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        <title>Vom Wirtschaftsgeist in Amerika</title>
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            <forname>Alfred</forname>
            <surname>Rühl</surname>
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        Auszug aus der Leseordnüung,

Die Leser’der Öffentlichen Bücherhalle werden
gebeten, die Bücher zu schonen, und durch Ein-
wickeln besonders vor Nässe zu schützen. Beim
Lesen dürfen keine Bleistiftstriche und Randbe:-
merkungen gemacht und die Seiten nicht mit an-
gefeuchtetem Finger umgeblättert. werden; auch
dürfen die Ecken nicht als Lesezeichen umgeknickt
und der Buchdeckel nicht über den Bücherrücken
hinaus umgebogen werden. Kinder müssen die Bücher
nur mit sauberen Fingern anfassen. Der Entleiher
hat sein Buch zu prüfen und die Beamten auf
etwaige Mängel aufmerksam zu machen, bei der
Rückgabe gilt er nur für entschuldigt, wenn der
Mangel im Buch vermerkt ist. Für das entliehene
Buch bleibt der Lesekarten-Inhaber verantwortlich.

Wohnungsanderungen sind anzuzeigen.

Im allgemeinen Interesse des Lesers ist jedes
entliehene Buch möglichst schnell wieder abzu-
geben. | |

Die Leihfrist beträgt für schöne Literatur 14
Tage, für belehrende Bücher und die übrigen Werke
in der Freihand 4 Wochen, mit Ausnahme der Einzel-
entleihungen, auf die die Bücher nur 4 Tage be-
halten werden dürfen. Für jeden weiteren Tag ist
eine Versäumnisgebühr von 5 Pig. zu zahlen, einerlei,
ob der Leser eine Mahnung erhalten hat oder nicht.
Das in die Bücher gestempelte Datum bezeichnet
den letzten Tag der Rückgabe außer in Rothen-
burgsort.

Verliebene Bücher können auffemer Vorbestellkärte zu
5 Pfennig vorgemerkt werden, die Leihfrist kann schriftlich
verlängert werden. Auswahllisten sind an der Kasse zu kaufen.
Die Karten A, C-G gelten in allen Bücherhallen außer Rothen-
burgsort. — Nur die in Kästen aufgestellten Kataloge ermög-
lichen eine richtige Benutzung der belehrenden Bücher,

Ausgabezeiten: A Kohlhöfen 12—2, 4—8, Mi. 12—2, B
Rothenburgsort D., Do., Sbd., 12—2, 68, Kinder 12-—3, C Mön-
ckebergsfir., 12—8, Mi. 12-—3, D Barmbeck und E Hammerbrook
Mo., Mi, Fr. 12—8, 5—8, F Eilbeck Di, Do., Sbd., 12-3, 5—8
G Eppendorf Mo.-Fr. 12-—3, 5—8, Sbd. 12-3.
        <pb n="3" />
        STUDIEN ÜBER DEN
WIRTSCHAFTSGEIST DER VÖLKER
        <pb n="4" />
        EISEN
184
VOM
WIRTSCHAFTSGEIST
IN AMERIKA
ALFRED RÜHL
Professor an der Universität Berlin
MA
ISCH
ATZE
; Yo
1 9 2 7
VERLAG VON QUELLE &amp; MEYER
LEIPZIG

VON
        <pb n="5" />
        ALLE RECHTE VORBEHALTEN
BUCHDRUCKEREI OSWALD SCHMIDT G.M.B.H.
LEIPZIG
17 JUN. 1953
453/1295
„gelte N,
A Pc
1s Abtei 5
a BES $

)
= Dt
+ ME
        <pb n="6" />
        Vorwort

LE rapide Erschließung der Vereinigten Staaten hat

i_ Europa mit Bewunderung verfolgt, ihre überreichen
Hilfsquellen erregten seinen Neid, und die wachsende Indu-
strialisierung erfüllte schließlich mit einer gewissen Sorge.
Aber man sah in den Vereinigten Staaten doch immer nur das
rasch aufgeschossene Kind, das der Leitung der europäischen
Mutter im Wirtschaftlichen wie im Kulturellen nicht ent-
raten konnte. Der Krieg, der ihm folgende ökonomische Zu-
sammenbruch Europas und die ins Ungeheure aufgestiegene
Macht der Union haben diese Anschauung gewandelt: die
Vereinigten Staaten als wirtschaftliches Vorbild sind etwas
Neues. Man sucht von ihnen zu lernen, studiert ihre Organi-
sation, Betriebsführung und Technik, und in Deutschland,
Frankreich und England vergeht kaum noch ein Monat, der
nicht ein neues Buch über Amerika brächte, das sich die
Schilderung des heutigen Wirtschaftsapparates, die Erörte-
rung der Übertragungsmöglichkeiten und der Ursachen des
industriellen Aufschwungs und Übergewichts zum Ziel setzte.
Mit ihnen in Konkurrenz zu treten, liegt nicht in der Absicht
der folgenden Betrachtungen. Hier soll der Versuch unter-
nommen werden, den herrschenden Wirtschaftsgeist zu ana-
        <pb n="7" />
        V! Vorwort

lysieren, ‚ein Problem, das im Zusammenhang außer von
Münsterberg kaum untersucht worden ist, wenn auch einzelne
Teilfragen allzu oft, meist freilich nur auf Grund von Ober-
flächenbeobachtungen behandelt worden sind. Der herrschende
Wirtschaftsgeist ist der gleiche wie in Europa, es ist der
kapitalistische, von dem er sich jedoch nicht nur durch seine
reinere Ausprägung und schärfere Durchbildung, nicht nur
durch quantitative Verschiedenheiten, durch Übersteigerungen
und Verzerrungen, unterscheidet. Es kann also an dieser Stelle
nicht die Aufgabe sein, die amerikanische Wirtschaftsgesinnung
in ihren Grundlagen und allen ihren Auswirkungen und Ver-
zweigungen zu schildern, es können vielmehr nur jene Züge
etwas eingehender vorgeführt werden, in denen sich etwas spe-
zifisch Amerikanisches aufzeigen läßt. Das Bild, das sich die
europäische communis '©opinio im 19. Jahrhundert von dem
Wirtschaftsmenschen in Amerika hergestellt hat, ist gewiß
in den groben Konturen richtig, wie es bei seiner durch Irra-
tionales so wenig gestörten Einfachheit auch nicht anders
sein kann. Aber es bedarf fast überall der Korrekturen und der
Hinzufügung von Nuancen, so daß das Gesamtporträt doch
einen nicht unwesentlich veränderten Anblick darbietet. Gerade
der deutsche Beschauer wird allerdings an vielen Stellen gar
nicht die Empfindung von etwas Amerika Eigentümlichem
haben: er wird sich vor Augen halten müssen, daß die deutsche
Wirtschaftsgesinnung innerhalb Europas eine Sonderstellung
einnimmt und von dem kapitalistischen Geiste Europas zu
dem hochkapitalistischen Amerikas die Brücke schlägt, daß

MT
        <pb n="8" />
        Vorwort IX
in seinem Lande vieles Amerikanische wenn auch noch nicht
vorhanden, so doch in den Wünschen existiert. Da die fol-
gende Studie sich an voraufgehende Untersuchungen über den
Wirtschaftsgeist in Spanien und im Orient anschließt, und
mit diesen zusammen zu einer Typologie des wirtschaftenden
Menschen außerhalb des Kreises der Naturvölker führen soll,
so mußte sich die Auswahl der zu behandelnden Fragen auch
ein wenig von jenen Gesichtspunkten lenken lassen, die bei
den genannten ‘Darstellungen zur Anwendung gekommen
ware”.

ax
        <pb n="9" />
        Inhalt
Die Entwicklung des amerikanischen
Wirtschaftsgeistes ......... |
Die Bewertung der Wirtschaft inner-
halb der Gesamtkultur ......
Das Verhältnis zum Gelde y
Die Wirtschaftsmoral ...
Der neue W irtschaftsgeist. .... 73
Das Erwachen einer Kulturkritik . . ı
Anmerkungen ... Ze

22

45

66
+08
117
        <pb n="10" />
        I. Die Entwicklung des amerikanischen
Wirtschaftsgeistes
FÖLKERPSYCHOLOGISCHE Betrachtung findet in den
5 Vereinigten Staaten ein besonders günstiges Studienob-
jekt. Auch hier müßte gewiß jede Behauptung mit mannig-
Tachen Einschränkungen versehen werden, aber es gibt doch
kaum ein Land, in dem die Gefahr einer Generalisation so
gering ist wie dort, so daß der Fehler der Schemati-
sierung, mit dem alle derartigen Betrachtungen ihrer
Natur nach behaftet sein müssen, auf das hier mög-
liche Minimum herabgedrückt zu sein scheint. Einer der
Haupteindrücke, der sich wohl jedem Europäer, der das
Riesengebiet durchzogen hat, aufgedrängt haben wird,
ist doch gerade die ungeheure Gleichförmigkeitdes
Menschentypus, die sich durchgesetzt hat. Von außen ge-
Sehen erscheinen die Amerikaner von einer sonst nirgends
zu beobachtenden geistigen Gleichartigkeit, mag man sich nun
im Staate New York oder Missouri, in Wisconsin, Texas oder
Oregon aufhalten, und das in einem Lande, dessen Größe
Europa nur wenig nachgibt und mehr als 100 Millionen
Menschen umfaßt.
Schon der äußere Aspekt der Städte zeigt deutlich die Herr-
schaft der Schablone. Sie sind einander so ähnlich, daß es
Rühl, Vom Wirtschaftsgeist in Amerika .
        <pb n="11" />
        2 Gleichförmigkeit des amerikanischen Menschentypus

„reiner Stumpfsinn ist, von einer zur andern zu reisen“ 1,
Wenn es auch gewisse Unterschiede gibt, wie sie durch Boden-
konfiguration und Klima erzeugt werden, so daß etwa in den
Städten am Stillen Ozean mit ihrer Sonne, ihrem Auf und
Ab von Hügeln und Tälern die Öde der Industrieorte des
Ostens, „mit deren Trostlosigkeit sich nicht einmal die Salz-
wüste vergleichen läßt‘ 2, nicht aufkommen kann, so sind doch
die Verschiedenheiten im wesentlichen nur quantitativer Art.
Auch die kleineren Ortschaften besitzen keine eigene Physio-
gnomie, sind nur Großstädte in verringerter Dimension : mögen
sie auch bisher nichts weiter haben als ihre „Hauptstraße“,
mögen sie aussehen wie „internationale Ausstellungen eine
Woche vor der Eröffnung“ 3, es ist der Ehrgeiz einer jeden, sich
zu einer Metropole auszuwachsen und die älteren Konkurrenten
zu überbieten und zu übersteigern. Wie das Äußere der Häuser,
die nur zu oft fertig aus der Fabrik bezogen werden, einem
konventionellen Stil unterworfen ist, so läßt auch ihr Inneres
nirgends die Persönlichkeit des Erbauers oder Besitzers her-
austreten. Überall trifft man auf die gleichen Gegenstände,
alles ist Massenware: „You furnish the girl, we’ll furnish
the home“ kann eine Möbelfabrik annoncieren%. Man be-
trachtet die Menschen. Alle sind gut gekleidet, aber das Schema
regiert auch hier. So gut wie alle tragen Anzüge, die in
der Fabrik hergestellt sind, „reach-me-downs‘‘, wie man sie
nennt, und auch die Frauen machen keine Ausnahme. Auch
sonst, in Hüten, Kragen, Stiefeln, dieselbe Uniformisierung,
dieselbe Unterwerfung unter das, was gerade auf den Markt
        <pb n="12" />
        Gleichförmigkeit des amerikanischen Menschentypus nn ö
geworfen wird. Die meisten Haushaltungen beziehen heute
fabrikmäßig hergestellte Speisen; „vierzig Religionen und nur
eine Sauce,“ so hat sich bereits Brillat-Savarin entrüstet, und
man kann in allen großen Städten in den Restaurants seine
Bestellungen machen, ohne nach der Speisekarte zu sehen,
man wird das Gewünschte erhalten und überall zu genau dem
gleichen Preise. Von einer innerhalb Europas unmöglichen
Einförmigkeit ist aber auch die geistige Kost. Die Zeitungen
zeigen über das weite Land vom Atlantischen bis zum Stillen
Ozean hin so wenig Individuelles, daß man meinen könnte,
sie seien alle von der gleichen Hand geschrieben. Und was
die Lektüre von Büchern betrifft, so hat eine Umfrage über
das ganze Land das Resultat ergeben, daß die meistgelesenen
überall dieselben sind und daß sie sogar fast immer in der-
selben Reihenfolge genannt wurden 5. Macht man die Bekannt-
schaft der Menschen, so wird der Eindruck einer „sameness“
im günstigsten Falle erst bei weitgehender Intimität weichen;
man möchte die Menschen für vertauschbar nehmen, so ähn-
lich scheinen sie in ihren Lebensformen und Anschauungen
zu sein. Man muß immer wieder von neuem erstaunen, wie
es möglich gewesen ist, aus einer so ungleichartig zusammen-
gesetzten Masse, wie sie die europäischen Einwanderer waren,
eine derart homogen sich darbietende Bevölkerung zu schaffen.
Die Amerikaner selbst haben begreiflicherweise ein feineres
Unterscheidungsvermögen. Ihnen drängen sich Differenzen
auf, die dem Ausländer entgehen, und wenn man das aus-
gezeichnete Sammelwerk, das Gruening vor kurzem heraus-
        <pb n="13" />
        Sn Entstehung der Gleichförmigkeit
gegeben hat und in dem die einzelnen Staaten der Union nach
für sie charakteristischen Seiten behandelt sind ®, studiert, so
wird man doch auch hier wieder zu einer gewissen Vorsicht
gemahnt und vor allzu starker Schematisierung gewarnf(.
Einegroße Zahlvon Faktoren hat zusammenwirken
müssen, um jene Homogenität zu erzielen, wie sie in dieser
Weise und in diesem Ausmaß an keiner Stelle der Erde sich
hat wiederholen können. Die nach der Union Auswandern-
den waren Europas müde gewesen. Sie wollten seine Tradi-
tionen hinter sich lassen und vergessen, hatten gerade den
Wunsch, andere Menschen zu werden, eine neue Kultur an-
zunehmen und an ihrem Weiterausbau mitzuwirken. Einzeln
verteilten sie sich über das Land, so daß sich das neue soziale
Milieu leicht bei ihnen auswirken konnte, und die Angehörigen
der verschiedenen Nationen blieben im allgemeinen auch nicht
zusammen, sondern durchmischten sich. Die Kultur, die sie
vorfanden, war die angelsächsische, deren Anziehungskraft
gerade in ihrer Einfachheit gelegen ist; man brauchte nur
die festgelegten Formen und die äußeren Zivilisationsgüter
anzunehmen und fand sich nicht vor irgendwelche schwie-
rigeren seelischen Probleme gestellt. Gleich waren Beschäfti-
gung und Interessen; allen stand das nämliche Ziel vor Augen,
auf dem fremden Boden eine neue Existenz zu gewinnen, nur
in der Arbeit die Erfüllung ihres Lebens zu sehen, und alle
wurden durch das gemeinsame Ideal zusammengehalten, den
noch unerschlossenen Kontinent zur wirtschaftlichen Blüte
zu bringen. Die Persönlichkeit des einzelnen wurde dem ge-
        <pb n="14" />
        Wille zur Gleichheit

meinsamen Ziele zum Opfer gebracht. Das erste, was man
von dem ‚Greenhorn‘“ forderte, war, daß er sich diesem
Ideale unterwerfe, was die Majorität für gut und böse erklärte,
das mußte auch für ihn die Richtschnur in seinem Leben
abgeben. Wer die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit
nicht stören lassen, wer etwa seine europäischen Kulturideale
weiter pflegen wollte, war ein Verbrecher an der Allgemein-
heit; er bekam die Faust der gesellschaftlichen Ächtung zu
spüren und mußte sich als ein zweitklassiger Mensch ansehen
lassen. Die Gleichheit galt nur jenen gegenüber, die gewillt
waren, sich der neuen Kultur bedingungslos zu übergeben.
So frei sich der Einzelne sein Dasein ausgestalten durfte, wenn
er mit der öffentlichen Meinung in keinen Konflikt geriet,
so unfrei wurde es unter dem Zwange der Konvention. Neben
dem schrankenlosen Individualismus, der sich im Erwerbs-
leben betätigen konnte, stand der Herdensinn, der „ameri-
kanische Pseudoindividualismus“ 7, großgezogen durch den
übermächtigen Einfluß des Mehrheitswillens, der es verbot, in
irgendeiner für den Menschen wesentlichen Frage ein ihm ent-
gegenstehendes Urteil zu haben und der so viele geistige Kräfte
unterdrückt hat. Aber man beugte sich ohne Protest vor der
Majorität und der harten Disziplin, der man unterworfen
wurde, weil man den Willen zur Unterordnung und den Glau-
ben an die Überlegenheit der neuen Kultur hatte. So wurde das
Individuum durch die Konvention gebändigt und eine Do-
mestizierung und Standardisierung des Menschen bis zu einem
bis dahin unbekannten Grade herbeigeführt.
        <pb n="15" />
        D Einfluß der Schule

Einen weiteren Faktor von größter Bedeutung für die Her-
stellung eines möglichst gleichgearteten Typus bildete die
Schule, der die Aufgabe zugewiesen war, allen, auch den un-
tersten Volksschichten ein Mindestmaß von jenem Wissen zu
übermitteln, das sie für den Lebenskampf brauchten und die vor
allem die Kenntnis der englischen Sprache vermitteln sollte.
Wer sich nicht auf englisch auszudrücken vermochte, war
so gut wie verloren, und auch das ist bemerkenswert genug,
daß die Unterschiede der Aussprache zwischen New York
und San Francisco geringer sind als zwischen Yorkshire,
Cornwall und Devonshire®.

Je weiter nach dem Innern des Kontinents zu, um so ameri-
kanischer wurde er, um so geringer die europäischen Einflüsse.
Die Siedlungsgrenze war die Linie der raschesten und wirk-
samsten Amerikanisierung, denn die Avantgarde kam meist
nicht aus Europa, sondern war bereits amerikanisch geworden.
Und nicht in der Weise vollzog sich die Besiedelung des
„Westens“, daß eine Familie die Wanderung ausführte und
hinter ihr eine zweite nachrückte, sondern der Prozeß verlief
in der Regel so, daß eine Familie etwa nach Indiana ging,
ihre nächste Generation dann nach Iowa, die übernächste
nach Dakota oder Oregon wanderte, so daß also eine sehr
innige Verbindung der einzelnen Teile zustande kam. Die Aus-
bildung regionaler Besonderheiten wurde durch die Gleich-
förmigkeit der Lebensbedingungen, wie sie in der Mitte der
Union.vorliegen, und durch die Beweglichkeit der Bevölkerung
sehr gehindert, die ihr ja auch den Spottnamen der Kul-
        <pb n="16" />
        Einfluß des Ganges der Besiedelung

turnomaden eingetragen hat. Hunderte von Menschen, sagt
der Historiker Turner, kann man finden, die nicht über
50 Jahre alt sind, und die 5 oder 6 mal in ihrem Leben einen
neuen Wohnsitz genommen haben. Da keinerlei Traditions-
werte existieren, so stößt eine Umsiedelung auf keine innere
Hemmung, und wenn sich an anderer Stelle bessere Aussichten
bieten, so läßt man sich dort nieder, an einem Ort, der viel-
leicht x000 Kilometer von dem früheren entfernt ist und
von dem man bisher nicht einmal den Namen gewußt hat.
Dies macht die ausgedehnte Reklame verständlich, die die
amerikanischen Städte treiben, das Prunken mit ihren „oppor-
tunities‘“ und die in Europa nur ein Analogon bei den Bade-
orten und Erholungsstätten hat. Die Städte stehen unter ein-
ander aber auch in einem Konkurrenzkampf und die Verände-
rungen ihrer Einwohnerzahl sind ein recht gutes Kriterium
für ihre wirtschaftliche Blüte oder Stagnation. Kann eine
Stadt sich mit einer Verdoppelung ihrer Bewohnerzahl von
einem Zensus zum andern brüsten, so wird sie eine besondere
Anziehungskraft ausüben, da dann der Zustrom die Tendenz
zur Selbstverstärkung in sich trägt.

In den Vereinigten Staaten fallen auch jene Unterschiede
im Wirtschaftsgeiste in sehr weitgehendem Maße fort, wie sie
durch die Verschiedenheiten der Beschäftigung entstehen und
in Europa zu der Gegensätzlichkeit von städtischer und länd-
licher, von industrieller und agrarischer Wirtschaftsgesinnung
geführt haben. Der amerikanische Farmer steht dem euro-
päischen Industriellen weit näher als dem Bauern. Er ist mit
        <pb n="17" />
        © Fehlen ‚eines agrarischen Wirtschaftsgeistes
seinem Stück Land durch keinerlei Sentiments verbunden,
eine Anhänglichkeit an die Scholle, der Wunsch nach der
Erzielung des Lebensunterhalts an derselben Stelle, die schon
den Vorvätern dazu gedient hat, das Festhalten an alten Über-
lieferungen und Arbeitsmethoden, sind ihm ganz fremd. Sein
Haus wie seine Möbel hat er fertig aus der Fabrik bezogen,
er umgibt sich mit allen Hilfsmitteln der modernen Technik,
sucht möglichst enge Beziehungen zu den nächstgelegenen
Städten zu unterhalten. Er betreibt Landwirtschaft, würde
aber auch in der Industrie tätig sein, wenn sich ihm dort eine
bessere Chance böte. Er bewirtschaftet seine Farm auch in
einer Weise, die der industriellen Arbeit sehr nahe kommt.
Wo es nur irgend möglich ist, bedient er sich der Maschinen,
die ihm die mangelnden Arbeitskräfte ersetzen müssen, und
man könnte sagen, daß er eigentlich der erste gewesen ist,
der in Amerika mit der Serienherstellung begonnen hat; er
erzeugt Weizen oder Mais, genau so, wie eine Fabrik eine
Werkzeugmaschine oder Schwefelsäure herstellt. Spezielle
landwirtschaftliche Kenntnisse gehen ihm in sehr vielen Fällen
ab, so daß er schon aus diesem Grunde sich mit der Produktion
einer sehr geringen Zahl von Kulturgewächsen begnügen muß
und seinen Betrieb oft nur auf eine einzige abstellt, also ge-
wissermaßen nur Massenprodukte zu liefern in der Lage ist.
Die Homogenität über das Gesamtgebiet der Union hinweg
ist jedoch erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
hergestellt worden. Ursprünglich waren auch hier ver-
schiedene Wirtschaftsgesinnungen vorhanden ge-
        <pb n="18" />
        Der Wirtschaftsgeist im Norden
wesen. Northerner und Southerner standen sich in scharfer
Gegensätzlichkeit einander gegenüber. Im Norden, in einem
Gebiet, das für den damaligen Stand der Wirtschaft von der
Natur nur wenige Gaben erhalten hatte, hatte sich aus den
Einwanderern ein Menschentypus herausgebildet, der unter
dem Einfluß puritanischer Weltauffassung das irdische Leben
nur als eine Vorbereitung für das himmlische betrachtete,
in ihm die Bewährung erstrebte und diese in der Nutzung
der empirischen Welt, in wirtschaftlicher Betätigung und
unter Verzicht auf Genuß in einem selbst erworbenen Reich-
tum suchte. Auf der Religion war das Leben aufgebaut, man
kannte nichts als religiöse Übung und die Arbeit, die auf die
Urbarmachung eines kargen Bodens und die Entwicklung eines
den bescheidenen Bedürfnissen genügenden Gewerbes zielte.
Der ganze Zuschnitt war patriarchalisch; in Lowell etwa, der
ersten reinen Fabrikstadt, standen die Arbeiterinnen unter
strenger moralischer Kontrolle, besuchten gemeinsam die
Kirche und es ging zu wie in einem Kloster, „nur daß die
Nonnen nicht sacr6-coeeurs herstellten, sondern Baumwolle
spannen und Calicot webten‘“ 19, Gering waren die Unterschiede
in materieller und sozialer Hinsicht. Nur auf das Praktische
war der Sinn dieser Menschen gerichtet, moralisch integer,
aber geistig eng, unduldsam, aller Sinnenfreude, allem
Schmuck des Daseins feindlich lebten sie dahin. Aber gerade
diese Nüchternheit, dieser unermüdliche Fleiß, dieses sich nur
im Nützlichen betätigen wollen hat sie zu den großen Taten
tüchtig gemacht und ihnen den Wagemut verliehen, mit dem
        <pb n="19" />
        A Der Wirtschaftsgeist im Süden

sie in den Westen vordrangen und dort jenen kolonisatorischen
Geist zur Entfaltung brachten, den die übrige Welt des
19. Jahrhunderts nur mit staunender Bewunderung be-
trachtete.

Ganz anders war die Entwicklung im Süden verlaufen,
und nicht oft werden solche Gegensätze in dem vorherr-
schenden Wirtschaftsgeiste in so unmittelbarer Nachbarschaft
bestanden haben, wie hier. Hohe Fruchtbarkeit des Bodens,
solange er nicht durch die Einseitigkeit des Anbaus sich
erschöpft hatte, ermöglichte im Verein mit einem halbtro-
pischen Klima den Anbau wertvoller Handelsgewächse, die
auf den großen Plantagen durch die Arbeit von Negersklaven
gewonnen wurden. Die Hunderte und Tausende von Sklaven,
über die die Besitzer der großen Latifundien verfügten, ent-
hoben sie in diesem erschlaffenden Klima jeder Arbeit und
ließen sie ein Leben führen, das sich an dem des englischen
Gentlemen orientierte, die Arbeit mit Verachtung ansah und
sich nur den chevaleresken Betätigungen hingab. Nichts von
der Enge und Kleinlichkeit des Nordens; das Ideal, das diese
Grandseigneurs, die an der Spitze der südlichen Gesellschaft
mit ihrer im Gegensatz zum Norden feudalen Klassenschich-
tung standen, hinstellten, war vielmehr ein müßiges und be-
hagliches, genießerisches, den Vergnügungen gewidmetes,
wenn auch feiner Kultur oft entbehrendes Dasein. Hier gab
es standesgemäße und nichtstandesgemäße Berufe; als vor-
nehm galt nur der Pflanzer, Handel und Gewerbe waren eine
unwürdige Beschäftigung. Auf den Yankee mit seiner Ar-

7 ()
        <pb n="20" />
        N Der Pioniertypus 1
beitsamkeit, seinem so stark entwickelten Erwerbstrieb sah
man ebenso herab wie auf die poor whites, die kleinen Farmer
ohne Sklaven, die, ohne Aussicht, höher zu kommen, sich in
ihrer Lebensweise und ihrem geistigen Niveau meist nicht viel
über den Neger erhoben.

Bereits Chevalier verdanken wir eine vorzügliche Schilde-
rung dieser beiden Typen von Wirtschaftsmenschen, und er
meinte, daß, wenn man den amerikanischen Charakter zu
einem einzigen vereinigen wolle, so müsse man mindestens
drei Viertel vom Yankee nehmen und kaum ein Viertel vom
Virginier hinzusetzen 11, Die beiden Extreme konnten auf die
Dauer nicht zusammen in einem Staate leben. Die Entschei-
dung im Sezessionskrieg hat dem Norden nicht nur den poli-
tischen Sieg gebracht, sondern auch die in ihm lebendige
Wirtschaftsethik zur Herrschaft geführt, und so wurde das
Unionsgebiet langsam auch in dieser Hinsicht zu einer Einheit
verschmolzen, vor allem, nachdem der Süden angefangen
hatte, seine rein agrarische Struktur einzubüßen und sich
zu industrialisieren.

Inzwischen aber hatte der Wirtschaftsgeist des Nordens mit
dem Vordringen nach dem Westen und der wachsen-
den Zuwanderung aus Europa eine Änderung erfahren, und es
hatte sich jener Typus herausgebildet, den man den Pionier
genannt hat. Blieb auch die religiöse Fundierung zum
Teil erhalten, so erfuhr doch der Puritanismus eine Ab-
schwächung, und das aktive, rauhe, abenteuer- und risiko-
suchende Element mußte um so stärker hervortreten. Nur
        <pb n="21" />
        2 Der Pioniertypus
Menschen, die gewillt waren, härteste Arbeit zu leisten, vor
keinem Hindernis zurückzuweichen und sich durch keinerlei
Gefahren schrecken zu lassen, den ständigen Kampf mit den
Indianern nicht fürchteten, konnten das Werk des Vorschie-
bens der Zivilisation in die Wildnis unternehmen und voll-
bringen. Den schwersten Kampf mit der Natur hatten jene
ersten Pioniere zu bestehen, die in den dicht bewaldeten Ge-
bieten jenseits des Appalachengebirges ihr einfaches Holz-
haus errichteten, nur das verwerten konnten, was die unmittel-
bare Umgebung bot, und ein unerhört einsames Dasein, ohne
Nachbarn, fern aller größeren menschlichen Ansiedlung leben
mußten. Leichter wurde es, als man in die weiten Prärien ge-
langte, als die Eisenbahn in die Mitte des Kontinents vorstieß
und man auf den ins Unendliche sich dehnenden Grasflächen
das Vieh weiden, auf fruchtbarem, leicht zu beackerndem
Boden seine Felder anlegen und sie mit in Europa damals noch
kaum bekannten Maschinen bearbeiten konnte, bis dann beim
Vordringen gegen den Missouri der allzu spärliche Nieder-
schlag der weiteren Kolonisation eine einstweilige Grenze zog;
was westwärts lag, galt auf Grund einzelner Erkundungen
lange als unbewohnbar, wurde mit den „tatarischen Steppen
und den Dünensandwüsten der Sahara“ verglichen !?, Hier in
der Mitte des Erdteils lag die Schule des extremen Individualis-
mus, des self-help. Alles hing von der Tüchtigkeit des einzel-
nen ab, jeder war nur auf sich selbst ‚gestellt, irgendeine
Unterstützung der kolonisatorischen Tat von seiten der Re-
gierung existierte nicht und wurde auch nicht gesucht; da-
        <pb n="22" />
        Der Pioniertypus 13
für wollte man aber auch frei von jeder Kontrolle sein, Gesetze
erkannte man nicht an, sondern war sich selbst Gesetz.

Der Westen brachte aber noch etwas anderes zu kräftiger
Entfaltung, den Spiel- und Spekulationstrieb, großgezogen
durch die bisher ungeahnten wirtschaftlichen Möglichkeiten,
die sich auftaten. Viele Pioniere bearbeiteten ihre Farm über-
haupt nur so lange, bis sich ihnen eine Gelegenheit bot, sie
mit einem Gewinn zu verkaufen, um dann dasselbe Geschäft
an anderer Stelle zu wiederholen. Die Grundstücksspekulation
war lange Zeit hindurch eine Hauptbeschäftigung im Westen,
und Millionen von Acres gingen von Hand zu Hand, ohne daß
der Käufer oder der Verkäufer wußten, wo das Stück Land
lag und wie es beschaffen war!3. Besonders krasse Formen
mußte die Spekulation annehmen, als die zufällige Auffin-
dung von Edelmetallen die Menschen nicht nur aus dem Osten,
sondern aus der ganzen Welt zu Zehntausenden in die wüsten-
haften Gebirge des fernsten Westens hineinsog, die allen
Fährnissen zum Trotz auf ihr Glück vertrauten. Die „Miner-
Frontier‘ griff so über die „Farmer-Frontier“ plötzlich hin-
aus, und es fand sich hier eine buntdurchmischte Gesell-
schaft zusammen, in der alle wilden Instinkte zum Durch-
bruch und zur Herrschaft gelangten: seit der Entdeckung des
kalifornischen Goldes, seit den berühmten „days of forty-
nine‘ verging kaum ein Monat, der nicht einen neuen „boom““
brachte, in dem nicht ein neues Gold- oder Silberlager in Tau-
senden und Abertausenden die Hoffnung weckte, mit einem
Spatenstich zum reichen Manne zu werden.
        <pb n="23" />
        14 Sieg des nördlichen Wirtschaftsgeistes

Bis in das letzte Viertel des 19. Jahrhunderts hinein folg-
ten von Ost nach West mehrere Kulturstadien aufeinander, und
auch noch gegenwärtig ist der Unterschied zwischen dem alt-
besiedelten und dem jungbesiedelten Land nicht zum Ver-
schwinden gekommen. Der Westen hat für den Bewohner des
Ostens immer noch etwas von dem wilden Westen behalten,
der Westerner gilt ihm als ungeschliffen, roh, materiell,
während dieser den Osten für rückständig und allzu verfeinert
hält und seine besseren Manieren als eine Kapitulation vor dem
Geiste der Servilität ansieht 14,

Gesiegthat der Geist des Nordens, aber eben in
jener Umbildung, die er im Westen erfahren
hatte. Er ist zu dem für die Vereinigten Staaten typischen
geworden, und was vor 100 Jahren ein so ausgezeichneter Be-
obachter wie Chevalier prophezeien zu können glaubte, ist
eingetreten: „der westliche Typus, dessen Konturen noch so
unsicher wie seine Zukunft sind, erscheint dazu bestimmt,
die andern beiden zu beherrschen 15. Der kapitalistische Wirt-
schaftsgeist hat sich völlig frei in dem Gebiete der Vereinigten
Staaten entfalten können, er brauchte keine anderen Wirt-
schaftssysteme, keinen anderen Wirtschaftsgeist beiseite zu
schieben, die sich seiner Ausbreitung in den Weg stellen konn-
ten. Er fand hier ein Betätigungsfeld von einer Großartigkeit
vor, wie es sich ihm noch nirgends geboten hatte, und der Er-
folg übertraf alles, was man für möglich gehalten hatte: so
konnte ihm auch keinerlei Gegnerschaft erwachsen. Er voll-
brachte die erste Kolonisation großen Stiles, und was er in
        <pb n="24" />
        Optimismus des Amerikaners 15
Amerika an neuen Zügen aufgenommen hat, hängt aufs engste
mit der Neulandkulter zusammen, ist Pionier- und Grenzer-
geist; es sind die Tugenden und Fehler eines jungen Volkes.
Die spezifisch nordamerikanische Färbung ist dabei aufs
stärkste durch das Vorwalten angelsächsischer Kulturauf-
fassung beeinflußt worden; vieles von dem, was sie auszeich-
net, findet man in allen wirtschaftlichen Neuländern wieder,
man braucht aber nur an Südamerika zu denken,*um sogleich
der Verschiedenheiten gewahr zu werden, wie sie südeuro-
päische Welt- und Lebensanschauung herbeiführen mußte.
Nous vivons selon nos morts: Der Europäer lebt in der
Vergangenheit und in der Gegenwart, der Amerikaner
hält den Blick ständig auf die Zukunft gerichtet.
Mit ihm erst beginnt die Geschichte, mit dem Boden, den er
betrat, verband sich keine Erinnerung an voraufgegangene
Geschlechter, erst er verlieh ihm den Wert. Die Vergangenheit
bedeutet nichts, sie ist das Überwundene, das im besten Falle
zeigen kann, wie es besser zu machen ist. Der Amerikaner ist
ein durch nichts zu beirrender Optimist. Er ist verwöhnt,
der. Erfolg gilt ihm als das Normale, Mißerfolge und Rück-
Schläge werden rasch vergessen. Auch eine Katastrophe ver-
mag ihn nicht niederzudrücken, steigert nur seine Aktivität.
Wenige Tage nach dem zerstörenden Erdbeben und Brande von
San Franzisko konnte man an den Laternen Tafeln mit der
Aufschrift sehen: Don’t talk earthquake, talk business! Vor
        <pb n="25" />
        z6 Überheblichkeit und Nationalstolz

keiner Schwierigkeit schreckt er zurück, das Wort „unmöglich“
existiert ihm nicht, er sieht der Zukunft mit fester Zuver-
sicht entgegen und ist überzeugt, daß das kommende Jahr
noch besser werden werde als das vergangene. Dieser un-
fundierte Optimismus, der in die Welt blickt wie ein Kind, ist
es ja, der vielen den Umgang mit Amerikanern so außer-
ordentlich angenehm macht; die gute Laune, ‚das niemals
Ärgerlichwerden, das Fehlen der Schärfe und alles Ver-
letzenden in ihrem Humor fallen einem jeden auf. Aber der
Amerikaner arbeitet auch selbst bewußt darauf hin, daß alles,
was seine heitere Grundstimmung stören könnte, von ihm
ferngehalten wird. So wie er sich durch die Booster-Clubs
eine gute wirtschaftliche Atmosphäre zu schaffen sucht, so
will er nur von fröhlichen Menschen umgeben sein und überall
nur heitere Gesichter um sich sehen; das „keep-smiling“,
eine Aufforderung, die man oft an öffentlichen Stellen an-
gebracht findet, soll für jeden gelten, der zu ihm in Berührung
tritt. Wenn er einen Roman liest, wenn er ein Theaterstück
oder einen Film sieht, so will er, daß nichts geschieht, was
ihn bedrücken könnte, und verlangt ein „happy-ending“;
sogar Kipling wurde von seinem Verleger gezwungen, einem
seiner Romane ein solches anzuflicken 16.

DerAmerikaner glaubt an die Missiondes eige-
nen Volkes und setzt zwischen sich und alle anderen Völker
eine beträchtliche Distanz. „Was ist die Herrlichkeit Roms und
Jerusalems, wo alle Völker und Rassen zusammenkommen, um
anzubeten und rückwärts zu blicken, verglichen mit der Herr-
        <pb n="26" />
        Überheblichkeit und Nationalstolz F7
lichkeit Amerikas, wohin alle Rassen kommen, um zu arbeiten
und vorwärts zuschauen!‘ 17 Die Überheblichkeit, der extreme
Nationalstolz gründet sich nicht nur auf den nie unterbroche-
nen wirtschaftlichen Aufstieg und auf die in so kurzer Zeit er-
rungene ökonomische Machtstellung, sondern auch auf die
Überzeugung von der Überlegenheit der eigenen Gesamtkultur.
Die Vereinigten Staaten — auch das ist ein jedem seiner Bürger
Selbstverständliches — haben die bisher höchste Stufe in der
kulturellen Entwicklung der Menschheit erreicht, sie sind das
Land des Glücks und der Freiheit, das einzige, in dem es sich
zu leben verlohnt. Lange Zeit braucht der Amerikaner, bis
er seine Abneigung gegen alles, was von dem ihm Gewohnten
abweicht, überwunden hat. Wie sehr der Durchschnittsameri-
kaner von den Vorzügen seines Landes auf allen Gebieten
durchdrungen ist, kam sehr klar bei einer Umfrage zum Aus-
druck, welche man bei amerikanischen Soldaten angestellt hatte,

die während und nach dem Kriege auf europäischem Boden
gewesen waren: nicht einer fand sich, der in Europa leben
wollte, nicht einer, der auch nur irgendetwas entdeckt hatte,
was ihm des Übertragens nach seiner Heimat wert erschienen
wäre1® Zweifellos war und ist ein nicht geringer Teil der Über-
heblichkeit nur eine Reaktionserscheinung, hervorgerufen
durch die Nichtanerkennung des kulturellen Wertes durch
Europa, oder ihre Äußerung geschah zur Verdeckung be-
stimmter Mängel: „man hüllte sich wie ein Tintenfisch. in
einen Rauchschutz von Superlativen, um das nationale An-
sehen vor einem Angriff zu schützen.‘ 19 Denn von den Tagen
Rühl, Vom Wirtschaftsgeist in Amerika 2
        <pb n="27" />
        18 Dogma des Fortschrittsglaubens

der Frances Milton Trollope und Basil Hall’s an, dessen
Reisebuch „eine Art moralischen Erdbebens hervorrief“ 20,
bis auf die Gegenwart kamen doch schließlich alle kultivierten
Europäer, die die Vereinigten Staaten kennengelernt hatten,
bei voller Anerkennung der großen Leistungen zu dem Ergeb-
nis, daß es der letzte ihrer Wünsche sei, in Amerika zu leben.
Und was sie dort vermißten, hat wohl Matthew Arnold auf die
kürzeste Formel gebracht: es ist „the interesting, interesting
are distinction and beauty“ 21.

Alles ist nach der Überzeugung des Amerikaners in seinem
Lande vortrefflich und aufs beste geordnet, und namentlich
gibt es für ihn kein Wirtschaftssystem, das dem seinen über-
legen wäre, Der Kapitalismus schafft das größtmögliche Glück
für die dem jeweiligen Stande der Technik entsprechende
größtmögliche Zahl und garantiert durch den freien Wett-
bewerb, daß jeder die seinen Fähigkeiten entsprechende Stelle
erhält. „Wenn Christus zum Präsidenten und die zwölf Apostel
zu Vorstandsmitgliedern einer unserer großen Eisenbahngesell-
schaften gewählt würden, so wären sehr viele überrascht zu
sehen, wie geringe Veränderungen in dem Betriebe einträten.‘“ 2?
Aber es gibt nichts, was nicht auch noch der Verbesserung
fähig wäre und jeder hat Gelegenheit, sich hier zu betätigen.
Alles trägt den Stempel des Provisorischen, und das gestern
gewesene hat sogleich dem heutigen zu weichen, denn das
heutige ist ihm überlegen, ist besser. Alles hat dem Fortschritt
Platz zu machen, jedermann sich in seinen Dienst zu stellen.
Bei keinem Volk der Welt hat der Glaube an den Fort-
        <pb n="28" />
        Dogma des Fortschrittsglaubens 19
schritt so tief Wurzel zu fassen vermocht, für jeden Ameri-
kaner ist ein geradlinig verlaufender Fortschritt nicht ein
Dogma, sondern etwas Beweisbares, ja eigentlich etwas, wor-
über nachzudenken sinnlos ist. Schlägt man den „Statistical
Abstract of the United States‘ auf, so findet man am Schlusse
umfangreiche Tabellen mit der Überschrift „Progress of the
United States‘ : in keinem europäischen Lande würde man auf
einen solchen Gedanken kommen, weil selbst dem fortschritts-
gläubigsten Europäer die Überzeugung von der Stetigkeit fehlt.
Der Amerikaner braucht nur diese Zahlen zu betrachten, nur
seine unmittelbare Umgebung mit ihrer Beschaffenheit vor
einem Jahre, vor 10, vor 100 Jahren zu vergleichen, um sich
den immensen Fortschritt sinnfällig und meßbar zu machen.
„Man frage einen jeden guten Franzosen, der in seiner Kneipe
seine Zeitung liest, was er unter Fortschritt versteht, und er
wird antworten, dies seien die Dampfkraft, die Elektrizität
und die Gasbeleuchtung, Wunder, die den Römern unbekannt
gewesen seien, und diese Entdeckungen bewiesen aufs deut-
lichste unsere Überlegenheit über die Alten.“ 23 Dies ist gewiß
auch heute noch die Meinung des Durchschnittseuropäers.
Wenn Baudelaire an der eben genannten Stelle den Fort-

schrittsgedanken „ein falsch weisendes Leuchtfeuer“, „eine
groteske Idee‘ nennt, so will er damit jene Meinung treffen,
die aus. dem beweislichen technischen Fortschritt auf einen
allgemeinen Fortschritt schließt. Das ist es, warum man in
Europa das Wort kaum noch ohne Gänsefüßchen zu setzen
wagt: „Glaubt irgendein Mensch im Ernst, daß der Chauffeur,
        <pb n="29" />
        29 Dogma des Fortschrittsglaubens
der ein Automobil von Paris nach Berlin lenkt, ein höher
entwickelter Mensch sei als der Wagenlenker des Achilleus,
oder daß ein moderner Ministerpräsident, weil er auf einem
Zweirad fährt, seine Eilbriefe bei elektrischem Licht schreibt
und seine Staatsrentenmakler durch das Telephon instruiert,
ein aufgeklärterer Herrscher ist als Cäsar es war?“ 24

Der Amerikaner glaubt es. Und er kann es glauben, weil
für ihn sich der Fortschritt durch die Erziehung und Auf-
klärung der Menschen vollzieht, und ihrer Erziehbarkeit, ihrer
moralischen und geistigen Höherentwicklung ebensowenig
Grenzen gezogen sind, wie dem durch den Intellekt erreich-
baren; ein Unlösbares gibt es nicht. Die neuzeitliche Technik
hat die Werkzeuge geliefert, mit denen die Riesenaufgabe in
Angriff genommen und zu Ende geführt werden konnte, die
wirtschaftliche Unterwerfung des erdteilgroßen Landes. Jeder
Forderung hat sie sich gewachsen gezeigt, was soeben noch
unmöglich schien, stand plötzlich fertig vor Augen. Daher
die Freude des Amerikaners an dem ganzen technisch-zivili-
satorischen Apparat, die bis ins kleine und kleinste geht, die
Freude an der immer zunehmenden Mechanisierung, die ein
Sieg der Ratio über die Natur ist. Hieraus entspringt ihm der
Glaube an die Erlösung des Menschen durch die Technik,
„die Elektrizität ist sein Messias‘‘ 25 und den höchsten Men-
schentypus repräsentieren ihm die Erfinder, die den stetig
aufwärts sich bewegenden Wagen des Fortschritts mit einem
Ruck ein beträchtliches Stück nach vorne geführt haben:
Mc Cormick, Howe, Peter Cooper, Goodyear, Edison sind seine

;&amp;
        <pb n="30" />
        Dogma des Fortschrittsglaubens 21
Helden. Was man an seinen Erfindern hat, das kann man
messen, und so hat man auch kürzlich auszurechnen versucht,
welches Kapital die einzelnen Erfinder repräsentieren. Die
Kulturmittel erschöpfen den Gegenstand der Kultur, und jeder
Fortschritt auf diesem Gebiete bedeutet eine Vermehrung
menschlichen Glückes. Obenan stehen ja die Nützlichkeits-
werte, materieller Wohlstand wird mit Glück gleichgesetzt.
Damit schlägt die Quantität zur Qualität, die Steigerung zur
Wertsteigerung um, und dies auf alle Dinge übertragen, hat
jenen Zahlenfetischismus entstehen lassen, der oft so lächer-
liche und kindliche Formen annimmt, die Verehrung jeder
Masse, des big thing, die Freude an jedem Wachsen, das
Interesse für jede Art von Überbietung und Rekorden, mag es
ein Dauertanzen und Dauerstricken oder eine Bibellesekon-
kurrenz sein, bei der in verschiedenen Städten im Chor die
ganze Bibel in einem Zuge gelesen werden soll.
        <pb n="31" />
        N. Die Bewertung der Wirtschaft
innerhalb der Gesamtkultur

EI Jakob Burckhardt steht: „Das Wesentliche für die
B Wertschätzung der Arbeit sind die Zeit und die Umstände,
unter denen sich bei einer Nation die Ideale des Daseins aus-
bilden.“ 26 Die Aufgabe, die das amerikanische Volk vor sich
sah, hatte einen ausschließlich wirtschaftlichen Inhalt, und
angelsächsische Weltanschauung, die die Dinge zuerst unter
dem Gesichtswinkel der Utilität ansieht, Puritanismus, der
Tätigkeit vom Menschen verlangt und den Erwerbstrieb heiligt,
und geschichtliche Entwicklung haben es mit sich gebracht,
daß in der Scala der Lebenswerte die wirtschaft-
lichen die höchste Stufe erhalten haben, und daß für
die Rangordnung der Tugenden die Maßstäbe aus dem Wirt-
schaftlichen genommen wurden. Das Business-Ideal war das
des ganzen Volkes, keine Tradition, keine Aristoratie, keine
Bureaukratie waren vorhanden, um als Gegengewicht auf-
zutreten. Während in der alten Welt wirtschaftliche Betäti-
gung schließlich eine zwar anständige, aber doch mindere,
nicht sehr würdige Beschäftigung bedeutete, weil man nur
das Geldverdienen sah und ein dahinterstehendes Berufsideal
vermißte, wurde in dem amerikanischen Neuland die Wirt-
schaft aus einem notwendigen Übel zum Range eines Selbst-
        <pb n="32" />
        Das Wirtschaftsleben innerhalb der Gesamtkultur 23
zwecks, nicht nur eines Wertvollen, sondern geradezu des
Wertvollen an sich erhoben. Jede nützliche Arbeit ist ehren-
voll, und es ist, wie Emerson gesagt hat, eine Narrenmeinung,
es sei nicht ehrenwert, sehen zu lassen, wie man sich sein täg-
liches Brot verdient; es sei viel ehrenwerter, nur Geld aus-
zugeben, ohne welches zu verdienen; ob jemand Schuhe oder
Statuen oder Gesetze macht, darauf kommt es nicht an ?7. Bei
dem Fehlen von Klassenunterschieden bekam die wirtschaft-
liche Arbeit eine ganz eigene Würde, die sich in jedem Indi-
viduum ausprägte, weil es sich an den großen Zielen der Nation
beteiligt fühlte, und es ist die „große Ruhmestat der Ver-
einigten Staaten, daß man in diesem Lande von der Arbeit zu
reden vermag, ohne sich eines cant schuldig zu machen‘“ 28, wo
man „das Schweineschlachten fast bis zu einer patriotischen
Handlung erhöht hat‘ 29,

Das Wirtschaftsleben zieht alle zu sich heran,
ihm wenden sich die besten Kräfte des Landes zu. Der Beamte
besitzt keine irgendwie herausgehobene Stellung, der Politiker
steht in geringem Ansehen, eine Stelle im Senat ist vielleicht
das einzige, was höheren Ehrgeiz locken könnte, aber für sie
kommt nur ein kleiner Kreis in Frage; der Gelehrte und Künst-
ler finden weder Nährboden noch Resonanz. Man wünscht es
gar nicht, daß sich die tüchtigsten Leute solchen Berufen zu-
wenden, für die politische und legislatorische Arbeit genügen
junge Advokaten oder Geschäftsleute, denen der Erfolg noch
nicht gelächelt hat, und hohe Beamtenstellen sind nur ein
Sprungbrett für den Übergang ins Geschäftsleben. „Die tüch-
        <pb n="33" />
        al Das Wirtschaftsleben innerhalb der Gesamtkultur
tigen Männer wissen, daß eine nutzbringende Beschäftigung
ihr Lebenszweck sein muß, sie werden nie auf den Gedanken
kommen, daß die Handhabung von unverrückbaren Gesetzen
das erhabenste Feld der Betätigung ist, sie werden diese Be-
schäftigung Leuten von weniger Gehirn und geringeren Kräf-
ten überlassen.“ 30
Die Betätigung im Wirtschaftsleben nimmt zwar die volle
Zeit und Kraft des Menschen in Anspruch, erfüllt aber auch
alle Bedürfnisse und Wünsche. Der Geschäftsmann fühlt sich
daher nicht im mindesten bedrückt, wenn ihm seine Arbeit
keine Möglichkeiten übrig läßt, irgendwelche geistige Inter-
essen zu pflegen, seelische Schmerzen, von der Teilnahme am
kulturellen Leben, von Literatur, Kunst, Wissenschaft abge-
schnitten zu sein, empfindet er nicht. Und von Jugend an
soll man sich durch nichts von der ausschließlichen Verfol-
gung der wirtschaftlichen Ziele ablenken lassen, alles andere
ist zwecklos, zieht von der eigentlichen Aufgabe ab und wird
dem Erfolg hinderlich sein. „Ein junger Mann, der ‚ein Groß-
schlächter werden will,“ so schreibt der Dollarkönig an seinen
Sohn, als er hört, daß dieser sich viel mit Golfspielen abgibt,
„hasn’t much daylight to waste on any kind of links except
sausage links.“ 31
Es gibt keine Gruppe, keine Klasse, die sich von kommer-
ziellem Denken frei wüßte; im Business zu reüssieren, ist
das höchste Ideal, die „men of progress‘ sind neben den Er-
findern die Carnegie, Harriman, Rockefeller. „Der Arzt, der
eine neue Operation findet, der Bakteriologe, der ein neues
        <pb n="34" />
        Das Wirtschaftsleben innerhalb der Gesamtkultur 25
Serum gegen eine Krankheit, der Pflanzenzüchter, der Über-
setzer der Bibel in eine fremde Sprache, der Begründer
einer sozialen Einrichtung, der Erfinder einer neuen
Methode zur Unterrichtung von Taubstummen: dies sind
nicht die Männer, ‚who do things,‘ denn sie geben Wohltaten,
nur Wohltaten, aber kein Geld.“ 32 ‚„Business-like‘“ wird
das größte Kompliment, das man irgendeiner Sache machen
kann3, und die Sprache der salesman durchdringt das
gesamte Leben. Man spricht von einem „selling service“,
„selling christianity“‘, „selling ideas‘ 34, und man muß
glauben, daß der große amerikanische Philosoph William
James sich der ungeheuerlichen Geschmacklosigkeit gar nicht
bewußt gewesen ist, als er schrieb: „Der Gott, den die Wissen-
schaft anerkennt, darf nur ein Gott universaler Gesetze sein,
ein Gott, der ein Engrosgeschäft, und nicht einen Kleinhandel
betreibt; er kann das, was er tut, nicht der Bequemlichkeit
von Einzelwesen anpassen.‘ 3 Und ebenso wird man in der
Auslöschung von Niveauunterschieden eine Ungehörigkeit fin-
den, wenn etwa Barnum an Matthew Arnold, als dieser sich
in Amerika aufhielt, schrieb: „Sie sind berühmt, ich bin be-
kannt, wir müßten zusammengehen.“‘ 36
Stets hat die Wirtschaft den Primat, alles wird
daraufhin geprüft, wie das Wirtschaftsleben darauf reagieren
muß, und alles verworfen, was es irgendwie hemmen könnte;
im Konflikt mit menschlichen, sozialen, ästhetischen Forde-
rungen wird es immer den Sieg davontragen. Was er auf
wirtschaftlichem Gebiete geleistet hat, ist des Amerikaners
        <pb n="35" />
        26 Bewertung der Arbeit

größter Stolz. Daher kennt auch jeder das Wirtschaftsleben
seines eigenen Landes in einem ganz anderen Umfange, wie es
in Europa der Fall ist, und alles, was hier geschieht, erweckt
sein Interesse. Es bereitet ihm eine F reude, das was er hier
geschaffen, zeigen zu können, und jeder Ausländer wird mit
Vergnügen die zahlreichen Gelegenheiten ergriffen haben, die
sich ihm bieten, Einblicke in die Bureaus, Fabriken, Berg-
werke, Farmbetriebe usw. tun zu können ; hier waltet eine
Liberalität, die in krassem Gegensatz zu der Engherzigkeit,
Kleinlichkeit und Geheimnistuerei steht, die auf diesem Ge-
biete in allen europäischen Ländern in mehr oder minder
hohem Grade herrscht.

Alles wird nur unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten be-
trachtet, alles ist nur für den Erwerb da, der Amerikaner sieht
nicht das Land, sondern Grundstücke, nicht die Felder, son-
dern den Ertrag, nicht den Wald, sondern Holz, nicht den
Wasserfall, sondern die Pferdekräfte. An jedem Ding inter-
essiert ihn zunächst die wirtschaftliche Seite. Als ein Schwarm
von Amerikanerinnen in Paris an das Grab des unbekannten
Soldaten mit der ewig brennenden Flamme herangeführt
wurde, war die erste Frage an den Führer: „What do you
burn? oil?“

Der Amerikaner, hat ein amerikanischer Soziologe gesagt,
ist der wahre Antibuddhist, der Occidentale zur nten Potenz
erhoben 37, Arbeit ist Ausfüllung und Erfüllung
seines Daseins und wenn bei ihm die Hochschätzung der
Arbeit, wie sie der Kapitalismus gebracht hat, eine solche
        <pb n="36" />
        Bewertung der Arbeit 27

Übersteigerung erfahren hat, daß nur sie,allein noch das gute
Gewissen zu geben vermag, so hängt auch dies aufs engste mit
puritanischer Gesinnung und mit der Neulandkultur zu-
sammen. Es gab keine Lebensformen, die nicht auf Arbeit
gegründet waren, wer nicht arbeitete, hatte keine Existenz-
berechtigung. Dafür hatte jedoch auch ein jeder die Über-
zeugung von der Bedeutung seiner Beschäftigung, das Be-
wußtsein, gebraucht zu werden, an einem großen Werke
mitzuschaffen; auch der Untergeordnete durfte sich als ein
unentbehrliches Glied fühlen. Es ehrte eine jede Arbeit, gleich-
gültig welcher Art sie war, aber dem Fleiße winkte auch der
Erfolg, und die uneingeengten Möglichkeiten des Aufstiegs
spornten den Ehrgeiz. Man fürchtet stets, ein anderer könne
einem zuvor kommen, jedes Ausruhen gibt anderen einen Vor-
sprung, und so geht ein nie ermüdendes Streben, eine unge-
meine Lebendigkeit, eine immer wache Unternehmungslust
durch das ganze Volk. Man sucht nicht nur den andern zu
überbieten, sondern über sich selbst hinauszugelangen, den
eigenen Rekord zu schlagen; wer nicht das Bestreben kund
gibt, sich heraufzuarbeiten, wer sich mit dem, was er hat,
genügen lassen will, gilt, mag er auch an seiner Stelle alles
Verlangte leisten, als „untüchtig‘“ und sinkt rasch zurück,
Es wurde und wird in Amerika härter gearbeitet als in
Europa, eine Nation von Streikbrechern hat man die Ameri-
kaner genannt 38, und die Neuzugewanderten müssen sich erst
an das neue Tempo gewöhnen und nur die physisch gut aus-
gestatteten und seelisch nicht allzu empfindlichen pflegen ihm
        <pb n="37" />
        20ö Bewertung der Arbeit
gewachsen zu sein. Man hat oft in dem Klima einen bedeu-
tenden Faktor für die Steigerung der Arbeitsintensität sehen
wollen: namentlich die kalte trockene Luft soll anregend wir-
ken, die Nerven stählen, die Energie anpeitschen, und in den
kalten Wellen soll „ein Aktivbestand von unschätzbarem
Werte‘ 39 liegen. Wir sind noch nicht so weit, derartige Be-
ziehungen als Fundamente benutzen zu können, dagegen ist
der Einfluß der sozialen Atmosphäre in diesem Falle zweifel-
los. Der einzelne wird durch die allgemeine Arbeitswütigkeit
mit fortgerissen, er hat auch gar keine Möglichkeit, sich ihr
zu entziehen. Es gehört zum Wesen des kapitalistischen Wirt-
schaftssystems, daß es keine Freiheit des Arbeitsquantums
zuläßt; wer nicht die üblichen Arbeitszeiten einzuhalten gewillt
ist, nicht die gleichen Arbeitsmengen zu leisten vermag wie
seine Nachbarn, schaltet sich selbst aus; hierin liegt ja einer
der Gründe für die Schwierigkeit der Verwendung von Ne-
gern in den industriellen Betrieben. Die Folgen dieser erhöhten
Aktivität zeigen sich in einer raschen Abnutzung der Menschen,
einem hohen Menschenverbrauch, den man sich leisten konnte,
da die Einwanderung die freigewordenen Plätze sogleich
wieder ausfüllte. Für ältere Leute hat man keine Verwendung;
Arbeiter von 40 Jahren gelten schon als nicht mehr leistungs-
fähig und finden kaum noch eine Stelle. Als einmal ein aus-
ländischer Besucher in Chicago eine Fabrik besichtigte, und
zu dem ihn Herumführenden die Bemerkung machte, es sei
ihm aufgefallen, daß er so wenig ältere Arbeiter zu Gesicht
bekommen habe, wurde ihm die Antwort: „Wenn Sie die
        <pb n="38" />
        Geschäftigkeit und Ungründlichkeit 9
älteren Leute sehen wollen, so müssen Sie auf den Kirchhof
gehen‘. Man will überall junge, unabgenutzte Kräfte haben,
aus denen man in der Zeit ihrer besten Kraftentfaltung das
letzte herausdrückt, sie dann freilich auch hoch bezahlt.
Früher als in Europa fängt man an, etwas zu gelten, und
kann darauf rechnen, auch schon in jungen Jahren zu einem
hohen Posten zu gelangen.

Ein amerikanischer Industrieller, der zu vergleichenden Stu-
dien viel in Europa gereist ist, will die Feststellung haben
machen können, daß der Durchschnittsamerikaner von
45 Jahren so aussieht wie ein Nordeuropäer von 60 Jahren #0.
Der scharfe Wettbewerb, die ununterbrochene Anspannung,
bei der auch die Mahlzeiten nur eine unangenehme Unter-
brechung oder auch eine Fortsetzung der Arbeit bedeuten,
hat die Amerikaner einerseits zu einem „Volk von Dyspep-
tikern‘““ 41 werden lassen, andererseits im Verein mit der Fülle
der durch den Puritanismus verdrängten Triebe einen beson-
ders günstigen Boden für die Entstehung der Nervenschwäche
abgegeben. Es ist doch wohl bezeichnend, daß das Krankheits-
bild der Neurasthenie zuerst von einem Amerikaner beschrie-
ben ist, auch von ihm ihren Namen erhalten hat, und daß er
sie geradezu eine amerikanische Krankheit hatte nennen
können 42,

Die Hochwertung der Arbeit und die Arbeitsfreudigkeit
arten natürlich nur zu leicht in Geschäftigkeit, in ein
„work for works sake‘“ aus und andererseits gibt, was Achtung
erweckt, auch stets Anlaß zum Renommieren. Wo jeder so
        <pb n="39" />
        do Bewertung der Zeit

gerne von seiner Arbeitsleistung spricht, tut man gut, ein wenig
abzuziehen, während man dort, wo man sie sich nicht gerne
anmerken läßt, wie etwa in Frankreich, wird zulegen müssen,
um zu einer richtigen Vorstellung zu kommen. Der Ameri-
kaner wird auch nur zu leicht zu allzu rascher, allzu flüch-
tiger Arbeit verführt. Man hat nicht warten gelernt, man will
immer möglichst rasch das Ergebnis der Arbeit und den greif-
baren Erfolg sehen, die kleine sorgfältige Arbeit, die Mühung
um das Unbedeutende verachtet man. So sind Ungründ-
lichkeit, Nachlässigkeit, Flüchtigkeit, wie mehrere Beob-
achter des Wirtschaftslebens betonen 43, die Kehrseite des
raschen Anpackens, der starken Aktivität, der Freude an der
Tätigkeit, die vor einer Fülle von Aufgaben sich nicht er-
drückt, sondern nur erregt fühlt. Im Grunde, so hat sogar
ein Amerikaner gemeint, sei man eigentlich faul bis zu einem
unaussprechlichen Grade, da die wirklich harte Arbeit und
konzentriertes Nachdenken die Amerikaner dermaßen ermüde,
daß sie ihnen unerträglich erschienen 44,

Zu den am deutlichsten hervorgetretenen Seiten des ameri-
kanischen Lebens gehört für die meisten das scharfe
Tempo, in dem es abläuft, die aufreibende Hetzjagd, die
nie zur Ruhe gelangen und nirgends Behaglichkeit aufkommen
läßt, ein Zug, der auch erst durch die Erschließung der Mitte
hinzugekommen ist. Die Art des Amerikaners, „sein Frühstück
herunterzuschlingen, in die Kleider hineinzustürzen, sich an
den Wagen zu hängen, der ihn ins Bureau fährt, läßt einen
an die Feuerwehrpferde in New York denken, die in sieben
        <pb n="40" />
        Bewertung der Zeit :
Sekunden munter gemacht, angeschirrt, vor den Wagen ge-
spannt und in Galopp gebracht werden“ 45, „A minute saved
is a minute gained‘, sagt sein Sprichwort; Zeitersparnis ist
ihm ein absoluter Gewinn, er glaubt, mit ihm einen wirklichen
Vorteil davongetragen zu haben, auch dann, wenn er ihm
zu nichts nütze ist und er gar. nicht weiß, was er mit dem
Gewonnenen beginnen soll. Nur nicht „slow!“ Überall wird
dem Fremden die Sucht nach minutiöser Ausnutzung der
Zeit vor Augen geführt. Als Anlockung findet er an vielen
Stellen ein „while you waite‘““ angebracht, ein „quick lunch“
oder gar ein „schnellstes Mittagessen in der Stadt“ als einzige
Empfehlung kulinarischen Genusses, in den Briefen die nüch-
terne Kürze, das Fehlen aller Floskeln, beim Blättern in den
zahllosen Business-Zeitschriften das „saving-time‘‘ ständig als
einen der bevorzugtesten Gegenstände behandelt; er weiß es,
daß zuerst in Amerika die Vereinfachung und Rationalisierung
des Geschäftsbetriebes systematisch durchdacht und durch-
zuführen gesucht ist, und er möchte in den zahllosen Kür-
zungen der Sprache das gleiche Bestreben spüren, nicht mit
angeblich Überflüssigem seine Zeit zu verschwenden. Ein Er-
finder erklärte: wenn ich etwas erfinde, das Zeit spart, so
kann ich es sofort an zwanzig Stellen verkaufen, aber wenn
ich eine Idee zum Schutze des Lebens anbiete, so vermag ich
nicht das geringste mit ihr anzufangen 46.
Auch dieses Bild muß sich eine Korrektur gefallen lassen.
Münsterberg meinte, daß außer den öffentlichen Mitteln
nichts so sehr vergeudet werde wie gerade die Zeit, daß
        <pb n="41" />
        d2 Bewertung der Zeit a
auch der Geschäftsmann oft recht freigebig mit ihr um-
gehe*7, und auch Shadwell hat hervorgehoben, daß die be-
rühmte amerikanische Schnelligkeit sich im amerikanischen
Geiste und in den Maschinen, aber nicht beim einzelnen Ameri-
kaner finde: die elektrischen Wagen rasen, aber die Menschen
nicht48, Der Eindruck des Jagens, des Ruhelosen entsteht
nach ihm in erster Linie dadurch, daß der Amerikaner jede
Stunde des Arbeitstages ausgefüllt wissen will; er liebt keine
Intervalle, sondern eines soll sich unmittelbar an das andere
anschließen. Überall, wo er ist, will er ein festes, pausenloses
Tagesprogramm haben, und diese straffe Regelung der Zeit
läßt nach außen hin das innere Gehetztsein gar nicht so sehr
in Erscheinung treten. Seine Philosophie ist: Du mußt ge-
legentlich schnell sein, um' nicht ständig in Eile zu sein %9,
Gerne gibt er Geld aus, um seine Zeit zu schonen, während
der europäische Geschäftsmann viel eher geneigt ist, das um-
gekehrte zu tun. Aber wichtiger als die Geschwindigkeit ist
ihm Bequemlichkeit, Mühe sparen, gilt ihm mehr als Zeit
sparen. Er zieht es vor zu fahren, auch wenn er aus Erfah-
rung weiß, daß er zu Fuß viel rascher vorwärts kommen
würde, er wartet auf den, Lift, selbst wenn er mit wenigen

Schritten sein Ziel erreichen könnte. Er wird aber auch nicht
unruhig, wenn er etwa bei einer Bahnfahrt längere Aufenthalte
hat, wenn er warten, wenn er lange Zeit sich irgendwo. auf-
stellen muß; alles das nimmt er mit einer Gemütsruhe hin,
die schlecht zu der Vorstellung des ewig hastenden Ameri-
kaners paßt. Dieses kommt für den Ausländer hauptsächlich
        <pb n="42" />
        Bewertung der Muße 33
dadurch zustande, daß er nur in den seltensten Fällen auch
die kleineren Orte aufsucht und sich so gerne einbildet, die
Riesenstädte seien die typischen Repräsentanten des Lebens in
Amerika. Von den Großstädten des Ostens abgesehen, geht es
aber auch dort ziemlich gemächlich zu, und auch zwischen
jenen sind Unterschiede vorhanden. Während etwa in New-
York oder Chicago der speed seine Triumphe feiert, trägt
Philadelphia, the grand village, wie man es nennt, einen viel
behaglicheren Charakter; es gilt den Amerikanern geradezu
als verschlafen, und man erzählt sich die Antwort eines Chi-
cagoers auf die Frage, wieviel Kinder er habe: vier, drei
lebende und eines in Philadelphia 50.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts schrieb Crevecoeur: „Das
größte Verbrechen, was man hier begehen kann, ist der Müßig-
gang. Erst würde man den Faulenzer bemitleiden, hernach
verachten. Dies ist bei allen ein so allgemeiner Grundsatz,
und gleichsam ein Nationalvorurteil, daß man hier auch
keinen einzigen müßigen Menschen sieht‘ 51, und wenn Th6o-
phile Gautier sich einmal darüber beklagt hat, daß die Men-
schen noch nicht einmal eine neue Todsünde erfunden hätten,
so kann der Amerikaner diesen Ruhm für sich in Anspruch
nehmen: im Müßiggang, Ja, eigentlich schon im Nichtarbeiten
hat er sie gefunden. Das entwickelte kapitalistische Wirt-
schaftssystem hat ja schon an sich eine scharfe Beschränkung
im Arbeitswillen herbeigeführt; es läßt den Menschen nicht
So viel oder so wenig arbeiten wie er es wünscht, sondern
zwingt ihn, so lange Zeit zu arbeiten, wie es vorgeschrieben ist.

Rühl, Vom Wirtschaftsgeist in Amerika a
        <pb n="43" />
        34 Bewertung der Muße

In der Public Library in Chicago hängt im Korridor ein großes
Plakat mit der Inschrift: „Müßiggang ist ein natio-
naler Verlust; wenn jemand nicht arbeitet, so
leidet das ganze Volk.‘ Wer arbeiten kann, hat zu ar-
beiten; tut er es nicht, so versündigt er sich an den ameri-
kanischen „Idealen“ und wird als Schmarotzer betrachtet. So
fehlt denn in Amerika — und mit Stolz weist man darauf hin
— ganz jene Klasse, die man in England als die leisure-class
zu bezeichnen pflegt, eine soziale Schicht, die der eigentlichen
Arbeit enthoben, sich mit Politik, Wissenschaft oder Kunst,
irgendeinem Dilettantismus beschäftigt, daneben in Sport und
gesellschaftlichen Veranstaltungen ihr Vergnügen findet. Der
Gentlemen ist ja ein Mensch, zu dessen Wesen es gehört, daß
er nicht eigentlich arbeitet, und als man einer jungen Ameri-
kanerin davon sprach, erwiderte sie: „Solche Leute haben
wir auch, wir nennen sie Bummler“ 52, Sie gab hiermit sicher-
lich der herrschenden Meinung Ausdruck. Mit der Begrün-
dung, daß geschrieben stehe: „Bete und arbeite!‘ hat man
1923 auch den Indianern die ihnen so lange gewährten Ren-
ten und Rationen entzogen. Daß Zeit Geld sein kann, haben
die Amerikaner wie wenige begriffen, daß aber umge-
kehrt auch Geld Zeit bedeutet, ist ihnen noch nicht zum
Bewußtsein gekommen, weil ihnen das Verständnis für jede
zweckfreie Betätigung abgeht. Auch der reiche Mann muß
in den Sielen sterben, der Beruf des Rentners war lange Zeit
so gut wie unbekannt. Wenn sich schließlich in Los An-
geles eine größere Zahl von ihnen zusammenfand, so daß
        <pb n="44" />
        Bewertung der Muße 35
man diese Stadt als die Rentnerstadt der Union ansehen konnte,
so hat sicher nicht nur die prachtvolle Landschaft und das
Klima, die die Beschäftigungslosigkeit leichter ertragen lassen,
sie hierhergelockt, sondern auch die weite Entfernung von
den Mitbürgern, späterhin das Wissen, Gleichgesinnte zu
finden. In Kalifornien hatte auch der Puritanismus nie einen
größeren Einfluß gewonnen, hier war das Leben von jeher
freier, genußfroher, luxuriöser. Im Osten hatte man in jenen
Zeiten, in denen die puritanische Geistesrichtung noch 'un-
gebrochen an der Herrschaft war, nur Raum für den Arbeits-
menschen. Nur für den war das Leben erträglich, der sich
dem allgemeinen Arbeitsideal unterwarf: wer es sich nicht
zu eigen machte, war mit einem Stigma behaftet, auch er
trug den „scharlachroten Buchstaben“ an seinem Gewande.
Ein völlig trostloses Dasein erwartete den, der Ablenkung,
Zerstreuung, Fröhlichkeit suchte ; er wußte nicht, wie er seinen
Tag hinbringen sollte. Der Alltag war ohne Rest der Arbeit
gewidmet, der Betätigung des irdischen Menschen, der Sonn-
tag hatte der Erhebung der Seele zu dienen und nichts durfte
seine Heilighaltung stören. Die bescheidensten Vergnügungen,
selbst solche, die in Europa durchaus als ehrenwert angesehen
wurden, galten als unmoralisch. Auch die kleinste Reise war
verpönt, und man wurde gefragt, aus welchem Grunde man
reisen wolle, mit Strafe belegt, wenn man keine ausreichenden
Motive anzugeben vermochte 53. Sogar Engländer empfanden
eine solche Sittenstrenge als zu weitgehend und machten sich
über sie lustig, wie es aus manchen Reisebeschreibungen jener

n*
        <pb n="45" />
        56 Vergnügungen

Zeit hervorgeht. „Ich sah niemals‘“, so schrieb z. B. Miß Trol-
lope, „ein Volk, das so ohne jedes Vergnügen zu leben schien,
wie die Bewohner von Cincinnati. Billards sind durch das Ge-
setz verboten. Der Verkauf eines Kartenspiels wird in Ohio
mit 50 Dollars Strafe belegt. Sie haben keine öffentlichen
Bälle, außer sechs während der Weihnachtsfeiertage. Sie
haben keine Konzerte. Sie haben keine dinnerparties‘“ 54, Jeg-
liches Spiel wurde aufs strengste verurteilt, und Chevalier
berichtet, daß die Aufstellung eines Billards im Weißen Hause
durch John Quincy Adams als ein ernsthaftes Argument
bei seiner Wiederwahl zum Präsidenten ins Feld geführt
wurde 55, In Lowell wurde in den dreißiger Jahren des
19. Jahrhunderts ein Theater gebaut, aber die öffentliche
Meinung setzte es durch, daß es wieder abgerissen wurde. Da-
nach ist es nicht schwer sich vorzustellen, wie ein ameri-
kanischer Sonntag damals beschaffen war. „Niemand ar-
beitet, aber auch niemand scheint zu leben.‘ 56 In manchen
Orten, z. B. in New York, sorgten eigene Wachmänner, die
überall in kleinen Entfernungen voneinander aufgestellt waren,
dafür, daß keinerlei Entweihung eintrat und jeder Ausbruch
der Freude unterdrückt wurde 57,

Mit der Einengung der Macht des Puritanismus ist nicht
nur die religiöse Grundlage des Lebens erschüttert worden,
der früher unvermeidliche Kirchenbesuch wird von der All-
gemeinheit keineswegs eingehalten und auch der Sonntag hat
für den Ausländer viel von seinen Schrecken verloren. Man ist
viel freier geworden, mag auch noch heute etwa in Texas das
        <pb n="46" />
        Vergnügungen 37
Kartenspiel untersagt sein 58, mag es auch wie in Kansas vor-
kommen, daß man am Sonntag Nachforschungen in den Häu-
sern veranstaltet, um festzustellen, ob dort gespielt werde 59,
Die Sucht nach den sogenannten Vergnügungen ist jetzt
fast so allgemein wie in Europa, und gerade bei ihnen ist
ja wohl das Eindringen amerikanischer Einflüsse zuerst in
der Öffentlichkeit deutlich sichtbar geworden. Das für die
Mußeausfüllung im amerikanischen Stil Charakteristische ist
zunächst, daß es sich dabei um Massenvergnügungen unter
möglichster Einschaltung irgendeines Wettbewerbs, irgend-
einer Zielerreichung handelt, daß sie ferner von der Art sind,
wie sie dem kindlichen Geiste entsprechen — einen „puer To-
bustus‘ hat schon Tocqueville einmal gelegentlich den Ameri-
kaner genannt 9% —, und daß sie schließlich eine möglichst
starke Nervenerregung bewirken sollen: Kino und Yazz, Land-
partien im Auto, bei denen das Hauptinteresse sich auf den
Wagen und seine Geschwindigkeit konzentriert, Amusement-
Parks, die die Göttin Technik in den Dienst des Vergnügens
gezwungen haben und die schärfsten psychischen Erregungen
mit dem Gefühl der völligen Geborgenheit in der sicheren
Hand der Technik vereinigen. In erster Linie denkt man bei
uns an den Sport als etwa spezifisch Amerikanisches, aber
die Bedeutung, die er im heutigen Leben besitzt, hat er erst
seit verhältnismäßig kurzer Zeit erhalten. Noch vor wenigen
Jahrzehnten gab es einen Amateursport überhaupt nicht, eben-
sowenig Freiluftspiele für das Volk, und auch für die aka-
demische Jugend hatten nach Absolvierung ihrer Studien Base-
        <pb n="47" />
        35 Die Muße als Erholung

ball oder Fußball das Interesse verloren °%. Der Sport kommt
der Freude des Amerikaners an Bewegung, am Wettbewerb,
am Rekord in ganz besonderem Maße entgegen, so daß also die
psychischen Motive, die ihn bei der Arbeit lenken, auch auf
die Mußezeit übertragen werden; er wird in seiner hygie-
nischen Bedeutung für die Allgemeinheit aber sehr über-
schätzt, denn es ist doch so, daß die Masse wie stets bei allen
sportlichen Veranstaltungen nur als Zuschauer fungiert, und
gerade in den Vereinigten Staaten sind die Professionals das
Hauptziel der Aufmerksamkeit.

Die Muße darf aber nicht als Selbstzweck auftreten, muß
sich vielmehr entschuldigen und soll noch den Charakter von
„Erholung“ aufweisen. Sie muß sich dadurch legitimieren,
daß sie der Stärkung, Erfrischung, der Wiedergewinnung
der verbrauchten Energien dient. Sie ist also mehr ein not-
wendiges Übel, eine unangenehme Unterbrechung der Tä-
tigkeit, besitzt keinerlei Eigenwert, und so hat auch Carnegie
den Mangel an Muße nur deswegen beklagen zu müssen ge-
glaubt, weil es zum Erfolge notwendig sei, daß man sich auch
ein unschuldiges Vergnügen gönne%l. Man benötigt scharfer
Stimulantien, um oben zu bleiben, die Arbeit hat die Kräfte
bereits fast ganz für sich in Anspruch genommen, und auch
in den höheren Schichten ist daher das Niveau der Muße-
verwertung ziemlich niedrig, und sie unterscheidet sich nur
quantitativ, nicht qualitativ von der der Masse. Woran es so gut
wie ganz fehlt, ist der Sinn für die feineren Arten des Ver-
gnügens und der Erholung; die „fire-side pleasures‘‘, Kon-
        <pb n="48" />
        Anschauungen über den Beruf 59
versation, die man als Pose betrachtet 62, Sinnen und Träumen,
Umgang mit Frauen, für alles das mangelt es schon an der
notwendigen inneren Ruhe, und was an Theatervorstellungen,
Konzerten geboten wird, weist außerhalb einiger ganz weniger
Zentren einen Tiefstand auf, der den Europäer schaudern
macht.

Die Anschauungen über Beruf und Berufswahl
müssen von den europäischen. abweichen. In der beruflichen
Tätigkeit findet der Mensch den beinahe einzigen Bezugs-
punkt, sie absorbiert ihn ganz, und so wird sie auch im
Verkehr der Menschen untereinander eine sehr bedeutende
Rolle spielen. Es wird selbstverständlich sein, daß man so-
gleich eine auf sie zielende Frage abschießt, falls der Beruf
einem nicht prima vista mitgeteilt sein sollte. Wie anders doch,
um den extremsten Gegenfall zu nehmen, in England, wo es
innerhalb der guten Gesellschaft als unfein gilt, sich nach
dem Berufe zu erkundigen.

Man wird freilich von vornherein annehmen, daß man
irgendwie im „Business“ ist. Innere Beziehungen zwischen
dem Menschen und seiner Tätigkeit bestehen nicht, werden
gar nicht gesucht, ein Zusammenhang zwischen der gesell-
schaftlichen Position und der Art des Berufs ist ebensowenig
vorhanden, und der Beamte oder akademisch Gebildete nimmt
keine irgendwie höhere Stellung ein. Es kann sich also die
Auswahl des Berufs in erster Linie nach Geldrücksichten orien-
tieren. Nur weniges wird als minderwertig angesehen, wie etwa
der Detailhandel mit Spirituosen %, selbst Brauer und Groß-
        <pb n="49" />
        40 Anschauungen über den Beruf

händler mußten schon sehr reich sein, um aus der Gering-
achtung herauszugelangen. Als degradierend werden sonst
nur persönliche Dienste und Handreichungen für andere be-
trachtet, weswegen ja nur wenige sich für den Hausdienst
hergeben und man dort, wo es möglich ist, Neger hierzu
heranzieht. Das Verhältnis zwischen den Dienstboten, den
„helps“, die weniger Achtung genossen als die Arbeiter, und
der „Herrschaft“, den „employers‘“, war deshalb auch lange
so gesialtet, daß jene gleiche gesellschaftliche Stufe, die An-
rede mit Mr. und Mrs. und gemeinsame Mahlzeiten mit der
Familie beanspruchten; so betrachtet zu werden wünschten,
als ob sie wie Nachbarn von Zeit zu Zeit zur Aushilfe
kämen %. Dagegen schadet es dem Ansehen nicht, wenn
etwa Studenten und junge Mädchen aus guter Familie sich
einen Nebenerwerb als Kellner in Seebädern oder anderen
sommerlichen Erholungsstätten zu verschaffen suchen.

In Europa ist in weitestem Umfang der Beruf durch das
Herkommen geregelt, die meisten sind in ihn hineingeboren
oder bleiben wenigstens innerhalb eines engen Rahmens, den
eben die Tradition festlegt, wenn nicht gar die Eltern auf
einen bestimmten Beruf hindrängen. Derartige Einflüsse
machen sich in Amerika nur in geringem Grade geltend, weil
der Beruf nur die Möglichkeit zum Sichdurchsetzen, nur ein
Mittel zur Erzielung des Erfolges abgeben soll, und man
wendet sich daher dorthin, wo die besten Aussichten hier-
für winken. Jeder glaubt für alles geschaffen und geeignet
zu sein, traut sich alles zu und denkt wie jener Mann, der auf
        <pb n="50" />
        . Anschauungen über den Beruf ®
die Frage, ob er Violine spielen könne, zur Antwort gab:
nein, aber ich will es einmal versuchen! Während man bei
uns an der einmal ergriffenen Tätigkeit festzuhalten pflegt,
auch dann, wenn man erkannt hat, in ihr gescheitert zu sein,
sieht man sie dort als etwas Vorübergehendes an; bei einem
Nichtreussieren hindert nichts, sie aufzugeben und sich einer
völlig andersgearteten zuzuwenden. Man hängt nicht an der
Behörde oder der Firma, man kennt nicht den Begriff der
Carriere, und da Pensionen nicht gewährt werden, auch nicht
den Typus des Pensionsjägers. Dieser häufige Berufswechsel,
für den es auch im höheren Alter nicht zu spät ist, der vor
keinem Beruf, auch nicht etwa dem ärztlichen, Halt macht
und der keinerlei Schande bringt, ist ungemein charak-
teristisch; man betrachte etwa, welche Tätigkeiten einige Präsi-
denten der Vereinigten Staaten nacheinander ausgeübt haben:
Lincoln war Farmer, Milizhauptmann, Postmeister, Rechts-
anwalt, Grant Kadett, Leutnant, Hauptmann, Farmer, Leder-
händler, Oberst, kommandierender General, Garfield Tage-
löhner, Fuhrmann, Schiffer, Lehrer, Student, Professor,
Schuldirektor, Milizoffizier, Brigadegeneral, Abgeordneter im
Kongreß. Dadurch erklärt sich der häufige Ortswechsel, die
unverhältnismäßig geringe Zahl der Leute, die in dem Ort
oder auch nur in dem Staat leben, in dem sie geboren wurden;
irgendwelche Hemmungen bestehen ja auch auf diesem Ge-
biete nicht. Die Unternehmer haben von jeher daraus ihren
Vorteil nehmen können; es war immer leicht, Angestellte und
Arbeiter auch aus den fernsten Gegenden heranzuziehen und
        <pb n="51" />
        „3 Newısm

sie in eine beliebig gelegene neuzugründende Industriestadt
zu verpflanzen. Die Beweglichkeit im Beruf wird noch da-
durch sehr erleichtert, daß an eine spezielle Vorbildung nur
geringe Ansprüche gestellt, Examina kaum gefordert werden;
man hat keinen Respekt vor dem sogenannten Fachmann,
sondern ist vielmehr des Glaubens, daß der erfolgreiche Mann
sich überall hineinfindet und an jeder Stelle etwas leistet.

Für die unteren Stufen besteht jetzt freilich die Tendenz,
die freie, durch keine Rücksichten gebundene Berufswahl
einzuschränken. Wenn die Psychotechnik, die sich in Amerika
schon ein sehr breites Feld erobert hat, weitere Fortschritte
macht, so wird diese Typisierung des Menschen dahin führen,
daß eine Anzahl von Messungen das Schicksal spielt, und daß
ein paar Zahlen in einer Kartothek einen Menschen end-
gültig zu einem Buchhalter, Aufseher, Maschinenbediener oder
Telephonisten machen.

In einem Lande, dessen äußeres Bild sich ständig wandelte,
wo oft ein Jahr genügte, um eine Veränderung des nächsten
Milieus zu bringen, wird auch der Mensch, der diese Um-
bildung vornimmt, kein Gefühl für den Wert des
Dauernden aufbringen. Das Ziel konnte nur sein, überhaupt
etwas zu schaffen, Zeit für sorgfältige Arbeit durfte man sich
ebensowenig nehmen, wie Rücksicht auf Dauerhaftigkeit oder
Schönheit. Die Qualität der Waren, die in den Vereinigten
Staaten fabriziert wurden, hatte lange Zeit in Europa keinen
guten Ruf; es kam ja meist nur darauf an, daß sie schnell
und möglichst billig erzeugt wurden. Man kannte weder eine
        <pb n="52" />
        Newısm 44
Schonung, noch Freude an der Güte eines Gebrauchsgegen-
standes, und wie wenig die Dauerhaftigkeit einer Ware noch
heute als ein Vorzug gilt, geht in recht klarer Weise aus
einer Prüfung von Reklamewirkungen hervor ®. Für einen
fingierten Artikel sollte das Publikum die Anziehungskraft
angeben, die die verschiedenen, in der Reklame angepriesenen
Eigenschaften ausüben: die Dauerhaftigkeit stand am nied-
rigsten im Kurse und anderes, wie Eleganz, Schönheit, Mo-
dernität, Ersparnis, Notwendigkeit wurden weit höher ge-
schätzt. Bei allem, was hergestellt wird, bleibt man sich des
Provisorischen stets bewußt, bei allem, was man kauft, weiß
man, daß es in kurzem von anderem abgelöst sein wird. Es
ist gewiß nicht richtig, wenn von amerikanischer Seite ge-
sagt worden ist, es existiere außer den Amerikanern kein
Volk, das die Neuheit eines Gegenstandes schon als eine Emp-
fehlung ansähe %, aber es gibt sicherlich keines, bei dem der
„newism“ so stark ausgeprägt ist. Wie konservativ man sonst
auch sein mag, wie sehr man sich neuen Ideen entgegen-
stemmt, im Wirtschafilichen reizt hier immer nur das Neue,
und das, was man den „fashion cyle‘“ genannt hat, ist dement-
sprechend von besonders kurzer Dauer ®7. Genau so wie an
der Richtigkeit von Nachrichten wenig gelegen und man zu-
frieden ist, eine erregende „headline‘“ in der Zeitung zu finden,
wenn sie auch noch so unwahrscheinlich und töricht klingen
mag, so sind Neuheit und Schönheit gleichbedeutend. Der
Drang, möglichst alles zu haben, was gerade aufgekommen
und in Mode ist, macht hier nicht bei bestimmten Kreisen von
        <pb n="53" />
        Newism

Großstadtbewohnern Halt, sondern greift auf die kleineren
Orte und bis zu den einsam wohnenden Farmern über: auch
sie stehen allem Neuen offen, sind jeder Verbesserung zugäng-
lich, wünschen in ihrem Hause den letzten technischen Kom-
fort anzubringen, immer die neuesten Maschinen zu besitzen.
Für die Produktionsgestaltung ergeben sich hieraus die wich-
tigsten Folgerungen. Für alles, was auf den Markt geworfen
wird, tut sich sogleich ein ungeheurer Absatz auf, wenn es
überhaupt gelingt, mit der Ware in das Publikum hineinzu-
dringen. Alle Erfindungen, kleine und große, haben nur ge-
ringe Widerstände zu überwinden und werden gierig aufge-
nommen. Weil nichts für unmöglich erachtet wird, weil man
der Technik alles zutraut, sind aber auch jedem Schwindel
die Tore geöffnet. Dem Unternehmertum erwachsen aus einem
solchen Verhalten neben den offensichtlichen Vorteilen auch
besonders schwierige Aufgaben; es kann zwar die Waren-
freudigkeit des Konsumenten fortdauernd ausnützen, aber
es muß sich ständig auf dem qui vive halten und auf Neues
sinnen.
        <pb n="54" />
        III. Das Verhältnis zum Gelde

IE Worte des Amerikamüden: „Der Geist unserer Päd-
ä agogik istnicht der, Menschen zu bilden, sondern Rechen-
maschinen zu machen. Der Amerikaner soll möglichst bald
ein Dollar erzeugender Automat werden“ $8 resümieren noch
heute die Auffassung der meisten Europäer: die Amerikaner
sind ihnen das eigentliche „money-making people“ geworden,
mit welchem Namen man früher die Engländer zu bezeichnen
liebte. Die „Jagd nach dem Dollar“ nimmt sie so voll-
ständig in Anspruch, daß alle anderen Interessen dahinter zu-
rücktreten müssen. Beobachtungen, die ein jeder täglich und
stündlich in Amerika zu machen in der Lage ist, lassen aller-
dings eine solche Überzeugung nur zu leicht aufkommen. Wo-
zu sonst. dieses rastlose Arbeiten, dieses Leben, das keine Ruhe-
pausen kennt? Welchen anderen Sinn kann es haben, wenn
man sieht, daß die Kinder so früh wie nur irgend möglich
zum Geldverdienen angehalten werden, auch dort, wo eine
Notwendigkeit dazu nicht im geringsten vorliegt? Nirgends
in der Welt wird soviel und so unverhüllt vom Gelde ge-
sprochen; die Unterhaltung auf der Straße, in der Gesell-
schaft, in den Klubs dreht sich ums Geldmachen, jeder erzählt
ohne die mindeste Scheu, wie viel Dollars er im vergangenen
        <pb n="55" />
        46 Das Verhältnis zum Gelde

Jahre, im vergangenen Monat „gemacht“ hat. „Success“ ist
immer gleichbedeutend mit Geldverdienthaben. Die Frage:
Wie geht es Ihnen? wird ohne weiteres auf die momentane
pekuniäre Lage bezogen; der eine ist eine halbe Million Dollars,
der andere nur 100 000 Dollars „wert“. Dazu die Stellung
der reichen Leute, die Aufmerksamkeit und Bewunderung, die
man ihnen entgegenbringt. Alles wird in Geld ausgedrückt,
in den Zeitungen wimmelt es von Dollars: ein neues Gebäude
ist ein 10 Millionen-Bau, ein Feuer ein ı Millionen-Feuer,
ein heftiger Regen ein ı Million Dollar-Regen, ein Gemälde
ein 100 000 Dollar-Tizian.

Der Engländer, meint Chesterton ®, und er gibt hier einer
gesamteuropäischen Auffassung Ausdruck, möchte so viel Geld
haben, daß er in der Lage ist, es zu vergessen. Er schaltet
geflissentlich die Erörterung von Geldfragen im nicht-ge-
schäftlichen Umgang aus, verpönt sie in der Unterhaltung
und findet sie nur bei denen entschuldbar, die nichts denken
können wie Geld, bei den armen Leuten; der materielle Hinter-
grund der Existenz wird in einem Halbdunkel gelassen, und
diese Verbergung so weit getrieben, daß die einander Nächst-
stehenden, die Mitglieder der Familie, die besten Freunde,
über diesen Punkt oftmals Zeit ihres Lebens wechselseitig
im unklaren bleiben. Dem Amerikaner dagegen ergeht es ähn-
lich wie Midas: alles, was er berührt, wird ihm zu — Geld,
nur darf man hieraus nicht den Schluß ziehen, daß das
Geld als solches das erste Ziel seines Lebens und Strebens sei.
Ja, Kenner, denen man eine Urteilsfähigkeit zusprechen muß,
        <pb n="56" />
        Motive des Gelderwerbs m
behaupten, daß eher das Gegenteil richtig sei, daß die Ameri-
kaner sich weniger aus dem Gelde machten als Franzosen,
Engländer und Deutsche 7°, daß die auf den Besitz abzielenden
Instinkte bei ihnen gar nicht stark entwickelt seien7?l; sie
meinen gar, nirgends sei man so frei von der Verehrung des
Mammons 72, kein Volk der Welt lege so wenig Wert auf das
Geld um des Geldes willen wie die Amerikaner 73,

Daß der Amerikaner alle Dinge auf den Generalnenner Geld
zu bringen sucht, hängt mit seinem Bestreben zusammen,
überall zu messen und zu wiegen ; Zahlen als solche
machen ihm Freude, weil sie ihm die Vergleichbarkeit und
damit ein besseres Verständnis ermöglichen. Die Heranziehung
des Geldes als Maßstab erlaubt ihm Inkommensurables auf
eine Ebene zu projizieren, mögen auch die Rangunterschiede
zwischen den Dingen dabei verwischt werden.

Die Motive des Gelderwerbs"* sind als die kapi-
talistischen natürlich qualitativ die gleichen wie in der euro-
päischen Wirtschaftswelt und vereinigen, verschieben sich mit
den einzelnen Stufen des Lebens und Aufstiegs ebenso wie
bei uns; durch ein anderes Mischun gsverhältnis er-
halten sie aber wiederum eine eigene amerikanische Note. Zu-
nächst kommt hier in Betracht der Drang, ja, man muß
sagen, die Gier nach Komfort, wie es nicht anders sein
kann bei einer Weltauffassung, in deren Glücksbegriff der
Komfort mit einem sehr hohen Prozentsatz eingeht. Ein Kom-
fort, der sich von dem, was man in Europa unter Luxus
versteht, freilich unterscheidet, da er fast nur Bequemlichkeit,
        <pb n="57" />
        43 Motive des Gelderwerbs

nichts von der Exklusivität, von der Erfüllung feinerer Be-
dürfnisse nur wenig enthält. Der enorme Warenhunger und
die hohen, sich rasch steigernden Ansprüche, vor allem der
Frauen, haben Amerika zu dem ungeheuren Markt der Massen-
produktion gemacht. Der ganze Zuschnitt des Lebens trägt
den Charakter der Breite, man rechnet nicht mit dem Cent,
aber eigentliche Verschwendung ist dem Amerikaner zuwider.
Weil ein ziemlich hoch gespanntes Minimum von Komfort,
das für die entsprechende europäische Schicht unter der
Schwelle der Erreichbarkeit liegt, absolutes Bedürfnis ist,
haben auch die amerikanischen Soldaten unter den Entbeh-
rungen im Kriege weit mehr gelitten als ihre europäischen
Kampfgenossen.

Wenn das Geld sich so vordrängt, daß alles im Geldmachen
aufzugehen scheint, so ist es nicht aus Liebe zum Gelde, aber
auch nicht in erster Linie wegen seiner kaufenden Kraft,
sondern weil das Geldverdienen das Hauptmittel zu
aktiver Betätigung ist, weil das business der angesehenste
Beruf ist, der sich darbietet und schließlich, — „weil über-
haupt nichts anderes zu tun ist’5. Der Puritanismus stellt ja
das Reichwerden als eine sittliche Pflicht hin und Reichtum
allein läßt darum schon glücklich werden. Weiterhin vermag
das Geld auch darum besonders starke Reize zu entfalten,
weil ihm weite Aussichten gegeben sind, der Phantasie ein
umfassender Spielraum gelassen ist. Der Amerikaner kann
auch hier noch an das „Wunder“ glauben, wohingegen für
die weitaus größte Mehrzahl der Europäer die Höhe des Ein-
        <pb n="58" />
        Bewertung des Vermögens 49
kommens das ganze Leben hindurch der Größenordnung nach
ziemlich festliegt oder die wahrscheinliche obere Grenze leicht
zu erkennen ist.

Aber man hängt nicht sehr am Gelde. Im Business ist das
Geld ein Spiel; es kommt dem Kampftrieb des Amerikaners
entgegen, ist ihm ein Sport, ein Tonikum, gewährt ihm inner-
halb einer Gesellschaft, der alles Romantische abgeht, einen
Ersatz für die gleichmäßige und nüchterne Ausfüllung seines
Tages. Wie der richtige Spieler muß er wagen; er liebt und
sucht das Risiko, denn der Hauptreiz des Geldes liegt für ihn
im Erwerben, weniger im Besitz, im gewachsenen Bankkonto.

Daß die Beziehung zum Gelde von der europäischen doch
beträchtlich abweicht, läßt sich auch nach anderen Kriterien
dartun. Namentlich in der sehr verschiedenen Bewertung
des Vermögens und vor allem des ererbten Vermögens. Man
setzt es relativ leicht aufs Spiel. Sein Verlust trifft den Ameri-
kaner weit weniger schwer als den Europäer, nicht nur wegen
der größeren Leichtigkeit des Wiedererwerbs, sondern weil man

gar nicht so stark nach der Geborgenheit hinstrebt, den es
verleiht. Sich aus jenem Grunde das Leben zu nehmen, wird
man daher als Feigheit, vor allem aber als Beweis für einen
Mangel an Energie und Betätigungswillen ansehen. Der Reich-
tum führt zur Achtung, die zu gewinnen sich jeder abmüht,
um seinem Besitzer aber wirklich allgemeines Ansehen zu
verschaffen, muß er dessen eigener Arbeit seine Entstehung
verdanken. Nur das selbst erarbeitete Geld wird wirklich ge
schätzt, viel weniger schon rein spekulativ gewonnenes, und die
Rühl, Vom Wirtschaftsgeist in Amerika D
        <pb n="59" />
        bo) Materialismus der Amerikaner
meisten Amerikaner werden auch der Meinung Rockefellers
sein, daß das Geld, das ohne eine Leistung einem Menschen
zukomme, selten eine Wohltat sei und oft sogar ein Fluch 7%.
So stürzt sich denn auch der Sohn des reichen Mannes früh
in den Lebenskampf, um sich nicht den Spotinamen eines
Remittanceboys zuzuziehen, mit dem man die Leute zu be-
zeichnen pflegt, die von einem Zuschuß leben. Es besteht auch
keinerlei Tendenz, im Erbgang eine Bevorzugung des erst-
geborenen Kindes vorzunehmen.

Der Amerikaner steht seit jeher in dem Ruf, ein
Materialistzu sein, ein Vorwurf, der ihm aber in Wirk-
lichkeit nur in eingeengter Form gemacht werden darf. Er ist
es insoweit, als er die materielle Seite des Lebens in ihrer
Bedeutung für den Einzelnen und für das Leben überhaupt
maßlos überschätzt, jeden Fortschritt auf diesem Gebiet als
einen Zuwachs an Glück betrachtet. Andererseits ist aber ge-
rade der amerikanische Geschäftsmann in weit höherem Grade
als der europäische von einer Idee erfüllt, überzeugt, mit seiner
Arbeit einer großen Aufgabe zu dienen, während der euro-
päische größtenteils mit seinem persönlichen Gelderwerb die
seine bereits erfüllt zu haben glaubt. So ist denn der Ameri-
kaner nicht ganz im Unrecht, wenn er jenen Vorwurf des
Materialismus nicht nur zurückweist, sondern ihn auf den
Europäer zurückwirft und ihm daneben seine Engigkeit in
Geldsachen, sein Schnappen nach kleinen Vorteilen, sein Rech-
nen und Kalkulieren in Dingen, in die sich nach seinem Ge-
fühl das Geld nicht hineinmengen soll, wie etwa die Eheschlie-

SC
        <pb n="60" />
        Mitgift, Lotteriespiel, Glücksspiele 5
ßung, vorhält. Es ist gewiß bezeichnend, daß in amerikani-
schen Romanen und Novellen sehr häufig eine Angabe über das
Einkommen der handelnden Personen gemacht wird, ebenso
bezeichnend für die Stellung des französischen Volkes zum
Gelde, welch große Rolle in seiner Literatur die Mitgift des
weiblichen oder das Vermögen des männlichen Ehepartners
spielen. Sehr mit Recht hat Münsterberg als ein Zeichen der
tiefgehenden Verschiedenheit amerikanischer und europäischer
Geldauffassung betont, daß die Institution der Mitgift, die
doch in ganz Europa existiert, in Amerika unbekannt ist 77,
und auch der amerikanische Soziologe Ross hebt mit einem ge-
wissen Stolz hervor, daß bei seinem Volk die Liebe weniger
durch den Dollar befleckt würde als bei irgendeinem anderen,
das die Geschichte kenne 78.

Auch das Fehlen des Lotteriespieles ist von Münster-
berg in diesem Zusammenhang erwähnt worden, das selbst
dann gesetzlich verboten ist, wenn es wohltätigen oder gemein-
nützigen Zwecken dient, und die gleiche Verachtung trifft alle
reinen Glücksspiele, die durchaus verpönt sind; dem An-
sehen des Eisenkönigs Schwab tat es z. B. seinerzeit sehr star-
ken Abbruch, als die Zeitungen meldeten, daß er in Monte Carlo
am Spieltisch zu finden gewesen sei?9. Das Spielen an der
Börse, das bis in die unteren Schichten hinabdringt, hat für
den Amerikaner nicht den Sinn eines reinen Zufallspiels, be-
deutet ihm etwas ganz anderes: hier entscheiden die bessere
Übersicht, Kenntnis, Konjunkturausnutzung, und das gleiche
gilt von den Wetten, für die er nicht nur beim Sport, son-

S
        <pb n="61" />
        d2 Der Reiche

dern fortdauernd im Privatleben Gelegenheit sucht und findet;
auch hier bleibt der Sieger, der die richtigere Kalkulation an-
gestellt hat. Der reine Spielergewinn ohne irgendeine Mög-
lichkeit der Betätigung und der Berechnung vermag ihn nicht
zu locken und läßt ihn ganz kalt.

Die Hauptsache für die Überschätzung des Geldes und den
Drang reich zu werden liegt jedoch auf sozialem Gebiet, ist
darin zu suchen, daß der Wertdes Menschenanseiner
Leistung gemessen wird, und diese sich in dem aus-
drückt, was ihm an Geld zu verdienen gelungen ist; eine
Folge einerseits der vom Puritanismus aufgestellten Forde-
rung, sich durch die Erwerbung von Besitz zu „bewähren“,
andererseits des Fehlens anderer Maße. Das Einkommen und
der Besitz sind der Maßstab des Erfolges, es gilt hier der Satz:
Der Mensch ist, was er hat, und damit wird das Reichwerden-
wollen zu dem dominierenden Motiv für die Einengung allen
Strebens auf den Gelderwerb. Dieses konnte allerdings zu
voller Entfaltung erst im Beginn des zweiten Drittels des
19. Jahrhunderts gelangen. Bis zu dieser Zeit war die Span-
nung zwischen den Besitzunterschieden nicht allzu groß, be-
deutende Vermögen oder gar Riesenvermögen existieren noch
kaum. Erst mit der wirklichen Erschließung der Mitte und des
Westens der Union eröffneten sich die beispiellosen Aussich-
ten für die Gewinnung von Reichtum, und damit entstand die
alle erfassende und alles beiseite schiebende Begier, reich zu
werden.

Der Reiche hebt sich aus der Masse heraus, er wird zum
        <pb n="62" />
        Der Reiche Ri
Ideal und Vorbild des Volkes. Die Wertskala baut sich nur auf
dem nach außen hin sichtbaren Erfolge auf, andere Distink-
tionen existieren nicht; dem Ehrgeiz bietet sich das Reich-
werden als das einzig vorhandene, aber auch allen verständ-
liche und erreichbare Ziel dar. Die Verleihung eines Adels-
patents, von Titeln und Auszeichnungen kommt nicht in Frage,
die politische Laufbahn besitzt wenig Ansehen, namentlich
in den Einzelstaaten, und damit ebensowenig Anziehungskraft,
wie wissenschaftliche und künstlerische Betätigung; ein cum
dignitate geführtes otium schafft nicht nur keinerlei gesell-
schaftliche Stellung, sondern ist sogar mit einem Odium be-
haftet. „The man who made his pile‘“ genießt dagegen eine
Verehrung und ein soziales Prestige wie wohl nirgends sonst,
man beugt sich vor ihm wie es in Europa kaum vor den Ver-
tretern des hohen Adels geschieht, er steht im Mittelpunkt
des öffentlichen Interesses, ihm wenden sich die Neugierde
und die allgemeine Aufmerksamkeit zu; seinen Namen findet
man in den „Society News‘, man interessiert sich für alle
seine Lebenskleinigkeiten. Es besteht eine ganze Literatur über
die „rich men“, wie sie ja selber auch nur zu oft sich ver-
pflichtet gefühlt haben, ihren Lebenslauf, ihren Aufstieg aus
dem Nichts der sie anstaunenden Menge zu schildern; ein
Mythus kristallisiert sich um ihre Namen, und „es wird eines
Tages so schwer sein, die nackte Wahrheit über Ford zu er-
erfahren, wie es bei Cromwell, Napoleon oder Washington
der Fall ist“ 80, Aber es ist eben nicht so sehr der Geldbesitz,
der imponiert, es gibt sich hier nicht ohne weiteres jene
        <pb n="63" />
        54 Der Reiche

mammonistische Gesinnung kund, die, um ein bissiges Wort
Fontanes zu nehmen, sagt: „Er ist zwar ein Esel, aber sein
Vater hat ein Eckhaus.‘“ Man betet nicht die Dollars um ihrer
selbst willen oder wegen der in ihnen liegenden Genußmög-
lichkeiten an, sondern man bewundert die Energie, mit der sie
zusammengebracht wurden. Sie sind ein Spiegelbild der
„Tüchtigkeit‘“ ihres Erwerbers, sie kündigen den Mann des Er-
folges an, den Mann mit der eisernen Willenskraft, dem Mut,
der Geschicklichkeit, der aus einem Kampfe als Sieger hervor-
gegangen ist; sie sind das Symbol für die Macht des Leiters
eines Bankunternehmens, einer Eisenbahngesellschaft, eines
Industriekonzerns, unter dessen Zepter Tausende leben '—
Tausende, denen die gleichen Möglichkeiten offen standen,
denen aber der Erfolg versagt war. Der nur durch Erbschaft
Reiche wird, falls er keinerlei Wirksamkeit entfaltet, weit
weniger estimiert und vermag auch nur in geringem Maße den
Blick auf sich zu lenken #1, Jene dagegen sind die Vollender des
allgemeinen Ideals, und hierin liegt ihre große Bedeutung
für die Gesamtkultur ihres Landes, obwohl sie selbst an ihr
nur wenig teilnehmen. Sie sind das Vorbild und Muster, dem
alles nachstrebt, sie stempeln die Dinge auf gut und böse, auf
recht und unrecht, und ihre Wertungen wiegen um so
schwerer, als sie von der Menge nicht durch einen Abgrund,
sondern nur durch einen, wenn auch steilen Anstieg getrennt
sind. Was sie sagen, wird von der Masse als Offenbarung ge-
nommen, „eine Summe von Plattheiten aus ihrem Munde be-
staunt man wie ein Blatt aus den Sibyllinischen Büchern“ 82,
        <pb n="64" />
        Der Reiche 55
Die kritiklose Bewunderung, die sie umgibt, schafft ihnen eine
naive Sicherheit im Urteil über Dinge, bei denen ihnen jegliche
Urteilsfähigkeit abgeht, läßt sie nicht nur glauben, daß sie
nichts Unrechtes tun können, sondern auch, daß ihnen nichts
unmöglich ist, und alles, was sie unternehmen, zu einem Er-
folge führen muß, wie sich dies, um nur ein, freilich sehr
groteskes, Beispiel anzuführen, in dem Fordschen Friedens-
schiff in so kindlicher Weise dokumentierte. Den Zugang zur
„Gesellschaft“ zu schaffen, ist allerdings Reichtum allein nicht
imstande; hierzu ist es noch nötig, daß man sich den Kon-
ventionen unterwirft, man muß auch „respectable‘“ sein und
darf keinen Anstoß erregen. Aber die Zensur, der der reiche
Mann untersteht, ist nicht allzu streng, und man erlaubt und
verzeiht ihm manches, was man bei anderen nicht entschul-
digen würde.

So hat man Amerika das „Paradies der reichen Leute‘
heißen können®83, was es aber nur hinsichtlich der sozialen
Stellung, nicht in bezug auf die Möglichkeiten des Genießens
ist. In dieser Hinsicht wird ja viel weniger geboten als in
Europa, und alles, was über die Bedürfnisse der Masse hinaus-
geht, ist auch ungemein teuer. Dem, der etwas Besonderes, der
Abwechslung, kultivierte Vergnügungen zu haben wünscht,
bleibt nichts anderes übrig, als eine Reise nach der Alten Welt,
die auch noch mit der Annehmlichkeit verbunden ist, der
Kontrolle der Landsleute nicht zu unterstehen.

Es ist ganz aus kapitalistischem, speziell angelsächsischem
Gesichtswinkel gesprochen, wenn Lady Montagu gesagt hat:
        <pb n="65" />
        56 Der Reiche
„Wie die Welt ist und sein wird, isteseine Art von Pflicht, reich
zu sein“, und in Amerika nimmt man das Streben nach dem
Reichwerden so sehr als einen allen Menschen innewohnenden
Instinkt, daß dort wohl nur wenige dem Satze des amerika-
nischen Nationalökonomen Senior nicht zustimmen werden,
der hierin ein Gesetz der Wirtschaftswissenschaften sieht, dem
nur die Gravitation in der Physik an die Seite gestellt werden
könne, das letzte, über das der Verstand nicht hinausgelange 84.
Auf dem Amerikaner liegt in der Tat die Pflicht, Reichtum
zu gewinnen, denn es gibt keine erstrebenswerte Lebensform,
für die ein bescheidenes Einkommen genügt. Aber als reich
wird man in Amerika erst jenseits einer viel höheren Schwelle
betrachtet als in Europa. Als der Chinese Wu Tingfang einen
Mann, der eine halbe Million Dollars sein eigen nannte, fragte,
warum er denn dann noch weiter arbeite, erhielt er zur Anl-
wort: weil man erst mit 1—2 Millionen als ein reicher Mann
gelten kann 85, Stendhals Maxime: „Wenn man 6000 Francs
Rente hat, so soll man nicht mehr an das Geldverdienen
denken‘, eine solche unkapitalistische Denkweise wird ebenso
unverstanden bleiben wie die Meinung, daß Uninteressiertheit
am Gelde gerade dort, wo es der Endzweck aller ist, nicht ein-
mal eine Form der Bescheidenheit zu sein braucht, vielmehr
ein Zeichen des Stolzes ist8%, Ein Mensch, der Gleichgültig-
keit dem Geldverdienen gegenüber an den Tag legt, der es ver-
sucht, andere Werte zur Grundlage seines Daseins zu machen,
muß dem Amerikaner minderwertig sein oder gar suspekt
erscheinen. Schon darum finden l’art pour l’art, la science
        <pb n="66" />
        Die Schenkungen der Reichen 57
pour la science einen so’ wenig günstigen Boden bei ihm vor.
Der Künstler und der Gelehrte, soweit seine Wissenschaft
nicht praktischen Zielen dient oder zu dienen scheint, ge-
nießen nur geringe Achtung, denn es ist kein „Markt“ für sie
da und ihr Einkommen bleibt also notwendigerweise gering.

Auf die großartigen Schenkungen, die die Reichen
ihrem Lande machen, und die so oft den Neid Europas erregen,
ist man auch in Amerika selbst nicht wenig stolz. Einige Dollar-
könige lieferten das Vorbild, ihr Beispiel hat aber dann in
einer Weise Schule gemacht, daß das Wegschenken des Geldes
in diesen Kreisen fast ein Usus geworden ist und eher die Regel
als die Ausnahme bildet; es gilt schon beinahe als eine Unehre,
es nicht zu tun. Es macht die Stifter populär, man erhält
einen im ganzen Lande gekannten Namen, und das Ansehen,
das die reichen Leute genießen, gründet sich in nicht geringem
Maße auf diese Leistungen. Wenn man daran denkt, daß wohl
nirgends das Wort Bourdaloues mehr Berechtigung hat als
in Amerika, daß „ä Vorigine de toutes les grandes fortunes
il y a des choses qui font frömir‘“, so wird in vielen Fällen
als Motiv der Schenkung auch das Bedürfnis nach einem see-
lischen Beruhigungsmittel mitwirken; sie wird die Annehm-
lichkeiten dessen gewähren, was man in England als „con-

science money“ zu bezeichnen pflegt. Von Analogem in Europa
unterscheidet sich jedoch die amerikanische Form der Ver-
mögensentäußerung nicht nur durch das weit größere Aus-
maß, indem es sich dabei um wirklich bedeutende Vermögens-
teile handelt, sondern vor allem dadurch, daß sie schon zu
        <pb n="67" />
        58 Die Schenkungen der Reichen
Lebzeiten des Besitzers geschieht. Namentlich hat Carnegie die
Auffassung vertreten, daß der Allgemeinheit am besten gedient
sei, wenn die Verteilung bereits während des Lebens erfolge,
da man dann die gleiche Sorgfalt darauf verwenden könne,
wie auf den Erwerb87, Die großen Kapitalisten halten sich
für die Verwalter des Vermögens der Nation, fühlen sich als
die, „denen Gott die Obhut über die Besitzinteressen des
Landes anvertraut hat‘ 88, Die zur Erwerbung des Geldes dien-
lichen Eigenschaften machen auch für alles andere tüchtig,
der Reiche hat Einsicht und Übersicht‘ und kennt daher am
besten die Verwendungsmöglichkeiten des Geldes. Nicht das
Herz soll die Verteilung lenken, sie soll vielmehr das Resultat
des Nachdenkens und der Kalkulation sein. Nur ein beschei-
dener Teil soll den Nachkommen zufallen, denn „vererbter
Reichtum ist stagnierender Reichtum“ 89; das Geld soll aber
weder verzettelt noch in die Hände des Staates gelangen, der
mit dem kostbaren Gut in törichter Weise umgehen könnte.
Das zahlenmäßige Ergebnis solcher Anschauungsweise ist
erstaunlich und, wenn man es dem, was in Europa in dieser
Hinsicht geleistet wird, gegenüberstellt, doch auch bewunde-
rungswürdig. Nach einer 1925 veröffentlichten Zusammen-
stellung sind z. B. in den letzten zehn Jahren für öffentliche
Zwecke mehr als anderthalb Milliarden Dollar gestiftet
worden, 1923/24 erhielten die Universitäten und Colleges
allein fast‘ 100 Millionen; St. Andrew, wie Mark Twain
einmal scherzhaft Carnegie genannt hat, gab mit einem
Scheck mehr Geld für Universitäten aus, als alle Millionäre
        <pb n="68" />
        Der Arme 59
des doch gewiß nicht armen England in einem Vierteljahr-
hundert spendeten 90.

Man weiß ja, was alles in Amerika solchen Stiftungen ge-
dankt wird, da sie, damit sie ihren Zweck ganz erfüllen, ge-
nügend in die Welt hinausposaunt werden. Universitäten und
Bibliotheken, Krankenhäuser und Asyle, wissenschaftliche In-
stitute, Museen, Kirchen, gemeinnützige und humanitäre Ein-
richtungen leben in großer Zahl völlig von den Mitteln, die
bei ihrer Gründung gegeben wurden, oder auch weiterhin
fortlaufend zufließen. Alle möglichen Kostbarkeiten werden
aus der ganzen Welt zusammengerafft und dann der Allge-
meinheit zugänglich gemacht. Dem stehen natürlich auch viele
Schenkungen gegenüber, die besser unterblieben wären. Der
durch seine der Wissenschaft geopferten Mittel weltberühmte
John Hopkins war zwar auch ein ganz ungebildeter Mensch
ohne jegliches wissenschaftliches Interesse, aber es gibt unter
den Großreichen nur zu viele, die sich auf jenem Wege einen
Namen verschaffen und die Aufmerksamkeit auf sich lenken
wollen, und die ganz zusammenhanglos für irgendeinen spleen,
irgendein persönliches Steckenpferd ihr Geld hingeben.

Weil alle nur das eine Ziel kennen, weil das Streben nach
dem Reichwerden für den stärksten dem Menschen innewoh-
nenden Instinkt gilt, und „God’s own country“ allen auch die
Möglichkeit bietet, das Erstrebte zu verwirklichen, so ist der,
der nichts hat, mit einem Makel behaftet. Der Erfolg, das
alleinige Kriterium für den Menschenwert, hat dann eben
        <pb n="69" />
        60 Der Arme

entschieden, daß es ihm an den Qualitäten fehlt, die die
anderen in die Höhe gebracht haben, es mangelten ihm die
„six „I‘s of success‘: Integrity, industry, intelligence, initia-
tive, intensity, inspiration, und so wird die Armut zur per-
sönlichen Schuld. Von einem Mitleiden mit dem Besitzlosen
wird man daher nicht leicht angekränkelt werden, eine psy-
chische Bedrückung durch den Anblick von Armut wird sich
auch in einem Lande nicht einstellen können, in dem das Gros
der Bevölkerung sich in einem gewissen Wohlstand befindet;
wo nur das Recht des Stärkeren und der Erfolg gelten, wird
der das Brandmal des Mißerfolges zur Schau Tragende nicht
das „ungesunde Bedürfnis nach gerechtem Ausgleich‘, „jene
Form von Reichtums-Neurasthenie“ 91 erwecken können. Die-
ser Ausgleich ist ja bereits vollzogen, indem der Tüchtige reich
und der Untüchtige arm geworden ist. Der Europäer außer-
halb des angelsächsischen, spanischen und osteuropäischen
Kulturkreises sieht zwar auch in dem Armen und Bettler meist
nur den nicht arbeiten Wollenden, aber er fühlt doch auch
ein wenig in ihm das Opfer ökonomischer Gesetze, die ihn
niederhalten, ihm ein Emporsteigen erschweren und unmög-
lich machen, und so wird seine Stellung am besten gekenn-
zeichnet durch den Nietzscheschen Satz: „Bettler sind immer
unangenehm, man ärgert sich zu geben und nicht zu geben“.
Für die Auffassung des Amerikaners gälte viel eher ein anderes
Nietzschewort: „Was fällt, das soll man auch noch stoßen.“
Er blickt nur auf das Manko in der Persönlichkeit, ihm muß
der have-not nur als eine Hemmung für den Erfolgreichen
        <pb n="70" />
        Der Arme 61
erscheinen und von Vanderbilt hieß es, daß für ihn alle Bitt-
steller Faulpelze und Trunkenbolde waren, die von der Aus-
plünderung der Nüchternen und Fleißigen zu leben versuch-
ten %2, Es ist interessant, daß unter der Herrschaft eines ganz
ähnlich gearteten Wirtschaftsgeistes, in einem anderen wirt-
schaftlichen Neuland, in Australien, sich doch eine von der
skizzierten verschiedene Beurteilung von Armut hat durch-
setzen können. Sie wird nicht ausschließlich als Zeichen man-
gelnder Tüchtigkeit angesehen, weil hier der wirtschaftliche
Erfolg in den Ackerbau- und Viehzuchtregionen allzusehr
von äußeren Ursachen, vor allem von den unberechenbaren,
instabilen Niederschlagsverhältnissen abhängt, die sich der Be-
einflussung durch den Menschen entziehen 93.

Nirgends wohl ist also die Stellung des Armen innerhalb
der Gesellschaft so demütigend wie in Amerika. Seine Unter-
stützung aus öffentlichen Mitteln hat daher auch eine Form
angenommen, die ihre Inanspruchnahme ungemein erschwert
und sie eigentlich nur für den alleräußersten Fall annehmbar
macht, eine Form, die entsprechend der verwandten englischen
Auffassung der Armut der dort angewendeten sehr nahe
steht. Eine offene Armenpflege kennt man in den großen
Städten nicht, nur Kranken, Gebrechlichen kann vorüber-
gehend auf diesem Wege und in sehr beschränktem Grade
geholfen werden 4, Weil sie das Gefühl der Verantwortung
unterdrücke, aber auch weil Unterstützungen in Geld leicht
nach politischen Gesichtspunkten verteilt werden könnten, be-
müht man sich, sie so weit wie möglich, sogar durch gesetz-
        <pb n="71" />
        62 Geringe Ausbreitung des Sozialismus

liche Vorschriften einzuengen. Es bleibt nur die Aufnahme
in das Armenhaus übrig, und die Unerfreulichkeit des dortigen
Aufenthalts, die persönlichen Beschränkungen, das Wissen,
sich durch seine Benutzung zum Outcast zu stempeln, lassen es
nur denjenigen aufsuchen, dem es wirklich die letzte Zu-
flucht ist. „To come to the town“, der Stadt zur Last fallen,
gilt als ein großes Unglück und als tiefste Erniedrigung,
Damit ist dann die Gewähr gegeben, daß eine nur vor-
gespiegelte Bedürftigkeit nicht vorliegt.

In einem Lande mit einer derartigen Wirtschaftsgesinnung
war für die Ausbreitung des sozialistischen Ge-
dankens kein Nährboden vorhanden ®5. Jene Faktoren,
die ihm in Europa eine so kräftige Resonanz verschafft hatten,
fehlten. Arm und reich standen sich nicht als festgelegte
Gruppen gegenüber, keine unübersteiglichen Scheidewände
waren zwischen den Klassen aufgerichtet. Es gab keine Kluft
zwischen Bürger und Arbeiter; es mangelte an Menschen, der
Arbeiter erfuhr keine Mißachtung und brauchte sich nicht
als Mensch niederer Sorte zu fühlen. Allen waren die gleichen
Aussichten offen, man sah das ewige Hinauf und Hinab, ein
jeder hatte es mit eigenen Augen und dicht neben sich ge-
sehen, wie viele aus dem Nichts zu Reichtum gekommen waren,
durfte hoffen, daß die Welle ihn eines Tages aufwärts tragen
werde, während der Wohlhabende fürchten mußte, daß sie
ihn verschlingen könne. Nie brauchte man die Hoffnung auf-
zugeben, doch noch auf die Höhe zu gelangen und ein Ka-
pitalist zu werden, eine Hoffnung, die auch noch durch die
        <pb n="72" />
        Geringe Ausbreitung des Sozialismus 3
Prosperität des Landes eine kräftige Stütze erhielt. Schärfster
Individualismus beherrschte auch die Masse, sie war aufs
tiefste überzeugt von dem Segen des Konkurrenzprinzips. Von
sozialpolitischen Maßnahmen, von einer Schutzgesetzgebung,
gleichgültig welcher Art, wollte man nichts wissen; der Un-
ternehmer sah in ihnen nur Hemmnisse und unnötige Be-
lastungen, aber auch der Arbeiter wollte lieber der eigenen
Kraft vertrauen. Die soziale Abstufung war ausschließlich auf
das Geld gegründet, und da alle gleich in den Daseinskampf
eintraten, niemand mit Privilegien irgendwelcher Art ausge-
stattet war, niemand nach seinem Herkommen gefragt wurde,
vermochte ein Klassenhaß nicht aufzukommen. So stellte man
sich dem Arrivierten nicht mit Mißtrauen oder Haß gegen-
über, sondern zollte ihm als dem Erfolggekrönten Bewun-
derung, und auch der große Reichtum erweckte jene Ge-
fühle nicht, weil seine Träger ihn selbst erworben hatten.
Man bejahte nicht nur die soziale Ordnung, sondern in dem
Gefühl des Frei- und Gleichseins auch die politische Struk-
tur, die den vollen Anteil am öffentlichen Leben gewährte, und
bemitleidete den Europäer mit seiner Klassen- und Kasten-
gebundenheit, mit seinem „aristokratischen‘“ Gesellschafts-
aufbau. Ein Klassenbewußtsein innerhalb der Arbeiterschaft
und ein Zusammenschluß wurden schließlich auch dadurch
sehr erschwert, daß sie nach Rassenzugehörigkeit und Niveau
so inhomogen wie nur möglich zusammengesetzt war.
Die Widerstände gegen die Ausbreitung des Sozialismus
waren also ungemein stark. Man will keine fremde Hilfe in
        <pb n="73" />
        64 Geringe Ausbreitung des Sozialismus
Anspruch nehmen und erblickt in ihm nur eine Hinderung der
persönlichen Initiative. Wenn jemand die Verwirklichung so-
zialistischer Ideen anstrebt, so beweist er damit nur, daß er
ein Untüchtiger ist, der dem wirtschaftlichen Kampf nicht
gewachsen ist, und es entspricht durchaus einer allgemeinen
Auffassung, wenn man für Amerika den Sozialismus als die
Philosophie des Mißerfolgs bezeichnet hat9%6. Er galt auch
stets als etwas Unamerikanisches, und man konnte sich dabei
mit einem gewissen Recht darauf berufen, daß früher seine
Führer im Ausland Geborene, namentlich Iren und Deutsche
waren, und daß die Träger sich in der Hauptsache aus den un-
gelernten, unamerikanisierten Arbeitermassen rekrutierten, also
Menschen, die noch nicht wissen konnten, daß sie in „God’s
own land“ leben. Wer sozialistischen Gedankengängen nach-
hängt — und zwischen Sozialismus, Kommunismus und Anar-
chismus wird meist kein Unterschied gemacht —, wer „radi-
kaler‘ Tendenzen verdächtig ist oder sich in der Agitation
betätigt, versündigt sich am Geiste Amerikas. In keinem Lande
ist wohl der Sozialismus weniger gesellschaftsfähig als in den
Vereinigten Staaten; aber nicht nur von der Bekleidung öffent-
licher Ämter sind seine Anhänger und die auch nur mit
Jeisestem Verdacht Behafteten ausgeschlossen, sondern das
Volk selbst geht nur zu oft mit Gewalt gegen sie vor, und
die Gerichte behandeln sie mit äußerster Härte 97. Ein Mann
wie Upton Sinclair findet für seine Schriften keinen Verleger.
Wie eine auch nur arbeiterfreundliche Gesinnung unter Um-
ständen genügte, um gewisse kapitalistische Kreise zu den
        <pb n="74" />
        Geringe Ausbreitung des Sozialisfnus 65
schärfsten Maßregeln zu veranlassen, zeigte etwa der bekannte
Fall des Professors Scott Nearing, der vom Kuratorium der
Universität Pennsylvaniens abgesetzt wurde, weil er sich für
eine gesetzliche Regelung der Kinderarbeit ausgesprochen
hatte, ein Beschluß, der allerdings unter dem Druck der öffent-
lichen Meinung schließlich rückgängig gemacht werden mußte.

So hat also der Sozialismus nur außerordentlich wenig er-
reichen können, seine Anhängerschaft ist gering geblieben und
nur sehr langsam gewachsen. Die Gewerkschaftsbewegung
trägt einen durchaus bürgerlichen Charakter. Entsprechend
dem aufs Reale hin gerichteten Sinn des Amerikaners, der nicht
Utopischem nachjagt, verfolgt sie nur praktische Ziele: sie will
nur innerhalb des kapitalistischen Wirtschaftssystems die
Lebensbedingungen des Arbeiters bessern, und der ganze
Kampf erhält dadurch einen sehr materialistischen Cha-
rakter. Eine Ideologie hat man ebensowenig, wie man an dem
Schicksal der Genossen in anderen Ländern Anteil nimmt, oder
sich für eine internationale Verbrüderung erwärmt. Eine revo-
lutionäre Richtung mit der Parole „of the workers, by the
workers and for the workers“ verfolgen die Industrial Wor-
kers of the World, die sich aus den Wanderarbeitern des
Westens und dem Maschinenproletariat des Ostens ihre An-
hänger holen, aber ihre Bedeutung ist bisher ganz gering ge-
blieben. Mehrere Einzelstaaten haben besondere Gesetze gegen
sie erlassen, die die Verbreitung von Flugschriften und Zei-
tungen, das Abhalten von Versammlungen untersagen, so daß
es ihnen sehr schwer gemacht ist, Propaganda zu treiben.
Rühl, Vom Wirtschaftsgeist in Amerika
        <pb n="75" />
        IV. Die Wirtschaftsmoral

| RGENDWELCHE Urteile über die herrschende Wirt-
A schaftsmoral abzugeben, die auf eine gewisse Allgemein-
gültigkeit Anspruch erheben könnten, ist begreiflicherweise
besonders schwierig. Dazu wären allenfalls solche in der Lage,
die längere Zeit in verschiedenen Zweigen der Wirtschaft und
auf verschiedenen Stufen tätig gewesen wären; während aber
bei uns derartige Erfahrungen nur äußerst selten in die Lite-
ratur einzudringen pflegen, ist dies in den Vereinigten Staaten
doch in. einem relativ beträchtlichen Maße der Fall. Die dortige
Geschäftsmoral hat sich bekanntlich in Europa keines be-
sonders guten Rufes zu erfreuen gehabt, und namentlich die
englische Presse hat sich oft höchst abfällig über Methoden
geäußert, die sie „colonial”” fand. Von einem Engländer, der
20 Jahre in Amerika gelebt hatte, ist einmal eingewandt
worden, daß die höhere wirtschaftliche Ethik doch wohl in
dem Lande gefunden werden müsse, in welchem Produktion
und Handel als die ehrenvollste Laufbahn angesehen würden,
und nicht dort, wo die Aristokratie eine Beschäftigung auf
diesen Gebieten als unter ihrer Würde empfinde9. Als
ein Symptom für einen höheren Standard der Redlichkeit
wurde die Tatsache angeführt, daß geschäftliche Verhand-
lungen und Abmachungen direkt zwischen den Parteien
        <pb n="76" />
        Die Wirtschaftsmoral 67
und nicht durch Vermittlung eines Rechtsanwalts abge-
schlossen würden, daß die meisten Geschäftsleute diese Aus-
gaben für überflüssig halten und ihr ganzes Leben ohne
einen solchen auskämen ; das gegenseitige Vertrauen in die Ein-
haltung von Verträgen müsse also sehr viel größer sein, als
etwa in England, wo man in solchen Fällen die Zuhilfenahme
eines Rechtsanwalts als absolut notwendig betrachtet, und auch
Shadwell betont auf Grund seiner Erfahrungen, daß man im
Gegensatz zu England, wo allgemeines Mißtrauen herrsche,
in Amerika an die Ehrlichkeit eines andern glaube, weil man
selbst ehrlich sei und niemand fürchte?%. Daß Geschäfts-
ehre und Redlichkeit auf einer keineswegs niedrigen Stufe
stünden, will schließlich Butler daraus folgern, daß nur 5%
alles umlaufenden Geldes in bar ausgezahlt würden, und daß
ganz allgemein Mündelgelder und Depositen mit einer pein-
lichen Redlichkeit verwaltet würden 100,

Wir möchten freilich gerade diese Dinge als Anzeichen einer
besonders hochstehenden Ethik nicht so schwer wiegen lassen,
denn es gehört zum Wesen des kapitalistischen Wirtschafts-
systems, daß der Kredit als etwas Heiliges angesehen werden
muß, weil nicht eingehaltene Verpflichtungen auf diesem Ge-
biet das ganze System in Gefahr bringen. Wir möchten aber
vor allem die Frage entgegenhalten: Kann die allgemeine
Geschäftsmoral von strengen Grundsätzen geleitet sein in einem
Lande, wo man des Glaubens ist, daß das Interesse des Ein-
zelnen nie dem der Allgemeinheit entgegen sein könne, wo man
den Erfolg als die höchste Instanz nimmt, wo die „Tüchtig-

x“
        <pb n="77" />
        68 Die Wirtschaftsmoral

keit“ mit Geschicklichkeit und schließlich mit Schlauheit iden-
tisch wird, die unter den geschäftlichen Tugenden den ersten
Platz erhält? Das Wirtschaftsleben schafft sich eine eigene
Ethik und unter solchen Verhältnissen muß sich doch wohl
ein Geschäftsgebaren entwickeln, das nur zu oft zu einer
völligen Spaltung der menschlichen Persönlichkeit führt.
Leute von absolut integrem Charakter tun als Geschäftsmänner
Dinge, die sie als Privatleute niemals getan und aufs schärfste
verdammt hätten, wie man andererseits auch über minder-
wertige menschliche Eigenschaften hinwegsieht, wenn ihr,
Träger erfolgreich gewesen ist. Daß von verschlagenen Manö-
vern, die außerhalb des business nicht geduldet werden würden,
von nicht sehr sauberen Kniffen ganz frei geredet wird,
daß man Komplimente für sie zu hören erwartet, beweist aufs
deutlichste, daß sie in allgemeiner Übung sind. Jedem Schwin-
del stehen die Tore offen, er nimmt gewaltige Dimensionen an,
und es sind z. B. nach einer amtlichen Feststellung in dem einen
Jahre 1924 nicht weniger als eine Milliarde Dollars in völlig
wertlosen Papieren angelegt worden. Alles muß als erlaubt
gelten, wenn es nur zum Ziele führt. Vor gesetzlichen Be-
stimmungen hat man wenig Achtung; man sucht Lücken in

ihnen auf — und die meisten amerikanischen Gesetze sollen

einen sogenannten „Joker“ enthalten — und freut sich, wenn

man durch sie hindurchschlüpfen kann: denn wenn ein Gesetz

überschritten wird, so ist das Gesetz daran schuld, weil es

Bricht ist. Nur an sich selbst hat jeder zu denken, und dieses

„every-man-For-himself-and-the-davil-take-the-hindmost-sy-
        <pb n="78" />
        Die Wirtschaftsmoral 69
stem“ gestattet ihm, alle Chancen auszunutzen, ohne sich die
geringste Belästigung von seiten der Moral zuzuziehen. Ge-
feiert ist der „smart man‘, der gewandte, der durchtriebene,
dem jedes Mittel recht sein darf, denn der Erfolg erteilt ihm
jede gewünschte Absolution. Da aus anderen, nichtwirtschaft-
lichen Bereichen keinerlei Hemmung sich entgegenstellte, aber
auch keine vorkapitalistische Wirtschaftsgesinnung bekämpft
zu werden brauchte, so konnten die kapitalistischen Methoden
in der großen Zeit der Erschließung zu Auswüchsen führen,
wie sie in Europa nur in Zeiten völliger moralischer Verwir-
rung sich zeigen. Was hier nur in den Niederungen des Wirt-
schaftslebens als erlaubte Praktik galt, durfte sich in Amerika
bis in die Höhen hinaufwagen: wenn man von der Art und
Weise liest, in der die großen Vermögen zusammengebracht
worden sind, so fällt es nicht leicht, den Ekel zu unter-
drücken 1%, Die zahlreichen Enthüllungen, die an die Öffent-
lichkeit gezogenen Skandale haben, wie auch von Amerikanern
zugegeben wird, zu der Überzeugung geführt, daß die ge-
schäftliche Korruption nichts Vereinzeltes ist, sondern einen
gewaltigen Umfang hat, und daß es dem Amerikaner beim
Geldverdienen nur auf die Quantität, gar nicht auf die Art
des Erwerbs ankomme 102, Man spricht von einer moralischen
Degeneration gegenüber den Pionierzeiten, und es ist wohl kein
Zweifel, daß die großen Gesellschaften und Trusts, die mit
ihrer Unpersönlichkeit die Verantwortlichkeit des einzelnen
zurückdrängen, sehr viel zur Verschlechterung der Wirtschafts-
moral beigetragen haben; sie haben die Macht, über die sie ver-
        <pb n="79" />
        79 Die Wirtschaftsmoral

fügten, in einer gewiß außerordentlich geschickten Weise aus-
genützt, sich aber um die moralischen Verwüstungen, die sie an-
richteten, auch nicht im mindesten gekümmert 1%, Dadurch,
daß in Amerika alles viel leichter in die Öffentlichkeit gebracht
wird, weil die Zeitungen durch die Herauszerrung ihre Ein-
nahmen zu erhöhen suchen, erhält der Außenstehende leicht den
Eindruck, als ob es in dieser Hinsicht anderwärts um ein Mehr
besser stünde, das vielleicht doch nicht vorhanden ist.

Der sonst so unkomplizierte Amerikaner erweist sich im

Wirtschaftlichen als ziemlich raffiniert, der Wirtschaftskampf
wird mit jeder nur denkbaren Strenge, unter Anwendung aller
und jeder Mittel geführt, aber er zeigt doch auch wieder einen
Zug, der ihm eigentümlich ist, und den man bei uns höchstens
als individuelle Ausnahme antreffen wird. Man achtetsich
als Kämpfer, die Person wird nicht angetastet, und man
hört die Streitenden nie schlecht voneinander reden. Ist einer
niedergerungen, so gibt es nicht nur ein shakehand, nein, man
sucht seinen früheren Konkurrenten sogar zu unterstützen und
ihm die Möglichkeit zu eröffnen, von neuem in der Arena
aufzutreten. Es ist von Münsterberg auf die gänzliche Ab-
wesenheit eines Neidgefühls hingewiesen worden, das man
im wirtschaftlichen Kampf genau so wenig kennt, wie es der
Schachspieler zu empfinden vermag, der von seinem Gegner
mattgesetzt wurde. Und ebenso bemerkenswert ist das unge-
wöhnlich hohe Maß von wirtschaftlichem Vertrauen, das man
jedem in allem entgegenbringt; als selbstverständlich setzt
man voraus, daß die Spielregeln geachtet werden 104,
        <pb n="80" />
        V. Der neue Wirtschaftsgeist

RYCE hat. mit Recht sagen können, Amerika ändere sich so
D:. daß alle paar Jahre neue Bücher notwendig seien,
um sein neues Aussehen zu. beschreiben 1%. Die Rapidität, mit
der sich die wirtschaftliche Entwicklung vollzog, hat allmäh-
lich das ökonomische Antlitz der Vereinigten
Staaten so weit umgestaltet, daß die alten Züge
oft kaum noch erkennbar blieben. Die große wirt-
schaftliche Aufgabe der Erschließung ist erfüllt, eine gewisse
Sättigung mit Menschen ist eingetreten und die Probleme Eu-
ropas fangen an, sich bemerkbar zu machen. Dieshatauch
eine Veränderung des Wirtschaftsgeistes nach
sich gezogen. Was wir bisher skizziert haben, ist gewiß
noch der Geist, der das Land namentlich in der Mitte und im
Westen beherrscht und in der Masse durchaus lebendig ist,
aber es gibt bereits eine Fülle von Anzeichen dafür, daß
etwas Neues im Werden ist.

„Go west young man, go west!“ Wo ist der noch jung-
fräuliche Boden, der nur der Arbeit des Pioniers harrte, um
sich in fruchtbares Ackerland zu verwandeln? Wo ist sie, die
„noch leere Wiege eines großen Volkes“, von der einst Tocque-
ville bei seinem Vorstoß nach Michigan gesprochen hatte? 106
        <pb n="81" />
        7° Änderung des Wirtschaftsgeistes
Mit dem Ende des 19. Jahrhunderts verschwindet die
„Grenze“, jene Linie, die das besiedelte Gebiet und das der
Kultivierung noch offen stehende voneinander schied; der
Censusbericht verzeichnet sie nicht mehr. Das Land ist fort-
gegeben, und was noch verfügbar ist, liegt im Gebirge, in
Steppe oder Wüste, ist innerhalb der Trockenregion gelegen
und kann, wenn überhaupt, nur mit Hilfe umfassender Be-
rieselungsanlagen zu Fruchtland umgestaltet werden.
Welche Verschiebung hat die Situation des ameri-
kanischen Farmers erfahren! Er ist in seinem Wirt-
schaftserfolg nicht mehr nur von seiner Tüchtigkeit ab-
hängig, sondern er ist in Abhängigkeit von Faktoren geraten,
die sich seiner Kontrolle entziehen. Er war in die Weltwirt-
schaft hineingezogen worden und ihre Konjunktur bestimmte
immer mehr den Ertrag seiner Arbeit. Aber vielleicht noch
bedeutungsvoller war es, daß er in stets wachsendem Maße
seines Besitzes beraubt wurde, indem sich große Gesellschaften
des Landes bemächtigten ; immer mehr ist die Zahl der Pächter
angeschwollen und wenig Aussicht besteht heute für sie, wieder
als freie Menschen auf ihrem Boden zu stehen. Da
die Pachtungen sich meist nur auf mündliche, von Jahr zu
Jahr laufende Verabredungen gründen, und für irgendwelche
Verbesserungen keine Entschädigungen gezahlt zu werden
pflegen 197, so hat sich auch die Bewirtschaftung des Landes
oft wesentlich verschlechtert. Schließlich bedarf man jetzt auch
eines anderen Menschentypus für den landwirtschaftlichen Be-
trieb, denn die Arbeit ist mehr und mehr mechanisiert und
        <pb n="82" />
        Veränderte Lage des Farmers 73
maschinisiert worden ; man braucht also Leute, die mit großen
Maschinen umzugehen wissen, und so wandern einerseits Fa-
brikarbeiter in großer Zahl während der Erntezeit hin und
her über das Farmland, und auch der ungelernte Arbeiter
kann Verwendung finden; ein ländliches Proletariat ist zur
Entwicklung gekommen. Aus allen diesen Gründen hat eine
Landflucht eingesetzt, zahllose Farmen stehen leer; 1922
sind nicht weniger als 2 Millionen Farmer in Fabrikorte
abgewandert. Ein Anwachsen der städtischen Bevölkerung auf
Kosten der ländlichen ist eingetreten, und der Ruf: „Back
to the farm!“ geht durch das Land. Man sah daher dem Ergeb-
nis des letzten Census mit unruhevoller Spannung entgegen,
aber was er berichtete, war eine Bestätigung dessen, was man
erwartet und gefürchtet hatte: die Bewohnerschaft der Städte
hatte sich weiter auf 51x Prozent vermehrt. Die ländliche
Bevölkerung, die zur Zeit ihrer Unabhängigkeit und als sie
noch mit Sicherheit auf einen ihrer aufgewendeten Arbeit
entsprechenden Gewinn rechnen konnte, ein befriedetes Ele-
ment bildete, ist so von einem Geiste der Unzufriedenheit
erfaßt worden, und gerade von ihr geht eine starke Bewe-
gung gegen die großen Korporationen und Finanzmächte aus,
denen sie ohne ihr Verschulden überliefert worden ist.

Die Vereinigten Staaten sind in Europa als das Land der
unbegrenzten Möglichkeiten verherrlicht worden zu einer Zeit,
als sich deren Grenze bereits deutlich kundgab. Ein gut Teil
des unerschütterlichen Optimismus, der das gesamte Wirt-
schaftsleben durchzog, ruhte gerade auf der selbstverständ-
        <pb n="83" />
        ; Verknappung der natürlichen Hilfsquellen
lich erscheinenden Überzeugung von der Unausschöpf-
barkeit aller Hilfsquellen. Ungeheuere Landflächen,
die man lange für unbesiedelbar gehalten hatte, waren in
Ackerland, Fruchtgärten und Weideflächen gewandelt worden.
Mit jedem Schritt, den man in der Richtung nach Westen
vorwärts getan hatte, war immer wieder eine neue Über-
raschung eingetreten, an den verschiedensten Stellen hatte man
reiche Lager von Edelmetallen entdeckt, die die Vereinigten
Staaten mit einem Schlage an die Spitze der Weltproduktion
brachten, man fand Eisenerze, die an Masse von keiner Stelle
der Erde übertroffen wurden, Kupfervorkommnisse, die dem
neu angewachsenen Bedarf der Welt die Wage halten konnten,
Petroleumquellen in der Mitte und im Westen des Staates,
wo sie als Ersatz für die fehlende Kohle dienen konnten; und
so war es für die Amerikaner schon zu einem Dogma ge-
worden, daß ihr Land alles in solchem Überfluß spende, daß
man sich mit der Frage einer rationellen Bewirtschaftung
gar nicht zu beschäftigen brauchte. Man lebte in der festen
Zuversicht, daß das Fehlende eines nicht fernen Tages auf-
gefunden würde, so daß schließlich alles, was man nur be-
nötigte, der eigene Boden zu liefern imstande sei, und in so
reichlicher Fülle, daß auch die armen europäischen Länder
noch mit dem Überschuß versorgt werden könnten.

Dieses Gefühl der Sicherheit und des Gebettetseins saß
lief in dem ganzen Volke, und ihm entsprach denn auch
eine Art des Wirtschaftens, die dem Europäer nur Neid ein-
flößen mußte. In verschwenderischster Weise wurde alles,
        <pb n="84" />
        Verknappung der natürlichen Hilfsquellen 75
was die Natur bot, der Wirtschaft zugeführt, man schöpfte
überall aus dem Vollen und begnügte sich damit, nur die
reichsten Quellen anzugreifen, stets nur den Rahm abzu-
schöpfen, der einen raschen und reichen Profit und bequeme
Gewinnungsmöglichkeiten bot. Auf einer solchen, oft sinn-
losen Ausbeutung beruhte zu einem guten Teil die schnelle
Entfaltung des Wirtschaftislebens, der große Zug, der es im
Verhältnis zu dem europäischen auszeichnete, aber die
schweren Folgen haben sich weit schneller zu erkennen ge-
geben, als man es selbst in Europa annehmen durfte. Zahl-
reiche Erzlager, viele Kohlengruben, in denen man leicht-
fertig ohne den Blick auf die Zukunft gewirtschaftet hatte,
sich nur des Besten bemächtigt und große Massen ungenützt
in der Grube gelassen hatte, beginnen sich zu erschöpfen,
So hat man bereits im Jahre 1909 begonnen, eine In-
ventur der vorhandenen Mineralschätze vorzunehmen, wenn
auch die Jahresberichte der Geological Survey immer noch
von neuen Funden berichteten. Der „forest primeval‘““, aus
dem sich jeder das Holz geholt hatte, das er zu brauchen
meinte, den man niedergebrannt hatte, wenn er im Wege zu
sein schien, ist schon dermaßen gelichtet, daß nur noch an
der Küste des Stillen Ozeans ein größeres Reservoir verbleibt
und eine bedeutende Zufuhr von außen her notwendig ge-
worden ist. Nach einer Untersuchung des Forest Service sind
drei Fünftel der einst vorhanden gewesenen Vorräte bereits
aufgebraucht, und der Konsum übersteigt den Nachwuchs um
das Vierfache. Eine staatliche Überwachung der Wälder ist
        <pb n="85" />
        79 Ungleiche Verteilung des Besitzes

eingerichtet worden, Aufseher überall verteilt, die einen Brand
sofort zu melden haben; an vielen Stellen des Westens hat
man sich dazu entschlossen, Naturschutzparke abzugrenzen,
um wenigstens noch einiges in die Zukunft hinüberzuretten.
Nicht anders steht es mit der Bewirtschaftung des Acker-
landes, der völlig extensive Betrieb mußte allmählich einem
intensiver gestalteten weichen. In den verschiedensten Teilen
des Landes zeigen sich bereits die ersten Symptome der Er-
schöpfung eines Bodens, der jahraus, jahrein nur die gleiche
Frucht trug, das mixed farming dringt selbst in die Baum-
wollregionen hinein, die Notwendigkeit einer Düngung wird
immer deutlicher und schreitet langsam von Osten nach Westen
vor.

Eine völlig uneuropäische Gleichheit des Besitzes,
damit in Zusammenhang stehende Gleichförmigkeit der
Lebensführung war lange vorhanden gewesen und den Auslän-
dern immer wieder als ein für Amerika Charakteristisches auf-
gefallen. „Der Reichtum ist gleicher verteilt in den Neu-Eng-
land-Staaten als vielleicht in irgendeinem anderen Lande der
Welt. Übermäßige Vermögen existieren hier nicht,“ so schrieb
in den dreißiger Jahren der Engländer Hamilton108; „Es
gibt wenig Reiche in Amerika, der Besitz ist gleich verteilt“
zu der gleichen Zeit de Tocqueville 19%, Aber auch auf diesem
Gebiete waren allmählich Verschiebungen eingetreten und
Zustände geschaffen worden, die sich von den altweltlichen
nicht mehr so sehr unterschieden. Amerika ist viel reicher als
Europa; man braucht nur daran zu denken, daß Einkommen
        <pb n="86" />
        Ungleiche Verteilung des Besitzes 77
bis zu 2500 Dollars bei Verheirateten von Steuern befreit
sind, eine Summe, die in diesem Jahre sogar auf 3500
Dollar heraufgesetzt werden soll, nur die Zahlen zu be-
irachten, die das Finanzstatistische Bureau in Washington
zusammengestellt hat: im Jahre 1925 beliefen sich die
Sparkasseneinlagen der 45 Millionen Guthabenbesitzer auf
23 Milliarden Dollars, und nicht weniger als 5 Milliarden
Dollars Aktien und Obligationen waren in diesem Jahre vom
Markte aufgenommen worden. Wenn nun doch schon seit
längerer Zeit ein starkes Gefühl der Unzufriedenheit im
Volke sehr weit ausgebreitet ist, so hat es in dem Bewußt-
seineinerhöchstungleichen Verteilung von Ein-
kommen und Vermögen seinen Grund. Nach den Unter-
suchungen von King, der besonders Massachusetts und Wis-
consin auf ihre Reichtumsverteilung geprüft hat, ergab sich
für das Jahr 1914, daß die Reichen 2% der Bevölkerung aus-
machten, aber 60% des Nationalvermögens besaßen, daß der
Mittelklasse mit 33% noch 3500 davon gehörten, und daß
die Armen, 65% der Einwohner, nur mit 50% an ihm beteiligt
waren 110, Ein gutes Bild erhält man auch aus den Berichten
der Commission on Industrial Relations, die ein ziemlich um-
Fangreiches Material verwerten konnte. Sie sollte die allgemei-
nen Arbeitsbedingungen in den Hauptindustrien, namentlich
bei den Korporationen studieren und die Gründe der Unzu-
friedenheit aufsuchen, sollte feststellen, ob die Arbeiter einen
„fair share‘ des enorm gewachsenen Volksvermögens erhalten,
der „in diesem Lande im wesentlichen das Ergebnis ihrer
        <pb n="87" />
        76 Monopolisierung der wirtschaftlichen Güter

Arbeit ist‘; sie konnte nur „mit Nachdruck“ auf diese Frage
mit einem „Nein!‘““ antworten. 1598 Menschen hatten nach
ihren Feststellungen ein Einkommen von mehr als 100 000
Dollars; aber nur ein Viertel aller Familienväter war in der
Lage, ohne die Mitarbeit anderer F amilienmitglieder auch
nur das Existenzmininum aufrecht zu erhalten, 37% der
Mütter mußten arbeiten. Von dem Umfang der Armut be-
käme man, so meint die Kommission, die beste Vorstellung,
wenn man die Zahl der Armenbegräbnisse betrachte, da ein
so starkes Widerstreben dagegen bestehe: in der Stadt New
York‘ aber sei bereits unter ı2 Beerdigungen eine, die auf
öffentliche Kosten erfolge111, Nicht besser als die Industrie-
arbeiter stehe die Masse der landwirtschaftlichen Bevölkerung;
besonders auf den großen Grundstücken seien die Löhne
äußerst niedrig, die Behausung elend und die Nahrung mangel-
haft, und der landwirtschaftliche Arbeiter wandere hoff-
nungslos von einer Farm zur andern 112,

Die Klagen richten sich nicht gegen die Wirtschaftsord-
nung, sondern gegen das, was unter den Händen der Ameri-
kaner im Laufe der Zeit aus ihr geworden ist. Der ständig
wachsende Reichtum des Landes, die ununterbrochen fort-
schreitende Aufschließung immer neuer, ungeahnter Hilfs-
quellen, die durch nichts beengten Möglichkeiten, die der
Kapitalismus gefunden hatte, hatte einer verhältnismäßig
kleinen Anzahl von Erfolgreichen einen immensen Besitz in
die Hände gespielt. Die dadurch hervorgerufene Monopoli-
sierung der wirtschaftlichen Güter, die Er-
        <pb n="88" />
        Monopolisierung der wirtschaftlichen Güter 79
starrung, die der Nationalreichtum erhalten
hatte, die anscheinend kaum noch zu brechende Macht
der Trusts, das ist es, wogegen man anfängt sich aufzu-
bäumen. Die technischen und wirtschaftlichen Leistungen der
großen Korporationen, die Verbesserung und Verbilligung der
Waren, die man ihnen verdankt, werden durchaus anerkannt,
aber die in ihrem Wesen liegende Unpersönlichkeit verstößt
gegen den ersten Grundsatz amerikanischen Wirtschaftsge-
barens, den wirtschaftlichen Individualismus. Sie drücken den
einzelnen zu einer völlig unselbständigen Nummer in dem
großen Getriebe herab und rauben ihm den Geist der Initiative.
Mehr als zwei Drittel des Nationalbesitzes ist heute bei den
Trusts vereinigt. Die von sechs großen Finanzgruppen kon-
trollierten Korporationen beschäftigen 2 650 000 Lohnemp-
fänger und verfügen über ein Kapital von fast 20 Milliarden
Dollars 113, Man beobachtet ferner mit Unbehagen, wie die
wirtschaftliche Macht mehr und mehr zu der Finanz hinüber-
geglitten ist, jene „Morganisation“ der Industrie, die auch die
„Monarchs of Industry‘ in immer größere Abhängigkeit von
den Finanzgeneralen gebracht hat; ferner, daß die Produk-
tion auch gegenüber dem Handel und Verkehr an Einfluß
eingebüßt hat, daß die Zahl der im Handel Tätigen ein weit
beträchtlicheres Wachstum zeigt als die der in der Produktion
Beschäftigten, und sich von 1870—1910 um 270% vermehrte,
während etwa das Nahrungsmittel- und Bekleidungsgewerbe
nur einen Zuwachs von 350% zeigte. In jenen großen wirt-
schaftlichen Zusammenballungen mit ihrer gesteigerten Macht
        <pb n="89" />
        SO . Schwinden von „fair chance‘ und „opportunity“
gegenüber dem Staat und gegenüber dem Konsumenten sieht
man die Gefahr. Diese „unsichtbaren industriellen Fürsten-
tümer“, wie sich die Kommission ausdrückte, sind nach ihrem
Urteil eine größere Bedrohung der Wohlfahrt der Nation als es
die gleiche Macht sein würde, wenn sie in zahlreichen kleinen
Königreichen in verschiedenen Teilen des Landes verteilt
wäre!l4, Man hatte früher dem Anschwellen des Reichtums
mit jenem freudigen Gefühl zugesehen, das man allem Wach-
sen entgegengebracht hatte, die ungeheure Prosperität, das
Bewußtsein, andere Länder zu überholen, hatte früher nur
Freude und Stolz aufkommen lassen. Man bewunderte die
Träger des Reichtums und ihre Aktivität und tröstete sich da-
mit, daß doch jeder den Marschallstab des Kapitalisten bei
sich trage, und daß es von Hemdsärmel zu Hemdsärmel meist
sehr rasch zu gehen pflege. Amerika war ja doch das Land
der „fair chance“, der „opportunity“! Aber gerade diese wirt-
schaftliche Freiheit hatte aufgehört zu existieren, die Gleich-
heit der Chance steht jetzt nur noch auf dem Papier, wenn
auch gerne, namentlich auf Seiten der Wirtschaftsführer die
Fiktion aufrechterhalten wird, als ob sich nichts geändert habe.
„Es sind völlig unamerikanische Zustände über Amerika ge-
kommen“ 115, und „wenn man die Freiheitsstatue genau an-
sieht, so kann man nicht umhin zu bemerken, daß sie einen
ironischen Zug um die Mundwinkel zu zeigen beginnt“ 116,
Der alte Individualismus ist fast tot, die Pionierideale sind
dahin. Der Erfolg hängt nicht mehr ausschließlich von der
Tüchtigkeit und Geschicklichkeit des Individuums ab, einem
        <pb n="90" />
        Die neue Klassenscheidung 81
Aufsteigen, einem Reichwerden aus dem Nichts stellen sich
kaum noch zu überwindende Hemmnisse entgegen. An führen-
der Stelle stehen immer noch viele, die sich aus kleinen An-
fängen emporgearbeitet haben, aber was früher die Regel war,
ist die Ausnahme geworden. Die Kühnen, Wagenden sehen sich
einer Gruppe von Leuten gegenüber, die im Besitze sind; die
großen Vermögen sind heute gegen alle Fährnisse geschützt,
sind überhaupt nicht mehr bei denen, die sie durch ihre eigene
Arbeit erworben haben. Der Ratschlag Carnegies, daß man am
besten tue, arm auf die Welt zu kommen, wenn man ein
Millionär werden wolle1!7, kann jetzt nur ein Lächeln hervor-
rufen, und wenn von einer Gleichheit der Chance gesprochen
wird, so möchte man wohl eher an das bittere Wort von
Anatole France denken: ‚Das Gesetz in seiner erhabenen
Gleichheit verbietet es dem Reichen wie dem Armen, unter
einer Brücke zu schlafen.“

Von irgendeiner scharfen Klassenscheidung konnte
in früherer Zeit nicht die Rede sein, und namentlich hatte
eine fortdauernde Diffussion dafür gesorgt, daß die sozialen
Schichten nicht festlagen; unter der Herrschaft der freien
Konkurrenz wurde der eine nach oben, der andere nach unten
geschleudert, um dann vielleicht nach kurzem wieder in die
umgekehrte Richtung geworfen zu werden. Es standen sich
eigentlich nur zwei Klassen von Menschen gegenüber, solche,
die Erfolg gehabt hatten, und solche, die gescheitert waren, und
beide hatten das Wissen, daß die Rollen nur zu leicht ver-
tauscht werden konnten. Dieses Spiel des Auf und Ab hat
Rühl, Vom Wirtschaftsgeist in Amerika 6
        <pb n="91" />
        82 Die neue Einwanderung

durch die Konzentration des Reichtums in wenigen Händen
und das Aufhören der Chancengleichheit an Beweglichkeit
verloren, eine gewisse Fixierung ist eingetreten, die Schich-
ten haben sich mehr konsolidiert, die ungleiche Verteilung von
Besitz, Einkommen und Macht hat allmählich Scheidewände
emporwachsen lassen. Die soziale Position beginnt auch in
Amerika etwas Gegebenes zu werden, und deutlich treten vier
Klassen heraus, eine Plutokratie, die sich auch sozial abzu-
sondern strebt, eine Art von Adel bildet, und wo man schon an-
fängt, auf „Familie“ zu sehen, eine Mittelklasse von Ange-
stellten in abhängiger Stellung, eine in ihrer Lebenshaltung
von dieser nicht sehr verschiedene Arbeiterschaft, und ein
Proletariat, das sich aus Ungelernten und damit größtenteils
aus der „Neueinwanderung“‘“ rekrutiert, eine Klasse, die es
früher überhaupt nicht gegeben hatte. In der Fabrik, bei der
Arbeit und in der Erholungspause mögen noch immer alle sich
auf gleichem Fuße begegnen, außerhalb der Arbeitsstätte da-
gegen sorgen meist schon die Frauen für eine gesellschaftliche
Sonderung.

Es hatten sich nämlich auch die Menschengewandelt,
die Amerikazuwanderten. In jeder Beziehung war eine
Verschiebung und zwar zum schlechteren vor sich gegangen.
In der ersten Epoche der Siedlungsgeschichte setzten sich
die Einwanderer ganz überwiegend aus Engländern, Iren,
Holländern, Deutschen und Skandinaviern zusammen. Es
waren Menschen, die sich in Europa politisch oder religiös
bedrückt gefühlt hatten oder denen der heimische Boden zu
        <pb n="92" />
        Die neue Einwanderung 83
enge geworden war, für die die Maschinenindustrie keinen
Platz ließ, Menschen, die das „sweet land of liberty‘““ suchten,
und sich eine neue Existenz aufzubauen bemühten ; sie brach-
ten Weib und Kind mit, verfügten über gewisse Mittel, hatten
meist auch irgend etwas gelernt. Vor allem: sie wollten Europa
hinter sich lassen, hatten mit seinen Traditionen gebrochen
und wollten Amerikaner werden. Was Moorfield von Amerika
erwartet hatte: „Nicht wie die Menschheit ihre Freiheit er-
kämpft, sondern wie sie ihre Freiheit täglich, stündlich, in
Haus, Kirche und Schule gebraucht — das muß mir die
Menschheit auf ihrem Gipfel zeigen. Darum ging ich nach
Amerika. Hier sind die größten Maßstäbe, die weitesten Per-
spektiven, hier ist das Leben eine Wahrheit, und die Toten
werden alle begraben, nicht bloß teilweise, wie in Europa.
Hier ist die Werkstätte des Ideals“ 118; Millionen hatten es
gesucht. Sie sind die eigentlichen Pioniere des Landes ge-
wesen, denn auf ihre Arbeit gründete sich die Aufschließung
und Kultivierung des Kontinents. Seit dem vorletzten Jahr-
zehnt des 19. Jahrhunderts begannen ganz andere europäische
Völker den Weg über den Atlantischen Ozean anzutreten. Süd-
europäer, allen voran die Italiener, und Osteuropäer, nament-
lich russische Juden stellten das Hauptkontingent der immer
noch eine halbe bis eine Million jährlich betragenden Ein-
wanderung. Sie rekrutierten sich aus ganz anderen Schichten.
Es waren proletarische Landarbeiter, kleine Händler, unge-
lernte Arbeiter, arme Leute, denen es oft schon sehr schwer
wurde, auch nur die geringe Summe aufzubringen, die
        <pb n="93" />
        54 Die neue Einwanderung
man schließlich als Eintrittsgeld in den Vereinigten Staaten
von ihnen forderte. Sie standen moralisch und wirtschaftlich
auf einem ganz anderen Niveau, entstammten größtenteils den
Städten und blieben in den weitaus meisten Fällen auch schon
in den großen Städten des Ostens hängen. Land war nicht
mehr in größerem Umfang zu haben, aber Landerwerb war
auch nicht das ihnen vorschwebende Ziel. Sie wünschten gar
nicht, sich eine neue Heimat zu schaffen, waren nicht home-
seekers, sondern work-seekers. Ihr einziges Bestreben ging
dahin, ihre wirtschaftliche Lage zu bessern, aus ihrem Elend
herauszukommen, an den hohen Löhnen teilzunehmen,
oft nur eine gerade vorhandene günstige Konjunktur aus-
zunützen ; sie wollten Geld. Ihre Absicht war, sich möglichst
nur so lange im Lande aufzuhalten, bis sie sich bei beschei-
denster Lebenshaltung etwas erspart hatten, um dann nach
Hause zurückzukehren ; sie kamen daher auch vielfach einzeln
und hatten ihre Familien zurückgelassen, an die sie dann
ihre Ersparnisse schickten, die sich zusammengenommen auf
mehrere hundert Millionen Dollar im Jahre beliefen. Ein
Arbeitsfeld fanden sie in ungelernter Tätigkeit als Straßen-
bauer, Eisenbahnbauer, Bergarbeiter, sie ließen sich als
Händler und kleine Handwerker in den Vierteln nieder, die sich
ihre Volksgenossen zum Wohnsitz ausgesucht hatten, oder sie
gingen in die Fabriken, in denen die zunehmende Mechani-
sierung der Arbeit es erlaubte, daß man sich mit „hands“
begnügen konnte. Neben den Schiffahrtsgesellschaften, denen
sie die Zwischendecke füllten, hatten namentlich die großen
        <pb n="94" />
        Die neue Einwanderung 85
industriellen Unternehmungen, die Minenbesitzer und Eisen-
bahngesellschaften ein Interesse an ihnen; sie kamen auf diese
Weise in den Besitz billiger Arbeitskräfte, und der nie ab-
reißende Strom sorgte dafür, daß das Fehlende immer 8so-
gleich ergänzt wurde; ja, bei wirtschaftlichen Kämpfen konnte
man sie jederzeit als Streikbrecher importieren.

Lange hat man diese neue Einwanderung, die
„schmutzig-weiße‘‘, wie man sie auch zu benennen liebt, ohne
Bedenken aufgenommen, und erst als schon viele Millionen
im Lande waren, wurde man gewahr, daß durch sie eine
große Gefahr für die Realisierung der ‚amerikanischen
Ideale‘ entstanden war. Die romanischen und slavischen
Völker, wie die Juden, widerstrebten einer Assimilierung. Sie
fühlten sich nicht als Amerikaner, sondern in erster Linie
als Angehörige ihres Ursprungslandes. Die amerikanische Kul-
tur hatte von ihnen nichts zu erwarten. Sie wollten die Brücken
nicht abbrechen, und in dem bescheidenen, ihnen zugänglichen
Grade ihre eigene auf so ganz anderen Lebenswerten aufge-
baute Kultur bewahren; sie mischten sich daher nicht unter
die anderen Nationen, blieben in besonderen Stadtvierteln
wohnen, suchten ihre Gebräuche und Traditionen aufrecht
zu erhalten, ja nicht einmal so weit gingen sie, daß sie die
erste Bedingung, die man an einen Einwanderer stellte, zu
erfüllen gewillt waren: sie wollten auch ihrer Sprache treu
bleiben und vom Englischen nur das Allernotwendigste lernen.
So ist die Union allmählich, wie Roosevelt sich ausdrückte,
ein polyglottes Boardinghouse geworden, und sie beherbergt
        <pb n="95" />
        86 Die neue Einwanderung

jetzt 11% unter ihren Bewohnern, die der englischen Sprache
nicht mächtig sind, so daß z. B. in vielen Fabriken alle die
Arbeiter betreffende Mitteilungen in mehreren Sprachen 'ab-
gefaßt sein müssen. „Aber nur der ist ein guter Amerikaner,
der ein Amerikaner ist, und sonst nichts anderes‘ 119, und
man begann, in den im Ausland Geborenen Menschen niederer
Sorte zu sehen, die man je nach ihrer Nationalität mit herab-
setzenden Spitznamen belegt; man zog zwischen ihnen und
dem übrigen Volke einen Trennungsstrich, so daß etwa die
Nachricht von einem Bergwerksunglück in einer Pittsburger
Zeitung in der Form gemeldet werden kann: „400 Bergleute
getötet, 15 Amerikaner.“ 120 Es erwuchs jenen eine heftige
Gegnerschaft, die gerade in den Kreisen der Arbeiter ein leb-
haftes Echo fand, die hier nur Lohndrücker sehen mußten,
wenn sie es auch als eine Erleichterung empfanden, daß man
den „foreignborns“ die grobe Arbeit aufbürden konnte. Über
die Frage der Amerikanisierung, die man mit allen nur denk-
baren Mitteln zu fördern sich abmüht, entstand eine Literatur
von riesigem Umfang, und man übertreibt kaum, wenn man
sagt, daß dieses Problem die Bewohner der Vereinigten Staaten
seit einiger Zeit so lebhaft bewegt, wie einstmals die Neger-

frage. Gerade das Wirtschaftsleben ist an der Herstellung

einer möglichst weitgehenden Gleichförmigkeit sehr stark

interessiert, um sich den Absatz standardisierter Produkte so
leicht wie möglich zu machen; „Sie können alle Farben haben,

vorausgesetzt, daß Sie schwarz wählen‘, diesem Fordschen

Grundsatz möchte man für alle Waren Geltung verschaffen.
        <pb n="96" />
        Die neue Einwanderung 87
Die Überzeugung, daß die einschmelzende Kraft der Union
den Süd- und Osteuropäern gegenüber versagt, ist durch die
Ereignisse während des, Krieges gefestigt worden, und hier
liegt einer der Hauptgründe für die seit 1920 eingeführten
Einwanderungsbeschränkungen, denen aber nicht erst die Er-
fahrungen des Weltkriegs und seiner Folgen den Boden be-
reitet haben, deren Motive vielmehr schon vorher ange-
sammelt waren. Ein Jahrhundert hindurch haben die Ver-
einigten Staaten ihren Stolz darin gesehen, den Elenden und
Unterdrückten aus der ganzen Welt eine Zufluchtsstätte zu
geben, und es ist wenig mehr als ein halbes Jahrhundert her,
daß Emerson schreiben konnte: „Weit offen die Tore. Wir
wollen jede Nation einladen, jede Rasse, jede Hautfarbe, weiße
Menschen, braune Menschen, rote Menschen, gelbe Menschen.
Wir wollen ihnen die Gastlichkeit eines freien Feldes und
gleiche Gesetze für alle bieten. Das Land ist weit genug, der
Boden hat Brot genug für alle.‘ 121 Auch diese Zeiten sind
endgültig vorüber.

Auch der Glaube an das alleinseligmachende Konkurrenz-
prinzip hat einen schweren Stoß erlitten, und man rüttelt
an den geheiligtsten Traditionen. Man hat gesehen, daß es zwar
zum „survival of the strongest‘“ führt, daß aber eben die
strong men schließlich eine Macht in sich vereinigt haben,
die. eine Gefahr für die Gesamtheit der Produzenten und
Konsumenten, ja für die Demokratie bedeutet. Diese, natür-
lich auch erst langsam einsetzende Änderung des Wirtschafts-
geistes manifestiert sich in einem beständig lauter werdenden,
        <pb n="97" />
        56 Einfluß des Staates auf die Wirtschaft

namentlich aus dem Westen erschallenden Ruf nach einem
Einflußnehmendes Staates auf das Wirtschaftsleben,
nach einer Stärkung der Staatsautorität gegenüber den Privat-
interessen und Monopolen, und der Umschwung der öffent-
lichen Meinung ist um so bedeutungsvoller, als doch gerade
in den Vereinigten Staaten jedes Eingreifen des Staates, jede
noch so unbeträchtliche Reglementierung als ein Verbrechen
am amerikanischen Geiste betrachtet wurde. Auf einem Ge-
biet hatte freilich der Staat schon seit längerer Zeit sich
genötigt gesehen, das freie Spiel der Kräfte zu stören und
eine gewisse Kontrolle auszuüben, nämlich im Eisenbahn-
wesen. Bei der immensen Bedeutung, die die Bahnen für ein
Land haben, wo sie häufig erst die Möglichkeit der Besiede-
lung geben, wo ihnen auf ungeheurer Fläche keine Kon-
kurrenz durch die Wasserstraßen erwächst, wo von ihrer
Tarifgestaltung das Schicksal ganzer Städte abhängig sein
kann 122? und wegen der starken Produktionsteilung und Kon-
zentration in Landwirtschaft und Industrie die einzelnen
Landesteile in ihrer Wirtschaftsführung ganz aufeinander
angewiesen sind, da mußten die Folgen eines allzu schroffen
Wirtschaftsegoismus, einer Außerachtlassung der Interessen
der Gesamtheit besonders rasch und kraß in Erscheinung
treten. So fällen denn auch die ersten, wenn auch schüch-
ternen Versuche, durch die Schaffung der Interstate Com-
merce Commission einen Einfluß auf den Aufbau der Tarife
der Bahnen zu gewinnen, bereits in die achtziger Jahre des
19. Jahrhunderts. Die Befugnisse der Commission sind dann
        <pb n="98" />
        Einfluß des Staates auf die Wirtschaft 89
allen Widerständen zum Trotz immer weiter ausgedehnt wor-
den, und so mächtig war schließlich die Gegnerschaft gegen
die Eisenbahngesellschaften angeschwollen, daß es längerer
Kämpfe bedurfte, um sie nach dem Kriege, während dessen
sie unter Staatsverwaltung standen, ihren ursprünglichen Be-
sitzern zurückzugeben. Aber noch auf verschiedenen anderen
Gebieten hat das 20. Jahrhundert eine Ausdehnung der
Staatskontrolle gebracht. Auch die Paketpost hat ihren Ein-
fluß zu fühlen bekommen. Die Aufdeckung der Schlacht-
hausskandale von Chicago bewirkte den Erlaß eines Bundes-
gesetzes über Nahrungsmittelherstellung. Die neu gegründete
Federal Trade Commission ist eine Art moralischer Über-
wachungsstelle; sie mischt sich in die verschiedensten An-
gelegenheiten hinein, kann z. B. feststellen, was als unlauterer
Wettbewerb anzusehen ist, und auch die Einzelstaaten haben
vielfach besondere hierauf abzielende Gesetze erlassen.

Andererseits beginnt auch die Überzeugung, daß das Indi-
viduum nur sich selbst und seine Interessen, d. h. seine Ge-
winninteressen zu verfolgen habe und sich skrupellos aller
Mittel bedienen dürfe, wenn sie nur zum Erfolge führen,
einer neuen Auffassung zu weichen. Wenige Schlagworte sind
jetzt so im Schwange wie „service“ und „public welfare“.
Eine neue Verantwortlichkeit wird jedem an leitender Stelle
Stehenden aufgebürdet, der sich als der Verwalter des Reich-
tums der Nation fühlen, der Allgemeinheit, den Konsumenten
dienen und diese Dienstleistung über den Gewinn stellen soll.
Wie Ford es ausgedrückt hat: „An die Stelle des destruktiven
        <pb n="99" />
        9° Arbeit und Muße
Wettbewerbs soll ein großmütiger Wettbewerb treten, der
Gewinn soll nicht die Basis, sondern das Resultat der Dienst-
leistung sein.‘ 123 Dem halte man dem berühmten Ausspruch
Vanderbilts gegenüber: „The public be damned!“

Auch in der Wertung der Arbeit wird bereits eine
Umwertung deutlich. Noch immer wird jegliche Arbeit als
gut und ehrenwert gelten, aber entsprechend der Konsoli-
dierung der sozialen Schichten macht sich doch allmählich
eine unterschiedliche Schätzung bemerkbar. Die Handarbeit
wird mehr und mehr als etwas Untergeordnetes, Erniedrigendes
betrachtet, und so nahe der gelernte Arbeiter und der An-
gestellte wirtschaftlich einander stehen mögen, so beginnt sich
doch eine soziale Kluft zwischen ihnen aufzutun. Der „white
collar‘“ fühlt sich ziemlich erhaben über den Arbeiter, und
in dieser Hebung seiner sozialen Stellung wird man nicht zu-
letzt einen der Gründe für das ungewöhnlich starke Anwach-
sen der Zahl der Angestellten und der im Handel Tätigen
gegenüber den in der Produktion Beschäftigten zu sehen
haben.

Rein zeitlich gemessen ist das Arbeitsquantum auch schon
ziemlich allgemein vermindert worden, und von Seiten der
Gewerkschaften wird auf eine Herabsetzung des Arbeitstempos
hingearbeitet; der Achtstundentag ist zwar fast nirgends ge-
setzlich festgelegt, aber in der Praxis, namentlich bei den
großen Unternehmungen, meist durchgeführt, wie sich auch
für die Angestellten das Weekend eingebürgert hat. Man sucht
ein Gegengewicht gegen die zunehmende Mechanisierung der

FG
        <pb n="100" />
        Arbeit und Muße 91

Tätigkeit in den Fabriken wie in den Bureaus herzustellen;
da diese aber die Arbeitsintensität nur gesteigert hat, so wird
es doch fraglich sein müssen, ob die Abnutzung der Menschen
auf diesem Wege gemildert und nicht vielleicht doch nur
verstärkt worden ist. In allen Schichten breitet sich eine früher
gänzlich unbekannte Vergnügungssucht aus, und so sehr hat
sich bereits der Schwerpunkt des Lebens aus der Arbeit heraus
verlagert, daß von amerikanischer Seite schon die Behaup-
tung aufgestellt werden konnte, daß der Durchschnittsameri-
kaner ein müßigeres Leben führe als der Durchschnitts-
europäer und in der Zeitverschwendung nur noch vom Spanier
übertroffen werde. „Es werden mehr Radios und Grammo-
phone auf den Kopf verkauft als in irgendeinem anderen
Lande. Die täglichen Massen bei den Baseballspielen sind
tausendmal größer als die Massen bei irgendeinem Sportschau-
spiel in irgendeinem anderen Lande, und die Filmstatistiken
zeigen, daß die Zahl der Kinobesucher 1730 mal so groß ist.
Aus der „Ford pleasure car‘“-Statistik geht hervor, daß
auf einen Ausländer 80 Amerikaner kommen, die einen Ford-
wagen zu andern wie geschäftlichen Zwecken benutzen. Und
so geht es weiter in der Statistik.“ 124 Schließlich ist auch
die Zahl der Menschen, die sich, nachdem sie genug erworben
haben, aus dem Geschäftsleben zurückziehen, in fortgesetziem
Anwachsen begriffen. Diese des Geldverdienens Müden ziehen
dann gewöhnlich in die Großstädte, die ihnen noch am ehesten
Möglichkeiten bieten, ihre Zeit hinzubringen und ihr Geld
auszugeben. So ist denn begreiflicherweise New York jetzt
        <pb n="101" />
        92 Neue Wirtschaftsmoral
der bevorzugte Platz für diese Rentner geworden, wenn auch
Los Angeles durch seine besonderen Vorzüge noch immer
eine beträchtliche Anziehungskraft auf sie ausüben dürfte,
falls sie es nicht überhaupt vorziehen, sich in Europa nieder-
zulassen.

Eine neue Wirtschaftsmoralistim Werden. Alle
auch noch so offenkundig unehrliche Handlungsweise hatte
man auf wirtschaftlichem Gebiet entschuldigt, weil man sich
sagen mußte, daß man selbst in gleicher Lage nicht anders
gehandelt hätte, weil man die „efficiency“ sah und an die
Wunderkräfte der Führer als Quelle des nationalen Reich-
tums glaubte. Jetzt beginnen sich Zweifel zu regen und man
meint, daß die ungeheuer reichen natürlichen Hilfsmittel des
Landes und die billigen Arbeitskräfte, die so lange Zeit hin-
durch infolge des konstanten Zustroms der Einwanderer zur
Verfügung standen, das meiste zu den großen Erfolgen bei-
getragen haben. Vielleicht ist man auch gewahr geworden,
was in den europäischen Inflationsländern sehr deutlich
wurde, daß das ‚Vorwärtskommen“‘ in wirtschaftlich be-
wegten Zeiten, wie sie die Jahrzehnte der Erschließung der

Union doch wahrlich gewesen waren, viel mehr von dem Vor-
handensein moralischer als intellektueller Eigenschaften ab-
hängt, daß die Freiheit von Skrupeln und Bedenken die erste
Vorbedingung ist und das notwendige Maß von Verstand und
Phantasie recht unbedeutend sein kann. Gerade in der Über-
zeugung von dem Sinken der allgemeinen Geschäftsmoral hat
ein nicht geringer Teil der Unzufriedenheit mit den heutigen
        <pb n="102" />
        . Neue Wirtschaftsmoral 93
Zuständen in Amerika seinen Ursprung. Man will nament-
lich erkennen, daß die großen Korporationen und Trusts,
diese „Gesellschaft von Freibeutern‘“ 124a, eine beträchtliche
Menge von Schuld an der Verschlechterung des ethischen
Standards auf sich geladen haben, „bei denen das Fehlen
des persönlichen Kontaktes den Sinn für die Niedertracht
und Grausamkeit: ihrer Handlungen bei den Leitern einge-
schläfert hat“ 125, Lloyds Buch „Wealth against Common-
wealth‘‘ 126, der erste Vorstoß, erweckte noch keinen sehr
lebhaften Widerhall, aber es folgten dann mehrere große
Skandale und Enthüllungen, an die sich die sogenannte muck-
raker-Literatur anschloß. Diese machte es sich zur Aufgabe,
in die chronique scandaleuse der großen Gesellschaften hin-
einzuleuchten, die Machenschaften aufzudecken, denen sie ihre
Machtstellung verdankten, die zahlreichen „kommerziellen Er-
mordungen‘“ 127, die sie auf dem Gewissen hatten, in der
weiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Die gegen die
Trusts gerichteten Gesetze haben bekanntlich nicht übermäßig
viel erreicht, und sich damit begnügen müssen, ein wenig
hemmend gewirkt zu haben. Der öffentliche Ankläger hatte
sich nicht gescheut, von dem Tabaktrust zu sagen, er sei
in Sünde erzeugt und in Schande geboren. Wilson sprach
von den Korporationen als von einer Gesellschaft von Ein-
brechern, die auf gesetzlichem Wege den Diebstahl organi-
sieren, und gegen deren verbrecherisches Vorgehen man höch-
stens eine Anklageschrift oder eine Strafe erreicht, die die
Ausgeplünderten selbst zahlen müssen 128, Die Korruption an
        <pb n="103" />
        94 Neue Wirtschaftsmoral _

sich war gewiß nichts Neues, aber eine Geschäftsmoral, die

einst toleriert werden konnte, findet jetzt nicht mehr überall
eine so milde Beurteilung. Das Neue ist der Wunsch, der

Korruption zu Leibe zu gehen und eine moralische Reinigung

vorzunehmen, die völlige Mißachtung moralischer Grundsätze

im Wirtschaftsleben nicht wie früher einfach hinzunehmen,

sondern nicht mehr zu dulden. Der Standardisierung der Pro-

dukte soll eine Standardisierung der Ethik parallel gehen 129,

der Wirtschaftskampf soll mit ehrlicheren Waffen geführt

werden, eine truth-in-advertising-Bewegung tritt gegen eine
allzu verlogene Reklame auf. Der sehr angesehene Ingenieur
Gantt hat in einer Ansprache vor den Studenten von Yale,
aus denen sich ja z. T. die großen Industriellen rekrutieren,
die neue Auffassung von Wirtschaftsehre in folgender Weise
formuliert: „Die Zeiten haben sich geändert und die Welt ist
vorwärts gegangen. Die Methode, durch die Rockefeller sein
Vermögen erworben hat, war nicht sehr verschieden von der
seiner Zeit; er besaß nur mehr Schlauheit und weniger Ge-

wissen als seine Zeitgenossen. Der Industrielle der Zukunft

wird sich jedoch solcher Methoden bedienen müssen, die von

dem Volke gutgeheißen werden und die nicht die Interessen
irgendeines, wer es auch sein mag, verletzen.“ 180,

Roosevelt hatte sich zum Wortführer einer moralischen
Reform gemacht und Worte gesprochen, die wie die soeben
angeführten, einige Jahrzehnte vorher nicht möglich gewesen
wären: „Es gibt in der Welt keinen gemeineren Charakter als
den nur Geld verdienenden Amerikaner, der ohne jegliches Be-
        <pb n="104" />
        Neue Wirtschaftsmoral 95
wußtsein einer Pflicht, keinerlei Grundsätze achtend, nur
darauf bedacht ist, ein Vermögen anzusammeln und dieses
nur zu den niedrigsten Zwecken zu verwenden — ob nun diese
Zwecke in Aktienspekulationen und verkrachten Eisenbahnen
ihm selbst oder seinem Sohn erlauben, ein Leben in törichtem
und verschwenderischem Müßiggang oder gemeiner Schwel-
gerei zu führen oder für seine Tochter einen einheimischen
oder ausländischen Schurken von hoher gesellschaftlicher
Stellung zu kaufen. Ein solcher Mann ist nur um so gefähr-
licher, wenn er gelegentlich eine Universität gründet oder eine
Kirche stiftet, die dann die Leute, die genau so töricht sind,
seine wirklichen Missetaten vergessen machen.‘ 1% Gerade
bei den Schenkungen der Reichen macht sich der
Umschwung der öffentlichen Meinung sehr deut-
lich. Die Worte Carnegies hatten so schön geklungen: „Wer
reich stirbt, stirbt ehrlos‘, man ließ sich gerne durch die
Riesensummen blenden, die auf jenem Wege in das Volk zu-
rückflossen und hielt die Geber der Nation als leuchtende
Beispiele vor. Jetzt steht man dem Erwerb großer Vermögen
mißtrauisch gegenüber, man wird sich mehr und mehr der
Gefahren bewußt, die durch den wachsenden Einfluß des kon-
zentrierten Kapitals entstehen. Die Gaben der Reichen er-
scheinen daher unter einem anderen Gesichtswinkel, das „non
olet‘“ hat für sie seine Gültigkeit eingebüßt. Man spricht von
„‚tainted money“, man fragt sich, ob „ein Mann die Sünde sei-
ner linken Hand mit einer Wohltat der rechten wettmachen
kann“ 182, man weigert sich ‚anzuerkennen, daß die „durch
        <pb n="105" />
        96 Neue Wirtschaftsmoral

ungerechtfertigte Privilegien, Bestechung, Bedrückung zu-
sammengebrachten Reichtümer durch Geschenke an die
Öffentlichkeit, private Mildtätigkeit entschuldigt und be-
schönigt werden können“ 183, Die Industrial Commission ist
so weit gegangen, die Schenkungen als eine Bedrohung des
Staates zu bezeichnen ; sie seien größtenteils das Ergebnis der
Ausbeutung der amerikanischen Arbeiter durch niedrige Löhne
oder der Ausbeutung des Publikums auf dem Wege der Er-
pressung hoher Preise, seien also ein rechtmäßiger Besitz
des amerikanischen Volkes134, Man steht heute der Tatsache
gegenüber, daß das Geld der Reichen nicht mehr zu ent-
behren ist, daß wesentliche Teile des kulturellen Lebens ohne
dieses gar nicht mehr denkbar sind; mit Mißbehagen wird
man sich bewußt, in welche Abhängigkeit man sich gebracht
hat, indem der gute Wille einzelner Personen hier zu ent-
scheiden hat, und diese begreiflicherweise alle Einwirkungen
fernzuhalten suchen, die ihre, meist wirtschaftlichen Inter-
essen stören könnten. Die Universität von Wisconsin hat z. B.
kürzlich eine bedeutende, ihr angebotene Geldsumme abge-
lehnt, weniger, wie es in der Begründung hieß, wegen ihrer
Vergangenheit, als wegen ihres Einflusses in der Zukunft 135;
auch den Trusts unbequemen Lehrmeinungen soll ein Raum
gewährt werden können. Anlaß zur Verstimmung geben aber
auch die Verwendungszwecke1%, Es wird beklagt, daß die
Zuwendungen stets die gleichen Richtungen einschlagen und
daß die Schenker über so wenig Phantasie verfügen: In-
telligenz und Reichtum sind eben doch nicht immer gepaart,
        <pb n="106" />
        Verhältnis von Kapital und Arbeit 97
wie es ehedem die Überzeugung war. Welche Hebung, so
so fragt man sich, könnte das gesamte kulturelle Niveau er-
fahren, wenn die riesigen Summen nicht immer und immer
wieder nur Organisationen zuströmten, sondern Individuen
gegeben würden. Mit den 40 Millionen Dollars etwa, die ein
gewisser Duke einem mittelmäßigen College gespendet hat,
könnten sämtliche begabten Künstler in den Vereinigten
Staaten mehrere Jahre lang unterhalten werden: auf die Her-
ausgabe von Jahresberichten müßte man dann freilich ver-
zichten.

Ein von dem früheren sehr verschiedener Geist im Ver-
hältnis des Unternehmers zum Arbeiter, des Ka-
pitals zur Arbeit beginnt sich zu regen. Wenn sich auch
manche Captains of industry der vorigen Generation schließ-
lich zu Grundsätzen bekannt haben, die die allgemeine skrupel-
freie Ausbeutung des Arbeiters nicht zuließen, so darf man
das nicht allzu ernst nehmen. Wir hören etwa Carnegie
sprechen: „Die weiseste Politik, die ein Arbeitgeber für seine
Leute einschlagen kann, ist, durch Taten zu zeigen, daß er
ein Herz für sie hat. Gelegentlich, bei einem Unglück oder
irgendeinem Notstand sollte eine Firma immer zeigen, daß
sie Anteil nimmt, daß sie auch menschlich ist und eine offene
Hand hat.‘ 137 Solche und ähnliche Worte wurden von den
Führern nur gesprochen, wenn sie bereits alt geworden waren
und sich darauf verlegt hatten, moralisch zu werden; es ist
wohl meist. bei den Worten geblieben, das Handeln überließen
sie lieber den andern. Man denke in diesem Falle nur der Pitts-
Rühl, Vom Wirtschaftsgeist in Amerika ;
        <pb n="107" />
        95 Verhältnis von Kapital und Arbeit
burg-Skandale, wo die Untersuchungskommission feststellte,
daß in der ganzen Geschichte weder Sklaven noch freie Ar-
beiter jemals dermaßen ausgenutzt worden seien, wie es in der
Stahlindustrie das übliche Verfahren sei1®, Und so dürfte
wohl Pierpont Morgan sehr viel richtiger dem allgemein vor-
herrschenden Verhalten der Unternehmer Ausdruck gegeben
haben, als er von der Industrial Commission auf. die Frage:
bis zu welchem Grade die Direktoren von Korporationen für
die Arbeitsbedingungen in den Industrien, in denen sie die
Leitung haben, verantwortlich seien, erwiderte: „Not at all
I should say.“ 139

Höchst sonderbar, wie Töne aus einem fremden Lande
mögen dem alten Rockefeller die Äußerungen seines Sohnes
in den‘ Ohren geklungen haben: „Die gesunde industrielle
Doktrin muß dauernd das Wohlbefinden der Arbeiter gleich-
zeitig im Auge haben wie die Profite, und, wenn es sich als not-
wendig herausstellen sollte, diese dem Wohlbefinden der Ar-
beiter unterordnen. Wenn es kein anderes Mittel gibt, um der
Arbeit einen gerechten Lohn und gute Existenzbedingungen
zu verschaffen, so muß man die Dividenden aufschieben oder
ganz auf sie verzichten.‘ 140 Die gleiche Auffassung ist von
Schwab, dem Leiter der Bethlehem Steel Co., vertreten wor-
den :,, Wenn es nötig ist, müssen wir uns mit geringen Profiten
oder mit überhaupt keinen begnügen. Wir müssen Opfer
bringen, um unseren Arbeitern Arbeit und Zufriedenheit zu
geben‘ 141, und zu denselben Prinzipien hat sich Ford bekannt:
„Wenn ich vor die Wahl gestellt werde, entweder die Löhne
        <pb n="108" />
        Verhältnis von Kapital und Arbeit 99
zu drücken oder die Dividenden abzuschaffen, ich würde ohne
Zögern die Dividenden abschaffen.‘ 142 Mag auch heute noch
in vielen derartigen Fällen von den Unternehmern gelten,
was die Wallstreetmänner von Ford denken: er rede wie ein
Sozialist, aber handle wie einer von ihnen 143, so ist doch. den
Worten in einem Umfang bereits die Tat gefolgt, daß die
geistige Umstellung deutlich sichtbar wird. Ein Streik in
der Rockefeller gehörigen Colorado Fuel and Iron Co., der zu
sehr blutigen Kämpfen, fast zu einer Art Bürgerkrieg führte,
veranlaßte ihn als einen der ersten, durch einen Professor der
Soziologie einen Entwurf für die Arbeiterentlöhnung aus-
arbeiten zu lassen, der sich auf soziale Gerechtigkeit gründen
sollte. Dieser sog. Rockefeller- oder Colorado-Plan hat dann
Schule gemacht und vielfach als Muster gedient. Der Arbeiter,
das ist die sich namentlich in den Großunternehmungen mehr
und mehr durchsetzende Meinung, soll eine angemessene Ent-
lohnung erhalten, living-wages, wenn er ein gewöhnlicher
Arbeiter ist, comfort-wages, die ihm ein behagliches Dasein
ermöglichen, wenn er etwas Besonderes zu leisten vermag.
Arbeit soll, wie es die 1912 gegründete Efficiency Society,
die in zahlreichen Städten ihre Vertreter hat, forderte, keine
Ware sein; die Löhne dürfen nicht einfach dem Gesetz von
Angebot und Nachfrage unterworfen, der Arbeiter nicht
schutzlos den Schwankungen der Konjunkturen preisgegeben
werden, und Beschneidung der Löhne soll nicht mehr das
primum refugium bei wirtschaftlichen Schwierigkeiten sein.
Man hat auch anerkannt, daß der Arbeiter ein Mensch aus

-
        <pb n="109" />
        x x. Verhältnis von Kapital und Arbeit
Fleisch und Blut, ja sogar ein Mensch mit einer Seele ist, und
daß man ihm jenen Grad von Arbeitsfreudigkeit schaffen
muß, den die moderne Technik noch zuläßt. Ständig schwillt
die Literatur über die Psychologie der Arbeit, über den Men-
schen als Produktionsfaktor, über die besten Methoden der
Behandlung der im Unternehmen Beschäftigten 144, Wie heute
vielfach über diese Fragen gedacht wird, zeigt wiederum ein
Wort des jungen Rockefeller: „Wir Unternehmer haben bis
jetzt unsere Betriebsleiter und Direktoren hauptsächlich nach
ihren Fähigkeiten als Leiter der Erzeugung und als Finanz-
kräfte ausgesucht, während die wachsende Spannung in der
Arbeiterschaft es notwendig macht, die wichtigste Qualifika-
tion für diese hohen Betriebsstellungen in der Fähigkeit zu
suchen, mit den Arbeitern erfolgreich und freundschaftlich
umzugehen.‘ 145

Man gibt Arbeitern und Angestellten während der Arbeit
„pep“, Pfeffer, d. h. man sucht diese durch alle möglichen
Spiele und Vorführungen während der Pausen zu würzen,
man bemüht sich, durch Verkürzung der Arbeitszeit und hohe
Löhne ihnen Möglichkeit zu geben, sich zu erholen, zu bilden,
sich moralisch zu entwickeln; es wird über die Gefahren
nachgedacht, die notwendigerweise bei Menschen entstehen
müssen, die der freien Zeit ganz ungewohnt sind und mit ihr
nichts anzufangen wissen. 146 In manchen Fabriken geht diese
Sorge für die Arbeiter schon so weit, daß man sich um ihre
häuslichen Verhältnisse bekümmert. Nach allen Richtungen
macht sich das Bestreben geltend, eine Einschränkung der

"00
        <pb n="110" />
        Verhältnis von Kapital und Arbeit 101
Ausnutzung und Ausbeutung der Arbeitskräfte vorzunehmen,
die Unmenschlichkeiten zu mildern, auch wenn sie als absolut
notwendig gegolten haben, und jene Verschwendung von Men-
schenleben einzudämmen, in der die Union den traurigen
Ruhm hat, the first in the world zu sein. Riesenhaft sind noch
immer die Ziffern der alljährlichen Unglücksfälle: man
schätzt, daß von den 29 Millionen Arbeitern nicht weniger als
eine halbe Million in jedem Jahre getötet oder verstümmelt
werden, das ist eine Zahl, welche die der amerikanischen Ver-
luste im Weltkriege übersteigt. Die Herstellung gesunder,
sicherer und komfortabler Arbeitsbedingungen läßt man sich
schon vielfach angelegen sein, und die Gesetze, die Schutz-
vorrichtungen bei gefährlichen Maschinen und eine hygie-
nische Ausstattung der Fabrikräume verlangen, finden nicht
mehr jenen Widerstand, auf den sie früher gestoßen wären.
Bei den Bahnen, deren Unfallkonto bekannt genug ist und
durchschnittlich 150000 Tote und Verletzte im Jahre auf-
weist, ging die Northwestern Railway in dem Versuch, die
Unglücksfälle zu verringern, mit dem sog. safety-first-move-
ment voran, das von zahlreichen anderen Gesellschaften nach-
geahmt wurde und schon vieles erreicht hat. Wenn auch
die gesetzgeberischen Maßnahmen bisher noch auf fast kei-
nem Gebiet bundesgesetzlich geworden, vielmehr der Legis-
lative der Einzelstaaten überlassen wurden, so gibt es doch
heute kaum noch ein Gebiet der Sozialpolitik, das in den
Vereinigten Staaten nicht auch bereits seine Anfänge zu ver-
zeichnen hätte oder zum mindesten sehr lebhaft zur Debatte

lien LLGLG DULKELLALLG ©
Hamburg 20, Görnesirn al
        <pb n="111" />
        1.2 Verhältnis von Kapital und Arbeit

stünde. Der mittlere Westen ist mit dem Arbeiterschutz vor-
angegangen, und die weitgehendsten und schärfsten Bestim-
mungen besitzen gegenwärtig Nebraska, Indiana und Ore-
gon 147, Beschränkung der Frauenarbeit, der Arbeitszeit bei
gefährlicher Tätigkeit, Verbote der Kinderarbeit — ein hierauf
bezügliches Bundesgesetz wurde freilich 1916 für „unkon-
stitutionell‘“ erklärt148 —, Unfallentschädigungspflicht sind
schon in den meisten Staaten in irgendeiner Form eingeführt
worden. Nur noch wenige sind vorhanden, die keine Rege-
lung der Arbeitszeiten kennen, aber auch dort, wo ein Maxi-
malarbeitstag von 8 oder g Stunden noch nicht festgelegt ist,
hat sich vielfach ein dahingehender Usus entwickelt, und viele
Fabriken und auch zahlreiche Behörden haben sich zu einer
solchen Regelung von sich aus entschlossen. 1925 soll es nur
noch 300 000 Arbeiter mit dem ı 2-Stundentag geben, der bei
der vorigen Generation für sämtliche Arbeiter galt. Sogar
von einer Alters- und Invalidenversicherung, von einer Für-
sorge für Arbeitslose, von einer Unterstützung der Familien
bei Unfällen ist schon die Rede.

Aber nicht nur die Arbeitsfreude will man den Arbeitern
wieder verschaffen, sondern man sucht sie auch auf einem
neuartigen Wege an das Unternehmen wirtschaftlich zu
fesseln und an dessen Wohlergehen zu interessieren, indem
man ihnen zu sehr günstigen Bedingungen Aktien zum Kauf
anbietet. So zieht man einmal die Ersparnisse der Arbeiter
heran, und kann auf der anderen Seite den Gegensatz zwischen
Kapital und Arbeit mildern, wie man es durch die Voranstel-

[3
        <pb n="112" />
        Verhältnis von Kapital und Arbeit 103
lung der Arbeiter gegenüber den Aktionären, die mit dem
Unternehmen nur durch ihre Dividende verbunden sind, tut.
Diese Bewegung hat seit der kurzen Zeit ihrer Einführung
schon einen ganz erstaunlichen Umfang angenommen, und
bei manchen großen Gesellschaften befindet sich bereits die
Hälfte der Aktien, mitunter auch mehr in den Händen der Ar-
beiter. Diese Interessengemeinschaft zwischen der Leitung und
dem Arbeitnehmer ist oft noch dadurch enger geworden, daß
man Arbeiterräte einführte — die ersten im Jahre 1910 in
der Bekleidungsindustrie — oder auch eine Form der Ver-
waltung schuf, bei der neben der Leitung ein Senat und ein
Repräsentantenhaus bestehen, die aus Wahlen der Arbeiter
hervorgehen 149. Andererseits suchen auch die einzelnen Un-
ternehmungen in einem Kontakt miteinander zu kommen und
an die Stelle eines Kampfes ein Zusammenarbeiten zu setzen ;
man teilt sich untereinander die Erfahrungen mit, die man auf
irgendeinem Gebiete gemacht hat, gibt Einblick in die Pro-
duktion und die Produktionskosten, man hält es für ein un-
wirtschaftliche Vorgehen, Ideen zu monopolisieren, und Han-
delsgeheimnisse werden als Popanz angesehen *°°.

Bei einer Firma, die wegen ihrer besonders ausgezeichneten
Wohlfahrtseinrichtungen für ihre Angestellten und Arbeiter
sehr bekannt ist, befindet sich in dem für den Empfang von
Besuchern bestimmten Raum ein großes Plakat mit der In-
schrift: „It pays!“ 151 Dies dürfte in den weitaus meisten
Fällen den Anstoß für die Gesinnungswandlung abgegeben
haben, deren Symptome soeben skizziert worden sind. Nicht
        <pb n="113" />
        104 Verhältnis von Kapital und Arbeit
Philanthropische Motive haben zu ihr geführt, sondern einfach
die Kalkulation. Man hat ausgerechnet, daß es dem Unter-
nehmen nur zugute kommt, wenn der Arbeiter eine gehobene
Lebensführung, eine menschenwürdige und erträgliche Tätig-
keit hat, wenn ihm eine Muße gegönnt wird, und wenn er
sich mit dem Unternehmen wirtschaftlich verbunden weiß,
ausgerechnet, daß mit der neuen Methode sich höhere
Profite erzielen lassen. Ist einmal wirklich ein menschliches
Gefühl im Spiele, so wird der Unternehmer sich genieren,
sein wahres Motiv anzugeben, und, sich vor dem „alten“
Wirischaftsgeist verbeugend, sich auf die Steigerung der
efficiency und des Gewinns berufen, um sich nicht lächer-
lich zu machen: „er wird dann als Schaf im Wolfspelz auf-
treten‘ 152,

Auf solche Weise glaubt man aber auch gleichzeitig jene
Unzufriedenheit bekämpfen zu können, die zur großen Be-
unruhigung der Wirtschaftsleiter immer mehr an Boden zu
gewinnen scheint. Für nicht wenige von ihnen wie für die
amerikanische Öffentlichkeit ist die soziale Frage, die Her-
stellung eines sozialen Friedens die Hauptfrage geworden,
und man sucht sich ihm auf diesem Wege, durch die „in-
dustrial democracy“ zu nähern. Was auf diesem Gebiete in
den Vereinigten Staaten vor sich geht, diese Änderung. der
Wirtschaftsgesinnung ist bisher in Europa über dem Studium
amerikanischer Technik und Betriebsführung, über dem Streit
um Taylor und Ford doch noch zu wenig beachtet worden;
man sieht die Dinge zu sehr isoliert und nicht in ihrer Ver-
        <pb n="114" />
        N Verhältnis von Kapital und Arbeit 109
bundenheit. Die Goodyear Tire Co. hat proklamiert: „Wenn
das Kapital nicht arbeitet und die Arbeit keinen Besitz hat, so
kann es keinen sozialen Frieden geben. Aber warum soll die
Arbeit nicht durch ihre Ersparnisse zu Kapital gelangen?“ 153
Die Umschichtung der wirtschaftlichen Kräfte dadurch, daß
man den Arbeiter hat zum Kapitalisten werden lassen, ist mit
einer Geschwindigkeit vor sich gegangen, wie sie nur in Amerika
möglich ist. Der Aktienbesitz, namentlich bei den gemein-
nützigen Unternehmungen, dringt in immer tiefere soziale
Schichten vor 154, ist keineswegs mehr auf die Wohlhabenden
und Reichen beschränkt, die von Arbeitern gegründeten Ban-
ken, von denen seit 1922 nicht weniger als 33 entstanden sind,
bedeuten bereits eine beträchtliche finanzielle Macht. Von
irgendwelchen sozialistischen Ideen ist aber bei alledem nicht
im entferntesten die Rede. Es ist der Versuch einer Lösung des
sozialen Problems, ohne vom kapitalistischem Geiste, von dem
Prinzip der wirtschaftlichen Freiheit irgend etwas Wesent-
liches aufzugeben, der Versuch, sich jener früheren Gleich-
heit des Besitzes wieder anzunähern, „zu dem alten, gesunden
und männlichen amerikanischen Individualismus zurückzu-
kehren‘ 155, Herbert Hoover sprach es in einer Versammlung
in Cleveland aus: „Wir befinden uns im Übergang von einer
Periode des extremen Individualismus zu einer Periode der
Zusammenarbeit, und ich glaube, wir werden durch diese
Kräfte uns langsam einer wirtschaftlichen Demokratie zu-
bewegen.‘ 156 Man ist hierbei in der glücklichen Lage, nicht
auf solche Widerstände zu stoßen, wie sie die in Europa so
        <pb n="115" />
        100 Verhältnis von Kapital und Arbeit

tief eingewurzelten, gehässigen Schlagworte von der „Begehr-
lichkeit der Arbeiter“ und der „Profitgier der Industrie“ bil-
den: jeder, Arbeiter wie Unternehmer, hat nicht nur das Recht,
sondern sogar die Pflicht, seine wirtschaftliche Position so
günstig wie nur möglich zu gestalten. Der Stolz, mit dem ein
für das kapitalistische Wirtschaftssystem besonders begeister-
ter Nationalökonom sagt: „Die einzige wirtschaftliche Revo-
lution, die gegenwärtig im Zuge ist, geht in den Vereinigten
Staaten vor sich. Es ist die Revolution, die die Unterschiede
zwischen Arbeiter und Kapitalisten dadurch verwischt, daß sie
die Arbeiter zu ihren eigenen Kapitalisten macht und die meisten
Kapitalisten zwingt, in einer oder der anderen Weise Arbeiter
zu werden, da nicht viele von ihnen in der Lage sein werden,
allein von den Zinsen ihres Kapitals zu leben. Dies ist etwas
Neues in der Geschichte der Welt“ 157, dieser Stolz ist be-
rechtigter, als er glaubt; denn bei der Schilderung des sich
hier Anbahnenden stützt er sich fast nur auf die Zunahme
der den Arbeitern gehörigen Banken, auf das Anwachsen
ihrer Sparguthaben und ihres Aktienbesitzes, während ge-
zeigt werden konnte, daß diese „Revolution“ eine viel breitere
Grundlage besitzt und daß vor allem der Wirtschaftsgeist
im Wandel begriffen ist. Kaum mehr als ein Jahrzehnt liegen
die Anfänge jenes Neuen zurück, aber mit jenem frohen
Optimismus, der aller Schwierigkeiten, auch der unüber-
windlich scheinenden, nicht achtet, mit dem Glauben, das
soziale Problem lösen zu können, geht man in den Vereinigten
Staaten an die Arbeit, Sollte sich wirklich, wenn auch nur im
        <pb n="116" />
        Verhältnis von Kapital und Arbeit 107
Bereiche der Wirtschaft, die Prophezeiung Whitmans er-
füllen: „Auf unserem Gebiete wird wohl früher oder später,
wie auf einer Bühne, so etwas wie eine Verklärung der ganzen
vergangenen Kultur Europas und Asiens stattfinden?“ 158
        <pb n="117" />
        VI. Das Erwachen einer Kulturkritik
"ICHT so weit ausgebreitet sind die Erfolge einer anderen
geistigen Umstellung, die der im Wirtschafts-
leben sich vollziehenden parallel geht, die aber doch nicht
minder bedeutungsvoll ist. Man fängt leise an, in der Beurtei-
Jung der eigenen Gesamtkultur etwas skeptischer zu werden, an
ihrer unvergleichlich geglaubten Herrlichkeit zu zweifeln und
zu empfinden, daß das um seiner Rückständigkeit bemitleidete
Europa Werte besitzt, für die man in Amerika nicht einmal
ein Verständnis aufbringt. Es wird immer einzelne gegeben
haben, die die Überzeugung von der Vortrefflichkeit alles
Amerikanischen nicht geteilt haben, aber daß sich diese Stim-
men jetzt herauswagen und daß sie bereits einen Widerhall
finden, das ist das Neue an dieser Bewegung. Sie besteht in
einer Selbstkritik, die auch nicht davor zurückschreckt, einen
Kampf gegen bisher unumschränkt herrschende Anschau-
ungen aufzunehmen und gegen die Ideale der Masse zu pro-
testieren.

Die Männer, die es sich zur Lebensaufgabe gesetzt
haben, diesen Kampf zu führen, neue Gegenstände und neue
Formen zu suchen, und die aus den verschiedensten Geistes-
sphären stammen, sind zwar noch gering an Zahl, aber es
        <pb n="118" />
        Erwachen einer Kulturkritik 109
befinden sich unter ihnen nicht wenige, die sich bereits einen
internationalen Namen gemacht haben. Sie haben auch wohl
noch nicht genügend Berührung miteinander, wenngleich
mehrere Zeitschriften, namentlich die von Mencken und
Nathan herausgegebenen mutigen Revuen, zuerst der „Smart
Set‘, dann der „American Mercury‘ ihnen jetzt ein Sprach-
rohr geben, das schon ziemlich weit, wenn auch erst nur
von wenigen gehört wird. Ein hoher Mut wird in der Tat
gerade in Amerika von jedem gefordert, der sich zu den
Anschauungen der Allgemeinheit in Opposition begibt, und
die meisten haben ihn durch Verfemung, Verfolgung und
selbst durch Gefängnisstrafe büßen müssen; es ist daher ver-
ständlich, aber auch kennzeichnend, daß manche es vorziehen,
sich hinter Anonymität oder Pseudonymität zu verbergen.
Andere Indizien dafür, daß auf geistigem Gebiet sich Neues
zu regen beginnt, ist die Verlagerung des geistigen Schwer-
punkts aus dem Nordosten, der Wiege und dem bisher alleini-
gen Träger höheren Geisteslebens, heraus, so daß man etwa
Chicago schon den literarischen Krater von Amerika hat
nennen können 159, ferner eine gewisse Lösung von der gei-
stigen Bevormundung durch England, die sich in direkter
Übernahme kontinental-europäischer Literatur dokumentiert,
und ein lebhafter werdendes Interesse an rein wissenschaft-
licher Forschung.

Als den ersten großen Erfolg konnten die Führer jener
Bewegung wohl den Riesenabsatz buchen, den Sinclair Lewis
mit seinem Buche „Main street“ gewann und der ihn mit
        <pb n="119" />
        1. Erwachen einer Kulturkritik
einem Schlage zu einem der populärsten amerikanischen
Schriftsteller machte; viele Leser mögen allerdings vielleicht
gar nicht den Sinn des Buches erfaßt und sich nur an der
wahrheitsgetreuen Vorführung ihres eigenen Daseins gefreut
haben. Der ganze Inhalt ist eigentlich nichts anderes wie die
in die Form eines Romans gekleidete, ungeschminkte Schil-
derung des Lebens in einer kleinen Präriestadt, das dem
Spießer die Verwirklichung aller seiner Wünsche bietet, und
in das dann eine Frau Höheres hineinzubringen sucht, woran
sie schließlich zugrunde geht. Im Jahre 1922 erschien dann
unter dem harmlosen Titel „Civilization in the United States“
ein Werk, das die Arbeiten von dreißig, durch nichts als
durch eine gemeinsame Geisteshaltung verbundener Autoren
vereinigte, und das einen Überblick darüber bietet, was diese
neue Bewegung sich zum Ziele gesetzt hat und wem sie den
Krieg erklärt. Sie lassen alle Gebiete der Kultur Revue
passieren, die Politik und die Presse, die Erziehung und die
Schule, das Wirtschaftsleben und die Bevölkerungsfrage, die
Wissenschaft und die bildende Kunst, das Theater und die
Literatur, und sie kommen bei allen zu dem Ergebnis, daß die
Überlegenheit, an die das ganze Volk wie an ein Dogma ge-
glaubt hat, nicht nur nicht existiert, sondern daß die Ver-
einigten Staaten sich auf kulturellem Gebiet erst in einem
Embryonalstadium befinden. Ohne jede Schonung, aber unter
ständiger Heranziehung von Belegen zeigen sie die Dinge, wie
sie in Wirklichkeit sind und suchen dem amerikanischen
Publikum die Augen dafür zu öffnen, daß man von wahrer

10
        <pb n="120" />
        Erwachen einer Kulturkritik III
Kultur noch weit entfernt, daß hier alles erst noch zu tun
sei; die ganze amerikanische Zivilisation sei nur eine andere
Art von Wüstheit gegenüber der, die sie vorgefunden und
vernichtet habe. Nichts von alledem, was den Stolz der Ameri-
kaner ausmacht, findet Gnade vor ihnen, und bei aller Kühle
und Sachlichkeit ist ihre Verachtung und ihr Haß gegen-
über den herrschenden Werten so intensiv, daß sie nicht
selten überkompensiert erscheinen. Das Werk hat begreif-
licherweise eine sehr zurückhaltende Aufnahme gefunden und
ist vielfach aufs schärfste abgelehnt worden.

Wem gilt der Protest? Er richtet sich zunächst gegen die
utilitarische Weltauffassung, die da meint, daß Wohlstand
und Komfort auch schon Kultur bedeuten und in ihrer Zu-
nahme und in der wachsenden Mechanisierung des Lebens
sogleich einen kulturellen Zuwachs erblickt, so daß die Glei-
chung bigger gleich better immer aufgeht. Amerika kann
sich damit entschuldigen, daß es bisher keine Zeit gehabt hat,
sich der Ausbildung einer wirklichen Kultur zu widmen, aber
es hat nicht das Recht, seine materiellen Fortschritte und
seinen wirtschaftlichen Aufschwung als Index für einen eben-
solchen geistigen zu nehmen. Alles bisher Geleistete ist nur
eine Verwirklichung kleinbürgerlicher Ideale, und man kann
Amerika aus der Geschichte streichen, ohne daß die Kultur
eine spürbare Einbuße erleidet. Was nach der allgemeinen
Auffassung die Kultur Amerika zu danken hat, hat der oben
genannte Nationalökonom Carver so formuliert: „Allgemeine
Erziehung durch öffentliche Schulen, Zugang für alle zu der
        <pb n="121" />
        112 Erwachen einer Kulturkritik
gesamten Literatur durch öffentliche Bibliotheken, die Mög-
lichkeit für alle, durch niedrige Posttarife miteinander in
Verbindung zu treten und schließlich der allgemeine Genuß
von Komfort und Bequemlichkeiten durch ein industrielles
System, das die Waren zu einem so niedrigen Preise liefert,
daß viele Millionen ständig in einem verhältnismäßig großen
Luxus leben.‘ 160 Aber „was haben,“ so fragen die andern,
„Badezimmer, Kinos, Stahlbauten und Autos mit der Seele
eines Volkes zu tun?“ 161 Die ausschließliche Betätigung im
Wirtschaftsleben, das einen Selbstzweck, einen letzten Wert
bedeutet, die Aktivität, die unleugbar Großes vollbracht hat,
sind teuer erkauft worden. Der das Gesamtleben leitende Geist
der Wirtschaft, die Vorrangstellung, die man allem Wirt-
schaftlichen eingeräumt hat, und die geistige Beschränktheit
derer, zu denen das Volk als seinen Vorbildern aufblickt, der
Wirtschaftsführer, haben zu einem Schwund aller kontempla-
tiven Fähigkeiten geführt und es dahin gebracht, daß über-
haupt keine Möglichkeit besteht, ein sinnvolles Leben zu
führen, daß alles dem mob-mind dient und gehorcht. „Der
im Schatten einer sonnengetrockneten Mauer sitzende Omar
Chajjam, der drei volle Tage lang über einem Verse nach-
denkt, hat der Menschheit mehr Gutes gegeben, als fünfzig
berühmte Industriekapitäne jemals ihr geben können“ 162, Was
hat Amerika zur Verschönerung des Lebens beigetragen? Und
ein solches Volk, „ohne Geschmackssinn, das reizlose Nah-
rung hinunterschlingt, und nach dem Essen ohne Rock und
ohne Gedanken in dem mit öden Stickereien bestichelten
        <pb n="122" />
        Erwachen einer Kulturkritik 113
Schaukelstuhl sitzt, automatischer Musik lauscht, automatische
Bemerkungen über die Vortrefflichkeit der Fordschen Auto-
mobile. macht, betrachtet sich als die größte Rasse der
Welt?“ 163
So ist es gekommen, daß eine Tätigkeit auf wissenschaft-
lichem und künstlerischem Gebiet als unproduktiv gilt und
daß „intellectual‘“ ein Spottname geworden ist. Nur die: prak-
tisch verwertbaren und angewandten Wissenschaften, die Na-
turwissenschaften, die Medizin, die Wirtschafts- und Gesell-
schaftslehre und die Technik haben einen Anspruch gefördert
zu werden, die reine Forschung dagegen findet nur selten
Kontakt. Die Universitäten sind „Athletenvereine, in denen für
die körperlich Schwachen gewisse Gelegenheiten zum Stu-
dium geboten werden‘ 164, die „Studenten sprechen von
Sport, von geselligem Zusammensein, vom Examen. Wer hat
jemals unter diesen jungen Leuten eine lebhafte Auseinander-
setzung über Kunst gehört, über Religion, Volkswirtschaft,
Geschlechtsfragen? Hat sie irgend jemand einmal über etwas
anderes in Eifer geraten sehen als (symbolisch gesprochen)
über Fußball und Fudge? Man geht sogar so weit, daß es als
unschicklich betrachtet wird, ein geistig Suchender zu sein.‘ 165
Der Gelehrte kann sich nur durch Popularisieren einen
Namen und Geld verschaffen. Denn daß man keine Achtung
vor der Wissenschaft hat, zeigt sich aufs klarste in der
schlechten Bezahlung der Lehrer und Professoren, die doch
gerade in den Vereinigten Staaten einen so besonders feinen
Maßstab für die allgemeine Wertschätzung gibt, und die
Rühl, Vom Wirtschaftsgeist in Amerika R
        <pb n="123" />
        114 Erwachen einer Kulturkritik

dazu geführt hat, daß überall ein Mangel an guten Lehrern
eingetreten ist. Ein noch kümmerlicheres Dasein führt
der Künstler, denn ebensowenig ist die Kunst etwas, wo-
mit sich ein vernünftiger, ein tätiger Mensch ernsthaft be-
schäftigen könnte, und man schämt sich nicht im mindesten,
zu bekennen, daß man für sie kein Interesse hat und ihrer
Pflege völlig gleichgültig gegenübersteht. Allenfalls findet ein
Dilettieren Verständnis, aber die einzige Aufgabe der Kunst
ist, das Volk zu unterhalten und zu amüsieren. Der Geschmack
der großen Masse entscheidet, und die „geistigen soft-
drinks‘“ 166, dje man ihr vorsetzt, die Fülle der low brow-
Literatur, die Zeitungen, die auf den tiefsten Leser eingestellt
sind, genügen ihr vollständig; höheres läßt sie gar nicht
aufkommen. Den Wirtschaftsführern ist auch das Wenige
noch zu viel; sie denken über diese Dinge wie Ford: „Man
bemüht sich förmlich, die schöpferischen Funktionen auf
Dinge zu beschränken, die sich an die Wand hängen, in
Konzertsälen hören und sonstwie zur Schau stellen lassen,
wo müßige und wählerische Leute sich zu versammeln pflegen,
um gegenseitig ihre Kultur zu bewundern. Wer sich jedoch in
Wahrheit schöpferisch betätigen will, der wage sich auf ein
Gebiet, wo höhere Gesetze walten als die des Tons, der Linie
und der Farbe — er wende sich dorthin, wo das Gesetz der
Persönlichkeit herrscht. Wir brauchen Künstler, die die Kunst
industrieller Beziehungen beherrschen. Wir haben die schöp-
ferische Begabung allzusehr eingeengt und zu trivialen
Zwecken mißbraucht.“ 167 So hat denn auch die „Nation“ im
        <pb n="124" />
        N Erwachen einer Kulturkritik 115
Jahre 1925 eine Umfrage darüber veranstaltet, ob Dichter
und bildende Künstler in den Vereinigten Staaten eine Atmo-
sphäre vorfinden, die ihnen ein Schaffen ermöglicht, oder
ob sie nur im Ausland arbeiten könnten.

Keine große fundamentale Entdeckung hat in Amerika
ihren Ursprung, nichts Neues, Eigenes auf geistigem Ge-
biet von wirklicher Bedeutung hat es hervorgebracht, wenn
man nicht etwa die Ausbildung der short story hierher
rechnen will. Was an höherem Geistesleben vorhanden ist,
steht in engster Abhängigkeit von Europa. „Auch Europa
hat seine Babbits, aber sie geben dort nicht den Ton an‘ 168,
Es fehlt an einer gebildeten Schicht, die materiell unabhängig
ist und Zeit hat, es fehlt eine geistige Aristokratie, die den
mob-spirit lenkt und bändigt, die neuen Ideen offen ist und
ihnen Achtung verschafft. Die Folge ist ein äußerst niedriger
Stand des. allgemeinen Bildungswesens, eine geistige Unter-
ernährung, ein „modernes Barbarentum“‘“ 169 und „ein
Schlachthaus des guten Geschmacks, das sowohl dem Grade
nach als seiner Größe in der ganzen zivilisierten Welt nicht
seinesgleichen hat‘“17%. Die Hauptschuld an diesem Zustand, das
ist die Überzeugung jenes kleinen Kreises von Kulturkritikern,
tragen die Herrschaft der Frau und der Puritanismus. Die
Frau, die, allein von der Arbeit befreit, die Gesellschaft regiert
und in deren Hände das Richteramt über die wichtigsten kul-
turellen Fragen gelangt ist. Der Puritanismus, der alle gei-
stigen Bedürfnisse auf sich konzentriert und sämtliche Ge-
biete des Lebens unter seine Kontrolle genommen hat. Ihm

*
        <pb n="125" />
        116 Erwachen einer Kulturkritik

ist die „Entwicklung einer freien Persönlichkeit ein Kapital-
verbrechen gegen die Gesellschaft, die conformity die vor-
nehmste Tugend“ 171; er will keinen Fortschritt im Geistigen,
für alles hält er die Wagschale der Moral hereit, mit seiner
Unfähigkeit, Moralisches und Ästhetisches zu trennen, stellt
er das gesamte Geistesleben unter Druck. Aus der Konvention,
aus der moralischen und intellektuellen Enge hinauszuführen,
in der durch die Amerikanisierung erreichten Gleichförmig-
keit eine Schwäche und nicht eine Stärke zu sehen, dem ameri-
kanischen Volke Werte zu zeigen, die es bisher nicht gekannt
hat, das ist es, was sich die junge Generation zur Aufgabe
gesetzt hat. Auch diese Bewegung ist noch zu jung, als daß
sich ihre Bedeutung richtig ermessen ließe, aber es hat fast
den Anschein, als ob die Vereinigten Staaten nicht nur auf
wirtschaftlichem, sondern auch auf geistigem Gebiet an einem
Wendepunkt ihrer Geschichte stehen. Und wenn gesagt worden
ist, Amerika gehe einer Europäisierung entgegen, während sich
Europa amerikanisiere, so wird man wünschen müssen, daß
sich Europa nicht ein im Vergehen befindliches Amerika zum
Vorbild wähle.
        <pb n="126" />
        Anmerkungen

1 Lewis, Die Hauptstraße. Übers. von Olden. 1922, 264.

2 Mumford, The City. In: Civilization in the United States. 1922, ı2.

3 Muirhead, The Land of Constrasts. Tauchnitz Ed. 1900, 196.

4 Allport, Social Psychology. 1924, 409-

5 Scheffauer, Das Land Gottes, 1923, 196.

6 These United States. 2 Bde. 1923/25.

7 Civilization in the United States. 1922, 311.

8 Smith, Vier Seiten der amerikanischen Literatur. Intern. Monatsschr.,
1910, IV, 1480.

9 The significance of the frontier in American History. Ann. Rep.
Amer. Hist. Assoc., 1893, 215.

10 Chevalier, Lettres sur ’Amerique du Nord. 1836, I, 235. S. auch
Kenungott, The record of a city. A Social survey of Lowell, Massa-
chusetts. 1912, ı2 ff.

U Nr. 10. I, 168 ff, Eine gute Charakterisierung gibt auch Boutmy,
Elements d’une psychologie politique du peuple americain. 4. €d.
1920, 266 ff.

12 Paxson, History of the American Frontier. 1925, 216,

13 Mitchell, 10 years in the United States. 1862, 315.

14 Roß, Changing America. 1912, 214.

% Nr. 26, 1, 167.

16 Alvord, Yale Rev., 1920, N. S. IX/2, 652.

17 Zangwill, The melting-pot. 1909. cit. in dem von Talbot heraus-
gegebenen Sammelwerk: Americanization. 1917, 92.

18 Bouton, The mote and the beam. The Freeman, 1920, II, 108.

19 Johnson, Educational Elephantiasis. North Amer, Rev., 1920, CCXII,
803.

20 Trollope, Häusliches Leben der Nordamerikaner, Übers. von Franz,
1855, 111, 167.

2 Civilization in the United States. Nineteenth Cent., 1888, XXIII, 489.

22 Worte eines Leiters des Bason-Bureaus, Colyer, Americanism, a
world menace. 1922, 134.
        <pb n="127" />
        1156 Anmerkungen
23 Baudelaire, Oeuvres. 1889, IL. 219.
2% Shaw, Mensch und Übermensch.
2% Gilman, Socialism and the American Spirit. 1893, 86.
% Griechische Kulturgeschichte, 1898, IV, 125.
27 Conduct of life. Riverside ed, 1898, 9ı.
28 Chesterton, What I saw in America, 1922, 108,
29 Ebenda, 115.
30 Lorimer, Letters from a self-made merchant to his son, Tauchnitz
Ed. 1903, 212. Das Wortspiel ist unübersetzbar,
3 Carnegie, Evangelium des Erfolges. Herausg. von Grabison, 1905,
205.
3% Ross, Nr. 14, 95.
% Ebenda, 87.
#4 Colyer, Americanism, a world menace. 1922, 135.
35 Varieties of religious experience. 1902, 493.
% Williams, The Founding of Main Street. North Amer. Rev., 1922,
CCXVI, 411.
37 Ross, Foundations of Sociology. 5. ed. 1920, 389.
38 Hunter, Das Elend der neuen Welt. Übers. 1908, 22.
39 Law, Die Amerikaner. Übers. von Federn. 1913, I, 50.
40 Farnham, America vs. Europe in Industry. 1921, 30.
4 Ebenda.
%2 Beard, Die Nervenschwäche. Übers. von Neißer. 2. Aufl. 1881, 7.
3 s. z. B. Shadwell, England, Deutschland und Amerika. Übers. von
Leo. 1908, ı2. van Dyke, The spirit of America. 1910, 66.
4 Mowrer, Le peuple-enfant de l’Am&amp;rique, Europe, 1925, VIII, 86.
45 Chevrillon, Les Etats-Unis et la vie americaine, Rev. des Deux
Mondes, 1892, 3. ser., CX, 579.
% Roß, Nr. 14, 96-
47 American Traits. 1903, 26.
Nr. 45,558
49 van Dyke, Nr, 43, 135.
50 Ebenda, 134-
5 Briefe eines amerikanischen Landmanns. Übers. von Götze, 1788, II,
208.
5 Matthews, The American of the Future. 1909, 156. Die gleichen
Worte gebrauchte Carnegie über die englischen Lords: Nr. 31, 199.
53 Tocqueville, in bisher ungedruckten Briefen bei White, American
Manners in 1830. Yale Rev., 1923, N. S. XIL 129.
54 Domestic Manners of the Americans. 4. ed, 1832, I, 941.
        <pb n="128" />
        Anmerkungen 119

55 Nr. 10, I, 342-

56 Kenngott, Nr. 10, 16. Tocqueville, De la democratie en Amerique.
1839, 6. &amp;d., I, 287.

57 Bilder aus dem gesellschaftlichen Leben der Nordamerikaner, Von
einer Deutschen. 1835, 91.

58 Scheffauer, Nr. 5, 61.

59 Nation, 1926, CXXII, 525-

59a Correspondance and conversation with Nassau William Senior,
1872, IT, 149:

60 Robinson, The Twentieth Century American. 1908, 409-

Nr. 54, 105-

82 Mowrer, Nr. 44, 90-

63 Bruncken, Die amerikanische Volksseele. 1911, 35.

64 Chevalier; Nr. 10, II, 517. Tocqueville, Nr. 53, 123.

85 Adams, Advertising and its mental laws. 1922, 143.

8 Eliot, American Contributions to Civilization. 1897, 359-

87 Kyrk, Theory of consumption, 1924, 268,

68 Kürnberger, Der Amerika-Müde, 1855, 215.

89 Nr. 98, 103.

70 Butler, The American as he is. 1908, 39.

Z Stearns, The Intellectual Life. In: Civilization in the United States.
1922, 140.

72 Belloc, The contrast. 1923, 75-

3 Mowrer, Nr. 44) 84-

14 Der bekannte amerikanische Nationalökonom Taussig hat zwar in
seinem Buche: „Inventors and money-makers“, 1915, 76 ff. ausführ-
lich die Antriebe zum Gelderwerb im allgemeinen behandelt, über
den amerikanischen Geschäftsmann im speziellen spricht er jedoch
kaum,

15 Stearns, Nr. 71, 140.

76 Memoiren, Übers. 1909, 161.

77 Die Amerikaner. 1904, I, 338 f.

78 Civic Sociology. 1925, 10.

79 Nr. 77.

80 Pound, The iron man in industry. 1922, 76.

81 Betont von van Dyke, Nr. 43, 144-

82 Ross, Social Psychology. 1909, 176.

83 Dickinson, Appearences. 1914, 157.

84 Taussig, Nr. 74, 76.

8 America and the Americans. 1914, 78.
        <pb n="129" />
        1. Anmerkungen

8 Albert Guinon.

87 Kaufmanns Herschgewalt. 1904, 137. Vgl. die ähnlichen Äußerungen
von Rockefeller. Nr. 76, 167.

% Worte des Präsidenten der Reading Railroad Baer. Colyer. Nr. 34, 72.

$9 Evangelium des Reichtums. 1905, 72.

% Stead, Die Amerikanisierung der Welt, 1902, 5-

% Rostand, La loi des riches, 7. €d, 1921, 8.

92 Myers, Nr. 94,1, 512.

% Buley, Australian life in town and country. 1905, 193.

% Emil Münsterberg, Amerikanisches Armenwesen, 1906.

% S. vor allem Gilman, Socialism and the American spirit. 1893.
Sombart, Warum gibt es in den Vereinigten Staaten keinen Sozi-
alismus? 1906.

% Laughlin, Aus dem amerikanischen Wirtschaftsleben. 1907, 65.

” 8, z. B. die Liste derartiger Verfolgter, die von der „Nation“
unter dem Titel „Sweet land of liberty“ zusammengestellt wurde.
1925, CXVII, 11.

% Robinson, Nr. 60, 318.

% Nr. 45,6,

10 Butler, Nr. 70, 50.

11 5. z. B. Myers, Geschichte der großen amerikanischen Vermögen.
1923.

10 Morals in Modern Business. Page Lectures, 1909, 24.

48 s, über bei ihnen übliche Methoden z.B. Stevens, Unfair compe-
tition. Polit. Sc, Quart,, 1914, XXIX, 282 ff,

104 Nr. 77; 1,358.

\65 The American Commonwealth. 1889, 2. ed. 12.

1% Oeuvres et correspondence inedites, 1861, 1, 281.

107 Final Report of the Commission on Industrial Relations. 1915, 129.

18 Men and manners in America, 1833, I, 230.

100 Nr. 56,1, 81, 82.

110 The wealth and income of the people of the United States. 1915, 81.

41 Final Report of the Commission on Industrial Relations, 1915, ı1 ff.

12 Ebenda, 14.

18 Ebenda, 117.

14 Ebenda, 30.

15 Die neue Freiheit. 2. Aufl. 1914, 48.

16 Paludan, Die neue Welt. Übers, von Magnus. 1923, 146.

7 Nr. 51, 125.

18 Kürnberger, Nr. 68, 150.

20
        <pb n="130" />
        Anmerkungen I21
119 Roosevelt, Americanism. 1916, 43.
120 Ross, The Old World in the New. 1914, 234-
121 The Fortune of the Republic. Miscellanies, Riverside ed. 1898, 422,
122 5, z. B. Rühl, Der Hafen von. Newport News: ein amerikanisches
Verkehrsproblem. Z. d. Ges. f. Erdk. Berlin, 1913, 695—712.
123 Mein Leben und mein Werk. 1923, 321.
124 Nathan and Mencken, Clinical Notes. Amer, Mercury. 1924, IL.
319-
1242 Brooks, The Conflict between private monopoly and good citi-
zenship. 1909, 16.
125 Jenks, The modern standard .of business honor. Publ. Amer, Econ,
Ass., 1907, 3. Ser. VII, 5.
126 1894.
127 Sinclair, The Industrial Republic. 1907, 165.
128 Nr. 102, 6.
129 Ebenda 17.
180 Cestre, Production industrielle et justice sociale en Amöerique
1921, 156.
181 American Ideals. 1900, 38.
182 Brooks, Soziales Wechselfieber. Übers, von Hasse. 1905, 29-
188 Äußerung eines Professors der Stanford University. Bancroft, Re-
trospection. 1912, 453-
184 Nr. 108, 24, 119.
185 Nation, 1925, CXXI, 349.
186 Diese Gesichtspunkte werden besonders betont von La Follette,
The modern Maecenas. Amer. Mercury. 1925, V, 188—195.
187 Nr. 31, 129.
188 Ross, Nr. 14, 91.
189 Nr. 107, 31-
140 Cestre, Nr. 130, 159-
141 Ebenda, 137.
142 Ebenda, 191.
148 Andrews, Henry Ford Wall Street’s Stock Absorber. Nation, 1923,
CXVI, 92.
144 5, z. B. Frankel and Fleisher, The human factor in industry. 1920,
Craig and Charters, Personal Leadership in industry. 1925.
145 Rosebush, Was die Moral vom Kapitalismus fordern kann. Übers.
1925, 194
146 Cutten, The Threat of Leisure. 1926.
147 Faulkner, American Economic History. 1924, 656.
        <pb n="131" />
        122 Anmerkungen

18 Seligman, Principles of Economics, 1923, 646.

149 Faulkner, Nr. 147, 663. Philip, Les conseils d’usine aux Etats-Unis.
Rev. des etudes cooperatives, 1925, V, 53.

150 Tarbell, New Ideals in Business. 1917, 328.

151 Rowntree, The human factor in business. 1921, 148.

152 Ross, Nr. 78, 88.

168 Cestre, Nr. 131, 219.

'54 s. z. B. die Zahlenangaben bei Brookings, Die Demokratisierung
der amerikanischen Wirtschaft. Übers. von Kuczynski. 1925, 39.
155 Carver, The present economic revolution in the United States,

1925, 46.

156 Nation, 1925, CXXI, 327.
557 Nr. 155, 9.
158 Prosaschriften. Übers. von Lessing. 1910, 42.
159 Jones, in: The Bookman, 1925, LX, 565.
20-Nr. 155, 61.
161 The New Student, 1923.
162 Anonymus, The Amazing American. 1925, 35-
168 Lewis, Nr. ı.
164 Worte eines Chinesen, Civilization in the United States, 526.
165 Lewisohn, Gegen den Strom. Übers. von Wolf, 1924, 190f£.
166 Civilization in the United States. 83.
7 Nr. 195, 121.
168 Thomson, Why I live abroad. Amer. Mercury, 1925, V, 111.
169 Scheffauer, Nr. 5, 224.
170 Nathan, Amerikan. Stimmen. 1925, Heft 9, 47.
11 Mencken, The national literature. Yale Rev., 1920, N. S. IX/2, 811.

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        VERLAG VON QUELLE &amp; MEYER IN LEIPZIG
Professor Dr. A. RÜHL
Vom Wirtschaftsgeist
98 Seiten. In Leinenband M. 3.60

„Das geschmackvolle Büchlein enthält eine gewissenhafte Studie,
deren Material der Verfasser, Dozent an der Universität in Berlin,
seiner eingehenden Beschäftigung mit den islamischen Völkern
Nordafrikas, insbesondere Algeriens, verdankt. Die große Kluft, die
sich selbst einem oberflächlichen Reisenden zwischen dem Leben
des Okzidents und des Orients zeigt, steht im Vordergrunde seiner
Betrachtung. Die Arbeit greift über die Bedeutung einer akade-
mischen Erörterung hinaus, mitten hinein in die politischen Tages-
probleme aller jener Völker, denen mit dem Weltkrieg das neue
Ziel einer aus eigener Kraft und Erkenntnis hervorgehenden Euro-
päisierung plötzlich aufgegangen ist. So wird die Studie Rühls
interessant für jeden, der sich mit der kriegsgeborenen Umgestal-
tung des Weltbildes beschäftigt, Diejenigen, die besonders den
islamischen Völkern ihre Aufmerksamkeit zuwenden, werden dem
Autor danken müssen dafür, daß er in gediegenster Weise das
ergänzt und durchgeistigt, was reisende Techniker, Kaufleute und
Politiker mit erstaunlich klingenden Nachrichten aus jener sich
modernisierenden Welt zu berichten wissen.“ Fraukfurter Zeitung
„Die Arbeit, die sich nicht nur an Geographen und Nationalöko-
nomen, an Soziologen und Orientalisten wendet, sondern an jeden,
der dem Leben und Denken fremder Völker nähertreten will, ist
ein Zeugnis für das so kräftig wiedererwachte Interesse für den
Orient. Das Buch sei insbesondere auch dem Kaufmann empfohlen,
der mit dem Orient in Berührung treten will und ein Verständnis
für sein uns fremdes Lebensgefühl besitzen muß.“ Hamburger Echo

Demnächst erscheint von demselben Verfasser in

2. verbesserter Auflage:
Vom Wirtschaftsgeist in Spanien
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        VERLAG VON QUELLE &amp; MEYER IN LEIPZIG
Schriftenreihe der
Weltwirtschaftlichen Gesellschaft zu Münster ii, W.
Herausgegeben von Prof. Dr. BRUCK und Prof, Dr. WÄTJEN
Transfer und Handelspolitik
Von Dr. R. SCHNEIDER (Dresden), M. d. R., M. d. L.
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Die Verkehrslage Deutschlands
Von Dr. A. GILDEMEISTER, M. d, R.

Geheftet M. 1.20
Wege zur Kapitalneubildung in Deutschland
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Von Reichsschatz- und Reichswirtschaftsminister a. D.

H. VON RAUMER, M. d. R.

Geheftet M. 1.—

Eisen und Stahl in der Weltwirtschaft
Von Dr. J. W., REICHERT, M. d. R.

Geheftet M. 1.20
Deutschlands weltwirtschaftliche Stellung
in der veränderten internationalen Arbeitsteilung
Von Prof. Dr. W. F. BRUCK
Geheftet M. 1.20
Gegenwartsprobleme der deutschen
Baumwollwirtschaft
| Von Dr. A. GILDEMEISTER u. Rechtsanwalt TH. AMFALDERN
Geheftet M. 1.60
Rußland in der Weltwirtschaft
Von Geh. Legationsrat Ministerialdirektor a, D.

Prof, Dr. K. WIEDENFELD
Geheftet M. 1.20
' Der Wiederaufbau der deutschen Handelsschiffahrt
nach dem Weltkriege
Von Prof. Dr. H. WÄTJEN
Geheftet M. 1.20
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        Anmerkungen 121
alt, Americanism. 1916, 43-
"he Old World in the New, 1914, 234
‚rtune of the Republic. Miscellanies, Riverside ed. 1898, 422,
Rühl, Der Hafen von. Newport News: ein amerikanisches
. sproblem. Z. d. Ges. f. Erdk. Berlin, 1913, 695—712.
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f 1909, 16.
. The modern standard of business honor. Publ. Amer, Econ,
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Frankel and Fleisher, The human factor in industry. 1920.
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