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        <title>Psychologie der Werbung</title>
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            <forname>Karl</forname>
            <surname>Marbe</surname>
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        TA0F:
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        KARL MARBE
PSYCHOLOGIR
DER
WERBUNG
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        KARLIMARBE
0. 6. Professor
und Vorstand des Psychologischen Instituts
der Universität Würzburg
Dozent an der Handelshochschule
Nürnberg
DE
einer Bildtafel
1927
CR POESCHEL VERLAG / STUTTGART

Von
Ag:
        <pb n="5" />
        AU
ALLE RECHTE
besonders das der Übersetzung in fremde
Sprachen behält sich der Verlag vor
GEDRUCKT IN DER
J. B. Metzlerschen Buchdruckerei, Stuttgart
N
' ‘hek
OA Al.
« Kiel)
A 1669
        <pb n="6" />
        VORWORT

Dieses Buch behandelt in allgemein verständlicher Form die
Grundfragen der Psychologie der Werbung oder Reklame. So
eng seine Ausführungen daher mit der wissenschaftlichen Psy-
chologie verknüpft sind, so war bei seiner Abfassung doch der
praktische Gesichtspunkt beherrschend. Es will dem Reklame-
fachmann und überhaupt dem Geschäftsmann ein Führer bei den
psychologischen Problemen seiner Werbearbeit sein und es nimmt
daher enge Fühlung zur Praxis. Abgesehen von vielen einzelnen
praktischen Winken will es vor allem demjenigen, welcher Re-
klame treibt, psychologische Gesichtspunkte an die Hand geben,
die seine Arbeit fruchtbar machen.

Wenn das Buch auch natürlich die bisherige Literatur benützt
und benützen muß, so ist es doch wesentlich auf Grund von Unter-
suchungen von mir, meinen Mitarbeitern und Schülern erwach-
sen. Besonderes Interesse dürften die in meinem psychologischen
Institut angestellten Versuche über die Reklame im Buchhandel
finden. Denn sie geben ein ausführliches Beispiel für die psycho-
logische Behandlung von Reklamefragen,

KARL MARBE.
        <pb n="7" />
        INHALTSVERZEICHNIS
Seite

1. Zur Orientierung über die moderne Psychologie . . 1
2, Über Persönlichkeit und Einstellung, ....... 9
3. Die Einstellung der Persönlichkeit durch die Reklame 30
4. Die psychische Gleichförmigkeit und ihre Beziehungen

zur Reklame ........ 7
5. Über statistische und experimentelle Reklamepsycho-

Koi ara GE
6. Über buchhändlerische Reklamepsychologie. .... 88
7. Allgemeine Prinzipienfragen ..... 118
8, Die psychologische Beratung bei der Reklame.

Forensisches ..... . A102
        <pb n="8" />
        1. ZUR ORIENTIERUNG ÜBER DIE MODERNE
PSYCHOLOGIE.

Erst in der neuesten Zeit ist die Psychologie zu sicheren Ergeb-
nissen gelangt. Die alte Psychologie (der Ausdruck Psychologie
stammt übrigens aus den Zeiten des Melanchthon) verfügte noch
nicht über die wertvollen Methoden der modernen Seelenlehre,
die erst im 19. Jahrhundert unter dem Einfluß von Fechner,
Helmholtz, Galton und anderen Männern und nicht unbeeinflußt
durch die Fortschritte der Anatomie und Physiologie des Nerven-
systems entstanden und nun eine selbständige, positive Wissen-
schaft geworden ist. Natürlich ist aber auch die moderne Psy-
chologie wie jede Wissenschaft (abgesehen vielleicht von der reinen
Mathematik) auf die Anregungen und die Mitwirkung von Hilfs-
wissenschaften, z. B. der Psychiatrie und Neurologie angewiesen.
Sie wird an den Hochschulen. vorwiegend in den psychologischen
Instituten gepflegt und ihre Vertreter und Anhänger haben sich
in Deutschland im Jahre 1904 zu einer „Gesellschaft für experi-
mentelle Psychologie“ zusammengeschlossen, wenn wir auch gleich
sehen werden, daß das Experiment zur Charakterisierung der mo-
dernen Seelenlehre nicht ausreichend ist. Daß auch heute noch
unter dem Namen der Psychologie veraltete Richtungen gepflegt
werden, sei nur beiläufig erwähnt. Auch daß sich neuerdings
öfters offenbare Schwindler, die zum Teil als Hellseher und Pro-
pheten. auftreten, Psychologen nennen, mag noch betont werden.

Die moderne Psychologie, welche die freilich ewig wichtigen
philosophischen Fragen nach dem Wesen der Seele und verwandte
Probleme der Philosophie überläßt, ist charakterisiert durch die
Anwendung des Experiments im Sinne der modernen Natur-
1 Marbe, Werbung.
        <pb n="9" />
        wissenschaft, der systematischen Selbstwahrnehmung und der
systematischen Beobachtung und durch die Verwendung der Sta-
tistik. Sie ging aus von mehr an der Außenseite der geistigen
Vorgänge liegenden Fragen, wie dem besonders von Fechner be-
handelten. Problem der Empfindlichkeit des Menschen gegenüber
äußeren Reizen. Sie erstreckt sich aber in der Gegenwart auch
auf die zentralsten psychischen Vorgänge, wie die des logischen
Denkens 1). Sie umfaßt heutzutage auch tierpsychologische Unter-
suchungen und diejenigen Reaktionen der Pflanzen, die analog
wie die Reaktionen beseelter Wesen verlaufen, — Dinge, die frei-
lich in unserem Zusammenhang kein Interesse besitzen. Erst die
modernen Methoden haben die Psychologie zu sicheren Erkennt-
nissen geführt.

Auch die moderne Psychologie war aber zunächst fast aus-
schließlich eine rein theoretische, vom praktischen Leben weit ab-
liegende Disziplin. Eine engere Fühlung der Psychologie zum
Leben datiert erst von der Zeit an, da gewisse psychologische Er-
gebnisse eine unmittelbare pädagogische Verwertung zuzulassen
schienen. Hermann Ebbinghaus, der Begründer der wissenschaft-
lichen Gedächtnispsychologie, hat im Jahre 1885 auf Grund von
experimentellen Untersuchungen gezeigt, daß bei einer größeren
Anzahl von Wiederholungen eines Lernstoffes eine Verteilung
der Wiederholungen über einen größeren Zeitraum für das Be-
halten des Stoffs vorteilhafter ist als eine Kumulierung der
Wiederholungen innerhalb einer bestimmten kürzeren Zeit, und
schon Ebbinghaus hat diesen psychologischen Tatbestand mit der

*) Die systematische experimentelle Untersuchung des logischen Denkens
datiert von meiner Schrift „Experimentell-psychologische Untersuchungen
über das Urteil. Eine Einleitung in die Logik“, Leipzig 1901. An diese
Schrift schloß sich später die Denkpsychologie der Külpeschen Schule an.
Hierüber sowie über mein Verhältnis zu Külpe vgl. meinen Aufsatz „Zur
Psychologie des Denkens“, Fortschritte der Psychologie und ihrer An-
wendungen. Bd. 3 (1915). S, 1ff.
/
        <pb n="10" />
        zweckmäßigen Verteilung des Lernstoffes im Unterricht in Be-
ziehung gebracht. Ebbinghaus und seine Nachfolger haben dann
auch noch eine große Anzahl anderer Gesetze der Gedächtnis-
psychologie zutage gefördert, die unmittelbare didaktische Ver-
wendungen zuließen. Auch viele andere Tatsachen der Psycho-
logie erwiesen sich alsbald unmittelbar verwertbar für die Päda-
gogik. Andererseits hat man unter dem methodologischen Ein-
fiuß der modernen Psychologie direkt praktische pädagogische
Fragen, wie z. B. das Problem der Dauer und der Unterbrechun-
gen des Unterrichts, mit Hilfe von Untersuchungen, die nach dem
methodologischen Vorbild der Psychologie angestellt wurden, zu
lösen versucht. So ist durch die moderne Psychologie die moderne
experimentelle Pädagogik mächtig gefördert worden, zu der frei-
lich schon die Herbartianer Stoy und Bartholomäi in den sech-
ziger und siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts Bausteine ge-
liefert hatten.

Wie in der Pädagogik, so ging es schließlich in den versehie-
densten anderen Gebieten. Die Psychologie führte zu Tatsachen,
die sich für diese Gebiete fruchtbar erwiesen und zu praktischen,
nicht eigentlich auf spezifisch psychologische Resultate abzielen-
den Untersuchungen, die nach dem Muster der psychologischen
Methodik und unter psychologischen Gesichtspunkten angestellt
wurden. So befruchtete die Psychologie die Praxis, aber auch
andere rein wissenschaftliche Gebiete.‘ Daher war es mir schon
im Jahre 1912 möglich, in einem größeren Sammelreferat, das
als erstes Heft meiner Fortschritte der Psychologie und. ihrer
Anwendungen erschienen ist, viele Beispiele der Bedeutung der
Psychologie für die Naturwissenschaft, Medizin, Sprachwissen-
schaft, Literaturwissenschaft und Ästhetik, Geschichte, Päda-
gogik, Jurisprudenz, Nationalökonomie und Philosophie in con-
creto nachzuweisen. Und bald darauf konnte ich in meinen
Grundzügen der forensischen Psychologie (München 1913) den
“ngeren Zusammenhang verschiedener Gebiete der Psychologie
        <pb n="11" />
        mit der Rechtspflege und Rechtswissenschaft ausführlicher er-
Örtern.

Nur wenige Jahre vor dem Ausbruch des Weltkrieges wurden
in Deutschland die amerikanischen industriellen Eignungsprü-
fungen bekannt, die dann auch in Deutschland Aufnahme fanden.
Diese Eignungsprüfungen waren die notwendige Folge der schon
älteren Intelligenzprüfungen und des Taylorsystems.

Binet und Simon hatten seit dem Jahre 1905 in Paris Intelli-
genzprüfungen bei Kindern zu pädagogischen Zwecken angestellt.
Sie schufen für jedes Lebensalter eine Anzahl von Aufgaben, die
ein normales Kind dieses Alters lösen kann. Diese „Normaltests“
waren aus einem großen Beobachtungsmaterial abgeleitet. Mit
ihrer Hilfe gelang es dann festzustellen, ob ein Kind den nor-
malen. Anforderungen entsprach, oder ob es unternormal oder
übernormal begabt war. Dieses Testsystem, das schließlich auch
auf Jugendliche ausgedehnt wurde und auch eine gewisse foren-
sische Bedeutung gewann, fand insbesondere in Amerika weit-
gehende pädagogische Anwendung, und es ist dazu geeignet,
festzustellen, ob ein schulisch zurückgebliebenes Kind einer
Hilfsschule einzureihen ist oder nicht.

Das Taylorsystem war die naturgemäße Weiterentwicklung
der amerikanischen automatischen Fabrikationsweisen, bei denen
der Mensch möglichst ausgeschaltet wird und die Maschine die
Bearbeitung des Materials in möglichst großem Umfang auto-
matisch übernimmt. Diese Fabrikationsweisen, die inzwischen
längst auch bei uns Eingang fanden und z. B. in den Schwein-
furter Kugel- und Kugellagerfabriken realisiert sind, stellen
gegenüber den älteren Verfahren eine Rationalisierung der Ar-
beit, d. h. eine Vermehrung der Produktion und eine Verminde-
rung der Kosten dar.

Das Taylorsystem bedeutet nun nur einen weiteren Schritt in
der Rationalisierung. Die menschliche Arbeitskraft, die sich auch
bei den in weitem Umfang automatisch funktionierenden Ma-

A
        <pb n="12" />
        schinen nicht ganz ausschalten ließ und die in vielen Betrieben
immer den breitesten Raum einnehmen wird, war bisher ein Fak-
tor, der nicht in dem Maß wirtschaftlich funktionierte, wie dies
an sich möglich ist. Taylor, dessen grundlegende Schrift „The
principles of seientifie management“ im Jahre 1911 erschien,
verlangte, daß in der Industrie nicht nur die maschinelle, sondern
auch die menschliche Arbeitsleistung so ergiebig als möglich ge-
staltet werde. Jede unproduktive Arbeit ist in der Industrie zu
verwerfen und abzustellen. Jeder Arbeiter muß nach Maßgabe
seiner Fähigkeiten an den richtigen Platz gestellt werden, damit
alle seine Kräfte voll ausgenützt werden können. Durch diese
Forderungen wollte Taylor aber durchaus nicht nur die Inter-
essen der Kapitalisten, sondern. vielmehr auch die Prosperität der
Arbeiter fördern, die jetzt erst dazu gelangen sollten, ihre Fähig-
keiten voll zu entfalten und auch zu ihren Gunsten zu verwerten.

Diese Gedanken, die einen Umschwung in der Industrie in die
Wege leiteten, mußten naturgemäß bei den Anhängern Taylors
auch zu einer systematischen und wesentlich psychologischen
Prüfung der Arbeiter und Lehrlinge in der Industrie und den
Verkehrsanstalten führen, die dann durch Bücher von Münster-
berg („Psychologie u. Wirtschaftsleben“, Leipzig 1912; „Grund-
züge der Psychotechnik“, Leipzig 1914) allgemein bekannt und
gefördert wurden. Diese Prüfungen aber mußten naturgemäß
die älteren Intelligenzprüfungen verwerten, verbessern und durch
neue Prüfungen ergänzen.

Der Krieg, der die Psychologie auch in den Dienst der Prüfung
und psychologischen Schulung der Hirnverletzten und in den
Dienst der Anfertigung von Prothesen (Ersatzglieder) stellte,
führte dann auch zu systematischen psychologischen Prüfungen
der Flieger, Kraftfahrer und Telefunker und zur sog. Binetisie-
rung aller Soldaten der amerikanischen Armee. Bald darauf
nahmen auch die deutschen Eisenbahnverwaltungen psycho-
logische Prüfungen des Fahrpersonals und der Werkstattlehr-
A
        <pb n="13" />
        linge nach psychologischen Gesichtspunkten auf 1). Auch die
Berufsberatungsstellen führten KEignungsprüfungen aus.
Wir können nun die moderne Psychologie, sofern sie auf die
Erforschung seelischer Vorgänge als solcher abzielt, kurz als
theoretische Psychologie bezeichnen. Dieser Ausdruck besagt aber
natürlich nicht, daß diese Psychologie sich vorwiegend mit Theo-
rien beschäftige, sondern deutet nur an, daß sie nicht nach prak-
tischen, sondern nach rein wissenschaftlichen Gesichtspunkten
orientiert ist. Die Theorie greift nur zur Erklärung der empi-
rischen Feststellungen, als heuristisches Prinzip bei der Inan-
griffnahme der Probleme und als regulatives Prinzip bei ihrer
Bearbeitung ein. Der theoretischen Psychologie stellen wir die
angewandte oder praktische gegenüber. Diese umfaßt alle PSy-
chologischen Untersuchungen, die auf praktische Zwecke ab-
zielen, sowie auch schon diejenigen Arbeiten, die sich mit. der
praktischen Anwendung der Resultate der theoretischen Psycho-
logie beschäftigen. Münsterberg hat das Wort Psychotechnik ge-
prägt. Manche gebrauchen es mehr oder weniger gleichbedeutend
mit angewandter oder praktischer Psychologie. Andere verstehen
unter Psychotechnik die praktische Psychologie, die besonders
für die technischen Betriebe bedeutsam ist. Die deutschen. Ar-
beiten zur praktischen Psychologie finden sich vorwiegend in der
Zeitschrift für angewandte Psychologie, herausgegeben von
W. Stern und O0. Lipmann, in meinen Fortschritten der Psycho-
logie und ihrer Anwendungen, Bd. 1—5 (1913—1922), in Moedes
praktischer Psychologie, Bd. 1—4 (1919—1922) und in seiner
seit 1924 erscheinenden Industriellen Psychotechnik. Neuer-
dings (1925) läßt auch H. Rupp in Verbindung mit anderen
*) Über Psychologie und Eisenbahnwesen habe ich im Archiv für Eisen-
bahnwesen, 1924, S. 729 ff., über Psychologie und Versicherungswesen in
der Zeitschrift für die gesamte Versicherungswissenschaft, Bd. 25, Heft 4,
1925. S. 337 ff., gehandelt. Einzelnes aus diesen Arbeiten wurde in den
obigen Text aufgenommen.
bt
()
        <pb n="14" />
        a Ch)
x.
bei Oldenbourg in München eine Zeitchrift für ' Psychotebidike |
erscheinen. Zr
So wichtig indessen die Unterscheidung zwischen Srptjscher X
und praktischer Psychologie an sich sein mag, se
wesentlich begrifflicher Natur. Denn die Arbeitsgebiete der theo-
retischen und praktischen Psychologie hängen nicht nur aufs
engste zusammen, sondern jedes der beiden Gebiete führt ganz
naturgemäß immer wieder auf das andere. Ein Gelehrter, der
über einen einigermaßen umfassenden Blick verfügt, wird sich
daher kaum dem einen dieser Gebiete prinzipiell verschließen,
ganz abgesehen davon, daß sich die bloße J agd nach praktischen
Erfolgen ohne Zusammenhang mit der theoretischen Psychologie
auf die Dauer gar nicht durchführen läßt. „Der theoretische
Psycholog, der in dem Augenblick Halt macht, wo seine Ergeb-
nisse praktisch fruchtbar werden, schränkt seine Leistungsfähig-
keit künstlich ein, der praktische Psycholog aber, der nur auf die
Förderung der Praxis spekuliert, treibt eine erbärmliche, schließ-
lich in sich selbst zusammenfallende Laborantenpsychologie. Die
theoretische und die praktische Psychologie gehören zusammen.“
So ungefähr sagte ich unter allgemeiner Zustimmung am Schluß
eines Vortrags, den ich auf dem Psychologenkongreß in Mün-
chen im Frühjahr 1925 hielt.

Nach alledem kann wohl kein Zweifel darüber bestehen, daß
sich die Reklame nicht auf jener alten philosophischen und un-
methodischen Psychologie aufbauen kann, sondern daß sie nur
durch die mit sicheren Methoden und festen Tatsachen arbeitende
moderne Psychologie gefördert werden kann.

Die Psychologie der Werbung oder Reklame ist nun nicht etwa
ein mehr oder weniger isolierter, für sich zu behandelnder Teil
der praktischen Psychologie, sondern sie hängt mit der theore-
tischen Psychologie auf das engste zusammen. Wie die theo-
retische und die praktische Psychologie überhaupt zusammenge-
hören, so muß auch die Psychologie der Reklame fest in der theo-
        <pb n="15" />
        retischen Psychologie verankert sein. Der Reklamepsycholog muß
daher darauf bedacht sein, die gesamte Psychologie, soweit dies
sachlich möglich ist, für die Reklame fruchtbar zu machen und
die speziellen Untersuchungen zur Reklamepsychologie müssen
daher auf dem Boden der allgemeinen theoretischen Psychologie
erwachsen.

Q
        <pb n="16" />
        2. ÜBER PERSÖNLICHKEIT UND EINSTELLUNG.

Die beiden psychologischen Hauptgebiete, auf denen die Wer-
bung oder Reklame beruht, sind die Tatsachen der Einstellung
der Persönlichkeit und die Gleichförmigkeit des psychischen
Geschehens.

Die geistige oder seelische Persönlichkeit des Menschen be-
steht in seinen psychischen Anlagen und Neigungen, kurz in
seinen. seelischen Dispositionen. Die körperliche Persönlichkeit
umfaßt den Körper des Menschen und die leiblichen Disposi-
tionen. Geistige und körperliche Persönlichkeit können aber nur
begrifflich getrennt werden und hängen tatsächlich auf das aller-
engste zusammen. Denn einmal sind nach der den Psychologen
geläufigen Arbeitshypothese des psychophysischen Parallelismus
alle geistigen Vorgänge Begleitvorgänge gewisser körperlicher,
nämlich gewisser Hirnvorzänge. Dann aber sind auch nach den
Erfahrungen des gewöhnlichen Lebens die geistigen Disposi-
tionen vielfach von körperlichen Zuständen abhängig, wie
andererseits auch psychische Zustände auf das Körperleben Ein-
filuß gewinnen. Die psychischen Tatsachen des Hungers, des
Durstes und des Schmerzes werden z. B. durch rein somatische
Zustände hervorgerufen und die im Hinblick auf gewisse Ziele
verlaufenden Körperbewegungen (die sog. äußeren Willenshand-
lungen) werden durch geistige Vorgänge in die Wege geleitet.
Angesichts des engen Zusammenhangs von Leib und Seele, aber
auch mit Rücksicht auf die Tatsache, daß nur ein Teil der leib-
lichen Vorgänge für das Bewußtseinsleben nachweislich in Frage
kommt, spricht man daher lieber als von der rein geistigen oder
der rein körperlichen Persönlichkeit von der psychophysischen
Persönlichkeit. Diese umfaßt die geistigen Anlagen und Nei-

7
%
        <pb n="17" />
        gungen sowie den Körper und die körperlichen Dispositionen,
soweit sie mit den geistigen zusammenhängen. Diese psycho-
physische Persönlichkeit soll uns im folgenden vorschweben,
wenn wir schlechthin von Persönlichkeit reden. Sie äußert sich
in unserem Wahrnehmen, Denken, Fühlen, Wünschen, Wollen
und Handeln.

Es kann nun gar kein Zweifel darüber bestehen, daß diese

Persönlichkeit für keinen Menschen eine einmal gegebene Größe
ist, sondern daß sie vielmehr einem steten Wechsel unterworfen
ist, so daß man geradezu den Begriff der momentanen Persön-
lichkeit, d. i. der lediglich in einem bestimmten Moment vor-
handenen Persönlichkeit prägen kann. Eine Komponente dieser
momentanen Persönlichkeit ist natürlich immer die angeborene
Persönlichkeit, welche die angeborenen, für die Gestaltung der
Persönlichkeit wichtigen Dispositionen umfaßt. Diese ange-
borenen. Dispositionen werden aber durch die Erziehung und
andere Erfahrungen beeinflußt. Insoweit die Persönlichkeit nicht
aus angeborenem Besitz, sondern aus diesen Einflüssen der Er-
fahrung resultiert, heißt sie erworbene Persönlichkeit. Natürlich
sind aber die Begriffe der angeborenen und erworbenen Persön-
lichkeit insofern nur Abstraktionen, als sie nur zwei Seiten der
wirklichen Persönlichkeit darstellen, für deren Gestaltung einer-
seits die ursprünglich maßgebenden Dispositionen, andererseits
die Erfahrungen des Lebens wichtig sind. Diejenigen Erfah-
rungen, welche einen Einfluß auf die angeborene Persönlichkeit
ausüben, bezeichne ich als kritische. Ältere kritische Erfah-,
rungen werden im Lauf der Zeit mehr oder weniger unwirksam,
um dem Einfluß neuerer Erfahrungen Platz zu machen. So kann
z. B. die Persönlichkeit eines Menschen infolge des Milieuein-
Äusses ganz und gar sportlichen Interessen hingegeben sein.
Diese Interessen können aber später, z. B. infolge nachhaltiger
Wirkungen von künstlerischen Eindrücken und neuer Umgebung
gänzlich hinter ästhetischen Interessen zurücktreten und schließ-
10
        <pb n="18" />
        lich sozusagen vergessen werden. Abgesehen von den kritischen
Erfahrungen und der angeborenen Persönlichkeit wird die wirk-
liche Persönlichkeit auch durch vorübergehende, rein somatische
Zustände bestimmt. Der Mensch ist intellektuell und überhaupt
hinsichtlich seiner Persönlichkeit ein anderer, je nachdem er
körperlich gesund oder krank, älter oder jünger ist. Infolge
solcher wechselnder somatischer Einflüsse (zu denen auch die
körperlichen Grundlagen der Ermüdung, der jeweilige Zustand
der Geschlechtsdrüsen, sowie Gehirnstörungen verschiedenster
Art gehören) und der kritischen Erfahrungen ist die wirkliche
Persönlichkeit nicht nur in pathologischen Fällen wie bei Epi-
leptikern und Hysterikern, sondern auch schon im gewöhnlichen
Leben einem häufigen Wechsel unterworfen. Sie erleidet in jedem
Moment unter dem Einfluß kritischer Erfahrungen und körper-
licher Faktoren der angedeuteten Art eine bestimmte Einstellung,
so daß man, wie wir schon sahen, auch geradezu von momentaner
Persönlichkeit sprechen kann. Natürlich brauchen aber die
neuen Kinstellungen der Persönlichkeit nicht immer ihr ganzes
Wesen zu betreffen. Sie werden sich vielmehr oft nur auf ein-
zelne Seiten derselben beziehen. Auch können sie, wie beim
leichten Affekt, ganz vorübergehender, sozusagen flüchtiger
Natur sein oder prinzipielle Bedeutung haben und die Persön-
lichkeit auf längere Zeit ganz oder in einzelnen Teilen um-
gestalten. Diese nachhaltigen Einstellungen der Persönlichkeit
sollen als habituelle bezeichnet werden. Sie können plötzlich er-
folgen, wie dies bei Luther im Zusammenhang mit dem Gewitter
vom 2, Juli 1505 der Fall war, oder ganz allmählich stattfinden.
Habituelle Einstellungen der Persönlichkeit zu vollziehen, ist ein
Hauptziel der Erziehung.

Alle Erziehung, so pflege ich in meinen pädagogischen Vor-
lesungen. zu sagen, ist entweder eine Erziehung zum Wissen,
Können, Werten oder Wollen und Handeln. Das Wissen eines
Gegenstandes besteht lediglich in der Fähigkeit, richtige Urteile

11
        <pb n="19" />
        (im Sinne der Logik) über diesen Gegenstand zu fällen 1). Der-
jenige weiß, was Kant geschrieben hat, der den Inhalt und Sinn
seiner Schriften wiedergeben kann, und derjenige weiß, wieviel
Uhr es ist, der es sagen kann, wobei es natürlich gleichgültig ist,
ob dieses „Sagen“ in lauter oder innerlicher Rede oder vielleicht
statt durch Worte durch andere vikariierende Vorgänge statt-
findet. Derjenige, der etwa behauptet er wisse etwas, könne es
aber nicht sagen, will damit nur ausdrücken, daß er momentan
nicht in der Lage ist, das Gewußte von sich zu geben, daß er
aber unter anderen Bedingungen dazu wohl imstande sei. Die
Erziehung zum Wissen besteht nun lediglich darin, daß der Er-
zieher die Persönlichkeit des Zöglings mittels Vorsagens, durch
Lektüre, Lernen u. a. soteinstellt, daß er über das vom Erzieher
gewünschte Wissen verfügt. Die Disziplin, die sich wesentlich
mit den Methoden dieser Einstellung beschäftigt, heißt Didaktik.
Um die Erziehung zum Können handelt es sich z. B. beim Hand-
werk und in der Arbeitsschule, aber auch schon teilweise in der
gewöhnlichen Schule, so beim Schreib-, Rechen- und Zeichen-
unterricht. Auch diese Erziehung zum Können stellt eine Ein-
stellung oder vielmehr vielfache Einstellungen der Persönlich-
keit dar. Auch sie wird von der Didaktik umfaßt. Von ganz be-
sonderer Wichtigkeit für unsere Probleme ist die Erziehung
zum Werten.

Der Wert, den wir den Dingen beilegen, ist sicherlich zum
guten Teil von unserer angeborenen Persönlichkeit abhängig 2).
Wer ein schlechtes Formen- und Farbengedächtnis hat, wird
kein begeisterter Liebhaber der bildenden Künste sein, und große

*) K. Marbe, in den in der vorletzten Anmerkung zitierten Schriften
Experimentell-psychologische Untersuchungen usw. 8. 91 f. und Zur Psycho-
logie des Denkens S. 32 ff,

?) Die Grundtatsachen der Philosophie der Werte habe ich in meiner
„Gleichförmigkeit in der Welt“, München 1919, Bd. 2. S. 152, in all.
gemein verständlicher Form dargestellt.

12

Ad
        <pb n="20" />
        angeborene Handgeschicklichkeit disponiert von vorneherein
auch zur Wertschätzung von Handgeschicklichkeit erfordernden
Berufen. Die Wertung ist aber auch ein Produkt des Milieus, in
dem wir leben, der Lektüre, der Lebenserfahrungen überhaupt
und besonders auch der Erziehung. Auch der Erzieher stellt un-
willkürlich oder willkürlich die Persönlichkeit des Zöglings im
Sinne gewisser Wertungen ein. Gewinnt er z. B. dem Zögling
gegenüber die erforderliche autoritative Stellung, so wird dieser
seine Wertmaßstäbe meist ohne weiteres denen des Erziehers
unwillkürlich anpassen. Der Erzieher kann aber auch „das Wert-
leben“ des Zöglings ganz willkürlich und systematisch beein-
flussen, so z. B. wenn er ihm mit starker Betonung ihres Wertes
immer wieder bestimmte, in gewisser Hinsicht gleichartig
charakterisierte Persönlichkeiten aus der Gegenwart und Ge-
schichte vorführt. Auch die bloße stete Wiederholung von Wert-
urteilen kann im Zögling lange vorhaltende Wertungen begrün-
den. Denn der Mensch und insbesondere das Kind neigt über-
haupt und auch in seinen Wertungen sehr zur Nachahmung der
Mitmenschen und zum Glauben an das, was ihm immer wieder
vorgesagt wird, besonders wenn dies von autoritativer Seite ge-
schieht. Als einmal auf einem Ästhetikerkongreß (Berlin 1913)
die Frage diskutiert wurde, wie sich die Wertschätzung der
Dichter verbreite, bemerkte ich, daß die meisten zu ihrem Ur-
teil durch andere veranlaßt würden und daß ich schon „gewußt“
hätte, daß Goethe der größte deutsche Dichter und Shakespeare
der bedeutendste Dramatiker sei, bevor ich eine Zeile von diesen
Autoren gelesen hätte.

Mit der Erziehung zum Werten hängt die zum Wollen und
Handeln aufs engste zusammen. Denn als Zwecke unseres Wol-
lens und Handelns kommen nur solche Ziele in Betracht, denen
wir auch einen Wert beilegen. Aber die Erziehung vollzieht
freilich auch unmittelbare Einstellungen zum Wollen und Han-
deln, so z. B. wenn der Erzieher den Zögling durch Zureden,

1)

1
        <pb n="21" />
        Strafen u. a. zur regelmäßigen Ausführung gewisser Handlungen,
wie z. B. regelmäßiger Arbeit anleitet.

Der Erzieher will nicht immer habituelle, sondern vielfach nur

vorübergehende Einstellungen der Persönlichkeit des Zöglings
herbeiführen, so z. B. wenn er vorübergehend seine Aufmerk-
samkeit auf irgendeinen Unterrichtsstoff hinzulenken trachtet.
Auch sei erwähnt, daß wenn auch das Hauptziel der Erziehung
in der Schaffung habitueller Einstellungen besteht, dauernde
Einstellungen des Zöglings nur in den seltensten Fällen erreicht
werden. Schopenhauers Lehre von der Unwandelbarkeit des
Charakters, d. h. der menschlichen Persönlichkeit, sofern sie als
Grundlage der Willenshandlung in Frage kommt, ist gewiß
längst überholt und die Ansicht von der Konstanz der mensch-
lichen Persönlichkeit überhaupt ist sicherlich ebenso unhaltbar.
Nicht minder verfehlt aber wäre die Meinung, daß eine durch
Erziehung oder andere Einflüsse eingestellte Persönlichkeit
dauernd in dieser Einstellung beharrt. Dies ist vielmehr infolge
der stets neuen Wirkungen der Umgebung, welche den Einfluß
der Erziehungserfahrungen modifizieren oder annullieren, gänz-
lich ausgeschlossen. Auch die immer neuen vorübergehenden Ein-
stellungen der Persönlichkeit wirken dem Aufkommen wirklich
dauernder Einstellungen entgegen.

Vorübergehende Einstellungen können wir im gewöhnlichen
Leben auf Schritt und Tritt nachweisen. Abgesehen von der
Aufmerksamkeitseinstellung und den genannten Folgen. soma-
tischer Faktoren, zu denen auch die physiologischen Wirkungen
des Alkohols gerechnet werden können, zeigt sich das Ergebnis
der vorübergehenden Einstellung z. B. auch dann, wenn uns un-
willkürlich das Wort Blatt etwas ganz anderes bedeutet, je nach-
dem wir uns im Wald, in einer Kunsthandlung oder beim Kar-
tenspiel befinden, oder dann, wenn wir willkürlich aus den
Schlägen eines Metronoms bald einen Dreivierteltakt, bald einen
Viervierteltakt heraushören. Auch ist es lediglich Folge der
14
        <pb n="22" />
        vorübergehenden Einstellung, daß wir beim Lesen eines Korrek-
turbogens dann Druckfehler übersehen, wenn wir nur auf den
Sinn achten, und daß wir den Sinn nicht verstehen, wenn wir
nur auf die Druckfehler achten.

Ruft man einer größeren Anzahl von Zuhörern durcheinander
einsilbige und zweisilbige sinnlose Gebilde zu, nachdem man die
Zuhörer vorher aufgefordert hat, auf jedes sinnlose Gebilde
schriftlich mit einem anderen sinnlosen Gebilde zu reagieren, so
zeigt sich, daß unwillkürlich auf die einsilbigen Gebilde vor-
wiegend mit einsilbigen, auf die zweisilbigen vorwiegend mit
zwei- und mehrsilbigen reagiert wird. Das Zurufen einsilbiger
Gebilde bewirkt hier ohne weiteres eine Einstellung, die dem
Reagieren mit einsilbigen günstig ist, während das Zurufen von
zweisilbigen Gebilden eine der Reaktion mit zwei- und mehr-
silbigen Gebilden förderliche Einstellung bewirkt. Auch viele
andere Experimente zur Demonstration der Einstellung der Per-
sönlichkeit lassen sich leicht ausführen VD.

Diese Beispiele zeigen schon, daß wir eine willkürliche, von
der Persönlichkeit beabsichtigte und eine unwillkürliche, ihr gar-
nicht zum Bewußtsein kommende Einstellung unterscheiden
müssen. Daß es freilich zwischen der extrem willkürliehen und
der extrem unwillkürlichen Einstellung Übergänge gibt, ist
selbstverständlich. Von großer Bedeutung ist die unwillkürliche-
Beeinflussung des Intellekts des Menschen durch sein Gefühls-,
Willens- und Triebleben. Quae volumus, eredimus libenter, sagt
schon ein lateinisches Sprichwort und Schopenhauers Lehre vom
Primat des Willens über den Intellekt ist wesentlich ein Aus-

1) Näheres in meinem Aufsatz „Über Persönlichkeit, Einstellung, Sug-
gestion und Hypnose“ in der Zeitschrift für die gesamte Neurologie und
Psychiatrie. Bd. 94. Heft 2/8. 1925. S. 8359. Dieser Aufsatz sowie
mein Münchener Kongreßvortrag vom Jahre 1925 über Einstellung und
Umstellung (vgl. Zeitschrift für angewandte Psychologie. Bd. 26. 1925.
S. 43 ff.) wurden teilweise für den obigen Text verwendet.

15

1
        <pb n="23" />
        druck für die Tatsache, daß unsere Ansichten und Meinungen
in weitem Umfang von unseren Wünschen abhängen. Auch
zwischen Selbsteinstellung und Fremdeinstellung kann man
unterscheiden. Wenn sich jemand willkürlich so einstellt, daß er
aus Metronomschlägen einen Dreivierteltakt heraushört, so liegt
Selbsteinstellung vor. Bei dem Versuch mit dem 'Zurufen von
sinnlosen Gebilden, wo die Einstellung durch den Versuchsleiter
bewerkstelligt wird, handelt es sich um Fremdeinstellung.

Sehr wichtig für uns ist die Tatsache, daß die Antworten der
Menschen auf Fragen keineswegs nur von den Tatbeständen ab-
hängen, auf welche sich die Antworten beziehen, sondern daß sie
(auch unter der Voraussetzung des besten Willens des Antworten-
den) durch die Fragestellung selbst beeinflußt werden, daß die
Menschen also durch bestimmte Fragen auf bestimmte Antwor-
ten eingestellt werden. Im Jahre 1918 zeigte ich einem größeren
Auditorium, das aus lauter praktischen Juristen bestand, eine
halbe Minute lang die Projektion eines Gemäldes, das (im ganzen
Hörsaal deutlich sichtbar) vier Personen darstellte, die in einer
Gartenlaube an einem Tisch saßen. Zehn Minuten später stellte
ich an das Auditorium zum Zweck späterer Behandlung im
Unterricht allerlei Fragen, die schriftlich beantwortet werden
mußten, darunter die Frage: an welcher Stelle des Tisches steht
der Blumenstrauß? 29 % der 218 Zuhörer bezeichneten nun eine
bestimmte Stelle, an. welcher sie den Blumenstrauß gesehen haben
wollten. Die meisten (66 %) erklärten, sie hätten ihn nicht ge-
sehen und nur fünf sagten (was der Wahrheit entsprach) aus,
daß kein Blumenstrauß vorhanden war. Die 29 % falschen Aus-
sagen und vielleicht auch ein Teil der 66 % unsicheren Angaben
waren hier durch die Fragestellung veranlaßt!). Sehr interessant
ist es, daß nach dem Vortrag, in welchem ich über die Antworten
auf meine Fragen sprach, ein Hörer zu mir kam und mir ver-

*) Vgl. K. Marbe, Grundzüge der forensischen Psychologie. München
1913. 8. 115 ff.
165
        <pb n="24" />
        sicherte, es sei doch ein Blumenstrauß sichtbar gewesen. Ich ent-
gegnete dem Herrn, daß er sich im Irrtum befinde, konnte ihn
aber hiervon erst überzeugen, als ich ihm das Diapositiv vorwies.

Derlei Erfahrungen und viele systematischen Versuche haben
die Psychologen veranlaßt, in. forensischem Interesse Regeln auf-
zustellen, nach denen sich der Fragende zu richten hat, wenn er
nicht seinerseits den Gefragten im Sinne einer bestimmten Ant-
wort einstellen will. Nach O. Lipmann gilt folgendes:

1. Unbedingt zu vermeiden sind Voraussetzungsfragen, d. h.
solche Fragen, die einen Tatbestand als bekannt voraussetzen.
Hierher gehört z. B. die Frage: „Was für eine Krawatte hatte
der B an?“ Denn sie setzt voraus, daß der B eine Krawatte an-
hatte. 2. Zu vermeiden sind auch unvollständige Disjünktions-
fragen, z. B. die Frage: „War die Krawatte des B schwarz oder
weiß?“ Denn sie kann ja auch eine andere Farbe gehabt haben.
3. Auch die Erwartungsfragen, d. h. diejenigen, welche an-
deuten, daß sie eine der beiden Antworten ja oder nein erwarten,
sind bedenklich. So ist z. B. die Frage: „War B.s Krawatte nicht
schwarz?“ zu vermeiden. 4. Bedenklich sind auch die Fragen,
welche die Erwartung einer bestimmten Antwort nicht enthalten,
die jedoch tatsächlich nur mit ja oder nein beantwortet werden
können. Hierher gehört z. B. die Frage: „War die Krawatte des
B schwarz?“ Auf solche Fragen erfolgt häufiger die Antwort
„Ja“ als die Antwort „nein“. 5. Weniger gefährlich sind voll-
ständige Disjunktionsfragen wie z. B. die: „Hatte B eine Kra-
watte an oder nicht?“ 6. Noch günstiger sind die Bestimmungs-
fragen, d. h. Fragen wie: „Wie war-B bekleidet?“ Hier wird
durch den Zeugen der Tatbestand bestimmt. Die Antwort nähert
sich hier am meisten der spontanen Aussage, die vor allen Ant-
worten auf Fragen den Vorzug verdient.

Die Suggestion oder suggestive Einstellung der Persönlich-
keit im Sinne der Wachsuggestion ist von der bisher behandelten
gewöhnlichen Einstellung nicht scharf zu trennen. Sie liegt
2 Marbe, Werbung. 17
        <pb n="25" />
        dann vor, wenn die Einstellung zu solchen Modifikationen der
Persönlichkeit führt, die besonders auffällige oder gar abnorme
Wirkungen haben. Zur Demonstration der Wachsuggestion be-
nütze ich in meinen Vorlesungen meist Kinder, die bekanntlich
suggestibler sind als Erwachsene. Ich führe seit vielen Jahren
folgende Versuche aus: 1. Ich suggeriere neun- oder zehnjäh-
rigen Mädchen, daß ein etwa 10 m von ihnen aufgestellter Appa-
rat eine anziehende Wirkung auf sie ausübe, worauf sie sich
anscheinend unwillkürlich zu dem Apparat hinbegeben, als
würden sie mit Gewalt von ihm angezogen. 2. Ich suggeriere
ihnen, daß sie beim Berühren eines anderen harmlosen Appa-
rates Schmerz empfinden, worauf sie dies nachher bestätigen
oder sogar bei der Berührung sichtlich zusammenzucken. 3. Ich
veranlasse sie auf suggestivem Wege, einen Bleistift als so
schwer zu empfinden, daß sie ihn nicht heben können, oder ich
mache es ihnen durch Suggestion unmöglich, ihre Hand vom
Tisch zu entfernen. 4. Ich lege auf einige Stellen des Fußbodens
Metallplatten, gebe einem Kind eine Wünschelrute in die Hand,
suggeriere ihm, daß die Rute ausschlägt, wenn es in die Nähe
einer der Metallplatten kommt und veranlasse es dann, im Hör-
saal herumzuspazieren. Der suggestive Ausschlag der Rute tritt
dann jeweils ein, wenn sich das Kind den Platten nähert. Dann
erkläre ich die Kraft der Metallplatten als erloschen. Der Aus-
schlag unterbleibt dann 1). 5, Ich lasse einige Kinder an ein ge-
eignetes Tischehen herantreten und sie dieses, wie es beim Tisch-
rücken üblich ist, berühren. Ich suggeriere ihnen dann, daß der
Tisch von selbst in eine schaukelnde Bewegung kommen werde.
Diese Bewegung des Tisches tritt alsbald wirklich ein. Behaupte
ich dann, daß der Tisch auf ein bestimmtes Kommando zur Ruhe
kommen werde und gebe ich dies Kommando, so hören die Be-
wegungen des Tisches plötzlich auf. In einem anderen Versuch
*) Vgl. hierzu K. Marbe, Psychologie der Wünschelrute. Die Umschau,
Nr. 36/37. Heft vom 16. Sept. 1922. S. 565 ff.
nr

v
        <pb n="26" />
        sage ich den Kindern, der Tisch werde nun so oft ausschlagen,
als das eine der Kinder Lebensjahre zurückgelegt hat. Wenn das
Kind neun Jahre alt ist und auch die übrigen Kinder das Alter
dieses Kindes kennen, so schlägt der Tisch neunmal aus. Denn die
Kinder führen dann die Bewegung des Tisches unwillkürlich und
ohne es zu wissen so, daß er die von ihnen erwartete Anzahl von
Ausschlägen macht. 6. Ich suggeriere einer Anzahl von Kindern,
daß ein von mir in der Hand gehaltener Zauberstab diejenigen
zu sich hinziehe, die seine Spitze fixieren. Ich fordere dann die
Kinder auf, diese Spitze scharf im Auge zu behalten. Dann
setze ich mich so in Bewegung, daß die Kinder den Stab sehen
können und ziehe sie dadurch hinter mir her und schließlich zur
Türe des Hörsaals hinaus.

Bei allen diesen Experimenten wird die Persönlichkeit der
Kinder durch die Worte des Versuchsleiters so eingestellt, daß
die dargelegten, an sich gewiß höchst auffälligen Willenshand-
lungen der Kinder entstehen. Daß es sich dabei nicht etwa um
Gefälligkeitsakte, sondern um durchaus echte Suggestionen han-
delt, habe ich durch besondere Versuche bewiesen’). Das Ex-
periment mit dem Tischrücken erfordert wenigstens drei Ver-
suchspersonen, während die übrigen Versuche mit einer oder mit
mehreren Personen ausgeführt werden können. Im letzteren
Falle wirken diese im Sinne der Einstellung auch gegenseitig
aufeinander ein, während bei Experimenten mit einer einzigen
Versuchsperson nur der Versuchsleiter einstellend wirkt. Die
gegenseitige Einstellung beruht zum Teil auf dem unwillkür-
lichen Nachahmungstrieb der Menschen. Die Handlungen eines
jeden Kindes werden hier unwillkürlich auch von denen der
übrigen Kinder mehr oder weniger nachgeahmt. Auch das Be-
wußtsein, gegenüber den Partnern nicht auffallen zu wollen, der
weitverbreitete Wunsch der Menschen, sich in den Rahmen ihrer

') Vgl. den in der drittletzten Anmerkung zitierten Aufsatz von mir aus
der Zeitschrift für die gesamte Neurologie usw. S. 364 f.

%
1%
        <pb n="27" />
        Umgebung einfügen zu wollen, wirken hier günstig für das Ge-
lingen des Experiments und förderlich im Sinne der vom Ver-
suchsleiter gewollten Einstellung.

Auch bei der Erziehung in Haus, Schule und Leben spielt die
gegenseitige Einstellung eine große Rolle. Die Kinder ein und
derselben Familie oder Schulklasse und die miteinander in Be-
rührung stehenden Menschen ein und derselben sozialen Gruppe
wirken immer auch im Sinne der gegenseitigen Einstellung auf-
einander ein.

Bei jeder Einstellung handelt es sich in gewissem Sinne um
eine Einengung des Bewußtseins. Die auf einen Gegenstand ge-
richtete Aufmerksamkeit setzt eine Zurückdrängung des Inter-
esses für andere Gegenstände voraus; sie bedeutet eine Ver-
legung des Gegenstandes, dem sich die Aufmerksamkeit zu-
wendet, in den engbegrenzten sog. Blickpunkt des Bewußtseins.
Alle Einstellungen im Sinne der Pädagogik sind nur dadurch
möglich, daß abwegige Einstellungen und Bewußtseinsvorgänge,
die dem Zweck der gewollten Einstellung zuwiderlaufen, aus der
Persönlichkeit des Zöglings verdrängt werden. Die Reaktion der
Kinder bei unserem Suggestionsversuch Nr. 6 findet nur dann
statt, wenn die mündlichen Ausführungen des Versuchsleiters so
überzeugend wirken, daß sie alle gedanklichen Hemmungen, die

sich dem Glauben an die anziehende Wirkung des Stabes ent-
gegenstellen könnten, aus dem Bewußtsein der Kinder fernhält.
Analoges gilt auch für die übrigen Suggestionsversuche. Die
Einengung des Bewußtseins ist auch ein wesentlicher Faktor bei
der Hypnose.

Wie die Wachsuggestion von der gewöhnlichen Einstellung, so
ist auch die hypnotische Suggestion von der Wachsuggestion
nicht scharf zu trennen. Im Zustand der Hypnose befindet sich
der Mensch dann, wenn in ihm infolge von suggestiver Einstel-
lung normale Funktionen in dem Maße und Umfang unterbun-
den sind, daß er ein dem Schlafe nahestehendes Verhalten zeigt.
20)
        <pb n="28" />
        Auch schon bei der gewöhnlichen und der suggestiven Einstel-
lung werden aber Funktionen, wie sie normaliter sonst auftreten,
modifiziert oder aufgehoben.

Die Bedeutung der Einstellung für das menschliche Leben
und die Wissenschaft reicht weit über die Beispiele hinaus, die
wir bisher angeführt haben. Vor einigen Jahren hatte ich einen
Gerichtsfall am Landgericht Würzburg, wo ein unerfahrener
Jäger auf zwei schwachsinnige Mädchen, die in einem Getreide-
acker abends Ähren stahlen, einen Schuß abgab, der zum Tode
des einen und zu einer schweren Verwundung des anderen Mäd-
chens führte. Der Jäger war von einem Jagdfreund mehrfach
und dringend veranlaßt worden, abends an dem Getreideacker
anzusitzen. Es war ihm mitgeteilt worden, daß auf den Acker
aus dem benachbarten Wald Sauen austräten. Vorher war ihm
der von den Sauen in den letzten Nächten anscheinend ver-
ursachte Wildschaden sowie die Stelle, wo der Austritt der Sauen
zu erwarten war, gezeigt worden. Als es dunkelte, erschienen in
der Nähe dieser Stelle die beiden Mädchen, die, weil sie Ähren
lasen, in gebückter Körperhaltung umhergingen und überdies
von sehr kleinem Wuchse waren. Der Jäger sah sich die Sache
an, und es unterlag für ihn nach der ihm zuteil gewordenen
Einstellung gar keinem Zweifel, daß er das erwartete Wild vor
sich habe, worauf er den Unglücksschuß abgab.

Nicht sehr lange vorher hat in der Nähe von Würzburg ein
Forstbeamter einen Mann am hellen Tage, da er ihn für ein
Wildschwein hielt, erschossen. Dieser Fall ist noch instruktiver
als der eben erwähnte. In dem Wald, wo der Forstbeamte die
Aufsicht hatte, kamen sonst nie Wildschweine vor. Seit längerer
Zeit aber hatte sich hier eines blicken lassen, und alle Jäger
waren nun natürlich ganz von dem Wunsche erfüllt, das seltene
Wild zu erlegen. Als nun unser Beamter, der den Umständen
gemäß mit der Wildschweinjagd nicht vertraut war, im Walde
umherging, hörte er ein leises Stöhnen in einer Dickung. Er

Al

Yo
        <pb n="29" />
        trat vorsichtig heran, überzeugte sich vermeintlich von dem Vor-
handensein des Wildschweines, zielte sorgfältig und gab einen
Kugelschuß ab. Die Kugel aber hatte einen dem Beamten un-
bekannten, älteren Mann mit langen Haaren, der im Dickicht
saß, getroffen.

In beiden Fällen waren unglückliche Illusionen oder (wie wir
in unserem Zusammenhang besser sagen) auf besonderen Ein-
stellungen der Persönlichkeit beruhende Wahrnehmungen die
Ursache des Unglücks. Unsere beiden J äger waren infolge von
alledem, was sie gehört und überhaupt erfahren hatten, von der
Erwartung Sauen vor sich zu haben so durchdrungen, daß die im
Dunkeln bzw. im Dickicht naturgemäß undeutlichen bzw. frag-
mentarischen Reize zur Wahrnehmung der Gestalt von Wild-
schweinen führen mußten. Die Wahrnehmung resultiert eben
nicht bloß aus den Reizen. Sie setzt sich nicht nur aus Emp-
findungen zusammen. Sie enthält auch einen gestaltlichen Fak-
tor, der zentral bedingt ist und je nach der Einstellung der Per-
sönlichkeit so oder anders geartet ist.

Die Abhängigkeit der Sinneswahrnehmungen von der Einstel-
lung ist auch eine sehr wesentliche Grundlage des Wunderglau-
bens. So wird heute viel von auffallenden Erscheinungen an dem
Christusbild zu Limpias in Spanien geredet!), das die Augen
auf und nieder schlägt, die Farbe verändert. den Ausdruck des
Todeskampfes und dann wieder den der Verklärung zeigt, den
Mund öffnet und schließt usw. Diese Täuschungen, denen viele
Tausende zum Opfer fielen, sind Folgen der Einstellung, die
durch die wechselseitigen Wirkungen der in Frage kommenden

Personen aufeinander noch verstärkt wurden. Überhaupt erklärt
die Einstellung einen großen Teil des Wunderglaubens und der
Wunder. Sie ist auch die Grundlage vieler anderer Kultur-
erscheinungen.

*) v. Kleist, Auffallende Erscheinungen an dem Christusbilde von
Limpias. Kirnach-Villingen (Baden). 7. Aufl. 1924.

29
        <pb n="30" />
        Einer meiner Mitarbeiter, H. Kleint, hat die Bedeutung der
Einstellung für die Sinneswahrnehmung in meinem Institut
durch besondere Versuche bewiesen 1). Er ließ z. B. einen Bild-
streifen am Auge des Beobachters vorüberziehen, der jedesmal
einen Hebel niederdrücken mußte, wenn auf dem Bildstreifen
eine menschliche Gestalt erschien. Daß solche Gestalten auf-
traten, mußte der Beobachter nach der ihm gegebenen Instruktion
erwarten, während tatsächlich der Streifen keinerlei menschliche
Figuren enthielt. Hierbei ließen sich eine Menge von Illusionen,
also von gesehenen, aber nicht vorhandenen menschlichen Gestal-
ten feststellen. Andere Versuche Kleints bezogen sich auf andere
Zusammenhänge zwischen Einstellung und Wahrnehmung.

Wie an den Wallfahrtsorten viele Gläubigen von nervösen
Leiden, hysterischen Lähmungen und anderen funktionellen Be-
schwerden durch habituell werdende Einstellungen tatsächlich
geheilt werden, so spielt die Einstellung bekanntlich auch in der
Psychotherapie und Medizin eine erhebliche Rolle. Wie in
Lourdes, Maria Einsiedeln und unzähligen anderen Wallfahrts-
orten heilsame Einstellungen der Persönlichkeit stattfinden, so
kann auch der Psychotherapeut, sei es nun durch Hypnose (post-
hypnotische Suggestion!), durch Wachsuggestion oder auch durch
die bloße gewöhnliche Einstellung (hierher gehört die Persua-
sionsmethode von Dubois), soweit dies möglich ist, habituelle
Einstellungen des Patienten herbeiführen, die ihn von seinen
Leiden erlösen. Schon der Glaube an die eigene Gesundheit, an
die persönliche Kraft und Stärke wirkt eben in vielen (leider
aber nicht in allen) Fällen gesundend. Auch die Erziehung
zur willkürlichen Selbsteinstellung und Autosuggestion ist von
vielen mit Erfolg angewendet worden?). Der Glaube an sich

1) Vgl. H. Kleint, Über den Einfluß der Einstellung auf die Wahr-
nehmung. Archiv für die gesamte Psychologie. Bd. 51. 1925. S. 387ff.

?) Die neuerdings in Deutschland allgemein gelesenen Schriften von
Cou6 und Baudouin enthalten durchaus nichts Neues, wohl aber viele

0

gg
        <pb n="31" />
        selbst wirkt übrigens auch außerhalb der Medizin fördernd

auf die Persönlichkeit und speziell auf die Leistungen des

Menschen.

Die große Bedeutung der Einstellung für das Leben ist vor
allem auch für die Politik wichtig und für die Würdigung der
Selbständigkeit oder vielmehr Unselbständigkeit der Menschen.
Wenn in einer Versammlung eine große Anzahl von Menschen,
etwa in Form einer Resolution, einen Wunsch äußert, so braucht
daraus noch lange nicht zu folgen, daß jeder einzelne oder auch
nur die meisten diesen Wunsch ernstlich hegen. Das Eintreten
für den Wunsch kann vielmehr bei vielen lediglich Folge mo-
mentaner Einstellung sein, die alsbald wieder abweichenden und
entgegengesetzten Einstellungen Platz machen kann. Die Reso-
lution kann z. B. einer fulminanten Rede entspringen und sie
wäre vielleicht ganz entgegengesetzt ausgefallen, wenn die Rede
eine andere gewesen wäre. Auch gestaltet sich die Einstellung
der Menschen in solchen Fällen im unmittelbaren Anschluß an
die Entscheidung der anwesenden, auf sie autoritativen Einfluß
ausübenden Mitmenschen. Wie unselbständig die Menschen sind,
kann man auch daraus ersehen, daß sie einzeln oft ganz anders
entscheiden und handeln als im Kreise einer Mehrheit von Per-
sonen, von der sie sich in der Regel beeinflussen lassen. Alle
diese Tatsachen zeigen, daß die sog. Massenseele sich keineswegs
aus den Seelen der einzelnen additiv zusammensetzt. Der Mensch
ist in der Masse ein anderer als in kleinem Kreis oder allein.
Denn die Einstellung des Menschen ist eine ‚ganz verschiedene,
je nachdem keine, einzelne oder viele Menschen im Sinne der
Fremdeinstellungen auf ihn einwirken.

Die Menschen halten zwar meist große Stücke auf ihre Origi-
nalität im Denken und Handeln, übersehen aber, wie sehr diese
Übertreibungen der Bedeutung der Einstellung und Suggestion, die inner-
halb gewisser Grenzen funktionelle, nicht aber organische Defekte zu be-
heben geeignet sind.

DM

Are
        <pb n="32" />
        durch die Fremdeinstellung beeinträchtigt wird. Sie haben ihre
meisten sog. Ansichten gar nicht selbst gebildet, sondern von
andern. übernommen, wenn sie ihnen auch als ihr eigenes Gut er-
scheinen. Die Ansichten der Lehrer und Erzieher oder auch die
unserer Mitschüler oder Mitzöglinge, die Ansichten der Bücher,
die wir gelesen, der Vorträge, die wir gehört haben, vor allem die
der Presse eignen wir uns in vielen Fällen unwillkürlich an, um
sie dann als eigene von uns zu geben. Selbst der Gelehrte kann
zumal im umfangreichen Gebiet der Kulturwissenschaften nur
einen geringen Teil der Ansichten seiner Zeit auf ihre Richtig-
keit prüfen. Auch er eignet sich die Berichte und Werturteile
seiner Zeitgenossen und Vorgänger in großem Umfang an, ohne
immer seiner Abhängigkeit bewußt zu bleiben. Insbesondere die
fortwährende Wiederholung derselben Ansichten ist geeignet, sie
auch anderen zu suggerieren, wie unter anderem auch die Ge-
schichte des Sozialismus deutlich zeigt. Bedeutsam für die Über-
nahme von Ansichten und überhaupt für die Einstellung ist vor
allem die Autorität der Stellen, welche sie aussprechen. So ist
die Hochachtung vor dem geschriebenen Wort einer der Gründe
des Einflusses der Presse, die in weitem Umfang die Ansichten
der Leser geradezu fabriziert.

Diese Tatsachen berücksichtigt der Politiker, wenn er die Aus-
wahl der Lehrer nach ihrer politischen oder religiösen Gesinnung
anstrebt oder vollzieht. Wer die Jugend hat, hat die Zukunft.
Wer in einer bestimmten politischen Sphäre erzogen wird, der
wird dadurch im allgemeinen auch im späteren Leben die frag-
liche politische Richtung vertreten und die begeisterten Vertreter
einer Religionsgemeinschaft sind im allgemeinen nicht die-
jenigen, die auf Grund umfänglicher, vergleichender religions-
wissenschaftlicher Studien den Wert der Lehren dieser Gemein-
schaft abgeleitet haben, sondern diejenigen, welche in dieser Ge-
Mmeinschaft erzogen wurden.

Die Bedeutung der gegenseitigen Einstellung kommt beson-

55

Ze
        <pb n="33" />
        ders innerhalb jener Veranstaltungen zum Ausdruck, in denen
die Zöglinge oder überhaupt die Objekte der einstellenden Er-
ziehung fremden ungewollten Einflüssen möglichst entzogen
werden. Hierher gehören z. B. die Offiziersgemeinschaften in der
früheren deutschen Armee und die Klerikalseminare unserer
Tage, einmal jene, in welchen sehon die Schüler der Gymnasien
Aufnahme finden und dann diejenigen, welche die Studenten der
Theologie an einer Universität umfassen. Hierher gehören auch
die Klöster, aber bis zu einem gewissen Grade auch losere Ver-
bände wie viele Studentenkorporationen. Auch in den politischen
Klubs, in den Arbeiterverbänden verschiedenster Art und über-
haupt in allen Gemeinschaften ist die gegenseitige Einstellung
mehr oder weniger lebhaft am Werke.

Inwieweit es der Staat oder überhaupt irgendeine Macht ver-
antworten kann, so väterlich für die Ausbildung der Persönlich-
keit der Jugend und der Bürger zu sorgen, wie es eben angedeutet
wurde, steht hier nicht zur Diskussion. Auch das Problem, in-
wieweit weniger bestimmte Einstellungen als ein allseitiger Blick
und ein tiefes Verständnis von. Welt und Leben zu kultivieren
wäre, muß hier ausscheiden, ebenso wie auch die Frage, inwie-
weit eine Erziehung für das praktische Leben die Einstellung
im Sinne des Wertlebens bewußt pflegen darf.

Ich kann übrigens nicht unerwähnt lassen, daß wir nicht nur
häufig die konstituierenden Faktoren unserer Einstellung über-
sehen, insoweit diese Fremdeinstellung ist, sondern daß unsere
Einstellung oft auch durch eigene Interessen bedingt wird, die
uns nicht zum Bewußtsein kommen. Wer mit Wachs und heiligen
Figuren handelt, wird sich in der Regel nicht als atheistischer
Fanatiker gebärden. Gewiß streben alle normalen Menschen be-
wußt nach materiellen oder doch nach ideellen Vorteilen. Gewiß
gibt es unredliche Menschen genug, die bewußt den Mantel nach
dem Wind hängen. Die Betätigungen der Menschen werden aber
24

"N
        <pb n="34" />
        auch durch unterbewußte und zeitenweise geradezu unbewußt ge-
wordene Faktoren geleitet, zu denen außer dem eigenen Interesse
auch vieles andere gehört.

Endlich muß hier auch der Umstellung der Persönlichkeit,
d. h. des Übergangs von einer Einstellung zur andern gedacht
werden. Jeder Erzieher weiß, daß die Menschen nicht nur hin-
sichtlich ihrer intellektuellen Persönlichkeit, sondern auch hin-
sichtlich ihres Charakters verschieden leicht einstellbar sind, daß
es vom ausgesprochenen Negativisten, der niemals gehorcht, bis
zum fügsamen Musterkind alle möglichen Übergänge gibt und
daß die beste Erziehung die ist, welche möglichst individuell ge-
halten ist. Es ist aber auch bekannt, daß die Einstellung auf ein
neues Gebiet dem einen leichter, dem andern schwerer fällt, und
daß jener oben angedeutete stete Wandel der Persönlichkeit bei
den verschiedenen Menschen sehr verschieden zutage tritt. Auch
Keben die einen eine häufige Umstellung ihrer Persönlichkeit
(Strindberg!), während die anderen unter der Nötigung zur Um-
stellung leiden. Dieses Leiden ist eine wesentliche Wurzel des
Heimwehs 1).

Auch in der geselligen Unterhaltung begegnen uns oft Per-
sonen, die mit Leichtigkeit und Behagen auf jede neue Wendung
des Gesprächsstoffs eingehen und die auch selbst in raschester
Folge immer wieder neue Themen aufnehmen. Auch gibt es Per-
sonen, die mit Vergnügen und jeweils großer Konzentration
nacheinander differentesten Beschäftigungen obliegen, jetzt etwa
eine Viertelstunde Klavier spielen, dann eine Stunde rein ge-
schäftlicher Tätigkeit sich hingeben, dann etwa zwei Stunden an-
gestrengt die Jagd ausüben und schließlich bei Tisch mit zwei
Gästen in verschiedenen Sprachen über Politik und Kunst
sprechen. Mancher ist z. B. als Minister hervorragend imstande,
an einem Morgen mit den verschiedensten Leuten über ver-

') K. Marbe, Über das Heimweh. Archiv für die gesamte Psychologie.
Bd. 50. 1925. S. 5153 ff.

97
        <pb n="35" />
        schiedenste Gegenstände zu sprechen und sich in. die Persönlich-

keit eines jeden mit größtem wirklichen oder anscheinenden

Interesse zu vertiefen. Solchen Personen gegenüber stehen

andere, die in der Unterhaltung an dem einmal gegebenen Stoff

festkleben, immer und immer wieder auf ihn zurückkommen
oder doch nur höchst langsam und nicht ohne Mißbehagen dem

Wechsel der Unterhaltung folgen. Viele Personen stellen sich

nur sehr langsam in irgendein Aufgabengebiet ein, sie brauchen

lange Zeit, um sich auf einen Stoff zu konzentrieren, und sie
sind gar nicht imstande, ihre Tätigkeit in kürzerer Zeit mehr-
fach zu wechseln.

Die größere oder geringere Umstellbarkeit der Menschen, die
sich auch im Gebiet manueller Betätigungen deutlich offenbart,
läßt sich auch durch gewisse Prüfungen erfassen, wie sie von
meinen Mitarbeitern, Maria Zillig 1) und A. Franzen ?), ausge-
führt wurden. Diese Prüfungen der guten und schlechten Um-
steller haben großes Interesse für die industrielle Psychotechnik
und die Pädagogik,

Andere Untersuchungen meines Instituts bezogen sich auf die
gleichfalls praktisch wichtige Tatsache der Schwankungen der
Einstellung. Es ist nämlich niemanden möglich, ein und dieselbe
Einstellung dauernd beizubehalten. So finden wir bei jeder fort-
laufenden Arbeit eines Individuums Perioden guter und Perioden
schlechter Arbeitsleistung 3). Auch die Interessen der Menschen

*) M. Zillig, Experimentelle Untersuchungen über Umstellbarkeit. Zeit-
schrift für Psychologie. Bd. 97, 1925. 8. 1f.

*) A. Franzen, Zur Psychologie der Umstellung. Würzburger Disser-
tation 1925.

*) M. Zillig, Über Qualität und Tempo bei fortlaufender Arbeit. Zeit-
schrift für Psychologie. Bd. 95. 1924. S. 274 ff. — A. v. Lupin, Über
psychische Schwankungen. Würzburger Dissertation 1925. (Nicht ge-
druckt. Maschinenschriftexemplar zu beziehen von der Würzburger Uni-
versitätsbibliothek.)

OK

ZC
        <pb n="36" />
        zeigen. größere oder geringere Schwankungen, die keineswegs nur
durch von außen kommende Einflüsse bedingt werden.

Der aufmerksame, für die Probleme der Reklame interessierte
Leser wird schon bemerkt haben, daß alles, was in diesem Ab-
schnitt vorgetragen wurde, mit dem Werbungsproblem in engem
Zusammenhang steht. Wir haben gesehen, ein wie wichtiger
Faktor im Leben des Menschen die Einstellung !) ist. Der Re-
klamefachmann muß aber offenbar darauf bedacht sein, die Ein-
stellungen. der Menschen in möglichst großem Umfang so zu ge-
stalten, wie es seinen Zwecken entspricht. Er muß die Einstel-
lungen des Publikums in virtuoser Weise zu lenken wissen und
bewußt die bekannten Tatsachen der Einstellungspsychologie
und die große Macht der Einstellung für seine Zwecke ausnutzen.
Im folgenden dritten Abschnitt soll nun im einzelnen die Be-
deutung der Einstellungspsychologie für die Reklame dargelegt
werden. In diesem Zusammenhang wird auch von anderen
reklamewichtigen Tatsachen der Psychologie zu reden sein.

1) Für die Lehre von der Einstellung vgl, auch: J. Plenge, Deutsche
Propaganda. Als Manuskript gedruckt W. S. 1921/22 (Angelsachsenver-
lag in Bremen). — Fr. Schönemann, Die Kunst der Massenbeeinflussung
in den Vereinigten Staaten von Amerika. Berlin und Leipzig 1924. —
E. Bernays, Chrystallizing publie opinion. Letztere vergriffene Schrift
war mir nicht zugänglich.

7)

A
        <pb n="37" />
        3. DIE EINSTELLUNG DER PERSÖNLICHKEIT
DURCH DIE REKLAME.

Die Reklame will solche Einstellungen schaffen, die den Kon-
sumenten zum Kauf bestimmter Waren veranlassen. Diese Ver-
kaufsreklame, die uns immer zuerst vorschwebt, wenn wir von
Reklame sprechen, ist aber keineswegs die einzige mögliche Art
von Reklame. Denn auch die Ärzte und andere Vertreter gelehr-
ter Berufe, welche Dienstleistungen gegen Entgelt ausführen,
können Reklame machen, ebenso wie natürlich auch der Hand-
werker, der Werkverträge anstrebt oder der Inhaber einer Leih-
bibliothek. Falls man daher auch den Verkauf der Waren als
Dienstleistung betrachtet (und jedes solide Geschäft will ja durch
seine Verkäufe den Abnehmern wirkliche Dienste erweisen), so
kann man die Verkaufsreklame und jede der angedeuteten Re-
klamearten umfassen, wenn man sagt: die Reklame hat den
Zweck, das Publikum zur Annahme von zu entlohnenden Dienst-
leistungen der verschiedensten Art einzustellen.

Mit Recht spricht man aber auch von einer Einkaufsreklame,
auf die z. B. der Antiquar angewiesen ist, wenn. er wertvolle Bi-
bliotheken oder seltene Bücher erwerben will und die in Deutsch-
land während des Krieges und der Inflation (wo es viel leichter
war, Waren zu verkaufen als zu bekommen) leider eine so große
Rolle spielen mußte. Andererseits genügt es häufig nicht, daß der
Arbeitgeber seine Hilfskräfte einfach auf sich zukommen läßt
und daß er ihm geeignet erscheinende Personen (vielleicht teil-
weise unter Anwendung der oben erwähnten psychotechnischen
Kignungsprüfungen) einfach auswählt. Die Gewinnung von Ar-
beitern und überhaupt von geeigneten Hilfskräften im weitesten
Sinne ist ihm bisweilen nur möglich, wenn er sich dieselben durch
2%

${
        <pb n="38" />
        geeignete Einstellungen ihrer Persönlichkeit, durch geeignete
Reklame zuführt. Auch die Wichtigkeit dieser Art von Re-
klame trat im Kriege und während der Inflation nur allzu deut-
lich zutage.

Wollen wir auch die Einkaufsreklame und die Reklame zur
Gewinnung von Arbeitskräften umfassen, so müssen wir sagen:
Die Reklame sucht die Menschen auf die Annahme oder Leistung
von honorierten Diensten einzustellen. Im Rahmen unserer heu-
tigen Wirtschaftsordnung ist die Verkaufsreklame freilich die
Hauptsache. Aber das einzige, was den Geschäftsmann inter-
essieren muß, ist sie nicht. So kann z. B. die Reklame eines
Buchverlagsgeschäftes auch in den Dienst der Gewinnung ge-
eigneter Autoren treten.

Wie schaffen wir nun mittels der Reklame die gewollten Ein-
stellungen? Bei jeder Reklame bedienen wir uns gewisser Re-
klamemittel, in der heutigen Zeit des lebendigen Wortes, der
Zeitungsanzeige, der Schaufensterauslage, des Plakats, des Pro-
spekts, des Offertbriefs, des Kinos und sehr vieler anderer. Diese
Reklamemittel können auch als Mittel zur gewünschten Einstel-
lung der Persönlichkeit oder kurz als Einstellungsmittel bezeich-
net werden. Es ist nun selbstverständlich, daß wenn diese Mittel
wirken sollen, die Menschen, für die sie bestimmt sind, zunächst
etwas von ihnen wissen müssen. Der Geschäftsmann muß also zu-
nächst einmal darauf bedacht sein, sein Publikum mit der Re-
klame auch wirklich zu erreichen. Er darf sich daher mit seinen
Empfehlungen nicht an Leute wenden, die nach ihrer Erziehung
und ihren sozialen Verhältnissen für seinen Artikel gar nicht in
Frage kommen. Wer sich z. B. der Zeitungsanzeige bedient und
Papierkragen oder Hintertreppenromane empfiehlt, wird daher
nicht gerade die Frankfurter Zeitung als Inserierungsorgan wäh-
Jen, und wer Gegenstände des Kunsthandwerks verkaufen will,
die nur für die oberen Zehntausend in Frage kommen, wird sie
nicht in den Lokalblättchen der kleineren Landstädte anpreisen.

1]

3
        <pb n="39" />
        Die Reklame muß dort einsetzen, wo ein Bedürfnis für die Dienste
besteht, deren Inanspruchnahme der Geschäftsmann erstrebt.

In vielen Fällen ist es allerdings möglich und nötig, dies Be-
dürfnis erst zu schaffen. Die Kulturgeschichte zeigt uns stets
neue, aber auch veraltende und veraltete Bedürfnisse. KEisen-
bahnen, Telegraph und Telephon, die früher unbekannt waren,
gelten heute als unabweisbare Bedürfnisse. Die Pferdedroschken
fangen an zu veralten und die einst viel gebrauchte Sänfte ge-
hört heute fast ganz der Geschichte an. Das Bedürfnis der Frau,
gegebenenfalls beruflich wirken zu können, an das man einst
kaum gedacht hat, ist uns heute etwas Selbstverständliches ge-
worden und sportliche Betätigungen, die man vor sechzig Jahren
bei uns kaum kannte, scheinen zurzeit ein ganz allgemeines Be-
dürfnis zu werden. Wenn nun aber der Wandel der Bedürfnisse
auch zweifellos durch die Fortschritte von Wissenschaft, Tech-
nik, Handwerk und Kunst und durch andere zwangsläufig wir-
kende Faktoren in weitem Umfang ganz von selbst entsteht, so
darf doch auch die willkürliche Einstellung der Menschen auf
neue Bedürfnisse durch andere Menschen nicht übersehen wer-
den, wie wir dies ja z. B. bei der Frauenbewegung deutlich er-
fahren haben. Ebenso kann auch der Geschäftsmann ihm vorteil-
hafte Bedürfnisse schaffen; ja er wird in vielen Fällen hierzu ge-
zwungen sein. Wer in einer amusischen Stadt eine Kunsthand-
lung einrichten will, darf nicht einfach seinen Laden aufmachen
und eine Verkaufsreklame für seine Bilder,/und Skulpturen er-
öffnen. Er wird vielmehr zunächst bestrebt sein müssen, das
Kunstinteresse in dieser Stadt durch Ausstellungen, Vorträge,
geeignete Zeitungsaufsätze oder sonstwie zu begründen, dadurch
das Kunstbedürfnis zu wecken und dann erst als Geschäftsmann
hervortreten.

Natürlich muß man vorhandene geschäftlich wertvolle Bedürf-
nisse aber auch zu erhalten und wenn möglich zu steigern suchen,
Wer Operntexte verkaufen will, muß nicht nur das Theaterpubli-
57)

5
        <pb n="40" />
        kum auf das Bedürfnis zu diesen Texten einstellen, sondern auch
auf die Erhaltung desselben bedacht sein und darf daher die
Theaterbesucher nicht dadurch des Bedürfnisses entwöhnen, daß
er vorübergehend die in Frage kommenden Texte nicht vorrätig
hat. Wer ein neues Reisebuch über ein bisher seltener bereistes
Land herausgibt, hat alles Interesse daran, die Begeisterung für
dieses Land und somit das Reisebedürfnis durch Presse, Vor-
träge und auf jede mögliche Weise zu steigern.

Als ich einst mit einem Führer einen von mir schon früher
öfters erklommenen Berg in der Schweiz bestieg und im Gegen-
satz zu allen andern nachts im Mondschein wandelte ohne in dem
Bergwirtshaus zu übernachten, wo alle anderen Bergsteiger zu
nächtigen pflegten, — machte mir die Wirtin, als ich sie auf dem
Rückwege besuchte, die allergrößten Vorwürfe. Die gute Frau
wußte genau, daß sie keine Sitten aufkommen lassen durfte, die
dem Übernachtungsbedürfnis in ihrem Hause zuwiderlaufen.
Auch jeder andere Geschäftsmann wird, soweit er es seinen Mit-
menschen gegenüber moralisch verantworten kann, darüber wa-
chen, daß ihre Bedürfnisse, von denen er lebt, nicht einschlafen.
Oft entbindet übrigens die Schaffung eines Bedürfnisses von
einem Teil der weiteren Reklame. So kann einem eine Zeitung,
die einem der Verleger wochen- oder monatelang gratis ins Haus
schickt, so sehr zum Bedürfnis werden, daß man sie, wenn sie
dann ausbleibt, gewaltig vermißt und sogleich abonniert. Man
behält dann die Zeitung lediglich auf Grund ihrer Leistungen.

Ob man nun die geschilderten Einstellungen der Menschen auf
Bedürfnisse zur Reklame rechnen oder nur als Vorstufe zu der-
selben. betrachten will, ist nicht wesentlich. Im Sinne des oben
gekennzeichneten Reklamebegriffes gehört die Einstellung auf
Bedürfnisse zweifellos dann zur Reklame, wenn sie in geschäft-
lichem Interesse stattfindet.

Wir sahen: die Reklame muß zunächst einmal die Menschen,
die geeignete Objekte für sie sind, erreichen. Damit ist aber noch
3 Maärbe, Werbung. 3
A
        <pb n="41" />
        nichts geleistet. Nicht alle Erfahrungen des Lebens üben, wie
wir oben andeuteten, einen Einfluß auf unsere Persönlichkeit aus,
sondern nur ein Teil dieser Erfahrungen sind „kritische“ Erfah-
rungen. Und wie wir im Leben und auch in der Schule viele Er-
fahrungen machen, die, wenn sie vorüber sind, keinerlei Einfluß
auf unsere Persönlichkeit gewonnen haben, so können auch Re-
klamemittel von uns wohl wahrgenommen oder ‘sonstwie erlebt
werden, ohne im geringsten eine Einstellung unserer Persönlich-
keit zu bewirken. Ein solcher Einfluß wird aber erreicht oder
doch begünstigt, wenn wir die Reklamen mit Aufmerksamkeit
erleben, wenn sie also geeignet sind, unsere Aufmerksamkeit zu
fesseln. Denn was mit größerer oder geringerer Aufmerksamkeit
erfaßt wird, kann auch eine Einstellung unserer Persönlichkeit
bewirken.

Um die Aufmerksamkeit des Publikums auf die Reklamemittel
zu lenken, bedient man sich der verschiedensten Hilfen. Der ele-
mentaren psychologischen Erfahrung folgend, daß intensive und
gegen ihre Umgebung stark kontrastierende Sinneswahrnehmun-
gen großen Aufmerksamkeitswert haben, hat man z. B. die Licht-
reklame eingeführt. Im Sinne der auch dem psychologischen Laien
bekannten Tatsache, daß besonders Änderungen von Wahrneh-
mungen unsere Aufmerksamkeit erregen, ist man dann zur ver-
änderlichen Lichtreklame übergegangen. Vielfach sucht
man die Aufmerksamkeit auch durch komische oder gruselige
Bilder zu erregen. Auch ausgesucht große, womöglich eine ganze
Seite einnehmende Zeitungsanzeigen wirken sehr aufmerksam-
keitserregend. Andere Maßnahmen der verschiedensten Art zur
Inanspruchnahme der Aufmerksamkeit erfahren wir, wenn wir
uns etwa auf einem Jahrmarkt befinden. Alle gebräuchlichen
Mittel zur Erregung der Aufmerksamkeit aufzuzählen ist wohl
nicht nötig.

Die Aufmerksamkeit, welche durch die Reklamemittel zunächst
erregt werden soll, ist nun nicht jene willkürliche Aufmerksam-

22
        <pb n="42" />
        keit, die wir absichtlich und bewußt den Dingen zuwenden, son-
dern die sog. unwillkürliche, durch welche der Gegenstand des
Interesses ohne aktive Betätigung sozusagen von selbst in den
Mittelpunkt des Bewußtseins, den sog. Blickpunkt der Aufmerk-
samkeit gerückt wird. Wenn wir etwa auf der Straße einer Groß-
stadt dahinschreiten, so haben wir immer eine große Anzahl von
Bewußtseinsvorgängen oder, wie wir dafür in der Psychologie
auch sagen, von Erlebnissen. Wir nehmen unsere Gehbewegungen
teils optisch, teils aber auch in der Form von motorischen Emp-
findungen wahr. Wir spüren den Druck unserer Kleider. Wir
hören den Straßenlärm. Wir sehen eine Menge Menschen und
Wagen an uns vorbeieilen, wir erblicken die Häuser, die Schau-
fenster und vieles andere. Alle diese Erlebnisse aber nehmen
unsere Aufmerksamkeit nicht in Anspruch. Sie sind gewiß nicht
unbewußt, aber doch mehr oder weniger unterbewußt, um alsbald
für alle Zeiten ins Unbewußte zu versinken, ohne irgendwie für
die Einstellung unserer Persönlichkeit auch nur eine vorüber-
gehende oder gar eine habituelle Bedeutung zu gewinnen. Wir
denken nämlich vielleicht über irgend etwas nach, so daß wir
ganz automatisch den uns Begegnenden ausweichen und daß alle
unsere Wahrnehmungen praktisch keinerlei Bedeutung für uns
besitzen. Die Reklamemittel sollen nun in solchen und ähn-
lichen Fällen aus dem Gebiet des Unterbewußten in das des hellen
Bewußtseins, in den sog. Blickpunkt der Aufmerksamkeit em-
porgehoben werden. Dies ist aber nur möglich, wenn sie geeignet
sind, unwillkürlich unsere Aufmerksamkeit zu erregen, wenn
ihnen also der nötige Aufmerksamkeitswert anhaftet. In anderen
Fällen, wenn wir z. B. eine Zeitung durchsehen, in welcher viele
Anzeigen nebeneinander stehen, ist diejenige die beste, deren
Aufmerksamkeitswert den der übrigen überragt, also z. B. die,
welche sich offensichtlich am meisten von den übrigen unter-
scheidet, wenn sie z. B. allein hellen Druck auf schwarzem Grunde
oder Kursivschrift in größerem weißem Felde zeigt.

35
        <pb n="43" />
        Aber natürlich darf die Reklame nicht nur die Aufmerksam-
keit unwillkürlich erregen. wie etwa eine etwas auffallend geklei-
dete Dame, die im Straßengetümmel an uns vorüberhuscht und
sogleich wieder vergessen wird; die Reklame muß vielmehr einen
möglichst kräftigen und vor allem nachhaltigen Einfluß auf
unsere Persönlichkeit ausüben. Sie kann geeignet sein, uns so-
fort zur Befriedigung unseres Bedürfnisses anzureizen, wie viel-
leicht eine ästhetische vollkommene Auslage in einem Blumen-
geschäft den Blumenfreund unmittelbar in den Laden lockt und
veranlaßt, eine schöne Orchidee zu erwerben. Nur in seltenen
Fällen reagiert aber der Mensch so ganz unmittelbar auf die Re-
klame. Meist müssen die Gegenstände, die unwillkürlich die Auf-
merksamkeit des Publikums gewonnen haben, Objekte der will-
kürlichen Aufmerksamkeit werden. Sie müssen bewußt längere
Zeit fesseln und Gedächtniswirkungen hinterlassen, die später,
wenn äußere und innere Bedingungen günstiger sind, zum Kauf
oder zu der sonst gewünschten Betätigung führen. Ein Plakat
z. B. darf nicht nur auffallen, sondern es muß uns auch veran-
lassen, Bild und Schrift willkürlich in uns aufzunehmen; es darf
unsere Persönlichkeit nicht nur ganz vorübergehend, sondern es
muß sie auf möglichst lange Zeit hinaus so einstellen, wie es dem
Interesse des reklamemachenden Geschäftsmannes entspricht.

Die Betätigung der willkürlichen Aufmerksamkeit gegenüber
einer Reklame wird besonders durch ihren guten Apperzeptions-
wert gefördert, der um so besser ist, je leichter und schneller sie
auffaßbar (begreiflich) ist. Ein undeutliches Geschnörkel auf
einem Plakat kann unter Umständen die unwillkürliche Auf-
merksamkeit leicht erregen und doch geringen Apperzeptions-
wert 1) haben.

Gegen die Forderungen des Aufmerksamkeitsprinzipes werden
immer noch große Verstöße gemacht. Plakatbilder, die so klein

1) Über den Apperzeptionswert handle ich unten im Abschnitt 5, S. 56
und in dem ausführlich wiedergegebenen Gutachten im Abschnitt 8,
36
        <pb n="44" />
        sind, daß man sie zwar sehen, aber nicht ohne weiteres erkennen
kann, Inschriften, die nur schwer zu entziffern sind, Aufstel-
lungen von Büchern im Halbdunkel der Ladenwinkel der Buch-
handlungen sind natürlich nicht geeignet, unsere unwillkürliche
Aufmerksamkeit zu wecken und sie werden uns auch nur in den
seltensten Fällen veranlassen, ihnen die willkürliche Aufmerk-
samkeit zuzuwenden. Schmutzige und unordentliche Auslagen
wirken weniger aufmerksamkeitserregend als abstoßend. Ein
Haufen kleiner Broschen und Filigranarbeiten im Schaufenster
stellen an unsere Aufmerksamkeit viel zu große Anforderungen
und werden besser durch eine geringere Anzahl schöner Stücke er-
setzt. Denn die Ermüdung ist der Totfeind der Aufmerksamkeit.
Außenplakate, die man nur kurz zu betrachten Gelegenheit hat,
müssen besonders deutliche Bilder und kurze prägnante Beschrif-
tungen zeigen, während man der Aufmerksamkeit des Lesers der
Zeitungsanzeigen schon etwas längere Texte zumuten kann und
sich derjenige, der behaglich eine Kunstzeitschrift oder Mode-
zeitung ansieht, ganz gerne längere Aufsätze gefallen läßt.

Wie die Ermüdung, so ist auch zu große Gewöhnung der Auf-
merksamkeit hinderlich. Wie der Müller das Klappern der Mühle
nicht mehr hört, so können wir uns auch an Reklamen so ge-
wöhnen, daß sie gar keinen Eindruck mehr auf uns machen und
allen Aufmerksamkeitswert verlieren. Ein gewisser genereller
und individueller Wechsel, also z. B. Abwechslung zwischen
Plakat und Zeitungsanzeigenreklame oder zwischen verschiedenen
Plakaten ist daher zu empfehlen. Denn das Neue hat an sich
immer einen größeren Aufmerksamkeitswert als das Alte. Aber
natürlich darf die Abwechslung nicht so lebhaft sein, daß das
einzelne Reklamemittel nicht voll zu seiner Wirkung kommt.
Denn wie bekannt und wie alsbald noch zu betonen sein wird, ist
die Wiederholung derselben Reklamemittel innerhalb weiter
Grenzen förderlich und nötig. Auch darf die Abwechslung nicht
SO rege betrieben werden, daß dadurch dem Publikum zu viel neue

y

3
        <pb n="45" />
        Aufmerksamkeitseinstellungen zugemutet werden, was desorien-
tierend wirken würde. Hierbei muß man auch berücksichtigen,
daß die im vorigen Abschnitt behandelte Umstellungsfähigkeit
des Menschen sowie auch sein Umstellungswillen ihre Grenzen
haben und daß die Forderung allzuvieler Umstellungen leicht un-
lusterzeugend wirken kann. Endlich ist es sehr nötig, die ein-
zelnen. verschiedenen Reklamemittel doch insoweit übereinstim-
mend zu gestalten, daß das Publikum nicht allzu schwer merkt,
daß die einzelnen Mittel von derselben Firma herrühren und die
gleiche Sache betreffen. Auch die Reklamemittel ein und des-
selben Geschäftes für ganz verschiedene Belange sollten daher
einen gewissen Zusammenhang zeigen.

Man pflegt in der Psychologie verschiedene Klassen von Be-
wußtseinsvorgängen zu unterscheiden. Man spricht z. B. von
Sinneswahrnehmungen, Erinnerungsvorstellungen und Gefühlen
der Lust oder Unlust. Die Elemente der Sinneswahrnehmungen
bezeichnet man als Sinnesempfindungen oder kurz als Empfin-
dungen, die Elemente der Erinnerungsvorstellungen heißen nach
Külpe zentral erregte Empfindungen, da sie nicht durch die
Außenwelt, sondern lediglich durch das Zentrum des Nerven-
systems, das Gehirn, hervorgerufen werden. Die Reklamemittel
lösen zum Teil wie die Zeitungsanzeige oder das Plakat optische
Sinneswahrnehmungen aus, zum Teil, wie etwa die lauten An-
kündigungen des Schaubudenbesitzers, akustische. Die übrigen
Sinnesgebiete haben. für die Reklame bis heute kaum eine Be-
deutung gewonnen. Erinnerungsvorstellungen, auch kurz Vor-
stellungen genannt, haben wir z. B., wenn wir uns ein früher
gesehenes Reklamebild innerlich vorstellen oder wenn wir aus
Elementen früherer Sinneswahrnehmungen innerlich ein neues
anschauliches Gebilde schaffen. Ale Sinneswahrnehmungen
und Erinnerungsvorstellungen können lust- oder unlustbetont
sein oder eines Gefühlstons gänzlich entbehren. Im letzteren
Fall heißen sie indifferent. Lust und Unlust kommen da-
2

Ab
        <pb n="46" />
        her immer nur in Verbindung mit anderen Erlebnissen, nicht
aber isoliert vor. Zu diesen anderen Erlebnissen müssen wir
auch die Gestalten rechnen. Wenn wir etwa ein Quadrat er-
blicken, so sehen wir nicht lediglich vier Strecken, sondern diese
Strecken begründen das Gestaltserlebnis des Quadrats. Um ein
Gestaltserlebnis handelt es sich auch, wenn uns einzelne aufein-
anderfolgende Klänge und Pausen zu einer Melodie werden.
Auch die gesamten Äußerungen einer Persönlichkeit haben einen
bestimmten. Gestaltscharakter. Neben den Sinneswahrnehmun-
gen unterscheiden wir auch andere Erlebnisse von sinneswahr-
nehmungsartigem Charakter, wie die Mlusionen, von denen oben
schon die Rede war, die Halluzinationen und die heute viel dis-
kutierten Anschauungsbilder. Am wichtigsten sind für unseren
augenblicklichen Zusammenhang jene Bewußtseinsvorgänge, die
meine Schüler und ich um die Wende des Jahrhunderts als Be-
wußtseinslagen bezeichnet haben und die dann von anderen teil-
weise Gedanken (Pens6es), Bewußtheiten oder auch anders ge-
nannt wurden,

Wir finden nämlich oft Erlebnisse, deren Wesen durch die
gebräuchliche Klassifizierung nicht erschöpft wird. Hierher
gehören das Bewußtsein des Neuen, Ungeahnten, das Bewußt-
sein, einen Text zu verstehen oder ihn nicht zu verstehen,
das Bewußtsein des Wissens oder Nichtwissens um eine Sache
und vieles andere. Alle diese in die landläufigen Klassen von
Erlebnissen nicht einzuordnenden, heute auch noch nicht analy-
sierbaren, teils anschaulichen, teils unanschaulichen Bewußt-
seinsvorgänge haben wir unter den Begriff der Bewußtseins-
lagen !) subsumiert, wobei das Verhältnis dieser Bewußtseins-
lagen zu den Gestalten übrigens noch weiterer Aufklärungen
bedürfen mag. Diese Bewußtseinslagen spielen in unserem ge-
samten Denken im weitesten Sinne des Wortes eine hervorragende

*) Vgl. hierzu K. Marbe, Zur Psychologie des Denkens. Fortschritte der
Psychologie und ihrer Anwendungen. Bd. 3. 1915. 8. 27ff.

J

20
        <pb n="47" />
        Rolle. Der Sinn eines ganzen Satzes kann uns in einer einzigen
Bewußtseinslage gegeben sein und unsere Handlungen werden oft
weniger durch explizite Überlegungen und andere Erlebnisse als
durch solche Bewußtseinslagen bestimmt. Einzelne Bewußtseins-
lagen wie das Bewußtsein der Spannung und Lösung hatte schon
die Wundtsche Schule gekannt. Man hat sie aber als „Gefühle“
den Lust- und Unlusterlebnissen gleichgestellt, während. ja doch
Lust und Unlust vor allen anderen Erlebnissen dadurch ausge-
zeichnet sind, daß sie zu diesen, also auch zu den Bewußtseins-
lagen, gewissermaßen charaktergebend hinzukommen können. Zu
den Bewußtseinslagen gehört auch die Bekanntheitsqualität, die
gleichfalls lust- oder unlustbetont sein kann. Es begegnet uns oft,
daß wir jemanden sehen, der uns bekannt vorkommt, ohne daß
wir irgend etwas von ihm wissen und daß sich unsere Meinung
von seiner Bekanntheit lediglich in eigentümlichen Bewußtseins-
lagen äußert. Vor vielen Jahren lernte ich auf Reisen einen
Herrn kennen, der mich, ohne ihm irgendwie ähnlich zu sehen,

an den Psychologen Ebbinghaus erinnerte. Unser Zusammensein

löste in mir immer Bewußtseinslagen des Bekanntseins (der Be-
kanntheitsqualität) aus. Erst später erfuhr ich, worauf dieselben
beruhten. Der Herr war nämlich wie Ebbinghaus aus Barmen
und sprach eine ähnliche Mundart wie dieser.

Die Bewußtseinslage der Bekanntheitsqualität kann durch
wiederkehrende genau gleiche Objekte ausgelöst werden, sie wird
aber wie in dem eben erwähnten Beispiel auch durch verschie-
dene Objekte mit gleichen oder ähnlichen Elementen hervor-
gerufen. Wenn nun Reklamemittel einer Firma aus irgend-
welchen Gründen die Sympathie des Publikums gewonnen haben
und wenn dann dieselbe Firma neue Reklamemittel herausbringt,
die den alten partiell ähnlich sind, so wird die Sympathie für die
alten auch den neuen ganz unmittelbar zugute kommen, wenn
sie die Bekanntheitsqualität auslösen. Dies ist ein Grund dafür,
daß bei aller Bedeutung des Neuen die späteren Reklamemittel
An
4AUJ
        <pb n="48" />
        einer Firma einen Zusammenhang mit den früheren auch dann
zeigen sollten, wenn. die Firma mit den späteren ganz neue Pro-
dukte einführen will. Hierbei ist allerdings vorausgesetzt, daß
die Firma wirklich gut eingeführt ist und nicht Gründe hat, als
neue Firma zu erscheinen. Das Eingeführtsein einer Firma be-
steht, psychologisch betrachtet, wesentlich darin, daß der Ver-
kehr mit ihr lustbetonte Bewußtseinslagen und speziell Bewußt-
seinslagen der Befriedigung ausgelöst hat, die nachwirken und
gelegentlich wieder hervortreten und die der Reaktion auf die
späteren geschäftlichen Bestrebungen dieser Firma günstig sind.
Solche Bewußtseinslagen durch gute Bedienung des Publikums
und überhaupt auf jede mögliche Weise hervorzurufen, muß das
Bestreben eines jeden Geschäftes sein. Solche Bewußtseinslagen
der Befriedigung wirken aber auch günstig für die Beurteilung
und Aufnahme der neuen Reklamen, die sich als Reklamen der-
selben Firma erweisen. Es können also auch Bewußtseinslagen
der Sympathie mit einer Firma oder ihren früheren Reklamen
die Aufmerksamkeit auf die neuen Reklamen der Firma fördern.
Daß auch der Gefühlswert und die Bewußtseinslagen der Be-
friedigung, die mit Reklamemitteln als solchen unmittelbar ver-
bunden sind, direkt aufmerksamkeitsfördernd und auch aufmerk-
samskeitserhaltend wirken, ist selbstverständlich. Das ästhetisch
Schöne fesselt uns im allgemeinen mehr als das Häßliche.
Wie aber auch in der Kunst Häßliches dargestellt werden kann,
wenn es in künstlerischer Form geschieht, und wie uns auch in
der Kunst solch Häßliches befriedigen kann, so ist es auch der
Reklame nicht unbedingt verschlossen. Auch was uns schmeichelt
oder in uns Hoffnung auf Befriedigung unserer Wünsche und
auf materiellen oder ideellen Gewinn erweckt, wird mit wohl-
gefälliger Aufmerksamkeit betrachtet. Ein Weinhändler, dessen
Kunde ich war, schrieb mir einmal, er hätte noch einige Flaschen
eines berühmten Weines und Jahrgangs, die er den Kunden, auf
deren Erhaltung und Urteil er großen Wert lege, zum Kauf
41

LA
        <pb n="49" />
        offeriere. Freilich sollte man auch wissen, an wen man sich wen-
det. Mir persönlich war der Trick etwas zu durchsichtig.

Die Aufmerksamkeit auf Reklamemittel ist ferner auch ganz
wesentlich abhängig von der Einstellung, die der Persönlichkeit
in dem Moment eigentümlich, wo die Reklamemittel an sie her-
angebracht werden. Tausende, welche während des Krieges und
der Inflation die Schaufenster der Nahrungsmittelgeschäfte mit
liebevollem Interesse betrachteten, gehen heute achtlos an ihnen
vorüber. Als ich einmal mit einer Reisegesellschaft auf einem
kleinen Dampfer von Kiel nach Spitzbergen und zurück reiste
und als wir zunächst an Schleswig-Holstein und Dänemark vor-
beifuhren, standen wir alle mit Ferngläsern bewaffnet auf Deck,
um das benachbarte Land ganz genau zu studieren. Hätte da-
mals jemand eine ganz genaue Karte der von uns besichtigten
Küsten verkauft, so wäre wohl jeder Abnehmer gewesen. Als wir
aber nach den großen Eindrücken des Nordens und nach ewigem
Sehen und Sehen dieselbe Strecke zurückfuhren, kümmerte sich
niemand mehr um die Gegend. Ein Verkäufer von Landkarten
hätte jetzt nur schwer unsere Aufmerksamkeit erregt und kaum
etwas abgesetzt.

Diese jeweilige Einstellung der Persönlichkeit muß von der
Reklame berücksichtigt werden, wenn sie die erforderliche Auf-
merksamkeit finden will. So läßt man z. B. wissenschaftliche
Bücher nicht zur Reisezeit erscheinen, wenn ihre Interessenten
weniger an die Wissenschaft als an die Erholung denken. Ins-
besondere bei persönlichen Besprechungen kommt es auf den
richtigen Moment an. Ein Gelehrter, der womöglich noch Uni-
versitätsprofessor ist und mitten in der Arbeit steckt, läßt sich
nicht gerne bereitfinden, seine Aufmerksamkeit ihn besuchenden
Bücherverkäufern oder Verlegern zuzuwenden, wenn die Besuche

nicht vorher festgelegt sind und er nicht Gelegenheit gehabt hat,
sich so einzustellen, daß er ihren Ausführungen mit Aufmerk-
samkeit folgen kann. Auch die endogenen Schwankungen der
An

+7
        <pb n="50" />
        Einstellungen und Interessen, von denen im vorigen Abschnitt
die Rede war, verlangen die scharfe Beachtung des richtigen
Moments für die Aufmerksamkeitserregung und den Kauf-
abschluß.

Die Ansicht, daß Waren auch zu Zeiten empfohlen werden
könnten, wo das Bedürfnis nach ihnen nicht akut ist, da ja doch
die Reklamen im Gedächtnis des Publikums nachwirken, ist nur
innerhalb enger Grenzen richtig. Gewiß führen Reklamen, wie
wir oben sahen, nur in seltenen Fällen ganz unmittelbar zum
Ziel. Aber ihre Haftung im Gedächtnis läßt mit der fortschrei-
tenden Zeit (und zwar ganz besonders im ersten Stadium dieser
Zeit) erheblich nach, wenn nicht immer neue Mittel zur Förderung
der Gedächtnishaftung angewandt werden. Wie größte Gedächt-
niswirkung der Reklamemittel erreicht werden kann, zeigen ohne
weiteres gewisse Tatsachen der Gedächtnispsychologie und Di-
daktik.

Zunächst haften Reklamen im Gedächtnis um so besser, mit
je größerer Aufmerksamkeit sie erlebt wurden. Daß dann beson-
ders die Wiederholung ein und derselben Reklamen einprägsam
wirkt, wissen wir schon aus den Tatsachen des Lernens. Von
diesem Umstand wird bekanntlich in der Praxis weitgehendst Ge-
brauch gemacht, wenn z. B. dem Publikum immer wieder die-
selben Zeitungsanzeigen oder Plakate vorgeführt werden. Auch
für die Aufmerksamkeitserregung sind übrigens solche Wieder-
holungen günstig, wie denn bekanntlich einmalige, nicht gerade
auffallende Zeitungsanzeigen vielfach übersehen werden.

Nach H. Ebbinghaus, dem Begründer der modernen Gedächt-
nispsychologie und seinen Nachfolgern ist, wie schon im ersten
Abschnitt erwähnt wurde, bei einer größeren Anzahl von Wieder-
holungen eines Lernstoffes eine Verteilung der Wiederholungen
über einen größeren Zeitraum für das Behalten des Stoffes vor-
teilhafter als eine Kumulierung der Wiederholungen innerhalb
einer bestimmten kurzen Zeit, und schon Ebbinghaus hat, wie

A

A
        <pb n="51" />
        wir sahen, diesen psychologischen Tatbestand mit der zweck-

mäßigen Verteilung des Lernstoffes im Unterricht in Beziehung

gebracht. Die Tatsache, daß sinnloses Material allgemein schwerer
erlernt wird als sinnvolles, lehrt uns, daß der Schulmann, sofern
er sich die Aufgabe stellt, nur ökonomisch lernen zu lassen, nicht
unverstandene Dinge auswendig lernen lassen darf, was vielfach
immer noch geschieht. Auch die Tatsache, daß unter Aufwen-
dung ein und derselben Zeit langsames Lernen für das dauernde
Behalten eines Lernstoffes vorteilhafter ist als schnelles Lernen,
während dieses wieder unmittelbarer zum Ziele führt, ist päda-
gogisch bedeutsam. Wichtig ist ferner der Umstand, daß das
Lernen von Gegenständen durch ein und dieselbe zeitliche und
räumliche Lage der Gegenstände begünstigt wird. Dieser Tat-
sache zufolge wird das Auswendiglernen einzelner aufeinander-
folgender Stoffe erleichtert, wenn sie jedesmal in derselben
Reihenfolge dargeboten werden, und wenn sie jedesmal z, B. in
ein und demselben Buche an gleichen Raumstellen behandelt
werden. Hieraus folgt, daß für ein und denselben Lernstoff in
der Schule möglichst dasselbe Handbuch beibehalten werde, und
daß, wenn ein neues Handbuch eingeführt wird, die Schüler,
welche bisher nach einem älteren Buch unterrichtet wurden,

dieses womöglich während der ganzen Schulzeit beibehalten. Die
wesentliche Unterstützung des Lernens durch den Rhythmus und

Reim zeigt, daß die gänzliche Ausrottung der Reimregeln nicht

zweckmäßig ist, wenngleich das Lernen mit Rücksicht auf die in-
haltlichen Zusammenhänge wirksamer ist als das rein me-
chanische.

Diese Tatsachen der Psychologie und Didaktik können un-
mittelbar für die Reklame nutzbar gemacht werden. Auch hier
wird sich eine Kumulierung der Reklamemittel innerhalb kurzer
Zeit weniger empfehlen, als eine Verteilung derselben auf einen
größeren Zeitraum. Man wird daher nicht sechsmal unmittelbar
nacheinander, sondern lieber sechsmal in Zwischenräumen inse-
* A
BZ
        <pb n="52" />
        rieren. Die Tatsache, daß sinnloses Material schwerer behalten
wird als sinnvolles, lehrt uns, daß man in der Reklame mit sinn-
losen. oder dem Publikum sprachgeschichtlich schwer verständ-
lichen Reklameworten und mit Zeichnungen von Fabrikmarken,
Verlagsmarken usw., die dem Publikum als unverständliche
Schnörkel erscheinen, vorsichtig sein muß. Der Nutzen des lang-
samen Lernens für die Haftung im Gedächtnis sollte die Kino-
besitzer davon abhalten, die in den‘ Zwischenakten üblichen Re-
klameprojektionen allzu schnell aufeinander folgen zu lassen und
die Auftraggeber sollten sich dies ganz entschieden verbitten.
Der Umstand, daß das Behalten von Objekten begünstigt wird,
wenn sie immer in ein und derselben zeitlichen und räumlichen
Lage erscheinen, zeigt uns, daß gleiche Zeitungsanzeigen an
gleicher Stelle des Blattes empfehlenswert sind und daß wech-
selnde Annoncen am besten in gleicher Reihenfolge wiederkehren.
Die Unterstützung des Lernens durch Rhythmus und Reim läßt
auch auf eine gute Gedächtniswirkung gereimter und rhyth-
mischer Reklamen schließen. Daß das Lernen mit Rücksicht auf
inhaltliche Zusammenhänge wirksamer ist als das mechanische
zeigt, daß logisch verbundene Reklameelemente (z. B. ein Bild
und ein Wort, dessen Sinn mit dem Bild zusammenhängt) ein-
ander leichter ins Gedächtnis rufen, als nur äußerlich verbun-
dene Elemente.

Nach dem bisher Gesagten muß die Reklame, welche immer
eine Einstellung auf die Annahme oder Leistung von honorierten
Diensten bewirken will, einen Aufmerksamkeits-, Apperzeptions-
und Gedächtniswert haben. In der Reklamepsychologie wird nun
auch noch von anderen derartigen Werten geredet. So kann man
schon von einem Wahrnehmungswert sprechen und darunter die
Fähigkeit einer Reklame verstehen, überhaupt zur Wahrnehmung
zu gelangen, was natürlich die selbstverständliche Voraussetzung
jeder weiteren Wirkung derselben ist. Im engen Zusammenhang
mit dem Gedächtniswert der Reklame, aber psychologisch und

:5

A}
        <pb n="53" />
        begrifflich doch scharf von ihm zu trennen ist ihr Bereit-
schaftswert.

Einer meiner Mitarbeiter!) stellte 98 Volksschulkindern die
Frage „Welches Dorf liegt im Westen von Würzburg ?“, die so-
gleich schriftlich zu beantworten war. 50 Antworten waren rich-
tig. 4 falsche Antworten fielen auseinander und kamen nur je
einmal vor. 44 Antworten jedoch waren gleichfalls falsch, fielen
aber teilweise zusammen, am meisten, nämlich sechzehnmal,
wurde bei diesen 44 Antworten die kleine Stadt Heidingsfeld ge-
nannt, dann folgten die Dörfer Dürrbach und Gerbrunn mit 14
bzw. 5 Notierungen. Warum wurden nun gerade diese Orte von
den Kindern notiert? Warum wurde am meisten Heidingsfeld:
notiert, warum folgte dann Dürrbach und dann Gerbrunn? Ein
anderes Experiment gibt die Antwort. 177 andere Schüler wurden
ersucht, einen ganz beliebigen Dorfnamen aus der Nähe Würz-
burgs zu notieren, was den Erfolg hatte, daß am meisten Hei-
dingsfeld, dann Dürrbach, dann Gerbrunn und dann erst andere
Dorfnamen aufgeschrieben wurden. Die häufigsten falschen Ant-
worten und die Häufigkeitsfolge der Orte aus dem ersten Ver-
such fallen also zusammen mit den häufigst notierten Orten und
ihrer Häufigkeitsfolge im zweiten Versuch. Das Ergebnis des
ersten Versuchs beruht also offenbar darauf, daß die Orte Hei-
dingsfeld usw. im Bewußtsein eine besonders große Bereitschaft
zur Nennung aufwiesen und daß diese Bereitschaft bei Heidings-
feld größer war als bei Dürrbach und hier wieder größer als bei
Gerbrunn. Jene drei Orte sind offenbar besonders bekannt, sie-

werden offenbar so viel erwähnt, daß sie den Kindern sozusagen
auf der Zunge liegen.
So müssen wir auch durch die Reklamen eine Bereitschaft des
Inhalts dieser Reklamen erzeugen. Er muß (wie bei unseren
*) J. Dauber, Die Gleichförmigkeit des psychischen Geschehens und die
Zeugenaussagen. Fortschritte der Psychologie und ihrer Anwendungen..
Bd. 1. ‘1918. 8. 126 ff.
A
+0
        <pb n="54" />
        Kindern das Wort Heidingsfeld) bei jeder passenden und viel-
leicht auch nicht passenden Gelegenheit zur Verfügung stehen
und seine Wirkung tun. Dazu dient aber die Wiederholung und
überhaupt alles, was die Reklame eindringlich macht. Daß die
Bereitschaft von der Haftung im Gedächtnis begrifflich wohl zu
trennen ist, liegt nach dem Gesagten auf der Hand. Vieles von
dem was wir in der Jugend erlebt haben, haftet fest in unserem
Gedächtnis, ohne deshalb aber Bereitschaft haben zu müssen.
Diese wird vielmehr nur durch fortgesetzte Wiederholung er-
worben. Und das was eine Zeitlang hohe Bereitschaft hatte, kann
später wieder verschwinden gegenüber anderem älterem, das nie-
mals denselben Bereitschaftsgrad erreichte, aber nun doch noch
Haftung im Gedächtnis zeigt.

Die Gedächtnishaftung und Bereitschaft eines Reklamemittels
oder gar nur einzelner Bestandteile desselben darf an sich frei-
lich nicht überschätzt werden. Die Einstellung der Persönlich-
keit auf den Zweck der Reklame, also auf die Annahme oder Lei-
stung von Diensten ist die Hauptsache. Sie erfordert aber unbe-
dingt, daß der zugeführte Gedächtnisstoff und. die Reklame über-
haupt auch wirklich geeignet ist, im Sinne der gewollten Ziele zu
Wirken. Diese Forderung ist aber nur erfüllt, wenn die Reklame
auch Assoziationswert besitzt. Letzterer ist um so größer, je ge-
eigneter die Reklame zur Herbeiführung, d. i. zur Assoziation
der gewünschten Wirkung ist. Da diese Wirkung immer in ge-
wissen Willenshandlungen der Menschen bestehen soll, an die
sich die Reklame wendet, mögen diese Menschen nun als Käufer
oder (wie bei der Einkaufsreklame) als Verkäufer oder als Arbeit-
geber oder Arbeitnehmer in Frage kommen, so dürfen wir auch
sagen, der Assoziationswert einer Reklame sei um so größer, je
größer ihre Wirkung auf den Willen der durch die Reklame zu
erfassenden Menschen ist.

Ein Erlebnis A assoziiert oder reproduziert ein Erlebnis B;
wenn es das Erlebnis B in unserem Bewußtsein hervorruft. Beim

47
        <pb n="55" />
        Zählen assoziiert oder reproduziert z. B. jede Zahl die nächst
höhere. Wir können daher sagen, daß die Erlebnisse A, B dann
einen größeren gegenseitigen Assoziationswert haben als die
Erlebnisse C, D, wenn jene sich leichter hervorrufen als diese,
wenn sie also im Bewußtsein enger miteinander verbunden sind
als die Erlebnisse C, D. Übrigens kann der Assoziationswert der
Verbindung A B größer oder kleiner sein als derjenige der Ver-
bindung B A. Wer gelernt hat, das Alphäbet von vorne nach
hinten aufzusagen, kann es deshalb noch lange nicht ebensogut
von hinten nach vorne aufsagen.

Wir können nun eine direkte Assoziation oder Reproduktion
und eine indirekte unterscheiden. Um eine direkte handelt es
sich in unserem obigen Beispiel mit dem Blumenfreund. In
solchen Fällen braucht es nicht einmal zu einem eigentlichen,
expliziten Kaufentschluß zu kommen; denn die Reklame kann
die Betätigung des Kaufs ganz unmittelbar nach sich ziehen.
Ein indirektes Assoziieren der fraglichen Willenshandlungen, eine
indirekte assoziative Wirkung liegt vor, wenn ein Reklamemittel
im Gedächtnis haftet und erst später unter geeigneten Bedin-
gungen wirksam wird. Bei den direkten und indirekten Asso-
ziationen ist übrigens zu bedenken, daß niemals ein Erlebnis iso-
liert im Bewußtsein vorhanden ist, sondern daß jeder Bewußt-
seinsvorgang immer mit einer großen Anzahl anderer verbunden
und gewissermaßen verflochten ist. Auch diese anderen mit ihm
verbundenen Erlebnisse, und zwar nicht nur die deutlich bewuß-
ten, sondern auch die unterbewußten, kommen für die assoziative
Wirkung eines Erlebnisses in Frage. Ja auch die unter die Be-
wußtseinsschwelle versunkenen früheren, jetzt unbewußt gewor-
denen Erlebnisse können sich beim Assoziationsvorgang geltend
machen. Endlich ist dieser häufig in seiner konkreten Gestaltung
nicht nur von Erlebnissen als solchen, sondern auch von jenen
Dispositionen abhängig, welche die Persönlichkeit ausmachen und
gestalten. — Wir können hiernach auch sagen: der Assoziations-
A8
        <pb n="56" />
        DM Sm
Vehnechts-Buc:
Bild zu Seite 51.
        <pb n="57" />
        <pb n="58" />
        wert einer Reklame ist um so größer, je besser sie sich zur Asso-
zierung der gewünschten Willenshandlungen erweist.

Um die Assoziation der gewünschten Willenshandlungen durch
die Reklame zu erreichen, ist es vielfach nötig, in ihr den Wert
der zu verkaufenden Gegenstände oder überhaupt der in Rede
stehenden. Dienstleistungen zu betonen. Immer ist das freilich
nicht erforderlich. Bei selteneren und allgemein begehrten
Waren, wie gewissen Nahrungsmitteln in Zeiten der Not, genügt
schon der bloße Hinweis. Meist aber muß das in Rede stehende
Objekt durch die Reklame auch empfohlen werden. Das Bedürf-
nisbewußtsein muß möglichst gesteigert, die Reklamen und über-
haupt die Einflüsse der Konkurrenz müssen im Bewußtsein des
Publikums möglichst erdrückt werden. Die Vorteile neuer Waren
müssen erklärt, die besondere Güte und Billigkeit soweit als mög-
lich betont werden, wenn eine optimale Einstellung des Publi-
kums bewirkt werden soll. Auch muß die erstrebte Geschäftsver-
bindung dem Publikum willkommen erscheinen. Freistücke bei
Abnahme größerer Mengen, Geschenke, die im Laden verabreicht
werden und vieles ähnliche kann sich empfehlen. Schon ein
schöner, bequemer Laden wirkt empfehlend. Bei allen Ver-
suchen, die Geschäftsverbindung dem Kunden wertvoll und an-
genehm erscheinen zu lassen, muß man sich auch nach der be-
sonderen Persönlichkeit des Kunden richten. Einem Universi-
tätsprofessor kann man nicht ansinnen, daß er Waren bezieht
und sich billige Preise durch Werbung neuer Kunden verschaftt,
was mir neulich zugemutet wurde. Doch ist es im allgemeinen
natürlich richtig, die generellen Eigenschaften der menschlichen
Persönlichkeit und besonders den Egoismus auszunützen, da die
Hoffnung auf die Befriedigung dieses Triebes eine lustbetonte
Bewußtseinslage darstellt, die den Gefühlswert der Reklamen
erhöht und der gewollten Einstellung auf den Endzweck der Re-
klame und der Assoziation der gewünschten Willenshandlungen
förderlich ist. Zu den generellen Eigenschaften der Menschen
4 Marbe, Werbung. 40)

ZU
        <pb n="59" />
        gehört auch ihr Hang zur Bequemlichkeit. Der Kaufmann muß
daher bestrebt sein, die gewollte Reaktion des Publikums auf
seine Reklamen möglichst bequem zu gestalten.

‘Die eigentlich selbstverständliche Tatsache, daß die gewünschte
Einstellung ausbleibt, wenn das Publikum ärgerlich oder ver-
drießlich gemacht wird, pflegt noch viel zu wenig beachtet zu
werden. „Telegramme“, deretwegen man zwanzig Schritte geht
und die dann Seife od. dgl. ankündigen, verlangen vom Leser eine
viel zu schnelle Umstellung, als daß er darüber nicht ärgerlich
werden sollte. Die Zusendung ungebetener Waren, die dann zu-
rückgeschicekt oder bezahlt werden sollen, erscheint uns meist
im besten Fall als Belästigung oder als unsympathische Beein-
trächtigung unserer Selbständigkeit. Auch mit Bücheransichts-
sendungen an Interessenten, die schon ihre festen Beziehungen
zum Buchhandel haben, sollte man sehr vorsichtig sein. Vor
vielen Jahren sandte mir ein Sortimenter trotz wiederholter
Bitten, die Ansichtssendungen einzustellen, doch immerzu wieder
neue Bücher, mit denen ich dann nur Scherereien hatte.

Da, wie wir im vorigen Abschnitt sahen, die Menschen in ihren
Ansichten wenig selbständig sind und dazu neigen, ihre Werturteile
nach denen anderer einzurichten, ist auch die Wiederholung von
Werturteilen in der Reklame vorteilhaft. Die meisten, die immer
und immer lasen, daß van Houtens Kakao der beste sei, glaubten
es wohl schließlich selbst; jedenfalls waren sie geneigt, dieses Ge-
tränk als ein gutes anzusehen, ohne daß sie es mit anderen Kakao-
sorten verglichen hätten. Schon das einmalige Lesen von ge-
druckten Reklamen, die Werturteile enthalten, wirkt aber wegen
der Autorität des gedruckten Wortes auf viele Menschen bestim-
mend ein, und zwar besonders dann, wenn die Reklamen im re-
daktionellen Teil der Zeitung erscheinen, dem eine höhere Be-
deutung zugemessen zu werden pflegt. Ich habe mich immer dar-
über gewundert, wie viele Menschen sich bei der Frage, ob sie ein
Theaterstück besuchen sollen oder nicht, nach der Zeitungskritik:
Fo

5%
        <pb n="60" />
        richten, die einen ganz ungeheuren Einfluß ausübt. Auch die
Buchkritik ist für den Buchabsatz sehr wichtig, wobei es übrigens
nicht nur darauf ankommt, ob das Buch gelobt wird, sondern
auch darauf, ob es durch die Kritik in irgendeiner Richtung
interessant erscheint. Schon das Lesen des Titels eines Buches
in einer angesehenen Zeitung kann übrigens autoritativ und da-
durch kaufeinstellend wirken.

Die Bedeutung des Assoziationswertes der Reklame wird oft
verkannt. Wie viele schöne Reklamebilder behalten viele von uns
im Gedächtnis, ohne auch nur eine Ahnung zu haben von den
Artikeln, zu deren Anpreisung diese Bilder geschaffen wurden!
Wie viele Reklamewörter und Reklamemarken haben wir gelesen
und gemerkt, ohne uns an ihren Zweck zu erinnern! Die Dame
von Ludwig Hohlwein auf dem Weihnachtsplakat der deutschen
Buchhändler (1925), welche eine Menge Pakete trägt, hat mit
dem Buchhandel viel zu wenig Berührung, als daß ihr ein guter
Assoziationswert zugesprochen werden dürfte. (Man vergleiche
das Einschaltbild nach 8.48.) Und gegenüber dem ganzen Text
„Nun noch das wichtigste, die Weihnachtsbücher“ und dem großen
Bild tritt das Wort „Weihnachtsbücher“ viel zu wenig hervor, um
nicht bei flüchtigem Blick zu kurz zu kommen oder ganz über-
sehen werden zu können. Hierbei ist zu bedenken, daß das Plakat
als Außenplakat, an Reklamesäulen usw. verwendet wurde. Auch
der Gedanke, daß man die Weihnachtsbücher erst zuletzt besorgt,
ist keineswegs glücklich. Endlich läßt sich das Bild auch so deu-
ten, daß die Dame den Einkauf der Bücher fast vergessen hätte,
während doch dem Publikum eher klar gemacht werden müßte,
daß man Weihnachtsbücher überhaupt niemals vergessen kann.

Doch gibt es viele Beispiele, die noch weit mehr vom Ziel ab-
führen und auch solche, die der Konkurrenz geradezu den größ-
ten Vorschub leisten. Dies ist z, B. dann der Fall, wenn in einer
Anzeige der Namen der Konkurrenz oder der zu verdrängenden
Waren allzusehr in Vordergrund tritt.

51
        <pb n="61" />
        Auch sei noch ausführlicher betont, daß die Reklame, die auf
guten Assoziationswert Anspruch machen will, nicht nur ganz
allgemein der Natur (der menschlichen Persönlichkeit Rechnung
tragen muß, indem 'sie die erwähnten Tatsachen der Aufmerk-
samkeit, des Gedächtnisses usw. berücksichtigt, sondern daß sie
möglichst auch die individuellen Eigenschaften der Menschen
berücksichtigen muß. Dieses Erfordernis wurde bisher nur an-
gedeutet, da wir durchblicken ließen, daß sich auch in der
Reklame eines nicht für alle schickt.

Die Menschen sind, psychologisch betrachtet, äußerst verschie-
dene Persönlichkeiten. Die Unterschiede der Persönlichkeiten
beruhen aber teils auf angeborenen, teils auf durch die Erfah-
rung erworbenen Differenzen. Wie es unseren Ausführungen des
letzten Abschnitts entsprechend schlechte und gute Umsteller
gibt, so gibt es auch Leute mit einem vorzüglichen optischen
Gedächtnis, die fast jedes gesehene Bild später anschaulich
reproduzieren können und solche, die Gesehenes kaum behalten
und denen es sogar unmöglich ist, sich ihre Eltern oder Ge-
schwister anschaulich vorzustellen. Manche wieder haben nur ein
gutes Gedächtnis für Gehörtes oder für logische Zusammen-
hänge. Die schlechten Optiker haben in der Regel auch gar kein
Interesse für Bilder, Zeichnungen u. dgl. Einzelne Menschen
verhalten sich der Musik gegenüber so gleichgültig, daß sie
keinerlei Gefühlswert in ihnen auslöst, während wieder andere
durch sie mächtig ergriffen werden. Sehr erheblich sind, wie ja
allgemein bekannt, auch die angeborenen Charakterunterschiede.
Diesen und anderen angeborenen individuellen Differenzen
stehen die erworbenen gegenüber, ohne daß sich freilich in allen
Gebieten zwischen angeborenen und erworbenen Verhaltungs-
weisen scharfe Grenzen ziehen ließen. Viele Menschen sind nur
aufs Geldverdienen eingestellt, während manche andern die
Wichtigkeit des Erwerbs fast nur aus Büchern kennen. Die einen
leben ganz und gar in der Politik, während ich vor dem Krieg
52
        <pb n="62" />
        Bauern kennenlernte, die nie eine Zeitung lasen und sich im
Wirtshaus fast nur über Feld- und Weinbau und Dorfklatsch
unterhielten.

Reklamen, die eine Wirkung auf eine Vielheit von Menschen
erstreben, können nun natürlich nicht allen Individualitäten zu-
gleich gerecht werden. Man kann aber bei ihnen die Tatsache
der angeborenen individuellen Differenzen berücksichtigen, wenn
man sich nicht auf eine einzige Art von Reklame beschränkt und
insbesondere die Bildreklame nicht überschätzt. Die angedeute-
ten erworbenen Unterschiede verbieten es auch völlig, in manchen
Kreisen nur mit der Zeitung zu operieren. Kleine Bauern, die
keine Zeitung lesen, wird man durch Agenten bearbeiten lassen,
die am. besten natürlich nach der Ernte und im Winter erschei-
nen, wo der Bauer Geld hat und durch seine landwirtschaftlichen
Geschäfte nicht sehr in Anspruch genommen ist. Auch die
schlechten Optiker sind der mündlichen Bearbeitung im all-
gemeinen zugänglicher als der optischen Reklame.

Im übrigen hat man bei dem Verkaufsgespräch und überhaupt
dem Reklamegespräch, das sich ja auch auf die Werbung um
Dienste beziehen kann, die allerbeste Gelegenheit, den indivi-
duellen Eigenschaften der Persönlichkeit gerecht zu werden.
Dieses Gespräch muß sich nicht nur je nach dem Objekt der
Reklame, sondern. auch je nach der Persönlichkeit, die es zu be-
arbeiten gilt, verschieden gestalten und es vollzieht sich natür-
lich am leichtesten, wenn derjenige, der es führt, seinen Partner
genau kennt. Denn es knüpft, um die gewollte Einstellung zu
erzielen, mit Vorteil an die Persönlichkeit desselben an. Den
einen packt man besser bei seinem Selbstbewußtsein, den. andern
bei seiner Gewinnsucht, den dritten bei seiner Sparsamkeit, den
vierten bei seiner Eitelkeit an usw. In den meisten Fällen ist
freilich ein systematisches Studium der zu bearbeitenden Per-
sonen nicht möglich, in andern ist es innerhalb gewisser Grenzen
nötig. Ein Verleger z. B., der Autoren sucht, sollte die für sein

"a
a
        <pb n="63" />
        Gebiet in Frage kommenden Personen möglichst genau kennen.
So sollte ein wissenschaftlicher Verleger über den für ihn in Be-
tracht kommenden Kreis der Hochschuldozenten und ihre für
ihn geschäftlich wichtigen Eigenschaften genau buchführen, wie
ja auch Verleger mit Recht genau feststellen lassen, welche Zei-
tungen und Zeitschriften ihre Bücher gut, kurz oder gar nicht
besprechen. Auch beim Reklamegespräch (Verkaufsgespräch)
sind natürlich die oben erläuterten Prinzipien des Aufmerksam-
keits-, des Gedächtniswertes usw. maßgebend. Doch ist hier der
sonst seltene Fall der sofortigen Wirkung durch unmittelbare
Aufträge häufig und jedenfalls kräftig anzustreben. Die Schwan-
kungen der Persönlichkeiten und Interessen und die Tatsache
der momentanen Persönlichkeit verlangen gebieterisch, daß man
hier gleich möglichst viele Aufträge mitnimmt und ja nicht
auf spätere schriftliche Wünsche des Publikums rechnet. Auch
der Buchhändler, der Vorträge über Autoren halten läßt, deren
Werke er verkaufen will, sollte sein Geschäft möglichst schon im
Vestibül des Vortragshauses machen. Lehrbücher und Werke,
die von Hochschulprofessoren empfohlen werden oder gar in
Seminarübungen gebraucht werden, sollten nicht nur in wissen-
schaftlichem Interesse, sondern auch in rein geschäftlichem am
Anfang des Semesters, wo die wissenschaftliche Einstellung
der Studenten am stärksten zu sein pflegt, in den Schaufenstern
der Buchläden ausgestellt sein und zur Verfügung der Käufer
stehen.

Sehr wichtig ist es endlich für den Assoziationswert des Ver-
kaufsgesprächs, daß der Geschäftsmann sich der großen Bedeu-
tung der Suggestivfragen bewußt sei, von denen wir im letzten
Abschnitt ausführlich handelten. Wenn die Ansichten der Men-
schen so sehr von den Fragen abhängen, die wir an sie richten,
so müssen auch ihre Kaufwünsche durch Fragen geleitet werden
können, Unter richtiger Verwendung der oben mitgeteilten sechs
Regeln zur Vermeidung gewisser Einstellungen können wir fol-
4

44
        <pb n="64" />
        gende sechs Sätze über die Schaffung geschäftlich fruchtbarer
Einstellungen beim Verkaufsgespräch ableiten.

1. Erfolgreich sind Voraussetzungsfragen, d. h. hier solche, die
einen Auftrag voraussetzen, z. B. „Welche von den (zur Dis-
kussion stehenden oder der Besichtigung ausgesetzten) Waren
darf ich für Sie notieren?“ 2. Günstig sind auch Disjunktions-
fragen wie folgende: „Darf ich Ihnen die Ware a oder die Ware
b geben (schicken)?“ 3. Auch Erwartungsfragen sind wirksam,
zZ. B.: „Darf ich Ihnen diese Ware nicht einpacken lassen?“
4. Vorteilhaft sind auch Fragen, die zwar keine Erwartung einer
bestimmten Antwort einschließen, aber nur mit ja oder nein be-
antwortet werden können, da im allgemeinen die Antwort ja
näher liegt als die Antwort nein. Beispiel: „Darf ich Ihnen diese
Ware zuschicken?“ 5, Ungünstiger sind Disjunktionsfragen wie
die: „Darf ich Ihnen diese Ware geben oder wollen Sie darauf
verzichten?“ 6. Am verfehltesten ist es natürlich, wenn man
solche Fragen überhaupt nicht stellt, sondern z. B. nur über die
Ware selbst redet und die Kaufinitiative ganz dem Publikum
überläßt. Bei der Beurteilung dieser sechs Sätze muß man sich
natürlich darüber klar sein, daß sie ebenso wie die entsprechen-
den Regeln im vorigen Abschnitt nur durchschnittlich gelten
und den individuellen Verhaltungsweisen der verschiedenen Per-
sönlichkeiten Spielraum lassen. Auch wird der Erfolg jeder Ein-
stellung, die durch einen Menschen bewußt beabsichtigt wird,
natürlich wie bekannt durch imponierendes Wesen desselben
gefördert.

Schließlich sei noch erwähnt, daß die Reklame, wenn sie
optimalen Assoziationswert haben soll, auch soweit als mög-
lich den nationalen Verschiedenheiten des Publikums gerecht
werden muß. Die marktschreierische aufdringliche Reklame
der Amerikaner wirkt bei. uns leicht abstoßend. Leider
liegen exaktere Untersuchungen über die Wirkung ein und des-
selben Reklamemittels bei verschiedenen Völkern noch kaum

Ü5
3:
        <pb n="65" />
        vor 1). Auch die Reklame gegenüber Frauen wird vielfach anders
zu behandeln sein als die, welche sich an Männer richtet.

Der bisher diskutierte Assoziationswert der Reklame muß
natürlich von ihrer Assoziationswirkung begrifflich streng ge-
schieden werden. Denn nicht jede assoziative Wirkung einer Re-
klame ist auch wertvoll für ihren Endzweck. Und was in irgend-
welcher Hinsicht wertvoll ist, braucht nicht auch Reklamewert zu
haben. So können, wie wir schon andeuteten, Bilder in Reklamen
schön sein. und daher einen Gefühlswert haben, ohne deshalb un-
bedingt der Einstellung auf den Reklamezweck zu dienen. An
sich ist freilich der Gefühlswert der Reklamen schon deshalb er-
wünscht, weil lustbetonte Erlebnisse besser im Bewußtsein haften
als unlustbetonte und indifferente, und weil der Gefühlswert der
Reklame auf die Firma und ihre Artikel vorteilhaft abfärben
wird.

Hiermit haben wir die Einstellung der menschlichen Persön-
lichkeit durch die Reklame in großen Zügen behandelt. Andere
Einstellungstatsachen können erst im folgenden Kapitel erörtert
werden. Sehr vieles muß aber in dieser Schrift übergangen werden.
Die Auffassung der Reklame als eines Einstellungsvorganges
und die einschlägigen psychologischen Tatsachen führen auf die
allermannigfaltigsten Gesichtspunkte, die wohl überhaupt kaum
restlos erschöpft werden können, und jeder einzelne Reklamefall
erfordert eigentlich seine besondere Psychologie.

Wertvolle Ergänzungen zu dem hier Vorgetragenen findet der
Leser in den Lehrbüchern der Reklame und der verwandten
Literatur ®).

*) Wertvolle Anregungen und Beobachtungen zu diesem Problem siehe
bei Ch. v. Hartungen, Psychologie der Reklame, Stuttgart 1921, und bei
A. Berliner, Japanische Reklame in der Tageszeitung. Stuttgart 1925.

?) Vgl. R. Propeit, Die Reklameschule (in Lektionen). 3 Bde. München,
Verlag von M. Kupferschmid, ohne Jahreszahl. 1908—1909 erschienen.
ER

I,
        <pb n="66" />
        4. DIE PSYCHISCHE GLEICHFÖRMIGKEIT UND
IHRE BEZIEHUNGEN ZUR REKLAME.

Die Reklame zielt nicht nur darauf ab, überhaupt auf die An-
nahme oder Leistung honorierter Dienste einzustellen, sondern
sie muß auch, wenn sie geschäftlich möglichst wertvoll sein will,
diese Einstellungen bei einer möglichst großen Anzahl von Per-
sonen zu bewirken versuchen. Wenn wir nun das Gesamtgebiet
der Reklame überblicken, so sehen wir, daß sich in der Regel ein
einziges Reklamemittel an eine Vielheit von Personen wendet.
Denn dies ist natürlich auch dann der Fall, wenn wir etwa je
nach der Art des Publikums zur Empfehlung ein und desselben
Gegenstandes verschiedene Anzeigen oder Offertbriefe wählen.
Von einer individuellen Reklame im eigentlichen Sinne kann
nur beim Reklamegespräch oder der je nach dem Individuum
verschiedenen brieflichen Bearbeitung eines Interessenten die
Rede sein. Die sich mittels ein und desselben Reklamemittels an
eine Vielheit von Personen wendenden Reklamen sollen hier als
Massenreklamen bezeichnet werden.

— V. Mataja, Die Reklame. 2. Aufl. München und Leipzig 1916. —
W. Moede, Psychologie der Reklame. Praktische Psychologie. 1. Jahrg.,
1919/20. S. 200 ff. — W. Dannenberg, Erfolgsichere Reklame. Leipzig
1920. — Ch. v. Hartungen, Psychologie der Reklame. — G. Schultze-
Pfaelzer, Propaganda, Agitation, Reklame. Berlin, ohne Jahreszahl, 1923
erschienen. — H. Behrmann, Reklame. Berlin 1923. — K, Lauterer, Lehr-
buch der Reklame. Wien und Leipzig 1923. — E. Lysinski, Psychologie
des Betriebs. Berlin 1923. — R. Seyffert, Die Reklame des Kaufmanns.
3. Aufl. Leipzig 1925. — A. Bohnagen, Die Propaganda der Buchhändler,
Verleger und fachverwandten Berufe, Leipzig 1925. — H. Kliemann, Die
Werbung fürs Buch. Stuttgart 1925. — Th. König, Reklamepsychologie,
3. Aufl. München und Berlin 1926, und die in diesen Schriften auf-
geführte Literatur.

7

5.
        <pb n="67" />
        Die Möglichkeit dieser Massenreklamen beruht nun auf der
trotz aller individueller Unterschiede großen Gleichförmigkeit
der menschlichen Persönlichkeit und auf der Gleichförmigkeit
des psychischen Geschehens unter gleichförmigen Bedingungen,
die ich in meinem Werk über die Gleichförmigkeit in der Welt
ausführlich behandelt habe 1) und die eine viel größere ist, als
man ohne weiteres erwarten sollte.

Ruft man einer großen Anzahl von Personen das Wort „Vater“
zu, und hat man sie vorher aufgefordert, auf das zugerufene
Wort hin irgendein anderes aufzuschreiben, so notieren die mei-
sten das Wort „Mutter“. Andere reagieren gruppenweise
mit anderen Verwandtschaftsnamen, und nur wenige Personen
antworten mit Reaktionsworten, die gänzlich auseinanderfallen.
So gibt es für alle zugerufenen Worte oder Reizworte stark oder
minder bevorzugte und isolierte Reaktionen. Auf das Wort
„Acker“ antworteten z. B. von 300 Versuchspersonen 29,7 7 mit

„Feld“, 6,5% mit »„pflügen“, 5,7%, mit „Bauer“. Auch viele
andere Reaktionsworte kamen mehrfach vor und nur 52, also
nur 17,3 % aller Reaktionsworte traten bei den 300 Experimen-
ten nur ein einziges Mal auf. Ersuchen wir eine große An-
zahl von Versuchspersonen, einen beliebigen Farbennamen auf-
zuschreiben, so schreiben die meisten „rot“, dann folgt „blau“,
dann „grün“ usw. Ja, selbst wenn wir eine große Anzahl von
Personen bitten, ein ganz beliebiges Wort zu notieren, so stim-
men die Reaktionen im weitesten Umfang überein. Von
350 Schülerinnen, mit denen solche Versuche angestellt wurden,
schrieben 18 das Wort „Schule“, je 8 die Worte „Baum“,
„Blume“, „Haus“ „Tafel“, und mehr als die Hälfte 67%)
aller notierten Wörter kamen mehr als einmal vor. Bei anderen
Untersuchungen zeigte sich, daß 70 % Schüler unabhängig von-
1) K. Marbe, Die Gleichförmigkeit in der Welt. 2 Bde. München 1916
bis 1919.
FR

NL
        <pb n="68" />
        einander ein und denselben Abschreibefehler machten. Diese Er-
gebnisse beruhen. auf der Gleichförmigkeit des psychischen Ge-
schehens infolge gleichförmiger Bedingungen.

Eine sehr interessante Gleichförmigkeit ist folgende: Wenn
man. eine große Anzahl von Personen ganz rohe Schätzungen ın
Zentimetern und Millimetern über die Größe gegebener Strecken
ausführen läßt und wenn man dann die Endziffern der von diesen
Personen angegebenen Zahlen untersucht, so findet man am
häufigsten die Endziffer 0. Dann folgen mit stets abnehmender
Häufigkeit die Endziffern 5, 8, 2, 3, 7, 6, 4, 9, 1. Ganz genau
denselben Verlauf zeigt nun die Häufigkeit der Endziffern bei
den Altersangaben auf den römischen Gräbern, die wie bekannt,
gleichfalls meist auf rohen Schätzungen beruhten und den Er-
fahrungen der Bevölkerungsstatistik widersprechen. Und fast
genau denselben Ablauf der Häufigkeiten der Endziffern ergaben
die Altersangaben bei einer Volkszählung in dem größtenteils
aus ungebildeten Farbigen bestehenden Staat Alabama in
Amerika, weil eben auch hier nur rohe Schätzungen zugrunde
lagen. Diese Tatsachen sind durch die gleichförmige Vorliebe
bzw. Abneigung der Menschen für bestimmte Zahlen bedingt.

Auf der psychischen Gleichförmigkeit beruhen auch die
gleichen unabhängig voneinander stattfindenden Entdeckungen
verschiedener Gelehrter, viele ähnliche religiöse Ansichten an
verschiedenen Orten und viele andere Tatsachen der vergleichen-
den Geschichte, wie das Auftreten paralleler, voneinander unab-
hängiger Richtungen in der Kunst an verschiedenen Orten und
zu verschiedenen Zeiten. Mit ihr hängt auch mancherlei ver-
meintliches Gedankenlesen und Hellsehen zusammen.

Die Gleichförmigkeit, welche bisher näher ins Auge gefaßt
wurde, habe ich in meinem Werk als die primäre bezeichnet. Sie
greift Platz, ohne daß die sich gleichförmig verhaltenden Per-
sonen aufeinander einwirken. Ich habe aber dort auch von einer
sekundären Gleichförmigkeit gesprochen und fasse damit die-

%
Au
        <pb n="69" />
        jenigen psychischen Gleichförmigkeiten zusammen, bei denen

das Verhalten einer oder mehrerer Personen andere Personen

veranlaßt, ein unter sich und ein mit dem Verhalten der erst-
genannten Person(en) gleichartiges Verhalten zu zeigen. Wenn
eine große Anzahl von Schülern ersucht wird, irgendeine Zahl

von 1 bis 10 zu notieren, so schreiben die meisten die Zahl 5,

Hier liegt eine primäre Gleichförmigkeit vor. Wenn aber eine

Person CO sich bewußt und willkürlich so. kleidet wie eine Per-

son B und wenn diese sich bewußt und willkürlich gekleidet hat

wie A, so haben wir es mit einer sekundären Gleichförmigkeit
zu tun. Diese sekundären Gleichförmigkeiten beruhen auf dem
Nachahmungstrieb der Menschen. Sie werden aber auch durch
andere verwandte psychische Faktoren gefördert wie die Nei-
gung, nicht auffallen zu wollen, sich in einen gegebenen Rahmen
einzufügen und sich durch „tonangebende“ andere Menschen
(Autoritäten) beeinflussen zu lassen. Bei der primären Gleich-
förmigkeit werden die einzelnen Persönlichkeiten durch be-
stimmte außer ihnen liegende Momente eingestellt, bei der sekun-
dären wirken die sich gleichförmig verhaltenden Personen selbst
einstellend aufeinander. Daß Nachahmung, Wunsch nicht her-
vorzutreten und sich anzupassen und autoritative Einflüsse (hier-
her gehört auch der autoritative Einfluß des gedruckten Wortes)
eine große Bedeutung für die Einstellung haben, wurde ja schon
im zweiten Kapitel betont. Dort wurde aber auch schon die
gegenseitige Einstellung erwähnt, bei welcher einzelne Personen
eines Kreises nicht nur von anderen eingestellt werden, sondern
auch wieder auf diese einstellend wirken.

Wenn es nun auch gewisse Gleichförmigkeiten gibt, die ent-
weder nur primärer oder nur sekundärer Natur sind, so ist in
Wirklichkeit beides doch häufig eng miteinander verbunden. Dies
trifft auch bei den im zweiten Abschnitt erwähnten Suggestions-
versuchen mit mehreren Kindern zu, bei denen durch die ein-
stellende Wirkung des Versuchsleiters eine gleichförmige Ein-
60
        <pb n="70" />
        stellung der Kinder erzielt wurde, die durch ihre gegenseitige
Wirkung aufeinander noch eine Verstärkung erfuhr. Und wie
die schon erwähnten voneinander unabhängigen aber ähnlichen
Kulturtatsachen ein Ausdruck der primären psychischen Gleich-
förmigkeit sind, so zeigen Geschichte und Leben auch viele
sekundäre Gleichförmigkeiten. Bei allen sog. psychischen Massen-
erscheinungen. ist die sekundäre Gleichförmigkeit ein wesent-
licher Faktor, mag sie nun durch primäre Gleichförmigkeiten
eingeleitet und unterstützt werden oder nicht. Bei allen poli-
tischen Bewegungen z. B. finden wir einzelne führende, d. h. in
erster Linie einstellend wirkende Persönlichkeiten, welche die
anderen mitreißen und die gegenseitige Einstellung dieser ande-
ren in die Wege leiten. Bei der Tanzwut im Mittelalter, den sog.
religiösen Epidemien in Rußland, der Tulpomanie, den Paniken
und unzähligen Massenerscheinungen der Kriegs- und Revolu-
tionszeiten tritt uns die sekundäre Gleichförmigkeit deutlich vor
die Augen. Auch Sitten und Moden sind Gleichförmigkeits-
erscheinungen, bei denen die sekundäre Gleichförmigkeit eine
große Rolle spielt.

Wenn nun etwa eine Zeitungsreklame oder ein Offertbrief von
100 Personen gelesen wird, die nicht miteinander im Kontakt
stehen und wenn 20 von diesen Personen im Sinne der Reklame
reagieren, so liegt offenbar eine primäre Gleichförmigkeit vor.
Stehen dagegen die 100 Personen miteinander in Verbindung,
besprechen sie den Inhalt der Reklamen miteinander und eifern
sie sich gegenseitig zur Reaktion im Sinne der Reklamen an, so
sind die resultierenden gleichförmigen Reaktionen nicht nur
primäre, sondern auch sekundäre Gleichförmigkeitserschei-
nungen. Der Bedeutung der sekundären Gleichförmigkeit bei
der Reklame muß man sich nicht nur bewußt sein, man muß viel-
mehr auch bestrebt sein, sie in die gewollten Wege zu leiten und
sie möglichst umfangreich zu gestalten. Man muß aber auch
gegen abwegige Gestaltungen der sekundären Gleichförmigkeit

1

Ü
        <pb n="71" />
        geschickt ankämpfen. Jede primär durch die Reklame beeinflußte
Person muß womöglich als Helfer zur Gewinnung weiterer Kun-
den auftreten, die wieder andere nach sich ziehen sollten, was
natürlich nicht nur für die Massenreklame, sondern auch für
die individuellsten Formen der Reklame gilt.

Schon die Güte der Leistung kann indirekt auf dritte Personen

wirken. Denn wer etwa mit einer Ware zufrieden ist, gibt dieser
Zufriedenheit auch meist in seinem Kreise Ausdruck und emp-
Gehlt die Firma, der er die Ware verdankt. Wer freundlich und
entgegenkommend bedient wird, pflegt daraus kein Hehl zu
machen. In vielen Fällen kann die Beibringung neuer Kunden
mit Vorteilen (Freistücken, Rabatt u. a.) verbunden werden, wo-
bei man freilich, wie wir schon oben sahen, vorsichtig sein muß,
Auch die Bitte um Empfehlung darf nicht unterschätzt werden
und kann so deutlich, als es der Takt irgendwie erlaubt, vor-
gebracht werden; denn demjenigen, mit dem man zufrieden. und
dem man gewogen ist, erweist man auch gern einen Gefallen.
Läßt man für irgendeine Sache Vorträge halten, so darf man
nicht vergessen, daß sich die Vorträge nicht nur an die An-
wesenden, sondern auch an die anderen richten, denen diese von
den Vorträgen erzählen. Wo es irgendwie angängig ist, muß das
Objekt der Reklame zum Gesprächsstoff gemacht werden, was
durch Vorträge, Besprechungen in Zeitungen und Zeitschriften,
durch fingierte Diskussionen in humoristischer Form und andere
Mittel erreicht werden kann. Der Geschäftsmann wird daher
mit Vorteil sich die psychologischen Massenerscheinungen zum
Vorbild nehmen und auch in seinem Gebiet solche Massenerschei-
nungen soweit als möglich und wenn auch vielleicht nur in be-
scheidenem Maße produzieren. Die Bekleidungsgeschäfte pro-
sperieren nicht nur wegen des Bedarfs, der ihren Waren gegen-
über besteht, sondern auch deshalb, weil viele von uns und ins-
besondere die Damen Kleider auch dann ablegen, wenn sie noch
brauchbar aber nicht mehr Mode sind. Die neuen Modelle bringen
/ y

N
        <pb n="72" />
        jedesmal Massenerscheinungen zustande, die nicht nur primäre
Gleichförmigkeiten * sind, sondern auch durch die gegenseitige
Einstellung, also auch im Sinne der sekundären Gleichförmig-
keit geregelt werden. Die Kleider-, Hut- und Stiefelbranche lebt
also wesentlich von sekundären psychologischen Gleichförmig-
keiten, die es in jeder Saison in die gewünschten Wege zu leiten
gilt. Bekannt sind auch die künstlichen Massenerscheinungen,
die Barnum vielfach hervorgerufen hat!). Auch im Buchhandel
gibt es Massenerscheinungen, wenn sich z. B. alle Welt auf ein
Buch wie „Rembrand als Erzieher“ stürzt. Und das Studium
der Faktoren, die bei solchen Massenerscheinungen wirksam
werden, kann auch dem Reklamefachmann nur förderlich sein.

*) Vgl. 0. E. Sutter, Die große Trommel: Ph. 'T. Barnum, der Meister
der Reklame. Leipzig 1924.
63
        <pb n="73" />
        5. ÜBER STATISTISCHE UND EXPERIMENTELLE
REKLAMEPSYCHOLOGIE.

Die Auffassung der Reklame als einer Einstellung, bei der die
Tatsachen der psychischen Gleichförmigkeit in Frage kommen,
führt, wie wir sahen, ganz unmittelbar zu gewissen, an die Re-
klame zu stellenden Forderungen; wenn diese dem erfahrenen
Praktiker auch vielfach nicht neu sein mögen, so wird es doch
auch ihm willkommen sein, sie durch die psychologische Be-
leuchtung geklärt zu wissen. Auch ist die psychologische Ein-
stellung oder die psychologische Brille, wenn ich so sagen darf,
wohl geeignet, dem praktischen Reklamefachmann neue Ideen
zuzuführen. Sie hat aber auch eine große Anzahl systematischer
Untersuchungen über den Einstellungswert verschiedener Re-
klamemittel oder ihrer Teile oder Komponenten zutage gefördert
und damit zu weiteren Resultaten geführt, aus denen der erfah-
rene Praktiker zweifellos lernen kann und die sich keineswegs
ganz unmittelbar aus den bisher erörterten allgemeinen psycho-
logischen Gesichtspunkten ergeben. Diese Untersuchungen sind
teils statistischer, teils experimenteller Art.

Gewisse Statistiken wurden schon von der Praxis ohne psycho-
logische Gesichtspunkte ausgeführt und finden noch heute viel-
fach Anwendung. Das sind zunächst einzelne Erfolgsstatistiken.
Man sucht festzustellen, welche Erfolge die benützten Reklamen
oder z. B. auch nur die einzelnen für Anzeigen gewählten Zei-
tungen gehabt haben und zieht daraus Schlüsse für die Zukunft.
Man erkundigt sich bei den Käufern, wie sie auf die Ware oder
das Geschäft aufmerksam wurden oder man versieht die Zei-
tungsanzeigen bzw. die den Zeitungen beigefügten Bestellzettel
so mit Kennzeichen, daß man, wenn sich der Käufer auf sie be-
AA
\*
        <pb n="74" />
        zieht, merkt, welche Anzeige bzw. welche Zeitung ihn zum Kauf
bestimmte. Oder man macht abwechselnd in dieser oder jener
Form Reklame und stellt den Einfluß der einzelnen Reklame-
maßnahmen auf den Erfolg fest.

Andere Statistiken der Praxis können zu den Motivstatistiken
gerechnet werden. Man sucht durch Anfragen oder sonstwie
festzulegen, welche Beweggründe etwa die Käufer einer bestimm-
ten Ware in einem bestimmten Geschäft zum Kauf veranlaßt
haben. Der eine wird dann vielleicht den alten Ruf der Firma,
der andere ihre billigen Preise, der dritte ihre geschmackvollen
Reklamen, der vierte die verschiedensten Eigenschaften der
Ware selbst als Kaufgrund angeben. Natürlich kann man dann
diese Ergebnisse statistisch verarbeiten und die am meisten ge-
nannten Kaufmotive feststellen. Man erhält dadurch unter Um-
ständen gewisse Richtlinien für die Gestaltung der Reklame und
vielleicht sogar für die Umgestaltung der Ware selbst. Letztere
Richtlinien wären besonders dann zu gewinnen, wenn auch Mit-
teilungen über Einwände gegen die Ware vom Publikum ver-
langt würden, was aber freilich gefährlich werden kann.

Die Handhabung solcher Statistiken ist nicht immer so ein-
fach, wie es manchem erscheinen mag, und Fehler der Methode
und falsche Ergebnisse liegen in der Statistik leider allzu nahe.
Dies wird sich zum Teil zeigen, wenn wir im nächsten Abschnitt
selbst über Erfolgs- und Motivstatistiken handeln.

Abgesehen von derlei Statistiken gibt es aber natürlich in der
Reklamepsychologie auch mancherlei andere Arten von Statistik.
Eine systematische statistische Untersuchung anderer Art hat
z. B. W. Blumenfeld!) angestellt. Wenn jemand ein Schau-
fenster aus nächster Nähe betrachtet, so kann sein Bliek ent-
weder das obere, mittlere oder untere Drittel des Fensters treffen.
Was der Fall ist, kann ein Dritter natürlich leicht sehen; die

1) W. Blumenfeld, Zur Psychotechnik der Werbewirkung des Schau-
fensters. Praktische Psychologie. 2, Jahrg., 1920/21. S. 81 ff.

5 Marbe, Werbung. S
6:
        <pb n="75" />
        seltenen Fälle, wo ein Zweifel bestehen kann, ob der Blick das
obere oder mittlere bzw. das mittlere oder untere Drittel trifft,
können übergangen oder in zwei besondere Klassen von Fällen
eingereiht werden. Blumenfeld hat nun direkt aus praktischen
Erfahrungen in Dresden heraus konstatiert, daß bei 777 Fest-
stellungen in 52,9 % der Fälle die Blickrichtung der Beschauer
nach der Mitte, daß sie in 24,3 % der Fälle nach links und daß
sie in 22,8 %. der Fälle nach rechts gelenkt war. Für die Besich-
tigungen nach unten, oben und geradeaus ergaben sich bei
932 Feststellungen die Prozentzahlen 69,3; 7,2 und 23,5. Es
zeigte sich also, daß die in der Mitte und im unteren Drittel der
Auslage angebrachten Gegenstände mehr Beachtung fanden als
die übrigen und daß besonders die oberen Teile der Schaufenster
am wenigsten Beachtung fanden.

Zu den statistischen Reklameuntersuchungen gehören auch
jene, die einfach irgendeine Eigentümlichkeit herrschender Re-
klamemittel durch Abzählung festlegen. Sie können unter Be-
nützung eines Ausdrucks aus der psychologischen Ästhetik als
Untersuchungen nach der Methode der Verwendung bezeichnet
werden. R. Seyffert !) hat z. B. die Schrifthöhe von tausend Pla-
katen gemessen und konstatiert, daß bei 629 Plakaten die Höhe
der größten Schrift 5 bis 10 em betrug, während kleinere Schrif-
ten nur bei 111 und größere nur bei 260 Plakaten vorkamen.

Die systematischen psychologischen Untersuchungen des Re-
klameproblems sind nun nicht nur statistischer, sondern auch
experimenteller Natur. Ein Experiment im weiteren Sinne
führen wir aus, wenn wir zu Erkenntniszwecken Erscheinungen
rücksichtlich ihres Eintritts oder Ablaufs beeinflussen. Ein Ex-
periment in diesem Sinne liegt schon vor, wenn wir eine Pflanze
aus dem Boden entfernen, um ihre Wurzel zu betrachten oder ein
Tier in Gefangenschaft bringen, um seine Lebensgewohnheiten

1) R. Seyffert, Die Statistik des Plakats. Zeitschrift für Handelswissen.
schaft und Handelspraxis. 12. Jahrg., 1919/20. S. 234.
96
        <pb n="76" />
        zu beobachten. Auch in der Psychologie und auch in der Re-
klamepsychologie finden wir solche Experimente im weiteren
Sinne des Wortes. Schon die angedeuteten statistischen Unter-
suchungen, bei denen man verschiedene Reklamen benützt, um
jeweils ihre Wirkungen zu studieren, gehören hierher. Denn
durch diese Reklamen werden zu praktischen Erkenntniszwecken
bestimmte Verhältnisse („Erscheinungen“) geschaffen, also rück-
sichtlich ihres Eintretens beeinflußt und in ihren Wirkungen auf
das Publikum studiert.

Dem erörterten Experiment ım weiteren Sinne stelle ich das
Experiment im engeren oder eigentlichen Sinne gegenüber. Es
liegt dann vor, wenn wir Erscheinungen nicht nur in ihrem Ein-
tritt oder Ablauf zu Erkenntniszwecken beeinflussen, sondern
wenn wir sie zugleich unter bekannte künstliche, varlierbare Be-
dingungen bringen. Es ist gegeben, wenn wir etwa die Ab-
hängigkeit der Ausdehnung eines Metallstabes von der Tempe-
ratur studieren. Wir geben dann dem Metallstab der Reihe nach
verschiedene Temperaturen, um bei jeder einzelnen seine Aus-
dehnung mit Hilfe eines Maßstabes zu messen. Dabei tragen
wir dafür Sorge, daß die Temperatur in der Zeit, während wel-
cher wir die Messung ausführen, möglichst konstant ist. Der zu
beobachtende Gegenstand, der Metallstab, befindet sich also bei
diesem Versuch unter bekannter, künstlich variierbarer Tempe-
ratur, also unter bekannten, künstlich varlierbaren Bedingungen,
Wir haben es somit hier in der Tat mit einem Experiment im
engeren Sinne zu tun 1).

Das Experiment im engeren Sinne ist um so vollkommener, je
bekannter uns die Bedingungen sind, unter denen die Unter-
suchung stattfindet. Die vollkommensten Experimente dieser
Art finden wir in den allgemeinste Gesetze suchenden Natur-
wissenschaften, also in der Physik und Chemie. Die übrigen

1) Vgl. hierzu Karl Marbe, Experimentell-psychologische Untersuchun-
gen über das Urteil. Eine Einleitung in die Logik. Leipzig 1901. S. 3.

7

U}
        <pb n="77" />
        Naturwissenschaften sind, soweit sie nicht rein beschreibender
Natur sind, bestrebt, das Ideal der experimentellen Physik und
Chemie zu erreichen. Und dieses Experiment im engeren Sinne
oder doch ihm möglichst angenäherte Experimente haben wir im
Auge, wenn wir in den Naturwissenschaften schlechtweg von
Experiment sprechen. Dieses naturwissenschaftliche Experi-
ment ist, wie schon im ersten Abschnitt angedeutet wurde, eine
Hauptmethode der modernen Psychologie, während es in der
alten Psychologie, wo wir freilich auch schon Experimente im
weiteren Sinne finden, noch unbekannt war.

Auch in der Psychologie der Reklame werden solche Experi-
mente im naturwissenschaftlichen Sinne angestellt. So ließ z. B.
Lysinski zwei verschiedene Schaufenster eines Damenhutgeschäf-
tes in verschiedener Weise ausstatten und er stellte die Reak-
tionen des Publikums auf diese Schaufenster fest. Es wurden
zu bestimmten Tageszeiten die Anzahl aller Straßenpassanten
und die Anzahl der Beschauer des einen und des andern Schau-
fensters gezählt und es wurde mittels Stoppuhren festgestellt,
wie lange jeder Beschauer die Auslage betrachtete. Dieser Außen-
statistik trat eine Innenstatistik gegenüber, bei der im Laden die
Häufigkeit der Bezugnahme auf die Schaufenster und die Anzahl
der auf Grund der Schaufensterreklamen verkauften Gegen-
stände gezählt wurden. Bei einer der vorgenommenen Unter-
suchungen waren die Hüte des einen Fensters mit Preisen ver-
sehen, die des andern nicht. Dann wurde ein Schaufenster bunt,
das andere einfarbig, nur mit in einem dunkeln, unauffälligen
Blau gehaltenen Hüten dekoriert. Zu weiteren Untersuchungen
wurden hinter dem einen Fenster mehr Hüte, hinter dem andern
nur eine geringere Anzahl aufgestellt. Weiterhin wurde die Wir-
kung eines Fensters mit dekorativem Beiwerk ‘und die eines
andern ohne solches Beiwerk verglichen. Die Anzahl der Hüte
betrug in jedem Schaufenster 20; für das Schaufenster mit
weniger Gegenständen wurden bei einer ersten Untersuchung 15,
68
        <pb n="78" />
        bei einer zweiten 6 Hüte verwendet. Die Anzahl der Beschauer
eines Fensters schwaänkte bei den Versuchen!) zwischen 71 und
208. Lysinski kam nun zu den Tabellen, die ich S. 70 mitteile.
In ihnen ist unter „Prozentuale Beschauerfrequenz‘“ angegeben,
wie viele Beschauer eines Fensters auf je 100 Straßenpassanten
kamen. Die mit Buchstaben (a, b) bezeichneten Tabellen be-
ziehen sich auf verschiedene Untersuchungen derselben Frage.
Nach den Tabellen von Lysinski waren, wie man sieht, die
Schaufenster mit Preisangabe und die ohne dekoratives Beiwerk
denen ohne Preisangabe und mit dekorativem Beiwerk überlegen
(vgl. 1 und 4). Die Schaufenster mit „mehr“ (20) Gegenständen
lockten bei zwei verschiedenen Untersuchungen mehr Beschauer
an und führten zu mehr Käufen als die mit weniger Gegenständen
(vgl. 3a und 3b), wenn auch hier aus den beiden Untersuchungen
gleiche Schlüsse über die Wirkung der Schaufenster auf die Zeit
der Beschauung und die Häufigkeit der Bezugnahme nicht ab-
geleitet werden konnten. Die Frage, ob die bunten oder ein-
farbigen Schaufenster größeren Einstellungswert für den Kauf
der Waren hatten, wurde durch die Resultate zweier Unter-
suchungen entgegengesetzt beantwortet, wenn auch die bunten
Fenster mehr Leute anlockten als die andern und auch noch im
Laden mehr Interesse erregten. (Häufigkeit der Bezugnahme!)
Beispiele für Experimente im Reklamegebiet sind auch Versuche
von D. Starch?). Er benützte Hefte von zwölf Seiten. Jede Seite
zeigte nur eine sinnlose Silbe, die in ihrer Mitte aufgedruckt
war. 50 Versuchspersonen mußten die Hefte durchblättern. Es
zeigte sich dann, daß die Silben auf der ersten und letzten Seite
von 34, die auf der zweiten und vorletzten Seite von 26 Per-
sonen behalten wurden, während hingegen die einzelnen Silben
1) Vgl. E. Lysinski, Zeitschrift für Handelswissenschaft und Handels-
praxis. 192. Jahrgang. 1919/20. 58. 6ff.
2) D. Starch, Judieious Advertising. New York 1909.

569
        <pb n="79" />
        = 1. Verhältnis des Schaufensters mit Preis- ‘3. Verhältnis des Schaufensters mit vielen zu dem
auszeichnung zu dem ohne Preisauszeichnung. mit wenigen Gegenständen.
mit | ohne | Über- 8) mit vielen | mit wenig | Über-
Dreisauszeichnung |legenheit 5 Gegenständen |legenheit
Prozentuale Beschauerfrequenz 16,49% | 4,0 0% FH 600% -)Prozentuale Beschauerfrequenz 1 6,0 0/9 | 4,1 9% {+46 %
Durchschn. Zeit des Beschauens 15,2 Sek.|13,4 Sek. + 130, Durchschn. Zeit des Beschauens 12,4 Sek. 19,4 Sek.‘ — 36 0%
Häufigkeit der Bezugnahme .. | 24 9 /-+1679% Häufigkeit der Bezugnahme. . 21 30 1—30%
Zahl der verkauften Gegenstände 26 E 14 + 86%; Zahl der verkauften Gegenstände ' 29 | 20 "+45 9%
2. Verhältnis des bunten zum einfarbigen T z mit vielen | mit wenig | Über
Schaufenster. / K Gegenständen |legenheit
| Ein-' || Über- 5. T
* Bunt farbig fe aBar Protentnale Beschauerfrequenz Y 4,9% | 2,0% H-145%
- — —= Durchschn. Zeit des Beschauens HS Sek.! 9,5 Sek. + 35%
m ; Häufigkeit der Bezugnahme .. 16 14 I+ 14%
Prozentuale Beschauerfrequenz 7,3 09 | 6,50% 1+12% 8 u.
Durchschn. Zeit des Beschauens 10,3 Sek. 14.4 Sek. — 28 oolzahı der verkauften Gegenstände * 11 SE 2%
Häufigkeit der Bezugnahme... 31. = 28 1411 9; SE .
Zahl der verkauften Gegenstände '‘ 19 | 17 +120% 1. Verhältnis des Schaufensters ohne zu dem mit
dekorativem Beiwerk.
‘ Bin. [| Ober ohne | mit '| Über-
% Bunt farbig hohe dekorativem Beiwerk legenheit
Prozentuale Beschauerfrequenz 5,20% ' 3,0%) + 73%9|Prozentuale Beschauerfrequenz | 5,2 00 | 3,8% + 37%
Durchschn. Zeit des Beschauens 12,4 Sek. 9,4 Sek. + 32% |Durchschn. Zeit des Beschauens 12,1 Sek.| 9,5 Sek. + 270%
Häufigkeit der Bezugnahme . . 102158 |-- 1009 Häufigkeit der Bezugnahme . . | BAT + 710%
Zahl der verkauften Gegenstände 16 20 — 20%a[Zahl der verkauften Gegenstände 11 5 —+120%9

A
a}
        <pb n="80" />
        auf den acht übrigen Seiten nur von durchschnittlich 17 Per-
sonen behalten wurden. Es ergab sich also eine größere Gedächt-
niswirkung der Silben am Anfang und Ende gegenüber den
Silben in der Mitte des Büchleins 9.

Unsere bisherigen Ausführungen haben schon gezeigt, was
nun noch einmal besonders zu betonen ist, daß nämlich zwischen
Experiment und Statistik zwar ein prinzipieller Unterschied ist,
daß aber innerhalb der psychologischen Forschung Statistik und
Experiment eng zusammengehören. In der Regel muß man näm-
lich hier (genau wie bei den eben diskutierten Versuchen) ein
Experiment mit einer großen Anzahl von Versuchspersonen an-
stellen und dann die gewonnenen Ergebnisse statistisch ver-
arbeiten.

Die Versuche von Lysinski, die im praktischen Leben ange-
stellt wurden, können zu den Wirklichkeitsversuchen, die von
Starch zu den Laboratoriumsversuchen gerechnet werden. Es ist
nun viel über den praktischen Wert der einen oder anderen Gat-
tung solcher Versuche gesprochen worden. Keinem Zweifel kann
es unterliegen, daß die Wirklichkeitsversuche bei richtiger Aus-
wertung großen Nutzen stiften können. Denn ihre Ergebnisse
können sicherlich wertvolle praktische Anwendungen nahelegen.
Ja solche Wirklichkeitsversuche sollten nicht nur von seiten der
Wissenschaft, sondern auch von den Geschäftsleuten selbst für
die Verhältnisse ihres eigenen Betriebs immer mehr angestrebt
werden. Denn durch Versuchsproben kann man sich jedenfalls
besser als ohne solche davon überzeugen, ob eine bestimmte Re-
klame mehr Aufmerksamkeits-, Gedächtniswert usw. besitzt als
eine andere. Die allgemeine Bedeutung solcher Experimente ist
aber beschränkt. Man könnte versucht sein, aus den Versuchen
Lysinskis folgende Forderungen abzuleiten: I. Stelle nur Waren

1) Andere hier einschlägige Ergebnisse von Starch wurden bestritten.
Vgl. K. Kurtzig, Zur Psychologie des Inserats. Industrielle Psychotechnik.
1. Jahrg. Heft 1/2 (1924). S. 51 ff.

71
        <pb n="81" />
        mit Preisauszeichnungen in das Schaufenster! II. Verwende da-
selbst möglichst viel Gegenstände! .III. Vermeide dekoratives
Beiwerk! Aber alle diese Sätze sind in ihrer Allgemeinheit falsch.
Preisauszeichnungen haben in verschiedenen Gebieten einen
sehr verschiedenen Wert und sind vielfach direkt schädlich. In
einem verkehrsreichen Badeplatz der Schweiz sah ich in einem
Schaukasten mancherlei Schmucksachen mit Aquamarinen, die
alle, abgesehen von einigen sehr guten und teueren Stücken mit
Preisen ausgezeichnet waren; die Stücke mit Preisangaben koste-
ten wenig. Diese Einrichtung war für das in Rede stehende Ge-
schäft durchaus richtig. Die meisten wollen billig und gut ein-
kaufen und reell bedient sein, ohne von Edelsteinen oder Halb-
edelsteinen etwas zu verstehen. Sie sind, wenn man ihnen garan-
tiert, daß ein Stein echt ist, und wenn sie ihn schön und billig
finden, völlig zufrieden. Ihre Kauflust würde aber ganz ent-
schieden leiden, wenn die für ihre Kaufkraft in Frage kommen-
den Stücke durch besonders teuere andere Stücke gedrückt wür-
den. Auch viele andere Fälle gibt es, wo die Preisauszeichnung
im Schaufenster verfehlt wäre. Um zunächst bei der Juwelen-
branche zu bleiben sei betont, daß Damen von einiger Erziehung
und einigem Geschmack nicht gerne Schmucksachen tragen, von
denen alle Welt weiß, daß sie ungeheuer teuer sind, und daß
daher demonstrative Preisangaben bei erstklassigen Perlen und
Brillanten in den Schaufenstern der Juweliere jedenfalls nicht
allgemein kaufanreizend wirken. Solche Preisangaben sind auch
deshalb bedenklich, weil das J uwelengeschäft immer Vertrauens-
geschäft ist und hier zwei gleiche Stücke kaum jemals gleich
sind. Auch besonders teuere und kostbare Damenschuhe und
Kleider versieht man in der Regel nicht mit Preisen. Hier sei
übrigens nebenbei betont, daß überhaupt viele die billigen, ein-
zelne aber die teueren Preise vorziehen. Auch spielt der Preis
nicht in allen Branchen die gleiche Rolle. Ein Sortimentsbuch-
händler wird wohl einige besonders akute Bücher, die für die
7

UL
        <pb n="82" />
        große Menge bestimmt sind (Kursbücher, Steuergesetzerklä-
rungen oder besonders im Preise zurückgesetzte oder antiqua-
rische Bücher u. a.) im Schaufenster mit deutlich sicht-
baren Preisen auszeichnen. Er wird aber nicht eine ganze Aus-
lage von vielen Büchern durch aufdringliche Preisauszeich-
nungen ästhetisch verderben 1). Wenn Lysinski schreibt: „Das
Publikum entschließt sich nicht so leicht, auf einen Gegenstand
Bezug zu nehmen, dessen Preis es nicht kennt. Denn es ist ihm
dabei immer peinlich, einen Preis zu hören, den es nicht anlegen
will oder kann“, so ist dies im allgemeinen gewiß beachtenswert,
aber es darf nach dem Gesagten und auch noch aus Gründen,
deren Darlegung hier zu weit führen würde, keineswegs unbedingt
maßgebend sein. Auch ist natürlich der Aufmerksamkeitswert
der Preisauszeichnungen im Schaufenster bei verschiedenen
Artikeln ein sehr verschiedener,

Daß die Verwendung allzuvieler Gegenstände im Schaufenster
von Übel ist und daß dies keinenfalls Ermüdung aufkommen
lassen darf, wurde schon im dritten Abschnitt erwähnt. Auch die
Zahl der in einem Schaufenster ausgestellten Hüte darf also
nicht unbeschränkt groß sein, wobei auch zu berücksichtigen
sein wird, daß die einzelnen Stücke einander nicht oder doch
nicht allzusehr stören dürfen.. Auch sind 20 Hüte je nach der
Größe des Schaufensters viel oder wenig Hüte und 20 Hüte sind
für ein Schaufenster unter Umständen viel, für das 20 Bleistifte
nichts bedeuten. Der Satz „Lege möglichst viele Gegenstände ins
Schaufenster“, wäre daher gleichfalls falsch! Der Satz endlich
„Vermeide dekoratives Beiwerk“ ist, wie ohne weiteres erhellt,
in seiner Allgemeinheit gleichfalls unhaltbar. Wenn zwei Fir-
men etwa nur Orangen und Zitronen verkaufen, wird diejenige,
die im Schaufenster dekoratives Beiwerk bietet, durch das die

1) Über die Dekoration der Schaufenster der Buchhandlungen vgl.
K, Loele und 0. Bruere. Das Bücherschaufenster, Berlin, ohne Jahreszahl,
1919 erschienen.
72
        <pb n="83" />
        Waren gehoben werden, unter sonst gleichen Bedingungen besser
abschneiden als die andere.

Wenn Lysinski sagt, daß die Ergebnisse seiner Untersuchung
die in dem betreffenden Geschäftshause geübte Dekorations-
methode als richtig erwiesen hat, so daß man also dort auf Grund
der Erfahrung zu denselben Forderungen kam wie er, so beweist
dies in der Tat, daß konkrete Beobachtungen dieser Art prak-
tisch ausgeschöpft werden können. Unsere Ausführungen
aber zeigen, was übrigens Lysinski am Schluß seiner Arbeit auch
schon angedeutet hat, daß man bei vorschneller Verallgemeine-
rung solcher Versuche zu gewaltigen Mißgriffen geführt werden
kann, weil eben in verschiedenen Verhältnissen ganz verschiedene
Bedingungen obwalten und daher ganz verschiedene Forderungen
maßgebend sind. Jeder Wirklichkeitsversuch bezieht sich eben
nur auf einen ganz bestimmten Teil der Wirklichkeit.

Natürlich können auch rein statistische, an die Praxis ange-
schlossene Untersuchungen zu falschen Verallgemeinerungen
und zur Ableitung falscher Regeln führen. So wäre es unrichtig,
wenn man etwa aus den erwähnten Ergebnissen Blumenfelds den
Satz ableiten wollte, daß das obere Drittel des Schaufensters
generell wenig beachtet wird. Blumenfeld selbst weist mit Recht
darauf hin, daß für größere Entfernungen gerade der oberste
Teil des Schaufensters ausgenützt werden müßte, während die
obigen. Sätze aus dem Verhalten der Beschauer unmittelbar vor

dem Schaufenster abgeleitet wurden. Für ein Geschäft, vor dem
ein sehr großer freier Platz liegt, könnte daher am besten gerade
der oberste Teil des Fensters für die Anlockung der Kunden aus
weiter Ferne nutzbar gemacht werden. Es muß aber allerdings
auch betont werden, daß sich das Verhalten der Beschauer wesent-
lich nach der Auslage selbst richtet und daß die oberen. Teile des
Schaufensters jedenfalls teilweise deshalb von den Nahbeschauern
vernachlässigt werden, weil sie weniger bieten als die anderen
A
        <pb n="84" />
        Partien, zumal als die unterste, die der Dekorateur von jeher am
meisten berücksichtigt hat.

Die erwähnten Laboratoriumsversuche von Starch, die sich den
Experimenten der theoretischen Psychologie viel mehr nähern
als die lebensnahen Wirklichkeitsversuche haben gegenüber die-
sen den Vorteil, daß sie mit Bedingungen arbeiten, die leicht im
einzelnen. beschrieben. und daher leicht jederzeit wiederholt wer-
den können. Bei der praktischen Auswertung solcher Versuche
kommt es dann nur darauf an, daß man genau übersieht, welche
aus ihnen abgeleiteten Sätze für den konkreten Fall in Frage
kommen und daß man aus diesen Sätzen die richtigen Folge-
rungen für die Praxis zieht. Auch ist es natürlich wesentlich,
daß man bei der Inangriffnahme von solchen Laboratoriumsver-
suchen von vornherein Fragen stellt, deren Lösungen auf die
Praxis anwendbar sind. Endlich darf nicht übersehen werden, daß
die Anwendung von Sätzen der skizzierten Laboratoriumspsycho-
logie zu Konkurrenzfragen der Prinzipien und auch noch zu
anderen wichtigen Erwägungen führen kann. Eine Konkurrenz-
frage der Prinzipien liegt z. B. vor, wenn zu entscheiden ist,
ob eine unauffällige Anzeige in der Mitte der ersten Seite eines
Kataloges wirksamer ist als dieselbe Anzeige, wenn sie in auf-
merksamkeitsfesselndem Druck auf einer Seite in der Mitte des
Kataloges erscheint. Natürlich muß man sich auch hüten, solche
Laboratoriumsversuche vorschnell zu verallgemeinern.

Diejenigen Laboratoriumsexperimente, die wir bisher allein
ins Auge faßten, können als abstrakte Versuche bezeichnet wer-
den. Zwischen ihnen und den Wirklichkeitsversuchen gibt es nun
allerlei Übergänge, die bei richtiger Behandlung gleichfalls ihren
Wert besitzen können. So hat M. Schorn !) 45 Personen verschie-
denen Geschlechts, Alters und Standes als Versuchspersonen ein
Reklameplakat der Firma Weck, Fabrik von Einkochapparaten

1) M. Schorn, Begutachtung von Reklameplakaten und Inseraten. Prak-
tische Psychologie. 2. Jahrg., 1920/21. S. 257 ff.

U

7:
        <pb n="85" />
        und Einkochgläsern vorgelegt. Die Darbietungszeit betrug zwei
Minuten. Das Plakat zeigte eine Inschrift „Denk an den Winter
— Original Weck“ und eine durch ein Fenster sichtbare Winter-
landschaft. Nachher mußten die Versuchspersonen einen schrift-
lichen Bericht über das Gesehene machen. Endlich wurden ihnen
mündliche Fragen vorgelegt; sie wurden einem „Verhör“ unter-
zogen. Die Auswertung der schriftlichen Berichte ergab unter
anderm, daß die reklamewichtigsten Inhalte: des Plakats, wie An-
gebot von Einkochapparaten und zugehörigen Gläsern, Aufforde-
rung zum Kinkochen, Warnung vor anderen F abrikaten, zu

wenig beachtet wurden. Das Reklameplakat war zu sehr zum Bild
geworden. Das Verhör bestätigte diese Ergebnisse. 39 % der Ver-

suchspersonen hatten. das Angebot von Weckgläsern, 67 % die

Empfehlung von Wecks Einkochapparat nicht einmal erkannt.

Solche Experimente können natürlich als Grundlage dafür
dienen, den Einstellungswert eines Plakates zu beurteilen bzw.
den Einstellungswert verschiedener Plakate zu vergleichen,

Sie stehen insofern hinter den abstrakten Experimenten zu-
rück, als sie nicht auf die Ableitung allgemeiner Sätze abzielen,
sondern als sie vielmehr wie die Wirklichkeitsversuche nur prü-
fen, was bei bestimmten gegebenen. Reklamen eintritt. Sie unter-
scheiden sich aber von den eigentlichen Wirklichkeitsversuchen
insofern, als sie die Wirklichkeit gewissermaßen ins psycho-
logische Institut verlegen. Letzteres Verfahren hat den großen
Vorteil der leichteren Ausführbarkeit und Leitung der Ver-
suche und gewährt die Möglichkeit, die Versuchsbedingungen
in Schärferer Weise zu fixieren, als dies bei den reinen Wirklich-
keitsversuchen der Fall ist. So kann man natürlich den Versuchs-
personen ein Plakat im Institut unter viel gleichförmigeren Be-
dingungen (auch hinsichtlich der KExpositionsdauer) vorlegen,
als sich etwa eine Auslage den verschiedenen Straßenpassanten
präsentiert. Aber selbstredend ist auch hier die Hauptsache die,
daß man aus dem Experiment die richtigen Schlüsse zieht, Wer

TE
‚W)
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        z. B. bei einem Versuch, wie dem eben geschilderten, nur Studen-
ten als Versuchspersonen verwendet, darf nicht so weitgehende
Schlüsse für die Praxis ableiten wie der, dessen Versuchspersonen
genau den Interessenten für die Weckapparate entsprechen.

Ich habe nun in großen Zügen die Methoden der Reklame-
statistik und Reklamepsychologie, soweit sie die Einstellung

der Persönlichkeit betrifft, diskutiert und auch schon eine Reihe
praktischer Beispiele vorgeführt. Wir wollen nun zunächst noch
einige weitere Ergebnisse und Verfahrungsweisen aus diesem
Teil der experimentellen Reklamepsychologie mitteilen. Ich
fuße dabei wesentlich auf dem schon oben zitierten Buch meines
langjährigen Mitarbeiters Th. König, Reklamepsychologie (3. Aufl.
1925), welches zurzeit den besten und vollsändigsten Überblick
über die Literatur der Reklamepsychologie gibt.

W. D. Scott untersuchte den Einstellungswert der relativen
Größe von Anzeigen. Er stellte ein Buch von 100 Seiten her,
auf welchen Anzeigen aus den verschiedensten Zeitungen aufge-
klebt waren. 50 Versuchspersonen mußten das Buch so durch-
sehen, wie man die Anzeigenseiten in Zeitschriften zu betrachten
pflegt. Zu dieser Arbeit brauchten die Versuchspersonen durch-
schnittlich zehn Minuten. Unmittelbar nach Durchsicht des
Buches hatten sie niederzuschreiben, was ihnen noch im Gedächt-
nis war. Es zeigte sich nun, daß durchschnittlich eine ganzseitige
Anzeige etwas mehr beachtet und behalten wurde als zwei halb-
seitige, daß ferner eine halbseitige Anzeige durchschnittlich
wesentlich günstiger war als zwei viertelseitige und daß endlich
die viertelseitigen Anzeigen durchschnittlich ganz erheblich gün-
stiger waren als die kleineren, die zusammen den gleichen Raum
einnahmen, wie die viertelseitigen.

Untersuchungen einer englischen Plakatfirma bezogen sich auf
die Fernwahrnehmung von Farbenkombinationen. Es wurden
schwarze, weiße und farbige Schriften auf versehiedenem Grund
aus großer Entfernung beobachtet und die Fernwahrnehmbarkeit

77
        <pb n="87" />
        der Schriften geprüft. Hierbei ergab sich folgende Rangordnung
für die Wahrnehmbarkeit.
1. Schwarzer Druck auf gelbem Papier
2. Grüner n „ weißem ®
3. Roter x „ weißem %
4. Blauer a „weißem .
5. Weißer ; blauem
6. Schwarzer weißem
7. Gelber schwarzem,
8. Weißer rotem e
9. Weißer ‚ grünem %
10. Weißer ) „ schwarzem
11. Roter P „ gelbem %
12. Grüner 7 » rotem N
13. Roter 5 „ grünem

Hierbei ist allerdings zu bedenken daß, wenn auch diese Ver-
suche an. sich mancherlei praktische Winke geben können, grün
und grün, rot und rot usw. psychologisch nicht gleichwertig sind.
Man wird also im gegebenen Fall immer gerne zu eigenen prak-
tischen Untersuchungen schreiten.

Eine andere Frage ist die nach der leichteren oder schwereren
Auffaßbarkeit (dem Apperzeptionswert) von Reklametexten. Bei
kurzer Darbietung sind nicht nur einzelne Buchstaben, sondern
in gleicher Weise auch kurze Wörter von zirka 6 Buchstaben
längeren Gebilden gegenüber im Vorteil. R. W. Schulte stellte
nun Untersuchungen mit tachistoskopisch, d. h. während einer
bestimmten, ganz kurzen Zeit gebotenen Lapidar-Versalien von
25 mm Höhe und 25 mm Breite an, die aus bequemer Nähe dar-
geboten wurden. Sehr dünne Schriften erwiesen sich hierbei als
besonders schwer, d. h. erst nach relativ viel momentanen Dar-
bietungen auffaßbar. Das Optimum des Verhältnisses von
Schriftstärke und Schrifthöhe lag ungefähr bei den Werten 1:5.
Auch sehr dicke Schriften sind daher der Auffaßbarkeit nicht
78
        <pb n="88" />
        günstig, wenn sie sich auch etwas vorteilhafter erweisen als
dünne. Wenn die Buchstaben eng nebeneinander stehen oder zu
große Abstände haben, ist die Lesbarkeit gleichfalls erschwert.
Das Optimum der Lesbarkeit ergab sich, wenn die Buchstaben
durch einen. Zwischenraum von einer halben Buchstabenbreite
getrennt waren. Andere analoge Versuche bezogen sich auf die
leichtere oder schwerere Auffaßbarkeit von farbigen Schriften auf
farbigem Grunde, die natürlich mit der vorhin erwähnten Fern-
wahrnehmbarkeit nicht verwechselt werden darf,

Experimente über die assoziative Wirkung von Reklamen hat
Lysinski angestellt. Wir sahen schon oben, daß wenn ein Erleb-
nis A ein Erlebnis B assoziiert, deshalb noch nicht auch das Er-
lebnis B in gleichem Maße zur Reproduktion des Erlebnisses A
geeignet sein müsse. Wenn also etwa der Gedanke an eine Firma
oder an eine Wortmarke (z. B. Odol) einen von der Firma ver-
kauften (oder durch die Wortmarke bezeichneten) Artikel ins
Gedächtnis ruft, so braucht nicht ohne weiteres das umgekehrte
der Fall zu sein. Da die Reklame nun in der Regel weniger auf
den Artikel als auf die Firma (Wortmarke) hinweisen will, so
ist in Ankündigungen aller Art die Folge Artikel — Firma
(Wortmarke) der Folge Firma (Wortmarke) — Artikel vorzu-
ziehen. Aus Versuchen mit Wortmarken, die den Versuchsper-
sonen unbekannt waren, hat Lysinski überdies abgeleitet, daß die
Warenbezeichnung auch an sich die Wortmarke leichter, d. h. bei
einem größeren Prozentsatz der Versuchspersonen assoziiert als
sie von der Wortmarke assoziiert wird. Denn er konnte zeigen,
daß die Verbindung Artikel — Wortmarke um zirka 26 % der
Fälle besser im Bewußtsein haftete als die Verbindung Wort-
marke — Artikel.

Hinsichtlich der Gedächtniswirkung der Reklame konnte er
experimentell zeigen, daß die Gedächtnishaftung der von ihm
seinen Versuchspersonen dargebotenen einsilbigen, zweisilbigen
und dreisilbigen Wortmarken sich verhält wie die Zahlen 62, 47

"9

IL
        <pb n="89" />
        und 44. Auch ergab sich neben anderem, daß gewöhnliche Wort-
marken (wie z, B. Lichtmeer) viel besser im Gedächtnis haften
als Phantasienamen wie z. B. Nivea.

Über den Gedächtniswert von Anzeigen liegen Versuche von
Strong vor. Sie ergaben zum Teil Tatsachen, die nach den oben
angedeuteten Gedächtnisuntersuchungen von Ebbinghaus und
seinen Nachfolgern ohne weiteres zu erwarten waren, führten
aber auch zu mancherlei anderen interessanten Spezialergebnissen.
Wenn ein Zwischenraum von einem Monat zwischen den ein-
zelnen Darbietungen einer Anzeige liegt, so haben zwei Darbie-
tungen % mehr Erinnerungswert als eine und vier Darbietungen
2/2 mehr als eine. Ein ganzseitiges Inserat, das einmal in vier
Monaten gezeigt wurde, hat 20 % mehr bleibenden Eindruck ge-
macht als zwei halbseitige Anzeigen, die alle zwei Monate ein-
gerückt worden waren bzw. 27 % mehr als vier viertelseitige, die
alle Monat gezeigt worden waren. Für alle diese und ähnliche
Versuche war ein Heft hergestellt worden, dessen Blätter in ge-
eigneter Weise mit aus Zeitungen herausgeschnittenen Anzeigen
beklebt waren.

Die Frage, ob und inwieweit neue Reklamen, z. B. neue Plakate
oder Schutzmarken mit alten als zusammengehörig, d. h. als mit
ihnen ähnlich empfunden werden, kann gleichfalls experimentell
geprüft werden, wenn man einer großen Anzahl von Versuchs-
personen die alten und viele neue Plakate vorlegt und sie die-
jenigen neuen Plakate bezeichnen Jäßt, die sie an die alten er-
innern. Gleichzeitig kann die Aufstellung einer Rangreihe der
ähnlichen Plakate von den Beobachtern verlangt werden, in
welcher das ähnlichste Plakat an erster, das zweitähnlichste an
zweiter Stelle steht usw. Auch wird man natürlich die Versuchs-
personen in einem solchen Fall auch nach den Gründen ihrer
Urteile über die Ähnlichkeit fragen. In dieser Richtung liegen
genaue Untersuchungen von H. Piorkowski.

Die Bewußtseinslage der Bekanntheitsqualität, die durch neue,
81)
        <pb n="90" />
        mit alten ähnlichen Reklamemitteln erregt werden kann, gehört
zweifellos zur assoziativen Wirkung der neuen Mittel. Unter-
suchungen über die Assoziationswirkung von Reklamen liegen
auch vor, wenn man vielen Versuchspersonen etwa tachistosko-
pisch ein Inserat mit dem Bild eines Eisbären darbietet und sie
fragt, welche Gegenstände durch diese Reklame empfohlen zu
werden scheinen. In einem ähnlichen Versuche von C. Pior-
kowski erinnerte der Bär fast in allen Fällen an Pelzangebote,
während das Inserat Kühlmaschinen empfahl. Die assoziative
Wirkung der untersuchten Reklame erwies sich demnach hier als
verfehlt, der Assoziationswert des Inserats als schlecht.

Auch Schriftzeichen haben übrigens insofern mehr oder weni-
ger verschiedenen assoziativen Charakter und Assoziationswert,
als sie zu verschiedenen Reklameobjekten mehr oder weniger gut
passen, also Stimmungen assozlieren, die verschiedenen Reklame-
objekten mehr oder weniger konform sind. Für lyrische Gedichte
scheinen zierliche Typen besser zu passen als monumentale Schrift-
zeichen, die man vielleicht eher für religiöse Werke wählen wird.
Überhaupt muß bei einer Reklame alles zusammen und auch zur
Ware passen, wenn nicht ihr Gefühlswert leiden soll. Schwere
Maschinen wird man daher nicht gerade mit kleinen, heiteren
weiblichen Gestalten umgeben. Jeder Teil und jede Komponente
eines Reklamemittels muß sich der vorliegenden „Atmosphäre“
fügen. Auch der Atmosphärenwert. von Reklamen kann Gegen-
stand des Experiments werden. So hat z. B. W. 8. Heller durch
Feststellungen der Urteile der Versuchspersonen den größeren
oder geringeren Atmosphärenwert von zwölf verschiedenen Pak-
kungen ein und desselben Artikels untersucht.

Das angedeutete Verfahren, wo eine Versuchsperson Re-
klameobjekte nach der Ähnlichkeit mit anderen ordnet, fällt unter
den Begriff der Wertordnungsmethoden. Solche Methoden liegen
auch vor, wenn eine Versuchsperson eine große Anzahl von Pla-
katen nach anderen Assoziationsgesichtspunkten oder auch nach
6 Marbe, Werbung. Be

.
        <pb n="91" />
        ihrem Gefühlswert oder nach anderen reklamewichtigen Werten
in eine Rangreihe bringt oder wenn der Experimentator z. B.
feststellt, welches Reklameobjekt von n gegebenen den größten
Aufmerksamkeits- oder Gedächtniswert hat, welches an zweiter
Stelle steht usw. Oft wird es freilich bei solchen Wertordnungs-
methoden genügen, wenn nur das erste oder die paar ersten
Glieder der Rangreihe festgestellt werden.

Alle systematischen Untersuchungen zur Psychologie der Re-
klame, von denen bisher die Rede war, beschäftigen sich mit dem
KEinstellungswert von Reklamemitteln. Aber auch in anderer Be-
ziehung kann die Psychologie für die Reklame wichtig werden,
so besonders im Fall des Plagiats. Nachahmungen von charakte-
ristischen Reklamen anderer Firmen wirken, wenn sie als solche
erkannt werden, in der Regel unlusterzeugend und daher letzten
Endes hemmend auf die gewollte Willenswirkung der Reklame.
Sie sind also schon im eigenen geschäftlichen Interesse zu ver-
meiden. Ähnlichkeiten von Reklamemitteln verschiedener Firmen
können aber auch zu Rechtsstreitigkeiten führen. Über die hier
angedeutete Bedeutung der Psychologie für die Reklame, über
die schon H. Münsterberg 1!) gehandelt hat, spreche ich ganz am
Ende der vorliegenden Schrift 2),

*) H. Münsterberg, Psychologie und Wirtschaftsleben. 4. unveränderte
Aufl., Leipzig 1919. 8. 165.
. ?) Neuerdings sind im Zusammenhang mit dem „Anzeigen-Wettbewerb“
der Dresdener Neuesten Nachrichten und anderer Zeitungen auch noch
einige Arbeiten zur Psychologie der Reklame von H. Piorkowski, F. Giese
und M. Frank erschienen, die in der neuesten, dritten Auflage des Buches
von Th. König nicht mehr aufgeführt werden konnten. Vgl. Industrielle
Psychotechnik. 2. Jahrg., November 1925. Heft 11. S. 321 ff.
8°
        <pb n="92" />
        6. ÜBER BUCHHÄNDLERISCHE REKLAME-
PSYCHOLOGIE.

Bei der bisherigen Entwicklung der Grundfragen der Reklame-
psychologie wurden verschiedenste Gebiete des Geschäftslebens
gestreift. Jeder einzelne Geschäftsbetrieb hat nun aber sozu-
sagen seine eigene Reklamepsychologie. Die allgemeinen Fragen
und Ergebnisse der Werbungspsychologie finden natürlich auch
bei ihm Anwendung. Aber abgesehen hiervon führt er auch auf
ganz besondere spezielle Probleme der Werbung.

Dies wird deutlich, wenn wir im folgenden nun über die Re-
klamepsychologie im Buchhandel sprechen und ganz spezielle
Untersuchungen zum | Problem der Werbung in diesem Gebiet
mitteilen.

Der Werbung im Buchhandel ist nicht nur in unseren bis-
herigen Ausführungen, sondern auch von anderen Autoren schon
öfters gedacht worden. So sagt Blumenfeld: „Das im Buchhandel
zum Teil noch verbreitete Verfahren, Bücher der verschiedensten
Berufs- und Interessengebiete wahllos durcheinander auszustel-
len, erscheint deshalb als verfehlt.“ Ferner führt er folgendes
aus: „Als Mindestmaß der Beleuchtung muß offenbar diejenige
Intensität gelten, bei der alles, was ausgestellt ist, deutlich er-
kannt werden kann. Dazu gehören aber nicht nur Art und Qua-
lität der Waren, sondern auch Angaben über die Preise und son-
stige werbewichtige Mitteilungen. Stellt man diese Forderung
ganz allgemein, so ergeben sich daraus Gesichtspunkte nicht nur
für die Beleuchtung, sondern auch für die Aufstellung, Ent-
fernung, Größe und Art der Beschriftung usw., die alle ebenso
selbstverständlich wie in weiten Grenzen unberücksichtigt sind.
So werden z. B. Bücher oft nicht nur in unzweckmäßig großer

3

Q-
        <pb n="93" />
        Höhe, sondern auch in stark seitlicher Stellung oder so großer
Entfernung angebracht, daß ihre Titel auch bei guter Sehschärfe
nicht gelesen werden können. Besonders unangenehm fällt das
auf, wenn die Titel nicht von dem Titelblatt, sondern. vom Rücken
abzulesen sind. Dabei wird die Erkennbarkeit durch eine oft in
ganz unverständlichem Maße mangelnde Rücksicht auf das Ver-
hältnis der Schrift zur Umschlagfarbe, durch die Art der Lettern
usw. erschwert. Nebenbei sei die Bemerkung erlaubt, daß hier
auch eine immerhin wichtige Aufgabe für die Normalisierung
vorliegt. Bei allen nicht stark visuell veranlagten Menschen be-
dingt das Lesen seitlich stehender Worte eine Neigung des Körpers
oder doch des Kopfes. Nun sind die Titel bei allen schwächeren
Bänden in dieser Weise angebracht, und man wird sich damit
abfinden müssen, weil ihre Unterbringung sonst übermäßig er-
schwert ist. Aber geradezu qualvoll ist es für den vor dem Schau-
fenster Stehenden oder gar in Bibliotheken Suchenden, wenn er

bei der Durchsicht sich immerfort abwechselnd nach rechts oder

links krümmen oder neigen muß. Es dürfte eine Kleinigkeit

für die Verleger sein, sich über diese Frage zu verständigen, am

besten unter Anpassung an die bei den Ingenieuren bereits be-
stehenden Normen über die Beschriftung technischer Zeich-
nungen 1).“

Auch Kliemann hat in seiner Schrift „Die Werbung fürs
Buch“ psychologische Fragen behandelt 2).

Zunächst wird man sich klar zu machen haben, daß das Buch
eine ganz besondere Reklame verlangt. Die Ansicht, daß sich
jede Reklame nach dem Gegenstand richten muß, den sie propa-
gieren will, wurde schon. oben nahegelegt, als wir vom Atmo-
sphärenwert der Reklamen sprachen. Außerdem aber muß natür-
lich jede einzelne Reklame schon deshalb einen besonderen. Cha-

*) W. Blumenfeld, Zur Psychotechnik der Werbewirkung des Schau-
fensters. Praktische Psychologie. 2. Jahrg., 1920/21. S. 85 und S. 87.

?) Horst Kliemann, Die Werbung fürs Buch. 2. Aufl., Stuttgart 1925,
8A
        <pb n="94" />
        rakter tragen, weil sie (abgesehen davon, daß sie sich nach den
Menschen richten muß, die sie jeweils bearbeiten will) immer
eine Einstellung auf die Annahme oder Leistung eines ganz be-
stimmten Dienstes oder doch einer bestimmten Art von Diensten
herbeizuführen sucht. Das Buch verlangt aber zudem deshalb
eine besondere Werbung, weil es im Gegensatz zu anderen Waren
vornehmlich nicht wegen seiner selbst, sondern wegen seines
geistigen Inhalts gekauft wird!). Überdies erfordern die ver-
schiedenen Bücher wegen ihrer sehr verschiedenen geistigen In-
halte und auch weil sie sich eben wegen ihrer verschiedenen In-
halte an ganz verschiedene Schichten richten, verschiedene Rekla-
men. Ganz ausschließlich ist freilich der geistige Inhalt des Buches
für den Bücherkauf nicht maßgebend, wie sich später zeigen wird.

Die Einsicht, daß die Bücher vornehmlich wegen ihrer geistigen
Inhalte gekauft werden, ist aber viel zu allgemein, als daß sie zu
einer Begründung der speziellen buchhändlerischen Reklame aus-
reichte. Man wird sich vor allem fragen müssen, welche kon-
kreten Gesichtspunkte im Einzelfall den Kauf von Büchern be-
stimmen. Zu welchem Zweck also kaufen wir Bücher?

Man kann ein Buch kaufen, um es zu lesen. Aber nicht jeder,
der z. B. einen bestimmten Roman lesen will, wird ihn auch
kaufen. Die Möglichkeit, ihn von einem guten Freund zu leihen
oder ihn aus einer Leihbibliothek zu bekommen, kann den Willen
zum Kauf annulieren. Viele hassen freilich die Leihbibliothek
aus hygienischen Gründen oder weil sie es ästhetisch verab-
scheuen, abgegriffene Bücher in die Hand zu nehmen und andere
haben viel zu viel Hemmungen, um Freunde um Bücher zu
bitten. Viele halten es überhaupt unter ihrer Würde, sich Bücher
auszuborgen. Andere kaufen ein Buch, weil ihnen der Kauf als
die bequemste Art erscheint, es sich zu verschaffen. Die letzteren
sind die Wohlhabenden, wie denn überhaupt ein gewisser Reich-

1) Horst Kliemann, a. a. 0. 8. 1.
85
        <pb n="95" />
        tum bewußt oder unbewußt dem Leihen von Büchern entgegen-
wirkt. Einzelne wenige halten das Leihen von Neuerscheinungen
überhaupt für nicht anständig, da der Autor dadurch nach ihrer
Ansicht geschädigt wird. Diese Tatsachen führen zu der Forde-
rung, daß die Reklame für den Gesamtbuchhandel durch eine
ganz systematische Propaganda dahin wirken sollte, daß zunächst
bei den Bemittelten und dann in immer weiteren Kreisen die An-
sicht allgemein wird, daß man die Bücherpdie man zu seiner per-
sönlichen Unterhaltung, Freude und Förderung lesen will, auch
besitzen sollte. Diese Propaganda müßte eine immer weiter um
sich greifende Einstellung herbeiführen, die das Leihen von
Büchern prinzipiell ebenso verurteilt, wie das Leihen von anderen
Gebrauchsartikeln, zu dem man sich nur in Notfällen entschließt.
Auch die Literatur selbst, das Kino und anderes könnte in den
Dienst dieser Propaganda treten. Ihre Wirksamkeit wird freilich
wesentlich von dem Wohlstand des Publikums abhängen. Übri-
gens ist das Durchlesen eines Buches natürlich niemals Selbst-
zweck. Wir lesen einen Roman, um uns die Zeit zu vertreiben,
oder um einen berühmten Autor kennenzulernen, oder um durch
den Roman und andere gleichzeitige Werke ein Bild von den
literarischen Bestrebungen einer Epoche zu erhalten. Auch die
schöne Sprache und die spannende Darstellungsart kann uns zum
Kaufen eines Romanes bestimmen. Wir lesen ein historisches
Werk, um uns zu belehren oder um unser patriotisches oder
historisches Interesse zu befriedigen. Usw.

Aber nicht nur wegen des Lesens kaufen wir Bücher. Man
kann ein Buch auch kaufen, um es zu besitzen. Die Bibliophilen
sind nicht nur reiche Leute, die seltene und schöne Bücher sam-
meln, sondern die Bibliophilie ist, unbeschadet der Sitte des
Bücherleihens, weiter verbreitet als man meint. Früher gab es
manche kleine Leute, die meinten, einen Schiller sollte man
wenigstens haben. Auch Goethe und Schlossers Weltgeschichte
waren Bücher, die sie besitzen wollten. Und viele Herren der

$

RE:
        <pb n="96" />
        Gesellschaft kaufen heute Bücher, weil sie ‚es als zum guten Ton
gehörig erachten. Auch junge Gelehrte erwerben, wenn sie finan-
ziell dazu in der Lage sind, vielleicht manches Buch nur, weil
sie sich in einer bücherreichen Umgebung wohl fühlen und auf
den Bücherbesitz etwas halten. Auch der Bücherbesitz als solcher
kann nämlich zu einem unabweisbaren Bedürfnis werden. Viele
sind auch so eingestellt, daß sie es geradezu für eine Pflicht halten,
jedes Werk eines von ihnen hochgeschätzten Schriftstellers zu
besitzen. Auch der bibliophile Sammler und viele andere Samm-
ler kommen ja häufig dazu, den Besitz gewisser Bücher, Kunst-
werke usw. als eine unabwendbare Forderung zu empfinden. Der
Buchhandel wird die hier angedeuteten Einstellungen auf den
Bücherbesitz in seiner Propaganda gegen das Leihwesen ver-
werten, aber auch durch besondere Propaganda zu pflegen
suchen. Diese Bestrebungen hätten dahin zu wirken, daß der Be-
sitz einer eigenen Bibliothek ein allgemeiner Wunsch und eine
allgemeine Gepflogenheit breitester Schichten wird!). Auch die
Innenarchitekten und die Möbelbranche wären zu diesem Propa-
gandafeldzug heranzuziehen. Mehr als heute müßten Bücher
auch in den Auslagen der Möbelgeschäfte zu sehen sein. Gute
Einbände und künstlerische Ausstattungen würden diese Sache
sehr fördern. Innenarchitekten und erfahrene verständige Sorti-
menter könnten oft zusammenarbeiten. Denn nicht nur der Neu-
reiche aus der Inflationszeit läßt sich bei der Anschaffung und
Einrichtung einer Bibliothek weitgehendst durch den Buch-
händler beraten.

Ob die Leihbibliotheken vom Standpunkt des Buchhändlers
aus ganz unbedingt zu verwerfen sind oder ob sie (trotzdem sie
natürlich der Geringschätzung des Bücherleihens und dem Stolz
über eigenen Buchbesitz entgegenwirken) vom Buchhändler zu

1) Eine Propagandaschrift für den eigenen Buchbesitz und die Buch-
erwerbung überhaupt ist z. B. das Werkchen von F. M. Huebner, Das Buch
und der Mensch. Dessau 1924.

“7

S
        <pb n="97" />
        pflegen sind, ist eine schwierige Frage. Tatsache ist, daß ein di-
rektes Ankämpfen gegen die unzähligen Volks-, Vereins-, Werk-
bibliotheken u. dgl. in unserer Zeit der materiellen Not aussichts-
los und geradezu kulturfeindlich wäre. Auch wird eine Bekämp-
fung der wissenschaftlichen Bibliotheken, die unzählige alte und
neue Bücher zur Verfügung der Gelehrten und übrigen. Inter-
essenten halten müssen, keinem Verständigen einfallen; denn
die erwähnte prinzipielle Ablehnung des Bücherleihens kann na-
türlich für den wissenschaftlichen Arbeiter, der abgesehen von
seinem eigenen Bücherbesitz im Laufe der Zeit noch Tausende
von Büchern nachsehen muß, die er weder bezahlen, noch unter-
bringen, noch verwalten, noch in vielen Fällen leicht beschaffen
könnte, nicht in Frage kommen. Ob aber die Buchhändler durch
Errichtung eigener Leihbibliotheken und Lesezirkel der Sache
des Buchhandels nützen oder schaden, das ist die Frage. Derlei
Einrichtungen von seiten der Sortimenter haben jedenfalls den
großen Vorteil, daß sie viele Personen für das Buchwesen inter-
essieren und sie mit dem betreffenden Geschäft verbinden. Da-
durch werden von ihnen in diesem Geschäft auch mancherlei
Käufe abgeschlossen, die sonst ausblieben oder anderen Geschäf-
ten zugute kämen. Auch lassen sich natürlich mit der Leihbiblio-
thek manche Reklamen verbinden, z. B. so, daß man den‘ Leih-
kunden von Zeit zu Zeit Kataloge und Prospekte übergibt. Eine
ähnliche aber viel beschränktere Bedeutung haben die Lesezirkel,
die vielfach von Sortimentern in die Wege geleitet werden und
die auch ganz direkt zum Bücherverkauf führen können, wenn
jedes der Mitglieder des Zirkels eine bestimmte Zeitschrift be-
zahlt, welche es am Schluß des Jahres als Eigentum erhält.
Reine Leihbibliotheksfirmen dürften aber dem geschäftlichen
Interesse des Buchhandels eher schaden als nutzen.
Für sehr wertvoll halte ich die in Deutschland noch relativ
seltenen. Lesehallen, die bisweilen mit Buchhandlungen verbun-
den sind. Viele Käufer finden den Weg zu diesen Lesehallen
8
        <pb n="98" />
        leichter als zu Buchhandlungen ohne solche. Die Besucher der
Lesehalle können hier die neuen Bücher in Ruhe durchsehen und
sich hier über die große Zahl der Neuerscheinungen viel gründ-
licher orientieren als durch Kataloge und Ansichtssendungen.
Letztere können ja doch immer nur einen beschränkten Umfang
haben. Die Besucher der Lesehalle kommen mit dem Buchhänd-
ler in persönlichen Kontakt und fühlen sich ihm verpflichtet.
Der Wunsch, ein bestimmtes Buch zu besitzen, wird infolge der
Möglichkeit, eine Menge Bücher einzusehen, offenbar mächtig ge-
fördert. Überhaupt muß (abgesehen von dem Für und Wider des
Leihbibliothekwesens) psychologisch betrachtet alles, was das
Publikum mit dem Buch in Fühlung bringt, kauffördernd wir-
ken. Der Buchhändler sollte daher Buchausstellungen, wie sie
von der Deutschen Bücherei in Leipzig und anderen Bibliotheken
veranstaltet werden, dankbar begrüßen und unterstützen. Ende
1925 hat die Mainzer Stadtbibliothek (Direktor: Dr. Ruppel) alle
Bücher ausgestellt, welche die gerade allgemein interessierenden,
akutesten wissenschaftlichen, kulturellen und politischen Zeit-
fragen behandelten und dem Publikum Einsicht in diese Bücher
gestattet. Die Verleger und Sortimenter sollten dahin wirken,
daß solche und ähnliche Ausstellungen allgemeiner werden und
daß ihr Besuch als zum guten Tone gehörig erachtet wird.
Nicht nur zum einfachen Lesen und nicht nur wegen des Be-
sitzes als solchen werden Bücher gekauft. Viele Schriften sind zum
einfachen Durchlesen gar nicht geeignet und auch gar nicht dazu
bestimmt. Hierher gehören die Schul- und Lehrbücher. Wer ein
Lehrbuch benützt, will sich in der Regel seinen Inhalt aneignen.
Ob es sich dabei um eine rein mechanisch-gedächtnismäßige An-
eignung oder um eine Aneignung des Inhalts in höherem Sinne
handelt, ist nebensächlich. Die Schulbücher sind meist Lehr-
bücher, aber teilweise (wie Schulatlanten, Logarithmentafeln
u. a.) auch anderer Natur. Alle Schulbücher aber werden zum
Gebrauch in der Schule oder für die Schule angeschafft.
89
        <pb n="99" />
        Außer den Schul- und Lehrbüchern gibt es auch andere Werke,
die wir nicht zum Durchlesen kaufen und die uns auch dann
wertvoll sind, wenn uns nicht ihr Besitz als solcher reizt. Hierher
gehören Sprach- und Konversationslexika, Fachkalender, Adreß-
bücher, Kochbücher und überhaupt Nachschlagebücher aller Art.

Die Nachschlagebücher können zu den praktischen Gebrauchs-

büchern gerechnet werden. Zu diesen gehören. auch Reisebücher,
Gesangbücher u. a. Übrigens können Bücher der verschieden-
sten Art, je nach Umständen, zu praktischen Gebrauchs-
büchern werden. So wird ein Gelehrter oder Praktiker zwar viel-
fach Bücher kaufen, um sie zu lesen, er wird aber auch manches
wissenschaftliche Werk, das an sich kein Nachschlagebuch ist,
nur deshalb anschaffen, um gelegentlich dies oder jenes in ihm
nachzusehen. Auch Lehrbücher können, besonders wenn sie ein
Fach betreffen, dem der Gelehrte fernersteht, für ihn gelegent-
lich zu Nachschlagebüchern werden. Auch Zeitschriften wissen-
schaftlicher und anderer Art können zum Lesen und Nach-
schlagen. erworben werden.

Ein großer Teil von Büchern wird endlich nicht zur eigenen
Benützung, sondern zu Geschenkzwecken gekauft. Hierher ge-
hören etwa die Bilderbücher und I ugendschriften, die wir unseren
Kindern zu Unterhaltungs- und Belehrungszwecken zur Ver-
fügung stellen. Hierher gehören aber auch schöngeistige Werke,
Kunstmappen und überhaupt Bücher der verschiedensten Art.
Denn jedes Werk kann unter Umständen als Geschenk in Frage
kommen.

Alle diese Ausführungen sind gewiß nicht weltbewegend. Sie
konnten aber unmöglich übergangen werden. Denn die buchhänd-
lerische Reklame muß sich natürlich nach den Zwecken richten,
die für Büchereinkauf maßgebend sein können. Diese Zwecke
sind wesentlich, aber wie wir sahen keineswegs ausschließlich von
den Buchgattungen abhängig.

Hieraus folgt, daß bei der Reklame für das einzelne Buch oder

7
Ol.
        <pb n="100" />
        einzelne Buchgruppen, deren Verwendung nicht selbstverständ-
lich ist, hervorgehoben. oder doch irgendwie bekannt gemacht
werden muß, daß sie bestimmten Zwecken dienlich sind.

Im Sinne dieser Forderung wird verfahren, wenn in Prospek-
ten, Waschzetteln und anderen Anpreisungen ein Buch als ein
für gewisse Kreise passendes Geschenkbuch oder als geeignete
Einführung in ein bestimmtes Wissensgebiet oder als besonders
praktisches Nachschlagewerk bezeichnet wird. Die verschiedenen
Zwecke der verschiedenen Bücherkäufe werden berücksichtigt,
wenn etwa ein neusprachliches Wörterbuch den Technikern, In-
genieuren und überhaupt den Praktikern besonders wegen seiner
Handlichkeit und praktischen Brauchbarkeit, den Philologen und
Sprachforschern in erster Linie wegen seiner guten wissenschaft-
lichen Grundlage empfohlen wird.

Bei der Durchsicht vieler Reklamen für einzelne Bücher habe
ich den Zweckgesichtspunkt häufig vermißt oder doch seine Be-
handlung viel zu wenig entwickelt gefunden. Jeder vernünftige
Mensch, der sich ein Buch anschafft, verfolgt damit einen Zweck.
Und er wird auf den Kauf und überhaupt auf das Interesse für
ein Buch um so besser eingestellt, je mehr er glaubt, daß es einem
der für ihn in Frage kommenden Zwecke dient. Die möglichen
Kaufzwecke müssen. daher, wenn sie nicht ganz selbstverständ-
lich sind, betont werden. Die bloße Inhaltsangabe ist hier keines-
wegs immer ausreichend; denn sie läßt, wie die Erfahrung lehrt,
nur allzu häufig gar nicht erkennen, was das Buch dem Leser
leisten kann. Natürlich wäre es aber töricht, hieraus abzuleiten,
daß jede einzelne Reklame für ein einzelnes Buch auch
den Zweckgesichtspunkt berücksichtigen muß. So kann natür-
lich die Zweckreklame beim Abdruck einzelner Stellen, wie wir
sie in „Nimm und lies!“ finden, nicht in Frage kommen. Sie

sollte aber keinesfalls unterschätzt werden. So wäre bei der Aus-
stellung einer großen Anzahl von Exemplaren ein und desselben
Buches im Schaufenster häufig eine Tafel, auf welcher die ver-
1
&amp;
        <pb n="101" />
        schiedenen möglichen Kaufzwecke hervorgehoben werden, zu
empfehlen.
Am besten ist es, wenn die Eignung des Buches zur Erfüllung
möglicher Kaufzwecke (Befriedigung bestimmter idealer Inter-
essen, praktischer Nutzen usw.) schon aus dem Titel resultiert.
Man müßte daher eigentlich soweit als irgend möglich schon
durch den Titel oder doch den Untertitel eines wissenschaftlichen
Lehrbuches zeigen, ob es nur die Hauptsachen behandelt oder ob
es mehr enzyklopädisch gerichtet ist, ob es für Anfänger oder
auch für das große Publikum bestimmt ist, ob es mehr zusammen-
fassender Natur ist oder ob der Autor auf seine neuen Ideen den
Hauptwert legt usw. Dieser Forderung steht freilich die andere
gegenüber, daß der Titel möglichst kurz sein soll und daß daher
ein Untertitel möglichst zu vermeiden ist. Denn je kürzer der
Titel ist, desto besser prägt er sich unter sonst gleichen Be-
dingungen ein. Je einprägsamer er aber ist, desto größere
psychische Bereitschaft besitzt er, desto leichter wird er einem
also bei den verschiedensten Gelegenheiten einfallen, desto
kauffördernder wird er also wirken. In der Praxis wird man
daher ein Optimum suchen, d. h. man wird nach Kürze streben
und die eventuelle Befriedigung von Kaufzwecken durch das
Buch, soweit im Titel "hierauf nicht hingewiesen werden kann,
in anderen Reklamen (Waschzettel, Prospekte usw.) betonen. Da
sehr viele Rezensenten bekanntlich fast nur das Vorwort ge-
nauer lesen, so ist zu bedenken, daß die Aufzählung der in Frage
kommenden Kaufzwecke im Vorwort als Grundlage dafür dienen
kann, daß sie. durch Rezensionen allgemeiner bekannt gemacht
werden. Freilich sollte ein jeder Autor eines Buches, dessen prak-
tischer oder idealer Nutzwert, nicht aus dem Titel erhellt (ganz
unbekümmert um Reklamefragen), schon im persönlichen Inter-
esse des Lesers im Vorwort sagen, wozu das Buch dient. Eine
Ausnahme hiervon machen nur Werke der schönen Literatur, bei
denen solche Ausführungen aus künstlerischen Gesichtspunkten
03

A
        <pb n="102" />
        bedenklich und daher weder im Interesse des Lesers noch der
Werbung gelegen wären.

Der Titel eines Buches kann hiernach selbst als Reklamemittel
fungieren. Hierbei ist freilich zu beachten, daß ein Buchtitel
kaum jemals absoluten Reklamewert hat, sondern daß seine wer-
bende Wirkung immer auch von der Zeit abhängt, in welcher
das Buch erscheint. Denn auch die Interessen der Menschen
haben. ihre Schwankungen und ihre Geschichte. Spenglers Buch
über den Untergang des Abendlandes wäre weit weniger gekauft
worden, wenn wir wie 1870/71 auch im Weltkrieg von Sieg zu
Sieg geschritten wären und wenn wir einen glänzenden Frie-
densschluß erzielt hätten. Solange sich die Menschen auf den
Höhen des Lebens wähnen, pflegen sie sich nicht für ihren Unter-
gang zu interessieren. Spenglers Buch lehrt uns aber auch, wie
wichtig es geschäftlich ist, daß schon der Titel zeigt, daß das
Buch bestimmten Zwecken des Publikums entspricht. Es wurde
zweifellos zunächst deshalb gekauft, weil man glaubte, darin
etwas zu finden, was mit dem Untergang der Weltstellung
Deutschlands im Zusammenhang steht oder weil man meinte,
daß es den trübseligen Stimmungen gegen Ende des Krieges und
nach dem Vertrag von Versailles irgendwie gerecht würde.
Hätte der Titel „Untersuchungen über historische Parallelen“
gelautet und wäre der Ausdruck „Untergang des Abendlandes“
auch nicht in der Reklame für das Buch erschienen, so wäre der
geschäftliche Erfolg und auch die Wirksamkeit des Werkes
zweifellos geringer gewesen.

Der Titel eines Buches ist nicht nur insofern wichtig, als er
zeigen soll, inwiefern man durch den Kauf des Buches auf seine
Rechnung kommen kann, sondern er kann auch selbst die Neu-
gier und Sensationslust anreizen und dadurch der Einstellung
auf den Kauf förderlich sein. Zu Titeln dieser Art rechne ich
den Titel „Der Unfug des Sterbens“. Wenn ein Buch zur Er-
füllung mehrerer Kaufzwecke geeignet ist, empfiehlt es sich

73

0:
        <pb n="103" />
        natürlich, durch den Titel, oder soweit dies wegen der erforder-
lichen Kürze des Titels unmöglich ist, durch andere Werbemittel
auf alle möglichen Zwecke, denen der Kauf des Buches dienen
kann, hinzuweisen.

Kein vernünftiger Mensch kauft ein Buch, dessen Erwerbung
nicht mindestens der Erfüllung eines- Kaufzweckes dient.
Der Gedanke, daß der Bucheinkauf dem Käufer irgendwie wert-
voll werden könne, ist immer das Hauptmotiv für den Buch-
kauf. Alle anderen Kaufmotive können nur den Wunsch der
Bucherwerbung mehr oder weniger stützen und daher als Neben-
motive für den Bucherwerb bezeichnet werden. Zu diesen Neben-
motiven gehört wesentlich die Billigkeit des Buches. Auch das
handliche Format (z. B. eines Reiseführers) ist ein Nebenmotiv.
Dieser Gesichtspunkt der Haupt- und Nebenmotive ist für die
Reklame beachtenswert, wenn auch z, B. der Besitz eines schön
ausgestatteten Werkes für den einen Käufer Hauptmotiv, für
den andern Nebenmotiv sein kann. Untersuchungen über die
Haupt- und Nebenmotive, aus welchen bestimmte Bücher ge-
kauft werden, wären daher für die Reklame im Buchhandel nütz-
lich. Die bisherigen Untersuchungen des Verlags Eugen Diede-
richs in Jena bezogen sich weniger auf die Kaufmotive als auf
einen anderen Punkt. Es wurde dort mittels Fragebogen aus
den Jahren 1914/15, die den Büchern beigelegt waren, das
Problem untersucht, wie der Käufer der Bücher auf diese auf-
merksam wurde. Die Bogen wurden von 589 männlichen und
von 149 weiblichen, im ganzen also von 738 Personen, die 1169
Angaben machten, beantwortet. Sie hatten folgenden Wortlaut:

„Eine Anfrage an die Käufer dieses Buches.

Es bieten sich für den Verlagsbuchhändler heute so viele
Wege, das Publikum über seine Neuerscheinungen und über
seine Pläne zu unterrichten, daß er kaum einen Teil derselben
betreten kann, und daß dem Publikum selber durch die Überfülle
der Reklame jede Übersicht unmöglich gemacht wird. Um zu
94
        <pb n="104" />
        erfahren, welche Art von Propaganda heute noch ihren Zweck
erfüllt, bitte ich meine Käufer, mir die umstehenden Fragen zu
beantworten.

Jena. Eugen Diederichs.

Wie sind Sie auf das gekaufte Buch aufmerksam geworden?

Durch persönliche Empfehlung ?
eines Freundes?
eines Buchhändlers ?
Durch eine Rezension ?
in welcher Zeitung oder Zeitschrift?
Durch die Auslage im Schaufenster?
von welcher Buchhandlung ?
Durch Anzeigen in einem Verlagswerk?
Durch einen Sonderprospekt meines Verlages?
War dieser einem Buch beigelegt, oder einer Zeitschrift?
Oder wurden Sie durch einen Weihnachtskatalog aufmerksam ?
durch welchen ?
Kannten Sie schon andere Werke des Verfassers, und haben
Sie deshalb das neue Buch angeschafft ?“

Wie man sieht, enthält der Fragebogen, abgesehen von den Fra-
gen nach den Faktoren, durch die der Käufer auf die gekauften
Bücher aufmerksam wurde, an letzter Stelle auch noch die Frage
nach dem Einfluß anderer Werke des Verfassers. Diese Verbin-
dung ist nicht glücklich. Denn sie wird manchen Käufer ver-
anlassen, nur die letzte Frage zu beantworten. Nun kann man
zwar ein Werk anschaffen, weil man frühere Werke des Ver-
fassers kennt, man muß aber doch überdies irgendwie auf das
neue Werk aufmerksam geworden sein. Ferner schafft niemand
auschließlich deshalb ein Buch an, weil ihm der Verfasser schon
bekannt ist, sondern, wie wir sahen, immer zu bestimmten
Zwecken, wobei allerdings neben anderm auch der Wunsch, ein
Buch des einem bekannten Verfassers zu besitzen, als Haupt-
oder Nebenmotiv kauffördernd wirken kann. Die letzte Frage

5

Q:
        <pb n="105" />
        des Bogens greift also in das Gebiet der Kaufmotive über und ist
daher in einer Statistik über die Frage, wie man mit einem Buch
bekannt wurde, gänzlich auszuscheiden. Übrigens würde auch
die Unterscheidung, ob ein Buch durch persönliche Empfehlung
oder durch persönliche Empfehlung eines Freundes bekannt
wurde, nicht nur aus logischen Gründen, ‚sondern auch deshalb
besser ausscheiden, weil die Abgrenzung des Begriffs der Freunde
nicht scharf ist. Statt der drei ersten Fragen wären daher die
zwei folgenden zu setzen: 1. Durch persönliche Empfehlung des
Buchhändlers? 2, Durch persönliche Empfehlung anderer Per-
sonen ?

Margarete Giese-Hüser hat auf die erwähnte Statistik des Ver-
lags Diederichs hingewiesen und die Ergebnisse verarbeitet !).
„Aus den Sonderbemerkungen der Käufer ließen sich“, so schreibt
sie, „noch mehrere Punkte erschließen, die über die ursprüng-
lichen vorgedruckten Ermittelungsfragen hinaus Einblick in den
Kaufantrieb gewährten, und so erweiterte ich die Berechnung auf
19 Punkte.“ Die ursprünglichen Antworten auf die Diederichs-
schen Fragen und die Verarbeitung dieser Antworten sind nicht
bekannt geworden. Giese-Hüser kam zu einer Tabelle, die ich
hier mitteile,

I ' Prozentuale Angaben der
‚ Männer Frauen
‚(931 Angaben)/(238 Angaben)
Persönliche Empfehlung. . .... 5,4 7,0
Empfehlung vom Freund... .. 8,8 10,0
Empfehlung vom Buchhändler. . . 5,2 . 7,0
Rezension. 8 18,1 17,6
Schaufenster 8,6 | 5,0
ADS ab se 4,0 | 1,2
Sonderprospekte.. 5 2. 9,8 5,0
Katalog. EN PN, 6,7 5,4
Al Andere Werke nn N. 13,8 12,0
1) M. Giese-Hüser, Zur Psychologie des Bücherkaufens. Deutsche Psycho-
logie. Bad. 3. Heft 5/6, 1921. 8. 3414.
Pe.

Ju
        <pb n="106" />
        Prozentuale Angaben der
Männer Frauen

‘931 Angaben)|(238 Angaben)
In Persönlichkeit des Verfassers . . . 1,8 1,7
Vorlräge‘ USW... 0 4 AT 2,8 5,0
Interessen; Studium... 2 4,7 5
Ansichtssendung“.. .. 03 Ja
Zeitungsartikel... 20 1 ) ;
Zitale rn ER BER re 2,6 „5
Texiproben . 2 N 2,1 ' 2,5
; Verlagsberichte . . -. +. 0,8 ; -
Vorherige Lektüre . . . .- 0,9 2,1
19 Buchausstattung . . + + 05 0,8

Die Verfasserin weist mit Recht darauf hin, daß Kriegszeit
und spezifische Richtung des Diederichs’schen Verlags gewisse
Gültigkeitseinschränkungen der statistischen Ergebnisse bedeu-
ten. Für die Firma E. Diederichs haben sie aber trotzdem einen
gewissen Wert. Sie zeigen z. B., daß die Bücher, auf die sich die
Untersuchungen erstreckten, den Käufern vornehmlich durch
Rezensionen bekannt wurden, während andere Reklamemittel wie
die Ansichtssendung fast ganz versagten. Auch daß Schaufen:
sterreklame, Anzeigen, Prospekte und Kataloge mehr bei Män-
nern als bei Frauen wirkten, die ihrerseits mehr durch persön-
liche Empfehlung beeinflußt wurden, ist interessant.

Zweifellos konnte daher eine vorsichtige Verwendung dieser
Resultate dem Diederichs’schen. Verlag bei den späteren Wer-
bungen für die gleichen oder für ähnliche Bücher zustatten
kommen, Aber allerdings muß die Auswertung solcher Ergeb-
nisse sehr vorsichtig stattänden. Warum waren denn die Re-
zensionen. so sehr im Vorteil gegenüber den Ansichtssendungen ?
Wenn Diederichs nur wenige ungeeignete Zeitschriften und Zei-
tungen mit Rezensionsexemplaren bedacht hätte, so hätten die
Rezensionen vielleicht noch weniger Erfolg gehabt als die An-
sichtssendungen. Daß die Verlagsberichte ganz und die Text-
proben fast ganz schlecht abschnitten, ist vielleicht mehr geeig-
7 Marbe, Werbung. AT

y
        <pb n="107" />
        net, die Forderung nach einer besseren Gestaltung und aus-
giebigeren Verwendung dieser Reklamen zu begründen als den
Schluß, daß sie überhaupt von untergeordnetem Wert sind. Usw.
Was soll ferner daraus folgen, daß die Persönlichkeit des Ver-
fassers so wenig werbend wirkte. Das kommt doch ganz auf die
einzelnen Verfasser an, die auch bei dem. Diederichs’schen  Ver-
lag nicht gleiche Werbekraft haben. Wenn die Firma Werke von
Hindenburg und anderen Männern von ähnlicher Popularität
verlegte, würde der Prozentsatz der wegen des Autors gekauften
Werke wohl gewaltig ansteigen. Was soll ferner die Rubrik:
Interessen, Studium? Das Interesse für den Stoff eines Buches
(bei geschichtlichen und gewissen literarischen Werken spe-
ziell auch für die Zeit, um die es sich im Buch handelt)
und die Absicht es zu studieren, sind (zusammen genom-
men) offenbar in sehr vielen Fällen und nicht nur in 3,3—4,7 %

ausschlaggebend für den Kauf. Man muß eben das, was das
Publikum in solche Fragebogen hineinschreibt, psychologisch
würdigen und sich klarmachen, daß Bücher immer zu bestimm-
ten Zwecken gekauft werden, daß der Kauf durch andere Motive
gefördert wird und daß hiervon die Frage, wie man auf das Buch
aufmerksam wurde, logisch streng zu trennen ist. Noch viel

besser aber ist es, wenn man Fragebogen, in denen es sich gleich-
zeitig um logisch so verschiedene Dinge wie Hinlenkung der
Aufmerksamkeit auf ein Buch und Kaufmotive handelt, gar
nicht benützt. Und in keinem Fall darf man die Zahlen für Auf-

merksamkeitserregung und Kaufmotive (Bekanntheit des Au-

tors!) gleichwertig behandeln und in Prozenten einander gegen-

überstellen, wie dies hier geschehen ist. Daß natürlich im kon-

kreten Fall das, was die Aufmerksamkeit auf das Buch lenkt,

z. B. die Empfehlung durch dritte, auch Kaufmotiv werden kann,

steht unserer Forderung nicht entgegen. Niemals aber kann ein

Kaufmotiv an sich (man denke an die Bekanntheit mit dem

Autor) die Aufmerksamkeit auf ein neues Buch lenken.
08
        <pb n="108" />
        Weitere Untersuchungen von Giese-Hüser mit dem gleichen
Material bezogen sich auf das Verhalten der akademisch und
nichtakademisch gebildeten Männer und Frauen. Hier ergab
sich u. a., daß die nicht akademisch gebildeten Frauen viel mehr
durch persönliche Empfehlungen auf die gekauften Bücher auf-
merksam geworden waren als die übrigen Kategorien von Per-
sonen. Auf dem Lande erreichte die Rezension als Mittel zur
Aufmerksamkeitserregung den höchsten Prozentsatz, da hier die
städtischen Reklamen (Schaufenster usf.) nicht in Frage kamen.
Einiges Interesse hat auch die folgende Tabelle, welche zeigt, wie
sich die Wirksamkeit der 19 in der vorigen Tabelle erwähnten
Faktoren auf die einzelnen Gebiete des Diederichs’schen Verlages
verteilt. Hier fällt z. B. auf, daß die Rezensionen in den Gebieten der
Biographie, des Briefwechsels, der Kunst und Naturwissenschaft
relativ eine geringere Rolle spielten als in den anderen Gebieten.
33 8

4 23 ME 8
EU E
SS &gt; 8
ES 4
Persönliche Empfehlung . | 6,0/10,6| 7,7| 7,0| 7,0| 7,7 4,2111,5| 7,0
Empfehlung vom Freund 1/12,1| 6,0| 7,7/12,0| 3,0/15,4 2,9 4,0l 7,0
3 Empfehlung vom Buch- |
händler „4 u. 18,5108,008:8| 3,51 5,01. -— (7,06 4,01 —
* Rezension . ..... . 20,4/12,0 28,0/21,0/20,0/33,0/10,034,5/14,0
Schaufenster... 4. 5,01 — | 4,51 1,21 9,01. — 18,0111,5/14,0
Anzeigen... . +... 8,3/12,0| 1:8| 2,5/ 5,8/ 2,5| 3,8| 4,01 —
Sonderprospekte .„.. 9,212,0/14,0| 9111.61 7,71 54 4,0118,0
Katalog. EL 8,5/ 4,0| 9,7] = U 27 811501.0
Andere Werke .... .. 11,1} 6,0| 6,4! - | YO 85
10 Persönlichkeitd. Verfassers 1,4| 2,0 07? i
Li: Vorträge usw. 19. 0... 88060 :
12 Interessen, Studium‘; . . 1,1lı. ‘ © ä
13 Anusichtssendung . . ... 1,9 . .
14 Zeitungsartikel‘. .-.".7. 1,6 ?
15 Zilate... we 39 -
16 Textproben .: ++ + «, 2,6] a
17 Verlagsberichte . . . . Lil u
18 Vorherige Lektüre... . 1] — | 0,71 . a
19! Buchausstattung. . . - A
3

0C
        <pb n="109" />
        Auch alle die zuletzt erwähnten Ergebnisse konnten natürlich
beim Diederichs’schen Verlag eine gewisse vorsichtige Verwen-
dung finden. Daß sie darüber hinaus wichtig sind, ist zu be-
zweifeln. Giese-Hüser sagt zwar trotz ihrer Bemerkung von dem
Einfluß der Kriegszeit: „Mag sein, daß bei einem rein belletri-
stischen oder auch nur Durchschnittsverlag die Ergebnisse einer
Statistik etwas von dieser abweichen würden: die Hauptzüge
dürften doch aber dieselben bleiben.“ Dies ist deshalb ausge-
schlossen, weil die Reklamen der einzelnen Verlagsbuchhand-
lungen nicht die gleichen sind, weil ein und dieselben Reklame-
arten kaum von zwei Verlegern in gleichem Maße kultiviert wer-
den. Auch stehen die verschiedenen Einstellungen der Menschen
in verschiedenen Gesellschaftskreisen, ihr ganz verschiedenes
Verhältnis zu verschiedenen Büchern und noch anderes der An-
sicht von Giese-Hüser entgegen. Im einzelnen sei nur noch be-
merkt, daß z. B. der relativ geringe Einfluß von Vorträgen und
Vorlesungen und von persönlicher Empfehlung im Sinne von
Nr. 1 für medizinische und für wissenschaftliche Lehrbücher
überhaupt, also auch für Verlagsbuchhandlungen, die solche
Lehrbücher verkaufen, durchaus nicht gelten kann. Der Student,
der Lehrbücher kauft, richtet sich ganz wesentlich nach den Rat-
schlägen des Professors im Kolleg und im privaten Gespräch !).
Künftige Statistiken, die sich auf Kaufmotive oder auf die
Tatsachen der Aufmerksamkeitserregung beziehen, werden beides
zu trennen haben und die gleichen Teile des Publikums nicht
gleichzeitig mit beiden Arten von Statistiken behelligen dürfen,
ohne darüber Klarheit zu schaffen, daß es sich um zweierlei han-
delt und daß beides nicht vermischt werden darf. Bei der Motiv-
statistik wäre zunächst nach dem Zweck zu fragen, zu welchem
das Buch gekauft bzw. nach dem Grund, aus welchem die Lek-
*) Nebenbei erwähne ich, daß. sich in den Tabellen von Giese-Hüser
Fehler finden, die offenbar im wesentlichen durch zu grobe Abrundungen
im Laufe der Rechnung entstanden sind.
100

7zUJ
        <pb n="110" />
        türe oder die Erwerbung des Buches in Aussicht genommen war.
Dann wäre nach den einzelnen Nebenmotiven zu fragen, welche
für den Kauf des Buches in Frage kamen. Die Ergebnisse der
Statistik wären nicht nur im ganzen, sondern auch für die ein-
zelnen Bücher gesondert zu betrachten. Die Verwertung der
Resultate bei neuen Reklamen ergibt sich dann von selbst. —
Daß es sich übrigens in der Diederichs’schen Statistik nicht nur
um Untersuchungen über die Hinlenkung der Aufmerksamkeit
auf Bücher und nicht nur um eine teilweise Motivstatistik, son-
dern auch um eine Erfolgsstatistik im Sinne der eingangs des
Abschnitts vorgetragenen Bemerkungen handelt, dürfte ohne
weiteres klar sein.

Als ich diese Sätze niedergeschrieben‘ hatte, wurden mir die
neuesten statistischen Bemühungen des Börsenvereins der Deut-
schen Buchhändler zu Leipzig bekannt, der durch die Sortimenter
folgenden Text auf frankierten Postkarten zur Verteilung
bringen ließ:

Lieber Bücherfreund!

Sie erweisen Ihrem Buchhändler einen großen Gefallen,
wenn Sie die umstehenden Fragen aufmerksam durchlesen und
wenn Sie dann diejenigen Fragen, die Sie bejahen können, deut-
lich unterstreichen,

Es werden manchmal mehrere Fragen zu be-
rücksichtigen sein; unterstreichen Sie dann
bitte alle Fragen, die in Ihrem Fall zutreffen.

Es handelt sich um eine wichtige statistische Ermittelung über
die Gründe, die heute zum Buchkauf führen.

Helfen Sie uns dabei durch die Beantwortung unserer Fragen
und senden Sie die Karte dann an uns.

Wir danken Ihnen für Ihre Mitarbeit!

BÖRSENVEREIN .

DER DEUTSCHEN BUCHHÄNDLER
ZU LEIPZIG.

101
        <pb n="111" />
        Des gekauften Buches
Titel:
Verfasser:
Verlag:
!. a) Haben Sie dieses Buch geschenkt erhalten?
b) Kauften Sie es zu Geschenkzwecken?
c) Kauften Sie es für sich selbst?
2. Wählten Sie dieses Buch auf Grund
a) persönlicher Bekanntschaft mit dem Verfasser?
b) vorheriger Lektüre des Buches?
c) eigener Kenntnis anderer Schriften des Verfassers?
d) von Vorabdrucken oder anderwärts mitgeteilten Proben? Zitaten?
e) einer Ansichtssendung Ihres Buchhändlers?
f) von Vorträgen, Vorlesungen des Verfassers?
&gt; Wählten Sie dieses Buch, weil es Ihnen empfohlen: wurde
a) durch Ihren Buchhändler?
b) durch einen Vortrag? Vorlesung? (Universität? im Rundfunk?
Volkshochschule?)
c) durch einen persönlichen männlichen — weiblichen — Bekannten?
d) durch eine Besprechung? in welcher Zeitschrift (Zeitung)? .
e) durch ein Inserat? in welcher Zeitschrift (Zeitung)?
f) durch Prospekte, Kataloge, Buchkarten?
Wählten Sie dieses Buch auf Grund
a) des besonders anziehenden Titels?
b) des Einbandes? der allgemeinen Ausstattung? der Illustrierung?
des Schutzumschlages (der Buchschleife)?
c) seiner Billigkeit?
5. Wählten Sie dieses Buch, weil Sie es
a) in einer Buchhandlung ausgestellt sahen? (im Schaufenster? im
Ladeninnern?)
b) in einer Bahnhofsbuchhandlung sahen?
c) von einer Leihbibliothek her kannten?
6. Wählten Sie dieses Buch, weil Sie
a) dauernd nach derartiger Literatur suchen?
b) dauerndes Sachinteresse für diese Literatur haben?
7. Hatten Sie andere als die hier aufgeführten Gründe für den Kauf des
Buches? welche?
Name:
Stand oder Beruf:
102
        <pb n="112" />
        Auch gegen diesen Fragebogen lassen sich Einwände erheben.
Die drei ersten unter Nr. 1 aufgeführten Fragen sind zwar klar
und gut. Aber im folgenden werden das Moment des Kaufmotivs
und der Aufmerksamkeitserregung fortwährend vermischt. So
kann z. B. die persönliche Bekanntschaft mit dem Verfasser
wohl als Haupt- oder Nebenmotiv für den Kauf wirken, aber doch
nicht der Umstand, daß man das Buch im Schaufenster eines
Buchhändlers sah. Durch letzteren Umstand wird man auf das
Buch aufmerksam. Doch wird der gerügte Fehler dadurch
weniger wirksam, daß, wie aus dem obigen Text ersichtlich ist,
der Kunde hier im Gegensatz zu den Diederichs’schen Bogen
darauf aufmerksam gemacht wird, daß oft mehrere Fragen
gleichzeitig mit „Ja“ zu beantworten (zu unterstreichen) seien.
Es kann dann in der Auswertung der Fragebogen des Unter-
schieds zwischen Aufmerksamkeitserregung und Kaufmotiv ge-
dacht werden, Bedenken erregt übrigens auch die große Anzahl
der Fragen, deren Beantwortung hier dem Käufer zugemutet
wird. Auch ist zu berücksichtigen, daß es oft äußerst schwierig
werden kann, in conereto über die verschiedenen Faktoren, durch
die man zum Kauf eines Buches bestimmt wird, Auskunft zu
geben. Überhaupt ist sich der Mensch über die eigentlichen
Gründe seines Handelns viel weniger bewußt, als meist angenom-
men wird. Bei richtiger Verwertung werden freilich auch diese
Bogen des Börsenvereins ihren Nutzen stiften können.

Die von mir geforderte Unterscheidung zwischen dem Kauf-
motiv und der Hinlenkung der Aufmerksamkeit auf den Kauf-
gegenstand führt auf ganz allgemeine psychologische Er-
wägungen, die hier kurz angedeutet werden müssen. Gewiß kann
man den Begriff des Motivs so weit fassen, daß man zu den
Motiven oder der Motivation einer Handlung alle ihr voraus-
gehenden psychischen Prozesse rechnet, auf Grund deren die
Handlung zustande kommt. In die Motive dafür, daß ich heute
ein bestimmtes. Buch kaufe, gehen dann zunächst einmal alle

103
        <pb n="113" />
        oder doch viele derjenigen Erlebnisse ein, durch welche meine
gesamte Erziehung und Bildung bis zum heutigen Tage be-
gründet wird. Zur Motivation der Handlung meines Buchkaufes
gehören dann weiterhin gewisse psychische Tatsachen, die aus
meiner augenblicklichen finanziellen Lage und dem mir bekann-
ten oder doch ungefähr erwarteten Preis des Buches resultieren.
Als Motive kommen dann auch die mir bewußten Zwecke in
Frage, zu deren Erfüllung ich das Buch kaufe sowie alles, was
mich auf das Buch aufmerksam machte, also auch alles, was zu
der mir bekannt gewordenen Reklame für das Buch gehört. Aber
auch Gespräche in den letzten Wochen, Zeitungslektüre und un-
zähliges andere, an das ich mich gar nicht mehr erinnere, kann
in die Motivation in diesem weiten Sinne eingehen. Hierher
gehören dann natürlich auch alle die Bewußtseinsvorgänge,
welche die Aufmerksamkeit auf das Buch lenken.

Eine derartig weite Abgrenzung des Motivbegriffs wäre aber
äußerst unzweckmäßig und ist auch in der Reklamepsychologie
durchaus nicht üblich. Wenn man hier von Motiven spricht, so
denkt man lediglich an solche Überlegungen und ihnen gleich-
wertige Bewußtseinslagen, durch welche der Käufer zum Kauf
bestimmt wird. Es handelt sich demnach bei diesen Motiven
nicht um die Faktoren schlechthin, die zur Einstellung auf den
Kauf in Frage kommen, sondern nur um gewisse Überlegungs-
momente, die mehr oder weniger bestimmend wirken und die in
Hauptmotive und Nebenmotive zerfallen.

Diese Motive zu kennen ist natürlich für den Geschäftsmann
von der größten Wichtigkeit. Ebenso wichtig ist es für ihn aber
auch ‚zu wissen, inwieweit seine Reklamen die Aufmerksamkeit
des Käufers erregen. Beides ist aber auseinander zu halten. . Zur
Feststellung des einen kann die Motivstatistik, zur Feststellung
des anderen die Erfolgsstatistik führen. Eigene Vorschläge für
Fragebogen beider Arten behalte ich mir vor. Sie werden am
104
        <pb n="114" />
        besten je nach dem Buchmaterial, um das es sich handelt, und
je nach der Firma verschieden gestaltet.

Experimentelle Untersuchungen über den Waschzettel habe ich
in meinem Würzburger Psychologischen Institut auf eine An-
regung des Börsenvereins hin in die Wege geleitet. Zunächst
wurde die Bedeutung der äußeren Form des Waschzettels unter-
sucht. Es wurden dazu aus einer großen Menge von Wasch-
zetteln, die mir der Börsenverein zur Verfügung gestellt hatte,
zehn durch Druck, Hervorhebung von Verfassernamen, Um-
randung, Format usw. besonders charakteristische Zettel aus-
gesucht. Dieselben wurden zwanzig Versuchspersonen vorgelegt,
von denen mehrere bereits Übung im Rezensieren hatten. Alle
zwanzig akademisch gebildeten Versuchspersonen kannten vor
dem Beginn der Versuche den Begriff des Waschzettels. Jede
Versuchsperson arbeitete einzeln und bekam unmittelbar vorher
folgende Instruktion: „Sie bekommen zehn Waschzettel, die hin-
sichtlich der äußeren Abfassung alle verschieden sind. Diese
Waschzettel sollen Sie in bezug auf ihre Übersichtlichkeit ran-
gieren, so daß zuerst der beste Waschzettel, dann der nächstbeste
kommt usw., und daß der schlechteste den letzten Platz ein-
nimmt. Inhaltlich sollen Sie die Waschzettel nicht berücksich-
tigen. Sie bekommen genügend Zeit, um die Rangierung vor-
zunehmen.“ Sobald die Versuchsperson die Rangordnung aus-
geführt hatte, mußte sie die Gründe der Rangierung der Zettel
zu Protokoll geben. Aus den einzelnen von den zwanzig Ver-
suchspersonen hergestellten Rangreihen wurde eine mittlere
Rangreihe berechnet. Aus dieser und den Protokollen ergab sich
1. daß die reklamepsychologische Wirkung eines gedruckten
Waschzettels viel größer ist, als die eines mit Maschine geschrie-
benen; 2. daß es sich als sehr zweckmäßig erweist, daß Titel und
Verfassername durch Druck oder Unterstreichung von dem
übrigen Text hervorgehoben werden; 3. daß die Wirkung des
Wasehzettels durch eine hervorhebende Umrandung sehr erhöht

105

»* Cr
        <pb n="115" />
        wird; 4, daß sehr kurzer Text ungünstig wirkt; 5. daß zu kleine
Schrift die Wirkung beeinträchtigt; 6. daß es sehr wichtig ist,
daß in der Anordnung nicht durch starke Hervorhebung von
weniger Wichtigem (Verlag, Übersetzer usw.) die Aufmerksam-
keit von Titel und Verfassername abgelenkt wird.

Darüber hinaus hatten die Versuchspersonen in den Protokol-
len noch verschiedene Angaben gemacht, die sich hauptsächlich
auf die Hervorhebung von Titel und Verfasser durch Druck,
Unterstreichung, räumliche Stellung sowie auf Farbe und Größe
des, Waschzettels beziehen. Diese Beobachtungen waren als
wesentliche Gesichtspunkte für spätere Untersuchungen wertvoll.

Im Interesse weiterer Untersuchungen wurden drei Wasch-

zettel abgefaßt. Bei dem einen (a) standen Titel und Verfasser-
name oben am Anfang nebeneinander, bei dem zweiten (b)
stand beides gleichfalls am Anfang, es war aber durch einige
Zeilen getrennt. Bei dem dritten Waschzettel (ec) stand der Titel
oben am Anfang, der Verfassername jedoch erst am Ende des
Textes. Titel, Vor- und Nachname des Verfassers wurden so
gewählt, daß sie gleiche Buchstaben- und Silbenzahl und gleiche
Anzahl betonter Silben zeigten, und gleichmäßig leicht auffaß-
bar waren. Titel und Verfassername waren durch Sperrdruck
hervorgehoben, worauf die Versuchspersonen ausdrücklich hin-
gewiesen wurden. Jeder dieser Waschzettel wurde den Versuchs-
personen zwei Sekunden lang dargeboten, wobei sie die Aufgabe
hatten, Titel und Verfassernamen zu lesen. Hierbei zeigte sich
nun nicht nur, was von vornherein theoretisch zu erwarten war,
daß beides am besten bei der Anordnung a, am schlechtesten bei
der Anordnung e aufgefaßt wurde, sondern die Güte der Leistung
wies bei den Versuchen a, beganzerhebliche Unter-
schiede auf, die durch die Zahlen 97,6 und 78,7 und 61,9
charakterisiert waren. Hieraus sehen wir, daß bei der flüchtigen
Durchsicht von Waschzetteln die Hauptsache (Titel und Autor)
erheblich besser im Bewußtsein haftet, wenn Titel und Autor
106
        <pb n="116" />
        LE

gleich am Anfang des Waschzettels zu finden sind, alg wenn sıe
durch geringere oder größere Textstellen getrennt si &amp; Wehhothek k
sich auch die Anordnung, daß Titel und Autorname gänzlich SS
auseinandergerissen sind, in der Praxis seltener findet, s istdoch. N
auch die Anordnung, daß beides am Anfang nebeneinander . (6) el»
nicht die allgemeine. Vor allem soll aber doch der Waschzettel
auf das Buch und seinen Verfasser aufmerksam machen.

Weitere Untersuchungen bezogen sich auf den Inhalt des
Waschzettels. Es wurden drei äußerlich gleiche Waschzettel über
ein und dasselbe wissenschaftliche Buch angefertigt. Der eine
bezog sich nur auf den subjektiven Eindruck des Buches und er
enthielt zugleich eine Beurteilung desselben ohne Angabe der
Gründe. Der zweite enthielt nur eine Inhaltsangabe. Der dritte
vereinte beide Gesichtspunkte, enthielt auch Angaben über den
Verfasser und setzte das Buch in Beziehung zu augenblicklich
besonders interessierenden Zeitfragen. Der erste soll als subjek-
tiver, der zweite als objektiver und der dritte als kombinierter
Waschzettel bezeichnet werden. Die Versuchsperson erhielt fol-
gende Instruktion: „Sie erhalten über ein und dasselbe wissen-
schaftliche Buch drei äußerlich gleich angelegte Waschzettel, die
aber in bezug auf den Text verschiedenartig abgefaßt sind. Sie
bekommen beliebig Zeit und können die Waschzettel mehrere
Male bequem durchlesen. Wenn sie alle drei Waschzettel in bezug
auf den gesamten Inhalt gut angesehen haben, werde ich Ihnen
einige Fragen vorlegen, die Sie mir beantworten sollen.“

Die Versuchspersonen mußten dann folgende Fragen beant-
worten: „1. Durch welchen von diesen Waschzetteln werden Sie
am meisten für das Buch interessiert? 2. Stellen Sie sich vor,
Sie sollten das Buch lesen und besprechen. Welcher Waschzettel
würde Ihnen die besten Anhaltspunkte geben? 3. Stellen Sie sich
vor, Sie sollten das Buch besprechen, ohne in der Lage zu sein,
es zu lesen. Auf Grund welchen Waschzettels könnten Sie das

107

in
        <pb n="117" />
        am besten? 4. Welcher Waschzettel würde Sie am ehesten‘ zum
Kauf anregen ?“

Aus den Antworten der Versuchspersonen ergab sich folgende
Tabelle, deren Prozentzahlen zeigen, wie oft der subjektive bzw.
objektive bzw. kombinierte Waschzettel prozentual dazu geeignet
angesehen wurde, erstens für das Buch zu interessieren, zweitens
als Grundlage einer ordnungsgemäßen Besprechung zu dienen,
drittens als Grundlage einer Besprechung im speziellen Fall zu
dienen, wo eine Besprechung ohne Lektüre stattfinden soll, vier-
tens zum Kauf des Buches anzureizen. An diesen Experimenten
hatten sich 16 Versuchspersonen mit akademischer Bildung, die
teils Übung im Rezensieren hatten, teils leicht durch geeignete
Belehrung von seiten des Versuchsleiters die für den Versuch
nötige Einstellung gewannen, beteiligt. Keine der Versuchsper-
sonen hatte natürlich von dem Buch selbst Kenntnis.

Me ae Frage 1 Frage 2 Frage 3 Frage 4
Subjektiv..... 12,50 0% 6,25 0% 0,00 05 25,00 0%
Objektiv... 43,75 99 | 25,00 99 483,75 9% 31,25 %9
Kombiniert . . 43,75%9 1 68,75% ! 56,25 % | 48,75 0%

Wir sehen, daß der subjektive Waschzettel durchweg viel
weniger wertvoll ist als der kombinierte. Um das Interesse für
das Buch zu fördern, um als Grundlage von Besprechungen zu
dienen oder zum Kauf zu animieren, ist der kombinierte Wasch-
zettel offenbar geeigneter als der subjektive. Aber auch der Wert
des objektiven bleibt im allgemeinen hinter dem des kombinier-
ten, wenn auch nicht in gleichem Maße, zurück. Nur zur Er-
weckung des Interesses (Frage 1) erscheint auch der objektive
Waschzettel ausreichend. Zusammenfassend können wir auf
Grund der Tabelle wohl sagen: 1. Die zweckmäßigste Wasch-
zettelabfassung für ein wissenschaftliches Buch sowohl vom
Standpunkt des Rezensenten als auch von dem des Publikums
10-

US
        <pb n="118" />
        aus ist diejenige, welche einen subjektiven Eindruck vom Buche,
dem Buchinhalt und biographische Angaben enthält und das
Buch in Beziehung zu Zeitproblemen setzt. 2. Auch ein rein in-
haltlicher Waschzettel kann Interesse für ein wissenschaftliches
Buch erwecken, kaufreizend wirken und eine Besprechung er-
leichtern. 3. Eine Waschzettelabfassung, welche nur einen sub:
jektiven Eindruck vom Buch ohne Angabe der Gründe ver-
mittelt, dürfte für ’ein wissenschaftliches Werk als ungeeignet
zu betrachten sein.

Ähnliche Untersuchungen wurden mit Waschzetteln ange-
stellt, die sich auf ein schöngeistiges Werk bezogen. Hier ergab
sich folgende Tabelle:
ee Frage 1 Frage 2 Frage 3 Frage 4
Subjektiv... 18,75 0 18,75 0% 0,00 05 50,00 9%
Objektiv ..., 18,75% | 81,25% ı 37,75% 12,50 0%
Kombiniert . . 62,50 % 50,00 %9 | 62,25 0% 37,50 09

Man sieht sofort (Frage 4), daß hier besonders der subjektive
Waschzettel und erst in zweiter Linie der kombinierte für die Ge-
winnung des Publikums im Sinne des Bucheinkaufs wertvoll
erscheint, während der objektive hierzu weniger passend ist. Wir
können daher folgende Sätze ableiten: 1. Vom Standpunkt des
Rezensenten betrachtet ist die beste textliche Abfassung des
Waschzettels für ein schöngeistiges Buch die kombinierte, also
diejenige, durch die ein subjektiver Eindruck vom Buch, der
Inhalt des Buches und biographische Angaben über den Ver-
fasser vermittelt werden und das Buch in Beziehung zu Zeit-
problemen gesetzt wird. 2. Für das Publikum ist bei einem
schöngeistigen Buche der Waschzettel, welcher einen subjektiven
Eindruck ohne Angabe der Gründe vermittelt, als Kaufanreiz
am wirksamsten. 3. Eine Waschzettelabfassung, welche nur in-
haltliche Angaben enthält, erscheint für ein schöngeistiges Buch

109
&lt; \
        <pb n="119" />
        sowohl vom Standpunkt des Rezensenten aus als auch für das
Publikum weniger geeignet, wenn auch der Rezensent im all-
gemeinen den objektiven Waschzettel dem subjektiven vorzieht.
Hiernach wird man sich fragen müssen, ob nicht auch eine
Einwirkung des Buchhandels auf die Besprechungen in dem
Sinne wünschenswert wäre, daß bei schöngeistigen Werken in der
Besprechung nicht allzusehr auf den konkreten Inhalt einge-
gangen werde. Denn abgesehen von den zahlenmäßigen Resul-
taten der letzten Tabelle ist es klar, daß z. B. das Interesse‘ an
der Lektüre eines Romans sehr reduziert werden kann, wenn wir
den ganzen Inhalt vorher schon kennen. Überhaupt kann die
Neugier, mit der wir nach einem schöngeistigen Buch greifen,
durch eine objektive Rezension bedeutend geschwächt werden.
Eine objektive Rezension nennen wir hier eine solche, die im
Sinne eines objektiven Waschzettels abgefaßt ist; analog
sprechen. wir von subjektiver und kombinierter Rezension. Was
die Hervorhebung der Beziehung zu Zeitfragen anlangt, ist
übrigens klar, daß eine solche bei allen wissenschaftlichen und
schöngeistigen Büchern irgendwie möglich sein dürfte.

Wenn wir diese Ergebnisse mit unseren früheren Darlegungen
über den Kaufzweck und die übrigen Kaufmotive in Zusammen-
hang bringen, so dürfen wir sagen: Wir sehen auch hier, daß das
Publikum vor allem darüber unterrichtet sein will, was ihm das
Buch leisten kann. Die in Aussicht genommene Verwendung des
Buches, der Kaufzweck, ist eben das wichtigste Kaufmotiv. Des-
halb verlangt das Publikum bei wissenschaftlichen Büchern einen
objektiven Bericht über den Inhalt, wie er durch die objektive
und kombinierte Rezension gegeben wird. Durch schöngeistige
Bücher will das Publikum in der Regel weniger unterrichtet und
intellektuell gefördert als unterhalten werden. Deshalb ist ihm
die objektive und kombinierte Rezension, die dem Unterhaltungs-
und speziell dem Spannungswert der Lektüre entgegenwirkt, hier
weniger genehm. Es will hier aus der Rezension erfahren, ob und
110

‚Ay
        <pb n="120" />
        inwieweit sein Unterhaltungsbedürfnis durch die Lektüre geför-
dert werden kann. Der Rezensent, der die Interessen des Buch-
händlers vertritt, muß daher zweifellos bei wissenschaftlichen
Büchern anders verfahren als bei schöngeistigen. Der subjektive
Charakter der Rezension (dieser subjektive Charakter tritt
auch im kombinierten Waschzettel zutage) bleibt aber an
und für sich betrachtet in allen Gebieten in gewisser Weise wert-
voll, da das Publikum immer dadurch gewonnen wird, daß die
Bedeutung des Buches für neue Zwecke unterstrichen wird, wenn
auch der subjektive Waschzettel, wie wir sahen, in vielen Fällen
ungenügend ist. Der Rezensent schätzt natürlich die Wasch-
zettel am höchsten, die ihm die besten Dienste zu leisten scheinen,
das sind die objektiven und besonders die kombinierten. Will
er aber über schöngeistige Bücher eine buchhändlerisch
zweckmäßige Rezension schreiben, so darf er das subjektive Mo-
ment und die erforderliche Zurückstellung des objektiven nicht
außer acht lassen. In diesem Fall gewinnt daher der subjektive
Waschzettel für ihn einen besonderen Wert. Der Buchhändler
wird bei wissenschaftlichen Werken den kombinierten, bei schön-
geistigen den subjektiven Waschzettel bevorzugen.

Die bisher erwähnten Versuche wurden von Frau Dr. Eka-
tharina Krück aus Sofia durchgeführt und sind in ihrer Disser-
tation !) mitgeteilt. Andere Untersuchungen wurden in meinem
Institut von Frl. Dr. Maria Schorn ausgeführt. Sie bezogen sich
zunächst auf Romane, und zwar auf die Frage nach der Werbe-
kraft verschiedener im Waschzettel betonter Tatsachen. Schon
die Untersuchungen von Frau Dr. Krück erörtern ja dieses
Problem. Die nun zu behandelnden Studien gehen aber über die
Krückschen Untersuchungen hinaus. Es wurden acht Wasch-
zettel über ein und denselben Roman (Josef Ponten, Die Insel)

') E. Krück, Zur Psychologie der Buchreklame. Würzburger Dissertation
1925. (Nicht gedruckt, Schreibmaschinenexemplar auf der Würzburger
Universitätsbibliothek.)

111
        <pb n="121" />
        angefertigt. Der erste Waschzettel leitete den Wert des Buches
lediglich‘ aus dem Ausspruch eines berühmten Schriftstellers
(Thomas Mann) ab, der das Buch besprochen hatte. Der zweite
Waschzettel bestand ausschließlich aus. dem Urteil einer ange-
sehenen Zeitung. Der dritte enthielt ausschließlich eine Text-
probe, der vierte nur eine kurze Inhaltsangabe, der fünfte hob
nur das Problem des Romans hervor, der sechste gab nur eine
Einführung in den Roman mit Hilfe dieses Berichts über andere
Werke des Verfassers, der siebente appellierte ausschließlich an
die literarisch Gebildeten. Der achte hob nur die schöne Aus-
stattung des Buches hervor.

In Wirklichkeit enthält natürlich jeder Waschzettel den Na-
men des Verfassers und den Titel des Buches. Bei den in Rede
stehenden Experimenten blieb aber beides weg, weil lediglich. die
Wirkung der einzelnen acht Momente untersucht werden sollte.
Alle diese Momente sind natürlich als mögliche Kaufmotive an-
zusehen, Daß in Wirklichkeit nur selten mit der Betonung eines
einzelnen. möglichen Kaufmotives operiert wird, steht der Ver-
suchsanordnung, durch die ja gerade die Wirkung der einzel-
nen Faktoren geprüft werden sollte, nicht entgegen.

Jeder der acht Waschzettel war auf einem besonderen Blatt
mit Maschinenschrift geschrieben. Die durchweg gebildeten
25 Versuchspersonen, die alle Interesse an schöner Literatur
hatten und über das Wesen des buchhändlerischen Waschzettels
orientiert waren, das Buch von Ponten aber nicht kannten, .be-
kamen folgende Instruktion: „Sie erhalten acht Waschzettel über
ein und denselben Roman. Titel des Buches und Name des Au-
tors werden Ihnen nicht bekanntgegeben. Die acht Waschzettel
sind alle nach verschiedenen Gesichtspunkten angelegt. Sie sollen
nun diese acht Waschzettel gut durchlesen; die Zeit spielt bei
diesem Versuch gar keine Rolle. Dann sollen Sie mir angeben,
durch welchen Waschzettel Sie sich am ehesten zum Kauf des
Buches veranlaßt fühlen würden. Sie sollen dann ferner eine
112
        <pb n="122" />
        Rangordnung der Waschzettel herstellen, worin der Waschzettel,
der für Sie den meisten Kaufanreiz hat, an erster Stelle stehen
soll usw. Dann sollen Sie mir die Gründe Ihrer Rangierung an-
geben.“ Nach der Durchsicht der Zettel und vor der Rangierung
wurde die Versuchsperson auf die charakteristischen Gesichts-
punkte der einzelnen Waschzettel im Sinne unserer obigen Be-
merkungen hingewiesen.

Aus den Rangierungen der Versuchspersonen ergab sich dann
für jeden Waschzettel ein mittlerer Rangplatz und daher für alle
acht Waschzettel eine mittlere Rangreihe. So entstanden fol-
gende Tabellen für die 25 Versuchspersonen. Eine zweite Ta-
belle für die ersten 13 und eine dritte Tabelle für die letzten
12 Versuchspersonen führte prinzipiell zu denselben Resultaten.
Gegenüber der hier mitgeteilten ersten Tabelle sind in der zwei-
ten nur die Stufen 2 und 3 und in der dritten nur die Stufen 4
und 5 der Rangreihe miteinander vertauscht.

abe Charakteristik der Waschzettel —

Thomas Mann 2,6
Problemhervorhebung 3,0
Bericht über andere Werke 85
Textprobe 4%.
Inhaltsangabe 4
Zeitung .

Appell an die literarisch Gebildeten 6,8
Ausstattung 7.1

Nachdem die Versuchspersonen die Rangierung ausgeführt
hatten, mußten sie jeweils die Gründe der Rangierung darlegen,
die zu Protokoll genommen wurden. Aus. der Tabelle und den
Protokollen lassen sich mancherlei Schlüsse ziehen.

Zunächst erwies sich die Anerkennung des Romans durch
einen‘ angesehenen Schriftsteller als ganz besonders wirksam.
Eine der Versuchspersonen sagte denn auch: „Die Auforität von

8 Marbe, Werbung. 1 13
        <pb n="123" />
        Thomas Mann bürgt mir dafür, daß das Buch gut sein muß.“
Mehrere andere sprachen sich ähnlich aus.

Auch die Hervorhebung des im Roman behandelten Problems
und die Bezugnahme auf andere Werke des Verfassers scheinen
kauffördernder zu wirken als bloße Textproben und die anderen
in den Versuchen behandelten Faktoren. Eine Versuchsperson
betonte als besonders wertvoll, daß der Waschzettel, der nur das
Problem des Romans hervorhebt, vom Inhalt nichts verrate und
daher der Erwartung keine Schranken setze. Eine andere sagte,
der Bericht über andere Werke des Verfassers dokumentiere
eine Eigenart desselben, aus der zu entnehmen sei, daß das neue
Buch gut sei. Die Textprobe wurde mehrfach deshalb abgelehnt,
weil sie zu wenig Totaleindruck vermittelt. Daß die Inhalts-
angabe, weil sie der Spannung zu wenig Raum läßt, ungünstig
wirkt, wurde schon bei den Versuchen über den subjektiven, ob-
jektiven und kombinierten Waschzettel gesagt und auch jetzt,
abgesehen von der eben vorhin erwähnten Bemerkung, von den
Versuchspersonen. betont. Eine Versuchsperson sagt bezüglich
des Waschzettels mit Inhaltsangabe geradezu: „Der Waschzettel
könnte mich verleiten, das Buch gar nicht zu lesen. Die Span-
nung im guten Sinne ist fort.“ Daß der Hinweis auf das Urteil
einer angesehenen Zeitung bei unseren gebildeten Versuchs-
personen wenig Respekt einflößte, ist begreiflich. Denn man hat
allmählich gelernt, die Zeitung nicht zu überschätzen. Eine Ver-
suchsperson sagt: „Was so eine Zeitung sagt, selbst wenn sie an-

gesehen ist, ist mir gleichgültig.“ Eine andere bemerkt: „Dieses
Motiv, eine angesehene Zeitung als Autorität anzuführen, ist
mir zu abgenützt.“ Ähnlich wurde der Appell an die literarisch
Gebildeten beurteilt. Daß endlich Waschzettel, die nur die
schöne Ausstattung eines Romans betonen, wenig kauffördernd
wirken, ist selbstverständlich.

Der Umstand, daß die Anpreisung des Buches in einer Zeitung
an sich nicht überschätzt werden darf, legt es nahe, daß der Buch-
114
        <pb n="124" />
        händler sich bemühe, Rezensionsexemplare besonders an solche
Zeitungen und Zeitschriften zu leiten, in denen die Bespre-
chungen durch angesehene Referenten ausgeführt und mit ihren
Namen unterzeichnet werden.

Andere Experimente behandelten den Reklamekatalog und
sollten die Frage beantworten, welche Abfassung des Katalogs
unter der Voraussetzung der flüchtigen Durchsicht am wirksam-
sten ist. Diese Versuche bezogen sich ausschließlich auf Sorti-
menterkataloge und auf schöngeistige Bücher. Wir finden unter
diesen solche, in denen nur Autor, Buchtitel und Verlag genannt
sind (System a). In anderen wird im Anschluß hieran eine
längere Erörterung des Buches gebracht (System b). Oft werden
diesen Besprechungen auch noch Illustrationen, die den Inhalt
des Buches betreffen oder Porträts der Verfasser beigefügt (Sy-
stem ec). Auch andere Modifikationen kommen vor.

Es wurde nun je ein Katalog von vier Seiten Umfang nach
den Systemen a, b, ce in Maschinenschrift angelegt. Der Katalog
(System a) enthielt 32 Buchanzeigen, die Kataloge nach den Sy-
stemen b und c jeweils nur vier Buchanzeigen, von denen jede
eine Seite umfaßte. In allen diesen Katalogen war dem Ver-
fassernamen ein Vornamen vorgesetzt. Diese Kataloge wurden
zwanzig Versuchspersonen gegeben, welche jeden eine Minute
lang, also flüchtig durchsehen mußten. Nach der Durchsicht
eines jeden Katalogs wurde die Versuchsperson gefragt, was sie
vom Katalog behalten hatte. Von diesen Antworten wurden die
einer Bearbeitung unterzogen, welche sich auf Verfasser, Titel
und Verlag bezogen. Wurde bei einem Katalog von einer Ver-
suchsperson ein Autorname einschließlich Vorname richtig an-
gegeben, so wurden zugunsten dieses Katalogs zwei Punkte no-
tiert. Ebenso wurde verfahren, wenn ein Titel und ebenso auch,
wenn ein Verlag richtig angegeben war. Waren die Angaben
nicht ganz vollständig, jedoch noch verständlich und zur Kenn-
zeichnung von Autor, Buch oder Verlag ausreichend, so wurde

115
        <pb n="125" />
        ein Punkt notiert. Diese Untersuchungen führten zu folgender
"Tabelle. In ihr sind, wie man sieht, die Punktzahlen zunächst
für die ersten zehn Versuchspersonen, dann für die zweiten zehn
und dann für alle zwanzig Versuchspersonen zusammen be-
stimmt.

Zn en ersten zehn ar Anden a : alle zwanzig

ersuchspersonen Versuchspersonen —Versuchspersonen

System a 25 18 43

System b 26 29 57

System 6 35 81 66

Diese Tabelle zeigt, daß bei flüchtiger Durchsicht der Katalog
nach System c dem nach System a bedeutend überlegen ist hin-
sichtlich der Fähigkeit, Autor, Titel und Verlag dem Leser ein-
zuprägen. Dies ergibt sich, wie man sieht, nicht nur aus den
Experimenten aller zwanzig Versuchspersonen zusammen, son-
dern auch bei der Fraktionierung der Versuche (vgl. die beiden
mittleren Kolumnen der Tabelle). Obgleich also der Katalog
nach System a im ganzen 32 Buchanzeigen umfaßt, bleibt von
diesen nach flüchtiger Durchsicht viel weniger im Gedächtnis als
von den nur vier Anzeigen des Katalogs nach System ec, der im
(Gegensatz zu a auch Besprechungen und Illustrationen enthält.

Der Katalog nach System b scheint, wie die Tabelle lehrt (hin-
sichtlich seiner Wirksamkeit im angedeuteten Sinne), in der
Mitte zwischen a und c zu liegen, was freilich bei der. Fraktio-
nierung des Materials in zwei Abteilungen (vgl. die mittlere
Tabellenkolumne) nicht so deutlich zum Ausdruck kommt.

Wenn diese Versuche über den Katalog auch gewiß noch
Wiederholungen mit anderen Versuchspersonen und anderem
Material verlangen, so dürften sie doch zweifellos zeigen, daß
Kataloge für schöngeistige Bücher, söfern sie nur auf flüchtige
Durchsicht rechnen können, eher wenige ausführlicher behän-
116
        <pb n="126" />
        delte, womöglich mit geeigneten Illustrationen versehene An-
zeigen, als eine Menge ganz kurzer Anzeigen enthalten sollten.

Andere noch nicht abgeschlossene Versuche von Frl. Dr. Schorn
scheinen zu zeigen, daß größere illustrierte Anzeigen bessere Ge-
dächtniswerte aber geringere Kaufkraft haben als Waschzettel,
die unter denselben Aufmerksamkeitsbedingungen stehen, wie
die Anzeigen. Vielleicht ist daher die Verbindung illustrierter
Buchanzeigen mit Waschzetteln besonders zu empfehlen.

Unsere experimentell-psychologischen Untersuchungen des
Waschzettels und des Katalogs stehen erst am Anfang. Aber die
wenigen mitgeteilten Versuche dürften lehren, daß eine experi-
mentelle Behandlung dieser Probleme dem Buchhandel große
Vorteile bringen kann. Weitere Anregungen zur Bearbeitung
von reklamewichtigen psychologischen Fragen und äußerst wert-
volle Winke für die Buchreklame überhaupt gibt das schon er-
wähnte Werk von H. Kliemann, Die Werbung fürs Buch, Stutt-
gart 1925.

Wenn wir nun auf alles bisher Vorgetragene zurückblicken, so
können wir sagen, daß wir neben einer allgemeinen. Psychologie
der Werbung auch eine spezielle unterscheiden müssen. Unsere
Erörterungen über den Waschzettel und verwandte Fragen geben
uns ein Beispiel für systematische, experimentelle Untersuchun-
gen aus dem Gebiet der speziellen Reklamepsychologie.

117
        <pb n="127" />
        7. ALLGEMEINE PRINZIPIENFRAGEN.

Wer Reklame macht, will die Persönlichkeiten des Publikums
in einer für seine Zwecke vorteilhaften Weise einstellen. Wir
haben die große Macht dieser willkürlichen Fremdeinstellung
kennengelernt. Schon durch die Fragestellung können wir einen
Einfluß auf die Aussagen und Wünsche unserer Mitmenschen ge-
winnen. Wir können ihnen ohne Hypnose Bewegungen willkür-
lich suggerieren. Wir können sie Figuren sehen lassen, wo sich
keine Figuren befinden. Wir können sie durch geeignete Er-
ziehung und sonstige Beeinflussung auf bestimmte politische und
religiöse Ansichten einstellen. Wir können in ihnen Bedürfnisse
erwecken und ertöten und sie durch geeignete Werbung zu Ein-
käufen führen, an die sie an sich nicht denken würden.

Inwieweit darf nun aber der Reklamefachmann die Macht der
Kinstellung ausnützen, inwieweit darf der praktische Psycholog
Einstellungsmittel empfehlen? Rein technisch betrachtet sind
alle Mittel recht, die geschäftlich vorteilhaft sind. Aber Gesetz-
gebung, Moral, Sitte, feineres Empfinden und Standesbewußt-
sein. begrenzen die Anwendung der an sich möglichen Reklame-
mittel.

Vor allem darf die, Reklame mit der Wahrheit nicht in Wider-
spruch stehen. Diese Forderung ist abgesehen von allem anderen
schon rein geschäftlich begründet. Wenn es sich um einmalige
Geschäfte handelt, kann freilich auch die unlautere Reklame zu
Erfolgen führen. Das Gebaren der vielen Jaköbe, die man auf
Jahrmärkten und Messen ihre Waren anpreisen hört, pflegt von
der Staatsgewalt, die hier einer alten Sitte oder Unsitte Rech-
nung trägt, nicht allzu genau auf unlauteren Wettbewerb geprüft
zu werden. Auch sind diese Herren vielleicht nicht allzu schwer
11°

8
        <pb n="128" />
        durch feineres Empfinden und hohes Standesbewußtsein belastet.
Jedenfalls gelingt es ihnen, wenn ihr Auftreten den erforder-
lichen Einstellungswert besitzt und wenn sie (wie meist der Fall)
jedes Jahr neue Artikel vertreiben, in der Regel einen guten Ab-
satz zu erzielen. Im seriösen Geschäftsleben genügt es aber meist
nicht, einmalige Verkäufe abzuschließen. Hier kommt es viel-
mehr meist darauf an, dauernde Verbindungen zu schaffen. Dies
ist aber nur dann möglich, wenn die Leistungen genau dem ent-
sprechen, was die Reklame in Aussicht stellt. Ja die Reklame,
die erfolgreich sein will, nötigt geradezu zu guten Leistungen.
Mit Recht sagt Mataja: „Es ist fast undenkbar, daß eine Firma
Hunderttausende, ja Millionen auf die Bekanntmachung eines
Artikels, einer Marke ausgebe, ohne zu trachten, die Ware selbst
so gut wie möglich zu gestalten“ 1).

Was die Reklame verspricht, muß aber nicht nur wahr, son-
dern auch wahrscheinlich sein. Ein kleiner Zigarrenfabrikant,
dessen Fabrik mitten in den Tabakfeldern Süddeutschlands
stand, legte mir einmal Reklamen zur Beurteilung vor, in denen
er behauptete, nur überseeische Tabake zu verwenden. Die ganze
Aufmachung der Reklamen war so gehalten, daß diese Behaup-
tung auch dann direkt schädlich wirkte, wenn sie, was ich natür-
lich nicht zu beurteilen hatte, zutreffend war.

Sitte und feineres Empfinden verbieten z. B. eine allzu auf-
dringliche Reklame von Sargmagazinen. Freilich aber sind Sitte
und Urteil der Menschen schwankende und sich historisch ent-
wickelnde Faktoren.

Wie die Reklame noch vor einigen Jahrzehnten generell meist
als eine Unsitte angesehen wurde und wie sie heute trotz ge-
wisser doktrinärer Ansichten einzelner Schriftsteller als notwen-
dig erkannt wird, so hat sich besonders die regere Reklame in
einzelnen Branchen langsam entwickelt, Zu diesen Branchen

*) V. Mataja, Die Reklame. 2, Aufl, München und Leipzig 1916. S. 78.

119
        <pb n="129" />
        gehört das Buchgewerbe, das hinsichtlich des Reklamewesens eine
Sonderstellung einnimmt. Darüber, daß Mittel und Wege ge-
schaffen werden müssen, daß ein Buch bekannt wird, herrscht
zwar allgemeine Übereinstimmung. Schon das Verlagsgesetz
nötigt ja den Verleger, die bei ihm erscheinenden Bücher „in
der zweckentsprechenden und üblichen Weise zu vervielfältigen
und zu verbreiten“. Zwischen der bescheidenen Reklame,
die diesem Gesetz vielleicht genügt (etwa Anzeige im Börsen-
blatt, Versendung einiger Rezensionsexemplare und Aufnahme
in den Verlagskatalog) und der regeren Werbebetätigung, die
man gemeiniglich im Auge hat, wenn man von buchhändlerischer
Reklame redet, ist aber ein Unterschied.

Auch der rege Reklame betätigende Buchhändler wird jedoch
bei der Frage nach der Zweckmäßigkeit dieser Reklame Sitte und
übliches Empfinden des Publikums in Betracht ziehen müssen,
und zwar auch dann, wenn er sich selbst berufen fühlt, diese
Faktoren zu modifizieren. So ist zu bedenken, daß eine sehr auf-
dringliche Reklame bei rein wissenschaftlichen Werken heute
noch meist stark verstimmend wirkt, besonders wenn. man merkt,
daß bei ihr der Autor dahintersteckt. Bei rein wissenschaftlichen
Werken wirken auch geschickte, aber irreführende Titel sehr ver-
letzend; sie sind aber natürlich auch ganz allgemein zu ver-
werfen. Bei gelehrten Büchern, die sich an Industrie, Technik
und Praxis wenden, wird intensive Reklame besser ertragen als
im Gebiet der reinen Wissenschaft und zumal der Philosophie.

Schließlich muß noch erwähnt werden, daß die Wirkung von
Reklamen durch zweckwidrige Häufung geschwächt und ganz
aufgehoben werden kann. Dieser in verschiedenster Hinsicht zu-
treffende Satz gilt auch insofern, als das Publikum nur für eine
beschränkte Anzahl von Reklamen aufnahmefähig ist. Dies
zeigt sich gerade wieder im Buchhandel. In den letzten Wochen
vor Weihnachten 1925 sind mir so viele Buchhändlerkataloge zu-
gegangen, daß es mir nicht mehr möglich war, sie näher anzu-
120
        <pb n="130" />
        sehen. Je mehr diese Hochflut der Reklame noch gesteigert wird,
desto unwirksamer muß sie schließlich werden. Es dürfte sich
daher empfehlen, daß die Werbestelle des Börsenvereins auch
dem Problem der Ökonomie der Werbetätigkeit nahetritt. Auch
dies Problem ist schließlich ein psychologisches. Übrigens zeigen
diese Bemerkungen wieder, wie vorsichtig Fragebogen ausgewer-
tet werden müssen und wie schwer es ist, allgemeine Schlüsse
aus ihnen zu ziehen. Denn es ist wohl möglich, daß ein an sich
vollkommenes Reklamemittel eine Zeitlang lediglich deshalb ver-
Sagt, weil es von der Konkurrenz in solchem Umfang angewen-
det wird, daß es jede Wirkung einbüßt.
104

En
        <pb n="131" />
        8, DIE PSYCHOLOGISCHE BERATUNG BEI DER
REKLAME). FORENSISCHES.

Die Betätigung der Reklame ist Angelegenheit des Geschäftes,
welches die Reklame benötigt. In kleineren Verhältnissen wird
sich der Geschäftsinhaber selbst die erforderlichenfalls nötigen
Kenntnisse zum Betrieb seiner Reklame aneignen, in anderen
Fällen wird er einen besonderen Reklamechef oder Reklamefach-
mann anstellen, der unter Umständen eine besondere Abteilung,
die Reklameabteilung, zu leiten hat. In manchen Geschäften ist
diese Reklameabteilung der größte und wichtigste Faktor des
ganzen Betriebes.

Wenn daher die Reklame immer eine geschäftliche Angelegen-
heit bleiben wird, so wird der Reklamefachmann doch vielfach
auch auf Hilfskräfte angewiesen sein, die selbst keine Geschäfts-
leute sind. Zu diesen Hilfskräften gehört der Künstler, mag er
nun als Plakatkünstler, als Filmkünstler oder als Buchkünstler
auftreten. Nötig ist natürlich, daß jede Hilfskraft bei der Re-
klame ihre Betätigung dem Reklamezweck unterordnet. Auch
die Kunst in der Reklame darf sich von diesem Gesichtspunkt
niemals freimachen, und der Reklamefachmann darf daher die
Kunst nur in dem Ausmaß und nur in der Form zulassen, die
seinen Zwecken frommt.

Wenn auch der Reklamefachmann selbst über die Fragen und
Ergebnisse der Reklamepsychologie unterrichtet sein muß, so
wird neuerdings doch auch der Psycholog als Hilfskraft für das
Werbewesen herangezogen. Auch er darf aber natürlich so wenig

*) Unter dem gleichen Titel schrieb ich einen Aufsatz in die Zeitschrift
„Die Reklame“. Januar 1925, Jahrg. 18. S. 26 ff., der im vorliegenden Text
verwertet wurde.

122
        <pb n="132" />
        wie der Künstler seine Kompetenzen überschreiten und vor allem
niemals zu rein geschäftlichen Dingen selbständig Stellung
nehmen. Daß er nicht nur im allgemeinen, sondern auch in kon-
kreten Fällen dem Reklamefachmann große Dienste leisten kann,
ist nicht zu bestreiten. Bestimmte in Aussicht genommene
Werbemittel, wie Fabrikmarken und vieles andere kann der
Psycholog nicht nur auf Grund allgemeiner psychologischer Er-
fahrungen, sondern auf Grund von ganz bestimmten, syste-
matischen Experimentaluntersuchungen kritisch prüfen. Wel-
cher Art diese Untersuchungen sind, dürfte nach unseren obigen
Abschnitten 5 und 6 ohne weiteres klar sein; Aufmerksamkeits-,
Apperzeptions-, Gedächtniswert und andere Werte eines bestimm-
ten Reklamemittels lassen sich experimentell feststellen und mit
den entsprechenden Werten anderer Reklamemittel experimentell
vergleichen. Um den Leser etwas näher in das Wesen solcher
psychologischer Beratung bei der Reklame einzuführen, gebe ich
hier zunächst ein Gutachten wieder, das ich einst für eine Firma
machte, die ein verbreitetes Innenplakat durch ein anderes er-
setzen wollte. Die Firma sandte mir auch das alte Plakat zu.
Das neue künstlerisch wertvolle Plakat war stark stilisiert. Der
angepriesene Artikel kam für Bureaus verschiedener Art, auch
für Schüler und künstlerisch ungebildete Personen in Betracht.
Der Wortlaut meines Gutachtens war (abgesehen natürlich von
Änderungen, die ich hier aus Gründen der Diskretion anbringen
mußte) folgender:

„Das neue Plakat Hirsche ist dem alten Plakat Vogelnest be-
deutend überlegen. Einmal wird es, wie ich experimentell mit
einer größeren Anzahl von Beobachtern festgestellt habe, viel
schneller aufgefaßt als das Plakat Vogelnest. Dann aber erweist
es sich auf Grund von Versuchen mit Personen verschiedener
Bildungsgrade viel verständlicher als das Plakat Vogelnest, das
wegen seiner eigenartigen Zeichnung und Färbung Ungebildeten
und Volksschülern mehr oder weniger unverständlich ist. Das

123
        <pb n="133" />
        Plakat Hirsche hat auch insofern eine sehr gute Apperzeptions-
wirkung im Vergleich zu anderen Plakaten, als in meiner Pla-
katensammlung kein Plakat ausfindig gemacht werden konnte,
das innerhalb kürzerer Zeit besser erfaßt wird, während fast alle
anderen zur Erfassung mehr Zeit in Anspruch nahmen.

Die Gedächtniswirkung des Plakats Hirsche ist nach meinen
Versuchen eine vorzügliche für Personen, die im Betrachten von
Bildern bzw. Plakaten eine gewisse Übung haben. Ganz anders
aber liegt die Sache bei Unerfahrenen, künstlerisch völlig Un-
gebildeten und Kindern. Derlei Leute, die hier kurz als Naive
bezeichnet seien, behalten überhaupt stilisierte Plakate weniger
gut als unstilisierte, mehr naturalistische Bilder.

Die Gedächtniswirkung eines Bildes ist nämlich wesentlich
von der Aufmerksamkeit abhängig, die wir ihm zuwenden und
von dem Gefühlswert, den es für uns besitzt. Die naiven Per-
sonen wenden aber ihre Aufmerksamkeit und ihr liebevolles
Interesse viel mehr unstilisierten als stilisierten Bildern zu und
insbesondere solchen Bildern, welche Dinge darstellen, die ihnen
bekannt. und sympathisch sind. Dementsprechend haben auch
ungebildete und speziell kindliche Versuchspersonen (jüngere
Schüler) das Plakat Hirsche, wiewohl es (wie wir sahen) an sich
leicht aufgefaßt wird und leicht verständlich ist, unter 25 anderen
Plakaten überhaupt nicht beachtet, während es bei Studenten
und Beamten, die Plakaten unstilisierter Bilder viel blasierter

gegenüberstehen, wegen seiner Eindringlichkeit besondere Auf-
merksamkeit hervorrief.

Hieraus ergibt sich, daß das Plakat Hirsche für die Gewin-
nung der Jugend und weitester Kreise zwar nicht geeignet ist,
daß es aber für die Propaganda bei älteren, künstlerisch geschul-
ten Personen vorzüglich ist.

Ihre Schutzmarke, in welche der oberste grüne der vier
Hirschköpfe ausmündet, ist nicht einfach genug, um schnell er-
faßt zu werden; sie enthält viel zu viel Linien, wirkt aus mäßiger
124
        <pb n="134" />
        Entfernung undeutlich und wird daher hier, wie auch auf
anderen Ihrer Reklamen, nicht besonders wirksam sein.

Die Schrift ‚Hirsch-Reißzeuge‘ ist für Personen, die Ihre
Ware kennen (trotz des aus der Ferne undeutlichen R), völlig
ausreichend, für solche, denen erst der Ausdruck ‚Hirsch-Reiß-
zeuge‘ eingehämmert werden soll, ist die Schrift etwas klein und
zumal in Verbindung mit den Hirschköpfen nicht besonders her-
vorspringend.

Ein assoziativer Zusammenhang zwischen Hirschen und Reiß-
zeugen ist, ebenso wie natürlich auch derjenige zwischen dem
Wort Hirsch und den Reißzeugen, ursprünglich nicht vorhanden
gewesen, da der Gedanke an den Hirsch an sich nicht den an
Reißzeuge hervorruft. Durch einen Teil Ihrer gut eingeschla-
genen älteren Reklame haben Sie jedoch diesen Zusammenhang
geschaffen. Das Plakat Hirsche ist geeignet, diesen assoziativen
Zusammenhang bei den Interessenten für Reißzeuge zu ver:
stärken und dadurch von neuem die Aufmerksamkeit auf Ihre
Reißzeuge zu lenken.

Für Neulinge im Gebiet der Verwendung Ihrer Reißzeuge
muß die Assoziation zwischen Hirschköpfen bzw. dem Wort
Hirsche und den Reißzeugen erst gebildet (‚gestiftet‘) werden,
Diese neue Assoziationsstiftung wird aber erleichtert durch die
unwillkürlich eintretende Mitwirkung derjenigen Personen, die
die Reißzeuge schon kennen und im Gespräch ohne weiteres die
Neulinge auf den Zusammenhang zwischen Hirsch und Reiß-
zeugen hinweisen werden.

Von Hause aus ist also die assoziative Wirkung des Plakats
Hirsche schlecht. Durch die von Ihnen bisher geschaffene Re-
klame wird sie aber verbessert. Würden Sie heute anfangen und
mich fragen, ob Sie Ihre Reißzeuge Hirsch-Reißzeuge nennen
sollen, so würde ich mit einem unbedingten Nein antworten
und Ihnen andere Reklamen vorschlagen. Da aber die Hirsch-
Reklame bereits gut eingeführt ist, so wäre es .unwirtschaftlich,

1975

1/
        <pb n="135" />
        nun mit einer ganz neuen Art von Reklame zu beginnen. Bei
Neulingen wird aber die an sich fernliegende assoziative Ver-
bindung der Begriffe Hirsch und Reißzeuge immer etwas hinder-
lich sein.

Kine Steigerung des Absatzes ist durch die wirklich schönen
Farben der vier Hirschköpfe zu erwarten, sowie durch den er-
neuten Hinweis auf Ihre Ware in neuer Form. Die Verwendung
des neuen Plakats an Stelle des älteren Plakates (Vogelnest) ist
völlig unbedenklich, ja sogar wünschenswert. Einmal hat das
neue Plakat gegenüber dem alten die oben erwähnten Vorzüge,
Dann sind die Köpfe des neuen Plakats mit dem Begriff Hirsch-
Reißzeuge eng verbunden, vor allem aber haben Sie durch Ihre
bisherigen Reklamen eine Atmosphäre geschaffen, welche das
Hirschplakat keineswegs als etwas ganz Neues (was falsch
wäre!) erscheinen läßt. Einer meiner Beobachter (ein mittlerer
Beamter auf einem staatlichen Baubureau) behauptete sogar
ganz bestimmt, das Plakat in zwei Würzburger Läden schon
gesehen zu haben, so daß ich mich durch Nachfrage von seinem
Irrtum überzeugen mußte.

Ich schlage Ihnen also vor, das neue Plakat Hirschköpfe her-
auszubringen, nehme dabei aber an, daß es nicht für allerweiteste
Kreise und nicht für jüngere Schüler bestimmt ist. Um diese zu
erfassen, wären andere Plakate erforderlich.“

Andere Anfragen aus der Plakatreklame verlangen natürlich
wieder andere Gutachten. Auch bei der Einleitung oder Modi-
fikation eines Reklamefeldzuges kann der Psycholog Dienste
leisten. Auch kann das psychologische Experiment z. B. schon
eingreifen, bevor ein Künstler beauftragt wird, Entwürfe für die
Herstellung einer Fabrikmarke einzureichen. So können zu-
nächst die Fabrikmarken der Konkurrenz experimentell auf
Fehler geprüft werden und es kann zunächst festgelegt werden,
welche Assoziationen durch die vorhandenen Fabrikmarken aus-

gelöst werden. Daraus ergeben sich Gesichtspunkte für die Her-
126
        <pb n="136" />
        stellung von Entwürfen, die dann von neuem psychologischen
Prüfungen zu unterwerfen sind. Die Ausführung eines Plakats
völlig einem Künstler zu überlassen, erscheint hiernach nicht
zweckmäßig 1).

Erst vor kurzem hatte ich ein Gutachten für ein Fabrikunter-
nehmen zu machen, das den Namen seines Produktes aus ge-
wissen Gründen ändern wollte. Hier hatte ich die Frage nach
dem zu wählenden Namen und vor allem das Problem zu beant-
worten, wie man die Änderung dem Publikum mundgerecht
machen konnte. Im Zusammenhang damit war zu entscheiden,
ob man die erwähnte und andere Änderungen plötzlich oder im
Laufe der Jahre vornehmen solle. Von besonderem Interesse ist
hier vielleicht ein anderes von mir erstattetes Gutachten, das
sich auf die Beliebtheit eines bestimmten Markenartikels und
auf die Beliebtheit eines von der Konkurrenz in Handel ge-
brachten ähnlichen Markenartikels zu beziehen hatte. Ich ver-
teilte eine große Anzahl von Stücken beider Artikel an Herren
und Damen geschenkweise und ersuchte sie, beides in Gebrauch
zu nehmen. Sie mußten mir dann die vermeintlichen Vorzüge
und Nachteile beider Artikel schriftlich darlegen und entschei-
den, welcher der beiden ihnen sympathischer war. Das Stimmen-
verhältnis ergab schlagend eine eminente Bevorzugung des einen
Artikels. Das bei diesen Versuchen gewonnene Material konnte
natürlich nicht nur für die Reklame verwertet werden, sondern
auch die Fabrikation selbst zweckentsprechend beeinflussen.

Das letztere Gutachten habe ich hier deshalb erwähnt, weil die
dabei benützte Methode Anwendung in anderen Gebieten und
auch im Buchhandel finden kann. Denn auch in vielen anderen
Fällen wird es zweckmäßig sein, nicht nur neue Reklamen, son-
dern auch neue Waren, bevor man sie auf den Markt wirft, in

1) Vgl. hierzu meine Bemerkungen über das Weihnachtsplakat der deut-
schen Buchhändler (1925) gegen Ende des Abschnittes 3 der vorliegenden
Schrift.

127
        <pb n="137" />
        ihren Wirkungen auf das Publikum systematisch zu studieren und
die Ergebnisse für die Gestaltung der Reklame und eventuell für
die Umgestaltung der Waren selbst zu benützen. — Wir haben oben
mehrfach über Statistiken der Kaufmotive und über ihre Ver-
wertung für die Reklame gesprochen. Am Anfang des fünften
Abschnittes wurde betont, daß solche Statistiken auch zur Um-
gestaltung von Waren führen könnten, und zwar besonders dann,
wenn sie mit Erhebungen verbunden würden, die sich auf die Be-
mängelung der Waren durch das Publikum bezögen. Doch mußte an-
gedeutet werden, daß eine Einstellung des Publikums auf solche
Bemängelungen gefährlich werden könne. Jetzt sprechen wir da-
gegen von künstlich hervorgerufenen, systematischen Waren-
beurteilungen, die niemals Schaden bringen können, wenn sie
vor dem Verkauf und der definitiven Herstellung der Waren
stattfinden oder wenn schon im Handel befindliche Waren von
einem engeren, Kreis ausgesuchter Personen systematisch beur-
teilt werden, wie es bei meinem Gutachten der Fall war. Solche
Untersuchungen lassen. sich auch auf die äußerliche ästhetische
Beurteilung der Waren ausdehnen, wobei an Methoden der psycho-
logischen Ästhetik anzuknüpfen ist. Auch über den Neuheits-
wert, den Aufmerksamkeitswert und andere wichtige Werte kann
der Psycholog analoge Untersuchungen mittels des angedeuteten
Verfahrens anstellen, das keineswegs mit den in den früheren
Abschnitten erwähnten Methoden zusammenfällt.

Ganz falsch wäre es, wenn man gegen ‚solche Untersuchungen,
soweit sie sich etwa auf Waren des Buchhandels beziehen,
künstlerische Einwendungen machte und vielleicht sagen wollte,
Buchhändler und Künstler dürften nicht den immer minder-
wertigen Durchschnittsgeschmack des Publikums auswerten, sie
müßten vielmehr geschmackbildend wirken. Ich weiß sehr gut,
daß der Fortschritt in der Kunst nicht durch die Massen, son-
dern durch einzelne Künstler herbeigeführt-wird. Auch im Buch-
wesen begrüße ich künstlerische Neuerungen. Wer aber heute
128
        <pb n="138" />
        ein Geschäft machen will, muß die wirklichen heutigen Bedürf-
nisse des Publikums, auch soweit sie künstlerische sind und nicht
nur die zukünftigen und idealen Bedürfnisse berücksichtigen.
Der Verleger ist aber doch in erster Linie Geschäftsmann. Trotz-
dem kann und soll er natürlich in besonderen Fällen auch neuen
ungeahnten künstlerischen Bestrebungen Eingang in die Massen
verschaffen. Solche Fälle werden meist dann gegeben sein, wenn
es sich um Kunstzeitschriften und um Bücher, die Reproduk-
tionen von Kunstwerken enthalten, und um Ähnliches handelt.
Die in dieser Schrift viel diskutierte Einstellung kommt auch
als sog. berufliche Einstellung in Frage. Der Kaufmann steht
Welt und Leben ganz anders gegenüber als der Künstler oder
Gelehrte und jeder Stand hat sozusagen seine besondere Einstel-
lung. Wenn nun natürlich der wahrhaft gebildete Mensch auch
anderen Einstellungen gerecht wird als denjenigen, welchen er
sich infolge seiner Erziehung, seines Milieus und seiner Anlagen
hingibt, so bleibt schließlich doch auch den Besten von uns eine
gewisse Einseitigkeit, die sich, abgesehen von vielem anderen,
auch darin zeigen kann, daß sie Einsichten, die andern sozu-
sagen in den Schoß fallen, weniger zugänglich sind. Auch unter
diesem Gesichtspunkt betrachtet, kann die Ergänzung der im
wesentlichen kaufmännischen Einstellung des Reklamefach-
manns und der künstlerischen des Reklamekünstlers durch die
psychologische Einstellung nur vorteilhaft sein. Vor einiger Zeit
wurde mir ein Prospekt einer großen Firma vorgelegt. Gleich
auf der ersten Seite des Prospekts war in fetten Lettern der
Name des Artikels gedruckt, den die Firma durch ihre eigenen
Waren verdrängen wollte, wodurch natürlich der Absatz der
Konkurrenz gefördert wird, zumal wenn man bedenkt, daß viele
die Prospekte nur flüchtig durchblättern und daß dabei besonders
die erste Seite zu ihrem Recht kommt. In einem andern Fall
zeigte ein mir vorliegendes, künstlerisch wertvolles Plakat das
Bild des angepriesenen Gegenstandes in einer Weise, daß er
9 Marbe, Werbung. 190%

MA La
        <pb n="139" />
        meinen Versuchen zufolge von den Personen, denen ich es darbot
und die dem Personenkreis, für welchen der Gegenstand be-
stimmt war, angehörten, nicht erkannt wurde. Dabei war in der
unter dem Bild stehenden Schrift auf den Gegenstand in einer
Weise hingewiesen, die bei flüchtigerer Betrachtung unmöglich
auffallen konnte. Die Einstellung des Reklamepsychologen läßt
leicht solche und andere Fehler erkennen, die der künstlerischen
und kaufmännischen Einstellung verborgen bleiben können.
Erst vor kurzem ging mir auch eine Reihe von Offertbriefen
durch die Hand mit vielen Fehlern, die einer auf die Reklame-
psychologie eingestellten Persönlichkeit unmöglich "entgehen
könnten. Ein Kaufmann, der mir seine Reklamen unterbreitete,
ließ u. a. Zeitungsanzeigen erscheinen, nach denen die Leser,
die sich auf diese Zeitungsanzeigen bezogen und an ihn schrie-
ben, Offertbriefe erhielten. Darauf mußten sie nochmals schrei-
ben und die Waren bestellen. Als ihnen die Waren zugegangen
waren, mußten sie bezahlen. Gegenüber dieser das Prinzip der
Bequemlichkeit völlig vernachlässigenden Methode konnte natür-
lich leicht ein besseres Verfahren vorgeschlagen werden.

Auch die Werbung im Buchhandel kann durch die psycho-
logische Beratung gelegentlich profitieren. Es sei hier nur er-
wähnt, daß schon die ganz oberflächliche Durchsicht einer Würz-
burger Buchhandlung auffällige Fehler in Äußerlichkeiten von
Büchern ergab. Da waren z. B. eine Reihe von gebundenen
Büchern vom Verleger mit Umschlägen versehen, auf denen
überhaupt keine Silbe gedruckt war. Wie soll da derjenige, der
eine Buchhandlung durchsieht, überhaupt wissen, um was für
Bücher es sich handelt, wenn er sich nicht die Mühe macht, die
Umschläge zu entfernen oder wenn er nicht den Buchhändler um
Auskunft oder Entfernung der Umschläge bittet? Beide Forde-
rungen widersprechen aber nicht nur dem Prinzip der Bequem-
lichkeit, sondern ihre Erfüllung wird vielfach auch durch andere
Hemmungen, wie Bescheidenheit und Wunsch, dem Buchhändler
1.)

30
        <pb n="140" />
        nicht lästig zu fallen, erschwert. Eine Reihe von Titeln war auf
den Längsseiten der Bücherrücken so angebracht, daß ich, als
ich diese Inskriptionen lesen wollte, den Kopf abwechselnd
rechts und links .drehen mußte; denn die Texte waren bald von
oben nach unten, bald von unten nach oben zu lesen. Hierdurch
erwachsen dem Käufer Unlustgefühle, die sein Interesse und da-
her auch seine Kauflust lähmen können. Bei einzelnen gebun-
denen Büchern steht auf dem Buchrücken der Name des Ver-
legers oder des Autors oder Herausgebers ganz unten, also gerade
da, wo bei einer bibliothekarischen Behandlung die Etikette hin-
kommt. Dieser untere Teil des Rückens sollte überhaupt, wenn
irgend möglich, frei bleiben. Schon vor vielen Jahren mußte ich
mich darüber ärgern, daß mir ein unterer Bibliotheksbeamter,
der meine Privatbibliothek katalogisierte, sämtliche auf dem
unteren Teil der Bücherrücken stehenden Inhaltsangaben der
einzelnen Bände meiner Goethe-Ausgabe zuklebte. Auch. daß
Titel, Bandzahl und Ausgabe bei großen Büchern weit ausein-
ander quer über den Buchrücken verteilt sind, ist wegen der Un-
übersichtlichkeit nicht wünschenswert. Manche dickeren Bücher,
die ich bei der erwähnten Durchsicht der Würzburger Buch-
handlung sah, zeigten auf dem Rücken Längsbeschriftung, wäh-
rend doch die Querbeschriftung, die viel bequemer zu lesen ist,
hier wohl möglich gewesen wäre.

Der Psycholog kann nicht nur als Gutachter für den Reklame-
fachmann ersprießlich wirken, sondern er ist auch in der Lage,
bei Rechtsstreitigkeiten im Reklamegebiet wissenschaftlich, und
zwar experimentell fundierte Gutachten abzugeben. Ob eine
Firmenbezeichnung, ein Warenzeichen oder irgendein anderes
geschütztes Reklamemittel durch ein später auftretendes in
seiner Wirkung deshalb beeinträchtigt werden kann, weil „Ver-
wechslungsgefahr‘“ besteht, kann durch Experimente mit einer
großen Anzahl von Personen, denen die beiden in Konkurrenz
stehenden Reklamemittel in geeigneter Weise vorzulegen sind,

II
        <pb n="141" />
        entschieden werden. Ja es läßt sich nicht allzuschwer die unter
bestimmten Bedingungen gegebene Verwechslungsgefahr nume-
risch bestimmen, wenn die Versuche so geführt werden, daß sie
zu prozentualen Angaben über die Personen führen, welche der
Verwechslung zum Opfer fallen. Merkwürdigerweise wird die
Psychologie für solche Untersuchungen noch viel zu wenig her-
angezogen, während dagegen Kaufleute und Künstler zu gut-
achtlichen Äußerungen über die Verwechslungsgefahr aufgefor-
dert werden. Dieses Verfahren ist falsch. Denn ob in einem be-
stimmten Fall Verwechslungsgefahr vorliegt oder nicht, kann
weder aus kaufmännischen Erfahrungen noch aus künstlerischen
Erwägungen heraus festgestellt werden, sondern nur allein auf
Grund von systematischen psychologischen Untersuchungen über
das Verhalten der Menschen in dem konkreten Fall. Dabei kann
auch die Verwechslungsgefahr in Abhängigkeit von der Zeit fest-
gelegt werden, die zwischen der Darbietung der verschiedenen
Reklamemittel verfließt.

Psychologie und Rechtspflege sind in vielen anderen Gebieten
in engen Zusammenhang getreten !). Auch im Gebiet des Mar-
kenschutzes, der Frage nach dem unlauteren Wettbewerb und in
verwandten Gebieten kann, wie diese Bemerkungen zeigen dürf-
ten, die Arbeit des Psychologen forensisch wichtig werden.

1) Über psychologische Gerichtsgutachtem handle ich in meinem Buch
„Der Psycholog als Gerichtsgutachter im Straf- und Zivilprozeß“, Stutt-
gart 1926. Hier (Kapitel 10) wird auch ausführlicher über Gerichtsgut-
achten in Reklamestreitigkeiten gesprochen.

%-

3°
        <pb n="142" />
        <pb n="143" />
        istig zu fallen, erschwert. Eine Reihe von Titeln war auf

ngsseiten der Bücherrücken so angebracht, daß ich, als

N ;se Inskriptionen lesen wollte, den Kopf abwechselnd

8 und links. drehen mußte; denn die Texte waren bald von

ich unten, bald von unten nach oben zu lesen. Hierdurch

. sen dem Käufer Unlustgefühle, die sein Interesse und da-

&amp; 'h seine Kauflust lähmen können. Bei einzelnen gebun-

is Büchern steht auf dem Buchrücken der Name des Ver-

1 Ider des Autors oder Herausgebers ganz unten, also gerade

; bei einer bibliothekarischen Behandlung die Etikette hin-

Dieser untere Teil des Rückens sollte überhaupt, wenn

möglich, frei bleiben. Schon vor vielen Jahren mußte ich

arüber ärgern, daß mir ein unterer Bibliotheksbeamter,

ine Privatbibliothek katalogisierte, sämtliche auf dem

Teil der Bücherrücken stehenden Inhaltsangaben der

an Bände meiner Goethe-Ausgabe zuklebte. Auch daß

3andzahl und Ausgabe bei großen Büchern weit ausein-

juer über den Buchrücken verteilt sind, ist wegen der Un-

ıtlichkeit nicht wünschenswert. Manche dickeren Bücher,

| bei der erwähnten Durchsicht der Würzburger Buch-

1g sah, zeigten auf dem Rücken Längsbeschriftung, wäh-

ch die Querbeschriftung, die viel bequemer zu lesen ist,

)hl möglich gewesen wäre.

Psycholog kann nicht nur als Gutachter für den Reklame-

nn ersprießlich wirken, sondern er ist auch in der Lage,

*htsstreitigkeiten im Reklamegebiet wissenschaftlich, und

xperimentell fundierte Gutachten abzugeben. Ob eine

bezeichnung, ein Warenzeichen oder irgendein anderes

ztes Reklamemittel durch ein später auftretendes in

Wirkung deshalb beeinträchtigt werden kann, weil „Ver-

ngsgefahr“ besteht, kann durch Experimente mit einer

Anzahl von Personen, denen die beiden in Konkurrenz

m Reklamemittel in geeigneter Weise vorzulegen sind,

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