Die neue Klassenscheidung 81 Aufsteigen, einem Reichwerden aus dem Nichts stellen sich kaum noch zu überwindende Hemmnisse entgegen. An führen- der Stelle stehen immer noch viele, die sich aus kleinen An- fängen emporgearbeitet haben, aber was früher die Regel war, ist die Ausnahme geworden. Die Kühnen, Wagenden sehen sich einer Gruppe von Leuten gegenüber, die im Besitze sind; die großen Vermögen sind heute gegen alle Fährnisse geschützt, sind überhaupt nicht mehr bei denen, die sie durch ihre eigene Arbeit erworben haben. Der Ratschlag Carnegies, daß man am besten tue, arm auf die Welt zu kommen, wenn man ein Millionär werden wolle1!7, kann jetzt nur ein Lächeln hervor- rufen, und wenn von einer Gleichheit der Chance gesprochen wird, so möchte man wohl eher an das bittere Wort von Anatole France denken: ‚Das Gesetz in seiner erhabenen Gleichheit verbietet es dem Reichen wie dem Armen, unter einer Brücke zu schlafen.“ Von irgendeiner scharfen Klassenscheidung konnte in früherer Zeit nicht die Rede sein, und namentlich hatte eine fortdauernde Diffussion dafür gesorgt, daß die sozialen Schichten nicht festlagen; unter der Herrschaft der freien Konkurrenz wurde der eine nach oben, der andere nach unten geschleudert, um dann vielleicht nach kurzem wieder in die umgekehrte Richtung geworfen zu werden. Es standen sich eigentlich nur zwei Klassen von Menschen gegenüber, solche, die Erfolg gehabt hatten, und solche, die gescheitert waren, und beide hatten das Wissen, daß die Rollen nur zu leicht ver- tauscht werden konnten. Dieses Spiel des Auf und Ab hat Rühl, Vom Wirtschaftsgeist in Amerika 6