nur wenige Wochen umfaßt. Die wirtschaft: liche Prophezeiung hingegen schickt den Blick mit Vorliebe in fernere Zeiträume hinaus, ohne freilich die unmittelbare Zukunft zu. vernachlässigen. Zeiträume von Jahr: zehnten zu überblicken, wie das namentlich der glänzendste wirtschaftliche Prophet aller Zeiten, Friedrich List, getan hat, ist nur der wirtschaftlichen Prophezeiung möglich. Methodisch liegt der tiefste Unterschied zwischen der Konjunkturprognose und der wirtschaftlichen Prophezeiung darin, daß sich die erstere vorwiegend der Analyse, die letztere vor allem der Synthese bedient, daß also jene den Nachdruck auf die Zer:-gliederung, diese vielmehr auf das Zusammenschauen legt. Während die Konjunkturprognose von statistischen Feststellungen ausgeht und ein unendliches Zählwerk nötig hat, gründet sich die wirtschaftliche Prophe: zeiung auf Beobachtungen der mannigfachsten Art, unter denen die psychologischen Einschätzungen besondere Bedeutung haben: und zwar nicht nur die der eigentlichen Wirtschaftspsychologie, sondern auch die der sozialen und der politischen bzw. nationalen Psychologie. Auch im übrigen richtet sie den Blick nicht nur auf rein ökonomische Vor: gänge, zieht vielmehr alles mit in den Um: kreis ihrer Betrachtungen, was das Wirt: schaftsleben von der gesellschaftlichen, der politischen, der rechtlichen Seite her beein-Aussen könnte. Die Konjunkturprognose ist im wesentlichen eine Preisprognose der allernächsten Zeit, die wirtschaftliche Prophezeiung dagegen ein Voraussehen oder ein Vorausfühlen der wirtschaftlichen und sozialen Zukunftsentwicklungen überhaupt. Die Aufgabe der wirtschaftlichen Prophezeiung wird also darin liegen, im Seienden die Keime des Künftigen zu erkennen. Dazu ist sowohl Erfahrung wie Nachdenken nötig. Die bloße Praxis genügt dafür nicht. Vielmehr läßt das Urteil deı Praktiker nicht selten den weiteren Blick vermissen, den nur, derjenige erwirbt, der planmäßig nach den Zusammenhängen der Dinge fahndet. Vor allem darf man sich nicht an Einzelerscheinungen klammern, soll eine richtige Voraussage zustande kommen. Wirtschaftliche Voraussagen sind nur möglich auf der Grundlage einer reichen praktischen Erfahrung und zugleich eines geschulten Denkens. Nur dann kann man zu treffsicheren allgemeinen Urteilen gelangen, wenn sich die Theorie in diesem Sinne mit der aus der Praxis geborenen Erfahrung ver: mählt. Das Wesen der Theorie ist, sich auf umfassende und methodisch geschulte Beobachtungen zu stützen und daraus nach strengen Gesetzen Schlußfolgerungen abzuleiten. „Beobachten heißt Erfahrung methodisch anstellen“, so hat Kant gesagt. Die Theorie aber geht grundsätzlich über die Feststellung der Einzelerfahrung hinaus. Sie begnügt sich nicht damit, Beobachtungen anzustellen, vielmehr will sie die Mannigfaltigkeit der Erscheinungsformen vereinfachen; sie will die Bewußtseinsbilder zusammen: fassen, zergliedern und zu neuen Einheiten zusammenfügen. Die Theorie sucht daher in der Vielgestaltigkeit des Geschehens allenthalben nach der Einheit, d.h. nach Gesetz der Gesetzmäßigkeit. Gesetz und Gesetz: mäßigkeit herrschen auch im Wirtschafts: ‚eben. Deshalb müssen sich bestimmte Ent: wicklungen vorausberechnen lassen. Es überrascht uns zuweilen eine mathematisch fast gleiche Schachstellung der Verhältnisse, obgleich die Spiele anders begonnen wurden. Die Aufgabe lautet dann, festzustellen, wie sie voraussichtlich ausgehen werden. Dabei will ich mit aller Bestimmtheit betonen, daß es große Gebiete 3Zibt, die der wirtschaftlichen Prophezeiung vollständig ver; schlossen bleiben. Dazu gehören vor allem jene Entwicklungen, in die so viele verschiedene Faktoren eingehen, daß eine auch nur annähernd zutreffende Einschätzung derselben für einen längeren Zeitraum nicht möglich ist. Als Beispiel sei etwa die Vorausschätzung der zukünftigen Men: schenzahl bestimmter Gebiete nach mehreren Jahrzehnten genannt, wie sie z. B. in den Vereinigten Staaten mit Vorliebe unternommen werden. Das ist ein sinnloses Spiel, weil zu viele verschiedene Faktoren in Betracht kommen, die man auf einen Zeitraum von 50, 60 oder gar 100 Jahren unmöglich vorausberechnen kann. Ferner müssen ‚alle jene Probleme von der wirtschaftlichen Prophezeiung ausgegeschlossen werden, in die ein neuer Faktor eintreten kann oder sogar voraussichtlich eintreten wird, dessen Tragweite sich nicht einschätzen läßt. Dazu gehören vor_allen Dingen neue Erfindungen. Ich möchte in diesem Zusammenhang erwähnen, daß eine der wenigen wirtschaftlichen Prophezeiungen, in denen Friedrich List sich geirrt hat, eben dadurch fehlerhaft geworden ist, daß er diesen Faktor, eine neue Erfindung, nicht voraussehen konnte. Es handelt sich um die Frage der Zukunft des amerikanischen Getreidebaues und des amerikanischen Getreideabsatzes.