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        <title>Kritische Studien zum wirtschaftlichen Problem des Zwei- und Dreischichtensystems in Hochofenbetrieben</title>
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            <forname>Hans</forname>
            <surname>Schönfeld</surname>
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            <idno>1750799545</idno>
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        EIGENTUM
* PETE
Ss Il 129 (75/80)
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        A
OO
        <pb n="3" />
        Schriften
Örfellfchaft für Anzinle Kefarm
Herausgegeben von dem Dorftande
EGifter Band
Der ganzen Reihe Deft 75—777
Ienn
erlag von Gußav Silder

der
1928
        <pb n="4" />
        <pb n="5" />
        Schriften der Gesellschaft für Soziale Reform
Herausgegeben von dem Vorstande
Heft 79 (12. Band, Heft 2)
Kritische Studien
zum wirtschaftlichen Problem des
Zwei= und Dreischichtensystems
in Hochofenbetrieben
Dr. Hans Schönfeld
Jena
Verlag von Gustav Fischer

Von
1926
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        Soziale Praxis
®° ..
und Archiv für Volkswohlfahrt
In‘ Verbindung mit
Dr. Wilh. Polligkeit und Dr. Frieda Wunderlich
Frankfurt a. M, Berlin
herausgegeben von
Dr. Ludwig Heyde
Universitätsprofessor und Mitglied des Vorläuf, Reichswirtschaftsrats
Preis: vierteljährlich (13 Nummern) Rmk 7.50
Verlag von Gustav Fischer in Jena
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Die „Soziale Praxis“ ist das führende deutsche Fachblatt für Sozialpolitik
1892 von Dr. Heinrich Braun gegründet, dann von Prof, Dr. Jastrow und seit
1898 von Prof. Dr. Ernst Francke (T 1921) fortgeführt, behandelt sie in wissen-
Schaftlichem Geiste, insbesondere unter Wahrung strengster parteipolitischer
und konfessioneller Neutralität, alle belangvollen Fragen der sozial- und
wohlfahrtspolitischen Praxis und Jäßt auch die theoretische - Vertiefung

dort, wo diese unmittelbar praktische Bedeutung hat, nicht vermissen. ü
Aufsätze und referierende Mitteilungen stellen auf sozialpolitischem
Gebiet u. a. die Probleme des Arbeiterschutzes, der Sozialversicherung, des Arbeits®
marktes und -nachweises, der Erwerbslosenunterstützung und -versicherung, nicht
minder aber auch diejenigen der Genossenschaften, Gewerkschaften, Arbeitgeber“
verbände, Tarifverträge, Betriebsräte, Arbeitsgemeinschaften, des Schlichtungswesens
und des Arbeitslohnes dar, während auf dem Gebiete der Wohlfahrtspolitik die all-
gemeinen begrifflichen und tatsächlichen Probleme heutiger Wohlfahrtspflege aus-
führlich behandelt werden und über Fürsorgewesen, Volksgesundheit, Jugendwohl-
fahrt und Wohnungswesen sowie über Kriegsbeschädigten- und -hinterbliebenen-

fürsorge regelmäßig referiert wird. -

Die Berichterstattung der „Sozialen Praxis“ erstreckt sich auf das In-
und Ausland, Besondere Beachtung finden die Fragen der internationalen
Sozialpolitik, Fortlaufend wird über die Tätigkeit der „Internationalen Vereinigung
für sozialen Fortschritt“ der „Gesellschaft für Soziale Reform“ und des „Deutschen
Vereins für öffentliche und private Fürsorge‘ berichtet. Objektiv und zuverlässig
werden auch die Leistungen anderer sozial- und wohlfahrtspolitischer Organi-
sationen dargestellt, |

Als Wochenschrift ist die „Soziale Praxis“ in der Lage, neue Tatsachen
oder Probleme schnell darzustellen. Sie erscheint

jeden Donnerstag.

Ihr stattlicher Abonnentenkreis, der unter anderen auch aus zahlreichen Be-
rufsvereinssekretariaten und Behörden besteht, macht -sie auch zu einem nutz-
bringenden Insertionsorgan.

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auf Wunsch unentgeltlich vom Verlag Gustav Fischer in Jena.
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        Schriften der Gesellschaft für Soziale Reform
Herausgegeben von dem Vorstande
. Heft 79 (12. Band, Heft 2)
Kritische Studien
zum wirtschaftlichen Problem des
Zwei= und Dreischichtensystems
in Hochofenbetrieben
Dr. Hans Schönfeld
Jena
Verlag von Gustav Fischer

Von
1926
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        „m
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+
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        Inhaltsverzeichnis.
Einleitung:
Seite
$ 1. Das Zwei- und Dreischichtensystem in Hochofenbetrieben
in der Nachkriegszeit... . ... "a1
$ 2. Die drei Teilprobleme der Arbeitszeitfrage überhaupt und das
Problem dieser Untersuchung . . . 5
5 3. Methode und Gang der Untersuchung . n
5 4. Die örtlichen Verhältnisse des untersuchten Hochofenbetriebes 9
I. Teil: Das Problem der effektiven Arbeitszeit.
5 5. Die Zeitstudien der Betriebsleitung . . . . € - 210
5 6. Kritik der Zeitstudien . . .. ae
7. Zeitstudien und Arbeitsauffassung . . . ‚a6
5 8. Die Verwendung von Zeitstudien bei der Betriebsgestaltung
zur Steigerung der Produktivität 20
IL Teil: Arbeitszeit und Produktivität.
I. Abschnitt:
Belegschaft und Wechsel des Schichtsystems 27
» 9. Die Belegschaftsstatistik der Werksleitung U
$ 10. Auswertung der Belegschaftsstatistik; Die unverhältnis-
mäßige Zunahme der Belegschaft bei der Einführung des
Dreischichtensystems .. . .. .. " A
S 11. Fortsetzung: Die unverhältnismäßige Verringerung der Be-
legschaft bei der Wiedereinführung des Zweischichtensystems 34
$ 12. Fortsetzung: Ausländische Studien . . 87
II. Abschnitt:
Erzeugungsmenge und Wechsel des Schichtsystems 39
S$ 18. Die absolute Höhe der Erzeugungsmenge und der Wechsel
des Schichtsystems . 40
        <pb n="10" />
        IV
Seite
$ 14. Die relative Höhe der Erzeugungsmenge berechnet auf Kopf
und Monat und der Wechsel des Schichtsystems . . . . . 44
$ 15. Die verschiedenen Bedingungen arbeitsstündlicher Produktion
neben der Arbeitszeit . . . .. S 2. 51
$ 16. Steigerung der arbeitsstündlichen Produktion unter Bei-
behaltung der Arbeitszeit . . 57
$ 17. Zusammenfassung . .. . 2.2... 63
II. Teil: Lohn und Rentabilität bei Veränderung
der Arbeitszeit.
$ 18. Die Rentabilitätserwägungen der Werksleitung mit Rück-
sicht auf den Wechsel des Schichtsystems . . 65
$ 19. Die Bedeutung des Lohnaufwandes für die „Rentabilität“
des Hochofenbetriebes . . . . ... ; An - 69
$ 20. Beurteilung der Rentabilität bei Veränderung der Arbeits-
zeit . see HU al
Literatur-Verzeichnis a
Nachwort 87
        <pb n="11" />
        Einleitung.
$ 1. Das Zwei- und Dreischichtensystem in Hochofen-
betrieben in der Nachkriegszeit,

Nachdem seit den Untersuchungen Brentanos 1 und
nach der grundlegenden Kinzelstudie Abbes?) über die
Arbeitszeitfrage die Forschung in dieser Richtung im
großen ganzen nicht fortgeschritten war, wurde die ge-
Samte Problematik der Arbeitszeitfrage durch die Einführung
des Achtstundentages im November 1918 in Deutschland
erneut akut. Während jedoch diese Probleme, vor allem
bezüglich der wirtschaftlichen Auswirkungen des Acht-
Stundentages, in der Inflationszeit mehr theoretische Be-
deutung behielten, wurden sie unter dem durch die Wäh-
rungsstabilisierung hervorgerufenen Zwang zu scharfer
Kalkulation für die gesamte praktische Gestaltung des
Wirtschaftslebens von entscheidendem Belang. So setzte
in den verschiedensten Industrien der Kampf um die Be-
messung der Arbeitszeit Ende 1923 mit besonderer Heftig-
keit ein.

Einen besonderen Abschnitt darin bildete der Kampf
um das Zwei- und Dreischichtensystem in der eisenschaffen-
den Industrie. Die Rückkehr vom Drei- zum Zweischichten-

1) Brentano, Über das Verhältnis von Arbeitslohn und Arbeitszeit
zur Arbeitsleistung, 2. Aufl., Leipzig 1893. |

?) Abbe, Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Verkürzung des
industriellen Arbeitstages, in „Sozialpolitische Schriften“, 2, Aufl., Jena
1921, S. 208.

Schriften der Gesellschaft für Soziale Reform. Heft 79.
        <pb n="12" />
        md
system, das seit November 1918 aufgehoben war !), wurde
für die Hochofenbetriebe am 17. Dez. 1923 durch ein Ab-
kommen ”) in der nordwestlichen Gruppe der Kisenindustrie
herbeigeführt ; durch die Arbeitszeitverordnung vom 21. Dez.
1923 °) erhielt diese Regelung ihre gesetzliche Sanktion:
Zwar ordnete sie grundsätzlich in $ 1 Satz 1 u. 2 erneut
die Durchführung des Achtstundentages an, gestattete aber
in 8 7 Abs. 1 eine Ausdehnung u. a. „für Arbeiter, die in
außergewöhnlichem Grade der Einwirkung von Hitze,
giftigen Stoffen, Staub u. dgl. ... ausgesetzt sind“ — um
Solche handelt es sich in Hochofenbetrieben — „wenn die
Überschreitung aus Gründen des Gemeinwohls dringend
erforderlich ist“. So wurde in den Hochofenbetrieben der
gesamten eisenschaffenden Industrie das Zweischichtensystem
durchgeführt; jedoch war es klar, daß die Gewerkschaften
jede Möglichkeit benutzen würden, die Wiedereinführung
des Dreischichtensystems zu erkämpfen, sobald es die Lage
möglich machte. Um diese Absicht zu gegebener Zeit durch-
setzen zu können, forderten sie immer von neuem die Aus-
führung des 8 7 Abs. 2 der Arbeitszeitverordnung, wonach
der Reichsarbeitsminister festzustellen hat, „für welche
Gewerbezweige oder Gruppen von Arbeitern“ der Acht-
stundentag ausschließlich bei Gefährdung des Gemeinwohls
überschritten werden darf. Im Herbst 1924 legte der
Reichsarbeitsminister dem Vorläufigen Reichswirtschaftsrat
das Verzeichnis dieser Arbeitergruppen zur Begutachtung
vor und stellte die Behandlung der Belegschaft in Kokereien
und Hochofenbetrieben als besonders dringlich in den Vorder-
grund; aus dieser Gruppe wiederum war es die Kategorie
der sog. Feuerarbeiter, die der Vorläufige Reichswirtschafts-
') Anordnung über die Regelung der Arbeitszeit gewerblicher
Arbeiter vom 23. Nov. 1918 (RGBlL. 8. 1834).
°) Vgl. unter „Arbeitszeit“ in „Internationale Rundschau der Arbeit“,
Berlin 1924, I. Bd., 3. Heft, S. 275.
°)_ Verordnung über die Arbeitszeit vom 21. Dez. 1923. (RGBl.I, 8. 1249).
        <pb n="13" />
        ED
rat vornehmlich zum Gegenstande seiner Untersuchungen
machte. Nach Abgabe seines Gutachtens erging die Ver-
ordnung des Reichsarbeitsministers vom 10. Jan. 25 (RGBL. I
S. 5), die die Wiederkehr des Dreischichtensystems für
gewisse Arbeitergruppen im Hochofenbetriebe veranlaßte,
nämlich für „diejenigen Arbeiter, die mit Arbeiten an dem
Hochofen beschäftigt sind, einschließlich der unmittelbaren
Zufuhr des Kokses, der Erze, der Zuschläge zu den Hochöfen
und einschließlich der Abfuhr des flüssigen Roheisens von
den Hochöfen“. Damit wurde der Kampf um das Zwei-
und Dreischichtensystem in Hochofenbetrieben zu einem
gewissen Abschluß gebracht.
$ 2. Die drei Teilprobleme der Ärbeitszeitfrage über-
haupt und das Problem dieser Untersuchung.
Schon das Ergebnis der Abstimmung im Sozialpolitischen
Ausschuß des Vorläufigen Reichswirtschaftsrates ließ er-
kennen *), daß die Auseinandersetzung über das Zwei- und
Dreischichtenproblem noch nicht geschlossen ist. Bevor die
Frage der industriellen Arbeitszeit überhaupt erfolgreich
behandelt werden kann, ist es unerläßlich, eindeutig „das
Ziel einer Regulierung der Arbeitszeitveränderung“ ?) klar-
zustellen, da es nach drei ganz verschiedenen Richtungen
untersucht werden kann, die mit Lipmann ?) als „die kul-
turelle, die hygienische und die wirtschaftliche Seite des
Problems“ zu bestimmen sind. Die Fassung des 8 7 der
Arbeitszeitverordnung gibt zu erkennen, daß die hygienische
Seite in den Vordergrund gerückt wurde, da ausdrücklich
die Rede ist von „Gruppen von‘ Arbeitern, die unter be-
Sonderen Gefahren für Leben oder Gesundheit arbeiten“.
Diese Bestimmung erscheint deutlich als Ausfluß der Forde-
) Nach einer Mitteilung in der „Soz. Praxis“, XXXIV, Nr. 4,
Sp. 75, waren bei zwei Enthaltungen 14 Stimmen für, 13 gegen die Ein-
beziehung der Hochofenarbeiter.
?) Lipmann, Das Arbeitszeitproblem, Berlin 1924, A1.
LF

1
        <pb n="14" />
        rn Ä-

rung, die in den letzten Jahren erhoben wurde, „alle Sozial-
politik müsse der Wirtschaftspolitik vorangehen“ ?!). Mit
Recht sagt Vleugels dazu,!) daß „die Verwirklichung dieser
Forderung, Durchführung neuer sozialpolitischer Maßnahmen
ohne Rücksicht auf die wirtschaftlichen Möglichkeiten,
nicht nur diesen neuen Maßnahmen, sondern auch anderen
bereits‘ durchgeführten die reale Basis entziehen“ würde.
Wenn daher die Sozialpolitik auch nicht ihre Richtung von
der Wirtschaftspolitik erholte, sondern von allgemein-kul-
turellen Gesichtspunkten, so entscheide doch schließlich
der Wirtschaftszustand darüber, inwieweit ihnen Rechnung
getragen werden könne. Im Hinblick auf die Problematik
des Achtstundentages läßt sich nun nach Vleugels der
Satz aufstellen, daß „die Frage des Achtstundentages nur
als wirtschaftliche Frage problematisch sein kann“ ?), da
eine systematische Untersuchung °) „unter physischen, so-
zialen, ethischen, kulturellen und politischen Gesichts-
punkten ... eine ziemlich eindeutig positive Antwort auf
die Frage der Zweckmäßigkeit größtmöglicher Arbeitszeit-
yerkürzung“ *) ergeben hat. So stellte sich auch bei den
Untersuchungen und Verhandlungen im Vorläufigen Reichs-
wirtschaftsrat heraus, daß im Kampf um die Wiederkehr
des Dreischichtensystems in Hochofenbetrieben schließlich
„der Charakter des Schichtproblems ... als Frage nach
dem wirtschaftlichen Ertrage der Produktion“ entschei-
dend blieb.°) Denn einerseits war es nach dem Stande
des Lohnes in Hochofenbetrieben unmöglich, die Einführung
der dritten Schicht auf seine Kosten zu vollziehen, an-

') Vleugels, Der Achtstundentag in Deutschland, Berlin 1924, S. 5.

?) Vleugels, a. a. 0. 8. 7. ;

°) Vgl. dazu 0. Hoffmann, Arbeitsdauer und gewerbliche Produk-
tion in Deutschland nach dem Weltkriege, Stuttgart 1922, S. 13 ff.

*) Vleugels, a. a. O0. 8. 8.

©) Heyde, Wiederkehr des Dreischichtensystems am Hochofen, in
„Soz. Praxis“, XXXTV. Jahrg., Nr. 4, Sp. 77.
        <pb n="15" />
        dererseits war die wirtschaftliche Lage so gespannt, daß
jede Erhöhung der Produktionskosten, so auch ein Lohn-
mehraufwand, die Produktion selbst zu gefährden schien.
Wenn also auch die hygienische Seite des Schichtproblems
den Ausgangspunkt für die Regulierung der Arbeitszeit
durch jene Verordnung des Reichsarbeitsministers!) bildete,
So steht doch seine wirtschaftliche Seite im Brennpunkte
der Frage. Infolgedessen erscheint es gerechtfertigt, die
systematische Bearbeitung dieser Seite des Schichtproblems
bei der vorliegenden Untersuchung in den Vordergrund zu
stellen und seine hygienische wie seine kulturelle Seite
nur so weit in Betracht zu ziehen, als die innige Ver-
knüpfung und die gegenseitigen Beziehungen dieser drei
Teilprobleme es erfordern. Jede Erörterung über die wirt-
schaftlichen Auswirkungen des Zwei- und Dreischichten-
systems in Hochofenbetrieben muß unfruchtbar oder einseitig
bleiben, wenn nicht zuvor alle Kausalzusammenhänge, die
hier in Frage kommen, mit ihren wechselseitigen Be-
ziehungen und Abhängigkeiten aufgedeckt sind. Diese
Problematik der wirtschaftlichen Auswirkungen des Zwei-
und Dreischichtensystems in Hochofenbetrieben bildet den
Gegenstand der vorliegenden Untersuchung.
$ 3. Methode und Gang der Untersuchung.

Die Entfaltung unserer Problematik muß sich an den
Gang der Fragestellungen anschließen, die sich bei einer
Behandlung der wirtschaftlichen Seite des Schichtproblems
ergeben: Beim Übergang vom Zwei- zum Dreischichten-
System tritt infolge Vermehrung der Belegschaft eine Steige-
rung des Lohnaufwandes ein, die eine Minderung, ja schließ-
lich eine Aufhebung der Rentabilität zur Folge hat. Da-
mit tritt deutlich der Konnex von Arbeitszeit und Arbeits-

7%) Vel. 8. 2, Anm. 3.

—
        <pb n="16" />
        EG

John heraus, der vor allem Gegenstand unserer Untersuchung
sein muß. Einer Minderung der Rentabilität wird man
zunächst auf dem Wege einer Produktionsgestaltung ent-
gegenwirken, die nach einer Steigerung der Produktivität
strebt, um auf diese Weise den Lohnmehraufwand zu kom-
pensieren. Daher wird für die Behandlung des Schicht-
problems als Frage nach dem wirtschaftlichen Ertrage der
Produktion die Problematik auf dem Gebiete der Produk-
tionsgestaltung von entscheidender Bedeutung. Um zu einer
Steigerung der Produktivität, d. h. der Arbeitsleistung, zu
gelangen, sind vor allem zwei Wege gangbar: Es kann ver-
sucht werden, die Leistungsintensität der Arbeiter
zu steigern, oder, wenn das nicht möglich ist bzw. nicht
völlig zum Ziele führt, durch weitere Mechanisierung der
Produktion die Betriebsintensität zu heben. Auf
diesen beiden Wegen läßt sich eine Einsparung von Arbeitern
oder eine Erhöhung der Erzeugungsmenge und damit eine
Steigerung der Produktivität, d. h. der Arbeitsleistung, er-
reichen, die eine Kompensierung jenes auf Grund der Ar-
beitszeitveränderung hervorgerufenen Lohnmehraufwandes
bewirken ‚kann. Diese Zusammenhänge von Arbeitszeit
und Arbeitslohn mit der Arbeitsleistung in ihren gegen-
seitigen Beziehungen und Abhängigkeiten aufzudecken und
zu beobachten, welche Veränderungen etwa beim Wechsel
des Schichtsystems bei ihnen in Erscheinung treten, bildet
den Inhalt der Problematik, mit der sich diese Untersuchung
befaßt. ”

Dabei war es zunächst nötig, die Zusammenhänge zu
klären, die zwischen Arbeitszeit und Arbeitsleistung be-
stehen, denn die Arbeitsleistung bedingt, wie wir sahen,
die Höhe bzw. die Veränderung des Lohnaufwandes für
den Betrieb. Ehe jedoch diese Kausalzusammenhänge unter-
Sucht werden können, ist aufzudecken, wie weit die Arbeits-
zeit im Sinne der Gesamtschichtzeit sich deckt mit der sog.
„effektiven Arbeitszeit“ („Dauer der tatsächlichen Arbeit
        <pb n="17" />
        a
\nte ;

des Arbeiters an der Maschine usw.“ ?!) A$ wie Ya je
Arbeitszeit voll ausgenutzt wird bzw. werden kany. Ein
Klärung dieser Fragen erscheint nofwendigy | weik ksoMs
keine exakten Aussagen darüber gemacht, werden könne
wie weit die Arbeitsleistung von eine  Veränderungs ;
Arbeitszeit beeinflußt wird oder nicht; in Keine er-
änderung. der »nominellen Arbeitszeit« („Anwesenheit des
Arbeiters im Betriebe“ !)“ braucht „die effektive Arbeits-
zeit nicht oder nur in geringem Grade“ mitzuverändern,
„indem die effektive Arbeitszeit sich der nominellen nähert
und der Anteil der _»verlorenen« Zeit zurückgeht“. !)

Zu einer exakten Klärung all dieser Zusammenhänge
zu gelangen, ist mehr oder minder unmöglich, wenn man
sich nicht an die Beobachtung einer bestimmten Wirt-
Schaftseinheit hält. Ein anderes Verfahren würde zu Un-
genauigkeit der Tatsachenermittlung und damit zu einer
Unsicherheit der Ursachenerklärung führen, wie sie aus
den Anfängen der Arbeiten auf dem Gebiete der Arbeits-
zeitfrage, etwa von Webb, Cox und Rae?) bekannt sind.
Auch Abbe beschränkte seine Untersuchungen über „Die
Volkswirtschaftliche Bedeutung der Verkürzung des in-
dustriellen Arbeitstages“*%) auf einen ganz bestimmten
Teilbetrieb der Zeißwerke, um zu konkreten Ergebnissen
über den Kausalzusammenhang von Arbeitszeit und Arbeits-
leistung zu gelangen. Im Hinblick auf diese Voraussetzungen
exakter Erforschung des Schichtproblems erweist es sich
als günstig, daß die Wirtschaftseinheit, die für unsere Studien
gewählt werden konnte, ein kleineres Hüttenwerk ist, da
So am ehesten die Übersichtlichkeit und Exaktheit der Er-
hebungen zu erreichen war.

1) Lipmann, Das Arbeitszeitproblem, A 40.

?) Webb and Cox, The eight hours day, 1891; John Rae, Kight
hours for work, London 1894,

3) Vol. S. 1. Anm. 2.
        <pb n="18" />
        =

Ein weiterer Umstand, der gerade dieses Werk zum
Studium der Problematik besonders geeignet erscheinen
ließ, lag darin, daß seitens der Betriebsleitung bereits Er-
hebungen über die Auswirkungen des Zwei- und Drei-
schichtensystems im Hochofenbetriebe vorgenommen waren).
Daher konnten die eigenen Untersuchungen daran anknüpfen
und in Auswertung und Kritik dieses Materials die Probleme
zur Entfaltung bringen, wobei für einzelne Fragen Berichte
aus anderen Hüttenwerken herangezogen wurden. Die vor-
liegende Arbeit schließt sich zunächst an die Zeitstudien an,
die von seiten der Betriebsleitung veranstaltet worden waren,
um in das Problem der effektiven Arbeitszeit einzudringen.
Zur Klärung der Beziehungen zwischen Arbeitszeit und
Arbeitsleistung baut sie des weiteren auf den Ergebnissen
der Belegschafts- und der Produktionsstatistik auf, die von
der Betriebsleitung zur Verfügung gestellt wurden, da an
Hand dieser Statistiken die Probleme der Leistungs- und
der Betriebsintensität bearbeitet werden können.

Für die Untersuchung dieser Zusammenhänge trifft
sich die Wahl gerade dieses Unternehmens insofern : be-
sonders günstig, als im Produktionsprozeß des dortigen
Hochofenbetriebes noch verhältnismäßig viel „Handarbeit“
Verwendung fand; der große Anteil der Handarbeit er-
fordert eine starke Belegschaft, so daß jeder Wechsel des
Schichtsystems, der eine unmittelbare Veränderung der Be-
legschaftszahlen mit sich bringt, sich in größeren und des-
halb besser durchschaubaren Zahlen auswirkt. Daher kann
die Problematik auf diesem Gebiet schärfer herausgearbeitet
werden als etwa beim Studium in einem Hochofenbetrieb,
in dem durch Mechanisierung und Automatisierung der
Arbeitsvorgänge eine weitgehende Ausschaltung der Hand-
arbeit vorliegt.

*) Sie sind zusammengefaßt in einer Denkschrift über die Arbeits-
zeitfrage beim Betriebe der Hochöfen der betr. Hütte.
        <pb n="19" />
        90 —

Um zu diesem‘ Hochofenbetriebe Zutritt zu erlangen,
von den Untersuchungen der Betriebsleitung, die vertrau-
lichen Charakter hatten, Gebrauch machen und eigene Be-
obachtungen anstellen zu dürfen, mußte der Verfasser sich
verpflichten, die konkreten Zahlen der Ergebnisse der Er-
hebungen nach Form und Inhalt nur so weit zum Ausdruck
bringen, als das Betriebsinteresse dadurch nicht geschädigt
werden konnte. Zur vollständigen Erkenntnis der Pro-
blematik war zwar eine umfangreichere Einsicht in die
betrieblichen Verhältnisse nötig, bei ihrer Darstellung
konnte jedoch der übernommenen Verpflichtung unbedenk-
lich Genüge geleistet werden. Infolgedessen wird über
Grundlagen und Gang der Erhebung nur so weit berichtet,
wie es die Behandlung der Problematik im Rahmen dieser
Arbeit_erfordert.
$ 4. Die örtlichen Verhältnisse des untersuchten Hoch-

ofenbetriebes.

Die Hochofenanlage setzt sich zusammen aus drei
Hochofeneinheiten, von denen je zwei unter Feuer stehen,
während der dritte Hochofen jeweils einer völligen Durch-
reparatur unterzogen oder von Grund aus neu aufgeführt
wird. Die Erze und der als Zuschlag erforderliche Kalk-
stein können aus einem in unmittelbarer Nähe befindlichen
Erzbergwerk und aus Kalksteinbrüchen gewonnen werden,
während der zur Verhüttung notwendige Koks bei Fehlen
eigener Kohlenbasis und Kokerei durch Kauf erworben
werden muß. Das Hauptprodukt dieses Hochofenbetriebes
besteht in Gießereiroheisen, während als Nebenproduktion
die Weiterverarbeitung von Schlacken zu Schlackensteinen
im Zementwerk sowie die Verwendung der Gichtgase zum
Antrieb der _Gaskraftmaschinen zu erwähnen ist.

Die zur Beschickung erforderlichen Arbeitsvorgänge
vollziehen sich in dieser Weise: Die KErzwagen werden
zunächst _vermittels einer Seilbahn direkt aus dem Berg-
        <pb n="20" />
        E Wil)

werk bis an die Gichtbrücke herangeführt. Dort über-
nehmen die Gichter die Beförderung der „Hunde“ zur Gicht-
schüssel der beiden jeweils in Gang befindlichen Hochöfen,
kippen die Erze ein und schieben die Wagen zur Seilbahn
zurück. Der Koks und die Zuschläge werden in den auf
der Sohle des Hochofens befindlichen Lagern „von Hand
aus“ verladen und in kleinen Wagen durch Steilaufzüge
zur Gichtbrücke heraufgerissen, wo sie auf gleichem Wege
wie die Erze zur „Begichtung“ gelangen.

Der Abstich nimmt folgenden Verlauf: Nach Auf-
brennen des Stichloches wird ein Teil des füssigen Roh-
eisens in große Pfannen abgelassen und sofort zur weiteren
Verarbeitung in die Gießerei transportiert, während der
andere Teil in die Formen fließt; nach KErstarrung werden
die zusammenhängenden „Masseln“ durch einen Laufkran
zu einem Schlagwerkskran gehoben, der sie zu Stücken
zertrümmert, wie sie zur Aufstapelung oder sofortigen
Verladung in Waggons geeignet sind: Die ausfließende
Schlacke wird sofort „granuliert“ und dann von den
Schlackenfahrern in kleinen Wagen, wiederum von Hand
aus, z. T. zum Schlackenberg, z. T. zum Zementwerk ge-
schafft. Unter diesen örtlichen Besonderheiten vollzieht
sich der Kreislauf der Arbeitsvorgänge in dem untersuchten
Hochofenbetrieb.

Erster Teil.
Das Problem der effektiven Arbeitszeit.
S$ 5. Die Zeitstudien der Betriebsleitung.

Um über die Inanspruchnahme der Arbeiter
am Hochofen, d.h. über die effektive Arbeitszeit, ein
klares Bild zu bekommen, hatte die Betriebsleitüng Zeit-
studien durchführen lassen, die sich auf die zwei besonders
        <pb n="21" />
        ES TE

wichtigen Punkte menschlicher Arbeitsleistung, auf die
Vorgänge bei Beschickung und Abstich konzentrierten.
Mit der Stoppuhr waren die Fahrzeiten von und zu der
Cichtschüssel vom Gichtaufzug her sowie die Zeiten für
die einzelnen Phasen der Begichtung festgestellt worden.
Daraufhin errechnete man Durchschnittszahlen für die
Dauer der einzelnen Tätigkeiten, deren Addition die für
eine Gicht erforderliche Arbeitszeit ergab. In der Annahme,
daß die Beschickung jeder einzelnen von den 12—14
Gichten, die während einer zwölfstündigen Schicht zustande
kommen, jeweils die gleiche Zeit erfordert, errechnete man
durch Multiplikation der gewonnenen Zahlen die gesamte
sogenannte effektive Arbeitszeit, für die der Begriff „Ar-
beitsdienst“ *) geprägt wurde. Diese betrug danach für
die Gichter rund 7 Stunden, während der Rest der
Zwölfstundenschicht sich nach den Angaben eines Schau-
bildes vom Verlauf der Arbeitszeit auf „Beobachtungs-
dienst“, „Arbeitsbereitschaft“ und „Pausen“ in der Weise
verteilte, daß zwei Stunden Pausen und je 1*, Stunden Be-
obachtungsdienst und Arbeitsbereitschaft bestanden. In Pro-
zentzahlen der Gesamtarbeitszeit umgerechnet ergab sich für

reinen Arbeitsdienst 58,3%

Beobachtungsdienst 11,4%

Arbeitsbereitschaft 18,9%

Pausen 16,7%.

Während bei den Zeitstudien für die Arbeitszeit der
Cichter mit einer nach Form und Inhalt ungefähr stets
gleichmäßigen Wiederkehr der Arbeitsfunktion gerechnet
wurde, so daß im Schaubilde eine bis auf die Minute
festgelegte Aufteilung der Arbeitszeit eingezeichnet war,
mußte für den anderen Teil der Zeitstudien von vornherein

1) Dieser und die folgenden Begriffe sind der Denkschrift des
Hüttenwerkes entnommen.
        <pb n="22" />
        F— 12

ausgesprochen werden?), daß die Arbeitszeiten des Schmel-
zers im Gegensatz zu denen des Gichters außerordentlich
wechselnd seien, so daß hier für den Arbeitsdienst nur
Durchschnittszahlen und langjährige Beobachtung zu Grunde
zu legen seien. Die einzelnen Arbeitsoperationen, die zu
diesem Zwecke gemessen wurden, bestanden vor allem im
Aufbrennen oder Aufbohren des Stichloches, in Arbeiten
beim Ausfließen des Roheisens bis zum Herrichten der
neuen Abstichrinne und im Aufräumen der Arbeitsbrücke.
Die Addition der dafür errechneten Durchschnittszahlen
ergab auch hier die Zeit des reinen Arbeitsdienstes für
den einzelnen Abstich. Durch Multiplikation mit der Zahl
der Abstiche während der Zwölfstundenschicht wurde die
Dauer des gesamten reinen Arbeitsdienstes in Höhe von
dreimal 1 Stunde 25 Minuten = 4 Stunden 15 Minuten
errechnet, so daß unter Abzug von 2 Stunden Pausen
5 Stunden 45 Minuten für die Arbeitsbereitschaft übrig
blieben. Da der Vorschmelzer von einem Teil der Arbeits-
funktionen der übrigen Schmelzer zugunsten des Beobach-
tungsdienstes befreit ist, den vornehmlich er zu leisten
hat, wurde als Ergebnis besonderer Zeitstudien für seine
Tätigkeit ein Arbeitsdienst von 2'/, Stunden und ein Be-
obachtungsdienst von 7*/„ Stunden errechnet.

Außer den Gichtern und Schmelzern sind direkt am
Hochofen vor allem noch die Arbeitergruppen be-
schäftigt, die auf der Hochofensohle das Verladen
und Fahren von Koks, Alteisen und Kalkstein
ausführen. Ferner sind hierher die Masselformer zu
rechnen, deren Tätigkeit in der Aufbereitung des Gieß-
bettes zur Aufnahme des flüssigen Roheisens besteht;
Schließlich gehören dazu die Schlackenfahrer, die für
die Beförderung der Schlacke zum Zementwerk bzw. zum
Schlackenberg zu sorgen haben. Da die Anwesenheitszeit

*) Aus der Denkschrift des Hüttenwerkes.
        <pb n="23" />
        TO zn
all dieser Arbeitergruppen am Hochofen sich in Abhängig-
keit von seinem Gang ähnlich gliedert wie die der Gichter
und Schmelzer, kam die Betriebsleitung zu dem Schluß,
daß in keinem Falle der Arbeitsdienst der in Frage kom-
menden Arbeitergruppen am Hochofen die Dauer von 7
Stunden überschreite *).
$ 6. Kritik der Zeitstudien.

Nach den Ausführungen in der Denkschrift der Be-
triebsleitung zum Zwei- und Dreischichtenproblem bestand
das Ziel der Zeitstudien darin, den Beweis zu erbringen,
daß eine effektive Arbeitszeit in Höchstdauer von 7 Stunden
vorliegt, eine über 10 Stunden hinausgehende Arbeitszeit
für diese wichtigsten Arbeitergruppen also nicht in Frage
kommt und daher von einer Gefährdung für Gesundheit
und Leben nicht die Rede sein kann. Ein Vergleich mit
Erhebungen ähnlicher Art, wie sie z. B. in Oberschlesien
in zwei verschiedenen Hüttenwerken angestellt wurden,
beweist, daß unter Berücksichtigung von unerheblichen
Schwankungen in der Ausdehnung der festgestellten effek-
tiven Arbeitszeit, die auf örtlich besondere Betriebsorgani-
sation zurückzuführen sind, gleiche Ergebnisse vorliegen ?).
Auch dort gilt als feststehend, daß „die Dauer der wirk-
lichen Arbeitszeit während einer Schicht den gesunden
Arbeiter nicht so belastet, auf daß er an Leib und Leben
Schaden nehmen muß“ ®%. Obwohl also diese Zeitstudien
im Endergebnis lediglich nach der hygienischen Seite des
Arbeitszeitproblems verwertet wurden, kann doch an der
Darstellung ihrer Durchführung, ihrer Resultate und deren

1) Aus der Denkschrift des Hüttenwerkes.

2?) Aus dem Material, das vom Verein Deutscher Eisen- und Stahl-
industrieller, Berlin, für diese Arbeit zur Verfügung gestellt wurde.

3) „Die Arbeitszeitfrage in Deutschland“, Schriften der Vereinigung
der Deutschen Arbeitgeberverbände, Berlin, Heft 8, 3. Aufl., S. 145 (Ab-
geschlossen August 1924).
        <pb n="24" />
        m U
Verwertung die Problematik behandelt werden, die sich
bei der Frage nach der effektiven Ausnutzung der Arbeits-
zeit im Hinblick auf eine Steigerung der Produktivität
ergibt *).

Bei den Zeitstudien auf der Gichtbrücke (s. S. 10 f.)
kam man auf Grund von Stichproben lediglich zu Durch-
schnittswerten für die Dauer der einzelnen.Arbeitsfunktionen.
Mittels dieser Durchschnittswerte wurde dann die reine
Arbeitsdienstzeit während einer einzelnen Gicht gemessen
und um die Anzahl der Gichten einer Schicht vervielfacht.
Die so gewonnene Zahl wurde durch die Anzahl der für
diese Arbeitsfunktionen bestellten Gichter dividiert und so
die Zeit für den einzelnen errechnet. Bei dieser Art der
Berechnung, die rein auf einer Messung der Arbeitsfunk-
tionen an sich, nicht aber auf einer völlig durchgeführten
Beobachtung der tatsächlichen Verrichtungen des einzelnen
Arbeiters selbst aufbaut, können die Feststellungen keinen
Anspruch darauf erheben, eine genau fundierte Exaktheit
aufzuweisen, die doch gerade den Hauptwert von Zeit-
studien für die Betriebsführung bildet. So ist z. B. in dem
auf Seite 11 erwähnten Schaubilde die Aufteilung der Ar-
beitszeit bis auf die einzelnen Minuten genau eingezeichnet.
und erweckt den Eindruck, als ob bei völlig einförmiger
Wiederkehr der Arbeitsvorgänge eine exakte Berechnung
und Gliederung der gesamten Schichtzeit durchgeführt
wäre. Jedoch ergab die Nachprüfung aus eigener An-
schauung und Beobachtung, daß von-einer solchen exakt
bis.auf die Minute geregelten Wiederkehr der Arbeitsvor-
gänge während der Beschickung nicht die Rede sein kann,
sondern daß sich im Anschluß an den jeweiligen Gang des

') Daß wir diese Zeitstudien hierfür benutzen, ist um so mehr
gerechtfertigt, als in die Denkschrift häufig genug die wirtschaftlichen.
Probleme hineingezogen sind und es nun interessant ist, zu beobachten;
in welchem Maße dabei die Problematik dieser wirtschaftlichen Seite der
Arbeitszeitfrage beachtet wurde.
        <pb n="25" />
        3165. —
Hochofens die Länge der einzelnen Arbeitszeitabschnitte
dauernd gegeneinander verschiebt ?).

Dieser Schematismus in der Berechnung veranlaßt auch
die Einteilung der Arbeitszeit in Arbeitsdienst, Beobach-
tungsdienst, Arbeitsbereitschaft und Pausen, die zwar ge-
rade dazu dienen soll, für die verschiedene Inanspruch-
nahme des Arbeiters in der Arbeitszeit scharf begrenzte
Begriffe zu schaffen ?), jedoch an der Lösung der hier wich-
tigen Probleme vorbeiführt, da sie an der völlig einseitigen
Auffassung von der Leistung des Arbeiters als bloßer
„Handarbeit“ orientiert ist. Auch verlangt z. B. die Be-
urteilung der beiden Abschnitte, Beobachtungsdienst und
Arbeitsbereitschaft, die genaueste Zerlegung der Arbeits-
zeit bis in kleinste Einzelheiten, soll die Messung für die
Betriebsführung von Wert sein ®%. Infolgedessen muß ab-
schließend gesagt werden, daß die Zeitstudien der Betriebs-
leitung wohl an die Problematik der effektiven Arbeitszeit
heranführen, ihr selbst aber nicht gerecht werden und in

’) Darüber hinaus brachte die Durchführung eigener Zeitstudien die
Krkenntnis, daß die Zahlenangaben über die Arbeitszeit der Gichter be-
nutzt wurden, ohne noch mit der Sachlage übereinzustimmen, da infolge
einer betriebsorganisatorischen Veränderung eine Verschiebung dieser
ganzen Aufteilung vor sich gegangen sein mußte. Zur Zeit der Durch-
führung dieser Studien wurde nämlich die Erzzufuhr durch besondere
Arbeiter besorgt, die von den Zeitstudien nicht berücksichtigt waren,
während später die mit Erz beladenen Wagen zwar mittels Seilwagen
über die Brücke bis an die Hochofenanlage heran gebracht wurden,
dann aber von den Gichtern zur Gichtschüssel befördert werden mußten,
Da die Zahl der Gichter nicht entsprechend erhöht wurde, ergab sich
notwendig eine Mehrarbeit, die sich bei Aufteilung der Arbeitszeit in
einer Verlängerung des reinen Arbeitsdienstes auswirken mußte, aber in
das Schaubild nicht aufgenommen war.

?) Aus der Denkschrift des Hüttenwerkes.

3) Man könnte sogar fragen, ob das Verfahren der Betriebsleitung,
das doch nur‘ zu summarischen Schätzungen, nicht aber zu exakten
Schlüssen berechtigt, den vorgesehenen Nachweis der Gesundheitsunschäd-
lichkeit des Zweischichtensystems im Hochofenbetriebe erbringt.
        <pb n="26" />
        10
dieser Form nicht als ein Weg zur Lösung der Schwierig-
keiten angesehen werden können.
$ 7. Zeitstudien und Arbeitsauffassung.

Ehe nach der Kritik des vorliegenden Materials darge-
stellt werden kann, was Sinn und Aufgabe solcher Zeit-
studien speziell für unsere Problematik sein muß, ist die
Auffassung der Arbeit, die sich aus dem geschilderten
Charakter der Zeitstudien und aus ihrer Verwertung er-
gibt, einer kritischen Untersuchung zu unterziehen; sie führt
darüber hinaus zugleich zu der Bestimmung des wirklichen
Tatbestandes der Arbeit im Hochofenbetriebe. Die Methode
der Beobachtung der Arbeitsfunktionen, für die der Begriff
„reiner Arbeitsdienst“ geprägt wurde, und ihre Bezeichnung
als „eigentliche Arbeitsleistung“ 1), läßt erkennen, daß
unter Arbeit die rein körperliche Arbeit, die „Handarbeit“,
verstanden, daß also diese allein als eigentliche Leistung
gewertet wird, während der Beobachtungsdienst kaum noch
dazu gerechnet, geschweige denn die Arbeitsbereitschaft
überhaupt dafür in Betracht gezogen wird. Nach Form
und Inhalt findet sich ganz die gleiche Auffassung der
Arbeit in anderen Erhebungen oder Denkschriften, die dem
Verfasser über Hüttenwerke des Ruhrgebiets sowie Mittel-
deutschlands und Oberschlesiens zugänglich waren, wo in
gleicher Weise ausschließlich die Handarbeit oder die kör-
perliche Anstrengung zum Maßstab der Leistung des Hoch-
ofenarbeiters gemacht wird.

Nun ist es an sich schon „so oBerflächlich wie nur
möglich“, angesichts der Tätigkeit des Industriearbeiters
„von »Handarbeit« zu reden, von »körperlicher Arbeit«“. „Nie
betätigt sich die Hand, ohne mindestens einer Aufmerk-
samkeit der Sinne bedürftig zu sein“ ?). Ferner führt

_ 2) Diese Begriffe sind der Denkschrift des Hüttenwerkes entnommen.

*) v. Gottl-Ottlilienfeld, Arbeit als Tatbestand des Wirtschafts-
lebens, „Arch. f. Sozialwissenschaft und Sozialpolitik“, 50. Ba., 1. H.
S. 308, Tübingen 1922.
        <pb n="27" />
        Za17. —

„Unsere ganze technische Entwicklung ... dazu, körperliche
Arbeit immer mehr der unbelebten Natur zu übertragen
und dem Arbeiter psychisch geistige Leistungen, wie Auf-
merksamkeit und scharfe Beobachtung zuzuweisen“ ?), so daß
es durchaus abwegig und unfruchtbar erscheint, jetzt er-
neut gerade diese Seite menschlichen Handelns als aus-
Schlaggebend in den Mittelpunkt einer Untersuchung zu
stellen. Sonst entsteht jener Schematismus, der die mensch-
liche Arbeit der maschinellen Leistung mehr oder weniger
gleichstellt und dadurch den Weg zum Verständnis des
Charakters der einzelnen Leistungsfunktionen im Arbeits-
prozeß versperrt. Das ist aber für das Schichtproblem als
Frage nach dem wirtschaftlichen Ertrage der Produktion
von besonderer Bedeutung, da von hier aus eine Ratio-
nalisierung des Betriebes in Richtung einer Einsparung
persönlichen Leistungsaufwandes möglich wird, etwa im
Wege rationellerer Zusammenordnung der einzelnen Ar-
beitsfunktionen auf die Arbeiter oder Arbeitergruppen.

Gegenüber jener einseitig von außen herangetragenen
Auffassung der Arbeit im Hochofenbetrieb gilt es, aus-
gehend vom Tatbestand der Arbeit im Wirtschaftsleben
überhaupt, den Charakter dieser Arbeit folgerichtig aus der
Gestaltung des Betriebsganzen zu erfassen und aus dieser
Erkenntnis die Aufgaben und Möglichkeiten der sog. „aus-
führenden Arbeit“ im Hochofenbetrieb zu bestimmen. Die
Darlegungen darüber schließen sich im wesentlichen an
die Entwicklung des Problems in v. Gottl-Ottlilienfeld’s
„Arbeit als Tatbestand des Wirtschaftslebens“ ?) an, wo
die aus eigenen Beobachtungen im Hüttenwerk gewonnene
Charakterisierung der Arbeit Ergänzung und Vervoll-
kommnung fand; sie beschränken sich wieder auf die beiden
Wichtigsten Arbeitergruppen im Hochofenbetriebe, auf die

1) Herkner, Arbeit und Arbeitsteilung, in „Grundriß der Sozial-
ökonomik“, Tübingen 1923, 1. Buch B_IV, S. 269.

2?) loc. cit,

Schriften der Gesellschaft für Soziale Reform. Heft 79.

»
        <pb n="28" />
        — 18 —
Gichter und Schmelzer, die auch im Mittelpunkt der Zeit-
studien der Betriebsleitung standen.

Deren Tätigkeit ist gleich allen sonstigen Vorgängen
mechanischer und chemischer Art eingegliedert in die
„Wirkungsfolge, die einen. Betrieb ständig durchströmt“.
„Diese Folge wiederkehrender Wirkungen kraft eigener
Wirkung speisen zu helfen“ !), darin besteht das ganze
Handeln z. B. der Gichter auf der Gichtbrücke und in Ab-
hängigkeit davon der Koks- und Kalksteinlader auf der
Hochofensohle. Ebenso ist das Tun und Treiben der
Schmelzer auf der Arbeitsbrücke lediglich „als Zutat zu
dieser Wirkungsfolge“ zu verstehen. „Ganz und gar un-
selbständig zu sein, bei seiner fortwährenden Wiederholung,
ergibt den ersten Wesenszug dieses Handelns“, als dessen
zweiten wir „das Bruchstückhafte, Fragmentarische“ seiner
Art bestimmen können; denn zur Erfüllung des grund-
sätzlich einzigen Zweckes, auf den jeder Werkbetrieb aus-
gerichtet ist, zur Herstellung eines Produktes, hier also
des Roheisens, steuert die Tätigkeit der Gichter durch die
Beschickung im Verlauf der Wirkungsfolge „stets nur
wiederkehrende Teile“ bei.

Im Hochofenbetrieb liegen also bei Beschickung und
Abstich typische Formen des „betriebsgerechten
Handelns“ vor, „das mit seiner ganzen Eigenart den Betrieb
bejaht, in dem es selber in stetem Einerlei verläuft“, ein
Handeln, dessen Träger in der vollen Betriebsgebundenheit
stehen. T

Zu diesem betriebsgerechten Handeln, das durch den
Betrieb beherrscht wird und jener „ausführenden Arbeit“
gleichzusetzen ist, tritt in scharfen Gegensatz das „be-
triebsgestaltende Handeln“, das über den Betrieb
herrscht.‘ Dieses betriebsgestaltende Handeln hat es mit

*) Diese und die folgenden Zitate und Begriffe sind dem zitierten
Aufsatz von v. Gottl-Ottlilienfeld (vgl. S. 16, Anm. 2) entnommen.
        <pb n="29" />
        Gründung und Aufbau des Betriebes zu tun, mit der Ge-
staltung der Wirkungsfolge und mit der Einordnung jenes
betriebsgerechten Handelns in diese Wirkungsfolge. Schließ-
lich „nimmt aber auch der laufende Gang des Betriebes
das gestaltende Handeln dauernd in Anspruch“; „dieser
dauernde Fortlauf des betriebsgestaltenden Handelns“ ist
„als die tätige Sorge für den gedeihlichen Bestand des
Gebildes“ notwendig, weil „der Betrieb ... geleitet und
überwacht sein“ will. Daher muß im Hinblick auf den
sogenannten Beobachtungsdienst, den vor allem der erste
Gichter und der Vorschmelzer in Überwachung des Ofen-
prozesses besorgen, gefragt werden, ob hier nicht etwas
wie ein betriebsgestaltendes Wirken vorliegt, wenn etwa
der Gichter das „Hängen“ !) im Ofen feststellt und daraufhin
besondere Maßnahmen veranlaßt, oder der Vorschmelzer
am _ Schlackenaustrittsloch eine Eisenexplosion beobachtet
und sofort die Abstellung des „heißen Windes“ anordnet,
dadurch eingreifend in den weiteren Verlauf der Wirkungs-
folge.

Nun ist es zwar deutlich, daß wir es hier keinesfalls
mit betriebsgerechtem Handeln zu tun haben, das, „Zanz
und gar unselbständig“, in der vollen Betriebsgebundenheit
Steht; vielmehr liegt hier tatsächlich eine Gestaltung vor,
denn „jegliche Reparatur, . . . indem sie ein gestörtes Ganzes
wiederherstellen will“, hat etwas von Gestaltung an sich.
Aber als betriebsgestaltendes Wirken ist es. darum doch
Nicht anzusprechen, sondern als ein „betriebssprödes
Handeln“, denn ihm ist _die Form des Betriebes auf-
gezwungen, wenn auch nicht in dem ausschließlichen Sinn
wie dem betriebsgerechten Handeln. Innerhalb dieser
Grenzen muß dies Handeln im Beobachtungsdienst „aus Zwang
der Individualisierung“ „allemal ein gestaltendes“ bleiben,

' D. h. daß die Erz- und Koksmassen sich festgesetzt haben und
Nicht kontinuierlich nach unten sinken.

19
Os
        <pb n="30" />
        — 0
muß „sich selber jedesmal bis ins Letzte erneuern“, denn
diese Störungen treten völlig unberechenbar auf und ver-
Jangen ein immer wieder andersartiges Eingreifen in den
Verlauf der Wirkungsfolge.

Freilich bleibt. ihm „die Betriebsgebundenheit nicht
erspart“, und daher gehört das betriebsspröde Handeln
grundsätzlich zusammen mit dem betriebsgerechten Handeln
und bildet mit ihm das „betriebsfüllende Handeln“,
das dem betriebsgestaltenden Handeln gegenübersteht, wo-
mit die drei verschiedenen Formen menschlichen Handelns
im Betriebe eindeutig und klar erfaßt sind. Nun ist es
jedoch nicht so, daß diese verschiedenen Formen mensch-
lichen Handelns im Betriebe immer schroff voneinander
geschieden werden könnten, sondern die Grenzen zwischen
ihnen sind in der Praxis oft genug fließend. Daneben
findet sich auch vielfach „Personalunion“ jenes zweierlei
Handeln, das sich gestaltend und betriebsfüllend auswirkt;
so ist besonders vom Bauern und vom Handwerker zu
sagen, „daß er zugleich gestaltend wirkt und betriebs-
füllende Verrichtungen vollzieht“. „Sehr abgeschwächt
gilt“ dies „noch für den »gelernten« Arbeiter, und selbst,
soweit man ihm nebensächliche Aufgaben selbständig zu
lösen überläßt, auch für den »ungelernten« Arbeiter“.
$ 8. Die Verwendung von Zeitstudien bei der Betriebs-

gestaltung zur Steigerung der Produktivität.

Wenn es sich für unsere Untersuchüng um das Problem
einer Steigerung der Produktivität im Hochofenbetrieb
(s. S. 6) handelt, die beim Übergang vom Zwei- zum Drei-
schichtensystem erstrebt wird, und wenn dabei die Frage
auftaucht, wie weit eine Steigerung der Produktivität auf
dem Wege gesteigerter „Arbeitsintensität“ erreicht werden
kann, so ist es selbstverständlich, daß jedes betriebsgerechte
Handeln, das völlig an den Gang der Wirkungsfolge im
Hochofenbetriebe gefesselt ist, schwerlich zur Steigerung
        <pb n="31" />
        — el —

der Produktivität des Betriebes durch eigene ver-
mehrte Anstrengung beitragen kann. Die beiden im
Hochofenbetriebe wichtigsten Arbeitergruppen, die Gichter
und Schmelzer, stehen aber nicht immer in der vollen Be-
triebsgebundenheit unter dem Zwange betriebsgerechter
Verrichtungen, sondern haben wegen der Eigenart des
Hochofenprozesses in der sogenannten Arbeitsbereitschaft
einen freien Raum zur Verfügung, um bei Störungen, die
nicht selten vorkommen, sowie zur Bewältigung anderer
unerwarteter Aufgaben in Aktion zu treten. Hier ist zu
fragen, ob nicht dadurch die Möglichkeit zu einer Steige-
rung der Leistungsintensität und -auf diese Weise der
Produktivität des Betriebes gegeben wird. Da die Störungen
überraschend auftreten, ist es _nicht angängig, die Arbeiter
mit anderen fortlaufenden und festgeregelten Arbeiten zu
beschäftigen; deshalb muß die Frage nach einer Steigerung
der Leistungsintensität mit der Möglichkeit rechnen, daß
der Arbeiter jederzeit von jenen Aufgaben in Anspruch
genommen wird. Wenn daher die Verkürzung der Arbeits-
zeit die Möglichkeit zu stärkerer Heranziehung der Arbeiter
bietet, so muß die für diese Zeit von ihm geforderte Leistung
jederzeit die Übernahme anderer Tätigkeit gestatten. Das
ist. im Hochofenbetriebe nur möglich, wenn die Gestaltung
der Leistung innerhalb ihrer Grenzen dem Arbeiter selbst
überlassen bleibt, d.h. wenn man vom Arbeiter lediglich
betriebssprödes Handeln fordert... Hand in Hand damit
könnte eine Steigerung der Leistungsintensität gehen bei
der Beseitigung von Störungen selbst, die gleichfalls ein
betriebssprödes Handeln darstellt. Auf diese Weise ließe
sich eine Steigerung der Produktivität erzielen, die eine
Minderung des Lohnaufwandes herbeiführen könnte.

Ein Beispiel dafür ergab_sich_bei der Untersuchung
der Zeitstudien_über die Arbeitszeit der Gichter: Als die
Erzzufuhr direkt aus dem Bergwerk zur Gichtbrücke —
anstatt wie bisher von Gichtern — durch eine Seilbahn

DT
        <pb n="32" />
        22 —

besorgt wurde, trat eine Neuregelung für das betriebs-
gerechte Handeln ein, das die Gichter zu leisten hatten,
und zwar in der Weise, daß nicht mehr wie bisher jedem
Hochofen eine besondere Arbeitsgruppe zugeteilt, sondern
die Beschickung beider Hochöfen einer einheitlich zu-
sammengefaßten Arbeitsgruppe anvertraut wurde. Diese
Neuregelung war nur möglich, weil der Arbeitsgruppe im
Rahmen ihrer nur in ihren Grenzen genau festgelegten
Arbeitsaufgabe Spielraum zur Gestaltung ihrer Leistung
überlassen blieb, indem sie in ihrer Gesamtheit für
die Speisung beider Hochöfen verantwortlich gemacht wurde;
dadurch daß so der Gruppe über ihr betriebsgerechtes
Handeln hinaus die Möglichkeit zu betriebssprödem Handeln
gegeben wurde, blieb neben dem Zweck der Neuregelung
auch die Beseitigung plötzlich eintretender Störungen ge-
währleistet. Durch diese Neuregelung wurde eine Ein-
sparung persönlichen Leistungsaufwandes in Höhe von
30—40 % erzielt.

Solche Betriebsgestaltung setzt allerdings ganz exakt
durchgeführte Zeitstudien über die Leistungszeit betriebs-
gerechten Handelns Voraus; diese würden sich sowohl einer
exakten Feststellung der Leistungszeit einzelner Arbeiter,
wie etwa des Vorschmelzers, als vor allem auch der von
Arbeitsgruppen als einheitlichen Größen zuzuwenden haben.
Dabei hätten sie Unterlagen zu bieten für die Ermöglichung
betriebsspröden Handelns zur Einsparung und volleren Aus-
nutzung persönlichen Leistungsaufwandes.

Was betriebsorganisatorisches Wirken unter Verwen-
dung exakter, zuverlässiger Zeitstudien in dieser Richtung
erreichen könnte, dafür sei hier eine Konstruktion gegeben
bei der unterstellt wird, daß die untersuchten Zeitstudien,
die die Betriebsleitung über die Leistung der Schmelzer
beim Abstich angestellt hatte, solchen Anforderungen ge-
nügten: Der reine Arbeitsdienst war hier auf 4 Stunden
15 Minuten berechnet, so daß nach Abzug von 2 Stunden
        <pb n="33" />
        Pausen 5 Stunden 45 Minuten für die Arbeitsbereitschaft
verblieben. Da nach Angabe der Betriebsleitung die Ar-
beiter sich in dieser Zeit meist in einer nahe dem Arbeits-
platze gelegenen Bude ausruhen können und nur auf An-
forderung zur Leistung bereit stehen müssen, kann sich
beim Übergang vom Zwei- zum Dreischichtensystem infolge
der Länge der Arbeitsbereitschaft das Augenmerk darauf
richten, ob nicht in der Achtstundenschicht eine stärkere
Heranziehung der Belegschaft zur Leistung .durchführbar
sei. Da auch die Schmelzer als Arbeitsgruppe gefaßt
werden könnten, die in stoßartigem Einsatz, wie es der
Abstich erfordert, ihre Leistungen abzugeben haben, wäre
zu fragen, ob nicht bei dieser Verkürzung der Arbeitszeit
einer einheitlichen Arbeitsgruppe die Bedienung beider
Hochöfen übertragen werden könnte, wie das unter dem
Zweischichtensystem schon bei den Gichtern geschehen war.
Es wäre dann eine genaue Berechnung und Ordnung der
Abstichzeiten, die alle 4 Stunden wiederkehren, in der Art
vorzunehmen, daß die Arbeitsgruppe immer abwechselnd
dem einen und dann dem anderen Hochofen mit ihrer
Leistung zu dienen hätte. Für die Schmelzer würde sich
bei Zuverlässigkeit der Zeitstudien, nach denen der reine
Arbeitsdienst 85 Minuten beträgt, folgende Aufteilung der
Leistungszeit in der Achtstundenschicht ergeben:
Abstich des ersten Hochofens 6,30 Uhr bis 7,55
Arbeitsbereitschaft 708 2 1m 830
Abstich des zweiten Hochofens 8,30 „ »„ 9,55
Arbeitsbereitschaft 955 „, „ 10,30
Abstich des ersten Hochofens 10,30 „ „ 11,55
Arbeitsbereitschaft 1155 „1230
Abstich des zweiten Hochofens 12,30 „ „ 155.
So käme ein Arbeitsdienst von 5 Stunden 40 Minuten
und eine Arbeitsbereitschaft von 2 Stunden 20 Minuten
zustande. Dann brauchte beim Übergang zum Dreischichten-
system nicht nur die Mehreinstellung einer neuen Schicht-

2
        <pb n="34" />
        ED

belegschaft zu unterbleiben, sondern es würden sogar für
beide Hochöfen statt bisher 4 Belegschaften 3 genügen,
so daß eine bedeutende Einsparung von persönlichem
Leistungsaufwand stattfände, die sich in einer erheblichen
Minderung des gesamten Lohnaufwandes auswirken würde,
selbst wenn im Hinblick auf die Möglichkeit umfangreicher,
gleichzeitiger Störungen an beiden Hochöfen die frühere
Zahl einer Belegschaft um einige Posten vermehrt werden
müßte. Voraussetzung dieser Neuregelung, zumal in Rück-
sicht auf Störungen, wäre, daß der Arbeitsgruppe ebenso
wie den Gichtern innerhalb der bestimmten Grenzen ihrer
Aufgabe die Freiheit zu eigener Gestaltung ihrer Leistung,
d. h. zu betriebssprödem Handeln gegeben wird.

Die Möglichkeit solcher Gestaltung des Betriebes zur
Höchstleistung setzt die Erfassung des Wesens der Arbeit
vom Betriebsganzen her voraus, wie sie oben (siehe S.17 ff.)
versucht wurde; nur so kann das Problem einer vollen
Ausnutzung der Arbeitszeit richtig gelöst werden, das beim
Übergang vom Zwei- zum Dreischichtensystem den Kern-
punkt der Lohnfrage bildet.

Zweiter Teil.
Arbeitszeit und Produktivität.

Nach Aufdeckung der Problematik der effektiven
Arbeitszeit sind die Zusammenhänge von Arbeitszeit und
Produktivität zu klären. Einen Weg dazu bietet eine
vergleichende Statistik der Belegschaftszahlen und der
Produktionsziffern, denn aus der Bewegung, in die etwa
Belegschaft und Erzeugungsmenge anläßlich einer Arbeits-
        <pb n="35" />
        zeitveränderung geraten, können deren Wirkungen auf die
Produktivität ermittelt werden.

Da beim Wechsel des Schichtsystems eine unmittelbare
Veränderung der Belegschaftszusammensetzung anzunehmen
ist, muß zunächst die Problematik der Belegschaftsstatistik
behandelt werden; erst danach kann unter Heranziehung
der Produktionsstatistik der Einfluß der Arbeitszeitver-
änderung auf die Produktivität des Betriebes untersucht
werden. Auch hier waren Beobachtungen und Studien
der gesamten Arbeitsvorgänge innerhalb des Hochofen-
betriebes erforderlich, die den Ausgangspunkt für die
folgenden Erörterungen bilden.

Nun ist nach einem bekannten Worte die Statistik eine
Methode, mit der man „alles beweisen und alles widerlegen
kann“. „Jedoch trifft dieser Vorwurf nicht die statistischen
Methoden, nach denen man das zugrunde liegende Material
behandelt, sondern er betrifft die Methode der Gewinnung
dieses Zahlenmaterials“ !). Die Methoden der Gewinnung,
ihre Unterlagen müssen gerade in der arbeitswissenschaft-
lichen Statistik aufs schärfste geprüft werden, um die
Kausalverknüpfung der verschiedenen Ergebnisse exakt
aufdecken zu können. Der Sinn dieser Statistik ist nach
Lipmann der, daß man zwei (oder mehr) Zahlen zwei (oder
mehr) Veränderungen einer Bedingung zuordnet. „Wenn
man nun den Schluß ziehen will, daß zwischen dem Ver-
hältnis der beiden Zahlen und der Veränderungen jener
Bedingung ein Abhängigkeitsverhältnis besteht, so muß die
Annahme gerechtfertigt sein, daß alle sogenannten Neben-
umstände die gleichen geblieben sind, oder unerheblich
waren“ *).

In seiner auf dem Gebiet der Arbeitszeitfrage grund-
legenden Untersuchung in den Zeißwerken war es Abbe
dank der besonders günstigen Umstände, die er teils vor-
2) Lipmann, Zur Methodik der Arbeitswissenschaft in „Die Arbeit“
1925, Heft 8, S. 477.

25
        <pb n="36" />
        — 95 —
fand, teils selbst als Leiter der Zeißwerke zu schaffen
verstand, gelungen, diese Forderung nach Ausschaltung
aller Störungen und Nebenumstände weitgehend zu erfüllen,
so daß dort auf Grund ausgiebiger Verwertung einer Lohn-
statistik von Akkordarbeitern sowie an Hand einer Ver-
gleichung des Nutzeffektes der Maschinen vor und nach
der Arbeitszeitveränderung berechtigte Schlüsse über den
Zusammenhang - von Leistungssteigerung und Arbeitszeit-
verkürzung gezogen werden konnten. Für gewöhnlich wird
jedoch bei solchen Untersuchungen mit Lipmann festzu-
stellen sein, daß „diese. Annahme“ — „daß alle solchen
sogenannten Nebenumstände die gleichen geblieben sind
oder unerheblich waren“ — „bei arbeitswissenschaftlichen
Statistiken wegen der unerhörten Zusammengesetztheit
der hier herrschenden Bedingungen fast immer falsch“ »
ist. Daher bedarf es vor einer Beurteilung der Ergebnisse,
die aus den Beziehungen zwischen Belegschafts- und Pro-
duktionsstatistik im Hochofenbetrieb für den Einfluß einer
Arbeitszeitveränderung entnommen werden, einer genauen
Prüfung ihres Zahlenmaterials, die zweckmäßig zunächst
für jedes Gebiet gesondert durchzuführen ist. Die Aufgabe
besteht dabei vor allem darin, die störenden Nebenumstände
und ihre etwaigen Veränderungen genau zu registrieren,
denn „in dieser Beobachtung und sorgfältigen Registrierung
aller "möglicherweise erheblichen Nebenumstände, nicht in
der Gewinnung irgendwelchen Zahlenmaterials überhaupt
liegt die eigentliche Schwierigkeit der Arbeitswissen-
schaft“ *), der auch diese Untersuchung nachzugehen hat.
Danach gilt es, über die Erheblichkeit oder Unerheblich-
keit solcher Nebenumstände auf Grund objektiver Be-
trachtung der Tatsachen zu entscheiden, mit dem Ziel,
zur Aufstellung arbeitswissenschaftlicher „Gesetzmäßig-
keiten“ oder Erfahrungen zu kommen.
*) Lipmann a. a. 0. 8. 477.

IDG
        <pb n="37" />
        I. Abschnitt.
Belegschaft und Wechsel des Schichtsystems.

$ 9. Die Belegschaftsstatistik der Werksleitung.

Bei der Untersuchung der Belegschaftsstatistik, die die
Werksleitung aufgestellt hatte, richtete sich das Augen-
merk wieder vor allem auf die direkt am Hochofen selbst
beschäftigten Arbeitergruppen, um über deren Umgestal-
tung, soforn sie als Folge einer Arbeitszeitveränderung
aufzufassen war, nach Form und Umfang ein klares Bild
zu erhalten. An sich müßte theoretisch bei Übergang zum
Dreischichtensystem eine Erhöhung der Belegschaft um
50% in Erscheinung treten, während eine Rückkehr zum
Zweischichtensystem eine Verminderung der Belegschaft
um */, zur Folge hätte. In den Erhebungen der Werks-
leitung findet sich jedoch die Feststellung, daß die Gesamt-
belegschaft des Hüttenwerkes bei einem Friedensstand
= 100%, *) unter dem Zweischichtensystem durch Ein-
führung der achtstündigen Arbeitszeit Ende 1918 allmählich
bis auf etwa 192%, im Jahre 1923 gestiegen sei, während
bei Wiedereinführung der Friedensarbeitszeit eine ganz
erhebliche Senkung vorgenommen werden konnte ?). Analog
wird für den Hochofenbetrieb erwiesen, daß 1923 eine Be-
legschaft in Höhe von 200%, beschäftigt war gegenüber
einer Friedensziffer = 100%, d. h. die Einführung des
Achtstundentages habe nicht etwa eine Vermehrung der
Belegschaft um 50%, wie sich theoretisch errechne, ge-
bracht, sondern um 100%, %. Damit werden die starken
Verschiebungen der Belegschaftszahlen ausdrücklich auf die

1) Die konkreten Zahlen wurden in Verhältniszahlen umgerechnet
(vgl. S. 9 oben). .

2?) Aus der Denkschrift des Hüttenwerkes.

7
        <pb n="38" />
        Umstellung vom Zwei- zum Dreischichtensystem, also auf
die Arbeitszeitveränderung, zurückgeführt.
Bei einem Vergleich dieser Angaben der Werksleitung
mit einer zeichnerischen Übersicht, die den Belegschafts-
stand des gesamten Hüttenwerkes wie des Hochofenbetriebes
für den Zeitraum von 1913 bis 1924 in zwei Kurven ver-
anschaulichte, fiel ein erheblicher Unterschied in dem Aus-
maß ihrer Schwankungen ins Auge und forderte zur Unter-
suchung dieser Unstimmigkeit heraus: Während die Kurve
der Gesamtbelegschaft den Angaben der Werksleitung
entsprach, hatte die Besetzung des Hochofenbetriebes 1923
gegenüber 1913 nur eine Zunahme um 15%, gegenüber
1914 um 27%, erfahren, was im Gegensatz zu den er-
wähnten Folgerungen der Werksleitung einen Unterschied
von 85 bzw. 73 °/, ausmacht. Die Heranziehung der übrigen
statistischen Erhebungen ergab allerdings eine Vvor-
herrschende Übereinstimmung mit den Zahlen der Werks-
leitung, so daß der Fehler im Schaubilde liegen mußte.
Eine Nachforschung auf Grund des Zahlenmaterials im
Kalkulationsbüro führte zur Aufdeckung dieser Unstimmig-
keit. Es wurde festgestellt, daß wahrscheinlich bei Auf-
stellung der zeichnerischen Übersicht für 1913—14 die
gesamten Transportkolonnen zu der Hochofenbelegschaft
gerechnet waren. Dieses Beispiel gab deutlich zu erkennen,
wie ein Fehler in der Zusammenordnung an sich durchaus
der Wirklichkeit entsprechender Zahlen das ganze Bild
verfälschen und demgemäß zu ungerechtfertigten Schlüssen
Anlaß geben kann.
$ 10. Auswertung der Belegschaftsstatistik: Die un-
verhältnismäßige Zunahme der Belegschaft bei der Ein-
führung des Dreischichtensystems.
Die Forschung nach der Ursache der unverhältnis-
mäßig hohen Steigerung des Belegschaftsstandes beim

DR
        <pb n="39" />
        —— U —
Übergang zum Dreischichtensystem wurde in die gleiche
Richtung gewiesen, in der sich neuere Untersuchungen
über die Wirkungen des Achtstundentages bewegen !):
Dort wird der Nachweis versucht, daß die ungünstigen
Auswirkungen des Achtstundentages an Hand statistischer
Erhebungen sich vor allem aus der Tatsache einer ver-
schiedenartigen Zusammensetzung der Arbeitergruppen vor
und nach seiner Durchführung ergeben. So bringt Vleugels
in seinem Aufsatz über den „Achtstundentag in Deutsch-
land“ ?) die Feststellung, daß „das Problem des Achtstunden-
tages ... vorwiegend ein Problem der sog. «Unproduk-
tiven»“ sei. Zu diesen Unproduktiven werden „die. ge-
wissermaßen nur mittelbar an der Produktion beteiligten
Arbeiter und Angestellten“ gerechnet, während als „Pro-
duktive“ jene Arbeiter gelten, „die mit der. Hand oder
der Maschine das Produkt bearbeiten, verändern, ihm eine
neue Form geben usw.“. Die unverhältnismäßige Steige-
rung der Belegschaftszahlen bei der Arbeitszeitverkürzung
wird auf eine Zunahme der Unproduktiven zurückgeführt,
die nicht in Proportion stand zu der Veränderung in der
Gesamtzahl der Arbeiter. So führt Vleugels selbst auf
Grund von Berichten über das Siemens- Werk einen Unter-
Schied von 67°, zwischen den beiden Erhöhungen an ?).
Ohne vorerst auf diese Einteilung der Arbeiter in
kritischer Untersuchung ihres Sinnes und ihrer Berechtigung
einzugehen, muß im Anschluß an diese Behauptungen
geprüft werden, wie es mit der Frage der Unproduktiven
in der Zusammensetzung der Hochofenbelegschaft vor und
') Vgl. z. B. Bolz, Produktionsverteuerung — Produktionsminderung,
in „Technik und Wirtschaft“, 1924, Heft 2; ferner Litz, „Wie können
wir die gegenwärtige Wirtschaftskrisis überwinden“ ?, in Borsig-Zeitung,
I. Jahrg., 1924, Nr. 8/9; weitere Angaben in „Wirtschaftskurve der Frank-
furter Zeitung“, 1922, Heft 2, S. 55f.; Heft 3, S. 61.
2) Aa. O. S. 21)

2Q
        <pb n="40" />
        nach Einführung des Dreischichtensystems stand, und ob
von da aus eine Erklärung für das unverhältnismäßig
starke Anwachsen der Belegschaft zu erwarten ist. Eine
Statistik über die verschiedenen Einzelgruppen der Hoch-
ofenbelegschaft nach dem Stande vom Juni 1913 und dem
Durchschnitt der Jahre 1923 und 1924 gibt Einblick in
ihre Zusammensetzung und deren Veränderung. Der Ver-
gleich der beiden Erhebungen für 1913 und 1923 1äßt
auch hier, vor allem bei den beiden Gruppen, die als
Hauptvertreter der sogenannten Unproduktiven angesehen
werden könnten, bei den „Hilfsarbeitern am Ofen“ und bei
den „Platzarbeitern“, eine Steigerung von 100 % erkennen,
die der Zunahme der Gesamtbelegschaft des Hochofen-
betriebes entspricht. Wenn sie die zu erwartende Er-
höhung um 50% übertraf, die theoretisch auf Grund der
Arbeitszeitveränderung eintreten konnte, so ist als Ursache
dafür nicht ohne weiteres ein Sinken des persönlichen
Leistungseifers der Arbeiter anzuführen, sondern vor allem
die Tatsache, daß nach Angabe der Betriebsleitung lange
Zeit in dem Betrieb viel zu richten und zu ergänzen war,
was im Drang der Kriegszeit unterblieben war!). Darauf
deutet auch die in gleichem Ausmaß gestiegene Zahl der
Maurer und die Neueinstellung einer Gruppe ‚von Stein-
hauern hin.

Diese Begründung der Mehreinstellung von Arbeitern
führt schon von sich aus ohne besondere grundsätzliche
Erörterung dazu, jene Einteilung in produktive und un-
produktive Arbeiter abzulehnen; denn die Beseitigung von
Schäden im Betriebe durch Reparaturen und Ergänzungen
ist genau so nötig für die Produktivität des Betriebes wie
etwa der Vollzug der Leistungen, die direkt am Hochofen-
prozeß in Beschickung und Abstich- beteiligt sind. Die
Einteilung verwendet überhaupt nur „eine technologische

!) Aus der Denkschrift des Hüttenwerkes.

230
        <pb n="41" />
        Terminologie, der man vor allem in der Fabriksprache
begegnet“ *). „Die einzige fruchtbare Frage, die hier...
aufgeworfen werden kann, ist die, ob die Teilarbeiter in
der richtigen Proportion zueinander stehen“ ?). Diese Frage
aber kann nur im Blick auf das Betriebsganze nach den
Grundsätzen rationeller Betriebsführung gelöst werden,
während die schematische Einteilung in produktive und
unproduktive Arbeiter nur „die einfachsten Sachverhalte
bis ins Unlösbare“®) verwirrt und zu völlig verkehrten
Schritten verleiten kann. Wenn diese Unterscheidung
auch für die schärfere Erfassung des Arbeitszeitproblems
von Wert gewesen sein kann, insofern als die Beobachtung
eines verschieden starken Ansteigens der Arbeitergruppen
in der Nachkriegszeit zu einer Revision des Urteils über
die produktionsmindernde Wirkung des Achtstundentages
geführt hat, verdeckt doch wiederum diese schematische
Einteilung, wie „das heimtückisch Problematische dieses
Ausdruckes“ *) überhaupt, oft gerade die wahren Ursachen
der bestehenden Verhältnisse. So wird bei weiterer Unter-
suchung dieser Belegschaftsstatistik der einzelnen Gruppen
im Hochofenbetrieb offenbar, daß gerade die Zahl der nach
jener Einteilung sogenannten produktiven Arbeiter, zu
denen hier etwa die Gichter und die Schmelzer zu zählen
wären, um 100°, und mehr gestiegen sind. Neben der
Reparatur- und Ergänzungsbedürftigkeit des Betriebes wird
seitens der Betriebsleitung als ein anderer Grund für die
übermäßige Mehreinstellung von Arbeitern angegeben, daß
die Unterernährung und der gesundheitliche Zustand vieler
nach schweren Kriegsjahren wieder aufgenommener Arbeiter
es auf lange Zeit erforderlich machten, verschiedene Posten

a) Herkner a. a. 0. S, 296.

2%) Ebenda S. 297.

3) v. Gottl-Ottlilienfeld, Arbeit als Tatbestand des Wirtschaftslebens,
S. 312,

4) v. Gottl-Ottlilienfeld, ebenda, S. 312

21
        <pb n="42" />
        verstärkt zu besetzen ?!). So wird die Erhöhung der Zahl
der Gichter und Schmelzer verständlich, zumal wenn man
bedenkt, daß von ihnen neben schwerer körperlicher Arbeit
auch angespannte Aufmerksamkeit und verantwortungsvolle
Beobachtung des Hochofenprozesses verlangt werden muß,
deren Nachlassen schwere Störungen des Betriebes zeitigen
kann.

Die Vergrößerung der Belegschaft des untersuchten
Hochofenbetriebes in Rücksicht auf den gesundheitlichen
Zustand der Arbeiter sei noch dadurch verstärkt werden,
daß überhaupt, wie auch in der übrigen Industrie, gegen-
über den aus dem Felde zurückkehrenden Arbeitern jedes
mögliche Entgegenkommen bewiesen und sehr viele Leute
eingestellt worden seien, ohne gleichzeitig eine entsprechende
Anzahl während des Krieges angenommener Arbeitskräfte
zu entlassen *). Da gesetzliche Maßnahmen, vor allem die
Demobilmachungsverordnung vom 12. Februar 1920?), die
Entlassung von Arbeitern außerordentlich erschwerten,
konnte eine größere Verminderung der Belegschaft auch
späterhin nicht durchgeführt werden, eine Tatsache, die
ebenfalls „häufig gar nicht erwähnt wird bei Gegenüber-
stellungen von Ziffern über das Wachsen der Arbeiterzahl
nnd das relative Sinken der erzeugten Produktmenge, so daß
auch von hier aus das Konto des Achtstundentages oft
übertrieben belastet erscheint“®%). Hinzu kam, daß aus
politischen Gründen „die Leute lieber_im Werk behalten
wurden, als daß man sie auf die Straße setzte“ *), wo
sie betriebsschädigender Agitation verfallen und in_er-

') Aus der Denkschrift des Hüttenwerkes.

?) RGBL 8. 218.

3) Vleugels, a. a. 0. S. 25.

*) Diese Formel kehrte in den persönlichen Mitteilungen, die dem
Verfasser von Betriebsleitern verschiedener Hüttenwerke gemacht wurden,
immer wieder.

239
        <pb n="43" />
        höhtem Maße zur Störung des Arbeitsfriedens beitragen
würden.

Diese Maßnahme wurde noch dadurch begünstigt, daß
infolge der durch die Inflation oft sprunghaft steigenden
Entwertung der Löhne Lohnmehraufwendungen aufgebracht
werden konnten, die bei einem Zwang zu scharfer Kalku-
lation nicht möglich gewesen wären !). Überhaupt kam es
infolge Unmöglichkeit oder Fehlens scharfer Kalkulation
während der Inflationszeit nicht zu jener Rationalisierung
der Produktion, die durch Einsparung von Arbeitern die
Mehrbelastung aus der Arbeitszeitverkürzung auszugleichen
suchte, wie vor allem Brentano in seiner Studie „Über
das Verhältnis von Arbeitslohn und Arbeitszeit zur Arbeits-
leistung“ ?) dargelegt hat. Freilich fehlte auch der zweite
Beweggrund, den Brentano neben der Verkürzung der
Arbeitszeit als „Anlaß und Voraussetzung einer Steigerung
der Produktivität durch verbesserte Technik“*) aufgestellt
hatte, die höheren Arbeitslöhne, deren Wirkung in dieser
Richtung durch die Inflation aufgehoben wurde.

Auch in der Königs- und Laurahütte in Oberschlesien,
„die für ihre Feuerarbeiter schon 1884 die Achtstunden-
Schicht kennt“, wurden „statt 29 Arbeiter 1913 jetzt (d. h.
1921, der Verf.) 36 Arbeiter in 24 Stunden an einem Hoch-
ofen beschäftigt“ *); das ergäbe eine Erhöhung der Beleg-
Schaftsziffer um rund 24°%,, die besonders deutlich zeigt,
wie eine Steigerung der Belegschaft in der Nachkriegszeit
auch ohne Veränderung der Arbeitszeit vor sich ging.

') Ein Beispiel dafür wird unten S. 78 gebracht.

?) 2. Aufl., Leipzig 1893, S. 36 ff.

3) a. a. O. S. 86.

*) Wolff, Der Achtstundentag, seine Vorgeschichte und die Erfah-
rungen mit seiner Einführung in Deutschland unter besonderer Berück-
sichtigung von Schlesien, Breslau 1921, S. 49.

Schriften der Gesellschaft für Soziale Reform. Heft 79.

33
9
        <pb n="44" />
        Bo DE

Nach allem darf als erwiesen gelten, daß die unver-
hältnismäßige Erhöhung der Belegschaftszahlen nicht
der Arbeitszeitveränderung zur Last gelegt werden kann,
sondern mehr oder weniger auf andere Ursachen zurück-
führbar ist.

$ 11 (Fortsetzung). Die unverhältnismäßige‘
Verringerung der Belegschaft bei der Wiedereinführung
des Zweischichtensystems.

Allerdings könnte das Sinken der Belegschaftsziffern
nach Wiedereinführung des Zweischichtensystems Ende
1923 um 50%, (!) und mehr erneut als Beweis dafür an-
geführt werden, daß der Wechsel des Schichtsystems doch
als Hauptfaktor für diese starke Veränderung im Stande
der Hochofenbelegschaft in Betracht komme. Jedoch kann
die Wiedereinführung des Zweischichtensystems nur zum
Teil als Grund, im übrigen aber lediglich als Anlaß für
diese Verminderung der Belegschaft angesehen werden,
denn hier ist in gleichem Maße das gleichzeitige Wegfallen
jener Momente zu bedenken, denen die übermäßige Er-
höhung der Belegschaftszahlen zugerechnet werden mußte:
Die entscheidenden‘ Paragraphen der Demobilmachungsver-
ordnung, die umfangreichere Entlassungen verhindert
hatten, wurden aufgehoben ?); das traf in seiner Wirkung
zusammen mit dem scharfen Druck, der durch Währungs-
stabilisierung auf die Kalkulation ausgeübt wurde.

Auch die auffallende Ungleichmäßigkeit in der Ver-
minderung der einzelnen Arbeitergruppen zeigt, daß sich
hier andere Beweggründe ausgewirkt haben müssen, denen
neben dem Einfluß der Arbeitszeitverlängerung erhebliche
Bedeutung zuzumessen ist. So verringerte sich die Zahl

') Art. II der Verordnung über Betriebsstillegungen und Arbeits-
streckung vom 15. Okt. 1923 (RGBI. I, S. 983).
        <pb n="45" />
        der Hilfsarbeiter am Ofen auf !/., während die der
Platzarbeiter auf */, sank. Die zum Teil ebenfalls
weit über 33°%, hinausgehende Verminderung der Zahlen
innerhalb von 6 anderen unter den 20 Einzelgruppen einer
Hochofenbelegschaft unseres Betriebes deutet darauf hin,
daß den Arbeitern wieder erhöhte Leistungen zugemutet
wurden *). In gleicher Richtung wirkte eine Betriebsratio-
ualisierung, die z. B. durch die Einrichtung der Seilbahn
für die Beförderung der Erzwagen und durch die An-
Schaffung eines Schlagwerkkranes für die Zertrümmerung
der Masseln eine Einsparung von Arbeitern bei der Be-
Sschickung des Hochofens wie bei der Stapelung des Roh-
eisens zur Folge hatte. Die Durchführung dieser Maß-
nahmen trotz Kapitalmangels ist ein neuer, positiver Beweis
gegen die These Brentanos, daß „die Verteuerung der
Arbeit durch Verkürzung der Arbeitszeit ... Voraus-
setzung von Verbesserungen“ *) in der Betriebsgestaltung
sei. Diese Ansicht kann nicht für alle Verhältnisse, son-
dern höchstens für Zeiten einer ruhigen Wirtschaftsent-
wicklung allgemeine Geltung beanspruchen, während hier
„der nach vollzogener Stabilisierung eingetretene Druck
auch ohne Arbeitszeitverkürzung so stark war, daß er
weitaus genügte“, einen Anreiz zur Betriebsrationalisie-
rung zu bieten, soweit die Möglichkeit der Kapital- und
Kreditbeschaffung es erlaubte 23).

Gerade die allmähliche Abwärtsbewegung der Beleg-
schaftszahlen als Auswirkung dieser Rationalisierung der
Betriebsgestaltung und Betriebsführung nach dem UÜber-
gang zum Zweischichtensystem läßt an ihren Ausmaßen

S Vielleicht kann man annehmen, daß dazu auch eine Besserung
des allgemeinen Gesundheitszustandes der Arbeiter beigetragen hat.

?) Brentano, Der_ Ansturm gegen den Achtstundentag, Berlin
1928, 8. 22.

3) Vleugels, a. a. O0. S. 16.

35
Qu
        <pb n="46" />
        Sn —

erkennen, wie hier der entscheidende Beweggrund für die
weitgehende Veränderung des Belegschaftsstandes zu suchen
ist: Bei Einführung des Zweischichtensystems im Januar
1924 verminderte sich die Belegschaftszahl zunächst nur
um 22%, statt um 50%, wie die Betriebsleitung behauptet
(siehe S. 34); um 33°%,, wie nach theoretischer Berechnung
schon beim Wechsel des Schichtsystems hätte geschehen
müssen, war die Belegschaft erst nach 3 Monaten gesunken
und fiel im ganzen allmählich im Laufe von 6 Monaten
um 51%. Die Gegenüberstellung dieser Zahlenwerte gibt
einen klaren Aufschluß darüber, wie relativ wenig gerade
der Wechsel des Schichtsystems von ausschlaggebender
Bedeutung für die Bewegung der Belegschaftszahlen ge-
wesen ist.

Daß diese umfangreiche Verminderung der Hochofen-
belegschaft: bei Rückkehr zum Zweischichtensystem im
Jahre 1924 nicht vereinzelt dasteht, läßt sich auch aus
Berichten der Großeisenindustrie in den verschiedenen Be-
zirken Deutschlands entnehmen. So sank z. B. nach einer
Mitteilung *) aus der oberschlesischen Montanindustrie die
Zahl der Arbeiter an 2 Hochöfen

von 574 Mann im Dezember 1923
auf 355 Mann im Oktober 1924.

Andererseits sind ebenso auch Veränderungen der Be-
legschaftsziffern in dieser Zeit zu verzeichnen, die sich be-
deutend unter der Höhe halten, die”der Wegfall einer
ganzen Schicht von Arbeitern nach schematischer Berech-
nung mit sich bringen müßte. So wird auch in der Denk-
schrift der „Vereinigung der Deutschen Arbeitgeberver-
bände“ über „Die Arbeitszeitfrage in Deutschland“ ?) für
den Hochofenbetrieb eines großen Hüttenwerkes eine Ver-

1) Val. 8.18, Anm. 2

?) Heft 8 der Schriften der Vereinigung (abgeschlossen August
1924), III. Aufl., Berlin, S. 121,

if
        <pb n="47" />
        HT
ringerung der Belegschaft um 22,1 °%, für Februar 1924
gegenüber Februar 1923 angeführt, während ein Vergleich
der Belegschaften kurz vor und kurz nach dem Wechsel
des Schichtsystems sogar nur eine Verringerung um 8,8%
aufweist. Aus diesen Zahlen läßt sich erkennen, daß nicht
der Wechsel im Schichtsystem den maßgebenden Einfluß
auf die Gestaltung des Belegschaftsstandes ausgeübt haben
kann, sondern daß neben ihm die verschiedenartigsten
Gründe auf das Steigen oder Sinken der Belegschaftsziffern
eingewirkt haben. Da diese anderen Ursachen zum größten
Teil zahlenmäßig nicht irgendwie erfaßbar sind, ist es
nicht möglich, auch nur einigermaßen exakt den Einfluß
der Arbeitszeitveränderung auf diese Bewegung festzu-
stellen. Deshalb konnte die Aufgabe dieser Ausführungen
nur darin bestehen herauszuarbeiten, wie verschiedene Ur-
sachen hier mitgewirkt haben, damit die ganze Problematik
für die arbeitswissenschaftliche Beurteilung der Belegschafts-
statistik sichtbar wird. Erst bei deren vollständiger Be-
rücksichtigung können irreführende Schlüsse über die
Wirkung veränderter Arbeitszeit im Hochofenbetrieb ver-
mieden werden, die auch für die Behandlung der Lohn-
frage im Schichtproblem sachlich ungerechtfertigte Ergeb-
nisse zur Folge hätten.
$ 12 (Fortsetzung). Ausländische Studien.

Auch die Heranziehung ausländischer Studien auf
diesem Gebiet der Arbeitszeitfrage brachte nur Beispiele,
nicht aber in ihren Einzelheiten nachprüfbare Daten über
die Einwirkung der Arbeitszeitveränderung auf die Höhe
der Belegschaften im Hochofenbetrieb. Jedenfalls war es
nach den vorliegenden Resultaten für englische Ver-
hältnisse „in einigen Fällen möglich ... mit einer kleineren
Zahl von Leuten pro Schicht auszukommen“ *), als die Ein-

1) Vernon, Industrial fatigue and efficiency, London 1921, 8. 75.
        <pb n="48" />
        ES 138

führung des Dreischichtensystems theoretisch erfordert
hätte. So erhöhte sich in einem Betriebe bei Übergang
vom Zwei- zum Dreischichtensystem die Belegschaft von
90 auf 102, statt auf 135 Mann; in einem anderen Betriebe
wurden die Leistungen von 18 furnace-fillers!) durch 21
statt durch 27 Mann vollzogen. Dadurch ergab sich z. B.
im letzteren Fall eine Einsparung an Arbeitern von rund
33%, die ausdrücklich auf die Möglichkeit stärkerer Be-
anspruchung der einzelnen Arbeiter bei verkürzter Arbeits-
zeit zurückgeführt wird.

In den Vereinigten Staaten von Nordamerika
wurde das Dreischichtensystem nach heftigem Kampf um
die achtstündige Arbeitszeit in den kontinuierlichen Be-
trieben der Stahlindustrie 1923/24 fast überall eingeführt ?).
Es wird aus der Mehrzahl der Betriebe berichtet, daß
Arbeitgeber wie Arbeitnehmer von der Neuerung im all-
gemeinen befriedigt seien ?®). Wichtig erscheint ferner vor
allem die Tatsache, daß nach „mit größtem Nachdruck“
abgegebenen Erklärungen der leitenden Beamten „der
Arbeiterwechsel unter dem Dreischichtensystem bedeutend
geringer ist als unter dem Zweischichtensystem“ 3), was für
das Produktionsproblem insofern. von hohem Wert ist, als
die Bedienung eines Hochofens genaue Kenntnis seiner
KEigenarten verlangt, um Störungen verhüten und beseitigen
zu können.

Bei Heranziehung dieser Angaben ist jedoch zu berück-
sichtigen, daß es sich in beiden Industrieländern, vor allem
in den U.S. A.,, um ganz andere wirtschaftliche Verhält-
nisse als in Deutschland handelt; daher darf man von hier
aus nicht ohne weiteres den Schluß ziehen, daß die Ent-

') Etwa den Gichtern gleichzustellen.

?) Vgl. Soz. Praxis, XXXII. Jahrg., Nr. 38, Sp. 692.

®) Lipmann, Das Arbeitszeitproblem (2. Auflage), Nr. 865 der Nach-
weise (S. 260).
        <pb n="49" />
        wicklung in Deutschland beim Übergang zum Dreischichten-
system in gleicher Richtung verlaufen werde. Es kann
nur festgestellt werden, wie weit in einem Wirtschafts-
gebiet, das nicht so tiefgreifenden verschiedenartigen
Störungen unterworfen ist wie das deutsche, eine unmittel-
bare Einwirkung der Arbeitszeitveränderung auf die Be-
wegung der Belegschaftszahlen zu beobachten ist. Selbst
wenn bereits ausführlichere Aussagen darüber vorlägen,
so ist nach den eigenen Angaben des Bureau of Labor
Statistics zu urteilen, daß endgültige Folgerungen erst nach
längerem Bestehen des neuen Schichtsystems gefällt
werden können, da die Auswirkungen einer solchen Arbeits-
zeitveränderung sich erst nach und nach zeigen *).

II. Abschnitt:
Erzeugungsmenge und Wechsel des Schicht-
systems.

Nachdem die Problematik aufgezeigt ist, die bei der
Heranziehung der Belegschaftsstatistik beachtet werden
muß, wenn der Zusammenhang von Arbeitszeitveränderung
und Produktivität im Hochofenbetrieb untersucht werden
soll, sind die notwendigen Voraussetzungen für eine frucht-
bare Beurteilung der Produktionsstatistik gegeben, um von
da aus über den Zusammenhang von Arbeitszeit und
Arbeitsleistung im Hochofenbetrieb unmittelbar Aufschluß
zu erhalten. Dabei kommt es zunächst darauf an festzu-
stellen, wieweit der Wechsel des Schichtsystems eine ab-
solute Veränderung in der Höhe des Sacherfolges nach sich
ziehen kann. Da jedoch das Ziel dieser Untersuchung in
einer Klärung der Zusammenhänge zwischen Wechsel des

!) „Wages and hours of Labor in the iron and steel industry
1907—20“. in Bulletin of the United Staates, 1922, Nr. 305, S. 174.

39
        <pb n="50" />
        — A055.
Schichtsystems und Produktivität besteht, so muß die re-
lative Veränderung der Erzeugungsmenge, d.h. das Ver-
hältnis von Belegschaftshöhe und Erzeugungsmenge er-
mittelt werden.
$ 13. Die absolute Höhe der Erzeugungsmenge und
der Wechsel des Schichtsystems.,

Der Hochofen muß wegen der chemisch-metallurgischen
Umwandlungsprozesse im Ofeninnern dauernd unter Feuer
gehalten werden. Ein Wechsel des Schichtsystems kann
daher an sich für die Ausbringung des einzelnen Hochofens
keine absolute Veränderung der Erzeugungsmenge nach
sich ziehen, denn der Hochofen bleibt Tag und Nacht un-
unterbrochen in Gang, ganz gleich, ob die Schichten in
acht- oder in zwölfstündiger Arbeitszeit wechseln. In der
Denkschrift der Vereinigung der Deutschen Arbeitgeber-
verbände über „Die Arbeitszeit in Deutschland“ ist jedoch
der Produktionsrückgang der Eisen- und Stahlerzeugung
überhaupt mit der Einführung der Achtstundenschicht für
die Zeit von 1919 bis 1923 in enge Beziehung gestellt,
wenn auch zugegeben wird, daß „hierbei die Gebietsver-
luste auf Grund des Friedensvertrages eine wesentliche
Rolle spielen“ *). Dagegen wird „die Produktionssteigerung
mit ... dem Übergang zum Zweischichtensystem als offen
erwiesen“ angenommen und durch Zahlenmaterial für den
Hochofenbetrieb eines der führenden Hüttenwerke der
Rheinisch- Westfälischen Eisen- und Stahlindustrie belegt ?).
Danach betrug die Steigerung der absoluten Höhe monat-
licher Produktion bei einem Vergleich von Dezember 1923
und Februar 1924, also unmittelbar beim Wechsel des
Schichtsystems, 27,6 %,.

Da jedoch jegliche Angaben darüber fehlen, welche
anderen Ursachen etwa bei dieser Steigerung des Sach-

7) a. a. 0.8. 101}

?) Ebenda, S. 51.
        <pb n="51" />
        SS AU

erfolges mitgesprochen haben, gilt es ebenso wie bei Be-
handlung der Belegschaftsstatistik, genau zu untersuchen,
ob die Arbeitszeitveränderung ausschließlich oder doch als
Hauptfaktor dafür in. Anspruch genommen werden kann
oder welche anderen Gründe als maßgebend erachtet werden
müssen. Als erster Faktor, der besonderen Einfluß auf die
Quantität der Roheisenerzeugung im Hochofenbetrieb aus-
übt, ist die Beschaffenheit des Materials anzuführen, das
zur Beschickung gelangt. Im Jahre 1913, das meist zu
Vergleichen herangezogen wird, obwohl es eine Rekordziffer
an Roheisenerzeugung brachte, wurden z. B. in einem großen
Hochofenwerk des Ruhrbezirkes!) fast nur hochprozentige
Erze beschickt; in der Nachkriegszeit dagegen, etwa 1923,
war man gezwungen, minderwertige Erze zu verarbeiten,
so daß schon auf diese Weise eine Veränderung der Erzeu-
gyungsmenge entstehen mußte, die nicht dem Wechsel des
Schichtsystems zugerechnet werden darf. Ähnlich verhält
es sich mit den Einwirkungen, die von der Qualität des
zur Beschickung gelangenden Kokses auf die Schnelligkeit
des Durchsatzes im Ofenprozeß ausgehen. In gleicher
Richtung liegen die Einflüsse, die der technische Stand der
Öfen selber mit sich bringt; während des Krieges war aus
ihnen herausgeholt worden, was herausgeholt werden konnte.
Nur notdürftige Reparaturen waren gemacht worden, So daß
z. B. der „heiße Wind“ zum Teil in die Luft ging statt in
die Öfen. Ein anderer Grund für das Sinken der Produk-
tion, dessen Einfluß ebenfalls genau festgestellt werden
muß, liegt darin, daß in der Nachkriegszeit die Öfen oft
nur mit einem bestimmten Quantum beschickt werden
durften, um die Produktion wegen mangelnden Absatzes
zu stoppen, so z. B. bei der Königshütte in Oberschlesien,
wo „versucht wird statt mit 50 t Rohmaterial den Ofen zu
beschicken, ihn mit einem minderen Gewicht zu füllen, was
= 13) Nach einem Bericht in „Der Deutsche Metallarbeiter“, Duisburg
1924. Nr. 47, S. 127.
        <pb n="52" />
        — 425 —
früher nicht vorkam“ !). Damit stoßen wir auf eine weitere
Ursache, deren Beobachtung vor allem für eine Gegenüber-
stellung von absoluten Produktionszahlen bei verschiedenem
Schichtsystem von entscheidender Bedeutung werden kann,
das ist die Lage des Absatzmarktes. Gerade da, wo etwa
Durchschnittszahlen der AErzeugungsmenge verglichen
werden, die aus der Produktionsstatistik der Vor- und
Nachkriegszeit stammen, bedarf es der Nachprüfung, inwie-
weit das Abstoppen der Produktion durch Absatzschwierig-
keiten hervorgerufen wurde und vielleicht sogar zur
„Dämpfung“ eines oder mehrerer Öfen im Betrieb führte.
Andererseits ist zu beachten, daß bei Belebung der Kon-
junktur und lohnendem Absatz, die rasche Erledigung der
Aufträge verlangen, die Produktion nicht nur sofort auf das
normale Maß gesteigert, sondern durch eine vermehrte
Zugabe von Schrott noch weit über den gewöhnlichen
Stand hinausgetrieben werden kann; so wurden in der ab-
soluten Höhe der Monatsproduktion des untersuchten Hoch-
ofenbetriebes Unterschiede bis zu 30%, festgestellt, die
hiermit in Zusammenhang zu bringen sind?). Der ver-
mehrte Zusatz von Schrott kann wiederum auf einer be-
stimmten Preispolitik beruhen, da er sich bei günstigen
Absatzverhältnissen noch lohnt, wenn der Preis für Schrott
60%, des Roheisenpreises ausmacht. Die Möglichkeiten
solcher Steigerung der absoluten Erzeugungsmenge werden
ebenfalls nicht von dem Bestehen des Zwei- oder des
Dreischichtensystems, sondern einmal von der Größe der
Hochofenprofile und andererseits von der Qualität des Roh-
eisens wie der Art seiner Weiterverarbeitung bestimmt.
Die Hochofenprofile sind entsprechend der verschiedenen
Beschaffenheit und Menge der zur Beschickung gelangenden
Erze gebaut, so daß die Höhe der Tagesproduktion hier ihre
*) Wolff, a.7a. 0.8; 49.
?) Aus der Denkschrift und nach Angaben der Werksleitung.

A
        <pb n="53" />
        — 42 —
Grenze findet und eine Steigerung darüber hinaus nur
möglich wird, wenn die Hochofenprofile eine Vergrößerung
erfahren. Daß auch dieser Weg zur Steigerung der Pro-
duktion gegenwärtig beschritten wird, ergibt sich daraus,
daß z. B. in einem Betrieb der Klöckner-Werke ein Hoch-
ofen durch Umbau ‚eine Verdoppelung der Tagesproduktion
erreichte !). Andererseits ist die Höhe der Tagesproduktion
in gewissem Umfange abhängig von der Qualität des Roh-
eisens, die erzielt werden soll, je nachdem wofür man das
Roheisen weiter verwenden will. Der „Durchsatz“ von
Thomaseisen, das im Stahlwerk weiterverarbeitet wird,
braucht nur 12—18 Stunden. während er bei Herstellung
von Gießerei-Roheisen, das sofort in der Gießerei zum Guß
benutzt werden soll, 24 Stunden dauert. Daher kann in
dem einen Falle 100%, mehr ausgebracht werden, ohne
daß das jeweilige Schichtsystem einenbestimmenden Einfluß
darauf ausüben könnte. Eine Beschleunigung des Hoch-
ofenprozesses bei Herstellung von Gießereiroheisen über
das normale Maß hinaus würde seine Qualität der des
Thomaseisens so annähern, daß er für seinen besonderen
Zweck unbrauchbar wäre.

Aus diesen Ausführungen geht hervor, daß die ab-
soluten Veränderungen der Erzeugungsmenge im Hoch-
ofenbetrieb zunächst keinesfalls unmittelbar durch den
Wechsel des Schichtsystems entscheidend beeinflußt werden,
sondern auf die verschiedenartigsten anderen Ursachen zu-
rückzuführen sind. Der jeweilige Einfluß einer Veränderung
der Arbeitszeit auf die Höhe der Produktion kann also
nur dann gemessen werden, wenn alle anderen Faktoren,
die auf die Produktion einwirken, gleich geblieben sind
oder sich in ihrer Auswirkung zahlenmäßig erfassen lassen.
Allerdings kann eine absolute Steigerung der Erzeugungs-

1) Vgl. die erste Montanbilanz in „Deutsche Allgemeine Zeitung“,
Reichsausgabe, 20. Sept. 1925.
        <pb n="54" />
        nn AU

mengen indirekt durch eine Arbeitszeitverkürzung hervor-
gerufen werden, da nach Brentano!) Verkürzung der
Arbeitszeit und die damit Hand in Hand gehende Steige-
rung des Lohnaufwandes für eine technisch bessere Aus-
gestaltung des Betriebes ausschlaggebende Bedeutung er-
langen, weil man auf diesem Wege die Verteuerung der
Gestehungskosten herabzudrücken oder auszugleichen sucht.
Wieweit aber ein Druck zur rationellen Gestaltung des
Betriebes in der Nachkriegszeit auf solchem Einfluß einer
Arbeitszeitveränderung beruht, mußte bereits im Zusammen-
hang mit der kritischen Untersuchung der Belegschafts-
statistik (siehe S. 35/36) in Frage gestellt werden.

$ 14. Die relative Höhe der Erzeugungsmenge und der

Wechsel des Schichtsystems.

Wenn infolge des kontinuierlichen Charakters und
anderer besonderer Bedingungen der Produktion im Hoch-
ofenbetrieb eine absolute Veränderung der Erzeugungs-
menge nicht unmittelbar und auch mittelbar nur sehr
bedingt auf einen Wechsel des Schichtsystems zurückgeführt
werden kann, so bleibt doch die Frage offen, inwiefern
relative Veränderungen der Erzeugungsmenge von ihr
hervorgerufen werden. So ist aus der Denkschrift der
Vereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände zu ent-
nehmen, daß bei den Zahlen „über den Produktionsrück-
gang aus der Zeit von 1919—1923“- „das wesentliche
Interesse der Zusammenhang zwischen Produktion und
Arbeiterzahl“ hat?). Während im Anschluß daran zu-
gegeben wird, daß „für den sich unter Berücksichtigung
der Arbeiterzahl ergebenden gewaltigen Produktionsrück-
gang ,.. natürlich eine ganze Reihe von Gründen be-

’) Über das Verhältnis von Arbeitslohn und Arbeitszeit zur Arbeits-
leistung, S. 364.

” a. 3. 0. 8. 101 u. 108:
        <pb n="55" />
        AD —

stimmend gewesen sind und nicht etwa ausschließlich die
Verkürzung der Arbeitszeit“, wird für die Rückkehr zum
Zweischichtensystem die absolute „Erhöhung der Produktion
infolge längerer Arbeitszeit“ *) als unanfechtbare Tatsache
behauptet und als weiteres Ergebnis festgestellt, daß „die
Leistung des Einzelnen gesteigert werden“ konnte *).

Worauf diese Gründe für das Sinken und Steigen der
Leistung des Einzelnen beruhen, und inwiefern die Arbeits-
zeitveränderung für dieses Auf und Ab eine ausschlag-
gebende Rolle spielt, läßt sich wiederum am sichersten an
den Untersuchungen der konkreten Verhältnisse des Hoch-
ofenbetriebes darstellen, denen sich daher die folgenden
Ausführungen erneut zuwenden. Zwei größere Produktions-
statistiken der Betriebsleitung, in deren Ergebnissen sich
die Einwirkung der Arbeitszeit auf die relative Verände-
rung der Erzeugungsmenge widerspiegeln soll, kommen für
diese Untersuchungen vor allem in Frage: Die erste gibt
einen Überblick über die Roheisenerzeugung pro Kopf und
Monat bei Betrieb von zwei Hochöfen ®). Diese Aufstellung
ist so vorgenommen, daß für die einzelnen Monate der
Jahre 1913/14 und 1923/24 Belegschaftsstand und Er-
zeugungsmenge in Beziehung gesetzt sind, um dadurch
über die jeweilige Leistung des Einzelnen Aufschluß zu
erhalten. Aus diesen Zahlen wird der Jahresdurchschnitt
errechnet und schließlich die Ergebnisse in der Weise aus-
gewertet, daß man die Monatsdurchschnittszahl von 1913/14
(Maßstab der durchschnittlichen Leistung des Einzelnen
unter dem Zweischichtensystem) mit der von 1923 (Maß-
stab der durchschnittlichen Leistung des Einzelnen unter
dem Dreischichtensystem) vergleicht. Als Resultat erscheint
ein Absinken der Leistung des Einzelnen um mehr als
50 %,, dessen unmittelbare Abhängigkeit vom Wechsel des

aa 0. 8 110.

2) Ebenda, S. 52,

3) Aus _ der Denkschrift des Hüttenwerkes.
        <pb n="56" />
        SE On
Zwei- zum Dreischichtensystem gegeben sein soll. Ebenso
wird unter Heranziehung der Produktionsstatistik für das
erste Halbjahr 1924 die Rückkehr zum Zweischichtensystem
als Ursache des Ansteigens der Leistung des Einzelnen
um 90—100 °% angesehen,

Bei einer Überprüfung dieser Aufstellungen zeigte ein
Vergleich der absoluten Ziffern der Monatsproduktion für
1913/14 und 1924 wohl gewisse Schwankungen, die jedoch
nicht über ein normales Maß hinausgehen, so daß gegen
die Verwendung dieser Zahlen zur Errechnung der monat-
lichen Durchschnittserzeugung keine Bedenken zu erheben
sind. Anders bei der Monatsdurchschnittszahl für 1923:
Eine ganze Reihe von Monaten aus diesem Jahr, in dem
das Dreischichtensystem bestand, brachte nicht nur keine
Verringerung, sondern eine Erhöhung der Produktion gegen-
über den drei anderen Jahren. Einmal ist sogar ein Hoch-
stand der monatlichen Erzeugungsmenge erreicht, der in
den übrigen Jahren nicht verzeichnet werden kann, und
der 15 °% über der durchschnittlichen Monatsproduktion der
anderen Jahre steht. Für 2 Monate des Jahres 1923 finden
sich jedoch Produktionsergebnisse, die rund 50%, unter
diesem Hochstand und 44°%, unter dem durchschnittlichen
Stand dieses Jahres liegen. Bei einer Nachforschung nach
den Ursachen wurde festgestellt, daß während dieser beiden
Monate einer von den beiden Hochöfen „gedämpft“ war,
also für die Produktion überhaupt nicht in Betracht kam.
Bei konstruktiver Berechnung von vergleichbaren Pro-
duktionsziffern für diese beiden Monate ergab sich, daß die
monatliche Durchschnittsleistung für 1923 um 15%, zu
niedrig angesetzt war, was bei Gegenüberstellung der ver-
schiedenen Durchschnittsleistungen im Zwei- und Drei-
Schichtensystem berücksichtigt werden muß. Die monat-
liche Durchschnittserzeugung unter dem Dreischichtensystem
war danach mindestens gleich der unter dem Zweischichten-
system.

6
        <pb n="57" />
        m A

Damit verschiebt sich auch die Durchschnittsleistung
des Einzelnen; eine ausreichende Erklärung für ihr unver-
hältnismäßig starkes Sinken und Steigen beim Wechsel
des Schichtsystems wird jedoch auch dadurch noch nicht
erbracht. Der Weg zur Lösung dieser Frage zeigt sich,
wenn man die andere Beziehungsgröße, die Belegschafts-
ziffer, heranzieht, aus deren Zusammenordnung mit der
Produktionsziffer die Leistung des Einzelnen zu errechnen
ist. Die Analyse and Kritik der Belegschaftsstatistik hat
bereits erwiesen, daß die übermäßig starken Verschiebungen
der Belegschaftszahlen nicht der Veränderung der Arbeits-
zeit, sondern außerordentlichen Ursachen und Einflüssen
zur Last zu legen sind, die die Verhältnisse der Nach-
kriegszeit mit sich brachten. Solche Momente müssen die
Durchschnittsleistung des Einzelnen drücken, wenn diese —
wie von der Betriebsleitung — aus dem Verhältnis von
Gesamtbelegschaft und Erzeugungsmenge errechnet wird.

Über das Ausmaß der tatsächlichen Leistung des Ein-
zelnen wird indessen durch dieses Verfahren überhaupt
nichts gesagt. Vielmehr ist auf diese Weise nur der „auf
den Kopf der Beschäftigten entfallende Anteil von Ertrieb *)
des Betriebes, also die Kopfquote an Ertrieb“ errechnet. °)
Das Steigen oder Fallen dieser Kopfquote an Ertrieb be-
ruhte aber nach der Analyse der Belegschaftsstatistik und
nach Aufdeckung der Ursachen, denen die absoluten Ver-
änderungen der Erzeugungsmenge im Hochofenbetrieb zu-
zuschreiben sind, auf Gründen, die fast alle außerhalb der
unmittelbaren Einwirkungsmöglichkeit der sog. „ausführen-

1) Unter „Ertrieb“ ist der „greifbare Sacherfolg“ des Betriebes zu
verstehen, ohne Rücksicht auf seine zeitliche Begrenzung in „Tages-
produktion“ oder „Jahresproduktion“; siehe: v. Gottl-Ottlilienfeld, Wirt-
schaft und Technik, in „Grundriß der Sozialökonomik“, 2, Aufl, Tü-
bingen 1928, I. Buch B V, S. 26.

2) v. Gottl-Ottlilienfeld, ebenda, S. 104,
        <pb n="58" />
        AS an
den Arbeit“ lagen). Daher kommt in dieser Bewegung
der Kopfquote an Ertrieb nicht etwa zum Ausdruck, „was
durch die Arbeit mit der Produktion“, sondern viel eher etwas,
„was durch die Produktion mit der Arbeit geschehen ist“ 2).
Wo eine Zunahme der Kopfquote vorliegt, ist also die
Arbeit entbehrlicher geworden, weil „der Betrieb rationeller
gestaltet erscheint und dies hauptsächlich der Herabdrückung
der erforderlichen Arbeitsmenge frommt“ ?), wie denn über-
haupt „dank einer technisch vernünftigen Gestaltung“ des
Betriebes die Arbeit „ihre fortschreitende Ausschaltung
aus der Produktion“ erleidet ®). In unserem Falle erfolgte
eine solche Einsparung von Arbeitern z. B. durch An-
schaffung des Schlagwerkkranes, was bei der statistischen
Berechnung sich zwar als ein Anschwellen der Produktion
auf den Kopf des Arbeiters ausdrücken würde, aber gleich-
bedeutend war mit einer „Minderung der Arbeit, die auf
die Einheit des Produktes entfällt“ *). „Man müßte also
jene Vergleichszahl gleichsam umstürzen, statt auf den
Kopf des Arbeiters die Produktenzahl, ... auf die Einheit
des Produktes die erforderliche Arbeitszeit ausrechnen;
dann erst bekäme man eine unmittelbar sinnvolle Ver-
gleichszahl“ *); diese würde „die fortschreitende Ausschal-
tung von Arbeit“ ausdrücken und ein Bild davon geben,
wie „Sich eine verminderte Arbeitsleistung auf erhöhte
Mengen von Produkten“ *) verteilt. Wenn also etwa,
wie in den erwähnten Klöckner-Werken (siehe S. 43), ein
Hochofen, dessen Leistungsfähigkeit durch Vergrößerung
?) Darüber hinaus muß sogar festgestellt werden, daß die „aus-
führende Arbeit“ wegen der Eigenart des Hochofenprozesses grundsätz-
lich nicht imstande ist, die Produktion im Hochofenbetrieb zu beein-
flussen.
°) v. Gottl-Ottlilienfeld, Wirtschaft und Technik, S. 105.
*) v. Gottl-Ottlilienfeld, Arbeit als Tatbestand des Wirtschafts-
‘ lebens, S. 314.
*) 7. Gottl-Ottlilienfeld, Wirtschaft und Technik, S. 105.
        <pb n="59" />
        — 240.12

seines Profils verdoppelt wurde, in 24 Stunden 960 t statt
vorher 480 t ausbringen könnte, so würde die Arbeitsmenge,
die auf die Einheit des Produktes entfiel, auf die Hälfte
sinken. „Man pflegt dieses Anschwellen der auf den Kopf
des Arbeiters entfallenden Produktenmenge so auszudrücken,
daß sich in gleichem Grade die „Produktivität der Arbeit“
erhöht hätte“ *), als ob die Arbeit diese Steigerung der
Produktion hervorgerufen hätte. Dann würde diese Er-
höhung des Ertriebes einseitig der Arbeit im Betriebe zu-
gerechnet werden, es würde „ein bloßer Teil dem Ganzen
gleichgesetzt werden, nämlich die Verrichtungen durch die
Hand, die innerhalb des technischen Vorganges sich
vollziehen, diesem ganzen Vorgang selber“ 2.

Ebensowenig wie man glauben darf, durch diese Kopf-
quoten etwas über die »Produktivität der Arbeit« auszu-
sagen, darf man schon in ihnen einen Maßstab für die Be-
urteilung der sog. „Produktivität des Betriebes“ sehen.
Diese wird eindeutig erst durch die „Ertriebswucht“ be-
stimmt, die den jeweiligen Grad des „spezifischen Auf-
wandes“, d. h. die Höhe der „Summe des auf die Einheit
des Produktes entfallenden Aufwandes“ ausdrückt ?). Hier
wäre z. B. bei einer Vergrößerung des Hochofenprofiles der
höhere Kraftbedarf angesichts der gewaltig vergrößerten
Ausmaße des Hochofens_in Rechnung zu stellen, ferner
etwa der Voraufwand für neue Maschinerie zwecks Be-
schleunigung der Beschickung zur Bewältigung der größeren
Rohstoffmengen und jeder sonstige Aufwand. Die Summe
dieser Aufwände auf die Einheit des Produktes berechnet
ergibt den spezifischen Aufwand, dessen Steigen oder Fallen
einen Maßstab für die Erhöhung oder Minderung der Er-
triebswucht und damit der „Produktivität“ des Betriebes
bildet, die nach dem Verfahren der Betriebsleitung nicht

') v. Gottl-Ottlilienfeld, Wirtschaft und Technik, S. 104.

%) v. Gottl-Ottlilienfeld, ebenda, S. 22.

Schriften der Gesellschaft für Soziale Reform. Heft 79.
        <pb n="60" />
        Br A) rn
ermittelt werden kann. Um also die Frage der „Produk-
tivität“ des Betriebes beim Übergang vom Zwei- zum
Dreischichtensystem beurteilen zu_können, müßte man die
gesamte Betriebsgestaltung in Betracht ziehen und unter-
suchen, welche Wege sie eingeschlagen hat, um den spezi-
fischen Aufwand vergleichsweise niedrigst zu erhalten.

Die andere Statistik der Betriebsleitung, die gleich:
falls die Leistung des Einzelnen feststellen soll, erstreckt
sich auf die Roheisenerzeugung je Mann und Schicht und
vor allem je Mann und Arbeitsstunde ?); auch hier sind die
Monatszahlen der Erzeugungsmenge für die Jahre 1913/14
und 1923/24 zum Belegschaftsstand in Beziehung gesetzt.
Von da aus wird die Leistung des Einzelnen pro Stunde
errechnet, und zwar ist nach Angabe der Betriebsleitung
auch pro Mann und Stunde für 1923, also für das
Dreischichtensystem, eine Minderleistung von etwa der
Hälfte als erwiesen anzusehen !). Dieses Ergebnis ist jedoch
auf einen Fehler in der Aufstellung der Statistik zurück-
zuführen, nach dessen Beseitigung sich die Leistung pro
Mann und Stunde um fast 50° höher darstellt; es bleibt
also nur eine „Minderleistung“ von 25°%,. Außerdem läßt
sich hier der gleiche Fehler_in Höhe von 15%, verfolgen,
der sich bei Untersuchung der Monatsdurchschnittszahl von
1923 vorfand (siehe S. 46); wird auch er ausgemerzt, SO
ergibt sich in der Leistung pro Mann und Stunde nur ein
Unterschied von 15°%, zwischen _dem Zwei- und dem Drei-
schichtensystem.

Da in dieser Statistik nicht nur ein Monatsdurchschnitt
der Erzeugungsmenge im ersten Halbjahr 1924, sondern
die Produktionshöhe für jeden der ersten 6 Monate gesondert
angegeben ist, kann festgestellt werden, daß diese Höhe
der Leistung pro Mann und Stunde, die nach Beseitigung

') Aus der Denkschrift des Hüttenwerkes,
        <pb n="61" />
        — EL o—

der Fehler ermittelt ist, erst im 4. Monat nach der Wieder-
einführung des Zweischichtensystems erreicht wurde, obwohl
die Zahl der Belegschaft bereits um 46 °%% gegenüber dem
Durchschnittsstand von 1923 gesunken war. Diese Tat-
sache zeigt wieder besonders deutlich, wie das Fallen und
Steigen der Leistungen des Einzelnen nicht entscheidend
mit der Veränderung der Arbeitszeit verknüpft ist, sondern
vorwiegend auf andere Ursachen zurückgeführt werden muß,
deren Zusammenwirken allein im Blick auf das Ganze der
Betriebsgestaltung und Betriebsführung erfaßt und sinnvoll
beurteilt werden kann.

$ 15. Die verschiedenen Bedingungen arbeitsstündlicher

Produktion neben der Arbeitszeit.

Gerade die Zahlen der sog. „arbeitsstündlichen Pro-
duktion“ werden oft ohne weiteres als eine unmittelbar
getreue Wiedergabe der sog. „Arbeitsintensität“ und ihrer
Veränderungen hingestellt, so daß ihre Schwankungen
bei Veränderung der Arbeitszeit geradezu als "Spiegelbild
von deren Auswirkungen gelten. Tatsächlich aber bilden
„Arbeitszeit und Menge der arbeitsstündlichen Produktion
nur zwei Fäden in einem ganzen Geflecht von Ursachen
und Wirkungen“, das nach Lipmann etwa in folgendem
Schema dargestellt werden kann 2:

(Schema siehe S, 52.)

Nach arbeitswissenschaftlicher Forschung ist eindeutig
klargestellt, daß „ein bestimmtes Ergebnis als Wirkung einer
Arbeitszeitveränderung ‚nur dann und insoweit behauptet
werden kann, als bekannt oder nach Lage der Dinge an-
zunehmen ist, daß alle sonstigen Faktoren unverändert
geblieben sind“ ?). Bringt man dieses Schema für den

*) Lipmann, Das Arbeitszeitproblem (2. Auflage), 8. 31.

*) Lipmann, ebenda (1. Auflage), A 438,

7
A%
        <pb n="62" />
        SA —
untersuchten Hochofenbetrieb zur Anwendung, dann ergibt
sich ein Überblick darüber, welche weitgehenden Ver-
Tägl. Ar
beitszeit * 1
Leistungs-\
fähigkeit /
*
x 1
Ermüdungs-
zustand A
Y
Physiol. 5
Art u. Dauer, SE Arbeits-
der Beschäf- | { F aktoren) intensität
tigung in f A
der Freizeit
Ernährungs-)  Arbeikemillek—— eben)
zustand ; ‚Faktoren ;
Lohnver-y_ | . J
hältnisse/ | B ale Y
Paychol.y__ı  MMOMINSER  ppeitestdl
Faktoren Produktion
spezielle
wirtschaftl. | )
Kilpem: (Fakten A
wirtschaftl. [Faktoren
Lage \
polit. Lage )
änderungen die verschiedenen Faktoren, die auf die
arbeitsstündliche Produktion einwirken, innerhalb der
Vergleichsperioden erlitten haben:
        <pb n="63" />
        Unter den äußeren Faktoren der arbeitsstündlichen
Produktion sind solche zu verstehen, die „außerhalb des
Machtbereichs des einzelnen Betriebes“ !) liegen und sich
in dreifacher Richtung gruppieren lassen: Die politische
Lage, die allgemeine wirtschaftliche Lage und die spezielle
wirtschaftliche Lage. Im Hinblick auf die politische
Lage kann festgestellt werden, daß ein tief in das gesamte
Geflecht dieser Ursachen und Wirkungen eingreifender
Unterschied besteht für die zum Vergleich herangezogenen
Jahre 1913/14 und 1923/24. In der Nachkriegszeit war
die Aufmerksamkeit der Arbeiter vom politischen Kampf
bei weitem stärker in Anspruch genommen als vor dem
Kriege. Das beeinflußte den Arbeitswillen ungünstig und
wirkte sich auch indirekt in der Beschäftigung des Arbeiters
während seiner Freizeit aus, indem er bis in die Nacht
hinein an politischen Versammlungen teilnahm 7)

Als ebenso grundverschieden muß die allgemeine
wirtschaftliche Lage vor und nach dem Kriege an-
gesehen werden, die für das untersuchte Hochofenwerk
beispielsweise zu unregelmäßiger, oft stockender Belieferung
mit Roh- und Betriebsstoffen (vor allem mit Koks, noch
dazu minderer Qualität als in der Friedenszeit) und damit
zu Wirkungen auf die arbeitsstündliche Produktion führte.
Daß ferner der Zustand der maschinellen Einrichtungen
und der Apparate, insbesondere des Hochofens selbst, durch
die übermäßige Inanspruchnahme während des Krieges und
noch in der Nachkriegszeit des öfteren Störungen ver-
ursachte und vermehrte Einstellung von Arbeitern für

Reparaturen erforderte, wurde bereits ausgeführt (s. S. 30);
auch hieraus mußte eine außerordentliche Einflußnahme:
auf die Betriebsverhältnisse entstehen. Schließlich brachte
es die wirtschaftlich schwierige Lage des Jahres 1923.

') Lipmann, Das Arbeitszeitproblem (1. Auflage), A 32,

*) So lagen die Verhältnisse nach vielfachen persönlichen Aus-
künften in jener Gegend.

32
        <pb n="64" />
        O4
mit sich, daß die Arbeiter zum großen Teil veranlaßt
wurden, in der Freizeit sogenannte „Schwarzarbeit“ zu
leisten, und daher ermüdet zur Schicht kamen.

Auch die spezielle wirtschaftliche Lage des
Hochofenwerkes hatte nach dem Kriege dadurch eine be-
sondere Veränderung erfahren, daß der Absatz durch neue
Grenzziehung und durch eine früher in dem Maße nicht
vorhandene und nicht mögliche Konkurrenz des Auslandes
auf ein kleineres Gebiet beschränkt war. Damit waren
Absatzbedingungen geschaffen, die immer erneut ein
„Stoppen“ der Produktion verlangten, wie es ja z. B. für
zwei Monate des Jahres 1923 festgestellt wurde (s. S. 46).

Als innere Faktoren gelten die Betriebsverhält-
nisse und die Arbeitsintensität. In welchem Ausmaße
eine Veränderung des ersten Faktors in den verschiedensten
Richtungen vorlag, kam in unseren Ausführungen immer
erneut zum Ausdruck; auch hieraus ergibt sich, daß die
Veränderung der arbeitsstündlichen Produktion unmöglich
auf die Arbeitszeitveränderung allein oder auch nur Vor
allem auf sie zurückzuführen ist. Der Abnutzungsgrad
der Maschinen und Apparate wurde schon erwähnt: Die
Hochöfen, die sonst nur eine Lebensdauer von 6 Jahren
haben, standen bereits 10 Jahre unter Feuer. Ferner
gehört hierher besonders die in Umfang wie Qualität ver-
schiedene Zusammensetzung der Belegschaften vor und
nach dem Kriege, die schon bei Untersuchung der Beleg-
schaftsstatistik behandelt wurde (s. S. 30 ff.); insbesondere
mußte die hohe Zahl der hier beschäftigten Kriegs-
beschädigten ungünstige Wirkungen für den Betrieb zeitigen,
die auch in der niedrigen Kopfquote an Ertrieb zum Aus-
druck gelangten. Bei Rückkehr zum Zweischichtensystem
führte umgekehrt die Anschaffung des Schlagwerkkranes
zu einer Verringerung der Belegschaften, die sich in einem
Steigen der Kopfaquote auswirkte.
        <pb n="65" />
        — ADD —

„Den Betriebsverhältnissen ist gegenübergestellt die
Arbeitsintensität des Arbeiters, die als abhängig zu
betrachten ist von seiner Leistungsfähigkeit und
seinem Arbeitswillen“!), Wenn auch bereits aus-
geführt wurde, daß die „Arbeitsintensität“ der "Arbeiter
im Hochofenbetrieb keine direkten Wirkungen auf die ab-
solute Veränderung der Ausbringung erzielen kann (s. S. 47),
so sind doch innerhalb der durch den Ofenprozeß gezogenen
Grenzen ihre bestimmten Einflüsse möglich und feststellbar.
Der Arbeitswille war auch hier in der Nachkriegszeit
mehr auf Streckung der Arbeit als auf Höchstleistung ge-‘
richtet, indem z. B. die Einführung der Achtstundenschicht:
als Demobilmachungsmaßnahme wie ein willkommenes Ge-
schenk hingenommen wurde, ohne daß man sich „der Not-
wendigkeit einer Gegenleistung in Gestalt höheren Arbeits-
willens“ ?) bewußt war. Der Wille zur Höchstleistung ist
aber Voraussetzung für eine Rationalisierung der Betriebs-
führung wie für den Erfolg einer rationellen Betriebs-
gestaltung, beides Vorbedingungen für eine günstige
Wirkung verkürzter Arbeitszeit.

Andere psychologische Wirkungen, von denen der
Arbeitswille wie die Leistungsfähigkeit des Arbeiters ab-
hängig waren, gehen von der verschiedenen Gestaltung
der Lohnverhältnisse vor und nach dem Kriege aus.
Die Löhne waren hier in der‘ Vorkriegszeit zwar sehr
niedrig, jedoch gestattete eine ganz besondere Wohlfeilheit
der Lebensverhältnisse der Landschaft, in der sich das
Hochofenwerk befindet, dem Arbeiter ein auskömmlicheres
Leben als in der Nachkriegszeit, wo: der Lohnsatz selbst
unter Abrechnung der Geldentwertung höher lag, aber aus
besonderen Gründen eine erhebliche Verteuerung der Lebens-
haltung in der umliegenden Gegend einsetzte. Die Lohn-

1) Lipmann, Das Arbeitszeitproblem (1. Auflage), A 34.

2) Lipmann (2. Auflage), S. 34.
        <pb n="66" />
        250 B—

verhältnisse hatten aber noch ganz besondere Einflüsse
auf den Hochofenbetrieb: Infolge des niedrigen Lohnstandes
hatte sich die „Handarbeit“ in hohem Ausmaß gehalten
und eine fortschreitende Rationalisierung der Produktion
verhindert, während mit Eintreten der Währungsstabili-
sierung sofort Bestrebungen aller Art in dieser Richtung
einsetzten, die auch zu einer Einsparung von Arbeitern
führten.

Endlich „beeinflußt auch der Ermüdungszustand
direkt den Arbeitswillen und die Leistungsfähigkeit“ ?).
Wenn darüber auch keine besondere Enquete angestellt
werden konnte, so ist doch anzunehmen, daß auch in diesem
Punkte erhebliche Unterschiede zwischen der Vor- und
Nachkriegszeit bestanden haben. Wie Art und Dauer
der Beschäftigung in der Freizeit — die andere
Komponente des Ermüdungszustandes neben der Dauer der
Berufsarbeit — nach dem Kriege anderen Bedingungen
unterlag als in der Vorkriegszeit, wurde bereits erwähnt
(siehe S. 53/54); hier kann es noch dahin ergänzt werden,
daß die sogenannte „Schwarzarbeit“ sich besonders auf
körperlich schwere Tätigkeit in der Landwirtschaft er-
streckte.

Aus dieser Darstellung der Verhältnisse des unter-
suchten Hochoftenbetriebes geht hervor, daß fast jeder
Faktor in dem großen Geflecht der Arbeitsbedingungen
erheblichen Veränderungen in so starkem Maße unterworfen
war, daß nur mit größter Vorsicht nach Berücksichtigung
aller dieser störenden „Neben“umstände von Wirkungen
der Arbeitszeitveränderungen auf die Gestaltung der Pro-
duktion gesprochen werden kann. Diese Vorsicht erscheint
doppelt geboten in einer Zeit, die rationellste Betriebs-
gestaltung in jeder Richtung erforderlich macht. „Unter

*) Lipmann, Das Arbeitszeitproblem (1. Auflage), A 36.

A
        <pb n="67" />
        — 257. 3—
dem Gesichtspunkt der Produktion und ihrer Steigerung,
deren Notwendigkeit allseitig anerkannt wird, scheint ...
das vorliegende Material an Studien über die Arbeitszeit-
frage nicht so sehr auf die Notwendigkeit einer Verlänge-
rung: des Achtstundentages, als auf die Notwendigkeit
einer Steigerung der arbeitsstündlichen Produktion inner-
halb des Achtstundentages hinzuweisen“ *).
$ 16. Steigerung der arbeitsstündlichen Produktion
unter Beibehaltung der Arbeitszeit,

Nach Lipmann ?) ist ohne Berücksichtigung aller dieser
Bedingungen der arbeitsstündlichen Produktion auch eine
Verlängerung der Arbeitszeit nicht imstande, die Erzeugungs-
menge zu erhöhen, während eine Ausnutzung der Mittel,
die in ihnen gegeben sind, die Produktion auch ohne Ver-
längerung der Arbeitszeit in ausreichendem Maße zu steigern
vermag; diese Möglichkeiten sind nach seiner Ansicht vor
allem in drei Richtungen zu suchen: Gestaltung der Be-
triebseinrichtungen, Beeinflussung des Arbeitswillens und
Einwirkung auf den Ernährungs- und Ermüdungszustand
des Arbeiters. Damit wird erneut deutlich, daß die Arbeits-
zeit nur als eine „Kinzelheit der Betriebsgestaltung“ ®)
anzusehen ist; nicht aber aus ihrer organischen Einordnung
in die Gestaltung des Betriebsganzen herausgerissen und
einseitig als die entscheidende Größe für die Gestaltung
der Produktion hingestellt werden kann.

Es würde über den Rahmen der vorliegenden Unter-
suchung hinausführen, diese Wege zur Rationalisierung des

ı) Lipmann, Arbeitszeit und Erzeugungsmenge, in „Internationale
Rundschau der Arbeit“, 1924, I. Bd., 6. Heft, S. 521.

aaO. S. 521

3) v. Gottl-Ottlilienfeld, Arbeit als Tatbestand des Wirtschafts-
lebens, S. 310.
        <pb n="68" />
        1
Hochofenbetriebes nach all den „Grundsätzen der rationellen
Gestaltung der Produktion“!) zur Entfaltung höchster
Ertriebswucht darzustellen; hier kann nur beispielhaft im
Anschluß an die konkreten Verhältnisse des Untersuchungs-
objektes dargelegt werden, daß die Betriebsleitung unter
dem gesetzlichen Zwang zur Wiedereinführung des Drei-
Sschichtensystems bestrebt war, ohne Erhöhung der Beleg-
schaft auszukommen und zwar durch entsprechende Ge-
staltung des Betriebes, z. B. durch verstärkte Anwendung
des „Prinzips des maschinellen Vollzugs“?), das eine weiter-
gehende Mechanisierung des Betriebes zur Folge hat.
Anhaltspunkte für dieses Bestreben sah man vor allem da
gegeben, wo die Arbeiter zur Ausführung einer bestimmten
Aufgabe nur zeitweilig in periodischer Wiederkehr in An-
spruch genommen waren. So mußte für den Transport des
Gießsandes vom Abladeplatz zur Hochofensohle eine kleinere
Gruppe von Arbeitern 3—4 mal wöchentlich zum Beladen
und Abladen eines Waggons eingesetzt werden. Berech-
nungen über die Anlage eines Transportbandes in Ver-
bindung mit einem Becherwerk, das diese Aufgabe über-
nehmen würde, ergaben, daß die erforderliche Arbeitszeit
auf ein Drittel herabgedrückt werden könnte, gemessen an
der Zahl der Arbeiter, die vor und nach Einrichtung dieser
Anlage benötigt würden. Außerdem könnte dann der Ver-
ladekran, der ebenfalls vorher hierbei in Tätigkeit treten
mußte, für andere Arbeit frei werden. Wie sich eine fort-
schreitende Rationalisierung des Verlaufs der Produktion
nach dem Prinzip maschinellen Vollzugs, z. B. durch Ein-
bau von Schrägaufzügen, auswirken könnte, geht daraus
hervor, daß gemessen an dem damaligen Stand der Beleg-
schaft, dadurch eine Einsparung persönlichen Leistungsauf-
wandes in Höhe von über 50°%, erfolgen würde.
*) v. Gottl-Ottlilienfeld, Wirtschaft und-Technik, 8. 64 ff.
?)_v. Gottl-Ottlilienfeld, ebenda, S. 94 ff.
        <pb n="69" />
        Mit dem Hinweis auf den Arbeitswillen wie auf
den Ermüdungs-und Ernährungszustand, die bei-
den anderen Arbeitsbedingungen, die nach Lipmann eine
Intensivierung der arbeitsstündlichen Produktion gestatten,
ist die Richtung angedeutet, in der zur technisch vernünf-
tigen Gestaltung des Betriebes die Rationalisierung der
Betriebsführung als notwendige Ergänzung treten muß *).
„Letzten Endes erst die Betriebsführung, also wie ein Be-
trieb verwaltet und wie in ihm gearbeitet wird, das ent-
scheidet endgültig über seinen Erfolg, erfaßlich in seiner
Ertriebswucht“ ?. „Gute Verwaltung, tüchtiger Arbeits-
vollzug bringen oft aus einem minder rational gestalteten
Betriebe mehr heraus, als selbst bei annähernd „optimaler“
Gestaltung eines Betriebes zu erreichen ist, sofern dieser
schlecht verwaltet wird und mit untüchtiger Belegschaft
arbeiten soll“ ?). Die Rationalisierung dieser beiden Kom-
ponenten der Betriebsführung hat zu erfolgen „im Zeichen
der Höchstleistung“, soll „ein höchstes an Leistungswucht,
der Verwaltung zugleich und des Arbeitsvollzuges“ erreicht
werden?). Um diesen Gedanken der Höchstleistung in die
Tat umzusetzen, bedarf es der bedingungslosen Einschaltung
des „Arbeitseifers“, da nur bei „völliger Hingabe an die
Arbeitsaufgabe“?) die Höchstleistung erzielt werden kann.
Zum Grundwesen dieser Art der Betriebsführung gehört
es, „die Ansprüche an den Arbeiter nicht höher zu steigern,
als er ihnen dauernd und ohne Gefährdung der Leistungs-
fähigkeit und «Gesundheit gewachsen bleibt“ *). Auf die
Zusammenhänge von Arbeitsleistung und Arbeitswillen

1) Die technisch vernünftige Gestaltung des Betriebes hat es
mit der Rationalisierung der Produktion zu tun im Gegensatz zur Be-
triebsführung, die sich mit dem Arbeitsvollzug und der Verwaltung
des Betriebes befaßt. |

?) v. Gottl-Ottlilienfeld, Wirtschaft und Technik, S. 135.

%) v. Gottl-Ottlilienfeld, ebenda, S. 136.

4\ v (Sottl-Ottlilienfeld._ ebenda, S. 139.

59
        <pb n="70" />
        — 60 Z—
macht auch Lipmann aufmerksam, indem er ausführt, daß
vielleicht unter dem Gesichtspunkt der Ermüdung und
Leistungsfähigkeit eine Verlängerung der Arbeitszeit zu-
lässig sein kann, deshalb durchaus noch nicht ohne weiteres
unter dem Gesichtspunkt des Arbeitswillens. „Leicht
könnte, wenn eine Verlängerung der Arbeitszeit ohne Ein-
verständnis mit der Arbeiterschaft vorgenommen wird, die
Wirkung auf den Arbeitswillen so schädlich sein, daß alle
Erwägungen über die optimale Normalarbeitszeit, die na-
türlich unter der Voraussetzung normalen Arbeitswillens
angestellt wurden, nicht im entferntesten mehr stimmten“ 2).
Gerade der Charakter der Arbeit im Hochofenbetrieb
verlangt stärkste Beachtung dieser Zusammenhänge, zumal
dann, wenn der „Handarbeit“ noch ein so weiter Spiel-
raum verblieben ist wie in unserem Falle. Aber auch bei
weitergehender Mechanisierung des Arbeitsvollzuges bleibt
im Hochofenbetrieb doch ein gewisser Teil von wichtigen
Verrichtungen bestehen, die nicht mehr mechanisierbar
sind, schon weil der Hochofen selbst nicht im eigentlichen
Sinne eine Maschine darstellt, wenn er auch als ein ihr
durchaus verwandtes Gebilde angesehen werden kann.
Der Unterschied tritt deutlich heraus bei einer scharfen
Bestimmung der wesentlichen Merkmale der Maschine?):
Ihre „innere Eigenbewegung“, deren Selbständigkeit sie
von dem der Führung bedürftigen Werkzeug unter-
scheidet, verlangt die dauernde Speising „im Sinne der
Zufuhr von Kraft oder Kraftstoff“. Das andere Haupt-
merkmal der Maschine besteht darin, daß die Form dieser
Kigenbewegung durch ihren Bau „im Sinne der Zwangs-
Jäufigkeit“ bestimmt wird. So „bekundet sich die Maschine
als Mechanismus“ darin, „daß sie der körperliche Träger
') Lipmann, Arbeitszeit und Erzeugungsmenge, S. 522,
°) Für das Folgende vgl. v. Gottl-Ottlilienfeld, Wirtschaft und
Technik, S. 94f.
        <pb n="71" />
        —. 01
einer Einheit innerlich erzwungener Bewegung ist“. In-
folge dieser zwangsläufig bestimmten Eigenbewegung be-
darf die Maschine aufmerksamer Überwachung bei weitem
nicht in dem Umfange wie der Hochofen, der nicht als ein
Mechanismus anzusehen ist, sondern gerade das beste Bei-
spiel für sein Gegenstück bietet, für den Apparat. Dieser
trägt „körperlich eine Einheit innerlich erzwungener Pro-
zesse, stofflicher Verwandlungen, die bloß unterstützt sind
von einzelnen Bewegungen, wie z. B. vom Gebläse, und
nur sekundär in Bewegungen des verwandelten Materials
auslaufen, wie z. B. Abzug der Gase, Niedersinken des ge-
schmolzenen Erzes“?), Auslauf des Roheisens beim Ab-
stich usw. Die Überwachung dieser Prozesse, ihre recht-
zeitige Auslösung wie auch ihr rechtzeitiges Abstoppen
muß aufs sorgfältigste vorgenommen werden; daher bedarf
es angespanntester Aufmerksamkeit und sorgsamer Aus-
führung der notwendigen Verrichtungen bei der Bedienung
des Hochofens, vor allem seitens der sogenannten „Feuer-
Jeute“, die direkt am Ofen beschäftigt sind, soll es nicht
zu dauernden Störungen im Gange dieses komplizierten
Apparates kommen. Gerade zur möglichsten Minderung
der Störungen sind jene Einflüsse von Arbeitswillen wie
Ernährungs- und Ermüdungszustand des Arbeiters zu be-
rücksichtigen, die darum als ein wichtiges Moment ratio-
neller Betriebsführung angesehen werden müssen, um ‚die
optimale Gestaltung des Betriebes „in höchste KErtriebs-
wucht umzusetzen“ ?). Beim Übergang zum Dreischichten-
system hat man die entscheidenden Verkettungen dieser
Arbeitsbedingungen im Rahmen rationeller Betriebsführung
ganz besonders zu beachten, denn einmal können dann in-
folge der Verkürzung der Arbeitszeit höhere Anforderungen
an die Leistungsfähigkeit des Einzelnen gestellt werden,
1) v. Gottl-Ottlilienfeld, Wirtschaft und Technik, S. 94/95.
?) v. Gottl-Ottlilienfeld, ebenda, 5. 185.
        <pb n="72" />
        — 62

während eine längere Arbeitszeit nur eine geringere An-
spannung der Arbeitskraft gestattet. Diese Möglichkeit
wird ferner meist Notwendigkeit, da aus Gründen des Aus-
gleichs der finanziellen Belastung infolge der Neuregelung
eine volle Ausnutzung der Leistungsfähigkeit des Einzelnen
geboten ist, die zur Einsparung von Arbeitern drängt, etwa
in der Weise, daß die Funktionen von drei Arbeitern jetzt
von zweien ausgeführt werden. So war die Betriebsleitung
des untersuchten Hochofenbetriebes, als sie im Frühjahr
1925 vor die Notwendigkeit des Übergangs zum Drei-
schichtensystem gestellt wurde, bestrebt, mit einer gleich
starken Belegschaft auch bei verkürzter Arbeitszeit aus-
zukommen.

Nach dem Schema, das jenes Geflecht von Ursachen
und Wirkungen der Arbeitsbedingungen darstellte (vgl.
S. 52), wird deutlich, wie der Arbeitswille vom Ernährungs-
und Ermüdungszustand beeinflußt wird und dieser wiederum
von den Lohnverhältnissen abhängig ist. In Rücksicht auf
diese Zusammenhänge war die Betriebsleitung auch gewillt,
durch höhere Lohnsätze die Möglichkeit zu stärkeren
Leistungsanforderungen noch zu unterstützen und im Wege
technisch vernünftiger Betriebsführung zu einer Einsparung
von Arbeitern zu gelangen. Es würde gleichfalls über den
Rahmen unseres Themas hinausführen, die Prinzipien solcher
rationellen Betriebsführung im einzelnen zu entwickeln,
die etwa im Hochofenbetriebe für die Gestaltung des Ar-
beitsvollzuges zur Anwendung kommen könnten. Es sei
hier nur auf die Darstellung des Tatbestandes der „Arbeit“
im Hochofenbetriebe verwiesen, deren betriebsgemäße Auf-
fassung anläßlich der Kritik der Zeitstudien bereits als
Voraussetzung für diese Art der Betriebsführung gekenn-
zeichnet wurde (siehe S. 17 ff.).
        <pb n="73" />
        — A —
$ 17. Zusammenfassung,

Als Ergebnis dieses Teils unserer Untersuchung ist
festzustellen, daß die Frage nach dem Zusammenhang von
Arbeitszeit und Produktivität im Hochofenbetrieb schließ-
lich immer zu der Notwendigkeit führt, die jeweiligen
Kausalbeziehungen vom Betriebsganzen her zu erfassen.
Der Weg zur Erfüllung dieser Aufgabe stellt immer erneut
vor die Frage nach der „optimalen“ Betriebsgestaltung,
der die rechte Betriebsführung zur Seite stehen muß,
um zum Ziele höchster Ertriebswucht zu gelangen.

II. Teil:
Lohn und Rentabilität bei Veränderung
der Arbeitszeit.

Bei unserer unternehmungsweise geführten Wirtschaft
genügt es nicht, höchste Ertriebswucht im Betriebe zu er-
streben, vielmehr muß diese in Einklang stehen mit der
„Ertragswucht“, der sog. Rentabilität der Unternehmung.
Sie bedeutet das Maß, „in welchem es der Unternehmung
gelingt, im Wege dauernd überwiegender Gewinne einen
Ertrag zu erzielen“ !). Daher bildet die Steigerung der
Produktivität zum Zwecke einer Kompensierung des Lohn-
mehraufwandes, der sich beim Übergang vom Zwei- zum
Dreischichtensystem ergibt, nicht schon die Lösung der
Frage nach. den wirtschaftlichen Auswirkungen dieser
Arbeitszeitveränderung, vielmehr muß sie an der Rentabili-
tät der Unternehmung orientiert sein.

') Für das Folgende vgl. v. Gottl-Ottlilienfeld, Wirtschaft und
Technik, 8. 25£,

39
        <pb n="74" />
        —— 604 _—

Im allgemeinen gilt wohl, daß hohe Ertriebswucht der
Betriebe umschlägt, in hohe Ertragswucht der Unternehmung,
aber ihre Grenzen findet die Steigerung der Rationalität
zur Erhöhung der Ertriebswucht doch daran, daß sie sich
„noch vertragen“ muß mit der „Kapitalkraft“ der Unter-
nehmung, „mit den Verhältnissen ihres inneren Aufbaues“,
ihrer Lage, „ihres Absatzes“ usw.... Bei unserem Unter-
suchungsobjekt handelt es sich um einen einzelnen Betrieb
innerhalb einer Unternehmung. „Von der Rentabilität des
Einzelbetriebes ... kann man nur in einem rechnungs-
mäßigen Sinne sprechen“, und zwar besteht sie in dem
Grade, „als der spezifische Aufwand des Betriebes, wenn
man ihn auf dem Fuße -der Einkaufspreise veranschlagt,
zurückbleibt hinter dem Verkaufspreise des Produktes.
Soweit sich hier eine Restgröße ergibt, stellt sie den rech-
nungsmäßigen Gewinn des Betriebes dar. Im Ausmaß
dieses Gewinnes läßt sich die Rentabilität der Unternehmung
dem einzelnen Betriebe zurechnen“.

In unserem Falle geht die Fragestellung also dahin,
wie sich der rechnungsmäßige Gewinn des Hochofenbetriebes
unter dem Zweischichtensystem und unter dem Drei-
schichtensystem gestellt hat, und zwar unter besonderer
Berücksichtigung der Einwirkung, die der Lohnaufwand
bei Veränderung der Arbeitszeit auf die Gestaltung des
rechnungsmäßigen Gewinnes genommen hat bzw. nehmen
kann. Diese rechnungsmäßige Darstellung der Rentabilität
des Betriebes ist nur möglich bei Verrechenbarkeit aller
Aufwände beim Produzieren, z. B. an Arbeitsmengen,
Material usw. Zur Tatsache wird die Verrechenbarkeit
„inmitten der heutigen Wirtschatt so, daß man alle Auf-
wände... als Preisgrößen veranschlagt“ !), die „daraufhin
einheitlich Kosten, „Geldsummen“ ?) werden“, die man als
die sog. Selbstkosten zusammenfaßt.

’) v. Gottl-Ottlilienfeld, Wirtschaft und Technik, S. 19.

?) v. Gottl-Ottlilienfeld, ebenda, S. 18.
        <pb n="75" />
        — 2600
Daher ist weiterhin Aufschluß zu suchen über die Zu-
sammensetzung der Selbstkosten im Hochofenbetriebe sowie
über ihr Verhältnis zum Krlös, da auf diese Weise die
Höhe des jeweiligen Gewinnes errechnet werden kann, an
der sich die Rentabilität bemißt. Vor allem muß dabei die
Bedeutung des Lohnaufwandes geprüft werden, in dem sich
vornehmlich die Kosten für den bei der vorliegenden Unter-
suchung besonders wichtigen Arbeitsaufwand widerspiegeln.
$ 18. Die Rentabilitätserwägungen der Werksleitung mit
Rücksicht auf den Wechsel des Schichtsystems.
Eine Aufstellung über die prozentualen Erhöhungen
der Selbstkosten je Tonne Roheisen gegenüber 1913 nach
dem Stande vom Oktober 1924 gibt einen Überblick darüber,
wie sich die einzelnen Positionen der Selbstkosten gegen
die Friedensziffern im Jahre 1913 verhalten %), und damit
zugleich ein Bild von dem Aufbau der Selbstkosten, die
vor allem für die Rentabilitätserwägungen in Betracht zu
ziehen sind.
Löhne, einschl. Sozialzulagen 1520
Soz. Versicherungsbeiträge 164 ,
Hochofenkoks (Zechenpreis) 1683,
Koksfrachten 139,
Erzkosten 157,
Kalkstein 155
Maschinenhaltung usw. 140—150
Roheisenpreis 128,
7 132
Stand vom Nov. 24.)
Danach stand im Nov. 1924 der Roheisenpreis auf 132%,
des Friedenspreises, während die pro Tonne effektiv zu
zahlenden Löhne einschl. sozialer Zulagen 152%, des
1) Aus der Denkschrift des Hüttenwerkes.
Schriften der Gesellschaft für Soziale Reform. Heft 79.

5
        <pb n="76" />
        zm u

Friedenslohnaufwandes ausmachten und die anderen Einzel-
größen der Selbstkosten fast sämtlich 150 °/, überschritten.
Weiter wird zu diesen Erhebungen ausgeführt, daß schon im
Frieden der wirtschaftlich ungünstige Standort die ... Hütte
genötigt hätte, mit ganz geringen Verdiensten zu rechnen.
Heute sei nicht nur diese Verdienstmöglichkeit genommen,
sondern trotz weitgehender Verbesserungen in den Betriebs-
einrichtungen und Maschinen überschritten die einzelnen
Positionen der Selbskosten bei weitem die infolge aus-
Jändischer Konkurrenz mögliche Preisbasis?!). Aus dem
Mißverhältnis der Selbstkosten und der Verkaufspreise wird
dann der Schluß gezogen, daß das Werk keine Erhöhung
der Selbstkosten vertrage, weder eine geringe Erhöhung
der Stundenlöhne, noch die viel einschneidendere Erhöhung
durch Verkürzung der Arbeitszeit. !)

Wenn hier zunächst auch nur ganz allgemein ein Über-
blick über die Wirtschaftslage des Hüttenwerkes gegeben
wird, so geht doch aus der Zuspitzung der Ausführungen
auf Lohn und Arbeitszeit hervor, daß die Gefährdung der
Rentabilität des Hochofenbetriebes von einer Verkürzung
der Arbeitszeit erwartet wird, da diese eine entscheidende
Steigerung der Selbstkosten mit sich bringen werde. Spätere
Auslassungen geben zu erkennen, daß diese Erhöhung der
Selbskosten durch Einführung der Achtstundenschicht im
Hochofenbetriebe vor allem von zwei Richtungen her be-
fürchtet wird: einmal von seiten einer_erheblichen Steige-
rung des Lohnaufwandes und dann zugleich als Folge einer
absoluten Abnahme der Produktionsmenge überhaupt.

Gegenüber den Rentabilitätserwägungen der Werks-
leitung hat schon die bisherige Untersuchung erwiesen,
daß eine Steigerung der Selbstkosten als Ergebnis einer
Vermehrung der Belegschaftszahl, mit der ein Sinken des
Ertriebes Hand in Hand ginge, nicht in dem Umfange auf

!) Aus der Denkschrift des Hüttenwerkes.

AG
        <pb n="77" />
        die Veränderung der Arbeitszeit zurückgeführt werden
kann, wie ein unkritisch vorgenommener Vergleich der
Belegschafts- und Produktionsstatistiken von 1913 und 1923
vermuten ließe, sondern auf ganz anderen Ursachen beruht.

_ An einem Schaubilde, das die Werksleitung in ihrer
Denkschrift aufgestellt hat, kann des weiteren verdeutlicht
werden, wie tatsächlich die Auswirkungen, die etwa von
einer Arbeitszeitveränderung ausgehen können, nicht die
überwiegende Bedeutung für die Rentabilität des Betriebes
haben, die ihnen zugemessen wird. Es handelt sich um
eine graphische Darstellung des Einflusses von Kosten-
minderungen oder -mehrungen bzw. Erlösminderungen oder
-mehrungen auf die Rentabilität der Roheisenerzeugung im
Verlaufe von 6 Monaten des Jahres 1924, also während
einer ununterbrochenen Dauer des Zweischichtensystems
Da die konkreten Zahlenangaben dieser Übersicht einer
Umrechnung bedürfen ?!), wird das Ausmaß des Betriebs-
verlustes je Tonne Roheisen, das nach Erklärungen der
Betriebsleitung in dieser Zeit anzunehmen ist, zu Beginn
der Zeitspanne gleich 100 %, gesetzt und die übrigen Zahlen
darauf bezogen. Demgemäß stieg der Verlust im ersten
Monat durch eine Preisermäßigung des Roheisenverbandes
auf über 260%, während ein Lohnabbau einen Monat
später eine Verringerung auf 220 °%, brachte. Ein Abbau
der Kokspreise zur gleichen Zeit hatte eine Verminderung
auf 185 %, im Gefolge; durch seine Wiederholung im näch-
sten Monat fiel der Betriebsverlust auf 147% und erreichte
auf Grund einer etwa 3 Wochen später eintretenden Koks-
frachtermäßigung den Tiefpunkt der Abwärtsbewegung in
dem beschriebenen Zeitabschnitt mit 120%. Kurz darauf
erhöhte ihn eine Abnahme der Roheisenpreise um 60 °%, auf
180 %. Zusammen mit einer nur in geringem Grade sich
auswirkenden Herabsetzung der Bankzinsen und der Um-

1) Vgl. S. 9 oben.

67
Fk
        <pb n="78" />
        satzsteuer senkte ein Anziehen der Roheisenpreise etwa
11/, Monate später den Verlust erneut auf 135 °°%%.

Aus dieser Aufstellung geht hervor, daß die Schwan-
kungen des Roheisenpreises, die nicht irgendwie durch
Verschiebungen der Lohnsätze oder durch eine Veränderung
der Arbeitszeit hervorgerufen waren, den stärksten Einfluß
auf die Gestaltung der Rentabilität ausübten, indem einmal
zu Anfang die Ermäßigung des Roheisenpreises ein schroffes
Ansteigen um 160 % und später noch einmal um 60 °% zur
Folge hatte, während ihre Erhöhung schließlich ein Ab-
sinken des Betriebsverlustes um 40°%, mit sich brachte.
Als nächster Hauptfaktor sind die Koks- und Koksfracht-
preise zu nennen, da ihre Einwirkung insgesamt Schwan-
kungen des Betriebsverlustes in Höhe von rund 100%
nach sich zog. Dann erst folgt als letzter bedeutsamer
Faktor die Lohnaufwandsveränderung, deren Einfluß auf
die Rentabilität der Roheisenerzeugung kaum den sechsten
Teil der Wirkungen ausübte, der von dem Auf und Ab
der Roheisenpreise ausging. Trotzdem erwartete die Be-
triebsleitung von der Steigerung des Lohnaufwandes auf
Grund der Arbeitszeitveränderung die entscheidende
Erhöhung der Selbstkosten.

Da nach Auffassung der Werksleitung eine besondere
Behandlung des Hochofenbetriebes oder auch nur einiger
Arbeitergruppen, der sogenannten Feuerleute, in der Ar-
beitszeitregelung unmöglich sei, sind die Einwirkungen des
Dreischichtensystems. in diesem Schaubilde nicht für den
Hochofenbetrieb allein, sondern für drei verschiedene
Gruppen von Betrieben des Hüttenwerkes, deren Zusammen-
fassung man aus Gründen geordneter Betriebsführung als
zweckmäßig erachtete, veranschaulicht. Es ergibt sich
folgendes Bild: Die Einführung des Dreischichtensystems
nur im Maschinenbetrieb und für die Feuerleute am Hoch-
ofen, jedoch unter Beibehaltung der Achtstundenschicht im

58
        <pb n="79" />
        Bergbau!) würde ein Ansteigen des Betriebsverlustes je
Tonne Roheisen um 25°, mit sich bringen, während die
Einführung des vollen Dreischichtensystems im Hochofen-
und Maschinenbetrieb ihn um 45%, steigern würde und
die Einführung der neunstündigen Arbeit in sämtlichen
anderen Betrieben, die vorher 10—12stündige Arbeitszeit
hatten, ihn um 56%, erhöhen müßte. Um überhaupt zu
einer Schätzung der Auswirkungen des Dreischichtensystems
nur im vollen Hochofenbetriebe zu kommen, errechnen wir
den Anteil seiner Belegschaft an der Zahl der Arbeiter in
den drei angeführten Betrieben, . Hochofen-, Maschinen-
betrieb und Bergwerk: Da der Hochofenberieb nur etwa
mit !/, der Belegschaft und also schematisch gesehen auch
mit !/, des Lohnaufwandes beteiligt ist, ergäbe sich von
da aus betrachtet eine Erhöhung der Verlustspanne um
nur 10%,

So erscheint aus allem der Schluß gerechtfertigt, daß
anderen Faktoren, z. B. den Schwankungen der Kokspreise,
Frachtkosten und vor allem der Roheisenpreise überhaupt,
eine viel größere Bedeutung für die jeweilige Rentabilität
der Roheisenerzeugung beizumessen ist, als dem Einfluß,
der infolge Lohnaufwandsveränderung bei Wechsel des
Schichtsystems eintreten könnte.

8 19. Die Bedeutung des Lohnaufwandes für die

„Rentabilität“ des Hochofenbetriebes.

Nachdem durch Vergleich von Veränderungen des
Lohnaufwandes mit Schwankungen sonstiger Selbstkosten-
größen erwiesen ist, daß die Lohnaufwandsveränderungen
beim Wechsel des Schichtsystems nicht die Bedeutung
haben, die ihnen von der Werksleitung beigemessen wird,
muß nun der Anteil der Löhne an der Gesamtheit der
Selbstkosten im Hochofenbetriebe überhaupt ermittelt werden.

1) Hier wurden nur zwei Schichten zu je 8 Stunden verfahren.

30
        <pb n="80" />
        E70
Um die Unterlagen für die Beantwortung dieser Frage zu
erhalten, wurde analog einer Untersuchung, die im Auf-
trage des Reichswirtschaftsministeriums für den Ruhrkohlen-
bergbau im Jahre 1924 über das Verhältnis von Selbst-
kosten und Erlös vorgenommen wurde?), eine Aufstellung
für die besonderen Verhältnisse unseres Hochofenbetriebes
ausgearbeitet; sie bringt die einzelnen Positionen der Selbst-
kosten nach ihrem prozentualen Anteil an der Tonne Roh-
eisen zur Darstellung und setzt sie in Beziehung zum
Erlös; als Zeitpunkt wurde ein Monat Mitte des Jahres
1924 gewählt.
Gestehunes Sr
100% 100%
Löhne . . 20.45 % 24,19 9%
Koks) a 51759, 37,56 %
EFrachten‘ . 77 2165 % 25,60 %
Bankzinsen 2 0,95 % 1,12 %
Umsatzsteuer u 0,77 % 0,91%
Abschreibungen . . .”. 1,85 % 2.15%
sonstige Kosten?) . . . 22,58 % 26,71 9%
Erz ohne Lohn, . . 10,02 9% 12,01 %
Kalkstein ohne Lohn 0,27 % 1 0,30 %
1.100,00 % {118,27 %

Aus dieser Aufstellung ist zu ersehen, daß der Lohn-
anteil rund */, der Gesamtselbstkosten betrug und in seiner
Bedeutung den Gestehungskosten für Frachten sowie dem
Posten der „sonstigen Kosten“ gleichkam, während der
Aufwand für Koks die Lohnkosten um rund 50%, über-
stieg. Aus der Gliederung der einzelnen Positionen geht

1) Jüngst, Lohn, Selbstkosten und Lebenshaltung im Ruhrbergbau,
Essen 1924, 8. 46.

?) Diese „sonstigen Kosten“ setzen sich zusammen u. a. aus den
Kosten für Erze ohne Lohn, Kalkstein ohne Lohn, der bereits in der
1. Position der Aufstellung enthalten ist, ferner Kosten für Gehälter,
Verwaltung u. a. m.
        <pb n="81" />
        7

hervor, daß es sich nicht um die „reinen“ Löhne im Hoch-
ofenbetrieb handelte, sondern daß die Unkosten, die im
Erzbergwerk und im Kalksteinbruch entstanden, mitein-
bezogen wurden, da beide *) unlöslich zusammengehörten
und erst in ihrer Einheit ein wahres Bild des Lohnauf-
wandes im Hochofenbetrieb ergäben. Die „reinen Löhne“
betrügen etwa 8°, der Selbstkosten, könnten aber in dieser
Form nicht in eine Selbstkostenberechnung eingesetzt
werden, da sonst der wirkliche Einfluß der Löhne nicht
zur Geltung käme.

Ähnlich sagt 0. Hoffmann ?), daß es wohl so scheinen
könnte, „als ob die Löhne für die. Roheisenerzeugung nur
eine verhältnismäßig geringe Rolle spielten“, denn z. B.
im Jahre 1912 sollten nur 6,6 ° und 1913 nur 6,2 °% des
Wertes einer Tonne Roheisen an Lohn und Gehältern auf-
gewendet sein. Das erweise sich aber als trügerisch, denn
es seien nur die Löhne und Gehaltsaufwendungen des
eigentlichen Hochofenprozesses berechnet, miteinbezogen
werden müßten die Lohnanteile aus den zur Roheisen-
erzeugung verwendeten Rohstoffen, so aus den Eisenerzen
und aus der Kohle in Form von Koks. Dann ergibt sich
nach seiner Aufstellung folgende Zusammensetzung der
Lohnaufwendungen:

Lohnanteil
Betrag % des
bei 1 t Wertes 1 t
Roheisen Roheisen
Hochofenbetrieb . . . 4,05 M. 6,2
Kisenerze‘ . . 4,57 M. 7,0
Koks (Kohlenförderung und Umwandlung
von Kohle in Koks. 10.12 M. . 15,6
"18,74 M.. | 283
Anmerkungen siehe nächste Seite,

A
        <pb n="82" />
        —

Demnach entfielen von dem auf 68,89 M. ermittelten
Durchschnittswert einer Tonne Roheisen allein 18,74 M-
oder 28,8 % auf Lohn und Gehaltsaufwendungen für den
Hochofenprozeß und die Gewinnung der wichtigsten Roh-
stoffe (nicht gerechnet die Zusätze von Kalkstein, Phosphat-
kalk, Schlacken usw.).

Diese Art der Bemessung des Lohnanteils im Rahmen
der Gesamtselbstkosten erscheint da gerechtfertigt, wo
Erz- und Kohlenbergwerk mit dem Hochofenbetrieb in un-
löslicher technischer und wirtschaftlicher Verschmelzung
verbunden und zu einem einheitlichen Gebilde gestaltet
sind, wo infolgedessen der Lohnanteil an der Roheisen-
erzeugung als einheitliche Größe innerhalb der Selbstkosten
dieser vereinigten Betriebe errechnet werden muß. Wenn
es sich aber darum handelt, den Einfluß des Lohn-
aufwandes bei Veränderung der Arbeitszeit in
einem der Betriebe festzustellen, so muß eine klare
Herausarbeitung der einzelnen Aufwände für diesen be-
stimmten Betrieb gefordert werden. So wäre selbst auf
die Gefahr hin, daß die Berechnungen der Werksleitung
(siehe S. 70f.) nicht absolut genau sind, für diese Unter-
suchung der Lohnanteil im Hochofenbetrieb mit rund
8%, in die Selbstkostenaufstellung einzusetzen, während
die übrigen 12%, zu den „sonstigen Kosten“ zu schlagen
wären, in denen die Erzkosten usw. hisher ohne Löhne
enthalten sind®). Erst so könnte sich ein klares Bild
davon ergeben, wie die Lohnaufwände im Hochofenbetrieb
sich bei Einführung der Achtstundenschicht verändern.
Zwar wurde während des Kampfes um die Wiedereinführung
des Dreischichtensystems in Hochofenbetrieben zu Anfang

1) Nach Ansicht der Werkleitung.

?) Arbeitsdauer und gewerbliche Produktion in Deutschland nach
dem Weltkriege, S. 187 ff.

3) Vgl. S. 70, Anm. 2.

75
        <pb n="83" />
        EZ O —

1925 von seiten der Betriebsleitung immer erneut betont,
daß die Sonderbehandlung eines Betriebes im Hüttenwerk
in der Arbeitszeitbemessung zu großen Schwierigkeiten
führen würde, so daß sie im Hinblick auf eine geordnete
Betriebsführung als unmöglich abgelehnt werden müsse.
Daher hielt man die Ermittlung der „reinen Löhne“ für
den Hochofenbetrieb bei Einführung der Achtstundenschicht
für völlig überflüssig, glaubte vielmehr, daß die Verände-
rung der Arbeitszeit nur für die Hüttenwerke insgesamt
oder aber gar nicht erfolgen könne; doch war im August
1925 bereits für die Arbeiter an.77 von 114 in Gang be-
findlichen Hochöfen (im Deutschen Reiche außer Saargebiet)
das Dreischichtensystem zur Durchführung gebracht, wäh-
rend die Arbeitszeit in sonstigen Betrieben der Hütten-
werke davon nicht berührt wurde*). In dem untersuchten
Hochofenbetriebe wurde das Dreischichtensystem zunächst
für die Arbeiter eingeführt, die in der Verordnung des
Reichsarbeitsministers vom 20. Januar 1925 genannt waren,
unter Erweiterung um die Eisenträger und Apparatewärter;
jedoch war die Betriebsleitung aus Rücksicht auf eine
straffe Betriebsführung um eine Ausdehnung der Acht-
stundenschicht auf die Gesamtbelegschaft des Hochofen-
betriebes bemüht und wollte es erreichen, mit der gleichen
Belegschaft auch nach der Neuregelung der Arbeitszeit-
verhältnisse auszukommen.

Es wurde bereits ausgeführt, daß der Anteil der „reinen
Löhne“ im Hochofenbetrieb um die Mitte des Jahres 1924
nach den Angaben der Betriebsleitung etwa 8°%, betrug
(siehe S. 71). Bei Vergleich mit der Aufstellung von Hoff-
mann (siehe S. 71 f.) wäre somit gegenüber der Friedenszeit
eine Steigerung der „reinen Löhne“ um etwa */, zu ver-
zeichnen. Dieser Vergleich kann freilich keinen Anspruch

1) Vgl. Soz. Praxis, XXXIV. Jahrg., Nr. 27, Sp. 590/91, und Heyde,
Chronik der Sozialpolitik, in „Weltwirtschaftl. Arch.“, Bd. 22, Heft 2, S. 385.

7
        <pb n="84" />
        nn TE

auf völlige Exaktheit erheben, da von der Werksleitung
nur eine runde Zahl, von Hoffmann nur Durchnittswerte
angegeben sind und außerdem nicht klar ist, ob von ihm
der Anteil am Erlös oder an den Selbstkosten einer Tonne
Roheisen gemeint ist; aber er darf vielleicht herangezogen
werden, um festzustellen, in welcher Richtung der Lohn-
aufwand im Hochofenbetrieb sich nach Stabilisierung der
Währung bewegte.

Daß diese „reinen Löhne“ im Hochofenbetrieb zu prak-
tischen Vergleichszwecken Verwendung finden, erweisen
auch die Erhebungen der „Wirtschaftskurve der Frank-
furter Zeitung“. Nach deren Ergebnissen!) war in jener
Zeit bei den wichtigsten Industrien Deutschlands, besonders
auch bei den rohstoffverarbeitenden Gewerben, gegenüber
der Vorkriegszeit der Anteil der Löhne und Gehälter an
den Preisen gesunken, während „gegenteilige Ermittlungen
mehr auf besondere Verhältnisse beschränkt zu sein“
schienen. Danach schwankte der Lohnanteil am Preise
des Produkts eines Hochofenwerkes in den Jahren 1917
bis 1920 zwischen 5 und 7,4 °%, während er 1913 auf 6,2 %,
stand. Folgende Aufstellung?) gibt die Verschiebungen des
Lohnanteils_für diese Zeit wieder:

1913 2%

1917 2

1918 ®

1919 En

192 U
Aus dem Ansteigen des Lohnanteils am Produktpreise
von 5,5%, im Jahre 1918, also unter dem Zweischichten-
system, auf 7,4°%, im Jahre 1919, d. h. unter dem Drei-
Schichtensystem, könnte gefolgert werden, daß hierin der
Unterschied der Belastung durch den Lohnaufwand infolge
Wechsel des Schichtensystems zum Ausdruck käme.

') Wirtschaftskurve der Frankfurter Zeitung, Frankfurt 1923,
83. Heft, S. 37.
        <pb n="85" />
        Aber ganz abgesehen davon, daß bereits im folgenden
Jahre, während dessen das Dreischichtensystem weiter
bestand, eine die Steigerung überholende Senkung der Lohn-.
quote eintrat, muß grundsätzlich der Wert dieser Vergleiche
von Beziehungszahlen zwischen Lohnkostenund
Produktpreisen für eine exakte Ergründung bestimmter
Zusammenhänge von Arbeitszeit und Arbeitslohn in Frage
gestellt werden. Hierbei wird das völlig unberechenbare
Hineinspielen der Konjunktur und anderer wirtschaftlicher
Geschehnisse außer acht gelassen, das berücksichtigt werden
müßte. So könnte der Lohnaufwand, ceteris paribus, theore-
tisch bei verschiedenen Arbeitszeitverhältnissen ganz gleich
bleiben, sein prozentualer Anteil dagegen erhebliche Unter-
schiede aufweisen, weil die Preise des Produktes sich ver-
ändert haben. Daher sind solche Vergleiche von Beziehungs-
zahlen zwischen Lohnkosten und Produktpreisen für unsere
Untersuchung der Zusammenhänge von Arbeitszeit und
Produktivität nur unter allem Vorbehalt heranzuziehen, da
aus ihnen selbst oder ihren Unterlagen meist nicht er-
kennbar wird, wieweit die Veränderung des Lohnanteils
auf eine Bewegung der Verkaufspreise zurückzuführen ist
oder nicht. In unserem Falle geht es auch deshalb nicht
an, diese Lohnquoten, die die „Wirtschaftskurve der Frank-
furter Zeitung“ bringt, mit dem auf Grund unserer Unter-
suchung bestimmten Lohnanteil in Vergleich zu stellen,
weil es sich dort um den Lohnanteil, gemessen am Preise
der Produkteinheit handelt, hier aber um den Lohnanteil,
gemessen am Betrag der Gesamtselbstkosten der Pro-
dukteinheit.

Nun läßt sich wohl auf Grund der Feststellung der
Betriebsleitung, daß der Lohnaufwand gegenüber der
Friedenszeit um rund 150 °%, gestiegen sei, schematisch ein
Lohnanteil an den Selbstkosten von 5,3°% für 1913 er-
rechnen, aber wie weit dieser dem Lohnanteil, gemessen
am damaligen Preise des Roheisens nahesteht oder nicht,

75
        <pb n="86" />
        Sg

ist von da aus nicht zu erfassen. Diese Steigerung des
Lohnanteils von 5,3%, auf 8°%,, die nicht auf der Ver-
änderung der Arbeitszeit beruht, da sie unter der Herr-
schaft desselben, nämlich des Zweischichtensystems, zu beob-
achten ist, dürfte auf die gänzlich veränderten Lohnver-
hältnisse der Nachkriegszeit zurückzuführen sein. Kinmal
hat hier, wie bereits erwähnt (siehe S. 55), die besondere
Gestaltung der Lebenshaltungskosten, die vor dem Kriege
dank der außerordentlich günstigen landwirtschaftlichen
Verhältnisse in dieser Gegend sehr niedrig waren, die Not-
wendigkeit einer Erhöhung der Lohnsätze bedingt; ferner
ist die Abnahme der Spanne zwischen den Löhnen für un-
gelernte und gelernte bzw. angelernte Arbeiter in Rechnung
zu stellen. Außerdem wurde anläßlich der Untersuchung
der Statistik über die Hochofenbelegschaft bereits klar-
gelegt, daß deren Zusammensetzung sich ebenfalls zum Teil
verändert hatte, z. B. dadurch, daß infolge Einbeziehung
neuer Betriebsaufgaben neue Arbeitergruppen in die Be-
legschaft aufgenommen wurden, oder dadurch, daß in-
folge weiterer Mechanisierung des Produktionsvollzuges
oder organisatorischer Umgestaltung der Arbeitergruppen
Veränderungen in der Stärke der einzelnen Gruppen selbst
eintraten. Aus all diesen Gründen wird die Erhöhung des
Lohnanteils gegenüber der Friedenszeit erklärlich und
könnte im einzelnen auch genauer berechnet werden, was
jedoch über den Rahmen unseres Themas hinausführen würde.

Wenn es also wohl angängig erscheint, den Lohnauf-
wand in der Vorkriegszeit zu dem in der Nachkriegszeit
in Vergleich zu setzen, nachdem die Währungsstabilisierung
wieder relativ feste Lohnsätze mit sich gebracht hatte,
wird es jedoch unmöglich, diese Aufgabe in gleicher Weise
für die Jahre 1913 und 1923 durchzuführen, um dadurch die
wirtschaftlichen Auswirkungen des Achtstundentages gegen-
über dem Zwölfstundentage klarzulegen; diese beiden Jahre
waren aber für die besprochenen Erhebungen auf dem
        <pb n="87" />
        er

Gebiet der Belegschafts- und Produktions Kasstik maßgebe ud.
Einmal haben die Untersuchungen, die yon der Belegschafts

statistik aus angestellt wurden, ergeben| daßpdie| ea

Erhöhung des Belegschaftsstandes in de Jahren 1919 x

nicht entscheidend auf die Veränderukg“%der Arbeitszgit
zurückgeführt werden kann. Es wurde alsKbertits/er-
wähnt (siehe S. 33), daß die als Folgen der Ififfation oft
sprunghaft steigende Entwertung der Löhne Lohnauf-
wendungen in einer Höhe ermöglichte, die bei einem Zwang
zu scharfer Kalkulation nicht möglich gewesen wären.
Außerdem waren die Löhne innerhalb der einzelnen
Lohnperioden, vom Goldniveau aus betrachtet, wie es
für diese Untersuchung nötig wäre, oft so starken Schwan-
kungen unterworfen, daß sich keine exakten Aussagen über
ihren Anteil an den Gestehungskosten bzw. an den Preisen
der Produkte gewinnen ließen. Welches Ausmaß diese
Schwankungen schließlich auf ihrem Höhepunkt angenommen
haben, davon gibt eine Notiz der „Wirtschaftskurve der
Frankfurter Zeitung“?) in einer Erhebung über „Die Zu-
sammensetzung der Ruhrkohlenpreise während der Haupt-
inflationsperiode“ einen Eindruck: „So hatte z. B. am ersten
Tage der Lohnperiode vom 29, Okt. bis 4. Nov. (1923, der Verf.)
der mittlere Tageslohnsatz einem Goldwert von 9,50 M. ent-
sprochen, am letzten Tage derselben aber nur noch einem
solchen von 1,48 M. gegenüber einem Schichtlohn von 5 M.
bis 5,50 M. in der Vorkriegszeit“. Ganz ähnliche Angaben
wurden von der Betriebsleitung des untersuchten Hoch-
ofenbetriebes gemacht, wenn sich auch hier nicht Schwan-
kungen der Lohnhöhe im Verhältnis 7:1, sondern „nur“ 5:1
vollzogen haben. Aus diesen Gründen kann das Jahr 1928
nicht zur Beurteilung der wirtschaftlichen Auswirkungen
des Dreischichtensystems herangezogen werden.

1) 1924, Heft 1, S. 160.
        <pb n="88" />
        — A785 —

Als seine Wiedereinführung in Aussicht stand, war es
daher nur im Wege einer Vorkalkulation möglich, die
Veränderungen des Lohnaufwandes im Hochofenbetriebe zu
untersuchen. Diese Vorkalkulation konnte auf den im
großen ganzen stabilen Lohn- und Währungsverhältnissen
Ende des Jahres 1924 aufbauen, zu dessen Anfang das
Zweischichtensystem wieder eingeführt worden war; nur
diese Grundlage erlaubte es, dem Einfluß des Lohnauf-
wandes auf die „Rentabilität“ des Hochofenbetriebes bei
Einführung des Dreischichtensystems nachzugehen. Da es
nach Auffassung der Werksleitung undenkbar erschien,
daß bei der Arbeitszeitveränderung im Gesamtbetrieb ein-
zelne Gruppen oder einzelne Betriebe herausgenommen
werden könnten, wurde eine Gesamtberechnung des Ein-
fiusses der Einführung des Achtstundentages auf die Lohn-
ausgaben des Hüttenwerks überhaupt *), getrennt nach seinen
drei Betriebsgruppen vorgenommen. Während diese Neu-
regelung der Arbeitszeitverhältnisse für den Hochofenbetrieb
das Dreischichtensystem gebracht hätte, würde sie nach den
Angaben der Vorkalkulation für das HErzbergwerk eine
Herabsetzung der Arbeitszeit von 8 auf 7 Stunden, für die
übrigen Betriebe von 9%, auf 8 Stunden nach sich ge-
zogen haben.

Die Lohnkosten des Hochofenbetriebes wurden hierbei
mit den Lohnausgaben für die Kraftanlage und die dazu-
gehörige Gasreinigung mit Gasgeneratoren”zu einer einheit-
lichen Kostengröße zusammengefaßt. Für diese Betriebs-
gruppe wurde bei Übergang vom Zwei- zum Dreischichten-
system „unter Voraussetzung gleicher Arbeitsweise“ *) eine
Vermehrung der Belegschaft um 50%, angenommen und
damit eine Lohnausgabenmehrung in gleicher Höhe ein-
gesetzt, in. der Voraussetzung, daß der Verdienst der
Arbeiter gleich bliebe. Diese letztere Einschränkung mußte

*) Aus der Denkschrift des Hüttenwerkes,
        <pb n="89" />
        A).
gemacht werden, da in jenem Zeitpunkt eine Minderung
der Lohnsätze nach übereinstimmender Ansicht der Arbeit-
geber und Arbeitnehmer nicht möglich erschien und also
die Verkürzung der Arbeitszeit nicht etwa auf Kosten der
Löhne erfolgen konnte. Bei einer Durchführung der oben
beschriebenen Neuregelung für das ganze Hüttenwerk er-
gäbe sich eine Steigerung des Gesamtlohnaufwandes um 22%.

Bei den weiteren Berechnungen sind auch in diesen
Erhebungen Lohnkosten und Erlös in Beziehung gesetzt;
um aber überhaupt ein Bild von den Veränderungen zu er-
halten, gilt es trotz der grundsätzlichen Bedenken gegen
diese Art von Vergleichen (siehe S. 75f.), ihre Ergebnisse
zu untersuchen: Gemessen an dem Erlös, der in dem für
diese Erhebungen angenommenen Monat erzielt wurde,
betrug der tatsächliche Lohnanteil unter den alten Ver-
hältnissen 40 °%,, während die Neuregelung ihn auf 50%
erhöhen würde. Nach den Angaben der Betriebsleitung
sollte diese Mehrausgabe auf das Jahr berechnet bei weitem
den bei günstigster Lage des Eisenmarktes möglichen Be-
triebsgewinn überschreiten?!). Faßt man Rentabilität, auf
die Unternehmung bezogen, als „das Maß, in welchem es
der Unternehmung gelingt, im Wege dauernd überwiegender
Gewinne einen Ertrag zu erzielen“ ?), so würde bei der
damaligen Wirtschaftslage der Unternehmung die Neu-
regelung der Arbeitszeitverhältnisse für das gesamte Hütten-
werk die Aufhebung seiner Rentabilität bedeutet haben.
Tatsächlich wurde aber die Einführung des Achtstunden-
tages auf den Hochofenbetrieb und hier wiederum zunächst
auf bestimmte Arbeitergruppen beschränkt. Wenn also das
Dreischichtensystem allein in der ersten Betriebsgruppe in
Kraft träte, der der Hochofenbetrieb angehörte, würde nur
eine Erhöhung des Gesamtlohnanteils am Erlös auf 42,6 %,

1) Aus der Denkschrift des Hüttenwerkes,

?) v. Gottl-Ottlilienfeld, Wirtschaft und Technik, S. 25.

70
        <pb n="90" />
        RS) —
erfolgen. Wenn man aber den Lohnmehraufwand errechnet,
der bei Einführung des Dreischichtensystems für die zu-
nächst tatsächlich in Aussicht genommenen Arbeitergruppen
entstehen müßte, so erhielte man nur eine Steigerung des
Gesamtlohnanteils am Erlös um 0,73 % 7).

Sucht man die Auswirkungen dieser letzterwähnten
Neuregelung für die Betriebsgruppe zu erfassen ?), der der
Hochofenbetrieb angehört, in der jene daher am deutlichsten
sichtbar würden, so fände man einen Lohnmehraufwand
von 21 %% %. Nach Erhebungen, aus denen die „Rückwirkung
der Einführung des Dreischichtensystems in den Hochofen-
betrieben bei drei verschiedenen Hüttenwerken Ober-
schlesiens“ *) festgestellt werden sollte, steigerte sich da-
durch die Lohnsumme einschl. der Soziallasten um 15,2 %,,
16,9% und 19,7 °%. Diese Gegenüberstellung veranschau-
licht, wie verschieden sich die Arbeitszeitveränderung in
den Hochofenbetrieben ausgewirkt hat. Daraus exakte
Schlüsse auf den Zusammenhang von Arbeitszeit und Pro-
duktivität zu ziehen, ist nicht möglich; es kann lediglich
der Vermutung stattgegeben werden, daß diese Verschieden-
heiten bei ungefähr gleicher Betriebsgröße der drei Hoch-
ofenbetriebe durch die jeweilige Beteiligung der „Hand-
arbeit“ am Produktionsprozeß bedingt ist. Sollen solche
Gegenüberstellungen derartiger Lohnquoten darüber hinaus
für Untersuchungen unserer Art von Wert sein, so muß
eine ganz genaue Einsicht in die spezifischen Betriebs-

') Berechnet unter Heranziehung der Belegschaftsstatistik und bei
einem Durchschnittslohn, dessen Höhe von der Betriebsleitung selbst für
diesen Zweck veranschlagt wurde.

?) Hochofenbetrieb, Kraftanlage, Gasreinigung mit Gasgeneratoren.
: 3) Den Lohnmehraufwand für den Hochofenbetrieb allein festzu-
stellen war infolge seiner Einordnung in diese Betriebsgruppe nicht
möglich.

*) Nach persönlichen Angaben.

x
        <pb n="91" />
        SL
verhältnisse, der verglichenen Wirtschaftseinheiten gleicher
Größe vorliegen, um das Besondere jeder dieser Anteils-
zahlen nachprüfen zu können.
$ 20. Beurteilung der Rentabilität bei Veränderung der
Arbeitszeit,

Ein abschließendes Urteil über die „wirtschaftliche
Tragbarkeit“ oder „Untragbarkeit“ einer Einführung des
Dreischichtensystems steht dieser Arbeit nicht zu. Es
kann hier nur festgestellt werden, daß bei seiner Durch-
führung im vergangenen Jahr die Zahl der Stillegungen
von Hochofenbetrieben „ganz erheblich zurückblieb hinter
den Befürchtungen der Industrie“; wieweit etwa eine un-
vorgesehene Wandlung der Absatzbedingungen in den
späteren Monaten zu dieser Gestaltung der Dinge bei-
getragen hat, muß jedoch dahingestellt bleiben!). Die
Lösung der Frage nach der wirtschaftlichen Tragbarkeit
wird jeweils letzlich Aufgabe praktischer Entscheidung
sein; in dieser betriebstheoretischen Studie aber kam es
darauf an, im Anschluß an die konkrete Lage eines be-
stimmten Hochofenbetriebes die einzelnen Probleme, die
bei solcher Entscheidung zu beachten sind, herauszustellen
und die Richtung anzugeben, in der ihre Bearbeitung zu
erfolgen hat. So führte die Untersuchung der Aufstellungen
über die Zusammenhänge von Arbeitszeit und Produktivität
immer erneut zu der Einsicht in die Notwendigkeit, bei
diesen Erhebungen vom Blick auf die Gestaltung des Be-
triebsganzen auszugehen und sich dabei auf Schritt und
Tritt des außerordentlich komplizierten Gewebes der Ar-
beitsbedingungen bewußt zu bleiben. Man darf also nicht
einseitig allein von der Einwirkung der Arbeitszeit und
ihrer Veränderung auf das Sinken oder Steigen der Er-

') Heyde, Chronik der Sozialpolitik, in „Weltwirtschaftliches Arch.“,
Bd. 22, Heft 2, 8. 384.

Schriften der Gesellschaft für Soziale Reform. Heft 79.

6
        <pb n="92" />
        zeuguhgsmenge Schlußfolgerungen ziehen; vielmehr müssen
möglichst alle Faktoren erfaßt werden, denen erhebliche
Bedeutung für die Gestaltung. der Ertriebswucht im Hoch-
ofenbetrieb beizumessen ist. Soweit es dann gelingt, die
Arbeitszeit von. den: übrigen; Faktoren zu isolieren, wird
es möglich, die Auswirkung des Schichtwechsels als Ur-
sache einer Veränderung. der Erzeugungsmenge schlüssig
zu erweisen.

Auf dieser Grundlage können auch erst Erhebungen
über eine Mehrung bzw. Minderung des Lohnaufwandes auf-
bauen, die etwa mit diesem Schichtwechsel verbunden ist.
Aber dann geht es auch hier nicht an, einseitig eine einzige
Beziehung aus dem Zusammenspiel der Aufwandsgrößen
im Betriebe durch Gegenüberstellung. von Lohnaufwand
und Erlös herauszureißen und dann endgültige Folgerungen
für eine Entscheidung über die wirtschaftliche Tragbarkeit
bzw. Untragbarkeit des Dreischichtensystems im Hochofen-
betrieb zu ziehen: Ebenso wie die Beobachtung der Zu-
sammenhänge ‘von Arbeitszeit und Produktivität immer
erneut die Frage nach der rationellsten Gestaltung des
Betriebes und seiner Führung dringend werden ließ, deren
Lösung dem Walten der verschiedenen Prinzipien tech-
nischer Vernunft in ihrem Zusammen- und Gegeneinander-
wirken nachzugehen hätte, ebenso müßte bei einer Vor-
kalkulation das Zusammenspiel der verschiedenen Auf-
wandsgrößen in seiner ganzen Dynamik,die auf dem Gebiet
des Selbstkostenwesens zur Entfaltung gebracht werden
kann, zur Untersuchung und zum Ausdruck gelangen. Wie
diese Aufwandsgrößen in ihrem Zusammenwirken in Er-
scheinung treten, und wie die Möglichkeiten ihrer Dynamik
zur Darstellung. gebracht werden könnten, ließe sich für
unseren Fall an einer Formel für den „spezifischen Auf-
wand“ veranschaulichen, der die Summe aller auf die Ein-
heit des Produktes entfallenden Aufwände bei der Pro-

Q5
        <pb n="93" />
        — SU
duktion ausmacht?). Da. die „Verrechenbarkeit“. aller
Aufwände für eine rationelle Gestaltung des Betriebes und
seiner Führung notwendiges Erfordernis ist, kann man ‚die
Formel ohne weiteres zu einer Vorkalkulation in Beziehung
setzen. Der Aufbau dieser Formel muß sich nach den
jeweiligen Verhältnissen richten ?).

An solcher Formel könnte unmittelbar anschaulich ge-
macht werden, in welchen Beziehungen die verschiedenen
Aufwände zueinander stehen, auf welche Weise etwa die
Veränderung des einen die übrigen in ihren Besonderheiten
wie in ihrem Zusammenwirken beeinflußt. KErgäbe sich
also in. unserem Falle beim Wechsel des Schichtsystems
eine Veränderung im Aufwand von Arbeitsverrichtungen,
so würde die Rückwirkung auf die übrigen Aufwände un-
mittelbar sichtbar werden. Ihre Summation aber brächte
den „spezifischen Aufwand“ für 1 t Roheisen, so daß sich
der Einfluß jener Maßnahme ohne weiteres ablesen ließe.
Bei Voraussetzung der Verrechenbarkeit aller Aufwände
entstünde auf diese Weise eine klare Übersicht der Kosten,
die diese Regelung im Gefolge hätte, und deren Größen
im einzelnen so einer Vorkalkulation dienen könnten. Auf
diese Art kann der Lohnmehraufwand in seiner Bedeutung
und seinen Beziehungen zu den verschiedenen anderen
Aufwänden eindeutig dargestellt werden.

Während die Vorkalkulation, die von seiten der Be-
triebsleitung des untersuchten Hochofenwerkes angestellt
wurde, bei all ihren Erwägungen von Berechnungen aus-
ging, die „unter Voraussetzung gleicher Arbeitsweise“ $)
vorgenommen wurden, also auf einer statischen Grundlage
fußten, müßte vielmehr in unserem Fall die ganze Dynamik
zur Entfaltung gebracht werden, die auf dem Gebiet des

*) v. Gottl-Ottlilienfeld, Wirtschaft und Technik, S, 22.

*) Aufgestellt ist solch eine Formel für theoretische Zwecke von
v. Gottl-Ottlilienfeld, Wirtschaft und Technik, S. 125,

3) Aus der Denkschrift des Hüttenwerkes:

16
P*
        <pb n="94" />
        84
Selbstkostenwesens möglich ist. Denn es wurde bereits
mehrfach festgestellt, daß jede Arbeitszeitverkürzung in
sich die Tendenz birgt, ihre etwaige ertriebsmindernde
und aufwanderhöhende Wirkung durch Umgestaltung der
„Arbeitsweise“ zu kompensieren.

An Hand dieser Formel für den spezifischen Aufwand
ließen sich des weiteren auch die Einsatzpunkte finden,
von denen aus durch die Anwendung eines oder mehrerer
Prinzipien der technischen Vernunft ein Ausgleich inner-
halb der Aufwände vollzogen werden könnte, der imstande
wäre, jenes Mehr an Kosten infolge der Arbeitszeitver-
änderung zu kompensieren. Da „diese Formel... es un-
mittelbar anschaulich“ macht, „wie jedes beliebige Prinzip
der technischen Vernunft, sobald es auf die Produktion
angewendet wird, den spezifischen Aufwand beeinflußt“ Yı
so ließe sich sofort feststellen, wie stark z. B. etwa eine
weitergehende Mechanisierung des Vollzuges der Produktion
den einen Teilaufwand an Arbeitsverrichtungen herab-
drücken würde, während der „Voraufwand“ für die ein-
zustellenden Maschinen stiege. Bei Verrechnung dieser so
entstehenden Aufwände zu einheitlichen Kostengrößen ließe
sich dann nachweisen, ob dieser Eingriff in die Gestaltung
der Produktion eine Senkung oder eine Steigerung des
spezifischen Aufwandes zur Folge hätte. Von der Grund-
lage einer solchen sinnvoll aufgebauten und durchgeführten
Vorkalkulation läßt sich. ein wirklich schlüssiges Urteil
gewinnen, das zu einer Entscheidung darüber befähigt, ob
die Einführung des Dreischichtensystems die Rentabilität
des: Betriebes bzw. der Unternehmung gefährden würde
oder nicht.

') v. Gottl-Ottlilienfeld, Wirtschaft und Technik, S. 126.
        <pb n="95" />
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        <pb n="96" />
        nn

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Lipmann, Das Arbeitszeitproblem, 1. Auflage, Berlin, Institut für ange-
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Derselbe, Arbeitszeit und Erzeugungsmenge, in „Internationale Rund-
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Litz, Wie können wir die gegenwärtige Wirtschaftskrisis überwinden?
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Vleugels, Der Achtstundentag in Deutschland, Berlin 1924.

Webb and Cox, The eight hours day, 1891.

Wirtschaftskurve der Frankfurter Zeitung, Frankfurt 1922—1924, .

Wolff, Der Achtstundentag, seine Vorgeschichte und die Erfahrungen
mit seiner Einführung in Deutschland unter besonderer Berück-
sichtigung von Schlesien, Breslau 1921.

IC
        <pb n="97" />
        Nachwort
des Generalsekretärs der Gesellschaft
für Soziale Reform.

Die hier veröffentlichte Arbeit ist die staatswissen-
schaftliche Dissertation eines jungen evangelischen Theo-
logen. Sie entstand auf meine Veranlassung und beruht
auf gründlichen Spezialstudien, die der Verfasser auf einer
deutschen Eisenhütte durchführen durfte. Es ist mir ein
Bedürfnis, der Leitung dieser Hütte für ihr großzügiges
Entgegenkommen warm zu danken. Die Ergebnisse meines
Schülers weichen in manchen Punkten von denjenigen ab,
zu denen mich selbst die Überlegungen führten, die ich
als Berichterstatter für die Arbeitszeit in den Metallhütten
im Reichswirtschaftsrat seinerzeit anstellte. Sie decken
sich auch nicht restlos mit den Schlüssen, zu denen eine
Denkschrift der untersuchten Hütte selbst gelangte. Das
eigentliche Verdienst der tapferen Arbeit von Dr. Schönfeld
scheint mir aber darin zu liegen, daß sie auf die Komplex-
heit der Zusammenhänge zwischen Arbeitszeit und Arbeits-
leistung hinweist. Der von mir geleitete IV. Unterausschuß
des durch Gesetz vom 15. April 1926 geschaffenen Enquöte-
ausschusses ringt mit dem Komplex von Bestimmungs-
faktoren der Arbeitsleistung ebenfalls und kann nur
wünschen, daß das Bewußtsein von der Schwierigkeit der
Behandlung derartiger Probleme allmählich Gemeingut aller
Kreise wird, die sich mit Arbeitszeitfragen beschäftigen.

Prof. Dr. L. Heyde,
M. d. RWR.
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        G. Pätz’sche Buchdr. Lippert &amp; Co. G. m. b. H., Naumburg a. S.
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        Nachwort
Seneralsekretärs der Gesellschaft
für Soziale Reform.

ler veröffentlichte Arbeit ist die staatswissen-
; Dissertation eines jungen evangelischen Theo-
&gt; entstand auf meine Veranlassung und beruht
'ichen Spezialstudien, die der Verfasser auf einer
Eisenhütte durchführen durfte. Es ist mir ein

der Leitung dieser Hütte für ihr großzügiges
-OMmen warm zu danken. Die Ergebnisse meines
veichen in manchen Punkten von. denjenigen ab,
Mich selbst die Überlegungen führten, die ich
ferstatter für die Arbeitszeit in den Metallhütten
‚Wirtschaftsrat seinerzeit anstellte. Sie decken
Nicht restlos mit den Schlüssen, zu denen eine
ft der untersuchten Hütte selbst gelangte. Das
&gt; Verdienst der tapferen Arbeit von Dr. Schönfeld
7 aber darin zu liegen, daß sie auf die Komplex-
“usammenhänge zwischen Arbeitszeit und Arbeits-
Aweist. Der von mir geleitete IV. Unterausschuß
Sesetz vom 15. April 1926 geschaffenen Enquete-
3 Tingt mit dem Komplex von Bestimmungs-
der Arbeitsleistung ebenfalls und kann nur
daß das Bewußtsein von der Schwierigkeit der
% derartiger Probleme allmählich Gemeingut aller
"d, die sich mit Arbeitszeitfragen beschäftigen.

Prof. Dr. L. Heyde,
M. d. RWR.
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