Bernhard Harms a Gelegentlich ist die Frage aufgeworfen worden, ob diese Entwicklung Ausdruck einer Strukturwandlung von anhaltender Wirkung oder eine bloße Konjunkturerscheinung sei, mit andern Worten, ob die gewaltige Vermehrung des Seidenkonsums im letzten Jahrzehnt als Folge einer vorübergehenden Mode angesehen werden müsse, oder ob sie Bestand haben werde. Ich will dies schwierige Problem hier nicht entscheiden, obwohl es grundsätzliche Bedeutung hat und in die gesamte Textil- wirtschaft der Welt übergreift. Wenn etwa demnächst die Frauen- welt auf dem Erdenrund wieder dazu übergehen sollte, den früher obligaten »Anstandsunterrock« oder, entgegen der neuesten Gepflogen- heit, den Unterrock überhaupt wieder anzuziehen und die Kleider bis auf die Knöchel fallen oder gar zur Schleppe auswachsen zu lassen, vielleicht auch die Schürze wieder hervorholte und darüber hinaus die vom Strumpf umhüllten Extremitäten als etwas ansähe, was besser nicht jedermann gezeigt wird, so stünde gewiß zu erwarten, daß die Folge- wirkungen auf Produktion und Verbrauch weltwirtschaftlich wichtiger Faserstoffe nicht ausbleiben und beträchtliche raumwirtschaftliche Be- deutungswandlungen sich vollziehen würden. Das Wahrscheinliche oder Unwahrscheinliche solcher Entwicklung abzuwägen, kann einem Professor nicht zugemutet werden; er muß dies der »Fachpresse« überlassen, die sich damit denn auch schon seit Jahr und Tag beschäftigt. Immerhin fällt es in seinen Aufgabenkreis, auf die weltwirtschaftliche Problematik, die sich hier zeigt, aufmerksam zu machen. Persönlich bin ich der Mei- nung, daß ein Unterschied besteht zwischen Moden wechsel und Trach- tenwandel. Wenn ich recht sehe, steht das weibliche Geschlecht — auch das kurzgeschnittene Haar ist ein Zeugnis dafür — in einer Zeit des Trachtenwandels, wie er vor annähernd einem Jahrhundert unter dem Einfluß Englands im männlichen Exterieur erlebt wurde. Die tiefere Ur- sache dafür erblicke ich in der veränderten Stellung der Frau im sozialen, wirtschaftlichen und politischen Leben, wie ja auch farbiger Zylinder, bunter Rock und gekräuselter Spitzenkragen nicht mehr verträglich erschienen mit dem rationellen Zuge der neuen Zeit, nachdem Perücke und Zopf ihr schon vorher zum Opfer gefallen waren. Gewisse Wand- lungen in der Lebensauffassung und Lebensäußerung der Frau finden eben in der Tracht ihren Ausdruck, auch in früheren Zeiten war dies so. Ist das alles richtig, so sind die durch den Trachtenwandel bedingten Veränderungen in der einschlägigen Bedarfsgestaltung in ihrer Aus- wirkung auf die Produktionsrichtung nicht konjunkturellen, sondern strukturellen Charakters. ; Im Zusammenhang hiermit sei auf das Folgende hingewiesen. Um die Jahrhundertwende hat Japan den Zopf abgeschnitten und ging zugleich zur europäischen Tracht über, ein Wandel, der sich zunächst auf