Die Wirtschaftsmoral 69 stem“ gestattet ihm, alle Chancen auszunutzen, ohne sich die geringste Belästigung von seiten der Moral zuzuziehen. Ge- feiert ist der „smart man‘, der gewandte, der durchtriebene, dem jedes Mittel recht sein darf, denn der Erfolg erteilt ihm jede gewünschte Absolution. Da aus anderen, nichtwirtschaft- lichen Bereichen keinerlei Hemmung sich entgegenstellte, aber auch keine vorkapitalistische Wirtschaftsgesinnung bekämpft zu werden brauchte, so konnten die kapitalistischen Methoden in der großen Zeit der Erschließung zu Auswüchsen führen, wie sie in Europa nur in Zeiten völliger moralischer Verwir- rung sich zeigen. Was hier nur in den Niederungen des Wirt- schaftslebens als erlaubte Praktik galt, durfte sich in Amerika bis in die Höhen hinaufwagen: wenn man von der Art und Weise liest, in der die großen Vermögen zusammengebracht worden sind, so fällt es nicht leicht, den Ekel zu unter- drücken 1%, Die zahlreichen Enthüllungen, die an die Öffent- lichkeit gezogenen Skandale haben, wie auch von Amerikanern zugegeben wird, zu der Überzeugung geführt, daß die ge- schäftliche Korruption nichts Vereinzeltes ist, sondern einen gewaltigen Umfang hat, und daß es dem Amerikaner beim Geldverdienen nur auf die Quantität, gar nicht auf die Art des Erwerbs ankomme 102, Man spricht von einer moralischen Degeneration gegenüber den Pionierzeiten, und es ist wohl kein Zweifel, daß die großen Gesellschaften und Trusts, die mit ihrer Unpersönlichkeit die Verantwortlichkeit des einzelnen zurückdrängen, sehr viel zur Verschlechterung der Wirtschafts- moral beigetragen haben; sie haben die Macht, über die sie ver-