Bewertung der Muße 33 dadurch zustande, daß er nur in den seltensten Fällen auch die kleineren Orte aufsucht und sich so gerne einbildet, die Riesenstädte seien die typischen Repräsentanten des Lebens in Amerika. Von den Großstädten des Ostens abgesehen, geht es aber auch dort ziemlich gemächlich zu, und auch zwischen jenen sind Unterschiede vorhanden. Während etwa in New- York oder Chicago der speed seine Triumphe feiert, trägt Philadelphia, the grand village, wie man es nennt, einen viel behaglicheren Charakter; es gilt den Amerikanern geradezu als verschlafen, und man erzählt sich die Antwort eines Chi- cagoers auf die Frage, wieviel Kinder er habe: vier, drei lebende und eines in Philadelphia 50. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts schrieb Crevecoeur: „Das größte Verbrechen, was man hier begehen kann, ist der Müßig- gang. Erst würde man den Faulenzer bemitleiden, hernach verachten. Dies ist bei allen ein so allgemeiner Grundsatz, und gleichsam ein Nationalvorurteil, daß man hier auch keinen einzigen müßigen Menschen sieht‘ 51, und wenn Th6o- phile Gautier sich einmal darüber beklagt hat, daß die Men- schen noch nicht einmal eine neue Todsünde erfunden hätten, so kann der Amerikaner diesen Ruhm für sich in Anspruch nehmen: im Müßiggang, Ja, eigentlich schon im Nichtarbeiten hat er sie gefunden. Das entwickelte kapitalistische Wirt- schaftssystem hat ja schon an sich eine scharfe Beschränkung im Arbeitswillen herbeigeführt; es läßt den Menschen nicht So viel oder so wenig arbeiten wie er es wünscht, sondern zwingt ihn, so lange Zeit zu arbeiten, wie es vorgeschrieben ist. Rühl, Vom Wirtschaftsgeist in Amerika a