu
bringen.

Jede nationale Freiheitsbewegung, die diesen Namen verdienen will, muß sich das
Ziel der restlosen, politischen, wirtschaftlichen, militärischen und kulturellen Selbständigkeit
des betreffenden Volkes, Landes oder der betreffenden Nation stecken. Gemäß dieses all-
gemeinen Prinzips stehen, je nach der Eigenart der Verhältnisse, folgende Forderungen im
Vordergrund:

ı. Abschaffung aller sozialen, wirtschaftlichen, politischen oder kulturellen Vorrechte
der imperialistischen Eindringlinge in solchen Ländern, wo die Imperialisten sich mit den
Mitteln ihrer Gewaltpolitik derartige Privilegien erzwungen haben (Ägypten, Mexiko und
verschiedene Staaten Zentral- und Südamerikas);

2. Abschaffung aller „Verträge“, die von den Imperialisten zur Sicherung ihrer Vor-
Mmachtstellung erzwungen wurden. (Exterritorialität, Kapitulationen.) Abschluß neuer Ver-
träge nur auf Grund voller Gleichberechtigung (China, Persien, Zentralamerika).

DV
        <pb n="237" />
        202 Der prolet. Klassenkampf zur Unterstützung des kolonialen Freiheitskampfes.
3. Streichung aller Kriegskontributionen und Ansprüche aus früheren Wucher-
anleihen, die den unterdrückten Ländern seitens der Imperialisten aufgezwungen wurden;
4. Freies Verfügungsrecht jedes Landes über die eigenen Bodenschätze, Verkehrswege,
Zölle, Steuern und sonstige Nationaleinkommen, ungeachtet aller angeblichen Rechtstitel,
die sich die imperialistischen Unterdrücker in der Vergangenheit gewaltsam verschafft haben 5

5. Volle Freiheit für jedes Land, seine eigene Staatsform, seine Regierung, seine wirt-

schaftlichen, sozialen, militärischen und kulturellen Einrichtungen selbständig zu bestimmen;

6. Volle Freiheit zur Gestaltung der ausländischen Beziehungen, der Anerkennung oder

Nichtanerkennung fremder Regierungen, von Neutralitäts-, Freundschafts-, Bündnis- oder
Handelsverträgen; |

= 7. Das freie Recht jedes Volkes, auf Grund des Selbstbestimmungsrechtes einen eigenen,
durchaus selbständigen Staat zu bilden und aus dem Verband eines Staates (wie z. B. des briti-
schen Imperiums) auszutreten; S

8. Abschaffung des heuchlerischen Mandatssystems des Völkerbundes. Zurückziehung
des ausländischen imperialistischen Verwaltungs- und Militärapparates aus allen sogenannten
Mandatsländern. Anerkennung ihrer vollen Unabhängigkeit

9. Abschaffung aller sogenannten Protektorate. Zurückziehung der Truppen und aus-
ländischen Verwaltungsapparate aus den Schutzgebieten, sowie Anerkennung ihrer vollen
Unabhängigkeit;

10. Annullierung aller Verträge, die die imperialistischen Großmächte untereinander,
hinter dem Rücken der unterdrückten Völker und auf deren Kosten über „Einflußsphären“,
Wirtschaftsbeziehungen usw. abgeschlossen haben;

11. Als Folgerung aller vorgenannten Forderungen selbstverständlich die volle staatliche
Unabhängigkeit aller derjenigen Gebiete, die bis jetzt von den Imperialisten als deren Be-
sitztum, Kolonie usw. unterdrückt und ausgebeutet worden sind.

Die nationalrevolutionären Unabhängigkeitsbewegungen kämpfen einen mächtigen ge-
meinsamen Kampf gegen den Block der imperialistischen Größmächte und ihrer Helfer,
gegen einen Block, der zwar in taktischen Fragen uneinig sein kann, der aber in der Haupt-
frage, daß die unterdrückten Völker unfrei bleiben sollen, stets einig ist.

Der Imperialismus ist durch seine verzweifelte Lage zu der Notwendigkeit gekommen,
sich offen in dem Kampfe der fortschrittlichen Parteien mit der feudalistisch-militaristischen
Reaktion auf seiten der letzteren zu stellen. So sind die imperialistischen Regierungen der
kulturell am fortgeschrittensten Nationen zu Verbündeten der Vertreter von militärischen
Condottieri und kulturell und olitisch mittelalterlicher Reaktion geworden. So unter-
stützt jetzt England offen die Tome der Kantonregierung. Japan, Frankreich, wie die
anderen imperialistischen Länder, haben reaktionäre Generäle in ihrem Solde und versuchen
vergeblich zu verhindern, daß sich China unter einer nationalen Regierung vereinigt. Der
nordamerikanische Imperialismus hat eine neue Doktrin, die Kellogdoktrin aufgestellt, wo-
nach sie ihr Veto gegen jegliche zentralamerikanische Regierung einsetzt, die sich nicht als
ihre Drahtpuppe hergibt, und in Anwendung dieser Doktrin interveniert er offen in Nicara-
gua. Ähnliche Beispiele der Einmischung des Imperialismus auf Seiten der Reaktion könnten
für alle unterdrückten Länder angeführt werden.

Statt sich der trügerischen Hoffnung hinzugeben, unterdrückte Völker könnten miltels
eines Kompromisses mit den Imperialisten ihre nationale Selbständigkeit erlangen, müssen
sich alle unterdrückten und bedrohten Völker in ihrem Kampfe gegen "die Imperialisten
gegenseitig brüderliche Hilfe leisten und eine solidarische imperialistenfeindliche Welt-
front bilden.

Unterdrückte und vom Imperialismus bedrohte Völker, vereinigt Euch im Kampf!
        <pb n="238" />
        Der Freiheitskampf der unterdrückten Völker
und die Gewerkschaften.
A den vielen Kommissionen, die in Brüssel zur Ausarbeitung der

Resolutionen der verschiedenen Länder tagten, verdient die Gewerk-
schaftskommission, die die Vertreter von 17 Gewerkschaftsorganisationen
mit einer Mitgliederzahl von 7962000 vereinigte, besondere Beachtung.

Es war zum ersten Male, daß Vertreter der europäischen Gewerkschafts-
bewegung mit den Vertretern der Gewerkschaften der kolonialen und halb-
kolonialen Länder eine revolutionäre Einheitsfront bildeten und sich mit
ihnen, in dem Befreiungskampf der unterdrückten Rassen und Klassen, soli-
darisch erklärten.

Einerseits beginnt die europäische Arbeiterbewegung einzusehen, daß sie
den Kampf um nationale Freiheit in den kolonialen und halbkolonialen Län-
dern um ihrer eigenen Befreiung willen unterstützen muß; andererseits er-
kennt die Arbeiterklasse der kolonialen und halbkolonialen Länder, daß ihre
Befreiung ohne die tatkräftige Unterstützung der Arbeiterschaft Europas und
der U.S. A. nicht möglich ist.

Die Resolution ist ein Bekenntnis zu der immer notwendiger werdenden
internationalen Gewerkschaftseinheit.

Resolution der Gewerkschaftsvertreter am Brüsseler Kongreß.

Die unterzeichneten Delegierten, die ı7 Gewerkschaftsorganisationen mit zusammen
7962000 Mitgliedern aller Rassen repräsentieren, versichern als Teilnehmer des Internatio-
nalen Kongresses gegen koloniale Unterdrückung und Ar alle unterdrückten
Völker der Erde, die im Kampfe für ihre Befreiung vom Joch des Imperialismus stehen,
ihrer völligen Solidarität. Sie verpflichten sich, diese Völker nach Kräften und mit allen
zur Verfügung stehenden Mitteln zu unterstützen.

Im Augenblick, wo die englischen Imperialisten täglich neue Transporte von Waffen,
Munition, Kriegsmaterial und Truppen nach China entsenden, im Augenblick, wo sie ihre
Flugzeuge und Kriegsschiffe ausschicken, um die chinesische Revolution niederzuschlagen,
weisen die unterzeichneten Gewerkschaftsvertreter darauf hin, daß das einzig wirksame
Mittel für die Bevölkerung der unterdrückten Länder zur Verhinderung des von den Impe-
rialisten vorbereiteten Krieges darin besteht, die nötigen Maßnahmen zur internationalen
Organisierung des Boykotts des Waffen- und Munitionstransportes und zur Entfesselung
des Generalstreikes zu treffen.

XV.
        <pb n="239" />
        204 Der Freiheitskampf der unterdrückten Völker und die Gewerkschaften.

Zu diesem Zweck muß in jedem Lande eine aktive Kampagne zur Popularisierung der
Anwendung von Teilstreiks und des Generalstreiks geführt werden. Die vom Kongreß gegen
koloniale Unterdrückung und Imperialismus gefaßten Beschlüsse und Resolutionen müssen
von der Gewerkschaftspresse der ganzen Welt veröffentlicht und in weitestem Maße unter
den Arbeitern in Stadt und Land verbreitet werden.

Angesichts der auf die Rivalität unter den verschiedenen imperialistischen Staaten der
Welt zurückzuführenden beständigen Kriegsdrohungen und zur wirksamen Unterstützung
des Freiheitskampfes der Völker für ihr Selbstbestimmungsrecht, proklamieren die Gewerk-
schaftsvertreter auf dem Kongreß gegen koloniale Unterdrückung und Imperialismus Jaut,
daß die internationale gewerkschaftliche Einheit heute mehr denn je notwendig ist. Sie
wenden sich an den Internationalen Gewerkschaftsbund in Amsterdam, an die Rote Ge-
werkschafts-Internationale in Moskau und alle anderen, den bestehenden Internationalen
nicht angeschlossenen Organisationen, und fordern sie im Namen der 7962 000 Gewerk-
schaftsmitglieder, welche sie vertreten, auf, aufs schnellste eine Vereinbarung für die
Schaffung einer einheitlichen Gewerkschafts-Internationale, welche die Gewerkschaften der
fünf Weltteile und die Arbeiter aller Rassen und Farben umfaßt, zu treffen.

Eine einheitliche Gewerkschafts-Internationale ist allein imstande, einen Damm Zu er-
richten, an welchem alle imperialistischen Kriegsversuche scheitern werden.

Die unterzeichneten Gewerkschaftsvertreter fordern die Gewerkschaften aller Länder
dringend auf, endgültig mit der gegenwärtig noch zwischen weißen und farbigen Arbeitern
bestehenden Trennung Schluß zu machen. Alle Arbeiter ohne Unterschied müssen in Ört-
lichem, nationalem und internationalem Maßstabe in den gleichen Gewerkschaftsorganisationen
erfaßt werden.

Das Gewerkschafts-, Koalitions-, Versammlungs- und Streikrecht, die Rede- und Presse-
freiheit müssen für alle Arbeiter der Kolonial- und Halbkolonialländer erobert werden.

Während die Arbeiter der unter imperialistischer Herrschaft stehenden Länder nicht
vergessen dürfen, daß das Gewerkschaftsrecht im offenen Kampf erobert werden muß,-so
müssen die Arbeiter und Gewerkschaften der imperialistischen Unterdrückungsländer gleich-
falls energisch kämpfen, um ihre Kapitalisten zu zwingen, den Arbeitern und Bauern der
Kolonien dieses Recht zu gewähren.

Die Trennung nach Rassen, Farben und Arbeiterkategorien, die nationale und inter-
nationale Spaltung der Gewerkschaftsorganisationen dienen nur den Interessen der Kapi-
talisten und Imperialisten, welche ihre Herrschaft nur wegen dieser Spaltung und wegen
der ungenügenden Organisierung der Arbeiter fortsetzen können.

Nieder mit der kapitalistischen Ausbeutung und der imperialistischen Unterdrückung!

Es lebe die Vereinigung der Arbeiter und der Unterdrückten der ganzen Welt!

Es lebe die internationale Gewerkschaftseinheit!

Für die englische Minoritätsbewegung: Harry Pollitt;

für die mexikanische Gewerkschaftskonföderation (C.R.O.M.): Edo Fimmen;

für die britische Bergarbeiterföderation: S. O0. Davies;

für die Unitarische Allgemeine Arbeitskonföderation von Frankreich: A. Herelet;

für den Allchinesischen Gewerkschaftsbund und die Streikkomitees von Hongkong und

Kanton: Chen Kuen;
für den Kwantunger Rat der Arbeiterdelegierten: Li Kuetsai ;
für die Internationale der Bildungsarbeiter: Vernochet;
für den Metallarbeiterverband von Kanton: Li Kuetsai;
für den belgischen Bekleidungsarbeiterverband: Liebaers;
für die südafrikanische Gewerkschaftsföderation (weiße Arbeiter): Daniel Colraine ;
für die Opposition in der südafrikanischen Gewerkschaftsunion (farbige Arbeiter)

A. La Guma;

für den Allchinesischen Metallarbeiterverband: Li Kuetsai;

für den mexikanischen Landarbeiterverband: Julio A. Mella;
für das Gewerkschaftskartell von Tampico (Mexiko) J. Martinez;
für den Gewerkschaftsbund von Venezuela: GC. Quijano;

für die Arbeiterföderation von Kuba: A. Sotomayor ;

für den nordamerikanischen Negerarbeiterkongreß: R. B. Moore.
        <pb n="240" />
        MO
Die „Kulturmission“ der abendländischen Völker.
Professor Dr. Theodor Lessing (Deutschland).

1 habe die Ehre, einige Gedanken vorzutragen. Ich spreche in deutscher

Sprache. Zuvor gestatten Sie, daß ich Ihnen einen merkwürdigen Gegen-
stand zeige: Hier diesen Stock, es ist ein Bambusrohr mit altem Griff, darin
stehen‘ die Initialen A. S. Das heißt Arthur Schopenhauer. Ich erhielt den
Stock durch Testament. Zuvor gehörte er einem Philosophen Indiens. Es
ist der Stock, den Arthur Schopenhauer trug. Das war ein großer deutscher
Philosoph, aber es war nicht ein Philosoph wie die übrigen, es war ein Philo-
soph, der die Welt gesehen hat. Mit einigen Sätzen dieses Denkers beginne
ich mein Referat:

„Wenn die Könige von Anam oder von Siam Missionare schicken würden
nach Europa, so hätte das Sinn. Daß aber wir uns berufen wähnen, das
Christentum und die christliche Kultur zu bringen den Hindu, den Parsen,
den Malaien, den Chinesen, das ist nicht nur unverschämt. Das ist ein Ver-
brechen. Die Weisheit der Vedas und Upanischads war da, lange ehe es
Dampfmaschinen und Lokomotiven gab. Der kleinste Rest Heidentum ist
lebendiger als unsere ganze christliche Kultur ... Wenn die Chinesen
sprechen würden: Wir sind die Lehrmeister der weißen Rasse, dann hätten
sie recht. Die Gedanken Kong-Fu-Tses und Mong-Tses sind niedergeschrieben
worden, lange bevor wir unsere Kanonen bauten, mit denen wir die Erde zer-
stören.“

Die Erde zerstören! ... Den Leib der großen Mutter zertreten. Längst
verschwunden und hingemordet ist fast die ganze Tierwelt Europas. Bär,
Wolf, Wisent, Elch, Biber, Marder und Otter. Demnächst auch: Eber,
Wiesel und Fuchs. Von mehreren tausend Vogelarten, die noch vor hundert
Jahren in Europa sangen, sind knapp 300 übriggeblieben. Ich habe die
Freude, hier ausgezeichnete Männer zu begrüßen. Sie haben eine weite Reise
gemacht. Und wenn ich bedenke, daß manche zum ersten Male nach Europa
kommen, und wenn ich mich in ihre Seele verseize, so glaube ich: Sie
kommen in ein Märchenland. Sie bewundern uns, Sie bewundern Europa.
Sie sehen hier Menschen vor sich, die sich tausend Wünsche erfüllen, welche

KV]:
        <pb n="241" />
        al, Die „Kulturmission“ der abendländischen Völker.
die schwarzen, braunen, gelben Menschen kaum noch kennen. Und alle
Wünsche erfüllen sich ganz ohne Verdienst. Man braucht nur auf Knöpfe
zu drücken. Man braucht nur einen Hebel zu ziehen. Heizung mit Dampf,
fließendes warmes Wasser den ganzen Tag, Kino, Lichtreklame, man ißt von
silbernen Schüsseln, man reist im Luftkahn oder man fährt im eigenen
Auto... Welche Wunder! — Sie alle wünschen in Ihren Ländern ebenso weit
zu kommen. Sie werden es... Aber Sie können nicht verstehen, was ich jetzt
sage: Dieses alles ist der Kadaver der Natur. Sie sind in einer Wüste von
lauter Artefakten. Da blüht kein Baum. Da blüht kein Strauch. Man liebt
nicht, man haßt auch nicht. Sie sind in den Ländern des lärmenden Todes.
Und um Sie herum überlebendig agieren Tote. Diese von der Mutter Natur
abgetrennten Toten bauen Mordwaffen. Mit diesen Mordwaffen ziehen sie
hinaus in alle Länder. Wo immer noch Lebendiges zu töten ist: Blumen oder
Bäume, Tiere und Menschen. In dem letzten Jahre 1926 haben wir Europäer
und Amerikaner 40 000 See-Elefanten erschlagen. Droben in der Antarktis.
Wir haben in den letzten Jahren in Australien, in Amerika 100 Millionen
Singvögel getötet. Dazu 200 Millionen Seevögel, damit unsere Frauen sich
Federn auf die Hüte stecken. An den Küsten Patagoniens erschlugen wir
im letzten Jahr 10 Millionen Robben. Erschlagen? Nein, das ist nicht prak-
tisch, man zieht den Lebenden das Fell vom Leibe. Sie sterben dann von
selbst. Unter tagelangen Qualen. Die Gesellschaft für rationellen Fischfang
in Kopenhagen, eine einzige Fischereigesellschaft, erbeutete im letzten Jahr
200000 Walfische. Die werden gleich an Ort und Stelle getötet und zerlegt.
400%/, Reingewinn. Auf der Insel Layson bei Hawaii, da haben wir im
letzten Jahr ı Million Albatrosse in Gruben gefangen, dann den Balg ab-
gezogen, dann verhungern lassen. Auf Madagaskar hat ein französischer
Lederhändler die ganze Jagd auf Krokodile und Alligatoren gepachtet. Er
hat alle ausgerottet, hat das Leder nach Amerika verkauft. Spielen Sie
Billard? Haben Sie einen Taschenkamm? Damit wir solche Gegenstände
haben, gebrauchen wir in Europa und Amerika in jedem Jahre 800 000 Kilo-
gramm Elfenbein. Das bedeutet den Tod von 50 000 indischen Elefanten, die
mächtigsten Geschöpfe der Erde. In Algeciras an der Küste Afrikas besteht
eine Aktiengesellschaft: Compania Ballerana in Sandy-Bai. Sie hat im
letzten Jahr 10 Millionen Robben gefangen. Ein gutes Geschäft! Eine
amerikanische Aktiengesellschaft gründete 1914 auf den Kerguelen eine
Betriebsstelle zur Jagd von See-Elefanten, Sie gewann so viel Tran, daß man
alle Märkte der Erde mit Fett versorgen konnte. Da kam der Krieg. Mit
dem Kriege Hungersnot. Was machen gute Geschäftsleute? Um ein gutes
Geschäft zu machen, schüttete man neun Zehntel aller Vorräte ins Meer.
Den Rest brachte man auf den Markt. Dank des Krieges mit einem Nutzen
von 1000°%/o. Das ist die christliche Kultur. Und da nun bald alle Wälder
abgeschlagen sind, alle Tiere getötet — so weit man sie nicht benutzen kann

56
        <pb n="242" />
        Professor Dr. Theodor Lessing. ar
für die Zwecke der Menschenwirtschaft —, so kommen nun an die Reihe:
die farbigen Völker. Einige davon haben noch Verwandtschaft mit außer-
menschlicher Natur. Die Indianer, die tapferen Negervölker Afrikas, die
Hindu, das uralte China.

Betrachten wir zuerst einige Fußspuren der europäisch-amerikanischen
Weltwirtschaft. Mehrere hunderttausend Russen, hunderttausend Armenier,
hunderttausend Albanier sind entlang dem Land Schan6 auf der großen
Karawanenstraße in die Wüste getrieben worden. Abgeschlachtet angesichts
der zeitungschreibenden Kulturwelt. Indes von allen Kanzeln der Christen-
heit die herrlichste Ethik gepredigt wird, welche die Erde kennt. 1922 haben
wir in Australien die Dampfpflüge mit Getreide geheizt, um die Frachtkosten
herabzudrücken und höhere Getreidepreise zu erzielen. In den Münzen von
Philadephia und New York lagerte bergehoch das Silber und das Gold. Weil
man die Goldstücke nicht alle benutzen konnte, so blieb nichts übrig, als sıe
zu bergehohen Klumpen einzuschmelzen. Was aber geschah währenddes in
Rußland? Eine Million Menschen verhungerte. Die Kinder fraßen ihre
Eltern. Die Eltern schlachteten ihre Kinder. In Deutschland war von 1919
bis 1921 eine große Sterblichkeit unserer kleinen Kinder. Ich habe Kinder
gesehen, die leicht zu retten waren, wenn man ihnen nur Milch gegeben hätte.
Aber wir hatten keine Milchkühe. Wir mußten sie nach dem Vertrag von
Versailles an Frankreich ausliefern. Um dieselbe Zeit aber hat Argentinien
ganze Pünderherden zu Büchsenfleisch verarbeitet. Da man es nicht aus-
führen konnte, so hat man Seife daraus gemacht.

An der Stätte, wo zwei der leuchtendsten Geister unserer weißen
Rasse über die Zukunft der Menschenwirtschaft gegrübelt haben —
Elise Reclus und Karl Marx —, in Brüssel sind wir zusammen-
gekommen, um zu fragen: Wie können wir die drohende Selbstzerstörung der
Erde verhindern? Die Selbstzerstörung durch die Mordtechnik des Kapitals
und der Zivilisation. Dennoch können wir alles retten! Aber ehe ich Ihnen
die positiven Wege zeige, will ich versuchen, das Problem zu formulieren:
Das Problem der Kolonisation, um das es sich für uns hier handelt. Ich
möchte aber bitten, daß niemand sich verletzt fühlt, wenn ich sachlich
schroff die Wahrheit sage: Wehe jedem Volke, das untreu wird seinen
autochthonischen Göttern, seiner Überlieferung, seiner Sprache, Schrift oder
Volkssitte, Volkstracht, Religion und seinem Mythos. Solche Völker sterben
aus. China steht im Begriff, Indien steht im Begriff, Afrika steht im Begriff,
sich selber untreu zu werden. Alle gelben, braunen, schwarzen Menschen
schweben dauernd in der Gefahr, sich zu verlieren an den Maschinenpark
Amerika und Europa. Sie sind hierhergekommen; Chinesen, Ägypter,
Perser, Sudanesen, Syrier, Inder, Mexikaner, um uns zu sagen: Wir sind freie
Männer. Wir sind so gut wie Ihr. Wir können auch, was Ihr könnt. Sind
ebenso klug, ebenso gelehrig, ebenso politisch. Das wissen wir! Aber...

20”
        <pb n="243" />
        6 Die „Kulturmission“ der abendländischen Völker.
Verzeihen Sie dieses Wort: Es ist ein wenig töricht, nein! Es ist ergreifend,
wenn heute der schwarze Mann, der braune Mann, der gelbe Mann beweisen
will: Ich bin ein guter Soldat, ein guter Techniker, ein großer Gelehrter, ein
kluger Rechner. Ihre Väter haben die Kultur Europas und Amerikas nicht
besessen. Nicht darum, weil sie das nicht konnten, was wir können. Nein!
Weil sie das nicht können wollten. Die Zukunft wäre hoffnungsfroher,
wenn sie nach Europa gekommen wären, etwa um uns zu sagen: „Wir
spucken auf Eure internationale Börse. Wir wollen nicht Eure Handelspoli-
ük und Eure Technik. Wir wollen nicht einmal Eure Bücher und Eure
Museen. Aber: Wenn sie das Verbrechen der Kolonisation — (und jede
Kolonisation ist Verbrechen) —, wenn Sie den Imperialismus bekämpfen
wollen, so haben Sie nur den einen Weg: Sie müssen uns mit unsern eigenen
Waffen schlagen. Sie müssen selber übernehmen die internationale Geld-
wirtschaft und die ganze Maschinenkultur Europas und Amerikas. Und dies
meine Herren ist nun das wahre Kolonisationsproblem. Alles andere bleibt
zuletzt eine edle Demonstration. Alle Völker, welche künftig nicht mehr von
Amerika oder Europa beherrscht werden wollen, müssen selber übergehen
zu einer rationellen Wirtschaft, zu der Handels- und Industriewirtschaft der
weißen Rasse. Tun Sie das aber, dann fällt Ihr alter Bauernstand dahin.
Dann verlieren die farbigen Völker alles, wodurch sie heute noch uns weiß-
häutige Menschen überlegen sind, alte Überlieferung und Volksglauben. Dies
ist die Sackgasse, die Zwickmühle, Double Moulin, darin sitzen die farbigen
Völker fest. Ja! Ich gehe weiter. Die alte Kultur Afrikas, Indiens und
Chinas hat heute noch einen einzigen Freund: den amerikanisch-englischen
Imperialismus. Es wird dahin kommen, daß die alte Sprache und Schrift,
die Volksbräuche und die Religion Chinas und Indiens von keinem im Lande
so geschätzt wird, wie von den Unterdrückern. Alle Kolonisationsmächte
lieben heiß die konservativen Völker. Alle Unterdrücker denken: Wenn wir
Euer Altertum lieben, so geschieht es, weil wir Euch beherrschen können, so-
lange Ihr Euch selber treu seid. Euer Volk soll dumm erhalten werden. Erst
wenn Ihr selber Konkurrenten werdet unseres Kapitals und unseres Impe-
riums, dann seid Ihr für uns gefährlich. Aber: Je mehr Analphabeten
China hat, je mehr Nigger die europäische Sprache nicht verstehen, je mehr
Hindu vor den Bäumen niederknien, statt Bäume abzuschlagen, je mehr
Buddhisten die Tiere für göttlich halten, statt die Tiere zu schlachten, um
so besser für die Unterdrücker. Eine Handvoll weißer Strolche, das übelste
Gesindel der Erde, herrscht über 150 Millionen braune und gelbe Menschen.
Sie haben ja keine Kanonen, keine Maschinentechnik. Ich wiederhole: Das
wahre Problem der Kolonisation ist dieses: gehen die farbigen Völker über zu
unseren Methoden der Erdausbeutung, dann werden sie schon in 50 Jahren
loskommen vom Imperialismus. Aber sie könnten bald genau dasselbe
werden, was wir sind, Sklaven der Maschinen. Ich möchte erinnern an einen

INS
        <pb n="244" />
        Professor Dr. Theodor Lessing. 209
Satz von Karl Marx: „Imperialismus? Was ist denn das? Es ist das, was alle
großen Staaten sind und alle kleinen Staaten gerne werden möchten.“ Es
wäre doch immerhin möglich: China, Japan gewiß, das vereinigte Afrika
(wenn es sich wirklich jemals einigen wird), vielleicht das neue Indien, wird
in 100 Jahren eine autonome Macht sein mit militaristischen Interessen und
expansiver Bevölkerungspolitik. Indem also die farbige Welt die kolonisie-
renden weißen Imperien bekämpft, wandelt auch sie selber sich um in mot
derne Militär- und Handelsstaaten. Militär- und Handelsstaaten aber sind
immer bereit, und müssen bereit sein, zu kolonisieren. Dann ist das länd-
liche alte Asien und Afrika verloren. Die Bauern, ja die Nomaden, werden
sich bald in Händler wandeln. Gehen aber die farbigen Völker diesen Weg
nicht, und wähnen sie etwa auf dem Wege des Protestes oder mit den Mitteln
des Wortes und des Geistes Nationalstaaten bekämpfen zu können, moderne
Imperien, welche Waffen haben, Kapitalmacht, organisierte Massen und die
Kraft der Maschinen, dann sind sie durchaus im Irrtum. Gegen die Technik
kann man nur mit Technik kämpfen. Gegen Kapital nur mit Kapital. Impe-
rialismus und Kapitalismus, das sind Schlagworte. Lebendige Mächte stehen
nicht hinter solchen Abstraktionen. Wer sich an bloßen Idealen berauscht,
ohne faktische und praktische Macht, der ist verloren. Die farbigen Völker
werden, wenn sie nicht eine größere Macht sind als ihre Unterdrücker, aus-
gerottet werden. Mit dem letzten Elefanten, mit dem letzten Urwald der Erde.
Oder sie müssen sich amerikanisieren und europäisieren. Also: Es heißt:
FarbigeVölker, tut, was Ihr wollt, verloren seid Ihr immer. So liegt das Pro-
blem. Gibt es eine Rettung? Können wir positive Ziele zeigen? Können wir
trotz allem Sieger werden? Ja! Wir können es! Es gibt völlig sichere
Rettung. Ich sehe drei Wege. Damit komme ich zum positiven Teil meines
Referates.

Was sollen wir nun tun?

Hören Sie einige Zahlen. Es leben gegenwärtig auf der Erde 1800 Mil-
lionen Menschen; davon sind 720 Millionen weißhäutig, also europäischen
Blutes. Vor hundert Jahren, 1830, gab es auf der Erde nur 900 Millionen
Menschen. Davon waren 175 Millionen europäischer Abkunft. Das be-
deutet, das Menschengeschlecht hat sich während der letzten hundert Jahre
verdoppelt. Diese Verdopplung ist fast allein zu buchen zugunsten der ra-
tionell wirtschaftenden abendländischen Bevölkerung. Während vor hundert
Jahren etwa ein Sechstel der Menschheit weißhäutig war, ist es heute schon
mehr als ein Drittel. Welche Folgen hat dieser Bevölkerungswandel für die
Erde? Die Erde hat 136 Millionen qkm Flächenraum. Würde die Vermehrung
der abendländischen Menschheit im nächsten Jahrhundert genau so weiter-
gehen, wie sie im letzten Jahrhundert vor sich ging, dann würde nach aber-
mals hundert Jahren auf je 100 qkm Bodens ı europäischer Mensch sitzen.
Europa und Amerika würden bald etwa so dicht bevölkert sein, wie z. B.

Das Flammenzeichen vom Palais Egmont. .

14
        <pb n="245" />
        “4 Die „Kulturmission“ der abendländischen Völker.

das Waesland zwischen Gent und Antwerpen, wo etwa 300 Menschen auf
ı qkm Boden sitzen. Daß aber so übervölkerte Gegenden kolonisieren
wollen, kolonisieren müssen, ist selbstverständlich. Ebenso selbstverständ-
lich aber auch dies: es wäre ein Wahnsinn, wollte man dem europäischen
Ameisenhaufen gestatten, sich unbegrenzt über die ganze Erde hin zu ver»
mehren, etwa unter dem Vorwand, wir seien durch Gott und Jesus dazu be-
rufen, den farbigen Rassen unsere sogenannte Kultur zu bringen, d. h., sie
für uns arbeiten zu lassen, so wie Ameisen sich Blattläuse ziehen. — Nein!
Wohin führt denn das? Alle Länder der Erde wimmeln schon von diesem
weißhäutigen Gesindel, das alles kann, alles macht und gar nichts ist, das
alle Freuden der Technik, der Industrie und des Kapitals genießt und eine
völlig verödete leere Seele hat. Dies ist der Kern der europäischen Kultur.
Die Menschen bauen hier höher, als sie selber steigen können. Ihre Werke
werden immer lebendiger, sie selber sind lebensverarmt. Das Werk ist mehr
als die Seele, welche das Werk baut. Also Bevölkerungspolitik! Gelingt es
nicht, die blinde Vermehrung der europäisch-amerikanischen Rasse einzu-
dämmen, dann können wir auch nicht die Wachstumsausträge der Nationen
verhindern. Es wird dann dahin kommen, daß zuerst die unnötigen Tiere und
Pflanzen ausgerottet werden und daß sodann alle Völker darangehen, sich
gegenseitig zu zerfleischen. Sieger ist dasjenige Volk, das die meisten Söhne hat
und die größten Kanonen. Aber das Zeitalter der Nationalpolitik ist vorüber.
Eine Weltpolitik wird kommen. Denn, wenn es uns heute möglich ist, auch
die kleinsten und fernsten Inseln im Südmeer dem Kalkül zu unterwerfen,
um sie auszubeuten, dann ist es auch möglich, das kleinste und fernste‘
Volk dem Kalkül des Geistes zu unterstellen, um es aufzubauen und in seiner
Eigenart zu erhalten. Denn zur Freude ist der Mensch geboren. Nur zur
Freude und jeder Mensch. Es ist möglich, die europäisch-amerikanische
Menschenzahl bewußt einzuschränken. Es ist auch möglich, Schutzzonen zu
stiften für Tiere und Pflanzen vor der Zivilisation, Freiheit und Unabhängig-
keit zu schaffen für die Bewohner Polynesiens, für die Stämme Südafrikas,
für Afghanistan, für die Hindus, für China. Gegenwärtig gibt es für die
ganze Erde nur eine einzige, wirkliche Gefahr, das ist die weiße Gefahr. Wer
das erkennt, muß fordern: die Vermehrung der weißen Rasse muß unbedingt
eingeschränkt werden. Nur der Imperialismus hat ein Interesse daran, daß
viele Menschen geboren werden. An sich ist es für den Wert einer Nation
völlig gleichgültig, ob sie aus vielen oder aus wenigen Menschen besteht.
Also — Beschränkung der europäisch-amerikanischen Menschenzahl, das ist
die erste Forderung.

Die zweite Forderung ist: rückläufige Kolonisation, colonisation retro-
verse, Was heißt das? Die Erde kannte bisher nur Völkerverschiebungen zum
Zwecke der Ausbeutung von Erdschätzen oder von Arbeitskräften. Es ist not-
wendig, daß Amerika und Europa endlich missionarisiert werden. Zunächst

210
        <pb n="246" />
        Professor Dr. Theodor Lessing. 211
sollen die farbigen Völker ihre fähigsten jungen Menschen hierher schicken,
nicht nur, damit sie lernen, wie man Dampfmaschinen baut, Turbinen anlegt,
Radio und Elektrizität ausnutzt, Berge abbaut, die Luft beherrscht und das
Meer ausnutzt — nein, Inder, Chinesen, Perser, Negervölker sollen als Lehrer
kommen und den ganz abscheulichen Hochmut des weißen Kulturkreises
brechen. Denn was wissen die Menschen voneinander? Gar nichts! Es wäre
gut, wenn die Amerikaner und Engländer niederknien lernten vor den Göttern
im Wasser, vor den Göttern im Winde. Das Christentum kennt nur einen
Gott, und das ist der Mensch. Gott ward Mensch, das ist das ganze Geheimnis
der westlichen Kultur. Aber von manchen Menschen Asiens und Afrikas
können wir noch lernen; der Mensch ist es nicht, es gibt auch außermensch-
liche Mächte, kosmische Gewalten. Wir haben uns ihnen verfeindet, denn wir
kaukasischen Menschen sind wie Kinder, die sich nicht damit begnügen, die
Milch der Mutter zu trinken, wir trinken der Mutter Erde gleich das ganze
Blut weg. Ich wünschte, es gäbe bei uns Schulen, wo Brahmanen, Buddhisten,
Lehrer des Tao, Lehrer des Korans, des Zendavest auf die Jugend ein-
wirkten. Luftschiffe und Elektrizität haben die ganze Erde mit einem Netz
von Verbindungen überzogen. Warum nicht auch ein Netz der Seele? Erst
seit kurzem empfindet man Europa als Einheit. Wir wollen die Erde als
Einheit empfinden. Dazu müssen viele farbige Männer über das Meer
kommen.

Drittens, nun kommt das Wichtige. Sie sehen hier an den Wänden überall
zwei Aufschriften, die sich scheinbar widersprechen: Liberte nationale und
6galit6 sociale. Fassen wir das zusammen auf die Formel: Libert@ nationale
par l’6galite sociale!

In einem großen Häuserblock wohnen 300 Proletarierfamilien. In der
Küche am Herd stehen in 300 Küchen jeden Tag 300 geplagte Frauen, und
alle 300 Frauen kochen täglich auf 300 Herden dieselbe Suppe. Abends
kommen die müden Männer von der Arbeit. Dann nimmt jeder sein Bad und
liest die Zeitung. 300 Zeitungen werden in das Haus gebracht. Immer dieselbe
dumme Zeitung. Eines Tages steht ein kluger Mann auf und sagt: Kamera-
den, ich habe dies Leben satt. Warum kochen denn unsere 300 Frauen immer
dieselbe Suppe, bauen wir doch einen Herd für alle. Wir sparen Kohle, und
mit weniger Kohle kann der eine Herd 300 Suppen kochen, und jeder von
uns kann sich aussuchen, was er essen will. Und warum liest jeder von
uns immer die eine dumme Zeitung? Wir können für dasselbe Geld jeder
eine andere Zeitung halten. Wir legen dann alle Zeitungen aus in einem ge-
meinsamen Raum, und jeder mag lesen, was er lesen will.

So sprach der kluge Mann. Wie nennt man das, was der Mann da an-
empfiehlt? Man nennt das Kommunismus. Er sozialisiert, aber er sozialisiert
nicht, um die einzelnen Menschen in eine Zwangskaserne zu stecken, um zu
nivellieren. Nein! Umgekehrt! Er will sie frei machen. Sie sollen nicht als
[4
        <pb n="247" />
        DT Die „Kulturmission“ der abendländischen Völker.

Sklaven am Herde stehen. Der eine Herd soll für sie alle kochen. Was ich
sagen will, ist dieses: Will man „libert6 nationale“, so geht es eben nur durch
„6galit6 sociale‘; Ich erwarte für die Lösung der Kolonisationsfrage gar nichts
von den Politikern. Diese sind so praktisch, daß sie vor lauter Praxis unprak-
tisch werden. Ich erwarte nichts von den Ministern. Nichts von Generälen,
Vollends nichts von Gelehrten und Literaten. Ich habe so viele Regierende
gesehen, daß ich gelernt habe: auch die Mächtigsten irren. Irren ist mensch-
lich. Und auch wir alle hier können heute irren. Aber ich erwarte alles von
der Macht der Organisation, wenn diese allen Subjektivismen und Nationalis-
men entrückt ist. Es gibt ein chinesisches Sprichwort, das heißt: „In Peking
ist die Wahrheit keine andere als in Nanking.“ Das soll besagen: es gibt nicht
eine Logik für den Norden und eine andere Logik für den Süden. Es gibt
nicht eine Wahrheit, die gilt für Asien und eine andere Wahrheit, die gilt für
Europa. Es gibt nur die eine Logik, nur die eine Wahrheit. Sie gilt für alle,
welche denken. Also: es muß eine Organisation geben, die entrückt ist aller
Willkür der Nationalität und der subjektiven Überzeugung. Damit komme
ich zum Schluß. Ich habe vor Jahren die Theorie aufgestellt und bewiesen,
daß der Anfang aller Technik der Mord ist. Die Technik begann mit den künst-
lichen Methoden des Fischfangs und der Jagd und des Tötens der Beutetiere.
So wird auch der Mord das Ende der Technik sein. Die Physik Europas steht
unmittelbar vor einer großen Wende. Es ist soeben den englischen Physikern
gelungen, durch künstliche Vorrichtungen das chemische Atom zu spalten.
Damit eröffnen sich ganz neue unbegrenzte Möglichkeiten für die europäisch-
amerikanische Technik. Es dürfte nämlich irgendwann einmal dahin kommen,
daß eine einzelne Person, welche die Methoden der modernen Physik und
Chemie beherrscht, den Versuch machen kann, eine ganze Stadt, ja schließ-
lich die ganze Erde in die Luft zu sprengen. Das klingt Ihnen phantastisch, ja
es klingt lächerlich. Aber es ist so. Es wird an einem nicht allzu fernen
Tage technisch möglich sein, und dann ist der Punkt erreicht, wo notwendig
ein die ganze Erde übergreifender Kommunismus einsetzen muß, es wird
nämlich bald schon unvermeidlich sein, gewisse Mordwerkzeuge und ge-
fährliche Stoffe der Kontrolle der Staatsvernunft zu unterstellen. Nehmen
Sie nur dies eine einfache Beispiel. Ein einzelner Abenteurer, ein Räuber-
hauptmann namens Cortez, ist mit einem Rudel Spießgesellen nach
Südamerika hinübergefahren und hat das ganze Reich der Inka zerstört.
Warum? Die Mordbuben hatten ein paar Kanonen. Mit denen konnten sie
leicht Menschen, die wie Blumen lebten in kommunistischen Gemeinschaften,
wehrlos zusammenschießen. Heute ist es so weit, daß ein einzelner gewissen-
loser Großunternehmer, wenn er Riesenkapital und die Waffe der Technik
benutzt, leicht eine ganze Stadt von der Erde fortrasieren könnte. Da wird es
denn doch nötig, an die Expropriation der Expropriateure zu denken. Eine
solche Technik darf eben nicht mehr einer einzelnen nationalen Gruppe zu-

919
        <pb n="248" />
        Professor Dr. Theodor Lessing. 913
gehören. Sie muß in den Dienst der gesamten Erde treten. Denn gelingt es
nicht, das Großkapital, die Waffen und die Maschinen in den Dienst der
Gemeinschaft zu stellen und ihre Verwertung der objektiven Vernunft zu
übergeben, was wäre die Folge? Ein großes Wettrüsten aller Völker der Erde.
Eine ungeheure Vermehrung der Technik des Mordens. Dabei würden die
Sieger verbluten und die Besiegten. Was wir in Europa erlebten und Welt-
krieg nennen, das war nur ein ganz schwacher erster Auftakt. England baut
heute neue Kanonen, Deutschland braucht heute neue Kanonen. Frankreich
braucht neue Kanonen, Japan braucht Kanonen, Indien braucht Kanonen,
Afrika braucht Kanonen. Und: es kommt der Tag, wo alle diese Kanonen
losgehen. Ganz von selber. Ich fasse zusammen: Ich sehe nur drei
Wege.

. Geopolitische Bevölkerungspolitik. Bewußte Bevölkerungspolitik für
die ganze Erde, wobei notwendig ist, daß die weiße Rasse ihre Vermehrung
einschränkt und ihre Expansionsideale verliert.

2. Rückläufige Kolonisation, „colonisation retroverse‘‘. Solange noch Ein-
wanderung weißer Leute in die Länder der farbigen Völker gestattet ist,
müssen auch umgekehrt die farbigen Rassen ohne jede Beschränkung Frei-
zügigkeit haben. Gegenwärtig z. B. China und Japan für Australien.

3. Libert@ des nations par 6galite sociale. Also: Sozialisierung gefahr-
drohender Techniken im Dienste des Völkerfriedens. Entnationalisierung des
Baues von Mordmaschinen. Internationale Instanzen zur Verfügung über die
völkergefährdenden Mittel der Technik.

Diese Zukunftspläne, wie sind sie erreichbar? Der nächste Schritt ist die
Weltorganisation aller unterdrückten Nationen im Bunde mit der Inter-
nationale der unterdrückten Klasse, also des Proletariats. Wir müssen ge-
loben, überall praktische Organisationen zu schaffen, die das Ziel haben, die
unterdrückten Völker der Erde zu verbinden. Dieser Kongreß hat gezeigt,
daß eine ungeheure Zusammenfassung der unterdrückten Nationen kommen
wird. Not schmiedet sie zusammen. So verschieden wir hier sind. Verschie-
dener Hautfarbe, Typus und Charakter, unser Ziel ist dasselbe Licht. Kommen
wir nach einigen Jahren wieder zusammen, dann wird sich bereits gezeigt
haben, daß der Weltpolitiker heute noch ein Theoretiker, morgen der einzige
Praktiker sein wird, heute noch verlacht, morgen der einzig Mächtige. Und
dann werden auch hier sein alle, die heute leider noch fehlen. Gewiß die
verschiedenen Stämme Chinas, Indiens und der Negervölker sind hier vertreten.
Aber auch die Indianer, auch die Parsen, auch die Juden, auch die edlen Sam-
länder, auch die Liven, die Esten, die Quänen, auch die 30 000 Eskimo, die
Slowenen und Slowaken, die stolzen Berber, die Beduinen der Sahara, aber
auch die Buschmänner der Kalahari, Herero, Papua, Feuerländer, Hotten-
totten, Tataren, Mongolen ... sie sind alle unsere Brüder. Wir sind eine un-
geheure Macht. Alles, was noch gesund ist auf der Erde, ist mit uns im Bunde.
        <pb n="249" />
        214 Die „Kulturmission“ der abendländischen Völker.
Und zuletzt, wie könnte man uns je besiegen? Die Natur selber ist mit uns im
Bunde. Denn die ganze Natur ist bedroht durch die Expansionspolitik der
weißen Rasse. Mit uns im Bunde die Tiere auch und die Pflanzen, das Luft-
reich und das Meer und selbst das Reich der Sterne:

Denn unser aller Heimat ist das Licht,

zu dem wir pilgern auf getrennten Wegen
        <pb n="250" />
        XVII
Die Gründung der Liga gegen Imperialismus
und für nationale Unabhängigkeit.

Die Notwendigkeit der Schaffung einer solchen Weltorganisation be-
gründet das Mitglied des deutschen Reichstages

Willi Münzenberg (Deutschland).

5» Kongreß, der seit einigen Tagen in Brüssel tagt, wurde lebhaft um-

stritten, schon bevor er zusammentrat. Es war vor einem Jahre, als einige
Freunde in London und Paris, später auch in Brüssel und Deutschland, den
Gedanken aufnahmen, die unterdrückten Völker und alle Vereinigungen, die
im Kampf um ihre Befreiung stehen, zu einem Kongreß zusammenzurufen.
Dieser Gedanke wurde anfänglich belächelt, seine Durchführung für un-
möglich erklärt.

Nur einzelne waren es, die optimistisch genug waren, an dieses Vorhaben
zu glauben und daran gingen, es zu verwirklichen.

Einige Tage des Kongresses sind hinter uns, und, wie so oft, konnte man
feststellen, daß auch diesmal die Optimisten, die Gläubigen, Recht behalten
haben. Was auch immer noch kommen mag, eins steht fest, der Kongreß in
Brüssel — der erste Kongreß gegen Imperialismus und für nationale
Unabhängigkeit — ist ein voller Erfolg. Der Besuch und der Ver-
lauf des Kongresses hat die kühnsten Erwartungen übertroffen. Die Man-
datsprüfungskommission hat ihre Arbeit beendet und festgestellt, daß
174 Delegierte anwesend sind, darunter allein 104 von Kolonialgruppen
und Organisationen aus unterdrückten Ländern. Unser Kongreß ist in seiner
Zusammensetzung einzigartig in der Geschichte der Arbeiterbewegung und
der nationalen Freiheitsbewegung. Zum ersten Male treffen sich auf einem
Kongreß Delegierte aus den verschiedensten Erdteilen, Vertreter verschiede-
ner Rassen, verschiedener Religionsgemeinschaften, verschiedener politi-
scher Überzeugung, verschiedener Weltanschauung. Nur ein großer; gemein-
samer Gedanke bindet die so verschiedenartigen Gruppen und Kreise, der Ge-
        <pb n="251" />
        216 Die Gründung der Liga gegen Imperialismus und für nationale Unabhängigkeit,
danke, daß sie als die große Masse der Unterdrückten zusammengehören und
daß nur in einer gemeinsamen Arbeit, in einem gemeinsamen Kampf die ge-
meinsame Not beseitigt werden kann.

Das war es, was die Delegierten nach Brüssel führte, das klang aus allen
Reden, Ansprachen, Referaten wieder. Alle, die wir hier versammelt sind, ob
schwarz oder gelb, ob braun oder weiß, ob politisch oder religiös eingestellt,
erklären: wir sind hierher gekommen, um gemeinsam eine mächtige Waffe
zu schmieden gegen den gemeinsamen Feind, den Imperialismus, der uns all-
überall in gleicher Weise unterdrückt, in Europa wie in Asien, in Afrika wie:
in Amerika.

Das Interesse, das der Kongreß gefunden hat, geht aber weit über den
Rahmen der hier anwesenden Delegierten hinaus. Der Besuch des Kongresses
spiegelt nicht den ganzen Umfang, den die Bewegung der Liga gegen Impe-
rialismus heute angenommen hat, wieder. Viele Delegierte wurden von
starken Organisationen gewählt, konnten aber Brüssel nicht erreichen. Ent-
weder waren ihre Reisevorbereitungen zu spät getroffen oder, was meistens
der Fall war, Polizei und Regierung verhinderten die Ausreise. Dazu
kommen finanzielle Schwierigkeiten. Die einzelnen Delegationskosten mußten
durch Sammlungen unter den mit unserer Bewegung sympathisierenden Ar-
beitern aufgebracht werden. Umso größer ist der Erfolg zu veranschlagen,
daß es gelang, trotz aller Schwierigkeiten und Erschwerungen fast 200 Dele-
gierte in Brüssel zu vereinigen. Selten hat ein Kongreß getagt, der so ver-
schiedenartige Gruppen und gleichzeitig so autoritative Vertreter vereinigte,
wie der Brüsseler Kongreß. Wir haben in unserer Mitte die Delegierten der
chinesischen Nationalregierung begrüßt, der chinesischen Kuomintang-
Partei, der chinesischen Gewerkschaften, die Vertreter der chinesischen
Volksarmee, der stärksten Volksarmee, die in den letzten Monaten mit bei-
spielloser Hingabe für die Befreiung ihres Volkes kämpfte. Zum ersten-
mal haben sich die chinesischen Vertreter mit autoritativen Vertretern des
indischen Volkes getroffen. Es ist ein historischer Moment, daß sich der Ver-
ireter des Allindischen Nationalkongresses, unser Kamerad und Freund
Jawahar Lal Nehru, mit den chinesischen Vertretern und mit den Delegierten

anderer Länder und Erdteile auf dem Kongreß in Brüssel eingefunden hat
und sie sich brüderlich die Hände reichen. Die Vereinigung der chine-
sischen und indischen Delegierten ist einer der wichtigsten und größten Er-
folge weltgeschichtlicher Bedeutung unserer Tagung. — Aber auch aus
Südafrika sind drei Delegierte zum Kongreß geeilt: Colraine vom süd-
afrikanischen Gewerkschaftsbund und zwei Delegierte der Negerorganisa-
tionen,

Fast in keinem Lande ist der Kampf zwischen schwarzen und weißen
Arbeitern so erbittert wie in Südafrika. Der lachende Dritte ist der Impe-
rialismus. Der Brüsseler Kongreß wird dazu dienen, diese Gegensätze
        <pb n="252" />
        Willi Münzenberg. 917
zu überbrücken helfen und die weißen und schwarzen Arbeiter in eine ge-
meinsame Front gegen den gemeinsamen Feind zusammenzufassen.

Wir haben Vertreter von den mittel- und südamerikanischen Ländern,
aus Mexiko sind drei Delegierte anwesend, darunter Vertreter der mexi-
kanischen Gewerkschaften, der mexikanischen Bauernorganisation, die allein
eine Million Mitglieder zählt. — So haben sich zusammengefunden die Ver-
treter der stärksten Organisationen aus den drei, heute in der Geschichte
entscheidenden Ländergruppen: China, Indien und Mexiko — Latein-
Amerika.

Außer den Vertretern der unterdrückten Völker sind Vertreter der wich-
tigsten Organisationen Europas zum Kongreß gekommen, die bereit sind,
den Kampf, den die Unterdrückten in den kolonialen und halbkolonialen
Ländern führen, in den europäischen Heimatländern des Kapitalismus zu
unterstützen.

Die Gruppe der europäischen Vertreter weist ebenfalls Delegierte der
verschiedensten Richtungen und Parteien auf. Delegierte der pazifistischen
Organisationen, der Friedensliga und der Liga für Menschenrechte sitzen
zusammen mit Kommunisten, Sozialisten und den Vertretern größerer euro-
päischer Gewerkschaften und Arbeiterparteien, Mit demselben Beifall, mit
dem der Kongreß die Vertreter der Kuomintang-Partei und Vertreter der
chinesischen Armee empfing, hat gestern der Kongreß den Vertreter der
Labour Party, unseren Kameraden und Freund Lansbury, begrüßt und den
Sekretär des Amsterdamer Gewerkschaftsbundes herzlich empfangen. Jeder
fühlte, daß derjenige, der hier sprach, ganz gleich wie er sonst steht, ernst-
lich bereit ist, an dem großen Werke der Befreiung der Millionen unter-
drückter Arbeiter und Bauern zu helfen. Durch 17 Delegierte sind auf dem
Kongreß allein 8 Millionen gewerkschaftlich organisierte Arbeiter vertreten
und durch 174 Delegierte fast ı Milliarde Menschen.

Eine führende rechtsstehende Zeitung Brüssels, „La Gazette‘, hat einen
äußerst scharfen Artikel gegen den Kongreß geschrieben und unter anderem
erklärt, daß sich in Brüssel einige Dutzend Leutchen zusammengefunden
hätten, um den Völkerbund zu imitieren. Die Leute dürften eine Überraschung
erleben. Heute freilich sind wir trotz des großen Besuches und trotz aller
Stärke im Verhältnis zu der imperialistischen Macht noch klein und schwach,
Unsere Gegner beherrschen dank der technisch auf das beste ausgerüsteten
Massenheere den größten Teil des Erdballs. Aber heute schon kann man er-
kennen, daß unsere Gegner die Höhe ihrer Macht erklommen haben und sich
teilweise bereits auf der absteigenden Linie befinden. Wenn auch heute noch
große Teile der Erde von dem Völkerbund beherrscht werden, dieser euro-
päischen G.m. b. H. des Imperialismus, so wird doch die Zukunft den-
jenigen Völkern und Organisationen gehören, die heute auf dem Brüsseler

Kongreß vertreten sind, Die Entwicklung der nächsten Jahrzehnte wird
        <pb n="253" />
        218 Die Gründung der Liga gegen Imperialismus und für nationale Unabhängigkeit.
lehren, daß die Mitglieder, Delegierten des Brüsseler Kongresses, eine größere
politische Tat für die Zukunft geleistet haben, als die Leute im Genfer
Völkerbund. Was heute noch ein Hoffen und ein Sehnen ist, wird in
wenigen Jahrzehnten, und gerade mit Hilfe des Brüsseler Kongresses und mit
Hilfe der Weltliga gegen den Imperialismus und für nationale Unabhängig-
keit, Wahrheit werden. Die durch uns vertretenen Nationen, Klassen, Rassen
und Organisationen werden in späteren Tagen die Schöpfer eines wirklichen,
den ganzen Erdball umspannenden Völkerbundes sein.
Ich wiederhole, der Demonstrationserfolg des Kongresses steht heute
schon absolut fest. Die Parole unseres ernstesten Gegners, des englischen
Imperialismus, war Totschweigen. Es wurde die Losung an die sogenannte
große Presse ausgegeben, keine Zeile über unsere Tagung zu bringen. Das ist
unmöglich gewesen. Unsere Demonstration war so stark und mächtig, daß sie
diese Parole zunichte machte. Die Presse mußte berichten. In den letzten Tagen
waren die großen Blätter in Brüssel, Paris, London und Berlin gezwungen,
von unserer Tagung Kenntnis zu geben und sich mit uns auseinanderzusetzen
und uns anzugreifen. Das ist der erste große Erfolg unserer Tagung. Man
kann uns nicht mehr totschweigen. Die englische Presse mußte mitteilen,
daß nicht weiter als einen guten Kanonenschuß von England entfernt die
Vertreter der englischen Arbeiterklasse und Arbeiterbewegung sich mit den
Vertretern des chinesischen Volkes und der chinesischen Freiheitsarmee
umarmten und gegenseitig Waffenbrüderschaft gelobten. Das war eine
Demonstration, die hörbarer war als der stärkste Kanonenschuß, der jemals
aus einer Kanone imperialistischer Heere gegen die unterdrückte Klasse
abgefeuert wurde. Der Demonstrationserfolg des Kongresses hat
auch dazu geführt, daß eine Organisation, die sich international nennt,
aber bisher nur auf Europa beschränkte und in der Hauptsache sozial-
demokratische 'Exminister vereinigte, sich ebenfalls gezwungen sah, wenn
auch nur zu dem Zweck einer neuen Täuschung, zu den aktiven F ragen der
nationalen Freiheitskämpfe Stellung zu nehmen. Bekanntlich hat die II. In-
ternationale auf ihrem letzten internationalen Kongreß in Marseille es ab-
gelehnt, klar zu den Fragen der Kolonien Stellung zu nehmen. In ihrer
Sitzung in Paris mußte sie aber unter dem Eindruck des Brüsseler Kongresses
wenigstens so tun, als ob sie sich mit dieser Frage beschäftigen wolle. Unser
Kamerad Brockway, der von unserer Tagung nach Paris fuhr, hat in einer
guten Attacke die bisherige Lauheit der IT. Internationale angegriffen. Es ist
eine derbe, aber wohlverdiente Züchtigung, die diese Konferenz erfuhr. Noch
einmal: Wir leben, wir zwingen die Umwelt, sich mit uns zu beschäftigen,
und das ist die Voraussetzung zu einer weiteren, breiteren und erfolgreichen
Tätigkeit. Aber es würde uns wenig befriedigen, wenn wir nur einen bloßen
Demonstrationserfolg hätten. Wir wollen mehr. Wir wollen, daß der Kon-
greß die Einleitung sei und werde zu einer großen, dauernden erfolgreichen
        <pb n="254" />
        illi Münzenberg
rbeit, zur Unterstützung aller nationalen Freiheitskämpfe. Wir sind über-
eugt, daß es uns gelingen wird, auch diese Aufgabe zu lösen.

Woher kommt es, daß trotz des Fehlens einer internationalen Organi-
ation, trotz ungenügender Vorbereitung, trotz Mangel jeglicher Finanzen ein
erartig guter Besuch unseres Kongresses erzielt wurde? Es gab keine inter-

nationale Organisation, ja es gab nur kümmerliche Ansätze nationaler Komi-
ees. Die Einladungen zu dem Brüsseler Kongreß erfolgten durch einzelne
Personen und ganz kleine Gruppen, und trotzdem dieser Besuch, trotz-
dem fast 200 Delegierte aus allen Erdteilen. Warum? Weil die Frage
des Kampfes gegen den Imperialismus, die Frage der nationalen und kolo-
nialen Freiheitskämpfe die brennendste, die aktuellste Frage der Welt-
oolitik ist. Warum das Interesse für eine Vereinigung, warum das
Interesse an der Schaffung der Liga gegen Imperialismus, gegen Kolonial-
errschaft und für nationale Unabhängigkeit? Weil nach einer solchen Ver-
einigung heute Millionen, fast eine Milliarde, unterdrückter, national un
sozial beherrschter Menschen schreien. Die sozialistische Arbeiterbewegun
urde geboren, nachdem durch die Entwicklung des Kapitalismus, durc
seine Maschinen, Fabriken, die ökonomische Voraussetzung zur Bildung der
ungeheuren proletarischen Massen gegeben und durch das Zusammenpresse
on Millionen Proletariern in konzentrierten Industrieorten die Voraussetzun
zum Erwachen ihres Klassenbewußtseins, und damit zu ihrer Organisierung,
geschaffen war. Die Völker, deren Länder im letzten Jahrhundert von den
Kapitalisten als Absatzmärkte und Kolonisationsobjekte behandelt wurden,
hat der Imperialismus in eine neue Phase gedrängt. Sie beginnen selbst, wie
hina und Indien, Fabriken zu schaffen, ein Prozeß, der durch den Welt-
krieg ungeheuer gefördert wurde. Mit der Änderung des Produktionspro-
zesses, mit der veränderten weltwirtschaftlichen Lage begann die Änderung
hrer politischen Lage, begann das Erwachen des nationalen Bewußtseins,
das Verlangen, als selbständige, unabhängige Nation ihr wirtschaftliches
politisches und kulturelles Leben zu formen. Dieser Prozeß verschärft sic.
on Jahr zu Jahr und kann nur mit der Abschüttelung des ausländischen
imperialistischen Joches und der Befreiung der unterdrückten Nationen
enden. Diese weltbedeutungsvolle Änderung, das ist die wirkliche
Ursache des überraschend glücklichen Verlaufes unserer Konferenz, Unsere
Konferenz brauchte keine Regisseure, wie einzelne Zeitungen glauben
hämisch bemerken zu müssen. Die Leiden der Arbeiter und Bauern in China,
Indien, Afrika und Mittelamerika sind überall die gleichen, und überall ist
der gleiche Wille, sie zu beseitigen. Es bedarf weder deutscher Kommunisten.
noch russischer Bolschewiki, um die  Unterdrückten des Imperialismus
zusammenzuführen. Sie werden zusammengebracht durch die gleiche Not
nd durch den gleichen Willen, sich von dieser Not zu befreien und ihren
gemeinsamen Gegner im gemeinsamen Kampf zu N

21.
        <pb n="255" />
        220 Die Gründung der Liga gegen Imperialismus und für nationale Unabhängigkeit.
Trotz des vortrefflichen Verlaufs und der starken Beschickung ist es
doch nur eine Vorkonferenz, d.h. die Einleitung zu einer noch stärkeren,
breiteren Bewegung, die in wenigen Jahren einen noch mächtigeren Kongreß
organisieren wird. Mit dem heutigen Tage wird ein neues Blatt in der: Ge-
schichte der Arbeiterbewegung und der nationalen F reiheitsbewegung
aufgeschlagen. Mit dem heutigen Tage beginnt die Geschichte der
Liga gegen Imperialismus, gegen Kolonialherrschaft und für natio-
nale Unabhängigkeit. In mehrtägigen Verhandlungen haben die 30 Mit-
glieder des Präsidiums, d. h. die Führer der am Kongreß weilenden
Delegationen, darunter die Vertreter der chinesischen Volksregierung, der
chinesischen Kuomintang, der chinesischen Gewerkschaften, des Allindischen
Nationalkongresses, des südafrikanischen Gewerkschaftsbundes, des mexi-
kanischen Gewerkschaftsbundes usw. getagt, und das Resultat ist, daß wir
ihnen und der Welt heute mitteilen können: Die Liga gegen Imperialismus
und für nationale Unabhängigkeit ist geschaffen. Einstimmig wurde heute
Nachmittag die Gründung der Liga beschlossen. Die Liga gegen Im-
perlalismus und für nationale Unabhängigkeit besteht. Alle Parteien
und Organisationen, die durch Delegationen und Vertreter an den
Verhandlungen teilnahmen, haben einstimmig der Gründung zugestimmt.
In großen Umrissen ist das Statut und das Programm entworfen und
in wenigen Stunden wird es unter Sie verteilt werden. Der ent-
scheidende Punkt ist der Absatz 2, wo erklärt wird: Der Liga gegen Impe-
rialismus, gegen Kolonialherrschaft und für nationale Unabhängigkeit sollen
alle Organisationen, alle Parteien, Gewerkschaften und Personen angehören
dürfen, die einen ernsten Kampf gegen Kapitalismus, imperialistische Herr-
schaft, für das Selbstbestimmungsrecht und für die nationale Freiheit aller
Völker, für die Gleichberechtigung aller Klassen und Menschen, führen. Alle
am Kongreß vertretenen Organisationen gehören der neugeschaffenen Liga
an. Weitere Mitglieder können nur Organisationen und Personen werden, die
diesen Programmpunkt anerkennen und mit Worten und Taten befolgen.
Jetzt tagen wir schon nicht mehr als lose Konferenz, sondern als der erste
internationale Kongreß der Weltliga gegen Imperialismus, gegen Kolonial-
herrschaft und für nationale Unabhängigkeit. Nach der Konferenz muß die
Organisationsarbeit, nach dem Reden der Kampf aufgenommen werden.
In großen Umrissen ist die Arbeit uns gegeben durch die Bedürfnisse der uns
angeschlossenen Organisationen und der durch sie vertretenen Völker. Die
brennendste Frage ist gegenwärtig die Organisierung der Hilfe für das
chinesische Volk. Wir wissen nicht, inwieweit die Telegramme richtig sind,
die in den letzten Tagen von neuen englischen Truppenlandungen in China
berichten, Es scheint aber eine Tatsache zu sein, daß England und andere
imperialistische Mächte der Tschangtsolinarmee und anderen konterrevo-
lutionären Armeen erneut eine große aktive Unterstützung gewährt haben.
        <pb n="256" />
        Willi Münzenberg. 92921
Es wird die erste Aufgabe des neugewählten Generalrates der Weltliga sein,
sofort die Mittel und Methoden zu untersuchen, die anwendbar sind, um dem
chinesischen Volke und der chinesischen Volksarmee aktive und tatkräftige
Unterstützung gegen den neuen imperialistischen Vorstoß in China zu leihen.
Es wird wohl unsere erste Aufgabe sein, sofort die gesamten Arbeiterorgani-
sationen und Gewerkschaften sowie die politischen Arbeiterinternationalen zu
mobilisieren, um sie zu veranlassen, mit der Liga gemeinsam eine große
internationale Aktion gegen die militärischen Interventionen in China einzu-|
leiten. Wir werden sofort nach Beendigung des Kongresses in allen euro-
päischen und amerikanischen Ländern Massenversammlungen zur Aufklärung
über die Ursachen des chinesisch-englischen Konfliktes durchführen, um
durch Massenkundgebungen Millionen von Arbeitern und Bauern für China zu
mobilisieren. Die englischen Freunde haben gestern mitgeteilt, daß vor ihrer
Abreise in London eine Demonstration „Hände weg von China‘ stattfand,
die die stärkste und mächtigste Demonstration gewesen sei, die London seit
Jahren gesehen hätte. Heute schon sehen wir, daß in der ganzen Welt die
Sympathien für China groß sind. Diese Sympathien müssen wir stärken,
steigern, erweitern und daraus eine Aktion entfalten, die stark genug ist,
den imperialistischen und militärischen Kriegshetzern in die Arme zu fallen.
Wir wissen nicht, welche Mittel in diesem Unterstützungskampf für China
gegen den Imperialismus zur Anwendung kommen müssen und kommen.
Das wird abhängig sein von dem Grade der Bewegung, von dem Umfange
der Aktion. Erwogen wurde bereits die Organisierung eines nicht nur chine-
sischen, sondern internationalen Boykotts gegen denjenigen Staat, der weiter
versuchen sollte, militärisch gegen China vorzugehen. England hat schon am
chinesischen Boykott erfahren müssen, was für eine mächtige und schmerz-
liche Waffe ein wirtschaftlicher Boykott für den davon betroffenen Staat ist.
Die Weltliga gegen Imperialismus und für nationale Unabhängigkeit
wird sich nicht darauf beschränken, sondern sie wird alles tun, um auch den
übrigen unterdrückten Völkern und Nationen Hilfe und Unterstützung an-
gedeihen zu lassen. Wir sind keine Phantasten und utopischen Träumer,
wir kennen sehr wohl die Grenzen unserer Kräfte und Leistungsmöglich-
keiten. Wir wissen, daß wir noch schwach sind und daß unsere Mittel nicht
ausreichen, um gleichzeitig allen ausgedehnte Hilfe zu gewähren. Aber wir
werden das Maximum unserer Kräfte bis zur Erschöpfung einsetzen, um
den Unterdrückten zu helfen. Aktuell ist die Notwendigkeit der Unter-
stützung der imperialistischen Opfer in Java und Sumatra, Es wurde vor-
geschlagen, der holländischen Regierung den Vorschlag zu unterbreiten, eine
Kommission nach Java zuzulassen, die die dortigen Zustände objektiv unter-
sucht und die Ursachen zu ergründen hat, die zum Aufstand geführt haben,
Wir werden dazu vorschlagen: Fritjof Nansen, Bernhard Shaw, Henri Bar-
busse. Wenn die holländische Regierung die Entsendung der Kommission
        <pb n="257" />
        222 Die Gründung der Liga gegen Imperialismus und für nationale Unabhängigkeit,
verweigert, so ist es für jeden klar, was an den offiziellen Regierungsbehaup-
tungen von bolschewistischen Umtrieben Wahres ist. Wenn aber die Kom-
mission reisen kann, so bin ich tief überzeugt, daß die Ursachen des Aufstandes
vor der ganzen Welt enthüllt werden, und daß sie sich nicht als russisch-
kommunistische Umtriebe herausstellen, sondern als aus den unerhörten Leiden
der Unterdrückten und Eingeborenen in den bisherigen holländischen Kolo-
nien verursacht. Trotz der Kürze unserer Tagung hat der Kongreß eine außer-
ordentlich große Arbeit geleistet. In fast ununterbrochenen Verhandlungen
haben zahlreiche Kommissionen und Gruppen getagt. Das Resultat dieser
fieberhaften Arbeit liegt vor in den Memoranden und Resolutionen von
28 Gruppen. Wir haben Resolutionen von der indischen Delegation, der
indisch-chinesischen Kommission, der allasiatischen Kommission, der indisch-
chinesisch-englischen Kommission, der ägyptischen, der syrischen, der indo-
nesischen, der koreanischen Kommission, der Gruppen aus Latein-Amerika, der
Delegationen aus den Vereinigten Staaten und den Philippinen, dann eine Er-
klärung der gesamten amerikanischen Gruppen, Resolutionen der am Kongreß
vertretenen Gewerkschaftsdelegationen, der Jugend und Studenten. Wichtig
ist die Erklärung der Negerkommission. Es ist unmöglich, all diese Resolu-
tionen und Eingaben durch den Kongreß im Plenum zu behandeln. Wir
haben uns auf die wichtigsten beschränken und die übrigen dem neugie-
wählten Generalrat zur Beachtung überweisen müssen. Die nächste Zeit
muß eine Zeit der fieberhaften Arbeit und Tätigkeit werden. Jetzt, nachdem
die Liga besteht, ist die Voraussetzung zu einer großen Arbeit gegeben.
Dem Brüsseler Kongreß müssen andere folgen. Ähnliche Kongresse müssen
in den einzelnen Erdteilen durchgeführt werden. Weiter sind Konferenzen
der mittelamerikanischen Staaten, Konferenzen Nordafrikas und der arabi-
schen Länder usw. geplant. Die mit uns sympathisierenden, nur durch
technisch-organisatorische Mängel an der Teilnahme verhinderten Gruppen
müssen an die Liga herangeführt werden. Wir müssen unsere Reihen er-
weitern, stärken. Wenn jeder Teil der Liga auch nur in bescheidenen
Grenzen mithilft, so wird es uns bald gelingen, unsere Anzahl zu verdoppeln
und uns dadurch die Möglichkeit zu geben, wirklich die Mehrzahl der unter-
drückten Völker und Menschen um unsere Fahne zu sammeln.

Unsere Arbeit wird sich nicht ohne Widerstände vollziehen können. Die
Regierungen der verschiedenen, von uns angegriffenen imperialistischen
Staaten werden alles tun, um unsere Arbeit zu erschweren! Sei es! Wir fühlen
uns stark genug, um allen Widerständen Trotz zu bieten und unsere Arbeit,
durchzuführen. Die größte Unterstützung hoffen wir bei den Arbeitern und
Arbeiterorganisationen zu finden. F reilich, einige Arbeiterorganisationen,
und solche, die sich so bezeichnen, stehen noch abseits und haben sogan
den offenen Kampf gegen uns angesagt. Die IT. Internationale hat gegen
uns Stellung genommen. Die belgische Sozialdemokratie hat die Konferenz
        <pb n="258" />
        Willi Münzenberg. 9293
abgelehnt... Aber sowohl die II. Internationale, wie die belgische Sozial-
demokratie hat sich damit zu anderen sozialdemokratischen Parteien und
Institutionen in Widerspruch gesetzt. Die Schweizer Sozialdemokratie hat
den Kongreß begrüßt. Die englische Arbeiterpartei und die englische Unab-
hängige Arbeiterpartei waren durch Delegierte vertreten. Belgische Sozial-
demokraten, wie unser Freund Marteaux und andere, haben viel zum glück-
lichen Gelingen der Konferenz beigetragen. Wir glauben, daß die Sozial-
demokraten, die die Konferenz bekämpfen, unrecht haben, und daß jene
Sozialdemokraten recht behalten, die, wie das Zentralorgan der belgischen
Sozialdemokraten, sich in offenen Widerspruch zur belgischen sozialdemo-
kratischen Parteileitung stellen und vorgestern erklärten: „Der Brüsseler
Kongreß hat eine weltgeschichtliche Bedeutung, wir glauben, daß Belgien und
Brüssel noch einmal stolz darauf sein werden, daß der Kongreß in den Mauern
von Brüssel tagte.‘ Eine Erkenntnis, die der sozialdemokratischen Zeitung
spät aber doch gekommen ist. Ich zweifle nicht, daß der Verlauf unseres Kon-
gresses, unser Programm und unser Arbeitsplan viel dazu beitragen werden,
diese Erkenntnis über uns rasch in noch breitere Kreise zu tragen, und sie
bald zu einem Allgemeingut aller Unterdrückten zu machen. Die Zukunft
gehört uns! Die nächsten Jahrzehnte der Entwicklung der Völker und Na-
tionen werden nicht durch die alten kapitalistischen Mutterländer in Europa
bestimmt, sondern durch die Entwicklung der Kämpfe in China, Indien, am
Stillen Ozean. Je nach dem Tempo, je nach der Steigerung dieser Kämpfe
wird sich die Entwicklung im Weltmaßstabe langsamer oder rascher voll-
ziehen. Die Zeit ist vorbei, wo in Europa, in Frankreich, England oder
Deutschland Weltgeschichte gemacht wird. Das Zentrum der Weltgeschichte
hat sich verschoben. Das nächste Jahrzehnt der Geschichte der Mensch-
heit wird durch das Erwachen, durch das Tempo und die Entwicklung des
Freiheitskampfes in China und Indien bestimmt. Unsere Tätigkeit darf sich
nicht auf den persönlichen Willen, auf die persönliche Klugheit und auf
die persönliche Einsicht einzelner Personen beschränken. Die Liga gegen
Imperialismus wurde geboren aus dem eisernen Zwange und der Not-
wendigkeit der historischen Entwicklung, und deshalb, aus diesem Grunde
vor allem kommt unserer heutigen Tagung eine so ungeheure und eine
wirklich weltgeschichtliche Bedeutung zu. Ich habe das Glück, schon seit
1904 in der Arbeiterbewegung tätig zu sein, und das noch größere Glück,
an den verschiedenen internationalen Konferenzen und Kongressen der inter-
nationalen Arbeiterbewegung vor und während des Krieges teilgenommen
zu haben. Aber ich stimme völlig mit Lansbury, einem noch älteren Kämpfer
mit noch längeren Erfahrungen, überein, daß ich nie in meinem Leben einer
so einzigartigen, So ungeheuer wichtigen Konferenz beigewohnt habe, wie
dem gegenwärtigen Kongreß. So, wie Marx und Engels lange vor Aufkom-
men der modernen Arbeiterbewegung mit prophetischem Blick die historische
        <pb n="259" />
        224 Die Gründung der Liga gegen Imperialismus und für nationale Unabhängigkeit,
Entwicklung der menschlichen Wirtschaft und die daraus resultierenden
Folgen für die Arbeiter erkannten, so glauben wir heute, die Umrisse der
Entwicklung für die nächsten Jahrzehnte zu erkennen, die nach unserer Mei-
nung die Befreiung der kolonialen und halbkolonialen Länder, die Entschei-
dung bringen werden. Wir wollen versuchen, durch Organisierung des
menschlichen Willens die Entwicklung zu beschleunigen und die Freiheit für
die Völker rascher herbeizuführen. Der Brüsseler Kongreß war die Ein-
leitung der ersten Aufgabe zu diesem Kampf. Wir sind zusammengekom-
men, haben uns kennengelernt und empfinden, daß wir zusammengehören
und zusammenbleiben müssen. Jetzt geht es an die Arbeit. Erst nach dem
Kongreß, an der weiteren Entwicklung wird die Welt sehen, was diese Kon-
ferenz und das Zusammenballen so wichtiger, starker Organisationen für die
weitere Entwicklung der Arbeiter- und F reiheitsbewegung bedeutet. Wir
wissen sehr wohl, daß eine Konferenz nur eine beschränkte Wirkungsmög-
lichkeit hat und daß die eigentliche Arbeit erst draußen auf den wirklichen
Kampfplätzen geführt werden muß, und wir werden diesen Kampf führen
mit dem Stoizismus und der Beharrlichkeit, der die chinesische Rasse aus-
zeichnet, mit der Leidenschaft, mit der der Vertreter der afrikanischen
Neger hier gesprochen hat, und mit dem Wirklichkeitssinn und der Zähigkeit
der Engländer. Wir werden versuchen, in unserer Arbeit alle Vorteile und
motorischen Kräfte der verschiedensten Rassen und Völker und Menschen zu
vereinigen. Wir wollen versuchen, die Keimzelle zu einer großen, allum-
fassenden Gemeinschaft aller Unterdrückten, aller Unterjochten zu bilden,
sie herauszuführen aus den dunklen Tiefen, in die sie hinuntergestoßen
wurden, und in denen sie von dem waffenstarrenden, die Kultur hindernden
Imperialismus gehalten werden, und sie zu dem Lichte der Freiheit empor-
zuführen. Wir werden mit unserem Leben und mit unserem Tode die Gleich-
berechtigung aller Völker, aller Nationen und aller Menschen erkämpfen.
Der Vertreter des Südafrikanischen Gewerkschaftskongresses,
Daniel Colraine
unterstützt den Vorschlag mit folgenden Worten:
[* pflichte der Rede des Genossen Münzenberg bei und erkläre hiermit,
daß ich mit seinem Organisationsplan vollkommen einverstanden bin. In
Südafrika, das eine gemischte Bevölkerung hat, nämlich 6 Millionen Schwarze
und 1!/, Millionen Weiße, besteht eine sehr starke Entfremdung zwischen
den beiden Rassen. Die kapitalistische Presse hetzt die beiden Rassen noch
        <pb n="260" />
        Daniel Colraine. En
immer mehr gegeneinander auf. Schon in Südafrika war ich der Meinung,
daß die Vereinigung dieser beiden Rassen unerläßlich ist für die Befreiung
der Arbeiter dieses Landes. Das gleiche gilt von Amerika, wo man die
gleichen auseinanderstrebenden Kräfte hat, und ich zweifle nicht im min-
desten, daß in Amerika die kapitalistische Presse und der Imperialismus die
Arbeiter genau so zu trennen versucht wie in Südafrika.

Es war mir aus dem Herzen gesprochen, als der Genosse Münzenberg
in seiner Rede diesen Kongreß als den ersten Völkerbund der Arbeiterklasse
der Welt bezeichnete. Es gefiel mir sehr, daß er von dem Kongreß in
dieser Weise sprach, und ich hoffe aufrichtig, daß wir ihn jedes Jahr
wiederholen können; ich zweifle auch nicht im mindesten, daß die
kapitalistische Presse sich bemühen wird, wie sie es stets getan, der Welt
zu sagen, daß hier nur drei oder vier Dutzend Leute vertreten gewesen
seien. Meiner Meinung nach wird der Imperialismus, wenn die Resolutionen
dieser Konferenz bekannt werden, intensiver und hastiger als je arbeiten.
Darum müssen die Arbeiter ebenfalls ihre Kräfte intensiver zusammenfassen
zur Beseitigung des Imperialismus.

Wenn ich nach Südafrika zurückkehre und über die Art dieses Kon-
gresses, die Zahl der Delegierten, die ihm beiwohnten, und die Ein-
stimmigkeit der hier ausgedrücken Meinung berichten werde, so bin ich
sicher, daß die Arbeit dieses Kongresses in Südafrika die besten Früchte
tragen wird. Es ist meine Absicht, für die Arbeit dieser Organisation alles
zu tun, was ich kann.

Ich habe das volle Recht, zu erklären, daß ich die einheitliche Meinung
Südafrikas zum Ausdruck bringe, die absolut jeder imperialistischen Inter-
vention in China feindlich gegenübersteht. Wir in Südafrika wollen die
Chinesen ungestört lassen, so daß sie die Möglichkeit haben, ihre sozia-
listische Ordnung einzurichten,

Ich will nur ganz kurz unterstreichen, was Genosse Lansbury gestern
abend gesagt hat. Ich glaube, es war die größte Freude jedes Delegierten
dieses Kongresses, zu hören, daß die Labour Party in Großbritannien die
Genossen in China unterstützen wird, und daß sie die parlamentarischen
Führer im Unterhaus in der erwähnten Weise zum Handeln veranlaßt haben.
Zum Schluß noch dies: Wenn es jemals in der Geschichte der Arbeiterklasse
eine glänzende Möglichkeit zum Handeln gegeben hat, so jetzt. Ich hoffe,
daß der Internationale Gewerkschaftsbund in Amsterdam die Gelegenheit
ergreifen wird, in der ganzen Welt die Ergebnisse dieser Konferenz bekannt-
zumachen und die Einigung und Solidarität der Arbeiterklasse gegen den
Imperialismus zustande zu bringen.

Das Flammenzeichen vom Palais Egmont.

225
15
        <pb n="261" />
        226 Die Gründung der Liga gegen Imperialismus und für nationale Unabhängigkeit.

Zum selben Thema führt

Albert Fournier (Frankreich),
Mitglied der Kammer,

Folgendes aus:
Di Kongreß geht seinem Ende zu, und nach tagelanger Arbeit, die

bisweilen vom Morgen bis in die Nacht hinein dauerte, hat sich der
Delegierten eine Müdigkeit bemächtigt. Trotz allem empfinden wir eine
große Freude, wenn wir den Erfolg der Organisation sehen, umsomehr,
als Ihr von allen Enden der Welt, unter Benützung aller Transportmittel,
hierhergekommen seid.

Heute sind wir beinahe zweihundert Delegierte. Aber es besteht kein
Zweifel, daß wir täglich neue Delegierte sehen würden, die unter uns zu
sein wünschten, wenn der Kongreß länger dauerte. Es steht fest, daß bei
allen Völkern der Erde das Bedürfnis besteht, sich kennenzulernen und sich
näher zu fühlen, und gerade, weil man dies zu lange verkannt hat, haben
die Kapitalisten und Imperialisten nach ihrem Belieben schalten und walten
können.

Eben sagte ich, daß der Kongreß einem Bedürfnis entspräche, und es ist
schließlich die Weltlage, die den Erfolg des Kongresses bewirkt hat. Man
weiß ganz gut, um was es in der Welt geht, und die an den Wänden hängen-
den Plakate beweisen es. Imperialisten haben sich kleiner, verlorener Ge-
biete bemächtigt, und von dort aus haben sie es fertiggebracht, die Massen
zu unterdrücken. Es klingt paradox, daß verhältnismäßig kleine Staaten,
wie Frankreich, England, Italien und Japan, im Verein mit den Vereinigten
Staaten die ganze Welt beherrschen. Jedoch bestehen starke Widerstände.
die der Krieg noch verschärft hat. Der Krieg von 1914 ist der Ausgangs-
punkt für alle nationalen Bestrebungen aller Völker. Weshalb? Weil die
Kapitalisten des Westens durch den Krieg eingebüßt haben. Sie haben
Menschen und Reichtümer geopfert, und als der Krieg zu Ende war, haben
sie gespürt, daß die Sieger auch Besiegte waren, und daß der Krieg, wie
man ihn früher führte, sich nicht mehr rentiere.

Ich sprach vor einem Augenblick von dem Imperialismus der Yankees
und Englands. Als der Krieg ausbrach, mobilisierten die Mächte auch ihre
Kolonialvölker. Frankreich rief die Nordafrikaner, Indochinesen, die Ein-
geborenen Madagaskars und der Antillen zu Hilfe, und all denen, die es
mit ihren Leibern schützten, sagte man: „Was Ihr macht, ist schön. Ihr
kämpft für Euer Vaterland“, und machte ihnen Versprechungen. Aber
als die Zeit kam, da es galt, diese Versprechungen einzulösen, konnte oder
wollte man dies nicht tun. Was für Frankreich gilt, gilt auch für England.
Verpflichtungen und Versprechungen ist man eingegangen, die man unbe-
dingt hätte halten müssen, aber nicht gehalten hat. Jetzt verlangen alle die-
        <pb n="262" />
        Eine Gruppe Delegierter vor dem Kongreßlokal
        <pb n="263" />
        <pb n="264" />
        Albert Fournier. 9297
jenigen, denen man Versprechungen gemacht hat, deren Einlösung, und der
Konflikt verschärft sich, weil sie nicht gehalten werden.

Seit Ende des Weltkrieges mußte Frankreich andere Kriege führen. Den
Bankiers und Kapitalisten zum Gefallen mußte es in Indochina und Syrien
kämpfen. Außerdem ließ der Generalgouverneur von Indochina 700 000 Ge-
wehre und 70 Millionen Patronen für die Provinz Yünan durchgehen.
Die Regierung Ließ es geschehen. Man wird sie wahrscheinlich zur Rechen-
schaft ziehen. Ich bringe dies nur zur Kenntnis, um Ihnen zu zeigen, wie
ernst der Zustand ist.

England versucht einen letzten Streich in China. Es will nicht, daß man
sage, es habe die Flagge streichen müssen, und es schickt Truppen in großer
Zahl dorthin, um eine militärische Aktion vorzubereiten. Aber unsere Ge-
nossen in China werden sich das nicht gefallen lassen.

Holland spürt auch Erschütterungen. Auf Java brachen Unruhen aus.
Schließlich versucht auch der Yankee-Imperialismus zu handeln. Er be-
droht Mexiko und Nicaragua. Er hat sich schon der Philippinen bemächtigt;
er ist der gefährlichste, und wir müssen ihn im Auge behalten.

Aus all diesem müssen wir unsere Lehren ziehen. Wir machen
hier keine militaristische Propaganda, obwohl es gewisse Elemente gibt,
die uns das nachsagen, aber da wir keine Kinder, keine Einfältige, noch
Tölpel sind, so sagen wir, daß man der kapitalistischen Gewalt mit
Gewalt begegnen muß. Man kann daher dies nicht als Militarismus be-
zeichnen, selbst nicht als roten Militarismus. Es handelt sich um die aus der
Rede des Generals von Kanton zu ziehenden Lehren, daß „Heer, Soldaten
und Anführer nicht da sind, um die anderen zu schikanieren und zu unter-
drücken, sondern um diejenigen, die arbeiten und produzieren, die Arbeiter
und Bauern zu verteidigen und zu beschützen *“.

Ich habe nur noch einige Worte zu sagen. Eine Folgerung zwingt sich
auf. Wir haben unsere Gedanken ausgetauscht, wir haben uns kennengelernt,
wir haben die angenommenen Resolutionen auf Papier festgelegt; aber es
handelt sich nicht bloß darum, diese Ideen bekannt gemacht zu haben,
sondern etwas Festeres muß unser Resultat sein. Wir müssen eine Liga zur
Befreiung der Völker in allen Ländern, in allen Weltteilen schaffen. Das
wäre ein schönes Werk, und diejenigen, die behaupten, daß wir nichts
getan haben, fordern wir auf, die ausgearbeiteten Dokumente und angenom-
menen Resolutionen aufmerksam zu lesen. Dann werden sie spüren, daß
sich große Dinge vorbereiten, und daß der Tag kommen wird, da den
Parasiten der Platz angewiesen wird, der ihnen gebührt, und wo alle Arbeiter
in einer Front sich befinden werden. Das ist das Werk, wozu ich Euch
auffordere.

Und jetzt schließe ich und sage Euch, daß ich Vertrauen auf die Zukunft
habe. Seid guten Muts! Und nun an die Arbeit!

* Siehe Kap. 11. S. 30.

15*%
        <pb n="265" />
        228 Die Gründung der Liga gegen Imperialismus und für nationale Unabhängigkeit.
Organisationsresolution.

ı. Die am Brüsseler Kongreß gegen Imperialismus, gegen Kolonialherrschaft und für
nationale Unabhängigkeit vereinigten Organisationen und Delegierten haben sich zusammen-
geschlossen zu einer internationalen Vereinigung gegen Imperialismus, gegen Kolonialherr-
schaft und für nationale Unabhängigkeit. Der Name der internationalen Vereinigung lautet:
Liga gegen Imperialismus, gegen Kolonialherrschaft und für nationale Unabhängigkeit.

2. Der Liga gegen Imperialismus, gegen Kolonialherrschaft und für nationale Unab-
hängigkeit sollen alle Organisationen, alle Parteien, Gewerkschaften und Personen angehören
dürfen, die einen ernsten Kampf führen gegen kapitalistisch-imperialistische Herrschaft,
für das Selbstbestimmungsrecht aller Nationen, für die nationale Freiheit aller Völker, für die
Gleichberechtigung aller Rassen und Menschen, unter Anerkennung der Brüsseler Beschlüsse.

3. Das Kongreßpräsidium, das von nun an als Generalrat bezeichnet wird, erhält den
Auftrag, ein Programm und ein Statut für die Liga gegen Imperialismus, gegen Kolonial-
herrschaft und für nationale Unabhängigkeit auszuarbeiten. Beide Entwürfe sind spätestens
ein Vierteljahr vor dem Zusammentritt eines neuen Kongresses allen angeschlossenen Organi-
sationen zur Diskussion zu unterbreiten.

4A. Der Generalrat repräsentiert die Liga in den Zeiten zwischen den Kongressen.

5. Der Generalrat wählt aus seiner Mitte ein Exekutivkomitee von neun Mitgliedern.
Das Exekutivkomitee ist das ausführende Organ des Kongresses und des Generalrates. Das
Exekutivkomitee ernennt die Mitglieder des Bureaus, bestimmt die Funktionen der ein-
zelnen Mitglieder und leitet die allgemeinen Geschäfte der Liga. Im Falle es notwendig wird,
die unter $ 12 genannten Aktionen durchzuführen, ist die Zustimmung von fünf der neun
Mitglieder des Exekutivkomitees notwendig.

6. Der Sitz des Bureaus wird vom Exekutivkomitee bestimm$ und dort sein, wo die
Arbeit am ungehindertsten vor sich gehen kann. Als nächster Ort des Bureausitzes wird Paris
in Aussicht genommen.

7. Der Kongreß überträgt dem Generalrat und dem Exekutivkomitee die Organisierung
und Führung der Propaganda und Agitation gegen alle Formen der Unterdrückung von
Nationen und Individuen in allen Ländern. Eine besondere Aufgabe des Generalrates und
des Exekutivkomitees ist die Ausführung der Beschlüsse des Brüsseler Kongresses.

8. Eine weitere Aufgabe des Exekutivkomitees ist es, alle Materialien über die Wirkung
der imperialistischen Unterdrückung in den verschiedenen Ländern zu sammeln und durch
Konferenzen, Kundgebungen, Ausstellungen usw. in allen kapitalistischen Ländern in den
Hand- und Kopfarbeiter den Willen zu erwecken, die nationalen und sozialen Kämpfe für
die Befreiung der unterdrückten Völker zu unterstützen.

9. "Das Exekutivkomitee wird in den Ländern, wo der Imperialismus mit der größten
Heftigkeit wütet, Sekretariate schaffen. Diese Sekretariate werden in ständiger Verbindung mit
dem Exekutivkomitee stehen und sich mit ihm über alle notwendigen Aktionen verständigen.

10. Der Generalrat, die Exekutive und die in den verschiedenen Ländern zu schaffenden
Sekretariate müssen sich bemühen, alle schon bestehenden Organisationen mit ähnlichen
Zielen zusammenzufassen, wie z. B. die Komitees „Hände weg von China“‘, „Hände weg von
Rußland“, „Komitee für Syrien‘, „Komitee für Marokko‘, „Liga gegen koloniale Unter-
drückung‘“ und ‚„Allamerikanische anti-imperialistische Liga“.

ır. Alle der Liga angeschlossenen Organisationen müssen sie mit aller Kraft unter-
stützen und einen jährlichen Beitrag, der im Einklang steht mit ihrer Mitgliedschaft und
finanziellen Stärke, an das Bureau einzahlen. Das gleiche gilt von den individuell sich an-
schließenden Mitgliedern; außerdem nimmt die Liga freiwillige Beiträge entgegen.

Der Generalrat hat das Recht, seine Mitgliederzahl zu erweitern durch die Aufnahme
der Vertreter neu gegründeter Sektionen der Liga oder der Vertreter von Arbeiterorgani-
sationen, die sich neu der Liga angeschlossen haben.

12. Das Exekutivkomitee bestimmt die Maßnahmen, die zu ergreifen sind:

1. wenn die imperialistischen Staaten versuchen, mit Gewalt die nationalen Frei-
heitsbestrebungen zu unterdrücken oder
2. im Falle eines Krieges oder einer Kriegsandrohung.

In solchen Fällen unmittelbarer Gefahr muß sich das Exekutivkomitee in Verbindung
setzen mit den nationalen und internationalen Organisationen der Arbeiterklasse von poli-
tischem und gewerkschaftlichen Charakter.
        <pb n="266" />
        XVII.
Organisatorisches.

a) Bericht der Mandats-Prüfungskommission.

Die Prüfung der Mandate hat ergeben, daß folgende Länder und Organi-
sationen vertreten sind:
5. China. mit 25 Delegierten
a. Indien. . 7 &gt;
3. Indonesien : 7 nn
A. Indochina 6 ©
5. Korea . /
6. Syrien . © X
7. Persien Ö
8. Japan. . &gt;
g. Palästina . . ı
10. Afrika (Süd-Afrika, Nord-Afrika, Ägypten) 10 ;
ı1. Neger der französischen Kolonien . . DT '
z2. Amerika a a 15
13. England . a 15
14. Frankreich ı 5 14
15. Deutschland „a6 u
76. Malien. . % a
17. Österreich. . SE =
18. Tschechoslowakei a x
59. Schweiz. . 7. 8 0 ®
20. Holland A Ra nn
21. Belgien &lt; u a 3
zusammen 174 Delegierte.

Von China sind im ganzen 21 Organisationen vertreten :

1. die Kuomingtang-Regierung;;

2. das Exekutiv-Komitee der Kuomingtang;

3. die Zentrale der allchinesischen Gewerkschaften ;

4. der Zentrale Gewerkschaftsrat Kantons;

5. die Maschinenarbeitergewerkschaft Kantons;
        <pb n="267" />
        9830
Organisatorisches.
6. das Streikkomitee von Hankau und Kanton;
7. die chinesische Handelskammer in Kanton:
8. die Volksarmee (Kanton);
9. die Revolutionsarmee (Feng);
10. die Liga für die Verteidigung der Rechte der chinesischen Rasse:
11. die Chinesische Arbeitervertretung in Frankreich;
12. das ständige Komitee gegen die ungleichen Verträge in Belgien;
13. die Sun Yat Sen-Gesellschaft in Amerika;
14. die Kuomingtang-Sektionen in Frankreich, England, Deutschland,
Belgien, Zentraleuropa;
15. die chinesischen Studentenvereinigungen in Belgien und Holland;
16. der Hauptverband der chinesischen Studenten, Deutschland.
Von Indien sieben Organisationen, nämlich:
der Allindische Nationalkongreß
das Hindustan Seva Dal (Freiwilligenkorps des indischen National-
kongresses)
der Verband der indischen Journalisten
die Hindustan Gadar (Indische Freiheits)-Partei in Amerika
der Verband der Inder in Zentraleuropa
die Indische Majlis (Vereinigung) von Oxford
das Indische Komitee der Unabhängigen Arbeiterpartei Englands.
Von Indonesien drei Organisationen:
das Haager Sekretariat der „Perhimpoenan Indonesia“ (Vereinigung
der Nationalparteien Indonesiens)
die Serikat Raiat und
Serikat Islam.
Von Indochina vier Organisationen, und zwar:
die Konstitutionelle Partei
der Indo-Chinesische Verein
die Unabhängigkeitspartei und
Jung-Annam.
Von Korea sind drei Organisationen vertreten:
der Verein der koreanischen Studenten in Deutschland
der Verband der koreanischen Schriftsteller und Journalisten in
Seoul und
der Verein der Koreaner in Frankreich.
Von Syrien drei Organisationen:
das Syrische Nationalkomitee
das Hauptquartier der syrischen Aufständischen und
das Syrisch-palästinische Komitee.
Von Persien eine Organisation:
die Revolutionäre Republikanische Partei Persiens.
        <pb n="268" />
        Bericht der Mandats-Prüfungskommission.

Von Japan:

Sen Katayama.

Von Palästina eine Organisation:

Die „Poale Zion‘ (Jüdische Arbeiterpartei).

Von Südafrika zwei Organisationen:
der Südafrikanische Gewerkschaftskongreß und
der Afrikanische Nationalkongreß.

Von Nordafrika zwei Organisationen:
der Nordafrikanische Stern (Tunis, Algerien, Marokko) und
die „Destour‘“-Partei, Tunis.

Von Ägypten zwei Organisationen:
die Nationalpartei und
die National-radikale Partei.

Neger der französischen Kolonien zwei Organisationen:
Komitee zur Verteidigung der Negerrasse und
Interkoloniale Vereinigung (Sektionen der alten Kolonien).

Von Amerika 32 Organisationen:

All-Amerikanische Anti-Imperialistische Liga U.S. A.
; X exiko
ie huba
N N Porto Rico
Panama
Nicaragua
Venezuela
Peru
Studentenverband von Mexiko
= „' Kuba
| - „SZ peru
Volksuniversität Jose Marti, Kuba
Amerikanischer Verband für bürgerliche Freiheiten
Bund der Negerarbeiter Amerikas
Gesellschaft zur Hebung der Lage der Negerrasse
Nationale Arbeiterföderation Mexikos (C.R.O.M.)
Nationaler Bauernverband Mexikos
Arbeiterunion von Tampico
Arbeiterföderation von Habana (Kuba)
National-Partei von Porto Rico
National- Verband der Jugend, Porto Rico
Sozialistische Revolutionäre Partei Kolumbiens
Arbeiterverband Kolumbiens
Revolutionäre Partei Venezuelas

2831
        <pb n="269" />
        939

Organisatorisches.
Arbeiterverband Venezuelas
Gewerkschaft der Textilarbeiter Perus
Gewerkschaft für das graphische Gewerbe, Peru
Unionistische Partei, Peru
Internationale Arbeiterhilfe, Argentinien
Patriotische Union von Haiti
Philippinische Vereinigung von Chicago (U.S. A.)
Allgemeine Vereinigung der Lateinamerikanischen Studenten, Paris.
Aus England acht Organisationen:
die Minderheitsbewegung in den Gewerkschaften
das Sekretariat der Liga gegen Kolonialunterdrückung
die IJAH
die Unabhängige Arbeiterpartei
der Bergarbeiter- Verband
die Plebs Liga
der Londoner Gewerkschaftsrat
die Internationale der Kriegsdienstgegner
dazu vier geladene Gäste.
Von Holland:
die JAH
das I.A.M.B. (Internationale Antimilitaristische Büro) und
die I.A.K. (Internationale Antimilitaristische Kommission)
dazu fünf geladene Gäste.
Von Österreich eine Organisation:
die JAH.
Von der Tschechoslowakei eine Organisation:
die ITAH.
Von Frankreich sechs Organisationen:
die Internationale der Bildungsarbeiter
die GC. G. T. U.
die Liga gegen Kolonialunterdrückung
die Rote Hilfe
die ITAH
die Gesellschaft der Freunde (Quäker)
dazu zwei geladene Gäste.
Von der Schweiz eine Organisation:
die IAH.
Von Italien:
drei geladene Gäste.
Von Belgien acht Organisationen:
die Sozialistische Studentenorganisation
die Internationale für Völkerversöhnung
        <pb n="270" />
        Liste der Teilnehmer.
die Kriegsdienstgegner
die Internationale Vereinigung der Arbeiter-Idisten
die Sektion der Liga
der Bekleidungsarbeiterverband
die JAH
der Verband der ehemaligen Kriegsteilnehmer.
Von Deutschland zwölf Organisationen:
die Reichsgewerkschaft der Kommunalbeamten
der Bund der Kriegsdienstgegner
der Sozialistische Schülerbund
das Friedenskartell
die Frauenliga für Frieden und Freiheit
die Deutsche Liga für Menschenrechte
der Bund religiöser Sozialisten
der Sozialistische Bund
die Liga gegen Kolonialunterdrückung
die IJAH
Einheitskomitee der Werktätigen
Allgemeiner Verband der deutschen Bankangestellten (Ortsgruppe
Breslau)
dazu kommen sechs geladene Gäste.
b) Liste der Teilnehmer.
ASIEN.
China.
ı. Chinesische National-Regierung Hsiung Kwang Suen
2. Zentral-Exekutiv-Komitee der Kuomintang Liau Hansin
z. AN-Chinesischer Gewerkschaftsbund Chen Kuen
4 Canton-Hongkong-Streikkomitee Chen Kuen
5. Arbeiterföderation der Provinz Kwangtung Si Li Show
6. Kuomin (Volks-) Armee General Lu Chung Lin
7. Kuominkiun (Nationalrevolutionäre Armee) General Schao Li Tse
8. Verband der chinesischen Handelskammern Henri Tchai
9. Studentenverband der Provinz Kwangtung Kie Kiang Wang
10. AN-Chinesischer Metallarbeiter-Verband Li Koue 'T'sai
ı ı. Metallarbeiterverband der Provinz Kwangtung Li Koue "T’sai
ı 2. Wan-Hsien-Protest-Komitee San Wei Ming
Li Sen Wei
13. Verband der chinesischen Arbeiter in Frankreich Siao T'chen Hoin
14. Ständiges Büro der chinesischen Kolonien in Europa
zur Aufhebung des chinesisch-belgischen Vertrages Fan Toen Yuen

233
        <pb n="271" />
        A Organisatorisches.
15. Chinesische Kuomintang, Europäische Zentrale Sia Ting
16. Kuomintang, Sektion Paris Li Piu Hing
17. Kuomintang, Sektion Creusot Wang Chou
18. Kuomintang, Sektion Lyon Wan Kie Tcheou
19. Kuomintang, Sektion Billancourt Tsan Wei Ming
20. Kuomintang, Sektion Belgien Robert Koe
21. Kuomintang, Sektion Belgien (Exekutive) Tchean Teng Hien
22. Kuomintang, Sektion Deutschland Y. S. Hsieh
23. Kuomintang, Sektion England Tang King Pei
24. Kuomintang, Sektion Holland Han Tiariso Kie
Li Sun Ching
25. Hauptverband Chinesischer Studenten in Deutsch
land Dr. Koyang Tong
26. Verband der Chinesischen Studenten an der Uni-
versität Charleroi (Belgien) Ou Pao Y
27. Verein der Chinesischen Studenten in Holland Han
Lie
28. Gesellschaft zur Verbreitung des Sun-Yat-Senismus
in Amerika Chiao Ting Chi
20. Internationale Arbeiterhilfe, Canton Liu Ho
Korea.
ı. Verein Koreanischer Schriftsteller und Journalisten, Li Kolu
Seoul Woril Whang
2. Verein Koreanischer Studenten in Deutschland Yi King Li
3. Verein der Koreaner in Frankreich Kin Fa Lin
Indien.
ı. Indischer National-Kongreß Jawahar Lal Nehru
2. Hindustan Gadar (Indische Freiheits-) Partei, Prof. M. Barkatullah Mau-
San Francisco lavie
3. Indian Majlis (Indischer Verein), Oxford Bakar Ali Mirza
4: Indischer Verein, Edinburgh S. A. Rahman (nicht
rechtzeitig eingetroffen)
5- London Indian Majlis (Indischer Verein, London) K.M. Panikkar (nicht
rechtzeitig eingetroffen)
6. Verein der Inder in Zentraleuropa Jaya Surya Naidu
7. Workers’ Welfare League of India, London (Liga Dr. K. S. Bhat (nicht
für Arbeiter-Wohlfahrt in Indien) rechtzeitig eingetroffen)
8. Verband Indischer Journalisten in Europa A. C. N. Nambiar
V. Chattopadhyaya
9: Indisches Komitee der I. L. P. (der Unabhängigen
Arbeiterpartei Englands) Tarini P. Sinha
10. Hindustani Seva Dal (Freiwilligenkorps des indischen
Nationalkongresses Jawahar Lal Nehru

224
        <pb n="272" />
        Liste der Teilnehmer.
Indonesien.
ı, Perhimpoenan Indonesia (Verband der National- Mohammed Hatta
parteien Indonesiens) A. Semaoen
R. Gatot
2. Serikat Raiat Abdul Manaf
Mohammed Nazir Pa-
mondjah
z. Serikat Islam Achmad Subardja
Indo-China.
ı. Konstitutionelle Partei Annams Duong van Giao
Mgunggan van Luc
Dinh van Cac

2. Phuc Viet (Unabhängigkeits-Partei) Hoang-quang-Gui

z. „Jeune Annam“ (Jung-Annam) Bui cong Trung

4- Indo-Chinesischer Verein Tran van Chi

Ägypten.

ı. Ägyptische Nationalpartei Mohamed Hafız Bey
Ramadan

2. Ägyptische National-radikale Partei Ibrahim Youssef

Persien.

ı, Sozialistische Partei Mahmud Suleiman Mirza
(nicht rechtzeig einge-
troffen)

2. Revolutionäre Republikanische Partei Mortesa Alavi

Ahmed Assadoff
Palästina.
ı. Poale Zion (Jüdische Arbeiterpartei) Itzchaki
Syrien.

ı. Syrisches National-Komitee Ihsan Bey el Djabri (nicht

rechtzeitig eingetroffen)
Riad Bey Sulh (nicht recht-
zeitig eingetroffen)

2. Hauptquartier der syrischen Aufständischen Mazhar Bey el Bakri

z. Syrisch-Palästinisches Komitee Haidar Mardam Bey

AFRIKA.
ı. Comite de Defense de la Race Negre, Paris (Komitee
zur Verteidigung der Neger-Rasse) Lamine Senghor

9235
        <pb n="273" />
        236

Y Organisatorisches,
2. Union Intercoloniale (Section des vieilles Colonies Max Bloncourt
et Peuples noirs) Elie Clainville-Bloncourt
(Inter-Koloniale Vereinigung, Sektion der alten Kolo- Camille Saint-J acques
nien und schwarzen Völker) Danae Narcisse
Nordafrika.
ı. L’Etoile Nord-Africaine (Association des Musulmans
algeriens, tunisiens et marocains) Paris Messali Hadj-Ahmed
(Der Nordafrikanische Stern, Vereinigung der alge- Hadjali Abd el Kader
rischen, tunesischen und marokkanischen Musel-
manen)
2. Partei Destour Chadli Ben Mustapha
Südafrika.
ı. Südafrikanischer Gewerkschaftskongreß Daniel Colraine
2. Afrikanischer Nationalkongreß J. T. Gumede
La Guma
AMERIKA.
Vereinigte Staaten von Amerika,
1. American Civil Liberties Union, New York (Ameri-
kanischer Verband für bürgerliche Freiheiten) Roger Baldwin
2. National Association for the Advancement of Colored Prof. William Pickens
People, New York (National-Verband zur F, örderung (nicht rechtzeitig ein-
der farbigen Völker) getroffen) .
3. John Brown Memorial Association, New York (Ver- Prof, William Pickens
einigung zum Gedächtnis an John Brown) (nicht rechtzeitig ein-
getroffen)
4- American Negro Labor Congress, Chicago (Bund
der Negerarbeiter Amerikas) Richard B, Moore
5- All-America Anti-Imperialist League, Chicago (All-
Amerikanische Anti-Imperialistische Liga) Manuel Gomez
6. Universal Negro Improvement Association (Ge-
sellschaft zur Verbesserung der Lage der Negerrasse)
New York Richard B. Moore
Mexiko.
ı. Confederacion Regional Obrera Mexicana
(C. R. O. M.) Edo Fimmen
(Nationale Arbeiterföderation Mexikos)
2 Liga Nacional Campesina (Nationaler Bauernverband) Julio A. Mella
3. Liga Anti-Imperialista de las Americas Comite Con-
tinental Organizador (All-Amerikanische Anti-Impe-
rialistische Liga, Kontinentales Organisationskomitee) Julio A. Mella
        <pb n="274" />
        Liste der Teilnehmer.
4: Confederaciön Obrera de Tampico (Arbeiter-Union
von Tampico) C. Ismael Martinez
5. Federaciön de Estudiantes Mexicanos (Verband der
mexikanischen Studenten) Zapata Vena
Diaz Figueroa
Kuba.
ı. Liga Anti-Imperialista de las Americas (Seccion Leonardo Fernando
Cubana), La Habana Sanchez
2. Universidad Popular Jose Marti, La Habana Leonardo Fernando
(Volks-Universität Jose Marti) Sanchez
Julio A. Mella
z. Federaciöon Obrera, La Habana Angel Sotomayor
(Arbeiter-Föderation von Habana)
4. Federacion de los Estudientes, La Habana Dr. Ruben Martinez
(Studentenverband von Habana) Villena
Porto Rico.
ı. Partido Nacionalista de Puerto Rico Manuel Ugarte
(National-Partei von Porto Rico) Jose Vasconcelos
Louis Casabona
Cesar Falcon
2. Federacion Nacionalista de Juventud Samuel Quinones
(National-Verband der Jugend)
z. Liga Anti-Imperialista de las Americas (Seccion
Puerto Ricena) Samuel Quinones
Panama.
ı. Liga Anti-Imperialista de las Americas (Secciön
Panamena) Victor Raul Haya
Dellatorre
Julio A. Mella
Nicaragua.
ı. Liga Anti-Imperialista de las Americas (Seccion Victor Raul Haya Della-
Nicaraguense) torre
Gustavo M. Morales
Adolfo Zamora
Kolumbien.
ı. Partido Socialista Revolucionario de Colombia
(Sozialistisch-Revolutionäre Partei) C. Gustavo M. Morales
2. Federaciön Obrera de Colombia (Arbeiterverband Gustavo Machado
Kolumbiens) Julio A. Mella

937
        <pb n="275" />
        Organisatorisches.
Venezuela,
ı. Partido Revolucionario Venezolano (Revolutionäre C. Gustavo M. Morales
Partei Venezuelas) Carlos Quijano
Salvador de la Plaza
2. Liga Anti-Imperialista de las Americas (Seccicn
Venezolana) C. Gustavo M. Morales
3- Federaciön Obrera Venezolana (Arbeiterverband
Venezuelas) Bernardo Suarez
Peru.
ı. Liga Anti-Imperialista de las Americas (Sececiön Victor Raul Haya Della-
Peruana) torre
2. Federaciön de los Estudiantes del Peru (Studenten-
verband Perus) Eudocio Rabinez
3. Sindicatos Textiles y des Artes Gräficas (Textil-
und graphische Gewerkschaften)
4- Partido Unionista (Unionistische Partei) Victor Raul Haya Della-
torre
Argentinien.
ı. Internationale Arbeiterhilfe Victorio Codovilla
Haiti.
ı. Unione Patriotica Carlos Deambrosis
Martins
Philippinen.
1. Filipino Association of Chicago (Philippinische A. Alminiana (nicht
Vereinigung von Chicago) rechtzeitig eingetroffen)
Lateinamerikanische Organisationen in Europa.
ı. Associacion General de Estudiantes Latino-

Americanos (Allgemeine Vereinigung der Latein- Leon de Bayle
amerikanischen Studenten) J. J. Jemenez Grullon
EUROPA.

Großbritannien.

1. Independent Labour Party (Unabhängige

Arbeiterpartei) M. Fenner Brockway
2. All London Trades Council (All-Londoner

Gewerkschaftsrat) John Stokes
3. Plebs-League (Volks-Liga) R. W. Postgate
4- International War Resisters’ Union (Internationale

der Kriegsdienstgegner) R. W. Postgate
5: League against Oppression in the Colonies (Liga

gegen koloniale Unterdrückung) R. Bridgeman

238
        <pb n="276" />
        Liste der Teilnehmer.
6. Workers’ International Relief (Internationale
Arbeiterhilfe) Helen Crawfurd
7. South-Wales Miners’ Association (Bergarbeiter-
verband von Süd-Wales) S. O. Davies
3. National Minority Movement (Minderheits-
bewegung innerhalb der britischen Gewerk- Harry Pollitt
schaften) M. Brown
Persönlich eingeladen:
George Lansbury, Mitglied des Parlaments und
Vize-Präsident der englischen Arbeiterpartei
Ellen Wilkinson, Mitglied des Parlaments
John Beckett, Mitglied des Parlaments
Arthur Mac Manus
Frankreich.
ı. Confederation Generale du Travail „Unitaire“
(Allgemeiner Gewerkschaftsbund der Einheit) A. Herclet
2. Secours Ouvrier International (Internationale M. Dutilleul
Arbeiterhilfe) Levassort
z Ligue contre L’Oppression Coloniale et Henri Barbusse
l’Imperialisme (Liga gegen koloniale Unter- Jacques Ventadour
drückung und Imperialismus) Albert Fournier
Internationale des Travailleurs de l’Enseignement Louis Vernochet
(Internationale der Bildungsarbeiter) Deloyer
Kyriako
x, Societe des Amis (Quakers), Section frangaise du
Service International (Gesellschaft der Freunde
[Quäker], Franz. Sektion des Internationalen
Dienstes) W. Herbert Jones
Ligue Internationale des Femmes pour la Paix et
la Liberte (Internationale Frauenliga für Frieden
und Freiheit) Mme. Duchene
Deutschland.
ı. Deutsches Friedenskartell Frau Dr. Helene Stöcker
2. Liga gegen koloniale Unterdrückung Artur Holitscher
Ernst Toller
Lucie Peters
z. Reichsgewerkschaft Deutscher Kommunalbeamter Georg Stolt
1. Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit,
Deutscher Zweig Magda Hoppstock-Huth
5. Deutsche Liga für Menschenrechte O. Lehmann-Rußbüldt
6. Internationale Arbeiterhilfe, Zentralkomitee Willi Münzenberg
Otto Bachmann
7. Internationale Arbeiterhilfe, Deutsche Sektion Georg Düninghaus
8. Sozialistischer Bund, Berlin Georg Ledebour

939
        <pb n="277" />
        27 Organisatorisches.
9. Internationale der Kriegsdienstgegner Frau Dr. Helene Stöcker
Armin T. Wegner
10, Sozialistischer Schülerbund, Groß-Berlin Dr. J. Meyer
ı1. Bund religiöser Sozialisten Pfarrer Fritze
ı2. Einheitskomitee der Werktätigen Prof. Resch, Remscheid
13. Allgemeiner Verband der deutschen Bank-
angestellten, Ortsgruppe Breslau Erich Schirner
14. Liga gegen koloniale Unterdrückung, Süd-
deutsche Sektion Hans Jäger
Persönlich eingeladen:
Prof. Dr. Alfons Goldschmidt
Prof. Dr. Theodor Lessing
Leon Levy
Dr. Sternberg
Tschechoslowakei.
ı. Internationale Arbeiterhilfe Prof. Dr. Nejedli
Ladislaus Beran
Österreich.
ı. Internationale Arbeiterhilfe Frau Dr. Raissa Adler
Dr. Leopold Katz
Schweiz.
ı. Internationale Rote Hilfe Willi Trostel
Dr. Tobler
Italien.
1. Internationale Arbeiterhilfe Victorio Verri
2. Katholische Gewerkschaften Guido Miglioli
Belgien.
ı. Mouvement International pour la Reconciliation
des Peuples (Internationale Bewegung für Völker-
versöhnung) Mme. Hecquet
2. Internationale des Resistants contre la Guerre,
section Belge (Internationale der Kriegsdienst-
gegner) A. de Bevere
3. .Cercle d’Etudes Socialistes, Universite libre de
Bruxelles (Zirkel für sozialistische Studien, freie
Universität Brüssel) E. Lejour
4: Laboristal Jdo-Uniono Internaciona, Section Belge Maurice Bologne
(Internationale Vereinigung der Arbeiter-Jdisten) Victor Gouix
Alexandre Trouchau
5. Syndicat des Ouvriers de 1l’Habillement (Be- Libaers
kleidungsarbeiter-Verband) A. .Geerts

J40
        <pb n="278" />
        Ergebnis der Wahlen. a.
6. Union Socialiste des Anciens Combattants Verspleht
(Sozialistischer Verband der ehemaligen Front- Collot
kämpfer) Jolser
- Ligue contre 1’Imperialisme, section Belge (Liga Dr. Marteaux
gegen Imperialismus) Georges Gerard
8. Secours Ouvrier International (Internationale
Arbeiterhilfe) Pasteel
Holland.
ı. Liga gegen Imperialismus Henriette Roland-Holst
2. Internationale Arbeiterhilfe van Walree
John William Kruyt
3. Internationales Antimilitaristisches Büro gegen
Krieg und Reaktion (I. A. M. B.) Albert de Jong
. Internationale Antimilitaristische Kommission
(I. A. K.) Arthur Müller-Lehning
Persönliche Einladungen:
Ingenieur S. Rütgers
H. Koch
A. Struyk
c) Ergebnis der Wahlen.
Auf Vorschlag des Präsidenten wird zur Leitung der Liga ein General-
rat gewählt, der sich aus folgenden Personen zusammensetzt:
Ehrenpräsidium :
Henri Barbusse, Frankreich
Professor Albert Einstein, Deutschland
Frau Sun Yat Sen, China
General Lu Chung Lin, China.
Exekutive:
George Lansbury M.P., Vorsitzender
Edo Fimmen, 2. Vorsitzender.
E. K.-Mitglieder:
Jawahar Lal Nehru (Allindischer Nationalkongreß)
Liau Hansin (Zentralexekutive der Kuomingtang)
Lamine Senghore (Komitee zur Verteidigung der Negerrasse)
Dr. Marteaux, Mitglied der belgischen Kammer
Willi Münzenberg, Mitglied des deutschen Reichstags
Manuel Ugarte (Südamerika)
Mohamed Hatta (Vereinigung der Nationalparteien Indonesiens).
Das Flammenzeichen vom Palais Egmont. 1

241
„0
        <pb n="279" />
        9249

Organisatorisches.
E. K.-Ersatz-Mitglieder:

L. Gibarti, Deutschland

R. Baldwin, U.S. A.

R. Bridgeman, England.

Mitglieder des Generalrates:
Chen Kuen, Zentralrat der Allchinesischen Gewerkschaften
Professor Koumenyü, Nationaluniversität Canton, China
S. Katayama, Japan
J. Martinez, Gewerkschaftskartell Tampico, Mexiko
Julio A. Mella, Bauernverband, Mexiko
Jose Vasconcelos, Nationalpartei, Porto Rico
A. Alminiana, Verband für die Unabhängigkeit der Philippinen
Mohamed Hafiz Ramadan Bey, Vorsitzender der Nationalpartei, Ägypten
Hadj-Ahmed Messali, Nordafrikanischer Stern, Nor d-Afrika
Daniel Colraine, . Südafrikanischer Gewerkschaftskongreß, Südafrika-
nische Union
A. Semaoen, Indonesien
Kin Fa Lin, Korea
Ahmed Assadoff, Revolutionäre Republikanische Partei, Persien
Manuel Gomez, Anti-imperialistische Liga, U. S. A.
Fenner Brockway, Generalsekretär der Unabhängigen Arbeiterpartei, Eng-
land
S. O. Davies, Britischer Bergarbeiterverband, England
Harry Pollitt, Britische Minderheitsbewegung, England
S. Saklatvala, M. P., England
Henriette Roland-Holst, Schriftstellerin, Holland
Georges Gerard, Sekretär der Liga gegen koloniale Unterdrückung, Belgien
P. S. Spaak, Redakteur, Belgien
Charles Plisnier, Belgien
Victorio Verri, Journalist, Italien
Guido Miglioli, Italien
Mme. Duchene, Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit, Frank-
reich

Albert Fournier, Mitglied der Kammer, Frankreich
L60n Vernochet, Internationaler Verband der Bildungsarbeiter, Frankreich
Professor Theodor Lessing, Deutschland
Professor Alfons Goldschmidt, Deutschland
Georg Ledebour, Vorsitzender des Sozialistischen Bundes, Deutsch land
Frau Dr. Helene Stöcker, Deutsches Friedenskartell, Deutschland
Professor Nejedli. Tschechoslowakei.
        <pb n="280" />
        Anhang.
A.
Manifest.
An alle unterdrückten Völker und Klassen
Manifest
des Brüsseler Kongresses gegen den Imperialismus

Die auf dem Kongreß versammelten Vertreter der unterdrückten Völker
und der Arbeiterklasse aller Erdteile haben im Interesse der Sicherung ihrer
elementaren Rechte und Entwicklung

untereinander ein brüderliches Bündnis geschlossen.

Die gefährliche, verhängnisvolle, erniedrigende und barbarische Lage,
eine: Lage, in der Hunderte von Millionen Menschen künstlich und gewalt-
sam zum materiellen und moralischen Dahinvegetieren verurteilt sind und
willenlose Opfer der fremdkapitalistischen Ausbeutung bleiben — wobei der
Kampf um diese Ausbeutung den Völkerfrieden stets mit neuen blutigen Kon-
flikten bedroht — kann wirklich nicht länger geduldet werden. Die Geschichte
hat über diese jahrhundertelange Schande, die in unserer Epoche durch die
Politik des Imperialismus von neuem verstärkt und zu einem noch nie dage-
wesenen Umfang gesteigert wurde, ihr unwiderrufliches Urteil gesprochen.
Jahrhundertelang war die schonungslose, grausame, vor nichts zurück-
schreckende Ausbeutung der transozeanischen, asiatischen, afrikanischen,
amerikanischen Völker und Stämme stets eine der Hauptquellen, aus denen
sich der europäische Kapitalismus nährte. Die unbeschreibliche Unterjochung,

die unmenschliche Versklavung und Zwangsarbeit,
die Ausrottung ganzer Völker und Stämme, :
deren Name oft nicht einmal übrigblieb, war notwendig, um das stolze
Gebäude zunächst des europäischen und dann auch des europäisch-amerika-
nischen Kapitalismus und seiner ganzen, so sehr von sich eingenommenen
materiellen und geistigen Zivilisation zu erbauen. Aber sogar die jungen
Staatswesen, die jenseits des Ozeans teils am Grabe anderer Völker und
16*
        <pb n="281" />
        9244 Anhang.

anderer Zivilisationen, teils durch Verschmelzung mit den Eingeborenen ent-
standen sind, waren gezwungen, ihr Recht auf selbständige nationale Existenz
gegen den aggressiven eigennützigen Egoismus der kapitalistischen Mutter-
länder durch Kriege zu verteidigen. Und es war meistens nur die gegen-
seitige Feindschaft dieser kapitalistischen Mutterländer, die die Voraus-
setzung geschaffen hat, unter denen dieser Kampf um nationale Unab-
hängigkeit durch Erfolg gekrönt werden konnte,

Jeder neue kapitalistische Staat, der auf der Arena der Geschichte er-
schien, wie gegen Ende des vorigen Jahrhunderts Deutschland und später
Italien, hielt es für notwendig, den Weg der Unterdrückung und Versklavung
von Kolonialvölkern zu betreten. Kein einziger kapitalistischer Staat hielt
sich für eine gleichberechtigte kapitalistische Großmacht, solange er sich
nicht andere schwächere, schutzlose Völker unterworfen hatte. Diese Unter-
werfung war durch eine ganze Stufenfolge gekennzeichnet, die von einer
einfachen faktischen Kontrolle, von den verhüllten Formen der Abhängig-
keit bis zur unverhüllten Sklaverei, bis zu den in der letzten Zeit auch in die
geographisch entferntesten Gebiete übertragenen Formen des mittelalter-
lichen Feudalismus und der Leibeigenschaft geht.

In der gegenwärtigen Epoche der höchsten Entwicklung der kapita-
listischen Völker,

in der Epoche des Imperialismus,

hat dieses barbarische, grausame System seine höchste Vollkommenheit er-
reicht. Die Überschüsse der kapitalistischen Akkumulation in der neuen Ge-
stalt des Finanzkapitalismus verlangen kategorisch die endgültige
Unterjochung der gesamten bisher noch nicht-kapitalistischen Welt. Das
Ende des XIX. und der Anfang des XX. Jahrhunderts brachten die
endgültige Aufteilung der Welt zwischen einer kleinen Gruppe
der imperialistischen Großmächte mit sich. Eine Anzahl Großmächte und
in ihnen ein Häuflein von Menschen, die sich auf die Kraft des akku-
mulierten Kapitals und auf die Macht der modernsten und vervollkomm-
netsten Mordwerkzeuge stützen, begannen die Welt zu beherrschen. Die
Unterjochung und Versklavung des einen Volkes führte zur Unterjochung
und Versklavung der anderen. Der Kampf der imperialistischen Mächte-
gruppen um die letzten noch nicht endgültig aufgeteilten Gebiete, um die
Neuverteilung der Welt hat schließlich zur größten Katastrophe und zum
größten Verbrechen in der Geschichte der Menschheit, zum Weltkriege
geführt.

Aber diese ungeheure Katastrophe, die drei Erdteile mit Blut tränkte,
hat jenes ungeheuerliche System, dessen Frucht sie selbst gewesen ist,
nicht beseitigt. Die imperialistischen Mächte haben sich noch krampfhafter
an die Beute geklammert, die ihnen aus den Händen zu entschlüpfen drohte,
        <pb n="282" />
        Manifest. 245
und die sie so teuer erkauft haben. Die Ermordung von Millionen Menschen,
darunter von hunderttausenden Kolonialsklaven aus Indien und aus den
französischen afrikanischen Kolonien, die auf allen Schlachtfeldern für die
Interessen der Sklavenhalter gefallen sind, hat nicht einmal zur Verringerung
der Zahl jener Mächte geführt, die auf eine Kolonialbeute Anspruch erheben.
Das faschistische Italien beeilte sich, die Stelle Deutschlands einzunehmen und
fordert immer lauter und zäher einen weiteren Anteil an Kolonialgebieten ; und
sogar in Deutschland selbst streben die privilegierten Klassen, die ihre öko-
nomische und politische Macht wiederhergestellt und den bitteren Beige-
schmack der Fremdherrschaft bereits vergessen haben, danach, auch für
sich selbst das Recht zur Unterdrückung anderer Völker zu erwerben. Das
ist die schonungslose Logik jenes Systems, unter dem die. Menschheit
schmachtet. Weniger als je kann das gegenwärtige Wirtschaftssystem, das
durch den Krieg die europäischen Volksmassen erschöpft hat, ohne koloniale
Überprofite, ohne jede Unterjochung ganzer Völker und ganzer Kontinente
bestehen und sich entwickeln. Je weniger der alte Kapitalismus imstande ist,
den Wohlstand der europäischen Volksmassen, vor allem der proletarischen
Massen, zu sichern, umsomehr ist. er genötigt, auf fremden Kontinenten
nach einem durch Gewalt beherrschten Absatzmarkt für seine Waren und
sein Kapital zu suchen. Die durch den Krieg außerordentlich beschleu-
nigte monopolistische Entwicklung des Kapitalismus verwandelte die kleine
Oberschicht der privilegierten Klassen eine Anzahl Großmächte — vor
allem der anglo-sächsischen Mächte — in Beherrscher und Despoten der
ganzen Welt. %

Der Weltkrieg und seine Folgen zeigten jedoch klar, daß der fremde
imperialistische, koloniale Kapitalismus, wie auch der Kapitalismus in seiner
Gesamtheit, ? ; in

sein eigener Totengräber
ist. Die Explosion des Weltkrieges machte nicht nur die unerhörten inner-
lichen Widersprüche offenbar, die die kapitalistische Menschheit zerreißen.
sondern es mußten auch Millionen von Menschen zugrunde gehen bei dem
Versuche, diese Widersprüche auszugleichen und zu glätten. Nicht nur das
hat der Weltkrieg enthüllt. Im schonungslosen Kampfe gegeneinander
waren die imperialistischen Mächte selbst gezwungen, an die Gefühle des
nationalen: Selbstbewußtseins der unterdrückten Völker zu appellieren; sie
selbst waren gezwungen, die Losung der Selbstbestimmung der Völker her-
auszugeben. Die unterdrückten, versklavten Völker haben die Imperialisten
sozusagen beim Wort genommen. Die verspäteten und trügerischen Zu-
geständnisse, die gefolgt waren von Rückfällen in noch grausamere Unter-
drückung, all die Methoden des grausamen und systematischen Nachkriegs-
imperialismus haben die durch den Krieg und durch die ganze wirtschaft-
liche Entwicklung aufgerüttelten Volksmassen noch mehr in Unruhe versetzt.
        <pb n="283" />
        Anhang.

Eine mächtige Welle der nationalen Freiheitsbewegung
flutete über unermeßliche Riesengebiete Asiens,
Afrikas, Amerikas hinweg.

Das Banner des Aufstandes gegen Sklaverei und Unterjochung wurde sowohl
in China wie auch in Indien, in Ägypten wie in Nordwest-Afrika, in Indo-
nesien wie in Mexiko und auf den Philippinen erhoben. Der Haß gegen
Sklaverei und Unterdrückung, die Sehnsucht nach einem besseren, freieren
und kulturellen Leben erwachte in allen Winkeln der ausgebeuteten Welt.

Nach dem Weltkriege erhielt diese nationale Freiheits- Weltbewegung einen

mächtigen Anstoß durch die russische Revolution,

die die nicht auf Ausbeutung beruhende Macht des Proletariats und der
Bauernschaft errichtete und zur Umwandlung des alten, räuberischen, russi-
schen Imperiums, das Hunderte von Völkern unterdrückt hatte, in eine
freie Föderation der gleichberechtigten Völkerschaften führte. Das größte
Unterdrückungsgebäude der Welt ist unwiderruflich zusammengestürzt, Das
welthistorische Beispiel des auf den Trümmern dieses Unterdrückungs-
gebäudes aufgebauten Staates der Arbeit, der sich auf das freie Bündnis
der Völker und Stämme stützt, beleuchtet wie eine Fackel den Weg des
Freiheitskampfes der unterdrückten und versklavten Völker,

Diesen mächtigen Willen zur Freiheit und Unabhängigkeit kann nie-
mand mehr ersticken. Nur Dummköpfe, jämmerliche Philister und Rou-
tiniers können glauben, daß die heutige Zivilisation und die ganze Zu-
kunft der Welt auf Europa und auf die Vereinigten Staaten Amerikas be-
schränkt bleiben. Die nationale Freiheitsbewegung der asiatischen, afrıka-
nischen und amerikanischen Völker ist ihrem Umfange nach eine Welt-
erscheinung. Und nur sie wird — organisch verbunden und verwachsen mit
dem Freiheitskampf des Proletariats der alten kapitalistischen Gesellschaft
— unseren Planeten in eine ganze zivilisierte Welt verwandeln, nur sie wird
durch die Befreiung der Welt ein neues Kapitel der Weltgeschichte eröffnen,

die zum erstenmal wirklich Weltgeschichte, die Ge-

schichte der Menschheit der ganzen Weltsein wird.

Schon die chinesische Revolution allein, die Freiheitsbewegung von 400 Mil-
lionen unterdrückten Menschen, ist eine weltgeschichtliche Tatsache, die viele
der „großen“ aufregenden Tatsachen der europäischen Geschichte gänzlich
in den Schatten stellt. Und der nationale Freiheitskampf der Völker Indiens,
das auch einen ganzen Kontinent darstellt, hat gleichfalls die Bedeutung
einer welthistorischen Tatsache. Mögen die Beherrscher der alten kleinen
Teil-Welt auf ihre veralteten, der heutigen Zeit nicht mehr entsprechenden
Illusionen verzichten, die heute einen jämmerlichen und lächerlichen Ein-
druck machen müssen.

46
        <pb n="284" />
        Manifest.
Die ganze Welt ist in Bewegung
und der kleinste Impuls in irgendeinem ihrer Teile findet mächtigen Wider-
hall auf unermeßlichem Gebiete. Das Beispiel des winzigen Nicaragua zeigt,
daß ein dauerhafter Widerstand selbst gegen den mächtigsten imperia-
listischen Riesen möglich ist dank der Resonanz, die dieser Widerstand bei
einer ganzen Reihe von stärkeren Völkern, die aber gleichfalls mit Besorgnis
ihre Unabhängigkeit verteidigen müssen, erweckt.

Ohne erbitterten Widerstand werden jedoch die imperialistischen Unter-
drücker ihre Beute nicht freigeben. Die junge türkische Republik
mußte alle ihre Kräfte in einem neuen Kriege anspannen, sie mußte ıhre
Hauptstadt in das Innere des Landes verlegen, um ihre Unabhängigkeit vor
räuberischen Attentaten zu beschützen. Schon nach dem Weltkriege haben
wir neue Kolonialkriege in Marokko und Syrien erlebt. Unter dem
Drucke der nationalen Bewegung sah sich Großbritannien endlich ge-
zwungen, auf dem Papier eine Art von Unabhängigkeit und Selbständigkeit
in Ägypten anzuerkennen, es fährt aber mit Hilfe der in diesem Lande
zurückgelassenen militärischen Kräfte fort, die ägyptische Demokratie in der
gröbsten Form zu vergewaltigen, und klammert sich um so fester an Sudan,
das die blutigen Heldentaten von Lord Kitchener noch nicht vergessen hat.
Um ihre Macht zu behaupten, zugleich im Namen des sogenannten „Prestige“
— einen der heuchlerischsten, niederträchtigsten und schamlosesten imperia-
listischen Begriffe —, sind die heutigen Eroberer, die sich so sehr ihrer
Kultur und ihres Christentums rühmen, nach wie vor zu den unmensch-
lichsten Grausamkeiten, zu den barbarischsten Racheakten fähig. Wer kann
die letzte grausame Abrechnung der holländischen Plantagenbesitzerregierung
mit den Aufständigen von Niederländisch-Indien, wo bis heute noch Zwangs-
arbeit und Leibeigenschaft bestehen, vergessen? Wer kann die bestialische
Kanonensalve aus einer Entfernung von sechs Metern auf unbewaffnete
Chinesen in Wan-Hsien vergessen, von deren Blut der Yangtsekiang rot ge-
färbt wurde? Wer erinnert sich nicht an den triumphierenden Ton der
Schilderung der führenden Presseorgane der „hochkultivierten‘“ englischen
Nation über dieses unerhörte Gemetzel? Wer hat in Indien vergessen,
mit welcher Bestialität auf eine unbewaffnete Menge geschossen wurde, auf
einem Platze von Amritsar, dessen Ausgänge abgeschlossen waren; wer hat
es vergessen, daß der General O’Dyer von den Anhängern solcher bestia-
lischen Handlungen eine Ehrenwaffe erhielt?!

Die Notwendigkeit, die zerstörten Grundlagen des Wirtschaftslebens wie-
derherzustellen, die Angst vor der Revolution und die noch nicht überwun-
dene Erschöpfung durch den Weltkrieg zwingen vorläufig die imperialisti-
schen Mächte, den Frieden in ihren gegenseitigen Beziehungen irgendwie auf-
rechtzuerhalten. Deshalb ist der „Pazifismus‘“ das Lieblingswort der gleichen

947
        <pb n="285" />
        25 Anhang.

europäischen und amerikanischen Diplomatie geworden, die den größten
Krieg in der Geschichte der Menschheit vorbereitet hat. Der „Pazifismus“
ist jedoch keine Exportware, er dient sozusagen nur für den inneren
Gebrauch der imperialistischen Mächte, er ist unanwendbar auf jene Länder,
die der Imperialismus als seine Kolonien oder Halbkolonialländer betrachtet.
Hier herrscht im Gegenteil die unverhüllte und zügellose Gewalt der gepan-
zerten Faust, hier kann sich die europäisch-amerikanische Soldateska aus-
toben und für neue große Schlachten stählen.

Der europäisch-amerikanische offizielle Pseudo-,,Pazifismus‘“ ist der Aus-
druck auch jener Tatsachen (außer den bereits erwähnten), daß der Welt-
antagonismus, der die imperialistischen Mächte voneinander trennt, den
Hauptschauplatz des Weltkrieges von Westen nach dem Osten,
nach dem Stillen Ozean verschoben hat. Hier an den Küsten des Großen
Ozeans liegen die wichtigsten und wertvollsten Objekte der imperialistischen
Bestrebungen. Und die auf beiden Seiten des Ozeans vor sich gehenden
Kämpfe, unter Beteiligung der bewaffneten Kräfte der imperialistischen
Mächte und ihrer Gehilfen, sind nur vorbereitende Vorpostengefechte des
kommenden großen Zusammenstoßes, der die Menschheit mit neuen, uner-
meßlichen Leiden bedroht.

Die britische Diplomatie ist unaufhörlich, unermüdlich
und hartnäckig bemüht, die anderen imperialistischen
Mächte in den bewaffneten Konflikt mit China
hineinzuziehen.

Nach dem römischen Besuch des schlimmsten Abenteurers unserer Zeit, des
„Helden von Gallipoli‘, Churchill, bei dem anderen zügellosen Abenteurer,
Mussolini, beeilt sich das faschistische Italien mit seinen nur ganz geringen
Interessen in China zur Hebung seines „Prestiges‘““ und um Geschenke in
irgendeinem anderen Weltteil zu bekommen, England seine Kondottieridienste
anzubieten und Panzerkreuzer nach den chinesischen Gewässern zu entsenden.
England selbst befindet sich faktisch bereits in offenem
Kriegszustandmitden Kräften dernationalen Freiheits-
bewegung Chinas,
die durch die Kantoner Regierung und durch die Kuomingtang vertreten
sind. Nur die Erfolge der Waffen der Südchinesischen Armeen, nur die
Angst vor einer vollständigen Niederlage sowie der Mißerfolg der ersten
Versuche, eine bewaffnete Koalition gegen das revolutionäre China zu schaf-
fen, haben die Londoner Regierung zu Verhandlungen mit der Kanton-Re-
gierung bewogen. Gleichzeitig mit diesen Verhandlungen werden jedoch die
schlimmsten Feinde der chinesischen Freiheit (vom Schlage des ganz ver-
kommenen Abenteurers Tschang Tso Lin, eines einfachen Räubers und po-

48
        <pb n="286" />
        Manifest. 40
litischen Parvenüs, der sich in einen militärischen Satrapen verwandelt hat)
unterstützt, und man führt eine wüste Kampagne gegen den einzigen auf-
richtigen Freund des jungen China, die Sowjetunion. Vor allen Dingen aber
werden diese Verhandlungen von der Entsendung von — nach östlichem
Maßstabe gemessen — sehr großen Streitkräften nach Schanghai begleitet,
dem sich die. siegreichen Armeen nähern.

Die ganze Arbeiterklasse Englands protestiert bereits
wuchtig gegen die neue Kriegsgefahr.

Dem nationalen Freiheitskampf des größten asiatischen Volkes droht die
Gefahr der Erwürgung. Und es droht auch die Gefahr eines neuen Kreuz-
zuges der Sowjetunion. So groß ist in den Augen der imperialistischen Welt
die Schuld der moralischen Solidarität mit der Freiheitsbewegung eines
asiatischen Volkes.

Gleichzeitig sichert sich an der anderen Küste des Ozeans der nordameri-
kanische Imperialismus durch unverhüllte Gewalt die Herrschaft über alle
möglichen Wasserwege, die eine einheitliche Aktion seiner Seestreitkräfte
ermöglichen. Er bedroht die Unabhängigkeit Mexikos, wo endlich die
demokratischen Kräfte der Gesellschaft sich den Weg zur Macht gebahnt
haben und zum erstenmal bestrebt sind, die nationale Souveränität des Lan-
des gegen die schamlosen Ansprüche des ausländischen, vor allem des nord-
amerikanischen monopolisierten Kapitals zu sichern. Nur der Protest der
demokratischen Kreise in den Vereinigten Staaten, nur die wachsende Em-
pörung der lateinamerikanischen Länder, denen das nordamerikanische Ka-
pital sein Joch aufzwingen will, und vor allem die feste Haltung der mexi-
kanischen Regierung selbst, zwangen Kellogg und Coolidge zum vorläufigen
Rückzug. Es wäre aber lächerlich, die Kriegsgefahr nicht zu sehen, die auch
hier unmittelbar in der Luft liegt. Die imperialistischen Mächte kaufen und
verkaufen ganze Völker wie Vieh.

Stets und überall sehen wir das gleiche Bild: Einerseits Hunderte
von Millionen Menschen, die nach Unabhängigkeit und
Freiheit streben, andererseits eine kleine aber machtvolle
Zahl von Ausbeutern, die bestrebt sind, ihre Extraprofite
durch die parasitären Formen des privilegierten Handels,
durch die Ausfuhr der Kapitalüberschüsse und durch die
monopolistische Kontrolle der wichtigsten Rohmaterial-
sorten: Baumwolle, Kupfer, Eisen usw. zu sichern.

Die Kriegshandlungen hörten in Europa auf. Bevor der Krieg auf den
blutgetränkten Ebenen Europas von neuem ausbricht oder auf die Küsten
des Stillen Ozeans übergeht, wo allmählich ein großer Zusammenstoß heran-
reift, wird er in dieser oder jener Form in Asien, ın Afrika, in Mittelamerika
fortgesetzt. Kein pazifistisches Geschrei ist imstande, die grausame und

En
        <pb n="287" />
        A Anhang.

schändliche Tatsache zu vertuschen, daß die Welt nicht aus dem Kriegs-
zustand herauskommt, und daß die Unterjochung und die Ausbeutung der
kolonialen und halbkolonialen Völker die unversiegbare Quelle der Kriege
bleibt.

Unter diesen Verhältnissen haben die auf dem internatio-
nalen Kongreß gegen Imperialismus und koloniale Unter-
drückung im Februar 1927 versammelten 180 Delegierten
beschlossen, die Liga zum Kampf gegen den Imperialismus
und für nationale Unabhängigkeit zu gründen. Wir teilen
allen unterdrückten Völkern und allen unterdrückten
Klassen derherrschenden Völker die Gründung der Liga mit.

Wir fordern jeden auf, der nicht an der Unterdrückung anderer
interssiert ist, der nicht aus den Früchten dieser Unterdrückung lebt, der die
moderne Sklaverei und Leibeigenschaft haßt und sich nach der eigenen
Freiheit und nach der Freiheit seiner Mitmenschen sehnt, sich uns anzu-
schließen und uns zu unterstützen. Die unterdrückten und ver-
sklavten Völker rechnen in erster Linie auf die Unterstützung der fortge-
schrittenen Arbeiterklasse aller Länder, da, wie auch das Proletariat, auch
sie nichts außer ihren Ketten zu verlieren haben. Aber auch die breitesten
Bauernmassen und die Massen des Mittelstandes und der Intellektuellen sind
nur das Opfer der Unterdrückung anderer Völker, die ihnen bestenfalls nur
klägliche Brosamen bringt, dafür aber ihnen die immer wachsende Last des
Militarismus, alle Qualen eines Gewaltsystems und die entsetzlichen Leiden
eines Krieges aufbürdet.

Die Befreiung der Unterdrückten, der Vasallen oder gewaltsam unter-
jochten Kolonialvölker wird die Errungenschaften und Möglichkeiten der
materiellen und geistigen Kultur der Menschheit nicht verringern, sondern
in noch nicht dagewesenem Umfange vermehren. Und in diesem Sinne
können die unterdrückten und versklavten Völker, die ähnlich dem Prole-
tariat die überwiegende Mehrheit der Menschheit darstellen, die ganze Welt,
die Welt der Zukunft erobern.

Unterdrückte Völker und unterdrückte Klassen ver-
einigt Euch!

Im Namen des Brüsseler Kongresses gegen Imperialismus,
koloniale Herrschaft und für nationale Unabhängigkeit
Ehrenpräsidium:

Henri Barbusse, Frankreich

Professor Albert Einstein, Deutschland
Frau Sun Yat Sen, China

General Lu Chung Lin, China.

250
        <pb n="288" />
        Der vom Kongreß gewählte Generalrat
        <pb n="289" />
        <pb n="290" />
        Manifest.
Exekutive:
George Lansbury M. P., Vorsitzender
Edo Fimmen, 2. Vorsitzender.
E. K.-Mitglieder:
Jawahar Lal Nehru (Allindischer Nationalkongreß)
Liau Hansin (Zentralexekutive der Kuomingtang)
Lamine Senghore (Komitee zur Verteidigung der Negerrasse)
Dr. Marteaux, Mitglied der belgischen Kammer
Willi Münzenberg, Mitglied des deutschen Reichstags
Manuel Ugarte (Südamerika)
Mohamed Hatta (Vereinigung der Nationalparteien Indonesiens).
E. K.-Ersatz-Mitglieder:
L. Gibarti, Deutschland
R. Baldwin, U.S.A.
R. Bridgeman, England.
Mitglieder des Generalrates:
Chen Kuen, Zentralrat der Allchinesischen Gewerkschaften
Professor Koumenyü, Nationaluniversität Canton, China
S. Katayama, Japan
J. Martinez, Gewerkschaftskartell Tampico, Mexiko
Julio A. Mella, Bauernverband, Mexiko
Jose Vasconcelos, Nationalpartei, Porto Rico
A. Alminiana, Verband für die Unabhängigkeit der Philippinen
Mohamed Hafız Ramadan Bey, Vorsitzender der Nationalpartei, Ägypten
Hadj-Ahmed Messali, Nordafrikanischer Stern, Nord-Afri ka
Daniel Colraine, Südafrikanischer Gewerkschaftskongreß, Südafrika-
nische Union
A. Semaoen, Indonesien
Kin Fa Lin, Korea
Ahmed Assadoff, Revolutionäre Republikanische Partei, Persien
Manuel Gomez, Anti-imperialistische Liga, U. 5. A.
Fenner Brockway, Generalsekretär der Unabhängigen Arbeiterpartei, Eng-
land
S. O. Davies, Britischer Bergarbeiterverband, E ngland
Harry Pollitt, Britische Minderheitsbewegung, En gland
S. Saklatvala, M. P., England
Henriette Roland-Holst, Schriftstellerin, Holland
Georges Gerard, Sekretär der Liga gegen koloniale Unterdrückung, Belgien

951
        <pb n="291" />
        D Anhang.
P. S. Spaak, Redakteur, Belgien
Charles Plisnier, Belgien
Victorio Verri, Journalist, Italien
Guido Miglioli, Italien
Mme. Duchene, Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit, Frank-
reich
Albert Fournier, Mitglied der Kammer, Frankreich
Leon Vernochet, Internationaler Verband der Bildungsarbeiter, Frankreich
Professor Theodor Lessing, Deutschland
Professor Alfons Goldschmidt, Deutschland
Georg Ledebour, Vorsitzender des Sozialistischen Bundes, Deutschland
Frau Dr. Helene Stöcker, Deutsches Friedenskartell, Deutschland
Professor Nejedli, Tschechoslowakei.
Die Delegierten am Kongreß:

China:
Hsiung Kwang Suen, Kuomingtang-Regierung — Henri Tchai, Handels-
kammer Kanton — General Schao Li Tse, Revolutionäre Armee — Chao
Ting Chi, Sun-Yat-Sen-Vereinigung Amerika — Siao Tchen Hoin, Chinesi-
scher Arbeiterverband, Frankreich — Han Tianso Kie, Li Sun Ching, Kuo-
mingtang Holland — Tsan Wei Ming, Kuomingtang Billancourt — Ou
Pao Y, Chinesische Studentenvereinigung Charleroi — Li Koue Tsai, Ma-
schinenarbeitergewerkschaft Kanton und Gewerkschaftskartell Kanton —
Koyang Tong, Hauptverband chinesischer Studenten, Deutschland — Li
Ping Hen, Paris — Tang King Pei, Kuomingtang England — Y. S. Hsieh,
Wang Chou, Kuomingtang Zentraleuropa — Li Wen Pey, Verteidigungs-
komitee der Rechte der chinesischen Rasse — Fan Toen Yuen, Büro zur
Bekämpfung der ungleichen Verträge, Belgien — Wang Kie Kiang, Haupt-
verband chinesischer Studenten — Wan Kie Tcheou, Kuomingtang-Partei —

Koe, Kuomingtang Belgien.

Indien:
V. Chattopadhyaya, Verband indischer Journalisten — Prof. M. Barakatulla,
Indische Freiheitspartei Amerika — J. S. Naidu, Verband der Inder in
Zentraleuropa — Bakar Ali Mirza, Indische Vereinigung Oxford — Sinha,
Indisches Informationsbüro der I. L.P., London — A.C. N. Nambiar, Ver-

band indischer Journalisten.
Amerika:

Manuel Gomez, Anti-imperialistische Liga — Richard Moore, Bund der
Negerarbeiter Amerikas und Vereinigung für den Fortschritt der Neger —
Martins, Patriotische Liga Haiti — Angel Sotomayor, Arbeiterverband Cuba

"59
        <pb n="292" />
        Manifest. .
— G.M. Morales, Kolumbien —- E. Rabines, Argentinien — Victoria Codo-
villa, Argentinien — Carlos Quijano, Venezuela — Haya Della Torre, Panama

und Peru.

Afrika:

Hadjali, Nordafrikanischer Stern — Chadli Ben Mustapha, Tunis —
A. H. Mattar, Rif — I. A. La Guma, Südafrika — Gumede, National-
Kongreß, Südafrika — Ibrahim Yousseff, Ägypten.

Franz. Antillen:

Dana@ Narcisse, Verteidigungskomitee der Neger — Elie Bloncourt, Max
Bloncourt, Camille Saint Jacques, Interkoloniale Vereinigung.
Indochina:

Tran van Chi, Vereinigung der Indochinesen — Hoang von Giu, Anna-
mitische Partei für die Unabhängigkeit — Van Luc, Duong van Giao, Dinh
van Cac, Konstitutionelle Partei — Bui Cong Truong, Jung-Annamitische
Partei.

Syrien:

Haidar Mardam Bey, Syro-palästinensisches Komitee, Mazhar Bey el Bakrı,
Hauptquartier der syrischen Aufständischen.

Palästina:

I. Itzchaki, Jüdische Arbeiterpartei (Poale-Zion)

Persien:

Mortesa Alavi, Republikanisch-revolutionäre Partei.

Korea:

Yiking Li, Verein koreanischer Studenten — Whang Wovil, Verband der
Schriftsteller und Journalisten Koreas — Kolu Li.
Indonesien:

Abdul Manaf, Indonesische Freiheitspartei — Nazir Pamontziak, Indo-
nesische Freiheitspartei — Gatot, Indonesische Freiheitspartei — Achmed
Subardja, Indonesische Freiheitspartei
England:

John Beckett, M. P. — Herbert W. Jones, Quäker — Ellen Wilkinson, M. P.
_— Helen Crawfurd — Arthur MacManus — R. W. Postgate, Plebs League

— George Stokes, Londoner Gewerkschaftsrat — James Crossley — William

9598
        <pb n="293" />
        954 Anhang.
Rust — William Brown, Sekretär der Amsterdamer Gewerkschaftsinter-
nationale.
Frankreich:
A. Herclet, C. G. T. U. — Deloyer — Vernochet; Kyriako, Internationale der
Bildungsarbeiter — Ventadour, Sekretär der Liga gegen koloniale Unter-
drückung — Dutilleul — Levassort — C. Drevet, „Stimme der Frau“ —
Semard.
Belgien:
Lejour, Unabhängige Vereinigung der sozialistischen Studenten — Liebaers
und A. Geerts, Bekleidungsarbeiterverband — Gouin Victor, Arbeiter-Ido-
Bund — Verspleht, Collot und Jolser, Sozialistische Vereinigung ehemaliger
Kriegsteilnehmer — A. De Bevere, Internationale der Kriegsdienstgegner —
Frau Marceline Hecquet, Internationale für Völkerversöhnung — Pasteel —
Mackeuse, Mitglied des P. O0. B. — van Overstraaten — Driessehaert.
Deutschland:
Otto Lehmann-Rußbüldt, Deutsche Liga für Menschenrechte — Johann
Resch, Liga gegen koloniale Unterdrückung, Köln — Dr. Meyer, Sozia-
listischer Schülerbund — Erich Schirner, Verband der Bankangestellten,
Breslau — Georg Stolt, Reichsgewerkschaft Deutscher Kommunalbeamten —
Walter Stöcker — Armin T. Wegner, Bund der Kriegsdienstgegner — Otto
Bachmann; Georg Düninghaus; Lucy Peters, Liga gegen koloniale Unter-
drückung — Pfarrer Fritze, Bund religiöser Sozialisten — Magda Hopp-
stock-Huth, Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit — Arthur
Holitscher — Fritz Bach — Ernst Toller — Alfons Paquet — Karl August
Wittfogel — Fritz Heckert, M.d.R. — Fritz Schönherr — Putz, M.d.R. —
Koenen, M.d.R. — Dr. Kurt Hiller.
Holland:

J. W. Kruyt — 5. J. Rutgers — H. van Walree — Albert de Jong, Anti-
milıtaristisches Büro — Müller-Lehning — Wijnkoop — Schermerharn —
Struyk — Koch — Lackerfeld.

Italien : Martini.

Schweiz: Dr. Tobler — Willi Trostel.
Tschechoslowakei: Beran.

Österreich : Dr. Leopold Katz — Frau Dr. Raissa Adler.

Brüssel, den ı4. Februar 1927.
        <pb n="294" />
        Manifest.
T *
Nicht zur Abstimmung gelangte Resolutionen.

Folgende Resolutionen wurden dem Generalrat zur Beschlußfassung
überwiesen; kamen jedoch Zeitmangels wegen nicht zur Abstimmung.

Zu Kapitel II (China).
Resolution des All-Chinesischen Gewerkschaftsbundes.
(Telegraphisch eingegangen).

Im Namen des All-Chinesischen Gewerkschaftsbundes unterbreite ich
dem Kongreß folgende Resolution:

Der Kongreß gegen Imperialismus und koloniale Unterdrückung beschließt:

ı. Die Aufhebung der ungleichen Verträge zu fordern.

2. Die sofortige Zurückziehung der fremden Armeen und Kriegsschiffe vom chinesischen
Territorium und aus den chinesischen Gewässern zu verlangen.

3. Für die bedingungslose Zurückgabe der fremden Konzessionen an das chinesische Volk
einzustehen.

A. An das Weltproletariat zu appellieren, das chinesische Volk auf jede Weise im gegen-
wärtigen schweren Kampfe für eine bessere Lebenshaltung der intensiv ausgebeuteten chine-
sischen Werktätigen zu unterstützen.

Auf zum Kampf für die Befreiung der unterdrückten Völker vom Imperialismus!

Sou Cheng King
Vorsitzender, All-Chinesischer Gewerkschaftsbund.
Zu Kapitel III (Indien, Persien).
Resolution über Indien.
Vorgeschlagen von dem Zentralen Gewerkschaftskartell von Bombay.

Im Namen des Gewerkschaftskartells von Bombay unterbreiten wir dem Kongreß gegen
koloniale ‚Unterdrückung und EEE folgende Resolution über das indische Problem:

ı. Die Arbeiterschaft von Bombay, organisiert im Zentralen Gewerkschaftskartell zu
Bombay, übermittelt ihre herzlichen Glückwünsche der „Liga der unterdrückten Völker“
für die Einberufung dieses Kongresses, der die Behandlung wichtiger Probleme im Zu-
sammenhang mit den wirtschaftlichen und politischen Folgeerscheinungen des Imperialismus
zur Aufgabe hat;

2. In Anbetracht, daß die Neuschaffung einer Gesellschaft in Übereinstimmung mit
dem sozialistischen Ideal die alleinige Erlösung der Menschheit von ihrem gegenwärtigen
Elend bildet, beschließt dieser Kongreß, jedes Jahr eine Delegation europäischer Sozialisten
nach Indien zu entsenden, um die Lehren des Sozialismus dort zu verbreiten, bis eine starke
sozialistische Arbeiterpartei in Indien gebildet ist;

3. In Anbetracht, daß die gegenwärtige Verfassung Indiens die Stimme der Masse
unterdrückt und ihre Wünsche in der Verwaltung Indiens nicht berücksichtigt, fordert der
Kongreß die britische Arbeiterpartei auf, das britische Parlament zu einer zweckent-
sprechenden Änderung der konstitutionellen Beziehungen zwischen den beiden Ländern zu
bewegen und dabei den indischen Massen die volle und restlose Bestimmung über ihr Schick-
sal zu sichern.

255
BB.
        <pb n="295" />
        ; Anhang.
Resolution über Persien.
Eingereicht durch die Revolutionäre Republikanische Partei Persiens.

Die persische Delegation beantragt folgende vier Punkte über die wichtigsten Fragen
des persischen Volkes annehmen zu wollen:

1. Das persische Volk verlangt die Annullierung der ungleichen Verträge und der Kon-
sulargerichtsbarkeit, die durch die imperialistischen Länder mit Gewalt dem persischen
Volke aufgezwungen wurden;

2. Annullierung aller Konzessionen, die durch zwei Jahrhunderte englischer Herrschaft
dem persischen Volk auferlegt wurden, und die das persische Volk an den Rand des Ab-
grundes brachten;

3. Riza Khan kommt mehr und mehr unter englischen Einfluß; nur durch die aufmerk-
same Kontrolle der großen Massen kann die Auslieferung Persiens an den englischen Impe-
rialismus verhindert werden.

Es lebe der Befreiungskampf der unterdrückten Völker!

Es lebe die Einheitsfront des Proletariats und der unterdrückten Rassen!

Es lebe der Kongreß der Unterdrückten!

Für die Revolutionäre Republikanische Partei Persiens:
Ahmed Assadoff; Alavi Martesa,
Zu Kapitel IV (Nordamerikanischer Imperialismus).
Resolution.

Dem Kongreß gegen koloniale Unterdrückung und gegen den Imperialismus von Roger
N. Baldwin, Sekretär „American Civil Liberties Union‘ New York City, unterbreitet.

Die Vereinigten Staaten besitzen sechs Inselkolonien, deren Gesamtbevölkerung sich
auf ı5 Millionen Malaien und Neger beläuft, und die sich im Pazifischen Ozean und den
westindischen Gewässern befinden: Hawaii, Samoa, die Philippinen und Guam im Pazi-
fischen Ozean; Porto Rico und die Virginischen Inseln in der Westindischen Inselgruppe.
Drei dieser Inselgruppen wurden im spanischen Kriege erobert: die Philippinen mit einer
Bevölkerung von ı2 Millionen, Porto Rico mit einer Bevölkerung von 1,5 Millionen und
Guam, ein Flottenstützpunkt im Pazifischen Ozean, mit 13000 Eingeborenen. Durch ein
Vorgehen, das man „schonungsvoll‘“ als ‚,Besetzung‘“ bezeichnet, wurden Hawaii und Samoa
besetzt, nachdem die Geschäftsleute den Weg gebahnt hatten. Die Virginischen Inseln,
die einen guten Hafen auf dem Wege zum Panama-Kanal bieten, sind im Jahre 1917 von
Dänemark gekauft worden.

Vier dieser sechs Kolonien befinden sich nicht unter militärischer oder Marine-Kontrolle,
sondern sind mit Formen einer gewissen Autonomie in der Lokalverwaltung ausgestaltet. Die
anderen zwei, Hawaii und Porto Rico, haben Vertreter im Kongreß. Die Philippinen,
denen die Unabhängigkeit schon seit langer Zeit versprochen wurde, sind in Washington
durch einen Kommissar vertreten, der einen Sitz im Kongreß, jedoch kein Stimmrecht hat.

Die Bewegung, sich von der amerikanischen Kontrolle zu befreien, ist nur auf den
Philippinen besonders stark. Eine schwache Unabhängigkeitsbewegung besteht in Porto Rico.
Auf den Virginischen Inseln und Samoa will man jetzt das System der Marineverwaltung
durch Zivilgouverneure, Autonomie und das amerikanische Staatsbürgerrecht ablösen. Das
sind die Tatsachen.

Der Kongreß wird daher gebeten, zu beschließen:

1. daß der Kampf der Philippinen für ihre nationale Unabhängigkeit ungestört ge-
führt werden kann und ihm jede mögliche Unterstützung in der ganzen Welt ge-
währt werde;

2. die Virginischen Inseln und Samoa in ihren Bestrebungen nach Zivilverwaltung,
Autonomie und amerikanischem Staatsbürgerrecht zu unterstützen;

3} allen Bewegungen der amerikanischen Kolonien für politische und wirtschaftliche
Befreiung Beistand zu gewähren.

256
        <pb n="296" />
        Nicht zur Abstimmung gelangte Resolutionen,
Zu Kapitel V (Agypten, Arabische Länder).
Die ägyptische Delegation schlägt dem Brüsseler Kongreß folgende
Resolution über Ägypten
vor.

Der Kongreß beschließt

ı. Für die vollständige Unabhängigkeit Ägyptens einzutreten;

2. Die sofortige Evakuierung des ägyptischen Gebietes von den britischen Land- und
Marinestreitkräften zu fordern;

3. Die Stellung des Suezkanals unter ägyptische Verwaltung anzustreben.

Resolution über Palästina,
Delegation der Arbeiterpartei Palästinas.
(Poale-Zion.)

Betrachten wir die politische Situation in Palästina wie in der Mehrzahl der Kolonial-
länder, so zielt die imperialistische Politik darauf ab, sich ökonomische Vorteile durch An-
eignung materieller Güter (Rohstoffe, Absatzmarkt usw.) zu sichern. In Palästina sind es
Vorzüge militärpolitischer und strategischer Art, welche die wirtschaftliche Ausbeutungs-
politik des englischen Imperialismus bestimmen. Diese Eigentümlichkeit tritt in dieser Zei
des großen Ringens der Kolonialvölker klar zutage. In diesen Tagen, da die chinesische
Armee von Kanton siegreich vordringt, da in Indien der Aufruhr der unterdrückten Arbeiter-
massen grollt, da in Ägypten der Freiheitskampf neue Kräfte sammelt, gewinnt Palästina
eine große Bedeutung. Die Imperialisten versuchen, es zu ihrer militärischen und strate-
gischen Basis zu machen. Wie die französischen Imperialisten in Syrien, der italienische
Faschismus auf der Insel Rhodos, wollen die englischen Imperialisten Palästina in ein
Waffenarsenal wandeln und eine strategische Straße daraus machen, die ihre Herrschaft
über Indien und den Suezkanal sichert. Daher trägt die britische Verwaltungsordnung
in Palästina den Charakter einer militärischen Okkupation. Die geringste Bewegung erscheint
ihr verdächtig; sie will ein Land des Schweigens daraus machen. Daher müssen wir die Lage
in Palästina im Lichte der internationalen Lage betrachten, die nationalen Bewegungen analy-
sieren und die wahrhaft anti-imperialistischen Kräfte entfesseln.

Die nationalen Bewegungen in den Kolonien und der Imperialismus.

In unserer gegenwärtigen Epoche ist der ökonomische Fortschritt gehemmt, während
die kapitalistische Wirtschaft in den Ländern der alten wie der neuen Welt aus den
Fugen geht.

Dagegen vollzieht sich eine reißend schnelle kapitalistische Evolution in den Ländern,
die Kolonien genannt werden. Diese Entwicklung vollzieht sich unter der politischen und
militärischen Hegemonie kapitalistischer Länder. Diese wird dazu mißbraucht, die wirt-
schaftliche Entwicklung der Kolonialländer zu fesseln, sich ihrer Konkurrenz zu entledigen
und ihre Bodenschätze auszubeuten. Es erwächst daraus ein verzweifeltes Ringen unter den
Kolonien, die darnach streben, ihre produktiven Kräfte zu entfalten und sich von der
Bevormundung der Mutterländer zu befreien.

Die Entwicklung der produktiven Kräfte in den Kolonien verschärft die inneren
Gegensätze der kapitalistischen und imperialistischen Welt, steigert die Bitterkeit des Kon-
kurrenzkampfes auf dem Weltmarkt und hindert so die herrschende imperialistische Bour-
geoisie, die sozialen Konflikte im Innern ihrer Länder zu mildern.

Das Flammenzeichen vom Palais Egmont.

257
17
        <pb n="297" />
        A Anhang.

Dieser ökonomische Fortschritt in den Kolonien wirkt mit an der Proletarisierung
weiter Schichten der kolonialen Bevölkerung und treibt sie zum proletarischen Kampfe
gegen den Imperialismus. Dadurch findet der Entscheidungskampf gegen den Imperialis-
mus in der ganzen Welt neue Verstärkung.

In diesem Kampfe steht das Proletariat auf der Seite der Kolonialvölker, die um
die Freiheit ihrer politischen und wirtschaftlichen Entwicklung ringen.

Dieser Kampf, der Kampf um die nationale Freiheit, ist von ungeheurer Tragweite,
aber nicht identisch mit dem proletarischen Entscheidungskampf gegen den Imperialismus.

Vom proletarischen Gesichtspunkt aus zielt dieser nationale Kampf allein daraufhin,
günstigere Bedingungen für den Zusammenschluß und den Erfolg des Proletariats in
seinem Entscheidungskampf gegen den Imperialismus zu schaffen. An diesem nationalen
Kampfe nehmen die verschiedensten Klassen der Nation teil. Aber wie bei allen fortschritt-
lichen Freiheitsbewegungen unserer geschichtlichen Zeitwende wird die nationale Freiheits-
bewegung die leitende Rolle spielen, die von differenzierten Klassen und einem modernen
Proletariat getragen wird. Denn das Proletariat steht auch an der Spitze dieses nationalen
Kampfes.

Indem es weite Bevölkerungsschichten in seinen Bannkreis zieht, säubert es die Bewegung
von jeglichem reaktionären Element, verknüpft sie mit den vitalen Interessen der Massen
und verhindert, daß die Bourgeoisie sich mit dem Imperialismus verbündet. Andererseits
ist das Proletariat des Mutterlandes die einzige Macht, die mit dem Proletariat der Kolonien
Fühlung nehmen und seinen Kampf erleichtern kann.

Diese Hilfestellung des Proletariats der Mutterländer bildet wiederum einen bedeuten-
den Faktor, der den Sieg entscheiden kann und muß.

Dort, wo der nationale Befreiungskampf — bei einer Nation mit differenzierten Klassen
— nicht vom Proletariat angeführt wird, bleibt er in den meisten Fällen ein blindes
Werkzeug in den Händen einer feudalen „nationalen“ Aristokratie. Oft unterstützt er einen
Imperialismus im Kampfe gegen einen anderen. Eine Bewegung von solchem Charakter
wird die proletarischen Massen zurückstoßen; zuweilen aber macht sich selbst unter den
aufrechten Elementen der nationalen Freiheitsbewegung eine Tendenz bemerkbar, in einem
Imperialismus den Verbündeten gegen die Aristokratie und die reaktionären Elemente
innerhalb des eigenen Volkes zu suchen. Wir müssen die Elemente solcher Richtung be-
kämpfen. Wir müssen jede Versöhnung mit dem Imperialismus bekämpfen und die arbeiten-
den Kräfte für diesen Kampf organisieren. Wir müssen in unserem Kampfe die schweren
Fehler vermeiden, die auf den Mangel einer klaren Analyse der nationalen Bewegung zurück-
zuführen sind. Auch in den Kolonialländern existiert keine allgemeine und abstrakte National-
bewegung. In Wirklichkeit bestehen nur konkrete Formen des Nationalgefühls verschiedener
Klassen. Jede lebenswichtige Gesellschaftsklasse vertritt eine eigentümliche nationale Strömung,
mit ihren besonderen Klassenzielen, Klassenforderungen und ihrer spezifischer Klassentaktik.
Es besteht eine feudale Nationalbewegung, eine bürgerliche Nationalbewegung und eine prole-
tarische Nationalbewegung. Auf die proletarische Nationalbewegung aber müssen wir unsern
Kampf gegen den Imperialismus stützen. Die Ziele der proletarischen Nationalbewegung sind:
den Boden zu bereiten für die Herrschaft der arbeitenden Massen der Nation, für eine Republik
der Arbeiter und Bauern. Daher muß der Kampf der proletarischen Nationalbewegungen
in den Kolonialländern sich mit gleicher Kraft gegen die herrschende imperialistische
Macht wie gegen die reaktionären Elemente innerhalb der eigenen Nation richten. Das
Proletariat muß die politischen Forderungen mit den sozialen und wirtschaftlichen Forde-
rungen verknüpfen, und danach streben, die produktiven Kräfte des Landes zu befreien,
die Interessen der Arbeiterklasse zu sichern und die Kräfte der Bauern wie die der arbeiten-
den Massen unter der Fahne des Proletariats zu vereinen.

Die proletarische Nationalbewegung in Palästina und der Kampf
gegen den Imperialismus.

Die Zuflußquelle des palästinischen Proletariats ist:

1. die Einwanderung jüdischer Arbeiter, die darnach streben, in diesem Lande ein

territoriales Zentrum zu schaffen, und

2. die Proletarisierung der arbeitenden arabischen Massen.

258
        <pb n="298" />
        Nicht zur Abstimmung gelangte Resolutionen. O4}

Das jüdische Proletariat der ganzen Welt stößt in Palästina direkt mit dem kolonialen
Imperialismus zusammen. Unter dem Zwange seiner sozialen Lage und getrieben von den
Bedingungen seiner wirtschaftlichen Evolution zieht das jüdische Proletariat nach Palästina;
aber das Land steht bereits unter der Herrschaft des englischen Imperialismus, der seine
ökonomische Entwicklung hemmt, überall Schranken aufrichtet und dem politischen Fort-
schritt Hindernisse jeder Art in den Weg legt. Der Imperialismus protegiert die bürger-
lichen und großkapitalistischen Elemente in der Ausbeutung des Proletariats und der
arbeitenden Massen Palästinas. Dadurch werden das palästinische Proletariat, die arbeiten-
den arabischen und jüdischen Massen wie das jüdische Proletariat der ganzen Welt ge-
zwungen, die Herrschaft des englischen Imperialismus in Palästina tatkräftig und entschlossen
zu bekämpfen und die politische und ökonomische Unabhängigkeit für ihr Land zu fordern.

Je stärker sich das Land entwickelt, je wichtigere und f£ortschrittlichere Formen seine
Wirtschaft annimmt, um so tiefer spitzt sich der Konflikt zwischen den Bedingungen seines
Fortschrittes und der politischen Lage zu, und um so mehr verschärft sich der Kampf gegen
den Imperialismus.

Auch der national-arabische Kongreß in Palästina schreibt die Unabhängigkeit
Palästinas auf seine Fahnen. Aber es ist zu betonen, daß diese Organisation den reaktio-
nären Nationalismus, den Nationalismus des Großgrundbesitzes, vertritt. Diese Organisation
kämpft gegen die Befreiung der arbeitenden Massen, gegen die ökonomische Entwicklung
Palästinas, gegen die Arbeitereinwanderung, aber sie kämpft kaum gegen den englischen
Imperialismus. Das Ziel dieser Bewegung ist es, den Bestand der Feudalherrschaft zu
sichern, die Verknechtung der städtischen Handwerker und der ländlichen Fellachen auf-
rechtzuerhalten und die Arbeiterklasse im ganzen Lande zu erdrücken. Die nationale prole-
tarische Bewegung muß gegen diese feudale Bewegung kämpfen.

Die arabische Bourgeoisie, die präkapitalistischen Handel und Wucher treibt, ist durch
ihre Interessen eng mit der feudalen Klasse (effendis) verbunden. Sie lebt vom Schweiße
und von der Arbeit der Fellachen-Massen und vom Parasitentum der Großherren. Daher
steht sie in dem nationalen und sozialen Kampfe auf seiten der Reaktion. Die industrielle
und landwirtschaftliche Bourgeoisie ist erst während der letzten Jahre in Palästina empor-
getaucht. Auch ein Teil der Großherren und Wucherer ist infolge der kapitalistischen Ent-
wicklung in die Reihen der industriellen und Agrarbourgeoisie hineingezogen worden, aber
ihre Zahl und ihre soziale Bedeutung sind im Vergleich zu der jüdischen Bourgeoisie gering-
fügig. Daher wird die Politik der industriellen Bourgeoisie in diesem Lande durch die Inter-
essen der jüdischen Bourgeoisie diktiert. Da ihr Erfolg von dem wirtschaftlichen Gedeihen des
Landes und von dem Zufluß von Kapitalien abhängt, so ist eine Bourgeoisie an der Autonomie
und an der wirtschaftlichen Freiheit Palästinas interessiert.

In ihrer Furcht aber vor der Arbeiterklasse und den arbeitenden Massen vermeidet die
Bourgeoisie den Entscheidungskampf und sucht sich mit der imperialistischen Regierung und
mit der arabischen Herrenklasse in Einvernehmen zu setzen.

Die Arbeiterklasse wird in ihrem Kampfe gegen den Imperialismus die fortschrittlichen
Tendenzen der jüdischen industriellen Bourgeoisie verwerten; sie schafft günstigere Be-
dingungen für den wirtschaftlichen Fortschritt des Landes, aber das Proletariat muß ent-
schlossen alle Versuche der Bourgeoisie bekämpfen, Einfluß auf die breiten Schichten der
Bevölkerung zu gewinnen, es muß den zweifelhaften Charakter der bürgerlichen Politik
gegen den Imperialismus enthüllen, jedes Kompromiß mit der feudalen Reaktion brand-
marken und die arbeitende Klasse im Entscheidungskampf gegen den Imperialismus auf
seine Seite ziehen.

Das Kleinbürgertum Palästinas lebt noch unter den Verhältnissen einer natürlichen
Ökonomie. Es ist stark rückständig und befindet sich in Abhängigkeit von den Effendis,
den Scheiks, kurz der Adelsklasse. Aber der wirtschaftliche Fortschritt des Landes führt
zu immer häufigeren Konflikten zwischen diesen beiden Klassen.

Die immer weiter um sich greifende kapitalistische Wirtschaft verstärkt den Druck,
der auf den Bauernklassen lastet, in Gestalt von Steuererhöhung, Pachtverhältnissen usw....
Infolgedessen beginnt die Bauernklasse sich gegen die Ideologie der Standesherren auf-
zulehnen und sich davon frei zu machen, um ihre eigenen Interessen zu verteidigen.

Diese Verhältnisse der verschiedenen Klassen Palästinas schreiben uns deutlich vor, daß
der Kampf gegen den Imperialismus in Palästina sich auf die proletarische Nationalbewegung

1%

7K
Re
Li
        <pb n="299" />
        26U Anhang.

stützen muß, Das Ziel dieser Bewegung ist, die Tyrannei der imperialistischen Herrschaft
und der feudalen Reaktion zu brechen, den Weg für den ökonomischen Fortschritt des
Landes zu bahnen, die Kräfte der Arbeiterklasse zu stärken und die weiten Schichten der
arbeitenden Masse unter ihren Einfluß zu bringen, Die nationale Bewegung des Proletariats
ist allein imstande, den Entscheidungskampf um die Befreiung Palästinas auf der Grundlage
der Vorherrschaft der Arbeiterklasse vorzubereiten.

Diese Bewegung muß überall und in gleicher Weise die imperialistische Regierung
Englands bekämpfen wie die Feudalherrschaft der arabischen Grundherren, die danach
streben, unter dem Beistand der reaktionären englischen Lords den Großgrundbesitz des
Landes in ihre Hand zu bekommen.

Der Entscheidungskampf gegen den Imperialismus in Palästina hängt ab von dem An-
wachsen der Arbeiterklasse, und dieses Wachstum hängt seinerseits von dem engen Zu-
sammenschluß der arabischen und jüdischen Arbeitermassen und von der intensiven Ein-
wanderung jüdischer Arbeitermassen ab.

Auf ihrem Wege zur entscheidenden Abrechnung mit dem Imperialismus muß die
Arbeiterklasse in Palästina die Massen der Fellachen zur Tat und zum politischen Kampfe
mit fortreißen.

In der Erwartung und Vorbereitung der Kräfte zu dem Entscheidungskampfe gegen
den Imperialismus müssen wir im Augenblick für die folgenden unmittelbaren Forde-
rungen kämpfen:

ı. Kampf für die Agrarreform; Aufhebung aller feudalen Privilegien, Befreiung des
Bauern von seinen Verpflichtungen gegenüber dem Grundherren, Aufhebung der
Steuern, die besonders die Bauern erdrücken.

Abtretung aller unbestellten Ländereien an die Bauernklasse, Nationalisierung des
bestellbaren Bodens und seine Überweisung — mitsamt den Kronländern — an einen
Bodenfonds, welcher der Arbeiter-Kolonisation zur Verfügung gestellt wird.

2. Kampf gegen Einwanderungs-Beschränkungen und energisches Eintreten für slei-
gende Einwanderung von jüdischen Arbeitermassen in Palästina.

&gt; Kampf für eine Arbeiter-Schutz-Gesetzgebung, Einführung des Achtstundentages,
Tariflohn in allen Privat- und Regierungsunternehmungen, Schutz der Kinder- und
Frauenarbeit, Sozialversicherung gegen Unfall und Invalidität, Arbeitslosenversiche-
rung usw.

4. Vollkommene Erweiterung der Gemeinde-Autonomie.

Zu Kapitel IX (Indo-China).
Resolution über Indo-China.
Vorgeschlagen von der Delegation Indochinas.

In Anbetracht, daß Indochina das Gebiet von Völkern ist, die im

1. Fürstentum Laos,

2. Königreich Cambodga,

3. Kaiserreich Annam (Tonkin, Annam, Cochinchina)
sich ihre eigene Konstitution geschaffen haben,

in Anbetracht, daß diese Völker ihre eigene Zivilisation besitzen und alle erforder-
lichen Bedingungen erfüllen, um ihr Leben als Volk zu führen,

in Anbetracht, daß der Imperialismus und der Kolonialismus nicht auf Rechte bestehen
kann, die er in Wirklichkeit nicht hat, daß Frankreich sich in Indochina durch das „Recht“
der Eroberung festgesetzt hat,

in Anbetracht, daß das französische Volk auf Grund seiner revolutionären Traditionen
nicht die Vergewaltigung des geheiligten Selbstbestimmungsrechtes will,

beschließt der Internationale Kongreß gegen Imperialismus und koloniale Unter-
drückung,

alle Mittel anzuwenden, um den Völkern Indochinas ihre Unabhängigkeit wieder-
zugeben.
        <pb n="300" />
        Nicht zur Abstimmung gelangte Resolutionen.
Zu Kapitel X (Korea)
Resolution der koreanischen Delegation.

Durch einmütige Kundgebungen aller koreanischen nationalen Organisationen, durch
blutige Aufstände, in denen zehntausende ihr Leben eingesetzt haben, hat Korea seinen
Anspruch auf völlige Unabhängigkeit vor der ganzen Welt begründet.

Solange die japanische Regierung unsere Unahbhängikeit nicht anerkennt, werden wir
gezwungen sein, den Kampf gegen den japanischen Imperialismus bis aufs äußerste fort-
zusetzen. All unsere Kräfte und Mittel werden wir gebrauchen, um unser Volk von der
japanischen Unterjochung zu befreien.

Im festen Glauben, daß unsere Konferenz lediglich auf der Basis der nationalen Freiheit
und der sozialen Gleichheit fußt, fühlen wir uns berechtigt, von der Konferenz Anerkennung
der folgenden Punkte zu verlangen:

ı. Korea ist als ein von Japan unabhängiger Staat anzusehen.

2. die sämtlichen Sonderrechte, die sich die Japaner in Korea angeeignet haben, sind
nichtig.

Zu Kapitel XIV.
Erklärung der LA.K.
/Die 1.A.K. (Antimilitaristische Kommission) setzt sich zusammen aus der Internationalen Ar-
beiter-Association (T.A.A.) und dem Internationalen Antimilitaristischem Bureau (1.A.M.B.).]
Die Internationale Antimilitaristische Kommission (1.A.K.) betrachtet die koloniale Un-
terdrückung als eine der schlimmsten Formen der imperialistischen Ausbeutung und erklärt
sich vollkommen solidarisch mit dem Befreiungskampf der Kolonialvölker der ganzen Erde.

Die gewalttätige Unterdrückung der sich widersetzenden Kolonialvölker sowie die
gegenseitige Mißgunst der Kolonialmächte bringt für die Arbeiterklasse eine permanente
Gefahr neuer Weltkriege mit sich.

Diese koloniale Unterdrückung und die modernen Kriege des Imperialismus sind nur
möglich durch die tatsächliche Solidarität der von demselben Imperialismus ausgebeuteten
weißen Proletarier mit ihren Regierungen, insoweit sie sich dazu hergeben Dienst zu
leisten als Matrose auf der Kriegsflotte, als Soldat im Heere, als Arbeiter in der Kriegs-
industrie. Die I.A.K. ruft deshalb das weiße Proletariat auf, diese Solidarität mit der herr-
schenden Klasse zu brechen und den militaristischen Apparat des Staates zu vernichten durch
persönliche und Massendienstverweigerung, durch sofortige und definitive Stillegung der
Kriegsindustrie und durch die Verhinderung jeder Aktion und jeder Kriegsvorbereitung
gegen die Kolonialvölker.

Es ist die gemeinschaftliche Aufgabe des weißen und farbigen Proletariats, diesen
Kampf gegen den Imperialismus zur Weltrevolution zu wenden. Denn die wirkliche Be-
freiung der Völker erfordert nicht nur die nationale Unabhängigkeit, sondern vor allem
die soziale Unabhängigkeit, die Aufhebung jeder Unterdrückung des arbeitenden Volkes.

Aus diesem Grunde sollen die sich befreienden Kolonialvölker verhindern, daß die
koloniale Ausbeutung durch das ‚„Mutterland“ ersetzt wird durch die Ausbeutung eines
Nationalstaates, und sollen sich davor in acht nehmen, daß die heutige Diktatur nicht durch
die Diktatur einer politischen Partei ersetzt wird. Denn jede Diktatur bedeutet die Wieder-
herstellung des Staates, der kraft seines Wesens die arbeitenden Massen aufs neue unter-
drücken wird, während seine militärische Organisation die Kriegsgefahr permanent aufrecht-
erhält statt sie aufzuheben, und seine staatskapitalistische Produktionsweise Absatzgebiete er-
fordert, was aufs neue zu ökonomischen Konflikten führen muß.

Da die moderne Kriegstechnik die ganze Menschheit mit Untergang bedroht und sie
sich wehrt gegen jeden, der sie anwendet, drängt die I.A.K. bei den Kolonialvölkern darauf
hin, auch in ihrem Befreiungskampf an erster Stelle ihre Kraft zu suchen in den so
effektiven ökonomischen Kampfmitteln der sozialen Revolution (Boykott, Streik, Steuer-
verweigerung, non-cooperation).

9261
        <pb n="301" />
        ANhang.
Weitere Resolutionen.
Belgische Resolution.

In Anbetracht, daß die koloniale Unterdrückung und der Imperialismus nicht nur das
verhaßte und veraltete System der wirtschaftlichen Ausbeutung der Völkerschaften der über-
seeischen Länder, sondern auch eine ständige Gefahr für die Völker der imperialistischen
Länder durch die mit ihm verbundenen Militärabenteuer bilden,

in Anbetracht, daß die Delegation der hundert Millionen der versklavten überseeischen
Menschheit mit Recht erklärt, daß sie die Methoden und Auswüchse des Kolonialismus nicht
länger ertragen können,

in Anbetracht, daß diese Tatsache beweist, daß die sofortige Befreiung der kolonialen
und halbkolonialen Länder eine geschichtliche Notwendigkeit darstellt, der das kapitalistische
System nicht mehr entgehen kann,

in Anbetracht, daß unter den gegenwärtigen Umständen die Handarbeiter und Intellektu-
ellen der imperialistischen Länder, wie alle Elemente, die für edle und humanistische Ideale
kämpfen, mit all ihren Kräften den unterdrückten Völkern in ihrem Befreiungskampf helfen
müssen, .

begrüßt die belgische Delegation am Brüsseler Kongreß die Schaffung einer Weltliga
gegen /koloniale Unterdrückung und Imperialismus.

Sie beschließt, sich dieser Weltliga als belgische Sektion anzuschließen,

und gelobt sich, auf dem nächsten internationalen Kongreß gegen koloniale Unter-
drückung und Imperialismus, die belgischen Kolonisierungsmethoden öffentlich durch die
belgische Delegation mit der gleichen Schärfe aufzuzeigen, wie dies im Verlauf der Debatte
mit den britischen, französischen und anderen Imperialismen getan wurde.

und hofft, daß die Liga in die Lage kommt, ein neues konstruktives System zu ermitteln,
das aufgebaut werden soll, um durch eine freie politische und wirtschaftliche Zusammen-
arbeit unter gleichen und unabhängigen Völkern das niedrige gegenwärtige System, das zu-
gunsten einer kapitalistischen Klasse besteht, zu ersetzen.

Es lebe die nationale Freiheit und soziale Gleichheit!

Resolution der asiatischen Delegationen.

Der internationale Kongreß gegen koloniale Unterdrückung und Imperialismus

in Anbetracht, daß es in Asien keine freien Gebiete für den Kolonialimperialismus gibt,

in Anbetracht, daß alle asiatischen Gebiete seit Jahrhunderten das Erbe der verschie-

denen einheimischen Nationen sind,

in Anbetracht, daß diese Nationen hier Staaten aus sich selbst herausgebildet haben,

in Anbetracht, daß die orientalischen Nationen, die eine alte Zivilisation besitzen, ein

Anrecht haben, wie die abendländischen Völker, ihre Geschicke selbst zu bestimmen,
in Anbetracht, daß die politische Unabhängigkeit eine unerläßliche Lebensbedingung
der Völker ist, und daß keine Nation einer Oberhoheit unterworfen werden darf,
die sie ablehnt,
fordert,
daß alle am Kongreß teilnehmenden Gruppen sowie die ständige Organisation, die auf Grund
der Beschlüsse gebildet werden soll, alles unternehmen, um Asien vom Imperialismus und
der kolonialen Unterdrückung endgültig zu befreien.
Resolution.
Vorgeschlagen von der juristischen Kommission.

Der Kongreß gegen koloniale Unterdrückung und Imperialismus in Brüssel beschließt,

daß es notwendig ist, eine juristische Sektion der Weltliga gegen Imperialismus und kolo-

262
        <pb n="302" />
        Nicht zur Abstimmung gelangte Resolutionen. 263
niale Unterdrückung zu bilden, die alle Juristen dieser Liga zusammenfassen soll. Diese
Sektion soll mit der Sammlung und Konzentrierung eines erschöpfenden Materials über den
Zustand der unter imperialistischer Herrschaft stehenden kolonialen und halbkolonialen
Länder, vom Gesichtspunkt des öffentlichen Rechts, Verfassungswesens und Privatrechts
ihre Tätigkeit einleiten.

Im Rahmen dieser positiven Arbeit sollte die Sektion Projekte jener juristischen Maß-
nahmen ausarbeiten, die geeignet sind, die Eingeborenenarbeit ın diesen Ländern zu schützen
und die Gewalt des Kapitals, au: dem die wirtschaftliche und politische Unterdrückung der
Völkerschaften beruht, einzuschränken und zu regeln.

Darüber hinaus sollte die Sektion sich zur Aufgabe setzen, den infolge ihrer anti-
imperialistischen Tätigkeit politisch verfolgten Personen gegen die unterdrückenden Ge-
walten Schutz zu gewähren, soweit keine andere Organisation des betreffenden Landes diese
Aufgabe bereits übernommen hat.

Erklärung

der Vertreter von Jugendorganisationen und Jugendarbeiterverbänden
am Brüsseler Kongreß gegen koloniale Unterdrückung und Imperialismus.

Die studentische und Arbeiterjugend der durch den Imperialismus unterdrückten Länder
spielt eine große historische Rolle in den Kämpfen der verschiedenen Völker um ihr natio-
nale Befreiung. Beweise ihres Heroismus geben die großen revolutionären Leistungen, die
in der Befreiungsbewegung weitbekannt geworden sind. Die revolutionäre Jugend von heute
wird morgen den Stab der erfahrenen Kämpfer bilden. Im Stadium des Wachstums und Her-
anreifens der Jugend ist es daher notwendig, daß ihrer Entwicklung die sorgfältigste Aufmerk-
samkeit geschenkt wird. In Anbetracht der Lage der Jugend in den imperialistischen Ländern,
in denen die Erziehung stark unter imperialistischem Einfluß steht, und in Anbetracht der
beklagenswerten Lage der Jugend in den unterdrückten Ländern, die unter der imperia-
listischen Ausbeutung leiden, und der Wichtigkeit dieser Probleme für die zukünftige revo-
lutionäre Bewegung, halten wir es für die Pflicht der Liga gegen koloniale Unterdrückung
und Imperialismus, dem Jugendproblem besondere Aufmerksamkeit zu schenken.

Die aktive Jugend der imperialistischen Länder und die revolutionäre Jugend der unter-
drückten Nationen protestiert scharf gegen alle Formen und Arten des Imperialismus. Es
soll hier besonders auf die Tatsache hingewiesen werden, daß auch in den imperialistischen
Ländern das Erziehungswesen der imperialistischen Ideologie unterliegt. Es ist daher unsere
innerste Überzeugung, daß die Studenten der kolonialen und imperialistischen Länder in
engster Verbindung mit der Jugendbewegung dieser Länder zusammenarbeiten und ein Ein-
vernehmen schaffen sollen, das auf das wirksamste zur Befreiung der unterdrückten Völker
und der versklavten proletarischen Klasse führt.

Die Vertreter der Studentenorganisationen und anderer auf diesem Kongreß vertretenen
Körperschaften der Jugend beantragen bei dem Exeutivkomitee einen Vertreter der Jugend
(wir schlagen Mr. Sia Ting vor) zu kooptieren, damit der Arbeit unter der Jugend in den
Kolonien die notwendige Aufmerksamkeit geschenkt wird, und die Zusammenarbeit der
Er und Jugendbewegung in den imperialistischen Ländern wirksam organisiert werden

ann.

J. Naidu, Verband der Inder in Zentraleuropa;

William Rust, Kommunistische Jugend Großbritanniens;

Chio Teng Chi, Studentenvereinigung für die Verbreitung des Sun-Yat-Senismus in

Amerika;

Koyang Tong, Hauptverband chinesischer Studenten in Deutschland;

Wang Kie Kiang, Hauptverein chinesischer Studenten in Kanton;

Henri Tchai, Vereinigung der Handelskammer Kanton;

Oskar Wan, Delegierter der Kuomintang-Sektion in Lyon;

On Poo, Präsident der Vereinigung chinesischer Studenten in Charleroi;

R. Aloyer, Sekretär der Kommunistischen Jugend Frankreichs;

Tran van Chi, Präsident des Hilfsvereins der Indochinesen;

Bui Cong Truong, „Jeune Anam“‘ in Indochina;
        <pb n="303" />
        4 Anhang.
Sia Ting Li Pin Reng, Siao Tchen Hoin, Tang Kin Pei, Y. S. Hsich, Tsan Mai Ming,
Kuo Ming Tang, Paris;

J. A. Mella, Sekretär der Allamerikanischen Anti-imperialistischen Liga, Mexiko;

Leonardo Fernando Sanchez, Volksuniversität Jose Martin;

Vereinigung der Studenten Latein-Amerikas in Paris.

C
Begrüßungen durch Briefe und Telegramme
a3
Deutschland.

Professor Albert Einstein begrüßt den Kongreß mit folgenden Worten:

„Es ist heute in Europa jedem Denkenden klar, daß die bisherige Vor-
herrschaft weniger Völker weißer Rasse keiner geistigen oder moralischen
Überlegenheit der Technik und Organisation entsprach. Es war in der Haupt-
sache keine Führung im edlen Sinne des Wortes, sondern Unterdrückung
und Ausbeutung. In Ihrem Kongreß verkörpert sich das solidarische Streben
der Unterdrückten nach Selbständigkeit.

Ich wünsche Ihrem edlen Streben Erfolg und bin überzeugt, daß ein Ge-
lingen des von Ihnen in Angriff genommenen Werkes allen zugute käme,
denen Menschenwürde am Herzen liegt.“

Professor L. Quidde schreibt im Namen des Deutschen Friedenskartells:

„Im Auftrage des Deutschen Friedenskartells beehre ich mich, unsere
Sympathien für den Gedanken eines Protestes gegen kolonialen Imperialis-
mus und gegen koloniale Unterdrückung zum Ausdruck zu bringen. Unsere
stellvertretende Vorsitzende, Frau Dr. Helene Stöcker, wird ja voraussichtlich
Gelegenheit haben, in diesem Sinne noch mündliche Ausführungen zu machen.

In Beurteilung der Kolonialfragen gehen im übrigen, wie auch Frau
Dr. Stöcker Ihnen sagen wird, die Ansichten innerhalb des Kartells ziemlich
weit auseinander. Die einen fordern radikalen Verzicht auf jede Art von
Kolonialbesitz und Kolonialverwaltung, auch von Kolonialmandaten. Die
anderen, zum Teil alte Gegner jedes Erwerbs von Kolonien durch Deutsch-
land, glauben, daß, so wie die Dinge heute liegen, eine Entwicklung zur
Freiheit und Selbständigkeit der gegenwärtig unter Fremdherrschaft stehen-
den Völker am ehesten zu erhoffen ist durch eine Ausdehnung des Mandats-
systems und Stärkung der Befugnisse der Mandatskommission des Völker-
bundes mit dem Ziel der vollkommenen Internationalisierung aller Kolonien.

Eine solche Stellungnahme erscheint manchen in unseren Reihen als die
unvermeidliche Konsequenz der Tatsache, daß das Deutsche Friedenskartell
so gut wie einmütig für den Völkerbundgedanken und für den Eintritt
Deutschlands in den bestehenden Völkerbund sich eingesetzt hat. Von anderen

26:
„us
        <pb n="304" />
        Begrüßungen durch Briefe und Telegramme. 265
wird diese Forderung nicht anerkannt, wie u. a. die Stellungnahme der
Frauenliga beweist.

Einmütig aber sind wir in der Überzeugung, daß das Verhältnis der
weißen zu den farbigen Rassen eines der wichtigsten Probleme der Friedens-
sicherung ist und nach Aufräumung unter vielen veralteten Vorurteilen
verlangt, ferner in der Forderung, daß für die Kolonialverwaltung und für
die Entwicklung der heute in Abhängigkeit lebenden Völker zur Selbständig-
keit nur die Interessen dieser Völker selbst und nicht die der Kolonialmächte
bestimmend sein dürfen. Auch hoffe ich, in Übereinstimmung mit allen
Kartellmitgliedern zu sein, wenn ich für uns Pazifisten als unerträglich be-
zeichne, daß, während blutige Kriege, wie z. B. in Syrien und Marokko,
geführt werden, der Völkerbund mit verschränkten Armen danebensteht,
unter Umständen durch seine Satzungen verhindert, irgendwie einzugreifen.

So ist trotz der angedeuteten Meinungsverschiedenheiten doch eine breite
Grundlage gemeinsamer Anschauungen vorhanden, und ich darf der Hoff-
nung Ausdruck geben, daß eben in dieser Richtung dessen, was uns gemein-
sam ist, der Kongreß nützliche Arbeit leisten wird.“

Das Zentralkomitee der 1.A.H. begrüßt den Brüsseler Kongreß wie folgt:

„Die Internationale Arbeiterhilfe, die 15 Millionen Frauen und Männer
in allen Ländern vereinigt, entbietet dem Kongreß in Brüssel herzliche Grüße.

Die Internationale Arbeiterhilfe ist stolz darauf, daß ihre einzelnen Sek-
tionen bei dem Zustandekommen des Kongresses tatkräftige Hilfe geleistet
haben. Unsere Organisation wird auch in Zukunft alles tun, um den schweren,
aber notwendigen Kampf gegen Imperialismus und nationale Unterdrückung
mit allen Kräften zu fördern und zu unterstützen.

Es lebe die Vereinigung aller unterdrückten Völker, Rassen und Menschen!

Es lebe der erste Kongreß gegen Imperialismus und nationale Unter-
drückung!“

Ernst Toller richtet an den Kongreß folgende Zeilen:

„Der Kongreß von Brüssel ist ein welthistorisches Ereignis. Zum ersten
Male in der Geschichte treffen sich die Delegierten der in mannigfachsten
Formen unterdrückten Völker mit den Delegierten des werktätigen Volkes
der imperialistischen Staaten, um gemeinsam Möglichkeiten und Wege ihrer
Befreiung zu beraten.

Brüssel hat eine gigantische Aufgabe: Hier muß das Fundament des
wahren Völkerbundes geschaffen werden. Der Völkerbund von Genf wird
sterben, denn er will 1919 verewigen, er will die Macht der Starken noch mehr
stärken, die Fesseln der Schwachen und Unterdrückten noch enger schnüren.

Der Völkerbund von Brüssel wird leben, in ihm schlägt der Puls der
Zukunft: Die freie brüderliche Menschheit.“

An
        <pb n="305" />
        0 Anhang.

Die Sektion Deutschland der Kuomintang telegraphiert:

„Die Sektion der Kuomintang in Deutschland sendet Euch brüderliche
Grüße zu der Tagung der unterdrückten Völker, die eine Einheitsfront gegen
den Weltimperialismus anstrebt. Wir wünschen, daß die Tagung nicht nur
einen Zusammenschluß der unterdrückten Kolonial- und Halkolonialländer
herbeiführt, sondern auch eine Brücke zwischen den Ausgebeuteten und
Unterdrückten aller Länder herstellt.“

Die „Arbeitsgemeinschaft entschiedener Republikaner“ schreibt:

„Die ‚Arbeitsgemeinschaft entschiedener Republikaner‘ entbietet den
Kämpfern für den Aufbau einer neuen Welt, einer Welt wahrer Gleichheit
alles dessen, was Menschenantlitz trägt, einer Welt wahrer Brüderlichkeit,
freiheitliche Grüße und wünscht den Arbeiten des Kongresses guten Erfolg.“

Professor Paul Östreich schreibt im Auftrag des Bundes entschiedener
Schulreformer:

„Ich bitte Sie sehr, alle ausländischen Delegierten, insbesondere die der
farbigen Nationalitäten auf dem Brüsseler Kongreß — an dem ich zu
meinem größten Bedauern nicht teilnehmen kann — in meinem Namen zur
Mitarbeit an der „Neuen Erziehung‘ aufzufordern!

Wir brauchen Aufsätze über die Volksbildungs-Bewegung in allen Län-
dern, wir werden mit besonderem Vergnügen Aufsätze der um ihre Freiheit
ringenden Völker bringen. Einige Prospekte der „Neuen Erziehung“ lege
ich bei. Im übrigen wünsche ich dem Brüsseler Kongreß namens des „Bundes
entschiedener Schulreformer‘“ guten Verlauf und Erfolg! Wir gehören zu-
sammen, denn unser Grundsatz ist: Totalität und Autonomie für jeden!“

Der Bund der Kriegsdienstgegner schreibt:

„Der Bund der Kriegsdienstgegner, deutscher Zweig der ‚Internationale
der Kriegsdienstgegner‘, beglückwünscht den ersten Weltkongreß gegen
Kolonialunterdrückung und Imperialismus. Wir sind mit Ihnen der festen
Überzeugung, daß die Befreiung der farbigen Völker von der Herrschaft
des Kolonial- und Mandatsystems eine der wichtigsten Voraussetzungen für
die Befreiung der gesamten Welt bildet.“

Der Werkmeister-Verband der Schuhindustrie schreibt:

„Im Besitze Ihrer Einladung zu dem internationalen Kongreß am 10. Fe-
bruar 1927 in Brüssel danken wir bestens für Ihre Aufmerksamkeit und
wünschen Ihren Beratungen einen guten Erfolg.“

766
        <pb n="306" />
        Begrüßungen durch Briefe und Telegramme. 6

Vom Internationalen Arbeiter-Ido-Bund kamen Zuschriften aus Schaer-
beek (Belgien), Esch-Alzette (Luxemburg), Berlin, Heilbronn, Hamborn,
Hamburg, Leipzig.

Die Ortsgruppe Berlin schreibt z. B.:

„An den Internationalen Kongreß gegen koloniale Unterdrückung und
Imperialismus senden wir brüderliche Kampfgrüße!

Die Massen der unterdrückten Völker sollen standhaft und unaufhaltsam
den vorgezeigten Weg der nationalen Revolution gehen, um in China, Indien,
Mexiko, Ägypten, Syrien usw. den Imperialismus der fremden Räuber zu
vernichten, die sich mit der eigenen Bourgeoisie der unterdrückten Völker
verbünden.

Genossen, die ihr die gleichen Ziele habt, wir grüßen Euch! Ihr steht
nicht allein, die klassenbewußte internationale Arbeiterschaft kämpft mit
Euch gegen die gleichen Feinde. Vielleicht verliert Ihr irgendeine Schlacht,
dennoch ist der endgültige Sieg Euer, und Ihr werdet bald frei sein. Ihr
Delegierten: wenn Ihr zu Eurem Heim zurückkehrt, um mit erhöhter Energie
den einheitlichen Kampf aller Unterdrückten zu organisieren, denkt, daß
schon über einem Sechstel der Erde die rote Fahne gehißt wurde!

Damit kämpft mit uns, um mit uns zu siegen!“

Die Chinakundgebung der I. A. H., Berlin, telegraphiert:

„Chinakundgebung der I.A.H., Mercedespalast Berlin, entbietet dem Welt-
kongreß der Kolonialvölker ihre brüderlichen Grüße und gelobt Solidarität
mit allen unterdrückten Völkern und Rassen.“

Telegramm aus Pommern.

„Ich begrüße den Kongreß und wünsche Ihrem Kampfe gegen Unrecht
und Ausbeutung vollen Erfolg. Dr. Ranft, Schievelbein in Pommern.“

Der Rote Frauen- und Mädchenbund Deutschlands telegraphiert:

„Heiße schwesterliche Kampfesgrüße den Vorkämpfern gegen Imperia-
lismus und Kriegsgefahr.“

Im Namen des „Sozialistischen Bundes‘ telegraphiert Karl Lindemann:

„Vollen Erfolg dem Werk der Kolonialbefreiung!““

Die Ägyptische National-Radikale Partei (Sektion Deutschland) telegra-
phiert:

„Besten Erfolg für die Befreiung aller unterdrückten Völker und unseres
Vaterlandes!““

267
        <pb n="307" />
        . Anhang.

Fritz Danziger, Vorsitzender der Deutschen Sektion der „Liga gegen ko-
loniale Unterdrückung“ telegraphiert:

„Verhindert, am Kongreß teilzunehmen, sende Euch beste Wünsche für
erfolgreiche Arbeit!“

Österreich.

Der Verein chinesischer Studenten in Österreich schreibt:

„Die Kolonialunterdrückung und der Imperialismus haben ihren höchsten
Punkt erreicht. Die Zeit ist jetzt gekommen, wo alle unterdrückten Völker
sich vereinigen, um Schulter an Schulter im Kampfe gegen den gemeinsamen
Feind diese schändliche Kolonialunterdrückung aus der Welt zu schaffen.

Wenn wir auch nicht imstande sind, einen Vertreter zu schicken, sind
wir doch mit ganzem Herzen dabei und wünschen dem bedeutungsvollen
Kongreß vollen Erfolg und dem Imperialismus ein baldiges Ende!

Es lebe die Freiheitsbewegung aller unterdrückten Völker!“

Litauen.

Die Auslandsvertretung der weißruthenischen nationalen Minderheit in
Polen sendet aus Kowno an den Kongreß folgende Botschaft:

„Wir begrüßen den Kongreß der unterdrückten Völker, die sich ent-
schlossen haben, mit vereinter Kraft für die Sicherung ihrer souveränen
Rechte zu kämpfen. Ihre Arbeit wird die begeisterte Antwort der unter-
drückten weißruthenischen Massen widerhallen lassen. Wir bitten den Kon-
greß, einen Protest gegen die Massenverhaftungen der sozialistischen Ar-
beiter des weißrussischen Volkes in Polen zu erheben.
gez. Lastovsky, ehemaliger Ministerpräsident der weißrussischen Regierung,

Golovinsky, ehemaliger Vorsitzender des Zentralrates der weißruthe-

nischen Organisationen,

Jakoviuk, ehemaliges Mitglied des polnischen Parlaments,

Rogevitch, Vorsitzender des weißrussischen Verbandes Litauens.“

Holland,

Telegramm aus Groningen:

„Föderation der Kommunistischen Partei Hollands, Nationalkomitee,
drückt ihre völlige Billigung des Zieles des Kongresses aus.“

Das Nationale Arbeitssekretariat (NAS) in Rotterdam telegraphiert:
„Rotterdam, den 13. Februar 1927.

Die Jahresversammlung der Lokalorganisation des Nationalen Arbeits-

sekretariats in Rotterdam vom 13. Februar 1927 gibt ihrer Sympathie

268
        <pb n="308" />
        Begrüßungen durch Briefe und Telegramme. 8:19
mit dem jetzt in Brüssel tagenden Kongreß gegen koloniale Unterdrückung
und Imperialismus Ausdruck.

Menist, Sekretär.“
England.

Der Londoner Gewerkschaftsrat sendet folgendes Begrüßungstelegramm :

„Der Londoner Gewerkschaftsrat begrüßt Ihren Kongreß und wünscht
ihm allen Erfolg.

Alfred Wall, Sekretär.“

Die englische Sektion der Ido-Vereinigung schreibt dem Sekretär des
Kongresses:

„Ich bitte Sie, den Delegierten unsere besten Wünsche für den Erfolg
ihrer Arbeiten zu übermitteln.

Dieser Kongreß wird zweifelsohne alle vom Kapitalismus unterdrückten
Nationen stark ermutigen, ihren Kampf um Freiheit bis zum Sieg fort-
zusetzen.

Ein Hoch denen, die kämpfen, um ihre Unterdrücker niederzuschlagen!

Arbeiter und Unterdrückte aller Länder, vereinigt Euch!

Mit brüderlichen Grüßen

J.G.E. Teskey-King, Sekretär der U.O.LI.
(britische Sektion).“

Ein Brief von A.J/. Cook, Generalsekretär des englischen Bergarbeiter-
verbandes:

Liebe Kameraden!

„Mit größtem Bedauern sende ich Ihnen diese Botschaft, statt daß ich
wie beabsichtigt, persönlich vor Sie hintrete. Leider muß ich in Schottland
im Auftrage meines Verbandes Verschiedenes erledigen. Herr S. O. Davies,
der Mitglied der Bergarbeiter-Exekutive ist, wird mich vertreten.

Ich wünsche dem Kongreß vollen Erfolg in seinen Aufgaben, um so
mehr, da er in einer der kritischsten Perioden der Geschichte der Ar-
beiterbewegung zusammentritt, wo die Unterdrückung in den verschiedensten
Formen auf der Tagesordnung aller kapitalistischen Regierungen steht.
Unsere einzige Hoffnung ruht in einer endgültigen Verständigung in den
internationalen Fragen und in einer Organisation, die diese Aufgaben wahr-
haft erfüllt. Die Intervention des britischen Imperialismus in China ist
ein klassisches Beispiel von der Herrschaft des Kapitalismus. Ich hoffe, daß
der Kongreß in nicht mißzuverstehender Weise sich für jedwede Aktion
erklären wird, die den Sieg des britischen Imperialismus in China verhindern
kann.

Ye
AG.
        <pb n="309" />
        . Anhang,

Der Kongreß wird den Arbeitern den Weg weisen, und ich bin gewiß,
daß er ein Programm ausarbeiten wird, daß den Arbeitern aller Länder
ermöglichen wird, unsere Ziele zu erreichen.

Mit Hinsicht auf die immer schlimmere Offensive des Imperialismus
halte ich die Zeit für ein tapferes Vorgehen gegen die Reaktion, die sich
auch in einigen der Arbeiterparteien bemerkbar macht, für gekommen.

Ich wünsche Ihnen den Erfolg, den Sie verdienen und bleibe

mit brüderlichen Grüßen
A. J. Cook.“
Rußland.

Im Namen der Krestintern ( Bauerninternationale) telegraphiert Goroff:

„Der Internationale Bauernrat, der die werktätige Bauernschaft der
ganzen Welt vereinigt, begrüßt heiß den Kongreß und ist überzeugt, daß
seine Arbeit für die Befreiung unterdrückter Völker erfolgreich sein wird.
Bauern und Arbeiter unterdrückter Völker der ganzen Welt, vereinigt Euch
zum Kampfe gegen den Imperialismus!“

Klara Zetkin telegraphiert:

„Bedaure aufrichtig, fernbleiben zu müssen. Ich nehme lebhaften Anteil
am Kongreß. Er ist für die Menschheitsfrage von größter Tragweite. Aus-
wirkungen des Imperialismus: Blutige Unterdrückung des Aufstandes in
Indonesien, Entsendung von Kriegsschiffen und Marinetruppen an den
Jangtse, das Eingreifen der Vereinigten Staaten in Nicaragua.

Der imperialistische Kapitalismus ist der Feind der siegreich fortschrei-
tenden Revolution in China, des Weltproletariats und der Völker der Halb-
kolonial- und Kolonialgebiete.

Der gemeinsame Befreier: der Sozialismus!

Der gemeinsame Weg: die Revolution!

Der gemeinsame Freund und Beschützer: Sowjetrußland!

Das Proletariat der bürgerlichen Staaten ist von der Überzeugung durch-
drungen, daß ohne Niederwerfung des Imperialismus und der Kolonialunter-
drückung die vollständige Ausrottung des Kapitalismus nicht möglich sein
wird. Der Kongreß muß ein festes Kampfbündnis schließen zwischen dem
Proletariat des imperialistischen Mutterlandes und der durch den Imperia-
lismus beherrschten und bedrohten Völker.

Vorwärts im gemeinsamen Kampf für die Weltrevolution!“

Frankreich.

Henri Barbusse schreibt:

„Die Hauptaufgabe des internationalen Kongresses besteht darin, feste
und enge Verbindungen zu schaffen, ein starkes Offensivbündnis zwischen

270
        <pb n="310" />
        Eine internationale Gruppe vom Kongreß
Von links nach rechts: Marteaux, Belgien; Chen Kuen, China; Mella, Mexiko; Pollitt,
England; Messali, Algerien; Katayama, Japan; Giao, Indochina; Haya Della Tarre, Peru;
Pournier, Frankreich; Lamine Senghor, franz. Kolonien; Barkatulla, Indien; Arthur Holit-
scher, Deutschland: Frau Roland-Holst. Holland. und Professor Neiedli. Tschechoslowakei.
        <pb n="311" />
        <pb n="312" />
        Begrüßungen durch Briefe und. Telegramme. 9271
den großen anti-imperialistischen Mächten der unterdrückten Länder und
den für soziale Befreiung kämpfenden Arbeiterbewegungen zu schließen.
Zum ersten Male ist eine solche Aufgabe unternommen worden. Trotz der
Kühnheit und Größe, trotz aller Schwierigkeiten trägt diese Arbeit ihre
großen Aussichten auf Erfolg in sich. Die Verwirklichung des Bundes der
Unterdrückten der ganzen Welt ist vernunftgemäß natürlich und wird in
ihren Konsequenzen verhängnisvoll für die unterdrückten Mächte, die diesen
Zusammenschluß vielleicht noch verzögern, aber nicht mehr verhindern
können. Eine kluge Organisation aber wird diese Entwicklung beträchtlich
beschleunigen.“

Romain Rolland schreibt:

„Der Kolonialkongreß hat die größte Bedeutung. Ich bin mit Ihnen
eins im Kampf für die Forderungen der durch den Imperialismus und
das Kapital unterdrückten Völker. Ich werde immer bereit sein, mit meinem
Namen Protestaktionen und Forderungen der Unterdrückten gegen die Unter-
drücker zu unterstützen und meine Stimme gegen die Schandtaten des Im-
perialismus zu erheben.“

Eine Kundgebung Victor Marguerittes:

„Ich bedauere es außerordentlich, meine Herren, jetzt nur in Gedanken
und mit meinem Herzen bei Ihnen sein zu können. Ein plötzlicher und grau-
samer Unglücksfall machte meine persönliche Anwesenheit unmöglich.

Die koloniale Unterdrückung ist eine der verwerflichsten Formen des
Imperialismus. Dieser Terror der Macht, um so verwerflicher, als er sich
gegen die Schwächsten wendet, erniedrigt nicht nur die Nation, die sich
seiner bedient, er verwüstet die ganze Zivilisation überhaupt.

Zählen Sie mich zur Schar der Ihnen Verbündeten und seien Sie meiner
vollsten Ergebenheit versichert.

In höchster Sympathie
Victor Margueritte.“

Die europäische Zentrale der Kuomintang schreibt:

„Paris, 13. Februar.

Die Zentrale der Kuomintang für Europa begrüßt die Delegierten der
unterdrückten Rassen in Brüssel und hofft, daß dem Kongreß greifbare
Resultate und voller Erfolg beschieden werden.“

Schweiz.

Reinhard, Nationalrat und Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei

der Schweiz:
        <pb n="313" />
        ei Annang.

„+. Ich möchte nicht verfehlen, dem Kongreß meine herzlichsten Glück-
wünsche zu entbieten. Ich hoffe, daß es ihm gelingen werde, im Kampf
gegen die Kolonialgreuel und den Imperialismus für die Befreiung der unter-
drückten Völker Asiens, Afrikas und Indonesiens, aber auch Amerikas, tüch-
tige und fruchtbringende Arbeit zu leisten.“

Belgien.

Die Arbeiter-Ido-Internationale sendet folgendes Begrüßungsschreiben::

„Die belgische Sektion der Arbeiter-Ido-Internationale übermittelt dem
Internationalen Kongreß gegen koloniale Unterdrückung und Imperialismus
ihren Gruß und versichert ihn ihrer größten Sympathie,

Es ist für die gesamte Arbeiterklasse der Welt ermutigend zu sehen, daß
die kolonialen und halbkolonialen Völker sich der Notwendigkeit einer ge-
einten Front aller revolutionären Kräfte zur Bekämpfung der Unterdrückung
und des Imperialismus bewußt werden.

Die belgische Sektion der A.I.I. wünscht, daß der gegenwärtige Kongreß
eine mächtige und aktive Freiheitsorganisation gründe, die die Bande
zwischen den unterdrückten Völkern befestigt und sie mit dem Proletariat
aller Länder vereinigt.

Freiheit den Unterdrückten!

Kampf führt zum Sieg!“

Die Maschinenbauergewerkschaft von Li&amp;ge schickt folgendes Telegramm:

„Die Maschinenbauergewerkschaft von Liege sendet den Kongreßteil-
nehmern brüderliche Grüße und versichert die Kolonialvölker ihrer vollen
Sympathie,

Ledou, Sekretär.“

Die Internationale der Kriegsdienstgegner sendet aus Gent dem Sekretär
des Kongresses folgendes Schreiben:

„Bitte übermitteln Sie dem Kongreß die Versicherung meiner Sympathie
und meine Billigung seiner Arbeiten wie seines hohen moralischen Zieles.

Ich bin andererseits glücklich zu erfahren, daß unser Freund De Bevere
aus Saint-Gilles uns falls notwendig auch vertreten wird.

Genehmigen Sie die Versicherung meiner vorzüglichen Hochachtung.

L. P. Valat, Sekretär, Gent.“

Von dem Generalverband der Angestellten, Techniker, Lagerhausange-
stellten und Handelsreisenden Belgiens geht folgendes Begrüßungsschreiben
ein:

279
        <pb n="314" />
        Begrüßungen durch Briefe und Telegramme. 273

„Unser gewerkschaftlicher Berufsverband möchte diese Gelegenheit Ihrer
internationalen Veranstaltung benutzen, um seinen kolonialen Brüdern die
volle Sympathie aller ihm Angeschlossenen zu bezeugen.

Er wünscht Ihnen gute Arbeit und hofft, daß Ihre Resolutionen der
Freiheitsbewegung der vom internationalen Kapitalismus beherrschten Völker
dienlich sein werden.

Er verspricht Ihnen, Sie in der von den kolonialen Arbeitern begonnenen
Befreiungsaktion zu unterstützen.

Es lebe die Befreiung aller Völker!

Für die Gewerkschaft: der Sekretär Charles Everling.“

Die Federation Bruxelloise des Jeunes Gardes Socialistes (der Brüsseler
Verband der jungen sozialistischen Garden) schreibt:

„Die Federation Bruxelloise des Jeunes Gardes Socialistes, die am 13. Fe-
bruar 1927, dem Datum Ihres Kongresses, zusammengetreten ist, drückt
dem Kongreß ihre wärmste Sympathie aus und verpflichtet sich, an der Ver-
wirklichung des Ideals, das Sie sich gestellt haben, mitzuarbeiten.

Brüderlichst

J. Volder, Sekretär.“

Zentralkomitee der sozialistischen Lehrer:

„Das Zentralkomitee der sozialistischen Lehrer Belgiens, das am Donners-
tag, dem 10. Februar 1927, im Volkshaus in Brüssel tagte, erkennt die
Wichtigkeit einer Vereinigung aller anti-imperialistischen Kräfte der Welt
und einer ständigen Verbindung der nationalen Freiheitsbewegungen mit
dem Proletariat der imperialistischen Länder.

Es drückt dem in Brüssel stattfindenden Internationalen Kongreß gegen
koloniale Unterdrückung und Imperialismus seine volle Sympathie und seinen
Wunsch aus, die praktischen Resultate der jetzt laufenden Arbeiten zu sehen,
und richtet an alle Unterdrückten brüderliche Grüße der Solidarität.

Für das Exekutivkomitee: Der Nationalsekretär.“
Mexiko.

Plutarco Elias Calles, der Präsident der Vereinigten Staaten von Mexiko,
sendet dem Kongreß-Sekretariat folgendes Danktelegramm für die Über-
mittlung der mexikanischen Resolution des Kongresses:

„Grüße. Für die Übermittlung Ihrer Botschaft meinen aufrichtigsten
Dank.

Präsident Calles.“
Der allmexikanische Bauernbund (Liga Nacional Campesina Mexicana),
schickt folgendes Telegramm:
Das Flammenzeichen vom Palais Egmont.

18
        <pb n="315" />
        2,4 Anhang,

„Die Liga Nacional Campesina Mexicana begrüßt die Tagung der unter-
drückten und enterbten Völker der Welt. Im Kampfe gegen den macht-
vollsten Imperialismus scheut die mexikanische Bauernschaft kein Opfer und
vertraut, daß ihre Bundesgenossen in allen Ländern den anti-imperialistischen
Kampf mit der gleichen Entschiedenheit führen werden.

Liga Nacional Campesina.“

Die Sektion der Kuomintang in Tampico, Mexiko, telegraphiert dem
Präsidium des Kongresses:

„Wir begrüßen Ihren Kongreß und hoffen auf Ihren Sieg in der Ver-
nichtung des Imperialismus und der Verbrüderung der Unterdrückten der
ganzen Welt. Die Engländer schicken jetzt viele Kriegsschiffe nach China
zwecks Provokation eines zweiten Weltkrieges und Zerstörung des Welt-
friedens. Wir hoffen, daß Ihr Kongreß Maßnahmen zur Verhinderung der

britischen Kriegsaktionen in China ergreift.“
Indien.

Der Allindische Nationalkongreß begrüßt die Brüsseler Tagung mit der
folgenden Botschaft:

„Delhi, ı4. Februar 1927.

Der Indische Nationalkongreß übermittelt seine Grüße und bietet seine
volle Mitarbeit an in der Weltkampagne gegen die Tyrannei des Imperialis-
mus, Alle Kreise der indischen öffentlichen Meinung verurteilen einstimmig
die Verwendung indischer Truppen gegen China und die Aktion des Vize-
königs, die die Behandlung dieser F rage in der gesetzgebenden Versammlung
verhindert.

Srinivasa Iyengar, Präsident des Indischen Nationalkongresses,“

Telegramm von Frau Sarojini Naidu, Präsidentin des Allindischen
Frauenbundes, Bombay:

„Die Rashtriya Stree Sabba (Allindischer Frauenbund) erklärt volle
Sympathie. Wünscht Erfolg. Frau Sarojini Naidu.“

Die Politische Vereinigung der Parsi, Bombay, telegraphiert:

„Empfangen Sie die Glückwünsche des Parsi Rajkeya Sabhas.““

Telegramm vom All-Indischen Nationalkongreß, Dehli:

„Im Namen des Indischen Nationalkongresses bitte ich Sie, den chinesi-
schen Vertretern unsere herzliche Einladung zu einem Besuch Indiens zu
übermitteln, um dort die indische öffentliche Meinung aufzuklären.

Srinivasa Iyengar, Präsident des Indischen Nationalkongresses,““

Li
ar
        <pb n="316" />
        Begrüßungen durch Briefe und Telegramme. 75

S. H. Jhabvala, Sekretär des Zentralrates der Bombayer Gewerkschaften:

„Bitte übermitteln Sie dem Kongreß die herzlichsten und besten Wünsche
der Arbeiterbewegung Bombays. Obgleich wir in politischer und wirtschaft-
licher Sklaverei schmachten, schlägt unser Herz für den Kongreß. Wir
grüßen in aller Einstimmigkeit und völliger Solidarität die erste Versamm-
lung der unterdrückten Völker.“

M. K. Gandhi:

„Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Einladung zum Brüsseler Inter-
nationalen Kongreß gegen koloniale Unterdrückung und Imperialismus.

Ich bedauere, daß meine Arbeit hier in Indien mich daran hindert, an
dem Kongreß teilzunehmen. Ich wünsche Ihnen jedoch aus tiefstem Herzen
einen jeden Erfolg bei Ihren Verhandlungen.“

Das Freiwilligenkorps des Allindischen Nationalkongresses, „Hindustani
Seva Dal“ schickt folgendes Telegramm:

„Wir entbieten unsere brüderlichen, solidarischen Grüße. Herr Jawahar
Lal Nehru soll die ‚Hindustani Seva Dal‘ auch vertreten. Es lebe die Freiheit
der unterdrückten Völker!“

Die betagte Führerin der indischen Freiheitsbewegung Bhikhaiji Rustom
Cama sendet folgende Botschaft von ihrem Krankenbett:

„Ich bin mit Ihnen im Geist und wünsche dem Kongreß allen nur
möglichen Erfolg.“

Telegramm von Shapurji Saklatvala, M. P., aus Nagpur, Indien:

„Grüße dem Kongreß! Indien wünscht, daß Ihre Anstrengungen die vom
Fieber befallenen Imperialisten MacDonald, Chamberlain und Thomas zur
Besinnung bringt, andernfalls wird die Zukunft der westlichen Arbeiter noch
schlimmer als die der unterdrückten Rassen werden.

Shapurji Saklatvala, Mitglied des englischen Unterhauses.“
Vereinigte Staaten.

Scott Nearing, New-York, telegraphiert:

„Möge der Kongreß darin Erfolg haben, die unterdrückten und ausge-
beuteten Völker des Ostens und Westens zu einer gemeinsamen Aktion für
die Sozialisierung der Produktion und der Vernichtung des Imperialismus
zu vereinen.“

Die Anti-imperialistische Liga Amerikas sendet folgendes Begrüßungs-
telegramm:

©
18*
        <pb n="317" />
        © Anhang.

„Die Anti-imperialistische Liga, die die mit den nationalen lateinameri-
kanischen Bewegungen verbundenen, klassenbewußten amerikanischen Ar-
beiter vertritt, billigt enthusiastisch den Brüsseler Kongreß und wird an
ihm teilnehmen. Gomez.“

Telegramm von Bischof William M. ontgomery Brown, Galion, Ohio:

„Wie Amerika in Europa nur die europäischen Interessen zu vertreten
behauptet, so behaupten die Großmächte, in China sich nur für chinesische
Interessen einzusetzen.

Wünschen der Liga und dem Brüsseler Kongreß vollen Erfolg.

Bischof William Montgomery und Frau Brown.“
Latein-Amerika.

Telegramm von der Anti-imperialistischen Liga, Porto Rico:

San Juan, Porto Rico, 19. Februar.

- „Sektion Porto Rico der Anti-Imperialistischen Liga begrüßt brüderlich
den Kongreß. Protestiert gegen den Yankee-Imperialismus, speziell gegen Vor-
gehen Nicaragua und Mexiko. Land in bedauerlichem Zustand. Protestieren
gegen Schatzamt Insel auferlegte Kontribution eineinhalb Millionen Dollars
an Vereinigte Staaten, die sich des Landes bemächtigen und Proletariat aus-
beuten. Verlangen Repatriierung der puertoricanischen Soldaten, die nach
Panama gesandt wurden und Rückkehr puertoricanischer Arbeiter, die durch
die Algodoneras-Gesellschaft nach Arizona angeworben wurden, weil diese
Arbeitsverträge verletzt hat. Verlangen Unabhängigkeit Porto Ricos und
vertrauen Aktion Kongreß.

Anti-imperialistische Liga.“
An Ugarte, Vasconcelos, Casabona, Falcon: Delegation von Porto Rico
am anti-imperialistischen Kongreß Brüssel:
„San Juan, Porto Rico, 9. Februar.
Grüße. Porto Rico, unser Vaterland hat volles Vertrauen zu Ihnen. Bitten,
unsere Hochachtung Kongreßdelegierten zu übermitteln. Wünschen dem
edlen Vorhaben vollen Erfolg.
Federico Acosta Velarde,
Präsident der National-Partei Porto Rico.“
Telegramm der Anti-imperialistischen Liga, Mexico:
„Mexico-City, 14. Februar.
Anti-imperialistische. Liga, mexikanische Sektion, übermittelt dem Kon-
greß ihre Grüße zur Eröffnung. Vertreter der Sektion von Ecuador, Mella.“

&gt;76
        <pb n="318" />
        Begrüßungen durch Briefe und Telegramme, 977

Zustimmung des kontinentalen Organisationskomitees der Anti-imperia-
listischen Liga von Amerika:

„Mexico D. F., 14. September 1926.

Stimmen dem Gedanken der Veranstaltung eines Anti-imperialistischen
Weltkongresses in Brüssel zu und werden einen Delegierten ernennen, der
ihm als Vertreter unserer Organisation beiwohnen wird.

Auf Ihre Anfrage an die mexikanische Sektion der Liga ist dasselbe
beschlossen worden.

Wir sind mit der kubanischen Sektion in Unterhandlung, damit sie
ebenfalls einen Delegierten schickt. Julio A. Mella, Sekretär.“

China,

Das Zentralexekutivkomitee der Kuomintang telegraphiert dem Kongreß:

„Das Zentralkomitee der Kuomintang sendet dem Kongreß seine brüder-
lichen Grüße, und zwar in einem Augenblick, in dem England, der historische
Führer des ausländischen Imperialismus in China, seine Land- und
Seestreitkräfte in Schanghai unter dem Vorwand konzentriert, daß diese
Kriegsmaßnahme zum Schutz des Lebens und Eigentums der englischen
Untertanen notwendig sei. In Wirklichkeit ist der wahre Grund dieser
Handlung die Absicht, die siegreiche Offensive der Nationalarmee auf-
zuhalten.

Die amerikanische Regierung unterstützt die Engländer mit der Forde-
rung der Neutralisierung Schanghais. Die Besetzung Schanghais durch Sun-
Chuan Fang ist für die Konterrevolution eine Existenznotwendigkeit und
von strategischer Wichtigkeit, da Schanghai das größte Handelszentrum
Chinas und die militärische Schlüsselstellung zu dem Yangtsetal ist. Die
Neutralisierung Schanghais würde Sun Chuan Fang in die Lage setzen, selbst
an den anderen Kampffronten gegen die Nationalarmee Ausfälle zu unter-
nehmen.

Wir fordern den Kongreß auf, alle möglichen Anstrengungen zu machen,
um dieses imperialistische Komplott zu verhindern und die Intervention in
China aufzuhalten.

Die Fremdherrschaft ist auf ungleiche Verträge begründet. Wir fordern
den Kongreß auf, seine Stimme gegen diese Verträge und zugunsten der
chinesischen Nation zu erheben.“

Wang Chin Wai, Vorsitzender des Zentralkomitees der Kuomintang tele-
graphiert:

„Wuchang, 14. Februar 1927.

Im Namen der Kuomintang und der angeschlossenen Gewerkschaften,
Bauernbünde und der Nationalarmee übermitteln wir Euch die Grüße der
        <pb n="319" />
        &amp; Anhang.
chinesischen Freiheitsbewegung. Der Kampf um Chinas Befreiung ist der
Kampf für die Befreiung aller versklavten Völker und Klassen der Welt.
Zentralexekutive der Kuomintang
gez. Wang Chin Wai.“
Aus dem Hauptquartier der Nationalarmee trifft folgendes Telegramm ein:
„Im Felde, 14. Februar 1927.

Die militärpolitische Abteilung der Kuomin-Armeen sendet der Brüs-
seler Tagung die brüderlichsten Sympathien und wünscht den Beratungen
vollsten Erfolg.

Es lebe die Befreiung der unterdrückten Völker.

General Yang Da Deng.“

Von der Leitung der Wampua-Kadettenschule bei Kanton trifft die fol-
gende Botschaft ein:

„13. Februar.

Unsere militärisch-politische Akademie wurde organisiert, um den Im-
perialisten eine eiserne Garde bewußter Kämpfer entgegenzustellen. Wir sind
mit Ihren Zielen eins. Wir begrüßen den Anti-Imperialisten-Kongreß von
Brüssel von ganzem Herzen.

Militärisch-politische Leitung der Akademie Wampua.“

Frau Sun Yat Sens sendet folgendes Telegramm:

„Meine Glückwünsche dem Kongreß, dessen Arbeit ein historisches Er-
eignis von Weltbedeutung ist und einen Fortschritt der anti-imperialistischen
Kräfte bedeutet. Die an der chinesischen Front erreichten Erfolge bedeuten
einen nahen Endsieg. Ihre Ermutigungen und Hilfe werden unsere An-
strengungen verstärken.

Frau Wwe. Sun Yat Sen.“

Der Rektor der Nationaluniversität Pekings, Professor Kou Men Yü,
schreibt:

„Begrüße Kongreß zur Befreiung unterdrückter Völker. Die Unter-
drückung der kolonialen und halbkolonialen Völker einerseits und Aus-
beutung der arbeitenden Klassen andererseits bilden die Grundlage des
heutigen Systems der Weltherrschaft. Ohne eine radikale Änderung dieses
Systems muß die Menschheit in Greuel, Blutvergießen und Schande dahin-
siechen. Nur ein gemeinsamer Kampf gegen das bestehende imperialistische
System der kolonialen und halbkolonialen Völker und arbeitenden Klassen
im Weltmaßstab kann eine soziale Gerechtigkeit und den Weltfrieden her-
beiführen. Wünsche dem Kongreß größten Erfolg. Möge er eine neue

278
        <pb n="320" />
        Begrüßungen durch Briefe und Telegramme. 3
Epoche internationaler Solidarität einleiten und durch die Schaffung eines
permanenten Organs dazu beitragen, vorhandene gewaltige Streitkräfte zu
sammeln und zu lenken. Kou Men Yü.“

Das 15. Armeekorps des nationalrevolutionären Heeres sendet folgende
Botschaft:

„Kiu Kiang.

Auf dem siegreichen Vormarsch auf die Stützpunkte des Imperialismus
in China gedenken wir unserer Brüder und Leidensgenossen, die noch
unerlöst in den Ketten des Imperialismus schmachten. Wir geloben unseren
Sieg zu ihrem Sieg zu machen. Wir begrüßen die Brüsseler Tagung. Es
lebe die Weltrevolution.

Das 15. Armeekorps der nationalrevolutionären Armee.“

Das Exekutiv-Komitee der Kuomintang, Wuchang, schickt zum Schluß
des Kongresses folgende Botschaft:

„Wir drücken unsere herzlichsten Glückwünsche zur Gründung Ihrer
Liga aus. Sie nehmen die große Verantwortung auf sich, den internationalen
Imperialismus niederzuschlagen. Das unterdrückte Volk Chinas kämpft
schwer gegen den Imperialismus und wünscht Ihre Hilfe, um zu einem
schnelleren Erfolg zu gelangen.

Das Exekutiv-Komitee der Kuomintang, Wuchang.“
Ägypten.

Hafiz Ramadan Bey, Mitglied des Parlaments und Vorsitzender der
Ägyptischen Nationalpartei, sendet folgendes Schreiben:

Ich heiße die Grundprinzipien der ‚internationalen Liga gegen kolo-
niale Unterdrückung‘ gut und fühle mich glücklich, daß ich in dieser Be-
wegung mitwirken kann. Es ist überflüssig zu betonen, daß die Gründung
dieser Liga nur eine natürliche und logische Antwort auf die immer stärker
werdenden imperialistischen Tendenzen ist. Die allgemeine Entwicklung, die
gegenseitigen Annäherungsbestrebungen breiter Volksströmungen verbürgen
das Gelingen Ihres Vorhabens und berechtigen zu den größten Hoffnungen.“

Südafrika.

Die südafrikanische Sektion der Kuomintang:

„Johannesburg.

Die Sektion Südafrika der Kuomintang-Partei bedauert, zum Kongreß
keine Delegierten senden zu können. Begrüßt die anwesenden Delegierten
und hofft, daß sie der chinesischen Revolution wirksame Unterstützung
zuteil werden lassen.“

97.
        <pb n="321" />
        ET Anhang.

Andrews, der Generalsekretär des Südafrikanischen Gewerkschaftsbundes,
sendet folgendes Schreiben:

„Die organisierten Arbeiter und die werktätige Bevölkerung Südafrikas
hofft, daß der Kongreß ein großer Erfolg und durch zahlreiche Delegationen
beschickt wird. Die gegenwärtige Lage in China, Java, Mexiko und Indien
verleiht seinen Bestrebungen eine besondere Aktualität.“

Westafrika.

Die Farmer der Goldküste (Gold Coast Farmers’ Association Nsewam) :

„Der Kongreß ist der einzige Hoffnungsstrahl, daß der Kampf für die
Befreiung der versklavten schwarzen Arbeiter langsam zu wachsen beginnt.
Wir werden Ihrer Liga nicht nur dankbar sein, sondern tätig mitkämpfen.

Wir betrachten Sie als Vorhut der Befreiung der isolierten schwarzen
Arbeiter Afrikas von Unterjochung und Tyrannei.“

Zentralafrika.

Die Vereinigung der zentralafrikanischen Neger, das „Comite de Defense
de la Race Negre“ ruft dem Kongreß zu:

„Neue Freiheitskämpfe und neue Freiheitshoffnungen brechen für die
schwarze Rasse an, Brüssel bedeutet den verheißungsvollen Anfang.“

Nordafrika.

Die konstitutionell-liberale Partei von Tunis begrüßt den Brüsseler
Kongreß mit folgendem Schreiben:

„Es ist eigentlich überflüssig, das große Interesse zu betonen, das wir
den Bestrebungen entgegenbringen, den anti-imperialistischen Kampf zu
organisieren. Wir leiden alle unter den gleichen Übeln. Der Imperia-
lismus hat uns in gleiche Knechtung gebracht, und nur ein Mittel kann
uns daraus befreien. Wir sind daher entschlossen, an Ihren zukünftigen
Arbeiten wirksam teilzunehmen. Das unsinnig ausgebeutete, ständig unter-
Jochte Tunis bleibt noch immer: ‚Der Märtyrer Tunis.‘

Ob die Regierung Frankreichs rechts oder links steht, unser Land bleibt
immer das Vaterland, in dem es keine Rede-, Presse- noch Versammlungs-
freiheit gibt.

Um diese faschistische Diktatur zu brechen, erleiden wir Gefängnis,
Zwangsaufenthalt, Verbannung, die in häufigsten Fällen durch den Mut-
willen unverantwortlicher Verwaltungen verursacht werden.

Fünfundvierzig Jahre Protektorat sind verstrichen, ohne daß man den
Massen die so feierlich versprochenen materiellen und wirtschaftlichen Ver-

280
        <pb n="322" />
        Begrüßungen durch Briefe und Telegramme. 551
besserungen gebracht hat. Die Armut herrscht. Unser Land gehört uns nicht
mehr. Unsere Kinder werden durch eine immer höher anwachsende Sterblich-
keit dezimiert, eine Folge des Fehlens von Hygiene und der notwendigen Pflege.
Die Erwachsenen sterben „für Frankreich“. Im geistigen Leben zeigt sich das
Versagen des Protektorats noch schärfer. Nur der sechste Teil unserer Kinder
findet in der Schule Platz, die übrigen treiben sich auf der Straße herum.
Einige Ärzte und Rechtsanwälte (deren Zahl nicht 25 übersteigt), die sich
aus eigener Kraft emporgearbeitet haben, sind die einzigen Intellektuellen
des muselmanischen, unter französischer Herrschaft stehenden Tunis.

Eine unersättliche koloniale Minderheit zieht aus diesem Ausnahmeregime
die ganzen Profite und versucht alles, um es ewig dauern zu lassen.

Man bedauert das Vergangene, beklagt die Gegenwart. Doch die Zu-
kunft wird noch schlimmer sein ..., wenn das tunesische Volk nicht bis
zum äußersten den Kampf fortsetzt, den es heute unternommen hat und der
sein einziger Rettungsweg ist.

Wie kann man unter solchen Umständen glauben, daß es nicht von
ganzem Herzen und mit ganzer Seele mit Ihnen ist?

Wenn auch das tunesische Volk jetzt mit seinem Kampf gegen koloniale
Unterdrückung zu tun hat, so vergißt es doch nicht seine Brüder in China,
Indien, Ägypten und in den anderen Ländern, die vor der Welt unter furcht-
baren Opfern die Herrschaft der ‚Gewalt, die vor Recht geht‘, abschütteln.

Ich begrüße in Ihrem Kongreß die Morgenröte der Völkerbefreiung.“

9
        <pb n="323" />
        Inhaltsverzeichnis.
KOTWONE er nie rn DT Br ar AR 5
Motto: Victor Margueritte ....... 0.2.0000 0 0 WE j
Über den Kongreß der unterdrückten Völker: George Lansbury. . „9
[. Eröffnung des Kongresses.
S. 0: Davies, England. La ee a a 8
Henri Barbusse, Frankreich ... 0...0... 0... u 34
Dr. A. Marteaux, Belgien. . ) Ss 17
II. Der Freiheitskampf des chinesischen Volkes.
Tiay Hansin, China... 4 er ee se EEE DI
George Lansbury, England... Be
Chen Kuen, China 4
General Lu-Chung Lin nl N
Fenner-Brockway, England 0 l
MiS’ Ellen Wilkinson, England... . . ee a
Harry Pollitt, England...
William Brown, England u 2 ANANAS 2
John Stokes, England. 14 N
Johh: Beckett, England 0 49
Resolutionen zur chinesischen Frage ....... 2 u 52
III. Der britische Imperialismus in Indien, Persien und
Mesopotamien.
Jawahnr Kal Nehrm, Indien. 1... . 0 ne 2 85
Ahmed Assadoff, Persien ... €
Resolutionen ,... ; „u 62
IV. Der nordamerikanische Imperialismus und die von
ihm bedrohten Völker.
Jose Vasconcelos, Porto Rico ........... 0.0.0.0. 68
Carlos Quijano, Venezuela. ....... 2... a 66
Ismael Martinez, Mexiko. ............ a 08
Manuel Gomez, U.S.A... ..- .. na
Resolutionen ... ) 5 ; . „8
Der Freiheitskampf Ägyptens und der arabischen
Völker.
Mohammed Hafız Bey Ramadan, Ägypten ..........« 80
Marzhar Bey el Bakıi; Syrien. 1. 4.00 ee Er ee 5 88
Igchaki, Palästina. yet AK 85
Resolutionen ..... I EN My,
        <pb n="324" />
        Inhaltsverzeichnis.
VI. Der Kampf Afrikas um seine Befreiung.
a) Südafrika.
Daniel Colraine, Südafrikanische Union...“ u N. . E89
Josiah Tshangana Gumede, Südafrikanische Union ........ 9
‚Resolution Lu: 440 m DE 2 95
b) Nordafrika.
Messali Hadj-Ahmed, Algerien... + re N ei 96
Chadli Ben Mustapha, Tunis... . VATER
Ahmed Hassan Mattar, Marokko... NA 04
M. Herclet, Frankreichl. 0, NAAR 0%
Resolutionen. .. A A OT 107
VIL Der Freiheitskampf der Neger.
Lamine Senghor, Afrika... ACT a8
Max Bloncourt, Antillen. ...... ++ ne EN
Carlos Deambrosis Martins, Haiti ... 4% 4 N
Josiah Tshangana Gumede, Südafrikanische Union ....... . 128
Richard B. Moore, U.S.A. 1... 7 7 VL. 26
Gemeinsame Resolution über die Negerfrage . . A 28
VIII. Der Kampf um Indonesiens Unabhängigkeit.
Mohammed Hatta, Jaya . + A A EA BT
Resolutionen . . S „141
IX. Der Freiheitskampf des indo-chinesischen Volkes.
Duong van Giao, Annam . 00 0 0 N Ar en a A 145
Erklärung der indo-chinesischen Delegation. ....- Ca 148
Der Kampf des koreanischen Volkes gegen Japan.
Sen Katayama, Japan . . 0. +. + + 4 0. © s en 2 RE. u. 146
Kin Fa Lin, Korea 2.20 Reken An a A 8
Resolution über Korea. . ... .- - m „158
XI. Der italienische Faschismus eine Ausdrucksform des
Imperialismus.
Guido Miglioli, Italien... 2 ee 2 kt Pl 2 a aan ie 100
Resolution der italienischen Delegation zur Kolonialpolitik des
Faschismus .... ; : . „462
XII. Der Kolonialhunger des neuen deutschen Imperialismus.
Ernst Toller, Deutschland... u 0 « # Re ee ee aa ea HEIOS
Dr. phil. Helene Stöcker, Deutschland . . 1. .......... 165
Erklärung der deutschen Delegation . „165
XIII. Die Verbindung der nationalrevolutionären Bewegung
mit dem proletarischen Klassenkampf.
Prof. Alfons Goldschmidt, Deutschland . ....-.-. ....«.. 168
Resolution... . . an 8 z x. 74
XIV. Die Taktik des proletarischen Klassenkampfes zur
Unterstützung des kolonialen Freiheitskampfes.
Georg Ledebour, Deutschland... RER IT
Edo Fimmen, Holland, TEEN „SS

989
        <pb n="325" />
        Inhaltsverzeichnis.

Georg Ledebour, Deutschland; 1... 97

Resolution... 2.2. 0 ee er AA 98

Müller-Lehning; Holland... 7, A A 20

Einheitsfront in dem Freiheitskampf der unterdrückten Völker. .. 200

XV. Der Freiheitskampf der unterdrückten Völker und
die Gewerkschaften.
Resolution der Gewerkschaftsvertreter. . . 208
XVI. Die „Kulturmission“ der abendländischen Völker.

Prof. Dr. Theodor Lessing, Deutschland. . . . - — 4205
XVIL Die Gründung der Liga gegen Imperialismus und für

nationale Unabhängigkeit.

Willi Münzenberg. 2 4 44 ER 15

Daniel Colraine, Südafrikanische Union... ............, 224

Albert Fournier, Frankreich... ..... Te ee 206

Organisationsresolution:; ... .. A 08
XVIIL Organisatorisches.

a) Bericht der Mandatsprüfungskommission ............ 929

b) Liste der Teilnehmer‘... AA os

c) Ergebnis der Wahlen... .. EAN FA . 9241
Anhang.

A. Manifest. „0... „0. 248

B; Nicht zur Abstimmung gelangte Resolutionen 7 255

CC, Begrüßungen durch Briefe und Telegramme . 264

Bilderverzeichnis.

Eine Plenumsitzung des Kongresses im großen Saal des Palais Egmont . .. 2
Henri Barbusse. . .. A N
Chen Kuen ek ae 7 we A DA ; — 6
Englisch-chinesische Verbrüderung: + 2... 020... 04 6
General Lu Chung Lin bei seiner Ansprache auf dem Kongreß . ö
Das Präsidium. 2 44 4 4 A A AA E 6
Josg Vasconcelos.. .'. 4 2. Wii . ; 4
Hafız Ramadan Bey ...... Sn
Eingang zum Kongreßsaal. . ....4 +. +.x.0 a =. 9
Delegierte während einer Pause im Hofe des Palais A 06
Lamine Senghör |. 0 7 EM
Josiah Tshangaäana Gumede‘ 1... 20400 0 0 ke Wr „sb 24
Eine Sitzung des Kongreßpräsidiums zwischen zwei Plenumsitzungen ... . 140
Sen Kalayama 0... ke RU U
Die deutsche: Delegation. 1... hr U 6a
Die indischen Delegierten und einige andere Kongreßteilnehmer . ; „174
Ein Teil der chinesischen Delegierten ...°.... AS
Eine Gruppe Delegierter vor dem Kongreßlokal A226
Der vom Kongreß gewählte Generalrat u N 250
Eine ‘internationale Gruppe vom Kongreß &amp; 270

984.
        <pb n="326" />
        <pb n="327" />
        <pb n="328" />
        Begrüßungen durch Briefe und Telegramme, 7
aung des kontinentalen Organisationskomitees der Anti-imperia-
iga von Amerika:

„Mexico D. F., 14. September 1926.

n dem Gedanken der Veranstaltung eines Anti-imperialistischen
| ;sses in Brüssel zu und werden einen Delegierten ernennen, der
. rireter unserer Organisation beiwohnen wird.

ve Anfrage an die mexikanische Sektion der Liga ist dasselbe

worden.
D ıd mit der kubanischen Sektion in Unterhandlung, damit sie
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#
China.

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notwendig sei. In Wirklichkeit ist der wahre Grund dieser

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