List, der mit seinem Blick alle Staaten und alle Weltteile umspannte, der die U.S.A. und die gewaltige Steigerung ihrer Produk- tionskraft aus eigener Anschauung genau kannte, hat doch nicht entfernt daran ge- dacht, daß jemals nordamerikanisches Ge- treide massenhaft auf den westeuropäischen Märkten einbrechen könnte, wie das in den 70er Jahre geschah. Er hat diese Mög: lichkeit nicht erwogen, weil die über- seeische Schiffahrt zu seiner Zeit über Schiffsräume von etwa 1000 t nicht hinaus- zugehen vermochte, da die Schiffskörper da: mals nur aus Holz bestanden. Zwar war die Dampfmaschine erfunden, und die Dampf: schiffahrt hatte auch über die Meere be: gonnen. Aber die Dampfschiffe jener Zeit brauchten einen sounverhältnismäßigen Raum für die Maschine und für Bunkerkohlen, daß sie in der Regel mit Dampfkraft nicht über den Atlantischen Ozean hinüberkamen, sondern gleichzeitig noch Segel setzen mußten. List hat nun nicht vorausgesehen, daß die Technik dazu übergehen würde, was in der Mitte der 50er Jahre, also ein Jahr: zehnt nach seinem Tode, geschah, an die Stelle des hölzernen Schiffes zunächst das eiserne und dann das stählerne Schiff zu setzen, so daß man zu Schiffgrößen von 3000, 5000, 8000 usw. Tonnen kam und damit eine so starke Verbilligung erzielte, daß nun auch der Massentransport billiger Waren über das Meer geschehen konnte und infolgedessen auch das nordamerikanische Getreide export: reif für die europäischen Märkte wurde. Ein anderes großes Gebiet, das der wirtschaftlichen Prophezeiung verschlossen bleibt, ist das der zukünftigen bergbau- lichen Erträge. Der Bergbau, und zwar nicht nur der Edelmetallbergbau, ist so sehr von Zufällen abhängig, von Dingen, die wir nicht abschätzen können, daß er immer ein Spekulationsgeschäft gewesen und bis zum heutigen Tage geblieben ist. Es wäre ja denkbar, daß die geophysikalischen Metho- den, wenn sie noch weiter vervollkommnet werden, schließlich einmal eine größere Sicherheit in der Abschätzung einer be- stimmten Lagerstätte herbeiführen werden. Einstweilen aber liegen die Dinge noch so, wie es bisher immer der Fall gewesen ist, daß eine einigermaßen sichere Abschätzung nicht möglich ist. Es ist von wissenschaft: licher Seite vor längerer Zeit schon die Be- hauptung aufgestellt worden, daß der Gold: bergbau im ganzen mit Verlust betrieben worden sei, daß er denjenigen, die ihn unter: nommen haben, summa summarum keine Vorteile, sondern Verluste gebracht habe. Sie haben sich dazu verleiten lassen, große Mittel in den Goldbergbau hineinzustecken, veil sie sich erhebliche Erträge versprachen, lie in Wirklichkeit nur in einzelnen Fällen intraten. Ganz dasselbe gilt für den Silberbergbau. Die Geschichte fast jedes Zergwerks weist solche Zufallserscheinun- jen auf. Man kann daraus, glaube ich, eine echt wesentliche Schlußfolgerung ziehen, lie Schlußfolgerung nämlich, daß die öffent: ichen Körperschaften ihre Hand vom Berg- 7au lassen sollten. (Sehr richtig!) Wollen wir, meine sehr verehrten Aerren, über die Möglichkeit wirtschaftlicher ”rophezeiungen ein eingehenderes Urteil jewinnen, so wäre es empfehlenswert — ich <ann das hier nur in aller Kürze tun.—, eine \nzahl falscher und eine Anzahl richtiger wirtschaftlicher Prophezeiungen kennenzu- ernen. Wie sehr die falschen Prophe: zeiungen die wirtschaftliche Entwicklung ’n eine falsche Bahn lenken können, dafür än einziges Beispiel. Als auf den Schlacht: 'eldern Deutschlands durch Friedrich den 3roßen Kanada für England gewonnen war, ıls Frankreich dieses wichtige Kolonials sebiet verlor, da tröstete man sich dort mit lem Scherzwort Voltaires, Kanada wäre ‚a doch nur „quelques arpents de niege“, nur ‘inige Morgen Schnee. Dieses Urteil ist ıllen Ernstes beinahe bis in den Anfang lieses Jahrhunderts wiederholt worden. Man ıat nicht entfernt bedacht, daß sich <anada gerade infolge seiner nördlichen ‚age, d.h. also infolge der langen Sonnen: jestrahlung, die dort dem Boden zuteil wird, zu einem KGetreidebaugebiet allerersten Ranges entwickeln könne. Das ist erst im 20. Jahrhundert geschehen. Die ganze Be- siedelung Kanadas ist durch jenes törichte ort zurückgehalten worden. Noch ein kleines Beispiel aus der segenwart. Als Beratungen darüber ange: itellt wurden, ob es sich lohne, Pelztier- armen in Deutschland anzulegen, ı1at die Wissenschaft falsch prophezeit. Sie ıat das deutsche Klima als ungeeignet für ’elztierfarmen angesehen. Erst die Erfahrung ‚at gelehrt, daß man sich verrechnet hatte, laß wir vielmehr eine ganze Anzahl von Ge- xieten haben, nicht nur in den Gebirgs- jegenden von 800 und 1200 m Höhe, sondern ıuch in Ostpreußen, ja sogar in der nord: leutschen Tiefebene, die sich zur Pelztier- ‚ucht durchaus eignen. Nicht unerwähnt soll bleiben, daß in lemjenigen Volke, dem wir einen beson: leren wirtschaftlichen und politischen Weit: