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        <title>Reichshaushalt und Finanzausgleich</title>
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        I..Aü d e L E L E
J.. „. ¿].

Reichshaushalt
un0
Finanzausgleich

Reichstagsrede am 16. Februar 1927

Von
Dr. er Oberfohren

g, b 0
s

q D
0, 2.0

19 2 7

Deutschnationale Schriftenvertriebsstelle G. m. b. H.
Berlin SW 11, Bernburger Str. 94

Flugschrifk Nr. 2872
Einzelpreis 20 Pf.: 25 Stück 4,~ M.; 50 Stück 2,– M.; 100 Stiick 12,7 M.; 500 Stlick 55,6] M
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        M:". Damen und Herren! Als vor nunmehr Jahresfrist der
/ | damals eintretende Reichsfinangminister Reinhold den Etat
einbrachte, der mit der Ankündigung des Steuer-
milderungsgesset es verbunden war, gab in der Debatte
der Redner der Zentrumspartei der Erwartung Ausdruck,
daß der neu antretende Finanzminister seinem Nachfolger
einmal die Reichsfinanzen in derselben guten Verfassung
hinterlassen möge, wie er sie vorgefunden habe. (Sehr richtig!
bei den Deutsschnationalen.) Der jetzt ausgeschiedene Reichs-
finanzminister Reinhold hat dieser Tage in einer Etatsrede
die er zwar in diesem Hause nicht mehr halten konnte, die er aber in
der ihm nahestehenden Presse veröffentlicht hat, den beneidenswerten
Mut gehabt, auf diese Warnung zurückzukommen, und zwar mit
dem Hinweis, daß die Befürchtungen vom Frühjahre 1926 völlig
unberechtigt gewesen seien. Er führt aus: troßdem wesentliche Mehr-
beträge gegenüber dem Voranschlage hätten zur Verfügung gestellt
werden müssen, werde das Etatsjahr 1926 trotz der durchgeführten
Steuermilderungen nicht mit einem Defizit, wie angekündigt worden
sei, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach mit einem erfreulichen
Ueberschuß abschließgen. Jch habe nur Veranlassung, Herrn Rein-
holds aufschäumenden Wein des Optimismus, von dem wir schon
früher zahllose Proben im letzten Jahre kredenzt bekommen haben,
in Vergleich zu den sachlichen Darlegungen des jetzigen Reichs-
finanzministers zu stellen. Zunächst ist festzustellen, daß Herr Rein-
hold sein Amt antrat mit U e b er schü s s e n , Betriebs-
mitteln, Ausgaberesten, Einnahmen aus Muünzgewinnen im
Gesamtbetragse von ungefähr 900 Millionen Mark, (hört!
hört! bei den Deutsschnationalen) eine Summe, die man als
Gessamtreserve bezeichnen kann, die ihm zur Verfügung stand. Von
einem Ueberschuß, den er sich herausrechnet, ist nach den sachlichen
Darlegungen, die wir heute gehört haben, mit keinem Wort die
Rede, ein irgendwie noch entstehendes Plus kann jedenfalls kaum zu
Buch schlagen. Man kann höchstens sagen, daß das Rechnungsjahr
1926 glatt aufgeht und daß der Haushaltsplan des Reiches für das
Rechnungsjahr 1927 auch aller stillen Reserven entblößt ist. (Hört!
Hört! bei den Deutschnationalen.) Herr Dr. Reinhold hat es sich
immer, so auch noch in seiner nichtgehaltenen Etatsrede, zum Ver-
        <pb n="3" />
        dienst angerechnet, daß er die Schliebensche Thesaurierungspolitik

zum Stillstand gebracht habe. (Sehr gut! links u. bei den Deutschen

Demokraten.) ~ Sehr gut, sagen Sie, nur ist dazu zu bemerken,

daß diese ewigen Behauptungen doch ein erhebliches Maß politischer

Undankbarkeit enthalten (Rufe von den Deutschen Demokraten:

Nanu! ~ Sehr richtig! rechts); denn vom Standpunkt der Gerech-

tigkeit muß gesagt werden, daß Herr Rein ho ld überhaupt das

ganze Jahr seiner minissteriellen Tätigkeit ~ abgesehen von dem

englischen Kohlenarbeiterstreik – n ur v o n den finanziellen

Reserven gelebt, (sehr wahr! rechts) die ihm sein viel

geschmähter und verkannter Vorgänger hintet-

la ss en hat. (Bravo! rechts.)

Es erscheint mir überhaupt nach den immer wiederholten

Ausführungen in der „Oeffentlichkeit und den Agitationsmethoden

gewisser Parteien hinsichtlich des Themas „T h es au ri erung s-
politik“ zweckmäßig, kurz die Entstehung der Erscheinungen zu
würdigen, was man als Thesaurierungspolitik bezeichnet. Zunächst

ist wichtig, daß an den Vorgängen, die darin gipfelten, daß im
Etatsjahr 1924/25 in der Tat ein Ueberaufkommen von 2 Milliarden
gegenüber dem Voranschlag feststellbar wurde, der Reichsfinang-
minister von Schlieben nicht den geringsten Anteil hat. (Zurufe
links.) – Er hat nicht die geringste Beziehung dazu, sage ich. Denn
wie ist der an sich tief bedauerliche Tatbestand des Ueberaufkommens
von 2 Milliarden zu erklären? (Abgeordneter Dr. Fischer: Davon
konnte Reinhold ja doch nicht leben!) – Warten Sie doch ab! JFch
komme darauf noch zurück. Dieser Tatbestand ist so zu erklären:
Auf Grund einer allerdings originellen, vielleicht sogar genialen
Lösung einer Finanzkrise durch den damaligen Finanz-
minister Dr. Luther, im Februar des Jahres 1924, ist eine
unorganische Erhebung der Einkommensteuer erfolgt, die zu einem
ganz exorbitanten Aufkommen an dieser Steuer geführt hat. Zu
diesen Vorgängen, die auf den Steuernotverordnungen beruhen,
hat J ich wiederhole es ~ Herr v. Schlieben nicht die allergeringste
Beziehung. Jm Gegensatz zu Herrn Dr. Hert, der behauptet hat,
daß das damalige exorbitant hohe Aufkommen überhaupt gar nicht
aus der Substanz, sondern aus dem Ertrage gekommen sei, sage ich
folgendes: Ich möchte den Herrn Dr. Hertz bitten, einmal die
Freundlichkeit zu haben, eine Reihe von Gewerbetreibenden oder
sonstigen Betriebsinhabern nach ihren Erfahrungen aus dem
Steuerjahr 1924 zu fragen. Dann wird er die Bestätigung dafür
finden, daß damals in der ungeheuerlichsten Weise
hf i: Hub au 1. tui! ar
in Höhe von 2 Milliarden Mark. Als nun
der Reichsfinanzministee v. Schlieben Ende Januar
19925 sein Amt antrat, war seine Aufgabe erstens die R ef o r m
        <pb n="4" />
        . -.

der Steu ernotgesetz ge b ung und zweitens der A bbau
der übermäßigen Steuerlafsten. Daß er der ersten
Aufgabe gerecht geworden ist, wird mir jeder Sachkenner zugeben,
wenn ich nur darauf hinweise, daß er der unorganischen Erhebung
der Einkommensteuer nach den Gesichtspunkten von Umsay und
Vermögen Einhalt getan und den allein richtigen Gesichtspunkt zum
Sieg geführt hat, daß eine Einkommensteuer nur
erhoben werden kann, wenn ein wirklicher Er-
trag vorhanden ist. (Zurufe links) . Warum hat
Dr. Luther denn im zweiten Teil des Jahres 1924 das nicht
getan, wenn das so selbstverständlich war? Wenn Luther, der
das größte Verdienst an der Stabilisierung der Währung und an
der Balancierung des Haushalts hat, eine politische Schuld zu-
gemessen werden kann, kann sie nur in der, Richtung liegen, daß
er dem anströmenden finanziellen Segen, der aus der zweiten
Steuernotverordnung erwuchs, nicht früh genug Einhalt geboten
hat. Es wäre an Ihnen gewesen, Herr Dr. Fischer, in der zweiten
Hälfte des Jahres 1924 auf diesen Umstand hinzuweisen. Man hat
nun während der Amtszeit des Reichsfinanzminissters v. Schlieben
~ und damit komme ich zu dem Punkt, den man als Thesaurie-
rungspolitik speziell dieses Ministers gekennzeichnet hat ~~ be-
mängelt, daß die Tatsache und die Gründe der außerordentlichen
Kassenfülle dem Reichstag nicht genügend bekanntgegeben worden
seien. (Sehr richtig! links.) Man hat ferner bemängelt, daß man
nicht schon im Jahre 1925 den werbenden Teil der außerordent-
lichen Ausgaben auf Anleihe übernommen habe, um dadurch ge-
wisse Steuern überflüssig zu machen und die Wirtschaft zu ent-
lasten. Mit den allgemein gepflogenen Erörterungen über die
fabelhafte Kass enfüll e gingen konform die Forde-
rungen der Beamtrtenschaft, der Kriegsbeschä-
digt en, die Forderungen der Ausland s d eut sch en auf
Entschädigung und die sonstigen Ansprüche d er Gewalt-
g e schäd i g t en. Das ist die Atmosphäre, aus der heraus von
übelwollender Seite dem Reichsfinanzminister v. Schlieben der
Vorwurf der Thesaurierungspolitik gemacht wurde ~ aber nur mit
einem Schein der Berechtigung. Gegenüber diesen Vorwürfen
ist zu bemerken: Eine vorsichtige und für die HZukunft vor-
sorgliche Finanzpolitik wurde mit Recht in jenen Zeiten als das
oberste Gesseyz angesehen. (Sehr richtig! bei den Deutschnationalen.)
Denn es ist dadurch die Gefahr eines wied erk ehr enden
Def iz its und damit eines neuen Währungsverfalls
a b g e b o g en worden. Man darf derartige Dinge auch nicht vom
Standpunkt des rückschauenden Beobachters betrachten, sondern
man muß die Dinge so würdigen, wie sie in der damaligen Zeit für
den objektiven Beurteiler sich darstellten. (Sehr richtig! bei den
Deutschnationalen.) So gesehen aber bedeutet die Finanzpolitik
        <pb n="5" />
        des Reichsfinanzministers v. Schlieben eine Stärkung des
Vertrauens für die deutsche Wirtschaft und damit
für die Zukunft des deutschen Volkes. (Sehr gut! bei den Deutsch-
uatiunalen.)

Ich bin allerdings der Meinung, daß am Schlusse des Jahres
1925 der Reichsfinanzminister v. Schlieben sehr wohl seine Politik
der Vorsicht hätte lockern können, und er hätte nach meiner Ueber-
zeugung auch nicht nur diesen Weg b-schritten, sondern auch den
Uebergang zu einer gesunden Anleihepolitik zwecks Entlastung des
Reichshaushalts gefunden. Das politische Geschick ist ihm nicht so
hold gewesen, daß er diesen an sich selbstverständlichen Weg be-
schreiten konnte, und so ist es gekommen, daß sein Nach-
folger. die Früchte der gefällten Kassey
ernten und Steuererleichterungen präsentieren
konnte, die als neue, bis dahin überhaupt unerhörte "Maß-
nahmen inszeniert wurden. Vom Standpunkt der Darlegungen,
die wir haben entgegennehmen müssen, darf ich erklären: richtiger
als der jetzt von mir zu schildernde Weg des Reichsfinanzministers
Reinhold wäre die Fortsetzung der vorsichtigen Politik gewesen, die
die Finanzen des Reiches führte unter Wahrung von Reserven für
die kommenden schlechteren Jahre, die jetzt angebrochen sind. (Sehr
gut! bei den Deutschnationalen.) Statt dessen wurde diese vor-
sichtige Politik verlassen und unter d em Stichwort der
schnellen Ankurbelung der HVirtfschast eine
Politik der einseitigen Steuersenkungen vor-
g en o m men.

Wir haben uns damals in der Tat gegenüber den von Herrn
Reinhold angekündigten Absichten der Steuersenknng zurückhaltend
verhalten. Das hat uns eine Reihe von Mißdeutungen, ja Vor-
ivürfen eingetragen. (Zuruf von den Deutschen Demokraten: Sie
wollten ja eine Senkung um 2 Milliarden!) ~ Jch erkläre dazu,
daß wir einer ma ß vollen Senkung durchaus sympathisch
gegenübersstanden, die einen größtmöglichen Erfolg gewährleistete.
Ich selbst habe damals den Ausdruck von dem organischen Abban
der gesamten Steuergesetgebung hier geprägt, und habe darauf
aufmerksam gemacht, daß die einseitige Absicht der Reduzierung der
Umsatzsteuer von 1 Prozent auf 0,6 Prozent, wie es ursprünglich
in der Absicht des Reichsfinanzministers Reinhold lag, eine
gefährliche Verlagerung des Verhältnisses von
direkten und indirekten Steuern bedeute, eines Ver-
hältnisses, das nur mit sehr starker Kraftanspannung allmählich
im Laufe der Nachrevolutionsjahre erträglich gemacht war. (Sehr
gui! rechts.)

_ Ich erkläre auch, daß die Meinungen des Herrn Reinhold, die
ja von seiner Partei heute noch aufrechterhalten werden, die
Besserung der Konjunktur, soweit eine solche feststellbar
        <pb n="6" />
        M

ist, si auf die Steuersentungen zurückzuführen, d u r ch -
aus irrtümlich ist. (Sehr richtig! bei den Deutschnationalen.)
Die Besserung der Konjunktur, soweit wir eine solche erlebt haben,
ist auf Vorgänge zurückzuführen, die außerhalb der Einflußsphäre
des Reichsfinanzministers Reinhold gelegen haben. (Sehr richtig!
bei den Deutschnationalen.) Nunmehr sagt in der nichtgehaltenen
Etatsrede (,„Vossische Zeitung“ Nr. 70 vom 11. Februar 1927)
Herr Reinhold selbst, daß die Deckung des Ausgaben-
bedarfs für 1927 außerordentlich schwierig gewesen sei, da Ueber-
schüsse aus früheren Jahren nicht mehr zur Verfügung ständen.
(Hört! Hört! bei den Deutschnationalen.) Hier haben Sie mit
Händen greifbar die Katastrophe seiner Finanz-
politik, die von der vorsichtigen Politik unter Wahrung von
Reserven bewußt abgegangen ist. (Widerspruch bei den Deutschen
Demokraten.) Dabei ist noch nicht einmal gewürdigt, daß das
Aufkommen aus den Steuern im Voranschlag
v o n 1927, wie wir es ja auch aus den Ausführungen des Herrn
Dr. Köhler gehört haben, stark über schägt ist. Diese Auf-
stellungen über das Aufkommen gehen im Durchschnitt um nicht
weniger als 12 Prozent über die im Etat 1926 aufgestellten
Ansätze hinaus. (Hört! Hört! bei den Deutschnationalen.) Man
kann, sachlich gesprochen, durchaus zweifelhaft sein, ob die Höher-
schraubungen der Ansätze nicht sogar die Grenze de s ZU -
läss igen überschritten haben. Jedenfalls ist aber eine eventuell
eintretende Besserung der allgemeinen Wirtjchaftslage bereits in einem
Maße eskomptiert, das über die Richtsätze einer gesunden und voraus-
schauenden Finanzgebarung weit hinwegschreite. Gewiß braucht
man nicht dauernd einen finanzminissteriellen Pessimismus an den
Tag zu legen, aber ein erwünschter Fortschritt des Wirtschafts-
lebens darf nicht in dem Maße zur Geltung gebracht werden, wie
es in diesen Etatsansätzen geschieht. Vielleicht könnte man sogar,
wenn man sehr scharf urteilen wollte, die Frage aufwerfen, ob die
Mehxrerträge nicht in den Etat eingesetzt worden sind, um zunächst
einmal auf dem Papier eine Balancierung zu erreichen. (Hörtl
Hört! bei den Deutschnationalen.) Wenn ich jedenfalls den Ansat
des Aufkommens aus der Vermögenssteuer mit 470 Millionen sehe,
dann darf ich doch die lebhaftesten Zweifel daran äußern, ob das
überhaupt ernst genommen werden kann. Dabei hat der frühere
Reichsfinanzminister in seiner in der Presse erschienenen Etatsrede,
wie Herr Dr. Köhler auch hervorhob, sogar von der Möglichkeit
einer Erhöhung der Aufkommen aus der Einkommensteuer über
den “svgzhi; :: Ansatz hinweg von 300 bis 400 Millionen ge-
sprochen.

Meine Damen und Herren! Die besondere Sorge
des deutschnationalen Finanzministers v. Schlie b en während
seiner Amtszeit und der deutschnationalen Kritiker der Etats- und
        <pb n="7" />
        Finanzgebarung des Reichsfinanzministers Reinhold war s|tets
der Haushalt a b 1927. (Sehr. richtig! bei den Deutsch-
nationalen.) Die Schwierigkeiten, die bei der Balancierung des
jetzigen Haushalts auftreten, sind jetzt eklatant geworden: keine
Ueberschüsse mehr, die Münggewinne sind
ges&lt;qwunden,. und die . Dawes-Lasten wacdhsen
in ershreckendem Maße. GHewiß, eine rechtzeitige
und wesentliche Ankurbelung hätte wohl das HZiel haben
können, daß ein Zurückgehen der Erwerbslosenziffer Platz griff und
daß gleichzeitig eine starke Hebung der steuerlichen Leistungsfähigkeit
eintrat; aber doch nur dann, wenn die Möglichkeiten einer An-
kurbelung so groß und vor allen Dingen so dauerhaft wären, daß
sie über die Folgen des englischen Kohlenarbeitersstreiks für Deutsch-
land hinauswirkten. Aber die Annahme sfolcher Möglichkeiten
stellt sich zweifellos für den Sachkenner immer mehr als Illusion
heraus.

Ich sprach vorhin von den großen Erwerbslosenziffern.
Nehmen Sie einmal unter die Lupe, welche Stellung die Erwerbs-
losenfürsorzhje in dem neuen Etatsanschlag einnimmt. Die
Erwerbslosenfürsorge ist überhaupt gar nicht
etatisiert. Im vorigen Etat wurden für die Erwerbslosen-
fürsorge nicht weniger als 300 Millionen eingesetzt, die im Laufe
des lezten Jahres sogar auf 400 Millionen erhöht wurden. (Zuruf
von den Deutschen Demokraten.) – Gewiß, ich habe ja nichts da-
gegen, daß erhöht worden ist, ich stelle nur fest, daß die Position
in diesem Etat überhaupt nicht etatisiert worden ist. Die in den
einmaligen Ausgaben neu eingesetzten 200 Millionen werden, da
sie zunächst für gewisse Verwaltungskosten eingestellt sind, dann
aber in der Hauptsache zur finanziellen Ausstattung der geplanten
Arbeitslosenversicherung dienen sollen, zur Entlastung der Position,
die im vorigen Jahr 400 Millionen erforderte, überhaupt nichts bei-
iragen. Dazu kommt noch, was übrigens heute auch in der
„Frankfurter Zeitung“ lebhaft kritisiert wird, daß in einer Reichs-
ratssitzung der Reichsfinanzminister Reinhold den Ländern und
Gemeinden in Aussicht gestellt hat, daß säm t liche Au s g a b e n
für die Erwerbslo senfür sorg e in Zukunft bis Jnkraft-
treten der Arbeitslosenversicherung vollständig vo m R eiche g e-
trag en werden würden. (Hört! Hört! bei den Deutschnationalen.)
Meine Damen und Herren! Es ist ein ganz gefährlicher Stand-
punkt, der da eingenommen worden ist, ein Standpunkt, der so
katastrophale Folgen in der Ausgabegebarung der Gemeinden haben
wird, daß man wahrscheinlich sogar mit Remedurgesetzzen dagegen
wird einschreiten müssen. Nun nehmen Sie aber einmal den vor-
gesehenen Fall an, es würde in der Tat die Arbeitslosenversicherung
zum 1. April in Kraft treten. Ja, ist sie denn schon am 1. April
mit den Reserven versehen, die notwendig sind, damit sie überhaupt
        <pb n="8" />
        arheiten kann? Ist es nicht ganz selbstverständlich, daß über die
200 Millionen hinaus, die für ihre Inszenierung in Aussicht
genommen sind, noch ganz erhebliche Zuschüsse vom Reich erforder-
lich sein werden, um sie dauerhaft in Gang zu halten? Wo ist denn
in diesem Etat die Stelle, die alle diese Anforderungen, die eigent-
lich selbstversständlich sind, enthält? (Abgeordneter Schneider
[Berlin]: Das ist Sache des Reichsarbeitsministers!! ~ Nein, das
ist Sache des Reichsfinanzministers, der für den Etat verantworllich
ist. Schließlich ist es Sache des Reichstags, der doch die ssouveräne
Vertretung des deutschen Volkes ist; dazu gehören Sie auch als
sehr kleiner Souverän. (Huruf von den Deutschen Demokraten:
Darüber wird doch im Haushaltsausschuß verhandelt!)

Meine Damen und Herren! Auch für andere durchaus

dringliche Bedürfnisse ist nicht genügend Raum in diesem
Etat vorhanden. Denken Sie beispielsweise an die geringen
Ansäte für die Kultur auf ga ben des Reiches, denken Sie
weiter daran, daß für die infolge des ungünstigen Haager Schieds-
spruchs unvermeidbar gewordene Ent schädi g un g s a ktion
für die Kriegs beschädig ten nichts angesetzt ist, daß ferner
nichts angesetßt ist für die Erhöhung der Jnvaliden-
renten und dann vor allen Dingen für die Erhöhung der
Bezüge der Kleinrentn er. Jh bin vorhin gefragt
worden, ob der Antrag, der von deutschnationaler Seite dem Reichs-
tag unter Nr. 2713 vorgelegt worden ist, von uns aufrechterhalten
werde, obwohl er, wie behauptet wurde, viele Hunderte von
Millionen erfordern würde. Mir ist von dem Ausmaß der An-
forderungen nichts bekannt. Jch kann mir auch nicht vorstellen,
wie diese Berechnung vorgenommen sein soll, denn unser Antrag
bewegt sich ja in ganz allgemeinen Formen, ohne im einzelnen
feste Sätze anzugeben. Ich erkläre weiter dazu, daß es allerdings
von unserem Standpunkt das soziale Gew issen ver-
langt, daß für diese Aermsten der Armen, für
diese Enterbten des Schicksals tatsächlich, und
zwar bald etwas Durchgreifendes geschieh t. (Sehr
richtig! bei den Deutschnationalen.) Wir haben diesen Antrag unter
dem Eindruck der dauernden Aufstellungen des bisherigen Betreuers
der Reichsfinanzen eingebracht, der immer wieder von großen
Ueberschüssen gesprochen hat. Wenn irgendwo Ueberschüsse sich
herausstellen sollten, dann würden wir allerdings der Meinung sein,
daß die Forderungen, die in dem Antrag über die Klein-
rentner aufgestellt worden sind, auf jeden Fall die Vorherrschaft
haben müßten. (Sehr richtig! bei den Deutschnationalen.) Jm
übrigen bin ich der Meinung, daß wir uns über diesen Antrag zu-
nächst unter den Regierungsparteien zu verständigen haben werden.
Von der Ansicht aber, daß etwas Durchgreifendes geschehen muß,
kann ich unter keinen Umständen abgehen.
        <pb n="9" />
        ()

Es ist in diesem Etat auch kein Raum für die allmählich
brennend gewordene Be so ld un g s r ef o rm. Wir begrüßen
den Standpunkt des Herrn Reichsfinanzministers, daß das System
der einmaligen Beihilfen und Gratifikationen verfehlt ist. Wir
halten es sogar für unwürdig und meinen infolgedessen, daß mit
ihm unter allen Umständen gebrochen werden muß. Vom staats-
politischen Gesichtspunkt aus kann die Besoldungsreform nicht mehr
lange hinausgeschoben werden. Es steht allerdingg dahin, mit
welchen Mitteln sie durchgeführt werden soll. Wie soll beispiels-
weise die von dem Reichsfinanzminister Reinhold in direkte Aus-
sicht gestellte vierteljährliche Gehaltszahlung finanziert werden,
wenn zu ihrer Durchführung ein einmaliger Betrag von
60 Millionen erforderlich ist? Wenn wir also die Besoldungsreform
in nahe Aussicht nehmen, dann bin ich allerdings der Meinung, daß
dabei die mittleren und unteren Beamten die Vor-
herr sch a f t haben müssen, wenn auch darauf hingewiesen werden
darf, daß das geringe, zweifellos gänzlich unzureichende Gehalt in
den unteren und mittleren Kategorien jedenfalls in den Betriebs-
verwaltungen, auch in den Kommunen vielfach durch Höher-
stufungen einigermaßen ausgeglichen worden ist. Dieser Gesichts-
punkt trifft für viele andere Verwaltungen, Justizverwaltung,
innere Verwaltung und andere, aber nicht zu. So sehr ich das
Anrecht der unteren und mittleren Beamten in den Vordergrund
gestellt habe, bin ich doch der Meinung, daß Wert darauf gelegt
werden muß, daß bei einer zukünftigen Bessoldungsreform die
höhere Beamtenschaft vor der Proletarisierung
zu bewahren ist. Es ist für uns eine Selbstverständlichkeit, daß die-
jenigen Beamtengruppen eine gehobene Lebenshaltung haben müssen,
von denen man besondere Leistungen und leitende Gedanken verlangt.
Gerade die höheren Beamten sind bei der letzten Besoldungsreform
bekanntlich vielfach nur mit etwa 70 Prozent der früheren Nominal-
gehälter davongekommen. Wann eine solche Reform eintreten kann,
muß nach Lage der Finanzen, die wir hier dargestellt bekommen haben,
leider dahingestellt bleiben. Eine Bindung können wir nicht ein-
gehen. Jch kann nur erklären: die Regelung, die wir für erforder-
lich halten, hängt von der Wirtschafts- und Finanzlage ab. Man
denke übrigens nur daran, daß der Reichsfinanzminister Re i n -
h o l d bekanntlich auch für eine Erhöhung der Mieten
! tr§: fly vob jut Vr pet hell tab tu chu .e
des Wohnungsgeldzuschusses in diesem Etat vorhanden ist. (Hört!
Hört! rechts. – Zuruf bei den Deutschen Demokraten: Wo ist
Reinhold für die Erhöhung der Mieten eingetreten? Er hat nur
gesagt, die Pläne beständen beim zuständigen Ressort!) ~ Er hat
sie aber sehr sympathisch begrüßt. (Erneuter Zuruf bei den
Deutschen Demokraten.) ~- Ich habe nicht alles bei mir; einen
        <pb n="10" />
        1()

Zettelkasten, wie Sie, habe ich nicht. (Zuruf: Dann dürfen Sie es

auch nicht behaae en.. _

| Ein Wort noch über die Beamtenschaft der Steuerver-

waltung oder besser der Finanzverwaltung im ganzen, also auch der
Zollverwaltung. Es ist bekannt, daß bei den mittleren
Steuerbeamten in den letten Zeiten eine erhebliche Mi ß -
stimmung entstanden ist, und zwar unter dem Eindruck der
Tatsache, daß eine sehr sta rke Ueberlastung in der Arbeit
der Finanzämter eingetreten ist. Bei den Gelegenheiten,

wo dieser Mißstimmung Ausdruck gegeben wurde, sind vielfach

Ausdrücke gefallen, die übertrieben sind und die wir nicht billigen
tönnen. Aber indem ich über diese Mißhelligkeiten hinweggehe,
möchte ich von unserem Standpunkt aus ausdrücklich betonen, daß
wir die Arbeit der Beamtenschaft der Reichsfinanzverwaltung ein-
schließlich der Zollverwaltung nur mit hoher Anerkennung begrüßen
können. Wir sind der Meinung, daß mit der Aufziehnng
dieser Reichssteuerverwaltung ein großer Wurf voll-
zogen wurde, dessen Gelingen durchaus zweifelhaft war. Heute hat
sich diese große Verwaltung vollkommen konsolidiert und sich in
einem Maße die Anerkennung der rechtlich urteilenden Teile der
Bevölkerung erworben, das durchaus erfreulich ist. Wir sind
infolgedessen der Meinung, daß diese Beamtenschaft im besonderen
Sinne leistungsfähig erhalten werden muß, leistungsfähig zunächst
dadurch, daß man die schwere Ueberlastung, unter’ der sie gegen-
wärtig leidet, abzubauen versucht. Das kann zum Beispiel dadurch
geschehen, daß der Kassen- und Buchungsdienst, der gegenwärtig bis
40 Prozent der Beamtenschaft namentlich in den mittleren Lagen
beansprucht, möglichst eingeschränkt wird. Gesichtspunkte dafür
sind ja vom Reichsfinanzminisster Köhler vorgebracht worden. Die
ganz außerordentliche Anspannung der Arbeitskraft im letzten Jahre
ist ja herbeigeführt worden besonders durch die Aufgaben, die aus
dem Reichsbewertungsgessetz entstanden sind. Fast hat man den Ein-
druck, daß die Auf ga b en d er B e wertung im lezten Jahre
etwas zu sehr in den Vordergrund geschoben worden sind. Jedenfalls
kann es keinem Zweifel unterliegen, daß unter den Aufgaben der
Bewertung die nach meiner Auffassung viel wichtigeren Aufgaben
der Veranlagung, namentlich zur Einkommensteuer, in den Hinter-
grund getreten sind. Nachdem erstmalig nun die Aufgaben aus der
Bewertung, namentlich der Einheitsbewertung, erfüllt sind, darf
wohl angenommen werden, daß den Wünschen Rechnung getragen
wird, die. darauf dringen, daß wieder die Veranlagung
als das Kernstück der Arbeit der Finanzämter
angesehen wird, damit endlich der Zustand eintritt, den der Herr
Reichsfinanzminisster auch als wünschenswert bezeichnet hat, daß
nämlich jeder Steuerpflichtige das auf das Papier klar vorgelegte
hekommt, was er zu bezahlen hat (Bravo! bei den Deutschnationalen),
        <pb n="11" />
        114

damit das Mißtrauen gegen die Finanzämter hin-
sichtlich der Frage, was steuerlich gefordert werden kann, endlich
verschwinde t.

Wir sind weiter der Meinung, daß auch in personeller
Hinsicht eine Au ff rischun g der Bea mtensscha ft erforder-
lich ist, und zwar zunächst durch Neueinstellung von
Beamtenanwärtern. Hand in Hand damit muß eine
Stellenumwandlung gehen, die die Beförderungs- und
Anstellung sverhältnifsse verbessert. Dazu muß dann
zur Aufarbeitung von Rückständen die Einstellung von Hilfs-
personal und von überzähligen Beamten und Wartegeldempfängern
aus anderen Ressorts kommen.

Das alles sind Maßnahmen, die nicht unter dem Gessichtspunkt
beurteilt werden dürfen, daß dadurch neue. Ausgaben entstehen,
sondern es handelt sich um Einstellung von Beamten,
die im höchsten Sinn als pro du k tiv für d en Staat, für
den Fiskus bezeichnet werden müssen. Das ist eine wirtschaftliche
Personalpolitik, wie sie ja auch der Reichsfinanzminister soeben selbst
vertreten hat, deren Ergebnis das Vielfache des Gehalts sein kann
und nach unsserer Ansicht sein wird, das für die Besoldung dieser
Beamten aufgewendet werden muß. _

Für uns ift aber schließlich doch ein anderer Gesichtspunkt
entscheidenn. Nur dadurch, daß diese wirtschaftliche
Personalpolitik geübt wird, kann der Grundsay der
Gleichmäßigkeit und der Gerechtigkeit in der Be-
steuerung zum Siege geführt werden, der wichtigste Grund-
satz aller Steuertheorie und aller Steuerpraxis. (Sehr richtig! bei
den Deutschnationalen.)

Meine Damen und Herren! Die Entlastungsahsichten, die
von dem neuen Finanzminister angekündigt worden sind, nament-
lich hinsichtlich der Zu sammenlegung von Steuer-
terminen, bezüglich der Lohnsteuer und der Umsatsteuer, finden
durchaus unsere Zustimmung. Wir sind sogar der Meinung, daß
hinsichtlich der Frage der Zusammenlegung von Steuerterminen
noch sehr viel weitergegangen werden könnte, jedenfalls mit
fortschreitender Zeit. Heute ist die Sache so, daß viele Dutende
von Zahlungsterminen den einzelnen Gewerbetreibenden, Geschäfts-
inhaber und auch Landwirt dauernd irritieren. Nach meiner An-
sicht müßten die Dinge so weit geführt werden können, daß wir
schließlich bei konsolidierter Veranlagung und Steuergeseßgebung
zu vier entscheidenden Hahlungsterminen im ganzen Jahr
kommen müßten. (Sehr richtig! rechts und in der Mitte. ~ Zuruf
von den Deutschen Demokraten: Das hat Herr Dr. Reinhold auch
gesagt!) – Ich freue mich außerordentlich darüber; leider hat er
sehr viel gesagt, was er nicht durchgeführt hat. (Huruf von den
Deutschen Demokraten: Er hat es auch durchgeführt!) – Sie
        <pb n="12" />
        j 2-

sehen ja, daß hier erst der
muß, um das durchzuführen!

Ich darf noch hinzufügen, daß wir auch den Verzicht
auf die Veranlagung von Vermögensobjekten,
namentlich der immobilen Vermögensobjekte, auf den 1. Januar
1927 begrüßen. Was in diesem Zusammenhang Herr Dr. Hertz
über Ungeheuerlichkeiten in der Bewertung namentlich von land-
wirtschaftlichem Besitz ausgeführt hat, kann auf keinen Fall ohne
Widerspruch bleiben. Jm Gegensatz zu seinen Aufstellungen habe
ich den Eindruck, daß gerade bei der Bewertung des land-
wirtschaftlichen Besit es mit einer Sorgfalt, mit einer
Akribie vorgegangen worden ist, die beinahe eines besseren Zweckes
wert gewesen wäre. (Zuruf von den Deutschen Demokraten:
Des Kleingrundbessitzes?? – Nein, auch für den Großgrundbesitz;
des kleinen auchh Ich würnsche ssselbstverständlich allgemeine
Gerechtigkeit..

Meine Damen und Herren! Ich stelle nochmals in den
Vordergrund, daß nach meiner Ansicht die Fragen der Bewertung
im letzten Jahre vielleicht in der Steuerverwaltung eine zu große
Rolle gespielt haben. Jedenfalls hier behaupten zu wollen, daß
irgendwelche a bsichtlichen Unterscheidungen in der
B ew ertu ng vorgenommen worden wären, daß der große
Grundbesitz absichtlich günstiger in der Bewertung weggekommen
wäre, – ~– (Zuruf von den Deutschen Demokraten: Absichtlich?)
~ Ich habe es so verstanden, Herr Kollege Koch; Sie waren ja
nicht hier, vielleicht suchen Sie es sich aus dem Zettelkasten des Herrn
Hertz heraus. (Zurufe von den Deutschen Demokraten.) ~ Nein,
er hat von der Bewertung gesprochen und hat behauptet, daß ab-
sichtlich günstigere Bewertungen für den großen Grundbesitzer vor-
genommen worden wären. (Zuruf von den Sozialdemokraten:
Planmäßig!) – Wenn Sie das für eine Abschwächung halten,
will ich das gern hinehmen. (Huruf von den Sozialdemokraten:
Wirtschaftliche Organisationen!) – Ich bestreite das auf das aller-
entschiedenste. Eine solche Behauptung ist eine Beleidigung der-
jenigen Stellen, die von der Finanzverwaltung beauftragt waren,
diese Bewertungen vorzunehmen.

Meine Damen und Herren! Eine der wichtigsten Aufgaben
des Reichsfinanzministers ist die, seine hohen Pflichten als
Betreuer der Reichsfinanzen mit den berechtigten Fo rd erun-
gen der Länder in Einklang zu bringen. Diese vom
Standpunkt der deutschen Zukunft aus vielleicht bedeutsamste Auf-
gabe ist gerade in einem Augenblick aktuell, wo Herr Dr. Köhler

sein Amt antritt.

Es berührt zunächst außerordentlich sympathisch, daß der neue
Reichsfinanzminister Frieden herbeizuführen sich bemüht – ~
l Zuruf von den Sozialdemokraten) nein, Frieden herbeizuführen

neue Reichsfinanzminister kommen
        <pb n="13" />
        13

sich bemüht in solchen Streitfragen, in denen sich die Länder mit
Recht bedrängt und bedrückt fühlen.

Die Entschädigung für die abgetretenen Zoll- und
Steuergebäude, für die bisher nicht einmal eine Verzinsung
gewährt wurde, ist nunmehr erfreulicherweise in Gang gebracht
worden, ebenso die lange strittige Posta b findung für
Bayern und Württ ember g. Dazu kommt, daß auch eine
Veränderung in der Berechnung der Bi ersteueranteile in
Aussicht genommen ist zugunsten der süddeutschen Länder. Ich darf
ausdrücklich betonen, daß diese Maßnahmen, insbesondere auch die
zuletzt angeführte, nicht nur unsere Sympathie, sondern unsere
volle Zustimmung finden.

Nun war in dem Entwurf eines Gesseßes zur U e b er g an g s -
regelung des Finanzausgleichs gzwischen Reich,
Ländern und Gemeinden zunächst eine Hinausschiebung des end-
gültigen Finanzausgleichs auf ein Jahr beabsichtigt gewesen, und
die heutige Ankündigung des Herrn Dr. Köhler ging dahin, daß die
Hinausschiebung auf zwei Jahre vollzogen werden soll. Ich bin der
Meinung, daß die Begründung zu dem Entwurf des eben von mir
genannten Geseßes für die Hinaus schie bung auf zwei
Ja h r e durchaus durchschlagend ist. Zwar kann von mir nicht ver-
langt werden, daß ich den Grund als ausschlaggebend würdige, der
darin besteht, daß die für einen endgültigen Finanzausgleich not-
wendigen Unterlagen noch nicht beschafft sind. Viel wichtiger ist für
mich, daß das viel umstrittene Zuschlagsrecht unter den heutigen
Umständen noch nicht eingeführt werden könnte. Die Durch-
führung des Zu schla gs recht s kann nämlich nach meiner
Ansicht aus zwingenden Gründen nur Sache der Reichsfinanz-
behörden sein,, und eine derartig u mf a ssend e Neuord-
n u n g der Dinge gegenwärtig namentlich unter der schweren Be-
lastung der Finanzen erfolgreich durchzuführen, wäre allerdings
nach meiner Ansicht nicht möglich.

Das sind Gesichtspunkte, die rein technisch und zeitlich die Un-
zweckmäßigkeit einer [ vorschnellen Endlösung beleuchten. Ein
durchschlagender sachlicher Grund liegt darin, daß mit einem weit-
gehenden Au sf all d er Einkommensteuer aus über-
wiegend ländlichen Bezirken gerechnet werden muß.
Eine endgültige Regelung ist erst dann möglich, wenn die Haupt-
steuern einigermaßen befriedigende Erträgnisse liefern, und in
diesem Stadium sind wir heute noch nicht angekommen. Solange
ganze Wirtschaftszweige und die entsprechenden Standorte fast
völlig ausfallen, ist das Pr o blem des Lastenausgleichs
eines der wichtigsten des Finanzausgleichs ~ überhaupt fast unlös-
bar. Bei der jetzigen Regelung hat das betreffende Land wenigstens
noch die primäre Verfügungsgewalt und kann so den
Lastenausgleich dirigieren. Wenn auch das Zuschlagsrecht den Lasten-
        <pb n="14" />
        | .1

ausgleich nicht ganz verhindert, so wird er doch derartig eingeengt,
daß praktisch bei den heutigen Verhältnissen eine endgültige Regelung
ausgeschlossen erscheint. Jedenfalls summiere ich mich dahin, daß
auf diesem Gebiet Zeitgewinn tatsächlich einen sachlichen Gewinn
bedeutet.

Nun soll tie Zw i sch enlös ung, die beahsichtigt ist, nicht
etwa eine genaue Fortsezung der gegenwärtigen Ordnung des
Finanzausgleichs bedeuten, wie wir heute gehört haben. Eine
besondere Umsatsteuergarantie soll vom Reiche nicht mehr gewährt
werden. Dafür soll die Gesamt über weisun g s g arautie
auf 2,4 Milliarden oder, wie wir heute gehört haben, auf
2,6 Milliarden ausgedehnt werden. Mit den dargebotenen
2,4 Milliarden Gesamtgarantie. waren die Länder nicht ein-
verstanden; es darf erwartet werden, daß sie die vorgeschlagene
Lösung auf der Basis von 2,6 Milliarden entgegenkommend auf-
nehmen. Wenn also das Risiko einer besonderen Umsatsteuer-
bürgschaft nicht getragen werden kann, dann sollte auch der Reichs-
finanzminister kein Bedenlten tragen, die Gesamtgarantie etwas
zu erhöhen.

Aber was für uns viel entscheidender ist, ist das folgende. Die
Zustimmung zu einer weiteren Hinausschiebung des endgültigen
Finanzausgleichs kann von uns nur unter der Bedingung
gegeben werden, daß in absehbarer Zeit, etwa im Sommer oder im
Herbst dieses Jahres, die Real steuern der Länder und
Gemeinden sowie die Hauszinssteu er einer Sonder-
regelung unterzogen werden. (Sehr richtig! rechts. – Zuruf
links: Das wollen wir uns aufschreiben!) ~ Das schreiben Sie sich
nur auf. – Also eine Verlängerung des unsozialen Hauszins-
steuergesetzes, dieses alle Kreise der Wirtschaft, ja des ganzen Volkes,
aufs schwerste belastenden Gesetzes, auch nur bis zum 1. April 1928
erscheint uns kaum tragbar. Zum mindesten muß angesichts der
starken Widerstände, denen die Hauszinssteuer heute überall be-
gegnet, die Frage aufgeworfen werden, ob nicht die Form, in der
sie heute auftritt, einer gründlichen Nachprüfung unterzogen
werden muß. Im Gesetze selbst ist ja diese Notwendigkeit dahin
angedeutet, daß vor dem 1. April 1928 rechtzeitig zu prüfen ssein
werde, ob die Steuer von diesem Zeitpunkt ab noch weiter zu er-
heben sei. Die Hauszinssteuer erhält damit — und das ist ungeheuer
wichtig ~ den ausgesprochenen Charakter einer Ue b erg ang s -
ersch einung, und nur unter dieser Voraussezung haben wir an
die Beurteilung dieser Steuer heranzutreten. In welcher völlig ab-
geänderten Form sie dann etwa in einen Dauerzustand übergeführt
werden könnte, bedarf ernstester Prüfung. Jedenfalls werden wir
kein Mittel unversucht lassen, um das Hauszinssteuergesetz in seiner
gegenwärtigen Form zu beseitigen. Wir wenden uns mit aller
Entschiedenheit gegen die Auffassung, die beispielsweise von demo-
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        sz

kratischer Seite + ich glaube, von dem preußischen Finanzminister
Höpker-Aschoff – zum Ausdruck gebracht worden ist, wonach eine
Verewigung dieser Steuer gewünscht wird, offenbar um sie zum
dauernden Finanzierungsinstrument für Staat und Gemeinden zu
machen.

Gewöhnlich wird das Finanzausgleichsproblem als ein poli-
tisches Problem angesehen. Fn den Leitsäteen der Spitzenverbände
der Wirtschaft ist der Satz aufgestellt worden:

HYDoas Finanzausgleichs pro blem muß in erster
Linie als ein volk s wirtschaftliches Pro blem
betrachtet werden. Die wirtschaftlichen Interesssen an der
Herabminderung der Steuerlast und der Vereinfachung des
Systems müsssen unter den heutigen Verhältnissen hierbei
ausschlaggebend Fein.
Ich bin der Meinung, daß selten ein so wahrer Sat ausgesprochen
worden ist wie dieser. Er geht zweifellos, insbesondere in seiner
Zuspitzung,. auf die gegenwärtige Gestaltung der R e alst eu e r n.
Unter den Einflüssen der Nachkriegszeit und insbesondere der Zeit
nach der Inflation ist ja das Realssteuerproblem in ein ganz be-
sonderes Stadium getreten. Früher glaubte man, daß der Besitz
eines fundierten Vermögens ein Vorteil in dem Sinne sei, daß
eine besondere Abgabe an die Allgemeinheit sich rechtfertige. Diesen
Charakter haben die Realsteuern heute weithin eingebüßt. Der
grüßte Teil. des. realsteuerpflichtigen Ver-
müögens ist nämlich heute weithin ert ra gl o s. Nichtsdesto-
weniger können die Realsteuern jedenfalls theoretisch bis zu einer
unbegrenzten Höhe erhoben werden ohne Rücksicht auf die Reichs-
steuern. Die Folge davon ist in den letten Jahren und nament-
lich im letten halben Jahre eine ungeheure Ueber-
spannung der Realbesteuerung in den Ländern
und Gemeinden gewesen, die zu sehr lebhaften Protesstkund-
gebungen gegen den unerhörten Steuerdruck geführt hat, unter dem
die Einzelwirtschaft zu erliegen drohe. Ganz besonders hat der
gewerbliche Mittelstand unter den exorbitanten Steuer-
forderungen der Länder und namentlich der Gemeinden zu leiden
gehabt. (Zurufe links.) Wenn derartige Möglichkeiten innerhalb
des Gesamtsteuersystems noch gegeben sind, dann können auch die
Herabsezungen von Reichssteuern, so erfreulich sie an sich sind,
nichts nüyßen. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Eine obere
Grenze der Gesamtsteuerbelastung einer Wirtschaft
muß abgesteckt werden, und zwar einschließlich der Realsteuern,
sonst steht die unter den heutigen Verhältnissen gegebene Gesamt-
steuerbelastung außerhalb eines allem sinnvollen Verhältnisses zu
dem allein richtigen Maßstab, nämlich zum Ertrag e. (Sehr
richtigl bei den Deutschnationalen.) Zwar sind die Realsteuern
begrifflich ursprünglich in keiner Beziehung zum Ertrage gewesen,
        <pb n="16" />
        1- ZQ:

iveil sie vom Objekt erhoben wurden. Aber gegenüber der Gewalt
der Tatsachen, mit denen wir heute zu rechnen haben, kommt man
mit dieser Theorie nicht mehr weiter. Ich darf unseren Stand-
punkt dahin präzisieren, daß wirtsch aftlich gesehen
überhaupt alle Steuern aus dem Ertrage des
zu hbestenernden Wirtschaftsobjektes tragbar
sein müssen (sehr richtig! links und rechts), einschließlich
der Realsteuern. (Abgeordneter Keil: Wovon sollen Länder und
Gemeinden leben?) Der früher scharf aufrechterhaltene Unter-
schied zwischen Personal-, etwa Einkommensteuer, und Real- und
Objektsteuer kann nur so lange als tragbar bezeichnet werden, als
die Gesamtbelastung eine gewisse Höhe nicht übersteigt und sich im
Vergleich zum vorhandenen Vermögensobjekt einigermaßen in be-
scheidenen Grenzen hält. Die Realsteuern sind ursprünglich nur
als ein Zuschlag zur Einkommensteuer gedacht, der auch dann trag-
bar sein müßte, wenn vorübergehend das Wirtschaftsobjekt selbst
an Ertraglosigkeit litt. Die Leisiungsfähigkeit wird heute aber
gerade auf dem realssteuerlichen Gebiet derartig überspannt, daß
der Gesichtspunkt der Objektsteuet nicht mehr aufrechterhalten
werden kann, daß vielmehr die Gesichtspunkte der individuellen
Besteuerung, d. h. in diesem Falle der Subjektsteuer, ohne weiteres
Platz greifen müssen. Also nochmals gesagt: ohn e Regelung
der Gesamtsteuerbelasstung, ohne daß Landes- und
Gemeindesteuern mit der Reichssteuer in ein Verhältnis zum Ein-
kommen gesetzt werden, ist eine Lösung der herrschenden
Steuerkrise überhaupt unmöglich.

Diesse Regelung kann aber nicht von den Ländern er-
wartet werden, sie kann nur von oben her, durch das Reich, kommen.
(Sehr richtig) und Hört! Hört! links.) Praktisch würde diese
Forderung darauf hinauslaufen, daß auch die Realsteuern der
Länder eingehend in Form eines Ra hm eng es e z e s reichs-
gesetzlich geregelt und im Anschluß an die Einheitsbewertung nach
dem Reichsbewertungsgeseß und an die Ermittlung des gewerb-
lichen Einkommens nach dem Einkommen- ünd Körperschaftsgesetz
veranlagt und erhoben werden müssen. (Zurufe links: Unitarismus!)
~- Das hat mit Unitarismus gar nichts zu tun; Sie zeigen sich
heute nicht gerade als ein überlegener Geist. – Das Ziel wäre
– und darin sind wir offenbar einig materielle Vereinfachung
und Vereinheitlichung der Realssteuerbestimmungen unter gleich-
zeitiger Anpassung an die Bestimmungen über die Einkommensteuer
und die Vermögensteuer. Jn derselben Richtung läge es, wenn
die Veranlagung der Realsteuern zwecks Ver e inf a &lt; ung des
Verwaltungs apparats allgemein durch die Finanzämter
nach den bei ihnen vorhandenen Unterlagen im Sinne der Ein-
kommensteuer und des Bewertungsgesseßes erfolgte. Eine solche
Regelung wäre nach meiner Ansicht auch deshalb empfehlenswert,
        <pb n="17" />
        [7

weil anerkanntermaßen bei den Steuerver-
waltungen der Städte weithin ein zureich endes
Verständ nis für die Lage der gewerblichen
Unternehmungen fehlt. Eine solche Regelung und
Beaufsichtigung der Steuererhe bung der Länder
und Gemeinden nach einheitlichen Gesichts-
punkten würde übrigens auch die geradezu wilde Vielgestaltig-
keit in den Gewerbe- und Realftenern der Länder endgültig ver-
schwinden lassen, und es würde so ein ü berflüssiger Ver-
waltungslu x us beseitigt, eine unwirtsschaftliche und
unzwec mäßige Doppelarbeit würde beseitigt. (Sehr
richtig! links.) Vor allen Dingen würde dadurch erreicht, daß
der mit vielen Risiken kämpfende Gewerbetreibende und
Kauf mann, auch der Landwirt endlich von der Gefaghr
einer völlig ungerechten Sonderbesteuerung be-
freit wird. (Zuruf links.) Es würde uns außerordentlich freuen,
wenn der Herr Reichsfinanzminister bereit wäre, hinsichtlich dieser
Zielpunkte und der Zeit, wo dieses Reichsrahmengesset Wirklichkeit
iverden soll, noch einige genauere Mitteilungen zu machen.

Ich erkläre übrigens ausdrücklich, daß die Ausführungen, die
ich eben hinsichtlich der Realsteuern gemacht habe, sich nicht nur
auf die Gewer best euer beziehen, sie beziehen sich genau so
auf die Grundsteuer. Daß die Grund vermögen -
st eu e r in Preußen z. B. mit den Gemeindezuschlägen so ungefähr
die ungerechteste und unsozial ste Steuer ist, die im
gegenwärtigen Steuersystem vorkommt, ist allgemeine Ueber-
zeugung. Ursprünglich war diese Grundsteuer als eine Ergänzung
zur Einkommensteuer gedacht; sie hat sich aber allmählich zu einer
schweren Last entwickelt, die aufgelegt wird, ohne daß dabei die
individuelle wirtschaftliche Lage des Betriebes, zu dem das Grund-
stück gehört, überhaupt gewürdigt wird. (Sehr wahr! bei den
Deutschnationalen.) Es hat unsere Genugtuung hervorgerufen,
daß der neue Herr Reichsfinanzminister bezüglich anderer Steuer-
wünsche, die von unserer Seite früher schon geäußert worden sind,
ein sympathisches Interesse gezeigt hat. Er hat darauf hingewiesen,
daß nach seiner Ansicht auch auf dem Gebiete der direkten Be-
steuerung noch allerhand Entlastungen möglich und notwendig seien.
Ich darf, um eine Einzelheit zu erwähnen, mir erlauben, darauf
hinzuweijen, daß wir ein besonderes Interesse an der Auseinander-
ziehung oder, anders gesagt, der Veredelung der Tarife
bei der Einkommen steuer haben, + ein. Gesichtspunkt,
auf den wir schon wiederholt aufmerksam gemacht haben.

Ein Wort noch zu den Aufwertungsfragen, die der Herr
Reichsfinanzminister auch gestreit hat! Wir schließen uns
seiner Auffassung an, daß eine grundsägliche A end erung
der gegenwärtigen Aufwertungsgesete aus-
        <pb n="18" />
        | b

geschlo ssen ersche inen muß (HZurufe links), von der Einsicht
aus, daß jede Aenderung, namentlich der privaten Aufwertung,
Erschütterungen in die Wirtschaft hineintragen
würde, die kein vernünftiger Mensch billigen kann.

Nun hat die Demokratische Partei, nachdem früher schon in
der demokratischen Presse allerhand unausgegorene Andeutungen
gestanden hatten, nunmehr einen Antrag eingebracht, der prattisch
darauf geht, daß die Anleih eauslosung s scheine in
verzinsliche Anleihen verwandelt werden sollen,
die einen augenblicklich verwertbaren Titel schaffen s|ollen,
der sogar mit fünf Prozent verzinst werden soll. Ja, meine
Damen und Herren, das ist an sich ein Gesichtspunkt,
dem wir nicht unsympathisch gegenüberstehen. Wir möchten
Sie nur mit der Frage behelligeen, wo Sie im gegen-
wärtigen Augenblick angesichts der vorhin ausgemalten Lage der
Reichsfinanzen die Erfüllung der Lasten hernehmen wollen, die da-
durch entstehen. Zweifellos wird doch dadurch eine ewige Schuld
des Reiches von, sagen wir, drei bis vier Milliarden geschaffen, die
mit fünf Prozent verzinslich ist. (Zuruf von den Deutschen
Demokraten: Sie wollten doch zu 50 Prozent aufwerten!) Wenn
das möglich ist, nachdem allerdings Herr Reichsfinanzminister
Reinhold die Finanzen in dem Zustand hinterlassen hat, den wir
geschildert bekommen haben (Sehr gut, bei den Deutschnationalen),
dann werden Sie unsere Mitwirkung nicht zu entbehren haben.

Im übrigen bin ich der Meinung, daß die finanzielle Lage,
auch ohne daß derartige Experimente vorgeschlagen werden, wahr-
haftig schwer genug ist. Wir sind dem Reichsfinanzminister Köhler
dafür dankbar, daß er diese Lage offen in ihrem ganzen Ernst
geschildert hat. Seine Ausführungen waren ihrem ganzen Tenor
nach nicht etwa der Ausfluß des sprichwörtlichen finanz-
ministeriellen Pessimismus, sondern malten die Lage endlich, wie
sie wirklich ist, und ich erkläre dazu: wir sind bereit, ihn bei der
Aufgabe, diese Lage zu meistern und zu überwinden, nachdrücklich
zu unterstützen.

Die erste Voraussetzung dafür ist ~ das klang ja erfreulicher-
weise auch aus seinen Ausführungen hervor — die energische
Ausnutzung aller Ersparnismöglichkeiten hin-
sichtlich der Reichs- und Länderverwaltungen.
Das ist das vornehmste Mittel zur Erreichung des. Zieles,
den Etat überhaupt im Gleichgewicht zu erhalten. Sicher-
lich ist auf diesem Gebiet trog aller Reden, die darüber
geführt worden sind, noch lange nicht genug getan, und auch
das Institut des Sparkommissars, das in der Rede des Herrn
Reichsfinanzministers erwähnt worden ist, hat, so dankenswert die
Arbeit des Kommissars selbst und seiner Mitarbeiter gewesen ist,
Tich noch nicht genügend auswirken können. Ich bin der Meinung,
        <pb n="19" />
        e

daß die rechtliche Stellung dieses Sparkommissars neu geregelt
werden muß. Solange nämlich das Institut als außerplanmäßig
nur geduldetes und mit Mißtrauen behandeltes Stiefkind der Ver-
waltung erscheint, kann kaum Durchgreifendes und Ersprießliches
davon erwartet werden. Und doch bin ich der Meinung der
Herr Reichsfinanzminister hat von Popularität und Unpopularität
gesprocha , daß ein . großes Bekenntnis gur
Sparsamkeit und zum Ausgabenabbau, wie wir
es erfreulicherweise von ihm gehört haben, das einzige
Bekenntnis, die einzige Lebensäußerung des Reichsfinanz-
ministers ist, die ihm heute allseitige Popularität verschaffen
kann. Nur auf dem Wege des Ausgaben abbaues und
durchgreifender Ersparnis methoden ist auch das
höchste Ziel, das die Finanzgebarung des Deutschen Reichs haben
muß, nämlich die An p assung der öffentlichen Aus-
ga ben an die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft,
erreichhar. Endlich muß der Gesichtspunkt zum Siege geführt
werden, daß die Ausgaben der öffentlichen Körperschaften in Reich,
Ländern und Gemeinden von der Rentabilität der Wirtschaft ab-
hängig gemacht werden müssen. (Sehr richtig! rechts.) Weniger
populär dürfte allerdings die andere Forderung sein, die Herr
Dr. Köhler ebenfalls in den Vordergrund geschoben hat, nämlich
die Forderung an das Parlament, wenn Sie so wollen, an die
Regierungsparteien, die zum Inhalt hatte, das Parlament
müsse daran gehindert werden, Ausgaben zu
bewilligen, die nicht die Zustimmung der Regie-
rung erhalten haben oder für die keine Deckung
nachgewiesen ist. Herr Dr. Hertz hat mit scharfen Worten,
mit Aufwand von starker Energie sich gegen diese Selbstbeschränkung
des Budgetrechts des Parlaments gewandt. Aber darf ich darauf
vérweisen, daß im klasssischen Lande des Parlamentarismus, in
England, es zwar kein geschriebenes Geset, wohl aber ein
Gewohnheitsrecht gibt, nach dem es undenkbar ist, Anträge auch
nur zu begründen, die darauf ausgehen, Ausgaben zu bewilligen,
welche nicht die Zustimmung der Regierung haben? Dazu ist dort
kein Gesetz nötig, man geht im englischen Parlament sogar so weit,
daß demjenigen Parlamentsmitglied, das die Absicht hat, solche
Ausgaben zu begründen, überhaupt nicht das Wort erteilt wird.
(Hört! Hört! rechts.) Wir werden selbstverständlich bei uns keine
Hoffnung haben können, daß ein solches Gewohnheitsrecht +
(Zuruf von den Deutschen Demokraten) – Herr Kollege Koch,
Sie sind doch ein so hoher Verehrer des Parlamentarismus. Viel-
leicht nehmen Sie das Erfreuliche, das wir im englischen Parla-
mentarismus finden, etwas ad notam und unterstützen uns; also:
daß ein solches Gewohnheitsrecht im Parlament Deutschlands
Platz griffe, halte ich für ausgeschlossen. Wir im Lande der
        <pb n="20" />
        I)

Paragraphen könnten es wohl nur auf dem Wege über ein Reichs-
finanzgrundgesey machen, in dem der angedeutete Standpuntt, der
auch von Herrn Dr. Köhler als der allein richtige in den Vorder-
grund geschoben worden ist, verankert würde. Vom Standpunkt
einer geordneten Finanzwirtschaft jedenfalls ist eine solche S e [ b st -
be schränkung des Budgetrechts des Parlaments
nicht nur wünschenswert, in unserer gegenwärtigen Lage ist sie
sogar eine absolut unumgängliche Forderung, und wir würden es
begrüßen, wenn der Reichsfinanzminister Dr. Köhler in dieser
Hinsicht die Jnitiative ergreifen würde. (Sehr gut! rechts.) An
irrtümlichen Auffassungen über das Wesen der Demokratie und
des Parlamentarismus sollte er sich bei der Durchführung dieser
Aufgabe nicht stoßen. (Lebhafter Beifall bei den Deutschnationalen.)

Druck: Berliner Zentral-Drucerei G. m. b. H., Berlin SW 48, Besselstraße 21
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für die bisher nicht einmal eine Verzinsung
unmehr erfreulicherweise in Gang gebracht
lange sstrittige Posta bf indung für
rtt em ber g. Dazu kommt, daß auch eine
Berechnung der Bi ersteu eranteile in
| zugunsten der süddeutschen Länder. Ich darf
daß diese Maßnahmen, insbesondere auch die
&lt;ht nur unsere Sympathie, sondern unsere
den.
Entwurf eines Geseßes zur U e berg ang s -
Finanzausgleichs zwischen Reich,
Iden zunächst eine Hinausschiebung des end-
reichs auf ein Jahr beabsichtigt gewesen, und
ng des Herrn Dr. Köhler ging dahin, daß die
zwei Jahre vollzogen werden soll. Ich bin der
gründung zu dem Entwurf des eben von mir
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:chschlagend ist. Zwar kann von mir nicht ver-
den Grund als ausschlaggebend würdige, der
: für einen endgültigen Finanzausgleich not-
noch nicht beschafft sind. Viel wichtiger ist für
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t eingeführt werden könnte. Die Duurch-
schl a g s r e ch t s kann nämlich nach meiner
den Gründen nur Sache der Reichsfinanz-
eine derartig um f a ss ende Neuord-
jenwärtig namentlich unter der schweren Be-
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micht möglich. .
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