Die Landwirtschaft kann, weil sie die Er- mäßigungsprozente auf der anderen Seite bekommt, den Roggen. rechtzeitig in den Markt geben und braucht sich nicht darauf zu verlegen, daß später einmal durch dieses Einfuhrscheinsystem höhere Preise kommen. Und ich sage Ihnen voraus, meine Herren von der Industrie, es wird nur wenige Wochen dauern — insofern möchte ich auch einmal eine Prophezeiung sagen (Heiterkeit) —, daß, wenn ein neuer Reichstag zusammen- sitzt und, wie wir jetzt schon sehen, der Brotpreis in einigen Gegenden um 1 bis 3 Pfg. in die Höhe geht, dann dem neuen Reichstag nichts anderes übrig bleiben wird, als die landwirtschaftlichen Zölle zu suspen- dieren. Das werden Sie erleben, meine Herren! Passen Sie auf, das kommt, weil man dann nicht anders helfen kann und weil wir nicht ertragen können, daß der Roggen pro Zentner, der heute 15 RM. kostet, womöglich auf 20 und 21 RM. geht. Durch die große Nachfrage aus Polen und auch aus der Tschechoslowakei hat nicht allein der Roggen angezogen, sondern auch Weizen und Hafer gehen immer weiter in die Höhe. Ich gönne ja den Landwirten den Verdienst; ich gehöre selbst zum Bau. Aber das ist eine ganz falsche Auffassung, daß man glaubt, es ginge auf die Dauer so weiter, sondern es wird ein ganz erheblicher Rückschlag demnächst kommen. müssen, weil in der Bevölkerung diese Brotteuerung be: sonders bei Arbeitslosigkeit gar nicht er: tragen werden kann und weil dann durch Steuern, meine verehrten Anwesenden, im wesentlichen doch die übrigen Teile der Wirtschaft, Handel und Industrie, die Dinge zu bezahlen haben, wenn die Land; wirtschaft so notleidend bleibt, wie sie heute ist. Ich habe mich einmal hier ganz offen ausgesprochen und verweise auf die anderen Gebiete, auf Dänemark, auf die Schweiz, auf Holland, verweise auch darauf, daß ein Herr von Lochow gesagt hat, die Produk- tion sei bei uns sehr leicht zu steigern. Ich glaube, er hat gesagt, die Durchschnitts- milchleistung einer Kuh in Deutschland könne er nicht höher als auf 1800 Liter be- werten. Eine Steigerung auf 3600 Liter Milch ist bei sinngemäßer Pflege auf Gütern eine Kleinigkeit. Im _Branden- burgischen Herdbuch gilt eine Kuh nichts, die nicht mindestens 10 Liter pro Tag im Jahre gibt, also 3650 Liter. In meiner Heimat Oldenburg oder in Ostfriesland sind das so: gar noch geringe Leistungen. Dort paras dieren die Kühe mit 5000 und 6000 Litern. In Preußen ist in das große Leistungsbuch, das für die ‚ganz wertvollen Kühe geführt wird, jetzt eine. Kuh eingetragen, die im Jahre 1927, sage und schreibe, 12000 Liter Milch gegeben hat. (Hört, hört!) Es ist ja janz interessant für Sie, das einmal zu 2ören, weil über diese Dinge ganz falsche Anschauungen in der Öffentlichkeit bez stehen und weil die Qualität der deutschen 'andwirtschaftlichen Produkte, wie ich aus der Denkschrift von Krupp nachweisen konnte, schlecht ist, weil das Heimatland sines meiner Freunde, der dort hinten sitzt, 3ayern, in der Milchwirtschaft außerordent- ich rückständig ist (Heiterkeit) — nur in der Milchwirtschaft! (große Heiterkeit) — und weil in dieser Beziehung nicht energisch genug von dem Berufsstande selbst durch- jegriffen wird. Ich bin der Meinung, daß ıuf diesem Wege der Staat wahrscheinlich 1elfen muß und helfen kann durch gewisse Richtlinien, wonach derartige Organi- ;ationen geschaffen werden müssen. ich bin weiter der Meinung, daß in dieser 3eziehung der Reichstag und der Preußische ‚andtag große Arbeit leisten könnten, be- ;onders dann, wenn dabei die verarbeiten: len Industrien, die bei der Landwirtschaft ıngeschlossen sind — Zucker-, Molkerei: ndustrie usw. — mitwirken und wenn auf ler anderen Seite der Handel seine Hilfe zur Verfügung stellt. Ich bin letzten Endes der Meinung, daß das sehr rasch vor sich jehen muß, allerdings nicht von heute auf norgen, aber in wenigen Jahren. Wir können das nur in systematischer Arbeit machen, ıur auf dem Wege der Selbsthilfe. Keiner von Ihnen und ich sicher nicht verkennt die Bedeutung der Landwirtschaft. Ich weiß sehr wohl, welche Belange wir ihr in Deutschland verdanken. Aber auf der anderen Seite muß ich sagen, daß wir hin- 3ichtlich der Standardisierung und der Qualität der Ware außerordentlich rück- ständig sind. Ich habe mich gefreut, daß mir die Direktion von Krupp diese Bro- schüre zugeschickt hat. Ich weiß nicht, welchem Umstand ich diese Ehre verdanke. Aber ich habe sie bekommen und mir gleich gesagt: der Verfasser hat vollkommen recht. Wenn man in Bauernkreisen diese Sache inmal erörtert und sagt: die Leute wollen Jualitativ bessere Sachen trinken und essen, lann sagen Bauern mitunter: Gott, die Leute können doch auch einmal etwas anderes nehmen, es kommt doch nicht mmer darauf an. Das ist eben die. falsche Sinstellung. Niemand kauft der Industrie hre Ware ab, wenn sie nicht qualitativ kon;