36 Bernhard Harms sein Bewenden haben mag. Zwei Faktoren sind es, die in ihrem gegen- seitigen Verhältnis den jeweiligen Stand der internationalen Arbeits- teilung bestimmen: ich nenne sie die räumlich-gebundenen und die räumlich-beweglichen Produktionsfaktoren. Das Verhältnis zwischen beiden ist in fortwährendem Fluß begriffen. Was gestern noch räumlich gebunden erschien, ist heute schon beweglich geworden. Problematisch ist also, ob diesem Prozeß Grenzen gesetzt sind, und wo sie gegebenenfalls liegen. Innerhalb dieser Grenzen wird die internationale Arbeitsteilung sodann endgültige Gestaltung annehmen. Friedrich List stellte schlechthin tropische und gemäßigte Zone einander gegenüber. Nur innerhalb dieser beiden grundsätzlich andersartigen Erdräume hält er die durch deren Charakter bedingten Produktionsfaktoren für beweglich, ein Hinüber- und Herüberwechseln in die gegenseitigen Jagdreviere soll dagegen nicht möglich sein. Internationale Arbeitsteilung begreift List demgemäß in diesem naturbedingten Sinne. An sich war das richtig gesehen, doch hat die seitherige Entwicklung die dem »Naturbedingten« nach ihrem damaligen Stande angeblich für ewige Zeiten innewohnende Starrheit in großem Ausmaß überwunden, wenn sich auch an der räum- lich bedingten Gebundenheit der Erzeugung von bestimmten Rohstoffen, Nahrungs- und Genußmitteln grundsätzlich nichts geändert hat und als ebenso sicher angenommen werden darf, daß in gewissen klimatischen Zonen die industrielle Entwicklung ausgeschlossen bleibt. Zahlreiche Gebiete, von denen List annahm, daß sie für immer Rohstoff- und Nahrungsmittelproduzenten bleiben würden, sind inzwischen trotz aller Schwierigkeiten, die dem entgegenstanden, den Weg der Industrialisierung gegangen. Den Antrieb dazu gab die gekennzeichnete raumwirtschafts- politische Zielsetzung oder kapitalistisches Gewinnstreben. Nicht selten wirkten beide gemeinsam. Möglich wurde die Industrialisierung, weil erstens die »natürlichen Widerstände« sich weniger stark zeigten, als früher angenommen war, und weil zweitens jene Rohstoff- und Nahrungs- mittelländer sich die sog. kultürlichen Produktionsbedingungen: auf dem Hintergrunde wissenschaftlicher Erkenntnis entwickelte Technik, qua- lifizierte Arbeiter, kaufmännische Fähigkeit, Organisationsformen, gewisse Rechtsinstitute, Kapital usw., von denen List gleichfalls annahm, daß sie an die gemäßigte Zone gebunden seien, anzueignen vermochten. Dies geschah zudem auch in solchen Ländern, denen zwar die klimatischen Vorbedingungen für die Stoffverarbeitung nicht fehlten, von denen man jedoch früher glaubte, daß sie aus andern Gründen — etwa mangels geeigneter »Veranlagung« — die kultürlichen IndustrialisierungS bedingungen nicht zu erwerben vermöchten. Eingesetzt hat diese Entwicklung, wie schon angedeutet, vor dem Kriege, doch hat dieser ihr Tempo beschleunigt und sie in manchen Län“