Strukturwandlungen der Weltwirtschaft 5 IL. Mit dem genannten Vorbehalt sei die Aufmerksamkeit nunmehr zu- nächst auf diejenigen Strukturwandlungen innerhalb der Weltwirtschaft gerichtet, welche vornehmlich individualistisch marktwirtschaft- lich bedingt sind. Vorauszuschicken ist da ein Wort über die Trieb- kraft, die hier wirksam ist. Sie wurzelt im kapitalistischen Geist, der von dem Erwerbsprinzip und dem ökonomischen Rationalismus beherrscht wird. »... ein Geist mit ungeheurer Kraft zur Zerstörung alter Naturgebilde, alter Gebundenheiten, alter Schranken, aber auch stark zum Wiederaufbau neuer Lebensformen, kunstvoller und künst- licher Zweckgebilde« (Sombart). Oft genug ist dieser Geist geschildert worden. Für die Vergangenheit steht er unwandelbar im Gedächtnis. Niemand bestreitet, daß er es gewesen ist, der den großen Zug ins Inter- nationale moderner Wirtschaft bewirkt, das Abtasten der Erdoberfläche und die Ausbeutung ihres erreichbaren Inneren unter der Losung Geld — Ware — mehr Geld in die Wege geleitet und die Weltwirtschaft in ihrem heutigen Aufbau gestaltet hat. Kapitalismus ist im Wesen weltumspan- nend, welterobernd, kennt keine Grenzen des Gebiets und des Raumes. Nur für die Gegenwart läßt man diesen kapitalistischen Geist reinster Prägung nicht mehr gelten, sondern behauptet, daß er im Wandel der Zeit überwunden worden sei oder gar sich selbst überwunden habe. Das ist ein grundlegender Irrtum. Zwar gibt es zahlreiche Länder im alten Europa, in denen der Auswirkung kapitalistischen Geistes über die Verhütung von Entartung weit hinausgehende, lähmende Schranken gesetzt sind, oder wo er aus sich heraus dekadent geworden ist. In der übrigen Welt aber lebt dieser Geist, und seine Taten zeugen von ihm. Romantische Köpfe vertreten zuweilen den Standpunkt, daß der Hoch- kapitalismus in den Augusttagen des Jahres 1914 zu Grabe getragen sei und die Welt künftig — »hier stock’ ich schon«, denn welche Wirtschafts- weise künftig in der Welt nun eigentlich herrschen soll, lassen diese Spekulativen Geister zumeist unklar. Sie reden von weißem, neuerdings auch von gelbem und blauem Sozialismus oder erblicken gar im Wirt- Schaftssystem des Bolschewismus das eigentliche Ziel. Es bedarf jedoch des Grübelns nicht, denn im ganzen gesehen gibt es in diesem ent- Scheidenden Punkt nichts, was die künftige Gestaltung als problematisch erscheinen. ließe. Am kapitalistischen Ordnungsprinzip der Weltwirt- Schaft hat sich nicht nur nichts geändert, sondern es sprechen im Gegen- teil alle Gründe dafür, daß wir dem eigentlichen Zeitalter des Hoch- kapitalismus — Meister Sombart möge diese Ketzerei verzeihen — °rst entgegengehen, womit allerdings nicht gesagt sein soll, daß er die alten Ausdrucksformen beibehalten wird. Auch Kapitalismus und kapitalistischer Geist sind in einem Wandel begriffen, der jedoch