Strukturwandlungen der Weltwirtschaft 29 Epigonen insbesondere, aufgenommen wurde. Die spätere Terminologie bevorzugte den »Wohlstand«, während das jüngste Zeitalter von »Wohl- fahrt« spricht, um so zum Ausdruck zu bringen, daß es nicht auf Reichtum oder Wohlstand an sich, sondern vielmehr auf Ausgleich ankomme. Die Geschichte der Wohlstandsidee ist zugleich ein wichtiges Kapitel in der Geschichte der Sozialökonomik und die Geschichte der Wirtschaftspolitik schlechthin. Je nach der Vorstellung, die man sich von den Ursachen des Reichtums der Nationen machte, hat sich Raumwirtschaftspolitik in bezug auf das Verhältnis der verschiedenen Volkswirtschaften zueinander systaltisch oder diastaltisch ausgewirkt. Dies hier im einzelnen darzulegen, würde Zeitverschwendung sein. Es darf auch unterstellt werden, daß sich die Wohlstandsidee im letzten Viertel des 19. Jahr- hunderts wirtschaftspolitisch in den meisten europäischen Ländern und in den Vereinigten Staaten in dem Sinne durchgesetzt hat, daß das wahre Interesse der Volkswirtschaft in ihrer Entwicklung zur höchstmöglichen Selbstgenügsamkeit erblickt wurde. Die hierauf hinzielende »nationale Wirtschaftspolitik« hatte schon gegen Ende der Friedenszeit einen gewissen Höhepunkt erreicht, ist jedoch erst in der Kriegs- und Nachkriegszeit auf die Spitze getrieben worden. Sie stand und steht, wie wohl in keiner Zeit vorher, unter dem Zeichen der »Entfaltung aller nationalen Produktiv- kräfte«. Nicht zuletzt galt und gilt dies für die Förderung der industri- ellen Entwicklung, in der alle Völker offenbar den Weg zur größten Glückseligkeit erblicken. Es ist freilich schon hier darauf hinzuweisen, daß gerade dieses Zielstreben nicht allein aus wirtschaftlicher Erwägung erwächst, sondern in bestimmtem Sinne mit der Staatsidee verknüpft ist. Die nationale Wirtschaftspolitik, wie sie heute zumeist begriffen wird, erinnert an die Wirtschaftsauffassung im Mittelalter: alles, was in der Stadt hergestellt werden kann, soll darin hergestellt werden. Dieser Grundsatz enthält heute allerdings einen Widerspruch — der zu- gleich die Grenzen seiner Auswirkung zeigt —, insofern als ihm stillschweigend der nicht minder ernst genommene Satz zur Seite steht: alles, was exportiert werden kann, soll exportiert werden. Es gehört zum Wesen dieser »nationalen Wirtschaftspolitik«, daß sie Verhinde- rung der Einfuhr und Förderung der Ausfuhr gleicherweise als lebens- wichtig für die Nation ansieht und so die Quadratur des Zirkels zu ihrer Aufgabe gemacht hat. Die auf den Bedeutungswandel im raumwirtschaftlichen Aufbau der Welt einwirkende nationale Wirtschaftspolitik hat aber, wie schon angedeutet, ihre Wurzeln nicht nur in der Wohlstandsidee, sondern wird in dem Grad ihrer Auswirkung recht eigentlich erst durch andere sonderraumwirtschaftliche Ideen bestimmt. In denkbarer Kürze soll dieser Ideen hier Erwähnung geschehen.