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Si SUCHOR.&amp; PAPIERM
        <pb n="2" />
        SE
“703
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        Veröffentlichungen
des Reichsverbandes der Deutschen Industrie

Heft 38

Juni 1928

Wirtschaftspolitische Tagesfragen

Drei Vorträge
gehalten in der
Hauptausschußsitzung des Reichsverbandes der Deutschen Industrie
am 27. April 1928

Rt
l. Die Möglichkeit wirtschaftlicher Prophezeiungen
Von Professor Dr. Ernst Schultze,
Direktor des Weltwirtschafts-Instituts der Handelshochschule Leipzig
A
ILL. Welche Bedeutung hat die deutsche Landwirtschaft
innerhalb unserer deutschen Wirtschaft?
Von Dr. August Weber

III Die Wirtschaftsarbeiten des Völkerbundes
seit der Weltwirtschaftskonferenz
Von Dr. Ernst Trendelenburg,
Staatssekretär im Reichswirtschaftsministerium

A AATHEN

Selbstverlag des Reichsverbandes der Deutschen Industrie
Berlin W10, Königin-Augusta=-Straße 28
        <pb n="4" />
        Veröffentlichungen
des Reichsverbandes der Deutschen Industrie

Heft 38

Juni 1928

Wirtschaftspolitische Tagesfragen
Drei Vorträge
gehalten in der
Hauptausschußsitzung des Reichsverbandes der Deutschen Industrie
am’ 27. April 1928

[. Die Möglichkeit wirtschaftlicher Prophezeiungen
Von Professor Dr. Ernst Schultze,
Direktor des Weltwirtschafts-Instituts der Handelshochschule Leipzig
A
II. Welche Bedeutung hat die deutsche Landwirtschaft
innerhalb unserer deutschen Wirtschaft?
Von Dr. August Weber
A
IL Die Wirtschaftsarbeiten des Völkerbundes
seit der Weltwirtschaftskonferenz
Von Dr. Ernst Trendelenburg,
Staatssekretär im Reichswirtschaftsministerium

Selbstverlag des Reichsverbandes der Deutschen Industrie
Berlin W10, Königin-Augusta=Straße 28
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        De

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        INHALTSVERZEICHNIS

Die Möglichkeit wirtschaftlicher Prophezeiungen.
Vortrag von Professor Dr. Ernst Schultze, Direktor des Weltwirtschafts=
Instituts der Handels-Hochschule Leipzig... .
Diskussionsredner: CGeheimrat Professor Dr. Ernst Wagemann,
Präsident des Statistischen Reichsamts . . ..

Seite

12

Welche Bedeutung hat die deutsche Landwirtschaft innerhalb unserer
deutschen Wirtschaft?
Vortrag von Dr. August Weber . BB
Diskussionsredner: Landrat a. D. Dr. Tilo Freiherr von Wilmowsky 23
Dr. Theo Goldschmidt . 26
27

Die Wirtschaftsarbeiten des Völkerbundes seit der Weltwirtschafts=
konferenz.
Vortrag von Dr. Ernst Trendelenburg, Staatssekretär Im Reichswirtschafts«
ministerium .
Sa
        <pb n="7" />
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        Professor Dr. ERNST SCHULTZE, Leipzig,
Direktor des Weltwirtschafts-Instituts der Handelshochschule Leipzig:
DIE MÖGLICHKEIT WIRTSCHAFTLICHER PROPHEZEIUNGEN.

Meine sehr verehrten Herren! Wenn ich
über die Möglichkeit wirtschaftlicher Pro-
phezeiungen vor Ihnen sprechen soll, so
möchte ich an die Spitze den Satz stellen,
daß in der Theorie wie in der
Praxis des Wirtschaftslebens
unaufhörlich prophezeit wird
— auch dort, wo man es leugnet.
Ich will weiter den Satz hinzufügen, daß in
den wirtschaftlichen Vorgängen, die wir
kennen und erleben, die Kräfte der Ver:
änderung diejenigen der Beharrung bei
weitem überwiegen. In einer stabilen Wirt:
schaft wäre ein Voraussagen künftiger Er-
eignisse überflüssig, weil die‘ ökonomischen
Vorgänge sich in ihr immer von neuem in
derselben Art wiederholen würden. Ob es
eine solche stabile Wirtschaft jemals gegeben
hat, sei dahingestellt; ich möchte es be:
zweifeln. Jedenfalls haben wir damit zu
rechnen, daß heute eine solche stabile Wirt:
schaft nirgends vorhanden ist, sondern daß
sowohl in der Volkswirtschaft wie in der
Privatwirtschaft unaufhörliche Veränderun:
gen an der Tagesordnung sind; und diese
Veränderungen fordern eben dazu heraus,
daß man den Versuch macht, in die Zukunft
vorauszusehen. Das aber nennen wir
„Prophezeien“.

Wer das nicht tut oder wer die Zukunft
falsch beurteilt, der hat erhebliche Verluste
zu tragen. Wer sich in der Voraussicht der
ökonomischen Entwicklung verrechnet, hat
das zu büßen. Die Wirtschaftsgeschichte
weist zahlreiche Beispiele dafür auf und
nicht minder der Schicksalsablauf der Pri-
vatwirtschaften.

Fragen wir zunächst kurz, wer denn
eigentlich wirtschaftlich pro:
phezeit. Ich meine, daß dabei an der
Spitze steht die Wirtschaftspolitik und die
Gesetzgebung sämtlicher Staaten. Sie glaubt,
aus den Erfahrungen der Vergangenheit die
Entwicklungsrichtung der Zukunft voraus:
berechnen und sie durch bestimmte Maß:
nahmen in ganz bestimmte Bahnen lenken
zu können. Ferner prophezeit in gleichem

Sinne die Wirtschaftspolitik der Parteien
ınd Verbände. Es prophezeit weiter die
;pekulation; sie geht immer von einer wirt:
schaftlichen Prophezeiung aus und ändert,
&lt;orrigiert also daraufhin die gegenwärtigen
’reise bzw. Kurse. Infolgedessen prophezeit
lie Börse durch alle ihre Handlungen: sie
ıntizipiert die voraussichtliche künftige Ent-
wicklung und bringt sie in Kurserhöhungen
‚der Kurssenkungen zum Ausdruck. Ferner
»rophezeit die Unternehmung. Sie arbeitet
ıe für die Gegenwart, sondern immer für
lie Zukunft. Sie trifft alle Maßnahmen so,
ls ob ihr die Entwicklungsrichtung der
Zukunft bekannt wäre. Da aber der einzelne
)nternehmer vielfach nicht über das nötige
Material verfügt, um mit Sicherheit die Zuz
:unft und die Schwankungen der wirtschaft:
ichen Wechsellagen vorausberechnen zu
zönnen, ist seit einiger Zeit die Konjunktur-
orschung zu Hilfe gekommen. Sie sucht die
Zukunft und zwar die nächste Zukunft der
7reisentwicklung methodisch zu erforschen
ınd der Öffentlichkeit zugängig zu machen.
Nun möchte ich unter wirtschaftlicher
”rophezeiung etwas anderes verstehen
ıls die Konjunkturprognose; ich
will kurz sagen, worin ich die Unterschiede
ler beiden sehe. Ihr Aufgabenkreis deckt
jich nur zum Teil. Die Konjunkturprognose
’earbeitet größtenteils Probleme, von denen
sich die wirtschaftliche Prophezeiung fern;
1ält. Der Hauptunterschied zwischen beiden
ijegt wohl darin, daß die Aufgaben der Kon:
'unkturprognose zeitlich begrenzt sind, wäh:
‚end die der wirtschaftlichen Prophezeiung
sich auf Zeiträume erstrecken, die der
»rsteren verschlossen bleiben. Die wirt;
schaftliche Voraussage, wenn ich so die wirt:
schaftliche Prophezeiung mit einem anderen
Namen bezeichnen darf, sieht in eine Zu-
zunft hinein, die von der Konjunkturpro-
inose nicht erschlossen werden kann, weil
liese von den wirtschaftlichen Wechsellagen
ler Gegenwart ausgeht und daraus ihre
Schlüsse für einen Zeitraum zieht, der im
Töchstfalle einige Jahre, in der Regel sogar
        <pb n="9" />
        nur wenige Wochen umfaßt. Die wirtschaft:
liche Prophezeiung hingegen schickt den
Blick mit Vorliebe in fernere Zeiträume hin-
aus, ohne freilich die unmittelbare Zukunft
zu. vernachlässigen. Zeiträume von Jahr:
zehnten zu überblicken, wie das namentlich
der glänzendste wirtschaftliche Prophet aller
Zeiten, Friedrich List, getan hat, ist nur der
wirtschaftlichen Prophezeiung möglich.

Methodisch liegt der tiefste Unterschied
zwischen der Konjunkturprognose und der
wirtschaftlichen Prophezeiung darin, daß
sich die erstere vorwiegend der Analyse,
die letztere vor allem der Synthese bedient,
daß also jene den Nachdruck auf die Zer:-
gliederung, diese vielmehr auf das Zusam-
menschauen legt. Während die Konjunktur-
prognose von statistischen Feststellungen
ausgeht und ein unendliches Zählwerk nötig
hat, gründet sich die wirtschaftliche Prophe:
zeiung auf Beobachtungen der mannigfach-
sten Art, unter denen die psychologischen
Einschätzungen besondere Bedeutung haben:
und zwar nicht nur die der eigentlichen Wirt-
schaftspsychologie, sondern auch die der
sozialen und der politischen bzw. nationalen
Psychologie. Auch im übrigen richtet sie den
Blick nicht nur auf rein ökonomische Vor:
gänge, zieht vielmehr alles mit in den Um:
kreis ihrer Betrachtungen, was das Wirt:
schaftsleben von der gesellschaftlichen, der
politischen, der rechtlichen Seite her beein-
Aussen könnte. Die Konjunkturprognose ist
im wesentlichen eine Preisprognose der
allernächsten Zeit, die wirtschaftliche Pro-
phezeiung dagegen ein Voraussehen oder
ein Vorausfühlen der wirtschaftlichen und
sozialen Zukunftsentwicklungen überhaupt.

Die Aufgabe der wirtschaftlichen
Prophezeiung wird also darin liegen, im
Seienden die Keime des Künftigen zu er-
kennen. Dazu ist sowohl Erfahrung wie
Nachdenken nötig. Die bloße Praxis genügt
dafür nicht. Vielmehr läßt das Urteil deı
Praktiker nicht selten den weiteren Blick
vermissen, den nur, derjenige erwirbt, der
planmäßig nach den Zusammenhängen der
Dinge fahndet. Vor allem darf man sich
nicht an Einzelerscheinungen klammern,
soll eine richtige Voraussage zustande
kommen.

Wirtschaftliche Voraussagen sind nur
möglich auf der Grundlage einer reichen
praktischen Erfahrung und zugleich eines
geschulten Denkens. Nur dann kann man zu
treffsicheren allgemeinen Urteilen gelangen,
wenn sich die Theorie in diesem Sinne mit
der aus der Praxis geborenen Erfahrung ver:
mählt. Das Wesen der Theorie ist, sich

auf umfassende und methodisch geschulte
Beobachtungen zu stützen und daraus nach
strengen Gesetzen Schlußfolgerungen abzu-
leiten. „Beobachten heißt Erfahrung metho-
disch anstellen“, so hat Kant gesagt. Die
Theorie aber geht grundsätzlich über die
Feststellung der Einzelerfahrung hinaus. Sie
begnügt sich nicht damit, Beobachtungen an-
zustellen, vielmehr will sie die Mannigfaltig-
keit der Erscheinungsformen vereinfachen;
sie will die Bewußtseinsbilder zusammen:
fassen, zergliedern und zu neuen Einheiten
zusammenfügen. Die Theorie sucht daher in
der Vielgestaltigkeit des Geschehens allent-
halben nach der Einheit, d.h. nach Gesetz
der Gesetzmäßigkeit. Gesetz und Gesetz:
mäßigkeit herrschen auch im Wirtschafts:
‚eben. Deshalb müssen sich bestimmte Ent:
wicklungen vorausberechnen lassen. Es
überrascht uns zuweilen eine mathematisch
fast gleiche Schachstellung der Verhältnisse,
obgleich die Spiele anders begonnen wurden.
Die Aufgabe lautet dann, festzustellen, wie
sie voraussichtlich ausgehen werden.

Dabei will ich mit aller Bestimmtheit
betonen, daß es große Gebiete
3Zibt, die der wirtschaftlichen
Prophezeiung vollständig ver;
schlossen bleiben. Dazu gehören
vor allem jene Entwicklungen, in die so viele
verschiedene Faktoren eingehen, daß eine
auch nur annähernd zutreffende Einschät-
zung derselben für einen längeren Zeitraum
nicht möglich ist. Als Beispiel sei etwa
die Vorausschätzung der zukünftigen Men:
schenzahl bestimmter Gebiete nach mehreren
Jahrzehnten genannt, wie sie z. B. in den
Vereinigten Staaten mit Vorliebe unternom-
men werden. Das ist ein sinnloses Spiel,
weil zu viele verschiedene Faktoren in Be-
tracht kommen, die man auf einen Zeitraum
von 50, 60 oder gar 100 Jahren unmöglich
vorausberechnen kann.

Ferner müssen ‚alle jene Probleme von
der wirtschaftlichen Prophezeiung  ausge-
geschlossen werden, in die ein neuer
Faktor eintreten kann oder sogar vor-
aussichtlich eintreten wird, dessen Tragweite
sich nicht einschätzen läßt. Dazu gehören
vor_allen Dingen neue Erfindungen.

Ich möchte in diesem Zusammenhang
erwähnen, daß eine der wenigen wirtschaft-
lichen Prophezeiungen, in denen Friedrich
List sich geirrt hat, eben dadurch fehlerhaft
geworden ist, daß er diesen Faktor, eine
neue Erfindung, nicht voraussehen
konnte. Es handelt sich um die Frage der
Zukunft des amerikanischen Getreidebaues
und des amerikanischen Getreideabsatzes.
        <pb n="10" />
        List, der mit seinem Blick alle Staaten
und alle Weltteile umspannte, der die U.S.A.
und die gewaltige Steigerung ihrer Produk-
tionskraft aus eigener Anschauung genau
kannte, hat doch nicht entfernt daran ge-
dacht, daß jemals nordamerikanisches Ge-
treide massenhaft auf den westeuropäischen
Märkten einbrechen könnte, wie das in den
70er Jahre geschah. Er hat diese Mög:
lichkeit nicht erwogen, weil die über-
seeische Schiffahrt zu seiner Zeit über
Schiffsräume von etwa 1000 t nicht hinaus-
zugehen vermochte, da die Schiffskörper da:
mals nur aus Holz bestanden. Zwar war die
Dampfmaschine erfunden, und die Dampf:
schiffahrt hatte auch über die Meere be:
gonnen. Aber die Dampfschiffe jener Zeit
brauchten einen sounverhältnismäßigen Raum
für die Maschine und für Bunkerkohlen, daß
sie in der Regel mit Dampfkraft nicht über
den Atlantischen Ozean hinüberkamen,
sondern gleichzeitig noch Segel setzen
mußten. List hat nun nicht vorausgesehen,
daß die Technik dazu übergehen würde, was
in der Mitte der 50er Jahre, also ein Jahr:
zehnt nach seinem Tode, geschah, an die
Stelle des hölzernen Schiffes zunächst das
eiserne und dann das stählerne Schiff zu
setzen, so daß man zu Schiffgrößen von 3000,
5000, 8000 usw. Tonnen kam und damit eine
so starke Verbilligung erzielte, daß nun auch
der Massentransport billiger Waren über
das Meer geschehen konnte und infolgedessen
auch das nordamerikanische Getreide export:
reif für die europäischen Märkte wurde.

Ein anderes großes Gebiet, das der
wirtschaftlichen Prophezeiung verschlossen
bleibt, ist das der zukünftigen bergbau-
lichen Erträge. Der Bergbau, und
zwar nicht nur der Edelmetallbergbau, ist so
sehr von Zufällen abhängig, von Dingen, die
wir nicht abschätzen können, daß er immer
ein Spekulationsgeschäft gewesen und bis
zum heutigen Tage geblieben ist. Es wäre ja
denkbar, daß die geophysikalischen Metho-
den, wenn sie noch weiter vervollkommnet
werden, schließlich einmal eine größere
Sicherheit in der Abschätzung einer be-
stimmten Lagerstätte herbeiführen werden.
Einstweilen aber liegen die Dinge noch
so, wie es bisher immer der Fall gewesen ist,
daß eine einigermaßen sichere Abschätzung
nicht möglich ist. Es ist von wissenschaft:
licher Seite vor längerer Zeit schon die Be-
hauptung aufgestellt worden, daß der Gold:
bergbau im ganzen mit Verlust betrieben
worden sei, daß er denjenigen, die ihn unter:
nommen haben, summa summarum keine
Vorteile, sondern Verluste gebracht habe.

Sie haben sich dazu verleiten lassen, große
Mittel in den Goldbergbau hineinzustecken,
veil sie sich erhebliche Erträge versprachen,
lie in Wirklichkeit nur in einzelnen Fällen
intraten. Ganz dasselbe gilt für den
Silberbergbau. Die Geschichte fast jedes
Zergwerks weist solche Zufallserscheinun-
jen auf. Man kann daraus, glaube ich, eine
echt wesentliche Schlußfolgerung ziehen,
lie Schlußfolgerung nämlich, daß die öffent:
ichen Körperschaften ihre Hand vom Berg-
7au lassen sollten. (Sehr richtig!)

Wollen wir, meine sehr verehrten
Aerren, über die Möglichkeit wirtschaftlicher
”rophezeiungen ein eingehenderes Urteil
jewinnen, so wäre es empfehlenswert — ich
&lt;ann das hier nur in aller Kürze tun.—, eine
\nzahl falscher und eine Anzahl richtiger
wirtschaftlicher Prophezeiungen kennenzu-
ernen.

Wie sehr die falschen Prophe:
zeiungen die wirtschaftliche Entwicklung
’n eine falsche Bahn lenken können, dafür
än einziges Beispiel. Als auf den Schlacht:
'eldern Deutschlands durch Friedrich den
3roßen Kanada für England gewonnen war,
ıls Frankreich dieses wichtige Kolonials
sebiet verlor, da tröstete man sich dort mit
lem Scherzwort Voltaires, Kanada wäre
‚a doch nur „quelques arpents de niege“, nur
‘inige Morgen Schnee. Dieses Urteil ist
ıllen Ernstes beinahe bis in den Anfang
lieses Jahrhunderts wiederholt worden. Man
ıat nicht entfernt bedacht, daß sich
&lt;anada gerade infolge seiner nördlichen
‚age, d.h. also infolge der langen Sonnen:
jestrahlung, die dort dem Boden zuteil wird,

zu einem KGetreidebaugebiet allerersten
Ranges entwickeln könne. Das ist erst im
20. Jahrhundert geschehen. Die ganze Be-
siedelung Kanadas ist durch jenes törichte
ort zurückgehalten worden.

Noch ein kleines Beispiel aus der
segenwart. Als Beratungen darüber ange:
itellt wurden, ob es sich lohne, Pelztier-
armen in Deutschland anzulegen,
ı1at die Wissenschaft falsch prophezeit. Sie
ıat das deutsche Klima als ungeeignet für
’elztierfarmen angesehen. Erst die Erfahrung
‚at gelehrt, daß man sich verrechnet hatte,
laß wir vielmehr eine ganze Anzahl von Ge-
xieten haben, nicht nur in den Gebirgs-

jegenden von 800 und 1200 m Höhe, sondern
ıuch in Ostpreußen, ja sogar in der nord:
leutschen Tiefebene, die sich zur Pelztier-
‚ucht durchaus eignen.

Nicht unerwähnt soll bleiben, daß in
lemjenigen Volke, dem wir einen beson:
leren wirtschaftlichen und politischen Weit:
        <pb n="11" />
        blick nachzurühmen pflegen, bei den Eng:
ländern, eine ganze Anzahl hervorragender
falscher Prophezeiungen ausgesprochen wor:
den ist, die auf den Gang der politischen
und der wirtschaftlichen Entwicklung Eng:
lands tiefen Einfluß gehabt haben. Wenn
beispielsweise die englische Regierung sich
den Wünschender dreizehn nord:
amerikanischen Kolonien mit aller
Kraft widersetzte, so geschah es deshalb,
weil, wie der leitende Minister Lord Shel:-
burne, einer der hervorragendsten Staats:
männer jener Zeit, es ausdrückte, die Sonne
Englands untergehen würde, wenn die drei:
zehn Kolonien sich unabhängig machten.
Man sah nicht voraus, daß auch bei einer
selbständigen staatlichen Entwicklung das
Gebiet dieser dreizehn Kolonien die wirt-
schaftliche Entfaltung Englands durchaus
nicht ungünstig beeinflußt werden würde
und daß man auch politisch sich wahrscheinz
lich mit dem neuen Staate würde vertragen
können. : d
Eine andere, gänzlich falsche wirtschaft:

liche und politische Prophezeiung hat Eng-
land dazu veranlaßt, im nordamerika-
nischen Bürgerkrieg sich absolut auf
die Seite der Südstaaten zu stellen, obwohl
England ja doch die Sklavenbefreiung auf
sein Panier geschrieben hatte. Trotzdem
waren in der Stellungnahme gegen die Nord-
staaten die gesamte öffentliche Meinung
Englands, die Presse, das Parlament, die
Regierung einschließlich des liberalen Pre:
mierministers Gladstone einer Ansicht. Sie
glaubten, daß die Südstaaten die Nord:
staaten schlagen würden, daß die Südstaaten
auch wirtschaftlich der kräftigere Teil sein
würden. Dieser Irrtum ist Großbritannien
teuer zu stehen gekommen. Ich brauche
nur an den. Alabama-Streitfall mit seinen
sehr empfindlichen Kosten zu erinnern.
Aber um wieder auf die Gegenwart zu
sehen — haben wir nicht erlebt, daß man in
aller Welt zu einer völlig falschen Ein-
schätzung des zukünftigen Schiffs-
raumbedarfs gelangte, nachdem der
Weltkrieg beendet war? Haben nicht die
Werften aller Länder wie wild darauf los:
gebaut, obwohl doch hätte vorausgesehen
werden müssen, daß nach diesem vernich-
tenden Kriege der Welthandel nicht sofort
wieder auf die Höhe der Vorkriegszeit ge-
langen konnte und infolgedessen auch ein
geringerer Schiffsraum genügen würde? Man
hat es auf diese Weise dahin gebracht, daß
in kurzer Zeit 12 Millionen mehr vor-
handen waren als die 44 Millionen, die vor
dem Kriege der Seeschiffahrt gedient hatten.

Auf diese Weise hat man eine sehr schwere
Krise über die Schiffahrt und den Schiffsbau
aller Länder der Welt heraufbeschworen.

Haben wir es nicht ferner erlebt, wie
völlig falsch die Berechnungen der Repa-
rationslasten ausgefallen sind, die
Deutschland auferlegt werden könnten, wie
abwegig man im Auslande darüber geurteilt
hat, wie falsch man aber auch vielfach im
nlande die Möglichkeit dieser Belastung
zingeschätzt hat?

Und um endlich auf ein Gebiet hinzu:
weisen, das voll ist von falschen Prophezei-
ıngen, unter denen wir auf Schritt und Tritt
zu leiden haben, sei sowohl auf die Ansichten
Lassalles wie auf die von Karl Marx hin:
Jewiesen. Lassalle war ein erklärter
Gegner der Konsumgenossenschaften, weil
zr weissagte, daß sie die Lage der Arbeiter
in keiner Weise verbessern könnten. Da:
gegen war er ein starker Anhänger der Pro:
duktivgenossenschaften, weil er glaubte, daß
durch sie die Lage der Arbeiterschaft ge-
hoben werden könnte. Beides war eine ab-
solute Fehlprophezeiung.

In den Schriften von Karl Marx
wimmelt es geradezu von Fehlprophezeiun:-
gen. Seine Stellung zur Frage der wirt:
schaftlichen Prophetie war eine höchst
eigenartige: auf der einen Seite behauptete
er, daß die Entwicklung so zwangsläufig
erfolge, daß eigentlich auf Grund seiner
Jlialektischen Methode das Voraussehen in
lie Zukunft gar nicht schwer sein konnte,
und auf der anderen Seite untersagte er
‘örmlich das Vorausberechnen der Zu:
&lt;unft. Was er selbst über die Zukunft
dachte, hat er nur in wenigen nebel:
haften Sätzen dargetan: Akkumulation des
Kapitals, Konzentration des Kapitals, Ex-
propriation der Expropriateure usw., und
hat im übrigen nicht nur keine Prophe-
zeiungen aussprechen wollen, sondern hat
— ich möchte beinahe sagen — das Pro:
ahezeien verboten. An dieses Verbot hat
man sich freilich in der Sozialdemokratie

nicht gekehrt. Wir haben es heute ver:
zessen, daß der sogenannte „große Kladdera-
latsch“ wiederholt für ganz bestimmte Jahre
vorausgesagt wurde, daß Bebel ihn für 1889
voraussagte, dann, als er nicht eingetreten
war, für die Mitte der neunziger Jahre, dann
tür 1898 und daß er dann erst, nach all diesen
schreienden Mißerfolgen, den „großen Klad:-
Jeradatsch‘ aus seinen Prophezeiungen her-
zusließ. Aber auch im übrigen sind die
wirtschaftlichen Prophezeiungen der Sozial-
lemokratie fast sämtlich nicht eingetroffen.
Noch in den 90er Jahren haben die Führer
        <pb n="12" />
        des Sozialismus auf das bestimmteste ber
hauptet, daß genau wie in der Industrie so
auch in der Landwirtschaft der Großbetrieb
den Kleinbetrieb überwältigen müsse, daß
der Kleinbetrieb allmählich verschwinden
werde vor der überlegenen Gewalt des
Großbetriebes. In Wirklichkeit ist die Ent:
wicklung den entgegengesetzten Weg ge-
gangen.

Es ist nicht uninteressant, die Frage zu
stellen, wie es denn zu erklären ist, daß
Marx, zweifellos einer der allerklügsten
Köpfe, so völlig falsch prophezeit hat. Ich
glaube, daß das vor allem darauf zurückzu-
führen ist, daß er genau wie der von ihm be-
wunderte Ricardo eine große Schwäche für
mathematische Fragestellungen und mathe-
matische Methoden hatte, weil ihm der
psychologische Scharfblick, den
ich vorhin als absolut wesentlich für die
Möglichkeit wirtschaftlicher Prophezeiung
bezeichnet habe, fehlte und weil er zu:
gleich eine außerordentliche Phantasie-
armut aufweist; ohne Phantasie aber und
ohne psychologischen Scharfblick kann man
unmöglich wirtschaftlich prophezeien.

Aus der Gegenwart wären noch zwei
Probleme kurz zu streifen. Das ist einmal
die sehr falsche Prophezeiung, die die soge-
nannten Volksbeauftragten im Jahre 1918
dazu veranlaßte, eine Erwerbslosen-:
Fürsorge einzuführen, ohne sich im minz
desten die sozial- psychologische Frage zu
stellen, wie diese unterschiedslose Erwerbs:
losenfürsorge auf den Arbeitswillen und den
Arbeitsmarkt wirken müsse. Und ferner —
eine Streitfrage der Gegenwart, zu der ich
keine Stellung nehmen möchte, weil es in
dieser Kürze nicht möglich ist —, die be:
stimmte Prophezeiung der Sozialdemokratie,
daß Lohnerhöhungen (man könnte
beinahe sagen: alle Lohnerhöhungen) nicht
nur die Kaufkraft steigern, sondern die ganze
Volkswirtschaft günstig beeinflussen müßten.
Wie gesagt, dies ist ein Problem, das aber
vielleicht mit den Methoden zu lösen ist, auf
En später noch zurückgekommen werden
soll. —

Nach diesen wenigen Beispielen falscher
wirtschaftlicher Voraussagen auch ein paar
Beispiele für richtige, und zwar glänzend
eingetroffene, wirtschaftliche Pro-
phezeiungen! Ich habe vorhin als den
größten ökonomischen Propheten aller Zei:
ten Friedrich List bezeichnet. Es ist
in der Tat erstaunlich, wie der prophetische
Weitblick dieses Mannes die Zukunft ganz
weit hinaus für Probleme durchdrungen hat,
bei denen man sich fragt, wie es denn da:

mals überhaupt möglich war, darüber ein
:inigermaßen sicheres Urteil abzugeben.

Wenige Monate vor seinem Tode, im
Herbst 1845, hat er, mit erschütterter Ge:
sundheit, innerlich gebrochen, eine Aufsatz:
:eihe politischen und wirtschaftlichen Inhalts
ınter der Überschrift „Die Politik der Zu:
&lt;unft‘“ veröffentlicht, die in freien und
j;roßen Umrissen die Grundzüge der künf:
tigen Gestaltung der wirtschaftlichen und
»olitischen Wechselbeziehungen der Na:
ijonen entwirft und gleichzeitig für die Be:
lürfnisse der nächsten Zeit ein Programm
leutscher Politik aufstellt. Alles, was sich in
len letzten Menschenaltern ereignet hatte,
lie Erfindungen, die inneren Gärungen, die
olitischen Bewegungen, die widerstreitenden
&lt;räfte, faßte er hier in einem so monumen:
:alen Gesamtbilde zusammen, das ihm
lazu diente, die Entwicklung der Zukunft
vorauszusagen. Und wie richtig hat er ge-
z3ehen! Die Aufsätze sind mit der ganzen
“rische und der reizvollen Lebendigkeit ge-
schrieben, die seine besten Jahre auszeich-
ıeten. Man fühlt, wie er über der großen
\ufgabe, die er sich darin setzte, seine
&lt;örperlichen Leiden vergaß und den see:
ischen Druck abschüttelte.

Eine der glänzendsten wirtschaftlichen
Prophezeiungen ist bekanntlich die Tur-
zots, die bereits im Jahre 1750 ausge:
;prochen wurde: „Kolonien sind wie Früchte,
lie nur so lange an den Bäumen festhalten,
»is sie reif sind; einmal reif geworden, tun
zie das, was Karthago tat und was Amerika
ıines Tages tun wird.“ Dabei ist bemerkens:
wert, daß damals in den englischen Kolonien
Nordamerikas kein Mensch ahtı eine Unabs
ıängigkeitserklärung dachte. Noch im An:
ang der 70er Jahre, also über 20 Jahre
später, war die Stimmung für eine Los:
ösung von England durchaus nicht gegeben,
wie sich aus Briefen von Franklin, Washing-
:;on usw. nachweisen läßt. Diese glänzende
politisch-wirtschaftliche Voraussage Turgots
hat dann offenbar die Grundlage geboten zu
den Äußerungen von Adam Smith in seinem
„Reichtum der Nationen“ über dasselbe
Problem.

Ein weiteres Beispiel treffsicherer poli:
isch wirtschaftlicher Prophetie ist der So-
jenannte Brief von Jamaika Bolivars,
des großen Befreiers der mittel» und südz
ımerikanischen Länder, der darin die Ge-
schichte der lateinamerikanischen Staaten
jür das nächste Jahrhundert klar voraus:
sagte.

Ferner sei auf eine charakteristische
Außerung Goethes aufmerksam gemacht,
        <pb n="13" />
        die in den Gesprächen mit Eckermann zu
Äinden ist, dem gegenüber Goethe im Jahre
1828 aussprach: eines schönen Tages werde
die Landenge von Panama durch einen Kanal
durchstochen werden, und zwar werde das
durch die Vereinigten Staaten geschehen.
Das war in einer Zeit, als die Vereinigten
Staaten kaum mehr als den schmalen Küsten:
saum am Atlantischen Ozean beherrschten.
Damals also meinte Goethe bereits, daß der
Panamakanal nicht nur hergestellt werden
würde — mit dieser Frage hatten sich auch
andere schon beschäftigt —, sondern er
sagte mit absoluter Sicherheit voraus, daß
dieses damals noch in den Anfängen befind-
liche kleine Staatswesen die Durchführung
der gewaltigen, von ihrem Gebiete noch weit
abliegenden, Aufgabe übernehmen würde.

Von Friedrich List wäre weiter eine
große Zahl anderer richtiger Prophezeiungen
zu erwähnen. Ich kann mir Näheres wohl
ersparen. Ich brauche nur darauf hinzu:
weisen, daß er die Trassierung des deut-
schen Eisenbahnwesens mit absoluter Sicher-
heit vorausgesehen hat zu einer Zeit (1835),
als erst die winzige Bahn Nürnberg-Fürth
hergestellt worden war, daß er ferner die
Entwicklung der deutschen Industrie treff-
sicher vorausgesagt ‘hat und viele andere
Dinge mehr.

Auch auf die Saint-Simonisten
wäre in diesem Zusammenhang hinzuweisen,
die sowohl volkswirtschaftlich wie privat:
wirtschaftlich sehr zutreffende Voraussagen
abgegeben haben und die sich infolge:
dessen privatwirtschaftlich sehr gut ge:
standen haben. Einen großen Teil der Saint:
Simonisten, die doch von sozialistischen
Ideen ausgingen, finden wir in den 50er und
60er Jahren an der Spitze französischer
Großbetriebe wieder: von Großbanken, In-
dustrieunternehmungen, Eisenbahnunter-
nehmungen usw. Sie hatten gelernt, durch
die Weite des Gesichtsfeldes, das ihr Herr
und Meister ihnen aufgeschlossen hatte, die
Zukunft einigermaßen richtig zu beurteilen.

Es sei ferner noch ein deutscher wirt-
schaftlicher Prophet genannt, den wir heute
beinahe vergessen haben. Das war der
Wiener Prof. Lorenz von Stein, der
im Jahre 1871 der zweiten Auflage seines
Lehrbuches der Finanzwissenschaft ein
Kapitel über den Staatssozialismus beifügte,
in dem er jede Steuer verwarf, die das Ein:
kommen so weit verringere, daß es seine
kapitalbildende Kraft verliere. Wo das
Steuerwesen seine Grenze überschreite,
müsse es zugleich mit der gesellschaftlichen
Ordnung auch den Fortschritt der gesell:

schaftlichen Ordnung vernichten. Im An:
schluß daran sagte er voraus: in einem oder
zwei Menschenaltern würden die nicht:
bdesitzenden Klassen, auf das Majoritäts-
’rinzip gestützt, von der besitzenden Klasse
Leistungen ohne Maß fordern und die be:
sitzenden Klassen dagegen die schwere Auf-
jabe haben, das staatswirtschaftlich mög-
iche Maß ihrer Leistungen und mit ihm
lie Grundlage der ganzen gesellschaftlichen
Ordnung ernstlich zu verteidigen. Diese
Worte wurden in einer Zeit niedergeschrie-
den, da die überwiegende Mehrzahl aller
Beobachter ihre Richtigkeit rundweg leugnete.

Aus dem 20. Jahrhundert ein Beispiel
noch aus der Wirtschaftspolitik der beiden
großen deutschen Schiffahrts:
gesellschaften. Die Hapag wie der
Norddeutsche Lloyd gerieten in eine unge:
mein schwierige Lage, als Morgan mit seinen
überlegenen Kapitalmitteln den internatio-
nalen Schiffahrtstrust begründete. Ballin und
Wiegand — meines Wissens vor allem Wie:
gand, der hier die führende Rolle spielte —
überlegten, was sie tun sollten, ob sie sich
dem Schiffahrtstrust anschließen oder wel:
»hen Weg sie sonst einschlagen sollten. Sie
ıaben endlich, nach langen Verhandlungen,
einen außerordentlich klugen Vertrag abge:
schlossen, einen ganz anderen Vertrag, als
er ihnen ursprünglich vorgelegt worden war.
Beide Schiffahrtsgesellschaften unterwarfen
sich nicht dem Morgantrust, sondern
schlossen mit ihm eine Interessengemein-
schaft, die Ausgleichszahlungen vorsah.
Offenbar haben beide Männer, im Gegensatz
zu den Engländern und Amerikanern, die
auf der anderen Seite verhandelten, die vor:
aussichtliche Entwicklung der nächsten
Jahre viel richtiger eingeschätzt; sie haben
eine absteigende Konjunktur vorausgefühlt
und infolgedessen einen so klugen Vertrag
Zeschlossen, daß sie Zahlungen von dem
Morgantrust erhalten, aber nie solche dort:
hin geleistet haben. —

Fragen wir nun, meine sehr verehrten
Herren, nach den Methoden der wirt:
schaftlichen Prophezeiung! Das ist ja die
Frage, die vielleicht am meisten interessiert:
wenn das wirtschaftliche Prophezeien not-
wendig ist, wenn es von einigen Seiten mit
3roßer Geschicklichkeit geübt worden ist —
äßt sich dann vielleicht dieses Voraus:
berechnen der wirtschaftlichen Zukunft er;
lernen?

Man könnte die wirtschaftlichen Prophe-
zeiungen vielleicht nach fünf verschie:
denen Typen unterscheiden. Die erste
möchte ich die Blindlingsprognose nennen,
        <pb n="14" />
        d. h. jenes Voraussagen der wirtschaftlichen
Zukunft, das auf gar keiner soliden Grund:
lage beruht; die zweite die Traumprophe-
zeiung, die uns hier nichts angeht, obgleich
sie in der wirtschaftlichen Welt eine nicht
ganz unerhebliche Rolle spielt; die dritte
die Methode des Aberglaubens, wie sie etwa
veim italienischen Lottospiel und in großen
Massenbewegungen zum Ausdruck kommt.
Im Gegensatz dazu dann die beiden Metho-
den, die uns hier allein interessieren: nämlich
viertens die Berechnung und fünftens die
Intuition, die „Eingebung“. Letztere hat
eine besonders große Bedeutung.

Die wichtigsten Grundkräfte dieser bei:
den Methoden bestehen einmal in einer
außerordentlichen Weite des Blickfeldes,
dann in einem ungewöhnlichen Gedächtnis,
ferner in einer Assoziationsgabe, die eine
unendliche Fülle von Tatsachen verknüpft
und Verbindungen zwischen ihnen herstellt,
wo man deren bisher noch gar keine gesehen
hatte, dann in dem bereits betonten psycho-
logischen Scharfblick, der wenigen Menschen
nur gegeben ist, ferner in einer konstruk-
tiven, schöpferischen Phantasie und endlich
in einer analytisch;synthetischen Gabe, die
sich von den zufälligen Erscheinungsformen
der Gegenwart loszulösen weiß. Ich würde
gern namentlich über die konstruktive
schöpferische Phantasie und über diese
analytisch:synthetische Gabe, nähere Aus-
führungen machen. Allein ich muß mich
notgedrungen auf die letztere beschränken.

Alles gewöhnliche Prophezeien, das
eben deshalb die zukünftige Entwicklung
häufig nicht voraussieht, nimmt die Erschei-
nungsformen der Gegenwart zum Ausgangs-
punkt, vergrößert sie mechanisch, weil es
von der Zukunft eine höhere Entwicklung
erhofft oder verlangt, und glaubt, durch ein
solches vergrößerndes Projizieren in die
kommende Zeit hinein alles Notwendige ge:
tan zu haben. Das ist gleichsam eine Prophe-
zeiungsmethode der Vergrößerungslinse. Als
typisch dafür möchte ich das Prophezeien
nennen, wie es heute in den Vereinigten
Staaten üblich ist. Dort spitzt sich alles auf
die Vergrößerung des Bestehenden zu. Man
sieht die Zukunft als riesenhaftes Abbild
der Gegenwart. Diese gänzlich phantasielose
Ausweitung. des Vorhandenen berauscht sich
dann an Riesenziffern, die man für das
Wachstum der Bevölkerung, die Steigerung
der Produktion, für alles Wirtschaftliche
überhaupt voraussagt. Hingegen sieht diese
Prophezeiungsmethode nichts oder fast
nichts von den innerlich wirkenden Kräften,
SO daß sie beispielsweise in bezug auf die

3Zevölkerungsbewegung die Einzelfaktoren
zar nicht in Rechnung stellt, aus denen sich
liese zusammensetzt. Vor allem werden die
»sychologischen Faktoren übersehen — d.h.
nit dieser Vergrößerungsmethode läßt sich
ıur daneben prophezeien. Das planmäßige
Vorausberechnen der Zukunft erfordert
vielmehr ein sehr sorgfältiges Abwägen der
'einsten Bewegungen, namentlich auch der
seelischen Veränderungen.

Ich glaube, allen Ernstes behaupten zu
lürfen, daß sich eine Methodik des
wirtschaftlichen Prophezeiens
ausbilden ließe. Wir stehen freilich
ıoch am allerersten Anfange einer solchen
Wöglichkeit. Aber vorbereiten lassen sich
wirtschaftliche Voraussagen doch wohl: ein:
nal dadurch, daß man zu größter Wissens:
nenge und Vielseitigkeit zu gelangen sucht,
ım durch die Weite des Blickes sowie durch
lie Menge der in das Gedächtnis aufge-
ı1ommenen und gedanklich verarbeiteten
Tatsachen Sicherungen gegen falsche Urteile
ınd Prophezeiungen zu schaffen. Dazu muß
ich ein instinktsicherer Blick für alle Zu-
zunftsmöglichkeiten gesellen. Zu der Em:
jirie steht dieses Verfahren, auch dort,
Vo es sich mit einem unbändigen Schaffens:
iIrange vermählt, in scharfem Gegensatz.
\lles, was der Augenschein lehrt, ist für den
orwärts stürmenden Gestaltungswillen von
verhältnismäßig nebensächlicher Bedeutung.
Zr will ja gerade aus dem engen Käfig
ı1eraus, in den uns die Sinnesorgane mit ihrer
3Zeschränktheit einschließen. Die konstruk-
ive Einbildungskraft betrachtet die Er-
ahrung nur als das allererste, durchaus un-
‚ureichende Tatsachenmaterial, als einen
Rohstoff, der der Veredelung nicht nur
ähig, sondern in höchstem Maße bedürf-
ig ist.
Eine Studien: und Gedankenarbeit ge-
valtigster Art muß geleistet werden, wenn
nan zu wirtschaftlichen Prophezeiungen ge-
angen will, wie das Friedrich List oder
‚orenz von Stein oder auch der Freiherr von
);tein getan hat. Denn diese drei Männer —
rielleicht die besten Propheten, die Deutsch-
and bisher hervorbrachte — haben sich die
srundlage ihrer die Welt umspannenden
Senntnisse durch die eifrigsten Studien da-
ıeim und in der Fremde erworben. Es ist
zein Zufall, daß sie so gute Auslandskenner
varen. Auslandskunde oder Weltwirtschafts-
zunde, wie wir heute sagen sollten, ist un:
jedingt erforderlich, will man zu brauch:
jaren wirtschaftlichen Prophezeiungen ge-
angen.
        <pb n="15" />
        Ferner ist wichtig eine Analyse früherer
wirtschaftlicher Voraussagen. Wir haben
leider noch kein Buch über die Geschichte
der politischen, wirtschaftlichen und sozialen
Prophezeiungen. Aber wir brauchen es, um
zu lernen, wie richtige Prophezeiungen zu:
stande gekommen sind. Wir brauchen es
ferner, um zu lernen, weshalb die falschen
Prophezeiungen daneben griffen, damit
wir die entsprechenden Fehler vermeiden
können.

Zu alledem aber, meine sehr verehrten
Herren, muß sich nun noch eine schon kurz
berührte Kraft gesellen. Zu dem Erkennen
der wirtschaftlichen Zukunftsmöglichkeiten
muß der Wille und die Kraft des Gestal-
tens treten. Wirtschaftliche Voraussagen
bleiben nutzlos ohne die tatkräftige
geniale Persönlichkeit, nennen
wir sie nun Organisator oder Wirtschafts-
führer. Das ist wiederum das Bewunderns-
werte an Friedrich List, daß er alle Dinge,
die er erdachte, nicht nur aus rein theore-
tischem Interesse zusammenfügte, sondern
daß er immer die praktische Folge-
rung daraus zog, daß er daran im Inter-
esse des deutschen Volkes unmittelbar eine
große Bewegulg zu knüpfen suchte, um auf
das Ziel hinzustreben, das er als richtig er-
kannt hatte und das ohne Willenskraft un:
möglich zu erreichen war.
Oft hat ein einziger Gedanke einer
ganzen Zeit eine andere Gestalt gegeben.
Die emporreißende Kraft einer genialen
Schöpfertat hat mehr als einmal das An-
gesicht der Welt verändert. Nicht, als ob
jede glückliche neue Idee sofort begeisterte
Aufnahme gefunden hätte. Im Gegenteil!
Auch dem neue Wege bahnenden Tech;
niker und Volkswirtschaftler haben die
Zeitgenossen oft genug die Dornenkrone ge:
Hochten. Wer technisch oder sozialwirt-
schaftlich einen Gedanken vertritt, der
noch nie verkörpert wurde, muß es sich
gefallen lassen, daß die große Menge seine
Luftschlösser verlacht, wie es dem Grafen
Zeppelin ergangen ist, daß ihn die Fach:
genossen verketzern oder als hoffnungs-
losen Dilettanten bemitleiden. Doch was
wäre die Welt ohne die vorwärtsstrebenden
Pioniere, die ganz Neues am Horizont
sehen, was es bisher nicht gegeben hat, die
sich mit der unbedingten Sicherheit genialer
Schaffenskraft durch kein Hohngelächter
von dem Ziel abschrecken lassen, das ihr
Geist prophetisch erschaut und das ihre
Willenskraft ihnen als erreichbar vor das
Auge stellt!

Schöpferisch:konstruktiv kann die Phan:-
tasie nur sein, wenn sie sich von den ge:
wohnten Bahnen loslöst. Vor allem darf
sie kein „Bis hierher und nicht weiter“
kennen. Vielmehr reizt sie gerade dies:
atwas zu unternehmen, wovor andere die
Arme mutlos sinken lassen. Der gewaltige
Schöpferwille, der sie durchpulst, treibt sie
szinem hohen Ziele entgegen. Die kon:
struktive Phantasie kann sich nur in dem
Geiste willensstarker Persönlichkeiten be:
tätigen, denen eine Schöpferkraft inne-
wohnt, die sie aus den gewohnten Bahnen
&gt;mporreißt. Durch alle Kulturgebiete und
Lebensformen geht der Gegensatz zwischen
Tradition und Schöpferkraft. Was die Be-
juemlichkeit verabscheut und wovor die
Neuerungsfurcht zurückschreckt, eben das
reizt diesen Gestaltungswillen.

Wir Deutschen aber, meine sehr ver-
2hrten Herrn, brauchen heute mehr als
ırgendein anderes Volk der Welt Männer
aöchster Begabung, die mit sicherem Blick
lie Zukunft erschauen und gestalten,
Männer mit tiefen volks: und weltwirt-
schaftlichen Kenntnissen, mit beschwingter
konstruktiver Phantasie, mit _eiserner
Willenskraft und mit einem  sittlichen
(dealismus, der sich durch nichts von dem
als richtig erkannten Ziele abbringen läßt.
Nur sie können uns davor bewahren, durch
falsche Einschätzung wirtschaftlicher,
sozialer oder politischer Triebkräfte im In-
oder Auslande Fehler zu begehen, die uns
verderblich werden müssen. Nur sie können
uns als Nation einer glücklicheren Zukunft
entgegenführen, auf die wir alle als auf das
Höchste, was uns das Leben bieten kann,
inbrünstig hoffen. (Lebhafter Beifall.)

Herr Geheimrat Prof. Dr. Wagemann,
Präsident des Statistischen Reichsamts:
Meine Herren! Ich habe den inter;
sssanten Ausführungen des Herrn Vor-
‚edners nur einige Randbemerkungen hinzu-
zufügen. Ich halte es für sehr verdienst-
lich, daß er versucht, verschiedene Begriffe
sinzuführen für die Fähigkeit des Menschen,
in die Zukunft zu sehen. Diese Fähigkeit
hat mit dem „Zweiten Gesicht‘ nichts zu
un. Sie ist nicht die Funktion eines inneren
der äußeren Sinnes und doch begleitet Sie
als Denkfunktion dauernd unser praktisches
Handeln. Dementsprechend hat unsere
Sprache für sie zahlreiche Ausdrücke: Vor:
ıussicht. Vorausberechnung, Vorsorge, Vor:
        <pb n="16" />
        anschlag, Disposition, Planung, Prognose,
Prophezeiung usw.

Der volkswirtschaftliche Konjunktur-
dienst befaßt sich mit der wirtschaftlichen
Prognose. Will man sich über das Wesen
der wirtschaftlichen Prognose klar werden,
so muß man sich vergegenwärtigen, daß
schon in dem Begriff der Wirtschaft das
Moment der Prognose enthalten ist. Denn
wirtschaften bedeutet ja planmäßige Be-
darfsdeckung, planmäßige Güterversorgung.
Jeder Plan aber enthält Überlegungen über
die Zukunft, schließt also das Moment der
Prognose in sich ein. Die Planungen sind
nun verschiedener Art. Beim Staat kennen
wir sie etwa als Voranschläge, beim Unter:
nehmer treten sie nicht in so scharf um:
rissener Form hervor, spielen aber bei ihm
eine um so wichtigere Rolle. Denn wäh:
rend eine Nichterfüllung des fiskalischen
Voranschlags nur Konflikte mit dem Rech-
nungshof nach sich zieht, bestraft eine
falsche Planung das Unternehmen mit Ver:
lusten, wenn nicht mit Bankrott.

Die Prognose des volkswirtschaftlichen
Konjunkturdienstes ist nun aber von dem:
selben Fleisch und Blut wie die Pläne, die
Dispositionen der Unternehmung. Die Kon:
‚unkturprognose bedeutet zunächst nichts
anderes als eine Zusammenfassung, einen
Überblick über die sämtlichen Dispositionen
der Unternehmen. Freilich sind besondere
Methoden erforderlich, um diese Dis-
positionen zu beobachten, da wir sie direkt
nur zum geringsten Teil wahrnehmen.
5olcher Methoden gibt es aber eine große
Reihe: Feststellung des Auftragsbestandes,
Beobachtung der Rohstoffeinfuhr, der
Lagerbestände, der Verschuldung lassen
entscheidende Rückschlüsse auf die Dis-
positionen der Unternehmen zu. Soweit die
Konjunkturprognose nichts anderes tut, als
diese Dispositionen zu eruieren, verfährt
sie nach dem englischen Grundsatz: Only
prophesy, if you know; prophezeie nur das,
was Du sicher weißt. Die Dispositionen
der Unternehmungen wirken sich nun frei:
lich nicht immer im Sinne der Unter-
nehmungen selbst aus. Nach unseren Er-
{ahrungen kann der Unternehmer im allge:
meinen selbst wohl nur für 3 Monate mit
einiger Sicherheit die Wirkungen seiner
Pläne vorausbeurteilen. Damit erkläre ich

ss mir jedenfalls, daß die Prognosen des
nstituts für Konjunkturforschung, die jez
weils für drei Monate gestellt werden, sich
jisher immer bewahrheitet haben. Darüber
ıinaus ist eine Prognose deswegen sehr
schwierig, weil die Dispositionen oft in
änem späteren Zeitpunkt das Gegenteil
von dem erreichen, was sie bezwecken.
Wenn sich beispielsweise die Unternehmer
z‚erschulden, was der Konjunkturdienst an
ler Höhe der Kapitalemissionen erkennt,
50 weist dieser Umstand darauf hin, daß
lie Unternehmerschaft sich engagieren
will, daß also ein Aufschwung bevorsteht.
Sind die Gesamtengagements zu groß, so
stoßen sich schließlich im Raum die Sachen,
ınd es entsteht Überproduktion, Lager-
iberfüllung, Absatzstockung. Das ist eine
ıngewollte Wirkung, deren Eintreten beim
3eginn des Aufschwungs natürlich noch
:icht mit Sicherheit vorausgesehen werden
zann. Hier also liegen die Grenzen der
?rognose.
Erstrecken wir die Prognose auf einen
ängeren Zeitraum, etwa auf den eines
Tahres, oder gar auf. 5 oder 10 Jahre, dann
jeraten wir auf das gefahrenreiche Gebiet
der Prophezeiung. Ohnehin halte ich das
Wort „Prophezeiung“ für etwas zu stolz.
Die Prophezeiung nimmt in Anspruch „wahr
zu sagen“. Der Herr Vorredner dachte
ıber nur an methodische Zukunftsüber-
egungen. Für diese könnte man vielleicht
zin anderes Wort gebrauchen. Man könnte
zielleicht von Trendprognose oder von
Strukturprognose sprechen — freilich auch
cein schönes Wort. Aber die Sache selbst
verdient nicht, wie eine okkulte Erschei-
ıung gemieden zu werden. Die Beschäfti-
zung mit den allgemeinen Entwicklungs-
inien der Jahrzehnte und der Jahrhunderte
st Aufgabe sowohl der rückblickenden wie
ler vorausschauenden Betrachtung. Es gibt
:ine ganze Reihe von Problemen der „Trend-
»rognose“, die eines wissenschaftlichen
Unterbaues fähig sind: etwa die Bevölke-
:ungsentwicklung, die Zukunft des Geld-
wertes wie des Zinswertes, die Beziehungen
zwischen Bevölkerungswachstum und Nah-
ungsspielraum. Das Institut für Kon-
‚unkturforschung wird jedenfalls die Bez
nandlung solcher Fragen mit in den Bereich
;einer Arbeiten einbeziehen.
        <pb n="17" />
        <pb n="18" />
        Dr. AUGUST WEBER:
WELCHE BEDEUTUNG HAT DIE DEUTSCHE LANDWIRT-
SCHAFT INNERHALB UNSERER DEUTSCHEN WIRTSCHAFT?

Meine sehr geehrten Herren! Aus dem
sehr interessanten Gebiete der Prophezeiung
und der Prognose muß ich Sie nun auf das
Gebiet der realen Wirklichkeit hinunter:
führen und mich mit Ihnen über Fragen
unterhalten, die uns in der Industrie ebenso
berühren wie den benachbarten Berufsstand
der Landwirtschaft. Ich beabsichtige, mich
in diesem Kreise nicht allein mit der Frage
der Bedeutung der Landwirtschaft zu be:
schäftigen, sondern auch damit, wie man
dieser Bedeutung der Landwirtschaft in ihr
selbst und in anderen Gewerben und Pro-
duktionskreisen Rechnung zu tragen vermag
und ob und in welcher Weise die Industrie
mit oder in Harmonie mit der Landwirt:
schaft oder im Gegensatz zu ihr die künftige
Handelsvertrags- und Zollpolitik zu be:
handeln hat.

Daß die deutsche Landwirtschaft, dieser
wichtige Produktionsstand, sich in außer:
ordentlicher Not befindet, ist uns allen klar,
das bedarf keines Nachweises. Ich möchte
aber an dem Beginn meiner Betrachtungen
zunächst einmal der Ansicht Ausdruck ver-
leihen, daß man diese wirtschaftlichen
Fragen, insbesondere die landwirtschaft-
lichen, in der Öffentlichkeit etwas mehr als
es bisher geschehen ist, von parteipolitischer
Einstellung loslösen sollte (sehr richtig!),
daß‘ man diesen Dingen rein vom Stand-
punkte praktischer Erwägungen aus näher
zu treten hat. (Sehr richtig!) Ich möchte
dabei auch hervorheben — ich darf das in
diesem Kreise tun, ohne mir von der anderen
Seite zu starke Kritik zuzuziehen —, daß
ich der Meinung bin, daß die Spitzenorgani-
sation. der Landwirtschaft, der Landbund,
sich auch mehr als seither mit diesen Dingen
in geschäftlichem Sinne befassen sollte, an:
statt in rein politischem. (Sehr richtig!) Ich
führe auf diese Einstellung des Landbundes,
meine Herren von der Industrie, einen
großen Teil der Animosität der Öffentlich:
keit gegenüber landwirtschaftlichen Fragen
zurück; sie ist nach meinem Empfinden
nicht die richtige... Ich hebe das ausdrück-;
lich in diesem Kreise hervor, weil ich an
anderen Stellen häufig die Erfahrung mache,
daß rein praktische Fragen im Kampfe der

politischen Parteien ganz falsch deshalb
aufgefaßt werden, weil sie von interessierter
Seite nicht geschäftlich, sondern agitatorisch
dargestellt werden.
Wir wissen in der Industrie, daß wir in
der deutschen Landwirtschaft insgesamt
‚eichlich 5 Millionen landwirtschaftlicher
Betriebe in Deutschland haben, von denen
— ich nenne nur runde Summen — etwa
‚8 000 Betriebe eine Fläche von über 100 ha,
las heißt 400 Morgen, haben und daß wir
ın wirklichen Großbetrieben, also an Bez
rieben von über 800 Morgen — und von
lenen kann man eine große Zahl z. B. in
ler Sandbüchse der Mark Brandenburg
ıoch nicht als Großbetriebe ansprechen, in
ınderen dürftigen Gegenden auch nicht —,
nsgesamt noch nicht einmal 10000 in
Jeutschland haben. Es besteht hierüber in
ler Öffentlichkeit oft eine falsche Ansicht,
ınd die Auffassung, als ob dieser Groß-
;rundbesitz der ausschlaggebende Bestand:
eil der Landwirtschaft in Deutschland sei,
st eine irrige. Die wesentliche Kraft und
acht unseres landwirtschaftlichen Besitz-
ums beruht auf der einen Million von
»äuerlichen Betrieben, die 40, 50 hinauf bis
‚u 400 Morgen ihr eigen nennen. Diese Be-
riebe, meine verehrten Anwesenden, sind
ıach meiner Meinung in ihrer Bewirt-
schaftung zum Teil noch etwas rückständig,
sum anderen Teil noch nicht so organisiert,
wie sie organisiert sein könnten.

Die Industrie hat bei uns in Deutsch:
and selbstverständlich in vollem Umfange
lie Bedeutung der deutschen Landwirtschaft
ür ihren eigenen Markt .erkannt. Wir
wissen alle in der Industrie, daß für uns
ine kaufkräftige Landwirtschaft von ganz
jesonderer Bedeutung ist. Wenn wir auf
3rund von Schätzungen nicht zu Unrecht
ınnehmen, daß in der deutschen Landwirt:
schaft an totem Inventar, an Maschinen, an
Wagen usw. insgesamt 15 Milliarden in
30old investiert sind. und wir: nach unseren
ınd in der Landwirtschaft genau so maß:
seblichen Grundsätzen ‚mit einem 10 pro:
‚entigen Verbrauch rechnen, :so ist allein
ler: Bedarf der Landwirtschaft an diesen
        <pb n="19" />
        Dingen im Jahre rund gerechnet anderthalb
Milliarden Mark.

Ich möchte hier etwas einschalten. Bei
der Ergänzung dieses Inventars zeigt sich
das Fehlen einer guten Typisierung in der
Landwirtschaft. Wir haben in der Land:
wirtschaft, kann man ruhig sagen, wahr-
scheinlich tausend verschiedene Typen von
Feldwagen, über 300 verschiedene Typen
von Pflügen usw. Jeder Ersatzteil auf
diesem Gebiete kann nicht aus irgendeinem
Depot oder einem Lager ohne weiteres er;
gänzt werden, sondern muß — und das ist
der große Rückstand in der Landwirtschaft
— ergänzt werden durch den Schmied und
Stellmacher immer zu Zeiten, wenn diese
Handwerker durch andere Dinge noch über-
setzter sind als gewöhnlich.

Der Verbrauch der Landwirtschaft an
Landmaschinen im Jahre 1926/27 betrug ins-
gesamt 350 Millionen Mark. Im gleichen
Zeitraum wurden in Deutschland an Stick:
stoff mehr als 400000 t, an Kali über 750000 t
und an Phosphor fast 500000 t verarbeitet.
Das sind nur einige der größten industriellen
Bedarfsartikel.

Die Schätzung der Gesamtproduktion
der deutschen Landwirtschaft ist eine ver;
schiedene. Ich habe sie in einer kleinen
Niederschrift, die ich vor einiger Zeit
gemacht habe, auf rund 14 Milliarden
Mark geschätzt. Der bekannte Direktor
Lange vom Verein Deutscher Maschinen:
bauanstalten schätzt sie auf 10 Milliarden
Mark. Immerhin sind wir in einem
Punkte einig, daß, wenn man die Ge-
samtproduktion der Industrie einschließlich
derjenigen der verarbeitenden Industrie zu-
sammenrechnet, diese natürlich wesentlich
höher ist, als sie bei Schätzungen der Land-
wirtschaft bisher angegeben wurde. Die
Gesamtproduktion der deutschen Industrie
wird von verschiedenen Seiten auf 26 bis
30 Milliarden Mark in Jahre geschätzt. Die
reine Produktionsindustrie, wenn ich sie so
nennen darf — Kali, Kohle, Eisen usw. —,
dürfte immerhin auch nicht mehr als 14,
{5 Milliarden Mark betragen. Von dem
seitens des letzten Herrn Vorredners gez
leiteten Institut für Konjunkturforschung
sind diese Ziffern in der letzten Nummer
seiner Zeitschrift ungefähr in gleicher Höhe
angegeben.

Daraus ersieht man die Bedeutung der
beiden Berufsstände. Es liegt mir ganz
fern, die Bedeutung der Landwirtschaft
gegenüber der Industrie zu verkleinern, da
wir alle Dinge nicht rein materiell, sondern

auch von der ideellen Seite aus zu betrachten
haben und wissen, daß die Landwirtschaft
für uns das große Reservoir ist, aus dem
wir unsere Bevölkerung für die Städte und
für die Industrie zum Teil heranziehen.

Ich will noch einige Ziffern, die letztlich
auch durch die Zeitungen gegangen sind,
nennen. Die gesamte Milchproduktion der
deutschen Landwirtschaft hat im Jahre
1926/27 4 Goldmilliarden Mark in Deutsch:
land betragen. Demgegenüber wird die
Steinkohlenproduktion in demselben Jahre
in Deutschland auf nicht ganz zwei Milliarz
den Mark Gold geschätzt. An Schweinen
wurden in der Landwirtschaft in derselben
Zeit für 3 Milliarden Mark produziert, an
Gemüse ungefähr für anderthalb Milliarden
Mark — Ziffern, die die Bedeutung der
Landwirtschaft zeigen, die mir aber und
auch Ihnen die Frage nahe legen: was kann
man tun, um diese Ziffern noch zu erhöhen,
die ohne weiteres nach meinem Empfinden
zu steigern sind, um dadurch die starke Ein-
fuhr ausländischer Produkte im Lebens:
mittelmarkt überflüssig zu machen?

Wir haben im vorigen Jahre eingeführt
an Lebens: und Genußmitteln insgesamt für
5 Milliarden Mark und an Lebensmitteln im
Jahre 1927 für 4,3 Milliarden Mark. (Hört!
hört!) Eine geringe Produktionssteigerung
in der Milch allein um 10 Prozent würde uns
sine Einfuhr von Milchprodukten, die über
400 Millionen liegt, ersparen. Daß das mög:
lich ist, darf ich einmal in diesen Kreisen,
lie sich mit Milchwirtschaft und dem
Melken von Kühen nicht zu befassen haben,
zagen. Ich berufe mich da auf die Aus:
‘ührungen des Ihnen allen bekannten Herrn
von Lochow-Petkus, eines, wie Sie ja alle
wissen, der bekanntesten Landwirte in
Deutschland, der als Sohn die Tradition
seines Vaters, wie ich weiß, fortsetzt. Er
hat nach Zeitungsmeldungen gesagt, daß der
Durchschnitt der Milchproduktion im Deut:
schen Reiche eigentlich ein, wenn ich es hier
sinmal aussprechen darf, bedauerlich kleiner
sei, so daß es unschwer möglich sein müßte,
die Produktion um 10 Prozent, 20 Prozent
zu heben. Demgegenüber hören Sie nun
aber einmal einen Bericht von der Firma
Krupp, der mir in diesen Tagen zuging.

Krupp schreibt:

Der größte Teil der Butter im
ganzen Ruhrgebiet kommt von Holland,

Man kann sich schon darauf verlassen,
daß das richtig ist, denn sonst würde Krupp
das nicht schreiben. (Zuruf: Das wissen wir
auch!)
        <pb n="20" />
        Wiederholte Versuche, deutsche Butter
hier in größeren Mengen unterzubringen
— deutsche Butter unterzubringen! —
scheiterten bisher, wie angegeben wird,
aus folgenden Gründen. Die erforder:
lichen Mengen in der erwünschten Ge:
schmacksrichtung konnten nicht auf-
gebracht werden. Die deutsche
Butter ist schlecht durch:
gearbeitet und enthält häufig
Rückstände. Der Wassergehalt ist
zu groß. Bei der augenblicklichen Organi-
sation des deutschen Molkereiwesens be:
steht eine sehr ungleiche Anlieferung, weil
man für größere Sendungen immer eine
bedeutend größere Anzahl von Molke-
reien heranziehen muß als z. B. in Holland.

Das ist natürlich ganz übel für ein so
sroßes Werk wie Krupp.
Dann etwas über deutsche Eier.
Das ist noch interessanter. Wir haben in
Berlin Kühlhäuser für Eier. Diese sind aber
im wesentlichen für polnische Eier in An-
spruch genommen, nicht für deutsche.
Krupp schreibt:
Deutsche Eier könnten im
industriegebiet ziemlich leicht ohne
großen Kostenaufwand und mit gutem Er-
folg abgesetzt werden. Gestempelte Eier,
nach denen besonders gefragt wird, sind
leider nicht in genügenden
Mengen am Markt. Gegenwär-
tig beherrschen daher auslän-
dische Eier den hiesigen Markt im
ganzen Ruhrgebiet fast vollständig.
Als frische Trinkeier werden nur Hollän-
der verkauft, die sich durch besondere
Frische, gute Sortierung, einwandfreie
Verpackung und Sauberkeit auszeichnen.

Ich stelle dies an den Eingang meiner
Betrachtungen, weil ich darauf hinzuweisen
habe, daß man nach meiner Meinung nur
auf dem Wege der Organisation der Land:
wirtschaft zu helfen vermag. Ich kann mich
nämlich nicht der Behauptung anschließen,
die man in landwirtschaftlichen Kreisen oft
hört, daß wir vor allen‘ Dingen dafür zu
sorgen haben, daß der Binnenmarkt, wie in
den Thesen des Reichslandbundes zum Aus-
druck gekommen ist, zu kräftigen sei. Gez-
wiß muß dieser gekräftigt werden; darüber
sind wir alle einig. Ich habe ja auch nach:
gewiesen, welche Bedeutung die Landwirt:
schaft hat. Aber wir sind doch nun einmal
‚eider für viele Rohstoffe auf das Ausland
angewiesen. Wir können doch nicht be:
streiten, daß wir ohne Wolle, Baumwolle,

&lt;upfer usw. nicht existieren können und daß
vir diese Sachen irgendwie bezahlen müssen.
Nir müssen nebenbei auch unsere Repara-
ionen durch Ausfuhr bezahlen. Es muß end-
ich einmal opinio communis werden, daß
nan durch Gold oder Papier nicht die
Jaweslasten abtragen kann. Wir sind des-
ı1alb gehalten, eine Handelsvertragspolitik
zu treiben, die allen Erwerbsständen gerecht
wird und nicht nur einen schützt.

Ich möchte auch einer Behauptung ent-
zegentreten. Ich darf vielleicht etwas pole-
nisch werden, natürlich rein sachlich. Es
;teht in Darlegungen des Reichslandbundes,
ron dem Herrn Grafen Kalckreuth, dem
&gt;räsidenten des Landbundes, ausgeführt:
‚Eine wirkliche Exportsteigerung ist seit
lem Dawesplan nicht eingetreten“. Ich
ı1abe festzustellen, daß der Gesamtexport
m Jahre 1924 sich auf 7,7 Milliarden Mark
stellte und daß er im Jahre 1927 schon
0,8 Milliarden Mark betrug. Man sollte
virklich annehmen, daß derartiges nicht ge-
;agt werden dürfte, wenn eine Exportsteige:
ung bei uns um 40 Prozent in den drei
'ahren festzustellen ist.

Ich möchte ferner konstatieren, daß
ınsere gesamte Industrie von ihrer Rein-
»roduktion im Jahre 1927 5,9 Milliarden
Aark exportiert hat. Wir haben also unter
len Umständen den Export ebenso zu för-
lern wie den Binnenlandsmarkt; denn ab-
;jesehen von der Bezahlung der Rohstoffe,
ler Daweslasten, können wir ja gar nicht
uf anderem Wege unsere Industrie voll be:
chäftigen als durch Förderung des Expor-
‚es, den wir unbedingt benötigen.

Ich weiß genau wie Sie, daß unsere
Nirtschaftss und Zollpolitik naturgemäß
ıicht alle Stände befriedigt hat. Sie wird
‚uch oft in einzelnen Zweigen die deutsche
'ndustrie nicht befriedigen, weil der eine
ztwas hergeben muß zu Gunsten des ande:
‚en, wenn dessen Interessen vorwiegender
ind. Wir haben beim französischen Zoll:
arif und den französischen Handelsvertrags-
‚erhandlungen erlebt, daß die Textilindustrie
tärkere Lasten durch die Lage der Dinge
zu übernehmen hatte als andere Industrien.
\ber ich stehe, um das zu bemerken, nicht
‚uf dem Standpunkt, daß man, solange die
Zollmauern in den übrigen europäischen
'taaten und auch in Amerika zum Teil
mmer weiter anwachsen, wir heute gerade
:aktisch den richtigen Moment wählen, wenn
vir mit dem Abbau beginnen. (Sehr richtig!)
ch bin der Meinung, daß man sich in der
'ndustrie und der Landwirtschaft darauf ein-
zustellen hat, daß dieser Abbau eines Tages
        <pb n="21" />
        kommen muß und kommen wird, besonders
wenn man daran denkt, daß wir von der
einzelstaatlichen deutschen Wirtschafts:
politik doch endlich auf europäische Wirt-
schaftspolitik zusteuern müssen, wie es uns
ja die Industrie im Westen auf manchem
Gebiete schon vorgemacht hat. (Sehr rich;
tig!) Aber, meine Herren, wenn ich der
Meinung bin, daß wir allmählich zu einem
europäischen, wenn ich es so ausdrücken
darf, Freihandelssystem kommen werden
und kommen müssen, so kann ich trotzdem
an dieser Stelle aussprechen, daß man in
diesen Dingen auch nicht nur parteipolitisch
eingestellt vorgehen muß, sondern mehr ge-
schäftsmäßig. (Sehr richtig!) Als praktischer
Ladenbesitzer muß man eben seine Politik
so einrichten, wie sie unter den gegebenen
Verhältnissen des Tages, des Monats und
der Stunde richtig ist. Das hat mit einer
grundsätzlichen Stellung und der Ihrigen
nichts zu tun. Es werden manche unter
Ihnen sein, die anders denken als ich. Aber
ich bin der Meinung, daß wir in diesen
Fragen rein praktisch und nicht rein theo-
retisch und ideologisch vorzugehen haben.

Nun stehe ich auf dem Standpunkt,
nachdem ich generell feststelle, daß Zoll:
schutz und Handelsvertrag nur im Inter-
esse aller Erwerbsstände behan:
delt werden können, daß wir nach Wegen
suchen müssen, auf denen wir der Land;
wirtschaft, deren Bedeutung wir ja voll:
kommen anerkennen, helfen können; und
ich glaube, es tut der Landwirtschaft keinen
Eintrag, wenn wir in diesem Gremium diese
Fragen einmal in 10 oder 15 Minuten er:
Örtern, obwohl sie in der Öffentlichkeit
schon besprochen werden und obwohl sie
bei der Beratung der Richtlinien des Not-
programms viel Beachtung gefunden haben.

Einschalten möchte ich auch an dieser
Stelle — das bitte ich, mir nicht übel-
zunehmen —: ich bin der Meinung, daß es
eigentlich eine komische Einrichtung in
Deutschland ist, daß Parlament, Regierung
und andere Berufsstände sich hinsetzen und
einem anderen großen Berufsstand Richt:
linien für seine Wirtschaft geben müssen.
(Sehr richtig!) Ich bin der Meinung, daß
an und für sich nach den alten. Grundsätzen
des Lebens immer noch das Wort das rich-
tige ist: Hilf dir selber, dann hilft dir Gott!
(Sehr richtig!)

Ich bin der Meinung, daß man den Staat
nicht zu sehr zu solchen Hilfsstellungen und
Hilfsleistungen heranziehen sollte, weil man
dann auf der anderen Seite sich auch nicht
beschweren kann, daß er Eingriffe in die

Wirtschaft vornimmt. (Sehr richtig!) Von
diesem Standpunkte aus betrachtet, bin ich
mit diesem Notprogramm, mit diesen Richt:
inien und der Hilfsstellung an sich von
meinem Standpunkte als Produktionsmann
nicht einverstanden. Aber das nur nebenbei!

Wenn ich mir aber die Landwirtschaft
ansehe, so vermisse ich jede konsequente
Organisation, wie sie in anderen Staaten
längst durchgeführt ist. Ich bemerke, daß
ich durchaus nicht die Absicht habe, an
dieser Stelle den Handel in meinen Aus:
‘ührungen auszuschalten. Im Gegenteil! Ich
din der Meinung, daß der Handel in seinen
Irganisationen eine seiner größten Auf-
jaben: darin erblicken kann, seinerseits
Jlurch Unterstützung von solchen Selbst:
ıilfeeinrichtungen einem großen Berufs:
;tande mit auf die Beine zu helfen, weil alle
Jliese Dinge dem Landwirt ja gar nicht
liegen. Dieser wird ausgebildet in der
Ackerbearbeitung, in der Viehwirtschaft, er
lernt technische Dinge. Aber niemals wer:
den Sie gehört haben, daß auf landwirt:
schaftlichen Schulen oder auch an der land:
wirtschaftlichen Hochschule von kaufmän:
nischen Dingen auch nur mit einem Wort
die Rede ist. Und dem landwirtschaftlichen
Betrieb — das kann ich hier gleich sagen, da
ıch im Nebenamt auch einen Betrieb habe
ınd das weiß — geht es in kaufmännischer
Beziehung in Deutschland außerordentlich
schlecht, und zwar deswegen, weil wir
sinerseits drei Genossenschaftssysteme in
Jeutschland haben, die zum Teil mit aller
Energie gegeneinander arbeiten. Ich habe
mir das in Hessen-Nassau angesehen; da
sitzen in Dörfern von 100 oder 120 Wirt-
schaften drei Genossenschaften nebenein-
ander und machen sich gegenseitig Kon:
kurrenz, obwohl sie doch alle dieselben Ar-
tikel, Stickstoff, Kali usw. nur handeln
können, anstatt sich gemeinschaftlich zu
organisieren. Und andererseits sind diese
Organisationen einseitig aufgebaut. Wir in
Deutschland können wie auf manchen ande-
ren Gebieten ja hinsichtlich der Organisa-
tion manches für uns in Anspruch nehmen,
wir gelten in Europa als Organisatoren. Ich
ände, daß es nicht überall der Fall ist. (Sehr
richtig!) Wir haben in Deutschland vor
allen anderen Staaten voraus vor Jahr-
zehnten die landwirtschaftliche Genossen-
Schaft gehabt. Ich brauche nur an Namen
wie Raiffeisen, Schulze-Delitzsch
zu erinnern. Alle diese Organisationen sind
im wesentlichen als Produktionsorganisa:
ijonen und noch stärker als Kreditorganisa:
tionen aufgebaut worden. Sie beschäftigen
        <pb n="22" />
        sich vielfach mit Darlehnsgeschäften. So ist
gs auch gekommen, daß wir in der Nach:
kriegszeit in landwirtschaftlichen Organisa-
tionen Beteiligungen an Reedereien und
anderen Dingen sahen, daß Geld in Kanäle
geleitet wurde, in die es nicht hineingehörte.
Das liegt daran, daß an der Spitze der
Organisationen keine Kaufleute stehen, son:
dern Männer, die in der Kaufmannschaft
und in ihrem Berufe nicht groß geworden
sind. Ich kann mir auch als Kaufmann keine
chirurgische Klinik leisten oder Konsistorial-
tat werden. (Heiterkeit.) Ich muß eben an
die Spitze solcher Betriebe Kaufleute stellen,
die mit den kaufmännischen Geschäfts:
usancen vertraut sind; darüber ist gar kein
Zweifel. Ich spreche das hier aus, weil es
mir eine erwünschte Gelegenheit ist, die
Dinge, die ich schon öfter offen in der
Öffentlichkeit ausgesprochen und geschrie-
ben habe, auch hier vor diesem Kreise
nennen zu können. Man soll nicht immer
hinstarren auf Zollschutz; man kann nicht
immer sagen: Handelsverträge schaden uns
öder, wie es hier in den Grundsätzen des
Landbundblattes heißt, sagen:

„Kein neuer Handelsvertrag mit weites
rer Preisgabe des landwirtschaftlichen
Schutzes, keine autonome Herabsetzung
jetzt in Kraft befindlicher landwirtschaft:
licher Zollsätze, kein neuer Handelsver-
trag mit allgemeiner Meistbegünstigung,
Verbot der Einfuhr und Beseitigung aller
zollfreien oder sonst begünstigter Einfuhr
solcher Agrarprodukte, die im Auslande
hergestellt werden.“
Ja, meine Herren, wie sollen wir denn
überhaupt zu einer Befriedung der -Wirt-
schaft in Europa und der Welt kommen,
wenn wir solche Grundsätze als maßgeblich
für die Wirtschaftspolitik Deutschlands an:
sehen wollten! Sie können versichert sein,
wenn das durchgeführt wird, dann liegt die
Industrie in 5 Jahren noch schlimmer auf
der Nase als heute die Landwirtschaft.
(Sehr richtig!)

Andere Dinge kann man konzedieren.
Man kann das Einfuhrscheinsystem für die
Schweine einführen. (Sehr richtig!), obwohl
ich dieses Einfuhrscheinsystem bei Roggen
und Weizen, wie es jetzt ist, für falsch halte.
(Sehr richtig!) Wir hatten eine knappe
Roggen: und Weizenernte und da wir im
Monat März allein, ich glaube, 26000 t
Roggen ausgeführt haben, müssen wir be:
sorgt sein, diese wieder hereinzuholen. Die
Folge ist z. B., daß in der Provinz Schlesien
die ganze Mühlenindustrie ihre Betriebe zu:

nachen muß. (Sehr richtig) EN a
Dinge etwas nüchterner om Standpunkte
ler allgemeinen Interessch .au ‚bei h np
las ist meine Auffassung: nl SC Ks
Aber man ist ja nicht seht, beliebt, wenn
nan die Wahrheit sagt. \(Heiterkeit nd/
Sehr richtig!) /* Mie\*
Meine sehr verehrten Herren, ich folge
der Landwirtschaftskammer - Organisation
durchaus auf dem Wege, den sie hinsichtlich
ler sehr sachlichen industriellen Beratung
ler Landwirtschaft eingeschlagen hat. Ich
'rage aber immer: weshalb ist die Not
jerade jetzt so akut geworden? Weshalb
ıat man nicht etwas von den Ideen und Ge:
lankengängen, die Herr Professor Schultze
ind sein Herr Nachredner ausgesprochen
ı1aben, auch in der Landwirtschaft ans
jewandt, wie es in anderen Staaten der Fall
jewesen ist, in dem Sinne, daß man genau
;o Organisationen geschaffen hat, wie unsere
Nachbarn dies längst getan haben? Ich darf
Sie daran erinnern, was Ihnen vielleicht
ılcht so geläufig ist, daß wir in den 80er
Jahren, wo es bei uns in Deutschland auch
ıicht gerade sehr lustig aussah, in Dänemark
ine große Agrarkrisis hatten. Da hat der
Staat eingegriffen und den Landwirten bei:
jebracht, daß man sich organisieren müsse,
ıicht unter Ausschaltung des Privathandels
ıder des Privatschlächters. Diese Organisas-
ionen hat man in Dänemark geschaffen und
ıat sie vorbildlich geschaffen. Ich weiß,
trotzdem geht es den Dänen nicht immer
zehr gut. Aber überlegen Sie sich einmal:
Jänemark ist ein rein landwirtschaftliches
„and, in dem als Industrie vielleicht nur
ıoch einige Großbrauereien sind. Eine
ındere größere Industrie gibt es dort nicht.
Sie werden mir zugeben, daß es eine kolossale
‚eistung ist, daß Dänemark von seiner
;anzen Fleischproduktion, die es hat, etwa
0 Prozent nach England exportiert hat; es
jind, sage und schreibe, im vorigen Jahre
&gt;22 Millionen Ztr. Schweine allein nach
‚ondon ausgeführt. Diese klugen Dänen, die
jewiß unter anderen klimatischen Verhält-
ıssen leben wie manche Gebiete bei uns,
lie aber doch unter denselben klimatischen
Verhältnissen leben wie wir in Schleswig:
Iolstein, in Oldenburg, in Ostfriesland, zum
Ceil in Ostpreußen, auch zum Teil in der
Provinz Schlesien, die Ilandwirtschaftlich
ıach meinem Empfinden noch bessere
Niederschlagsverhältnisse hat wie andere
andwirtschaftliche Provinzen in Deutsch-
and — diese Dänen haben z. B. in ihrem
„ande in den wenigen Genossenschaften,
-. B. bei einer Zahl von 11 Vereinen, allein
        <pb n="23" />
        500 Eiersammelstellen. Wir in Deutschland
haben noch keine einzige oder vielleicht im
ganzen großen Deutschen Reiche 10, obwohl
wir zwanzigmal so groß sind als Dänemark.
Daher kann sich Herr Krupp beschweren,
daß er keine Eier aus Deutschland kaufen
kann. Es ist doch geradezu lächerlich, daß
man keine deutschen Eier nach dem Ruhr-
gebiet schaffen kann und sie aus Holland,
aus Dänemark, aus der Schweiz und sogar
nach den Einfuhrziffern, sage und schreibe,
aus der Tschechoslowakei und Italien be;
zieht. Das sind doch keine Zustände! Da
muß man ganz ruhig einmal hineinleuchten
gerade in unserem Gremium, das sich bez:
müht, mit den landwirtschaftlichen Organen
zu einem Ziel zu kommen.

Ich weiß sehr wohl, daß der Landwirt:
schaft die Zinsenlast viel drückender ist,
als es vielleicht in der Industrie der Fall
ist, weil sie sich dort anders auswirkt.
Der einmalige Umsatz bedingt natürlich
ganz andere Grundlagen in der Kapital:
beschaffung, in der Kreditgewährung, auch
in der Verdienstmöglichkeit. Das wissen wir
alle ganz genau, und das braucht mir in der
Diskussion nachher nicht entgegengehalten
zu werden. (Heiterkeit.) Aber trotzdem er-
wähne ich es gerade, weil ich Ihnen doch
auch einmal an Hand von einigen prak:
tischen Beispielen, die ich am eigenen Leibe
verspüre, sagen will, wieso es denn bei uns
so schlecht aussieht.

Wir sehen z. B. in Berlin, wo ein sehr
bekannter Mann, den Sie alle kennen, Herr
Staatssekretär Hagedorn, sich die größte
Mühe gibt, ein geordnetes Milchverteilungs-
system zur Versorgung von GroßzBerlin her-
beizuführen, unmögliche Zustände. Wir
haben Tage, an denen hier an 200 000 Liter
Milch fehlen, und am nächsten oder über:
nächsten Tage sind 380 000 Liter zuviel. Ich
bekomme für meine Milch von der Stadt
Berlin, die ich ihr liefere, 15 Pfg. Meine
Frau muß im Keller hier in Berlin 28 Pfg.
zahlen — Dinge, die Sie alle kennen. Wir
bekommen heute für unser nicht allererst-
klassiges, aber normales Rindfleisch 28 bis
32 Pfg. pro Pfund Lebendgewicht; und Sie
können hier im Laden unter 90 Pfg. und
1,— RM. nichts kaufen. Wenn Sie dagegen
nach Dänemark gehen, so sehen Sie, daß
85 Prozent alles Fleisches, das dort ge:
schlachtet wird, in den Genossenschafts-
schlächtereien der Landwirtschaft geschlach:
tet wird und daß diese den Vertrieb selbst
mit den Schlächtern und den Händlern des
Landes in die Hand genommen haben. Es
bedingt das keine Ausschaltung des Han-

dels, sondern eine Beteiligung, was ich aus:
Irücklich noch einmal hervorheben will, eine
Beteiligung, weil ich überzeugt bin, daß die
Landwirtschaft gar nicht in sich die nötigen
Kräfte hat, diese Organisation weltwirt-
schaftlich und kaufmännisch richtig zu
nachen. Dänemark hat das natürlich nicht
zinseitig gemacht, in dem es Läden nur in
Dänemark aufgemacht hat, sondern es hat
Filialen in London. gegründet. Wenn man
in London spazieren geht, kann man
dänische Butter in jedem Delikateßgeschäft
kaufen.

Wenn heute mit dem Einfuhrschein-
system versucht werden soll, die Schweine
auszuführen, so habe ich gar nichts da:
gegen. Auf die Dauer ist das aber auch
kein System. Auf die Dauer ist das nach
meinem Empfinden keine richtige Wirt-
schaftspolitik. Wir müssen dahin kommen,
»ine andere und bessere Produktion in der
Landwirtschaft zu machen. Sehen Sie sich
lie Verhältnisse des Ostens an. Es ist ganz
interessant, auch hier das einmal sagen zu
Jürfen. Wir stehen im Begriff, mit den
?olen unsere Handelsvertragsverhandlungen
zufzunehmen und zu Ende zu führen. Daß
zie auf Schwierigkeiten wegen des Nieder-
assungsrechts stoßen, wissen wir. Und daß
nan bei uns im Deutschen Reiche keinen
Yandelsvertrag schließen wird, ehe- diese
Frage geregelt ist, wissen wir auch. Aber
wenn diese Frage geregelt sein wird — und
las wird eines Tages der Fall sein —, dann
»leibt doch nichts anderes übrig, als einen
Yandelsvertrag mit Polen zu schließen, der
‚uch landwirtschaftliche Belange von Polen
zünstig für das Land berührt, weil Polen ja
ıichts anderes ausführen kann als im wesent-
ichen landwirtschaftliche Artikel und
&lt;Zohlen. Aber der wesentlichste Streit-
ırtikel sind die landwirtschaftlichen Bez
ange, und das Streitobjekt sind 200 000
Schweine. 200000 Schweine stellen ein Ge:
wicht von 400 000 Ztrn. dar. Man darf wohl
'm Durchschnitt 2 Zentner für ein Schwein
‚echnen; bei den polnischen Schweinen
lürfte das ungefähr stimmen. Diese 200 000
Schweine würden bei einem Schweine-
jestand von 22,8 Millionen Schweinen in
Deutschland an sich ja nichts bedeuten. Sie
ı1aben insofern natürlich Bedeutung, als wir
wissen, daß oft der niedrigste Preis den
Marktpreis bestimmt oder beeinflußt; das
gebe ich ohne weiteres zu. Aber wenn ich
lie Frage zu erledigen habe: auf welchem
Wege känn ich den Vertrag mit Polen
nachen — und das muß die Landwirtschaft,
nuß der Reichslandbund einsehen nach
        <pb n="24" />
        meinem Empfinden, daß wir den Handels-
vertrag haben müssen; sonst geht unser
Osten zugrunde; darüber ist gar kein
Zweifel —, dann suche ich nach Wegen, wie
ich dem Schweineproblem beikemmen kann.
Und wenn man uns die Aufgabe geben
würde, diese 200 000 Schweine vom Markt zu
beseitigen, so müßte man bei der Einfuhr
von Wurst usw. anfangen, die zur Zeit ver-
boten ist und die immerhin viele Millionen
Mark im Jahre betragen hat. Es müßte eine
Kleinigkeit sein, diese 200 000 Schweine z. B.
für das Ruhrgebiet zu verarbeiten. Es ist
eine Tagesleistung, 500 Schweine zu Wurst
und Schinken zu verarbeiten; das ist doch
gar nichts, wenn man bedenkt, daß in
Chicago an einzelnen Tagen 20000 und
mehr Tiere geschlachtet werden, wenn Sie
berücksichtigen, daß wir an Hauptmarkt-
tagen hier auf dem Berliner Schlachtviehhof
an einem Tage einen Auftrieb von 22 000 bis
27 000 Schweinen haben. Da kann ein Be-
trag von 500 Schweinen am Tage wirklich
das Kraut nicht fett machen. Da muß ich
sie eben an einer Stelle verarbeiten, wo sie
nicht stören. Wie unpraktisch ist der Vieh-
transport vom Osten nach dem Westen ge-
regelt. Wir fahren das Vieh in Ostpreußen
lebend nach dem Schlachtviehhof in Königs-
berg. Dort wird es in Güterzügen nach
Berlin verladen. Wer diese Transporte wie
ich in 1000 Fällen hat kontrollieren müssen
— ich habe im Kriege die preußischen Vich-
handelsverbände kaufmännisch geleitet —,
der weiß, was ruiniert wird, was an Gewicht
verlorengeht. Ich habe damals den Vor-
schlag gemacht, man soll doch in Königs-
berg das Vieh schlachten und geschlachtet
in Kühlwagen hierher bringen. Das scheiterte
natürlich an dem Widerspruch der Stadt
Berlin, die die Schlachthofgebühren haben
will (Heiterkeit); das ist ganz Sselbstver-
ständlich. Aber es kann sich doch die
Landwirtschaft nicht darum kümmern, was
der Kommune paßt oder nicht paßt; sie hat
von sich aus vorzugehen. Wir beziehen das
Gefrierfleisch aus Argentinien. Das kann
die Reise 6 Wochen übers Meer vertragen;
und wir können nicht in Eilgüterzügen in
12 oder 14 Stunden von Ostpreußen das
geschlachtete Vieh hierher bringen! Das
ist gar keine Leistung an sich. Es ist
lächerlich für Leute, die im Geschäftsleben
stehen.

Auch die Rationalisierung in der Land;
wirtschaft muß ganz andere Schritte an:
nehmen trotz des Kapitalmangels oder
gerade wegen des Kapitalmangels. Bei der
Berufszählung im Jahre 1925 ist, glaube ich,

estgestellt worden, daß wir bei insgesamt
‚iner Million Betrieben, die Maschinen vers
venden können, nur 7700 motorische Pflüge
n Deutschland haben. Ja, so können wir
ıatürlich nicht weiter arbeiten. Die Ge:
‚ossenschaften müssen das auch in die Hand
ıehmen, genau so, wie das sonst geschieht.
Nenn Sie die Durchschnittspreise sehen und
sehen, welche Gesetze in Dänmark gemacht
worden sind, so finden Sie, daß eine müh-
‚elige Aufbauarbeit nötig ist. Durch Ge;
;etze, durch Zölle können wir nicht viel
nehr machen. Ich halte den Herren von
ler Landwirtschaft entgegen: wir haben
loch jetzt die Zölle, wir haben den Kar-
‚offelzoll in die Höhe gesetzt, wir haben
etzt hohe Getreidepreise, wir hatten sie
‚uch schon vor 6 Monaten, wo wir für den
Roggen 10 RM. hatten — das entspricht min-
lestens der Friedensparität. —, wir haben
lamals ganz gute Schweinepreise gehabt, sie
ind jetzt zurückgegangen, weil wir eine
)berproduktion von 5: bis 600 000 Schweinen
jegenüber der Vorkriegszeit haben und über
»in kleineres Absatzgebiet verfügen. Wir
ıaben auch jetzt etwa 300000 Kühe mehr
ıls früher. Wir haben also eine Mehrproduk-
:jon, die sich natürlich auf dem Markt aus-
wirkt. Ob man da durch die Konjunktur-
voraussicht oder Prognose etwas ändern
zann, kann ich nicht sagen; das müssen die
Ierren Vorredner entscheiden. (Heiterkeit.)
\ber nach meiner Meinung muß man bei
ler Betrachtung der Dinge diese organisa-
-orischen und kaufmännischen Dinge in den
Vordergrund stellen. Ich bin der Ansicht,
laß sie viel wichtiger sind als der ganze
Zoll und die ganzen Handelsvertragsver-
‚andlungen. Man muß einen ganz anderen
zaufmännischen Sinn in die Landwirtschaft
ıineinbringen als er jetzt herrscht. Ich
;tehe auf dem Standpunkt, daß der Land-
wirt nicht allein kulturtechnisch und
ıgrartechnisch vorgebildet sein muß, son-
lern auch maschinentechnisch, vor allem
ıber auch kaufmännisch; denn es ist un-
:aufmännisch, wie es manchmal geschieht,
ien Roggen zurückzuhalten, um einen mög;
ichst hohen Preis zu erzielen, sondern es
‚andelt sich darum, auf der gleichen Basis
‚einen Roggen umzusetzen und sich in den
ınderen Sachen einzudecken, was man in
ler Landwirtschaft ja machen kann, denn
zewöhnlich, durchweg gerechnet, ist die
Parität auf allen Gebieten des Einkaufs wie
{es Verkaufs immer von Spekulationen ab-
jesehen gleichmäßig. Wenn ich meinen
Roggen verkaufen kann, kann ich an dem
Tage ruhig Kali und Stickstoff einkaufen.
        <pb n="25" />
        Die Landwirtschaft kann, weil sie die Er-
mäßigungsprozente auf der anderen Seite
bekommt, den Roggen. rechtzeitig in den
Markt geben und braucht sich nicht darauf
zu verlegen, daß später einmal durch dieses
Einfuhrscheinsystem höhere Preise kommen.
Und ich sage Ihnen voraus, meine Herren von
der Industrie, es wird nur wenige Wochen
dauern — insofern möchte ich auch einmal
eine Prophezeiung sagen (Heiterkeit) —,
daß, wenn ein neuer Reichstag zusammen-
sitzt und, wie wir jetzt schon sehen, der
Brotpreis in einigen Gegenden um 1 bis
3 Pfg. in die Höhe geht, dann dem neuen
Reichstag nichts anderes übrig bleiben wird,
als die landwirtschaftlichen Zölle zu suspen-
dieren. Das werden Sie erleben, meine
Herren! Passen Sie auf, das kommt, weil
man dann nicht anders helfen kann und
weil wir nicht ertragen können, daß der
Roggen pro Zentner, der heute 15 RM.
kostet, womöglich auf 20 und 21 RM. geht.
Durch die große Nachfrage aus Polen und
auch aus der Tschechoslowakei hat nicht
allein der Roggen angezogen, sondern auch
Weizen und Hafer gehen immer weiter in
die Höhe. Ich gönne ja den Landwirten den
Verdienst; ich gehöre selbst zum Bau. Aber
das ist eine ganz falsche Auffassung, daß
man glaubt, es ginge auf die Dauer so
weiter, sondern es wird ein ganz erheblicher
Rückschlag demnächst kommen. müssen, weil
in der Bevölkerung diese Brotteuerung be:
sonders bei Arbeitslosigkeit gar nicht er:
tragen werden kann und weil dann durch
Steuern, meine verehrten Anwesenden, im
wesentlichen doch die übrigen Teile
der Wirtschaft, Handel und Industrie, die
Dinge zu bezahlen haben, wenn die Land;
wirtschaft so notleidend bleibt, wie sie
heute ist.

Ich habe mich einmal hier ganz offen
ausgesprochen und verweise auf die anderen
Gebiete, auf Dänemark, auf die Schweiz,
auf Holland, verweise auch darauf, daß ein
Herr von Lochow gesagt hat, die Produk-
tion sei bei uns sehr leicht zu steigern. Ich
glaube, er hat gesagt, die Durchschnitts-
milchleistung einer Kuh in Deutschland
könne er nicht höher als auf 1800 Liter be-
werten. Eine Steigerung auf 3600 Liter
Milch ist bei sinngemäßer Pflege auf
Gütern eine Kleinigkeit. Im _Branden-
burgischen Herdbuch gilt eine Kuh nichts,
die nicht mindestens 10 Liter pro Tag im
Jahre gibt, also 3650 Liter. In meiner Heimat
Oldenburg oder in Ostfriesland sind das so:
gar noch geringe Leistungen. Dort paras
dieren die Kühe mit 5000 und 6000 Litern.

In Preußen ist in das große Leistungsbuch,
das für die ‚ganz wertvollen Kühe geführt
wird, jetzt eine. Kuh eingetragen, die im
Jahre 1927, sage und schreibe, 12000 Liter
Milch gegeben hat. (Hört, hört!) Es ist ja
janz interessant für Sie, das einmal zu
2ören, weil über diese Dinge ganz falsche
Anschauungen in der Öffentlichkeit bez
stehen und weil die Qualität der deutschen
'andwirtschaftlichen Produkte, wie ich aus
der Denkschrift von Krupp nachweisen
konnte, schlecht ist, weil das Heimatland
sines meiner Freunde, der dort hinten sitzt,
3ayern, in der Milchwirtschaft außerordent-
ich rückständig ist (Heiterkeit) — nur in der
Milchwirtschaft! (große Heiterkeit) — und
weil in dieser Beziehung nicht energisch
genug von dem Berufsstande selbst durch-
jegriffen wird. Ich bin der Meinung, daß
ıuf diesem Wege der Staat wahrscheinlich
1elfen muß und helfen kann durch gewisse
Richtlinien, wonach derartige Organi-
;ationen geschaffen werden müssen.
ich bin weiter der Meinung, daß in dieser
3eziehung der Reichstag und der Preußische
‚andtag große Arbeit leisten könnten, be-
;onders dann, wenn dabei die verarbeiten:
len Industrien, die bei der Landwirtschaft
ıngeschlossen sind — Zucker-, Molkerei:
ndustrie usw. — mitwirken und wenn auf
ler anderen Seite der Handel seine Hilfe
zur Verfügung stellt. Ich bin letzten Endes
der Meinung, daß das sehr rasch vor sich
jehen muß, allerdings nicht von heute auf
norgen, aber in wenigen Jahren. Wir können
das nur in systematischer Arbeit machen,
ıur auf dem Wege der Selbsthilfe. Keiner
von Ihnen und ich sicher nicht verkennt die
Bedeutung der Landwirtschaft. Ich weiß
sehr wohl, welche Belange wir ihr in
Deutschland verdanken. Aber auf der
anderen Seite muß ich sagen, daß wir hin-
3ichtlich der Standardisierung und der
Qualität der Ware außerordentlich rück-
ständig sind. Ich habe mich gefreut, daß
mir die Direktion von Krupp diese Bro-
schüre zugeschickt hat. Ich weiß nicht,
welchem Umstand ich diese Ehre verdanke.
Aber ich habe sie bekommen und mir gleich
gesagt: der Verfasser hat vollkommen recht.
Wenn man in Bauernkreisen diese Sache
inmal erörtert und sagt: die Leute wollen
Jualitativ bessere Sachen trinken und essen,
lann sagen Bauern mitunter: Gott, die
Leute können doch auch einmal etwas
anderes nehmen, es kommt doch nicht
mmer darauf an. Das ist eben die. falsche
Sinstellung. Niemand kauft der Industrie
hre Ware ab, wenn sie nicht qualitativ kon;
        <pb n="26" />
        kurrenzfähig ist mit dem In: und Auslande;
und qualitativ konkurrenzfähig ist die
Ware der deutschen Landwirtschaft im In:
und Auslande nicht. Es ist ein Fehler, zu
glauben, daß man die Einfuhr dadurch hin
dern könne auf die Dauer, daß man Ein:
fuhrverbote erläßt oder falsche Handels:
verträge schließt. Die Einfuhr kann man
nur dadurch überflüssig machen nach
meinem Empfinden gerade auf landwirt-
schaftlichem Gebiete, daß man für Quali:
täten sorgt, und zwar für gleichmäßige
Qualitäten. Kein Pfund Butter wird in der
Molkerei in Dänemark dem Landwirt ab-
genommen, das mehr als 16 Prozent Wasser:
gehalt hat. Und wenn der dänische Land:
wirt seine Milch unter 3 Prozent Fettgehalt
in die Genossenschaft liefert, dann wird
ihm pro Prozent fehlenden Fettgehaltes
0,4 Pf. abgezogen. Liefert er über 3 Prozent
Fettgehalt, so bekommt er 0,4 Pf. pro Pro-
zent mehr bezahlt. Das System herrscht
auch in Deutschland, ist aber zu wenig ver:
breitet. Wir in der Industrie haben alles
Interesse daran, daß die Öffentlichkeit nicht
nach der Richtung hin beeinflußt wird, daß
man mit Ansichten, wie sie der Reichsland-
bund (s. oben) vertritt, durchkommen
könne. Wir müssen dafür sorgen, daß in die
breiteste Öffentlichkeit die Aufklärung
dringt, daß wir in der Industrie absolut von
der Notlage überzeugt und gewillt sind, der
Landwirtschaft zu helfen und unsere Hilfe
zur Verfügung zu stellen, daß wir die Regie-
rung aber ersuchen müssen, daß sie auf dem
Wege der Wirtschaftspolitik, der Handels:
vertrags; und Zollpolitik, wie sie sie bisher
getrieben hat, im Interesse der Allgemein:
heit fortzufahren verpflichtet ist.

Auch ich möchte mich gerade, um das
zu betätigen und zu bestätigen, was ich hier
ausgeführt habe, auf List berufen, wie das
der eine der Herren Vorredner getan hat, der
mir aus der Seele sprach, weil auch ich List
für den größten Nationalökonomen halte,
den Deutschland, vielleicht Europa, hervor;
gebracht hat. List hat schon vor 100 Jahren
ausgesprochen: Deutschland kann und soll
kein England werden, das heißt, es soll kein
Land werden, in welchem Manufaktur und
Handel das Übergewicht behaupten, son-
dern nur eines, wo diese beiden Faktoren
des Nationalreichtums mit dem dritten, der
Landwirtschaft, im Gleichgewicht stehen.
Das ist mein Wunsch; und ich hoffe, daß
dieser Gedanke des großen Propheten der
Vergangenheit immer mehr Allgemeingut
aller Deutschen wird. (Lebhafter langan;
haltender allseitiger Beifall.)

Herr Landrat a. D. Dr. Freiherr ‚von
Wilmowsky:
Meine Herren! Es ist der Wunsch ge:
iußert worden, daß auch ein Mann, der sich
zu 50 Prozent als Beschuldigter fühlt
Heiterkeit), nämlich als Landwirt, der aber
ıuf der anderen Seite seit Jahren in enger
’ühlung mit der Industrie steht, zu diesen
ragen das Wort nimmt, Ich will mich auf
lie Frage beschränken, wie augenblicklich
lie geistige Einstellung in den landwirt-
schaftlichen Organisationen ist und welche
Stellung sich aus ihr für die Industrie ergibt.

Zunächst ein meiner Ansicht funda-
mentaler Unterschied: in den industriellen
Irganisationen fühlt sich das einzelne Mit-z
jlied vorwiegend als Unternehmer und ver;
Tritt rein privatwirtschaftliche Interessen,
‚erlangt auch lediglich dies von seiner
Jrganisation. In den landwirtschaftlichen
Jrganisationen dagegen fühlt sich das ein;
;jelne Mitglied nicht zunächst als Unter-
ıehmer, sondern als Bauer, als erdgebun-
jenes Wesen, das seine wesentliche Aufgabe
zunächst im Bebauen des Landes sieht, und
»ei dem die Rente erst in zweiter Linie
‚ommt. Darauf ist es auch zurückzuführen,
venn vorläufig noch der Bauer von seiner
Jrganisation verlangt, daß sie nicht nur
jein privatwirtschaftliches Interesse ver:
olgt, sondern daß sie vor allem seine Welt:
nschauung und seine politischen Ziele
iurchzusetzen versucht. Man mag dies be-
lagen; ich würde es sehr begrüßen, wenn
ler Herr Vorredner auch einmal in lands
wirtschaftlichen Kreisen darauf hinwirken
wollte, daß die auch meines Erachtens zu
:inseitige parteipolitische Einstellung in
twa zurückgestellt werden möchte. Aber
vorläufig, meine Herren, ist nun einmal
liese Einstellung vorhanden, und die Füh-
ung einer landwirtschaftlichen Organi-
ation, die diese Stimmung nicht berück:-
‚ichtigen wollte, würde voraussichtlich eins
ach hinweggefegt werden. Es wird sich,
wie ich glaube, darum handeln, daß man
ıllmählich die bäuerliche Masse dahin er-
:ieht, eine allzu einseitige parteipolitische
3indung ihrer wirtschaftspolitischen Ver-
.retungen zurückzustellen.

Ich glaube, daß diese Einstellung nicht
ıur aus der gesamten Einstellung des
Bauern zu erklären ist, sondern auch in
;twa durch die historische Entwicklung be-
lingt ist. In der Vorkriegszeit war der
3Zauer an die Autorität gewöhnt. Ich er-
nnere an die schöne Geschichte aus Ost:
        <pb n="27" />
        preußen, wo der König von Preußen in Be-
gleitung des Landrats eines Kreises zu Be:
such kommt. Er fährt in einem Hohlweg,
vor ihm ist ein Bauerngespann. Der Kut-
scher ruft dem Bauern zu: Platz für den
König von Preußen!, worauf der Bauer nur
ein verächtliches Achselzucken hat und
sagt: was schert mich der! Darauf erhebt
sich der neben dem König sitzende Land:
rat und brüllt ihm zu: Müller, Platz!, worauf
sich der Bauer entsetzt umdreht und sagt:
mein Gott, der Herr Landrat! (Heiterkeit),
Es herrschte nun einmal vor dem Kriege
die allgemeine Überzeugung, daß die Staats-
gewalt für den Landwirt so vorzüglich
sorge, daß er selbst nicht allzuviel Anlaß
hatte, sich noch selbst um allgemeine Fragen
zu kümmern. Es gab, aus der Caprivi-Zeit
herausgeboren, nur eine wirkliche Kampf-
organisation, den Bund der Landwirte, der
rein zentralistisch aufgezogen war, pro:
vinzielle und Kreisorganisationen von
irgendwelcher Bedeutung so gut wie gar
nicht hatte. Diese Einstellung ist endgültig
durch die Zwangswirtschaft erschüttert
worden. Die Zwangswirtschaft hat nicht
nur die deutsche Landwirtschaft technisch
um mindestens ein Jahrzehnt zurückge-
worfen, sie hat auch ein fast unüberwind-
liches Mißtrauen gegen den Staat und, wie
ich leider hinzusetzen muß, gegen andere
Berufsstände, vor allen Dingen gegen Handel
und Industrie, gezüchtet. Gerade wer sich,
wie ich seit Jahren nunmehr, dafür einsetzt,
daß ein besseres Verständnis zwischen In-
dustrie und Landwirtschaft eintreten möge,
der stößt immer wieder, und zwar oft mit
innerer Erschütterung, auf eine instinktive
oft fast krankhafte Abneigung des Bauern
gegen den Städter. Sie zu überwinden, wird
es noch der Arbeit vieler Jahre erfordern.
Eine Folge der Zwangswirtschaft war eine
völlig veränderte Einstellung des Bauern
gegenüber dem Organisationswesen. In der
Zeit unmittelbar nach der Revolution
schossen in einzelnen Kreisen die bäuer-
lichen Organisationen auf wie die Pilze. Es
gab fast in jedem Kreise zwei, drei, vier
wirtschaftspolitische freie Organisationen,
die zu einem größeren Teil außerordentlich
radikal, und zwar politisch sowohl wie wirt:
schaftspolitisch, eingestellt waren. Es hat
ja hier der Reichslandbund keine allzu gute
Nummer erhalten. Aber ich glaube, man
muß es doch als ein bleibendes Verdienst
des Reichslandbundes anerkennen, daß es
ihm in diesen Jahren gelungen ist, die zahl-
losen miteinander nicht zusammenhängen:
den Organisationen zusammenzufassen und

sie letzten Endes — das wird mir auch Herr
Dr. Weber zugeben müssen — in den Dienst
des Staates zu stellen. Ich glaube, daß das
als ein bleibendes Verdienst der Reichs-
landbundorganisation anzuerkennen ist.
Aus der Entwicklung der Landbund:-
organisation, der ich die Organisation der
Bauernvereine gleichstelle, ergab sich eine
ganz außerordentliche Steigerung des
Machtbewußtseins der bäuerlichen Bevölke-
rung, eines Machtbewußtseins, das freilich
nur allzuoft im umgekehrten Verhältnis zu
der tatsächlich vorhandenen Macht steht,
mit dem aber auch in der Industrie ge-
rechnet werden muß. Es äußert sich einmal
in einem oft geradezu erstaunlichen Drang
nach Selbständigkeit der einzelnen Unter:
arganisationen. Bei den Wahlen äußert es
sich in einer Unzufriedenheit mit den Par-
teien, die oft nicht mehr überboten werden
kann und die sich ja gerade bei den jetzigen
Wahlen ausgewirkt hat in der Aufstellung
allerhand eigener Listen; es äußert sich
schließlich auch in Forderungen an Staat
und Wirtschaft. Und hier möchte ich doch
stwas optimistischer urteilen als mein Herr
Vorredner. Ich glaube, daß die Auffassung,
alle Hilfe vom Staate zu erwarten, ich will
zinmal sagen, die historische Einstellung,
loch stark im Zurückweichen begriffen ist.
Man sieht allgemein ein, daß die Rettung
nicht nur vom Staate allein erwartet wer-
den kann, daß vielmehr auch die Selbsthilfe
des Berufsstandes einzutreten habe. Aber
zine weitere sehr bedenkliche Folge des
Machtbewußtseins ist es, daß man nun
aeben der Selbsthilfe zu rein gewerkschaft-
ichen Mitteln seine Zuflucht zu nehmen
sucht (Sehr richtig!); dem Steuerstreik und
lem Käuferstreik. Meine Herren, ich
glaube, daß es doch richtig ist, wenn ich
gerade hier in diesem Kreise auf diese Frage
ganz kurz eingehe.

Es ist bedauerlicherweise in einzelnen
Teilen der Landwirtschaft seit einigen
Monaten, vor allen Dingen aber in den
letzten Wochen, eine Bewegung entstanden,
die durch organisierten Käuferstreik die
Lage der Landwirtschaft zu bessern sucht.
Ich glaube, daß diese Entwicklung nur mit
äußerster Sorge zu betrachten ist; ich
möchte erklären — ich stehe selbstver-
ständlich hier nur als Privatperson und
nicht als Vertreter einer Organisation —,
daß der Vorstand des Reichslandbundes die
Parole des Käuferstreiks nicht ausgegeben
hat. Von den Bauernvereinen gilt dasselbe.
Er vertritt lediglich die Auffassung, daß in:
        <pb n="28" />
        folge der gegenwärtigen Agrarkrise weite
Teile der Landwirtschaft nicht mehr in der
Lage sind, Käufe in dem früheren Umfange
zu tätigen. Er mißbilligt aber ausdrücklich
alle Übertreibungen, wie sie leider in den
jetzten Wochen und Monaten vorgekommen
sind, als da sind Boykott von Personen, die
Landmaschinen kaufen, von Personen, die
geschriebene und vollzogene Verträge ein-
gehalten haben u. a. m. Das sind Aus-
wüchse, die letzten Endes der Landwirt;
schaft schaden müssen. Ich bitte indes, zu
bedenken, daß gerade infolge der stark
dezentralistischen Organisation der Land-
wirtschaft die Lage der Führung außer;
ordentlich schwierig ist. Die Führung ist
sich, wie ich glaube, völlig klar darüber,
daß die landwirtschaftlichen Organisationen
augenblicklich vor dem Wendepunkt stehen:
sollen sie eine klassenkämpferische Gewerk-
schaft werden oder sollen sie das bleiben,
was sie bisher waren, eine freie berufs-
ständische Vertretung? Die Industrie sollte
Verständnis für diese augenblicklichen
Schwierigkeiten der Führung haben und ein-
sehen, daß in den landwirtschaftlichen
Organisationen nicht immer mit dem Nach:
druck, der von der Industrie gewünscht
wird, gegen die geschilderten Neigungen
entgegengearbeitet werden kann.
Ich darf dann nur noch einige Worte
zu den handelspolitischen Ausführungen des
Herrn Vorredners sagen. Zweifellos sind
es Übertreibungen, über die gar kein Wort
zu verlieren ist, wenn es in irgendeinem
Aufsatze oder Artikel heißt, daß die Ein-
[uhr landwirtschaftlicher Erzeugnisse gänz-
lich verboten werden soll. (Herr Dr. Weber:
Das ist Beschluß des Landbundes!) — Nein,
da muß ich widersprechen, Herr Dr. Weber!
Das ist vielleicht eine Wahlparole, die
unter der Wahlpsychose entstanden ist
(Heiterkeit), aber ich muß bestreiten, daß
es sich um einen offiziellen Beschluß des
Landbundes handelt. Ich glaube, meine
Herren, eine Verständigung ließe sich sehr
viel leichter finden, wenn man sich auf den
Standpunkt stellte, der in einer Korrespon-
denz zwischen dem Reichslandbund und
dem Reichsverband der Deutschen Industrie
herausgearbeitet worden ist und den ich mit
Erlaubnis des Herrn Präsidenten vorlesen
darf. Es wird da gesagt:

„.. daß der Zollschutz die unersätzliche
Voraussetzung der Verbesserung der
Produktion ist. Ohne diesen Schutz wird
das gemeinsame Ziel der Hebung der
landwirtschaftlichen Produktion niemals

arreicht werden. Ist es aber unter den
von uns für notwendig gehaltenen Sicher:
ı1eitsmaßnahmen einmal erreicht, dann
wird auch die Frage des agrarischen
Zollschutzes allgemein an Bedeutung ver;
oren haben. Wir fordern keineswegs
»inen Schutzzoll, der jeden internationalen
Handelsverkehr tötet. Wohl aber sind
wir der Auffassung, daß in den Handels-
verträgen nicht unter das Maß herunter-
jegangen werden darf, welches zum
Schutze der heimischen Erzeugung gegen-
iber der des begünstigten Auslands er;
“orderlich ist. Wir glauben daher, daß
Jen berechtigten Belangen von Industrie
ınd Landwirtschaft wie der deutschen
Gesamtwirtschaft am besten gedient sein
würde, wenn entsprechend den vorge:
»rachten Vorschlägen des Reichsland-
aundes die Zollrüstung für die heimische
Landwirtschaft so hoch bemessen wird,
laß in den Handelsvertragsverhandlungen
zur Beseitigung der dem deutschen
Industriewarenexport entgegenstehenden
ausländischen Zollmauern ein Nachlaß
jewährt werden kann, ohne daß der hier-
lurch unbedingt notwendige ausgleichende
Schutz für die Agrarerzeugung gefährdet
wird.
Meine Herren, ich glaube, daß hier eine
Basis gegeben ist, auf der eine Verständi-
sung auf die Dauer möglich sein kann.
Und endlich noch ein Wort gegenüber
len etwas pessimistischen Schlußfolgerun-
jen des Herrn Dr. Weber! Ich glaube, man
wird doch zugeben müssen, daß die bis-
‚erige Zusammenarbeit von Industrie und
‚andwirtschaft zum mindesten den Vorteil
jebracht hat, daß derartige Meinungsver-
chiedenheiten, wie wir sie heute erörtern,
stzten Endes hinter verschlossenen Türen
usgefochten werden. (Sehr richtig!) Ich
ıöchte daran erinnern, daß vor einigen
ahren beim Abschluß des deutsch-spani-
chen Handelsvertrags öffentliche Fehden
‚wischen den beiden Berufsständen ent-
‚rannten, die wirklich für den mit dem
Jerzen beteiligten Zuschauer nicht gerade
‚rfreulich waren. Gottlob ist es geglückt,
»isher derartige Öffentliche Auseinander-
;etzungen in der Frage des deutsch-polni-
schen Handelsvertrags zu vermeiden; ich
jetrachte es als einen erheblichen Fort-
schritt, daß es geglückt ist, die Vorver-
aandlungen gemeinschaftlich zwischen den
beiden Berufsständen zu führen.
Auch ich stehe auf dem Standpunkt,
laß die Forderung, die der Herr Referent
        <pb n="29" />
        gestellt hat, nämlich verstärkte Selbsthilfe
der Landwirtschaft, letzten Endes die Ret-
tung der Landwirtschaft bedeutet. Auch
hier liegen Erfolge vor. Es wird den Herren
bekannt sein, daß ein Gebiet der Landwirt-
schaft, der Zuckerrübenbau, kartelliert
worden ist, dank der Tatkraft weniger Per-
sönlichkeiten, die die Einsicht und die In-
tuition hatten, die Herr Professor Schultze
so beredt gefordert hat. Es ist in den
letzten 8 Jahren geglückt, die Zuckerrübe
so zusammenzufassen, daß sie sogar inter-
national verhandlungsfähig ist; und das,
meine ich, muß als ein großer Erfolg auf
dem Gebiet der Selbsthilfe anerkannt wer-
den. Es ist ferner auch bei einem weiteren
Spezialprodukt; beim Roggen, geglückt,
durch die Gründung der Getreidehandels-
gesellschaft Erfolge zu erzielen. Ich gebe
zu, daß die Selbsthilfe gerade auf diesem
Gebiete sehr viel leichter ist als auf dem
des Weizens. Immerhin muß man aner-
kennen, daß der Preis beeinflußt werden
konnte, ohne den Konsumenten zu schädi-
gen. Selbstverständlich wäre es außer:
ordentlich wichtig, wenn gerade das Ge-
nossenschaftswesen etwas stärker und
intensiver in den ganzen Fragen eingreifen
könnte. Ich stimme durchaus der Auf:
fassung zu, daß das Genossenschaftswesen
reformbedürftig ist. Aber ich glaube, meine
Herren, Sie finden unter den leitenden Per:
sönlichkeiten des Genossenschaftswesens
niemand, der nicht von der Notwendigkeit
durchdrungen wäre, das Genossenschafts-
wesen zu vereinheitlichen und kaufmänni-
scher auszugestalten. Das Tempo, in dem
diese Erkenntnis in die Praxis umgesetzt
wird, mag etwas langsam sein. Aber gegen:
über dem Vorbild, das uns in Dänemark
gezeigt worden ist, darf ich darauf hin-
weisen, daß meines Wissens es auch in
Dänemark über ein Jahrzehnt gedauert
hatte, bis diese Erkenntnis wirklich Tat ge-
worden ist.
Vollkommen stimme ich auch der Auf-
Fassung zu, daß es unbedingt notwendig ist,
das landwirtschaftliche Unterrichtswesen
etwas umzustellen, das bisher zu einseitig
auf die Förderung der landwirtschaftlichen
Technik eingerichtet war. Es muß dahin
kommen, daß das Studium des Absatzes
und des Transports landwirtschaftlicher
Produkte gleichwertig mit dem der landwirt-
schaftlichen Technik behandelt wird.
Nun, meine Herren, man könnte ja
noch stundenlang über diese Frage reden.
Ich glaube, mich hier auf diese kurzen Be:

merkungen beschränken zu sollen, und
möchte nur bitten, sich den Blick durch die
wugenblickliche Zuspitzung, die ja nicht zu
eugnen ist, nicht trüben zu lassen. Ich
jlaube, es wäre falsch, wenn die Industrie
sich in einer begreiflichen Verstimmung da-
zu hinreißen lassen wollte, durch öffentliche
&lt;undgebungen, Erscheinungen, die nach
neiner Kenntnis der Dinge doch nur örtlich
zu beobachten sind und die keineswegs der
Tendenz der Leitung der landwirtschaft:
ichen Organisationen entsprechen, entgegen-
zutreten. Ich glaube, der richtige Weg für
lie einsichtigen Persönlichkeiten in beiden
Berufsständen wird der sein, weiter Hand
.n Hand zu marschieren und zu versuchen,
durch sachliche Zusammenarbeit die Land:
wirtschaft zu verstärkter Selbsthilfe zu be:
fähigen. Damit werden wir nicht nur den
beiden Berufsständen dienen, sondern der
gesamten Wirtschaft unseres Volkes. (Leb-
hafter Beifall.)

Herr Dr. Theo Goldschmidt:

Meine sehr verehrten Herren! Ge-
Statten Sie mir einige kurze Worte. Herr
Landrat Freiherr von Wilmowsky hat dar-
auf hingewiesen, daß wir alle ein Interesse
daran hätten, das Einvernehmen zwischen
Industrie und Landwirtschaft nicht zu
stören. Ich glaube, die politische und wirt-
schaftspolitische Lage ist zu ernst, als daß
wir uns Streit zwischen diesen beiden wich-
tigen Produktionszweigen Industrie und
Landwirtschaft gestatten dürfen. Und da
darf man wohl darauf hinweisen, daß, selbst
wenn man anerkennt, daß all das, was Herr
Dr. Weber gesagt hat über die Notwendig-
keit, die Qualität und den Absatz der deut:
schen landwirtschaftlichen Erzeugnisse zu
heben, richtig ist, es doch nicht richtig sein
würde, wenn in einer Kundgebung der
deutschen Industrie lediglich auf diese eine
Seite hingewiesen würde. Ich glaube, da-
durch könnte ein falscher Eindruck ent-
stehen. Ich glaube, wir können der Land-
wirtschaft den Rat geben: hilf dir zunächst
einmal selbst. Ich glaube, wir könnten auch
die Landwirtschaft warnen, zu sehr nach
Staatshilfe zu schreien. Aber wir haben
dann, wenn wir uns überhaupt von dem all:
gemeinen Standpunkte der Gesamtwohlfahrt
aus mit landwirtschaftlichen Fragen be-
schäftigen, die Verpflichtung, unsere war-
nende Stimme zu erheben und darauf hinzu:
        <pb n="30" />
        weisen, daß es andererseits nicht angängig
ist, daß der Staat die Landwirtschaft in
ihrer Entwicklung geradezu hemmt. Ich
glaube, wir können ruhig aussprechen, daß
das in den letzten Jahren geschehen ist.
Das ist geschehen durch Untergrabung der
Arbeitslust auf dem Lande durch eine viel
zu weitgehende Sozialpolitik, durch eine Art
der Erwerbslosenversicherung, die sich ins-
vdesondere auf dem Lande in verhängnis-
voller Weise auswirkt. Das ist durch den
Staat geschehen; daran ist aber die Industrie
zum Teil mit schuldig — und das sollte sie
offen sagen — indem sie tatenlos zusieht,
wie der Zug landwirtschaftlicher Arbeiter
nach der Stadt, besonders nach dem Westen,
sich immer mehr verstärkt. Es ist nicht im
Interesse der deutschen Industrie, wenn wir
diesen Zug verstärken, um ein Loch auf der
einen Seite zuzudecken, auf der anderen ein
viel größeres aufzureißen. Es ist auch nicht
angängig, daß durch dauernde Steuern, die
ganz unabhängig vom Ertrage erhoben wer-
den, die schon so schwierige Lage der Land-
wirtschaft in immer katastrophalerer Weise
beeindruckt wird. Die Landwirtschaft
stöhnt unter der Last übergroßer Schulden.
Woher kommen denn die Schulden? Ein
sehr großer Prozentsatz der landwirtschaft-
lichen Schulden rührt lediglich aus Steuern
her. Man weiß ganz genau, daß die Land:
wirtschaft nichts verdient und kein bares
Geld hat. Trotzdem werden von der Land:
wirtschaft Jahr für Jahr, und zwar mit
härtesten Zwangsmaßregeln und Beitreibun-
gen, Steuern erhoben. Wenn es überhaupt
geglückt ist, die Steuern in den letzten
Jahren einzuziehen, so ist es immer nur
dadurch möglich gewesen, daß im letzten
Augenblick der Landwirtschaft eine Art
Kampferspritze.in Gestalt von Krediten bei-
gebracht wurde. Dem einzelnen Landwirt,
der 20 000 RM. Steuerschuld hatte, gab man
einen Kredit von 22 000 oder 25000 RM. und
sagte: sei doch einmal ruhig, du bekommst
einen neuen Kredit, damit kannst du deine
rückständigen Steuern bezahlen und be-
kommst noch 2000 RM. extra. Und jetzt
wundert man sich, daß diese Kredite ein:
gefroren sind. Also es wäre sehr inter:
essant — ich habe die Frage schon einmal
aufgeworfen —, festzustellen, wie groß
denn der Prozentsatz der landwirtschaft-
lichen Schulden ist, der lediglich durch
Steuerzahlungen hervorgerufen ist. (Zuruf:
Das ist gar nicht festzustellen.) — Nein, das
ist gar nicht festzustellen. Aber jedenfalls
ist dieser Prozentsatz außerordentlich be-
deutsam.

Ich will nur auf diese beiden Punkte
ıinweisen. Ich glaube, es ist absolut not:
wendig, wenn wir uns öffentlich mit der
‚andwirtschaft beschäftigen, daß wir auch
las nicht verkennen und nicht etwa die
Lage, wenn auch richtig, so doch zu einseitig
larstellen. Das wollte ich mit diesen Aus-
‘ührungen gern bezwecken. (Beifall.)

Dr. August Weber:

Ich möchte nur einige Worte ergänzend
len Ausführungen des ersten Herrn Redners
ı1achfügen. Meine Mitteilungen über die
Forderungen des Reichslandbundes habe ich
ler Landbundzeitung vom Januar ent-
ı1o0mmen, in der wörtlich steht:

Wir stellen folgende Forderungen auf:

Wir! —

Kein neuer Handelsvertrag mit weiterer
Preisgabe des landwirtschaftlichen
Schutzes, keine autonome Herabsetzung
'etzt in Kraft befindlicher landwirtschaft-
icher Zollsätze, kein neuer Handelsver-
rag mit allgemeiner Meistbegünstigung,
Verbot der Einfuhrbeseitigung aller zoll:
ireien usw., sofortiges Wiederinkraft-
setzen des $ 12 des Fleischbeschaugesetzes,
Verbot der Einfuhr von lebendem Vieh,
Neugestaltung des Zolltarifs mit dem
Ziel, daß die autonomen Zollsätze für. die
landwirtschaftlichen Erzeugnisse eine
wirksame Waffe im Handelsvertragsver-
kehr sind.
‘Herr Freiherr von Wilmowsky: Vom
April!) — Vom Januar! (Herr Freiherr von
Wilmowsky: Der Brief ist später ge-
schrieben!) Ich habe das dort entnommen.

Dann habe ich Ausführungen, die Herr
Graf Kalckreuth gemacht hat, seiner Rede
vom Februar 1928 entnommen. Die lauten:

Eine wesentliche Exportsteigerung ist
seit dem Dawes-Abkommen nicht einge-
treten.

Das ist ein Irrtum. Sie ist um 40 Prozent
höher. Er sagt dann weiter am 23. Februar
1928:

Das Ausland will unsere Ware nicht.
Der Export hat keine Steigerungsaus-
sichten.

Wenn wir uns darauf verlassen müßten,
verehrter Herr Landrat, ich glaube, dann
wären wir in der deutschen Wirtschaft ver-
oren. Ich stehe gar nicht auf dem ein-
‚eitigen Standpunkt, gegen die Landwirt-
schaft zu sprechen. Ich wollte für sie
        <pb n="31" />
        Sprechen, denn ich bin selbst im Nebenamt
auch Landwirt, habe eine Domäne von
tausend Morgen gepachtet und weiß seit
langen Jahren am eigenen Leibe, wie es aus
Schaut. Ich sage, daß ich manchmal nicht
in der Lage bin, trotz meiner Beziehungen,
die ich auf anderen Gebieten habe, ein
Schwein zu verkaufen, weil kein Käufer da
ist, oder 100 oder 300 Zentner Roggen
irgendwo unterzubringen, weil es keine Auf-
nahmeorganisation gibt. Ich habe 300 Zentner
Roggen 10 Tage lang angeboten, sogar vor:
geschlagen, einer Berliner Mühle mit Last-
auto vor das Haus zu fahren. Ich habe sie
dem Handel angeboten. Es war keine Auf:
nahmeorganisation da, da man ja mit
solchen Dingen bekanntlich nicht an der
Börse handeln kann. Deshalb sage ich aus
eigener Erfahrung, daß die landwirtschaft-
lichen Organisationen im argen liegen.
Ich darf Ihnen als besserem Kenner der
Verhältnisse auch noch einmal folgendes
sagen: Mannheim braucht jeden Tag 70000
Liter Milch. Zur Lieferung dieser 70000
Liter sind dort unten infolge der dortigen
Produktionsverhältnisse 22000 Produzenten
notwendig: Lieferung also 3 Liter durch:
schnittlich pro Produzent. Das ist keine
rationelle Wirtschaft. Dabei kann die Milch-
produktion nicht existieren; dazu sind die
Zwischenkosten des Hinbringens an’ den
Konsumenten viel zu groß. Und wenn der
Herr Präsident ganz mit Recht sagte, daß
Neuorganisation lange dauern werde, so
weiß ich, da ich selbst Oldenburger bin, von
Geburt an diese Dinge kenne und Brüder in
der Verwaltung dort tätig gehabt habe, auch
in leitenden Stellen als beamtete Minister,
wie langsam es geht. Die Oldenburger sind
auf diesem Gebiete trotzdem wesentlich
weiter als andere Bezirke. Aber auch hier,
Herr Dr. Goldschmidt, kann der Staat
helfen durch Unterstützung einer genossen;
schaftlichen Gesetzgebung. (Sehr richtig!)
Darin liegt auch in Deutschland und in
Preußen vieles im argen. Sie werden ja die
Arbeitslosenverhältnisse nicht leicht bei uns
ändern. Aber auch dazu möchte ich etwas
sagen.
Wenn einer der Herren sich einmal den
Tarif der landwirtschaftlichen Arbeiter mit
den Arbeitgebern ansehen würde, dann
würde er mein Bestreben unterstützen, das
dahin geht, diesen Tarif zu ändern, denn der
Barlohn ist ein entsetzlich niedriger. Der
Tarifbarlohn beträgt heute 14 Pfg. Das Ge-
samteinkommen des ländlichen Arbeiters
ist verhältnismäßig höher als das des

Stadtarbeiters — verhältnismäßig! Ein Ar-
beiter bekommt aber neben dem Barlohn
’, Morgen Land, das ihm wohl 75 Zentner
Kartoffeln bringt, weil der Landwirt ver;
pflichtet ist, es dem Arbeiter zu bestellen,
den Mist hinaufzufahren, zu pflügen usw.
— das muß der Gutsbesitzer tun — er be:
&lt;ommt neben diesen 74 oder 75 Zentner,
lie er erntet, nach dem Tarif 84 Zentner
Kartoffeln in natura, 24 Zentner Roggen,
/ Ztr. Gerste, jeden Tag seinen Liter Milch,
hat zwei Schweine, hat noch ein Gartenland
ınd eine Kuh. Diese Naturalien sind zu
sroß; sie müssen zugunsten des Barlohns
&gt;rmäßigt werden. Das ist eine Aufgabe, die
lie Landwirtschaft hat. Wenn Sie nach dem
sten gehen, so kommen Sie bis auf Bar-
‚öhne von 10*/, Pfg. hinunter. Das ist für
zinen landwirtschaftlichen Arbeiter, der mit
überflüssigen Naturalien nicht umzugehen
vermag, keine Ratio. Er kann seine Kar-
offeln nicht verkaufen, denn der große
‚andwirt kann sie schon oft nicht verkaufen.
Nenn die Frau mitarbeitet, bekommt sie
ıuch noch Naturalien. Was soll dieser Mann
nit 150 Zentner bis 175 Zentner Kartoffeln
nachen? Das ist ein Unglück für den Men-
‚schen. Die Hälfte muß ihm verfaulen, weil
;r die Mieten gar nicht so machen kann, wie
3s sein muß, besonders wenn die Kartoffeln,
wie in den letzten beiden Jahren sehr
wasserhaltig sind. Ich bin der Meinung, daß
nan als Wirtschaftsführer, wenn es auch
lem anderen Stande oder dem einzelnen
Jenossen unangenehm ist, ruhig und offen
sagen soll, wie man denkt, wenn es auch
;twas einseitig klingt; es ist gar nicht ein;
jeitig von mir gemeint. Ich weiß wohl, daß
lie Steuerfragen wichtig sind. Aber sehen
Sie sich doch auch das einmal an! Der
Staat hat Steuergesetze gemacht. Steuern
nüssen gezahlt werden. Der Großgrund-
jesitz oder sagen wir 25000 Betriebe in
Jeutschland führen Bücher. Aber 5 Millio-
ıen Landwirte führen kein Buch. ‘Nun
zommt der Steuerschätzer und schätzt nach
lem Durchschnittsertrag und sagt: dort
oringt im Durchschnitt der Morgen so und
30 viel. Dann muß der Bauer Steuern zahlen,
üb er etwas verdient hat oder nicht ver;
lient hat, weil er keine Bücher führt, weil
»;r den Nachweis nicht führen kann; und
ılle Versuche, die Bauern zu veranlassen,
3ücher zu führen, was die Steuerbehörde
icher konzedieren würde in Form eines
Oktavheftes, in das nur die Ausgaben und
Jinnahmen hineinzuschreiben sind, sind ge-
scheitert. Ich darf hier aussprechen, das
sind sehr wichtige Fragen, an ihnen hängen
        <pb n="32" />
        oft die Steuerschulden, denn Sie werden alle
mit mir nicht verlangen, daß der Bauer
Steuern zahlen soll, wenn er nichts verdient.
Aber er muß den Nachweis bringen. Und
ich mache den landwirtschaftlichen Organi-
sationen nicht mit Unrecht den Vorwurf,
daß sie diese Dinge schon längst hätten in
Ordnung bringen sollen. (Sehr richtig!) Das
ist so rückständig wie nur möglich; das ist
nach meiner Meinung vorsintflutlich und
mittelalterlich. Das muß man ruhig einmal
sagen gerade in Kreisen von Männern, die
ja mithelfen sollen, denn das ist auch mein
Wunsch. Wenn es zu langsam geht, dann

nuß eben mehr Dampf dahinter gemacht
verden; sonst gehen wir nämlich alle vor
lie Hunde. Das ist meine Auffassung von
len Dingen. Deshalb muß es die Aufgabe
les Reichsverbandes der Deutschen In-
lustrie und des Großhandelsverbandes sein,
ler Landwirtschaft in dieser Beziehung hilf-
‚eich zur Seite zu stehen und bei der Selbst:
1ilfe mit aufzubauen, denn wenn wir das
ıoch 10 oder 20 Jahre so gehen lassen, ich
;laube, dann geht die Wirtschaft viel
schwierigeren Zeiten entgegen, als wir es
ıoffen und wünschen und als es für uns
Deutsche gut ist. (Lebhaifter Beifall.)
        <pb n="33" />
        <pb n="34" />
        Dr. TRENDELENBURG, Staatssekretär im Reichswirtschaftsministerium:
DIE WIRTSCHAFTSARBEITEN DES VÖLKERBUNDES
SEIT DER WELTWIRTSCHAFTSKONFERENZ.

Meine sehr verehrten Herren! Ich bin
der freundlich an mich ergangenen Einz
ladung des Präsidiums des Reichsverbandes,
hier in diesem Kreise über die weltwirt-
schaftlichen Arbeiten des Völkerbundes ein
Referat zu halten, sehr gern gefolgt, denn
es muß jedem, der diese außerordentlich
schwierigen Dinge behandelt und in einem
nicht gerade sehr einfachen Milieu die deut-
schen Interessen zu vertreten hat, daran ge:
legen sein, sich in ständiger Fühlung mit
den deutschen Wirtschaftskreisen zu halten,
sich stets darüber klar zu werden, ob und
inwieweit er mit diesen Kreisen in Über»
einstimmung ist, und sich der tatkräftigen
Mitarbeit aller Kreise der deutschen Wirt-
schaft zu versichern.

Die Grundlagen für die Arbeiten des
Völkerbundes auf weltwirtschaftlichem Ge:
biete sind die Ergebnisse der Weltwirt-
schaftskonferenz. Ich werde sie im ein:
zelnen Ihnen nicht ins Gedächtnis zurück:
zurufen brauchen, weil ich glaube, daß die
Empfehlungen, die damals in Genf vor
Jahresfrist ausgesprochen worden sind, den
hier versammelten Herren einigermaßen
vertraut sind. Es ist ja auch kürzlich, ge-
cade in diesen letzten Tagen wieder das
Wichtigste aus diesen Entschließungen der
deutschen Öffentlichkeit zugänglich gemacht
worden in dem einstimmig beschlossenen
Gutachten des Reichswirtschaftsrats zu
dieser Frage, in einer Entschließung, die
wir nur in jeder Beziehung begrüßen können
und die eine volle Bestätigung der Ten:
denzen enthält, welche die Weltwirtschafts-
konferenz geleitet haben.

Ich möchte Ihnen nur ganz kurz in Er:
innerung zurückrufen, daß die Empfehlun-
gen zwei große Fragengebiete betreffen. Zu
einem Teile bewegen sie sich mehr in der
privatwirtschaftlichen Sphäre, so die Emp-
fehlungen zur Frage der internationalen
Kartellierung, Empfehlungen über die Stanz
dardisierung, Rationalisierung und der:
gleichen. Auf der anderen Seite betreffen
diese Empfehlungen mehr die staatliche
Wirtschaftspolitik und zielen darauf hin,
zunächst durch einen Ausbau des Nachrich-
ten= und statistischen Apparates, durch eine
Anpassung der statistischen Methoden und

\usbau der internationalen Statistik die
&lt;enntnise der wirtschaftlichen Vorgänge zu
vertiefen und zu verallgemeinern. Dann sind
weiter empfohlen gewisse technische Ver-
:inheitlichungen, wie z. B. die Vereinheit-
ichung der Zolltarifnomenklatur. Es folgt
chließlich eine Reihe von Empfehlungen, die
nehr den materiellen Inhalt der Handels-
ınd Wirtschaftspolitik betreffen und sich in
janz besonderem Maße mit dem Problem
les Zollniveaus beschäftigen, das in der
Nachkriegszeit besonders in Europa, und
ıer wieder besonders bei industriellen
“ertigwaren, sich sehr stark erhöht hat.

Es liegt bei der Natur des Völkerbundes
1ahe, daß die wirtschaftliche Organisation
les Völkerbundes sich vornehmlich mit
liesem zweiten Fragenkomplex beschäftigt
ıat, der mehr die staatliche Wirtschafts:
»olitik betrifft und _zwischenstaatliche
Vaßnahmen in Betracht zieht. Das ergibt
ich aus der Struktur des Völkerbundes,
lenn er ist ein Verein von Staaten und nicht
in Verein von wirtschaftlichen Organi-
‚ationen.

Wie sieht nun die Organisation des
/ölkerbundes aus, die sich mit all diesen
“ragen seit dem Mai vorigen Jahres mit
verstärkter Energie beschäftigt hat? Da bez
;teht als ständiges Büro das sogenannte
Sekretariat des Völkerbundes, das eine wirt:
‚schaftliche Abteilung enthält, dessen Be-
ımtenkörper aus Angehörigen der Länder
ıller Welt zusammengesetzt ist, die so ge-
vissermaßen die Geschäftsführung des
janzen Apparats haben. Die sachliche
„eitung liegt dem sogenannten Wirtschafts-
‚usschuß (Comite &amp;conomique) ob. Er be:
;teht aus 15 Mitgliedern, Persönlichkeiten
ıus verschiedenen Nationen, die fast alle
n enger Beziehung zu der amtlichen Han-
lelspolitik ihres Heimatlandes stehen. Für
Jeutschland z. B. bin ich Vertreter in die:
‚em Wirtschaftsausschuß, für Frankreich
st es der Handelsvertragsdirektor Serruys,
ür England ist es der frühere Staatssekre-
:är des Board of Trade, Sir Sidney Chap-
nan, für Italien der Handelsvertragsdirektor
li Nola, für Oesterreich Herr Schüller, der
Ihnen allen als Handelspolitiker bekannt ist.
Is besteht also eine sehr starke Anlehnung
        <pb n="35" />
        A ale, A A a
des Wirtschaftsausschusses an die Regie-
rungen der wichtigsten Länder. Trotzdem
sind die Mitglieder dieses Ausschusses nicht
etwa bevollmächtigte Vertreter ihrer Regie-
ungen. Sie verpflichten ihre Regierun
nicht durch das, was sie tun, sondern sie
sind in ihrem Verhältnis zum Völkerbund
Sachverständige und Privatleute.

Demnächst wird auch ein Amerikaner
dem Wirtschaftsausschuß beitreten. Ob-

ohl die Amerikaner nicht Mitglied des
ölkerbundes sind, sind sie doch in der letz:
en Tagung des Völkerbundsrates einge:
aden worden, sich an den Arbeiten des
irtschaftsausschusses durch einen Beob-
achter zu beteiligen.

Die Kommission tagt viermal im Jahre.
hre Arbeitsweise ist im wesentlichen So,
daß für Spezialfragen Unterkommissionen
eingesetzt werden, die nicht notwendig aus
Mitgliedern des Wirtschaftsausschusses zu
bestehen brauchen, sondern die in vielen
Fällen besondere Sachverständige, nament-
lich bei technischen Fragen, heranziehen.

eben diesem ständigen Wirtschafts:
ausschuß ist in Verfolg der Weltwirt-
schaftskonferenz noch ein beratender Wirt
schaftsausschuß (Comite consultatif) von
etwa 50 Personen gebildet worden, die auch
aus fast allen Ländern der Welt zusammen:
gerufen sind; fast alle wirtschaftlichen Be-
ufsgruppen sind darin vertreten. Er soll
jährlich einmal tagen und wird erstmalig
am 14. Mai dieses Jahres zusammentreten.

Deutschland ist durch drei Persönlichkeiten

dort vertreten, durch die Herren von Men:

delssohn, Lammers und Hermes. Ferner
gehört ihm auf Berufung des Internatio-
nalen Arbeitsamts der deutsche Gewerk-
schaftsführer Hermann Müller an, und
ch selbst befinde mich unter den fünf vom

irtschaftsausschuß des Völkerbundes ent-
sandten Vertretern. Die Arbeitsweise dieses
beratenden Wirtschaftsausschusses läßt sicl

im Augenblick noch nicht übersehen, sie

muß sich erst aus der Praxis heraus ent-
ickeln. Aber der Grundgedanke ist wohl,

neben dem mehr in Fühlung mit den Regie
rungen stehenden Wirtschaftsausschuß ein

Organ zu haben, in dem Persönlichkeiten zu
orte kommen, die unmittelbar im Wirt:

schaftsleben stehen, und die gegenüber de

mehr exekutiv gerichteten Arbeit des Wirt:
chaftsausschusses eine mehr beratende
unktion haben sollen. Die Arbeitsteilung

im einzelnen aber muß die Praxis erst her-

ausarbeiten, und.in Genf spielen Praxis

und Übung oft eine größere Rolle als
statutarische Bestimmunge

Daneben stützt sich nun die Arbeit des
ölkerbundes in sehr starkem Maße auf die
roßen freien internationalen Vereinigun-

jen, von denen die wichtigsten sind die
nternationale Handelskammer, dann die
nternationalen Gewerkschaften, die soge-
annte Rote Internationale, dann eine neu-
gebildete internationale Gruppe der Land:
wirtschaft, die man auch als Grüne Inter:
ationale bezeichnet. Das Genfer Arbeits:
mt als eine paritätisch zusammengesetzte
nd für sozialpolitische Fragen berufene Be-
örde spielt auch in die ganze Handels: und.
irtschaftspolitik etwas hinein. Daneben
ommen nun noch die verschiedenen Ligen
ür Völkerbund und die Interparlamen-
arische Union. Also man sieht, daß die-
elben Fragen auf außerordentlich vielen
lattformen immer wieder besprochen
erden. Es ist deshalb außerordentlich
ichtig, daß diejenigen Kreise, um deren
nteresse es sich in erster Linie handelt, in
nger Fühlung miteinander bleiben, daß es
ermieden wird, daß aus diesem vielen
ebeneinander der verschiedenen Platt:
ormen nachher im Endergebnis etwas Un-
&lt;lares als deutsche Haltung herauskommt.
it besonderer Freude können wir fest:
tellen, daß insbesondere die. Arbeit der
eutschen Gruppe der Internationalen Han-
elskammer, welche die deutschen ein
chlägigen Spitzenorganisationen zusammen-
aßt, sich stets vertrauensvoll vollzogen hat
nd sich da niemals Schwierigkeiten ergebe
aben.

Was nun die Arbeitsmethode des
ölkerbundes anlangt, so ist vorweg zu be-
erken, daß dem Völkerbund jede Kom:
etenz zur Entscheidung irgendwelcher
ragen wirtschaftspolitischer Art, jede Kom:
etenz, den Ländern irgend etwas gegen
ren Willen zu oktroyieren, fehlt. Die
asis für ein Weiterkommen kann also
mer nur eine Vereinbarung zwischen de
ändern, also ein plurilateraler Vertrag
ein, an dem soundsoviele Länder sich be:
eiligen und wo jedes einzelne Land sich
ei entschließen kann, ob es mitmacht oder
icht mitmacht. Es herrscht also im Völker:
und das System der Einstimmigkeit, selbst:
erständlich immer nur für das Gesamt:
rgebnis. Es ist durchaus möglich und
ommt auch wiederholt vor, daß in Einzel:

ragen, also bei Einzelparagraphen einzelner
onventionen auch Abstimmungen statt:
inden. Aber es hat dann jeder Partner die
Ööglichkeit, zu sagen: weil in diesem Falle
einem Wunsch nicht Rechnung getragen
ist, beteilige ich mich an der Angelegenhei
        <pb n="36" />
        nicht mehr. Es ist also schon hierin eine
gewisse — ich möchte sagen — Bedachtsam-
keit der Politik des Völkerbundes ohne
weiteres gegeben.

Außerdem herrscht im Völkerbund das
Universalitätsprinzip, d. h. der Völkerbund
will eine Zusammenfassung aller Nationen
sein. Insofern ist der Völkerbund für die
Betrachtungen weltwirtschaftlicher Probleme
einerseits zu klein, andererseits zu groß. Zu
klein, wenn man glaubt, daß diese weltwirt-
schaftlichen Probleme unter Mitwirkung
aller Staaten gelöst werden müssen, weil
dem Völkerbund bekanntlich die Vereinig-
ten Staaten und Rußland neben einigen
anderen Staaten, die sich noch etwas abseits
halten, nicht angehören. Andererseits ist
er zu groß, wenn man die Probleme in erster
Linie als europäische Probleme betrachtet,
weil jedesmal, wenn nun ein Problem, das
im Grunde ein europäisches Problem ist,
erörtert wird, die ganz anders gearteten Ver-
hältnisse der außereuropäischen Länder mit
Berücksichtigung finden müssen. Ein kleines,
etwas groteskes Beispiel: Als wir das
Problem der Ein: und Ausfuhrverbote, das
im wesentlichen ein europäisches Problem
ist, da im wesentlichen nur europäische
Staaten Ein: und Ausfuhrverbote haben, er-
örterten, mußten wir, uns allen ziemlich un:
vermutet, zu der Frage Stellung nehmen, ob
es Ägypten erlaubt sein soll, ein Ausfuhr-
verbot für Taubenmist aufrechtzuerhalten.
(Heiterkeit.)

Die Arbeiten des _Wirtschaftsaus-
schusses seit dem Mai vorigen Jahres haben
nun den Versuch gemacht, das ganze Terz:
rain, das in den Beschlüssen der Wirt-
schaftskonferenz behandelt worden ist, ge:
wissermaßen abzutasten, wo die Dinge zu
einer Verständigung reif sind, wo also die
Möglichkeit besteht, zu einem plurilateralen
Vertrag zu kommen, d. h. zu einem Vertrag
mit vielen Teilnehmern, zu einer Art Karz
tellvertrag im Gegensatz zu einem zwei:
seitigen Vertrag, wie es die gewöhnlichen
Handelsverträge sind.

Ich darf Ihnen kurz die Gegenstände,
mit denen man sich da in erster Linie be:
schäftigt hat, darlegen.

Zunächst die Frage der Zolltarif-:
nomenklatur. Es wird ja dieser Frage
auch in Deutschland ein sehr großes Inter-
esse entgegengebracht. Es handelt sich da-
bei nicht nur um eine rein technische Frage,
wie es den Anschein haben könnte, um eine
Frage der Erleichterung des Handelsver-
kehrs im einzelnen und auch der Handels:
vertragsverhandlungen im einzelnen, wenn

lieselben Waren unter die gleiche Defi-
ıtion, unter die gleiche Zolltarifposition in
len verschiedenen Ländern gebracht wer:
den. Die Bedeutung der Frage geht viel:
mehr sehr weit darüber hinaus, und reicht
bis in den Fabrikationsprozeß hinein. Denn
as ist klar, daß bei der Verschiedenheit der
Zolltarifnomenklatur, wie sie jetzt ist, viel:
ach, um der Ausfuhrware in allen Ländern
las Optimum der Zollbelastung zu sichern,
:ür jedes Land eine besondere Konstruk-
jon oder eine besondere Ausstattungs-
ırt gewählt werden muß. Das spielt nament-
ich bei zusammengesetzten Waren einc
sehr starke Rolle. Also ich glaube, daß der
Völkerbund mit Recht die Frage der Ver-
»inheitlichung der Zolltarifnomenklatur auf-
jegriffen hat. Die praktische Arbeit ist
vom Wirtschaftsausschuß des Völkerbundes
n der Weise in Angriff genommen worden,
daß zunächst eine ganz kleine Kommission
‚on 5 Personen eingesetzt worden ist, die
zinen allgemeinen Rahmen und Grundlinien
ür die spätere Ausfüllung dieses Rahmens
aufgestellt hat. In dieser Kommission ist
Jeutschland durch. Herrn Geheimrat Flach
vertreten, welcher über langjährige Erfah-
‚ungen auf diesem Gebiete, namentlich auch
ıinsichtlich der landwirtschaftlichen Ab-
schnitte des deutschen Zolltarifs, verfügt.
Die vorläufigen Ergebnisse dieser Kom:
nissionsarbeiten sind kürzlich veröffent-
icht worden, worauf Sie wohl der Reichs:
verband schon hingewiesen hat. Ich würde
Ihnen außerordentlich dankbar sein, wenn
Sie dieser Veröffentlichung Ihr Interesse
antgegenbringen und uns durch Vermittlung
les Reichsverbandes Ihre Bemerkungen zu
lem gegenwärtigen Stande der Vorarbeiten
nitteilen würden. Die Beratungen des
Jnterkomitees sollen im Juni fortgesetzt
werden.

Eine Gefahr wird bei den weiteren
Arbeiten zur Vereinheitlichung der Zoll:
:arifnomenklatur sich ergeben, und es wird
jewiß Mühe kosten, sie zu überwinden. Es
ıst klar, daß die Interessen jeder einzelnen
Wirtschaft und jedes einzelnen Landes bei
den verschiedenen Waren verschieden sind.
Ein Land, das auf einem Warengebiete im
wesentlichen Exportland ist, wird ein Inter:
ssse daran haben, daß dieses Warengebiet
nöglichst wenig unterteilt wird in dem
Zolltarif, weil selbstverständlich bei einer
geringen Unterteilung — jedenfalls soweit
es sich um spezifische Tarife handelt — die
Zxportmöglichkeiten größer sind als bei
siner starken Unterteilung. Umgekehrt wird
jedes Land, das gewissermaßen sich in der
Verteidigung befindet, auf einem Waren:
        <pb n="37" />
        gebiete, Interesse daran haben, dieses Ge-
biet möglichst stark unterteilt zu sehen, da-
mit möglichst jede Warenart und jede
Warenqualität eine ihrem Wert ent:
sprechende Zollbelastung erfährt.
Die große Gefahr, die sich bei diesem
Gegeneinander der Interessen ergibt, ist,
daß die Schwierigkeiten, die sich daraus er-
geben werden, mit dem beliebten Mittel der
Inflation überwunden werden, daß man also
sagt: in dubio machen wir ein paar Posi:
tionen mehr und daß dann ‘statt 2300 Posi-
tionen und Unterpositionen, die wir z.B.
jetzt im deutschen Zolltarif haben, 10000
oder 20000 Tarifnummern aufgeführt wer-
den, was natürlich eine Unmöglichkeit sein
würde — (eine ganze Unmöglichkeit nicht,
denn der haitanische Zolltarif hat schon
jetzt 13 300 Zollpositionen). Aber was doch
für Europa zweifellos eine Unmöglichkeit
sein würde. Man wird sich bei den
weiteren Arbeiten vor Augen halten müssen:
mit der Vereinheitlichung allein ist es nicht
geschehen, sondern mit dieser Vereinheit-
lichung muß gleichzeitig auch der immer
weiter fortschreitenden Spezialisierung Ein-
halt getan werden. Wenn man bedenkt, daß
wir bei den deutsch-französischen Vertrags-
verhandlungen über einige Tausend ver-
schiedene Tarifpositionen verhandeln muß-
ten, so kann man sich keine Vorstellung
davon machen, wie überhaupt noch Tarif
verhandlungen möglich sein sollen, wenn
die Spezialisierung der Zolltarife immer
weiter um sich greift. Ich glaube, wir müs-
sen vom deutschen Standpunkt aus, da wir
doch ein Interesse daran haben, die Außen
handelsbeziehungen sich ausweiten zu sehen,
Gewicht darauf legen, daß mit der Vereinz
heitlichung dieses Zolltarifschemas gleich:
zeitig eine Beschränkung der Zahl der
Tarifpositionen eintritt. Das bisherige
deutsche Tarifsystem ist mit insgesamt 2300
Positionen in dieser Beziehung sehr verz-
ständig, Frankreich hatte mit 4371 Posi-
tionen schon bei dem alten Tarif stärker
spezialisiert, durch den neuen Tarif ist dort
die Zahl der Positionen inzwischen auf
gegen 6000 gestiegen.
Weiter ist die Frage der Statistik
im Wirtschaftsausschuß erörtert worden,
auch in einer kleinen Unterkommission, die
ein Programm aufgestellt hat. In der
Unterkommission waren im wesentlichen
die amtlichen Statistiker der Staaten be:
teiligt, außerdem einige Herren von der
Internationalen Handelskammer und ähn-
lichen Organisationen. Sie haben ein Pro-
gramm für eine statistische diplomatische
Konferenz aufgestellt, die im Winter 1928/29

stattfindet. Das Ziel dieser Konferenz ist
sine gewisse Vereinheitlichung statistischer
Methoden im allgemeinen und eine Ver-
ständigung über eine internationale Aus-
weitung der Produktionsstatistik zu er-
'eichen. Wenn ich sage: Ausweitung der Pro-
Juktionsstatistik, so wird das nicht über
unsere gegenwärtige Produktionsstatistik
sehr weit hinauszugehen brauchen, sondern
23S handelt sich mehr um die Einfügung von
Ländern, die im Augenblick noch keine Pro-
luktionsstatistik haben, in das Minimum
lessen, was man nach internationalen Ge-
sichtspunkten von der Produktionsstatistik
verlangen muß.

Der dritte Fragenkomplex ist die Be-
seitigung der Aus: und Einfuhrver-:
bote. Da hat eine diplomatische Konferenz
im Oktober/November 1927 stattgefunden,
die dazu geführt hat, daß von einer großen
Zahl von Staaten, insbesondere den wesent:
ichsten europäischen Staaten, ein Kon:
ventionsentwurf unterzeichnet worden ist.
Zs wird Ihnen, meine Herren, dieser Kon:
ventionsentwurf wohl in den Grundzügen
»jekannt sein. Es sind in einem Artikel 4
lie Ausnahmen für den Erlaß von Ein: und
Ausfuhrverboten unter dem Gesichtspunkt
Mfentlicher Interessen, sanitärer Interessen
ınd dergleichen vorgesehen. In Artikel 5
st eine sogenannte Katastrophenklausel.
Wenn Verhältnisse eintreten, die das Wirt-
schaftsleben eines ganzen Landes in große
Schwierigkeiten bringen, dann soll die Mög:
lichkeit gegeben sein, Aus- und Einfuhrver-
’ote zu erlassen. Wichtig ist, daß aus dem
Entwurf die Klausel verschwunden ist, nach
welcher im Interesse der Landesverteidigung
Ausfuhr: und Einfuhrverbote sollten er:
lassen werden können. Es ist klar, daß
Deutschland sich gegen diesen Gedanken
wenden mußte, denn er würde in der prak-
tischen Anwendung gewiß immer gegen uns
ausgeschlagen sein. Der Wegfall des Ge:
sichtspunktes der Landesverteidigung veran-
laßte nun die Engländer, eine Reserve für die
Aufrechterhaltung ihrer Farbstoffeinfuhr-
verbote anzumelden. Wir haben diese
Reserve zugelassen, nachdem man uns volle
Bewegungsfreiheit hinsichtlich der Kohlen-
wirtschaft zugestanden hatte.

Der zweite allgemeine Grundsatz, der
auf der Konferenz zur Annahme kam, wo-
nach von keinem Land ein bestehendes
Aus; oder Einfuhrverbot aufrechterhalten
werden darf, wenn nicht eine besondere
Reserve in der Konvention selbst gemacht
und von den anderen vertragsschließenden
Teilen angenommen würde, hat zunächst zu
jroßen Schwierigkeiten geführt, indem sehr
        <pb n="38" />
        viele Länder zahlreiche Reserven anmelde-
ten, deren Annahme den Wert der ganzen
Konvention völlig in Frage gestellt hätte.
Um diesen Ländern Zeit zur Selbst:
besinnung zu geben, hat man schließlich die
Entscheidung über diese weiteren Reserven
vertagt. Es wird eine zweite Konferenz im
Juli d. J. stattfinden. Inzwischen sind einige
dieser Ausnahmewünsche durch eine fach-
liche Erörterung erledigt worden.

Es hatte sich nämlich ergeben, daß z.B.
für Häute und Felle und für Knochen von
einer ganzen Reihe von Staaten Ausnahmen
angemeldet worden waren, die im wesent-
lichen immer wieder damit operierten, daß
andere Staaten aus diesen Verboten für
Häute und Felle und Knochen nicht heraus
wollten. Man hat nun im März in Genf
die Vertreter derjenigen Länder, die an
dieser Häute-Wirtschaft und Knochen-Wirt-
schaft beteiligt sind, zusammenberufen und
hat den Erfolg gehabt, daß bei Häuten und
Fellen sich alle beteiligten Länder bereit er-
klärt haben, ihre Ausfuhrverbote aufzu-
heben und auch keine Ausfuhrabgaben an
die Stelle der Ausfuhrverbote zu setzen, was
wir im deutschen Interesse außerordentlich
zu begrüßen haben. Bei Knochen ist die
Sache nicht ganz so glatt gegangen. Da
haben sich zwar auch alle Länder bereit
erklärt, ihre Ausfuhrverbote aufzuheben,
aber sie haben sich doch vorbehalten, Aus-
fuhrabgaben zu erheben. Diese sind aber
auf höchstens 3 Goldfranken beschränkt
worden. Das ist noch ein kleiner Schön:
heitsfehler. Im ganzen aber, glaube ich,
wird man mit der Erledigung der An:
gelegenheit zufrieden sein können.

Es ist von gewisser Seite inzwischen ge:
fordert worden, man sollte diese Konvention
nicht ratifizieren, da die Landwirtschaft
kommerzielle Einfuhrverbote für landwirt-
schaftliche Erzeugnisse absolut notwendig
habe. Ich glaube, ganz so einfach wie die
Herren, welche diesen Vorschlag gemacht
haben, sich das denken, wird sich der Ge-
danke nicht verwirklichen lassen. Wenn wir
uns vorbehalten, Einfuhrverbote für land:
wirtschaftliche Produkte zu erlassen, um
landwirtschaftliche Produkte nur aus solchen
Ländern zu beziehen, die ihrerseits deutsche
industrielle Produkte abnehmen — und das
ist der Grundgedanke des Vorschlags —,
dann würden agrarische Länder Einfuhrver-
bote für industrielle Produkte machen und
würden nun mit ihren Einfuhrverboten für
industrielle Produkte genau so operieren
wie wir mit den Einfuhrverboten für land:
wirtschaftliche Produkte zu operieren ge:
dächten; und das ganze wird dann nichts

ınderes sein als ein Rückfall in die Metho-
len, die wir in der besonderen Not des
&lt;rieges haben Platz greifen lassen müssen,
vo man Ware gegen Ware und Einfuhrkon:-
ingent gegen Einfuhrkontingent handelte.
Nir werden alle darin einig sein, daß solche
»rimitive Methoden in der heutigen welt-
wirtschaftlichen Lage undenkbar sind.

Dann ein weiterer Fragenkomplex, der
aber hier nicht weiter interessieren wird, ist
lie Vereinheitlichung des inter:
ı1ationalen Wechselrechts, wodie
Schwierigkeit darin besteht, zwischen den
ziemlich Ähnlichen Systemen der Kon;
inentalstaaten einerseits und dem angel:
;ächsischen System, das davon vollständig
verschieden ist, andererseits, eine Brücke zu
inden. Man hat es lange vergeblich ver-
sucht. Jetzt will man einen anderen Weg
jehen. Man will versuchen, nur die kon:
inentalen Systeme zu vereinheitlichen, sich
m übrigen aber darauf beschränken, die
ıngelsächsischen Systeme diesen Kontiz
ıentalsystemen etwas anzupassen.

Ein fünfter großer Fragenkomplex, der
auch schon im Beginn der Ausführung ist,
st das Niederlassungs-und Frem-:
lenrecht, wo dank der Vorarbeiten der
Internationalen Handelskammer, die einen
Vorentwurf aufgestellt hatte, der auch schon
ler Weltwirtschaftskonferenz vorgelegen
ıat, jetzt die Möglichkeit gegeben war, einen
£ntwurf durch den Wirtschaftsausschuß des
Völkerbundes zu verabschieden, der nun:
nehr den Regierungen vorgelegt wird. Man
vird annehmen können, daß vielleicht im
7rühjahr nächsten Jahres eine internationale
&lt;onferenz zum Abschluß einer Konvention
zusammentreten wird.

Das sind diejenigen größeren Fragen-
&lt;omplexe — kleinere habe ich nicht er-
vähnt —, die schon jetzt im Stadium der
Ausführung sind oder schon ausgeführt
worden sind. Ich brauche nur noch ein
&lt;leines Gebiet hinzuzufügen, das Gebiet der
Zollformalitäten. Die diesbezüg-
ichen Arbeiten liegen aber schon vor der
Weltwirtschaftskonferenz. Sie werden alle
ias Abkommen über die Zollformalitäten
zennen, das ja einen kleinen ersten Anfang
zur Beseitigung der schlimmsten Auswüchse
Juf dem Gebiete der Zolltechnik enthält.

Darüber hinaus beschäftigt sich nun der
Wirtschaftsausschuß des Völkerbundes mit
Vorarbeiten oder, ich möchte sagen, mit
rheoretischen Untersuchungen über die
ınderen großen Probleme, die die Welt:
wirtschaftskonferenz auf zoll und handels-
»olitischem Gebiete aufgeworfen hat. Hier
ı1andelt es sich zunächst um die Frage des
        <pb n="39" />
        allgemeinen Zoll: und Handelsver:
tragssystems. Da steht im Vorder:
grunde die Frage des Meistbegünstigungs-
systems. Es wird Ihnen erinnerlich sein, daß
die Weltwirtschaftskonferenz empfohlen hat,
daß alle Länder wieder zu dem System der
Meistbegünstigung zurückkehren möchten,
und daß der Völkerbund einen einheitlichen
Typ der Meistbegünstigungsklausel schaffen
möchte. Um sich über die Tragweite dieser
Meistbegünstigungsklausel, die in vielen Be-
ziehungen streitig ist, schlüssig zu werden,
hat man innerhalb des Wirtschaftsaus-
schusses des Völkerbunds auf Grund von
Referentenberichten, die in diesem Frühjahr
ausgearbeitet worden waren, im wesent;
lichen folgende Fragen besprochen. Zuz-
nächst die Frage, ob, wenn ein Land einem
anderen Lande die Meistbegünstigung (aber
nicht mehr als die Meistbegünstigung) an:
bietet, dieses Land ein moralisches Recht
darauf hat, von jedem anderen Lande die
Meistbegünstigung zu erhalten. Das war
der Standpunkt der Vereinigten Staaten
schon auf der Weltwirtschaftskonferenz.
Der gleiche Standpunkt wurde von England
vertreten, während die kontinental - euro:
päischen Staaten sich gegen die Anerken:
nung eines solchen moralischen Rechts
wendeten. Es würde das nämlich bedeuten,
daß, einerlei, wie hoch das Tarifsystem eines
Landes ist, dieses Land allein durch das Anz
bieten der Meistbegünstigung von anderen
Staaten, die vielleicht ein sehr viel niedrige:
res Tarifsystem haben, die Meistbegünsti-
gung erhalten könnte, während selbstver-
ständlich diese anderen Staaten ein Interesse
daran haben, die Möglichkeit zu besitzen,
durch Versagung der Meistbegünstigung
einen Druck auf das fremde Zollniveau aus-
zuüben.

Der zweite Fragenkomplex, der in das
Gebiet der Meistbegünstigung fällt, ist die
Frage der unter regionalen Gesichtspunkten
zulässigen Ausnahmen von der Meist:
begünstigung. Sie kennen z. B. die baltische
Klausel. In dieses Kapitel fallen auch die
Präferentialsysteme zwischen Mutterländern
und Kolonien, und die bekannten Be-
strebungen, die man mit der Bezeichnung
„Donaukonföderation“ zusammenzufassen
pflegt.
Der dritte Fragenkomplex der Meist-
begünstigung deckt sich einigermaßen mit
der berühmten Streitfrage, die wir mit den
Vereinigten Staaten haben, ob Antidumping-
Maßnahmen mit der Meistbegünstigung in
Übereinstimmung zu bringen sind.

Dann kommt noch eine ganz schwierige

Meistbegünstigungsfrage, die Frage,. wie
Außenseiter bei Kollektivverträgen zu be:
handeln sind, welche die Meistbegünstigung
jegenüber einem der an dem Kollektiv:
vertrage Beteiligten genießen. Nehmen Sie
z. B. an, es würde die Konvention über die
Aufhebung der Ein- und Ausfuhrverbote
'atifiziert, und es würde irgendein Land
lieser Konvention nicht beitreten und weiter
Aus: und Einfuhrverbote handhaben, es
würde aber mit einem der „Kartellmitglieder“
:#inen Meistbegünstigungsvertrag haben —, so
st die Frage die, ob nun auf Grund der
Meistbegünstigung dieses Land das in An-
;pruch nehmen kann, was es eigentlich nur
zu bekommen hätte, wenn es selbst in das
&lt;artell hineinginge und dann auch die Kon:
jequenz für seine eigene Politik zöge. Diese
Frage hat schon einmal eine praktische
Rolle bei der Zuckerkonvention in der Vorz
&lt;riegszeit gespielt. Da verlangte Rußland
ıuf Grund eines mit England bestehenden
Meistbegünstigungsverhältnisses die Vorteile
der Zuckerkonvention, also die Vorteile der
in der Zuckerkonvention vorgesehenen
Töchstzölle zu erhalten, obwohl es seiner:
zeits die Voraussetzungen, unter denen die
Töchstzölle zugestanden waren, nämlich die
\bstandnahme von Prämien, nicht erfüllen
ınd auch nicht der Zuckerkonvention bei:
reten wollte. Damals hat sich England auf
len Standpunkt gestellt: nein, du kannst auf
arund der Meistbegünstigung das nicht be:
inspruchen, während Rußland sich auf den
Standpunkt stellte: die Meistbegünstigung
3ibt mir das Recht dazu. Bei der Erörterung
Jlieser Frage im Wirtschaftsausschusse des
Völkerbundes wurde man sich zwar darüber
klar, daß, soweit es sich um bestehende Ver:
träge handelt, es im wesentlichen von der
Auslegung dieser laufenden Verträge und
der in ihnen enthaltenen Meistbegünsti-
zungsklausel abhängen müßte, welche Rück:
wirkungen aus der Meistbegünstigungs-
&lt;lausel auf diese Verhältnisse eintreten.
Aber de lege ferenda, für künftige Handels:
verträge konnte man sich nicht recht klar
werden. Es liegt auf der Hand, welche große
Bedeutung diese Frage hat.

Die ganze Frage der Meistbegünstigung
muß noch weiter geprüft werden. Man ist
bis jetzt erst so weit, daß man sich einiger:
naßen darüber klar ist, worüber man sich
änig und worüber man sich uneinig ist,
und das ist gewiß noch nicht viel.

Einen besonders breiten Raum hat in
den Erörterungen das allgemeine Zoll:
ınd Handelsvertragssystem und
        <pb n="40" />
        die Frage eingenommen, ob es nicht möglich
sein würde, ein einheitliches Zollz und
Handelsvertragssystem zu vereinbaren. Ich
will hier nur ganz kurz andeuten, um welche
großen Probleme es sich dabei handelt.

Kontinental-Europa hat bekanntlich im
wesentlichen spezifische Zölle, und zwar ein
Konventional-System, das heißt ein System,
bei dem Zollsätze, die zunächst autonom
festgestellt werden, nachher in den Handels-
vertragsverhandlungen auf ihr endgültiges
Niveau herabgesetzt oder doch gebunden
werden. Frankreich hatte ein System starrer
Zölle in Form eines Doppeltarifs. Aber es
hat in dem deutsch-französischen Handels-
vertrag vom August vorigen Jahres dem
System der übrigen Kontinental-Länder doch
wesentliche Konzessionen gemacht, indem es
sich bereit erklärte, über seine eigenen Zoll
sätze zu verhandeln. . Erleichternd war aller-
dings dabei, daß diese Zollsätze noch nicht
Gesetz, sondern nur Vorlage waren. Frank-
reich ist also auf einem Wege begriffen, der
sich dem Konventional-System der übrigen
europäischen Länder anpaßt. Spanien und
Niederlande sind noch ganz starr, Spanien
mit sehr hohen Tarifen, während die Nieder-
lande in diesem Zusammenhang etwas
weniger interessieren, weil ihre Tarife
niedrig sind und mit einigen wenigen Aus-
nahmen finanzpolitischen Charakter haben.
England und die Vereinigten Staaten haben
ein starres System bei z. T. sehr hohen Zoll:
sätzen.

Nun war der Gedanke bei einigen Mit-
gliedern des Wirtschaftsausschusses des
Völkerbundes, man könnte eine Annäherung
dieses angelsächsischen Systems an das
kontinentalseuropäische Platz greifen lassen,
ähnlich, wie es die Franzosen schon voll;
zogen haben. Es ist wohl dieser Vorgang
dafür maßgebend gewesen, daß gerade das
französische Mitglied diesen Gedanken ver;
treten hat. Man wollte also die Angel:
sachsen dazu bringen, daß sie sich grund:
sätzlich bereit erklärten, über einzelne Zoll:
sätze mit anderen Ländern zu verhandeln.
Das haben sie aber bisher völlig abgelehnt.

Dann hat man weiter in der gleichen
theoretischen Weise das Problem der Zo11-
höhe und der Absenkung der nach dem
Kriege überhöhten Zolltarife studiert. Die
Weltwirtschaftskonferenz hat bekanntlich
drei Wege dafür vorgeschlagen, erstens den
Weg autonomer Maßnahmen — ich erinnere
da an die Erörterungen, die hier im Reichs-
wirtschaftsrat über die entsprechenden Vor-
Schläge der deutschen Regierung Sstattge-
Funden haben —, dann den Weg zweiseitiger

Verträge. Es ist ganz klar, daß seit der
Neltwirtschaftskonferenz dieser zweite Weg
‚ußerordentlich stark dadurch in den
Vordergrund getreten ist, daß es nach der
Weltwirtschaftskonferenz — und ich glaube,
n sehr starkem kausalen Zusammenhang
nit dieser Konferenz — gelungen ist, die
ichwierigkeiten, die einem deutsch-franzö-
ischen Tarifvertrag entgegenstanden, zu
berwinden. Dieser deutsch-französische
Jandelsvertrag ist überhaupt für die weitere
'olitik des Völkerbundes von sehr großer
Zedeutung, weil jetzt für eine gemeinsame
zZehandlung der europäischen und weltwirt-
ıchaftlichen Fragen durch Frankreich und
Jeutschland der Weg wesentlich freier ge-
vorden ist als vorher. Dem Vertrag
‚wischen Frankreich und Deutschland sind
jemlich bald gefolgt die Verträge Frank-
eich-Belgien und Frankreich-Schweiz. Auch
wir haben einige Tarifverträge, allerdings
'eringeren Umfangs, abgeschlossen. Immer-
un hat dieses ganze System noch wesent-
iche Lücken, was sich schon dadurch kenn-
eichnet, daß die Tschechoslowakei und
’olen überhaupt noch keine umfassenderen
"arifverträge haben, weder mit Frankreich
ıoch mit anderen Ländern. Auch sonst be-
tehen noch Lücken. Es erscheint mir ganz
;Jar, daß eine wirkliche sachgemäße Be-
1andlung des Problems der Zollhöhe eigent-
ich erst denkbar ist, wenn diese Tarifver-
ı1andlungen zu einem gewissen Abschluß ge-
:ommen sein werden und damit ein gewisses
‚Ilgemeines Niveau und ein auf etwas
ängere Frist gedachtes Niveau erreicht
jein wird.

Ich halte es deshalb auch nicht für
weiter bedenklich, daß die Erörterungen
les dritten Problems, von dem die Welt-
virtschaftskonferenz gesprochen hat, sich
uf rein theoretischen Bahnen bewegt; das
st nämlich die Frage einer Zollsenkung
'urch ein gemeinsames Vorgehen vieler
‚änder, also durch große Kollektivverträge.
is hat sich die Weltwirtschaftskonferenz
icht näher darüber ausgesprochen, was sie
ich bei dieser Art der Zollsenkung denkt.
\ber es ist klar, was damit gemeint ist. Es
ind solche Pläne gemeint, wie sie der
rühere Reichswirtschaftsminister Neuhaus
ınd nach ihm der Österreicher Riedl ausge-
prochen haben. Diese Pläne haben das eine
jemeinsam, daß sie den Versuch machen
vollen, für alle Waren eine Höchstbelastung
lurch Zölle zu dekretieren, die in einem be-
;timmten Verhältnis zwischen Zollhöhe und
lurchschnittlichem Wert der Waren be:
;tehen soll. Also z. B. die Zollbelastung darf
‚ei keinem Artikel mehr als 25 Prozent des
        <pb n="41" />
        durchschnittlichen Wertes betragen. Das
klingt an sich sehr einfach und würde auch
relativ einfach durchzuführen sein, wenn
wir überall ein Wertzollsystem hätten. Dann
brauchte man nur die Methoden, nach dem
die Werte ermittelt werden, die heute noch
in den verschiedenen Ländern verschieden
sind, zu —vereinheitlichen, was nicht
schwierig sein würde, und zugleich die Wert-
zölle, soweit erforderlich, auf den verein:
barten Höchstsatz zu senken. Aber so ein:
fach ist es bei dem System der spezifischen
Zölle nicht. Hier ist es sogar außerordent-
lich schwierig, wenn nicht unmöglich. Es
ist schlechterdings nicht möglich, nach ob-
jektiven Gesichtspunkten den durchschnitt:
lichen Wert einer Ware festzustellen. Man
kann ihn auf Grund der Statistik, die an sich
den durchschnittlichen Wert angibt, nicht
feststellen, weil das Ergebnis der Statistik
sehr stark von der Höhe des Zolles ab-
hängig ist. Ein Beispiel: Nehmen wir eine
beliebige Zollposition, die eine große Menge
verschiedener, teils hochwertiger, teils
geringwertiger Waren umfaßt — und das
ist bei den meisten Zollpositionen der Fall
—, SO kann ein niedriger spezifischer Zoll
auch von geringwertigen, ein hoher Zoll
aber nur von hochwertigen Warenarten
übersprungen werden. Der statistisch allein
erfaßbare Durchschnittswert der tatsäch-
lich zur Einfuhr gelangenden Waren muß
also um so höher sein, je höher der Zoll ist.
Das System würde also dazu führen, daß
in den Ländern, wo die Zölle außerordent-
lich hoch sind, die wertmäßige Belastung
der Waren verhältnismäßig gering er;
scheinen würde, während sie verhältnis:
mäßig hoch in den Ländern mit geringeren
Zöllen erscheinen würde. Hieraus müssen
sich in der Praxis ständige Streitigkeiten
zwischen den beteiligten Staaten ergeben.
Riedl will die sich hieraus ergebenden
Schwierigkeiten im Wege späterer pluri-
lateraler Verhandlungen beseitigt wissen.
Aber würde das nicht auf Tarifverhandlun-
gen gewissermaßen mit umgekehrten Vor-
zeichen hinauslaufen, bei denen die Zuge-
ständnisse nicht in der Ermäßigung der den
Gegner interessierenden als vielleicht mehr
in der Anerkennung der ihn nicht inter;
essierenden Zollsätze liegen würde? Ich
glaube nicht, daß dies als eine Bereicherung
des Systems der Handelsverträge angesehen
werden könnte.

Ein dritter Vorschlag ist noch gemacht
worden, derjenige einer allgemeinen pro-
zentualen Absenkung aller Zölle. Man
könnte sich das so denken: die Zölle wer:
den zunächst auf das Zollniveau zurück:

geführt, das an irgendeinem Stichtag bez
standen hat, und dann werden diese Zölle,
sinerlei, ob Vertragszölle oder autonome
Zölle von einem bestimmten in der Zukunft
jegenden Stichtage ab um 10 oder 20 Pro-
zent ihres Betrages ermäßigt. Das ist
zweifellos technisch außerordentlich ein-
“ach. Es kann sich da kaum ein Streit in
der praktischen Durchführung ergeben.
Aber es erhebt sich die sehr große Frage:
wie würde eine derartige allgemeine Sen:
kung des Zollniveaus auf die Ausweitungs-
möglichkeit des Welthandels wirken? Ist
es das gleiche, wenn ein relativ niedriger
Zoll und wenn ein außerordentlich hoher
Zoll um 10 Prozent ermäßigt wird? Man
wird im allgemeinen sagen müssen, wenn
sin prohibitiver Zoll um 10 Prozent er-
mäßigt wird, dann ist die 10 prozentige Er-
näßigung uninteressant, solange dadurch
der Zoll nicht aufhört, prohibitiv zu sein.
Man wird die praktischen Auswirkungen
dieses Plans noch weiter studieren müssen,
ehe man ein Bild davon gewinnen kann, ob
die vorgeschlagene arithmetische Gleich:
heit der wechselseitigen Zollzugeständnisse
auch in ihren wirtschaftlichen Auswirkun-
gen zu einer einigermaßen gleichmäßigen
Ausweitung der _Handelsmöglichkeiten
führt.

Inzwischen ist noch ein vierter Ge-
danke aufgetaucht, der sich an die guten
Erfolge anschließt, die man bei der Beseiti:
zung der Ausfuhrverbote für Häute und
Felle und Knochen erlangt hat. Da ist man,
wie ich schon darlegte, durch eine fachliche
Erörterung einen Schritt weiter gekommen.
Kann man nicht in ähnlicher Weise auch
über Einfuhrzölle einmal fachgruppenweise
sprechen? Wenn man sich über die Aus-
{uhr von Häuten und Fellen’ verständigen
kann, kann man sich vielleicht auch über
die Einfuhr von Leder verständigen. Kann
man nicht vielleicht auf dem Gebiete des
Holzes, wo ein Nebeneinander besteht von
Ausfuhrabgaben auf Rohholz, die viele Holz
produzierende Länder erheben, und Ein-
fuhrzöllen auf Schnittholz, die viele Import-
‚änder erheben, eine einfachere und den
Außenhandel weniger belastende Regelung
finden? Kann man nicht bei Produkten,
die international kartelliert sind, überall
gleichmäßig auf den Zollschutz verzichten?
Die Erörterung dieser Fragen befindet sich
aoch sehr im Anfangsstadium, aber es be-
steht im Wirtschaftsausschuß des Völker:
bdundes viel Meinung dafür, diesen Weg ein-
mal bei einzelnen Fachgebieten zu erproben.

Nun begegnet es mir jedesmal, wenn
ich etwas von der wirtschaftlichen Arbeit
        <pb n="42" />
        des Völkerbundes erzähle, daß mir die
Frage gestellt wird: ja, sagen Sie einmal,
was kommt nun bei der ganzen Geschichte
eigentlich heraus? (Heiterkeit.) Da kann
ich immer nur sagen, das ist eine Frage, die
sehr schwer zu beantworten ist und die
eigentlich noch ein wenig verfrüht ist. Her-
auskommt zunächst unter allen Umständen
alles das, was aus einer ständigen Fühlung
von Persönlichkeiten, die in den einzelnen
Ländern maßgeblich in der Handelspolitik
mitwirken, herauskommen kann. Es ist
ganz klar, daß sich dabei ganz andere Mög-
lichkeiten ergeben, als wenn jede Regierung
immer nur in ihrem Nest sitzt und mit
Telegrammen, Zeitungsartikeln, Instruk-
tionen und Delegationsverhandlungen den
Versuch macht, die akuten Fragen zu lösen.
Wenn jedes Vierteljahr einmal eine Art
von Börse des Handelsvertragswesens statt-
findet, so ergeben sich Fühlungen, die auf
amtlichen Wege nicht möglich wären. Die
Länder lernen sich nach ihren Interessen
und nach ihrer Einstellung kennen, und es
ergibt sich daraus eine gewisse — ich ge-
brauche dieses ominöse Wort nur ungern —
Atmosphäre der Vertraulichkeit, die den
wirtschaftspolitischen Ausgleich der Inter-
essen erleichtern kann.

Im übrigen besteht die Tätigkeit des
Wirtschaftsausschusses darin, das ganze
Terrain der Wirtschaftspolitik gewisser-
maßen abzutasten, immer wieder zu ver:
suchen, wo sich die Möglichkeit einer Ver-
ständigung bietet, und da, wo ein solcher
Versuch sich als günstig erwiesen hat,
diesen Versuch nun auch in die Tat umzu-
setzen. Das sind teilweise Einzelfragen von
nicht gerade sehr großer Bedeutung.

Überhaupt hat die Tätigkeit des Wirt-
schaftsausschusses so ein bischen etwas von
Felddienstübungen an sich. Ich glaube, Sie
werden das aus meinen Darlegungen schon
entnommen haben. Die Arbeiten vollziehen
sich eben noch in der theoretischen und
grundsätzlichen Sphäre, ohne daß man so
recht weiß, wohin nun eigentlich die Straße
weiter führt. Ob Felddienstübungen nütz-
lich oder überflüssig sind, hängt davon ab,
ob ein Fall eintritt, in welchem das, was
in Felddienstübungen gelernt wurde, prak-
tisch betätigt werden kann. Wenn ich mir
die gesamte Lage der Weltwirtschaft und
der‘ Außenhandelspolitik der Welt vor
Augen halte, so habe ich doch das Gefühl,
wir müssen mit der Möglichkeit rechnen,
daß einmal ein Fall eintritt, wo die Feld-
dienstübungen des Völkerbundes sehr be-
deutsam sein können. Ich möchte deshalb
zum Schluß darauf hinweisen, welche großen

Probleme weltwirtschaftlicher Art gewisser:
naßen in der Luft liegen und so in den
ıächsten Jahren nach der einen oder
ınderen Richtung doch zu wesentlichen
Veränderungen der wirtschaftspolitischen
Situation führen könnten.
Da ist zunächst das große Problem der
Reparationen und der internationalen Ver-
schuldung mit seinen sehr großen Aus-
wirkungen auch auf die Gestaltung des
internationalen Warenverkehrs. Die Welt-
wirtschaftskonferenz hat ausgesprochen,
nan müsse sich darüber klar sein, daß
Zahlungen in letzter Linie nur durch Waren
&gt;der Leistungen bewirkt werden können.
Jas ist ja ein Satz, der absolut richtig ist.
%s handelt sich nun darum, welche Folge-
ungen die Welt aus diesem Satze für die
Wirtschaftspolitik zu ziehen gewillt ist. Es
‚scheint, als ob die Vereinigten Staaten nicht
lie Absicht hätten, aus ihrer hochprotek-
jonistischen Wirtschaftspolitik herauszu-
jehen. Und auch die Landwirtschaft in
Amerika, von der man ja eine gewisse
Jpposition gegen das jetzige System er-
varten könnte, scheint ihre Tendenz mehr
Jahin zu richten, das eigene Preisniveau
lem relativ hohen industriellen Preisniveau
anzupassen, und weniger dahin, das indu-
strielle Preisniveau zu senken,

Ein zweites Problem ist: wie wird Eng-
and reagieren auf eine Fortdauer der ame-
ikanischen hochprotektionistischen Politik
ınd auf eine Fortdauer der hochprotektio-
ıstischen Politik von Kontinental - Europa?
Wird es auch zum Protektionismus über-
jehen, was sehr weite Kreise in England be-
‘ürworten? Selbst die Liberalen haben das
inde des laissez-faire verkündet, allerdings
ıicht mit dem Ziel auf Einführung von
Zöllen. Aber diese liberale Einstellung
&lt;ennzeichnet doch, wie schwer auf England
las ganze Problem lastet. Und Sie wissen
ıuch, daß die Idee, das jetzt schon be-
stehende Präferenzialsystem zwischen Eng-
and und seinen Dominions weiter auszu-
jauen, doch sehr viele Anhänger und Be-
‘ürworter findet. Damit hängt zusammen
lie Frage, ob sich überhaupt etwa größere
aruppen in der Weltwirtschaft bilden
werden. Und von sehr großer Bedeutung
ıst auch die Frage: wie werden die Be-
ziehungen des europäischen Kulturkreises
ınd der kapitalistischen Wirtschaftsordnung
zu Rußland sich entwickeln?

Ich glaube, wenn man sich diesen welt-
wirtschaftlichen und, ich möchte beinahe
jagen, welthistorischen Hintergrund einmal
        <pb n="43" />
        etwas vor Augen hält, vor dem sich die
Arbeiten des Wirtschaftsausschusses des
Völkerbundes abspielen, so wird man doch
sagen müssen, es lohnt sich, in konsequen-
ter und vertrauensvoller Kleinarbeit immer
wieder die Möglichkeiten zu wirtschafts:
politischer Verständigung und Annäherung
zu prüfen.

Im übrigen bin ich aber der Meinung,
daß auch das, was in der Behandlung von
einzelnen Fragen — Zolltarifnomenklatur,
Ausfuhrverbote, die Vereinheitlichung des
Niederlassungsrechts — schon geschaffen
worden ist oder im Begriff ist, geschaffen zu
werden, doch die aufgewendete Mühe durch:

aus lohnt. Ich möchte deshalb Sie, meine
Herren, bitten, Ihr Interesse allen diesen
Fragen, ob groß oder klein, tatkräftig zuzu-
wenden und diejenigen Persönlichkeiten,
die, sei es im Wirtschaftsausschuß, sei es im
beratenden Wirtschaftsausschuß, deutsche
Interessen wahrzunehmen haben, mit allem
Material und mit aller Sachkunde bereit;
willig zu versorgen. Können die Vertreter
Deutschlands sich auf die verständnisvolle
Mitarbeit der deutschen Wirtschaft stützen,
so zweifle ich nicht, daß es gelingen wird,
die deutschen Interessen so nachdrücklich zu
wahren, wie es notwendig und wünschens-
wert ist. (Lebhafter Beifall.)

GEDRUCKT BEI HERMANN KLOKOW, BERLIN S14, ALEXANDRINENSTRASSE 77
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is ist also schon hierin eine
möchte sagen — Bedachtsam-
tik des Völkerbundes ohne
en.
herrscht im Völkerbund das
‚rinzip, d. h. der Völkerbund
\«mmenfassung aller Nationen
ist der Völkerbund für die
weltwirtschaftlicher Probleme
lein, andererseits zu groß. Zu
an glaubt, daß diese weltwirt:
Probleme unter Mitwirkung
gelöst werden müssen, weil
ind bekanntlich die Vereinig:
und Rußland neben einigen
»n, die sich noch etwas abseits
angehören. Andererseits ist
an man die Probleme in erster
päische Probleme betrachtet,
wenn nun ein Problem, das
in europäisches Problem ist,
die ganz anders gearteten Ver:
zußereuropäischen Länder mit
ıng finden müssen. Ein kleines,
zes Beispiel: Als wir das
Zin- und Ausfuhrverbote, das
en ein europäisches Problem
vesentlichen nur europäische
ind Ausfuhrverbote haben, er-
ıen wir, uns allen ziemlich un:
"er Frage Stellung nehmen, ob
laubt sein soll, ein Ausfuhr-
‚ubenmist aufrechtzuerhalten.
‚eiten des Wirtschaftsaus-
ıem Mai vorigen Jahres haben
uch gemacht, das ganze Ter-
den Beschlüssen der Wirt:
nz behandelt worden ist, ge:
abzutasten, wo die Dinge zu
ligung reif sind, wo also die
;steht, zu einem plurilateralen
mmen, d. h. zu einem Vertrag
Inehmern, zu einer Art Karz-
Gegensatz zu einem zwei:
ag, wie es die gewöhnlichen
ge sind.
"hnen kurz die Gegenstände,
n sich da in erster Linie be-
darlegen.
die Frage der Zolltarif:
‚ur. Es wird ja dieser Frage
chland ein sehr großes Inter:
ebracht. Es handelt sich da:
m eine rein technische Frage,
‚schein haben könnte, um eine
leichterung des Handelsver-
elnen und auch der Handels:
dlungen im einzelnen, wenn

Jieselben Waren unter die gleiche Defi-
ıtion, unter die gleiche Zolltarifposition in
len verschiedenen Ländern gebracht werz
len. Die Bedeutung der Frage geht viel:
nehr sehr weit darüber hinaus, und reicht
is in den Fabrikationsprozeß hinein. Denn
5s ist klar, daß bei der Verschiedenheit der
Zolltarifnomenklatur, wie sie jetzt ist, viel:
‘ach, um der Ausfuhrware in allen Ländern
las Optimum der Zollbelastung zu sichern,
‘ür jedes Land eine besondere Konstruk-
ion oder eine besondere Ausstattungs-
art gewählt werden muß. Das spielt nament-
ich bei zusammengesetzten Waren eine
sehr starke Rolle. Also ich glaube, daß der
Völkerbund mit Recht die Frage der Ver-
»äinheitlichung der Zolltarifnomenklatur auf-
zegriffen hat. Die praktische Arbeit ist
vom Wirtschaftsausschuß des Völkerbundes
n der Weise in Angriff genommen worden,
laß zunächst eine ganz kleine Kommission
von 5 Personen eingesetzt worden ist, die
»äinen allgemeinen Rahmen und Grundlinien
‘ür die spätere Ausfüllung dieses Rahmens
‚ufgestellt hat. In dieser Kommission ist
Jeutschland durch. Herrn Geheimrat Flach
vertreten, welcher über langjährige Erfah-
ungen auf diesem Gebiete, namentlich auch
ıinsichtlich der landwirtschaftlichen Ab-
schnitte des deutschen Zolltarifs, verfügt.
Jie vorläufigen Ergebnisse dieser Kom:
nissionsarbeiten sind kürzlich veröffent-
icht worden, worauf Sie wohl der Reichs:
verband schon hingewiesen hat. Ich würde
Ihnen außerordentlich dankbar sein, wenn
Sie dieser Veröffentlichung Ihr Interesse
entgegenbringen und uns durch Vermittlung
les Reichsverbandes Ihre Bemerkungen zu
lem gegenwärtigen Stande der Vorarbeiten
nitteilen würden. Die Beratungen des
Jnterkomitees sollen im Juni fortgesetzt
werden.

Eine Gefahr wird bei den weiteren
Arbeiten zur Vereinheitlichung der Zoll:
‘arifnomenklatur sich ergeben, und es wird
jewiß Mühe kosten, sie zu überwinden. Es
St klar, daß die Interessen jeder einzelnen
Wirtschaft und jedes einzelnen Landes bei
len verschiedenen Waren verschieden sind.
Bin Land, das auf einem Warengebiete im
wesentlichen Exportland ist, wird ein Inter-
3sse daran haben, daß dieses Warengebiet
möglichst wenig unterteilt wird in dem
Zolltarif, weil selbstverständlich bei einer
jeringen Unterteilung — jedenfalls soweit
35 sich um spezifische Tarife handelt — die
Exportmöglichkeiten größer sind als bei
ääner starken Unterteilung. Umgekehrt wird
edes Land, das gewissermaßen sich in der
Verteidigung befindet, auf einem Waren:
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    </body>
  </text>
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