20 Bernhard Harms schaft aufgebaut. Ostdeutschland hatte den Gersteanbau erheblich eingeschränkt und dafür die Roggenproduktion ausgedehnt, während in Rußland die umgekehrte Entwicklung vor sich gegangen war. So hatte sich eine Arbeitsteilung durchgesetzt, die allen Interessen entsprach. Rußland lieferte für die deutsche agrarische Veredelungswirtschaft den Rohstoff, die deutschen bäuerlichen Betriebe stellten sich mehr und mehr auf die Lieferung von Fleisch und tierischen Erzeugnissen ein, deren Nachfrage durch die wachsende Industrialisierung schnell zunahm. Ostpreußen wurde durch diesen Wandel nicht berührt, weil es seinen Roggen dank dem Einfuhrscheinsystem mit ausreichendem Gewinn exportieren konnte. Hauptabnehmer waren die nordeuropäischen Länder. Vom Standpunkt der deutschen Volkswirtschaft wurde somit die Einfuhr von Gerste durch die Ausfuhr von Roggen bezahlt. Der Krieg hat diese »internationale agrare Arbeitsteilung Europas«. wie Beckmann sie nennt, zerstört. Es ist seitdem auch nicht gelungen, sie wiederaufzubauen. Die russische Gersteausfuhr hat aufgehört. Die deutsche Bauernwirtschaft mußte sich nach Ersatz umsehen, der bisher den erzwungenen Verzicht auf die russische Gerste ökonomisch nicht wettgemacht hat. Dazu kommt, daß Ostpreußen in eine schwierige Lage geraten ist, weil nicht nur die Abwendung des Konsums vom Roggen, die in Deutschland schon in der Vorkriegszeit große Fortschritte gemacht hatte, sich inzwischen erheblich stärker durchgesetzt hat, sondern auch die Ausfuhr auf Schwierigkeiten stößt, insofern als Polen mit seinem »Papierroggen« den deutschen »Prämienroggen« (Beckmann) unterbietet. Wie hier der Ausweg gefunden werden soll, ist einstweilen nicht zu sehen. Daß die Propaganda »eßt Roggenbrot« durchschlagenden Erfolg haben könnte, ist unwahrscheinlich. Inwieweit die Maßnahmen der Reichsgetreidegesellschaft die Preisbildung auf dem Roggenmarkt beeinflussen können, bleibe dahingestellt. Grundsätzlich betrachtet, handelt es sich hier um künstliche Beeinflussungen, gegen die an sich nichts zu sagen wäre, wenn die deutsche Roggenkrisis konjunkturell bestimmt würde und demgemäß als eine vorübergehende Erscheinung zu werten wäre. Handelt es sich jedoch, wie es heute den Anschein hat, um einen dauernden Strukturwandel, so wird die Anpassung an diesen mit andern Mitteln herbeigeführt werden müssen. Die Zerstörung der wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zum Osten hat übrigens auch einen andern agrarischen Strukturwandel zur Folge gehabt: die Rückbildung des deutschen Zuckerrübenanbaues, der nur mit Hilfe der polnischen Wanderarbeiterinnen zu jener Blüte gelangt war, deren er sich in der Vorkriegszeit erfreute, und die zu der Auffassung geführt hatte, daß die deutsche Zuckerwirtschaft wahrhaf‘ ideal in »nationaler Produktivkraft« wurzele. Daß im Hinblick auf df