— sich wie ein Vorurteil in alle Geister eingeschlichen hat, deshalb ist es schwieriger, auch hier den Zusammenhang zwischen Denken und gesellschaftlichem Sein darzutun Wir werden uns zu doppelter Klarheit zwingen müssen, gilt es hier doch in verdoppeltem Maße das Interesse der Arbeiter. Das Erfassen der Wahrheit in diesem Punkte macht kräftige Kämpfer. Wir beginnen mit dem einfachsten dieser vier Gebiete: der Sitte. Man muß hier scharf unterscheiden zwischen Sitte und Sittlichkeit. Eine Sitte ist eine Vorschrift für bestimmte Fälle, Sittlichkeit ist etwas Allgemeines. Bei zivilisieren Völkern ist es zum Beispiel Sitte, nicht nackt zu gehen, Sittlichkeit, seine Nächsten zu lieben wie sich selbst. Das weniger Einfache, die Sittlichkeit, die Moral, werden wir nach der Sitte behandeln. Zwei klare, sehr allgemeine Beispiele aus unserer eigenen Zeit, gus dem, was der Arbeiter tagtäglich vor seinen Augen sieht, beweisen, wie sehr die Sitte durch die Aenderung der Produktionsverhältnisse umgewandelt wird. Früher war es Sitte, daß die Arbeiterklasse sich nicht um die öffentlichen Angelegenheiten kümmerte. Den Al— beitern fehlte nicht nur jeder Einfluß auf die Regierung, sondern die Gedanken der Arbeiter beschäftigten siich auch nicht mit ihr. Nur zur Zeit großer Spannung, waͤhrend eines Krieges mit dem Ausland oder wenn Hertscher, Für— sten, Adel, Geistlichkeit und Bourgeoisie untereinander kämpften, dann wurde ihre Aufmerktsamkeit geweckt; dann wurde von jedem versucht, die Arbeiter für sich zu gewin— nen; dann gab es Augenblicke, wo die Arbeiter fuͤhlten, daß auch ihr Interesse auf dem Spiele stand; dann mach— ten sie mit oder ließen sich gebrauchen. Aber von einem andauernden politischen Leben war bei ihnen keine Rede. Jetzt ist das alles ganz anders. Sehr viele Arbeiter leben das politische Leben nicht nur mit, sondern in den Ländern, wo der Sozialismus das Proletariat geschult hat, ist das Proletariat zu der Klasse geworden, die am stärksten an der Politik teilnimmt. Früher war es gute Sitte, daß der Arbeiter am Abend zu Hause war, jetzt ist es — und wird es immer mehr —Sitte, daß der Akbbeiter abends in eine Versamm⸗ lung seiner Gewerkschaft, seiner Partei oder eines prole— tarischen Bildungsvereins geht. Diese Sitten entstehen infolge des Klasseninteresses, das Klasseninteresse infolge der Eigentumsverhältnisse. Früher war es außerdem auch das Interesse der herrschen—