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            <surname>Harms</surname>
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        <pb n="1" />
        Überreicht vom Institut für Weltwirtschaft und Seeverkeir a ;
an der Universität Kiel Sonderabdruck

N
Weltwirtschaftliches
rchi

TFeitschrift
Instituts für Weltwirtschaft
an der Universität Kic2

des

Herausgegeben
"*7ONn
Dr .sc.pol. Bernhard Harms
Ordentlichem Professor an der
Uhniversi tät

25.Band | Januar 1927

A
en
Heft 1

f

Verla 6 von Gustav Fischer, Jena
        <pb n="2" />
        ILNHANLT

25. Band, Heft ı
Strukturwandlungen der Weltwirtschaft. Von Geh. Reg.-Rat Dr.
Bernhard Harms, o. Prof. a. d. Universität Kiel.............0.00.0.
Die ‚handelspolitischen Ideen der Nachkriegszeit. Von Dr. Franz
Eulenburg, o. Prof. a. d. Handels-Hochschule Berlin .... bee
Nordamerikas Wirtschaftsaufstieg und das paneuropäische Problem.
Von Dr. Emanuel Hugo Vogel, o. ö. Prof. a. d. Hochschule für
Bodenkultur Wien... En

Die Vergeistung der Betriebe. Von Geh. Reg.-Rat Dr. Werner Sombart,
© Prof. a. d. Universität Berliner er nern

Die Grundideen und Methoden der landwirtschaftlichen Geographie,
Von Dr. G. Studensky, Prof. der Landwirtschaftlichen Akademie
MoOSkad er Mare A
Die moderne Entwicklung des Luftfahrtrechts. Von Geh. Reg.-Rat
Dr. Otto Schreiber, o. Prof. der Rechte a. d. Universität Königsberg
i. Pr., Leiter des Instituts für Luftrecht.. U

Seite

5%

104
149

179

198
Chronik und Archivalien

[. Allgemeine Wirtschaftskunde und allgemeine Wirtschaftspolitik,
Geschichte der Weltwirtschaft
Strukturwandlungen der internationalen Weizenwirtschaft.
Von Dr. Rudolf Freund, Assistent am Institut für Weltwirt-
schaft und Seeverkehr a. d. Universität Kiel .... Wenn K EHE
Der Wirtschaftsplan der Union der Sowjetrepubliken für
1926/27. Von Prof. Dr. Albert Wainstein, Moskau ........
Saarländische Wirtschaftsprobleme. Von Dr. Kurt Hütte-
bräucker, Saarbrücken 00.0.0000 HARTE We
Vermögens- und Einkommensentwicklung in Amerika.
Von. Dr. Hermann A. L, Lufft, Berlin‘, .....
II. Bevölkerungswesen, Rassenfragen, Wanderungen - 7
Jüdische Wanderungen im letzten Jahrhundert. Von Jakob
Lestschinsky, Berlin ....
111. Verkehrswesen
Der Verkehr im Suezkanal 1ı912—10914 und 10919—10926.
= Von Diplomvolkswirt Egon Heymann, Kiel
VIII. Finanzwesen und Finanzpolitik
Die französische Finanzpolitik von 1914 bis 1927. I. Von
| Dr. A, H. Marsol, Paris eisernen nn nn Er 202°
XIV. Privates und öffentliches Recht von wirtschaftlicher Bedeutung,
Staatsverträge 0 0 u,
VE A Aa E Cl + Ü e
Die Pflichten der Mandatarmächte betreffend die deutschen
Schutzgebietsanleihen. Von Dr. Hans Wehberg, Berlin .. 136*

——
Fortsetzung auf Seite 3 des Umschlags
        <pb n="3" />
        ak 2181 mirihart 30, 3.55

Strukturwandlungen der Weltwirtschaft
Von
Bernhard ‚Harms
Kiel

as Hauptthema der heutigen Verhandlungen! ist die »Krisis der

Weltwirtschafte. Wenn ich innerhalb dieses Rahmens die

»Strukturwandlungen der Weltwirtschaft« zum Sonderthema
gestalte, so entspricht dies meiner Auffassung, daß gerade sie den Cha-
Trakter jener Krisis entscheidend bestimmen. Zugleich kommt darin
zum Ausdruck, daß ich »Krisis« hier nicht in dem engeren konjunktur-
theoretischen Sinne deute, sondern den Begriff. so auslege, daß er alle
diejenigen tiefgreifenden Proportionsverschiebungen und Neubildungen
im internationalen Wirtschaftsgefüge umfaßt, denen zufolge früher auf-
einander eingespielte Kräfte sich im Widerspruch befinden. Selbst-
verständlich bin ich nicht der Meinung, daß die so verstandene Krisis
der Weltwirtschaft allein auf Strukturwandlungen zurückzuführen ist,
doch behaupte ich, daß diese vornehmlich als Ursache wirksam sind,
während ich die dem Kreislauf des Wirtschaftslebens immanenten periodi-
schen Konjunkturschwankungen für die heutige Lage der Weltwirtschaft
als minder bedeutungsvoll ansehe. Ob daneben noch einer dritten Reihe
von umgestaltenden Faktoren Rechnung getragen werden muß, möge
als Frage zunächst offen bleiben, wie überhaupt die hier berührte
Problematik erst gegen Schluß meiner Darlegungen in das sie vielleicht
aufhellende Licht gerückt werden kann.

Angesichts der Bedeutung, die ich den Strukturwandlungen für die
gegenwärtige Lage der Weltwirtschaft beimesse, halte ich es für not-
wendig, über das begriffliche Verhältnis von Struktur und Welt-
wirtschaft, wie ich es verstehe, einige erundsätzliche Bemerkungen zu

LT:

r Vortrag, gehalten am 23. September 1926 auf der Generalversammlung des Vereins
für Sozialpolitik in Wien, Sowohl im Tatsächlichen als auch im Grundsätzlichen hier
ausführlicher als im mündlichen Vortrag.

Weltwirtschaftliches Archiv Bd. XXV

R

A586

Q

f
        <pb n="4" />
        Bernhard Harms

machen. Aus Zeitgründen müssen sie kurz sein, wie denn mein ganzer
Vortrag, obwohl er es teilweise mit Neuland zu tun hat, über Andeu-
tungen kaum hinauskommen wird.

Allgemein ist unter Struktur die Art und Weise zu verstehen, wie
verschiedenartige Teile zu einem Ganzen verbunden sind. Struktur ist
gleichbedeutend mit dem inneren Aufbau eines Gegenstandes, wie er
durch Verbindung und Beziehung der Teile unter sich und mit dem
Ganzen bedingt ist. Strukturwandlungen äußern sich in Relations-
verschiebungen; sie sind der Ausdruck veränderter Verhältnisse in der
Ordnung und Funktion der Teile und wirken zugleich auf die Umbildung
der Formgesetzlichkeit des Ganzen ein.

Inwieweit es möglich ist, den allgemeinen Strukturbegriff auf die
Weltwirtschaft anzuwenden und ihn für spezielle Erkenntniszwecke aus-
zuwerten, wird zu untersuchen sein. Voraussetzung für die Übertragung
des Strukturbegriffs auf einen Gegenstand ist, daß sich in ihm ein irgend-
wie geordneter Zusammenhang nachweisen läßt!l. Einen solchen Zu-
sammenhang oder, anders ausgedrückt, Einheitscharakter muß auch
die Weltwirtschaft aufweisen, wenn der Strukturbegriff für ihre wissen-
schaftliche Erklärung Bedeutung gewinnen soll. Von den Möglichkeiten,
daß es sich entweder um eine lebendige, durch einen Sinngehalt be-
stimmte Einheit oder um eine auf Grund einer Fiktion oder Ordnungs-
vorstellung nur logisch zusammengesehene Mannigfaltigkeit von Be-
ziehungen handelt, entfällt die zweite. Erfahrung auf Grund geschicht-
licher Entwicklung zwingt zu der Erkenntnis, daß heute für die Idee der
Weltwirtschaft die lebendige, sinnvolle Einheit im Gegensatz zu einer bloß
logischen bestimmend ist? Dem entspricht die Bezeichnung der Welt-
wirtschaft als »Sozialwirtschaftsgebilde«, wobei unter »Gebildee zur Ein-
heit gestaltete Mannigfaltigkeit verstanden wird. So gesehen,
umschließt die Weltwirtschaft Ordnungs- und Sinnzusammenhang in der
Deutung, daß sich die Beschaffenheit der Teile aus Art und Sinn des
Ganzen — und die Beschaffenheit des Ganzen aus der Eigenart, Lage
und Verbindung der Teile erklärt. Konkret betrachtet, stellt sich die Welt-
wirtschaft als eine Einheit dar, in der die Einzelwirtschaften und Volks-
wirtschaften der Erde mit lebenswichtigen Belangen in gewährleisteter
Rechtssicherheit wechselwirksam untereinander verbunden sind. Hierbei
ist als für die weiteren Darlegungen wichtig zu beachten, daß die Einzel-

* Ausführlicher hierüber in meiner Abhandlung: Strukturwandlungen der deutschen
Volkswirtschaft (Deutsche Wirtschafts-Enquete). »W. A«, XXIV (1926 Il), S. 259* ff.

% Im nachfolgenden wird dem Abschluß von Untersuchungen vorgegriffen, die ich
im »W. A.«, XXIII (1926 I), S. 131 ff., unter dem Titel »Der Begriff der Weltwirtschafte
begonnen habe und im kommenden Jahre an gleicher Stelle zu Ende führen werde.
        <pb n="5" />
        Strukturwandlungen der Weltwirtschaft

3

wirtschaften in ihren rein tauschwirtschaftlichen Beziehungen als indi-
vidualistische Marktwirtschaft, Volks- und Weltwirtschaft hingegen
als Raumwirtschaft begriffen werden. Volkswirtschaft: Sonderraum,
Weltwirtschaft: Gesamtraum.

Eine Untersuchung der Weltwirtschaft führt in gleicher Weise auf
den Tatbestand der Einheit wie der Mannigfaltigkeit. Je nach der
Problemlage kann die Einheit oder die Mannigfaltigkeit Ausgangs- und
Mittelpunkt sozialökonomischer Forschung sein. Dies gilt — wie ich
nebenher bitte ausführen zu dürfen, obwohl sich darin ein methodologi-
sches Programm ankündigt — für alles, was wir unter »Wirtschaft«
begreifen. Wirtschaft kann entweder betrachtet werden als gestaltete
Einheit oder als bloßer Inbegriff von Mannigfaltigkeit. Im ersten Falle
erscheint sie als Sozialwirtschaftsgebilde, im zweiten Falle als Sozial-
wirtschaftsgefüge. Demgemäß scheidet sich auch sozialökonomische
Theorie in Gebildetheorie und Gefügetheorie. Für die Gebilde-
theorie ist Erkenntnisobjekt das Gebilde als solches, seine strukturelle
Gestaltung im ganzen wie im einzelnen unter dem Einfluß von Ideen und
Zwecksetzungen, die auf die Ganzheit Bezug haben. Von dieser Seite
wird Wirtschaft in dem lebendigen Zusammenhang mit der Gesellschaft,
in ihren fundamentalen Beziehungen zum Staat und zu staatlichen Ver-
bindungen, zum staatlichen und internationalen Recht gesehen. Die
Gefügetheorie dagegen läßt den Umstand, daß eine Vielheit von markt-
wirtschaftlichen Tauschbeziehungen in einem lebendigen Zusammenhang
aufgehoben ist, außer Betracht. Sie macht nur die marktwirtschaftlichen
Tauschbeziehungen als solche zu ihrem Erkenntnisobjekt und ist als mecha-
nistisch-quantitative Theorie im wesentlichen an isolierende Methode
gebunden; in Anwendung auf konkretes Sein verfährt sie nach dem
Prinzip »abnehmender Abstraktion«.

Untersuchungen der weltwirtschaftlichen Struktur und ihrer Wand-
lungen, die nicht an Symptomen haften bleiben wollen, sondern auf
Ursachenforschung gerichtet sind, bedürfen ebensowohl der gefüge- wie
der gebildetheoretischen Einstellung, d. h. sie müssen gleicherweise unter
dem Gesichtswinkel ihrer individualistisch-marktwirtschaftlichen wie uni-
versalistisch-raumwirtschaftlichen Bedingtheit durchgeführt werden.
Denn auf die Motivation hin betrachtet, sind weltwirtschaftliche Struktur-
wandlungen entweder die gewollte Auswirkung wirtschaftspolitischer
Ideen und Zwecksetzungen oder die unbeabsichtigte Folge individuali-
Stischen Erwerbsstrebens. Daß daneben auch andere, zufällige Ur-
Sachen, wie Krieg und elementare Ereignisse, zu Strukturwandlungen
führen können, sei hier außer Betracht gelassen.

Strukturwandlungen der Weltwirtschaft, bedingt von seiten des
Marktes und des Raumes! Für wissenschaftliche Erkenntnis ein funda-

3
        <pb n="6" />
        Bernhard Harms
mentaler Unterschied. Die Markteinstellung orientiert sich am Gefüge,
sieht Standort, Produktion, Zirkulation, Ware, Angebot und Nachfrage,
Hausse und Baisse, Geld und Kredit, läßt rein auf das Rationale ein-
gestellte Menschen in Eisen, Kupfer, Baumwolle, Getreide, Gefrierfleisch,
Leder und Holz oder in Fertigerzeugnissen denken. Für sie stehen im
Vordergrunde Wanderungen von Menschen und Kapital, agrare und
industrielle Standortsverschiebungen, Umwälzungen in den Produktions-
prozessen, das Absterben alter und das Aufkommen neuer Produktions-
zweige, Veränderungen in den Verkehrswegen und der Verkehrsinten-
sität, Wandlungen in den wirtschaftlichen und finanziellen Organisations-
formen usw. Die raumwirtschaftliche Einstellung aber geht vom Ganzen
aus, orientiert sich am Gebilde: sonderraumwirtschaftlich unter dem
Gesichtspunkt der Volkswirtschaft und des Staates, gesamtraumwirt-
schaftlich im Sinne der weltwirtschaftlichen Interessenverbundenheit
der Sonderraumwirtschaften und Einzelwirtschaften, die ihren äußeren
Ausdruck im internationalen Recht findet.

Es entspräche im Grunde der Aufgabe und hätte großen Reiz, den
Strukturwandlungen der Weltwirtschaft in der so gekennzeichneten
zweifachen Bedingtheit streng systematisch nachzugehen. Daß dies
schwierig ist, weil die gleichen Erscheinungen und ihre Umwandlungen
häufig individualistisch-marktwirtschaftlichem und raumwirtschaftlichem
Zielstreben zugleich unterliegen, ist an sich kein Grund, von diesem
Verfahren abzusehen, wohl aber gebietet es die einem Vortrage gesetzte
Zeit. Somit bleibt nichts anderes übrig, als das, was gemeint ist, an
bloßen Beispielen anschaulich zu machen. Die Zweiteilung soll dabei
jedoch grundsätzlich festgehalten werden.

Im Hinblick auf die Auswahl der Beispiele sei das Folgende bemerkt:
Wandlungen ihrer Struktur weist die Weltwirtschaft auf, seitdem sie
besteht; sie erfolgen teils in kurzwelliger, überwiegend in langwelliger
Entwicklung, zuweilen aber auch mit großer Plötzlichkeit. Die Geschichte
der Weltwirtschaft unter dem Gesichtspunkt ihrer Strukturwandlungen
muß noch geschrieben werden. Mein Vortrag will dazu nicht einmal
einen Beitrag liefern. Die Beispiele, die er anführt, beleuchten nicht die
Entwicklungsgeschichte der Weltwirtschaft, sondern beziehen sich aus-
nahmslos auf die jüngste Vergangenheit. Daraus darf jedoch nicht ge-
schlossen werden, daß diese Verschiebungen durch einen Vergleich
von Vor- und Nachkriegszeit erschöpfend behandelt werden könnten,
denn bedeutsame Strukturwandlungen, die sich in ihren Wirkungen
heute geltend machen, gehen in der Wurzel erheblich weiter zurück.
Allerdings ist es richtig, daß der Krieg ihr Tempo beschleunigt hat,
und daß er außerdem Ursache völlig neuer Strukturwandlungen
gewesen ist.
        <pb n="7" />
        Strukturwandlungen der Weltwirtschaft

5
IL.
Mit dem genannten Vorbehalt sei die Aufmerksamkeit nunmehr zu-
nächst auf diejenigen Strukturwandlungen innerhalb der Weltwirtschaft
gerichtet, welche vornehmlich individualistisch marktwirtschaft-
lich bedingt sind. Vorauszuschicken ist da ein Wort über die Trieb-
kraft, die hier wirksam ist. Sie wurzelt im kapitalistischen Geist,
der von dem Erwerbsprinzip und dem ökonomischen Rationalismus
beherrscht wird. »... ein Geist mit ungeheurer Kraft zur Zerstörung
alter Naturgebilde, alter Gebundenheiten, alter Schranken, aber auch
stark zum Wiederaufbau neuer Lebensformen, kunstvoller und künst-
licher Zweckgebilde« (Sombart). Oft genug ist dieser Geist geschildert
worden. Für die Vergangenheit steht er unwandelbar im Gedächtnis.
Niemand bestreitet, daß er es gewesen ist, der den großen Zug ins Inter-
nationale moderner Wirtschaft bewirkt, das Abtasten der Erdoberfläche
und die Ausbeutung ihres erreichbaren Inneren unter der Losung Geld —
Ware — mehr Geld in die Wege geleitet und die Weltwirtschaft in ihrem
heutigen Aufbau gestaltet hat. Kapitalismus ist im Wesen weltumspan-
nend, welterobernd, kennt keine Grenzen des Gebiets und des Raumes.

Nur für die Gegenwart läßt man diesen kapitalistischen Geist
reinster Prägung nicht mehr gelten, sondern behauptet, daß er im Wandel
der Zeit überwunden worden sei oder gar sich selbst überwunden habe.
Das ist ein grundlegender Irrtum. Zwar gibt es zahlreiche Länder im
alten Europa, in denen der Auswirkung kapitalistischen Geistes über
die Verhütung von Entartung weit hinausgehende, lähmende Schranken
gesetzt sind, oder wo er aus sich heraus dekadent geworden ist. In der
übrigen Welt aber lebt dieser Geist, und seine Taten zeugen von ihm.
Romantische Köpfe vertreten zuweilen den Standpunkt, daß der Hoch-
kapitalismus in den Augusttagen des Jahres 1914 zu Grabe getragen sei
und die Welt künftig — »hier stock’ ich schon«, denn welche Wirtschafts-
weise künftig in der Welt nun eigentlich herrschen soll, lassen diese
Spekulativen Geister zumeist unklar. Sie reden von weißem, neuerdings
auch von gelbem und blauem Sozialismus oder erblicken gar im Wirt-
Schaftssystem des Bolschewismus das eigentliche Ziel. Es bedarf jedoch
des Grübelns nicht, denn im ganzen gesehen gibt es in diesem ent-
Scheidenden Punkt nichts, was die künftige Gestaltung als problematisch
erscheinen. ließe. Am kapitalistischen Ordnungsprinzip der Weltwirt-
Schaft hat sich nicht nur nichts geändert, sondern es sprechen im Gegen-
teil alle Gründe dafür, daß wir dem eigentlichen Zeitalter des Hoch-
kapitalismus — Meister Sombart möge diese Ketzerei verzeihen —
°rst entgegengehen, womit allerdings nicht gesagt sein soll, daß er die
alten Ausdrucksformen beibehalten wird. Auch Kapitalismus und
kapitalistischer Geist sind in einem Wandel begriffen, der jedoch
        <pb n="8" />
        Bernhard Harms

WS

SZ
x

ihr Wesen, statt es zu verändern, eher noch prägnanter zum Ausdruck
bringt. Darauf wird zurückzukommen sein. In anderm Sinne hat sich eine
Wandlung allerdings schon heute vollzogen, die vielleicht als die wich-
tigste Strukturwandlung der Weltwirtschaft überhaupt angesprochen
werden darf: das Herz des Weltkapitalismus schlägt nicht mehr in
Europa, sondern in den Vereinigten Staaten von Amerika, denen im
bevorstehenden Zeitalter des Hochkapitalismus die Führung zufallen
wird, und von wo aus potenzierter kapitalistischer Geist seinen Siegeszug
durch die jugendstarken wirtschaftlichen Neuländer nehmen wird, denen
gegenüber Europa an das alternde Rom erinnert, das angesichts wach-
sender sozialer Schwierigkeiten in der Brotverteilung an die Massen den
Ausweg erblickte. Zweifellos liegt darin eine Tragik, deren Bedeutung
bisher nicht ausreichend beachtet worden ist. Westeuropa glaubt im
Begriff zu sein, die »Bestie« Kapitalismus zu überwinden und einem
Zeitalter gemeinwirtschaftlicher Denkweise entgegenzugehen. In großen
Teilen der übrigen Welt aber steht der Kapitalismus in noch jugend-
lichem Alter und macht sich anheischig, das weltwirtschaftliche Schwer-
gewicht der Erde aus der Alten in die Neue Welt zu verlegen, »Neue Welt«
nicht nur im Sinne von Nordamerika verstanden. Daß dies gelingen
wird, wenn Europa keine Renaissance seines kapitalistischen Geistes
erlebt, steht für mich außer Zweifel. Kapitalistischer Geist wird ent-
weder auf der ganzen Linie ausgerottet, oder aber diejenigen Völker,
welche ihm vorzeitig entsagen, sind zum Abstieg verurteilt, ein Prozeß,
der sich zunächst auf dem Rücken des Proletariats vollzieht. Die west-
europäische Arbeiterschaft ist deshalb vor allem berufen, von den Unter-
nehmern zu fordern, daß sie sich, solange dieses kapitalistische System
überhaupt besteht, den kapitalistischen Geist bewahren, denn
andernfalls ist das Ganze eine Farce. Privatwirtschaftliche Organisation
der Wirtschaft ohne kapitalistischen Geist ist Widerspruch in sich selbst.

Daß kapitalistischer Geist maturgemäß« zur Kampfstellung gegen
die Lohnarbeiter führen müsse, ist in der Gegenwart eine groteske Vor-
stellung, denn wenn unter den heutigen Verhältnissen die Herrschaft über
Kapital der Einsicht enträt, daß zu den zahlreichen Voraussetzungen
für höchstmögliche Verwertung des Kapitals Vermeidung von Kon-
flikten und darüber hinaus Bekundung von Interessensolidarität mit
der Lohnarbeiterschaft gehört, so ermangelt sie des kapitalistischen
Geistes! Der Kapitalismus, der heute im Begriff ist, die Welt-
wirtschaft aus ihren Angeln zu heben, hat diese Wandlung seines
Geistes schon vollzogen und nicht zuletzt dadurch die Kraft des
Handelns um das Vielfache gesteigert. Vielleicht darf ich sagen, daß
er es gewesen ist, der innerhalb des Gefüges das Gebilde, ich meine das
Gebilde der Unternehmung, mit allem, was in ihm lebt und wirkt, ver-
        <pb n="9" />
        Strukturwandlungen der Weltwirtschaft

EEE
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»”
standesmäßig zuerst erkannt hat. Daß so gearteter Kapitalismus, der
mit »Mehrwerterpressung« im Sinne marxistischer Doktrin nichts gemein
hat, sich auch in Europa ausbreite, ist nicht nur aus wirtschaftlichen,
sondern ebensowohl aus sozialen Gründen das Gebot der Stunde. Ob
Unternehmer und Arbeiter dies erkennen, ist nicht zuletzt für Deutsch-
land schicksalbestimmend... .

Wollte ich für die These vom lebendigen Kapitalismus den Beweis
antreten und seinem Wirken in allen Teilen dieser Welt nachgehen,
so müßte ich nicht den Bruchteil eines Vortrages, sondern die vier-
stündige Vorlesung eines Wintersemesters zur Verfügung haben. Immer-
hin sei in diesem entscheidenden Punkt etwas mehr gesagt, als es im
weiteren Verlauf des Vortrages möglich ist.

In der Vorkriegszeit war der Geldmarkt der Welt London. Auch
der größte Teil der im eigentlichen Sinne internationalen exploitierenden
überseeischen Unternehmungen war hier eingetragen. In den Jahren
der Hochkonjunktur 1911 bis 1913 war die Mark kühn genug, mit dem
Pfund in Wettbewerb zu treten, während der Dollar sich bescheiden im
Hintergrund hielt. Wie anders heute! Leider sind wir nicht in der Lage,
die internationalen Kapitalverschiebungen insgesamt zu erfassen. Nach
den darüber vorliegenden Statistiken, die den öffentlich-rechtlichen
Gläubigerstandard recht gut, den Wandel in den Bewegungen des Wirt-
Schaftskapitals aber nur unvollständig widerspiegeln, ergibt sich das fol-
gende Bild: das Nettoguthaben Europas in Überseegebieten belief sich
in der Vorkriegszeit auf annähernd 100 Milliarden Mark. Heute beträgt
die Nettoschuld Europas mehr als 30 Milliarden Mark. Die Vereinigten
Staaten von Amerika waren vor dem Kriege mit etwa 16 Milliarden
Mark an Europa verschuldet, während heute die Verschuldung Europas
an die Vereinigten Staaten rund 60 Milliarden Goldmark beträgt. Frank-
reich und Deutschland, die vor dem Kriege 50 bzw. 30 Milliarden Mark

Nettoguthaben im Auslande hatten, sind heute in der internationalen
Verpflichtungsbilanz Schuldner geworden, Deutschland auch ohne Be-
rücksichtigung der Reparationsverpflichtungen. Großbritannien, ehe-
mals mit 60 Milliarden Goldmark Auslandguthaben das erste Gläubiger-
land der Welt, hat zwar — die Reparationsforderungen eingerechnet —
Seinen Vorkriegsstand wieder erreicht, ist aber von den Vereinigten
Staaten überflügelt worden; es vermag jährlich 2 Milliarden Goldmark
im Auslande anzulegen, die Union hingegen das Zwei- bis Dreifache.
Diese Zahlen zeigen einerseits die Verschiebungen in der Finanz-
kraft Europas und Amerikas, wobei allerdings bemerkenswert ist, daß
Sich England, absolut genommen, auf Vorkriegshöhe gehalten hat,
anderseits, daß es sich eben nur um Verschiebungen handelt, während
Sich im Wesen von Kapitalanlagen im Auslande nichts geändert hat.
        <pb n="10" />
        Bernhard Harms
Und eben diese Tatsache ist bezeichnend. Sie wird es um so mehr, je
gründlicher man sich mit ihren Einzelheiten vertraut macht. Die Kapital-
anlagen der Vereinigten Staaten in Zentral- und Südamerika beliefen
sich im Jahre 1914 auf 3, im Jahre 1924 hingegen auf 18 Milliarden
Mark. In Ostasien ist das Verhältnis 0,6 zu 3,7 Milliarden Mark, in den
britischen Kolonien 2,2 zu 11,4 Milliarden Mark und in Europa (ohne
die noch nicht regulierten politischen Guthaben) 0,2 zu 57,2 Milliarden
Mark. Bei dem europäischen Guthaben der Vereinigten Staaten
handelt es sich zu ’drei Viertel um sog. politische Guthaben, und
der Rest sagt nichts im Sinne der weiteren Welterschließung. Wohl
aber weisen die übrigen Kapitalanlagen auf diese Spur. Weitaus der
größte Teil der 15 Milliarden Goldmark, die in den zehn Jahren 1914 bis
1924 in Zentral- und Südamerika angelegt worden sind, hat der weiteren
wirtschaftlichen Erschließung dieser Länder gedient. Das gleiche gilt
für Ostasien und die englischen Kolonien, wo im genannten Jahrzehnt
von den Vereinigten Staaten mehr als 12 Milliarden Mark neu investiert
worden sind. Vergleicht man mit diesen Zahlen das Wachsen ausländischer,
insbesondere überseeischer Kapitalanlagen Europas in der Vorkriegszeit,
so fällt der Unterschied in die Augen. England brauchte ein Jahrhundert,
um ein Nettoguthaben von 60 Milliarden Goldmark, Deutschland andert-
halb Menschenalter, um 30 Milliarden und Frankreich zwei Menschen-
alter, um 50 Milliarden Mark Auslandguthaben zu erwerben. Die Ver-
einigten Staaten hingegen verwandelten in einem Zeitraum von noch
nicht zehn Jahren Europa gegenüber ihr Minus von 16 Milliarden in ein
Plus von fast 60 Milliarden Mark und vermehrten darüber hinaus ihre
Kapitalanlagen in der übrigen Welt um annähernd 30 Milliarden Mark.
Gegenüber solcher Entwicklung erscheint einem das, was sich im 19. Jahr-
hundert ereignete, geradezu als Frühkapitalismus. Vom engeren Herr-
schaftsbereich der Bolschewisten abgesehen — zu deren Bedauern —, gibt
es keinen wirtschaftlich aussichtsvollen Raum auf dieser Erde, in welchem
sich amerikanisches Kapital nicht eingenistet hätte. Selbst in den alten
Gebieten des englischen, holländischen und belgischen Kolonialkapita-
lismus macht es sich breit. Engländer, Holländer und Belgier sind es
aber auch, die von Europa aus den Prozeß weiterhin beeinflussen. Für
England ist es ein wahres Glück, daß die City sich durch parteipolitische
und soziale Erschütterungen, die um sie vorgehen, nicht bestimmen läßt,
sondern unbeirrt an dem kapitalistischen Geist festhält, der auch die
ältere Generation in Downing Street soziale und parlamentarische
Kämpfe als eine »innere Angelegenheit« werten ließ. Mit Einschränkung
gilt das gleiche für Holland und Belgien, deren kapitalistische Oberschicht
sich trotz allem, was die innere Politik bewegt, den auf wirtschaftliche
Expansion gerichteten kapitalistischen Geist bewahrt hat.
        <pb n="11" />
        Strukturwandlungen der Weltwirtschaft

9

Nunmehr zu etlichen Beispielen aus dem Wirtschaftsbereich des
Weltkapitalismus, die andeuten mögen, was an Strukturwandlungen
großen Stils in der jüngsten Vergangenheit auf ihn zurückzuführen ist.

Ich beginne mit etlichen Angaben über Strukturwandlungen auf den
Gebieten der Energiewirtschaft. Bekannt ist, daß die Welt zur Zeit
eine Krisis in der Kohlewirtschaft durchmacht, die sich zunächst aller-
dings im wesentlichen auf Europa beschränkt (und überdies durch den
englischen Bergarbeiterstreik vorübergehend ein anderes Gesicht erhalten
hat). Sie ist ein vortreffliches Beispiel für die teils konjunkturell, teils
strukturell bedingten Ursachen von Krisen überhaupt. Die vermin-
derte Nachfrage nach Kohle ist einerseits die Folge der durch schlechten
Geschäftsgang in der Industrie bedingten Nachfrage; überdies ist sie
darin begründet, daß auf dem europäischen Kontinent, bei gegenüber
der Vorkriegszeit etwa gleichgebliebener Produktionsmenge, Verschie-
bungen zugunsten früherer Zuschußländer, Frankreichs, Spaniens, der
Niederlande, Belgiens, und zu Lasten der Überschußländer, vor allem
Polens und der Tschechoslowakei, stattgefunden haben. Die Produktion
in den europäischen Einfuhrländern hat zugenommen, die Produktion
in den Absatzländern abgenommen. Äußern sich darin schon gewisse
Strukturwandlungen, die sich künftig wahrscheinlich noch deutlicher
ausdrücken werden, so ist die eigentliche Ursache der Kohlenkrisis auf
Strukturwandlungen zurückzuführen, die sich innerhalb der gesamten
Energiewirtschaft vollzogen haben und vornehmlich die Folge technischer
Umwälzungen sind, deren Ausnutzung sich der Weltkapitalismus mit
Hingabe angelegen sein ließ.

In Betracht kommt da zunächst die gewaltige Steigerung der Mineral-
ölproduktion von 52 Millionen t im Jahre 1913 auf rund 145 Millionen t
im Jahre 1925, ein Ergebnis, das trotz Rückgangs der Produktion in
Galizien und Stagnation in Rumänien durch größere Ergiebigkeit in
Persien und die Neuerschließung von Lagerstätten in Mittel- und Süd-
amerika sowie in Kalifornien erzielt worden ist. Der künftige Geschicht-
schreiber wird das erste Viertel des 20. Jahrhunderts vermutlich als ein
Zeitalter des Kampfes um die Ölfelder der Erde bezeichnen mit maß-
geblichem Eingreifen der politischen Mächte. Bekannt ist, daß die
Konferenz von Genua hinter den Kulissen eine Auseinandersetzung über
Ölinteressen war. — Mineralöl hat längst aufgehört, vornehmlich Be-
leuchtungszwecken zu dienen, es findet in wachsendem Ausmaße als
Antriebskraft Verwendung und verdrängt zunehmend die Kohle. Aus
den 145 Millionen t Erdöl, die im Jahre 1925 gewonnen worden sind,
wurden etwa 70 Millionen t Heizöl gewonnen, die als unmittelbare Kon-
kurrenz der Kohle in Betracht kommen; sie entsprechen dem Heizwerte
nach etwa 120 Milionen t Kohle. Das Heizstoffplus durch vermehrte
        <pb n="12" />
        Lu

Bernhard Harms
Rohölgewinnung kann also gegen 1913 auf etwa 80 Millionen t Kohle-
äquivalente geschätzt werden.

Eine andere Ursache der Kohlenkrisis liegt in dem Ausbau der
Wasserkräfte. Gegenüber 1913 hat schätzungsweise eine Verdoppelung
der nutzbar gemachten Wasserkräfte stattgefunden. Eine vorsichtige
Schätzung für 1925 kommt auf mindestens 60 Milliarden Kilowatt-
stunden durch Wasser erzeugte Energie, was 60 Millionen t Kohle ent-
spricht. Das aus der Vermehrung der Wasserkraftanlagen gewonnene
Energieplus beträgt somit rund 30 Millionen t Kohle.

Dazu kommt drittens, daß die Fortschritte der Wärmetechnik
eine bessere Ausnutzung der Kohle ermöglichen. Die Brennstoffaus-
nutzung in den amerikanischen öffentlichen Elektrizitätswerken ist von
1919 bis 1924 um rund 25 %, erhöht worden. Das gleiche Verhältnis
hat in den andern Ländern nicht erzielt werden können, doch wird
insgesamt wohl mit einer Ersparnis von 5—10 %, zu rechnen sein,
was einen Ersparniseffekt von 60—120 Millionen t ergibt.

Welche Bedeutung die hier genannten Faktoren für die Kohlen-
produktion haben, mag dadurch illustriert werden, daß etwa die Hälfte
des Rückgangs der englischen Kohlenausfuhr (1913 bis 1925: 25 Millionen t)
auf sie zurückgeführt werden kann.

Ist somit an sich nicht damit zu rechnen, daß die Kohlenkrisis durch
einen etwaigen allgemeinen Konjunkturumschwung behoben wird, so
bahnt sich anderseits doch vielleicht schon eine Entwicklung an, die der
Kohle ihre frühere dominierende Stellung wiedergeben könnte. Wenn
es nämlich gelingt, die technisch schon geglückte Verflüssigung von
Kohle wirtschaftlich nutzbar zu machen — ein Ziel, an dessen Verwirk-
lichung in Deutschland mit der größten Energie gearbeitet wird (von einem
Konzern, der sich kapitalistischen Geist gleichfalls erhalten hat) —, so
würde sich damit die bedeutendste Strukturwandlung in der Weltwirt-

schaft vollziehen, die diese bisher überhaupt gesehen hat, denn die
Kohleländer könnten auf die Einfuhr von Mineralöl verzichten und diesem
möglicherweise auch auf dem Weltmarkt Konkurrenz machen. Der
Kohlestandort erhielte seine alte Bedeutung zurück. Es ist begreiflich,
daß die Ölinteressenten der Welt, vor allem in den Vereinigten Staaten
von Amerika, diesem Prozeß nervöse Aufmerksamkeit widmen. Analoge
Fälle, aus denen sich auf die zu erwartende Folgewirkung schließen 1äßt,
gibt es zur Genüge. Erinnert sei an die verheerenden Begleiterscheinungen
der Erfindung des künstlichen Indigos für die Indigowirtschaft in der
Präsidentschaft Madras....
Bedeutsame Strukturwandlungen haben sich auch in der Eisen-
industrie vollzogen. Die besonderen Verhältnisse in Westeuropa darf
ich hier als bekannt voraussetzen, desgleichen die allgemeinen raumwirt-
        <pb n="13" />
        Strukturwandlungen der Weltwirtschaft

II

schaftlichen Verschiebungen. in der Roheisen- und Stahlproduktion der
Welt, die England aus seiner führenden Stellung absolut verdrängt und
die Vereinigten Staaten von Amerika an die Spitze gebracht haben.
Weniger beachtet wird in der Regel, daß die Vereinigten Staaten trotz-
dem ihren Anteil am Weltaußenhandel in Roheisen in der Einfuhr
von 21 auf 51 % gesteigert, in der Ausfuhr von 13 auf 1,7 %% verringert
haben. England hingegen hat bei annähernd gleichgebliebener Einfuhr
und vermindertem Selbstverbrauch eine Verringerung seines Anteils an
der Weltausfuhr von 43 auf 25 %, erfahren. Neu eingetreten in die Roh-
eisenproduktion der Welt ist Indien. Vor dreißig Jahren wurde hier
überhaupt noch kein Roheisen erzeugt, dagegen belief sich die Produk-
tion im Jahre 1913/14 bereits auf 200 000 long tons, im Jahre 1924/25
auf annähernd 900 000 long tons, wovon im letztgenannten Jahre ein
Drittel ausgeführt wurde. Hauptabnehmer des indischen Roheisens sind
die Vereinigten Staaten und Japan. Daß im Hinblick auf Amerika der
Panamakanal eine Rolle spielt, wird noch zu erörtern sein. Insgesamt
handelt es sich hier um eine Entwicklung, von der anzunehmen ist, daß
sie sich in Zukunft wesentlich schärfer ausprägen wird. Getragen wird
sie von englischem und amerikanischem Kapital. Sie ist ausgesprochen
großkapitalistisch, denn 80 °/, der gesamten Roheisenproduktion Indiens
entfallen auf drei führende Werke, von denen auf die Tata Iron and Steel
Co. in den letzten Jahren reichlich 60 % kommen.

Größere Bedeutung noch hat Indien in der Welteisenindustrie da-
durch erlangt, daß es Erzeuger von Manganerzen geworden ist. Diese
Tatsache ist weltwirtschaftlich von erheblicher Tragweite, denn Mangan-
erze sind ein Schatz von unbeschreiblichem Wert. Sir Josiah Stamp
hat kürzlich darauf hingewiesen, daß die Natur außerordentlich launisch
und wunderlich in der Verteilung der von ihr hervorgebrachten Erzeug-
nisse gewesen sei. Die an Kohle und Eisen reichsten Gebiete verfügen
kaum über irgendwelche ergänzenden Produkte, die für die Stahlerzeugung
erforderlich sind. Diejenigen aber, die diese wichtigen Hilfsstoffe liefern,
verfügen selbst wieder kaum oder gar nicht über Kohle und Eisen. Als
Beweis führt er die Vereinigten Staaten von Amerika an, deren Mangan-
erzeugung äußerst gering sei, und die infolgedessen in den letzten Jahren
reichlich 200 000 t Manganerze und 100 000 t Ferromangan eingeführt
hätten. Für Indien trifft das Gesagte nicht zu, denn dies Land verfügt
neben den übrigen Grundstoffen für die Stahlfabrikation über gewaltige
Lager von Manganerzen, die inzwischen erschlossen worden sind. Um die
Jahrhundertwende hatte bekanntlich Rußland das absolute Übergewicht,
indem es an der Weltproduktion von 1,35 Millionen t mit 752 000 t
beteiligt war, während Indien die Gewinnung eben erst aufgenommen
hatte. Im Wirtschaftsjahr 1924/25 hingegen erreichte dessen Produktion,
        <pb n="14" />
        {2

Bernhard Harms

NE
Ka Ta

beeinflußt durch englisches und amerikanisches Kapital, 817 000 t.
Daneben hat während des Krieges auch Brasilien größere Bedeutung
für die Manganerzgewinnung erhalten, so daß der Gesamtmarkt für eines
der wichtigsten Zusatzmaterialien der Stahlfabrikation eine beträchtliche
Erweiterung erfahren hat. Es ist bezeichnend, daß das amerikanische
Kapital es inzwischen verstanden hat, sich die Kontrolle über die Man-
ganerzfelder im Kaukasus zu sichern. Die Vereinigten Staaten sind auch
im Hinblick auf andere wichtige Ausgangsmaterialien für ihre Metall-
industrie auf das Ausland angewiesen. In Rhodesien und Neukaledonien
ringen sie mit andern Interessenten um Chromeisenstein, in Kanada um
Nickelerze, in China um Tungstein.

Übrigens hat Indien auch in der Eisenverarbeitung Fortschritte
gemacht; weltwirtschaftlich sind sie einstweilen noch von geringerer
Bedeutung, doch muß damit gerechnet werden, daß die Rückwirkung auf
die Einfuhr aus England sich schon in absehbarer Zeit empfindlich geltend
machen wird. Tiefgreifende Strukturwandlungen in der Eisenwirtschaft,
die von China auszugehen schienen, sind einstweilen ins Stocken ge-
raten. Es ist aber durchaus nicht von der Hand zu weisen, daß sich
dereinst im mittleren Tale des Jangtseflusses, dessen Zentrum Hankou
schon früher das künftige Chikago des Ostens genannt wurde, eine Eisen-
industrie großen Stils entwickeln wird, denn die natürlichen Voraus-
setzungen dafür sind wahrhaft verschwenderisch gegeben. Amerika-
nischer Kapitalismus sieht hier sein künftiges eigentliches Betätigungs-
gebiet und hat darum in Anbetracht seines eigenen Zieles den
europäischen Aufteilungsplänen schon um die Jahrhundertwende einen
Riegel vorgeschoben. Hinter der Losung der amerikanischen Politik:
»Offene Tür in China«, steht vorwärtsdrängend das amerikanische
Kapital.

Beträchtliche Verschiebungen im Verhältnis ihrer Produktion zeigen
die farbigen Metalle. In die Augen fällt zunächst schon deren unter-
schiedliche Vermehrung seit 1913. Wird die Produktion dieses Jahres
gleich 100 gesetzt, so drückt sich die Zunahme für die einzelnen Metalle
für 1925 in folgenden Zahlen aus: Kupfer 148, Blei 127, Zink 107,
Zinn 103, Aluminium 300 (Erdöl 281, Kohle 98, Roheisen 05). Be-
merkenswert sind die raumwirtschaftlichen Verschiebungen zugunsten
Amerikas und zuungunsten Europas. Der prozentuale Anteil Europas
an der Weltproduktion im Jahre 1924 ist gegenüber dem Jahre 1913

gesunken: Kupfer von 13 auf 6%, Blei von 29 auf 19 %, Zink von
42 auf 22 °/,, Zinn von 4 auf ı °/,, Aluminium von 55 auf 51 %. Wichtige
Schlüsse läßt auch der Verbrauch der genannten Metalle zu. Der
europäische Anteil am Weltverbrauch ist gegen 1913 gesunken: Kupfer
von 61 auf 41 %, Blei von 60 auf 44 %, Zink von 70 auf 53 %, Zinn
        <pb n="15" />
        GWK

WEN
2181 win 30, 3. Sb
Strukturwandlungen der Weltwirtschaft

13

von 54 auf 42 %, Aluminium von 51 auf 42 %. Bei sämtlichen hier
genannten Zahlen ist allerdings zu beachten, daß sie nur bis zu einem
gewissen Grade als Ausdruck für wirkliche . Strukturwandlungen zu
werten sind, und daß ein nicht geringer Teil der durch sie angezeigten
Veränderungen konjunkturell bedingt ist.

Ein grundlegender Strukturwandel hat sich im letzten Jahrzehnt in
der Kautschukproduktion vollzogen. Vor 25 Jahren hatte Brasilien
mit seinem wilden Kautschuk eine fast absolute Monopolstellung. Im
Jahre 1900 entfielen von der Weltproduktion an Kautschuk in Höhe von
54 000 t nur 4000 t auf plantagenmäßig gewonnenen Kautschuk. Im
Jahre 1913 betrug dessen Anteil bei einer Gesamtproduktion von 109 000 t
schon 48 %,. Im Jahre 1925 kamen bei einer Weltproduktion von etwa
470 000 t auf Plantagenkautschuk 440 000 t! Dieses hat zu bedeutsamen
Wandlungen in der Stellung der verschiedenen Raumwirtschaften zu-
einander geführt. Indisch-Asien hat als Rohstofflieferant für etliche
der wichtigsten Industrien in der Alten und der Neuen Welt eine Vormacht-
stellung erhalten. Die hauptsächlichsten Produktionsgebiete des Plan-
tagenkautschuks sind (in der Reihe ihrer Produktionszahlen): Malaiische
Staaten, Niederländisch-Indien und Ceylon mit insgesamt 90 °%, der
Weltproduktion. Diese Entwicklung hat ausgesprochen kapitalistischen
Charakter. Sie stand und steht unter der Führung Englands, doch spielt
auch das niederländische Kapital in ihr eine beträchtliche Rolle; die
Vereinigten Staaten dagegen sind unbedeutend beteiligt und versuchen
erst neuerdings, ihren Einfluß auf die Kautschukwirtschaft der Welt zu ver-
stärken. Dies vor allem deshalb, weil sich in ihr neuerdings Monopol-
erscheinungen geltend gemacht haben, die das Grandioseste sind, was
bisher auf diesem Gebiete überhaupt geleistet worden ist. Auch darauf
wird zurückzukommen sein.

Fundamentale Umwälzungen haben im letzten Jahrzehnt auf dem
Gebiet der Seidenproduktion stattgefunden. Ich meine den Siegeslauf
der Kunstseide, die um die Jahrhundertwende marktmäßig überhaupt
nicht vorhanden war und im Jahre 1913 erst ein Drittel der. Produktion
von Naturseide ausmachte. Im ‚Jahre 1925 hingegen wurden in den
Welthandel gebracht (den Eigenverbrauch Ostasiens nicht mitgerechnet)
etwa 40 000 t Naturseide und annähernd 80 000 t Kunstseide gegen
12 000 t im Jahre 1913. Die Führung hatte in der Vorkriegszeit Deutsch-
land; die Vereinigten Staaten kamen erst an sechster Stelle. Heute
Stehen diese auch hier an der Spitze. Von der Weltproduktion an
Kunstseide entfallen auf die Vereinigten Staaten etwa 28 %/,, auf England
16 %, auf Deutschland 15%, auf Frankreich 14,5 %. Verbraucht
wird die gesamte Weltproduktion mehr als zur Hälfte von den Vereinigten
Staaten.
        <pb n="16" />
        Bernhard Harms

a

Gelegentlich ist die Frage aufgeworfen worden, ob diese Entwicklung
Ausdruck einer Strukturwandlung von anhaltender Wirkung oder eine
bloße Konjunkturerscheinung sei, mit andern Worten, ob die gewaltige
Vermehrung des Seidenkonsums im letzten Jahrzehnt als Folge einer
vorübergehenden Mode angesehen werden müsse, oder ob sie Bestand
haben werde. Ich will dies schwierige Problem hier nicht entscheiden,
obwohl es grundsätzliche Bedeutung hat und in die gesamte Textil-
wirtschaft der Welt übergreift. Wenn etwa demnächst die Frauen-
welt auf dem Erdenrund wieder dazu übergehen sollte, den früher
obligaten »Anstandsunterrock« oder, entgegen der neuesten Gepflogen-
heit, den Unterrock überhaupt wieder anzuziehen und die Kleider
bis auf die Knöchel fallen oder gar zur Schleppe auswachsen zu lassen,
vielleicht auch die Schürze wieder hervorholte und darüber hinaus
die vom Strumpf umhüllten Extremitäten als etwas ansähe, was besser
nicht jedermann gezeigt wird, so stünde gewiß zu erwarten, daß die Folge-
wirkungen auf Produktion und Verbrauch weltwirtschaftlich wichtiger
Faserstoffe nicht ausbleiben und beträchtliche raumwirtschaftliche Be-
deutungswandlungen sich vollziehen würden. Das Wahrscheinliche oder
Unwahrscheinliche solcher Entwicklung abzuwägen, kann einem Professor
nicht zugemutet werden; er muß dies der »Fachpresse« überlassen, die
sich damit denn auch schon seit Jahr und Tag beschäftigt. Immerhin
fällt es in seinen Aufgabenkreis, auf die weltwirtschaftliche Problematik,
die sich hier zeigt, aufmerksam zu machen. Persönlich bin ich der Mei-
nung, daß ein Unterschied besteht zwischen Moden wechsel und Trach-
tenwandel. Wenn ich recht sehe, steht das weibliche Geschlecht — auch
das kurzgeschnittene Haar ist ein Zeugnis dafür — in einer Zeit des
Trachtenwandels, wie er vor annähernd einem Jahrhundert unter dem
Einfluß Englands im männlichen Exterieur erlebt wurde. Die tiefere Ur-

sache dafür erblicke ich in der veränderten Stellung der Frau im sozialen,
wirtschaftlichen und politischen Leben, wie ja auch farbiger Zylinder,
bunter Rock und gekräuselter Spitzenkragen nicht mehr verträglich
erschienen mit dem rationellen Zuge der neuen Zeit, nachdem Perücke
und Zopf ihr schon vorher zum Opfer gefallen waren. Gewisse Wand-
lungen in der Lebensauffassung und Lebensäußerung der Frau finden
eben in der Tracht ihren Ausdruck, auch in früheren Zeiten war dies so.
Ist das alles richtig, so sind die durch den Trachtenwandel bedingten
Veränderungen in der einschlägigen Bedarfsgestaltung in ihrer Aus-
wirkung auf die Produktionsrichtung nicht konjunkturellen, sondern
strukturellen Charakters. ;

Im Zusammenhang hiermit sei auf das Folgende hingewiesen. Um
die Jahrhundertwende hat Japan den Zopf abgeschnitten und ging
zugleich zur europäischen Tracht über, ein Wandel, der sich zunächst auf
        <pb n="17" />
        Strukturwandlungen der Weltwirtschaft

TE RE

15
die Oberschichten beschränkte*. Erst neuerdings ist das japanische Volk
allgemeiner zur europäischen Tracht übergegangen. Die Wirkung auf
den internationalen Markt ist erstaunlich: australische Wolle geht heute
zu erheblich größerem Teil als in der Vorkriegszeit nach Japan. Die
Ausfuhr von Kammgarn aus Deutschland nach Japan ist niemals so
groß gewesen wie in den letzten Jahren. Der vermehrte Bezug Japans
von Wolle und Kammgarn wird mit gesteigerter Seidenausfuhr nach den
Vereinigten Staaten bezahlt, wobei Japan bilanzmäßig einen beträcht-
lichen Gewinn macht. In den Vereinigten Staaten hat sich auch insofern
ein Trachtenwandel vollzogen, als die Frauenwelt dort radikaler denn in
andern Ländern zum Seidenstoff übergegangen ist. Man müßte nun
annehmen, daß sich dies in dem Verbrauch von Baumwolle in Amerika
äußerte. In Wirklichkeit ist das natürlich auch der Fall, doch kommt es
ohne weiteres nicht zum Ausdruck. Der Anteil des Eigenverbrauchs an
der erzeugten Baumwolle betrug in den Jahren 1910/15: 40 %, in den
Jahren 1920/24: 54 °%. Zum Teil ist dies darauf zurückzuführen, daß
die Zugewanderten sich nicht sofort in Seide einhüllen können. Der
Hauptgrund aber liegt darin, daß ein ständig wachsender Anteil der
amerikanischen Baumwollproduktion in der Automobilreifenindustrie
Verwendung findet. Man hat ausgerechnet — mutmaßlich ein wenig
übertrieben —, daß diesen Zwecken heute schon (je nach der Konjunktur)
5—10 % der gesamten Baumwollproduktion Amerikas dienen.
Übrigens steht der folgenschwerste Trachtenwandel in der Welt noch
bevor. Wenn demnächst — es ist dies, nachdem der Anfang bereits ge-
macht ist, nur eine Frage der Zeit — die vierhundert Millionen Chinesen
dazu übergehen, ihre blauen Leinen- oder Baumwollkittel (und die Ober-
Schicht die seidenen Gewänder) auszuziehen und europäische Kleidung an-
zulegen, so würde dies von überhaupt nicht abzusehender Rückwirkung
Sein: einerseits auf die Textilindustrie, anderseits auf die Industrie künst-
lichen Indigos, die ihr Absatzgebiet in Ostasien hat. Dabei würde es für
die weltwirtschaftliche Auswirkung von nur sekundärer Bedeutung sein,
ob die Chinesen die Stoffe für die europäische Tracht im eigenen Lande
herstellten oder aus dem Auslande bezögen. Zu weitreichenden neuen
weltwirtschaftlichen Verflechtungen käme es unter allen Umständen.

* Unmittelbar nach dem Vortrag wurde ich von »Japankennern« darauf aufmerksam
gemacht (es war offenbar das Wichtigste aus meinem ganzen Vortrag), daß die Japaner
einen Zopf überhaupt nicht getragen hätten. Das haben sie in der Tat nicht. Dennoch
War es eine Zopfzeit, in der die Samurai lebten. Überdies war der Übergang von der
gewellten Haartracht zum kurzgeschnittenen Haar in europäischem Stil für das Problem
der Kopfbedeckung (eben darauf kommt es in diesem Zusammenhang an) von grund-
legender Bedeutung, denn auf die neue männliche Haarfrisur paßte nur der euro-
Päische Hut!
        <pb n="18" />
        Bernhard Harms
Gewisse Wandlungen zeigen sich übrigens auch in der Produktion
und dem raumwirtschaftlichen Verbrauch von Baumwolle. An der
alten Gliederung der Haupterzeugungsländer : Vereinigte Staaten, Indien,
Ägypten, hat sich zwar nichts geändert, wenngleich in Ägypten Wand-
lungen in Vorbereitung sind, die schon in absehbarer Zeit ihre Wirkung
tun werden. Davon aber soll in anderm Zusammenhang die Rede sein.
An dieser Stelle sei auf die immerhin bemerkenswerte Tatsache hin-
gewiesen, daß Brasilien seine Baumwollproduktion gegen I913 von
183 000 auf 533 000 Ballen im Jahre 1925 gesteigert hat, zumal da diese
Menge ausschließlich im Inlande verarbeitet wird. Ins Auge fällt ferner,
daß der Anteil der Produktion in Indien, der im Lande selbst verarbeitet
wird, ständig wächst. Der Anteil des Eigenverbrauchs an der Produktion
betrug im Jahre 1913: 1,7, im Jahre 1925 hingegen 2,5 Millionen Ballen.
Nicht minder bemerkenswert ist, daß Italien seine Baumwollproduktion
in den. Jahren 1913/25 von 744 000 Ballen auf mehr als eine Million
Ballen gesteigert hat. Der Verbrauch von Baumwolle ist gegen 1913
in England, Deutschland und Rußland beträchtlich gesunken, in Frank-
reich, Italien, Spanien, Belgien, den Niederlanden und den Vereinigten
Staaten gestiegen. Ungewöhnliche Verbrauchssteigerungen zeigen sich
in Japan, Indien, Brasilien und Mexiko. Auch hier ist jedoch zu beachten,
daß die Veränderungen zum Teil nur konjunkturell zu bewerten sind.

Strukturwandlungen von grundlegender Art haben sich in der Produk-
tion künstlicher Farben vollzogen. Bis zum Kriegsbeginn belief sich
die Gesamtproduktion an künstlichen Farbstoffen auf etwa 110000 t,
im Werte von annähernd 300 Millionen Mark. Deutschland hatte mit
seinem Anteil von 95 000 t das Monopol. Es versorgte die ganze Welt,
deren Textilindustrien in diesem Sinne von ihm abhängig waren. Krieg
und Nachkriegszeit haben hierin bedeutsamen Wandel geschafft. Zahl-
reiche Länder, darunter vor allem England und die Vereinigten Staaten,
haben seitdem die Eigenproduktion stark entwickelt. Es wird behauptet,
daß die englischen Farbenfabriken schon heute den gesamten Inland-
bedarf zu decken vermögen. Für die Vereinigten Staaten steht dies,

von Spezialitäten und gewissen Ausgangsmaterialien abgesehen, außer
Zweifel. Ihre Gesamtproduktion an künstlichen Farben beträgt zur
Zeit etwa 42 000 t, während der Inlandbedarf auf nicht viel mehr als
25 000 t geschätzt wird. Die Folge ist, daß die amerikanische Pro-
duktion schon für den Weltmarkt Bedeutung hat. Die Konkurrenz
macht sich insbesondere in Ostasien geltend, vor allem in China, das
der hauptsächlichste Markt für künstlichen Indigo ist. Die veränderte
Stellung Deutschlands ergibt sich nicht zuletzt aus seinen Export-
ziffern. Im Jahre 1913 führte es 64 000 t Anilinfarbstoff und ır 0ooo t
Alizarinfarbstoff aus gegen 17000 und 2000 t im Jahre 1925. Aller
        <pb n="19" />
        Strukturwandlungen der Weltwirtschaft

17
dings ist hierbei zu beachten, daß die heutige Ausfuhr Deutschlands
zu einem erheblichen Teil in hochwertigen Spezialitäten besteht, so daß
das veränderte Mengenverhältnis mit dem Wandel im Werte der Aus-
fuhr nicht korrespondiert. Es rechtfertigt sich im Gegenteil die Auffassung,
daß vom deutschen Standpunkt die Farbenausfuhr heute ökonomisch er-
giebiger ist als in der Vorkriegszeit. Erst recht gilt dies für andere Er-
zeugnisse der chemischen Industrie, Trotzdem ist die Behauptung gerecht-
fertigt, daß als eine der bedeutsamsten jüngsten Strukturwandlungen in
der Weltwirtschaft die Beseitigung des deutschen Monopols in der Her-
Stellung von künstlichen Farben anzusehen ist. Nicht minder wichtig
ist allerdings, daß die chemische Industrie Deutschlands auf andern
Gebieten die Monopolstellung behalten bzw. in der Nachkriegszeit erst
erworben hat.

In diesem Zusammenhang sei des synthetischen Stickstoffs
gedacht, der den Chilesalpeter aus seiner Monopolstellung verdrängt
hat, wenngleich hier vielfach falsche Vorstellungen unterlaufen. Auf
dem Weltmarkt ist der natürliche Salpeter an sich konkurrenzfähig;
Seine Position wird nur dadurch erschwert, daß Chile im Interesse
Seiner Staatsfinanzen genötigt ist, ihn mit hohen Ausfuhrzöllen zu belegen.
Fielen diese gänzlich fort (ihre Ermäßigung hat bereits stattgefunden),
50 würde dem synthetischen Stickstoff die Konkurrenz fühlbarer werden,
als es heute der Fall ist. Trotzdem bleiben die durch die Entwicklung der
Suropäischen, insbesondere der deutschen Stickstoffindustrie bedingten
Veränderungen in der Bereitstellung und Preisbildung von Düngemitteln
Weltwirtschaftlich ein Ereignis ganz großen Stils. Inwieweit es uns
zwingen wird, unsere Ansichten über landwirtschaftliche Ertragssteige-
tungen grundlegend zu ändern, ohne uns an utopischen Prophezeiungen
%u berauschen, wird allerdings erst die Zukunft lehren. Man tut auch hier
Sut, das technisch-naturwissenschaftlich Mögliche nicht ohne weiteres
Mit seiner wirtschaftlichen Auswirkungsfähigkeit zu verwechseln. Daß
das Gesetz vom abnehmenden Bodenertrage vom Standpunkt der Praxis
Nicht unter eine naturwissenschaftliche, sondern eine ökonomische Kate-
Sorie fällt, wird zuweilen vergessen.

Es liegt nahe, nunmehr der wichtigen weltwirtschaftlichen Struktur-
Wandlungen zu gedenken, die sich gegenüber der Vorkriegszeit in der
Landwirtschaft vollzogen haben. Vorauszuschicken ist allerdings, daß
Sie ebensowohl auf raumwirtschaftliches Zielstreben zurückzuführen sind
Wie auf individualwirtschaftliches, das freilich auch nur zum Teil kapita-
üstisch bedingt ist. In zahlreichen europäischen Ländern sind landwirt-
Schaftliche Strukturwandlungen, die sich positiv oder negativ inter-
National auswirken, geradezu auf den Mangel an kapitalistischem Geist
ürückzuführen. Die amerikanischen Farmer sind im Begriff, daraus

Weltwirtschaftliches Archiv Bd. XXV. 2
        <pb n="20" />
        Bernhard Harms
die Konsequenz zu ziehen. Wann es durchgreifend in Mittel- und West-
europa, nicht zuletzt in Deutschland, geschehen wird, bleibe dahingestellt.

Über weltwirtschaftlich bedeutsame agrarische Strukturwandlungen
sei das Folgende gesagt. Sie sind geringer, als gewöhnlich angenommen wird.
Ausgesprochene Verschiebungen, wie wir sie in Kriegs- und Nachkriegs-
zeit erlebt haben, sind überwiegend in das ursprüngliche Lageverhältnis
zurückgekehrt. Immerhin haben in gewissem Umfange auch Struktur-
wandlungen stattgefunden, die sich am nachdrücklichsten in der Weizen-
wirtschaft zeigen. Hier liegen die Verhältnisse so: Das große Zuschuß-
gebiet für Weizen und Weizenmehl war vor dem Kriege Europa, das
allerdings in sich selbst zwei Überschußgebiete hatte: Rußland und
Rumänien. Zudem deckte Spanien seinen Bedarf selbst, während Frank-
reich den benötigten Zuschuß aus Tunis und Marokko bezog. Vom eigent-
lichen europäischen Zuschußgebiet waren Deutschland und Italien mit
30—40 %, ihres Verbrauchs, England, Holland, Belgien, Schweden und
Norwegen jeweils mit 70—80 %, von fremder Zufuhr abhängig. Ver-
sorgungsgebiete Europas waren zu 40 %, Rumänien und Rußland, zu
25 °/o die Vereinigten Staaten und Kanada, zu 25 %% Argentinien und
Australien. Die europäischen Einfuhrländer führten allerdings einen
erheblichen Teil des importierten Weizens, teils vermischt mit ein-
heimischer Ware, in Form von Mehl wieder aus. Drei Fünftel des
vorkriegszeitlichen europäischen Bedarfs an Weizenmehl kamen aus
Europa, der Rest aus den Vereinigten Staaten und Kanada.

Die seitdem erfolgten Strukturwandlungen lassen sich so umschreiben:
Rußland und Rumänien sind für den europäischen Zuschußbedarf weg-
gefallen, so daß Europa für diesen fast ausschließlich auf Überseegebiete
angewiesen ist, eine Wandlung, der unter mehr als einem Gesichtspunkt
Bedeutung zukommt. Bemerkenswert ist weiter, daß sich in der Weizen-
mehlversorgung Wandlungen durchgesetzt haben, von denen allerdings
noch nicht zu übersehen ist, ob sie die Dauer halten. Während, wie
bemerkt, in der Vorkriegszeit etwa 40%, der europäischen Mehlzufuhr
aus den Überseegebieten kamen, waren es 1920 annähernd 90%. Der
Anteil ist seitdem ständig gesunken, hält sich aber absolut noch auf dem
Zwei- bis Dreifachen der Friedenszeit, worin einerseits vermehrter Bedarf,
anderseits eine starke Verschiebung von der Weizeneinfuhr zur Mehl-
einfuhr zum Ausdruck kommt. Ob es dabei verbleiben wird, ist, wie
gesagt, nicht abzusehen. Mutmaßlich werden die hauptsächlich in Be-
tracht kommenden europäischen Länder durch Erhöhung des Mehlzolles
die frühere Konkurrenzfähigkeit ihres Mühlengewerbes wiederherzustellen
versuchen. Im übrigen haben sich, weltwirtschaftlich gesehen, eigentliche
Strukturwandlungen im Weizenbau nicht vollzogen, insbesondere ist
das Verhältnis der außereuropäischen Überschußgebiete zueinander kaurr
        <pb n="21" />
        Strukturwandlungen der Weltwirtschaft

N

19
verändert worden. Immerhin tritt Kanada neuerdings stark in den
Vordergrund; durch die Erschließung seines Westens wird es mutmaßlich
in absehbarer Zeit die Führung unter den Überschußgebieten antreten.
Grundlegende Bedeutung hat die Tatsache — auch dies bin ich geneigt, als
wichtigen Strukturwandel anzusprechen —, daß die Zeit, in der die Über-
Seegebiete ihren Weizen zu geringeren Kosten erzeugen konnten als
die agrarisch fortgeschrittenen Länder Europas, vorüber ist. Eine
andere Umstellung im Wirtschaftlichen, die als scheinbar strukturbedingt
zeitweilig in die Erscheinung trat — die russische Sozialökonomik erfand
und exportierte für sie den Ausdruck »Schere« —, ist inzwischen, wie
So manche andere auch, bedeutungslos geworden. Wenn nicht alles
täuscht, darf eher damit gerechnet werden, daß, von überreichen Ernte-
jahren abgesehen, die künftige Steigerung der Agrarpreise diejenige der
Industriepreise überholen wird. Es soll dies jedoch beileibe keine »Pro-
ßnose« sein, sondern nur eine Vermutung, für die es freilich an guten
Gründen nicht fehlt. Hierbei wird unterstellt, daß über kurz oder
lang auch gewisse osteuropäische Länder zur Stabilisierung ihrer Wäh-
tung gelangen werden und ihnen infolgedessen die Unterbietung der
Weltmarktpreise unmöglich gemacht wird.

Weltwirtschaftlich bedeutsam für die agrarische Entwicklung sind
Sewisse Strukturwandlungen auf dem Gebiet der Viehzucht und der
Bereitstellung von tierischen Erzeugnissen. Hinzuweisen ist da vor
allem auf die einschlägige Entwicklung in süd- und zentralamerikanischen
Ländern, wie z. B. Uruguay und Paraguay, deren Konkurrenz durch
Viehzucht und Gefrierfleischindustrie sich auf dem Weltmarkt schon in
wenigen Jahren empfindlich bemerkbar machen dürfte. Von nicht
Minder großer Bedeutung ist die Belieferung des Weltmarktes mit
Molkereierzeugnissen durch Kanada, Australien und andere Gebiete des
ritischen Imperiums geworden. Nicht nur, daß dadurch der Ausfall
Sibiriens, der übrigens nur vorübergehend sein dürfte, wettgemacht
Wurde, sondern es bedeutete zugleich eine merkliche Bedrohung der Aus-
fuhr gewisser europäischer Länder, wie Dänemarks und Hollands, vor
allem nach England.

Im übrigen hat fast jedes Land seine besonderen agrarischen Struktur-
Wandlungen, die jedoch nur teilweise international bedingt sind und,
Soweit dies der Fall ist, auch unterschiedliche internationale Wirkung aus-
üben. Von Deutschland und Westeuropa aus gesehen, machen sich gewisse
Auf den Krieg zurückgehende Strukturwandlungen von verhältnismäßig
Umfassender Tragweite geltend. In der Vorkriegszeit war Rußland der
Soße Gerstelieferant; es steuerte zur Welternte etwa 70 °% bei. ‚Der
Norden und Westen Deutschlands, Dänemark und Holland hatten auf
len Bezug russischer Gerste ihre Schweinezucht nebst Veredelungswirt-

D*
        <pb n="22" />
        20

Bernhard Harms
schaft aufgebaut. Ostdeutschland hatte den Gersteanbau erheblich ein-
geschränkt und dafür die Roggenproduktion ausgedehnt, während in
Rußland die umgekehrte Entwicklung vor sich gegangen war. So hatte
sich eine Arbeitsteilung durchgesetzt, die allen Interessen entsprach.
Rußland lieferte für die deutsche agrarische Veredelungswirtschaft den
Rohstoff, die deutschen bäuerlichen Betriebe stellten sich mehr und mehr
auf die Lieferung von Fleisch und tierischen Erzeugnissen ein, deren
Nachfrage durch die wachsende Industrialisierung schnell zunahm. Ost-
preußen wurde durch diesen Wandel nicht berührt, weil es seinen Roggen
dank dem Einfuhrscheinsystem mit ausreichendem Gewinn exportieren
konnte. Hauptabnehmer waren die nordeuropäischen Länder. Vom
Standpunkt der deutschen Volkswirtschaft wurde somit die Einfuhr
von Gerste durch die Ausfuhr von Roggen bezahlt.

Der Krieg hat diese »internationale agrare Arbeitsteilung Europas«.
wie Beckmann sie nennt, zerstört. Es ist seitdem auch nicht gelungen,
sie wiederaufzubauen. Die russische Gersteausfuhr hat aufgehört. Die
deutsche Bauernwirtschaft mußte sich nach Ersatz umsehen, der bisher
den erzwungenen Verzicht auf die russische Gerste ökonomisch nicht
wettgemacht hat. Dazu kommt, daß Ostpreußen in eine schwierige
Lage geraten ist, weil nicht nur die Abwendung des Konsums vom
Roggen, die in Deutschland schon in der Vorkriegszeit große Fortschritte
gemacht hatte, sich inzwischen erheblich stärker durchgesetzt hat, sondern
auch die Ausfuhr auf Schwierigkeiten stößt, insofern als Polen mit seinem
»Papierroggen« den deutschen »Prämienroggen« (Beckmann) unterbietet.
Wie hier der Ausweg gefunden werden soll, ist einstweilen nicht zu sehen.
Daß die Propaganda »eßt Roggenbrot« durchschlagenden Erfolg haben
könnte, ist unwahrscheinlich. Inwieweit die Maßnahmen der Reichs-
getreidegesellschaft die Preisbildung auf dem Roggenmarkt beeinflussen
können, bleibe dahingestellt. Grundsätzlich betrachtet, handelt es sich
hier um künstliche Beeinflussungen, gegen die an sich nichts zu sagen
wäre, wenn die deutsche Roggenkrisis konjunkturell bestimmt würde
und demgemäß als eine vorübergehende Erscheinung zu werten wäre.
Handelt es sich jedoch, wie es heute den Anschein hat, um einen dauernden
Strukturwandel, so wird die Anpassung an diesen mit andern Mitteln
herbeigeführt werden müssen.

Die Zerstörung der wirtschaftlichen und politischen Beziehungen
zum Osten hat übrigens auch einen andern agrarischen Strukturwandel zur
Folge gehabt: die Rückbildung des deutschen Zuckerrübenanbaues,
der nur mit Hilfe der polnischen Wanderarbeiterinnen zu jener Blüte
gelangt war, deren er sich in der Vorkriegszeit erfreute, und die zu der
Auffassung geführt hatte, daß die deutsche Zuckerwirtschaft wahrhaf‘
ideal in »nationaler Produktivkraft« wurzele. Daß im Hinblick auf df
        <pb n="23" />
        Strukturwandlungen der Weltwirtschaft
1

21
Zuckerproduktion auch ein weltwirtschaftlicher Strukturwandel einge-
treten ist, braucht nur angedeutet zu werden. Im Kampf zwischen Rohr-
und Rübenzucker hat bis auf weiteres der Rohrzucker die Führung.
Von der Weltzuckerproduktion entfielen auf Rübenzucker in den Jahren
1852/53: 14 °/o» 1901/02: 62%, 1913/14: 47%, 1025/26: 34%. Die
Rohrzuckerwirtschaft hat jedoch auch in sich einen Strukturwandel
erfahren. Während in den letzten Vorkriegsjahren Indisch-Asien an der
Spitze stand, liegt die F ührung heute wieder bei Kuba, das seine Zucker-
wirtschaft mit Hilfe amerikanischen Kapitals vollständig neu aufbaute
und gegenüber dem Jahre 1913 seine Produktion von 2,1 auf 5,3 Mil-
lionen t vermehrte.

Im Anschluß an die Erörterungen über den synthetischen Stickstoff

(S. 17) sei schließlich darauf hingewiesen, daß der bedeutungsvollste
agrarische Strukturwandel auf dem Gebiete der Ertragssteigerung
liegt. Zwar handelt es sich einstweilen noch um bloße Möglichkeiten,
deren Umsetzung in die Praxis in den ersten Anfängen steht. Grund-
Sätzlich aber darf das Folgende gesagt werden. Bis gegen Ende der
Vorkriegszeit stand die Ackerwirtschaft im Zeichen der Lehre von der
Statik des Bodens, d. h. der Erhaltung seiner Kräfte. Heute steht
im Vordergrunde die Lehre von der positiven Dynamik des Bodens,
d. h. dem Wachsen und der Vermehrung seiner Kräfte! Daß sich
damit unübersehbare Entwicklungsmöglichkeiten verbinden, sei nochmals
ausdrücklich hervorgehoben. Ihr Tempo allerdings, um auch das zu
Wiederholen, wird letztlich durch den Grad ökonomischer Realisier-
barkeit naturwissenschaftlicher Erkenntnis bestimmt.

Endlich ein Wort über Strukturwandlungen im Verkehrswesen.
Von Deutschland und einigen andern Ländern abgesehen, war in der Vor-
kriegszeit die Bahnung von Verkehrswegen die eigentliche Betätigung des
Kapitalismus, denn hier winkten — allerdings mehr mittelbar als un-
Mittelbar — hohe Gewinne. Im letzten Jahrzehnt ist dies anders ge-
Worden. Große, insbesondere transkontinentale Bahnbauten wurden
Nicht in Angriff genommen. Weltwirtschaftliche Strukturwandlungen
infolge der Schaffung von neuen, international bedeutsamen Eisenbahn-
Wegen haben deshalb gegenüber der Vorkriegszeit nicht stattgefunden,
abgesehen vielleicht von der inzwischen fertiggestellten transandinischen
Bahn, die Valparaiso und Buenos Aires miteinander verbindet. Negativ
Gllt ins Gewicht, daß die sibirische Bahn ihre Funktion als: Welt-
Verkehrsweg noch nicht voll wieder ausübt. Das Stagnieren des Bahn-
baues in wirtschaftlichen Neuländern ist übrigens eine wesentliche Ursache
für die Depression in der Eisenindustrie der Welt. Es ist anzunehmen,
daß sich dies erst ändert, wenn der Inlandmarkt der Vereinigten Staaten
ler dortigen Eisenindustrie keine ausreichende Beschäftigung mehr gibt,
        <pb n="24" />
        22

Bernhard Harms

Pl

ein Zeitpunkt, der nach meinen Beobachtungen nicht sehr fern liegt.
Amerikanischer Kapitalismus wird dann nicht säumen, die seit langem
bis ins einzelne vorbereiteten Bahnprojekte für Zentral- und Südamerika
und — sobald die innerpolitische Lage es gestattet — auch für China der
Verwirklichung entgegenzuführen. Daß in den genannten Gebieten das
Eisenbahnwesen erst in den Kinderschuhen steckt, braucht nicht aus-
geführt zu werden.

Eigentliche Strukturwandlungen von weltwirtschaftlicher Bedeutung
hat das Verkehrswesen zu Lande auch sonst nicht erfahren. Bemerkens-
wert ist allerdings die Entwicklung des Kraftwagenverkehrs, der
ungeahnte Dimensionen angenommen hat. Im Jahre 1914 gab es auf der
Erde etwa 2 Millionen Kraftwagen. Zur Zeit sind es annähernd 30 Millionen.
Die Produktion war beträchtlich größer, weil sie auch die verbrauchten
Wagen umfaßte. Es gibt nicht viele Beispiele für das schnelle Empor-
kommen einer Industrie wie dasjenige der Kraftwagenindustrie. Ihr
Zentrum bilden die Vereinigten Staaten, auf die etwa 75 %, aller Kraft-
wagen entfallen. Leistungsfähige Industrien haben aber auch England,
Frankreich und Belgien, während die deutsche Automobilindustrie zwar
technisch auf der Höhe ist, aber wirtschaftlich nur bei hohen Schutzzöllen
bestehen zu können erklärt. Vom weltwirtschaftlichen Standpunkt ge-
sehen, bewirkt der grandiose Fortschritt der Kraftwagenindustrie Struktur-
wandel in dreifacher Richtung. Der erste äußert sich in der Zunahme des
internationalen Reiseverkehrs einer Oberschicht.‘ Der zweite, wichtigere
besteht in der vermehrten Nachfrage nach gewissen Rohstoffen, Kaut-
schuk, Stahl, Blech, Leder, Lacken u. dgl., die zu Veränderungen in der
proportionalen Rangordnung der Rohstoffe gegenüber der Vorkriegszeit
geführt hat. Noch wichtiger ist die durch die Entwicklung des Kraft-
wagenverkehrs erfolgte weitere »Emanzipation vom Organischen« in
dem Sinne, daß Pferd und Zugvieh verdrängt werden. Welche Be-
deutung Automobile und Traktoren für die Gestaltung des Getreide-
und Futtermittelmarktes im einzelnen gehabt haben, läßt sich allerdings
statistisch nicht ermitteln. Alle Versuche, die ich angestellt habe, sind
gescheitert. Daß die Wechselwirkung beträchtlich ist, liegt auf der Hand.
Sie muß sich auch in der Nachfrage nach Pferden und Zugtieren bemerkbar
machen, doch fehlen auch dafür zuverlässige Nachweise. Dies Versagen
der Statistik liegt natürlich daran, daß der Vorgang, um den es sich hier
handelt, in seiner wirtschaftlichen Auswirkung nicht isoliert werden kann

Bedeutsame Strukturwandlungen gegenüber der Vorkriegszeit weist
die Seeschiffahrt auf, sowohl in quantitativer als auch in qualitativer
Hinsicht. Bemerkenswert ist zunächst schon die starke Zunahme def
Gesamthandelstonnage von 31%, die hauptsächlich zugunsten de!
Vereinigten Staaten. erfolgt ist. Demgemäß hat sich die prozentual
        <pb n="25" />
        Strukturwandlungen der Weltwirtschaft

23
Verteilung der Tonnage auf die Flaggen beträchtlich verändert: für Eng-
land von 39,1 auf 30,1 %, die Vereinigten Staaten von 10,9 auf 23,7 U
Japan von 3,5 auf 6,1%, Frankreich von 4,7 auf 5,4 %» Deutschland
von 11,1 auf 4,8 %, Italien von 3,4 auf 4,7 %, Holland von 3 auf 4%,
Norwegen von 5,1 auf 3,5 %. Die Schiffsneubauten erreichten im
Jahre 1919 mit einer Steigerung von 215 %, gegenüber dem Jahre 1913
ihren Höhepunkt. Im Jahre 1921 waren es nur noch 130 9%, während das
Verhältnis in den Jahren 1924 und 1925 auf 70 und 65%, herabging.
Die Stapelläufe und Auftragbestände für das erste Halbjahr 1926 lassen
auf eine weitere Reduktion schließen. Wie in der Vorkriegszeit liegt auch
heute der Schwerpunkt des Schiffbaues in England (1913: 58 %, 1925:
50 %) und in Deutschland (1913: 14%, 1925: I9 °/), während die
Vereinigten Staaten und Japan ihre im Kriege gewonnene Position zum
Teil wieder verloren haben. Bemerkenswert sind die Fortschritte, die
Italien im Schiffbau macht. Mit Hilfe umfassender Subventionen ist
es diesem Lande gelungen, im Jahre 1925 mit 6,5 %, der Schiffsbauten
an dritte Stelle zu rücken. Es ist anzunehmen, daß sich diese Umgestal-
tung in den nächsten Jahren noch stärker ausprägen wird.

Im Hinblick auf die qualitativen Verschiebungen ist zunächst fest-
zustellen, daß die »Linienschiffahrt« gegenüber der »Trampschiffahrt«
eine Zunahme von 60 auf 80 %, gegenüber der Vorkriegszeit erfahren
hat, eine Entwicklung, deren Anfänge in der Vorkriegszeit liegen. Mit
dieser Bewegung gleichlaufend ist ein Rückgang des Anteils der Segel-
schiffflotte an der Welttonnage von 7,7 auf 3,2 % (1926) verbunden.
Für die eigentliche Weltschiffahrt ist die Rolle der Segelschiffe offenbar
ausgespielt. Hinsichtlich der nach Abzug der Segelschiffflotte verblei-
benden Handelstonnage ist eine Trennung unter Zugrundelegung des
Heizstoffes (Kohle, Öl) einerseits, der Antriebsmaschine (Dampfmaschine,
Motor) anderseits von entscheidender Bedeutung. Während in den
letzten Vorkriegsjahren die Zahl der Schiffe mit Ölfeuerung nicht nennens-
wert war, betrug sie im Jahre 1925 bereits annähernd 30 %, der Gesamt-
tonnage, gleichzeitig hat die Motorschiffahrt ihren Anteil von 1,6 auf
4,2 °/, erhöht. Für die weitere Zukunft ist zu beachten, daß 1925 und
im ersten Halbjahr 1926 die Anzahl der im Bau befindlichen Motor-
schiffe die Zahl der im Bau befindlichen Dampfer fast erreichte.

Weiterhin ist hervorzuheben, daß die durchschnittliche Größe der
Schiffe im letzten Jahrzehnt gestiegen ist, und zwar der Dampfer und
Motorschiffe um 15 %, der Segelschiffe um 5 %,. Ferner, daß der An-
teil der nicht zahlreichen Schiffe mit einer Geschwindigkeit von mehr
als ı2 Seemeilen innerhalb der Gesamttonnage um 2,7 %, gefallen ist.

Was die Intensität und Richtung des Verkehrs betrifft, ist zunächst
die Tendenz verlängerter Beförderungswege hervorzuheben, eine
        <pb n="26" />
        24

Bernhard Harms
Tatsache, die auf Strukturwandlungen im Welthandel zurückzuführen
ist. Gewisse Rückschlüsse läßt auch die Beobachtung zu, daß der Suez-
kanalverkehr von 1921 bis 1925 um 50 %, derjenige des Panamakanals
um 100 °% gestiegen ist. Die Statistik des Panamakanals ist besonders
lehrreich für die Aufdeckung von Richtungsveränderungen. Gegenüber
einer Vermehrung der Welttonnage von annähernd 15 %, (1921—1025)
ist der Panamakanalhandelsverkehr in Richtung Ostküste Vereinigte
Staaten — Westküste Südamerika um 54 %,, Europa — Westküste Süd-
amerika um 83 %, Westküste Vereinigte Staaten — Europa um 23 Yo
der Verkehr zwischen den Küsten der Vereinigten Staaten um 540 %,
der Verkehr zwischen der Ostküste der Vereinigten Staaten und dem
Fernen Osten um 10%, gestiegen. Hierbei ist auf einen bemerkens-
werten Vorgang aufmerksam zu machen. Die Intensität der durch
den Panamakanal geleiteten amerikanischen Küstenschiffahrt ist bisher
hauptsächlich durch den Tankerverkehr bestimmt worden. Dieser
hat jedoch in den letzten Jahren abgenommen, weil die Rohölver-
schiffungen durch den Kanal aus Kalifornien und Mexiko nachgelassen
haben, was damit zusammenhängt, daß vor allem in Kalifornien der
Frachtersparnis halber die Öle an Ort und Stelle raffiniert werden.
Die grundsätzliche Bedeutung dieses Vorganges wird uns in anderm
Zusammenhang zu beschäftigen haben.

Endlich sei darauf hingewiesen, daß der Ausbau der amerikanischen
Handelsflotte auf die Intensivierung der Schiffahrtsbeziehungen über-
haupt Einfluß gehabt hat. Als Beispiel mag Vorderindien genannt sein,
mit dem die Vereinigten Staaten vor dem Kriege einen monatlichen
Dienst unterhielten, während 1925/26 monatlich annähernd sechs bis acht
Linien dorthin verkehrten. Daß dies u. a. durch die schon erwähnten Roh-
eisentransporte aus Indien bedingt ist, braucht hier nur angedeutet zu
werden. Der Panamakanal hat die verkehrsgeographische Lage der
Vereinigten Staaten in mehr als einer Beziehung günstig beeinflußt.
In Betracht kommt schon, daß der Osten Amerikas den Rohstoff- und
Absatzgebieten Indisch- und Ostasiens näher gerückt ist; von größerer
Bedeutung aber ist die durch den nassen Verkehr bewirkte Intensivierung
der Beziehungen zwischen der Ost- und der Westküste der Vereinigten
Staaten. Was den »Fernen Westen« an sich betrifft, so bereitet sich dort
ein Strukturwandel großen Stils vor. Es muß damit gerechnet werden,
daß in diesem vor einem Jahrzehnt noch rein agrarischen Wirtschafts-
raum im Laufe des nächsten Menschenalters, nicht zuletzt auf Basis der
kalifornischen Ölfelder, der indischen Roheisengewinnung und der durch
den. Panamakanal näher gerückten Baumwollfelder der Südstaaten der
Union, eine durchgreifende Industrialisierung Platz greifen wird, deren
unmittelbare weltwirtschaftliche Auswirkung sich im westlichen Kanada.
        <pb n="27" />
        Strukturwandlungen der Weltwirtschaft

25
in Alaska, in Zentralamerika und im Fernen Osten geltend machen dürfte.
Hier winken dem amerikanischen Kapital gewaltige Zukunftsaufgaben.
Daß im übrigen der Panamakanal die Westküste Zentral- und Südamerikas,
aber auch diejenige Nordamerikas dem Weltverkehr erst recht eigentlich
angeschlossen hat, bedarf hier wiederum nur der Erwähnung. Die so
bedingten Strukturwandlungen stehen heute überwiegend erst in den
Anfängen, doch unterliegt es keinem Zweifel, daß sie schon in absehbarer
Zeit für den Weltverkehr grundlegende Bedeutung erhalten werden.
Fundamentale Umwandlungen haben sich gegenüber der Vorkriegs-
zeit im Luftverkehr ergeben. In den letzten Jahren der Vorkriegszeit
wurde zwar geflogen, aber einen Luftverkehr gab es nicht. Bis etwa zum
Jahre 1920 dienten Flugzeug und Luftschiff vornehmlich militärischen
Zwecken. Von da ab erst bahnt sich der eigentliche Luftverkehr an,
der seit dem Jahre 1923 ungeahnten Aufschwung genommen hat, an dem
allerdings das Luftschiff bisher nicht teilzunehmen vermochte. In den
meisten westeuropäischen Ländern und in fast allen entwickelten Übersee-
gebieten hat sich in der Luft die »Linienfahrt« herausgebildet. Eine im
eigentlichen Sinne des Wortes weltwirtschaftliche Bedeutung kann ihr bis
heute nicht zugesprochen werden, zumal da sie ausnahmslos auf staatliche
Subvention angewiesen ist. Immerhin darf damit gerechnet werden, daß
auch dies Stadium der Entwicklung überwunden wird. Die vornehmste
Aufgabe der Luftschiffahrt liegt bis auf weiteres im Personen- und Brief-
verkehr, wenngleich in gewissem Umfange auch schon ein hochwertiger
Güterverkehr eingesetzt hat. Das Flugzeug ist seiner Natur nach ein
internationales Verkehrsmittel und empfindet die durch Staatsgrenzen
bedingten Verkehrshindernisse stärker als irgendein anderes Verkehrs-
mittel. Deshalb ist anzunehmen, daß von hier aus der Wille zur inter-
nationalen Verkehrsfreiheit starke Impulse empfangen wird. In gewissem
Sinne ist die weltwirtschaftliche Bedeutung des Flugverkehrs mit der-
jenigen der Telegraphie in ihren Anfängen zu vergleichen. Wie damals
die elektrische Nachrichtenübertragung dem geschäftlichen Verkehr völlig
neue Formen gab, so heute der fliegende Motor, der statt. der Nach-
richten von Menschen die Menschen selbst bringt und schon heute ein
»Konferenzwesen« von erstaunlicher Aktivität ermöglicht hat. An einem
Tage in Berlin, Paris und London geschäftliche Besprechungen abzuhalten,
ist nicht mehr eine Frage des technischen Verkehrs, sondern der Nerven,
Im übrigen ist Amerika am Flugverkehr stärker interessiert als Europa,
weil er dort Osten und Westen erst recht eigentlich miteinander in
Beziehung setzt. Nicht minder wichtig wird die Luftschiffahrt für
die einstweilen noch verkehrsarmen Länder werden, wie Zentral- und
Südamerika, vielleicht auch Afrika. Die einschlägige Entwicklung ist
allerdings an die Erzielung von Gewinn, an Wirtschaftlichkeit, gebunden.
        <pb n="28" />
        26

Bernhard Harms

A

A

Ein Verkehrsmittel, das nur durch Subvention aufrechterhalten werden
kann, ist nicht lebensfähig. Von entscheidender Bedeutung wird es deshalb
sein, zu welchen Dimensionen die Flugzeuge gelangen, und in welchem
Verhältnis zu ihnen die Tragfähigkeit gesteigert werden kann. Zur Zeit
rechtfertigt sich weder übertriebener Optimismus noch zaghafter Klein-
mut. Gemessen an den Erfolgen des letzten Jahrzehnts, dürfen die Er-
wartungen einigermaßen hoch gespannt werden. Ob die Luftschiffahrt
es jemals zum Massenverkehr bringen wird, steht einstweilen dahin.
Daß sie hingegen kapitalistische Wirtschaft zu fördern vermag, indem sie
deren Trägern die persönliche Raumüberwindung in einem früher uner-
hörten Ausmaße ermöglicht und dadurch kapitalistischen Geist in seiner
Auswirkung allgegenwärtig macht, unterliegt keinem Zweifel.

Abschließend mögen einige Betrachtungen über Wandlungen im
internationalen wirtschaftlichen Organisationswesen gestattet sein.
Fast naiv muten heute die Voraussetzungen der älteren sozialökonomi-
schen Theorie an: freie Konkurrenz auf sich gestellter Individuen, ein
geschlossener Markt, auf welchem sich Angebot und Nachfrage begegnen
und durch ihr Verhältnis die Preisbildung nach mechanistisch-starren
Gesetzen bestimmen. Für die einzelnen zollgeschützten Volkswirtschaften
haben jene Voraussetzungen nur mehr geringe Geltung, weil das Kartell-
wesen die freie Konkurrenz in weitem Umfange ausgeschaltet hat.
Wieweit es geschehen ist, läßt sich aus bekannten Gründen schwer
feststellen. Es unterliegt jedoch keinem Zweifel, daß das binnenwirt-
schaftliche Kartellwesen gegenüber der Vorkriegszeit an Bedeutung ge-
wonnen hat. Es sprechen auch zahlreiche Gründe dafür, daß die Formen,
in denen die Vereinbarungen erfolgen, sich vielfach geändert haben;
insbesondere scheinen mir die sog. »Gentlemen agreements« heute von
weitaus größerer Bedeutung zu sein als in der Vorkriegszeit. In der
Literatur ist darüber allerdings wenig zu finden, wie sich überhaupt
dieses Gebiet der Durchleuchtung größtenteils entzieht, es sei denn,
daß gelegentlich veranstaltete Enqueten es blitzartig erhellen; allerdings
pflegen bei wieder eingetretener Dunkelheit sofort neue Umgestal-
tungen einzusetzen.

Von verminderter Bedeutung gegenüber der Vorkriegszeit ist das par-
tielle internationale Kartellwesen, wenngleich auch hier gerade neuer-
dings wieder bemerkenswerte Fortschritte zu verzeichnen sind. Eigentliche
Strukturwandlungen vermag ich einstweilen nicht zu erblicken, obwohl
sich auch hier in den Formen der Verabredungen mancherlei geändert hat.
Grundsätzlich bedeutsame Fortschritte und auch Wandlungen sehe ich
hingegen auf einem andern Gebiet, dem der Monopolbildung im
internationalen Verkehr. Soweit es sich hier um Trusts handelt, die,
wie z. B. in den Vereinigten Staaten, den »Inlandmarkt« beherrschen, ist
        <pb n="29" />
        Strukturwandlungen der Weltwirtschaft

27

ihre internationale Auswirkung die gleiche wie bei den nationalen Kartellen:
das, was der heimische Markt nicht aufnehmen kann, gelangt zu dessen
Entlastung auf den Weltmarkt, wobei es in der Regel zu starken Unter-
bietungen kommt. Anders jedoch, wenn es sich um Trusts oder auch
internationale Kartelle handelt, die einen wichtigen Rohstoff »kontrol-
lieren« oder den Markt eines Fertigerzeugnisses beherrschen. Die Zahl
dieser Gebilde hat sich in der Nachkriegszeit entschieden vermehrt, wie
auch ihre Macht gesteigert worden ist. An wenigen Stichproben sei die
Richtigkeit der Behauptung überprüft.

Die Kupfererzgewinnung der Welt müßte vom Standpunkt der
Theorie des freien Marktes heute hauptsächlich in Katanga, Chile und Peru
vor sich gehen, während in den Vereinigten Staaten nur die Gruben mit
besonders hohem Kupfergehalt in Betrieb sein dürften. Daß dem nicht
so ist, hat seinen Grund in bestimmten kapitalistischen Maßnahmen.
Die hauptsächlichen bisher rivalisierenden Kupferkonzerne in den Ver-
einigten Staaten haben sich in diesem Punkt zusammengefunden und
mit Katanga Preisverabredungen getroffen, die den Belgiern eine be-
trächtliche, durch die unterschiedlichen Produktionskosten bedingte
Differentialrente sichern. In Chile und Peru aber reicht der Einfluß des
amerikanischen Kapitals aus, um die dortige Produktion zu »regulieren«.
Dieser Trust wird die gesamte Gestaltung des Kupfermarktes schon
in allernächster Zeit grundlegend beeinflussen und insbesondere in die
überkommene Handelsorganisation Europas eingreifen.

Dem Kupfertrust verwandte Trusts oder trustähnliche Gebilde im
Sinne der Marktbeherrschung haben sich in der Kriegs- und Nachkriegszeit
verhältnismäßig zahlreich herausgebildet oder neu befestigt, wenn sie auch
nicht in jedem Falle so weitgehenden Einfluß ausüben. Dahin gehören
die Standard Oil Co., der wiederaufgebaute Sprengstofftrust, der euro-
päische Verband der Flaschenfabriken und der Owens-Konzern, der
schwedische Zündholztrust, das Diamantensyndikat, der Glühlampen-
trust und der europäische Emailleverband. Auch die Monopolbildung
in der Bananenwirtschaft muß hier erwähnt werden, ist doch die United
Fruit Co. vielleicht die interessanteste organisatorische Neubildung in der
Weltwirtschaft überhaupt. Dieser Trust hat sich nämlich, über seine ur-
sprünglichen Absichten hinausgreifend, nicht weniger zur Aufgabe ge-
setzt als die Erschließung Zentralamerikas: produktionell durch die Ent-
wicklung von tropischen Kulturen, kommerziell durch Einsatz aller Hilfs-
mittel zur Nutzbarmachung von organischen und anorganischen Roh-
stoffen.

Etliche der hier genannten internationalen Trusts haben zur Er-
weiterung ihrer Macht neuerdings Wege eingeschlagen, die in der Vor-
kriegszeit kaum jemals beschritten worden sind: sie beteiligen sich mittel-
        <pb n="30" />
        28

Bernhard Harms
bar oder unmittelbar an staatlichen Anleihen. Als erster beschritt der
schwedische Zündholztrust, der sehr bald Nachfolger gefunden hat,
diesen Weg. Die allgemeine Finanznot der meisten europäischen Staaten,
insbesondere der neugegründeten, hat für diese Praxis Tür und Tor
geöffnet. Konzession gegen Anleihe hat nichts Absonderliches mehr
in sich. Im einzelnen ist es freilich zumeist schwer, die Zusammenhänge
zu ermitteln, weil beide Kontrahenten begreifliches Interesse daran haben,
der Öffentlichkeit den Einblick zu verwehren.

Die herausgegriffenen Beispiele können die Monopolisierungsten-
denzen in der Weltwirtschaft nicht erschöpfend kennzeichnen. Auf eine
der wichtigsten Erscheinungen von so grundlegender Bedeutung, daß sie
als Ausdruck der eigentlichen Strukturwandlung im wirtschaftlichen
Organisationswesen anzusehen ist: den Einfluß, den der Staat auf die
Monopolisierung des Rohstoffmarktes ausübt — ist überhaupt nicht
hingewiesen worden. Die hier zutage tretenden Tendenzen sind von
fundamentaler Bedeutung für die weitere Entwicklung der Weltwirt-
schaft, doch fallen sie ihrer Natur nach überwiegend unter die raum-
wirtschaftliche Betrachtung, weil sie aufs engste mit der Volkswirt-
schaft zusammenhängen. Ihre Heraushebung und Würdigung wird
deshalb erst später erfolgen.
LI.
Die Untersuchungen seien nunmehr in die andere, die raumwirt-
schaftliche Betrachtungsweise übergeleitet. Es handelt sich, wie
erinnerlich, um solche Bestrebungen und Maßnahmen, die auf die Ge-
staltung des volkswirtschaftlichen Eigenlebens gerichtet sind und so
mittelbar oder unmittelbar den raumwirtschaftlichen Aufbau der Welt
mit der Wirkung beeinflussen, daß sich im Verhältnis der staatlich
bestimmten Wirtschaftsgebiete zueinander Bedeutungswandlungen
vollziehen. Ihre Darstellung möge sich an die »Ideen« anlehnen, in deren
Bannkreis sie stehen. Ihre Zahl ist Legion. Denn auch das ist ein Zug
in der modernen Menschheits- und Wirtschaftsentwicklung, daß leitende
Ideen nicht »entstehene, sondern im Dienst von Zwecken »gemacht«
werden und jedes, wie immer geartete Ziel ideologisch verbrämt wird.
Ich will mich jedoch darauf beschränken, das herauszuheben, was für
die Gestaltung volkswirtschaftlicher Systeme und Perioden wirklich als
Idee Bedeutung hat. An die Spitze gestellt sei

I. Die Wohlstandsidee. Sie ist die älteste unter den raumwirt-
schaftspolitischen Ideen überhaupt. In der mittelalterlichen Stadt war
sie »Idee der Nahrung«, während sie in der Sprache der Merkantilisten
die Metamorphose zum »Reichtum« vollzog und in dieser Gestalt — obwohl
anders gedeutet -— überwiegend auch von den Klassikern, und deren
        <pb n="31" />
        Strukturwandlungen der Weltwirtschaft

29
Epigonen insbesondere, aufgenommen wurde. Die spätere Terminologie
bevorzugte den »Wohlstand«, während das jüngste Zeitalter von »Wohl-
fahrt« spricht, um so zum Ausdruck zu bringen, daß es nicht auf Reichtum
oder Wohlstand an sich, sondern vielmehr auf Ausgleich ankomme. Die
Geschichte der Wohlstandsidee ist zugleich ein wichtiges Kapitel in der
Geschichte der Sozialökonomik und die Geschichte der Wirtschaftspolitik
schlechthin. Je nach der Vorstellung, die man sich von den Ursachen
des Reichtums der Nationen machte, hat sich Raumwirtschaftspolitik in
bezug auf das Verhältnis der verschiedenen Volkswirtschaften zueinander
systaltisch oder diastaltisch ausgewirkt. Dies hier im einzelnen
darzulegen, würde Zeitverschwendung sein. Es darf auch unterstellt
werden, daß sich die Wohlstandsidee im letzten Viertel des 19. Jahr-
hunderts wirtschaftspolitisch in den meisten europäischen Ländern und
in den Vereinigten Staaten in dem Sinne durchgesetzt hat, daß das wahre
Interesse der Volkswirtschaft in ihrer Entwicklung zur höchstmöglichen
Selbstgenügsamkeit erblickt wurde. Die hierauf hinzielende »nationale
Wirtschaftspolitik« hatte schon gegen Ende der Friedenszeit einen gewissen
Höhepunkt erreicht, ist jedoch erst in der Kriegs- und Nachkriegszeit
auf die Spitze getrieben worden. Sie stand und steht, wie wohl in keiner
Zeit vorher, unter dem Zeichen der »Entfaltung aller nationalen Produktiv-
kräfte«. Nicht zuletzt galt und gilt dies für die Förderung der industri-
ellen Entwicklung, in der alle Völker offenbar den Weg zur größten
Glückseligkeit erblicken. Es ist freilich schon hier darauf hinzuweisen,
daß gerade dieses Zielstreben nicht allein aus wirtschaftlicher Erwägung
erwächst, sondern in bestimmtem Sinne mit der Staatsidee verknüpft
ist. Die nationale Wirtschaftspolitik, wie sie heute zumeist begriffen wird,
erinnert an die Wirtschaftsauffassung im Mittelalter: alles, was in der
Stadt hergestellt werden kann, soll darin hergestellt werden. Dieser
Grundsatz enthält heute allerdings einen Widerspruch — der zu-
gleich die Grenzen seiner Auswirkung zeigt —, insofern als
ihm stillschweigend der nicht minder ernst genommene Satz zur Seite
steht: alles, was exportiert werden kann, soll exportiert werden. Es
gehört zum Wesen dieser »nationalen Wirtschaftspolitik«, daß sie Verhinde-
rung der Einfuhr und Förderung der Ausfuhr gleicherweise als lebens-
wichtig für die Nation ansieht und so die Quadratur des Zirkels zu ihrer
Aufgabe gemacht hat.

Die auf den Bedeutungswandel im raumwirtschaftlichen Aufbau
der Welt einwirkende nationale Wirtschaftspolitik hat aber, wie schon
angedeutet, ihre Wurzeln nicht nur in der Wohlstandsidee, sondern wird
in dem Grad ihrer Auswirkung recht eigentlich erst durch andere
sonderraumwirtschaftliche Ideen bestimmt. In denkbarer Kürze soll
dieser Ideen hier Erwähnung geschehen.
        <pb n="32" />
        J

Bernhard Harms

Aa

2. Die Sozialidee. Sie ist gewissermaßen eine Fortentwicklung
der Wohlstandsidee in Richtung auf Ausgleich und Fürsorge. Wurde
darunter ursprünglich staatlicher Schutz der Schwachen und Bedrängten
verstanden, und kam demgemäß die in der Sozialidee fußende Politik
vornehmlich den Arbeitern zugute (Arbeiterschutz- und Arbeiterver-
sicherungsgesetzgebung), so hat demokratisch-parlamentarische Gestal-
tung der Staatsherrschaft dahin geführt, daß der Umfang der Fürsorge-
tätigkeit des Staates zum Kriterium für seine Existenzberechtigung
gemacht wird; »Fürsorge« in weitestem Sinne begriffen, nicht zuletzt
wirtschaftlich. Was in vergangenen Zeiten Vorrecht der Privilegierten
war, den Staat ihren Zwecken und Interessen nutzbar zu machen,
erscheint heute als unveräußerliches Menschenrecht aller Staats-
bürger. Nicht allein auf Linderung von unverschuldeter Not und Ab-
wendung von Gefahr, auf Bewahrung vor sozialer Verkümmerung und
Schutz gegenüber kapitalistischer Ausbeutung wird die Sozialidee be-
zogen, sondern sie umschließt heute den Anspruch auf Gewährleistung
der Existenz schlechthin. So wird vom Staat erwartet, daß er im »Bauern«
oder »Farmer« das eigentliche Fundament einer in sich ruhenden Gesell-
schaft und Gesellschaftswirtschaft erblicke und deshalb der Landwirt-
schaft Preise sichert, bei denen sie »bestehen« kann. Das Handwerk
erhofft vom Staate solche Unterstützung, daß es aufs neue den »goldenen
Boden« gewinne, dessen es sich im Mittelalter angeblich erfreute. Der
Kleinhandel hält sich als »selbständiger Mittelstand« staatlicher Fürsorge
gleichfalls empfohlen und klagt den Staat kurzsichtiger Politik an, wenn
er den Forderungen der produzierenden Stände auf obrigkeitliche Be-
grenzung des Zwischengewinns Rechnung trägt. Von der andern Seite
her wird »Konsumentenpolitik« als Losung ausgegeben. Die Industrie
verlangt, daß der Staat »Verständnis« für sie habe und demgemäß innere
wie äußere Wirtschafts- und Sozialpolitik entsprechend gestalte. Unter-
nehmungen, die ins Wanken geraten, appellieren um ihrer »volkswirt-
schaftlichen Bedeutung« willen an die Staatshilfe, sofern sie es nicht
vorziehen, den Gesichtspunkt der Erwerbslosigkeit ihrer Arbeiter geltend
zu machen, Dazu kommt, daß auch jener Spannrahmen, in welchem
sich ursprünglich die Sozialidee auswirkte, beträchtlich erweitert, d. h. auf
alle Kreise und Klassen der Gesellschaft ausgedehnt worden ist ein-
schließlich der Beamten. Kurzum: dem heutigen Staat wird wie selbst-
verständlich die Aufgabe zugewiesen, einerseits die Voraussetzungen für
erfolgreiche wirtschaftliche Tätigkeit seiner »Subjekte« zu gewährleisten
und anderseits darauf Bedacht zu nehmen, daß der Einzelne in der
Wahrnehmung seiner individuellen Interessen nur insoweit Spielraum
erhält, als es das »Gemeinwohl«, dessen authentische Interpretation der
moderne Bürger nicht dem Staat überläßt, sondern sich selbst vor-
        <pb n="33" />
        Strukturwandlungen der Weltwirtschaft

EC

31

behält, gestattet. Gewiß kommt das alles in den neuzeitlichen Staaten
nicht gleichmäßig zum Ausdruck, doch sind zum mindesten in Europa
die Unterschiede ihrer Art nach mehr graduell als grundsätzlich. Von
Wichtigkeit ist, daß in fast allen Staaten durch die so bedingte Politik
das Verhältnis zum Ausland grundlegend beeinflußt wird.

3. Die Finanzidee. Sie ist altes Rüstzeug der nationalen Wirt-
schaftspolitik und hat in den Argumentationen der einschlägigen
Literatur hinreichend Würdigung gefunden. Trotzdem möchte ich
die Finanzidee wenigstens erwähnen, denn gerade sie gibt raum-
wirtschaftlichen Zielsetzungen entscheidende Impulse. Der Zusammen-
hang ist einfach genug. Stiller Teilhaber an den Erfolgen von
wirtschaftspolitischen Maßnahmen, die den heimischen Markt vor
ausländischer Konkurrenz schützen sollen, sind stets die Finanz-
minister, deren Neigung, allem dem nur die für sie günstige Seite
abzugewinnen, bekannt ist. So hat kürzlich der Finanzminister des
Deutschen Reiches die überraschend günstige Entwicklung der Zoll-
einnahmen in der ersten Hälfte des Jahres 1926 mit Genugtuung fest-
gestellt. Er wandelt damit in den Spuren Bismarcks, für den die klingende
Münze im Reichssäckel nicht der letzte Gesichtspunkt für die nationale
Wirtschaftspolitik war. Die Geschichte fast jedes Landes lehrt es, daß
auf die Regelung der wirtschaftlichen Beziehungen zu andern Ländern
finanzielle Erwägungen maßgeblichen Einfluß ausüben. Nicht nur für
Europa, sondern erst recht für die wirtschaftlichen Neuländer in Übersee
gilt dies. Wirklich sieghaft hat die »Idee« in der Nachkriegszeit ihr
Herrschaftsbereich erweitert. Deckung für die enorm gewachsenen
Staatsausgaben ohne Anziehen der Zollschraube zu finden, wird über-
wiegend als aussichtslos angesehen. Ein erheblicher Teil der neuen
Staaten Europas hat sein Finanzwesen von vornherein auf Zolleinnahmen
aufgebaut, wobei wohl auch der Gesichtspunkt mitgesprochen hat, daß
die Erhebung von Zöllen gewissermaßen ein Ausdruck der Souveränität
ist, auf deren Geltendmachung es in diesen neuen Staatsgebilden vor-
nehmlich anzukommen scheint. Es darf auch nicht wundernehmen,
daß die so eingestellten Finanzminister in den Parlamenten, auf
deren Zusammensetzung die »organisierte Wirtschaft« Einfluß zu
nehmen weiß — in Überseegebieten noch mehr als in Europa —, volles
Verständnis finden. Kurzum: die Nichtberücksichtigung der »Finanz-
idee« als raumwirtschaftlicher Triebkraft hinter den weltwirtschaftlichen
Strukturwandlungen wäre wissenschaftlich eine unentschuldbare Unter-
lassung.

4. Die Sicherheitsidee. Als im August des Jahres 1914 ein Staat
nach dem andern in den Krieg gezogen wurde, zeigte sich fast überall,
daß die wirtschaftlich-technische Kriegsvorbereitung vernachlässigt war.
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        32

Bernhard Harms
In den Ländern, deren weltwirtschaftliche Beziehungen sofort aufhörten,
machte sich dies am nachhaltigsten geltend. Aber auch jene Länder,
welchen dauernd weitaus die meisten aller Produktivkräfte der Welt
verfügbar waren, mußten sich Jahre hindurch mit empfindlichen Lücken
in der kriegswirtschaftlichen Bedarfsdeckung abfinden. Dieser Übel-
stand zeitigte den Entschluß, die volkswirtschaftliche Produktion künftig
so zu gestalten, daß die Abhängigkeit im Falle eines Krieges auf das
geringstmögliche Maß herabgesetzt werde. In England hat in diesem
Zusammenhang sogar der Begriff der Schlüsselindustrie, auf deren Wesen
und Bedeutung zurückzukommen sein wird, eine Erweiterung erfahren.
Nicht nur die Farbenindustrie, sondern auch Glasindustrie, optische
Industrie, die Herstellung von Drogen, Chemikalien und wissenschaft-
lichen Instrumenten werden dort vom Standpunkt der »nationalen
Sicherheit in Kriegszeiten« als Schlüsselindustrien bezeichnet, deren Ent-
wicklung unbekümmert um den Rentabilitätsgesichtspunkt zu fördern ist.
In bezug auf die eigentlichen Rüstungsindustrien hatten sich die Groß-
mächte schon in der Vorkriegszeit zu dem Grundsatz bekannt: Geschütze,
Gewehre, Geschosse, Panzerplatten und Kriegsschiffe mußten im eigenen
Lande hergestellt werden. Heute wird diese Praxis sogar in den kleineren
europäischen Staaten befolgt, erst recht aber in den großen überseeischen
Staatsgebilden, die eisengewaltig zu werden bestrebt sind, weil die natio-
nale Sicherheit es angeblich erfordert. Angesichts der Bedeutung, die die
chemische Industrie für die moderne Kriegführung hat, wird auch
deren Entwicklung in allen Ländern, die es sich einigermaßen leisten
können, emsig gefördert. Sogar die Züchtung von Textil- und Leder-
industrie wird nicht selten als militärische Notwendigkeit hingestellt.
Zwar ist die Sicherheitsidee hier nicht allein maßgebend, und es besteht
in der Regel wenig Neigung, derlei Industrien dauernd aus öffentlichen
Mitteln zu subventionieren. Eben daraus leitet sich dann das Bestreben
ab, die zunächst um der Sicherheit willen benötigten Industrien aus sich
selbst heraus lebensfähig zu machen und ihnen durch entsprechende
handelspolitische Maßnahmen mindestens auf dem Inlandmarkt ange-
messenen Profit zu gewährleisten. Die Objektivation der Sicherheitsidee
in der Volkswirtschaftspolitik — soweit sie sich auswirkt in erhöhtem
Bedarf an Kriegsmaterial, seiner Nachfrage und seinem Angebot auf
den internationalen Märkten — führt deshalb nicht nur zu Umstellungen
in Handel und Produktion, sondern gleichzeitig auch zu veränderter,
die Bedeutung der einzelnen Wirtschaftsgebiete abwandelnder Raum-
gliederung.
Bekanntlich stehen nicht nur Rohstoffgewinnung und Stoffverar-
beitung unter der Herrschaft der Sicherheitsidee, sondern auch die Land-
wirtschaft. Ein Beispiel dafür ist Deutschland. Fast die gesamten auf
        <pb n="35" />
        Strukturwandlungen der Weltwirtschaft

33
die Erhaltung der Landwirtschaft gerichteten Bestrebungen weisen seit
den siebziger Jahren auf die »Ernährung im Kriege« hin. Auch heute
hat dies Argument die Durchschlagskraft noch nicht eingebüßt. In andern
Ländern, die im Kriege — gleichgültig ob sie an ihm beteiligt waren —
Ernährungsschwierigkeiten hatten, wirkt es gleichfalls im Sinne bestimm-
ter Beeinflussung der nationalen Produktionsgestaltung. Dies gilt sowohl
für die Schweiz, die eine Beseitigung der Schwierigkeiten mutmaßlich
im endgültigen Getreidemonopol suchen wird, wie für die®skandinavischen
Länder sowie für Holland, Italien und Spanien. Die Art der Lösung
des Problems der ernährungswirtschaftlichen Unabhängigkeit im Kriege
ist ein durchaus mitbestimmender Faktor in der strukturellen Gestaltung
der Volkswirtschaften, mag jene auf das Allgemeinwohl abgestellte
Argumentation häufig auch den Interessenten nur als Vorwand dienen.
Daß die »Sicherheitsidee« ebensowohl einen noch durchgreifenderen Bedeu-
tungswandel der einzelnen agraren Bezirke der Erde, als er ohnedies
stattgefunden hat, verhinderte als auch den agrarischen Grundzug oder
Einschlag zahlreicher europäischer Länder verstärkte, unterliegt keinem
Zweifel.

5. Die imperialistische Idee. Wir haben uns daran gewöhnt,
von politischem und wirtschaftlichem Imperialismus zu reden. Der
Wirklichkeit geschieht damit nicht Genüge, denn einerseits ist die
Motivreihe imperialistischen Zielstrebens erheblich mannigfaltiger, ander-
seits lassen sich, wirtschaftliche und politische Triebkräfte nicht eindeutig
voneinander scheiden. Daß die sieghafte Kraft des britischen Imperiums
nicht primär wirtschaftlich bestimmt ist, steht außer Zweifel, obwohl
der ökonomische Einschlag entscheidende Bedeutung hat. Imperiali-
stisches Zielstreben, wo immer es in der Geschichte auftritt, kennt stets
ineinander übergreifende Motive unterschiedlichster Art. Immer aber
war die imperialistische Idee für die raumwirtschaftliche Gliederung der
Welt von grundlegender Bedeutung und steigerte sich in dem Tempo,
als das Verkehrswesen die »wirtschaftliche Durchdringung« großer, wenig
oder gar nicht erschlossener Gebiete ermöglichte.

Die Vorkriegszeit stand ausgesprochen im Zeichen des Imperialismus.
England, Frankreich, Rußland, Deutschland, in gewissem Sinne sogar
Österreich-Ungarn, ausgeprägt Japan und die Vereinigten Staaten,
strebten nach unmittelbarer oder mittelbarer Erweiterung ihrer
Gebietsherrschaft, die sie zugleich ihren wirtschaftlichen Interessen
dienstbar machten. Die naturgemäße Folge war ein ausgesprochener
Zug zur Integration in der raumwirtschaftlichen Gliederung der
Welt. Diese vollzog sich entweder in der Weise, daß bisher selbständige
Gebiete einverleibt oder Kolonien- und Interessensphären wurden. Fast
in jedem Fall ging das Bestreben dahin, die neuerworbenen oder bot-

Weltwirtschaftliches Archiv Bd. XXV, 3
        <pb n="36" />
        J

}

Bernhard Harms
mäßig gemachten Gebiete dem wirtschaftlichen System des sog. »Mutter-
landes« oder »Protektors« anzugliedern. Daß diese Entwicklung schon
durch eine. Theorie von den drei, später, indem Deutschland und Japan
hinzugerechnet wurden, fünf Weltreichen zu erklären versucht wurde,
braucht hier nur in Erinnerung gebracht zu werden.

Der Ausgang des Krieges hat den raumwirtschaftlichen Integrations-
prozeß einerseits auf die Höhe getrieben, ihn anderseits aber auch rück-
läufig gestaltet. ‘Der gesamte deutsche Kolonialbesitz ging, wenn auch
nur in der sog. Mandatsform, an die Sieger über und vergrößerte deren
Gebietsherrschaft. Auch aus seinen Interessensphären mußte Deutsch-
land sich zurückziehen. Im übrigen kam es zu einer Verständigung
zwischen den Siegerstaaten, welche die politische Raumgliederung der
Welt »endgültig« festlegten. Abgesehen davon, daß es ewige Beharrung im
Staatsleben und in den Staatsgebieten nicht gibt, zeigen die neueren
Auseinandersetzungen in den Mittelmeerländern — man denke an
Marokko und Abessinien —, daß der Integrationsprozeß auch vorüber-
gehend nicht zur Ruhe gekommen ist.

Weltwirtschaftlich, vom Standpunkt des Beobachters auf dem Mars,
mag man die in ihrer Eigenart durch den Kriegsausgang bedingte Inte-
gration in der politischen Raumgliederung der Welt gering einschätzen,
so bedeutungsvoll sie vom Standpunkt des Eigenlebens der betroffenen
Staaten, vornehmlich Deutschlands und der Türkei, auch ist. Ungleich
größer hingegen sind die Folgewirkungen jenes Wandels in der politischen
Raumgliederung, der in der jüngsten Vergangenheit durch Differen-
zierung herbeigeführt wurde.

6. Die Nationalitätsidee. Ihre nur durch den Ausgang des
Krieges bedingten Ausstrahlungen haben zu geschichtlich fast ohne Bei-
spiel dastehenden politisch-wirtschaftlichen Wandlungen geführt. Es ist
gewiß einseitig und fordert von Deutschen in Deutschland und Österreich
viel Entsagung, diese erschütternden Vorgänge nur in materiell-wirtschaft-
licher Hinsicht zu würdigen, doch zwingt fachwissenschaftliche Betrach-
tung, hier von allem übrigen abzusehen. — Die Nationalitätsidee war da$
Losungswort der Entente geworden, das in den Friedensschlüssen eigen
artig genug eingewechselt wurde. Die Donau-Monarchie fiel in Trümmer-
Die Türkei wurde aus Europa verdrängt. Deutschland und Rußland
mußten schwere Gebietsverluste hinnehmen; im Osten Europas entstand
im Zeichen des Sieges der Nationalitätsidee eine Kette von neuen
Staaten, die zum Teil Zwerggebilde sind. Dabei weisen viele der neueß
Staaten beträchtliche nationale Minderheiten auf, wofür die Tschecho-

Slowakei das krasseste Beispiel ist. Angeblich war diese inkonsequent®
Lösung nötig, um den neuen Staaten die wirtschaftliche Existenz zu
ermöglichen. Gegenüber den alten Staaten, die zertrümmert, verkleinert:
        <pb n="37" />
        Strukturwandlungen der Weltwirtschaft

35

zum Teil auch zerrissen wurden, schien diese Rücksicht nicht geboten,
so daß man das Gleichgewicht ihres Wirtschaftslebens schwersten Er-
schütterungen aussetzte. Es läßt sich schlechterdings keine staatliche
Neugliederung eines Erdteiles in der Geschichte aufweisen, die von so
entscheidender Wirkung auf raumwirtschaftlichen Bedeutungswandel ge-
wesen ist wie die durch die Friedensschlüsse herbeigeführte Änderung
der politischen Landkarte Europas, die zu vierzehn neuen Staaten führte!
Die durch die Zerreißung von überwiegend in sich geschlossenen, historisch
überkommenen wirtschaftlichen Einheiten bewirkte willkürliche und
künstliche Gliederung des europäischen Wirtschaftsraumes ist wahr-
scheinlich die Grundlage für die verhängnisvollsten und am nachhaltigsten
wirkenden Strukturwandlungen der europäischen Wirtschaft überhaupt.
Daß die dadurch bewirkten Organ- und Funktionsstörungen sich zugleich
auf die Weltwirtschaft insgesamt übertragen haben, bedarf keiner
Begründung.

Im Hinblick auf die hier gekennzeichnete Ideenwelt mit ihrem Ein-
fluß auf die Gestaltung volkswirtschaftlichen Eigenlebens müßte ich nun
eigentlich durch die Länder dieser Welt einen Rundgang antreten, um
den Grad der gegenüber der Vorkriegszeit gesteigerten Intensität und
Mannigfaltigkeit des nationalen Wirtschaftslebens zu messen oder die
Mittel zu inventarisieren, deren sich die nationale Wirtschaftspolitik
jeweils bedient. Darauf will ich jedoch verzichten, denn in ihren Grund-
zügen sind diese Dinge hinlänglich bekannt, in den Einzelheiten aber
ist unser Wissen noch zu dürftig, als daß wir sie abschließend beurteilen
könnten!. Auch was der Balfour-Bericht darüber sagt, bleibt an der
Oberfläche. Vielleicht ist die Zeit, die es gestattet, über diese Entwicklung
auch nur ein vorläufig abschließendes Urteil zu fällen, überhaupt noch
nicht gekommen. Ich selbst will mich jedenfalls darauf beschränken,
ihr gewisse Seiten abzugewinnen, die mit dem hier zur Untersuchung
stehenden Problem des Bedeutungswandels im raumwirtschaftlichen
Aufbau der Welt zusammenhängen.

Ich beginne mit einigen Bemerkungen über die durch die angedeutete
Entwicklung bedingten Wandlungen in der internationalen Arbeits-
teilung. Mich mit dem Begriff als solchem auseinanderzusetzen, muß
ich allerdings ablehnen. Wenn man daran festhält, daß logisch Teilung
Auflösung von Einheit bedeutet, so hängt der, Begriff in der Luft. Immer-
hin haben wir von ihm eine bestimmte Vorstellung im Sinne von raum-
wirtschaftlicher Produktionsdifferenzierung, bei der es zunächst

1 Vgl. die zahlreichen Einzelangaben in meinem Aufsatz: Die Krisis der Welt-
Wirtschaft. »W. A.«, XVIII (1922 II), S. 267 £.
        <pb n="38" />
        36

Bernhard Harms
sein Bewenden haben mag. Zwei Faktoren sind es, die in ihrem gegen-
seitigen Verhältnis den jeweiligen Stand der internationalen Arbeits-
teilung bestimmen: ich nenne sie die räumlich-gebundenen und die
räumlich-beweglichen Produktionsfaktoren. Das Verhältnis zwischen
beiden ist in fortwährendem Fluß begriffen. Was gestern noch räumlich
gebunden erschien, ist heute schon beweglich geworden. Problematisch
ist also, ob diesem Prozeß Grenzen gesetzt sind, und wo sie gegebenenfalls
liegen. Innerhalb dieser Grenzen wird die internationale Arbeitsteilung
sodann endgültige Gestaltung annehmen. Friedrich List stellte
schlechthin tropische und gemäßigte Zone einander gegenüber. Nur
innerhalb dieser beiden grundsätzlich andersartigen Erdräume hält er
die durch deren Charakter bedingten Produktionsfaktoren für beweglich,
ein Hinüber- und Herüberwechseln in die gegenseitigen Jagdreviere soll
dagegen nicht möglich sein. Internationale Arbeitsteilung begreift List
demgemäß in diesem naturbedingten Sinne. An sich war das richtig
gesehen, doch hat die seitherige Entwicklung die dem »Naturbedingten«
nach ihrem damaligen Stande angeblich für ewige Zeiten innewohnende
Starrheit in großem Ausmaß überwunden, wenn sich auch an der räum-
lich bedingten Gebundenheit der Erzeugung von bestimmten Rohstoffen,
Nahrungs- und Genußmitteln grundsätzlich nichts geändert hat und
als ebenso sicher angenommen werden darf, daß in gewissen klimatischen
Zonen die industrielle Entwicklung ausgeschlossen bleibt. Zahlreiche
Gebiete, von denen List annahm, daß sie für immer Rohstoff- und
Nahrungsmittelproduzenten bleiben würden, sind inzwischen trotz aller
Schwierigkeiten, die dem entgegenstanden, den Weg der Industrialisierung
gegangen. Den Antrieb dazu gab die gekennzeichnete raumwirtschafts-
politische Zielsetzung oder kapitalistisches Gewinnstreben. Nicht selten
wirkten beide gemeinsam. Möglich wurde die Industrialisierung, weil
erstens die »natürlichen Widerstände« sich weniger stark zeigten, als
früher angenommen war, und weil zweitens jene Rohstoff- und Nahrungs-
mittelländer sich die sog. kultürlichen Produktionsbedingungen: auf
dem Hintergrunde wissenschaftlicher Erkenntnis entwickelte Technik, qua-
lifizierte Arbeiter, kaufmännische Fähigkeit, Organisationsformen, gewisse
Rechtsinstitute, Kapital usw., von denen List gleichfalls annahm, daß
sie an die gemäßigte Zone gebunden seien, anzueignen vermochten. Dies
geschah zudem auch in solchen Ländern, denen zwar die klimatischen
Vorbedingungen für die Stoffverarbeitung nicht fehlten, von denen man
jedoch früher glaubte, daß sie aus andern Gründen — etwa mangels
geeigneter »Veranlagung« — die kultürlichen IndustrialisierungS
bedingungen nicht zu erwerben vermöchten.
Eingesetzt hat diese Entwicklung, wie schon angedeutet, vor dem
Kriege, doch hat dieser ihr Tempo beschleunigt und sie in manchen Län“
        <pb n="39" />
        Strukturwandlungen der Weltwirtschaft

37
dern sogar erst hervorgerufen. Daß inzwischen ein gewisser Rückschlag
eingetreten ist und zahlreiche Knospen nicht zur Blüte gelangten, weil
man die »natürlichen« Widerstände unterschätzt und auch die Erwer-
dung der kultürlichen Vorbedingungen als zu leicht angesehen hat, tut
grundsätzlich, nichts zur Sache — so gern gerade dies in der Literatur
hervorgehoben wird. Als Ergebnis bleibt, daß die internationale Arbeits-
teilung je länger desto weniger der Vorstellung entspricht, die sich, land-
läufig von ihr herausgebildet hat. Was sie unter den heutigen Verhält-
nissen überhaupt begreift, ist schwer zu sagen. Am besten tun wir
wahrscheinlich, den ganzen Begriff fallen zu lassen und unter Kenn-
zeichnung der Entwicklungstendenzen internationaler Produktions-
differenzierung und der auf sie einwirkenden markt- und raum-
wirtschaftlichen Faktoren eine der Wirklichkeit entsprechende Termi-
nologie aufzubauen.

Noch deutlicher erkennt man diese Notwendigkeit bei Betrachtung
einer andern Problematik. Gewinnwirtschaftliches, der Industrialisierung
zugewandtes Zielstreben ist kostenorientiert. Raumwirtschaftliche
Orientierung kann sich innerhalb gewisser Grenzen, von denen noch
die Rede sein wird, über das »wirtschaftliche Prinzip« hinwegsetzen, ist
Srundsätzlich aber auch an jene Standortsgesetze gebunden. Tatsächlich
liegen die Verhältnisse nun so, daß unter dem Gesichtspunkt des
Raumganzen der Weltwirtschaft ein beträchtlicher Teil der gewerb-
lichen Produktion gegen die Standortsgesetze verstößt. Eben darin
liegt der Spielraum, der kapitalistischer und raumwirtschaftspoli-
tischer, auf Industrialisierung bedachter Zielsetzung noch auf unab-
Sehbare Zeit verbleibt. Es lohnt sich, dies wenigstens mit einigen
Worten zu erläutern.

Jahrtausende hindurch ist gewerbliche Tätigkeit im wesentlichen
tohstofforientiert gewesen. Erst mit dem Fortschreiten des Verkehrs-
Wesens wird die Emanzipation von der Rohstoffbasis möglich, gewinnen
lie kultürlichen Produktionsbedingungen an Bedeutung, werden die
Rohstoffe Tausende von Meilen von ihrem Gestehungsort entfernt
verarbeitet und kehren in Form von Fertigerzeugnissen dorthin zurück,
von wo sie gekommen waren. Die geringe durch den Transport verur-
Sachte Kostendifferenz fällt gegenüber den kultürlichen Vorzügen nicht
ns Gewicht. Karl Knies hat diese Wandlung schon im Jahre 1853
Sekennzeichnet : »Bei näherer Erwägung stellt sich jedoch heraus, daß jede
nit dem Fortschritte der Cultur herbeigeführte Erleichterung des Trans-
bortes doch auch die Erträgnisse der reichlicheren und wohlfeileren Roh-
Production eines von der Natur bevorzugten Landes für andere Nationen
kichter zugänglich macht, so daß man den allgemeinen Satz auf-
;tellen kann, daß durch die Fortschritte in der. Communication der
        <pb n="40" />
        38

Bernhard Harms

Ka

Vortheil, welchen die Völker durch ihre Territorien rücksichtlich der
Roh- und Hilfsstoffe für die Fabrikation besitzen, gemindert, da-
gegen andererseits aus derselben Ursache die Wirkungskraft der Vorzüge,
welche einem Volke in der menschlichen Arbeitskraft und in den erhal-
tenen Resultaten der Production in früheren Zeiten (in dem Capitale)
gegeben sind, erhöht wird.« Es unterliegt jedoch keinem Zweifel, daß
die Entwicklung schließlich zu ihrem Ausgangspunkt zurückstrebt.
Praktisch geschah dies zunächst innerhalb der alten Industrieländer
Europas und in den Vereinigten Staaten von Amerika, ein Prozeß,
der unter dem Zeichen der »Umorientierung nach der Rohstoffbasis«
gerade in neuerer Zeit wieder lebhaft in Fluß gekommen ist. Zahllose
Beispiele aus fast allen Volkswirtschaften könnten mühelos aufgeführt
werden. Verhältnismäßig früh wurde diese Entwicklung auch international
von Bedeutung. Nur um zu zeigen, was gemeint ist, sei auf die Rohjute
Bengalens verwiesen. Sie wurde ursprünglich bis zur letzten Faser
nach England und dem europäischen Festlande gebracht und ging
von dort zu erheblichem Teil in Form von Kaffeesäcken nach Brasilien
oder als Packleinen für Baumwolle wieder nach Indien. Später ent-
standen jedoch in Kalkutta Jutefabriken, von denen nunmehr Brasilien
seine Säcke und der indische Baumwollpflanzer sein Packleinen un-
mittelbar beziehen. Auf gleicher Ebene liegt das Emporkommen der
Baumwollindustrie in Bombay und, erheblich früher, in den Vereinigten
Staaten. Auch die Entstehung von Ölmühlen in den Tropen, von Reis
mühlen in Birma, Siam und Indochina, von Weizenmühlen in den Ver-
einigten Staaten und Kanada, von Raffinerien in den Erdölländern, vor
Verhüttungsanlagen in Australien ist so zu erklären. Unschwer ließen sich
in fast endloser Folge weitere Beispiele anführen. Diese Entwicklung steht
in den wirtschaftlichen Neuländern, den klassischen Rohstoffgebieten,
noch im Anfang und hat dort bisher überwiegend nur die ersten StadieP
der Verarbeitung erfaßt; sie ist jedoch unaufhaltsam, weil sie auf dem Wege
der Rationalisierung liegt. Treffend hat dies wiederum Karl Knies vor
ausgesehen: »Indem der Verkehr Alles gleicher gestaltet, was gleich
gemacht werden kann, muß die Wirkung dessen, was ungleich verbleibt, um
so stärker hervortreten.« Das Ungleiche aber ist letztlich die Differenzierung
in den Rohstoffpreisen. Je mehr die Rohstoffländer die kultürlichen Pro:
duktionsbedingungen erwerben, desto wirksamer wird ihre Rohstoffüber”
legenheit. Daß sie auf diesem Wege voranschreiten, dafür sorgt einerseits
der europäische und amerikanische Kapitalismus, der diese Gewinnchance?
ausnutzt. Es ist immerhin lehrreich, daß die Industrialisierung Indiens
mit Ausnahme der Baumwollindustrie in Bombay, die vornehmlich durch
die Parsen bewirkt wurde, von englischen Kapitalisten in die Weg®
geleitet worden ist. Anderseits hat hier die Raumwirtschaftspolitik
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        N

Strukturwandlungen der Weltwirtschaft

FEN

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ein zunächst überhaupt nicht abgrenzbares Betätigungsfeld. Deshalb
muß unter allen Umständen damit gerechnet werden, daß innerhalb der
von der Natur gesetzten Grenzen die Vorteile, die mit der unmittel-
baren Verfügung über Rohstoffe gegeben sind, auch in der internationalen
Produktionsdifferenzierung Geltung erlangen werden. Über jene Grenzen
selber kann naturgemäß heute noch nichts Endgültiges gesagt werden;
ist es etwa abwegig, daran zu denken, daß künftig die Sonnenenergie
industrielle Antriebskraft wird und dann beispielsweise Nordafrika
ynatürlicher« industrieller Standort würde? Mussolini hat den
italienischen Gelehrten die Lösung dieses Problems, an der vor Jahr-
zehnten schon die Carl-Zeiß-Werke in Jena gearbeitet haben, eindring-
lich nahegelegt. ...

Ein weiterer Tatsachen- und Problemkreis, der für die Umgestaltung

der überkommenen Vorstellung von der sog. internationalen Arbeits-
teilung von Bedeutung ist und letzten Endes der Wohlstandsidee unter-
steht, ist die Rückbildung der raumwirtschaftlichen Angel-
erzeugung. Ich bin nicht ganz sicher, ob ohne weiteres klar ist, was
ich damit sagen will. Rückständige Terminologie pflegt von Mono-
kultur zu reden, obwohl dieser Begriff demjenigen der Angelerzeugung
untergeordnet ist. In aller Kürze sei deshalb das Folgende gesagt. Es
gibt zwei Begriffe, ohne die die Sozialökonomik nicht mehr auskommt:
Schlüsselerzeugung und Angelerzeugung. Unter ersterer sind
solche Gewerbe zu begreifen, die an sich verhältnismäßig klein, aber
dennoch von lebenswichtiger Bedeutung sind, weil von ihrem Vorhanden-
sein die Existenz anderer und größerer Gewerbezweige abhängig ist.
Als Schlüsselindustrie wird in England bekanntlich u. a. die Farben-
industrie angesehen, deren Produktions-, besser Einfuhrwert in der
Vorkriegszeit ziemlich genau 1 %/, des Produktionswertes der die Farben
verwendenden Textil- und Papierindustrie ausmachte. Die Schlüssel-
industrie stand also, um ein Wort Jastrows zu gebrauchen, der Größe
nach etwa in dem Verhältnis eines Schlüssels zu der Tür, die er öffnet.
Das Wort »Angel« hingegen deutet auf die Achse, die die Tür trägt, um
die als Mittelpunkt sich alle übrigen Teile der Tür drehen. Auf die
Volkswirtschaft übertragen, reden wir von Angelerzeugung dann, wenn
das gesamte raumwirtschaftliche Leben durch eine Produktion oder
wenige Produktionen bedingt und bestimmt ist. Angelerzeugung ist
diejenige Erzeugung, auf welche eine Volkswirtschaft unter Vernach-
lässigung anderer Erzeugungen so weitgehend eingestellt ist, daß ein un-
günstiger Ausfall des Ertrages dieser Erzeugung die ganze Volkswirtschaft
erschüttert, sie in eine Angelerzeugungskrise stürzt. Es liegt in der
Natur der Sache, daß Angelerzeugung Ausfuhrerzeugung ist, deren Äqui-
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Bernhard Harms

valente eben den ungestörten Ablauf des wirtschaftlichen Lebens im
Ausfuhrlande gewährleisten.

Es gibt heute noch zahlreiche Volkswirtschaften, die durch Angel-
erzeugung auf Gedeih und Verderb mit der Weltwirtschaft verbunden
sind, so Brasilien: Kaffee und Kautschuk, Chile: Salpeter und Kupfer,
Argentinien: Weizen und Gefrierfleisch, Niederländisch-Indien: Tabak,
Tee, Zucker und Kautschuk, Birma und Siam: Reis und Teakholz,
Vereinigte Malaienstaaten: Zinn und Kautschuk, Australien: Erze,
Weizen, Wolle und Gefrierfleisch, Ägypten: Baumwolle, und so in
langer Reihe fort, nicht zu vergessen die europäischen Kolonien in
Afrika. Die meisten dieser Länder sind aber bestrebt, überwiegend
auch mit Erfolg, das Risiko so einseitiger Entwicklung ihrer Volks-
wirtschaft durch größere Differenzierung in der Produktion zu ver-
ringern. In gewissen Erdräumen sind dem zwar enge Grenzen gezogen,
und in weiten Tropengebieten ist ein Spielraum überhaupt nicht gegeben,
aber die Auffassung, daß alle heutigen Gebiete mit Angelerzeugung durch
die Natur dazu verurteilt seien, es ewig zu bleiben, bedarf, wie schon dar-
gelegt, einer gründlichen Revision. Man braucht nur auf Argentinien,
Brasilien und Kanada hinzuweisen, um sich davon zu überzeugen. Man
tut auch gut, sich darauf zu besinnen, daß die Vereinigten Staaten
einstmals durch die europäische Brille auch als Angelerzeugungsgebiet
angesehen wurden.

Ein weiterer durch raumwirtschaftspolitische Zielsetzung bedingter
Grundzug im Gestaltwandel der weltwirtschaftlichen Raumgliederung ist
die Fortbildung raumwirtschaftlicher Schlüsselerzeugung. Hier
haben wir es mit einer Entwicklung zu tun, die sich zunächst in den fort-
geschrittenen Industrieländern geltend machte und erst jetzt allgemein
um sich greift. Aus mannigfachen Gründen vollzog sich in zahlreichen
Industrieländern die gewerbliche Produktion so, daß entweder gewisse
Stadien der Produktion überhaupt in das Ausland gelegt wurden (passiver
Veredelungsverkehr) oder aber ihre Meisterung an den Bezug auslän-
discher Fertigerzeugnisse geknüpft blieb. Das bekannteste Beispiel dafür

war in der Vorkriegszeit die bereits erwähnte Abhängigkeit der Textil-
industrie der ganzen Welt von deutschen Farben. Bei der »Schlüssel-
erzeugung«, über deren Begriff das Nötige schon gesagt worden ist,
handelt es sich nicht schlechthin um alles, was für die Ausbildung einer
»autarken« Industrie erforderlich ist, denn andernfalls würde in der eng-
lischen Textilindustrie auch die Baumwolle dazu gehören, sondern ge-
meint sind gewisse, verhältnismäßig kleine Fertigproduktionen, auf die

” Ausführlicher in der demnächst erscheinenden Kieler Dissertation von Mühlig-
Hofmann: Die Angelerzeugung, Untersuchung eines Strukturtypus der Volkswirtschaft.
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        Strukturwandlungen der Weltwirtschaft

aa

41
größere Industriezweige angewiesen sind, die aber nicht im Lande exi-
stieren, obwohl sie dort zur Entfaltung gelangen könnten. Fast überall ist
die Volkswirtschaftspolitik auf Abstellung eines solchen als mißlich emp-
fundenen Zustandes bedacht. Neuerdings gilt dies auch für zahlreiche
überseeische Gebiete, die, wie in anderm Zusammenhang schon angedeutet,
zunächst die Voraussetzungen für die erste Verarbeitung ihrer Landes-
erzeugnisse, die früher völlig unbearbeitet ausgeführt wurden, zu verwirk-
lichen suchen. Argentinien z. B. ist bemüht, die aus seiner Viehzucht
anfallenden Häute nicht nur selbst zu gerben, sondern auch den Gerb-
stoff im Lande herzustellen, den es früher aus Europa bezog, obwohl
er dort, von synthetischer Produktion abgesehen, aus argentinischem
Quebrachoholz hergestellt wurde. Australien sucht eine chemische In-
dustrie in der Richtung zu entwickeln, daß sie die »unabhängige« Ver-
hüttung seiner Erze gestattet. Unschwer ließen sich auch hier die Bei-
spiele häufen.

Die hier erfolgte Kennzeichnung der durch die industrielle Ent-
wicklung wirtschaftlicher Neuländer bedingten Problematik bedarf in
gewissem Sinne der Ergänzung. Die Bewegung ist nicht ohne Gegen-
bewegung. Denn die negativ betroffenen Raumwirtschaften sind bestrebt,
die in den Rohstoffländern erfolgende Aneignung der kultürlichen Pro-
duktionsfaktoren durch deren Fortentwicklung im eigenen Wirtschafts-
raum zu kompensieren. Zweifellos bietet sich hierfür noch erheblicher
Spielraum, der erst in Menschenaltern ausgefüllt sein wird. Die grund-
sätzliche Seite des Problems wird dadurch aber nicht berührt, denn
schließlich kommt eben doch der Zeitpunkt, in welchem »alles gleich
geworden ist, was gleich gemacht werden konnte«. Dabei ergibt sich
allerdings die Frage, ob nicht doch »ewig« wirksame Unterschiede in
der Veranlagung und Fähigkeit zu industrieller Tätigkeit zwischen den
Völkern und Rassen bestehen und infolgedessen ein Ausgleich in den
kultürlichen Produktionsbedingungen niemals zu erwarten ist. Bekannt-
lich wird diese Frage überwiegend bejaht. Vielfach gilt es sogar als Dogma,
daß der weißen Rasse das eigentlich Schöpferische in Technik und Wirt-
schaft vorbehalten sei. Zum Beweise wird auf Japan verwiesen, von dem
behauptet wird, daß seine industrielle Entwicklung sich notwendig in
den Grenzen halten müsse, die durch, die spezifische Begabung zur bloßen
»Nachahmung« gezogen seien. Ich selbst stehe diesen Rassentheorien
mit ihren Schlußfolgerungen auf »industriell-kapitalistische Begabung«
einigermaßen skeptisch gegenüber, sowenig ich den berechtigten Kern,
der ihnen innewohnt, übersehe. Mich dünkt, daß die Gegenüberstellung
von »weiß und farbig« dem Problem überhaupt nicht gerecht wird. Wie
es innerhalb der weißen Rasse im Hinblick auf industriell-kapitalistische
        <pb n="44" />
        F 2

Bernhard Harms
Begabung offenbar große Unterschiede gibt, so auch innerhalb der farbigen
Völker. Niemand wird Chinesen und Neger in einem Atem nennen!
Aber nicht einmal über die kommerzielle Begabung der letzteren kann
heute schon ein endgültiges Urteil abgegeben werden. Man wird des-
halb mit derlei auf Rassenunterschieden basierten Prognosen wirtschaft-
licher Entwicklung vorsichtig sein müssen. Hat vor hundert Jahren auch
nur ein Engländer geglaubt, daß das »Volk der Dichter und Denker«
dereinst Industriekapitäne hervorbringen werde?! Die Nutzanwendung
ergibt sich von selbst.

Wissenschaftlich kann heute nur gesagt werden, daß innerhalb der
Weltwirtschaft einerseits die Tendenz zur Orientierung nach der Roh-
stoffbasis wirksam ist, daß aber anderseits die Gegentendenz, die »natür-
liche« Überlegenheit der Rohstoffländer durch äußerste Fortentwicklung
der »kultürlichen« Produktionsfaktoren in den alten Industrieländern zu
kompensieren, sich nicht minder geltend macht. Die praktischen Wir-
kungen gingen bisher dahin, daß die erstgenannte Tendenz die Industriali-
sierung der wirtschaftlichen Neuländer in dem dargelegten Sinne ein-
leitete und teilweise sogar schnell vorwärtsbrachte, daß die zweite
Tendenz hingegen die Qualitätsarbeit in den alten Industrieländern
ständig höher führte. Ob die zweite Tendenz mit der ersten dauernd wird
Schritt halten können, ist die eigentliche Frage, auf welche eine ab-
schließende Antwort heute noch nicht gegeben werden kann. Von Be-
deutung ist hierfür nicht zuletzt, ob sich die ökonomischen Voraus-
setzungen für den Absatz unablässig gesteigerter Qualitätsarbeit ver-
wirklichen lassen...

In Fortführung der tatsächlichen Schilderung sei noch darauf hin-
gewiesen, daß raumwirtschaftliches Zielstreben nicht zuletzt die Gebiete
der offenen Tür, in denen der Kapitalismus des 19. Jahrhunderts
Triumphe feierte, bis auf gewisse Reste zum Schwinden gebracht hat und
auch die Kolonien mehr und mehr als Annexe der Volkswirtschaften
angesehen werden, nachdem der ökonomische Liberalismus sie während
eines Menschenalters von merkantilistischen Bewirtschaftungsprinzipien
befreit hatte...

Einen wichtigen Faktor in der Raumwirtschaftspolitik bedeutet der in
anderm Zusammenhang schon erwähnte Einfluß, den der Staat auf die
Monopolisierung gewisser Rohstoffmärkte ausübt. Im ganzen
handelt es sich hierbei weniger um die Sicherung von Rohstoffen für
den eigenen Bedarf, obwohl auch dieser Gesichtspunkt gelegentlich Be-
deutung hat, sondern um die höchstmögliche finanzielle Ausnutzung
eines Rohstoffes, auf den die übrige Welt angewiesen ist. Bei Licht
betrachtet, wirken hier allerdings zwiefache Motive, indem der Antrieb
        <pb n="45" />
        Strukturwandlungen der Weltwirtschaft

a

43

zu solchen Maßnahmen in der Regel vom Kapital ausgeht, der Staat
es jedoch für nützlich hält, sie mittelbar oder gar unmittelbar auf dem
Wege der Gesetzgebung zu unterstützen. Ein drastisches Beispiel dafür
ist bekanntlich die »Rubber Restriction«in den Vereinigten Malaien-
staaten, der »schamloseste Raubzug gegen die Kautschukverbraucher
der Welt«, wie die Amerikaner sie zu bezeichnen pflegen. Die Maßnahme
hat die Hochhaltung der Gummipreise zum Zweck. Sie knüpft in ihrer
Durchführung an den Ausfuhrzoll an, der auch vorher für Gummi erhoben
wurde. Dies ist ja überhaupt der Weg, die rohstoffverarbeitenden Länder
dem Monopolland tributpflichtig zu machen. England hat im Jahre
1922 ein Gesetz erlassen, dem zufolge jede Kautschukpflanzung in seinen
Gebieten ein Kontingent zugewiesen erhält, das zu dem normalen Aus-
fuhrzoll exportiert werden kann. Die darüber hinausgehenden Mengen
werden mit Prohibitivzöllen belegt, außerdem werden von etwaigen Vor-
ratsmengen im Inneren Abgaben erhoben, Bei steigenden Weltmarkt-
preisen wird das Kontingent erhöht, bei sinkenden herabgesetzt. Wir
sehen hier eine gleitende Zollskala, und zwar, anders als sie sonst begriffen
wird, für die Ausfuhr und nicht für die Einfuhr. Der Zweck, die Preise zu
stabilisieren, ist jedoch der gleiche. Zur Zeit wird ein Preis von 21 Pence
für notwendig gehalten. Die Urteile über die Kautschukrestriktion
gehen erheblich auseinander. Was die Hauptverbraucher sagen, ist
schon erwähnt worden. Es gibt in Amerika Stimmen, die im Kupfer-
trust ein Kampfmittel gegen die englische Kautschukpolitik sehen. In
England selbst wird betont, daß es sich um eine Notstandsmaßnahme
in zwölfter Stunde gehandelt habe, weil das gesamte in den Kautschuk-
plantagen angelegte Kapital unmittelbar vor dem Zusammenbruch
gestanden hätte. Man habe sich dabei große Mäßigung auferlegt. Es
kann in der Tat nicht behauptet werden, daß ein Gummipreis von 21
Pence übertrieben hoch sei; er hält sich im Gegenteil noch unter der
allgemeinen Preissteigerung. Anderseits darf wohl behauptet werden,
daß die »Mäßigung« nicht ganz freiwillig erfolgte, denn seit der Restrik-
tion hat die Erzeugung in Niederländisch-Indien beträchtlich zugenommen.
Insgesamt stehen heute schon etwa 30 °/, des plantagenmäßig gewonnenen
Gummis außerhalb des englischen Einflusses. Dazu kommt, daß bei
einem Preis von 2 bis 3 Schilling auch Brasilien mit seinem Rubber
wieder stärker konkurrenzfähig wird. Stünde die gesamte Produktion
von Plantagengummi unter englischem Einfluß, so würde die in England
gelegentlich, ausgesprochene Absicht, aus dem Gummimonopol einen
Teil der Kriegskosten zu decken, wohl rigoroser durchgeführt worden sein*,
1 Beim Lesen der Korrektur kommt die Nachricht, daß England durch Verschärfung
der Kontingentierung bestrebt ist, den Rubberpreis über die obengenannte Grenze hinaus
festzusetzen. Die zunehmende Nachfrage scheint diese Maßnahme zu ermöglichen.
        <pb n="46" />
        Bernhard Harms
Die Kautschukrestriktion ist an sich nichts grundsätzlich Neues.
Die Kaffeevalorisationen Brasiliens liegen auf derselben Ebene, d. h. sie
wurden gleichfalls unter staatlicher Autorität durchgeführt. Aber von
dieser rein marktmäßigen Manipulation bis zur gesetzlichen Regelung
der Produktion ist es doch ein beträchtlicher Schritt. Es darf an-
genommen werden, daß diese Entwicklung symptomatisch ist und in
Zukunft noch stärker in die Erscheinung treten wird. Mehr oder weniger
durchgesetzt hat sie sich, außer für die genannten Güter, bis heute schon
für Sisalhanf, Chilesalpeter, Kali, Zinn, Chinin, Quecksilber und Que-
bracho. In die gleiche Entwicklungsrichtung fallen ja auch die westeuro-
päischen Eisenpaktverhandlungen, bei denen die beteiligten Staaten zum
mindesten Pate stehen. In der Schiffahrt bahnen sich ebenfalls inter-
nationale Abreden unter staatlicher Mitwirkung an. Im Grunde Kegt
hierin freilich schon der Anfang einer neuen Entwicklung, indem nicht
ein Staat sonderraumwirtschaftliche Preis- und Kontingentierungspolitik
betreibt, sondern mehrere Staaten sich zu gleichem Zwecke zusammen-
finden. Der Franzose Loucheur sieht in der konsequenten Weiterführung
dieser Ansätze bekanntlich die Hauptaufgabe der bevorstehenden Welt-
wirtschaftskonferenz.

Ein besonderes Kapitel raumwirtschaftlicher Rohstoffpolitik liefern
die Ereignisse im Sudan. England, Abessinien und Italien führen einen
erbitterten Kampf um das Nilwasser, das jedes dieser Länder zur Be-
fruchtung großer neuer Baumwollfelder zu benötigen erklärt. Wie die
Dinge heute liegen, besteht für Ägypten die Gefahr, daß ihm durch die
Stauanlagen im Sudan das Wasser abgegraben wird, und anderseits ist
für die Staubecken im englischen Sudangebiet zu befürchten, daß sie
leer bleiben, weil das Wasser größtenteils bereits in Abessinien und in
italienischen Gebieten über die Felder geleitet wird. In früheren Zeiten
würde es darüber mutmaßlich schon längst zu gewaltsamen Auseinander-
setzungen gekommen sein. Heute hat England den Plan, die Schwierig-
keiten durch ein Schiedsgerichtsverfahren über das Nilwasser-Recht zu
überwinden. Diese Verhältnisse stellen nur einen kleinen Ausschnitt dar
aus den Entwicklungsmöglichkeiten und Interessenkollisionen im »dunklen
Erdteil«, der die große Reserve der Weltwirtschaft und des Kapitalismus
ist, was gemeinhin viel zu wenig beachtet wird.

Endlich sei darauf hingewiesen, daß Raumwirtschaftspolitik neuer-
dings auch entscheidende Strukturwandlungen in der interhationalen
Wanderbewegung herbeigeführt hat. Das klassische Land der Ein-
wanderung bis in die Kriegszeit hinein waren die Vereinigten Staaten
von Amerika. Raumwirtschaftspolitische Erwägungen und Maßnahmen
mannigfaltiger Art, auf die hier nicht mehr eingegangen werden kann,
haben dies Ventil im wesentlichen geschlossen. Die Folge ist, daß einer-
        <pb n="47" />
        Strukturwandlungen der Weltwirtschaft

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KA ESS

45
seits die Abwanderung aus Europa, die seit Menschenaltern als »natürlich«
angesehen wurde, ins Stocken geraten ist, anderseits gewisse Veränderun-
gen in der Richtung Platz gegriffen haben. Hier ist vor allem zu denken
an die italienische Invasion in Frankreich und die planmäßige Leitung
des Auswandererstromes nach Tunis. Ein Problem für sich! Von nicht
geringerer Bedeutung ist, daß die italienische Auswanderung nach den
südamerikanischen Staaten, die dringenden Bedarf an Arbeitern haben,
wieder stärker in Fluß gekommen ist. Es muß damit gerechnet werden,
daß die Bevölkerung der südamerikanischen Staaten künftig noch viel
ausgeprägteren italienischen Einschlag erhalten wird, als es heute schon
der Fall ist. Daß dies auf weite Sicht zum mindesten wirtschaftliche
Konsequenzen hat, ist wahrscheinlich und liegt durchaus im Sinne der
Expansionspolitik Mussolinis. Im übrigen darf ich wohl annehmen, daß alle
diese Probleme in der morgigen Verhandlung ausführlich erörtert werden.
Damit sei auch dieser Faden abgerissen.

IV.
Schlußfolgerungen zu ziehen, ist nunmehr die Aufgabe. Im einzelnen
ist es zwar schon während der Darlegungen selbst geschehen, doch bleibt
zweierlei zu tun übrig. Einerseits ist die Problematik, die das Verhältnis
von Krisis, Strukturwandlungen und Konjunkturschwan-
kungen birgt, zu beleuchten, anderseits bedarf noch jenes Problem
einer abschließenden Betrachtung, das sich aus dem Verhältnis von
Sonderraum und Gesamtraum ableitet.

I. Zu Beginn meines Vortrages habe ich den Begriff der Krisis in
Beziehung auf die heutige Lage der Weltwirtschaft so gedeutet, daß
darunter alle tiefgreifenden Proportionsverschiebungen und Neubil-
dungen im internationalen Wirtschaftsleben verstanden werden, denen
zufolge bisher aufeinander eingespielte Kräfte sich im Widerspruch be-
finden. Daß solche tiefgreifenden Verschiebungen und Neubildungen
stattgefunden haben und ein Widerstreit ehemals, zwar nicht im Gleich-
gewicht gelegener, aber aufeinander eingespielter Kräfte Platz gegriffen
hat — dafür ist mein Vortrag ein einziger Beweis gewesen, so daß die
Schürzung dieser Fäden zum Knoten sich erübrigt. Offen aber bleibt die
Frage, ob und inwieweit als Ursache einer so verstandenen Krisis der
Weltwirtschaft neben den Strukturwandlungen die typischen, bei
bestimmter Anordnung der ökonomischen Daten sich stets neu bedingen-
den Konjunkturschwankungen wirksam sind. Diese Problematik

1 Daß die Veränderungen im Geldwesen und in der Preisbildung unter den
Strukturwandlungen nicht erwähnt sind, hat seinen Grund u. a. darin, daß ihre
Analyse (z. B. ob ein Umschwung dauernder oder vorübergehender Natur ist) den Rahmen
des Vortrages gesprengt haben würde.
        <pb n="48" />
        46

Bernhard Harms
hier auch nur erschöpfend aufzeigen, geschweige denn sie erledigen zu
wollen, muß ich mir versagen, hauptsächlich deshalb, weil es an den Vor-
aussetzungen dafür noch völlig fehlt. Fast alle Erkenntnisgrundlagen auf
diesem Gebiet müssen erst noch gewonnen werden, wozu es umfassender
und tiefschürfender Einzeluntersuchungen in sämtlichen weltwirtschaft-
lich wichtigen Erdräumen bedarf. Es bleibt mir somit nur übrig, die
Problematik als solche zu beleuchten und die Wege zu zeigen, die mög-
licherweise zur Erkenntnis hinführen können.

Vorweg sei bemerkt, daß ich unter Kon junktur schlechthin
jeweilige Marktlage verstehe. Im konjunkturtheoretischen, hier zunächst
allein in Betracht kommenden Sinne begreife ich darunter eine konti-
nuierliche Abfolge von Marktgestaltungen in Form eines determi-
nierten Phasenwechsels innerhalb eines wirtschaftlichen Kreislaufes.
Das Wesen (und die Wertung) der einzelnen Phasen als Inbegriff von
artmäßig gleichen Marktlagen bestimmt sich allgemein durch das Ver-
hältnis von Angebot und Nachfrage auf den Märkten der Güter,
Dienste und Kredite, im besonderen durch das Verhältnis von
Produktions- und Absatzmöglichkeit.

Konjunkturschwankungen im eigentlichen Sinne charakterisieren
sich als Phasenänderungen (Phasenschwankungen). Von ihnen sind
zu unterscheiden Schwankungen innerhalb der einzelnen Phasen-
abläufe auf den Märkten, wie sie durch saisonmäßige Einflüsse, Stimmung,
Spekulation, politische Tagesereignisse u. dgl. bedingt werden (Pha-
senablaufschwankungen). Die letzteren sind praktisch für die
Konjunkturforschung von großer Bedeutung, doch berühren‘ sie nicht
das eigentliche Problem des Kreislaufes.

Nur ausnahmsweise dürfen Strukturwandlungen, über deren Begriff
das Erforderliche zu Beginn des Vortrages gesagt wurde, und Kon-
junkturschwankungen als sich deckende Erscheinungen angesehen
werden. Zwar wirken Strukturwandlungen in jedem Falle auf die
Konjunktur ein, nicht hingegen führen Konjunkturschwankungen regel-
mäßig zu Strukturwandlungen. Konjunkturschwankungen haben wohl
Erschütterungen des Wirtschaftsgefüges zur F olge, verändern aber in der
Regelnicht dessen Charakter. Je nach dem Grade, in welchem sie auftreten,
können sie zeitweilig zu empfindlichen Funktionsstörungen führen, doch
lassen sie die ursprüngliche Kräftelagerung überwiegend unberührt oder
verhindern wenigstens nicht ihre Wiederherstellung. Nur wenn Konjunk-
turschwankungen ausnehmend heftig sind (wobei dann immer noch zu
untersuchen bleibt, ob sie wirklich ausschließlich kreislaufmäßig bedingt

sind), führen sie zu Strukturwandlungen — wie periodisch auftretendes
Beben der Erde, das in weitaus den meisten Fällen zu dauernd morpholo-
gischen Veränderungen der Erdoberfläche nicht führt, doch gelegentlich
        <pb n="49" />
        Strukturwandlungen der Weltwirtschaft

47
Teile ihres Antlitzes von Grund auf umgestaltet. Dieser Vergleich ist auch
insofern zutreffend, als Erdbeben und zyklische Krisen früher in größerem
Ausmaße strukturverändernd gewirkt haben, als es heute der Fall ist.

Die Konjunkturschwankungen sind seit langem Gegenstand der
sozialökonomischen Forschung, die ursprünglich im wesentlichen auf
die Phase der »Krisis« gerichtet war, später aber dem gesamten Kreislauf
Rechnung trug und erst dadurch zur eigentlichen Konjunkturlehre ge-
langte. Ich persönlich vertrete nun mit aller Bestimmtheit den Stand-
punkt, daß mittels der bisher in der Konjunkturtheorie zur Anwendung
gekommenen Methoden vorläufig nicht einmal das im engeren Sinne
volkswirtschaftliche, geschweige denn das weltwirtschaftliche Kon-
junktur- bzw. Krisenphänomen erklärt werden konnte.

Der Abstraktionsmechanismus der Konjunkturtheorie, die Deduk-
tionen der verschiedenen Konjunkturlehren vermögen zwar auf Grund be-
stimmter empirischer Ausgangsdaten gewisse allgemeingültige Zusammen-
hänge aufzudecken — trotzdem aber hat das heiße Bemühen um Auffindung
der theoretischen Gesetze des Konjunkturzyklus noch keine denk-
notwendige Lösung gezeitigt, und alle Versuche zwecks Auffindung einer
empirischen Gesetzmäßigkeit leiden an Unzulänglichkeiten und
Fehlern. In dem Glauben aber an solche Gesetzlichkeit und damit an
eine rein theoretische Interpretation des wirtschaftlichen Lebens wurzelt
das Bemühen um Barometer und Prognose.

Nun liegt mir nichts ferner, als die Fruchtbarkeit der Auseinander-
setzungen über die Entstehungsursachen der »Konjunktur«, nicht zuletzt
also die Bemühungen um den Aufbau einer dynamischen Theorie der
Wirtschaft anzuzweifeln und den Gedanken abzulehnen, daß es das Schick-
sal jeder Phase ist, die nächste, sie ablösende aus sich heraus in vorbe-
stimmter Gestalt gebären zu müssen. Mögen indessen auch die Bewegungs-
erscheinungen der einzelnen Wirtschaftsfaktoren und der verschiedenen
Märkte in ihrem Verhältnis zueinander richtig beschrieben werden, strittig
ist bis auf den heutigen Tag die den Konjunkturprozeß mit seinen typi-
schen Phasen auslösende Ursache geblieben. Ist es das Geld, oder sind
es die Güter, und im letzten Fall: deren Hervorbringung oder deren
Verzehr? Quantitätstheorie und Disproportionalitätstheorie, diese wieder
als Überproduktions- oder Unterkonsumtionslehre, um die Unzahl der
vertretenen Anschauungen in Hauptgruppen zusammenzufassen, stehen
sich einstweilen noch unversöhnlich gegenüber.

Viel Arbeit wird noch zu leisten sein, bis über die Schlüssigkeit der
einzelnen Lehren, über den Wert ihrer Ausgangspunkte und Daten und
damit über den Grad ihrer »Wirklichkeitsnähe« klare Erkenntnis möglich
ist. Hauptproblem der Theorie ist darum heute die richtige Datenaus-
wahl, die Hereinnahme der wirklich für die Erklärung der Konjunktur
        <pb n="50" />
        T

Bernhard Harms

repräsentativen Faktoren, damit ihre Ergebnisse nicht nur »an sich«
richtig sind, sondern auch in Übereinstimmung stehen mit den Grund-
zügen des tatsächlichen Wirtschaftsablaufs! Die Theorie selber trägt die
Beweislast dafür, daß ihr solches zu erreichen möglich ist.

Aber selbst wenn ihr dieser Beweis gelingt — und bis heute ist sie
ihn trotz aller im einzelnen erzielten Erkenntnis noch schuldig geblieben —,
zweifle ich daran, daß durch jene konjunkturtheoretische Forschung
jemals eine wirtschaftliche Gesamtsituation erklärt oder gar eine
Konjunktur prognostiziert werden könnte. Selbst unter sonderraumwirt-
schaftlichem Gesichtspunkt ist dies nicht möglich. Denn das, was der
Konjunkturtheoretiker etwas verächtlich »zufällige Ursachen« nennt, spielt
heute innerhalb der Volkswirtschaft eine so durchschlagende Rolle, daß
man eher zu sagen geneigt ist, es dürfe daneben auch der Kreislauf und
das ihm Immanente nicht unbeachtet bleiben.

Der typische Phasenzyklus und in ihm der Konjunkturablauf
läßt nur solche Erklärung zu, für die alles wirtschaftsbestimmende Ge-
schehen durch das Medium von Preisen und Größenverhältnissen gesehen
und in quantitativ mechanistischen Tauschbeziehungen aufgefangen wird.
Unter diesen Voraussetzungen aber können wesentliche Erscheinungen der
modernen Sonder- und Gesamtraumwirtschaft, kann gerade das, was gegen-
über den Systemen der Reinen und zum Teil nur statischen Theorie deren
Individualität ausmacht, was Träger der wirtschaftlichen Entwicklung,
der aktuellen wirtschaftlichen und wirtschaftspolitischen Kämpfe ist,
von der Konjunkturtheorie überhaupt nicht berücksichtigt werden.

Unvollständige Erfassung der Wirklichkeit — inwieweit methodisch
bedingt, bleibe hier dahingestellt — wird der heutigen Konjunktur-
theorie bei der Aufhellung konjunktureller Tatbestände zum Verhängnis.
Mit dem Hinweis auf »Anomalien« ist nicht gedient, wenn diese die Norm
der Erfahrungswelt sprengen. Es sei daran erinnert, daß Kartelle und
Trusts heute die Preisbildung in die Hand nehmen und die mecha-
nistischen Marktreaktionen zwischen Angebot und Nachfrage bewußt
beeinflussen, daß nicht zuletzt die nationale Wirtschaftspolitik den Ab-
lauf der Gesetze des freien Marktes stört. Man denke weiter daran,

daß die Konjunkturpolitik das »ceteris paribus«, die Vorbedingung für
den Eintritt von prognostizierten Wirtschaftserscheinungen, aufhebt und
damit zwar nicht die der theoretisch behaupteten Gesetzmäßigkeit zu-
grunde liegenden Deduktionen Lügen straft, wohl aber deren praktischen
Erklärungswert — solange nämlich »Imponderabilien«, die den Ein-
tritt der gesetzlich notwendigen Erscheinungen hindern, den Erfolg be-
stimmen.
Was aber die Hauptsache ist: Raumwirtschaftliche Konjunktur-
schwankungen können in der Regel schon um deswillen nicht typisch im
        <pb n="51" />
        Strukturwandlungen der Weltwirtschaft

Ma

49
Sinne der Theorie ablaufen, weil in sie lang- oder kurzwellige Struk-
turwandlungen hineinwirken, organische oder fremdbestimmte, die fast
an jeder Phasengestaltung ihren bestimmten Anteil haben. Nehmen wir
als Beispiel die englische Textilindustrie. Das Konjunkturbarometer
lautet auf Krisis im Rahmen der Gesamtkrisis des englischen Wirt-
schaftslebens. Prognose: zu irgendeiner Zeit wird der Aufschwung
kommen, weil die englische Wirtschaftskrisis im Wechsellagenzyklus
schließlich wieder in den Zustand der Hochkonjunktur einmünden
muß, von der dann auch die Textilindustrie ergriffen werden wird.
Darin steckt ein richtiger Kern: Inwieweit jedoch die Lage der eng-
lischen Textilindustrie durch Strukturwandlungen in dem Sinne her-
beigeführt worden ist, daß bisherige Absatzgebiete zur Eigenproduktion
übergegangen und für Großbritannien endgültig verloren sind, steht
auf einem besonderen Blatt. Es ist wahrscheinlich, daß sogar in einem
Zustande allgemeiner Hochkonjunktur Englands die Textilindustrie
zwar eine Belebung erfahren, aber dennoch in der Krisis verharren wird,
und daß angesichts der Bedeutung, die die Textilindustrie für das eng-
lische Wirtschaftsleben besitzt, von hier aus auch der Dauer einer typischen
Hochkonjunktur enge Grenzen gezogen sind.

Für solches Hineinwirken von kurz- oder langwelligen. Strukturwand-
lungen in typische Konjunkturabläufe ließen sich, wie mein Vortrag
gezeigt haben dürfte, unzählige Beispiele anführen. Meine Beobachtungen
des Konjunkturablaufs im letzten Jahrzehnt haben mich zu der Über-
zeugung geführt, daß während dieser Zeit »Krisen« nur ausnahmsweise
kreislaufmäßig bedingt, dagegen ganz überwiegend »exogen« bestimmt
waren. Unter den exogenen Ursachen aber spielen Strukturwandlungen
eine entscheidende Rolle. Ist dies schon für die wissenschaftliche Er-
kenntnis wichtig, so hat vom Standpunkt der Prophylaxe und Therapie
las sichere Urteil darüber, ob eine Krisis konjunkturell oder struk-
turell bedingt ist, schlechthin fundamentale Bedeutung. Ein Beispiel
wird dies erhärten. Wäre die Krisis der englischen Textilindustrie
lediglich konjunkturell bestimmt, so käme es für die Politik im wesent-
lichen darauf an, die Beteiligten, insbesondere die Arbeitslosen, vor
den vorübergehenden Folgen nach Möglichkeit zu schützen; ist sie aber
zum Teil auch strukturell bedingt, so sind Maßnahmen auf lange Sicht
erforderlich, die eine Anpassung an den Strukturwandel zum Ziel
haben. Vor allem gilt das Gesagte natürlich dann, wenn eine Krisis
nur strukturell bedingt ist. Unterzöge man beispielsweise unter diesem
Gesichtspunkt die Lage der deutschen Volkswirtschaft einer Analyse
mit dem Erfolge, daß erkannt würde, inwieweit Störungen ihres Gefüges
strukturell oder konjunkturell bedingt sind, so wäre dies von grund-
legender Bedeutung, denn erst mittels so gewonnener Erkenntnis

Weltwirtschaftliches Archiv Bd. XXV. 1
        <pb n="52" />
        50

Bernhard Harms

kann die Wirtschaftspolitik folgerichtig und planmäßig gestaltet werden.
Bekanntlich hat die deutsche Wirtschafts-Enquete sich gerade
diese Aufgabe gesetzt!

Doch zum Ausgangspunkt zurück: isolierende Konjunkturtheorie,
so unentbehrlich sie ist, darf schon vom raumwirtschaftlichen Stand-
punkt nur als eines der Mittel angesehen werden, das Wirtschafts-
leben in seinem Ablauf zu erfassen und zu ergründen. Wer sich dem
verschließt und gar den Mut hat, aus der Enge seines Gesichtsfeldes
Konjunkturprognose zu betreiben und der praktischen Geschäftswelt
den Eindruck zu vermitteln, daß er über das Wetter in der nächsten
Zeit mehr sagen könne, als daß es sich ändern oder so bleiben werde,
der sei auch an dieser Stelle bewundert und angestaunt. Wie sehr
derlei Konjunkturpropheten in die Irre gehen können, zeigt die jüngste
Vergangenheit, Die leichte Belebung der Konjunktur in Deutschland
ist, von andern zufälligen Ursachen abgesehen (z. B. Ankurbelung
durch öffentliche Kredite), die Folge des englischen Bergarbeiterstreiks.
Welcher Prognostiker will behaupten, daß er ihn vorausgesehen und
in seiner Wirkung der Konjunkturprognose eingefügt habe?! Kurzum:
Konjunkturforschung muß einerseits bescheidener, anderseits anspruchs-
voller sein als die bisherige Theorie. Konjunkturen erforschen heißt,
die gesamte Dynamik des Wirtschaftslebens und die Mannigfaltigkeit
ihrer Verursachung ergründen.

Erst recht gilt das Gesagte vom Standpunkt weltwirtschaft-
licher Konjunkturforschung. Die heutige Konjunkturtheorie ist aus-
schließlich nationalwirtschaftlich orientiert. Immer sind es bestimmte
Volkswirtschaften, in denen Grad und Ablauf der Konjunktur beobachtet
werden. Das ist durchaus zu verstehen, denn nach dem heutigen Art-
charakter der Konjunkturtheorie ist ihre Ausweitung ins Weltwirt-
schaftliche unmöglich. Denn was kann die Lehre vom volkswirtschaft-
lichen Phasenzyklus über die heutige »Konjunktur der Weltwirt-
schaft« sagen?! Man stelle sich vor: Mitteleuropa und England im
Zustand der Krisis, Frankreich im Übergang von inflationistisch bedingter
Hochkonjunktur zur Deflationskrisis, Italien in der Phase des Auf-
schwungs, Rußland im »Idealzustande« der konjunkturlosen Wirtschaft,

* Es ist sehr erfreulich, daß die vom Enqueteausschuß aufgestellte und im einzelnen
begründete Terminologie: strukturell und konjunkturell (vgl.»W. A.«, XXIV [192611],
S.259*) sich überraschend schnell durchgesetzt hat. Aus etlichen der allerjüngsten Publi-
kationen gewinnt man sogar den Eindruck, daß es sich hier um Urväterhausrat handle. Möchte
dies für die künftigen Erfolge der Enquete ein günstiges Omen sein! Sinngemäß hat übrigens
Adolf Löwe schon im Jahre 1925 auf die unterschiedliche Bedeutung von »Konjunkturen-
ablaufe und »Strukturveränderungen« aufmerksam gemacht und daraus für die weltwirt-
schaftliche Forschung wichtige Konsequenzen gezogen (vgl. »W. A.«, XXI [1925 IN, S. 4)
        <pb n="53" />
        Strukturwandlungen der Weltwirtschaft

51
die Vereinigten Staaten im Zeichen der Hochkonjunktur mit gewissen
Anzeichen des Umschwungs, Indien im Zustand der Depression, China
im Chaos, Japan in der Depression, die südamerikanischen ABC-Länder
im Übergang von der Depression zum Aufschwung, den übrigens eine
der dort nicht seltenen Revolutionen sofort im Keime ersticken kann. Wie
sollte es möglich sein, von den Konjunkturbarometern dieser Länder
die »Weltkonjunktur« abzulesen und sie in eine der vier Phasen, mit
welchen die Theorie zu arbeiten pflegt, einzugliedern! Schon der Ge-
danke ist absurd! So ist es zu‚erklären, daß, von programmatischen
Ansätzen aus allerjüngster Zeit abgesehen, die Konjunkturtheoretiker
nicht einmal den Versuch gemacht haben, die Lehre von der »gesetz-
mäßigen Aufeinanderfolge der einzelnen Marktlagen« auf die Weltwirt-
schaft oder auch nur auf den Weltmarkt anzuwenden, sondern sich damit
begnügen, über die »andern« Länder Situationsberichte bereitzustellen.
Selbst dort, wo Produktion und Preise von Grundstoffen vom univer-
sellen Standpunkt erfaßt werden, ist es stets unterblieben, über das
Wesen einer Konjunktur der Weltwirtschaft irgend etwas zu sagen,
geschweige daß typische Grundzüge in der Aufeinanderfolge jeweiliger
Konjunkturlagen erforscht worden wären. Solches Vorhaben würde, wie
schon angedeutet, mittels der bisherigen Methoden auch von vornherein
zur Aussichtslosigkeit verurteilt sein; denn die »Konjunktur der Welt-
wirtschaft« ist weder das arithmetische Mittel aus den Konjunkturen der
Volkswirtschaften, noch wird sie durch das Auf und Ab zufällig erfaßbarer
Rohstoffe bestimmt, obwohl der Rohstoffmarkt an sich ein wichtiges
Bestimmungselement ist.

Dem Problem der »weltwirtschaftlichen Konjunktur« wird auch damit
nicht Genüge getan, daß man es von vornherein als unlösbar bezeichnet.
Mit derlei Ignoranz mich auseinanderzusetzen, muß ich selbstverständlich
ablehnen. Die Schwierigkeiten hingegen sehe ich durchaus. Ich meine
jedoch, daß es eine der wichtigsten Aufgaben der Sozialökonomik ist, ihrer
Herr zu werden. Dem, was wir die Krisis der Weltwirtschaft nennen, ist
erkenntnismäßig nur dann beizukommen, wenn wir es in seinem Wesen
von Grund aus zu erkennen versuchen. Der Weg dahin öffnet sich,
wenn alle Elemente der zwischenvolkswirtschaftlichen Beziehungen
und der sie bedingenden und ihre Veränderungen bestimmen-
den volkswirtschaftlichen Tatbestände — darauf kommt es an!
— ebensowohl statistisch erfaßt als auf ihren symptomatischen Wert hin
erforscht werden. Wertvolle Unterlagen für solche Untersuchungen könnte
etwa die Weltwirtschaftskonferenz beschaffen. Die hier zunächst ange-
deutete gefügetheoretische Aufgabe setzt aber nicht allein Ermittlung
von konkreten Tatsachen und Tatsachenzusammenhängen, sondern auch
wesentliche methodologische Klarstellung voraus, haben wir bis heute

A*
        <pb n="54" />
        52

Bernhard Harms

doch noch nicht einmal eine begrifflich-einheitliche Vorstellung von dem,
was wir stündlich und täglich »Weltmarkt« nennen.

Die Aufgabe hat aber nicht nur ihre gefügetheoretische Seite, sondern
weltwirtschaftliche Konjunkturforschung muß zugleich gebildetheoretisch
eingestellt sein. Was jenseits des isoliert Marktmäßigen an »Zufälligem«
auf die weltwirtschaftlichen Beziehungen einwirkt, gilt es zu erfassen.
Das »Zufällige« ist aber nicht nur durch mechanistische Änderungen im
Gefüge bedingt, sondern wird darüber hinaus einerseits durch sonder-
raumwirtschaftliche Bestrebungen und Maßnahmen, anderseits durch
das Gebilde der Weltwirtschaft als solches bewirkt. In der Art der
Synthese von gefüge- und gebildetheoretischer Betrachtung liegt die
eigentliche Problematik der Konjunkturforschung, wie ich überhaupt
der Meinung bin, daß der gesamte sozialökonomische Methodenstreit
ohne die allgemeine Lösung dieses Problems nicht zur Ruhe kommen kann.

Bei alledem ist nicht aus dem Auge zu lassen, daß heute noch keines-
wegs Klarheit darüber besteht, ob von einer »Konjunktur der Welt-
wirtschaft« im Sinne des volkswirtschaftlichen Phasenzyklus überhaupt
gesprochen werden darf. Gibt es gesetzliche Periodizität im Gesamt-
ablauf des Wirtschaftslebens der Erde, und besteht für sie eine absolute
Interdependenz der an der Weltwirtschaft teilhabenden Sonderraumwirt-
schaften? Die Frage drängt sich allein schon angesichts der Tatsache
auf, daß die Vereinigten Staaten sich nun bereits Jahre hindurch den
Wirkungen der »Krisis der Weltwirtschaft« entzogen haben. Nicht minder
interessiert das Problem des gleichmäßigen typischen Ablaufs von Kon-
junkturen im Hinblick auf Länderkomplexe, etwa Europa, Westeuropa,
Südamerika, Ostasien usw. Anderseits führt die Tatsache, daß heute alle
Länder aktiv und passiv in die Weltwirtschaft verflochten sind und die
»Krisis der Weltwirtschaft« sie trotzdem unterschiedlich erfaßt, zur Frage
nach dem Verhältnis von Inlandmarkt und Auslandmarkt und den ihnen
immanenten Ausgleichsbestrebungen. Alles das will schon im »normalen«
Lauf der Dinge beachtet sein. Ungleich komplizierter aber ist die Auf-
gabe, wenn grundlegende Umwälzungen in der raumwirtschaftlichen
Produktionsdifferenzierung das ganze Gefüge der internationalen Wirt-
schaftsbeziehungen sprengen oder durchgreifende sonstige Änderungen
in der Produktions- oder Konsumtionssphäre eine Neuordnung der Struk-
tur, eine Verschiebung der Kräfteverhältnisse mit sich bringen und infolge-

dessen krisenhafte Übergangszeiten eintreten, die der »Gesetzmäßigkeit«
überhaupt entraten. Unschwer ließen sich die Behauptungen über die
Problematik eines gesetzmäßigen weltwirtschaftlichen Gesamtablaufs
durch zahlreiche praktische Beispiele stützen. Es muß indessen darauf
verzichtet werden, da es hier nur darauf ankam, das Verhältnis von
Konjunkturschwankungen und Strukturwandlungen in bezug auf die
        <pb n="55" />
        Strukturwandlungen der Weltwirtschaft

53
Wirtschaftskrisen grundsätzlich zu beleuchten. Die Notwendigkeit, diese
beiden wesensverschiedenen Bewegungsvorgänge in ihrer Eigenart und
ihrer wechselseitigen Beeinflussung genauer zu erforschen, stellt unsere
Wissenschaft vor Aufgaben, die dringend der Lösung harren, wenn anders
sie nicht gegenüber dem, was ist, hoffnungslos versagen will.

2. Über das Verhältnis zwischen Sonderraum und Gesamt-
raum sei das Folgende gesagt: In meinem Vortrage ist dies Verhältnis
fast ausschließlich vom Standpunkt des Willens der Sonderräume zum
Eigenleben betrachtet. Es ergab sich dies daraus, daß jener Wille zum
Eigenleben eine wichtige Ursache weltwirtschaftlicher Strukturwandlungen
ist. Demgegenüber liegt mir an der Feststellung, daß solcherweise die
Differenzierungstendenzen stärker in den Vordergrund getreten sind, als
es der Sachlage entspricht.

Wie schon gelegentlich angedeutet, sind der Entwicklung zur
»autarken« Wirtschaft in allen Ländern, sogar in den Vereinigten Staaten,
Grenzen gesetzt, jenseits deren der internationale Güter-
austausch naturbedingt ist und bleibt. Es wäre somit, ein-
gehender, als es im zweiten Teile meines Vortrages geschehen ist, zu
untersuchen, wo diese Grenzen liegen und wie sie im einzelnen wirksam
werden, mit andern Worten, in welcher Intensität sich neben den
diastaltischen die systaltischen Entwicklungstendenzen im Wirt-
schaftsleben der Erde durchsetzen. Diese Aufgabe zu meistern hat
Herr Kollege Eulenburg übernommen, der das Verhältnis von Volks-
wirtschaft und Weltwirtschaft in den Mittelpunkt seiner Darlegungen
rücken wird. Es sind deshalb in diesem entscheidenden Punkte die
Ausführungen des Herrn Korreferenten integrierender Bestandteil
meiner eigenen Darlegungen!. Indem ich dies hervorhebe, sei mir
gestattet, abschließend über das Gebiet exakter Erkenntnis hinaus-
zugehen und Betrachtungen anzustellen, die bewußt subjektiv-politischen
Willen zum Ausdruck bringen. Darin liegt nicht nur Anpassung an die
Traditionen des Vereins für Sozialpolitik, sondern zugleich der Wunsch,
an meinem bescheidenen Teile in schicksalschwerer Zeit auf die Zukunft
gestaltend einzuwirken.

Individualistisch-marktwirtschaftliches und universalistisch-raum-
wirtschaftliches Zielstreben stehen im dauernden Widerstreit, der sowohl
unter volkswirtschaftlichem wie unter weltwirtschaftlichem Gesichts-
winkel zu unersetzlichen Reibungsverlusten führt. Vermieden werden
könnten diese nur dann, wenn sonderraumwirtschaftliches und individual-
wirtschaftliches Zielstreben zu einer Synthese geführt würden, die grund-

x Vgl. den Aufsatz von Franz Eulenburg im vorliegenden Heft des »W. A.«, S. 509 ff.
        <pb n="56" />
        54

Bernhard Harms

sätzlich im Gesamtraum, im Gebilde der Weltwirtschaft möglich wäre. Im
eigentlichen Sinne des Wortes kann dies nach menschlichem Ermessen
niemals geschehen, denn Raumwirtschaft gleich Volkswirtschaft ist an
den Staat gebunden, der um seiner selbst willen nicht darauf verzichten
kann, die Wirtschaft des Staatsgebietes der Idee und den Zwecken
des Staates als solchen unterzuordnen. So liegt es im Wesen der Dinge,
daß politisch bestimmte Raumwirtschaften in Ewigkeit sind. Das Pro-
blem, das bleibt, sieht dann so aus: wenn der Sonderraum einerseits
auf Eigenleben bedacht und anderseits um des Lebens willen auf
Beziehungspflege zu andern Wirtschaftsräumen angewiesen ist, wie
regelt sich das Verhältnis, und welche Bedeutung hat in
diesem Sinne das Raumganze?

Nur aphoristisch sei die Antwort gegeben, und ihre Stütze sei die
Analogie. Raumwirtschaftliches Gegeneinander und raumwirtschaftliche
Bedeutungswandlungen beobachten wir bekanntlich nicht nur vom welt-
wirtschaftlichen Standpunkt, im Verhältnis der einzelnen Volkswirt-
schaften untereinander, sondern solche Wandlungen in der vergleichs-
weisen Bedeutung von Wirtschaftsräumen infolge markt- und raum-
wirtschaftlichen Zielstrebens sind auch innerhalb der Volkswirtschaften
selber nachweisbar. Hingewiesen sei auf die einschlägige Politik der Ge-
meinden, Bezirke und Provinzen, die auf die Strukturgestaltung einer
Volkswirtschaft tiefgreifenden Einfluß auszuüben pflegt.

Nicht selten erfordert auch das Staatsinteresse die eigengeartete
wirtschaftliche Entwicklung eines Sonderraumes. Fast alle Kontinental-
staaten z. B. sind neuerdings bestrebt, wichtige Rüstungsindustrien trotz
ungünstiger Standortsbedingungen in das Zentrum ihres Gebietes zu
legen, damit sie im Falle eines Krieges vor Gefährdung durch den Gegner
möglichst geschützt sind. Auch der Bau von strategischen Bahnen führt
nicht selten zu raumwirtschaftlichen Umbildungen.

Wandlungen in der raumwirtschaftlichen Gliederung eines Landes
sind zumeist mit empfindlichen organischen und funktionellen Störungen
verbunden. Die Volkswirtschaftspolitik ist jedoch bestrebt, die Rück-
wirkungen auf die Benachteiligten zu mildern und die Umlagerung der
wirtschaftlichen Kräfte sich allmählich und mit dem geringsten Reibungs-
verlust vollziehen zu lassen. Unter Umständen wird im Interesse anderer
Wirtschaftsräume die Herbeiführung eines Bedeutungswandels überhaupt
zu verhindern sein. Das jüngste Beispiel dafür ist in Deutschland die
Politik Preußens gegen die Industrialisierungsbestrebungen Groß-
Hamburgs. Für die Vereinigten Staaten kann auf die Bemühungen
hingewiesen werden, das Abwandern der Textilindustrie aus den
Neuengland-Staaten in die Südstaaten der Union zum mindesten zu
verlangsamen.
        <pb n="57" />
        AR 4 u TARA 2 CL
2104 WI SO. 3.55
Strukturwandlungen der Weltwirtschaft 55

WE

Anders steht es um den Bedeutungswandel im raumwirtschaftlichen
Aufbau der Weltwirtschaft, wenn in gewissem Sinne auch höchstens ein
gradueller Unterschied vorliegt. Die einzelnen Sonderräume vertreten
auch in der Volkswirtschaft überwiegend nur das Eigeninteresse. Die
Kommunalpolitik in fast allen Ländern ist dafür nicht minder Zeugnis
wie die Wirtschaftspolitik der Einzelstaaten im Bundesstaat. Stärker
ausgeprägt ist ein anderer, allerdings auch nur gradueller Unterschied.
Die raumwirtschaftlichen Neugliederungen, die sich während des letzten
Menschenalters in der Weltwirtschaft durchgesetzt haben, sind un-
gleich durchgreifender und mit erheblich tieferen und nachhaltigeren
Störungen verbunden gewesen als diejenigen in den Volkswirtschaften.
Der eigentlich grundsätzliche Unterschied kommt erst darin zum Aus-
druck, daß einerseits der absolute Interessenausgleich zwischen den
staatlich bedingten Wirtschaftsräumen aus den schon dargelegten
Gründen überhaupt nicht möglich erscheint, und daß anderseits die
Weltwirtschaftspolitik nicht weit genug entwickelt ist, um den an
sich möglichen und im Grunde auch vom Standpunkt der Sonderräume
erwünschten Interessenausgleich im Sinne der Ganzheitsidee herbei-
führen zu können.

Das ist der springende Punkt: im Kampfe zwischen volkswirtschaft-
lichen Sonderräumen der Interessenausgleich durch den Staat — im
Kampfe zwischen weltwirtschaftlichen Sonderräumen Sieg oder Nieder-
lage, Hammer oder Amboß, so etwa stellt sich das Problem heute den
meisten Menschen dar. Hier der Ausgleich durch die Macht des
Ganzen, dort der Austrag durch das Machtverhältnis der Teile. Letztlich:
Kanonen und Maschinengewehre, Gas und unsichtbare Strahlen, Tod in
jeder Gestalt! Man kann sich zwar baß darüber wundern. Denn was
hat der letzte Krieg den Mächten, die im August 1914 zum Schwerte
griffen, eingebracht? Von Deutschland, Österreich-Ungarn, Bulgarien
und der Türkei nicht zu reden, denn das Vae victis ist uralt. Wie aber
steht’s um die Sieger? In England gibt es heute keinen verständigen
Menschen, der nicht den Wunsch hätte, das Rad der Weltgeschichte auf
den Stand vom I. August 1914 zurückzudrehen. Frankreich hat Elsaß-
Lothringen erhalten, an dem es gewiß keine Freude erleben wird — der
Nation aber, wie deutlich steht dies vor Augen, wird das Schicksal be-
schieden sein, den »Kelch des Sieges« bis auf die Neige leeren zu müssen.
Und Rußland? Wenn Volkswohl das Glück der Nationen bestimmt,
so laßt uns schweigen. Bleibt von den Großmächten Italien. Sunt
verba et voces — Worte ja gibt’s und Töne! Sieger sind in Europa
die neuen Staaten. Sicherlich ist nicht entscheidend, »ob die Sonne
Gelegenheit hat, in ihnen unterzugehen, wohl aber ist wichtig, was
sie während ihres Laufes in ihnen zu sehen bekommt !« Wenden wir den
        <pb n="58" />
        56

Li,

Bernhard Harms

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Blick in die außereuropäische Welt. Dort ist in der Tat Sieg. Aber
nur in den Vereinigten Staaten. Sonst nirgends auf dieser Erde. Das
ist der politische Ausgang des Weltkrieges. Wirtschaftlich gesehen, liegt
es im Augenblick nicht anders. Einen Träumer aber möge man mich
nennen, wenn sich als falsch herausstellen sollte, was ich in seiner Not-
wendigkeit wissenschaftlich bereits zu erkennen glaube: daß schon in
absehbarer Zeit auch die Vereinigten Staaten in der wirtschaftlichen
Interessensolidarität der Völker und Staaten den Ausweg aus ihrer Lage
erblicken werden.

Internationale Interessensolidarität! Fort mit dem Wort,
soweit es unkontrollierte Gefühle und moralische Postulate einschließt.
Nicht weil ich es wünschte, sondern weil die Menschen es so wollen.
Nackt sei der Sinn begriffen: will ich leben, so mußt auch du leben!
Diese Erkenntnis war bereits Eigentum der Klassiker — bis hin zu
dem von der Vernunft eingegebenen Satz David Humes: ‚Je”reicher
unsere Nachbarn, desto besser für uns. Wie unendlich weit haben
wir uns von dieser Auffassung heute entfernt. Und doch ist sie im
Kern richtig. Mit Menschen, die nicht zahlungsfähig sind, lohnt kein
Handel. Die Nutzanwendung auf die Weltwirtschaft ergibt sich von
selbst. Die These vom Kampf aller gegen alle würde nur dann richtig
sein, wenn der Nahrungsspielraum auf dieser Erde für die Menschen,
die sie trägt, zu klein wäre und ein Volk wirklich nur auf Kosten
des andern zu höheren Daseinsformen gelangen könnte. Kein Irrtum
ist größer als dieser. »Anbau, Abbau, Ausbauet, um mit Werner
Sombart zu reden, haben nicht etwa, wie häufig angenommen wird
und wohl auch Sombart wähnt, um die Wende des 19. Jahrhunderts
schon ihren Höhepunkt erreicht, sondern stehen in wirklich großem
Ausmaße erst noch bevor. Es gilt dies gleicherweise für Nahrungs-
mittel wie für Rohstoffe. Daß es, weltwirtschaftlich betrachtet, inner-
halb einer Zeit, mit der die heutige Menschheit zu rechnen hat (und
über die hinaus den Urenkeln das Lächeln ob der Sorge ihrer Vorfahren
überlassen bleiben möge), an Nahrungsmitteln oder Rohstoffen fehlen
könne, ist eine unsinnige Vorstellung. Entscheidend wichtig ist hingegen,
ob die Menschheit es verstehen wird, über vermeintliche oder wirkliche
sonderraumwirtschaftliche Gegensätze hinweg die wirtschaftlichen Mög-
lichkeiten auf dieser Erde planmäßig und in gemeinsamer Arbeit aus-
zunutzen. WUnerläßliche Voraussetzung dafür ist die Einsicht, daß
es sich hier nicht um ein Verteilungsproblem vom Standpunkte dessen

handelt, was heute gegeben ist, sondern um Anbau, Abbau und Ausbau in
einem Umfange, wie er der Welt bisher unbekannt war. Diese Erkenntnis
kann nicht aus Krämergeist hervorgehen, der ängstlich die Kunden zählt,
die sich der Konkurrenz zuwenden, sondern muß ihre Wurzeln in der Über-
        <pb n="59" />
        Strukturwandlungen der Weltwirtschaft

57

zeugung finden, daß Leben und Gedeihen der Teile bedingt ist durch deren
wechselwirksame Verbundenheit untereinander und mit dem Ganzen: im
Sinne einer rational verstandenen weltwirtschaftlichen Interessensolidari-
tät. Ich persönlich habe den Glauben, daß es dazu kommen wird — trotz
allem, was in Europa und in der übrigen Welt vor sich geht. Ja gerade des-
wegen. Wohin die Handelseifersucht führt, lehrt ein Blick auf die
Wirtschaft Europas. Sind nicht aber auch Symptome dafür vorhanden,
daß jene Erkenntnis, von welcher ich sprach, sich durchzusetzen begonnen
hat? Ich behaupte es. Man denke doch: Vor zehn Jahren stand die
Welt in Flammen, heute steht sie im Zeichen des Völkerbundes. Wie
immer man diesen auch beurteilen mag: daß er im Völkerleben ein
Faktor geworden ist, wird niemand bestreiten wollen. Ist es nicht
auch ein Symptom, daß eben dieser Völkerbund zur Weltwirt-
schaftskonferenz aufruft? Gemeinhin pflegt das alles minder ge-
würdigt zu werden, weil die ethische Triebkraft vermißt wird. Wo aber
ist diese, so frage ich, im wirtschaftlichen Kampf der Sonderräume
innerhalb der Volkswirtschaft? Folglich suche man sie erst recht nicht
dort, wo Wirklichkeitssinn sie nicht einmal vermuten kann. Einstweilen
handelt es sich um nichts anderes als um Interessenausgleich, den
in der Volkswirtschaft der Staat erzwingt, der in der Weltwirtschaft
auf dem Vertragswege herbeigeführt werden muß. Jeder Handels-
vertrag ist dazu ein Ansatz. Hat schon jemand Handelsverträge deshalb
geringer gewertet, weil sie unter dem Gesichtspunkt des Interessenaus-
gleichs abgeschlossen werden? Und ist es utopisch, für möglich zu halten,
daß an Stelle von zwei Interessenten sich alle Interessenten über den
modus vivendi ihres wechselseitigen Verkehrs verständigen? Müßte
man nicht im Gegenteil von Wahnsinn reden, wenn es unterbliebe?
Soll der Sonderraum verkümmern, weil die lebenswichtigen Beziehungen
zum Gesamtraum, deren Pflege naturbedingt ist, dauernd gestört werden ?
Die Frage stellen, heißt die Antwort bereit haben. Früher lautete sie:
Krieg. Heute haben wir Verständnis dafür gewonnen, daß im Waffen-
gang um Wirtschaft die Opfer stets größer sind als die Erfolge. Mithin
ist die Wahrnehmung von sonderraumwirtschaftlichen Interessen, wie
seit langem in der Volkswirtschaft, künftig auch in der Weltwirtschaft
vornehmlich eine Aufgabe des Verstandes. Staatsmännern und Politikern,
die ihn nicht besitzen, mag dies eine unliebsame Feststellung sein —
an der Richtigkeit der Behauptung wird dadurch nichts geändert. Ob
über nüchterne Interessenverständigung hinaus jemals ein Zeitalter
innerer Völkerharmonie zu erwarten ist — wer will es sagen! Anzeichen
dafür vermag ich nicht zu erkennen. Aber liegt nicht schon ein tiefer
Sinn darin, daß die Menschheit, sie möge wollen oder nicht, schicksals-
mäßig gezwungen ist, die Idee der weltwirtschaftlichen Interessen-
        <pb n="60" />
        58 Bernhard Harms, Strukturwandlungen der Weltwirtschaft
solidarität im Verstande zu bejahen? Ist das nicht schließlich der
»Strukturwandel«, auf den es ankommt, wenn jenen andern Strukturwand-
lungen das Krisenhafte genommen und sie der wirtschaftlichen Fort-
entwicklung des Ganzen wie der Teile dienstbar gemacht werden sollen ?
Ich selbst bin dieser Meinung. Und eben darauf gründet sich meine
Hoffnung — wie bescheiden und nüchtern ist sie —, daß die Zeit, die
vor uns liegt, eine Epoche der wiedererwachenden weltwirtschafts-
politischen Vernunft sein möge.
        <pb n="61" />
        Fortsetzung von Seite 2 des Umschlags

Literatur

Seite
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        Fortsetzung von Seite 3 des Umschlags
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(Dr. jur. et phil. Baron A. Heyking, Genf) ...................+-+ 135%®
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Kleinwächter ,‚ Der deutschösterreichische Mensch und der An-
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Becker ‚ Das französisch-russische Bündnis (Prof, Dr. H. Bächtold,
DA TAN A
Rippy „The United States and Mexico 1821—10924 (Prof. D, Dr. J.Has-
hagen, Hamburg) 2.0.41. une Ua nn TgO
Dissertationen
Die Stellung der Industrie in der dänischen Volkswirtschaft. Von Jens Samsöe
aus Hadersleben. S. 153**. — Die Herausbildung der finnländischen Volks-
wirtschaft. Von Jürgen Freiherr v.Orgies-RutenbergausMitau. 5. ı g5**
Redaktionssekretär: Dr. sc. pol. Hermann Bente
Abteilungsleiter am Institut für Weltwirtschaft und Seeverkehr
a. d. Universität Kiel.
Das »Weltwirtschaftliche Arcbi-- erscheint vierteljährlich. 7
Der Preis für den Band von 65 Bogen br*“* "m. -— Jährlich erscheinen 2 Bände.
__ Postsendungen in redaktionellen Angelegenheiten wolle man richten an die Redaktion
des »Weltwirtschaftlichen Archivs, Kiel, Düsternbrook 12022 Ale Puschrilten EeeChAl
licher Art sind dem Verlag zuzustellen: Gustav Fischer, Jena.

Bestellungen auf das »Weltwirtschaftliche Archiv«
nehmen an in Deutschland: jede Buchhandlung und der Verlag. _
Die Vertretung für das »Weltwirtschaftliche Archive
haben übernommen für Schweden: Nordiska Bokhandeln, Stockholm, EEE alal
lür Spanien: Libreria Nacional y Extranjera, Barcelona, Rambla Catalufia, 72; für Südafrika:
Hermann Michaelis, Deutsche Buchhandlung, Johanneshurg (PosUnel 264) (Or San
amerika: Gmo. van Woerden &amp; Cia., Deuts ER ung, Buenos Aires, Calle
Cangallo 547; für die Vereinigten ‚Sinnlen von “Amert) ca: G.E.Stechert &amp; Co., NewYork,
81-33 East 10th Street.

Verlag von Gustav Fischer in Jena / Neue Veröffentlichungen
Kieler Vorträge, gehalten im wissenschaftl. Klub des Instituts f£. Weltwirt-
schaft u. Seeverkehr a.d. Univers, Kiel. Hrsg. von Prof. Dr. Bernbh., Harms,
Heft 14: Probleme der internationalen Arbeitsstatistik, Von Prof. Dr. Kar]
Pribram, Leiter der statistischen Abteilung des Internationalen Arbeits-
amtes, Genf. 165. gr. 8° 1925. Rm. —.80
Heft 15: Steuernotwirtschaft, Steuerreform und Finanzausgleich (1925). Von
Geh. Reg.-Rat Dr. Heinrich Herkner, o. Prof, der Staatswissenschaften a.
d. Univ. Berlin, Mitgl.d, vorl. Reichswirtschaftsrats, 32 S. gr. 8°. 1926. Rm,1.10
Heft 16: Die internationale agrare Arbeitsteilung Europas. Von Dr. Fritz
Beckmann, o. Prof, d. Volkswirtschaftslehre a. d. landwirtschaftl. Hoch-
schule Bonn-Poppelsdorf, 24 S. gr. 8°. 1926. ww Rm.ı—
Heft 17: Die historischen Grundlagen der Weltwirtschaft, Von Bruno Kuske,
©. 5. Prof. der Wirtschaftsgeschichte a. d. Univ. Köln. 30 S. gr. 8°. 1926. Rm.1.10

Broschek &amp; Co: Hamburg
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