des Sozialismus auf das bestimmteste ber hauptet, daß genau wie in der Industrie so auch in der Landwirtschaft der Großbetrieb den Kleinbetrieb überwältigen müsse, daß der Kleinbetrieb allmählich verschwinden werde vor der überlegenen Gewalt des Großbetriebes. In Wirklichkeit ist die Ent: wicklung den entgegengesetzten Weg ge- gangen. Es ist nicht uninteressant, die Frage zu stellen, wie es denn zu erklären ist, daß Marx, zweifellos einer der allerklügsten Köpfe, so völlig falsch prophezeit hat. Ich glaube, daß das vor allem darauf zurückzu- führen ist, daß er genau wie der von ihm be- wunderte Ricardo eine große Schwäche für mathematische Fragestellungen und mathe- matische Methoden hatte, weil ihm der psychologische Scharfblick, den ich vorhin als absolut wesentlich für die Möglichkeit wirtschaftlicher Prophezeiung bezeichnet habe, fehlte und weil er zu: gleich eine außerordentliche Phantasie- armut aufweist; ohne Phantasie aber und ohne psychologischen Scharfblick kann man unmöglich wirtschaftlich prophezeien. Aus der Gegenwart wären noch zwei Probleme kurz zu streifen. Das ist einmal die sehr falsche Prophezeiung, die die soge- nannten Volksbeauftragten im Jahre 1918 dazu veranlaßte, eine Erwerbslosen-: Fürsorge einzuführen, ohne sich im minz desten die sozial- psychologische Frage zu stellen, wie diese unterschiedslose Erwerbs: losenfürsorge auf den Arbeitswillen und den Arbeitsmarkt wirken müsse. Und ferner — eine Streitfrage der Gegenwart, zu der ich keine Stellung nehmen möchte, weil es in dieser Kürze nicht möglich ist —, die be: stimmte Prophezeiung der Sozialdemokratie, daß Lohnerhöhungen (man könnte beinahe sagen: alle Lohnerhöhungen) nicht nur die Kaufkraft steigern, sondern die ganze Volkswirtschaft günstig beeinflussen müßten. Wie gesagt, dies ist ein Problem, das aber vielleicht mit den Methoden zu lösen ist, auf En später noch zurückgekommen werden soll. — Nach diesen wenigen Beispielen falscher wirtschaftlicher Voraussagen auch ein paar Beispiele für richtige, und zwar glänzend eingetroffene, wirtschaftliche Pro- phezeiungen! Ich habe vorhin als den größten ökonomischen Propheten aller Zei: ten Friedrich List bezeichnet. Es ist in der Tat erstaunlich, wie der prophetische Weitblick dieses Mannes die Zukunft ganz weit hinaus für Probleme durchdrungen hat, bei denen man sich fragt, wie es denn da: mals überhaupt möglich war, darüber ein :inigermaßen sicheres Urteil abzugeben. Wenige Monate vor seinem Tode, im Herbst 1845, hat er, mit erschütterter Ge: sundheit, innerlich gebrochen, eine Aufsatz: :eihe politischen und wirtschaftlichen Inhalts ınter der Überschrift „Die Politik der Zu: <unft‘“ veröffentlicht, die in freien und j;roßen Umrissen die Grundzüge der künf: tigen Gestaltung der wirtschaftlichen und »olitischen Wechselbeziehungen der Na: ijonen entwirft und gleichzeitig für die Be: lürfnisse der nächsten Zeit ein Programm leutscher Politik aufstellt. Alles, was sich in len letzten Menschenaltern ereignet hatte, lie Erfindungen, die inneren Gärungen, die olitischen Bewegungen, die widerstreitenden <räfte, faßte er hier in einem so monumen: :alen Gesamtbilde zusammen, das ihm lazu diente, die Entwicklung der Zukunft vorauszusagen. Und wie richtig hat er ge- z3ehen! Die Aufsätze sind mit der ganzen “rische und der reizvollen Lebendigkeit ge- schrieben, die seine besten Jahre auszeich- ıeten. Man fühlt, wie er über der großen \ufgabe, die er sich darin setzte, seine <örperlichen Leiden vergaß und den see: ischen Druck abschüttelte. Eine der glänzendsten wirtschaftlichen Prophezeiungen ist bekanntlich die Tur- zots, die bereits im Jahre 1750 ausge: ;prochen wurde: „Kolonien sind wie Früchte, lie nur so lange an den Bäumen festhalten, »is sie reif sind; einmal reif geworden, tun zie das, was Karthago tat und was Amerika ıines Tages tun wird.“ Dabei ist bemerkens: wert, daß damals in den englischen Kolonien Nordamerikas kein Mensch ahtı eine Unabs ıängigkeitserklärung dachte. Noch im An: ang der 70er Jahre, also über 20 Jahre später, war die Stimmung für eine Los: ösung von England durchaus nicht gegeben, wie sich aus Briefen von Franklin, Washing- :;on usw. nachweisen läßt. Diese glänzende politisch-wirtschaftliche Voraussage Turgots hat dann offenbar die Grundlage geboten zu den Äußerungen von Adam Smith in seinem „Reichtum der Nationen“ über dasselbe Problem. Ein weiteres Beispiel treffsicherer poli: isch wirtschaftlicher Prophetie ist der So- jenannte Brief von Jamaika Bolivars, des großen Befreiers der mittel» und südz ımerikanischen Länder, der darin die Ge- schichte der lateinamerikanischen Staaten jür das nächste Jahrhundert klar voraus: sagte. Ferner sei auf eine charakteristische Außerung Goethes aufmerksam gemacht,