75 — Dieser gebieterische und spontane Charakter ist speziell der Ethik, der Sittenlehre eigen. Kein anderes Gebiet des Geistes hat ihn, weder die Naturwissenschaft, noch das Recht, noch die Politik, noch die Religion, noch die Philo— sophie, die alle erlernt werden und auch anders sein könnten. Man hat versucht, das Sittengesetz aus der Erfahrung des Individuums selbst, aus seiner Erziehung, seinen Ge— wohnheiten, seinem Streben nach Glück, aus einem raffi— nierten Eigennutz oder aus Sympathie für andere abzu— leiten. Aber auf diese Weisé ist es weder gelungen, den Ursprung des Gebieterischen in der Stimme, die uns zur Nächstenliebe ruft, noch jenes Wunderbare zu erklären, daß der Mensch, um die Existenz anderer zu ret— ten, seine eigene wegwirft. Da man also die Moral nicht aus der Wirklichkeit ableiten konnte, blieb nichts übrig als der gewöhnliche Zu— fluchtsort der Unwissenheit: die Religion. Da die Sut— lichkeit nicht aus dem irdischen Leben exklärt werden konnte, mußte ihr Ursprung im Uebernatürlichen liegen. Gott hat dem Menschen den Sinn für das Gute, den Begriff des Guten, anerschaffen; das Böse stammte aus des Menschen fleischlicher Natur, aus der stofflichen Welt, aus der Sünde Die Unverständlichkeit des Ursprungs des Guten und Bösen“ ist eine der Ursachen der Religkon. Bie Philoso— phen Plato und Kant haben darauf eine übernatürliche Welt aufgebaut. Und auch jetzt noch, wo die Natur so viel besser verstanden wird, wo das Wesen der Gesellschaft für die Menschen so viel klarer zutage liegt, auch jetzt ist noch immer die Sittlichkeit, der Drang nach „dem Guten“, die Abneigung von „dem Bösen“ für viele Menschen noch etwas so Wunderbares, daß sie es nur mit Hilfe einer Gottheit“ erklären können Wie viele moderne Menschen gibt es nicht, die für eine Erklärung der Naturerscheinun— zgen oder der Geschichte keinen Gott mehr brauchen, — die aber für die „Befriedigung ihrer ethischen Bedürfnisse“ einen nötig zu haben behaupten. Und sie haben recht, sie berstehen weder Ursprung noch Wesen der großen sittlichen Gebote, und was man nicht versteht und doch für das Aller— höchste hält, das vergöttlicht man Und doch sind die höchsten sittlichen Gebote seit einem halben Jahrhundert in ihrem Wesen und ihrer Wirkung erklärt. Zwei Forschern ist dies zu verdanken: der eine hat den Menschen in seinem tierischen Dasein, der andere